Die Zwillingsschwester Lustspiel in vier Aufzügen von Ludwig Fulda     Stuttgart 1901 J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger G. m. b. H.     Personen. Orlando della Torre , Gutsherr von Albettone. Giuditta , seine Frau. Sandro , ihr Söhnlein. Graf Andrea Parabosco , Orlandos Gutsnachbar. Bartolommeo Valla , Maler und Baumeister. Renata Sismondi , Giudittas Schwester. Lelio , Orlandos Jägermeister. Lisa , seine Frau. Domenico , Verwalter. Beppo , ein Bauer. Angiolina , Cecca und Ghita , Zofen. Pietro , Diener. Dienerschaft. Ort der Handlung : Die Villa Orlandos, in der Nähe von Padua. Zeit : Sechzehntes Jahrhundert.     Erster Aufzug. Den Hintergrund bildet eine etwas erhöhte, nach vorn durch Vorhänge verschließbare Loggia mit freiem Ausblick in den Garten, zu dem in ihrer Mitte eine Freitreppe hinabgeht; mit dieser korrespondierend führen nach vorn einige breite Stufen in das Gemach herab. In der rechten und linken Seitenwand je zwei hohe, zweiflügelige Thüren; zwischen den Thüren: links Kamin, rechts ein Fresko, Diana als Göttin der Jagd darstellend, umgeben von ihren Nymphen. Rechts und links von den Stufen zwei Vasen auf marmornen Postamenten. Links vorn Tisch mit Stühlen; in der Mitte Diwan; an der Wand vorn links Ebenholzschrank. Statuen, Teppiche, Ziergeräte aller Art. Das Ganze macht den Eindruck der Neuheit, des Reichtums und der auf einheitlichem, künstlerischem Plan beruhenden Harmonie. Erster Auftritt. Valla (malt an dem Fresko rechts; ein paar Farbentöpfe neben ihm auf dem Boden). Lelio (hinter ihm stehend, sieht aufmerksam zu). Valla . So! Noch ein letztes Glanzlicht auf das Kleid – Hier einen Strich und dort – nun ist's vollendet; Das ganze Werk vollbracht. (Er legt den Pinsel fort.)                                           So rollt die Zeit Mit uns davon. 8 Lelio .                     Ihr habt sie nicht verschwendet. Wo jüngst noch dichter Wald, Gestrüpp und Moor Dem Jäger wie dem Hirsch den Weg versperrten, Ragt nun inmitten duft'ger Gärten, Von Eurer Hand gefügt, ein Schloß empor, So stolz und lustig . . . Valla .                               Schweigt, Herr Jägermeister, Wenn Ihr nicht etwa wünschet, daß der Groll Der aufgescheuchten Waldesgeister Mir nachts durch meine Träume spuken soll. Rachsüchtig ist dies Volk, wenn man's verbannt; Deshalb mit ihren dienenden Gestalten Malt' ich Diana hier auf diese Wand; Die Ehre, hoff' ich, wird sie schadlos halten. Lelio . Und heut noch brecht Ihr auf? Valla .                                             Noch heut. Lelio .                                                               Ihr weilt Zur Rast nicht einen Tag noch? Valla .                                             Knapp und karg Sind uns die Lebenstage zugeteilt, Und rasten werd' ich früh genug im Sarg. Ist mein Gepäck beisammen? Kist' und Kästchen Und Schachteln? 9 Lelio .                       Ja. (Auf die Farbentöpfe deutend.)                               Wünscht Ihr die Farben auch Dazu gepackt? Valla .                     Das wäre schnöder Geiz. Nein, Freund, ich überlass' Euch diese Restchen Als mein Vermächtnis für den Hausgebrauch. Lelio (lachend) . Sehr gütig. (Er nimmt die Töpfe, stellt sie in den Schrank vorn links.) Valla .               Habt Ihr einen Reiseknecht Mir aufgegabelt? Lelio .                       Ja; der harrt bereits Da draußen auf Besichtigung. Valla .                                         So recht! Ihr seid ein Tausendkünstler. Laßt ihn ein. Lelio . Ein Bauernlümmel von geringen Gaben. 's war in der Näh' nichts Besseres zu haben.         (Er geht zur Thür rechts hinten, öffnet sie und ruft.) He, Beppo, komm! 10 Zweiter Auftritt. Vorige . Beppo (von rechts hinten). Beppo (sieht sich mit blödem Staunen um) .                                 O, hier ist's aber fein! Heiliger Jakob! Valla .                     Guter Freund, sag an, Willst du mich bis Florenz begleiten? Beppo .                                                   Wann? Valla . Heut. Beppo .         Wie? Valla .                   Nun, willst du? Beppo .                                         Was? Valla .                                                   Mir folgen. Beppo .                                                                   Wo? Valla . Es scheint mir, du verstehst mich nicht. Beppo .                                                         Wieso? Lelio . Der Herr, du weißt doch, will dich zum Geleite. 11 Beppo . Jawohl. Valla .               Nun also! Kennst du Weg und Straßen? Beppo . Warum? Valla .                 Kerl, du bist blöd! Beppo .                                           Gewissermaßen. Lelio . Das Reden ist nicht seine starke Seite; Doch glaubt mir, was sein Amt ihm auferlegt: Wie man ein Saumpferd sattelt, füttert, striegelt, Gepäck zusammenschnallt und Kleider fegt, Darin vermag er Taugliches zu leisten. Valla . Wohlan, so werde gleich der Pakt besiegelt. Beppo . Wer fegt die Kleider? Ich? Valla .                                         Laß dein Gestammel! Dein Name? Beppo . Je nachdem. Valla .                       Wie heißest du? Beppo . Herr, je nachdem. 12 Valla (zu Lelio) .                 Unglaublich. Beppo .                                               Bei den meisten Da heiß' ich Beppo – Beppo gradezu. Jedoch mein Weib, die Lena, nennt mich Hammel. Valla . Solch holdes Vorrecht bleib' ihr unbenommen. Ich aber schließe mich in diesem Fall Der Mehrheit an: Geh, Beppo, in den Stall, Laß dir die Pferde zeigen, sattle sie! In kurzem werd' ich selbst hinunterkommen Und nach dem Rechten sehn. Verstanden? Beppo .                                                           Wie? Valla (heftig) . Hammel, die Pferde sollst du satteln! Beppo (grinsend) .                                     Ja, die Pferde. Verstehe schon. (Ab rechts hinten.) Dritter Auftritt. Valla . Lelio . (Dann) Giuditta . Valla .                         Gottlob, der süße Laut, Mit dem sein Weib ihn kost am warmen Herde, Drang ihm ins Herz und hat ihn aufgetaut. – Wo find' ich Eure Herrin jetzt? 13 Lelio .                                           Im Garten. Sie spielt mit Sandro Ball und Blindekuh. Vom Fenster schaut' ich eine Weile zu, Ein Anblick, um selbst einen wetterharten Waidmann wie Morgensonnenschein zu laben: Sie tollt und lacht und tummelt mit dem Knaben Sich um die Wette, hurtig wie der Wind, Schmiegsam wie 'n Reh, als würd' aus Herzensgrunde Mit ihrem Kinde wieder sie zum Kind. Valla . Und Euch macht sie zum Dichter. Lelio .                                                   Ist sie nicht Ein Engel? Valla .             Ich besitze wenig Kunde Von Engeln, ob ich viele gleich gemalt. Um Frau Giudittas heitre Stirne strahlt Kein Glorienschein und doch ein Himmelslicht; Denn unter allen irdischen Geschöpfen Rühmt schöner keins den schöpferischen Gott. Lelio . Wenn diese Frau mir sagt: Geh, laß dich köpfen, Dann wie zur Kirchweih lauf' ich zum Schafott. Giuditta (ist schnell, halb rückwärts gewendet, die Freitreppe heraufgekommen, vom Spiel erhitzt, einen Ball in der Hand. Sie trägt ein lichtes blaues Kleid; ihr Haar ist glatt gescheitelt, die Ohren halb bedeckend. Sie beugt sich über die Brüstung neben der Treppe und wirft den Ball hinab) . Fang, Sandro, fang! 14 Valla (zu Lelio) .                               Da kommt sie. Giuditta .                                             Wirf zurück! (Der Ball kommt zurückgeflogen. Sie fängt ihn und setzt das Spiel lachend fort.) Lelio . Wär' ich mein Herr, dann täglich auf den Knie'n Dankt' ich dem Himmel, der sie mir verliehn; Doch er . . . Valla .                 Ja, Freund, wir Menschen sind dem Glück Noch seltener gewachsen als dem Leid. Giuditta (hat Valla bemerkt, ruft ihm zu) . Meister Bartolommeo . . .         (Wieder nach dem Garten gewendet.)                                         Sandro, Schatz, Trag deinen Ball dort auf den Rasenplatz! Spiel jetzt allein! – Ich? – Ja, gewiß – nachher.         (Sie kommt über die Stufen herab nach vorn und gewahrt Lelio; erstaunt.) Wie, Lelio, du hier?         (Zu Valla.)                               Mein Freund, verzeiht.         (Zu Lelio.) Vorüber schon die Jagd? Und keine Kunde Ward mir von meines Gatten Wiederkehr? Ist er daheim? Lelio .                   Herrin, seit einer Stunde. 15 Giuditta (schmerzlich berührt) . Wirklich? – (Sich beherrschend.)                   Gereift grüßt mich Dianens Bild. Fast möcht' ich sagen: Leider! Denn Euch gilt Nicht das Geschaffne, Valla, nur das Schaffen, Und . . . (Zu Lelio, der sich zurückziehen will.)               Wart ein wenig, Lelio . . . so muß Vollendung den Vollender uns entraffen. Valla . Nicht zur Vollendung kam ich, doch zum Schluß, Das heißt, zu meines Könnens Grenzen. Was im Gemach, in Haus und Hof noch fehlt, Wird Euer eigner Feinsinn leicht ergänzen. Ein Wohnraum wird erst allgemach beseelt Vom Geist des Wohnenden. Solang nicht ringsumher Vielhundert liebgewordne Nichtigkeiten Des Lebens warmen Hauch verbreiten Und Plaudereckchen locken gleich Oasen, So lange sind gefüllte Säle leer, Wie noch von Blumen leer sind jene Vasen. Giuditta (nachdenklich) . Ihr habt wohl recht. Das kann so schnell nicht glücken. – Doch . . . Lelio, sag deiner Frau, sofern Sie Muße hat, sie soll zwei Sträuße pflücken. Lelio . Und bringen? Giuditta (auf die Vasen deutend) .                         Ja, hierher. 16 Lelio .                                       Das thut sie gern. (Ab über die Loggia, nach rechts.) Vierter Auftritt. Valla . Giuditta . Giuditta . Das muß der Neid Euch lassen, Ihr seid flink: Vom selbstgebauten Neste fliegt der Fink, Sein Liedchen trillernd, auf den fernsten Ast Und schaut, aus Furcht, man könnt' ihn wieder haschen, Nicht mehr zurück. Valla .                           Erschwert mir nicht die Last Des Abschieds, Frau Giuditta! Giuditta .                                       Heuchelei! Mit Zukunftsplänen voll sind Eure Taschen Und was Ihr etwa hier noch thut und sprecht, Geschieht im halben Traume – nebenbei. Ihr Künstler seid ein wunderlich Geschlecht: Von eurem Ehrgeiz täglich wundgegeißelt, Keucht ihr dahin zum wolkenfernen Ziel, Und Menschliches, das ihr nicht malt und meißelt, Dünkt euch ein wesenloses Schattenspiel. Valla . Ihr thut mir uurecht – und nicht minder Euch. Wie dürft' ich hoffen, wolkenhoch zu steigen, 17 Wenn nicht voll Andacht ich im Dorngesträuch Des Lebens spähte nach den Blütenzweigen? Erquickenderen Flor, als hier ich prangen sah, Gewahrt mein Malerauge nimmer: Ein edles Frauenbild, vom Rosenschimmer Des Mutterglücks verklärt. Giuditta (in leichter Rührung lächelnd) .                                         Mein Sandro – ja . .! Habt Ihr mit seinem neuen Ball Ihn spielen sehn? Valla .                       Euch hab' ich spielen sehn. Giuditta . Je nun, ich will's Euch nur gestehn: Ich würd', um seines Kinderlachens Schall Gleich einem holden Echo mir zu wecken, Auch vor noch größren Opfern nicht erschrecken. Wie glühend schon in ahnungsvoller Blindheit Die junge Seele nach dem Lichte schmachtet, Und wieviel Segen quillt aus heitrer Kindheit, Ich weiß es wohl; denn meine war umnachtet. Valla . Ist's möglich? Wer ins Aug' Euch blickt, beschwört, Daß unterm hellsten Glücksstern Ihr geboren Und alle Musen, Grazien und Horen Um Eure Wiege sich gedrängt. Giuditta .                                       So hört, Wie wenig Ihr mich kennt: Ein Meer von Gram 18 Mußt' ich durchkreuzen, bis ich heimwärts kam Zur stillen Flur des Frohsinns. Valla .                                           Welches Wehe Verhüllte diese reine Stirn in Schatten? Giuditta . Zerrissen früh ward meiner Eltern Ehe. – Als meine Mutter von Florenz dem Gatten, Ein halbes Kind noch, in sein Heimatland Sicilien gefolgt war, schmiegte dort, Von allen Ihrigen so weit verbannt, Ihr zartes Herz sich enger stets und fester An ihn, den einzig sichern Hort. Erfüllt ward ihre Sehnsucht; sie gebar Zu gleicher Stund' ein winzig zappelnd Paar: Mich und Renata, meine Zwillingsschwester. Doch nur, wer zählte, fand, wir wären zwei, Da wir einander glichen, wie ein Ei Dem andern gleicht, und Haupt, Gestalt und Mienen Wie durch ein Spiegelbild gedoppelt schienen. Die Amme hat uns zwanzigmal am Tage Vertauscht; sogar den Eltern schuf die Frage, Wie man uns zuverlässig unterscheide, Des Kopfzerbrechens lust'ge Qual. Nur ein Erkennungszeichen ward entdeckt: Renata trägt ein kleines Muttermal Ueber der linken Brust; doch wenn vom Kleide Dies angestammte Wappen war versteckt, Dann mußte scheitern jegliches Bemüh'n. 19 Drum flocht die Mutter noch in die Gewänder Der halb erwachs'nen Mädchen bunte Bänder; Rot hieß: Giuditta und Renata grün. Valla . Wohl Eurer Schwester, wenn sie heut noch immer So sehr Euch ähnlich blieb! Giuditta .                                   In meinem Zimmer Bemerktet Ihr ein Konterfei . . . Valla .                                               Ja – Eures. Giuditta . Es ist Renatas Bildnis, mir als teures Andenken jüngst von ihr gesandt. Valla .                                                 Fürwahr Erstaunlich! Giuditta .           Doch sie selber hab' ich nicht Erblickt seit meinem zwölften Jahr. Valla . Wie? Giuditta .     Mir und ihr ein schmerzlicher Verzicht! Jedoch wie heiß auch meine Sehnsucht brennt, Daß einmal wieder sie mein Arm umfasse – Wir sind durch eine weite Kluft getrennt: Sie lebt bei meinem Vater, den ich hasse! 20 Denn keinen Kummer giebt's und keine Schmach, Darin er nicht die Seinen hat verstrickt Mit zügellosem Leichtmut. Er zerbrach Die Gattentreue, wie man Schilfrohr knickt. Die Mutter trug es still, wenngleich tiefinnen Am Lebensmark die bittre Kränkung zehrte; Nur als zuletzt mit seinen Buhlerinnen Er ohne Scham das eigne Haus entehrte, Da trat sie vor den Richter unverweilt Und heischte Trennung. Doch um zu vermindern Sogar ihr heilig Mutterrecht, verlieh Der harte Schiedspruch ihr von ihren Kindern Nur eins: wie Barschaft wurden wir verteilt. Beim Gatten in Messina mußte sie Renata lassen; mich nahm die Beraubte Mit in die alte Heimat, nach Florenz. – So hab' ich vaterlos, dem teuren Haupte Im Elend als der letzte Trost geblieben, Vertrauert meines Daseins jungen Lenz, Bis ich Orlando kennen lernt' und lieben. Valla . Und wahrlich, doppelt ist er zu beneiden, Der Auserwählte, der so herbes Leiden So reich vergüten durfte! Giuditta .                               Nun gewährt Mir eine Bitte! Valla .                     Bittet nicht; begehrt! 21 Giuditta . Sofern ich recht verstand, geht Eure Reise Jetzt nach Florenz. Valla .                           In schnurgeradem Gleise. Giuditta . Dann sucht dort meine Mutter auf. Valla .                                                         Mit Freuden! Giuditta . Glaubt mir, Ihr werdet nicht vergeuden, Was Ihr von Eurer Zeit ihr gönnt. Bestellt Ihr meinen Gruß und sagt ihr . . .         (Sie sieht Orlando eintreten.)                                                   Mein Gemahl. Fünfter Auftritt. Vorige . Orlando (von links vorn. – Später) Sandro . Giuditta (scheinbar erstaunt) . Du bist daheim, Orlando? Orlando .                               Wie du siehst. Giuditta . Ich denk', du galoppierst durch Wald und Feld, Und mittlerweil' . . . Orlando .                         Ich war im Büchersaal. 22 Giuditta . Dort jagtest du nach Weisheit. Wenn man liest, Vergißt man allerlei. Orlando .                         Nur ein paar Bände – Die letzten – stellt' ich ordnend in ihr Fach. Nun strotzt von Ordnung jegliches Gemach, Und wie der Meister bin auch ich am Ende. Ermeßt Ihr, Valla, was mir heut entschwindet? Wie solch ein edler Bau, sinnvoll erdacht, Ersteht und wächst und aufstrebt, wie sich sacht Scheinbarer Wirrnis Form und Maß entwindet, Welch fesselnd Schauspiel! Ja, noch mehr: solang Ich Eures Werkes regsames Gedeih'n Eifrig belauscht, auch etwa mitberaten, Empfand ich kaum noch meinen Müßiggang, Und Euer Thun schien mir wie eigne Thaten. Valla . Die braucht Ihr wahrlich nicht von mir zu leih'n, Ihr, dessen Thatkraft, dessen tapfres Schwert In manchem harten Strauß den Sieg entschieden! Orlando . Der Krieg ist längst vorbei; wir haben Frieden. Zwar nie von Ehrsucht ward mein Herz verzehrt; Doch ich bin jung. Mein Leben gleicht dem Strom, Der ohne Wellenschlag im ebnen Bette Träg weiterschleicht. Der Papst wünscht mich in Rom. Was wär' ich dort? In seiner Höflingskette 23 Ein Zierat mehr. In Padua, Venedig Trägt man mir Aemter an; doch lieber sterben, Als meines Stolzes, meiner Freiheit ledig, Im Krämergeist und im Parteigezänk Erstickend, um die Gunst des Haufens werben! Die Städte hass' ich, acht' es als Geschenk Des Himmels, daß ich auf dem Land entsproß, Und dennoch, seht, ich ließ Euch dieses Schloß Nur bauen, um mir selber zu entfliehn, Der Einsamkeit des Alltags, den Gedanken, Die spinnwebartig Hirn und Herz umranken . . . Nun ist's vollbracht, und Nebelschleier zieh'n Schon wieder auf am grauen Horizont. Valla . Grau nennt Ihr ihn? Mir scheint er hell besonnt. Und einsam – Ihr? (Mit Blick auf Giuditta.) Giuditta (lächelnd) .       Einsam mit seiner Frau. Fünf lange Jahre schon vermählt! Da werden Die feuerreichsten Farben langsam grau. Orlando . Du spottest mein, Giuditta. Welcher Mann Bedarf nicht eines weitern Raums auf Erden, Als den ihm abgrenzt seines Hauses Bann? Und . . .         (Der Ball fliegt vom Garten über die Loggia herein.)               Was war das? 24 Giuditta .                             Der Ball des Kindes flog Ueber die Brüstung. Orlando (will fortfahren) .   Und . . . Valla (suchend) .                             Wo liegt er? Giuditta (deutet darauf) .                                   Hier. Sandro (ein etwa vierjähriger Knabe, kommt die Freitreppe herauf) . Mein Ball! Giuditta .         Da kommt der Knirps schon nachgesprungen. Sandro (nach vorn kommend) . Mein Ball! Valla (hat den Ball aufgehoben und hält ihn hinterm Rücken versteckt) .                   Ist fort. Sandro .                         Du hast ihn. Gieb ihn mir! Giuditta . Ich schäme mich, wie schlecht ich ihn erzog. Valla (hält den Ball plötzlich hoch) . Greif ihn! Sandro (mit vergeblichem Versuch) .                 Ich kann nicht. 25 Valla .                                     Einem rechten Jungen Wächst keine Frucht zu hoch. (Er wirft ihm den Ball zu.)                                             Da, Kamerad. Sandro (wirft ihn zurück) . Da, Kamerad. (Valla spielt weiter mit Sandro.) Orlando (heiter) .                       Valla, 's ist jammerschad: An Euch ging eine Kinderfrau verloren. Valla . Kein übeler Beruf. Orlando .                         Doch nicht für Männer. Komm her, mein Sohn!         (Er geht auf Sandro zu, der sich ihm zaghaft nähert, legt ihm die Hand aufs Haupt.)                                     Wenn du, mit ein paar Sporen Bewaffnet, einst auf einen Vollblutrenner Zu steigen bettelst, wenn dein Kriegersinn Erwacht und deine lernbegier'ge Hand Nach Lanz' und Schwert greift und die Armbrust spannt, Dann spiel' auch ich mit dir; doch bis dahin Hab' ich nicht allzuviel mit dir zu schaffen. Valla . Ich führe gern auch minder ernste Waffen. Nur leider muß für heute das Gefecht Beendigt sein. 's wird Zeit, mich umzuschauen, Wie's steht mit Sack und Pack; denn im Vertrauen: Ich warb mir einen Hammel an zum Knecht. 26 Giuditta . Wir sehn Euch noch? Valla .                                       Gewiß! Ich kehre wieder Zu feierlichem Abschied. (Ab rechts hinten.) Sechster Auftritt. Orlando . Giuditta . Sandro . Giuditta (nach einer kleinen Pause) .                                       Weißt du noch, Orlando, wie du täglich süße Lieder Der Sehnsucht mir gesandt? Orlando .                                   Ich weiß; jedoch Was soll das heut? Giuditta .                     Zuletzt vor sieben Tagen – Ich hab' genau gezählt – betrat dein Fuß Die Schwelle meines Zimmers. Du gehst jagen, Kehrst heim, und nicht einmal zu flücht'gem Gruß Gedenkst du meiner. Sandro .                           Mutter, spielen! Giuditta .                                                 Gleich. Orlando . Ich könnt' erwidern, daß auch mein Bereich Gemieden wird von dir. 27 Sandro (sie am Kleide fassend) . Kommst du? Giuditta .                                                 Gewiß. Orlando . Auf deinem weißen Zelter, wie vor Zeiten Du's oft gethan, zur Jagd mich zu begleiten, Wer hindert dich? Giuditta (auf Sandro zeigend) .                           Hier steht das Hindernis. Orlando . Ich . . . Sandro (ungeduldig weinend) .                     Mutter, spielen! Giuditta (sucht ihn zu beruhigen) .     Still! (Sandro weint stärker.) Orlando (ärgerlich) .                             Welch ein Geplärr! Ist hier die Kinderstub'? Sein eigen Wort Versteht man nicht. Schick doch den Jungen fort! Giuditta (mit leichtem Vorwurf) . Wie du befiehlst, gestrenger Herr.         (Sie nimmt das Kind bei der Hand und geht mit ihm zur Thür links hinten.) Sei artig; dann wird Cecca mit dir spielen.         (Sie hat die Thür geöffnet, spricht hinein.) 28 Cecca, nimm Sandro mit dir; gieb wohl acht: Er ist so wild. (Sandro mit Cecca, die auf der Schwelle erschienen ist, ab links hinten.) Siebenter Auftritt. Orlando . Giuditta . Giuditta .             Was andre selig macht, Orlando, soll's nach unsrem Herzen zielen Mit gift'gem Pfeil? Soll unser eigen Kind Entwurzeln unsre Liebe? Orlando .                             Grillenfang! Giuditta . O, daß die deine kränkelt, fühl' ich lang. Einst schien ich reizvoll dir; nun bist du blind . . . Orlando . Du irrst. Der Bräutigam, der girrt und schmachtet, Der freilich . . . Giuditta .                 Hast du nur das Kleid beachtet, Das heut ich trage? Orlando .                     Dieses lichte Blau Steht dir nicht sonderlich. 29 Giuditta .                               Bin ich zu alt Für helle Farben? Ist dir deine Frau Schon nicht mehr jung genug? Orlando .                                     So tausendfalt Quälst du mit leerem Luftgebild uns beide! Pietro (ist von rechts hinten aufgetreten) . Graf Parabosco fragt . . . Orlando .                               Ich lasse bitten. (Pietro ab.) Giuditta . Muß dieser plumpe Faun gerade jetzt . .! Orlando . Warum auch nicht? Was thut er dir zuleide? Er ist, wenngleich kein Cato just von Sitten, Ein Edelmann, und auf dem Land ersetzt Die Nachbarschaft des Umgangs freie Wahl. Achter Auftritt. Vorige . Graf Parabosco . Parabosco (von rechts hinten; mit geräuschvoller Munterkeit) . Ei, sakrament! Seit ich zum letztenmal Hier eintrat, welch ein Wandel! Fortgenommen 30 Gerüst und Leitern; alles blink und blank. – Nachbar, grüß Gott! Orlando .                       Nehmt Platz und seid willkommen. Parabosco . Wie geht es, holde Nachbarin? Giuditta .                                                 Schön Dank. – Ich lass' Euch meinem Gatten. Parabosco .                                   Ihr verschwindet? Die Sonne birgt uns geizig ihren Schein? Giuditta . Zwei Männer sind, wenn Freundschaft sie verbindet, Im Schatten manchmal gern allein. Wenn Ihr Orlandos Einsamkeit mitunter Durch ungehemmte Laune schmackhaft würzt, So werd' ihm diese Wohlthat nicht verkürzt. (Ab links hinten.) Neunter Auftritt. Orlando . Parabosco . Parabosco (sieht erst Giuditta nach, faßt dann Orlando ins Auge) . Das galt wohl Euch – dies kleine Strafgericht? Zum Kuckuck, Freund, Ihr blickt nicht eben munter: Ein echtes, rechtes Ehemannsgesicht! 31 Orlando (ausweichend) . Erzählt mir doch! Ihr waret in Venedig? Parabosco . Zwei Wochen lang, und jeder Tag ein Fest. Ja, – Gott sei meiner armen Seele gnädig! – 's ist ein verruchtes, wundervolles Nest. Wo lebt ein Weibsvolk, das mit Seel' und Sinnen So gradeswegs dem Höllenpfuhl entstammt? Hoch, dreimal hoch die Venetianerinnen; Mit gleicher Glut lieb' ich sie insgesamt! Die blonden, braunen, schwarzen, roten, Sie haben all', gutherzig wie sie sind, Dem Hagestolz viel Freundlichkeit geboten, Und – im Vertrau'n – ein schönes Kind Ist mir gefolgt ins heimische Gemäuer, Ein allerliebstes kleines Ungeheuer: Das Plappermäulchen steht ihm niemals still; Es zirpt durch meines Schlosses öde Gänge, Tanzt, nascht und lacht, schlürft süßen Wein in Menge Und stellt mein Weibchen vor, solang ich will. Orlando . Ihr habt ein glückliches Gemüt. Parabosco .                                             Nun freilich. Ihr hattet's auch einmal. 's ist unverzeihlich, Wie nun voll Trübsal Ihr die Flügel senkt. Orlando . Der besten Frau hab' ich mein Herz geschenkt Und bin geliebt. Parabosco .             Ein Schuft, wer's Euch nicht glaubt. Ja – wenn nicht Ehemänner überhaupt Mich dauerten – Ihr traft's noch gut genug; Und dennoch . . . Orlando .                     Dennoch fürcht' ich zu ersticken! Dies ist das Rätsel, das mit wirren Stricken Mich fest umschnürt bei jedem Atemzug. Der zarte Duft, der überm jungen Tag Der Liebe wie ein goldner Schleier lag, Der Schmelz, der alle Wolkensäume Mit zauberischem Frührot überzogen, Die Dämmerung der Sehnsucht ist verflogen. Kein süß Geheimnis mehr zieht meine Träume Zur Mutter meines Kindes; nein, sie locken Ins Unbekannte, wo der Purpurstreif Des neuen Morgens flammt! – Parabosco .                                   Dies Rätsel scheint Mir äußerst klar, und wenn ich kurz und trocken Es lösen soll, dann sag' ich: Ihr seid reif, Reif bis in Eures Herzens tiefste Falten, Und was Euch lockt, das ist der böse Feind, Listig verkappt in tausend Weibsgestalten. Zum Henker auch, Herr Tugendbold, Greift zu, wenn die Gelegenheit Euch hold. Der ehelichen Lieb' ihr volles Maß! Die steht auf einem andern Blatte; 33 Nur nebenbei manchmal ein flotter Spaß: Der Mann ist doch ein Mann, nicht nur ein Gatte. Orlando . Ich leugn' es nicht, ein wilder Freiheitsdrang Durchbebt mich oft . . ! Dem altgewohnten Zwang Nur auf ein Weilchen frohgemut entrinnen . . . Parabosco . Die Welt ist weit, damit man sie durchtolle: Gebt Eurem Roß die Sporen; trabt von hinnen! Orlando . Wohin? Parabosco .           Da liegt's; Ihr klebt an Eurer Scholle. Doch, Wetter, wenn Ihr gern die Reise spart, Schickt Eure Frau mit feierlichem Segen Auf irgend eine fromme Pilgerfahrt Und bleibt am Ort! Orlando .                     Das ließe sich erwägen. Parabosco . Ihr seht an meinem Beispiel: überall, Wo man sich unterhält, ist Karneval.         (Mit vertraulich gedämpfter Stimme.) Denkt, wenn wir beide, so wie einst . . . (Lisa ist über die Loggia von rechts her aufgetreten; sie trägt in jeder Hand einen Strauß loser Blumen, die sie während des Folgenden in die beiden Vasen stellt und sorgfältig ordnet.) 34 Zehnter Auftritt. Vorige . Lisa . Parabosco (sie gewahrend) .                           Schau, schau! Was flog da für ein hübscher Schmetterling Herein? Orlando .               's ist meines Jägermeisters Frau. – Lisa, was giebt's? Lisa (verlegen lachend) . Hähä! Parabosco .                         Ein goldig Ding. Lisa (mit leichtem Stottern) . Die . . . Blumen für die . . . Vasen. Orlando .                                             So? Schon gut.         (Zu Parabosco.) Ein wenig stottert sie. Parabosco .                       Thut nichts. Orlando .                                             Indessen, Hübsch ist sie, das ist wahr. Parabosco .                               Wie Milch und Blut, Und dieser Blick, als ob aus Feueressen Die Funken sprühn! 35 Orlando .                       Wie? Parabosco .                             Der gilt Euch. Orlando (lachend) .                                       Mag sein. Parabosco . Holla, das ist wohl gar ein Stelldichein, Ihr Heuchler? Orlando .               Keineswegs. Parabosco (aufbrechend) .             Ich will nicht stören. Orlando . Was denkt Ihr! Parabosco .                       Wetter, ich an Eurer Statt . . . Orlando . Bleibt! Parabosco .           Bleiben soll man, während man zu Haus Ein kleines Ungeheuer sitzen hat! Eil' ich nicht heim, den Sturm noch zu beschwören, Dann kratzt der Kobold mir die Augen aus.         (Im Vorbeigehen kneift er Lisa in die Wangen.) Lisa (ihn abwehrend) . O . . . nicht doch! (Parabosco ab rechts hinten.) 36 Elfter Auftritt. Orlando . Lisa . Orlando (hat Parabosco bis zur Thür geleitet, kehrt um und sieht Lisas zu) .                               Deine Blumen duften frisch Und würzig, Lisa. Lisa .                           Ja, die . . . roten Rosen Sind heut erst . . . aufgeblüht. Orlando .                                     Und kosen Schon mit den Lilien verführerisch. Lisa . Hähä . . . Orlando .         Als wär' ein Brautgemach die Vase, Verströmen sie der Sehnsucht schwülen Hauch. Lisa . Der . . . gnäd'ge Herr hat eine . . . feine Nase. Orlando . Und weißt du wohl, daß deine Lippen auch Zwei Rosen sind, liebreizender als alle? Lisa (mit naiver Selbstfreude) . Ja, Lelio sagt oft, ich . . . wär' ein Englein Und hätt' 'nen . . . Zuckermund. 37 Orlando .                                         Und Pfirsichwänglein. Lisa . Hähä, mir scheint . . . Orlando .                             Was scheint dir? Lisa .                                                             Ich gefalle Dem gnäd'gen Herrn. Orlando (rasch und halblaut) . Wie sehr du mir gefällst, Dies zu bezeugen wär' ich gern beflissen, Wenn du mich auf die Probe stellst. Lisa . Doch . . . Lelio . . .? Orlando .                           Der braucht's ja nicht zu wissen. Lisa . Ihr spaßt, hähä. Orlando .                   Beredter als mein Wort Soll stumme Sprache . . .         (Er umfaßt sie schnell und küßt sie.) (Giuditta ist in der Thür links hinten erschienen, ohne von den beiden bemerkt zu werden.) Lisa (sich losmachend) .             Nicht doch! Ich muß fort. (Sie läuft über die Loggia nach rechts davon.) 38 Zwölfter Auftritt. Orlando . Giuditta . Giuditta (mit leisem Stöhnen) . O! Orlando (sieht Lisa nach, wendet sich dann um und gewahrt Giuditta; unsicher) .       Grad, Giuditta, wollt' ich . . . Bald verlassen Hat mich der Graf. Giuditta (scheinbar unbefangen) .                               Du bist schon lang allein? Orlando (verwirrt) . Ich? Ja . . . das heißt . . . nur Lisa kam herein Und brachte Blumen. – – Zauberhaft, nicht wahr, Die roten Rosen? Giuditta .                   Und noch mehr die blassen. Orlando . Seltsam! Erst heute wird mir offenbar, Wie reich mein eigner Garten. Berg und Thal Und Wald sind mir vertraut; ihm blieb ich fern. Sein Eigentum zu kennen, ziemt dem Herrn: Begleitest du mich wohl? Giuditta .                             Ein andermal. (Orlando ab über die Freitreppe in den Garten.) 39 Dreizehnter Auftritt. Giuditta . (Dann) Valla . Giuditta (allein, in höchster, leidenschaftlicher Erregung, die Worte tonlos und abgerissen hervorstoßend) . Dort – er – kein Traum – kein Spuk . . . All meinen Glauben, All meine Lieb' . . .         (Sie thut einige rasche Schritte, ruft ihm mit halb erstickter Stimme nach.)                               Orlando! (Sich besinnend.)                                             Nein – so nicht!         (In fassungslosem Schmerz.) Vorbei – verloren – o!         (Sie sinkt auf einen Stuhl am Tisch und bricht in Thränen aus.) Valla (in reisefertiger Ausrüstung, den Degen an der Seite, von rechts hinten) .                                   Hier kommt ein Reitersmann, Gestiefelt und gespornt; die Pferde schnauben, Bepackt mit meiner Schätze Vollgewicht, Und beißen in die Zügel. Nun wohlan . . .         (Er ist näher getreten; erschrocken.) Hilf Gott, was ist Euch? Thränen? Was geschah? Giuditta (ringt nach Worten) . Vergebt, ich bin . . . ich wurde . . . Valla .                                                 Nein, zu fragen Hab' ich kein Recht. Und doch – von solchem Leide 40 Gefoltert Euch zu wissen, nun ich scheide, Euch, deren Bild auch in der Ferne nah, Den Glanz von allzu rasch entschwundnen Tagen Mir sollt' in heitrer Leuchtkraft überdauern – Denkt Ihr, ich trüg's mit Gleichmut? Giuditta .                                               Nein, Ich weiß . . . O Valla, Freund, in diese Mauern, Die Ihr gebaut, zog nicht das Glück mit ein. Denn heute . . . (Mit versagender Stimme.)                         Nein, ich kann nicht . . . Valla .                                                           Mir vertrau'n? Giuditta . Wem sonst als Euch? Ihr seid mein Freund. Valla .                                                                       Ich bin's. Giuditta . O, was beginn' ich? Valla .                                   Sprecht, ich bitt' Euch drum! Giuditta .                                                                         Ein Grau'n Lähmt mir die Zunge. Valla .                               Ich beschwör' Euch, redet! Auch höchste Not, wenn unbefangnen Sinns Ein klares Freundesauge sie befehdet, Weicht scheu zurück vor dem vereinten Trutz. 41 Giuditta (mit leidenschaftlichem Ausbruch) . Warum, o Mutter, blieb ich nicht bei dir? Fest an dich angeschmiegt, damit aus deinem Schutz Kein falscher Männerschwur mich je vertriebe! Verloren hab' ich meines Gatten Liebe, Und dein Geschick, o Mutter, droht auch mir! Valla . Ist's das? – Gar leicht kann ein erregt Gemüt Des Argwohns Gift aus blauem Aether fangen . . . Giuditta . Jetzt eben, hier, mit meinen eignen Augen Hab' ich's gesehn – dürft' ich sie Lügner schelten! – Er, einst von lautrem Feuer so durchglüht, Daß er gelobte, jede kleinste Huld Durch ungemeßnes Glück mir zu vergelten, Daß er im Krieg, des Herzens Ungeduld Mehr scheuend als den Tod aus Feindeshänden, Allnächtlich über das Gebirge ritt, Nur um den Morgengruß emporzusenden Zu meinem Fenster, hochbeseligt schon, Wenn eines Lächelns Strahl herniederglitt – Er, dieser selbe Mann – noch sind entflohn Fünf Jahre kaum – läuft nun im Ueberdrusse Der ersten besten Larve nach Und spitzt den Mund, der Treue mir versprach Mit heil'gem Eid, zu lästerlichem Kusse! Valla . Ihr saht . . .? 42 Giuditta .                 Wär's noch 'ne Venus, eine Fee, Ein Wesen, sinnbethörend ohnegleichen, Glaubt mir, das thäte mir nicht halb so weh! Ich dächt': Ein Zauber ist's, und der kann weichen, Schnell, wie er kam, im Guten und im Bösen. Doch diese . . . Valla .                     Wer? Giuditta .                         Das Weib des Lelio, Ein Ding, unwissend, läppisch, dumm wie Stroh, Nicht wert, der Schuhe Riemen mir zu lösen, So bergtief unter mir, daß ich mit Schauder Den Abgrund zwischen ihr und mir durchwandre, Mich fragend: Was hat er an mir vermißt? Ihr Kichern? Den plumpen Gang? Das stotternde Geplauder? O nein, ihr kann nur eins den Vorrang sichern: Daß sie nicht ich ist, sondern eine andre – Just wie ein Knabe für ein neues Spiel Gelassen in den Winkel wirft das alte. Er will den Tausch, den Wechsel nur, gleichviel, Um welchen Preis! Valla .                           Er will. Da scheint's mir nötig, Daß man sein Wollen an der Kette halte Und so das Raubtier hindre, loszubrechen. Nur ist dem Freund, wie gern er auch erbötig Zu jedem Dienst, hier keine Macht vergönnt. 43 Vor diesem Schreckgespenst Euch sei'n – das könnt Nur Ihr. Giuditta .       Ich kann noch mehr; ich kann mich rächen! Bin ich nicht jung? Bin ich nicht hübsch? – Ihr schweigt? Valla . Die Antwort kennt Ihr selbst. Giuditta .                                       Nein, sagt mir ehrlich: Wenn ich den Weg, den mir sein Beispiel zeigt, Beschritte, würde mir Begleitung fehlen? Valla (enthusiastisch) . Selbst einem Heiligen wärt Ihr gefährlich!         (Sie wechseln einen Blick, der beide verwirrt. Mit rascher Fassung.) Doch diesen Weg – nie werdet Ihr ihn wählen. Giuditta . Meint Ihr? Valla .                       Ich weiß es. Giuditta .                                     Wenn er mich verrät, Dann ihm zur Strafe . . . Valla .                                   Nicht auch Euch zur Reue? Die würd' am härtesten Euch selbst bestrafen. Euch würdet Ihr erniedern und – den Sklaven, 44 Den Ihr zum Rachewerkzeug ausersäht. Denn Eures Lebens Wurzel ist die Treue. Ihr liebt nur einen, werdet immerdar Ihn lieben, ihn allein. Giuditta .                         Ach, es ist wahr – Ich lieb' ihn! Könnt' ich doch mit Zauberkunst Den Reiz von allen Frau'n auf mich vereinen, Um wieder ihm so liebenswert zu scheinen, Wie da zuerst er warb um meine Gunst! Hätt' ich doch jeder ein Geheimnis abgelernt, Ihm Stund' um Stunde köstlich zu verzieren! Denn seht, was fing' ich an, von ihm entfernt? Ihn halten will ich, darf ihn nicht verlieren! Und Sandro! Du mein Gott, ist's nicht genug, Daß ich in so viel bittren Jahren Der vaterlosen Jugend Elend trug? Gott, hilf mir, meinem Kind es zu ersparen! Valla (bewegt) . Ein gut Gebet. Keins wüßt' ich, das Erfüllung So sehr verdient. – Und nun hört meinen Rat: Zunächst – von dem, was heut Ihr saht, Sagt Eurem Gatten nichts. Der Schuld Enthüllung Bestärkt ertappter Sünder Trotz und List. Sodann, wie wär's, wenn Ihr für kurze Frist Euch von ihm trenntet? Euren Reiz und Wert Verdunkelt ihm Gewohnheit; angezündet Wird ihm ein Licht, sobald er Euch entbehrt. 45 Giuditta . Ihr glaubt . . .? Valla .                             Schon Euer Vorsatz, keck verkündet, Zu reisen, möglichst weit, wird seinem Geist Vielleicht den Star, an dem er krankt, vertreiben, So daß er selbst Euch zärtlich mahnt, zu bleiben. Giuditta . Und wenn er freudig zustimmt? Valla .                                                     Nun, so reist Und seid gewiß . . . Vierzehnter Auftritt. Vorige . Lelio . (Gleich darauf) Orlando . Lelio (von rechts hinten, bleibt in einiger Entfernung stehen) .                                 Herr, jetzt . . . Valla (zu Lelio, zustimmend) .                       Ja, höchste Zeit! Lelio . Ihr müßt scharf traben, wenn Ihr noch vor Nacht Wollt in Rovigo sein. Valla .                             Ich bin bereit.         (Sich zu Giuditta wendend, halblaut.) 's ist besser so für Euch und mich. 46 Giuditta (halblaut, auf den eintretenden Orlando zeigend) .                                                     Habt acht: Da kommt er. (Orlando ist aus dem Garten zurückgekehrt; er hält einen Blütenzweig in der Hand, mit dem er verträumt spielt.) Valla (geht auf ihn zu) . Nehmt den letzten Gruß entgegen, Mein Gönner . . . Orlando (zerstreut) .     Richtig . . . Geht Ihr? Valla .                                                         Höchst verlegen, Wie meinen Dank ich formen soll. Ihr habt Mit so viel Güt' und Nachsicht mich erduldet . . . Orlando . Sprecht Ihr von Dank – nicht Ihr seid's, der ihn schuldet; Denn weniger empfingt Ihr, als Ihr gabt. Wann reist Ihr von Florenz nach Rom? Valla .                                                         Sobald Geschäfte, die zu flücht'gem Aufenthalt Mich zwingen, abgethan. Orlando .                               So bringt, ich bitte, Dem heil'gen Vater meiner Ehrfurcht Zoll. 47 Valla (zu Giuditta) . Und Eurer Mutter in Florenz, was soll Ich ihr bestellen? Giuditta .                   Daß ich Sehnsucht litte – Sehnsucht nach ihr . Sagt ihr nur dies. Valla .                                                     Nur dies.         (Mit Betonung.) Doch daß ich ihren Eidam unverhohlen, Solang ich hier verweilte, glücklich pries, Füg' ich hinzu. Giuditta .               Lebt wohl! Orlando .                                 Seid Gott befohlen! (Er geht mit ihm bis zur Thür. – Valla ab rechts hinten; Lelio folgt.) Fünfzehnter Auftritt. Giuditta . Orlando . Giuditta (ruft) . Orlando! Orlando (sich ihr langsam nähernd) .                 Ja – du wünschest? Giuditta .                                       In zwei Wochen Ist meiner Mutter Namenstag. Sie zu besuchen hab' ich oft versprochen . . . 48 Orlando (erwartungsvoll) . Nun, und? Giuditta .         Was wäre deine Meinung, sag, Wenn ich, dem eignen Drang gehorchend, endlich Einlöste mein Versprechen? Orlando (seine angenehme Ueberraschung bemeisternd) .                                           Das erschiene Mir als dein heilig Recht. Giuditta .                               So stimmst du bei, Daß ich auf einen Monat oder zwei Dich und dies Haus verlasse? Orlando .                                     Selbstverständlich. Giuditta (schmerzlich) . Du hältst mit keinem Wort, mit keiner Miene Mich hier zurück? Orlando .                     Bin ich denn ein Tyrann, Der einer Tochter frommen Vorsatz kleinlich Vereiteln möchte? Giuditta (trotzig) .         Gut, so reis' ich! Orlando .                                             Wann? Giuditta . In ein paar Tagen. 49 Orlando .                             Unsern Valla wirst Du wohl noch treffen in Florenz. Giuditta .                                         Wahrscheinlich. Orlando . Die Mutter und den Freund – was willst du mehr? Giuditta (erfreut) . Orlando, das ist Eifersucht! Orlando .                                 Du irrst. Nach solchem Wahnwitz trag' ich nicht Begehr. Giuditta (enttäuscht) . Nicht? Orlando .   Keinen Mann halt' ich für so vermessen, Daß er nicht Frau Giudittas Tugend scheut Und Herrn Orlandos Degen. Drum . . . Giuditta (schnell) .                                       Noch heut Schreib' ich der Mutter . . . Orlando .                                 Halt, beinah hätt' ich vergessen . . . Giuditta . Was? Orlando (in seinen Taschen suchend) .                   Einen Brief. 50 Giuditta .                               Für mich? Orlando .                                               Ja, den zuvor Ein Bote mir gereicht durchs Gartenthor. Giuditta . Du bist seit kurzem wunderlich zerstreut.         (Orlando hat den Brief hervorgezogen; sie greift danach.) Gieb! – Aus Messina. Meiner Schwester Schrift! –         (Sie öffnet rasch und liest.) Orlando . Nun? Giuditta .           O, du trautes Herz! – Das übertrifft Der Hoffnung kühnsten Traum. Orlando .                                         Darf ich erfahren . . .? Giuditta . Renata kommt hierher! Orlando .                                     Hierher? Giuditta .                                                   Sie schreibt, Daß ihr Verlangen, mich nach dreizehn Jahren Wiederzusehn, sie machtvoll nordwärts treibt! Entschlossen ist sie, baldigst anzutreten Den weiten Weg. 51 Orlando .                   Zur See? Giuditta .                                 Nein, über Land.         (Sie reicht ihm den Brief.) Lies nur! Orlando (in den Brief blickend) .                 Sie kommt auch mir nicht unerbeten. Schon lang – du weißt es – bin ich höchst gespannt, Dein Ebenbild zu schau'n, dein zweites Ich, Nachprüfend, was die Fama von euch beiden Und eurer Doppelgängerschaft erzählt. Es wäre doch fürwahr absonderlich, Könnt' ich sogar, obgleich mit dir vermählt, Die Schwester von der Frau nicht unterscheiden. Giuditta . Renata kommt! Wie strömt schon im voraus Ein warmes Wohlgefühl durch alle Glieder! Ich will sie halten, hegen; niemals wieder Soll sie zurück ins liebeleere Haus Des Vaters ziehn! So treibt das bunte Leben Sein Spiel auch mit dem reiflichsten Entschluß: Die Reise nach Florenz, die mir noch eben Durchaus unwiderruflich galt, nun muß Ich sie vertagen. Orlando .                   Mußt du das? Weswegen?         (Giuditta sieht ihn erstaunt an.) Bedenk, Sicilien ist weit entlegen. 52 Du kannst zu deiner Mutter Namenstage Gemächlich reisen und hierher zurück, Bevor Renata nur das kleinre Stück Des Wegs durchmessen kann. Giuditta .                                       Das wär' die Frage. Ein Segel bringt sie binnen Wochenfrist Leicht bis Venedig. Orlando (deutet auf den Brief) .                               Doch hier steht: »Ich wähle Den Weg zu Land.« Giuditta (in den Brief hineinsehend) .                                 Ein Wort steht noch dabei: »Vermutlich.« Orlando (etwas verwirrt) .                       Ja – vermutlich. – Einerlei, Du siehst . . . Giuditta .               Ich sehe, wie besorgt du bist, Daß ich bei meiner Mutter Fest nicht fehle. Orlando (lebhaft) . Und obendrein, Renatas Straße führt Quer durch Toscana. Wird sie dort nicht rasten? Wird in Florenz, von Sehnsucht unberührt, Am Haus der Mutter sie vorüberhasten, Die just so lang von ihr getrennt wie du? – Nein, reise nur beruhigt ab; ich wette, Ihr trefft einander dort. 53 Giuditta .                             Du glaubst, ich hätte Nur einen Tag, nur eine Stunde Ruh', Spräch' unterwegs zu mir ein stetes Bangen: Sie pocht vielleicht an meine Thüre jetzt, Und ich bin ferne! Orlando .                     Diesen Fall gesetzt, Bin ich nicht da, sie würdig zu empfangen? Giuditta (mit verändertem Gesichtsausdruck, einem plötzlichen Gedanken nachgehend) . So? Meinst du? – Orlando .                     Ja. – Was ist dir? Giuditta .                                               Nichts. – Fahr fort. Würdig empfangen willst du sie? Orlando .                                         Mein Wort! Giuditta . Und ich . . .? Orlando .                       Wenn sie vernimmt, welch fromme Pflicht Dich kurze Zeit entführte, wird sie nicht Beifall dir zollen und sich unverdrossen Gedulden bis zu deiner Wiederkunft? 54 Giuditta (innerlich zur Klarheit gelangt, mit einemmal fest und heiter) . Weiß Gott, in deinen Reden liegt Vernunft! Orlando . Du reisest? Giuditta .                   Unbedingt; nun ist's beschlossen. Orlando . Sehr klug. Giuditta .                 Nicht wahr? Und ganz nach deinem Sinn. Wir armen Frau'n, wo kämen wir doch hin, Wenn überlegner männlicher Verstand Nicht immerfort uns hielt' am Gängelband. Was mir verworren schien, du hast's gelichtet: Die Mutter wird den wackren Eidam loben, Der ihr zulieb so gern auf mich verzichtet, Und kommt Renata, gut, so mag sie hier Ein Weilchen harren; weiß ich doch: bei dir Ist sie vortrefflich aufgehoben. Nur keine Zeit verloren! Bald von hinnen Heißt bald zurück. Mit rascher Vorbereitung Des Aufbruchs werd' ich drum sogleich beginnen. Orlando . Und wen willst du zur schützenden Begleitung Dir ausersehn? 55 Giuditta .                 In keines andern Hut Würd' ich so sicher mich geborgen wissen, Als . . . Orlando .     Sprich! Giuditta .                 Jedoch du wirst ihn ungern missen. Orlando . Wen? Giuditta (ihn scharf ansehend) .                   Lelio. Orlando (mit lebhafter Zustimmung) .                             Der scheint auch mir der Rechte! Giuditta . Du könntest ihn entbehren? Orlando .                                           O, sehr gut! Giuditta . Den Jägermeister? Orlando .                             Nimm ihn mit! Giuditta .                                                   Ich dächte, Die Jagd ist dir wie Licht und Luft. Orlando .                                             Wohl wahr; Nur bin ich Manns genug, allein zu jagen. 56 Giuditta . So? – Orlando .           Nimm getrost ihn mit! Giuditta .                                             Das will ich thun. – Hab Dank! Du löstest alle Zweifelsfragen; Ich bin belehrt und sehe sonnenklar. Orlando . Besprich mit ihm . . . (Er sieht Lelio eintreten.)                                         Hier ist er selbst. Sechzehnter Auftritt. Vorige . Lelio (von rechts hinten). Lelio .                                                                   Herr . . . Orlando .                                                                             Nun? Lelio . Ein richtig Satansvieh, der neue Rapp'. Orlando . Wieso? Lelio .                   Manch Vollblut hab' ich zugeritten; Doch dieser Racker warf mich dreimal ab. Orlando (geht nach hinten) . Den laß nur mir! Ich lehr' ihn sanftre Sitten.         (Lelio will ihm folgen.) 57 Nein, bleib und hör aus meiner Gattin Mund, Zu welchem Ehrenamt man dich erkoren. (Ab rechts hinten.) Siebzehnter Auftritt. Giuditta . Lelio . (Zuletzt) Sandro . Giuditta (rasch, mit merklicher innerer Erregtheit) . Ja, höre, Lelio! Lelio .                     Mit beiden Ohren. Giuditta . Tritt näher. Lelio .                         Was befehlt Ihr? Giuditta .                                               Hab' ich Grund, Zu glauben, daß du redlich mir ergeben? Lelio . Vom Scheitel bis zur Sohle bin ich Euer; Ich geh' für Euch durchs Wasser und durchs Feuer, Und hätt' ich ein paar Dutzend Leben, Ich würfe sie, wenn Ihr's begehrtet, fort Wie Handschuh'! Giuditta .                   Wohl, ich nehme dich beim Wort. Erweise dich des hohen Zutrau'ns wert, 58 Das ich, gedrängt von meiner Herzensnot, Dir schenken will. Lelio .                         Sagt mir, was Euch beschwert: Mit zwanzig Drachen nehm' ich's auf! Giuditta .                                                 Sehr wacker. Ich will nicht deinen, noch der Drachen Tod; Nur schweigen sollst du. Lelio .                                   Wie ein Gottesacker. Giuditta . Kein Sterbenswort zu Lisa! Lelio .                                             Gott bewahr'! Giuditta . Versprich's! Lelio .                         Ich hänge mir ein Mundschloß an. Giuditta . Schwör mir . . . Lelio .                             Ich schwöre. Giuditta .                                             Wisse denn, es droht So dir wie mir gemeinsame Gefahr. 59 Lelio . Uns droht Gefahr? Von wem? Giuditta .                                         Von meinem Mann Und deiner Frau. Lelio (erst allmählich verstehend) .                           Wie? Was? Der Herr . . . Verdammt! Ist dies vielleicht das Ehrenamt, Von dem er sprach? Giuditta .                       Er ahnt nicht, daß ich's merkte. Lelio (aufgeregt) . Was merktet Ihr? Was ist geschehn? Giuditta .                                               Noch nichts. Daß aber heut sich die Gefahr verstärkte, Steht leider fest. Lelio .                       Potz Hagel! Ei potz Hagel! Lisa, mein Weib, mein Täubchen in der Schlinge! Ihr Herz ist gut; doch an Verstand gebricht's. O, wenn sie mich aus Dummheit hinterginge, Das wär' zu meinem Sarg der erste Nagel! Giuditta . Will's Gott, so bleiben wir davor bewahrt; Denn plötzlich ist ein Engel mir erschienen Und hat den Rettungsweg mir offenbart.         (Sie reicht ihm die Hand.) Gelobst du Beistand mir zu Schutz und Trutz? 60 Lelio . Das fragt Ihr noch? Der Eifer, Euch zu dienen, Wird nun vertausendfacht vom Eigennutz. Giuditta (rasch) . Merk auf: Uns kündigt meine Schwester grad Ihr Kommen an. Mein Gatte kennt sie nicht, Weiß nur, daß wir von Wuchs und Angesicht Uns völlig gleichen. Noch bevor sie naht, Reis' ich zur Mutter. Du bist mein Begleiter. Lelio (erschrocken) . Ich? Giuditta .   Du bedenkst dich? Lelio .                                   Hm! Giuditta .                                       Was macht dir Pein? Lelio . Wir fort, und Lisa mit dem Herrn allein . . . Giuditta . Nun ja. Lelio .                   Vergebung, wär' es nicht gescheiter Ich bliebe hier? Giuditta .                 Warum? 61 Lelio .                                     Als meines Schäfchens Hirt. Wer wird denn wachen, wenn . . . Giuditta .                                           Wer wachen wird? Ich selbst! Lelio .             Ihr selbst? Ihr seid ja doch verreist. Giuditta . Und gleichwohl hier. Lelio .                                     Das ist für meinen Geist Zu hoch. Giuditta .       Je nun, vielleicht hab' ich die schwarze Kunst Entdeckt, an zwei verschiednen Stellen Zugleich zu sein. Verstehst du? Lelio .                                           Keinen Dunst. Giuditta . Thu, was ich will, so wird sich's bald erhellen. Lelio . Befehlt, und ich verdopple mich. Giuditta (sich ängstlich umsehend) .         Nur leise! Du reitest morgen mit dem frühsten stracks Zur Stadt, vorgeblich, um für unsre Reise 62 Dich auszurüsten. Insgeheim jedoch Wirst du mir dort 'ne neue Zofe dingen, Die mich nicht kennt . . . Lelio .                                   Das wird mir wohl gelingen. Giuditta . Du kaufst mir Kleider neuesten Geschmacks, Putz, Bänder und Geschmeide, ferner noch Ein Büchslein jenes duftig seinen Staubs, Der, in das Haar gestreut, die Farbe wandelt . . . Lelio . Die ganze Welt kauf' ich, wenn Ihr's bezahlt. Giuditta .                                                               Ich glaub's. Und alles, was du sorgsam eingehandelt, Das bringst du – ja, wohin? Ist in der Nähe Dir kund ein zuverlässiges Versteck? Lelio . Uralt und halbzerfallen liegt im Forst Ein Jagdhaus, jetzt nur noch ein Eulenhorst. Kein Mensch betritt's, und friedlich säugen Rehe Dort ihre Kitzlein. Giuditta .                     Wie für meinen Zweck Geschaffen. Wohl, wir reisen in drei Tagen! Lelio (erstaunt) . So wollt Ihr . . .? 63 Giuditta .                   Einen kühnen Feldzug wagen. Wie einst der tapfre Caesar steh' nun ich Am Rubicon des Glücks; die Würfel fielen! Drum . . . Sandro (ist mit Cecca in der Thür links hinten erschienen; er macht sich von ihr los und eilt auf Giuditta zu) .                   Mutter, spielen! Giuditta (hebt ihn empor und drückt ihn zärtlich an ihre Brust) .                                             Ja, nun werd' ich spielen, Zwar nicht mit dir, mein Schatz, und doch für dich! 64 Zweiter Aufzug Dieselbe Dekoration. In den Vasen statt der Blumen Blattpflanzen. Erster Auftritt. Lelio (reisefertig, ist am Tisch vorn links damit beschäftigt, allerlei Proviant in ein großes Felleisen zu packen). Pietro (hilft ihm. Dann) Orlando . Pietro (reicht Lelio einen großen Schinken) . Der scheint von keiner magern Sau zu stammen. Lelio (packt ihn ein) . Ein Musterschinken. Pietro (schnuppernd) .       Zarte Wohlgerüche! Lelio . Jawohl, mein guter Pietro, kalte Küche, Die hält auf Reisen Seel' und Leib zusammen.         (Auf ein paar gebratene Hühner deutend.) Nun das Geflügel. (Pietro packt sie ein.) Orlando (kommt von rechts hinten) .                             Lelio, wie steht's? 65 Lelio . Nach Wunsch. In einer Viertelstunde geht's Auf und davon. Orlando .                 Nur ja kein Uebereilen: Mäßigen Trab und ausgedehnte Rast. Lelio . Seid unbesorgt; den Tag nur sieben Meilen; Am fünften Abend in Florenz. Orlando .                                     Du hast Den Mundvorrat doch nicht zu karg bemessen? Kein Wirtshaus steht im wilden Apennin. Lelio (nach dem Tisch deutend) . Was dies betrifft, schaut, bitte, selber hin: Dran könnt' ein ganzes Kriegsheer satt sich essen. Orlando (ist näher getreten) . Unzweifelhaft. Bist du wohl ausgerüstet Mit Waffen? Lelio .                 Wie ein zünftiger Bandit. Wen's nicht nach einem blut'gen Kopf gelüstet, Der sucht das Weite, wenn er mich nur sieht. Orlando . Nimm dir von meinen eigenen Pistolen Noch eine mit! 66 Lelio .                     Schön Dank. Soll ich sie holen? Orlando . Ich selber wähle sie dir aus. (Ab links vorn) Zweiter Auftritt. Lelio . Pietro . (Dann) Giuditta . Lelio (zu Pietro, der alles eingepackt hat) .   Nun schnür' Behutsam zu. (Er geht zur Thür links hinten und ruft.)                     Herrin, an Eure Thür Pocht Euer Marschall . . . Giuditta (innen) .                     Gleich! Lelio .                                               Und ist gewärtig Jeglichen Winks. Giuditta (im Reisekleid, kommt von links hinten) .                             Da bin ich – fix und fertig. Lelio (zu Pietro, auf das Felleisen deutend) . Bring das zum übrigen. (Pietro mit dem Felleisen ab rechts hinten.) Giuditta (nachdem sie sich überzeugt, daß Pietro nicht mehr hören kann, rasch) .                                     Geschwind! Berichte! 67 Lelio . Bereit ist alles. Giuditta .                   Gut. Lelio (rasch) .                     Ich trug Viel Päcke von beträchtlichem Gewichte Ins alte Jagdhaus, feinen Staat genug Für sechs Prinzessinnen am Königshofe. Giuditta . Vortrefflich. Lelio .                           Eurer harrend findet Ihr Dort auch bereits die neue Zofe, Die glaubt, Ihr wärt . . . Giuditta .                             Vorzüglich. Und von hier Folgt uns nur Cecca. Lange will sie schon Heiraten. Unterwegs mit reichem Lohn Entlaß' ich sie. Lelio .                     Dann, wenn wir eine Strecke Die Straße nach Toscana sind geritten, Noch eh des Guts Gemarkung überschritten, Wird seitwärts abgeschwenkt zum Waldverstecke . . . Giuditta . So recht. Verborgen hältst du dort die Pferde Und dich dazu . . . 68 Lelio .                           Bis ich benötigt werde. Giuditta . Dagegen ich, sobald ich neu gekleidet, Steig' auf den fremden Gaul . . . Lelio .                                             Der dort schon weidet. Giuditta . Behend in einem großen Halbkreis reite Ich durch den Wald, und von der Paduaner Seite Komm' ich zurück . . . Lelio (enthusiastisch) .           Haha, da fehlt kein Deut! Prachtvoll! Giuditta (sieht Orlando eintreten; erschrocken) .                   Pst! Lelio (im selben Ton) .   Prachtvoll Reisewetter heut! Dritter Auftritt. Vorige . Orlando . Orlando (von links vorn, mit einer Pistole, die er Lelio einhändigt) . Hier, nimm! Giuditta (zu Lelio) . Ruf Cecca mir. (Lelio ab links hinten.)                                             Der Abschied naht, Orlando. 69 Orlando (bestrebt, zärtlich zu scheinen) .               Ja, nur wenig Tage rauschten Vorüber vom Entschlusse bis zur That. Zum erstenmal, seit wir die Ringe tauschten, Ziehst ohne mich du fort in blaue Weiten, Und schweren Herzens übergeb' ich jetzt Dich fremder Obhnt . . . Giuditta (freudig überrascht) .   Ei, zuguterletzt Wirst du besorgt um mich . . . Orlando .                                     Auf Schritt und Tritt Möcht' ich am liebsten selber dich begleiten. Giuditta . Das möchtest du? Orlando .                             Ja. Giuditta .                                   Thu's doch! Orlando .                                                       Hm! Giuditta .                                                               Komm mit! Noch hast du Zeit. Orlando .                     So lockend mir's erscheint . . . Giuditta . Folg dieser Lockung! Ohne Zaudern reiche Mir deine Hand und zieh mit mir vereint 70 Den wohlbekannten Weg; es ist der gleiche, Aus dem du mich vor Jahren heimgeführt. Wie damals prangt die Welt im Hochzeitskleide, Vom Werbekuß des Frühlings leis berührt; Wie damals schenkt er ihr ein Brautgeschmeide Von tausend Blüten; Weihrauchdüfte steigen; Der Feierchor ertönt von allen Zweigen. Und auch für uns erneure sich das Fest! Komm mit! Orlando .           Unmöglich. Giuditta .                             Und weshalb? Orlando .                                                   Die Pflicht . . . Giuditta . Fällt's einem Mann so schwer, ihr zu entlaufen? Schlag ihr ein Schnippchen! (Näher und leiser.)                                           Ja? Orlando .                                         Du willst doch nicht, Daß, wenn Renata kommt, ein leeres Nest Sie hier empfängt? Giuditta .                     Nun denn, ein Wort nur sprich, Und meinen Vorsatz werf' ich übern Haufen. Orlando . Wie? Giuditta .         Wenn du wünschst, Orlando, bleib' auch ich. 71 Orlando . Und deine Mutter, der du schriebst . . . Giuditta .                                                           Ich schreibe Zum Widerruf, wenn du's verlangst, Du habest mich in liebevoller Angst Zurückgehalten . . . Orlando .                       Angst war niemals Brauch Bei meinem Stamm. Ward ich zum alten Weibe? Nein, männlich werd' ich's überstehn. Giuditta (schroff) .                                   Ich auch! Vierter Auftritt. Vorige . Lelio (kommt von links hinten zurück mit) Cecca (die ein großes Bündel und auf dem Arm Mäntel und Decken trägt. Gleich darauf) Pietro , Lisa , Dienerschaft . (Dann) Ghita , Sandro . Giuditta (sich zu Cecca wendend, in anderem Ton) . Cecca, wo bleibst du? Nichts vergessen? Cecca .                                                         Nein. Giuditta . Mein Mantel? Cecca .                         Hier. Giuditta .                             Die Schleier? 72 Cecca .                                                     Packt' ich ein. Giuditta . Wo steckt mein Junge? Cecca .                                       Ghita bringt ihn gleich. Giuditta . Ach, dürft' ich auch noch den ins Bündel schnallen Als liebstes Reisegut! (Von rechts hinten sind aufgetreten: Pietro und mehrere männliche und weibliche Dienstboten. Gleich darauf Lisa von rechts über die Loggia.) Giuditta (zur Dienerschaft) .   Ein Wort euch allen: Verseht in Treuen mein verwaistes Reich! Daß ihr des Hauses Herrin ferne wißt, Komm' eurem ehrbegier'gen Fleiß zu statten; Insonderheit pflegt sorglich meinen Gatten, Damit er mich nicht allzusehr vermißt, Und . . . (Ghita kommt mit Sandro von links hinten.) Sandro (läuft zu Giuditta) .               Mutter . . . Giuditta .                         Liebling, komm, sag mir ade! Noch ist des Scheidens Schwermut dir verhüllt; Noch ahnst du nicht, daß oft ein bittres Weh Den Kelch der Liebe bis zum Rande füllt, 73 Du Glücklicher! Wenn morgen wir erwachen, Du hier, ich hinter jenen Hügeln schon, Dann grüßest du den Tag mit hellem Lachen, Mit Thränen ich, weil mich der holde Ton Nicht mehr erreicht und deines Atems Wehn. Orlando . Du wirst in kurzer Zeit ihn wiedersehn! Giuditta . Der Liebe scheint sie lang. (Zu Sandro.)                                                 Sei brav, sei klug! Mach deinem Vater nicht zu viel Beschwerden; Sag ihm: ich bin zwar noch nicht groß genug, Dein Freund zu sein; doch will ich's einmal werden.         (Zu Ghita.) Du, Ghita, nun an Ceccas Platz gestellt, Sei Licht und Wärme seiner kleinen Welt; Behüt ihn wohl! Und jetzt . . . Orlando .                                       Bis an die Grenzen Des Guts geb' ich dir das Geleit. Giuditta .                                         Ich bitte, Sieh davon ab. Was ritterliche Sitte Dir anbefiehlt, laß mich im Geist ergänzen. Auf offner Straße scheiden – nein, das steht Verliebten schlecht, auch wenn durchs Ehejoch Sie längst gezähmt sind. (Bewegung Orlandos.)                                     Und wie nah dir's geht, 74 Das weiß ich ohnedies. Du hebst am Thor Mich in den Sattel . . . Orlando .                           Sei's drum. Giuditta (will gehen, besinnt sich und hält inne) .                                                   Eines noch: Trifft meine Schwester ein, bevor Ich heimgekehrt, nicht wahr, du wirst ihr sagen . . . Orlando . Ich sag' ihr alles. Giuditta .                           Wie sich's zugetragen, Daß ihr mein Willkomm fehlt. Orlando .                                       Verlaß dich drauf! Giuditta . Und wie mich das betrübt. Orlando .                                         Ich werd's ihr schildern. Giuditta . Erklärend such' ihr meine Schuld zu mildern! Orlando . Mein ganzes Redefeuer biet' ich auf. Giuditta . Ersetz durch Gastlichkeit ihr tausendfalt Die Heimat! 75 Orlando .             Unbesorgt. – Du schreibst mir bald? Giuditta . Sehr bald. Orlando .                 Grüß deine Mutter! Giuditta .                                               Dank! Orlando .                                                         Und wisse: Du sollst, nachdem sie lange dein geharrt, Ihr nicht verkürzen deine Gegenwart. Nein, übereile deine Wiederkehr Nicht wegen thörichter Gewissensbisse! Giuditta (sieht ihn gekränkt an, unterdrückt eine Erwiderung, sagt statt dessen ruhig) . Und du – langweile dich nicht allzusehr. (Sie thut, als wolle sie noch einmal zu Sandro eilen, besinnt sich aber, wirft ihm nur noch eine innige Kußhand zu; dann zu Lelio und Cecca.) Kommt! (Sie geht, von Orlando begleitet, ab rechts hinten. Cecca folgt. Auch Pietro und die Dienerschaft folgen langsam nach.) Sandro (Giuditta nachrufend) .                 Mutter, bleib! Ghita (nimmt ihn bei der Hand) . Nur still; sie kehrt bald wieder. (Sie geht mit ihm ab links hinten.) 76 Fünfter Auftritt. Lelio (ist mit) Lisa (zurückgeblieben. Dann) Orlando . Lelio . Lisa, leb wohl! Lisa (sich die Augen trocknend, weinerlich) .                           Ach, Gott! Lelio .                                         Und sei mir treu. Begreifst du, was das heißt? Lisa .                                         Ach, Gott! Lelio .                                                         Verkehre Mit allem, was da männlich ist, voll Scheu; Vor jedem Schnurrbart schlag die Augen nieder! Lisa . Ach, Gott! Lelio .                 Gedenke stündlich meiner Ehre, Und will ein übermütiger Patron, Ein Dieb, ein Schelm, ein Räuber sie stibitzen . . . Lisa . Ach, Gott! Lelio .                 Dann klopf ihm auf die Fingerspitzen! 77 Orlando (ist von rechts hinten zurückgekommen, hat die letzten Worte gehört) . Nun, Lelio? Vorausgeritten schon Ist meine Gattin . . . Lelio (zu Lisa) .                 Siehst du? (Zu Orlando.)                                               Nehmt's nicht schief! Die Liebe . . . Orlando .               Flink! Lelio (küßt sie) .                 Ich drück' auf deinen Mund Ein unverletzlich Siegel. Lisa .                                   Bleib ge . . . sund! (Lelio schnell ab rechts hinten.) Sechster Auftritt. Orlando . Lisa . Orlando (geht mit großen, langsamen Schritten einmal auf und ab, bleibt dann stehen und sieht Lisa nach, die, ihr Tüchlein vor die Augen haltend, über die Loggia abgehen will) . Hm – (Er ruft.)           Lisa . . . Lisa (wendet sich um) . Herr? 78 Orlando .                           Erschüttert's dich so tief? Lisa . Ach ja, mein Mann . . . Orlando .                               Willst du dich an ihn klammern Wie'n Schoßkind? Lisa .                           Ach, er ist . . . so gut . . . Orlando .                                                           Sei froh. Lisa . Er ist so . . . zärtlich . . . Orlando .                               Hübscher Grund, zu jammern! Lisa . Ach, aber . . . Orlando .                 Aber was? Lisa .                                       Er . . . liebt mich so! Orlando . Unstreitig. Lisa .                       Nirgends fänd' ich einen . . . Bessern. Orlando . Gewiß. 79 Lisa .                   Nun ist er fort. Orlando .                                   Ergieb dich drein. Lisa . Ganz . . . fort! Orlando .                 Er geht ja nicht zu Menschenfressern. Lisa (in Schluchzen ausbrechend) . Ach Gott, ach Gott, nun bin ich . . . ganz allein. Orlando . Hm! Ganz allein? Das nenn' ich übertreiben. Komm her. – Noch näher. – Näher noch. – Ganz nah. Gieb mir dein Tuch. Lisa (ist zögernd zu ihm gekommen, reicht es ihm) .                               Warum? Orlando .                                     Die dicke Thräne da Will ich dir schleunigst von der Wange reiben; Sonst wird die Rosenfarbe bleich. Lisa (besorgt) .                                     Ist's wahr? Orlando . Und an den Wimpern, richtig, noch ein paar . . . Halt still; die muß man trocknen – auf der Stelle. Lisa . Weswegen? Orlando .             Sonst versiegt die Strahlenquelle; Der Glanz wird fahl, die Blicke trüb und hohl . . . Lisa . So? Orlando . Freilich. Lisa .                     Sind nun alle . . . weg? Orlando .                                                 Jawohl. Lisa . Mein Tuch . . . Orlando (giebt es ihr) . Hier ist's.         (Ihre Hand in der seinen haltend und streichelnd.)                                         Ein Händchen, weich wie Samt. Lisa . Der schöne . . . Ring! Huh, wie die Steine . . . blitzen! Orlando . Nicht halb so feurig, wie dein Auge flammt. Lisa . Kostbar! Orlando .         Wünschst du solch einen zu besitzen? Lisa (mit ihrem verschämten Lachen) . Hähä. 81 Orlando .   Du meinst, ich scherze? – Zeig einmal. Lisa . Was denn? Orlando .             Ob er zu diesem Händchen paßt.         (Er steckt ihn ihr an.) Nicht übel. Lisa .                 Prachtvoll. Orlando .                           Nur zu weit. (Er zieht sie an sich.) Lisa .                                                     Ach, laßt! Orlando (ihr den Ring wieder abnehmend) . Dies schlanke Fingerlein ist ihm zu schmal. Sag, möchtest du genau den gleichen haben? Lisa (will sich losmachen) . Laßt doch! Orlando .           Du möchtest nicht? Lisa .                                               Nein. Orlando .                                                 Ohne Spaß. Lisa . Genau den . . . gleichen? 82 Orlando .                                 Nur von engerm Maß. Lisa . Wo habt Ihr den? Orlando .                       In einem Schrank vergraben. Du hast den Schlüssel. Lisa .                                 Ich? Orlando .                                 Ja, du, mein Kind. Komm heute, wenn die Dämmerung beginnt . . . Lisa . Wohin? Orlando .       Hierher. Lisa .                           Weshalb? Orlando .                                   In meinem Schranke Mit mir den Ring zu suchen. Lisa .                                         Nein. Orlando .                                           Recht schad. Lisa . Und käm' ich doch, was . . . dann? 83 Orlando .                                               Ei nun, zum Danke Würd' ich ihn dir verehren. Lisa .                                       In der That? Orlando . Du kommst? Lisa .                           Nein, . . . niemals. Orlando .                                                 Nur auf einen Sprung. Lisa . Mir wäre . . . bang . . . Orlando .                             Allein zu sein, macht bänger. Lisa . Ihr sagtet, bei Beginn der . . . Dämmerung? Orlando . Ganz recht. Lisa .                         Ein . . . . Viertelstündchen. Orlando .                                                           Gut. Lisa .                                                                         Nicht länger! Orlando (sie an sich ziehend) . Behüte! 84 Lisa .             Nicht doch! Orlando .                         Wie das Herzchen bebt – Ich fühl's. Siebenter Auftritt. Orlando . Parabosco . Parabosco . (kommt lebhaft durch die Thür rechts hinten) .                 Nachbar, hier bin ich . . .         (Er bemerkt die Gruppe.)             O, vergebt! Orlando . Willkommen, Freund! (Leise zu Lisa.)                                         Halt Wort!         (Lisa eilt über die Loggia ab. Orlando zu Parabosco.)                                                           Grad wie gerufen! Parabosco .. Unangebrachte Höflichkeit! Ihr dürft Ruhig gestehn, daß Ihr die ganzen Stufen Der Treppe jetzt mich gern hinunterwürft. Ich Esel! Konnt' ich nicht erst schüchtern pochen? Orlando . Nein, wahrlich, eben war ich im Begriffe . . . Parabosco . Nach mir zu senden? Orlando .                                   Ja. 85 Parabosco .                                     Wozu die Kniffe? Ich freue mich, daß Ihr das Rätsel löstet, Um das Ihr kürzlich Euch den Kopf zerbrochen. Was? Oder nicht? Orlando .                   Ich hab' sie nur getröstet. Parabosco (ungläubig) . Ach? Orlando .   Weil ihr Mann auf Reisen sich begab. Parabosco . Und Eure Gattin auch. Orlando .                                       Ihr wißt? Parabosco .                                                   Ich bin Grad auf der Straße nach Toscana beiden Begegnet, hoch zu Roß, in flottem Trab. Orlando . Wieso gerietet Ihr dorthin? Parabosco . Ei, sakrament, Ihr fragt recht unbescheiden. Doch ohne falsche Scham sei's Euch bekannt: Mein jüngstes Glück bezahlt' ich etwas teuer; Das allerliebste kleine Ungeheuer Ist mir mit meinem Hofkoch durchgebrannt. 86 Orlando . O weh! Parabosco .           Darum hätt' ich ihr nicht gegrollt; Jedoch viel Silberzeug, mir überkommen Von meinen Vätern, und viel schweres Gold Hat sie zum Angedenken mitgenommen. Orlando . Blitz! Parabosco .       Das verstärkte meinen Schmerz erheblich. Ich setzt' ihr bis Rovigo nach: vergeblich. Dann kehrt' ich um und sagte mir: Laß laufen, Und statt zu fluchen, lach aus vollem Hals; Denn Gold und Silber kannst du wiederkaufen Und solch ein Ungeheuer ebenfalls. Orlando . Höchst philosophisch. Parabosco .                               Als von ungefähr Nun Frau Giuditta mir entgegenkam, Da dacht' ich mir: Einsam ist nun auch er; Wie, wenn wir gegenseitig uns den Gram Zu lindern suchten? Orlando .                       Trefflicher Gedanke! Wir spülen ihn mit einem guten Tranke Langsam hinunter. 87 Parabosco .                 Top! So spricht ein Mann. Orlando (ist zur Thür rechts hinten gegangen, ruft hinaus) . He, Pietro, Pietro! – Bring uns einen Humpen Vom ältesten Falerner! – Parabosco .                           Schau mal an: Mein Freund und Nachbar läßt sich heut nicht lumpen. Als ich das letzte Mal sein Haus betrat, War er versenkt in düstere Mysterien, Und heut . . . Orlando (heiter) .   Ja, Freund, befolgend Euren Rat, Schafft' ich mir auf ein Weilchen Eheferien. Parabosco . Meint Ihr, ich roch den Braten nicht? So schlau Bin ich allein! Ihr habt wohl Eurer Frau Eindringlich eine Pilgerfahrt empfohlen . . . Orlando . Nein, edelmütig hab' ich ihr erlaubt, Die Mutter zu besuchen. Parabosco .                           Und sie glaubt . . .? Orlando . Ich hätte selbstlos ihrem Wunsch willfahrt. 88 Parabosco (lachend) . Haha, der Kuckuck soll mich holen, Das ist ein Streich von auserles'ner Art! (Pietro kommt von rechts hinten mit einem Humpen und zwei Bechern, stellt sie auf den Tisch und geht wieder ab.) Orlando . Ja, weiß der Himmel, endlich eine Pause Im trägen Eheglück! Die that mir not! Zu lau ward mir die Luft in meinem Hause; Ich hatt' am ehrenwerten trocknen Brot Der Sittsamkeit den Magen mir verdorben; Fast wär' ich, abseits aller Lebensfülle, Im Käfig einer friedlichen Idylle An Tugendüberfütterung gestorben. Doch nun ist mir zu Mut wie einem Jungen, Der auf der Schulbank Jahr um Jahr gehockt Und plötzlich in den grünen Wald entsprungen. Das Blut, das in den Adern flau gestockt, Schäumt wieder lustig auf; die Pulse klopfen In schnellerm Takt . . . Parabosco (wirft dem Humpen lüsterne Blicke zu) .                                   Zumal, wenn solch ein Tropfen Das Feuer anfacht. Orlando (zum Tisch tretend) .                             Richtig, unser Wein! Trinkt, Nachbar! 89 Parabosco .                           Gern. Erst aber schenkt mir ein. (Sie setzen sich an den Tisch, einander gegenüber, Parabosco links, Orlando rechts.) Orlando (einschenkend) . Wohlauf, so widmen wir den ersten Schluck Der Freiheit. Nur wer mit verwegnem Ruck Sich aller Zäum' und Fesseln hat entledigt, Vermag sich treu zu bleiben. Parabosco .                                 Meine Predigt. Orlando . Auch meine nun. Die Freiheit! (Er trinkt.) Parabosco .                                           Ja, sie lebe         (Er trinkt und schnalzt mit der Zunge.) Und mög' uns täglich einen Trunk bescheren Von dieser höchst verführerischen Rebe. Orlando (wieder einschenkend) . Und einen zweiten Becher laßt uns leeren Auf unsre Männerfreundschaft, die den Segen Der Freiheit uns verdoppelt! Parabosco .                                 Unbestritten.         (Sie trinken. Parabosco, einschenkend.) Nur schlag' ich vor, wir leeren einen dritten Auf unsre Weiberfreundschaft. 90 Orlando .                                         Meinetwegen. (Sie trinken.) Parabosco . Denn alle holden Weiberchen zusammen, Dieweil sie ja von unsrer Rippe stammen, Sind unser angebornes Eigentum, Und ich an Adams Stelle, seht, Ich hätte meinen Schöpfer angefleht: Nimm, lieber Gott, mir noch ein Dutzend Rippen Und wandle sie so schnell wie möglich um In weiche Glieder und in rote Lippen. Orlando . Da stimm' ich zu. Parabosco .                         Hoch jede stille Zweiheit! Was hättet ihr von der gepries'nen Freiheit, Wenn jenes Mäuslein, das vorhin entschlüpfte, Sie nicht versüßen wollte? Orlando .                                 Fehlgegangen. Meint Ihr, daß ich aus meinem Käfig hüpfte, Nur um ein solches Spielzeug mir zu fangen? Dies schmucke Kind, weil's grade mir zu Handen, Ist zwar ein wünschenswerter Zeitvertreib, Doch nicht das Ziel der Freiheit, nicht das Weib, Das mich noch einmal alles Frühlingsbranden Empfinden läßt und alle Kampfeskraft. 91 Parabosco . Ei, frisch drauf los! Dergleichen ist zu haben, Und obendrein in unsrer Nachbarschaft. Laßt uns gemeinsam nach Venedig traben . . . Orlando . Wann? Parabosco .         Bald. Orlando .                     Warum auch nicht? Ich bin dabei. Parabosco . Wetter, an Auswahl wird's Euch dort nicht mangeln. Orlando . Das glaub' ich gern. Parabosco .                           Ein Pärlein wie wir zwei Hebt dieses ganze Sodom aus den Angeln. Orlando . Versteht sich. Parabosco .                   Mir genügt bequeme Beute, Gestern erjagt und abgeschüttelt heute; Doch zieht Ihr vor, nach Edelwild zu spüren, Wollt Ihr Gefahr und List und Herzensqual, Strickleitern, Blendlaternen, Hinterthüren, Hitzige Nebenbuhler, eine Nacht Im ersten besten Wandschrank zugebracht, Kurzum des Teufels ganzes Arsenal . . . 92 Orlando . Ich will noch mehr. Parabosco .                           Noch mehr? Orlando .                                                 Mit beiden Armen Umschlingen meine Jugend, eh sie flieht! Parabosco . Holla, kennt Ihr das wunderschöne Lied? Orlando . Singt mir's! Parabosco .               Ich singen? Gott soll sich erbarmen. Orlando . Singt mir das Lied! Parabosco .                           Wenn Ihr darauf besteht . . .         (Er gröhlt.) »Die Jugend, trallala; die Jugend, trallala; die Jugend, trallala.« Nun, wie gefällt Euch das? Orlando .                                 Es scheint sehr heiter. Parabosco . »Die Jugend, trallala; die Jugend, trallala . . .« Orlando . Fahrt, bitte, fort! 93 Parabosco .                       So geht's nun immer weiter. Orlando . Gottlob, wenn Jugend ewig weitergeht! Beide (vom Wein erhitzt, singen) . »Die Jugend, trallala; die Jugend, trallala . . .« Achter Auftritt. Vorige . Domenico . Domenico (älterer Mann, kommt atemlos von rechts hinten, ruft in den Gesang hinein) . Gnädiger Herr . . . Gnädiger Herr . . .! Orlando (bricht ab und dreht sich unwillig um) . Was giebt's? Wer stört uns? Domenico .             Ich – Domenico. Beliebt's Dem gnäd'gen Herrn . . . Orlando .                               Wie könnt Ihr's wagen, Alter, Unangemeldet hier hereinzubrechen?! Domenico . Ich soll ja doch . . . 94 Orlando .                                 Ich bin jetzt nicht zu sprechen. Wir sind beschäftigt.         (Er kehrt ihm, sich wieder zu Parabosco wendend, den Rücken.) Parabosco (trinkend) .       Sehr beschäftigt, – ja. – Wer ist denn dieser Schreihals? Orlando .                                       Der Verwalter Von meinem Vorwerk halbwegs Padua. Domenico (ist an der Thür stehen geblieben; kleinlaut) . Ich soll ja doch . . . Orlando .                       Ihr seid noch hier?! Domenico .                                                 Ich bin Doch hergeschickt von Eurer Schwägerin. Orlando . Von wem? Domenico .               Der Schwester Eurer Gattin. Orlando .                                                             Was? Domenico . Fräulein Renata. 95 Orlando . (aufspringend) .       Mensch, warum denn habt Ihr das Nicht gleich gesagt? Domenico .                   Ich gab mir große Mühe; Doch . . . Orlando .         Weiter! Domenico .                 Von Sicilien übers Meer Kam sie . . . Orlando .           Potztausend, schon! Domenico .                                     Ja, gestern in der Frühe Entstieg sie zu Venedig ihrem Schiff. Orlando . Wo ist sie jetzt? Kommt sie noch heut hierher? Redet! Domenico .   Als ich vorhin, nichts Arges denkend, In meinem Gärtchen meine Sense schliff, Da, von der Paduaner Straße schwenkend In unsern Gutsweg, hör' ich Pferdehufe . . . Orlando (ungeduldig) . Nur vorwärts! Domenico .           Wachsam spring' ich auf und rufe: Wer da? Sogleich guckt etwas übern Zaun; 96 Ich denk', es ist die gnäd'ge Frau; denn traun, So was von fabelhafter Aehnlichkeit Ist noch nicht dagewesen! Orlando .                               Ja, das weiß ich. Domenico . Doch sie, mit lautem Lachen, spricht: »Ihr seid Im Irrtum, guter Mann; Renata heiß' ich Und bin die Zwillingsschwester. Bitte, lauft Zum Schloß und sagt, ich folgt' Euch auf dem Fuße, Wenn sich mein lahmer Mietsgaul ausgeschnauft.« Orlando . Euch auf dem Fuß?! Schnell, trommelt mir den Schwarm Der Dienerschaft zusammen; schlagt Alarm! Man sattle mir den Fuchs! Ich will zum Gruße Entgegenreiten. Domenico .             Gleich! (Rasch ab rechts hinten.) Orlando (zu Parabosco) .       Verzeiht, mein Bester . . . Parabosco (der, behaglich trinkend, am Tisch sitzen geblieben ist, steht auf) . Mein Liebster, thut, als wär' ich nicht vorhanden. Zwar find' ich's rücksichtslos von dieser Schwester, Daß sie grad jetzt . . . 97 Orlando .                         Darauf war ich gefaßt; Nur hab' ich's meiner Frau nicht zugestanden. Parabosco . Die wär' sonst hier geblieben! Orlando .                                                 Zuverlässig. Parabosco . Und mit den Eheferien war es Essig. Orlando . Jawohl. Parabosco .           Das habt Ihr herrlich abgepaßt! Orlando . Nicht wahr? Die Schwäg'rin . . .         (Zu Pietro, der von rechts hinten schnell eintritt.)                                                         Meinen Hut und Degen!         (Pietro ab links vorn.) . . . mag sich hier gütlich thun; was liegt daran? Ich bin und bleibe doch ein freier Mann: Ihr brauch' ich Rechenschaft nicht abzulegen. Parabosco . Sehr richtig. Orlando (zu Pietro, der von links vorn mit Hut und Degen zurückkommt) .                                 Gieb! (Pietro ab links vorn.) 98 Parabosco (den Humpen ergreifend) . Wollt Ihr nicht auf den Schreck Noch einen Becher . . .? Orlando (den Degen an die Seite steckend) .                                     Nein. Parabosco (schenkt sich ein) .           So trink' ich aus. (Er trinkt stehend und summt vor sich hin: »Die Jugend, trallala . . .«) Orlando . Gut. (Er will zur Thür rechts hinten eilen; durch diese kommen ihm nacheinander drei seiner Diener entgegen, alle mit großen Bündeln und sonstigen Gepäckstücken beladen. Er weicht verblüfft einen Schritt zurück.)                 Was ist das? Erster Diener .                     Gepäck. Zweiter Diener (im Auftreten) .             Gepäck. Dritter Diener (ebenso) .                                   Gepäck. Orlando . Wessen? Erster Diener .       Des Fräuleins. Orlando .                                     Ist sie schon im Haus?! 99 Erster Diener . Ja. Orlando (erschrocken) .                     Donner!         (Zu den Dienern, auf die Thür rechts vorn deutend.)                                   Hier hinein. (Die Diener mit dem Gepäck ab rechts vorn.) Parabosco (ihnen nachsehend) .               Ein ganzes Warenlager! Orlando (ist zur Thür rechts hinten geeilt) . Ich . . . Parabosco (ruft ihm zu, nach der Loggia deutend, wo er die Auftretenden schon gewahrt) .             Halt, spart Euch den Weg! Sie kommt von dort. Neunter Auftritt. Orlando . Parabosco . Giuditta . Angiolina . Giuditta (von Angiolina gefolgt, die ihr ein Täschchen und einen Mantel nachträgt und zunächst im Hintergrund bleibt, kommt schnell von rechts über die Loggia. Sie hat ersichtlich alles gethan, um ihre äußere Erscheinung zu verändern, ihr einen mehr flotten, mädchenhaften Charakter zu geben. Sie trägt ein kokettes Reisekostüm; ihr nunmehr gebranntes und aufgestecktes Haar ist diskret heller gefärbt. Auch in ihrem ganzen Auftreten, ihren Bewegungen, ihrer Sprechweise entfaltet sie eine feine, niemals komödiantische Verstellungskunst. – Sie eilt die Stufen herab und – scheinbar ohne Orlando zu bemerken – geradeswegs auf Parabosco zu, schüttelt ihm herzlich die Hand und spricht im raschesten Tempo) . Gott grüß' Euch, mein geliebter, teurer Schwager! Endlich, ach, endlich am ersehnten Ort! 100 Mein jahrelanger Traum erfüllt! Ich drücke Die starke, treue, segensreiche Hand, Die meine Schwester hob zum höchsten Glücke. So, grade so stellt' ich den Mann mir vor, An den Giuditta schnell ihr Herz verlor: So kriegerisch gebräunt vom Sonnenbrand, So vornehm, stolz und kühn! Ich hätt' unstreitig Euch unter Tausenden sofort erkannt. Parabosco (sucht vergeblich, sie zu unterbrechen) . Ich . . . Giuditta .     Sagt es nur heraus, Ihr habt so zeitig Mich nicht erwartet. (Mit raschem Blick nach dem Tisch.)                               Und ich unterbreche Noch überdies ein fröhliches Gezeche. Parabosco (wie oben) . Ich . . . Giuditta .     Ja, geliebter Schwager, meinem Drang, Euch und Giuditta bald zu sehen, schien Der Landweg um ein gutes Stück zu lang. Deshalb der Seekrankheit und den Korsaren Trotz bietend bin ich übers Meer gefahren; Ein günst'ger Wind hat Flügel mir verliehn – Und nun – wo ist Giuditta? Sagt mir schnell: Wo find' ich sie? Hat sie denn nicht vernommen, Daß . . . 101 Parabosco .   Fräulein, laßt mich doch zu Worte kommen! So sehr mich Euer Händedruck erquickte, Ich bin Graf Parabosco, Junggesell Und Eures Schwagers Freund. Er selber steht Hier nebenan. Giuditta (scheinbar verwirrt, wendet sich Orlando zu) .                         O Gott, ich Ungeschickte! Wie konnt' ich . . . Orlando (hat seit ihrem Eintreten sie in höchster, sprachloser Verblüffung angestarrt) .                               Das ist ungeheuerlich! Das ist undenkbar! – – Giuditta .                           Teurer Schwager, leicht Erklärlich war mein Fehlgriff; denn Ihr seht So jung noch aus . . . Parabosco .                       Recht schmeichelhaft für mich. Giuditta (zu Orlando) Entschuldigt, und . . . Orlando .                         Unmöglich! Nein, so gleicht Kein Wesen einem andern. Wuchs, Gebärden, Antlitz und Blick und Stimme . . . 102 Giuditta (ausgelassen) .                         Und die Nasen, Nicht wahr, die gleichfalls? Orlando .                                 Blitz, ich werde toll! Giuditta (lachend) . Haha, mein Schicksal ist Verwechseltwerden, Erst von den Eltern, Nachbarn, Vettern, Basen Und nun auch noch vom Schwager. Wundervoll! Orlando (stammelnd) . Ihr könnt verstehn . . . du kannst . . . Giuditta .                                                 Wohl, ich verstehe Eure Verwundrung, doch nicht Euer Säumen, Sie schleunigst aus dem Weg zu räumen. Laßt doch Giuditta rufen oder bringt Mich zu ihr! Wenn Ihr uns in nächster Nähe Nebeneinander schaut, dann ist zu hoffen, Daß Euch die Sonderung gelingt, Zum mindesten nach unsern Kleiderstoffen. Ihr zögert? Ruft sie! Orlando .                       Wen? Parabosco .                             Gott steh' uns bei! Fräulein, was habt Ihr angerichtet, teils Durch Aehnlichkeit und teils durch Hexerei! 103 Da steht mein armer Freund erstarrt, betäubt Wie von dem Anprall eines Donnerkeils; Sein Mund halb aufgesperrt, sein Haar gesträubt Und seine Zunge sprachlos, wie gelähmt Am Gaumen klebend. Giuditta (bedauernd) .         O . . .! Parabosco .                                 Deshalb vernehmt Von mir: Eure Frau Schwester ging auf Reisen. Giuditta (scheinbar bestürzt) . Wie? Was? Giuditta fort?! – Schwager, ist's wahr? Orlando (dessen Verblüffung allmählich in Zweifel übergeht) . Hm, allerdings . . . Giuditta .                     O, das enttäuscht mich tief! Empfing sie denn nicht meinen Brief? Mußt' ihr darin nicht jedes Wort beweisen, Wie mächtig meine Sehnsucht . . . Parabosco .                                         Offenbar Hat sie geglaubt, Ihr träft so bald nicht ein. Orlando . Sie mußte . . . Giuditta .                       Wie – sie mußte? War sie krank? 104 Parabosco . Durchaus nicht. Giuditta .                             Oder gab es hier 'nen Zank? Sie war so glücklich doch! – 'nen Kummer? Parabosco .                                                       Nein. Giuditta . Doch ich, in welche wunderliche Lage Bin ich dadurch versetzt! – Mein Schwager, sprecht, Wohin ist sie gereist? Orlando (mit Beobachtung) . Zum Namenstage Der Mutter. Giuditta .           Zum geliebten Mütterlein? Dann freilich, ja, dann hat sie zehnmal recht! Der Mutter gönn' ich vollgemessen Dies Glück nach vielem Leid und will mich nimmer Beschweren. Orlando .             So bequemt Euch unterdessen, Mit mir vorlieb zu nehmen. Giuditta .                                 Gern. Orlando . Fühlt Euch zu Haus! Giuditta .                                 Wo find' ich meine Zimmer? 105 Orlando (geht zur Thür rechts vorn, öffnet sie) Hier. Giuditta .   Denn um Urlaub bitt' ich nun die Herrn, Den Reisestaub ein wenig abzustreifen. Wahrlich, mein lieber Schwager, von Messina Hierher in einem Zug – Ihr müßt begreifen, Das ist kein Katzensprung. – Komm, Angiolina. (Sie geht ab rechts vorn. Angiolina folgt ihr.) Zehnter Auftritt. Orlando . Parabosco . Parabosco (ihnen nachsehend) . Ein flottes Weib, Herr Nachbar, Schwerenot, Ein äußerst flottes Weib, die Schwägerin! Und dieses Zöflein mit dem Schelmenkinn Und den Gazellenaugen . . . Orlando (hat gleichfalls nachgestarrt, wendet sich in großer Erregung um) .                                             Schlagt mich tot, Wenn ich jetzt klüger als ein Heupferd bin! In meinem Kopf gehn zwanzig Mühlenräder! Darf man den eignen Augen trau'n? Entweder Ich bin Orlando nicht, Ihr nicht mein Freund, Dies Schloß ein Spuk, von leerer Luft umzäunt, Oder das geht nicht zu mit rechten Dingen! 106 Natur vermag nicht zweimal so genau Das nämliche Geschöpf hervorzubringen! Wer sprach mit uns? Wer stand auf diesem Fleck? War's meine Schwäg'rin oder meine Frau? Parabosco . Im Ernst, Ihr denkt . . .? Orlando (grübelnd) .                           Nein, nein, 's wär' aberwitzig . . . Ward ihres Kommens Richtung von dem Alten Uns nicht bezeugt? Die Zofe . . . das Gepäck . . . Parabosco . Nachbar, vom Wein ward Euer Hirn zu hitzig. Orlando . Hab' ich den Brief nicht in der Hand gehalten, Drin selbst sie den Besuch voraus verkündet? Parabosco . Doch immerhin, wenn etwa böse Geister Zum Schabernack sich gegen Euch verbündet . . . Orlando . Ach, was! – Sind Cecca und mein Jägermeister Mit meiner Frau zusammen Euch im Trab Auf der Toscaner Straße nicht begegnet? Parabosco . Freilich. Orlando (giebt sich einen Ruck) .                           Nun also! Parabosco .                               Drum, statt Euch so gräßlich Den Schädel abzumartern, preist und segnet Den Herrgott, der sich zweimal Mühe gab! Die Schwestern ähneln sich . . . Orlando .                                         Ganz unermeßlich! Parabosco . Das find' ich keineswegs. Orlando .                                           Wie? Parabosco .                                                 Nein, ich wette, Die zwei würd' ich sogar bei Finsternis, Wenn ich nur einmal sie gesehen hätte, Niemals verwechseln. Orlando .                         Glaubt Ihr? Parabosco .                                       Ganz gewiß. Und wollt Ihr ein Exempel haben, Daß die Natur oft noch viel toller spielt: Zwei Onkel hatt' ich, zwei vergnügte Knaben, Die sich in ihrem Wesen und Erscheinen So gänzlich glichen, daß die Frau des einen Stets alle zwei für ihren Gatten hielt. Orlando . Seltsam! War mir dies alles nicht geläufig? Ein ganzes Schock possierlicher Geschichten 108 Hört' ich im Haus der Mutter ja berichten Von ihrer Töchter Aehnlichkeit. Wie häufig Hab' ich an all den Schnurren mich ergetzt, Ja, selbst sie lachend nacherzählt – und jetzt, Wo mir der Augenschein handgreiflich nur Bestätigte, was ich erwartet, fuhr Mit einemmal der Zweifel in mein Haupt, Und lieber ließ ich die Gedanken gleiten Durch einen Ozean von Schwierigkeiten, Als daß ich glaubte, was ich stets geglaubt.         (Mit plötzlichem Einfall.) Doch halt nur, halt . . .! Parabosco .                         Was giebt's denn? Orlando .                                                       Mein Gedächtnis Versuch' ich aus dem Halbschlaf aufzuwecken: Der Schwester ist als mütterlich Vermächtnis, So hört' ich, ein Erkennungsmerkmal eigen . . . Parabosco . Worin besteht's? Orlando .                             In einem kleinen Flecken Ueber der linken Brust. Parabosco .                         Den Euch zu zeigen Könnt Ihr sie nicht gut bitten. 109 Orlando .                                     Aber . . . Parabosco (bemerkt Angiolina) .                     Stille! Elfter Auftritt. Vorige . Angiolina . (Allmähliches Abendrot, in Dämmerung übergehend.) Angiolina (von rechts vorn) . Herr . . . Orlando .       Was? Angiolina .             Mein Fräulein schickt mich . . . Parabosco (mit der einen Hand sie am Kinn fassend, mit der andern ihr eine Börse vorhaltend, unterbricht sie) .                                                                       Holdes Schätzchen, Juwel und Spiegel aller Kammerkätzchen, Sagt, habt auch Ihr die sonderbare Grille, Gern diesem sanften Klimperton zu lauschen? Angiolina . O ja. Parabosco .         Zu wähnen, dies Geglitzer sei Das schönste Spielzeug? Angiolina .                           Meine Schwärmerei. 110 Parabosco . Und unsere heißt Wahrheit. Laßt uns tauschen.         (Er giebt ihr die Börse.) Woher kommt Eure Herrin jetzt? Bekennt Es offen! Angiolina .     Von Sicilien. Parabosco .                       Wie nennt Sie sich mit ihrem wahren Namen? Angiolina . Fräulein Sismondi. Parabosco (halblaut zu Orlando) . Soll ich das Examen Fortsetzen? Orlando (halblaut) . Ueberflüssig. (Laut zu Angiolina.)                                           Was begehrt Das Fräulein? Angiolina .            Herr, ich soll Euch sagen, Daß sie zu völligem Behagen In ihren Zimmern manches noch entbehrt. Orlando . Zum Beispiel? Angiolina .                     Räucherwerk, duftstarke Pflanzen, Jasmin und Flieder, Veilchen und Narzissen; Viel Polster, Löwenfelle, weiche Kissen, 111 Teppiche, die sich durchs Gemach erstrecken; Denn barfuß pflegt sie morgens oft zu tanzen. Orlando (mit Parabosco einen Blick wechselnd) . Was tausend! Angiolina .           Eine Laute, seidne Decken; Vor allem aber scheint ihr unentbehrlich Irgend was Lebendes; nur darf's nicht schreien: Eichhörnchen, Aefflein, stumme Papageien . . . Orlando (zu Parabosco, halblaut) . Darauf verfiele meine Frau wohl schwerlich! Parabosco (halblaut, mit Blick nach der Thür vorn rechts) . Ein flottes Weib! Orlando (zu Angiolina) . Nachsicht für diese Mängel Erbitt' ich von dem Fräulein, und Gewährung All ihrer Wünsche sag' ich zu. Parabosco (sie in die Wange kneifend) . Mein Engel, Fügt bei, daß ich in äußerster Verehrung Mich ihr empfehlen lasse. Hört Ihr? Angiolina (ihm einen verliebten Blick zuwerfend, mit leichtem Seufzer) .                                                       Ja. (Ab rechts vorn.) 112 Orlando . Wollt Ihr schon gehn? Parabosco .                               Aus Anstand. Euer Gast Bedarf der Ruh'. Lebt wohl. Orlando .                                   Und wann etwa Beginnen wir den Feldzug? Parabosco .                             Feldzug – wir? Orlando . Den nach Venedig. Parabosco .                           Hm – nur keine Hast! – Besprechen wir es morgen! Orlando .                                 Wo? Parabosco .                                       Nun, hier. Denn morgen komm' ich wieder. Orlando .                                         Welche Güte! Parabosco . Ich komme gern. Orlando .                               Wahrhaftig? 113 Parabosco .                                               Sakrament, Sag' einer nur, daß er die Weiber kennt! Stets noch verbirgt sich ihm die feinste Blüte: Herrin und Dienerin – Jasmin und Flieder . . . Mit einem Wort, ich komme morgen wieder. (Ab rechts hinten.) Zwölfter Auftritt. Orlando . Giuditta . Pietro (kommt von vorn mit einem Kandelaber, den er auf den Kamin stellt, geht dann zur Loggia, zieht deren Vorhänge zu; ab über die Loggia) . Orlando (ist Parabosco ein paar Schritte gefolgt, nähert sich nun der Thür rechts vorn) . Giuditta (kommt ihm von rechts vorn entgegen. Sie trägt jetzt ein hübsches Negligé und gestickte, seidene Pantoffel; in der Hand einen Fächer) . So, lieber Schwager . . . Euer Kamerad Schon fort? Orlando (sie von neuem unverwandt anstarrend) .                   Soeben. Giuditta .                       Ein recht lustig Blut. Orlando . Ja, ja . . . 114 Giuditta .               Nun fühl' ich Wohlsein! Mich erfrischte Mit schmeichelndem Gewog ein laues Bad, In dessen lautere, krystallne Flut Ich fünfzig Tropfen Rosenwasser mischte. Spürt Ihr den Duft? Orlando .                       Ich spür' ihn. Giuditta .                                           Er ist zart, Wie Träume, die man träumt mit offnen Lidern . . .         (Sie setzt sich auf den Diwan, den Oberkörper bequem zurücklehnend.) Nun bin ich munter wie ein junger Fisch, Und nur die süße Schlaffheit in den Gliedern Gemahnt noch an die Mühsal meiner Fahrt. – Wann, lieber Schwager, geht man hier zu Tisch? Orlando . In einer halben Stunde. Giuditta .                                   Höchst erfreulich! Die salzgetränkte Seeluft zehrt abscheulich. Auf unserm Schiff, wenn ich nicht elend lag Im Kämmerlein, aß ich den ganzen Tag.         (Sie sieht sich um.) Ihr wohnt hier, wie mir scheint, recht angenehm. Orlando . Habt Ihr noch weitre Wünsche? 115 Giuditta .                                                 Je nachdem. Viel Schönheit brauch' ich rings um mich herum, Viel Duft und Schimmer; sonst bin ich verloren. Viel Rhythmus und melodisches Gesumm, Viel freien Raum zum Tollen und Rumoren . . . Orlando . Den sollt Ihr haben. Giuditta .                               Bin ich allzu dreist? Orlando . Durchaus nicht. Giuditta .                         Schwager, um des Himmels willen, Ihr seht mich an wie durch ein Dutzend Brillen . . . Ich bin ja doch leibhaftig, bin kein Geist! Was habt Ihr nur? Ich fürchte mich! – Orlando .                                                 Ihr wißt Ja nicht, Ihr könnt nicht ahnen, könnt nicht fassen, In welchen Sturm und Wirbel Ihr mich rißt. Giuditta . Ich?! Orlando .           Kaum hat die Gefährtin mich verlassen, Die Frau, die seit fünf Jahren schon die meine, Da naht ein Wesen, das nach äußerm Scheine Sie selbst mir wiederbringt, unheimlich treu, Und doch nicht sie! 116 Giuditta (übermütig) . Wer weiß? Orlando .                                         Nein, habt mich nicht zum Narren! Laßt Euch noch einmal anschau'n – nicht so fern! Giuditta (lachend) . So nah genug? Orlando .               Ihr lacht? Giuditta .                             Ich lache gern. Orlando . Warum senkt Ihr den Blick? Giuditta .                                           Es ist mir neu, Daß Männer so mir in das Antlitz starren. Orlando (kopfschüttelnd) . Höchst wunderlich! Bald ist's ein Blick, ein Hauch, Ein Ton, der zwangvoll mir den Ruf entringt: Du bist Giuditta! Bald erscheint und klingt Mir alles fremd an Euch . . . Giuditta .                                   An Euch mir auch. Orlando . Bald bin ich wehrlos in dem Wahn befangen, Ich hätte diese Lippen, diese Wangen Schon tausendmal berührt . . . 117 Giuditta (zurückweichend) .               Was sprecht Ihr da? Kein Mann kam diesen Wangen noch zu nah, Geschweige diesen Lippen! Orlando .                                 Bald wie 'n Schüler Erröt' ich bis in meine tiefste Seele, Mich fragend, ob ich keine Form verfehle, Und ob ich wärmer sein soll oder kühler. Giuditta . Kühler! Orlando .             So schwank' ich, aus dem Gleis gebracht, Im Zickzackschritt durch eine Nebelsphäre . . . Giuditta (hat sich, auf dem Diwan rückend, mehr und mehr von ihm entfernt) . Das – das ist ängstlicher, als ich gedacht. Wenn doch Giuditta nur geblieben wäre! Wann kommt sie wieder? Orlando .                               In drei Wochen. Giuditta (scheinbar entsetzt) .                             Ach! Nicht früher? Orlando .              Kaum. Giuditta .                         O, welches Ungemach!         (Ueberlegend.) Und wenn ich ihr noch heut ein Brieflein sende . . . 118 Orlando . Ihr wollt . . .? Giuditta (aufstehend) .     Wo find' ich Euer Schreibepult? Orlando . Bedenkt . . .! Giuditta .                       Ach ja, sie hielte mich am Ende Für rücksichtslos . . . Orlando .                         Ihr seid hier wohlgeborgen. Giuditta . Doch Euer Zustand . . . Orlando .                                     Habt mit mir Geduld! Giuditta (setzt sich wieder; lächelnd) . Bleibt mir die Wahl? Ich bin dazu gezwungen. – Ihr Kind nahm sie vermutlich mit? Orlando .                                           Den Jungen? Nein, der ist hier. Wollt Ihr ihn sehn? Giuditta (lässig) .                                     Ja – morgen . . . Heut nicht mehr. Orlando (erstaunt) .     Nicht? 119 Giuditta .                             Bin doch ein wenig müd. Des Wandervogels Schwingen sind ermattet. Orlando . Ich bitte, streckt Euch aus. Giuditta .                                         Wenn Ihr gestattet . . .         (Sie legt sich auf den Diwan.) Wie nun das Laub in Eurem Garten glüht! Die Sonne auch ist weitgereist und lächelt Ein Gutenacht. 's ist schwül.         (Sie reicht ihm den Fächer.)                                           Seid artig, fächelt Mir sanft, recht sanft ein wenig Kühlung.         (Orlando, hinter dem Diwan stehend, gehorcht.)                                                             Dank! – Wie wohl das thut! – Der Windhauch küßt erlabend Mir Stirn und Locken. – Horch – im Laubgerank 'ne Nachtigall. – Hier sitzt wohl manchen Abend Ihr mit Giuditta, Hand mit Hand umwunden Und Aug' in Aug' versenkt, in sel'ger Ruh' . . . Liebt ihr euch sehr? Orlando .                       O ja . . . (Seufzer Giudittas.)                                             Ihr seufzt? – Warum? Giuditta . Ich dachte nur, das sind wohl schöne Stunden, Ach, wunderschöne Stunden . . . 120         (Ein Pantoffel entfällt ihr.)                                                   O mein Schuh!         (Ohne sich zu rühren.) Wo liegt er? Orlando (hat sich beeilt, ihn aufzuheben) .                     Hier. (Er will ihn ihr anziehen.) Giuditta (zieht schnell den Fuß zurück) .                               Nein, allzu große Güte. Orlando . Wie? Giuditta .         Schickt sich das? Orlando .                                   Der Schwäg'rin! Giuditta (ihm den Fuß hinhaltend) .                         Sei es drum. Orlando (ihren Fuß betrachtend, während er ihr den Schuh anzieht) . Ihr tanzt gern barfuß? Giuditta .                         Wer hat Euch verraten . . .? Orlando . Die Zofe. Giuditta .               Schwatzte gar – was Gott verhüte – Dies Plappermaul von meinen Missethaten Noch mehr? 121 Orlando .           Nein; aber sagt nur . . . Giuditta .                                             Könnt' mir fehlen, Euch meine tollen Streiche zu erzählen! Orlando (sie wieder fächelnd) . Sie kleiden Euch. Giuditta .                 Man ist nicht ewig jung. Wie? Orlando .   Freilich! (Er fächelt sie. Kleine Pause.) Dreizehnter Auftritt. Vorige . Lisa . Lisa (steckt den Kopf durch die Vorhänge der Loggia, ohne Giuditta, die Orlando ihr verdeckt, zu bemerken, und flüstert) .                         Herr . . . Orlando .                               Was ist? Lisa (schleicht auf den Zehen die Stufen herab, nähert sich ihm)                                                       Da . . . bin ich. Orlando .                                                                     Wer? Lisa Nun, ich. 122 Orlando (erst jetzt die Situation erfassend, macht ihr Zeichen, sich zu entfernen) .                 Was willst du? Lisa .                                     Wißt Ihr das nicht mehr? Orlando (ebenso) . Schon gut! Lisa .                 Begonnen hat die . . . Dämmerung. Orlando (ungeduldig, auf Giuditta deutend) . Siehst du denn nicht . . .? Lisa .                                     Ihr habt mich doch be . . . stellt. Orlando . Ich hätte . . .? Lisa .                             Ja, den . . . Ring, der mir gefällt, Mit Euch im . . . Schrank zu suchen. Orlando .                                               Ich? Das hast Du wohl geträumt. Siehst du nicht meinen Gast? Lisa (erschreckend) . Ach, Gott! Giuditta (hat mit fieberhafter Spannung beide beobachtet, steht nun auf) .                   Schwager, Ihr habt Geschäfte . . . 123 Orlando (lebhaft) .                                                 Nein! Giuditta . Ihr sollt um meinetwillen nichts versäumen. Orlando (zu Lisa) . Geh! Giuditta .   Nein, es ist an mir, das Feld zu räumen.         (Zu Lisa.) Geht nicht! Ihr seid bestellt. – (Zu Orlando.)                                             Ich warte drinnen; Durch mich sollt Ihr in nichts behindert sein. Orlando (sie aufhaltend) . Ich bitt' Euch, bleibt! (Halblaut.)                                 Dies ist ein albern Ding. Giuditta . So, so? Orlando .             'ne Mißgeburt, nicht recht bei Sinnen. Giuditta . Wirklich? Mir deucht, sie sprach von einem Ring. Orlando . Gefasel. Giuditta (einen Ring von ihrem Finger ziehend, zu Lisa) .                       Wenn Ihr Ringe liebt, nehmt diesen.         (Sie giebt ihn ihr. – Zu Orlando.) Ein altes Erbstück: Perlen und Türkisen. 124 Orlando (halblaut) . 's ist schade drum. (Zu Lisa.)                             Bedank dich und verschwinde! (Lisa macht einen scheuen Knicks und geht rasch ab rechts hinten.) Giuditta . Ihr seid recht barsch mit diesem hübschen Kinde. Orlando (mit leichter Galanterie) . Hübsch? Nein, so plumper Reiz muß vor dem Strahl Adliger Schönheit kümmerlich verbleichen. (Pietro zieht von hinten die Vorhänge der Loggia auf und verschwindet wieder. Auf dieser eine reich besetzte, von Kerzen hell erleuchtete Tafel; der Garten im Mondschein.) Renata, wollt Ihr Euren Arm mir reichen? Giuditta . Wohin? Orlando (nach der Loggia deutend) .                       Ihr seid ja hungrig. Hier das Mahl. Giuditta (seinen Arm nehmend) . Schwager, ich find' Euch rührend rücksichtsvoll. Orlando . So ziemt's dem Wirt. Giuditta (mit ihm nach hinten gehend) .                                         Nein, Ihr verdient fürwahr Den Hymnus, der mit Pauken und Posaunen Aus jedem Brief Giudittas mir erscholl. Sie hat 'nen Mustergatten. 125 Orlando (läßt sie wieder los und starrt von neuem in ihr von den Kerzen und dem Mondschein beleuchtetes Gesicht) .                                         Sonderbar! Giuditta . Was ficht Euch an? Orlando .                                     Beinahe scheint mir jetzt: Ich hab' im ersten heftigen Erstaunen Die Aehnlichkeit bedeutend überschätzt. Giuditta . Gottlob, Ihr lernt mich von der Schwester unterscheiden. Orlando . Ja; denn Ihr seid die Schönere von beiden! (Sie sind die Stufen der Loggia emporgestiegen und setzen sich an die Tafel, während der Vorhang fällt.) 126 Dritter Aufzug. Dieselbe Dekoration. Erster Auftritt. Pietro (tanzt mit) Angiolina (ringsherum und giebt trällernd den Takt an). Pietro . Trallirum, larum . . . Angiolina .                           Preßt mich nicht so stark! Pietro . Trallarum . . . Angiolina .                 Wenn mein Fräulein käme . . . Pietro .                                                                     Pah! Mit meinem Herrn spaziert sie durch den Park. Angiolina (atemlos) . Ich kann nicht mehr. 127 Pietro (läßt sie los) .           Man merkt, daß Ihr bereits In feinen Häusern habt gedient. Angiolina .                                     O ja; Noch jede Herrschaft wußte mich zu schätzen. Pietro . Nach Pflicht und Schuldigkeit. Angiolina .                                         Doch meinerseits Hatt' ich fast überall was auszusetzen. Pietro . Und hier? Angiolina .           Vorläufig kann ich noch nicht klagen. Pietro . Will's meinen! Solch ein Dienst bringt wenig Last. Seit Euer Fräulein hier zu Gast, Besteht die Woche nur aus Feiertagen. Angiolina . Für mich der einzig richtige Kalender. Pietro . So lustig war's noch niemals hier im Schloß. Angiolina . Ihr wurdet heut mit auf die Jagd genommen? 128 Pietro . Ja, habt Ihr schon gehört? Das Fräulein schoß 'nen wahren Prachtkerl – einen Sechzehnender. Angiolina . So? Pietro .             Noch ein kleines Tänzchen? (Man hört vom Hintergrund her die lachenden Stimmen von Orlando und Giuditta.) Angiolina .                                                   Horch, sie kommen. Pietro (schnell und flüsternd) . Nehmt mich zu Eurem Liebsten. Angiolina .                                       Thut mir leid. Dazu verlang' ich doch mehr Vornehmheit . . . Höchstens zum Mann. (Beide rasch ab, Pietro rechts hinten, Angiolina rechts vorn.) Zweiter Auftritt. Orlando (und) Giuditta (kommen aus dem Garten, über die Freitreppe. Sie trägt ein ausgeschnittenes Kleid von derselben lichtblauen Farbe wie das Kleid des ersten Aufzugs, die Schultern von einem Spitzentuch bedeckt; in der Hand hält sie einen unvollendeten Kranz). Giuditta (laut lachend) .       Haha, zu drollig. Orlando (ebenfalls sehr heiter) .                     Liebe Schwäg'rin . . . 129 Giuditta . Haha, vor Gott und Welt will ich's verfechten, Daß Ihr des Rittertumes Krone seid; Doch wer, beim Himmel, heißt Euch Kränze flechten? Orlando . Zum Schmucke für die Stirn der kühnen Jäg'rin. Giuditta . Und dieses Untier nennt Ihr einen Kranz? Orlando . Ich muß gestehn, er glückte mir nicht ganz. Mögt Ihr das Werk, doch nicht den Künstler schelten! Die vielen Kränze wollt' er Euch vergelten, Die reizvoll um des Alltags kahle Stunden Ihr, seit ein guter Geist Euch hergeführt, Aus Anmut, Witz und Laune habt gewunden. Giuditta . Wie wunderschön gesagt! Ich bin gerührt. Orlando . Ihr seid ein Schelm. Giuditta .                               Nur keine Schmeichelei! Orlando . Nein, Wahrheit. Giuditta .                         Scherz. Orlando .                                     Wollt Ihr, daß ich's beteure? 130 Giuditta . Ich sehe weiter kein Verdienst dabei, Wenn ich vergnügt bin. Orlando .                           Doch! Giuditta .                                     Dann ist's das Eure. Denn Eure Gastlichkeit scheint unbegrenzt, Und mein begehrliches Gemüt umschwirrt, Wie 'n junger Schmetterling zu Pfingsten, Den Honig, den ein liebenswürd'ger Wirt In hundert Blütenkelchen ihm kredenzt. Orlando . Das Leben hier behagt Euch? Giuditta .                                             Ueberaus. Orlando . Ihr sehnt Euch nicht zurück? Giuditta .                                           Nicht im geringsten. Weiß Gott, ich fühle mich hier wie zu Haus. Orlando . Für mein bescheidnes Mühn der schönste Lohn. Giuditta . Und bin doch erst vor kurzem eingezogen! Orlando . Heut vor acht Tagen erst. 131 Giuditta .                                       Acht Tage schon?! Orlando . Ja, schneller sind sie mir davongeflogen Als ein Feldhühnerschwarm. Giuditta .                                   Und Ihr bekamt Noch keine Nachricht von Giuditta? Orlando .                                             Nein.         (Sie betrachtend.) Wie malerisch es Euren Wuchs umrahmt! Giuditta . Was? Orlando .         Dieses Kleid. Giuditta .                             Habt Ihr schon Sehnsuchtspein? Orlando . Wie? Giuditta .         Nach Giuditta? Orlando .                               Wohl. Giuditta .                                         Ich kann begreifen, Wie schmerzlich Ihr die große Lücke fühlt . . . 132 Orlando . Wollt Ihr dies Tuch nicht von den Schultern streifen? Giuditta (zieht es fester an sich) . O nein. Orlando .     Warum nicht? Giuditta .                           Ich bin leicht verkühlt. Pietro (von rechts hinten, mit einem Blumenstrauß) . Vom Grafen Parabosco. (Er reicht ihn Giuditta.) Giuditta .                             Ei, für mich? Pietro . Ja. (Ab rechts hinten.) Giuditta .   Schwager, seht nur an: wie ritterlich! Orlando . Der zudringliche Geck! Giuditta .                                   So harte Worte Für Euren Freund? Orlando .                     Ach, Menschen dieser Sorte Sind nur bei seltenem Genuß erträglich! 133 Doch nun, so scheint's, will er sich hier tagtäglich Vor Anker legen . . . Giuditta .                         Freundschaftsüberschwang. Orlando . Er langweilt mich. Giuditta .                           Da fürcht' ich nur, es geht Euch ebenso mit mir, wenn wir noch lang Den ganzen Tag von früh bis spät Beisammen sind. Orlando .                   Mit diesem schalen Tropf Vergleicht Ihr Euch? Giuditta .                       Ihr denkt von ihm geringer Als billig. Orlando .       Nein, Ihr habt im kleinen Finger Mehr Geist als er in seinem ganzen Kopf. Bei seinesgleichen ist's schon Zeitvertreib, Wenn man zur öden Stunde sagt: Entflieh! Ihr lehrt mich zur Minute sagen: Bleib! Denn weilt Ihr noch so lang, Ihr langweilt nie. Giuditta . O, daß Ihr meine Mängel blind verzeiht Und viel zu hoch, ja, viel zu hoch mich achtet, Verdank' ich nur der großen Aehnlichkeit 134 Mit meiner Schwester! Wenn Ihr mich betrachtet, Dann seht Ihr Eurer Gattin Ebenbild, Und alles Lob, das ich vernehme, gilt In Wahrheit ihr. Orlando .                 Nein, Euch. Im Anfang nur Verwirrte mich dies Scherzspiel der Natur, Sodaß die beiden Bilder mir in eins Unlöslich immerdar zusammenflossen Und ich, befangen halb und halb verdrossen, Vergeblich kämpfte mit der Macht des Scheins. Jetzt aber . . . Giuditta .               Jetzt? Orlando .                       . . . ist dieser Schein zerstoben. Stets schärfer voneinander abgehoben Rückt jedes Bild in seine eigne Sphäre, Und wenn ich sie vergleiche . . . Giuditta .                                         Was entdeckt Ihr dann? Orlando (mit leichtem Seufzer) .                 Dann wird in mir der Wunsch erweckt, Daß meine Frau noch ähnlicher Euch wäre. Giuditta . Sie mir? Orlando .               Nun ja, warum es Euch verschweigen? Das lebhaft muntre Wesen, das Euch eigen, 135 Warm wie der Sonnenschein, klar wie der Aether, Geschwellt von Jugendübermut . . . Giuditta .                                             Sie gleicht Mir darin nicht? Orlando .                 Vor Zeiten, ja, vielleicht; In unsres Ehestandes Lenz. Giuditta .                                 Und später? Orlando . Da kam das Kind, mit ihm die Mutterpflichten, Die kleinen Sorgen, unnütz aufgebauscht . . . Bald ward kein flüchtig Wörtchen mehr getauscht, Das nicht der Lebensernst behing mit Bleigewichten. Giuditta (wird nachdenklich) . So, so? Orlando .     Statt mir zur Jagd zu folgen, blieb Sie nun daheim, und wenn ihr Lachen scholl, War's nur noch ihrem Kind, nicht mir zulieb. Giuditta . So steht es? Orlando .                   Ja. Giuditta .                         Verzeiht mir nur die Frage: Bliebt Ihr denn immer wie am Hochzeitstage? Orlando . Dazu gehören zwei. 136 Giuditta .                               Hm! – Orlando .                                           So gedankenvoll? Giuditta . Mir deucht, ich bin zur rechten Zeit gekommen! Orlando . Ja, wahrlich, Euer Einfluß könnt' ihr frommen. Giuditta . Glaubt Ihr? Orlando .                   Bestimmt! Giuditta .                                   's ist nicht ganz unwahrscheinlich.         (Ihren heiteren Ton wiederfindend.) Nur stellt mich, wenn sie wiederkehrt, Ihr nicht als Muster hin; das wär' mir peinlich. Orlando . Weshalb? Giuditta .               Mich habt Ihr Werktags nie gesehn: Grad wie Giuditta hab' ich meine Grillen . . . Orlando . Doch sind von einem Zauber sie verklärt. Giuditta . Der ist? Orlando .              Jungfräulichkeit. 137 Giuditta .                                       Ja, freilich, den Gab meine Schwester hin um Euretwillen. Orlando . Zum Beispiel, wie vortrefflich zu Gesicht Steht Euch dies Hellblau. Giuditta .                             Meiner Schwester nicht? Orlando . O nein, nicht halb so gut. Giuditta .                                     Aus welchem Grunde? Orlando . Weil Ihr viel jünger ausseht. Giuditta .                                           So? Orlando .                                                 Mir fällt Es schwer zu glauben, daß Ihr's nicht auch seid. Giuditta . Ich jünger als Giuditta? Jeden Eid Leist' ich darauf, daß in derselben Stunde Wie ich sie hat erblickt das Licht der Welt. Orlando . Doch Ihr, warum bliebt Ihr noch unvermählt? 138 Giuditta . Je nun, an Werbern hat's mir nicht gefehlt. Orlando . Begreiflich. Giuditta (setzt sich auf den Diwan) .                           Nur bisher ist unter ihnen Der Mann, von dem ich träume, nicht erschienen. Orlando (setzt sich zu ihr) . Der Mann, von dem Ihr träumt? Wie schaut er aus? Giuditta . Ihr fragt zu viel. Orlando .                         Macht Euch dies Tuch nicht heiß? Ablegen könnt Ihr's unbesorgt. Giuditta (es wieder fest ziehend) .       Wer weiß? Orlando . So furchtsam? – Dritter Auftritt. Vorige . Ghita (mit) Sandro (von rechts hinten). Ghita (zieht den sich sträubenden Sandro bei der Hand nach) .                                     Ja, du liefst genug herum. Komm nur! Orlando (zu Giuditta) .                   Mein Sohn. 139 Sandro .                               Ich will noch nicht nach Haus. Orlando (zu Ghita) . Was giebt's? Ghita .                 Er folgt nicht. Orlando .                                 So? (Zu Sandro.)                                               Marsch! – Eins, zwei, drei! Sandro (zu Giuditta, scheu) . Mutter . . . Orlando .         Der Bursch hält Euch, weiß Gott, noch immer Für seine Mutter. Er ist gar zu dumm. Giuditta . Und hat solch klugen Vater. Orlando (zu Sandro) .                         Komm herbei!         (Ghita führt Sandro nach vorn und zieht sich dann nach links hinten zurück, geht kurz daraus dort ab. – Orlando, zu Sandro, aus Giuditta deutend.) Wer ist das, he? Sandro .                   Die Mutter. Orlando (zu Giuditta) .                 Keinen Schimmer! 140 Giuditta (sich mühsam zurückhaltend) . Ei, laßt ihn doch! Ich find' ihn höchst ergötzlich. Ich hätte nie gedacht, daß ich so plötzlich 'nen Sohn bekäm'. Orlando .                     Ein dutzendmal schon nannte Ich Euren Namen ihm. (Zu Sandro.)                                   Merk' endlich dir: Die Mutter ist verreist; das ist die Tante. Sandro (zu Giuditta, weinerlich) . Ach, Mutter, sei doch wieder lieb zu mir. Giuditta (von ihrer Empfindung überwältigt) . Ich . . . Kind, ich . . . (Sich beherrschend, zu Orlando.)                                 Sagt, was hab' ich unterlassen, Daß mir sein kindlich Wort wie Vorwurf tönt? Orlando (hebt Sandro auf den Diwan, so daß er zwischen ihnen sitzt) . Er will, Ihr sollt Euch nur mit ihm befassen. Giuditta hat ihn fürchterlich verwöhnt. Giuditta . Darin, das fühlt er, wieg' ich sie nicht auf. Und grade jetzt . . . Orlando .                       Wie, jetzt? Giuditta .                                       Daß ich's bekenne . . . 141 Orlando . Ihr wärt ihn gerne los? Giuditta (mit leichter Koketterie) .   Er unterbrach Ein fesselndes Gespräch. Orlando (erfreut) .                 Ich selber brenne, Es fortzusetzen. (Er stellt Sandro auf den Boden.)                         Vorwärts, Junge, lauf Zu Ghita! (Er ruft nach links hinten.)                 Ghita!         (Sandro geht langsam und betrübt nach hinten. Signal eines Jagdhorns hinter der Bühne.)                             Dieses Horngeschmetter? Giuditta . Ein Bote? Orlando .                 Wartet nur, ich sehe nach. (Er eilt über die Loggia ab rechts.) Vierter Auftritt. Giuditta . Sandro . Giuditta (eilt, sobald Orlando den Rücken gedreht hat, Sandro nach, zieht ihn an sich und liebkost ihn mit überströmender Innigkeit, Thränen in den Augen) . Sandro, mein Herz, mein Alles, o vergieb! Gern wäre deine Mutter wieder lieb 142 Und muß dich doch verleugnen, um das Wetter Zu bannen, das ob unsern Häuptern droht! Vergieb ihr, Sandro, daß sie, glühend rot Vor Scham, in dein Gemüt Verwirrung sendet! Sie flieht vor ihrem Kleinod; sie erstickt Des Mutterherzens zärtliche Begier, Damit dein Vater wieder lieb zu ihr. Dich täuscht die Maske nicht; doch er war leicht verblendet: Hat er denn halb so lang mich angeblickt In all den Jahren, wie nun jeden Tag? Erst als mein Zwilling mußt' ich ihm erscheinen, Damit er wieder mich beachten mag! Ach, Sandro, soll ich lachen oder weinen, Daß seine Frau nun besser ihm gefällt, Nur weil er sie für eine andre hält?         (Orlando wird in der Loggia sichtbar, über die Brustwehr nach rechts hinabsehend.) Da ist er! (Sie trägt Sandro eilig nach links hinten.)                 Fort! Von unserm Stelldichein Darf er nichts ahnen. – Schnell 'nen Kuß noch. – So! (Sie schiebt ihn durch die Thür links hinten, schließt sie hinter ihm und geht dann Orlando entgegen.) Fünfter Auftritt. Giuditta . Orlando . (Dann) Lelio . Giuditta . Nun? Orlando .         Botschaft von Florenz. 143 Giuditta .                                           Giuditta traf dort ein? Orlando . Ja, meinen Jägermeister Lelio, Der ihr gefolgt ist, sendet sie zurück . . . Giuditta . Was bringt er? Orlando .                       Gleich. Man stärkt ihn erst mit Wein. Der Wackre hielt sich vor Erschöpfung kaum Im Sattel, und dem Pferd quoll dicker Schaum Von dem Gebiß. Lelio (von links hinten. Seine Kleider sind zerrissen und mit Staub bedeckt. Er ist scheinbar völlig ermattet und außer Atem) .                           Das war ein Reiterstück! Herr, ob das viele wohl zu stande brächten? Damit Ihr länger nicht in Sorge wärt, Macht' ich, am Ziel kaum eingetroffen, kehrt Und zwang den ganzen Rückweg in zwei Nächten Und einem Tag. Orlando .                 Fürwahr, 'ne tolle Hetze. Lelio . Dazu noch – uff, erlaubt, daß ich mich setze – Dazu noch hatt' ich heute Nacht im Wald – Ihr merkt's an diesen Fetzen – von zwei Räubern Bedrängt, 'nen unfreiwill'gen Aufenthalt. Die Kerle, das Gesicht geschwärzt mit Kohle, 144 Versperrten grunzend mir die Straße quer Und wünschten, meinen Mantelsack zu säubern; Jedoch dank Eurer trefflichen Pistole Belästigen die keinen Wandrer mehr. Giuditta (vor ihn hintretend) . Nur sagt uns . . . Lelio (von ihrem Anblick scheinbar überrascht, sieht Orlando fragend an) .                           O, das Fräulein? Orlando .                                           Ja. Giuditta .                                                 Wie geht Es meiner Schwester? Lelio .                               Fräulein, man erkennt Wahrhaftig, daß Ihr sie mit Recht so nennt! Weit mehr, als ich erzählen könnte, steht Gewiß im Brief, den sie dem Herrn geschrieben. Orlando . So gieb! Lelio (sucht in seinen Taschen) .                       Wo mag er stecken? – Gott verdamm's, Der ist in meinem Mantelsack geblieben. Orlando . Ich lass' ihn holen. (Er wendet sich nach hinten.) Lelio (leise zu Giuditta) .         Schnell!         (Giuditta steckt ihm einen Brief zu. Er ruft Orlando zurück.) 145                                                 Nein, hier im Wams.         (Er thut, als habe er den Brief in seiner Tasche gefunden, und reicht ihn Orlando.) Hier ist er. Orlando (zu Giuditta) .                 Ich durchflieg' ihn; wollt gestatten. Giuditta (diskret) . O, wenn die Gattin schreibt an ihren Gatten . . .         (Leise zu Lelio, ohne Orlando, der den Brief liest, aus den Augen zu lassen.) Das hast du gut gemacht. Lelio (leise) .                           Nicht wahr, man glaubt, Daß endlos ich durch dick und dünn geritten? Ich war der Räuber, der dies Wams zerschnitten, Und seht nur an, wie kunstgerecht es staubt.         (Er klopft sich eine Staubwolke heraus.) Den armen Gaul hab' ich mit Peitschenhieben Fünf Stunden im Galopp herumgetrieben Rings um das Jagdhaus . . . Giuditta (leise) .                         Brav! Orlando (mit dem Brief fertig, zu Giuditta) . Wollt Ihr ihn lesen? 's ist kein Geheimnis drin. Giuditta (nimmt den Brief) .       Wenn Ihr erlaubt. So voll von Neugier bin ich nie gewesen. 146         (Zwischen dem Lesen.) Wie hübsch sie schreibt! Orlando .                             Ihr findet? Giuditta .                                             Wie lebendig Malt sie den herzlichen Empfang Und unsrer Mutter Glück! Nur ist ihr bang Um ihren Sandro. Orlando .                   Ja. Giuditta .                         Sie denkt beständig An ihn. Orlando .     Mehr als an mich. Giuditta .                               Das steht hier nicht. – Mit Ungeduld erwartet sie Bericht, Ob ich schon angelangt. – Wie liebevoll, Mit welchem Sehnsuchtston sie von mir spricht – Und daß sie sich um meinetwillen quäle Mit Selbstvorwürfen . . .         (Sie wischt sich eine Thräne aus dem Auge.)                                     Treue Schwesterseele! – Sie fragt Euch, wann sie wiederkehren soll . . . Wenn Ihr es wünscht, sofort; nur eine Zeile . . . 147         (Ihn voll ansehend.) Wünscht Ihr's? Orlando .                 O nein, mir hat es keine Eile. Giuditta . Mir auch nicht mehr. Inzwischen ward mir klar, Daß ich mit Unrecht ungeduldig war. Sie bleibe nach Gefallen! (Wieder lesend.)                                       Ach, sie muß Euch wahrhaft lieben. Orlando .                         Wie? Giuditta .                                 Des Briefes Schluß . . . Orlando (mit hineinsehend) . Wieso? Was steht denn dort? Giuditta (schamhaft) .                   Ein heißer Kuß. Orlando (verwirrt) . Hm – ja. (Sich fassend.)               Doch das Gespräch, das uns im Bann Gehalten – setzen wir's nun endlich fort! Giuditta . O, gerne! Orlando (ruft) .       Lelio . . . (Lelio, der sich nach dem Hintergrund zurückgezogen hatte, kommt nach vorn. Gleichzeitig Pietro von rechts hinten.) 148 Pietro .                               Herr . . . Orlando (ungeduldig) .                                                 Was? Pietro .                                                     Ein Mann Ist draußen . . . Orlando .                 Wer? Pietro .                             Ein Bote von Florenz. Orlando . Noch einer? Pietro .                       Namens Beppo. Lelio (leise zu Giuditta) .                         Pestilenz! Giuditta (ebenso) . Was soll das heißen? Lelio (ebenso) .                 Der war wirklich dort. Giuditta (ebenso) . Was thun? Orlando (zu Pietro) .                 Laß ihn herein! Lelio .                                     Doch, Herr, weshalb Anhören, was der Bauernlümmel kohlt? 149 Durch meinen Sturmritt hab' ich dieses Kalb Zwei Tage, schlecht gerechnet, überholt. Sein Neuigkeitenbrot ist altgebacken. Orlando . Doch immerhin . . . Giuditta (zu Orlando) .             Kobolde sind verschworen, Unser Gespräch zu hemmen. Orlando .                                   Ja, 's ist grämlich! Drum laßt uns schnell den Stier beim Horne packen.         (Zu Pietro.) Herein mit ihm, geschwind! (Pietro ab links hinten.) Lelio (leise zu Giuditta) .               Wir sind verloren. Sechster Auftritt. Vorige . Beppo . Beppo (von links hinten) . Grüß Gott, beisammen. Orlando .                           Deinen Auftrag? Beppo .                                                       Nämlich . . . Orlando . Sprich! 150 Beppo .                 Also . . . Orlando .                             Rasch! Wir haben wenig Muße. Beppo . Ganz richtig. Orlando .                 Mensch, was ward dir aufgetragen? Beppo . Der Herr, bei dem ich Knecht war sozusagen – Wie hieß er? Wartet mal, gleich fällt's mir ein – Herr Villa – Vulla schickt mich mit 'nem Gruße. Orlando . Und das ist alles? Beppo .                               Ja. Giuditta (leise zu Lelio) .             Gottlob! Beppo .                                                 Doch nein – Noch was! Lelio (leise zu Giuditta) .                 O weh! Beppo .                       Jetzt kommt's mir wieder in den Sinn: Ja, wie ich heim wollt' und am letzten Tag Grad meine Siebensachen sammel', Da sagt Herr Vulla zu mir: Hammel – 151 So nennt er mich Geh zu der Alten hin – Zu Eurer Schwiegermutter . . . Orlando .                                       Nun? Beppo .                                                   Und frag, Ob sie was zu bestellen hat. Orlando .                                 Nun, und? Beppo . 'nen schönen Gruß von ihr, sie wär' gesund. Orlando . Und meine Frau? Beppo .                             Wieso? Orlando .                                     Nun, gab sie dir Nicht auch 'nen Gruß mit? Beppo .                                   Eure Frau? Weswegen? Giuditta (leise zu Lelio) . O Gott! Lelio (leise) .   's geht schief. Orlando .                           War sie denn nicht zugegen? Beppo . Nein. 152 Orlando .       Seltsam. Beppo (auf Giuditta deutend) .                           Eure Frau, die steht doch hier. Giuditta (zu Orlando, mit gezwungener Scherzhaftigkeit) . Der auch! Orlando .         Die Mutter sagte dir kein Wort, Daß meine Frau nicht hier ist, sondern dort? Beppo . Nein. Orlando .       Nicht?! – Renata, dünkt Euch das erklärlich? Giuditta (zitternd und stockend) . Mir? Ja. – Euch nicht? Orlando .                           Ihr meint? Giuditta (mit plötzlichem Gedanken) .       Der Bursche war Dort einfach vor Giudittas Ankunft. Orlando .                                             Schwerlich. Giuditta . Auch klingt ja sein Gefasel so verschwommen, Daß . . . 153 Orlando .       Immerhin; der Fall ist sonderbar. Versuchen wir, ihm auf den Grund zu kommen.         (Er wendet sich zu Beppo.) Giuditta (kokett) . Giebt's bess're Kurzweil nicht, als Euch zu plagen Mit diesem Tolpatsch? Orlando .                           Nur noch ein paar Fragen . . . Lelio . Herr, augenscheinlich ist . . . Orlando .                                       Laß nur, ich löse Das Rätsel schon mit eigner Kraft. Giuditta (leise zu Lelio) .                         's wird böse. Lelio (leise) . Was jetzt? Giuditta (leise) . Stillhalten. Reden macht's nur schlimmer. Orlando (zu Beppo) . Also, die Mutter, wie du sie besucht, War ganz allein? Beppo .                     Ja, ganz allein. Lelio (leise) .                                     Verflucht! 154 Giuditta (leise) . 's ist aus. Beppo .           Doch halt – ein junges Frauenzimmer War bei ihr. Giuditta (überrascht) .                   O! – Orlando (lachend) .       Da haben wir's! – Wie sah Sie aus? Beppo .         Wenn alles man in allem nimmt, Hat sie grad ausgesehn wie diese da. Giuditta (leise zu Lelio) . 's war meine Schwester! Orlando .                             Das war meine Frau, Du Schafskopf. Beppo .                   Nur ist die da schöner. Orlando .                                                 Stimmt. Beppo (grinsend) . Jawohl, bei mir stimmt alles ganz genau. Orlando . Bist du nun fertig? Beppo .                               Fertig. 155 Giuditta (ausatmend) .                     Ah! Orlando (giebt ihm Geld) .                       Nimm das Und pack dich! Beppo .                   Danke.         (Er geht einige Schritte, bleibt stehen und kehrt wieder um.)                                   Halt mal . . ! Orlando (halb ärgerlich, halb belustigt) .       Noch etwas? Beppo . Die Hauptsach'. Giuditta (leise, mit neuem Schreck) .                               Himmel! Beppo .                                       's liegt mir auf der Zunge . . . Ja, so! Zuletzt beiseit nahm mich die Junge Und sagte: Zeige meiner Schwester an, Ich wär' hier angekommen wohlbehalten; Nur kurze Zeit noch bleib' ich bei der Alten Und komme dann zu ihr, so schnell ich kann. Giuditta (lebhaft interessiert) . Ei! – Orlando . Blitz, das alles wissen wir doch schon! Giuditta . Gewiß. (Sie giebt Beppo Geld.)                     Nimm auch von mir verdienten Lohn. 156 Orlando . Und schere dich zum Teufel! Beppo .                                               Danke. (Er geht.) Orlando (lachend zu Giuditta) .                           Gräßlich! Beppo (wendet sich an der Thür noch einmal um) . Nämlich, mein Kopf ist von Geburt vergeßlich. Orlando . Hinaus! (Beppo ab rechts hinten. – Orlando zu Giuditta.)                       Nun, Gott sei Dank, der ist erledigt. Giuditta . Ja, Gott sei Dank. Orlando .                           Und um nun fortzusetzen Das fesselnde Gespräch . . . Giuditta .                                   Das uns entschädigt . . . Orlando (Lelio verabschiedend) . Freund Lelio, laß dich gehörig letzen Mit Speis' und Trank . . . Pietro (von rechts hinten) .         Herr . . . Orlando .                                           Blitz und Donnerschlag, Was denn schon wieder? 157 Pietro .                                 Der Verwalter. Orlando .                                                   Sag, Er soll zum Henker gehn! Pietro .                                   Es wäre dringlich. Orlando . Ist heute das Verhängnis unbezwinglich? Giuditta (die Nase rümpfend) . Kurzweilig wird das kaum. Orlando .                                 'nen Augenblick! Euch zu verschonen, werd' ich diesen Narren Abfert'gen auf dem Flur. Giuditta (kokett) .                 Ich werde harren. (Orlando geht rasch ab rechts hinten. Pietro folgt ihm) Siebenter Auftritt. Giuditta . Lelio . Giuditta . Ja, das Verhängnis hätt' uns fast ereilt. Lelio . Potz Hagel, schon am Hals spürt' ich den Strick! 158         (In anderem Ton, lebhaft.) Wie steht's? Giuditta .           Hast du gehört? Renata weilt Schon in Florenz. Bald ist sie hier, und dann . . . Lelio . Zunächst habt Mitleid mit 'nem Ehemann, Der auf dem Rost der Hölle lag und briet! Stellt Euch nur vor: seit einer ganzen Woche Sitz' einsam ich in meinem Mauseloche Und zittere vor Angst, was hier geschieht. Giuditta . Nichts. Lelio .                 Wirklich? Giuditta .                           Wirklich. Lelio .                                               Habt Ihr gut gewacht? Giuditta . Sehr gut. Lelio .                   Und Lisa? Giuditta .                             Seinem Sinn entschwunden. Lelio . Hat er wohl gar 'ne Andere gefunden? 159 Giuditta . Des hab' ich ihn im dringenden Verdacht. Lelio (mißbilligend) . O! Giuditta . Drum, noch ehe meine Schwester naht, Muß ich ergründen . . . (Plötzlich zusammenfahrend.)                                   Ach! Lelio .                                         Was ist? Giuditta .                                                Der Schrecken! Wie konnt' ich nur . . . Lelio .                               Was? Giuditta .                                   . . . wie zum Selbstverrat In dieses ausgeschnittne Kleid mich stecken! Renatas Muttermal – der braune Flecken Ueber der Brust! – Daß er davon erfuhr, Steht fest. Wie, wenn er mich aus Argwohn bat, Das Tuch zu lüften? Was beginn' ich nur? Das Kleid schnell wechseln? Nein, das wirkt befremdlich. –         (Mit Einfall.) Verschaff mir Farbstoff! 160 Lelio .                                   Farbstoff? Ei, zum Glück Blieb uns ein Angebinde hier zurück Von Meister Valla.         (Er eilt zum Schrank vorn links, öffnet ihn.) Giuditta .                     Wie? Lelio .                                 Hier stehn sie sämtlich. Giuditta . Was? Lelio .               Von Dianens Bild die Farbenrester. Sogar noch Pinsel stecken drin. Giuditta (sich nähernd) .                   Laß schau'n! Lelio . Was wünscht Ihr? Gelb? Rot? Lila? Giuditta .                                                 Dunkelbraun. Lelio (hält ihr einen kleinen Farbtopf hin) . Da. Giuditta . Gieb! Ich male mir das Mal der Schwester! (Sie hat das Tuch auseinandergeschoben und den Pinsel aus dem Farbtopf genommen.) Hier . . . nein, mehr links – das ist die rechte Stelle.         (Sie tupft mit dem Pinsel einen kleinen Fleck auf ihren entblößten Hals.) 161 So! –         (Sie reicht ihm den Pinsel zurück. – Orlandos Stimme hinter der Bühne.)         Flink! Ich hör' ihn.         (Lelio stellt den Farbtops schnell in den Schrank zurück. Giuditta, das Tuch wieder zusammenziehend.)                                     Jetzt für alle Fälle Bin ich gerüstet. Achter Auftritt. Vorige . Orlando . (Dann) Lisa . Orlando (zurückkehrend) .                           Dieser Schwätzer quälte Mich mit Fasanenzucht und Holzverkauf. Nun aber . . . (Zu Lelio.)                     Du noch hier? Giuditta .                                   Ich hielt ihn auf, Damit er etliches mir noch erzählte Von meinen Lieben. Lelio .                             Leicht könnt Ihr ermessen, Wohin mein armes Herz mich zieht, Noch ungestümer als zu Trunk und Essen: Elendiglich verwitwet und verwaist Sitzt hier mein Frauchen, seit ich abgereist . . .         (Er will gehen.) Lisa (kommt von rechts über die Loggia) . Ach, Gott, mein . . . Mann! 162 Giuditta (lächelnd, zu Orlando) .     Ein neuer Störenfried. Orlando . Verwünscht! Lisa (zu Lelio eilend) .     Du bist zu . . . rück – ich hör's grad eben – Und . . . kamst nicht erst zu mir? Lelio .                                               Du mußt vergeben; Ich war mit einem wicht'gen Amt belehnt . . . Lisa . Hab' ich nicht . . . lang genug schon . . . warten müssen?         (weinerlich.) Ach, Gott, ich hab' mich so nach dir ge . . . sehnt. Lelio . Ich auch. (Zu Orlando und Giuditta.)                   Ist's mir erlaubt, sie hier zu küssen? ^ Giuditta (lebhaft) . O, sicherlich! (Zu Orlando, während die beiden sich küssen.)                     Ein schöner Anblick – nicht? Orlando (unbehaglich berührt und ungeduldig) . Jawohl; doch jetzt . . . Lelio (zu Lisa) .                   Blieb dein Gewissen rein? Lisa . Ach, ja. 163 Lelio .             Und niemand – schau mir ins Gesicht – Hat in Versuchung dich geführt? Lisa (mit scheuem Seitenblick nach Orlando) .                                                 Ach, nein. Lelio (auf ihre Hand blickend, überrascht) . Wie kommst du zum Besitz des feinen Rings? Lisa . Den schenkte mir das . . . Fräulein. Giuditta .                                               Allerdings. Lelio . Dann auf den ersten Kuß hier noch ein zweiter! Orlando . Jetzt aber . . . Giuditta (scheinbar ergriffen, zu Orlando) .                               Es erquickt doch stets aufs neue, Solch echtes Bildnis ehelicher Treue! Wie? Orlando .   Freilich. (Zu Lelia und Lisa.)                       Doch nun küßt euch draußen weiter! (Lelio und Lisa ab über die Loggia nach rechts.) 164 Neunter Auftritt. Orlando . Giuditta . Giuditta (ihnen nachsehend) . Ach, so geliebt zu werden! So zu lieben! – Orlando (sich ihr nähernd) . Nun endlich, endlich ungestört! Giuditta . Unser Gespräch . . . Wo sind wir stehn geblieben?         (Sie setzt sich.) Orlando (setzt sich zu ihr) . Warum Ihr keinen Freier habt erhört Bis heute . . . Giuditta .             Richtig. Orlando .                         Weil nur der Euch lockt, Von dem Ihr träumtet. Giuditta (das Tuch lüftend) .   's wird mir doch zu heiß. Orlando (erfreut) . Legt ab! Giuditta .       Ja. (Er ist ihr behilflich, das Tuch abzunehmen.)                     Danke sehr. 165 Orlando (bewundernd) .             O, dieses Weiß Beschämt den Schnee der Firnen, und . . .         (Er fixiert das braune Fleckchen.) Giuditta .                                                       Ihr stockt? Orlando . Ich sehe, daß vollkommner Schönheit Strahl Nur noch verstärkt wird durch . . . Giuditta (harmlos) .                               . . . ein Muttermal? Orlando . Und daß der Mann, den Ihr dereinst erwählt, Sich . . . Pietro (von rechts hinten, meldet) .               Herr, Graf Parabosco . . . Orlando (springt wütend auf) .                   Was?! Schon wieder! Pietro . Ja. Orlando .   Höll' und Pest, der hat mir grad gefehlt! Ich . . . wir . . . sag' ihm, ich liege krank danieder . . . Pietro . Er fragte nach dem Fräulein. Orlando .                                       Gleichfalls krank. 166 Giuditta . Nein, ungern möcht' ich ihn beleidigt wissen, Und für den Blumenstrauß schuld' ich ihm Dank . . .         (Zu Pietro.) Wir sind erfreut. (Pietro ab rechts hinten, Parabosco die Thür öffnend.) Orlando .                 Ja, wir sind hingerissen! Zehnter Auftritt. Vorige . Parabosco . Parabosco (von rechts hinten, mit Blumen; grüßt Orlando im Vorbeigehen) . Nachbar, grüß Gott! (Zu Giuditta.)                               Fräulein, darf ich dies Zeichen Bescheidner Huldigung Euch überreichen? Giuditta . Wie? Nochmals Blumen? Parabosco .                                   Immer noch zu wenig. Nur schlecht bekundet solche Spielerei, Wie tief ich Eurer Schönheit unterthänig. Ein Wort von Euch, ja, nur 'nen Wink, so schlepp' ich Die Gärten der Semiramis herbei Und streue sie zu Füßen Euch als Teppich. 167 Giuditta (lachend) . Nein, bitte, thut es nicht! Parabosco .                           Mir um so lieber. Weit sind die Gärten der Semiramis, Und Heimweh, sagt man, ist ein böses Fieber; Gerade jetzt bekäm' ich's ganz gewiß. Giuditta . Ihr scheint ja heut besonders wohlgelaunt. Parabosco . Weil . . . Orlando (zwischen beide tretend) .                           Nachbar! Parabosco .                               Was, mein Freund? Orlando .                                                               Ich bin erstaunt, Daß Ihr noch immer Euren Plan verschiebt. Parabosco . Ich? Orlando .           Wolltet Ihr nicht nach Venedig reiten? Parabosco . Ich nach Venedig? Orlando .                               Ja, besinnt Euch nur: Der Stadt, die Ihr vor allen andern liebt. 168 Parabosco . Ganz recht, Ihr bringt mich wieder auf die Spur; Und Ihr – Ihr branntet drauf, mich zu begleiten. Orlando . Was, ich? Parabosco (trällert halblaut) .                         »Die Jugend, trallala . . .« Orlando (halblaut, heftig) .                                 Bedenkt! Giuditta (hat scharf zugehört) . Ein Plan der beiden Herrn, den ungebeten Ein plötzlich Hindernis beschränkt? Orlando . Durchaus nicht! Giuditta .                         Wenn gar ich der Anlaß wäre . . . Parabosco . Was mich betrifft, mein Fräulein, ich erkläre: Ich kenne keinen lieblichern Magneten In der gesamten Christenwelt, Als der mich hier am Ort gefesselt hält. Giuditta (verschämt) . O! – Parabosco . Drum, eh nicht Ihr selber mich verbannt . . . Giuditta . Nein, keineswegs. Orlando (mit wachsender Mißstimmung) .                                   Nachbar, vergebt, wir wollten . . . 169 Parabosco (ohne sich stören zu lassen) . Und die Bewunderung, die wohlbegründet Von Anbeginn Euch meine Augen zollten, Wird zehnfach noch erhöht durch dies Gewand, Das laut und – offen Euren Ruhm verkündet. Doch schwelgt der Blick, so sei die Lippe stumm; Für Seltenes sind auch die Worte selten. Orlando (wieder zwischen sie tretend, reicht Giuditta ihr Tuch) . Renata, hier das Tuch. Nehmt's lieber um. Giuditta . Weshalb? Orlando .                 's ist kühl. Ihr könntet Euch erkälten. Giuditta . Nein, mir ist warm. Parabosco (an Orlando vorbei, sich ihr nähernd) .                                       Kein Wunder; denn die Wärme Wird rings von Eurem eignen Licht versprengt, So daß ich wehrlos dieses Licht umschwärme, Auf die Gefahr, daß mir's die Flügel sengt, Und . . . Orlando (stirnrunzelnd und sich nur noch mühsam beherrschend, tritt abermals zwischen sie) .               Nachbar! Parabosco .                   Wie, mein Freund? Hab' ich nicht recht? 170 Orlando . Ich hätt' ein Wort mit Euch . . . Parabosco .                                             Ein Wort? So sprecht! Orlando . Ein Wort mit Euch allein. Parabosco (erstaunt) .                     Allein? Giuditta .                                                 Als dritte Bin ich da wohl zu viel. Orlando .                           Renata, bitte, Verübelt nicht . . . Giuditta .                     Hat mir doch gleich geschwant, Daß ihr gemeinsam einen Anschlag plant, Der nicht bestimmt ist für ein Mädchenohr. Orlando . Das nicht! Giuditta .                 Ach, so zwei alte Spießgesellen . . . Orlando . Nein; aber . . . Giuditta (nimmt die Blumen, die Parabosco mitgebracht) .                                 Eure schönen Blumen, Graf, Will ich geschwind in eine Vase stellen. (Ab rechts vorn.) 171 Elfter Auftritt. Orlando . Parabosco . Parabosco . Da steh' ich wie der Ochs vorm Scheuerthor. Nachbar, des Kuckucks will ich sein, Gott straf', Wenn ich begreife . . . Orlando .                           Nachbar, ohne Hehl: Diesmal geht Euer Weg vollkommen fehl! Parabosco . Was für ein Weg, mein Bester? Orlando .                                                   Kurz und gut – Wenn Ihr nicht unnütz gern die Zeit verthut – Dies Spiel gebt auf; Ihr werdet's nicht gewinnen. Parabosco . Ein Spiel? Orlando .                   Ich rat' Euch, Eure Abenteuer Auf passenderem Schauplatz anzuspinnen. Zum mindesten jedoch wollt nicht vergessen: Dies Fräulein ist kein kleines Ungeheuer; 's ist meine Schwäg'rin und in meiner Hut. Deshalb . . . Parabosco (heiter) . Deshalb lechzt Ihr nach meinem Blut Und wünscht, daß wir sogleich die Klingen messen? 172 Orlando . Es scheint, Ihr habt verstanden. Parabosco .                                             Meiner Seel', Hier geht nur Euer Weg vollkommen fehl. Orlando . Wie? Parabosco .       Drum, bevor wir uns die Schädel spalten, Hört an: Wer dieses göttergleiche Weib Für 'n kleines Ungeheuer wagt zu halten, Dem renn' ich selbst den Degen in den Leib. Orlando . Doch . . . Parabosco .             Und Ihr wähnt, ein so begnadet Wesen Hätt' ich zu flücht'gem Spiel mir auserlesen? Nein, Freund, vor solchem Reiz und Adel giebt Ein alter Sünder seine Kunst verloren: Diesmal ist's heil'ger Ernst; ich bin verliebt. Orlando (verdutzt) . Wie? Was? Verliebt? Parabosco .                     Bis über beide Ohren, Und heute früh kam ich mit mir ins reine: Heiraten werd' ich. Orlando (starr) .             Hei . . . 173 Parabosco .                               Die oder keine! Orlando . Was?! Ihr, der's hunderttausendmal verschworen . . . Parabosco . Gleichviel! Orlando .                     Der alle Ehemänner Thoren, Klägliche Narr'n und, was weiß ich, genannt, Ihr wollt . . . Parabosco .         Ich will. Orlando .                         Ihr seid nicht bei Verstand! Parabosco . Wieso denn? Ist etwa des Fräuleins Hand Nicht frei? Wenn sie mich nimmt, was kann mich hemmen? Orlando . Ihr, Ihr, der hartgesottne Hagestolz, Ihr wollt Euch in das Joch der Ehe klemmen? All Euer Freiheitsübermut . . . Parabosco .                                   Er schmolz Wie Butter in der Sonne. Denn vertraulich: Gewürz, das man zur Alltagsnahrung hat, Selbst wenn's die Freiheit ist, wird unverdaulich. 174 Nach manchem gift'gen Biß von mancher Natter Hab' ich die kleinen Ungeheuer satt Und gar die großen hab' ich noch viel satter. Was blieb in diesem Kelch zurück? Nur Hefe. Mein Scheitel, einst gar üppig, ist berupft, Und gestern hab' ich an der linken Schläfe Das erste weiße Haar mir ausgezupft. Mit einem Wort, ich kann nichts Klügres thun . . . Orlando . Als Euch im Ehehafen auszuruhn. Und meine Schwäg'rin soll sich glücklich schätzen . . . Parabosco . Mein Antrag kann sie keineswegs verletzen; Denn falls ich noch so niedrig von mir dächte, Ich bin aus uralt adligem Geschlechte Und müßte mich vor zwanzig Ahnen scheu'n, Wenn ich der Letzte meines Stammes bliebe. Orlando (eindringlich) . Laßt ab davon! Ihr würdet es bereu'n! Parabosco . Niemals! Ihr hörtet ja bereits: Ich liebe! Dies Wunderwesen hat mir's angethan; Wer solchen Edelstein erringt hienieden, Hat ausgesorgt für seine Lebensbahn. Drum heute noch . . . Orlando .                         Was – heute? 175 Parabosco .                                           . . . sei's entschieden! Orlando . Ihr wollt sie fragen?! Parabosco .                             Ja, sofort. Orlando .                                               Blindwütig Gleich mit der Thür ins Haus, bevor Euch kund . . . Parabosco (wird nachdenklich) . Den Teufel auch, Ihr mahnt mit gutem Grund. Ich bin zwar sonst nicht übermäßig zag; Doch hier . . . Orlando (erfreut) .   Nun also! Parabosco .                           Also, seid so gütig, Fragt sie statt meiner erst, ob sie mich mag! Orlando . Ich soll . . .? Parabosco .                 Ja, werbt in meinem Namen, schildert Mein Herz als herzensgut, wenn auch verwildert; Setzt meine Tugend in Beleuchtung; steigert Beredt mein Ansehn; sagt, ich sei verschossen, Vernarrt, verzückt, verzehrt von Liebesglut, Mit einem Wort, zum Aeußersten entschlossen! – Wie? 176 Orlando .   Nein! Parabosco (verblüfft) .                     Versteh' ich recht? Dem Freunde weigert Ihr diesen Dienst? Warum denn? Orlando .                                         Weil . . . Parabosco .                                                   Schon gut; So werd' ich selbst . . . (Er geht nach rechts.) Orlando (ihn aufhaltend) .       Nein, laßt; ich thu's. Parabosco .                                                       Doch gleich? Orlando . Ja. Parabosco .   Mit dem rechten Nachdruck? Orlando .                                                 Ja. Parabosco .                                                   Mit Feuer? Orlando . Ja. Parabosco .   Drängt sie nicht! Laßt ihr zur Antwort Zeit! Orlando . Ja; doch nun geht! 177 Parabosco .                         Top, aus dem Schlachtbereich Entrinn' ich in mein heimisches Gemäuer, Und morgen – morgen hol' ich mir Bescheid. Orlando . Ja. Parabosco (ihm beide Hände schüttelnd) .               Dank, mein Freund! – O, wie der Puls mir schlägt! – Lebt wohl. – (Im Abgehen.)                     Ich bin entsetzlich aufgeregt. (Schnell ab rechts hinten.) Zwölfter Auftritt. Orlando . (Dann) Giuditta . Orlando (ihm zwischen den Zähnen nachrufend) . Brich dir den Hals! (Höhnisch vor sich hin.)                             Was bildest du dir ein, Elender Geck? – (Ihm wieder nachrufend.)                           Hanswurst!         (Von einem Gedanken erfaßt und geängstigt.)                                             Wenn sie . . . (Beruhigt.) Nein, nein, Undenkbar. – Solch 'nen Gimpel? – Lächerlich!         (Er geht zur Thür rechts vorn, ruft.) Renata! – (Die Thür ein wenig öffnend.)                 Hört, Renata! 178 Giuditta (heraustretend) .         Habt Ihr mich Gerufen, lieber Schwager? Orlando .                               Denkt Euch nur! Giuditta . Was denn? Orlando .                   Ich wette drum, Ihr werdet herzhaft Darüber lachen. Giuditta .                 Nun? Orlando .                         Dem Grafen fuhr Ein Kobold ins Gehirn. Giuditta .                           Was ist mit ihm geschehn? Orlando . Heiraten will er Euch. Ist das nicht scherzhaft? Giuditta . Je nun, das hab' ich kommen sehn. Orlando . Ihr lacht ja gar nicht? Giuditta .                                 Nein, warum denn lachen? Im Gegenteil, ich fühle mich geehrt. 179 Orlando . Wie?! Giuditta .           Wenn man eines Mädchens Hand begehrt, Dann hält man sie wohl kaum für einen Drachen. Der Fall ist reiflicher Erwägung wert. Orlando . Sprecht Ihr im Ernst? Giuditta .                                 Schon vierundzwanzig Jahre Zähl' ich; man wird nicht ewig um mich werben . . . Orlando . Jedoch . . . Giuditta .                   Soll ich als alte Jungfer sterben? Daß mich der liebe Gott davor bewahre! Orlando . Ihr, die noch für den Edelsten zu edel, Wegwerfen könntet Ihr Euch an den Wicht, Den Gauch, den Tagedieb, den hohlen Schädel?! Giuditta . Ich wiederhol's, Ihr schätzt ihn zu geringe. Mir scheint, er ist noch lang der Schlimmste nicht: Ein hübscher Mann . . . Orlando .                             Hübsch – der! 180 Giuditta .                                                   Stets guter Dinge, Reich, ritterlich . . . Orlando .                       Jawohl, ein saubrer Ritter! Streift von ihm ab des Anstands äußre Flitter, Was bleibt zurück? Ein dreister Schürzenheld, Ein Bruder Liederlich, der's toll getrieben; Ja, dieser Mensch, der vorgiebt, Euch zu lieben, Hat jüngst noch Eurer Zofe nachgestellt! Giuditta . Das schreckt mich nicht. Orlando .                                     Der würd' Euch ohne Scheu Auch in der Ehe jeden Tag betrügen. Giuditta . Darein muß wohl ein armes Weib sich fügen. Orlando . Das muß sie nicht! Giuditta .                             Oft hab' ich sagen hören, Kein Mann sei zuverlässig treu, Selbst jene nicht, die's tausendmal beschwören. Orlando . O, doch! Giuditta .               Daß manche gar, die schlau genug Zuerst als Tugendengel sich gebärden, 181 Nachher Vertrauen lohnen mit Betrug. Drum sagt: Ist's besser nicht, man giebt von Anbeginn Sich keiner gleißnerischen Hoffnung hin, Als hinterdrein grausam enttäuscht zu werden? Orlando . Damit Ihr solch ein Bettelglück erreicht, Habt Ihr so viele Freier abgewiesen? Liebt Ihr ihn denn? Giuditta .                     Hm, ich . . . Orlando .                                       Ist er vielleicht Der Mann, den Ihr in Euren Traumgesichten Erblicktet? Giuditta .         Nein; jedoch . . . Orlando .                                 Jedoch? Giuditta .                                             Auf diesen, Der unter allen einzig, unvergleichbar – Kein Zweifel mehr – auf den muß ich verzichten. Orlando . Ihr müßt? – Warum? Giuditta (mit niedergeschlagenen Augen) .                                         Weil er mir unerreichbar. 182 Orlando (hingerissen) . Giebt's einen, der Euch nicht zu Füßen läge, Wenn . . . Giuditta .         Still davon! Wenn auf dem Schicksalswege Die rechten Herzen nicht einander trafen, Dann folgt man der Vernunft. – (Entschlossen.)                                                 Drum sagt dem Grafen, Daß . . . Orlando (mit hervorbrechender Leidenschaft) .               Daß, bevor er Euch besitzen soll, Ich ihn erwürge! Giuditta .                 Schwager, seid Ihr toll? Orlando . Ja, toll, ich bin es, toll durch Eure Schuld, Und sterben, sterben wird von meinen Händen, Wer nur ein Fünkchen hascht von Eurer Huld. Giuditta (vermag kaum ihren Triumph zu verbergen) . O, still doch! Orlando .             Hört mich an! Laßt mich vollenden! Ahnt Ihr denn nicht, Renata, was gewaltsam, Wenn ich noch schweige, mir die Brust zersprengt? Seht Ihr denn nicht, was heftig, unaufhaltsam Gleich einem Strom sich übers Ufer drängt? Fühlt Ihr denn nicht, daß Eurer Himmelsmacht 183 Ich ganz erlag, daß Ihr ein Meer von Flammen, Von wilden Flammen in mir angefacht? Sie schlagen lodernd über mir zusammen . . . Giuditta (sich fast vergessend, leise) . Ist's wahr? Orlando .         Ich lieb' Euch; Herz und Sinne hangen An Euch mit heiß inbrünstigem Verlangen. Erbarmt Euch mein, helft mir dies Feuer stillen; Sonst rettungslos stürzt meines Lebens Bau In Schutt und Asche hin! Giuditta (versucht die Herrschaft über sich selbst wiederzugewinnen) .                                       Um Gottes willen, So sprecht Ihr zu der Schwester Eurer Frau! Orlando . Seid, wer Ihr wollt, ich lieb' Euch! So zu sprechen Zwingt mich der Sturm, der mir im Herzen tobt. Giuditta . Habt Ihr Giuditta Treue nicht gelobt, Als Ihr die Ringe tauschtet am Altar? Und diesen heil'gen Schwur – wollt Ihr ihn brechen? Orlando . Renata, redet nicht von dem, was war. Giuditta . Ihr liebt sie nicht mehr? 184 Orlando .                                     Nein, das ist vorbei. Giuditta . O Gott! Orlando .             Erstorben war mein Herz, erfroren; Euch dankt es einen zweiten goldnen Mai, So daß es blüht und schwillt wie neugeboren Und lachend staunt ob seiner eignen Schätze. Giuditta . O, welch ein Frevel! Orlando .                               Liebe frevelt nicht. Ihr göttlich Recht ist heil'ger als Gesetze Und schmettert in den Staub die starre Pflicht. Gebt mir Gewähr, daß Ihr für mich empfindet, Was ich für Euch, ja, nur ein winzig Teil, Dann . . . Giuditta .         Schweigt, ich bitt' Euch! Orlando .                                             Dann, bei meinem Heil, Spott' ich der Menschensatzung, die mich bindet. Giuditta . 's ist meine Schwester! Orlando .                                   Erst in Euch gefunden Hab' ich das Weib, das meine durst'ge Seele 185 Von lebenslanger Sehnsucht läßt gesunden, Das nach des Himmels heimlichem Befehle Von Anfang mir bestimmt war und geweiht, Das mir ein Glück verheißt von ew'ger Dauer Und mich bestrickt mit allem süßen Schauer Jungfräulicher Holdseligkeit. Giuditta . Wer sagt mir, ob – fünf Jahre kaum ist's her – Ihr all die schönen Worte, ja, noch mehr, Nicht auch Giuditta zurieft, als Ihr sehnlich Um sie gefreit! Orlando .               Ich war ein junger Fant! Ja, hätt' ich damals Euch gekannt . . . Doch sie – sie war zum mindesten Euch ähnlich. Die Zeit hat mich gereift; ich lernte wägen: Was ist sie gegen Euch? Der blasse Schein Des Mondes, der dem Sonnenglanz erlegen. Zur Sonne fleh' ich nun empor: Sei mein.         (Er nähert sich ihr leidenschaftlich, will sie umfassen.) Sei mein! Giuditta (ihn zurückstoßend) .               Hinweg! Orlando .                     Renata! Giuditta .                                 Weh mir! Wehe! Ihr glaubt mich fähig einer solchen That, Daß schmählichsten, fluchwürdigsten Verrat 186 An meiner einz'gen Schwester ich begehe?! Nein, eher soll . . . Orlando .                     Was hilft ihr deine Treue? Wohl kannst du mich verschmähn, doch sie nicht retten; Ja, töten kannst du mich, doch nicht aufs neue Mein freigewordnes Herz an ihres ketten. Giuditta . O! – Orlando .         Drum, wenn du mich liebst . . . Sprich doch! Bekenne! Giuditta . Ich . . . Orlando .             Liebst du mich? Nur einen Hoffnungsschimmer . . . Giuditta . Ihr bleibt Giudittas Mann! Orlando .                                       Und wenn für immer Um deinetwillen ich von ihr mich trenne? Giuditta . Orlando, könnt Ihr . . . dürft Ihr . . . Orlando .                                                       Wohl, ich darf, Ich kann, ich will! 187 Giuditta .                     Nein, nein, es wäre schändlich! Orlando . Auf mich allein die Schuld. Ich unterwarf Dem Papst zehn Städte; daß er mir erkenntlich, Bezeugt er gern. Mit einem Federzug Löst er die Fessel, die zu lang ich trug, Und ich bin frei, Renata, frei für dich! Giuditta . Orlando . . . Orlando .                     Drum gieb Antwort! – – O, dein Schweigen Ist Folterqual. Gieb Antwort: Liebst du mich? Giuditta . Und sie, die fern von Euch vertrauend weilt, Glaubt sie denn Euer Herz nicht noch ihr eigen? Ahnt sie denn, welch Geschick sie hat ereilt? Orlando . Sie soll's erfahren! Giuditta .                             Wähnt Ihr mich so schwach, So niedrig, daß ich unter einem Dach Mit Euch nur eine Stunde noch verbleibe, Bevor . . . Orlando .         Und wenn ich augenblicks ihr schreibe? Giuditta . Was? 188 Orlando .           Alles! Daß ich Klarheit nun gewann, Mit Leib und Seele nur zu dir gehöre . . . Wenn ich sie bitte, flehend sie beschwöre, Mein übereiltes Treuewort Freiwillig mir zurückzugeben? Giuditta .                                     Dann . . . Orlando . Wirst du mir dann gestehn . . . Giuditta .                                               Erst schreibt! Orlando .                                                                   Sofort! (Er eilt ab links vorn.) Dreizehnter Auftritt. Giuditta . (Dann) Lelio . Giuditta (allein, in stürmischer Erregung) . O Schmach! O Glück! O Schändlichkeit! O Wonne! Verfemt, vergöttert! Mond zugleich und Sonne! Sturz und Triumph! Betrogen und begehrt! O Männer, Männer, unerhörte Sippe, All miteinander keinen Heller wert Und alle scheiternd an derselben Klippe! Du Lächerlicher, Teurer! Narr und Held! Wie dumm, wie schön, wie spaßhaft ist die Welt! 189 Lelio (ist über die Loggia von rechts aufgetreten, erst vorsichtig umherspähend, kommt dann rasch nach vorn) . Herrin! Giuditta .     Was giebt's? Lelio .                             Das ist noch gut gegangen! Giuditta . Was? Lelio .               Einen Boten hab' ich abgefangen Mit einem Brief an Euch. Giuditta (hat ihm den Brief schnell abgenommen) .                                       Renatas Hand!         (Sie öffnet den Brief, überfliegt ihn.) O – sie verließ Florenz, hierher gewandt, Vorgestern früh auf einem flinken Roß, Wird in Rovigo bleiben heut zur Nacht, Und morgen Abend ist sie hier im Schloß.         (Sie faltet den Brief zusammen, steckt ihn ein.) Ein Tag noch mein. Er sei gut angewendet! Sodann der wirklichen Renata macht Die falsche Platz. Lelio .                         Und ich? Giuditta .                                   Ja, freilich, du Wirst nach Florenz nochmals zurückgesendet. 190 Lelio . O jerum, wieder ins Versteck? Giuditta .                                         Nicht lang; Denn morgen, gleich nach Sonnenuntergang, Im Schutz der Dunkelheit eil' ich, verstohlen Von hier entschlüpfend, flugs dem Jagdhaus zu, Um mir mein wahres Ich zurückzuholen.         (Sie sieht Orlando eintreten, flüstert.) Das weitre dort. Vierzehnter Auftritt. Vorige . Orlando . Orlando (mit einem Brief in der Hand von links vorn zurückkehrend, zu Giuditta) .                             Der Brief ist fertig. Giuditta .                                                 Ah! Orlando (hat Lelio bemerkt) . Jetzt, Lelio, kannst du dich neu bewähren. Lelio . Ich stehe zu Befehl. Orlando .                           Traust du die Stärke Dir zu, noch heut dahin zurückzukehren, Woher du kamst? Lelio .                         Herr, wenn es dringlich – ja. 191 Orlando . Sehr dringlich. – Hier, nimm diesen Brief und merke: Du wirst ihn niemand anderm übergeben Als meiner Gattin selbst. Lelio (hat den Brief an sich genommen, wechselt einen Blick mit Giuditta) .                                     Bei meinem Leben! Orlando . So spute dich! Lelio .                           Bevor Ihr hundert zählt, Sitz' ich im Sattel schon. (Ab rechts hinten.) Fünfzehnter Auftritt. Orlando . Giuditta . Orlando (nähert sich ihr leidenschaftlich) .                                     Nun ist's besiegelt, Renata! Nichts – nichts hab' ich ihr verhehlt. Der Brief, der ihr mein ganzes Innre spiegelt, Ist unterwegs; mit ihm hab' ich die Brücke Zertrümmert, die nach rückwärts führt zum Einst; Versinken muß ich, wenn du noch verneinst, Den Weg mir aufzuthun zu neuem Glücke! Mein Schicksal hängt an deinen Lippen; sprich Das Wort, das mich von Zweifelsqual befreit, Das Tod verkündet oder Seligkeit . . . 192 Giuditta . Orlando . . . Orlando .                     Zögerst du? Giuditta .                                         Ach, ich bin schwächer, Als ich geglaubt. Orlando .                 Das Wort . . . Giuditta (leise, mit voller, wahrer Empfindung) .                                               Ich liebe dich. Orlando (vor ihr niedersinkend und ihre Kniee umklammernd) . Geliebte! Giuditta .       Dich, den ich doch sollte hassen Als falsch, meineidig, treulos, flatterhaft, Dich, den Verräter, dich, den Ehebrecher! Ja, hätt' ich noch ein Restchen Stolz und Kraft Ich müßte dich verachten, dich verlassen, Und dennoch – dennoch fliegt mein Herz dir zu; Denn jener einzige, den es erkoren Und schon voll Pein auf ewig sah verloren, Der Mann, von dem ich träumte – der bist du. Orlando (ist aufgesprungen, preßt sie an sich) . Mein, mein! 193 Giuditta (sich völlig vergessend) .                     Ja, dein. (Leidenschaftliche Umarmung; langer Kuß.) Orlando .                           O, daß es Lippen giebt, Die so berauschen, das erfuhr ich nie Bis heut! Giuditta (durch diese Worte wieder zum Bewußtsein der Situation gebracht) .               Und hast doch einmal schon geliebt. Orlando (sie fester an sich ziehend) . Nein, niemals, niemals. Laß den Kelch uns leeren Bis auf den Grund! Giuditta (ihn abwehrend) . Bist du von Sinnen? Orlando .                                                     Wie? Du, bald mein süßes Weib . . . Giuditta .                                       Noch nicht. Orlando .                                                         Vor Gott sind wir Vereinigt, und du willst mir noch verwehren . . . Giuditta . Gedulde dich! Orlando .                       Bis wann? 194 Giuditta .                                       Laß mich erwägen Bis morgen . . . Orlando .                 Soll verschmachtende Begier Mich töten? Giuditta .           Morgen – das gelob' ich dir – Will ich dein Weib sein – ohne Priestersegen. Orlando . Nein, heut, Renata, heut! Giuditta (sich von ihm losreißend) .     Nicht jetzt! Nicht so! (Sie eilt zur Thür rechts vorn.) Orlando (ihr nacheilend) . Renata! Giuditta (in der Thür) .               Morgen. (Sie schlägt schnell die Thür vor ihm zu.) Orlando .                     Bleib!         (Er versucht umsonst zu öffnen, rüttelt an der Thür.)                                       Verschlossen! – O! – 195 Vierter Aufzug Dieselbe Dekoration. Es ist Abend. Die Vorhänge der Loggia sind zugezogen. Kerzenbeleuchtung. Erster Auftritt. Orlando . (Dann) Angiolina . Orlando (kommt mit Hut und Degen hinter den Vorhängen der Loggia hervor, in fieberhafter Unruhe und Ungeduld; er sieht sich um) . Noch immer nicht?! –         (Er legt Hut und Degen auf den Tisch, eilt zur Thür rechts vorn, sucht sie zu öffnen.)                                   Verschlossen, nach wie vor.         (Er pocht.) Renata! – Hörst du nicht? – Dringt an dein Ohr Nicht meiner Sehnsucht Ruf? – (Lauschend.)                                               Nichts. – Unerträglich! Ein solcher Tag nach einer solchen Nacht, Die schlaflos ich verseufzt auf meinem Lager . . .         (Wieder pochend.) Renata, hör! – Du marterst mich unsäglich. – Oeffne! Angiolina (von innen) .             Wer klopft? 196 Orlando .                       Ich bin's. Angiolina (öffnet und tritt heraus) .     O, der Herr Schwager! Orlando (enttäuscht) . Ihr! – Und wo bleibt das Fräulein? Schon halb acht! Hat sie nicht selbst gehört, daß ich sie rief? Angiolina . Ich glaube nicht. Orlando .                 Warum seit gestern meidet Sie dieses Zimmer? Ist sie krank? Angiolina .                                         Sie schlief Heut Nacht sehr wenig, lag bis morgens wach . . . Orlando (erfreut) . Ah! Angiolina .       Weil sie drum an heft'gem Kopfweh leidet, Zog sie sich in ihr innerstes Gemach Zurück. Orlando .     Geht's noch nicht besser? Angiolina .                                       Doch! Sie hofft Zur Tafel zu erscheinen. Orlando                               Was? Nicht eher? 197 Angiolina . Nein. Orlando .             Sagt ihr, daß mit Ungeduld schon oft Ich nach ihr fragte, wie ein Postensteher Hier warte . . . Angiolina .             Gut. (Ab rechts vorn.) Orlando .                       Und daß . . .         (Angiolina hat, scheinbar, ohne ihn noch zu hören, die Thür zugeklappt. Er geht hin und her.)                                                   O Höllenpein! Noch einmal harren – harren ohne Ende! Ich fiebre . . . (Es pocht rechts hinten.)                       Hat's da nicht geklopft? (Es pocht wieder.)                                                           Herein! Zweiter Auftritt. Orlando . Parabosco . (Zuletzt) Lelio . Parabosco (eilig und aufgeregt von rechts hinten) . Da bin ich, Freund. Orlando (zwischen den Zähnen) .                             Auch das noch! Parabosco .                                         Sagt behende: Was hat sie Euch erwidert? 198 Orlando .                                 Wer? Parabosco .                                       Nun, sie. Wetter, vor Hoffnung, Furcht und Liebeswahn Hab' ich heut Nacht kein Auge zugethan. Wie nahm sie's? Kann sie Neigung zu mir fassen? Wann werden wir Verlobung feiern? Orlando .                                               Nie! Parabosco . Was – nie? Versteh' ich recht? Sie schickt mich heim? Orlando . Ihr sollt gefälligst sie zufrieden lassen. Parabosco . 'nen Korb? 'nen schnöden Korb? Und einem Mann Wie mir? Ich wäre minder starr und stutzend, Wenn Ihr gesagt: die Welt geht aus dem Leim. Giebt's Freier meinesgleichen denn im Dutzend? Und mir 'nen Korb? Verzeiht, ich zweifle dran. Orlando . Wie? Parabosco .       Nein, so schnell läßt meines Vaters Sohn Von einem Weib sich nicht ins Bockshorn jagen. Ihr traft vermutlich nicht den rechten Ton, Habt sie durch Ueberrumpelung erschreckt, Nicht prüfend erst Fühlhörner ausgestreckt . . . 199 Wie konnt' ich auch 'nem andern übertragen, Was mir allein geziemt? Ein Narrenstreich! Orlando (höhnisch) . So fragt sie selber doch! Parabosco .                         Jawohl, sogleich.         (Er will nach rechts vorn.) Orlando (ihn aufhaltend) . Jetzt könnt Ihr sie nicht sprechen. Parabosco .                                       Nicht? Weshalb? Orlando . Sie ruht sich aus. Parabosco .                       Und ich von diesem Alp Noch eine zweite Nacht hindurch beklommen? Das wär' zu viel verlangt. Drum werdet Ihr Begreifen, wenn . . . Lelio (wieder in reisemäßiger Ausrüstung, kommt, scheinbar atemlos, von rechts hinten) .                                 Herr . . . Orlando (starr) .                               Lelio – du hier?! Parabosco . Mit einem Wort, ich werde wiederkommen. (Ab rechts hinten.) 200 Dritter Auftritt. Orlando . Lelio . (Zuletzt) Ghita , Sandro , Pietro . Orlando . Du hier! Lelio .                   Ich . . . Orlando .                         Bist du's wirklich? Oder blendet Mich Höllenspuk? Hab' ich nicht gestern erst Zurück dich wieder nach Florenz gesendet? Lelio . Gewiß. Orlando .       Und gab 'nen wicht'gen Brief dir mit An meine Frau? Lelio .                     Ja. Orlando .                     Dacht' ich nicht, du wärst Schon halbwegs dort? Und nun . . . Lelio .                                                   Ja, Herr, ich ritt Spornstreichs von hinnen; aber . . . Orlando .                                             Was? Lelio .                                                           Die Reise Ward unversehns mir auf erwünschte Weise Verkürzt. 201 Orlando .         Wieso? Wodurch? Lelio .                                         Rovigo lag Schon hinter mir; auf wohlbekannten Wegen Trabt' ich Ferrara zu, das nicht mehr weit . . . Da, plötzlich – heut am frühen Vormittag – Wer kommt mit florentinischem Geleit Um eine Waldesecke mir entgegen? Orlando . Wer? Lelio .               Eure Gattin. Orlando (fast sprachlos) .       Meine . . . Lelio .                                                 Selber schon Begriffen auf dem Heimweg. Orlando .                                   Was? Schon jetzt?! Lelio . Ja. Orlando .   Meine Frau . . ! Lelio .                               Die Sehnsucht nach dem Jungen Hat ihr so niederträchtig zugesetzt, Daß, eh noch die geplante Frist entflohn, Sie sich von ihrer Mutter losgerungen Und hurtig aufbrach, gradeswegs nach Haus. 202 Orlando (leise für sich, mit einem Blick nach der Thür rechts vorn) . Verwünscht! Lelio .                 Gefolgschaft leistend macht' ich kehrt; Sie schickte mich mit Sack und Pack voraus . . . Orlando (wie oben) . Grad heute! – (Pietro ist mit Gepäckstücken von rechts hinten aufgetreten, geht nach links.) Lelio (ihn bemerkend) . Pietro, Ghita soll sich sputen.         (Pietro ab links hinten. – Zu Orlando.) Denn ihres Sandro Willkommgruß begehrt Die Herrin schon am Thore zu empfangen. Orlando (verstört) . Sie kommt . . ! Lelio .                     Ja, Herr, Ihr müßt nur fünf Minuten Noch zähmen Euer stürmisches Verlangen! Dann . . . Orlando (hastig) .               Und den Brief? Lelio .                                   Den Brief legt' ich natürlich In ihre eigne Hand, ganz nach Geheiß. Orlando . Und sie – sie las ihn? 203 Lelio .                                     Dreimal, sehr ausführlich. (Ghita mit Sandro von links hinten.) Ghita . Flink, flink! Die Mutter kommt. (Ghita, Sandro, Pietro ab rechts hinten.) Orlando (vor sich hin) .                         Sie kommt und weiß . . ! Lelio (lauschend) . Hört Ihr den Hufschlag? (Er eilt nach hinten.) Orlando .                             Ist sie's? (Für sich, ratlos.)                                                 Was beginnen? Ich . . . Lelio (ist zur Loggia geeilt, späht, die Vorhänge lüftend, hinaus) .             Fackelschein . . . Sie hält im Hofe drinnen, Grüßt Sandro, herzt ihn . . . Orlando (für sich) .                       Ihr entgegeneilen? Nach alledem, was in dem Brief ich gestern Ihr schrieb? Unmöglich! – Oder mich einstweilen Vor ihr verbergen? Bin ich eine Memme? Nein! – Und Renata?! Blitz, wenn die zwei Schwestern Sich hier begegnen, das wird hübsch! – Mit beiden Was fang' ich an? – 204 Lelio .                             Herr, nun . . . Orlando (für sich) .                                 Verdammte Klemme! Lelio (von der Loggia herabsteigend) . Nun kommt sie. Orlando (mit Entschluß) .                         Einerlei! Mag sich's entscheiden! Vierter Auftritt. Orlando . Lelio . (Von rechts hinten) Giuditta , Sandro . Ghita (und) Pietro (folgen. Letzterer bringt weitere Gepäckstücke und legt sie im Hintergrund ab; Lelio ist ihm dabei behilflich. – Später) Angiolina . Giuditta (in Kleidung, Erscheinung und Auftreten wieder genau wie vor ihrer scheinbaren Abreise im zweiten Aufzug, trägt Sandro auf dem Arm) . Ja, Liebling, ja, nun trennen wir uns nimmer. Hab' ich doch hart genug dafür gebüßt! Orlando (sie bewegungslos anstarrend) . Die Stimme . . . 's ist unglaublich! Giuditta (geht auf ihn zu; kühl und gemessen) .                                                   Sei gegrüßt, Orlando. Orlando (wie oben) .               Blendet mich ein Augenflimmern? 205 Giuditta . Was ist dir? (Zu Lelio, auf die Gepäckstücke deutend.)                           Fehlt nichts, Lelio? Lelio .                                                     Will sehn. (Er zählt mit Pietro nach.) Orlando . Haltung und Gang, Bewegung und Gesicht . . . Bist du . . . bist du Renata? Giuditta (stets kühl) .                   Leider nicht. Nur deine Frau. –         (Zu Sandro.)                           Schätzlein, schon werden schwer Die Augenlider dir. Mußt schlafen gehn. Den Gutenachtkuß geb' ich dir nachher.         (Ghita führt Sandro ab links hinten.) Denn wir, Orlando, hätten jetzt wohl wichtig Zu sprechen miteinander. Angiolina . (von rechts vorn) .     Herr . . . Orlando (erschrocken, eilt zu ihr) .             Was ist? Angiolina . Das Fräulein läßt Euch fragen, ob es richtig, Daß ihre Schwester angekommen. Giuditta (mit fester Stimme) .                 Ja. 206 Orlando . Sagt ihr, ich bäte sie, noch kurze Frist Sich drinnen zu gedulden . . . (Er spricht leise mit ihr weiter.) (Pietro geht mit den Gepäckstücken ab links hinten.) Lelio (kommt zu Giuditta in den Vordergrund links) .                                             Alles da. Giuditta (schnell und leise) . Auf deinen Posten! Jeden Augenblick Kann sie zur Stelle sein. Empfang sie, führe Sie heimlich durch die Hinterthüre, Vom Flur in jenes Zimmer dort         (nach rechts vorn deutend)                                                 und schick Als Zeichen für den glücklichen Vollzug Mir Angiolina. (Lelio macht eine zustimmende Gebärde und geht ab rechts hinten.) Fünfter Auftritt. Giuditta . Orlando . Giuditta (sich zu Orlando wendend) .                         Hörst du nun? Orlando (bedeutet Angiolina, sich zu entfernen, macht die Thür hinter ihr zu) .                                               Ich höre. Vorsorge traf ich, daß man uns nicht störe. 207 Giuditta (mit bitterem Lächeln) . Verstehe schon. Orlando (tritt näher, sie verwirrt anschauend) .                         O, dieser Sinnentrug, Den ich vergeblich zu bemeistern trachte . . . Giuditta . Vermeide dieses peinliche Gebiet! Orlando . Die Aehnlichkeit ist größer, als ich dachte. Giuditta (ihm seinen Brief vorhaltend) . Hier schreibst du nur, wie groß der Unterschied. Orlando . Ich . . . Giuditta .             Laß zuvörderst mich auf deinen Brief Dir Antwort geben. – Zwar betrübt mich tief, Daß jener Stern, der mit so hellem Funkeln Mein armes Lichtlein wußte zu verdunkeln, Die einz'ge Schwester ist, an der bis heute Mein Herz in Lieb' und Sehnsucht hing, Auf deren Gruß ich jahrelang mich freute, Und die mir nun zugleich mit dir verloren ging. Doch was du hier vom Grund und Anlaß schriebst, Hat nicht unvorbereitet mich getroffen; Denn längst vor meinem Blick lag traurig offen Die Sicherheit, daß du mich nicht mehr liebst, Und daß die erste beste Huldgestalt Dich leicht aus meinen Armen werd' entwinden. 208 Orlando . Ich bin erstaunt, dich so gefaßt zu finden. Giuditta . Hast du geglaubt, ich wolle mit Gewalt Den Flüchtling wieder in den Käfig zerren? O nein, ich bin so grausam nicht gesinnt, Um deinem jungen Glück den Weg zu sperren. Zu meinem Troste bleibt mir ja mein Kind. Orlando . Das Kind?! Giuditta .                   Mein Sandro. Orlando .                                         Wie? – Giuditta .                                                     Der bleibt vereint Mit seiner Mutter. Orlando .                     Sandro . . . Giuditta .                                       Denn mir scheint, Auf ihn wirst du mich kaum verzichten heißen, Und wolltest du's, ihn dürfte keine Macht Des Himmels und der Erde mir entreißen. Orlando (ernst) . Daran, fürwahr, hab' ich noch nicht gedacht . . . Giuditta . Indes, du willigst ein? 209 Orlando .                                 So selbstverständlich Bedünkt es dich . . .? Giuditta .                         Gewiß. Orlando .                                     Er ist mein Sohn, So gut wie deiner. Giuditta .                   Das ist freilich wahr; Jedoch vor deiner neuen Liebe Thron, Die ja – so schriebst du – namenlos, unendlich, Bringst du wohl gern solch kleines Opfer dar. Orlando . Klein?! Giuditta .             Fiel nicht der unbändige Geselle Dir oft zur Last? Orlando .                 Ich war ihm dennoch gut. Giuditta . Und wär' dies Zeugnis deiner ersten Glut Nicht ihr, die künftig tritt an meine Stelle, Im Aug' ein Dorn? Orlando (mühsam) .       Gesetzt, ich stimme bei, Dir ihn zu lassen, dann . . .? Giuditta                                   Dann bist du frei. 210 Orlando . Ich wußt' es ja, du hast den Jungen immer Weit mehr geliebt als mich! Giuditta .                                 Das kann dir nun Gleichgiltig sein. Orlando .                 Und du – was willst du thun? Giuditta . Schon morgen früh, beim ersten Tagesschimmer, Nehm' ich mein Büblein bei der Hand und scheide Auf immerdar von diesem Haus und dir. Orlando . Völlig unangefochten von dem Leide Der Trennung? Giuditta (kalt) .         Ja. Orlando .                       Giuditta, warst du hier Nicht glücklich einst? Giuditta .                         Sei du's fortan mit ihr! Orlando . Erwarten durft' ich nach fünfjähr'ger Ehe, Daß dir zum mindesten es schwerer fällt . . . Giuditta (ihm den Brief wieder vorhaltend) . So schwer wie dir. 211 Orlando .                     Und morgen früh, sag an, Wo denkst du hinzugehn? Giuditta .                               Was liegt dir dran? Orlando . Antworte mir: wohin? Giuditta .                                 Ei nun, ich gehe . . . Orlando . Wohin? Giuditta .             Von dannen, in die weite Welt. Orlando . So kränkend schnell, so kalt gäbst du mich preis, Nur um vereinsamt in die Welt zu wandern? Giuditta (scheinbar verlegen) . Ja. Orlando .       Nein, das machst du mir nicht weis. Schau mir ins Auge! – Liebst du keinen andern? – Du schlägst den Blick zu Boden? Du bist stumm? Giuditta . Wozu die Frage noch, da wir uns trennen? Orlando . Ah, du gestehst . . ! 212 Giuditta .                               Ich wüßte nicht, warum Ich jetzt nicht ruhig dir es darf bekennen. Orlando (atemlos) . Was? Was? Giuditta .           Gleichzeitig stürzte das Gebot Des Schicksals dich und mich in gleiche Not: Auch meine Seele liegt in neuen Banden . . . Orlando . Du liebst! – Und darf ich fragen: wen? Giuditta .                                                           O ja.– Ein Mann, den ich schon lang nicht ungern sah, Hat endlich seine Liebe mir gestanden . . . Orlando . Genug! Kein weitres Wort brauch' ich zu wissen; Denn seinen Namen rat' ich nun allein! Giuditta (ehrlich erstaunt) . So? Orlando . Dieser Mann heißt Valla. Giuditta (sucht ihre Heiterkeit zu verbergen) .                                               Kann wohl sein. Orlando . Ha, nun begreif' ich alles! Das der Grund, Weshalb du gar so plötzlich warst beflissen, 213 Die Mutter zu besuchen. Euer Bund War hier in meinem Haus schon abgekartet, Florenz das Stelldichein. Von ihm erwartet Gingst du dorthin, ja, bist ihm nachgereist! – Nicht wahr, ich rate gut? Giuditta .                               Bewundernswert. Orlando (immer zorniger) . Wirklich? Der Mensch war so wahnsinnig dreist, Die Hand nach meiner Gattin auszustrecken, Und bebte nicht vor meinem Schwert?! Giuditta . Nun denn, ich muß dir eine List entdecken: Er ahnte nicht, als er von hier verschwand, Daß ich ihm folgen würd'; ich kann's beteuern. Doch als ich in Florenz ihn wiederfand, Da hab' ich, halb aus übermüt'gem Scherz, Halb, um geheim zu leuchten in sein Herz, Vielleicht auch, um den Mut ihm anzufeuern Zur Beichte, die mit wackrem Widerstreben Bis dahin er vermied als unerlaubt, Mich ihm für meine Schwester ausgegeben. Orlando . Und das – das hätt' er dir geglaubt?! Giuditta . Er hat's geglaubt. Orlando (verächtlich) .         Ha! 214 Giuditta .                                 Glaubt's noch heut sogar. Orlando . Daß du Renata seist? Giuditta .                                 Er schwört darauf; Und mit Renata will er zum Altar. Orlando . Solch einem Schwachkopf giebst du dich zu Kauf? Giuditta . Die Lieb' ist blind. Orlando .                             Du . . . (Er unterbricht sich, lauscht.)                                                 Still! – Giuditta .                                                     Was ist? Orlando .                                                                   Geräusche Am Thor . . . Giuditta .               Ich höre nichts. Orlando .                                     Es klang mir fast, Als wäre noch ein später Gast Hereingeritten. Giuditta .               Kaum. Orlando .                         Wenn ich mich täusche, Dann war's der Zorn, der mir im Ohre sauste, 215 Daß dieser Bube, den ich hier behauste, Daß der, daß du, daß ihr . . . O, mich erstickt Die Wut! Den ziehst du vor, du, die zuerst Mich liebte, mich! Bist so von ihm bestrickt, Daß du mich fortwirfst wie 'ne Austerschale Und unserm Herde kühl den Rücken kehrst! Giuditta . Das muß ich doch, wenn ich ihn zum Gemahle Mir nehmen will. Orlando (außer sich) .   Statt meiner den! O Hohn! Aus meinem Haus in seins – und mit dem Jungen, Mit meinem Jungen! Ah, mir geht allmählich Ein Licht auf. Hat er ihn nicht damals schon Als Spielgenoß mit Netzen sacht umschlungen, Der künft'ge Pflegevater? Schändlich! Schmählich! Giuditta . Wenn er ihn lieb hat, um so besser. Orlando .                                                     Tücke, Betrug, Verrat! O Weiber – falsche Schlangen! Du brachst die Treue, hast mich hintergangen, Getäuscht, geprellt! Giuditta .                     In deinem neuen Glücke Wirst du's verschmerzen. 216 Orlando .                               Ich . . .         (Sich an den Kopf greifend.)                                                   Bin ich besessen? Mein Kopf im Wirbel . . . alles kreuz und quer! Die eine hier, da drinnen unterdessen Die andre . . . (Angiolina ist von rechts vorn eingetreten.) Giuditta (ihr lebhaft entgegen) .                       Schickt Euch meine Schwester her? Angiolina . Ja, sie . . . Giuditta .                   Sie wünscht, mit mir sich auszusprechen? Angiolina . Voll Ungeduld. Giuditta .                         Sagt ihr, ich käm' im Nu. –         (Angiolina ab.) Orlando, schilt nicht weiter; das Verbrechen, Des du mich zeihst, begangen hast's auch du. Als Freunde wollen wir die Hand uns reichen Beim Abschied, und das Weib, dem ich muß weichen – Wart nur, ich selber führe sie dir zu. (Ab rechts vorn.) 217 Sechster Auftritt. Orlando . (Gleich darauf) Valla . Orlando (allein; ihr nachrufend) . Giuditta! – Nein! (In fassungsloser Gedankenflucht.)                           Renata! – Sandro! – Wenn . . . Valla, der Schuft! – Ich will . . . Was will ich denn?         (Stärker.) Was will ich denn? An meinem Hirne nascht Ein Heer von Käfern bohrend, kneifend, schabend; Mich packt der Wahnsinn – (schreiend) Wahnsinn! Valla (von rechts hinten mit fröhlicher Lebhaftigkeit eintretend) .                                                                           Gutenabend. Orlando . Valla!! – Valla .                   Nicht wahr, da seid Ihr überrascht, Mein Gönner? Orlando (im Zorn erstarrend) .                       Das ist beispiellos! – Valla .                                                   Ja, schaut, Ich selbst ließ mir nicht träumen, schon so schnelle Zurückzukehren über diese Schwelle, Und gar noch als Begleiter meiner Braut. Orlando (knirschend) . Gleich mitgekommen! 218 Valla .                               Reich hat Gottes Güte Mir Eurer Schwiegermutter Haus gesegnet; Denn dort ist mir Messinas schönste Blüte, Die Zwillingsschwester Eurer Frau begegnet. Vom jähen Strahl der Leidenschaft entzündet, Fand in Renatas Augen wundersam Erwiderung, Gewährung ich verkündet, Und jetzt, nachdem ihr Schwur mein Glück entschied Jetzt hab' ich als besorgter Bräutigam Sie selbst hierhergeführt. Orlando (hat vom Tisch seinen Degen ergriffen und aus der Scheide gezogen) .                                       Schamloser, zieht! Valla . Wie? Was? Orlando .             Zieht, sag' ich, oder dieser Degen Durchbohrt Euch wie 'nen tollen Hund. Valla . Wollt Ihr nicht erst mir anvertrau'n, weswegen? Orlando . Ha, leugnet Ihr etwa, daß längst Euch kund, Wem Ihr bis in mein Haus Geleit zu geben Die Frechheit hattet? Valla .                             Eurer Schwägerin, Die nun den Willkommgruß empfängt hier neben Von ihrer Schwester. 219 Orlando .                         Ausflucht ohne Sinn! Valla . Mein Wort . . . Orlando .                   Handgreiflich jämmerliche Flause! Denn meine Schwägerin weilt hier im Hause Neun Tage schon. Valla .                         Ihr seid gewaltig irre . . . Orlando . Und jene, die zur Braut Ihr Euch erlast, Ist meine Gattin. Valla .                       Großer Gott, Ihr rast! Orlando . Zieh, Bursche; sonst . . . Valla .                                           Für diesen Fieberwahn Ein mörderisches Schwertgeklirre?! Orlando . Du wagtest, Schurk, begehrend ihr zu nah'n! Valla . Ich Eurer Frau? So könnt Ihr sie verlästern – Und mich? Orlando .         Du hast sie mir gestohlen! 220 Valla .                                                     Greuel! Orlando . Hast bübisch sie verführt! Valla .                                             O, welch ein Knäuel Von Aberwitz! Wer könnte die zwei Schwestern Verwechseln? Orlando .               Du! Valla .                           Gern will ich ja gestehn: Daß durch Geburt Renata ward begnadet, Auffällig Eurer Gattin gleich zu sehn, Hat ihr in meinen Augen nicht geschadet . . . Orlando . Zum letzten Male, zieh! Valla .                                         Doch wenn die zwei Im Elternhaus nicht unterscheidbar waren, So lehrte mich ein Blick, daß mit den Jahren Viel von der einst'gen Aehnlichkeit zerrann, Und jetzt . . . Orlando .               Du Feigling, deine Faselei Mach' ich mit einem kurzen Wort zu Schanden: Giuditta selbst hat alles eingestanden! Valla . Sie selbst! Zum Teufel, das begreif', wer kann! 221 Orlando . Du ziehst nicht?! Warte . . . (Er dringt auf ihn ein.) Valla .                                               Halt, blutgier'ger Thor!         (Er zieht.) Nicht wehrlos läuft man Tigern in den Rachen. Ihr sollt Renata nicht zur Witwe machen Schon vor der Hochzeit! Orlando (mit ihm den Degen kreuzend) .                                     Los denn! Valla .                                                 Seht Euch vor. Auch ich besuchte meine Fechterschulen! (Sie fechten.) Siebenter Auftritt. Vorige . Giuditta . Giuditta (kommt von rechts vorn; entsetzt) . Allmächtiger – was seh' ich?! (Sie stürzt vor.)                                             Haltet inne! Orlando! Valla! Hört doch! Seid ihr taub? Orlando (sie bemerkend, ficht weiter) . Ah, zitterst du für deinen Buhlen? Valla (zu Giuditta) . Er tobt. 222 Giuditta (sich zwischen beide drängend, zu Orlando) .             Halt ein! Orlando .                   Du hoffst vergebens, glaub', Daß er lebendig meiner Hand entrinne. Giuditta . Hör . . . Orlando .               Aus dem Weg! Giuditta (zitternd, zu Valla) .             Ich wähnt' Euch meilenfern; Erst jetzt erfuhr ich . . . Orlando (zu Valla) .               Vorwärts! Valla .                                                 Herzlich gern. Doch wenn's Euch Frau Giuditta nun beeidigt, Daß Euer Grimm auf gänzlich falscher Fährte, Daß niemals ihr ich meine Lieb' erklärte, Nein, ihrer Schwester nur? Giuditta .                                 Ach, Ihr verteidigt Euch ungeschickt! Denn zehnfach fürchterlich Wird nun sein eifersücht'ger Grimm entbrennen. Er selber – fragt ihn, ob es Lüge sei – Liebt meine Schwester nur und nicht mehr mich, Will sich um ihretwillen von mir trennen . . . 223 Orlando (schreiend) . Zum Henker, nein, ich liebe alle zwei! Valla . Gott, bin ich in ein Narrenhaus geraten? Er kennt sie ja noch gar nicht, hat bis jetzt Sie nie gesehen . . . Orlando .                       Bomben und Granaten, Ich – ich Renata nie gesehn! Herbei, Herbei mit ihr, damit sie dem Patron Mit einem Schlag sein Truggeweb zerfetzt.         (Er geht nach rechts, laut rufend.) Renata, komm herbei! Giuditta (die Thür rechts vorn öffnend) .                                   Hier ist sie schon. Achter Auftritt. Vorige . Renata (von rechts vorn. Ihre große Aehnlichkeit mit Giuditta muß, soweit irgend möglich, ins Auge fallen, braucht aber – der Schilderung Vallas gemäß – nicht auf die Spitze getrieben zu sein). Orlando (ihr entgegen) . Renata . . . (Er sieht sie, prallt zurück.)                   Was? Renata .                     Mein lieber Schwager . . . 224 Orlando .                                                         Wie?! Valla . Renata, sag ihm nur . . . Orlando .                                 Wer ist denn die? 'ne dritte Schwester? Giuditta .                         Nein, beim ew'gen Licht, Drillinge hatte meine Mutter nicht! Renata . Ich bin Giudittas einz'ge Schwester – eben Hier angelangt . . . Valla .                         Da hört Ihr's. Orlando (läßt seine Blicke fassungslos von einer zur andern schweifen) .                                                 Aber wo, Wer, welche, wen . . .? Giuditta .                             Du meinst? Orlando (mit aufdämmerndem Verständnis) . Ah – du – das – o! – – (Er sinkt, wie vom Blitz getroffen, auf den Diwan, den Kopf in den Kissen vergrabend.) Renata . Was ist ihm denn? 225 Valla .                               Was hat sich hier begeben? Giuditta . Bei Tische werd' ich Eurer sehr gerechten Neugier genugthun.         (Sie drängt beide zur Thür links vorn.)                               Geht voran! Valla (zögernd) .                                 Jedoch . . . Giuditta (auf seinen bloßen Degen deutend) .             Steckt ein Und überlaßt es ruhig mir allein, Mit diesem Herrn den Zweikampf auszufechten. (Valla und Renata ab links vorn.) Neunter Auftritt. Orlando . Giuditta . Giuditta (nähert sich ihm langsam, sich an seinem Anblick weidend. Nach einer kleinen Pause) . Orlando – ganz verstummt? – Dein Zorn entwichen? Orlando (stöhnt, ohne sich zu rühren) . O! – Giuditta (streicht ihm mit der Hand über den Kopf) .           Sag, Orlando, wird's dir mählich klar, Wer deine neue Flamme war? 226 Orlando (wie oben) .                       O, o! Giuditta . Für wen du mir den Laufpaß gabst? Wen ohne Zaudern du wirst ehelichen, Sobald uns zwei geschieden hat der Papst? Orlando (wie oben) . O, o! Giuditta . Das Weib, das deine durst'ge Seele Von lebenslanger Sehnsucht ließ genesen, Das nach des Himmels heimlichem Befehle Von Anfang dir bestimmt war und erlesen, Die Sonne, die das Mondlicht überstrahlt, Die dir ein Glück verheißt von ew'ger Dauer Und dich zu schwärmen zwingt mit süßem Schauer Selbst für ein Muttermal, das nur gemalt? Orlando (den Kopf ein wenig emporhebend) . Das überleb' ich nicht. Giuditta .                           Ei, was für Reden! Orlando (mit dem Versuch, sich aufzuraffen) . Neun Tage lang, arglistig, ungerührt, Hast du mit fein verschlungnen Spinnefäden Stets an der Nase mich herumgeführt! Warum denn nur? Warum? 227 Giuditta .                                   Das fragst du noch, Du, der mit solchem Ueberdruß das Joch Der Ehe trug, ja, mit so viel Beschwerden Des Scharfsinns hat gesucht, mich los zu werden, Den Reisewunsch, den ich nur vorgeschützt, Gierig ergreifend, um inzwischen, Von deinem edlen Mentor unterstützt, Nach Herzenslust im Trüben hier zu fischen? Orlando (versucht zu widersprechen) . Nein, ich . . . Giuditta .             Und Lisa?! Orlando (vernichtet) .             Du – du wußtest . . .? Giuditta .                                                             Alles. Orlando (bewegt) . Giuditta! Giuditta .       Nun? Orlando (vor ihr hinsinkend) .                         Hier liegt dein Opfer. Lache Zur Krönung deiner unbarmherz'gen Rache Mich tüchtig aus! Ich hab's verdient, und lahm Vom Rückschlag seines abgrundtiefen Falles Krümmt sich mein Stolz vor dir in bittrer Scham. Gieb ihm mit raschem Gnadenstoß den Rest: Verzeih, verzeih mir! 228 Giuditta .                         Merkst du nun, wie thöricht Ein Männerherz? Wir Frau'n gleich Epheuranken, Wir klammern am erwählten Halt uns fest Mit zäher Treu'; doch ihr, wie schwaches Röhricht, Neigt jeder Windsbraut euch mit stetem Schwanken. Wahllos nach immer neuem Naschwerk späht ihr; Kein Schmaus zu derb für eure Flattersucht – Und eine nur von allen Frau'n verschmäht ihr, Die eigene – bis in geborgter Schale Sie sich verwandelt zur verbotnen Frucht. Orlando (sich erhebend) . O nein, die Schale nicht, es war der Kern. Erobert hast du mich zum zweiten Male, Weil in dir selber wohnt ein Doppelstern. Hab' ich doch nur dein halbes Licht gekannt, Bis mir der Trug, der mich umfangen hielt, Die Zwillingshälfte leuchtend zugewandt! Von heut an mußt du mir auf Lebensfrist Zwei Liebchen gönnen: Jene, die du bist, Samt jener anderen, die du gespielt. Giuditta . Du irrst; auch spielend war ich nur die eine, Die vormals du geliebt hast und gefreit; Jedoch 's ist wahr, daß allzulange Zeit Sie dir geleuchtet nur mit halbem Scheine; Das andre Halb war ihrem Kind geweiht. Von sicherm Reichtum sorglos eingelullt, 229 Ward sie dir fremd, nicht nur durch deine Schuld. Und so besitz' ich nun, dich zu verdammen, Nur halbes Recht; denn erst als todesbang Ich meine Herrlichkeiten, Stück um Stück, Hingleiten sah zu jähem Untergang, Da rafft' ich das geteilte Licht zusammen Und stritt als Ganze für mein schwindend Glück. Orlando (sie zärtlich an sich ziehend) . Geliebte, hast ja gestern schon erprobt, Daß ich auf Gnad' und Ungnad' unterlegen! Giuditta . Drum halt' ich heute, was ich dir gelobt: Dein Weib zu sein, auch ohne Priestersegen. Orlando . Und konntest mich noch über einen Tag So martern! Giuditta .           Ach, ich selbst erkauft' es teuer. Orlando . O, welche Nacht war das! Gefoltert lag Ich in der Hölle. Giuditta .                 Nur im Fegefeuer. Denn hätt' ich gestern nicht in raschem Fliehn Den Riegel vor die Thür gezogen, 230 Dann hättest du mich mit mir selbst betrogen, Und das – das hätt' ich niemals dir verziehn. Orlando (hingerissen) . O, du! – Zehnter Auftritt. Vorige . Parabosco . Parabosco (von rechts hinten hastig eintretend, geht geradeswegs auf Giuditta zu) .               Fräulein, verzeiht so späte Störung! Entschuldigt sie mit meiner Sinnbethörung: Ich bet' Euch an, seit ich zuerst Euch sah. Wollt Ihr die Meine werden? Sprecht ein Ja! Giuditta . Daß mich ein solcher Mann zur Gattin wählt, Beglückt mich tief. Parabosco (zu Orlando, triumphierend) .                               Da habt Ihr's! Giuditta .                                           Schade nur, Daß nicht fünf Jahre früher ich's erfuhr! Parabosco . Wie? Giuditta (sich an Orlando anschmiegend) .                     Leider, leider bin ich schon vermählt.         (Parabosco sperrt Augen und Mund auf.) Vorläufig bleiben wir noch ungetrennt; 231 Doch leg' ich jemals diese Stellung nieder, Sollt Ihr der erste sein, der . . . Parabosco (begreifend) .                   Sakrament! Orlando (Giuditta umschlingend) . Nachbar, mit einem Wort, kommt nicht bald wieder! (Während Parabosco dem Ausgang zueilt, fällt der Vorhang.