Die Söhne des Herrn Budiwoj Eine Dichtung von August Sperl 35. bis 38. Tausend C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung München Meinen Eltern in kindlicher Liebe und Dankbarkeit zugeeignet 1896 Erstes Buch Frau Berchta Am blauen Himmel zogen weiße Wölklein, und im Sonnenscheine lag die Krummenau. Hoch über Palas und Ringmauern der massigen Burg ragte der schlanke Bergfried empor in die heiße Luft, und der vergoldete Knauf seines Wächterhäusleins funkelte in den Strahlen der Sonne. Gleich einem mächtigen Walle standen in der Runde hochgetürmt die böhmischen Hügel und Berge und waren bedeckt mit dunkeln Tannenforsten und mit lichten Laubwäldern und waren besäumt mit gelben Kornfeldern; tief unten im Tale aber glitzerte die braune, vielgekrümmte Moldau, von den mittägigen Hügeln herab zog sich das helle Band des uralten Saumpfades hinein zwischen die Hütten der Krummenau, heran unter die schroffen Felsen – und von den schroffen, grauen Felsen schaute die Herrenburg frank und frei hinaus über Hütten und Strom, über Saumpfad und Steige hinauf und hinüber zu den gelben Kornfeldern, zu den strohgedeckten Meierhöfen, zu den dunkeln und lichten Wäldern ringsumher. – Aus der niederen Türe des Wächterhäusleins, das wie ein Bienenkorb auf der Plattform des Bergfrieds stand, kam gebückt ein alter Mann. Langsam ging er auf dem schmalen Wege zwischen Steinbrüstung und Holzwand, hielt seine faltige Hand über die Augen und spähte nach allen vier Enden des Himmels. Die Stille des heißen Nachmittags lastete auf der Landschaft, verschlafen zwitscherten die Vögel unter den Dächern, leise nur drang das Rauschen der Moldau herauf, leise nur knarrten die Bretter unter den Tritten des Greises. Er war auf seinem Gange wieder an die Türe des Häusleins gekommen, blieb nun stehen und lauschte. Dann stemmte er die Arme auf die niedere Brüstung und sah hinunter in die gähnende Tiefe. Menschenleer dehnte sich der weite Hof der Vorburg, und weißblendend leuchtete der Sandboden rings um die junge Linde, deren Düfte die Luft erfüllten bis hinauf zur Plattform des Bergfrieds. Der alte Mann tat einen starken Atemzug, wandte das Haupt und rief durch die offene Türe: »Alle Wetter, Turmwartl, hängt die Axt an der Wand?« – »Weg ist sie, Herr Marschalk; war aber noch heut' mittag vorhanden,« kam die Antwort zurück. Da brummte der Alte unverständliches Zeug in seinen weißen Bart, trat an die Falltüre, hob ihre schweren Bohlen und stieg langsam und bedächtig in den schwarzen Schlund hinab. Fernher aus dem Tale klang jetzt vielstimmiges Jauchzen und Schreien. Nach einer Weile tauchte der Alte aus der Türe hervor, die in der halben Höhe des Turmes hinaus auf die Freistiege führte, und bedächtig klomm er Schritt um Schritt rückwärts die Stufen hinunter, ging schräg über den Hof, spähte in das tiefe, finstere Tor, wandte sich und ging zur Steinbank unter die Linde. Eiliges Trappeln kam näher und näher, kurze, gebieterische Rufe erschollen aus der Tiefe. In sich zusammengesunken saß der Greis unter der Linde, die Hände hatte er auf die Kniee gestemmt, das Haupt gesenkt, und unablässig beobachteten seine Augen den Torweg. Aus dem Dunkel sprangen Knaben in das Licht, erst einzelne, dann eine dichtgedrängte Schar. Ihre Gesichter glühten, Holzschilde trugen sie über dem Rücken, Holzschwerter in der Hand. Aufmerksam sah der Mann von der Steinbank herüber. In einem Haufen standen die Knaben und spähten zurück in das Tor. »Wo ist Ulrich?« rief eine befehlende Stimme, und ein schlankgewachsener Knabe trat in die Helle hervor. Eine Bewegung ging durch die Rotte. »Wo ist Ulrich?« rief der Knabe zum zweitenmal, nahm die Lederkappe vom Haupte und fuhr hastig durch seine goldblonden Locken. »Hab' ich mir's doch gedacht,« murmelte der Alte, »da hält der Racker die Axt! Das Donnerwetter ...« »Er ist nicht bei uns,« antwortete einer aus dem Haufen. »Wo steckt der Feigling?« »Da bin ich ja schon,« kam eine Stimme aus der Tiefe, und langsam schob sich ein dicker Knabe heran und warf einen schiefen Blick auf den andern, den Schlanken. »Stelle dich ein!« herrschte ihn der Führer an. »Sie kommen!« fügte er rasch hinzu und befahl mit Würde: »Du, Witigo nimmst zwanzig und besetzest die Zugbrücke oben. Ich halte mit den zehn andern den Torweg da. Wer will bei mir bleiben?« »Ich! Ich! Ich!« »Nur zehn kann ich brauchen,« sagte der Knabe, griff in den drängenden Haufen und stellte seine Schar zusammen. »Jetzt kehret euch!« rief er. »Und was soll ich sonst noch tun, Zawisch?« fragte Witigo. »Nur an der Brücke halten, während ich hier kämpfe!« »Und wenn sie dich bezwingen?« »Dann sieh auf mich: wart', ich gebe dir ein Zeichen« – »ich kniee nieder, wenn du weiter kämpfen sollst,« setzte er nach kurzem Besinnen hinzu. »Eile aber, sie kommen!« Der Alte unter der Linde stand auf: »Zawisch, die Axt!« rief er über den Hof. Ein vergnügtes Lächeln flog über das blühende Antlitz des Knaben, sorgfältig lehnte er die Art an die Mauer und zog sein Holzschwert aus dem Gürtel. ›Der Racker!‹ murmelte der Alte, setzte sich wieder und schaute gespannt auf das Kampfspiel. »Was tust du bei mir?« rief Zawisch und trat vor den Knaben, der zuletzt gekommen war. »Du sollst mit Witigo gehen!« »Eia, ich möchte bei dir kämpfen,« antwortete der Dicke. Wieder tönten viele Stimmen aus dem Tore. Rasch stellten sich die Zwölfe quer über den Weg, hart aneinander, spreizten die Beine, hielten die Schilde vor, zückten die hölzernen Schwerter, und Zawisch in ihrer Mitte rief: »Hera, her! Hera her!« Jauchzend brach der feindliche Haufen aus der Tiefe, von hüben und drüben prasselten die Schläge auf die Schilde und Helme und Kappen. Übermächtig drückten die Feinde hervor, immer wilder fielen die Hiebe, immer weiter schwankten die Zwölfe zurück. »Hera her! Hera her!« rief Zawisch wutbebend und stürmte vor. Da strauchelte er und schlug zu Boden. Schreiend stürzten sich die Feinde über ihn. Aus dem Tore drang eine neue Schar, und die Elfe zerstoben. * * * Barhäuptig, mit wirren Haaren, totenbleich stand Zawisch. Seine Hände waren verstrickt, und starke Knaben hielten seine Arme. »Ich fliehe nicht,« sagte Zawisch, »laßt mich los!« Die Knaben sahen einander an. »Mein Wort!« sagte Zawisch und stampfte. »Laßt ihn!« gebot einer. »Er hat sein Wort gegeben, das hält er immer.« »Ich dächt' es auch!« sagte Zawisch verächtlich und reckte grimmig die gefesselten Hände geradeaus. »Hera her! Hera her!« rief der Führer der Feinde und schwang sein Holzschwert gegen die Zugbrücke hin. Aufmerksam ließ der Knabe Zawisch den Blick umherschweifen; dann warf er sich mit einmal auf die Kniee und hob bittend die Hände empor. Ein Lachen ging durch den Haufen. »Was gibt's?« fragte der Führer und wandte sich um. »Er kniet und bettelt!« rief einer aus der Schar. »Er kniet, er kniet!« rief der Führer und tanzte auf einem Beine. »Hütet euch, das heißt etwas!« sagte Ulrich und kam eilig hinter dem Torflügel hervor. »Es heißt, daß euch die da droben standhalten sollen«, vollendete er und schielte auf Zawisch. Der wurde dunkelrot im Antlitze, erhob sich langsam, zerrte krampfhaft an den Stricken, streifte sie im Augenblicke von den Gelenken, stürzte sich mit einem wilden Schrei auf den großen, starken Knaben, warf ihn zu Boden, kniete aus seine Brust und würgte ihn. Lautlos standen die Knaben ringsumher und getrauten sich nicht heran. »Hund! Verräter! Jetzt weiß ich's, du hast mir das Bein gestellt!« knirschte Zawisch, und die Augen des andern traten aus den Höhlen hervor. Da beugte sich von rückwärts über den Knieenden eine hohe Gestalt, mit unwiderstehlichem Griffe wurden die zuckenden Hände von der Kehle des andern gerissen, und zwei Arme schlangen sich fest um Zawisch. Schnaubend rang sich Zawisch empor und schaute in das Antlitz des Alten. Der trat zurück und ließ ihn frei. »Wie könnt Ihr – Ihr,« keuchte Zawisch und ballte die Faust, »– den Sohn des Budiwoj – ?« »Reiten und Fechten, Stechen und Ringen habe ich dir gelehrt, Knabe,« zürnte der Greis und sah dem Herrensohne fest in die Augen, »aber sage niemand, ich hätte dir auch das Würgen gelehrt – – oder –,« vollendete er finster, »gelehrt, wie man unehrfürchtig redet mit Greisen!« Zawisch hatte die Faust geöffnet und schaute zu Boden. Altmarschalk Pilgram aber kehrte sich ab, trat zur Mauer und nahm die Streitaxt. – »Zawisch, hieher!« rief eine helle Frauenstimme über den Hof. Die Knaben und Knechte und Mägde, die sich um den Greis und den Herrensohn angesammelt hatten, gingen auseinander. »Hieher, Zawisch, hieher zu deiner Mutter!« Langsam wandte sich Zawisch und schritt mit gesenktem Haupte auf die gebietende Frau zu, die von der Linde herankam. * * * »Was gibt's?« sagte sie scharf und stellte sich fest vor Zawisch hin. »Ich habe den Ulrich gewürgt,« stieß dieser hervor. »Warum?« Zawisch schwieg und schaute geradeaus, an der Mutter vorüber in die Luft. »Weil er ihn verraten hat,« sagte Witigo und trat neben den Bruder. »Weil er mich die andern nicht hat anführen lassen,« sagte jetzt Ulrich mit weinerlicher Stimme und wischte den Staub von den Kleidern, »deshalb habe ich denen da seine List gesagt.« Zawisch streifte ihn mit einem Blicke und schaute wieder geradeaus. »Komm!« sagte die Mutter und nahm den großen Knaben an der Hand. »Komm!« sagte sie dringend, als er trotzig stehen blieb. »Mutter,« flüsterte Zawisch, »laßt meine Hand los, die Knechte sehen's, ich komme!« »Die Knechte haben alles gesehen,« sprach die Mutter. »So komm!« setzte sie hinzu und ließ die Hand frei. Mutter und Sohn gingen quer über den Hof, der Zugbrücke zu; die Knaben und Knechte und Mägde zerstreuten sich langsam hierhin und dorthin. – Da trat aus dem dunkeln Tore ein hochgewachsener Mann. Unter der Last eines Tragkorbes kam er mit gesenktem Haupte, wie einer, der sinnt, mit weiten Schritten herein in das blendende Licht; der Sand knirschte unter seinen Schuhen, der Stachel seines wuchtigen Stabes klang auf den Steinen. Frau Berchta ging langsamer, blieb stehen und rief: »Was willst du, Mann?« Der Alte sah auf, zog den Hut und antwortete: »Habe Kramsachen, Herrin, Gewandstoffe und Bänder, Messer, Scheeren und vieles andere.« »Wir brauchen nichts,« sagte Frau Berchta kurz. »Hört mich dennoch an!« bat der Krämer und kam näher. »Ich habe lange nichts verkauft, bin weiten Weg gegangen. Seid nicht hart, Herrin! Ich habe viel Nutzen in meinem Korbe, für Männer, Weiber und Kinder. Und es wird euch nicht gereuen, wenn Ihr erst hineingesehen habt.« Dabei fuhr er mit dem Rücken der braunen Hand über die glühende Stirne und sah aus tiefliegenden, schwarzen Augen auf die Herrin. Frau Berchta besann sich; dann sagte sie: »Nun, so komm! – Du aber, Zawisch, setzest dich auf die Bank unter der Linde, bis ich dich rufe, und sprichst mit niemand, nicht mit Knecht, nicht mit Reiter, nicht mit den Knaben! Hörst du's? Versprichst du's?« »Ja, ich verspreche es,« sagte der Knabe düster und schritt zur Steinbank. »Wird er's wohl halten?« fragte der Krämer, der unverwandt auf den Knaben gesehen hatte. Da maß ihn Frau Berchta: »Höre, du verwunderst mich, Landfahrer!« »Verzeiht,« sagte der Mann, »ich wollte Euch nicht erzürnen. Der Knabe gefällt mir.« Noch einmal sah Frau Berchta auf den Fremden, und ein flüchtiges Lächeln erhellte ihr ernstes Antlitz. »Mir gerade jetzt ganz und gar nicht,« sagte sie. »Aber komm,« fuhr sie freundlicher fort, sah noch einmal, beinahe verstohlen, in die dunkeln Augen, die so bezwingend auf sie herabblickten, und setzte zögernd hinzu: »Was wäre wohl ein Knabe wert, der nur unter meinen Augen Gehorsam hielte? Mein Sohn wird mit keinem sprechen; denn was er zusagt, das hält er« – »wenn du's gerade wissen mußt,« vollendete sie fast zornig, wandte sich und sagte kurz: »Jetzt aber komm!« – ? Auf der Bank sah der Knabe und kaute an einem Lindenblatte. Er hatte sich weit zurückgelehnt an den Stamm des Baumes, seine Arme stemmte er auf den Steinsitz, trotzig schaute er an seinen Beinen hinunter, sein Kinn hatte sich in das Wams gebohrt. Hinter der Herrin ging mit schweren Schritten der Fremdling, und sein Stachelstock erklang. * * * Auf dem großen Eichentische in der Gesindestube hatte der Fahrende seinen Kram ausgebreitet, und rings um ihn standen gedrängt die Mägde und Gürtelmägde der Burg. Neben den Alten hatte sich Frau Berchta gesetzt. »Oh, oh, schaut, Leut', Leut', die War', die War'!« sagte eine rotbackige Stallmagd und klappte eine blitzende Scheere auf und zu. »So tragen sie's also jetzt in Passau?« fragte eine zierliche Gürtelmagd und hielt prüfend einen bunten Stoff in der Hand. »Was kostet das Tüchlein?« »Eia, du hoffärtige Dirn!« sagte Frau Berchta. »Was brauchst du schon wieder ein Tüchlein?« – »Ist noch dazu leichtes Zeug,« setzte sie hinzu und rieb den Stoff zwischen Daumen und Zeigefinger. Das Mädchen wurde rot und sagte leise: »Blau wollt's halt der Rudilo, wenn die Herrin nichts dagegen hätt', und hat mir auch zwölf Pfennige gegeben.« »Zwölf Pfennige? O du meine Güte!« rief Frau Berchta. »Ist's haltbar?« sagte sie nach einer Weile zum Krämer. »Es ist gut, Herrin; acht Pfennige kostet's.« »Zu teuer!« »Nicht zu teuer; ich habe noch nie jemand übervorteilt,« erwiderte der Händler. »Ich nehme nur so viel, als ich zum Leben brauche, von der Ware.« »Das sagen sie alle,« meinte schnaufend und keuchend eine andere, die nebenan mit hochrotem Gesichte auf einem Schemel saß und neue Riemlein in ihre Schuhe zog. »Mag sein,« antwortete der Krämer ruhig, »ich aber sag' es und tue es auch. Oder weißt du anderes von mir?« »Schweige du, Gudrun, mit deiner spitzigen Zunge!« fuhr Frau Berchta dazwischen. »So gib ihr das Tüchlein!« sagte sie zum Krämer. »Zeige uns doch auch deine Ringlein und Kettlein!« bat eine andere. »Hab' ich nicht; kein Ringlein und kein Kettlein im ganzen Korbe,« erwiderte der Krämer kurz. »Eia, die hat doch jeder Krämer?« fragte das blonde Mägdlein verwundert. Aufmerksam sah Frau Berchta auf den Mann. Der legte bedächtig den blauen Stoff zusammen und band eine gelbe Borte darum, zählte prüfend die Heller, die aus dem Beutelein der Zofe in seine Hand gewandert waren, und sagte dann langsam: »Kettlein und Ringlein hab' ich noch niemals verkauft, Kettlein und Ringlein nimmt der Teufel, so oft er ein eitles Weib betören will – warum sollte ich dazu helfen und Kettlein und Ringlein tragen ihm zuliebe über Berg und Tal? – Und Ihr, Herrin, Ihr habt mir noch nichts abgekauft,« wandte er sich zu Frau Berchta, die ihn nachdenklich betrachtete. »Ich glaube, auch für Euch hätte ich Nutzen in meinem Korbe.« »Ist mir nicht zumute zum Kaufen, Mann,« sagte Frau Berchta. Der Alte bückte sich, nahm aus dem Korbe ein Holzkästchen und sah prüfend über die Schar der Mägde. »Herrin, laßt Euch noch einmal bitten, ich habe großen Nutzen für Euch.« »So weise mir's!« »Ich wollt's Euch gerne weisen, aber nur Euch allein.« »So komm mit mir!« sagte sie und stand auf. Noch einmal warf der Mann seinen Blick über die schwatzende, prüfende, lachende Schar der Mägde, trat einen Schritt vor und berührte den Scheitel einer kleinen, blonden Dirne, sah sie an und sagte: »Du wirst achthaben auf den Kram eines armen Mannes!« wandte sich und ging mit seinem Kästlein Frau Berchta nach. »Sie sind alle ehrlich,« sagte diese draußen, »aber die kleine Hilda ist die festeste. Wie hast du das gewußt?« »Das kenne ich, Herrin,« sagte er. »Das muß ich kennen,« setzte er kurz hinzu. »Bist du ein Krämer?« fragte Frau Berchta plötzlich, als sie mitten auf der Stiege waren, und hielt inne. »Freilich, Herrin,« versetzte der Fremdling und lächelte. »So?« sagte Frau Berchta, schritt weiter, öffnete eine Türe, trat in ein dunkles Gemach, ging rasch hindurch, öffnete einen Holzladen, daß das Licht hereinflutete, winkte den Mann von der Schwelle heran und setzte sich in die Nische des Fensters. »Was ich sonst noch bin, Herrin, laßt beiseite!« fuhr er fort. »Ich bin ein Krämer – aber was ich Euch geben will, das prüfet!« »Und was willst du mir geben?« »Ich habe einen köstlichen Edelstein, den sollt Ihr kaufen.« »Wie, Krämer, so trägst du also doch Schmucksachen in deinem Korbe?« »Den höchsten Ehrenschmuck, Herrin. Einen Edelstein, der nicht aus der Erde gegraben ist, einen Edelstein, durch den man Gott schauen kann. Hier, sehet selber zu!« Wieder betrachtete die Herrin sinnend das Antlitz des Fahrenden; diesmal fast scheu, so wie man in die Helligkeit schaut aus dem Dunkeln. Und willig schlug sie das Büchlein auf, das er ihr dargereicht hatte. »Evangelium, das heißt gute Kundschaft.« – »Evangelium, das kenne ich – aber daß es gute Kundschaft heißt, habe ich nicht gewußt,« setzte sie nachdenklich bei. »Der da ist und der da war und der da sein wird, segne Euch!« sagte der Fremdling feierlich. »Ich weiß nicht, ob ich das lesen darf,« meinte Frau Berchta. Da nahm er ihr das Buch aus der Hand, griff rasch in die Blätter und hielt ihr's wieder hin. Frau Berchta las die Stelle, auf der sein Finger ruhte: »Forschet im heiligen Buche: ihr glaubt, daß Seligkeit darin steht, und wahrlich, es ist das Zeugnis von mir.« »Leset!« sagte der Krämer. »Ihr habt einen wilden Knaben zu einem verlässigen Menschen erzogen; Ihr werdet auch zu erkennen vermögen, ob hier Wahrheit geschrieben ist oder Lüge.« »Ich bin ein armes, einsames Weib,« sagte Frau Berchta; »mein Herr ist im Kriege, Vater und Mutter muß ich den Knaben sein, und die Burg ist groß; vor den Leuten muß ich als die Herrin dastehen – – und ich möchte oft vergehen in einsamer Angst. – – Doch warum sage ich dir das alles? Es will mich dünken, als brauchtest du und keiner zu wissen, was mich bedrückt.« Sie stand auf und blickte scheu zu dem Krämer hinunter. Mit gekreuzten Armen stand der wundersame Mensch vor ihr und sagte kurz: »Wenn der Bauer säen will, so reißt er den Acker auf, und wenn uns Gott sein Himmelreich zu schenken vorhat, so ängstigt er zuvor unser Herz. Stehet fest und übet Gewalt mit Liebe; denn wisset, Herrin, um den Knaben mit den mächtiggroßen Augen, der da drunten auf der Steinbank Euer harrt, wird einst der Teufel kämpfen mit Gott. Ihr aber seid seine Mutter und vermöget nichts mit der Härte, nie und nimmermehr, aber vieles durch Liebe. Stehet fest und übet durch die Liebe die größte Gewalt, und dies heilige Buch helfe Euch. Forschet, und Ihr werdet Gott sehen und werdet ihn sprechen hören!« Damit hob er segnend die Hand und ging aus der Kemenate und ging hinunter in die Gesindestube, strich die Heller ein für die Bänder und Schuhe und Scheeren, packte seinen Korb, ging mit langen Schritten über den sonnigen Hof, vorüber an der Linde und an dem trotzigen Knaben, und verschwand im dunkeln Tore. – In der Fensternische saß Frau Berchta; sie hatte das Haupt in die eine Hand gestützt, während der Zeigefinger der andern langsam von Wort zu Wort, von einer zierlich geschriebenen Zeile zur andern wanderte und ihre Lippen sich leise bewegten. Da klang der Stock des Fahrenden auf dem Hofe unter ihrem Fenster. Sie schrak empor, barg das Buch in einer Truhe und ging eilig die Treppe hinunter. Eine Magd sprang hinter dem Fahrenden her und rief in die Torhalle hinein: »Krämer, du hast dein Geld vergessen! Kehr um, die Herrin will dir's zahlen!« »Grüße deine Frau!« sprach dieser und hob den Fuß zum Gehen. »Wenn ich wiederum des Weges komme, so will ich abrechnen.« * * * Dämmerig war es in Frau Berchtas Kemenate. Wieder saß sie in der Fensternische, und auf dem Bärenfelle vor ihren Füßen spielte ein Knäblein. Zum offenen Laden herein strömte der Lindenduft, aus dem Hofe tönte Murmeln und Lachen. An der Türe des Gemaches stand Zawisch mit gesenktem Haupte. »Tritt näher, Kind!« sagte Frau Berchta und legte das Büchlein auf das Gesimse. »So, nimm den Schemel und setze dich zu mir!« Zawisch saß und schaute vor sich hin. »Zawisch!« Der Knabe hob den Kopf, sah fest auf die Mutter, und kein Zug bewegte sich in seinem Antlitze. »Zawisch, höre mich! Du hast Böses getan. Bist du dir dessen bewußt?« Der Knabe schwieg und schlug die Augen nieder. »So sprich doch!« brauste Frau Berchta auf, daß das Knäblein zu ihren Füßen erschreckt emporsah und mit offenem Mündlein bald auf die Mutter bald auf den Bruder blickte. Der Knabe saß mit geballten Fäusten auf dem Schemel. Erregt und forschend sah Frau Berchta zu ihm nieder. Ungeduldig wandte sie das Haupt und sah hinauf zum abendlichen Himmel. Achtlos spielte ihre Linke mit dem Buche. »Wird's bald?« fuhr sie heftig herum, und das Buch fiel zu Boden. Der Knabe bückte sich über das Brüderlein, legte der Mutter das Buch in den Schoß und schlug dabei die Augen auf. Frau Berchta erhob sich, trat vorsichtig neben dem Knäblein herab von der Fensterbühne, preßte das Buch mit beiden Händen an die Brust und schritt schwer atmend durch den Raum. »Zawisch!« sie legte plötzlich dem Knaben die weiche Hand aufs Haupt. »Zawisch,« sagte sie fast bittend, »willst du mich so sehr betrüben? Willst du nicht antworten?« »Ja, Mutter!« rang es sich zwischen den schmalen Lippen heraus. »Du hast knechtisch gehandelt! Bist du dir dessen bewußt?« Das Haupt des Knaben fuhr in den Nacken zurück. »Weil ich den Verräter geworfen habe?« »Nein, weil du den Geworfenen gewürgt hast,« sagte Frau Berchta. Zawisch erwiderte kein Wort. »Warum hast du das getan?« fragte Frau Berchta. »Weil ich ihn hasse,« kam es langsam von den Lippen des Knaben. »Wir dürfen keinen Menschen hassen,« sagte die Mutter. »Die Feinde!« entgegnete Zawisch. »Nein, auch diese nicht.« »Warum ist denn der Vater ins Feld gezogen und warum hat er zwanzig mit eigener Hand niedergehauen an der March?« fragte Zawisch langsam. Frau Berchta schwieg. Dann sagte sie kurz: »Das sind andere Feinde.« – »Warum hassest du den Ulrich?« setzte sie rasch hinzu. »Weil er ein Feigling ist und ein Verräter, Mutter,« antwortete Zawisch und erhob sich. Mutter und Sohn standen voreinander. »Zawisch!« Frau Berchta legte die Rechte auf des Knaben Schulter. »Mutter?« »Der Neuhauser hat uns seinen Sohn gebracht, ehe er in den Krieg zog. Und wenn dir nun heute Pilgram nicht in die Arme gefallen wäre – was meinst du, wie hätte ich da einst vor den Vetter treten müssen? ›Dein Sohn hat meinen Sohn im Kinderspiel verraten, und da hat mein Sohn deinen Sohn erwürgt.‹ So hätte ich sagen müssen. Wie meinst du, Zawisch?« Zawisch blickte zu Boden. Das Brüderlein war herzugekrochen, spielte mit den Schuhen des Knaben, schlug mit den dicken Händchen auf das Leder, lallte und jauchzte, und als niemand zu ihm sah, begann es zu weinen. »Armer, herziger Wok!« sagte Frau Berchta, bückte sich, hob das Knäblein empor und setzte sich wieder ins Fenster. »Zawisch!« sie deutete auf den Stuhl, und der Knabe ließ sich nieder. Tiefe Dämmerung herrschte in der Kemenate. Lachen tönte draußen. Die Frau liebkoste das Kind, warf einen Blick hinaus auf die Linde, deren Wipfel umflossen war vom Lichtschimmer des verglimmenden Abends, und auf den weiten Hof. Dann lehnte sie sich zurück, und während das Kindlein ernsthaft spielte mit der Spange ihres Gewandes, sagte sie, fast als spräche sie zu sich selbst: »Ich habe böse Zeit und trage schwere Sorgen. Wenn ich mich zur Ruhe lege, so denke ich an den Vater, möchte wissen, wo der jetzt sein Haupt hinlegt; wenn ich aufstehe, so sind meine Gedanken bei ihm, möchte wissen, ob er Rasttag hat oder reiten muß; wenn ich den Wächter blasen höre, schrecke ich heimlich zusammen, fürchte mich vor böser Botschaft; und wenn tagelang, wochenlang alles so still ist, dann fürchte ich mich wieder und sorge mich um den Vater.« »Atta, Atta!« lallte das Knäblein und hob das Köpflein. Der große Knabe saß regungslos, Frau Berchta küßte das Kind und fuhr fort: »Drei Monate ist's nun her; da sind wir beim Morgengrauen in dieser Stube gestanden, Herr Budiwoj im Reisekleide, ich, du, Zawisch, Witigo und der kleine Wok. Den hatte der Vater auf den Arm genommen. Er sprach den Reisesegen und küßte uns. Dann wandte er sich zu seinem ältesten Sohne. – Zawisch!« Frau Berchta richtete sich empor. »Zawisch, was hat der Vater damals gesagt?« Zawisch murmelte: »Sei mein guter Sohn, ehre die Mutter, hilf ihr nach Kräften und ...« Der Knabe stockte. »Nun?« »Und – wenn – ich – falle, so wachse zu ihrer Stütze heran!« vollendete Zawisch. »Atta, Atta, Atta, Atta!« jubelte Wok. * * * Frau Berchta setzte das Kind zu Boden, Zawisch erhob sich. Dunkel war es im Gemache. Über den Hof her tönte ein Glöcklein, das Lachen und Schwätzen verstummte. Eine tiefe Frauenstimme begann den Gruß des Engels: »Gegrüßt seist Du, Maria! Du bist voll der Gnade, Der Herr ist mit Dir.« Und es klang »Du bist gebenedeit unter den Weibern, Und gebenedeit ist die Frucht Deines Leibes, Jesus Christus!« im Chore von Knechten und Mägden und Kindern aus dem Burghofe zum Himmel empor, an dem die ersten Sterne funkelten. Die Mutter hatte sich bekreuzigt und sprach leise die Antwort mit dem Chore; auch der Knabe stand mit erhobenen Händen und murmelte. Und die Stimmen der Frau und des Herrensohnes mischten sich in das Abendgebet der Leute auf dem Hofe. – – – »Gute Nacht, Zawisch; die heilige Jungfrau soll dich behüten!« sagte Frau Berchta mit ihrer klaren Stimme und reichte dem Sohne die Hand. Der bückte sich tief, drückte einen Kuß auf diese schmale, weiche Hand, flüsterte »Gute Nacht, Frau Mutter!« und ging aus der Kemenate. * * * Um die Mitte der Nacht war es. Frau Berchta erwachte, hob sich empor auf ihrem Lager und lauschte. Hastig warf sie das Kleid über und ging leise an die Türe. Wieder lauschte sie vorgebeugt, dann öffnete sie vorsichtig den Schieber und spähte hinein in die Kammer der Knaben. Das Öllicht an der Wand knisterte, tiefe Atemzüge waren aus den Ecken zu vernehmen. »Ulrich, so höre doch!« Ein unwilliges Gestöhne antwortete. »Ulrich, tut's noch weh?« fragte Zawisch mit zögernder Stimme. Wieder antwortete das Gestöhne, und das Lager knarrte. »Ulrich, es ist mir leid,« fuhr der Knabe fort – »von Herzen leid,« setzte er fast drohend hinzu. »Aber du mußt reden!« vollendete er. »Du kommst auch nur, weil du mußt von der Muhme wegen,« grollte es aus den Kissen, und wieder knarrte die Bettstatt. »Warum ich komme, kümmert dich nicht,« brauste der andere mit verhaltener Stimme auf. »Ich will freiwillig – von wegen meiner Mutter,« fuhr er ruhiger fort; »niemand hat mir's geheißen. – – Aber verzeih mir den Jähzorn.« »Du hast mir die güldene Spange zerbrochen mit deinem Würgen,« klang es keifend zurück. »Ich werde dir die meinige geben,« sagte Zawisch kurz. »Die meinige war kostbarer; gib mir den kleinen Dolch dazu!« »Den hat mir der Vater geschenkt, wie er fortging,« sagte Zawisch zögernd. »Und mir der meinige die Spange,« klagte Ulrich. »So nimm den Dolch!« sagte Zawisch, wandte sich und ging auf den Zehen zu seinem Lager zurück. Als er aber in der Dunkelheit vorüberkam, hörte ihn Frau Berchta murmeln: »Er ist doch ein Hund!« * * * Des andern Morgens stand der Turmwart auf dem Bergfried vor seinem Häuslein und ließ Holzeimer und Handkorb am langen Stricke in den Burghof herab. Die Magd Gudrun kam, tat Brot und Fleisch in den Korb und füllte den Eimer. Obenauf aber in den Korb legte sie einen Strauß von Lindenblüten, blauen Glocken und roten Nelken. »Hub!« rief sie, stemmte die Arme in die Hüften und schaute in die Höhe. Der kleine, verwachsene Alte zog zuerst den tropfenden Eimer empor und dann den Korb. Kaum aber hatte er diesen über die Brustwehr gehoben, da beugte er sich hernieder und rief: »Gudrun, wer schenkt mir den Buschen?« »Ich!« schrie die Magd und lachte. »Du sicher nicht!« klang es von der Höhe. »Warum nicht?« kam's trotzig von unten herauf. »Hängst mir jetzt seit zehn Jahren den Korb ans Seil, einen Büschen aber hab' ich noch niemals darinnen gefunden. Denk nur, wie da etwa der Rasso eifern möcht'!« Da stampfte die Magd auf den Boden und murmelte: »Schrei noch mehr!« Und zornig rief sie zurück: »Hast recht, Turmwartl, von mir kriegst auch ganz und gewiß nie keinen Buschen. Aber daß du's nur weißt, der Jungherr Zawisch hat ihn mir gegeben.« »Der Jungherr?« »Ganz und gewiß. Und weißt, was er dazu gesagt hat?« »Was?« fragte der Alte und beugte sich tief herab. »Wirf ihm das Kraut hinein – hat er gesagt – das soll er fressen, wenn's Heu geworden ist,« schrie die Magd, »du alter Aufpasser, du!« Lachend strich der Bucklige das borstige Kinn und rief herunter: »Bist wohl die Nacht über selbst auf frischem Heu gelegen, und ist dir nicht richtig im Kopf? Ich sehe Glocken und Nelken und Lindenblüh, und wenn die vom Jungherrn kommen, dann hat er das nicht gesagt, du Gudrun! Und die Blumen, die schenkt er auch nicht dem alten Turmwartl – –« »Schmeckst's doch?« lachte die Dirne. »Dem Altmarschalk sollst ihn geben, den Buschen, und sollst ihm sagen, der Jungherr wird heut nach dem Essen kommen zu ihm.« Lachend steckte der Wächter die Nase zwischen Nelken und Lindenblüten, hob die Falltüre und stieg hinab zu dem, der ihm am nächsten wohnte, und brachte ihm Fleisch und Brot und den Buschen von Zawisch, dem Sohne der Herrin, Frau Berchta. Jahreswende Der Tag ging zur Rüste und mit ihm das Jahr. Westwärts über den Bergen flammte die letzte Abendröte, graue Schatten legten sich über die weißen Berghalden und über die schneeschweren Wälder, im dunkeln Tale dampfte die Moldau und rauschte aus dem alten Jahre hinüber in das neue, und ihr Dampf mischte sich in den Herdrauch, der aus den Hütten emporstieg und eilend verschwand in der Frostluft des Abends. Es ging ein Summen durch die Welt, man wußte nicht, von wannen es kam, es ging ein Knistern durch die Welt, als ob ein unsichtbares, großmächtiges Pergamentblatt sich wenden wollte, es ging ein Rauschen durch die Lande, als ob jetzt erst das Laub fiele von hunderttausend Bäumen, es war den Leuten zu Mute, als hielte die Erde den Atem an – denn das neue Jahr rang sich empor aus dem Schoße der Zeit. * * * Nacht war's; aus den Ladenritzen der letzten Hütte weit draußen am Waldstrome, wo der alte, einäugige Floßknecht wohnte, da blinkte Lichtschein auf die Straße, und gleichwie draußen, so funkelten Lichter in jeglichem Hause der ganzen Krummenau und funkelten droben auf der Feste des Herrn Budiwoj in Stuben und Kemenaten, und in einem Lichtmeere schwamm sein mächtiger Palassaal. Im Häuslein am dampfenden Flusse qualmte ein Talglicht, droben auf der Burg des gebietenden Landherrn brannten starke Wachskerzen. Im Häuslein am Flusse waren Holzwand und Balkendecke schwarzglänzend vom Herdrauche; im Palassaale droben hingen an den hohen Wänden kostbare Tücher, glänzten die prächtigen Waffen, schaukelten sich unter den bemalten Balken der Decke die Bälge von Adlern und Falken und drehten sich leise an ihren Schnüren, als schwebten sie noch mit ausgebreiteten Fittichen im blauen Äther über den waldgrünen Bergen. Im Häuslein am Flusse knisterte gelbes Stroh auf sandbestreuter Diele, im Palassaale des Herrn lagen schwere Fußteppiche. Am Talglichte des Armen stand ein Knäblein und schneuzte den Docht, über die Teppiche des Herrn eilten reichgekleidete Diener. Aber das Stroh in der Hütte und die Teppiche im Saale waren gebreitet für das gleiche neue Jahr, damit es seinen Einzug darüber hielte, und die Kerzen mußten brennen allüberall im Tale und auf dem Felsen – dann fuhren die bösen Geister eilend gleich dem Rauche über die Dächer in der grausigen Nacht, und die guten kehrten ein fürs junge Jahr und hielten Rast, bis daß auch dieses alt würde, bis daß es auch zur Rüste ginge. – Von den Ställen der Vorburg her bewegte sich ein feierlicher Zug über den schneebedeckten Hof: Herr Budiwoj hielt Umgang mit der Räucherpfanne. Die Wacholderbeeren qualmten auf den Kohlen, und wohlriechende Wolken stiegen aus der Pfanne empor. Hinter dem Hausherrn aber schritt singend der Burgkaplan, schritten Kinder und Knechte und Mägde und sangen ihm Antwort. Am Himmel funkelten die Sterne, und der Mond schaute herab auf Bergfried und Tal. Gleich einer dunkeln Schlange kroch der Zug hinein in das hallende Tor, kam heraus auf den schneeglitzernden Hof unter die kahle Linde und wand sich über die Zugbrücke hinein in das steinerne, hochgiebelige Haus. Und von Kammer zu Kammer, von Stube zu Stube sang der Pfaffe und sangen die Leute, und Herr Budiwoj, der Sohn des Herrn Zawisch, schwenkte die Räucherpfanne. So flohen unter Segenssprüchen und Gesängen die unreinen Geister aus Kammern und Kemenaten, und das neue Jahr hielt mit Ehren seinen Einzug in der Herrenburg. * * * Im Palassaale stand Frau Berchta. Sie trug den kleinen Wok auf dem Arme und sah prüfend über die gedeckten Tische, über die Kannen und Krüge und Becher, über die roten Äpfel, die hochgetürmt auf großen Platten lagen, und über die langen, gelben Stollen. Dann neigte sie das Haupt, schaute sinnend vor sich hin und begann mit leiser Stimme zu erzählen, als vermöchte das Kind ihr Raunen zu verstehen: »Auf goldigem Wägelein ist's gekommen, Wok, durch die Luft her; zwei Rößlein haben das Wägelein gezogen, die waren weiß wie Milch, glänzend wie der Schnee – ich hab's gehört, die Rößlein haben miteinander geredet – ein Glöcklein hat geklungen – – und auf einmal sind die Äpfel auf den Tischen gestanden.« – – Die Lichter funkelten, die Teppiche leuchteten, die Wänglein des Knaben glichen den roten Äpfeln aus den Tischen. Bald lauter, bald leiser tönte der Gesang der Leute in den stillen Saal, und in den Augen der Herrin blinkten Tränen. Sie küßte Wok und stellte ihn auf den Teppich. Der Zug kam über die Stiege empor, die hohe Türe ward geöffnet. Herr Budiwoj trat mit dem Burgpfaffen über die Schwelle in den Lichterglanz; blauer Rauch stieg aus der Pfanne zum Gebälke empor, singend drängten Kinder und Mannen, Knechte und Mägde in den Saal. Im Halbkreise ordnete sich das Gefolge, Zawisch und Witigo stellten sich Frau Berchta zur Rechten und Linken. Wok versteckte den Lockenkopf im Gewande der Mutter. Herr Budiwoj trat nahe heran, schwang die Pfanne, daß der Rauch sein Weib, seine Söhne und ihn selbst einhüllte, und murmelte den Segen für das ganze Jahr. Wieder sang der Kleriker, die Kinder und das Gesinde antworteten. Der Hausherr aber ging zum offenen Kamine und schüttelte die qualmenden Kohlen ins lohende Feuer, kehrte zurück zu seinem Weibe und geleitete sie zu den erhöhten Sitzen unter den Fahnen an der Wand. Aufs neue ordnete sich das Gefolge nach Alter und Ansehen, damit es vorüberzöge an Herrn Budiwoj und Frau Berchta. Da kam eilenden Schrittes von der Türe heran ein Kämmerer. Der trat vor den Herrn und die Herrin, beugte hastig das Knie und sprach leise zu ihnen empor. Frau Berchta faltete die Hände, und Tränen schossen über ihre Wangen hernieder. Herr Budiwoj aber fuhr mit der Hand über seine Augen, winkte dem Kämmerer ab, erhob sich und sprach mit stockender Stimme: »Ihr Kinder, Leute! Es ist bitteres Weh über unser Geschlecht gekommen. Ein Bote ist eingeritten in mein Haus, und wir müssen das frohe Fest beschließen mit Tränen. Graf Wok von Rosenberg ist tot – er ist seinen Wunden erlegen! – – – »Gehet in Ruhe auseinander und vergeßt nicht, zu beten für seine arme Seele! – – – »Was euch an Speise und Trank gebührt, das soll euch in den Kammern gereicht werden. Laßt aber die Brosamen nicht fallen unter den Tisch, sondern kehret sie zusammen und bewahret sie auf, damit man sie vergrabe unter der Linde, wie Recht ist. Hier im Saale lösche man die Kerzen aus, alle bis auf die eine, die brennen muß in dieser Nacht. Gott aber sei uns gnädig, Großen und Kleinen, heute und im ganzen neuen Jahre!« * * * Die starken Mauern des Bergfrieds umschlossen ein kleines, trauliches Gemach. Das hatte eine gewölbte Decke und war gepflastert mit Ziegelsteinen, auf den Ziegelsteinen aber lagen dicke Strohmatten. In diesem traulichen Gemache saß am selbigen Abende Pilgram, der Altmarschalk auf Burg Krummenau, ferne von den Menschen, und schnitzte Pfeile nach seiner Gewohnheit und sann nach seiner Gewohnheit. Lustig prasselte das Feuer im Kamine unter dem hohen, dicken Mantel, der aus der Mauer heraussprang und wunderlich anzuschauen war wie ein halber Bienenkorb. Da knarrte draußen die hölzerne Freitreppe, leichte Schritte und schwere Schritte kamen über den kleinen Vorplatz, die Türe öffnete sich, ein Blondkopf lugte herein, und eine helle Stimme fragte: »Darf ich Euch besuchen?« »Eia, Zawisch?« kam die Antwort zurück, und der Greis stand auf und hielt dem Knaben lächelnd die Hand entgegen. »Immer, immer!« sagte er. »Aber mir dünkt, du solltest heute in der heiligen Nacht anderswo sein als beim alten Pilgram im Bergfried?« Mit seinen großen, hellen Augen sah der Herrensohn in die freundlichen Augen des Greises. »Die Mutter schickt den Rasso mit den Äpfeln, und mir hat der Vater eine Botschaft an Euch aufgetragen.« »Gott segne deine Mutter!« sagte Pilgram und nahm dem Knechte den Korb ab. »Und was hast du mir zu bestellen?« Zawisch winkte mit der Hand, und hinter dem Knechte schloß sich die Türe. »Trauerbotschaft ist ins Haus gekommen – unser Oheim Wok ist heute gestorben.« Da ließ Pilgram die Arme sinken, reckte das weiße Haupt vorwärts, als hätte er nicht richtig verstanden, und rief stoßweise: »Herr – Wok! – Das überfällt mich!« »Zur Vesperzeit ist er entschlafen,« sagte Zawisch. »Gerade ist der Bote eingeritten.« Da wandte sich der alte Mann, trat an das Kruzifix in der Ecke, sank auf die Kniee und schlug das Kreuz, und murmelnd klang seine Fürbitte durch das Gemach. * * * »Setze dich!« sagte Pilgram, warf Scheiter in den Kamin und ließ sich dem Jungherrn gegenüber in seinen Armstuhl nieder. Lange saßen sie und schwiegen. Endlich hob der Greis die Augenlider und fragte: »Wann wird sein Leib nach Hohenfurt getragen?« »Auf den Erchtag ist die Sippe geladen,« sagte Zawisch. Und wieder schwiegen die beiden. – – »Jahreswende!« begann Pilgram und stützte das Haupt in die Hand. »So schreiben wir Zwölfhundert und einundsechzig – seit einer Stunde! Jahreswende! – – Solch ein Jahr hat ein seltsam schnelles Wachstum. Erst liegt's da wie ein Kindlein, hat ein Angesicht, glatt und klein, Augen man weiß nicht, sind sie blau oder braun oder schwarz. Hernach reckt es sich und spreitet sich und zieht vorwärts als ein Mann und reißt den Menschen mit sich fort auf ungewisse Bahnen. Mit der Sonne steigt's empor, eilt vorwärts durch heiße Tage und wendet sich mit ihr zum Niedergange – ehe du's wahrnimmst, ist es alt geworden und grau und kalt und streckt sich zum Sterben – – und neben ihm hebt sich wieder ein Kindlein empor, und mit dem Kindlein ziehen wir weiter und tragen auf unsern Schultern, was uns das alte Jahr auferlegt hat, hinein ins neue. – – – Und so geht's fort und fort, immer fort, bis wir selber alt und grau und müde werden und uns zur Abfahrt rüsten. – – Weißt du noch, wie Herr Wok in die Krummenau eingeritten ist am ersten Tag im neuen Jahre? Weißt du noch, wie dann im Lenze das Kriegsgeschrei durchs Land gegangen ist? Weißt du noch, wie der Vater zur Sommerzeit ausgezogen ist? Weißt du noch, wie er wieder heimgekommen ist im Herbste? – Siehe, gleich dem Jahre schreitet das Leben dahin von seinem Aufgange bis zu seinem Niedergange, ist jung und wird alt, hat Frost und hat Hitze, hat Saatzeit und hat Erntezeit, hat lichte Tage und hat düstere Tage, hat finstere Nächte und hat helle Nächte. Über Berg und Tal gehen seine Wege, fragt dich keiner, ob dich da die Steine stoßen, ob du dort verweilen möchtest. Fort mußt du über die Berge und durch die Täler. Aber fürchte dich nicht in engen, finsteren Tälern, alles vergeht! – – Es war ein Reiter, der ritt unter vielen Fährlichkeiten durch das Gebirge und kam endlich um die Abendzeit hinaus ins freie Land, wandte sein Roß und schaute zurück. Was sah der Reiter? Verschwunden waren die Täler, und auf den Gipfeln ruhte der Sonnenschein. Das ist das Leben, Knabe! Ehe du dich's versiehst, liegt's hinter dir. – Wohl dem Reiter, der noch eine Weile reiten darf im Abendsonnenscheine, im freien Lande. Und das war dem Grafen Wok beschieden. Er ist im Sonnenscheine heimgegangen. Der Held hat ausgekämpft, der Tod hat ihn bezwungen. Aber die Bergwand hinter ihm glüht rosenrot. Wohl ihm, wohl ihm!« Keinen Blick wandte Zawisch von den Augen des Greises, von dem mächtigen Barte, der ihm bis auf den Gürtel herabwallte, und von den Lippen, die sich leise bewegten. In der dunkeln Fensternische saß ein Rabe auf der Stange; der sträubte die Federn, flog hinab auf die Strohmatten des Fußbodens und schritt umher. Pilgram aber nahm das Messer vom Tische, nahm ein neues Stück Holz, wog es in der Hand und begann zu schnitzen. »Ja, Ehre genießt Herr Wok,« fuhr er nach einer Weile fort, »Ehre, wo nur immer einer deutsch redet in Böhmen. Solange König Ottokar leben wird, solange wird er dankbar dessen gedenken, der ihm treu war von Anfang und« – fügte er langsam bei – »der ihm allezeit ein Muster hätte sein können in der ritterlichen Ehrbarkeit. Solange die Berge in der Steiermark stehen, wird man den Landhauptmann nicht vergessen, der mit Kraft und Milde als ein Herr regierte an Stelle seines Königs. Solange die Ungarn an ihren Lagerfeuern erzählen von Krieg und Not, werden sie reden vom Grafen Wok und vom Landherrn Budiwoj, den Helden, die mit verdeckten Rossen unter sie gefahren sind wie Löwen in die Hammelherde. Solange die Mönche von Hohenfurt Wälder roden und mit dem Pfluge über den Waldgrund ziehen, das Volk lehren und in den heiligen Schriften forschen, werden sie den Grafen Wok nicht aus dem Herzen verlieren, der ihnen mit deinem Vater die Heimat gebaut hat. – Das größte aber von allen seinen Werken, das hat er in der Stille geschaffen, Zawisch: deiner ganzen Sippe hat er das Beste geschenkt, was ein weiser Herr seinen Blutsfreunden erringen kann. Das wirst du erst erkennen, wenn du einmal selber hineingewachsen sein wirst. Vordem saßet ihr da und dort, ihr Witigonen vom uralten Stamme der Rose, da und dort im Lande, von Ranariedel und Falkenstein bis nach Skalitz und Neuhaus, wohlgesinnet gegeneinander, aber unverbunden, keiner dem andern verpflichtet. Da ist er gekommen, der Mann mit dem freundlichen Herzen und mit dem unwiderstehlichen Willen, und hat euch stark gemacht, hat euch die Einung geschaffen mit Eid und Handschlag, geheim und doch offenkundig, seltsam für alle anzusehen, die da leben im Lande Böhmen, Österreich und in Steier und draußen im Reiche. Freilich hat er die Liebe nicht erst geschaffen, die in eurer Sippe von Wittinghausen her, von den drei Brüdern her, wohl auch noch viel weiter her so heimisch ist; die hat er vorgefunden. Aber in das gute Land hat er euch die Einung gepflanzt! – Und ich sage dir, Knabe, das ist sein größtes Werk; in dieser Einung seid ihr die Mächtigsten im weiten Böhmen.« – ? »Gut nur ist's,« setzte er gedankenvoll hinzu, »daß die Witigonen nicht nur stark, sondern auch treu sind!« – – ? ? »Es ist jetzt böse Zeit auf Erden, und weiß niemand, wie das hinausgehen wird. Das Unterste ist zu oberst gekehrt, und was ehedem fest war, ist locker geworden. Vor alters hat jeder wissen können, wo er steht und wer er ist. Aber heutzutage schätzet sich jeder höher ein als er in Wahrheit ist, und es kommt so zu Gedränge und Geschiebe allenthalben. Allerorts entstehen Neid, Haß, Krieg, Jammer und Trübsal. – Und was ist schuld daran? Siehe, mein Sohn, alles, was auf Erden zu Recht bestehet, ist dreigeteilt, wie die Erde selber, die da ist Land, Wasser und Luft. Denke selber nach: Der Baum greift mit seinem Wurzelwerke in den Boden, strebt in die Höhe mit seinem Stamme und trägt an seinen Zweigen Blüten und Früchte. Im Haupte empfängt und hegt der Mensch seine Gedanken, in seinem Leibe werden seine Säfte bereitet, auf den Beinen geht er und bleibt er, wo er will. Gründet einer den eigenen Herd, so soll er nach Gottes Gebot und Menschenrecht der Schirmherr sein im Hause, sein Weib soll ihm dienen, und um die beiden her sollen in die Höhe wachsen die Kindlein. Und gleichwie der Baum blüht im Lenze, Früchte trägt im Herbst und ruhet im Winter, so teilt sich dem, der ein ehrbar Leben führt, der Tag in Arbeit, in Feiern und in Schlafen. Also ist, wenn du genau zusiehst, alles, was auf Erden zu Recht besteht, dreigeteilt, wie sich auch der allmächtige Gott in drei Personen läßt anrufen von der Christenheit, ehren und lieben. – Und siehe, Zawisch, es ist auch von Anfang an die Menschheit geteilt gewesen in drei Stände. Die Stände waren gut voneinander geschieden und doch enge miteinander verbunden; keiner hat ohne die zwei andern sein können, und hat's jeder Mensch genau gewußt ohne alle Irrung, in welchen er gehört. Und die drei Stände hat unser Herrgott selber geschaffen, hat sie Herren, Bauern und Knechte geheißen und seine Freude an ihnen gehabt, denke ich mir in meinem Sinne.« »Ich meine doch,« unterbrach ihn Zawisch und schaute fragend aus den großen Augen – »darf ich's sagen? – Gottvater hat den Adam erschaffen und nicht die Stände.« Der Greis legte Messer und Holz nieder, lehnte sich zurück und ließ die Wellen seines Bartes durch die Finger gleiten. »Ganz recht, mein Sohn,« sagte er und lächelte, »Gottvater hat den Adam geschaffen, und der war nackend, und es ist ein wahres Wort, wenn sie auf den Heerstraßen singen: Als Adam hackte Und Eva spann – Wer kannte da Bauer – Und Edelmann? »Aber Gottvater hat denn doch, sollte ich meinen, den Adam und sein Weib fürs Paradies geschaffen von Anfang und hat zugewartet, ob sie wohl gehorsam dahinleben möchten und nicht Verbotenes treiben hinter seinem Rücken. Hernachmals aber haben sie ihn betrogen und angelogen, und er hat sie vertreiben müssen aus der Lustbarkeit auf die Erde; denn so wie ich's vom Paradiese weiß, kann man's gar nicht eigentlich ein irdisches Land nennen – auf die Erde sind die Menschen hernachmals erst gekommen. Und nun höre weiter: Auf der Erde wurden die Stände geschaffen.« »Davon steht nichts in den heiligen Geschichten,« sagte Zawisch zweifelnd. »In den heiligen Geschichten, wie sie die Pfaffheit erzählt, steht nur das, was die Menschen nicht wissen können,« sagte der Greis eifrig. »Was jeder wissen kann, das braucht ja gar nicht drinnen zu stehen. Und jeder kann sehen, mit eigenen Augen, daß die drei Stände Gottvater geschaffen hat; denn ihre Ordnung ist gut durch und durch. Aber wir wissen sogar noch, wie's zugegangen ist. Einer hat's dem andern erzählt, und so ist's heruntergekommen auf unsere Tage. Willst du's hören?« »Erzählet mir's!« bat Zawisch. Bedächtig griff der Greis zum Messer und schnitzte weiter an dem Holze. »Vor uralten Zeiten war ein großes Sterben im ganzen Lande, und die Menschen gingen elend zu Grunde bis auf einen Mann und seine drei Töchter. Die lebten allein, und alles, was sie sahen, gehörte ihnen. Aber sie hatten keine Freude daran, weil sie so einsam wohnen mußten. Da kam einmal Gottvater auf der Wanderung über die Gebirge gegangen, setzte sich auf einen hohen Stein und schaute über Wald und Heide. Und er rief seinen Raben und sandte ihn hinaus, beauftragte ihn und sprach: ›Fliege und komm wieder und sage mir alles an von den Menschen!‹ Der flog geschwind wie der Blitz, kehrte wieder und erzählte Gottvater, daß nur noch vier Menschen vorhanden seien und daß sie unfroh dahin lebten, einsam und verlassen. Da saß Gottvater lange und sann, und vor ihm lag der Wolf, der ihn geleitet auf allen seinen Wegen. – Und Gottvater beugte sich zu Boden und formte mit seinen eigenen Händen drei Erdenkloße, legte sie nebeneinander und drückte in jeden eine Grube. Darauf nahm er sein Schwert und ritzte sich Stirne, Brust und Fußsohle, und dreifach sickerte Blut aus seinem heiligen Leibe hervor. Da netzte er den Finger mit dem Blute, das ihm aus der Stirne rann, und bildete den ersten Erdenkloß, netzte den Finger mit dem Blute seiner Brust und bildete den zweiten Kloß, netzte den Finger mit dem Blute seiner Fußsohle und formte den dritten Kloß. Währenddem fing der Rabe Streit an mit dem Wolfe, flatterte um seinen Kopf, schrie und schlug mit den Flügeln, stieß herab und hackte ihm ein Auge aus. Aufschnaubte der Wolf, sprang in großen Sätzen umher und schleuderte sein heißes Blut auf den Erdboden – und auf jeden der drei Kloße fiel ein Tropfen. Gottvater sah das nicht; sinnend stand er da, und vor ihm wuchsen drei Jünglinge empor. Gottvater segnete sie, wandte sich, bemerkte den Schaden und fuhr dem heulenden Tiere mit der Hand über die Wunde, heilte das ausgelaufene Auge und hob sich in die Wolken. – Die drei Jünglinge aber machten sich auf, stiegen vom Gebirge herab und traten unter das Dach des einzigen Mannes, der übergeblieben war aus dem großen Sterben. Der nahm sie auf und bewirtete sie. Nach dem Mahle aber heischten sie seine Töchter zur Ehe. Und der Alte gab sie ihnen, und einem jeden diente sein Weib. Am Morgen des neunten Tages aber fand man die drei Jünglinge tot auf ihren Lagerstätten. Da klagten die Weiber, begruben sie und häuften Hügel über ihren Leibern. – Als die Zeit um war, gebaren sie ihrem Vater Enkelsöhne: die älteste brachte Drillinge zur Welt, die zweite Zwillinge, die jüngste nur einen Knaben. Und die Drillinge wuchsen heran, langarmig, großhändig, krummnackig. Die Zwillinge wurden starkknochig, breitschulterig, steifnackig. Der Jüngsten Sohn aber wuchs und ward ein Jüngling, schlank und hochgebaut, stahlsehnig und stolznackig, goldgelbes Haar wallte um sein Haupt, blaue Augen blitzten unter seiner mächtigen Stirne hervor, ein Meister ward er im Waffenhandwerke, er allein verstand es, die wilden Rosse zu bändigen. Und sein Großvater nannte ihn Edeling, und seine Vettern, die Bauern, waren ihm untertan, und die anderen, die Knechte, gehorchten den beiden. Bauern und Knechte bestellten das Land, Edelings Kraft und Klugheit aber schirmte Bauern und Knechte. – Und als sie zu ihren Jahren kamen, holten sie sich Weiber aus fremden Ländern und begründeten das Volk. – Siehe, so sind aus drei Schwestern die Herren, die Bauern und die Knechte entsprossen und von ihnen her versippet für immer. Von ihren Vätern aber tragen die einen das Blut aus dem Haupte Gottvaters, die andern das Blut aus seiner Brust, und wieder die andern das Blut aus seiner Fußsohle in sich – nahe verwandt und dennoch stark verschieden untereinander. Aber in allen Dreien, in Herren, Bauern und Knechten, ist auch noch ein Tropfen von dem bösen Wolfsblute vorhanden – – das können wir täglich an uns und andern erfahren. – Herren, Bauern und Knechte werden gute Wege gehen, wenn sie nebeneinander leben; wehe aber der Zeit, wo all ihr Blut zusammenfließt in eine böse Mischung! Und es will mich dünken, als ob wir in solcher Zeit lebten.« »Und doch singt Herr Walter von der Vogelweide In gleicher Weise wachsen wir: Wer könnte noch den Herrn vom Knechte unterscheiden, Wenn beide ihren Leib entkleiden!« sagte Zawisch nachdenklich. »Wer hat also recht, die alte Geschichte oder Herr Walter?« »Herr Walter irrt,« sagte der Greis und bohrte Löchlein in den Pfeilschaft. »Die Leiber sind verschieden, und das Blut ist verschieden, ist ja doch auch das Denken verschieden!« – – »Siehe,« fuhr er fort, »an all dem Wirrsal ist die Abenteuerei schuld. Zu was Ende haben unsere Väter und Vorväter immer müssen über das Meer fahren in die fremde Heidenschaft? Zu was Ende, frage ich!« »Hat nicht die Heidenschaft das Grab unseres Herrn und Heilands verunehret?« warf Zawisch ein. »Ja, so hat's geheißen, und so heißt es heute noch, Zawisch. Ich aber sage: der schweifende Sinn und die Herrschgier und vieles andere vorher, und ganz zuletzt erst die Liebe zum Christ hat die Tausende und aber Tausende übers Meer getrieben. Und wer überhaupt noch heimgekommen ist von ihnen, der hat allermeist Hab und Gut verdorben und verstreuet gefunden. Und so ist's, Zawisch, wie ich sage: damals haben sich an die Stelle der Herren die Knechte gesetzt, und daraus hat das Wirrsal seinen Anfang genommen. Knecht aber bleibt Knecht. Da ist kein Unterschied, mag er im Eisenkleide reiten und höfisch einherstolzieren, oder mag er hinter seinem Pfluge stapfen und die Geißel schwingen. Heißen sich edle Dienstherren, heißen sich Landherren – und ihre Väter oder Vorväter haben noch müssen fragen, wenn sie die Magd ihres Herrn zum Weibe nehmen wollten. Waren just eben noch Eigenleute, schlecht und recht – dünken sich jetzt Herren zu sein, und hinter ihnen reiten Gaishirten und Landfahrer und tragen den Schild des Knechtes als Eigenleute und tragen des Knechtes Waffen. Weiß Gott, hie wird das Lied zum Spott. Heute mein, morgen dein, so teilet man die Hufen. Und wieder heißt's im Sprichworte: Von der Bank auf den Schemel gestiegen. – Und es ist wahr, Herrenkinder müssen Knechte werden. Böse Zeit! ? – Und neben Herren und Bauern und Knechten tragen jetzt noch andere ihre Köpfe hoch allenthalben, dünken sich besser zu sein als alle Kreatur, und weiß doch niemand, was sie in Wahrheit sind, Herren oder Bauern oder Knechte: die Burger in den Städten meine ich, die da Handwerk treiben, auf Handelschaft ausgehen, Äcker besitzen und sich verdeckte Rosse halten, von jedem etwas geborgt haben und, wenn man's näher betrachtet, nichts von allem ganz und recht sind. Darum sage ich, es ist böse Zeit auf Erden und wird noch immer böser werden, und die alte Zeit, wo's gut zu leben war, ist vorüber.« * * * »Warum haben denn die Menschen allein so arge Unordnung?« fuhr er heftig fort, stand auf und warf einen starken Klotz in den Kamin. »Warum, frage ich! Schau doch die Vögel an draußen auf den Bergen, im Walde, auf der Heide! Was ein Adler ist von seinem Alten her, das bleibt ein Adler, muß sich nimmer verändern und zum Krähenvogel werden sein Lebtag. Herrenkinder aber werden aus ihren Nestern geworfen, müssen sich die Schwingen stutzen lassen, müssen unterkriechen bei Fremden. – Böse Zeit, böse Zeit!« – – »Wohl dem,« fuhr er freundlich fort und strich den Bart, »wohl dem, der sich zu Falken hat gesellen dürfen im Elende. Das will ich Herrn Witigo, deinem Urahn, wenn ich mich zum Sterben lege, noch danken. – Zawisch – höre! Zawisch, ich will dir eine Geschichte erzählen: »Weit von hier, dort, wo kahle, starre Berge mit eisigen Spitzen und Hörnern aus den grünen Tälern emporragen, Berge, weißt du, Berge, denen der Wald nur an den Gürtel reicht, lebte zu Kaiser Rotbarts und zu Kaiser Heinrichs Zeiten ein edler Herr, der hatte Land und Leute, der hatte zwei feste Burgen und besaß ein Weib und einen kleinen Sohn – einen Sohn, so alt wie jetzt dein Wok ist, Zawisch. Und es trieb diesen Herrn, daß er sich das Kreuz auf den Mantel heften ließ, Abschied nahm von Weib und Kind und mit Mannen und Knechten hinzog zwischen den Bergen, zum Meere hinabritt und mit den Venediger Schiffen ins heilige Land fuhr. Was es aber war, das ihn aus dem Frieden trieb in die weite Welt, Sehnsucht oder schweifender Sinn oder Sündenlast, ob's reine Fahrt, ob's unreine Fahrt gewesen ist, das weiß ich nicht. Und es erging ihm böse auf dem heißen Sande. Ich glaube, kein einzigesmal zückte er das Schwert hinter Akkers. Krankheit und Not rannten ihn an, und er unterlag in diesem Kampfe. – Zwei Jahre waren verronnen, und als ein siecher, hohlwangiger, verlassener Mann kam der starke Held zurück übers Meer, als ein müder Landfahrer wanderte er aus Welschland herauf, von Tal zu Tal, besaß nichts mehr, als die zerrissenen Kleider auf seinem Leibe; er hätte müssen betteln, wenn er nicht hätte singen können. Und also sang er aus seinem Herzeleide, wanderte und sang und ersang sich sein Brot. Wo er aber auf den Burgen seinen Namen nannte, da lachten Herren und Knechte über den Landfahrer und sagten: ›Die heiße Sonne hinter Akkers hat ihm den Verstand versengt!‹ Aber seine Lieder hörten sie gerne. Unfrohe Lieder, Kreuzfahrerlieder, Lieder, wie Quellen, die zuweilen mitten im Wüstensande kommen und murmeln – und murmeln. – – – Es geht mir eines von seinen Liedern vor allen andern durch den Sinn, Knabe, und das will ich dir gerade heute singen, in der ersten Nacht des neuen Jahres.« Der Greis erhob sich, nahm die Laute von der Wand, griff leise in ihre Saiten und sang mit gedämpfter Stimme: In meinen frohen Tagen Hab' ich mit Lust getragen Das Kreuz auf meinem Kleide; Ganz äußerlich mit Zieren, Mit sündigem Stolzieren Auf meinem Kleide Von Samt und Seide, Kreuzfahrer ich! Jetzund in bösen Tagen Muß ich's im Herzen tragen, Zerrissen ist das Kleide; Von außen drang nach innen Mit bittersüßer Minnen Das Kreuz vom Kleide In schwerem Leide Kreuzfahrer mir. Wann es mich mehr beglückte, Wo es mich besser schmückte Das wundersame Zeichen? Als es die Leute sahen – Da nachmals ich empfahen Das wundersame Zeichen Ohn' alles Gleichen, Kreuzfahrer ich? In allen meinen Tagen Will ich mit Freuden tragen Das Kreuz und seine Schmerzen; Will wandern und will schweigen, Will mich in Starkmut neigen, Und will mir nicht verscherzen Das Glück in meinem Herzen – Kreuzfahrer ich! »So sang er und so wanderte er und kam näher und näher der Heimat. – – – Zu Hause aber – zu Hause – –« Pilgram stockte – – »sein Weib war fortgegangen, und sein Söhnlein wohnte bei einer alten Magd. Und als er eine kurze Weile in der öden Burg gehaust hatte, da kam der andere, sein Feind, mit Reisigen, überzog ihn mit Krieg, berannte seine Feste, brannte sie aus, nahm ihm auch noch sein Land und seine Leute – und der Kreuzfahrer mußte weiterziehen mit seinem Kinde.– – – Über Berg und Tal zog er fort, weit, weit fort, zu Menschen, die nichts wußten von ihm und seinem Unglücke. Dort kaufte er sich um geringen Schmuck, Gold- und Silberspangen, eine Hube und lebte einsam und verlassen als Bauer. Lange Jahre. Er plagte sich von der Frühe bis zum Abend, und von der Frühe bis zum Abend ließ er das Kind nicht von seiner Seite. Wenn er pflügte, saß es am Raine und schaute ihm zu und klatschte in die Händlein, so oft er heranstapfte in der langen Furche, sah ihm traurig nach, wenn er sich wieder entfernte. Eine unsagbare Liebe zum Vater wuchs in dem Knäblein empor, eine Liebe, die hernachmals dem grau gewordenen Manne noch oft in der Erinnerung das Wasser in die Augen trieb. Warum war die Liebe gar so stark? Fühlte der Knabe, daß er des Vaters einziger Trost sei? Kann sein. – – – Am liebsten war's ihm, wenn der Vater sang, und alle seine Lieder lernte er, bevor ihm ihr Sinn klar wurde. Eines aber sang der Vater niemals vor seinem Kinde: er sang's am liebsten in der Nacht, wenn alles schlief. Und gerade diese Weise hörte der Knabe für sein Leben gerne und lauschte auf seinem Lager, so oft es im Garten oder in der Stube erklang: Hast du ein schweres Leid, Geh hin und sarg es ein Und trag's mit Heimlichkeit Bei dir allein; Trag's durch den hellen Tag Fein klagelos und still Und frag du nie – warum? Sag nur – Gott will! Doch in der dunkeln Nacht Erschließ den Schrein Und laß die Sterne funkeln Bis auf den Grund hinein ! »Abwärts gingen die Wege des Kreuzfahrers, unaufhaltsam abwärts. – Abwärts? – Wer weiß es? – ? Die Herren des Landes kriegten untereinander, und ihre Rosse zertraten auch ihm die Felder, und wie einst die Burg, so ging jetzt sein Häuslein in Flammen auf. ? – Wiederum war seines Bleibens nicht; wiederum nahm er den Stab – jetzt war's der Bettelstab – und zog landaus, landein mit seinem Sohne. Der war herangewachsen, war so alt, wie heute dein Witigo, war schlank und blond. – So zogen sie; der Alte sang, der Junge hielt den Leuten die Haube hin. Aber nicht immer bekamen sie Brotes genug – oft, oft schrieen die Ritter oder die Bauern: ›Daß dich der Teufel hole mit deinen traurigen Liedern – sing zum Tanze, Landfahrer!‹ Aber je weiter dieser zog, desto mehr vergaß er, was ihm von alten, frohen Weisen geblieben war – und oft sang er ein frohes, altes Lied in unfrohem Tone. – – Die Not ging neben den zweien her, landaus, landein. – – Und gar bald – ach, du sollst alles hören. Im Lenze war's, da wanderten die beiden auf der Straße, die von Nürnberg gen Prag läuft. Im Lenze war's, und das Land, durch das sie zogen, war der Nordgau benannt. Hintereinander gingen die beiden fürbaß, voran der alte Mann mit schweren Schritten, gebeugt, wegmüde am Stabe, hinter ihm der Knabe; der trug die Tasche auf dem Rücken, aber die Tasche war leer. Mühsam ging auch der Knabe; denn seine Füße waren wund. – Linde Lüste zogen über die grünen Felder, aus allen Hecken brachen die Blätter, am Hage blühten die goldenen Schlüsselblumen und die weißen Sternblumen, und durch die Wiesen liefen die Bäche hernieder von den dunkeln Waldbergen und glitzerten – – und den Knaben brannte der Hunger in all der Frühlingspracht. – – So zogen sie fürbaß, wanderten und schwiegen. – – – Vor der Seele des Knaben aber stand ein Bild, licht und hold wie ein Traum. Und wenn er zusammensinken wollte am Raine, murmelte er immer wieder die Worte des Vaters: ›Warte nur, mein Sohn, bald sind wir in Prag; Prag ist eine große Stadt mit tausend Häusern. In Prag hat alles ein Ende; denn da wohnt der König, und wir gehen zum Könige. Warte nur und sei geduldig!‹ – Er wußte nicht, wie sich die Not werde enden in Prag, er wußte nicht, warum der Vater so zuversichtlich zum Könige wanderte, aber immer wieder, immer wieder murmelte er, wenn die spitzen Steine stachen: ›Warte nur, sei geduldig, bald sind wir beim König in Prag!‹ – – – Gegen Abend kamen sie in ein großes Dorf. Vor dem Herrenhause, unter der Linde, tanzte das Volk. Auf einem Steine am Wege saß einer, der geigte; er war ein Landfahrer, wie die beiden, und sang den Hoppaldei zum Geigenspiele. – ? Stille wollte der Alte vorüberschleichen, da zupfte ihn der Knabe am Kleide: ›Vater, mich hungert!‹ Traurig wandte sich der Kreuzfahrer und sah seinem Kinde in die Augen. ›Noch ein Stündlein nur müßte es ins Stift sein. Ich möchte bei den Mönchen nächtigen, Kind, die Mönche sind freundlicher als die andern Menschen.‹ – ›Vater, nur einen Bissen Brot!‹ – Langsam schritt der Vater durch die frohen Menschen hin und trat unter die Linde. Dort saß der Herr mit rotem Angesichte und schaute dem Tanze zu. Vor ihm auf dem Steintische stand ein Krug, daneben lag der Brotlaib. – Der Landfahrer zog die Kappe und bat: ›Herr, gebet um Gottes Barmherzigkeit willen meinem Kinde ein Stücklein Brot!‹ Der Herr stand auf, faßte den Bettler scharf ins Auge und fragte: ›Was bist du denn?‹ Und dabei stieß er mit dem Finger an die Laute, die der Alte im grauen Säcklein auf dem Rücken trug. ›Ein landfahrender Sänger,‹ antwortete er. Da rief der Herr, daß es dröhnte, in das tanzende Volk hinein: ›Hallo, zum Geiger will sich ein Sänger gesellen! Heraus mit deiner Laute!‹ Dem hungrigen Kinde aber reichte er ein großes Stück Brot. – ›Verzeihet, zum Tanzen kann ich nicht singen, kann nicht, so gern ich's täte.‹ – ›Kannst nicht? Magst nicht!‹ sagte der Herr und klopfte ihn auf die Schulter. – ›Kann gewiß nicht; der da drüben auf dem Steine kann den Hoppaldei viel besser singen.‹ – In dichtem Kreise standen die Dorfleute um den alten Mann und um den Knaben her; ihre Gesichter glühten vom Tanze. ›Sing, Alter, soll dein Schaden nicht sein!‹ rief der Herr. ›Sing, was du kannst!‹ – – Da warf der Kreuzfahrer einen Blick auf seinen Knaben, sah, wie der sich erlabte am Brote, und wischte den Schweiß von seiner Stirne. – ›Ist's euch nicht gut genug, was ich euch geige und singe, just schon den ganzen Nachmittag?‹ rief nun der Geiger von seinem Steine hernieder, fuchtelte mit dem Bogen durch die Luft und machte ein bitterböses Gesicht. ›Gebt mir meinen Lohn!‹ – ›Schweig,‹ schrie der Herr, ›jetzt singt der da, hernach wieder du, Geiger!‹ – ›Singe, singe!‹ riefen die Leute und drängten sich näher heran. ? – Da ging der alte Mann an die Linde, stieg auf die Steinbank, lehnte sich an den Stamm, fuhr über die Saiten, daß sie tönten, als ob der Frühlingswind selber darüber zöge, atmete tief auf und begann zu singen –« Und Pilgram nahm die Laute und sang: Sehnsuchtsvoll im Winde Mit zerriß'ner Rinde Steht und träumt den Frühlingstraum Unser alter Lindenbaum – Unser alter Lindenbaum Steht und träumt den Frühlingstraum Sehnsuchtsvoll im Winde Mit zerriß'ner Rinde. Traurig blieb ich stehen. ›Um dich ist's geschehen!‹ Sprach mit bittern Schmerzen Ich zu meinem Herzen – Ich zu meinem Herzen Sprach mit bittern Schmerzen: ›Um dich ist's geschehen!‹ Und blieb traurig stehen. Doch es war gelogen: Lenz kam hergezogen, Kam und trieb die alte Kraft In den alten Lindenschaft – In den alten Lindenschaft Trieb der Lenz die alte Kraft: Als er kam gezogen Hatte ich gelogen. Und so steht im Winde Mit zerriß'ner Rinde, Steht und träumt den Frühlingstraum Unser alter Lindenbaum – Unser alter Lindenbaum Steht und träumt den Frühlingstraum Sehnsuchtsvoll im Winde Mit zerriß'ner Rinde. An den dunkeln Zweigen Tun sich Blättlein zeigen, Lichtgoldgrüne Schleierlin Um die alte Linde zieh'n – Um die alte Linde zieh'n Lichtgoldgrüne Schleierlin, An den dunkeln Zweigen Tun sich Blättlein zeigen. Könnte gleich der Linde Dort im Frühlingswinde Doch mein bös zerrissen Herz Wieder grünen allerwärts – Wieder grünen allerwärts Doch mein bös zerrissen Herz – – Und im Frühlingswinde Stünd' ich gleich der Linde! »Ich weiß nicht,« fuhr Pilgram fort, »ich weiß nicht, ob die unter dem Lindenbaume das alles so verstanden haben – aber die Töne, die von der Laute erklangen, die waren so wundersam – – so wundersam, man hätte mögen mit den Vöglein fliegen und mit den Wolken ziehen und mit den Wassern laufen und mit den Lüften brausen. Sogar der wegmüde Knabe stand, vergaß das Essen, lauschte und konnte die Augen nicht wenden von seinem weißhaarigen Vater, der dort am Lindenbaume lehnte und mit weitgeöffneten Augen hineinsah in den seltsamen blutroten Abendhimmel über dem schwarzen Walde. – »Und so stand er und sang eines nach dem andern von seinen süßesten Liedern, daß sie dem Knaben zeitlebens zu tiefst im Herzen klangen, und atemlos lauschten sie alle ringsumher, die sich vor kurzem noch im wilden Tanze geschwungen hatten, und konnten sich nicht satt hören und hören. * * * »Die Sonne war untergegangen, da zogen die beiden fort aus dem Dorfe. Der Knabe hatte feste Schuhe an, die Tasche auf seinem Rücken war gefüllt, und in dem Beutel des Alten klirrte es wieder seit langer Zeit. Warum doch zog er noch am Abend fort? – In Ruhe lag das Dorf hinter ihnen, keiner hatte mehr tanzen wollen unter der Linde, stille waren sie alle auseinandergegangen. – – – « Pilgram erhob sich und begann hin und her zu wandern in der engen Stube. Dann sagte er, fast mehr zu sich selber als zu dem Knaben, der ihm unablässig mit den Augen folgte: »Als aber der Morgen graute, da lag der Kreuzfahrer erschlagen im Walde neben der Heerstraße. Und bei ihm lag sein Knabe, mit blutiger Stirne, ganz von Sinnen. Mag sein, daß er dem Vater hatte helfen wollen, als ihn der starke Geiger mit dem Feldsteine niederschlug. – Und als der Knabe aufwachte, da beugte sich ein fremdes Antlitz über ihn, glänzende, freundliche Augen, und als er sich emporrichtete, da sah er Rosse und Reisige ringsumher, seinen Vater aber sah er zu Anfang nicht, den hatten sie mit Zweigen bedeckt. –« Pilgram schritt an die Truhe in der Ecke des Gemaches, hob den schweren Deckel, griff in die Tiefe, kam zurück an den Tisch und legte vor Zawisch einen goldenen Armreif nieder. Der Knabe nahm ihn und sah ein tiefeingegrabenes Wappen. » Ihr seid's gewesen!« fuhr er in die Höhe. Pilgram nahm das Haupt des Zawisch zwischen die Hände, küßte die blonden Locken und sagte leise: »Siehe, den Reif hat man bei dem erschlagenen Kreuzfahrer gefunden, hoch droben am Arme hat er ihn getragen unter seinen Lumpen.« – Und langsam trug er das Kleinod zurück in die Truhe, schloß ihren Deckel und vollendete seine Erzählung: »Gott segne das Geschlecht des Herrn Witigo, der da war der Großvater des Herrn Budiwoj von der Krummenau! Denn er ist's gewesen, der den Sohn des Kreuzfahrers aufgehoben hat von der Heerstraße.« * * * Der Knabe saß am Tische. Seine Linke lag auf der weißen Platte, die Rechte hing schlaff herab; seine Augen starrten in die Dunkelheit. »Zawisch,« begann der Greis aufs neue, »ich bin ein alter, verlebter Mann. Wer weiß, an welchem Morgen sie mich einmal ganz fest eingeschlafen finden? Das kann alles kommen über Nacht. Ich muß dich um etwas bitten!« »Was kann denn ich Euch geben?« fragte Zawisch und sah dem Alten ins Antlitz. »Jetzt nichts,« sagte der Alte; »aber wenn du einst als ein großer, starker Herr hinausreitest, dann denke an mich, gib meinem Burkhard ein Roß und laß ihn bei dir reiten mit meinem Schwerte!« – »Zawisch,« fuhr der Alte fort und griff mit beiden Händen nach den Händen des Herrensohnes, »du wirst es nie bereuen; es steckt eine gute Art in meinem Enkelsohne. Zawisch, ich habe ihm das Beste eingepflanzt, was ein Edeling mit dem nackten Leben retten kann vom Vatergute – die Treue. Zawisch, willst du mir's geloben, dann fahre ich einst ruhig von hinnen, sei's bald, sei's später, und auch du, mein Zawisch, wirst gut durchs Leben reisen mit einem Manne, wie einst mein blauäugiger Burkhard einer werden wird. Zawisch, willst du mir's versprechen?« Schweigend nickte der Herrensohn, dann sagte er langsam und fest: »Ja, ich versprech' es.« Totenfeier Die Höfe der Burg und der Vorburg waren erfüllt von stampfenden, wiehernden Rossen, von rufenden Reitern und Knechten. Noch funkelten die Sterne am schwarzen Himmel; kalt war die Luft, der Schnee knirschte unter den Hufen und Sohlen, die Fackeln qualmten, und die Schatten des Rauches wehten über die grellbeleuchteten Mauern und Türme. Auf der Freitreppe vor dem Palassaale erschien der Marschalk und rief in den Hof hinab: »Der Herr kommt, haltet euch bereit!« Und sein Befehl pflanzte sich fort, hinaus über die Brücke, hinunter in die Vorburg, und stille ward es überall. Aus der Türe des Palassaales trat Herr Budiwoj, angetan mit dem langen Trauergewande; ihm zur Rechten und Linken schritten Zawisch und Witigo, hinter ihnen trug man die verhüllten Banner aus dem Saale heraus in die Nacht. Am Fuße der Treppe sah sich Budiwoj um und fragte den Marschalk: »Wo ist Pilgram? Ist sein Schimmel gesattelt?« Der Marschalk verneigte sich und wies gegen den Bergfried hin. Aus der Dunkelheit kam die große Gestalt des Altmarschalks geschritten. Er stützte sich auf seinen Speer, kam langsam heran, trat vor Herrn Budiwoj und verbeugte sich höfisch. Budiwoj gab ihm die Hand und sagte: »Saurer Ritt, saurer Ritt, Pilgram!« Dann winkte er dem Marschalk und schritt weiter. Der Zelter ward vor den Altmarschalk geführt, die Knechte halfen ihm hinaus. Herr Budiwoj und seine Söhne bestiegen ihre Rosse, klirrend schwangen sich nach ihnen Reiter und Knechte in die Sättel. Schnaubend und dampfend und knirschend setzte sich der Zug in Bewegung, die Fackeln glühten und qualmten, die Rosse wieherten und schäumten und stiegen, kreischend flogen die Dohlen um den Bergfried – die von der Krummenau ritten aus, Herrn Wok von Rosenberg zur Ruhe zu gleiten. * * * Im Sonnenlichte lag Burg Rosenberg hoch über der dunkeln Moldau. Der Schnee lastete auf ihren Dächern, im Schneegewande glitzerten die Wälder ringsumher, und ein blaustrahlender Winterhimmel war ausgespannt über Berg und Tal. Weit offen standen die grauen Torflügel, herabgelassen war die Brücke, und freigegeben der Zutritt allen, die Herrn Wok zum letztenmal« schauen wollten. Herr Budiwoj ritt inmitten der Seinen über die dröhnende Zugbrücke, zwischen den zähnefletschenden Bärenköpfen hindurch, die an beide Torflügel genagelt waren, und die dampfenden Rosse hielten vor dem Palas. In die Türe des Palassaales traten die von der Krummenau; finster war die weite, hohe Halle, ihre Läden waren geschlossen, mit schwarzen Tüchern ihre Wände verhüllt. »Daß ihr die Füße des Toten berührt!« flüsterte Pilgram den Jungherren zu. »Und wißt ihr den Spruch noch für Frau Hedwig?« »Wir wissen ihn,« sagte Zawisch. Die Türe schloß sich, und geblendet vom Tageslichte standen sie in dem dunkeln Räume. An der entgegengesetzten Wand flimmerten Lichter, und ihr Schein vergoldete Schwerter und Helme und Schilde. Schweigende Menschen standen in schwarzen Gruppen umher. Langsam schritten die von der Krummenau vorwärts, der Marschalk von Rosenberg geleitete sie durch den Saal. Dumpf war die Luft in dem eingeschlossenen Räume. Unter den Lichtflämmchen an der Wand zeigten sich die weißen, langen Kerzensäulen, und immer schärfer traten die Gestalten der Menschen aus der Dunkelheit hervor. Der Marschalk ging voran. Zur Rechten und Linken wichen die Gruppen zurück, und Herr Budiwoj stand mit den Seinen vor der Leiche des Grafen Wok, die aufgerichtet, mit hocherhobenem Haupte dasaß auf dem erhöhten Ehrenplatze im Armstuhle des Hausherrn. Der Landherr schritt die Stufen der Bühne hinan und trat mit gefalteten Händen vor die gewaltige Leiche. Das Kerzenlicht flackerte auf den Zügen des Toten, es flackerte auf seinen grauen, wallenden Locken, es spiegelte sich in dem nackten Schwerte, das auf seinen Knieen lag, und über seinem Haupte glühte in gläserner Ampel das ewige Licht. Herr Budiwoj beugte sich herab und berührte die Füße des Toten. Dann richtete er sich auf, nahm den Ährenbüschel aus dem Weihkessel, besprengte dreimal die Gestalt mit dem gesegneten Wasser, ließ sich auf die Kniee nieder und murmelte das Gebet, und um ihn her knieten die Seinen. Dann erhoben sie sich und gingen hinter dem Marschalk von Rosenberg auf die andere Seite des Saales, wo Gräfin Hedwig tiefverhüllt saß inmitten ihrer Söhne. * * * Wehklagen erscholl im dunkeln Saale: Sie hoben die Leiche, trugen sie auf die Schwelle, setzten sie dreimal ab im Namen des dreieinigen Gottes und trugen sie aus der Heimat. Unter der Linde im Schnee stand das Weib mit dem blauen Schurze und entzündete das Stroh, das brennen muh hinter der Leiche des Herrn wie des Knechtes. In allen Sälen und Kemenaten der Burg lagen die Stühle und Bänke gestürzt auf dem Boden. Durch die Ställe aber schritt der Marschalk von Rosenberg und scheuchte das Hornvieh vom Lager, und er mußte heimlich weinen, als er den Rossen, einem nach dem andern, den Tod des Grafen ansagte und zu den Bienenkörben trat, leise dreimal an das Strohgeflechte klopfte und den schlafenden Bienen meldete: ›Wisset, der Herr ist tot!‹ Dann ging er mit gesenktem Haupte zurück in den Saal, wusch seine Hände, nahm das Becken, trug es vor die Türe, schüttete das Wasser hinter der Leiche her, murmelte den Spruch und schwang sich auf sein Roß. * * * Im blendenden Sonnenscheine bewegte sich der Leichenzug aus dem Tore der Feste und schob sich langsam hin zwischen den Schneewällen, die den steilen Weg entlang aufgetürmt waren. In dunkeln Reihen stand zur Seite das Volk, das weither gewandert war: starkknochige, hochgewachsene deutsche Bauern aus den Bergen, bewegliche Slaven aus der Ebene. Schweigend standen sie alle, und das Sonnenlicht lag auf den blonden und weißen und schwarzen Häuptern der Männer und ließ die dunkeln Kopftücher der Weiber erglänzen. Singend schritten die weißen Mönche von Hohenfurt voran. Hinter ihnen kamen die Getreuen des Grafen Wok, angetan mit den wallenden Trauergewändern, die Recken, mit denen der Graf so oft gegen seine Feinde gereist war. Schweigend zogen sie einher, Schritt vor Schritt, leise klirrten ihre Sporen, und auf ihren Schultern trugen sie den Leib des toten Herrn. – Der Armstuhl hing zwischen schwarzverhüllten Stangen, und in ihm saß, mit Riemen festgebunden, die Leiche, barhäuptig, im Feiergewande, mit dem Schwerte über den Knieen, in den Rauch gehüllt, der von den qualmenden Fackeln ringsumher in die Lust emporstieg. – Hinter dem Toten schnaubte das verhüllte Schlachtroß, hinter diesem ritten die Söhne von Rosenberg, Heinrich und Witek, zwischen ihnen Herr Budiwoj, der Älteste des Geschlechtes, und nach ihnen alle Herren von der Rosensippe, Greise und Männer und Knaben, wo ihnen Alter und Würde den Platz anwies. – »Die Spitze nach oben, Jungherr!« flüsterte Pilgram und neigte sich zu Zawisch: »so will's der Brauch.« Und der Herrensohn stürzte den kleinen, weißen Dreieckschild mit der roten Rose und schaute aus weitgeöffneten Augen auf das graue Haupt, das da vorn aus und nieder schwankte. »Der Tod ist ein grausamer Geselle,« murmelte der Alte; »wo er will, stellt er den Stab ans Tor und tritt in die Kammer zu alt und jung, fragt nicht, ›willst oder willst nicht?‹ Gegen ihn hilft kein Schloß, kein Riegel, er ist wie ein Wurm ohne Ende, kriecht durch die Lande, kriecht in die Hütten und auf die Burgen.« Und Pilgram wischte mit der Rechten über seine Augen. »Schauet hin, ihr Jungherren,« fuhr er fort, »und vergeht's nicht: der da vorn fährt in die Grube als ein Herr! Ist's nicht anzusehen, als hätten sie den Helden auf den Schild gehoben und trügen ihn fort aus der Schlacht in die Ruhe?« – – – »Tragen ihn auch in die Ruhe; hat viel Unruhe gehabt all sein Leben lang, viel Unruhe«, murmelte er. »Ist allfort Krieg im Leben und viel Unruhe. – Aber schauet, Jungherren, wie der Rauch da vorn um ihn her wallet, so wallet jetzt die Nachrede um ihn her, da aus dem Zuge, dort aus den armen Leuten an der Straße, droben von den Mönchen, hinten aus Böhmen, drüben aus Österreich, aus Steiermark und weither aus dem Reiche. Und er kann sich jetzt nimmer wehren, wenn sie böse ist, kann sein Schwert nimmer ziehen und für seine Ehre streiten – aber schauet, Jungherren, schauet sein graues Haupt an, wie der Sonnenglanz sich freundlich darauf legt an diesem kalten Tage: so fährt er mit Ehren in die Grube; denn es weiß keiner allumher Böses zu sagen mit Recht vom Grafen Wok, und wenn etwa einer böse von ihm spräche, da träten zehn andere auf, die ihn der Lüge ziehen, so sage ich! Gott sei seiner Seele gnädig, sein heiliger Patron möge gute Fürsprache für ihn einlegen. Wollen wir auch beten, ihr Jungherren, für seine arme Seele!« * * * So gelangte der Zug hinunter ins Tal und schob sich auf der Holzbrücke über die Moldau, und als er sich über dem Flusse drüben auf dem steilen Pfade langsam zu Berge wandte, da kam es immer noch in dunkeln? Gewimmel hervor zwischen den Schneewällen unter der Feste von Rosenberg. So viele Menschen wollten Herrn Wok die letzte Ehre erweisen. – – – Der Zug ging weiter und weiter und legte sich gleich einem unabsehbaren, dunkeln Reifen über den kahlen Rücken des langgestreckten Hügels; und die Lanzenspitzen der Reiter funkelten mit dem Schnee um die Wette im Glanze der Sonne. Hinten aus dem Tale von Rosenberg tönte hell und klar die Kirchenglocke empor, und von Mittag her klangen die dumpfen Glockenschläge aus den Mauern des Stiftes; und das Geläute pflanzte sich fort und fort über die schweigenden Wälder, schlug an die winterlichen Berge, kam singend und brummend wieder zurück und erstarb mit leisem Klingen unter dem blauen Himmel. – Mit gesenktem Haupte ritt Pilgram dahin zwischen den Jungherren von der Krummenau und sprach kein Wort mehr. Nur der Schnee knirschte, nur die Rosse schnaubten, nur die Waffen klirrten ringsumher. Weit hinten, wo die Masse der Landleute einherwallte und in eintöniger Wechselrede Gebete murmelte, da klang es wie dumpfes, fernes Branden des Meeres. Zwischenhinein aber erhoben die Weiber ihre Stimmen zu langgezogenem Heulen. – Da stockte der Zug, und der Greis hob langsam den gebückten Nacken. »Die Mönche mit dem Kreuze,« sagte Zawisch leise, stellte sich in den Bügeln und spähte den Weg entlang. »Der Abt,« murmelte der Altmarschalk, während von der Spitze her laut und klar der lateinische Gesang ertönte. »Sind's ihrer viele?« fragte Pilgram. »Schauet ihr Knaben für mich, meine Augen sind trübe!« »Mir dünkt, es steht der ganze Konvent unter den Linden,« sagte Witigo. »So geziemt sich's«, sprach der alte Mann. Da drückte Zawisch sein Roß aus der Reihe und ritt sachte den Zug entlang bis hinter die Vornehmsten des Geschlechtes, die starr, wie Standbilder, in den Sätteln saßen. Dort hielt er und spähte den Weg hinab, der sich von den Linden mählich zu Tale neigte. Unter den machtvollen Klängen des Gesanges und unter Posaunenstößen setzte sich der lange Zug der Mönche in Bewegung, und nun mischten sich die Düfte des Weihrauches mit dem Brandgerüche der Fackeln, und blaue Wölklein mit den schwarzen Wolken. Weiter schob sich der Zug, schweigend, betend, schreiend, und der Knabe drückte sein Roß wieder neben Pilgram in die Reihe. Da sah er, wie sich drei graue Reiter dem Zuge entgegenbewegten, wie sie näher und näher kamen bis an die vordersten unter den Mönchen, und er sah, daß diese in Unordnung gerieten und beiseite wichen. Angestrengt spähte er über den flimmernden Schnee und gewahrte, wie der erste von den Reitern gebieterisch die Hand ausstreckte und wie die Mönche singend weiter schritten, und er sah, wie der Vater das Roß aus dem Zuge lenkte, sich am Toten und seinen Trägern vorüber den grauen Reitern entgegendrängte und sich bis auf die Mähne des Rosses verneigte – und wieder stockte der Zug. »Was gibt's?« fragte Pilgram und blickte auf Zawisch. »Reiter sind herangekommen; der Vater ist ihnen bis vor den Toten entgegengeritten und begrüßt sie. Es müssen Herren sein.« »Vor den Toten?« fragte der Greis. »Und wie sehen sie aus?« »Ich erkenne nur den ersten genau,« sagte Zawisch und spähte unverwandt hindurch zwischen seinen Vormännern, die sich auch in den Bügeln gehoben hatten. »Und der erste,« fuhr der Knabe fort, »der erste sitzt im grauen Reisekleide auf einem Schimmel. Er ist ein breitschulteriger Mann mit mächtiger Brust – sein Antlitz ist kurz – seine Augen sind leuchtend und groß – er trägt einen blonden Bart – jetzt reitet er nahe an die Leiche und schlägt das Kreuz – seine Nase ist gebogen, ich erkenne es genau – ?« »Weiter, weiter!« rief der Alte. »Das Antlitz des Fremden ist dunkel,« sagte Zawisch; »der Vater sitzt unbeweglich und hält das Schwert gesenkt – er ist wohl sehr vornehm, dieser Fremde – um seine Kappe ist ein schmaler Goldreif gelegt ? –« »Setzet euch gerade in die Sättel, Jungherren,« flüsterte der Alte, »es ist der König! – Gott segne Herrn Ottokar, daß er zur Winterzeit heraufgeritten ist von Linz!« »Der König, der König!« kam's jetzt murmelnd heran, den Zug entlang und pflanzte sich fort über Herren und Knechte bis hinter in die Reihen der Bauern. Herr Ottokar aber hatte den Hengst in den Zug gedrückt, talabwärts schritten die Träger mit ihrer Last, und zwischen den Söhnen des toten Landherrn ritt der böhmische König im Rauche der Fackeln. * * * Im düstern Schiffe der Klosterkirche war das Geschlecht der Rosenherren versammelt. Vor dem Hochaltar saß der tote Wok, hart vor ihm, zur Rechten und Linken des Königs, standen seine Söhne, die Knaben. Am Portale der Kirche scharrte das Schlachtroß im Schnee, auf dem Hofe staute sich das Volk und drängte sich lautlos bis heran unter die geöffnete Türe. »Oremus pro omnibus fidelibus defunctis!« sang der Kantor, und in gewaltigem Chore antwortete der Konvent: »Requiem aeternam da!« Die Lichtflämmlein flirrten, der Weihrauch stieg empor am Altare und zog sich in blauen Streifen über das Schiff, und der Gesang flutete über den Toten, flutete über die Häupter der Lebenden, brach sich an den massigen Säulen und verhallte an der Decke ... Mitten in der Kirche gähnte die offene Gruft; Mönche nahmen den Leib dessen, der ihre Heimat gegründet, auf die Schultern, der Abt weihte den Eingang mit dem gesegneten Wasser. Bedächtig stiegen die Träger die steilen Stufen hinab, die Söhne, der König und die Vornehmsten folgten, Wachsfackeln glühten in der Tiefe. Im Hintergrunde der Gruft ragte ein steinerner Stuhl mit hoher Lehne: auf ihn setzten sie den Toten. Murmelnd sprach der Abt die Gebete, dumpf tönte die Antwort der Mönche, und der rote Lichtschein flackerte auf den starren Zügen des Toten und spielte mit dem nackten Schwerte auf seinen Knieen. * * * »Die ewige Ruhe!« flüsterte Herr Budiwoj, als er langsam, schwer atmend, der letzten einer, aus der Gruft emporstieg, und im halblauten Selbstgespräche fügte er hinzu: »Er ist der erste da herunten – wen werden sie wohl auf den Stuhl neben ihn setzen?« »Lange keinen mehr,« sagte Pilgram und trat neben den Landherrn. »Doch, doch –!« erwiderte Herr Budiwoj und legte die Hand auf seine Brust. »Nicht, Herr, nicht!« bat Pilgram. Herr Budiwoj hob den Fuß auf die letzte Stufe, atmete heftig, wandte sich und stieß hervor: »O Pilgram, der Kumanenspeer ist tief gesessen!« Am Hochaltare sang der Abt die Messe für den Toten. * * * Im Rosenberger Palassaale sahen die Herren und Mannen, und das Kerzenlicht funkelte in ihre Becher hinein. Das Mahl war beendet, an den Wänden harrten die Diener. Der Burgpfaffe trat mitten unter die Gäste und sprach das Dankgebet. Frau Hedwig aber zog den weißen Schleier vors Angesicht, stand auf von ihrem Witwenstuhle, faltete die Hände unter der Brust und verneigte sich vor den nächsten Geschlechtsgenossen, die auf der Bühne versammelt waren, und gegen den Saal hin. Herren und Mannen erhoben sich von ihren Sitzen, Herr Budiwoj von der Krummenau aber geleitete die Muhme hinter an die Kemenate. – Hurtig hoben die Knechte des Mahles Reste hinweg und zogen die weißen Tücher von den langen Tischen. – Herr Budiwoj trat an den Rand der Bühne und winkte hinab auf die Versammlung. Stille ward's ringsumher. Mit leiser Stimme begann er: »Ihr Freunde, ihr Herren, ihr Mannen, höret mich! Der König entbietet euch allen seinen Gruß. Ich bat ihn, daß er möchte mit uns nach Rosenberg reiten und in der Feste nächtigen. Er aber antwortete, daß ihn die Geschäfte zwängen, eilig wieder fortzureisen, und so gedächte er, morgen in der Frühe schon vom Stifte aufzubrechen. Ihr Freunde, ihr Herren, ihr Mannen! Ich rede kurz, und ihr alle wißt, was ich sagen will: Es ist heute unserem Geschlechte absonderliche Ehre widerfahren. Wir Alten sind stolz darauf, und ihr Knaben sollt es nimmer vergessen, daß der König unserm Toten das Geleite gegeben hat. Ihr Herren, Freunde, rufet mit mir – Heil dem Könige, Heil!« Rauschend erhoben sich die Herren und Mannen, und brausend erscholl ihr Ruf im Saale: »Heil, Heil!« Herr Budiwoj schritt langsam die breiten Stufen hernieder und begann den Rundgang. Von Tische zu Tische trat er, und überall reckten sich ihm die Becher entgegen. Da und dort riefen sie ihm laute Worte zu, und das bleiche Antlitz des Landherrn rötete sich. Immer stärker ward das Summen im weiten Palassaale, und die Knechte liefen hin und her mit Kannen und Krügen und füllten die Becher. * * * Seitwärts von der Bühne, in der Ecke, nahe am Kamine saß Pilgram, und bei ihm saßen die Knaben Zawisch und Witigo und die unmündigen Söhne des toten, alten Grafen mit verschwollenen, geröteten Augen. Es ging sehr stille her in dieser Ecke: der Greis saß gebückt und netzte zuweilen die Lippen aus seinem Becher; Witigo hatte heimlich die Hand Heinrichs ergriffen und drückte sie von Zeit zu Zeit; Zawisch aber hatte die Arme über der Brust gekreuzt und sah mit seinen glänzenden Augen in das Gewühle der Versammlung. »Ich will zu Bette gehen,« sagte plötzlich Witek von Rosenberg, erhob sich und reichte Pilgram die Hand. – »Komm, Heinrich!« Da nahm der Greis die kleine Hand zwischen seine alten, runzeligen Hände, streichelte sie, strich über die weiße, hohe Stirne und über das goldene Haar des Knaben und sagte mit weicher Stimme: »Bleibe noch Knabe, bleibe noch! Wir wollen erst miteinander von deinem Vater reden; bleibe – ich, Pilgram, sage dir's, ich hoffe, du wirst gern bleiben!« Gehorsam setzte sich das Herrenkind und heftete die blauen Augen auf den alten Mann. Der aber stand auf, nahm eine kleine Harfe von der Wand, schritt zur Bühne, hob das wallende Trauerkleid, stieg empor über den Teppich der Stufen, wandte sich und überblickte die Versammlung. Die auf der Bühne saßen, verstummten mitten in ihrer Rede und schauten hin zu dem Greise. – Die an den nächsten Tischen tranken, blickten empor, sahen Pilgram, wie er leise die Saiten stimmte, und riefen: »Höret – Pilgram!« – Die im Umkreise saßen, erhoben sich, riefen über die Tische, winkten mit den Händen und rückten ihre Sitze zurecht, und über den weiten Saal und über die Bühne legte sich tiefe Ruhe. Der Greis aber strich mit der Rechten über den weißschimmernden Bart, hob die Augen zur Decke empor, griff in die Saiten und begann mit tiefer, mächtiger Stimme zu singen: Wenn die Blätter fallen von den Zweigen, Wenn die weite Welt sich enget Und der böse Winter kommt und siegt; Wenn so Feld als Auen schweigen, Wenn der Schnee die Wälder dränget Und der Tanne knarrend ihre Wedel biegt – Dann hat der Sänger weit und breit Im ganzen Jahr die beste Zeit, Von Burg zu Burg zu tragen, Was ihm das Herz bewegt, Zu singen und zu sagen, Was ihm die Glut erregt. Der Tag verglimmt. Ein goldrot Funkeln Trifft Fels und Burg zum letztenmal Und zittert an der Giebelwand; Wachslichtlein blitzen auf im dunkeln, Im rauchgeschwärzten Palassaale, Die Nacht zieht ein und herrscht im Land. Burghüter greift zum warmen Pelz, Umstapft auf schmalem Weg den Fels, Die Rosse schnauben leise, Der Bracke spitzt das Ohr, Der Mond geht auf die Reise, Steigt aus dem Wald empor. Es kracht das Scheit im Kachelofen, Der Hausherr sitzt in warmer Ecke, Der Landwein perlt im Zinnpokal; Die Herrin spinnt im Kreis der Zofen, Im Lichtschein glänzt die Balkendecke, Es grüßt das Waffenzeug im Saal: Das Waffenzeug aus alter Zeit, Zerhauen wohl in manchem Streit, Helmbarden, wohl gewetzet, Schlachtschwert und Speer und Schild, Sturmfahne bös zerfetzet, Mit buntem Wappenbild. Der Sänger steht; gar süß und linde Entquillt sein Spiel den straffen Saiten Und rieselt nieder in den Saal, Lockt Herrn und Frau und Burggesinde Zurück in dunkelferne Zeiten, Und stille wird es allzumal. Da steigt wie Lerchenmorgenchor Das Lied aus seiner Brust empor Und schwillt gleich Stromesfluten Und hebt sich adlergleich Und braust mit Feuergluten, Frau Sage, durch dein Reich. Es brennen tief herab die Kerzen, Die Hände fallen lässig nieder, Der Atem stockt in jeder Brust; Und was er singt aus heißem Herzen, Aus aller Augen funkelt's wider: Die Lieb', das Leid, der Haß, die Lust. Der Sänger singt nicht mehr allein, Frau Sage raunt und summt darein, Das Waffenzeug klirrt leise, Die alte Fahne weht, Derweil die wilde Weise Zu aller Herzen geht. Es rührt und regt sich an den Wänden, Der Palas wird zum Blachgefilde, Die Balken steigen himmelan; Es tost der Kampf an allen Enden, Großmächtig fügt sich Bild zu Bilde, Die Sonne sticht auf Roß und Mann. Es lauschen Herrschaft und Gesinde, Es lauschen blondgelockte Kinde, Vom Strome fortgetragen, Vom Adlerflug gewiegt, In Feuerglut geschlagen, Von dir, o Lied, besiegt. Wenn die Blätter fallen von den Zweigen, Wenn die weite Welt sich enget Und der böse Winter kommt und siegt; Wenn so Feld als Auen schweigen, Wenn der Schnee die Wälder dränget Und der Tanne knarrend ihre Wedel biegt Dann hat der Sänger weit und breit Im ganzen Jahr die beste Zeit, Von Burg zu Burg zu tragen, Was ihm das Herz bewegt, Zu singen und zu sagen, Was ihm die Glut erregt. Ein Murmeln ging über die Bühne und pflanzte sich fort über den Saal. Und wieder griff Pilgram in die Saiten und hob die Stimme: Hört, ihr Rosenherren, hört die Klage, Rückt zusammen, Schwertgemagte, hört mein Wort Hört es, Männer, hört es, Knaben, Knechte, Hört es, Lüfte, tragt's auf alle Straßen fort! Böse Märe will mein Mund euch künden: Der dem Eichbaum gleich im goldnen Abendrot Weithin noch vor kurzen Monden sichtbar In den Landen ragte – Vater Wok ist tot. Dem aus tiefen Wunden in gar vielen, Vielen Schlachten floß das rote Heldenblut, Den durch ungezählte Fährlichkeiten Wie mit Sturmesflügeln trug sein stolzer Mut – Hört, ihr Rosenherren, hört die Klage, Rückt zusammen, Schwertgemagte, hört mein Wort, Hört es, Männer, hört es, Knaben, Knechte, Hört es, Lüfte, tragt's auf alle Straßen fort! Der in Treue allzeit festgestanden, Seiner Sippe Sturmpanier in Kampf und Not, Seinem König allzeit weiser Ratsherr: Laßt die Tränen rinnen, Vater Wok ist tot! * * * Das war ein hartes Drängen bei Mühldorf wohl am Inn! Vieltausend Degen zogen dort auf die Brücke hin, Der böse Sturmwind fegte durchs kahle Stoppelfeld, Und schwere Wolken jagten hoch droben an dem Himmelszelt Die gelben Wasser kamen und rauschten her zu Tal Und sangen Totenklagen den Degen allzumal – Die alte Brücke schwankte in Sturm und Wellenstoß, Doch »vorwärts!« rief der König und stachelte sein gutes Roß. Und donnernd nahm die Brücke der Falbe mit dem Herrn, Ihm folgten hundert Degen und hundert Rosse gern, Und hundert andre drängten wohl hinter diesen drein Bei Mühldorf auf die Brücke im letzten, grauen Abendschein. Da hob sich aus der Tiefe der grimme Wassermann Und stieß mit seinen Fäusten die morschen Pfeiler an, Sang einen argen Segen aus Herren und Gesind – Der Segen hat getroffen gar mancher Mutter starkes Kind. Es ging ein wildes Krachen durch Balkenwerk und Dach – Die Brücke war geborsten und neigte sich gemach, Die Rosse stiegen schnaubend, die Reiter schrieen auf, Die gelben Wogen kamen heran und türmten sich zuhauf; Sie gossen ihre Fluten herein mit Donnerschall, Sie deckten Roß und Reiter mit wildem Wasserschwall, Sie rissen fort im Strudel die Recken allzumal Und sangen Totenlieder und wälzten weiter sich zu Tal. Gen Morgen hielt der König mit seiner Schaar so klein, Ihm flössen bittre Tränen wohl in den Bart hinein. Gen Abend stand in Haufen das abgeschnitt'ne Heer, Und wilde Rufe tönten – doch Ratschlag wußte keiner mehr. Wohin? Im Rücken dräuet der Bayern Übermacht, Indes im Angesichte der letzte Pfeiler kracht! Und kaltes Grauen packte die führerlose Schar, Die dort am bösen Strome in Feindeshand gegeben war. – Doch schau! Wer kämpft im Wasser und ringt im Wellengraus, Wer schwimmt im Eisenkleide auf starkem Roß heraus? Wer steigt empor ans Ufer ganz heil, ganz unversehrt Und hebt den Blick nach oben und zieht getrost sein gutes Schwert? Wer sprengt am dunkeln Ufer zum abgeschnitt'nen Heer Und ruft mit Kampfgeschreie die Streiter zu sich her? Wer jagt mit Windsbraut-Eile nach Mühldorf in die Stadt Und hält am engen Tore, bis jeder sich geborgen hat? Wer windet als ein Riese die Brücke hoch empor Und stößt mit eignen Händen den Balken vor das Tor? Wer heißt auf alle Mauern die Böhmenkrieger geh'n, Wer heißt von allen Türmen ins Land die Böhmenfahnen weh'n? Es war Herr Wok, der Starke, von Rosenberg der Held, Der dort mit seinen Reitern hinbrauste übers Feld, Es war Herr Wok, der Kühne, der Ritter unverzagt, Der hat mit kaltem Blute dem Feind die Beute abgejagt . Es war Herr Wok von Böhmen, der königstreue Mann, Der eine List ohngleichen im Bayernland ersann – Der dort im Feindesbollwerk die eigne Schar gedeckt Und auf die höchste Zinne hat seinen blanken Schild gesteckt . – Wer neigt mit stolzem Mute das Haupt zum freien Gruß, Wer ist's, daß selbst der Sieger ihm Ehre zollen muß? Wer rasselt aus dem Tore zu Mühldorf wohl am Inn Und führt die Böhmenscharen in Waffen durch die Feinde hin? Es ist Herr Wok gewesen, der Recke frisch und frank, Der dort im Bayernlande erwarb des Königs Dank, Es ist Graf Wok gewesen, des Lob klingt weit und breit, Solange Böhmen singen von Kriegsgefahr und böser Zeit. * * * Und wer liegt auf den Knieen am Bergstrom hoch im Tann Und hebt in heißem Danke die Hände himmelan? Und spricht: ›Maria, Reine, du hast gerettet mich – Des soll mein Mund dich loben, des soll mein Herze preisen dich! Doch nicht allein das Herze und nicht allein der Mund Geb' dir, o Gottesmutter, Graf Woko's Treue kund: In Eile will ich senden wohl in die Welt hinaus, Will fromme Mönche rufen, will bauen dir im Wald ein Haus. Und mächtig will ich gründen das Haus zu deinem Ruhm, Will Land und Leute schenken dem hehren Heiligtum. Das mag sich hoch erheben zum Zeichen meiner Schuld Und mag in späten Zeiten, Maria, künden deine Huld. Schenk' du dafür, Vielreine, mir allzeit deine Gnad' Und schirme meine Seele, bitt' für mich früh und spat Und führ' mich, Königinne, dereinst mit Freundlichkeit Durch Nacht empor zum Lichte, vom Erdenleid zur Seligkeit!‹ – Das ist Herr Wok gewesen, und hoch ertönt sein Ruhm, Weil er der Jungfrau weihte im Wald ein Heiligtum. Das ist Herr Wok gewesen – jetzt ruht er in dem Haus, Das er der Jungfrau baute, von allen Erdenmühen aus. Gar weit ist deine Reise, vielwerte Christenheit, Und steile Pfade führen empor zur Ewigkeit. Wohl dem, der fromm und weise tut, was der Graf getan, Verrichtet gute Werke und baut sich Stufen himmelan! Regungslos sahen Herren und Mannen und Knechte, keine Hand streckte sich aus nach dem Becher. Und wieder griff Pilgram in die Saiten und begann zu singen: Zwei Augen sind gebrochen, Ein Herze schlägt nicht mehr – Was sollen wir sitzen und klagen Und sollen uns grämen so schwer? Wir stellen uns aufrecht und heben Die Hände zum Vater empor Und holen zu tiefst aus der Seele Ein heiliges Loblied hervor. Des Himmels Glanz und Bläue, Die sonnenhelle Pracht Und das Heer der zahllosen Sterne Auf dem schwarzen Mantel der Nacht; Den Baum im Blütenkleide, Blauveigelein im Moos Und Gold und Edelgesteine Aus der Tiefe finsterem Schoß; Und alle Erdenschöne Wohl über Berg und Tal – Die faßten seine Augen Vielhunderttausendmal. Des Brotes starke Labe, Des Metes süßen Saft Und des perlenden Weines im Becher Goldfeurige, funkelnde Kraft; Des Weibes holde Minne, Des Windsturms Brausen im Wald Der Glocken Sonntagsgeläute Und des Schlachtlieds wilde Gewalt; Und was die Welt an Ehren Und Ruhm wohl schenken mag – Das hat sein Herz genossen In manchem heißen Schlag. Doch blieb sein Aug' nicht haften Am bunten Erdenkleid, Und in des Herzens Tiefe Trug er die Ewigkeit. Hab' Dank, allgütiger Vater, Für deine Freundlichkeit, Die Augen ihm und Herze Gelabet alle Zeit, Sei hochgepriesen, Vater, Für deinen Friedensrat, Der ihn von Kindesbeinen Emporgezogen hat! Behüt auch uns're Augen, Bewahr auch unsern Sinn Und führ uns wie die Kinder Durchs Erdenleben hin!– Zwei Augen sind gebrochen, Ein Herze schlägt nicht mehr – Was sollen wir sitzen und klagen Und sollen uns grämen so schwer? »Heil, Pilgram!« rief Herr Budiwoj, hob den Becher und trank dem Sänger zu. Der aber neigte das Haupt vor dem Landherrn und begann aufs neue zu singen: Alter Zeiten muß ich sinnend denken, Träumend schaut mein Auge mittagwärts, Und von selber klingen mir die Saiten, Und zum Singen treibt mich mächtig an mein Herz. Einen güld'nen Falken seh' ich kreisen Und ich höre seinen stolzen Schrei, Und es fliegt herab aus seinen Fängen Eine Rose in die Waldlandwüstenei. In dem Waldland schlägt die Rose Wurzeln, Eine kleine Wiege steht im Dämmerschein, Windhauch ziehet flüsternd durch die Tannen, Zu der Wiege tritt die weiße Frau herein. Setzt sich hin und wiegt die kleine Wiege, Beugt herab sich auf die Knäblein müd', Läßt den Zauberschleier drüber fließen, Raunt ein seltsam, unerhörtes Schlummerlied. – Und es wachsen blonde Heldenknaben, Und es wächst vom Wittinghauser Stein Eine starke, dreigezweigte Sippe Tief ins fremde Land, ins Böhmenland hinein. Blühe, stolze Waldlandsippe, blühe! Segne, weiße Frau, den alten Schild Und im Kampf zu Sieg und Ehren führe Allezeit das Witigonenwappenbild! Ja, den güld'nen Falken seh' ich kreisen, Der die rote Rose in das fremde Land gebracht, Und ich seh' ihn eilig weiterfliegen, Eilig über Berg und Tal gen Mitternacht. * * * So sang der Altmarschalk Pilgram nach den Weisen, die er vor langen Jahren gelernt hatte von seinem Vater, dem Kreuzfahrer; so sang er von guten Tagen und von bösen Tagen, von Zeit und Ewigkeit und griff endlich in die Saiten zum letzten Liede: Tritt fest auf, mein Sohn, In der feindlichen Welt! Denn keiner umher Hat stärkeres Recht Ans Leben – Als du. Das Haupt halt hoch In der feindlichen Welt! Der Freie senkt nie Auf die Erde den Blick – Das tut nur Der Knecht. Tritt fest auf, mein Sohn, Daß die Spur deines Tritts Nicht hinter dir her Mit dem fliegenden Sand – Verwehe Zumal! Doch dieses bedenk: Hoch über der Welt Wohnt Einer im Licht – Des Recht ist stärker, Des Haupt ragt höher, Des Leben vergeht nicht– Wie deines, Mein Sohn! Was dünkt dich um dein Leben? Es ist ein Federflaum, Ein Gang in Sonnenhitze und ein gar kurzer Traum. Verachte Gut und Habe und gib sie klaglos hin, Bewahr im Heldenleibe den weichen Kindersinn: Der läßt ein böses Erbe, der Gold zusammenscharrt – Gold macht die Glieder schwammig, die Herzen macht es hart. Wenn Frieden ist, so raste, ist Krieg, so fahr mit Gott – Der uns den Frieden spendet, er schickt uns auch die Not. Sei Schirmherr aller Christen; für keuscher Frauen Ehr', Für schwacher Kindlein Unschuld zieh tapfer deine Wehr. Halt fest zu deiner Sippe: es ist ein arger Wicht, Der nicht das Recht der Seinen mit aller Kraft verficht. Doch sollst du nicht vergessen – nicht nur den Feind im Erz Mußt männlich du berennen – – nein, auch dein eigen Herz. Es liegt ein Würmlein drinnen zu tiefst in jeder Brust, Heißt Eigenlieb', heißt Lüge, heißt böse, wilde Lust. Das Würmlein lerne töten, mit Gott, mein Sohn, sei stark – Sonst wächst es her zum Wurme und frißt dein Lebensmark. Zieh fröhlich deine Straße und meid Griesgrämigkeit – Ein herrgottfroh Gemüte flieht Satan alle Zeit; Und kommt die letzte Stunde, gib dich und murre nicht: Es bricht ja nur die Hütte, wenn dir das Herze bricht! Ein jeder stehe feste, wohin er ward gestellt, Dann darf er wohl verachten die alte, böse Welt. Nicht wo der Mensch gestanden, fragt man in jener Welt, Doch wie er dort gestanden , wohin er ward gestellt. * * * Das Lied war aus. Leise Töne klangen noch von der Harfe eine Zeitlang, und eine Zeitlang saßen die Witigonen regungslos. Dann aber brach der Jubel tosend hervor, die Herren erhoben sich, die Mannen sprangen auf die Bänke. – Heil, Pilgram, Heil dem Sänger! brauste es durch den Saal. Die Teppiche an den Wänden bewegten sich, das Kerzenlicht flackerte, die Adler drehten sich langsam im Kreise an ihren Schnüren. * * * Unter dem Palas, mitten im Hofe, an der jungen Linde, die ihre bereiften Äste spreitete über dem schneebedeckten Dächlein des Ziehbrunnens, stand der Knabe Zawisch. Mit beiden Armen hatte er den Stamm umschlungen und preßte die Stirne an die kalte Rinde. Über ihm funkelten die Sterne in den engen Burghof herein, und gleich einem Riesen ragte der Bergfried von Rosenberg empor zum nächtlichen Himmel. Da kam die gebückte Gestalt des Sängers, angetan mit weitem, faltigem Mantel, vom Palas heran. Und der Sänger trat neben das Herrenkind, legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach: »Was stehst du so lange in der Kälte, mein Sohn? Der Schnee schreit unter den Sohlen, Zawisch, und deine Wangen glühen. Komm doch wieder herein in den Saal!« Ferne Jubelrufe unterbrachen die Rede des Altmarschalks. »Komm, Knabe, komm!« sagte er und fuhr mit der runzeligen Hand wieder und wieder über den blonden Scheitel. »Komm, begrüße den Vater – hörst du sie jauchzen? – sie haben Herrn Budiwoj zum Gekorenen gemacht über die Einung!« Zawisch wandte sich, beugte sich herab auf die Hand seines Lehrmeisters und küßte sie. Dann schritt er langsam hinter ihm dem Palas zu. Zweites Buch Herbst 1276 Blau, dunkelblau war der Himmel, und weithin lag ein wundersamer Schimmer auf den Feldern und Wiesen des Tales, auf den hohen Waldbergen, auf der braunen, eiligen Moldau und auf den Dächern des Stiftes drüben über dem Flusse; lange, weiße Fäden flogen irrend hierhin und dorthin wie silberne Strahlen, fingen sich in den Stoppeln, schlangen sich um die Erlen und Weiden und fuhren über alle Firste des Klosters bis hinauf zum kleinen, grauen Dachreiter der Kirche. Die Luft war lau, aber schon fielen leise, leise die gelben Blätter von den jungen Bäumen am Hange, und schon schwebte der Moderhauch des Herbstes über allen Wegen – der Sommer hatte ausregiert und zog fort aus dem Lande. – Auf der Holzbrücke, hart unter den Mauern des Stiftes, schritten drei Männer hintereinander. Der erste war ein starkknochiger Mensch; der trug einen schweren Kramkorb auf dem gebeugten Rücken, seine Hände waren verstrickt, sein brauner Rock war bestäubt, und sein Blut floß langsam unter dem Hute herab auf das bartlose Antlitz. Hinter ihm ging ein Knecht; der stieß den Verstrickten von Zeit zu Zeit und lieh ihn nicht aus den Augen. Der letzte von den Dreien aber war ein hoher, hagerer Mönch; der trug das weiße Gewand der Cisterzienser mitsamt dem grauen Skapuliere. Eilig stiegen die Drei den Hügel hinan; der Verstrickte keuchte, und die Kutte des Hageren flatterte. Über die kleine Zugbrücke traten sie durch das Klostertor in den weiten Hof. Der Verstrickte blieb stehen und atmete tief auf. »Vorwärts, du Hund!« sagte der Knecht und stieß ihn in die Seite. Der Hof wimmelte von Leuten, und die Mauern der Häuser hallten wider von ihrer lärmenden Arbeit und von ihren Rufen. Da waren Knechte, die zimmerten an großen Holzhütten und Treifen, wie sie das Kriegsvolk braucht zum Nächtigen, an rohen Bänken und Tischen; da waren weiße Mönche, die mit sanfter Stimme Befehle gaben; da waren Wagen, beladen mit Stangen und Brettern; Rosse stampften in den Ecken, und dazwischen lungerten Troßbuben. »Vorwärts, du Hund!« sagte der Knecht und trieb den Krämer quer über den Hof. Die andern Knechte sahen auf von ihrer Arbeit, die Mönche kamen langsam heran und schauten neugierig auf den gebeugten, blutigen Menschen. Und der Hagere grüßte seine Brüder mit leichtem Nicken des gesenkten Hauptes, seine schwarzen Augen blickten rasch im Kreise umher – dann legte er den Finger auf die schmalen Lippen. Als die drei in den Raum gelangten, der sich zwischen der kleinen Kirche und dem Kapitelhause breitete, da trat aus dem Rundbogen der Kirchentüre ein weißhaariger Mönch hervor; der hielt sich gebeugt – denn eine Last von Jahren lag ihm auf dem Rücken. Neben ihm schritt ein Schüler, halb Knabe, halb Jüngling; der trug einen schweren Folianten unter dem linken Arme und am Gürtel das Schreibzeug. Keuchend schritt der Blutende an ihnen vorüber, demütig grüßte der Knecht und zwang sein rohes, erhitztes Gesicht in sanftere Linien. Der Alte aber warf einen prüfenden Blick auf die elende Gestalt des Verstrickten, dann winkte er den jungen Mönch zu sich. Der Klosterschüler trat weit zurück. Mit tiefgesenktem Haupte stand der Hagere vor dem Weißhaarigen. »Hat er gestohlen, Bruder Reinhart?« »Nein, ehrwürdiger Vater,« antwortete dieser; »aber er ist ein Lyoner.« »Weißt du's auch gewiß?« fragte der Greis und wandte die klaren Augen nach dem Verstrickten, der jetzt mit dem Knechte an der Pforte des Kapitelhauses wartete und mühsam mit den gefesselten Händen das Blut vom Antlitze wischte. »Ganz und gewiß,« sagte Reinhart. »Gestern hatte mich der Herr Abt auf den Meierhof geschickt, damit ich nach dem Rechten sähe. Als der Abend hereinbrach, saß ich am dunkeln Herde und betete. Unter der Türe saß der Knecht und schnitzte Späne. Da trat dieser da herzu und sagte den Spruch – und daran erkannte ich ihn.« »Welchen Spruch?« fragte der Greis. »Ehrwürdiger Vater, den Lyonerspruch, den sie sagen, wenn sie zu Fremden kommen und vermuten, daß diese gleichen Irrglaubens seien. ›Grüß' dich, der verstoßen ist, ich bin fehlgegangen! Bist du's?‹ sagte er. Der Knecht schaute und lachte. Ich aber rief aus der Dunkelheit: ›Lohn' dir jener, dem Gewalt geschehen ist!‹ – denn ich kenne ihren Brauch. Darauf sagte er, wie ich mir dachte: ›Ist krumm Holz in der Stuben drinnen?‹ und wartete, ob ich spräche ›stoß dich an der Wand nicht!‹ – oder ob ich spräche ›geh ein, du Gesegneter Gottes!‹ Ich rief eilig: ›Geh ein, du Gesegneter Gottes!‹ Darauf trat er herzu und stellte seinen Kramkorb ab. Ich aber ging aus der Dunkelheit heraus, hieß ihn schnurstracks einen vermaledeiten Lyoner, ließ ihn binden von den Knechten und bringe ihn jetzt dem Herrn Abte. Der Meier aber ist mir verdächtig; den müssen wir scharf beobachten!« »Hast gesagt ›geh ein, du Gesegneter Gottes!‹ und dann hast du ihn verstrickt?« fragte langsam der Greis. Eine jähe Röte flog über das scharfgeschnittene Gesicht des Hageren, er hob die dunkeln Augen empor, senkte sie aber rasch wieder vor dem durchdringenden Blicke, der auf ihm ruhte. »Das ist ja ihr Gruß!« murmelte er. »Tue, was du für deine Pflicht hältst!« sagte der Greis, wandte sich, winkte dem Schüler und ging aus dem Schatten heraus über den sonnenhellen Hof hin, durch die arbeitenden Mönche und Knechte und durch die lungernden Buben. * * * Dort, wo der Hügel des Stiftes gegen die Moldau abfällt, schmiegte sich zwischen die starke Ringmauer mit ihrem dicken, runden Turme und die niedrige Vormauer wie ein Schwalbennest zwischen Hauswand und Dachtraufe ein schmales Gärtlein. Hart an der Brüstung der Vormauer stand im Schatten des Turmes ein schwerer Steintisch. Dort saß der alte Mönch, und seine Augen waren auf den großen Folianten gerichtet. Vor ihm stand der Schüler und rieb die Farben. Drunten auf den Moldauwiesen leuchteten rotblaue Herbstblumen, das Wasser rauschte vernehmlich, und in mächtigem Halbkreise ragten die hohen Waldberge zum Himmel empor. »Mische das Rot dunkler, Wok! Es muß wie Feuer brennen an einem düsteren Orte. So – siehst du? Wie Feuer hat es auch gebrannt, wenn er mit dem Rosenschilde gegen seine Feinde ritt. So – siehst du, da leuchtet die rote Rose im weißen Felde!« »Jetzt, Wok, setze dich hierher und wende dein Antlitz dorthin; so - noch mehr, dorthin auf die hohe Fichte am Flusse! Nun will ich dem seligen Herrn das Haupt auf die Schultern malen. Aber nicht das alte, zerhauene, mit dem wir ihn vor fünfzehn Jahren in die Gruft gesetzt haben, sondern das junge von einstmals. Und dazu nehme ich das deine!« So saß der Alte und malte mit großer Kunst den seligen Grafen, wie er kniete, das Haupt mit Andacht der Gottesmutter zuwandte und ihr das Abbild der Stiftskirche zum Opfer darbrachte. Er malte mit Eifer, und es entstand ein Haupt, wie es der alte Wok niemals besessen hatte, demütig seitwärts in den Nacken zurückgebeugt, ein mönchisches Haupt mit langen, blonden Locken und mit den Zügen des Knaben auf der Steinbank. Der aber bewegte sich nicht und blickte starr hinaus auf den goldglänzenden Wipfel der Fichte und auf die Waldberge, aus denen der rauschende Strom hervorbrach; er getraute sich kaum zu atmen, aus Furcht, es möchte sein Antlitz nicht richtig in das große Buch kommen. Und der Stolz umgoß seine Wangen mit rotem Schimmer, so oft der Alte ihn prüfend beschaute. »Der Winter ist vor der Türe,« sagte der Greis. »Siehst du die Herbstblumen drunten und die silbernen Fäden? Ein alter Mann fürchtet den Winter.« »Sie sagen, es werde ein grimmiger Winter kommen,« antwortete Wok. »Der Schlehdorn ist über und über blau, und die Stare sind auch schon frühzeitig gewandert. – Ehrwürdiger Vater, was geschieht wohl mit dem Ketzer, den Pater Reinhart verstrickt hat?« »Woher weißt du, daß er ein Ketzer ist?« fragte der Greis. »Die Knechte auf dem Hofe sagen's laut; da habe ich's gehört.« »Wenn er ein Ketzer ist, dann wird er nach Passau geführt und verbrannt,« sagte bedächtig der Prior. »Und was tun diese Ketzer?« fragte Wok nach einer Weile. »Das sind Fragen, die sich nicht geziemen,« antwortete der Greis und arbeitete gebückt über dem Folianten. Wok schwieg. Als aber der Mönch wieder die Augen zu ihm aufschlug, um seine Züge in sich aufzunehmen, da sah er in ein dunkelrotes Antlitz und in tränenschwere Augen. »Wok?« fragte er und legte den Pinsel zur Seite; »Wok, Knabe?« Der Jüngling wandte das Haupt und sah dem Alten voll in die Augen. »Ehrwürdiger Vater, so heißt es überall, wo ich frage und was ich frage,« begann er mit bebender Stimme. »Wenn ich frage, was wohl einem geächteten Könige geschehe, so sagt man mir dasselbe. Wenn ich frage, was meine Brüder tun werden, dann zuckt man mit den Achseln. Und wenn ich Euch frage, was es um die Ketzer sei, dann weiset auch Ihr mich zurecht, als wollte ich selbst ein Ketzer werden. Von den Knechten könnte ich wohl dies und das erfahren, aber ich bitte sie nicht; denn anders schaut der Knecht, anders der Herr in die Welt. Was die Knechte sagen vom Könige und von meinen Brüdern, ist Knechtsrede. Ich aber möchte ein Herrenwort hören.« »Die große Zornader des alten Wok,« murmelte der Prior und sah gedankenvoll auf die hohe Stirne des Schülers. Dann griff er nach dem Pinsel, beugte sich über die Arbeit und fragte vorsichtig: »Und was willst du wissen, Wok?« »Alles!« rief Wok, der wieder starr hinausschaute auf den Fichtenwipfel. »Saget mir's, ehrwürdiger Vater,« setzte er bittend hinzu, »ich muß es wissen! König Ottokar ist geächtet. Die Knechte raunen, er sei mit einem Heere von Pilsen über Prachin gekommen und ziehe jetzt durch den Vechiner Gau. Es wird wohl Krieg geben! Was aber tun meine Brüder? Haben sie ihre Fähnlein zum Könige reiten lassen?« »Wir Mönche sollen beten und arbeiten, das Volk lehren, Wälder roden und den Acker bauen, aber vor den Händeln der Welt sollen wir unsere Tore schließen,« sagte der Greis. »Und was tun meine Brüder?« fragte Wok aufs neue. »Kann ich wissen, was deine Brüder tun?« antwortete der Prior. »Wer ist denn im Rechte, König Rudolf oder König Ottokar? Ich sinne Tag und Nacht!« »Das Recht, Knabe?« sagte der Alte und lächelte; »das Recht? König Rudolf hat aus sich kein Recht, und König Ottokar hat keines aus sich. Recht haben wird der von beiden, der –« »– die meisten Reiter auf seiner Seite hat!« fiel Wok ein. »Nein, Knabe, der Kluge wird recht haben,« sagte der Mönch mit Nachdruck; »denn es stehet geschrieben: ›klug sollt ihr sein wie Schlangen und ohne Falsch wie Tauben!‹« – »Heute nacht werden meine Brüder kommen,« fuhr Wok fort, und der Prior warf wieder einen raschen Blick auf ihn; »sie werden kommen und zu Rate gehen mit den Blutsfreunden.« »Sie werden kommen,« sagte der Greis; »doch was sie tun werden, das kann ich nicht wissen. Wenn die Söhne unserer Guttäter Boten schicken und ein Nachtlager heischen, dann richten wir ihnen den Imbiß und breiten ihnen die Decken im Gasthause und heißen sie willkommen; aber wir fragen nicht, was sie tun.« »Wie kann einer wissen, ob er klug handelt?« fragte der Jüngling. Da legte der Greis den Pinsel aus der Hand, erhob sich und trat vor den Schüler. »Aus den Lehren der heiligen Kirche, aus dem Leben der Heiligen, von seinem Beichtvater und aus seinem Gewissen. – Die Großen dieser Erde aber haben in allem, was sie vornehmen und handeln, einen gar hellen Stern, auf den sie schauen müssen: das ist der heilige Stuhl. Und auch in dem Kampfe, der jetzt zwischen König Ottokar und König Rudolf entbrennt, haben die Fürsten und Herren der Völker ihre Regel und Richtschnur; denn der heilige Vater hat den König Rudolf gesegnet. Wer Ohren hat, zu hören, der höre!« Auch Wok hatte sich erhoben und stand mit geneigtem Haupte vor dem Greise. »Darf ich reden?« fragte er und atmete tief auf. »Sprich!« sagte der Prior. »So ist es wohl leicht, klug zu handeln, aber ich sehe nicht, ob es ebenso leicht ist, ohne Falsch zu handeln. Meine Brüder sind die Mannen König Ottokars; da müssen sie ihm doch treu bleiben! Wie können sie ihn verlassen und dem neuen Herrn anhangen?« »Ich habe dir gesagt, daß wir Mönche uns verschließen sollen gegen die Händel dieser Welt. Aber du bist verwirrt und findest keinen Ausweg aus deinen Gedanken. Darum antworte ich dir noch einmal. Der König hat Herrn Ottokar geächtet und hat gesagt: ›Ich künde ihn aus dem Frieden in den Unfrieden, verbiete ihn seinen Freunden und gebe sein Gut den Feinden preis.‹ Damit hat er alle, auch deine Brüder, von ihm gelöst. Und sein Recht hat König Rudolf vom heiligen Vater. Denn es sind zwei Schwerter auf Erden, das geistliche und das weltliche. Einer hat das geistliche, und einer das weltliche, und das weltliche nimmt seine Kraft vom geistlichen und ist ihm Untertan gleichwie der Leib der Seele.« »Und doch dünkt es mich schwer, das Rechte zu tun und klug zu handeln,« sagte der Schüler. »Aber mein Bruder Zawisch wird beides finden,« schloß er und sah mit freudigem Lächeln auf den Greis. »Warum dünkt es dich jetzt noch schwer, Wok, nachdem ich dir doch alles gesagt habe?« »Ich meine so,« sagte Wok sorglos: »Rom und Böhmen liegen weit auseinander – ob der heilige Vater wohl weiß, was bei uns in Böhmen recht und was falsch ist?« Da legte sich die Hand des Priors auf seine Schulter: »Knabe, du lästerst. Die heilige Jungfrau soll dich schützen! Du weißt nicht, was du sagst. Aber jetzt gebe ich dir auch Antwort auf deine erste Frage: so sprechen die Ketzer. Und morgen wollen wir weiter reden über diese Sache.« Damit wandte er sich und schritt aus dem Garten. Wok stand noch lange an der gleichen Stelle, dann packte er seufzend Pinsel und Farben und das Schreibzeug zusammen, nahm sorgsam den offenen Folianten mit der nassen, unfertigen Malerei und trug alles schweigend über den Hof in die Zelle des Priors. * * * Es war Abend. Mit großen Schritten durchmaß Herr Zawisch die geräumige Zelle im Fremdenhause. Am Tische hantierte der Gastmeister, strich noch einmal und noch einmal über die Linnendecke, rückte am hohen Zinnkruge, legte das Polster auf dem Faltstuhle zurecht, schritt unhörbar zur Türe, rieb die Hände und verneigte sich, murmelte den Gruß und verschwand. – Unberührt standen Trank und Speise, rastlos wanderte der Landherr auf und nieder. Abermals öffnete sich die Türe, und ein langer, hagerer Mann im Reitergewande trat in das Gemach. »Alle versammelt, Burkhard?« fragte Zawisch und blieb stehen. »Ja, Herr, alle. Gerade ist auch noch Herr Kadalhoch in den Hof geritten.« »Die Wachen sind ausgestellt?« »Ja, Herr, der Kapitelsaal ist von allen Seiten abgesperrt. Vier Mann stehen im Gange, zwei vor dem Tore. So schätze ich, daß keine Maus durchkann.« »Aber für die Mönche, Herr, möchte ich nicht gut stehen,« setzte er hinzu und zog die Schultern in die Höhe; »die können leise treten und kommen überall hin und hören alles, was sie wollen – allerorten, so auch wohl im eigenen Fuchsbau.« Zawisch winkte mit der Hand, und Burkhard schwieg. Von neuem wanderte Zawisch hin und her. Dann sagte er endlich: »Gehen wir!« »Herr, wollet doch einen frischen Trunk nehmen und ein Stücklein Fleisch!« bat Burkhard. Wieder machte der Herr die kurze Bewegung mit der Rechten, und wieder schwieg sein Mann. Zawisch ging zur Türe. »Herr,« ließ sich Burkhard vernehmen, »Herr, wenn einer frei Geleite hat und ich reite neben ihm und sage ihm zierlich meinen Namen, wie sich's gebührt, und wenn der das Faß über dem Schädel behält und etwas aus den Löchern brummt, was ich nicht verstehen kann, so ist das unhöfisch.« Zawisch lächelte flüchtig. »Wer hat denn so unhöfisch gehandelt?« »Herr,« sagte Burkhard, »ich hätt's Euch nicht geklagt. Aber es ist nicht nur unhöfisch, es ist auch verdächtig. Der vierte von den Königsboten ist's, den ich meine. Das ist ein heimlicher Geselle; auf der ganzen Fahrt von der Krummenau herauf bis hierher ist er einsam fürbaß geritten, und auch jetzt steht er seitab unten im Saale. Die andern essen und trinken, und er hat noch immer das Helmfaß über dem Schädel.« »Laß ihn!« sagte Zawisch. »Wird einer sein, den wir nicht kennen sollen. Sie haben frei Geleite.« »Und doch ist's unhöfisch und verdächtig,« murrte Burkhard. »Aber noch etwas!« sagte er und vertrat Herrn Zawisch ehrerbietig den Weg. »Es liegt einer verstrickt im Stifte, der eine Botschaft an Euch haben will. Die Knechte raunen, er sei ein Lyoner.« »Hol ihn!« befahl Zawisch, trat an den Tisch und netzte die Lippen aus dem Kruge. »›Hol ihn!‹« sagte Burkhard vor der Türe. »›Hol ihn! Hol ihn!‹ – Wie? Wo? Bei wem? – – Das kümmert ihn nicht. Aber – ›hol ihn! hol ihn!‹« – – »›Hol ihn!‹« brummte er und schritt mit gesenktem Haupte die Stufen hinab. * * * Nach kurzer Zeit stand der Krämer in der Zelle. »Wer bist du?« fragte Zawisch vom Fenster her, während Burkhard die Fesseln von seinen Händen nahm. »Hubald, ein Krämer,« antwortete der Mann, sah starr zu Boden und rieb langsam seine Gelenke. »Herr Zawisch!« begann er. »Hast du ihm gesagt, wer ich bin?« fragte Zawisch. »Dem Verstrickten?« antwortete Burkhard und machte ein verächtliches Gesicht. »Woher weißt du, wer ich bin?« forschte Zawisch. »Ich kenne Euch seit Eurer Knabenzeit,« antwortete der Gefangene. »Habe dich noch nie gesehen.« »Vielleicht doch schon – Herr, ich habe Euch Botschaft zu bringen – – –« er wandte sich gegen Burkhard und sah dann wieder auf den Landherrn. »Sprich, wir sind allein!« »– von der, die Euch am liebsten ist,« vollendete der Krämer. »Verzeiht,« fügte er bei, ging an die Wand und setzte sich auf einen Schemel; dort zog er den rechten Schuh ab, hob eine Sohle heraus und holte einen Pergamentstreifen hervor. »Eure Hausfrau grüßt und segnet Euch, Herr,« sagte er, ging mit dem Schuh in der einen Hand auf Zawisch zu und gab ihm das Blatt. Rasch griff Zawisch danach, trat an den Tisch und las im Lichte der Wachskerze die Botschaft. – Er winkte. Burkhard legte dem Alten wieder die Fesseln an und führte ihn aus der Zelle. – – Als er zurückkehrte, saß Zawisch vor der Kerze, drückte seinen Dolchknauf in den Wachsverschluß eines Briefes und erhob sich. »Den gib heute nacht dem Krämer und hilf ihm aus dem Stifte; aber ohne Aufsehen! Hörst du?« Burkhard griff mit den Fingerspitzen nach dem Schreiben und starrte Herrn Zawisch an. »Ich höre, Herr, aber Ihr erlaubt wohl, daß ich mich verwundere,« sagte er. »Warum nicht?« fragte Zawisch lächelnd und wandte sich zur Türe. »Ihr befehlt mir das, als ob ich ein Ei aus dem Neste oder einen Laib Brot aus dem Ofen holen sollte,« staunte Burkhard und schwippte das Pergament mit den Fingern. »Du sollst ihn freimachen aus seiner Haft!« »Daß sie mich selber als einen Lyoner nach Passau führen?« »Hieher ist er als der vertraute Bote meines Weibes gekommen, und als mein Bote geht er wieder fort! Und er soll ein Lyoner sein? Was hätte denn mein Weib mit einem Lyoner zu schaffen? Und soll ich vielleicht mit dir beraten, wie du ihn über die Moldau bringen kannst? Wozu hab' ich denn dich, wenn ich an solche Dinge auch noch denken muß?« sagte Zawisch und griff nach dem Riegel – »Ah, Wok!« rief er und trat zurück. Der Schüler kam in die Zelle, und mit höfischer Verbeugung ging Burkhard aus der Türe. Wok schlang die Arme um den Hals des Bruders und bedeckte seinen Mund mit Küssen. »Wok, Wok!« wehrte Zawisch und lachte. »Knabe, Tor, du erstickst mich! Pfui! Hast du das von den Mönchen gelernt?« »Von denen nicht, aber von der Mutter!« rief Wok. – »Zawisch,« sagte er und trat einen Schritt zurück, »Zawisch, habt ihr Heimlichkeiten gegen den König?« »Wok,« erwiderte Zawisch, »seit wann ist es Sitte, daß Knaben sich in die Heimlichkeiten der Einung drängen?« »Ich bin kein Knabe und ich dränge mich nicht in die Heimlichkeiten,« sagte Wok. »Zawisch, beim Gedächtnisse unseres Vaters – sprich, sprich nur ein Wort! – – Wollt ihr den König verraten?« »Von wem redest du, Wok?« fragte Zawisch langsam. »Von deinem Bruder und von deiner Sippe, dächte ich!« »Und nicht mit einem Fremden, sondern mit meinem Bruder!« versetzte der Schüler. »Ich habe Eile,« sagte Zawisch. »Komm in einer Stunde wieder, dann wollen wir ruhig miteinander plaudern!« Und er wandte sich nach der Türe. »Zawisch,« flüsterte Wok mit bebender Stimme, »ich bin kein Kind mehr, und du darfst mich nicht als Kind betrachten!« »Du bist ein Klosterschüler.« »Und dabei noch immer frei wie meine Brüder. Zawisch, bei unserm Vater! Ich will mehr wissen, als der letzte Knecht weiß. Zawisch, hilf mir, Bruder!« Der Landherr senkte das Haupt. Dann sagte er kurz und rasch: »So komm und schweige! Nimm die Wachstafel und folge mir! Ich werde den Herren sagen, daß ich eines Schreibers bedarf.« * * * An den Wänden des Kapitelsaales brannten starke Wachskerzen auf eisernen Stacheln und warfen ihr unruhiges Licht über die Versammlung der Witigonen. In ihren Reisekleidern standen die Landherren umher, Greise, Männer und Jünglinge. Erregt wogte das Gespräch, heftige Worte ertönten. Und hastig schob sich Ulrich von Neuhaus durch die Gruppen, flüsterte dort, ballte hier die Faust, zog diesen und jenen in eine Ecke, und sein fettes Gesicht glühte. »Ich hab's ihm gesagt,« keuchte er, bohrte den Zeigefinger in den Lederkoller des alten Hojer und schielte hinüber zu Witigo von der Krummenau, der neben den Rosenberger Vettern unter der schlanken Säule in der Mitte des Saales stand, »ich hab's ihm gesagt, Oheim, das Ding hat sich auf die Winterseite gedreht, seitdem wir in der Krummenau beisammen waren. Schauet selber zu: Kriegsgeschrei war den ganzen Sommer lang, alle Tage hat man gedacht, jetzt stößt der römische König vom Nordgau her aufs Böhmenland; zu Nürnberg, hat's geheißen, versammeln sich die Fürsten und bringen ihm ein ungeheures Heer – – – und was ist bis jetzt geschehen? Nichts ist geschehen von alledem! Nichts hat es leisten können, das römische Reiterlein! König Ottokar hat gelacht über ihn, hat den Hirschen gehetzt, hat sein Gold hinausgeschickt und sich damit gute Freunde erworben allenthalben. Das Königlein hat sich nicht ins Land getraut. Jetzt aber reist's mit seinen fahrenden Leuten nach Regensburg und rennt in eine Falle mit sehenden Augen; denn, das sage ich und hab's dem Zawisch gesagt, der Niederbayer läßt Herrn Rudolf herein, läßt ihn meinetwegen auch zu Schiffe steigen, dann aber macht er das Tor hinter ihm zu. Gute Nacht, Herr Rudolf! König Ottokar zieht jetzt gen Mittag, der wird dich von vorne packen, und Herr Heinrich von Niederbayern packt dich hinten, und aus ist's, ehe du dich umschaust, mit deinem ganzen Königswerke. Und ich hab's ihm gesagt, dem Zawisch: wer wird die Zeche bezahlen müssen? Wir und noch einmal wir, und zuerst von allen, wie sie da sind, ich, der von Neuhaus! Noch ist es Zeit, wir müssen jetzt unsere Fähnlein Herrn Ottokar schicken. Und deswegen habe ich seine Boten heraufgeleitet, und Ihr sollt mir helfen, Herr Hojer!« »Zawisch ist klug und erwägt alles, was er sich vornimmt; ich lobe mir gerade seine Besonnenheit,« sagte der Greis. »Er läuft auch keine Gefahr,« grollte der Neuhauser. »Wer nimmt die Krummenau? Wer will wegen Rosenberg in den Wald steigen? Müssen sich die in Wittinghausen fürchten? Und vollends erst die drüben in Schinta, im Ranatale, in Aigen, und die andern alle? Aber ich draußen in Neuhaus!« »Und die in Skalitz, in Wittingau, in Platz, in Lomnitz, in Prschibenitz?« fragte der Greis. Ulrich schwieg und nagte an der Lippe. »Alle seid ihr gefährdet, weil ihr alle dem Zawisch und seiner Weisheit vertraut als die Blinden!« grollte er. »Aber andere haben auch Ohren und hören den Wind gehen.« »Und hängen ihren Mantel, wie der Wind gerade bläst,« sagte Herr Hojer und lachte. »Es war aber nicht böse gemeint!« setzte er rasch hinzu und legte die Hand auf Ulrichs Schulter. »Du bist nahe daran, ich weiß es. Laß uns erst hören, was Zawisch vorschlägt, und dann wollen wir das Ding beraten!« »Da kommt der Mann, der uns den Tanz gemacht und ohne unsern Rat angefangen hat,« raunte Ulrich und schaute zornig auf die Türe. »Wir haben alles beraten mit ihm,« sagte der Greis mit Nachdruck. – Vor die Geschlechtsgenossen trat Zawisch. »Ihr Herren,« begann er, »ihr Herren allzumal! Als Gekorener über die Einung habe ich euch hierher entboten zur letzten Ratung und danke euch, daß ihr in so großer Anzahl zur Malstatt gekommen seid. Ich bitte euch, schließet den Ring und höret, was ich euch zu sagen habe!« Die Herren schlossen sich im Kreise um Zawisch. Herr Ulrich aber deutete auf Wok, der nahe an der Türe stand, und rief: »Was will der Knabe hier?« »Ich habe ihn kommen lassen mit der Schreibtafel,« antwortete Zawisch; »genügt das, ihr Herren?« »Es genügt!« rief Kadalhoch. »Es genügt!« riefen die andern ringsumher. Witigo von der Krummenau aber trat leise neben den Schüler und gab ihm die Hand. »Ihr Herren,« fuhr Zawisch fort, »ich habe euch wichtige Botschaft zu sagen: König Rudolf ist ehegestern in Passau eingeritten, und in diesen Tagen entbrennt der Krieg. Ihr wißt, daß Herr Ottokar gestern durch Bechin gezogen ist mit zehntausend Mann, und heute ist im Geleite des Neuhausers der Herzog von Troppau mit etlichen Gesandten auf die Krummenau gekommen. Ich habe sie sogleich von der Straße weg mit mir ziehen lassen. Es ist noch kein Wort gefallen zwischen ihnen und mir, wir sind schweigend nebeneinander den Weg geritten – aber es ist zu erraten, was sie im Walde suchen. Deshalb frage ich in letzter Stunde nochmals die Einung, welche Antwort sie den Königsboten geben will.« »Was weiß der Gekorene über König Rudolf, und warum ist König Rudolf nicht gegen Böheim gezogen?« fragte Heinrich von Rosenberg. »Als Herzog Heinrich mit dem König Frieden gemacht hatte, da war die Donau frei, und König Ottokar stand ganz allein,« sagte Zawisch. »Ich habe sichere Kundschaft, daß Heinrich von Niederbayern mit tausend Mann hart vor dem Emser Lande steht –« »Und stehen bleiben wird!« rief Ulrich dazwischen. »Und in den nächsten Tagen mitten in Österreich stehen wird,« vollendete Zawisch. »Ihr Herren! Es ist nicht Jägerart, daß man zum Bären in die Höhle kriecht; wir warten, bis er herauskommt, und dann hetzen wir ihn unter freiem Himmel. Warum hätte also König Rudolf nach Böhmen ziehen sollen? Um was geht denn der Handel? Um Österreich, um Steier und um das andere – Böhmen kümmert ihn nicht. Ihr Herren, mich dünkt, König Rudolf wäre ein Tor gewesen, wenn er sich nach Tepl hätte locken lassen!« »Er wird sich den Kopf einrennen an Wien,« sagte Hojer. »Paltram wird's ihm weisen!« »Ich glaube nicht,« erwiderte Zawisch. »König Rudolf liegt in Passau. Bei ihm sind die Bischöfe von Mainz, Würzburg, Regensburg, Chiemsee, bei ihm sind die Herzöge von Bayern, ist der Graf von Burgau, der von Nürnberg und viele andere. Er macht Ernst. Seit ehegestern fährt ein Schiff nach dem andern die Donau abwärts. Ich habe soeben Botschaft von Ranariedel bekommen.« »Ich traue dem von Niederbayern nicht,« rief Ulrich. »Wer bürgt uns dafür, daß der Friede geschlossen ist zwischen ihm und König Rudolf ohne Arglist und Gefährde?« »Herzog Heinrich wird seinen Schwäher nicht verlassen, so schätze ich,« sagte Zawisch. »Hat er ja doch in Regensburg die Lehen von ihm genommen!« »Seinen Schwäher?! Die Lehen von ihm genommen?!« rief es da und dort aus dem Kreise. »Von König Rudolf? Wann?« » Seinen Schwäher !« sagte Zawisch und betonte diese beiden Worte. »Am Tage Matthäi ist zu Regensburg Heinrichs Sohn Otto mit einer von den Königstöchtern, Katharina heißt sie, in den Ring getreten.« Ein Murmeln lief über den Kreis. Zawisch aber vollendete: »Ich weiß es so bestimmt, als ich die Säule da vor mir sehe. Es war im schwarzen Saale in der Grafenburg. Aber es dürften sogar zu Regensburg ganz wenige Menschen vorhanden sein, die solche Wissenschaft besitzen.« »Und dennoch sage ich, König Rudolf ist zu schwach, König Ottokar wird es ihm zeigen, wo er der Herr ist!« rief Ulrich. »Ich habe noch andere Botschaft,« sagte Zawisch und zog einen Brief aus dem Kleide. »Wollen wir alle unserer Pflichten gedenken und das Geheime geheimhalten! Höret: ›Wir die Gekorenen über die Einung der Herren und Ritter im Lande Steier tun Herrn Zawisch, dem Burggrafen zu Falkenstein, kund und zu wissen, daß wir uns untereinander verbunden haben, anzuhangen dem römischen Könige als des Reiches Vasallen und uns durch nichts von ihm und voneinander scheiden zu lassen als durch den Tod. Wäre aber einer unter uns, der dem zuwiderhandeln wollte, den mag ein jeder töten zu Wasser und zu Lande, bei Tag und bei Nacht ...‹« »Was ist ein Stücklein Pergament? Der Wind jagt's über Berg und Tal, halt es über die Kerze dort, und es wird zu Asche werden!« rief Ulrich. Zawisch aber kreuzte die Arme über der Brust und sagte langsam: »Ehe ich vor die Einung trat, wurde mir noch eine Botschaft gebracht – die Burgen im Lande Steier sind samt und sonders in der Gewalt der steierischen Einung, die Böhmen sind auseinander geweht wie die dürren Blätter im Winde und fliehen einzeln und in zersprengten Haufen durch Österreich – –« Die Herren drängten sich im Kreise nahe auf Zawisch, der aber vollendete: »Und ehegestern ist Herr Milota selber bei Linz an die Donau gekommen, nach Böhmen entwichen und also Graf von Steier gewesen.« Aus dem Ringe trat Herr Kadalhoch von Falkenstein, reichte Zawisch die Hand und sprach: »Die Einung weiß es ihrem Gekorenen zu danken; gute Kundschaft hat er gepflogen. Und jetzt wollen wir von ihm hören, was er zu ihrem Besten bei sich geratschlagt hat!« Zawisch verneigte sich tief vor dem Greise und sagte: »Ihr Herren allzumal! Es ist euch wohl bekannt, was ich heute und immerfort sagen werde – es ist dasselbe, was ich vor drei Monden auf der Krummenau als meine Meinung kundgegeben habe; denn ich gehöre nicht zu denen, die heute weiß und morgen schwarz sehen, die kalt und warm kochen wollen in einem Topfe. Vor drei Monden war König Rudolf fern von unseren Grenzen – heute steht er nahe bei uns. Nicht zu verachten ist seine eigene Macht, von allen Seiten aber kommt ihm Hilfe durch die Feinde des Herrn Ottokar: Steier hält er in der Hand, und wie die Herren in Österreich denken, das wißt ihr selber. – Vor drei Monden war König Ottokar Herr diesseits und jenseits der Donau, von Polen bis über die Berge ans Meer – heute steht er allein – –« »Der Brandenburger!« rief Ulrich. »Du weißt so gut wie ich, daß der Brandenburger fünfzig gedeckte Rosse mit sich hat, wenn es ihrer so viele sind, und auch der Breslauer hat ihrer nicht mehr,« sagte Zawisch, richtete sich hoch auf und vollendete: »Was ich damals auf der Krummenau bekannt habe, das bekenne ich heute, wo die Gefahr kleiner geworden ist. Und wäre sie größer als damals, ich wollte doch nichts anderes bekennen –: Niemals gegen Herrn Ottokar zu Felde, aber auch niemals mit ihm; auf den Burgen bleiben, die Hand am Schwerte halten, zuschauen; mag er in sein Verderben gehen! Wir leisten den Tschechen keine Gefolgschaft im Kampfe gegen den römischen König. Was deutsch ist in Böhmen, fühlt sich gedrückt; denn mit glühendem Hasse gegen alles, was deutsch ist, herrscht jetzt an Ottokars Hofe Peter, der Kanzler. Und dieser Tscheche ist's, der uns Witigonen vor allen vernichten will. Da schauet nur Budweis an – –« Wilde Rufe tönten aus dem Kreise. »– Budweis, das sie uns auf den Nacken gesetzt haben! – Nicht einmal der Olmützer, der Bischof, kann uns helfen, wenngleich er unser Vetter ist – denn er hat das Ohr des Königs nicht mehr wie vordem. – Zu König Rudolf gehören wir, gleichwie nach dem Blute, so nach unserem Willen. König Ottokar ist geächtet, und also hat er aufgehört, unser Herr zu sein. Was deutsch ist im Böhmerwalde, das gehört zu König Rudolf und dem Reiche. Lieber tot unter Herrn Rudolf in Ehren, als lebendig mit Herrn Ottokar und dem Tschechen Peter in Unehren! – Das ist mein Rat.« »Heil, Zawisch, Heil!« riefen viele aus dem Ringe und schlugen an ihre Wehren. Zawisch aber fuhr mit der Hand über die Stirne und wiederholte: »Das ist mein Rat. Ich schätze, auch die Vorsichtigen unter euch können ihn annehmen.« »Hast du schon Boten gesandt an König Rudolf?« fragte Hojer. »Wie konnte ich, ehe die Einung gesprochen hatte?« antwortete Zawisch. »Ich dächte aber, wir senden überhaupt keine Boten zu Herrn Rudolf, sondern harren ruhig der Dinge.« »Ich schätze,« sagte Ulrich und trat vor Zawisch, »ich schätze, die Einung muß sich verbürgen für eines jeden Habe, das ist recht und billig.« »So frage ich die Einung, ob sie sich verbürgt für die Habe eines jeden aus der Sippe während des Krieges?« sprach Zawisch. »Das ist recht und billig,« sagte Herr Kadalhoch. »Wer dafür ist, hebe die Rechte!« rief Zawisch. Ringsumher fuhren die Hände in die Höhe. Ulrich aber schlug an die Wehre und sprach: »Nieder mit dem Hunde Ottokar!« »Halt!« rief Zawisch. »Das Wort ist unwert unserer Einung. Herr Ottokar ist ein großer König, und ich muß heute immer des Tages gedenken, an dem er mit uns hinter dem toten Grafen Wok im Stifte eingeritten ist. Seitdem ist unser Weg und sein Weg in einer Gabel auseinandergegangen, alles ist anders geworden, als es damals war, und jeder weiß, was er uns Übles getan hat. – Aber so wenig ich oder einer von euch das Schwert gegen ihn ziehen möchte, so wenig lassen wir den schmähen, dem unsere Väter gedient haben mit Gut und Blut. Oder ist die Einung anders gesinnt?« »Nein! Nein!« riefen die Herren im Kreise, und Ulrich trat zähneknirschend zurück. »Man entbiete die Gesandten des Königs hieher!« befahl Herr Zawisch. * * * »Das ist's, was ich Euch, Herr Herzog, zu verkünden hatte als Gekorener über unsere Einung,« sagte Zawisch und verneigte sich höfisch gegen die Gesandten und ihren Führer. »Meldet es Euerm Könige und Vater, daß die Witigonenschwerter im Leder bleiben! Er ist geächtet, wir sind gelöst von ihm und bleiben gelöst.« Eine beifällige Bewegung ging durch die Versammlung, als Zawisch diese Worte sprach, und der eine und der andere wiederholte halblaut mit Nachdruck das Wort »gelöst«, als wollte auch er für seine Person sich lösen und scheiden vom König Ottokar. Mit geballten Fäusten stand der Herzog von Troppau und rang nach einer Antwort. Herr Zawisch aber war zurückgetreten und stand mit gekreuzten Armen unter einer starken Wachskerze und schaute auf den Troppauer. Die Kerze hatte sich vornüber geneigt und brannte schief ab, gelbe Tropfen fielen auf Schulter und Brust des Witigonen; es war so stille im Saale, daß man sie fallen hörte – Zawisch bemerkte es nicht. Da klang's auf einmal, als ob eine Eisenspange gelöst würde, kurz und hart, und in der Ecke, wo der Gepanzerte unbeachtet lehnte, fiel mit Krachen ein Helm zu Boden. Aller Augen sahen in die Ecke, aus der jetzt der Gepanzerte trat. An der Säule blieb er stehen; langes, blondes Haar wallte um seine breiten Schultern. Er stellte sich nahe an die Säule, warf das Haupt zurück, griff tastend mit zuckenden Fingern empor in das steinerne Blattwerk, als wollte er sich noch höher recken, und seine blitzenden Augen fuhren über den Halbkreis der Rosenherren. Da ging wieder wie vorher eine Bewegung über die Sippe, und es rang sich dem einen und andern der leise Ruf von den bleichen Lippen: »Der König!« »Ja, der König!« sagte der gepanzerte Mann mit drohender Stimme. »Der König, von dem ihr euch lösen wollt!« Da trat Herr Zawisch unter dem Wachslichte hervor, verneigte sich tief und sagte: »Wenn der König mitten unter uns tritt, so vertraut er uns, und dies Vertrauen ist uns eine Ehre. Ich heiße König Ottokar willkommen für mich und meine Sippe.« Die Rosenherren verneigten sich tief vor dem Könige und traten in einen Halbring hinter Zawisch. »So sag's jetzt noch einmal, wenn du's wagst, das Wort ? –« »Gelöst!« fiel Zawisch dem Könige mit klarer Stimme in die Rede. Diesmal schwieg die Witigonensippe, aber sie rückte noch näher aneinander unter den blitzenden Augen Ottokars, und leise klirrten ihre Schwerter. Der König sah finster auf den Wortführer. Dann musterte er einen jeden im Halbkreise. »Aus der Fremde seid ihr gekommen, arm und niedrig; drei Menschenalter sind's her. Zwietracht und Irrungen in meinem Geschlechte habt ihr ausgebeutet, habt euch eingenistet im Waldlande. Unter meinen Vätern seid ihr groß geworden und stark. Wehr und Waffe seid ihr hernachmals mir gewesen im Waldlande. Ich gedenke des Grafen Wok, und es ist mir, als ob sich jetzt mein eigenes Schwert gegen mich kehrte.« »Ihr irret Euch, Herr König,« sagte Zawisch, und seine Gestalt wuchs; »arm waren wir zu Zeiten, aber niedrig waren wir nie – –« »Und mächtige Herren und Fürsten sind lange vor den Zeiten des großen Karl bis herab auf unsere Tage aus unserer Sippe hervorgegangen, reiche Könige haben Töchter von unsern Vätern zur Ehe begehrt, und König Rudolf selbst nennen wir unsern Blutsfreund von alters her,« fiel der greise Kadalhoch von Falkenstein dem Vetter in das Wort und neigte sich höfisch gegen Ottokar; »aber die Geschlechter auf Erden steigen und sinken, das ist von jeher also gewesen, und derhalben glaubt ein Greis, es sei nicht gut, wenn einer dem andern die Armut vorwirft, die ihn doch morgen selber treffen kann. – Und wenn ich auf alles blicke, was ich kommen sah und gehen in meinem Leben, so sage ich meiner Sippe einen guten Wunsch: Möchten doch ihre Kinder und Enkel immer wieder zu Zeiten hart kämpfen müssen, möchten sie dann und wann klein werden, damit sie in Wahrheit groß bleiben!« Der König ließ die Augen rastlos von einem zum andern schweifen und trat hart vor den Halbkreis: »So frage ich euch ins Angesicht, ihr Herren, wollt ihr eurer Pflicht als Lehnsleute nachleben? Ich befehle euch: laßt Sturm blasen, laßt eure Fähnlein reiten, helft mir, den Grafen aus dem Lande drücken, der in mein Erbe eingefallen ist – ich heische eure Treue!« »Und wieder sage ich, Herr König, Ihr irret Euch,« sprach Zawisch. »Wir halten die Treue dem, den Ihr den Grafen, wir aber den gesalbten König von Rom nennen, Herrn Rudolf. Ihr irret Euch, Herr König: es ist eine Kette geschlossen zwischen Herrn Rudolf und unseren Fähnlein, aber ein Ring ist aus der Kette gefallen, und der Ring seid Ihr, Herr König; der Ring ist weg, und die Kette ist wieder geschlossen. Das, Herr, ist unsere Mannentreue, und so seht Ihr, daß Ihr im Irrtum seid.« »Soll ich dem Grafen,« fuhr Ottokar auf, »dem Grafen, der mit dem Bettelsack auf dem Rücken den Thron hinangeklettert ist, meine Erbländer an den Rhein schicken, daß er sich Stücke zu einem Wams daraus schneide?« »Ihr sollt ihm Treue halten, Herr, dann werden auch wir treu zu Euch stehen können; das andere kümmert uns nicht,« sagte Zawisch kalt. »So möchte ich den Stein heben von der Gruft da drüben in der Kirche und möchte Wok, den Getreuen, lassen hervortreten unter euch Ungetreue!« rief Ottokar. »Zum drittenmal irrt sich der König,« erwiderte Zawisch. »Auch wir haben an Herrn Wok gedacht, dem Gott gnädig sei. Jeder in unserer Sippe will, was alle wollen, und was alle wollen, das tun wir durch einen, den wir uns zum Haupte gesetzt haben, und dabei ist die Gesinnung der Väter uns Nachkömmlichen Richtschnur allezeit und in jeglichem Vornehmen. Das ist unsere gute Sitte von alters her, und durch sie, dünkt mich, und nicht allein durch die Gunst der Könige sind wir groß geworden in Böhmen. So haben wir auch in dieser Sache an Herrn Wok gedacht, der einst unser Haupt gewesen ist, und haben uns an das Wort erinnert, das er in der letzten Zeit seines Lebens oft zu einigen von diesen sprach. Soll ich Euch das Wort verkündigen, Herr König?« »Sprich!« »Aller Glanz und alles Glück ist falsch, solange wir keinen Kaiser haben. Ich gehe bald von euch, aber ich lasse euch meinen Rat: Zwietracht, Kampf und Not werden dauern, und dann wird wieder ein Kaiser kommen; dem dienet mit allen euern Kräften. Ich segne meinen König noch auf dem Totenbette, haltet ihm die Treue! Aber es stehe euch die Krone allezeit über dem Reifen; denn alle Reifen haben ihren Glanz von der Krone. Haltet zu Kaiser und Reich und vergeßt niemals im Sonnenscheine der Gunst, daß ihr dennoch Fremdlinge seid in einem fremden Lande!« – »Hat er so gesagt?« wandte sich Zawisch zurück zu den Seinen. »Ja, so hat der Graf gesprochen,« antworteten Herr Hojer und die Herren Heinrich und Witek von Rosenberg wie aus einem Munde. »Fremdlinge in einem fremden Lande!« wiederholte Zawisch. – König Ottokar neigte das Haupt und schien lange nachzusinnen. Dann streckte er Herrn Zawisch die Hand entgegen und sagte mit leiser Stimme: »So bitte ich um eure Hilfe.« Zawisch ergriff die Hand nicht, und der König ließ sie wieder sinken. Aber Zawisch beugte ein Knie und sprach: »Herr König, es tut mir im Herzen wehe, daß ich Euch so sprechen höre. Auch weiß ich gar wohl,« fuhr er fort und erhob sich zu seiner ganzen Höhe, »daß es gefährlich ist, wenn ein König vergeblich bittet. Aber ich sage noch einmal: Haltet Ihr die Treue, dann können auch wir Euch treu sein!« »So will ich euch etwas sagen,« rief Herr Ottokar und trat an die Säule zurück: »Ihr wollt nicht! Wär's euer Vorteil, dann kämet ihr wohl zu mir.« – »Und wie,« sagte er langsam und betonte jedes Wort, »wenn ich nun verhieße: »Zawisch wird Burggraf von Budweis –?« »Dann sagten wir, daß Ihr ein schweres Unrecht wieder gut zu machen versuchtet, aber wir könnten – –« »– aber ihr wolltet nicht!« herrschte ihn der König an. »So sage ich dir, Mann mit dem Flecken auf der Brust, wenn du mich verrätst, dann wirst auch du auf deinem Namen zeitlebens einen Flecken tragen, du und dein Geschlecht, so sichtbar wie den Flecken da auf deinem Wamse!« Herr Zawisch warf einen raschen Blick auf das Wachs an seinem Kleide. Dann zog er schweigend den Dolch und schnitt und riß den Lappen heraus. »Ihr irret Euch auch diesmal, Herr König,« sagte er mit kaltem Lächeln und wies auf das Panzerhemd, dessen vergoldete Ringe unter den Fetzen des Tuches hervorblitzten. »Was außen liegt, beschmutzt wohl das Kleid,« vollendete er, »nicht aber den Mann. Der ist blank wie sein Geschlecht, Herr König!« »Dann künde ich euch aus dem Frieden in den Unfrieden!« rief Ottokar, nahm den Helm aus dem Arme des Herzogs und wandte sich der Türe zu. Auf der obersten Stufe blieb er noch einmal stehen, wandte das Haupt zurück und schaute mit seinen zornigen Augen über die lautlose Versammlung. Da löste sich die starke Wachskerze vollends vom Stachel, kippte um, fiel auf den Boden und erlosch. ? – Herzog Niklas aber trat vor Herrn Zawisch, und einer sah sich den andern wortlos an, als wollten sie ihre Züge zeitlebens nimmer vergessen. Dann streifte der Troppauer langsam den Handschuh von der Linken und warf ihn Herrn Zawisch vor die Füße. Herr Zawisch neigte das Haupt und trat auf den Handschuh. Herzog Niklas aber wandte sich und ging dem Könige nach. – Auf dem Gange neben der Türe stand der Schüler. Er zitterte heftig. Dicht neben ihm hielt der König inne und stülpte sich den Helm aufs Haupt. Der Herzog trat heran, schob ihm die Haare in die Höhlung, schnallte die Riemen fest und legte ihm den Mantel über die Schultern. Niemand achtete auf den Knaben Wok. Da glitt Herrn Ottokars Mantel auf den Boden. Rasch trat der Schüler vor, bückte sich, küßte das Tuch verstohlen und reichte es Herzog Niklas. Der König sah nichts und schritt den Gang hinunter. * * * Draußen im weiten Hofe hatten die Mönche geflüstert, und die Kriegsknechte waren bei ihnen gestanden und hatten gefragt, und von Gruppe zu Gruppe war das Wort geflogen: »Der König!« Am Portale des Kapitelhauses harrte schweigend das Gefolge des Königs mit Rossen und Fackeln. Mitten unter ihnen stand ein hagerer, weißhaariger Ritter. Vor ihm zügelte ein Knecht einen heißblütigen Rappen. Der Rappe stieg und schlug, der Alte sprach ihm ruhige Worte zu; da gehorchte er, scharrte nur noch, schnaubte nur noch. Der Alte klopfte den glänzenden Hals; dann lehnte er sich an die Mauer des Hauses und blickte mit halbgeschlossenen Augen vor sich hin. Schrägher von der Kirche kam ein hoher Mönch und schritt auf den Alten zu. »Kalte Nacht, Herr Martin von Seeberg!« sagte er und hielt ihm die Hand entgegen. » Bon soir! Ihr seid mir gänzlich unbekannt, Ehrwürdiger,« antwortete der Alte und schaute ihn mißtrauisch an. »Bei Mühldorf fließt ein reißendes Wasser. Man heißt's den Inn,« fuhr der Mönch fort. »Das ist jedem versierten Manne bekannt,« erwiderte Martin höflich. »Da ist auch eine hölzerne Brücke –« »Gewesen,« sagte der Alte. »Gewesen! Und auf der Brücke war einmal ein großes Drängen. War König Ottokar dabei –« »Bin ich auch präsent gewesen, war eine böse Affaire,« sagte der Ritter lebhaft. »Und wie das große Krachen angehoben hat, da waren ihrer zwei ganz in der Mitte, Roß an Roß. Ein Königischer und ein – ?« »Rosenbergischer!« fiel der Ritter ein und trat einen Schritt vor. »Und dazumal hat der Rosenbergische gesagt: ›Wenn's heute gut geht, dann geb' ich's auf, bitt' meinen Herrn um Urlaub und geh' ins Kloster.‹« »Und der Königische hat gesagt,« fiel der Alte mit lauter Stimme ein: »›Wenn's heute noch einmal gut geht, dann kann's nie mehr schief gehen. Und eher soll mich der und der holen, ehe ich in eine Kutte krieche!‹« »Und hernach ist die Brücke geborsten, und da hätte ihn schier der und der –« »Geholt,« nickte der Alte, »wenn mich nicht der Rosenbergische aus dem Wasser gerissen hätte, der tapfere Kumpan. Aber wer –?« »Vielleicht so?« lächelte der Mönch, bedeckte mit dem Kuttenärmel die untere Hälfte seines glatten Gesichtes und sah den Ritter an. »Vordem war eben –« Forschend blickte der Alte auf das Gesicht, dann rief er: »Ganz recht, ein Bart war da, Ihr seid der Götz!« Und er streckte dem Mönche die beiden Hände entgegen. – – – Aus dem Hause hörte man viele Tritte. »Stille, sie reiten ab!« sagte Götz. »Ist der König bittweise gekommen? Hat sich das Blättlein so gewendet?« »Was weiß ich vom Könige? Wer will behaupten, daß er im Stifte sei?« fragte Herr Martin, und seine Lider senkten sich langsam. »Aber das weiß ich, es ist eine böse Zeit,« raunte er. »Mir scheint, es wird kein Rosenbergischer mehr Roß an Roß mit einem Königischen reiten.« »Herrenhändel!« sagte der Mönch und zuckte mit den Achseln. »Liegt alles hinter mir; ich bin im Frieden.« – – Der Gepanzerte trat unter das Portal. Der Alte ging zu dem Hengste und nahm Zügel und Stegreif. Der Gepanzerte kam mit großen Schritten durch die Gasse der Mönche und Kriegsleute. Da schob sich rasch ein schlanker Ritter an das Roß, nahm dem Alten Stegreif und Zügel aus der Hand und drückte ihn mit einem leisen, gebieterischen » dovolte! « zurück. Der Hengst stieg erschrocken. Zwei Knechte halfen ihn bändigen. Der Schlanke stemmte die Schulter an den Sattel. Mit einem Sprunge saß der Gepanzerte droben, und das Pferd stieg wieder und knirschte und schlug und stob mit seinem Herrn über den Hof. »Zwanzig Jahre hab' ich ihm den Dienst geleistet,« sagte keuchend der Alte zum Mönche, »und jetzt darf sich jeder tschechische Gauch zwischen ihn und mich schieben. – – Hol' mich der und der, Ihr sitzt im Frieden! Bei uns aber hebt eine neue Zeit an, und alles, was deutsch ist, wird an die Wand gedrückt. Auch so recht, lebet wohl!« Und er bestieg sein Pferd und ritt im Schritte über den Hof. – – Vor dem Steinportale stand Herr Zawisch, und Ulrich von Neuhaus sprach eifrig auf ihn hinein: »Noch ist's Zeit, Zawisch. Laß ihm nachsetzen, mach's kurz, und geschwind ist alles entschieden!« »Niemals!« antwortete Zawisch, wandte sich und ging zurück. »Ein – – ein –,« murmelte der von Neuhaus und schritt ihm langsam nach. »Wenn ich kann, so packe ich's, wo's liegt, oder ich bin ein Narr!« – Über die Zugbrücke donnerten die königischen Rosse. Lange noch sah man den glühenden Rauch der Fackeln: Herr Ottokar ritt zwischen Wald und Strom talwärts auf einer finstern Straße. – – * * * In seiner Zelle am Schreibpulte saß Wok. Das Licht eines Wachsstockes flackerte in der kühlen Luft, die zwischen den Ritzen des Ladens in das Gemach drang. Sinnend starrte der Schüler auf den Strauß verstaubter Heideblumen, der neben dem Tintenhorne lag. Dann glättete er das Pergament, rückte die Wachstafel zurecht und prüfte die vielen Namen, die auf ihr eingeritzt waren. »Und nun soll ich ihren Verrat festmachen für alle Zeiten,« murmelte er; »Zawisch wird sein Siegel daran hängen und der Vetter Kadalhoch das seine und die Rosenberger und der von Neuhaus – –« Er sprang auf und sagte: »Wenn das der selige Vater wüßte, Herrgott, er käme herüber aus seiner Gruft!« Er begann auf und ab zu wandern in dem engen Gemache. »Ich fasse ihn nicht, den Bruder; es ist mir, als stünde alles auf dem Kopfe – – ich habe noch nie Böses von ihm gesehen. – – – Wie sagt doch die Mutter allzeit? – ›Es ist kein Falsch an ihm.‹« – – Und rastlos wanderte er. »Es ist kein Falsch an ihm,« wiederholte Wok in tiefen Gedanken. »Falsch hat er auch nicht gehandelt, das ist richtig. Verrat ist es nicht: er hat dem Könige den Schlag frei und offen ins Antlitz gegeben. Seinem Könige! – Ich verstehe ihn nicht.« * * * Wok saß gebückt am Pulte und schnitt den Schreibkiel. Die blonden Locken hingen ihm wirr über Stirne und Wangen, sein Antlitz glühte. Träumend drehte er Messer und Kiel in den Händen. Dann sanken ihm die Hände in den Schoß, er hob das Haupt und sah in das gelbe, flackernde Flämmlein. Nach einer Weile nahm er die Arbeit von neuem auf und schnitt und grübelte, verschnitt die Spitze, schnitt eine andere und verschnitt sie wieder. Da warf er Messer und Kiel auf das gelbe Pergament, sprang auf, öffnete den Holzladen und schaute hinunter in den Hof. Die Wachtfeuer brannten und qualmten; die Posten schritten auf und ab, und ihre Schritte hallten; am dunkeln Himmel flimmerten die Sterne in ihrer Pracht, in den Holzhütten sangen die Kriegsleute. Eine große Gestalt kam querher auf das Kapitelhaus. »Burkhard, bist du's?« »Was gibt's?« rief der andere und sah empor. »Burkhard, ich bin's, Wok!« »Eia du rostiges Schienbein, der Jungherr!« »Burkhard, ich komme zu dir. Hast du Zeit?« »Will ich meinen, Jungherr; für Euch immer!« – – Wok stand im Hofe und hielt dem Ritter die Hand entgegen. Der beugte sich tief vor dem Herrensohne. »Laß doch!« sagte dieser und lachte vor Freude. »Guten Abend auch, Jungherr!« rief nun der Ritter und schlug ein. »Hab' mir immerfort schier die Augen ausgeguckt nach Euch, hab' Euch aber nicht mehr erspähen können.« »Ist so wie so der eine anzusehen wie der andere,« murmelte er und lachte in sich hinein, »von hinten und von vorne und von den Seiten, Alte und Junge, die Mönchsleute da heroben. Das geht alles so leise und redet so leise, reibt einer die Hände wie der andere, trägt einer den Kopf wie der andere und haben alle einen Buckel, die Alten und die Jungen – ich dürfte ein Jahr heroben sitzen und könnte sie noch nicht unterscheiden.« »Das verstehst du nicht, Burkhard,« sagte Wok. »In den Kutten stecken Leute, die mir lieb sind.« »Fast alle,« fügte er hinzu. »Und krumm bin ich nicht, Burkhard,« lachte er und reckte sich in die Höhe. »Was Ihr gewachsen seid, Jungherr!« lenkte Burkhard höfisch ein. »Ausgewachsen, sage ich! Groß und breit! Was doch solch ein einziges Jahr ausmacht! Solch ein Jahr ist für den Menschen in Euerm Alter – wie alt seid Ihr doch gleich – siebzehn, wenn mir recht ist?« »Achtzehn an Martini,« sagte Wok. »Achtzehn!« wiederholte Burkhard nachdenklich. »Ein Jahr bedeutet für den Menschen in solchem Alter dasselbe, was es fürs ganz junge Roß bedeutet: hast du dieses gesehen einjährig und hernachmals zweijährig, du kennst es nimmermehr. – Aber was tut Ihr denn da heroben bei den Mönchen, Jungherr?« »Ich studiere die Grammatik,« sagte Wok. »Was für eine Kunst ist das?« fragte Burkhard. »Die Kunst, Dichter und Historiker zu erklären, richtig zu sprechen und zu schreiben,« antwortete der Schüler mit Selbstgefühl. »Hm!« sagte Burkhard. »Und wenn einer ganz richtig sprechen kann, so wispert er wohl wie diese Mönche?« Wok schwieg. »Und wie steht's mit den andern Künsten, Jungherr,« fuhr Burkhard fort, »mit Speerwerfen, Reiten, Schwimmen?« »Bin seit einem Jahre auf keinen Gaul gekommen,« antwortete Wok; »Schwimmen aber gilt als unanständig – –« »Eia du rostiges Schienbein!« rief Burkhard. »Wer hätte ihnen denn das Stift in den Wald gebaut, wäre nicht der selige Graf aus dem Inn zum Lande geschwommen? Da jammert Ihr mich! Da ist ja wohl meine ganze Mühe umsonst gewesen? Da habt Ihr ja wohl alles verlernt bei den Geschorenen?« Schweigend stand der Schüler da. »Eia freilich,« tröstete der Ritter; »wer könnte auch reiten in dem langen Kuttenrocke! Aber warum seid Ihr denn auch in die Kutte geschlüpft, Jungherr, wenn die Frage erlaubt ist? Zur Nachtzeit kriecht man ins Bett. Wer heißt Euch am hellen Morgen unterschlüpfen bei den Geschorenen? Keiner hat mir's sagen können, überall habe ich gefragt. Und die Herren, Eure Brüder – –,« Burkhard kratzte sich hinter dem Ohr – – »die frag' der Teufel um so 'was!« »Von uns Brüdern sagt freilich keiner, was er nicht sagen will,« antwortete Wok und hob das Haupt hoch empor. »Aber ich will dir den Grund sagen: Ich habe mir das Leben da heroben anschauen wollen; du weißt ja selbst – –« Der Schüler stockte in seiner Rede, sah zu Boden und schloß langsam: »Der Kranich, der einen Fehl hat, wird leichtlich von andern verachtet.« »Eia du rostiges –!« rief Burkhard. »Euer ganz klein wenig zu kurzes Bein? Kann einer reiten, fechten, wirft den Speer, schwimmt wie nur einer und jammert dann noch über sein Bein! Jungherr, das ist zum Lachen. Und wenn es dann nur erst das linke wäre – aber so! Habe noch niemals einen mit dem rechten Fuße in den Stegreif treten sehen, hat mir auch noch niemand erzählt, daß ein Reiter seinen Speer mit dem Beine geworfen habe.« Wok lachte. »Und ist so 'was Trauriges um einen Geschorenen,« fuhr Burkhard eifrig fort. »Müssen ja freilich vorhanden sein, weiß wohl, aber gibt ja ihrer genug in dieser Welt, schwarze und braune und weiße.« – – »Gleich das Schreiben, Jungherr, was ist das Schreiben für eine mühselige Knechtsarbeit!« sagte er, spreizte die Beine und wiegte sich hin und her. »Jetzt ich weiß es nicht, aber zugeschaut habe ich schon oft, und hat mir gegraut. Da sitzt einer ganz krumm, zieht die Kniescheiben an den Bauch und malt und malt und macht aus einer leeren Haut eine gesprenkelte Haut –« »Wahrlich, wer es nicht weiß, verkennt die unendliche Mühe: Tres digiti scribunt, corpus tamen omne laborat ,« fiel Wok lachend ein. »Was das heißt, weiß ich nicht,« sagte Burkhard. »Drei Finger nur schreiben, und doch spürst du's am ganzen Leibe,« erklärte Wok. »Knechtsarbeit, hinterlistige, ich sag's ja, Jungherr! Und wenn er sie voll geschrieben hat, die Haut, dann legt er sie zusammen, birgt sie im Schreine und wartet. Sommer und Winter kommen und gehen, junge Leute werden alt, alte Leute sterben – und das Mönchlein wartet, bis auch der stirbt, von dem das gesprenkelte Fell spricht. Dann schleicht es an seinen Schrein und holt das Pergament, ruft Mitgeschorene, ruft Ritter und Knechte, geht hin und sagt zu den Kindlein des Toten: ›Da steht's, drei Hufen muß ich für den Heiligen nehmen von euerm Erbe, leset selber!‹ – ›Wir können nicht lesen,‹ sagen die Kindlein. – ›So lies du, du, du!‹ – Und sie lesen und sagen, daß alles zu Recht bestehe.« – »Niemand hilft den Kindern, niemand!« schrie Burkhard. »Und nur weil es geschrieben steht auf dem gesprenkelten Felle!« »So schelten sie das gesprenkelte Fell vor ihrem Richter! Steht ihnen immer frei. Und schrei doch nicht, als ob ich dir das Fell über die Ohren zöge!« lachte Wok. »Ihr nicht und die Hohenfurter auch nicht, aber viele andere, viele andere; mir nicht, aber vielen anderen, Jungherr!« – – – »Oder hat's etwa Herr Zawisch auch gesagt, daß Ihr im Stifte sollt bleiben?« setzte er nach einer kleinen Weile hinzu. »Er würde seinen Bruder nimmermehr ins Kloster schicken,« antwortete Wok. »Und dazumal ist er ja lange außer Lands gewesen.« »Ja dazumal, wo sich auf der Heimreise der Tarter krumm gelaufen hat,« sagte Burkhard. »Der Tarter?« rief Wok. »Was macht er denn jetzt?« »Er ist geworden, wie ich's im voraus gesagt habe,« antwortete Burkhard. »Stark, er könnte zwei Gewappnete tragen, der Fuchs, hochbeinig, breitbrüstig, mutig, als hätte er Feuer im Leibe – ein Schlachtroß, schade, daß wir nicht reiten mit Herrn Ottokar. Schauet ihn an – drüben steht er!« »Auf der Stelle!« sagte Wok und wandte sich. – In einer Ecke des Hofes waren Pfähle eingerammt, und darüber war ein Schutzdach gelegt. Auf dem Stroh standen ungesattelte Rosse. Ein kleiner, schwarzer Knecht, der mit dem Trankkübel hantierte, sah Wok herzutreten, stellte den Kübel auf die Erde, lief gekrümmt heran, beugte sich behende bis auf den Boden, küßte den Saum der Kutte und stieß freudig hervor: »Pane Wok, Pane Wok, Herre Wok gute!« »Schon recht, Alter!« sagte Wok und streckte dem Knechte nachlässig die Hand hin. »Pane Wok!« rief der Kleine und bedeckte die Hand mit Küssen und kroch dem Schüler nach wie ein Hündlein. Die Augen des Witigonen suchten das Roß: »Tarter! Tarter!« Da spitzte der große Fuchs, der zu äußerst draußen stand, die Ohren, wandte den Kopf und wieherte leise. Rasch trat der Schüler neben ihn, umarmte seinen glänzenden Hals, streichelte die sammetenen Nüstern. »Burkhard, er hat mich gleich erkannt!« »Will ich meinen,« sagte der Ritter, »solch ein kluges Roß!« »Pane Wok, Pane Wok!« sagte der schwarze Knecht und lief und kroch mit dem Kübel zwischen den Rossen umher. Der Hengst aber schnaubte, scharrte den Boden, hob und senkte aufgeregt den Kopf. Wok redete mit ihm wie mit einem großen Kinde. Da nahm Burkhard die Hornlaterne vom Pfahle und leuchtete an den Rappen, der ihm zunächst stand. Gelassen hing er die Laterne wieder an ihren Platz, wartete, bis der Knecht vorüber kam, und packte ihn mit einem Griffe am Kragen: »Schlecht gestriegelt, du Lump, besser striegeln!« rief er. In unverständlichen Lauten jammerte der Slave. Burkhard aber stieß ihm das breite Gesicht auf den Schenkel des Rosses, daß dieses erschrocken zur Seite fuhr. »Pane Burkert!« klagte der Troßknecht, duckte sich, lief und holte den Striegel und begann schluchzend zu reinigen. – Wok streichelte den Fuchsen noch einmal, trat dann zu Burkhard, nahm seinen Arm und zog ihn fort. »Pan Burkert Teufel!« murmelte der Mißhandelte und ballte die Faust hinter dem Ritter. »Klein schwarze Tschech unter alle Roß tief. Teufel Deutsche!« – »Sind viele von der Krummenau heraufgeritten, Burkhard?« fragte Wok. »Wer reitet den Tarter?« »Zwanzig von der Krummenau, ohne die Troßknechte. Der Tarter läuft ledig für den Notfall.« * * * Vor dem Portale des Kapitelhauses stand ein Kriegsknecht auf der Wacht. Im eisernen Ringe neben dem Portale stak eine lodernde Fackel. »Ein Krummenauer?« fragte Wok. »Blau und gelb – Falkensteinisch,« antwortete Burkhard. Wok machte seinen Arm frei. Da senkte der Falkensteinische den Speer vor das Portal. Burkhard aber sagte leise: »Witigo und Wittinghausen!« Der Knecht hob den Speer. »Witigo und Wittinghausen!« murmelte Wok und trat unter das Portal. * * * Um die Mitternacht erhob sich der Schüler vom Lager, schlug Feuer und entzündete den Wachsstock. Dann ging er zu seiner Truhe, hob einen weiten Mantel heraus und ein kurzes Schwert. Den Mantel warf er über seine Kutte, mit dem Schwerte umgürtete er sich. Auf dem Schreibpulte lag noch immer die Wachstafel, das leere Pergament und die verschnittene Feder. Wok nahm die Wachstafel und wischte die Schrift mit dem Daumennagel weg. Dann nahm er das Messer und schnitt mit raschen Griffen die Spitze der Feder, stieß sie tief in das Schreibhorn und schrieb mit starken Zügen auf das gelbe Blatt: »Ergo ego fidelis. Valete!« Dann löschte er das Lichtlein aus und zerdrückte die kleine Glut. – – Drunten im Hofe schliefen die Sarjanten, und die Mönche schliefen in ihren Zellen, und im Fremdenhause schliefen die Witigonen. Auch der kleine Knecht lag zusammengekauert im Stroh bei den Rossen. Wok trat heran, beugte sich und legte die Hand auf seine Schulter. Der Schwarze fuhr aus dem Schlafe, rieb seine Augen und rief: »Pane Wok!« »Satteln, den Tarter!« befahl Wok. Eilig lief der Slave, hob Sattel und Zaum vom Pfahle, trieb den Hengst auf die Beine und rüstete ihn. Wok prüfte den Gurt. Der Kleine führte das Roß ins Freie. Wok sprang in den Sattel.– – »Ergo ego!« murmelte er und ritt über den Hof an das Torhaus. Zwei fremde Knechte kreuzten ihre Speere vor ihm. »Witigo und Wittinghausen!« sagte Wok, und die Speere hoben sich. Die Ketten rasselten, die Brücke sank über den Graben. * * * Auf der Moldaubrücke ritt der Schüler. Dumpf klang der Hufschlag. Wok wandte sich. Stille lag das Stift. Eilig strömte die Moldau zu Tale. Der Nachtwind strich durch die Baume und strich über die Lederkappe des Jünglings. »Ergo ego!« sagte er und trieb sein Roß den Hügel hinan gen Rosenberg, ritt auf dunkelm Pfade und sann über Treue und Untreue und wußte keine Antwort als – ergo ego ! * * * Aus dem Keller des Kapitelhauses kam ein Troßknecht und blieb aus dem Gange in der Finsternis stehen. Ein leises, kurzes Pfeifen tönte aus dem dunkeln Gange, der Knecht antwortete mit dem gleichen Pfiffe. »Es ist geschehen; er liegt auf dem Pflaster und ist voll, wie ich noch keinen so voll gesehen habe,« raunte der Knecht. »So komm!« befahl Burkhard. »Hier, hier!« sagte der Knecht. »Gebt mir die Hand, Herr; die Treppe ist steil!« Schritt vor Schritt tasteten sich die Männer in die Tiefe. »Es war ein hartes Stück, Herr; der Kerl, der Rothaarige, säuft wie ein Roß!« »So dumm wie der Mensch säuft keine andere Kreatur, nicht Roß, nicht Rind,« brummte Burkhard. »Beinahe hätt' es mich vor ihm geworfen. Mit Mohnsaft wär' es geschwinder gegangen, mein' ich.« »Gleiche Waffen immer, also auch im Saufen, das ist mein Grundsatz,« antwortete der Ritter.– – Im Keller qualmte ein Talglicht. Auf den roten Steinen lag der Klosterknecht und schnarchte. »Nimm die Kerze!« befahl Burkhard. »Wo liegt der Verstrickte?« »Da, hinter der dritten Türe, Herr.« Burkhard stieß die Riegel zurück. Der Knecht hob die Kerze. Auf einem Blocke in dem engen Gelasse kauerte der Krämer und sah schweigend auf die Männer. »Heda, auf!« rief der Mann des Herrn Zawisch. Der Verstrickte stand auf und kam gebückt aus der Türe. Burkhard nahm den Dolch und schnitt die Bande entzwei. »Ist noch etwas in deinem Kruge, Peter?« »Hier, Herr, genug!« »Trink von dem Weine!« befahl Burkhard dem Krämer. Dieser gehorchte schweigend. »Den Brief da gibt dir Herr Zawisch. Birg ihn in deinem Gewande! Lauf, was du laufen kannst, nach Ranariedel! Und jetzt komm und tritt leise!« * * * Zum zweitenmal in dieser Nacht rasselten die Ketten, wieder legte sich die Brücke über den Graben. Bis an das andere Ende der Brücke geleitete Burkhard den Krämer. »Da, nimm den Stock, auf daß die Wölfe deinen Brief nicht fressen!« sagte er und blieb stehen. »Lauf Tag und Nacht, das rat' ich dir, Ketzerlein!« Und er hob die Hand und lachte und wollte sie fallen lassen auf den gebeugten Rücken des Befreiten. Da wandte sich der Mann, und der Ritter ließ die Hand sinken. Er sah beim Scheine der Sterne, wie sich zwei große, dunkle Augen auf ihn hefteten, und schwieg. »Unser Herr Christus soll es Euch vergelten, hier und dort!« sagte der Krämer, griff nach dem Stocke, nickte dem Manne des Herrn Zawisch einen ernsten Gruß zu und ging mit großen Schritten hinunter an die Moldau. Lange stand Burkhard und lauschte hinaus in die Nacht. Dumpf dröhnten die Schritte des Alten auf der Holzbrücke. Jetzt erreichte er das andere Ufer. In der Ferne verhallten seine Schritte. »Burkhard,« sprach der Ritter zu sich selbst und ging zurück ans Tor, »alter Knabe, was hast du denn? Schaust einem Krämer nach, als wäre er der König Rudolf selber!« – Dann aber murmelte er: »Der, ein Krämer? – Nicht einmal nach seinem Kramkorb hat er gefragt ... Heia, was kümmert's dich? Leg dich aufs Ohr, Burkhard!« * * * Ehe der junge Tag graute, stand Wok vor seiner Mutter. – »Und jetzt wißt Ihr alles, Mutter, was ich sagen darf – gebt mir Euern Rat!« »Meinen Rat, Wok?« antwortete die Herrin, beugte sich nach vorne in ihrem Lehnstuhle, strich mit der weißen, schmalen Hand sachte über den Vehpelz, der auf ihren Knieen lag, lächelte und sah mit ihren klaren Augen auf das erregte Antlitz des Jünglings. »Rate mir, rate mir! – Das ist eine der merkwürdigsten Bitten. In vielen Sachen kann man Rat erteilen, in gar vielen ist jeder fremde Rat vom Übel – und sehr oft weiß ja der Bittende ohnedies schon im voraus ganz genau, was er tun wird –« »Aber Mutter!« »Guter Wok, laß mich reden: ganz genau im voraus, fragt aber doch noch den und jenen – hm, weil er hofft, der Rat werde sicherlich seinem Wunsche entsprechen.« »Also denket Ihr –?« »Laß nur, Wok, höre! Du bist durch Nacht und Nebel hergeritten, dein Kopf war heiß, und du hast nur eines gedacht: ich will zum Könige! Da bist du allgemach heruntergekommen in die Krummenau und hast die Burg gesehen über dem Strome. Da hast du dein Roß angehalten, und allerhand Gedanken sind dir durch den heißen Kopf gegangen. Auf einmal hast du dann auch an deine alte Mutter denken müssen – nicht?« »Aber Mutter, wie könnt Ihr alles wissen, als wäret Ihr dabei gewesen? Es ist wahr, ich habe vorüberreiten wollen in der Nacht. Es ist wahr, ich habe nicht gekonnt, ich habe heraufreiten müssen. Es ist wahr, das Herz ist mir auf einmal schwer geworden. Aber das habt Ihr nicht gewußt: ich habe auf dem ganzen Wege immer wieder an Euch gedacht, Mutter.« »Und wolltest doch vorüberreiten, Wok? Eia!« »Mutter, ich wußte ja nicht –« »Siehst du?« sagte Frau Berchta lächelnd, »du hast nicht gewußt, ob ich ja sagen würde oder nein.« »Und wie sagt Ihr denn, Mutter?« »Tu das Rechte, Wok!« antwortete Frau Berchta. »Wie kann einer wissen, was recht ist?« fragte Wok und war betroffen. »Ach, ich weiß es,« antwortete er selbst. »Gestern hab' ich's vom Prior gehört.« »Was hat der Prior gesagt?« forschte die Herrin. »Man kann's erfahren aus dem Leben der Heiligen.« Frau Berchta schüttelte das Haupt. »Aus dem Munde des Beichtvaters.« Wieder schüttelte sie das Haupt. »Aus den Befehlen des heiligen Vaters.« Heftig schüttelte Frau Berchta das Haupt. »Aus dem Gewissen.« »Das ist das Rechte, Wok! Alles andere laß vorerst beiseite!« rief die Herrin und lehnte sich zurück. »Was sagt dir dein Gewissen, Wok?« »Es verbietet mir nichts und gebietet mir nichts in dieser Sache,« antwortete Wok langsam. »Auch wenn du alles erwägst, mein Sohn?« »Auch dann!« – – – »Ich kann mir's denken, Wok.« »Mutter, ist's möglich?« rief der Jüngling, und seine Augen leuchteten. »Und warum willst du reiten, Wok?« »Warum? Weil mir's der König angetan hat, und weil ich nicht mehr stille sitzen kann.« »So reite in Gottes Namen! Was habe ich dir gesagt, als du vor einem Jahre zu den Mönchen wolltest?« »Ihr habt wohl gesagt: ›Geh, Wok, ein Mann muß alles kennen lernen!‹« Die Frau richtete sich auf in ihrem Sessel, strich hastig über den Pelz auf ihrem Schöße und schaute ihren Sohn an: »› Alles ‹? Wok, das habe ich nicht gesagt. › Alles ‹? Das sagt keine Mutter zu ihrem Sohne. › Alles ‹? Wok, das Wort kannst du auf der Straße und in den Schenken hören. ›Der Mann muß sich umschauen in der Welt‹ – das habe ich gesagt. Und das sage ich auch heute, Wok.« »Es liegt mir schwer im Herzen, Mutter: ich scheide mich von meinen Brüdern mit diesem Tage.« »Und dein Gewissen?« »Es sagt: du darfst!« antwortete Wok mit Festigkeit. »So reite, Wok! Fürs Kloster bist du nicht geschaffen; das wußte ich ehedem. Reite zum Könige! Er hat der Sippe bitter wehe getan, und doch – fast will ich mich freuen, daß einer von meinen Söhnen mit ihm reitet. In der Halle hängt ein Schwert vom Vater her. Der König hat es auf dem Marchfelde deinem Vater geschenkt. Das Schwert gehört fortan dir. Ich will die Schenkung verantworten vor deinen Brüdern. Und jetzt küsse mich!« Wok kniete neben dem Sessel der Mutter und bedeckte ihre Hände mit Küssen. »Mutter, segnet mich!« * * * »So, Wok, und jetzt schau mir noch einmal in die Augen! Es wird zum letztenmale sein in diesem Leben; denn ich fühle mich sehr krank. – – Noch gar manches hätte ich mit dir zu sprechen; ich denke aber, du verstündest mich jetzt noch nicht. So lasse ich's und hoffe, daß es sich dir eines Tages in der Welt von selbst entgegenstellen wird. Die Welt ist erfüllt davon, die Engel tragen's auf allen Straßen.« »Was meinet Ihr, Mutter? Ich verstehe Euch nicht.« »Sollst du auch nicht, mein Sohn. Wenn es dir einst begegnet, dann wirst du an diese Stunde denken. Jetzt würde dich meine Rede verwirren, schätze ich.« »Immer werde ich daran denken,« sagte Wok. »Immer?« Frau Berchta lächelte, und ihre Augen schwammen in Tränen, und ihre Hände liebkosten die Locken des Knaben. »Guter Wok – die Welt geht ihren Gang. Die Alten sterben, die Jungen kämpfen weiter, wer könnte und wer dürfte immer an die Toten denken? – – Also nicht immer , Wok, zuweilen nur – zwischen Lichten, nach dem Lärm des Tages! Und es liegt ein Segen darinnen ... Wok, mir geht ein altes Lied durch den Sinn ... Es ist für dich gesungen ... für alle Menschen ... Es paßt für diese Stunde ... o gewiß auch für diese Stunde ... besser noch für andere, für ganz schwere Stunden, die im Leben sicherlich noch über dich kommen werden ... Es ist ein Reiterlied. Soll ich dir das Lied sagen?« »Bitte, liebe Mutter, saget mir das Reiterlied!« »So höre! Am Kreuzweg, an der Scheide, Da ragt ein Heilandbild Und breitet seine Arme Und blickt herab so mild. Am Kreuzweg muß ich halten, Hab' keine Kundschaft mehr; Die gelben Blätter wirbeln Um Roß und Reiter her. Ob ich wohl rechtshin reite, Ob ich mich linkshin richt' –? Ich steh' und will mich grämen Und weiß die Antwort nicht. Am Kreuzweg unterm Baume Liegt schwere Wahl vor mir; Da heb' ich meine Augen, O Heiland, auf zu dir. Am Kreuzweg unterm Baume Da ragt das Christusbild Und breitet seine Arme Und schaut mich an so mild – Am Kreuzweg, an der Scheide, Ward mir das Wort gesagt: Zur Rechten oder Linken – Mit Gott ist's wohl gewagt! * * * »Und nun bring mir das Schwert des Vaters aus der Halle, Wok, und reite zum Könige!« Diemut Der helle, volle Mond stand hoch über dem engen Tale. Und in dem engen, tiefen Tale flüsterten die dunkeln Bäume von den Kämmen der Berge bis hinunter an das starke Wildwasser, das zwischen Buchen und Erlen, zwischen hängenden Farnkräutern und schwankenden Wiesengräsern, zwischen fettem Lattich und blauen, duftenden Bergveilchen von Mitternacht gegen Mittag zur Donau floh. Auf den Wipfeln der Buchen und Erlen funkelten die Lichter des Mondes, und wo die Gewässer unter freiem Himmel dahinströmten, glänzte ihr Schaum wie flüssiges Silber. Zumeist aber griffen die Äste und Zweige herüber und hinüber, als wollten sie sich verschlingen ineinander, und in ihren schwarzen Schatten murmelten und schossen, brodelten und tosten über gewaltige Felsblöcke die schwarzbraunen Gewässer und rannten eilig, eilig zu Tale. Drei Lichter blinkten über dem Ranatale in jener Nacht: das eine hoch draußen auf der Burg Ranariedel, die hier hereinschaut in das Ranatal, dort aber weit hinauf und hinab über den Donaustrom; das andere Licht sah von der Halde über die Buchen und Erlen und kam aus einem Fenster der Burg Falkenstein; und das dritte Licht schimmerte von Mitternacht herab auf den Falkenstein und weit hinaus auf Ranariedel und kam vom Altenhofe. – Die Nacht ging ihren Weg; es war, als würde der Mond immer goldener, als würde das tiefe Tal mit seinen flüsternden Wäldern und seinen rauschenden Gewässern immer unergründlicher; als wüchsen die hohen Berge immer höher in den blauschwarzen Himmel hinein, als träten die weißen Mauern und Zinnen vom Falkensteine immer schärfer hervor über den Baumwipfeln. – Und das Licht auf der Burg draußen am Strome erlosch – und die Nacht ging weiter ihren Weg; und das Licht hoch droben im Altenhofe erlosch – und es leuchtete nur noch das große Licht am Himmel und goß seine starken Strahlen in das finstere Tal, und es leuchtete nur noch das kleine Licht auf dem Falkensteine und warf seine schwachen Strahlen in die Ecken der engen Kemenate und flackerte hinaus durch das offene Fensterlein, hinein in die wonnige Nacht, wie ein Kindlein am späten Abende um sich schaut aus verschlafenen Augen – – und fernherauf klang das Tosen des Wildbaches. Im Fenster auf einer der zwei schmalen Bänke saß Herr Zawisch. Er hatte die Arme über der Brust gekreuzt und sprach halb zu sich selbst und halb zu seinem Weibe, das nahe bei ihm auf dem Spannbette lag, das Haupt in die Hand stützte und keinen Blick von ihm wandte: »So geht's bergab und ist nicht aufzuhalten. Wie ein Dieb schleiche ich des Nachts empor in mein Steinhaus, kann keinem mehr trauen, muß mich verbergen wie der gehetzte Hirsch. Zwei Mühlsteine sind's, und wir werden zwischen ihnen zerrieben.« – »Diemut,« fuhr er empor, »Diemut, ob dich wohl der Vater auch dem geächteten Zawisch gegeben hätte?« Die Frau auf dem Spannbette lächelte und sagte langsam: »Eia, Zawisch, wie kannst du so reden? Bist du nicht mein Zawisch vorhin und jetzt, und ob sie dich ehren oder ob sie dich ächten, du bist mein lieber Herr in guten und in bösen Tagen. – Eia, Zawisch, trinke und freue dich, daß du wieder da bist – vier Monde sind's doch, nicht?« »Vier Monde,« murmelte Zawisch. »Und sei nicht so traurig – erzähle mir, was dich aufs neue bedrückt! Ich kann dir ja nicht helfen, aber ich kann dich trösten.« – – »Sicherlich kann ich das,« wiederholte sie, erhob sich vom Lager, nahm das weite Gewand zusammen, schritt schwerfällig an die Ampel und blies ihr Licht aus. »Hab's ja vordem auch manches Mal zusammengebracht,« vollendete sie. – – – »Wozu brauchen wir das Licht? Es flackert über die Gesichter und zeichnet ihnen schwarze Schatten unter die Augen und um den Mund – wie ein alter Mann bist du im Fenster gesessen,« sagte sie lächelnd, trat neben ihren Herrn, nahm sein Haupt zwischen die Hände, sah lange in seine Augen und küßte ihn. »Da lob' ich mir meinen alten Freund, den Mond. Wo der so voll hinscheint, ist alles ruhig und klar und gar nicht hoffnungslos.« »Gar manches ist hoffnungslos auf der Welt, wo Sonne und Mond hinscheinen,« antwortete Zawisch. »Hoffnungslos ist nichts,« sagte Frau Diemut ernsthaft; »hoffnungslos ist nicht einmal die Sünde.« »Wo soll ich Trost finden?« seufzte Zawisch, nahm den Becher vom Simse und tat einen tiefen Zug, lehnte sich zurück und schaute mit düsteren Augen in das schmale, weiße Antlitz, das sich über ihn neigte. »Diemut, ich glaube du kennst mich: es ist nicht die Scheu vor dem Kampfe, sondern ich fürchte mich, weil ich meine Feinde nicht sehe.« »Zawisch,« bat die Frau, und ihre Stimme klang weich, und sie zog ihren Herrn mit sich an das Ruhelager, »Zawisch, ich muß mich wieder auf das Spannbette niederlassen – ich bin so müde; Zawisch, setze dich zu mir her auf den Schemel da – so! – – Ach, Zawisch –!« – Und es brach wie Schluchzen aus ihr. – »Zawisch, weil du nur da bist bei mir!« Und sie schlang die Arme um seinen Nacken und bedeckte sein Antlitz mit Küssen. »Diemut, hast du dich gefürchtet, als ich fort war?« fragte Zawisch und legte die Hand liebkosend auf ihren Scheitel. »Ich habe gefürchtet, daß ich dich nicht mehr sehen werde bei deiner Wiederkehr.« »Diemut, was ist dir denn?« fragte Zawisch erschrocken. »O, nichts Besonderes,« sagte sie rasch und versuchte unter strömenden Tränen zu lächeln. – »Zawisch, erzähle mir zuerst, was dich aufs neue bedrückt! Dann will ich auch von meinen kleinen Leiden reden.« »Kann ich dir helfen? – Sage! Sage!« drängte Zawisch. Diemut schüttelte das Haupt: »Nein, du nicht, und niemand auf der weiten Welt,« antwortete sie. »Aber du sollst mir erzählen, ich bitte dich darum.« »Das ist bald gesagt!« stieß Zawisch hervor. »König Rudolf hat mit König Ottokar seinen Frieden geschlossen. Das ist jetzt – warte – – neun Monate her –« »Und hat euch, doch allesamt, die ganze Sippe, in diesen Frieden aufgenommen?« unterbrach ihn Frau Diemut. »Aufgenommen, ja, und nicht aufgenommen – das Wort im Briefe kann nach Belieben gedeutet werden,« sagte Zawisch. »Und das weiß ich erst seit acht Tagen. – Was aber, frage ich, haben wir verbrochen, daß uns der Kanzler jetzt verfolgt wie Räuber und Mörder? In einem ungerechten Kampfe haben wir unsere Schwerter unbefleckt erhalten – das ist unser ganzes Verbrechen!« »Würdest du auch heute noch Herrn Ottokar die Hilfe verweigern?« fragte das Weib. Zawisch blickte sie voll an und fragte langsam: »Ist der römische König heute nicht mehr mein oberster Lehnsherr?« Verwirrt schloß Frau Diemut die Augen und griff nach seiner Hand. »Verzeih, verzeih mir! Ich weiß, daß du stets nur das Rechte tust,« sagte sie leise. »Nun sind wir geächtet,« fuhr Zawisch fort, »von dem geächtet, der vormals selber in Acht und Bann gewesen ist. Und wahrlich, seine Schuld ist's nicht, daß wir noch auf unsern Burgen sitzen und daß er nur Neuhaus und Austi weggenommen hat. – Austi erst vor vier Wochen, weißt du's?« »Das erste Wort!« sagte Diemut. »Dann weißt du auch nicht, daß der König unsern Wok mit Neuhaus belehnt –« »– daß Wok aber diese Gnade ausgeschlagen hat!« fiel Diemut ein. »Du weißt es?« fragte Zawisch. »Ich weiß nichts und weiß es doch ganz fest: Wok hat sich mit keiner von euern Burgen belehnen lassen!« »Seit drei Monaten ist er aus Prag verschwunden « sagte Zawisch und schaute dann schweigend vor sich hin. »Ich will es kurz machen,« begann er plötzlich. »Siehe, seit acht Tagen habe ich die Kunde: König Rudolf will uns beschützen. Aber seit acht Tagen ist es mir auch klar: er wird es nicht können, er ist zu schwach. Und heute nachmittag, als ich von Passau herunterfuhr, und noch mehr heute abend, als ich in der Dunkelheit mit Burkhard heraufstieg, da trat mir's vor die Augen so fest und bestimmt: Wir Witigonen können nimmer bestehen auf der Grenzscheide zwischen Böhmen und dem Reiche, und über eine kurze Weile müssen wir zu Grunde gehen.« – – »Zawisch,« fragte Diemut, legte das Haupt zurück auf den Polster und schaute hinauf an die Balken, »Zawisch, bist du glücklich gewesen mit mir?« »Aber Diemut, ich bin es und werde es immer sein, solange ich lebe!« Heftig schüttelte sie das Haupt, Tränen schossen aus ihren Augen, sie tastete nach seiner Hand und legte sie auf ihre Brust. »O daß du bei mir bist, Zawisch! – Zawisch, lege dein Haupt hieher, neben das meinige – so! O, so ist's recht, lieber Herr, so halte still!« – »Weißt du,« sagte sie und lächelte, »das Kind regt sich und hüpft – siehe, ich gehe jetzt in den Kampf und werde daraus nimmer zurückkommen, das fühle ich.« Zawisch wollte auffahren von seinem Schemel, aber das Weib hielt ihn sanft zurück und spielte mit seinen Haaren. »Es wird mir schwer,« sagte sie, »aber ich weiß, es muß sein. – – Zawisch, bist du glücklich gewesen mit mir?« »Glückselig, Diemut!« kam die Antwort zurück. »Zawisch, dann sei gesegnet!« Sie richtete sich auf und stützte das Haupt in die Hand. »Zawisch, nimm doch die Laute und singe mir das erste Lied von damals – weißt du's noch? – das Rosenlied!« »Diemut, ich kann doch nicht. Sage mir, was hast du denn?« »Der Kampf, der Kampf, Zawisch,« flüsterte sie ernsthaft; »morgen geht's in den Kampf. – Zawisch, nimm doch die Laute und singe! Ich habe noch viel mit dir zu reden – aber zuerst singe mir das Lied, ich bitte dich!« Da nahm er die Laute und griff in ihre Saiten, und leise, leise strömten ihre linden Töne durch die mondhelle Kemenate hinaus in die Nacht, zitterten über den silberglitzernden Baumwipfeln und erstarben im Rauschen der Bergwasser. Und Herr Zawisch begann mit tiefer Stimme zu singen: Heihoh! Die Rosen blühen Und glühen allzumal An jeder grünen Hecke, In jedem tiefen Tal. Und auch mein Schildesröslein Es brennt in aller Glut – Heihoh, da muß ich reisen; Allhier tut's nimmer gut! Heihoh! Lieg still und verfaule, Graugelbes Pergament – Der Schüler wird ein Reiter, Das Blatt hat sich gewend't! Heihoh, du finstere Stube – Die Tür' schlag' ich ins Schloß, Rotröslein steck' ich ans Koller Und schwing' mich auf mein Roß! Heihoh, stickdumpfige Zeche, Du Wirt mit dem feisten Gesicht – Heihoh, ich reit' aus dem Tore, Heihoh, und wende mich nicht! Heihoh, ihr schalen Gesellen, Sitzt, sumpft und besauft euch in Ruh'! Ich jag' mit dem Wind um die Wette Der sinkenden Sonne dort zu. Heihoh, und wenn sie gesunken Hinunter in glühender Pracht, So jag' ich im Scheine der Sterne – Klingklang! – durch die schweigende Nacht. Heihoh! Ich möchte reiten Allfort und immerzu – Es glühen und locken die Rosen Und lassen mich nimmer in Ruh. Heihoh! und es glühen die Rosen Und lassen mich nimmer in Ruh: Der Allerschönsten im Lande – – Heihoh, der werf' ich sie zu! »Das war schön,« sagte Frau Diemut, stand auf und ging ins Fenster; »so schön wie damals, Zawisch! – – – Weißt du noch, weißt du noch, wo du mir das Lied zum erstenmal gesungen hast? – O laß, ich, ich will es sagen, ich will's noch einmal durchdenken mit dir! – Hinter unserm Hause ist's gewesen, am ersten Abende, als du zu uns kamst von Passau her; unter der Eiche ist's gewesen, am Steintische aus der Wiese. Zawisch, weißt du's noch? Der Vater hatte seine Freude an dir, ich bückte mich über das Tüchlein und getraute mich nicht, zu dir aufzuschauen. Du aber saßest und sangst ein Lied nach dem andern, bis die Fledermäuse sich aus dem Turme hoben. Und eines jeden Liedes Sänger wußtest du zu nennen und konntest erzählen von seinen Abenteuern. Zwischenhinein aber sangst du auch ein Lied und sagtest nichts dazu, und wenn dich dann der Vater fragte nach dem Sänger, dann riefst du lachend: ›Einer, den ich gut kenne, ein unstäter Geselle, heißt Nemo und wohnt nahe bei mir im Bischofshause zu Passau.‹ – Und die Lieder von diesem Nemo gefielen mir am allerbesten, und ich wußte ja doch gar nicht, daß du der Nemo selber warst. – – Zawisch, weißt du noch das andere Lied, das Lied, das du mir im Herbste darauf gesungen hast?« »Welches, Diemut?« fragte Zawisch und fuhr langsam über die Saiten. »Zawisch, das schöne Lied!« »Sag nicht, das schöne Lied!« bat Zawisch. »Deine Lieder sind schöne Lieder,« wiederholte das Weib nachdrücklich. »Wer die Nachtigall hat schlagen hören, dem genügt die Amsel nimmer und nimmermehr,« sagte Zawisch. »Dir gefallen meine Lieder, und hernach wird sie der Wind verwehen.« »Nachtigall und Amsel schlagen beide schön, jede an ihrem Orte,« kam's aus dem Fenster zurück. »Zawisch, singe mir noch das eine Lied! – Es dünkt mich, gestern wäre es gewesen, und ist doch schon drei Jahre her; die Wälder in ihren gelben und roten und grünen Farben ziehen sich hinunter und hinunter, hinaus und hinaus ins weite, klare Land hinein und glänzen im goldenen Lichte; die Luft ist so warm, ich sitze zu deinen Füßen – Zawisch, singe mir das Lied!« Und Zawisch begann zu singen: Flieg, Feifalter, fliege Unterm Sonnenschein, In den Schlummer wiege Leise dich hinein! Sommer, der dich küßte, Daß die Hülle brach, Sommer geht zur Rüste, Herbst wird's allgemach. Flieg, Feifalter, fliege Unterm Sonnenschein, In den Schlummer wiege Leise dich hinein! Mit den weißen Fäden Spielt die linde Luft, Über Wald und Hügeln Ruht ein blauer Duft. Flieg, Feifalter, fliege Unterm Sonnenschein, In den Schlummer wiege Leise dich hinein! Mit den weißen Fäden Fliegt, ach, fliegt mein Sinn Über Stoppelfelder Um die Wette hin. Flieg, Feifalter, fliege Unterm Sonnenschein, In den Schlummer wiege Leise dich hinein! Sommer, der mich küßte, Daß die Rinde brach, Sommer geht zur Rüste, Herbst wird's allgemach. Flieg, Feifalter, fliege Unterm Sonnenschein, In den Schlummer wiege Leise dich hinein! * * * Zawisch stand auf, trat ins Fenster zu seinem Weibe und zog ihr Haupt an seine Brust. Sie aber atmete tief auf und faltete die Hände. Lange standen sie also in der großen Einsamkeit. Gleich fernen Gesängen klang es empor aus der rauschenden Rana, von den Halden empor strömte der süße Duft des frischen Heues zum Fenster herein. Und es war, als streckte sich jedes Blättlein, jeder Halm empor in die silbernen Lichtfluten der Mondnacht, alles empor, empor – alles empor! »Zawisch,« sagte Frau Diemut plötzlich, löste ihr Haupt aus seinen Händen und blickte fast scheu in sein Antlitz, »Zawisch, du wirst einst ein großmächtiger Herr werden! Ich weiß es alles – seit gestern nacht. Da konnte ich lange nicht schlafen und dachte so viel an dich. Dann schlief ich dennoch ein und sah ein Traumbild. – Höre: Auf dem Bergfried in Wittinghausen saßen wir. Du drücktest mich an dich – so – so – nimm mich ganz nahe an dich! Ich weiß, es war heller Tag. Da wuchsen dir aus einmal Flügel, weitmächtige Flügel, und du warst ein großer Falke. Und dann stiegst du empor und wandtest dich langsam und sahst mich an – so, Zawisch, gerade so wie jetzt, mit deinen großen, tiefen Augen – ich aber saß traurig und hatte doch meine Freude an deinem hohen Fluge. Und allgemach wurde um mich her alles ganz dunkel, und ich konnte mich nimmer regen. Aber dich sah ich immerfort, immerfort, golden und glänzend. – Zawisch, mich friert, schließe den Laden! – –« Es durchschauerte ihren Leib; sorgsam schloß Zawisch den Laden und führte sie durch die Dunkelheit an das Ruhebett. »Es ist nichts,« sagte sie. »Aber setze dich auf den Schemel und gib mir deine Hand! – Der Falke flog langsam über die Wälder, hinein nach Böhmen, und ich sah eine große Stadt mit Türmen und Mauern und Toren, alles in der Dunkelheit, und sah, wie sich der Falke niederließ auf den höchsten von allen Türmen – – – und auf einmal sah ich ihn gar nicht mehr, den goldenen Falken, denke nur, wie seltsam; es war heller Tag geworden, und der Turm war leer, und die Sonne schien wie immer; ich aber verlor im Traume den Atem und schloß die Augen ... Und träumte weiter und sah den Falken abermals in einem Saale, und er saß auf der Hand einer wunderschönen Frau und spielte mit einer goldenen Krone, mit einer goldenen Krone! – – Und dann« – – »Nein, jetzt ist die Geschichte aus,« sagte sie, und wieder ging ein Zittern über ihren Leib. »Diemut, du bist krank. Lege dich zur Ruhe!« bat Zawisch und küßte sie. »Zawisch, bleibe bei mir!« flehte sie und klammerte sich an ihn. »Bleibe, ich muß dich ja trösten, jetzt ist noch Zeit, morgen nimmer! – – – Zawisch, laß dich nicht blenden vom Glücke und laß dich nicht schrecken vom Unglücke. Freud und Leid kommen beide von den gleichen Höhen, fließen beide einher in gleichem Bette, sollen beide dein Schiff tragen, daß es hinlaufe an sein Ziel. Kannst auch von deinem Schiffe aus niemals erkennen, ob Freude in Wahrheit Freude sei – ob Leid in Wahrheit Leid. Vieles, was dir als Freude erscheint, ist Leid, und manches Leid wäre große Freude, wenn deine Augen es nur sehen möchten.« »Du tröstest mich ja nicht, Diemut! Du warnst mich und warnst mich vor etwas, das nicht ist.« »Ich tröste dich nicht, Zawisch?« fragte sie und hob sich auf dem Lager. »Lieber Herr, öffne doch den Laden, es ist so finster hier!« Umflossen vom Lichte des Mondes saß das Weib auf dem Ruhebette. Bleich war ihr Antlitz, ihre Augen standen weit offen. »Zawisch! Ich sehe alles nahe, ganz nahe. Ich kenne mich nicht und weiß doch, daß ich's bin. Ich sehe die Erde, uralt liegt sie da unter dem blauen Himmel, ich sehe, wie sie in den Sonnenstrahlen sich schmückt, immer wieder, immer wieder; ich sehe die Ähren schwanken auf den Feldern, ich sehe die Trauben glühen unter dem Laub, ich sehe die dunkeln Wälder und höre ihr Rauschen, ich sehe die grünen Auen und die zahllosen Blumen, sehe die hellen Wassertropfen gleich Perlen brechen aus den harten Gesteinen und von den Bergen springen zu Tal und unaufhaltsam eilen ins Meer, und aus dem Meere tauchen wieder empor die glänzenden Perlen, und Schiffe mit weißen Segeln tragen sie an alle Enden der Erde. Herrliche Frauen winden sich die Perlen um den Nacken, und da schimmern und leuchten und locken sie. Ja, ich sehe die uralte Erde, wie sie sich schmückt von Jahr zu Jahr mit neuem Glänze; ich sehe die Wolken ziehen und mit den Wolken die Sehnsucht; vor meinen Augen funkeln die Augen der Männer, der Ruhm gleißt ihnen entgegen, und sie erzittern. – Aber ich sehe tief hinein in die Erde und sehe in ein großes, großes Grab. Mich täuschen die Ähren nicht, mich trügen nicht die Trauben in all ihrer Glut; durch die lebendigen Wälder muß ich schauen auf die toten Felsen, durch die kristallenen Wellen auf den finstern Meeresgrund, und durch die Augen der Menschen dringt mein Blick tief hinein in ihre Herzen. Zawisch, hüte dich, steuere fest, schau nicht zur Rechten und nicht zur Linken, laß dich nicht berücken! Aus den Eingeweiden der Erde steigt der Herrscher empor, dem die Erde gehört, fährt herauf durch ihren vieltausendjährigen Moder und tritt urplötzlich neben den armen Menschen. Heiße Worte flüstert er ihm zu und reckt die dunkle Gestalt und bohrt die scharfen Augen in seine Seele, streckt die mächtigen Arme aus, wirft Nebel dahin und dorthin, verdunkelt die Sonne, wirft seine eigenen Lichter dahin und dorthin, schwächt die Menschenaugen, daß sie haften müssen an der gleißenden Rinde, und als glühende Perlen fallen ins arme Herze seine lockenden Worte: Dies alles will ich dir geben – bete mich an!« »Du redest irre, Diemut, liebe Diemut,« sagte Zawisch. »Ich bin geächtet, Diemut.« Seine Stimme zitterte, und er breitete die Arme aus. »Ich rede nicht irre, lieber Herr,« sagte das Weib und wehrte ihn ab, »nein, sicher nicht irre. Aber ich sehe über große Länder und sehe dich mitten darinnen. Warum rennen sie denn über die Erde auf Rossen und auf Wagen, diese armen Gerippe, und jagt eines dem andern die Herrschaft ab und den Purpur und hüllt seine Knochen darein?« »Macht und Herrschaft müssen sein auf Erden, die sind von Gott verordnet,« antwortete Zawisch. »Müssen sein,« sagte Diemut; »aber es regiert dabei noch ein anderer Wille als Gottes Wille. Ich kann's nicht klar sehen, nur das weiß ich: der andere Wille kommt aus der Tiefe der Erde.« – – Dann fuhr sie fort: »Wenn du zur Erde schaust, so spiegelt sich die Erde in deinen Augen und beirrt dich. Wenn du auf die Menschen schaust um dich her, dann beirren die armen Gestalten deinen Sinn. Wenn du zum Himmel schaust, dann spiegelt sich seine Bläue oder seine Wolken spiegeln sich in deinen Augen und beirren dich. Wenn du aber deine Seele mit all ihrem Sinnen und Trachten ganz einzig auf den ewigen Gott richtest, dann beirrt dich nicht die Erde, dann beirren dich nicht die Menschen, dann beirrt dich nicht der blaue und nicht der bewölkte Himmel – dann regiert dich der ewige Gott! Und also sollte ein Herrscher schauen, dächte ich.« »Diemut, Diemut, deine Wangen glühen, du redest in Gesichten. Diemut, lege dich zur Ruhe!« sagte Zawisch und umschlang ihre Gestalt. »Zawisch,« flüsterte sie und schmiegte sich wie ein Kind an seine Brust, »Zawisch, wirst du dann auch zuweilen an deine Diemut denken?« »Aber sage mir, Diemut, warum willst du denn nicht mehr leben?« »Nicht mehr leben wollen?« lächelte sie, und die Tränen tropften von ihren Wangen. »Aber Zawisch, warum sollte ich nicht mehr leben wollen? Ich darf ja nicht mehr leben!« Lange hielten sich die beiden umschlungen und wußten nichts zu reden miteinander. Auf einmal aber erhob sich Frau Diemut und ging zu der Truhe, die hinten an der Wand der Kemenate stand. »Zawisch!« sagte sie, kam langsam zurück und legte ein kleines, abgegriffenes Buch in seine Hände. »Zawisch, das behalte du, und wenn du einmal des Trostes bedarfst, dann begib dich in die Einsamkeit und lies in diesem Buche!« – – – »Wisse,« setzte sie zögernd hinzu und faltete die Hände unter der Brust, »ich habe niemals Geheimes vor dir verborgen in meinem Herzen, und doch trage ich seit etlichen Monden das größte Geheimnis in mir. Wisse, das Buch ist von deiner Mutter; ein alter Mann, den ich wohl kannte, der brachte mir's nicht lange nach ihrem Tode, und der Mann – hat – – durch den Mann bin ich zur Lyonerin geworden – gleich deiner Mutter, Zawisch.« Mit aufgerissenen Augen stand Zawisch vor seinem Weibe. »Alle Heiligen!« stieß er hervor; »Diemut, Diemut, bist du von Sinnen? Meine Mutter? Weißt du, daß in Passau fast alle Monate etliche von diesen auf dem Holzstoße brennen müssen?« »Das habe ich jeden Tag gewußt,« sagte sie und richtete sich hoch auf, »und habe doch nicht anders handeln können, Zawisch. Ja, ich weiß es: Sie fahen nach uns, sie binden uns, sie führen uns vor ihre ungerechten Richter. Sie martern unsere Glieder und pressen das Geheimnis unseres Lebens aus unseren Seelen und verdammen uns. Sie schleppen unsere Leiber auf ihre Scheiterhaufen, sie brennen uns zu Asche, sie streuen die Asche ins fließende Wasser. Was tut's? Wir brennen unseren Feinden auf dem Gewissen; mögen sie dafür unsere vergänglichen Glieder verbrennen – Feuer gegen Feuer, Brand gegen Brand! – Von den Bergen stürzen sich die Quellen, sie können nicht anders, durch die Täler strömen die Gewässer, immerfort dem Meere zu. Und von Lande zu Land muß schreiten unsere Lehre und muß bringen Tod dem Fleische allerwärts und Leben dem Geiste – was tut's, wenn die Bekenner fallen zur Rechten und zur Linken? Das Bekenntnis wird siegen. Zawisch, wenn sie mich morgen nach Passau schleppten –« Ein Hornstoß unterbrach die Stille der Nacht. Von der Höhe des Turmes kam die Antwort. Langgezogene, unverständliche Rufe tönten in die Kemenate. Zawisch öffnete die Türe und lauschte. Aus der Tiefe drang Lichtschein, Burkhard stieg empor. »Herr,« sagte er, »über dem Graben steht einer, der will Euch Botschaft bringen vom Bischof.« »Laß ihn herüber!« befahl Zawisch, und seine Stimme klang heiser. Dann trat er zurück, umschlang sein Weib und raunte: »Diemut, sag's um Gottes willen zu keinem Menschen! Lege dich jetzt zur Ruhe – ich will dir die Magd schicken ? –« »Verstehst du mich?« fragte Diemut forschend. »Ich bin wahrhaftig erschrocken,« antwortete Zawisch; »und wenn ich dich auch nicht verstehe, so weiß ich doch, daß du nichts Böses tun kannst – – und meine Mutter – – – Diemut, ich bin wahrhaftig erschrocken!« * * * Als die Mittagsonne über dem Tale leuchtete, lag in den Armen der toten Mutter ein toter Knabe. Herr Zawisch kniete am Bette wie vor etlichen Stunden, und wie vor etlichen Stunden barg er das Haupt am Herzen seines Weibes. Aber das Herz war kalt, ganz kalt; das Antlitz war weiß wie der Kalk an der Wand, und der Mund bewegte sich nicht mehr. Die Kerzen brannten, und niemand sagte: »Bist du glücklich gewesen mit mir, Zawisch? Komm her, Zawisch, singe mir doch das Rosenlied!« – Totenstille war's in der Kemenate. * * * Im Pirschgewande stand am zweiten Morgen Ritter Burkhard auf der Halde vor dem Falkensteine. Drunten im Tale zogen graue Nebel, im Grase blitzte der Tau, die Höhen strahlten im Lichte des Tages. Zu ihm trat Wolf, der Knecht, mit dem Jagdspeere. »Muß immer daran denken, Herr,« sagte er und wies mit dem Daumen über die Schulter zurück; »das ist ein hart Ding, so jung sterben müssen.« »Ein hart Ding? Ein grausam Ding, gar nicht auszusinnen!« murrte Burkhard, und es zuckte und zitterte um seine Augen. »Die – die – die – – solch ein Weib gibt's nimmer landauf, landab.« »Und daß ihr Kind auch hat tot sein müssen!« sagte Wolf. »Je nun,« kam's zurück, »ist so besser ausgehoben als bei uns – jetzt werden blutige Zeiten – – heia, mir soll's recht sein!« Und er pfiff den Hunden, schritt den Abhang hinunter und verschwand im Walde. Der Kanzler Auf seiner Burg ob Prag sah König Ottokar. Ein heißer Junitag neigte sich seinem Ende zu, schräghin fielen die Strahlen der Sonne über Stadt und Strom, und das weite, grüne Land schwamm im Lichte. König Ottokar hatte das Haupt in die Hand gestützt und schaute auf die Mauern und Türme, die seine Stadt gleich einem Riesengürtel umschlangen, und auf die Menge ihrer hohen Giebel. Lange saß er also in der Fensternische. Dann atmete er tief auf, erhob sich, stieg die Stufen hinab, nahm einen Brief aus dem Gewande und begann lesend auf und nieder zu wandern im Saale. Da öffnete sich unhörbar die Türe, und hinter dem schweren Teppiche trat eine schlanke, schwarze Gestalt hervor, verneigte sich tief, richtete sich gerade empor und faßte den König ins Auge, der mit gesenktem Haupte rastlos auf und nieder schritt. »Du, Peter?« sagte Herr Ottokar, als sein Blick von dem Pergamente schweifte, und es war, als zuckte die Rechte und wollte das Blatt im Gewande verbergen. Dann aber schritt er in die Mitte des Saales, legte das Pergament auf den Tisch und belastete es mit einem Kristalle. »Was willst du diesen Abend noch?« »Verzeihet, Herr König,« sagte der andere in tschechischer Sprache; »Eure Diener wissen, daß Euer unwürdiger Kanzler bei Tag und Nacht Zutritt hat.« Und wieder verneigte er sich. »Was hast du mir zu sagen?« fragte der König aufs neue und setzte sich in einen hochlehnigen Stuhl an der Wand. »Die Brandenburgischen Gesandten sind vor zwei Stunden in die Stadt geritten,« begann der Kanzler und trat neben den Tisch in die Mitte des Saales. »Ich habe sie für morgen früh auf die elfte Stunde vor Euch entboten.« »Morgen wollte ich doch mit Herzog Niklas die neuen bayerischen Rosse beschauen,« sagte der König müde. »Dann werde ich sogleich einen Voten in die Stadt schicken und werde die Brandenburger auf die dreizehnte Stunde bestellen – gebe aber dem Herrn Könige zu bedenken, daß die Rosse auch Herzog Niklas allein beschauen könnte,« antwortete der Kanzler. »Höre, Propst Peter, du sprichst mit deinem Herrn und Könige!« sagte Ottokar, und eine jähe Röte fuhr über sein Antlitz. Tief verneigte sich der Kanzler und sagte in deutscher Sprache: »Es ist die Angst, die Euern treuesten Diener allezeit vorwärts treibt. Ich sehe Euch zaudern und weiß, daß Ihr doch nicht mehr zurückkönnt, ich weiß, daß jetzt Tag für Tag Schlag auf Schlag geschehen muß. Verzeihet, Herr König, die Rosse sind's nicht allein, die Euch abhalten, die Gesandten zu empfangen. Verzeihet, Herr König –« Er stockte und fuhr nach einer Weile in tschechischer Sprache fort, und es klang weich und einschmeichelnd, was er vorbrachte: »Verzeihet, es ist Euch Botschaft aus Olmütz zugekommen – heute mittag.« »Und wenn?« fragte Ottokar und lehnte sich zurück in den Sessel. »Wenn Euch der Bischof Briefe schreibt, so hat das keine Gefahr. Wenn Ihr aber noch immer auf den Ratschlag des Witigonenfreundes hört, dann denke ich an die heidnische Frau im Liede, die des Nachts auflöste, was sie am Tage gewoben hatte.« »Ich dächte, die heidnische Fürstin wob an einem Leichentuche, Kanzler,« sagte der König langsam. »Ja, Herr König!« rief der und warf das dunkle Haupt in den Nacken. »Tag und Nacht weben wir an dem Leichentuche für den römischen König. Wollte Gott, daß wir ihn bald gar sänftiglich könnten dareinwickeln!« – »Er oder Ihr, Herr – das muß sich jetzt entscheiden,« fuhr er fort und hob die Rechte hoch empor. »Und wer ist denn er? Ein Gräflein, nichts weiter, hier zu Lande ein Schupan! Ein Strohmann ist er, dem ein paar Große drüben im Reiche den zerlöcherten Königsmantel umgehängt haben. Was hat er? Nichts! Borgen muß er bei Herren und Knechten. Nein, nicht so, er muß rauben, was er braucht, da und dort, und er tut's auch; denn die Kunst ist ihm wohlbekannt. – – Wer hat vordem gesprochen von dem Gräflein am Rheine? Und wer wird von seinen Söhnen und Enkeln weiter sprechen nach dieser Zeit?« – – – – – – – – »Wer aber seid Ihr, Herr König?« fragte der Kanzler mit starkem Nachdrucke, trat einen Schritt vor und hielt inne. Da teilte sich der Teppich vor der Türe, und mit langen Schritten schob sich eine verwachsene Gestalt in grellgrünem Gewande hervor, stellte sich hinter den Kanzler, hob gleich dem Kanzler die Rechte, warf das Haupt zurück auf die gelbe Gugel und rief mit dem gleichen Nachdrucke: »Mein Vetter!« »Geh weiter, Narr, wir können dich nicht brauchen!« befahl der König. »Über den Scheitel des Bauern krabbelt die Laus – was kann es dem Weisen schaden, wenn sich einmal ein Narr in seiner Nähe niederläßt?« sagte der Zwerg, schwang sich auf den Fenstersims, zog die dürren Beine an den Bauch empor, umschlang sie mit den Armen; nickte dem Propste zu und sprach gelassen: »Fahre fort, wir hören!« »Herr König!« rief dieser erregt. Ottokar winkte. »Laß ihn, du sprichst zu mir!« Mühsam suchte der Kanzler nach Worten; dann sprach er: »Ich denke, jede Scholle Erde im Böhmenlande weiß von Euern Ahnen und von Euch zu zeugen. Wir schauen zurück in die Vergangenheit und sehen sie dunkel hinter uns liegen. Wir lauschen im Volke und horchen, was es singt in seinen Liedern; wir nehmen die alten Schriften und fragen sie um die Vergangenheit. Und die Mädchen singen Heldenlieder, die Schriften zeigen uns überwachsene Wege, und die Dunkelheit wird zur Dämmerung – Lichtstrahlen gehen aus von den Häuptern Eurer Ahnen, Herr König! – – – Ich sehe die wundersame Frau, wie sie hinweist über die Berge und ihre Mannen ausschickt, und ich sehe den ledigen Zelter schreiten über die böhmische Erde, sehe, wie er sich seinen Pfad sucht, und ich sehe den ersten Herrn des Landes hinter dem Pfluge. Sie schreien: ›In Libuschas Namen sei uns gegrüßt, Herzog!‹ – Und er spannt die Ochsen aus, stößt den Haselstock in den Boden, zieht Brot aus der Tasche, gießt Wasser in seinen Holzbecher und lädt die Helden ein zum fürstlichen Mahle. Und ich sehe, wie aus dem Stocke drei Zweige schießen; ihrer zwei werden dürr und fallen ab, der dritte aber dehnt sich gewaltig, beschattet das Land, und Prschemisl spricht: ›Was staunet ihr? Wisset, daß aus Unserem Stamme viele Herren hervorgehen werden, doch immer wird nur einer herrschen!‹« »Der da gerade heimlicherweise mehr Hirn im Schädel hat als die andern – nicht so, Vetter?« sagte der Narr und nickte dem Könige zu. Mit unbeweglichem Antlitze fuhr der Kanzler fort: »Und ich sehe, wie er die Bauernschuhe aufhängt in der Kammer auf dem Wyschehrad, köstliche Gewänder umwirft und sich zur Fürstin Libuscha setzt auf den hohen Stein, und ich höre ihn raunen: ›Die Schuhe sollen hängen bis auf Kind und Kindeskind und sollen ihnen sagen, woher sie stammen!‹« »Jeder aus dem Leibe seiner Mutter, ob's ihm nun die heiligen Schuhe bezeugen oder sein unheiliger Verstand,« rief der Narr mit Nachdruck. Einen bösen Blick warf der Propst ins Fenster; dann fuhr er fort, und seine Stimme hob und senkte sich, die schmale Hand fuhr durch die Luft, die ganze Gestalt wiegte sich hin und her: »Seht Ihr sie nicht, die lange Reihe, Herr König, die lange Reihe, Ring an Ring, die von dort herunterzieht auf Euch und Euern Sohn, Ring an Ring, blank wie Gold ein jeder –?« »Hm! Hm! Da und dort ein wenig rötlich, das Gold, blutrötlich, blutklebrig, wie's gerade kommt,« sagte der Zwerg. Der König aber richtete sich empor und stieß einen leisen Pfiff durch die Zähne. »Puh! Puh!« jammerte der Narr, zog seine dürren Beine noch höher empor, stellte sich auf das Gesimse und rief: »So war's nicht gemeint, Vetter, – nicht!« Neben dem Stuhle des Königs aber richtete sich ein gewaltiger Wolfshund auf, knurrte und wandte die Augen nicht von seinem Herrn. »O weh, Vetter, o weh! Heiße ihn ruhig sein, deinen Wolf!« bat der Zwerg und trippelte hin und her. »Es ist ja alles wahr, Ring an Ring, eitel Gold und Glanz und Glück, gar nichts Rotes, gar kein Blut in deinen Ahnen, und ein Schuft, wer anders sagt. Puh, Vetter, heiße ihn ruhig sein, ich will auch schweigen! Heil dem ganzen Geschlechts!« »Lege dich!« sagte Ottokar. Das schöne Tier streckte sich grollend neben seinen Herrn, und der Kanzler fuhr fort: »Wer sein Ohr auf den Boden drückt, der hört aus weiter Ferne die Rosse über die Heide traben, wer auf den Zug der Wolken sieht, der kann Sturm und Wetter voraussagen, und wer ein scharfes Auge hat, der sieht auf der Stirne eines Kranken die Schatten des Todes im voraus. Und da drüben, Herr König, da drüben liegt ein Kranker und zieht nur mühsam noch Atem. Ihr wißt's, wen ich meine, das römische Reich ist's, das sich zum Sterben streckt – –.« Langsam glitt der Zwerg vom Fenstersimse, schlich unhörbar durch den Saal, trat hinter den Teppich, öffnete die Türe, trat aber nicht hinaus, sondern blieb lauschend stehen, warf die Türe ins Schloß und glitt ungesehen zwischen Wand und Teppich bis zu dem großen Kamine. Knurrend erhob sich der Hund. König Ottokar legte die Hand auf seinen Kopf und drückte ihn zu Boden. Gleich einer Katze aber kletterte der Zwerg am Saume des schweren Teppichs empor, hoch empor bis an den Sims des Kamins, schwang sich hinüber, setzte sich behaglich, ließ die Beinchen hängen und lachte in sich hinein. »Gar alt ist der Kampf zwischen uns und dem Reiche da drüben,« sagte der Kanzler, »und könnte man all das Blut zusammenfassen, das in diesem Kampfe vergossen worden ist, die Moldau träte über ihre Ufer. Haben sie Zwietracht bei uns gesehen, gleich sind sie zwischen den Hadernden mitten drinnen gestanden und haben den Raub geholt; haben sie Knechte gebraucht, so haben sie uns geknechtet, und zuletzt haben sie uns im eigenen Lande von Haus und Hof gedrängt und haben sich in unser Erbe gesetzt. Fluch ihnen!« »Vetter,« rief der Zwerg und strampelte mit den Beinchen, »Vetter, das Erbe – –« »Fluch!« sagte der Kanzler mit erhobener Stimme. Aber noch lauter schrie der Zwerg: »Das Erbe war so verlaust, daß die deutschen Bauern allesamt Märtyrer geworden sind, klaglose.« »Fluch ihnen!« fuhr der Kanzler fort. »Aber ich sage Euch, Herr König, die Zeit ist erfüllt, die Wolken künden's dem, der ihre Zeichen versteht, der Sturm kommt – der Zahltag, so nennt's wohl der deutsche Krämer drunten in der Stadt. Laßt Euch nimmer verführen vom Olmützer; denn er gehört zu unsern Feinden, mag er sich noch so freundlich stellen! – Er nutzt Euch nichts, Herr König. Kann der Bischof von Olmütz mit seinem Krummstabe in die Wolken stoßen? – – Er kann's nicht – und also kann er auch dem Sturme nicht Einhalt tun. – – Der Sturm kommt, und der Tag der Rache kommt, Herr König, und wohl dem, der dann gerüstet ist! – Rache, Herr König! Wißt Ihr noch, was Euch geschehen ist? Ich erinnere nicht gerne daran – aber ich muß. Der Tag der Rache soll ja kommen, der Rachetag für den Tag im Wintermonat vor zwei Jahren – der Zorn will mich ersticken –« »So ersticke doch!« rief der Zwerg. »Ich sehe den erhabenen König knieen vor dem Gräflein aus dem Reiche, und der Bettelmann gibt in Gnaden dem Urenkel der Libuscha sein böhmisches Erbe und nimmt ihm alles andere,« vollendete der Kanzler flüsternd seine Rede. Regungslos saß König Ottokar, und seine Rechte lag auf seinen Augen. Abermals begann der Kanzler: »Und für diesen Fußfall werdet Ihr dem Gräflein Euern Fuß auf den Nacken stellen. Schauet hinaus in die Welt, ich will Euch die Zeichen künden, Herr König! Ist mir's doch, als stünde ich auf einem hohen Turme und ließe meine Augen schweifen von Rom bis ans Nordmeer, von Frankreich bis nach Ungarn. Rom und der römische König, saget an, gehören die beiden nicht zusammen wie Klinge und Griff? Über ein kleines, und es liegt ein Abgrund zwischen dem römischen Könige und dem heiligen Vater. Ich habe Briefe von Rom gelesen, die künden mir's; hier lege ich sie auf den Tisch, leset sie, Herr König! – – – Und die drei Bischöfe am Rheine? Das Kindlein, das sie geschaffen, wächst heran, Herr König, und wird frech, und die Alten tragen Sorge, es möchte ihnen über den Kopf wachsen; darum setzen sie sich auf ihre Geldtruhen und machen mürrische Gesichter. In Mainz, in Trier und in Köln hat der Mann mit dem zerrissenen Wamse so viele Feinde als in Österreich und Böhmen – und drüben über den Wäldern, in Sachsen, in Braunschweig, da kümmern sie sich nicht mehr und nicht weniger um König Rudolf als um Euern Hund.« Immer rascher sprach der Kanzler. »Und wer bleibt ihm dann noch übrig, dem Königlein? Der Pfalzgraf und der Herzog von Bayern? Die beiden Brüder sind noch niemals so einig gewesen wie jetzt und Herrn Rudolf noch niemals so wenig geneigt wie jetzt. Das macht: der Wolf und die Füchse gingen gemeinschaftlich zum Jagen und erschnappten einen fetten Bissen – Österreich, Steier und die übrigen Länder. Da wollten die Füchse auch ihren Teil, aber der Wolf knurrte sie an und gab den Raub seinen Kindern. – Glaubt Ihr, das können die Füchse dem Wolfe vergessen? Niemals, Herr König, niemals, sage ich! – – – So steht der römische König da, verlassen, arm, gehaßt, und wird bald wieder als zerlumptes Gräflein gen Habsburg reiten. Euer Name aber wird aufs neue den Erdkreis erfüllen. – – Herr Rudolf ist umstellt von allen Seiten. Sie nennen Euch den goldenen König draußen im Reiche, und in Ungarn nennen sie Euch den eisernen König. Wagenweise habt Ihr Gold und Silber hinausgeschickt über die Waldberge, und an allen Höfen raunen sie von Euern Schätzen und von Eurer fürstlichen Milde und kriechen herzu aus allen Winkeln wie die Schlangen zum Feuer; gemächlich können wir Herrn Rudolfs Feinde zählen – und ihrer sind viele! Jetzt tretet hervor als der eiserne König – Gold und Eisen, die beiden regieren die Erde, und unbezwinglich ist der Mann, der über Gold und Eisen verfügt!« »Vetter,« rief der Narr von seinem sichern Sitze, »Vetter, handle doch wie dein Ahnherr Sobieslaw, setze einen Preis von hundert Goldstücken aus – weißt du, wofür?« »Gegen Ungarn rüsten wir –,« fuhr der Kanzler fort. Aber der Zwerg schrie: »Weißt du, wofür? Wer dir einen Schild voll deutscher Nasen bringt, dem zahle sie!« »Gegen Ungarn rüsten wir – begann der Kanzler aufs neue, und wieder schrie der Narr: »Vetter, wenn dann der Schild vor dir liegt, so schneide deine eigene Staufen-Nase ab, die du von deiner staufischen Frau Mutter her im Gesichte trägst –« »Gegen Ungarn –,« begann der Kanzler. »Und wirf sie oben auf die andern!« vollendete der Zwerg. »Gegen Ungarn rüsten wir, Herrn Rudolf meinen wir. Über Wälder und Ströme fliegen unsere Briefe – Bayern, Regensburg, Meißen, Thüringen, alle haben sich mit uns gegen die Ungarn verbunden, und alle meinen sie den römischen König. Und die polnischen Fürsten gedenken der nahen Verwandtschaft mit uns, sie wissen, daß König Rudolf alle östlichen Länder unter seine Herrschaft bringen will, und ihr Land stinkt schon ohnedies von den deutschen Bauern, die gleich einem Strome darüber gekommen sind und sich spreiten in Frechheit, und deshalb lassen auch die polnischen Fürsten ihre Mannen reiten. – So stehen die Sachen – ein Wort von Euch, und es erhebt sich in Österreich ein Feuer bis an den Himmel – – Herr König!« »Und verbrennt dich, Vetter, und Böhmen!« schrie der Kleine vom Borde des Kamins. »Und wir, Herr König,« fuhr der Slave fort, »wir reiten heran mit unsern Freunden und werfen Scheit auf Scheit hinein, bis daß der römische König verbrennt mitsamt seiner Brut. – Herr König, wollt Ihr morgen die Brandenburger empfangen?« »So sei es!« sagte Herr Ottokar müde, erhob sich aus seinem Stuhle und trat ins Fenster. Gedankenvoll schaute er auf die Stadt zu seinen Füßen. Dann sagte er langsam: »Und was wären wir ohne die Deutschen?« »Glücklich, sagen die einen, roh und unwissend, sagen die andern,« fiel der Kanzler ein. »Ich aber denke, jetzt können wir beides sein ohne sie, wissend und glücklich – denn ich habe noch nie gehört, daß sich ein Mensch das ganze Leben lang ans Kleid seines Lehrers hängt.« – – Auf die Türme der Stadt warf die untergehende Sonne ihre letzten Strahlen, Glockengeläute erhob sich ringsumher. Nahe dem Fenster stand der Kanzler, und sein bleiches Antlitz rötete sich im rosigen Widerscheine leuchtender Wolken. Er beugte das Knie, als wollte er seinem Herrn huldigen, und sagte: »Nach allen Enden des Himmels laufen unsere Fäden über die Länder, in der Mitte sitzen wir und haben die Macht. Vertrauet uns, Herr König, Euern Getreuesten! Durch Gold und Eisen seid Ihr ein großmächtiger Herr; aber edler als Gold und stärker als Eisen ist die Treue Eures Volkes.« »Vetter,« rief der Narr, »Vetter, ich habe einmal ein großes Netz gesehen, und in seiner Mitte saß eine schwarze Spinne, die hatte alle Fäden gesponnen. Da kam ein Knabe und stach in das Netz, und siehe, die Spinne zog einen Faden aus ihrem Leibe, ließ sich eilig herab auf die Erde und verschwand in Heimlichkeit. Verlaß dich nicht auf diese Spinne!« »Und höret nicht auf deutsche Narren, die Wasser im Kopfe haben!« sagte der Kanzler und erhob sich, verneigte sich tief und schritt rückwärts der Tür zu. Der rosige Schimmer war von seinen Zügen verschwunden, hinter einem bleichen, kalten Antlitze schloß sich der Teppich. * * * Die Dämmerung legte sich in das Gemach. Noch immer stand Herr Ottokar im Fenster und starrte hinaus. »Vetter!« rief der Narr von seinem Sitze. »Vetter!« rief er zum zweitenmal. »Bist du noch da?« fragte der König. »Vetter,« bat der Kleine, »halte doch deinen Wolf, damit er mir nichts zuleide tue! – Darf ich kommen?« »Komm!« sagte Herr Ottokar, ließ sich wieder in den Stuhl sinken und legte die Rechte auf das Haupt des Tieres. Behende kletterte der Zwerg von seinem Sitze, glitt durch den Saal, kniete an der Seite seines Herrn nieder und bedeckte dessen Linke mit Küssen. »O Herr, Herr, Pipping hat Angst, Pipping hat große Angst!« schluchzte er. »Euer Wolf, Herr, und Pipping, es sind die einzigen, die's noch treu mit Euch meinen, und sogar die zwei trauen einander nicht. O Herr, trauet auch Ihr Eurem Kanzler nicht! Der hat eine lebendige Zunge – aber schauet näher hin, und Ihr werdet sehen, daß sie gespalten ist. Herr, laßt Euch nicht einspinnen! Pipping hat Angst, heiße Angst, Herr, nicht für sich selber, sondern für Euch. Ihr seid groß, Pipping ist klein. Wenn die Not kommt, dann schlüpft Pipping in ein Mausloch, und Euch erwürgt die Not, weil Ihr nicht ins Mausloch kriechen könnt. O Herr, o Herr, Pipping hat Angst, daß er an allen Gliedern zittert!« Die Marchfeld-Schlacht In einem Bogen dehnte sich das Lager des böhmischen Königs von Jedenspeigen bis an die March. Der Tag war nahe. Gegen Morgen, über der March und auf der weiten Pußta, lag grauer Nebel, und über den westlichen Hügeln glänzte noch der fahle Mond. Aber allgemach kam hinter der Pußta, über den hohen ungarischen Waldbergen das Dämmerlicht empor in einem langen, schmalen Streifen. Ein kühler Windhauch strich über das Land heran zu König Ottokars Zelte, griff spielend in den seidenen, weißroten Wimpel und hob ihn kosend. Der flatterte träge, fiel kraftlos an der Stange herab, schlug noch einmal wie im Traume gegen das Holz, hing schlaff da wie zuvor, und der Windhauch des Morgens wehte westwärts gegen die gelben Hügel. Wok stand auf der Anhöhe vor dem Königszelte und schaute unverwandt gegen Osten. Immer breiter wurde der Streifen. Der Mond ging unter. Wieder kam der kühle Hauch von Osten her, wieder zauste er den Wimpel, strich weiter und verlor sich über dem ungeheuern Bogen des Lagers. Und das Lager wachte auf: Die Rosse wieherten ringsumher unter dem Königszelte, aus der Ferne kam es gleich einer Antwort, von den Hügeln bis zur March erzitterte die Luft von den wilden Schreien; Posaunen und Hörner tönten darein, und ihr Schall pflanzte sich fort von einem Ende des Lagers ans andere; dreißigtausend Männer hoben die Häupter vom Schilde, die Glieder von der Erde. Wok stand regungslos und sah, wie sich das Tor des Himmels öffnete, glutrot und golden, wie die Nebel metallisch erglänzten. Er senkte das Haupt, schlug das Kreuz und murmelte: »Ave Maria!« Gleich glühenden Pfeilen fuhren die ersten Sonnenstrahlen über die Nebel, über die Zelte alle bis hin zu den Hügeln – und es war Tag geworden auf dem Schlachtfelde an der March. – Im Königszelte erhob sich der Gesang einer Männerstimme. »Wohlauf, wohlan! Der Tag geht an –« sang der Mann da drinnen. »Pilgram!« flüsterte Wok, und seine Gedanken flogen zurück in seine Kindheit und machten Halt bei dem weißhaarigen Greise auf dem Krummenauer Turme. »Der Tag der tut anschleichen Den Armen und den Reichen –« sang der Mann im Zelte. »Es ist der König!« sagte Wok und lauschte. Eine Weile war alles stille. Dann setzte der Sänger wieder ein und vollendete das Lied: »Der helle Tag, Der scheinen mag – Gott gebe uns einen glückseligen Tag!« »Gott gebe uns einen glückseligen Tag!« sang Wok in der wohlbekannten Weise zur Antwort und biß sich auf die Lippe, als der letzte Ton verklang. Die Purpurtücher der Umfriedigung teilten sich. »Kennst du das schwäbische Wächterlied, Knabe?« fragte der König und trat ins Freie. Wok stand mit gespreizten Beinen und hielt den Speer zum Gruße und stammelte: »Verzeihet, Herr König! Das Lied habe ich oft von einem alten Manne gehört und habe bei Euerm Gesange an die Krummenau gedacht – und habe mitgesungen.« »Gott gebe uns einen glückseligen Tag!« wiederholte der König mit starkem Nachdrucke. Dann schaute er über die wallenden, silbernen, blitzenden Nebel in den Morgen hinein, wandte sich langsam, sah mit düstern Blicken hinüber zu den gelben Hügeln, senkte das Haupt, schlug die Purpurtücher auseinander und sagte leise: »Und wenn sie heute abend hinter diesen Hügeln untergeht?« * * * Höher und höher stieg die Sonne. Weithin gegen Morgen und Abend erhob sich zwischen Zelten und Hütten in grauen Wölkchen der Herdrauch und zog sich in einem langen Streifen gegen die gelben Hügel. Reiter flogen über die Felder, Boten kamen und drängten sich vor König Ottokars Zelte. Die Arbeit des Tages begann. * * * Hoch zu Rosse sah der König, und rings um ihn her sahen die Herren und Ritter in den Sätteln. Am Fuße des Hügels, unter dem abgebrochenen Königszelte, hielt Wok. Ungeduldig scharrte sein Zelter den Boden. »Wie wird dir, junges Reiterlein?« sagte der Troppauer, ritt langsam vorüber und musterte den Witigonen mit seinen stechenden Augen. »Vor der Schlacht fragt man nicht, wer jung sei und wer älter,« antwortete Wok finster, »sondern wer gut stoße und wer besser.« Herzog Nikolaus lachte kurz auf und ritt vorwärts. Wok aber stellte sich in den Bügeln, sah zur March, wandte sich und sah nach Westen. Über dem dunkeln Bogen des böhmischen Heeres funkelten die Lanzenspitzen im Morgensonnenscheine. Die Zelte waren abgebrochen, die schwerbepackten Wagen zusammengeschoben. Allenthalben qualmte dicker Rauch zum stahlblauen Himmel empor; die Holzhütten im Rücken des Heeres gingen in Flammen auf. Reiter und Sarjanten waren zum Abmärsche bereit. Da hob der König die Rechte, und langsam rauschte die meergrüne Sturmfahne mit dem weißen Kreuze am Standartenmaste in die Höhe; die Trommeln wirbelten rasselnd von Rotte zu Rotte, von Schar zu Schar, die Posaunen ertönten, die Hörner riefen, wie laufendes Feuer flatterten die hundert und hundert buntfarbigen Fähnlein und Wimpel von der March bis zu den Hügeln in der Morgenluft; klirrend und dröhnend setzten sich die Haufen in Bewegung. »Wie eine Flotte, die mit geblähten Segeln ins Meer sticht!« sagte ein weißhaariger Reiter neben Wok. Der Witigone nickte. »Gott gebe uns frohe Fahrt!« »Vorwärts!« riefen die Rottmeister über die Schar der Königischen. »Vorwärts!« murmelte Wok, und sein Zelter begann zu tanzen. Krachend und ächzend bewegte sich der Standartenwagen über die Ackerbeete, die hohe Stange schwankte, die Seide rauschte leise, die Sonne lachte hernieder, die Zelter schnaubten, peitschten die Flanken, schäumten in die Gebisse, warfen die Köpfe nach dem Klange der Posaunen und trugen tanzend ihre geschmückten Herren, die Fünfhundert des Königs. »Wie zum Feste, Herr Wok,« sagte wieder der alte Mann, hielt sich nahe an den Witigonen und wies auf die wallenden roten und weißen und blauen Gewänder der Herren ringsumher. »Und ist auch ein Fest – oder nicht, Herr Martin?« antwortete Wok und richtete die großen, blitzenden Augen auf den alten Reiter. »Aber ein blutiges Fest, Herr! Habt Ihr Euch schon gesegnet? Segen tut not!« »Ja,« sagte Wok und neigte das Haupt. »Und Eure Waffen? Die nicht? Höret, ich will Euch einen guten Spruch lehren, den gebrauchet!« Nahe neigte sich der Reiter zu Wok und raunte mit singender Stimme: »Aller meiner Feinde Waffen Liegen sollen sie und schlafen. Stahlfest sei mein Schädeldach, Gebe keinem Hiebe nach. Schneide Schwert und beiße, Was ich dir nur heiße – Aber, hörst du, aller Enden Nur in deines Herren Händen – – Hilf Maria!« »Der ist gut,« sagte er, »glaubet mir's, er ist erprobt im Abendlande und im Morgenlande. Ihr müßt ihn leise sprechen, wenn Euch hernach die Knechte wappnen, leise, immerfort.« – Der Fahnenwagen ächzte, und hinter den Königsreitern stampften die Streithengste unter den blinkenden Rüstungen, Schwertern, Helmen und Schilden und erfüllten die Luft mit ihrem Wiehern. Kommandorufe tönten, reitende Boten stoben über die Fläche, klirrend und dröhnend schob sich das Heer vorwärts. Auf Gras und Kraut lag der Tau des Morgens, die Tiere des Feldes flohen gehetzt vor den Rotten der Böhmischen. »Das wird ein heißer Tag, denket an mich!« begann der Alte wieder. »Die Sonne steht schon hoch, schauet, auch der König späht nach oben! Und vom Feinde ist noch keine Helmzier zu sehen. Dort, gerade vor uns, wo sich das Land hebt gegen Mittag, auf der langgestreckten Höhe – fasset sie nur ins Auge! – dort wird auf einmal, ehe wir's uns versehen, die römische Sturmfahne emporfahren. – Und eine Klugheit ist's, Herr, wenn Ihr hernach an Euerm Streitrosse den Sattelgurt selbst noch einmal prüfet.« »Das tue ich heute wie immer,« antwortete Wok. »Ich verlasse mich niemals auf einen Knecht. Ihr meinet es gut mit mir, ich danke Euch.« »Ich habe Euern Vetter gekannt, den Grafen Wok,« sagte der Alte. »Gott sei ihm gnädig! Ihr tragt seine Züge. ? – Aber da sehet, sehet!« Senkrecht gegen die Königsschar jagte in rasendem Laufe ein Reiter und peitschte sein struppiges Roß. »Es ist ein Polaner. Der bringt wichtige Botschaft. Jetzt wird's Ernst. Wäre ich der König, jetzt geböte ich Halt.« Näher und näher kam der Reiter. Sein Roh keuchte unter klatschenden Peitschenhieben. Das Geplauder ringsumher war verstummt. Aller Augen richteten sich auf den Boten. Vor der Sturmfahne brach das abgehetzte Tier zusammen, der Pole sprang auf die Erde und rief dem Könige gellende Worte zu. »Dorthin sehet!« sagte der Alte. »Sehet, jetzt wird's da drüben lebendig. Sehet, wie die ungarischen Kumanen, die Falben, hin und her jagen auf der Landhöhe, das Gesindel, das wilde, unritterliche!« Ein langgezogener Hornruf fuhr durch die Luft. Der Standartenwagen hielt, und sein Mast zitterte. Wie gebannt hielten die Fünfhundert. Und mit Windeseile flogen die Hornrufe von Rotte zu Rotte; die Trommeln schwiegen, und die Haufen standen von der March bis an die gelben Hügel. Über der Landhöhe gegen Mittag aber zeigten sich allmählich blinkende Lanzenspitzen, wehende Fähnlein; Reiter in leuchtenden Gewändern tauchten empor, hier, dort, dann überall, in wogendem Gedränge! Sarjantenrotten kamen herzu in festgefügten Massen; und hoch über all dem Gefunkel und über den buntfarbigen Gewändern wiegte sich am schwankenden Maste im hellen Morgensonnenscheine die große, weiße Standarte des römischen Königs. Regungslos standen die Böhmischen und sahen hinüber auf ihre Feinde, und die Rosse streckten die Köpfe vor und schnaubten und wieherten. Wok hatte sich in den Bügeln gestellt, und seine Augen waren weit geöffnet. Der Alte aber neben ihm strich hastig den weißen Schnurrbart, bewegte murmelnd die Lippen, und rastlos fuhren seine prüfenden Blicke über das deutsche Heer. »Wenn der römische Fuchs sich nicht etwa halbiert und die eine Hälfte in den Hinterhalt gelegt hat, so kommen heute zwei von uns auf einen da drüben,« sagte er. »Und jetzt geht's los?« stieß Wok hervor und schickte sich an, vom Zelter zu steigen. »Gemach, Herr, das hat noch Zeit! Ritterliche Heere rumpeln nicht wie Strauchdiebe aufeinander,« warf der Alte hin und fuhr fort, zu schätzen und zu rechnen. Langsam zogen die deutschen Scharen einher, wie fernes Branden und Brausen drang es zu den Böhmen herüber, tiefer und tiefer schoben sich die Massen in die Ebene. »Seht Ihr den Bach vor uns, Herr, das Weidengebüsche meine ich, das von den Hügeln quer über die Wiesen zur March läuft?« »Ja, Herr!« »Wenn König Rudolf an diesen Bach rückt, dann wird's Zeit, die Sturmgewänder anzulegen.« »Und dann geht's los?« fragte Wok zum zweitenmal. »Bis alles gehörig in Ordnung steht – um die Mittagszeit, so schätze ich.« »Ach, so lange!« sagte Wok. »Wenn es Euch gefällt, so reitet der Seeberger heute Roß an Roß mit Euch, Herr. Ihr habt einen starken Arm, und ich kann Euch wohl so manchen Ratschlag geben? denn ich bin ein alter Knabe. Da käme dann keiner von uns beiden zu kurz. Schlaget ein!« Kräftig schlug Wok in die dargereichte Hand und sagte: »Ich danke Euch. Ihr meint es sehr gut mit mir.« Der alte Mann hielt die Hand des Jünglings fest, beugte sich herüber und raunte: »Gott segne den König! Um seinetwillen graut mir's vor dem heutigen Tage; denn, glaubet mir, man kann sie zählen, die es treu meinen mit Herrn Ottokar.« »Gott segne den König!« antwortete Wok und sah dem Alten traurig in die Augen. – – – Und es ritt also doch wieder ein Königischer neben einem Rosenreiter am selbigen Tage. * * * Hornsignale ertönten. »Nun wappnet euch, nun wappnet euch!« riefen die Hauptleute von Rotte zu Rotte, von Schar zu Schar. »Endlich!« murmelte Wok und sprang vom Zelter. Knechte liefen herzu und führten die ledigen Pferde zurück. Herrische Rufe durchkreuzten die Luft. Schweren Schrittes stapften die Kriegsrosse heran und nahmen wiehernd die verlassenen Plätze der Zelter ein. Eilend lösten die Knappen das Waffenzeug von den Sätteln und schleppten es dahin und dorthin, und die Sonne brannte herab auf die Felder. * * * »Heiliger Martin, hast uns einen heißen Tag beschieden!« brummte der Seeberger und fuhr tastend an Leib und Schenkel, die in dem gepolsterten Senfteniere staken. »Die Riemen enger,« befahl er, »daß ich's nicht verliere! – Das Huffenier, du Rind von einem Knechte! Glaubst du, ich will mir die Hüften lassen zerstoßen und schinden?« »Hier!« schrie der Knecht und umwand die dürren Lenden seines Herrn mit dem starken Polster. »Holla, die Hosen! Tummele dich!« befahl der Seeberger, ließ sich nieder auf den Rasen, legte sich auf den Rücken und streckte die langen Beine in die Luft empor. »Holla! Tummele dich! Meinst du, ich will mit meinen Beinen ein Loch in den Himmel stoßen?« »Lang genug wären's,« murmelte der Knecht und schleppte die Hosen heran. »Was?« schrie der Alte. »Hier, Herr!« schrie der Knecht, hob mühsam das schwere Bündel in die Höhe und brachte es in die richtige Lage. Der Alte äugte aus krebsrotem Antlitze scharf empor an seinen Beinen, brummte und hielt die Beine steif wie Speerstangen. »Los!« kommandierte er, und langsam und schwerfällig rollten die funkelnden Ringe herab und legten sich eng an die Schenkel, und sorgsam glätteten Knappe und Knecht. Herr Martin stand auf, wiegte sich bedächtig von einem Beine aufs andere, tat einen Zug aus der Zinnflasche und sah hinüber auf Wok. Der stand da, gewappnet vom Halse bis an die spitzigen Stahlschuhe, hochaufgerichtet, und weiß wie Schwanengefieder glänzten die Ringe an seinem Leibe. Die Knechte schoben ihm das wallende Haar unter die Ledermütze und hoben die blitzende Ringkapuze aus seinem Nacken empor. Der Jüngling gab kurze Befehle, tastete hierhin und dorthin und schaute dabei wie im Traume aus seinen großen Augen über den Rüstplatz, über die halbgewappneten Reiter, über die scharrenden Rosse, zu den gelben Hügeln gegen Abend. »Der Teufel auch, das geht mir allzu hurtig!« brummte der Seeberger. »Packet an!« gebot er den Knechten. Die griffen an die Hüftriemen, hielten die Eisenhosen und gingen mühsam neben dem Alten, der eilig auf Wok zustrebte. »Sorget Euch um nichts!« sagte der Witigone und lächelte wie aus einem engen Guckfenster aus der blinkenden Ringhaube hervor. »Wer wird denn das Finteil schließen, Herr?« schalt der Seeberger und griff unter das Kinn des Jünglings, und der breite Panzerstreifen löste sich von Mund und Hals und sank klirrend am Arme herab. »Wollt ihr euern Herrn ersticken, ehe der Tanz nur angeht?« schalt der Ritter die Knechte. »Ich habe es nur zur Probe geknüpft,« lachte Wok; »aber ich danke Euch.« »Die Schinneliere fehlen noch,« brummte Herr Martin und wies auf die unbewehrten Kniescheiben, wandte sich und stapfte mit den Knechten zurück an seinen Rüstort. Langgezogene Hornrufe fuhren durch die Luft und übertönten das Klirren und Schreien und Wiehern. »Flugs! Flugs!« trieb der Alte, während sie die Hosen zusammenschnürten. »Das erste Horn! Flugs! Wollt ihr, daß ich im Leinenhemde und in der Hose reite?« – »Die Brünne, die Brünne!« rief er, und klirrend sank das schwere Eisenhemd über Schultern und Brust herab bis auf die Schenkel. »Hurtig,« trieb er, »die Schuhe, die Platten, den Hut, die Mütze, die Sporen – hurtig, hurtig!« * * * Im glänzendweißen Waffenkleide stand der alte Mann und entfaltete das seidene, weiße Fähnlein und strich über die schwarzen Kugeln, die darein gestickt waren. Dann zog er einen graugrünen, verwitterten Fetzen, einen Frauenschleier, aus seinem Kleide, band ihn sorgsam unter die blinkende Spitze der Lanze, strich zärtlich darüber, beugte sich herab und hauchte einen Kuß darauf. Wok trat hinter ihn, und langsam wandte sich der Seeberger, schaute wieder prüfend an dem Gewappneten hinunter und hinauf an seiner Lanze, wo der weiße Wimpel mit der roten Rose hing, sah dem Jünglinge in die Augen, sah noch einmal hinauf am Lanzenschafte, räusperte sich, verdrehte die Augen, spitzte die schmalen Lippen, daß der borstige, weiße Schnurrbart stachelig nach vorne fuhr, und fragte mit zarter Stimme: »Herr, aber Herr, die Kampfessüßigkeit an Eurer Lanzenspitze? Saget an, auf welches holde Symbolum wollt Ihr denn heute reiten?« »Nun, ich denke, auf die Rosen? die sind mein Erbzeichen, Herr,« lachte Wok. »Die Kampfessüßigkeit,« sagte der alte Mann dringlich, »der Wunderholden flatternd Lanzenkleinod?« Ein zweiter Hornruf lies über die Rotten, von der March bis an die Hügel. »Zeit wird's,« brummte Herr Martin der Seeberger, bückte sich schwerfällig, griff dreimal in einen Maulwurfhaufen und warf dreimal eine Hand voll Erde hinter sich. »Tut's auch!« sagte er so dringend zu Wok, daß dieser sich bückte und wie der Alte die Erde im Bogen warf über seinen Scheitel. Nun hob Herr Martin die Lanze mit dem Wappenwimpel und mit dem verwitterten Schleier auf die Schulter, winkte Wok und schritt voran, zwischen den Reihen der gerüsteten Reiter hindurch, zu den stampfenden Rossen. * * * »Tarter, guter Tarter!« sagte Wok und trat neben den Schlachthengst. »Nicht einmal streicheln kann ich dich heute,« lachte er und schob die Hand unter die Decke an den warmen Kettenpanzer. »Armer Tarter, heiß, furchtbar heiß!« Das Roß wandte den Kopf, schnob und scharrte und warf den Kopf heftig in den Nacken, und der Stachel auf der Stirnplatte funkelte. Schweigend prüfte der Witigone den Sattelgurt, glättete die schneeweiße, seidene Decke und strich über die blutroten Rosen. »Dein Festkleid, Tarter,« sagte er leise, nahm dem Knechte die Zügel aus der Hand, griff mit der Linken auf den Sattelknopf und saß mit einem Sprunge auf seinem Rosse. Im Mittagsonnenscheine dehnte sich das weite Feld, und drüben und herüben, bei den Römischen und bei den Böhmischen, war ein Flimmern und Gleißen und Blitzen, als ob Schnee und Eis auf allen den tausend und tausend Hüten und Schilden und Gewändern läge. – – Wie die weißen Engelskinder Reiten wir in Glanz und Schein Flügellos auf Windesflügeln Hurtig in den Feind hinein! summte der Seeberger im Tone eines Fahrenden, und Wok sah lächelnd hinüber auf die lange, dürre Gestalt und auf das lederfarbene Angesicht. Dann aber hob auch er leise die Stimme und sang unter dem Rufen und Klirren ringsumher: Ich reit' im Eisenkleide Mit Schild und Rose zu Tal. Da winken Wiesenblümlein Und prangen und duften zumal. Verzeiht, ich kann nicht rasten, Ihr Blümlein blau und rot, Muß eilig weiterfahren – – Wohin – das weiß nur Gott. Doch trau' ich seiner Gnaden, Dem Schwert und dem blitzenden Schild, Und trau' der Witekrose Fünfblätterig-glühendem Bild. Gott's Huld und die Rose, die reine, Die beide regieren mein Herz, Und sterbend will ich schauen Zur Jungfrau himmelwärts. Ein Schauer lief über seinen Leib. »Herr!« sagte der Alte, beugte sich herüber und sah in das bleiche Antlitz des Jünglings, »Herr, es ist heißer Mittag; hat Euch das Lied erkältet?« Mit blitzenden Augen schaute Wok auf Herrn Martin, warf das Haupt in den Nacken und stieß hervor: »Das Warten, das lange Warten!« »Trinket!« rief der Alte und reichte die Zinnflasche herüber. »Zuerst Ihr, Herr, dann ich!« sagte Wok. »Unsere Huldinnen!« murmelte der Seeberger und trank. »Die schwarzen Kugeln und die rote Rose!« rief Wok und tat einen Zug.– »Das Lied vorhin hat mir gefallen,« sagte Herr Martin. »Das Rosenlied?« rief Wok. »Wir nennen's das Rosenlied, und es wird überall gesungen, wo Witekkinder wohnen. Sie singen's auf der Reise, sie singen's nach der Jagd, sie lullen die Kleinen in den Schlaf damit. Man sagt, der Liechtensteiner hat's gemacht.« »Der Liechtensteiner?« fragte der Alte und leckte sich die Lippen – Wok wußte nicht, ob wegen des Weines oder wegen der Kunst. »Der große Sänger!« fügte der Seeberger andächtig bei. »Ob er groß gewesen ist, das weiß ich nicht,« sagte Wok. »Ich kenne nur das eine Lied von ihm, und das gefällt mir, weil's auf die Rose geht. Aber bei uns in der Krummenau erzählen die Leute, daß er ein großer Narr gewesen sei.« »Das versteht Ihr nicht, Herr; Ihr seid zu jung dazu,« antwortete Martin der Seeberger in kaltem Tone, und langsam fuhren seine Blicke empor am Schafte der Lanze bis dahin, wo die süße Kampfeszier hing in der Hitze des Mittags. * * * Über den grünen Plan draußen im Angesichte der Fünfhundert des Königs kamen in Eile schwarze Mönche. Am Standartenwagen machten sie Halt, ihr Kreuzträger stieß das Kreuz in den Rasen. Stille ward's weithin, und mit gesenkten Häuptern saßen die Gewappneten in den Sätteln. Ein kleiner, junger Mönch trat hervor aus der Schar seiner Brüder, riß ein schwarzes Holzkreuz aus seinem Skapuliere, hielt es hoch in die Luft und rief mit heller Stimme in deutscher Sprache: »Nun höret allzumal, ihr Herren, Ritter und Knechte! Gott Vater, Sohn und heiliger Geist sei mit euch allen, Amen. Ihr sollt mannlich fechten und euch nimmermehr fürchten; denn ihr fechtet für gutes Recht. König Rudolf will sicherlich stecken ganz Böhmenland und Mährenland in seinen Sack. Da sei Gott vor, daß dieses geschehe! Und darum sollt ihr tapfer fechten, und unsere liebe Frau wird euch verhelfen zum frohen Sieg. Und derweilen ihr reitet, heben wir die Hände auf und lassen nit ab mit Beten und Schreien. Wär' aber etwa dem und jenem zu sterben gesetzt, so wird sich seiner erbarmen die heilige Jungfrau und wird ihre Engelein schicken, daß sie seine arme Seel' heben aus dem Feuer und tragen zu den himmlischen Freuden. Amen!« So sprach und predigte der kleine Mönch mit weithinschallender Stimme, die heiße Sonne fiel auf seinen kahlen Scheitel, mit der Linken strich er den Schweiß von der Stirne, dann hob er beide Arme hoch empor und breitete sie segnend aus gegen die Schar. Die Ritter und Herren ringsumher bekreuzigten sich, in Eile schritt der schwarze Zug weiter gegen Abend, singend und betend; die Kutten schwangen sich an den Leibern der Mönche, das Singen und Beten erstarb im Klirren des Eisens. * * * Stahlblau wölbte sich der tiefe Himmel, und es war, als hüpfte die heiße, flimmernde Luft. Gleich einer Wetterwolke hing das römische Heer am langgestreckten Abhange, und gleich einer zweiten Wetterwolke stand König Ottokars Streitmacht quer über der weiten Ebene. Und es legte sich die Ruhe über die gewappneten Rotten, sie bändigte das Schnauben und Wiehern der Rosse, starr saßen die gepanzerten Kämpfer, tausend und tausend Augen schauten geradeaus, immer geradeaus auf die Wolke da drüben, auf die Wolke da drunten. – Wohl lag die Ruhe auf den gewaltigen Scharen, unter Eisen und Linnen und Seide aber pochten in Unruhe tausend und tausend Herzen, und hinter den heißen Stirnen jagten sich die Gedanken. Und unsichtbare Gestalten schlichen sich herein in die Eisenreihen, schmiegten sich an das Roß und pflogen Zwiesprache mit dem Reiter, leise, leise. – Großer Gott, wie viele, wie unzählige Gestalten: junge Frauen mit verweinten Augen, alte Mütterlein, gebeugt am Stabe – wie sie nur sich herangetrauten? – alte Mütterlein mit welken Gesichtern. Und die jungen Frauen hoben Kindlein, lallende Kindlein hinauf zum letzten Gruße, Kindlein mit roten Lippen, mit runden, weißen Ärmchen, mit lachenden Augen. – ? Zwiesprache pflogen sie, unhörbare Zwiesprache in der Ruhe vor dem Kampfe, in der funkelnden, blitzenden, buntwimpeligen, in der fürchterlichen Ruhe vor der mörderischen Schlacht. Weiße Lämmlein schwammen hoch, unendlich hoch über dem grünen Felde und zogen friedlich auf ungebahnten Wegen. Unten aber standen sie sich gegenüber. »Wie zwei Stiere!« sagte Wok, und es war, als erwachte er aus tiefem Träumen. »An der March und an den Hügeln die Hörner –« »– wir aber in der Mitte und die Königischen drüben in der Mitte die Stirnplatten!« vollendete der Seeberger. »Und da gibt's die stärksten Stöße, Herr! Auch werden die Bremsen nicht fehlen, wenn die Stiere aneinander geraten: Nehmet Euch in acht – seht Ihr die wilden Haufen, die da drüben an den Hügeln auf und nieder wogen? Die reiten herzu, es sind die bösen Falben, und ehe du dich's versiehst, sitzt dir der Pfeil im Fenster.« »Was tun?« fragte Wok und schaute die Reihen hinauf und hinunter, und seine Augen glänzten. »Den Kopf aus dem Nacken, das Kinn auf die Brust, das Helmdach voran, wenn sie schwärmen – dann sollen sie herschießen!« sagte der Seeberger. »Will's tun,« meinte Wok; »aber was liegt mir viel an meinem Leben?« »Je älter Ihr werdet, desto wichtiger wird Euch das Leben sein,« erwiderte der alte Mann. * * * Hornrufe erklangen von den Hügeln her. Ein Reiterzug kam an der Front der Schlachtreihen herauf. Die Trommeln rasselten von Schar zu Schar, die Posaunen ertönten, die Fähnlein schwangen sich zum Gruße, und auf seinem milchweißen Rosse ritt der König die Reihen entlang. Mit starren Augen sah Wok hinaus in die Ferne und sah nur noch die lichte Gestalt des Helden. – ? ? Langsam setzte sich die Sturmfahne in Bewegung, von der March bis zu den Hügeln riefen die Hörner ihre wilden Weisen, drüben vom Abhange herab wälzten sich immer noch wimmelnde Scharen zu Tale, und auf der goldenen Helmzier des Königs funkelte der Sonnenschein, als schösse Feuer empor aus glühendem Metalle. Wie Meeresbranden scholl vieltausendstimmiger Gesang über das Blachfeld zu den Böhmen herüber, klagender, bittender, heischender Gesang, dräuend spannte sich die unermeßliche Bläue des Himmels über der Wahlstatt, und die Heere stapften gegeneinander. »Träumt Ihr, Herr?« schrie der Seeberger. »Löset den Helm und sprechet den Segen!« »Was singen sie?« fragte Wok, und seine Finger lösten den Helm vom Sattel, und liebkosend streichelte er den glänzenden Stahl. »In Gottes Namen fahren wir, Seiner Gnad' begehren wir –« antwortete der Seeberger. » Hospodin, Hospodin, pomiluj ny! " schrie einer, schrieen zehn aus dem böhmischen Heere, und brausend hob sich aus der Schar der Fünfhundert der Ruf: »Herr, Herr, erbarme dich unser!« » Hospodin, Hospodin, pomiluj ny! « pflanzte es sich fort, lief die Reihen entlang und hallte zurück von den böhmischen Haufen am Fuße der Hügel. Und von drüben her, aus den Rotten des römischen Heeres, kam es wie grollender Donner, immer näher und näher, gleichmäßig wie aus einem einzigen, riesengroßen Munde, das uralte Lied der Kreuzfahrer: »In Gottes Namen fahren wir, Seiner Gnad' begehren wir. Nun helf' uns Gottes große Kraft Und das Grab, darin er lag. Kyrieleis! Kyrieleis! Christeleis! Das helf' uns der heilig' Geist Und die wahre Gottesstimm', Daß wir fröhlich fahr'n von hinn'! Kyrieleis! Heil'ger Petrus, steh uns bei, Wenn wir sollen sterben, Mach uns aller Sünden frei, Laß uns nit verderben; Vor dem Teufel uns bewahr, Reine Maid Maria, Führ uns zu der Engel Schar, Halleluja, Amen! In der Mitte aber, im sonnigen Blachfelde, stießen die Gesänge hart aufeinander – und alle die Tausende wollten den Himmel stürmen mit ihrem betenden Schreien, und am Himmel leuchtete die Sonne und schickte sengende Strahlen aus die Erde. – ? Die Sturmfahne stand, die Trommeln rasselten, die Rotten hielten hüben und drüben. »Helm auf! Helm auf!« schrieen die Rottmeister – der Gesang verstummte, die Helmfässer sanken über die Häupter – ? und es gab nicht Alte mehr und nicht Junge, es standen hüben und drüben nur noch eiserne Männer mit unbeweglichen, eisernen Angesichtern, aus wilden Augenlöchern schaute der grauhaarige Alte und schaute der blondlockige Jüngling, und es gab nur noch ein einziges Wort, auf das sie alle warteten hüben und drüben – vorwärts! – Vom Reichsheere trabte ein roter Reiter heran. In der Mitte des Feldes hielt er, schwang die Lanze mit dem flatternden Fähnlein und schrie mit dumpfer Stimme aus dem Helmfasse: »Hera her! Hera her!« Einer von den Fünfhundert ritt aus seiner Rotte, trieb das Schlachtroß an, legte die Lanze ein, trabte, galoppierte, jagte gegen den Anstürmenden – und ihre Lanzen zersplitterten. Jubelrufe tönten hüben und drüben, Tausende und Tausende harrten in drohender Ruhe und schauten einander aus der Ferne in die Helmfenster, tausend und tausend Rosse schnaubten und scharrten und stiegen – und zwei Speere waren in Splitter gegangen, zwei glänzende Reiter wandten ihre Rosse im Blachfelde und ritten grüßend im Bogen zurück. Da jagte wieder ein Reiter aus dem Reichsheere über den Plan. Der hatte sich weit zurückgelegt im Sattel, seine Lanze ragte nach oben. Näher und näher kam er. »Harra! Harra!« riefen die böhmischen Rotten. Auf die Sturmfahne zu jagte der scheue Gaul. Lachend schwangen die Böhmen ihre bewimpelten Lanzen. Der Reiter bekam Gewalt über das Roß, legte die Lanze ein, wandte sich hart vor den Königischen und rannte mitten auf eine brandenburgische Rotte. Wok stand in den Bügeln, er hörte das Krachen der brechenden Lanze, er sah den fremden Reiter zu Boden sinken. Wilde Rufe kamen von drüben. Ein starker Keil löste sich aus dem Reichsheere und trabte mit dumpfem Schlachtgeschrei über den Plan. Die Hörner lockten, Befehle flogen. »Budweis und Prag!« erscholl es aus den brandenburgischen Scharen, und mit Rasseln trabte eine Rotte hinaus ins Feld. Im Keile ritten die Haufen gegeneinander, die Spitzen stießen aneinander, weithin tönte das Krachen der Speere, die Helme blitzten, die Mäntel flatterten. Rosse stiegen und überschlugen sich und wälzten sich auf dem Rasen. Die letzten Reiter drückten auf die vordern Reihen, wogend rangen die Haufen und stauten sich. »Budweis und Prag!« schrieen die Böhmen, die hinten in der Schlachtreihe hielten, und ihre Rosse schnaubten dazu, und draußen im Felde fielen die Schwerter auf die eisernen Helmfässer, und es hob ein Hämmern an und ein Schlagen und Klopfen, hell und scharf, als wären reisige Schmiede aneinander geraten, und zwischenhinein tönten dumpfe Schläge, die Morgensterne sausten nieder auf die dröhnenden Helme, und Todesnacht senkte sich da und dort über brechende Augen. Der Witigone aber saß wie im Traume, und über alles Hämmern da draußen klopfte sein Herz unter dem Ringhemde, als wollte es zerspringen. »Ich rate Euch, Herr, haket das heiße Helmfaß ruhig wieder an den Sattel,« sagte der Seeberger und hob den eigenen Helm vom Schädel. »Es hat noch Zeit, und die Sonne brennt wie im gelobten Lande.« Wok löste das Helmband und nahm den Helm ab. Seine Wangen glühten um die Wette mit den gestickten Rosen auf seinem Kleide, und wortlos hob er sich wieder in den Bügeln. * * * Vieltausendstimmiges Geschrei kam durch die heiße Luft herüber von den westlichen Hügeln. Wok wandte das Haupt und sah buntwimmelnde, blitzende Scharen hervorbrechen aus König Rudolfs Heere, und auch die gewaltige Wetterwolke der Böhmen schob sich dort, wo sie an die Hügel stieß, auseinander, und Rotte auf Rotte rückte gegen den Feind. Wok sah, wie die Rosse ihre Flanken peitschten, wie die Fähnlein flatterten – alles war so ferne und war so klein und war anzuschauen wie ein lebendiges Bild. »Jetzt heißt's, die Ungarn werfen, sonst drücken sie die Unsern zurück übers Feld, in die March!« stieß der Seeberger hervor, der unverwandt zu den Hügeln blickte. »Jetzt gilt's, jetzt gilt's!« rief er heftig. »Jetzt zeiget, ob ihr etwas taugt, ihr Slavenvolk; beißet euch ineinander mit euern Erbfeinden! Schlaget drauf, laßt sie nicht durch! Die Ungarn sind's – ihr oder sie! Werden sie Herren über euch, dann kommt keiner mit dem Leben davon; und wenn ihr tot daliegt, dann schneiden sie euch noch die Köpfe vom Leibe und stecken sie in ihre Säcke.« – »Schlaget, Schlaget!« rief er, als könnten's die an den Hügeln hören, und nahe draußen im Felde schlugen Brandenburger und Römische den Takt dazu, drängten sich die Haufen hin und her, schiebend und stoßend und schreiend. Und wieder stoben Königsboten von den Hügeln heran die Reihen entlang bis zur Sturmfahne und stoben zurück zu den Hügeln. »Ach, heiliger Martin!« seufzte der Seeberger und deutete auf die Sturmfahne. »Sehet doch, Herr Wok, wie schlaff sie am Maste hängt! Käme nur ein Lufthauch und wollte in diese Hitze fahren!« – Die Brandenburger im Felde draußen wankten; neue Rotten lösten sich aus der böhmischen Schlachtreihe und trabten mit Geschrei gegen den Feind. »Budweis und Prag!« riefen die ermüdeten Kämpfer und schwangen mit frischen Kräften die Schwerter. Drüben im Reichsheere aber rasselten die Trommeln, Posaunen und Hörner fuhren lockend darein, Scharen mit wehenden Fähnlein bewegten sich und schoben sich blitzend heran, und die kämpfenden, wogenden, hämmernden, schreienden Rotten im Felde wuchsen zum Heere. * * * »Sehet, sehet, sehet, die Unsern siegen! Sehet doch, da draußen! Und hört Ihr nicht das laute Geschrei ›Budweis und Prag‹?« rief Wok. »Und an den Hügeln weichen die Böhmen, Gott sei uns gnädig!« sagte der Seeberger langsam, warf einen Blick auf die Schlacht gegen Mittag und sah dann wieder unverwandt hinüber gegen Abend, wo im blauen Dunste die Scharen wogten. Boten flogen auf schäumenden Rossen gegen Morgen und Abend, und sichtbar vor aller Augen hielt König Ottokar auf seinem scharrenden Rosse und lenkte die Schlacht. »Sie fliehen, sie fliehen!« rief Wok und griff nach dem Arme des Alten und wies geradeaus ins Feld. Und »harra! harra!« löste es sich von hundert und hundert Lippen, und unaufhaltsam drängten die brandenburgischen Rotten den römischen Feind gegen Mittag. Aber regungslos saß der Seeberger im Sattel; kein Zucken ging über sein scharfes Angesicht, festgeschlossen war sein Mund, unaufhörlich spähten seine Augen in die Weite – – »Da, Herr,« schrie er plötzlich, »jetzt kommt der Tanz an uns!« Und Wok sah, wie sich fern über dem Grunde ein großes Geschwader vom Reichsheere trennte, er hörte die Posaunen schallen, er sah die Lanzenfähnlein flattern – und es dünkte ihm auf einmal alles ringsumher ein Traumbild zu sein, Schauer liefen über seinen Leib, der doch dampfte unter der Rüstung, und im Traume hörte er gellende Befehle, im Traume die wilden, langgezogenen Rufe der Hörner ringsumher, im Traume sah er den König winken – ? »Helm auf, ihr Herren!« schrieen die Rottmeister, und auf den Häuptern aller grinsten die schwarzgelochten, blinkenden Eisenfässer, und mit dumpfem Dröhnen und hartem Klirren ritt die reisige Schar über den Grund, Roß an Roß, Knie an Knie. Und schwerfällig trabten die Rosse und schnaubten, und hoch über den schweigenden Reitern flatterten die bunten Wimpel, funkelten die Stahlspitzen der Sonne entgegen, und die Sonne brannte hernieder mit aller Glut. Wok saß, seine Linke hielt Schild und Zaum, seine Rechte umklammerte den Schaft der Lanze – und der Traum war verflogen. Gleich den Wellen eines Stromes rollten die Schlachtkeile dahin; wie die Wellen rauschen, so schnaubten und keuchten die Rosse und zerstampften die Erde; wie die Wellen sich heben und senken, so galoppierten die Rosse über den Grund; wie die Segel sich blähen im Winde, wie die Wimpel wehen, so blähten sich die hellen Gewänder der Herren, so wehten die Fähnlein – und mitten in dem Haufen blitzte der goldene Löwe auf König Ottokars Helme – ? ? und so fuhren sie hinein in die Schlacht, als schössen sie dahin auf glitzernden Wellen zum Meere – Helm auf! Helm auf! Treibt die Rosse mit Macht In der Jungfrau Namen Hinein in die Schlacht! Hilf uns, Herr Christe, streiten, Dieweil wir müssen reiten – Und führ uns durch die Todesnacht! An Weib und an Kind, Wir denken nicht dran, Wir sehen nur eines: Da rasselt's heran! Hilf uns, Herr Christe, streiten, Dieweil wir müssen reiten – Bist du bei uns, ist's wohlgetan! Wir lachen euch Hohn – Denn stark ist die Wehr: Am Leibe die Brünne, Im Herzen die Ehr'. Hilf uns, Herr Christe, streiten, Dieweil wir müssen reiten – Auf dich schaut all das arme Heer Helm auf! Helm auf! Treibt die Rosse mit Macht In der Jungfrau Namen Hinein in die Schlacht! Hilf uns, Herr Christe, streiten, Dieweil mir müssen reiten – Helm auf – es ist gar bald vollbracht! * * * Im Keile waren sie angeritten, die Vordersten waren aufeinander gestoßen, die Wogen waren in donnerndem Gusse ineinander gestürzt. Die Vordersten sanken von den Rossen, die ledigen Rosse bäumten sich und zerstampften den Rasen und zerstampften die Leiber ihrer Herren, begierig drückten die hinteren Reihen heran an den Feind, die Schwerter blitzten, die Helme krachten, die Trompeten schmetterten, dumpf schrieen die Recken aus ihren Fenstern hervor, die Fähnlein flatterten. Und aus den keuchenden Leibern der Rosse und Reisige stiegen Dämpfe empor und lagerten sich über den Kämpfenden, und die Rosse rochen das Blut, das sie aus den Leibern der todwunden Helden stampften, und sie schnaubten und ängstigten sich. – Neue Scharen lösten sich aus dem böhmischen Heere und drängten sich in den wühlenden Kampf, langsam schwankte die grüne Heerfahne vorwärts, und langsam drückten die Königischen und die Brandenburger, die Thüringer und die Bayern gegen die Eisenreihen der Feinde und drückten sie gegen den Bach, wieder und wieder kamen gellende Hornrufe durch die schwüle Luft, und mit Macht spornten die Böhmischen ihre Rosse, hieben mit Kolben und Lanzenstumpfen und Schwertern darein. – So steigt das schäumende, zischende Wasser empor am schützenden Damme und drückt und bohrt, steigt höher und höher, löst Scholle von Scholle und stößt aufs neue und wühlt aufs neue – – der Damm bricht, und die Wasserflut stürzt durch die Bresche und wälzt sich hinunter aufs Land. – – – Tausendstimmiges Geschrei brandete ineinander – – – – auf jagenden Rossen brachen sich die Böhmen den Weg durch die Feinde. * * * »Heia, erster Stich!« keuchte Herr Martin aus dem Helme hervor. »Aber wo ist der König?« »Da drüben!« rief Wok, warf den zerbrochenen Lanzenschaft zur Erde und riß das Schwert aus der Scheide. »Er hat den Helm abgenommen – aber sehet nur, dort hält er, und neben ihm Herzog Niklas – ich kenne das rote Kleid!« »Kehret euch!« schrieen die Rottmeister, und aufs neue ordneten sich die Ritter in Keilen. »Seid Ihr unversehrt, Herr?« fragte der Seeberger. »Ganz unversehrt,« antwortete Wok. »Aber mir ist's, wie wenn ich im Feuer ritte. Der Sonnenbrand, die Glut! Mir ist's, wie wenn man Fackeln schwänge hart vor meinen Fenstern.« »Mut!« sagte der Seeberger. »Uns ist in alten Mären wunderviel geseit von Helden lobebären und großer Kühnheit! – Mut! Mut! Schauet doch hinaus vor Euch, das nenne ich einen Puneis! Und dazu hat jeder von uns geholfen.« Das Feld zwischen den Siegern und der Sturmfahne, die gegen Mitternacht stand, war besäet mit gefallenen Rossen und Reitern, haufenweise lagen die Leiber aufeinander, wo die eisernen Scharen zusammengestoßen waren, und in den Totenhügeln regten sich die letzten Reste des Lebens, Rosse schlugen im Verenden in die Luft, Verwundete krochen auf Händen und Füßen über den Rasen. Die Königischen setzten sich fest in den Sätteln, und in ihre Mitte ritt langsam König Ottokar. Die versprengten Feinde sammelten sich im Felde draußen, wieder klangen die Hörner. – Da schrien auf einmal die Rottmeister mit gellenden Stimmen »kehret euch! kehret euch!« und schwangen ihre Schwerter und wiesen gegen Mittag. Schnaubend wandten sich die Rosse unter dem Schenkeldrucke der Reiter, im böhmischen Heere rasselten die Trommeln, und die Posaunen riefen, im Laufschritte rückten die Sarjanten auf den Plan – von Mittag aber wälzte sich ein großes Reitergeschwader gegen König Ottokar heran, und der Erdboden dröhnte unter den stampfenden Hufen. »Hera her! Hera her!« schrien die Böhmischen, schwangen die Schwerter und ritten gegen den Feind. »Budweis und Prag!« – »Rom und römisch Reich!« – so stießen die Scharen aufeinander, und von neuem begann das furchtbare Hämmern. Mitten in der Schar, Knie an Knie mit dem Alten ritt Wok. Freunde und Feinde keilten sich ineinander, die Rosse stiegen, die Helmdecken flatterten, die Waffen blitzten, die Getroffenen schrien, die Sonne brannte, und die heiße, heiße Arbeit rückte vorwärts. Da tauchte vor den Augen des Jünglings ein riesiger, schwarzer Reiter empor; der schwang den Morgenstern über dem Haupte und trieb sein mächtiges Roß durch den wogenden Haufen; Wok sah sie nacheinander fallen, die dem Schwarzen hindernd im Wege standen, über all das Krachen und Hämmern ringsumher hörte er den Morgenstern krachen auf den Eisentöpfen, näher und näher kam der Furchtbare – Wok schwang das Schwert – – da bäumte sich das schwarze Roß hoch auf über dem Haupte Tarters – – – ein Schwarm Funken stob aus den Augen des Witigonen, das Schwert entsank dem schlaffen Arme, die Sinne schwanden dem Getroffenen, lautlos glitt er hinab in die Tiefe, und das Roß des Schwarzen sprang weiter in großen Sätzen, der schwere Morgenstern bahnte ihm den blutigen Weg, und weiter und weiter brandete die Schlacht. * * * In einem Haufen gefallener Rosse und Männer lag Wok. Neben ihm stand Tarter und schnob über die Fenster seines Helmes. Langsam rührte sich der Witigone unter der Last seiner Rüstung, mühsam zog er die Beine unter den Leichen hervor, hob den Oberkörper und spähte über das schimmernde Feld. »Wasser! Um der Jungfrau willen, Wasser!« stöhnte ein Gefallener vor Wok und ritz mit seinen letzten Kräften am Härseniere des Helmes. Schwerfällig kroch Wok über den Rasen, löste dem Reiter den Riemen und zog den Helm herab. »Armer Mann«, sagte er, »ich habe nicht einen Tropfen. Die Zunge möchte mir selber verdorren.« – Und stöhnend schloß der Todwunde die Augen. – Im weiten Kreise ringsumher trieb die Schlacht ihr tosendes Spiel, mitten in dem ungeheuern Wirbel lag einsam der Haufe stiller Toter und ächzender Verwundeter – ein Haufe dürrer Blätter im Wirbelwinde des Herbstes. Vorsichtig hob sich Wok auf die Kniee, lockte sein Roß heran, spähte, ob der Gurt noch fest sitze unter der zerfetzten Decke – und schrak zusammen, warf sich zu Boden und lugte ins Feld hinaus. Von Abend her jagte eine Rotte schwergepanzerter Böhmen, und mit gellendem Geschrei stürmten hinter und neben ihnen Schwärme kumanischer Schützen auf kleinen Rossen. Näher und näher kamen sie, der Boden dröhnte; dichtgedrängt, gleich einer fliehenden Herde rasten die Ritter, wie Schwärme stechender Hornissen sausten um sie her die windschnellen Barbaren, schrieen und schütteten ihre Pfeile über sie hin. Wok hörte die trockenen Sehnen prasselnd erklingen, es war, als flögen Schwärme klappernder Störche über das Blachfeld. Und die Falben schossen sicher, als schössen sie daheim vor dem Pußtadorfe nach Scheiben. Sie jagten einher, die Bäuche ihrer Rosse schienen den Boden zu streifen, sie ballten sich in zwei große Haufen und ritten ihren Opfern weit voraus, machten Kehrt und ritten schrägher in kurzem Trabe gegen die Gepanzerten. Und die Ritter standen fest im Knäuel, und nach allen Seiten starrten, gleich den Stacheln eines Igels, ihre Lanzen. Wilde Rufe zitterten durch die Luft, hundertstimmiges Geheul antwortete. Die Kumanen stoben auseinander, zogen einen weiten Ring um die Böhmen, und wie die Jäger den Eber umstellen im Dickichte und die Hunde hineinhetzen, so schütteten die Pußtareiter ihre Pfeilschwärme hinein auf die Todmüden – und in der eisernen Schar schlugen die getroffenen Rosse, stiegen und brachen zusammen, ein Speer nach dem andern sank ungenützt zur Erde, und die Bogensehnen klapperten höhnend darein. Mühsam rottierten sich die letzten Böhmen zum Keile, senkten die behelmten Häupter und stürmten gegen Morgen – wie Spreu stoben die Kumanen auseinander, jagten vor ihnen her, an ihren Flanken, in ihrem Rücken, und wieder da und dort schlug einer von den Eisenreitern mit dem Pfeile im Fenster aus dem Sattel, sein Roß aber raste weiter mit dem Haufen der anderen und riß hinter sich her den stillen gewappneten Mann wie toll in brausender Eile – und nahe vorbei an Wok wälzte sich die dröhnende Jagd über die blutbespritzten Felder zu den stillen, silbergrauen Weiden der March. * * * Ledige Rosse sprengten kreuz und quer über das Blachfeld, gepanzerte Reiter kamen von Abend her und strebten hin zu der meergrünen böhmischen Sturmfahne, die in der Ferne emporragte aus einem Kranze uralter Weidenstümpfe. Noch einmal schaute Wok hinaus nach allen Seiten, dann ergriff er ein nacktes Schwert, das zwischen den Leichen glänzte, kroch hin zu seinem Rosse, richtete sich auf und sprang in den Sattel. »Tarter, guter Tarter!« rief er und setzte die Sporen ein. Und in großen Sprüngen trug ihn das Tier über Stoppeln und Wasen. »Er lahmt,« murmelte der Reiter. »Halt aus, Tarter, nur jetzt noch halt aus!« Starke Reitergeschwader standen gegen Abend. Tarter wieherte auf und drückte links ab. Mit aller Kraft zwang ihn der Reiter in die gerade Bahn, hin zur Sturmfahne, unter die Weiden. Fernher von der March jagten die kleinen Kumanen zurück. Wok maß den Weg – dort mußten sie auf ihn stoßen. Zu rasendem Laufe trieb er sein wundes Roß und murmelte: »Halt aus, Tarter, halt aus!« Immer näher, immer näher kamen die wilden Gestalten. »Wenn mich der Seeberger sieht, dann ist alles gut!« keuchte Wok und schwang winkend sein blitzendes Schwert, und Tarter raste dahin. – Wok hörte die gellenden Schreie zur Rechten, er lag auf dem Halse des Rosses, er spähte unablässig aus den Helmfenstern, geradeaus, auf jede Furche, auf jeden Graben – und hinter ihm, über ihm, vor ihm ging pfeifendes Schwirren durch die Luft – – »Tarter, halt aus, halt aus!« Mit Geschrei trennte sich ein Reiterhaufe von der böhmischen Sturmfahne. »Tarter, halt aus, halt aus!« Näher kamen die Freunde, das Schwirren und Pfeifen in den Lüften erstarb, schwächer und schwächer ward das gellende Falbengeschrei. – Vor den böhmischen Reitern brach der dampfende Tarter sterbend zusammen. * * * Von seinem frischen Schlachtrosse schaute Wok hinaus über das Feld. Tief über den gelben Hügeln stand die Sonne. Gegen Abend und gegen Mitternacht wogten die Haufen in wildem Kampfe. Im Süden standen starke Geschwader in Ruhe – über diesen ragte die Sturmfahne des römischen Heeres. Viel Reiterei, viel Fußvolk hielt noch rings um die alten Weiden her, aber die glänzende Schar der Fünfhundert selbst war zusammengeschmolzen in der Hitze des Tages. »Wo ist der Seeberger?« fragte Wok einen der Herren, der nahe bei ihm stand. »Ich weiß es nicht. Vor einer Stunde habe ich ihn noch beim Könige gesehen.« »Mir ist, als drehte sich alles im Kreise,« sagte Wok. »Mein Schädel schmerzt mich, als wollte er zerspringen. Und wohin ich schaue, nirgends mehr finde ich mich zurecht.« »Weil sich die ganze Schlachtordnung gewendet hat seit zwei Stunden,« sagte der andere. »Zuerst waren wir gegen Mittag gerichtet, jetzt sind die Böhmen an den Hügeln geschlagen, und wir schauen gegen Abend. Ein bös Ding, diese stechende Sonne im Angesichte!« »Noch verstehe ich nicht alles,« stieß Wok hervor. »Seit zwei Stunden, sagt Ihr? So lange bin ich im Felde gelegen?« »Wir haben harte Arbeit getan, seit Euerm Sturze, glaubet mir's!« antwortete der Reiter. »Ich war in Eurer Nähe, als Euch der Schwarze zu Boden schlug. Sein Roß kam nicht mehr weit; es fiel und begrub den Herrn unter seiner Last. – Den König hättet Ihr sehen sollen! Wie ein Rasender hat er gekämpft; möchte sie nicht zählen, die er mit seinem Kolben niedergeworfen hat. Immer tiefer ritt er in den Feind hinein; wir andern überall hinter dem goldenen Löwen her. Mit uns die Polen. Wir werfen die Römischen über den Bach. Ein Geschrei hebt an, der römische König sei gefallen. War auch gefallen, rafft sich aber auf und entkommt. Nahe an die Hügel zwischen Abend und Mittag, dort, sehet, wo des Ungarnkönigs Zelt steht und die Fahne ragt mit dem springenden Rosse, dorthin treiben wir die Feinde. Herr Ottokar läßt zum Halten blasen. Wir stehen und verschnaufen uns, wir und die Polen, und pflegen Umschau. Da auf einmal, wir denken an keine Gefahr, rufen fremde Hörner über die Hügel herüber, wir packen gerade noch die Schwerter fest, vor unsern Augen blitzt es auf und jagt hervor zwischen den Hügeln, fährt in unsere Rotten wie der Sturmwind, schneidet sie auseinander, wie wenn der Wamsschneider mit der Scheere durchs Tuch reiht – es ist die römische Nachhut. Hebt ein ungleicher Kampf an. Was zersprengt war vom römischen Heere, wendet sich alles gegen uns mit frischen Kräften. Hart neben dem Könige fällt der Herzog von Troppau – ob er tot ist, wer weiß es? Währet lange, bis wir weichen. Aber weichen müssen wir; kommen ja zwei Römische auf einen von uns. Was nicht in die March gesprengt wird – schauet, gegen Morgen kämpfen noch etliche Haufen! – das strebt mit dem Könige zurück unter die Sturmfahne.« »Und ich war nicht bei diesem Tanze!« rief Wok. »Habt Eure Pflicht getan, Herr, wacker getan,« sagte der andere. »Unsere Hoffnung beruht jetzt ganz allein auf der Nachhut. Seht Ihr den König, den armen König, wie er Ausschau hält nach Gojar hin? Nimmt mich wunder, daß Herr Milota noch nicht zur Stelle ist mit der Nachhut. Der Weg ist ja noch frei bis nach Gojar – sehet selber! Und die Nachhut wäre eine großmächtige Schar.« – Ein Reiter jagte von Gojar her zum Könige. Kurz war die Botschaft. Aller Augen richteten sich auf Herrn Ottokar. Der senkte das Haupt. – Wok trieb sein Roß näher an die Sturmfahne. Der Bote wandte sein Roß und ritt zurück. Der Witigone sah ihn scharf an und schrak zusammen. »Der Jungfrau sei Dank!« sagte der Seeberger mit heiserer Stimme. »Ich hätte keinen Pfennig mehr für Euer Leben gegeben. Der Jungfrau sei Dank!« Wok starrte dem Alten ins Antlitz und brachte keinen Laut hervor: Barhäuptig saß Herr Martin im Sattel; tief in ihren Höhlen glühten seine Augen, fahl, als hätte ihn der Tod gestreift, war sein Angesicht, und in breiten Rinnen floß ihm das Blut über Stirne und Wangen, tropfte hinunter auf das zerfetzte, weißglänzende Gewand, auf die zerrissene Decke des keuchenden Rosses, auf den zerhauenen Schild und seine schwarzen Kugeln. Hoch aufgerichtet saß Herr Martin, der alte Mann, und war anzuschauen wie ein stolzes, grausig-schönes Standbild. »Ein heißer Ritt war's,« raunte er stoßweise; »bin knapp hindurchgekommen – schauet hin, gerade noch zur rechten Zeit; jetzt ist auch dieser Weg verlegt. Wir sind – ans Ende – gelangt, Herr Wok – von der Krummenau. Selber – bin ich zurückgeritten; denn ich traue – keinem Boten mehr. Und mit eigenen Augen habe – ich's gesehen: der Hund Milota – zieht mit allen seinen Fähnlein gegen Mitternacht davon. – Wenn die Sonne untergeht – dann liegen wir – auf dem Rasen – dürft mir's glauben. – Ist ein bös Ding um alte Schuld. Unsichtbar – schleicht die Vergeltung hinter – dir her, lange Jahre – und auf einmal – sitzt sie dir auf dem Halse. Ich bin – selber dabei gewesen, wie der König – vor dreizehn Jahren den Benesch hat – unter Martern töten lassen, und – war doch seine Schuld nicht klar erwiesen. Und jetzt – zahlt ihm der Bruder – Milota die alte Rechnung heim. Und solcher Rechnungen – werden heute noch viele – heimgezahlt auf dem Kruterfelde. – Aber Gott – segne den König!« »Seid Ihr schwer wund?« fragte Wok endlich. »Nicht der Rede wert,« sagte der Alte, wandte sein Roß und schaute in die Weite. »Sie haben mir – den Helm vom Kopf gestochen – einen Schmarren über das Dach gegeben. – – Sehet, Herr, da drüben – sammeln sich die – Römischen zum letzten – Stiche! Hinter uns – rinnt die March, gegen Abend und Mitternacht würgen – und schlachten die Kumanen – in den böhmischen Rotten – und versperren – uns den Weg – also –« »Vorwärts und sterben!« antwortete Wok. »Ja, sterben, und Gott sei – uns armen Sündern – gnädig!« murmelte Herr Martin der Seeberger. * * * »Helm auf!« schrieen die Rottmeister und trabten heran vom Könige. Wok stülpte das Faß über den Schädel und band das Härsenier fest. »Kann ich Euch helfen?« fragte er den Seeberger. »Muß helmlos reiten,« antwortete der Alte und lachte grimmig. »Helm auf!« schrieen die Rottmeister zum zweitenmal. »Rottieret euch!« Wok wandte sich. Es ging eine Bewegung durch die Reiter und griff hinüber auf die Sarjanten. Wok sah, wie sich die Haufen zusammenrotteten, er hörte eine laute Stimme: »Schlaget euch durch, es ist alles verloren!« Da wandte sich auch der Seeberger, trieb sein Roß gegen den dichtesten Haufen und schrie: »Hierher! Alles heran, was gut böhmisch ist!« Und Wok schrie: »Budweis und Prag!« »Wir haben unsere Pflicht getan, rette jeder sein Leben!« kam es von drüben zurück. »Ratmir, du Hund,« rief der Seeberger und ritt noch näher an den Haufen, »was hast du, das dir nicht der König gegeben hätte? Und jetzt willst du in seiner Not dein Leben sparen?« »Der Seeberger hat recht. Schützet den König!« rief einer aus der Schar und trieb sein Roß nach vorne. »Der König fliehe mit uns, wir wollen ihn decken!« schrie der erste, den der Seeberger Ratmir genannt hatte. »Gegen Mitternacht ist der Weg frei. Auf!« »Fliehet, fliehet!« schrien ein paar Dutzend. »Er ist nicht mehr frei, ich selber bin gerade mit knapper Not zurückgekommen,« rief der Seeberger. »Ein Feigling, wer den Roßhals wendet!« »Fliehet, fliehet, fliehet!« pflanzte es sich brausend fort über die Reiter und von den Reitern zu den Sarjanten. »Fliehet, fliehet!« – Und die Reiter wandten sich, die Rotten drückten sich zusammen zu einem mächtigen Keil, die Sarjanten machten Kehrt. – Der Alte schäumte und spie aus: »Verflucht ist, wer da flieht! Hunde, Hunde fliehen! Wer ein Herz hat im Leibe, der bleibe beim König!« – Zehn Schwergepanzerte blieben und rückten mit Geklirre zusammen. »Hie König Ottokar allezeit!« schrie der Seeberger. »Allezeit!« schrien die anderen dumpf aus den Helmen hervor. – Und sie ritten unter die Sturmfahne und rottierten sich nahe dem Könige, der wie im Traume mit düsteren Blicken den Fliehenden nachschaute. »Herr König,« sagte der Seeberger und senkte die Lanze, »Herr König, wir sind bereit. Dort steht der Feind, und ringsumher sind die Wege versperrt. Befehlet!« Da blickte Herr Ottokar schweigend empor in die flimmernde Luft, seine Lippen bewegten sich wie im Gebete, und die Sonne spielte in seinen goldenen Locken. Stille sahen die Reiter. – – – »Reißet die Fahne in Fetzen und rettet sie!« befahl der König mit heller Stimme. »Und euch danke ich für die Treue, euch allen. Ich kann's euch nimmer lohnen – Gott lohn' es euch!« Rauschend fuhr die Sturmfahne am Maste herunter. Wok fing das große Seidenstück auf, schnitt es mit dem Schwerte von den Stricken und riß es in Fetzen. Schweigend drängten sich die Ritter heran, und jeder band sich ein Stück um den Arm. Der König stülpte den Helm übers Haupt – der Seeberger band ihm das Härsenier, und dabei rannen ihm die dicken Tropfen aus den Augen über die blutbefleckten Wangen. Der König trieb sein Roß an, und schweigend rasselten die anderen hinter ihm, dicht neben ihm aber der barhäuptige Alte und der Witigone. Über die Felder kam die römische Schar. König Ottokar senkte die Lanze und jagte den Seinigen voran. »Elfe gegen hundert!« schrie der Seeberger. »Um so geschwinder ist's geschehen!« Dröhnend schossen die Zehn dem Könige nach – – und wieder schlugen zwei Wogen ineinander. Die Sonne berührte die Hügelkette und lag als eine große, feurige Kugel darauf. Gleich Flammenblitzen fuhren ihre Strahlen flachher über die Felder. Ein rosiger Hauch war über den lichten Dunst des abendlichen Himmels geflogen, graublaue Wölklein mit goldigglühenden Rändern schwammen darinnen – – über ihnen standen hellglänzende Wolkenstreifen in meergrünem Grunde. Hellblau wölbte sich die ungeheure Himmelsglocke über der Walstatt. – – – – Wie weit drang es wohl empor, das Schreien und Toben, das Klirren und Schlagen, das Stampfen und Ächzen? Wie weit drang es wohl empor, als das Schlachtschwert niederprasselte auf den weißen Scheitel des Seebergers? Wie weit drang es wohl empor, als der König kopfüber vom Rosse stürzte und zertreten wurde von den Hufen? Wie weit drang es wohl empor, als abermals ein Morgenstern niedersauste auf den dröhnenden Helm des Witigonen? Es war geschwinde getan, Herr Martin! Nur ein ganz kleines, blutrotes Stücklein war noch zu sehen von der Sonne – ein letzter Strahl zitterte herüber von ihr – – dann war's geschehen, und die Kugel sank völlig hinunter. – – Von Morgen her, von den fernen, dunkelblauen Waldbergen, hob sich ein Lüftlein, ein kühles Lüftlein, das erste an diesem Tage, wehte über die weite Pußta, wehte über die March und kam aufs Schlachtfeld. Und es spielte um den einsamen Leichenhaufen, strich über einen zerbrochenen goldenen Löwen, über das Wahrzeichen, auf das einst Hunderttausende geblickt hatten, die einen mit Liebe, die andern mit Haß, es hauchte über den Schwergepanzerten, der langsam hervorkroch aus dem Knäuel, ruckweise auf der Erde fortrutschte, stöhnend innehielt, weiterkroch, langsam, langsam, hinunter zum trockenen Bachbette, und hinter den Wurzeln der morschen Weide sich barg, wie der angeschossene Hirsch sich birgt vor dem Jäger. – – Und auch mit deinen weißen Haaren, alter Mann, koste der Lufthauch, mit deinen blutigen, weißen Haaren: und wie im Spiele sträubten sie sich und glätteten sich, sträubten sich wieder und legten sich sanft über deinen zerschmetterten Scheitel, Herr Martin! * * * Kühle Nacht war's. Über dem weitgedehnten Felde leuchtete der Mond. Aus der March und aus den feuchten Wiesen hob sich wie leichter Rauch der Nebel und lagerte sich hart an der Erde, griff über die Schlachtgründe hin und deckte Freunde und Feinde mit einem einzigen silberweißen Schleier. Wie ferne Berge standen die gelben Hügel gegen Abend in dem fahlen Lichte und zeichneten sich hinein in den dunkeln Nachthimmel; wie alte Riesen glotzten im Felde die braunen Weidenstrünke, und neben ihnen ragte der kahle Baum der böhmischen Sturmfahne gleich dem Maste eines gestrandeten Schiffes in die Luft empor. Von Dürnkrut bis gegen Jedenspeigen glühten die Wachtfeuer der Sieger: König Rudolf nächtigte auf der Walstatt inmitten der Erschlagenen. – – Im trockenen Bette des Baches schlichen zwei Gestalten von den Hügeln her, ein Mann und ein Weib. Geduckt, spähend ging der Mann mit leerem Zwerchsacke über der Schulter, zaghaft, angstvoll schlich hinter ihm das Mädchen. »Vater, warte, ich kann nicht mehr! Horch, wie sie schreien – da, dort, dort! Vater, hörst du nichts? Vor uns – – der lange Schrei! – Und da drüben und dort hinten!« »Laß sie schreien!« raunte der Alte, blieb stehen, packte das Mädchen am Arme und zerrte es vorwärts. Da zuckte er zusammen. Langsame, schleichende Schritte kamen vom Flusse her. »Pst! Pst! Duck dich!« zischte der Bauer und warf sich auf die Bachsohle. Zitternd kauerte sich das Mädchen zusammen. Ein keuchender Mann kam näher, tief gebeugt, schwerbeladen. Heftig drückte der Alte die Hand des Mädchens, langsam zog der andere vorüber am hohen Ufer mit seiner klirrenden Last. Regungslos lagen die beiden, bis die Schritte in der Ferne verhallten. »Schau, schau! Hast ihn gesehen, den alten Rasso?« murmelte der Bauer und erhob sich. »Der Fuchs, wie der Helm gefunkelt hat auf seinem Buckel; der ist ein gut Stück Geld wert. Und das Panzerhemd, wie das noch trieft vom Wasser – – spute dich!« »Vater, ich fürcht' mich. Schau, die Feuer, die vielen Feuer bis gegen Jedenspeigen! Hörst du das Wiehern? Wenn sie nur nicht kommen!« »Dummes Weibsbild! Sind hundsmüde, die da draußen. Spute dich!« »Wohin denn, Vater?« sagte das Mädchen. »Vater, ich kann nicht mehr!« Und ihre Zähne schlugen aufeinander. »Ans Wasser! In der Schiffsmühl' müssen sie hängen wie tote Fisch', die Böhmischen,« raunte der Mann. »Haben sie meinen Weinberg in die Erde gestampft, meinen Hof verbrannt – – –« »Vater, horch, da hat einer geröchelt!« »Wo?« »Da, da! Bleib! Vater, bleib!« Der Alte stieß sie zurück, warf den Zwerchsack ab und kletterte vorsichtig die Böschung empor. Auf dem zerstampften Rasen lag ein blutbedeckter, nackter Mann. Weit offen standen seine Augen und glitzerten im Mondlichte. Gierig schaute der Alte auf den Todwunden. »Alles zu spät,« knurrte er; »ausgezogen, ganz ausgezogen!« Der Gefallene röchelte wieder, hob langsam den Arm und ließ ihn seufzend sinken. Da bückte sich der Alte jählings auf den Sterbenden, rückte ihn an der Hüfte beiseite, scharrte und zog eine blitzende Kette hervor aus dem Grase. »Hieher, sag' ich!« Zögernd kam das Mädchen, sah den Gefallenen – – – »oh, Vater, der wüste Kerl!« »Halt's Maul, schau den Sonntagsstaat, wie das blitzt und funkelt – ist gut Gold!« sagte der Alte, ließ die Kette durch seine Finger gleiten, gab sie dem Mädchen, stieg zurück in den Bach und nahm seinen Sack auf. Das Weib griff mit zitternden Händen nach dem Kleinode, wandte sich ab, prüfte die Ringlein und wog sie in den Händen. »Schwer Gold,« sagte es nachdenklich, ließ die Beute in die Tasche gleiten, stieg in das Bachbette und folgte schleichend dem Alten. Hinter ihnen tat seinen letzten Seufzer der unbekannte, verlassene Mensch. – – – Weiter und weiter gingen sie, stiegen bald hier, bald dort aus dem Bache, krochen hierhin und dorthin im Totenfelde, kamen wieder, trugen Eisen und Seide, Linnen und Gold – – schlichen weiter, und der Zwerchsack wurde bauschig und schwer. Eine Keule raffte der Alte vom Boden, stützte sich darauf und setzte keuchend einen Fuß vor den andern; und beladen mit Wämsern und Decken folgte das Mädchen. »Vater!« »Was willst?« »Vater, mir grauset's schon noch, aber –« »Was aber?« »Glaubst nicht, wir sollten ganz aus dem Bach steigen und ein bissel tiefer ins Feld gehen? Da schreien so viele!« Schnaufend stand der Alte und lachte: »Schau, schau! – Aber ich glaub', im Fluß hängen gar noch die meisten. Dahin gehen wir!« Weiter schritten sie. »Vater, pst!« »Was?« »Vater, schau! Da, nein da, vor uns, an dem Weidenbaum, schau, da hebt sich einer!« Vorsichtig ließ der Alte den Sack zu Boden gleiten und kroch mit seiner Keule ins Feld empor. Das Mädchen kauerte sich hinter hohes Schilf. »Im Schatten der Weide kniete ein Schwergepanzerter. Seine Hände tasteten und zogen am Härseniere. Unverwandt schaute das Mädchen hinüber. In weitem Bogen schlich der Bauer hinaus ins Feld. Jetzt nahm der Gewappnete den Helm vom Haupte, raffte einen zerbrochenen Speer vom Boden und hob sich schwerfällig auf die Beine. Zwei Schritte ging er am Speere vorwärts, schwankte und ging wieder vorwärts, aus dem Schatten ins Licht; und durch die Risse und Löcher des zerfetzten Gewandes funkelten die silbernen Ringe des Panzers. Unverwandt starrte das Mädchen hinüber, sah, wie der Vater aus dem Felde heranschlich, sah, wie er sich am hohen Ufer hinter den Stamm der Weide drückte, die Keule mit beiden Händen faßte und dastand gleich einem Raubtiere, das sich zum Sprunge anschickt; sah, wie der Fremde das Haupt emporhob, langsam, müde, halb schlafend emporhob, und in den Mond schaute – – – »Vater, Vater!« rief sie mit gellender Stimme; »Vater, halt ein, den nicht!« »Wer ruft?« sagte Wok, schwankte, faßte den Speer fester, kehrte sich schwerfällig um und rief empor: »Wer da?« Aus dem Schatten der Weide trat der Alte und sagte demütig: »Ein armer Bauer, der sich umschaut auf dem Totenfelde, ob nicht da und dort einem Todwunden zu helfen wäre.« »Mit der Keule?« lallte Wok, schwankte wieder und stürzte dröhnend rückwärts auf den Boden. Hochauf schwang der Bauer die Keule. Da warf sich das Mädchen zwischen ihn und den Ohnmächtigen und hing sich an seine Arme, daß er zischte: »Bist du toll? Schau wie das blinkt! Gib Raum!« »Den nicht, Vater,« keuchte das Mädchen; »das ist der Ritter von gestern abend!« Schützend stellte sich die Dirne zwischen den Alten und den Bewußtlosen, und ihre Augen funkelten. »Alles, was sein ist, könnt Ihr haben,« sagte sie und wandte sich mit schnellem Blicke um. »Alles,« keuchte sie, stemmte die Arme in die Hüften und schaute wieder den Alten an, »aber ich laß' ihn nicht erschlagen wie einen Kater.« – – »Und sehet ihn doch an!« setzte sie lauernd hinzu. »Er ist guter Leute Kind, alles gleißt von Silber; das Silber ist unser, und gar wohl auch ein groß' Stück Lösegeld; aber für den toten Balg gibt Euch keiner ein Hennenei.« »Wohin?« fragte der Alte mürrisch. »Heim! Zuerst sein Panzerhemd, dann ihn. Helfet!« sagte die Dirne und beugte sich über den Leblosen. »Der ist schon hin,« brummte der Alte und stieß mit dem Fuße an den Leib des Gefallenen. »Nein, er lebt,« grollte das Weib. »Schneidet die Riemen durch, tragt's alles, Stück für Stück, ins Loch, und hernach kommt und helfet mir, ihn selber heimbringen! Schauet nur die dicke, goldene Kette mit dem schweren Kreuz!« Der Alte hatte sich auf die Kniee niedergelassen und wog die Kette in den Händen; dann schnitt er hastig in die Riemen und murmelte: »Drei Huben ist sie wert.« – – – »Ein feiner, hoher Herr,« setzte er hinzu und schielte auf das bleiche Antlitz, aus dem die Dirne mit ihren schmutzigen Händen sorgsam die wirren Locken strich. * * * Höher und höher stiegen die Nebel. Kein Fünklein mehr blitzte herüber von den Wachtfeuern des römischen Königs. Aber das Klagen der Hilflosen, das Wiehern versprengter Rosse drang noch immer durch den Nebel, und hoch in den Lüften tönte es wie Schreien und Kreischen von Raben und Dohlen. * * * Schweißtriefend zog der Bauer seinen Weg im Bette des Weidenbaches. Er kam und ging und stapfte unter den Lasten. Regungslos saß die Dirne, und in ihrem Schoße ruhte das Haupt des Witigonen. Zum letztenmal kehrte der Alte zurück, lauschte hinaus ins Feld, spuckte in die Hände und packte den Bewußtlosen unter den Achseln. Mit starken Armen umfing die Dirne seine Kniee, und so schleppten sie den Leib Schritt vor Schritt gegen Abend, stiegen ans Ufer, und hinter ihnen schlossen sich die Nebel. * * * Die Nacht verging, der Morgen graute, wieder kam die Sonne empor hinter den fernen Waldbergen, die glänzenden Möven hoben sich aus den Niederungen der March und flogen schreiend landeinwärts gegen Morgen und Abend. Wieder ertönten Hornrufe und scheuchten müde Schläfer vom Schilde. Rosse wieherten, Kommandorufe hallten – der Morgenwind blähte die weiße Sturmfahne des Königs. Auf, Herr Rudolf! Auf gen Mitternacht! Aufwärts steigt Euer Weg, gleich der Sonnenbahn da droben. Abwärts hat der andere gehen müssen, der nicht leben konnte neben Euch. Da hinten liegt er, den sie den goldenen König nannten, mit zerhauenem Schädel; zerstampft, entehrt liegt er in der dumpfen Kapelle am Wege. Die Kerzen qualmen um ihn her. Auf, Herr König! Vorwärts gegen Mitternacht! Die Bahn ist frei, hoch steigt die Sonne, vorwärts! Laßt es weit hinter Euch, das grausige Blachfeld, schenket es der Sonne, daß sie ihre glühenden Pfeile hineinbohre in die toten Getreuen des goldenen Königs und leise das Werk vollende! – Ihr aber vorwärts! Vor Euch schreite der Friede, Gerechtigkeit und Liebe sollen Euer Roß an den Zügeln führen! Vorwärts! Das Haus des goldenen Königs schwankt, ein schwaches Weib und ein Kind können es nicht stützen? Ihr müßt es stützen und schirmen. Vorwärts, ehe die Wölfe hervorkommen, vorwärts, ehe der uralte Thron zusammenbricht und das Volk zermalmt unter seinen Trümmern! Waltet Eures heiligen Amtes in Treue! Auf, römischer König, großer römischer König, einziger König! Drittes Buch Im goldenen Prag Im hellen Morgensonnenscheine lag das hunderttürmige Prag, und seine alte Brücke spiegelte sich in den braunen Fluten der Moldau, und hoch über dem Strome, hoch über den Kirchen und Geschlechterburgen dehnte sich auf dem langgestreckten Berge das Königschloß mit seinen Ringmauern, Rundtürmen und Giebeln. Und die Sonne leuchtete auf die Ringmauern und Brustwehren, auf bärtige Kriegsknechte und auf blanke Helmbarden, sie leuchtete auf den Palas des Königs, sie lugte durch die bunten Fenster von Sankt Veit und warf ihre Bilder auf die weißen Steinplatten des Gotteshauses, sie leuchtete hinein in die Burghöfe, sie leuchtete in die Kemenaten und in die Säle, die von Gold und Reichtum starrten, sie übergoß mit Licht und Wärme die Ziergärten, spielte mit den Zweigen der Linden und Ulmen, die sich leise bewegten im Morgenwinde, und wob ihren Schimmer über den goldgestickten Schleier, die schwarzen Haare und die weiße Stirne der hohen, königlichen Frau, die am kristallklaren Parkteiche stand, mit ihren schlanken Fingern das Brot brach und die stolzen Schwäne fütterte. Und die Schwäne wiegten sich auf dem Wasser, über die Marmelsteine am Ufer stolzierten schillernde Pfauen, auf den Bäumen spielten und kreischten zierliche Affen aus dem Morgenlande, in Goldringen schaukelten sich bunte Sittiche unter den Ästen, – und die Sonne küßte auch die blonden Locken eines Knaben, der auf der Ruhebank saß neben der Königin, regungslos dasaß, aus den wässerigen Augen in die Ferne starrte und mit den Fingern eine rote Rose zerpflückte. Und im Sonnenscheine lag die mächtige Stadt, in den Strahlen der Sonne funkelten die Goldkreuze auf ihren Kirchen, erglänzten die grausilbernen Schindeldächer der Häuser und Hütten. Den Strom hinab glitten schwerbeladene Flöße, in den engen Gassen, im Schatten der hohen, hölzernen Giebel, unter den dumpfigen Laubengängen, hantierten die deutschen Bürger, in den finsteren Schreibstuben rechneten die deutschen Kaufleute, knarrende Lastwagen rollten über Brücken und Plätze, dröhnten unter den massigen Schwibbogen, die sich über die Gassen spannten; in den Schmieden glühten die Essen? der Hobel knirschte, es blinkte die Axt, es dröhnte der Hammer, es kreischte die Säge; weit offen standen die Türen der Kirchen, Weihrauchgeruch strömte in die freie Luft; im Staube der Gassen spielten blondlockige und schwarzhaarige Kinder, auf dem Ringe der Altstadt saßen die slavischen Bauernweiber, und lachend und schwatzend feilschten mit ihnen die deutschen Bürgerfrauen um Kraut und Rüben; schwarzbärtige Juden schritten umher, Mönche und Nonnen strebten dahin und dorthin, – und in tschechischen und deutschen, polnischen und wendischen Lauten flutete das tausendfältige Leben durcheinander im Morgensonnenscheine. * * * In der höchsten Kammer, unter den Zinnen des Turmes, der nahe dem Ringplatze in der Langen Gasse aus finsterer Geschlechterburg über die Menge der Giebel emporragte, stand ein reichgekleideter, hagerer Mann. Der umklammerte mit dem linken Arme die kleine Fenstersäule, die rechte Hand stützte er auf das Steingesimse, und unverwandt schaute er unter dem Rundbogen hinaus über die Stadt ins weite Land gen Mittag, murmelte unverständliche Worte und schaute und schaute, bis ihm die scharfen, grauen Augen übergingen und die silberglänzenden Giebel, die geschwärzten Kamine, die lachenden Wiesen, die duftigen Waldhügel ineinander verschwammen. Hastig strich er über die Augenlider, seufzte und spähte von neuem – und aus der Tiefe drang verworren der Lärm der Stadt herauf, und im Holzverschlage neben dem Manne gurrten die Tauben. »Hilf, Herr Gott, hilf!« murmelte er, wandte sich vom Fenster ab, starrte in die Dunkelheit und faltete die Hände. »Hilf, Herr Gott, hilf, laß mir gute Botschaft zugehen! – – Schon längst müßte sie gekommen sein nach meiner Rechnung. – Hilf, Herr Gott, hilf uns allen!« Und wieder wandte er sich und spähte nach Süden. Da kam es von fernher, flog hoch über den Waldhügeln, blitzschnell, klein und leicht wie eine Flocke, glänzend wie Schnee, schoß einher in der blauen, flimmernden Luft, ward größer und größer, strich über die Dächer, beschrieb einen stolzen Bogen, schwang sich flügelrauschend in das Rundfenster, trippelte nickend heran, ließ sich willig fassen von den zitternden Händen und ruhig das Streiflein Papyrus aus den Schwingen lösen und trank gierig aus dem Wassernapfe. Und wieder gingen dem Manne die Augen über, und die Tränen liefen über seine Wangen und tropften auf den Sammet seines Gewandes. Aber es war nicht mehr der Glanz da draußen über dem weiten Lande, der ihm das Wasser in die grauen Augen trieb, es waren die winzigen Buchstaben, die ihm die Taube unter dem Flügel gebracht hatte. – – – Wie konnte doch die Sonne so freundlich leuchten über Berg und Strom, über der Stadt und über der Burg des Königs? Wie konnte doch die Taube aus dem Simse in die Körner picken, ob nichts geschehen wäre? Wie konnte doch das Volk noch schwatzen und feilschen auf dem Ringe? – Sonne, erlisch doch über dem goldenen Prag! * * * Kopfschüttelnd schaute der Grobschmied dem Geschworenen nach, der mit schleppenden Schritten an der Werkstätte vorüberging. Dann legte er den Hammer weg, steckte die Hände ins Schurzfell und strebte schräg über die Gasse. »Hast du ihn gesehen, Gevatter?« sagte er und trat zu dem behäbigen Roßwirte, der unter seinem Haustore stand. »Eia, wie schaut doch der Marquart Tausendmark aus, grau im Gesicht, und wendet den Kopf nicht, wie ich ihn grüße!« »Hab' ihn gesehen, den Herrn,« antwortete der Wirt und rieb sich die Nase. »Gevatter Schmied, es kommt Unheil, ganz und gewiß. Allfort muß ich an den König denken. Und heut in der Früh', was meinst du, hat unser' schwarze Henne gekräht, gleich auf dem Holzstoß unter meiner Kammer! Mein Weib hat mir's zugeschrieen voll Schrecken, mit allen zwei Füßen bin ich aus dem Bett gesprungen und hab' ihr den Kragen umgedreht – der Henne, mußt du wissen – aber was hilft's? Muß allfort an den König denken.« »Guten Morgen, ihr Nachbarn!« rief ein starker Mann und trat herzu. »Wißt ihr's schon? Sie haben heute vorm Hahnenschrei die zwei Windspiele droben am Burgtor liegend gefunden, ganz abgehetzt. Ihr kennt sie doch, die zwei Windspiele mit den breiten, goldenen Halsbändern, die der Herzog Niklas immer mit sich führt?« »Die gelben?« rief der Wirt. »Das ist ein böses Zeichen, Goldschmied!« »Muß noch kein böses Zeichen sein; so ein unvernünftig Vieh kann sich leichtlich verlaufen, findet seinen Herrn nimmer und rennt heim,« sprach der Grobschmied. »Ist doch verdächtig, bei meiner Seel',« sagte der Goldschmied. »Der Hund bleibt beim Herrn, solang er ihn sieht. Und wenn der Herr ihn nimmer brauchen kann auf eine Zeit, so wird er wohl verwahrt. Und hernach freut er sich, wenn der Herr wieder kommt. Ich denk' mir allerlei. Wer doch Kundschaft kriegen könnte! Wer weiß, was da drunten geschehen ist, und wir sitzen hier und wissen nichts.« »Muß ja bald etwas lautbar werden, Nachbar Goldschmied,« sagte der Grobschmied. »Wenn die Milch übergelaufen ist, dann stinket sie im ganzen Hause, und jeder kriegt Kundschaft davon. Aber solang wir keine Kundschaft haben, müssen wir das Gute hoffen. Der König wird's dem römischen Rudolfen weisen, wer der Herr ist. Und wenn er's vollbracht hat, dann schickt er uns die Botschaft. Auf gut Ding ist gut warten.« »Auf gut Ding, ja!« meinte der Wirt und rieb seine Nase. »Aber könnt's nicht auch bös Ding sein, Gevatter Schmiedkunz?« »Ach was! Du hast heut' auch keinen guten Tag.« »Hast du mir nicht selber den Marquart Tausendmark gewiesen? Und hab' ich ihn nicht mit meinen leiblichen Augen gesehen, ehe du zu mir herübergekommen bist?« »Und was soll das viel bedeuten?« murrte der Schmied. »Der Tausendmark wird gestern nacht zu tief in den Becher geschaut haben, und so hat ihn heute der Jammer.« »Ja, weiter nichts!« sagte der Wirt. »Das sagst du und glaubst es selber nicht. Der Tausendmark und der Jammer! Ein Mensch, der Milch trinkt jahraus, jahrein! So bist du: wenn's schwarz am Himmel ist, dann guckst du hinauf und sagst, ›ich glaub', das Wetter macht sich‹, und wenn's Taubeneier hagelt, dann sagst du, ›eia, wie's doch so kühl schneit in der heißen Sommerzeit!‹ – Botschaft hat er bekommen, der Tausendmark, das sag' ich, und keine gute, das sag' ich. und darum ist er auf den Ring gegangen grau im Gesicht, das sag' ich und weiß, was ich sag' – ? und hört ihr jetzt auch das Glöcklein auf Simon Stucks Turme? Der Marquart Tausendmark hat Botschaft bekommen!« »Was kann der allein wissen?« rief der Grobschmied. »Gute Botschaft oder böse Botschaft kommt jetzt nur vom König. Alles andere, was sonst in der Welt vorgeht, braucht uns nicht zu kümmern. Und wer gute Botschaft von ihm bringt, der muß zum Tor herein, wer böse bringt, der kann auch nicht drüber fliegen. Die Botschaft trägt er meinetwegen verschlossen unter Siegel, aber was er gesehen hat mit seinen Augen und gehört hat mit seinen Ohren, das ist ausgeschwätzt noch unterm Torbogen, und eh' er zum Tausendmark kommt, weiß es die halbe Stadt.« »Das ist zum Lachen!« rief der Wirt. »Da gibt's reitende Boten, die haben auch auf dem Maul ein Siegel. Und hernach – wer sagt, daß der Tausendmark seine Botschaften alle durchs Stadttor kriegt? Der Tausendmark hat jede Kundschaft um etliche Tag' eher als irgend einer in der ganzen Stadt. Das sag' ich! Und wißt ihr's auch, woher? Der Tausendmark kann mehr als Brot essen und darum ist er so unmenschlich reich. Der steigt auf seinen Turm und bespricht sich mit seinen Tauben und redet mit ihnen wie wir Nachbarn untereinander, und sie sagen ihm alle Heimlichkeit, die in der Welt geschieht, und er treibt seinen Handel danach. Das sag' ich euch im Vertrauen; beschwören könnt' ich's freilich nicht. Will ihm auch nichts Übles nachgeredet haben, dem Tausendmark.« »Das mit den Tauben machst du mir nicht weis,« meinte der Schmied. »Aber,« setzte er nachdenklich hinzu, »voll von Heimlichkeiten sind sie, die Herren Geschworenen gemeiner Stadt Prag allesamt. Und das ist allezeit unrecht und an jedem Orte, vornehmlich aber hier zu Prag, wo die Deutschen zusammenhalten müßten wie nirgend sonst.« »Guten Morgen, alle miteinander!« sagte ein kleiner, höckeriger Mann und trat herzu. »Guten Morgen, Gevatter Gewandschneider!« kam's von den andern zurück. »Habt ihr einen guten Rat, ihr Nachbarn?« fragte der Kleine und rieb seine Hände. »Habt ihr Heimlichkeiten, dann geh' ich, habt ihr keine, dann bleib' ich.« »Haben keine Heimlichkeiten,« sagte der Schmied, »aber Sorgen.« »Sorgen? Da kann ich mitreden!« rief der Gewandschneider. »Ist mir auch sorglich ums Herz seit der Morgensuppe schon. Da ist eine Spinne über den Tisch gelaufen, quer drüber – Spinnen am Morgen, Die machen Sorgen – ihr wißt ja. Und gleich darauf hat mir aber auch der Lehrbub', der Aff', richtig die Milchsuppe über ein groß' Stück schwarzen Moret geschüttet – hin ist er; und daneben liegt der grüne Fritschal aus Gent, und ich krieg' den Buben bei den Ohren, der schreit und schlegelt mit Arm' und Bein', der Moret schiebt sich über den Fritschal, hin ist er. Macht für mich einen grausamen Schaden.« »Daß du fein nicht verhungerst, Schneiderlein, mitsamt deinen dreißig Knechten!« sagte der Goldschmied. »Freilich, ein Fremder möcht' in den Beutel langen, wenn er ihn sieht. Wie der Hunger und die leibhaftige Not schaut er aus, der Schneider. Es schlägt ihm halt nichts an.« »Spott' du nur, Goldschmied!« rief der Schneider giftig. »Es trägt's nicht jedem, daß er seine Hakelnase mit Karfunkeln einlegt. Das kann auch nur ein Goldschmied.« »Ruhig, ihr Nachbarn!« befahl der Grobschmied und lachte. »Stehen ihrer drei friedlich beisammen und es kommt ein Schneider dazu, gleich –« »– sind's ihrer viere. Guten Morgen auch, möcht' ich wünschen!« sagte ein beweglicher Mann mit bleichem Antlitze und schwarzen Locken, griff grüßend an den hohen, spitzigen Hut und trat in den Kreis. »Gleich ist der Unfriede da, hab' ich sagen wollen, und jetzt kommt der Jud' auch noch!« brummte der Grobschmied. »Guten Morgen auch, Muschlin!« »Hab' ich gesehen beisammenstehen die Burger vom Ring aus, Hab' ich mir gesagt: Muschlin, hab' ich gesagt, da steht der Wirt zum weißen Roß – hast ihn lang nicht mehr angesprochen, geh hin und sprich ihn an; da steht auch der Schmiedkunz – mußt ihn morgen besuchen in Geschäften, geh heut' hin und biet ihm einen guten Tag; da steht auch der Goldschmied, was ein lieber, alter Bekannter ist von dir in edeln Gesteinen, Gold, Silber und Perlen; da steht auch der Gewandschneider, bei dem sich stoßen unter der Tür die Herrenkinder und die Fürstenkinder, daß er bekleide ihres Leibes Blöße – grüß sie alle zusammen, die ehrbaren Burger! Guten Morgen auch, alle und ein jeder! Wißt ihr 'was Neues aus der Stadt, aus dem Land, aus den Häusern, aus den Gassen, vom leidigen Krieg?« »Stehen vier beisammen und der Jud' kommt als fünfter zu ihnen, dann muß der die Neuigkeiten wissen,« sagte der Wirt und rieb seine Nase. »Wie soll er wissen, woher soll er wissen, was soll er wissen, der Jud'? Wie heißt Neuigkeit? Ist sie gut, die Neuigkeit, ist sie schlimm, ist sie sehr schlimm – freut sie diesen, grämt sie jenen. Also – sagt er's zulieb, sagt er's zuleid, sagt er's zu seinem Nutzen, sagt er's zu seinem Schaden, wie kann er's wissen, der Jud'? Neuigkeit ist, was den freut und den grämt, sagt er und hält's Maul. Oder ist's nicht so?« »Jude, du weißt etwas! Sag's gerade 'raus!« rief der Grobschmied. »Was kann ich sagen, was kann ich wissen, wie heißt gerade 'raus? Könnt' ich sprechen vom großen Heer, vom grausam gewaltigen Heer, was der König Ottokar hat. Was nutzt's? Haben wir alle gesehen, wie er ist ausgezogen mit Rossen und Wagen. Haben die Glocken geläutet, haben die Weiber geweint, haben die Christen gebetet und haben gefastet, haben auch die Juden gebetet, jeder auf seine Art – wissen wir. – Könnt' ich erzählen von den tapferen Herren Rittern und ihren mutigen Rossen, so von Wien geritten sind mit König Rudolf entgegen dem grausam gewaltigen Heer, was das unserige ist. Habt ihr sie gesehen? Nein. Ich auch nicht. Könnt' einer sehen die einen, könnt' einer sehen die andern, müßt' er zucken mit den Achseln, müßt' sagen: Wer wird siegen, der eine, der andere – wer weiß? Sind viele Sarjanten und viele Reiter viel wert; sind wenig Sarjanten und nicht so viel Reiter, aber auch nicht wenige, viel wert – wer kann's bezweifeln? Ist der Jud' ein Kriegsmann? Er ist kein Kriegsmann, er hat gelernt den Handel, er hat gelernt die Gefälligkeit gegen Jedermann; das hat er gelernt und sonst hat er gelernt nichts.« »'raus mit der Rede!« rief der Grobschmied und packte den Juden am Arme. »Ist die Schlacht geschlagen?« »Gott meiner Väter!« sagte Muschlin und machte sich frei. »Hätt' ich gewußt, daß Ihr mich angreifen werdet unsanft und herrisch, daß Ihr machet Spaß, als wär's Ernst, wär' ich geblieben auf dem Ring, hätt' mir angeschaut die Wolken, die Spatzen, die Luft. Wie heißt, ist sie geschlagen die Schlacht? Seh' ich aus als einer, der vom Schlachtfeld kommt? Kann ich fliegen? Ist er gezogen aus Wien und über den Donaustrom gegangen, der römische König – kann sein vor vierzehn Tagen; hat er gemacht die Reise an die March. Kann sein, sie ist geschlagen die Schlacht, kann sein auch nicht. Was weiß der Jud'? Aber –«, und Muschlin trat ganz nahe auf die Männer und sagte mit heiserer Stimme: »Was ist der Krieg? Ein Gleichnis ist er vom Leben. Der Krieg ist wie's Leben, und das Leben ist wie der Krieg. Und warum? Geld kostet's Leben. Und was kostet der Krieg? Geld kostet er, und das Leben kostet er dazu diesem und jenem. Hat er's Leben der König Rudolf? Ist e dumme Frag', freilich hat er's! Hat er Geld? Er hat kein's, sag' ich, er hat kein's gehabt vor drei Wochen, er hat kein's gehabt vor vierzehn Tagen, er hat kein's gehabt vor acht Tagen, wenn er's nicht hat aufgefischt in der Donau, in der March. Hat er's Leben und hat er's Geld, unser Herr König? Wie heißt? Haben wir ihn alle gesehen lebendig! Wissen wir alle, daß er Geld hat, daß er könnt' kaufen alle Grafschaften und alle Königreiche. Hat er ein stattliches Heer, unser Herr König? Wir haben's gesehen, er hat's. Sind sie ihm getreu, seine Reiter, seine Sarjanten, daß sie stehen, wo er will, daß sie fechten, wann er will? Was weiß der Jud'? Kann einer gewinnen den Krieg mit viel Geld, wird unser Herr König gewinnen. Kann einer gewinnen den Krieg mit keinem Geld und mit einem getreuen Heere, so wird gewinnen der römische König. Was weiß ich? Ich bin nicht dabei, ich war nicht dabei, mag ich doch auch nicht sein dabei!« »Vor vierzehn Tagen schon ist der römische König über die Donau gezogen?« fragte der Wirt. »Kann sein vor vierzehn Tagen,« antwortete Muschlin. »So hat der Tausendmark heute die böse Botschaft gekriegt, glaubet mir's, ihr Nachbarn!« sprach der Wirt und rieb seine Nase. »Eia, was Ihr saget!« rief der Jude. »Der Tausendmark? Hat er's euch erzählt? Was hat er euch erzählt?« »Nichts hat er erzählt,« sagte der Grobschmied. »Aber ein graues Gesicht hat er vorhin gehabt,« rief der Wirt, »und die Hunde vom Herzog Niklas sind auch zurückgekommen heut' nacht und sind gefunden worden vor der Burg heut' früh, und meine schwarze Henne –« »Nachbarn, ich bitt' euch, schauet das Ding doch kalt an!« sprach der Grobschmied. »Und ist er gegangen aus seinem Hause?« fragte Muschlin. »Da vorüber,« sagte der Wirt. »Und wohin?« »In Simon Stucks Haus.« »Nun muß ich leider wieder fort,« sagte der Jude. »Hab' noch Geschäfte, muß mich plagen in der bösen Zeit. Guten Morgen auch, alle und ein jeder!« * * * Und mit eiligen Schritten ging er über den Ring und murmelte: »Was kann ich geben für das graue Gesicht und was kann ich geben für die verlaufenen Hünd'? Viel kann ich geben für das graue Gesicht; denn der Tausendmark hat es weiß und rot von Natur. Und viel kann ich geben für verlaufene Hünd', wenn sie gehören einem Herzog und wenn sie gelaufen sind aus einem Kriegszelt, und wenn ich weiß, daß der Tausendmark hat gemacht ein graues Gesicht, und wenn ich weiß, was ich weiß.« – Und so ging der Jude dahin und dorthin. Vor ihm aber glitt einher gleich einem Schatten das böse Gerücht. Und der Jude lief weiter, und der Schatten lief, und der Jude traf auf seinem Wege Deutsche und Tschechen, Juden und Fremde, Männer und Weiber, und der Schatten teilte sich und griff mit hundert Armen in alle Gassen und Gäßlein, wuchs und griff wie mit Riesenflügeln von einem Tore zum andern, überdeckte Ringmauern und Türme, legte sich über den glitzernden Strom und kroch hinan zur Burg des Königs: Wer hat's gesagt? Der Tausendmark? Die Schlacht ist verloren? Den Herzog Niklas haben sie gefunden? In der Stadt? Auf der Burg? Des Herzogs Rosse liegen vor dem Tore? Wo? Vor der Stadt? Vor der Burg? Was, beim Tausendmark ist er verborgen? Und der ist weiß geworden über Nacht? Nicht wahr ist's? Aber der König ist gefangen? Wer hat's gesagt? – Der Tausendmark hat's dem Juden Muschlin gesagt! * * * Aber bald nach dem Gerüchte kam die Wahrheit an die Stadt des toten Königs. Sie kam hohlwangig, mit eiternden Wunden, waffenlos, hoffnungslos; sie kam auf abgehetzten Rossen, sie kam auf knarrenden Karren, sie kam hinkend am Stabe, bedeckt vom Staube der Heerstraße; sie kam mit Tschechen und Polen, mit Brandenburgern und Thüringern, sie kam mit Herren und Knechten und pochte an die verschlossenen Tore der Stadt. Und mit ihr kam das Entsetzen, grinste hinein in die Herrenhäuser und in die Hütten und griff Deutschen und Tschechen und Juden ans Herz. Da legte der Handwerksmann das Werkzeug bei Seite, lieh den Tränen ihren Lauf, schlug das Kreuz und murmelte die Fürbitte, der Kaufherr verhüllte sein Angesicht vor der Zukunft, das Volk wogte durch die Gassen und über den Ring und zerriß mit Klaggeschrei die Kleider. Und die Zugbrücken gingen mit Gerassel in die Höhe ringsumher? aus der Moldau strömte das braune Wasser in den tiefen Graben und umklammerte die Altstadt mit einem breiten Gürtel; Prag schloß sich ein mit seinem Jammer. In den Kirchen lag die Menge auf den Knien, schluchzte und betete, und hundert Glocken riefen mit ehernen Stimmen die Botschaft über die Giebel der Stadt, über ihre Ringmauern, empor zur Burg, den Strom hinunter und hinauf, über Feld und Wald hinaus ins Land. Und aus dem weiten Böhmen stieg tausendfältig die Klage zum Himmel: Der König ist tot! * * * Sonne, erlisch doch über dem goldenen Prag! * * * Wehe dem Lande, des König ein Kind ist! Ein Tag nach dem andern verrann. Auf den Feldern vor der Stadt Prag lungerte zersprengtes Gesindel. Mit finstern Gesichtern schritten die Geschworenen über den Ring Tag für Tag, stiegen die Treppen empor in Simon Stucks Hause und ratschlagten hinter verschlossenen Türen. Boten kamen von der Kleinseite und vom Wyschehrad, wurden angehört und gingen; königliche Hofleute ritten mit ihren Trabanten durch die Gassen auf den Ring, und die Böhmen ratschlagten mit den Geschworenen in Simon Stucks Hause mit großer Heimlichkeit. Und so oft die helle Glocke vom trotzigen Turme ertönte und die Geschlechter rief, murrte das Volk, und vom Morgen bis zum Abende flogen auf den Gassen, in den Werkstätten, in den Wohnstuben zornige Worte hin und her, in den Trinkstuben ward der Faßhahn nimmer trocken, und es ging die Rede von Mund zu Mund: »Sind wir Kinder, weil wir nichts zu wissen kriegen? Sind wir Warenballen, weil sie uns ungefragt verschachern? Was soll werden aus uns in dieser bösen Zeit, in dieser geschwinden Zeit?« * * * »Was soll's werden, ihr Nachbarn alle?« schrie auch der Grobschmied beim Roßwirte und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die Zinnbecher tanzten und der Wein auf die Ahornplatte spritzte. »Was soll's werden?« schrie er, und zunächst ward es ganz stille in der großen, niederen Stube, und noch näher rückten die Bürger aneinander. Düster brannten die Lichter und flackerten im Luftzuge, an die Holzläden klatschte der Regen, und es lagerte eine finstere, böse Nacht über Prag. »Und noch einmal frag' ich: was soll's werden? Wißt ihr's? – Nein! – – Aber die Großen wissen's, die Geldsäcke, die Herren mit den feinen Händen. Horchet nur, wie oft das Glöcklein bellt am Tage, und schauet sie an, wie sie herausstolzieren aus Simon Stucks Hause, wie die Herrgötter, und wie sie die Mäuler halten, daß ja kein Sterbenswörtlein lautbar werde! Und um was geht der Handel? Um der Herren Vorteil? – – Um gemeiner Stadt Wohl und Wehe, dächt' ich! – Oder ist's nicht so?« »Und um eurer aller Felle!« sagte einer, der unter die Türe getreten war, hängte den triefenden Mantel an den Rechen und setzte sich neben den Ofen an den kleinen Tisch. »Wer spricht da herein? Wir kennen den Mann nicht!« rief der Grobschmied. »Ist auch gar nicht nötig,« sagte der Fremde. »Ich dächte, Ihr habt eine Frage getan, und ich habe Euch die Antwort gegeben. Oder ist's nicht so?« »Ihr habt von unseren Fellen gesprochen,« schrie der Gewandschneider und machte ein giftiges Gesicht. »Wir sind freie Bürger und haben keine Felle!« »Dann nennet's Haut, wenn's Euch so lieber ist!« lachte der Fremde. »Mag aber, so schätz' ich, dem heiligen Bartholomäus einerlei gewesen sein, als sie ihn schinden taten, ob's Fell oder Haut heißt.« »Kümmert Euch um Eure Geschäfte!« sagte der Grobschmied. »Was geht Euch das Ding an? Was wißt Ihr von gemeiner Stadt Prag Angelegenheiten?« »Mit Verlaub, was wißt denn Ihr davon?« rief der Fremde und richtete sich in die Höhe. »Und was mich das Ding kümmert? Eia, so wenig oder so viel wie den langen Brandenburger, den Otto, der vorhin durchs Tor geritten ist und jetzt beim Jarosch am Kohlenmarkte seinen Abendschoppen trinkt und vom Wetter redet – oder vom Königspielen!« »Wer? Habt Ihr's gehört? Der Brandenburger ist in der Stadt? Beim Jarosch, beim jungen Rothart? Da habt Ihr die Heimlichkeit!« schrie es wild durcheinander in der Stube. Der Fremde aber saß ruhig da, streckte die langen Beine von sich und steckte die Nase in den blinkenden Becher. »Wißt Ihr das ganz gewiß, Ihr da am Ofen? Euern Namen habt Ihr uns nicht verraten,« sagte der Wirt und trat vor seinen Gast. »Wie ich gesagt habe, so ist's,« antwortete der Fremde und trommelte auf der weißen Tischplatte. »Doch was kümmert euch das Ding? Die Burger in Prag werden gut regiert von den Geschworenen – und was geht sie's an, von wem diese hinwiederum regiert werden?« »Aber da seid Ihr auf dem Holzweg!« rief der Grobschmied. »Gemeiner Stadt Angelegenheiten sind gemeiner Stadt Angelegenheiten, und es geht jeden Burger an, wie die Geschworenen handeln.« »Ist freilich höchste Zeit zum Handeln,« warf der Gast hin. »Der römische König steht bei Brünn, und hinter ihm und rings um ihn her rauchen die Dörfer. Mich wundert's, daß er nicht schon vor Prag steht. Aber was nicht ist, kann werden. Eia, euer König Otto wird schon wissen, was zu tun ist!« »Unser König!« schrien drei, vier Bürger, und der Grobschmied schlug wieder auf den Tisch, daß die Becher tanzten. »Wer seid denn Ihr, daß Ihr uns im eigenen Hause verhöhnt?« fragte der Goldschmied, und seine Stimme bebte. »Verhöhnen, ich? Beileibe nicht!« sagte der Fremde und erhob sich. »Gebt mir eine Laterne, Wirt, ich will nach meinem Klepper schauen!« – »Verhöhnen?« wiederholte er und reckte sich. »Beileibe nicht! – Aber was wollt ihr machen? Der Markgraf von Brandenburg ist in der Stadt, er hat die Vormundschaft über euern kleinen König und ist also euer König, möget ihr's wissen oder nicht, möget ihr wollen oder nicht.« Und damit ging er aus der Türe. »Habt ihr's gehört, sehet ihr's? Soweit ist's gekommen in der Stadt Prag; die Fremden müssen den Hiesigen sagen, was die Geschworenen verhandeln!« schrie der Grobschmied. »Schmach und Schande ist's, wie wir dagesessen sind vor dem hergelaufenen Kerl und haben ihm nicht auf eines antworten können.« »Hör auf mich, Gevatter!« rief der Gewandschneider, und seine hohe Stimme drang siegreich durch den Tumult. »Höret alle auf mich, ihr Nachbarn! Ich denke, wir handeln freundschaftlich mit dem Fremden. Mich dünkt, der weiß noch mehr, und das müssen wir alles hören. Glaubt ihr's jetzt, was ich immer sage? Verraten und verkauft ist der Burger in der Stadt Prag. Und von wem? Von den eigenen Geschworenen. Merkt ihr jetzt, woher der Wind weht? Aber nicht erst seit heute und gestern!« »Der Schneider hat recht!« riefen sie da und dort. »Seid stille, ich bitt' euch!« sagte dieser und legte den Finger auf den Mund. Der Fremde trat herein, blies das Licht aus, hängte die Laterne an den Nagel und setzte sich an seinen Platz. »Eia, mit Vergunst!« begann der Schneider und räusperte sich. »Das mit der Vormundschaft, das haben wir schon gewußt. Der Brandenburger will Vormund werden, aber die Königin kann ihn nicht leiden, die Königin will nicht.« Und hastig strich er über das glatte Kinn und schaute stolz lächelnd im Kreise umher. »Ist mir auch recht,« sagte der Fremde und tat einen Zug aus dem Becher. »Wenn sie's nur weiß, eure Königin, was da unten in der Stadt heut' nacht vor sich geht! – Kurz nach dem Brandenburger haben sie auch den Kanzler in seiner Sänfte zum Jarosch ins Haus getragen.« Ein Murmeln ging durch die Stube. Wieder räusperte sich der Schneider und begann aufs neue: »Ihr seid wohlbewandert, Herr, und kennt Euch aus in den Zeitläuften. Glaubt Ihr, daß der römische König Böhmen auch noch in seinen Sack stecken wird?« »Was weiß ich vom römischen König?« sagte der Fremde. »Wenn er guten Willen sieht, dann wird er mit sich handeln lassen; wenn ihr Krieg haben wollt, dann wird es ihm in einem Zuge hingehen.« »Eia, wir wollen keinen Krieg,« meinte der Goldschmied. »Wir sind friedliche Leute, und im Kriege liegen Handel und Wandel danieder.« »Es gibt aber solche, die euch feind sind, die auf ihren Burgen sitzen und scheel sehen auf euern Handel und euern Wandel und eure Wohlhäbigkeit, und die halten den Frieden hintan, damit sie im Trüben fischen können, – dieselben, die unsern König gehetzt haben gegen den römischen König und haben die Mäuler vollgenommen vor der Schlacht und in der Schlacht das Hetzen und das Zuschlagen vergessen und sind in der höchsten Not davongelaufen. Wer ist beim König geblieben bis zuletzt? Tschechische Herren? Nein, deutsche Ritter haben ihr Leben für ihn gelassen! Und die andern, die Ausreißer, die reiten jetzt hin und her im Lande und rechnen und schätzen und sagen: ›Der König ist tot, und der neue König ist ein Kind. Kommt und laßt uns das Werk vollenden!‹ – Welches Werk? Ihr wißt's so gut, wie ich! Ihr wißt, wie sauer uns Deutschen seit Jahren das Leben gemacht wird allenthalben im Lande, nicht nur in Prag, ihr kennt so gut wie ich das Feldgeschrei: ›Fort mit den Deutschen aus Böhmen!‹ – Und dieses Werk wollen sie jetzt vollenden, die tschechischen Herren. Hütet euch und rennet nicht mit sehenden Augen ins Verderben! – Ich will's euch sagen, wie sie gerechnet haben und wie sie rechnen. Vor dem Krieg haben sie also gesprochen untereinander: ›Woher kommen die Deutschen in unserm Lande? Aus dem Reiche. Und wo haben sie ihren Schutz? Im Reiche und beim römischen König. Auf, laßt uns den römischen König vernichten! Die Zeit ist gar günstig, unser König wird siegen, und dann haben wir die Macht in der Hand, und dann geht's den Deutschen an den Kragen.‹ – Jetzt sprechen sie: Wir sind besiegt, der römische König wird ins Land kommen, die deutschen Burger und die deutschen Bauern werden ihm anhangen, und wir werden vernichtet werden. Also darf nicht Friede werden, der römische König darf nicht ins Land kommen – wir rufen den Brandenburger!‹ ? Und ich frage euch allesamt: Wer ist König, wenn der Vater stirbt und der Sohn ist noch ein Kind, wer? – Die Mutter ist die Königin! Und wer arbeitet mit aller Kraft daran, daß der Fremde, der Brandenburger, über uns Herr werde? Ich will's euch wieder sagen! Der den König in den Krieg und in den Tod getrieben hat, der jedem Deutschen die Zunge ausschneiden möchte und der jetzt beim Jarosch am Kohlenmarkte sitzt, der Kanzler! – Hütet euch! Wenn der Brandenburger unser Herr wird, dann ist der Kanzler, dann sind die Tschechen unsere Herren – und dann gute Nacht mit euern Freiheiten, die werden euch zerschnitten, wie Krautsköpfe werden sie euch zerschnitten!« Lautlos saßen die Bürger und schauten vor sich hin. Dann hob sich ein Murmeln von einem Ende der Stube zum andern. »Ist halt ein Kreuz, daß unser guter König hat dran glauben müssen, das sag' ich! O weh, wie ist es jammerschade um ihn; der hat es gut gemeint mit uns Burgern, immerfort, bis zuletzt!« rief der Wirt und legte den Finger an die Nase. »Ja, und wer ist schuld daran?« ließ sich der Gewandschneider vernehmen. »Die Deutschen auch, und nicht allein die Tschechen – oder ist's anders? Die deutschen Herren haben ihn verlassen von Anfang an!« »Und warum haben ihn die deutschen Herren verlassen?« rief der Mann am Ofen und erhob sich. »Warum? Ich will's euch sagen: Weil sie schon lange Zeit her vom König verlassen waren, und weil seit langher nicht der König sondern der Kanzler König war. Die Rosenherren meint ihr, ich weiß es, und die Cimburger und die Löwenberger, und wie sie alle heißen. Ich dächte, die Schilde sind wohlbekannt in Böhmen, und ich schätze, die Rosenherren und die andern haben Gut und Blut niemalen gespart, wenn's des Königs Ehre galt. Oder habe ich unrecht? Recht habe ich! Und als Zeugen rufe ich die Grauköpfe auf unter euch. Saget, denkt ihr noch daran, wie der König vor achtzehn Jahren heimgezogen ist vom Marchfelde, wie er eingeritten ist in seiner Stadt Prag, wie ihm eure Geschworenen auf dem Ring den Wein kredenzt haben – wer ist ihm zur Rechten geritten und wer zur Linken? Herr Wok von Rosenberg und Herr Budiwoj von der Krummenau! Und warum? Weil die beiden dazumalen den König und das Land gerettet hatten vom Verderben.« Ein Murmeln ging durch die Reihen. »Höret mich weiter!« rief der Fremde. »Aber nein, was rede ich da vor euch und weiß doch nicht, ob ihr das alles hören wollt?« »Wir wollen's hören, Ihr kennt die Zeitläufte!« rief der Grobschmied. »Ich bin bald fertig,« fuhr der Fremde fort. »Die alten Rosenherren haben das Land gerettet – glaubt ihr, die jungen Rosenherren tragen Wasser in den Adern? Glaubt ihr, auf den Rosenbüschen sind Gänseblumen gewachsen? Ein Rindvieh, wer das sagt! Das Ding schaut anders aus: Die Tschechen haben den König Ottokar ins Verderben gehetzt, die Tschechen haben den römischen König vernichten wollen und nach ihm die Deutschen hier zu Lande – und dazu haben die Rosenherren und die andern nicht geholfen. – Eia, das Hemd liegt mir näher als der Rock. – – – Wenn's jetzt noch eine Rettung gibt vor den Tschechen und vor dem langen Otto, dem Brandenburger, dann wissen's allein die Rosenherren und die andern deutschen Herren. – Alles, was deutsch redet in Böhmen, gehört zusammen in dieser harten Zeit! – – Aber, was sage ich? Die Rosenherren sind weit von hier, und die Prager Bürger werden gar wohl regiert von ihren Geschlechtern. Vergebet einen Fremden, wenn er unwissend euere Ohren beleidigt hat!« – Ein Murmeln ging durch die Reihen und wuchs, Rufe flogen von Bank zu Bank, die Becher leerten sich und klangen auf den Platten, und eilig schob sich der Wirt von Tisch zu Tisch und füllte sie wieder. »Der kann's, wie ein Predigermönch kann er's!« sagte der Schneider und trank seinen Nachbarn zu. Der Grobschmied erhob sich und rückte einen Stuhl an den Tisch des Fremden. »Mit Vergunst, Ihr habt genaue Wissenschaft von böhmischen Händeln, das muß ich sagen!« »Wer in der Welt herumkommt, der hört viel; er braucht nur die Ohren aufzumachen,« erwiderte der Fremde. »Ihr glaubt gar nicht, wie sehr hochmütig die Geschworenen sind gegen uns Leute vom ehrbaren Handwerk,« sagte der Grobschmied und rückte vertraulich näher; »alles tun sie heimlich und lassen den gemeinen Mann in der Unwissenheit. – Ein schlechter Vogel, der sein Nest beschmeißt. ›Hilf eher zehn ehrlich machen als einen unehrlich, wo es kann sein; wo's aber nicht kann sein, da nimm dein Bündel und lauf weg!‹ also sagen wir unsern Junggesellen, wenn sie auf die Wanderschaft gehen. Wir Alten aber, sollen wir etwan auch das Bündel schnüren? Also müssen wir uns rühren gegen das Unrecht. Und zu Euch habe ich das Vertrauen: Seit die Tschechen bei unsern Landsleuten im Rate sitzen, ist's, wie wenn der Leibhaftige säße zwischen Geschworenen und Zünften. Alle sind sie nicht so hochmütig, das muß man sagen; aber die meisten, die meisten!« »Und was bedeuten die Geschworenen denn ohne euch? Nichts, sage ich!« warf der Fremde dazwischen. »Das stimmt,« antwortete der Grobschmied. »In den Zünften liegt die Kraft einer Stadt.« »Und doch laßt ihr euch mißachten von dem Häuflein?« »Es steht nicht mehr so wohl um den Gehorsam wie ehedem,« sagte der Grobschmied. »Die Zünfte sind widerhaarig wie noch nie, seit ich denken kann. Jeder von uns sieht das Verderben kommen, keiner kann's wenden. Wir Schmiede haben den Spruch: ›Stoß nicht mit dem Kopf durch die Mauer, und ehe du übers Wasser fährst, wirf einen Stein hinein – trägt's den Stein, dann trägt's auch dich!‹ Bedächtigkeit tut not. Aber glaubet mir, wer den rechten Weg wüßte übers Wasser und kennete das Pförtlein in der Mauer, und wer dann das rechte Wort spräche – der hätte alle Zünfte hinter sich. Aber das rechte Wort müßt's sein, das alle verstünden. Gern spräche ich das Wort; denn ich gräme mich sehr. Und ich weiß es, hundert und hundert denken wie ich und wollten hören auf mich, wenn ich Bescheid wüßte. Aber ich weiß ja das Wort nicht, weil ich nicht hineinschaue in die Heimlichkeit.« »Und wenn Euch das Wort einfiele, vielleicht im Traume heute nacht – wie lange ging's her, bis es bei Euerm Anhang von Mund zu Mund liefe?« fragte der Fremde und spielte mit dem schweren Goldringe, den er am Daumen trug. »Herr,« sagte der Grobschmied erregt, »das liefe wie Feuer läuft über die Schindeldächer. Ich bin Zunftmeister in meiner Zunft. Und was ein Zunftmeister hinausgibt aus seiner Werkstatt, das wissen in einer halben Stunde die andern Zunftmeister, und in einer zweiten halben Stunde weiß es der kleinste Meister in der letzten Werkstatt.« »Und wenn ihr euch wolltet zusammenscharen, ihr von den Zünften, wie groß wäre die Zahl, Meister und Gesellen alle zusammen?« »Herr,« sagte der Grobschmied, »dann könnte uns der Ring gerade noch fassen; und von uns trägt jeder seine Wehre an der Seite von alters her.« »Und ihr laßt euch von den wenigen ins Verderben treiben?« flüsterte der Fremde. »Meister, wann seid Ihr morgen zu sprechen?« »Von Sonnenaufgang an zu jeder Zeit. Wißt Ihr meine Behausung?« »Ich weiß schon längst von Euch und bin nicht von ungefähr ins weiße Roß gekommen. Da schräg gegenüber liegt Eure Schmiede. Morgen besuche ich Euch und vielleicht bringe ich das Wort mit. Für heute gute Nacht!« * * * Menschenleer waren die Gassen der Stadt, kein Sternlein konnte durch die schweren Wolken dringen. Von den Dächern rauschte das Wasser, der Wind heulte. Beim Roßwirt im offenen Torwege stand der Fremde und hielt eine brennende Fackel. Die Holzstiege, die vom oberen Stockwerke herabführte, knarrte unter den Tritten eines gespornten Mannes. Neben den Fackelträger trat eine hohe Gestalt. »Ich bin weit gekommen mit denen da drinnen, Herr!« flüsterte jener. »Es wird gut gehen, wenn uns Sankt Peter hilft. Die Burger sind unruhig, horchen dahin und dorthin. Jetzt nur den rechten Hebel am rechten Orte – wer ihnen die Angst nimmt, der wird ihr Herr sein!« Und damit hob er die Fackel hoch empor und ging voran in die Nacht. »Ein schwer Stück ist jetzt zu tun, Burkhard,« sagte der andere. »Aber ich hoffe, es soll mir auch gelingen.« Und schweigend schritten die beiden zwischen den hohen Häusern hin, und über ihnen heulte der Wind. – Am Hause des Tausendmark hielten sie, und Burkhard schlug mit dem Schwertknauf an die Schalltafel, daß es durch die Gasse hallte. »Wer da?« rief drinnen eine Stimme, und das Guckloch am Pförtlein öffnete sich. »Sturmwind und Sonnenschein!« flüsterte Burkhard. Die Schlüssel rasselten, und lautlos drehte sich die Türe. »Zwei?« fragte der Pförtner und hob die Laterne. »Zwei!« sagte der große Mann und schritt über die Schwelle. »Um Gott! Herr –« rief der Pförtner. »Schweig!« sagte Burkhard und drückte die Hand auf den Mund des Alten. »Führ den Herrn hinauf! Ich stecke die Fackel dort in den Ring und setze mich auf den Ballen da.« Wieder drehte sich die Türe, wieder klirrten die Schlüssel, und stille lag das hohe Haus. »Das mit dem Sturmwind ist richtig, Herr,« sagte der weißhaarige Knecht und ging mit der Laterne voran durch den weiten Flur zwischen den verschnürten Warenballen zur Stiege. »Aber das mit dem Sonnenschein stimmt nicht,« vollendete er und schüttelte das Haupt. Auf dem ersten Absätze, unter dem ewigen Lichte, das zu Füßen der heiligen Jungfrau flackerte, wandte er sich, als wollte er die Antwort hören. Aber der Fremde kam wortlos die Stufen empor, und wieder schüttelte der Greis das Haupt, warf einen Blick auf das lächelnde Bildnis der Jungfrau, schlug hastig das Kreuz und ging weiter, Schritt vor Schritt, und murmelte: »Stimmt nicht, stimmt nicht. Sturmwind und Nacht – finstere Nacht!« Im ersten Stockwerke öffnete er die Türe und trat zurück. »Burkhard, nur herein!« rief Tausendmark. »Ich warte längst auf Euch!« »Gott zum Gruße, Vetter!« sagte jetzt der Fremde und setzte den Fuß auf die Schwelle. »Wer ist's?« rief der Kaufherr, sprang auf, riß den Leuchter vom Tische und hielt ihn hoch empor. Seine Hand zitterte, sein Antlitz war bleich. »Du, Zawisch?« »Ich!« sagte Herr Zawisch und warf den Mantel ab. »Gut Ding will Weile haben!« rief der Kaufherr mit angstvoller Stimme. »Wer die Kraft in seinen Armen fühlt, der packt den Stier bei den Hörnern. Noch einmal, Gott zum Gruße, Vetter!« sagte Herr Zawisch und hielt dem Kaufherrn die Hand hin. Kopfschüttelnd war der alte Knecht aus der Türe gegangen und hatte die Laterne ausgelöscht. Jetzt stand er auf der Stiege unter dem ewigen Lichte und murmelte: »Sturmwind und Nacht, finstere Nacht!« * * * »So bist du, Zawisch!« »So bin ich. Wie soll ich sonst sein?« »Bedächtig!« »Weiß Gott, ich habe Zeit gehabt zum Denken drunten auf dem Falkensteine all die Zeit her!« »Ach ja, Zawisch, verzeih, daß ich nicht gleich davon gesprochen habe – dein armes Weib! Wir sind oft bei dir mit unsern Gedanken.« »Das hast du mir ja auch geschrieben,« sagte Zawisch und wandte sich ab. »Es liegt hinter mir.« »Aber so sprich doch, was willst du jetzt, allein, bei uns in der Stadt?« »Wer sagt dir, daß ich allein bin? Und was wunderst du dich? Du hast mich um Rat gefragt –« »Ich habe in meiner Bedrängnis zu dir geschickt, und du hast deinen Burkhard zu mir reiten lassen –« »Und jetzt stehe ich selber vor dir. Was kannst du mehr verlangen?« »Daß du noch nicht selber vor mir stündest! – – Zawisch, was willst du in meinem Hause? Es ist noch nichts vorbereitet –« »Marquart Tausendmark, du hast mich um Rat gefragt, und ich bringe nicht nur Rat, sondern auch Hilfe. – – – Auf den Türmen von Budweis wehen die Witigonenfahnen.« »Budweis ist euer?« rief Herr Marquart und schlug die Hände zusammen. »Herr des Himmels – seit wann?« »Seit vorgestern, Marquart.« Der Kaufherr ging hastig auf und nieder und preßte die Linke an die Stirne. Herr Zawisch aber sagte nach einer Weile lächelnd: »Ich wäre dir dankbar, Vetter, wenn du trotz alledem einen Sitz für mich hättest.« »Verzeih, verzeih!« rief Tausendmark. »Mir ist, als drehte sich alles im Kreise.« »Und warum?« fragte der Witigone kalt, schob den großen Faltstuhl an den Kamin und ließ sich gemächlich nieder. »Marquart Tausendmark, fasse dich, er ist nicht der Rede wert, der Häuserhaufen an der Moldau. Und wir sind glimpflich mit unsern Todfeinden verfahren!« »Budweis euer – es ist fürchterlich! – Zawisch, noch wissen sie nichts in Prag von diesem Handstreich, aber hüte dich!« »Marquart Tausendmark, hättest du trotz alledem vielleicht auch noch einen Becher Wein für mich und einen für dich?« Marquart riß den Wandteppich auseinander und ging aus der Türe. Nach einer Weile kam der alte Knecht und brachte Wein, rückte ein Tischlein vor Herrn Zawisch, stellte die gefüllten Becher darauf, schob den zweiten Faltstuhl an den Kamin und entfernte sich wieder. »Guten Abend auch, mein Sohn!« sagte Zawisch und hob sich freundlich von seinem Sitze. »Nimm Platz, Marquart, trink und mache ein liebreiches Gesicht! Mich dünkt, ich bin schon wärmer aufgenommen worden in deinem Hause.« Schweigend setzte sich der Kaufherr, nahm den Becher und stieß an den Becher des Witigonen. »Der Wein, Marquart,« sagte Zawisch und lehnte sich zurück, »der Wein – du mußt mir das nicht übelnehmen – ist heute das Beste in deinem Hause. Doch sag, wo ist Alheit?« »Zawisch,« bat der Kaufherr und faltete die Hände, »Zawisch, ich flehe dich an, sei barmherzig! Um des Kindes willen, verfahre schonend mit meinem Hause, Zawisch, ich bitte dich beim Andenken an deine Mutter, ich flehe dich an – mir graut, mir ist, wie wenn mich der Sturmwind packen wollte, Zawisch – denke auch an den Frieden anderer Menschen!« »Marquart Tausendmark, ich muß dich mahnen, komm ganz allmählich wieder zu dir selber! Du sprichst, als ob ich die Brandfackel in dein Steinhaus werfen wollte. Trink, und dann wollen wir uns beraten!« »Ich will trinken und will mit dir sprechen – aber sage mir doch gleich, was du forderst!« »Nicht so eilig, Vetter! Gut Ding will Weile haben. Ist das auch Kaufmannsart, einen Handel über Hals und Kopf zu betreiben?« »Zum Handel gehören zwei,« sagte Marquart und griff mit zitternden Fingern nach dem Becher; »du aber handelst immer, als ob du allein wärest. Das weiß ich, solang ich dich kenne.« »Schön gesagt – aber du täuschest dich, Marquart. Wenn zwei Menschen miteinander ein Ziel verfolgen, dann handelt in Wahrheit doch nur der eine von beiden – und der andere hilft ihm.« »Was soll mir das alles, Zawisch? Ich kenne ja dein Ziel nicht einmal und dennoch soll ich mit verbundenen Augen hinter dir hergehen!« »Mein Ziel soll dir keine Stunde länger verborgen sein,« sagte Zawisch, nahm einen Schluck Wein und erhob sich: »Budweis ist unser, und jetzt will ich Prag!« Der Kaufherr sprang auf, verzog den Mund, rieb hastig die Hände und rief: »Es ist zum Lachen, er treibt Scherz in dieser bösen Zeit, er – ?« »Marquart Tausendmark, ich treibe keinen Scherz. Bei Gott, ist mir auch nicht zum Scherzen, wo ich noch in Wams und Mantel den Brandgeruch von Budweis trage! Marquart Tausendmark, du sollst dich nicht beklagen über allzugroße Heimlichkeit! In vierundzwanzig Stunden bin ich der Herr von Prag . Und da du nun das Ende kennst, wollen wir uns setzen und ruhig über die Wege beraten!« »Ruhig beraten, ruhig beraten!« rief der Kaufherr und begann im Gemache auf und nieder zu rennen, während der Witigone sich in den Stuhl sinken ließ und nach dem Becher griff. »Haben sie dir vor Budweis einen Schlag auf den Schädel gegeben?« fragte Marquart, trat Herrn Zawisch gegenüber und versuchte, das verzerrte Antlitz wieder zu einem Lächeln zu zwingen. »Lieber Marquart,« antwortete dieser, »wollen wir keine Zeit verlieren. Ich lade dich nochmals ein, setze dich zu mir und trinke! Das ist das Klügste in deiner Lage.« Der Kaufherr gehorchte. »Zuerst etliche Fragen, Marquart!« sagte Zawisch und kreuzte die Arme über der Brust. »Seid ihr Geschworenen einig untereinander?« »Zur Zeit mehr als je,« antwortete der Kaufherr. »Und was gedenket ihr zu tun?« »Das Wasser im Graben gestaut, die Tore verschlossen zu halten – Zawisch, wie bist du überhaupt in die Stadt gekommen?« »Ich finde meine Wege überall,« antwortete der Witigone. »Aber weiter, Marquart, weiter! Hat keiner von den Geschworenen Heimlichkeiten vor den andern?« »Was kann ich wissen?« sagte Marquart. »Wir ratschlagen offen miteinander und mit den Neustädtern und mit den Königischen.« »Und was gedenkt die Königin zu tun?« »Frag lieber, was Propst Peter zu tun gedenkt!« »Das weiß ich, Marquart,« antwortete Herr Zawisch. »Wie kannst du das wissen?« fuhr der Kaufherr auf. »Der Mann ist mir und meinen Freunden ein Rätsel, und wir sehen ihn doch alle Tage. Und du willst seine Pläne aus der Ferne durchschauen, sein Vorhaben?« »Seine Pläne? Sein Vorhaben?« lachte Zawisch. »Seine Machenschaften! – Marquart, die andern haben auch ihre Heimlichkeiten, nicht nur du.« »Ich?« fragte der Kaufherr. »Nun, ich dächte, du bist mitten darinnen. Verhandelst nächtlicherweile mit dem geächteten Zawisch und bist willens, ihm bis morgen abend die Stadt Prag auszuliefern wie einen verschnürten Warenballen!« »Ich dächte, die Sache liegt umgekehrt!« rief Marquart. »Ich habe dich um deinen Rat gefragt, wie ich die Freunde zu Pilsen und zu Eger und die Vettern in Cham um Rat gefragt habe, und auch von denen zu Nürnberg werde ich in den nächsten Tagen Rat bekommen. Ein vorsichtiger Mann schaut nach allen Enden des Himmels, wenn die Zeit böse ist, und hernach handelt er. Du aber hast dich eingeschlichen in die Stadt und in mein Haus und willst mich mit Gewalt in die Schwerter stoßen zum Tanzen.« »Ja, Marquart, ich habe mich beeilt, zur rechten Zeit zu kommen,« sagte Zawisch und lächelte vor sich hin. »Aber täusche dich doch nicht so bitterlich, so über alle Maßen: du hast niemals weniger gehandelt als gerade in diesen Tagen, und darum muß ich für dich handeln! – – Marquart Tausendmark, spanne die Ohren ein! Du hast nicht allein deine Heimlichkeiten in dieser Stadt. Während du als vorsichtiger Mann nach allen Enden des Himmels ausschaust, geschehen Dinge ein paar Gassen weit von deinem Hause, die du dir nicht träumen läßt. Der Brandenburger sitzt beim Jarosch am Kohlenmarkte, und der Propst sitzt bei ihnen, sie trinken Wein und – nun Marquart, vielleicht spielen sie Wurfzabel miteinander.« Der Kaufherr fuhr in die Höhe. »Das ist nicht wahr!« »Vetter Marquart,« antwortete der Witigone und zog die Brauen zusammen, »wäge deine Worte, wie du deine Heringstonnen wägst!« »Verzeih, Zawisch!« sagte Marquart und atmete tief auf. »Gestern haben wir geratschlagt beim Wölfel im Turme draußen auf dem neuen Markte, wir Geschworenen alle und der Propst, und haben darüber gehandelt, ob nicht bei Zeiten Boten geschickt werden sollten zum Brandenburger; denn es weiß ja jeder, daß dem Brandenburger die Vormundschaft übertragen worden ist noch vom Könige, dem Gott gnädig sei. Ich habe an deinen Rat gedacht und habe mich gewehrt und bin durchgedrungen. Und wer hat mich und meinen Anhang unterstützt mit aller Beredsamkeit? Der Kanzler!« »Und was hat er da vorgebracht?« fragte Zawisch. »Abwarten tue not, er, der Kanzler, sei ein Freund der Bürger, der Brandenburger sei der Königin verhaßt –« »Der Königin?« rief der Witigone und beugte sich vorwärts. »Sollte ich also doch recht gehört haben?« murmelte er. »Der Königin,« fuhr Marquart fort, »und er selber traue ihm keine zehn Schritte weit. Auch sei es gefahrvoll, die Vormundschaft dem grimmigsten Feinde des römischen Königs zu übergeben. Die Zeiten hätten sich geändert. Abwarten tue deshalb dringend not. – Weißt du nun, warum ich deine Nachricht gar nicht glauben konnte?« »Siehst du nun, lieber Marquart, daß ich gerade zur rechten Stunde gekommen bin?« »Was kann der Brandenburger ausrichten, allein, mitten in der geschlossenen Stadt?« warf der Kaufherr hin und begann langsam auf und nieder zu gehen. »Wer sagt dir denn, daß er allein gen Prag geritten ist? Und wer sagt dir denn, wie lange eure Stadttore noch geschlossen sind?« »Solange ich und mein Anhang unter den Geschworenen sitzen!« rief Marquart. »Dann hurtig, Vetter, zerteile dich, stemme dich gleich selber an eure dreizehn Tore!« spottete Zawisch. »Siehe, Marquart, du mußt dich wieder ganz vernünftig hieher setzen – so! Ihr seid ein seltsames Volk da in der Stadt zu Prag. Die Tschechen speien Gift gegen alles, was deutsch heißt, die Kleinen unter ihnen ballen die Fäuste, und die Großen unter ihnen drehen euch Stricke. Und ihr Deutschen untereinander? Pfui Schande, keiner kann dem andern trauen! Die Handwerker hassen euch und eure Heimlichkeit, ihr Geschlechter sitzt in euern Häusern, laßt eure Boten reiten und horcht nach allen Enden des Himmels, lauft hin und her, ratschlagt da und dort, verstellt euch, als ob ihr eitel offenherzige Leute gegeneinander wäret, und hat doch jeder seine Heimlichkeit –« »Wer sagt, daß ich unehrlich gehandelt habe gegen gemeiner Stadt Wohl?« rief Marquart. »Still, Vetter Tausendmark, ganz still! Du kennst die Menge deiner Heimlichkeiten selber nicht. Jeder von euch hat seine Heimlichkeit, und wer über euch lacht und euch ganz sachte, ehe ihr es merkt, das Netz über den Kopf werfen wird, das ist der Kanzler, der Fuchs.« »Was vermag dagegen einer allein?« sagte Marquart. »Laß mich ausreden, Vetter, und ich will dir in dieser Stunde mehr Weisheit auf den Tisch legen, als du in Jahren hörst unter deinen Geschworenen! Was habe ich dir sagen lassen vor fünf Monaten? Weißt du's noch?« Marquart schwieg. »Du hast dir's wohl nicht so scharf gemerkt,« fuhr Zawisch fort. »›Stemmet euch gegen den Krieg mit allen euern Kräften. Es geht der Kampf nicht allein um Österreich und die andern Länder, sondern auch um alles, was deutsch heißt in Böhmen; es kämpft in diesem Kriege nicht der König Ottokar mit dem König Rudolf, sondern die Tschechen kämpfen, und mit ihnen die Polen, und was denen verwandt ist, und sie kämpfen nicht gegen den Herrn von Österreich, sondern gegen den Schutzherrn aller Deutschen.‹ Das habe ich dir sagen lassen. – Marquart, Marquart! Ihr Herren von Prag habt ein böses Spiel gespielt und ein hirnverbranntes obendrein. Danket euerm Herrgott und allen Heiligen im Himmel, daß der römische König den böhmischen geworfen hat!« »Laß mich!« rief Marquart, sprang auf und rannte aus einer Ecke des Gemaches in die andere. »Meine linke Hand gäbe ich hin, könnte ich den Helden auferwecken von den Toten.« »Den Helden vom Jahre 1260,« rief Zawisch, »ja, Marquart, den wollte auch ich unter den Lebendigen haben und zu deiner Linken legte ich gerne die meinige. Aber den Tschechenkönig aus späterer Zeit – kennst du das Gaukelspiel, Marquart, das die Fahrenden anstellen mit den zwei gepanzerten Puppen?« »Ich kenne es.« »Gut, solch ein gepanzerter Fechter, den die Leute von hinten an Schnüren zogen und lenkten, war der König seit langen Jahren, und dieser König liegt mir dereinst gar leichtlich bei Sankt Veit unter der Steinplatte. Es ist das besser für ihn und für sein ganzes Land.« »Ich höre seine Feinde höhnen aus deiner Rede,« sagte der Kaufherr. »Marquart! Wann habe ich jemals einen toten Feind gehöhnt?« rief der Witigone, und seine Stimme klang drohend. »Danke du Gott, daß es so gegangen ist und nicht anders! Jetzt schleichen die Tschechen mit der Leimrute um euch her – hätten sie gesiegt mit ihrem Könige, sie kämen mit Block und Beil zu euch auf den Ring. – Ich will dir sagen, warum ihr Herren zu Prag andere Augen habt als wir draußen im Walde, warum du selber anders siehst, wo du doch Witigonenblut in deinem Leibe hast, so gut wie ich in meinem Leibe: das Gold des goldenen Königs hat euch vor den Augen geflimmert, und so habt ihr alle miteinander eure Pflicht vergessen und die Hüte hingehalten, darinnen aufzufangen, was nur immer herniederregnete von der Burg da oben. Und dabei habt ihr euch gedrängt und gestoßen und habt euch gewunden in Heimlichkeiten und die Gruben nicht gesehen, die sich vor euern Füßen auftaten. – Und jetzt, dächte ich, hat der goldene Regen aufgehört, und es regnet Blut – ihr aber, ihr Kaufherren von Prag, stoßt euch noch immer und windet euch in Heimlichkeiten und tanzt wie die Brummbären, weil der Kanzler Peter pfeift.« »Wir treiben unsern Handel und sitzen gerade so stolz in unsern Häusern wie ihr auf euern Burgen!« rief Marquart. »Vetter,« sagte Zawisch, »schweig rein still – es ist ganz so, wie ich sage: ihr Stadtherren brüstet euch mit euern Freiheiten, und ein Wort ist's, das ihr vor allen gerne im Munde führt – ›Stadtluft macht frei‹. Mich dünkt, daß ich die Kehrseite schaue, und so sage ich: Stadtluft macht Knechte unversehens – hoch sind die Mauern, eng ist der Blick, stumpf sind die Augen.« Der Kaufherr hatte sich auf den Faltstuhl gestützt, starrte zu Boden und nagte an der Lippe. Herr Zawisch behielt ihn fortwährend im Auge. »Jetzt höre weiter, Marquart! Der Brandenburger darf nicht Herr werden in Prag, sonst ist's um uns Deutsche geschehen in Böhmen. Einen Herren müßt ihr aber haben, das weißt du selbst: viele Herrlein brauchen immer einen Herrn. Dieser Herr werde ich sein .« »Eia, so geh doch hinüber auf den Kohlenmarkt, poche an beim Jarosch und sag ihm auch das alles!« stieß Tausendmark hervor. »Heute nicht, Vetter, heute noch nicht. Sei unbesorgt! Unsereiner horcht auch hinaus in den Wind, und da höre ich, daß meine Reiter noch nicht vor euern Mauern halten. Aber morgen, verlaß dich darauf und werde nicht ungeduldig, morgen abend schreit das Volk in den Gassen von Prag: ›Heil, Marquart Tausendmark, Heil dem Retter der Stadt!‹« »Höhne nur, höhne nur – o daß du ersticktest an deinem Hohne!« murmelte Tausendmark. »Ich kann zwar nicht verstehen, was du murmelst, Vetter,« sagte der Witigone, »aber gerade so wird morgen abend das Volk murmeln: ›Das hätte keiner gedacht vom Tausendmark. Diese Kühnheit! Heil ihm! Stattliche Reiter, die von der Rose, gut gerüstet, die Hälfte verdeckte Gäule. Und wie sie nur in der Dämmerung herangeritten, hereingekommen sind und sich verborgen haben? Heil dem Tausendmark! Zum Wölfel im Turme ist er gegangen, hat dem alten Manne die ganze brandenburgische Gefahr erzählt und hat ihm gesagt – Wölfel, wenn du nicht mit mir gehst, dann ist's um mich geschehen, und was aus dir und deinen Söhnen wird, wenn ich zugrunde gerichtet bin, das weißt du. Wölfel, heute abend reitet der Zawisch vor die Stadt; öffne das Tor und befiehl deinen Söhnen, daß sie die Brücke herunterlassen zur rechten Zeit! Und hernach erlaube, daß die Reiter leise reiten in deinen großen Hof an der Stadtmauer; sie haben die Hufe ihrer Rosse mit Stroh umwickelt, man wird sie nicht hören –‹« Marquart stampfte heftig auf den Boden. »Jetzt ist's genug! Ich will nicht, und damit ist's fertig!« rief er. Lächelnd fuhr Zawisch fort: »›Ein feiner Kopf, der Tausendmark!‹ so wird das Volk murmeln. ›Zwei Tage lang‹ – hörst du, Vetter Marquart Tausendmark? – ›schon zwei Tage lang hatte er die dreihundert Reiter in seinem eigenen Dorfe verborgen und gefüttert –‹« »Zawisch!« schrie der Kaufherr und griff mit den gekrallten Fingern in die Luft. »›Schon zwei Tage lang,‹« fuhr dieser fort, »›und zur rechten Zeit hat er die Reiter des Herrn Zawisch durch Wölfels Tor in die Stadt gerufen, und so ward die Königin gerettet aus den Händen des Brandenburgers. Heil ihm!‹« * * * Längst war der Witigone aus der Kemenate gegangen; das ewige Licht auf der finsteren Stiege hatte ein wenig geflackert im Lufthauche, der alte Knecht hatte die schwere Haustüre geöffnet, und der Herr war mit seinem Manne die Gasse hinunter geschritten. Droben aber in der Kemenate saß Marquart und barg das Angesicht in den Händen, und neben seinem Faltstuhl kniete ein junges Mädchen. »Bruder, bist du denn nicht dein eigener Herr? Willst du ihn einlassen oder nicht?« »Ich wollte nicht, aber ich muß!« »Wer kann dich zwingen in deinem eigenen Hause? Tu ne cede malis, sed contra audentior ito ! singt Virgilius. Auf! Wäre ich ein Mann, wer sollte mich zwingen?« »Er zwingt jeden.« »Jeden, der sich nicht wehrt!« »O Alheit, du kennst ihn nicht,« sagte der Kaufherr, nahm die Hände von den Augen und starrte in das Licht der tief herabgebrannten Kerze. »Was er will, bringt er zu Ende – das war von jeher so. Es ist alles groß und gewaltig an ihm, nicht nur der Leib, nicht nur die Schönheit, nicht nur die Kraft, auch sein Herz ist groß – aber das Größte an ihm ist sein Wille.« »Und wohl auch seine Ruhmsucht!« fiel die Schwester ein. »Seine Ruhmsucht?« wiederholte der Kaufherr und bewegte sinnend sein Haupt. »Nein, Alheit, wie ich mir's überlege, ehrgeizig ist der Zawisch nie gewesen, wohl aber ehrliebend wie kein anderer mehr.« »Das bringt ihm keine Ehre, was er dir jetzt antut, meine ich.« »Er ist gewalttätig, aber seine Ehre bleibt blank dabei, mag's nun gehen, wie es will,« sagte Marquart und fuhr langsam fort: »Ich weiß nicht, was er anstrebt, und keiner außer ihm wird's wissen; aber es wird gehen, es wird ihm gelingen – und mich wird's verderben.« »Wer wird so sprechen, zumal wenn er Marquart Tausendmark heißt?« fuhr Alheit empor und begann in der Kemenate auf und nieder zu gehen. Dann blieb sie stehen, legte die Linke auf die Schulter des Bruders und bat mit zitternder Stimme: »Geh nicht mit ihm, es kann dir nicht zum Heile ausschlagen!« »Es ist gerade so wie damals in Passau,« sagte sinnend der Kaufherr, lehnte sich zurück und sah empor an die dunkle Decke. »Ich kann ihn niemals vergessen, den kalten Herbstabend. Zu acht kamen wir herunter von den Bergen, die gegen Mitternacht stehen. Wir hatten gejagt den ganzen Tag, sechs Jungherren aus dem Bischofshause, zwei aus den Stadtgeschlechtern. Durchnäßt und müde standen wir am Donaustrome. Hinter uns trugen sie das erlegte Wild. ? ›Naß wie die Wasserratten sind wir,‹ meinte einer von uns, ›naß, als ob wir durch den Strom geschwommen wären!‹ – ›Da, schwimm durch, wenn du dich getraust!‹ spottete Zawisch und schaute hinunter zwischen den Weidenbüschen in die gelben Fluten. – ›Das wagst auch du nicht!‹ rief der andere zurück. – ›Ich das nicht wagen?‹ antwortete Zawisch und warf sein Jagdzeug auf die Erde. – ›Zawisch, halt ein!‹ rief ich und sprang vor. ›Es hat zwei Wochen lang geregnet, der Strom ist wild wie schon lange nicht mehr, die Nacht bricht stark herein, schau, das andere Ufer will schon in Dunkelheit verschwinden!‹ – ›Was kümmert mich's?‹ sagte Zawisch. ›Ich schwimme, und wer kein Feigling ist, der schwimmt mit mir!‹ – ›Zawisch, ich glaube dir's aufs Wort, du getraust dich,‹ rief jetzt der erste. – ›Und wer kein Feigling ist, der schwimmt mit mir!‹ wiederholte Zawisch und zählte: ›Eins – zwei –.‹ – Unsere Jagdspeere lagen auf der Erde, und als er drei zählte, sprangen wir in die Fluten.« »Und –?« fragte Alheit. »Zu viert krochen wir ans andere Ufer, hart an der Landspitze, wo Donau und Inn zusammenfließen. Zwei hatte Zawisch am Wamse, der dritte war selber hinübergekommen, und die vier andern riß der Strom hinein in die Nacht. – Mein liebster Freund war unter den Toten.« »Das hieß Gott versuchen!« rief Alheit. »Das war's, und Zawisch hat sein Unrecht schwer gebüßt. Vier Tage lang schloß er sich ein, aß nicht und trank nicht, bis der Bischof selber zu ihm hinaufstieg und ernstlich mit ihm sprach. Dann kam er wieder zu uns, aber ein halbes Jahr lang sah ich ihn nicht lachen, und es ging damals das Gerede, der Zawisch wolle die Kutte nehmen.« »Hätte er's doch getan!« sagte Alheit. »Wo denkst du hin, Schwester?« Marquart lächelte trübe und erhob sich. »Zawisch in der Kutte – den Abt hätte ich nicht beneidet!« Sinnend stand der Kaufherr mit geneigtem Haupte, ruhelos wanderte seine Schwester auf und nieder. »So reißt der Zawisch alle mit auf seine Bahnen,« sagte Marquart, »er sieht nichts als sein Ziel und denkt dabei nicht an die eigene Gefahr und nicht an den Frieden der andern. Merkwürdig, diesem Willen hat der Knabe Wok –« »Hat Zawisch Kunde von Wok?« kam's leise von der dunkeln Wand herüber. »Ich habe ihn gefragt, doch er weiß nichts von ihm,« antwortete Marquart. »Das tut mir wehe; denn ich habe ihn von Herzen lieb gewonnen. – Merkwürdig, diesem Willen hat sich der Knabe Wok entziehen können. Der weiche, friedliebende Wok.« »Weich, friedliebend?« sagte Alheit und preßte die Hand aufs Herz. »Weich ist er und friedliebend und ganz unähnlich seinem Bruder, wie mich's dünken will; aber du kennst ihn doch nicht durch und durch. Was solche Menschen als das Nichtige erkannt haben, das verfolgen sie unbeugsam, und Menschen wie Wok gehen eher zu Grunde, als daß sie um eines Haares Breite abwichen von ihrem Wege. › Mens agitat molem ,‹ singt Virgilius, Bruder.« »Du hast beide gut studiert, Schwester; den Virgilius seit langem und den Wok –« sagte der Kaufherr und wandte sich rasch der Schwester zu. »Mich dünkt, es ist dir und mir heute abend nicht scherzhaft zu Mute, Marquart,« antwortete Alheit und kam langsam herzu. – »Ich bin ja nur ein Weib und kann nicht mitreden in euern Händeln. Aber das eine ist mir klar: ich gehorchte ihm nicht – so wenig als ich noch immer das ewige Licht brennen ließe auf meiner Stiege, Marquart. – Virgilius hat recht: der Geist ist der Herr in allen menschlichen Dingen, und wo der Geist nein sagt, da muß auch die leibliche Schwäche gehorchen. Gute Nacht, Bruder!« Marquart ergriff die schmale, weiße Hand seiner Schwester, beugte sich herab und küßte ihre Stirne. Hernach aber schritt er noch lange einsam auf und ab, sann und sann, und murmelte endlich: » Mens agitat molem – und gerade deswegen muß ich tun, was er will, und muß in mein Verderben gehen.« * * * Wieder war es Nacht über Prag, aber helle, freundliche Sternennacht. Durch ein schmales Gäßlein in der engen, düstern Judenstadt lief ein Mann. Seine Gewänder flatterten, sein Atem ging keuchend. An einem kleinen, hölzernen Hause machte er Halt, sah sich scheu nach allen Seiten um, griff rasch zwischen Schwelle und Türe, und die Türe öffnete sich. »Sara – ich bin krank!« rief er und stieß die Stubentüre auf. »Ist es nichts geworden mit dem Geschäft?« fragte das Weib und hob das Angesicht ein wenig von der Arbeit empor. »Sara – wer wird reden von Geschäften? Ich bin tot, sag' ich, maustot!« rief Muschlin und sank auf den Polstersitz an der Wand. »Wie kannst du sagen, daß du bist tot, wo du doch dasitzest und schnaufst?« kam es hinter der Messinglampe hervor. »Tut's dir weh in der Brust, in den Beinen, im Bauch?« »Sara – mach ihn auf, den Wandschrank, und laß mir zukommen einen Schluck vom Lebenswasser oder zwei!« »So fehlt's dir im Bauch, und du hast getrunken zu viel vom neuen Bier,« sagte das Weib, öffnete den Schrank und goß das gebrannte Wasser aus dem Kruge in ein Becherlein. Muschlin trank, wischte den Mund, seufzte und spracht »In die Brust, in die Beine, in den Bauch ist er mir gefahren der Schreck. Saraleben, es ist mir etwas begegnet, was mir noch niemals ist begegnet. Hast du nicht gehört das Geschrei durch die Gassen her?« »Was soll ich horchen aus das Geschrei, das sie machen, die närrischen Gojim? Ist er doch tot, der König Ottokar, der König, der gut war gegen unsere Leut'. Werden sie gar bald wieder aufheben Stein' von der Gasse, werden sie werfen an unsere Schul' ungestraft, werden sie werfen auf uns selber, da er tot ist, ihr König. Was soll ich horchen auf ihr Geschrei? Ist's ein Freudengeschrei, muß ich mich ängstigen, und ist's ein zorniges Geschrei, muß ich sitzen und muß mich fürchten,« sagte das Weib grollend, setzte sich und beugte sich wieder auf ihre Arbeit. »Machen die einen Freudengeschrei und machen die andern Zetergeschrei heute nacht zu Prag,« sagte der Jude. »Die Gojim?« »Die Gojim.« »Was braucht dir dann fahren die Angst in den Bauch, Muschlin?« sprach Sara und ließ ihre Näherei in den Schoß sinken. »Wenn die Gojim alle schreien vor Freude, muß sich ängstigen der Jud', machen sie allesamt ein zorniges Geschrei, muß er sich verkriechen, der Jud'. Stehen sie aber gegeneinander und schreien die einen vor Freude und schreien zornig die andern, so kann er ruhig sitzen und ruhig gehen und ruhig die Geschäfte betreiben, der Jud'. – Was hast du gesehen, was hast du gehört?« »Gott meiner Väter, wie ist er gestanden vor seinen Feinden, wie haben seine Augen gefunkelt gleich dem Stahle seiner Rüstung, und wie hat seine Stimme getönet –« »Wer? Wo?« rief Sara. »Bist du geworden dumm im Kopf, daß du erzählst das letzte zuerst und das erste gar nicht?« »Horch, Saraleben, und sei gut!« bat der Jude. »Alles will ich dir sagen, wenn ich langsam bin gekommen wieder zu Kräften. Hast du doch gesehen eintreten heut' abend zwischen Lichten bei mir den Pinkas. Hat mich genommen der Pinkas unter dem Arm und hat gesagt: ›Muschlin, geh mit mir, ich hab' dir Heimliches zu sagen; es ist zu machen e großes Geschäft!‹ Hab' ich gesagt: ›Warum machst du das Geschäft nicht, wenn es groß ist? Wird's nicht gut sein, das Geschäft, weil's ich soll machen.‹ Sagt er: ›Tu keine törichten Reden, Muschlin, tu keine langen Reden! Ich mach' das Geschäft, und du machst das Geschäft, weil ich allein bin zu schwach zu dem großen Geschäft.‹« »Hast du gemacht das Geschäft, Muschlin, so sag's!« unterbrach ihn das Weib. »Hör mich an und bedenk, daß ich noch bin halbtot vom Schrecken!« bat Muschlin. »Könnt' eine kriegen Zwillinge, könnt' sie kriegen Drillinge, bis du die Geschichte bringst aus deinem Munde,« murrte Sara. »Hat er mich geführt durch die enge Gasse über den Hühnermarkt auf den Ring. Bin ich stehen geblieben unter der Schandsäule und hab' ihn gefragt: ›Pinkas, wo gehst du hin mit mir?‹ Hat er gesagt: ›Zum Frank von der Lake.‹ – ›Pinkas, was soll ich tun bei dem reichen Manne, bei dem hochmütigen Manne?‹ – ›Was reich, was hochmütig?‹ hat der Pinkas gesagt. ›Hinaufgehen sollst du, setzen sollst du dich, horchen sollst du, und wenn das Geschäft gut ist, sollst du machen das Geschäft.‹ – Sind wir hineingegangen in das hohe Haus, hinaufgegangen über die finstere Stiege und gekommen in den großen Saal, wo die Schwerter hängen und die Spieße. Ist uns entgegengetreten der Frank, leutselig, hat die Hand gegeben mir und dem Pinkas und hat den Pinkas gefragt: ›Will er oder will er nicht?‹ Sagt der Pinkas: ›Er weiß nicht, was er soll, aber ich weiß, daß er will.‹ – ›Und wird er schweigen?« fragt ihn der Frank. Hat der Pinkas gemacht ein böses Gesicht und hat gesagt zu mir: ›Schweigen wirst du, Muschl, weil es da heißt entweder – oder; entweder Heimlichkeit und ein großes Geschäft, oder Schwätzen und –‹ – ›den Strick um den Hals!‹ hat der Frank von der Lake geredet und ist sich mit dem Finger gefahren um den Hals und hat ganz kurz gelacht, daß es mir gegrauset hat den Buckel hinunter.« »Bist du gegangen in ein gefährliches Geschäft wie ein Kind,« grollte das Weib. »Horch, Saraleben, und sei gut! Hab' ich mich umgeschaut in dem Saal und hab' gesehen bekannte Gesichter und fremde Gesichter. Ist da gestanden der Ulrich von Rokycan, der Friedrich und der Johann Kokot, der Junoscha und der Jarosch. Am Tische aber ist gesessen ein hagerer Herr mit einem langen, roten Bart und ohne Haare auf dem Kopf. Jetzt ist der Jarosch zu uns getreten, hat auch gar freundlich gegrüßt –« »Du bist ein Kind, Muschl, weil du bist gewesen geehrt durch die freundlichen Gojimgesichter und gemacht hast einen krummen Buckel!« sagte das Weib. »Wie kann ich stehen vor dem Herrn Jarosch als eine Kerze aus Wachs? Laß mich reden, Saraleben! Hat der Jarosch gesagt: ›Du wirst es wissen, Muschlin, daß die Zeitläufte böse sind, und daß die einen sagen in Prag »hott!« und die andern »wist!« Starke Herrschaft ist vonnöten, wenn der Bürger soll sicher leben und der Jud', und wenn uns nicht soll werden fortgeführt ins Elend die gute Königin und der gute kleine König, der Wenzel, vom grausamen König Rudolf, und belagert werden die Stadt Prag und verbrannt vielleicht. Derhalben haben wir uns zusammengetan, die du hier siehst, und noch viele andere in der Stadt und auf dem Lande, daß wir geben uns und ganz Böhmen ein stark und gut Regiment. Kannst glauben, Muschlin, daß die Einung ehrlich ist.‹ – ›Glaub' ich,‹ hab ich geantwortet, ›wenn ich mir anschaue den Herrn Jarosch und den Herrn Frank und die zwei Herren, die Kokot, und alle andern.‹ – ›Gut, Muschlin,‹ hat der Jarosch gesagt und hat freundlich mir geklopft aus die Schulter, ›den starken Herrn haben wir gefunden, der uns schützen kann, Reiter und Rosse haben wir, Schwerter und Harnasche haben wir, aber eines ist rar, Muschlin, das Geld.‹ – Hab' ich gesagt: ›Wenn Ihr habt Menschen und Tiere und alles und habt kein baar Geld, so ist das schlimm, so ist das sehr schlimm; denn es wird schwer sein zum kriegen, weil's überall rar ist.‹ – ›Muschlin,‹ hat er gesagt, ›rar ist's, das ist richtig, aber es gibt solche, die's haben haufenweise.‹ – ›So,‹ hab' ich gesagt, ›das ist ja recht, da könnt Ihr gehen zu denen und könnt's holen haufenweise.‹ – ›Muschlin,‹ hat er gesagt, ›ich kenn' solche, die's haben daliegen – da ist der Pinkas –.‹ ›So,‹ hab ich gefragt, ›der Pinkas hat's? Das ist mir lieb, das kann ich mir merken in der bösen Zeit.‹« »Das hast du gut gemacht, Muschlin,« nickte das Weib. »Laß mich reden, Sara, es kommt anders! ›Muschlin,‹ hat der Jarosch aufs neue angefangen und hat sich sein Kinn gestrichen und hat gelacht vor sich hin, ›Muschlin – – –‹. – Da ist der Frank ins Fenster gesprungen, hat geschaut hinunter auf den Markt, hat sich umgewendet und hat geschrieen: ›Alle Heiligen, wer hat sie gerufen auf den Marktplatz, die Zünfte, daß sie kommen aus der Langen Gasse, aus der Zeltnergasse, aus der Eisengasse mit Fackeln und mit Wehren?‹ – Ist alles in die Fenster gerannt, ich auch, und hab' durchgeschaut zwischen dem rotbärtigen Hagern und zwischen dem Ulrich von Rokycan von hinten. Ist der ganze Ring voll gewesen, Kopf an Kopf, haben die Fackeln gequalmt und geglüht, der Rauch ist durch die Fenster hereingezogen und hat uns gebissen in der Nasen, in den Augen. Heben sie einen drunten in die Höh' auf ihre Schultern, schau' ich und reiß' die Augen auf, ist's gewesen der Kunz, der Schmied-Kunz aus der Langen Gasse. Schwingt der die Lederkappe und schreit zu uns herauf: ›Da stehen wir und wollen Euch fragen, Herr Frank, was Ihr da verhandelt des Nachts über gemeiner Stadt Wohl und Wehe? Stehen sollt Ihr uns Rede, warum daß Ihr wollt uns verraten an den langen Brandenburger?‹ – Saraleben, ich hab' schon gehört viel Geschrei in meinem Leben; ich hab' sie schreien hören als kleiner Bub', wie sie haben gestürmt die Judenstadt, was gewesen ist ein fürchterliches Geschrei – aber solches Geschrei hab' ich noch nicht gehört, wie's jetzt ist losgegangen. Und die Fackeln haben sie hoch gehalten, haben die Wehren lassen grausam blitzen, daß ich mich hab' heimlich umgeschaut nach der Tür mit einem Aug', und mit dem andern hab' ich immer wieder müssen schauen auf das wilde Volk. Starr sind die Herren gestanden an den Fensterbühnen im Kerzenlicht, im Fackellicht, und der Rote neben mir hat angehoben, lange Flüche zu sagen. Der Frank aber hat sich gelehnt aus dem Fenster, hab' ich mich müssen nur so wundern über seinen furchtlosen Mut, und hat gewunken, und von unten haben sie geschrien, daß er nicht hat reden können, und auf einmal ist es noch stärker geworden, das Geschrei, und ich schau' und ich seh', wie sie herausreiten mit Gefunkel und Geblitze, mit Fähnlein und spitzigen Speeren, ein großes, ein grausam großes Heer aus der Zeltnergasse, und rufen ›harra! harra!‹ und noch etwas, das ich nicht hab' verstanden, und die Bürger schreien ihnen entgegen ›harra! harra!‹ und machen ihnen eine Gasse, und so reiten sie herzu und stellen sich auf, viele Hundert, mit Stampfen und mit Schnauben und mit Wiehern mitten auf dem Ring. – ›Herr Markgraf, wollet Euch retten‹ hat jetzt gesagt der Frank und ist getreten zu mir und zu dem Roten. Bin ich gewichen zurück und hab' mich gewundert: war ich gestanden neben dem Markgrafen Otto die ganze Zeit und hab's nicht gewußt. Der aber hat grimmig geblasen aus seinem Munde die Luft und hat gescholten auf den Frank und auf den Jarosch, und die sind um ihn herumgegangen krumm vor Angst und vor Eifer, und ich bin gestanden an der Wand und hab' gezittert. Hat nicht gedauert so lange, als ich es erzähle, da hat das Haus gebebet, so haben sie geschlagen ans Tor unten, und hat man das Krachen gehört. Und wieder ist der Frank getreten nahe auf den Markgrafen und den Jarosch und hat gesagt: ›Wollet Ihr Euch und uns bringen ins Verderben? Tretet hierher an die Wand, das wollt' ich Euch haben gebeten von Herzen!‹ Und der Markgraf ist getreten an die Wand, und der Jarosch hat geschrien: ›Jud', da schau, am Fenster brennt's!‹ Ich werf' meinen Kopf hinüber, hat aber gebrannt nicht am Fenster und nicht am Teppich im Fenster, ich schau' mich wieder um und seh', daß er ist verschwunden, der Markgraf. – Jetzt ist sie worden aufgerissen, die Tür', und hereingekommen ist ein grausam großer Kriegsmann, ganz in Eisen und Stahl, aber mit einem offenen Helm, mit einem gewaltigen Schnauzbart, mit einer scharfen Nasen und mit Augen, Saraleben, ganz funkelnd und blitzend und ganz großmächtig, hat ausgeschaut großartig und prächtig wie der Engel des Herrn an der Pforte des Paradieses. In der Hand hat er gehabt ein langes, nacktes Schwert, und rings um ihn sind gewesen viele stolze Gewappnete. Herein getreten ist er mit Klirren und hohem Mute, mitten herein bis an den Tisch, und gefragt hat er in der Totenstille ringsumher mit ganz ruhiger Stimme: ›Frank,‹ hat er gesagt, ›wo habt Ihr versteckt den Markgrafen?‹ Da ist der Frank vorgetreten und hat gesagt, daß es müßt' sein eine Irrung, daß er keinen Markgrafen habe versteckt in seiner Behausung, daß der Herr könne durchsuchen alles vom Turme bis in den Keller und auch die Kemenate von seiner Frau, die krank läg'‹. Da hat der Kriegsmann schrecklich die Stirne gerunzelt und hat gesagt: ›Du lügst, Frank!‹ hat er gesagt und hat ihn lassen binden und alle die andern.« »Hab' ich Angst, Muschlin, wie du bist entkommen aus dem furchtbar gefährlichen Geschäft?« »Wie die Reihe ist gewesen an mir und am Pinkas, sind wir gefallen auf unsere Knie und haben gefleht um Gnade mit aufgehobenen Händen. Ist einer getreten aus der Schar und hat gesagt zu dem stolzen Kriegsmann: ›Zawisch,‹ hat er gesagt, ›die Zweie laß laufen, den Pinkas und den Muschlin! Für die steh' ich gut, die haben nichts wollen machen als ein Geschäft. Laß sie laufen, die Zweie, es sind ungefährliche Leut'!‹ – ›So laufet!‹ hat der Kriegsmann gesagt, und ich schau' auf, steht der Tausendmark vor mir, spring ich auf und springt der Pinkas auf, und ich sag' dir, Saraleben, wir haben's getan, wir sind gelaufen hinaus zur Tür', hinunter die Stieg', haben uns gedrängt durch die Reiter, durchs Volk und sind gelaufen, daß uns der Herzbeutel hat gekracht. – Saraleben, es ist 'was Schönes um Neuigkeiten, wenn sie sind geschehen weit weg, die Neuigkeiten, und wenn man sie hört erzählen am sichern Ort – aber es ist nichts Schönes um die Neuigkeiten, bei denen einer ist ganz nah mit dem Kopf, mit dem Hals. Saraleben, ich möcht' nicht sein einer von denen, die machen Geschäfte und Neuigkeiten mit dem Helm auf dem Kopf und mit dem Schwert in der Hand und mit dem Hals wie der Zawisch und wie der andere, der Tausendmark!« »So ist es gewesen der Zawisch, der Graf aus dem Walde, wo ist der Bruder vom jungen Grafen Wok, wo gewesen ist der Liebling vom toten König?« fragte Sara. »Es ist gewesen der Zawisch, und es ist der Zawisch seit vorhin der Herr in der Stadt Prag mitsamt seinen Reitern.« »Und wo ist hingekommen der andere, der Markgraf?« »Wie kann ich's wissen? Die Wand hat ihn verschluckt, der Fußboden, und hernach wird er sein gelaufen und gekrochen unter der Erden fort und fort, weg unter den Mauern, unter den Gräben, hinaus aus der Stadt. Weißt du ja, daß nichts ist auch der Bau vom Fuchs gegen solche Burgerburg zu Prag.« »Muschlin, hast du gehabt Glück, daß du noch nicht bist weiter gewesen in dem gefährlichen Geschäfte.« »Weiß ich, Saraleben. Schenk mir ein noch einen Schluck vom gebrannten Wasser!« * * * Am Abende des nächsten Tages saßen Marquart Tausendmark und seine Schwester Alheit, saßen die Witigonen Zawisch und Wok in der großen Stube des alten Hauses. Herr Wok hatte lange Geschichten erzählt, und die andern hatten ihm lautlos zugehört. Jetzt sprang er auf und sagte: »Mir ist's, als träumte ich – da bin ich wieder in dem alten Hause! Merkwürdige Sache um die Gedanken: Als wir uns zum letzten Ritte um den König scharten ? könnt ihr's glauben? – da versank auf einmal alles rings um mich her, und ich sah nichts mehr als diese Stube. Nicht lange; dann weckte mich das Hämmern und Schreien. Aber wie ist's möglich, daß die Gedanken in solcher Lage abschweifen in weite Ferne?« »Ich meine das ist nicht sehr verwunderlich,« sagte Alheit und senkte die Augenlider; »dein Geist war todmüde, und so blieb er auf einmal haften an einem Bilde –« »– das er vor Zeiten gerne geschaut hatte, Mühmchen,« fiel Herr Zawisch ein und lächelte. Alheit errötete und schwieg. »So war mir's, wenn ich als Kind nach langer Krankheit zum erstenmal wieder in die Wohnstube kam,« fuhr Wok fort und ging umher und besah aufmerksam die kostbaren Truhen, die Leuchter an den Wänden, die Armstühle, den Kamin, das Tischlein in der Fensternische, an dem Alheit zu arbeiten pflegte – »alles steht noch am gleichen Platze wie vordem, alles ist älter geworden als es war, und doch sieht alles neuer aus, frischer, glänzender – – aber nein, Alheit, meinen Virgil vermisse ich, der sollte doch noch auf deinem Tischlein liegen!« »Er liegt in meiner Kemenate, ich habe heute früh darinnen gelesen, gerade als du die Gasse herunterrittest,« sagte Alheit und blickte nicht empor. »Wok,« rief Herr Zawisch, »jetzt erzähle den Schluß; so kommst du uns nicht aus! Machst es wie die Sänger und lassest den Helden in der größten Not stecken, fängst an, von anderm zu sagen, und die Leute möchten verzappeln vor Ungeduld.« Lächelnd kam Wok zurück und setzte sich. »Wenn dich einer auf den Kopf schlägt, dann vergehen dir alle Gedanken,« sagte er; »deshalb ist nicht mehr viel zu erzählen: Ich wachte auf und lag in einer finsteren Höhle, in der nur ein Span brannte. Ich ruhte auf Kleidern und Decken und war meiner Rüstung beraubt. Ringsumher lagen in wüsten Haufen Sättel und Panzerhemden, Goldketten und seidene Gewänder, Helme, Schwerter und andere Waffen. Ich richtete mich empor und stützte mich auf den Arm. Da sah ich eine Weibsperson auf dem Boden kauern; die kramte in den Beutestücken. Ich fragte: ›Wo bin ich denn?‹ Sie stand auf und flüsterte: ›Redet leise, wenn Euch das Leben lieb ist! Seid Ihr jetzt ganz wach?‹ – ›Das will ich meinen!‹ antwortete ich und riß die Augen auf. – ›Ihr habt lange geschlafen und habt viel im Traum gesprochen,‹ sagte die Dirne. – Plötzlich besann ich mich auf alles: ›Wie lange liege ich hier? Was ist aus dem Könige geworden?‹ – ›Um Gottes willen,‹ rief sie und lauschte – ›seid ganz still, sie kommen!‹ – Die Falltüre hob sich, und ich ließ mich zurücksinken und schloß die Augen. Etliche Männer kamen herab und warfen neue Beutestücke auf die Erde. ›Hinaus muß der Kerl da, sag' ich!‹ so rief einer von ihnen. ›Wir brauchen den Platz.‹ – ›Der treibt's doch nimmer lang,‹ antwortete das Weib. – ›So, gibst endlich auch die Hoffnung auf mit deinem Schatz?‹ lachte ein zweiter Mann. – ›Ich hab' nichts Unrechtes gehofft, und du halt's Maul!‹ sagte die Dirne. ›Er war mein Guttäter, und ich hab' ihn erretten wollen.‹ – ›Groß' Lösgeld wär' mir lieber gewesen,‹ sagte der erste, trat an mein Lager und beugte sich auf mich herab; ›der schnauft ja so nimmer!‹ – ›Ich sag's ja, er treibt's nimmer lang,‹ antwortete die Dirne. – ›Pack an, Lorenz, schmeißen wir den Kerl gleich ins Feld hinaus zu den andern!‹ rief der erste. – ›Untersteht euch!‹ rief die Weibsperson. ›Bis morgen früh bleibt er liegen. Eh' ich's nicht ganz gewiß weiß, daß er tot ist, kommt er nicht heraus da!‹ – ›Du mußt auch deinen Willen immer haben,‹ brummte der andere. ›Komm Lorenz!‹ – Ich hörte, wie sie die Leiter emporstiegen, die Falltüre öffneten und schlossen, und lag noch immer stille. Da flüsterte das Weib neben mir: ›Seid Ihr stark genug, dann kann ich Euch retten. Drei Tage sitz' ich neben Euch. Ihr seid einer von den Böhmischen – wisset, die Schlacht habt ihr verloren, der König ist tot.‹ – ›Wer hat mich denn gerettet?‹ fragte ich. – ›Die Euch Dank schuldig ist, Herr Graf,‹ antwortete sie. – Da schlug ich die Augen auf und sah sie an. ›Ich kenne dich nicht. Woher weißt du, wer ich bin?‹ – Wißt Ihr's denn nicht mehr? Am Abend vor der Schlacht seid Ihr durchs Lager gegangen und habt gesehen, wie die Sarjanten eine Bauerndirne hin und her rissen. Da seid Ihr herzugetreten und habt mit starker Stimme gerufen: Laßt sie los! – Die Dirne ist mit Heulen zu Euch gelaufen und hat Euch geklagt, daß sie nur aus Neugierde ans Lager gekommen –‹ – ›Jetzt weiß ich's,‹ rief ich, ›aber ich hatte es völlig vergessen.‹ – ›Ich nicht, Herr,‹ sagte sie und preßte ihre Hand auf die Brust, ›so wenig ich die wilden Söldner vergess' mein Lebtag!‹ – ›Es ist jetzt Nachtzeit,‹ fuhr sie fort, ›der Vater und die Brüder sind wieder hinausgegangen ins Feld – könnt Ihr wohl reiten in Euerm Zustand?‹ – Ich erhob mich, schwankte ein wenig und stand fest auf den Beinen. – ›Wunden haben wir nicht finden können, auch nicht auf dem Kopf,‹ sagte die Dirne. ›Mir dünkt, es hat Euch einer auf den Helm geschlagen.‹ – ›Ich kann reiten,‹ sagte ich, ›aber wo bekomme ich ein Roß?‹ – ›Dafür laßt mich sorgen!‹ antwortete sie. ›Hier ist Euer Schwert, ich hab's in Euerm Lager verborgen.‹ – Ihr könnt Euch denken, mit welcher Lust ich nach dem Schwerte griff! – ›Und hier ist Euer Geld,‹ sagte sie und holte den Beutel aus einer Ecke. – – – Nach einer halben Stunde saß ich leidlich gewappnet auf einem kleinen, struppigen Kumanengaule, drückte meiner Retterin die Hand und ritt in die Mondnacht hinaus, über das grausige Schlachtfeld, über die gräßlichen Leichen.« »Mit dir ist die heilige Jungfrau gewesen, Wok; sie hat dich aus der Gewalt von Leichenräubern errettet,« sagte Herr Zawisch. »Eine sichtbare Hilfe Gottes aus großer Gefahr,« murmelte auch Marquart Tausendmark, und sein düsteres Antlitz hellte sich ein wenig auf. Alheit aber hatte sich tief über ihren Stickrahmen gebeugt und zählte eifrig an den Blättlein der bunten Blumen, und ganz heimlich rollte ihr eine Träne über die Wange. * * * Die Brüder waren in ihre Schlafkemenate getreten, der alte Diener hatte den Zinnteller mit den Bechern auf den Tisch gestellt und war gegangen. »Ja, Kleiner, laß dich nur anschauen!« sagte Zawisch, legte die Hände auf die Schultern des Bruders und hielt ihn weitab. »›Kleiner‹,« – lachte er – »das kommt von alter Gewohnheit! Bist ja jetzt ein Kriegsheld, zu dem man aufschauen muß.« »Zawisch, bist du mir böse gewesen damals in Hohenfurt?« Zawisch kreuzte die Arme über der Brust und schüttelte das Haupt. »Hätt' ich gekonnt, ich wäre am Ende selber mit dem Könige geritten,« antwortete er. »Zawisch, aber die andern? Was haben die gesagt?« »Es gab eine gewaltige Aufregung, als man das Pergament fand,« sagte Zawisch. »Am ärgsten tobte der Neuhauser. Doch wir beide, Witigo und ich, standen für dich ein, und da gaben sie sich zufrieden.« »Witigo ist also in Budweis?« fragte Wok. Dann plötzlich schlang er die Arme um den Hals des Bruders und rief: »O Zawisch, was hast du gelitten in dieser Zeit – deine gute Diemut! Ich hab's in Cham erfahren. Und du hast meinen Brief bekommen?« Zawisch machte sich aus der Umarmung los und antwortete: »Vorbei, Wok, ganz vorbei. Aber drunten, tief drunten, Wok, – ach, Wok, kannst du mich wohl verstehen?« »Ich kann's!« »Weißt du, tief drunten, so tief wie die versunkene Stadt im Meere, da wimmern die Glocken noch, wenn ich in der Einsamkeit horche. – Aber ich horche nicht oft darauf, Wok. Was soll mir das Träumen? Kommt's dann doch einmal, so habe ich ein Mittel, das mir hilft.« Herr Zawisch wandte sich ab, griff nach der Laute, die über seinem Lager hing, setzte sich auf den Rand des Bettes und begann mit leiser Stimme zu singen: Oftmals denk' ich meiner Mutter. Wenn wir in vergangnen Tagen, Kinder, klein und unerfahren, Wollten ›ach, warum doch?‹ fragen, Sprach sie: ›Liebling, halt sein stille, Schau dich gar nicht weiter um, Ich, die Mutter, hab's befohlen: Kindlein fragen nicht – warum?‹ Nunmehr, da ich groß geworden Und in heißen, bösen Tagen Auf den Mann, den wohlerfahrnen, Stürmen arge Lebensplagen, Denk' ich oftmals meiner Mutter, Schau mich gar nicht weiter um: Unser Herrgott hat's befohlen, Trage, frage nicht – warum? Zawisch sprang auf und hängte die Laute an ihren Ort. »Also, was können mir die Träume frommen? Ich habe keine Zeit zum Träumen. – – Sprich auch du nicht mehr davon, Wok, ich bitte dich darum!« Wok sah den Bruder mit unsäglich traurigem Blicke an und fuhr mit der Hand über die Augen. * * * »Was tust du jetzt, Zawisch?« »Schlafen,« sagte der Held. Wok lachte. »Was du in den nächsten Tagen tun wirst, meine ich!« »Wie kann ich das wissen?« sagte Zawisch und dehnte sich und reckte sich wie einer der schläfrig ist. »Ich bin Herr in Prag, und danach handle ich.« »Du – Herr in Prag,« wiederholte Wok in tiefen Gedanken; »seltsam, seltsam – wollte ich anfangen, mich zu verwundern, ich käme zu keinem Ende. Du gehst großen Kämpfen entgegen, Zawisch.« »Das weiß ich, Wok. In drei Tagen kommt Ulrich mit zweihundert Reitern, dann kommt Wok von Rosenberg mit dreihundert Reitern – ich habe die Macht in der Hand. – – Aber wollen wir morgen darüber reden? Ich möchte schlafen.« »Und doch, Zawisch, müssen wir heute noch miteinander reden,« sagte Wok. »Hast du die Königin schon gesehen?« »Noch nicht, Wok. Morgen werde ich mich melden lassen.« »Mich empfängt sie morgen früh, Zawisch. Heute nachmittag bekam ich die Antwort.« »Dich empfängt die Königin? Du hast's eilig!« sagte Zawisch, und seine Stirne umwölkte sich. »Deshalb bin ich doch nach Prag geritten! Hätte ich ihr keine Botschaft zu bringen, dann wäre ich nicht hier.« »Wok,« sagte jetzt der Landherr, und seine Stimme klang sehr ernst, »bist du für uns oder wider uns?« »Der Kampf ist aus, der König ist tot, ich lechze nach Ruhe, Zawisch.« »Ruhe! Was Ruhe? Wo ist Ruhe hienieden? Kampf muß sein! – Wok, bist du für uns oder wider uns?« »Ich halte dem toten Könige die Treue,« sagte Wok, und ein frohes Lachen flog über sein gebräuntes Antlitz. Zawisch blickte finster drein. »Um jegliches Ding sind Grenzen gezogen, also auch um diese Treue,« grollte er. »Zawisch,« sagte Wok und zog den Bruder an das Polsterlager, ließ sich nieder und zog den Helden an seine Seite, »Zawisch, mich dünkt, unsere Wege münden heute wieder zusammen.« »Bist du für uns oder bist du wider uns?« fragte der Landherr zum drittenmal. »Zawisch, höre! Es war am Abende vor der Schlacht, da ließ mich der König in sein Zelt rufen. Er saß am Tische, auf dem die große Karte lag, und stützte das Haupt in die Hand. Ich stand lange vor ihm, ohne daß er sprach. Dann auf einmal erhob er sich und trat vor mich: ›Wok, du bist mir treu geblieben; ich danke dir. Viele sind nicht um mich her, auf die ich mich verlassen kann. Wer weiß, wie das morgen werden wird? – – Wok, ich habe einen Auftrag für dich.‹ – Ich suchte ihm die Sorgen zu zerstreuen, als er innehielt und an mir vorüberschaute ins Leere, ich wies ihn auf das glänzende Heer hin, das gelagert war von Jedenspeigen bis zur March. Er schüttelte das Haupt: ›Laß das, ich kenne meine Kräfte! Aber merke wohl auf, was ich dir zu sagen habe – falle ich morgen, und du überlebst mich, dann bringe der Königin diesen halben Ring und diesen offenen Brief!«‹ »Wok, bindet dich kein Schwur?« unterbrach ihn Zawisch. Wok erhob sich in seiner ganzen Länge. »Glaubst du das?« »Verzeih mir!« sagte Zawisch und stand auch auf. »Zawisch,« sprach Wok, »es ist ein Ding, ob ich allein oder mit dir zur Königin reite. Da – lies!« Wok nestelte an seinem Wamse, zog ein Päcklein hervor, öffnete es, besah nachdenklich einen starken, zerbrochenen Ring und reichte dem Bruder einen schmalen Streifen Pergament. Zawisch trat an die Wachskerze und las: » Der einzige, der dich und das Kind zu schützen vermöchte, ist Zawisch. Gott sei mit dir !« Zawisch ließ die Hand sinken, die das Blatt hielt, und stand in starrem Staunen. Dann sprach er: »Das ist des Königs Schrift – mir aber drehen sich die Gedanken im Kreise.« »Zawisch, der König hat dich dennoch geliebt, auch nach dem Tage von Hohenfurt,« sagte Wok. »Willst du ihm dienen, wo du seinem Andenken dienen kannst?« »Nur langsam, nur langsam,« sagte Zawisch und begann auf und nieder zu wandern; »das kommt sogar mir zu geschwinde!« Dann blieb er vor dem Bruder stehen: »Er – den Mann mit dem Flecken geliebt?« »Der König hat oft von dir gesprochen, Zawisch, das kannst du dir denken. Ein unglücklicher Mann ist auf dem Marchfelde gefallen, ein Mann, den das widrige Schicksal hin- und hergepeitscht, ein Mann, der schon längst keinen freien Willen mehr gehabt – aber ein freies Herz behalten hatte bis zum letzten Tage seines Lebens. Du hast ihm bitter wehe getan; längst weiß ich jetzt, warum du also handeln mußtest – aber weißt du, was er mir einmal sagte?« »Sprich!« »Wäre ich der Zawisch, ich hätte auch nie anders gehandelt gegen den König von Böhmen – oder besser, gegen den Kanzler. Falle ich, so sage ihm das, Wok!« »Laß uns schlafen gehen, Wok, morgen wollen wir uns beraten!« sagte der Landherr. »Zawisch, noch ein Wort: Ich sehne mich nach Ruhe, gib mir mein Erbe!« »Du wolltest mich wirklich verlassen, Wok? Jetzt? Mitten im Kampfe?« »Nein, Zawisch – nein!« rief der Jüngling. »Nur die Aussicht auf Ruhe – – ich habe zuweilen Gedanken – – verzeih mir, es ist noch nicht an der Zeit! Solange du zu kämpfen hast, stehe ich auf deiner Seite. – – Aber sag, wie hast du Marquart gewonnen?« »Alles will ich dir morgen sagen, Wok; ich hatte schon seit etlichen Wochen mit ihm unterhandelt.« »Aber wie sehr ist er verändert, Zawisch; er spricht ja kaum ein Wort!« »Das wird sich wieder einrichten,« antwortete Zawisch, und seine Stimme klang kalt. »Er hat Bedenken. – Aber wollte einer auf seinem Wege alle bedenklichen Gesichter beobachten – Heia, er könnte weit vor dem Ziele stecken bleiben!« – – – »Auch ein Witigone! – Man sollte es kaum glauben. Solche Menschen wachsen in den engen Gassen der Städte!« setzte er mit flüchtigem Lächeln hinzu. »Zawisch, in welchem – Grade – ist – ? Marquart mit uns verwandt?« fragte Wok nach einer Weile mit zögernder Stimme. Zawisch lachte. »Aber Zawisch!« »Verzeih, Wok, und sei ohne Sorge! Die Urahnherren waren Vettern – kein Ehehindernis.« »Aber Zawisch!« rief Wok und wandte das dunkelrote Antlitz ab. »Ich weiß ja selbst noch nichts.« Lauter als zuvor lachte Zawisch und griff nach dem Becher auf der Zinnplatte: »Trink, Wok!« – Und mit großem Ernste setzte er hinzu: »Die Wahl ist gut, bei allen Heiligen! Zu dieser Wahl gebe ich dir von vornherein meinen Segen an der Eltern Statt.« * * * Die Nacht verging, und die Sonne hob sich empor und glänzte über Burg und Land. Bei den Minderbrüdern im fernen Wien lag König Ottokar, bekleidet mit dem Purpurgewande, das die römische Königin aus ihren Truhen gespendet hatte, und flüsternd drängte sich das Volk vorüber an seiner Bahre, wie alle die Tage her. In der Stadt Prag aber saß Frau Kunigunde, die königliche Witwe, und ließ sich bekleiden mit dem schwarzen Trauergewande und schmücken mit dem weißen Schleierlein, wie es die Sitte gebot. Schmücken? Ja, schmücken! Im Gemache der Königin war die Luft erfüllt vom Dufte des Balsams und vom Gerüche des köstlichen Rosenöls, wortlos glitten dienende Frauen umher und verrichteten ihre Geschäfte, wortlos saß die Königin und beschaute sich im Handspiegelein; in holder Unordnung lagen Kämmlein und Bürstlein zwischen glänzenden Salbentöpflein, und traulich knisterte die Lampe, in deren Flamme man die zierlichen Brenneisen erhitzte. »Geruht die Frau Königin, sich das Schleierlein anstecken zu lassen?« fragte eine schwarzäugige Gürtelmagd und trat mit einem feinen, weißen Gewebe vor ihre Herrin. »Hier, rechts oben, noch einen Druck mit dem Brenneisen!« befahl die Königin und besah sich ernsthaft im Glase des Spiegels. Geräuschlos glitt eine Dienerin heran und vollzog den Befehl. »Und nun noch einen kleinen Schatten auf die linke Augenbraue – so! Und jetzt den Schleier!« »Der arme Herr König, dem Gott gnädig sei!« hauchte Boschena, die edle Gürtelmagd, während sie den Schleier an der Witwenhaube der Königin befestigte. »Die Frau Königin prangt im Glanze der Jugend und er –« »Zu lang, viel zu lang!« unterbrach Frau Kunigunde ihre Rede. »Verzeiht, Frau Königin, wir haben Rat gepflogen untereinander, wir glauben, das Trauerschleierlein müsse auch den Hals bedecken,« lispelte die Magd. »Falsch, ganz falsch, Boschena!« antwortete die Königin. »Herunter, rasch, rasch!« Boschena löste den Schleier. »Glaubt ihr, ich will trauern wie die Krämerweiber in Prag?« sagte die Königin lächelnd. »Ich sollte den Schleier wohl bis zum Gürtel wallen lassen? Wie plump! Steck ihn noch einmal, Boschena! Der Trauerschleier der Königin fällt von der Stirne bis zur Mitte des Kinns und ist lose gesteckt – hörst du? – ganz lose in Fältchen, das Kinn läßt er zur Hälfte frei.« »Französische Sitte,« sagte halblaut eine Dienerin. »Richtig erraten,« nickte Frau Kunigunde. »Die französische Fürstin läßt ihr Kinn, wie ich, zur Hälfte frei.« »Das schöne, königliche Kinn!« flüsterte Boschena und steckte das duftige Schleierlein, wie ihr befohlen war. Im Kreise standen die Frauen, ernsthaft beschaute sich Königin Kunigunde im Handspiegelein und erhob sich vom Stuhle. »Ich habe die Frau Königin im Brautschleier gesehen; die Jahre kamen und gingen und hinterließen keine Spur – noch herrlicher als die Braut steht heute die Königin im Witwenschleier vor meinen Augen,« sagte eine alte Dienerin. »Und der Trauerschleier fällt ihr bis auf die Mitte des Kinns, um keines Haares Breite tiefer herab,« sagte die Königin und lächelte der Greisin freundlich zu. »Groß im Glücke, erhaben im Unglücke,« sagte diese und verneigte sich tief, »das ist die Königin von Böhmen.« Und ringsumher verneigten sich die dienenden Frauen. Die schwarzäugige Boschena aber flüsterte hörbar. »Könnte Euch doch der selige Herr König sehen in diesem reizenden Witwenschleier!« – Bei den Minderbrüdern zu Wien ruhte König Ottokar aus von den Mühen der Marchfeldschlacht und von den Mühen seines Lebens, vom Stirnreife der Königin Kunigunde aber floß zierlich das weiße Schleierlein bis zur Mitte des herrlichen Kinns nach der Sitte, mit der französische Fürstinnen ihrer Trauer oblagen. – König Ottokars Augen konnten sich nicht mehr ergötzen an diesem Anblicke. * * * Die geschmückte Königin trat in den Vorsaal, und tief verneigte sich der Unterkämmerer: »Herr Wok von der Krummenau harrt Eurer Befehle, Frau Königin.« »Sind die Fenster verhüllt im Empfangsaale?« »Wie es die Sitte gebietet.« »Auf meinen Thronsitz laß einen schmalen Streifen Dämmerlichtes fallen!« »Es wird besorgt,« sagte der Höfling und verneigte sich abermals. »Dann wollen wir gehen!« sagte die Königin von Böhmen, warf das herrliche Haupt in den Nacken, schritt in den finstern Empfangsaal, setzte sich auf ihren goldenen, schwarzbehangenen Stuhl neben den andern, leeren Stuhl und erwartete den Witigonen Wok, der an der Seite König Ottokars gekämpft hatte auf dem Kruterfelde. Zawisch an seinen Bruder Witigo Meinen Gruß zuvor. Geliebter Bruder Witigo. Ich bin fertig und kann demnächst mein Roß satteln. Ich schreibe diesen Brief in der Nacht, in der aus dem letzten Tage des alten Jahres der erste Tag des neuen Jahres wird, in der Nacht, die man die böse nennt. Pilgram hat einmal gesagt: ›Solch ein Jahr hat ein schnelles Wachstum, erst liegt's wie ein Kindlein da, hernach wächst es gar schnell, wird ein Mann, wird ein Greis.‹ Witigo, das neue Jahr schaut mich an wie das alte, das neue Jahr hat das Antlitz eines Greises. Dennoch habe ich sie ganz besonders gerne, diese Nacht, und daß sie böse sei, habe ich schon als kleiner Knabe niemals entdecken können. Sogar in der bösen Kriegszeit ist diese Nacht noch lieblich. Wenn ich den Laden öffne und hinausschaue – wie ruhig liegt die alte Stadt Iglau unter der Burg, wie glänzt der Schnee auf ihren Dächern, wie helle leuchten die Sterne in dieser prächtigen Nacht! Aber die Gedanken wandern heute immer in die Heimat und in die alte Zeit. Vor wenigen Stunden hast Du wohl den Umgang gehalten mit der Räucherpfanne, die Kindlein haben gesungen, wie alle Jahre, und im Krummenauer Palas brennt jetzt ganz einsam die geweihte Kerze. Andere Kindlein haben gesungen – die Kindlein von damals sind große Leute geworden, die Kindlein von damals hatten kleine Sorgen, die großen Leute von heute schleppen große Sorgen aus dem alten in das neue Jahr. Der damals die Räucherpfanne trug, der schläft bei den Mönchen, und die, zu der wir Kindlein alle unsere Sorgen trugen, die schläft auch. Gott gebe ihnen eine fröhliche Urständ! Ich komme nicht los von meinen Gedanken. Das waren böse Jahreswenden, zuerst, als der Vater, und später, als die Mutter von uns ging. Jahreswenden mitten im Jahre. – Torheit! Da sitze ich und schreibe, als schriebe ich im Traume Lieder zum Singen. Ich will nicht singen; aber Du verstehst mich, und darum tut mir das Schreiben wohl. Es ist mir zu Mute, als ginge ich hier seit Monden nur im Harnasch umher, ja es dünkt mich, als dürfte ich ihn auch nicht vor Schlafengehen ablegen. Wie die Füchse schleichen wir umeinander herum, Böhmische, Römische, Mährische, Pfaffen, Laien, Starke, Schwache. Wir ratschlagen miteinander, wir essen, wir trinken, wir lachen, wir tun einander Abbruch, wo wir können, und lassen einander beileibe nicht merken, daß wir Sorgen tragen unter dem Harnasch. Recht so! Hart muß der Mann sein nach außen. Weil aber der Härteste und Stärkste unter dem Harnasch doch nur ein armer, schwacher Mensch bleibt, so muß er seine Sorgen in einen Vertrauten hineinreden können. An die Knechte auf der Krummenau muß ich heute denken und an die Mägde. Die Mägde malen das Zeichen an ihre Truhen – ich wollt', ich könnte auch ein heilig Zeichen an ganz Böhmen malen in dieser Nacht – Äpfel schneiden sie und betrachten die Sterne darinnen, raunen, freuen sich, fürchten sich. Von den Knechten läuft der eine hinaus an den Kreuzweg und horcht mit seinem Dickkopf ins neue Jahr hinein; der andere geht heimlich in den finstern Stall, legt sich in die Krippe und horcht, wenn die Rosse anheben zu reden miteinander um die Mitternacht. – Mitternacht ist's, Witigo, unter mir stampfen die Rosse im Stalle – ich gehe nicht hinunter zu ihnen, ich weiß ehevor, was sie sagen in dieser Mitternacht. ›Krieg!‹ sagen sie, ›Krieg!‹ und schnauben, als röchen sie Blut. Ich komme nicht los von meinen trüben Gedanken, und es ist mir, als sähe ich das Spiel Lichtelschwimmen. Die zwei Nußschalen tanzen mit ihren brennenden Lichteln in dem Wasserbecken. Heia, wie sie tanzen – hie König Rudolf, hie Böheim! Kommen sie wohl beide zusammen, wie es sich geziemt? Mich will dünken, König Rudolfs Lichtel schwimmt eilig an den Rand und das arm böhmisch Lichte! flackert, als wollt' es erlöschen. Aber es soll nicht erlöschen, so wahr ich Zawisch heiße! Holla! Es ist dennoch eine verzauberte Nacht, vornehmlich für einen, dem Kümmernis im Herzen sitzt. Ein solcher muß träumen in dieser Nacht und sinnen über das, was war, und das, was kommen wird. Aber holla! sage ich. Du weißt, bei Tage träume ich nicht, und wenn ich des Nachts träume, was kümmert's die Leute? – Sie reden übel vom Zawisch, die Römischen; denn er hat ihnen heiße Köpfe gemacht all die Monate her, der Zawisch. Höre! Jaroslaw, ich und die andern Boten der Königin ritten mit vielen Rossen im Monat Oktober nach Mähren zum König Rudolf und fanden ihn mit seinem Heere bei Eibenschitz im Feldlager. Weißt du, welch einen gewaltigen Brief der römische König an alle Herren und Städte in Böhmen gesandt hatte? An jedem Stadttore stand zu lesen: ›Auf, schließet euch Uns an und dem heiligen Reiche in lauterer Ergebenheit, und Wir wollen euch erheben und wollen euch überschütten mit Unserer Gnade!‹ Im Herzen brannten mir seine Worte, und mein Herz jubelte: Er ist ein Starker, der die Schwachen regieren wird mit Sanftmut und die Widerspenstigen mit dem Stabe Wehe! So kamen wir und fanden den römischen Rudolf. Höre, wie er aussieht: Er ist ein langgewachsener, hagerer Mann, er hat einen kleinen Kopf, ein glattes, blasses Angesicht, als wäre er ein Schreiber und kein Kriegsheld; seine Nase ist stark gebogen wie eines Geiers Schnabel, und weil sein Schädel vorn und oben kahl ist wie eine kahle Bergkuppe, so ist er auch anzuschauen wie ein alter, großer Geier, insonderheit wenn er ruhig sitzt, nichts redet und seine scharfen, blauen Augen auf einen richtet. Verzeih' mir's Gott, so sieht er aus! Ehedem habe ich mir sein Bild wohl anders gemalt, jetzt muß ich sagen: der römische Rudolf kann gar nicht anders aussehen, als er just aussieht. Er nahm uns mit hohen Ehren auf, ließ uns prächtige Zelte bauen und hob auch gleich mit mir zu reden an von der alten Blutsfreundschaft. Sag's den Rosenbergern, daß er ihren Vater Wok gar wohl gekannt hat. Ich habe das aus seinem Munde zum erstenmale gehört. Seltsam ist seine Art zu reden; noch seltsamer ist seine Art zu schweigen. Sicherlich hat er schon die geheimsten Dinge aus den Menschen herausgeschwiegen, dieser König. Denke dir, da sitzt der König, und hier stehst du. Deine Sache hast du vorgebracht, lang und breit. Er hat dich kein einzigmal unterbrochen in deiner Rede, und jetzt schweigst du und horchst, was er sagen werde. Aber nichts sagt er, ruhig sitzt er und schaut dich an. Bist du ein heuriger Hase, so fängst du nach einer Weile aufs neue an, sagst ihm das Ding zum zweitenmal, nur nicht so klärlich wie zuerst, und sagst dazu wohl auch das und dies, was du zu Anfang nie gesagt hättest. Aber der Zawisch hat eine gute Witterung, er ist kein heuriger Hase, er ist überhaupt kein Hase, und so schwieg er, als er fertig war. Nach kurzer Bekanntschaft schon taten wir uns leicht miteinander: wenn ich schwieg, dann hob er zu reden an, wie sich's gebührt, der römische König. Ein großer Zusammenlauf war im Lager bei Eibenschitz. Da waren Geschworene aus den mährischen Städten; die kamen, huldigten und trugen starke Schutzbriefe von dannen. Da kamen die Herren vom Lande, einer nach dem andern, Große und Kleine, kamen wie die Mücken zum Lichte, verbrannten sich aber die Kleider nicht, sondern gingen mit großen Ehren davon. Da kamen Boten aus Polen und aus Ungarland, da kamen Boten aus Österreich, Steier, Kärnten und aus dem Reiche. Da kamen Geschworene aus den böhmischen Städten. – Um die Weihnachtszeit reitet der römische König in Prag ein, dachte ich in meinem Herzen und war frohen Mutes. Er überlegt ein Ding lange, der König Rudolf, und wer etwas bei ihm durchsetzen will, der muß seine Lippen oft trocken reden. So wurde auch lange hin und her gesprochen über unsere Angelegenheiten. Unter den Räten des Königs ist der vornehmste der Burggraf Friedrich, der Nürnberger, ein kluger, aber ein hartköpfiger Mann. Als ich den herumgebracht hatte, war der größte Teil getan. Zu uns hielt mit Rat und Tat getreulich der Oheim Bruno, der viel gilt beim römischen Könige. Er ist hochbetagt, aber frischen Geistes. Er ist ein guter Reichsgenosse, er meint es treu mit der Königin – zuerst und zuletzt aber ist er der Bischof von Olmütz. Seine Weisheit ist groß. Zuweilen aber mußte ich mir denken: Wenn ein Ding eine Spitze hat, mußt du ihm doch nicht noch eine zweite machen, Bischof Bruno: ein Haar kann leichtlich in die Suppe fallen – wenn du es spaltest, dann werden aus dem einen Haare zwei Haare! Also – im Oktober wurde geteidingt vor Pfaffen und Laien: Der junge König Wenzel tritt in den Ring mit Guta, König Rudolfs Tochter, und wiederum treten in den Ring König Rudolfs Sohn mit Namen Rudolf und die böhmische Agnes. Eine segensreiche Verbindung, Bruder Witigo! Der eine Vater hat dem andern Vater den Schädel einschlagen lassen, und etliche Monate hernach gibt man ihre Kinder zusammen, daß sie sich dereinst lieben und ehren und neue Geschlechter zeugen miteinander. So wurde geteidingt. Aber zuvor hatte ich noch hart zu kämpfen gehabt für die Königin: ›Die Königin führt die Vormundschaft!‹ sagte ich und stritt darum eine halbe Nacht mit dem Burggrafen. Der hatte hundert und hundert Einreden, und ich kam nicht vom Flecke. Da ging ich des andern Tages zum Könige. Er schritt auf und ab im Zelte mit gesenktem Haupte. Ich: Herr König, da steh' ich und heische das Recht für meine Königin. Sie hat sich in Euern Schutz begeben; entweder Ihr regieret selber als Vormund in Böheim, oder Ihr lasset die Königin regieren; den Schimpf wollet der Königin nicht antun, daß sie und der kleine König und das ganze Böheim vom Brandenburger oder vom Breslauer regieret werden! Er: Ich bin der römische König und kann nicht als Vormund regieren in Böheim. Ich: Also übergebt der Königin das Regiment. Er: Sie ist ein Weib. Ich: Die alte Königin Libuscha war auch ein Weib. Er: Und was war das Ende? Die Königin begab sich unter die Vormundschaft eines Mannes. Ich: Rings um die Königin stehen wir, Herr König, und geben ihren Worten Nachdruck mit unseren Schwertern. Also kann und wird sie regieren wie ein Mann. Da blieb der König stehen, schoß einen Blick aus mich und fragte schnell: Ihr begehret, die Macht zu haben in Böhmen, Herr Zawisch. Da liegt's! Nun hätte sich ein anderer wohl verneigt und hätte einen Brei gemacht um das Ding mit schönen Worten. Meines Vaters Sohn aber richtete sich stracks auf und sagte: O ja, Herr König! Bis König Wenzel zu seinen Jahren kommt, wollen wir, die von der Rose, das Heft in der Hand behalten für Kaiser und Reich; denn wir Rosenherren sind die Mächtigsten in Böhmen. Er: Und die anderen Herren in Böhmen? Ich: Die werden sich beugen, wenn wir in Euerm Namen stehen. Er: Und wenn der Brandenburger Vormund wäre? Ich: Dann hätten die Tschechen das Heft in der Hand, und dann wehe den Deutschen in Böhmen! Er: Was kümmern mich eure Händel? Ich: Was? Viel, Herr König! Wer hält zum Reiche? Die deutschen Herren, die deutschen Städte. Bruder Tschech haßt Kaiser und Reich. Herr König, das möchte Euch bitter gereuen, wolltet Ihr die Deutschen zurückstoßen. Unsere Händel sind Euere Händel. Gebt dem Brandenburger nach, und in Böhmen wird ein Feuer zum Himmel schlagen! – So stritt ich den ganzen Tag bis in die Nacht hinein mit Hitze und mit Kälte. Ich wies dem Könige unser gutes Recht und seine heilige Pflicht, und ich erfocht den Sieg, Bruder Witigo. In derselbigen Nacht ward der Vertrag geschrieben und besiegelt; die Königin hatte die Vormundschaft. Daß ich aber also kämpfen mußte um den endlichen Sieg, ich mit dem römischen Könige – Bruder Witigo, das Ding war mir sehr verwunderlich. Jetzt wundert's mich jedoch nicht mehr. Gegen Morgen suchte ich mein Lager und dankte Gott. Nun ist's getan! – so sagte ich zu mir. Die Deutschen haben den jungen König in der Hand und seine Mutter, und über dem Könige und den Deutschen und ganz Böheim wacht der römische Rudolf. So sagte ich, Bruder. Da hob sich ein böser Wind aus Böheim her, und das Wetter schlug um über Nacht. Will einer das Wetter loben, so soll er vorerst immer den Finger naß machen und den nassen Finger in die Luft recken. Der Wind ist's, der das Wetter regiert – überall, vornehmlich an eines Königs Hofe. In meinem Leben will ich nichts mehr loben, was ich nicht mit meinem Schwerte decken kann, gar nichts mehr, Bruder Witigo. – Des andern Morgens werde ich in des Königs Zelt entboten. Da sind alle Herren versammelt zum Rate. Der König ruft mir entgegen: Böse Briefe, böse Briefe, Herr Zawisch! Wißt Ihr's? Ich: Nichts weiß ich. Er: Der Brandenburger rückt mit Heeresmacht heran. Ich: Eia, so weiset ihm das Gewaffen! Er: Mit Heeresmacht, Herr Zawisch! Ich: Um so besser, Herr König. Da habt Ihr Eure Feinde alle auf einem Haufen. Der Burggraf: Nichts da, es ist genug Blut geflossen! Ich: Ihr auch, Herr Friedrich? Das will mich wunder nehmen. Der Bischof Bruno: Zawisch, das Ding schaut anders aus. Der Herr König hat recht. Ich schrie: Herr König, ist's wahr, Ihr scheuet Euch vor dem Brandenburger und vor den tschechischen Herren, die Euch Trotz bieten? Saget, Herr König, es ist nicht so! Da schlug der König mit der flachen Hand in die Luft und schwieg. Ich schrie abermals: Herr König, lasset Euch nicht ein mit dem Brandenburger! Hier knie' ich vor Euch. Ihr werdet dieser Stunde gedenken. Habe ich Prag genommen mit etlichen wenigen Reitern, so werdet Ihr nicht umkehren vor Böhmen mit einem Heere. Sprechet, im Namen der Königin bitte ich Euch! Der römische König schwieg. Ich: Herr König, habt Ihr nicht Unterwerfung gefordert von allen Herren und Städten in Böhmen? Soll Euer Wort zum Gespötte werden? Der römische König schwieg. Der Burggraf Friedrich: Ihrer sind etliche Tausend, Herr Zawisch. Sie ziehen gen Kolin heran. Ich: Und wenn ihrer dreitausend sind, was ich nicht glaube, so seid Ihr, Herr König, dennoch der römische König. Gebt mir tausend Reiter, und ich jage sie in alle Winde. Der römische König: Ich will mir's näher bedenken, ihr Herren. – Da ging ich mit den andern und war in schweren Sorgen. Der König mißfiel mir unsagbar, Bruder Witigo. Es kamen böse Tage. Der König rückte langsam vor bis gegen Sedletz und schlug ein Lager. Boten ritten ein vom Brandenburger, verhandelten im geheimen und ritten wieder ab. Ich sah sie; es waren alte Bekannte darunter. Ich biß die Zähne aufeinander und beobachtete und schwieg. Dann forderte ich die gesiegelte Urkunde in des Königs Kanzlei. Ich bekam höfische Worte, aber das Pergament bekam ich nicht. Ich wandte mich an den Burggrafen; der Burggraf vertröstete mich. Ich bat den Bischof Bruno um Hilfe; dieser sprach viel von Frieden und Klugheit und Sanftmut. – Zum Teufel mit dem Frieden, wenn er ein fauler Friede ist, zum Teufel mit der Klugheit, wenn sie stracks gegen das Recht geht, zum Teufel mit der Sanftmut, wenn die Sanftmut nichts ist als Schwachheit! – Ich verlangte zum Könige; ich wurde nicht vorgelassen. Ich besprach mich mit Jaroslaw und den andern – ich ward gewahr, sie hatten den Mantel nach dem Winde gedreht, und ich stand allein. Es wollte mir sorglich werden: ich hatte lange keine Nachricht von der Königin, ich wußte nicht, war Prag noch unser oder nicht. Ich machte mir schwere Gedanken, wie ich Prag halten könnte, wenn sich der römische König mit dem Markgrafen und seinen Strauchdieben verglichen hätte. Da kam mein Burkhard und brachte mir Botschaft von Wok und von der Königin. Prag war ganz ruhig. Burkhard hatte sich als Krämer ins Lager des Brandenburgers geschlichen. ›Vierhundert verdeckte Rosse hat der Brandenburger, die tschechischen Herren sind mit tausend Rossen bei ihm. Wenn der römische König rasch zuschlägt, dann können sie nicht standhalten. Aber Eile tut not; der Brandenburger hat einen starken Zulauf.‹ So sagte er. Ich stürmte zum Burggrafen. Ich hielt ihm alles vor. Tod und Teufel über das Ränkespiel am Hofe eines Königs! Es war zu spät. Am selbigen Tage ritt der Brandenburger ein im Lager zu Sedletz. Am selbigen Tage ward meine Urkunde zerschnitten. Am selbigen Tage schloß König Rudolf mit dem langen Otto einen Vertrag, weil er ihm mit Heeresmacht entgegengetreten war – und wohl auch, so hörte ich raunen, weil der Brandenburger und die Tschechen schwere Geldbeutel bei sich trugen, und weil der römische Rudolf borgen muß bei Laien und Pfaffen. Und so ist der lange Brandenburger Vormund über den jungen Wenzel seit dem Tage von Sedletz. – ›Pfuch!‹ sagt Witigo von der Krummenau, und ›pfuch!‹ sage ich, Zawisch. Weißt Du jetzt, warum ich nicht zu den Rossen gehe heute nacht, Bruder? Ich weiß, was mit dem neuen Jahre ins Land kommt – der Krieg kommt, Witigo. O über diesen römischen König! Ich begab mich noch einmal zu ihm, versuchte, ob ich nicht das Unheil wenden könne. Er empfing mich huldreich. Ich: So wollt Ihr also die Königin und die deutschen Städte preisgeben, Herr König? Ich kann's noch immer nicht glauben! Er: Preisgeben? Ich habe gute Ordnung hergestellt im Lande Böheim. Ich dächte, man sollte mich loben! Ich: Ist das gute Ordnung, wenn Ihr den Wolf über die Herde setzet? Er: Zawisch, laßt Euch das Ding nicht grämen! Glaubet mir, über viele Länder ist der römische König gesetzt, doch über ihm selber steht die Klugheit. Ich stand da und verschluckte ein unziemliches Wort. Der König aber legte mir die Hand auf die Schulter und schaute mich scharf an. ›Ei, Zawisch, was kümmert Euch Böheim? Haltet Euch mehr herüber zum Reiche!‹ Ich: Das tu' ich, Herr König, aber von Böheim lasse ich nicht. Er: Ich bedarf getreuer Männer, haltet Euch abseits von diesen böhmischen Händeln! Was Ihr dort verliert, das kann ich Euch zehnfach geben an andern Orten. Schlaget ein! Ich: Zu Kaiser und Reich stehe ich, Herr König, und von Böhmen lasse ich nicht. – Und ich ging. Warum habe ich also gesprochen, Witigo? Ich sage dir, es war mir lieb, daß mich der König versuchte. Denn als er mir Ehre und Land bot, da ward mir's ganz klar, was ich will: Das Schicksal der Deutschen in den Städten und auf dem Lande will ich wenden und mein und meiner Sippe Schicksal will ich mit ihrem Schicksale verbinden. Witigo, das Schicksal der Deutschen brennt mir auf dem Herzen. Und wenn der römische König sein Lichte! mit sich hinausträgt ins Reich und läßt uns in Kampf und Drangsal, dann soll die rote Rose leuchten in Böhmen. So ist mir's lieb, daß mich der König versucht hat; denn jetzt kann ich mir klar und deutlich sagen, was ich will. – Da sitze ich und bin zu Ende. Und dabei ist mir zumute, als wäre ich eines Kaufmanns Knecht, säße in der Fremde und hätte schlechte Geschäfte gemacht. Lächerlich – wie kann ich wissen, was sich eines Kaufmanns Knecht denkt? Aber siehe, in dem einzigen Worte liegt's: Zum Könige bin ich geritten und einen Kaufmann habe ich gefunden. Siehe, da liegt's und da liegt's: Der König schneidet heute nacht keinen Apfel und also sieht er auch keinen Stern, und das arm böhmische Lichtel, das da mitten auf dem Wasser schwimmt und flackert, was kümmert's ihn? Sorgt er doch nur, ob sein Lichtel brennt und leuchtet. – Könige kann man nicht wählen, Könige müssen Könige sein von ihren Vätern her, Könige werden geboren. Siehe, da liegt's: Der junge Schmied muß auf einen alten Schmied schauen, wenn er sein Handwerk recht lernen will; der junge Sarjant muß bei einem alten Sarjanten in die Lehre gehen; und so sollte der neue römische König zum wenigsten hinschauen auf die großen alten Kaiser, wollte er das Regieren recht betreiben. Aber die alten Kaiser sind längst tot, der Drachentöter Sankt Georg ist auch längst tot, und der Graf von Habsburg hat das Regieren von ihm selber gelernt. Was ist noch viel zu sagen? Die Königin ist auf dem Wege und wird in den nächsten Tagen hier in Iglau einreiten mit Jung-Wenzel und Agnes. Das wird eine frohe Hochzeit werden! Für die Fackeln dürfen sie nicht sorgen – alle Nacht geht ein anderes Dorf in Flammen auf: die Königischen und die Brandenburgischen brennen miteinander um die Wette, und ihre Herren zucken die Achseln, wenn die Bauern heulend ins Lager laufen. Pfuch! – Von Wien herauf zieht die römische Königin mit ihren Kindern. Heisa! Tandaradei! Die Alten werden einander beschmunzeln, und die Brautleute werden Honigstücklein essen, werden von ihren Puppen und von ihren Steckenpferden reden. Tandaradei! – Und der Brandenburger stolziert durch die Stadt – hat auch ein gutes Recht dazu, ist er doch Herr über Böhmen und König Rudolfs Schwäher obendrein. Lachen möchte man, Weinen muß man: Herr Rudolf ist ein kluger Mann, allezeit auf Handelschaft bedacht – er hat mit dem Brandenburger ein großes Geschäft abgeschlossen und als Drangeld hat er seine Tochter Hedwig mit des Brandenburgers Bruder verlobt. Warum lachst du nicht, Zawisch? Weil Länder keine Heringtonnen sind und Fürsten keine Krämer sein sollen? Du Tor, der römische König ist klüger als du! Lebe wohl, Witigo! Was ich tun werde, liegt noch im Dunkeln. Zunächst werde ich mir anschauen, wie sie die Kindlein zusammengeben. Dann werde ich der Königin scharf zusetzen. Sie ist eine kluge Frau, und ich vermag viel über sie. – Ob ich Prag halten kann? Was weiß ich? Nichts weiß ich, als daß der Morgen fahl dämmert über dem mährischen Lande. Kampf und Not werden kommen. Aber wie hat Pilgram gesungen? › Tritt fest auf; mein Sohn !‹ Fest will ich auftreten. Den Tag von Sedletz will ich dem Brandenburger einreiben – will ! – Ich trage Sorge, du denkst: er spricht große Worte im voraus gleich dem römischen Könige. Aber schreie ich denn das ins Land hinaus? Bist du ein Stadttor, an das ich's hefte? Still sitze ich und schreib's in einen Brief und schreib's an meinen Bruder. Lebe wohl! Halte die Brücken aufgezogen! Mich brennen meine Augen; ich will noch etliche Stunden schlafen. Lebe wohl, Bruder Witigo! Weißt du, was der römische König heimlich bei sich denkt? Ich will dir's sagen: ›Das Feuer unter dem Kessel brennt; ich lass' es brennen, kann ich's doch nicht löschen ohne Gefahr. Ist's gar heruntergebrannt, dann trete ich vorsichtig herzu, hebe den Deckel und schaue in den Kessel – wer kann alles wissen? – vielleicht hat mir das Feuer eine gute Suppe gekocht!‹ Es zuckt mir in allen Fingern, in den Adern klopft mein Blut, mich dünkt, jeder Zaunpfahl spitze sich vor meinen Augen zu einem Speere, mich dünkt, nichts mehr auf Erden habe recht als das Schwert, eine unsichtbare Gewalt treibt mich vorwärts. – Was ist's denn? – Rauflust! – Lebe wohl, mein Bruder Witigo! * * * Droben im Walde, in der Krummenauer Burg, las Herr Witigo den Brief des Bruders. Dann trat er ins Fenster, schaute lange hinunter auf das verschneite Tal und sagte vor sich hin: »Rauflust? – Du hast niemals gerauft aus Lust. – – – – Aber hüte dich vor dem römischen Könige, Zawisch!« Unter der Erde Eine frühe Winternacht hatte sich auf die Stadt Prag gesenkt. Drohend, gleich einem gefährlichen Ungetüme, lag die Burg im Scheine der Sterne und bewachte die Stadt am Strome, und mit stummem Grimme streckte die bewachte Stadt ihre Türme und Giebel empor gegen die Wächterin. – Seit einer Woche war die Königin aus Mähren zurückgekehrt. Aber sie hatte den Hradschin nicht betreten, sie hatte sich und den Knaben Wenzel in den Schutz der Prager Bürgerschaft und des Witigonen Wok begeben. In die Königsburg war der Markgraf eingezogen. Frau Kunigunde hielt Hof in dem großen Steinhause, das vorzeiten König Ottokar in den Ringmauern der Altstadt erbaut hatte. – Auf den Dächern Prags glitzerte der Schnee, die hundert und hundert Türme trugen Schneehüte, Schnee lastete auf den Dächern der Burg, und eine schmale, untiefe Moldau rieselte in breitem Rinnsale durch das böhmische Land. Öde war's in den Gassen, festgeschlossen waren gleich den Stadttoren die Tore der Bürgerhäuser. Nur zuweilen, wenn die Richterwache mit qualmenden Fackeln einherkam, ward es lebendig zwischen den hohen Häusern: Waffen klirrten, der Schnee krachte und knirschte, pfiff und schrie, kurze Rufe ertönten, roter Schein glitt über das gebräunte Fachwerk zur Rechten und zur Linken, die langen Eiszapfen an den Dächlein der Lauben und Schwibbogen färbten sich rot und glitzerten ein wenig. Dann verhallten die Schritte in der Ferne, und dunkel wie vorher ragten die Häuser in die grimmig kalte Luft, stille wie vorher war's weit und breit. Schon zum drittenmal hatte die Richterglocke ihren schrillen Ruf vernehmen lassen. Aber nirgends mußte ein Wirt vor seine Gäste treten und den Feierabend ansagen. Festgeschlossen gleich den Toren der Stadt und gleich den Bürgerhäusern waren die Schenken allenthalben: Zwietracht regierte unter den Geschworenen wie unter den Zünften, und gleich einem Gespenste schlich das Mißtrauen durch die Gassen bei Tag und bei Nacht. Im weitläufigen Hause der Königin, im Saale der Edelknaben, brannte ein Helles Kaminfeuer. Am plumpen Tische, unter dem Kronleuchter, saßen zwei schwarzgekleidete Junker und ergötzten sich am Schachzabelspiele; ein dritter hatte seinen Stuhl an den Kamin gerückt und starrte in die Flammen. »Aber jetzt – schachroch, Hinko!« sagte der eine in tschechischer Sprache. »Das hatte ich übersehen, Onesch.« »Noch drei Gänge, Hinko, und dein König tut den letzten Gang!« »Witzig gesagt, Onesch; aber du könntest dich irren.« »Ich irre mich nicht, Hinko. Da – schach!« »Gut! Aber nun setze ich also – was meinst du jetzt, Onesch?« »Pah! Da – schach! Und jetzt schau den Roch an, Hinko! Mit dem Roch tu' ich dir matschach.« »Mat – verflucht! Hätt's nicht geglaubt, Onesch. – Vergeltung?« »Morgen!« sagte Onesch, nachdem er einen raschen Blick auf die große Sanduhr geworfen hatte, blinzelte seinem Partner zu und erhob sich. »Ein sinnvolles Spiel, wie geschaffen für Edelknaben im Dienste. Möchte wissen, wie wir ohne dieses Spiel die Zeit herumbrächten!« »Zum Sterben langweilig, dieser Dienst,« antwortete Hinko und legte die schweren Figuren in die Schatulle. »Man möchte den ganzen Tag gähnen. Vom Morgen bis zum Abende heißt es warten auf die Befehle der Königin, und die Königin befiehlt nichts vom Morgen bis zum Abende. Und diese schwarzen Kleider – wie Leichenbitter sind die Edelknaben der Königin anzuschauen!« »Und wie ein Leichenbitter sitzt dieser Rapot nun schon den ganzen Abend am Kamin,« sagte Onesch und deutete auf den Dritten im Saale, der den beiden Tschechen den Rücken zukehrte. Hinko lachte hämisch. »Jetzt paß auf, Hinko!« flüsterte Onesch und sagte dann in deutscher Sprache mit lauter Stimme: »Sinnvoll Spiel, Schachzabel dieses. Wer ausgesonnen hat Schachzabel dieses, Hinko, meinst du Deutsche gewiß?« Der Knabe am Kamine zuckte zusammen. Onesch schnitt eine Grimasse: »Nix, Hinko, nix Deutsche. Haben viel gebracht in Böhmenland, Deutsche, haben gebracht Wanzen, gebracht Läus, gebracht Zwieträchtigkeit, Tod, Mordschlag, aber nix Erfinder gewest von Schachzabelspiel, Deutsche. Haben Blauaugen, haben Köpfe mit Wasser voll.« Hinko lachte, warf sich in seinen Polsterstuhl zurück, schlug ein Bein über das andere und schaute auf den deutschen Edelknaben. Dieser hatte die Linke in die Seite gestemmt, saß hochaufgerichtet da und starrte in das Feuer. Auf den Fußspitzen ging Onesch über den Teppich, bis in die Mitte des Saales. »Sind Deutsche jung, schlaf sie im Tag, träum sie im Tag, verdreh Augen ihriges, sing zu Mond, blas Laute, sagt Vater meiniges; wird sie älter, wird sie Rauber, Dieb, raubt sie Bauersmann schwaches, stehlt sie Edelmann starkes, was sie hat, Deutsche.« »Laß mich in Ruhe, Onesch!« sagte der Deutsche und rührte sich nicht. »Sing sie Mond an, wenn sie jung sein, sing sie liebe Königinne zu,« fuhr Onesch fort. »Du bist ein Feigling,« sagte der Deutsche mit bebender Stimme und erhob sich. »Du weißt, wir müssen Frieden halten im Vorsaale.« Noch einen Schritt näher trat Onesch. »Steht sie da, junges Deutsches, denken in Herzen seiniges: ›Ist sie so holde, sehr holdeste von alle die Königinne, ist sie wie schön! Ist schwarz Haar deiniges wie Feder vom Rabvogel. Ist sie weih, dein hohes Stirne, ist sie brennige dunkle Auge in Kopfe. Hochgebiegt wie zarte Brauen deinige! Wie die rote Rose sind gefärbet Backen deinige. Kommen Lüste am Morgen sachte, heben Schleierlein deiniges hoch, kose Schönheit königliches, wird Sonne selber bleiche. Ist sie königliche deine Wüchse, Frau Königinne, Mund rosenrote, – o bücke Mund herunter deiniges – mich – – o küssen, Rapoto Edelknaben, – einmal nur, ache, dann, holdes Königinne, gerne tot werden Rapoto!« Hinko lachte und warf sich hin und her in seinem Stuhle. Unbeweglich stand der deutsche Knabe am Kamine. »O Rapoto! Ist Freude groß, nicht tot werden, ist ja totgestorben König pan Otakr, können Deutsche leben, können sich sitzen neben Königin freies, können sagen leise: ›Werde Königinne meiniges!‹« Mit verzückten Gebärden stand Onesch; dann ließ er sich auf ein Knie nieder. »Hund,« rief der Deutsche, »laß die Königin aus deinem schmutzigen Maul!« »Ist sie frech, dummes Deutsche,« sagte Hinko, und Onesch erhob sich. Langsam schritt Rapoto heran vom Kamine, rasch stand Hinko auf und stellte sich neben Onesch. Der Deutsche trat hart vor den Tschechen und sah zu ihm empor. »Geh weiter, deutsches Wanze!« sagte Onesch. Da hob der Deutsche blitzschnell die Faust und schlug den Tschechen ins Angesicht. Aber im nächsten Augenblicke rollten die Drei ringend auf dem Teppiche – wortlos – schwer keuchend. * * * Der kleine Deutsche lag bezwungen auf dem Boden. Er war mit Kunst gefesselt an Händen und Füßen, und in den Mund hatten ihm die Buben einen starken Knebel gespannt. »Dummes Deutsche,« sagte Onesch, »das ist nicht gewesen wie sonst eine Spaß, das ist gewesen eine Ernst. Wir schieb dir eine Stock zwischen durch Arme und Bein und werf dich in Ecke, dummes Deutsche. Rühr dich nicht! Können dich nicht brauch jetzt.« »Spute dich, Onesch,« sagte Hinko in tschechischer Sprache, »es ist höchste Zeit!« * * * Wie ein Stück Holz lag der blonde Rapoto in einer Ecke des Saales. Das Kaminfeuer war zusammengesunken. Totenstill war's im Hause. – – – – – Aus den Gemächern der Königin aber glitt unhörbar eine dunkle Gestalt, huschte gleich einem Schatten die schwach beleuchtete Stiege hinunter und stand endlich lauschend im finstern Hausflure. »Boschena!« flüsterte eine Stimme, und Onesch trat hinter der dicken Säule hervor, die das Gewölbe des ersten Stockwerkes trug. »Onesch, hier!« »Alles in Ordnung?« »Alles. Königin und Knabe längst zur Ruhe gegangen. Auch die Herren schlafen wohl fest – hab' ihnen den Trank gut gemischt.« »Bringst du Licht?« »Hier,« sagte Boschena leise und zeigte eine starke Kerze. »Wo ist Hinko?« »Schon im Keller,« antwortete Onesch und zögerte. »Dann vorwärts!« flüsterte Boschena. »Die Kerze zünden wir im Keller an.« »Wenn die List nicht glückt, dann kostet's unsere Köpfe,« sagte Onesch. »Vorwärts!« zischte Boschena. »Soll dir ein Weib den Mut anblasen, Vetter? Es muß glücken! Heute nacht ist Prag unser, und der König schläft samt seiner Mutter morgen abend auf dem Bösigberge. Vorwärts!« »Um dich habe ich Sorge, Boschena; für Hinko und mich sorgt der Markgraf.« Verächtlich lachte Boschena: »Der sorgt auch für mich, wenn's fehlschlägt – ich habe mich nicht vergessen, verlaß dich darauf!« »Dann vorwärts!« – – Im untersten Keller standen die Junker und die Gürtelmagd der Königin von Böhmen. »Hinter diesem Fasse ist die Türe – hurtig, Onesch, Hinko!« sagte Boschena. Die beiden stemmten die Schultern an das schwere Faß und rückten es zur Seite. Eine kleine Türe ward sichtbar. »Stoßet den Riegel auf,« befahl das Mädchen. Onesch öffnete die Türe und spähte in die Finsternis. Moderluft drang aus dem Gange hervor. Onesch krümmte Daumen und Zeigefinger, legte sie an die Zähne und stieß einen gellenden Pfiff aus. Lauschend standen sie und spähten. Da kam's von fernher mit leisem Klirren. Das Licht in Boschenas Hand begann zu flackern. Das Klirren wurde stärker und stärker. Boschena lächelte lautlos, triumphierend. »Da, nimm, Onesch!« befahl sie flüsternd und gab dem Vetter die Kerze. »Kann ich mich auf dich verlassen?« »Ich bin dein Knecht, Boschena!« antwortete Onesch und warf einen glühenden Blick auf das Mädchen. Boschena glitt durch den Keller und verschwand auf der finsteren Treppe – aus der Tiefe des Ganges aber quoll eine endlose Schar gewappneter Männer, erfüllte den weiten Keller, stieg wortlos die gewundene Steintreppe empor, erfüllte auch den ersten Keller und stieg hinauf in den Hausflur und erfüllte das ganze Haus. – Im Saale vor den Gemächern der Königin stand Boschena, als wäre sie soeben aus ihrer Kemenate getreten, hielt einen Leuchter in der hocherhobenen Rechten und schrie mit gellender Stimme in deutscher Sprache: »Helfio! Räuber! Mörder!« »Schweig, Dirne!« donnerte ein vornehmer Kriegsmann, dem der rote Bart bis an den Gürtel reichte. Aber noch stärker schrie Boschena: »Helfio! Mörder!« Schlaftrunkene Höflinge stürzten auf die Gänge und wurden von den lautlos Harrenden niedergeschlagen. Fort und fort aber schrie Boschena: »Helfio! Mörder!« Die Königin erschien auf der Schwelle ihres Gemaches und schaute mit Entsetzen auf die Gewappneten. Fortwährend schrie Boschena mit gellender Stimme: »Helfio! Mörder!« Die Königin sagte mit tonloser Stimme: »Euer Begehr, Herr Markgraf?« »Vergebt, Frau Königin, daß ich Euere Nachtruhe störe! Gebietet dieser Dirne, daß sie schweige, und dann folget mir mit dem Könige!« antwortete Herr Otto, den sie den Langen nannten, und bückte sich tief. Die Königin legte die Hand auf die Schulter ihrer Magd und suchte sie zu beruhigen. Boschena sank zusammen und wand sich vor den Füßen ihrer Herrin im Weinkrampfe. »Und wohin, Herr Markgraf?« fragte die Königin. »Das wird sich zeigen, erhabene Frau. Ihr und der König werdet den Wohnsitz verändern – das ist alles. Hüllet aber Euch und das Kind in warme Pelze; denn die Fahrt ist weit!« »Ich gehorche der Gewalt,« sagte Frau Kunigunde mit Hoheit, »doch es wird Euch gereuen, Herr Markgraf.« Dieser lachte und verbeugte sich abermals. »Kann meine Dienerin mit mir gehen?« Wieder lachte Herr Otto: »Wenn Euch an der Heulerin gelegen ist – warum nicht?« »Boschena, willst du mit mir gehen, armes, treues Kind?« fragte die Königin. Das Slavenmädchen rutschte auf den Knieen heran, bedeckte die Hand der Königin mit Küssen und schluchzte: »In den Tod mit Euch, hohe Herrin!« * * * Aus dem Hause der Königin stürzten die Sarjanten des Markgrafen; über die Moldaubrücke galoppierten seine gepanzerten Reiter und rasselten durchs weit geöffnete Stadttor; langgezogene Hornrufe hallten durch die Altstadt Prag; aus allen Gassen und Gäßlein stürmten die Mannen der Witigonen, stürmten die wehrhaften Zünfte; das Getöse des Nachtkampfes stieg empor zu den funkelnden Sternen. * * * Zu der Zeit, als die tschechischen Junker mit dem Deutschen rangen im Saale, ehe der Brandenburger mit den Seinigen durch den Keller in das Haus der Königin gedrungen war, brannten in Marquart Tausendmarks tiefstem Keller, drei Stockwerke unter dem Erdgeschosse, auf weiß gedecktem Altartische zwei Wachskerzen und strahlten ihr schwaches Licht über eine Versammlung, die in andächtigem Schweigen den Worten Hubalds, des Lyoners, lauschte. Der Lyoner stand vor den niederen Holzbänken, auf denen greise Gestalten und kraftvolle Gestalten in bunter Mischung saßen, gebückte Männlein und Weiblein, dem Grabe nahe, Jünglinge und Jungfrauen im Morgen ihres Lebens, Väter und Mütter in der heißen Mittagszeit ihres Daseins. Die Wände des Kellers glitzerten von der Feuchtigkeit, die an ihnen herabrann, und der Atem drang sichtbar aus dem Munde des Redners. Hubald hob die Hände empor und segnete die Gemeinde mit dem göttlichen Gruße des Moses. Dann sagte er: »Und nun gehet hin in Frieden, forschet im heiligen Buche, ob ich euch auch heute in Wahrheit Gottes Wort gelehrt habe, und wandelt vorsichtig, auf daß ihr nicht euch selbst oder andere in Anfechtung bringet in dieser bösen Zeit. Gehet hin mit dankbarem Herzen und lobet Gott, der uns immer wieder die Pforte eines sicheren Ortes öffnet. Gehet in großen Zwischenräumen einer nach dem andern durch die verschiedenen Gänge und schweiget; denn die Gefahr ist groß. Wer eine Gabe auf dem Altare opfern will, der trete heran, und wer ein Anliegen auf dem Herzen hat, der sage mir's öffentlich jetzt oder im geheimen hernach. Gehet hin und meidet die Lüge wie das höllische Feuer; denn aller Sünden Ursprung ist die Lüge!« Die Ältesten der Gemeinde erhoben sich und stellten sich hinter Vater Hubald, die Leute gingen an den Altar und legten ihre Gaben in das Zinnbecken, und als erste trat ein schönes Mägdlein vor den Lyoner, verneigte sich züchtig und blieb mit gesenktem Haupte vor dem alten Manne stehen. Die klaren Augen des Lehrers ruhten forschend auf ihr, freundlich fragte er: »Wie geht es deiner Mutter, meine Tochter?« »Sie liegt noch immer, mein Vater,« antwortete die Jungfrau, und während ihre Blicke fast unvermerkt zur Rechten und zur Linken schossen, sagte sie mit erhobener Stimme: »Mein Gewissen ist beschwert, Vater Hubald.« »Ei, so? Wodurch, meine Tochter?« fragte der alte Mann und verzog keine Miene. »Ich war meiner Mutter ungehorsam,« antwortete die Jungfrau. »In einer geringfügigen Sache,« setzte sie schnell hinzu. »Und nun, meine Tochter?« Wieder schossen die Blicke des Mägdleins zur Rechten und Linken. Männer und Frauen standen in der Nähe und hörten der Unterredung zu. Wieder senkte das Mädchen die Augenlider; dann öffnete sie ihr Handbeutelein und holte eine Goldspange hervor. »Was soll's?« fragte der Alte mit großem Ernste. »Dies möchte ich opfern für meinen Ungehorsam,« sagte das Mägdlein mit erhobener Stimme; »hier, nehmet das Kleinod!« Da legte sich die Rechte des Lyoners schwer auf ihren Scheitel, und fast grollend klang seine Stimme, als er sagte: »Stecke deine Spange ein; die Brüder bedürfen ihrer nicht! Und merke dir, meine Tochter, Gehorsam ist besser als Opfer!« – Ganz leise aber, so daß es niemand hören konnte, setzte er bei: »Die Hoffnung der Heuchler wird verloren sein.« Totenblaß stand die Jungfrau vor dem alten Manne und getraute sich nicht, zu ihm auszuschauen. Der aber hob ihr Kinn in die Höhe, schaute liebreich in die erschrockenen Augen und sagte freundlich wie zu Anfang: »Grüße deine Mutter, mein Kind, und geh hin mit Frieden!« * * * Nacheinander traten sie vor den Lehrer, und dieser stand wie ein Prophet unter ihnen allen, tröstete, mahnte, strafte, beugte nieder und richtete auf und gab einem jeglichen, was ihm not tat. * * * Der Keller war leer geworden. Nur Marquart Tausendmark saß noch auf einer der Holzbänke und sah bekümmert vor sich hin, und neben ihm stand seine Schwester Alheit; sie hatte die Hände gefaltet, und ihre Augen waren tränenschwer. »Nun, Herr Marquart, warum so trübe?« fragte der Lyoner und trat mit freundlichem Lächeln heran. »Eia, ich treibe auf stürmischem Meere,« antwortete Marquart. »Über Länder und Meere streckt Gott der Herr seine Hand Tag und Nacht,« sagte Hubald. »Und dennoch scheitern die Schiffe,« murmelte der Kaufherr und starrte vor sich hin. »Tröstet meinen Bruder, Vater Hubald!« bat Alheit. »Wir haben Trost, wir müssen ihm nur die Augen öffnen,« sagte Hubald mit freundlichem Ernste. »Wollet heute in meinem Hause nächtigen, Vater!« rief plötzlich Herr Marquart und schaute flehend ins Angesicht des Lyoners empor. »Ich möchte mit Euch reden, ich bedarf Eures Rates.« »In welcher Sache?« »Die Gefahr wächst von Stunde zu Stunde, ich weiß mir nimmer zu helfen; die Altstadt ist in zwei Parteien gespalten, und jede dieser Parteien, zumeist aber die unsere, ist in sich zerfallen,« kam es hastig von Tausendmarks Lippen. Der Lyoner aber wandte sich ab, streckte die Hand aus und sagte: »Gerne will ich eine Nacht unter Euerm Dache zubringen, aber niemals werde ich mich in Eure Händel mengen. Dem Herrn aller Herren diene ich – wie könnte ich da auch einem irdischen Herrn dienen mit meinem Rate in irdischen Händeln gegen andere irdische Herren?« – – – Die Türe des Kellers ward aufgestoßen, und aus die Schwelle trat der alte Knecht und schrie: »Herr Marquart, die Brandenburger sind in der Stadt; es ist Mord und Totschlag in den Gassen!« Der Kaufherr richtete sich straff in die Höhe: »Wo ist Herr Wok?« »Er ist halbgewappnet aus dem Hause gesprengt,« jammerte der Knecht; »sie werden ihn erschlagen!« »Marquart, bleibe!« sagte Alheit und klammerte sich in Todesangst an den Bruder. Marquart Tausendmark stand da, und seine Augen leuchteten, als wäre er plötzlich ein anderer geworden. »Das ist dein Ernst nicht, Alheit!« »Marquart, bleibe, ich werde euch beide verlieren!« bat das Mädchen zum zweiten Male mit bebender Stimme. Marquart drückte einen Kuß auf ihre Stirne, löste sich aus ihren Armen und sprang auf die Stufen: »Nein, Alheit, er wird nicht untergehen,« rief er, »und du wirst glücklich mit ihm werden.« »Laß mich mit!« flehte Alheit und stürzte ihm nach. »Du bleibst!« sagte Marquart. »Und in Eure Hände, Hubald, gebe ich meine Schwester; seid ihr ein Vater! – Wollt Ihr's geloben?« »Das gelobe ich, Herr Marquart,« sagte der Lyoner, trat herzu und legte die Hand auf den Scheitel des Mädchens. »Laß mich mit!« flehte Alheit mit aufgehobenen Händen. »Ehre meinen Willen, wenn du mich lieb hast, und Gott segne dich!« sagte der Kaufherr, wandte sich und drückte hinter sich leise die Türe ins Schloß. – – – »Sturmwind und Nacht, finstere Nacht!« murmelte der weißhaarige Knecht und keuchte mit seinem Herrn die Stiege empor. Hoffnungslos? Schwarzgrau dehnte sich der langgestreckte Hügel, und über seinem niederen Rücken erlosch allgemach die Abendröte. Schneeschwer war der Himmel in seinem Zenithe und gegen Mittag und Mitternacht. Die Dämmerung sank hernieder auf das verschneite Land – aber während sie alles zu verschlingen drohte, kam auf einmal fahlglänzend in blaugrünem Dunste der große, runde Mond hinter den schwarzen Wäldern empor. Auf dem schmalen Pfade, der sich zwischen hohen Hecken vom Dörflein herzog, schritten der Lyoner und Alheit. »Die Nacht kommt, wir wollen umkehren!« sagte Hubald und blieb stehen. »Wie Ihr wollt, Vater,« antwortete Alheit mit klangloser Stimme. »Hat dich die Luft gekräftigt?« fragte der alte Mann. »O ja,« sagte Alheit müde. »Siehst du! Wenn wir einen Kummer haben, dann nützt es nichts, sich mit dem Kummer zu verkriechen. Nirgends drückt das Leid schwerer als im dumpfigen Hause.« »Es wird schon wieder gehen,« seufzte Alheit. »Freilich wird's wieder gehen!« antwortete der Lyoner. Schweigend schritten sie nebeneinander auf das Dörflein zu. »In meinem Herzen glaub' ich's doch nicht!« sagte Alheit plötzlich mit ganz veränderter Stimme und blieb stehen. »Warum nicht, Alheit?« »Ich hoffe gar nichts mehr,« antwortete das Mädchen. »Hier auf Erden,« setzte es hinzu. »Gar nichts mehr?« »Nein, alles ist abgestorben.« »Wie das Land ringsumher, nicht wahr, Alheit, so meinst du's doch?« »Ja, Vater, wie Gras und Baum und Strauch.« Da griff der alte Mann in die Höhe, bog einen schneeschweren Zweig von der Hecke, schüttelte ihn heftig, daß der Schnee davonstäubte, und sagte: »Hierher sieh, Alheit! Bleibe doch ja bei deinem Gleichnisse und glaube diesem Bilde mit aller Kraft! Gleich diesem Zweige darf deine Hoffnung ersterben, dann wird sie wieder grünen zur rechten Zeit. Die Blätter fallen, und unsere Entwürfe verwelken. Aber kaum sind die Blätter gefallen im Herbste, schwellen schon wieder die jungen Knospen. Was tut's, wenn sich dann der Schnee drauflegt? Unter der Schneekruste ruht ja doch die Frühlingshoffnung. Bleibe du bei deinem Gleichnisse und glaube diesem Bilde mit aller Kraft!« »Wer gibt mir meinen toten Bruder wieder?« fragte Alheit und begann zu weinen. »Der die Blätter verdorren läßt im Herbste und sie wieder hervorruft im Lenze mit einem Hauche seines Odems, Alheit.« – Schweigend schritten die beiden nebeneinander und kamen nahe an die ersten Hütten. »Es wird schon wieder gehen,« sagte Alheit wie vorhin. »Freilich wird's wieder gehen!« antwortete wie vorhin der alte Mann. Hundert- und hundertmal hatte er das Gleiche gesagt in den vergangenen Wochen. Wer ein verzagtes Herz trösten will, der bedarf großer Geduld. – Dann begann er vor sich Hinzusummen, gleichsam unabsichtlich, als spräche er zu sich selbst: Ich bin dein Kind! Mir klingt es tief im Herzen: Weil du mich liebst, mein Gott, Schickst du mir Schmerzen. Ein Wetter kam, Es zuckten Feuerflammen, Jählings in Asche sank Mein Glück zusammen. Was aber tut's? Ich hebe meine Arme: Beug, Vater, dich herab, Erbarm, erbarme! Ich bin dein Kind! Wohl muß ich schluchzen leise, Doch jubelt laut in mir Die Siegesweise: Ich bin dein Kind! Mich kann das schwerste Leiden, Mich können Teufel nicht Von deiner Liebe scheiden. Alheits Hand suchte die Hand des alten Mannes, und Hand in Hand schritten die beiden im Dämmerlichte durch die Dorfgasse. »Gott behüte dich, meine Tochter! Ich werde noch in die Stadt wandern. Vielleicht erfahre ich, wonach dein Sehnen geht. Vor Mitternacht aber will ich wieder zurück sein, wenn Gott will.« So sprach Hubald, als sie vor der strohgedeckten Hütte standen, grüßte mit der Linken, setzte seinen Stab fest auf und verschwand mit großen Schritten in der Ferne. * * * Im taghellen Mondlichte kam der alte Mann zum Stadttore und ging hinein zwischen die hohen Häuser. Er kannte sich gut aus in dem Wirrsale von Gassen und Gäßlein und er besaß wohl viele Freunde in Prag; denn da und dort klopfte er an, bald an einer Werkstätte, bald an der Hinterstube eines Kramladens, bald schlug er auch auf die blinkende Schalltafel eines hochgetürmten Herrenhauses. Aber je länger er auf diesen Pfaden ging, desto nachdenklicher wurde sein Antlitz, desto hastiger schritt er einher. – – – »Es wird spät, ich muß heim,« murmelte er endlich, blieb stehen und fuhr mit der Hand über seine Stirne. »Armes, armes Kind!« »Gott meiner Väter,« flüsterte da jemand und trat schnaufend an seine Seite, »was habt Ihr grausig lange Beine, zu machen Schritte, wie sie hat gemacht Goliath, der Riese!« »Was wollt Ihr?« fragte Hubald verwundert und betrachtete den Mann, der neben ihm stand. »Hab' ich Euch gesehen hingehen an den Häusern über den Ring – – – aber wollen wir nicht bleiben stehen, wollen wir gehen ruhig nebeneinander wie gute, alte Freund', weil's ist gefährlich, beisammenzustehen in dieser Zeit!« Sie gingen nebeneinander in der menschenleeren Gasse. »Was wollt Ihr denn? – Ich kenne Euch nicht,« wiederholte der Lyoner. »Kann mich einer kennen, den ich nicht kenne, kann ich kennen einen, der mich nicht kennt,« sagte der Jude und drückte sich an den Lyoner und machte würdevolle Schritte. »Bin ich doch der Muschlin, und habt Ihr doch nicht gefunden, was Ihr habt gesucht, und habt nicht erfahren, was Ihr habt gefragt da und dort in großen Häusern, in kleinen Häusern und zuletzt beim Tausendmark, wo's aber zugesperrt ist und gar sehr gefährlich.« »Ihr seid mir nachgeschlichen, Muschlin?« fragte der alte Mann. »Wie heißt nachgeschlichen? Hab' ich reden wollen mit Euch, habt Ihr gemacht lange Schritte; bin ich Euch nachgelaufen, seid Ihr verschwunden; hab' ich gewartet, seid Ihr wieder gekommen und habt gemacht noch längere Schritte – wie heißt nachschleichen? Aber er ist gewesen kein voraussichtlicher Mann, der Tausendmark. Warum hat er den Juden gerettet aus der Gefahr und hat selber den Hals so nahe hingestreckt, wo er doch war ein Handelsmann? Handelsmann ist Handelsmann und ist nicht Kriegsmann – pumps, ist der Kopf gewesen herunten und gelegen auf dem Ring im Schnee!« Muschlin schüttelte sich; dann blieb er stehen und fragte lauernd: »Weiß sie's, die Rose von Saron, die Lilie im Tale?« »Von wem sprecht Ihr?« fragte der Lyoner, und seine Brauen zogen sich zusammen. »Von wem werd' ich haben geredet, wenn ich habe geredet vom toten Tausendmark?« fragte der Jude ärgerlich. »Von der Alheit, wo ist seine Schwester doch!« »Warum glaubt Ihr, daß ich Kunde habe von diesem Weibe?« »Kenn' ich Euch doch,« sagte Muschlin und zupfte den alten Mann vertraulich am Ärmel. »Weiß ich doch, Ihr seid ein Krämer und sonst noch etwas anderes, Hubald, weiß ich doch, was ich weiß. Ihr kommt und geht in Prag und könnt nicht verbergen Eure großmächtige Gestalt und Euer Gesicht, was keiner mehr vergißt, wenn er's hat gesehen einmal, und seid zu treffen in Wien und in Breslau, in Olmütz und in Passau. Und weiß ich doch, daß die einen beten in prächtigen Kirchen in der Öffentlichkeit ohne Angst, und singen und beten die andern tief unter der Erde an finsteren Örtern mit Angst und mutigem Sinn. – Wen hört er lieber, der Herrgott, die einen, die andern? – Was weiß der Jud'? Viel weiß er, das weiß er nicht!« »Muschlin,« fragte der Lyoner, »wollt Ihr das alles auch zu andern Leuten sagen?« Da blieb der Jude stehen und flüsterte: »Speien täte ich auf meinen Vater und auf meinen Großvater, auf meine Mutter und auf meine Großmutter, wollten's diese verraten oder jene verraten auch um viel Geld. Sind wir doch die Verfolgten von gestern, seid ihr die Verfolgten von heut'. Haben sie gestern uns verbrannt mit Haß, verbrennen sie euch heute mit Wut. Darum, warum soll der Jud' verraten, was ihn nichts angeht – was er nicht weiß von die guten Leut'?« »Saget nicht ›gute Leute‹, Muschlin!« Zwei Gewappnete kamen klirrend herangegangen, und mit lauter Stimme sagte der Jude in tschechischer Sprache: »Ist es gut, das Leder, sag' ich, es ist gut. Ist es schlecht, das Leder, sag' ich, es ist schlecht. Ist es sehr schlecht, sag' ich nichts mehr und geh'.« Die Gewappneten waren vorüber, und Muschlin flüsterte: »Weiß sie's, die Rose, die da betet lieber mit wenigen und mit geringen Leuten unter der Erde als über der Erde mit vielen, die Lilie, die barmherzig gewesen ist mit dem David, dem Sohne des Muschlin, dem kleinen, dem schwachen, und ihn geschützt hat im vorigen Jahre vor die Buben, die ihn wollten werfen mit Steinen?« »Sie weiß es,« antwortete der Lyoner. »Hab' ich's gelockt heraus mit List, weiß ich, daß sie ist, wo Ihr's wißt!« sagte der Jude mit triumphierendem Lächeln. »Wollt Ihr gehen mit mir?« fragte er lauernd. »Wohin, Muschlin?« »In enge Gäßlein, in finstere Gäßlein, wo sie wohnen nahe beieinander armselig.« »Und was soll ich dort tun?« »Könnt's nicht sein, daß sie weint um einen, mit dem sie oft hat gesehen gehen im Sonnenschein über den Ring der Jud'? Könnt's nicht sein, daß einer ist gestochen worden todwund und hat ihn getragen sein Roß, das wilde, in die engen Gäßlein und in die finsteren Gäßlein und hat sich gelegt auf den Schnee und hat gestreckt von sich alle Viere? Könnt's nicht sein, daß sie gestritten haben miteinander und haben gesagt: ›Laßt ihn liegen, den Hund‹ –? Ist gekommen einer aus seinem Hause und hat auch gesagt: ›Laßt ihn liegen, es ist zu gefährlich!‹ Hernach aber in der Finsternis ist er gekommen abermals mit seinem Knecht und hat ihn aufgehoben in Heimlichkeit – könnt's nicht sein also?« »Ihr habt den Grafen Wok aufgehoben, Muschlin?« rief der Lyoner und packte den Arm des Juden. »Ihr seid ein barmherziger Mann, Muschlin!« »Hab' ich genannt seinen Namen? Hab' ich gesagt, wie er heißt, der gepflegt ist worden mit Unkosten zur Genesung? Was weiß der Jud'? – ›Barmherzig‹ habt Ihr mich geheißen? Hab' ich Euch geheißen ›gut‹, habt Ihr mir's nicht erlaubt – weiß ich doch nicht, warum Ihr's nicht habt erlaubt! – ? Ist es nicht das gleiche, Gutheit und Barmherzigkeit? Wer ist ein guter Mensch? Ein barmherziger Mensch ist ein guter Mensch. Keiner ist gut, der nicht ist barmherzig; es faßt sich alles zusammen in der Barmherzigkeit. Und warum sind zuhause in der Welt Jammer und Herzeleid? Ist e dumme Frag': weil die Hartherzigkeit regieret. Sagen sie offen in ihren Kirchen, daß Gott sei die Barmherzigkeit. Gott ist die Barmherzigkeit, das hat auch gelernt der Jud'. Sagen sie, daß die christliche Religion sei die Religion der Barmherzigkeit – ist eine schöne Religion, wenn sie ist beschaffen also.« »Sie ist die Religion der Barmherzigkeit, Muschlin!« antwortete der Lyoner mit Nachdruck. »Und wer da unbarmherzig ist und nennt sich einen Christen, der lügt.« »Und warum denn sind sie dann unbarmherzig, sind sie grausam gegen uns Juden, die Gojim, die Kirchengojim?« fragte Muschlin mit funkelnden Augen. »Ist's ihnen geheißen von ihrem Herrn? Barmherzig habt Ihr den Juden genannt, und wohl hat's getan dem Juden. Was aber soll's werden, wenn sich verhärten die Herzen von unsern Kindern, und wenn sie werden gemacht steinhart mit Gewalt die Herzen von unsern Kindeskindern? Es ist schwer, es ist sehr schwer, wenn einer will bleiben barmherzig mitten in der großen Unbarmherzigst.« »Ihr habt barmherzig gehandelt, und Gott trocknet Tränen durch Eure Hand, Muschlin,« antwortete der alte Mann, und seine Stimme zitterte. »Da sind wir angekommen bei den engen Gäßlein, bei den finsteren Gäßlein – tretet ein!« sagte der Jude. »Ich verehr' Euch, ich verehr' Euch. Beinahe möcht' ich gehen in Euern Fußtapfen und möchte mich setzen in Eure Schule und möchte zuhorchen, wenn Ihr redet weise mit den Leuten und lasset singen wehmütige Psalmen« – »wenn ich nicht wäre einer aus Abrahams Samen,« setzte er hinzu, warf das Haupt mit dem hohen, spitzigen Hute in den Nacken und schritt neben dem Lyoner dahin zwischen den Häusern der Judenstadt. Auf Burg Grätz Gleich einer Seebucht öffnet sich das breite Tal der Mohra nordwärts gegen das Troppauer Land, und gleich einer Zunge schiebt sich herein ins Tal der Hügel, auf dem seit grauen Zeiten Burg Grätz thront. – Der Abend eines Maientages dämmerte heran, auf den Mauern und Türmen der Burg lag noch der Abglanz der untergehenden Sonne. Aus weiter Ferne sahen die Türme von Troppau herüber, durch die saftigen Wiesen strömte leise murmelnd die Mohra, auf den Höhen stand da und dort eine Windmühle und drehte langsam ihre Flügel in der lauen Abendluft. – Trotzig aber war sie anzuschauen, die Burg Grätz, das festeste Schloß im ganzen Lande. * * * Dort, wo die Felsen des Burghügels schroff abfallen und tief unten zwischen Erlen und Buchen und Birken die Mohra hervorbricht aus den Bergen und sich rauschend über das Wehr einer Waldmühle stürzt, da war zwischen der Mauer des Bergfrieds und dem Rande des Abgrundes auf schmalem Raume ein mächtiger Apfelbaum gewachsen und griff mit seinen Armen hinaus über die Felsen. Heute stand der Baum im Schmucke seiner Blüten, und unaufhörlich rieselten die weißen Blättlein hernieder auf den runden Steintisch und die Holzbank am dunkeln Stamme und auf die hohe Gestalt der Königin von Böhmen, die an der Brüstung lehnte und in das tiefe Tal hinunterschaute. Traumhaft schön war die Königin, und im tiefen Tale rauschten die Mohrawasser, und durch die Kronen der Bäume ging ein Flüstern, und aus der Waldwildnis kam ein Lied empor: Tandaradei! Die frostige Zeit Und das beißende Leid, Die sind nun vorbei, Tandaradei! Und mit Macht über Nacht Ist in fürstlicher Pracht – Tandaradei-daradei! – Gekommen der Mai. Tandaradei! Durch die schimmernde Luft Der Kuikuk ruft: Kommt alle herbei, Tandaradei! Denn mit Blüten zumal Über Berg, über Tal Zieht fröhlich der Mai – Tandaradei-daradei! Tandaradei! Mildfreundlich fürwahr Einem jeden ins Haar Streut Blüten der Mai – Tandaradei! – Was zögerst du noch? So spute dich doch! Glaubst wohl, es sei Immerdar Mai? – daradei! Tandaradei! Und mir dehnt sich die Brust, Und mich packet die Lust, Gleich bin ich dabei – Tandaradei! Und spring jubelnd hervor Aus dem dumpfigen Tor – Tandaradei-daradei! – In den sonnigen, wonnigen Mai. Das Lied war längst verklungen, und unablässig spähte die Königin vom Felsen in die Tiefe; aber die Bäume verbargen den Mann, der das Lied gesungen hatte auf dem schmalen Pfade an der rauschenden Mohra. Langsam wandte sich die Königin, schritt wie im Traume an den runden Tisch, ließ sich nieder auf die Bank, lehnte sich an den Stamm des Baumes, legte die Hände in den Schoß und schloß die Augen. In der Tiefe rauschte die Mohra, und im blauschwarzen Haare der Königin zitterten schneeweiße Blütenblättlein – ja, in allen Melodien rauschte und sang die Mohra, der Bergfluß, im tiefen Tale. * * * Die Türe knarrte ein wenig. Die Königin schlug die Augen auf. Herr Zawisch stand im Pirschgewande vor ihr. »Vergebet, Frau Königin,« sagte er und verneigte sich, »vergebet, daß ich in diesem Kleide vor Euch trete; ich habe soeben wichtige Botschaft empfangen.« »Ihr wißt, Herr Zawisch, Ihr seid mir zu jeder Stunde willkommen,« antwortete die Königin und reichte dem Witigonen die Hand. Dieser neigte sich tief herab und küßte die schmale, weiße Hand. »Wohl keine schlimme Botschaft, Herr Zawisch? Euer Lied klang nicht danach.« Der Witigone lächelte. »Ihr habt's gehört, hohe Frau?« »Hätte ich's nicht hören sollen? Ich habe mich gelabt an diesem Liede!« »Dann hat es seinem höchsten Zwecke gedient und mag mit den Mohrawassern verrauschen, Frau Königin.« »Nicht – nicht verrauschen, mein Freund!« sagte Frau Kunigunde, erhob sich, trat an die Brüstung und schaute hinunter ins Tal. »Eure Botschaft, Herr Zawisch?« Das Antlitz des Witigonen verfinsterte sich. »Der Kampf geht los, Frau Königin!« sagte er. »Wann hatte er aufgehört?« sprach die Königin und wandte sich nicht. »Ich bin ans Kämpfen wahrlich gewöhnt, Herr Zawisch. Kämpfen! Was sage ich? Was kann ein schwaches Weib reden von Kämpfen? Ans Leiden bin ich gewöhnt!« »Diese Schwermut ist mir neu an Euch, hohe Frau,« sagte Zawisch und trat neben die Königin. »O, das glaube ich, Herr Zawisch,« antwortete die Königin und atmete tief auf. »Ihr seht in mir eben auch nur das, was die andern sehen.« »Eine heldenmütige Fürstin,« sagte der Witigone mit starkem Nachdrucke, und seine großen Augen ruhten mit seltsamem Glanze auf der majestätischen Gestalt. »Fürstin!« rief Frau Kunigunde mit verhaltener Leidenschaft. »Da hör' ich's wieder – Fürstin! Um der Fürstin willen habt ihr euch zusammengeschart, ihr Herren, die Fürstin habt Ihr, Herr Zawisch, mit Lebensgefahr vom Bösigberge und aus der Gewalt des Markgrafen befreit. Der Fürstin zuliebe stürzt ihr euch in den Kampf, heute freudiger als morgen – immer ist's nur die Fürstin, die den Getreuen allen und auch Euch, Herr Zawisch, vor Augen steht!« »Was könnte ich Höheres in Euch schauen und ehren, erhabene Frau,« sagte Herr Zawisch, »als meine Fürstin?« »Das Weib, Zawisch!« antwortete die Königin und sah dem Helden einen Augenblick voll ins Angesicht. Dann starrte sie wieder hinaus über die flüsternden Baumkronen. Wortlos stand der Witigone. »Das Weib, das nicht genug hat an scharfen Schwertern und glänzenden Schilden, das Weib, das nach Trost lechzt und vergehen möchte vor Herzeleid in der ungeheuern Öde,« fuhr die Königin fort, und ihre Stimme klang gepreßt. – Unablässig aber streute der blühende Baum seine weißen Blättlein auf die beiden, und in allen Melodien rauschte die Mohra im dunkeln Tale. »Es war ein Fürstenkind,« begann die Königin aufs neue, »das wuchs im fernen Osten auf. Golden war seine Wiege, von Golde strotzten die Wände des Palastes, in dem diese Wiege stand. Es war ein armes Fürstenkind trotz aller Pracht, von der es umgeben war, so weit es zurückzudenken vermochte. Seine Mutter hatte dieses Kind nie gekannt, sein hochgebietender Vater blieb ihm fremd. Es war ein armes Fürstenkind, das dort unter einem Heere von Sklaven heranwuchs und befehlen konnte, ehe es sprechen lernte; denn wer fragte nach seinem Herzen – wer fragt überhaupt nach dem Herzen eines Fürstenkindes? Hoch über allem, was da klagt und jubelt, ward es zur Jungfrau – die Menschen galten ihm so viel wie Rosse auf der Steppe, dem armen Fürstenkinde. – Als die Zeit gekommen war, begehrte ein mächtiger König die Hand des Weibes, und man verkaufte diese Hand. Das Herz des Weibes hatte der fremde König nicht begehrt – wer wollte fragen nach dem Herzen eines Fürstenkindes? Fürstenkinder sind Waren im Tauschhandel der Mächte dieser Erde. – Das Fürstenkind wurde weithin nach Abend verpflanzt – aus einem Lande in ein anderes, aus einem goldstrahlenden Palaste in einen andern – und wurde die Gemahlin des fremden Königs. Es war aus der Heimat geschieden und hatte keine Träne vergossen – kannte es ja doch das Weinen kaum; es war in die neue Heimat gekommen, sorglos und leichtsinnig, und hatte gedacht, in der neuen Heimat zu leben wie in der alten. Daß es auch ein Herz trage in der Brust, das wußte jenes Weib selbst nicht. – – – Als das Weib aber endlich inneward, daß es außer Gold und edeln Gesteinen, Dienern und Rossen und köstlichen Gewändern auch noch andere Güter gäbe auf dieser Erde, als da und dort aus einem tiefen Tale ein Lied von Sehnsucht und Liebe und Liebesglut an seine Ohren schlug – da war's zu spät – Herr Zawisch – ? viel, viel zu spät.« Der Witigone hatte die Arme über der Brust gekreuzt nach seiner Art und lauschte auf die seltsamen Worte. Als die Königin schwieg, sagte er leise: »Konnte das Fürstenkind keine Ruhe finden am Herzen des großen Königs?« Die Königin machte eine heftige Bewegung. »Der König konnte des Kindes Vater sein,« kam's grollend von ihren köstlichen Lippen. »Und segnete Gott die Ehe nicht mit einem lieblichen Mägdlein?« »Ein armseliges Fürstenkind gleich seiner Mutter,« antwortete Frau Kunigunde, »eine Ware, jetzt längst verkauft. – Welches Recht habe ich noch auf dieses Kind, das am Hofe des römischen Königs erzogen wird?« »Und segnete Gott nicht die Ehe mit einem Knaben?« Frau Kunigunde schwieg. * * * Die Mohra sang ihre rauschenden Weisen im Tale, und über die Zinnen der Burg hob sich der goldene Mond. »Eure Botschaft, Herr Zawisch?« fragte die Königin leise. »Herzog Niklas hat sich aus der Gewalt der Kumanen gelöst und zieht in Olmütz ein Heer zusammen,« antwortete der Witigone. Die Königin schlug die Hände vor die Augen und stand in rührender Hilflosigkeit da. »Der furchtbare Mensch! – Gegen uns, gegen mich!« sagte sie. »Was ist ein Weib in seiner Verlassenheit? Eine Rebe ohne Stütze – sie schwankt hin und her, und jeder glaubt, sie mit Füßen treten zu dürfen.« Da war's, als ob ein Schauer über die Gestalt des Helden liefe, und mit bebender Stimme sagte er: »Bei Gott, Frau Königin, es soll Euch keiner zu nahe kommen!« Die Königin ließ die Hände sinken, warf das Haupt in den Nacken, richtete sich hoch auf und schaute dem Helden in die leuchtenden Augen. Ein glückseliges Lächeln vergoldete ihre wunderbaren Züge, ein Strahl des Mondes zitterte aus ihrem blauschwarzen Haare, und leidenschaftlich rief sie: »Die ganze Welt soll jetzt gegen mich heranziehen, ich verachte sie; denn so habt Ihr noch niemals gesprochen! – Wen wollt Ihr schirmen, Herr Zawisch, die Fürstin oder das Weib?« »Das Weib!« rang es sich von den Lippen des Witigonen, und langsam ließ er sich auf das Knie nieder. Frau Kunigunde reichte ihm die zitternde Hand und wandte sich verwirrt ab. Zawisch ergriff ihre Hand und bedeckte sie mit glühenden Küssen. Ein Lufthauch ging durch den Blütenbaum, und wie Schnee fielen die silberglänzenden Blättlein auf die beiden – im tiefen, tiefen Tale aber rauschte die Mohra seltsame, wundersame Melodien. – Frau Kunigunde entzog dem Witigonen ihre Hand und ging wortlos zum Pförtlein. Dort zauderte sie ein wenig, wandte plötzlich das Haupt und sah zurück. Mit gekreuzten Armen stand Herr Zawisch im hellen Mondlichte und schien sich verloren zu haben in seinen Gedanken. »Auf Wiedersehen!« sagte die Königin. »Ich erwarte Herrn Zawisch und Herrn Witigo nach Euerm Mahle – – und vergeßt Eure Laute nicht, mein Freund!« Die Königin legte die Linke auf den Riegel und winkte mit der Rechten einen stolzen Gruß zurück. Da fiel jählings ein Schatten auf ihre Gestalt, ein dunkler, dunkler Schatten, und in tiefer Dämmerung schien das Land zu versinken. Herr Zawisch hob das Haupt und schaute zum Monde empor. »Es war nur ein Wölklein,« murmelte er und strich mit der Hand über seine glühende Stirne. Leise knarrte die Türe – Herr Zawisch stand allein, und wieder vergoldete der Mond die Burg und das Tal und die Pracht des blühenden Baumes. Viertes Buch Frühjahr 1283 Vier Jahre waren verflossen, und wieder ging ein Maientag zur Rüste. Im Frühlingskleide prangten Wälder und Fluren, in einem blaugrün-flimmernden Lichtmeere versank die Sonne, in allen Höhen jubelten die Lerchen ihre letzten und wieder ihre allerletzten Lieder, und auf den Zinnen des Hradschin blähten sich stolze Fahnen und grüßten hinaus ins abendliche Land. Die Tore der Stadt waren geöffnet, und auf allen Straßen und Steigen strömten die Landleute heran, scharenweise, geschmückt mit ihren besten Gewändern. Zwischen den hohen Giebelhäusern der Altstadt herrschte schon die Dämmerung, und die uralten Türme warfen ihre dunkeln Schatten in die engen Gassen. Kopf an Kopf, den Häusern entlang, stand das Volk in feierlicher Stimmung, stand Kopf an Kopf auf dem Ringe und wartete dem großen Ereignisse entgegen. Zartgrüne Birken schmückten die Mauern der Häuser, und ihre Blättlein zitterten leise in der wohligen Abendluft. Starke Laubgewinde hingen hoch über den Gassen und verbanden Giebel mit Giebel. Singende Kinder kamen geschritten, Mägdlein mit Blumenkränzen in den Locken, Knaben mit grünen Zweigen in den Händen. Rührend klangen die weichen Stimmen, klangen und verklangen allgemach in der Ferne. Tiefer wurden die Schatten. In den Pechpfannen flammten die Feuer auf, und qualmender Rauch zog sich zwischen den Häusern empor. Die Nacht brach herein. In Geduld stand das Volk und wartete. Kein unwilliges Wort war zu vernehmen; denn man wartete dem großen Ereignisse entgegen. Reiter in blinkenden Rüstungen zogen vom Hradschin herab, über die Moldau, durch die Gassen, über den Ring, eng aneinander gedrängt, in breiten Reihen. Mit entblößten Häuptern standen die Männer, die Weiber hatten die Hände unter der Brust gefaltet. Vor den Reitern tanzte ein großer Rappe, ein Vornehmer in schimmerndem Festgewande grüßte mit dem Schlachtschwerte auf die Menge hernieder. In den weißglänzenden Schilden der Gewappneten leuchtete die rote Rose, und hinter dem Führer ging's flüsternd von Mund zu Mund: »Herr Witigo!« Im Rauche der Freudenfeuer verschwanden die geharnischten Männer, in den gewundenen Gassen verklangen die Schläge der Hufe. Neue Züge bogen herein auf den Ring: Selbstbewußt, bewehrt mit dem kurzen Schwerte und dem starken Spieße, kamen die Zünfte einher und ließen ihre Fahnen flattern in der Nachtluft und zogen hinaus vor die Stadt; in wallenden Gewändern, barhäuptig, kamen die Geschworenen, trugen die Schlüssel der Stadttore auf seidenen Kissen, trugen Wein in silbernen Krügen, trugen Brot und Salz auf silbernen Schalen, zogen vorüber und verschwanden in der Dunkelheit; in schimmernden Chorhemden kamen die Weltgeistlichen der Stadt, kam unter schwankendem Traghimmel, gehüllt in goldstrahlende Gewänder, die ehrwürdige Gestalt des Bischofs – betend zogen sie vorüber und verschwanden in Rauch und Dunkelheit. Flüsternd unterhielt sich das Volk, die Freudenfeuer prasselten und schickten Rauchwolken zum nächtlichen Himmel empor. * * * Da kam's durch die lauwarme Luft fernher über den Strom durch die Nacht herunter vom Hradschin und flutete summend, dröhnend und singend und klingend und schickte eherne Grüße über die Stadt. Eine Bewegung ging durch die Menge, und über manchen Mannes und manchen Weibes Angesicht flog ein Zucken, als hätte der Wind den Rauch aus den Pechpfannen herabgedrückt. Über den Giebeln Prags aber hob sich die Antwort mit feierlichen Stimmen und rief den Gegengruß empor zur heiligen Königsburg: Sankt Nikolaus schwang seine große Glocke, Sankt Leonhard fiel mit Schalle darein, von Sankt Martin ging ein Gebimmel aus, der Wyschehrad wachte auf und sang mit dröhnender Stimme hinab auf die Dächer von Prag, hinüber zum Hradschin – immer stärker wurde das Geläute, es hörte sich an, als ob man eine alte, schreckliche Zeit zu Grabe trüge, es klang, als ob die hundert und hundert Glocken einer neuen, besseren Zeit entgegenfrohlockten, entgegenschrieen, es klang, als ob sich der nächtliche Himmel öffnen müßte, als ob Engel in die Stadt herniedersteigen und einherschreiten sollten hinter den geschmückten Kindlein, hinter den Kriegern, hinter den Männern in wallenden Talaren und hinter den Dienern des Herrn, mit Palmen in den Händen und mit dem Gesange auf den Lippen: »Friede sei mit euch!« Regungslos stand die Menge und wußte nicht mehr, ob die Glocken klangen oder ob ein Frühlingssturm brauste über Stadt und Land, und auf einmal hoben sich aus den dichtgedrängten Massen seltsame Laute und mischten sich in die herzerschütternden, metallenen Töne: alte Männer, gebückte Weiblein, Bürger und Bauern, Herren und Knechte, Frauen und Mägde ließen ihre Tränen rinnen, und es ging ein Weinen und Schluchzen durch die engen Gassen, über den weiten Ring, ein einziges, gewaltiges Schluchzen und Weinen. Höre, junger König, der du aus fernen Landen einreitest in die Stadt deiner Väter, höre, König Wenzel, das Schluchzen deines Volkes! Gold, edle Gesteine und Perlen bringen sie dir nicht entgegen, die Bürger von Prag, aber köstlicher als Geschmeide und Perlen sind die Tränen, die sie deiner Majestät entgegenweinen. Oft wirst du noch einreiten in eine festlich geschmückte Stadt – hebe deine Gedanken hinaus über allen Schmuck – – jede Stadt kann man schmücken zu Zeiten; oft wirst du noch einreiten, begrüßt vom Geläute der Glocken, umwallt vom Rauche der Freudenfeuer – denke nicht hoch davon – – dürres Holz und gutes Pech brennen immer, und jede Glocke hat einen Strang. Aber das Schluchzen, mit dem dich heute das Volk empfängt in der Stadt deiner Väter, das, Knabe Wenzel, ist sein eigenstes Geschenk, und dieses Freudengeschluchze sollst du nimmermehr vergessen all dein Leben lang, nimmer und nimmermehr. * * * Die Fackeln glühten und qualmten, die Rüstungen blinkten und funkelten, die Standarten wehten – sie kamen heran. Die Kinder sangen, die Rosse schnaubten und tanzten, die Kleriker beteten murmelnd, die Luft erzitterte, und ihre dröhnenden Schwingungen wogten von Turm zu Turm – sie kamen heran. Trompeten schmetterten, Posaunen jauchzten, Tücher wehten auf den Gassen und von den Häusern hernieder, ein Speerwald schwankte näher und näher, über den Ring brauste das uralte böhmische Lied: Hospodin, Hospodin, pomiluj ny! – und der König kam heran. Er ritt auf einem weißen Zelter und war gekleidet in einen purpurnen Mantel. Aschblonde Locken fielen auf seine schmächtigen Schultern herab; ein schmaler Goldreif blinkte über seiner Stirne. Väter hoben ihre Kleinen in die Höhe, Frauen drängten sich nahe heran, ob sie nicht den Saum des wallenden Gewandes zu erhaschen vermöchten – und König Wenzel lächelte, wandte das bleiche, magere Angesicht zu Herrn Zawisch, der an seiner Linken ritt, ließ die Augen schweifen über das wogende Volk, hob die Rechte und winkte lächelnd nach allen Seiten. – – – Die Fackeln glühten und qualmten, die Rosse schnaubten und stiegen, die Standarten wehten, und die glühenden Fackeln spiegelten sich im nächtlichen Strome. König Wenzel ritt empor zur Burg seiner Väter. – Schlummere sanft, Knabe, und irre dich nicht! Wem haben sie entgegengeweint und entgegengejauchzt? Dir, Knabe, mit deinen schwachen Armen? Nimmermehr! Der Königsmantel ist ein weiter, weiter Mantel – er schlottert noch an deiner dürren Gestalt. Aber ein wundersamer Glanz geht aus von deinem Haupte und spielt auf deiner Stirne, der Glanz, der von Königshaupt aus Königshaupt wandert und nimmer erlischt, solange noch einer atmet aus dem uralten Geschlechte. Dieser Glanz von deinen Vätern her ist's, der heute schimmernd liegt auf deiner Gestalt, und dieser wundersame Glanz hat den Leuten das Wasser in die Augen getrieben. Nur dieser; nichts anderes. Irre dich nicht! * * * In der Bücherei des Klosters Strahow brannte ein Wachsstock, und in dem Dämmerlichte, das von ihm ausging, schien sich der mäßig große Raum mit seinen kurzen, dicken Säulen, mit seinen kunstvoll geschnitzten Gestellen und seinen hohen, schmalen Schreibpulten zu dehnen ins Weite und ins Hohe. Der Wachsstock brannte auf einem schweren Tische und stand auf kunstvoll gegossenem Bronzegestelle. Rings um ihn her lagen in abgemessener Ordnung etliche Pergamenturkunden, beschwert mit Kristallen, lagen Bimssteine und Schreibrohre, Gänsekiele und Adlerkiele und harte Rabenfedern, wie man sie nötig hatte zum Zeichnen seiner Initialen, und wohlgeglättete Wachstafeln. Starker Geruch, wie er aufsteigt von altem und uraltem Pergamente, erfüllte das Gewölbe. Hinter dem Tische saßen zwei Mönche. Der eine von ihnen war gebeugt von der Last der Jahre und saß zusammengesunken in einen? Armstuhle; der andere, etwas jünger als sein Bruder, hatte eine große Gestalt und saß hochaufgerichtet da, trotz dem silberweißen Haarkranze, der sich ihm wie seinem Bruder um den Schädel schlang. Wenn der Gebückte das Haupt ein wenig hob und das seine, schmale Antlitz zum Lichte des Wachsstocks wandte, so sah man, daß seine Augen trübe waren; er mochte vielleicht gänzlich erblindet sein. Im kraftvollen Angesichte des andern glänzten helle, große Augen. Vor dem Tische aber stand mit verschränkten Armen ein hoher, schlanker Mann, wie die zwei Brüder gekleidet in die Kutte der Prämonstratenser, ein junger Mönch, umflossen vom Schimmer schuldloser Schönheit. »Du atmest, als rängest du noch immer nach Luft, fast wie ein Fischlein auf dem Sande nach Luft schnappt, Bruder Armarius!« sagte lächelnd der gebückte Mönch. »Ist mir auch zu Mute, wie wenn ich aus dem brandenden Meere käme,« antwortete der junge Armarius. »Sie haben mich beinahe erdrückt. Es war grauenvoll.« »Ist immer ein bestialisches Ding ums Volksgedränge,« sagte der dritte Mönch; »ein Kluger begibt sich auf die Flucht, wenn sich die Massen der Gaffer stauen in den Gassen und auf den Plätzen.« »Ich werde noch davon träumen!« rief der Jüngling. »Gerade war der König mit seinem Stiefvater vorübergeritten, und ich fragte einen von den Burgern, warum wohl der Zawisch einen Falken auf dem Helme trage – der Mann vermochte mir keine Antwort mehr zu geben, vom Ringe herein in die enge Gasse kam ein Menschenstrom, stieß an den Haufen, in dem wir standen, preßte uns zusammen und riß uns fort, eilig fort, neben dem Zuge her. – – Frauen schrien, Männer schalten, mit aller Kraft versuchten wir, uns zu stemmen, unaufhaltsam ging der Strom weiter; mich hob es hoch empor, ich konnte den Boden nicht mehr gewinnen, und wie es mich auf einmal in eine Seitengasse hinausdrehte, das weiß ich selber nicht mehr.« – – »Aber gesehen habe ich alles, und dafür ließe ich mich gerne noch ein wenig quetschen,« sagte er mit triumphierendem Lächeln. »Und gingest zum zweiten Male unter das Volk?« fragte der Kraftvolle. »Auch das, Bruder Erlbold,« antwortete der Jüngling. »Dann bist du unverbesserlich, ehrbarer Armarius,« entschied jener, »und eines Tages werden sie uns deine zerdrückten Überreste vor die Schwelle tragen. Wir aber werden dann hierher ziehen ins Armarium, werden ein gewisses Buch aufschlagen und werden auf die letzte beschriebene Seite ein Kreuzlein malen und schreiben: Obiit Bruder Hermann, der die Chronik verfaßt hat bis hierher, der beste aller Armani und Kantores, im Volksgedränge. – Warum aber ist er auch immer wieder hinausgelaufen, ist seine eigenen Wege gegangen und hat seine Nase in alles gesteckt?« »Weil er mit Permission des Herrn Abtes glaubte, daß man eine Chronik nimmermehr schreiben könne in der Klosterzelle allein,« lachte der Jüngling, und freundlich nickte der gebückte Mönch in seinem Stuhle. »Siehst du, mein Sohn,« sagte der Behäbige und lehnte sich zurück, »was du den Burger gefragt hast auf der Gasse, das hätte ich dir auch mitzuteilen vermocht.« »Und warum trägt der Zawisch einen Falken?« fragte der Jüngling eifrig. Erlbold antwortete: Niemand sage mir noch, die Großen verbergen ihr Wesen! Tragen sie doch, fürwahr, das, was sie sind, auf dem Helm: Löwen und Adler zumal und schrecklich geifernde Drachen – Alles, was jaget und raubt, alles, was mordet und sengt. Mit ärgerlichem Lachen stampfte der Jüngling auf den Steinboden und rief: »Das ist wieder einmal einer von deinen Galläpfeln gewesen!« Mit behaglichem Lächeln sagte der Spötter: »In eine Echterin tu sechs Lot Vitriol, drei Lot Gummi und acht Lot Gallusäpfelein – das ist das beste Tintenrezept. Gallusäpfelein sind immer das Wichtigste in der richtigen Tinte. Gallusäpfelein sind auch viel besser als der starke Wein, den du in deine Tinte gießest, mein Sohn.« »Jeder schreibt mit dem Safte, der ihm am besten taugt,« antwortete der Jüngling und hob einen offenen Folianten vom nächsten Pulte. »Ihr hört's doch gerne, du und der ehrwürdige Prior, oder nicht?« »Kämen wir wohl sonst alle Wochen herein zu dir?« fragte der Spötter und lachte dem Chronisten freundlich zu. Eifrig nickte der Greis und sagte: »Beginne, mein Sohn, ich bin begierig zu hören; denn es hört sich gut an, was du in dein Buch schreibst.« Der Jüngling hatte sich gesetzt, rückte die Leuchte zurecht und blätterte. »Wo bin ich stehen geblieben?« »›Da kamen Boten aus Mähren, die taten uns zu wissen: Der Zawisch ist mit der Königin Kunigunde in den Ring getreten.‹ Das war der letzte Satz,« antwortete Bruder Erlbold. »So höret weiter!« sagte der Chronist. »Nicht nur Korn und Wein, nicht nur Leinwand und Seide, sondern auch Lügen mancherlei Art fährt man auf den Landstraßen einher und bringt sie in den Städten auf den Markt. Also kamen auch Lügen aus Mähren, die von den einen geglaubt, von den andern verachtet wurden. Ich will aber diese Lügen gar nicht in meine Feder bringen; denn es ist jetzt männiglich bekannt, daß die Königin des Zawisch ehelich Gemahl gewesen ist von Anfang und auch, wie sich's gebührt, von der Hand eines Priesters mit ihm verbunden worden war. Also hatte er nicht durch die magische Kunst ihr Herz gewonnen, wie seine Feinde wissen wollen. »Der Überlieferung würdig aber scheint mir das zu sein, was ich, Bruder Hermann, an den Kalenden des Juni besagten Jahres des Herrn 1279 ferne von unserem Kloster auf einsamer Heide im Osten vor der alten Stadt Prag gehört habe; denn das war ein omen , wie es die Alten nannten, eine Warnung, wie ich's ansehe in meinem Herzen. Ich war zu einem Todkranken gerufen worden und hatte ihm die Wegzehrung gereicht. Auf dem Heimwege ging ich in tiefen Gedanken, sann darüber nach, wie Gott wohl alles zum guten Ende führen werde im Lande Böhmen, betete auch ein wenig. Der bleiche Mond verwandelte dazumal, weil er im vollen Lichte war, die Nacht durch seinen Schein zum hellen Tage, und leicht hätte einer in dieser Helligkeit sein Breviarium lesen können. Vor mir schritt einher der alte Mann, der Sakristan. So kamen wir nahe an einen Birnbaum, der einen Pfeilschuß weit von der Stadtmauer steht, ganz einsam. Da hob ich das Haupt, lauschte und schaute umher. ›Hast dich getäuscht,‹ murmelte ich und ging weiter. Drei, vier Schritte. Blieb wieder stehen; denn jetzt hörte ich's deutlich, ein Weinen und Wehklagen von Kindern, Weibern und, wie mich's dünkte, auch von Männern dazwischen. ›Hört Ihr's, ehrwürdiger Vater?‹ fragte mich auch der alte Mann, der Sakristan. Sprach ich: ›Wohl ist's zu vernehmen, aber zu sehen ist nichts.‹ Antwortete er: ›Ach und weh, das ist's ja, horchet, jetzt heben sie auch den Gesang an!‹ – Ganz deutlich war es zu vernehmen, unsichtbare Geister sangen in den Lüften mit vielerlei Stimmen durcheinander in Harmonie › placebo Domino in regione vivorum ,‹ zu deutsch – ›ich werde Gott gefallen im Lande der Lebendigen.‹ – Das erschien mir als eine Lästerung, das griff in mein Priesteramt, ich rief mit lauter Stimme: ›Alle guten Geister loben Gott den Herrn!‹ Der Widerhall kam zurück von der finsteren Mauer, der Gesang erhob sich stärker als zuvor, und es war, als ob ein großer Chorus von Priestern sänge an einem offenen Grabe. – ›Ehrwürdiger Vater, laßt uns eilig gehen!‹ sagte der Sakristan, der alte Mann. ›Das ist der Tod und die Tödin, die klagen uns ein großes Sterben.‹ ? ›Schäme dich,‹ rief ich, ›geh zu den Ketzern und Heiden mit deinem abergläubischen Sinne!‹ – ›Ehrwürdiger Vater, ich hab's nicht böse gemeint. So nennt's das gemeine Volk. Und es ist uns sicherlich ein grausam Sterben angesagt.‹ – ›Daß du mir das Gerede nicht in die Stadt trägst!‹ sagte ich. Dann spähte ich umher, trat an den Stamm des Baumes und schaute empor in sein Geäste; ich sah niemand. ›Laß uns gehen!‹ sprach ich. ›Wie Gott will, so wird's werden. Was mahnte uns nicht ans Sterben? Alles um uns her tut uns diesen Liebesdienst. Wenn ein Blatt vom Baume fällt, was anders tut's mir kund und sagt's mir an als das Sterben?‹ – Unter währendem Gesänge schritten wir aufs Stadttor zu. Der Sakristan, der alte Mann, aber ging ganz nahe an meiner Seite, schüttelte allfort den Kopf und murmelte: ›Ein großes Sterben, ein grausam großes Sterben.‹ – »In jenen Tagen äußerte unser ehrwürdiger Prior des Gotteshauses Strahow, der sonst immer schweigt, im Refektorium ein Wort, das ich gar wohl im Gedächtnis behalten habe.« – »Ich?« fragte der greise Prior verwundert. »Sicherlich,« antwortete lächelnd der Chronist, und Bruder Erlbold sagte: »Auch ich habe es gehört; lies, ob du's richtig gemacht hast!« Bruder Hermann fuhr fort: »Etliche Jahre wird's währen, die Dinge werden sich verwirren, als spielten die Katzen mit einem Wollknäuel; die Herren werden einander Abbruch tun im Lande weit und breit; die Wolken werden sich öffnen, das Wasser wird uns bis zum Halse steigen, wird Tausende wegschwemmen von unserer Seite; die Blitze werden uns ängstigen, der Donner wird uns schrecken mit seinem Grollen; wenn wir dann gar keine Rettung mehr sehen, wird sich einer über alle andern erheben, aus einmal, mit großer Macht, und wird den Frieden bringen unversehens; der Herr wird's ihm heißen zu seiner Zeit, der Allmächtige wird seinen Friedensbogen spannen über dem Lande nach Sturm und Wetter, und es wird ganz stille werden.« »Träumst du, Bruder Armanus?« fragte der Prior. Der Jüngling aber sagte: »Bruder Erlbold?« Dieser beugte sich ein wenig vor und sah den Prior an: »So war's, Wort für Wort, und mir ist, als sähe ich dich stehen mitten unter den Brüdern an jenem Abende.« Der Prior schüttelte gedankenvoll das Haupt. Endlich sprach er leise: »Keine Silbe weiß ich mehr davon.« »Dann hat's wohl ein anderer durch Euern Mund geweissagt!« rief der Chronist. »Wird so sein, wenn ihr es sagt,« versetzte der Greis. Der Jüngling aber fuhr fort: »Und also geschah es auch; wortwörtlich ging's in Erfüllung. – Wie die Eimer eines Brunnens auf und niedergehen, so steigen und sinken die Parteien in den Städten der Menschen. Wer kann sagen, auf welche Weise der Wechsel vorgeht? In den Adern wirket das Blut, ganz verborgen; ganz im Verborgenen handeln die Menschen, und immer sind's ihrer nur wenige, die herrschen: die Menge läuft dem Erfolge nach. Hatten die Tschechen die Oberhand gewonnen zu Prag und dem Brandenburger den jungen König, Herrn Wenzeslaus, in die Hände geliefert, so gewannen nach Umlauf etlicher Monate die deutschen Burger die Obmacht. Herr Tobias, der Bischof, und Herr Hynek von Duba setzten die Sache ins Werk; ist aber leicht zu vermuten, daß ein anderer aus der Ferne die Fäden regierte. Die Altstadt Prag schrieb dem Brandenburger ab und gelobte im Monat August des Jahres des Herrn 1279 dem Könige allein die Treue. Damals saß der Brandenburger noch auf dem Hradschin; bald hernach aber machte er sich heimlich auf und zog mit dem jungen Könige, Herrn Wenzel, aus dem Lande Böhmen in sein Land. An seiner Statt regierte Herr Eberhard, Bischof von Brandenburg, auf dem Hradschin. »Da erhoben sie sich ringsumher im Lande mit großer Macht, die Deutschen, schrien und sprachen: ›Der Markgraf hat uns den König geraubt, die Tschechen haben die Schuld daran!‹ Und sie begannen zu kriegen gegen die tschechischen Barone und gegen die brandenburgischen Söldner. »Nun könnte ein Unerfahrener denken, es sei leicht für einen Bischof, mit einem Bischöfe Frieden zu schließen und in Frieden zu leben, sintemalen es heißt › clericus clericum non decimat ‹ – Priester nehmen keinen Zehent untereinander. Weit gefehlt! Herr Eberhard hatte den Ringpanzer lieber als das Meßgewand, und das Schwert handhabte er besser als das Pedum. Unser hochwürdigster Bischof ging selbst empor zur Burg, demütig zu Fuß, mit etlichen wenigen Klerikern. Sagte: ›Siehe, mein Bruder, wir sind in unsere Ämter gesetzt, damit wir Wunden heilen. Du aber schlägst dem Lande schwere Wunden. Deine wilden Reiter traben hierhin und dorthin, rauben und morden und sengen. Willst du nicht dem Markgrafen schreiben, das Volk verlange nach seinem Könige, es sei nicht gut, wenn ein junger König ferne von seinem Volke aufwachse? Willst du nicht hinausrufen von deinem Sitze, daß man Frieden halte?‹ Herr Eberhard aber tobte gleich einem wilden Eber, schrie und sprach: ›Wer trägt die Schuld, wenn die Kriegsfurie über die Felder rast? Du, mein Bruder! Unterwerfet euch dem Willen des Markgrafen, dann werdet ihr Frieden haben. So aber werden wir euch das Blut aus dem Leibe, das Mark aus den Knochen pressen und werden euch den Gehorsam lehren.‹ – Herr Tobias, der hochwürdigste Bischof, ging weinend aus der Königsburg und stieg hernieder ins Tal. Unterwegs aber sagte er zu seinen Begleitern: ›Ich gedenke des Lämmleins, das dem Wolfe das Wasser trübte. Es ist immer die alte Geschichte.‹ – Dieses habe ich, Bruder Hermann, selber gehört von einem seiner Begleiter. – »Die Flammen des Krieges schlugen bis an den Himmel empor. Wußte bald keiner mehr im Lande, wer Freund und wer Feind sei. Burg stand gegen Burg in den Waffen, Dorf gegen Dorf, wie auch Prag, die Altstadt, in Waffen gerüstet stand gegen den Hradschin. Schwere Drangsale erfuhren wir, die Mönche vom Strahow-Kloster; doch von diesen will ich schweigen. »Beklagenswert war das Schicksal der Bauern. Der Ritter hat sein festes Haus, der Burger zieht die Brücken seiner Stadt in die Höhe – der Bauer kann sich nimmer schützen. Damals flohen die Bauern in die Wälder, in die Berge, verkrochen sich in Höhlen, duldeten Hunger und Kälte. Andere wieder zogen in Scharen vor die Städte, heischten Einlaß, und so geschah es, daß manche Städte voll wurden von Hungerleidern bis unter die Dächer. Wieder andere rottierten sich, wählten einen Hauptmann, riefen, ›es ist alles hin und verloren!‹ und wurden Räuber – ärgere, als die Räuber zu Roß. Aber wer will richten den Armen, der in der Not vom geraden Wege abweicht? Weinen muß man. – Wachet und betet! »Zu Anfang waren die Parteien im Lande Böhmen scharf voneinander geschieden: deutsche Bürger und Herren – tschechische Herren und der Markgraf von Brandenburg. Hernach aber war's, als ob alles in ein einziges wildes Gewässer zusammenströmte. ›Die Deutschen haben das Dorf verbrannt, die Deutschen haben den Kaufmann niedergerannt!‹ so hieß es nach jeglicher Gewalttat. Hörte man näher hin, so waren's gar oft die brandenburgischen Reiter gewesen, und die deutschen Herren hatten keine Schuld daran. Also standen Deutsche gegen Deutsche, Tschechen gegen Deutsche, und gleichwie die Raben zum stinkenden Aase, so kamen heimatlose Abenteurer aus dem Reiche, aus Österreich, aus Polen, ja die ungarischen Falben streiften etlichemale bis vor Prag, seltsam anzusehen in ihren pelzverbrämten Scharlachgewändern, mit den Pfauenfedern auf den silbergestickten Mützen, mit den Perlenschnüren, die ihre Vornehmen durch die langen Bärte schlingen. Gott bewahre uns vor diesen windschnellen Falben, die man auch Kumanen nennt! Heil dem Zawisch und seinem Bruder Witigo, die sich aufmachten vom Schlosse Grätz und sie zu dieser Zeit in Mähren aufs Haupt schlugen mit großer List und Waffengewalt! Hernach sah man diese Wilden auch nie mehr im Lande Böhmen. »Was aber den Klerikern geschah in Prag und an anderen Orten, das will ich verschweigen. Im Kampfe steht die Kirche mit vielen Feinden und wird kämpfen müssen bis ans Ende der Dinge. Sollte ich da nun schildern, wie ein fremder, arger Bischof handelte im Lande Böhmen? Nein, ich werfe einen großen Mantel darüber. Sonst möchten in späten Tagen Feinde der Kirche meine Chronik lesen und auf meine Worte deuten und sagen: ›Sehet, das ist die Kirche gewesen in jenem Säkulo!‹ – Und es war dieser doch nur ein Unwürdiger unter vielen Wohlgesinnten! – – Wer nähme solche Verantwortung auf sich? Bruder Hermann nicht. Er sagt: Hüte dich, zu verdammen, Historice! –« »Das ist recht, mein Sohn,« sagte der Prior und nickte freundlich. »Auch ich lobe deinen Sinn,« sprach Bruder Erlbold. »Aber so ganz ungerupft solltest du den bösen Vogel doch nicht aus deinem Buche entwischen lassen – nur etliche Pröbchen setze hinein – – mehr Gallusäpfelein könnten nicht schaden in deinem Schreibsafte.« Mit ernstem Angesichte saß der jugendliche Chronist vor seinen Brüdern. »Mich will's oftmals bedrücken, wenn ich ganz allein hier stehe am Pulte und schreibe, und ich sage mir daher vor jedem Satze: Tauche deine Feder in Vorsicht, Chronist, und stelle dich hoch über deine Arbeit. Chronika schreiben heißt Richteramt üben. Darum bedenke, daß du einst Rechenschaft ablegen mußt von jedem deiner Urteile. Meinungen darfst du nicht schreiben, wenn du sie nicht beweisen kannst. Muß nicht der Richter den Angeklagten hören, ehe er den Spruch fällt? Eia, hast du den Mann gehört, den du hinrichtest in deinem Buche? Nein! Siehe, jetzt schreibst du in Heimlichkeit deine Sätze und verschließest dein Buch in der Truhe. Die Geschlechter, die da gekämpft und gelitten haben, vergehen, und du vergehst mit ihnen. Dein Buch aber bleibt als Zeugnis, bleibt, wenn ein Jahrhundert sich aus dem andern emporgehoben hat, bleibt, wenn ein Geschlecht ums andere versunken ist im Staube der Jahrhunderte. Aus seinen leichten Blättern werden eherne Tafeln. Vielleicht warst du der einzige, der diese Geschichten beschrieb, und die Freunde jenes Mannes waren des Schreibens nicht kundig. Hätten sie doch auch zu schreiben vermocht – in zwei Gestalten käme er auf die Spätgeborenen! So nur in der einen häßlichen, die sich in deinen Augen gespiegelt hat. – Wenn du aber vollends ein Feind dieses Mannes warst, wenn du oder die Deinen Schaden erlitten hatten durch ihn, dann schweige ganz und gar – denn wie kann ein Richter den Spruch fällen in seiner eigenen Sache?« »Du hast dem wilden Eber nichts angehängt, er steht noch da als ein unschuldiges Kindlein,« sagte Erlbold mit Unmut. »Und dennoch werde ich wohl den Bimsstein nehmen und mein hartes Urteil ausreiben, und ich gedenke, etwa einen Psalm an seine Stelle zu schreiben,« sagte der Jüngling mit Festigkeit. »Aber höret weiter, meine ehrwürdigen Brüder! »Nicht allein mit den Falben muhte Herr Zawisch kämpfen im Lande Mähren, sondern auch mit Herzog Nikolaus, dem Bastarden des Königs Ottokar, seinem bittersten Feinde, und mit vielen Edeln, die aus Eifersucht von der Partei der Witigonen abgefallen waren; aber es gelang ihm, alle Feinde der Königin zu bezwingen. »Mit Sehnsucht schauten die Deutschen in Böhmen, vornehmlich die in der Stadt Prag samt dem hochwürdigsten Herrn Bischöfe, aus nach der Ankunft des Zawisch. Lange verzog er mit seiner Hilfe; dann aber sandte er mit Heeresmacht Herrn Ctibor von Lipnitz, Herrn Witigo von der Krummenau, Herrn Spatzmann von Kosteletz, sowie einen aus dem Geschlechte der Seeberger, und diese Helden schlugen den Bischof Eberhard samt seinen gepanzerten Reitern nahe bei Prag aufs Haupt. Zawisch selbst aber war in Mähren geblieben als Schutzherr der Königin und des Söhnleins, das sie ihm geboren hatte. »Jubel herrschte in Prag, als die Sieger ihren Einzug hielten. Jubel erfüllte auch die sonst so stillen Räume des Klosters Strahow. Aber, o Mensch, sei gelassen in deiner Freude und bedenke, daß du ohnmächtig bist! Du kannst wohl sagen: die Sonne scheint, ich will im guten Wetter über Land gehen. Aber der Allmächtige im Himmel ruft die finsteren Wolken, wann er will, und schüttet Schlössen in die grünende Saat nach seinem Verhängnisse. »Als die Witigonen gesiegt hatten, kam auch der römische König mit einem kleinen Heere über Brünn herein. Da brach dem Bischof Eberhard der Mut. Er stieg hernieder vom Hradschin und verhandelte mit seinen Feinden im Namen des Markgrafen. Viele Tage lang saßen die Herren zu Prag und bekämpften sich mit Worten. Da waren die Helden, die den Sieg errungen hatten, da waren die Boten des römischen Königs, da war Herr Witigo, des Herrn Zawisch Bruder, ein Mann, gewaltig im Kriege und bedächtig im Rate, da waren viele andere, Deutsche und Tschechen. »Endlich ritt der Herold durch die Straßen der Stadt – es war zu Anfang des Jahres der Menschwerdung 1281 – und rief die frohe Botschaft ins Volk: ›Von nun an erkennet Herrn Tobias, den Bischof, und Herrn Diepold, den Edeln von Riesenburg, als Regenten über Euch an des Königs Statt und wisset, daß im Monat Mai der König, Herr Wenzel, einziehen wird in der Stadt Prag!‹ Und dazu läuteten alle Glocken. »Als der Bischof Eberhard aus der Königsburg und aus dem Burggedinge geritten war, zog der ehrwürdige Herr Tobias, Bischof, zogen alle Kleriker der Stadt Prag singend und betend hinauf in die Kirche des heiligen Veit, der Bischof ließ die große Bischofskerze, die zweihundertundzwanzig Pfund wiegen muß, auf den Leuchter stecken und zündete sie an zu Ehren der heiligen Märtyrer Veit, Wenzel und Adalbert. Und das Licht brannte gut. »In jenen Tagen begab sich's, daß ich, Bruder Hermann, dem Sakristan, dem alten Manne, im Klosterhofe zurief: ›Guter Freund, was ist's nun geworden mit deiner Prophezeiung? Ist das große Sterben gekommen? Mit nichten – der Friede ist gekommen!‹ – Da trat der alte Mann zu mir heran und sagte mit großer Traurigkeit: ›Hab' etwan ich gesungen in den Ästen des Birnbaums? Hab' etwan ich das große Sterben angesagt? Ich hab's nur gehört, wie auch Ihr, ehrwürdiger Vater, und seit jener Nacht sitzt mir die Angst im Herzen.‹ – Da ging ich, Bruder Hermann, meine Wege und mochte nicht spotten über den Sakristan, den alten Mann. »Am Abende dieses Tages aber wurden auf einmal meine Augen geöffnet, und ich ersann zwischen Lichten diesen Psalm: Ohne Sorgen schritt ich dahin, Am Abgrunde wandelte mein Fuß. Ein Tag kommt, wie der andere gegangen ist, so wähnte ich; Und was da wachsen soll, das wächst, so sagte ich zu meinem Herzen. Gott aber sprach: Ich muß nicht immer wachsen lassen! Und seine Stimme rief mit Macht: Verdorre! Da verdorrten meine Säfte vor deinem Zorne, o Herr, Da ward ich sehr elend und fürchtete mich. Aber wohlan, ich will mich nicht fürchten, Ich hebe meine Hände hoch empor! Gottes Gerechtigkeit schlägt die Menschen blutig mit Hagelschlossen, Gottes Barmherzigkeit streut goldenes Korn unter die jauchzenden Kinder. Warum sollte ich mich ängstigen vor meinem zürnenden Gotte? Kenne ich doch auch meinen gnädigen Gott aus dem Buche der Verheißung. Sei getrost, meine Seele: Frost und Hitze müssen sein auf Erden; Laß dir nicht grauen: Fülle und Mangel haben einen Herrn. Denn siehe, unter dem Schnee schläft die junge Saat, Und zu ihrer Zeit wachsen die schlanken Ähren hervor. Die Zeit brennt ab gleich einer Kerze – sei doch getrost, Seele, Harre aus, auch dein Jammer wird zerfliehen wie Wachs. Denn nimmer kann vergehen das gottgeborene Licht: Über den Nebeln leuchtet die Sonne, hinter den Wolken glänzen die Sterne. »Rede ich in Bildern? Nein, ich schreibe die Wirklichkeit. Den König erwarteten wir, da kam der Hunger über unsere Stadt, über unser ganzes Land. Er kam langsam, so leise und sachte, wie der Schnee fällt am Winterabende, fast unvermerkt; und als wir erwachten und unsere Augen rieben, da lag er knietief auf uns mit seiner Last. »Wer kann auch ernten, wo er nicht gesäet hat? Und wer kann säen, wo nicht gepflügt ist? Wer aber hatte pflügen können im Lande Böhmen mit dem Schwerte in der Hand? Also muhte die Not, mußte der Hunger kommen. »In der Not werden die erwachsenen Leute zu Kindern; hinter dem Hunger muß alles zurückstehen, er macht alles gleich, ganz gleich. Wächst aber die Not weiter und weiter, dann werden aus den hungrigen Kindern reißende Tiere. Das haben wir erfahren im Lande Böhmen ein Jahr lang. »Siehe, so gehts: Die Machthaber brechen den Frieden und fangen Krieg an. Hernach, wenn sie sich satt gekämpft haben, möchten sie wieder Frieden haben; da wendet sich der Krieg gegen sie und erwürgt sie. Friede wird, wenn Gott will. Hütet euch, den Frieden zu brechen! Den Anfang sehet ihr, das Ende ist euch verborgen. »Wer könnte jauchzend in den Krieg ziehen? Wende dich doch, du Jauchzender, schau dir die Gefolgschaft des Krieges an – ihre Namen sind Hunger, Pest, Mord! »Ich, Bruder Hermann, tauche meine Feder tief ein und schreibe, was ich gesehen habe im Gefolge des Krieges. »Ich sah die Bettler stromweise fahren auf allen Straßen gen Prag und sah die Prager Burger Almosen spenden mit vollen Händen. Dann sah ich den Mangel heranschleichen, sah, wie die Gaben kleiner wurden und die Haufen der Bettelnden größer und wilder von Tag zu Tag. Ich sah sie lagern auf dem Anger vor unserm Kloster und sah sie lungern in den Gassen der Stadt zu Tausenden. Zwei feindliche Teile standen einander gegenüber – Arme, die nichts hatten, und Reiche, die kaum mehr den Hunger stillen konnten. Damals kaufte man zwei Eier um einen Pfennig und war froh, wenn man sie bekommen konnte. Etliche Jahre vorher hatte man fünfzig Eier mit einem Pfennig bezahlt. »Da begannen die Bettler in die Häuser einzudringen und die Töpfe vom Feuer zu stehlen. Mit gewappneter Hand mußten die Hausväter ihre Nahrung verteidigen. Wer kann ihnen Böses nachsagen, weil sie fortan ihre Häuser verrammelten und keinen Fremden mehr aufnahmen an ihren Herdstätten? So mußten die Bettler, Männer, Weiber und Kinder, Tag und Nacht in den Gassen liegen, und als der Winter kam, da deckten sie sich mit Dünger zu. »Alles wurde damals gegessen in Prag und im ganzen böhmischen Lande: Gras, Heu, Leder. Roßfleisch, Hunde und Ratten waren begehrte Leckerbissen; ja fast scheue ich mich zu schreiben, daß der Leib des Schächers am Galgen nicht sicher war. »Vieles könnte ich erzählen, was gräßlich zu hören wäre. Von Menschen könnte ich schreiben, die ihre Brüder mordeten und fraßen im wahnsinnigen Hunger, von der Mutter, die ihr Kind von der Brust nahm und kochte und mit seinem Körperlein ihr elendes Dasein fristete etliche Tage. – Eine Bettlerin schlich durch die Gassen der Stadt. Da sah sie einen reich gekleideten Knaben, ging an ihn heran und lockte ihn mit einem geringen Äpfelein in ihren Schlupfwinkel. Dort erschlug sie ihn, zog die Kleider von seinem Leibe und trug sie auf den Markt. Da ward die Mörderin von einem Fleischer gesehen, der erkannte die Kleider des Kindes und überantwortete das Weib den Knechten des Richters. – Ein anderes Weib, eine Bürgerin, hatte ihren Gatten und alle ihre Kinder begraben bis auf eine Tochter. Diese ging Tag für Tag durch die Gassen um ein Stücklein Brot, ja, was schreibe ich, eine Krume Brot zu erlangen. Was sie bekam, teilte sie mit ihrer Mutter. Als sie aber einmal zum Tode ermüdet mit leeren Händen zurückkehrte, fand sie die Türe verschlossen, und die wahnsinnige Mutter rief aus dem Guckloch: ›Warum bist du zurückgekommen? Du bist ja bleich wie der Tod und wirst sterben in der Hütte und niemand wird dich hinaustragen können. Bleib du draußen!‹ Auf der Schwelle mußte das Mägdlein übernachten. Und die Mutter hauchte ihre Seele aus nach wenigen Stunden, das Mägdlein aber. lebt heute noch und hat weiße Haare seit jener Zeit. – Ich schließe die Erzählung von diesen grausigen Dingen. Möge alles versinken in Vergessenheit hinter uns! »Nur eines will ich noch schreiben, ich, Bruder Hermann, das Schwerste: »Zum Hunger kam die Pest, wie der Sakristan, der alte Mann, gesagt hatte damals unter dem Birnbäume. Und der Sakristan war der Ersten einer, die an der Pest starben. Sechs Monate lang dauerte diese Not. Damals hörte man zu jeder Stunde des Tages und der Nacht die Totenwagen fahren, und kein anderer Wagen fuhr mehr in Prag, und das Volk entsetzte sich. Deshalb traten die Geschworenen zusammen und beschlossen, man solle die Wagenräder mit Lumpen umwickeln. Das geschah. Dann wurden die Friedhöfe zu enge. Da traten sie abermals zusammen und beschlossen, Gruben zu graben, acht an der Zahl. Das geschah, und jede dieser Gruben war drei Klafter tief und lang und zehn Ellen breit und faßte tausend Menschenleiber. Diese acht Gruben wurden voll innerhalb sechs Monaten. Also groß war das Sterben. – Damals begab es sich, daß man mich an einem Winterabende zu einem Todkranken rief, der wohnte im Osten vor der alten Stadt Prag. Ich ging allein meines Weges, gab dem Kranken, was sein Herz verlangte, und machte mich auf den Heimweg, als es Nacht war. Schritt für Schritt ging ich fürbaß, selber gar schwach vor Hunger. Es war sehr finster. Da verlor ich auf einmal den Boden unter meinen Füßen und stürzte in eine Tiefe. Die Sinne schwanden mir. Als ich aufwachte, kannte ich mich nicht aus, weil es noch immer Nacht war. Ich tastete mit meinen halberstarrten Händen umher und kam auf eines Menschen Antlitz; das war kalt und tot. Ich zog die Hand zurück und wollte mich erheben, da griff ich in die Haare eines Toten. Ich ward gewahr, daß ich in einer Leichengrube lag. Ich raffte mich auf und schwankte über die Toten, die da übereinander geschichtet waren wie die Holzscheiter, und kam an die Wand der Grube, tastete und erkannte, daß die Wand viel zu hoch sei. Da ergab ich mich in mein Geschick, hockte mich nieder und wartete. War keine gar kalte Nacht. Aber diese Nacht war sehr lang, sehr lang. Des andern Morgens rollte der Totenwagen heran und brachte neue Bürger für die Grube. Die Männer traten an den Rand der Grube und hoben einen Leichnam, daß sie ihn hinabwürfen. Da regte ich mich und rief mit schwacher Stimme. Die Männer entsetzten sich; dann aber erkannten sie mich und halfen mir heraus und gaben mir zu essen. Ich aß und schaute umher – da gewahrte ich nahe bei der Grube den großen Birnbaum, in dessen Geäste ich einstmals den Gesang gehört hatte › placebo Domino in regione vivorum ‹. Ich schaute umher und sah die Männer ihre Arbeit tun und ward gepackt von eiskaltem Grausen, ging heim zu meinen Brüdern und ward sehr krank. »Die Gewässer stiegen uns bis an den Mund, Ihr Brausen erfüllte unsere Ohren. Die Angst lag auf unsern Herzen gleich einem Felsen; ›Diese Not erdrückt uns!‹ so seufzten wir. Da kamst du, o Herr, geschritten aus den Gewässern, Und deine Fußsohlen blieben trocken in der Nässe; Da streckte sich deine Rechte über die tobenden Wellen, Und deine Stimme gebot ihnen Einhalt; Da sanken die Gewässer und flössen eilig auseinander, Da ward aus dem wütenden Strom ein Bächlein. Sei gelobt, du allmächtiger Gott, Sei gepriesen, du gütiger Vater! »Wo waren die Machthaber des Landes, die Herren mit ihren Reitern und Sarianten, als Gott dieses Gericht abhielt? Sie lagen danieder gleich den Armen und Geringen; denn was ist ein Starker, wenn ihn hungert? O vergeht doch nicht, wie hinfällig ihr seid, Menschenkinder! Aber was sage ich? Tagtäglich ja sehet ihr eure Brüder in die Grube sinken, ihr kennet euer Reiseziel und dennoch schreitet ihr einher klirrend, geschmückt mit Seide und sehr köstlichen Federn. Hättet ihr bei den Toten gelegen, wie ich, Bruder Hermann, von euern Stirnen wäre der Ernst nimmermehr abzuwischen. – » Anno Domini 1282 gab das Land reichlich, und die Not wandte sich. Über den acht Gruben hatte sich die Erde gewölbt, und langes Gras wuchs auf den Hügeln. Die hohlen Wangen der Menschen füllten sich, die Augen der Überlebenden wurden trocken. Die Jungen freiten und ließen sich freien, die Alten gedachten wieder des Erwerbes. Auf den Straßen rollten die großen Wagen, kamen aus fernen Ländern und fuhren in ferne Länder. Tugend und Laster blühten nebeneinander und untereinander, Gute und Böse hatten Brotes die Fülle. Die Nächte des Schreckens versanken hinter uns. »Am heiligen Stephanstage, am Tage nach Weihnachten, stieg ein kleines Gewitter auf, und ein wenig zuckten die Blitze über der Stadt; ein gar seiner Sprühregen netzte das Land. Dann brach auf einmal die Sonne durch die Wolken, und über die alte Stadt spannte sich ein Bogen, herrlich anzuschauen. Der Bogen stand mit seinem einen Ende auf der mittägigen Stadtmauer, war gegen Mitternacht gerichtet und stand mit seinem andern Ende im Moldaustrome. »Als das die Leute sahen, freuten sie sich, zogen durch die Gassen und riefen: ›Die Ankunft des Königs ist nahe!‹ Also prophezeiten vornehmlich die Frauen, Christenfrauen und Judenfrauen ohne Unterschied. O wie gerne glaubten wir dieser Rede! »Im Frühjahre aber des Jahres 1283 rückte ein schöner, hellstrahlender Stern nahe an den Mond, wunderbar anzuschauen, und tags darauf ritt die Königin mit Herrn Zawisch und unzähligen Herren deutscher und böhmischer Nation durch die Stadt Prag auf den Hradschin. »Gelobet sei Gott! sage ich, Bruder Hermann, und schreibe es dankbar in mein Buch. Jetzt ist der König nicht mehr ferne. Ein Gewaltiger sitzt auf der Burg, und der wird ihn bringen zur rechten Zeit. Die Wasser brausten und wollten uns alle verschlingen; viele strebten nach dem Felsen – einer nur konnte die Fluten durchschwimmen, der schwang sich auf den Felsen und rettete seine Brüder. »Kann ich, Bruder Hermann, in der Zukunft lesen? Gott bewahre mich vor solchem Wahnsinne! – Kenne ich des Zawisch Herz und Gedanken? Ich sehe nur sein Antlitz – das aber ist hell und freundlich, und Gedanken des Friedens spiegeln sich darauf. Du, Herr, bist groß und führst uns wunderbar: Tauben sendest du zur rechten Zeit und Löwen lassest du heranschreiten zum Schutze deiner Kinder, wenn's not tut.« * * * »Amen!« sagte Bruder Erlbold mit starker Stimme und erhob sich. Der Prior saß mit gefalteten Händen und sann. Bruder Hermann aber schloß das Buch und legte es an seinen Ort. Die Mitternacht war herangekommen, und wiederum begannen alle Glocken zu läuten in der alten und neuen Stadt, auf dem Hradschin und auf dem uralten Wyschehrad. Aus ihren Häusern zogen die Menschen in die Kirchen und dankten nach dem Befehle des Bischofs Gott und den Heiligen für des Königs Errettung. Auch die Mönche im Kloster Strahow erhoben sich von ihren Ruhelagern und schritten durch die langen Gänge in ihre Kirche. Zu ihnen gesellten sich Bruder Erlbold und Bruder Hermann, die den blinden Prior in ihrer Mitte führten. Wie frischgefallener Schnee blinkten die weißen Kutten im Kerzenlichte. Mit Macht ertönte die Orgel, und gleich dem Frühlingsturme im Hochwalde brauste der Mönchgesang zwischen den wuchtigen Säulen in jener Nacht. * * * Zur gleichen Zeit standen die Söhne des Herrn Budiwoj in dem Gemache, das einst König Ottokar bewohnt hatte, und lauschten dem Geläute, das hereinflutete durch die offenen Fenster, und lauschten, bis der letzte Ton verklungen war. »Du bist am Ziele, Zawisch,« sagte Wok in tiefer Bewegung. »Durch eure Hilfe, ihr meine Brüder,« antwortete der Regent. »Durch Gottes Hilfe!« sagte Wok mit Nachdruck. »Nun aber möchte auch ich meinen Zielen näher kommen, Zawisch.« »Auf diesen Augenblick habe ich alle die letzten Tage her gewartet und habe mich darauf gefürchtet, Wok,« sprach der Regent. »Warum, Zawisch?« »Weil die Arbeit jetzt beginnt,« sagte Herr Witigo und kam aus einem der Fenster heran. »Der Stall ist unser, aber knietief liegt der Unrat darinnen, und Ströme Wassers müssen zu seiner Reinigung hindurchgeleitet werden.« »Witigo hat auf seine Art gesagt, was ich nicht besser sagen könnte, Wok,« versetzte lächelnd der Regent. »Ich bedarf deiner – allenthalben murren und grollen die tschechischen Großen – – schwere Kämpfe drohen uns.« Wok schwieg. »Trotzdem sage ich, du bist dein eigener Herr, Wok, und ich übergebe dir dein Erbe zu jeder Stunde,« fuhr der Regent fort. »Eia, Wok, könntest du nicht auf den Hradschin heiraten statt in die Krummenau?« rief Witigo und lachte. »Du hast ja doch nur das eine Ziel!« Wok streckte die Rechte aus, schüttelte das Haupt und sagte mit großem Ernste: »Nimmer und nimmermehr führe ich meine Alheit nach Prag, und läge der Hradschin hundert Meilen entfernt van Prag, ich führte sie auch nicht auf den Hradschin!« »Besser ist die Luft im Walde,« sagte Witigo leichthin; »aber dennoch solltest du uns nicht verlassen, Wok.« »Und dennoch muß ich euch verlassen; denn meine Ziele liegen nicht auf euerm Wege.« »Oho, Wokbruder – du sprichst in Bildern wie ein Predigermönch! Zawisch will ein Volk glücklich machen und einen Jungen zu einem Könige erziehen, und ich will ihm helfen dazu mit Besen und Reinlichkeit – sind das geringe Ziele?« »Herrschaft und Macht sind hohe Ziele, und ihr beide könnt Böhmen zum Segen werden. Aber Gott hat noch höhere Wünsche in das Menschenherz gesenkt Ich denke an das Wort ›Unser Herz ist unruhig, bis es seine Ruhe findet in Gott‹.« Witigo saß mit offenem Munde da: »Willst du also heiraten und ins Kloster gehen?« sagte er endlich. »Quäle mich nicht, Witigo,« bat Wok. »Hierin verstehen wir uns jetzt doch noch nicht; später vielleicht einmal. – Du aber, Zawisch, gib mir mein Erbe! Bis zum Herbste bleibe ich bei dir, dann führe ich Alheit von Cham in die Krummenau. Ihr Haus zu Prag wird sie nie mehr betreten und schenkt es den Witigonen – das möchte ich dir gleich heute gesagt haben.« »So es denn sein muß,« antwortete der Regent und legte die Hand auf die Schulter des Bruders, »jage du deinen Zielen nach – « »Jagen?« unterbrach ihn Wok. »Ringen, Bruder, danach ringen Schritt um Schritt!« »Wenn ich nun aber,« sagte Zawisch, und seine Stimme klang sehr ernst, »in Gefahr käme, in Not käme, Wok?« »Dann wäre der Dritte von den Söhnen des Herrn Budiwoj an deiner Seite und stünde zu dir bis zum letzten Atemzuge.« »Das war ein gesundes Wort!« sagte Herr Witigo. * * * Zawisch und Witigo waren allein im Gemache. »Ein seltsamer Mensch, unser Wok,« sagte der Regent; »klar und durchsichtig wie ein Kristall –« »– und seit Jahr und Tag verschlossen wie eine Schnecke im Winter,« vollendete Witigo. »Ich mache mir längst meine Gedanken über ihn, komme an kein Ende und werde folglich alles Denken nach dieser Seite hin aufgeben. – Aber, Zawisch, auch ich muß dir etwas vermelden.« »Willst du dich auch beweiben?« fragte der Regent. Herr Witigo lachte kurz auf. »Allzu frühe wär's am Ende nicht,« sagte Zawisch. »Worauf wartest du eigentlich? Bis dir eine an den Hals fällt?« »Sicherlich solange, bis ich einer an den Hals fallen möchte ,« antwortete Herr Witigo und schnitt ein spöttisches Gesicht. – Dann setzte er auf seine gemütlichste Art hinzu: »Warum sollte ich mich beweiben? Eine Frau, wie unsere Mutter war, gibt's nicht mehr – ein Weib, wie Diemut war, habe ich noch nicht gesehen – und das Mägdlein Alheit hat mir der da weggeschnappt, der die großen Ziele in der Brust trägt. Beklage mich, Zawisch, aber Iah mich ungeschoren – ich bin ein Unglücklicher!« Der Regent lachte. »Eia, sieh mich an! Ich habe es zum zweitenmale gewagt und habe ein Weib gefunden, das mich liebt mit aller Glut.« Witigos Antlitz hatte sich völlig verändert. Er stand auf und verneigte sich leichthin. »Die Königin,« sagte er, »fürwahr, ich habe gar nicht an sie gedacht! Königinnen stehen aber auch sehr hoch – man schaut zu ihnen empor wie zur Sonne mit blinzelnden Augen.« Das Antlitz Witigos war noch immer völlig verändert, und mit großem Ernste fuhr er fort: »Der Knabe Wenzel gefällt mir nicht – das wollte ich dir vermelden.« »Auch ich habe ihn seit gestern unablässig beobachtet,« sagte der Regent, und seine Stirne umwölkte sich; »er ist völlig verwahrlost.« »Er ist mehr als das, Zawisch; ich bin mit meinem Urteile über ihn fertig.« »Dazu habe ich weniger Eile, Witigo; ich vertrete Vaterstelle an dem armen Kinde und hoffe, aus dem Verwahrlosten dennoch einen Mann und einen König zu erziehen.« »Arge Buben – brave Männer,« sagte Witigo und lachte kurz auf. »Volksweisheit, zu der ein Körnlein Salz gehört. Ich sage: Wie der Knabe, so der Mann; ein verlogener Bub', ein verschlagener Mann. Und der Knabe Wenzel gefällt mir nicht, weil er verlogen ist und furchtbar dumm dazu.« * * * Am Abende des nächsten Tages stand zwischen Lichten Boschena, die edle Gürtelmagd, im Gemache der Königin und lauschte auf die Musik, die vom Palas durch das offene Fenster hereinkam. Lange stand sie da, und fest zusammengepreßt waren ihre Lippen, finster zusammengezogen ihre Brauen. An der Türe klopfte es leise. »Was wollt Ihr, Herr Schreiber?« fragte Boschena und trat in den Vorsaal. »Hier sind die Gemächer der Königin, Ihr seid fehlgegangen.« »Gerade hieher soll ich diese kleine Truhe bringen, Boschena,« sagte der alte Mann. »Die Frau Königin hat's befohlen.« »Ah so, ja, sie hat mir davon gesagt. Gebet mir die Truhe, Herr!« »Sie hat Euch nichts davon gesagt, edle Boschena,« antwortete lächelnd der Greis. »Alles wißt Ihr auch nicht, bildet Euch das nicht ein!« »Oh!« rief Boschena und warf ihr Köpflein zurück. »Das meiste, gewiß, gewiß!« beruhigte sie der Geheimschreiber. »Doch wo kann ich die Truhe abstellen? Die Frau Königin wird sogleich kommen.« »Die Frau Königin?« fragte Boschena hastig. »Traget die Truhe herein ins Gemach, stellet sie auf diesen Tisch! Ich werde Licht machen, es ist schon ganz finster.« Und während der Geheimschreiber seine Last abstellte, schloß Boschena die Läden, entzündete einen Wachsstock am ewigen Lichte, lieh den Kronleuchter in der Mitte des Gemaches herab und entzündete den Kranz seiner Kerzen, entzündete die Kerzen ringsumher an den Wänden, und das Gemach erstrahlte im Lichte. »Was ist in der Truhe?« fragte die Gürtelmagd und betastete die starken Eisenspangen. »Ich meine, die Frau Königin habe es Euch gesagt?« lachte der alte Mann. Boschena biß sich auf die Lippe. »Ihr könnt jetzt gehen!« sagte sie hochmütig. »Ich sollte diese Truhe wohl in die Hände der Königin geben,« warf der Schreiber ein. »Dann wartet im Vorsaale; hier schickt sich das ganz und gar nicht!« Der Alte ging, und hinter ihm schlossen sich Teppich und Türe. »Ich muß wissen, was in der Truhe ist,« sagte Boschena. Sie hatte die Hände auf den Rücken gelegt und stand vornübergebeugt und betrachtete die Truhe. »Wohlverschlossen ist sie und versiegelt obendrein mit dem Siegel der Königin. – Ich muß! ? –« Ein Geräusch drang aus dem Vorsaale herein. Lautlos glitt die Slavin an die Wand, hob den Teppich, schlüpfte darunter und preßte sich an die Mauer. Die Türe wurde aufgerissen, Edelknaben hielten Windlichter in hocherhobenen Händen: Herr Zawisch führte die Königin in das Gemach. »Gehet!« befahl er den Knaben. – – ? »Aber jetzt sage mir, Kunigunde – was willst du?« fragte er lächelnd. »Aus der Mitte unserer Gäste muß ich hieher gehen – seltsam!« »Ich habe dir etwas zu zeigen, Zawisch,« antwortete die Königin, trat neben den Tisch unter den Lichterkranz und legte die Hand auf die Truhe. Die Ringe an ihren Fingern und die Diamanten über ihrer weißen Stirne funkelten und blitzten, das schneeweiße Kleid schimmerte im Scheine der Kerzen. Hochaufgerichtet stand sie und schaute dem Landherrn voll ins Angesicht. »Ich bin bereit, zu sehen,« sagte Zawisch und trat näher. Doch die Königin streckte die Linke aus und wehrte ihn ab. Lächelnd stand er mit gekreuzten Armen. »Ich warte!« Frau Kunigunde prüfte das Siegel. Dann zerschnitt sie die Schnüre, zog aus dem Gewande einen kleinen Schlüssel, öffnete das Schloß und hob den Deckel. »Schau her!« sagte sie, trat zur Seite und sah unverwandt auf ihren Gemahl. »Du hast mich neugierig gemacht, Kunigunde,« scherzte Herr Zawisch, kam heran, hob ein rotseidenes Tuch, warf einen Blick in die Truhe und fuhr zurück: »Weib – die Krone!« »Die Krone,« kam es von den Lippen der Königin. »So sprich, so sprich!« drängte der Witigone. »Wo war die Krone, wer hatte die Krone geraubt?« »Niemand hatte sie geraubt – ich hatte sie verborgen,« antwortete die Königin ruhig und gelassen. »Du? Alle Heiligen! Wann? Wo?« »Als die Nachricht vom Tode des Königs auf den Hradschin gekommen war, trug ich des Nachts mit eigenen Händen die Krone aus dem Gewölbe von Sankt Veit herüber, legte sie in diese Truhe und verbarg sie im tiefsten Keller der Burg, den nur ich kenne und der alte Schreiber,« sagte die Königin. Abermals trat Herr Zawisch an die Truhe und stützte sich auf den Tisch und schaute mit weitgeöffneten Augen hinein. »Die heilige Krone, die Wenzelkrone!« murmelte er. Unbeweglich stand die Königin. »Weib,« fuhr der Witigone fort, griff in die Truhe und hob die Krone heraus, »das hättest du mir sagen sollen!« »Die Krone lag an einem sicheren Orte, Zawisch.« »Wie oft habe ich an diese Krone gedacht!« sagte Zawisch und setzte das Kleinod behutsam auf den Tisch, zog das rote Tuch aus dem Schreine, hob den Schrein herab vom Tische auf den Boden, formte ein Kissen aus dem Tuche und setzte die Krone darauf. Dann trat er zurück, kreuzte die Arme und schaute die Krone an. »Hast du oft an die Krone gedacht, Zawisch?« fragte die Königin. »Warum hast du mir das nie erzählt, Kunigunde?« forschte der Regent, wandte das Haupt zur Königin und schaute dann wieder auf die Krone. »Das hatte Zeit,« kam die Antwort zurück. »Ich sollte dir zürnen und kann doch nicht,« sagte Zawisch; »denn ich sehe die Krone!« Seine Stimme bebte, und seine Brust hob sich in einem tiefen Atemzuge. Zwei blitzende Augen ruhten auf ihm – er bemerkte es nicht. Das Gold der Krone gleißte, ihre Gesteine glühten in allen Farben der Erde, auf dem Antlitze der Königin lag ein sonniges Lächeln – er sah das Lächeln nicht. Wie im Traume stand er und sah nur die Krone. Stille war's im Gemache; ruhig brannten die Kerzen. »Wenn diese Steine reden könnten!« sagte Zawisch in tiefem Sinnen, als spräche er zu sich selber. »Uralt bist du – ? mit deinem Glänzen ziehst du mich zurück – in ferne Zeiten. Dein Gold – wo mag es aus der Erde gekommen sein – ? welche Hand hat deinen Reifen und deine Bogen geformt? – – – Es ist nicht auszudenken, wer dich zuerst nahm und auf die Locken drückte! – ? Wie viele sind's wohl gewesen vor dem Herrn, nach dem du genannt bist – ? vor dem Heiligen unter den Prschemisliden, Wenzel? – Welche Last liegt auf diesem Tische! – – ? Ich freue mich; denn ich sehe die Krone – ein fürchterlicher Glanz tut meinen Augen wehe – – vor mir liegt die Krone –« »Zawisch!« »Was willst du?« fragte der Witigone, wandte langsam das Haupt und sah die Königin an wie ein Träumender, wandte das Haupt von ihr und schaute auf die Krone. »Laß mich!« »Du glänzest und funkelst – und bist doch kalt. – – Schwarze Haare sind grau geworden unter deiner Last, du aber – – hast dir den alten Glanz bewahrt durch alle Zeiten. – – – – Einer nach dem andern ist unter dir in die Gruft gesunken – mit Gefunkel bist du weiter gewandert, bist herabgekommen auf unsere Tage. – – – Ich schaue zurück – in buntem Gewimmel sehe ich die Enkel und die Enkelsenkel der Libuscha – – von Haupt zu Haupt bist du gegangen – – – die Stürme sind durch den Wald gefahren, und als die Stürme schwiegen, da stand noch einer von allen den ragenden Bäumen – – einsam stand er, stille war's rings um ihn her – – – auch er fiel. – – Was ist noch vorhanden aus alter Zeit? – – Du, Krone, und mit dir ein unmündiger Knabe. * * * »Krone, ich möchte dich fragen, funkle mir doch die Antwort zu! Der heilige Wenzel kam ohne Argwohn in die Stadt des Bruders – da schlugen ihn aus den Kirchenstufen die Mordgesellen zu Boden. – – – Krone, weißt du das noch? Der Mörder kam und sprang vom schaumigen Rosse – – – mit zitternden Händen hob er dich aus der Truhe, du warst der Mordpreis – – ich sehe ihn, er wägt dich und er drückt dich auf sein Haupt! – Krone, mir graut vor deinem Gefunkel, mir ist, als sähe ich die Augen funkeln im Schädel Boleslaws, des Mörders. – – – – Auch ihm graute, er legte dich zurück – – – in den finsteren Schrein – – – ihm graute vor deiner Pracht – – und vor seinem Elende. Ein Menschenalter lang regierte er ohne dich, Krone. – – – – Seine Augen wurden trübe; er starb. – – Du aber stiegst funkelnd – empor – – und rücktest weiter von Schädel zu Schädel. – – – Krone, warum hatte Boleslaw, der Enkel, unter allen den schwarzhaarigen Männern seines Geschlechtes – ? rote Haare? Warum hoben die Brüder ihre Hände – gegeneinander – – – – warum fürchteten sich die Großen des Landes vor deinem Träger – – und gaben dich einem Fremdlinge, Krone? – – – – – Du könntest erzählen, Krone, vom dritten und vom vierten Glieds! – Ruhig gingst du deine Bahnen und schmücktest den, der nach dir griff! –« »Der nach dir griff,« sagte die Königin; aber das Lächeln war längst von ihren Zügen verschwunden. »Krone,« sagte Zawisch – »Krone, es ist mir, als könnte ich die Augen nicht wenden von dir. – – – – –Tausend und tausend Augen haben nach dir geschaut – – – tausend und tausend werden noch schauen auf dich. – – – Schatten und immer wieder Schatten legen sich – – zwischen deinen Glanz und meine Augen. – – – – – – – – – – – Söhne sehe ich warten und schief hinschauen auf dein Gold – und beneiden – – – das Haupt, das du drückst – mit deiner Last. – – – Warten sehe ich sie ungeduldig auf einen fröhlichen Todfall – – greifen sehe ich sie mit Hast nach dir. – – – Enkel wachsen empor, strecken verlangend die Hände nach dem Erbe ihres Blutes – – vergelten ihren Vätern den alten Neid – mit Haß. – – – – – Nur Schatten? – – – Nein, ich sehe auch lichtvolle Zeiten, sehe ein beglücktes Volk – dankbar emporblicken auf dich, Krone! – – Ehrwürdige Häupter gehen einher unter deiner Last – sinnen über deine Last – – handeln nach ihrer Pflicht. – ? Du aber funkelst in hellen und in dunkeln Zeiten – – und deine Steine spiegeln sich in vollen Bechern sorgloser Gesellen – die deine Last weit aus der Stirne schieben – – – wie die Zecher den Hut – – die da pochen auf ihre Rechte und verschlungen werden von den Tagen ihres Lebens. – – Du funkelst ruhig über ihrem Treiben. – Krone, wie oft magst du in den Kot gefallen sein mit allen deinen Steinen – – wenn dein Träger mit seinen Knechten rannte von Lust zu Lust? – – – Sie hoben dich auf, sie putzten dich sauber – – wer sieht noch Flecken an dir? Keiner! – – – Krone, mir graut vor deinem Gefunkel. * * * »Es ist mir, als kämen sie hervorgegangen – aus ihren Grüften – – alle, die jemals dich getragen haben. – – – Ich frage sie der Reihe nach – wollt ihr sie wieder nehmen, die Krone da, vom Tische – wollt ihr? – – – – Warum schüttelt ihr die Häupter und – ziehet – – vorüber? * * * Und dennoch – mein Herz erbebt bei deinem Gefunkel –« Hochauf horchte die Königin, unhörbar trat sie hinter den Tisch, unverwandt schaute sie ihrem Gemahle ins Angesicht. Herr Zawisch aber stand, und das Haupt war ihm auf die Brust gesunken, er sah die Krone nicht mehr an und sprach leise weiter: »Wer dich frei und froh tragen könnte, Krone – – du höchstes Ehrenkleinod – – auf dem freien Haupte! – – – Wie mag die Kraft wachsen unter deiner Last – – – – wie mag das Herze schlagen! – Mit der Krone auf dem Haupte stehe ich auf dem Gipfel des Berges – – nichts steht zwischen mir und den Sternen – als mein Gewissen. – – Unrecht will sein – Recht muß sein – darum muß Kampf sein. – Herrschaft muß sein, wenn Recht sein soll – ? aber zur Herrschaft gehört die Krone. – – – Wehe dem Manne, der da herrschen wollte um des Rechtes willen – – – und die andern sähen keine Krone über seinem Schwerte! –« »Zawisch!« »Kunigunde?« »Wachst du auf aus deinen Träumen?« »Sprich, ich träume nicht!« »Zawisch!« sagte die Königin, hob die Krone vom Tuche, drehte sie in den schlanken, weißen Fingern und lächelte. »Zawisch, komm heran, sieh her, sie ist von wunderbarer Schöne, diese Krone ... Zawisch, wen möchte wohl eine Krone am besten schmücken?« »Einen, der stark wäre,« sagte der Witigone, »so stark, daß er sich selber bezwänge jeden Tag. – Einen, der gerecht wäre, so gerecht, daß er die Gerechtigkeit höher schätzte als sein eigen Fleisch und Blut. – – Einen, der weise wäre, so weise, daß er allezeit die Wahrheit hören könnte. – – –« »Zawisch!« begann das Weib. »Sieh nur, wie schwer sie ist, und wie weit der Reif ist – und, Zawisch, diese Krone soll das Kind Wenzel tragen?« »Der Knabe wird in die Krone wachsen,« antwortete Zawisch. »Ist es nicht seltsam?« fuhr die Königin fort. »Im Volke raunt man, König Ottokar sei über Heide und Moor geritten, da sei die Krone von seinem Haupte gerollt und im Moore versunken. Und jetzt liegt die Krone da zwischen uns beiden, kein Mensch auf der weiten Welt weiß von ihr, nur du und ich – da liegt sie, Zawisch!« Und sie legte das Kleinod auf das rote Tuch. – – »Seltsam, Zawisch! Sind wir nicht beide Fremdlinge in diesem Lande? – Und da liegt die Krone zwischen uns beiden – – nahe – – – zum Greifen nahe.« »Wir wollen sie hüten, Kunigunde; mir ist, als hätte ich jetzt erst die Macht – denn ich sehe die Krone. Die Krone bedeutet die Herrschaft. – – Ihre geheimnisvolle Kraft treibt mich vorwärts –« »Vorwärts!« sagte die Königin, und ihre Blicke hingen am Munde des Landherrn. »Vorwärts!« wiederholte Zawisch. »Ich will das Kind führen an der Hand, ich will ihm die Wege gangbar machen, ich will ihm langsam die Augen öffnen für die Hoheit der Königsmacht, ich will ihm das Herz bilden!« »Will!« rief die Königin zornig. – »Frage doch zuerst, ob du können werdest!« setzte sie leise hinzu. »Zawisch, diese Krone wird das Kind Wenzel erdrücken mit ihrer Last.« »Darum will ich ihm zur Seite gehen, will die Krone halten mit meinen Händen über seinem Haupte,« sagte Zawisch, trat an den Tisch und griff nach der Krone; »– halten, bis daß sich seine Stirn wölben, bis daß sein Nacken die Kraft haben wird ? –« »Zawisch, wie leichtlich hätte das Kind verkommen können! – – Und wes wäre dann diese Krone?« fragte die Königin und ging langsam um den Tisch und trat nahe an ihren Gemahl. »Es ist nicht auszudenken,« antwortete Zawisch. »Darum habe ich Tag und Nacht gearbeitet – das Kind mußte einziehen in Prag – – eine herrenlose Krone ist ein Unheil für das ganze Volk.« »Und wenn es nun dennoch umgekommen wäre?« fragte die Königin und nahm die Krone spielend aus der Hand des Witigonen. »Wenn sie herrenlos geworden wäre? Was dann?« – Stille war's im Gemache, ruhig brannten die Kerzen, und um die Wette mit den Steinen der Krone funkelten die Augen des Weibes. Doch die Steine funkelten offen nach allen Seiten – über die Augen des Weibes hatten sich die langen schwarzen Wimpern gelegt. »Wenn sie herrenlos geworden wäre?« wiederholte die Königin. »Ja – jetzt verstehe ich dich!« rief Zawisch. »Wenn« – wieder hob sich seine Brust in einem tiefen Atemzuge – »dann wäre ich vor einem Scheidewege gestanden, Kunigunde!« Ein frohes Lachen flog über das Antlitz der Königin, und plötzlich hob sie sich auf den Fußspitzen, hob die Krone hoch empor und – drückte sie auf das Haupt ihres Gatten. »Wie herrlich du –« Das Wort kam nicht mehr von ihren Lippen. Mit beiden Händen hatte Zawisch nach der Krone gegriffen und hatte sie von seinem Haupte genommen. »Auch nicht im Scherze, Kunigunde!« sprach er finster und legte die Krone auf den Tisch. * * * Die Königin stand allein unter dem Kerzenkranze. Sie hüllte die Krone in das rote Tuch, legte sie in die Truhe, sperrte das Schloß, öffnete einen Wandschrein, hob die Truhe vom Tische, schob sie in den Schrein und verschloß ihn. Langsam schritt sie zur Türe, ganz langsam. Bleich war ihr Angesicht, gesenkt trug sie das Haupt, ihr Seidenkleid raschelte. Und als sie die Türe öffnete, murmelte sie: » Nicht im Scherze, Zawisch ! – Ich habe dennoch in deiner Seele gelesen, Zawisch!« * * * Stille war's im Gemache, ruhig brannten die Kerzen lange Zeit. Dann hob die Slavin vorsichtig den Teppich, huschte hervor, blies die Lichter an den Wänden aus, ließ den Kerzenkranz hernieder an der vergoldeten Kette, löschte die flackernden Flämmchen und schlüpfte aus dem Gemache. In der Dunkelheit lag die heilige Krone. Ein Frauenherz Die Zeit der Lindenblüte war gekommen, und auch die uralten Linden auf dem Hradschin hatten ihre zahllosen Knospen geöffnet und sandten starken Duft hinauf in die hellerleuchtete, offene Königshalle. Kein Hauch bewegte die grünen Wipfel, die sich emporzustrecken schienen aus der schwarzen Nacht, als wollten sie sich baden im Scheine der Kerzen. Üppige Laubgewinde schlangen sich um die weißglänzenden Säulenschäfte der weitgespannten Fensterbogen, im Scheine der Kerzen blinkten die starren Blätter der Kapitäle, und im Scheine der Kerzen breitete sich spiegelglatt der rötliche Marmor des Estrichs. In großen Vasen glühten ringsumher an den Wänden und an den Fensterbogen Sträuße roter und weißer Rosen und mischten ihre Düfte mit dem Lindenblütendufte. Mehr als alle anderen Blumen behagte der Königin die Rose. Lauwarm war die Luft. Frohes Lachen ertönte in der Halle, schöne Augen blitzten, runde Wangen waren gerötet, Scherzworte flogen hin und her, Flüstern und Raunen barg sich hinter raschelnden Fächern – in Gruppen saßen Frauen und Mädchen umringt von den Herren des Hofes: man ruhte vom Tanze. Inmitten eines großen Kreises von Frauen saß die Königin, prächtig anzuschauen gleich ihrer Lieblingsblume, eine stolze Rose unter den Blumen des Gartens. Es war, als ginge ein mattes Leuchten von ihrer hohen, weißen Stirne, ihre dunkeln Augen schienen zu lachen, und die roten Edelsteine an ihrem weißseidenen Gewände glühten und funkelten. »Es ist ein schönes, ein herrliches Fest,« sagte ein junges Mädchen leise. »Das freut mich, kleine Gertrud, mich und meinen Gemahl!« rief die Königin und wandte das stolze Haupt. »Verzeiht, Frau Königin!« sagte die Kleine und senkte ihr rotübergossenes Antlitz. »Was soll ich dir verzeihen?« fragte Frau Kunigunde. »Ich habe zu laut gesprochen, Frau Königin,« antwortete das Mädchen. »Sind wir im Kloster?« lachte die Königin und warf das Haupt in den Nacken. »Freue dich, weil du lebst! – Ich denke, schon diese Marmorsäulen müssen sich freuen über die Reihe der Feste. – – Es sind lange Jahre über das Land gegangen, in denen man kein Fest beging auf dem Hradschin.« »Die Frau Königin ist sehr gütig,« murmelte das Mädchen. Frau Kunigunde aber ließ ihre Blicke im Kreise herumgehen und sagte: »Ich denke an das erste Fest, das ich in dieser Halle sah – aber ich schaue nicht viele von denen, die damals bei mir sahen. Du, Wendelmut, du, Hildegart, du, Ava – ? das werden alle sein.« »Es will uns dünken, als wäre die Frau Königin heute zum erstenmal als junge Herrin bei einem Feste,« sagte ein Höfling und verneigte sich tief. Ein Murmeln ging über den Kreis der Herren und Frauen. »Ava, weißt du noch, damals saßest du neben mir –?« begann die Königin wieder. »Ich weiß es und werde es nie vergessen, Frau Königin,« sagte die alte Ava, und ein glückliches Lächeln flog über ihre Runzeln. »Die Königin war damals die Sonne im Saale, wie sie es heute ist und noch lange, lange bleiben möge.« Wieder ging ein Murmeln über den Kreis, und die Herren verneigten sich. »Ja, ja, ihr jungen Leute, sie hat viel erlebt, Frau Ava,« sagte die Königin mit freundlichem Lächeln. »Viel, Frau Königin! Ich habe noch das Tanzlied gesungen in dieser Halle.« »Das mag lange her sein,« meinte die Königin. »Sehr lange, Frau Königin! Das war eine schöne Sitte, als man noch selber zum Tanze sang. Von solcher Lust weiß unsere Zeit nichts mehr.« »Muß lustig gewesen sein, dich singen zu hören,« sagte der Knabe Wenzel, der neben seine Mutter getreten war; »wie wenn die Käuzlein singen des Nachts!« Ein böser Blick schoß auf den Knaben, und wortlos verneigte sich die alte Ava, die noch zum Tanze gesungen hatte vor langen Jahren. Rings im Kreise aber klang es wie ein verhaltenes Kichern. Regungslos sah die Königin, und Wenzel schlenderte weiter zu einer anderen Gruppe. »Erzähle noch mehr, gute Ava!« befahl Frau Kunigunde. »Die Frau Königin ist sehr gütig,« antwortete die Greisin mit scharfer Stimme, und ihre Blicke flogen über die Gesellschaft der Herren und Frauen. »Es war die Zeit, wo man der Frau huldigte wie niemals mehr hernach am Hofe des Königs, huldigte der jungen Frau, die im Glanze der Jugend prangte, und der alten Frau, der man die Flüchtigkeit der Zeit nicht zum Vorwurfe machte.« »Das war gut gesagt, Ava!« unterbrach sie die Königin. »Allen voran ging der hochsinnige König Wenzel, des Herrn Königs Wenzel allergnädigster Herr Großvater, dem Gott gnädig sei, und wie er selbst so manches süße Minnelied gesungen hat, so drängten sich in den Sälen seiner Burg Minnesänger aus allen Ländern der Erde. Dort stand der König, dort unter jenem Bogen, eine Nacht war's wie heute, auch zur Zeit der Lindenblüte, dort stand er und sang zur Laute: »Recht als wie eine Rose aus ihrer Hülle bricht, Wenn sie nach süßem Tau begehrt, So bot sie mir den zuckersüßen, roten Mund. Was mir nun sonst an Wonne die weite Welt verspricht, Acht' ich für nichts: mir ward gewährt Ein überschwenglich großes Glück – o Heil der Stund!« So flüsterte Frau Ava und vollendete: »Ich brach die Rose nicht und hätt' es doch gekonnt.« Lächelnd drohte Frau Kunigunde mit dem Finger und rief: »Vielleicht weiß Ava, die so vieles weiß, auch den Namen dieser Holden?« Tief verneigte sich die Greisin und antwortete: »Es war das oberste Gesetz der Minne, daß man den Namen seiner Holden im Herzen barg. Also handelte auch der minnekundige König Wenzel. Ach, die alte Zeit ist zu Grabe gegangen, ach, die Männer dieser neuen, wilden Zeit verachten das Lied – nur einige wenige noch tragen die Gesinnung der Väter in der jungen Brust. In Herrn Zawisch lebt ein Stück der guten alten Zeit!« »Und in mir, Frau Ava?« fragte Herr Witigo, der in den Kreis getreten war. »In Euch, Herr Witigo?« sagte diese und schaute prüfend auf den Bruder des Regenten. »Wo der Spott seine Wohnung aufgeschlagen hat, da tönen keine Lieder.« »Eia, Frau Ava, da irrt Ihr Euch sehr. Habt Ihr noch niemals von Spottliedern gehört?« »Von Spottliedern wußte man zu meiner Zeit nichts am Hofe des Königs,« sagte die Greisin und wandte sich würdevoll von Herrn Witigo. »Zu meiner Zeit wurde man nicht fertig mit dem Lobpreise des Süßen und Holden und wurde nicht müde, Süßes und Holdes zu besingen.« »Das war ja, als fütterte man einen tagtäglich mit Honigwaben!« rief Witigo. »Süß und sauer, alles zu seiner Zeit – wollt Ihr mein Leiblied hören?« »Es gibt unterschiedliche Lieder,« antwortete Frau Ava mit Zurückhaltung. Herr Witigo aber begann unbeirrt: Durch die Föhren streicht der Wind, Und die Wipfel ächzen, Raben fliegen mit dem Wind, Und ich hör' sie krächzen. Lotrecht ragt er in den Wind, Jener Föhrenmast, Wagrecht schwanket in dem Wind Dran ein roter Ast. Und zum roten Aste hin Schweifen die Gedanken: Möcht' gar manchen baumeln seh'n An dem Ast, dem schwanken! »Ihr solltet anders denken und reden vom Zauber des Liedes, Herr!« rief die Greisin, schüttelte sich und wandte sich wieder zu dem Witigonen. »Einer der größten Sänger hat an Eurer Wiege gesungen, ich weiß es wohl.« »Da seht Ihr ja, Frau Ava, welche Macht der Sänger hat,« antwortete Witigo und lachte. »Ihr meinet den Liechtensteiner?« »Den Ulerich von Liechtenstein, den letzten Sänger, auf den die Sonne schien!« flötete die Alte. »Den Liechtensteiner mit der Hasenscharte?« wiederholte der Witigone. »Fi!« sagte Ava und wandte das Haupt mit Abscheu. »Hasenscharte! Drei Lippen hatte ihm die Natur gegeben, als wollte sie anzeigen, daß dieser Sänger mehr als zwei Lippen nötig habe.« »Hm!« machte Witigo. »Und zu Gefallen der Kaltherzigen, die ihn nicht verstand, ließ er sich ja die dritte Lippe abschneiden.« »Jedenfalls das Gescheiteste, was er in seinem ganzen Leben getan hat,« sagte Witigo. »Hat er nicht sein Leben im Dienste der Frauen verbracht, müssen wir ihn nicht darob preisen?« warf die Königin hin. »Die Frau Königin hat die Wahrheit gesagt!« frohlockte Ava. Herr Witigo aber sagte trocken: »Hat auch welche gegeben unter den Frauen, die ihn ausgiebig bedient haben zu rechter Zeit.« »Die kalte Gräfin!« rief Ava verächtlich. »Die und meine leibliche Mutter, Frau Ava,« antwortete Witigo. »Eia!« fuhr die Alte auf, und ihre Blicke hingen an den Lippen des Witigonen. »Eure Frau Mutter? Ich kenne das ganze Leben des Liechtensteiners, davon aber habe ich nie etwas gehört, Herr Witigo. Erzählet doch, wenn's der Königin beliebt!« »Erzähle, Witigo!« sagte die Königin. »Damit werde ich bald fertig sein, Frau Königin,« begann Witigo freundlich. »Es ist wahr, der Liechtensteiner ist einst vor langer Zeit auf unserer Burg gewesen. Ein weitläufiger Vetter hatte ihn gebracht. Da wurden viele Speere verstochen und viele Weinfässer geleert – denn der Liechtensteiner war gar ein versoffener Kumpan, Frau Ava –« »Ein Sänger,« sagte diese und ließ den Fächer rascheln und warf einen entrüsteten Blick auf den Spötter »ein Sänger, dessen Lippen trocken waren vom Singen zu Zeiten.« »Also er soff, als hätte er noch immer drei Lippen, und seine Lieder troffen von Honig und von anderen Dingen. So besang er einmal auch meine Mutter, der Gott gnädig sei –« »Er besang Eure Mutter!« flötete die alte Frau und hob die Augen an die Decke der Halle. »Diese Glückselige!« »Und sie erhob sich vom Stuhle,« sagte Witigo. »Und gab ihm den Dank!« unterbrach ihn Frau Ava. »Und gab ihm den Dank, Frau Ava,« fuhr Witigo fort. »Er sang das Lied im Saale und schlug die Laute dazu, und auf einmal sang er nicht mehr und schlug die Laute nicht mehr, aber meine Mutter schlug etwas –« »Ich verstehe Euch nicht, Herr Witigo,« sagte die Alte und machte ein mißtrauisches Gesicht. »Nun, meine Mutter schlug ihm eine Maulschelle auf seine zwei oder drei Lippen, Frau Ava, eine, daß es klatschte im Saale.« »Fi!« rief die Greisin. »Er besang sie, er – und sie, sie – –« »Fi –? Ihr sprecht von meiner Mutter, der Gott gnädig sei!« sagte Herr Witigo. »Wißt Ihr, warum meine Mutter den Lautenschläger schlug?« »Was weiß ich?« murrte Frau Ava. »Meine Mutter war eine Frau aus ganz alter Zeit; sie lebte im tiefen Walde und glaubte, daß man auch nicht singen dürfe, was man nicht sagen darf vor keuschen Frauen . – So glaubte meine Mutter; sie ist aber schon lange tot.« »Er besang sie, und sie verstand ihn nicht!« flüsterte Frau Ava, und flüsternd saßen die Frauen im Kreise. »Und Herr Ulerich von Liechtenstein ritt wohl zur Stunde von Eurer ungastlichen, unminniglichen Burg, Herr Witigo?« fragte Ava nach einer Weile. »O, er hatte es nicht sonderlich übel genommen; denn er besaß die Haut des hürnenen Siegfried. Er sprach viel von einer weichen, kleinen Hand, soff noch etliche Wochen von dem Weine meines Vaters und schied hernach im Frieden von Herrn Budiwoj, meinem Vater, und Frau Berchta, meiner Mutter,« sagte Witigo und lächelte freundlich. »Fi, fi!« murmelte die Greisin und zuckte mit den Achseln. – »Der uns ergreift wie keiner sonst unter den Sängern, ist doch der Meister Gottfried. Ein Held ist der im Frauenlobe,« lenkte ein junger Höfling ab. »Der Meister Gottfried!« flötete die Alte und schaute zärtlich nach dem Ritter. »Tristan – Isolde – – ach!« Und lebhaft raschelten die Fächer ringsumher. »Vor dem beuge auch ich das Knie,« sagte Herr Witigo und machte ein ernstes Gesicht. »Ihr, Herr?« rief Ava und wandte sich verwundert zu dem Landherrn. »Ich dächte, den Meister Gottfried –« »Den könnte am wenigsten ein Witigo verstehen! Nicht wahr, Frau Ava?« unterbrach sie der Landherr und neigte das Haupt. »O, das habe ich nicht gesagt, Herr; ich freue mich immer –« »Wenn eine Distel Trauben trägt,« ergänzte Witigo. »Nicht? – Ich sag' es aber noch einmal, Frau Ava, der Meister Gottfried, der ist mein Mann.« »Recht so, recht so, Herr Witigo! Man könnte Euch ordentlich gut sein,« sagte die Greisin. »Ordentlich gut!« » Wieder gut werden,« meinte Witigo und lächelte. »Und warum, Schwager,« fragte die Königin und sah forschend herüber, »warum ist Meister Gottfried dein Mann?« »Weil er uns das Frauenherz kennen lehrt wie nicht viele andere,« sagte Witigo und verneigte sich leicht nach der Königin. »Das Frauenherz!« flötete Frau Ava mit spitzen Lippen und lächelte. »Das geheimnisvolle Frauenherz!« bekräftigte mit tiefer Stimme ein alter Höfling hinter dem Stuhle der Königin. »Das unergründliche Frauenherz!« murmelte der junge Höfling an der Seite Witigos. »Das Frauenherz, das geheimnisvolle, das unergründliche Frauenherz, gerade dieses meine ich – Heil dem Sänger, der es schildert, wie es beschaffen ist!« sagte Herr Witigo. »Isolde!« kam es flüsternd von den Lippen Avas. »Isolde und alle die andern tiefen, geheimnisvollen Herzen!« rief Witigo und hob die Augen zur Decke des Saales. Forschend sahen zwei dunkle Augen auf ihn – er schien es nicht zu bemerken. »Aus einem ganz besonderen Stoffe sind diese tiefen, geheimnisvollen Frauenherzen, aus Sonnenstäublein hat einer das erste gebacken, denke ich,« fuhr der Witigone fort. »Aus Sonnenstäublein!« rief der junge Höfling und reckte seine hagere Gestalt. »Aus Sonnenstäublein!« wiederholte Ava und flüsterte ihrer Nachbarin zu: »Er ist dennoch der Bruder des Sängers.« »Und im fernen Welschlande hat es wohl einer gebacken,« fuhr der Bruder des Sängers ernsthaft fort; »denn deutsch ist's nicht. Und ein anderer hat's in ein gülden Kästlein gelegt und hat's zu uns gebracht über Berge und Ströme, das geheimnisvolle, unergründliche Frauenherz. Da ist's nun, dieses Frauenherz, und lebt im Elend unter den Bären im deutschen Walde, das geheimnisvolle Frauenherz, und sehnt sich nach dem Welschlande. Viele deutsche Sänger sind es, die da singen vom Frauenherzen. Da singt Reinmar: ›Sei hochgepriesen, Weib, du Name rein, Du Name Weib, für Lipp' und Ohr so mild! Willst du so recht aus tiefster Seele gütig sein, Dann schweigt das Lied vor solchem Bild. Dein Lob mit Worten keiner völlig sagen kann – Wen du in Treuen pflegst, wohl ihm, der ist ein sel'ger Mann Und mag gar gerne leben!‹ »Das fremde, das geheimnisvolle Frauenherz aber flüstert: ›Tiefer, ach, viel tiefer sollt' er singen – denn ich bin unergründlich tief!‹ »Da singt ein anderer: ›Wohl ihr, die ohn' Falschheit wohnt Und so weiblich, züchtig lebet! Recht als wie der lichte Mond In der Sterne Reigen schwebet, Also hält es auch die Reine. Nimmer suchst du sie alleine, Aller Tugend ist sie voll.‹ »Das fremde, geheimnisvolle Frauenherz aber flüstert: ›Tiefer, ach, viel tiefer sollt' er singen – denn ich bin unergründlich tief!‹« »Da singt der Zweter hinaus in alle Lande: ›Die reinen Frauen sind der Hort der Welt, Drum klinge auch ihr Lob zum Sternenzelt! Was wir von Gottesgaben schauen, Das übergolden reine Frauen – Sie alle sind gefreiet immerdar, Weil eine Jungfrau einst den Christ gebar.‹ »Das fremde, geheimnisvolle Frauenherz aber flüstert: ›Auch er versteht mich nicht – denn ich bin unergründlich tief!‹« »Wie er die Sänger kennt!« rief Frau Ava. Lächelnd verneigte sich Herr Witigo und fuhr fort: »Da ist noch Meister Gottfried und sein Lied. Hochauf schlägt das fremde Herz, das seine Herz, das unergründlich tiefe Herz und jubelt laut: ›Verstanden – verstanden!‹ – – –« Der Witigone legte sinnend die Hand an die Stirne und sprach langsam, wie in tiefen Gedanken: »Wo vermöchte ich Unwürdiger die rechten Worte zu finden für Meister Gottfrieds unergründlich tiefes Frauenherz und für alle die andern geheimnisvollen Frauenherzen, die er uns kennen lehrt in dem einen? So – nein so – ich will im Bilde sprechen!« Atemlos lauschte Ava, lauschten die Frauen und Herren. Forschend schaute Frau Kunigunde auf den Schwager. Der aber begann mit zitternder Stimme: »Ich ging auf der Pirsch im Bergwalde. Ich ging im Schatten der Edeltannen, ich ging unter gründunkeln Eichen, ich ging unter dem Laubdache des Bergahorns, Blumen leuchteten mir entgegen aus dem Moose –« »Der Bruder des Sängers!« sagte Frau Ava hörbar und sah zärtlich auf den Witigonen. Freundlich nickte dieser und fuhr mit etwas schärferer Stimme fort: »Vor mir aber schritt mein Heger; der hatte lange Stiefel an den Beinen. Am Waldrande dehnte sich ein weiter Teppich, wie eine Wiese anzusehen, schön grün und rot. Bedächtig trat mein Mann herzu, tastete mit seinem Stecken und senkte ihn tief in die glitzernden Blumen. ›Herr,‹ sagte mein Mann, zog seinen langen Stecken heraus, wandte sich und schaute mich bedenklich an, ›quatsch, quatsch, da krieg' ich keinen Grund!‹ – ›Quatsch, quatsch!‹ sagte auch ich und ging im weiten Bogen um die Pracht – Filz heißt man bei uns im Walde ein solch sumpfiges Ding – und dachte –« »Dachtet?« rief Frau Ava. Vornüber beugte sich Frau Berchtas Sohn und sagte in scharfem Flüstertone: » Tief wie du, fremdes, geheimnisvolles, unergründlich tiefes Frauenherz – quatsch !« Rauschend erhob sich die Königin, rauschend erhoben sich die Damen mit ihr. Auf den Wink der Königin gab der Marschalk das Zeichen, und die Pfeifer und Geiger lockten zum Tanze. »Fi, fi!« sagte Frau Ava, als sie nahe an Herrn Witigo vorüberging. »Wie duftet doch alles, was dieser Witigone redet, so unaussprechlich nach dem Walde!« »Ihr seid sehr gütig gegen mich Unwürdigen, edle Frau,« gab Herr Witigo freundlich zurück. »Verzeiht mir, meine Mutter wohnte im Walde!« »Böse, sehr böse seid Ihr, Herr!« flötete die Alte, sah schmachtend zu ihm empor und schwebte von dannen. * * * Hinter den Bruder trat Wok und legte leise die Hand auf seine Schulter: »Witigo!« »Was?« fragte der Landherr mit lachendem Munde und wandte sich nicht. »Witigo, du treibst deinen Spott mit den Leuten.« Witigo wandte sich und sah lachend in des Bruders Angesicht: »Alle Taschen habe ich voll solcher Früchte und werfe sie, wie mir's beliebt, unter Menschen und Tiere!« »Ob sie dich wohl alle verstanden haben?« »Darauf verzichte ich stets.« »Und es ist doch etwas Geheimnisvolles, unsagbar Zartes ums Frauenherz – um so manches tiefe Frauenherz,« sagte Wok. Mit ernstem Gesichte stand Witigo vor dem Bruder, und eine tiefe Falte hatte sich zwischen seine Augenbrauen gelegt. »Frauenherz?« sagte er. »Ich kenne nur Menschenherzen ; denn es ist gerade kein großer Unterschied, ob das Menschenherz unter einem Wamse schlägt oder unter einem Mieder: hier ist das Frauenherz etwas schwächer, dort etwas stärker, hier ist das Männerherz stärker, dort schwächer – überall handelt sich's um ein Menschenherz . Geheimnisvoll hast du das Frauenherz genannt? Ich danke für jedes geheimnisvolle Herz! – Und zart hast du das Frauenherz genannt? O ja, Wok, es gibt Frauenherzen, so zart wie nur ein Menschenherz sein kann. Solch ein Herz besaß unsere Mutter, unsere seelenstarke Mutter, Wok! Tief? O ja, bergseetief in Liebe und Treue. – Aber, sammirgott, Weiber gibt's, die tragen Herzen im Leibe, so unergründlich tief, daß sich alles Arge zwischen Erde und Hölle darinnen verbergen kann!« – »Und pfuch,« schloß er wieder mit lachendem Munde, »gerade diese unergründlichen Herzen haben's unsern Sängern, den guten und schlechten, zumeist angetan, als wären's die wundersamsten Gebilde, und um diese geheimnisvollen Frauenherzen brummen und summen sie wie die Schmeißfliegen um – – –!« – – »Komm jetzt, Wok,« sagte er behaglich und schob den Arm in den des Bruders, »komm, ich weiß einen kühlen Ort, und da wollen wir trinken! Komm, Trinken ist noch immer das Gescheiteste in dieser geheimnisvollen, in dieser unergründlich tiefen Welt!« * * * Die Linden dufteten, die Rosen glühten, die Menschen bewegten sich sorglos im Tanze, und über dem Hradschin schwebte auf schwarzen Fittichen ein furchtbares Unheil. – Ein Höfling stürzte in die Trinkstube und rief mit bleichen Lippen: »Herr Witigo!« »Was gibt's?« »Wollet Euch in die Halle bemühen, Herr Witigo, Herr Wok, dem Könige ist unwohl!« »Dem Könige? Wo ist der Regent?« »Der Regent ist noch nicht in der Halle – die polnischen Gesandten, Ihr wißt ja. Kommt, ihr Herren, der König ist sehr krank, er schlägt um sich!« »Auf der Stelle rufet den Regenten!« »Es ist geschehen.« »Und Ibrahim!« * * * Der König stand an einem Fensterbogen. Sein Antlitz war verzerrt. Ringsumher stand der Hof, die Pfeifer und Geiger schwiegen in der Halle, der Schrecken malte sich auf allen Gesichtern. Herr Witigo drängte sich durch den Kreis und ging auf den König zu. »Rühr' mich nicht an!« schrie Wenzel. »Zurück!« Er stampfte. »Es brennt, es brennt, weh mir, mein Leib!« »Herr König,« sagte Witigo, »erlaubet mir, man muß Euch helfen!« »Zurück!« kreischte der König. »Man hat mich vergiftet – hu, wie das brennt!« Herr Witigo wandte sich und rief: »Im Namen des Königs, kein Mensch verläßt diese Halle! Ich ersuche dich, Wilhelm, und dich, Hartmann, und dich, Zdieslaw, besetzet die drei Türen. Seid ihr meiner Meinung?« »Es handelt sich um unser aller Ehre und Leben!« rief der Burggraf Wilhelm von Miltschin. Und die Herren besetzten die Türen. Totenstille war's in der Halle, nur aus dem Hofe drang vernehmlich das Murmeln eines Brunnens empor. Neben den Bruder trat Herr Wok. »Erlaubet, Herr König, wir sind in großer Sorge um Euch!« Langsam näherte er sich dem Knaben. »Erlaubet!« bat er mit seiner weichen Stimme und trat nahe vor den König. »Wok!« schrie der Knabe. »Hilf mir du – hu, wie das brennt!« »Leget Euern Arm in meinen Arm, so – Herr König, jetzt wollen wir langsam gehen!« »Hilf mir, Wok!« schrie der König und klammerte sich an den Witigonen und tanzte von einem Beine aufs andere. Wieder öffnete sich der Kreis, und langsam bewegte sich die Königin heran. »Wenzel,« rief sie, »beherrsche dich, du hast vielleicht zu viel gegessen!« »Geh weg!« schrie der Knabe. »Gehet alle weg! Hilf mir, Wok – hu. wie das brennt!« »Polster heran! Wo bleibt der Ibrahim?« rief Witigo. »Hier ist er,« antworteten drei, vier Stimmen. »Fort, Ibrahim! Niemand will ich! Hilf mir, Wok!« Der Witigone stützte den Kranken und bat: »Seid ruhig, Herr König, tut mir's zu Gefallen! Laßt den alten Ibrahim herankommen; er kann Euch helfen.« »Weh mir, es brennt!« schrie Wenzel und krümmte sich. Wortlos stand der greise Arzt und beobachtete den Kranken. Diener kamen und breiteten Polster auf den Estrich. Wie einen Federball hob Wok den König und legte ihn darauf. Ibrahim wandte sich an die Königin und sagte leise: »Wir müssen ihn stürzen!« Auf dem Angesichte der Königin schien sich der Schrecken zu malen. »Also ist er doch krank?« fragte sie halblaut und trat rasch an das Lager. »Mein liebes Kind!« rief sie und beugte sich über den Knaben. Lautauf kreischte der König: »Fort, fort, du!« »Unsinn!« rief Frau Kunigunde, daß es alle hören konnten. »Er ist nicht krank. Boshaft ist er, und die Leute erschreckt er.« Der Arzt zuckte die Achseln, und die Königin rauschte an einen Fensterbogen. »Rasch!« drängte Witigo. »Wok, es muß sein!« In Krämpfen wand sich der König und schrie: »Mein Vater! Mein Vater Zawisch soll kommen!« »Er kommt, Herr König,« sagte Wok und beugte sich über den Knaben. »Vertrauet mir, es muß sein! Wir müssen Euch so halten, daß die bösen Säfte aus Euerm Leibe rinnen.« »Hilfe! Hilfe! Hilfe!« stöhnte Wenzel. Wok winkte. Rasch trat Herr Witigo heran, nahm den Knaben an den Beinen, Wok packte ihn unter den Schultern, und so stürzten sie ihn und hielten ihn, daß sein Haupt nach unten hing. »So ist's gut!« murmelte der Arzt, ließ sich auf die Kniee nieder, stützte das dunkelrote Haupt des Kranken und griff nach dem Pulse. »Betet zu den Heiligen!« schrie eine Frauenstimme, und alle ringsumher sanken auf den Marmor des Estrichs, bekreuzigten sich und hoben die Hände empor. Und abermals schrie die Stimme: »Hilf, heilige Mutter Gottes, hilf!« – »Hilf, heilige Mutter Gottes, hilf!« tönte es dumpf im Kreise. – »Hilf, heiliger Wenzel, hilf!« – »Hilf, heiliger Wenzel, hilf!« klang die Antwort von den bleichen Lippen. – Mit raschen Schritten kam Herr Zawisch. Vor ihm her bildete sich eine breite Gasse. »Herunter mit ihm auf die Polster! Soll ihn der Schlag treffen?« rief er. »Aber Herr!« sagte der Arzt. »Herunter!« befahl der Regent. König Wenzel krümmte sich auf dem Lager und stöhnte: »Hilf mir, Vater!« »Lauwarme Milch und einen Trichter, Wok!« befahl Herr Zawisch und legte die Hand auf die Stirne des Knaben. »Herr Wok verläßt die Halle nach dem Befehle des Regenten,« rief Witigo. »Auf!« wandte sich Zawisch an die Diener. »Traget den König sachte in die erste Kammer am Laubengange!« Dann sah er suchend umher in der Halle, bis er die Königin fand. Regungslos lehnte sie unter dem Bogen und schaute hinaus in die Nacht. »Die Königin ist tief erschüttert,« flüsterte Frau Ava. »Der König hat sie von sich gestoßen,« sagte Herr Witigo. »Bruder,« raunte Herr Zawisch, »auf der Stelle soll Boleslaw alle verhören. Es ist ein Verbrechen geschehen.« * * * Der Regent hatte die Halle verlassen, und Witigo stand vor der Königin. Seine Züge waren hart. Kalt schaute er der Königin ins Antlitz. »Dein Gemahl hat ein Verhör befohlen.« »Lächerlich!« »Willst du nicht nach deinem Sohne schauen?« »Er soll krank sein? Er hat mich zurückgestoßen vor dem ganzen Hofe.« »Ich ginge dennoch zu meinem kranken Kinde, Frau Königin,« sagte der Witigone mit Nachdruck. »Übernommen hat er sich. Das kenne ich. Und zuletzt lacht er über unsere Angst,« antwortete die Königin zornig. »Er ist vergiftet, Frau Königin,« sagte Witigo. Frau Kunigunde warf das Haupt zurück: »Dann möge der oberste Landrichter beginnen! Ich bleibe, bis der Letzte verhört ist, und müßte ich auch die ganze Nacht hier bleiben.« * * * Wie die Hühner im Regen standen die Herren und Frauen unter den strahlenden Kerzen und schauten einander angstvoll an. Als ein Herr stand Witigo mitten in der Halle, gab seine Befehle an des Regenten Stelle und überantwortete sich und alle ringsumher dem obersten Landrichter zum Verhöre. Die Sterne funkelten vom stillen Himmel hernieder, die Linden dufteten wie vordem, der Brunnen murmelte sein eintöniges Lied – und tiefer und tiefer senkte sich das Unheil auf den Hradschin und auf das böhmische Land. * * * Auf einem Spannbette krümmte sich der König. Mit finsterem Gesichte stand der greise Sarazene da. »Es hätte geholfen, Herr,« sagte er zum Regenten. »Wenn ihm etwas helfen kann, so ist es die Milch, Ibrahim,« antwortete Herr Zawisch. »Bedürft Ihr meiner noch?« »So geh!« befahl der Regent. * * * Herr Zawisch öffnete die Türe und blickte den Gang hinunter. »Ich habe alles,« rief Herr Wok und kam eilig heran, »den Trichter und die Milch!« »Es ist die höchste Zeit,« antwortete der Regent. »Rasch den Krug her! Ist sie lauwarm? Gut! – Halte die Schale, Boschena!« Und die edle Gürtelmagd der Königin hielt zitternd die Schale, Herr Zawisch aber goß die warme Milch aus dem Kruge hinein. In der Kammer schrie der König laut auf. »Heilige Mutter Gottes!« kreischte Boschena, und zerbrochen lag die Schale auf den Ziegeln. »Das hat noch gefehlt!« rief der Regent und stampfte. »Gib mir den Krug, Zawisch! Nimm eine frische Schale, Boschena, dort, am Eingange zur Halle, dort!« rief Wok. Wieder schrie der König. »Sputet euch!« rief der Regent und stürzte in die Kammer. Behutsam goß Wok die Milch in die frische Schale, nahm die Schale und trug sie in die Kammer. * * * Mitternacht war längst vorüber. Trübe brannte die Ampel in der Kammer, am Lager des schlummernden Königs saß der Regent und beobachtete die bleichen Züge. »Geh zur Ruhe, Zawisch!« flüsterte Wok und trat leise aus der Dunkelheit in den Lichtkreis der Ampel. »Er hält meine Hand, der arme Knabe,« sagte Herr Zawisch. »Geh zur Ruhe, Zawisch!« wiederholte Wok, und seine Augen sahen mit düsterem Ausdrucke auf den Regenten. »Witigo ist vorhin an der Türe gewesen, er will dich noch sprechen.« Behutsam löste Herr Zawisch seine Hand aus den Fingern des Königs. Der Kranke stöhnte im Schlafe, hob langsam den Arm, ließ ihn schwer auf die Decke fallen und stöhnte abermals. Geräuschlos stand der Regent auf, und Wok setzte sich an seinen Platz. – Im Laubengange, in einer Fensternische, stand Herr Witigo und wartete auf den Bruder. Er hatte die Fäuste auf den Sims gestemmt und starrte hinaus in den finstern Hof. Ruhig plätscherte der Brunnen zu seinen Füßen – in der Ferne stampften Rosse – ? ein Lufthauch zog lispelnd durch die hohen Linden und erstarb – ? ? ruhig plätscherte der Brunnen. Herr Zawisch trat auf den Gang, und Witigo kam langsam aus der Fensternische. »Zawisch!« »Witigo?« »Auf ein Wort!« »Ist eine Spur vorhanden?« »Sie können lange suchen und werden nichts finden, Zawisch. Schnell, Zawisch, auf ein Wort!« »Komm!« »An einen Ort, Zawisch, wo uns kein Mensch hört!« flüsterte Witigo und schob den Arm in den Arm des Bruders und drückte diesen Arm an sein Herz und griff mit der Hand nach der Hand des Bruders, und als er sie gefunden hatte, streichelte er sie hastig, ganz hastig, als schämte er sich dessen, und zog den Bruder mit sich fort den finstern Gang entlang. »An einen Ort, Zawisch, wo die Sterne nicht hinscheinen! An einen ganz einsamen Ort, Zawisch – hörst du?« * * * Auf die köstliche Nacht kam in Pracht und Herrlichkeit der Morgen über die Erde und goß sein Licht in Säle und Kemenaten der Königsburg. Der Tau funkelte auf den Blättern der Lindenbäume, und um die Wette mit dem Tau funkelte der silberne Wasserstrahl im Brunnen des Hofes. Ein rosiger Schimmer lag auf den weißen, laubumwundenen Säulenschäften der öden Königshalle, und derselbe rosige Schimmer griff allmählich hinüber auf eine schwere Kerze, die man hatte brennen lassen auf ihrem Leuchter mitten in der Halle – die man vergessen hatte in den Schrecken dieser Nacht. Zitternd spielte der Schimmer, der rosige Schimmer, auf dem gelben Wachsschafte, und zitternd brannte die Flamme im Lichte des Morgens. * * * Auch in die Kemenate des Regenten wollte der Morgen sein goldenes Licht senden, aber das Licht fand einen festverschlossenen Laden. Höher und höher stieg die Sonne, und auf seinem Lager ruhte ausgestreckt in den Kleidern der Regent, der Gemahl der Königin, der Vater des Königs, der Mächtigste im weiten Böhmen, Herr Zawisch von Falkenstein, den sie den Glücklichen hießen im Lande und weithinaus über seine Grenzen. Lang ausgestreckt, regungslos lag er da, aber er schlief mit nichten. Es war finster, ganz finster in der Kemenate, nur dort, wo sich der starke Fensterladen stemmte gegen die Lichtfluten des Morgens, drang durch eine schmale Ritze ein goldiger Schimmer, ein schwacher, goldiger Schimmer, und auf diesen Schimmer starrte Herr Zawisch mit weitgeöffneten, brennenden Augen. Hart an das Lager hatte Witigo einen Faltstuhl geschoben, saß da, bedeckte mit der Linken seine Augen und in der Rechten hielt er die kalte Hand des Bruders. So lag der eine, und so saß der andere seit langen Stunden, und seit langen Stunden sprachen sie nichts miteinander. »Jetzt aber ist's genug, Bruder!« sagte endlich Herr Witigo, drückte noch einmal die Hand und erhob sich. »Draußen ist heller Tag, ich lass' ihn herein!« »Laß ihn nicht herein!« bat Herr Zawisch, und seine Stimme klang dumpf, und es war, als brächte er die kurzen Worte nur mühsam aus seinem trockenen Munde. »Ich lass' ihn herein!« wiederholte Herr Witigo mit Heller Stimme und fuhr heimlich über seine Augen. Und mit raschen Schritten ging er an den Laden und riß ihn auf. Gleich einem Strome floß das goldene Licht herein und vertrieb die Finsternis. Tiefauf atmete Witigo und beugte sich weit hinaus und sog die starke Luft in langen Zügen ein – der Regent aber schlug die Hände vor die Augen und kehrte das Antlitz zur Wand. »Auf, Bruder, auf!« sagte Witigo und trat ans Lager und strich leise über die Locken des Helden. Heftig schüttelte Zawisch das Haupt. »Ich lasse dich nicht, Bruder; auf, sage ich, auf!« Herr Zawisch stöhnte. »Soll ich dich mit deinen eigenen Worten locken?« rief Witigo, ging ins Fenster und begann halblaut zu singen: Seht ihr das Flimmern, Seht ihr das Schimmern, Seht ihr den schmalen, rotgoldigen Schein? Die Schatten fliehen, Die Nebel ziehen Eilig in Wälder und Moore hinein. Morgen will's werden. Alles auf Erden Dehnt sich und hebt sich im strahlenden Licht. Nimmer dich quäle Nachtmüde Seele, Siehe, die Sonne verlasset uns nicht! Wenige Stunden War sie entschwunden, Kommt nun gewaltig schon wieder heran; Lacht auf die Wälder, Lacht auf die Felder, Ziehet von neuem die leuchtende Bahn. Horch auf die Märe; Was es auch wäre, Was dich auch drücken und ängstigen mag – Nächte vergehen Wie sie entstehen, Siegen muß immer der glänzende Tag. Morgen will's werden. Weg von der Erden Heb ich die Augen zum Lichte empor: Ihr Träume ziehet, Ihr Sorgen fliehet Hinter den Nebeln in Wälder und Moor! * * * Herr Zawisch erhob sich von seinem Lager. »Ich danke dir, Bruder, ich – bin – fertig.« Witigo kam heran und schlang die Arme um den Helden. »Gott sei's gedankt!« »Witigo –!« »Zawisch?« »Witigo – könntest – du – dich – nicht – dennoch – täuschen?« Herr Witigo trat einen Schritt zurück und ließ die Arme sinken. Seine Brauen wurden finster, seine Zähne knirschten leise, er öffnete die Lippen, preßte sie auseinander, öffnete sie wieder und sprach: »Da stehst du – da stehe ich – und über uns beiden thront der allwissende Gott – und ich sage dir abermals, was nur ich weiß außer Gott: Ich sah sie mit einem Fläschlein verstohlen hantieren am Becher des Königs und dachte nichts dabei. Als sich hernach der König krümmte auf den Polstern und alle beteten, klirrte das Fläschlein im Hofe. Hier liegen die Scherben. Sie hat's getan.« »So bin ich ganz – fertig,« murmelte Zawisch. Witigo wandte sich ab; denn das Antlitz seines Bruders war fahl und schrecklich anzuschauen. »So will ich handeln nach deinem Rate,« murmelte Zawisch. »Es ist der einzige Weg,« sagte Witigo. »Ich weiß – mein – treuer – Bruder.« * * * Heller, freundlicher Vormittag war's. Hinter verschlossener Türe ruhte der kranke König, und an seinem Lager sahen schweigend Herr Witigo und Herr Wok und hielten die Wacht. Durch die weite Burg aber lief, man wußte nicht, von wannen es kam, ein Gerücht und lief durch alle Häuser des Hradschin und ward von Mund zu Mund getragen, und das Gerücht lautete: Der König ist tot! »Der König ist tot!« raunte einer dem andern zu, und in den Sälen sammelten sich die Hofleute. »Der König ist tot!« erzählten die Gürtelmägde von Kammer zu Kammer und trugen endlich das schreckliche Wort in die Kemenate der Königin. Und Frau Kunigunde scheuchte die Mägde aus ihrer Kemenate und schloß den Laden und warf sich auf ihr Lager. – Da machte sich der Regent auf aus seinen Gemächern und schritt durch die Vorsäle. Zur Rechten und zur Linken wichen die Höflinge und verneigten sich bis zur Erde. Herr Zawisch ging ohne Gruß an ihnen vorüber, langsam, ganz langsam, seine Augen brannten aus tiefen Höhlen hervor, und flüsternd sahen ihm die Höflinge nach, flüsternd und mit seltsamen Blicken. Aber keiner sagte dem andern, was er dachte in seinem Herzen. So ging Herr Zawisch über die öden Treppen, und sein Schritt hallte in den gewölbten Gängen der Burg. So ging Herr Zawisch, bis er an das Gemach der Königin kam. Er hielt stille und holte einen tiefen Atemzug. Dann riß er die Türe auf und trat in die düstere Kemenate. »Kunigunde!« Das Weib erhob sich vom Lager und stand als eine dunkle Gestalt in der Mitte des Gemaches. »Zawisch!« sagte sie mit weicher Stimme. Der Regent trat in die Fensternische und öffnete den Laden. Im goldenen Lichte stand die Königin, hob die Arme und – lächelte. Herr Zawisch war aus der Nische getreten und hatte die Arme über der Brust gekreuzt. Die Königin glitt zur Türe, hob den Teppich und schob den Riegel vor. »Wir sind ganz allein, mein Zawisch,« sagte sie, breitete die Arme aus und ging lächelnd heran. »Zawisch –« kam es aus ihrem schönen Munde, aber sie hielt inne und ließ die Arme sinken und lächelte auf einmal nicht mehr. »Zawisch – was machst du so grausige Augen – ich – ich –« Regungslos stand der Witigone und starrte sein Weib an. Dann öffneten sich seine Lippen, und er fragte sie leise: »Du weißt es?« Wieder huschte das Lächeln über die königlichen Züge, ein Lächeln gleich einem Sonnenblicke. Frau Kunigunde neigte das Haupt zur Seite, ganz wenig zur Seite, hob die schmale, schimmernde Hand, ihre langen Wimpern senkten sich, und sie flüsterte: »Das arme Kind!« Da war es, als ob die Gestalt des Witigonen wüchse? er bedeckte sein Antlitz mit den Händen, seine Brust hob und senkte sich sichtbar. – Forschend aber hefteten sich die schwarzen Augen des Weibes auf ihn, vornübergebeugt stand sie, unbeweglich, nur ihre schlanken Finger gruben sich leise in die Falten ihres seidenen Gewandes. So lauschte sie. Da sagte Herr Zawisch: »Also stehe ich an einem Scheidewege.« Sie trat dicht vor ihn, sie umschlang ihn mit ihren Armen, sie legte das Haupt an seine Brust und herzte ihn – er aber bedeckte noch immer die Augen mit den Händen. »Wir sind ganz allein, wir haben gar nichts zu fürchten – denke an nichts mehr als an das eine – Zawisch – mein Zawisch – König Zawisch!« so flüsterte sie. »Aber sprich doch, sprich doch! – Es war schwer – es ist vorbei – du mein einziger – du mein Herr ! – Sprich doch – küsse mich! – Mein Herz glüht, meine Liebe loht empor – es ist vorbei – es ist geschehen – ich hatte – ich hatte dich verstanden! – Aber warum sprichst du nicht – Zawisch?« Herr Zawisch nahm die Hände von den Augen und schob das Weib von sich, daß es aufschrie, zurücktaumelte und auf dem Spannbette zusammensank. Mit weitgeöffneten Augen sah sie auf den Polstern, verzerrt waren ihre Züge, sie lallte, sie raffte sich auf, sie wankte heran und sagte: » Zawisch !« Wieder wie vorhin stand der Witigone mit gekreuzten Armen und bohrte seine Blicke auf das Weib. »Zawisch, nicht so gräßlich schauen – was willst du? – – Ich fürchte mich.« Mit ausgebreiteten Armen kam sie näher – »Zawisch!« Wortlos ging der Witigone einen Schritt vorwärts, und die Königin hielt inne. Ihre Zähne schlugen aufeinander, eine fürchterliche Angst malte sich auf ihrem Gesichte. »Ihr Heiligen!« sagte sie und wich langsam zurück. »Du – guter – Zawisch – warum – schaust – du mich –?« Wortlos ging der Witigone vorwärts und vorwärts, langsam, ganz langsam. »Du willst mich töten!« sagte das Weib auf einmal mit veränderter, fester Stimme, blieb stehen und stürzte ihrem Gatten entgegen, warf sich zu Boden und umklammerte seine Kniee. Herr Zawisch barg abermals das Antlitz, das farblose Antlitz, in den Händen, über die Züge des Weibes aber flog es wie der Schimmer einer Hoffnung. Und wie vordem erstrahlte ihr Angesicht in holdem Lächeln, und auf den Knieen begann sie zu reden, hastig, dringend, bittend, fordernd, schmeichelnd: »O nein, du tötest mich nicht, wie habe ich töricht geredet – erschrocken bist du nur – mein Zawisch, mein König – weißt du noch – da – da war's, da auf dieser Stelle – da hast du – die Krone gehalten – wir leben – unser Knäblein lebt – wir beide leben – stark bin ich, o stark, wer – kann – wider – uns – beide und unsere Liebe?« Ein Schauer schüttelte den Witigonen, heller und heller wurde das Lächeln des Weibes. Leise erhob sie sich, ihre weichen Hände suchten die Hände des Zawisch von seinen Augen zu ziehen, und als es nicht gelang, da streichelte sie diese Hände, und es war wie silberner Gesang, als sie bittend sagte: »An nichts mehr denken – siehe – meine Liebe – für dich – die Krone – Zawisch – Zawisch, ich verzehre mich für dich !« Wieder nahm der Witigone die Hände von den Augen – aber seine Blicke hefteten sich nicht mehr auf das Geschöpf, das vor ihm stand. Er wandte sich ab. »Hast du's getan?« stieß er hervor. »Ich hab's getan,« sagte die Königin mit fester Stimme. » Der König lebt !« sagte der Witigone, wandte sich abermals und sah nun mit eisiger Ruhe aus das Weib. »Es ist nicht wahr!« schrie die Königin und riß die Augen auf. »Verfluchte!« sagte Herr Zawisch und ging zur Türe. »Zawisch!« kam's gellend von ihren Lippen. »Du hast mich in eine Falle gelockt.« »Wie ein reißendes Tier,« antwortete der Regent. »Zawisch!« rief das Weib und stürzte sich abermals auf den Boden und umklammerte seine Kniee. Der Witigone stieß sie von sich. Wimmernd sank sie in sich zusammen. »Ein Wörtlein, Zawisch!« bat sie stöhnend. » Ich verachte dich ,« kam es langsam von den Lippen des Landherrn. Dann hob er den Riegel, schritt durch die öden Säle und durch die hallenden Gänge in seine Kemenate, warf sich auf das Lager und weinte bitterlich. * * * Die Abendsonne nahm Abschied von der Welt, und aus den Wiesen am Strome stiegen die Dünste der Nacht. Witigo trat ans Lager des Bruders. »Zawisch, steh auf! Der König verlangt nach dir.« Zawisch stand auf und ging wortlos in das Gemach des Königs. Zu Häupten des Knaben saß Wok. Er erhob sich und trat zurück. »Wenzel, lieber Wenzel!« sagte Herr Zawisch und neigte sich über den Kranken. Da hob der Knabe die dünnen Arme, lächelte und schlang sie um den Hals seines Vaters. * * * Zur selbigen Stunde aber lag die Königin mit verzerrtem Antlitze vergiftet auf dem Boden ihrer Kemenate. Hubald Es war noch früh am Morgen. Handel und Wandel gingen auf ihren altgewohnten Bahnen in der Stadt Prag, fremdländische Kaufleute schritten durch die Gassen wie immer, auf dem Ringe saßen die Landweiber und boten ihre Waren feil, auf der Moldau schwammen die Fahrzeuge – und von den zahllosen Kirchtürmen tönten die Glocken wie immer im heiligen Prag. Aber vor dem Dominikanerkloster bei Sankt Clemens stand an diesem Morgen das Volk in einem dichten Haufen, als wäre der Müßiggang geboten worden, als wäre es nicht notwendig, vom frühen Morgen bis zum späten Abende zu arbeiten ums tägliche Brot in der Stadt Prag. In bunter Mischung standen die Leute: Lastträger und stolze Reisige, Handwerker und Floßknechte, Deutsche und Tschechen. Wenn fremde, hohe Herren einkehrten in Prag, dann staute sich wohl auch das schaulustige Volk vor ihren Herbergen, musterte die reichgekleideten Diener, die geschmückten Rosse, gaffte und lachte, wenn einer das rechte Witzwort zur rechten Zeit hineinwarf in den Haufen, und ging in Bälde gleichgültig auseinander, dahin und dorthin. Doch vor den hohen, fensterlosen Mauern des Dominikanerklosters stand die Menge und wich nicht vom Morgen bis zum Mittage; denn hinter diesen Mauern waltete heute der Ketzerrichter seines Amtes. In der Kühle des taufrischen Morgens kamen von allen Seiten die Kleriker der großen Stadt, und es war, als ob jeder von ihnen die verletzte Würde der römischen Kirche zur Schau trüge vor dem versammelten Laienvolke: hatte man doch einen Ketzer gefangen mitten in Prag. – Es waren Rangunterschiede vorhanden im Klerus der Stadt; denn so tief der Dornstrauch an staubiger Straße unter der Edeltanne auf einsamer Bergeshöhe steht, so tief standen die rauhen Bettelmönche unter den stolzen Domherren, die ihre burgähnlichen Häuser besaßen in der Stadt Prag so gut wie der reiche Kaufherr und der gebietende Landherr. Aber heute fühlten sie sich alle einig als die Söhne des dreifach gekrönten Bischofs in Rom, alle, der kriegerische Johanniterkomtur und der magere Augustinerbruder vom heiligen Kreuze, der Ritter vom Kreuzherrnorden mit dem roten Sterne auf dem Mantel und der Vikar der ärmsten tschechischen Pfarre, der pflichttreue Predigermönch, der nicht rastete vom frühen Morgen bis zum späten Abende im Dienste der heiligen Kirche, und der üppige Domherr von Sankt Peter auf dem Wyschehrad, der keinen andern Herrn über sich hatte als den Papst in Rom und keine andere Arbeit vor sich als die schwierige Sorge für seines Leibes Wohlfahrt, – und die Grüße, die sie heute im Angesichte des Volkes miteinander tauschten, waren weniger demütig, weniger hochmütig als sonst. – Was Wunder? Wenn der Wolf in den Schafstall gebrochen ist, dann greift auch der Herr des Hauses zum Knüttel, nicht nur der Knecht: in der Stadt Prag hatte man Wölfe gespürt – man hatte einen Ketzer gefangen. Wie das Volk draußen aus der Gasse, so standen im Hofe des Dominikanerklosters die Kleriker, und wie das Volk draußen flüsterte auf seine Art von Ketzern und von Kirche, so redeten auch die Männer in den schwarzen und braunen und weißen Kutten, in den wallenden Mänteln und Talaren auf ihre Art von Ketzern und Kirche. »Wir sind noch zu früh gekommen, Herr Pfarrer,« sagte ein Templer, warf einen Blick auf die große Sonnenuhr an der weißen Mauer des Refektoriums und wandte sich an einen kleinen, dicken Herrn, der seine Stirne trocknete. »Allereigenster Knecht, allereigenster!« antwortete der Dicke mit einer tiefen Verbeugung, rieb seine Hände und verneigte sich wieder und wieder vor dem hohen Herrn. »Etwas zu früh. – Eine schwere, schwere Aufgabe, die unser heute wartet. Entsetzlich – solche Verirrungen unter den Augen des hochwürdigsten, gnädigsten Herrn Bischofs!« Es war ihm sehr ernst, dem kleinen, dicken Manne, seine Stimme klang, als schwitzte er nicht nur außen sondern auch innen, und unaufhörlich rieb er die zarten, weißen, gepolsterten Hände mit ihren neckischen Grüblein. »Wer das Kreuz unter die Ungläubigen zu tragen hat, der fürchtet sich nicht vor der Torheit der Ketzerei; wie die Morgennebel vor der Sonne verdampfen, so wird die Ketzerei verschwinden in der Kirche,« sagte der Ritter und lächelte flüchtig. »Allereigenster, Allereigenster!« antwortete der Pfarrer und schaute ehrerbietig zu dem Tempelherrn empor. »Gefahr ist keine vorhanden, aber betrübend ist die Verirrung dieser Menschen, sehr betrübend.« Er war sichtlich betrübt, der kleine Pfarrer von St. Nikolaus, und wehmütig drehten sich seine Äuglein unter der glänzenden Stirne. »Mit Worten ist's nicht getan, ihr Herren; Tag und Nacht müssen die Diener der Kirche wachen,« sagte ein hoher, hagerer Dominikaner und trat zu den beiden. »Wer wacht denn nicht?« fragte der Pfarrer von Sankt Nikolaus hochmütig und warf einen schiefen Blick auf den Mönch. »Alle müssen wir wachen, Tag und Nacht,« wiederholte dieser und schob die schmalen Hände kreuzweise in die Ärmel seiner Kutte. » Vulpes enim astutae sunt simili astutia capiendae – schlaue Füchse muß man mit der gleichen Schlauheit fangen, schreibt Bruder David in capite 34 seines tractatus de inquisitione ,« setzte er hinzu, machte seinen Mund ganz klein und rund, daß man ihn hätte decken können mit einem Groschen, und sah lauernd auf den Pfarrer von Sankt Nikolaus herunter. »Geschieht alles, geschieht alles,« sagte dieser hastig und ließ seine Blicke über den Hof zum Eingange hingleiten. Durch eine breite Gasse kam ein vornehmer Domherr vom Wyschehrad gegangen. Er grüßte leutselig nach allen Seiten, und freundlich leuchteten die Augen in seinem gesunden, roten Gesicht. Unter den Linden inmitten des Hofes blieb er stehen und reichte dem Templer die Hand. »Ah, Ihr auch, Komtur? Rare Jagd heute!« »Allereigenster Knecht, untertänigster!« sagte der Pfarrer von Sankt Nikolaus mit fettem Lächeln und rollte nahe heran und rieb die Hände schneller und schneller. »Ein schwerer, ungemein schwerer, höchst betrübender Fall.« »Ihr auch vorhanden, Herr Pfarrer?« erwiderte der Domherr von oben herab und bot dem Dicken die Fingerspitzen. Ehrerbietig berührte dieser die Hand des Edelmannes und konnte sich nicht genug tun mit tiefen Verbeugungen. Unverwandt ruhten die schwarzen Augen des Bettelmönches auf der Gruppe, spöttisch, erhaben, und es war, als zöge sich sein Mund immer runder zusammen, als schössen aus der Peripherie kleine, scharfe Fältchen strahlenförmig hervor: der Dominikaner machte sich seine Gedanken. »Unter den Augen des hochwürdigsten, allergnädigsten Bischofs, dicht unter seinen Augen!« seufzte der Pfarrer. Der Domherr zuckte mit den Achseln und trat mit dem rechten Fuß fest auf den Boden, als wollte er eine Schlange zertreten. »Austilgen mit Feuer und Schwert!« grollte er. Ein alter Benediktiner trat herzu, legte den Finger an die Nase und begann in schleppendem, näselndem Tone: » Sunt Waldenses, dicuntur etium pauperes de Lugduno – Waldenser sind's, man nennet sie auch die Armen von Lyon, so eine Stadt im mittägigen Frankreich ist –« »Seid Ihr gut heimgekommen am Sonntage, Herr Pfarrer? Es war nicht mehr allzu früh!« warf der Domherr hin und freute sich über die ängstliche Miene des Pfarrers von Sankt Nikolaus. »In der Nähe von Lyon also,« fuhr der Benediktinerpater unbeirrt fort, »lebten vor Zeiten einfache Leute aus dem Volke, die sich rühmten, ganz nach der Lehre des Evangeliums zu wandeln, und sie baten den Papst Innocenz, er solle sie anerkennen – confirmare .« »Habt Ihr am Abende des Sonntags einen Kranken besucht, Herr Pfarrer?« erkundigte sich der Tempelherr mit spöttischem Lächeln. Hellauf lachte der Domherr: »Weit gefehlt, Komtur! Krank war einer am Montag, aber besuchen hat ihn das Pfäfflein nicht können.« »Allereigenster, Euer Knecht, Herr,« stotterte der Dicke, »wahret meine Reputation!« » Confirmare ,« wiederholte der Benediktiner mit einer Stimme, als hätte er Brei im Munde, und wandte sich nunmehr an den Dominikaner; » ergo haben die haeretici , die Ketzer, zu Anfang noch die auctoritas des römischen Stuhles anerkannt – recte anerkannt – – ist das nicht auch deine Meinung, Bruder?« » Nil interest !« antwortete der Bettelmönch und wandte kein Auge vom Pfarrherrn. »Die Pest ist da, was kümmert mich die Historie von der Pest?« »Oh, oh, oh!« sagte der Benediktiner und riß die Augen weit auf. »Die Historie ist nützlich und ergötzlich überall, sowohl die heilige Historie als die historia profana .« »Wißt Ihr auch die Historie vom Ketzer und seinen Flöhen, Ehrwürdiger?« fragte der Domherr den Benediktiner. »Die habe ich noch nie gehört,« antwortete der greise Historikus. »Doch erinnere ich mich, daß auch Bruder David –« »Die habt Ihr noch nie gehört, doctorum doctissime ? Dann habt Ihr noch gar nichts gehört,« spottete der Domherr. »Höret: Die Ketzer haben viele Flöhe an ihren Leibern, das ist männiglich bekannt.« Der Pfarrer von Sankt Nikolaus faltete erwartungsvoll die Hände über dem Bauche und lachte: »Viele Flöhe!« »Die müssen sie ohne Murren tragen und dürfen keinen ums Leben bringen; so verlangt's ihre Lehre, die Gott verdamme.« »Amen!« rief der Pfarrer von Sankt Nikolaus mit einem tiefen Seufzer. »Weil sie überhaupt kein Blut vergießen dürfen,« sagte der Benediktiner mit wichtiger Miene. »Gut!« fuhr der Domherr fort. »Da war nun einmal ein Ketzer, den ärgerten seine Flöhe, und er sprach zu seinem Herzen: ›Ertragen will ich sie nicht mehr, abschütteln mag ich sie nicht, sonst hüpfen sie wieder herzu, töten darf ich sie nicht – was soll ich also tun?‹« »Was wird er getan haben?« fragte der Pfarrer von Sankt Nikolaus und machte ein entzücktes Gesicht. »Er setzte sich in sein Herdfeuer, und also verbrannten die Flöhe ?« »Ha, ha! Und er selber mit ihnen von hinten herauf!« sagte der Pfarrer. »Und deshalb –,« wollte der Domherr schließen – »In welcher Chronik habt Ihr diese Historie gelesen?« forschte der Benediktiner eifrig. »Und deshalb,« schloß der Domherr lachend, »ist es ein gutes Werk, wenn man den Ketzern hilft und sie allesamt mit ihren Flöhen verbrennt.« Der Templer lächelte einen Augenblick, der Pfarrer von Sankt Nikolaus hielt seinen erschütterten Bauch, der Benediktiner forschte eifrig, in welcher Chronik diese Historie geschrieben stehe, der Dominikaner aber wandte sich ab und ging. »Hast du's gehört?« fragte er mit finsterem Gesichte einen seiner Brüder, der in der Nähe stand. »O Bruder,« antwortete der junge Mönch und sah traurig vor sich hin, »es ist ein Jammer! Uns verzehren die Sorgen, Wir reiben uns die Kniee wund im Gebete für die heilige Kirche, riesengroß steht die Gefahr da – und diese lachen und scherzen!« »Wölfe in der Herde und Säue im Weinberge!« murmelte der Hagere. »Man möchte dieses Volk mit dem Kehrbesen aus unsern geheiligten Mauern fegen!« flüsterte der junge Mönch, und seine eingefallenen Wangen glühten. »Dieses Volk gehört nicht in den Gerichtsaal!« »Sei ruhig, mein Sohn!« sagte der Hagere. » Astantes sunt – sie haben nichts zu sagen, sie stehen nur dabei, das Gericht besetzen wir . Astantes sunt – sie stehen müßig. Laß sie müßig stehen und ersticken in ihrem Fette – wir Bettelmönche arbeiten, und uns Bettelmönchen gehört die Zukunft. – – – Aber komm, es ist Zeit!« Ein Glöcklein tönte über den Hof, und langsam strömte die Menge der Kleriker von allen Seiten in die finstere Türe des Klostergebäudes und wälzte sich über die knarrende Stiege empor zum Gerichtsaale. * * * »Du wünschest, Wok?« fragte der Regent um dieselbige Stunde und erhob sich von seinem Stuhle. »Ich muß dich in dringender Sache sprechen, Bruder.« »Soll uns Burkhard allein lassen? Ich gestehe dir, daß uns augenblicklich jede Minute kostbar ist.« »Burkhard kann bleiben,« sagte Wok. »Aber meine Sache duldet keinen Aufschub.« »So sprich!« »Zawisch, ich kann – es ist mir unmöglich – ich finde keine Worte, dir alles gehörig zu erklären. Einer, den ich hoch verehre – ist in großer Gefahr – ich muß ihm helfen.« – ? »Hilf mir, Bruder,« bat Wok und hob die gefalteten Hände zum Regenten, »hilf mir, sie werden den Krämer Hubald als einen Ketzer verbrennen!« Das Antlitz des Regenten war kalt, als er fragte: »Was kümmert dich dieser Krämer, den sie der Ketzerei angeklagt haben?« »O Zawisch! Ich kann – ich darf – ich darf dir nicht alles erklären – – er hat – meine Alheit damals gerettet –.« »Das erste Wort!« sagte der Regent und schaute besorgt auf den erregten Wok. »Er hat auch mich – gerettet, Zawisch, nicht allein der Jude – ? ich durfte dir nicht alles sagen – – es ist – Burkhard, gib mir deine Hand, du wirst schweigen!« »Bei meiner Ehre!« sagte der Mann des Herrn Zawisch, strich über sein bartloses Kinn und verneigte sich höfisch. »Es ist das Geheimnis meines Lebens, Bruder!« Hochaufgerichtet stand der Regent und streckte abwehrend die Rechte aus. »Nicht weiter, Wok, ich will nichts hören!« rief er mit bebender Stimme. »Und doch mußt du, Zawisch, mußt mich hören! Dieser Krämer ist der Lehrer deiner Diemut gewesen – schon einmal hast du, hat Burkhard –« »Ich will nichts wissen, mein Bruder,« sagte der Regent, und seine Stimme klang drohend. »Ich habe nur den Krämer Hubald gekannt und sonst niemand.« »Und dennoch, Bruder, dennoch, beim Andenken an unsere Mutter!« flehte Wok. »Ich will und darf nichts wissen, Wok. Ist er ein Ketzer, dann untersteht er dem geistlichen Gerichte; hat er Irrlehren verbreitet, so mag er sich verantworten.« »Bei Gott dem Allmächtigen,« schrie Wok, »er hat keine Irrlehren verbreitet; wisse, durch diesen Mann bin ich selbst –« »Kein Wort weiter, Unvorsichtiger, Unseliger!« rief der Regent. »Wer befiehlt?« sagte Wok und trat zurück. »Der Gekorene über die Einung,« antwortete der Witigone, und Herr Wok neigte das Haupt. »Der Bruder aber sagt dir dieses: Ich reite heute, reite in dieser Stunde auf die Jagd und will und darf nichts wissen. Gott befohlen, Wok! Und du, Burkhard, kommst noch zu mir, wenn ich zu Pferde gestiegen bin! Gott mit dir, Bruder, und höre meinen Befehl: Du selbst bemengst dich nicht mit diesen Mönchen!« Wok atmete tief auf, und seine Blicke hingen am Munde des Regenten. »Gottes Segen über dich, Zawisch!« »Höre, ich weiß von nichts!« wiederholte dieser. »Ich muß schwer kämpfen mit Zwietracht und Unbotmäßigkeit alle Tage und hasse Zwietracht und Auflehnung, wo ich sie sehe, auch in der Kirche – vornehmlich als Regent, aber auch als Sohn dieser Kirche.« * * * Er zählte etwa fünfzig Jahre und war massig und groß gewachsen. Gleich einem starken Wulste umkränzte das dichte, kurze, graue Haar den runden, geschorenen Schädel. Sein breites Gesicht hatte etwas Lauerndes, mochte er nun mit einem Oberen reden oder mit einem Laien aus dem Volke. Er besaß nur ein Auge; das andere hatte er in irgend einer Vergangenheit seines Lebens verloren. Der breite Rücken dieses Menschen war gekrümmt, und man wußte nicht, sprach er stets seitwärts von unten herauf, weil sein Rücken gekrümmt war, oder war sein Rücken krumm geworden, weil er stets seitwärts von unten herauf sprach. Er kannte alle Leute in der Altstadt Prag und war gekannt von allen, von Vornehmen und Geringen, von Deutschen und Tschechen, von Juden und Christen. Wenn er sprach, trat er ganz nahe heran, und laut, wie andere Menschen, sprach er niemals: die Worte kamen stoßweise, wie ein vertrauliches Zischen, aus seinem Munde. Man fürchtete ihn allenthalben, obgleich er seit Menschengedenken öffentlich keinem etwas zuleide getan hatte – aber er wußte alles, und was er nicht wußte, erfuhr er doch noch und niemals ließ er im Gespräche vermuten, wie viel er eigentlich über das alles hinaus noch wisse. Seine Oberen bedienten sich seiner Wissenschaft zur rechten Zeit und hüteten sich vor seinem einen Auge und vor seinen zwei Ohren zu jeder Zeit. Dieser Mensch hieß Bruder Anastasius in der ganzen Stadt und war Pförtner im Kloster der Dominikaner. * * * Durch die flüsternde Menge drängte sich ein vollbärtiger, schäbig gekleideter Reisiger, dessen linkes Auge von einem großen Pflaster bedeckt war, trat an die Klosterpforte und schlug mit dem Dolchknaufe an die Schalltafel. Ein Schieber öffnete sich, und lauernd lugte Bruder Anastasius hervor. »Euer Begehr?« »Guter Freund, laßt mich hinein!« »Kenn' Euch nicht, kenn' Euch nicht.« »Opfern möcht' ich, ehrwürdiger Bruder.« Die Riegel wurden zurückgeschoben, der Reisige stand in der Torhalle, und sorgfältig verschloß der Mönch das Tor hinter ihm. Dann musterte er den Fremden mit seinem lauernden Auge und stieß hervor: »Ah ja, ja, ah ja, ja, weiß schon, seid mir gleich so bekannt gewesen, weiß schon, weiß alles!« Lächelnd stand der Reisige und schaute auf den Mönch hernieder; denn er war ein hochgewachsener Mann, zu dem der Pförtner in der Tat emporsehen mußte. Lauernd wartete Anastasius, aber der Reisige nannte sich nicht. »Mich schickt einer, der unmenschlich viel hat.« »Buße tun, Buße tun! Reich sein – böse Last. Ablegen! Himmelspforte, heiliger Petrus, eng, streng, Kamel – Nadelöhr – – weiß alles, nur her!« raunte der Mönch und schnitt sein mildestes Gesicht. »Das ist's eben,« sagte der Reisige und zwinkerte mit dem Auge. Noch näher rückte der Mönch heran, und sein mildes Lächeln wurde zum Grinsen. »Mein Herr ist ein Kaufmann und reist aus fernen Ländern durch diese Stadt. Auf zehn Wagen führt er seine Waren mit sich. Im Nordgau draußen haben die Räuber unsern Zug angefallen, eine starke Übermacht. Die Not war groß, und in der größten Not –« »Gelübde getan, Gelübde, weiß alles, alles, obgesiegt,« unterbrach ihn der Mönch. »Woher?« rief der Fremde und machte ein ernsthaftes, verwundertes Gesicht. Noch mehr als sonst wohl krümmte sich die große Gestalt des Mönches zusammen, freundlich fletschte er die Zähne, kniff das Auge ein, hielt dem Reisigen seinen knochigen, kleinen Finger unter die Nase und sagte: »Weiß – alles .« »O Heilige, Ihr könnt in der Seele lesen!« staunte der Fremde. »Guter Weg, fester Weg, sicherer Weg, Klosterpforte, Himmelspforte; Wohltat, große Wohltat, versteht mich? Wohltat für reiche Leut', reiche, versteht mich?« zischte der Pförtner freundschaftlich. »Wann denn, was denn?« Der Reisige antwortete nicht, sondern wandte sich, ging langsam durch die Torhalle und warf einen scharfen Blick über den weiten, leeren Hof. »Da kann sich ein Wagen ganz gut wenden,« sagte er, als spräche er mit sich selber. »Ein vierspänniger? O ja, geht zweimal für einmal.« – – – »Warum stehen denn so viele Leute vor Eurem Kloster, Ehrwürdiger?« fragte er plötzlich. Über das Gesicht des Mönches legte sich ein tiefer Schatten. »Ihr seid auch fremd,« sagte er und kam nahe heran. »Böse Menschen, Ketzer, Ketzer, versteht mich –?« »Die alle vor dem Tore?« rief der Fremde und schlug die Hände zusammen. »Ah was! Müßt recht verstehen, recht verstehen, gefangen ist einer, Ketzer, wird heut' noch verhört – jetzt grad' die Zeugen.« »Hui!« sagte der Reisige, schüttelte sich und sah sich ängstlich um. Ein Wohlgefallen legte sich über das Angesicht des Bruders. »Recht habt Ihr, grauset Euch, grauset Euch,« murmelte er und ballte die knochige Faust und stampfte mit der Holzsandale, daß sie klapperte auf dem gepflasterten Torwege. »Heiden und Mohren sind nicht ärger als diese, hab' ich oft sagen hören,« meinte der Reisige des Kaufmanns. »Recht, recht!« zischte der Mönch, rollte das sehende Auge und brachte den Mund nahe an das Ohr des Fremden. » Ich, ich – der Bruder Anastasius – versteht mich? Nur ich !« »Ihr?« »Ganz allein,« flüsterte Anastasius, »ganz allein, kenn' meine Leut', hab' meine Leut', weiß alles, hör' alles: War schlauer Ketzer, Oberer, Oberer, Fuchs, alter. Ich immer näher, ich – ha ja! Ketzerschul' in einem Keller, ganz versteckt – ha ja!« – ? Bruder Anastasius schwieg, dann sagte er mit verächtlichem Lächeln: »Verhören, überführen – leicht, ganz leicht; aber aufspüren, ha, auskundschaften, das kann nicht jeder. Versteht mich?« Und vorsichtig schaute er um. »Dem wird's nicht gut gehen?« fragte der Fremde. »Die Gnade der Kirche ist unerschöpflich wie das Meer, und segnend streckt sie die Hände aus über den selbst, der dem Tode verfallen ist,« sagte der Mönch mit gesenktem Haupte, salbungsvoll, in fließender Rede. Dann aber begann sich sein Auge zu röten, und zischend stieß er hervor: »Hier ist's aus – versteht mich? – verbrannt, verbrannt wird er, Galgenberg, Holzstoß, Pfahl, gebunden – versteht mich? – Rauch, Feuer, Feuer gut, gut, machet das Unreine rein – ffft! Seine sündige Asche wird in das fließende Wasser gestreut, damit das Volk bei der Wahrheit bleibe immer und ewiglich.« »Amen!« sagte der Fremde mit kräftiger Stimme. »Da bin ich aber zu ungelegener Stunde gekommen.« »Nicht ungelegen, nicht ungelegen!« beruhigte ihn der Mönch. »Ketzer verstehen sich aufs Zaubern; will nichts mit ihnen zu tun haben,« meinte der Fremde und sah sich scheu um. »Ah ja, ja, versteh' Euch, versteh' Euch. Ist gesorgt, gesorgt! Geweihte Ketten – versteht mich? Drei Kreuze, starke Tür', sehet hin, dritte Tür' dort schräg drüben – kann nichts machen, versteh' Euch, gar nichts!« sagte Bruder Anastasius. »Hinter der Türe hockt er wohl?« fragte der Reisige und schaute über den Hof. »Alleweil, wird heut' noch verhört, versteht mich? Hernach sitzt er wieder – bis er brennen muß,« antwortete der Pförtner. »Also, der Wagen darf kommen,« sagte der Fremde und wandte sich zum Gehen; »gleich oder heute abend – oder wann?« Der Pförtner sann einen Augenblick. »Jetzt nicht, jetzt nicht!« zischte er vertraulich. »Höret, nicht am helllichten Tag! Versteht sich – gute Menschen, böse Menschen, unterschiedliche Menschen, alle Kostgänger vom lieben Herrgott, aber unterschiedliche. Die Braunen, versteht sich, die Franziskaner, versteht sich – brauchen nicht alles zu wissen – – versteht mich?« Wohlwollend und vertraulich zugleich rollte das sehende Auge. »Versteh' Euch,« sagte der Bote lächelnd. »Kümmert keinen Menschen 'was. Ist's Euch recht heute nacht?« »Gut, gut!« nickte Bruder Anastasius. »Um Mitternacht?« »Gut, gut!« »Abgemacht?« »Abgemacht!« »Gott halt' Euch!« »Gott vergelt' Euch!« Die Riegel rasselten. Lautlos drehte sich die Türe. Der Reisige verschwand im Gewühle des Volkes. * * * Die Leute hatten sich verlaufen, in der Ruhe des Mittages lag das Kloster der Dominikaner, in der Ruhe des Mittages lag die weite Stadt. Im schattigen Kreuzgange schritten die beiden Dominikaner, der große, hagere Mann und der feurige Jüngling, auf und nieder und sprachen eifrig miteinander. »Wie er sich wohl verhalten wird vor diesem Richter?« fragte der Jüngling. »Zuerst demütig und hernach, wenn er seine Sache verloren sieht, frech,« antwortete der Ältere. »Er wird sich nicht herauswinden können,« fuhr der Jüngling fort. »Alle Heiligen, dieser Bruder Johann hat die Zeugen mit eisernen Zangen gepackt! Wenn er etwas wissen will, dann bohrt er immer auf denselben Punkt, immer auf denselben Punkt – es ist etwas Bezwingendes, etwas Fürchterliches um seine Inquisition.« »Warum nennst du sie fürchterlich, Bruder?« unterbrach ihn der andere. »Ich habe mich einen Augenblick in die Seele eines Ketzers gedacht, Bruder Konrad.« »Das kannst du nicht, so wenig du dich in die Tiefen der Hölle zu denken vermagst,« antwortete Konrad. »Er ist von allen Seiten umstellt, er kann nicht entrinnen, er wird sich beugen,« fuhr der Jüngere fort. »Beugen!« lächelte der andere finster. »Du täuschest dich bitter, mein Bruder. Diese Art beugt sich nicht, eher bricht sie. Und sie soll brechen!« »Es wäre der erste nicht, der sich in den Schoß der heiligen Kirche zurückbegäbe,« meinte der Jüngling. »Du hast's ja gehört, du hast's ja selber geschrieben, was alle Zeugen einstimmig sagen: er ist ein Oberer in seiner Sekte, vielleicht sogar der Oberste. Wähne nicht, daß sich ein solcher jemals unterwerfe! – Du wirst's auch gleich erkennen, wenn er heute nachmittag vor dem Richter steht –« »Woran?« »Schwört er, dann ist er einer von der Herde; verweigert er den Schwur, dann ist er ein Lehrer.« »Ist das ein sicheres Kennzeichen?« »Das sicherste nach der Erfahrung aller Inquisitoren,« antwortete Bruder Konrad. »Ihre gottverfluchte Lehre verwirft den Eid, und so haben sie früher überhaupt nicht geschworen. Mit Leichtigkeit konnte man sie dann überführen und aus dem Wege räumen. Jetzt ist es dem großen Haufen erlaubt zu schwören, aber niemals schwören ihre Lehrer.« »Bruder Konrad,« sagte der Jüngling und blieb stehen, »werden die Ketzer ihre Lehre nicht am Ende doch da und dort zum Siege bringen?« »Da und dort, Benedikt, ja; aber auch nur auf eine kleine Zeit,« antwortete Konrad und schaute über seinen Bruder hinaus in den grünen Klostergarten. »Da und dort, wo das Holz faul geworden ist; denn auf dem faulen Holze wachsen die Schwämme. Aber das Ganze« – der Mönch lächelte – »das Ganze können sie niemals überwinden – – es ist auf einen Felsen gegründet, den die Pforten der Hölle nicht überwinden werden nach der Verheißung.« »Bruder,« begann der junge Mönch aufs neue mit gedämpfter Stimme, »Bruder Konrad, mich quälen schwere Zweifel.« »Sprich, Benedikt!« »Bruder Konrad, glaubst du, daß mir nichts auf Erden über die Ehre unserer heiligen Kirche geht?« »Ich weiß es,« antwortete Konrad. »Du würdest mit Freuden sterben für diese unsere heilige Kirche.« »Jeden Tag!« nickte der Jüngling und schaute wie im Traume vor sich hin. »Aber, Bruder Konrad, diese Ketzer sind ja auch bereit, ihr Leben hinzugeben für ihre Lehre?« »Was willst du damit sagen, Benedikt?« »Ich und die Ketzer müssen Todfeinde sein,« antwortete der Jüngling, »und dennoch ist mir der Ketzer, der für seinen Irrtum zu sterben bereit ist, ehrwürdiger als der Pfaffe, der nicht einmal seiner Kirche und seinem Glauben leben will und in der ersten Anfechtung abfiele wie eine vollgesogene Zecke.« »Fürs erste,« sagte Bruder Konrad und sah überlegen auf den Jüngling herab, »hat auch der Teufel seine Anhänger, die für ihn zu sterben bereit sind. Fürs zweite – wer ist die Kirche? Wir sind die Kirche, wir stehen auf dem Felsen, und die andern sind schon längst von diesem Felsen abgeglitten. Fürs dritte, grüble nicht, die Grübelei lähmt die Tatkraft! Hast du das prophetische Wort vergessen, das Wort von den Wölfen in Schafpelzen? Ecce – siehe da! Hier sind solche Wölfe! Mit demütigen Gebärden kommen sie einher, nennen sich Freunde Gottes, mores habent compositos , sagt Bruder David, sie halten etwas auf ehrbare Sitten, sie sprechen viel von Gott, von der Tugend, von den Fallstricken des Bösen – cavete , hütet euch! In ihren Herzen tragen sie Unrat und Gift, verhöhnen die Heiligen, verspotten die Wunder, verwerfen das Fasten, verschmähen die letzte Ölung, nennen sich Christi Kirche, Christi Schüler und lehren in summa : Sündige nur immer wacker darauf los, halte dich zu uns, und du wirst das ewige Leben haben!« »Bruder Konrad, neige dich hernieder zu meinen armen Gedanken!« sagte Benedikt. »Ich hasse die Ketzerei wie die Hölle, und doch – sollten wir nicht den Ketzern selbst als Irrenden mit allen Schätzen der christlichen Liebe entgegenkommen?« »Wir tun's doch!« antwortete Konrad. »Bis an eine gewisse Grenze,« sagte der junge Mönch schüchtern. »Bis an die äußerste Grenze,« antwortete der ältere mit Nachdruck. »Vergib mir, mein Bruder, und hilf mir über meine Zweifel!« begann Benedikt aufs neue. »Die heilige Geschichte im Evangelium tritt mir vor die Seele: Jesus gedachte, Herberge zu nehmen in einem Markte der Samariter; aber die Samariter nahmen ihn nicht auf. Jakobus und Johannes wollten sie durch Feuer vom Himmel vernichten. Aber Jesus sagte zu ihnen: Wisset ihr nicht, wes Geistes Kinder ihr seid?‹ – – ›Vergib mir, mein Bruder, und zeige mir, wenn ich irre: Wandelte Christus der Herr noch unter uns, ließe er wohl die Ketzer verbrennen?« »Du irrst, mein Bruder,« sagte Konrad feierlich. »Wir halten die Gebote unserer heiligen Kirche, wir verbrennen keinen Ketzer, da sei Gott vor, und wir haben auch nie einen verbrannt. Aber sieh selber zu, und die heilige Jungfrau erleuchte deinen Verstand: Ketzerei ist ein peccatum spirituale . Geistliche Vergehen können nur von schriftgelehrten Richtern beurteilt werden. Ergo stellen wir den Ketzer vor das geistliche Gericht und laden das odium auf uns. Nur aus diesem einzigen Grunde? Nein, auch aus einem zweiten Grunde: wir vergelten Böses mit Gutem, wir lieben den Ketzer, unsern grimmigsten Feind, nach der Vorschrift, wir lassen ihm Raum bis zum letzten Augenblicke, wir halten den Goldhort der göttlichen Gnade vor seine kurzsichtigen Augen, solange es geht. Deshalb stellen wir den Ketzer vor das geistliche Gericht, überführen ihn und verurteilen sein Verbrechen – immer bereit, dem Reuigen zu vergeben; denn über Himmel und Erde bis nahe an die Pforten der Hölle erstreckt sich das Reich der göttlichen Liebe. Aber freilich, jedes Reich hat seine Grenzen, also auch dieses größte unter allen Reichen: wo die Liebe aufhört, da wohnt der Zorn. Ist einer überführt und beharrt er in Verstocktheit – was bleibt zu tun übrig? Man schneide das brandige Glied vom Leibe der Kirche, auf daß nicht die gesunden Glieder ergriffen werden von der gleichen Fäulnis! Wir handeln nach dem Worte des heiligen Paulus: › utinam abscindantur, qui vos conturbant ‹, zeichnen den verstockten Ketzer mit dem Kreuze, stoßen ihn aus dem Schoße der Kirche und überantworten ihn der weltlichen Obrigkeit, damit sie das Werk vollende. Wir verbrennen den Ketzer nicht, da sei Gott vor! Was der weltliche Richter über den Ausgestoßenen verhängt nach der Richtschnur seiner Gesetzbücher, ob er ihn verbannt aus seinem Vaterlande, ob er ihn auf Lebenszeit in den Kerker wirft, ob er ihm eine andere Strafe auferlegt, das alles kümmert uns nicht weiter: wir haben unsere Pflicht getan, wir haben den Flecken vom Brautgewande der Kirche abgewaschen – mögen die Toten ihre Toten begraben! Wir aber schreiten vorwärts mit dem Kreuze in der hocherhobenen Hand, vorwärts, dem Siege entgegen.« »Du hast recht, Bruder Konrad, du hast immer recht,« flüsterte der junge Mönch und neigte in Demut sein Haupt. »Deine Logik ist ohne Lücken und zwingt den Gedanken von Stufe zu Stufe. Ich aber will beten, damit ich nicht mehr in unnütze Grübelei verfalle.« »Tu das, mein Sohn,« sagte Bruder Konrad und hob segnend die Rechte, »wache und bete! Dann wird die heilige Jungfrau deine Sinne schärfen und deine Tritte sicher machen. Unbeirrt wirst du dahinschreiten, nichts anderes denken Tag und Nacht als das eine: Zukomme uns dein Reich!« * * * In der Hitze des Nachmittags füllte sich der Klosterhof aufs neue. Wie am Morgen standen die Kleriker in Gruppen, aber gleich dem Sande unter ihren Füßen und der Luft um sie her waren ihre Gemüter erhitzt, erregte Worte flogen, und wie dumpfes Grollen brandete es zwischen den hohen Mauern. »Habt Ihr's nicht bemerkt, Herr Komtur?« fragte händereibend der Pfarrer von Sankt Nikolaus. »Das Volk steht in bedrohlicher Menge vor der Pforte.« »Fürchtet Ihr Euch?« kam die Antwort spöttisch zurück. »O ganz und gar nicht, gar nicht!« beeilte sich der Pfarrherr zu beteuern. »Aber dem Volke ist nicht zu trauen, man sollte sich vorsehen.« »Sie sollen etwas wagen!« rief der Komtur, und seine Züge wurden hart wie Stein. »Mit Gewalt werden sie uns wohl nicht angreifen, aber mit bösen Reden tun sie uns großen Schaden,« flüsterte der Pfarrer. »Man hat mir's zugetragen.« »Und was hat Euch Eure Kocherin zugetragen?« Der Pfarrer von Sankt Nikolaus überhörte den Spott, schaute sich vorsichtig um und sagte: »Böse, gottlose Reden. Im Volke heißt's, der bei den Dominikanern liegt, sei ein barmherziger Mensch, das habe man in währender Hungersnot erfahren; er sei ein harmloser Krämer, niemand könne ihn mit Recht einen gottlosen Ketzer schelten; im Gegenteil, er sei ein heiliger Mann, falsche Zeugen seien wider ihn gekauft worden. So geht das Geschrei.« »Was kümmert Euch das Gebläse?« fragte der Komtur verächtlich. »Ich denke, die Dominikaner,« flüsterte der Dicke, »ich will nichts gesagt haben, doch die Dominikaner treiben's zu stark, die Leute werden kopfscheu, wir Pfarrer können davon reden! – – Es geht nichts über den Frieden in der Gemeinde.« – »Bösartige Hitze!« sagte der Domherr vom Wyschehrad und trat langsam herzu. »Setzen wir den Ketzer eine Stunde lang in den Sand, dann verbrennt er von selber zu Asche.« »Habt Ihr nicht auch die bedrohlichen Gesichter an der Pforte bemerkt?« fragte der Pfarrer von Sankt Nikolaus und verbeugte sich fortwährend. »Ich komme von der Mahlzeit hieher,« antwortete der Domherr, »und habe nichts bemerkt. Nach der Mahlzeit pflege ich überhaupt nichts zu bemerken, Domine paroche . Die Ruhe der Seele beruht auf der ruhigen Verdauung – das ist die Summe aller Philosophie, domine paroche .« * * * Hochaufgerichtet stand der greise Ketzer inmitten seiner Feinde. Hart und scharf und eintönig klangen die Fragen des Inquisitors, klar und bestimmt kamen die Antworten aus dem Munde des Angeklagten zurück. Dumpf war die Luft in dem niederen Saale, und auf der Stirne des Pfarrers von Sankt Nikolaus glänzten dicke Tropfen. »Viel zu viele Umstände – nicht auch Eure Meinung?« flüsterte er dem Domherrn vom Wyschehrad zu. Dieser nickte. »Ist ja längst überführt, hat gestanden, also punctum !« fuhr der Pfarrer fort. »Ruhe!« zischte ein Dominikaner, und mit einem schiefen, bösen Blicke schwieg der Pfarrer. »Noch immer kannst du dich retten, haeretice ,« sagte der Inquisitor, und die Federn der Schreiber neben ihm raschelten über die Pergamente. Der Ketzer aber schwieg, und seine dunkeln Augen schauten über den Saal; furchtlos stand er da, als stünde er weit über dem Treiben der Menschen auf einem hohen Berge und schaute hinein in die untergehende Sonne. »Unerschöpflich wie das Meer ist die Gnade der heiligen Kirche,« begann der Inquisitor aufs neue. »Und siehe, ich fülle eine Schale aus diesem Meere und reiche sie dir entgegen – trinke, und du wirst genesen!« Langsam senkten sich die Augen des Ketzers aus der weiten Ferne hernieder und hefteten sich auf das Angesicht des Dominikaners. »Was wollt Ihr noch hören – habe ich Euch nicht alles gesagt?« »Du hast alles bekannt, was dich selber betrifft,« antwortete der Richter. »Und Ihr glaubt, ich würde Euch andere verraten?« sagte der Greis und lächelte. »Verraten?« rief der Dominikaner. »Da sei Gott vor! Dein Unrecht sollst du gut machen, so lange du noch Raum dazu hast.« »Welches Unrecht?« fragte der Ketzer und kreuzte die Arme über der Brust. Ringsumher aber entstand in den Reihen der Kleriker ein Murren. »Aus dem Munde der Zeugen wissen wir,« fuhr der Richter fort, »daß du ein Oberer, ein Bischof dieser Sekte bist und daß deinem Worte Tausende und Tausende gehorchen in Österreich, Böhmen und über die nördlichen Grenzen Böhmens hinaus.« »Ihr täuschet Euch,« unterbrach ihn der Greis. »Die Zeugen haben den Eid geleistet vor diesen allen: du bist ein mächtiger Oberer in deiner Sekte!« rief der Inquisitor. »Ihr täuschet Euch,« rief der Greis zum zweitenmal. »Stoße die Hand nicht zurück, die sich dir und vielen Tausenden entgegenstreckt. Tritt morgen auf den Ring dieser Stadt und schwöre deinen Glauben ab, du Oberer in deiner Sekte, und die andern werden dir folgen!« Wieder lächelte der Ketzer und senkte einen Augenblick das Haupt auf die Brust. Dann richtete er sich hoch auf, streckte gebieterisch die Hand aus und rief: »Ihr habt recht, ich muß Euch noch einiges sagen; denn Ihr seht noch nicht klar in dieser Sache. Darf ich frei weg aus meinem Herzen reden?« »Sprich!« »Ihr sagt, ich sei ein Oberer in meiner Sekte, und Ihr beruft Euch auf Eure Zeugen, die ich nicht kenne. Ich aber sage Euch: Wir haben nur einen einzigen Oberen, und der ist Christus.« Ein Murren ging durch den düsteren Saal und wollte nicht aufhören, bis der Richter die Ruhe gebot. »Ihr sagt ›tritt morgen auf den Ring, schwöre deinen Glauben ab, und die andern werden dir folgen!‹ Ich aber sage Euch: Täte ich das morgen oder übermorgen, meine Brüder würden das Angesicht verhüllen vor mir aber folgen – folgen würde mir wohl keiner. Was bedeutet auch der eine Halm im Ährenfelde? Was bedeutet der eine alte Mann im Lande Österreich, Böhmen, Mähren, der eine, der vielleicht etliche Jahre lang am Brunnen des Heils gesessen ist und beauftragt war von der Gemeinde, das lebendige Wasser vor aller Augen in Krüge zu schöpfen? An meine Stelle wird ein anderer treten und seinen Brüdern dienen. Nirgends werden die leeren Stühle rascher besetzt, als im Reiche Gottes.« Stärker wurde das Murren ringsumher. Mit erhobener Stimme und mit erhobenen Händen aber rief der Richter: »Heilige Jungfrau, vergieb uns, wir müssen die Lästerung hören!« In den Augen des Ketzers loderte ein Blitz auf, und noch höher richtete er sich empor: »Ihr wähnt, daß Tausende und Tausende auf mein Wort hören in diesen Ländern – ich aber sage Euch: Hunderttausende sind's, Hunderttausende, die nicht auf meine armselige Stimme, sondern auf die Stimme des Herrn hören, der sich selbst genannt hat den Weg und die Wahrheit und das Leben.« Fette Gesichter, hagere Gesichter, brennende Augen, glotzende Augen waren ringsumher auf den Ketzer gerichtet. »Es ist genug!« schrie einer aus dem Haufen. »Es ist genug!« schrieen zehn, schrieen zwanzig. »Ruhe!« donnerte der Inquisitor und erhob sich von seinem Sitze. »Alles, was ich ihn reden lasse, das lasse ich ihn reden kraft der mir vom heiligen Vater gegebenen Vollmacht, zur Ehre der einen, heiligen Kirche. Wer den Feind nicht kennen lernt, wie kann der den Feind bekämpfen?« »Ihr habt recht,« sagte der Ketzer; »wer den Feind nicht kennt, wie kann der den Feind bekämpfen?« – »Und warum bekämpfet ihr uns?« fragte er plötzlich. »Weil wir nicht ruhen dürfen, bis daß wir alle seine Feinde zum Schemel seiner Füße gemacht haben,« antwortete der Ketzerrichter kalt. »Ihr – uns!« wiederholte der Lyoner, und seine glühenden Blicke flogen über den ganzen Kreis der Kleriker. »Die ihr mit allen Kräften eurer Seelen nach dem Reiche Gottes trachtet – uns, die nach dem gleichen Ziele laufen; ihr, die Hungrigen, uns, die den gleichen Hunger haben; ihr, die Knechte, uns, die Knechte des gleichen Herrn; ihr, die ihr prediget auf allen Gassen, wie auch wir predigen, daß nur Eines notwendig sei in dieser Welt!« »Täusche dich nicht, zwischen uns und deinesgleichen ist ein Abgrund befestigt,« sagte der Ketzerrichter, und unaufhörlich raschelten die Federn seiner Schreiber über die Pergamente. »Glaubt ihr, daß wir mit verbundenen Augen einhergehen?« fuhr der Lyoner fort. »Da sitzet ihr, da stehet ihr rings um mich her, da lauert ihr auf jedes Wort aus meinem Munde, in weichen Gewändern, in härenen Kutten, mit goldenen Kreuzen auf der Brust, mit Striemen auf dem gegeißelten Rücken, Herrenkinder mit geschliffenen Schwertern und Knechtessöhne, und fühlet euch alle als Glieder eines einzigen Leibes – ? ich sage euch: Abgründe sind befestigt, aber diese Abgründe durchschneiden eure eigene Kirche, die ihr die einzige, die heilige nennt.« Wieder brach der Unwille aus der Masse der astantes hervor, wieder gebot der Dominikaner die Ruhe. »Und abermals frage ich euch, warum bekämpfet ihr uns?« rief der Lyoner. »Ich will's euch sagen: Der Fürst dieser Welt verblendet eure Augen.« »Wie meinst du das?« »Wie ich das meine? Als unser Herr auf Erden ging, da führte ihn der Satan auf einen hohen Berg, zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: ›Dies alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.‹« »Spare deine Worte, haeretice ; es ist keiner im Saale, der diese heilige Geschichte nicht genau kennete!« rief der Inquisitor. »Ich weiß es, ihr alle kennt sie,« sagte der Ketzer, und seine Stimme klang grollend. »Ich will auch eure Geduld nicht lange mißbrauchen. Der Herr trieb den Bösen von sich, und der Böse entwich. Aber nur etliche Jahre wartete er, dann kam er wieder und versuchte des Herrn Magd –« Wieder entstand ein Murren unter den Klerikern ringsumher. »– und siehe da, die Magd strauchelte – – und setzte sich auf den römischen Berg und gewann die Herrschaft über die Erde. Wohlan, warum dient ihr Predigermönche dieser Kirche?« Tosend brach der Lärm los, Fäuste ballten sich, Schwerter klirrten, Verwünschungen flogen gegen das Haupt des Ketzers – der aber stand mit gekreuzten Armen wie vorher und lächelte seinen Feinden entgegen. »Ruhe!« donnerte der Inquisitor und erhob sich. Dann wandte er sich zum Ketzer: »So beantworte mir noch dieses! Deine Sekte besitzt nach deiner Meinung die Wahrheit –« »Sie besitzt den Schlüssel der Wahrheit, die heilige Schrift,« unterbrach ihn der Greis. »Warte mit deiner Antwort, bis ich meine Frage gestellt habe!« rief der Dominikaner mit drohender Stimme. »Deine Sekte ist Tag und Nacht bei der Arbeit, sie untergräbt die Mauern unserer heiligen Kirche, sie heuchelt mit ihrer Armut und ringt nach der Herrschaft . Ist's nicht also?« Regungslos stand der Greis, schlug die Augen zu Boden und sann. Darauf aber erhob er die Lider und antwortete mit klarer Stimme: »Ihr da droben, schreibet auf eure Pergamente, was ich euch sage! Gott bewahre die Armen in Ewigkeit, daß sie reich werden in dieser Weise und die Hungrigen, daß sie satt werden auf eure Art. Das Geheimnis ist groß – wer kann's ergründen? Mensch bleibt Mensch, der Satte lacht über den Hunger, der Reiche verhärtet sein Herz, und beide ersticken im Fette der Selbstgerechtigkeit. Kämen die Armen zur Herrschaft in aller Welt, was anders würden ihre Diener als eure Nachfolger? Himmelsgüter waren in die Hände der Kirche gelegt zu Anfang, eine Haushälterin sollte sie sein, sie aber hat sich zur Herrin gemacht. Darf die Kirche herrschen? Nein! Christus hat gesagt – ›Die Ersten werden die Letzten sein.‹ – – Darf sie kämpfen mit Feuer und Schwert? Nein! Der Geist kämpft für sie, und Christus hat gesagt – ›Stecke das Schwert ein, Petre!‹ – – Was aber sollen Christi Diener? Lehren und leiden sollen sie. Christus hat gesagt – ›Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der kann nicht mein Jünger sein.‹ Zu denen, die ihr Leid tragen und nicht murren, hält sich der Geist des Herrn und Meisters; Kreuzträger sind die Lieblinge Gottes in allen Zeiten gewesen und werden die Lieblinge Gottes sein in aller Zukunft. Solange meine Brüder Verfolgung leiden, solange werden sie Christi Jünger sein. Ich bete täglich, daß die Verfolgung nicht aufhöre – und daß wir nirgends die Herrschaft erlangen .« »Das ist leicht gesagt mit schönklingenden Worten,« rief der Inquisitor. »Ich habe es nicht leichthin gesagt und bin bereit, zu leiden,« antwortete der Lyoner. »Weißt du, was deiner wartet?« »Ich weiß es; das wird uns gelehrt von Kindesbeinen an.« »Du hoffst, aus deinem Gefängnisse zu entrinnen. Wir wissen's aus Zeugenmunde, du hast einen starken Zauberspruch!« Wie Wetterleuchten flog es über die Züge des Greises, und wieder richtete er sich hoch empor. Es war Dämmerung auf die Versammlung herniedergesunken, und ganz stille war's, als der Lyoner langsam fragte: »Wollt ihr den Zauberspruch hören?« »Sprich!« sagte der Dominikaner und bekreuzigte sich, und ringsumher entstand ein Rascheln der Gewänder, denn alle Kleriker schlugen das Kreuz. Der Ketzer aber faltete die runzeligen Hände, hob die Augen und rief mit lauter Stimme: »O du lieber Vater, Herr Jesu Christe! Unter dein heiliges Kreuz verbirg mich, mit deinen heiligen fünf Wunden beschließ' mich, Gott Vater vor mich und Gott Sohn hinter mich und Gott heiliger Geist über mich – wer stärker ist als diese Drei, der gehe her und greife mich an! Das helf' mir Gott Vater, Gott Sohn und Gott heiliger Geist jetzt und in alle Ewigkeit, Amen! « »Zum Ende! Zum Ende!« schrieen die clerici astantes und drängten heran von allen Seiten. »Zurück im Namen des heiligen Vaters!« schrie der Inquisitor. »Man zeichne ihn!« Teilnahmslos stand der Ketzer und ließ sich zeichnen mit dem Ketzerkreuze, streckte die Hände vor und ließ sich fesseln, und wortlos schritt er zwischen den Wächtern durch seine tobenden Feinde – dem Tode verfallen. * * * Die Ruhe der Nacht umfing das Kloster, in Ruhe lag die weite Stadt. Auf Adlerdaunen schlief der Pfarrer von Sankt Nikolaus, eine seidene Decke umhüllte seine Glieder, aus weichem Wangenkissen, gleichsam auf einem mildblinkenden Heiligenscheine, schlummerte sein glänzendes Haupt. Friedlich wie das gute Gewissen brannte das Nachtlicht zu seinen Füßen, auf dem Tischlein neben seinem Bette stand der Becher, aus dem er den würzigen Schlaftrunk geschlürft hatte, auf seinem rundlichen Kinne schimmerte es noch feucht wie rötlicher Weinrest, um seine lächelnden Lippen spielten noch die Worte seines stillen Abendgebetes – »Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie diese Leute!« – und zuweilen zuckten seine kurzen Hände, als wollten sie einander auch noch im Traume reiben. Auf harten Lagern ruhten die rauhen Bettelmönche in finsteren Zellen und maßen ihren Leibern eine karge Rast zu, damit sie am Morgen wieder tüchtig wären zum Kampfe für die heilige Kirche. Auf hartem Lager ruhte ein junger Mönch, ruhte und schlief nicht und schloß die Augen nicht in dieser Nacht. Und auf den kühlen Steinplatten seines Gefängnisses kauerte der Lyoner, gebunden mit sichtbaren Stricken – einer der wenigen, die frei waren in der Stadt Prag. * * * In der Pförtnerstube an der Torhalle brannte ein Licht, und Bruder Anastasius harrte auf den Wagen des fremden Kaufherrn. Er hatte große Unruhe, lief ans Tor, öffnete den Schieber, schloß ihn und lief wieder in seine Zelle, kam zurück, öffnete den Schieber wieder und hing sein Ohr in die stille Gasse hinaus. »Hast dich narren lassen, narren lassen, Anastasi; böse Leut', böse Leut', allesamt, allesamt; gut, daß der Prior, der Prior nichts weih, lacheten alle, die Brüder, alle – – –.« Bruder Anastasius irrte sich. Über die Moldaubrücke rollte ein hoher Frachtwagen gegen die Altstadt heran, im Mondlichte glänzte die schmucke Leinwanddecke über seinen Reifen, zwei starke Rosse stampften vor ihm, zwei bewaffnete Reisige schritten hinter ihm. »Vorwärts, auf!« rief der stämmige Fuhrknecht am Altstädter Brückentore und wies mit der Peitsche zurück auf die Leinwanddecke, über der das Fähnlein des Königs flatterte. »Das kommt auch zu allen Zeiten des Tages und der Nacht!« brummte der Kreuzherrenbruder, dem die Torwache oblag, schloß den Schiebladen und hob den Schlüsselbund vom Nagel. »Schönen Dank!« sagte der Knecht, als er neben dem polternden Wagen durch die Torhalle schritt, und pfiff vor sich hin. »Ist ja kein Königsgut!« rief der Mönch. »Wer redet von Königsgut?« schrie lachend der Fuhrknecht. »Und habe doch das Fähnlein flattern sehen mit meinen leiblichen Augen!« rief der Mönch. »Fähnlein? Da habt Ihr geschlafen und geträumt!« schrie der Knecht. »Wohinaus geht die Reise?« rief der Mönch. – »Wohin? – – Sag's noch einmal, kann's nicht verstehen!« Da umschlangen zwei starke Arme seinen Hals, im Nu lag er auf der Erde, einer von den Reisigen kniete auf seiner Brust, schob mit unwiderstehlicher Kraft einen Knebel zwischen seine Zähne, fesselte seine Hände und Füße und raunte: »Stille halten! Geschieht dir kein Leid.« Dann hob er den Mönch empor und trug ihn wie ein Kind in die Pförtnerzelle, legte ihn sorgsam aufs Lager, schlüpfte in eine Kutte, ging heraus, schloß das Tor und benahm sich würdig als Bruder Pförtner im Kloster der Kreuzherren. Langsam rollte der Wagen weiter, hinein zwischen die hohen Giebelhäuser. Neben den Rossen schritt wie vorher der Knecht, hinter dem Wagen ging der andere Reisige. Aber vom Königsfähnlein war nichts mehr zu sehen. – – »Gleich aufmachen, gleich aufmachen!« stieß Bruder Anastasius in freudiger Erregung hervor. »Gute Leut', gute Leut'!« »Noch ein Wort!« flüsterte der Reisige, während der Knecht auf der andern Seite der Gasse pfeifend neben seinen Rossen hielt. »Der Schwarzkünstler, der Ketzer, kann er uns kein Leid zufügen?« »Ohne Sorg', ohne Sorg'!« antwortete der Mönch. »Kann nicht 'raus. Starke Ketten. Versteht mich?« »Noch immer am nämlichen Orte?« forschte der Reisige und machte ein ängstliches Gesicht. »Nimmer lang, nimmer lang,« grinste der Mönch. »Morgen, übermorgen – ffft! Versteht mich?« »Vorwärts!« befahl der Reisige. »Hüh!« rief der Knecht. Durchs Tor rollte der Wagen in den Hof – auf dem Pflaster zappelte Bruder Anastasius, stöhnte hinter seinem Knebel und rollte angstvoll das eine Auge. Unter der Leinwanddecke des Wagens aber sprangen Bewaffnete hervor, einer nach dem andern, eine ganze Schar. »Schrägrechts über den Hof, die dritte Tür!« rief der Reisige, der auf des Mönches Brust kniete, mit verhaltener Stimme. »Tor schließen, alle inneren Türen besetzen!« Über den Hof stürmten die Reisige, der Wagen wurde gewendet und Pförtner Anastasius gleich seinem Bruder vom Kreuzherrnstifte sänftiglich auf sein Lager gebracht. * * * Im Rücken einer kleinen Schar stieg die Sonne empor. Eilig, eilig ritten die Männer, und um sie her wirbelte der Staub. »Du bist ein leidlicher Reiter, trotz deinem hohen Alter, Krämer,« sagte Burkhard. »Freilich, die Mähre geht wie eine Wiege. Herr Wok hat sie selbst herausgesucht.« Hubald lächelte ein wenig und nickte. »Dennoch ist mir's gar sehr beschwerlich.« »Höre, Krämer, du verwunderst mich! Ein anderer an deiner Stelle brächte den Mund nimmer zusammen vor lauter Freude. Wie vortrefflich hat sich alles gemacht: daß ich noch nicht fortgeritten war aus Prag, daß ein Gewisser die Augen zudrückte, daß die Mönche feige hinter den Türen blieben. Freu dich, weil du lebst! Oder hättest du gerne gebrannt wie eine Fackel als Märtyrer?« »Nein, Herr; denn ich habe noch viel zu arbeiten auf Erden, wenn Gott will, daß ich lebe.« »Wenn Gott will – freilich will er, das siehst du doch!« »Wenn Gott will!« sagte Hubald zum zweitenmal mit Nachdruck. »Ein gutes Roß, ein starkes Schwert, ein frischer Mut, ein kräftiger Segen – diese vier Patrone helfen, daß unser Herrgott selber mithelfen muß,« rief Burkhard lachend. »Ich bin Euch großen Dank schuldig, Herr; mit Lebensgefahr habt Ihr mich nun zum zweitenmal den Händen meiner Peiniger entrissen – gewährt mir noch eine Gunst – – spottet nicht über Gottes Hilfe!« »Eia, spotten!« sagte der Ritter leichthin. »Ich spotte nicht; jeder Reiter bedarf unseres Herrgotts.« – »Sonderlich wir auf unserer Fahrt,« setzte er ernsthaft bei. »Bis Beraun bin ich ohne Sorge, dahin können wir im Haufen reiten. Von Beraun nach Pilsen aber müssen wir verkleidet schleichen auf Seitenpfaden; denn unsere Feinde lauern auf allen Wegen. Von Pilsen nach Cham können wir wieder reiten.« »Wenn Gott will,« sagte Hubald. »So laß doch deinen Spruch – freilich will er!« rief Burkhard. »Am besten wär's, du könntest dich in Beraun verbergen, und ich schliche allein weiter mit meinen Briefen.« »Die Feinde sind mir seit Monaten auf den Fersen,« sagte der Lyoner. »Von Beraun bin ich nach Prag geflohen, und in Prag haben sie mich aufgegriffen. In Beraun bin ich am wenigsten sicher; ich ginge gern mit Euch nach Cham.« »Alle Teufel,« rief Burkhard, »hätte ich das gewußt! Da mußt du meinen falschen Bart nehmen, ehe wir in Beraun einleiten.« »Das will ich tun,« antwortete Hubald. * * * Lange trabten sie schweigend dahin im Morgensonnenscheine. Auf einmal sagte der Ritter: »Was du glaubst, weiß ich nicht, Ketzer; kümmert mich auch nicht, warum sie dich nun zum zweitenmal gefangen haben. Käm's auf mich an, so könnte jeder glauben, was er wollte. Solch ein gefährliches Handwerk hinge ich aber nun doch an den Nagel, Ketzer!« »Reitet Ihr nicht auch mit frischem Mute hinein in die Gefahr, Herr?« »Das ist meine ehrenvolle Pflicht,« antwortete der Mann des Herrn Zawisch mit Stolz. »Auch meine Ehre und meine Pflicht gebieten mir, Not und Tod zu verachten auf meinen Wegen,« sagte Hubald, der Lyoner. Und wieder ritten sie schweigend nebeneinander, bis die Türme von Beraun aufstiegen vor ihnen.   Der Morgenwind strich leise über das dunkle Waldmeer, aus dem sich der massige, felsige Berg erhebt, und trug den Harzduft über die grauen Schindeldächer des Dorfes, das zu Füßen der Burg lag. Die Sonne sandte ihre ersten Lichtgrüße über die erwachende Erde, in den düsteren Tannen wallten die grauen Nebel, auf den rotbraunen Ziegeldächern, auf Türmchen und Ringmauern der Burg glitzerte Tau, trotzig ragte der Bergfried empor in die klare Luft. Gleich Schuppen eines Riesenpanzers waren die rohgemeißelten Buckel seiner Quadern anzusehen, gleich dem Helme eines Gewappneten saß der Dachhut auf dem Steinkolosse, und wie eine Helmzier glänzte auf seiner Spitze die kupferne Kugel mit dem blinkenden Fähnlein ins Land hinaus. Unter dem Dachrande aber waren nebeneinander zwei Türen durch die dunkeln Mauern gebrochen und schauten gleich starren Augen hinaus über die Wälder, die auf der Grenzmark zwischen Böhmen und dem Nordgau stehen, schauten tief hinein ins weitmächtige Böhmenland, wo die Morgennebel lagerten über Städten und Dörfern, bis zur fernen Burg hin, die sich ausbreitet über dem hunderttürmigen Prag. Finstere, fürchterliche Augen waren es, die da überdeckt vom Kranze der Hohlziegel starrten, unter ihnen aber sprangen nebeneinander zwei schmale Steine in die Luft hinaus, Steinbalken, auf denen ein Mann zur Not sich um sich selber wenden konnte. In den Hütten des Dorfes, am Fuße des Burgberges, regte sich das frische Leben des Tages, und in vielhundert Stimmen tönte es empor aus den grünen Waldrevieren. Der wilde Falke verlies; den Horst und stieg hoch hinauf, hoch über die jubelnde Lerche, hinein in den Morgenhimmel, und tief unter ihm schrumpfte die Burg zu einem Häuflein zusammen und der Bergfried mit seinen finsteren Augen zu einem Pünktlein. Aber auch hier regte sich das Leben, das fröhliche Leben. Unter dem Kranze der Hohlziegel klebte ein Schwalbennest. Der Ort war gut gewählt, er war geborgen vor Wetter und Wind, und selbst der scharfäugige Falke konnte die kleine Heimat nicht erspähen, über die sich das Dach des Turmes so schützend herauslegte. Auf einem der vorspringenden Steine saß der blaugefiederte Vogel und trank aus dem Grübchen, in dem noch Wasser vom Regen des vorigen Tages glänzte, er trank und hob das Köpflein mit den klugen Augen zu den finsteren Eichentüren empor, trank wieder und hob das Köpflein wieder. Über dem Vogel aber, im kleinen Neste, streckten sich gelbe, weitaufgesperrte Schnäbelein und piepsten jammernd um die Wette in die Morgenlust hinaus. Da hob der Vogel die glänzenden Schwingen und schoß lautlos hinweg über die Dächer der Burg. Zwitschernd warteten die nackten Kreaturen und rissen die Schnäbel auf, die hungrigen Schnäbel – als könnte sie jemand hören da droben unter dem Dache, in der ungeheuern Einsamkeit zwischen Himmel und Erde.– – Höher stieg die Sonne, immer tiefer sank der Nebel zwischen die Tannen hinein, weit drüben gegen Mitternacht, über den schwarzgrünen Forsten, zog der Falke seine Kreise, an der Berghalde kletterten Ziegen, und ganz von ferne her klangen ihre Glöcklein, so fernher, wie die dünne Stimme des Hirtenbuben, der ein Lied sang und die Geißel knallen ließ. – Die gelben Schnäbel hatten sich heiser geschrieen und waren ermattet zurückgesunken, das Wasser im Grübchen auf dem Steine war vertrocknet im Morgenwinde. Aus der Tiefe empor schoß die Schwalbe, setzte sich auf den Nestrand und ließ die erste Atzung in die Schlünde gleiten – aber jäh fuhr sie zusammen und, husch, war sie entflohen. Und wieder hoben sich die gelben Schnäbelein im Neste und schrieen mit neuen Kräften nach Futter. Unter ihnen aber wich knarrend die eine von den finstern Türen zurück, rauhe Stimmen klangen aus der Tiefe des Turmes hervor, mit wuchtigen Schritten kam's herauf. Ducket euch, Schwälblein, ducket euch tief hinein ins Nest, ducket euch, der Mensch ist in der Nähe, so ducket euch doch, der Mensch! – – – »Halt!« rief einer keuchend. »Da sind wir, da ist die Tür', da ist der Rosengarten. Die Tür' steht offen, nur hinaus, Alter! Da, vorwärts, nur in die Mauer hinein – so! Jetzt die Hände her, daß ich dir die Riemen durchschneide! Siehst du die vier Speere da? Also mach keine Narrheiten und versuch's nicht, mit uns zurückzugehen! So – eins, zwei – durchgeschnitten! Bist jetzt ein freier Herr, kannst dich lagern im Rosengärtlein. Nur hinaus, aber fein aufgepaßt, den Zaun hat der Gärtner vergessen! Willst dich lagern oder die Herrlichkeit stehend beschauen? Holla, du schleichender Bote des Zawisch?« »Des Herrn Wille geschehe!« sagte der Lyoner. »Holla, da heroben bin ich der Herr!« lachte der andere. »Und so denk' ich, wir setzen den grauen Hansen in die Rosen, daß er die alten Beine hängen lassen kann. – So, laß dich nieder, so, wir halten dich, so, nur hinaus! – Greif mit den Händen an den Stein, tu nit so zittern! Und jetzt noch den Wasserkrug her, da nimm, und das Brot – tu sein das Wasser nit verschütten, das Rosengärtlein brauchst nit gießen, so, und jetzt viel Vergnügen, heut' wird's ein schöner Tag – –!« Mit Wucht fiel die Türe zu, und mit dumpfem Geräusche legten sich die schweren Riegel in das Gemäuer. Angstvoll strich die Schwalbe vorüber und getraute sich nicht mehr zu ihrem Neste, polternd gingen die Männer die Stiegen im Turme hinab, der Greis aber sah nicht die Schwalbe, hörte nicht das Poltern der Männer, nicht das angstvolle Piepsen unter dem Dache. Er saß zitternd da und hielt sich krampfhaft am Steine, hatte die Augen niedergeschlagen und murmelte: »Herr, dein Wille geschehe, dein Wille geschehe!« * * * Wildes Schreien, Waffengeklirre drang aus der Tiefe des Turmes, wieder kamen dumpfe Schritte näher und näher, von der zweiten Türe wurden die Riegel zurückgerissen, pfeifend drehte sie sich in den rostigen Angeln. »Hunde, verfluchte Hunde, schlechter als Heiden und Kumanen!« schrie eine mächtige Stimme. »Verrat! Er hat gelobt, mir den besten Weg zu zeigen, – – Hunde!« »Wird auch Wort für Wort gehalten, in die Rosen sollst du gebettet werden, Rosenknecht!« keuchte der andere. »Speere vor! Drängt ihn hinaus! So – willst du gehen? So – noch einen Schritt! Jetzt halt! Mit dem nächsten Schritt liegst du drunten in den Felsen.« Wutschnaubend stand der Getreue des Herrn Zawisch auf dem Steine. Hinter ihm gähnte die Tiefe, vor ihm aus der Fensterhöhle starrten fünf blinkende Speere. »Hände vorstrecken und nicht rühren!« rief es von innen heraus. Knirschend hielt der Gefangene die gefesselten Hände hin, ein Krug, ein Messerlein und ein Laib Brot wurden an seine Füße geschoben, eine Lanzenspitze senkte sich zwischen seine Gelenke, zog sich blitzschnell zurück – krachend flog die Türe zu, die zerschnittenen Riemen fielen auf den Stein – – und mit den Fäusten schlug Burkhard gegen die Eichenbohlen. – – – Lachen und dumpfes Dröhnen der Schritte kam aus der Tiefe des Turmes, ward leiser und leiser und verklang in der Ferne. – Schweigend saß der Alte und hielt sich fest am Steine, und seine Augen waren geschlossen. Schweigend stand Burkhard mit gekreuzten Armen und starrte hinaus über die Wälder und Dörfer und Städte, hinein ins weite Böhmen. Unter dem Dache piepsten die gelben Schnäbel, immer kecker wurde die Schwalbe, immer näher schoß sie vorüber. Gleich Standbildern waren die Ausgesetzten anzusehen – da überwand der Vogel die Furcht, schwang sich auf den Nestrand und atzte seine Jungen. * * * »Warum stehst du nicht, Krämer?« begann Burkhard mit bebender Stimme. »Komm, gieb mir die Hand – steh auf! Laß uns ein Paternoster beten – und dann, kurz bedacht, hinunter in die Felsen!« »Ich kann nicht stehen, ich habe das Zittern,« flüsterte der Alte. »Du armer Tropf!« sagte Burkhard. »Habt Ihr keine Angst, könnt Ihr hinunterschauen?« »Ich? Kennst du den Dachfirst auf dem Krummenauer Palas? Ich denke, der hat eine tüchtige Höhe. Siehe, über den laufe ich heute noch wie vor Zeiten als wilder Bub'.« »Wollt Ihr mir behilflich sein? Ich möchte mich wenden, damit ich nicht immer die Augen schließen muß,« sagte der alte Mann. »Auf!« rief Burkhard, trat mit einem Beine auf den Stein hinter den Alten, griff ihm unter die Achseln, lehnte sich mit aller Kraft rückwärts und zog den Zitternden empor, stellte ihn auf die Füße, wandte ihn sorgsam um, griff nochmals unter seine Arme, befahl ihm, die Beine zu spreiten, lieh ihn langsam nieder und trat an seinen Ort zurück. So saß nun der Lyoner rittlings mit dem Angesichte gegen die Türe gewendet, hielt sich an den Kanten des Steines, hob die dunkeln Augen zu Burkhard empor und sagte: »Gott vergelt's Euch, das tut wohl!« Der stand mit verzerrtem Antlitze und geballten Fäusten, zerbiß seine Unterlippe und spie von Zeit zu Zeit das Blut von sich. »Ich merk's,« grollte er, »Gott vergilt mir's jetzt schon – dir auch!« »O Herr,« bat der Krämer, »lästert den Heiligen nicht, von dem alles Gute kommt, der auch das Böse zuläßt eine gemessene Zeit und die Menschen hinstellt, wo er will!« »Müssen aber nicht stehen bleiben,« murrte der andere und lehnte sich an die Türe, kratzte an den granitenen Mauern und spähte mit rollenden Augen in die Tiefe. »Von diesem Steine führt ein gar kurzer Weg zu Tal!« »Seid Ihr schon in vielen Schlachten gewesen?« »Was weißt du von Schlachten, Krämer? Ich war in manchem heißen Kampfe!« »Habt Ihr schon einmal in solch einem heißen Kampfe Euer Roß zur Flucht gewendet?« »Daß mich mein Patron verlassen und Gott verdammt hätte!« »Und jetzt?« fragte der Greis. Der Recke schwieg und kratzte am Granit – »Lieber wollte ich allein reiten gegen hundert, als daß ich da heroben stünde,« brachte er endlich hervor; »da heroben ist's grausig. Und sie wollen's ja selber; daß wir hinunterspringen, die meineidigen Hunde!« »Wißt Ihr, ob auch Gott es will?« »Was soll ich da wissen? Du aber weißt auch nicht, daß uns jetzt niemand mehr helfen kann. Schreien darfst du und wenn du zu schreien vermöchtest mit der Stimme einer Posaune, immer wären's nur ihre Knechte, die dich hören.« »Alles weiß ich,« sagte der Alte, »und ich weiß auch, daß Ihr aushalten werdet.« »Woher?« kam's trotzig zurück. »Weil ein alter Mann neben Euch aushalten will,« vollendete der Krämer mit großem Ernste. – »Alles weiß ich,« fuhr er fort, »wir werden sitzen vom Morgen bis zum Abende und vom Abende bis zum Morgen, die Sonne wird auf uns brennen, der Tau wird auf uns fallen, die Zunge wird uns am Gaumen kleben – –« »O, sie haben uns ja den Krug hingestellt!« rief Burkhard dazwischen, hob den Fuß, stieß an das Gefäß und stieß es hinab in die Tiefe. »Das Wasser wird meine Qual verlängern, ich weiß auch dieses,« sagte der Greis ruhig und nahm ein Schlücklein aus seinem Kruge. »Ihr hättet es nicht verschütten sollen, das war ein Unrecht.« »Wäre es nur Feuer gewesen, daß ich's hätte werfen können auf ihre Dächer!« grollte Burkhard. »Verdorren wird uns die Zunge, und der Schlaf wird uns anrennen,« fuhr der Greis fort. »Wir werden kämpfen müssen, Herr Burkhard, und Ihr werdet auch tapfer kämpfen in diesem Streite, ich kenne Euch darauf. Aber der Kampf wird nicht lange währen – wir werden schwanken und träumen und erschrocken emporfahren, und wieder werden uns die Lider zufallen – und dann kommt die Erlösung.« * * * Die Sonne leuchtete hoch am Himmel, und die Steinwand warf ihre heißen Strahlen zurück. Aufrecht stand Burkhard, auf seinem Sitze hing der Krämer. Tief unten zog sich in vielen Krümmungen gleich einem glänzendweißen Bande der schmale, schattenlose Reitweg zur Burg empor. Ein Knabe und ein Mägdlein kamen vom Dorf her; der Knabe trug einen Korb und schritt rüstig vorwärts, das Mägdlein pflückte Blumen am Wege und, selbst wie ein wandelndes Blümlein anzuschauen, nickte sein rotes Kopftuch bald da, bald dort zwischen den grauschwarzen Felstrümmern. Vor dem äußersten Tore der Burg blieb der Knabe stehen, setzte den Korb auf die Erde, rief das Schwesterlein zu sich heran und deutete mit der kleinen Hand auf die zwei Menschen, die unter dem Dache des Bergfrieds klebten. Lange standen die Kinder und sprachen eifrig miteinander. Dann hob der Knabe den Korb auf, nahm das Mägdlein an der Hand und stapfte mit ihm unters Tor. – – – Im Dorfe erklang die Mittagsglocke. Trotzig schlug Burkhard das Kreuz und fuhr mit der Hand über die heiße Stirne. »Wollt Ihr mich halten, daß ich einen Bissen Brot zu mir nehme?« bat Hubald. Schweigend ließ sich Burkhard nieder, setzte sich rittlings auf seinen Stein und stützte den Greis. »Noch eine kurze Weile, dann steht die Sonne hinterm Dache, und wir sitzen im Schatten,« sagte er. »Dem Herrn sei Dank; die Hitze war groß!« antwortete der Krämer und netzte die Lippen mit dem Wasser. »Trinkt!« fuhr er fort. »Nein, ich danke dir,« sagte Burkhard. »Dazu kann mich niemand zwingen. Ich weiß nicht, wie du zu essen vermagst!« »Ich bin mein Leben lang auf solchem Steine gesessen, habe still gehalten und habe Frieden gehabt. Ich habe auch jetzt Frieden,« antwortete der Greis. »Stille gehalten,« murmelte Burkhard, »stille gehalten habe ich niemals.« * * * Der Abend kam heran. Goldglanz der untergehenden Sonne legte sich auf das Land da draußen und auf die schwarzgrünen Wipfel der Fichten und auf die hellgrün leuchtenden Buchen da drunten ringsumher – es war große Stille allenthalben, nur eine Wildtaube gurrte in der Ferne, nur ein paar Amseln schluchzten traumverloren im Schatten des Bergwaldes, und weithin über die Halde und über das Dorf im Grunde warfen Palas und Bergfried ihre riesigen Schatten. »Krämer,« begann Burkhard, »die Leute sagen, du könnest die Menschen verzaubern, das; sie deinen Willen tun, ob sie mögen oder nicht. Ich weiß nicht, warum stehe ich denn ohne Hoffnung vom Morgen bis zum Abend? – Ich meine fast, auch mir hast du es angetan.« »Da sei Gott vor!« erwiderte der alte Mann, hob das Haupt und heftete die dunkeln Augen auf den Recken. »Das lügen die törichten Leute. Ich sage den Menschen, was Gottes Wille ist, und die da Ohren haben, zu hören, die tun danach. Sie wollen selber, wie auch Ihr heute gewollt habt, Herr.« »Und doch weiß ich nicht, ob ich die grausige Nacht noch aushalte,« sagte Burkhard. »Ihr haltet aus,« versetzte der Lyoner. »Mich dünkt, wir haben einen mächtigen Schutzherrn; der wird uns dienende Geister schicken, und sie werden uns heben und in die Freiheit tragen!« »Eia, bete doch; das wollte ich auch gerne erleben!« »Ich meine die ewige Freiheit; die wird er uns schenken, wenn wir ausharren, und wird uns im Schlafe das Heil schicken,« sagte der Greis mit klarer Stimme, und seine Augen leuchteten. Und nach kurzer Zeit begann er zu singen, erst leise, dann immer lauter und lauter, daß es weithin klang: Halte fein stille in deiner Bedrängnis, Blicke nach oben aus deinem Gefängnis, Laß dich dein Elend nicht drücken – Stille, Gott will dich beglücken! Freilich tut's wehe im Herzen zu tiefest, Weil er die Hilfe, um die du ihn riefest, Wollte noch immer nicht schicken – Stille, Gott will dich beglücken! Nächtliche Tränen, nagender Jammer, Satansbesuche in finsterer Kammer: Laß dich von ihm nicht berücken – Stille, Gott will dich beglücken! Gott der Allvater, der die Millionen Vor dir geführt durch all die Äonen, Wendet dir nimmer den Rücken – Stille, Gott will dich beglücken! Schäme dich, tritt es zu Boden, das Zagen, Gott will dich heben, mit Freundlichkeit tragen – Will dich im Leiden beglücken, Will mit der Krone dich schmücken! * * * Lange war der letzte Ton vom Liede verklungen. Noch immer regte sich Burkhard nicht. Dann sagte er: »Hast du das Lied heute zum erstenmal gesungen?« »Nicht zum erstenmal, aber wohl zum letztenmal,« erwiderte der alte Mann mit freundlichem Lächeln. »Ich habe seiner oft bedurft in meinem langen Leben – und dieses mein Leben ist gar oft heißer gewesen als der Stein da heute unter tags.« * * * Die Nacht breitete sich aus, die Sterne traten hervor, einer nach dem andern. Warm und wohlig war die Luft. Die Vöglein des Tages schliefen, das Getier der Finsternis kam aus seinen Löchern, strich geräuschlos am hohen Palas hin, flog schwerfällig hinaus, senkte sich in die schweigenden Wälder. Klagende, langgezogene Rufe ertönten aus unsichtbaren Verstecken. Die Sterne funkelten in ihrer Pracht. Zusammengekauert jaß der Lyoner, vornüber war sein graues Haupt gesunken. Mit festem Griffe hielt ihn Burkhard am Arme, auf daß er sicher zu schlummern vermöchte, und starrte mit weitgeöffneten Augen hinaus in die Nacht und in die Gefahr. – – – Um die Mitternacht fuhr der Greis mit einmal aus und begann vor sich hin zu singen: Ob ringsum Teufel höhnten: Vergessen hat er dich! – So hielt' ich still und flehte: Herr, schütze mich! Ob aus dem eignen Herzen Käm' hundertfaches Nein – Ich hielte still und flehte: Gedenke mein! Und wollte gar erlöschen Mein flackernd Lampenlicht – So hielt' ich still und flehte: Verlaß mich nicht! Wenn alle Tiefen gähnten, Wenn ich am Abgrund hing Und wenn in wilden Stößen Mein Atem ging – Mein letztes Röcheln seufzte Zu dir, mein Herr und Gott: Trag mich auf deinen Armen Durch diese Not! * * * Langsam, tropfenweise rann die Zeit ab. Der Greis war aufs neue zusammengesunken, stöhnte im Traume und murmelte unverständliche Worte, hob den freien Arm in die Luft, fuhr zitternd empor, sank wieder zusammen und schlummerte weiter. * * * Ein Windhauch kam heran, zog seufzend über die Wälder und erstarb in der Ferne. * * * Die Hähne im Dorfe krähten. Der Wächter auf dem Torturme der Burg sang dem Morgen entgegen. Die Sonne stieg empor, der Tag trat seinen Gang an über die Erde. Der Tag wuchs hinein in den heißen Mittag, senkte sich nieder zum schwülen Abend. Und noch immer klebten die Gefangenen auf ihren Steinen: der eine stand fest und schaute hinaus mit brennenden Augen, der andere saß in sich zusammengesunken, müde und matt, als könnte ihn der Lufthauch des Abends in die Felsen wehen. * * * Wieder kam die Nacht und brachte dem einen bleischweren Schlummer, dem andern einsames Wachen und einsame Gedanken. Schwere Wolken zogen heran, drückend war die Luft. Im Osten flammten die Blitze eines fernen Gewitters. Fürchterliche Stille lag über den ungeheuern Wäldern. Dichter und dichter ballten sich die Wolken, die Sterne erloschen. Leise begann der Donner zu grollen. – Das Grollen kam näher, ward lauter, stieg höher – – – pfeifend sauste der Wind heran, lief über die Ziegeldächer, fuhr in die Wälder und wühlte sie auf. – Die Blitze zuckten, in Flammen schien die Burg zu stehen, ward jählings verschlungen von schwarzer Nacht, flammte wieder auf, und der Donner brüllte, der Sturm heulte, die Wälder rauschten. »Freund, halte dich fest! So – so!« schrie Burkhard. »Bist du's?« lallte der Greis und schwankte. »Ich, Burkhard, bin's!« schrie der Recke mit heiserer Stimme. »Wach auf!« Wieder lallte der Greis, fuhr in die Höhe und lieh sich schwer auf die Seite fallen. »Ihr Heiligen,« schrie Burkhard, »noch einmal, und ich kann ihn nimmer halten – –!« Die Blitze zuckten, der Sturm tobte, in Strömen ergoß sich der Regen auf Palas und Türme und Dächer. * * * Der Tag dämmerte heran. Grau war der Himmel. Aus den Wäldern stieg ein berauschender Duft. Die Steine waren leer, und aus dem Grüblein trank die Schwalbe wie ehegestern. Es war ein wenig Wasser darinnen stehen geblieben vom Regen der Nacht. Drahomir Mehr als zwei Jahre waren vergangen. Im Zwielichte des scheidenden Wintertages dehnte sich ein weites, ödes Tal. Grau schimmerte der alte Schnee, trübselige Weidenstrünke standen am gefrorenen Flüßlein, mit Geschrei flogen Raben über die Felder, sammelten sich im kahlen Geäste eines einsamen Birnbaumes, krächzten, hoben sich wieder von dannen und strebten zu den schwarzbewaldeten, niederen Hügeln. Als wäre es ausgestorben, lag nahe dem Ufer des Flusses ein kleines, eirundes Slavendorf im Kranze seiner Palissaden. Gleich einer schläferig glotzenden Herde standen die niederen Hütten rings um den großen, freien Platz und stierten auf seine gefrorene Pfütze. Von den hohen, steilen Dächern war der Schnee zumeist herabgerutscht; flächenweise, graubraun schaute das moosbedeckte Stroh hervor. Kerzengerade stiegen die seinen Rauchsäulen aus den Feuerstätten in die naßkalte Luft. Da und dort kam roter Lichtschimmer aus einer Ladenritze. Da und dort quollen die schwermütigen Klänge eines Slavenliedes, die langgezogenen Töne der Geige aus einer Hütte. Ein Rind brüllte dumpf auf im wohlverwahrten Stalle – eine feiste Katze schlich sorgsam und bedächtig durch den schmelzenden Schnee – – über den Waldhügeln webten und brausten die Nebel. Abseits vom Flüßchen, einen guten Pfeilschuß vom Dorfe entfernt, dehnte sich inmitten verschneiter Sümpfe die gefrorene Fläche eines großen Weihers, und auf einer kreisrunden Insel dieses Weihers hoben sich, umgürtet von einem Erdwalle und starken, dunkeln Palissaden, die Strohdächer und die plumpen Türme einer alten slavischen Holzburg empor. Vom schmutzigen, tiefausgefahrenen Wege führte eine lange, schmale Brücke über den Weiher auf die Insel und mündete in einen dicken, kurzen Torturm. Das Tor stand offen, der Wächter lehnte am Geländer der Holzbrücke und sah den Herrenkindern zu, die sich glitschend tummelten auf dem brüchigen Eise. * * * Unter dem Vordache des Wohnhauses hingen in Bündeln die roten Vogelbeeren, und über der Türe blinkten kleine, zauberkräftige Hufeisen im letzten Abenddämmerlichte. – In der großen, niedrigen Herrenstube loderte das Kaminfeuer. Über dem Lichtherdlein an der Längswand brannten leise knisternd die harzigen Leuchtspäne, ihr qualmender Rauch zog sich wirbelnd in das schwarze Loch der Balkendecke, von Zeit zu Zeit fielen die glühenden Kohlenstückchen in das Wasserbecken, zischten ein wenig und erloschen. Ganz gedämpft drang aus der Ferne her durch die festgeschlossenen Läden der Jubel der spielenden Kinder. – Es waren nur zwei Menschen in dem düsteren Gemache: nahe am Kamine saß in tiefem Lehnstuhle, in Pelz gehüllt, zusammengekauert eine Greisin, und vor ihr saß auf niederem Schemel die schlanke Boschena, die einst Gürtelmagd gewesen war bei Frau Kunigunde, der Königin von Böhmen. »Ihr habt gut geschlafen, Ahne?« fragte das Mädchen, und gleich einem Liede flössen die Worte ihrer Muttersprache von den purpurnen Lippen. Die Ahne murmelte eine unverständliche Antwort und spielte mit ihren Fingern. Dann hob sie das Haupt, ließ die kohlschwarzen, tiefliegenden Augen über die gedeckten Tische schweifen und lauschte. »Sie spielen noch immer auf dem Eise?« kam's wie leises Grollen aus ihrem Munde. »Es muß ja schon spät am Tage sein?« »Zwischen Lichten ist's, Ahne. Soll ich die Knaben rufen?« sagte Boschena und erhob sich. »Ihr habt ein scharfes Gehör!« »Augen und Ohren sind gut bei der alten Drahomir, aber die Füße, Kind, die Füße –!« antwortete die Greisin. »Und der Schlaf, der Schlaf!« fügte sie hinzu und schüttelte das weißhaarige Haupt. »Bleibe, Kind, laß die Buben spielen, bleibe bei mir!« Boschena setzte sich gehorsam auf den Schemel und schaute zur Ahne hinauf. »Der Schlaf, Kind,« sagte diese, »der Schlaf ist ein Kobold: will man ihn nicht, dann kommt er; will man ihn, dann kommt er gewiß nicht. Die langen, langen Nächte! Kind, du weißt nicht, was alte Menschen leiden müssen. Und die Wölfe stören mich so sehr. Ich muß es deinen Brüdern sagen! Die Knechte sollen Gruben ausheben am Waldrande und sollen das Aas richtig legen. Die Wölfe heulen ja hart am Weiher jede Nacht. Sie stören mich, die Wölfe; ich bin eine alte Frau und bedarf des Schlafes.« »Sicherlich werden die Brüder alles tun, Ahne,« sagte Boschena und legte das Haupt in den Schoß der Greisin. »Wer täte Euch nicht alles zuliebe – vom Vater bis zum letzten Knechte?« »Weiß es, weiß es,« nickte die Ahne; »das haben die verfluchten Fremdlinge unserm Volke noch nicht rauben können – bei uns ehren die Jungen noch immer die, so alt und grau geworden sind.« »Laßt die andern, Ahne; denket nicht an sie, Ahne! Die bringen Euer Blut ins Wallen, und dann flieht Euch der Schlaf. Laßt die andern!« bat Boschena mit schmeichelnder Stimme. »Lassen?« grollte die alte Frau, und ihre Augen funkelten. »Wie kann ich sie lassen? Lassen sie ja auch uns nicht, Tag und Nacht nicht! Aber ich weiß, du bist auch eine von denen, die hinüber und herüber halten.« »Ahne!« fuhr Boschena auf. »Schweig, armes Kind!« sagte Frau Drahomir. »Sie haben dich betört wie tausend und tausend andere aus unserm Volke.« »Sie haben mich nicht betört, ich hasse sie!« rief Boschena und warf das dunkle Köpflein zurück. »Recht so, recht so, war auch mein Ernst nicht,« nickte die Greisin; »so bist du schön, so erfreust du mein Herz, recht so!« Und sie betrachtete unverwandt die leidenschaftlichen Züge ihrer Enkelin. Boschena erhob sich, trat zum Kamine, ergriff den Eisenhaken und stieß ihn unter die brennenden Klötze, daß die Funken prasselnd emporfuhren. »Boschena, Täubchen, setze dich, setze dich!« sagte die Greisin. Boschena kam und setzte sich auf den Schemel. »Warum wohl der Vater die Streitaxt vor sich her in die Runde geschickt hat? Warum sie wohl auf heute angesagt sind?« flüsterte Frau Drahomir. »Wie kann ich's wissen?« lautete die Antwort. »Geheimnisvolle Dinge gehen durch die Luft,« fuhr die Ahne fort. »Warum haben sie den Vater in der Nacht nach Eger gerufen?« »Wie kann ich's wissen?« wiederholte Boschena und hob die Augenlider kaum. »Mir hat geträumt, Boschena,« flüsterte die Alte und beugte sich vor, »ein schöner, goldig-schöner Traum hat mir geträumt, Kindchen: Ich bin am schwarzen Felsen gestanden und habe hineingeschaut durch den Spalt um Mitternacht. Täubchen, ich habe den Schmied gesehen! Täubchen, er stand an seinem Feuer, und der Feuerschein huschte über den Harnasch – ganz blutrot war der Harnasch, Täubchen. Wie bin ich erschrocken in Freude! Sie ist beinahe fertig, Täubchen, die Rüstung, und er hebt gerade den Arm zum letzten Schlage – hörst du, Täubchen Boschena?« Boschena seufzte. »Du glaubst mir nicht,« flüsterte Frau Drahomir; »ich weiß, ich weiß. Aber ich irre mich nicht, die Augen sind helle, und das Gehör ist scharf, ich irre mich nicht. Der Schmied holt aus zum letzten Schlage. Dann tut sich der Blanikberg auf – hörst du, Boschena, Täubchen?« »Ich höre, Ahne.« »Der Blanikberg, Kindchen!« fuhr die Greisin fort und strich kosend über das blauschwarze Haar ihrer Enkelin. »Da sitzen sie, Täubchen, und schlafen, und die weißen Rosse stehen gesattelt in den goldenen Ställen weit hinten im Berge, sie aber schlafen, und mitten unter seinen Rittern schläft Er –.« Die Ahne hielt inne, bekreuzigte sich und murmelte unhörbare Worte. – »Der heilige Wenzel!« sagte sie mit fliegendem Atem. »Ist's an der Zeit? Ist's an der Zeit? Ja, er tut gleich, gleich den letzten Schlag, der Schmied hinter Budweis. Zeit ist's, Täubchen, der Berg will sich öffnen, aufstehen wird Er, wird die Fahne mit dem schwarzen Adler nehmen in die Hand und wird reiten ins Feld über Bach und Strom.« – – – »Hast du sie gesehen, die Verfluchten?« rief Frau Drahomir. »Er reitet heran und bläst sie in den Wind, wie man die Spreu bläst von der flachen Hand. – Er steckt das Schwert ein und reitet zurück in den Berg zum ewigen Schlafe. – Das glaubst du doch?« »Ich will's glauben, Ahne.« »Du mußt!« grollte Frau Drahomir und hob ihre funkelnden Augen zur schwarzen Balkendecke. »Glauben mußt du, glauben, Täubchen! – – Aber mich friert, Kindchen; es ist naßkalt Wetter draußen.« »Das Buschweibchen kocht auf den Hügeln, der Schnee schmilzt,« sagte Boschena, erhob sich, warf einen starken Klotz in die Glut und lauschte. »Sie kommen, ich höre die Rosse über die Brücke poltern.« »Ich auch, ich auch,« nickte die Greisin. »Will die Ahne in der Halle bleiben oder sollen wir Euch in die Kammer tragen?« »Eia, was meinst du, Täubchen? Bleiben will ich, die Jungen will ich sehen, will sehen, wie sie schmausen, will hören, was sie sagen. Bleiben will ich, Täubchen. Lange nicht müde zum Schlafengehen! – – Da sind sie – hörst du? Da trappeln sie im Schnee. Küsse mich, Kindchen, so, so –! Nicht zagen, sondern glauben, Täubchen! Drahomir glaubt mit allen Kräften ihres alten Herzens. – – Boschena, geh dem Vater entgegen und den Gästen – eile doch!« * * * Sie sprangen von den Rossen, warfen ihre Pelze den Knechten zu, traten mit Geklirre in die Halle. Sie verneigten sich vor der Ahne im Lehnstuhle, und wie eine Fürstin nahm diese ihre Huldigungen entgegen, lächelte den meisten freundlich zu und bot den Vornehmsten ihres Volkes die schmale, magere Hand zum Kusse. Dann ließen sich die Herren nieder an den plumpen Tischen und schmausten, und lächelnd saß die Greisin in ihrem Stuhle, musterte die grauhaarigen Männer und die schwarzlockigen Jünglinge und lauschte auf die kurzen Rufe, die von Tisch zu Tisch flogen. »Boschena!« »Ahne?« »Boschena,« sagte sie flüsternd, »den allerbesten Wein!« »Die Knechte wissen's.« »Den von Anno dreiundsechzig!« »Er steht bereit.« * * * Der Burgherr trat zur Ahnfrau, beugte das Knie und reichte ihr den goldenen Becher, daß sie den ersten Trunk nähme. Und die Greisin ergriff den Becher mit zitternden Händen und ließ die Blicke schweifen über die Tische. Lautlos saßen die Herren ringsumher. Die Ahnfrau aber raunte über dem funkelnden Weine: Wo ist wohl die Sonne von gestern? Gesunken ist sie am Abend, Gesunken ins Meer – Ins Meer – – In die Nacht. Wo sind wohl die Blätter von gestern? Gefallen sind sie im Reife, In den Boden gedrückt – – Von den Wölfen – – Zertreten. Wo ist wohl die Hoffnung von gestern? Wie ein Lichtlein ist sie erloschen – Wie ein Blättlein zertreten – – In die Meerflut Gesunken. Aber die Männer, sag an – Die Männer von gestern – – Die Helden? O weh! Die sanken zumal mit der Hoffnung. O weh! Die sanken zumal mit der Sonne. O weh! Die liegen Wohl unter den Blättern – Von der Wolfbrut – ? Zertreten. Ein Murren ging durch den Saal. Finster starrten die Alten und die Jungen in ihre Becher. Mit abgewandtem Antlitze stand der Burgherr neben der Ahne. Diese aber legte die Linke ans Ohr, schaute von Tisch zu Tisch mit ihren funkelnden Augen und sprach singend: Eia, was hör' ich? Eia, es wehet, Eia, es brauset Ein Wind übers Land! Windhauch des Morgens, Ruf mir die Sonne – Nächtlicher Sturmwind, Wecke den Lenz! Wecke die Blätter Am kahlen Geäste, Wecke die Helden Im Lande des Tschech – Breite die Flügel, Trage in Eile, Trage die Hoffnung, Die Hoffnung Zurück! Sie umspannte ihn fest mit den knochigen Fingern, den goldenen Becher, sie hob ihn hoch empor und rief: Den Söhnen des Tschech Das herrliche Land – Und den Wölfen das Elend Und der Wolfbrut den Fluch! »Den Fluch! Den Fluch!« schrien sie ringsumher, sprangen auf, drängten sich heran zu der Ahne und stießen ihre Becher an den uralten, goldenen Becher, daß es klirrte, daß der feurige Wein in ihren Schoß sprühte. »Ahne,« rief einer aus der Schar der Männer, »nicht alles in Euerm Liede hat uns gefallen!« »Mir auch nicht,« sagte die Greisin mit spöttischem Lächeln. »Gerade deshalb habe ich's geraunt, Kinderchen.« »Ihr solltet uns loben, hört Ihr, Ahne?« rief ein Greis aus der Ecke des Saales. »Loben?« fragte die Greisin, schüttelte das Haupt und gab dem Burgherrn den goldenen Becher zurück. »Loben? Weil ihr reitet auf verschneiten Wegen, weil ihr da einkehrt und dort einkehrt, euch die Hände drückt und dahin horcht und dorthin horcht und die Fäuste ballt in euern vier Pfählen?« »Die Ahne weiß viel, aber sie weiß nicht alles, und zuweilen irrt sie sich,« sagte der Greis Sezima. Mit trockenem Lachen antwortete Frau Drahomir: »Der Sperber geriet in die Fänge des Adlers und gab die Hoffnung auf; als er dann gegen seine Hoffnung dennoch entwischte, da sagte er: ›Ich habe mich sehr gerne geirrt.‹« Jetzt stand Sezima von Kraschow auf und sprach: »Sind wir müßig gelegen alle die Jahre her? Fast könnte man's glauben, wenn die Herrin Drahomir nur den Mund auftut. Aber glaubet es nicht, ihr Vertrauten! Sie, die für unseres Volkes Wohl sich verzehrt in Glut, die uns anstachelt mit jedem Worte – sie glaubt das selber nicht, ihr Herren, ihr Schupane, ihr Ritter allesamt –« Beifallrufe unterbrachen den Redner. Die Ahne aber lehnte sich zurück, faltete die Hände im Schoße, senkte die Lider und lauschte. »Nein,« rief Herr Sezima, »wir sind nicht müßig gewesen! Nein, Frau Drahomir, die Männer sind noch nicht ausgestorben im Lande des Tschech! Sie haben gelitten und klaglos geblutet für ihr Volk und werden mit Freuden bluten zu jeder Zeit. Oder täusche ich mich?« Gellende Rufe unterbrachen den Redner. »Wir sind im Unglücke,« rief der Greis, »aber wir stehen aufrecht im Unglücke. Die Heiligen haben uns ein wenig verlassen –« »Ein wenig!« Die Ahne lachte höhnisch. »– aber sie wenden uns das Antlitz wieder freundlich zu,« sagte Herr Sezima mit Nachdruck. »Haben wir das Unglück verschuldet? Ich denke, es ist gekommen, wie die Gewitter kommen oder wie die Pest heranschleicht. – Es war ein König, der öffnete der Pest die Tore –« »König Ottokar!« riefen sie da und dort. »– aber die Pest fraß den König. – Wir begehrten sein Kind für uns; denn wir wollten einen Tschechen zum Könige und keinen Zwitter. Andere waren vorhanden, die wünschten, einen Deutschen zu machen aus dem letzten Enkel der Libuscha. Der Kampf entbrannte. Unsere Feinde waren mächtig und einig, wir waren zerrissen und schwach; unsere falschen Freunde plünderten das Land aus –« »Der Markgraf!« riefen sie da und dort mit grimmigen Gebärden. »– und verrieten uns. Der eine aber, der gefährlicher ist als alle anderen zusammen, der wurde Herr im Hause des Königs und Herr im Lande.« »Der Zawisch! Fluch dem Zawisch!« riefen sie und sprangen empor. »Haben wir da die Hände in den Schoß gelegt, Ahne?« fragte Herr Sezima. »Ihr habt gekämpft!« kam die Antwort langsam von den Lippen der Greisin. »Ja, wir haben gekämpft und haben geblutet und sind erdrückt worden von der Übermacht,« fuhr Herr Sezima fort. »Erdrückt? Nein, ihr Freunde, verdrängt, sonst nichts! Der König zog ein in die Burg seiner Väter. Wo aber waren wir, die Kinder des Tschech? Zerstreut in alle vier Winde! Die fremde Rotte machte sich breit, in alle Ämter setzte der Zawisch seine Gesippten, das ganze Land beugte sich unter seinem Stirnrunzeln – er war der König in Böhmen und streckte die Hand nach der Krone aus. – – Königin Kunigunde starb eines plötzlichen Todes. Ein Strahl der Hoffnung leuchtete bis in die letzte Slavenburg. Wer die Waffen tragen konnte, der griff zu den Waffen. In Böhmen und in Mähren erscholl der Ruf: ›Fort mit Zawisch!‹ Auf allen Straßen sangen sie, was Frau Drahomir einst gesungen hatte zu guter Stunde in der Halle vor den Männern ihres Volkes: »Den Söhnen des Tschech – « Brausend erhob sich der Gesang und übertönte Sezimas Stimme. Den Söhnen des Tschech Das herrliche Land – Und den Wölfen das Elend Und der Wolfbrut den Fluch! »Es war vergeblich,« rief Sezima. »Viel Blut floß und ist heute noch ungerochen: Meine Zunge bäumt sich und will den Namen nicht nennen – aber ich muß ihn nennen – Pilsen! Pilsen! – ? Das Wort brennt mir auf den Lippen, und wo ich Freunde sehe, da muß ich schreien: Rache für Pilsen!« Totenstille war's, und die Schatten von Pilsen zogen durch die Herrenstube. »Damals,« fuhr der Greis fort, »kam ich mit Wunden bedeckt auf der Flucht in dieses Haus. – ›Alles ist verloren!‹ sagte ich und kauerte mich in jene Ecke und stierte vor mich hin und fürchtete mich auf ein hartes Wort von Frau Drahomir, die in ihrem Stuhle saß. Sie aber murrte: ›Nichts ist verloren!‹ – ›Er herrscht, und wir liegen auf dem Boden‹, klagte ich. – ›Was schnell emporwächst, das vergeht schnell,‹ antwortete sie; ›gestern war ein Ungewitter, heute nacht schoß der Schwamm in die Höhe – komm wieder in etlichen Tagen – wo ist der Schwamm?‹ – – O, sie kann nicht nur schelten, die Frau mit dem unauslöschlichen Feuer, sie kann auch sanft und linde trösten! So hat sie mich damals getröstet, so hat sie einen Verzweifelnden aufgerichtet – und heute stehe ich hier, Freunde, Herren, Schupane, Ritter, und sage: Recht hat sie gehabt.« – Herr Sezima hielt inne. Dann fuhr er fort: »Niemals vergessen wir Männer, was wir den Frauen schulden, die uns geboren, nicht nur geboren, die uns erzogen haben im Geiste der Alten – Heil ihnen!« »Heil! Heil!« riefen die Herren und Ritter. »Und Heil den Jungfrauen, die da glühen für unser Volk, die Kette der Dienstbarkeit tragen und in der Stille wirken und die Wege ebnen da und dort – Heil ihnen! Was wären wir ohne diese rastlosen Helferinnen im Streite?« Tosender Jubel erschütterte die Luft. Tief verneigte sich Sezima nach der Richtung, wo Boschena saß auf ihrem Schemel mit halbgeschlossenen Lidern, mit unbewegtem Angesichte. »Heil allen, die an der Rettung gearbeitet haben!« rief der Greis. » Ehe der Frühling ins Land kommt, ist der Zawisch Regent gewesen, Frau Drahomir .« Hochauf horchten die Herren ringsumher. Die Ahne aber sagte kurz: »Hat er Euch das selber zu wissen getan?« Sezima schwieg und trommelte leise mit der Rechten auf dem Tische. Der Burgherr aber antwortete statt seiner: »Verlaßt Euch darauf, Ahne, wir haben's ehegestern zu Eger mit Gewißheit erfahren!« Drahomir hatte sich aufgerichtet. Heftig pochte die Schlagader an ihrem Halse, weit geöffnet waren ihre Augen, krampfhaft krallten sich ihre Finger in den Pelz auf ihren Knieen. »Seid ihr allwissend, oder haben euch die Witigonen in ihre Einung aufgenommen?« rief sie. »Wir haben's auf natürliche Weise gehört, und als wir's gehört hatten, da sandten wir die Axt vor uns her in die Runde und entboten die Wissenden auf diesen Abend in mein Haus,« sagte der Burgherr. »So sprich, sprich!« »Im Frühjahr zieht des römischen Rudolfs Tochter auf den Hradschin,« antwortete jetzt der greise Sezima, »und ehe sie einzieht, muß der Zawisch weichen.« Höhnisch lachte die Ahne. »Muß? Wann hat der Zawisch nach dem Willen eines andern gefragt?« » Der Zawisch hat schon vor vierzehn Tagen von seinem Könige den Urlaub geholt ,« sagte der Burgherr und ging langsam zu seinem Sessel. Wilde Rufe brachen aus der Versammlung. Frau Drahomir aber versuchte zitternd, sich zu erheben, und sank kraftlos zurück. »Ruhe! Ruhe!« hieß es von allen Seiten, und es ward totenstille. Mit verzerrtem Antlitze rief die Greisin: »Erzählet ihr Märlein, weil der Abend lang ist? Ich weiß ältere Märlein, höret ihr? – Wer hat's euch verraten?« »Nun ist die Reihe an Euch, Herr Pater,« sagte Sezima, verneigte sich vor der Versammlung und setzte sich. Ein freundliches Lächeln huschte über die runzeligen Züge der Greisin, und fast unmerklich nickte sie dem neuen Redner entgegen. Der sprang empor, wiegte die kleine, schlanke Gestalt hin und her, setzte an, brach ab, suchte das richtige Wort, und nun floß die Rede wie ein Sturzbach von seinen schmalen Lippen: »Wir sind allein, Freunde; wehe, wenn ein Verräter unter uns wäre! Aber ich sehe ringsumher, ich kenne alle diese Gesichter – es ist kein fremdes unter ihnen. Herr Sezima hat gesprochen von unsern Kämpfen, er hat gesagt, daß wir an der Arbeit seien Tag und Nacht – er hat die Wahrheit gesagt. – Und ich denke, wir haben das Unglück fast schon gewendet. Die alte Zeit war böse, und sie wurde böser und böser, als wir den einen nicht mehr hatten, den einen, der zur Unzeit starb, – Peter, den Kanzler. Es ist Torheit, zu klagen. Laßt die Toten ruhen! – Aber je böser die Zeit wurde, desto klarer wurde es den Alten und den Jungen: Was vermögen viele, die auch mit Ernst ein Ziel verfolgen, – wenn der eine, der Führer, fehlt? Denn immer ist's zuletzt nur einer, der sein Volk zum Ziele führen kann, und der eine muß am richtigen Orte stehen, wie einst Peter, der Kanzler, der das Ohr König Ottokars gewonnen hatte. – Darum stemmte man die Schultern gemeinsam an das große Werk und hob einen – einen, von dem die Feinde keine Ahnung haben – an den richtigen Ort. Soll ich den Ort nennen? Ihr kennet ihn! Tschechen und Deutsche in Böhmen schauen mit der gleichen Erwartung an den Hof des römischen Königs, von wannen die junge Königin kommen soll. Die Tschechen waren klüger als die Deutschen – an diesen Ort haben sie ihren Mann gestellt . – Da steht er jetzt, und bald werden die Söhne des Tschech erfahren, ob der richtige Mann am richtigen Orte steht. Ich kenne diesen Mann gar wohl; höret, was ich durch ihn weiß: König Wenzels Brief an den römischen König liegt beim Burggrafen zu Eger; unser Mann hat ihn selber gelesen – der Zawisch geht .« »Warum geht der Zawisch?« rief die Ahne. »Das steht nicht in dem Briefe geschrieben,« antwortete der Pater, »und das weiß kein Mensch.« »Wenn er gegangen ist, dann kann er auch wieder kommen,« sagte Frau Drahomir. »Sicher sind wir dann erst, wenn dieser Mensch vernichtet ist.« »Und wir werden ihn vernichten!« rief der Pater. »Vernichten, den Mann, hinter dem die mächtige Einung steht!« höhnte Frau Drahomir. »Die mächtige Einung!« lachte der Pater und warf das Haupt zurück. »Es rollte ein Felsen vom Berge ins Tal und lag dann mitten im Ackerlande. Niemand konnte den Felsen heben. ›Für alle Zeiten liegt er da!‹ klagten die Leute. Aber sie irrten sich: Es war ein schmaler Riß in dem Gesteine, kaum zu erkennen, aber ein tiefer Riß. Der Herbst kam, die Wasser fielen auf den Felsen und drangen in den Riß, in den schmalen Riß, und der Frost kam, und das Wasser erstarrte zu Eis, und das Eis dehnte sich und sprengte den Felsen, daß er in viele Teile zerbarst. Die Leute kamen, setzten Hebebäume an und schoben die Trümmer aus dem Ackerlande. – Gesegnet sei der Riß und das Wasser und der Frost! – ? Es war unnötig, daß die Leute klagten.« »Ein Riß?« sagte Frau Drahomir und richtete sich in die Höhe. »In dem Felsen war ein Riß,« antwortete der Redner. »Die furchtsamen Leute! – Wäre kein Riß in dem Felsen gewesen, dann hätten sie Löcher bohren müssen und hätten arbeiten müssen an einem Risse mit aller Kunst – ? so aber war der Riß von selber gekommen über Nacht.« »Weiter, weiter!« mahnte die Greisin. »Das Beste sagten sie zuletzt, diese Redner, und lassen ein alte Frau vergehen in Ungeduld!« »Ungeduld?« lächelte der Pater und verneigte sich gegen die Ahnfrau. »Ich glaube, die Leute sollten geduldig warten; der Riß allein tut's nicht.« »Sieht er den Riß deutlich, der – geheimnisvolle Mann?« forschte Frau Drahomir. »Er kann diese Hand legen in den Riß und er kann Keile treiben in den Riß, wenn der Felsen einst morsch geworden ist,« antwortete der Redner. »Und bei Gott, er wird's tun, er wird's tun am Hofe des römischen Königs, und er wird's tun, wenn er im Gefolge der Königin Guta wohnen wird auf dem Hradschin!« »Hilft alles nichts,« sprach Frau Drahomir; »der Zauberer rollt Euch neue Felsen vor die Füße, alle Kräfte der Natur gehorchen ihm.« Wieder warf der Pater das Haupt zurück und sagte: »In der Tiefe arbeiten die Gewässer, und aus der Tiefe brechen die Quellen. Quellen, Bäche und Flüsse rinnen zusammen in den Strom. Wer kann dem Strome widerstehen? In der Tiefe arbeitet die Rache Tag und Nacht, und aus der Tiefe steigen die Schatten alter Verbrechen, Schuld und Rache heften sich an seine Fersen. Wer kann der Vergeltung entlaufen? – Schlafet ruhig, Frau Drahomir! Wenn ihn der Strom verschlingt, dann werden wir Euch wecken lassen. – – – Aber einen Auftrag habe ich noch zu bestellen: Der römische König will unserm Volke wohl und wünscht, daß sich seine Tochter umgebe mit edeln Dienerinnen aus dem Stamme des Tschech –« »Heil! Heil!« riefen sie da und dort. »Er wünscht, daß seine Tochter die Sprache lerne, in der Libuscha und Prschemisl miteinander gekost haben –« Jubelrufe erschütterten die Luft. »– und ich bitte Euch,« schloß der Pater, »entlaßt morgen Euere edle Enkelin Boschena, daß wir sie an den Hof des römischen Königs geleiten! Sie soll der Fürstin Guta – böhmische Lieder lehren.« Der Pater setzte sich. Frau Drahomir aber beugte sich zu ihrer Enkelin, hob ihr Kinn empor, sah ihr lange in die großen, schwarzen Augen und sagte nur die Worte: »Du hast's gewußt?« »Ich hab's gewußt«, flüsterte das Mädchen. Frau Drahomir schüttelte das weiße Haupt. »Seid alle gesegnet! – Ich will mich jetzt schlafen legen. Große Dinge sehe ich kommen, aber ich fasse sie nicht. Wecket mich, wenn der Morgen herannaht! Ich möchte das Licht noch einmal trinken mit meinen alten Augen. Seid alle gesegnet! Traget mich hinauf in meine Kammer!« * * * »Die heißen Steine tun wohl,« sagte Frau Drahomir und dehnte sich behaglich in ihrem Bette. »Aber falsch bist du, Boschena, unsagbar falsch!« Boschena schwieg. »Unsagbar falsch!« wiederholte Frau Drahomir. »Lege mir doch den Pelz um den Kopf. So! – Unsagbar falsch, mein Täubchen, unsagbar falsch! – – – Hätte es aber auch so gemacht. Was heimlich geschehen soll, das dürfen nur wenige wissen. Gott segne dich! – Entbehren werde ich mein Kindchen Boschena; habe mich so sehr an dich gewöhnt. Will's gerne tragen. Gott segne dich! – – Huh, da kommen sie wieder – hörst du sie heulen? Die Knechte müssen das Aas legen. Ich bin eine alte Frau und bedarf der Ruhe.« * * * Die Wölfe heulten um die Slavenburg her in der Winternacht, und in der Halle tranken und schrieen die Söhne des Tschech. Fünftes Buch Im Gewitter Es war um die Mittagstunde. Fahler Schein ruhte auf der Landschaft, hinter einem Dunstflore blinkte der Sonnenball. Schlaff hingen die Blätter an den Zweigen; Gras und Kraut duckte sich unter der Schwüle des Tages. Rauch aus hundert und hundert Kaminen lag über den bleigrauen Schindeldächern der Stadt Prag. In einer tiefen Fensternische seines Gemaches saß König Wenzel. Die schmächtige Gestalt war in ein weites Seidenkleid gehüllt. Er hatte sich in das zierliche Strohgeflechte des Armstuhles zurückgelehnt, ließ die Linke an der Armlehne herunterhängen, und mit der Rechten hielt er seinem bunten Vogel neckend einen Mandelkern vor den Schnabel. Der Sittich schaukelte sich in goldenem Ringe zwischen den glänzendweißen Marmorsäulchen des offenen Fensters und hackte nach dem Leckerbissen, schrie zornig und schlug mit den Flügeln und zerrte an der feinen Fußkette, wenn der König den Mandelkern zurückzog, und hackte wieder, wenn der König den Kern hinhielt. Sehr zornig schrie das Tier, und mit eingekniffenen Lippen saß Herr Wenzel und freute sich des ohnmächtigen Zornes. Vor dem Könige stand mit gesenktem Haupte der tschechische Pater und sprach leise und nachdrücklich. Dabei schaute er auf den Fußteppich, und nur von Zeit zu Zeit schoß es wie ein Blitz unter seinen schweren, halbgeschlossenen Lidern zum Könige hinüber. »Ich will zum Zawisch reiten!« sagte Wenzel heftig warf den Mandelkern aus dem Fenster, streckte die Beine, weit von sich und starrte hinaus in die dunstige Luft. »Der Wille des Königs ist der höchste im Lande,« erwiderte der Pater und verneigte sich tief. – »Aber,« fügte er nach einer Weile hinzu, »die ihn ehren und lieben, sind verpflichtet, über der Wohlfahrt des Königs auch gegen des Königs Willen zu wachen.« Wenzel trommelte auf dem Fenstersimse, verzog den Mund und sagte: »Und die eigene Haut zu pflegen, Pater!« »Die sieht nicht aus, als ob sie auf Rosen läge, Herr König,« antwortete der Pater und schaute mit wehmütigem Antlitz an seinem hagern Leibe hinunter. Der König trommelte weiter. Dann sagte er: »Ich durchschaue als König alles ringsumher und handle nach meinem Willen. Ich kenne meine Macht, ich bin der König von Böhmen. Gold habe ich in Haufen, ich winke, und hundert und hundert Gewappnete stehen in meinen Vorsälen und fragen nach meinen Befehlen. Ich bin der König von Böhmen. Ich kenne meine Macht, und alle Menschen kennen meine Macht. Der römische König ist mein Schwiegervater, ich bin der König von Böhmen. Was willst du also?« »Könnte nicht auch ein anderer zugleich mit dem Könige die hundert Gewappneten rufen?« fragte der Pater. »Einer, dem die Krieger mit Freuden anhangen? – Oft nützt ein einziger Getreuer mehr als hundert Gewappnete, die unerprobt sind.« »Und wer wollte solches?« »Der Zawisch!« antwortete der Pater. Hellauf, höhnisch lachte König Wenzel. Der Pater verneigte sich und fuhr mit zarter Stimme fort: »Das Herz eines Königs ist groß und weit, und nur der Argwohn hat darinnen keinen Platz. Deshalb müssen andere für sein Wohlergehen besorgt sein –« »– und deshalb gebe ich Euch zu bedenken, Herr König,« fiel Wenzel ein, zog die Beine an, richtete sich geradeaus und plapperte gleich einem Sittiche, »Zawisch hat vor Zeiten Euern Vater verraten, er hat Eure Mutter betört, er trachtet nach Herrschaft für sich und seine Sippe, er ist ein Ketzer, er hat Euch den Kronschatz geraubt, jetzt hat er noch dazu des Ungarnkönigs Tochter zum Weibe genommen, sitzt auf dem Fürstenberge und lauert auf günstige Gelegenheit! er will Euch verderben. – ? Nicht so, Herr Pater?« »Ganz so, Herr König,« sagte der Pater, hob die Lider und nahm den König fest ins Auge, »ganz so, Herr König; aber schon mancher Mann hat am Morgen gespottet und hat am Abende seine Haare gerauft.« König Wenzel versuchte, den Blick auszuhalten, der auf ihm ruhte. Allmählich aber glitten seine Augen ab, er griff in die Schale, steckte dem kreischenden Vogel einen Mandelkern in den Schnabel und sagte: »Keiner von euch allen gönnt dem andern die Gnade des Königs – aber ich lasse mich nicht täuschen; denn ich bin der König.« »Will mich der König hören, oder befiehlt er, daß ich schweige?« fragte der Pater und trat näher. »Sprich, aber mach es kurz!« Der Pater hüstelte und begann leise: »Einmal muß es ihm ja doch kund werden, dem Könige mit dem großmütigen Herzen, das eine, was alle sich zuraunen, das eine, was er noch nicht weiß – – und doch wissen muß – – –!« Er hielt inne, strich über die Pergamentrolle, die er in der Linken trug, blies ein Stäubchen von seinem Ärmel und schaute dem Könige wieder voll ins Angesicht. Der Vogel schaukelte sich im Ringe und schlug mit den Flügeln und kreischte. Wenzel griff lässig an die Schnur, ließ den Ring herab auf das Gesimse und schob dem Tiere die Schale mit den Kernen zu. »Es ist so schwül im Gemache, drückend schwül!« sagte er und atmete tief auf. »Es ist schwül, Herr König,« antwortete der Pater ganz leise und fuhr lispelnd fort: »Die Erde ist weit, und doch begibt sich's dann und wann, daß sie für zwei Menschen zu enge wird, die auf dem gleichen Wege gehen, viel zu enge. So war's auch einmal in Böhmen, Herr König. Ein großer König starb und hinterließ einen Sohn, einen Knaben, einen schwachen Knaben –« »Wer nennt mich schwach?« brauste Wenzel auf. »Euch, Herr König? Ich spreche von einem Knaben, und vor mir sitzt ein Mann, ein König, ein mächtiger König. Ich erzähle eine alte Geschichte – darf ich sie erzählen oder soll ich schweigen?« »Sprich!« »Der Knabe schritt auf rauhen Wegen, und Hunderttausende schauten auf sein Haupt. – Es ist ein Unglück, wenn ein Knabe, wenn ein Königsohn den Vater verliert, Herr König! – Und zu dem Knaben gesellte sich ein Kriegsheld, ein fremder Mann. Selbander gingen sie auf dem gleichen Wege. Der Knabe lief und pflückte Blumen, und vorwärts schritt der Kriegsheld. Der Knabe hinderte den Mann im Gehen und wußte es nicht in seiner Unschuld. Auf dem Haupte des Knaben funkelte eine Krone, er hatte keine Ahnung von diesem Kleinode und ging spielend dahin und las Steinchen vom Wege und sah den andern nicht, der hinter ihm ging, und sah die Augen des andern nicht, die furchtbaren Augen, die heimlich auf seinem Scheitel ruhten – Herr König! Und er sah auch nicht, wie der andere mit seinem Schwerte spielte, wie er es heimlich hob und heimlich ins Leder zurückstieß – Herr König! Es war ja ein unschuldiges Kind, das da vor den Füßen des andern herlief.« – Noch einen Schritt näher trat der Pater, und seine Stimme wurde zum Zischen. Gespannt horchte der König und starrte ihm in die Augen und konnte jetzt den Blick nicht mehr von ihm wenden. – Vor der Schale stand der Sittich und zerbiß die Kerne, einen nach dem andern. »Aber das Eisen,« fuhr der Pater fort, »das Eisen bringt das Blut zum fließen, und das Blut fließt auf die Erde und von der Erde schreit es zum Himmel – –« – laut hob er die Stimme und rief, daß es gellte – » Mörder !« Dann sprach er wieder leise, leise: »Mörder! Das klingt schmachvoll, ein Held – der Mörder eines wehrlosen Kindes, eines Königskindes! Darum durfte kein Blut fließen auf dem Wege, den die beiden dahinschritten. – – –« »Wißt Ihr, wie es die Schlange macht?« fragte er und trat nun dicht an den König. »Wißt Ihr's?« Und es war, als wollte er sich in die eigene Gestalt zusammenziehen, so tief sank er in die Knie, und auf einmal fuhr er in die Höhe, und seine Augen flammten über dem fahlen Gesichte des Königs, und er zischte: » Gift !« »Geh, geh!« schrie Wenzel. »Hört mich gnädig an, Herr König!« sagte der Pater, trat einen Schritt zurück und verbeugte sich tief. »Die Liebe ist's, die mich zum Reden treibt.« Dann erzählte er eintönig und langsam: »Eines Abends ging ein Geschrei aus durch die ganze Burg, und alles, was da laufen konnte, lief in die Halle, wo sie sich drehten im Tanze. Da lag der Knabe auf einem Polster und krümmte sich, schrie und warf sich hin und her in seinen Schmerzen – Herr König! Und die Leute hoben ihn auf an den Beinen, daß sein königliches Haupt zur Erde hing und sich dunkelblau färbte. Und die andern ringsumher lagen auf den Knieen und flehten zu den Heiligen. Da kam Herr Zawisch! –« »Und gab mir Milch,« stöhnte Wenzel. »– und herrschte die Leute an: ›Herunter mit ihm und auf das Polster!‹ Und sie gehorchten dem Gewaltigen. Der aber ging hinaus – ?« »Und brachte mir Milch,« stöhnte Wenzel. »– und brachte dem Knaben« – flüsterte der Pater – »Milch? O ja, Herr König – Milch! Bis heute hat's der Knabe, der König, nicht anders gewußt – und es ist ja wahr – – Milch – und in der Milch – ahnet Ihr's? – Das zweite Gift !« – – Der Pater beugte sich herab auf die zusammengesunkene Gestalt des Königs, und es war, als ließe er langsam schwere, heiße Tropfen in seine weitaufgerissenen Augen fallen: »So gewiß da hinten von Mähren her ein Wetter zieht, so wahr ist, was ich sage. Er hatte dem Königskinde das erste Gift gegeben, und als die Leute den Vergifteten retten wollten, da verhinderte er die Rettung und schüttete das zweite Gift in die Milch. Seine Schuld war's nicht, daß man die Schale unter seinen Händen mit einer andern vertauschte, seine Schuld war's nicht, daß Sankt Wenzel seine Hände breitete über den Letzten seines Geschlechtes und das erste Gift mit der reinen Milch aus den Eingeweiden des Kindes hob – seine Schuld war's nicht, daß der Königssohn genas.« Bewegungslos stand der Pater, und seine Augen starrten jetzt hinaus in die Landschaft. Der König folgte seinem Blicke und richtete sich empor, seine Nasenflügel blähten sich, auf seiner schmalen, weißen Stirne perlten Schweißtropfen, und zitternd fragte er: »Glaubst du, daß ein Gewitter kommt?« Langsam trat der Pater in die Fensternische, beugte sich weit hinaus, netzte den Finger und prüfte die Luft. Aber die Luft rührte sich nicht. Da kehrte er sich um und kreuzte die Arme über der Brust. »Es ist das zehnte seit zwei Wochen,« sagte er, »das zehnte, das von Osten kommt. Seltsam – von Osten! Wißt Ihr, wo der Fürstenberg liegt, Herr König?« »Dort!« antwortete Wenzel. »Nein, dort!« sagte der Pater, wandte sich, wies nach Morgen und kehrte sich wieder zum Könige. »Seht Ihr die gelbe Wolke?« Wenzel war aufgestanden und in die Mitte des Gemaches getreten. »Sehet Ihr die große, gelbe, furchtbare Wolke?« wiederholte der Pater. »Ja!« kam es aus dem bebenden Munde Wenzels. »Die zehnte Wetterwolke seit zwei Wochen,« sagte der Pater mit dumpfer Stimme. »Sie kommt vom Fürstenberge. – Was tut Ihr der Schlange, die sich an Eure Ferse heranwinden und Euch stechen will, Herr König?« »Beweise mir's!« stöhnte Wenzel. »Was tut Ihr dem Feuermolche, der bergabwärts kriecht und das Gewitter zusammenbraut?« fragte der Mann im Fenster. »Beweise mir's, daß er mich vergiften wollte!« »Gut – ich werde es beweisen!« rief der Pater, ging eilig mit gesenktem Haupte durchs Gemach und verschwand unhörbar hinter dem Teppiche der Türe. Zitternd stand Wenzel, seine Hände waren geballt, angstvoll schaute er vor sich hm. Der Sittich im Fensterbogen versuchte, sich zu schwingen, aber klirrend stieß der Goldreif an die Säule. Ein Windstoß fuhr durch die Baumkronen, und ihr Rauschen drang hinein in das dämmerige Gemach. Die Türe ging auf, der Teppich hob sich, und hinter dem Pater kam Boschena über die Schwelle. »Diese wird die Wahrheit bezeugen,« sagte der Pater und verneigte sich tief. »Frage sie, aber mach's kurz!« befahl Wenzel, der noch in der Mitte des Gemaches stand. »Du hast gehört, wie Herr Zawisch mit Frau Kunigunde, der Königin, der Gott gnädig sei, gesprochen hat über die Krone?« »Ich hab's gehört,« antwortete Boschena. »Wann?« »Am Tage nach dem Einzuge des Königs, vor fünf Jahren.« »Wo standest du, Boschena?« »Hinter dem Teppiche an der Wand.« »Der heilige Wenzel hat dein unheiliges Lauschen zum Besten gewendet – Herr Zawisch nahm damals die Krone – wo lag sie?« »Auf dem Tische im Gemache der Königin.« »Er nahm die Krone und sprach, er wolle die Krone halten – nicht?« »Er nahm sie und sprach, er wolle sie halten.« »Halten?« wiederholte der Pater. »Halten mit seinen Händen,« antwortete das Mädchen. »Und hernach sahst du die Krone auf dem Haupte des Herrn Zawisch?« »Ich sah durch einen Riß und sah sie funkeln auf seinem Haupte.« »Sprach Herr Zawisch an diesem Abende noch etwas? – Bedenke deine Worte und hüte deine Zunge, Weib!« »Er sprach, sie könnte herrenlos werden,« antwortete das Mädchen zögernd. »Wer – sie?« »Die Krone.« »Und wie sah er aus, als er davon sprach?« »Er atmete tief auf, und –« »Und –?« »– seine – Augen – – – leuchteten.« »Weiter! Als sich etliche Wochen später der vergiftete König auf dem Polster wand, da kam Herr Zawisch –« »Da kam Herr Zawisch,« wiederholte die Gürtelmagd. »– und goß Milch in eine Schale?« »Und goß Milch in eine Schale.« »Und der König genaß, als er diese Milch getrunken hatte?« »Als er die Milch aus einer zweiten Schale getrunken hatte, genas er.« »Wußte das Herr Zawisch?« »Er sah es nicht, als man die andere Milch in eine andere Schale goß.« »Sie lügt!« sagte Wenzel. »Kannst du das alles beschwören?« wandte sich der Pater aufs neue an das Mädchen. »Ja,« antwortete Boschena. »So sprich mir nach und lege deine Hand auf diesen heiligen Schrein, hieher – so! – Ich schwöre bei dem dreieinigen Gotte und allen Heiligen –« »Ich schwöre bei dem dreieinigen Gotte und allen Heiligen –« »– daß ich die Wahrheit gesagt habe.« »– daß ich die Wahrheit gesagt habe.« »Und wenn ich gelogen habe –« »Und wenn ich gelogen habe –« »– so soll mich das Wetter erschlagen!« »– so soll mich das Wetter erschlagen!« Ein Beben ging über das aschgraue Angesicht des Königs. Dämmerig war's im Freien draußen, dunkel war's im Gemache. Ein blendender Wetterstrahl fuhr hernieder, und in blauem Lichte flammte das Gemach. Der König bekreuzigte sich, ein Donnerschlag erschütterte die Luft, der Sittich flatterte angstvoll, und totenstill war's. Der Pater winkte, Boschena sank in sich zusammen und entwich durch die Türe. Blitzstrahl auf Blitzstrahl flammte über das Firmament, der Donner grollte und rollte und dröhnte über der Stadt und über der Königsburg. »Sie hat nicht gelogen,« sagte der König und lief in die Ecke, wo der goldgeschmückte Altar ragte, schlug das weiße Tuch empor, riß die niederen Türen auf und kroch in die finstere Höhlung. Ein Lächeln zuckte über die Züge des Paters, kurz, wie Wetterleuchten; unhörbar ging auch er über den Teppich, rückte einen Schemel an den Altar und setzte sich. »Sie hat nicht gelogen, Herr König. Bedenket, dieser Eid in diesem Unwetter!« »Bete!« rief Wenzel aus dem Kasten hervor. Und der Pater bekreuzigte sich und begann die Gebete zu murmeln. Aus der Stadt empor kam ein langgezogener Hornruf, und von den Zinnen der Burg tönten Hornrufe ins Tal, von allen Türmen, nahe und ferne, bliesen die Wächter dem Gewitter entgegen, und hell klangen die Wetterglocken darein; gleich feurigen Schlangen fuhren die Blitze, und der Donner rollte von einem Ende des Himmels zum andern. Die weißen Tücher des Altares teilten sich, und Wenzel reichte eine Kerze heraus. »Pater, ich bitte dich, zünde die Donnerkerze an! Sie ist am Lichtmeßtage geweiht.« Bedächtig erhob sich der Pater; hielt die Kerze an das ewige Licht, das in der Ampel brannte über dem Altare, steckte sie in einen Leuchter und stellte diesen mitten in das Gemach auf den Fußteppich. »Schließe doch die Läden!« bat Wenzel. »Frische Luft ist gut gegen Blitzgefahr,« sagte der Pater und schob seinen Schemel noch näher an den Altar. »Glaubst du, daß mich die Heiltümer schützen?« kam es aus der Tiefe hervor. »Die Könige und Fürsten dieser Erde stehen in der Hand des Allerhöchste», und der Euch errettet hat von dem zwiefachen Tode durch Gift, der wird Euch im Wetter auch schirmen – aber,« sagte der Pater mit tiefer Stimme, »es ist ein Wetter, wie ich noch keines erlebt habe.« Blitz folgte auf Blitz, Schlag folgte auf Schlag, der Sturm heulte um die Mauern der Burg, die Bäume rauschten. Der Sittich im Fenster schrie und schlug mit den Flügeln, und das Licht der Kerze flackerte heftig. »Vom Fürstenberge ist's gekommen, Herr König, das zehnte Wetter seit zwei Wochen, das Euch der Zauberer zusammengebraut hat!« rief der Pater mit lauter Stimme, beugte sich tief herab und fuhr leiser fort: »Und jetzt hat er Euch eingeladen. Merkt Ihr noch nichts, Herr König? Noch immer nichts? Ihr sollt ihm den Sohn aus der Taufe heben – eia, so reitet doch, so reitet doch, Herr König! Aber zuvor tretet ein beim heiligen Veit, suchet Euch den Ort heraus, laßt Steinmetzen kommen und zeiget ihnen, wohin sie die Inschrift meißeln sollen – › Hier liegt König Wenzel, der Letzte aus dem Geschlechte der Libuscha ‹ – und dann reitet nach dem Fürstenberge, Herr König!« In Flammen schien das Gemach zu stehen, es war, als sollte die Burg versinken mit einem einzigen Donnerschlage. Bedächtig machte der Pater das Kreuz, erhob sich und schritt in das Fenster. »Nicht ins Fenster!« schrie Wenzel. Unbeirrt schritt der Pater auf die Bühne, trat in die Nische und beugte sich hinaus. »Die Linde brennt!« rief er zurück, kam durch das Gemach gegangen und setzte sich ruhig wieder vor den verkrochenen König. »Herr Zawisch sendet Euch seine Fackeln schon heute zum Geleite, sputet Euch, reitet heute abend noch, schaut ihm zu, wie er die Wolken zusammenballt und sie ausschickt vom Fürstenberge – – hat's das Gift nicht vermocht, weil Eure Diener wachsam waren, es gibt noch andere gute Mittel! Wenn der Blitzstrahl einen Leib versengt, dann verbrennt auch das Blut in den Adern, es fließt nicht auf die Erde, es schreit nicht zum Himmel empor. Eia, so reitet doch nach dem Fürstenberge, Herr König!« »Sterben soll er!« stöhnte der Mann im Schreine. Der nächste Blitzstrahl beleuchtete ein grinsendes Angesicht. Aber in tiefen Tönen quoll es zwischen den schmalen Lippen hervor: »Sterben, Herr König? Es steht geschrieben – ›Du sollst nicht töten!‹« Rauschend strömte der Regen. »Aufheben, Herr König, den Zauberer unschädlich machen an einem sicheren Orte!« sagte der Pater und saß ganz stille. – – – Dämmerig war es im Gemache, nur von ferne her grollte der Donner. Heftig strömte der Regen. * * * Neben der flackernden Kerze stand König Wenzel, und am heiligen Schreine stand der Pater. Des Königs Antlitz war verzerrt, tief in den Höhlen lagen seine Augen, in wirren Strähnen hing sein langes, blondes Haar. »Zu allen Dingen ist der Eid nütze, Herr König; er ist es, der den Menschen auch fest macht gegen das eigene Herz,« sagte der Pater, und seine Blicke schweiften sorglich am Könige vorüber, hinaus an den Himmel, der zusehends heller und heller wurde. »Schwöret, Herr König, daß Ihr der Gerechtigkeit den Lauf lassen, daß Ihr Eure Getreuen nicht hindern werdet in ihrer Sorge für Euch!« Hochauf atmete Wenzel und wandte das Haupt gegen das Fenster. Die Sonne war durch die Wolken gebrochen, und in ihrem Lichte erstrahlten die weißen Marmorsäulchen. Da warf der König das Haupt zurück und stieß hervor: »Ich will mir's noch näher bedenken.« Mit zusammengekniffenen Lippen, mit halbgeschlossenen Augen stand der Pater da. Starr und unbeweglich war sein Angesicht, vornübergebeugt lauschte er. Ein dumpfes Grollen tönte ins Gemach. Herr Wenzel zuckte zusammen. Aus der Stadt und von der Burg erklangen von neuem die Wetterglocken, und mit raschen Schritten ging der Pater in das Fenster. Dort wandte er sich, reckte sich hoch empor und rief: »Herr König, vom Fürstenberge her jagt mit der Windsbraut das elfte Wetter gegen Euer Haupt!« Und brausend fuhr der Sturm in die Bäume, stieß an die Mauern, lief über die klappernden Ziegel, und das flackernde Licht erlosch – aufs neue zuckten die Blitze, aufs neue knatterte und rollte und brüllte der Donner. * * * Am heiligen Schreine stand zitternd der König und wiederholte mit stockender Stimme den Schwur, den ihm der Pater vorsprach. – »Den Zawisch fahen zu lassen« – – »den Zawisch fahen zu lassen« – ? »und nichts zu hindern« – – »und nichts zu hindern,« klang es in dumpfer Wechselrede. – Erschöpft hielt der König inne und zog die Hand vom heiligen Schreine. Die Blitze flammten, der Donner grollte von ferne her. Der Pater aber trat hart an den König, faßte ihn scharf ins Auge, ergriff seine Hand und legte sie auf den Schrein. Dann sagte er drohend: »Und das nächste Fürstenberger Wetter soll mich erschlagen, wenn ich den Eid breche!« Zögernd kam es zurück von den blutlosen Lippen: »Soll mich erschlagen, wenn ich den Eid breche!« * * * In heller Pracht sank die Sonne hinter die Hügel. Ein wolkenloser Abendhimmel spiegelte sich in den Wassern des Stromes. Auf allen Türmen der Stadt lag es wie Funkeln und Blinken und Leuchten. Aus den Gärten des Königs stieg Lilienduft empor und flutete mit dem Windhauche des Abends in die Fenster der Burg. – Von seinem Schreibpulte erhob sich der Pater und murmelte lächelnd: »Das war ein guter Tag – – und wie ein Fahrender hast du deine Rolle gespielt!« Zwischen seinen schlanken, weißen Fingern wog er ein frischbeschriebenes Pergament, ging sinnend ins Fenster und lehnte den Rücken an das Säulchen. Auch ihn umfloß der Lilienduft, und nach seiner Gewohnheit las er murmelnd, mit halbgeschlossenen Augen die schwarzglitzernde Schrift: »– – – Gruß dem Lieben und Getreuen, Unserm Vater, Herrn Zawisch von Falkenstein. Heil und Glück dem Neugeborenen! Möge Dein edles Geschlecht blühen und wachsen zunächst dem Königsthrone – –« »Zunächst dem Königsthrone,« wiederholte der Pater und hob sinnend die Augen von dem Briefe. »Ja,« sprach er vor sich hin, »zunächst, das kann ich schreiben – sie sind die Mächtigsten nach dem Könige« – er lachte auf – »nach diesem Könige ! – – Die Mächtigsten sind sie weit und breit im Lande.« – – »Nicht mehr lange!« setzte er finster hinzu und las weiter: »Wir werden gerne nach dem Fürstenberge reiten und das Kind aus der Taufe heben und bitten Dich, daß Du selber Dich aufmachest zu uns gen Prag und Uns das Geleite gebest mit Deinen Getreuen. Wir erwarten Dich in Gnaden am Montage nach dem Tage St. Petri und St. Pauli, der heiligen Zwölfboten. Und dieser Brief ist gegeben in Unserer Stadt Prag am Samstage nach dem heiligen Pfingsttage, da man zählt von Christi unseres Herrn Geburt 1288.« Im Königfrieden In den Gassen Prags drängte sich das geputzte Volk. Aus den Fenstern hingen bunte Teppiche, zwischen den Häuserreihen schwankten Laubgewinde in der Morgenluft, Laub und Blumen lagen auf den Wegen. Die Glocken läuteten, vor dem Hause des seligen Marquart Tausendmark standen Räucherpfannen, und in Wolken stieg der Wohlgeruch aus ihnen empor. Herr Zawisch war eingeritten in Prag. Droben in der alten Stube saßen die Söhne des Herrn Budiwoj. »Es ist mir enge, es schnürt mir die Brust zusammen,« sagte Witigo und schritt in das Fenster. »Wärest du nur wieder zurück aus der Burg, Zawisch!« »Es ist dir immer enge in Prag, und immer sagst du, die hohen Häuser bedrückten deinen Mut,« antwortete Zawisch und führte den Becher an die Lippen. »Dabei bist du gewappnet, als wolltest du zur Stunde mit Wok den Hradschin berennen.« »Es ist nicht die Stadt, die mich beengt,« sagte Witigo und starrte hinunter auf das Gewühle; »hat sie sich doch geschmückt für deinen Einzug bis an die Dächer! Aber es ist ein Unglück im Anzuge, ich fühle ein Gewitter in allen meinen Gliedern, und dazu riecht das verwelkende Laub und Gras, als läge es auf einem Grabhügel.« »Und was meinst du , Wok?« fragte Zawisch und lehnte sich zurück. »Es droht dir eine Gefahr, Bruder; das ist auch mein fester Glaube,« antwortete Wok. »Und deshalb haben wir Brüder uns dieses gelobt: Weil es doch nicht angeht, ungeladen auf die Burg zu reiten, so bleibt der Harnasch an unsern Leibern, bis du wieder heil vom Könige zurückgekommen bist.« »Es ist zum lachen!« rief Zawisch. »All die Tage her freue ich mich auf euere Gesichter, freue mich auf Prag, freue mich, daß ich den König mit neuen Banden geknüpft habe an mein Haus, an unsere Sippe; ich reite in die Stadt, das Volk jubelt, die Häuser sind geschmückt, die Geschworenen empfangen mich vor dem Tore – das hatte ich nicht erwartet – –« »Das Volk hängt dir an von alten Zeiten her,« unterbrach ihn Witigo. »Aber was ist denn das Volk? Ein Kornfeld, über das die Winde gehen, eine Herde, trottend im Staube. Ich verachte das Volk. Du auch, Zawisch, du auch! – Und das Volk hätte zudem nicht daran gedacht, die Stadt zu schmücken – das ist ihm geheißen worden!« »Ich hatte es nicht erwartet,« vollendete Zawisch seine Rede, »und ich hatte am allerwenigsten gedacht, euch mit finstern Gesichtern, gepanzert beinahe wie zur Schlacht zu finden.« »Zawisch,« begann Witigo und trat vor den Bruder, »sag an, wie steht's um deine Irrungen mit dem Könige?« »Die stehen auf dem alten Flecke,« lachte Zawisch. »Ich gebe den Schatz nicht heraus, und wenn sie mir den Kopf abschlagen, dann auch nicht. Die Königin hat ihn mir und meinem Haus verschrieben vor Pfaffen und Laien.« »Das ist unzweifelhaft,« antwortete Witigo. »Aber wenn ich mit einem in Zwietracht liege, dann renne ich nicht in sein Haus.« »Habe ich denn Irrungen mit Wenzel?« lachte Zawisch. »Der Knabe Wenzel kümmert sich um solche Händel nicht.« »Andere um so mehr, Zawisch,« murrte Witigo. »Andere!« sagte Zawisch und pfiff leise vor sich hin. »Ich bin gewarnt worden,« begann jetzt Wok und zog einen Pergamentstreifen aus dem Gewände. »Die Tschechen sind an der Arbeit Tag und Nacht.« »Gieb her!« rief Zawisch und las: »›Hütet euch vor dem Könige und vor der Königin, ihr Witigonen! Der Arm des römischen Königs ist lang. Herr Dietrich Spatzmann und Herr Spisla sind Freunde geworden. Es ist leicht, in die Höhle des Löwen zu rennen, und nicht leicht, daraus zu entkommen.‹« »Des Löwen!« rief Zawisch und warf den Zettel auf den Tisch. »Spatzmann und Spisla Freunde – jetzt will man uns noch gegen die eigenen Blutsfreunde aufstacheln!« »Ich habe diesem Spatzmann nie getraut,« sagte Witigo und trat in die Stube zurück. »Er ist ein verschlagener Mensch, der seinen Vorteil kennt« »Du traust keinem,« rief Zawisch; »das ist die alte Geschichte.« »Und fahre gut dabei,« antwortete Witigo. »Warum ist Spatzmann am Hofe geblieben, als wir beide gingen? Ich hätte das nicht vermocht!« »Er hat mich gefragt, und ich selber habe ihm geraten, daß er bleibe,« antwortete Zawisch. Witigo zuckte mit den Achseln. »Weißt du, daß der Neuhauser auf dem Hradschin ist, Zawisch?« »Der Neuhauser?« fuhr Zawisch empor. »Wer hat ihn gesehen? Warum kommt er nicht zu meiner Begrüßung?« »Ich habe ihn unbemerkt gesehen,« sagte Wok. »Er trägt einen langen Bart und ist gestern als Troßknecht durch die Stadt auf den Hradschin geritten.« »Weißt du's gewiß?« forschte Zawisch. »Ich habe ihn erkannt trotz der Dämmerung, trotz seinem Barte,« antwortete Wok. »Du hast dich geirrt. Was könnte der Neuhauser wollen auf dem Hradschin?« sagte Zawisch. »Wissen wir's?« fragte Witigo. »Das eine ist eine Vermutung,« sagte Zawisch, »und das andere, das auf dem Zettel, ist eine Verleumdung. Ich lasse mir diese frohen Tage nicht verderben durch Vermutungen und nicht durch Verleumdungen. – Verleumdungen! Hätte ich sie alle aufbewahrt, die Zettel, die namenlosen, die mir stets vor wichtigen Entscheidungen zugesteckt wurden, einen Sack könnte ich füllen mit ihnen. – – Vermutungen – Täuschungen! Der Neuhauser sitzt auf Neuhaus. Ich habe ihn laden lassen zum Feste, und er hat mir durch einen Boten geantwortet, er könne nicht kommen, seine Frau sei krank. – Zuletzt müßte ich noch auf Träume achten!« »Ich habe einen Traum gehabt, Bruder,« sagte Witigo. » Deinen Traum?« rief Zawisch und lächelte. » Meinen Traum,« sagte Witigo und zog die Brauen zusammen, »den Traum, der mich noch niemals betrogen hat: Ich stand im wilden Lande am wilden Wasser; ich setzte den Fuß auf die Brücke; die Gewässer im Strome stiegen und stiegen und flossen über die Brücke – und ich lief und trug das schwere Gewicht an den Füßen und mußte waten im Wasser, und das Wasser stieg mir bis an den Gürtel – –« »Und mit Mühe kamst du über die Brücke, erwachtest und lagst im Schweiße,« fiel Zawisch ein. »Ich bin diesmal nicht über die Brücke gekommen,« sagte Witigo; »die Wasser haben mich fortgerissen.« »Hast du einen Traum gesehen, so habe ich ein Gesicht gehabt!« rief Zawisch lächelnd. »Es war am Abende vor meinem Aufbruche vom Fürstenberge. Ich stieg empor auf den Bergfried und hielt Ausschau nach dem Wetter. Hoch über mir leuchtete der volle Mond, und dunkelblau, klar, wolkenlos dehnte sich gegen Mitternacht das Firmament. Aber von Mittag her kam ein seltsames Wolkengebilde: es glich dem Flügel eines ungeheuern, schwarzen Vogels, griff langsam von den fernen Waldbergen her und schob seine Riesenfedern über meine Burg. Und es griff das Gebilde weiter und weiter und drängte sich zwischen den Mond und die Erde. Und der Mond verschwand auf kurze Zeit unter dem Flügel, dann brach sein Licht wieder durch, silbern und prächtig, er verschwand wieder und kam wieder, die Wolkenfedern glitzerten, und lautlos griff der entsetzliche Flügel weiter und weiter und legte sich über den größten Teil des Himmels.« »Von Mittag her?« rief Witigo. »Von Mittag her,« antwortete Zawisch. »Und zu Wien hält König Rudolf Hof,« sagte Witigo. »Hüte dich, Bruder!« »Ich stieg hernieder,« fuhr Zawisch fort, »ich dachte bei mir, es werde Sturm und böses Wetter kommen – ich täuschte mich: Am andern Morgen stand die Sonne klar und golden am blauen Firmaments, und so ist es hernach alle Tage gewesen. – Laß Träume Träume sein und Zeichen Zeichen, trink, Bruder Witigo, und freue dich mit mir! Ich fühle mich froh und frei – und ich reite zum König.« Witigos Antlitz war finster, als er den Becher hob, und Wok sagte: »Tage wählen und achten auf das Geschrei der Vögel, ist uns verboten. Aber es geziemt sich nicht, zu lachen über seltsame Zeichen und zu spotten über einen bösen Traum; denn der Wege, auf denen die Warnungen zu uns kommen, gibt es zahllose.« * * * Die alte Stiege knarrte, das ewige Licht flackerte in seiner Ampel, die heilige Jungfrau lächelte wie sonst – Herr Zawisch kam im Prachtgewande herniedergegangen, und hinter ihm schritten seine Brüder. An der untersten Stufe wandte sich Zawisch und rief: »Was bemühet ihr euch, Witigo, Wok? Ich bitte, bleibet doch!« »Zawisch!« flüsterte Wok und drängte sich nahe an den Bruder. »Zawisch, könnten wir nicht doch hinter dir reiten unter den Knechten?« Zawisch lachte: »Das möchte sich gut ausnehmen, ihr als meine Knechte hinter mir! Wok, das glaubst du selber nicht.« »Ich möchte bei dir bleiben,« flüsterte Wok. »Es geht nicht,« flüsterte Witigo finster. »Gieb dich, Wok, Zawisch hat recht! – Wollte Gott, wir hätten Burkhard noch!« »Also – Gott zum Gruße, ihr Getreuen!« rief Herr Zawisch laut und ging rasch um die Ecke. »Zum Kuckuck!« murrte er und blieb stehen. »Warum muß ich auch so nahe an dieser Tonne vorüber, daß mir der Reifen da den Mantel zerreißt?« »Der Schaden ist nicht groß,« sagte Witigo, der rasch neben den Bruder getreten war. »Der Riß ist keine halbe Spanne lang. – Holla, Mutter Anne, komm doch ein wenig heraus!« Die Türe, die zur Kammer des Pförtners führte, öffnete sich, und eine alte Frau trat auf den Flur. »Mutter Anne, besieh dir den Riß – kannst du ihn flicken?« sagte Witigo. Die Greisin trat unter tiefen Knicksen näher, hob den Mantel, ließ die glänzendweiße, knisternde Seide langsam zwischen den runzeligen Fingern gleiten, prüfte bedächtig den Schaden und sprach: »Mit feiner Seide könnte man den Riß in einer Stunde schließen, daß er nimmer zu erkennen wäre.« »Das nützt mir nichts,« sagte Zawisch. »Ich muß jetzt reiten.« »Der Mantel hat reiche Falten,« begann das Weib wieder und strich ehrerbietig über das Prachtgewand; »mit ein paar geschickten Stichen könnte man den Riß wohl verstecken zwischen zwei Falten.« »So mache die geschickten Stiche!« befahl Zawisch und schritt zur Kemenate. * * * Vor dem Landherrn kniete das Weib und ordnete die Falten über dem Risse, durch das offene Fenster fiel das Sonnenlicht und malte die zierlichen Bogen und das schlanke Säulchen auf das Ziegelpflaster, in der tiefen Mauernische aber, unter dichtem Epheu, saß ein kleines Mägdlein. Das hielt einen Vogelkäfig auf dem Schoße. Unverwandt schaute das Kind von seinem Schemel empor zu dem fremden Herrn. »Wie heißest du?« fragte Zawisch. »Gretlin,« antwortete das Mägdlein. »Und wie heißt denn du?« »Aber Gretlin,« rief das Weib, »so darfst du nicht fragen! – 's ist meiner Tochter Kind, Herr.« »Laß doch das Kind, Mutter!« wehrte Zawisch. »Nenne mich nur ›Mann‹, Gretlin! – Was tust du mit dem Vogel da im Käfige?« »Ich tu' die Amsel füttern, Manne. Aber sie mag die Mehlwürmer nicht,« antwortete das Kind. »Sie ist krank,« sagte Zawisch. »Da schau nur, wie sie die Federn sträubt und so traurig auf dem Stänglein sitzt!« »Fritz!« befahl das Mägdlein, holte mit den zarten Fingerlein aus dem Topfe einen fetten Wurm und steckte ihn durch das Gitter des Käfiges. »Sie frißt nicht,« sagte Zawisch, »und wenn du dir auch alle Mühe gibst. Sie ist krank, mein Kind.« »Eia, so mach sie gesund, Manne! Sie kann so schön singen.« »Weißt du, warum sie krank ist?« fragte der Landherr. »Weiß auch nicht.« »Weißt du – ist die Amsel immer bei dir gewesen im Käfige da?« »Nein, der Ahne hat sie mir gebracht,« antwortete klein Gretlin, und ihre braunen Augen füllten sich mit Tränen. »Wozu hat denn die Amsel ihre Flügel?« fragte Zawisch. »Herr, jetzt ist der Riß verdeckt, so gut es gehen wollte,« meldete die Greisin und erhob sich. »Ich danke dir,« sagte Zawisch, trat nahe an das Kind und fuhr mit dem Seidenhandschuh über das goldbraune Haar. »Wozu hat sie ihre Flügel?« »Hat sie auch Flügel?« fragte das Kind und besah aufmerksam den schwarzen Vogel. »Das habe ich nie gesehen.« »Freilich hat sie Flügel, Gretlin, und die Flügel hat sie zum Fliegen. Glaubst du, daß der Vogel gerne fliegt, Gretlin?« Das Kind nickte ernsthaft und schaute unverwandt auf den Vogel, der Flügel hatte zum Fliegen. Dann sagte es nachdenklich: »Du, Manne, in dem Käfiglein kann ja die Amsel gar nicht fliegen!« »Das ist's eben, mein Kind. Dein Vogel ist krank geworden, er mag nimmer singen, er denkt nur immer an den grünen Wald und an den blauen Himmel und ans Fliegen,« antwortete der Held. »Im Wald ist's schön,« sagte Gretlin, und ihre Augen leuchteten; »ich weiß!« »Da hast du recht, mein Töchterlein,« nickte Herr Zawisch; »es ist schön im Walde, und alle seine Lieder hat dein Vogel draußen im Walde gelernt; vom Walde hat er gesungen die ganze Zeit, und du hast ihn nicht verstanden. Jetzt wird er sterben vor lauter Heimweh, weil er gefangen sitzen muß.« »Ich will den Ahne bitten, der soll den Vogel wieder in den Wald tragen,« sagte das Kind mit großem Ernste. »Da Manne, trag du den Vogel selber in den Wald!« »Ich reite an einen andern Ort, liebes Kind,« erwiderte Herr Zawisch und wandte sich; »da gibt es keine Wälder. Bitte deinen Ahne, daß er's besorge! Und wenn ich wieder komme, dann sollst du ein ganz kleines, schneeweißes Häslein haben zum Spielen.« »Eia, Manne, gib mir ein solches weißes Häslein!« * * * Die Hörner tönten, die Rosse schnaubten und tanzten, das Volk lief, und an den Fenstern drängten sich die Köpfe: Mit Gepränge ritt Herr Zawisch empor zur Königsburg. * * * In der düsteren Kemenate saßen König Wenzel und Zawisch. Des Königs Augen hafteten am Boden, Herr Zawisch aber hatte sich zurückgelehnt, und ein frohes Lächeln lag auf seinem Antlitze. – Hinter den beiden glänzte der goldgeschmückte Altar, glühte aus dunkler Ecke das ewige Licht. »Ich habe Euch zwiefach zu danken, Herr König,« sagte Zawisch. »Ihr habt mir vor kurzem meine Bitte gewährt, und heute habt Ihr mich prächtig empfangen in der Stadt und auf der Burg, Ihr und die Königin.« »Warum nennt Ihr mich ›Herr König‹?« fragte Wenzel, und seine Augen hoben sich, sahen an dem Landherrn vorüber und blieben am Reliquienschreine haften. »Weil alles auf Erden seine Zeit hat,« antwortete Herr Zawisch lächelnd; »so auch das Duzen und das Ihrzen. Es wollte mir übel anstehen, meinen Herrn König zeitlebens zu behandeln als einen Sohn – wenn mir auch sein Glück am Herzen liegt, als wäre er mein leiblicher Sohn.« »Liegt Euch mein Glück am Herzen?« murmelte Wenzel, und wieder senkten sich seine Lider. »Habt Ihr jemals Böses von mir erfahren?« fragte Zawisch, richtete sich gerade auf in seinem Stuhle und schaute forschend auf den König. »Nein, nein, niemals!« kam es hastig von den bleichen Lippen, und wieder streifte ein scheuer Blick den Vater. »Ihr seid nicht glücklich, Herr König,« sagte Zawisch langsam und beobachtete unverwandt die schlaffen Züge. Bebend bewegten sich die Lippen des Königs, angstvoll richteten sich die tränenschweren Augen auf Herrn Zawisch, und leise kam's aus dem schmalen Munde: »Habt Ihr das bemerkt, Herr Vater?« Die Türe öffnete sich, die Teppiche gingen auseinander, Frau Guta, die junge Königin, stand auf der Schwelle. »Ich möchte auch noch mit unserem Gaste zusammensein,« sagte sie und neigte das Köpflein anmutig gegen den Landherrn. »Ist es erlaubt, zu euch zu kommen?« Tief verneigte sich Zawisch. Diener glitten durch die Kemenate und rückten den Stuhl für Frau Guta. Rauschend ließ sich diese nieder und wies lächelnd auf die leeren Stühle. Mürrisch setzte sich der König, abermals verneigte sich Herr Zawisch und sagte: »Mit Euerm Willen, Frau Königin!« »Ich habe mich auf Euer Kommen gefreut, Herr Zawisch,« begann Frau Guta. »Du auch, Wenzel, nicht wahr!« »Wie meinst du?« fragte der König und machte ein böses Gesicht. »Wie du mich anschaust!« lachte Frau Guta, und ihr Lachen klang hell und hart. »Es ist schwer, mit ihm zu hausen, Herr Zawisch; Ihr dürft mir's glauben!« Wenzel erhob sich und trat ins Fenster. »Lassen wir ihn!« flüsterte Guta. »Gefreut habe ich mich,« wiederholte sie und sah dem Landherrn voll ins Angesicht. »Ihr könnt so prächtig erzählen, Herr Zawisch, und erzählen höre ich für mein Leben gerne.« »Was soll ich Euch erzählen, Frau Königin?« »Von der, die mir den kunstvollen Schleier durch Euch gesandt hat,« sagte Frau Guta, und ihre Augen funkelten; »von Eurer Hausfrau, Herr Zawisch!« Der Landherr neigte das Haupt und sprach: »Es ehrt mich und meine Elsa, daß der Schleier Gnade vor Euern Augen gefunden hat.« »O, noch niemals habe ich ein Geschenk genauer betrachtet!« rief Guta. »Herr Zawisch, es ist ein künstlicher Schleier, ein köstliches Gewebe, ein Schmuck, wie ich noch niemals ähnlichen geschaut habe. Ich werde die Stunde niemals vergessen, in der Ihr mir den Schleier gabt. Aber eines müßt Ihr mir noch künden – was bedeuten die verschlungenen Zeichen in den Ecken des Gewebes, Herr Zawisch?« »Darüber habe ich noch nicht gegrübelt, Frau Königin,« erwiderte der Landherr und lächelte zum erstenmal wieder, seit Guta in der Kemenate war. »Das Gewebe stammt aus fernem Lande, es mögen fromme Segensprüche in seine Ecken gewoben sein. Nehmen wir an, es wäre in der ersten Ecke in einer fremden Sprache zu lesen ›Friede sei mit Euch, Frau Königin!‹ und in der zweiten ›Gott und die Jungfrau schirme Euch und Euern Gemahl!‹ in der dritten ›Lang lebe König Wenzel und sein Geschlecht nach ihm!‹ und in der vierten wiederum ›Friede sei mit Euch, Frau Königin!‹ Und so oft Ihr den Schleier knüpfen laßt auf Euerm erhabenen Scheitel, so oft denket an Zawisch und Frau Elsa! Denn diese Wünsche hegen sie für Euch, Frau Königin, und also deuten sie die Zeichen in den Ecken des Schleiers.« »Bei Gott, Eure Rede ist nicht weniger kunstvoll als Euer Gewebe, Herr Zawisch!« sagte die Königin. »So oft sie mir den Schleier aufs Haupt stecken, will ich an Euere Worte denken, und den Schleier will ich gar wohl verwahren.« Sie hielt inne, ihre Augen funkelten wie vorher, ihr Mund lächelte, und ihre kleine Hand ballte sich in den Falten ihres Kleides. Dann vollendete sie ihre Rede: »Möge Euch Gott alle die guten Wünsche vergelten, die Ihr für mich hegt! – Aber jetzt wollet mir erzählen von Eurer Gemahlin, Herr Zawisch!« »Ihr seid von Herzen freundlich, Herr Vater,« begann nun König Wenzel und kam langsam heran. »Verzeihet mir, ich habe heute einen schlechten Tag; der Kopf schmerzt mich, und vor meinen Augen drehen sich die Dinge.« »Da trifft sich's gut, Herr König, daß wir morgen reiten!« rief Herr Zawisch. »In meinen Wäldern gedeiht kein Kopfschmerz. Heia, wie wollen wir reiten und jagen, Ihr, meine Brüder und ich! – Es ist heuer ein köstliches Jahr: nach jedem Gewitter glänzt der blaue Himmel wie zuvor. – – Ihr habt doch wohl die Furcht vor Blitz und Donner verloren, Herr König?« Totenbleich stand König Wenzel, und seine Finger krallten sich in die Lehne des Stuhles. Mit zuckenden Lippen sagte er: »Gibt's viele Gewitter bei Euch auf dem Fürstenberge?« »Keine Sorge, Herr König!« antwortete Zawisch. »Sie gehen alle draußen vorüber – ich habe es oft gesehen – keines getraut sich in das Tal herein, wo die Burg steht; alle ziehen sie heuer von den Wäldern her nach Böhmen. Ihr werdet sicher sein bei mir auf dem Fürstenberge – es ist gerade, als reckte einer die Hand aus und geböte den Wolken.« Das Antlitz des Königs war verzerrt. Herr Zawisch erhob sich, und das frohe Lachen verschwand von seinem Gesichte. »Urlaubet mich, Frau Königin,« bat er; »der König ist in der Tat leidend!« König Wenzel wandte sich und ging mit unsicheren Schritten zurück ins Fenster. Die Königin aber zuckte mit den Achseln, warf einen kalten Blick auf die Gestalt, die sich an das Fenstersäulchen lehnte, und sagte: »Daran bin ich gewöhnt bei meinem Herrn und Gemahl. Ich hätte Euch so gerne erzählen hören, Herr Zawisch, von Euerm Söhnlein und von Frau Elsa. Soll ich's entbehren?« »Was kann ich erzählen von einem Knaben, der noch in den Windeln liegt, und was soll ich erzählen von einem treuen Weibe? Ihr selber seid die Mutter eines Mädchens, das Gott segne, und kennt also das höchste Glück, das diese Erde bietet, das einzige Glück, das den Menschen zu Zeiten hinwegtäuscht über die Vergänglichkeit des Lebens – das Elternglück. Und Ihr selber seid eines Mannes Weib – wohl Euch, Frau Königin, Ihr könnt es täglich erproben, wie sich unsereinem unter der weichen Hand des Weibes die Falten auf der Stirne glätten, Ihr könnt es täglich sehen, wie das Herz des Mannes froh wird unter der Liebe des Weibes! Heilig sind die Pflichten des Weibes, und groß ist seine Macht; es lebt nicht leicht einer auf dieser Erde, der sich nicht willig beugte unter die Macht, die da ausgeht von einem wahrhaft liebenden Weibe. Was sollte ich Euch davon erzählen? – Ich danke Euch für die Güte, die Ihr meinem Weibe bezeigt. Aber urlaubet mich, Frau Königin; Euer Gemahl bedarf der Ruhe!« Hochaufgerichtet saß Guta im Stuhle, und vor ihr verneigte sich Herr Zawisch. »Ich sehe, es ist besser – ich urlaube Euch,« sagte die Königin. »Grüßet Eure Hausfrau und fahret wohl! Ich danke Euch nochmals für den Schleier, Herr Zawisch, und werde Euch durch meine Diener ein Gegengeschenk überbringen lassen, ehe Ihr morgen nach dem Fürstenberge reitet.« * * * Durch die Höfe des Hradschin ritt Herr Zawisch mit seinen Mannen. – – – In der stillen Kemenate stand Frau Guta. Geräuschlos teilten sich die Teppiche an der Wand neben dem Altare, und der Pater trat hervor. Schleichend und mit gesenktem Haupte ging er zum Könige ins Fenster. »Habt Ihr alles gehört, Herr König?« fragte er. »Ich denke, jetzt könnt Ihr den Verrat mit verbundenen Augen greifen. Habt Ihr's gehört, wie er sich seiner Zauberkünste rühmte? Habt Ihr's gesehen, wie er die Hand ausstreckte? Ahnt Ihr, was er zusammenbraut?« Der König hatte sein Angesicht mir den Händen bedeckt und atmete tief und schwer. Leise trat der Pater zurück in die Kemenate und wandte sich flüsternd an die Königin: »Wird sich die Tochter des römischen Königs von einem Schupan belehren lassen über die Pflichten der Ehefrau? Ich habe die Blicke wohl gesehen, die der Freche auf die Königin richtete –; er glaubt, Ihr haltet Euern Gemahl nicht aufs liebreichste.« Lauernd beobachtete der Pater das Weib. Verstört stand Frau Guta, ihre Händchen waren geballt, sie preßte die bleichen Lippen aufeinander und schaute vor sich hin. »Friede sei mit Euch, Frau Königin!« begann der Pater aufs neue. Da rief Guta: »Wo ist der Schleier?« »Ich habe die Zeichen entziffern lassen,« fuhr der Pater langsam fort. »Der alte Ibrahim, der kluge Arzt, der alle Sprachen des Morgenlandes und des Abendlandes spricht – –« »Was hat er gelesen?« unterbrach ihn die Königin und stampfte. »In der einen Ecke des Schleiers steht: »Allah ist groß.« »Weiter!« »Frau Königin, es sind Flüche und fürchterliche Zauberworte in den schönen Schleier gewoben – Ibrahim hat sie mit bebender Stimme gelesen, erlaßt mir, die Sprüche vor Euern Ohren zu wiederholen! Frau Königin, es ist in den alten Büchern der Heiden, die Gott verdamme, viel die Rede von solchen Geweben, und wer sich schmückt mit ihnen, den verzehrt höllisches Feuer bei lebendigem Leibe – so lesen wir dortselbst. Mich dünkt: Der sich rühmt, daß er die Wetterwolken mit der ausgestreckten Hand regieren könne, der hat Euch das Verderben zugedacht mit diesem Schleier.« »Was ist zu tun?« fragte Frau Guta, und ihre Wildheit verwandelte sich in Angst. »Was können dem Menschen, der sich im Schatten der Kirche birgt, die Zauberkünste der Hölle schaden? Kein Zauber ist so stark, daß er nicht zu überwinden wäre durch unsern Segen,« antwortete der Pater und schob die Hände kreuzweise in die Ärmel der Kutte. »Ich will den Schleier nicht mehr sehen!« rief Frau Guta. »O, Ihr sollt ihn noch einmal sehen, Frau Königin, Ihr sollt zugegen sein, wenn ich das Feuer schüre in Eurer Kemenate und Tropfen geweihten Wassers in die Flammen sprenge, und Ihr sollt sehen, wie das unreine Gebilde gefressen wird vom reinen Elemente!« »So wollen wir gehen!« befahl Guta und schritt zur Türe. »Kommst du, Wenzel?« rief sie und sah über die Schulter zurück. »Laß mich!« sagte der König und nahm die Hände nicht von den Augen. »Herr König,« flüsterte der Pater, »habt Ihr über seinem Hohne Euern Schwur vergessen?« König Wenzel nahm die Hände von den Augen und erhob sich. Am ganzen Leibe zitternd stand er da und stieß hervor: »Jetzt weiß ich's gewiß, er will mich verderben. Er denkt, daß ich ihn nicht durchschaue. Er hat mich gehöhnt. Ich hasse ihn, ich, der König von Böhmen!« »Er ist ein Bösewicht,« sagte der Pater. »Machet, daß er Euch hinfort nicht mehr schade, handelt als ein König!« * * * Wieder saßen die Söhne des Herrn Budiwoj im Hause des seligen Marquart. Die Schatten des Abends waren in die enge Gasse gesunken. Durch die offenen Fenster flutete die milde Luft ins Gemach, drang das Jauchzen der Kindlein. »Wir haben die Gesichter vertauscht, Bruder,« rief Herr Witigo und hob den Becher; »trink, ich gedenke, mich heute abend schadlos zu halten, trink, ich könnte die Mutter Anne küssen vor Freude, trink, sie haben sich nicht an dich gewagt! – Heiho, das soll eine frohe Taufe werden: alle Abende will ich den König unter den Tisch trinken und alle Morgen will ich ihn hetzen auf der Falkenbeize, daß ihm der Atem vergeht und die gelbe Farbe von den Backen – Backen! – von den Löchern wegfliegt, dem armen Tropfen von einem Könige! Trink, Bruder Zawisch – ich habe mich geirrt!« »Sprich nicht also vom Könige!« antwortete Zawisch und schaute sinnend vor sich hin. »Er ist ein armer, armer Geselle; ich habe eine böse Ahnung von seinem Elende, und das wurmt mich und vergällt mir alle Freude.« »Trägst du die Schuld?« fragte Witigo und lachte hart auf. »Bist du verantwortlich für die Sünden seiner Väter? Kannst du sie wegblasen von seinem Spitzkopfe, die Flüche, die sich auf ihm angesammelt haben von alten Zeiten her? Kannst du dem alten Stamme neue Säfte geben, weil es dich betrübt, daß er verdorren will?« »Nein, ich trage keine Schuld an all dem Verderben da droben,« kam es von den Lippen des Landherrn. »Nein, ich habe das Meine getan und kann mit gutem Gewissen weitergehen, kann mich auch dereinst ruhig zum Sterben strecken.« Dann erhob er sich und begann, im Gemache auf und nieder zu wandern. »Den aber, der den Knaben Wenzel hat verderben und entnerven lassen, damit ein Schwächling regiere über Böhmen, den Brandenburger, den soll Gottes Gericht treffen – und es wird ihn treffen, hier oder dort,« vollendete er langsam. »Gottes Fluch über ihn!« rief Witigo und trank. »Was sollen wir uns grämen über alte Geschichten, an denen wir keine Schuld tragen? Heisa! Sorge jeder für die Haut am eigenen Leibe, daß sie sich glatt und frisch über Fleisch und Knochen ziehe! Wie ich mich gehabe, so spiegelt sich die ganze Welt in meinen Augen.« »Und so spricht derselbe Mann, der heute den ganzen Tag keinen Bissen über die Lippen gebracht hat,« sagte Wok, der in einer dunkeln Ecke des Gemaches saß. »Wirst du ruhig sein, Knabe?« rief Witigo, »Merke dir, ich denke immer nur an mich und sonst an keinen andern, und glaube mir, dächte nicht jeder Mensch im Grunde nur an sich allein – die Menschheit wäre schon längst auseinandergefallen! Weißt du, allerfrömmster Wok-Bruder, warum ich heute nichts gegessen habe? – Holla! – Nicht? Ich will dir's künden: Damit ich auf alle Fälle geschwinder aus dieser Mausfalle hätte reiten können. – – Bist du damit zufrieden?« »Und warum hast du geseufzt und hast die Hände geballt und bist auf und ab gerannt, jetzt auf den Turm, dann hinunter in den Hausflur?« »Weil mich gehungert hat,« murrte Herr Witigo. »Und warum hast du die zwölf armdicken Kerzen –?« »Willst du schweigen?« donnerte Herr Witigo. »Warum? Damit ich in Bälde wieder etwas zu essen bekäme!« Wok lachte, Herr Zawisch aber schritt zu dem Zornigen und streckte ihm die Rechte entgegen. Mürrisch nahm sie Witigo und sagte: »Trink, Zawisch, das ist hundertmal gescheiter!« – – – Aufs neue begann Herr Zawisch, hin und her zu wandern, und es war ganz still in dem Gemache. Nach einer Weile aber hob er an, zu klagen: »Wie gar so nichtig sind doch unsere Entwürfe, wie gar so wenig richten wir aus mit unserer Kraft! Wir stecken uns ein Ziel und rennen danach und – kommen heraus an einem Orte, den wir nicht gemeint haben. – Was ist mir gelungen alle die Jahre her? Ich wollte dem Sohne des Herrn Ottokar sein Erbe bewahren – da riß man ihn aus meinem Bereiche und verwüstete das Erbe. Ich rang mit allen feindlichen Gewalten, damit ich das Kind wieder gewänne – es kam, und ich sah mit Grauen, daß es verdorben war an Leib und Seele. Ich neigte mich freundlich zu ihm und gelobte mir, dem Armen ein Vater zu sein – da erkannte ich – – daß seine – eigene Mutter – – – scheel sah auf mein Beginnen. – Fürstenkinder, arme Kinder!« Zawisch blieb in der Mitte des Gemaches stehen, kreuzte die Arme über der Brust und fuhr fort in seiner Klage: »Ich habe Böhmen aus seinem tiefsten Elende gerissen – und jetzt sehe ich, daß der im tiefsten Elende sitzt, für den ich das alles getan. Ich habe den Letzten in der Reihe alter Fürsten retten wollen und sehe nun, daß ich dem Ersten in einer neuen Königreihe den Weg geebnet habe; denn in Böhmen herrscht König Rudolf.« »Wärst du selber auf dem Hradschin geblieben, Bruder; ich möchte den kennen, der sich gegen deinen Willen breit gemacht hätte!« rief Herr Witigo. »Gegen meinen Willen!« wiederholte der Landherr nachdenklich. »Was ist des Menschen Wille? Ein Hauch gegen einen Orkan – ein Röcheln gegen den Tod. – – Es kam eine Nacht und ein Tag, und diese eine Nacht und dieser eine Tag machten mich müde, müde, unsäglich müde, Bruder Witigo. – Unsäglich müde! – – Muß ich dir das sagen?« »Deswegen bist du nicht gegangen, Zawisch!« antwortete Herr Witigo. »Die Zeit des müden Mannes war um, als er ging, Witigo. Er ist gerne gegangen. Es wäre Verrat gewesen , hätte er noch länger bleiben wollen.« Hochauf horchte Witigo. » Ich bin gerne gegangen,« sagte er. » Mein frohester Tag war's, als ich vom Hradschin zu Tale ritt und hinter mir den goldenen Schlüssel des Unterkämmerers am Nagel hängen wußte. Bei Gott, ich schaue lieber aus den Fenstern der Froburg ins weite Land als vom Hradschin auf die Steinhaufen der Stadt! – Aber warum du damals gegangen bist, das weiß ich nicht, das verstehe ich nicht, wie's keiner in der Sippe versteht, und werd's auch nicht verstehen bis an mein seliges Ende. – ›Amen!‹ brummt der Predigermönch, wenn er fertig ist.« Eine Weile besann sich Herr Zawisch. Dann sprach er: »Warum solltet ihr Getreuen diese Sache nicht auch erfahren? Vielleicht ist's sogar besser, wenn noch zwei darum wissen, die schweigen können.« Wok trat neben die Brüder, Zawisch aber fuhr fort: » Weil man mich zum Könige in Böhmen machen wollte .« »Alle Teufel!« fuhr Witigo in die Höhe und starrte den Bruder aus weitgeöffneten Augen an. »Zum Könige in Böhmen machen wollte und zum Gemahle der Guta,« vollendete Herr Zawisch. »Und Wenzel?« stieß Wok hervor. Zawisch zuckte mit den Achseln. »Was weiß ich? Es gibt auch Hochzeiten, auf denen Bräute ihren Witwenstuhl verrücken.« Mit geballter Faust schlug Herr Witigo in die flache Hand und rief: »Zawisch, hüte dich vor König Rudolf alle Zeit deines Lebens!« »Warum nennst du den römischen König?« fragte Herr Zawisch. »Hüte deine Zunge, Witek!« »Und abermals warne ich dich,« sagte Herr Witigo, »hüte dich vor dem römischen Könige!« * * * Der Hufschlag eines galoppierenden Rosses klang ins Gemach. Am Hause hielt der Reiter. Die Schalltafel wurde geschlagen. – – In die Türe trat ein Diener. »Herr Zawisch, ein Königsbote will Euch sprechen.« »Entbiete ihn hierher!« »Zawisch, was kann der wollen?« flüsterte Wok. »Es ist so spät am Abend!« »Was wird er bringen?« antwortete Herr Zawisch. »Er wird mir sagen, wann der König aufzubrechen gedenkt.« * * * Tief verneigte sich der Höfling vor dem Landherrn und vor jedem seiner Brüder. Zum zweitenmal und zum drittenmal verneigte er sich. »Entschuldiget, Herr, daß ich zu solcher Stunde noch in Euer hohes Haus eindringe! Unser allergnädigster Herr und König hat vorhin eine wichtige Frage vergessen – er will Euern weisen Rat in einer dringenden Sache hören, ehe er morgen aufbricht. Wenn Ihr es wünschet und befehlet, kommt er selber heute noch geritten; denn es geziemt sich, daß der Sohn sich aufmacht zum Vater, wenn er mit ihm sprechen will. Das sind seine eigenen erhabenen Worte. Doch möchte ich Euch auf meine Gefahr im Vertrauen untertänigst künden – vergebt gnädigst meine Kühnheit! – daß unser König und Herr den ganzen Tag sich unwohl fühlt.« »Entbietet dem Könige meinen ehrfürchtigen Gruß!« antwortete Herr Zawisch. »Wie ich gehe und stehe, will ich zu ihm reiten. Ich folge Euch auf dem Fuße nach.« * * * »Kennst du das Gesicht?« fragte Witigo. »Nein. Es wimmelt von neuen Gesichtern auf dem Hradschin,« antwortete Herr Zawisch. »Allereigenster Knecht, Hund und Wurm!« sagte Witigo und schaute finster auf die Türe, hinter der König Wenzels Höfling verschwunden war. »Pfuch über das Gelichter!« »Und was gedenkst du zu tun, Zawisch?« fragte Herr Wok. »Ich?« erwiderte Zawisch. »Du sendest dem Königsboten einen Herrenboten auf dem Fuße nach!« rief Witigo. »Ich verstehe dich nicht, Witigo. Warum sollte ich nicht zum Könige reiten?« fragte Zawisch und schritt zur Türe. »Warum nicht?« rief Witigo und vertrat ihm den Weg, und seine Brust hob und senkte sich schwer. »Du kannst noch fragen?« »Zawisch,« begann jetzt auch Wok, kam heran und legte die Hand auf den Arm des Bruders, »Zawisch, er hat recht, auch mir graut. Ich bitte dich, reite nicht bei sinkender Nacht zum zweitenmal hinauf!« »Er hat uns beide zum besten,« lachte Witigo und lehnte sich mit dem breiten Rücken gegen die Türe. »Er scherzt nicht, Witigo,« sagte Wok. »Sieh nur!« »Er scherzt!« lachte Witigo und stampfte. »Er scherzt nicht, ihr Brüder!« sagte Herr Zawisch. »Seit wann bin ich euch Rechenschaft schuldig für einen Ritt? Laß los, Wok, und gib den Weg frei, Witigo!« »Ich gebe ihn nicht frei!« rief Witigo mit bebender Stimme. »Du bist von Sinnen, wenn du reitest.« »Zawisch, Bruder Zawisch,« bat Wok und ließ die Hand sinken, »reite nicht! Wir können dich ja nicht halten; aber Zawisch, ich flehe dich an, reite nicht!« »Ihr seht Gespenster wie die alten Schäfer. Habt ihr noch nicht genug von heute morgen?« rief Zawisch. »Meinetwegen nennst du mich einen Gänsehirten, ich gebe den Weg nicht frei,« grollte Witigo. »Zawisch, denke an dein Weib, an deine armen Kinder!« bat Wok. »Zawisch, mit aufgehobenen Händen flehe ich, beim Andenken an unsere Mutter, geh nicht in diese Falle!« »Jetzt ist's genug!« rief Herr Zawisch. »Ich danke euch, aber ich begehre eure Sorge nicht. Gib den Weg frei, Witigo, ich befehle es!« »Wer befiehlt?« kam die Antwort zurück. »Der Älteste von der Krummenau.« »Der Klügste von der Krummenau sagt: ›Was schert mich der Älteste?‹ und bleibt,« kam's dumpf aus Witigos Munde. »Dann befiehlt der Gekorene über die Einung,« sagte Herr Zawisch langsam. Wortlos ging Herr Witigo von seiner Stelle, schritt in die dunkelste Ecke des Gemaches, wo die Messingknöpfe funkelten am alten Lederstuhle, setzte sich und stöhnte auf. * * * Mit einem Häuflein seiner Mannen zog Herr Zawisch durch die dunkeln Gassen zum Strome hinaus. Fackelträger rannten vorauf. Schweigend ritt Herr Zawisch, und sein Roß stampfte über verstaubtes, welkes Gras und über tote Blumen. Das Licht der Fackeln rötete die Mauern der Kreuzherrenkirche und des großen Spitales. Die schweren Flügel des Brückentores standen offen, der gewölbte Torweg hallte wider von den Hufschlägen und von dem Waffengeklirre. In die Mauernische hatte sich der Bruder Pförtner gedrückt und hielt die Hornlaterne hoch empor. Ein kühler Lufthauch strich vom Strome herein und trieb den Rauch der Fackeln zurück in die Stadt, und leise rauschend brachen sich die Wellen an den Pfeilern der Brücke, brachen sich und schossen murmelnd zu Tale. Über die Brücke zogen die Reiter. Am schwarzblauen Himmel glänzte Stern an Stern, und aus den dunkeln Wassern funkelte Stern an Stern im Widerscheine. Massig, finster, starr schauten die Mauern und Türme der neuen Stadt unter dem Prager Schlosse auf den Strom her, und hoch über ihnen, auf dem Schlosse, glühte da und dort ein erleuchtetes Fenster. Und wieder ragte ein Turm zum nächtlichen Himmel empor, wieder gähnte ein finsteres Tor, wieder glänzten eiserne Beschläge im Fackellichte – Herr Zawisch ritt ein in die neue Stadt. Da kam es mit Schnauben und Rasseln, da kam es mit donnerndem Hufschlage hervor aus der Altstadt Prag, stürmte durchs offene Tor der Kreuzherren, daß dem Bruder Pförtner die Hornlaterne aus der Hand fiel, und jagte über die Brücke, daß der Staub in Wolken emporstieg: Herr Wok von der Krummenau wollte in selbiger Nacht auch reiten auf die Prager Burg, und hinter ihm ritten in Eile fünfzig Bewaffnete. Mitten im Burgflecken kamen sie an Herrn Zawisch und seine Reiter heran. Wok zügelte sein Roß, Zawisch wandte sich, und dicht an seine Seite drängte sich der Bruder. »Was willst du, Wok?« »Ich reite auf die Burg!« »Wok, du wendest auf der Stelle den Roßhals!« flüsterte Zawisch erregt. »Ich reite!« kam die Antwort zurück. »Ich habe dir's in einer ernsten Stunde gelobt – jetzt erfülle ich mein Gelöbnis.« »Wo ist Witigo?« »Er hält mit den fünfzig andern in der Zeltnergasse,« sagte Wok und ritt Knie an Knie mit dem Bruder. »Es wird mir bitter verübelt werden, daß ich mit dieser Schar zum Könige reite, und du trägst die Schuld daran,« grollte Zawisch. »Es würde noch viel ärgeres Gerede machen, wolltest du mich auf offener Gasse von dir treiben,« raunte Wok und wich keine Spanne zurück. * * * Die Rosse schnaubten, die Waffen klirrten; steil hob sich die Straße empor aus dem Burgflecken, zwischen hohen, dunkeln Mauern ritt die schweigende Schaar, über ihr türmte sich die Burg der böhmischen Könige, und die Sterne der Nacht flimmerten und funkelten aus friedlichen Fernen. »Zawisch,« begann Wok aufs neue und wies mit der ausgestreckten Rechten hinauf zu den dunkeln Mauern, »Zawisch, mir graut!« »Wovor sollte mir grauen?« antwortete Zawisch. »Ich stehe im Schutze der Heiligen.« »Es ist geschrieben: ›Du sollst Gott nicht versuchen!‹« sagte Wok. »Es gibt viele in Böhmen, die den Zawisch bergen möchten in einem von den Türmen da droben.« »Gerade solche, die auch ich lieber aufgehoben wüßte als in Freiheit,« antwortete Zawisch. »Bruder, kehr um, noch ist's Zeit!« »Daß ich verdiente, als Feigling im Sumpfe zu ersticken,« sagte Zawisch. – Die Rosse schnaubten, die Waffen klirrten, die dunkeln Mauern entlang glitt das rote Fackellicht. – – Da standen die Läufer und hoben die Fackeln und schrieen und fluchten: Mitten im Wege fuhr ein Wagen, hochbeladen, bedeckt mit grauer Leinwand, bergan. Wok ritt vorwärts. »Fahr nahe an die Mauer!« befahl er dem Knechte. »So gut es geht,« antwortete dieser, knallte mit der Peitsche und trieb die starken Rosse an. Knarrend und ächzend bewegte sich der Wagen auf die Seite. »Lege einen Stein hinter die Räder!« gebot Wok. Dann rief er zurück: »Der Weg ist frei.« Herr Zawisch spornte das Roß. Hintereinander drängten sich die Bewaffneten auf dem engen Wege. Ein Dutzend Reiter war vorübergekommen an dem Gespanne. Da trieb der Fuhrknecht wieder die Rosse an, stieß den Stein aus dem Wege, ließ das Leitseil fallen und sprang nach vorne. An der Mauerseite glitt eine dunkle Gestalt unter dem Leinwanddache des Wagens auf die Erde hinab, huschte vorüber an den Rossen, wandte sich und schlug ihnen einen Beutel um die Köpfe. Die Rosse scheuten, stiegen, der Wagen rollte rückwärts, rasch und rascher, die Reiter zuzeiten ihre Rosse, sie wandten ihre Rosse, der Fuhrknecht schrie »helfet! helfet!« und hieb über die Köpfe seines scheuen Gespanns; rückwärts, immer rückwärts rollte der Wagen in Eile, das Gespann stürzte und wurde geschleift, quer über die Straße stellte sich der Wagen – krachend schlug er um – ? Fässer rollten aus der zerschnittenen Leinwand hervor und brachen polternd in den Haufen der Reiter. Ihre Rosse stiegen und drängten einander und stürzten, und wildes Geschrei schallte durch die Dunkelheit. Zawisch lauschte; die Läufer rannten heran und hielten die Fackeln hoch. – Fahl, aschgrau war Wok, und mit bebender Stimme flüsterte er: »Sie haben den Wagen über den Weg gestürzt. Verrat!« »Ein Unglück!« antwortete Zawisch mit Ruhe. – Fackeltragende Läufer kamen von der Burg herabgerannt und schrieen: »Gebt Raum, gebt Raum, der König!« * * * Auf weißem Zelter kam König Wenzel Schritt für Schritt zu Tale geritten. »Zurück, Zawisch!« rief Wok. »Vorwärts!« sagte der Landherr, spornte sein Roß und sprengte dem Könige entgegen. – Mitten auf dem Wege hielten Vater und Sohn und tauschten ihre Grüße; und in Eile drängte sich zu ihrer Rechten und Linken das berittene Gefolge des Königs herab, wandte sich und sperrte die Gasse zwischen Herrn Wok und seinem Bruder. Mit Ungestüm ritt Wok heran und rief: »Gebt Raum, ich will zum Könige!« »Ah, Herr Wok von der Krummenau!« sagte ein greiser Ritter, trieb sein Roß zurück und wandte es. »Herr Wok, ich heiße Euch willkommen auf der Burg. Der Herr König wird sich freuen, wenn er Euch sieht.« Wok verneigte sich und antwortete: »Ich ersuche Euch, schaffet mir Raum, ich habe mit dem Könige zu sprechen.« »Entschuldiget, aber ich meine, Ihr irrt Euch, Herr Wok,« sagte der Greis höfisch. »Der Herr König hat mir die Weisung gegeben, daß man ihn allein mit Herrn Zawisch sprechen lasse. Möget Euch selbst überzeugen, wie Vater und Sohn dort vorne im vertrauten Gespräche Roß an Roß reiten. Nehmt vorlieb mit der Gesellschaft eines alten Mannes!« Wieder verneigte sich Wok und biß die Zähne aufeinander und spähte angstvoll über die Reiter. »Vorwärts!« rief der Greis, und Schritt vor Schritt schob sich die Schar den Berg hinan. Wok winkte seinen Mannen. Zehn Rosenreiter drängten sich herzu. »Man wußte doch, daß Herr Zawisch zum Könige kommt,« sagte Wok zu dem Greise, der schweigend an seiner Seite fürbaß ritt. »Warum hatte man den Lastwagen nicht vom Wege entfernt?« »Man wußte es, Herr Wok; der Tölpel von einem Knechte wird auch seinen Lohn erhalten, verlaßt Euch darauf!« Die Rosse stampften, die Fackeln qualmten, die Reiter schwiegen. Immer größer wurde der Abstand zwischen dem Könige und seinem Gefolge. Wok zügelte das Roß und ritt in der Mitte seiner Mannen fürbaß. »Hat sich keiner mehr durchgeschlagen?« raunte er. »Kein einziger,« kam die Antwort zurück. »Der Wagen sperrt die ganze Breite des Weges.« * * * Über die Zugbrücke des ersten Grabens ritten König Wenzel und Herr Zawisch und verschwanden unter dem Tore. Im Lichte vieler Fackeln dehnte sich der Platz vor der Brücke. Da öffnete sich die Pforte neben dem Tore, eine große Schar Gewappneter zu Fuß quoll hervor, rannte über die Zugbrücke und stellte sich mit nackten Schwertern auf in einem weiten Halbkreise. Die Fackeln brannten, die Schwerter blitzten, lautlos schloß sich die kleine Pforte; auf dem Steinschilde über dem finster gähnenden Tore stieg der böhmische Löwe und reckte seine Pranken, umspielt vom rotflackernden Lichtscheine. – »Jetzt glaube ich, Euern Wunsch erfüllen zu können, Herr Wok,« sagte der Greis und rief: »Gebt Raum!« Die Reiter des Königs wichen zur Rechten und Linken, eine schmale Gasse öffnete sich vor den Rosenreitern, und in mächtigen Sätzen stob das Roß des Witigonen hindurch. Ihm nach drängten seine Mannen – und dicht hinter ihnen schloß die Gasse sich wieder, und gleich einer lebendigen Mauer rückte das Gefolge des Königs vorwärts, Schritt vor Schritt. In starrer Ruhe hielten die Königischen zu Fuß auf dem Platze, in jagender Eile kam Wok an die Brücke, polternd sprengte sein Roß auf die Bohlen – da rasselte im finstern Tore mit Donnergetöse das Fallgitter herab und versperrte den Weg. Hochauf bäumte sich das Pferd, und im Knäuel hielten die Reiter hinter dem Führer auf der Brücke. »Verrat!« schrie Wok mit gellender Stimme. »Ziehet die Schwerter, kehret euch!« Schritt um Schritt, eng aneinander gedrängt wichen die Rosenreiter zurück von der Brücke und rottierten sich zum Keile. Auf dem weiten Platze war nichts mehr zu hören als das Schnauben der Rosse und das Knistern der brennenden Fackeln. Langsam ritt der Greis heran und rief: »Hat sich Euch ein neues Hindernis in den Weg gestellt, Herr Wok?« »Ich fürchte, die Hindernisse werden mir in den Weg gestellt, Herr!« rief Wok zurück. »Stehet mir Rede!« »Es geziemt mir nicht, auf solche Beleidigung zu hören,« antwortete der Greis, ritt bis zur Mitte der Brücke und rief auf tschechisch ins Tor hinein: »Seid ihr betrunken?« »Das Fallgitter ist gewichen,« kam die Antwort zurück. »Eia, das sehe ich; ziehet auf!« »Eine Kette ist zerrissen, das Gitter hebt sich keinen Zoll hoch.« »Auch ihr sollt euern Lohn bekommen!« rief der Alte, wandte sein Roß, verneigte sich und sagte: »Es tut mir leid. Herr Wok!« »Ich schlage dir den Schädel ein!« schrie Wok. »Dadurch würde die Kette nicht geflickt,« antwortete der Greis, ritt gelassen von der Brücke weg und zügelte sein Roß an der Seite des Witigonen. »Was wollt Ihr, Herr? Ich verstehe Euch nicht. Sind nicht auch wir Königischen abgeschnitten?« »Gebt Ihr gutwillig Raum oder müssen wir uns den Weg zur Stadt bahnen?« fragte Wok mit bebender Stimme. »Wieder verstehe ich Euch nicht, Herr Wok,« antwortete lächelnd der Greis. »Wer sollte dem Vetter des Königs ein Haar krümmen?« Wok biß die Zähne zusammen. »Ich habe eine Bitte, Herr,« vollendete der Greis: »Wollet nicht im Zorne übel sprechen von einem alten, Manne, wenn Ihr morgen mit dem Herrn Könige nach dem Fürstenberge reitet!« »Vorwärts, ihr Leute!« rief der Witigone. »Rottieret euch!« Rasselnd ritten die Elfe zurück zwischen die Mauern. Ein Gewappneter keuchte ihnen entgegen und rief: »Der Wagen ist gewichen – sie arbeiten mit Macht – jeden Augenblick können sie zur Stelle sein!« »Renne zurück, sie sollen sich kehren!« befahl Wok. »Ich schlüge lieber drauf!« schrie einer aus der Schar. »Bei Gott, ich auch!« antwortete Wok. »Aber glaubet mir, es ist zwecklos, wenn wir uns opfern. Also zurück, wer's treu meint mit Herrn Zawisch! Mich dünkt, es kommen wilde Zeiten.« Und in der Finsternis rasselten die Rosenreiter zu Tale. * * * »Ich erwarte Euch in meinem Turmgemache, Herr Vater,« sagte der König und stieg vom Pferde. »Ich will zur Königin gehen, vielleicht möchte sie unsere Unterredung anhören.« Höflinge eilten herbei und hielten die Rosse, und König Wenzel schritt mit gesenktem Haupte voran in den Palas. Zawisch wandte sich und lauschte zurück in die Dunkelheit. Dann stieg auch er vom Pferde. Am Portale stand der Marschalk und verneigte sich tief und empfing das Schwert aus den Händen des Königsgastes. Nochmals wandte sich Herr Zawisch und horchte hinaus. In Dunkelheit dehnte sich der weite, stille Hof, und über Sankt Veit blitzten die Sterne. Hochaufgerichtet schritt Herr Zawisch in den Palas. – Hellerleuchtet wie immer waren die Vorsäle. Mit unbewegten Gesichtern standen die Wachen an den Türen wie immer. Von Saal zu Saal schritt der Marschalk vorauf, geräuschlos öffneten sich die Türen, schoben sich die Teppiche auseinander und schlossen sich wieder hinter dem Landherrn. Und sie gelangten in den letzten Saal vor dem Gemache des Königs. »Spart ihr die Kerzen?« fragte Zawisch, blieb stehen und schaute sich um in dem öden Räume. »Eine einzige Kerze!« »Vergebt,« antwortete der Höfling und bückte sich, »wir haben nicht geahnt, daß heute noch der Vater des Königs diese Gemächer betreten werde. Erlaubet, daß ich vorangehe!« – – »Welche Nachlässigkeit!« rief er und bemühte sich vergebens, die Türe zum Turmgemache zu öffnen. »Nochmals, verzeiht, Herr!« sagte er, trat zurück und verneigte sich tiefer denn zuvor. »Die Türe ist versperrt; wollet einen Augenblick Geduld haben!« »So sputet Euch!« rief Zawisch, und der Höfling glitt aus der Türe. – In der Mitte des Saales stand der Witigone und spielte mit seiner goldenen Halskette. »Der Herr ein Kind, und seine Diener die Herren!« murmelte er. Die einsame Kerze am Kronleuchter hoch über seinem Haupte flackerte in einem Luftzuge. Jäh wandte sich der Held und lauschte. Totenstille war's. Mit raschen Schritten ging Zawisch an die Türe des Königsgemaches, hob den Teppich und rüttelte. »Herr König!« rief er, und sein Ruf klang dumpf in dem Saale. Und Zawisch ging zurück und hob den Teppich von der Türe, durch die er gekommen war. »Der Hund hat mich eingeschlossen!« schrie er und sprang zurück in die Mitte des Saales. »Wer da? Es ist hier jemand verborgen! Hervor unter's Licht!« Da regte sich's klirrend in den finsteren Ecken des Saales, da bewegten sich ringsumher im Dämmerlichte die schweren Wandteppiche, als würden sie lebendig auf einmal, und hoben sich und teilten sich – – – und im weiten Kreise um den Landherrn standen dunkle gewappnete Gestalten, als wären sie aus dem Boden gewachsen. »Was wollt ihr im Harnasch? Tragt ihr mir Minne oder Haß?« rief der Witigone, und seine Stimme grollte, und seine Rechte fuhr an die Schwertseite und sank hernieder. »Hebet euch von hinnen!« befahl er und streckte den unbewehrten Arm aus. »Gib dich, Zawisch, du bist des Königs Gefangener!« sagte der Neuhauser und trat aus einer Ecke hervor. »Du, Ulrich?« rief Zawisch, und seine ausgestreckte Hand ballte sich, und mit weit aufgerissenen Augen stand er da. »Nochmals gib dich!« sagte der Neuhauser und zog sein Schwert. »Der Saal stinkt, du bärtiges Schandgesicht!« schrie Herr Zawisch, sprang mit zwei Sätzen gegen den Vetter, schlug ihm das Schwert aus der Faust, daß es krachend zu Boden fiel, umschlang ihn, hob ihn hoch empor und schmetterte ihn auf die Dielen, daß ihm die Sinne vergingen. »Drauf!« schrie einer aus der Schar, und ein anderer sprang hinter dem Rücken des Helden hervor, gab dem Schwerte auf der Diele einen Stoß, daß es in die Ecke flog, und sprang zurück, – und von allen Seiten rückten die Gewappneten langsam heran. »Rühre mich keiner an –« rief Herr Zawisch und setzte den rechten Fuß auf den Hals des Gestürzten, oder ich trete dem da die Gurgel ab! – Acht gegen einen!« Die Gewappneten standen. »Alle Heiligen!« röchelte Ulrich. »Du würgst mich doch nicht?« »Gib dich, Zawisch, und kein Haar soll dir gekrümmt werden!« rief ein anderer. »Höllischer Trug!« schrie Zawisch. »Die Stimme kenne ich – aber sag an, du bist's nicht!« »Ich bin's,« antwortete Herr Dietrich Spatzmann und trat einen Schritt vor, daß das Licht der Kerze auf ihn fiel. »Gib dich, du bist gefangen!« »Ja, wenn ich will!« schrie Herr Zawisch mit gellender Stimme, blickte sich, riß dem Neuhauser die Eisenhaube vom Schädel und warf sie dem andern ins Angesicht, daß er taumelte, sprang ihm mit wuchtigem Satze an die Gurgel und würgte ihn. Da rückten die Gewappneten von allen Seiten heran. Herr Zawisch warf den Röchelnden von sich, wandte sich blitzschnell, strauchelte und stürzte dröhnend auf das Angesicht. »Ergebet Euch!« schrieen die Ritter auf allen Seiten und schlossen einen engen Kreis um den Gefallenen. Aber keiner getraute sich, Hand an ihn zu legen. Herr Zawisch rührte sich nicht, und totenstille war's im Saale. Da ward die Türe zum Gemache des Königs leise geöffnet, und mit angstvoller Stimme rief Herr Wenzel aus dem schmalen Spalte: »Nicht töten, um der Jungfrau willen nicht töten!« »Er regt sich nicht, du hast's getan, du hast ihm das Bein gestellt, Hanusch!« flüsterte einer, und scheu wichen die Gewappneten zurück. Da sprang Zawisch in die Höhe, warf den Nächsten in furchtbarem Anpralle, daß er gegen die Wand taumelte, und stürzte sich auf die Türe des Königsgemaches. Aus Leibeskräften rüttelte der Held – in ihrem Gefüge krachte die Türe – – aber sie wich nicht. Herr Zawisch lehnte sich mit dem Rücken an die Wand. Keuchend ging sein Atem. Von seiner hohen Stirne rann Blut. Mühsam raffte sich Ulrich von Neuhaus empor und rief mit heiserer Stimme: »Was stehet ihr? Greifet ihn – wenn's nicht im guten geht, so brauchet die Schwerter!« »Waget es!« schrie Herr Zawisch. Schritt für Schritt drangen die Gewappneten heran, hielten inne und standen im Halbkreise, und ihre Schwerter funkelten. – Die Türe zu den Vorsälen öffnete sich, ein neuer Haufe Gewappneter drang herein. – – Hochaufgerichtet stand Herr Zawisch an der Wand. Da bewegte sich der Wandteppich neben und hinter ihm am Boden, geschwinde griffen zwei Eisenhandschuhe hervor, umklammerten die Knöchel des Helden und rissen ihn zu Boden – – – und auf der Brust des Herrn Zawisch kniete Herzog Niklas, würgte ihn und keuchte: »Das ist die Rache für den Tag von Hohenfurt und für alles andere!« Zwanzig, dreißig Gewappnete stürzten sich heran. Herr Zawisch war gefesselt an Händen und Füßen. * * * Hoch oben an der Wand des Königsgemaches klafften die Teppiche eine Spanne breit, und durch die engen Holzgitter der kleinen geheimen Schreiberstube schaute der Pater in den Saal herab, lauschte auf das Getümmel und das Waffengeklirre der Schar, die sich mit dem Gefangenen fortwälzte durch die lange Flucht der Säle, rieb die schmalen, weißen Hände und sprach vor sich hin: »Dem Wolfe gräbt man eine Grube und legt den Köder darauf.« – – Dann erhob er sich, reckte die hagere Gestalt und murmelte: »Der Verstand ist König allzeit, und krumme Wege führen zuweilen sehr geschwinde zum Ziele.« – Nochmals bückte er sich an das Guckgitter und schaute nochmals hinunter in den öden Saal. Die letzten Schritte waren in der Ferne verhallt, ruhig brannte die einsame Kerze, weit offen stand die Türe des nächsten Saales. »Jetzt vorwärts gegen den Mörder, den Räuber, den Lyoner mit den Waffen des Rechtes!« sagte der Pater, öffnete geräuschlos das Türchen und schlich die enge Wendeltreppe hinunter. * * * Graue Wolken zogen über Prag, ein kühler Morgenwind wehte. Und der Morgenwind trug auf seinen Flügeln entsetzliche Gerüchte von einem Ende der Stadt zum andern. Keiner mochte die Rede glauben, und dennoch erzählte einer dem andern: »Der Zawisch ist gefangen!« – Die Bürger nahmen die verwelkten Kränze und Laubgewinde, die bunten Teppiche und Lappen von den Häusern und raunten bei ihrer Arbeit. Und der Morgenwind ward stärker, fuhr in die Haufen verwelkter Kränze, daß das Laub raschelte, trieb vor sich her das verwelkte Gras, die toten Blumen, den Staub der Gasse. Er fuhr auch in die goldbraunen Locken eines Kindes, das vor dem Hause des seligen Marquart kauerte und eifrig dürres Gras in sein Schürzlein stopfte. Er fuhr in diese goldbraunen Locken und zauste sie, daß sie sich wirr über das erhitzte Gesichtchen legten. Und er fuhr weiter, der kühle Morgenwind; denn er hatte es eilig an diesem Tage. – Das Pförtlein des hohen, finsteren Hauses öffnete sich. »Gretlin, so komm doch! Was treibst du denn im Winde?« »Gleich, Ahne, gleich!« »Eile doch!« »Da bin ich schon, Ahne. Ich muß doch Gras haben, wenn mir der Manne das schneeweiße Häslein bringt. Kommt der Manne bald? Sag doch!« Freunde in der Not Ein Monat war vergangen. In der sengenden Hitze des Mittags trabte Herr Witigo mit geringem Gefolge durch die Gassen der Krummenau und ritt zur Burg empor. Er und seine Mannen waren gewappnet, als kämen sie aus der Schlacht; denn es war Krieg im Lande zwischen dem Könige und den Witigonen. Im Burghofe grünte die Linde wie ehedem – und sie hatte sich mächtig ausgewachsen, seit Jung-Zawisch die Streitaxt aus dem Häuslein des Turmwarts genommen, seit er sich im wilden Kampfspiele auf die Kniee geworfen und mit den gefesselten Händen seinem Bruder Witigo das Zeichen zum Weiterkämpfen gegeben hatte, seit Hubald, der Krämer, zum erstenmal durch ihren Schatten geschritten und der Herrensohn im Trotze an ihrem Stamme gesessen war. Aber das Bild der Burg war anders als damals; denn es war Krieg im Lande zwischen dem Könige und den Witigonen. Feldschmieden standen da und dort in den Vorhöfen und Höfen, rußige Männer hämmerten an Schwertern und Helmen, die Funken stoben, der Rauch qualmte; hier beschlugen sie ein Roß, dort befiederten sie Pfeile, da gossen sie Bleikugeln für ihre Schleudern; an den Mauern lehnten Wurfspeere mit frischblinkenden Spitzen, Kriegsensen und Piken; unter der Linde schärften sie kurze Schwerter. * * * In der kleinen Kemenate, die einst Frau Berchta bewohnt hatte, saßen die Brüder Witigo und Wok. »Das sind fürchterliche Nachrichten,« sagte Wok und schaute finster vor sich hin. Witigo trocknete die erhitzte Stirne, zuckte mit den Achseln und machte ein verächtliches Gesicht: »Mich wundert gar nichts mehr, Bruder. – Doch zunächst eine Frage – seit wann ist Alheit mit den Kindern fort?« »Seit sechs Tagen,« antwortete Wok und seufzte. »Auf deinen Rat, Witigo!« »Ruhig und gelassen und tapfer wie immer?« forschte Witigo. Wok nickte. »Ich sehe sie vor mir, deine prächtige Alheit, ich sehe sie vor mir, Wok. – Danke Gott, daß deine Lieben aus dem Lande sind – es wird ein Kämpfen auf Leben und Tod!« »Gott geleite sie auf ihrer weiten Fahrt!« kam's von den Lippen des andern. »Das wird er tun!« sagte Witigo. »Jetzt noch eine gute Nachricht aus Ungarn – des Zawisch Weib und Kind müssen ja längst geborgen sein! – und ich ziehe mit Ruhe in den Kampf.« »Wie du so gelassen reden kannst, als kämst du mit den besten Nachrichten – ich verstehe dich heute ganz und gar nicht!« brach nun Herr Wok los. Herr Witigo erhob sich und lachte hart auf: »Haben wir denn Verwunderliches oder Unerhörtes erfahren? Ich denke nicht! Aber so ist das Menschenkind – es bleibt ein Kind, bis es weiße Haare bekommt. Sind wir die ersten, die durch diese Welt laufen? Ich denke nicht! Zahllose Geschlechter haben gelebt, haben gekämpft, haben gelitten und sind dahingesunken, ehe unsere Mutter mit uns schwanger ging. In goldenen Schalen wird uns Spätgeborenen dargereicht von Jugend auf, was die vergangenen Geschlechter an Weisheit gesogen haben aus der giftigen Blume des Lebens. Wir kennen diese Sprüche, wir tändeln mit ihnen, solang es uns gut geht, sorglos, verschwenderisch – und werden sie dann auf einmal wahr an unsern eigenen Leibern, dann können wir's nicht fassen. Siehe, da liegt's mein Bruder Wok.« »Es bleibt immer ein unsagbar elendes Ding, wenn man sich geirrt hat in einem Freunde,« seufzte Wok. »Und es steht geschrieben: ›Verlaßt euch nicht auf Menschen!‹« antwortete Witigo. »Wem verdanken sie mehr als dem Zawisch?« grollte Wok. »Zehn Aussätzige heilte der Herr, einer von ihnen kehrte um und dankte ihm. Wenn das der Heilige erfahren mußte, was wäre dann für uns Kreaturen zu hart, Wok?« Einen verwunderten Blick warf Wok auf den Bruder, »So habe ich dich nicht oft sprechen hören.« Herr Witigo lachte und rief: »Alles an seinem Orte, heilige Verse und Schwerthiebe! Bei unsern Blutsfreunden habe ich andere Lieder gesungen, mein Bruder Wok; von Burg zu Burg bin ich gezogen, und wo ich verschlossene Türen fand, da trat ich sie ein.« »Und die Satzungen gebieten doch mit klaren Worten: Alle für einen, dem Unrecht geschieht!« rief Wok. »Dem Unrecht geschieht!« wiederholte Witigo mit eisigem Lächeln. »Wie?« fuhr Wok auf. »Höre ich recht? Sie könnten an eine Schuld des Zawisch glauben?« »Guter Wok, du kennst die Menschen nicht.« »Sie wagen's?« rief Wok, und sein Antlitz flammte. »Es ist also nicht Schlaffheit, nicht Menschenfurcht, nicht Feigheit? Sie wagen, ihr Unrecht mit dem Mäntelein des Rechtes zu verhüllen?« »Wer – sie? Unsere Blutsfreunde – alle bis auf die fünf Getreuen, die ich genannt habe. Von unsern andern Waffenfreunden viele – – und doch nicht so viele wie von jenen.« »Ich kann's nicht fassen!« sagte Wok. »Kannst nicht? – Mußt!« antwortete Witigo und lachte grimmig. »Siehe, schon David klagt: ›Ich bin fremd geworden meinen Brüdern, und meiner Mutter Kinder kennen mich nicht mehr.‹ – Die Blutsfreunde verlassen uns in der Not immer zuerst.« »Warum?« rief Wok, und Tränen stürzten aus seinen Augen. »Warum?« sagte Witigo. »Was weiß ich? Wird wohl ein Geheimnis der Natur sein.« »Und wessen Schild wäre fleckenloser als unseres Bruders Schild?« klagte Wok. »Ist er das, Wok?« rief Witigo heftig. »Straßenkot kann jeder Bube an jede Mauer werfen und an jeden Schild – je weißer die Mauer, je blanker der Schild, desto angenehmer und erfolgreicher die Arbeit. – Weißt du, wessen der Zawisch angeklagt ist?« »Du weißt's?« rief Wok mit aufgerissenen Augen. »Der Ketzer Zawisch habe den König vergiften wollen!« Wok stand sprachlos. Dann rang es sich von seinen Lippen: »Und es gibt einen Menschen, einen einzigen Menschen in Böhmen, der solches glaubt?« »O warum nicht?« sagte Witigo. »Sein Schild war blank, daß sich die Sonne darin spiegelte – da warfen sie aus dem Hinterhalte den Schmutz. Er sah es nicht und schritt weiter auf seiner Bahn, und nur heimlich flüsterten sie da und dort, aber keiner trat offen heraus. Da geschah es, daß der Held gestürzt wurde, und wie die krächzenden Raben kamen seine Feinde über ihn und schrieen: ›Schaut nur den schmutzigen Schild!‹ – Die Menge aber glaubte solches – weil sie alles Böse lieber glaubt als das Gute. – – – Und des Mannes Freunde? Eia, wo waren sie denn? Wer kam zu uns, als wir Boten reiten ließen und aller Welt zu wissen taten ›Der Zawisch ist gefangen‹ –? Etliche wenige. – – Und die andern? Jetzt heran, die ihr euch habt Freunde nennen lassen in guten Tagen! Jetzt ist's Zeit, jetzt liegt er da und blutet – jetzt kommt und fraget nach seinen Wunden und handelt liebreich an ihm – – jetzt ziehet die Wehre und hauet ihn heraus! – – Hast du sie gesehen? Da kam einer, dort kam einer, stellte sich in der Ferne auf, äugte herüber, schüttelte den Kopf und ging seines Weges. – – Die meisten aber blieben in ihren Löchern, raunten zusammen, horchten auf den Wind, der da bläst, niemand weiß, woher, und sagten: ›Muß am Ende doch eine faule Geschichte sein! Hätten's dem Zawisch zwar niemals zugetraut, aber jetzt wird's offenbar – wer kann die Menschen durchschauen? So hätte er handeln sollen, nein, so hätte er sich halten sollen, nein, so – – sicherlich anders als er sich gehalten hat – – – wenn wir auch nicht ganz genau wissen, wie es zugegangen ist.‹ Und sie blieben an ihrem Orte und bekümmerten sich um das Ihrige. – Kennst du die Art der Regenwürmer? Wenn die Hitze auf dem Lande liegt und der Staub wirbelt auf den Straßen, dann kriechen sie tief hinab in's Kühle, freuen sich und sprechen: ›Wir danken dir, Gott, daß wir nicht dort sein müssen, wo es trocken ist und sehr dürre!‹ Kommt aber ein linder Regen und löscht die Glut, dann heben sie die Köpfe, kriechen hervor aus ihren Gängen und winden sich herzu und sprechen: ›Hier ist's gut sein!‹ – – Wok, ich sage mit Freidank: ›Gar mancher Mann viel Freunde hat, Derweil sein Ding recht eben gaht; Doch kommen die Beschwerden, Dann hat er wenig Notgefährten. Weiß niemand, wie's um seine Freunde steht, Als wenn es ihm an Leib und Ehre geht.‹« »Es ist wahr,« antwortete Herr Wok und schaute mit finsterm Angesichte zur Diele. »Und dennoch will ich die Menschen nimmer und nimmer verachten; denn das geziemt mir nicht. Ich denke an ein Wort unseres unglücklichen Bruders: ›Hundert- und hundertmal habe ich mich getäuscht in den Menschen, und hundert- und hundertmal will ich wieder vertrauen!‹ – Und so sage ich: ›Auf dich, Herr, bin ich geworfen von Mutterleibe an‹, freue mich zwiefach der guten Freunde, die mir in diesem Feuer geblieben sind, und sage Freidanks andern Spruch: ›Gar oft ist mir da Lieb's geschehen, Wo ich der Lieb' mich nicht versehen.‹« »So lautet der halbe Spruch, mein Bruder,« sagte Witigo. »Die andere Hälfte ist nicht minder wahr: ›Und manchem auch da Leid geschieht, Wo Leides er sich nicht versieht.‹ Viertausend könnten wir auf die Beine bringen, wenn alle treu geblieben wären, fünfunddreißig Burgen trotzten dem wortbrüchigen Könige. So aber stehen uns knapp tausend Reiter zu Gebote, und nur zehn Burgen ziehen ihre Brücken auf. – Bruder, gib mir deine Hand, – – wir werfen uns in den Kampf und tun unsern Feinden Abbruch an allen Enden! Und es ist ein Ding, wie wir den Zawisch befreien – du gehst vorwärts mit dem Glauben im Herzen, ich mit der Verachtung – – wenn er nur frei wird durch unsere Schwerter!« »Und wenn wir untergehen?« rief Wok und schlang die Arme um den Bruder. »Und wenn wir untergehen, dann gehen wir unter in Gottes Namen!« sagte Herr Witigo und preßte die Zähne aufeinander, daß sie knirschten. Der römische König Auf dem Marktplatze zu Erfurt war ein starker Zusammenlauf von Menschen. Kopf an Kopf standen Bürger und Kriegsleute, standen Bauern in Leinenkitteln und Ratsherren in dunkeln Gewändern, und alle Gesichter strahlten von Lustbarkeit. Weit offen waren die Fenster an den hohen Häusern ringsumher, und so oft die Menge drunten in Heilrufe ausbrach, so oft wehten von oben herab die weißen Tücher – und aus allen Gassen und Gäßlein stürmten die Buben und schrieen: »Laufet, der König ruft das Bier aus! Der König! Der Riese! Der Zwerg!« Und langsam schritt König Rudolf gegen die Mitte des Platzes, und hinter ihm drängte sich ein Schwarm vornehmer Herren und Ritter. Langsam und gemessen schritt der römische König einher und nickte freundlich überallhin. Und immer größer wurde der Jubel, er fuhr den Leuten in die Beine, man trampelte, daß sich der Staub in Wolken emporhob, man klatschte in die Hände, man stieß einander in die Seiten, und die Gassenjugend johlte vor Lust. Und langsam schritt der greise König vorwärts, schwang in der Linken seine alte, abgegriffene Lederkappe und mit der Rechten hob er hoch empor einen gewaltigen Bierkrug. Plötzlich blieb er stehen, ließ die Augen von der Menge hinaufschweifen zu den Fenstern, warf das kahle Haupt zurück und winkte wieder mit seiner braunen Kappe. »Ruhe! Ruhe!« schrieen die Bürger. »Ruhe, der König will reden!« Und Stille legte sich über den Platz. Da rief der alte König, daß es weithin zu vernehmen war: »Herbei, herbei! Ein gut Bier hat Herr Sifrid von Butstete aufgetan; des lob' ich mir Erfurt.« Und aufs neue ging es brausend über den Platz »Heil! Heil!«, die Tüchlein wehten im Sonnenscheine, und Herr Rudolf trank in langen Zügen, klappte den Deckel zu, schritt vorwärts und neigte grüßend und lächelnd sein Haupt nach rechts und links. Wieder war es ganz stille auf dem Platze, und König Rudolf kam nahe an den Brunnen. Da rief einer aus dem Volke: »Eia, dreht doch die Habichtnase auf die Seite, Herr König, sonst rennet Ihr uns den Brunnen um!« Schallendes Gelächter brach los und pflanzte sich fort über den Platz, hinauf zu den Fenstern. Jähe Röte schoß dem Könige über das Angesicht, seine Höflinge griffen nach den Wehren und schauten drohend umher. Aber König Rudolf schwenkte den Krug und rief mit lachendem Munde über die lauschende Menge: »Wenn du meinst, so will ich die Adlernase wohl wegwenden, die mir aber unser Herrgott ins Gesicht gepflanzt hat gleichwie dir die dicke Stupfrübe.« Und wieder brach lautes Gelächter los, und von allen Seiten erscholl der Ruf: »Heil dem Könige, Heil!« Aus einer Nebengasse drang eine berittene Schar von Herren und Frauen. Das Volk wich zurück und ließ einen breiten Weg frei. Die Reiter bewegten sich Schritt vor Schritt dem Könige entgegen und sahen verwundert umher. »Heil, König Wenzel! Heil, Königin Guta! Heil, König Rudolf!« schrie und brüllte das Volk. Hochauf aber hob der römische König seinen Krug, trat neben die Reiterin, die an der Spitze der Schar einherkam, und reichte ihn empor. Die Königin hielt ihren Zelter an, ließ den Zaum auf seinen weißen Hals fallen, griff mit beiden Händen nach dem Kruge, führte ihn an die Lippen und gab ihn dem bleichen Reiter an ihrer Seite. Lautlos hatte das Volk zugesehen. Dann aber machte es sich in tosendem Jubel Luft, und die Gassenjungen drängten sich zwischen die Pferde, und die Pferde scheuten und stiegen, und die weißen Tüchlein wehten hernieder auf den Platz. Da trat ein Mann in rotem Rocke mit einer Geige in der Hand vor den König, verneigte sich tief und begann auf der Geige zu spielen. Der Jubel des Volkes legte sich, und klar und rein drangen die Töne unter dem Fiedelbogen hervor. Aller Augen waren auf den Spielmann und den König gerichtet. König Rudolf nickte und lächelte, und rascher tanzte der Bogen des Fahrenden über die Saiten, wilder wurde die Weise. Wieder trat ein Mann aus dem Volke. Der war gekleidet in einen weißen Rock und hielt eine Flöte. Und mit kurzem Anlaufe sprang er auf den Geiger und saß rittlings auf dessen Schultern. Und die Töne der Flöte mischten sich in die Klänge der Geige. Leise klatschte der König in die Hände, und ernsthaft spielte der Geiger, ernsthaft blies der andere Fahrende. Und wieder teilte sich die Menge, und ein Mann in grünem Rocke trat hervor, schlug ein Rad und stand auf den Schultern des Flötenbläsers. Die Flöte verstummte, und der Grünrock begann zur Geige zu singen: Arme fahrende Leute Sind vor Euch, Herr König, getreten Und möchten mit Zittern und Zagen Um Gunst Euch haben gebeten. Arme fahrende Leute, Die bitten, Herr König, kommt her: Was sie können, wollen sie zeigen – Ach, könnten die Leute nur mehr! Die armen fahrenden Leute Sind vor Euch, Herr König, gekommen Und spähen Euch furchtsam ins Auge – Wird ihnen die Bitte wohl frommen? Die armen fahrenden Leute, Wird ihnen auch lächeln das Glück? Sie ließen gar gerne ihr Leben Für Euch, Herr König, zurück! »Na,« sagte der König, »was wollt's mir frommen, wenn ihr die Hälse brächet um meinetwillen?« »Herr König,« rief der Grünrock, sprang kopfüber auf den Erdboden und verneigte sich gleich einem Höflinge, »Herr König, den Hals bricht von uns doch jeder einmal – aber nicht einem jeden wird es möglich sein, ihn vor den Augen des siegreichen, unbezwinglichen Königs zu brechen.« »Der weiß die Rede zierlich zu setzen!« rief Herr Rudolf und wandte sich gegen seine Ritter. »Mich dünkt, so habe ich schon oft sprechen hören, und weiß jetzt nur das eine nicht – haben's meine Ritter den Fahrenden gelehrt oder haben sie's gelernt von den Fahrenden?« Nahe dem Könige stand ein feister Bürger; der begann aus der Tiefe seines Leibes hervor zu lachen über diese leutseligen Worte, und wie der Wind hinstreicht über die Fläche des Wassers, so pflanzte sich das fette Lachen des Erfurters über den ganzen Marktplatz fort; die zu hinterst standen, reckten die Hälse und fragten, worüber man lache, und lachten, damit sie nicht zu spät kämen, im voraus, und wie die Brandung hinschlägt ans Ufer, so brach sich das Gelächter an den hohen Häusern. Der König aber trat wieder neben die böhmische Königin und fragte sie: »Beliebt's Euch, Frau Tochter, dann können sie ja tanzen?« Und Guta neigte das Köpflein. – »Heute ist er mir unheimlich, der Alte, wie noch nie – und das dumme Volk lacht und hält sich die Bäuche!« flüsterte ein junger Höfling im Gefolge des Königs und neigte sich nahe zu dem, der neben ihm stand. »Auch mir will es scheinen, als ob nicht alles Scherz sei,« kam die Antwort zurück. »Nicht alles? Nichts von allem, gar nichts!« sagte der erste und schaute unverwandt hinüber auf den Greis. »Zehn Jahre ziehe ich jetzt mit dem Könige und sehe ihn zu allen Zeiten des Tages und der Nacht. Glaubet mir, das kenne ich, wenn er den Kopf so trägt wie heute, und wenn die Augen so stechen wie heute!« – Aus einer Seitengasse kam der Zug der fahrenden Leute. Ein Kamel schritt bedächtig einher, und Affen hingen auf seinen Höckern. Geputzte Weiber hüpften singend heran, kleine Pferde trabten, und die Glöcklein tönten an ihren Schabracken. Und es begann das Spiel vor dem Könige. Buntgekleidete Jünglinge tanzten zwischen Schwertern, der wilde Mohr fraß Feuer und zerkaute Kieselsteine, das ängstliche, bleiche Mägdlein kam auf der großen Kugel quer über den Spielplatz, die Tänzerinnen drehten und schwangen sich im kunstvollen Reigen und im wilden Hoppaldei, die Geige sang, und die Flöte quiekte, die Trommel tönte darein, der Brummbär trottete im Kreise; und als man den Affen hängte an das Hinterbein der dicken Sau, und als die Sau grunzend vom Affen hinwegstrebte und der Affe Grimassen schnitt und von der Sau hinwegstrebte auf allen Vieren und wieder zornig auf den Rücken der Sau sprang und sie biß in die Ohren, da erschütterte wieherndes Gelächter die Luft. Als aber die drei Männer, der Rote, der Weiße und der Grüne, auf den großen Teppich traten und sich bekreuzigten vor dem zwiefachen Todessprunge, als sie zuerst sich überschlugen nach vorwärts und dann die Köpfe in den Nacken beugten und hochaufsprangen nach rückwärts und sich wirbelnd überschlugen – da hielt auch das Volk den Atem an, und hier und dort sprach einer das Stoßgebet für die armen Tröpfe und streckte sich, damit er alles ganz genau sähe, und als es glücklich geschehen war, riefen sie ringsumher »Heil! Heil!« – wie sie vordem gerufen hatten »Heil dem Könige!« Und wieder stand der Rote und geigte, und der Weiße hockte auf seinen Schultern und blies die Flöte, und der Grünrock stand aus dem Weißen und sang: Der König, dessen Augen Wohl über alle Lande gehen, Er hat die fahrenden Leute Bei ihrer Arbeit gesehen. Wir danken und ziehen weiter Und singen mit Freudigkeit Und rühmen aller Orten Des Königs Müdigkeit. Von Welschland bis zum Nordmeer, Von Prag bis nach Brabant, Herr Rudolf, soll dein Name Mit Ehren sein genannt! »Gut!« sagte der König und wandte sich zu seinem Kämmerer. Der trat herzu. »Gib dem Fahrenden einen Goldgulden!« befahl er. Der Kämmerer verneigte sich tief und zuckte mit den Achseln. Herr Rudolf zog die Stirne in Falten. Dann rief er zum Böhmenkönige hinauf: »Lieber Sohn! Dieser Esel, der würdig wäre, mit der Sau den Hoppaldei zu tanzen, hat vergessen, Geld in seinen Beutel zu tun. Besorget Ihr die Kleinigkeit!« Und König Wenzel winkte einem Reiter. Der griff in die Tasche und warf dem Grünrocke eine Hand voll Geld in die Mütze. Die Gaffer ringsumher stießen sich an und lachten verstohlen, Herr Rudolf aber rief mit lauter Stimme: »Es war gut, was ihr getan habt, ihr und eure Tiere. Ich aber will euch jetzt selber eine Aufgabe stellen.« »Der Große befiehlt's, und der Kleine tut's,« sagte der Grünrock. »Aber vieles kann befohlen werden, was auch der Geschickteste nimmer auszuführen vermag.« »Tretet alle weg von diesem Teppiche!« befahl der König. »Man gebe mir einen Apfel!« Aus dem Gefolge trat der Zwerg des Königs, verneigte sich und zog einen roten Apfel aus dem Wamse. »Recht so, Kunrad! Du denkst an alles und du hast alles,« sagte der König und gab dem Zwerg einen freundlichen Backenstreich. »Auweh, Vetter, du bist grob!« schrie dieser und tanzte auf einem Beine. »Alles, sagst du? Warum hast du dann nicht mich um einen Goldgulden gebeten? Was mir gehört, gehört dir, und was du hast, habe ich auch.« Wieder lachten die Bürger ringsumher, und der eine und der andere von den Hofleuten fuhr mit der Hand über seinen Mund. »Da, Junge,« befahl Herr Rudolf einem Büblein, das vor den Reitern stand, »nimm diesen Apfel und lege ihn mitten auf den Teppich!« Der Gassenjunge nahm den Apfel, lief in die Mitte des großen Teppichs, biß eilend ein Stück aus der Frucht, sprang in Sätzen über den Teppich hinaus und versteckte sich zwischen den Beinen der Gaffer. »Tropf!« rief der König und ballte die dürre Faust. Dann befahl er dem Fahrenden: »Greife mir mit deinen Händen den Apfel heraus, ohne daß du den Teppich betrittst!« Der Fahrende stand und besann sich. »Das ist unmöglich, Herr König.« »Bring mir den Apfel, Fahrender!« Wiederholte der König, und seine Brauen zogen sich zusammen. »Wenn Ihr mir den Kopf abschlüget auf der Stelle – ich kann's nicht,« sagte der Grünrock und schaute mit kläglichem Gesichte im Kreise umher. »Dann soll ihn der von Baldeck herausholen!« Der Riese trat aus der Höflingschar, verneigte sich und sprach: »Ich könnte gerade so gut den Mann aus dem Monde herunterlangen – es ist unmöglich, Herr König.« »Dann soll ihn der Zwerg holen!« rief der König. »Wie meinst du das, Vetter?« fragte Kunrad, stolzierte hart an den Rand des Teppichs und wandte das lange, breite Angesicht Herrn Rudolf zu. »Es ist mir das ein leichtes Ding, nur weiß ich noch nicht, auf welche Art es geschehen soll.« »Das ist's eben!« lachte der König. »Vetter,« sagte der Zwerg, »Vetter, das haben andere Leute auch schon erfahren. Daß es gehen wird, hast du auch gewußt, als du aufs Marchfeld zogest; aber wie es gehen werde –? – Und wenn du deinen Sohn, den Rudi, anschaust und deine goldene Krone, dann weißt du auch, daß es wohl gehen wird, aber – – – wie ?« »Schweig,« donnerte der König, »und hole den Apfel!« »Eia, Vetter, bist du grob,« klagte der Kleine. »Ich kenne dich gar nicht mehr. Wie ein Apriltag im Jahre!« – Und eilig bückte er sich und rollte den Teppich auf bis zur Mitte, griff nach dem Apfel und trug ihn zwischen den Fingerspitzen zu Herrn Rudolf. »Steck ihn dem Fahrenden ins Maul!« befahl dieser und wandte sich. »Kannst dir das Kunststück des Königs merken, Grünrock, zu deinen andern und singen von Prag bis nach Brabant davon!« sagte er, winkte gnädig mit der Rechten und schritt langsam neben dem Zelter seiner Tochter durch das jubelnde Volk zurück in die Burg. * * * Der Abend kam. Ein laues Frühlingslüftlein wehte durch die Gassen, vor den Häusern saßen die Leute und schauten zu, wie die reichgeschmückten Ritter und Herren vorübergingen nach der Burg hin, und besprachen die Insassen der Sänften, die von allen Seiten herschwankten. Und das Licht der Fackeln kämpfte mit dem letzten Scheine des scheidenden Tages. – Von den Türmen klangen die Glocken über Stadt und Land, die Bürger schlossen ihre Türen und schoben starke Riegel vor. Durch die Gassen und über die Plätze zog die Scharwache. Aus den Schenken tönte Singen und Jauchzen, die Häuser entlang schlichen Dirnen und Fahrende, und im großen Palassaale der Burg, unter den strahlenden Kronleuchtern, schritten die Paare im Tanze. – – – Fernab vom Festgetümmel, in seiner engen Kemenate, saß der römische König, und bei ihm saßen am schweren Tische seine Kinder Guta und Wenzel. Prächtig war sie geschmückt, die junge Königin: ihr seidenes Gewand schillerte im Lichte der Kerzen, in weichen Falten legte sich ein blauer Sammetmantel um ihre Schultern, am goldenen Stirnreife leuchteten Edelsteine, glänzten köstliche Perlen. »Wir haben Euch noch keine Viertelstunde allein gesprochen, Herr Vater,« sagte Guta und spielte mit dem Goldringe, den sie über dem Seidenhandschuhe trug. »Und es weiß doch der Herr Vater, daß uns das Herz schwer ist!« »Sehr schwer,« murmelte König Wenzel, nickte und schaute geradeaus. »Wann hätte ich euch empfangen können?« fragte König Rudolf. »Bedenket doch selber: Am Freitag bei sinkender Sonne habe ich euch eingeholt, am Sonnabende, das weiht du, Guta, am Sonnabend enthalte ich mich des Rates wie der Tat – denn so ist's der heiligen Jungfrau angenehm –, am Sonntag war das große Fest, das euch die Stadtväter gaben, heute seid ihr schon am frühen Morgen ausgeritten. – – Aber saget an, was hat euch zu mir geführt?« »Nicht mehr ein und nicht mehr aus wissen wir, Herr Vater, so lange wir uns auch besinnen!« sagte König Wenzel. Mit raschem Blicke streiften die dunkeln Augen der Königin über ihren Gemahl. Dann wandte sie sich zu ihrem Vater; »Was fragt Ihr? Es ist Euch nicht unbekannt, daß wir nach allen Seiten hin zu kämpfen haben.« »Kampf muß sein,« sagte Herr Rudolf. »Der Kampf macht das Herze stärker pochen und rötet das Angesicht. Gut essen, viel trinken, nichts denken, lange schlafen – wer das tut, des Angesicht borgt seine Farbe vom jungen Käse.« Die Königin schwieg, und König Rudolf musterte mit stechendem Blicke seinen Eidam. Der saß im weichen Faltstuhle, streckte die Beine von sich und schaute mit seinen wasserblauen Augen an die Decke empor. Ein spöttisches Lächeln verzog die wulstigen Lippen des Habsburgers. Dann fragte er: »Die Witigonen sind's, die euch belästigen?« »Die Witigonen, und was sich sonst noch an sie hängt im Lande,« antwortete Frau Guta. »Die Sorgen wurden immer größer, und als ich keinen Ausweg mehr wußte, da sagte ich: ›Wollen wir zum Vater reiten!‹ – – Helft uns, Herr Vater!« Und ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Es war nie König noch Königin, Die ohne Sorge mochten sin,« sagte der römische König. »Laß dir's nicht zu Herzen gehen, Guta! Du bist sehr jung, vor kurzem haben noch andere für dich gesorgt, jetzt kommen die Sorgen an dich und weichen nimmer von deiner Seite. Das ängstet dich, weil es dir ungewohnt ist. Merke das Wort: Wenig Glück vom Leben hoffen, Hält dem Glück die Wege offen.« »Wozu bin ich dann König?« fragte jetzt Wenzel und sah zuerst auf seine Gemahlin und dann auf König Rudolf. »Wozu denn?« wiederholte er heftig. »Ich habe Gold in meinen Truhen, ich habe Rosse in meinem Stalle, ich habe viele Diener und einen ausgezeichneten Koch. Was tue ich mit dem Golde, wenn ich Sorgen habe? Nicht einmal das Essen freut mich, weil ich Sorgen habe.« »Das freut ihn immer noch, Herr Vater, dürft's glauben!« fiel Guta ein und lachte hart auf. »Den Johann Westphal, den höckerigen Tropfen mit den schielenden Augen, seinen Oberkoch, den hat er vor vier Wochen zum Herrn aller Töpfer und Böttcher ernannt, hat ihm Brief und Siegel darüber gegeben –« »Zum Herrn aller Töpfer und Böttcher? Das verstehe ich nicht,« sagte Herr Rudolf und schaute von seiner Tochter auf seinen Eidam. »Daß du alles erzählen mußt, Guta! Es ist ein Schwank gewesen zu meiner Kurzweil, sonst nichts,« sagte Wenzel und machte ein böses Gesicht. »Ein Schwank, der dir jährlich einen Sack voll Geld kostet und den Spott umsonst einbringt!« rief die Königin. »Wenn der König von Böhmen Geld ausgeben will, so kann er Geld ausgeben; denn er hat's – auch für einen Schwank,« entschied König Rudolf. »Könige verstehen einander!« sagte Wenzel und lehnte sich zurück. »Und wenn der König von Böhmen sich die Woche zweimal und dreimal betrinken will mit seinem Oberkoche, den alle Welt als Dieb und Lumpen kennt –?« König Wenzel stand vor seinem Weibe, aschgrau war sein Angesicht, er hob die Hand und keuchte: »Du! Du! Du!« – Hochaufgerichtet stand Frau Guta, und leise knisterte die Seide ihres Gewandes. Wenzel aber begann heftig zu zittern, bedeckte die Augen mit den schmalen Händen und sank schluchzend auf seinen Stuhl. Finster sah König Rudolf auf seine Tochter. Dann sprach er mit harter Stimme: »Ich finde nichts Unkönigliches in den Scherzen, die dein Herr Gemahl an langen Winterabenden mit seinen Dienern treibt. Auch im Scherze und auch hinter dem Becher ist er und bleibt er der König.« »Und unter dem Tische!« murmelte Guta und setzte sich wieder. »Ihr solltet bei uns in Prag sein,« sagte Wenzel und wischte sich die Augen; »schon oft habe ich's gesagt, das wäre ein Leben!« »Wäre schon recht,« antwortete der Greis freundlich, »kann aber leider nicht gut abkommen.« »Ach, Ihr seid ja doch der römische König! Wer will Euch hindern, zu reisen und zu bleiben, wann Ihr wollt?« »Habe dir's ja vorhin gesagt, Wenzel, das Wort von den Sorgen!« »Ja, das ist aber ein ärgerliches Wort,« meinte der böhmische König. »Ihr seid doch auch sehr lustig in Erfurt? Habe mir's heute nachmittag gedacht! Das habt Ihr gut gemacht, das mit dem Teppiche, habe so lachen müssen, noch lange danach. Wie seid Ihr auf diesen Schwank gekommen?« »Ist mir so eingefallen. Alte Leute können oft nicht schlafen des Nachts; dann kommen ihnen allerlei Gedanken,« sagte Rudolf freundlich. »So etwas muß ich auch einmal aussinnen,« rief König Wenzel; »da könnten meine Prager lachen! – – Wenn ich nur erst Frieden hätte! Seit der Zawisch gefangen ist – wartet einmal, das sind jetzt fast zwei Jahre – seitdem geht die Unruhe nicht aus. – Das meint Ihr aber doch auch, Herr Vater, den Zawisch darf ich nicht aus dem Kerker geben? Er hat mir ja nach dem Leben getrachtet, der Hund. Zerreißen könnte ich ihn, wenn ich daran denke!« Wenzel ballte die Fäuste. »Den Zawisch wirst du nicht aus dem Kerker geben, wenn dir deine Krone lieb ist und dein Leben!« sagte Herr Rudolf. »Der Zawisch, Wenzel –« »Pst! Seid still!« rief Wenzel mit verhaltener Stimme und kicherte. »Da – seht! Eine Maus ist's – da – am Kamin – seht ihr?« Verachtungsvoll warf Guta die Lippen auf und sagte scharf: »Sind wir wegen einer Maus nach Erfurt –?« Wenzel aber hatte sich erhoben und streckte den Arm aus. Verzerrt war sein Antlitz. Über den Teppich sprang eine Katze. Ein gellender Schrei kam von seinen Lippen: »Rettet mich!« – König Wenzel stürzte aus dem Gemache. »Das habe ich nicht zum erstenmal gesehen,« sagte Guta und schaute ihm finster nach. »Er fürchtet die Katzen, als wäre er selbst eine Maus – er fürchtet sich vor Blitz und Donner – – ja, wovor fürchtet sich mein Eheherr nicht?« Der römische König murmelte etwas vor sich hin, rieb sein Kinn und sann. Vater und Tochter saßen einander gegenüber. Die Kerzen warfen ihren milden Schein auf den kahlen Scheitel des Alten, und auf dem Haupte der Königin funkelten die edeln Steine, schimmerten die köstlichen Perlen. Vor der Türe hing der schwere Teppich in dichten Falten, und nur ganz gedämpft drang von ferne her die Musik in das Gemach. Bedächtig stand König Rudolf auf, schritt zur Türe, hob den Teppich und schob den Riegel vor. Dann kam er zurück und ließ sich nieder auf seinen Stuhl. »Guta, ich bin unzufrieden mit dir.« »Herr Vater, ich dächte, Ihr könntet mich verstehen.« »Nein!« »Habt Ihr ja doch selber soeben gemurmelt ›Schwächling!‹« »Und sag' es noch,« antwortete der Greis. »Und mit einem Schwächling muß ich leben, an ihn bin ich gebunden alle Zeit, mit ihm soll ich sitzen auf der finsteren Burg und soll sehen, wie er regiert wird von allen, zuletzt von seinem Koche, zuerst und zuletzt von seiner Schwachheit!« »So bemühe du dich, über ihn zu herrschen, und du wirst in kurzer Zeit herrschen über alle, die um dich her sind!« sagte König Rudolf, und seine Rechte ballte sich und fiel mit hartem Klange auf die Tischplatte. »Ich mühe mich ab alle Tage, daß ich Macht gewinne über ihn,« sagte Guta. »Aber Ihr kennt ihn nicht, Herr Vater. Eure Klugheit bezwingt ihn freilich, wie auch des Zawisch Klugheit ihn einst so völlig geleitet hat – über alle andern Menschen dünkt er sich erhaben und merkt es nicht, wenn sie ihn mitsamt seinem hochmütigen Spott und mitsamt seiner kindischen Grobheit in die Tasche stecken. Und zudem trinkt er seit zwei Jahren unmäßig. Ich verachte ihn.« »Und du läßt die Macht über ihn den andern, Guta?« »Je fester ich ihm gegenübertrete, desto halsstarriger wird er.« »Wer hieß dir, ihm fest entgegenzutreten, mein Kind?« fragte der Greis, und seine Stimme hatte einen weichen Klang. »Arme Guta! Es hat sich wohl gefügt, daß wir heute ein wenig miteinander reden können. Es war höchste Zeit. Sei doch meine verständige Tochter – wie alt bist du, Guta?« »Neunzehn Jahre, Herr Vater.« »Neunzehn Jahre – es ist richtig,« sagte der König und stützte das Haupt mit der Hand. »Und siehe, ich habe zweiundsiebzig Jahre gelebt. Glaubst du, daß ich das Leben kenne?« »Ja, Herr Vater.« »Und glaubst du, daß ich dich lieb habe, mein Kind, daß ich dich glücklich wissen möchte?« »Das weiß ich, Herr Vater – so gut ich weiß, daß ich unglücklich bin.« »Unglücklich!« wiederholte Herr Rudolf. »Guta, bist du gerne Königin?« »Ich wüßte nicht, was ich anderes sein könnte,« sagte das Weib. »Schön, schön geantwortet!« nickte der König. »Und nun sag mir, meine Tochter, meine verständige Tochter, was ist Glück?« »Wohlsein,« antwortete Guta. »Wohlsein?« wiederholte Herr Rudolf und schüttelte das Haupt. – »Wohlsein? – Nein, Wohlsein ist erst das Kind des Glückes. – – Ich will dir's weisen, Guta: Glück ist Macht, und alles, was man sonst für Glück ausgibt, ist Katzengold . Mächtig ist aber nur der Besitzende – und so sage ich dir als Summe meiner Lebenserfahrung: Der Besitz ist der Vater des Glückes. – – Deshalb verdient der nicht zu leben, der gesund, reich und unglücklich ist, Frau Königin von Böhmen!« Guta öffnete den Mund. »Höre mich!« fiel der König ein. »Ich weiß, was du sagen willst: ›Wollte Gott, daß der König ein Mann wäre!‹ – – Guta, es ist Torheit, sich das Herz schwer zu machen über Unabänderlichem. Ich gebe es zu, Wenzel ist ein Schwächling. Was kann er dafür, der arme Tropf? Mit ihm hat sich ein altes, großes Geschlecht ausgelebt – es war wohl nichts mehr vorhanden, was noch auf ihn hätte kommen können. Also – nimm ihn, wie er ist, und schaffe dir gerade aus seinen Eigenschaften dein Glück, das ist – deine Macht! Aber freilich, mein liebes Kind, auf andere Weise, als bisher: Gib ihm nach in allen Stücken, beherrsche deine Züge, mag er noch so launisch sein, liebkose ihn – Menschen, wie er, sind der Liebe bedürftig – lächle über seine Schwächen und drücke die Augen zu, wenn du einmal nicht mehr lächeln könntest! Die Augen zur rechten Zeit offen halten und zur rechten Zeit schließen, bloß das hören, was man hören will – glaube einem alten Manne – es ist dies eines der Grundgeheimnisse der Macht. Verstehe mich nicht falsch: Du mußt ihn stets in den Zügeln halten, du mußt immer wissen, was er tut, wo er ist, aber du mußt – nun, ich will mich ausdrücken wie ein Sänger – du mußt die Zügel mit Rosen umwinden. Wenn du das befolgst, dann wirst du ihn beherrschen und durch ihn ein mächtiges Land, kannst tun, was dein Herz begehrt, und wirst glücklich sein.« »Rings umgeben von Feinden!« sagte Guta. »Feinde!« lächelte der König. »Mein ganzes Leben lang habe ich erfahren, daß es nur einen einzigen Feind gibt – die Armut. Wer die Macht hat und klug ist, der kann spotten über alle seine Feinde. – Aber Klugheit ist von nöten, meinte Guta, und nur der ist klug, der die Menschen kennt. – Die Menschen! Keiner lernt sie besser kennen, als ein König. Je größer der König, desto größer seine Menschenverachtung. Ein wahrhaft großer Herrscher benutzt alle und traut keinem.« »Keinem?« fragte Guta. »Keinem, der nicht gerade auf längere oder kürzere Zeit mit einem starken Wunsche an des Herrschers Person gefesselt ist. Also auch den eigenen Kindern nicht, wenn sich ihre Wege von dem seinen getrennt haben,« antwortete Herr Rudolf kühl. »Vater!« rief Guta und griff nach den Händen des Greises. »Ich spreche nicht von der Liebe, sondern vom Vertrauen, meine Tochter,« sagte der König. »Und die Wege meiner Kinder führen immer wieder auf meinen Weg, solange ich lebe. – Wovon habe ich vorhin gehandelt?« »Von der Menschenkenntnis.« »Ja, von der Menschenkenntnis. Erwirb dir Menschenkenntnis, und du wirst herrschen. Gewöhne dich daran, alle irdischen Dinge ihrer Hüllen zu entkleiden, und du wirst immer wieder auf drei Gewalten kommen, die unsere Welt regieren: Der Magen ist's, die Liebe ist's, und ein drittes ist's, das den dichtesten Dunst um sich verbreitet, sich allerlei stolze Namen gibt und nichts ist als – Eitelkeit. Wirf aber den Menschen die Brocken zu, mit denen sie diesen dreien Trieben frönen können, und du bist ihr Herr! – Gewöhne dich daran, unablässig zu beobachten, und je länger du beobachten wirst, desto undurchdringlicher wird dein eigenes Antlitz werden. Wohl dir, wenn du erst so weit bist! – Welch ein Glück, daß der Mensch sein zuckendes, klopfendes Herz nicht offen in den Händen tragen muß durch diese Welt: das Angesicht ist dazu geschaffen, einen Schleier zu werfen über die Gedanken. Herrschkunst ist die höchste Kunst auf Erden; von allen Künsten borgt sie das Beste, damit sie herrsche über alle Künste. – Wer richtig beobachtet, der wird seine Brocken geschickt unter die Menschen werfen, das heißt, er wird sie so werfen, daß immer zwei scheel sehen auf den Brocken, den der dritte bekommt. – Hat einer drei Feinde, so muß er sich mit zweien von ihnen versöhnen – und sich schadlos halten am dritten. – Die Menschen auseinanderhalten, keinen warm werden lassen neben dem andern, jeden mit besonderem Kettlein fesseln an den Thron – das ist Anfang und Ende der Herrschkunst. Ich fühle mich niemals wohl, wenn unter den Höflingen Frieden ist. Sobald ich das merke, säe ich Zwietracht und herrsche weiter. Wehe dem Könige, der aus stolzer Höhe herrschen wollte! Mit tausend Wurzeln muß er haften in seinem Reiche, aus tausend Wurzeln muß er seine große Wissenschaft saugen. Sende niemals einen Kundschafter allein aus, sondern immer ihrer drei – aber also, daß der erste nichts weiß vom zweiten und beide nichts ahnen vom dritten; und wenn sie eine Weile fort sind aus deinen Augen, dann sende heimlich einen vierten nach, der ein Auge habe auf alle drei. Also wirst du die Wahrheit erfahren. – – – Verstellen muß sich der Herrscher; ohne das kann er nicht wirken. Aber nenne mir den klugen Menschen, der sich nicht verstellte! Ja, ich sage, alle Menschen, auch die dummen, verstellen sich, und nur einmal im Jahre trägt man sein wahres Gesicht – zur Fastnacht, wenn man Larven steckt vor sein Gesicht. Aber klug muß er die Kunst der Verstellung üben, der kluge Herrscher; denn es ist seine beste Habe, wenn die Leute den Biedersinn rühmen an ihm. – ? Gibt freilich weiße Raben, die klug sind, und dennoch ihres Herzens Gedanken auf dem Angesichte widerspiegeln; aber ihre Schicksale können uns nicht verlocken, ihre Art nachzuahmen. Zu ihnen gehört der Zawisch –« »Der Zawisch?« rief Guta, und ihre Augen funkelten. »Der Zawisch hat von jeher den größten Betrug geübt: er hat Ehrlichkeit geheuchelt und Arglist im Herzen getragen, er hat uns nach Krone und Leben gestrebt – ich lobe die Jungfrau, daß Ihr uns das Rechte geraten habt dazumal in Eger, Herr Vater!« »Wie ein Kind gehst du dahin, Guta,« sagte König Rudolf und lächelte trübe. »Ich habe ihm nachgespürt auf allen seinen Wegen, ich habe ihm Fallen gestellt, ich habe ihn geprüft, wo er es nimmermehr ahnen konnte, und ich sage dir: Sowenig ich selber nach der böhmischen Krone trachte, sowenig hat der Zawisch jemals danach gestrebt. Ich kenne die Menschen, und weil ich sie kenne, muß ich es sagen: Der Zawisch ist ohne Falsch.« Mit offenem Munde saß Guta vor ihrem Vater. »Und hast uns dennoch geheißen, ihn mit aller List in sein Verderben zu locken?« »Wieder sprichst du wie ein Kind, und ich sehe, Frost und Hitze müssen noch kommen über dich, bis meine Saat aufgehen wird in deinem Herzen,« sagte Herr Rudolf und seufzte. »Ein jeglicher, der emporwächst neben einem Throne, muß gestürzt werden. Nichts Gefährlicheres als die Macht eines Vasallen! – So einfach und so klar: Die Menschen kannst du setzen gegeneinander wie die Figuren auf dem Schachbrette – doch habe ich noch niemals gehört, daß auch der Klügste einem andern Manne das Herz im Leibe hat hetzen können gegen den Magen. Was soll die große Macht in der Hand eines einzigen? Ist sie jetzt keine Gefahr, kann sie zur Gefahr werden vom Morgen bis zum Abende. Es ist leichter, über hundert Herrlein zu herrschen, als über fünfzig Herrlein und einen Herrn, der die Macht der fünfzig andern allein besitzt. Macht ist Glück – warum hätte ich den Zawisch sollen wachsen lassen neben euch Kindern? Damit sein Geschlecht dereinst euch oder eure Kinder um die Macht bringe und um das Glück?« »Und was wollte der Zawisch, als er dem Könige Gift gab?« fragte Guta. »Gab er's?« warf der König hin. »Das ist beschworene Wahrheit,« antwortete Guta. »Wahrheit? Beschworen?« sagte Herr Rudolf, stützte die Ellbogen auf den Tisch, faltete die Hände, ließ die Daumen langsam übereinander kreisen, reckte den Hals, verzog den Mund und zuckte mit den Achseln. Schweigend saß die Tochter vor dem Vater. Dann fragte sie: »Seid Ihr glücklich, Herr Vater?« »Wenn ich die Macht besäße, nach der ich strebe mein Leben lang, dann wäre ich glücklich,« antwortete der römische König. »Ob ich sie freilich jemals selber erlangen werde, das weiß ich nicht. Aber es ist ein Vorrecht der Fürsten, daß sie fortleben in ihren Kindern wie kein anderer Sterblicher, daß sie, flüchtige Gestalten, die über die Erde hingleiten, zu unsterblichen Giganten werden als die Fortpflanzer ihrer uralten Geschlechter. Und wenn es mich oft drücken will, daß ich selbst das Glück wohl nimmer kosten werde, dann schaue ich auf meine Kinder und Kindeskinder und denke bei mir: Du hast doch nicht umsonst gelebt, Graf Rudolf!« Die Königin erhob sich, trat neben den Stuhl des Vaters, sank auf die Kniee und bedeckte die Hand des Greises mit Küssen. »Laß es sein, Guta!« wehrte Herr Rudolf, entzog ihr die Hand und strich liebkosend über ihren Scheitel. »Du bist zu weich – mache, daß dein Herz kühler und fester werde! Kalt ist die Welt; darum lebt der am besten, der kalt ist wie sie. Kalt muß vor allem der sein, der mitten im Kampfe steht – und im Kampfe stehst du. – – Weißt du, wen sich der König zum Vorbilde nehmen muß in unsern Tagen? Ich will dir's verraten! Wenn die Sänger singen von den alten Zeiten und ihren Königen und Kaisern, so möchte ich mich oft so heimlich verwundern: Wie leicht muß es vordem gewesen sein, das Königamt zu lernen und zu üben; ein starker Arm, eine große Gestalt, ein kecker Mut, Leutseligkeit und hohe Würde – das machte einen zum Könige! Und heute? Den möchte ich sehen, der mit hoher Würde dahinschreiten könnte auf den engen Wegen eines Herrschers! Darum, wer in unserer Zeit ein mächtiger König sein will, der lerne seine Kunst nicht auf dem Schlachtfelde, nicht beim Turniere, nicht auf der Jagd; er kann sie nur lernen in den Städten, in den engen, dumpfen Städten, die ich hasse in meiner Seele – als freier Reiter, deren ich bedarf wie des Brotes zum Leben – als König. In diesen Städten wohnen die Klügsten der Erde, die Kühlen, die Abwägenden, aber auch die Wagenden, die allzeit Vorwärtskommenden, die Menschen, denen über kurz oder lang die Erde gehören wird, die Kaufleute . Von den Kaufleuten habe ich das Beste gelernt in meiner Kunst, Guta, und wer ein kluger König sein will, der muß von den Kaufleuten die Art borgen und muß den Königsmantel drüber schlagen, und mit den Kaufleuten muß der kluge König gehen aus der alten Zeit in die neue Zeit hinein. Da muß er stark sein, der König« – und Herr Rudolf klopfte mit dem Finger an seine hohe Stirne – »was nützt ihm sonst die Stärke seiner Rosse und Reiter? – – Guta, wie hast du dich heute unterhalten bei den Gauklern?« »Herr Vater,« sagte die Königin und schaute dem Greise in die feurigen Augen, »in welcher Absicht habt Ihr den Apfel auf den Teppich legen lassen? Es ist mir aufgefallen: Ihr habt immer wieder zu mir herübergesehen.« »Ich habe dir Unterricht gegeben auf dem offenen Marktplatze, mein Kind, und habe nebenbei dies und das von meinen Zwecken verfolgt,« antwortete der römische König. »Oder glaubst du, daß ich zwecklos mich zum Spektakel mache bei Männlein und Weiblein in der Stadt Erfurt? – Ich habe viel erreicht an diesem Tage: In allen Schenken sprechen sie heute vom guten Könige, und Kindern und Kindeskindern werden sie's noch erzählen, daß er auf offener Gasse den Krug geschwenkt, ihr Bier gerühmt, daß er mit guter Miene Spottrede hingenommen und – diesen Hunden – vergolten hat mit einem schalen Scherzworte, daß er ein König gewesen ist wie keiner vor ihm, ein König nach ihren Herzen. Und warum habe ich den Narren einen Narren gemacht? Weil ich morgen im Stadthause eine Frage stellen muß an die Geldsäcke von Erfurt. – Ein kluger König baut sich feste Steige zu den Herzen seiner Untertanen, mein Kind, und je klüger der König ist, desto gemeiner macht er sich zu Zeiten unter den Leuten. Tu desgleichen nach Gelegenheit! – Die Krone der Königsweisheit aber habe ich dir gezeigt, als ich die Gaukler bestellte mit dem Teppiche: Der Apfel ist deines Lebens Ziel, das Glück, die Macht, der Teppich aber ist das Hindernis, das sich dir entgegenbreitet von allen Seiten. Ich befahl dem Springer, den Apfel zu holen – er konnte nicht! ich befahl dem Riesen, die Arme auszustrecken nach dem Apfel des Glückes – er stand ratlos vor dem breiten Hindernisse; ich stellte den Zwerg an den Teppich – der bückte sich, der rollte ihn zusammen, der nahm mit seinen Fingerlein die Frucht. – Bist du eine gelehrige Schülerin, Guta? Dann geh hin und handle mit der Klugheit des Zwerges und sei immer eingedenk meines Spruches: › Mit Eil' manch Ding verdorben wird .« Das Weib erhob sich vom Teppiche, ihre Gewänder rauschten, ihre Wangen glühten, ihre Augen funkelten, und hochaufgerichtet stand sie vor dem Greise und sagte: » Ich will !« »Schön gesprochen, meine Tochter!« lobte Herr Rudolf, und auch er stand auf von seinem Sitze. »Die heilige Jungfrau behüte dich! Sie ist stark, sie kann dir helfen in jeder Not, wie sie deinem Vater geholfen hat Zeit seines Lebens. Ihr gib dich hin alle Morgen und alle Abende! – Wir Könige müssen manches tun in dieser bösen Welt, was uns in stillen Stunden Gedanken erregen könnte – wer vermag das Kleine zu schonen, wenn das Große soll gefördert werden in einem Reiche? – Deshalb aber wollen wir uns bergen immerfort im Schatten der Kirche und uns einkaufen durch gute Werke in das unbekannte Land, aus dem noch keiner zurückgekehrt ist! – – – Besuche mich morgen um diese Zeit wieder, und wir wollen weiter reden vom Zawisch, von den Witigonen und von deinen Sorgen. Ich weiß euch einen Rat – einen guten Rat .« – – – »Sorgen!« setzte er nach einer Weile hinzu. »Es ist zum Lachen. Was will dich kümmern, Königin von Böhmen? Hast einen Mann, der deiner Klugheit folgen wird wie ein Hündlein; dein Land birgt klumpenweise Gold in seinen Tiefen, in seinen weiten Ebenen wächst Korn die Fülle, Trauben leuchten auf seinen Hügeln – und, o köstliches Geschenk der Jungfrau, sorgenbrechendes Glück, in diesem reichen Lande wohnt ein Volk, zweistämmig, doppelsprachig, verfeindet unter sich bis in seine Wurzeln – – und dieses Reich zu beherrschen sollte dir noch eine Stunde lang Sorgen bereiten? Komm, laß uns gehen, sie warten im Saale! Komm, Guta, ich fühle mich frisch wie ein Jüngling!« * * * König Rudolf öffnete den Riegel der Türe. Er schritt über die Schwelle, und seine hohe Gestalt schien zu wachsen. Neben ihm schritt Königin Guta aus der Kemenate. Diener eilten, Windlichter flackerten, Edelknaben hoben die Schleppe der Königin, und in den Saal hinunter flog die Botschaft: »Der König kommt!« – Die Türen sprangen auf. Im Lichterglanze breitete sich der Saal, die Geigen und Pfeifen verstummten, hundert und hundert Rücken krümmten sich. Fürsten und Fürstenkinder umringten den König und seine Tochter. Ein freundliches Lächeln spielte um den Mund des Königs. Gnädig nickte er hierhin und dorthin und begann die Runde zu machen im Saale bei seinen Gästen. Und er ließ seine Huld leuchten über Männern und Frauen, denen er wohlwollte, und ging achtlos vorüber an Herren und Rittern, denen er seine Ungnade zu zeigen gedachte. Glückstrahlende Angesichter neigten sich hinter ihm fast zur Erde und hoben sich hoch empor und wiegten sich auf stolzen Nacken und triumphierten – verzerrte Angesichter beugten sich hinter ihm tief in den Staub und hoben sich hoch empor und zwangen sich zu höfischem Lächeln. Von Gruppe zu Gruppe schritt der König und hielt die alte Gestalt kerzengerade, und wo er ein blühendes Antlitz erschaute, da trat er nahe hinzu, hob die schmale Hand und strich kosend über die rosigen Wangen. Und es fühlten sich hochgeehrt durch die Gunst des Königs die Schönen von Erfurt und ihre Frau Mütter. * * * In die Mitte des Saales trat König Rudolf. »Auf,« rief er zu den Geigern und Pfeifern empor, »spielet und pfeifet – es gelüstet uns, einen Tanz zu unternehmen!« Ein Flüstern ging durch die Menge. Die Spielleute taten nach dem Geheiße des Königs, die Paare ordneten sich. König Rudolf aber ging hinüber zur böhmischen Königin, verneigte sich tief vor ihr und sagte: »Es ist mir wohl zu Mute, wie nimmer seit langen Jahren. Beliebt's Euch, so wollen wir tanzen, Frau Tochter!« Und der Greis trat an zum Tanze und wiegte sich im Tanze und hob die Beine gleich einem Jünglinge neben seiner jugendschönen, neben seiner strahlendschönen Tochter. Die Kerzen flimmerten, die Gewänder rauschten, die Geschmeide blitzten, die Augen leuchteten – und von Mund zu Mund ging das Wort: »Der König tanzt!« Ja, König Rudolf tanzte am selbigen Abende zu Erfurt im Saale. * * * In derselbigen Nacht aber kauerte Herr Zawisch in seinem fürchterlichen Gefängnisse, im weißen Turme auf dem Hradschin ob Prag, und ersann sich dieses Lied zum Troste: Mein Herze hör' ich pochen! Das ist ein seltsam Ding: Es geht in wilden Schlägen, Das vordem sachte ging. So hatt' ich's nie erfahren Bisher auf diesen Tag; Da kam die große Stille, Und ich vernahm den Schlag. Versunken mit ihrem Getümmel Ist hinter mir die Welt; Ich liege still und horche, Solang es Gott gefällt. Mein Herze hör' ich pochen In meiner wunden Brust, Und währenddem ich's höre, Ergreift mich wilde Lust. Die Schläge werden stärker, Ich liege still dabei; Denn ich weiß es, der stärkste der Schläge Schlägt mir das Herz entzwei. Die Schläge werden stärker, Ich liege still dabei; Denn es wird mit dem letzten der Schläge Die gebundene Seele mir frei. Ich hör' das wilde Hämmern, Ich warte Tag um Tag Und lausche mit Sehnen entgegen Dem – letzten – – Schlag. Erlöst Auf der großen Ebene von Budweis lasteten die Morgennebel. Gleich dunkeln Riesen standen die hohen Erlen in dem grauen Dunste, schienen zu dampfen, verloren sich mit ihren Wipfeln im webenden, wallenden Rauche, und leise tropften ihre Blätter. Und zwischen den tropfenden Erlen hin, bedeckt von den Morgennebeln, murmelten die Wellen der Moldau und zogen zu Tale, eilig, eilig zu Tale. Mit Geschrei schossen weiße Möven einher über die Wiesen, flogen nahe auf den braunen Wassern, schlugen die Wellen mit ihren Fittichen, strichen über die Büsche und ließen sich verschlingen von den Nebeln des Morgens. Im Röhrichte verborgen klagten Wasservögel, aus den Wellen warf sich ein Fisch in die Luft und stürzte klatschend zurück, da wieder, dort wieder, und es zogen die Wellen eilig, eilig zu Tale. – – Höher stieg die Augustsonne und begann den Kampf mit den Nebeln. Stärker tropften die Bäume. – Lichtstrahlen drangen durch die wallenden Nebel, und die Nebel ballten sich und teilten sich und ballten sich wieder und schwankten hin und her im Lufthauche. Die Sonne aber ließ nicht ab, mit Macht kämpfte ihre Wärme, und der Lufthauch des Morgens half kämpfen. Wilder kreischten die Möven, gleich silbernen Blitzen strichen sie hin und her. Auf und ab brausten und wogten die Nebel und zerrissen unter den Pfeilen des Lichtes. Die Morgensonne hatte gesiegt. In den Kronen der Erlen hingen noch graue Fetzen, an den Waldhügeln draußen gegen Morgen hingen noch graue Wolkengebilde, über den eilenden Moldauwellen zog der Nebel gegen Mitternacht, und es war, als dampfte der braune Strom; auf Gras und Kraut aber blinkte und funkelte und blitzte der Tau, ein glänzendblauer Sommerhimmel wölbte sich über der Ebene von Budweis, über dem fernduftigen Waldgebirge, das von Mittag hereinragte in das große Bild. Die Sonne spiegelte sich in den eilenden Gewässern, die Morgensonne hatte gesiegt. * * * Gegen Norden erhob sich am Strome auf ihren hohen, kahlen Felsen die Feste Froburg aus der Ebene, starr, trotzig, wuchtig und schweigend; und gleich der finsteren Feste auf den rotbraunen Felsen schwieg auch ringsumher das weite, grünprächtige Land. Um den grauen Bergfried spielte die Morgenluft. Aber keine Fahne blähte sich über seinen Zinnen. Auf dem Firste des roten Palasdaches saßen Tauben und sonnten sich. Aber kein Menschenantlitz war zu schauen, nicht auf dem Bergfried, nicht hinter den Brustwehren der Zingeln. Ja, im starren Schweigen lag die Burg der Witigonen. * * * Fernher von Budweis kam auf den Flügeln des Windes leises Geläute, klang zitternd in der wonnigen Luft und erstarb in den mitternächtigen Waldhügeln. Aber es war kein Mensch, so weit sich das Land erstreckte, kein Mensch, der sich gewendet hätte, kein Mensch, der gelauscht hätte auf die Melodien der singenden, klingenden Glocken. – – – – Aus den Waldhügeln hob sich ein Falke hoch in die Luft und stand als ein schwarzer Punkt über der Froburg im Äther. Vom Dachfirste flatterten die weißen Tauben und verbargen sich. Langsam kreiste der Falke und flog gen Mitternacht. * * * Leise nur murmelte die Moldau. * * * Da brach ein langgezogener Hornruf durch die Stille, und in rascher Folge kam ein zweiter, kam ein dritter Hornruf. Auf den Zingeln der Burg ward es lebendig, Sturmhauben blinkten, Kriegsknechte liefen hin und her. Auf der Plattform des Bergfrieds stand der Wächter und stieß wieder und wieder ins Horn. Dichtgedrängt beugten sich die Männer über die Brustwehren und schauten stromabwärts auf die Prager Straße. Wilde Hornrufe antworteten aus dem Waldtale. Wieder und wieder stieß der Wächter auf dem Bergfried in sein Horn. * * * Die Hörner schwiegen. Die Männer schauten. Trompeten schmetterten im Tale. Rosse wieherten hell auf. Kommandorufe ertönten: König Wenzel kam mit Heeresmacht, kam mit Rossen und Wagen gezogen auf der Prager Straße. König Wenzel ließ ein Lager schlagen auf den Wiesen an der Moldau, der Froburg gegenüber. * * * In der Mitte des Lagers erhob sich das Königzelt und war weithin sichtbar über den Zelten der Ritter und über den Zelten und Holztreifen der Kriegsknechte. Es war ein köstliches Zelt, lieblich anzuschauen und gut zu bewohnen. Aus Seidenschnüren waren feine Windseile gedreht, weiß und rot geschachtet und auch von Seidenstoffen gefertigt waren seine Wände, und der goldene Löwe von Böhmen glänzte auf seinem Hute. Lieblich anzuschauen war das Zelt. – Und gut war es zu bewohnen, das Zelt des Königs: Schwere, wollige Fußteppiche lagen gebreitet in seinem Innern; von Kampf und Not, von Sieg und Tod erzählten die bunten Stickereien seiner Wandteppiche; zwischen Zelt und Hut hindurch strich ungehindert der leichte Lufthauch vom Strome her; ein Ruhelager war gerüstet aus schwellenden Polstern. Das Zelt war eine köstliche Wohnung. – Und König Wenzel saß auf den Polstern inmitten der gestickten Bilder: Da ritt auf verdecktem Rosse sein Vater Ottokar und trieb mit Herrn Wok von Rosenberg und Herrn Budiwoj von der Krummenau die Ungarn in die March. – Dort stand der Slavenapostel Methodius und taufte Borschiwoj, den Herzog von Böhmen. – Hier stand der Hirte David und holte aus mit seiner Schleuder, und vor ihm ragte gleich einem Baume der Riese Goliath und lächelte grimmig herunter auf den Kleinen. – Dort bückte sich arglos Herr Siegfried und trank aus dem Waldquell, und hinter ihm hob der grimme Hagen den Jagdspeer. – Gar viele Gedanken mochten über einen kundigen Mann kommen, wenn er die Bilder besah auf den bunten Behängen des Zeltes. Aber König Wenzel schaute nicht auf das Heldenantlitz seines großen Vaters, er schaute nicht auf den gebräunten Ahnherrn, der nur mit Mühe den steifen Nacken beugte über dem Taufbecken, er schaute nicht hinein in den düsteren Wald auf den glänzenden Helden – er saß in brütenden Gedanken inmitten aller seiner Pracht auf dem Polsterlager, nahm schweigend von einer silbernen Schale getrocknete Datteln und Kubeben und gelbschimmernde Quittenstücklein, saß und aß unablässig und machte ein finsteres Gesicht. Und vor ihm stand einer, der war anzusehen wie der grimme Hagen droben im gestickten Teppiche: gewaltig war sein Leib, rot war sein Antlitz, kohlschwarze, glänzende Locken fielen ihm auf die Schultern. Es war der Herzog von Troppau. »In seiner Treife hockt er und rührt sich nicht und schaut auf seine Ketten, Herr Bruder. Er ist jämmerlich anzusehen – lange bin ich gestanden und habe durch die Ritze gelugt – er ist zu einer völligen Erbärmlichkeit geworden,« sagte Herzog Nikolaus und lächelte; aber sein Lächeln glich dem Blitzstrahle, der ein finsteres Gewässer helle macht auf einen kurzen Augenblick. »Er wird mürbe, Herr Bruder, mürbe zum Brechen.« König Wenzel schwieg und aß. »Wie habe ich mich gesehnt nach dieser Zeit,« fuhr der Herzog fort, »gesehnt, wie sich ein Mensch sehnt nach seiner Geliebten! Drei Jahre lang trug ich meinen Haß in der Brust; dann schlug ich los und ward von ihm vernichtet. Acht Jahre lang mußte ich hernach schweigen und von seiner Gnade leben, und fressen wollte mich der Haß mit seiner Glut.« König Wenzel aß und schwieg. »Das war eine unsagbare Wonne,« fuhr Nikolaus fort und begann auf und nieder zu wandern im Zelte, »das war ein Gefühl, als ich ihn damals warf im Saale, daß er mit Dröhnen zu Boden schlug, als ich auf ihm kniete und ihn würgte, als ich wahrnahm, wie seine gespannten Muskeln schlaff und schlaffer wurden, als mein Todfeind unter mir lag, ein Haufen Fleisch und Knochen – noch ein Druck – – und er wäre liegen geblieben für immer. Aber ein Tor, wer seine Rache in einem einzigen Zuge trinkt! Schlürfen, langsam schlürfen mußt du sie wie einen schweren, feurigen Wein, den der Kluge zerfließen läßt auf der Zunge, tropfenweise, alle Tage wieder. So schlürfte ich meine Rache, als der tote Bündel unter meinen Händen wieder zu atmen begann, als die Muskeln sich langsam regten, ich half ihm auf die Beine, seine Ketten klirrten in meine Ohren, und ich schlürfte meine Rache. Und jetzt hockt er da – ein paar Schritte weit nur brauche ich zu gehen, dann schaue ich ihn mit meinen leiblichen Augen – so klein, so schwach, so zerstört, ein Mann mit mürben Knochen und mit verdorrtem Fleische. – – – Das ist ein königlicher Gedanke gewesen, Wenzel, Heil deinem Schwäher, den ich hasse, solange ich lebe – aber hier hat er meinem Hasse gedient! Ein Siegeszug der Rache ist's; die Teufel in der Hölle müssen sich freuen darüber.« »Sprich nicht so gottlos, Nikolaus,« sagte König Wenzel, schlug das Kreuz und machte ein angstvolles Gesicht; »das von den Teufeln will ich nimmer hören!« »Du ziehst ja selber mit von Burg zu Burg, Herr Bruder!« rief der Herzog, blieb stehen und lachte spöttisch auf den bleichen Wenzel hinüber. »Könige müssen den Heiligen und der Gerechtigkeit dienen,« kam's von den Lippen Wenzels. »Herr Zawisch hat vor Zeiten meinen Vater verraten, er hat meine Mutter betört, er hat nach Herrschaft getrachtet für sich und seine Sippe, er hat mir Gift gegeben, er ist ein Ketzerfreund. Ich diene den Heiligen, wenn ich ihn klein mache.« »Diene du den Heiligen, ich diene meinem Hasse!« sagte Herr Nikolaus und begann aufs neue hin und her zu wandern. »Ein königlicher Gedanke!« lachte er laut. »Sie haben sich verschanzt auf ihren Bergen, und ihre Speicher und Keller strotzen – wir aber ziehen sachte heran und rufen ihnen ein einzig Wörtlein hinauf, führen einen einzigen armseligen Gefangenen nahe herzu, greifen ihm unters Kinn, richten sein Antlitz in die Höhe, lassen einen mit dem nackten Schwerte hinter ihn treten – – und als hätten wir das Zauberrütlein: Die Zugbrücken rasseln, die Tore tun sich auf – – – und wir ziehen weiter und schwingen das Rütlein unter der nächsten Burg. Heia, Bruder König! Austi, Strasch, Reusch, Lomnitz, Winterberg, Skalitz, Wittinggau sind unser, morgen fällt die Froburg, dann ziehen wir in die Krummenau, dann nehmen wir Rosenberg, Wittinghausen, alles mit dem Zauberrütlein, Herr Bruder, und über eine kleine Weile werden die Hochmütigsten im Lande – Bettler sein! – – Ich freue mich, wenn der Witigo auf die Zingel tritt, der freche Kumpan. Ich sehe schon sein höhnisches Lachen, aber das Lachen soll ihm vergehen, wenn wir die Jammergestalt heranführen. Hochmütiger Witigo, jetzt wird's Ernst!« – König Wenzel hatte die letzte Dattel gegessen. * * * Sie führten den Gefangenen aus der niederen Holztreife, sie trieben ein Stück Holz zwischen seine Zähne und banden es fest mit Riemen, daß er nicht sprechen konnte, sie hoben ihn auf ein Troßpferd, sie umringten ihn, nahmen weiße Tücher und Fichtenzweige in die Hände und ritten im Abendsonnenscheine aus dem Lager. Auf den Zingeln der Froburg drängten sich die Krieger und schauten hinunter ins Tal. Langsam rückte die waffenlose Schar heran, die weißen Tücher grüßten, die grünen Zweige neigten sich, es war, als wollten die Königischen zu einem Feste fahren. Langsam hob sich eine weiße Fahne auf der äußersten Zingel der Froburg, und im leichten Lufthauche des Abends blähte sich das Friedenszeichen. Sie sprangen von ihren Rossen, hoben den Landherrn auf die Erde, setzten auf starken Fähren über den Fluß. Vor ihnen ragten die roten und braunen Felsen aus dem Tale. Stille, furchtbar stille war's ringsumher; nur die Moldauwellen murmelten und schossen vorüber, nur die Erlen flüsterten im Windhauche des Abends, und die Rosse am anderen Ufer stampften den Rasen. Im weiten Kreise standen die Königischen, und in ihrer Mitte stand Herr Zawisch und sah empor zu der Burg seines Geschlechtes. Seine Gestalt war verdorrt, sein Antlitz war gelb wie das Wachs einer Kerze, tief in ihren Höhlen lagen die matten Augen, ein langer, weißer Bart wallte auf seinen Gürtel herab, weiße Locken lagen auf seinen gekrümmten Schultern. Unverwandt schaute Zawisch empor zur Burg seines Geschlechtes. – Ein kurzer Hornruf tönte hernieder von der Feste. Der Burgwächter hob seine Stimme: »Hallo – was – ist – euer – Begehr?« »Im – Namen – des – Königs – heißt – euch – der – Herzog – Niklas – die – Tore – öffnen!« erscholl die Antwort des Rufers aus dem Tale. Wildes Schreien und Pfeifen erhob sich auf den Mauern der Burg. Regungslos standen die Königischen auf der Wiese, regungslos stand Herr Zawisch und schaute empor zur Burg seines Geschlechts. Langsam bewegte sich die Gestalt des Troppauers über den Rasen, und auf den Mauern der Froburg höhnten die Kriegsknechte. »Kennt – ihr – den – Zawisch?« erhob der Rufer aufs neue seine Stimme. Aber seine Worte verhallten im Hohngeschrei der Feinde. Da schwenkte der Herzog von Troppau das Tuch, und es ward stille auf der Burg. Wieder hob der Rufer seine Stimme: »Kennt – ihr – den – Zawisch?« Wutgeheul antwortete aus der Höhe. Wieder schwenkte Herzog Niklas sein Tuch, trat neben den Gefangenen und wies mit der Linken auf ihn und schwenkte höhnend das Tuch. Über die Zinnen der äußersten Mauer beugte sich ein Mann und äugte lange ins Tal. Stille war's. »Witigo – schau – dir – den – Zawisch – an!« rief Herzog Niklas mit gellender Stimme. »Zawisch!« kam es in langgezogenem Schrei aus der Höhe, und der weißhaarige Mann auf der Wiese starrte empor zur Burg seines Geschlechtes. Regungslos standen die Königischen im Kreise, regungslos standen die Männer auf der Witigonenburg, leise blähten sich die weißen Wimpel, leise murmelten die Moldauwellen und schossen vorüber. »Zawisch!« kam es abermals durch die Stille, und es klang, als riefe ein Vater sein verlorenes Kind. Langsam hob Herr Zawisch die gefesselten Hände und schüttelte sie. Und der Mann auf der Mauer droben schlug die Hände vor sein Angesicht. Stille war's. Die kleinen, funkelnden Augen des Troppauers schauten von dem Gefangenen hinauf zu dem Manne auf der Mauer und zurück zu dem Gefangenen und wieder hinauf, er wiegte sich hin und her, er ballte das Tuch zusammen und ließ es lange herabhängen auf den Rasen. Stille war's, sehr stille. – Der Herzog winkte mit dem Tuche, und wiederum schrie der Rufer: »Und – wenn – ihr – euch – weigert – so – fällt – das – Haupt – des Zawisch – auf – den – Rasen!'« Mit beiden Armen stützte sich Herr Witigo auf die Brustwehr und schrie hernieder: »Das – werdet – ihr – niemals – wagen!« »Bei – des – Königs – Ehre!« antwortete Herr Niklas. »Wer – kann – schwören – bei – der – Ehre – eines – Hundes?« kam die Antwort ins Tal, und Hohngeschrei erhob sich auf den Mauern und vermischte sich mit dem Wutgeschrei der Königischen. Jähe Röte hatte das Gesicht des Troppauers überzogen. Herr Witigo aber winkte und rief: »Der – Zawisch – ist – Herr – über – die – Froburg – er – soll – befehlen!« »Der – Zawisch – wird – schweigen – es – fehlt – ihm – die – Sprache!« antwortete der Troppauer. »Zawisch – Bruder – sprich!« kam es in langgezogenen Tönen von der Burg. Stille war's. Höhnend schaute Herr Niklas auf den Gefangenen. Der stand und sann. Auf einmal aber warf er das Haupt in den Nacken, hob die gefesselten Hände hoch empor, gleich einem Flehenden, und ließ sich langsam aus die Kniee nieder. Totenstille herrschte noch einen Augenblick im Kreise der Königischen. Dann aber lachte Herzog Niklas hell auf und schrie: »Ich sehe ihn knieen und um sein Leben betteln!« Und ringsumher murmelten lachend die Feinde: »Er kniet, er kniet!« Und es kniete der weißhaarige Mann auf dem Rasen unter der hochragenden Burg seines Geschlechtes und hob die mageren Hände empor zu dem blondhaarigen Manne, der unverwandt herniederspähte. »Hast – du – dich – satt – gesehen?« schrie der Herzog hinauf. Da wandte sich Herr Witigo und rief ein paar kurze Worte zurück auf die Seinen. »Hallo! – Gib – Antwort!« schrie der Troppauer und stampfte. Aber weitauf sperrten sich seine Lider, und der Mund blieb ihm offen: An alle Zinnen, vom Bergfried herab bis zu den äußersten Mauern, hängten die Witigonenmannen wie mit einem Schlage ihre weißglänzenden Schilde, und hundert- und hundertmal grüßte von der Froburg die rote Rose ins Tal . Aufrecht stand Herr Zawisch und schaute dem Herzog ins Angesicht. – »Zawisch!« rief Witigo. Vorgeneigt lauschte der Gefangene. »Zawisch! – Habe – ich – das – Zeichen – recht – verstanden? – Soll – ich – die – Feste halten – dann – kniee abermals!« Und abermals ließ der Gefangene sich nieder auf seine Kniee und hob die gefesselten Hände gleich einem Flehenden empor. Wildes Geschrei erscholl von allen Zinnen der Burg auf die Königischen herab. Der Herzog aber schwang das weiße Tuch: »Witigo – dann – fällt – sein – Kopf – morgen – früh – so schwöre ich!« »Ihr – werdet's – niemals – wagen!« kam gellend die Antwort ins Tal. – »Auf, zurück!« befahl der Troppauer. – – Die Fähren stießen vom Ufer, die Ruder griffen in die braunen Wellen. Schweigend saßen die Königischen auf den Bänken, schweigend sprangen sie ans Land und ritten mit Herrn Zawisch über die Wiesen. Von der Froburg aber leuchteten die roten Rosen in das abendliche Land hinaus. * * * Neben dem Lager, nahe am Waldstrome brannten und qualmten Pechpfannen, harte Schläge dröhnten durch die Nacht, laute Rufe hallten hin und her: eifrig zimmerten die Kriegsknechte an einem hochragenden Gerüste. Und im Zelte des Königs brannten viele Wachskerzen. Sie flackerten im Lufthauche der Nacht, und in ihrem flackernden Lichte schienen sich die ernsten Züge des Slavenapostels zu bewegen, die Hand, die das heilige Wasser goß über Borschiwois Haupt, schien zu zittern – und auch das rote Antlitz des Herzogs im Bilde bewegte sich, und es war, als wollte sich sein Mund verziehen. König Wenzel saß auf seinen weichen Polstern, und vor ihm stand Herr Nikolaus. König Wenzels Angesicht war aschgrau, und bei jedem Schlage, der vom Richtplatze herübertönte, zuckte er zusammen. »Muß es denn sein?« fragte er den Bruder. »Es muß sein!« antwortete der Herzog. »Muß?« rief Wenzel und erhob sich. »Wer kann mich zwingen? Ich bin der König von Böhmen!« »Deine Ehre, Herr Bruder! Ich habe bei deiner Ehre geschworen, und der Witigone hat dich beschimpft vor deinen Knechten – dich, den König von Böhmen!« »Ich kann nicht!« jammerte Wenzel und sank wieder auf die Polster. »Was kannst du nicht?« fragte der andere und trat nahe herzu. »Ich kann ihn nicht töten,« sagte Wenzel und schaute angstvoll zu seinem Bruder hinauf. »Wer verlangt das vom böhmischen Könige?« fragte Herr Nikolaus. »Du sagtest ja doch –« »Ich habe gesagt: Die Frechheit dieser Sippe ist groß, und ihr Trotz muß gebrochen werden. Ich habe gesagt: Dieser Aufrührer muß aufs Blutgerüst. Sonst habe ich nichts gesagt, Herr Bruder. Du aber bist erschrocken wie ein Knabe,« antwortete der Herzog. »Witigo wird die Feste übergeben,« stieß Wenzel hervor. »Er wird's nicht tun. Dies Holz kenne ich,« antwortete Herr Nikolaus. »Es ist fürchterlich!« jammerte Wenzel und schlug die Hände zusammen. »O wäre ich auf dem Hradschin!« »So reite zurück nach Prag,« sagte Nikolaus und stampfte mit dem Fuße; »reite, Herr Bruder, und laß den Herold vor dir schreien: ›Da kommt der König von Böhmen, über den die Waldbarone lachen, wie man lacht über einen tanzenden Affen!‹« »Herzog Nikolaus!« kreischte der König, raffte sich auf und schlug nach dem Bruder. Der aber fing den Schlag auf, und alles Blut wich aus seinem Angesichte, er hob die gewaltige Faust, und König Wenzel sank abermals auf die Polster. Ein gurgelnder Ton kam aus der Kehle des Troppauers. Dann aber preßte er die Zähne aufeinander, daß sie knirschten, seine Faust öffnete sich, und die offene Hand legte sich auf das Herz – tief geneigt wie ein Höfling stand der Bastard vor seinem Könige. »Das Blut des Vaters rinnt in deinen Adern, mein Herr Bruder. Er hätte seine Freude an dir gehabt. Als ein wahrhaftiger König bist du vor mir gestanden – verzeih, ich hatte dich erproben wollen, und jetzt neige ich mich vor dir.« »Das will ich meinen; keiner höhnt mich ungestraft!« sagte Wenzel und unterdrückte einen tiefen Atemzug. »Keiner, auch nicht der Witigo,« bestätigte der Bastard, nahm die Hand vom Herzen und richtete sich in die Höhe. »Und ringsumher stehen deine Knechte und wahren deine Ehre wie das Licht ihrer Augen. Aufs Blutgerüste muß der Zawisch –« Wenzel zuckte zusammen. »Aufs Blutgerüste, er muß! – Aber, Herr Bruder, kann einer nicht auch wieder herniedersteigen vom Blutgerüste?« fragte Nikolaus ganz leise und sah lauernd auf das Antlitz des Königs. »Ich verstehe dich,« rief Wenzel; »du willst, daß ich sie schrecke, Bruder!« »Du? Wer mutet dem Könige zu, daß er den Missetäter auf das Gerüst stoße? Du bist der König von Böhmen, und deine Knechte sind deine Knechte. Wer kann verlangen, daß du hier im Lager bleibst alle die Tage? Die von Budweis werden jauchzen, wenn du sie grüßest. Wäre ich der König von Böhmen und besäße einen getreuen Bruder und Knecht, ich machte mich auf, übergäbe diesem Bruder den Befehl im Lager und ritte nach Budweis.« »So – meinst – du – nach Budweis?« sagte Wenzel und blickte zu Boden. »Ich will mir's morgen überlegen. »Wenn der Morgen graut, führen wir den Zawisch an deinem Zelte vorbei. Er wird schreien nach dir, Herr Bruder, er wird deine Gerechtigkeit anrufen – sie werden die Köpfe zusammenstecken im Lager – –« »Muß es morgen sein?« fragte Wenzel angstvoll. »Morgen ist Feiertag!« »Wenn ich mich recht erinnere, so hat es der König vorhin selber befohlen,« sagte Nikolaus und fuhr fort: »Wäre aber der König ferne von hier, dann wäre es nicht nötig, daß er den Verräter wieder und wieder sähe! – Der König reitet nach Budweis, der Zawisch besteigt das Gerüste – die auf der Froburg haben scharfe Augen – – wie leicht kann es kommen, daß dieser Witigo die Feste dennoch übergibt?« »Und dann müßte er nicht sterben, der Zawisch?« fragte der König. »Dann stiege der Zawisch vom Gerüste, das Lager würde abgebrochen, und wir zögen alle miteinander in die Berge. – Denke nur, wie leicht es also kommen kann, Herr Bruder! Ja, sicherlich wird es also kommen.« »Ich bin der König von Böhmen. Meine Ehre lege ich in deine Hände, Bruder Nikolaus,« sagte Wenzel und erhob sich würdevoll von seinem Sitze. »Wahre meine Ehre!« Tief neigte sich der Bastard. Dann fragte er lauernd: »Wann reitest du?« Wenzel besann sich. »Morgen in der Frühe.« »Mit Tagesgrauen kommt der Zawisch hier vorüber, ich hab's geschworen,« sagte Nikolaus. »Kann's nicht später sein?« »Ich hab's geschworen!« »So reite ich vor Tagesgrauen.« »Die Nacht ist hell, der Weg ist gut gebahnt,« sagte Nikolaus. »Das Hämmern möchte deine Ruhe stören.« Der König sann. Unablässig tönte das Hämmern ins stille Zeit. »Laß die Rosse satteln, ich reite!« »Und übergibst mir den Befehl für den ganzen morgenden Tag?« fragte Nikolaus lauernd und wandte sich. »Für den ganzen Tag!« »Hernach vor den Rittern und Herren in aller Form Rechtens!« sagte Nikolaus und hob das Zelttuch. – Draußen flimmerten die Sterne in der köstlichen Nacht. Der Bastard stand stille. »Den Schimpf vergesse ich dir niemals, Knabe, und den Tag will ich nützen, König von Böhmen! Aber es ist eine Kleinigkeit, über dich zu herrschen, du eitler Schwächling,« murmelte er. * * * Die Fackeln lohten und rauchten, die Rosse scharrten den Rasen, die Sterne flimmerten. Der König stieg zu Pferde, und der Herzog hielt ihm den Stegreif. »Werdet Ihr lange zu Budweis liegen, Herr König?« »Morgen abend reite ich wieder unter die Froburg.« »Und wer hat den Befehl im Lager, Herr König, bis zu Eurer Wiederkehr?« »Du, Herzog von Troppau,« sagte König Wenzel, zog den Handschuh von der Rechten und gab ihn dem Bastarden. Tief verneigte sich Herr Nikolaus, und im Scheine der Fackeln, unter den flimmernden Sternen ritt König Wenzel nach Budweis. Dumpf klangen hinter ihm die Hammerschläge vom Richtplatze. * * * Schweigend standen die Wachen rings um das Lager her und lauschten hinaus in die Nacht, schweigend standen die Wachen auf den Zinnen der finsteren Burg und lauschten hinunter ins Tal. Und im Lager und auf der Burg schliefen Gerechte und Ungerechte dem Morgen entgegen. – Unaufhaltsam aber, gleich der ewig rinnenden Zeit, strömten die Moldauwellen zwischen den hohen Waldbergen, spülten über die Wurzeln der Hohenfurter Erlen, murmelten empor zum Herrenschlosse in der Krummenau, schossen gurgelnd in die finsteren Gräben von Budweis und rannen weiter, vorüber am Lager, vorüber an der Froburg, weiter, weiter, ins böhmische Land hinaus. * * * Und wiederum hoben sich die weißen Nebel aus den Gewässern, krochen über die Wiesengründe, woben ihre Schleier und deckten Gute und Böse ringsumher, und die Sterne funkelten darein – die ewigen Sterne. Da kamen Traumgestalten aus den Tiefen der Wälder, Traumgestalten in wogendem Gewimmel, stiegen hernieder zum dunkeln Waldstrome, setzten sich auf seine Wellen, schaukelten sich, hielten Zwiesprache mit den eilenden Wassern und kamen hinunter ins Tal von Budweis. Traumgestalten, schwankende, flatternde Traumgestalten, unsichtbare Geister, kein menschliches Auge vermochte sie zu schauen, und kein menschliches Ohr verstand ihr Flüstern und Murmeln. Von den Wassern ließen sie sich tragen an ihren Ort, auf den Nebeln schritten sie dahin wie auf festgezimmerten Brücken, schwangen sich wie im Spiele über die Gräben und Palissaden des Lagers und kehrten ein in der finsteren Holztreife inmitten des schlafenden Lagers – der grimmigen Wache zum Hohne. »Komm, Kind, komm, Kind,« lispelten die Träume neben dem schlafenden Manne; »komm, Kind, komm, Kind!« sangen sie, und niemand verstand ihr Singen. – »Der Nachtwind säuselt in den Erlen,« dachte der Sarjant und lehnte den Rücken an die Holzwand der Treife. – »Komm, Kind, geh mit uns, Kind!« sangen die Träume über dem schlafenden Manne, und der schlafende Mann rührte sich, seine Kette klirrte, seine Brust hob sich – und wäre es nicht so finster gewesen in der Treife, ein Lächeln wäre zu sehen gewesen auf den eingefallenen Zügen, ein Lächeln, als huschte ein flüchtiger Sonnengruß über winterliches Land. »Komm, Kind, geh mit uns, Kind!« sangen die Traumgestalten. »Komm! Komm, Kind!« Und sie breiteten ihre Fittiche, führten die müde Seele im Fluge empor aus ihrem Elende und zeigten ihr ferne, ferne Lande, strahlend im Glänze der Sonne, durchströmt von lieblichen Bächen, geschmückt mit Blumen und Blüten – hoch, hoch empor über das Elend der Zeit trugen sie seine Seele, zurück in eine ferne Vergangenheit, zurück in die Tage der Jugend. »Komm, Kind, komm, Kind, geh mit! – – Kind, sag an, wie siehst du aus? Wo sind denn die goldenen Locken von damals? Du hast weiße Locken, Kind, schneeweiße Locken. Wenn das deine Mutter wüßte! – – Nein, nein, glaub's nicht, Kind, es war ein böser Traum, und jetzt bist du erwacht; jetzt vergiß den Traum, armes Kind, jetzt vergiß das Elend – ein Traum war alles, und golden sind deine Locken wie damals! – – Tränen hangen an deinen grauen Wimpern! Kindlein – eia, wer wird weinen? Auf, springe hin zu deiner Mutter, laß dir die Augen trocknen! Und wenn sie fragt – Knabe, warum hast du geweint? – dann birg dein Antlitz in ihrem Schoße wie einstmals, laß dir deine Haare zurecht streichen von ihrer Hand, von ihrer weichen, weichen Hand, wie einstmals, und sag ihr: Mutter, es hat mir nur geträumt, es hat mir nur böse geträumt! – – ? Wir wollen zum Vater gehen! sagt die Mutter – – – O Mutter, Mutter, es war nur ein Traum, und ich bin noch ein Kind!« Zwischen Vater und Mutter schmiegt sich der Knabe wie vor langen, langen Jahren, ein Zittern geht über seinen Leib, aufs neue brechen die Tränen aus seinen Augen. – »Weine dich satt, liebes Kind, weine aus deines Herzens Grunde! Wenn das Eis brechen soll, dann müssen aus den Flügeln des Föhns die schweren Wolken kommen, der Regen muß träufeln, der warme Regen, auf das erstarrte Land. Weine dich satt, liebes Kind, armes Kind!« – – – – »Der Traum, Vater, Mutter, der böse Traum! Ich lief den murmelnden Wassern nach und lief im Sonnenscheine und lief aus dem Waldtale. Die Wasser lockten mich, die Sonne lockte mich, mein Herz trieb mich und pochte und pochte – ich lief, ich lief hinein ins Land. – – – Da war mir's, als ob sich die Sonne langsam, langsam höbe in unermeßliche Fernen, und als ein schwaches Sternlein stand sie über mir; kalter Wind, kalter, rauher Wind fuhr mir entgegen. Ich hielt inne, ich verwunderte mich und ich ging wieder vorwärts – aber es war mir, als klirrten Ketten an meinen Füßen – – langsam, ganz langsam ging ich – – – hört ihr die Ketten klirren? Der Frost kam über mich. Stille stand ich und lauschte – und wollte mich wenden. – Ich wollte zurück, ich wollte zu euch, Vater, Mutter. – Da hörte ich eine Stimme, die fragte mich: Wohin? Wohin? – Ich will heim, heim! schrie ich. – Heim? So geh doch vorwärts – dann kommst du heim! – Dort ist meine Heimat! schrie ich und wollte mich wenden. – Nein, dort, dort! antwortete die Stimme. Vorwärts! Auf diesem Wege kommst du endlich heim! – – – Und unaufhaltsam ward ich fortgerissen, ward ich vorwärts getrieben. Vor mir, neben mir, hinter mir gingen Gestalten in buntem Gewimmel, alle gingen vorwärts, alle vorwärts nach einer Richtung. Und während ich mit ihnen ging, rief ich: Wohin des Weges? – Vorwärts, vorwärts! antworteten die meisten. – Wohin? fragte ich wieder und lief und lief. – Wohin? Nun, vorwärts! Was anders als vorwärts? – – Heim, heim! flüsterte da einer und dort einer. – Die meisten aber schrien: Vorwärts, vorwärts! – Und sie stießen sich untereinander auf ihrem gemeinsamen Wege.« »Liebes Kind,« sagt da die Mutter, streichelt die Wangen des Knaben, hebt sein Kinn empor und schaut in seine großen Augen, »Kind, zeige uns deine Hände!« Finster wird das Angesicht des Knaben, es ist, als säße jetzt ein starker Mann auf seinem Platze, und er verharrt in tiefem Sinnen. Dann aber geht ein Lächeln über die Züge, er hebt die Augen zur Mutter und wendet sie zum Vater, und es ist wieder der goldlockige Knabe, der seine Rechte der Mutter und seine Linke dem Vater in den Schoß legt. Vater und Mutter beschauen die Hände lange, lange Zeit, und sachte, sachte tropfen heiße Freudentränen auf die reinen Kinderhände, und sie breiten die Arme aus und schließen ihren Knaben hinein. * * * Tiefauf seufzt der Knabe: »Vorbei, vorbei – daheim, ganz, auf ewig daheim! – – O Vater! O Mutter! – – –« »Aber – Mutter – sag an, wohin gehst du auf einmal? Bleibe doch bei mir – ich bitte dich! Und auch du, Vater – Vater, wohin gehst du? – Bleibet doch, mich ängstigt der Traum – der böse Traum! – Da renne ich ja noch unter den andern! Wie, ihr hört mich nicht? – Vater, Mutter! – Wie wird es doch so kalt um mich her! – Wohin? Wohin? Wehe, nehmet mich mit euch! Wehe, wo bin ich? – – – Da ist unsere Burg und läßt sich übergolden vom Abendsonnenscheine, da strömt der Fluß, da ragt der Wald – wie oft bin ich im Fenster droben gestanden zwischen euch, Vater, Mutter, und aus dem abendlichen Walde stiegen die weißen Nebel. – – – Wo seid ihr doch, Vater, Mutter? Ich sehe euch nicht – helft mir – – ich versinke! Helft – – – – – – – – – ? ?! O wie kalt, o wie dunkel, ganz dunkel um mich her! Nur auf der Burg das Funkeln. – – – – Herr Gott, da stehen Vater und Mutter im Fenster und schauen herunter ins dunkle Tal und winken. – – – – Ist das die Burg meines Vaters ? – Nein! Es ist eine fremde Burg, und sie steht in einem fremden Lande – – und doch, und doch, ich kenne die Burg, ich kenne die Türme, ich kenne den Palas, ich kenne die wehenden Fahnen – oft sah ich dich leuchten hoch über meinem Elende, du Burg mit deinen tausend, tausend Fenstern, oft streckte ich die Arme aus voll Sehnsucht nach dir . – – Auf, auf! Was stehe ich von ferne? Heran! Deine Felsen will ich ersteigen – ich fliege – – ach nein, noch stehe ich im Dunkeln – – – Herr, sende mir deine Engel! – – O wie kalt rings um mich her! – Wer ruft? Vater, Mutter – ich sehe euch winken, ich höre euch rufen – – Diemut, auch du – o Diemut – was ruft ihr? – Daheim? Daheim ? – Hilf, Herr Gott, ich versinke! Vertritt mich armen Sünder, o Dornengekrönter! – Ich komme, reichet mir die Hände, traget mich – hebet mich! – Wie helle, wie so sehr helle!« – »Herr Zawisch! Herr Zawisch!« Der alte Mann lächelte in seinen Träumen. »Herr Zawisch, der Tag grauet. Wachet auf!« Langsam richtete der Gefangene sich empor, und das Lächeln verschwand von seinen Zügen. »Was willst du?« fragte er und schaute in das harte Angesicht, das sich über ihn neigte. »Stehet auf, Herr Zawisch, der Priester wartet vor der Türe!« »Ich bin bereit,« sagte der Gefangene und erhob sich vom Lager. Seine Ketten klirrten. Gebückt stand er da und beschattete die Augen mit der Hand. »Stelle doch das Licht ein wenig zur Seite – es tut mir weh – – es ist so helle, so helle.« * * * Wiederum war die Nacht heraufgezogen, wieder wallten die Nebel über Strom und Land, und in den Nebeln hob sich die finstere Masse des Blutgerüstes empor. Das Lager schlief – nur zuweilen riefen sich die Wachen an, nur zuweilen schlug ein Roß gegen die Holzwand einer Treife. Rings um das Blutgerüste her glühten die zusammengesunkenen Wachtfeuer, und neben einem dieser verglimmenden Feuer standen zwei Kriegsknechte, ein alter und ein junger, und flüsterten miteinander. »So glaubt Ihr also, Vetter, daß ihm andere Leute einreden, dem König?« fragte der junge Sarjant. »O du!« sagte der Alte und deutete an seine Stirne. »Der Wenzel muß mehr gegen seinen Willen tun an einem einzigen Tage als unsereiner in einem ganzen Monat, und unsereiner ist ja doch nur ein armseliger Sarjant. – Den da droben auf den blutigen Brettern, den kann er nicht anschauen: deswegen ist er nach Budweis geritten.« – »Er kann ihn nicht anschauen!« wiederholte er lauter und stieß den Speerschaft hart auf den Boden. »Wenn Euch einer hörte, Vetter!« flüsterte der Junge. »Soll mich hören, wer will!« zischte der alte Sarjant. »Dem sein Blut schreit so wie so zum Himmel, und ein alter Kerl kann sein Maul auch nicht zubinden, wenn ihm die Galle auf die Zunge läuft – das muß er ausspucken. Und dieses tut er jetzo, mein Sohn.« – – – Und der Kriegsknecht spie aus und murmelte: »Zum ersten, und das gilt dem Niklas!« Dann spie er wieder aus und murmelte: »Zum zweiten, und das gilt dem Wenzel! – – Und zum dritten, paß auf, das gilt allen, die den da droben ins Verderben gebracht haben!« »Mein Lebtag vergeß' ich nicht, wie tapfer der Zawisch hinaufgestiegen ist,« meinte der Junge. »Und wie er die Binde von den Augen gerissen hat!« sagte der Alte. »Und wie er gegen den Herzog hin gerufen hat – so hat er gerufen: ›Im Angesichte des lebendigen Gottes werfe ich dir heute den Handschuh vor die Füße, du Mörder!‹ – – Und wie er den Mörder herausgestoßen hat! – In Zeit und Ewigkeit möcht' ich nicht in des Herzogs Haut stecken!« »Der schert sich nichts um solch ein Wort von einem Toten,« flüsterte der andere. »Habt Ihr den Herzog angeschaut, wie der Kopf auf die Bretter gepoltert ist?« »Nein, hat mich nicht gelüstet,« grollte der Alte. »Mich schon,« sagte der Junge. »Große Herren muß man sich allzeit genau anschauen. Gelacht hat er, der Herzog, mit dem ganzen Gesicht!« »Lacht manch einer, weil er sich gerade stark fürchtet,« sagte der Alte. – – »In fünf gerechten Fehdezügen bin ich hinter ihm gelaufen mit dem Speer, hinter dem Helden, der da droben liegt in seinem Blute so schändlich – – und hätt' mir einer vor vier Jahren in Mähren im Kloster Raigern gesagt: Der da jetzt für den König die Räuber über die Klinge springen läßt, den wird der Wenzel –« »Nicht so laut!« flüsterte der Junge. »– den wird der Wenzel mit dem Schwerte richten lassen über eine Weile wie einen armen Schächer – ich hätt' ihn einen Narren gescholten.« »Horch!« raunte der Junge. »Am Wall her kommt einer gegangen.« »Ich hör's,« antwortete der Alte, und beide senkten die Speere. Aus dem Nebel löste sich eine hohe Gestalt. »Wer da?« »Laßt mich heran, ihr Herren!« antwortete eine dumpfe Stimme. »Es ist ein Mönch – seht Ihr's?« flüsterte der Junge. »Was habt Ihr da zu suchen?« rief der Alte. »Mein Oberer sendet mich. Mein Oberer ist heute neben dem armen Sünder gegangen und gestanden; jetzt ist er unpaß, und doch geziemt sich's, daß man bete an der Leiche.« »So geht herzu und betet für ihn und uns, ehrwürdiger Vater!« sagte der Alte. Mit gesenktem Haupte schritt der Mönch an das Blutgerüste und klomm die Leiter empor. Die Bretter der Plattform knarrten unter seinen Fußtritten.– ? ? »Schaut nur – ist's nicht, als stünde da droben ein Riese?« flüsterte der junge Sarjant. »Das tut der Nebel, der verzerrt die Gestalten,« sagte der andere. »Und schaut nur, wie hell es wird mit einmal!« raunte der Junge. »Der Mond will durch den Nebel dringen,« meinte der alte Kumpan. »Mich dünkt, das ist ein seltsam Leuchten und Blinken,« sagte der andere und schlug heimlich das Kreuz. * * * Stille war's, nur die Gewässer murmelten, nur der Lufthauch flüsterte in den Erlen am Strome. Wie sie im Frühlichte unter dem Schwertstreiche zusammengebrochen war, so lag jetzt im Nebel der Mondnacht die Gestalt des großen Witigonen im geronnenen Blute neben dem Blocke, und nahe dabei lag das weißhaarige Haupt. Lange stand der Mönch vor dem Haupte. Seine Hände waren gefaltet, seine Lippen bewegten sich im Gebete. Wachsgelb schimmerten die Züge des abgeschlagenen Hauptes, die Augen waren geschlossen, der tiefe Todesfriede hatte sich über das Antlitz gelegt, ganz wenig war der Mund geöffnet – fast als wollte er sagen: »Daheim!« Langsam ließ der Mönch sich nieder auf die Kniee, hart an dem Haupte des Toten. Segnend breitete er die Hände aus, faltete sie, beugte sich tief herab auf das Haupt, breitete die Hände abermals aus und beugte sich noch tiefer herab, als wollte er das Haupt verdecken und verhüllen mit seiner weiten, braunen Kutte. – – Mit Inbrunst schien der Mönch zu beten für die Seele des armen Sünders. – Jetzt erhob er sich, jetzt raffte er die Kutte zusammen, jetzt ging er zur Leiter und tastete sich bedächtig Sprosse um Sprosse hinab. »Gott halt' euch!« sagte er mit tiefer Stimme, als er an den beiden Wachen vorüberkam. »Gott vergelt' Euch!« antwortete der Alte. Der Mönch verschwand im Nebel. * * * Hufschläge klangen von fernher: Durch Nacht und Nebel jagte Herr Witigo den Waldbergen zu – und am klopfenden Herzen, unter der braunen Kutte, barg er das Haupt seines Zawisch. – Des andern Morgens ergab sich die Froburg.   Ende. Nachwort König Wenzel ward nach diesen Geschichten gar bös geängstigt von seinem Gewissen. Da baute er auf den Rat kluger Leute das große Kloster Königsaal nahe bei Prag und übergab es Mönchen, damit sie beteten für das Heil seiner Seele Tag und Nacht. Dieses taten die Mönche getreulich und schrieben Jahrbücher und lobten darinnen König Wenzel gar sehr als einen weisen Mann, als einen frommen Mann. – Von den beiden Söhnlein des Zawisch hörte man nichts mehr. Herr Witigo und Herr Wok aber kehrten der Heimat den Rücken und gingen ins Elend nach Polen. Und es begab sich nach zehn Jahren, daß die Polen Herrn Wenzel zu ihrem Könige machten. König Wenzel zog in sein neues Reich und ließ seine Widersacher unterwerfen. Da wurden auch die Brüder des Zawisch belagert in ihrer Burg; sie mußten sich ergeben nach kurzer Frist und wurden enthauptet. Also verging das Geschlecht des Herrn Budiwoj. Aber auch das Geschlecht König Wenzels verging auf immer, als nach einem halben Menschenalter sein Sohn, der dritte Wenzel, unter den Streichen eines Mörders zusammenbrach. – Lange noch blühte die rote Rose in Böhmen, und es wuchs ihr auch noch manch ein scharfer Dorn im Laufe der Zeiten. Jahrhunderte kamen, Jahrhunderte gingen, der alte Stamm wurde morsch, und sieben Jahre vor dem großen Kriege trugen sie den Letzten aus dem Geschlechte der Rosenherren in die neue Gruft nach Witingau. Andere Geschlechter setzten sich auf die Schlösser der Witigonen, nahmen den Zins von den Waldbauern, jagten in den unergründlichen Forsten am Moldaustrome. Droben aber, im alten Stifte des Grafen Wok, des Wuchtigen, unter dem gigantischen Hochaltare, der seine goldstrotzenden, verschnörkelten Holzmassen bis zur gewölbten Decke emporstreckt, sitzen in großer, vermauerter Gruft die meisten aus der Sippe der Witekskinder versammelt um die Helden Wok und Budiwoj; in starrer Ruhe sitzen sie auf ihren Stühlen, ein grausiger Totenkonvent, und harren der Urständ. – Durch die bunten Fensterscheiben des Chores blitzt die Sonne, an den Säulen und Wänden steigt der blaue Weihrauch empor, das Glöcklein am Altare klingt, die Orgel braust, die ernsten Mönche in ihren weißen Kutten und schwarzen Skapulieren versammeln sich zu feierlichen Exerzitien wie vor einem halben Jahrtausend, auf den Knieen liegt die Menge und betet um Glück und Seligkeit wie vor einem halben Jahrtausend, – und drunten, bedeckt von den kühlen Steinplatten, sitzen sie da, sie, die einst so wuchtig über die Erde geschritten waren: Ihre Augen sind geschlossen, ihre Leiber sind vertrocknet, die einen halten sich wohl aufrecht in ihren Stühlen, andere sind wohl längst zusammengesunken, leise rieselt der Staub aus ihren vermoderten Prunkgewändern, aus ihren schlichten Kutten, aus ihren dunkeln Harnischen – sic transit gloria mundi – – die Welt vergeht mit ihrer Pracht. – – – Mache dich einmal auf ins böhmische Waldland! Geh auf dem uralten, verlassenen Saumpfade aus der Krummenau nach Rosenberg und über den Hügel nach Hohenfurt, klopfe an bei den freundlichen Mönchen und bitte, daß man dich führe in den ehrwürdigen Kapitelsaal: Dort fällt durch schmale, spitzbogige Fensterlein und durch eine zierliche Rosette mildsanftes Licht, und im Dämmerscheine ragt heute noch wie vor sechshundert Jahren, als die Witigonen standen im Halbkreise hinter Herrn Zawisch, die schlanke Säule, die das Gewölbe trägt. Laß dich führen von deinem Gastfreunde und tritt vor die Wandnische, in der die Mönche von Hohenfurt einst mit Ehren die Ruhestätte bereitet haben dem müden Haupte des Größten aus dem Stamme der roten Rose, dem Haupte des Witigonen Zawisch! Anmerkungen Die folgenden Anmerkungen haben den Zweck, einige geschichtliche und kulturgeschichtliche Aufklärungen zu geben. Von der Dichtung selbst sind die Anmerkungen absichtlich streng getrennt gehalten, auch zum Verständnis jener nicht durchaus notwendig. Immerhin werden sie vielleicht manchem Leser und mancher Leserin willkommen sein.   Die deutsche Herkunft des Dynastengeschlechtes der Witigonen , d. i. der Abkömmlinge eines gewissen Witigo, ist durch Folgendes bewiesen: Der Personenname Witigo ist unzweifelhaft deutsch (Wedecke, Wittich, Wiedeck, Witko, vgl. Förstemann, altd. Namenbuch). Also stammt das Geschlecht von einem Manne ab, der einen deutschen Namen führte. » Witkones « heißt das ganze Geschlecht schon bei Neplach. Der älteste bekannte Stammvater ist Witigo von Purschitz (einer Burg bei Sedletz), der im Jahre 1194 starb. Die meisten seiner Nachkommen führen deutsche Namen, darunter besonders viele den Namen Witigo. ( Zawisch ist slawisch, cf . Vierteljahrsschrift für Heraldik u. s. w. XIV, Heft 1, S. 100.) Enge Beziehungen bestanden zwischen den Witigonen und Passau, und eine noch vor einem Menschenalter im Böhmerwalde verbreitet gewesene Sage ließ die Witigonen aus dem Süden gekommen sein. Und diese Sage trifft, wie vor einiger Zeit von Heinrich Sperl ausführlich dargetan worden ist, das Richtige: Die Witigonen besaßen schon frühzeitig das Gericht Haslach östlich der großen Mühl von St. Oswald bis zur Donau hinab, und hier ist ihre ursprüngliche Heimat . Hier erscheint 1209 ein Witigo de Planchinberc ( M. B. XXIX, II , S. 280), und der Witigone Witko de Perchijc (Purschitz), Sohn des ältesten bekannten Stammhalters aller böhmischen Witigonen, war ebenfalls ein Plankenberger . Denn die Legende seines, an jener bekannten Urkunde v. J. 1220 hängenden Siegels, die Professor Kolaø im 10. Bande des »Adler« seltsamerweise als » Sigillum domini Vitkonis de Plathinberg « entziffert, lautet, wie die genaue Untersuchung einer uns vom fürstlichen Zentralarchivdirektor Herrn A. Mörath in Krummau (vgl. auch dessen »Forschungen zur ältesten Geschichte der Stadt Krummau«) gütigst zur Verfügung gestellten Photographie ergeben hat, † WITKO DE PL. NKIN. ERC . Damit ist die Fabel von der tschechisch-mährischen Herkunft dieses urdeutschen Geschlechts für uns Deutsche endgültig abgetan. Die Witigonen sind Plankenberger und wahrscheinlich dem bayerischen Dynastengeschlechte der Falkensteine nahe verwandt gewesen. Die Tschechen freilich werden nach wie vor dieses berühmteste deutschböhmische Geschlecht für sich reklamieren – wenn auch schon im Jahre 1282 die Blutsverwandtschaft zwischen den Habsburgern und Rosenbergern urkundlich bezeugt worden ist, wenn auch schon im 13. Jahrhundert der tschechische Reimchronist Dalimil (Kapitel 58 der mittelhochdeutschen Übersetzung) die Witigonen als fremde Eindringlinge bezeichnet und seinem Ärger über das Aufblühen der Rose unzweideutigen Ausdruck verleiht, und wenn auch die Witigonen selbst, die den Böhmerwald germanisiert hatten und der tschechisch-husitischen Bewegung schroff entgegengetreten waren, sich nie für Tschechen ausgegeben haben. Mit demselben Rechte könnte aber vielleicht in dreihundert Jahren irgend ein tschechischer Historiker die tschechische Herkunft des urdeutschen Geschlechts der Schwarzenbergs zu beweisen versuchen. S. 3. Krummenau , Krombenowe , jetzt Krummau. Palas , der Wohnsitz des Herrn in der innern Burg. Er bestand zuweilen auch aus mehreren Häusern. Bergfried ( bercvrit ), der Hauptturm der Burg und nicht, wie z. B. A. Schultz in seinem vortrefflichen Werke über das höfische Leben zur Zeit der Minnesänger noch annimmt, ein »Holzturm«. (Vgl. auch Beilage zur »Allg. Ztg.« 1895 Nr. 198, Besprechung der Pieper 'schen Burgenkunde.) Das oberste Stockwerk dieses wichtigsten Bollwerkes jeder Burg bewohnte der Wächter. Oft befand sich auch ein besonderes Wächterhäuschen auf der Plattform. Da in Zeiten der Not dieser Bergfried unter Umständen auch als letzter Zufluchtort für die Besatzung zu dienen hatte, so war die Eingangtüre gewöhnlich 20-40 Fuß über dem Erdboden angebracht und nur auf Leitern oder Treppen zugänglich. S. 4. Vorburg , Teil der Gesamtburg, aber außerhalb der eigentlichen Burg angelegt. Hier befanden sich sämtliche Wirtschaftsgebäude. Herr Marschalk . Der Untergebene gebrauchte damals dem Vornehmeren gegenüber das Wort Herr, obgleich dasselbe eigentlich den Freiherrn, d. i. den Dynasten, bezeichnete. Marschalk . Das Wort bedeutet ursprünglich »Pferdeknecht«. Dann wurde der Marschalk der Inhaber eines der wichtigsten Ämter auf der Herren- (Dynasten-)Burg: Er hatte die Aufsicht über den Stall und über alles, was mit dem Waffenhandwerke zusammenhing, sowie im Kriege den Befehl über die reisigen Mannen. Altmarschalk (nach Analogie des Wortes altvrouwe , Mutter des regierenden Fürsten, gebildet) = der wegen hohen Alters nicht mehr im Dienste befindliche Marschalk. S. 6. Zawisch wird »Sawisch« gelesen. S. 13. In der Nische des Fensters . In Dichtungen dieser Periode sind Redensarten, wie » in ein venster er gesaz « » in diu venster – gebettet « regelmäßig. Die Fensternische lag übrigens meist so hoch, daß sie von der Kemenate aus nur durch einen Antritt zu erreichen war. (Schultz.) S. 18. An der March – die Schlacht auf dem Marchfelde vom 12. Juli 1260, in der König Ottokar II. von Böhmen die Ungarn aufs Haupt schlug. S. 24. Jahreswende . Bis zum 16. Jahrhundert begann in Böhmen das neue Jahr mit dem 25. Dezember. Den Abend nach Sonnenuntergang rechnete man schon zum folgenden Tage, also begann Neujahr mit dem Christabende. S, 29. Erchtag , Tag des Ziu oder Er (röm. Mars), Dienstag. S. 32. Ranariedel und Falkenstein , ersteres am Eingange ins Ranatal, unterhalb Engelhartszell am linken Donauufer, heute noch bewohnt, letzteres im Ranatale selbst, heute Ruine. – Skalitz . Unter den drei gleichnamigen Orten das bei Tabor gelegene Skalitz. Einung , mhd. einunge , Vereinigung, Bündnis. S. 38. und daraus hat das Wirrsal seinen Anfang genommen . Zum Verständnisse dieser Klage Pilgrams sowie vieler anderer Partien der Dichtung ist hier vielleicht ein kurzer Hinweis auf die Ständeordnung des ausgehenden deutschen Mittelalters wünschenswert. Den ersten Stand bildeten die Fürsten, Grafen und Freien (Hochfreien). Nachgeborene Fürstenkinder wurden nur noch zu den Hochfreien gezählt. Ebenso sank z. B. ein depossedierter Hochfreier in den Stand der Gemeinfreien – Grundbesitz war eben die Voraussetzung für alle Standesordnung. Neben dem Hochfreien, der meistens auch Ritter war, sehen wir den Stand der unfreien Ritter, der Ministerialen, Dienstleute oder Mannen , Leute, die der Fürst oder hochfreie Herr aus seinen Eigenleuten wählt und im Reiterdienste verwendet. So konnte z. B. von zwei Brüdern der eine Reiter im Dienste seines Herrn, der andere höriger Handwerker oder Bauer sein. Da aber der Reiterdienst naturgemäß sich forterben mußte, so bildete sich aus den Ministerialen sehr bald ein, wenn auch unfreier, so doch sehr angesehener, erblicher Ritterstand, der nicht nur auf seine Mithörigen, sondern bald auch auf die freien Bauern heruntersah. Hier galt dann das Wort: Je vornehmer der Herr, desto vornehmer der Knecht. Die Vornehmsten waren die Reichsdienstmannen. – Der Ministeriale selbst konnte wiederum Eigenritter hinter sich haben. Seit der Mitte des 12. Jahrhunderts begaben sich unter dem Drucke äußerer Verhältnisse oft nicht nur Freie, sondern auch Hochfreie als Ministerialen unter den Schutz eines Mächtigen. Dadurch gewann natürlich der ganze Ministerialenstand. – »In Österreich und Steiermark gelang es den herzoglichen Dienstmannen in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts durch straffes Zusammenhalten und kluge Benutzung der politischen Lage, nicht nur alle Spuren der Unfreiheit abzustreifen, sondern sich sogar in den Stand der bis dahin im Lande wenig zahlreichen Edeln emporzuschwingen. Während die Ministerialen so aus unfreien Dienstmannen zu edeln Dienstherren oder Landherren wurden, stiegen zwar die eigenen Ritter zu dem Range, den anderwärts die Dienstmannen einnahmen, empor,« blieben aber unfrei. Vgl. Schröder, Lehrbuch der deutschen Rechtsgeschichte, Leipzig, 1889, § 42. S. 39. Verdeckte Rosse , equi cooperti (chron. Colm.) . Die Sitte, auch die Rosse durch einen den Kopf, den Hals, die Brust und den Leib bis zum Buge umhüllende Decke aus Eisenringen zu schützen, kam erst im 13. Jahrhundert auf. S. 42. Hube = Hof, d. i. Haus und Hofstätte, Ackerland und Recht an der gem. Mark. S. 44. Nordgau . Die heutige Oberpfalz ist ein Teil des alten Nordgaus. S. 45. Hoppaldei , bäuerischer Tanz, ( do er sank den niuwen hoppaldei , Nith.) S. 53. Leiche ... die aufgerichtet dasaß . Die Witigonen sitzen nach der noch heute in Hohenfurt bewahrten Sage auf Stühlen in ihrer Gruft. S. 60. Oremus etc. Laßt uns beten für alle abgeschiedenen Gläubigen! – Gib ihnen die ewige Ruhe! S. 66. Schwertgemagte , (gemâget = verwandt), Verwandte von väterlicher Seite. S. 67. und Dach . Die Brücken in dortiger Gegend waren und sind teilweise heute noch mit einem Dache versehen. S. 71. Alter Zeiten etc. Die Berchta-Sage, die Sage von der weißen Frau, war auch im Witigonengeschlechte heimisch. S. 75. Zum Gekorenen . Die Vorstände der zu Schutz und Trutz gegründeten freien ritterlichen Eidgenossenschaften hießen »Hauptleute«, »Könige«, »Marschälle«, »Oberste«, »Gekorene über die Einung«. S. 80. Treifen , frz. tref, Hütte. S. 81. Lyoner , auch Waldenser oder Waldesier, ketzerische Sekte, also genannt nach der Stadt Lyon; bezw. ihrem Stifter Waldez. Gestiftet zwischen 1179 und 1218. S. 85. Wer ist denn im Rechte, König Rudolf oder König Ottokar ? 1256-1273 Interregnum in Deutschland. 1273, 29. September, Rudolf, Graf von Habsburg und Kyburg, Landgraf im Elsaß, zum römischen König gewählt. Die Seele der Wahl Friedrich, Burggraf von Nürnberg. König Ottokar II. von Böhmen hatte nach dem Aussterben der Babenberger Herzoge (1246) Österreich in Besitz genommen hatte den Ungarn Steiermark abgerungen, Kärnthen und Kram durch Erbschaft erworben. Der zu Nürnberg im Herbste des Jahres 1274 versammelte Reichstag beschloß, von allen Gütern, die Kaiser Friedrich II. vor seiner Exkommunikation besessen, sowie von sonstigen heimgefallenen, aber okkupierten Reichsgütern solle König Rudolf Besitz ergreifen. König Ottokar protestierte gegen die Rechtmäßigkeit der Wahl Rudolfs. Der zu Augsburg im Frühjahre 1275 versammelte Reichstag bestätigte den Beschluß, daß Ottokar die österreichischen Länder als heimgefallene Lehen herauszugeben habe. Am 24. Juni 1276 wurde die Reichsacht über Ottokar verhängt, der Krieg erklärt und die Aufforderung erlassen, dem Geächteten den Gehorsam zu verweigern. S. 88. Gastmeister , magister hospitum , ein Mönch, gewöhnlich ein Laienbruder. Faltstuhl , valtstuol (Erec), gevalder stuol , unser Feldstuhl, Stuhl zum Zusammenklappen, ohne Lehne. S. 89. das Faß , helmvazz der vorne bis über das Kinn, hinten bis zum Nacken reichende Ritterhelm des dreizehnten Jahrhunderts. S. 95. Ratung , ratunge , Beratung. S. 96. Paltram , Rüdiger, der berühmte Bürgermeister von Wien, der inmitten des allgemeinen Abfalles König Rudolf Trotz bot. S. 97. in den Ring getreten . Bei der Verlobung schlossen die Zeugen einen Ring um das Brautpaar. S. 99. der Herzog von Troppau, Nikolaus, natürlicher Sohn König Ottokars. S. 108. dovolte , tsch., erlaubet! S. 118. ergo ego fidelis , also will ich treu sein! S. 128. Spannbette , spanbette , Bett, dessen Pfühl auf unterspannten Bändern liegt. S. 143. hinter dem schweren Teppiche . Diese Wandteppiche waren mit Ringen an entsprechenden Gestellen aufgehängt; die Gestelle standen nicht hart an der Wand, sondern ließen einen Zwischenraum, in dem man sich gelegentlich auch verbergen konnte. » Und scleich hinder den umbehanc .« S. 143. Kanzler Peter, Propst auf dem Wyschehrad. S. 144. auf die elfte Stunde . »Der Beginn des dies naturalis wurde im M.A. meist vom Sonnenuntergang an gerechnet. So allgemein im Osten Deutschlands und in Italien. ... Man zählte von da ab bis zum nächsten Sonnenuntergang 24 Stunden gleicher Länge ... In Böhmen, wo man diese Stundenzählung gleichfalls hatte, fällt ihre Beseitigung erst ins 17. Jahrh. ... So änderte Budweis erst 1667 die ganze Uhr in die halbe um.« (Grotefend.) S. 145. Schupan , suppani oder comites , Grafen, d. h. die mit Landesämtern belehnten böhmischen Edeln. S. 146. Libuscha . Krok, der sagenhafte Böhmenfürst des 7. Jahrhunderts, hinterließ drei Töchter. Kazi, Teta, Libuscha. Libuscha wurde ihres Vaters Nachfolgerin und wählte zu ihrem Gemahle den Prschemisl aus Staditz, den ihre Boten, geführt vom Pferde der Fürstin, vom Pfluge wegholten. Die Bastschuhe dieses Ahnherrn der Prschemisliden zeigte man noch im 12. Jahrhundert zu Cosmas', des Chronisten, Zeit. S. 149. und haben sich in unser Erbe gesetzt . König Ottokar II. vertrieb von den Stätten, die er den deutschen Einwanderern anwies, die einheimischen Bewohner, die dann meist in der Nähe neue Orte mit Beibehaltung des alten Namens gründeten. S. 149. für den Tag im Wintermonat vor zwei Jahren . Ottokar hatte am 26. November 1276 im Lager vor Wien, nach der Sitte der Zeit kniend, aus Rudolfs Händen das Königreich Böhmen und die Markgrafschaft Mähren als Lehen empfangen. S. 151. Sobieslaw , Sobieslaw II., † 1180. S. 152. deine eigene Staufen-Nase . König Ottokars Mutter war Kunigunde von Hohenstaufen. S. 156. Wohlauf, wohlan etc. Ein – jedenfalls uraltes – schwäbisches Wächterlied (Wörnitztal). S. 158. Sarjanten , alle nicht ritterbürtigen, gemeinen, zu Fuß kämpfenden, gleichviel ob dienstpflichtigen oder geworbenen Soldaten ( servientes ). S. 159. Aller meine Feinde Waffen , Aller miner vînde waffen – diu ligen unde slâfen – und sîn also palwahs – als waere mîner frouwen fahs – dô si den heiligen Crist gebaere – und doch ein reiniu meit waere. – mîn houbet sî mir staelîn – dehein wâfen snîde darîn. – mîn swert eine – wil ich von dem segen scheiden – daz snîde unde bîze – allez daz ich ez heize – von mînen handen – und von niemans andern. – Aus dem Münchener Ausfahrtsegen. Wackernagel. S. 163. Senftenier . Eine gepolsterte Binde zum Schutze des Unterleibs. Mit dem Senftenier verbunden das Huffenier , ein Schutzpolster für die Hüften. S. 164 f. Finteil , ventaculum , mhd. finteile . An der Brünne – (s. u.) – war eine ebenfalls mit Ringen benähte Kapuze, das Härsenier , befestigt, das man über den durch eine weiche, gepolsterte Mütze bedeckten Schädel zog. Das Härsenier schützte nun den Nacken, den Schädel, die Hälfte der Stirne, die Wangen teilweise, das Kinn aber und die untere Hälfte des Gesichtes blieben frei. Zum Schutze letzterer diente das Finteil , ein ziemlich breiter Panzerstreifen, der an der rechten Seite des Härseniers herabhing, unmittelbar vor der Schlacht jedoch über Kinn und Mund gelegt, an der linken Wange emporgezogen und auf dem Schädel mit Riemen befestigt wurde. Schinneliere , Eisenschalen zum Schutze der Kniescheiben. Brünne , ein Waffenhemd aus Leder oder dickem Zeugstoffe, auf das Metallplatten oder Ringe genäht waren. Platten . »Über die Brünne legte man zu größerem Schutze auch noch Platten an.« (Schultz.) Der Hut , ein Eilenhut, den man auf das Härsenier setzte. Die Mütze , Filzmütze, die man wiederum auf den Eisenhut setzte. Erst über diese wurde dann der Helm gestülpt. S. 167. Wie die weißen Engelskinder . Da sach man sie gezieret baz Aber hin zu velde zogen, Als engel waeren dar geflogen Ûz dem heiligen paradîs. (Engelh., Zitat bei Schultz, II, 105.) S. 173. In Gottes Namen fahren wir , in gotis namen varen wir u. s. f., das bekannte, uralte Kreuzfahrerlied. Hospodin, pomiluj ny! Herr, erbarme dich unser! S. 180. Heia, erster Stich ! Der Stich »zem puneiz« , d. i. die erste von den fünf üblichen Angriffsformen (jeder versticht seinen Speer und sucht den Gegner aus dem Sattel zu heben, damit den Durchbruch des feindlichen Keiles zu ermöglichen). Hatte ein Treffen das andere durchbrochen und die feindliche Schar durchritten, so machte es dann Kehrt, ritt noch einmal zurück und vollendete die Niederlage. Das nannte man den Stich »zer volge« . (Schultz.) S. 182. Kehret euch ! nämlich zum zweiten Stiche, zu dem es aber infolge des neuen Angriffes von Seiten der Römischen nicht kam. S. 183. Schwärme kumanischer Schützen . Vgl. die Schilderung bei Schmid, Graf Albert von Hohenberg. als flögen Schwärme klappernder Störche . Daz die senib erduzzen und nach dem snall erklungen . Ottokar v. Steier. – Da begunden snateren die bogn sô die storche im neste (Willeh. 375, 10. Zitat bei Schultz, II, 202). S. 209. die Herren Geschworenen , die Glieder des Prager Stadtrates. An der Spitze der ganzen Stadtgemeinde stand der »Stadtrichter«. S. 210. Fritschal , feines Tuch von gelber oder grüner Farbe. S. 215. zerriß seine Kleider . Der Interpol. und Übersetzer des Dalimil: – Do verschid er leidir, Di deutschin ir cleidir Vor leid mugin rissin etc. S. 216. von der Kleinseite . Die alte oder größere Stadt Prag ( antiqua civitas, maior civitas ) lag wie heute auf dem rechten Moldauufer, die neue Stadt, kleinere Stadt Prag auf dem linken Ufer unter dem Hradschin. Beide waren mit Mauern und Gräben umgeben. S. 218. den langen Brandenburger, den Otto , Markgraf Otto der Lange von Brandenburg, Ottokars Schwestersohn. S. 240. Tu ne cede malis etc. Weiche du nicht zurück in der Gefahr, sondern geh um so tapferer vorwärts! S. 243. Mens agitat molem , der Geist bewegt die Materie. S. 256. Stickrahmen , » Disiu worhte an der ram .« S. 259. auf dem die große Karte lag . Schon Aegidius Colonna, de regimine principum , empfiehlt dem Heerführer die Terrainkarte. S. 265. Unterkämmerer, hoher böhmischer Kronbeamter. 267 f. Äpfel schneiden sie . Wer beim Apfelschneiden in der Christnacht keinen richtigen Stern aufweisen kann, darf sich im kommenden Jahre des Sterbens versehen. Lichtelschwimmen . Kommen zwei besonders gezeichnete, in einem Wasserbecken schwimmende, mit brennenden Lichtlein versehene Nußschalen zusammen, so bedeutet das eine glückliche Heirat, jähes Erlöschen derselben aber nahen Tod. S. 271. geteidingt , tagedingen, tegedingen, teidingen , gerichtlich verhandeln, überhaupt verhandeln. S. 307. Es war ein Fürstenkind . Kunigunde war König Belas von Ungarn Enkelin, Tochter des russischen Fürsten Rostislaw Michailowitz. S. 315. Wyschehrad . Der Palast auf dem Wyschehrad war der älteste Sitz der böhmischen Fürsten, aber seit dem Ende des 12. oder Anfange des 13. Jahrhunderts als solcher verwüstet und verlassen. Dagegen befanden sich dort noch immer die Wohnsitze der Prälaten und Domherren vom Wyschehrad. S. 318 ff. Strahow . Vornehmstes aller böhmischen und mährischen Prämonstratenserklöster. Die hier eingefügte Chronik ist Dichtung auf historischer Grundlage. ( Chronicon aulae regiae , s. u.) S. 319. Armarius , Bibliothekar des Klosters, dem zumeist auch das Amt des Kantors oblag. S. 320. Echterin , ehterin, ahterin , der achte Teil eines Maßes. S. 329. Bimssteine . Mit diesen wurde die Schrift vom Pergamente radiert. S. 346. Wenzelkrone . W. der Heilige, Herzog in Böhmen, 935 auf Befehl seines Bruders Boleslaw vor der Kirche in Bunzlau ermordet, ist der Schutzpatron Böhmens. »Der Helm Wenceslaws, von uralter Arbeit, welcher, wie es scheint, schon seinen Ahnen gehört hatte, ebenso sein Schwert und sein Panzerhemd wurden als teure Reliquien bewahrt.« (Tomek.) S. 349. Boleslaw I. † 967. – Boleslaw der Rothaarige wurde Herzog nach seines Vaters, Boleslaws II., Tode, 999. einem Fremdlinge , dem polnischen Prinzen Wladiwoj, † 1003. S. 358. König Wenzels Großvater, Wenzel, Vater König Ottokars. Sein Minnelied s. bei v. d. Hagen. S. 364. Reinmar von Hagenau, † c. 1206, der bedeutendste Minnesänger vor Walther von der Vogelweide, der von ihm sagte: Und haetest anders niht, wan eine rede gesungen: »So wol dir, wip, wie reine din nam!« du heatest an ir lob alse gestriten Daz elliu wip dir ie mer genaden solten biten. S. 365. ein anderer , Herr Christian von Hamle. S. 366. Heger , Waldläufer. S. 385. Ketzer . Das erste beglaubigte Ketzergericht fand zu Prag allerdings erst i. J. 1315 statt. Doch ist es historisch feststehend, dag die Ketzer schon in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in ganz Österreich und Böhmen verbreitet waren. Im genannten Jahre 1315 wurden zu Prag in einem Monate vierzehn Ketzer beiderlei Geschlechts verbrannt. – S. 390. Bruder David von Augsburg. Vgl. u. Preger. und seinen Flöhen , Pulices etiam ... excutiunt contra ignem vel vestem ipsam intingunt in aqua calida, et tunc nolunt ea occidisse sed dicunt ea per se mortua esse. (tract. Dav.) S. 404. utinam abscindantur, qui vos conturbant , möchten sie doch weggeschnitten werden, die euch in Verwirrung bringen! S. 414. Adlerdaunen verwendete man im M.A. gerne zur Füllung von Kissen. Wangenkissen , mhd. wanküssen . S. 422. Rosengarten . Ein solches »Rosengärtlein« zeigt man heute noch bei der Burg Aggstein an der Donau. Dort befindet es sich an einer Felswand. S. 455. des Ungarnkönigs Tochter , Elisabeth, Tochter Stephans V., cop . mit Zawisch 1287. auf dem Fürstenberge , Fürstenberg, jetzt Swojanow, im Chrudimer Kreise. S. 459. Glaubst du, daß ein Gewitter kommt ? Wenzel II. pflegte sich bei Annäherung von Gewittern in einen Reliquienkasten zu verkriechen. Der Anblick einer Katze konnte ihn ohnmächtig machen. S. 513. ruft das Bier aus . Wenn einer der mit Braugerechtsame begabten Erfurter Bürger »ein frisches Bier aufgethan« hatte, verkündete dies der Bierrufer in den Straßen. Diesen Brauch ahmte Rudolf während seines Aufenthaltes in dieser Stadt eines Tages nach. S. 521. wenn du deinen Sohn, den Rudi, anschaust . Rudolf hatte seinen Sohn Rudolf zum Nachfolger bestimmt und war gerade damals sehr bemüht, ihm Anerkennung zu verschaffen. S. 523. Es war nie König noch Königin u. s. f. Freidank. S. 542. Froburg, jetzt Frauenberg. S. 543. Zingeln, cingula , Ringmauern. S. 551. Zum Zeichen dessen, daß man die Burg halten wolle bis zum letzten, hängte man die Schilde heraus. S. 567. Elend = Verbannung, Fremde.   Andree, Richard, tschechische Gänge, böhmische Wanderungen und Studien. Leipzig, Velh. und Klasing, 1872. – Ann. Claustroneoburgenses 1267-1319. M. G. SS. IX. – Ann. S. Rudberti Salisburgenses. M. G. SS. IX. – Ann. Vindobonenses 1267-1302. M. G. SS. IX. – Ann. Zwetlenses 1241-1329. M. G. SS. IX. – Berger , Adolf, Wittinghausen. Mitteilungen des Ver. f. d. Gesch. d. Deutschen in Böhmen XIII. – Bernau , Friedrich, Album der Burgen und Schlösser im Königreiche Böhmen. Saaz, Butter, 1881. – Boèek , Anton, Mähren unter König Rudolf I. nebst Urkundenanhang. Prag 1835. (Abh. der k. böhm. Akad. d. Wissensch.) – Böhmen , in dem Prachtwerke »Die österr. ungar. Monarchie in Wort und Bild.« 1894. – Chronicon aulae regiae , gedr. bei Dobner, Monumenta historica Bohemiae . Prag 1764-1786. – Colmarer Annalen und Chronik. M. G. SS. XVII, 183-270. – Continuatio Vindobonensis. M. G. SS. IX. 712. – Des Dekans Cosmas Chronik von Böhmen nach der Ausgabe der Monumenta Germaniae übersetzt von Georg Grandauer. Leipzig, Verlag von Franz Dunker, 1885. – Cosm. cont. M. G. SS. IX. – Die mhd. gereimte Übersetzung der Chronik des Dalimil im 48. Bande des Stuttg. lit. Vereins. – Doeberl über die Cisterzienser in der »Allg. Zeitung« v. J. 1893, Beilage Nr. 201. – Freytag , Gustav, Bilder aus der deutschen Vergangenheit. Vom Mittelalter zur Neuzeit. Neuer Abdruck. 1889. – Führer durch den Böhmerwald und das deutsche Südböhmen. Herausgegeben vom deutschen Böhmerwaldbunde. Budweis, Hansen, 1888. – Gallistl , Thomas, Heimatskunde des politischen Bezirkes Krummau. Winterberg, Selbstverlag. – Götzinger , Dr. E., Reallenkon der deutschen Altertümer. Leipzig, Urban, 1885. – Greeven , Dr. Herm., Die Predigtweise des Franziskaners Berthold von Regensburg. Beilage zum Jahresbericht der Realschule zu Rheydt. Ostern 1892. – Grohmann , Dr. Jos. Virgil., Sagen aus Böhmen. Prag, Calve, 1863. – Grotefend , Zeitrechnung des deutschen Mittelalters und der Neuzeit. 1891. – v. d. Hagen , Friedr. Heinr., Minnesinger, Maness. Sammlung etc. Band 1 und 2., Leipzig, 1838. – Hajeks Chronik von Böhmen. Deutsch von Johann Sandel. 1596, 1697, 1718. – Hehn , Viktor, Kulturpflanzen und Haustiere. 5. Auflage. – Heinricus de Heimburg, annales, M. G. SS. XVII. S. 711-713. Hermanni abbatis chron. Altah. M. G. SS. XVII. 351. – Historia annorum 1264-1279 (Vindobonensis). M. G. SS. IX. – Jacob , Dr. Georg, Studien in arabischen Geographen, Heft 4. Berlin, Mayer und Müller, 1892. Zwei arabische Reiseberichte über Deutschland aus der Zeit Kaiser Ottos des Großen. Bericht des Juden Ibrâhîm ibn Jaqûb über die Slavenländer. – Kopp , J. E., Geschichte der eidgenössischen Bünde, Band I. König Rudolf und seine Zeit. – Kriegk , deutsches Bürgertum im Mittelalter. Neue Folge. Frankfurt a. M. 1871. – Krummel , Geschichte der böhmischen Reformation im 15. Jahrh., Gotha, Perthes, 1866. – Lechler , G. V., Hus, Johannes. Lebensbild aus der Vorgeschichte der Reformation. (Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte, Nr. 28. Halle, Niemeyer, 1890.) – Lexer , Matthias, Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch mit grammatikalischer Einleitung. 2. Auflage, Leipzig, Hirzel, 1881. – Liliencron , v., über die mittelalterliche Musik, in den Sitzungsberichten der k. b. Akad. d. Wissensch. 1873. Heft IV. – Lorenz , Ottokar, Deutsche Geschichte im 13. und 14. Jahrhundert. 2 Bände. Wien, Braumüller, 1863, 1866, 1867. – Lorenz , O., Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter seit der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts. 1. Band 1876. 2. Band 1877. – Loserth , J., die Königssaaler Geschichtsquellen. (Archiv f. österr. Gesch. Band 51 S. 449 ff.) – Manlik , Martin, das Leben und Treiben der oberdeutschen Bauern im XIII., XIV. und XV. Jahrh. Progr. des Staatsobergymn. in Landskron-Böhmen. – Matseenses annales, M. G. SS. IX. 825-827. Mörath , A., Forschungen zur ältesten Geschichte der Stadt Krummau. – Muck , Geschichte vom Kloster Heilsbronn. 3 Bände. Nördlingen, C. H. Beck, 1879. – Oefele , scriptores, II, 537. Volkmarus abbas Fürstenfeldensis. – Ottokar von Steier , Reimchronik, M. G. – Palacky , Franz, Geschichte von Böhmen. 2. Band. Abt. 1 und 2. Prag, 1874 und 1866. – Palacky , Würdigung der böhmischen Geschichtsschreiber. – Pangerl , Urkundenbuch von Goldenkron. ( font. rer. austr., II, 37 ). – Derselbe, Urkundenbuch von Hohenfurt. – Derselbe, die Witigonen, ihre Herkunft, ihre ersten Sitze und ihre älteste Genealogie. (Archiv f. österr. Gesch. Band 61, S. 503 ff.) – Derselbe, Wok von Rosenberg. (Mitteilungen des Ver. f. d. Gesch. d. Deutschen in Böhmen. IX, H. 1 und 2.) – Derselbe, Zawisch von Falkenstein. Ebendas. X. H. 4 und 5. – Preger , Beiträge zur Geschichte der Waldesier im Mittelalter, Abh. d. k. b. M. Band XIII. – Preger , das Verhältnis der Taboriten zu den Waldesiern des 14. Jahrh. Ebendas. Bd. XVIII. – Derselbe, der Traktat des David von Augsburg über die Waldesier. Ebendas. Band XIV. – Riezler , Sigmund, Geschichte Bayerns. Band 2. Gotha, Perthes, 1880. – Øivnáè, Reisehandbuch für das Königreich Böhmen. Prag 1882. – Schafarik , slavische Altertümer. 2 Bände. Leipzig 1843/44. – Schauffler , Theodor, Quellenbüchlein zur Kulturgeschichte des deutschen Mittelalters. Leipzig, Teubner, 1892. – Schmeller , J. Andreas, Bayerisches Wörterbuch. 2 Bände. München, Oldenburg, 1872, 1877. – Schmid , Dr. Ludwig, Graf Albert von Hohenberg, Rotenburg und Haigerloch vom Hohenzollern Stamme. Der Sänger und Held. Ein Cyklus von kulturhistorischen Bildern aus dem dreizehnten Jahrhundert. Stuttgart, Cotta, 1879. 2 Bände. – Schönwerth , Fr., Aus der Oberpfalz. Sitten und Sagen. 3 Bände. Augsburg, Rieger, 1859. – Schröder , Dr. Richard, Lehrbuch der deutschen Rechtsgeschichte. Leipzig, Veit u. Komp. 1889. – Schultz , Alwin, Dr., das höfische Leben zur Zeit der Minnesinger. 2 Bände. 2. Aufl. Leipzig, Hirzel, 1889. – Specht , Franz Anton, Geschichte des Unterrichtswesens in Deutschland von den ältesten Zeiten bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts. Stuttgart, Cotta, 1885. – Straßburger Chronik. M. G. SS. XVII. – Thudichum , Rückblick auf die Geschichte der Leibeigenschaft. Preuß. Jahrb. Band 22. 1868. – Tomek , W. Wl., Geschichte Böhmens in übersichtlicher Darstellung. Prag, 1875. – Tomek , W. Wl., Geschichte der Stadt Prag. 1. Band. Aus dem Böhmischen übersetzt vom Verfasser. Prag, 1856, bei Calve. – Walderdorff , Führer durch Regensburg. Neue Aufl. 1895. – Wattenbach , das Schriftwesen im M.A. Leipzig, 1896.