Monika Hunnius Mein Onkel Hermann Erinnerungen an Alt-Estland Copyright 1921 by Eugen Salzer in Heilbronn Druck: Christl. Verlagshaus, G.m.b.H., Stuttgart Der Letzten aus dem alten Hause Jenny Hesse       Widmungsblatt Aus unsern fernen Jugendtagen reden Zum Herzen Klänge, die kein Mißton stört, Es ist der wundersame Garten Eden Des Glücks, nach dem das Menschenherz begehrt. – Er spricht die Heimatsprache, welche Jeden Mit ihrer sel'gen Lebenskraft betört, – Wenn wir im späten Herbstduft der Reseden Der Rosentage denken, die kein Leid beschwert, Wo Gott uns aus dem Zauberbuche heil'ger Veden Die Liebesherrlichkeit einst seiner Welt gelehrt, Die immer noch im Bann uns hält mit goldnen Fäden, Wenn sie so schön wie damals auch nie wiederkehrt. – Dorpat , 5. Juni 1921. Carl Hunnius Geleitwort Dieses Buch erzählt Stücke aus einem Sagenkreise, der mir aus frühesten Kinderjahren her vertraut ist. Der Onkel Hesse dieses Buches, »der alles fortgibt«, ist mein Großvater gewesen, und die schönsten Geschichten, die ich als Kind gehört habe, waren die, die mein Vater uns von ihm und von seiner Heimat Weißenstein erzählte. Ich habe den Großvater, sein Städtchen und sein Haus, seinen Garten mit dem Ahorn und den grünen Bänken nie mit Augen gesehen, aber ich kenne sie genauer als viele Städte und Länder, die ich wirklich gesehen habe. Und obwohl ich nie ein Freund des historischen Denkens war und mich nie mit der Geschichte meiner Herkunft befaßt habe, ist dieser prachtvolle Großvater mir stets ein nah vertrauter Mensch gewesen. Es sind alte Geschichten, die dies Buch erzählt, sie geschahen in einer Welt, die nicht mehr ist. Sie kommen aber aus einem lebendigen Munde und aus einem dankbaren Herzen, und sie bewahren das Gedächtnis unvergänglicher Liebe, unvergänglichen Menschentums auf. Ein Urteil über sie steht mir nicht zu, sie gehen mich allzu nahe an. Ich liebe sie, weil sie ein Stück edlen Lebens nicht zu Literatur verarbeiten, sondern rein und treulich weiter geben wollen. Sie sind Geschwister jener Erzählungen, die ich als Kind aus meines Vaters Munde hörte, und ihr Quell und Mittelpunkt ist der alte Doktor Hesse, ist ein seltener, strahlender und guter Mensch, wie es auch damals wenige gab. Hermann Hesse. Fast ein jeder Balte hat außer der großen Liebe zu seinem Heimatlande noch eine ganz besondere Liebe zu einem Fleckchen Erde in dieser Heimat, das er als kostbarstes Gut ganz still in seiner Erinnerung bewahrt. Wohl wird es in erster Linie die Stätte sein, wo er geboren ist. Aber außer dem Elternhause ist es im Leben der meisten doch noch ein anderer Ort auf dem Lande, ein Pastorat, ein Gut, eine Forstei oder eins unserer lieblichen kleinen Landstädtchen, wo man seine Sommerferien als Gast verbrachte, an dem das ganze Herz hängt. Wenn auch der Kampf ums Dasein, der auch bei uns in den letzten Jahrzehnten härter wurde, die fast unbegrenzte Gastfreundschaft einschränken mußte; ich habe in meiner Kindheit und Jugend noch mitten im Leben der alten Baltenzeit gestanden, wo man im grünen Planwagen auf Wochen und Monate als ständiger Sommergast zu Verwandten oder Freunden in die Ferien fuhr. Ich habe noch die ganze breite Lebensführung dieser Zeit erlebt, die jetzt fast sagenhaft anmutende Gastlichkeit mit ihrer sonnigen, harmlosen Freude am Leben, ich habe noch so manches Original gekannt, an denen unsere kleinen Städte besonders reich waren. Denn in der Stille und Abgeschlossenheit und dabei Großzügigkeit unseres ländlichen und kleinstädtischen Lebens hatte man noch Raum, zu leben und sich zu entwickeln, wie man wollte. Unser Leben damals war ein Idyll. Der letzte Rest davon ist nun verschwunden, es fand ein Ende in der Not und dem Grausen, die durch den Weltkrieg über unsere Heimat gekommen sind. Zum Teil zerstört sind unsere kleinen Städte, unsere Güter und Pastorate einsam und verlassen, tot, verstummt das frohe, sorglose Leben dort in der Sommerzeit. Die Bewohner vertrieben, die Familien auseinandergerissen, wurzellos, mit heimwehkranken Herzen in der Fremde verstreut. In stillen Stunden kommt dann die Erinnerung oft über einen an das Leben in der Heimat, wie man es früher gelebt. Die alten Orte erstehen in unvergessener Lieblichkeit, die lieben längst Verstorbenen leben, das frohe Lachen erklingt, und die ganze sonnige Welt, die man geliebt, lebt wieder auf. In diese Welt rettet man sich dann für eine kurze Weile, und es ist, als hätte man sich aus ihr Kraft geholt für das Leben fern von der Heimat. In solchen Stunden sind diese Blätter geschrieben; mögen sie ln die Welt gehen und von einer Zeit erzählen, die nie mehr wiederkehrt.   Und nun steigt empor, ihr Erinnerungen an einen Ort, wo ich die sonnigsten Tage meines Lebens lebte. Ein Ort, der weitab vom großen Leben lag und doch viele das Leben gelehrt hat, in dieses Wortes stärkstem und tiefstem Sinne. Weißenstein ist ein Landstädtchen in Estland, mit kleinen Holzhäusern, schlecht gepflasterten Straßen, einem mit Gras bewachsenen Marktplatz, vielen Gärten und lieblicher, ländlicher Umgebung. Ein Flüßchen, die Paide, fließt an der Stadt vorüber, und ihr schönster Schmuck ist die prachtvolle Ruine, aus der Zeit der Ordensritter stammend. In einer ihrer Straßen lag das alte Doktorhaus, in dem mein Onkel Hermann Hesse lebte. Niedrig, mit einem hohen Ziegeldach, mit gelber Ölfarbe gestrichen, und mit weißen Fensterläden. Eine breite, flache Steintreppe führte von der Straße ins Haus. Das Haus war sehr geräumig, langgestreckt, mit einer großen Veranda. Ihr Dach ruhte auf weißen Holzsäulen und war von einem riesigen Kastanienbaum überschattet. Von der Veranda trat man direkt in den Garten. Noch immer ist mir's, als wäre dieser Garten der schönste, den ich je gesehen, wenn ich auch so manche Herrlichkeiten der Erde seitdem geschaut. Es war wie ein Meer von Blumen, in das man blickte: Rosen, Lilien, Malven, wohlriechende Erbsen, alles blühte dort in wunderbarer Pracht. Weit hinaus zog der Garten sich mit Lauben, ungezählten Beerensträuchern, Gemüsebeeten, Grasplätzen und Obstbäumen; abgeschlossen wurde er durch einen kleinen Park mit alten Linden, Tannen und Ahorn. Ein hoher Bretterzaun trennte ihn von der Straße. Wie alt und unscheinbar war das Haus; die gelbe Farbe seiner Wände war vom Regen verwaschen, von der Sonne verblichen, die Steintreppe, über die mein Kinderfuß so oft sorglos gegangen, war ausgetreten. Noch steht es da, wenig verändert, wird vielleicht noch lange so stehen, aber mein Auge wird dieses Haus nie mehr erblicken, mein Fuß wird seine Schwelle nie mehr überschreiten. Denn für mich schloß sich seine Tür für immer, als sie ihn hinausgetragen, das geliebte Haupt dieses Hauses, durch das es erst wurde, was es war, seit ich es kannte: ein Segenshort für jeden, der seine Schwelle betrat. Schon seit meinen frühen Kinderjahren führten unsere Ferienreisen uns fast jeden Sommer auf Wochen nach Weißenstein. Meine Mutter lebte mit uns drei Kindern in Riga einer Stadt Livlands, nach dem Tode meines Vaters, der in Estland Prediger gewesen war. Schon im Frühling, wenn die Sommerpläne gemacht wurden, fragten wir voller Sorge unsere Mutter: »Geht es auch wirklich wieder nach Weißenstein?« Welch ein Jubel, wenn sie sagte: »Wir reisen, und es geht nach Weißenstein!« Dann kamen die Ferien heran und mit ihnen der Tag der Abreise, von unserer Mutter und uns Kindern mit glühender Ungeduld erwartet. Das Dampfschiff führte uns nach Pernau, einem kleinen Städtchen, dort fanden wir die Vettern aus Weißenstein vor, die in Pernau das Gymnasium besuchten. Sie standen schon immer, ihre Mützen schwenkend, fiebernd vor Ungeduld am Dampfbootsteg. Sie hätten uns wohl am liebsten gleich vom Dampfschiff weg in den Reisewagen geschleppt. Aber wir machten immer zuerst für eine Nacht Rast in Pernau. Dort wurde ein tüchtiger Speisekorb gepackt, und früh am Morgen ging es dann fort, hinein ins schöne, sommerliche Land. Ferien, Freude, goldene, lichte Tage vor uns! Ach! es war einem wohl, als könnte man die Sterne vom Himmel herunterholen! Welch eine Fülle von Poesie barg doch solch eine Fahrt durchs Land, im grünen Planwagen mit seinen winzig kleinen Glasfensterchen, die vom Staube der Landstraße trübe waren. Langsam karrten wir die hundert Werst, die vor uns lagen. Heiß wurde es bald im Wagen, und eng und staubig. Aber was machte uns das aus! Pik Mart, der alte graue Estenfuhrmann, saß still und stumpfsinnig vorne im Planwagen und trieb dazwischen mit einem estnischen Fluch die Pferde an, die sich durch nichts in ihrem langsamen Trott beschleunigen ließen. Es ging nicht schneller als höchstens fünf Werst die Stunde. Wie köstlich war die Rast in den ländlichen Herbergen, »Krüge« genannt. Wie wohl tat es, die steifen Glieder wieder etwas zu bewegen, den Speisekorb zu öffnen und alle Herrlichkeiten darin zu versuchen. Dazu trank man »Stofbier« oder rosa Limonade, die eigentlich brausen sollte, aber es fast nie tat. Man saß auf der Krugschwelle, guckte wohl auch neugierig in die Krugstube, wo es so seltsam roch, nach Bier und wollenen, selbstgewebten Kleidern. Man besah die Balsaminen an den Fenstern, plauderte mit der »Krügerin«, die von allen Herrschaften erzählte, die heute schon »durchgekommen« seien. Der Planwagen stand indessen in der Wagenremise, Stadoll genannt, da war es dunkel und kühl, es roch nach Heu, und so still war es drin, daß man nur das Kauen der Pferde vernahm und das Zwitschern der Schwalben, die hoch oben im Dach ihre Nester hatten. Oft ging man dann dem Wagen voraus, wenn die Pferde ausruhten, wie schön war es am Abend in der Kühle so über die Landstraße zu wandern, singend, lachend oder auch schweigend, die Stille und den Frieden ringsumher so wundersam ahnungsvoll in seinem Kinderherzen zu empfinden! Wie dufteten die Wiesen und die Kleefelder, wie golden war das Licht, das die scheidende Sonne auf die schöne Welt um uns warf! In einem Tage konnten wir unser Ziel nicht erreichen, es mußte Nachtstation gemacht werden. Gab es kein befreundetes Pastorat, das uns aufnahm, so schlug man sein Nachtlager in einem Kruge auf. Gar primitiv war es, meist auf einer Strohhütte; morgens wusch man sich am Ziehbrunnen, aus dem man das Wasser selbst heraufholte mit Holzeimern, die an einer Stange hinabgelassen wurden. Und weiter ging's, der Morgensonne entgegen, mit blanken Augen und frohen Herzen. Wollte die Fahrt zu lang werden, dann sangen wir ein Lied nach dem anderen, und wenn es ein Choral war, dann faltete unser alter Fuhrmann seine braunen Hände, und die Pferde, den aufmunternden Fluch vermissend, verlangsamten ihre Schritte noch um ein Erhebliches. Sehr verschieden waren die drei Vettern, die mit uns den Planwagen teilten. Hermann, der Älteste, der einzige Sohn aus Onkels zweiter Ehe, zuverlässig und tüchtig, fleißig und geordnet, voller Charakter und Ernst, bei einer kindlich stillen Heiterkeit. Er war der hamonischste der drei Brüder und ging seinen geraden Weg, er hat seinen Eltern nie Kummer oder Sorge bereitet, und ich glaube, nie in seinem Leben einen einzigen dummen Streich gemacht. Er konnte so fröhlich lachen, aber sonst hielt er sich doch immer ein wenig von unseren übermutigen Unternehmungen fern. Wir Kusinen verehrten und bewunderten ihn rückhaltlos, aber wir scheuten ihn auch etwas. Er hatte eine gewisse Art, schnell und ernsthaft nach einem hinzublicken mit seinen ehrlichen blauen Augen, und jede Untat erstickte in seiner Gegenwart im Keim. Man neckte ihn nie und spielte ihm nie einen Schabernack. Sein Herz barg eine unendliche Fülle von Liebe, Treue und Zartheit, im täglichen Leben war er aber eher schweigsam als mitteilsam. Seine wundervolle musikalische Begabung machte ihn oft zum Mittelpunkt unseres Kreises, aber schlicht und bescheiden ging er seinen Weg und verstand nie etwas aus sich zu machen. Nur wenn die Freude über ein schönes Musikwerk seine Seele erfüllte, dann tat sie ihre Tore weit auf, und lodernde Begeisterung brach wie eine Flamme aus diesem stillen, zurückhaltenden Menschen. Er war eine Nathanaelseele – ohne Falsch. Die beiden andern Vettern, Georg und Gustav, stammten aus Onkels dritter Ehe. Gustav war wohl der gutmütigste von ihnen allen. Wenn wir ihn noch so plagten, noch so ausnutzten, er ließ sich alles gutmütig und mit unzerstörbarem Humor gefallen. Auf unseren gemeinsamen Ausflügen belud er sich immer mit allen Plaids, Mänteln und Speisekörben. Für uns Kusinen war er eine Quelle nie endender Heiterkeit. Sein trockener Humor, seine Witze brachten uns immer zum Lachen, und oft brach unsere Heiterkeit an durchaus falschen Stellen los, wie z. B. beim Tischgebet, bei der Morgenandacht, oder wenn wir Besuch hatten, der respektiert werden mußte. Er zog uns manchen strengen, mütterlichen Blick zu. Der dritte Vetter, Georg, war mir im Alter am nächsten und mein ganz spezieller Kamerad, blondlockig, blauäugig, voll übermütiger Jungenhaftigkeit. Kein Baum war ihm zu hoch, kein Dach zu steil! Immer war er lustig, immer zu Streichen aufgelegt. Sein Lachen klang hinreißend und übermütig durch Haus und Garten, und immer hatte er einen Unsinn im Kopf, den wir getreulich miteinander ausführten. Wie oft bekam er Prügel, die er lachend von sich abschüttelte. Er behauptete, zur »Marktzeit« jedesmal, wenn er sich nur im Zimmer zeigte, unbesehn, ununtersucht, »verdient war es immer«. Wir stritten uns eigentlich beständig, aber wir versöhnten uns sofort, wenn es galt, einen gemeinsamen Streich zu vollführen. Sei es nun, den Nachbarn einen Tort anzutun, unreife Beeren oder Apfel zu essen, stundenlang auf den weiten Mooren umherzulaufen oder uns von den hohen Festungswällen der alten Schloßruine herabzurollen, was im Grunde nur ein fragwürdiges Vergnügen war, denn unten kam man immer mit einem wüsten Kopf und heftiger Übelkeit an, und blieb oft ganz benommen liegen. Mit diesen drei frohen Reisekameraden flogen die Stunden schnell dahin. Am Nachmittag des zweiten Tages war die Grenze von Estland erreicht, man sah den Grenzpfahl, der mit den Landesfarben: grün, violett, weiß, angestrichen war. Wir waren ganz still geworden, denn jeder lugte gespannt nach ihm aus und wollte der erste gewesen sein, der ihn erblickt hatte. Ein Jubelgeschrei erfüllte den Wagen, Pik Mart mußte halten, alles stürzte, drängte, kollerte aus der Wagentür, um ›Estland‹ zu grüßen. Die Jungen schwenkten ihre Mützen, wir umfaßten den Grenzpfahl, pflückten estländische Blumen und liefen ein Stück ins Land hinein. Meine Mutter sah lachend zu und ihre Augen strahlten, hatte sie doch in Estland ihre glücklichsten Jahre gelebt, ihre kurzen, reichen Ehejahre. Nun kam noch der zweite große Augenblick, das erste Erblicken des Weißensteinischen Kirchturms. Ein ohrenzerreißendes Jubelgeschrei brach bei seinem Anblick los, spitz wie eine Nabel ragte er über die Baumwipfel, und nun sah man auch bald die Schloßruine neben ihm auftauchen. Wir tobten derartig, daß es selbst Mutter zu viel wurde. Aber kein Mahnwort von ihr wollte helfen, Nun waren wir auf der Brücke und der Wagen stieß und stolperte über das Pflaster durch die hellen, sauberen Straßen. Unsere Postglocken riefen alle Menschen an die Fenster. Überall liebe, bekannte und fröhlich grüßende Gesichter. Und nun ging es über den Marktplatz, bei der alten Nachbarin, Frau Laurson, vorüber, die wie immer, mit ihrem Strickzeug am gewohnten Fensterplatz sitzend, freundlich über ihre Brille hinüberschauend, uns grüßte. Und nun, nun hielt der Wagen, aus der engen Tür quollen wir, lachend, jubelnd. Auf der Treppe standen sie alle, Onkel mit seinen weißen Silberlocken schwenkte seine Mütze und schrie »Hurra!« wie ein Student. Neben ihm Tante Adele, stattlich, und in all dem Trubel, bei aller Güte doch immer ihre vornehme Haltung wahrend. Und dann Jenny, unsere liebe Kusine Jenny, das Ideal unserer Kinder- und Jugendjahre, die immer Fröhliche, uns liebevoll Verwöhnende. Nun ging's durch alle Zimmer! Ob auch alles unverändert war? Ja, Gott sei Dank! Jedes Stück stand noch an seinem alten Platz. Es wäre ja auch schrecklich gewesen, hätten wir irgend etwas anders gefunden, als wir es gewohnt waren. Da war der Saal, groß, niedrig, mit seinen Streckbalken an der Decke, den schweren Diwan und Lehnstühlen, gestreiften Überzügen, in der Ecke der riesengroße alte Eckdiwan, daneben das altmodische Tafelklavier; am Fenster voll blühender Blumen Tante Adelens Nähtisch, auf dem immer eine schöne Handarbeit lag, altertümliche Spiegel an den Wänden und wertvolle Bilder in nachgedunkelten Goldrahmen. An den Saal schlossen sich Jennys zwei kleine Zimmer, mit weißen Gardinen an den Fenstern, alten Mahagonitischen und Kommoden und einem winzig kleinen Sofa. Am Ende eines Korridors lagen die Fremdenzimmer mit ihren hochgetürmten köstlichen Federbetten, auf welchen den Gästen zu Ehren die schönsten Flickerdecken prangten, mit ihren geblümten Mahagonibettschirmen, Mahagonikommoden und altmodischen Bildern in blauem Rahmen, mit schmalen Goldbörtchen verziert, alles altmodisch, einfach, aber blendend sauber und behaglich. Dann ging es in die Küche, wo man ein stürmisches Wiedersehen mit den Leuten feierte. Wie freundlich behäbig und wohlgenährt sah doch die Köchin Anno aus, wie sauber und nett Greta, die junge Stubenmagd. Eine uralte Magd, Anna, aß das Gnadenbrot im Hause. Ihr einziges Amt war das Bereiten des Kaffees. Sie sah seltsam aus, grau und verwittert, wie ein Steinbild, mit der bunten, hohen Estenhaube. Ach! Und dann ging es in den Garten! Der Jasmin blühte, die Sonne schien – mein Gott! wie herrlich war doch das Leben! Und nun begannen Tage, so voll Sonne und Freude, Freiheit und Liebe, daß unsere Kinderherzen sich weit und jubelnd öffneten, und jeden Tag als den allerschönsten empfanden. Schelte bekam man nie, und in jener Zeit wurden die Kinder viel gescholten. Habe ich doch das Empfinden, als wenn damals der Schwerpunkt der Erziehung vielfach im Schelten lag; jedenfalls habe ich in meinen Kinder- und Jugendjahren oft darunter gelitten, nur in Weißenstein nicht, da hörte das Schelten von selber auf. Und ich weiß noch eben nicht, machte das Glück einen so artig, daß man es nicht brauchte, oder waren die Großen so mit sich beschäftigt, und selbst so froh, daß sie uns Kinder nicht beachteten und so manches ungesehen durchschlüpfte. Der Garten war uns freigegeben, wir aßen unreife Beeren, soviel wir nur irgend wollten, und Äpfel, die sauer zwischen den Zähnen knirschten. Verboten war nichts als das Abpflücken der Blumen im Garten. Ja, es war seltsam, Onkel Hermann, der alles fortgab, mehr oft, viel mehr, als er und die Seinen missen konnten, von seinen Blumen mochte er sich nicht trennen. Nie sah man im Hause abgeschnittene Blumen als Zimmerschmuck in Vasen, das litt er einfach nicht. »Sie sollen nicht früher sterben, als Gott ihnen ihre Zeit bestimmt hat,« sagte er; »wozu Leben zerstören?« Die Tage flogen nur so hin, Besuch gab es viel im Sommer, denn Herzen und Türen standen immer weit offen für jeden Gast. Die Städter kamen und gingen zu jeder Stunde; keine Mahlzeit, die nicht ein unerwarteter Gast teilte! Wie oft war abends ein langer Tisch draußen für alle Hausgenossen und Gäste gedeckt, deren Fülle die Veranda nicht mehr faßte. Das Essen war einfach, die Portionen riesengroß, alles schmeckte wundervoll und für jeden war überreichlich da. Und gegeben wurde alles mit unbeschreiblicher Wärme, Liebe und Freude. »Einen fröhlichen Esser hat Gott lieb,« sagte Onkel oft und behauptete, dieses Wort stände sicher in der Bibel. Und unter duftenden Blumen saß man beisammen, bis die funkelnden Sterne am Himmel standen. Jeden Sommer wurden große Picknicks in den Wald bei Mündenhof gemacht, wo ein alter Steinbruch war. Dann taten sich alle befreundeten Familien der Stadt zusammen, mit Teemaschinen, Tassen, Kannen und Butterbröten zog man in den Wald. Onkel war immer der Fröhlichste dabei, trotz seiner weißen Haare war er wie ein Jüngling, und riß alles mit sich fort in jugendlichem Sturm. Man lagerte sich im Walde, die Messing-Teemaschinen standen blitzend im Gras; auf Steinen, die mit weißen Tüchern bedeckt waren, standen Schüsseln mit Butterbroten und Kümmelkuchen. Onkels Lieblinge bekamen die schönsten Bissen zugesteckt, mußten sich aber auch wohl vorsehen, daß sie nicht plötzlich einen Abhang herabgerollt wurden. Man verteilte sich im Walde und von hüben und drüben klangen Quartette über die grünen Wipfel hin, die sich zuletzt im großen Chor vereinigten. Dazwischen wurden Aufführungen improvisiert, in denen die Vettern unerschöpflich waren, Schillers und Uhlands Balladen in primitivsten Kostümierungen; der Wald mit seinen Steinbrüchen, Felsblöcken, Höhlen gab eine prachtvolle Dekoration zu allem. Oft wurden auch Spiele gespielt, an denen sich alle ausnahmslos beteiligten oder wilde Schlachten wurden geliefert, wo Tannenzapfen die Geschosse vorstellten. Jede Partei riß sich dann darum, Onkel als Anführer zu haben, denn er war wie ein Sturmwind, und die Partei, die er führte, gewann immer den Sieg. Abends zog man singend von den Wiesen heim, müde von der Freude. Der starke Mittelpunkt dieses Lebens war und blieb immer Onkel Hermann. Es ist schwer, ein Bild seines Wesens zu geben, denn es ist mir, als müßte jede Schilderung von ihm matt sein; leben mußte man mit ihm, denn er war das Leben in seinem stärksten Sinne. Ich denke immer, Martin Luther muß er ähnlich gewesen sein. Wenn ich von der »herrlichen Freiheit der Kinder Gottes« höre, dann denke ich an ihn. über sein Leben hätte man den Spruch sehen mögen: »Alles ist euer, ihr aber seid Gottes.« Er war eine Natur, die Freude und Licht brauchte, und er verstand sie zu finden und in sein Leben zu tragen, in den Alltag wie in den Festtag. Aber durch alle die lachende Freude, durch all den blitzenden Humor, durch all den strahlenden Übermut, gingen wie ein Strom, tief und stark, eine Frömmigkeit, ein unmittelbares Leben mit Gott, eine Liebe zu Gottes Wort, ein begeistertes Sichbekennen zu ihm, mit jedem Atemzuge des Lebens. Es war kein Christentum für den Sonntag, nein, für jeden Augenblick des Daseins. In Onkels Hause habe ich es erlebt, daß mitten in den frohen Tanz der Jugend unser Hausherr trat. »Kinder!« rief er, »wir haben solch Herrlichen Festtag von Gott erhalten, wollen wir ihm danken!« Und brausend erklang der Lieblingschoral dieses Hauses: Lobe den Herren, o meine Seele, Ich will Ihn loben bis ln den Tod.« Oder Onkel sprach mit freudig bewegter Stimme einen Lob- und Dankespsalm. Ja, bei der Bowle haben wir unsere schönen Choräle gesungen. »Mein Heiland liebt frohe Kinder,« sagte er oft, »und warum soll ich denn nicht lachen und jubeln, da ich so reich bin, weiß ich doch, daß ich meinen Heiland habe«. Ein Original nannte man ihn, und er war es. Nicht groß von Wuchs, stark und beweglich, sprühend lebendig, mit einem prachtvollen Kopf, scharfen, lustigen Augen und schneeweißen Locken, so sehe ich ihn vor mir. Am liebsten ln seinem Garten arbeitend. »Kinder, ln meinem Garten bekommt mich der Tod nicht fest,« sagte er. Im Sommer, wenn ein Beruf ihn frei ließ, arbeitete er den ganzen Tag in seinen Blumen- und Gemüsebeeten. Seine Pflanzen waren ihm wie seine Kinder, er kannte jede Blume, jeden Baum, jeden Strauch. Er hielt Zwiesprache mit ihnen und wußte, was jede brauchte. Er konnte ganz umdüstert sein, wenn eine Pflanze nicht gedeihen wollte, trotz aller Pflege. »Was will sie denn eigentlich?« sagte er ungehalten, »ich gebe ihr, was sie nur irgend verlangen kann, aber nein! sie widersetzt sich durchaus allem! Ach, es ist ja gerade wie mit uns! Wieviel Liebe und Geduld wendet der Heiland an unsere Seelen, aber wir tragen partout die Früchte nicht, die er verlangt!« Ich war viel bei ihm, wenn er im Garten arbeitete, half ihm, oder hörte ihm zu, wenn er so lebendig mit seinen Pflanzen verkehrte. Immer wieder verglich er seine Arbeit an ihnen mit der Arbeit unseres Heilandes an unseren Seelen. Und Gedanken, die mein Leben lang mit mir gingen und später ihre Früchte trugen, senkte er in jenen Stunden in meine junge Seele. Es war eine Zeit der geistlichen Erweckung in Estland gewesen, die ein lebendiges Echo in Onkels Herzen fand. Mit der ganzen Kraft und Lebendigkeit seiner Seele erfaßte er diese Zeit, und seine Person, sein Haus waren es, von denen Ströme des Lebens und der Liebe brachen und durchs Land fluteten. Seine Andachten, seine Bibelstunden voll Leben und Originalität, waren weit im Lande bekannt und von allen Seiten kamen die Leute dazu herbei. Die Fröhlichkeit, der studentische Übermut, der hinreißende Witz und Humor, die sein Wesen kennzeichneten, brachen auch in diesen Versammlungen beständig hervor und erregten oft Anstoß bei den Frommen; aber dem begegnete Onkel mit seinem unverwüstlichen, derben Humor. »Was wollen sie eigentlich von mir, diese frommen alten Damen?« sagte er einmal. »Soll ich, weil ich Gottes Kind bin, am Ende Braten mit Trauersaucen essen, oder Fische mit Kreppschleifen um den Schwanz!« Ganz eigentümlich waren seine Morgen- und Abendandachten. Es war eine besondere Art, wie er mit seinem Heiland verkehrte. Alles was ihn beschäftigte, bewegte, Gespräche, die wir miteinander gehabt, Witze, komische Erlebnisse, alles, alles brachte er dort hinein. Er verkehrte ganz persönlich, ich möchte sagen, menschlich, mit Gott, legte ihm alles vor, bat ihn um alles. Nichts, was ihn bewegte, war ihm zu klein oder zu unwichtig, um es seinem Heiland zu sagen. Er disputiere mit ihm, legte ihm seine eigenen Verheißungen vor, widerlegte sich selbst mit Gottes Wort. Das Ende war immer: »O mein Heiland! Ich bin nicht wert all deiner Liebe und Barmherzigkeit, die ich täglich erfahre.« Wir lachten oft herzlich in seiner Andacht, oft aber rannen einem auch die Tränen über die Wangen. Er war ein Mann der Tat, ohne sich viel zu besinnen griff er zu, wo es zu helfen gab. Wie manches Mal kam er von seinen Landfahrten, er war Kreisarzt, mit einem Kranken im Wagen heim. »Den müssen wir gesund pflegen«, sagte er dann zu den Seinen. »Das ist ein Familienvater oder eine Mutter. Zu Hause haben sie keine Pflege, sterben dürfen sie nicht, das geht nicht an!« Ob die Krankheit ansteckend war, ob die Pflege schwer, ob sie leicht war, danach fragte er nie, nur danach, ob Hilfe not tat. Eine arme Schwindsüchtige mit ihrer bösartigen Mutter lebte über ein Jahr in seinem Hause. »Sie soll in Ruhe sterben«, sagte Onkel, »die Mutter quält sie zu sehr, wenn man sie allein läßt. Wie soll sie da Gott finden?« Und die Kranke starb nach langem Leiden, still und dankbar, das Haus segnend, wo sie Liebe höchster Art, Christentum in lebendigstem Leben geschaut hatte. Mit starker, mutiger Hand führte Onkel sie durchs dunkle Tal des Leidens und zeigte ihr den, der durch des Todes Türen träumend führen kann. Er war oft derb. Formen konnten ihn reizen.« »Was da, Knixe hier und Verbeugungen dort! Ich bin der Doktor Hesse aus Weißenstein und damit basta!« Und mit unbeschreiblich drolligem Ausdruck schob er seine Mütze in den Nacken, stemmte seine Arme in die Seiten, sah sich pfiffig um und ging in den Garten. Er scheute sich nie, selbst überall Hand anzulegen. Seinen Kranken brachte er oft gutes Essen aus seiner Küche in einem Töpfchen eigenhändig über die Straße. Einmal kam er von einem Krankenbesuch heim, als die Mittagssuppe dampfend in der großen Terrine auf den Tisch gestellt wurde. Das Tischgebet war gesprochen, da erhob sich Onkel, ergriff die Terrine und trug sie aus dem Zimmer. In der Tür drehte er sich nach seiner sprachlos ihm nachschauenden Familie um: »Ihr könnt heute mit einer Speise zufrieden sein,« sagte er ruhig. Und er trug die dampfende Terrine, so wie er ging und stand, über die Straße, ins Haus seiner armen Patienten. Mit seinen Kranken ging er oft sehr kategorisch um; er machte nicht viel Umstände, und sie mußten blindlings gehorchen. Namentlich der Verkehr mit seinen Bauern war unbeschreiblich originell. Da er oft hitzig und eilig war, geschah es, daß er einem Bauern einen falschen Zahn gezogen hatte. Als er sein Versehen bemerkte, drückte er seinen Patienten, trotz dessen Geschrei, in seinen Stuhl zurück und zog ihm mit starker Hand, trotz wilder Gegenwehr, den zweiten heraus. Einem anderen Bauern, der sich nicht untersuchen lassen wollte, verabfolgte er eine tüchtige Ohrfeige. »Willst du nun gehorchen, mein Sohn?« fragte er dann milde, und der Bauer hielt still wie ein Lamm. »Der Doktor hat eine schnelle Hand,« sagten die Leute halb anerkennend, halb in Furcht. Er war ein glänzender Chirurg; mit schneller Hand machte er, in den primitivsten Verhältnissen, die kühnsten Operationen. Um die neuen Errungenschaften auf wissenschaftlichem Gebiet kümmerte er sich nicht viel: »Ich bin nun einmal Bauerndoktor und kein gelehrtes Tier!« sagte er fröhlich. »Was ich gelernt habe, reicht für meine Bedürfnisse noch lange genug.« Auf sein Äußeres gab er nicht viel, zum Beispiel trug er, zum Kummer seiner Frau, niemals einen Schlips. Allmählich schaffte er sogar seine Kragen ab, die ihn in der Gartenarbeit nur hinderten. Kaufte er einen Hering, so trug er ihn uneingewickelt, mit Daumen und Zeigefinger am Kopf haltend, über die Straße. Begegneten wir ihm und riefen entrüstet: »Aber Onkelchen, wie kannst du nur so über die Straße gehen!« dann schwenkte er lustig den Hering gegen uns hin, daß wir lachend zur Seite sprangen, um keine Spritzer auf unsere Kleider zu erhalten. Er konnte oft unduldsam sein, so konnte er manchmal namenlos zornig werden über Dinge, die diesen Zorn gar nicht verdienten. Zum Beispiel reizten ihn elegant gekleidete russische Beamte derartig, daß er, wenn er sie von fern über die Straße kommen sah, schnell in ein Haus hineinging, um ihnen nicht zu begegnen, und so lange die Türe geschlossen hielt, bis sie vorüber waren. Eine Quelle des Zorns für ihn waren auch die Radfahrer. Er konnte sie nicht vertragen. »Kind, es ist gegen Gottes Ordnung, auf einem Rad durch die Welt zu fahren!« sagte er. Wenn er krank wurde, brach er völlig zusammen, denn jede Krankheit überfiel ihn mit ganzer Macht. Rekonvaleszenzen aber konnte er nicht. Einmal, nach einer heftigen Erkrankung, überraschte er uns damit, daß er unerwartet, mit Wasserstiefeln angetan, mitten unter uns stand, die wir angstvoll beisammen saßen und nur flüsterten, um seinen Schlaf nicht zu stören. »Macht keine so dummen Gesichter« sagte er lustig, »Gott schenkte mir einen schönen Schlaf, und nun bin ich gesund, noch sterbe ich lange nicht. Und wenn ein Livonus sagt: ›Ich bin gesund‹ so ist er's. Ich gehe auf den Kirchhof; wer kommt mit?« Er war schon in den achtziger Jahren, als wir ihn zu unserem Entsetzen hoch oben im Gipfel eines Apfelbaumes entdeckten, wo er einen Ast absägte. Plötzlich ein Krachen, der Ast, auf dem er stand, brach, und er kam mit zwei Ästen unter dem Arm, die ihm als Fallschirm dienten, ganz sachte auf die Erde herab. »Das tue ich nun nicht mehr« sagte er, als er, ein wenig blaß, zu uns trat, die wir wortlos vor Schrecken da standen. »Gott hat mir eben ein wenig auf die Finger geklopft!« Trotzdem wurde er noch einmal nach diesem Fall im Winter schneeschaufelnd auf dem Hausdach gefunden, wo er von der ganz aufgeregten Jenny herabgeholt werden mußte. Furcht – dieses Wort gab es nicht in seinem Leben, weder physische noch moralische Furcht kannte er bis an seinen Tod. Als er seinen Beruf aufgab, lebte er ganz für seine Gartenarbeit, er trug dabei einen Rock, den wir den »Ölrock« nannten. Er hatte ihn beim Anstreichen seiner Gartenbänke ganz mit Ölfarbe befleckt, aber die Flecken auszunehmen erlaubte er nicht. »Dummes Zeug! es ist keine Schande, wenn man sieht, daß ich arbeite.« Noch andere Spuren zeigte der Rock, an dem alles abgewischt wurde, was er in die Hand nahm; oft schielte er dabei mit schelmischem Ausdruck nach seiner vornehmen Frau hinüber. Ekel oder Grausen kannte er nicht. Als Kreisarzt mußte er bei aufgefundenen Leichen die Todesursache feststellen. So kam es, daß ihm im Winter kleine Kinderleichen ins Haus gebracht wurden. War es kalt, so kamen die Leichen steif gefroren an, und mußten zur Untersuchung erst auftauen. Zu dem Zweck stellte er sie am warmen Ofen auf, da hörte man, namentlich in der Stille der Nacht, manchmal einen klatschenden Laut, die kleine Leiche war aufgetaut und brach zusammen. Sprach einer von uns sein Grausen darüber aus, dann konnte er sehr heftig auffahren, denn dafür hatte er kein Verständnis. Wir neckten ihn oft damit, daß er gar nicht nach seinem hohen Rang und seinen großen Orden sich zu betragen verstünde; dann sagte er: »Was sollen mir die elenden russischen Wladimirs! Ich bin Dorpater Student und Livone gewesen, und habe meine Doktordissertation aus Dorpat. Das ist alles tausendmal mehr wert, als der alberne russische Kram!« Er war deutsch wie wir alle, bis in jede Faser seiner alten Burschenseele hinein. Als Gründer der Studenten-Verbindung Livonia ging ihm nichts über seine Livonen, denen er nur Bestes und Edelstes zutraute. Im Winter sollte das große fünfundsiebenzigjährige Jubiläum der Livonia gefeiert werden, die Korporation wollte ihn als einzigen lebenden Stifter dabei haben; man plante, ihn in einer Kutsche, sorgfältig behütet, nach Dorpat, der Universitätsstadt, zu bringen. Er war mit seinen 94 Jahren begeistert dabei, aber schon im November schloß er seine alten, lieben Augen. Tante Adele war ganz anders geartet wie Onkel, und sowohl äußerlich wie innerlich konnte man keine größeren Gegensätze sehen wie die beiden. Er klein, etwas dick, gebeugt, sprühend lebendig, mit einem Gesicht voll strahlenden Lebens. Sie groß, schlank, sich sehr gerade haltend, in ihrer stolzen, vornehm liebenswürdigen Art. Sie war im adeligen Fräuleinstift in Petersburg erzogen, in allen weiblichen Künsten geschult. Sie malte, machte schöne Handarbeiten, deren Muster sie selbst entwarf. Sie dichtete, schrieb kleine anmutige Theaterstücke für uns, verstand glänzend zu repräsentieren, und war fein, verbindlich und liebenswürdig. Sich sehr gerade haltend, sehe ich sie immer an ihrem Nähtisch sitzend, mit einem Spitzenhäubchen auf dem dunkelblonden, gewellten Haar, freundlich nach uns hinschauend, wenn wir lachend und übermütig zu ihr hereinbrausten. Es war ihr unser stürmisches Treiben gewiß nicht immer recht, jedenfalls war es anders, wie sie es in ihrer Jugend gewohnt war, aber mit großartiger Güte, mit feinem Takt und Humor fand sie sich in alles. Sie war voll feiner Klugheit und voll großer Liebe. Kein ganz leichtes Erbe war es, was sie antrat, als sie Onkels dritte Frau wurde. Aber uns war sie eine geliebte Tante geworden, in deren Haus wir alle Liebe einer nahen Verwandten fanden. Und nun bleibt noch Jenny, von der ich erzählen will. Sie war eine Tochter aus Onkels erster Ehe. Außer Jenny waren noch drei Kinder da, zwei Töchter Gertrud und Marie und ein Sohn Johannes. Die beiden Töchter heirateten früh nach Kurland, ich habe sie in Weißenstein kaum gesehen, jedenfalls spielten sie in meinem Leben dort keine Rolle. Der Sohn Johannes wurde in ganz jungen Jahren Missionar in Indien. Ich lernte ihn erst in Deutschland viel später kennen, eine tiefe Freundschaft verband uns bis zu seinem Tode. Sein Sohn ist der Dichter Hermann Hesse. Wir liebten Jenny schon als Kinder schwärmerisch! Sie war immer fröhlich mit uns, verwöhnte uns namenlos, hatte das tiefste Interesse für alle unsere kleinen Freuden und Leiden! Immer steckte sie uns was Gutes zu und verwahrte Schokolade und Bonbons in ihrem Zimmer für uns. Sie war klein, mit einem edlen, feinen Gesicht, dunklen Augen und krausem, schwarzem Haar. Klug, tatkräftig, mit schnellem, schlagfertigem Witz begabt, voller Humor, war sie in vielen Dingen die rechte Tochter ihres Vaters, von dem sie auch ein großes Stück Originalität geerbt hatte. Sie führte den Hausstand; während wir fröhlich genossen, stand sie in der Küche und kochte und schmorte das Essen für die Unmenge von Gästen. Sie hatte ein schweres Los gehabt. Sie war verlobt mit dem Sohn des befreundeten Nachbarhauses. Schon als Knabe umgab er sie mit steter Sorgfalt und fast unterwürfiger Knabenschwärmerei. Als sie erwachsen waren, warb er um sie, sie wies ihn ab; denn seine sklavische Hingabe konnte in ihrer starken Natur keine Gegenliebe erwecken. Aber er ließ sich nicht irre machen, in nie wankender Treue, in unveränderter Liebe warb er Jahre um sie, bis er sie überwand; sie gewann ihn lieb und gab ihm ihr Jawort. Aber seltsam, als er sein so glühend erstrebtes Ziel erreicht hatte, stellte sich bald bei ihm eine Art Ernüchterung ein, und kurz vor der Hochzeit löste er die Verlobung unter Umständen, die die Wunden, die er geschlagen, noch vergifteten. Das alles hatte sie gelitten, und da sie ein starker Mensch war mit manchen Härten, litt sie bis zur Vernichtung. Aber sie war nicht nur stark, sie war auch fromm, und aus all den erlebten Bitterkeiten rettete sie sich ein Herz voll unerschöpflicher Liebe, Güte und Selbstlosigkeit. Jeder bekam den Segen dieser Liebe zu spüren, der in ihre Nähe kam. Sie hatte die seltene Fähigkeit, mit jedem Menschen die Sprache zu reden, die sein Herz verstand. Ob alt, ob jung, ob arm, ob reich, ob gebildet oder ungebildet, ob Mann oder Weib, jeder öffnete ihr sein Herz, und sie teilte Freuden und Leiden mit jedem, der zu ihr kam. Wie begeistert nahm sie Anteil an unseren übermütigen Plänen und Unternehmungen, freilich nie jemals anders als aus der Ferne, denn sie machte nie Besuche, beteiligte sich nie an unsern Ausflügen. Da blieb sie eisern, auch gegen unser noch so stürmisches Bitten und Flehen. Aber ebenso wie sie an unsern Freuden teilnahm, ja noch viel mehr teilte sie unsere Leiden. Man hatte nie Geheimnisse vor ihr, und keiner verstand so tröstend, so lindernd einen zu streicheln, wenn man betrübt war, wie sie. Doch nicht nur für uns war sie da, sondern auch für jeden im kleinen Städtchen. Für die Kranken kochte sie Suppen, und brachte sie still und heimlich selbst hin. Niemand verstand so zu pflegen wie sie, und wenn es Krankheit unter den Freunden gab, wollte man nur sie zur Pflege haben. Ging es zum Sterben, da verstand niemand es besser als sie, die Angst und die Not zu lindern, mit weicher Hand glättete sie die Kissen, hielt angstvolle bebende Hände tröstend in den ihren, und drückte müde Augen zur letzten Ruhe zu. Wir waren in unserem jugendlichen Egoismus oft empört, daß wir die so sehr Geliebte nicht ganz für uns hatten, daß wir sie mit jedem estnischen Bäckerweib, das an den Straßenecken Kringel verkaufte, teilen mußten; denn wir behaupteten, mit derselben Hingabe, demselben Eingehen könnte sie die Leidens- und Freudengeschichten der Estenweiber anhören, wie unsere Ergüsse.   Die Jahre kamen und gingen, so manches hatte sich ln unserem Leben verändert. Nur eins nicht, die begeisterte Liebe für dieses Stück Erde, für dieses geliebte Haus. Noch immer erklang heller Jubel, wenn es im Frühling hieß: »Im Sommer geht es wieder nach Weißenstein.« Nicht mehr im alten grünen Planwagen mit dem seltsamen Geruch nach Heukissen und altem Leder, wurden die hundert Werst von Pernau zurückgelegt. Die Eisenbahn hatte sich auf fünfzig Werst dem Städtchen genähert, und im hohen Postwagen rasselte man über das holprige Straßenpflaster in die Stadt. Und auf der Steintreppe standen wie immer die lieben Bewohner des Doktorhauses, mit offenen Armen und hellem Jubel uns grüßend. Die Vettern waren herangewachsen, Hermann war ein ernsthafter Student der Theologie, Gustav Gymnasiast, Georg unser fröhlicher Hausgenosse in Riga. Im Hause aber hatte sich nichts verändert, alles war noch ganz so, wie mir es als Kinder gekannt und geliebt. Ebenso hell strahlte die Sonne über dem schönen Garten in seiner Blütenpracht, fast noch froher flutete das Leben durchs Haus. Nur die alte Anna war allmählich ständig in den Ruhestand versetzt worden, nur noch zum Tassenwaschen war sie zu gebrauchen. Heiße Kämpfe hatte es gegeben, bis man ihr das Kaffeemachen entwunden. Sie wollte dieses letzte Ehrenamt um keinen Preis aus der Hand geben, aber als einmal der Krahn der Kanne verstopft war und bei näherer Untersuchung das Hindernis als eine Menge Haare sich auswies, da erhoben die Vettern einen derartigen Höllenlärm, daß man ihr dieses Amt fast mit Gewalt nahm. Ich blicke weit zurück, die Jahre schwinden und ich sehe mein Leben dort wie in Bildern an mir vorüberziehen. Ein Bild nach dem andern steigt empor, alle voll Licht, voll Freude. Steigt empor voller Glanz, sinkt wieder nieder, der Glanz erlischt! – I. Ich bin ein kleines Mädchen mit spiegelblank gebürstetem Haar, das gerade gescheitelt, in zwei dicken, stramm geflochtenen Zöpfen mir über den Rücken hängt. Ich bin sehr wild in Weißenstein geworden, Mutter sagt, das sei hauptsächlich Georgs Schuld. Ich werfe mit Bohnenstangen ins Ziel, springe aus der Bodenluke und klettre den Vettern nach auf die Bäume. Ich fühle mich dabei stolz und wichtig: »ganz wie ein Junge«. Ich stehe im Garten vor der Veranda und blicke sehnsüchtig aufs Hausdach. Hoch oben auf dem Giebel sitzt Georg, rittlings, und pfeift und jauchzt in die Sonne. Ich stehe schon eine Weile da, aber er macht, als sähe er mich nicht. Warum hatte er nur die Leiter heraufgezogen, nun konnte ich ihm ja nicht nachklettern. Das hatte er ganz absichtlich getan, wie schlecht war er doch! ein böser Junge! Trotz und heißes Verlangen kämpften in meinem Herzen, endlich siegte letzteres, aber es klang doch noch ziemlich trotzig und befehlend, als ich rief: »Laß die Leiter herunter, ich will auch aufs Dach!« Georg lacht: »Das darfst du gar nicht, du bist ein Mädchen und kannst nicht so hoch klettern wie ein Junge.« Was alles Mädchen nicht sollten, es war geradezu schrecklich, ein Mädchen zu sein! Ich wurde ganz heiß vor Zorn: »Schäme dich, so was zu sagen,« schrie ich heftig, »ich kann alles machen, was ihr dummen Jungens macht!« »Oho!« »Jawohl kann ich das! Sprang ich nicht gerade wie ihr gestern aus der Bodenluke ins Heu auf dem Hof?« »Ja, und ich bekam die Schelte nachher von deiner Mutter, und ich sollte dich nicht alles machen lassen, was ich tue, du wirst so wild und unartig« »Ich will aber auch aufs Dach, hörst du!« »So klettere doch!« Ich weinte. Georg war sehr gutmütig, Tränen konnte er nicht sehen, mit Tränen konnte man eigentlich alles bei ihm erreichen. Aber dieses Mal blieb er gefühllos. »Sag': bitte, lieber, guter Georg,« sagte er, »vielleicht lasse ich dann die Leiter herunter.« Ich schwieg. »Wenn du wüßtest, wie schön es hier ist,« sagte er grausam, und wie weit man sieht! Ich sehe den Marktplatz und die Kirche, und den Weg zum Kirchhof und –« Nein, das war ja gar nicht zum Aushalten! Ich stürzte davon, ein böser Plan war plötzlich in meiner Seele entstanden, den ich ohne Besinnung ausführte. Georg hatte aufgehört zu pfeifen, es war doch langweilig, so allein oben, er schickte sich eben an, seinen luftigen Sitz zu verlassen, da flog die Gartentür auf und ich sauste in den Garten, ich war ganz atemlos. »So, nun hast du es,« rief ich, »nun habe ich dein Vogelbauer aufgemacht, und habe alle Vögel losgelassen!« Er hielt im Hinuntergleiten inne, er war wie erstarrt, er konnte nichts sagen, ihm fehlte der Atem. Endlich konnte er sprechen: »Du hast sie losgelassen!? Alle?« »Alle,« schrie ich triumphierend. Da kam Leben in seine erstarrten Glieder! Er rutschte, kollerte, stürzte vom Dach herunter, über das Verandadach, mit einem wilden Schrei lag er auf der Erde. Ehe er noch auf die Füße kam, war ich fort! Laut schreiend, denn ich fürchtete mich namenlos, raste ich davon, durch den Garten hinein in den Hof, mit einem Krach fiel ich gegen die Küchentür, mit meinem letzten Atem: »Jenny! Jenny!« rufend. Er war mir dicht auf den Fersen, mit entstelltem Gesicht stürzte er mir nach, »ich schlag dich tot! Ich schlag dich tot!« rufend. Er war jähzornig, heftig, die Brüder nannten ihn den Berserker, noch nie hatte ich einen Menschen so gesehen. Jenny fing ihn in der Küche in ihren Armen auf; ich hatte mich unter der Treppe, die zum Bodenzimmer führte, versteckt. Er war wie blind und schlug um sich. »Wo ist sie? wo ist sie? ich schlag sie tot!« Jenny kannte ihren wilden, jüngsten Bruder, sie verstand ihn zu zähmen. »Schäme dich,« sagte sie mit ihrer guten Stimme, »ein kleines Mädchen willst du schlagen!« Er kam zur Besinnung. »Sie hat meine Vögel losgelassen!« stieß er hervor, während Tränen des Zorns aus seinen Augen sprangen. »Das war sehr schlecht von ihr,« sagte Jenny wieder nur, wir froh die Vögel jetzt sind, nun sind sie frei!« So tröstete sie ihn, strich ihm die Haare glatt, rückte seinen Kragen zurecht, gab ihm heiße Pfannkuchen und schickte ihn dann einigermaßen beruhigt in den Garten mit der tröstlichen Aussicht: »Bald ist das Mittagessen fertig, dann darf man dir nicht ansehen, daß du geweint hast.« Jenny tröstete auch mich, doch das ging viel schwerer wie bei Georg. »Du mußt ihn um Verzeihung bitten,« sagte sie. »Ach ja, ach ja!« Ich war zu allem bereit. Jenny ging mit mir in den Garten, wir suchten ihn, er steckte in den Beerensträuchern und schien wieder ganz vergnügt. Bei meinem Anblick verfinsterte sich sein helles Knabengesicht, ich fürchtete mich und versteckte mich hinter Jenny. Die zog mich hervor und schob mich unter freundlichem Zureden zu Georg hin; ich streckte meine Hand aus und faßte schüchtern nach seiner: »Ach, bitte, vergib mir!« murmelte ich. Er ließ meine Hand fallen und sagte verächtlich: »Furcht kennst du, aber keine Besserung.« II. Ich bin sechzehn Jahre alt, mein Geburtstag wird gefeiert. Ich habe ein weißes Kleid bekommen, mein Geburtstagstisch ist auf der Veranda gedeckt, Zentifolienrosen decken den Tisch, so daß man das weiße Damasttuch nicht sieht. Ich bin selig! Sechzehn Jahr'! Mein Gott! Was wird das Leben bringen? Freude, Freude und Lachen, wie könnte es denn anders sein! Alles jubelt, die Sonne strahlt, die Blumen blühen, alles umgibt mich mit Liebe. Ich gehe durch den Garten, ich falte die Hände, ich bete. Immer dasselbe: »Mein Gott! ich danke dir, das Leben ist zu schön!« Am Nachmittag winkt Georg mir: »Ich habe ein Geschenk für dich. Komm, daß niemand uns sieht. Mein Geschenk ist in den Steinbrüchen versteckt, keiner soll es wissen.« Ich fasse seine Hand, wir laufen eilig durch den Garten, durchs kleine Hinterpförtchen, über die Wiesen dem Walde zu. Da sind die Steinbrüche, wir gehen langsam die schmalen Waldwege bergauf, bergab. Der Wald ist geheimnisvoll, voller Höhlen und Schluchten. Golden zittert das Licht auf dem Moos und fällt auf unsern Weg. Wir verstehen uns, sehen alles Schöne, die einsamen großen Glockenblumen, auf schwankenden Stengeln, wir fühlen die Stille. Und nun kam mein Geschenk, über eine Höhle wölbte eine Linde ihre grünen Gezweige. Seltsam verflochten ruhten ihre Wurzeln wie eine Wiege über dem Eingang zur Höhle. Dieses Plätzchen hatte Georg für mich entdeckt. Das Wurzelgeflecht war dicht mit Moos gefüttert. Georg strahlte. »Hier sollst du liegen,« sagte er. Er half mir hinein. Wie in einem Nestchen lag sich's da, als schützendes Dach die Zweige der Linde über mir, rings um mich das Schweigen des Waldes. Ich liege ganz still. Georg hat mir eine große blaue Glockenblume in die Hand gelegt. »Das ist dein Szepter,« sagt er. »Nun bist du die Waldeskönigin und ich bin dein Knappe, der dich bewacht. Kein Unglück kann dich treffen, ich liege mit meiner Lanze vor deiner Schwelle und kämpfe gegen Drachen.« Es ist ganz still, kein Windhauch rührt die Blätter über uns. Ich denke goldene Träume, leise fange ich an zu singen: »O du lichtgrüne Welt, Ach! wie strahlst du vor Lust!« Dann schwelgen wir. Georg schwärmt eben für Storm, er sagt ein Lied von ihm: »Hier an der Bergeshalde Verstummet ganz der Wind, Die Zweige hängen nieder, Darunter sitzt das Kind.« Das gefällt mir nicht, ich bin doch eben sechzehn Jahre alt geworden. »Das stimmt nicht,« sagte ich etwas gereizt, »nun bin ich ein junges Mädchen, sechzehn Jahre alt!« Er fährt unbeirrt fort: »Sie sieht mich an verständig, Es geht mir durch den Sinn: Sie hat die goldenen Augen Der Waldeskönigin.« »Heute hast du auch goldne Augen,« sagte er. Ich bin herbe und scheu, die Sprache ärgert mich. Ich fahre von meinem Traumlager empor. »Schafskopf!« sagte ich und sonst nichts. Georg lacht. III. Es ist Abend. Onkel Hermann und ich sind von einem Spaziergang heimgekehrt. Die Sonne steht tief, die Häuser werfen lange Schatten. Die Welt ist hell, als hätte die Sonne noch all ihr Licht auf der Erde gelassen, als sie sich zum Scheiden anschickte. Wir sitzen auf den Stufen der Steintreppe Hand in Hand. Wir blicken die Straße hinauf über den grünbewachsenen Marktplatz, zur Kirche mit ihrer leuchtend blauen Uhr und dem unproportionierten Turm, der spitz in den lichten Abendhimmel ragt. Schwalben schwirren mit jauchzendem Schrei an uns vorüber, wir schauen ihnen nach, bis sie im leuchtenden Abendhimmel versinken. So findet uns der Abend oft. Onkel spricht vom Leben, das unser wartet, wenn dieses Leben zu Ende gegangen ist. Es ist ihm so nah, so voller Herrlichkeit, daß meine junge Seele sich danach sehnt, wie nach schönster Vollendung. »Unter deinen Lebensbäumen Wird uns sein, als ob wir träumen.« »Wenn ich nicht mehr bin,« sagt die liebe, alte Stimme neben mir, dann denk' an diese Stunde! Du stehst mitten im Leben, das will viel von dir, gibt dir viel, pack' es, sonst läuft es dir davon! Aber vergiß nicht, daß jeder Tag seine Ruhestunden für die Seele haben muß, erlaube nickt, daß er dich auffrißt! Unsere Seele gehört unserem Heiland. Er hat sie teuer bezahlt! O mein Gott! wie dank' ich dir für deine Treue!« Ich fasse fester die liebe, alte Hand, die so abgearbeitet in der meinen liegt und küsse sie. Kann ich mir ein Leben denken, ohne daß diese Hand die meine hält? Und doch kam einstmals ein Tag, an dem diese Hände erkaltet über einer stillen Brust gefaltet lagen, keinem mehr Gutes tuend. Ein Tag, an den man ihn über diese Steinstufen trug, über die sein Fuß so oft geschritten, und ich habe gelernt zu leben, ohne diese große, tiefe Liebe, die so stark über meinem jungen Leben wachte. IV. Es ist ein stiller, heißer Sommertag, der Garten voller Rosen- und Jasminduft, Reseden und wohlriechenden Erbsen. Links von der Veranda befindet sich ein großes Beet voller Lilien, die in ihrer reinen Stille schneeweiß zum Himmel streben. Alles hält im Hause Nachmittagsruhe, ich sitze auf der Veranda und blicke in den blühenden Garten. Kein Laut weit und breit als das Schwirren der Schwalben in der heißen Sommerluft, dazwischen ein verirrter Ruf aus den Nachbargarten. »O du Welt voller Licht.« Da, ein starker, junger Schritt auf der Veranda. Georg steht in der Tür. Er ist groß, breitschultrig, mit blondem Lockenhaar und Leben sprühenden Augen; mein bester Kamerad, mein liebster Gefährte, in dessen Nähe das Lachen nie endet. Erwartungsvoll blicke ich zu ihm auf, er hat immer einen Plan. »Weißt du was?« sagt er, »der Tag ist köstlich, alles schläft im Hause. Wollen wir ins Moor? Nicht viel fragen! Da gibt es zu viel Antworten! Komm, nimm deinen Hut, ich gebe dir meinen Stock. Wir gehen in die weite Welt!« Ich springe jauchzend empor: »Aber wenn es nachher Schelte regnet,« sage ich dann bedenklich. »Die halten wir aus und schütteln sie wieder ab,« ist seine unbekümmerte Antwort. Ich bin dabei. Heimlich schleichen wir durch den Garten. Die alte Magd hat die Weisung, zu sagen, daß wir erst spät heimkämen, wir wären ins Moor gegangen. Sie murmelt etwas vor sich hin. Georg lacht. »Ach, schweig' doch, Alte! Dich wird keiner schelten, alles trifft nachher uns!« Wir schlüpfen durchs Gartenpförtchen, über die Wiesen hin geht es eilig. Nun nimmt der Waldesschatten uns auf, unser Schritt wird langsamer. Wie herrlich ist die Welt! Hohe Tannen ragen in die klare Sommerlust, unhörbar gehen unsere Schritte übers weiche Moos. Es ist ganz dunkel, fast feierlich unter den Tannen, aber oben in den Gipfeln liegt goldener Sonnenschein. Wir verstehen uns so gut im Walde. Georg fühlt und sieht alle Schönheit um ihn, auch die zarte stille, seinem hellen Blick entgeht nichts. Dann weist er nur mit seiner Hand danach: »Siehst du es auch?« Ich nicke fröhlich, wortlos, wir brauchen gar nicht zu reden, wir sind einig. Warum nur zanken wir uns so oft im Leben? – Es waren böse Tage gewesen, da war ein kleines Ding, ein Mädchen, etwas jünger als ich, zart, blond, mit blauen Augen und rosigen Wangen, die bei jeder Gelegenheit so lieblich erröten konnte, daß es wie eine Welle über ihr zartes Gesichtchen lief. – Georg schwärmte für dieses Erröten. »Sie ist so weiblich!« sagte er. »Und so dumm, wie eine Gans,« fügte ich erbarmungslos hinzu. Das ärgerte ihn, er hatte sie gern. Sie war verliebt in ihn, und bewunderte ihn, sie zeigte es bei jeder Gelegenheit, das beleidigte mich, denn es war ja ganz unmöglich! Nie war ich so herbe, so scharf und streitbar, als wenn sie dabei war. Georg bemühte sich ritterlich um sie, sie tat so hilflos, so ängstlich, war so anlehnungsbedürftig. Sie schrie, wenn ein Frosch über den Weg sprang und flüchtete sich zu Georg, wenn ich einen Stock nahm und nach dem Frosch schlug. Ein stiller Kampf zwischen Georg und mir entbrannte. Spielten wir Reif, so warf Georg ihr den Reif immer so behutsam zu, und so niedrig ließ er ihn fliegen, daß sie ihn fangen mußte, ohne jede Mühe. Kam ich an die Reihe, so flog der Reif so hoch, daß er fast in den Lüften verschwand und ich trotz aller aufgewandten Kraft und Gewandtheit ihn nicht fangen konnte, und dann lachte Georg spöttisch. Ich war des Streitens müde geworden, ich sehnte mich nach Versöhnung, war aber zu stolz und herbe, einen Schritt dazu zu tun. »Heute wird alles gut!« dachte ich und eine Last fiel mir von der Seele. Eine seltsame Welt voller Stille, diese weite, öde Fläche, ohne Baum, ohne Strauch. Ein grüner Mooshügel neben dem andern. Mit einem Stock bewaffnet sprang man von Hügel zu Hügel, immer weiter, in die Unendlichkeit hinein. Sprang man nebenbei, so versank man bis an die Knie ins Moor. Georg hatte uns tüchtige Stecken geschnitten: »Soll ich dir helfen beim Springen?« »Auf keinen Fall.« Es ist mein größter Stolz, es den Vettern gleich zu tun. So springen wir lachend, jauchzend. Da! ein Schrei! Ich bin nebenbei gesprungen, bis an die Knie ins Moor. »Soll ich dir helfen, dann mußt du bitten.« »Bitten! Nein, das tue ich nicht, ich helfe mir schon selber.« Georg lacht. »Du wirst schon zu Kreuze kriechen!« »Niemals!« Mühsam rette ich mich auf den Mooshügel, entferne den Morast von Stiefeln und Strümpfen. Georg sitzt keck und lustig auf seinem Hügel, und lacht mich aus. Seine Mütze sitzt ihm tief im Nacken, seine blonden Locken glänzen golden in der Sonne. Nein! man kann ihm nicht böse sein. »Ich weiß hier eine Quelle in der Nähe,« sagt er endlich, das Mitleid mit mir siegt über die Schadenfreude, »da säubern wir dich.« Wir springen weiter, da kommt eine trockene, hochgelegene Stelle, mitten im Moor, mit Gras und Blumen bestanden, ein Flüßchen murmelt vorüber. Dort machen wir Rast; ich ziehe meine schwarzen Schuhe und Strümpfe aus, wasche sie im Fluß. Georg hat unterdessen eine sinnreiche Erfindung gemacht, er hat Stöcke in die Erde gepflanzt. Darauf werden die nassen Sacken gesteckt, damit sie schnell trocknen. Wir legen uns ins Gras, schweigend, träumend. Georg unterbricht die Stille: »Warum warst du alle diese Tage so?« Mein Herz ist plötzlich überströmt von Reue. »Verzeih mir doch« sage ich weich, »aber Ella war so albern und das gefiel dir! Ich denke, du warst verliebt in sie!« Georg wird rot, wie eine Flamme fährt es über sein ausdrucksvolles Gesicht. »Nie war ich das,« bricht er heftig los, »glaub es mir doch! Sie ist nur so zart und fein und so hilflos. Ich habe solch ein kameradschaftliches Gefühl für sie!« Da lache ich hell auf, ein wenig gereizt. »Dein Kamerad bin ich, das darf kein anderer sein! Ella ist doch kein Kamerad!« »Aber ich bin nicht verliebt in sie!« sagt er wieder ganz aufgeregt. »Ach! Ihr liebt immer die Dummen!« sage ich streng. Georg schweigt. – Ich lege mich wieder ins Gras zurück, er bleibt aufrecht sitzen, er hat den Kopf gewandt, ich sehe ihn nur von der Seite. So voll Sehnsucht und Trauer ist plötzlich sein heller Blick. Ich schlummere ein, wache wieder auf, immer sitzt er noch da, unbeweglich mit dem Blick voll Sehnsucht und Trauer. Als ich erwache, steht die Sonne tiefer. »Hier am Rande des Moores ist ein Bauernhaus,« sagt Georg, »da gibt es Milch und Brot. Wir müssen doch etwas essen!« Stiefel und Strümpfe sind trocken, wir springen wieder über die Hügel. Da liegt auch schon das Bauernhäuschen, klein, schief, mit einem Strohdach, aber der Garten ist voll blühendem Mohn und goldgelben Ringelblumen. Die Bäuerin bringt Schwarzbrot, Milch und frische Butter. Wir legen uns ins Gras, das Brot und die Milch stellen wir auf die Erde zwischen uns. Wie das schmeckt! Vor uns liegt das Moor mit seinen grünen Hügeln, flimmernd im Abendsonnenschein; es ist so atemlos still in der Welt, wir allein in dem großen Schweigen um uns! Es ist Zeit, heimzugehen. Wir wandern wieder durch den Wald, es ist unter den dichten Tannen schon ganz dämmerig geworden. Der Wald ist zu Ende, ein weites, goldig schimmerndes Kornfeld liegt vor uns. »Nun kommt das Schönste,« sagte Georg, »wir kriechen tief ins Kornfeld hinein, dort legen wir uns hin und horchen auf die Stille.« Durch eine Furche gehen wir hinein, ich lasse die Ähren leise durch meine Hände gleiten. Stimmen! Am Ende der Bauer, dem das Feld gehört! Wir bücken uns, die goldenen Halme schlagen über unseren Häuptern zusammen. So kriechen wir geduckt durch die schmalen Furchen, wir wagen kaum zu flüstern. Ein Stein liegt mitten im Felde, er ist ganz warm von der Sonne. Ich setze mich auf den Stein. Georg legt sich zu meinen Füßen auf die Erde. Mein Schoß ist voller Blumen, ich winde sie zu einem Kranz. Welch wunderbares Leben, die tausend und abertausend Halme dicht beieinander, dazwischen Sternblumen und Kornraden, Käfer und Schmetterlinge. Wir beobachten all das zahllose Leben, das in dem Kornfelde summt, kriecht, flattert, horchen auf die Grillen, aufs Singen der Lerchen, und schweigen. Welch ein Licht in der Welt, welch ein Schweigen voller wunderbarer Geheimnisse. Georg hebt plötzlich seine Hand und streckt sie nach mir aus. »Du!« sagt er, und noch einmal ganz leise: »Du!«; sonst nichts. War es die Stille, die mir plötzlich den Atem raubt, oder liegt etwas im Klang seiner Stimme, etwas, was so noch nie darin geklungen? Erschrocken, atemlos sehe ich ihn an, eine tiefe Bewegung liegt in seinem Gesicht; wie der Blitz bricht etwas über mich herein. Ist es Angst? Ja, eine törichte, sinnlose Angst. Ich springe empor, die Blumen fallen zur Erde, in weitem Bogen werfe ich den Kranz von mir, eine Sekunde bleibe ich noch so stehen, erschrocken, gebannt – dann fange ich an zu laufen, fort nach Hause. In wilden Sätzen geht es aus dem Kornfeld, über den grünen Abhang, zur Landstraße, ich höre Georg hinter mir rufen: »So warte doch!« Ich höre seinen eiligen Schritt dicht hinter mir. Wie gehetzt, jage ich weiter, da – eine Wegbiegung, ich laufe meinem alten, lieben Onkel direkt in die Arme. »Aber Kind! Du bist ja ganz atemlos!« »Ach, Onkel, Onkel! ich war so erschrocken!« »Aber warum denn? was hast du nur?« Nun sind sie alle da, die Tanten, meine Mutter, auch Georg. Ja, warum erschrak ich nur so sehr? Ich muß jetzt selbst über mich lachen, warum denn nur? – Die Tanten blicken ernst. Meine Mutter will ein strenges Gesicht machen: »So fortzurennen, ohne zu fragen!« sagt sie. »Laß das Zanken!« schneidet Onkel jedes weitere Wort ab. »Nun sind die Sünder heil und lebendig wieder da, und das ist die Hauptsache.« »Georg wird dich noch einmal umbringen mit seinen Unternehmungen,« sagt meine Mutter, sonst nichts weiter. Wir wandern dem Städtchen zu, das mit seinem Kirchturm und den weißen Häusern aus dem Grün seiner Gärten schaut. Felder und Wiesen weit und breit, und tiefe Stille. Wir singen: »Der Mond ist aufgegangen, Die goldnen Sternlein prangen Am Himmel hell und klar.« Meine Hand ruht in Onkels Hand, er hält sie fest. – Wir singen weiter: Wie ist die Welt so stille, Und in der Dämm'rung Hülle So traulich und so hold! So ganz wie eine Kammer, Wo ihr des Tages Jammer Verschlafen und vergessen sollt.« »Des Tages Jammer!« Das waren damals nur Worte, die meine junge Stimme ahnungslos in die laue Abendluft hinaussang. Aber einmal sollten auch für mich die Tage kommen, wo diese Worte mit ihrem ganzen furchtbaren Ernst über meinem Leben standen. Gesegnet aber ist das Leben, dessen junge Tage so voller Licht und Freude waren, wie die meinen. Die Erinnerung daran hilft auch »des Tages Jammer« leichter tragen. V. Wir sitzen auf dem grünen Rasen der kleinen Wiese, hinten im Park. Wir haben die ganze Zeit Beeren gegessen, haben gelacht und uns geneckt, und wie Funken fliegen die Neckereien und Scherze herüber und hinüber. Auch etwas boshaft sind wir manchmal, denn keine Schwäche wird geschont. Aber keiner ärgert sich, alles löst sich in fröhliches Lachen auf. Da – wer war es, der es tat? Ein kleiner, grüner Apfel fliegt mit wohlgezieltem Wurf durch die Luft, gerade an Georgs Blondkopf. »Oho!« Ein zweites Wurfgeschoß folgt. Wie es geschah, weiß keiner. Ein wilder Kampf ist plötzlich entbrannt, kleine, grüne Apfel, Kastanien fliegen hin und her, die Wiese ist in einen wilden Kampfplatz verwandelt. Zwei Parteien haben sich gebildet, wildes Kriegsgeschrei erfüllt die Luft. Der Kampf zieh, sich durch den Garten, zur Veranda. Auf unsre Schlachtrufe stürzt alles aus den Zimmern: »Hierher!« »Nein, hierher!« Jede Partei wirbt wild um Kampfgenossen. Von der Straße kommen vorübergehende Freunde dazu. Onkel erscheint auf der Veranda, er ist ein heißbegehrter Freund, ein gefürchteter Feind, denn er ist wie ein Sturmwind und kennt kein Erbarmen. Man greift zu allem, was einem in die Hände fällt, um es als Waffe, als Wurfgeschoß zu benützen. Einer stürzt ins Haus, kommt mit sämtlichen Sofakissen heraus, diese fliegen als Geschosse durch die Luft. Auf der Veranda hat sich ein Teil der Kämpfenden verschanzt, vom Garten aus fangen die Feinde an, die Veranda zu stürmen. Ich habe eine Idee, ich laufe durchs Haus, durch den Garten, mit wildem Kampfgeschrei falle ich dem Feind in den Rücken. Ich habe keine Geschosse, da packe ich meine langen Zöpfe mit der Hand, große Schleifen flattern an den Enden, sausend fliegen sie wie Peitschen durch die Luft, schlagen in der Wut des Kampfes den Feinden auf die Köpfe. »Verrat! ein tückischer Angriff im Rücken, fangt sie!« Ich laufe atemlos fliehend in den Garten, alle Vettern hinter mir drein. Ich werde gefangen, und plötzlich, wer erwartete so etwas? heben sie mich auf ihre Schultern. Mit wildem Siegesgeschrei werde ich durch den Garten getragen, hoch auf den Schultern der Feinde thronend. Tante Adele steht mitten unter den Kämpfenden. Sie macht nie mit, wenn wir tollen, lacht aber von Herzen zu unseren Streichen. »Nun genug!« ruft sie fröhlich, »Ihr zerbrecht mir ja alle Fensterscheiben und zerstört meine schönen Sofakissen!« Ich liege noch immer hilflos auf den Armen und Schultern der Sieger. »Laßt sie herunter«, kommandierte Onkel. »Nein, sie hat Verrat geübt, sie muß gestraft werden, wir sperren sie ein!« »Ich gebe heute abend Pfannkuchen mit Zuckersaft,« ruft Tante Adele, »wenn ihr sie loslaßt.« »Hurra!« Ich gleite auf die Erde herab, erhitzt, atemlos lachend ruht alles vom Kampfe aus. »Morgen machen wir ein Friedensfest!« erklärt Onkel. »Was für ein Fest machen wir? Weihnacht oder einen Geburtstag?« »Einen Geburtstag!« ruft alles. Es wird beschlossen, Jennys Geburtstag zu feiern. Jenny, die allezeit Hilfreiche, der gute Engel des Hauses, soll einen herrlichen Geburtstag haben. Mit Ungeduld wird die Kaffeestunde erwartet, denn jeder will nachher »Besorgungen« machen. Meine Mutter und mein Bruder, die Familiendichter, verschwinden in ihren Zimmern, Verse werden geschmiedet. Onkel geht in sein Zimmer, die Tür ist geschlossen, er kramt still darin umher. Ich öffne die Türe vorsichtig, Onkel steht an seinem großen Schrank mit seinen vielen Schubfächern, aus dessen geheimnisvollen Tiefen wunderbare Dinge ans Tageslicht kommen. Er hört die Tür gehen, wendet sich um und sieht meinen Kopf vorsichtig durch den Spalt lugen. Sein liebes, altes Gesicht mit den klugen, lustigen Augen strahlt, er hebt drohend den Finger: »Wirst du wohl? mach, daß du fortkommst!« Wir verteilen uns in den Läden des Städtchens, keiner darf wissen, was der andere plant. Vetter Hermann und ich gehen in die Nachbarhäuser, ein Gesangsquartett wird zusammengestellt und ein Morgenständchen einstudiert. Jenny geht ein wenig kummervoll umher. »Aber sagt mir doch, warum soll gerade ich es sein, die Geburtstag feiert? Kann es nicht lieber jemand anders sein?« Sie liebt es nicht, der Mittelpunkt unseres Kreises zu sein, und ist es doch, für uns alle! »Nein, Jenny, gerade dein Geburtstag soll es sein!« Sie fügt sich seufzend und geht in die Speisekammer, um unter ihren Vorräten Umschau zu halten. Der ganze Abend vergeht mit geheimnisvollen Vorbereitungen, alles geht früh zu Bett. Der Festtag bricht an, strahlend, voller Sonne. Die Freunde sind da, der Geburtstagstisch steht geschmückt auf der Veranda. Was liegt alles drauf? Unmögliche, in der Eile zusammengeholte Sacken. Wer kein Geld hatte, etwas zu kaufen, gibt aus seinem Besitz was her. Alle Geschenke sind mit Versen versehen, viele darunter voller Witz und Geist, manche mit den wunderlichsten Rennen und den schwankendsten Versfüßen. Alles ist mit Blumen und Lichtern geschmückt, in der Mitte des Tisches prangt der riesige Geburtstagskringel, das Gelbbrot, das nie zu einem Feste fehlen darf. Das glänzendste Geschenk stammt von Onkel, es ist ein riesengroßes Sofakissen, das in der Verborgenheit seines Schrankes geruht, keiner wußte, daß er es besaß. Am Korridor vor Jennys Zimmer haben sich die Sänger postiert, wir sind alle in Festkleidern. Nun ertönt der Gesang: »Wie schön leuchte« »er Morgenstern.« Jenny steht in der Tür, etwas betreten, sehr gerührt, aber die Stimmung mit glänzendem Humor meisternd. Alles gratuliert, Jenny wird im Triumph an ihren Tisch geführt, jeder zeigt sein Geschenk, liest sein Gedicht, das seine Gabe erklärt und herausstreicht. Endlich sitzt alles am Kaffeetisch, unterm großen Ahorn im Garten. Der funkelt im herrlichsten Blütenschmuck im Morgentau. Wohin man blickt, strahlende, frohe Gesichter. Am frohesten ist Onkel. Plötzlich erhebt er sich, er nimmt seine alte, graue Mütze von den weißen Locken, er hält sie in seinen gefalteten Händen, sein Blick ist emporgerichtet ins strahlende Blau des Himmels; er betet: »Mein Herr und Gott! ich danke dir, daß du uns diesen Tag erleben läßt, an dem du uns soviel Freude schenkst. Nimm unsern armen Dank entgegen, wir geben unsere Herzen in deine Hand! Amen. Und nun, Kinder, singt!« Jubelnd steigt der Choral ln die strahlende Morgenluft: »Lobe den Herren, o meine Seele! Ich will Ihn loben bis zum Tod!« Sie sind fast alle tot, mit denen ich damals jung und froh war, fast alle! Und ich sehne mich nach ihnen und nach meiner Jugendzeit. VI. Ich komme von einem Besuch heim, es ist noch nicht die Zeit des Abendessens, ich kann noch ein wenig durch die stillen Straßen wandern. Aber erst tue ich einen Blick in Onkels Studierstube. Da sitzt er in seinem Lehnstuhl, mit der großen, in Silber gefaßten Brille, auf den Knien hält er die Bibel, seinen besten Freund hier auf Erden. Ich stehe am Fenster und blicke zu ihm hinein, er sieht mich nicht, so vertieft ist er. Mein Blick umfaßt mit stürmischer Liebe die alte, gebeugte Gestalt, mit dem klugen, lebensvollen Gesicht, das Zimmer mit den hohen Bücherborden, das kleine Sofa, dessen Sitz hart wie ein Stein ist, die alten Bilder an den Wänden, die zum Teil ohne Rahmen von Onkels Hand auf die Tapete geklebt sind. Ich sehe den Rokokoschrank aus Urväter Zeiten mit den endlos vielen Schiebfächern, in dem unter anderen Sachen auch Onkels Medizinen und Kräuter stehen, ich sehe die alten, dunklen Stühle, kein Stück von allem möchte man missen oder an einer anderen Stelle sehen, denn so stand alles, seit mein Kinderfuß diese Schwelle überschritten. Eine Bewegung, die ich mache, läßt ihn aufblicken, wie Sonne fliegt ein Lächeln über die lieben alten Züge. »Du bist es!« sagt er liebevoll, »komm herein, ich habe ein herrliches Gotteswort für uns beide!« Ich fasse das Fensterkreuz, und schwinge mich im Augenblick durchs Fenster herein ins Zimmer, da sitze ich schon auf dem gestreiften, hochlehnigen Stuhl, dicht neben seinem Schreibtisch. Das gefällt Onkel. »Du bist ein feines Frauenzimmer!« sagt er anerkennend, »du machst keine Umstände, nun aber hör zu.« Es ist ein Kapitel aus dem Johannesevangelium, das er liest, das siebzehnte, das hohepriesterliche Gebet Jesu für seine Jünger und seine Gemeinde, das wie kein Wort sonst den festen, unlösbaren Zusammenhang Christi mit den Seinen ausspricht: »Sie waren dein und du hast sie mir gegeben!« Wie Onkel die Bibel las! Ganz, als wäre sie nur für ihn geschrieben, als spräche Gott mit jedem Wort direkt zu ihm, als stünde jeder Gedanke darin lebendig und neu vor ihm, und faßte seine Seele mit überwältigender Macht. Und wieder ist mir's, als wäre die ewige Stadt da, nah, als brauchte man nur einen Schritt zu tun, und träte durch ihre Perlentore, »in die Stadt der goldenen Gassen«, in Jesu unmittelbare Nähe. Ein Glaube, stark wie ein Felsen, einfach und selbstverständlich, wie das friedliche Lächeln eines Kindes, spricht aus ihm. Das ist eine Frömmigkeit, ein Glaube, der Berge versetzt. Ein langes Leben mit dem lebendigen Erleben von Gottes Gnade und Liebe, an jedem Tage neu, das ist es, was ich mit Ehrfurcht und Dank empfinde und vor mir schaue! Manchmal stockt seine Stimme, Tränen stehen in seinen Augen, mir ist's, als hörte ich der Engel Flügelrauschen um dieses liebe, alte Haupt. Wie vielen warst du mit der Kraft deines Glaubens, mit der Macht deiner Liebe, ein Führer durch die Wirrnisse des Lebens zum Licht, zum ewigen Ziel, du Geliebter! Die liebe alte Stimme schweigt, er nimmt die Brille von seinen Augen, faltet die Hände und blickt still ins Abendrot, er sagt leise vor sich hin: »O du mein Herr und Gott!« Ich stehe auf und schlinge die Arme um ihn; meine junge Wange ruht auf seinen Silberlocken. »Ach, Onkel! Onkel!« VII. Wir sind alle zum Abend eingeladen zu einem befreundeten Ehepaar. »Es gibt Hühnerbraten und nachher Bowle im Garten!« flüstern die Vettern. Fröhlich ziehen wir alle zum Fest. Onkel geht nicht mit: »So schön wie mein Garten ist doch keiner,« sagt er, »ich bleibe zu Hause! Aber ihr müßt immer fortrennen!« Er haßt es, wenn wir ausgehen, und ist dann immer ein wenig verdrießlich. Unser Kreis hat sich um einen vergrößert, Vetter Samuel ist angekommen. Er ist ein breitschultriger, fröhlicher Student, mit dunklem, gewelltem Haar und prachtvollen, funkelnden Augen. Er ist voll nie versiegender, guter Laune, übersprudelnd von Witz und Humor, größter Schlagfertigkeit, und er hat ein heißes Herz. Alles erträgt er, nur keine Leere des Herzens, und seine Herzensköniginnen wechseln. Man raunt sich zu, er habe sich bei seinem Besuch hier zu den Osterferien in Elli verliebt, das ist die jüngste unserer Nachbarstöchter, ja, man munkelt davon, daß er heimlich mit ihr verlobt sei. Elli ist noch sehr jung, eben konfirmiert, mit einem lieblichen, zarten Gesicht und schönen, rätselhaften Augen. Sie ist sehr still und zurückhaltend, wir wissen nicht viel mit ihr anzufangen, und keiner weiß, ob seine Liebe zu ihr erwidert wird oder nicht. Wir beschäftigen uns viel mit ihm, denn jeder Tag bringt neue, aufregende Rätsel. »Sind sie verlobt oder nicht?« Diese Frage hält uns alle in Atem. Vetter Samuel ist wohl der Bedeutendste aus unserem Kreise. Neben seinen glänzenden Gaben ist er voller Tatkraft und Tüchtigkeit, voller Fleiß und Energie. So recht fürs Leben geschaffen, hat er den weitaus glänzendsten Weg von allen unseren Jugendgefährten gemacht. Sein Name ist als Prediger, Redner und Schriftsteller in Deutschland überall gekannt. Er reizt mich, obschon ich ihn heimlich sehr bewundere, einen uneingestandenen Respekt vor ihm habe und ein immer dankbares Lachpublikum für seine Witze bilde. Trotz alledem reizt er mich! Wir sind nicht immer friedlich miteinander, es ist etwas in mir, was sich ihm entgegenstellt. Ich habe den Verdacht, als hielte er nicht viel vom weiblichen Geschlecht, als dächte er, wir Mädchen müßten ihm alle zufliegen, wenn er nur wollte. Er ist verwöhnt und siegessicher, das hält mich immer in einer inneren Entfernung von ihm. Meine Stellung zu ihm wechselt zwischen großem, warmem Zutrauen und tiefem Mißtrauen. Ich bin noch ein unbewußtes Kind, aber manchmal steigt das Gefühl in mir auf, als spielte er mit uns allen. Wir haben unser Abendessen beendet, alles zieht in den Garten. Der Garten ist altmodisch, verwildert, voll schattig dunkler Gänge und tiefer Lauben. Wir haben ein Brautpaar unter uns, Vetter Hermann und Nachbars Jenny sind verlobt. Es liegt eine Atmosphäre von festlicher Freude, einer großen, schönen Liebe um die beiden, die sie verklärt und umhüllt; wie in einer Wolke gehen sie umher. Die größte Laube des Gartens ist mit bunten Lampen geschmückt, auf dem Tisch steht die Bowle. Wir bilden einen schönen, vierstimmigen Chor, singend wandeln wir durch die Gänge des Gartens. Die Bowle vereinigt uns in der großen Laube; welch eine Fröhlichkeit, welch ein Lachen, wie frohe Lieder klingen durch die stille dunkle Sommernacht! Nun soll ich singen, wir haben die Lampen gelöscht, der Mond steht am Himmel und verbreitet sein stilles Licht über uns. Ich stelle mich unter einen Baum, gegenüber der Laube. Der Mond scheint auf mein weißes Kleid, meine langen blonden Zöpfe fallen mir über die Brust herab, ich habe die Hände gefaltet. Welch ein unbeschriebenes Blatt ist meine Seele. Ich singe: »Eine blaue Schürze Hast du mir gegeben! Mutter, schad' ums Färben, Mutter, schad' ums Weben. Morgen in der Frühe Wird sie bleich erscheinen, Will zur Nacht so lange Tränen auf sie weinen.« Mein Singen ist noch ohne Kunst, aber ln meiner Stimme soll etwas klingen, das an die Herzen der Menschen rührt, ich singe aus meiner tiefsten Seele heraus. Es ist still geworden in unserm übermütig frohen Kreise. Samuel hebt sein Glas: »Du sollst leben!« ruft er stark. Alles stimmt freudig ein. Dann verlassen sie die Laube, zerstreuen sich im Garten, man sieht die hellen und dunkeln Gestalten in den mondbeschienenen Gängen auf und ab wandeln, in der Tiefe des Gartens verschwinden sie, ich bin allein. Da kommt es über mein junges Herz plötzlich wie Trauer. Eine Sehnsucht erfaßt es und erfüllt es bis in alle Tiefen, eine Sehnsucht ohne Namen, ohne Ziel. Ich hebe meine Arme hoch empor, ich strecke sie in die weißen Mondstrahlen; so ist mir's immer, wenn ich gesungen habe! Als wüchsen mir Flügel und trügen mich doch nicht fort! Ich lasse meine Arme sinken und wandre gedankenverloren durch die Gänge, ich möchte keinem begegnen. So biege ich in eine Nußallee, in deren Mitte sehe ich Samuel stehen. Samuel und Elli. Sie stehen im Mondlicht, das durch die Bäume strahlt. Sie hat ihre Arme um seinen Nacken gelegt, ihr Gesicht leuchtet schneeweiß im Mondschein, es ist zu ihm emporgewandt, schimmernd liegt das Licht auf ihrem hellen Haar, auf ihrem weißen Kleide. Sein Gesicht sehe ich nicht, es liegt im Schatten, da beugt er sich tief zu ihr herab und küßt sie, immer wieder, immer wieder auf ihr weißes Gesicht. Erschrocken bleibe ich stehen, ich wage nicht, mich zu rühren. Dann gehe ich leise fort, erbebend, als hätte ich etwas geraubt, tief im Herzen erschauernd. Da kommt Georg in eiligem Lauf auf mich zu, er hält mich fest: »Ich will dir was sagen,« flüstert er, »sie sind verlobt.« »Ich weiß es,« sagte ich leise. VIII. »Heute haben wir einen Plan,« sagt Georg; »wir wollen die Nacht in den Steinbrüchen in Müntenhof zubringen, und erwarten dort den Sonnenaufgang. Wir halten uns ganz still, bis die Alten schlafen, dann ziehn wir los.« Ich bin so aufgeregt, daß mir die Freude wie ein Strom durch alle Adern rauscht, ich kann mich gar nicht beherrschen. Wie lang dieser Tag doch ist! Endlich ist das Haus still, alles ruht. Wir treffen uns heimlich im Garten, alle sind wir da: »Tante Fritzchen,« den Jahren nach unsere Älteste, dem Herzen nach unsere Jüngste, hat den stolzen Ruhm, unsere »Ehrendame« zu sein. – Wir ziehen flüsternd, lachend durch die lichte Sommernacht, an den stillen Gärten, an den schlafenden Häusern der Stadt vorbei, hinaus in die schweigenden Felder, in den Wald mit den Steinbrüchen. Wir kennen dort eine tiefe Höhle, über ihren Eingang hängen Brombeerranken und das Wurzelgeflecht der Bäume. Große Steine liegen darin verstreut. Ein Feuer wird am Eingang entzündet, die Höhle wird behaglich eingerichtet. Plaids werden auf die Steine gebreitet, eine Weinflasche mit Gläsern wird hervorgeholt, Konfekt auf Klettenblättern geordnet. Nun brennt das Feuer und wirft seinen Schein weit hinein in die Dunkelheit der Wälder; beleuchtet unsere jungen, frohen Gesichter. Alles hat sich gelagert, die Gläser werden gefüllt. Wir singen, plaudern, lachen, sind auch ernsthaft, diskutieren über Lebensanschauungen, über Leiden, über Heine und Goethe. Die Vettern und Bruder Karl halten Reden, fortreißende, stürmische, über das Glück, über die Freude, sie deklamieren ihre Gedichte. Karl, Samuel, Georg sind Dichter. Die Stimmung wird immer begeisterter; Georg erhebt sich, er hat ein Gedicht gemacht, das die Stimmung dieser Nacht ausspricht, er steht da, hell vom Feuer bestrahlt, er hebt sein Glas: »Da, das Glas, du träumender Geselle, Sieh', ich bring' es dir mit heiterm Gruß! Trink' ihn aus mit vollen, durst'gen Zügen, Dieser nächt'gen Stunde Hochgenuß. Durch den weiten Bogengang der Grotte Schimmert bleich die helle Nacht herein, Halbgestürzte Waldesriesen hangen Müde über bröckelndem Gestein. Draußen stille Sommernacht. Wir sitzen Um ein prasselnd Feuer, froh gesellt. Wie der Rauch sich aufballt, düster glühend, Von der Flammen roter Glut erhellt! Da, das Glas, du träumender Geselle! Draußen Nacht und drinnen helle Glut! Scheite drauf! und gieß den Wein hinunter, Frühlingstrunken ist mir schon zumut!« Schön und strahlend steht er da, in der Kraft und im Glanz seiner Jugend, mit dem Herzen voll stürmischer Lust am Leben. Ein Menschenkind, geschaffen, um Freude und Licht zu tragen, dort, wo er hinkam, und – er brach die Herzen derer, die ihn liebten! Hätte er als Ritter durch die Welt ziehen können, auf Abenteuer aus, mit dem Handschuh seiner Dame als Helmzier, beim Turnier in die Schranken reiten, Drachen töten, gefangene Jungfrauen befreien, oder als Troubadour mit der Zither im Arm bei rauschenden Brunnen an heimlichen Söllern stehen und singen, das wäre sein Leben gewesen! Aber arbeiten, lernen, Examina machen, einen bürgerlichen, soliden Lebensberuf ergreifen, das konnte er nicht! Aber Gott fand diese Seele, die trotz allem Leichtsinn so voller Schönheit war. Er ging ihr nach, er zerbrach sie in ihrem Glanz, bis sie sein Eigentum war, und, groß und ritterlich kämpfend, den Weg des Leidens ging, und dann heimgehen durfte, dorthin, wo Irren und Leiden ein Ende haben. Wer von uns ahnte aber jetzt etwas davon? Wer unter allen, die wir da so voller Lebensmöglichkeiten ums Feuer saßen, wußte etwas vom Leben und Leiden, das dem andern bevorstand? Wer ahnte etwas von den Schmerzen, die so mancher aus unserem Kreise noch dem andern bereiten würde! Kein Schatten von all dem trat vor unsere frohen, jungen Seelen. Die Stimmung stieg, die leere Flasche wurde in weitem Bogen an die Wände der Höhle geschleudert, wo sie klirrend zerbrach. Ihr folgten die Weingläser. Das Feuer erlosch. Wir treten hinaus vor die Höhle, eine tiefe Dämmerung erfüllt den Wald. »Auf zur Kanzel!« rief eine Stimme. »Ja, ja! zur Kanzel!« Das war ein flacher, vorspringender Stein, hoch über den Abhang ragend. »Wir machen ein Feuer auf der Kanzel!« schlägt jemand vor. Bald lodern die Flammen durch den dämmernden Wald, wir sitzen unten im Moos, und sehen ihnen zu, bis die Glut verlöscht und das Morgenrot durch die Zweige bricht. Die jungen Leute treten das Feuer aus, schleudern die Reste von der Kanzel, ein Funkenregen fliegt durch den Wald, fällt zu Boden, erlischt. Wir wandern heim, die ersten Sonnenstrahlen fliegen über die Wiesen, als wir aus dem Walde treten. Eine Lerche steigt jauchzend aus dem Kornfeld in die klare Morgenluft, alles funkelt von Tau. Die Stadt liegt vor uns im Morgenglanz. Wir gehen an den schlafenden Häusern vorbei, unsere Schritte schallen laut in dem tiefen Schweigen der einsamen Gassen. Nun sind wir daheim, Georg klettert über die Pforte und öffnet sie von innen. Wir gehen in den Garten, schlafen will man noch immer nicht. Wir sind hungrig geworden, die Vettern schaffen Rat. Von der Veranda kann man in den Keller, von dort in die Speisekammer gelangen. Flüsternd, vor Lachen erstickend, damit die »Alten« nicht erwachen, werden Tische und Stühle in den Garten getragen, auf der Veranda zeigt sich eine Falltüre, die geöffnet wird. Georg und Samuel lassen sich in den Keller hinab, sie erscheinen bald mit Brot und Butter, sogar eine Flasche Bier haben sie entdeckt. Mit ihren Taschenmessern wird das Brot zerschnitten, wir essen mit herrlichem Appetit. Nun in die Betten, denn am Kaffeetisch darf keiner fehlen! Als wir ein wenig verschlafen später im Speisezimmer erscheinen, droht Onkel lachend mit der Faust: »Na, wie ist der Wald in der Nacht, ihr Halunken?« »O Onkel, noch viel tausendmal schöner, als am Tage!« »So, so! Nun aber trink deinen Kaffee, sonst werden deine roten Wangen blaß, und das fehlte noch gerade!« »Wie sind wir doch im Wandern Seitdem so weit verstreut! Fragt einer nach dem andern, Doch niemand gibt Bescheid. Rauscht nur der Wald im Grunde Fort durch die Einsamkeit, Und gibt noch immer Kunde Von unserer Jugendzeit. IX. »Kinder! Kinder!« Es ist Onkels Stimme, die durch den Garten ruft. In Hast stürzen wir zur Veranda, von deren Stufen der Ruf erschallt, über Beete und Beerensträucher in eiligem Lauf setzend. »Was gibt's? Was gibt's?« Onkel steht auf der Veranda mit einem großen Korbe, wir blicken hastig hinein. »Eier! Ein ganzer Korb voll Eier!« »Ja,« sagt Onkel, »den brachte mir eben eine Bäuerin, ich opfere ihn euch! Was soll damit geschehen?« »Wir wollen Goggelmoggel.« (Geklopftes Ei mit Zucker.) »Nein, Eierkuchen.« »Nein, Ochsenaugen.« (Spiegeleier); so ruft es durcheinander. Wir einigen uns auf Ochsenaugen. »Gut,« entscheidet Onkel, »zu Mittag sollt ihr Ochsenaugen haben, und jeder soll davon essen, so viel er irgend kann!« Nun ging es eilig mit dem Korbe zu Jenny in die Küche. »Jenny, Jenny! Heute soll es hundert Ochsenaugen geben, jeder soll davon essen, so viel er irgend kann!« Jenny schlägt die Hände zusammen: »Na, das wird eine Arbeit geben, die alle zu braten!« »Wir helfen!« rufen wir im Chor. »Das kenne ich!« ruft Jenny lachend, »macht nur, daß ihr aus meiner Küche kommt. Denkt euch lieber was aus, um das Ochsenaugenfest zu verherrlichen.« Wir sind nun alle voll eifriger Vorbereitungen. Karl verschließt sich in seinem Zimmer – er dichtet. Wir schmücken den Mittagstisch im langen Speisezimmer, an dessen dunklen Wänden als einziger Schmuck Leonardo da Vinci's Abendmahl, und Kaiser Nicolai und seine Gemahlin in blauer Rahmung hängen. Einer von uns hat die Idee, die Speisekammer Jenny zu Ehren zu schmücken. Es ist die Zeit der Jasminblüte, in Massen werden die weißen, duftenden Zweige im Speisezimmer verteilt, die Speisekammer mit ihren Töpfen und Gläsern ist voller Jasminblüten, sogar am geräucherten Schinken hängt ein Jasminstrauß. Eilig wird ein Quartett probiert. Die Mittagsstunde ist da! In Festkleidern mit Jasminblüten geschmückt sind wir alle erschienen, sogar Onkel hat eine Jasminblüte in seinem grauen Rock. Wie freudig hält er das Tischgebet. Aller Hände falten sich. »Du gibst ihnen Speise zu seiner Zeit und erfüllst alles, was lebet, mit Wohlgefallen,« betet Onkel. Alles sitzt auf feinen Plätzen, erwartungsvoll den Blick auf die Küchentür gerichtet. Jenny erscheint, hinter ihr die Magd mit einer Riesenschüssel, auf der die Ochsenaugen liegen. Ein markerschütternder Jubel bricht los. »Nun aber schweigt und eßt,« ruft Onkel. Als der erste Sturm vorüber ist, erhebt sich Karl. Er hat für jeden ein Gedicht gemacht, das er verliest. Es sind Neckereien in Knittelversen, die manche kleine Schwäche geißeln, aber es geschieht mit so viel Witz und Humor, daß keiner so viel lacht, wie der Getroffene selbst. Wie viele Ochsenaugen an dem Tage verzehrt wurden, wer weiß es, wer konnte das feststellen! Als wir uns müde vom Lachen und gesättigt vom Tisch erhoben, sollte Jenny ihre Huldigung erhalten. In feierlichem Zuge wurde sie in die Speisekammer geführt, Karl las ein Gedicht vor, das sie und den gesegneten Raum verherrlichte. Kopf an Kopf standen wir in der engen, kühlen Kammer. Jetzt noch zum Schluß ein Quartett, das mit seinem übermütigen Jubel die Gläser auf den Boden klirren ließ, dann war das Fest zu Ende. Alles schläft im Hause, ich sitze allein im Garten, der voller Zentifolien- und Jasminduft ist. Alles ist still. Schwalben schießen jauchzend durch die Luft! Ach, wenn dies Leben doch nie ein Ende hätte. X. Ich trete in den Saal und sehe Tante Adele an ihrem Nähtisch sitzen, ihr Gesicht so sorgenvoll. »Was hast du?« frage ich, bestürzt zu ihr tretend. »Ach!« sagt sie, »du mußt mir helfen!« »Mein aller Herr« – wenn sie ärgerlich auf ihren lieben Mann war, nannte sie ihn immer so, »mein alter Herr macht wieder mal einen dummen Streich, der ihm große Unannehmlichkeiten bereiten kann.« Und sie erzählt von einem offiziellen Schreiben, das er von seiner Obrigkeit erhalten hat. Er ist »Kronsarzt« und erhält dazwischen Befehle von seiner Obrigkeit aus Petersburg. Sehr oft fügt er sich ihnen nicht, wenn ihm diese Verordnungen nicht passen, wirft sie in den Papierkorb und überläßt die Sache Gott. Manchmal schon stand es direkt schlimm um ihn, er sollte sein Amt verlieren, hätte er in Petersburg nicht hochstehende Freunde gehabt, die seine Angelegenheiten immer wieder in Ordnung brachten, wäre er längst von seinem Posten entfernt worden. »Heute kam wieder solch eln offizielles Schreiben,« fährt Tante Adele fort. »Mein alter Herr war sehr verdrießlich, wetterte den ganzen Morgen über Unvernunft, die Unsinn mache, darauf verschwand er in sein Zimmer, erschien dann in strahlender Laune und ging in seinen Garten. Als ich eine kleine Nachforschung in seinem Zimmer machte, fand ich das offizielle Schreiben im Papierkorb; es enthielt eine direkte Warnung für ihn. Das geht doch nicht, er verliert noch Amt und Brot. Kannst du nicht etwas bei ihm ausrichten?« Stolz über meinen Auftrag laufe ich in den Garten. Onkel steht in seinen Erbsenbeeten mit der Mütze lief im Nacken, er ist strahlend fröhlich. Ich lobe seine Erbsen und fange an, mich eifrig beim Pflücken zu beteiligen, in meinem Kopf nach einer Einleitung für meine Mission suchend. Doch hilft ja bei Onkel keine Diplomatie, er hat dann solch eigene Art, einen mit listigem Augenzwinkern überlegen anzulächeln. »Sag' ordentlich und klar gerade heraus, was willst du?« sagt er dann, und man ist von vornherein im Nachteil. Also, es ist am besten, ich springe mit beiden Füßen hinein in die Gefahr! Aber ich kenne Onkels Heftigkeit, wenn man ihm entgegentritt! Er ist absoluter Selbstherrscher, der keinen Widerspruch verträgt. Ich hole tief Atem. »Onkelchen!«, er sieht überrascht auf, ein leises Mißbehagen fliegt über sein Gesicht, er wittert etwas, denn sein Gewissen ist nicht ganz rein. »Na also! Was gibt es?« Ich nehme mich zusammen. »Du hast heute eln Schreiben von deiner Obrigkeit erhalten, und hast es nicht beachtet,« sage ich mutig. »Tante Adele macht sich große Sorgen darum. Der Medizinalrat hat schon neulich gesagt, er könne nichts für dich mehr tun, wenn du immer deiner Obrigkeit entgegentrittst. Bitte gehorche ihr doch dies eine Mal!« Sein Gesicht wird rot vor Zorn, er schluckt einige Mal, er will seine Heftigkeit durchaus niederhalten. Dann setzt er zum Sprechen an, aber schweigt noch. Ich werde kühn: »Onkelchen! Die Obrigkeit ist doch von Gott, und wir sollen ihr gehorchen, auch »der wunderlichen«, sagt die Bibel. Ich sehe ihn ganz stolz an, er läßt mich wirklich ausreden. Dann spricht er, mit einer völlig unnatürlich sanften Stimme. »Mein liebes Kind, wer gab mir meinen Verstand?« »Gott!« sage ich betreten. »Wozu gab er ihn mir? Um ihn zu gebrauchen oder um ihn in die Tasche zu stecken?« Ich sehe, meine Sache wird hoffnungslos. »Um ihn zu gebrauchen,« sage ich kleinlaut. »Also!« sagt er triumphierend, »das siehst du selbst ein! Wenn Gott mir nun mehr Verstand gegeben hat, wie meinen Vorgesetzten, die Esel sind,« das schrie er plötzlich ausbrechend heftig heraus, »dann wäre ich ja dümmer als sie, wollte ich nicht meinen Verstand gegen ihren Unsinn behaupten!« Seine Heftigkeit war mit diesen Worten verraucht. »So, mein lieber Singvogel, die Sache wäre erledigt,« sagt er dann freundlich wie eine Sonne, »sie bedarf keiner Worte mehr.« »Das Papier bleibt im Papierkorb, wo es hingehört, und die Herren in Petersburg mögen sehen, daß ich für keine Dummheiten zu haben bin. Ich bin und bleibe der alte Bauerndoktor Hermann Hesse in Weißenstein!' Dabei nahm er seine Mütze ab, schwenkte sie durch die Luft, setzte sie sich dann noch tiefer in den Nacken und blinzelte mich so übermütig lustig an, daß ich, in jubelndes Lachen ausbrechend, über die Beete in seine Arme sprang. Ganz einig gingen wir ins Haus zur Tante Adele. »Da sie ein vernünftiges Mädchen ist,« sagte Onkel mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Schelmerei im Gesicht, »so ist sie natürlich ganz meiner Meinung.« »Tante Adele!« rief ich, »sei ruhig, sie tun ihm nichts, das sollst du sehen! Ach! wer könnte wohl dir was antun, du goldener, lieber alter Onkel du! Alle müssen doch einsehen, daß du recht hast!« Tante Adele sieht sich völlig verlassen von ihrer Helferin, die mit fliegenden Fahnen ins feindliche Lager übergegangen ist. Sie muß trotzdem lachen. »Ist sie nicht ein kluges Mädchen?« sagt Onkel wohlgefällig. Dann geht er in sein Zimmer. Es riecht bald nach verbranntem Papier, er hat die Bannbulle endgültig vernichtet. XI. »Kinder, ihr müßt Tante Cessi euren Besuch machen,« mahnt Tante Adele. »Es ist eine Schmach für euch, daß ihr immer noch nicht bei der alten Dame wart.« Tante Cessi ist eine alte Baronin, die ein eigenes Haus mit einem köstlichen Garten in einer der Hinterstraßen Weißensteins besitzt. Sie ist Tante Adelens Kusine. Ich gehe gern hin, es ist eine feine Atmosphäre aus alter Zeit da, mit Rosen- und Lavendelduft, und Tante Cessi ist zart und poetisch, wie eine welke Blüte. Aber die Vettern sind anderer Ansicht. »Man muß dort so scheußlich fein sein!« sagt Georg. »Man denkt immer, man tritt auf jemandes Fuß, oder zerbricht was. Angefangen mit Tante Cessis kleinen, zarten Händen!« Nun sind wir auf dem Wege zu ihr, alle im Feiertagsgewand, so muß es schon sein. Ich halte mich bei solchen Gelegenheiten lieber zu Hermann als zu den beiden andern Vettern, mit denen man auf dem Wege so viel lachen muß, daß man, wie Mutter sagt, »verwildert« ankommt, und dann immer zur Unzeit loslacht, was Tante Cessi nicht versteht und wozu sie ganz erstaunte Augen macht. Nun stehen wir vor dem Hause, es ist das niedlichste in ganz Weitzenstein; einstöckig, blitzblank, mit hellen Fenstern, hinter denen man Blumen und weiße Mullgardinen erblickt. Die Messingtürklinke funkelt in der Sonne. Wir ziehen die altmodische Klingelschnur mit Messinggriff. Auf ihren feinen Ton hört man leise Schritte, ein alter Diener mit weißem Haar und stillem, frommem Gesicht. »Ja, die Baronin ist zu Hause, sie wird sich freuen.« Wir treten ein. Eine ganz alte Zeit umgibt uns, mit ihrem wunderbaren Zauber verschollener, feiner Lebensart. Die Dielen sind schneeweiß, ungestrichen, getupfte Mullgardinen an den Fenstern, feine, alte Mahagonimöbel, alte Tassen in einem Glasschrank, kleine, feingearbeitete Tische, zierliche Stühle füllen das Zimmer, in das wir treten. An der Wand steht ein Tafelklavier auf dünnen Beinen, auf dem man nur kleine, zierliche Menuetts von Couperin oder Mozart spielen könnte, zu dessen Klängen man nur »Die letzte Rose« oder »An Alexis send' ich dich'« singen dürfte. Nun steht Tante Cessi auf der Schwelle. Ihr kleiner Hund mit langem, weißem, gepflegtem Haar kläfft leise ein paarmal nach uns hin. Er geht auf eine Mahnung seiner Herrin in sein Körbchen, das neben ihrem Lehnstuhl steht, knurrt leise vor sich hin und legt sich dann zufrieden in seine Kissen. Tante Cessi ist klein und zierlich, mit weißem, gewelltem Haar, unter einem lichten Blondenhäubchen. Sie hat ein grauseidenes, altmodisches Kleid an, mit einer Mantille um die Schultern. In ihren kleinen Händen hält sie ein Taschentüchlein, ihr Gesicht mit den klaren Augen ist rund und kindlich, ihre Augen voll Güte; sie können so rührend hilflos blicken. Die Vettern küssen ihr ritterlich die Hand, und bekommen einen Kuß auf die Schläfe, so forderte es die damalige Sitte in Estland. Als ich mich zum Handkuß beuge, umarmt sie mich und küßt mich. – Wir sitzen bei ihr und plaudern, die Tür zum Garten ist offen, Düfte von Levkoyen, Reseda und Zentifolienrosen strömen herein. Es ist eine Atmosphäre von wunschloser Stille, die uns umfängt. Sie erzählt von alten Zeiten, vom Verkehr der damaligen Zeit, von ihren Freunden, und wie sie nun einsam geworden sei, keiner von ihren Jugendgespielen lebe mehr. »Ja, ja!« sagt sie, »ihr seid alle jung und haltet zusammen, aus eurem Kreise fehlt noch keiner; wenn man aber so alt ist wie ich, und niemand hat, zu dem man sagen kann: »Weißt du noch?« dann ist es manchmal recht wehmütig. Wenn es so weit in eurem Leben ist, dann denkt an mich.« Wir lächeln ein wenig, denn dieser kleine Schlußseufzer ist uns wohlbekannt, der kommt jedesmal, wenn wir bei ihr zu Besuch sind. Warum nur bleibt er heute so seltsam bei mir haften, es klingt wie eine leise Traurigkeit in mir nach. – Solch ein stilles, einsames Leben! Wohl ein Ruhehafen, aber ach, ein so gar stiller! Nein, nein, danach sehne ich mich wohl nicht! Wie muß es aber sein, wenn das Leben so wunschlos zwischen Blumen, alten Bildern und alten Erinnerungen hinfließt? Wenn man allein bleibt? – Ach was! Das Leben liegt ja vor einem, reich, stark, schön, mit großen geheimnisvollen Verheißungen in der Zukunft, die man alle noch erleben wird. Wir sind jung, gesund und froh, ein großer Kreis. Wer denkt da an Alter, an Einsamkeit? Darüber lacht man nur! Ja, damals lachte man, aus der Fülle seines Reichtums heraus. Und heute? Es sind nur noch ganz wenige da aus der Zeit, zu denen ich leise sagen kann: »Ach! weißt du noch?« Und bald sind auch die fort und man bleibt ganz allein! »Immer heißer der Tag, Immer kühler die Nacht! Immer stiller und ernster das Leben!« XII. Als wir eines Morgens früh ins Speisezimmer kommen, ist an die Tür ein großes Plakat befestigt: Das Erscheinen einer Zeitung wird angekündigt. Sie soll »Die Wespe« heißen, erscheint jeden Sonnabend, und mit glühenden Worten wird zum Abonnement geladen. Eine große Sparbüchse mit einem Siegel dran hängt neben dem Plakat. Alles im Hause abonniert. Georg und Samuel, die beiden Redakteure, verschwinden um bestimmte Stunden im »Bruderloch«, so wird ihr Zimmer genannt. Sie brechen dann dazwischen wie wilde Leuen aus ihrem Lokal, um sich Anregung oder Beiträge für ihre Zeitung zu verschaffen. Endlich ist der Sonnabend da, die Zeitung wird am Kaffeetisch erwartet. Der Tisch ist festlich gedeckt, der Kaffee duftet in der blanken Kaffeekanne, die frischen Kümmelkuchen füllen die Brotkörbe. Die Redakteure erscheinen in würdiger Haltung, Samuel liest vor. Welch eine Fülle von Unsinn ist auf diesen Bogen vereinigt, wieviel Witz und Laune, wieviel harmlose Bosheit. Dazwischen ein ernstes Gedicht, voll Poesie und Sehnsucht, ein wilder Aufsatz voll dunkler Fragen und Rätsel, voll Schwärmerei und Schwung. Ach, und alles so jung, so jung! Wehe aber, wenn einer oder der andere in der Woche sich etwas zuschulden kommen ließ, sich irgend eine Blöße gab, erbarmungslos wird er dafür in der »Wespe« gegeißelt. Regelmäßig erscheint am Sonnabend das Blatt, Stürme von Heiterkeit entfesselnd. Plötzlich werden die Redakteure lahm, sie arbeiten nicht mehr, sie machen dunkle Andeutungen, als fiele ihnen nichts mehr ein, als wäre »jeder Sonnabend« zu häufig für das Erscheinen eines solchen Blattes. Wir drohen, unser Abonnement zurückzuziehen, von hüben und drüben fallen spitze Bemerkungen, wir freuen uns ganz besonders auf den Sonnabend, denn eine Niederlage, eine Armutserklärung dieser beiden Unbesiegbaren wäre eine unbeschreibliche Freude, welch eine Perspektive für Neckereien aller Art. Wir sitzen erwartungsvoll um den Kaffeetisch, was werden sie sich ausgedacht haben? Da erscheinen die beiden Redakteure, ernst und düster blickend, das Blatt legen sie vor Onkel hin, es ist von Anfang bis zu Ende geschwärzt: »Von der Zensur verboten.« XIII. Onkel Hermann und ich sind auf dem Kirchhof. Diesen Gang lieben wir beide. Wir gehen Hand in Hand von einem Grabe zum andern, lesen die Namen derer, die hier ruhen, lesen die Sprüche auf den Kreuzen. Onkel kennt sie alle, die hier liegen und weiß von jedem zu erzählen. Wir stehen vor einem herrlich geschmückten Grabe, ein hohes Marmorkreuz mit einem Frauennamen erhebt sich auf der Grabstätte. Ein kostbares Gitter schließt sie ab, mit einer schön gearbeiteten Tür. Onkel lehnt sich schwer auf das Gitter. »Ja, ja!« sagt er dann nur auf meinen Ausruf der Bewunderung für diesen Platz, der sich seltsam von den schlichten Gräbern seiner Umgebung abhob. Er schweigt lange, und Trauer liegt auf seinem lieben alten Gesicht; dann erzählt er: »Hier liegt eine Mutter, deren einziger Sohn ihr Herz brach. Er hat sie verlassen und einsam leben und sterben lassen, sie war zu einfach, er war reich und vornehm geworden. Und er heiratete eine stolze Dame da draußen in der Welt. Die Mutter hat sie nie gesehen, sie schlug sich einsam und dürftig genug hier durch. Ihre Armut grämte sie nicht, aber die Verleugnung ihres Sohnes, die grämte sie. Dann wurde ihm ein Sohn geboren, jeden Sommer wartete sie, daß er ihr das Enkelkind bringen würde; jeden Frühling sagte sie: ›Diesen Sommer kommen sie sicher!‹ Sie schmückte ihre kleine Wohnung, sie bepflanzte ihr winziges Gärtchen mit Dingen, die er gern hatte, sie wartete mit zäher, nie wankender Mutterliebe. Er kam nicht, es war wieder Vergebens, er schob sein Kommen immer wieder hinaus, unter den nichtigsten Vorwänden. Da wurde sie krank. Ich besuchte sie, ihr Herz war voll Bitterkeit. Ich schrieb ihm, es gehe zum Sterben, doch er fand noch immer keine Zeit, zu kommen. Ich habe oft mit ihr gebetet, Gott nahm ihr die Bitterkeit aus dem Herzen, sie konnte im Frieden sterben. Da kam der Sohn zur Beerdigung, ich ging zu ihm und sagte ihm alles. Er hat mir nicht viel erwidert. Am Beerdigungstage sah ich ihn am Grabe der Mutter, er sah nicht nach mir hin. Vor seiner Abreise sah ich ihn noch einmal hier sitzen, ganz still, er dachte, er sei allein, ich hörte ihn seufzen und murmeln: »Mutter, ach Mutter!« hörte ich ihn sagen. Ja, Gott redete mit ihm. Nun bestellt er jedes Jahr etwas Neues für ihr Grab, dieses Jahr ist es das schöne Gitter gewesen. Von dem allen hat sie ja nun nichts, und sein Gewissen wird ihn nicht loslassen. Ach, Kind! Wollen wir uns lieben, solange es Zeit ist!« – Wir gingen schwelgend weiter. »Hier,« sagte er, »sieh dir dieses Grab an. hier liegt ein Mann, der seiner Frau viel Herzeleid bereitet hat. Sie hatten sich lieb, als sie sich heirateten. Dann fing er an zu trinken, verlor seine Stelle, sie erwarb mühselig für sich und ihr Kind, was sie brauchte, zuletzt arbeitete sie auch für ihn, denn er erwarb nichts. Nun ist er seit Jahren tot, ihr Sohn erwachsen, siehst du, wie schön gepflegt dieser Hügel ist? Sie hat Jahre gespart, gedarbt, bis sie ihm das Kreuz hat auf sein Grab setzen können. Lies, was auf dem Sockel des Kreuzes steht.« Ich beugte mich vor und las: »Die Liebe höret nimmer auf.« Ich aber fühlte keine Rührung, mein junges Herz war voller Empörung; ich schwieg. »Das war eine Christin,« sagte er dann ernst, »und eine echte Frau!« »Eine schwache Frau,« sage ich empört, mit der ganzen Strenge meiner ahnungslosen achtzehn Jahre. »Mein goldnes Kind,« sagt Onkel, »möchte Gott dich einmal auch so lieben lehren. Das ist das Größte, was du lernen kannst!« »Aber lieben heißt doch, ehren und bewundern«, sage ich. »Davon sagt die Bibel nichts!« erwidert Onkel. »Lieben heißt lieben und damit Punktum. Lies doch mal im Korintherbrief nach, dann weißt du es.« Wir gehen weiter, von jedem Grab weiß Onkel ein kurzes Wort zu sagen, und es ist das alte Gesetz, das gilt, so lange die Erde steht, vom Werden und Vergehn, vom Blühen und Sterben, was dieses Stückchen Erde predigt. »Denn alles Fleisch, es ist wie Gras Und alle Herrlichkeit des Menschen Wie des Grases Blume.« Jetzt sind wir vor unsere Gräber gekommen. Ich habe Blumen in der Hand, mit denen schmücke ich das Grab meiner Tante Lina, Onkels heißgeliebter zweiter Frau, die hell und strahlend wie ein Frühlingstraum durch sein Leben ging, wenige kurze Glücksjahre. Und während ich das Grab schmücke, sitzt Onkel nebenbei auf der Bank und erzählt von ihr und seinem Glück in seiner kurzen Ehe mit ihr. Sie ersteht vor mir in ihrer ganzen fröhlichen Mädchenhaftigkeit, ich höre ihr silbernes Lachen, wie es durch sein Leben geklungen und ich höre von ihrer Sterbestunde und wie sie ihrem geliebten Mann beim Scheiden sagte: »Ich muß fort! Ich bin auf Erden zu glücklich gewesen!« Ich sitze neben ihm und höre ihm zu, und sehe auf den kleinen grünen Hügel. Kann so viel Liebe, so viel holdes Leben unter einem kleinen Erdhügel enden?! Nein, ach nein! Das wird Gott aufnehmen und es wieder erstehen lassen, einstmals in seinem Reich, goldener, strahlender, sündenloser als hier auf Erden! Vom nahen Felde jauchzen die Lerchen! »Nun komm heim!« sagt Onkel, »es wird spät!« Wir gehen über die einsamen Landstraßen, das Abendlicht liegt auf allen Wegen. Wir schweigen beide. Ich denke an die Stunde, wo Onkel diesen Weg ging, hinter ihrem Sarge, die er so sehr geliebt. Daheim in der Wiege lag ihr kleiner Sohn, nur wenige Tage alt. Und nun war ihr Platz wieder ausgefüllt, das Haus wieder voller Lachen und voll jauchzenden Lebens, und die Wahrheit, daß sich jede Wunde auf Erden schließt, und daß jeder, jeder Schmerz ein Ende hat, griff an mein junges Herz. Daß das ein Geschenk, ein großes, von Gott ist, fühlte ich damals nicht. Meine ganze Seele lehnte sich dagegen auf. Vergessen werden? Verwinden? Nein, wie konnte das nur sein! Ich wollte gewiß nie vergessen, nie verwinden, wenn ich einmal Schmerzen leiden müßte! Wir sind daheim und stehen an unserer Treppe. Onkel bricht das Schweigen: »Du lachst, wie sie lachte,« sagt er, »und das tut meinem alten Herzen wohl!« Tante Adele steht in der Haustür. »Nun,« sagt sie, »ich sah schon nach euch aus, wo wart ihr denn so lange?« »Bei meiner Lina,« sagt Onkel. Sie beugt sich zu ihrem Mann, mit gütigem Lächeln, er nimmt ihre Hand, drückt sie still und geht ins Haus. Mir bricht es plötzlich aus der Seele, daß ich weinen muß, und ich schlinge die Arme um sie und lehne mich an ihre Schulter. »Warum weinst du?« fragt sie mit leisem Staunen. »Ach, daß alles auf Erden vergeht und nie, nie mehr wiederkehrt!« sage ich schluchzend, »und daß alle, auch die tiefsten Schmerzen vergessen werden können. Und daß die liebsten Menschen sterben und wir, wir können wieder glücklich sein!« XIV. »Ich brauche Geld für meine Armen,« sagt Onkel eines Morgens beim Kaffeetisch, »macht doch ein Kirchenkonzert, Kinder!« Begeistert fassen wir diesen Gedanken auf, der Tag wird festgesetzt, wir halten Beratungen übers Programm, eine fieberhafte Tätigkeit beginnt Quartette, Duette werden geübt, Programme werden geschrieben. Knaben aus dem Waisenhause, Onkels Privattruppen, stürzen wichtig mit Konzertanzeigen von Haus zu Haus. Außer unsern Hausmusikanten wirken noch Sommergäste mit. Es ist direkt erstaunlich, was schließlich zusammenkommt; und wenn jetzt eins von den alten Programmen mir in die Hände fällt, wundere ich mich darüber, was wir im kleinen Städtchen alles zusammenbrachten, wie reichhaltig und wie künstlerisch doch die Programme waren. Ich war immer die Gesangssolistin der Konzerte, und mit größerer Andacht, Freude und Liebe habe ich wohl nie in meinem Leben später gesungen, als in dieser anspruchslosen kleinen Kirche mit den begeisterten, dankbaren Zuhörern. Die Tage vor dem Konzert waren Festtage, die Proben in der Kirche waren schon voll Freude und Weihe, und man wurde so unbeschreiblich verwöhnt, mehr noch als sonst. In Onkels großem Schrank steckten die schönsten Bonbons, Jenny winkte mich in die Küche, wo lauter Leckerbissen für mich brieten und backten. Endlich kam der Tag heran. Wagen auf Wagen rollten vom Lande über das holprige Straßenpflaster, und man kannte sie alle, die alten, schwerfälligen Kutschen, die leichten Kaleschen, die einfachen kleinen Landwagen. »Ach, die Kaltenbrunnschen, die Öthelschen, die Kerroschen!« Keiner fehlte. Und nun war die Stunde da, die Vettern zogen in ihren besten Röcken an »die Kasse« zum Billetverkauf. Onkel in seinem schwarzen Staatsrock, sogar mit hohem Stehkragen, nahm mit einem Segenswort von mir Abschied und ging am Arm seiner Frau, die im grauen Seidenkleide gar stolz und prächtig einherschritt, über den Marktplatz. Dann folgte ich, mit Herzklopfen, begleitet von Vetter Hermann, der bei solchen Gelegenheiten mein Ritter war. Oft denke ich an diese anspruchslosen Konzerte zurück, wenn ich in den Konzertsälen der großen Städte berühmte Künstler höre, und dann mein Blick das elegante, müde Berliner oder Londoner Konzertpublikum streift, das oft so gelangweilt auf seinen Plätzen sitzt. Für das Publikum, das hier Kopf an Kopf für billiges Eintrittsgeld in der kleinen Kirche saß, bedeutete solch ein Konzert das Ereignis des Jahres. Wie manche arme Schneiderin, wie manch einfacher Handwerker hatte sich allerlei entzogen und versagt, nur um sich dieses Konzert zu gönnen! Und wenn ich: »Sei stille dem Herrn und warte auf Ihn« mit meiner ganzen ahnungslosen Seele sang, dann trocknete sich manche Hand still die Träne, die über vergrämte Wangen floß, und manche Seele nahm die Töne und Worte hinüber in die Not und das Grau ihres Alltags! So müßten Konzerte gegeben und empfangen werden! Als Lichtpunkte, als Freude, als Feste! Glücklich im Nehmen, glücklich im Geben! Und wenn dann der letzte Ton verklungen war und man heimkam, o welche Stunden waren das! Alles was befreundet und bekannt war, kam nach dem Konzert zu uns, man besprach mit heller Begeisterung jede Nummer, Onkel holte seinen alten Goldpokal hervor, der, mit köstlichem Rheinwein gefüllt, von Hand zu Hand ging. Abends gab es ein Festessen, und dann zum Schluß noch einen Liederabend von mir im großen Wohnzimmer, mit Hermanns Begleitung am alten Tafelklavier. Und ich sang und sang, die Dichterliebe, Frauenliebe und Leben, Schön-Rothraut und all die geliebten alten, unvergänglichen Lieder. Die Fenster standen weit offen, denn ein noch größeres Publikum hatte sich auf der Straße versammelt. Beifallsstürme klangen von draußen herein, Blumen flogen durch die offenen Fenster! Und ich mitten drin, so voller Freude, geben, nehmen zu dürfen, mit dem festen Glauben: das ist ja nur der Anfang, so muß das Leben nun doch weitergehen, und noch schöner, noch herrlicher werden! Wenn ich mein Leben erst ganz der Kunst würde weihen dürfen, dann würde das Herrlichste ja erst noch kommen. Ich wußte es nicht, daß das die sonnigsten Zelten meines Lebens waren, die ich eben lebte, die schönsten und glücklichsten. Ich wußte es nicht, daß ein Dilettant nur die Rosen in der Kunst pflückt, während der Künstler viel mehr Dornen als Rosen erntet. Wohl hat er auch Feierstunden höchsten, seligsten Glückes, wohl empfängt er auch Rosen schönster Art, aber oft ist sein Fuß von den Dornen, auf denen er seinen Weg machen mußte, so zerrissen, sein Herz so wund, daß auch die Freuden, die er empfindet, leicht einen Unterton von Schmerzen haben, well sie zu schwer erkauft sind. Wie der Dichter Hermann Hesse, ein Großsohn dieses Hauses, es ausspricht: »Keiner weiß, daß dieser bunte Kranz, Den die Welt mir lachend drückt ins Haar, Meines Lebens Glück geraubt und Glanz, Ach! und daß das Opfer unnütz war.« Aber wem hätte ich das geglaubt? Niemandem! und es ist gut, daß es so ist, denn das heißt leben, selbst hinein ins Leben gehen, es kennen lernen in Höhen und Tiefen, in seiner Armut und seinem Reichtum, und dann einmal sich zur Ruhe legen dürfen und sagen: »Es war gut, wie es war, denn ich habe gelebt.« XV. Onkels fünfzigjähriges Doktorjubiläum sollte gefeiert werden. Es war im November und es sollte ein Fest werden, wie ich noch keines erlebt. Schon ein halbes Jahr vorher war ich ln der größten Aufregung, ob es mir gelingen würde, das Geld zur Reise zusammen zu bekommen. Meine Kasse war immer leer, und meiner Mutter schmale Witwenpension reichte nicht zu solchen Extraausgaben. Ich gab Stunden für die kleinsten Preise, scharrte und sparte, und richtig, als der November vor der Tür stand, hatte ich das Reisegeld beisammen. Ich wurde Georg anvertraut, der Mutter vor allem schwören mußte, mich in keine abenteuerlichen Unternehmungen zu stürzen, und mir nichts zu erlauben, was »gefährlich« sei. Es war meine erste große Eisenbahnfahrt, die ich machte. Sehr beklommen und sehr froh saß ich in einem Waggon dritter Klasse, an der Seite meines jugendlichen Ritters, der mich wie einen Sträfling bewachte. Angefüllt mit vielen Ermahnungen meiner lieben Mutter, deren eindringlichste immer wieder die war: »nicht zu übermütig und zu naseweis gegen junge Leute zu sein!« Der schönste Moment der Reise war aber doch, als wir die Eisenbahn verließen und im Postwagen saßen. Wir jauchzten und jubelten um die Wette, schwenkten unsere Taschentücher und fuhren selig in die Novembernacht hinein. Wie seltsam war es, Weißenstein im Spätherbst zu erblicken, ich kannte es ja nur im Sommerschmuck, und mit dem Leben im Garten. Aber das alte Haus war noch behaglicher, heimlicher und vertrauter als im Sommer, mit seinen prasselnden Feuern in den Kachelöfen, und den Vorsatzfenstern, zwischen denen Strohblumen, zu schönen Mustern geordnet, auf Watte lagen. Wir waren die ersten Gäste, das ganze Haus atmete bereits Feststimmung. Die Veranda war zu einer Festhalle ausgebaut, in den Fremdenzimmern warteten hochgetürmte Federbetten auf Gäste, wer dort nicht mehr Platz fand, war bei Freunden und Bekannten im Städtchen untergebracht. Keller und Vorratskammern waren gefüllt! Ja, es sollte ein Fest werden, wie das Städtchen noch keines gesehen, überall sprach man nur von dem einen, vom Fest. Alles sollte dabei sein, Stadt und Land, die Familie, soweit sie reisefähig war, Freunde, alte Studiengenossen, die studierenden Söhne des Hauses mit ihren Freunden, und vor allem die Korporation Livonia, die ihren Gründer mit einer Deputation der Landsmannschaft feiern wollte. Meine Mutter war, was Toiletten betraf, von einer geradezu weltfremden Ahnungslosigkeit; dieselbe Ahnungslosigkeit besaß ich! Geld gab es für Toilettenzwecke bei uns nie »Rein und heil,« diese Devise, die über unseren Kinderjahren stand, blieb auch für unsere Jungmädchenjahre. Was würde wohl ein junges Mädchen der jetzigen Zeit zu meinen Festgewändern gesagt haben? Ein verwaschenes, weißes Batistkleidchen zum Ball, mein Konfirmationskleid himmelblau gefärbt, zum Fest, das war meine ganze Kleiderpracht. Dazu von Schneiderinnen gemacht, die man mit der Arbeit »unterstützte«, weil sie sonst infolge ihrer fragwürdigen Leistungen hungerten. Und trotz allem! Wie selig war ich! Völlig ahnungslos, wie ich unter den schön geschmückten jungen Mädchen wirken mußte! Mit dem einzigen Schmuck meiner gewaltigen, aschblonden Zöpfe, die ich lang herabhängend trug, weil ich sie auf dem Kopf durchaus nicht unterzubringen vermochte. – Mit dem Näherkommen des Festtages strömten die Gäste von nah und fern herbei. Immer wieder klingelten die Postglocken durch die Straßen, über den Marktplatz, immer wieder stürzten wir vor die Haustür, um mit Jubel die Ankommenden zu begrüßen und sie in ihre Quartiere zu geleiten. Die Güter schickten Kälber, Schweine, Brot, Kuchen, Würste. In der Küche regierte eine Wirtin, die von einem der Güter geschickt worden war. Unter ihr stand ein Heer von Hilfskräften, und über allem schwebte Jenny, für jeden einen Rat, einen guten Witz und einen guten Bissen bereit haltend. Tante Adele in stolzer Ruhe, stand wie ein Fels im Gewoge, nie gehetzt, nie eilig, immer vornehm, gut und klug. Aber am seligsten war Onkel, der wie ein Sturmwind überall war. Wie ein Strom ging die Freude von ihm aus, eine Freude, die immer und immer ihren Ausdruck in einem Dank gegen Gott fand. Dazwischen verschwand er, heimlich ganze Schüsseln voll guter Sachen seinen Armen bringend. In Verzweiflung aber gerieten Jenny und Tante Adele, als Onkel sich einen ganzen Vormittag in seinem Zimmer einschloß. Es roch verräterisch nach Siegellack, und dann sah man ihn heimlich mit vielen Paketen auf die Post ziehn. Er hatte Konfekt und Gebäck in Schachteln gepackt, und an ferne Freunde und Verwandte versandt. Das ging nicht so weiter, Tante Adele griff entschlossen ein. Sie wagte es, ihrem Eheherrn Vorwürfe zu machen, »so dürfe er nicht handeln, denn wie solle man da die Gäste befriedigen!« Er war ärgerlich, denn es paßte ihm gar nicht, in seinem Tun gehindert zu werden. Er strafte uns damit, daß er eine ganze Weile nur in höflichem Ton mit uns sprach, immer betonend, »da er nichts zu sagen habe« – er nannte seine Frau »die Gnädige« oder »Katharina die Große«, dann zog auch diese kleine Wolke vorüber, und Freude und Liebe regierten wieder. Ein ergreifender Moment war es, als Onkels alter Jugendfreund, Gregor von Helmersen, ankam. Er und Onkel waren die einzigen noch lebenden Stifter der Korporation Livonia. Ich sehe noch die beiden, wie sie Hand in Hand unter die Gäste traten. Herr v. Helmersen groß, schlank, mit herrlichem Aristokratengesicht und ruhigen, vornehmen Bewegungen. Onkel klein und untersetzt, beweglich, sprühend und funkelnd von Geist und Leben. Von der Schulbank her stammte ihre Freundschaft, die erst mit dem Tode endete. Tage voll Freude, Jubel und Schönheit, wer könnte euch schildern! Es war, als hätte jeder die Sorgen und Lasten seines Lebens für die Zeit beiseite gestellt und wurde wieder jung und sorglos. Wie ein Sturm hatte die Freude alle erfaßt, der alles mit sich fort riß. Am Festtage konnten die Räume die Fülle der Gäste kaum fassen, alles drängte sich um den Jubilar, jeder wollte seine Hand fassen, ihm danken, ihm zeigen, wie er ihn liebte und ehrte. Plötzlich eine Bewegung unter den Gästen, im Zuge über den Marktplatz kommen die Delegierten der Korporation Livonia. Voran der Senior mit der mächtigen, seidenrauschenden Livonenfahne, die Jünglinge sind alle geschmückt mit breiten Schärpen in den Farben der Korporation, die entblößten Schläger in den Händen tragend. So treten sie in den Festsaal, alles weicht zur Seite, läßt eine Bahn frei bis zum Jubilar. Die Fahne senkt sich tief vor dem alten Stifter, der sie mit strahlenden Augen grüßt. Er steht im Kreise seiner Söhne, die rot-grün-weiße Studentenmütze auf seinen Locken, stolze Freude in den jung blickenden Augen. Neben ihm steht sein Jugendfreund in voller Generalsuniform, geschmückt mit hohen Orden, aber auch auf seinem weißen Haupt liegt die farbige Studentenmütze. So empfängt Onkel die Abgesandten seiner Korporation, einer Bruderschaft, die er vor mehr als fünfzig Jahren gegründet, und die Freude und Segen in das Leben vieler Jünglinge getragen, für sie ein festes Band bildend bis ins späteste Mannesalter hinein. Er spricht Worte zu ihnen, die ihre Herzen bewegen, das sieht man an den jungen Gesichtern. Ja, diese Jünglinge sollen nun in der Korporation die Ideale vertreten, und dann die Gedanken weiter ins Leben tragen, die er vor Jahren in die Verbindung gepflanzt. »Den Idealen treu bleiben und sein Leben in den Dienst der Heimat stellen.« Er spricht in Versen, sie strömen ihm von den Lippen; als er geendet, klingt brausend das Livonenlied, von ihm als Jüngling gedichtet, durch den Raum. Mancher wischt da still eine Träne von den Wangen. Abends gab es Aufführungen, Scherz und Ernst, alles selbst gedichtete Verse, Theatervorstellungen, lebende Bilder, zum Schluß einen glänzenden Ball, den ich mit Georg eröffnete. Tagelang blieb man beisammen, sang, lachte, aß und trank. Jeden Morgen hielt Onkel mit seinen Gästen seine hinreißenden Bibelstunden, jubelnd sangen wir unsere Choräle, und mit einem Lob- und Dankeslied schloß jeder herrliche Tag. Wie man es nur ertragen konnte, so tagelang auf den hohen Wogen der Freude zu leben, muß ich jetzt manchmal denken. – Fast eine Woche dauerte es, bis die Gäste sich wieder zerstreuten und bis das Leben im Hause wieder seinen gewohnten Gang weiterging. Für mich fiel in diese Zeit ein Ereignis, das mich aus meinen Kinderträumen aufschreckte: mein erster Antrag. Der um mich warb, war ein Student der Theologie, der seine Gymnasiastenzeit zum Teil in unserem Hause verbracht hatte, eine feine, edle Mannesnatur, die ich aber in meiner kindisch phantastischen Seele damals gar nicht begriff. Das Verständnis für ihn ist mir erst viel später aufgegangen, und er ist mir ein lieber Freund geworden. Damals imponierte er mir wenig, und wer mir nicht imponierte, an dem ließ ich meinen Übermut aus. Mein Betragen gegen Richard, wie er hieß, hatte mir manch mütterliches Donnerwetter zugezogen. Er war gesellschaftlich ungewandt, konnte sich an unseren übermütigen Wortgefechten nicht beteiligen und war in unserem Kreise kein Führer. Wie grausam kann man doch sein, wenn man jung ist, und mir gegenüber war er wehrlos. Niemals aber habe ich damals an eine Liebe von seiner Seite auch nur im Traume gedacht. Vielleicht war ich verwöhnt und zu sehr gewohnt, daß man mich gern hatte, doch war mir das so selbstverständlich, daß ich nie darüber nachdachte. An die Liebe dachte ich wohl manchmal und träumte von ihr, nach Mädchenart, doch schwebten diese Dinge in den Wolken, waren fern und phantastisch und entbehrten jeder Realität. Wie ein Wolkenbruch kam dieses Ereignis mitten hinein in meine strahlende Festesfreude, in meine ahnungslose Seele, die noch in festem Kinderschlaf ruhte. Ich lasse mein Tagebuch über dieses Erlebnis berichten:   Den 15. November. Ich wollte, ich wäre tot, so furchtbar erschrocken bin ich heute! Ein Abgrund hat sich vor mir aufgetan, der mich verschlingen will! Richard sagte so schreckliche Worte, er liebe mich und wolle mich heiraten. Ach warum hat er sich nur so Schreckliches ausgedacht, das mir alle Freude am Leben verdorben hat! Wie kam er nur darauf? Ich habe jetzt nur ein Gefühl für ihn, das der Angst. Am Abend, als die Vettern und er wieder abreisen wollten, rief er mich für einen Augenblick ins leere Speisezimmer, er sagte, er habe einen Brief von Mutter, den er mir zeigen müsse. Ich folgte ihm sehr ungern, denn ich hatte ein rasend schlechtes Gewissen. Ich war recht unverschämt die Tage gegen ihn gewesen. Das kam nämlich daher, weil mich alle mit ihm neckten, das ärgerte mich so schrecklich! Ich dachte, für mich würden in Mutters Brief Ermahnungen stehen, die ich gar nicht hören wollte, doch wappnete ich mich innerlich gegen sie. Ich dachte schon, es ist am besten, ich sage es ihm, warum ich mich gegen ihn so schlecht betrug, da sah ich sein Gesicht, das ganz blaß war. »Na,« dachte ich, »so wütend braucht er nun auch nicht gerade zu sein.« Ich fing an, mich zu entschuldigen, er aber ließ mich gar nicht sprechen, unterbrach mich mit zitternder Stimme: »Lesen Sie Mutters Brief.« Ich fing an zu lesen und verstand zuerst gar nichts. Da stand, er solle warten, vorsichtig sein, ich sei so kindisch und so trotzig, er wüßte ja, ihren Segen hätte er, und so was! »Ja, was soll das?« fragte ich. Eine schreckliche Ahnung kam über mich, da sah ich in sein Gesicht; schneeweiß war es! Er stieß sinnlose Worte mit zitternden Lippen heraus, da wußte ich die Wahrheit! Ein namenloser Schreck überfiel mich, dann ein wilder Zorn! Das war ja eine abgekartete Geschichte, und Mutter hatte mich ihm ausgeliefert! Ich nahm den Brief, ballte ihn in meiner Hand zum Knäuel und warf ihn weit fort, und stürzte dann fort, in Jennys Zimmer. Er kam mir nach, er stand in der Tür: »Sie müssen mich hören!« sagte er außer sich. Ich dachte, ich müßte tot hinfallen, wenn ich ihn hörte. Aber ich war gefangen, denn in der Tür stand er und versperrte den Ausgang. Ich weinte laut auf, aber dann mit einem schnellen Entschluß stürzte ich auf ihn zu, und stieß ihn mit aller Kraft zur Seite, und schlüpfte unter seinem erhobenen Arm hinaus; ich war gerettet. Ich lief zu den andern, hielt mich immer an die andern, damit er mich nicht allein festbekommen könne. Ach, es war mir, als sähen sie mir alle an, was geschehen, ich schämte mich so sehr, und dachte immer nur: »Könnte ich mich doch in die Erde verkriechen!« Aber es muß doch ein jeder einsehen, daß ich ihn nicht heiraten kann! Endlich stand der Postwagen vor der Tür, sie fuhren alle ab! Nun sind wir allein. Die Festfreude ist verrauscht, und ich mußte so viel heimlich weinen, auch aus Zorn, daß Mutter es so gern will, daß ich ihn heirate. Kennt sie mich so wenig? Nun bin ich aus meinem Frieden gestoßen und sehr unglücklich, denn ich habe einen Menschen unglücklich gemacht! Am andern Tag früh war ich allein im Garten, alles war traurig, voller Dunkelheit und Herbstlichkeit. Da kam Georg, er hatte einen Brief in der Hand, und sah verdonnert und aufgeregt aus. »Diesen Brief soll ich dir geben, von Richard,« sagte er und steckte mir den Brief in die Hand. Da faßte mich ein heißer Zorn und Empörung: »Auch Georg verläßt mich und will, daß ich Richard heirate!« dachte ich. Ich riß ihm den Brief aus der Hand und warf ihn ihm vor die Füße, und sagte, er solle diesen Brief selber lesen, und sich schämen, so gegen mich zu sein! Ich fing an zu weinen, so verlassen fühlte ich mich von allen, und alles war so schrecklich! Da fühlte ich mich plötzlich um die Taille gefaßt, ein Indianergeheul brach aus Georgs Kehle, und er riß mich in wildem Tanz mit sich fort, immer in die Runde. Erst wehrte ich mich, dann mußte ich doch lachen, und wir drehten uns, bis wir beide nicht mehr konnten. Dann fiel ich atemlos lachend auf eine Bank, Georg blieb vor mir stehen. »Ich dachte, du wirst Richard heiraten,« sagte er, als er Atem hatte. Wieder kam der Zorn über mich. »Alle erwarten es!« sagte er entschuldigend. »Du bist ein Esel!« sagte ich heftig, »soll das mein Ende sein? Das fehlte mir noch gerade! Du solltest mich doch kennen! Ich heirate noch lange nicht, und Richard schon gar nicht, das ist so sicher, wie sonst nichts in der Welt!« Nun haben sie alle mit mir geredet, Tante Adele, Jenny, ich solle mir's doch überlegen, und bedenken – ja, mein Gott, was denn? »Daß er ein guter Mensch ist!« Daraus mache ich mir nun schon gar nichts, lieber schon ein bißchen schlechter und dabei interessant. Gute Männer gibt es genug in der Welt, da hätte man viel zu tun, wollte man die alle heiraten! Ich würde mich ja zu Tode mit ihm langweilen. Und das soll dann das ganze herrliche Leben sein, auf das ich mich so freue, auf das ich so neugierig bin? Nein, und tausendmal nein!   18. November. Und wenn ich mich totweine, ich muß nein sagen! Es kam ein langer Brief. Ich muß zu meiner Schande sagen, daß ich ihn nicht ganz durchlas. Es stand zu viel von Liebe darin. Ach! er liebt mich von meinen Kinderjahren an! – Nun bin ich aber ruhiger geworden, ich suchte mich zu zerstreuen, das half! Heute zog ich Onkels Wasserstiefel an und ging allein in die weite Welt, in den hellen Herbsttag hinein. Und als ich so über die einsamen Felder wanderte, die so unbegrenzt vor mir lagen, und ich weit ins Land hinaussah, in die klare Herbstluft hinein, da ließ ich den Wind durch mich blasen, stark und kräftigend, und da war es, als machte er mich froh und gesund. Ich dachte plötzlich: »Richard wird schon eine Frau finden, die besser zu ihm paßt als ich und ich habe gewiß nicht sein Leben zerstört!« Und alles, was mich diese Tage gequält, fiel von mir ab. Da strömte es wie jauchzendes Entzücken durch mein Herz: »Du bist frei! Frei, wie der Wind, der durch die Felder streicht, frei wie die Wolken hoch am Himmel, du bist an keinen Mann gebunden, dem du dich opfern mußt. Noch liegt das Leben frei vor dir, mit all seiner Herrlichkeit, – wer weiß, was es dir noch alles bringen wird?« Und jauchzend und atemlos stürmte ich vorwärts, dankte Gott und sang laut in die Welt hinein: »Ich bin frei! Ich bin frei!« Und dann stieg ich auf einen Zaun, hoch oben stand ich, riß mir den Hut vom Kopfe, schwenkte ihn in der Luft und grüßte meine Freiheit. Ganz wild und heiß kam ich heim! Onkel saß in seinem Zimmer. Ich sah durch die Tür: »Onkel! Ich bringe die Wasserstiefel glücklich wieder heim!« Onkel, der eigentlich fürs Heiraten ist, sah zu mir hin; er ist ein wenig unzufrieden mit mir gewesen, hat aber nichts gesagt, alle diese Tage. Ich setze mich in den alten Lehnstuhl zu ihm: »Onkel, ich bin wieder froh!« »So, so,« sagt er. Plötzlich braust er los: »Warum willst du denn nicht heiraten? Du Frauenzimmer, denkst du denn, du kannst ohne Mann auskommen?« »Gewiß denke ich das!« sage ich keck. »Was willst du denn?« sagt er halb ärgerlich. »Ganz was Besonderes,« sage ich. »Richard war doch nichts Besonderes.« Onkel lacht halb wider Willen. »Du wartest wohl auf Karl den Großen mit seinem Schwert?« sagt er. »Ich warte nicht gerade auf ihn,« sage ich, »aber wenn er kommt, dann nähme ich ihn gleich!« »Du wirst noch manches erleben,« sagt Onkel drohend, »aber das sage ich dir, wenn du das nächste Mal ohne Mann hierher kommst, dann werfe ich dich hinaus!« »Onkel,« sag' ich, »schaff' mir einen Mann, wie du es warst, als du jung warst, den nähme ich noch lieber als Karl den Großen!« XVI. Onkel halt Bibelstunde. Weißenstein hat keinen rechten Seelsorger durch Jahre hindurch unter seinen Pastoren gehabt. Die Gemeinde hätte darben müssen, da aber trat Onkel für die Sache ein, das geistige Leben der Stadt wuchs und blühte in seiner gesegneten Hand. Besonders seine Bibelstunden, die er mit der ganzen sprudelnden Originalität seines Wesens erfüllte, hatten direkt eine Berühmtheit erlangt. Von nah und fern kamen die Leute, um ihn zu hören; wir leichtsinnige Jugend, die immer etwas vorhatte, ließ sich durch nichts daran hindern, an ihnen teilzunehmen. Onkel war der geborene Volksredner, er war drastisch in seinen Beispielen, die er aus dem alltäglichsten Leben nahm, oft direkt derb und humoristisch. Hinreißend stark wirkte er immer wieder durch das ganz persönliche Erlebthaben Gottes und durch seine brennende Liebe zu seinen Nebenmenschen, an deren göttlichen Ursprung er glaubte. Das war seine Kraft! Ich sehe uns in dem großen Zimmer um Onkel geschart, der wie ein Patriarch dasitzt, mit seinem ehrfurchtgebietenden weißen Haupt, das liebe alte Gesicht voller Leben und Andacht, seine geliebte Bibel auf den Knien. Am Klavier sitzt Hermann, das Zimmer ist voller Leute, man kennt sie alle, grüßt sie alle. Da sind Adlige aus der Nachbarschaft, neben ihnen schlichte Bürger der Stadt und Handwerker, alle sind willkommen. In einer Sofaecke sitzen Malz und Kappel, der Waisenvater und der Organist des Städtchens, zwei alte Freunde von Onkel. Malz, dick und gemütlich, sitzt breit und behäbig da, voll Mutterwitz, immer zu einer Antwort bereit, mit rotem, lustigem Gesicht. »Sieh ihn dir an,« sagt Onkel, »er sieht dick und plump aus, aber sein Herz ist fein und zart.« »Ja, ganz wie der Herr Staatsrat sagt,« lacht Malz lustig, »von außen ein Ochse, von innen eine Schwalbe.« Kappel ist sein direktes Widerspiel, klein, dürr, ängstlich, mit einem Gesicht wie ein alter Holzschnitt von Dürer. Er sitzt vor Bescheidenheit immer nur halb auf seinem Stuhl, die andere Hälfte seines Körpers schwebt frei in der Luft. Ein Problem beschäftigt ihn, das er mir nach einem Kirchenkonzert, in dem ich gesungen habe, mitteilt. »Daß man stark singen kann, begreife ich, aber daß man mit einemmal so dünn werden kann mit seiner Stimme, ganz fein, wie ein Vogel, das begreife ich nicht. Aber das ist wohl die Kunst, die kann man nicht begreifen.« Im selben Konzert hatten meine Mutter und ich Duette gesungen: »Das waren Stimmen aus einer Fabrik,« sagte Kappel, »das hört man gleich.« Sie sind unzertrennlich, die beiden Freunde, zu Onkel kommen sie immer zusammen, es ist, als getraute Kappel sich nur eine Lebensäußerung von sich zu geben im Schatten vom dicken Malz. Hermann spielt den Choral, mit dem die Bibelstunde begonnen und geschlossen wird. Onkel singt mit, und das ist für mich fast das Schönste von der ganzen Bibelstunde. Er ist ganz unmusikalisch, singt nur immer einen tiefen Ton auf alle Verse. Aber er singt so aus tiefster Seele, mit so viel Andacht und Hingabe und Kraft, so ahnungslos, wie falsch es klingt, daß man seine Blicke nicht von ihm wenden kann! Dann nimmt Onkel ein Kapitel aus der Bibel vor, liest es und bespricht und erläutert Vers für Vers. Es ist immer wie ein Strom von Leben, der aus ihm bricht. Oft so originell sprunghaft, daß man ihm kaum folgen kann, aber aus seinem Munde klingt der bekannteste Spruch wie neu, weil er ihn beim Lesen immer neu belebt. Und so ist es einem, als hörte man diese vertrauten Worte zum erstenmal, solch ein Leben bekommen sie, wenn sie von seinen Lippen strömen. Manchmal ist er von einem Gedanken so gepackt und bewegt, daß ihm die Tränen über die Wangen stießen, in seinem Eifer merkt er es gar nicht. Im Eifer, das, was er denkt, fühlt, glaubt, uns nahe zu bringen, in unsern Herzen Leben werden zu lassen. Er ist wie ein Kind und dabei wie ein Fels. Er würde auch jederzeit vor Kaiser und Reich sein Bekenntnis ablegen: »Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir! Amen!« Die Bibelstunde ist zu Ende, wir singen wieder einen Choral, die Gäste gehen heim. Onkel geht in seinen lieben Garten, das tut er immer, wenn sein Herz bewegt ist. Ich habe mich an seinen Arm gehängt, wir gehen schweigend die Wege zwischen den duftenden Blumen auf und ab. Mein Gott, wie gütig bist du!» sagt Onkel plötzlich stehenbleibend. »Was hast du uns alles gegeben! Dein Wort, deinen Sohn und diesen Garten voller Blumen. Und gleich noch ein gutes Abendessen. Ach, Kind, ein Leben reicht ja nicht aus, um ihm für alles zu danken!«   Jahre gingen ins Land. Die sorglosen Ferienwochen in Weißenstein waren wohl immer wieder das Ziel unserer Wünsche, doch war in unserem Leben so manches anders geworden. Ich war zur Ausbildung meiner Stimme nach Frankfurt gegangen. Neue Welten taten sich vor mir auf, ich stand auf Höhen, die mich berauschten, ich blickte in Tiefen, die mich erschütterten. Die Kinder- und Jugendträume wichen einem oft sehr harten Erwachen! Ich lernte berühmte Künstler kennen, vor deren Namen ich in Ehrfurcht erbebt war, die in unserem Hause mit dem Glorienschein von Halbgöttern umgeben worden waren, und sah, daß sie Menschen waren mit Sünden und Kleinlichkeiten, die ich zuerst gar nicht begriff. Es ging auch in meinem Leben nicht immer licht und sturmlos her. Harte Arbeit, Heimweh, Einblicke in die Dunkelheiten des Lebens ließen mich zeitweise mein frohes Lachen vergessen. »Also so ist das Leben und vor allem das Künstlerleben!« dachte ich oft, wenn ich abends grübelnd und einsam an meinem Fenster saß, bis die Dunkelheit die ganze Welt einhüllte und ein Stern nach dem andern erschien. Ein Gefühl der Einsamkeit, Heimweh, das mir die Seele zerriß, erfüllte mich bis in alle Tiefen. Ein Heimweh nach Hause, nach der kindlichen Ahnungslosigkeit meines früheren Lebens, nach der sonnigen, einhüllenden Liebe, die meine Jugend bisher erfüllte, ach! und nach dem Garten in Weißenstein, mit seinen Blumen, seinem Schwalbenschwirren und seinen über alles geliebten Menschen. Ich hatte oft Briefe von dort, Onkel ging auch in der Ferne meiner manchmal so angstvollen Seele nach und hielt sie mit liebevoller starker Hand. In Weißenstein war auch vieles anders geworden, die Sonne war hinter dunkeln Wolken versunken. Gustav und Georg hatten ihren Eltern unsagbares Herzeleid und viel Sorgen bereitet. Nun waren sie nach Amerika ausgewandert. Alle hofften, daß die harte Fremde sie das lehren würde, was sie in der Heimat nicht lernten: Männer werden, die Verantwortung für ihr Tun fühlten und ihre Pflicht im Leben taten. Viele Tränen waren um sie geflossen, viel Herzeleid war still getragen worden. Weißenstein sollte nun auch für mich nie mehr das sein, was es gewesen. Und dann waren meine Studienjahre zu Ende, um vieles reicher, um vieles ärmer kehrte ich heim, und die Kunst, die bisher der Schmuck meines Lebens gewesen war, sollte nun für mich und die Meinen unsere Existenz schaffen. Ein harter Wechsel, an dem man von Tag zu Tag lernen muhte! Aber dann kamen auch leichtere Zeiten, und ich konnte wieder einmal zu den Sommerferien meine Schritte nach Weißenstein lenken. Die Sorgenlasten dort hatten sich vergrößert. Gustav und Georg waren heimgekehrt, aber es war anders, wie man es erhoffte, mit ihnen geworden. An der Seele krank, war Gustav helmgekommen. Dunkle Mächte hatten Gewalt über seinen Leib und seine Seele gewonnen, er kam von ihnen nicht los. Auch Georg war nicht gesund heimgekehrt. Eine verfehlte Operation warf ihn dann vollends aufs Krankenlager; wir wußten es damals noch nicht, daß er es nie mehr verlassen würde. Ich fürchtete mich fast vor dem Wiedersehen unseres Jugendparadieses, wie würde ich es wiederfinden? Allein fuhr ich im Postwagen durchs Land; die alten vertrauten Wege, alles war wie früher, nur ich war eine andere geworden, und das Leben im geliebten Hause würde von dunkeln Sorgen und Herzeleid überschattet sein, und anders, wie ich es gekannt und geliebt. Aber stärker als alles lebte in mir die Liebe zu denen, die meine Kindheit und erste Jugend mit so viel Glanz und Freude erfüllt, und fest im Herzen stand es: »Mag alles sein, wie es will! Ich gehöre zu ihnen, und nun will ich die dunkeln Tage mit ihnen teilen, wie ich die Freudentage geteilt!« Und dann sah ich, wie in frohen Kindertagen, den spitzen Kirchturm über den Wäldern emporsteigen, und dachte lächelnd an den wilden Jubel, mit dem wir sein Auftauchen in früheren Jahren begrüßt. Und bald rasselte der Wagen auch über das Straßenpflaster und hielt vor dem alten, lieben Haus. Ach! Niemand stand auf der breiten Steintreppe, niemand hatte meine Postglocken gehört! Wurde ich denn gar nicht erwartet? Zögernd stand ich vor der Tür, ich öffnete sie und trat ins Haus, und dann kamen sie alle herbei. Onkel schloß mich in seine Arme: »Gott segne auch heute deinen Einzug!« sagte er bewegt. »Bring' uns Sonne und Freude!« Wie gebeugt und zusammengesunken war Tante Adeles einst so stattlich aufrechte Gestalt. Welche Stürme von Leid hatten sie so geknickt! Auch Jenny kam, klein und grau – wir weinten. Das aber mochte Onkel nicht leiden, halb bewegt, halb ärgerlich sagte er: »Nun komm in den Garten, die Blumen sind alle da, es sind nicht dieselben, die du gekannt. Aber Gottes Sonne ist dieselbe, und sein Himmelstau auch, es gibt noch viel zu danken!» Er zog mich in den Garten, wir sahen die Blumen, wir gingen die alten Wege, dort in der Laube sah ich auch Georg wieder, im Rollwagen, er konnte nicht gehen. Er streckte mir seine blasse Hand entgegen, die von vielen Leiden sprach, und lächelte, ein trauriges Lächeln, aber kein Laut drang über seine festgeschlossenen Lippen. Onkel zeigte mir seine Blumen, seine Beete und seine Beerensträucher. Er konnte sich an allem freuen, für ihn war die Welt noch voller Licht, weil er in allem und jedem Gottes Liebe sah, die ihn jeden Tag neu beglückte. Ich ging an seinem Arm wie eine Träumende durch den lieben Garten, ich sah die Blumen nicht, ich sah die Sonne nicht, ich fühlte nur das Eine: es würde niemals hier mehr sein wie es war, und wie lange würde es überhaupt noch ein Weißenstein für mich geben?! Endlich war ich mit Jenny allein in meinem Zimmer, da hielt ich mich nicht länger, ich brach in Tränen aus: »Ach, Jenny!» Ich brauchte nichts weiter zu sagen, zu erklären. Sie fühlte alles, sie wußte alles, ganz wie damals, als wir noch Kinder waren und Kinderschmerzen uns bedrückten. Und sie wußte auch dieses Mal Trost, wie früher für Kinderschmerzen. Und nun begann ein Leben, wie ich es nie in Weißenstein gekannt, still, voller Weh, aber doch schön und voller Reichtum. Tiefer wie in den Sonnentagen verband uns die Liebe, heller wie je strahlte Onkels freudiger Glaube, sein starkes, frohes Christentum durch die Not dieser Tage. Bei ihm habe ich wirklich erlebt, was es heißt: »Fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal!« sein. Erschütternd war das Leiden beider Söhne des Hauses. Gustav blieb uns fern und fremd, die dunkeln Mächte, die seine Seele überschattet hatten, trennten ihn von allen, die ihn liebten, wir fanden nicht den Weg zu ihm. So ging er, fremd und einsam, neben uns hin! Georg war mit der ganzen feurigen Begeisterung, die sein Wesen kennzeichnete, aus Amerika heimgekehrt. Er hatte dort viel Not kennen gelernt, hatte tapfer jede Arbeit auf sich genommen, hatte sich ehrlich durchgekämpft, nun war er heimgekehrt. Er wollte so gern zeigen, daß er ein anderer geworden sei, daß er arbeiten gelernt hätte, daß er seinen Platz als Mann im Leben ausfüllen könnte. Ob er das gekonnt hätte? Gott wußte einen andern Weg für diese glänzende Menschenseele. Er führte Georg durch das dunkle Tal des Leidens und der Entsagung. Er ließ ihn einen von denen werden, die mit Tranen säen, damit er mit Freuden ernten könne. Aber Erdenfreuden waren es nicht, die wurden ihm alle genommen. Wie still ist doch das frohe Haus geworden. Zwischen den blühenden Bäumen sieht man oft Georgs Rollwagen, oder seine hohe Gestalt, jetzt gebückt, langsam an einer Krücke hinwandernd. Es liegt wie eine große Angst über uns, wir fühlen Gott mit dieser Seele ringen. Dazwischen bricht es wie eine wilde Kraft aus ihm, der Widerstand einer Seele, die sich gegen Leiden und Gebrochenwerden auflehnt. Er stürmt gegen sein Schicksal an, er will arbeiten, leben und glücklich sein. Er will sein Teil vom Leben an sich reißen, aber Gott wollte es anders, und er gehorchte. Stück für Stück gab er sein Leben, sein Wollen, sein Sehnen hin. Es war ein Kampf auf Tod und Leben, und Gott blieb Sieger! Was eine Seele in solchem Ringen erlebt, bleibt ewig ihr Geheimnis! Es war eine schwere, harte Zeit für uns alle, furchtbar in ihrem Ernst. Aber nie hörte ich ein Wort der Klage, des Widerstandes von Onkel oder Tante, deren stolzes Herz um ihren Liebling brach. Sie gingen beide gehorsam den Weg, den Gott sie führte, wenn auch mit heißen Schmerzen. Onkel war oft einsam, der Kranke nahm unsere ganze Zeit, unsere ganze Kraft in Anspruch. Das war für seine lebendige Natur sehr schwer, die sich mitteilen mußte. Nie rührte er mich so, als wenn ich in dieser Zeit zu ihm kam und ihm sagen konnte: »Heute bin ich den ganzen Nachmittag nur für dich da!« Dann blickte er so froh aus seinen alten, lieben Augen. »Das ist schön! Was tun wir nun? Gehen wir in den Wald oder auf den Kirchhof?« Und dann wanderten wir miteinander, friedlich plaudernd. Ich war meist stille Zuhörerin, so viel hatte Onkel in seinen einsamen Stunden gedacht, gelesen, und es drängte ihn, sich über all das, was ihn bewegte, auszusprechen. Wenn auch sein Sinn offen blieb für alles Schöne, wenn er sich auch an edlen Dichterworten, an hohen Gedanken immer noch begeistern konnte, das schönste Buch blieb ihm immer seine Bibel. Über sie, über Gottes Wort sprach er doch am liebsten, und alles, was er dachte, erlebte, las, sah, lief immer wieder, wie in einem Brennpunkt, in dem einen Wort zusammen: » Mein Herr und mein Gott!« In diesem Licht sah er alles, das Große und das Kleinste seines Lebens, die Freuden und die Schmerzen. Mit beiden Füßen mitten im Leben stehend, seine Sorgen und Schmerzen stark und tief empfindend, blickte sein Auge unverwandt in Gottes Licht, sprach seine Seele immer mit seinem Gott. Er mußte in dieser Zeit viel lernen, sein unbeugsamer Herrscherwille mußte sich oft beugen. Er, der mit starker Hand alles im Hause nach seinem Willen lenkte, mußte oft zurücktreten, schweigen, wie das so ist, wenn ein Schwerkranker im Hause ist. Und daß er das lernte, bewegte mich tief. Am liebsten wanderten wir auf den Kirchhof; es war ein tiefer Friede an diesem Ort, an dem sich die Leidensstürme, die im Hause wehten, brachen. Wir saßen an unsern Gräbern und Onkel sprach goldene Worte tiefer Weisheit, von Gottes Wegen, die er mit jeder einzelnen Seele geht. Sein Glaube an Gottes Arbeit auch an den Seelen seiner Söhne, war so stark, so freudig, daß ich mitten in der Not der Tage etwas fühlte von der »Berge versetzenden Kraft des Glaubens«, die freudig an den Worten festhält: »Erst will er mich vollenden, Dann soll es herrlich enden!« An dieses »herrliche Enden« glaubte er fest, alles andere war klein und unwichtig gegen dieses große Hoffen. Wohl litt er unter der Not jedes Tages, aber sie verwirrte ihn nicht, sie nahm seinen Blick nicht gefangen, der immer nur das Licht sah. Meine junge Seele, die mit Fragen und Zweifeln belastet war, sah staunend und bewundernd auf dieses große, starke Leben, das so selbstverständlich schien. Ja, das waren Feierstunden ln der Angst und Not der Zeit, und sein Glaube hat ihn nicht betrogen. Er hat es erlebt, daß seine beiden Söhne sich bewährten, der eine im Leiden und Sterben, der andere in einem gesegneten Leben voll Mühe und Arbeit. XVII. Es wird Herbst. Ich muß Weißenstein verlassen und an meine Arbeit gehen. Es ist mir, als könnte ich nicht fort, als wäre mein Platz hier, aber ich darf nicht bleiben. Georg ist ein dem Tode Geweihter, er muß sterben. Er weiß es, der Kampf ist bald zu Ende, er wartet auf seinen Tod. Tag und Nacht habe ich mich mit Jenny in die Pflege geteilt, habe das wilde Empören einer jungen, starken Menschenseele miterlebt, die sich gegen die Vernichtung wehrt, und habe es erlebt, daß sie sich ergab, und stille wurde. Und nun muß ich fort. Es ist ein goldener, stiller Herbsttag, der Garten voller Blumen und Licht, es geht zum Abend. Georg ruht in seinem Krankenstuhl, unterm großen Ahorn im Garten, der Abendsonnenschein liegt auf seinem blassen Haupt, auf den gefalteten Händen, die von unsagbaren Leiden erzählen, und um ihn ist so viel Schönheit, die auch sterben muß. – Onkel geht eifrig durch den Garten, er hat die schönsten Apfel gesammelt, die er in einen Korb legt; sie sind für mich bestimmt. So müde ist sein liebes altes Gesicht, gebeugt sein Rücken, aber sein Glaube ist stark und freudig wie in den Sonnentagen seines Hauses, seine Liebe strahlt mit köstlichem Glanz jedem ins Herz, der mit ihm lebt. Er bleibt vor uns stehen und zeigt mir die Ernte in seinem Korbe: »Die Apfel sollst du alle haben,« sagt er, »es waren die schönsten, die ich finden konnte.« Er nickt mir liebevoll zu und geht ins Haus. Tante Adele erscheint in der Verandatür, wie alt ist sie geworden! Sie schaut nach ihrem Liebling, still und kummervoll ist ihr Gesicht, sie lächelt zu uns hinüber: »Wird es nicht kühl für dich, Georg?« fragt sie. Er schüttelt stumm sein Haupt, und sie geht wieder ins Haus. Wie still es ist! Ein starkes Duften von Reseden und Levkoyen liegt schwer in der Luft, am klaren Abendhimmel schießen die Schwalben hin, mit hellen Rufen. Da faßt mich ein Jammer, heiß wie eine Welle stürzt er über mich hin, immer tiefer sinkt mein Haupt, ich berge mein Gesicht in den Händen und weine, weine! Da spricht Georg. – Hat wirklich aus dieser Stimme einmal das Leben gejubelt? Hatte sie mit Lachen und Luft jeden Raum erfüllt, in dem sie erklang? Hatte sie, in stürmischer Begeisterung, alles mit sich fortgerissen, was um sie lebte? Jetzt war sie klagelos still geworden, und um die blasse Stirn stand feierlich die Krone des Leidens. Die stille Stimme ist so leise, daß ich ihr Flüstern kaum verstehen kann. »Ich muß sterben!« sagen die blassen Lippen. Es ist wieder still; ich habe noch immer mein Gesicht in den Händen vergraben und weine! »Weine nicht um mich!« flüstert die stille Stimme wieder, »es ist gut, daß ich sterbe. Gott ist gütig gegen mich, daß er mich ruft, denn ich verstand nicht zu leben. Ich lebte so gern, aber das Leben brachte mir zu große Versuchungen; nun hat die Not ein Ende, ich gehe dorthin, wo es keine Versuchungen mehr gibt, es ist gut so!« Es ist wieder still um uns, die Sonne ist fort, die Schwalben sind verstummt. Vom Resedabeet zieht leise der Duft über uns hin. Sachte breitet die Dämmerung ihre Schleier über die noch eben so lichte Welt. Das Licht erlosch, der Sommer ist zu Ende und der Tag ist gewesen.   Es ist wieder Sommer geworden. Georg ist tot. »Der Strick ist zerrissen, der Vogel ist frei!« so lautete das Telegramm von Onkel Hermann, das uns die Todesnachricht brachte. Er litt namenlos, bis zuletzt, aber klaglos und tapfer kämpfte er seinen letzten Kampf. Ich war wieder in Weißenstein, in dem ganz stillgewordenen Haus. Es war mir doch der liebste Ort auf Erden. Still und friedlich floß das Leben hin. Wir arbeiteten viel im Garten, wo alles noch blühte und wuchs, wie in alter Zeit. Nur die grünen Gartenbänke standen ein wenig schief vor Alter, und Onkel schlug sie immer wieder mit einigen starken Nägeln zusammen. »So lange ich lebe, dürfen sie nicht umfallen,« sagte er. Onkel war oft müde, fremde Menschen vertrug er gar nicht mehr, er konnte Gesprächen schwer folgen. Er wurde leicht ungeduldig, wenn andere sprachen, es ermüdete ihn, und er, der Lebendige konnte dann mit einer kleinen Reizbarkeit sagen: »Laßt doch einen armen alten Mann auch mal zu Wort kommen!« Oder es verdroß ihn, wenn man z.B. ein Erlebnis erzählte, das ihm nicht gefiel, dann konnte er ärgerlich sagen: »Sprich keinen Unsinn, es war gewiß ganz anders!« Und dann erzählte er das Erlebnis, wie es ihm gefiel, oder wie er es sich dachte, und war dann erst ganz zufrieden. Er lebte in einer eigenen Welt, immer fremder wurde ihm das Leben, immer fremder die Menschen. »Ich verstehe sie nicht mehr,« sagte er mir einmal, »und sie verstehen mich nicht mehr.« Seine Bibelstunden hielt er wohl noch, aber er wurde dabei oft sprunghaft, verlor den Faden, daß man ihm nicht folgen konnte. Auch sein Zuhörerkreis war klein geworden. Viele schliefen schon lange auf dem Friedhof, verschüchtert und einsam saß der alte Organist Kappel in seiner Sofaecke, ohne seinen dicken, lustigen Freund Malz, den hatte man längst zur ewigen Ruhe gebracht. Ich war immer um Onkel, bei seinen Blumen und Erbsenbeeten, und in der Stille seiner Studierstube, wo ich, goldene Worte hörend, im alten Ohrenstuhl neben seinem Schreibtisch saß. »Wir beide, du und ich,« sagte er manchmal, »wir gehören zusammen.« Oft waren wir alle miteinander auf dem Kirchhof, schmückten unsere Gräber, horchten auf die Lerchen und sprachen von unseren Toten. An Georgs Grabhügel stand ein schlankes, schwarzes Kreuz, das in goldener Schrift den Spruch trug: »Meine Lippen und meine Seele, die Du erlöset hast, sind fröhlich und lobsingen Dir!« Im folgenden Winter ging auch Tante Adele heim. Hart hatte der Tod mit dieser starken, stolzen Seele gerungen. Onkel geleitete seine dritte Frau auf den Kirchhof. Und dann kam ein Sommer, an dem wir zum letztenmal beisammen waren. Ich fand bei meiner Ankunft Onkel so müde und so alt, daß ich mit Schmerzen dachte: »Könnte er nun heimgehn dürfen!« »Ich bin einsam, du weißt nicht wie sehr!« sagte er, als er alt und gebückt, schwer auf meinen Arm gestützt, durch den Garten ging. »Alles ist mir fremd, alles spricht eine fremde Sprache um mich. Sogar meine alte Stadt ist mir fremd geworden, ich mag gar nicht mehr auf die Straße gehen! Ich will meinem Herrn nichts vorschreiben, aber manchmal denke ich doch: nun wäre es Zeit! Aber mein Gott weiß meine Stunde, ich muß noch warten!« Dazwischen stammte noch ein Stück des alten Feuers in ihm auf, dann war er auf Augenblicke der Alte. Dann konnte er sich noch wie in früherer Zeit für etwas begeistern, sei es ein schönes Gedicht oder ein ewiges Wert aus der Bibel. Auch brach noch sein alter Humor dazwischen hervor, sein derber, schlagender Witz machte mich lachen, wie in alter Zeit. In solch einem Moment des Aufflammens beschloß er auch einmal mit mir auf den Kirchhof zu Wandern. Alle Warnungen schlug er ärgerlich zu Boden: »Ich bin noch lange kein alter Lappen,« sagte er, »diesen Weg mache ich noch längst!« Eifrig und fröhlich plaudernd ging er an meinem Arm aus, aber ich fühlte bald, wie er sich immer schwerer auf mich stützte. Wir hatten eben die letzten Hauser der Stadt hinter uns gelassen, da wurde er stiller; allmählich verstummte er ganz, hochaufatmend ließ er plötzlich meinen Arm los und sank auf einen Stein am Wege nieder: »Ich kann nicht mehr,« sagte er leise und schmerzlich, daß es mir ins Herz schnitt, »nun mache ich diesen Weg nur noch im Sarge!« Es war ein Glück, daß Jenny dies alles voraussehend, uns einen Wagen nachgeschickt hatte, der uns denn auch glücklich heimbrachte. Onkel ging in sein Zimmer, wo ich ihn still und traurig sitzend fand, die Hände gefaltet, den Blick ins Abendrot gerichtet. Ich nahm sein liebes altes Haupt in meine Arme und küßte seine weißen Locken: »Nun wandern wir einmal zusammen im Paradies,« sagte ich, »wie schön wird das sein! Du mußt dort auf mich warten, dann bist du wieder jung.« »Ja,« sagte er leise, »das wird schön sein!« Die große Freude hatte er noch, daß sein Sohn Gustav geheilt war. Er hatte geheiratet und lebte mit Frau und Kind auf dem Lande. Es war ein Dasein voller Arbeit und Entbehrungen, aber voller Zufriedenheit, und der Segen des frommen Elternhauses lag auf seinem bescheidenen Leben. Vetter Hermann, der ein Pastorat voll froher Kinder hatte, war mit den Seinen gekommen, auch Gustav mit Frau und Kind, und was von Verwandten es irgend möglich machen konnte, war da. Es war, als fühlten wir alle: »Es ist zum letzten Male.« Leben erfüllte wieder das alte Haus, aber alles war gedämpft und stiller wie früher. Wir alle umgaben unser geliebtes altes Familienoberhaupt mit Liebe und Ehrfurcht. Jeder versuchte, ihm eine Freude zu machen, einen Wunsch zu erfüllen, aber er hatte keine Wünsche mehr, als nur den einen, bei seinem Herrn zu sein! Am letzten Abend vor der Abreise der Gäste saßen wir noch einmal alle beisammen im Garten, unterm Ahornbaum. Onkel hatte den goldenen Familienpokal hervorgeholt, mit Rheinwein gefüllt ging er von Hand zu Hand, wie in alter, froher Zeit. Da erhob sich Onkel. O mit welcher Liebe blickten wir alle auf die greise Gestalt; er hielt den Goldpokal in den erhobenen Händen und sprach Worte des Abschieds und des Segens zu uns. Es war ein Dank, den er seinem Herrn und Gott sagte, für sein ganzes Leben. Er ließ es an uns vorüberziehen in seinem Reichtum, und wir fühlten es alle, warum es so reich gewesen war: weil Liebe und Vertrauen zu seinem Gott es erfüllt hatten bis in alle Tiefen, und weil die Liebe zu seinen Nebenmenschen es durchleuchtete und vergoldete. Dann mahnte er uns mit liebevollen Worten, an dem einen festzuhalten, der »seines Fußes Leuchte und ein Licht auf allen seinen Wegen« gewesen war. Nichts von Altersschwäche, nichts von Müdigkeit lag auf ihm. Mit starker Stimme, mit begeisterter Kraft sprach er, und dann sangen wir noch einmal das Festlied dieses Hauses: »Lobe den Herren, o meine Seele, Ich will Ihn loben, bis zum Tod« Die Gäste waren fort, ich blieb allein zurück. Onkel wollte mich nicht fortlassen, immer wieder bat er noch um einen Tag: »Es ist das letzte Mal!« Und dann mußte ich doch Abschied nehmen, um ihn auf Erden nie wieder zu sehen! Wenn ich an die letzten Zeiten unseres Zusammenseins denke, dann sehe ich ihn unter Ahorn stehen, mit dem Goldpokal in den erhobenen Händen, mit dem Licht in den Augen, mit dem Abendschein auf dem schönen alten Haupt; ich höre seinen Dank, den er Gott für sein Leben sagt, und höre seine ernsten Mahnworte an uns, Gottes Hand nie loszulassen, und dann weiß ich es, daß von allen Reichtümern meines Lebens die Liebe dieses frommen Mannes, der Segen dieses Lebens, doch mein größter Reichtum gewesen ist. Im November hatte er, ohne jeden Todeskampf, hinübergehen dürfen, er hatte den Tod nicht geschaut. Müde hatte er sich ein wenig auf sein Bett gelegt, war eingeschlafen, und im Schlaf war er heimgegangen. Mit der Hand an der Wange, friedlich wie ein Kind eingeschlummert, fand Jenny ihn, als sie nach ihm sah. In der Karte, die er mir nur wenige Tage vor seinem Tode geschrieben, sagte er: »Heute ist mir der Kopf ganz dumm, und ich besorge meine Post nur mit Mühe, verliere Brille und Tintenfaß und das Datum. Ach! wie hast Du an Deinen Jahren einen Schatz und wieviel plus kannst Du noch verzeichnen. Frisch auf, mein liebes Herz, und singe Dir im Freien das eine und das andere Lied. Gott hat Dich zum Vertrauen und Mut geschaffen, lebe wohl und munter. Dein Vater Hesse.« Das waren seine letzten Worte an mich auf Erden. Eins hält mein Herz fest mit ganzer Kraft: Wenn ich einmal heimgehen darf, dann weiß ich, daß ich ihm begegnen werde, der meine Hand ergreifen und mich vor meines Heilands Thron führen wird, als eine Seele, die er mit nimmermüder Geduld und Liebe für die Ewigkeit geworben. Ein Jahr nach seinem Tode lebte Jenny noch im Elternhause, dann mußte sie es verkaufen und Weißenstein verlassen. Das Haus, ohne das man sie sich nicht denken konnte, ging in fremde Hände über. – Sie ist dann in der Welt umhergewandert, jeder von uns streckte die Arme nach ihr aus. Jeder von uns hätte ihr so gerne in seinem Hause eine Heimat geboten, sie war bald hier, bald da, Wurzel hat sie nirgend schlagen können. Sie gehörte nun einmal in das alte Haus, in den alten Garten; eine Heimat hat sie auf Erden nicht mehr gefunden. Oft kam eine fast krankhafte Schwermut über sie, die sie taub und blind machte gegen die Liebe, die man ihr so gern geboten hatte, mit der man sie umgeben wollte, sie, die so viel Liebe in ihrem Leben gegeben, darbte! Gott weiß es, wann sie zur Ruhe kommen wird, dann aber wird es eine köstliche Ruhe sein, aus der nichts mehr sie vertreiben wird. Nach dieser Heimat sehnt sie sich, auf diese Heimat wartet sie, und einstmals wird sie dort einziehen können, wo das Heimweh schweigen wird – in die Heimat für Heimatlose!   Ehe das liebe alte Haus für immer in fremde Hände überging, sollte der letzte Sommer uns dort noch einmal vereinigen. Wir sollten alle da sein, Hermann mit seinen sieben Kindern und seine Frau, Gustav mit den seinen, und ich mit Tante Fritzchen, unserer alten Ehrendame aus fröhlicher Jugendzeit, wurden erwartet. Zum letztenmal bestieg ich den wohlbekannten Postwagen und fuhr die alten Wege von der Bahnstation zum Städtchen. Was einem da alles durchs Herz geht, wer vermag es in Worte zu fassen! Die öde Landstraße wird lebendig, und um die alten Stationsgebäude lebt es, von tausend frohen Erinnerungen und verklärt sie. Hier, mitten auf der Landstraße, in dem hellen Sonnenschein, hatten wir bei einem Kruge, wo die Pferde Rast hielten, unser wackliges Tischchen gerückt; dort tranken wir fröhlich unsern Kaffee, unter Lerchenjubel, und Heu- und Kamillenduft. Es war, als läge noch etwas von unserm frohen Lachen, von unsern Liedern, auf allen Wegen, als zöge unsere Jugend mir entgegen auf der einsamen Straße, durch deren Stille nur das eintönige Läuten unserer Postglocken klang. Es war ganz dunkel, als ich frühmorgens in die Stadt kam. Fern am Horizont stand ein roter Schein, von einem fernen Waldbrand. Wir fuhren durch die lautlose Stadt, an den bekannten Häusern vorüber. Alles war still, alles schlief noch. Viele von denen, die wir gekannt, ruhten drüben auf dem Kirchhof. Wir hielten an der Hofpforte, Jenny erwartete uns, sonst lag noch alles im Hause im tiefen Schlaf. Dunkle Schatten lagerten in den stillen Räumen, durch die wir leise hinauf in mein Zimmer gingen. Lange stand ich oben schweigend am niedrigen Fenster und sah hinaus, bis das Morgenrot kam. Daß das Abschiednehmen so schwer sein würde, hatte ich doch nicht gedacht. Klappen der Tür, leidenschaftliches Murmeln von Kinderstimmen auf der Treppe weckte mich. Kleine Füße trippelten herauf, bald stand die ganze neugierige Kinderschar vor meinem Bett. Als ich sie anredete, erschraken sie, wurden verlegen und entflohen eilig, um dann den Eltern ganz enttäuscht zu verkünden: »Ach, die Tante ist ja eine ganz alte Frau!« Als ich dann zum Kaffee im Speisezimmer erschien, blieb ich in der Türe stehen, bewegt von dem Bilde, das sich meinen Blicken bot. Es war das alte vertraute Zimmer, noch immer an den Wänden Leonardo da Vinci's Abendmahl, und Kaiser Nikolai mit seiner Gemahlin. Der Tisch so weit gestreckt wie in alter Zeit, obenan Hermann und Gustav, mit ihren Frauen, und herum die acht Kinder, alle gesund, froh, lebendig, mit blanken hellen Augen in die Welt schauend. Da war wieder ein kleiner Hermann, ein kleiner Georg, Barthold. Willi, Hilde Lischen, Hans und die kleine blondlockige Hedwig, Gustavs Töchterchen, und alles schrie, lachte, jauchzte, fragte und wollte erzählen. Und über mich kam es plötzlich wie eine Erkenntnis: die Gegenwart gehört der Jugend! Wir mit dem Licht und Schatten unserer Erinnerungen müssen beiseitetreten und der Jugend ihr Recht lassen. Der Jugend gehört der Tag, die Gegenwart; wir haben unser Teil am Leben, unsere »leuchtenden Tage« gehabt. »Nicht weinen, weil sie vorüber, Lächeln, weil sie gewesen –« Und so ging der Schmerz in mir zur Ruh'; ich ließ der Gegenwart Helligkeit und Freude tief in mein Herz scheinen. Mit festen kleinen Händen griffen die Kinder nach ihrem Recht. Es war ein sprudelndes, fortreißendes Leben in ihnen; sie schleppten mich in den Garten, mir all ihre Herrlichkeiten zu zeigen, alles sprach durcheinander, stürmisch, betäubend; es war mir, als spräche jedes Kind mit doppelter Zunge, griffe mit mindestens vier Armen nach mir. Es gab auch überwältigend herrliche Sachen im Garten: Hütten und Gruben, Löcher und Verstecke. O weh! Hätte Onkel Hermann die Verwüstungen in seinem sorgfältig gepflegten Garten sehen können, was hätte er dazu gesagt! Die Hütte mitten im Kartoffelacker, Löcher in den Erbsenbeeten, ein Festungswall bei den Himbeersträuchern, auf der Wiese Rasensitze. Aber die Eltern wollten, daß der letzte Sommer »in Großvaters Garten« den Kindern gehören sollte, als herrliche, letzte Erinnerung! Und so war es denn auch. Das gab wieder ein Leben im alten Haus, wie die still gewordenen Räume, wie der Garten es lange nicht mehr erlebt. Jauchzende Kinderstimmen erfüllten die Zimmer, den Garten, Kinderfüße schleppten erbarmungslos Erde und Staub auf die weißen Holzdielen des Hauses, und die Freude wollte kein Ende nehmen, wenn wir Alten an ihren Spielen teilnahmen. Wieder lebten die alten Spiele unserer Jugend auf: »Räuber und Wanderer«, »Trievater«, »Letztes Paar heraus«. Wir versteckten uns hinter denselben Büschen und Bäumen, hinter denen wir uns als Kinder versteckt, und der Trievater wurde, wie die Tradition es erforderte, am Ahornbaum mitten im Garten angeschlagen. Dann kamen wieder ruhige Stunden, wo ich auf der Veranda saß, still in den lieben Garten hinausblickend, und das Auge auf Blumen und dunklen Baumwipfeln ruhen ließ. Ich horchte auf das Schwirren der Schwalben hoch oben in der klaren Luft, auf das Schlagen der Kirchenuhr, das so seltsam fern und traumhaft klang – aufs Fallen der reifen Apfel ins Gras und auf die fröhlichen Kinderstimmen, die aus der Tiefe des Gartens klangen. Und die Jahre schwanden – – – »Hermann! Georg!« rief eine Stimme im Garten. Träumte ich denn? Würde nicht jeden Augenblick Tante Adele auf der Schwelle der Verandatür erscheinen und mich fragen: »Kind, warum bist du so allein? Waren die Jungen unartig, daß du nicht mit ihnen spielst?« Abends, wenn es dämmrig war und die Lampe im Saal angezündet wurde, dann gab es ein Plauderstündchen mit den Kindern auf dem großen Eckdiwan. All die Kleinen saßen um mich gedrängt. »Nun erzähl'! Von allem, wie du klein warst und aus der Bodenluke sprangst, und wie Pappi ein kleiner Junge war. Und wie alles war, wie du Onkel Georgs Vögel losließest, und wie Großpapa war und Großmama!« Und ich erzählte: Abend für Abend stieg die Vergangenheit aus ihrem Grab, mit all ihrer Lust und Freude, und erfüllte das Haus mit ihrem Leben und ihrem Licht, und die Kinder jauchzten und jubelten bei all den frohen Bildern und begriffen es gar nicht, warum meine Stimme oftmals ganz leise wurde, als könnte sie nicht weiter. Abends, wenn die Kinder in ihren Betten lagen, mußte ich immer noch einmal zu ihnen hinein. Ich öffnete sacht die Tür, es war Georgs Zimmer, in dem all die kleinen Betten standen. Dort an der Wand war früher Georgs Krankenlager, darüber hing das Bild des übereifrigen, überverzagten Jüngers, der sich im Versinken im Wellensturm an des Heilands Hand klammert. Darunter war von Georgs Hand ein Schmetterling mit ausgespannten Flügeln gezeichnet. Jetzt stand Hänschen, des Jüngsten Bettchen, unter dem Bilde. »Ach! komm zu mir! Nein, zu mir!« rief es von allen Seiten, und: »Bitte, erzähl' noch etwas! aber etwas Lustiges!« Ach, nein! Hier konnte ich nichts erzählen, hier lebte noch zu stark der Jammer, hier sprach noch alles vom heißen Kampf, von den Schmerzen, die diese Wände geschaut, hier griff noch alles zu schmerzhaft nach meinem Herzen. »Nein, Kinder, ihr müßt schlafen,« sage ich und gehe zum Gutenachtkuß von einem Bettchen zum andern! Nun sind sie still. Ich trete noch einen Augenblick ans Fenster und blicke hinaus ins Abendrot. Ein kleine Vers fällt mir ein, den ich einmal las: »Das Abendrot bedeutet Scheiden Und Herzensnot und tiefes Weh!« Dann gehe ich leise aus dem Zimmer, noch einen Blick auf die Kinder. Nun ruhen sie alle in ihren Kissen, die hellen und die dunklen Köpfchen; Gott schütze euch vor Herzensnot und tiefem Weh! Auch ein Konzert gab es in dieser Zeit. Es sollte für Onkels Arme sein, die er so sehr geliebt. Kopf an Kopf war der Konzertsaal gefüllt; Hermann saß am Flügel, als mein treuer Begleiter. Und ich sang alle meine alten Lieder: Frauenliebe und Leben und Schön-Rothraut und noch viele andere. Der Jubel wollte kein Ende finden, immer wieder wurde ich aufs Podium gerufen, immer sollte ich noch etwas singen. »Nun ein Schlußlied,« sagte Hermann. »Sing: ›Aus der Jugendzeit‹.« »Das kann ich nicht,« sagte ich gepreßt. »Du kannst es!« sagte Hermann in seiner ruhigen, zwingenden Art. Und ich konnte es, und ich sang, und es gab nachher eine große Stille, und dann ein Sturm im Saal. Dann gingen wir heim. Am andern Tage gab ich einen großen Kaffee im Armenhause, mit frischem Weißbrot, vom Konzertertrag, und Jenny ging mit dem Rest der Einnahme ganz still spendend in manches Haus, dessen heimliche Not sie kannte, wie niemand sonst im Städtchen. Und dann kam der Tag der Abreise, für Hermann und seine Familie; es galt Abschied nehmen. Große Kisten standen im Hof, denn ein Teil der Möbel wurden verpackt, um in Hermanns Haus gebracht zu werden. Die Kinder trieben sich beglückt zwischen Stroh und Kisten umher, wir Erwachsene standen stumm dabei, als eine Sache nach der andern aus dem Hause getragen wurde. Wie seltsam ist doch der Mensch, daß er einem alten Stuhl nachtrauern kann, wenn er seine liebsten Menschen hat fortgeben müssen! Endlich war alles gepackt, der Reisewagen stand vor der Türe, die Kinder grüßten und winkten aus den Wagenfenstern, fort rollte die Kutsche, wir waren allein. – Die nächsten, die nun fortfahren mußten, waren das alte Tante Fritzchen und ich! Dann schlossen Jenny und ihre Nichte das Haus und übergaben die Schlüssel dem neuen Besitzer, und verließen das Städtchen. Noch blieben uns wenig Tage. Wir faßten uns an den Händen und gingen durchs stille Haus, das noch die Spuren der Kinder trug, die es mit so hellem Leben erfüllt hatten. Und noch einmal kam der Geist des Hauses über uns: nicht trauern, sondern froh und dankbar sein! Wir räumten das ganze Haus auf, aus allen Zimmern brachten wir die noch vorhandenen Möbel zusammen, um dem Saal ein wohnliches Aussehen zu geben. Aus dem Garten trug ich große Sträuße von Blumen und Herbstlaub und schmückte das Zimmer, die Ofen wurden geheizt, die Fußböden blendend weiß gescheuert. Draußen regnete und stürmte es herbstlich, wir aber saßen dicht beieinander. Der Vormittag fand uns meist an Tante Adeles altem Fensterplatz am Nähtisch. In den Öfen prasselte das Holzfeuer. Leise, leise fielen die Tropfen aufs Straßenpflaster, und das eintönige Geräusch ihres Fallens erweckte eine Stimmung, daß man wie eingelullt war in die Träume: »Die man in der Kindheit träumte.« Weitab lag das Leben, lag die Wirklichkeit, nur die Vergangenheit war da, schritt leisen Fußes durch die Räume, setzte sich zu uns und erfüllte unsere Herzen mit Friede und Freude. Erlaubte das Wetter es am Nachmittag, so deckten wir unsern Kaffeetisch im Garten unterm Ahornbaum, oder wir gingen auf den Kirchhof, und saßen dort bei unsern lieben Gräbern, – welch eine lange Reihe war es nun geworden! Wir schmückten die Hügel mit dem Schönsten, was unser Garten bot, aber auf Georgs Grab lag immer ein Strauß großer; blauer Glockenblumen aus Müntenhof, die er so sehr geliebt. Kamen wir heim, so brannte die Lampe schon auf dem runden Tisch im Saal, ich setzte mich auf den alten Eckdiwan, horchte auf die Stimmen, die aus der Küche zu mir hinüberdrangen, aufs Knacken des brennenden Holzes im Ofen, aufs Klappern der Teller, die die Magd Lena auf den Speisetisch zum Abendbrot stellte. Wie behaglich und friedlich das alles klang! Wie hell und freundlich der Schein der Lampe auf all den vielen gebrauchten Sachen des Zimmers lag! Sollte das nach wenig Tagen für immer zu Ende sein? Wie sie alle das Zimmer belebten, die Gestalten, die hier froh gewesen, die hier gelitten und geweint hatten, und die nun alle zu ihrem Frieden hatten einziehen dürfen, oder weit in der Welt verstreut waren. Und dann kam der Abschied vom Walde, von den Steinbrüchen. Es war ein trüber, herbstlicher Tag, als wir hinauswanderten. Grau und still war die Welt, voll Sterben und Abschiednehmen. Bei der Kanzel wurde Halt gemacht, das war die einzige Stätte, die unverändert geblieben war, die unzerstört von unsern Jugendtagen sprach. Eingestürzt war unsere Höhle, zerstört ›die Wiege‹, entwurzelt die Linde, und verschwunden der Rosenstrauch. Die Sonne war herausgekommen, der Wald war voller Licht, golden lag die klare Herbstsonne auf dem Waldboden; durch die Lust zogen glänzend silberne Herbstfäden. Wir pflückten die großen blauen Glockenblumen und weißen Maßliebchen, die auf langen Stengeln geheimnisvoll zwischen den Steinen blühten. Wir ruhten im Moos, aßen unser mitgebrachtes Vesperbrot, sprachen von alten Zeiten, schwiegen – und über uns lag es wie ein Zauber. Der Wald wurde lebendig, die Vergangenheit füllte ihn mit Sonnenschein und lieben Gesichtern, und die stille Welt mit Jubel, Lachen und Liedern. Endlich mußten wir an die Heimkehr denken, es dämmerte schon im Walde. »Nun geh' noch einmal auf die Kanzel,« sagte Jenny, »und singe!« Und ich saß oben, in meinem Schoß lagen die blauen Glockenblumen und weiße Maßliebchen, vor mir der Wald im Dämmerlicht eines frühen Herbsttages. Durch den Wald ging ein Schauern, wie von Sterben und Vergehen, und ich sang und sang. Über die dunklen Wipfel hin zog mein Singen, und mir war's, als sähe ich unter den Bäumen die Gesichter derer, die hier so gern meinen Liedern gelauscht. »Nun zum Abschied das Heimatlied,« bat Jenny, und ich begann: »O Heimatland, du liebes Land, Wie keiner je ein lieb'res fand –« Aber da brach meine Stimme schluchzend ab. Schweigend stieg ich zu den andern herab, und dann gingen wir schweigend heim. Und nun kam der letzte Tag. Es war Abend geworden, Jenny und ich fuhren noch einmal auf den Kirchhof. Es war eine traurige Fahrt, stürmisch, regnerisch und kalt, eine namenlose Traurigkeit erfüllte die Welt. Wir standen vor unsern Gräbern, ich hatte die letzten Glockenblumen auf Georgs Grab gelegt. »Schlaft ruhig, ihr Lieben, bis wir uns Wiedersehen!« Da brach der Mond durch die Wolkenwand, hell schien er auf Onkels Kreuz, ich beugte mich vor und las die Inschrift: »Ich glaube an eine Vergebung der Sünden, Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben. Amen.« Darunter: Dr. Hesse. Laut sprach Jenny den 103. Psalm. Die tapfere Stimme klang über die Gräber hin, durch das Brausen des Herbststurms. Dann fuhren wir heim. Früh am andern Morgen waren die Postpferde vor der Tür. Wir gingen durch den Garten, funkelnde, strahlende Sonne lag über den Beeten, Sträuchern und Bäumen. Dann noch ein Gang durch alle Räume des Hauses, noch einmal standen wir beisammen auf der Steintreppe, dann stiegen wir in den Postwagen, die Pferde zogen an, die Postglocken läuteten, so fuhren wir über den Marktplatz. An der Ecke, von der aus man das Haus noch einmal sehen konnte, wandte ich mich um. So sah ich es zum letztenmal in meinem Leben, klein, schief, mit seinem verblichenen gelben Anstrich. Aber wie groß und stark war die Liebe, die diese Räume umschlossen. Eine Liebe, so stark, daß ihre Ströme in weiteste Ferne gereicht, so hell und groß, daß sie vieler Leben licht und reich gemacht hatte. Glücklich ein jeder, in dessen Leben ein Strahl dieser Liebe hineingeleuchtet, und glücklich vor allem ich, die diese Liebe empfangen hatte, schon von meinen frühen Jugendtagen an. Meine Tränen versiegten: Mir war, als sähe ich über dem Hause ein Wort, in goldenen Lettern in den blauen Himmel geschrieben, und dieses Wort hieß: »Lobe den Herren, o meine Seele! Ich will Ihn loben, bis in den Tod!«   Ende.