Korfiz Holm Herz ist Trumpf Der Roman eines starken Mannes   Deutsche Buch-Gemeinschaft Berlin und Hamburg Deutsche Buch-Gemeinschaft C. U. Koch's Verlag Nachf., Berlin W 15 und Hamburg 1 Lizenzausgabe. Alle Rechte vorbehalten: Gesamtherstellung: Hanseatische Druckanstalt GmbH, Hamburg-Wandsbek Einbandentwurf: Hans Martin Tibor Printed in Germany 1948 Erstes Buch Wo sind sie, die vom breiten Stein Nicht wankten und nicht wichen, Die einst bei Lieb, Gesang und Wein Den Herrn der Erde glichen? Altes Burschenlied   Erstes Kapitel. Gesunde Knochen und ein krankes Gewissen Die Sonne lauerte durch den Spalt der lichtbunten Vorhänge an dem Mansardenfenster und warf einen Streifen über das Fußende der breiten Bettstatt aus polierten vierkantigen Messingstäben, über die gelbseidne Steppdecke und die großen Füße, die darunter hervorgeschloffen waren und sich neugierig im Zimmer umsahen, erlöst gleichsam aus der Abhängigkeit von dem sie sonst regierenden Kopfe, der indes droben, eine Backe ins Kissen gewühlt, offnen Mundes schnarchte, in einem traumlosen Schlafe, dahinein nicht einmal das Gespenst eines Gerichtsvollziehers Zutritt hatte. Ob es nun davon herrührte, daß der Straßenbahnwagen, der gerade unten vorüberdröhnte, das ganze, schön modern gebaute Haus ins Wanken brachte, oder ob den Sonnenstrahl wirklich das Lachen ankam – jedenfalls schüttelte er sich ein weniges; und es lag kein Grund vor, anzunehmen, daß das nicht vor Heiterkeit über dies Gemach und seinen Bewohner geschehen wäre. Ein weltläufiger Mann, der unvorbereitet hätte raten sollen, wem dieses Schlafzimmer gehöre, würde es vielleicht einer galanten Dame zugeschrieben haben, aber dieser Kenner wäre mit seinem Indizienschluß hereingefallen. Denn in dem frivol prunkhaften Bette lag ein derber Kerl mit langen Gliedern und breitem schwarzhaarigen Bauernschädel. Und dies war niemand andres als der Maler Anton Gwinner, in den Kreisen seiner Genossen unter dem Beinamen starker Toni je nach der Gefechtslage beliebt oder gefürchtet und bei den Eingeweihten zudem als talentiertes Aas angesehen: »... wenn bloß das Faultier ein bissel mehr schruppen wollte!« – Unter Schruppen verstand man dabei die nervöse Fühlhorntätigkeit des Künstlerpinsels. Die Tür öffnete sich leise. Ein langer, hohlwangiger Mensch mit wirr in die Luft stechenden roten Haaren und rotem Spitzbart lugte herein. Wer Anton Gwinners Freund und Ateliernachbarn Theo Schlotthauer um diese Stunde zum erstenmal erblickt hätte, wäre des Staunens voll gewesen bei der Kunde, daß dieser sonst für einen hübschen, und namentlich, daß er für einen eleganten Menschen galt. Er hatte sich über das offenstehende Nachthemd ein altmodisches, dürftiges Jäckchen mit hochgeklapptem Kragen gezogen; seine dürren Beine staken in einer nach jeder Richtung zu knappen Hose, die nackten Füße schlorrten in heruntergetretnen Hausschuhen aus kariertem Wollstoff. Theo musterte den Schnarcher mit einem gleichsam maßnehmenden Blick, schaute dann suchend durchs Zimmer und an sich herunter, entdeckte in seiner äußeren Brusttasche ein paar schöne Dachshaarpinsel, zog mit einer bewillkommenden Geste seiner affenartig schmalen Hand einen davon hervor und machte den ersten Angriff auf den heiligen Schlaf, indem er das Kunstgerät dazu mißbrauchte, seinen Freund an der Fußsohle zu kitzeln. Toni trat heftig gegen einen der kalten Messingstäbe; und als ob von der Sohle ein schnurgerader Nervenstrang bis zur Nase führe – so prompt quittierte er dieses Kältegefühl mit einem Niesen, brummte dazu etwas Unverständliches, zeigte jedoch wenig Neigung, sonst eine Lebensäußerung von sich zu geben. Der Attentäter sah ein, daß hier drastischere Mittel vonnöten waren. Er warf mit einem leichten Stoß das Federbett auf den Boden, packte einen Zipfel der Steppdecke und retirierte vorsichtig zur Tür. Tonis riesige Pratzen griffen nach etwas nicht mehr Vorhandnem und zogen es über seinen Brustkasten herauf. Trotzdem er keineswegs undeutlich »Rindvieh!« brummte, öffneten sich seine Lider nicht, und er schien fest entschlossen, noch lange zu schlafen. »Das kriegen wir schon!« sprach Theo zuversichtlich in sich hinein. Er schlich sich auf den Zehen zum Waschtisch, nahm den großen Schwamm, ließ ihn im Krug erst einmal ordentlich trinken und warf ihn aus sicherer Entfernung – so rechnete er wenigstens – auf seinen Herrn Nachbarn. Dieser aber war, als ihm das triefende Wurfgeschoß auf die Hüfte klatschte, auch schon aus dem Bett und ließ dem andern keine Zeit, die Tür zu gewinnen, geschweige denn, sie von außen zu verschließen. So heuchelte Theo denn Tapferkeit und bückte sich zur Ringkämpferpose, um wenigstens den Untergriff zu gewinnen, obgleich er sich sagen konnte, daß auch dieser Vorteil ihm nichts helfen würde. Doch er erlangte ihn gar nicht. Toni hatte den Mörder seines Schlafes blitzschnell gepackt – und zwar so, daß dem die Rippen sich bogen. »Laß los! Puh Deuwel! Das ist doch kein Witz!« stöhnte Theo. »Sofort! Bitte gleich!« grinste der andere ingrimmig. Dabei hob er sein Opfer ein bißchen vom Boden und feuerte es rücklings gegen den weißlackierten, mit Reihen von schwarzen Quadraten keusch und kunstgerecht verzierten Kleiderschrank. Bum, schlug Theo gegen diese nüchtern saubre Pracht. Die Zunge des Schlosses zerknackte mit grellem Metallton, die Türflügel wichen respektvoll nach innen. Bum, schlug Theo gegen die Rückwand. Ihr weiches langfaseriges Holz kreischte weinerlich anklagend auf und barst in schön geschwungener Linie von oben bis unten. Bum, setzte sich Theo auf den hohl zum Himmel brüllenden Boden des Schrankes, und über ihn ergossen sich mit seufzendem Laut seines Besiegers Festtagsgewänder. Theos Beine allein zappelten noch lang und beschämt in die Welt des Sicht, baren hinaus. Tonis Zorn war verraucht, seine schwarzen Spitzbubenaugen wurden blank vor Vergnügen. Er schmetterte ein Lachen des Triumphes über das Schlachtfeld. »Grobian!« so ließ sich Theo, den Umständen nach gefaßt, vernehmen. Er war wieder zum Vorschein gekrochen und trat in seine beiden Schuhe, während die Hände sein magres Gestell forschend betasteten. »Hast du außerdem noch einen Zweifel?« fragte Toni mit Hohn, aber nun plötzlich doch nicht ganz frei von Sorge. »Jescheerter Bauer!« knurrte der andre und rieb sich mit andächtiger Behutsamkeit die Gegend unterhalb des Kreuzes. »Es kann halt net ein jeder einen preußischen Briefmarkenbändiger zum Alten haben«, gab Toni zurück. »Hätt'st dir net so viel 'traut, du bissel Mannsbild!« Theo, dem klar war, daß sich mit Gekränktheit hier schwerlich große Effekte erzielen ließen, hielt es für ratsamer, seinen Humor wiederzufinden. Er deutete auf den Schrank: »Hab' ich's dir nicht gleich gesagt: sie sind nischt für dich, die jeschnasigen Backfischmöbel! Für dich wär' Gußeisen die richtige Marke!« »Gußeisen! Sei froh! Z'samm'kehren könnt' jetz' die alte Gschwendtnerin das, was übrig wär' von dir und deinen Talenten!« »Wenn ich nicht so gute Knochen hätte ...!« wagte Theo zu erwidern. »Heißt man das auch Knochen, die preußischen Makkaroni?« erkundigte sich Toni und bückte sich zu dem verschandelten Möbel hinunter. »Schau, da is es noch ganz – bei dem Rumpler!« Er hob seinen Fuß und stampfte so heftig in den Schrank, daß nun auch das Bodenbrett platzte. »Das sind Knochen!« stellte er fest und wendete dem Schranke den Rücken. »Froh bin ich, daß das Gelump einmal hin is! Da hab' ich mich schön ausschmieren lassen damit!« Doch plötzlich griff er nach seiner Hüfte. »Patschnaß is man! Was fallt denn dir ein, du Hammel!« Und schon zog er sich das Nachthemd über den Kopf. »Dann hättest du mir nich das Ehrenwort abnehmen dürfen, daß ich dich heute früh wecken soll!« erwiderte Theo. »Also, so ausgeschamt muß man auch net lügen!« Toni griff nach dem Oberhemd, das bös verknittert zu Füßen des Bettes am Boden lag. »Aber! Arbeiten hast du wollen!« Ein großes Staunen trat in Tonis schwarze Augen. »Muß ich besoffen gewesen sein!« sagte er. Dann strich er sich mit der Hand über die Stirn, hinter der plötzlich ein in Wellen steigender Schmerz fühlbar wurde, und fügte düster hinzu: »Ja, man ist ein Schwein.« »Warum dir das grad' heute auffällt?« grinste Theo. »Wieviel Uhr haben wir denn?« Toni ging zum Nachttisch und starrte verblüfft auf die Marmorplatte. »Die Zwiebel suchst du?« erkundigte sich sein Freund. »Die is doch futsch.« »Versetzt?« überlegte Toni und gab sich gleich selber die Antwort: »Ach was!« Sein Finger zeigte auf einen liederlich zusammengeknüllten Tausendmarkschein, der neben einer Handvoll Gold-, Silber- und Nickelmünzen auf dem Nachtkastl lag. »An die Wand hast du sie geschmissen, die Uhr, wie wir heut nacht nach Hause gingen. In tausend Stücke! Aus Lebensfreude, hast du behauptet.« »Was so ein Preuß' schon versteht! – Is das vielleicht net Lebensfreude?« »Oder Delirium – wie man es auffaßt.« Toni hatte keine Antwort auf diese lieblose Deutung. Er fegte mit der Rechten seinen Geldvorrat in die Höhlung der Linken und betrachtete ihn aufmerksam. »Is das der Rest des väterlichen Vermögens?« fragte Theo. »Sollt' man's glauben?« fragte Toni leis melancholisch zurück. »Zwanzigtausend hab' ich 'kriegt für den Hof,« kalkulierte er dann. »Keine dreiviertel Jahr', daß der Alte jetz' tot is! – Freilich: die Schulden hab' ich zahlt, und die Möbeln hab' ich jetzt auch.« »Aber doch nich bezahlt!« Tonis Faust schloß sich über dem Gelde und knallte es auf die Marmorplatte. »Das kann ich mir leicht noch verkneifen. Die ganzen Möbeln zahlen – dazu langt es eh nimmer. – Da kauf' ich mir doch gescheiter Farben.« »Für über tausend Mark? – Reicht bei deinem Fleiß bis ans Lebensende! – Und hast du Farben schon einmal bar bezahlt?« »Halt's Mäu, Fadian!« knurrte Toni. »Und paß bloß auf: von morgen an, da wird geschruppt, daß es nur a so raucht!« »Das sagst du schon lange ...!« so hob Theos Mund zu einer Moralpredigt aus. Und er hielt dem Freunde seinen bei diesen Gaben wirklich sündhaften Mangel an Eifer mit so beweglicher Grobheit vor, daß Toni, wenn auch ohne viel Zuversicht, gelobte, noch heute, zu dieser Stunde, gleich nach dem Kaffee, solle ein – hol' mich der Teufel – neues Leben beginnen.   Als sein Freund ihn verlassen hatte, um sich »für den Kaffee zu interessieren«, saß der arme Sünder noch eine Weile gebrochen auf seinem Lager und sann stumpf dem verzweifelten Entschlusse nach, mit diesem Schädel nach so langer Pause wieder einen Pinsel in die Hand zu nehmen. – Daß er sich darum nicht drücken könnte, war ihm aber ganz klar. Theo würde aufpassen, da gab's keine Hoffnung. Und unser starker Mann hatte eine Schwäche: er war von der Meinung andrer Leute innerlich abhängiger, als es sich mit seiner Lebensführung eigentlich vertrug. Sein kränkliches Gewissen nannte er das bei sich und hatte durch diesen ebenso erlesenen wie angelesenen Ausdruck die doppelte Genugtuung, sich tief problematisch und sehr gebildet vorzukommen. Gleich den meisten faulen Leuten, las er viel; und sein Streben nach Kultur und Feinheit, das er im Kreis der spottsüchtigen Genossen ängstlich zu verbergen genötigt war, führte ihn zu Büchern, die der Mode des Tages als die edelsten Blüten im Garten der Literatur galten. So hatte sich sein Geschmack gebildet, und er kannte sich auch auf diesem den meisten jungen Malern von damals fernliegenden Gebiet darüber aus, was Kunst war, und was ein anständiger Mensch als Schmarr'n zu bezeichnen hatte. Heute nun äußerte sich seine Gewissenskränklichkeit in dem fehlenden Mut dazu, Theos Aufruf zur Arbeit kühl abzulehnen, und in der gräßlichen Vorstellung, mit welchen Ausdrücken wohl seine bäuerlichen Verwandten zu Füßen des Kofels in Oberammergau über ihn sprechen würden, wenn sie wüßten, wie wenig er von seinem Vatergut noch übrig hatte. Es war eine Tränenwelt!   Unter solchen Gedanken verflog die Zeit. Toni war keineswegs weiter in seiner Toilette als zuvor, da hörte er die Flurtür gehen, was ihm sagte, daß Frau Gschwendtner, die Hausmeisterin und im Nebenberuf die Zugeherin der beiden Herren Kunstmaler, sich schon mit dem Kaffee nähere. Er stieg hastig in seine hochgeschnäbelten, silbergestickten Türkenschuhe und begab sich, im übrigen nur mit dem Oberhemd angetan, in sein Atelier. Dies war ein Raum, der sich durch eine Möblierung mit Klubsesseln und andern Herrlichkeiten von den Ateliers andrer junger Leute unterschied und etwas angenehm Wohnliches hatte. Bloß das Handwerksgerät des Hausherrn, Staffeleien und was sonst dazu gehört – das alles sah, wie Theo Schlotthauer zu sagen pflegte, entschieden unbewohnt aus. Befremdend wirkte es ferner, daß übereck mitten in dem Gemach ein großer Biedermeierschrank stand. Der war nachträglich bei einem Tandler zu der Einrichtung hinzugekauft worden; und so hatten ihn damals die eiligen Dienstmänner hingesetzt, die ihn brachten. Toni war inzwischen noch nicht dazu gekommen, ihm einen Platz an der Wand anzuweisen. Theo lehnte in dem Sofa und hatte sich, was Toni mit Mißfallen bemerkte, für Bleiben und Schaffen eingerichtet. Auf dem Tisch vor diesem Arbeitsfanatiker lag ein altersgeschwärztes Reißbrett, das mit einem schneeweißen Bogen Papier bespannt war; daneben zeigte sich außer ein paar Pinseln, einem Fläschchen Tusche und einer Tube Deckweiß ein unwahrscheinlich schmutziges, förmlich von Dreckreliefs überzogenes Glas, zur Hälfte mit einer dunkelgrauen Flüssigkeit gefüllt, die Wasser vorstellen sollte. »Also!« sagte Theo mit nicht geringer Entrüstung. »Im Hemd is er noch!« »Warum denn net? – Is ja doch Sommer!« Es klopfte: die alte Gschwendtnerin trat ein. »Je!« krächzte sie und machte eine Bewegung, als wolle sie sich das Tablett, das sie trug, vor die Augen halten. »Schmeißen S' bloß den Kaffee hin!« schrie Toni erschrocken. Sie schob abgewandten Blickes das Brett auf den Tisch und vollführte dabei mit Gesicht und Schultern eine so lebhafte Mimik, daß Theo sich erkundigte, ob sie Leib- oder Zahnweh hätte. »Ja, spannst du's denn net: Die Gschwendtnerin markiert die G'schamige!« grinste Toni herzlos. »Sie san schlimm!« kicherte die Alte und enthüllte in einem gespenstisch wirkenden schüchternen Lächeln die beiden untern Stockzähne – soweit man sah: das einzige, was sie in diesem Artikel zu zeigen hatte. Mit schiefem Kopf, die wasserblauen Äuglein, in denen ständig eine Träne schwamm, züchtig zu der roten Nase niedergeschlagen, stelzte sie schnell wieder zur Tür hinaus. »Die hat's!« jauchzte Toni. »Jetz' tut die auf einmal, als wenn sie auch ein Weiberl wär'!« Theo, der Kaffee eingoß, feixte voll Hohn. »Schöner Toni, da derfste dir was einbilden ... Verschossen is se in dich!« »Wer könnte da auch widerstehn?« renommierte der starke Mann und schmiß zwei Brocken Zucker in seine Tasse. »Tja, ich kann mir den Grund schon denken,« spöttelte Theo, »Du hast ihr heilig mal eine Liebeserklärung gemacht, in der Besoffenheit!« »Affe!« knurrte Toni überlegen. In der Beziehung war sein Gewissen rein; und wer die Gschwendtnerin ansah, mußte ihm das wohl glauben. Dennoch weckte dieser phantastische Gedanke eine schaudernde Nachdenklichkeit in ihm. Er schüttelte sich. Dann griff er, ohne hinzusehen, nach seiner Tasse und wollte schon trinken, als ein sonderbares Gefühl in den Fingerspitzen seine Aufmerksamkeit darauf lenkte, daß er das schmierige Pinselglas an den Mund führte: sein Freund hatte die Gefäße heimtückisch vertauscht. Und nun waren Gedanke und Tat eins: bevor Theo Zeit hatte, sein vergnügt gespanntes Lauern durch einen andern Ausdruck ablösen zu lassen, fuhr ihm schon der schwärzliche Wasserstrahl mitten ins Gesicht. Schnaubend und prustend sprang er in die Höhe und machte Miene, seinen Gegner kurzerhand zu töten. »Nur her, wanns d' a Schneid hast!« sprach ihm Toni mit gravitätischer Ruhe zu. Darauf überlegte sich der Zürnende die Sache und wendete sich verächtlich ab. »Das ist ein Schweinestall!« stellte er fest. »Das is noch für vorhin!« war die Antwort. »Jetzt kann ich mich umzieh'n gehn!« »Dafür bist aber gleich g'waschen!« Toni blieb allein und bekam es plötzlich mit dem Frühstücken sehr eilig.   Als nach wenigen Minuten Theo wieder erschien, da waren das einzig Eßbare auf dem Tablett gerade noch zwei trockne Semmeln. Die ganze Butter und der Kaffee bis zum letzten Tropfen hatten den Weg in Tonis Magen genommen. »Nein,« sagte Theo, »das is gemein!« Was zuviel war, war zuviel. Es half auch gar nichts, daß Toni aus einer Art von Reuegefühl, das ihn mitten in seiner Belustigung packte, die Sache auf seine Weise zu entschuldigen und ins Komische zu ziehen suchte – Theo fand so etwas eben nicht mehr komisch, er entdeckte nicht die Spur einer Pointe darin und blieb wehleidig und unerbittlich. »Nein, das is gemein!« wiederholte er abschließend und begann zu zeichnen. Zwischendurch steckte er unter das Schicksal anklagenden Seufzern einen dürren Semmelbrocken nach dem andern in den Mund. »Ich zieh' dann was an«, sagte Toni möglichst nebenhinaus, doch ein wenig zaghaft und ging auf die Schlafzimmertür zu. »Das gibt's nich!« rief Theo hastig. »Geschruppt wird!« »Aber im Hemmat!« »Macht nischt! Es is ja Sommer.« »Ich will doch bloß ...« »Nein, nein, das kenn' ich! Dann is kein Fertigwerden bis Mittag. – Vor lauter Faulheit manikürst du dich, Ferkel!« Seufzend fügte sich Toni. Er war ein starker Mann, hatte aber ein kränkliches Gewissen. Recht lange suchte er dennoch herum, bevor er Platz nahm, das Reißbrett auf seine Knie stellte, ihm an der Platte des Zeichentisches eine Stütze gab, dann mit Aufsehen forderndem Elan den Pinsel in die Tusche tunkte und zunächst eine kühn gezackte Linie auf das Papier fetzte. »Was willst du denn machen?« fragte der Nachbar. »Erscht einmal schkizzieren. Ich hab' einen lebensgroßen Schinken in Öl vor: ›Wie der Teufel den Kunstmaler holt‹.« »Immer die Selbstporträts!« stichelte Theo. »Jawohl, du wirst dich noch wundern!« grinste Toni. »Bleib nur ruhig da hocken! Es is grade recht so.« Theo gab keine Antwort. Er schnaufte bereits vor Fleiß und schnitt angestrengte Gesichter – drehte es sich ihm hier doch um etwas sehr Wichtiges. Er war bei einem illustrierten Tagesblättchen ultramontaner Richtung fest angestellt und fungierte dort als »unser Spezialzeichner« in Konstantinopel oder Nicaragua oder je nachdem – es kam ganz darauf an, wo zuletzt eine Hinrichtung, ein Erdbeben, ein Massenmord, kurz gesagt, eine Tagesneuigkeit stattgefunden hatte, bei der man sich gratulieren durfte, fern vom Schuß gewesen zu sein. Alle diese Dinge wußte Theo mit einem Ahnungsvermögen darzustellen, als ob er sie mit eignen Augen gesehen hätte, und genau so, wie sie sich in der Phantasie eines Abonnenten malten, so daß diese guten Leute nie etwas andres kriegten, als was sie erwartet hatten. Und dies ist ja schließlich das Geheimnis jedes künstlerischen Erfolges, der seinen Mann nähren soll. Trotzdem er sich nun in diesem Amt werktäglich zwanzig Mark verdiente und deshalb bei seinen gleichaltrigen Kollegen für äußerst wohlsituiert galt, schweiften Theos Ehrgeiz wie seine Geldgier viel, viel weiter. – So schuf er denn auch heute an einem Kunstwerk erhabneren Charakters, das er endlich einmal als Titelblatt bei der »Jugend« anzubringen hoffte. Wen kann es überraschen, daß er deshalb aus der Tiefe seines Gemütes ein schlankes weibliches Akterl schuf, das über eine lenzliche Wiese hüpfte und mit einem Blütenzweig drei bebrillte und beperückte Ratsherren aus der Zopfzeit in die Flucht schlug? Theo arbeitete wütend, umschichtig mit Tusche und mit Deckweiß, und sah sich schon aus der niedrigen Fron seines jetzigen Amtes befreit. Aber trotz aller Entrücktheit mußte es ihm endlich auffallen, welche geradezu schreiende Totenstille drüben bei seinem Nachbarn herrschte. Er hob den Kopf und schaute prüfend hinüber. Toni saß friedevoll an seinem Platz und markierte einen seltenen Fleiß. Auffällig erschien es nur, daß die rechte Hand mit dem Pinsel gar so regelmäßig an einer Kante des Papiers auf und nieder fuhr, während seine Augen doch wohl eigentlich ganz woanders waren und waagrecht hin und her gingen. Theo erhob sich lautlos, schlich hinüber und spähte auf das Reißbrett des andern. Ein Blick, ein Griff – hoch in der Luft schwang er das Reclambüchel, in das Toni vertieft gewesen war. »›Niels Lyhne‹ liest er!« stellte er mit unsäglicher Verachtung fest und fügte hinzu: »Du Ästhet, du verreckter!«, aus welchem schmückenden Beiwort man ersehen kann, daß dieser Norddeutsche in München schon halbwegs zu den intimeren Feinheiten altbayerischer Mundart vorgedrungen war. Zweites Kapitel. Der Küchenbalkon des Dichters Es ging schon dem Winter entgegen. Seit drei Monaten fand sich Toni nicht mehr in der Lage, seinen letzten Tausendmarkschein in dem Vorgefühl des nahen Abschieds mit Blicken gerührter Anhänglichkeit zu streicheln. Dagegen trafen jetzt manchmal Briefe von Rechtsanwälten ein, die jedoch der Empfänger nie öffnete. Daß von ihm Zahlung verlangt würde, konnte er sich denken; daß er kein Geld hatte, wußte er – wozu also sollte das Lesen solcher Zuschriften dienen! – Das könnte ihm doch nur die Stimmung für sein großes Gemälde stören, mit dem zu beginnen er nun endgültig in Aussicht genommen hatte. Stand denn nicht schon ein drei Meter breiter und zwei Meter hoher Keilrahmen auf seiner Staffelei? Sobald ihn der Arbeitsgeist packte, es war alles bereit. Und dann würde die Welt anders schau'n als beim Theo und seinem schäbigen Jugendtitelblatt! Wie sich der Kerl aber auch anstellte! – Heute, wo die Nummer nun endlich heraus war, hatte er's gar nicht erwarten können, ins Freie zu kommen. Jetzt lief er sicher durch Gassen und Straßen und ergötzte sich mit inbrünstigem Stumpfsinn daran, in jedem Milchladenfenster aus neue sein weibliches Akterl durch den Spinat mit Ei hupfen zu sehen, an den die grüne Wiese mit ihren Sonnenflecken so täuschend gemahnte. Da war er, Toni, von anderm Schlage. Die Fäuste in die Jackentaschen gebohrt, so stand er mit der Ruhe des Philosophen da und konnte es abwarten. Er musterte die saubre Leinwand, die saubren Pinsel, die saubre Palette, und durch sein Herz zog etwas wie Bedauern, daß er berufen sei, all diese Reinlichkeit zu vernichten. »Brita, Brita, ein Ballon ...!« so erscholl plötzlich ganz in seiner Nähe eine helle, angenehme Männerstimme. Toni erblickte ein paar Meter unter sich den Dichter Philipp Ladurner, der aus seinen Küchenbalkon getreten war. Der kleine, wohlbeleibte Herr mit dem maronibraunen Lockenkopf winkte eifrig nach der Tür zurück; und gehorsam, wie man's von ihr nicht anders wußte, erschien denn auch seine weißblonde Frau, die ihn reichlich um Haupteslänge überragte. »Nein, also jedesmal wieder ...!« ries der Lyriker ekstatisch und deutete mit einer Gebärde, so groß, wie sie ihm die Kürze seines Armes erlaubte, gegen den Himmel, an dem eine hellgelbe Kugel dahinschwebte, von der etwas Dunkles, Viereckiges herabhing. »Das ist moderne Poesie! Davon hat die Menschheit durch die Jahrtausende geträumt! Und nun fliegen wir!« »Wer? Sie?« scholl es überraschend von oben. Ladurner hob das runde Bubengesicht und zeigte Toni in einem Lächeln seine hübschen Zähne. »Ah, Herr Gwinner! – Ja, in meiner Phantasie fliege ich mit jedem Luftballon.« »Das ist auch ungefährlicher,« bemerkte Toni. Frau Brita, die sofort in Kampfstellung ging, wenn auch nur der Schatten einer Verspottung ihres Eheherrn sie streifte, sprach mit ihrem schwedischen Akzent energisch hinauf: »Mein Mann ist ein Dichter, und nicht ein Akrobat!« »No ja, is das vielleicht net ungefährlicher?« Ladurner nahm die stolze Haltung eines Zwerghahns an. »Wissen Sie einen Beruf, zu dem mehr Kühnheit gehört?« Das brachte er mit einer so echten Naivität hervor, daß es beinah rührend wirkte. »Ach so. Sie meinen: wenn das Tintenfaß einmal toll wird und Ihnen ins Gesicht springt?« fragte der Maler. »Komm, Philipp!« sagte Frau Brita und zog ihren Mann zur Tür. »Es gibt Menschen, die opfern für einen Witz ...« »... das Heiligste!« trompetete es fröhlich aus der Höhe. »Auf Wiedersehen, Herr Gwinner!« rief der Dichter verbindlich lächelnd, bevor er verschwand. Wenn es auch in seinem Innern ein wenig kochte, explodieren tat er höchstens gegen seine Frau. Toni grinste vergnügt. Plötzlich jedoch machte er ein ganz andres Gesicht, zusammengefaßt und sinnend. Hatte er doch zwei schöne, feiste Hasen bemerkt, die, mit je einem Hinterlauf aneinandergebunden, drunten bei Ladurners an der Luft hingen. »Nein, wie heutzutag' die Lyriker üppig werden!« Der starke Mann schüttelte bedenklich den Kopf. So ein Hinausgehen über die gottgewollten Verhältnisse konnte ja zu nichts Gutem führen. Es war direkt Christenpflicht, diese leichtsinnigen Menschen einmal ein bißchen an die Vergänglichkeit alles Fleisches zu erinnern. Sogleich war ein Plan entworfen. Und sehr paßlich trat jetzt Theo zur Tür herein, der, wie Toni schon manchmal behauptet hatte, es förmlich roch, wenn irgendwo eine Viecherei in der Luft lag. Er wurde mit wenigen Worten ins Bild gebracht und war begeistert. »Die Sache will es!« sagte er entschlossen und zog sofort seinen Rock aus, welchem Beispiel Toni ohne Zaudern folgte. Nein, und was nun für ein Arbeiten begann! Zwei Feldstaffeleien aus Tonis und eine aus Theos Besitze mußten dran glauben und wurden grausam wieder zu den Latten zerrissen, aus denen sie einst ein emsiger Schreiner mehr verschmitzt als praktisch gefügt hatte. Inzwischen hatte die Gschwendtnerin, die derartigen Unternehmungen immer warmes Interesse widmete, einen großen Knaul dicken Spagats besorgen müssen. Und nun arbeiteten die beiden Verschwörer gut eine Stunde, bis sie eine Stange zusammengeschient hatten, die sie lang und fest genug deuchte für ihren Zweck. Zuletzt wurde durch das eine Ende ein kräftiger Nagel getrieben und krumm gebogen – die Hasenangel war fertig. Aber das Schwierigste fing damit erst an. Denn die Luder wollten zuerst nicht beißen, wie Toni das ausdrückte; und wiederum hatten die zwei, blaurot vor Kraftaufwand, im Schweiße ihrer Angesichter, weit aus dem Fenster gelehnt, sich mindestens eine halbe Stunde abzuplagen, wobei sie einander fortgesetzt mit gedämpfter Stimme beschimpften, weil jeder bei jedem erneuten Mißlingen die Schuld auf die Ungeschicklichkeit des andern schob. Als dann zu guter Letzt die Hasen doch nicht mehr an dem Wandhaken, sondern an dem wenig handlichen Diebsinstrument hingen, wurde die Sache erst aufregend. Zwanzigmal sah es aus, als müßte es schief gehen; und die Mülltonnen unten im Hof machten schon gierige Mäuler nach der fetten Beute. Mit welchem Triumph aber auch Theo und Toni diese dann zum Fenster hereinhoben, läßt sich schwer schildern. Wer glauben wollte, die beiden hätten sich nun auf die faule Haut der Gleichgültigkeit gelegt, würde ihrer zähen Geduld in Dingen, wo es sich wirklich verlohnte, schwer unrecht tun. Längst war die Zeit verstrichen, die sie sonst im Wirtshaus beim Essen fand, und immer noch harrten sie am Fenster auf die Stimme des Wehklagens, das ihre finstre Tat in dem lyrischen Haushalt entfesseln mußte. Da aber alles stumm blieb, erklärte Toni endlich: »Wenn die Bagasch' zu talentlos is, um das zu spannen – stehenden Fußes verhungern, fallt mir im Schlaf net ein! Gehn mir!« »Aber – die Hasen!« so erscholl in diesem Augenblick Frau Britas Stimme von unten. »Sixt es: man muß bloß schimpfen!« flüsterte Toni seinem Spießgesellen zu. »Pscht!« machte Theo; sie hielten den Atem an und horchten mit verklärten Gesichtern. »Philipp, Philipp!« so schrie es drunten. »Um Himmels willen, was ist denn?« antwortete bebend das helle Organ des Dichters. »Philipp, die Hasen!« »Brita, du hast mich in einer Weise erschreckt ...! – Hasen? Was heißt denn: Hasen?!« »Da waren sie, Philipp; und nun sind sie weg!« Ladurner klagte leidend: »Daß deine Schlüssel nie da sind, damit habe ich mich nun abgefunden. – Aber Hasen! Hasen sind doch keine Stecknadeln!« Toni beugte einen einwandfreien ernsten Kopf zum Fenster hinaus und rief voll Teilnahme in die Tiefe: »Geht Ihnen etwas ab?« »Hasen,« stammelte Frau Brita verwirrt. »Hasen?« fragte Toni erstaunt. Der Dichter vollführte mit der Hand eine beschwichtigende Gebärde: »Ach nein, ach nein! Sie wissen ja: Frauen! Keine ... keine Geistesgegenwart. Das geradlinige, logische Denken des Mannes ...« »Da fehlt es freilich oft weit!« gab Toni zu. »Aber hier, hier an diesem Haken waren sie gehangen. Und jetzt sind sie doch nicht da!« Die junge Frau schluchzte beinahe. Ladurner schlug eine kleine nervöse Lache auf. »Also, Herr Gwinner: wie Sie vorhin mit uns gesprochen haben – haben Sie da hier Hasen gesehn?« »Bloß Sie!« sagte Toni. »Und ich weiß es«, rief der Dichter, »du hast sie in den Eisschrank getan!« »Aber nein!« »Und wenn ich dir sage, daß ich dabeigewesen bin! – Also, willst du nicht so freundlich sein und nachsehn?« »Du kannst dich doch täuschen, Philipp!« »Nein, ich täusche mich niemals! Ich sehe doch alles in Bildern. Ich sehe so deutlich die Linie deines Rückens, wie du dich bücktest. Im zweiuntersten Fach sind sie. Also, willst du mir nicht den Gefallen tun?!« Sie stieß einen leichten Seufzer aus und ließ die Hände ein wenig kraftlos hangen, verschwand aber folgsam durch die Tür. »Sehen Sie,« sprach Ladurner entschuldigend zu dem Maler hinauf, »die beste Frau, man kann ihr doch noch so klar beweisen, daß sie unrecht hat – sie muß widersprechen!« »Ich hab' nix gehört,« erwiderte Toni. »Herr Gwinner, halten Sie es für möglich, daß zwei Hasen einfach verschwinden?« »Tja, weiß nicht. Waren sie tot?« »Wer? Die Hasen? – Freilich! Da ist es doch ausgeschlossen ...« In diesem Augenblick trat Brita wieder auf den Balkon. »Sie sind nicht da!« meldete sie. »Gut, dann werde ich sie dir zeigen!« Und Philipp schritt vor ihr her in die Küche.   Als die Freunde, trotzdem sie noch eine Weile horchten, nichts mehr von der Verzweiflung im dritten Stock vernahmen, schwand bei ihnen alsobald das Interesse daran, ihre Opfer weiter auf die Folter zu spannen. Frau Gschwendtner, die heute – offenbar, um den Ereignissen nahe zu bleiben – draußen auf dem Gang mit Eimer und Schrubber ein ungewohnt ausführliches Reinemachen markierte, wurde ins Atelier beschieden. Ihre schnellen Augen fielen sofort auf die Jagdbeute, und sie entblößte in einem lautlosen Lachen die Stockzähne. »Gschwendtnerin,« begann Toni geschäftsmäßig, »gehn S' amal 'nunter zu die Ladurnerischen.« »Is recht!« erwiderte die Alte. »Jetz' machen s' ja wieder auf, wann i läut'.« »Wieso?« »Weil s' jetz', unberufen, den Zins 'zahlt ham – für Januahr bis Oktober. Feit si nix, mir san wieder recht gut miteinander.« Toni schien die Erwähnung einer so prosaischen Sache, wie es das Entrichten von Miete ist, als eine taktlose Abschweifung vom Thema zu empfinden. Er überhörte das und fuhr, als wäre er niemals unterbrochen worden, in seinen Weisungen fort: »Die zwei Viecher da tragen S' hinunter! Schöne Empfehlung von mir und vom Herrn Schlotthauer, und die täten mir den Herrschaften als Präsent schicken.« »Und wenn se se braten,« fügte Theo hinzu, »hoffen wir natürlich auf eine Einladung.« »Hihi!« kicherte die Gschwendtnerin. »Tean S' as nur her! I g'stell mi dumm!« »Überanstrengen brauchen S' Ihnen net,« riet ihr Toni menschenfreundlich und wollte ihr die Jagdbeute schon reichen, als ein neuer Einfall durch seinen Kopf schoß. »Halt!« rief er. »Eigentlich gehört sich doch eine Widmung ...!« Er legte die vielgeprüften Leichname auf seinen Zeichentisch, ergriff eine Riesentube Kremserweiß und schraubte die Kapsel ab. »Was ist los?« fragte der Herr Nachbar verwundert. »Kennst das net? Aus der Tüten spritzen,« entgegnete der starke Mann. »Ich Hab' viel Übung drin von daheim. Ein ›Herr Vetter‹ von mir in Oberammergau macht den Konditor ...« Also sprach Toni und ließ den zähflüssigen weißen Strahl in die Hasenhaare rinnen und dort die Zuschrift »Aus Liebe« formen. Nachdem er sein Werk – als das Erste, was er seit einem Jahre mit Ölfarbe vollbracht – in gerührtem Künstlerstolz gemustert und von Theo den Zoll der Bewunderung eingefordert hatte, konnte die Gschwendtnerin, die inzwischen dabeigewesen war, das Sich-dumm-stellen pantomimisch zu üben, aufbrechen.   Ladurners feurige Phantasie hinderte ihn anfangs, an die nüchterne Tatsache zu glauben, daß die von der Hausmeisterin überreichten Hasen mit den auf so unbegreifliche Weise verschwundenen identisch wären. Er erging sich in abenteuerlichen Vermutungen und zimmerte sich daraus im Handumdrehen eine Art Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Wenn schließlich doch die Nüchternheit, mit der seine Frau die Zusammenhänge auslegte, den Sieg über seine Träume davontrug, so lag das daran, daß er Theo und Toni im Grunde doch nichts als die ordinärste Alltäglichkeit zutraute. »Ja, so ist es! Diese Kerle! – Ja, das hab' ich doch gleich gesagt!« behauptete er nicht nur, sondern war sogar davon überzeugt. Während jedoch Frau Brita Neigung erkennen ließ, das Ganze als einen harmlosen Scherz zu betrachten, war er streng. Und als die Unbesonnene gar davon zu sprechen wagte, daß man die beiden vielleicht wirklich zum Essen bitten könnte, da nahm seine Fassung Abschied. »Einladen?« stammelte er voll indignierten Staunens. »Nein, nein!« so besänftigte sie ihn reuevoll. »Ich hatte mir nur gedacht: es ist vielleicht amüsanter, wie wenn Trautchen und der junge Nordlind allein ...« »Einladen?« wiederholte er noch stärker. »Menschen, die Hasen stehlen!« Dazu schlug er bekräftigend gegen die beiden Nagetiere, die seine Frau noch an den Hinterläufen vor sich hin hielt. »Hä! Was ist das!« schrie er plötzlich und musterte mit großen Augen seinen Handrücken, auf dem sich weißliche Kleckse abzeichneten. »Es sieht aus wie Ölfarbe,« sagte Brita. »Also, zum Pinselabwischen benutzen die unsere Hasen! So eine Schweinerei!« Der Dichter schüttelte sich vor Ekel. »Was macht man da?« jammerte er. »Vielleicht Terpentin?« schlug sie zaghaft vor. »Terpentin!« Er verdrehte die Augen gen Himmel. »Das nimmt man vielleicht bei euch in Schweden, wo alles um hundert Jahre zurück ist! Und du stehst da mit einer Ruhe! Weißt du nicht, daß ich mich vergiften kann?« »Vergiften?« »Das ist Bleiweiß!« rief er, »Weißt du nicht, wie sensibel ich auf solche Dinge reagiere?« Sie seufzte; denn sie hatte in der Tat öfter Gelegenheit gehabt, sich davon zu überzeugen. »Oh,« fuhr er mit hohler Stimme fort, »ich fühle schon, wie es mir kalt von den Füßen heraufsteigt!« »Von den Füßen?« fragte sie überrascht. »Schnell, schnell, mach doch ...! Ich muß die Hand in warmes Olivenöl halten!« »Aber, Philipp, glaubst du denn ...?« »Natürlich! Ach Gott, du weißt auch gar nichts! Hätte ich eine deutsche Frau ...!« Brita konnte er so gut alles suggerieren wie sich selber. So wurde sie denn von ernsthafter Angst befallen und schlug vor, einen Arzt holen zu lassen. »Damit er mir den Arm abnimmt?« ächzte Ladurner. »Die rechte Hand! Ich brauch' sie wohl nicht zum Dichten?« »Ach, sprich doch nicht solche Sachen!« Sie schloß vor Schrecken die Augen. »Ja, willst du mir nun das Öl machen?« Er schluchzte beinah. »Oh, dieses skandinavische laisser aller !« »Ja, ja!« Sie rannte in die Küche, warf die Hasen auf den Tisch und holte den Ölkrug vom Bort. Er folgte ihr. »Aber es darf um Himmels willen nicht Mohnöl sein! Olivenöl, sonst nützt es gar nichts!« Ja, ja, es ist Provencer,« sagte sie und entzündete die Flamme des Gasherds. Und beide erfüllten die Luft mit ihren Seufzern, bis Brita durch Eintauchen des Fingers feststellte, daß das Medikament warm genug sei. Sie goß es aus dem Kochtopf in eine Porzellanschüssel und stellte diese auf den Tisch. »Komm jetzt, komm!« rief sie ungeduldig. Er trat hinzu und versenkte seine kleine, runde Hand in die gelbe Flüssigkeit, riß sie jedoch mit dem Wehruf: »Ich bin verbrüht!« sofort wieder empor und schlenkerte sie heftig. »Aber ich hab' doch probiert!« wendete sie ein. »Ich hab' aber nicht deine schwedische Robbenhaut! Du weißt, wie empfindlich ...!« Er verstummte jäh: sein Auge war auf die Widmung gefallen, die Toni gespritzt hatte, und die wohl nicht mehr so schön wie im Anfang, aber immer noch gut zu lesen war. »Sieh mal an!« so brach es empört aus ihm hervor. Frau Britas Blick folgte seinem deutenden Finger; sie stieß einen leichten Laut der Überraschung aus und schaute Philipp scheu von der Seite an. »Darum willst du diese Lümmel einladen!« sprach er. »Ja, dann kann ich ja gehn! Der ganze Unfug hatte nur den Zweck, dir eine Liebeserklärung zu machen! Und du, und du! Und ich!« Er schlug sich, ohne der Fettflecken zu achten, die das verursachte, mit der Hand auf die Stelle, unter der er sein Herz vermutete. »Es ist gut. Ich verstehe dich schon! Und ich werde denn also einsam sein!« so schloß er, ging in den Gang hinaus, drückte den Hut auf seine Locken und fuhr sogar bedrohlich mit dem einen Arm in den Mantel. Lange dauerte es, bis seine Frau ihn endlich davon überzeugen konnte, daß von einer Mitschuld ihrerseits keine Rede wäre. – Er war auf diesem Gebiet von dem äußersten Mißtrauen, weil er selbst nämlich Brita recht häufig betrog, vorsichtshalber allerdings nur in seiner Phantasie, aber die war ja groß und lebendig. Na, kurzum: als ihm lange genug klargemacht worden war, daß eine Frau, die ihn kennte, nie wieder an einem andern Mann Gefallen, zu finden vermöchte, da glätteten sich endlich die Wogen, und der breiweiche Friede kehrte ein, der ehelichen Stürmen zu folgen pflegt. Auch die Vergiftungserscheinungen waren verschwunden, und der Dichter erklärte dies damit, daß vermutlich eine große Aufregung, genau wie eine schwere Krankheit, die Kraft hätte, alle übeln Stoffe aus dem Körper hinauszuschleudern. Aus freien Stücken schrieb nun Philipp eine Einladung für Theo und Toni. So war er, und so was brachte er ohne viel Aufhebens fertig. Drittes Kapitel. Festmahl in Schwabing Philipp Ladurner trieb seinen Edelmut so weit, daß er von Liebenswürdigkeit strahlte, als er selbst – denn leider erlaubten ihm seine Einkünfte einen Kammerdiener nicht – den beiden Wildräubern am Freitagabend die Tür seines Dichterheims öffnete. Sah er doch einen Beweis für ernsthaften Respekt vor seinem Genius darin, daß er die Gäste feierlich mit Zylindern angerückt kamen, und daß jeder einen sauber eingeschlagnen Strauß in der Hand trug. Gemischter wurden seine Gefühle, als sich die Maler aus ihren Mänteln schälten. Sie wußten zwar, was sich schickt, und hatten sich in ihre Smokings geworfen; aber Theo trug dazu in die Breite gebügelte weiße Waschhosen, eine hochgeschlossene grüne Weste mit Hirschhornknöpfen und als Krawatte ein zierlich geknotetes grellbuntes Bauerntuch, während Toni sogar in der kurzen Lederhose nebst Strumpfstutzen war, welche Knie und Knöchel frei ließen. Um den hohen Stehkragen hatte er eine Seilschlinge gelegt, von der hinten ein Ende auf den Rücken baumelte, als wäre er direkt vom Galgen geschnitten – ein Einfall, über den Theo geradezu grün vor Neid geworden war. »Es hat doch eine maskierte Gaudi sein sollen?« fragte Toni mit frecher Harmlosigkeit, als er des Lyrikers befremdeten Blick sah. »Nein, allerdings, nämlich ...« »Das macht nix. Mir haben halt gemeint, zu so außergewöhnliche Leut' mag man auch net gar so gewöhnlich kommen.« »Ach Sie! Immer ...« Philipp drohte gezwungen spaßig mit dem Finger, maskierte seinen kleinen Ärger mit Höflichkeit und forderte die beiden auf, näher zu treten. Auch Frau Brita zeigte bei dem Anblick ihrer Gäste einige Verblüffung. Diese steigerte sich noch, als sie die ihr chevaleresk überreichten, merkwürdig gewichtigen Sträuße aus dem Seidenpapier wickelte. Die Blumen der Saison, wie die Spender sie pretiös nannten, entpuppten sich als ein auf einen Stecken gespießter Blaukrautkopf und ein großes Bündel gelbe Rüben. Die Dame des Hauses wußte nicht recht, wie sie das aufzunehmen hätte, und warf einen ängstlich forschenden Blick zu ihrem Gatten hinüber. Im Zimmer herrschte das peinliche Schweigen, das Späße, deren Pointe der Zuhörer nicht einsehen mag, im Gefolge zu haben pflegen. Endlich unterbrach der Dichter die Stille. »Willst du das Zeug da nun vielleicht wegschaffen?« fragte er ungeduldig seine Frau. »So verachten Sie unsere schönen Blumen?« rief Theo und fühlte sofort selbst, wie sehr ihm der Versuch, einen Witz zu machen, mißglückt war. Eisiger nur wurde das Schweigen, während Brita das Gemüse zusammenpackte und in ihrer langsamen Weise zur Tür hinausging. »Haben S' net einen Schnaps? – Mir is scheußlich bleed im Magen!« sagte Toni unvermittelt. »Gewiß, gewiß,« erwiderte Philipp diensteifrig und trippelte, stolz darauf, daß er Schnaps hatte, zu einem Tischchen in der Zimmerecke. »Kognak oder Benediktiner?« »Fangen mir halt mit Kognak an?« Toni richtete einen fragenden Blick auf Theo. »Der Benediktus läuft uns nich fort!« äußerte dieser in stillem Tatendurst. »Er is ja kein toter Has,« erläuterte Toni. Der Hausherr machte die Andeutung eines Rippenstoßes gegen den starken Mann. Draußen klingelte es. Ladurner eilte zur Tür, und die beiden andern nutzten die Zeit, um sich unauffällig den zweiten und dritten Kognak zu Gemüte zu führen. »Nachher gehn wir zum Benediktus über,« schlug Theo vor. Brita hatte die Flurtür bereits geöffnet. Philipp rief nur hinaus: »Grüß Gott, Trautchen!« und kehrte zu den Malern zurück. »Ein Fräulein Gertraute Grunelius,« erklärte er. »Eine Kollegin von Ihnen.« »Au weh!« sagte Toni. »Ein sehr interessantes Mädchen!« »Auch noch?« sagte Theo. »Prost, Toni!« – Sie waren zum »Benediktus« übergegangen. »Wir haben sie in der Sommerfrische kennengelernt. Aus Crimmitschau ist sie.« »Macht nix!« beruhigte Toni den Hausherrn. »Wenn die Trinkverhältnisse danach sind, können wir schon was vertragen.« Die junge Dame, die nun von Brita hereingeführt wurde, trug das, was von Theo die Schwabinger Nationaltracht, von Toni wegen des mangelnden Tailleneinschnittes die gerade Wichs genannt wurde: ein loses Gewand von kaum nennenswertem Schnitt, doch an Goller und Saum reich mit einer frostig mattbunten Stickerei verziert, die der derzeitigen Forderung der erbittertsten Kunstgewerbler entsprach, daß ein Ornament niemals an etwas erinnern dürfe, was in der Natur wachse und vorkomme. Für ein böswilliges Auge allerdings war dieser Zweck nicht restlos erreicht. Und ließ sich der Linienwirrwarr auch ganz gewiß nicht mit irgend etwas von dem vergleichen, was einem täglich im Sonnenlicht auf der Straße begegnet – Toni entdeckte doch eine Ähnlichkeit aus der organischen Welt und flüsterte seinem Freunde lieblos etwas von Bandwurmgemüse zu. – Und mit dem rohen Namen Kuhfladen bezeichnete er die Schneckerln, zu denen die Malerin über jedem Ohr einen dicken Zopf gewunden hatte. Mit diesen Feststellungen war das junge Mädchen für seine Fachgenossen bis auf weiteres erledigt und abgelehnt. Trotz ihrer Maleraugen übersahen es die beiden völlig, daß dieses Fräulein Gertraute zwar unvorteilhaft frisiert und angezogen, aber im Grunde mit ihrer weißen Haut, den gesunden Farben und dem reichen goldblonden Haar gar nicht so übel war. Für die Zukunft versprach ihre sichtbare Anlage zur Molligkeit vielleicht nicht viel Gutes, heute jedoch konnten das pikant kecke Mopsgesichtchen und das, was sich unter dem Eigengewand in ungehemmter Freiheit angenehm regte, einen wohl reizen. Beirren übrigens ließ sich die Künstlerin von der Kälte nicht, die ihr aus den Mienen der Fachkollegen entgegenstrahlte. Es fehlte ihr keineswegs an gesellschaftlicher Sicherheit, das sah man sofort. Nachdem sie das gerade passende Maß von Heiterkeit über die Tracht der beiden verlautbart hatte – Gott, sie war selber vom Bau und fand so etwas amüsant, aber nicht weiter verblüffend –, ging sie ohne Zaudern und intensiv daran, sich mit Theo näher bekannt zu machen – ein Vorzug, der diesem von Toni freudig gegönnt wurde. »Sie haben das Titelblatt aus der neuen ›Jugend‹?« begann sie. »Glänzend!« Na, so was hören Maler nur ausnahmsweise ungern. Theo markierte mit einem Lächeln bescheidne Abwehr. »Wie das sitzt!« Trautchen schmiß mit ausgebogenem Daumen eine wildgezackte Kontur in die Luft. – Die dürft' man gleich ausstopfen fürs sächsische Nationalmuseum, Abteilung Malweib! dachte Toni mit innigem Vergnügen bei sich und schlug sich noch weiter rückwärts, gegen das lockende Tischerl. Er hatte im Sinn, jetzt zu Kognak mit Benediktus gemischt überzugehen. »Die ›Jugend‹ zahlt gut,« fuhr das Fräulein fort. »Hm,« so stimmte ihr Theo etwas protzig zu. »Sie sind ständiger Mitarbeiter?« »Ja, ja, allerdings, ja. Ich zeichen' oft was.« Und letzteres war nicht einmal eine Lüge. Denn daß von den fünfzehn Sachen, die er seit jenem Titelblatt der Redaktion eingesandt hatte, nur eine einzige angenommen worden war, konnte diesem Frauenzimmer doch gleich sein. »Und was macht der Herr Gwinner?« inquirierte Trautchen weiter. »Er wartet noch.« »Ja, worauf denn?« »Da müssen Sie ihn schon selber fragen.« »Bißchen faul, was? Aber einen guten Akt muß er haben,« sagte die Malerin plötzlich und offenbar etwas zu laut, denn Toni trat grinsend heran. »Wenn es Sie interessiert?« sagte er dienstfertig und machte schon Miene, aus seinem Smoking zu schlüpfen. Da aber legte sich Philipp Ladurner ins Mittel. Hatte er es schon die ganze Zeit ungehörig gefunden, daß der weibliche Gast sich andern Männern widmete, und den nächsten dazu, den Hausherrn, links liegen ließ, so spiegelte ihm seine starke Phantasie jetzt plötzlich die ernsthafte Möglichkeit vor, Toni könnte es fertigbringen, im nächsten Augenblick wirklich so dazustehen, wie ihn Gott erschaffen hatte. »Nein, das wollen wir doch lieber lassen!« rief er in einem verzwickten Ton zwischen Ernst und Spaß. »Und in Ihren Gedichten«, widersprach Toni, »da wimmelt es nur so von nackten Leibern.« »Ich fände gar nichts dabei«, so umschrieb Trautchen ihren Standpunkt. – O du Gewitterkuh! dachte Toni. Laut aber sprach er mit Hochachtung: »Eben! Als Malerin!« »Also, Philipp,« sagte die Malerin, »man zieht sich ja doch nicht aus, wie man Fisch nicht mit dem Messer ißt. Aber sonst, was wär' denn dabei! Ein Akt!« »Ja, wenn man einen hat!« warf Toni sehr leicht hin, unterstrich seinen Satz aber durch einen sprechenden Blick, der die Statur des Gastgebers von oben bis unten nachmodellierte. »Nein das Trautchen!« rief dieser ablenkend. »Immer originelle Ideen! – Wissen Sie, wo wir sie kennengelernt haben?« fragte er Theo. »In der Sommerfrische,« antwortete dieser gelangweilt. »Ach, richtig, ja! – Aber was uns eigentlich zusammengeführt hat? Trautchen kann meine Gedichte wundervoll hersagen!« »Ich glaub' es, ich glaub es!« versicherte Theo eilfertig. Dann fragte er unvermittelt: »Ja, wird denn noch auf jemand gewartet?« »Es kommt ein Landsmann und Jugendfreund meiner Frau: ein Sohn von dem großen schwedischen Maler Nordlind«, verkündete der Dichter. »Der Friedensnordlind?« fragte Theo. »Der fade Kitschbruder!« stellte Trautchen mit Strenge fest. »Ah, Sie finden, er kann nix?« erkundigte sich Toni und zog den Mund in einem beglückten Hohngrinsen breit. »Früher, wie er noch die Schlachtfeldgeschichten gemacht hat ...!« nickte Theo mit anerkennendem Zungenschnalzen. »Aber jetzt der allegorische Friedenslohkäs!« Trautchen sagte das in einer Mischung von Mitleid und Verachtung. »Geschäft ist Geschäft«, lächelte Toni. »Wer mag sich denn nix wie Blut und tote Leichname in den Salon hängen?« »Millionen verdient er heute im Jahr!« behauptete Philipp mit der Phantastik, die bei ihm gegenüber Geldangelegenheiten andrer Leute von jeher besonders ausgeprägt gewesen war. »Is wahr?« fragte Trautchen und schien die Minderwertigkeit des alten Nordlind längst nicht mehr für so feststehend zu halten. »Und der Sohn? Malt er auch?« erkundigte sie sich. »Der?« war Philipps ein wenig mißgünstige Antwort. »Der hat es doch nicht nötig! Reist als Grandseigneur durch die Welt und – wohnt im Hotel Continental!« Draußen schrillte die Glocke, und alsbald trat Carl Nordlind ein. Trautchen fühlte sich leise gekränkt, weil dieser Grandseigneur und Sohn eines reichen und berühmten Vaters als ein Herr Mitte der Dreißiger mit großer Glatze und ausführlichem gelben, Vollbart in die Erscheinung trat. Sie hatte in ihrem Innern schon ein ganz andres Bild von ihm entworfen und mußte sich jetzt erst an ihn gewöhnen. Philipp Ladurner besorgte die Vorstellung mit einer etwas linkischen Feierlichkeit, als wäre eine sehr hohe Persönlichkeit unter sein bescheidenes Dach getreten. Die naiv hellblauen Äuglein des Schweden bekamen gleichsam Stiele; verwundert flatterte sein Blick an Theo und Toni hinunter, zu Trautchen hinüber. »Ach so!« rief der Hausherr verlegen und schämte sich sehr. »Ja, nämlich ...« »Oh, ich verstehe!« Carl Nordlind zeigte ein breites Lächeln. »Pardon, daß ich so ...! Aber ich wußte nicht, daß es ein Maskeradball sein sollte.« »Ach nein, ach nein«, wehrte Philipp ab. »Es ist nur ... Die Herren ...« »Wirklich, sehr schade! Wann ich gewußt hatte ...!« »Aber das ist doch eine famose Maske!« sagte Toni harmlos sachlich und sah ernst und ohne zu zwinkern auf den jungen Fremdling. »Als was soll Herr Nordlind denn maskiert sein?« knurrte der Dichter ärgerlich und verweisend. »No, als seine eigene Leich'«, erwiderte Toni, ganz verwundert, wie man so dumm fragen könnte. »Frack und schwarze Krawatten trägt man doch nur im Sarg.« Carl schüttelte sich in einem gesunden Lachen, obgleich er die Pointe dieser Bemerkung durchaus nicht verstand. Er fühlte sich so korrekt gekleidet, daß ihm kein Mensch einen Zweifel daran beizubringen vermochte. Tonis vor Übermut blitzende Augen aber heimelten ihn an. »Sie sind Künstler?« erkundigte er sich beifällig. »Die Herren sind Maler«, sagte Philipp in einem Ton, als könnte dieser Umstand die schlimmsten Defekte erklären und entschuldigen. »Oh, ich wußte gleich!« Begeisterung strahlte aus den Augen des Skandinaven. »Ich soll mich so gerne auch ein Mask fabrikeeren! – Es ist, wie ich dachte, daß es ist in München. Nicht wie bei uns in das langweilige Falun. Anders. Künstlich! Ekt künstlich! Darum bin ich hier gekommen. Ach, soll das nicht gehen, daß ich kann omwenden meinen Frack? Die schöne Fräulein wird nicht böse auf mir sein?« »Fräulein sind nie böse, wenn man sie schön findet«, stellte Toni fest, dem der Schwede auf einmal gefiel. »Hoppla, keine Müdigkeit vorschützen!« Er half ihm aus dem Frack und stülpte dessen Ärmel um. »Also, schlupfen S' nein!« Kräftig zog er Carl den Kragen bis über die Ohren und gab ihm dann einen billigenden Klaps auf das Schulterblatt. »Jetz' trinken mir einen Kognak, alter verdrahter Wikinger!« »Höchste Zeit, höchste Zeit!« stimmte Theo ein. In der Tat erstaunlich war es zu nennen, wie sehr sich Trautchens äußere Reize während des Abendessens steigerten, besonders in den Augen von Theo und Toni, doch auch in denen des Hausherrn. Unleugbar das Hauptverdienst daran hatte der vierte Mann, weil er die junge Dame entzückend fand und ihr mit einem Feuer den Hof machte, das ebenso bemerkenswert wie merklich genannt werden durfte. Hinter dem guten Carl lagen bittere und langweilige Jahre. Und der Zweck seiner Reise war, sich davon zu erholen, solange eben der väterliche Kreditbrief reichte, und diese Zeit außerdem einem ernsten und gründlichen Studium zu widmen. Nun also: und in Trautchens kunstgewerblichem Fähnchen sah er das Banner der neuen Frau, aufgepflanzt über dem Grabe des letzten bourgeoisen Vorurteils. Worauf sollte er warten! Gaben sich seine Huldigungen zu Ansang etwas ungelenk und schüchtern, sie wurden kühner in dem Verhältnis der Alkoholmengen, die er zu sich nahm. Und trinken konnte er mit einer mühelosen, selbstverständlich eleganten Fertigkeit, die selbst Theo und Toni Achtung abnötigte. Schon war er dicht an die Malerin herangerückt, schon legte er seinen Arm in den Eßpausen vertraulich auf die Lehne ihres Stuhles, schon tasteten die Fingerspitzen seiner Rechten, scheinbar zerstreut, nach ihrem runden Oberarm, während er ihr in seinem kuriosen Deutsch die ganze Bewunderung eines Naturburschen in geraden und explosiven Sätzen zu Füßen schmiß. Und was tat Trautchen? Trautchen tat den andern gegenüber, als ob sie diesen Kauz aus Lappland keineswegs ernst nähme und ihn sich nur zum Spott dienen ließe. Gleichzeitig aber gab sie ihm selbst durch mancherlei Kleinigkeiten, ein Schauerchen, das sie über ihren Rücken hinabschickte, ein Vibrieren der Nüstern, einen stockenden Atemzug tief aus der Brust herauf diskret zu verstehen, daß er seine Leidenschaft durchaus nicht an eine gefühllose Natur verschwende. Still empört schauten die übrigen Männer dem zu. War es denn nicht häßlich, daß ein deutsches Mädchen gerade so einem Fremden Avancen machte, wo doch männliche Vertreter ihres eignen Stammes genug da waren, die den Wettbewerb mit diesem Zugereisten leicht aufnehmen konnten! Aber es kam der Augenblick, wo sich Trautchen auf ihr Volkstum besann. Durch einen reinen Zufall geschah das sofort, nachdem Carl begeistert ausgerufen hatte: »München, München! Oh, ich soll hier sehr glücklich sein, das soll Gott wissen! Wann meine Frau das sehen konnte, sie auskratzet mich wahrscheinlich meine zwei Augen.« Er beging nämlich bei diesen Worten die Unvorsichtigkeit, seine Nachbarin im Taumel des Entzückens auf die Schulter zu küssen. »Ja, was is denn?« fragte sie, urplötzlich erstaunt. »Das macht doch Flecken!« bemerkte Toni leise tadelnd. »Was glauben Sie eigentlich!« Trautchen rückte ihren Stuhl energisch von dem des Attentäters ab und musterte ihn mit ein Paar Augen, so kalt, daß man ihnen die Absicht ansah, einen tödlichen Rauhreif auf seine blühenden Hoffnungen zu legen. Dies glückte nun zwar nicht ohne weiteres. Er machte noch manchen Anlauf, das, was so schön begonnen hatte, gedeihlich weiterzuführen. Aber so nett die Malerin gewesen war, so widerborstig zeigt sie sich nun. Und schließlich fragte er in wehem Klageton: »Fräulein, ach warum lieben Sie mir nicht?« »Sie sind nicht mein Genre,« stellte sie klar und sachlich fest. »Oh, ich soll mein Genre vorändern, wie Sie es mich kommandeeren!« erklärte er, zu den unwahrscheinlichsten Dingen bereit. »Was muß ich tun?« ' »Der Vollbart muß runter! Und zwar sofort!« sagte Toni. »Mein schönes Bart? Warum?« »Bärte sind schrecklich!« rief die Hausfrau. »Wüscht und unhygienisch!« so drängte Toni, heimlich vergnügt. »Keine moderne Frau, die ein bissel was auf sich hält, wird einen Vollbart küssen. Weg mit Schaden, Calle!« Diese populär schwedische Form des Namens Carl hatte er Frau Brita abgelauscht. Der Skandinave erhob sich so entschlossen, daß er beinahe vornüber gekippt wäre. Er erfreute sich keines ganz sichern Gleichgewichtes mehr. »Herr Ladurner! Mein Freund!« sprach er. »Haben Sie nicht, wie heißt in Deutsch, ein ... Rakmesser, ein ... ein razoir ?« »Ja, und Pemsel und Seifen!« schrie Toni entzückt. Philipp war ernsthaft geärgert. »Bedaure sehr, aber das ist denn doch wirklich unmöglich!« »Ach, ach, sei so gut!« flehte Calle und wendete sich an Trautchen: »Und dann werden Sie mir lieben!« Werden Sie?« »Das sollte mich doch sehr überraschen!« entgegnete sie und fühlte sich tief befriedigt von ihrer schlagenden Ironie. »Sie werden! Sie werden!« jauchzte er und bat aufs neue: »Ach Herr Ladurner, sei so gut! Geben Sie mich ein Premsel!« »Plempel heißt es,« bemerkte Toni lehrhaft. »Plempel; da kanntest ja glei' hi'werden!« kicherte es hinter ihm los. Das war Frau Gschwendtner, die Ladurners verpflichtet hatten, in weißbaumwollnen Handschuhen bei Tische zu servieren. »Wie meinen Sie?« fragte schneidend der Hausherr und fuhr fort: »Geh'n Sie, bitte, in die Küche! – Wir ... wir bedienen uns selbst!« »I geh' scho', i geh' scho!« kicherte die Alte und lief zur Tür. Sie öffnete sie, drehte sich dann jedoch um und sagte mit verzücktem Kopfschütteln laut und deutlich: »Naa!« Aller Blicke richteten sich auf sie. Man erwartete eine Mitteilung von Belang. »So was! Der Herr Gwinner!« verkündete sie. »Also, ich sag's, wie's is!« Damit fegte sie hastig hinaus und schlug die Tür zu. Calle war es während des Zwischenfalles aus dem Gedächtnis entschwunden, wonach er vorher so stürmisch begehrt hatte. Er schaute mit blöden Augen suchend in die Luft. »Ich sollte sagen ...« murmelte er. »Ja! Setzen wollten Sie sich!« dekretierte Trautchen. Und gehorsam ließ er sich nieder, um noch länger von einer Traurigkeit überschattet zu bleiben, auf deren Grund er sich nicht mehr besann. Der Alkohol, der seine Leidenschaft befeuert hatte, jetzt summte er ihr in seinem Kops eintönig das Schlummerlied. Philipp Ladurner, der mit dem für ihn charakteristischen Appetit der Freude des Gourmands aß, sagte plötzlich elegisch: »In Abessinien gibt es doch sicher keine Hasen.« »Was Ihnen net alles einfallt!« lachte Toni. »Bei Hasen denkt er ausgerechnet an Abessinien!« »Aber ich reise doch hin!« erklärte der Dichter. »Wo?« fragte Calle, den offenbar der exotische Ländername aus dem dumpfen Vorsichhinfuttern erweckt hatte. »Wer?« fragte Theo. »Wann?« fragte Toni. »Nächste Woche.« »Wie kommen Sie bloß grad' auf Abessinien?« »Meine Frau hat eine kleine Erbschaft gemacht, von einer Tante. Und besser kann ich doch dies Geld gar nicht anlegen.« »Sie reisen auch, gnädige Frau?« »Nein doch,« entgegnete Philipp, »das würde ja viel zu teuer.« »Ja, das wird wohl was kosten,« seufzte das praktische Trautchen und verdrehte die Augen gen Himmel. »Das kommt tausendfach wieder herein,« behauptete der Dichter. »Jetzt will ich nämlich, zum erstenmal in meinem Leben, einen Roman schreiben. Und das kann ich nur in Abessinien. Es soll ein eminent deutsches, modernes und heidnisches Buch werden. Also muß ich, um den Abstand zu gewinnen, in ein Land, das orientalisch ist, das von den Errungenschaften unserer Technik nichts kennt, in das Land des Urchristentums. Verstehn Sie das?« »Is ja klar!« sagte Theo. »Wenn ich einen Palmbaum malen will, reis' ich bestimmt an den Nordpol.« »Aber in das wilde Land, da risikeeren Sie freilich for Ihr Leben?« so äußerte sich Calle geistvoll zum Thema. »Pö!« machte Philipp verächtlich. Trotz mancher entgegengesetzten Erfahrung traute er sich eine gewaltige Kühnheit zu. »Oh, Philipp, ich schlafe keine Nacht!« klagte Brita. »Immer diese Gefühllosigkeiten!« Der Dichter machte ein Leidensgesicht. »Und wenn du nicht schläfst, mußt du mir meine Reisefreudigkeit damit beschweren?« Doch sofort wandte er sich wieder ablenkend an die andern: »Ich habe mir Empfehlungen an den Negus verschafft. Und ich bin doch sicher der erste deutsche Dichter, der hinkommt.« »Sie meinen, die haben noch nie einen – gesehen?« fragte Toni verständnisinnig. »Ach, Sie machen schon wieder Witze ...!« Philipp drohte lächelnd mit dem Finger. »Menschenfresser sind die Abessinier nicht. Aber es ist wirklich merkwürdig, wie wenig man auch sonst von diesem interessanten Lande weiß. – Also ...!« Und er begann mit Eifer zu erzählen. Es war sofort zu merken, daß er eine Menge über Abessinien gelesen und das so Erkundete mit einer starken, naiv schöpferischen Phantasie aufgefaßt und verarbeitet hatte. So war in ihm ein lebendiges, höchst originelles Bild davon entstanden, wie es da unten aussähe und herginge. Man hatte sogar das Gefühl, daß ihn die leiblich geschaute Wirklichkeit durchaus nicht beirren könnte. Er würde alles so finden, wie er sich's vorgesetzt hatte, und seine Erinnerung später würde das gleiche Gesicht haben wie heute seine Erwartung. Brita hing gespannt und glücklich an seinen Lippen; aber auch die andern, die diesen kleinen, rundlichen Kerl so oft ein bißchen lächerlich fanden, jetzt horchten sie alle auf seine Worte; und bewußt oder unbewußt spürte jeder, daß sich hier etwas Eignes, Ursprüngliches, aus den Quellen der Natur Gespeistes entlud, daß diese farbige, von großen, kindlichen Linien umrissene Welt unter der göttlich spielenden Hand eines der Seltenen emporwuchs, die geborene Dichter sind.   Leider zerstörte Philipp nachher den guten Eindruck wieder. Er erklärte sich bereit, ein Drama vorzulesen, das er kürzlich vollendet hätte. »Und wieviel Akte hat es?« fragte Theo, während man ins Wohnzimmer hinüberging. »Einen.« »Ach, bloß?« »Aber er ist sehr lang,« sagte der Dichter tröstend. Philipp ordnete die Blätter seines Manuskriptes, und in der Zeit suchte sich jeder einen Platz. Calle verkroch sich in den fernsten, dunkelsten Winkel; auch Frau Brita schien das Licht meiden zu wollen. Trautchen pflanzte sich auf das Sofa, und Theo und Toni besetzten die Lehnstühle zur Rechten und zur Linken des runden Tisches davor, so gleichsam die beiden Heubündel andeutend, zwischen denen der Esel in der Mitte die Wahl hat. Die Malerin aber dachte nicht entfernt daran, gleich dem Grautier in der Fabel aus Unentschlossenheit zu verhungern. Mit einer Bestimmtheit, die Toni sehr kränkte, begab sie sich in die Ecke des Sofas, die Theo benachbart war, und fing sich mit dem zu unterhalten an. – Dumme Gans! dachte der Verschmähte bei sich. Überraschen konnte ihn solch ein Benehmen freilich nicht. Es hatte sich schon bei Tische gezeigt, daß seine zweckbewußt schlaue Verächtlichmachung der bärtigen Männer für die Katz' gewesen war. Sofort nach Ausschaltung des Schweden hatte Trautchen begonnen, kokette Blicke und Seufzerchen auf den einzigen abzuschießen, der sich außerdem noch eines Vollbarts erfreute, also eben auf den ständigen Mitarbeiter der »Jugend«, so daß Toni kein andrer Trost übrigblieb, als die Vorliebe des Malweibes für Fußsäcke am Kinn höhnisch mit Perversität und mit der sächsischen Abstammung der Person zu erklären. »Was sagen Sie zu diesem Schweden?« fragte Trautchen den glücklichen Theo. »Legt mir vor allen Leuten den Arm um die Schulter! Finden Sie das nicht naiv?« »Nun ja, so ein Eskimo?« antwortete Theo und trat ihr unter dem Tisch zärtlich auf den Fuß, wohl um zu zeigen, daß er wußte, was sich geziemt. Trautchen ließ während der ganzen langen Vorlesung häufig den bestickten Goller ihres Gewandes wogen, wand hie und da ergriffen die Schultern, atmete zuweilen zitternd mit halbgeschlossenen Augen. Philipp vermochte das so gut auf die Wirkung seines Dichtwerkes zu schieben, wie Theo es als ein Echo seiner des öfteren wiederholten diskreten Huldigungen verbuchen konnte. So war beiden geholfen. Bloß Toni beurteilte dieses liebenswürdige Mädchen unfreundlich, während Calle sich der Abstimmung enthielt: er war bald in die Fernen eines tiefen und gesunden Schlafes entrückt. Als glänzenden Vorleser konnte man Philipp Ladurner nicht bezeichnen; und um gute Stücke zu schreiben, besaß er offenbar doch zu viel von der Naivität, die des Lyrikers Ehrentitel ist. Wenn sein Verseinakter nicht eben als echter Shakespeare angesprochen werden konnte, so lag das gewiß nicht daran, daß sich zum Schluß zu wenig Leichen aus der Bühne befunden hätten. Nachdem nämlich lange Zeit außer endlosen Reden nicht das geringste passiert war, wurde plötzlich ein Küchenmesser toll, das schon in der ersten Szene höchst auffallend und verdächtig herumgelegen hatte, und rottete alles aus, was ihm zu dem Behuf in den Weg lief. Ein großes Schweigen herrschte, als der Dichter mit versagender Stimme den Vorhang hatte fallen lassen und nun den Schweiß von der Stirn wischte und sich erwartungsvoll im Kreis umsah. »Interessant!« so gab schließlich Trautchen ihr Urteil ab. Theo war aufgestanden, als wolle er sich die Füße vertreten. Auf einmal stand er hinter dem Stuhl seines Freundes, griff nach dem Strick, den der um den Hals trug, zog die Schlinge ein wenig enger und fragte harmlos: »Warum in dem Stück wohl keiner aufgehängt wird?« Vielleicht der Souffleur!« meinte Toni. »Der is noch am Leben.« Das hätten die beiden nicht sagen sollen. Denn nun trat Frau Brita vor Stück und Dichter wie eine gereizte Löwin vor ihr Junges. Und daraus ergab sich dann eine recht peinliche Viertelstunde. Der Abend schien gründlich verdorben zu sein. Plötzlich erbot sich Theo unvermittelt, den Herrschaften ein paar Chansons zum besten zu geben. Die Hausmeisterin könnte ja nach seiner Gitarre geschickt werden. Schon stürzte Toni erleichtert zur Tür und schrie hinaus: »Gschwendtnerin, Gschwendtnerin!« »No, wo brennt's?« fragte die Alte. »Gehn S' g'schwind 'nauf, Gschwendtnerin, und bringen S' die Klampfen 'runter;« »Is recht! Will der Herr Schlotthauer was singen?« »Die Zähn' wird er sich wahrscheinlich net putzen mit der Klampfen. San S' net so wißbegierig! Dalli! Und schicken S' Ihnen ein bissel!« Philipp trippelte, um die Laune der Gesellschaft zu heben, eifrig durchs Zimmer, schenkte überall ein und nötigte zum Trinken. Und dies ließ sich jedes gesagt sein, niemand aber so entgegenkommend wie Calle, den der Schlummer sehr gestärkt hatte und der durch die Tat bewies, daß er durchaus in der Lage war, von frischem zu beginnen. Und dann saß Theo an seinem alten Platz und stimmte die Gitarre. Die Malerin beugte sich mit aufgestützten Armen über die Sofalehne, eine Pose, die der Wirkung ihrer Formen nur dienlich sein konnte; sie deutete mit den Augen nach dem bunten Büschel von Seidenschleifen, mit dem der Hals des Instrumentes geziert war. »Sieh mal an!« sagte sie neckisch vorwurfsvoll. »Die vielen Trophäen! Die haben Sie sicher alle von Frauen?« »Von Männern jedenfalls nich!« so markierte Theo Diskretion und verleugnete damit im Grunde sein eignes Geschlecht. Denn niemand als er selbst hatte diese Bänder nach dem Meter für bares Geld erstanden. »Soll ich Ihnen ein Band sticken?« fragte Trautchen herzinnig. »Sticken? Hundsnobel!« rief er feurig; doch der eigentliche Interpret seiner Gefühle war auch jetzt sein Lackstiefel. »Also, ich bring' Ihnen das Band!« sagte sie. »Aber bald!« bat er; und ihre Augen versanken ineinander. »Nur müssen Sie mir versprechen ... »Alles!« versicherte er bereitwillig. ... versprechen«, so fuhr sie fort, »daß Sie dann meine Schleife allein ... Denn ...« »Weg mit Schaden!« entgegnete er souverän und deutete mit einer Gebärde an, wie der heutige Schmuck der Klampfe in die Mülltonne wandern würde. Er hatte geglaubt, ganz was andres auf seinen Eid nehmen zu müssen.   Theos Vorträge hatten wirklich die Gabe, die Leute mit fortzureißen. Er verstand es, alle berühmten Sterne des Brettls glänzend zu parodieren, und hätte im Notfall seinen Unterhalt leicht als Salonkomiker verdienen können. Es wurde noch eine äußerst vergnügte Nacht mit vielfachen, Brüderschaftstrinken und einem ebenso internationalen wie geräuschvollen Varietéprogramm. Denn als sich nachher Toni als oberbayerischer Gstanzelsänger aufgetan hatte, ließ es auch Calle nicht mehr ruhen. Er brachte Theo auf der Gitarre eine schlichte Niggerweise bei und trampelte dann den dazugehörigen Tanz, während Toni es fertigbrachte, ihm gegenüber auf dieses Tempo einen Schuhplattler zu exekutieren. Mit todernsten Gesichtern, die Augen in einem gleichsam wütenden Hypnotisierblick ineinandergebohrt, so schlenkerten die zwei aus gänzlich irrsinnige Art ihre langen Gliedmaßen. Die andern lagen zurückgeworfen in den Stühlen, und die Lachtränen kollerten ihnen nur so aus den Augen. Niemand weiß, wie lange das gedauert und wie es geendet hätte – doch plötzlich hörte man den Oberstleutnant im zweiten Stock mit einem Besenstil martialisch an die Decke poltern, was Philipp einen Heidenschreck vor diesem Manne von furchterregendem Rang einjagte. So brach man denn auf. Als sie ihre Mäntel anzogen, teilte Theo dem Freunde mit, er käme gleich nach: zunächst müsse er Fräulein Grunelius nach Hause begleiten. »Im Kraut sieden von mir aus!« antwortete Toni verächtlich. Es war der Schrei einer Seele. Aber wie seine Hand in der Manteltasche einen seltsam geformten Gegenstand streifte, versank dieser Schmerz. Mit einem straßenjungenhasten Blitzen in den Augen begann er seinem Herrn Nachbarn eine ausführliche Instruktion zuzuflüstern. Und der begriff sie ausgezeichnet. Ohne daß der Schwede und Trautchen überhaupt etwas merkten, klemmte er unten an der Haustür mit einem abgebrochenen Zündholz den Ladurnerischen Klingelknopf fest. Derweil hatte im vierten Stock Toni seine Gangtür geöffnet, schlich sich dann aber wieder ans Treppengeländer und lauschte, in der einen Hand die brennende Zigarette, in der andern das geheimnisvolle Ding aus der Manteltasche. Als bei den Dichtersleuten die elektrische Glocke zu kreischen anfing, wurde er ganz Aufmerksamkeit und Spannung, und als dann die Tür ging und Philipps Stimme unwillig herausrief: »Ja, was ist denn?«, da flog durch das Dunkel ein sprühendes Fünkchen abwärts. Das ohrenzerreißende Geknatter eines Feuerwerkfrosches von größerem Kaliber erhob sich in dem schallverstärkenden Schachte des Treppenhauses. Ein Schreckensschrei des Lyrikers! Seine Tür fiel dröhnend ins Schloß. Dagegen öffneten sich alsbald mehrere andre. Der Baß des Oberstleutnants sprach empört von Polizei, grobem Unfug und Hausfriedensbruch. Frauenstimmen zeterten eine herzbewegliche Begleitung dazu. Der Attentäter aber hatte auf lautlosen Sohlen den Schauplatz verlassen. »Jawohl, der tapfere Abessinier!« grinste er schadenfroh. »Heraus traut er sich heut nacht nimmer. Und daß man die Klingel ausschalten kann – da drauf kommen so Lyriker g'wiß net!« Noch in seinem Bett glaubte er von fern ganz leise das Trillern zu hören. Er reckte sich, daß seine Gelenke knackten. Nach einer bösen Tat hatte er nie ein schlechtes Gewissen. – Während sich sein Bewußtsein umflorte, gaukelte plötzlich Trautchens angenehme Gestalt vor seinen Augen. – O du Gewitterkuh! schrie seine Seele noch einmal im Halbschlaf, dann war er weg. Viertes Kapitel. Der dumme Theo Gestern noch hatte ein Spätherbsttag leuchtend über München gelegen – heute war es auf einmal Winter, richtiger Winter mit langsamem, weichem Flockenfall hinter dem Atelierfenster. Theo saß an seinem Zeichentisch und war damit beschäftigt, den packendsten Moment einer Eisenbahnkatastrophe aufs Papier zu bannen, die sich vorgestern in Venezuela ereignet hatte. Von Zeit zu Zeit brannte er eine frische Zigarette an. Der Rauch hing als leichtes Gewölk unter der Decke. Draußen schellte es. Theo hob den Kopf. Gewohnheitsmäßig horchte er zuerst, ob nicht Toni öffnen ginge. »Hu–ach!« gähnte er dann, stand auf und begab sich trägen Schrittes hinaus. Toni in langem Leinwandkittel, den linken Arm mit der Palette beschwert, in der rechten Hand einen Pinsel, schaute aus seiner Tür. Solche Bewaffnung mit Kunstgerät erregte bei dem Nachbarn kein Erstaunen; denn dieser wußte, daß das Unglaubliche Ereignis geworden war und der starke Mann unter dem erschütternden Eindruck eines amtlichen Besuchs vor einigen Tagen zu arbeiten angefangen hatte. Und zwar wütend! Er flüsterte hastig: »Du, Theo! Ich hab' Modell und ... – Der G'richtsvollzieh'r wenn's wieder is – Ich bin net daheim, oder, besser noch: ich bin vor drei Tag' gestorben.« Der starke Mann verschwand schleunigst; man hörte ihn drinnen den Schlüssel umdrehen. In nachlässiger Haltung öffnete Theo die Tür und war urplötzlich nach Ausdruck und Gebärde ganz überraschend verwandelt. Denn vor ihm stand Trautchen Grunelius, sonderbarerweise bei diesem Wetter ohne Hut und Mantel. Der Maler aber kam kaum dazu, sich hierüber zu wundern, so eifrig verschönte er seine Züge durch ein verbindliches Grinsen. »Ich halte Wort«, sagte Trautchen lieb und sah unter gesenkten Brauen zu Theo hinauf, in einer Befangenheit, die sehr nett gespielt war. »Ja also, ja also!« entgegnete er erfreuten Tones – in einer Befangenheit, die durchaus echt war. »Geht's dort hinein?« fragte sie und deutete nach Tonis Atelier. »Nein bitte! Bitte, dort!« Er chassierte seitlich nach seiner Tür und riß sie auf. Nachdem sie einen Moment in entzückend ängstlichem Bedenken gezaudert hatte, folgte sie mit kleinen, aber energischen Schritten seiner Aufforderung und schoß im Vorbeischreiten aus weitgeöffneten, bis in die Tiefe klaren Augen eine ganze Salve von kindlich unschuldvollem Vertrauen auf ihn ab. Und Theo wurde äußerst verlegen. Trautchen stand jetzt mitten im Atelier; ihre Hände vollführten eine fragende kleine Bewegung, die gleichsam sagte: Man hat mich gerufen ... Was wünscht man also von mir? Wenigstens faßte Theo das so auf, obgleich er ja recht gut hätte wissen können, daß er niemand gerufen hatte und im Grunde so auf den Sturz von der Ungerufenen auch gar nichts wünschte. Linkisch stand er unter Trautchens erwartungsvollem Lächeln und suchte fassungslos nach dem ersten Wort. Schon öffnete sie den Mund, um ihm, nett, wie sie war, über diesen schweren Moment hinwegzuhelfen, da schoß er ungewandt und konventionell hervor: »Wollen Sie nicht, bitte, ablegen?« Ein schelmisch vorwurfsvoller Blick traf ihn; selbst so etwas wie ein Erröten markierte das Mädchen. Und er wurde sehr verwirrt, als es ihm jetzt erst richtig zum Bewußtsein kam, daß sie überhaupt nicht in Straßenkleidung war. »Ach Pardon«, so verbesserte er sich hastig, »Sie haben, ja gar nichts an!« »Na, ich dächte doch ...« sagte sie humoristisch, mit einem leichten Auflachen, und faßte mit den Händen ihr Eigengewand, in einer Bewegung, die ihre Formen für einen flüchtigen Augenblick stärker herausmodellierte. »Entzückend – das Kleid!« rief er feurig. »Mach' ich mir alles selbst!« »Ah?! Wirklich?!« »Ja, wenn ich einmal heiraten sollte – durch Kleiderrechnungen ruinieren würde ich meinen Mann nicht.« »Hm«, machte Theo, auf einmal nachdenklich und deutlich zerstreut. Doch sie gestattete seinen Gedanken nicht, weiterzuschweifen. »Sie wundern sich wohl?« begann sie in anderm Ton. »Sie wissen natürlich gar nicht, daß wir jetzt Hausgenossen sind?« »A nein?!« »Ich wohn' doch seit gestern unten bei Brita Ladurner. Sie hat mich gebeten, weil sie so allein war, während seiner Abwesenheit ...« »Ja, is er denn schon nach Abessinien?« »Natürlich! Dieser unglaubliche Mensch! Die arme Brita! Sie ist so zu bedauern! Und wenn man ihr da gefällig sein kann, tut man es natürlich gern.« Was Trautchen sagte, war keine Lüge: sie hatte die Einladung der Dichtersfrau mit freudigster Bereitwilligkeit angenommen. »Da sind wir ja also wirklich Hausgenossen«, bemerkte Theo geistvoll. »Es ist Ihnen hoffentlich nicht unangenehm?« fragte sie kokett. »Aber, aber!« beteuerte er und deutete auf den Glanzpunkt seines Ateliers, einen Klubsessel: »Bitte schön!« Sie setzte sich, und ihre Augen suchten die seinen. »Und was glauben Sie nun, warum ich gekommen bin?« fragte sie. Er gab keine Antwort, mit Worten wenigstens nicht. Nur ein tiefer, schmachtender Atemzug wurde laut in der plötzlich sehr fühlbaren Stille. Ihr Blick verschleierte sich für einen Moment. Dann aber fuhr sie unbefangen lächelnd fort: »Sie wissen wohl gar nicht mehr, was ich Ihnen versprochen habe?« »Doch, doch! Aber gewiß!« versicherte er. Er hatte keine Ahnung. Und darum arbeitete seine Phantasie um so kühner und schneller. »Na, was denn?« fragte sie. »Aber ich weiß doch! Etwas Schönes!« »Wenn Sie es nur auch wirklich schön finden«, entgegnete sie zu seiner Überraschung. »Jedenfalls hab' ich es mir Arbeit kosten lassen.« Er machte kein sehr intelligentes Gesicht. Sie aber griff in den Goller ihres Gewandes und holte ein Päckchen in Seidenpapier hervor. Er nahm es mit gestammelten Dankesworten in Empfang, wickelte es aus und hielt ein langes, mit geduldiger Mühe besticktes Band zwischen den Händen, dessen Muster ein kleines Wunder darstellte an Linienschwung und Farbenpracht, streng kunstgewerblich bis dort hinaus, bloß mit einer geringen Konzession an das Sinnige: eigentümlicherweise zeigten diesmal die Bandwurmschnörkel eine hartnäckige Neigung, in regelmäßigen Abständen Räume von Herzform freizulassen. Als Theo den Sinn der zarten Runensprache erfaßt hatte, errötete er ganz richtig, was ihm schon lange nicht mehr passiert war. – Zugleich aber arbeiteten seine Gedanken krampfhaft an dem Problem, was er da eigentlich geschenkt bekommen hätte. Denn bloß um ihm süße Geständnisse zuzuflüstern, konnte dies Ding doch nicht da sein, irgendeinen reelleren Zweck mußte es haben. – Hosenträger! schoß es ihm plötzlich in seiner Angst durch den Sinn. Aber zum Glück mußte er so lange nach einem schöneren Ausdruck, mit Beinkleid, für diesen schwer entbehrlichen Gegenstand suchen, daß von seiner Vermutung nichts laut wurde, bevor ihm Trautchens weibliche Ungeduld auf die Sprünge geholfen hatte. »Nun?« fragte sie lächelnd, »glauben Sie, daß es Ihrer Gitarre steh'n wird?« »Herrlich, herrlich!« schrie er beinah, in einer Begeisterung, die sie nicht nur ihrem Werk zuschreiben konnte, sondern strahlend auf ihre Person bezog. »Sie müssen es mir selbst dranmachen!« sagte er eifrig und lief nach dem Instrument. Und während er es ihr brachte, rissen seine Finger so lieblos an den alten Schleifen, daß man deutlich sehen konnte, wie gänzlich sie ihm verblaßt waren vor der neuen Pracht. Ja, als sie nicht gleich aufgehen wollten, nahm er ein Messer vom Zeichentisch und setzte sie ohne Mitgefühl herunter. »Die armen Bänder!« lächelte Trautchen in gemachten, Bedauern. »Was die wohl sagen würden, von denen sie stammen?« »Is mir doch egal!« entgegnete er großartig, legte die nackte Gitarre behutsam auf ihre Knie, knüllte die Schleifen mit der Faust zusammen und warf sie in die Falltür des Amerikanerofens. Ein Flackern erhob sich hinter den drei Glimmerfensterchen lind war im Augenblick wieder tot. »Und wenn mein Band später auch mal so brennen muß?« sagte Trautchen. Es klang wirklich melancholisch. »Aber! Ausgeschlossen!« beteuerte er. »Ja, können Sie wirklich glauben!« »Wer weiß!« sagte sie verträumt, aber ihre Augen sprachen hellwach und deutlich. Ich weiß! Und sie machte sich daran, sein Saitenspiel zu schmücken, und brachte das Band wie einen Gewehrriemen an, ein Beginnen, das er mit einiger Überraschung verfolgte. Dann stand sie auf und hielt ihm die Gitarre hin. »Nun, gefällt's Ihnen so?« Er nahm das Instrument und wiegte es langsam hin und her. »Fein!« rief er anerkennend. »Und praktisch! Man kann sie sich umhängen.« »Ja, ja, und das müssen Sie tun!« jubelte sie kindlich und klatschte in die Hände. – »So! – Wie ein Minnesänger sehn Sie aus!« – Aus Sachsen bist du aber doch! dachte er bei sich und fühlte sich unbehaglich romantisch so mit der Musik auf dem Buckel. Doch getraute er sich nicht recht, sie schon gleich wieder herunterzutun. Darum faßte er, um auf etwas andres zu kommen, mit dem Daumen unter das Band, das schräg über seine Brust lief, und sagte verzückt: »Kolossal nobel in der Farbe!« »Mja«, entgegnete sie sachlich und bescheiden, »es ist vielleicht nicht ganz schlecht, wie das Kadmiumgelb Eins zu dem Emeraldgrün und dem Caput mortuum steht.« Er hob den Blick bei diesen Fachausdrücken und mußte sich auf die Lippen beißen, aber ironisch sein durfte er jetzt um keinen Preis, so viel war ihm klar. Dann rettete er sich denn in einen Ausbruch der Begeisterung: »Wissen Sie, wo erst noch ein ganz anders schönes Gelb zu holen gewesen wär'?« »Wie?« gab sie verständnislos zurück, obgleich sie genau sah, wo seine Augen weilten. »Ihr Haar!« erwiderte er bewundernd. »Ach! Gott, aber es kommt so ja gar nicht zur Geltung ... Offen – da kann ich mich drin einhüllen wie in einen Mantel.« »Muß das fein sein! Wer das einmal sehn könnte!« »Soll ich es aufmachen?« fragte sie plötzlich schlicht und harmlos. »Ach bitte! Ja, bitte!« Er trat mit zusammengelegten Händen auf sie zu. Sie wich ein wenig zurück. »Aber Sie dürfen es nicht falsch ausfassen!« »Nein, nein, ich fass' es schon richtig auf!« »Also, dann drehn Sie sich um!« »Ach, warum denn!« »Nein, sonst tu' ich es nicht!« »Schön, wie Sie wollen!« sagte er resigniert und wendete sich ab, doch nur so lange, bis die Haarnadeln leis auf die Platte seines Zeichentisches klirrten; dann beobachtete er Trautchen verstohlen von der Seite, wie sie ohne Eile die langen Zöpfe aufflocht. Und sie in ihrem edeln Vertrauen hatte gar keinen Verdacht, befleißigte sich aber immerhin so sorgfältig abgezirkelter, zierlicher Bewegungen, daß die sich jedenfalls sehen lassen konnten. Auch davon spürte sie nichts, daß er ihr durch geräuschlose kleine Bewegungen seiner Füße immer näher kam. Es überraschte sie nicht einmal, daß ihre Haare an seinen Arm schlugen, als sie sie nun auf den Rücken warf. Ein Teil wurde wieder nach vorn genommen und alles getan, das ihm verheißene Bild eines Mantels wahrzumachen. »Nun dürfen Sie sich wieder umdrehn!« rief sie zum Schluß. »Ja, das nenn' ich noch Haar!« rief er zungenschnalzend. »Wie sie glänzen! Und diese Masse!« »Es ist wirklich mehr, als man glaubt«, stellte sie fest. »Das einzelne Haar ist so fein. Fühlen Sie mal!« Er drückte seine Lippen auf die Strähne, die sie ihm vertrauensvoll reichte. »Ah!« machte er feinschmeckerisch. Dann plötzlich hatte er Trautchen am Kopf, und sein Mund fand den ihren. Und sie in ihrer Verwirrung dachte gar nicht daran, sich zu sträuben. Ja, um fester zu stehen, legte sie sogar ihre Arme um seine Schultern. Da aber erhob sich in der vergessenen Klampfen aus seinem Rücken ein grämlich warnendes Gedröhn. Das Mädchen schrak auf und drängte Theo sanft von sich ab. »Aber was tun wir denn?« sagte sie verwundert. »Grad' das Wahre!« antwortete er flott, hängte sich schnell das taktlose Instrument ab und schmiß es verächtlich in den Klubsessel. Dann trat er wieder aus Trautchen zu. Sie aber wehrte ihm. »Trautchen!« bat er. »Nein, Theo! Sie sind so stürmisch!« flüsterte sie und sah ihn mit liebem Vorwurf an. »Ich muß doch erst zur Besinnung kommen«, lächelte sie in süßem Flehen. »Ah, zu was denn!« rief er keck. »Bitte, Theo!« sagte sie, wieder mit den bis aus den Grund klaren Kinderaugen, fing seine Hände, hielt sie einen Moment und ließ sie dann mit leichtem verheißendem Druck behutsam fallen. Wie sie nun nach einer Ablenkung aus der Schwüle der Stimmung suchte, wanderte ihr Blick, rein aus Zufall, zu dem Reißbrett mit der venezolanischen Katastrophe hinüber. »Ach«, fragte sie überrascht, »machen Sie das für die ›Jugend‹?« »Jawohl, natürlich«, log er unverfroren. »Illustration zu einer Novelle. Handelt von einem Eisenbahnunglück. Is mal was andres.« »Übrigens«, brach es plötzlich aus ihrer Seele hervor, »haben Sie eigentlich festen Kontrakt mit der ›Jugend‹?« »Nein, Kontrakt ...« gab er ziemlich verdrossen zurück. »Ich bring' immer hin, was ich mach'.« »Und haben Sie sonst noch irgend was? Was Fertiges?« »Ja, schon.« Das kam zögernd heraus, und plötzlich rief er in ganz anderm Ton; »Aber Trautchen! Das können wir ja immer noch.« Dabei griff er liebevoll nach ihrer Hand. Doch er bekam sie nicht. Das Mädchen war aufmerksam seinem flüchtigen Blick gefolgt und schritt jetzt mit unfehlbarer Sicherheit auf die Wand zu, wo hintereinandergeschichtet etwa zwanzig Keilrahmen lehnten. »Auch das gehört doch zum Sichkennenlernen«, sagte sie neckisch. Mit einem Seufzer folgte er ihr und ließ die Besichtigung seiner, Zeichnungen über sich ergehen. Trautchen war gründlich: Blatt für Blatt wurde mit Kenneraugen geprüft und mit Kennerworten beurteilt, und letzteres gar nicht so dumm, fand er, da sie fast alles lobte. Furchtbar dumm aber war es trotzdem, die kostbare Zeit mit Fachsimpeln zu töten und die schöne Verliebtheit erst wieder abstehen zu lassen. Doch schließlich erhob sich Trautchen aus der Hockstellung und fragte plötzlich: »Ja, aber ... arbeiten Sie denn auf Vorrat?« »Wie?« fragte er verwirrt zurück. »Ja, warum tragen Sie das denn nicht hin?« Er mußte sich einen Augenblick besinnen. »Ach, Sie meinen ...?« stammelte er. »Ja, nein, Sie müssen nämlich wissen ... Ach, ich mag nicht! Das ist nichts, das da! Es genügt mir selber noch nicht.« Ein Lächeln der Rührung über soviel Bescheidenheit verklärte ihr Gesicht, und zugleich etwas wie Mitleid mit der männlichen Hilflosigkeit. Mütterlich geradezu wurde ihre Neigung zu ihm. Sie hielt ihm die Hände hin, und er ergriff sie dankbar. Zart lehnte sich ihre Schulter gegen seine Brust, und die Augen groß zu ihm aufschlagend, sagte sie liebevoll und bestimmt: »Unsinn, Theo! Die Zeichnungen können sich ruhig sehen lassen!« – Jawohl, dachte er, erzähl du das mal den Brüdern auf der Redaktion! Ich weiß es selber! Laut aber sagte er: »Na ja, man kann sich's ja überlegen!« und rankte seinen Arm zärtlich um ihre taillenlose Mitte. Sie legte die flachen Hände an seine Schulter und schaute auf sie hinab. »Wenn Sie in solchen Sachen nur immer mir folgen ...!« »Gewiß, gewiß!« beruhigte er sie und fügte in Gedanken hinzu: – Das wird mir wahrscheinlich viel nützen! »Nämlich«, fuhr sie fort, »ich seh' es jetzt ja unten bei Ladurners.« »Was?« erkundigte er sich überrascht. »Ja, er reist mit ihrem Geld nach Afrika, und sie darf zu Hause gucken, wo sie das Nötigste auftreibt. Wenn Brita nicht so wäre, nicht wahr, es wär' doch auch für ihn besser?« »Kann schon sein«, antwortete er gleichgültig und gelangweilt. Dies Mädchen litt doch wahrhaftig an Gedankenflucht und kam vom Hundertsten ins Tausendste. Aber sie sprach unbeirrt weiter: »Also, was ihr Künstler so nötig habt wie's liebe Brot, ist und bleibt doch eine verständnisvolle und praktische Frau.« Und jetzt hob sie den Kopf wieder und sah ihn an. Sein Mund öffnete sich und blieb offen. Kein Laut drang hervor. »Und Sie werden sehen, Theo«, verkündete Trautchen mit Wärme, »wenn wir erst verheiratet sind ...« »Ver–heiratet?« hauchte er und prallte gleichsam von ihr fort. »Ja, oder was haben Sie sich gedacht?« inquirierte sie schneidend. »Nichts«, ächzte er tonlos. »Und dann küssen Sie mich?!« Am liebsten wäre er davongelaufen. Aber das ging nicht. Das ging ja doch nicht! – In seiner Angst fiel ihm nichts andres ein, als wie blind und toll auf sie loszugehen und wieder die Arme um sie zu schlingen. »Aber ...«, stammelte er eindringlich. »Aber Sie sind doch Künstlerin!« »Lassen Sie mich los!« keuchte sie. »Sofort! Oder ich schrei'!« »Trautchen!« flehte er. Da schrie sie! Ihm fiel einfach das eine Ohr zu vor diesem gellenden Laut. »Gut, gut!« wehrte er ab und taumelte gleich fünf Schritte rückwärts. »Kommen Sie mir nicht näher!« rief sie kampfbereit. Er dachte gar nicht daran. – Ihre Augen blitzten ihm voll Verachtung ins Gesicht. Sie durfte sich stolz als Siegerin fühlen. Und merkwürdigerweise – wer kennt die Wege der weiblichen Logik? gab sie diesem Triumph den Ausdruck, daß sie unter dem angstvollen Ruf: »Hilfe, Hilfe!« zur Tür hinausstürzte und diese dröhnend hinter sich ins Schloß warf. Fünftes Kapitel. Das kluge Trautchen Toni hatte das Modell für heute entlassen und stand genießerisch vor seinem Bilde, das in großen Strichen angelegt und untermalt war. Stellenweise war sogar die Ausführung ziemlich weit gediehen. Wahrhaftig, er war verblüfft, wie gut manches saß, anders, aber viel besser, als er's bewußt gewollt hatte. Plötzlich hob er den Kopf. Aus der Gegend, wo Theos Gemächer lagen, erscholl das gelle Kreischen einer Frauenstimme. »Schau, schau!« sagte der starke Mann. »So also zeichnest du dein Eisenbahnmalheur?« Und ein Instinkt dafür, daß die Sache irgendwie seine Aufmerksamkeit verdiene, zwang ihm die Türklinke in die Hand. Geräuschlos trat er in den dämmerigen Gang hinaus und bewegte sich vorsichtig auf den Fußspitzen weiter. Aber er brachte seinen Schleichweg nicht zu Ende, sondern fuhr erschrocken zusammen und stand wie angewurzelt: ein Hilferuf ertönte, und aus dem Atelier des Nachbarn stürzte eine kleine, mollige Frauensperson mit flatternden blonden Haaren. Bevor er überhaupt einen Gedanken fassen konnte, klammerte sie sich an seine Schultern, drängte sich zitternd an ihn und keuchte: »Schützen Sie mich vor ihm!« Und ihre Angst war, kraft der weiblichen Phantasie in so brenzlichen Dingen, durchaus ungeheuchelt. »Er soll nur kommen!« knurrte der Kraftmensch bedrohlich, schlug den linken Arm schirmend um sie und ballte die rechte Faust gegen den unsichtbaren Feind. – Er hatte Trautchen erkannt, mit der seine Gedanken soeben aus guten Gründen – wie in der letzten Zeit überhaupt oft – beschäftigt gewesen waren. »Ach, Sie sind es?« sagte sie, machte sich, geschämig lächelnd, ohne Schroffheit, von ihm los, deutete nach der offen gebliebenen Tür seines Ateliers und fragte hastig: »Kann ich nicht da hinein? Nur einen Moment.« »Wenn ich bitten darf! Wenn ich bitten darf!« Genau wie vorhin Theo, chassierte er dienernd neben ihr her. »Gott sei Dank!« hauchte sie, als sie über die Schwelle war, und bat dann unruhig: »Schließen Sie zu, damit er ...!« »Der traut sich net!« renommierte Toni. Trotzdem aber drehte er den Schlüssel um. Das schien ihm das Beisammensein so viel intimer zu machen ... Schon war Trautchen im Begriff, ihrem neuen Wirt eine möglichst natürliche Erklärung ihrer Anwesenheit zu geben, da erstarb ihr das Wort im Munde, ihre Augen sprangen beinah aus den Höhlen und glotzten die lebensgroßen Figuren auf Tonis werdendem Meisterwerk an. »Ah!« sagte sie lebhaft und schritt näher hin. »Ja«, sagte er kleinlaut und schlich bedrückt hinterdrein. Herrgott, die Person in seiner Gedankenlosigkeit da hereinzuführen! »Könnte ich einen Stuhl haben?« bat sie. Das Bild stand, weil er an den oberen Partien gemalt hatte, ziemlich niedrig. Und sie schien ja wohl fest entschlossen zu sein, es genau zu studieren. – Ja, das glaub' ich, daß du dich erst mal setzen mußt! dachte Toni bei sich und rollte in fatalistischem Gehorsam das gewünschte Möbel heran. »Interessant!« fing sie versonnen an und blieb in diesem Anfang für eine Weile stecken. Das höllische Motiv, von dem Toni seinem Nachbarn erzählt hatte, war in dem Gemälde beibehalten, nur mit einer kleinen, doch vielleicht nicht uncharakteristischen Änderung. Der originell gesehene, kreuzfidele Teufel, der da nach links aus der Leinwand hinausstapfte, entführte huckepack auf dem Rücken in grimmem Triumphe nicht etwa einen Kunstmaler, o nein: der hatte sich auf dem Weg vom Hirn durch ein enttäuschtes Herz und den Pinsel in ein Malweib verwandelt. An den Kleidern freilich konnte man den Beruf des Fräuleins nicht erkennen, weil sich dieses jeder wärmenden und schmückenden Hülle entschlagen hatte. Doch sagten die goldblonden Schneckerln, die ihre Ohren verbargen, dem Kenner das Notwendige. In der vergnügt wollüstigen Pein einer Gekitzelten lachte sie den Beschauer mit ihrem pikanten Mopsgesicht an, stark im Gegensatz zu der bürgerlich und ausgiebig bekleideten ältlichen Frau, die rechts im Hintergrund voll staunenden Entsetzens die Hände rang und trotz einer entfernten Ähnlichkeit mit der Gschwendtnerin gut und gern aus Crimmitschau stammen konnte. Trautchen blieb lange stumm. Zum Schluß jedoch erkundigte sie sich gefaßt und sachlich: »Und wie nennen Sie das Bild?« Er hatte Zeit gehabt, über seinen Alibibeweis nachzudenken. »Der Raub der Proserpina«, sagte er täuschend unschuldsvoll und gleichsam erstaunt darüber, daß sie erst noch fragen mußte. Sie brach in ein helles, ehrliches lustiges Lachen aus, sie bog sich geradezu und schlug sich auf die Knie vor Vergnügen. – Gott sei's getrommelt! dachte er sehr erleichtert. Sie hat überhaupt net gespannt, daß sie es selber sein soll! Trautchen aber hatte natürlich die Urbilder seiner Phantasiegestalten sofort erraten und war sogar im Begriff gewesen, das erwartete Ärgernis zu nehmen; doch nur einen Moment lang. Freie Weiber pflegen so kleinliche Regungen einer beleidigten Eitelkeit zu unterdrücken, weil sie fürchten, andernfalls eben nicht für freie Weiber gehalten zu werden. Und schließlich kann es beinah schmeichelhafter sein, es beschäftigt sich ein in Betracht kommender Mann mit einem in solcher Form, als er hat einen nach acht Tagen schon gänzlich aus seinen Gedanken verloren. Nämlich: in Betracht zu kommen schien der einst so verachtete Toni der Malerin auf einmal entschieden. Denn so viel verstand sie von ihrem Fach, daß sie der Kraft, dem Humor und der Urwüchsigkeit dort auf der großen Leinwand einen strammen Respekt entgegenbrachte. »Wissen Sie, daß das eine ganz famose Sache ist!« sagte sie anerkennend. »Es steckt ja noch sehr in der Schkizze«, entgegnete er bescheiden und ein klein wenig zerstreut. Denn innerlich festigte er gerade in sich den Entschluß, seinem großen Schinken da den mythologischen Namen zu lassen, den seine Angst ausgebrütet hatte. »Raub der Proserpina« war sehr gut und gab dem ganzen erst die richtige Pointe. »Komisch!« begann sie auf einmal. »Und der Herr Schlotthauer ...« »Was ist mit dem?« fuhr er auf. »Ja, neulich bei Ladurners, da sprach er doch so, als ob Sie überhaupt nichts täten«. »Also, so ein Schwindler!« rief der starke Mann. Und sein Zorn war durchaus ehrlich. Wenn einer nun bald eine Woche lang mit dem größten Eifer schruppt, muß er es ja für eine infame Lüge halten, daß er in ferner Zeit einmal mit Recht für faul angesehen werden durfte. Beruht denn der Optimismus über sich selbst, den die meisten Menschen bis ins Greisenalter behalten, nicht überhaupt auf dem gesegneten schlechten Gedächtnis? »Der Theo!« fuhr Toni fort. »Jawohl, der hat es nötig! Mit seinen Jugendkitschen! Die net einmal genommen werden!« »Wie?« fragte Trautchen sehr hellhörig. »Ja, ich sah bei ihm drüben ... »... seinen Salon der Zurückgewiesenen?« höhnte er. »Ach? Aber ich denk': er ist doch ständiger Mitarbeiter?« »Von der ›Jugend‹? Hat er das gesagt?« Toni kannte keine Rücksicht mehr. Dieser Mensch hatte seinen Fleiß in Zweifel gezogen, hatte unter falschen Vorspiegelungen im Trüben gefischt! Das hieß Krieg! Und im Kriege muß jede Waffe gut sein! »Da is ihm eine kleine Verwechslung passiert«, fuhr er ironisch fort. »Ständiger Mitarbeiter is er schon! Aber bei der ›Freien Münchner Volksstimme‹. Weiß net, ob Ihnen das Käsblattl bekannt is«. »Und da zeichnet er ...?« fragte sie ganz starr. »Jawohl, um ein Trinkgeld! Pabstjubiläen und Eisenbahnunglücker«. »Ei–senbahn?« hauchte Trautchen ganz entgeistert. »Also darum!« Und empört brach es aus ihr hervor: »Das ist ja ein unglaublicher Mensch!« »Er is mein Freund, aber ich muß schon sagen!« bekräftigte Toni. Sie war aufgesprungen und trat auf ihn zu. »Und haben Sie eine Ahnung, wie er sich gegen mich benommen hat?! Ich komm' ganz harmlos auf sein Atelier. Das darf man doch unbesorgt als Kollegin?« »Hm, ja, obzwar ... Es is ja net grad häufig der Fall, aber ich kann mir doch Kolleginnen denken, die mir auch gefährlich werden könnten«. Ein Seitenblick musterte Trautchen, der laut davon sprach, wie so eine Malerin gewachsen sein müßte. Ihre Augen antworteten den seinen kokett flüchtig. Dann sagte sie aber: »Sie glauben wohl auch, daß jede Malerin unbedingt häßlich sein muß?« »A wo! Ich sehe den Gegenbeweis!« gab er zurück. »Ach, Sie sind auch so einer ...« »Wie der Theo?« protestierte er lebhaft. »Gott sei Dank, das doch nicht. Denn dieser Mensch! Direkt handgreiflich ist er geworden!« »A was?!« Toni war verblüfft und legte in ernstlicher Anteilnahme seinen Arm um ihre Schultern. Sie schien das eine Weile nicht zu bemerken; endlich löste ihre kleine, wohlgepolsterte Hand seine große, harte von ihrem Arm und ließ sie ohne Heftigkeit sinken, mit jenem leichten Druck, den sie von vorhin noch gut in der Übung hatte. »Toni! Nein!« hauchte sie verwirrt. »Trautchen!« Mit ausgebreiteten Armen tänzelte er stürmisch auf sie zu. »Nein, nein, nein!« Sie wich zurück. In ihren Augen brannte eine drohende Leidenschaftlichkeit, die fast an Haß gemahnen konnte. »Toni, bleiben Sie! Oder ...!« Hatte sie heute nicht schon einmal in der Überstürzung solcher Angelegenheiten ein Haar gefunden? Und das täuschend echte Aufbäumen ihrer weiblichen Zurückhaltung brachte ihn halbwegs zu sich. Nein, er war nicht so ein Kamel, sich alles wieder zu verpatzen. Sollte sie vielleicht aus Furcht vor ihm wieder ihre Zuflucht bei Theo suchen? Daraus könnte schließlich ein Aufundabrennen entstehen, das – gelinde gesagt – zeitraubend wäre. Eine edle Bewegung seiner Rechten teilte ihr mit, daß er sich füge und daß sie nicht die kleinste Sorge zu haben brauche. Solcher Gehorsam schien ihr aber denn doch übertrieben vorzukommen. »Und Sie versprechen mir, ganz vernünftig zu sein?« fragte sie eindringlich, mit einem Ausdruck in Stimme und Augen, daß nicht viel fehlte, und er hätte allen Vorsätzen zur Bravheit verzweifelt mutig den Laufpaß gegeben. Sie beobachtete ihn verstohlen unter gesenkten Brauen hervor, und derweil arbeiteten ihre Hände zierlich, doch gleichsam zerstreut daran, die während aller der Aufregungen durcheinandergeratne Haarfülle wieder einigermaßen dekorativ zu ordnen. »Also! Blödsinnig nobel!« rief er begeistert. »Und diese Menge! Wie ein Mantel!« »Schmeichler!« lächelte sie und fügte hinzu: »Es ist aber wirklich mehr, als es aussieht. Das einzelne Haar ist so fein. Wenn Sie mal fühlen wollen?« Reizend naiv hielt sie ihm eine Strähne hin. Die Angst, die sie dabei angenehm schauerlich überlief, erwies sich als grundlos. Toni faßte die äußersten Haarspitzen zaghaft mit zwei Fingern und ließ sie, wie erschrocken, wieder fallen. »J – ja«, hauchte er unruhig und verwirrt. Nun begann sie in flackernder Lebhaftigkeit zu sprechen. Es war ihr eingefallen, daß es wohl am Platze wäre, ihm eine harmlose Erklärung für ihre immerhin bacchantische Haartracht zu geben. – Natürlich hätte sie die Schneckerln nur aufgelöst, um Theos malerischen Interessen entgegenzukommen, aber da wäre der ja, rein verrückt wäre er geworden! Nein, ein ganz sonderbarer Mensch! So ... so leidenschaftlich! Aber schließlich, wenn Temperament an sich auch gewiß nichts Verwerfliches wäre, sie wäre doch eine Dame und ... Trautchen redete sich in einen immer hysterischeren Eifer hinein, und Tom wurde davon gleichsam angesteckt. »Also, ein paar herunterhauen sollte man dem Lackl!« rief er endlich in wilder Begeisterung. »Ach, ach? Wollen Sie das für mich tun?« fragte sie warm und dankbar. Er sah sie mit seinen schwarzen Augen an, überrascht und ein wenig ernüchtert. »Ihn zur Rechenschaft ziehen?« hetzte sie weiter. Toni mußte einen Moment nachdenken. Nicht, daß er Angst gehabt hätte, der Nachbar könnte den Spieß umdrehen und ihn durchprügeln – dazu war er sich über die beiderseitigen Machtmittel zu klar. Aber ausgelacht zu werden, gehört auch nicht eben zu den Genüssen des menschlichen Daseins. Ganz fatale Geschichte! Trautchen wunderte sich schon über sein Schweigen. Da kam unserm starken Mann der Zufall zu Hilfe, der es ja überhaupt liebt, Helden zu schaffen. Ein ganz leises Geräusch traf seine scharfen Ohren, nichts als das Einschnappen der Schloßzunge an der Flurtür, etwas Geringes und Alltägliches. Und doch bewirkte es, daß sich jemand in die Brust warf und schon mit langen Schritten unterwegs war. »Suppenfleisch mach' ich aus dem Tropfen!« verkündete Toni blutgierig. »Tun Sie ihm nur keinen ernstlichen Schaden!« bat Trautchen in einem schönen menschlichen Mitgefühl, das sich selbst dem Beleidiger ihrer Ehre nicht versagte. Und plötzlich fiel ihr etwas ein: »Ach, und können Sie mir nicht auch meine Haarnadeln bringen? Auf dem Zeichentisch«. »Haarnadeln, ja!« sagte er mit unheilverkündendem Pathos. Bumm! flog seine Ateliertür zu, bumm! gleich darauf die des unglücklichen Nachbarn. Hochklopfenden Herzens stand Trautchen da, zitternd vor banger Erwartung und – im Wonnegefühl ihrer Interessantheit. – Zwei Männer würden kämpfen um sie – was war das doch für eine Stadt, dieses München! Mit angehaltnem Atem horchte das Mädchen. Die ereignisschwangere Stille! – Jetzt müßte sich drüben doch ein Getöse erheben, oder wenigstens ein Klatschen. Aber es geschah nichts, als daß Toni, seine ganze Tatkraft noch in der Miene, zurückkehrte und die Frisiereisen klirrend in ihre Hand fallen ließ. »Ausgerissen is er, der Tropf! Und das war sein Glück!« gab er auf ihren fragenden Blick zur Antwort. »Gott sei Dank!« brach es aus ihr hervor. Der Schrei der Erleichterung barg auch ein Quentchen Enttäuschung. Doch schien sie entschlossen zu sein, die Romantik der Stunde nicht erst wieder kalt werden zu lassen. »Müssen Sie stark sein!« seufzte sie verklärt. Er spannte seinen Oberarm und servierte ihn ihr: »Bitte!« Sie überzeugte sich wesentlich unbefangener von der Härte seiner Muskeln als er vorhin von der Weichheit ihrer Locken. »Oh! Wie Stein!« seufzte sie verklärt. »Ach, und ich bin Ihnen so dankbar, daß Sie für mich eintreten wollten! Wenn ich nur wüßte, womit ich Ihnen danken kann?« Ein so kühner Vorschlag schoß ihm durch den Sinn, daß er erschrak und mit halboffnem Munde stumm stehen blieb. »Soll ich Ihnen für das da einmal Modell stehn?« Sie wies auf das vom Teufel geholte Malweib. »Das heißt: für den Kopf!« ergänzte sie schnell. »Nur für den Kopf, natürlich!« stammelte er, Donnerwetter! Sie hatte sich also doch erkannt, und trotzdem ... »Trautchen!« rief er begeistert. »Sie sind ... Das gescheiteste Mädel sind Sie, was ich noch je gesehn hab'!« Und seine großen Pratzen näherten sich ihr voll Anerkennung. Sie wich ihm geschickt aus. »Wollen wir dann aber auch gescheit sein!« sagte sie lächelnd. »Ja, jetzt muß ich wohl ...« fuhr sie nach einem kleinen Schweigen fort und wog die Nadeln in der Hand und machte eine Bewegung, die ihren Entschluß kundgab, den goldnen Mantel wieder sittsam zu zöpfen. »Ach nein! Bitte!« flehte er herzbeweglich. »Soll ich's so lassen?« fragte sie, lind erheitert und lieb. »Nun, schön! Wenn Sie ...« »Ach Trautchen!« »Nein, nein! – Aber wissen Sie, was Sie können? Zeigen Sie mir mal, was Sie sonst gemacht haben!« Genau wie vorhin Theo, war auch Toni nicht gerade begeistert von diesem Vorschlag. Aber was sollte er tun! So schleppte er denn seine verstaubten Leinwanden vor ihr Richterauge und fühlte sich bald für solche Folgsamkeit belohnt. Denn auch hier wußte sie in ihrer mit Fachkunde gespickten Ausdrucksweise so viel Lob zu spenden, daß sein Respekt vor der Verständigkeit ihres Urteils über alle Grenzen schwoll. Und als er dann kein Roß mehr im Stall hatte, saß er auf einmal in dem Klubsessel – er wußte selbst nicht, wie er dazu gekommen war –, und sie ließ sich neben ihm auf die Armlehne nieder. Wollten aber seine Hände in der Zerstreutheit einmal zu freundlich werden, so brachten die ihren sie wieder zu Vernunft, sanft natürlich, sehr sanft; denn ihm grausam allen Mut zu nehmen, gewann sie nicht über sich. Die Luft hinter dem großen Fenster fing schon an blau zu werden. Das trug eine Ahnung der kommenden Dämmerung in den Raum und stärkte die warme Vertraulichkeit, die zwischen den beiden ihre Fäden spann. Sie fragte, und er glitt aus dem Antworten in ein gemächliches Erzählen von sich herein. Wie sie alles interessierte, das konnte einen freilich dazu verlocken. Kindlich erfreut klatschte sie in die Hände, als seine Oberammergauer Abstammung zu ihrer Kenntnis gelangte. Toni bekam dadurch förmlich etwas Verklärtes in ihren Augen. Sie war nicht umsonst aus Crimmitschau. »Nun ja«, nickte Trautchen verständnisinnig. »Dann versteh' ich ja auch ... Wenn man in so einer Atmosphäre von Kunst aufgewachsen ist!« »Wer?« fragte er verblüfft. »Na ja, ich mein' doch: Oberammergau ...« »Ach so!« Das klang nicht gerade überzeugt. Aber wozu sollte er ihre Illusionen stören! »Ihre Bilder, da steckt nämlich wirklich etwas drin!« fuhr sie fort und, stützte ihren Ellenbogen vertraulich auf seine Schulter. »Hm«, machte er großartig wegwerfend. »Tja, das«, er zeigte auf das angefangene mythologische Bild, »das kann vielleicht was werden. Das andre is ja bloß Atelierscheps«. »Aber die Bilder sind doch sehr gut?« wendete sie ein. »A was!« Eine Handbewegung von ihm schmiß den ganzen Krempel gleichsam auf den Müll. »Von bessern Sachen hab' ich überhaupt nix mehr da«. »Verkauft?« fragte sie warm. »Ja, natürlich!« sagte er mit Würde. Die Preise brauchte er ihr ja nicht mitzuteilen. »Was Sie für hübsches Haar haben!« Urplötzlich fiel ihr das auf. Sie strich leise über seine schwarzen Stoppeln. Er haschte sich ihre andre Hand und massierte sie gleichsam zwischen den seinen. Ein Schweigen dehnte sich, in das sie abwechselnd hineinseufzten. Auch das kann ein vielsagendes Frage- und Antwortspiel sein. Die Luft lud sich mit Stimmung. Sanfte Rührung erfaßte Trautchen. Ja, jetzt kannte sie ihn ganz, diesen großen Jungen. Sie sah sein Leben so deutlich! Zuerst der Bauernjunge in dem poetischen Christusdorf, mit langen, schwarzen Locken. Aus niedriger Hütte, aber gesättigt an dem Kunstsinn von Generationen, der sich in ihm zur Blüte entfalten sollte. Die Schnitzschule, dann die Kunstgewerbeschule in München, und endlich die Akademie. Ja, ein Bauernjunge, aber er hatte es zu etwas gebracht und würde es weiter bringen unter kluger Leitung. Schon wurden seine Bilder gekauft. Trautchen ahnte nicht, daß Tonis Kunsthändler im Hauptberufe Friseur war, und daß er zudem seine Ankäufe längst eingestellt hatte, weil es ihm nie gelungen war, auch nur eins dieser Meisterwerke wieder an den Mann zu bringen. Nein, sie träumte sich hübsche, runde Ziffern, und ihr Herz wurde weich. Freundlich und ganz den linden Wallungen ihres Gemütes hingegeben, streichelte Trautchen mit erfahrenem Taxatorblick die soliden Möbelstücke von Tonis Atelier. Doch dabei drängte sich ihr etwas auf, worüber sie bisher hinweggesehen hatte; sie konnte jetzt selber nicht mehr begreifen, wie das möglich gewesen war. Was zunächst ihr Staunen erregte, darin hätte jemand andres nichts als eine gewöhnliche Ansichtspostkarte gesehen. Sie zeigte in feinstem Farbendruck eine Vollmondlandschaft, die zweifellos von Poesie nur so troff, deren künstlerische Qualitäten jedoch ihre Verwendung als Wandschmuck bei einem Maler recht unglaubwürdig machten, ganz zu schweigen davon, daß sie auch gar nicht an der Wand hing, sondern mit zwei Reißzwecken unsymmetrisch auf der Tür eines Biedermeierschrankes festgemacht war, der neben dem Fenster stand und von diesem noch ziemlich viel Licht erhielt. Und wie Trautchen ihre nunmehr geschärften Augen weiterschweifen ließ, konnte es ihr nicht verborgen bleiben, daß eigentlich alle Fahrnisse in dem Atelier irgendwo an einer unwahrscheinlichen Stelle in der gleichen befremdenden Weise verschönert waren. Ein Ruck der Verwunderung schnellte durch Trautchens Gestalt; sie saß plötzlich steil da, ein sehr leerer Luftraum klaffte zwischen ihr und Toni, auch ihre Hand wurde schlanker und lag nur noch lose zwischen den seinen. Er spürte sofort, daß irgend etwas Verkehrtes in die Stimmung hereingeplatscht war. »Trautchen! Was is?« fragte er mit dem Ansatz zu einem Lachen und schüttelte ihre Hand in sanfter Heftigkeit, als wolle er sie wecken. Aber sie war sehr wach, so wach, wie er es wahrscheinlich in seinem ganzen Leben nie werden konnte. Denn er war ein Mann. Plötzlich glitt ihre Hand aus denen Tonis; keinen anderen Grund konnte man dafür annehmen, als daß sie gerade nach dem Fenster zeigen mußte. »Hören Sie?« Keine Frage der Welt hätte ungezwungener klingen können. »Was?« forschte er; denn er vernahm nicht den geringsten Laut, der geeignet gewesen wäre, ihm aufzufallen. Sie saß nicht mehr; eine Bewegung ihrer flachen Hände bedeutete ihn, daß er ganz ruhig sein müsse, ihr Oberkörper reckte sich mit anstrengender Spannung gegen die Scheiben, hinter denen die Bläue sich schnell vertiefte. »Dies Klingeln! Die Feuerwehr!« erklärte sie dann sehr sicher. »Ah, woher denn!« widersprach er. »Was Sie meinen, das is bloß die Trambahn.« »Trambahn, das Klingeln von der Trambahn ist ganz anders.« »Aber Trautchen, ich hör es hier doch täglich hundertmal.« »Einerlei! Und ich möchte wetten! Also horchen Sie doch!« »Weiß der Teufel!« rief Toni plötzlich. Nun war auch er aufgesprungen. Selbstverständlich, es mußte in der Nähe irgendwo brennen. Wie geschoben durch die Willenskraft, die hinter ihm mächtig war, eilte der starke Mann zum Fenster. Aber er war zu hastig: vergeblich rüttelten seine großen Pratzen eine Weile am Riegel. Trautchen folgte ihm langsamer und handelte dabei viel schneller. Die nächste der sonderbaren Postkarten, die ihr auf dem Wege zur Hand war, wurde ein wenig aufgebogen, ohne daß sie deswegen erst groß haltmachte. Ein flüchtiger Blick bestätigte ihr, was sie geahnt hatte, aber wissen wollte. Es herrschte kein Zweifel darüber, was für ein Beamter hier kürzlich seine Pflicht erfüllt hatte. Als Toni das Klappfenster glücklich aufbrachte, stand das geschickte Mädchen dicht hinter ihm, man konnte glauben, schon lange. Er streckte den Kopf hinaus und holte ihn, ein paar lockre Schneeflocken auf seinen Haaren, sehr bald wieder herein. »Nix! Die ganz gewöhnliche Trambahn! Hören Sie: jetzt wieder!« verkündete er triumphierend. »Also, ich hab's doch gewußt!« Gewußt hatte zwar eigentlich sie es, aber sie erwiderte nachgiebig: »Sonderbar! Und ich hätte schwören können ...« »Brr!« Er schüttelte sich. »Diese Sau ... pardon: diese Mordskälte!« Und schnell schlug er das Fenster zu, freudig bereit, gleich wieder warm zu werden. Doch nützten ihm diese guten Vorsätze nicht viel; denn von Trautchen strahlte auf einmal eine Kühle aus, eisiger noch als der Nordwind, der draußen den Schnee an die Scheiben klebte. »Hi–ja«, sagte er, sichtlich verlegen, und zermarterte seinen Kopf um eine passende Anknüpfung an das traute Idyll von vorhin. Sie ließ dies peinliche Schweigen lang werden, empfand sie doch, daß jede Sekunde ihm eine Waffe raubte und etwas von seiner Zuversicht. Aber auch in sich mußte sie manches zur Ruhe bringen, bevor sie wieder die Alte war und den Rückzug aus diesem Hinterhalt, in den ihr Eroberermut sie verlockt hatte, ehrenvoll und mit flatternden Fahnen antreten konnte – noch auf der Flucht ein Sieger. – Nur nichts merken lassen! sprach sie zu sich. Nicht den Schimmer einer Ahnung bekommen durfte dieser Mensch, der in so ungeordneten Verhältnissen lebte, von den Zuckungen ihrer Nerven. Und sie zuckten ja gar nicht, zuckten ja gar nicht! Trautchen machte ihr Rückgrat steif und biß die Zähne zusammen. Ans Herz griff ihr diese Enttäuschung doch. »Wieviel ist es schon, sagten Sie?« so unterbrach sie plötzlich die Stille. »Ach, Sie haben noch Zeit!« beruhigte er. »Nein, bitte, sehn Sie nach!« Das war leichter gesagt als getan. Denn Tonis Uhr schlummerte schon seit einem Vierteljahr im Leihhaus. Aber das hinderte ihn nicht, sich jetzt zum Fenster zu wenden, etwas Imaginäres aus seiner Westentasche zu holen, dieses Stück Nichts gegen das scheidende Licht zu halten und mit Mühe und Sorgfalt eine ebenso imaginäre Zeit davon abzulesen. »Erst halb fünf«, erklärte er sicher und vergaß nicht, das Phantom seines Chronometers geistesgegenwärtig wieder einzuschieben. Doch trotzdem er dabei, teils aus Absicht, teils aus Zufall, gut eine Stunde unterschlagen hatte, bekam es Trautchen auf einmal sehr eilig. Alle seine Bitten, all die verstohlne Zärtlichkeit, die er in seiner Stimme schmelzen ließ, alle Gegengründe waren, wie er bedauernd feststellen mußte, umsonst. Sie hatte sich schon um vier mit Frau Ladurner verabredet, und es ging absolut nicht. Was sollte Brita denn glauben! Mehr als einmal war Toni drauf und dran, sie mit der Gewalt seiner Leidenschaft und seiner Arme über ihre Bedenken hinwegzuheben. Aber immer im entscheidenden Augenblick stockte sein Fuß, sank ihm der Mut. – Feiger Hanswurscht! so schmähte er darob vergebens sich selber. Damit freilich tat er sich unrecht. Er war gar nicht feiger als andre. Kein normaler Mann hat einer Frau gegenüber in Liebessachen so leicht den Mut zu etwas, was sie ihm nicht gestatten will. Das wußte Toni bloß nicht. Um so besser wußte es Trautchen. Und nichts lag ihr ferner, als es wieder so weit kommen zu lassen wie vorhin in dem Nachbaratelier. »Nein«, sagte sie, durchaus nicht unfreundlich, aber jede Widerrede ausschließend. »Ach, und ich muß ja auch noch ...«, fügte sie, wie in einem Einfall, hinzu und griff in ihre Haare. »Sein Sie so gut und machen Sie Licht!« Er wollte sich wehren, ließ es dann aber und setzte langsam Fuß vor Fuß. Ein Glück, daß die städtischen Elektrizitätswerke die Drohung, ihm wegen Säumigkeit im Zahlen den Strom zu sperren, noch nicht wahrgemacht hatten. Licht, ja freilich, damit konnte er dienen! Ordentlich wohlhabend kam er sich vor. Den Bruchteil einer Sekunde zauderte er noch an der Tür und wendete den Kopf nach Trautchen um. Als dunkle Silhouette hob sie sich vom Fenster ab. »Hach ja!« seufzte er dann und drehte den Schalter. Eine Helligkeit, die zuerst weh tat, stürzte von der Decke an den Wänden herunter, prallte vom Boden wieder empor, hielt auf halber Höhe mit einem Ruck inne, füllte still und gleichmäßig den Raum. Am lichtesten stand plötzlich das blonde Mädchen vor den schwarz gewordenen Scheiben. Er sah es, und sie empfand es, Jede Spur der äußerlichen Unruhe glitt von ihr ab. Ihr Verstand hatte sie fest im Zügel; und solange sie noch da war, konnte sie unbefangen mit Toni plaudern, nett und liebenswürdig, doch fremd, ganz fremd, wie eben eine vom Zufall Hierhergewehte. So lehnte sie in dem Klubsessel und flocht die Zöpfe. Er, halb sitzend an den Sofatisch gestützt, schaute ihr zu. Sie legte jetzt bewußt keinen Wert auf Anmut, sondern arbeitete eilfertig und sachlich; doch vielleicht gerade darum, und weil über ihrer ernsthaften Geschäftigkeit ein leiser Hauch von Komik lag, hatten ihre Bewegungen für den großen Jungen etwas Rührendes, wurde sein Herz weicher und hingegebener, als es in den heißesten Momenten der verflossenen Stunde gewesen war. Und so schmolz ihm das letzte bißchen Erobererkraft. Zärtlich verträumt lauschte er ihren plätschernden Worten und antwortete einsilbig, mehr irgendwohin nach innen horchend. Einem schärferen Blick als dem seinen wäre es vielleicht aufgefallen, daß Trautchens Schneckerln, da sie nun wieder über ihren Ohren saßen, kaum den halben Umfang hatten wie sonst. Ob es wohl, trotz ihrer Geistesstärke, nicht doch eine Auswirkung der niedergekämpften Erregtheit war, was sie gar so stramm hatte flechten lassen? Aber in kindlich großer, geradezu leerer Ruhe sahen ihre Augen ihm ins Gesicht, als sie sich nun erhob und ihm die Hand hinhielt. »Adieu, Herr Gwinner! Und vielen Dank noch!« »Dank?« stammelte er verwirrt und hielt ihre Hand fest. »Ich habe zu danken! Und, Trautchen«, fügte er in kühnem Anlauf hinzu, »wann sehen wir uns wieder?« »Nun, das wird sich ja finden«. Sie machte sich los. »Nein, nein, bestimmt! Und sie haben mir doch versprochen ...« Er deutete auf den Kopf seines vom Teufel entführten Malweibes. »Ach?« fragte sie, leise erheitert. »Und das haben Sie im Ernst ...?« »Aber!« jammerte er. »Ja, dann wird es ja doch nix, das Bild! – Ach, bitte, bitte! Das hat mir ja so imponiert von Ihnen!« »Nun«, sagte sie, »wollen sehn, was sich für Sie tun läßt!« »Also wann?« drängte er. »Morgen?« »Nein, morgen – da ...« »Übermorgen?« »Kaum. Ich muß nämlich ...« »Ja, aber wann denn?« »Hm«. Sie zuckte lächelnd die Achseln. »Wenn ich komme, bin ich da.« Das klang nicht verheißungsvoll. Er fühlte sich sehr niedergeschlagen. Also!« Sie nickte freundlich und machte sich auf den Weg. »Aber!« Erbärmlich wehleidig stieß er das hervor, in bittrer Anklage gegen das Schicksal. Er suchte instinktiv nach einem Vorwand, sie wenigstens einen Moment noch zu halten; und da fiel ihm etwas ein: »Ja, und wo ist denn ...? Ihr Mantel? Der Hut?« »Hab' ich nicht«. Sie drückte auf die Klinke. »Haben Sie net?« »Aber ich wohn' jetzt doch unten, bei Brita Ladurner.« »Ach«, rief er, förmlich erlöst, »da sind wir ja Hausgenossen!« »Wußten Sie denn das nicht?« Wiederum neigte Trautchen Urlaub nehmend den Kopf. Und ehe sich's Toni versah, war die Flurtür hinter ihr ins Schloß gefallen. Er machte ein verdutztes Gesicht. Aber dann klammerte er sich voll Vertrauen an die überraschende Kunde, die ihm geworden war. »Feit si nix!« sprach er vergnügt zu sich. »Wundern sollst du dich, Madel, wie bald daß du wieder da herin bist! – Ha, ich kenn' mich schon aus!« Aber diese Zuversicht sollte ihn täuschen. Trautchen legte nur noch geringen Wert darauf, hier Hausgenossin zu sein. Schwante ihr doch, daß sie dabei täglich auf der Treppe die Gefahr der unerwünschten Begegnungen laufen könnte. Wohl fühlte sie sich fähig, den frechen Theo mit einem Blick der Verachtung in Grund und Boden zu schmettern; aber der Anblick Tonis, des starken Oberammergauers, würde ihr doch am Ende jedesmal einen Stich ins Herz versetzen. Darum erinnerte sich Trautchen daran, daß sie und ihre Freundin Brita über manche der entscheidendsten Lebensfragen sehr verschieden dachten. Dies war schon mehrfach zutage getreten, wenn ihr weibliches Solidaritätsgefühl den Drang in ihr weckte, die so schnöde und in so prekären Geldumständen zurückgelassene Strohwitwe mit ihrem Mitleid zu überströmen. Dann hatte sie sich wirklich immer sehr wundern müssen, wie gerade albern glücklich in ihrer Ehe sich diese Frau fühlte, deren, man durfte wohl sagen, verdammte Pflicht und Schuldigkeit es doch gewesen wäre, kreuzunglücklich zu sein, mit so einem Egoisten von Mann! Heute nun erwies sich Trautchens Mitleid besonders groß und gewann bald eine deutliche Schärfe nach der Richtung des sorglosen Abessinienpilgers, was, zur gekränkten Überraschung der Trösterin, von Brita sehr übelgenommen wurde. Ein Wort gab das andre, Tränen hier entfesselten Tränen dort; schließlich wurde ein Koffer gepackt, und ein notleidender Dienstmann hatte noch in vorgerückter Abendstunde eine unverhoffte Einnahme, wie denn auch Trautchens frühere Pensionswirtin wieder beruhigter in die Zukunft blicken durfte.   So war denn die hübsche Blondine den Bewohnern des vierten Stockes unsichtbar geworden. Und blieb es. Nun, und die zwei, die Maler? Sie fanden sich damit ab, am leichtesten allerdings Theo. Aber auch Toni verschob seine Kundschafter- und Plänklerexpeditionen von heute auf morgen und übermorgen, weiter und weiter. Notgedrungne Arbeit und die kneifenden Sorgen des Alltags schaffen magern Nährboden für den Bazillus der Leidenschaft. Auch spielte ein gewisses Schamgefühl vor dem Nachbarn mit, der es an schnöden Bemerkungen über heiratswütige Ölkusinen, die bei ihm aber sehr sauer an dem Falschen gelaufen seien, durchaus nicht fehlen ließ. Toni wäre vielleicht so ein Rindvieh. Na, viel Vergnügen! Nun, und die haarsträubende Verdächtigung, er könnte auch nur von fern an Standesamt und dergleichen philiströse Menschenfallen denken, wird doch ein rechter Bursch nicht auf sich sitzenlassen. Dagegen wehrt man sich, und besonders laut, wenn das Schicksal es will, daß man eigentlich in aller Unschuld und Ahnungslosigkeit schon fällig ist für die Ehe, welche Art von stillem Wahnsinn sogar bei Leuten vorkommen soll, die eine Familie überhaupt nicht zu ernähren vermögen. Danach fragt eben das Schicksal, das blinde, nicht. Ein wahres Glück noch, daß die Frauen, die sehenden, danach fragen. Sonst wäre dem frohgemuten Stande der Junggesellen wohl bald die Axt an die Wurzel gelegt. Sechstes Kapitel. Toni sammelt Erfahrungen Als Toni mit seinem »Raub der Proserpina« so weit gekommen war, daß jeder neue Strich nur dazu diente, dem Bilde wieder etwas von seiner Frische zu rauben, kratzte er seine Palette ab, wusch die Pinsel fein sauber und fand, er hätte genug getan, um ein Anrecht auf mindestens halbjährige Erholung zu haben, und dürfte nun, die Hände im Schoß, des Goldregens harren, der sich in allernächster Zeit – dies war eigentlich verflucht notwendig – über ihn ergießen würde. Da es jedoch fürs erste gar nicht nach solchen Niederschlägen aussehen wollte, schien es Toni zweckmäßig, gelinde nachzuhelfen. Mag sein, daß er einmal vom Wetterschießen als einem Mittel zur Beschleunigung des himmlischen Segens gehört hatte, jedenfalls nahm er seine Zuflucht zu einer großen Kanone, nämlich zu seinem ehemaligen Lehrer an der Akademie, dem Professor Dr. h. c. Ernst Ritter von Staudacher, einem immer noch sprichwörtlich schönen Manne, wobei der Ton allerdings bereits mehr auf dem »sprichwörtlich« zu liegen hatte. Pflegt einem doch der Ruf der Schönheit länger treu zu bleiben als dieses Göttergeschenk selbst, das sich im Lauf von gut fünfzig Jahren leicht ein wenig abschleißt. Aber in der gleichen Zeit hatte es der Staudacher Ernstl durch einfaches Pinselfechten vom armen Häuslerssohn bis zum Range einer europäischen und transatlantischen Nummer und ferner zu einem auch geschäftlich sehr dekorativ wirkenden Palais an der Leopoldstraße gebracht. Das sind Realitäten, die einen Philosophen selbst über den Verlust seiner Locken hinwegzutrösten geeignet sind. Und außerdem schuf dieser große Mann neben anderm sehr häufig Selbstporträts, was nach einer alten Erfahrung ein treffliches Mittel ist, auch seine entschwundenen Schönheiten immer noch deutlich zu sehen. Denn was er nicht sieht, kann ein richtiger Künstler unmöglich malen. Lügen müßte man, wollte man behaupten, es wäre Toni vor dem Siegestor ein begeisterter Empfang zuteil geworden. Im Gegenteil: die Begrüßung sah einer Standpauke täuschend ähnlich. Rund und plastisch als einen Saustall bezeichnet der Meister es, wie stinkfaul Toni wäre. Von ihm hätte man doch etwas mehr verlangen können als von der übrigen Trottelbagasch'. Ja, Pfeifendeckel! Wenn einmal heutzutag' einer ein bissel Talent hätte, müsse er es natürlich verlumpen und verludern! Der also Gerüffelte kam einfach nicht zu Worte. Es eilte ihm aber auch nicht weiter damit. Vor Wohlbehagen still in sich hereingrinsend, ließ er das Hagelwetter auf sich losrasseln und auch die dicksten Schlossen schlank von seinem ausnahmsweise sehr guten Gewissen abprallen. Das war ja grad' lustig: je wilder der Ernstl schimpfte, ein um so dümmeres Gesicht würde er nachher schneiden. Nur damit sich Tonis Schwärze recht wirksam von einem hellen Hintergrund abhebe, begann der Meister nun von sich selber zu sprechen. Ob er denn vielleicht nicht arbeite? Ob er, der doch vermutlich eher in der Lage dazu wäre, sich auf die faule Haut gelegt hätte nach seinen Erfolgen? Der Schüler wies durch ein bewunderndes Murmeln jeden solchen Irrwahn weit von sich. Ganz, ganz verstohlen nur bezeigten seine schwarzen Augen den beiden angefangenen Damenporträts, die Staudacher auf der Staffelei hatte, eine tiefe Verachtung. Aber mochten das tausendmal wenig erbauliche Kunstwerke sein, und mochten sie dem »Raub der Proserpina« nicht entfernt das Wasser reichen, Toni war doch im Unrecht: ein Anfänger kann gar nicht genug malen; der fertige Maler malt, wie er will, irgendein Kunsthändler bezahlt es doch. Andrerseits war es vielleicht nicht nur Idealismus, was Staudacher so einen Abscheu vor der Faulheit einjagte. Mit der Größe eines Porträtisten wachsen seine Spesen; und was ein Palais mit Ateliers an Hypotheken tragen kann, ohne in den Boden zu sinken, ist manchmal überraschend. Endlich schien der Gestrenge ein Atemholen nötig zu haben. Er fragte, als fiele das ihm selber plötzlich auf: »Sie finden mich vielleicht grob?« »Och, das will ich net grad' bestreiten«, gab Toni schmunzelnd zu. »Also, schön! Aber wenn das net wahr is, dann zeigen S' mir doch freundlichst ein einziges Mal was halbwegs Gescheites, was Sie gemacht haben!« Siegesgewiß und voll Ironie sah der große Mann seinen Schüler von oben herab an. Doch auch dieser wuchs auf einmal förmlich aus den Hüften empor und knallte in eleganter Heiterkeit seinen Trumpf auf den Tisch der Debatte: »Herr Professor, das is nämlich der Zweck meines Besuches.« »Wa–as?« Dies Wort reckte sich vor ungläubigem Staunen. »Sie haben etwas gemacht?« »Ja«, entgegnete der Oberammergauer schlicht. »Also, gestatten Sie mir schon die Frage: was haben S' denn nachher gemacht?« »Ein Bild.« »No ja: daß es kein Schweizerkäs sein wird, hab' ich mir eh denkt! Vorwärts! Herzeigen! Wo haben S' denn?« »Da hab' ich's natürlich net,« Toni hielt zum Beweise dessen seine leeren Hände her. Der andre pfiff verständnisvoll durch die Zähne, kniff ein Auge zu und musterte seinen Schüler von der Seite. »Es hat sechs Quadratmeter«, erklärte Toni. »Bloß?« klang es, etwas trocken, zurück. »So? Na ja ... Und, net wahr, Gwinner, für so ein großes Bild, da haben S' natürlich viel Auslagen gehabt, und ...« »Das freilich auch.« »Und da liegt Ihnen jetzt dran ...?« »Jawohl, jawohl!« Toni nickte eifrig. Der Ernstl, auf den ließ er nix kommen! Der kannte sich aus! Auf den durfte man sich verlassen! Aber zu seiner Überraschung griff Staudacher in den Hosensack, ließ dort ein wohlsituiertes Klimpern entstehen, holte eine Handvoll Geld hervor, entklaubte dieser ein Zwanzigmarkstück und überreichte es seinem vertrauensvollen Jünger. »So! Mehr hab' ich selber net und so weiter«, log er frivol, während die anderen Münzen mit prahlerischem Geschepper wieder in ihr Versteck rieselten. Mit zweifelnden Blicken musterte Toni die Doppelkrone auf seinem Handteller. »Ja, aber!« stotterte er dann und machte ein Gesicht, mindestens so dumm, wie er es sich vorhin von seinem Meister erwartet hatte. »Schieben S' es ein, schieben S' es ein!« riet ihm der. »Es wird nämlich net mehr! Das is einmal mein Satz. Und wenn man da net seine Prinzipien hätt' – müssen ja selber sagen: wo käm man hin!« »Ja aber, Herr Professor!« »Gwinner, das braucht's doch net, das Theater. Schieben S' es ein! Zwanzig Mark sind zwanzig Mark.« Das ließ sich nur schwer bestreiten. Und wenn man den gleichen Betrag auf der Straße findet, hebt man ihn auch auf. »Dank' schön, Herr Professor!«: sagte Toni. »Deswegen bin ich zwar net kommen.« »Weiß schon, weiß schon. Kann es mir denken. Aber, lieber Gwinner ...« Das klang wie die Einleitung zu einem Adieu. »Und wie ich mein Bild verkauf', Herr Professor, zahl' ich's sofort retour!« »Hat ja Zeit, hat ja Zeit, Gwinner! Aber ich, leider ... Jede Minute muß sie zur Sitzung kommen, die Prinzessin Dingskirchen, die Orloff, vom russischen Ministerpräsidenten die Tochter. Also, Gwinner, hat mich gefreut.« Eine hastige Hand streckte sich Toni entgegen. »Ja aber, Herr Professor«, stammelte der verdutzt, »mein Bild!« »Was für ein Bild denn? – Ach, Sie haben wirklich was gemalt?« »Aber was glauben Herr Professor von mir!« Tonis Stimme zitterte vor tiefgekränkter Unschuld. »Zerreißen S' Ihnen net, Gwinner!« so beruhigte ihn der Meister. »Junge Leut'! Ich hab's auch net anderst gemacht damals.« »Mein Ehrenwort, Herr Professor!« »No alsdann! Freut mich ja um so mehr!« »Und da hätt' ich halt gemeint, ob Herr Professor net einmal kommen wollen und es anschaun?« »Ich? Ja, Gwinner, wo denken Sie hin! Wissen Sie, was ich zu tun hab'? Die Arbeit, das wär' ja noch das wenigste, aber die Repräsentationspflichten, die unsereins hat! Himmel Herrgott, da fällt mir was ein! Da hab' ich doch wieder was verschwitzt! Der König von Schweden hat mir den Nordsternorden verliehn, schon vor vierzehn Tag', und ich hab' mich noch net bedankt! Teufel, das is aber unangenehm! Ein schöner Orden, der Nordsternorden, und wird selten verliehn, an Künstler schon gar! Daß ich nix auf Orden gib', können Sie sich leicht denken, aber er, der König, hat mir doch eine Freud' machen wollen. Zu dumm! Was denkt sich der Mann nun von mir! Ich mein': daß ich wenigstens so tu, das kann er von mir einfach verlangen. Net wahr?« Toni nickte mechanisch. »Also, was haben S' dann dagege, daß ich mich bedank'?« fragte der Meister, plötzlich nicht ganz frei von Gereiztheit. »Ich?« Die Augen des starken Mannes suchten hilflos erstaunt im Zimmer umher. Mein Gott, wo sollte er so etwas auch nur angedeutet haben? Er würde sich schwer hüten! »Vollkommen recht haben Sie, Herr Professor!« beeilte er sich zu versichern und fügte schnell hinzu: »Aber wär's net vielleicht doch möglich, daß Sie mein Bild ansehn?« »Gwinner, was hätten S' denn davon! Vom Anschaun wird es auch net besser. Hab' ich recht oder net? Schicken S' es uns nur, wenn's so weit is, für die Internationale. Wollen versuchen, was sich tun läßt für Sie. Vielleicht is grad' heuer die Konjunktur net amal schlecht. Sie machen ja solch ein blödes Geschrei, die Deppen von Zeitungsschmieranten: wir von der Sezession, wir sollen keine neuen Leut' aufkommen lassen! Daß ich net lach'! Woher nehmen und net stehlen? Zu unserer Zeit, was gab's da für Kerle! – Heut! Uijeh, mir wird übel! Also, Gwinner, sagen S' doch selber: wissen S' mir einen einzigen von dem sogenannten Nachwuchs, der wirklich was kann?« »Doch! Ja! Gewiß!« sagte Toni keck. »Also, drei Tag' weit reis' ich, um den zu finden! Grad' daß die Schmieranten seh'n, wer mir sind!« »Braucht's keine drei Tag', Herr Professor! Es langt eine halbe Stund'!« »Wa–as?« »Mein Atelier is keine zehn Minuten von da.« »Hoho! Stolz lieb' ich mir den Spanier! Nein, Gwinner, ich hab' wirklich keine Zeit. Im Ernst: drei Tag' erübrigen sich oft leichter als wie eine halbe Stund'. Aber schicken S' uns dann nur Ihr Bild! Ich bin in der Jury. Freilich: sechs Quadratmeter! Mensch, warum net gleich sechzig? – Werden uns hart tun. Aber schicken S' es doch! Wollen schau'n! Wenn ich's bloß halb so gut find' wie Sie selber ...« »Dank' schön, Herr Professor; und das is ganz recht, aber ...« »Was denn: aber?« Nun schoß Toni endlich mit seinem wahren Anliegen hervor: er hätte sich halt gedacht, der Herr Professor – wenn er die Sache gut fände, natürlich – könnte ihm vielleicht ein paar empfehlende Worte an Sauerländer telephonieren. Das war denn nun ein starkes Stück von Zumutung. Den Kunsthändler, den Staudacher im Grund als sein persönlichstes Privateigentum betrachtete, sollte er nun gar noch bestärken in der dummen und lästigen Angewohnheit, Teile seines Betriebskapitals auf fremde Bilder zu verläppern? Nein, der Meister bedauerte. Einfach sein Gewissen erlaube ihm nicht, ein Bild zu empfehlen, das er gar nicht kenne. Darum eben solle er es sich ansehn, verlangte Toni. Und da er fest blieb und mit dem Mute der Verzweiflung weiterdrängte, kam es zutage, daß Staudachers Gewissen immer noch eher mit sich handeln ließ als seine Bequemlichkeit. Gegen das Telephonieren schien er jetzt auch noch etwas zu haben. Aber schön, gut, es sei abgemacht: schreiben wolle er an Sauerländer. Gleich morgen früh. Nun hatte der starke Mann wohl zu oft bei sich selbst feststellen können, was für Resultate das Verschieben auf den nächsten Tag zu zeitigen pflegt. Er wich und wankte nicht, so daß sein gutherziger Lehrer sich schließlich, um ihn nur loszuwerden, hinsetzte und einen Briefbogen mit seinen berühmten großen Lettern zu füllen begann, die wie gemalt aussahen und höchst schwungvoll dekorativ wirkten. Die Geheimnisse einer geläufigen Kurrentschrift waren diesem Professor und Doktor stets böhmische Dörfer geblieben. »Wie heißt Ihr Bild?« fragte er unter dem Schreiben. »Raub der Proserpina.« »Hm, net schlecht, net schlecht.« Na ja, wer sollte denn auch Respekt vor einem klassisch gebildeten Motiv haben, wenn nicht ein hochgekommener Häuslerssohn! So, nun war es so weit. Der Meister schmiß seine Signatur unter den Bogen, löschte ab und überreichte ihn Toni, damit der ihn läse, während er das Kuvert adressierte. »Also, Gwinner, Sie Räubersg'sell, sind Eure Exzellenz jetzt zufrieden?« »Ah! Ja! Dank' schön! Alles, was recht is! – Aber wenn Herr Professor es net gern tun ...« sagte Toni edel und großartig. Als jedoch Staudacher die Hand nach dem Bogen ausstreckte, rief er hastig: »Ach, bemühn sich doch Herr Professor net weiter! Hineintun und zupappen kann ich schon selber!« Urplötzlich war es ihm zugleich aufgegangen, wie kostbar die Zeit des Meisters wäre. Keine Minute wollte er ihm rauben. »Uff!« machte er, als er wieder unter den Pappeln der Leopoldstraße stand. »Das war eine schwere Geburt!« Und höchst undankbar fügte er hinzu: »Herrschaft, is das ein Stiesel! Und den Dreck, den er malt! Wo er doch einmal verflucht was gekonnt hat! Naa, wenn man so ein Rindviech wird von der sogenannten Berühmtheit, pfüet di Gott, dann pfeif' ich schon gehorsamst drauf!« So stark aber war sein Abscheu vor den ersten Staffeln auf der Leiter des Erfolges denn doch nicht, daß er etwa das Empfehlungsschreiben irgendwoanders hingeworfen hätte als in den nächsten Briefkasten. Drei Kreuze malte sein Zeigefinger dazu in die Luft, dreimal markierten seine Lippen ein Ausspucken. Jetzt durfte er kommen, der goldne Regen, von ihm aus als Wolkenbruch!   Aber siehe da, vierzehn Tage gingen ins Land, ohne daß sich das geringste segenspendende Gewölk an Tonis Himmel zusammenballen wollte. Sauerländer war Kunsthändler, also mehr Verstandes- als Gemütsmensch. Und sein Verstand sagte ihm, daß die Maler in mancher Hinsicht wie Apfelbäume zu behandeln sind: Man braucht ihnen zwar nicht die Raupen abzulesen – die kann man ihnen gönnen –, aber man schüttelt sie zweckmäßigerweise erst dann, wenn man sie mit schlauer Geduld hat zeitig werden lassen. Toni gewann derweil etwas Vergeistigtes, um soviel länger wurde sein Gesicht mit jedem Tage. Auch grüner wurde es zusehends, da seine Galle arge Strapazen erlitt durch Zorn über den vermaledeiten Theo, der es immer wieder für witzig hielt, sich mit unerschütterlichem Ernst zu erkundigen, ob denn nun Sauerländer heute dagewesen wäre und wieviel braune Lappen er hinterlassen hätte. Hölle und Teufel nein: wer den Schaden hat, braucht für die Teilnahme nicht zu sorgen. Und eben diese Teilnahme wuchs Toni in einer Weise zum Halse heraus, daß er etwas tat, was ein Kriminalist nur als Urkundenfälschung in idealer Konkurrenz mit Hochstapelei bezeichnen könnte. Ihm fiel ein, in welch wirkungsvoller Weise er seinerzeit auf der Akademie die Arbeitspausen damit ausgefüllt hatte, daß er Organ und Ausdrucksweise des Ritters von Staudacher täuschend kopierte. Da der Meister selbst ihn mehrmals dabei erwischte, hatte dies sämtlichen Zuhörern immer große Freude bereitet, und Toni war so nett, selbst einem Kunsthändler, der ihn schlecht behandelte, einmal ein Vergnügen zu gönnen. Also zauderte er nicht lange, sondern eilte auf die Hauptpost, zog die Tür einer Telephonzelle sorgsam hinter sich zu, opferte ein sauer erborgtes Zehnerl und rief seinen, ihm bisher allerdings nur vom Sehen bekannten Geschäftsfreund an. »Hallo! Hier Moderner Kunstsalon Adrian Sauerländer«, so meldete sich eine gleichgültig leiernde Frauenstimme. »Hier Professor Doktor von Staudacher«, sprach Toni würdevoll. »Ah, die Ehr', Herr Professor! Ja, ich ruf' den Herrn Sauerländer. Moment!« »Haut schon!« triumphierte Toni, während er den Sprechtrichter vorsorglich mit der Hand zudeckte. »Sauerländer«, rief jetzt durchs Hörrohr eine sonore Männerstimme, die jede Silbe selbstgefällig und schön artikulierte. »Ich wünsche Ihnen einen guten Abend, Herr Professor. Und womit kann Ihr Gehorsamster Ihnen dienen?« »Sie, Sauerländer«, fragte der Schwindler in der jovialen Weise des Meisters. »Ja, Mensch, was is denn mit Ihnen?« »Herr Professor?« »Haben S' denn meinen Brief net gekriegt, oder können Sie nimmer lesen?« »Ja–a. Herr Professor, ist denn das so dringend?« »Er fragt! Er fragt!« entgegnete Toni. »Natürlich is es dringend, nämlich für Sie!« »Immer gut aufgelegt, der Herr Professor!« scherzte die Stimme, wie es schien, etwas krampfhaft, und fuhr dann, weniger sonor und artikuliert, vielmehr die Silben in der Eile überhudelnd, fort: »Herr Professor, Sie schrieben doch selber, Sie brauchen es erst zum Ersten. Und zwanzigtausend! Ich sitz' selber nicht so drin. Wer kauft Kunst, bei den Fleischpreisen! Und für Bilder, die noch gar nicht gemalt sind ...« – Ooha! hätte Toni beinah gesagt. Er besann sich aber gerade noch rechtzeitig und stellte sich wieder auf die Beine seiner Rolle, die jetzt nichts andres von ihm verlangen konnte als ein gespanntes Schweigen. »Sie wissen, Herr Professor, ich bin tout à vous und tu', was ich kann«, so quäkte das Telephon unentwegt weiter. »Aber lassen Sie mir Zeit! Ich weiß wirklich nicht, woher nehmen! Und ohne daß Sie mir den Bankzinsfuß vergüten ... Wenn es die Bank überhaupt tut! Bedenken Sie doch: die Zeiten! Ja, und jedenfalls ... Ich komm' nächstens vorbei. Wir müssen auch wegen der Bedingungen reden. Ja ...« Schmerzlich zitternd verklang diese Schlußsilbe. Hier kam Sauerländers Menschliches zutage. »Sind S' nun fertig, Mann Gottes?« erkundigte sich Toni, genau in dem Tonfall, mit dem Staudacher diese Frage zu stellen pflegte, wenn einer seiner Schüler ihm gegenüber sein künstlerisches Persönlichkeitsrecht verfochten hatte. »Herr Professor, ich kann heute wirklich noch nichts andres sagen.« Tief wehmütig klang das. »Ja, Sauerländer, Sie, Sie Kunsthändler, hab' ich Sie danach schon gefragt?« »Wie?! Was?!« »Glauben denn Sie, ich ruf' Sie wegen der Lappalie an?« »Lappalie, sagt er, und ich schwitz' Blut!« wehklagte der Geschäftsfreund. »Ja, daran erkenn' ich Sie, Herr Professor!« »Und das is die Hauptsache!« entgegnete Toni frech. »Nein, was ich Sie fragen wollte: waren Sie schon bei dem jungen Gwinner?« »Jungen: was?« »Gwinner, G wie Genie, W wie Wunderknabe, Anton Gwinner, der Schüler von mir! Ich hab' Ihnen doch geschrieben.« »Ach, wegen dem Bild? Was war es? Orpheus und Euridietsche?« »Nix Dietsche! Raub der Proserpina.« »Nu, wenn schon Proserpina! Wer kauft mir die alten Griechen!« »Haben Sie einen Begriff, Sauerländer! Nix alte Griechen! Aber, gut, lassen Sie's! Heut am Tag' noch schreib' ich's dem Jacobi! Der kauft's! Nehmen Sie Gift drauf!« »Nein?« klang es erschrocken zurück. »Das werden S' nicht tun, Herr Professor! Der Jacobi! Der Blutsauger! Der Fatzke in Lackstiefeln! Der Preisverderber! – Mich dauert ja bloß der arme junge Mensch!« »Wenn Sie das Bild doch net wollen, Sauerländer!« »Nu, Herr Professor, überlegen kann man's. Und anschaun kostet kein Geld.« »Anschaun und kaufen, Sauerländer, das is hier eins.« »Ja, is er denn wirklich so gut, der ... der Dingsda?« »Wenn ich ihn Ihnen empfehle! Oder hab' ich Sie schon so oft gedrängt, zu kaufen?« »Nein, da müßt ich schon lügen, Herr Professor! No ja, freundliche Briefe ... Aber Sie haben mir ja selber, wie oft!, gesagt, das ist für Sie die einfachste Art, sie loszuwerden, die Wanzen.« »Wanzen sagt er!« rief Toni unbesonnen. »Ich?« fragte der Händler. »Nein: Sie!« »No ja, natürlich! Aber der Gwinner, das is doch ganz was andres! Das hätten S' doch gleich am Ton merken können von meinem Brief.« »Am Ton? No schön: am Ton! Ich hab' nichts gemerkt am Ton. Aber ich bin kein Schriftsteller, unberufen!« »Na, dann wissen Sie's jetzt, Sauerländer! Also: wollen Sie hingehn oder net?« »Ich geh', Herr Professor, ich geh'!« »Wann?« »Nächster Tage.« »Morgen?« »Kann ich nicht so genau sagen.« »Morgen um zwölf, Sauerländer. Daß er auch daheim is! Ich schreib' ihm gleich. Aber sicher!« »Sagen wir: zwischen zwei und vier, Herr Professor!« »Auch recht! Sie, Sauerländer, und daß Sie mir fei net knickern! Ich hab' den Gwinner schon instruiert, was er verlangen muß!« »Sind Sie auch noch ein Mensch, Herr Professor? Macht mir schon die Anfänger aufsässig! Mit wem soll ich denn ein Geschäft machen? Mit Ihnen?« »Sauerländer, und wenn Sie's haben, schicken S' uns das Bild für die Internationale! Da bringen S' es alles wieder dreifach herein!« »Und wird es dann auch ausgestellt? Ist das gewiß?« »In unserm Ehrensaal, Sauerländer!« »Ehrensaal? Nu machen Sie keine Witze! So sieht se aus, Ihre Hängekommission.« »Jawohl, Sauerländer, diesmal zeigen wir's ihnen, den Zeitungsschmieranten!« Ein verständnisinniger Pfiff kam durch das Telephon. »Hu – itt! Die Presse, jawohl! – Nu, ich sag' nichts auf die Presse! Ich steh' mich gut mit der Presse.« »Und recht haben S' darin, Sauerländer! Also, greifen S' unbesorgt in den Beutel!« »Wie er red't, der Herr Professor! Was nützt Ihnen das, wenn ich mich ruinier' in dem ... in dem ... Wer kann den Namen behalten!« »Gwinner. – Sie werden ihn sich schon merken müssen, Sauerländer.« »Schauen Sie, Herr Professor, wo Sie doch selbst ein Attentat auf meine Kasse vorhaben!« »Ah, das hält die schon aus! Darüber reden mir noch. Also morgen zwischen zwei und vier! Net vergessen! Grüß Gott, Sauerländer.« »Die Ehre, Herr Professor.« »So war er doch sonst nicht. Der Mann wird alt!« sprach Sauerländer seufzend, während er das Hörrohr einhängte. Der falsche Staudacher aber vollführte noch in der Sprechzelle einen kleinen Schuhplattler. Das war ja über alles Erwarten gelungen! Fünftausend Mark, und keinen roten Pfennig weniger, sollte er bluten, der Bilderpraxer! Ja, wenn unsereins net schlauer wär' als wie ein Kunsthändler, da wär' man freilich verratzt! Und so gut war nach dieser höchst unkorrekten Tat Tonis sonst doch manchmal kränkliches Gewissen, daß er, kaum nach Hause gekommen, zu Theo rannte und sich ganz schamlos dick tat mit seinem Meisterstreich, trotzdem ihm eine kaum schon kaltgewordene Erfahrung hätte sagen können, daß es hie und da ärgerliche Folgen nach sich zieht, wenn man ungelegte Eier in Gegenwart von Leuten begackert, deren Vorliebe es ist, andre zu frozzeln. Aber zu seiner Genugtuung schwoll der Nachbar förmlich an vor Neid. »Dann krieg' ich vielleicht auch meine hundertsiebenunddreißig Mark fünfundsiebzig wieder«, sagte er giftig. »Dir noch was pumpen, Affe!« protzte Tom.   Als es nun aber am nächsten Tag vier Uhr schlug, und ein Viertel nach vier, und halb fünf, ohne daß irgendein Zeichen auf Sauerländers Nahen hätte gedeutet werden können, da übermannte Toni ein böser Katzenjammer ob seiner gestrigen Redseligkeit. Wenn der verdammte Bilderverschleißer nun wirklich ausbliebe, dann könnte Theo sich schön revanchieren für den Hohn, mit dem man ihm neulich seine Begeisterung darüber verdorben hatte, daß von der »Jugend« endlich einmal wieder zwei seiner tief allegorischen Blätter angenommen worden waren. Heiliges Kanonenrohr, was nützt einem das Maul, wenn man es nicht halten kann! Und wie schön aufgeräumt das Atelier sich präsentierte! Nicht einmal mehr schamhaft verlarvte Wapperln gab es zu entdecken; denn Toni hatte sich mit seinem Möbellieferanten und andern unangenehmen Brüdern auf Monatsraten geeinigt, für deren Bezahlung bislang ein guter Freund sorgte, der übrigens nicht etwa Theo hieß. Es sah richtig wie bei einem wohlsituierten jungen Mann aus, der das Malen überhaupt nicht nötig hat, und bei dem es niemand so leicht riskieren würde, schundige Preise zu bieten. Die Wirkung war fabelhaft, ging aber ohne Sauerländer leider ins Leere hinaus. Toni saß vornübergeneigt auf der Kante desselben Klubsessels, in dem er vor knapp drei Monaten beinahe Trautchens Herz erobert hätte. Die Ellbogen bohrten sich ihm grausam in die Knie, seine Finger zerstörten zappelig den Schwung der mit soviel Sorgfalt und Legerität über die rechte Stirnseite herabgekampelten Künstlerlocke. Plötzlich riß es den geknickten Maler empor. Ja, wahrhaftig: es schellte, kurz und energisch. »Natürlich! Als ob ich einen Moment daran gezweifelt hätte?!« rief er. Wenige lange Sprünge, und er war draußen und – mußte an der Tür noch etwas verziehen, bevor er öffnete, teils um sich zu verschnaufen, teils um die auf Preise haltende Würde zu wahren. »Habe ich die Ehre, Herrn Kunstmaler Gwinner ...?« fragte wohltönend ein spitzbäuchiger kleiner Herr mit glattrasiertem markanten Gesicht und lebhaften Händen. Der Oberammergauer verneigte sich aus seiner Höhe herunter und fühlte sich sofort sicherer infolge des Miniaturformates des Fremden, das ihn doch wieder gleichsam überraschte, trotzdem er den Kunsthändler ja vom Sehen kannte. Jawohl ja, das war schon sein Mann. Er hatte so sehr seinen Stil, daß Toni ihn wirklich hübsch fand, eine Beurteilung, wie sie dem Gast gewiß noch nicht oft widerfahren war. »Sauerländer heiß' ich«, so bestätigte dieser dem nun auch wirklich seine Identität. – Bumm! knallte etwas von unten hart an die Klinke von Theos Ateliertür. Toni blickte nur flüchtig hin. – Ja, schau nur durchs Schlüsselloch und zerplatz! dachte er herzlos. Du hast jetzt eine g'sunde Dullen im Schädel, und ich hab' Sauerländer! »Wollen Sie näher treten, Herr Hofrat!« sagte er dann laut. Er hatte keine Ahnung, ob er dem kleinen Herrn diesen Titel zu Recht verlieh, kalkulierte aber, daß selbst ein Irrtum in derlei Dingen schwerlich als Beleidigung aufgefaßt würde. »Bitte, Herr Hofrat!« flötete er schmelzend und hielt die Tür. Sauerländer trat über die Schwelle und hemmte dort nur für eine Sekunde den Schritt. Flink abschätzend musterte er das Atelier bis in den hintersten Winkel und schoß einen Seitenblick zu seinem Wirt hinauf. – Die Möbel von sämtlichen Bekannten zusammengepumpt! Fauler Zauber! stellte er, höchst ungerecht, bei sich fest. Dann ging er in geradezu nachtwandlerischer Sicherheit gegen das Fenster, drehte sich um und stand genau so, wie es nötig war, um den »Raub der Proserpina« auf die richtige Entfernung und im richtigen Licht zu haben. »Ist das das Bild?« Sein goldbeknopfter Stock wies auf die blühende Fleischpartie unterhalb des Rückens der schönen Persephoneia. Er fragte nicht etwa, weil er den geringsten Zweifel gehabt hätte, sondern aus Liebenswürdigkeit. »Jawohl, Herr Hofrat«, versicherte der Maler, beglückt, diesem Mann etwas Neues sagen zu können. Ein langes Schweigen folgte, während dessen Toni mit klopfendem Herzen zu erraten bestrebt blieb, was für einen Eindruck von seinem Werk dieser ernste Beobachter da wohl hätte. Aber eher wären die Züge der großen ägyptischen Sphinx mitteilsam zu nennen gewesen als Sauerländers ehernes Antlitz. »Haja«, sagte er endlich und wendete den immer gleich leeren Blick auf seinen Wirt. »Wie kommen Sie zu dem Format?« »Ich? Aber ich mein': es is doch ausgefüllt? Und grad, wie es in den Raum komponiert is ...« Die rechte Hand des erschrockenen Künstlers suchte durch zusammenballende und formende Bewegungen seinen stolpernden Worten mehr Beweiskraft zu geben. »Tja, jawohl«, nickte der andre kühl und wiederholte unbeirrt: »Das Format ist un–mög–lich.« »Warum?« »Zu groß, voilà ! Nur das Sofabild hat eine Zukunft.« »Aber darnach kann doch ein Künstler net ...!« »Muß er ja nicht. Regen Sie sich nicht auf! – L'art pour l'art , weiß ich! Der Künstler malt, was. er will. Haja! Und das Publikum kauft, was es will. Eccolo ! Ich bitt' Sie: sechs Quadratmeter! Oder?« Der Händler ließ seinen Blick um die Leinwand jagen und stellte dann abschließend fest: »Nein, gradeaus sechs: keinen Zentimeter mehr oder weniger«. »Haben Sie ein Augenmaß, Herr Hofrat!« rief Toni fast verzückt. »Och ja.« Von diesen kleinen unter seinen Gaben machte ein Sauerländer nicht viel Wesens. »Schaun S', Herr Hofrat, natürlich: daß sich das kein Spießer in die Wohnstube hängt ... Aber das is mir wurscht!« »So? No ja, dann!« Beruhigt klang das. »Herr Hofrat, ich mein' doch aber: als Galeriebild?« »Ich hör' immer: Galeriebild!« Ein unbändiges Staunen glotzte aus Sauerländers Augen. Mitleidig fügte er hinzu: »Sie sind wohl noch sehr jung?« »Das ist ja vielleicht kein Fehler«. »Tja, in einer Beziehung ... Die Mädchen schätzen es. Sie schätzen zwar auch andre Sachen, aber sie schätzen es. Eh bien ! Nun und: wonach werden hingegen in zivilisierten Ländern die Galerieankäufe gemacht?« Der kleine Herr schmiß sich in die Brust und trompete die Antwort hervor: »Nach der Anciennität!« »Aber! Ein Bild, von dem wo der Professor von Staudacher ...!« so ließ Toni seine große Kanone losböllern, »Er hat Ihnen doch geschrieben«. »Sogar telephoniert«, erwiderte Sauerländer. Auf dem Grunde seiner leeren Augen, die sich dem Maler jetzt gerade ins Gesicht bohrten, funkelte ein Schein von innig vergnügter Schlauheit, als er fortfuhr: »Ja, da haben Sie wirklich einen großen Bewunderer gefunden; alles, was recht ist, Herr ... Herr ...« »Gwinner«, half ihm der andre ein, unwillkürlich verwirrt. »Richtig! Natürlich: G wie Genie, W wie Wunderknabe ... Auf die Art nämlich«, erläuterte der Dicke kordial, »hat mir der Staudacher Sie vorbuchstabiert am Telephon. Wollen Sie's glauben!« Toni antwortete in naiver Fröhlichkeit: »Schau, schau! No ja, ein Spaßettl! Aber er hält was auf mich, der Ernstl!« »Muß schon wahr sein, Wertester! Denn solche Töne ...« »Und, Herr Hofrat, wie finden Sie denn das Bild?« so unterbrach ihn der Maler ablenkend. »Es ist ein – Bild«, war die vieldeutige Antwort. Dann aber begab sich der Kleine zur Staffelei und führte seine Augen aus solcher Nähe vor der Leinwand auf und ab, daß man befürchten konnte, seine kühn gebuckelte Nase müsse sie streifen. »Interessante Technik«, bemerkte er nach einer Weile. »Aber unsolid.« »Unsolid?« »Also: lange, bevor ich es wieder losbringen könnte ... Was red' ich: in drei Jahren kennen Sie das Bild selber nicht wieder! Da sitzt da ein ganzes Netz von Krackelüre, so breit jeder Riß!« »Wie ein alter Meister hält das sich!« widersprach Toni lebhaft. »Also, mein heiliges Ehrenwort!« »Wozu, Wertester! Ehrenwort ist Ehrenwort. Heben Sie es sich auf für Fälle, wo es Ihnen gezahlt wird! Ich kauf' das Bild nicht.« »Sie – kaufen es – nicht?« »Was tu ich damit!« »Dann bedaure ich, daß Sie sich umsonst bemüht haben!« stieß der enttäuschte Maler grimmig hervor. » Pourquoi? – C'est mon métier. « Sauerländer zuckte die Achseln. »Nu, und warum? Haben Sie sonst nichts? Kleine Sachen? Billige Sachen?« Eine neue, bescheidenere Hoffnung erwuchs in Toni. Bald stand eine Reihe von Bildern und Studien längs allen vier Wänden des Ateliers am Boden. Trautchen hatte diese Sachen gut gefunden. Der beleibte Herr schlenderte prüfenden Blicks daran entlang und rümpfte seine Nase so verdammt kritisch, daß sein Wirt es mit der Angst bekam und sich die Worte entschlüpfen ließ: »Es ist ja mehr Atelierscheps.« Auweh, das hätte er nicht sagen sollen! Er fuhr also großartig fort: »Das andre is alles verkauft, natürlich!« Jawohl, er kannte sich schon noch aus darin, wie man solch einem Ekel imponiert. Sauerländer nickte sanft. »Ich lass' mich manchmal rasieren beim Prschiwanek.« »Sie wissen?« Tonis Mund blieb weit offen stehen. »Er hat mir die Sachen angeboten. Aber, wer kann da ...? Unsinnige Preise!« »So ein böhmischer Hund! Und wissen Sie, was er mir gezahlt hat? Stück um Stück fünfzig Mark!« »Diese kleinen Leute!« warf der Händler mißbilligend hin. »Man sollte sich damit nicht einlassen! Das ist doch kein Geschäftsmann. Ich bin zwar auch kein Geschäftsmann. Wie oft hör' ich das von meiner Frau: ›Adrian, du kaufst wie ein Mäzen! Kannst du dir das leisten, Adrian?‹ – Nu, hol' mich der Teufel, ich sag' Ihnen was! Ich fall' dabei 'rein, aber ...« Seine gepolsterte Hand mit dem hypnotisierend blitzenden Brillanten am kleinen Finger machte eine kühn das Atelier umfassende Bewegung. »Ich nehm' den ganzen Scheps, wie Sie selbst bemerkten! Schlagen Sie ein, bevor es mich wieder reut! Tausend Emm!« Das Wort Mark getraute sich scheinbar selbst Sauerländer in diesem Zusammenhang nicht ohne spaßhafte Stilisierung auszusprechen. »Tausend, für alles?« stammelte Toni entgeistert, und sein Zeigefinger überzählte flüchtig die Leinwanden, »Dreiundzwanzig Stück!« »Vierundzwanzig«, verbesserte der andre sachlich. »No ja, oder vierundzwanzig. Da zahlt mir der Prschiwanek ja mehr.« »So? – Zahlt er mehr, dann haben Sie recht: geben Sie's ihm! Aber wir machen uns doch nichts vor! Der Mann hat ja noch nie tausend Mark auf einem Haufen gesehn! Ich ... Sie kriegen tout de suite ein schönes Stück Geld auf die Hand. Und wenn ich mich um Sie annehm', sind Sie gleich eingeführt.« »Lassen Sie einem nur einen Moment Zeit, Herr Hofrat!« »Bitte, bitte!« Sauerländer konnte gut warten. »Gut!« sagte Toni mit einem Ruck. »Es is ein Spottgeld. Aber meinetwegen, wenn Sie den ›Raub der Proserpina‹ auch nehmen ...« »Ja, aber der gehört doch dazu!« Der Händler schüttelte sich förmlich vor Verwunderung über soviel Naivität. »Was?!« »Ja, lieber Herr. Glauben Sie: für den Scheps allein?« »Ein Bild, das Sie jedenfalls für fünftausend Mark ...!« »A was! Das Bild ist unverkäuflich! Absolument ! Nehmen Sie Gift drauf!« »Zu was wollen Sie es dann?« »Das kann ich Ihnen sagen. Wertester: es meiner Frau zum Geburtstag schenken! Und privatim darf ich mir keine Phantasiepreise leisten.« »Und Sie wollen mir einreden ...? Ach, Herr Sauerländer!« Nicht einmal des Hofratstitels würdigte Toni diesen Proleten mehr. »Es ist in ihrem Boudoir gerade so eine Wand frei geworden. Und in was für Hände Ihr Bild kommt! Meine Frau! Und was glauben Sie: die Leute, welche sich da versammeln! Tout Munich , die crême de la crême ! Eine Bombenreklame, Herr!« »Mein letztes Wort, Herr Sauerländer: dreitausend für alles!« So schlank massiert waren Tonis dicke Ansprüche schon durch die sachgemäße Behandlung des kleinen Herrn. »Ausgeschlossen!« »Wieviel also?« »Tausend, hab' ich ja schon gesagt.« »Und wissen Sie, wie ich das nenne?!« »Behalten Sie es für sich, werter Herr, behalten Sie es für sich! Das gibt nur Bitterkeiten für die Zukunft. Überschlafen wir es uns beide! Ich will noch mehr tun: überschlafen Sie sich's allein! Ich halt' mich noch drei Tage an mein Limit gebunden. Hab' die Ehre, werter Herr! Da geht's hinaus, ich weiß. Bemüh'n Sie sich nicht!« Aber Toni ging mit: es kochte in ihm, er mußte diesem Schubjack die Meinung sagen und suchte nur nach den richtigen schlagenden Worten. So, jetzt hatte er sie. »Also, auf gut deutsch ...« begann er. Da wendete sich Sauerländer, die Hand schon an der Klinke der Flurtür, noch einmal um und fiel ihm mit einem ganz fatalen Feixen in die Rede: »Und wenn Sie bei kaltem Blut, und Sie überlegen sich die Sache ... Sie brauchen mich nur anzurufen: Nummer ... Ach Pardon: Sie kennen die Nummer ja noch vom letztenmal hehehe; G wie Geniestreich, Spaß! Au revoir ! War mir ein Fest! Hehe!« Toni erstarb jeder Laut im Munde. So lang er war, und so klein der andre – auf die Art gemein von oben herab angesehen hatte er sich in seinem ganzen Leben noch nicht gefühlt. Sauerländer verzog hinter der geschlossenen Tür noch einen Moment. »Er!« lächelte er in einem geradezu verächtlichen Mitleid. »Mich!« fuhr er selbstgefällig fort. Als ein Mann, der seine Zeit ausnutzt, hatte er nämlich die Fahrt nach Schwabing gleich mit einer geschäftlichen Besprechung auf dem Atelier des Ritters von Staudacher verknüpft. Und diesem Besuch verdankte er neben andern Kenntnissen auch sein genaues Augenmaß für die Größe von Tonis Bild. Er war wieder einmal durchaus einverstanden mit sich. Jawohl, Sauerländer blieb Sauerländer. Ein überlegener Mann, wo er sich's leisten konnte. Und er konnte sich das fast immer leisten.   Toni war zu verblüfft, um sich sofort die pekuniären Folgen des Ereignisses klarzumachen. Er vermochte gerade noch in sein Atelier zu wanken, und da fiel er krampfhaft in den Klubsessel, der ihn schon während so mancher bedeutenden Stunde seines Daseins zwischen den ledernen Armen gehabt hatte. Himmel, Himmel! Ganz blöd werkelte es unter seiner Hirnschale. Er konnte kaum erst ringen um den Entschluß, sich selbst mit der nötigen Erhabenheit zu erzählen, daß ihm das alles schnuppe wäre und daß er auf Sauerländer, na, sagen wir: pfiffe. Da kam ihm, wie das bei Götterlieblingen so zu gehen pflegt, die Hilfe von außen. Lautlos öffnete sich die Tür erst zur Spaltbreite, dann spähte Theos schmaler, rothaariger Kopf herein, wurde sprechend wie ein verständnisvolles »Aha!«, zeigte, daß auch noch eine Schulter mit ihm 'n Verbindung stand, und auf einmal war der ganze lange Kerl drinnen. »Nu, hat er es nich gleich mitgenommen?« erkundigte er sich mit infamer Harmlosigkeit und deutete nach der Staffelei. Toni saß plötzlich, als hätte er einen Malstock verschluckt. »Pö!« machte er voll Verachtung. »Der Mistgockel!« »So? Nu ja ...« entgegnete Theo aufreizend sanft und lakonisch. »Hat die Frechheit, mir dafür – viertausend Mark zu bieten!« »A was?« Die Augen des preußischen Bundesbruders wurden groß. »Für das alles?« fragte er mit einer weiten Handbewegung. – Er hatte den sauber aufgereihten Scheps längst bemerkt. »Du spinnst wohl?« fragte der Oberammergauer zurück. »Für die Proserpina!« »Äh!« Sehr gläubig klang dieser Naturlaut nicht. »Nu, und du?« »Das kannst du dir wohl denken!« brüstete sich Toni. »Ihm einmal die Meinung gesagt, wie er's noch net gehört hat! Ihn zusammengeputzt, den Schundnickel, daß er in keinen alten Schlappschuh mehr 'neinpaßt!« »So siehst du aus!« stellte Theo freundlich fest. »Der kommt schon wieder!« behauptete der starke Mann mit eiserner Stirn. »Wenn ich alles so genau wüßte!« Na, na!« gab der Nachbar zu bedenken. »Hättest du doch die – zweitausend lieber genommen!« »Kamel!« knurrte Toni. Es war ihm jedoch eine Genugtuung, daß ihm sein intimster Freund wenigstens so viel geglaubt hatte. »Zu was brauch' denn ich überhaupt einen Kunsthändler!« fuhr er lässig fort. »Ich schick's in die Internationale. Da bringt's das Doppelte. Wirst du sehn!« »Ja, wenn sie's nehmen!« »Nehmen?! – Wo der Staudacher ganz weg is von dem Bild!« »Das hast du zwar Sauerländer telephoniert ...«, grinste Theo. Der starke Mann sah ein, daß er sich verschnappt hatte, und mußte sich zunächst etwas sammeln. Dann entschloß er sich kurz und klug, die Sache komisch zu nehmen, und lachte laut und herzlich. Theo stimmte ein, war aber doch so unfreundlich, alsdann seine Bedenken zu äußern. So einen Riesenschinken anzunehmen, würde sich die Jury wohl schwer hüten. »Mit Kußhand ...! Hab' du keine Sorge!« äußerte Toni zuversichtlich. »Sie nehmen es!« wiederholte er und fügte eilig hinzu: »Außerdem, unbesorgt: ich mal' ihnen kleinere Formate auch noch!« »Leere Drohung! Als wie du?« spöttelte der Freund. »Und weißt du, was ich jetzt mal'?« jubelte der starke Mann plötzlich hell heraus. »Das wird zum Schießen! Den Sauerländer mal' ich, als Bel zu Babel, wie er Kunstmaler auf dem Kraut frißt!« »No ja, eine Idee!« gab Theo zu. »Das kauft er heilig!« »Is mir doch absolut wurscht!« Und jetzt hätte keiner mehr unsern Toni der Lüge zeihen dürfen: es war ihm Wurscht. So sind sie nun, diese Künstler! Siebentes Kapitel. Weltflucht Der Mensch gewöhne sich an alles, behauptet der Volksmund, der es sich mit dem Prägen schlichter Weisheiten überhaupt leicht macht. Und das Leben soll derartigen Sprüchen weiß Gott manchmal recht geben. Jedenfalls lieferte die Zeit, die auf Tonis negativ verlaufenen großen Schlag folgte, den Beweis dafür, daß auch etwas so Unwahrscheinliches wie die Arbeit zur Gewohnheit ausarten kann, auch bei den stärksten Männern, wenn die Vorbedingungen gegeben sind. Es ist dies ein Zustand gewiß der Verzweiflung, aber über deren Bitternis täuscht ein milder Zuckerguß freundlich hinweg: man fühlt sich so tugendhaft in seinem Fleiß und wiegt sich in dem guten, alten Kinderglauben, daß die Tugend zum Schluß doch belohnt werde. Diese großen Rosinen, die man unter Müh' und Plage im Sack hat, nennt man auf deutsch den Segen der Arbeit. Toni empfand ihn, war aber doch nicht sehr traurig, als er endlich wieder mehr oder weniger beruhigt Palette und Pinsel säubern durfte. Wie in einer Vergolderwerkstatt sah es in seinem Atelier aus, als der Ablieferungstermin für die Internationale vor der Tür stand. Fünf kostbare – er war dem Lieferanten vorher nichts schuldig gewesen – und bestechende Rahmen umschlossen genau soviel Bilder: den jetzt wahrhaft gigantisch wirkenden »Raub der Proserpina« und vier bescheidenere Genossen in dem handlichen Sofaformat, alle aber mythologischen Charakters. Hätte ein kleiner Junge in der naiven Form, wie Kinder derlei auszudrücken pflegen, den starken Mann gefragt: »Mythologie, geht das leicht?«, seine Antwort wäre mit Recht gewesen, daß sie sehr leicht ginge. Es öffnete sich hier ein weites und dankbares Feld; und auf die Art, wie Toni es beackerte, brauchte es dazu keine spezialistischen Fachstudien. Man malte etwas Lustiges, wie's einem gerade einfiel, und erfand sich nachher einen recht blöd' wirkenden Titel mit alten Göttern. Nichts einfacher als das! Und man hatte so gleich die im Handel geschätzte persönliche Note, die einem nicht auswendig genug an seinen Werken kleben kann, weil sie ihren praktischen Zweck verfehlt, wenn nicht auch der Begriffstutzigste sie sofort bemerkt und davon spricht. Das Schwätzen der Dummen ist ja trotz allen Fortschritten der Reklametechnik noch immer die beste und billigste Propaganda. Feder und Tinte gab es bei Toni nicht, und auch ihm waren die Geheimnisse einer geläufigen Kurrentschrift Geheimnisse geblieben. So borgte er sich denn zum Ausfüllen der Anhängezettel und der Meldepapiere von Theo ein Fläschchen Tusche und einen Aquarellpinsel. Mit flotten Schwüngen warf er seinen Namen, und was sonst nötig erschien, hin; das war schnell getan. Nur eine Rubrik machte Schwierigkeiten, und die sparte er sich bis ganz zum Schluß auf. Die Verkaufspreise, Himmelherrgott, die Preise! Was sollte er da einsetzen? Das kroch ihm schon seit Tagen im Hirn herum. Einerseits sagte er sich: Tüchtig verlangen! Denn abgehandelt würde ja immer. Auf der andern Seite aber erhöhte Wohlfeilheit gewiß die Verkaufsmöglichkeiten. Mit Theo konnte man von so was nicht reden: für faule Witze über die ernsthaftesten Angelegenheiten braucht ein Toni Gwinner keinen andern. Der starke Mann hatte sogar, mit einigem Zagen, den Versuch gemacht, sich bei seinem Meister Rats zu erholen, doch Staudacher war, als ihm gemeldet wurde, wer Einlaß begehre, leider verhindert gewesen, in Wirklichkeit nur, weil auch einem Palaisbesitzer die Zwanzigmarkstücke bei den schlechten Zeiten nicht gar so locker sitzen; aber der Abgewiesene fühlte sich übel begossen: natürlich hätte der Ernstl eine Schandwut auf ihn wegen des gefälschten Telephongespräches mit Sauerländer. Warum war er auch so ein Idiot gewesen! Der würde jetzt in der Jury keinen Finger für ihn rühren! Und ob die andern ...? Die Aussichten waren belämmert. Aber Preise mußte Toni hinschreiben. Und in einem Anfall verzweifelten Humors tunkte er den Pinsel ein und schrieb. Auf welche einfache Weise man doch den Wert eines Gegenstandes zu steigern vermag! Ein paar Ziffern, eine Handvoll Nullen: jetzt kostete das große Bild fünfzehntausend Mark, und jedes der andern fünftausend. Der Oberammergauer lächelte in sich herein. Doch wie sich die letzte Null gerundet hatte, erstarrte sein Gesicht zu einem sehr nachdenklichen Ausdruck. Es ließ ihm keine Ruhe: er mußte eine Probe auf die Wirkung seiner kühnen Tat machen. Wohl schwankte er noch ein wenig, dann jedoch begab er sich zu seinem fleißig an einer Zeichnung aktuellen Charakters schruppenden Nachbarn und stellte ihm mit ungewohnter Gewissenhaftigkeit Tuschflasche und Pinsel zurück, ohne ein Wort. Erst als er schon wieder im Begriffe war, die Tür hinter sich zuzuziehen, fragte er lässig und wie in einem plötzlichen Einfall: »Gehst du einmal mit 'nüber?« »Ja? Warum?« »Ich zeig' dir was«. »Nu, was is?« erkundigte sich Theo ungeduldig, als sie vor der goldgerahmten Mythologie standen. »Ich muß heute bis um zwei abliefern«. »Da stehn fünfunddreißigtausend Emm!« erklärte der Oberammergauer gespaßig. »Hä?« machte der Nachbar verständnislos, schaute Toni an, begab sich auf dessen erklärenden Wink zu den Bildern, musterte einen Anhängezettel nach dem andern und sagte schließlich sehr gefaßt und sehr trocken: »Mach bei jedem noch eine Null dazu! Dann sind's dreihundertfufzigtausend, und' du kannst dich zur Ruh' setzen. Aber ich hab' höchste Eisenbahn. Mahlzeit!« Und draußen war er. Toni fühlte sich im Innersten erschüttert. Nicht einmal seine brüllende Hohnlache hatte dieser Bursche aufgeschlagen. Man wurde hier also ganz einfach für übergeschnappt gehalten. Und es war ja auch natürlich ein Unsinn: er mußte die Preise ändern. Aber das Schicksal schien etwas dagegen zu haben. Die Leute des Spediteurs wollten die Bilder holen und erklärten, als Toni sie zu warten ersuchte, weil er mit den Papieren noch nicht ganz fertig wäre, dann kämen sie morgen wieder. Denn wo sie heute noch überall hinmüßten ...! »Also, weg mit dem Schaden!« sagte der leichtfertige Künstler und blickte hinter seinen Werken her, wie sie eins nach dem andern durch die Türe verschwanden und von jedem das Kartonrechteck mit den schönen runden Ziffern höhnisch zurückwinkte. »Is ja wurscht!« sprach er zu sich, als alles draußen war. »Die Deppen nehmen ja doch keins davon!« Und sonderbarerweise enthielt dieser Gedanke beinah etwas Tröstliches für ihn. Er jedenfalls wollte weiter nichts sehen und hören und zog in plötzlichem Entschlusse seinen Rock aus. Als Theo nach einer Viertelstunde, den Panamahut auf dem Kopf und die fertige Zeichnung gerollt in der Hand, bei ihm eintrat, erblickte er einen richtigen Hochalpinisten in kurzer Wichs, mit einem geschwollenen Rucksack und allen Utensilien für eine Hochtour beladen. »Na?« fragte er verblüfft. »Na?« fragte Toni kühl zurück. »Ahaha!« lachte der Nachbar. »Was: ahaha?« »So, so? Machst du jetzt endlich die berühmte Pumpfahrt zu dem reichen Vetter nach Oberammergau?« Der starke Mann kniff die Augen zu listigen Strichen zusammen. »Kann schon sein«, entgegnete er nebenhinaus. »Und mit dem Steigeisen«, höhnte Theo. »Damit du dem Vetter auf Wunsch gleich dem Buckel raufsteigen kannst«. »Jawohl, extra zu diesem Zweck«. »Seil dich nur gut an! Ich seh' dich schon morgen wieder hereinwanken, geknickt wie 'ne Lilie!« »Das wirst du zwar net sehn«, begann Toni sehr ruhig; doch der andre hörte ihn nicht mehr: er hatte plötzlich die Flucht ergriffen, weil ihm die Gefahr einer Anborgung um das Fahrgeld nach dem Passionsdorf drohend zu werden schien. Aber Theo mußte bald merken, daß seine schadenfrohe Prophezeiung sich nicht erfüllte: Tag um Tag verstrich, ohne daß etwas hereinwankte, was auch nur die entfernteste Ähnlichkeit mit dem Ateliernachbarn gehabt hätte. Toni war spurlos von dem Horizont seiner Freunde und des eifrig nachfragenden Gerichtsvollziehers verschwunden – niemand wußte, wohin. Und über dieses Rätsel sollte sich in der Folge noch gar mancher den Kopf zerbrechen.   Einen Menschen aber gab es auf Erden, der jeden Augenblick wußte, wo sich Toni befand, und es sogar spürte. Dieser Mensch hieß Carl Nordlind oder kurz: Calle. So nannte ihn alle Welt. Der Schwede war seit jenem festlichen Abend bei Ladurners unzertrennlich von den beiden Malern gewesen; und die hatten ihn großmütig in ihrer Mitte geduldet. Ein Freund, der sich fanatisch darauf kaprizierte, immer die Zeche für alle drei zu bezahlen und sich dafür noch mit echter Dankbarkeit jede Frozzelei gefallen ließ, das war wirklich keine alltägliche Erscheinung. Es sah so aus, als ob diese Seele von einem Skandinaven durch nichts gereizt werden könnte. Nur in einer Beziehung verstand er keinen Spaß: seinen Erzeuger mußte man für den größten Meister aller Zeiten und Völker halten und ihn selbst dementsprechend für einen fabelhaft berühmten Sohn. – Daß der Glanz des Vaters auch aus den Kindern Leuchten mache, ohne daß sie sonst etwas dafür mitzubringen brauchten, schien in dieser Familie so eine Art Dogma zu sein. Infolgedessen taten natürlich Toni und Theo nichts häufiger, als sich bei ihrem Freunde mit leiser Verwunderung erkundigen, ob denn sein alter Herr in Schweden als Maler wirklich so bekannt wäre. Und dies klang in einer Weise echt, wie wenn sie selber den Namen Nordlind kaum jemals vernommen hätten. Auf das hin wies ihnen der sonst so leutselige Calle vor Entrüstung kugelrunde Augen und schimpfte lästerlich. Beschränkte Chinesen wären sie beide, die immer hinter ihrer großen Mauer säßen, ohne eine Ahnung davon zu haben, was draußen die Welt bewegte. Er selber hatte sich kühn europäisiert: sein ganzer Bartwuchs war dem Schermesser zum Opfer gefallen. Also verschönt, plätscherte er wohlig in dem Strom des Vergnügens, besonders intensiv während des Faschings, und war allenthalben beliebt, weil er, wie man zu sagen pflegt, keine Stiefelsohlen fraß, hingegen im Verzehren von Weißwürsten mit deutschem Senf Wonnen entdeckte wie ein echter Altbayer, was der starke Mann als das einzige Zeichen wirklicher hoher Intelligenz an ihm feststellte. Überhaupt: auf Calle ließ Toni nichts kommen, hatte eigentlich auch nicht den geringsten Grund dazu. War es doch dieser großzügige Mensch, der ihm über die schweren Zeiten hinweghalf und ihm die Monatsraten an die Gläubiger und noch so manches vorstreckte. Man konnte das ja mit gutem Gewissen annehmen: diente doch auf die Art das Geld, das sowieso, hast du mir nicht gesehn, hinausflog, wenigstens den ernsten Zielen der Kunst. Von Kunst kam es, zu Kunst sollte es wieder werden. Und der alte Nordlind mußte wahrhaftig ein gutes Verkaufsjahr haben: als der erste Kreditbrief sauber verputzt war, erhielt Calle einen zweiten, und diesem folgte, nach etwas längeren ernsten Vorreden, wahrhaftig der dritte! Es ließ sich alles so an, als könnte das mit Grazie in Ewigkeit weitergehen. Da aber schien es auf einmal endgültig geschnappt zu haben. Vater Nordlind sagte beim vierten Male glatt: Nein! Und das war Calle kaum weniger unangenehm als Toni, der solch ein Benehmen ganz niederträchtig fand. Kläglich nach Schweden heimreisen, ohne das Ziel erreicht zu haben, das man erstrebte! Denn es soll wahrhaftig niemand glauben, daß der junge Nordlind bloß so gedankenlos in den Tag hineingelebt hätte. Er hatte das erstemal sehr dumm geheiratet. Nun ja, das lag hinter ihm: er war in aller Form Rechtens geschieden. Deswegen also hätte Trautchen die Erwähnung seiner Frau nicht so tragisch zu nehmen brauchen. Freilich wäre sie auch kaum die rechte für Calle gewesen. Dazu wandelten sie beide auf viel zu ähnlichen Wegen, er allerdings in wesentlich größerem Stil. Hatte er schon den verzweifelten Entschluß gefaßt, wieder in den Stand der Ehe zu treten, so verlangte er nun nicht bloß eine gute, sondern eine glänzende Partie. Und daß es ihm da schwerlich fehlen könne, war ja ganz klar, bei seinem Namen und seinem Range als so eine Art Kronprinz der Kunst! Sein Vater hegte die gleiche Meinung, und diese Pläne hatten seinen Beifall. Wer einem weltnotorischen Idealisten hieraus einen Vorwurf machen will, soll auf der andern Seite bedenken, daß er seinen Sohn kannte, ihm für andre Berufe also vielleicht keine übertriebnen Talente zutraute. Und bequemer mußte es ihm ja sein, wenn Calle statt seines eignen Geldes das einer fremden Dame zum Fenster hinauswürfe. Aber dem alten Manne fehlte jede Erfahrung. So schnell ging das nicht. Damit muß man sich abfinden, daß die größten Geschäfte die meisten Spesen fressen. Und kann man sich denn einbilden, die Millionenerbinnen wüchsen wild und liefen nur so herum? Die Sache war besonders fatal, weil in der Pension, wo Calle auf dem Anstand saß, gerade eine junge Amerikanerin ihren Wechsel hatte, der die Dollars nur so von der Stirn leuchteten. Sie nahm die Huldigung des Skandinaven mit der freundlichsten Heiterkeit auf, alles stand zum besten, und nun sollte er, so kurz vorm Hafen, umkehren! Das reiche Mädchen, das außerdem, ohne darauf angewiesen zu sein, hübsch war, wurde Toni gezeigt, und er bestärkte den Freund darin, daß ein Zurückweichen Wahnsinn wäre. Er müsse seinem Vater klarmachen, welche Summe hier auf dem Spiele stünde. Er müsse sich, wenn nötig: durch Diebstahl, eine Photographie von Miß Helen Bainbridge verschaffen und sie als Beweisstück nach Schweden schicken. Calle ließ sich schieben, er befolgte alle diese Ratschläge und verfaßte einen mit seinem ganzen Gemüt geölten Brief an den Alten, der denn auch zu dessen Herzen sprach. Die vierte Kreditanweisung traf ein, fiel jedoch wesentlich magerer aus als die früheren. Die Summe war so bemessen, daß sie für ein paar Wochen eines sachlichen, zielbewußten Lebens reichen konnte; für nebensächliche Allotria, wie die Unterstützung armer strebsamer Kunstmaler, bot sie kaum ein sehr breites Fundament. Und dies war nun Toni eine viel peinlichere Überraschung als Calle, der im Augenblick, wenn er sich's an seinen Freunden absparte, genug hatte, und für dessen Zukunft ja glänzend gesorgt war. Leider nur erlebte er zwei Tage nach dem Eintreffen seiner Goldfregatte eine ganz infame Überraschung. Miß Helen erschien zu Mittag nicht bei Tisch. Migräne natürlich. Als sie aber auch am Abend unsichtbar blieb und er fragte, stellte es sich heraus, daß sie abgereist war, nach Philadelphia U. S. A. Ohne von ihm Abschied zu nehmen! Ob sie denn ...? – Ja, doch: grüßen hätte sie ihn lassen. Aber nein, so ein dummes Mädel! Hatte wohl keine Ahnung gehabt von dem Glück, das ihr bevorstand! Diese Enttäuschung hinwiederum war Calle viel peinlicher als Toni. Der starke Mann hatte sich klar darüber werden müssen, daß seine Wurzen zu Darlehen in der bisherigen Form nicht mehr zu haben war. Aber deswegen verlor er den Glauben an Gott noch lange nicht, sondern paßte seine Taktik den veränderten Umständen an. Er selber hatte große Lust und gute Gründe, sich vor den Augen der Welt für eine Weile zu verbergen. So richtete er denn seinen gebrochenen Freund aus Schweden auf und erklärte ihm, er hätte bisher die Sache ganz falsch angefaßt. München wäre um die Jahreszeit das denkbar schlechteste Feld für seine Pläne. Jetzt müsse man Bergtouren machen in den Dolomiten. Droben auf den Hütten wimmle es nur so von amerikanischen Milliardösen. Calle wurde hellhörig, und sein vertrauensseliges Gemüt schöpfte auch keinen Verdacht, als Toni auf Umwegen damit herausrückte, daß das verdammt Teure bei solchen Geschichten die Bergführer seien, die man aber leider nicht entbehren könne. Zum Glück kam dem Oberammergauer plötzlich eine Idee: er als Gebirgler könnte das alles ja viel besser als diese happigen Brüder. Und, hol's der Teufel: wenn Calle wollte, der gute Kerl war bereit, sich zu opfern. Es mache ihm direkt Vergnügen, er tue es umsonst, der Freund brauche nichts, als unterwegs für ihn zu zahlen, und erspare dabei einen Scheffel Geld. So war es gekommen, daß die beiden in aller Stille nach Tirol verdufteten und dort durch die folgenden Wochen ein mächtiges Kraxeln vollführten. Der arme Calle, der nicht eben ein fanatischer Fußwanderer war, wurde dabei nur durch die stets wieder trügende Hoffnung weitergetrieben, in der nächsten Hütte endlich auf seine reiche Zukünftige zu stoßen. Er hatte viel auszustehen, denn Toni nahm sein Führeramt grimmig ernst und leistete eine Menge für Kost und Logis. Auf Gipfel und Türme und Spitzen schleppte er seinen schlotternden Freund; wenn der nicht gutwillig folgte, am Seil. Es ist schwer zu entscheiden, was dabei stärker in ihm war: die eigne Freude am Klettern oder das lieblose Amüsement über die Ängste des andern. Jedenfalls blühte er auf bei diesem Leben, während der Skandinave sichtlich verfiel und erst abends nach etlichen Schoppen von dem guten Spezial den richtigen gesprächigen Stolz über die vollbrachten Leistungen gewann. Toni war die ganze Zeit in dem hellen Bergrausch, der einen die Sorgen des Tales vergessen läßt. Sah er irgendwo die »Münchener Neuesten Nachrichten« hängen, so hielt er sich ängstlich fern davon und verbot auch Calle, das Blatt zu berühren. Solange er gar nichts wußte, durfte er sich immer noch in dem Traum wiegen, seine sämtlichen Meisterwerke prangten im Ehrensaale der Sezession. Das heißt: alle fünf? Da mußte er selber lächeln. Aber doch vielleicht eins. Na, jedenfalls, ihm war es wurscht: die ganze Malerei! Was scherte ihn die Welt, und was fehlte ihm! Nichts fehlte ihm! Bis dann, es war auf der Kölner Hütte, ein sehr betrüblicher Abend hereinbrach. Calle hatte plötzlich das Gefühl, als ob sein Geldvorrat denn doch langsam zur Neige ginge. Er raffte sich dazu auf, nachzuzählen, und siehe da: der gesundeste Optimismus konnte nicht darüber hinwegtäuschen, daß es wirklich nur noch sehr wenig war. »Hol' der Teufel; was sollen wir machen?« wehklagte er. »Och«, so beruhigte ihn Toni, »mir gehn morgen zum Dings, zum Karersee, nunter, von da fahren wir mit der Post nach Bozen, und dann telegraphierst du an deinen alten Herrn, er soll dir den Draht per Draht schicken. Es is drunten grad' der richtige Platz, um zwei Rasttage zu halten, bis das Schiff eintrifft.« Calle hatte in letzter Hinsicht stark seine Zweifel, aber schon das Wort Rasttag übte einen bestrickenden Zauber auf ihn. So wurde der Rat des starken Mannes befolgt. Leider nur glich die Depesche, die nach langem Harren aus Schweden eintraf, aufs Haar einem väterlichen Fluch und machte alle schönen Träume zu Wasser. Toni ließ sich auch jetzt nicht einschüchtern und wußte schon wieder Rat. »Zunächst bezahl einmal hier das Hotel!« kommandierte er. »Heißt das: nein! Gib mir den Mammon! Du ruinierst uns mit deinen blöden Trinkgeldern.« Toni beglich also die Rechnung und hinterließ lange Gesichter bei allen Angestellten des Gasthofs. »So!« sagte er dann befriedigt. »Es langt noch, daß mir dritter Klasse über Innschpruck nach Garmisch kommen. Verhungern tun mir unterwegs auch net. Von da bummeln mir übers Ettaler Manndl – auf das mußt du noch 'nauf, es is gar net gefährlich – schön langsam nach Oberammergau. Und dann hau' ich halt meinen Herrn Vetter, den Pfundshammel, an. Nein, Calle, da gibt's nix: du warst anständig; alles, was recht is. Ich laß dich schon auch net sitzen!« »Aber, Toni, wird dann dieser Vetter ...?« »Gern g'wiß net! Aber er muß! Ein paar Hunderter zieh' ich heraus aus ihm, für die erschten Zeiten in München. Und nachher muß halt dein alter Herr wieder ...« »Nein, Toni, er nicht, das soll Gott wissen! Er ist rasend auf mir!« »A was, mir werden lang' fragen! Ich sag' dir schon, wie du ihm schreibst! Du bist so tappet, Calle. Den Mann muß man bloß behandeln, hast g'hört: bloß behandeln muß man den Mann!«   So erreichten denn eines Abends schon in der Dämmerung die beiden Freunde, vom Ettaler Manndl kommend, eine Stelle auf dem Laber, wo sich der Blick ins Ammertal und nach Tonis Heimatort öffnete. Der starke Mann stutzte. »Ja, was wär' denn jetz' dös?« fragte er, und seine Hand wies auf ein großes Quadrat aus unruhig zitternden bunten Lichtlinien, das rechts vom Dorf auf dem Wiesengrund lag. »Horch einmal!« fuhr er überlegend fort. »Haben mir heut' net Johanni? – Freilich! Nacher is das das Sommerfest von die Akademischen. Treffen mir also die ganze G'sellschaft drunten beisammen. Teufel! No ja, aber da heroben können mir net bleiben. Und einmal muß es ja sein. Hach ja, schad' is es schon, daß sie herum is, die schöne Zeit!« Achtes Kapitel. Der Sprung durchs Feuer Die Stimmung schlug hohe Wellen auf dem Sonnwendfest, das der Akademische Künstlerbund heuer in dem altrenommierten Passionsdorf veranstaltete. Der unter freiem Himmel aufgeschlagene, sauber gedielte und mit Stearin glitschig gemachte Tanzboden dröhnte unter den Genagelten; im Schweiße seines Angesichts schwenkte jeder Bua das erwählte Deandl, und das kreischende Juhuhu, das fast ununterbrochen laut wurde, kündete dem Kenner, daß sich unter den bacchantisch rasenden Kunstbeflissenen nicht zu wenig Berliner befanden. Gerade beschloß die Musik einen Landler, den Trautchen Grunelius zu ihrer Genugtuung mit Karsten Anton Wacker, dem bekannten Maler und Kunstgewerbler, getanzt hatte. Sie wiegte sich ob dieser Ehre in ausschweifenden Hoffnungen. Und sie war nicht die erste, die ihre Netze nach diesem Mann schleuderte; er verkaufte gut, verdiente eine Menge, galt als schon von Hause wohlhabend und war somit entschieden begehrenswert. Nur hatten alle diese Versuche stets ein überraschend schnelles Ende genommen, weil deren Objekt nicht den geringsten Grund einsah, sich an den Altar führen zu lassen, und dies mit der ihm eignen Deutlichkeit zu äußern pflegte. Von Trautchen schien Wacker keine Attentate auf sein Hagestolzentum zu befürchten. Er wollte sich nach dem Tanze kurz von ihr verabschieden, aber als sie sich mit gewohnter Energie in seinen Arm hängte und erklärte, sie hätte einen schrecklichen Durst, nun würden sie einmal zusammen was trinken, machte er weiter keine Einwendungen: ihm war das furchtbar egal, und außerdem entbehrte dieses Mädchen aus Crimmitschau für seinen Geschmack nicht der Komik. Langsam umwandelte das Paar den Festplatz, und der Maler spähte sorglich in jede der lampionbekränzten Lauben hinein, die ihn umsäumten: er suchte die heraus, in der sein Erscheinen mutmaßlich am meisten Ärgernis erregen würde. So ein Mensch war Karsten Anton Wacker. Ein übertrieben diabolisches Grinsen verbreiterte plötzlich sein Gesicht: er hatte den Tisch entdeckt, an dem er sich für eine halbe Stunde, zu Gast laden wollte. Er trat heran, lüpfte das grüne Hütchen und fragte höflich: »Gestatten? Is da frei?« »Ah, der Herr Wacker! Bitte sehr, bitte ja!« rief Sauerländer eifrig. Denn er für sein Teil steckte von so marktgängigen Leuten gern auch mal so eine kleine Bosheit ein. »Trinken Sie gleich mit! Gläser sind da. Und das schöne Fräulein – à la bonne heure !« Weniger begeistert wirkte der Ritter von Staudacher. »Grüß Gott«, brummte er und rückte nur flüchtig den Hut aus der Stirn. Der Professor Maier aber, zum Unterschied von andern der Kitschmaier genannt, der hier saß, um den Kunsthändler irgendwie geschäftlich breitzuschlagen – Maier grüßte schmelzend liebenswürdig und machte sich dann ganz klein. Er war eine bescheidne Natur und legte keinen Wert darauf, auch nur bemerkt zu werden. Wacker zog Trautchen neben sich auf die Bank; und zunächst ließ sich alles friedlich an, weil der Eindringling keineswegs in der Lage war, zu Worte zu kommen. Denn es befand sich an dem Tisch noch eine junge Dame in einem Fähnchen, das sie offenbar für ein ganz urwüchsiges Dirndlgewand hielt, während Wacker bei sich die niederschmetternd verächtliche Bezeichnung Gänseliesel dafür hatte. Das gebrochne Oberbayerisch, zu dem sie sich verpflichtet fühlte, konnte nicht gut darüber hinwegtäuschen, daß auch ihre Wiege nicht fern von der Spree gestanden hatte. Jedenfalls redete sie mit einer Ausdauer, die bei ihren Zuhörern doch nicht ganz die geziemende Bewunderung erregte. Der Kunsthändler hörte kaum hin und guckte mit einer Miene erhabner Taubheit in die Luft, als sie ihm jovial mitteilte, sie wolle ihm auch mal etwas zu verdienen geben und würde ihm daher nächstens ein paar von ihren Pastellen billig ablassen. Bloß Staudacher hielt ihrem Wortschwall mit Wohlwollen stand. Vielleicht erschien sie ihm in Anbetracht der jetzigen Konstellation noch immer als das kleinere Übel. Sie sollte nur reden, er trank! Und zwar französischen Champagner. Wozu hatte Gott denn Sauerländer erschaffen! Da aber intonierte die Musik die Barkarole aus »Hoffmanns Erzählungen«; ein dürrer, blonder Mensch mit einem Zwicker auf der Nase und einem fasanenfedergeschmückten Geißbubenhütel aus dem Spitzkopf, mit Knien, die käsebleich unter der Kurzen hervorsahen, kam an den Tisch und streckte die Hand nach der Sprechvirtuosin aus. Die sprang auf und erklärte: »Jetzt tanz' ich!« »Unberufen!« sagte Wacker. Sie überhörte das und ließ ihre Hand abschiednehmend gegen Staudacher flattern: »Grüß dich Gott, Kleener!« »Aber!« so entrüstete sich Wacker. »Nich so respektlos! Man sagt: Herr Professor«. »Was?« gab sie keck zur Antwort. »Das soll en Professor sein?« »Und Doktor und Ritter! Von Staudacher schreibt er sich!« »Haha hahaha! Das soll der Staudacher sein? – Ich lach' mir nen Ast!« Das Mädchen schien das Oberbayrische endgültig aufgegeben zu haben. Und verschwunden war sie. »Na«, sagte Wacker mit schöner Sachlichkeit zu dem Meister, »da sehn Sie, wie schlecht Ihre Selbstporträts sind!« Und nach seiner Gewohnheit erschrak er sogleich über sein starkes Wort und machte schüchterne Augen. Eine peinliche Pause entstand. Bloß der Kitschmaier freute sich diebisch, aber bloß inwendig. Trautchen, die sich doch gewissermaßen verantwortlich fühlte für ihren Wacker, wendete sich geschickt ablenkend an Staudacher: »Ausgezeichnet war das, Herr Professor, was Sie über den Toni Gwinner geschrieben haben! Ich kenn' den Toni nämlich gut.« »War auch Zeit«, brummte der große Mann. »Hie und da g'hört ihnen schon energisch auf die Pratzen klopft, den Zeitungsschmieranten! Es is doch net am End' einer in der Näh'?« fragte er plötzlich besorgt. »Das nennen Sie: ›auf die Pratzen klopfen‹?« grinste Wacker. Unterbrechungen von solchen Leuten beachtete ein Staudacher nicht. Er fuhr fort: »Erscht das Geschrei, mir täten nix für die Jungen! Und dann uns einen Vorwurf draus machen ... Das sagt man ganz einfach net: Vergrößerte Witzblattillustrationen, von den Sachen! Da zeigt der Mann bloß, daß er an Dreck versteht!« »Warum haben Sie die Gwinnerschen Bilder eigentlich durch die Jury gelassen?« erkundigte sich Wacker. »Das sieht Ihnen ähnlich!« gab Staudacher zur Antwort. »Finden Sie sie vielleicht auch net gut?« »Ich frag' doch, weil ich sie gut finde.« »Nein, nein!« widersprach der Meister. »Bei uns! Muß bloß ein Gwinner kommen, dann sind mir schon da!« »Ja, er kann was!« seufzte Trautchen ergriffen. »Ich hab' das immer gewußt«. »Ob er was kann!« bekräftigte Staudacher. »Das is wieder einmal eine männliche Kunscht! Wie das knapp drinnen sitzt im Raum! Und der Humor, der Humor! Is dafür aber auch ein Schüler von mir, der Gwinner.« »Wo hat er denn das Malen gelernt?« fragte Wacker in schlechter Wißbegier. Der Kitschmaier zerplatzte ganz im verborgnen beinah vor Seligkeit. Das sind so die stillen Freuden der Unscheinbaren. Wieder war es das geistesgegenwärtige Trautchen, das dem Gespräch schnell eine andre Wendung gab, diesmal durch eine Frage an den Kunsthändler: »Und was halten Sie von den Bildern?« »Ich?« war die großartig hingeworfene Antwort. »Ich hab' ihn doch überhaupt entdeckt, den Gwinner«. »Das heißt: auf meine Empfehlung«, verbesserte Staudacher »Telephonisch?« fragte Sauerländer mit einem listig zwinkernden Seitenblick. »Jessas ja!« lachte der Meister. »Schon wirklich ein Viech, der Gwinner! Doppelt hält besser, hat er wahrscheinlich gemeint und hat ihn – wollen Sie's mir glauben? – noch selber antelephoniert, als mich!« »Mich?« erkundigte sich Wacker. »Is das oberbayrisch?« »Gott sei Dank!« Und breit und gemütlich fügte Staudacher hinzu: »Ja, hochdeutsch, das will gelernt sein, Sie Waterkantler!« Der Champagner hatte jetzt so weit seine Wirkung getan, daß ein Preuß ihn nicht mehr beleidigen konnte. Leute zu frozzeln, die sich nicht darüber ärgern, hatte für Wacker kein Interesse. Er warf sich also auf Sauerländer: »Was haben Sie denn dem Gwinner gezahlt für die Bilder?« »Ich? Wieso?« »A was?! Bloß entdeckt? Und nich gekauft? Herzlichen Glückwunsch!« » Mon Dieu , wie er red't!« gab Sauerländer zurück und fand sich dabei noch schlagfertig. Wacker grinste: »Hoffentlich haben Sie dann wenigstens Modellgeld gekriegt für den Bel zu Babel?« »Und die Proserpina, das bin ich!« verkündete Trautchen strahlend. »Drum schau' ich doch schon die ganze Zeit!« rief Staudacher. »Freilich! Wenn man sich die Schneckerln dazu denkt ...« »Und die Kleider weg ...« ergänzte Wacker. »Aber Sie werden doch nicht glauben ...?« wehrte sich Trautchen und verbarg ihr Erröten hinter den Händen, die hastig an den Zöpfen ordneten, welche sie heute, als Tiroler Bauernmädchen, schlicht um den Kopf gelegt trug. Der Kitschmaier bekam eine Art von hysterischem Lachkrampf; diesem unbedeutenden Malmädchen gegenüber glaubte er seine heimlichen Wonnezustände unbesorgt explodieren lassen zu dürfen. Sauerländer fiel etwas ein. Er fragte Trautchen: »Dann werden Sie vielleicht wissen, wo er zur Zeit steckt?« »Tät mich auch interessieren«, sagte Staudacher lebhaft. »Nein«, entgegnete sie, »er ist seit ein paar Wochen spurlos verschwunden, und zwar wahrscheinlich zusammen mit einem jungen Schweden, dem Sohn von dem Friedensnordlind.« »So viel weiß ich selber.« Sauerländer zuckte die Achseln. »Ach, Sie wollen ihn wohl zur Abwechslung wieder mal entdecken?« Natürlich war es Wacker, der sich dafür interessierte. »Äh!« machte der Kunsthändler wegwerfend und fügte sehr sicher hinzu: »Die Bilder vom Gwinner krieg' ich!« »Aber nicht mehr für den Preis, der Ihnen damals zu hoch war«, stellte Wacker ruhig fest. »Überhaupts nimmer«, lächelte Staudacher. »Heißt das, Sauerländer: das eine: grad' Ihr schönes Porträt ... Wenn Sie sich da recht dazuhalten ...« »Wieso?« »Vier sind nämlich verkauft.« »Wa–as?! – Seit wann?« »Die letzten Tage ...« »Ach nein?!« schrie Trautchen lebhaft auf. »Wer hat gekauft?« fragte Sauerländer in ehrlicher Entrüstung. »Lauter Galerien«, antwortete Staudacher. »Hannover, Köln, Leipzig, und das große der bayerische Staat ...« »Ah, Herr Professor, jetzt machen Sie Witze! Das gibt's ja gar nicht! Ein Anfänger!« »Also: morgen früh steht's in der Zeitung.« »No, Sauerländer«, erkundigte sich Wacker teilnehmend, »wieviel haben Sie denn nun nicht verdient bei dem Geschäft?« Der Kunsthändler war viel zu erregt, um darauf zu hören. Hastig forschte er weiter: »Aber er ist doch nicht da? Der Staat? Was zahlt er ihm denn? Der Mensch hat ja Preise verlangt ...!« Staudacher lachte: »Das is doch sein Mordsdusel, daß er net da war! Denn außerdem ...« Sauerländer wurde bleich. »Das soll doch nicht heißen ...?« »Jawohl«, nickte der Meister. »Fünfzehntausend?« ächzte der dicke Herr. »Fünfzehntausend!« hauchte Trautchen. – Fünfzehntausend! schwieg der Kitschmaier gelb vor Mißgunst, in sich herein. »Die Kommission mußte!« erklärte Staudacher. »Sonst wär' Hannover zuvorgekommen. Die waren ja rein wie toll! Es haben ja auch die andern jeder glatt fünf gezahlt.« »Für die kleinen Dinger?« empörte sich Sauerländer. »Ja, wenn man die jungen Leute heutzutag' schon mit Gewalt verrückt macht! Recht so! Da kann unsereins einpacken.« »Das heißt«, gab Staudacher zu bedenken, »bei uns ... Fünftausend handelt ihm der Staat schon noch runter. Aber immerhin: wär' er dag'wesen ...« »Na, wenn er sich das gefallen ließe«, lachte Wacker auf, »dann wär' er doch ein Heuochs, der Gwinner!« »Nein, das tut er auf keinen Fall!« fiel Trautchen lebhaft ein. »Ja, sehen Sie nur auf Preise, bei Ihrem Akt!« so stimmte ihr Wacker zu. Ihr gebrach es diesmal an der Zeit, zu erröten. Ihre Augen hatten etwas erblickt, was sie mit Gewalt von der Bank emporzog. Nichts konnte sie halten. Schon bahnte sie sich energisch einen Weg durch die walzenden Paare. »Was is denn los?« rief Wacker verblüfft hinter ihr her. »Schaun S', jetzt haben sie uns weggegrault, unsre mollate Proserpina, das liebe Mopperl!« sagte Staudacher mit leisem Bedauern. Der also Getadelte grinste voll selbstgefälliger Dämonie. – Jawohl ja, an Boshaftigkeit nahm es so leicht keiner mit ihm auf! Ein weites Feld, die menschlichen Eitelkeiten! Und besonders befriedigt suhlen sie sich gemeinhin, wenn gar kein Grund dazu vorliegt. Aber wie hätte Wacker auch ahnen sollen, daß die Wirkung seines ihm nachträglich so vergiftet vorkommenden Pfeiles nichts war als ein Loch in die Luft!   Trautchen verschwendete nicht einen Gedanken mehr an ihren Tanzkavalier. Ihr Interesse an ihm war nicht jetzt erst erloschen, nein, seine Art mißfiel ihr bei näherer Betrachtung auf das gründlichste. Und in ihrer Vaterstadt Crimmitschau gehörte es einfach zum guten Ton, nicht anders als aus Liebe zu heiraten. Was außerdem zu wissen nötig und nützlich war, darüber vergewisserte man sich eben, bevor man sich ernstlich verliebte. Rüstig schritt Trautchen aus und ließ ihre Augen fliegen nach etwas, was sie einen Moment lang über dem Gewühl der Tanzenden zu erblicken vermeint hatte. Und dies war nichts andres gewesen als der rasierte Charakterkopf Calles, stolz bekrönt von einem mit Gamsbart und Edelweiß schön geschmückten Hüterl. Doch so schnell Trautchen gewesen war, von dem Schweden zeigte sich keine Spur. Hatte ein Traum sie genarrt? War er sofort wieder gegangen? Hockte er in einer der Lauben, mit guten Freunden, vielleicht gar mit ...? Sie begann langsam die Runde um den Festplatz zu machen. Nichts! Nun kam der zur Ehrenpforte gestaltete Eingang. Sie wollte diese tote Lücke schnell überschreiten, um ihre Forschungen drüben zu Ende zu führen, da prallte sie plötzlich zurück. Dort draußen, kaum ein paar Schritte von ihr, stand er, den sie eigentlich suchte, also nicht Calle. Toni vergönnte sich noch eine kurze Rast und nahm dabei innerlich einen Anlauf, bevor er aus dem freien, sorglosen Gipfelleben wieder zurücksprang in die Welt der meistens doch nicht erfreulichen Tatsachen. Er mochte einer Frau wohl gefallen, wie er da lässig vorgebeugt lehnte, die Unterarme über Kreuz auf den Pickel gestützt, in jeder Linie die ungezierte Anmut des Starken; Gesicht, Brust, Hände, Knie und Knöchel braun von der Höhensonne, der ganze Kerl gleichsam noch umwittert von der dünnen, sauberen, männischen Luft, die droben nackte Zinnen und Zacken bespült. Toni stand im vollen kalten Mondschein, doch um den Umriß seiner Gestalt sprangen heiße Lichter. Er hob sich von einem Hintergrunde aus zerrissenen Flammen und dick geballtem Rauch, von dem Johannisfeuer, durch das später um Mitternacht, wenn es niedriger brennte, die ausgelassenen Kunstschüler mit ihren Deandln zu springen gedachten. Dies alles sah Trautchen und versäumte es denn auch nicht, die wabernde Lohe als symbolisch zu empfinden. Aufhalten aber ließ sie sich dadurch nicht einen Moment länger, als unbedingt nötig war. Ohne Zaudern legte sie die wenigen Schritte zurück und sagte frisch: »Grüß Gott, Toni! Wo steckt du denn immer?« Das vertrauliche Du lag im Stil des Festes und ging ihr leicht von den Lippen. Er richtete sich auf und sah sie fremd an. Dann aber rief er lächelnd: »Trautchen! – Ja, grüß di Gott, Madel!« Und kräftig schüttelte er die kleine, runde, feste Hand, die sie ihm entgegengestreckt hatte. »Schau, schau, das laß' ich mir eingehn! Mit richtige Zöpf' und mit Taille! Is doch eine andre G'schicht', sag' selber!« »Gefall' ich Ihnen so besser?« fragte sie und senkte geschämig den Kopf. »Was?!« protestierte er. »Auf einmal wieder siezen, das gibt's net! Also, ausgeschamt sauber schaust aus in dem G'wandel! Nix Maschkera! Einfach nobel! – Aber, daß i net drauf vergiß, wo steckst denn du alleweil? Wer war dazumal so meineidig und is nimmer kommen?« »Ja, sehn Sie ... Nein, weiß schon: sieh mal, Toni, es gab so dumme Geschichten mit Brita Ladurner. Ich mußte ausziehn. – Aber ich wär' wohl schließlich zu finden gewesen.« Und Trautchen fühlte sich jetzt wirklich versucht, zu meinen, sie hätte die ganze Zeit mit Sehnsucht auf ihn gewartet. Toni glaubte ihr ohne weiteres. Hastig entschuldigte er sich: »Ja mei, freilich! Aber auch bei mir hat's so allerlei geben. Und ich bin seither damisch fleißig gewesen.« »Ich weiß«, sagte sie hell. Er machte große Augen. Aber dann! Jetzt gierte er plötzlich nach der Gewißheit, der er so lange in weitem Bogen ausgewichen war. »Madel«, rief er hastig, »is was von meine Bilder im Glaspalast?« »Aber natürlich!« »Und wieviel haben die Brüder durchgelassen?« »Ja? Fünf«, entgegnete sie verwundert. Hatte er denn wirklich noch gar keine Ahnung? »Alle fünfe!« Er schmiß seinen Pickel hin und patschte sich mit den Händen vergnügt auf die Lederhose. »Am End' gar im Ehrensaal von der Sezession?« fragte er, mit einem Lachen, das sich schandenhalber über ihn selbst lustig machte. »Nein«, gab sie zur Antwort, »aber gut gehängt. Eignes Kabinett.« Und schon wollte sie ihm weitererzählen: von den Verkäufen. Doch unwillkürlich zügelte sie ihre Zunge. Dies Berechnung zu nennen, wäre ungerecht gewesen; sie folgte nur einem dunkeln Instinkte. Übrigens freute er sich auch so schon wie ein Narr. »Juhuhu!« schrie er durch die hohlen Hände. Und dieser Juchzer war weiß Gott von anderen Eltern als die ärmlichen Bemühungen der falschen Bauern, die drinnen sofort begannen, ihn zu imitieren. Toni lachte nur über das Gekrächz. Dann streckte er Trautchen beide Hände entgegen: »Madel, für die Nachricht g'hört dir ein Busserl! Nein, nein!« fügte er sogleich hinzu, »ich tu's schon net! Brauchst net erschrecken! Und jetzt tanzen mir eins!« Er nickte ihr zu, hängte sich den schweren Rucksack ab und legte ihn auf den Boden. Dabei lenkte sich sein Blick nach dem Scheiterhaufen. »Oder? Madel, traust du dir? Was kann uns g'schehn! Springen mir durch!« Ein etwas ängstlicher Blick von ihr maß die Höhe der Flammen. Aber mit ihm ... Sie straffte ihre Schultern. Er sollte sehen, daß sie ein richtiger Kamerad war, in allem! »Los!« sagte sie mit frischer Energie. »Schneid hast, Madel! Recht so!« Er legte den Arm fest um ihre Mitte und bückte sich zum Anlauf. »Toni, dich hat's wohl?« so erklang eine bierheisere Stimme vor ihnen. Es war ein Jugendfreund des starken Mannes, der ihn da warnte: der Ebner Simmerl, von Beruf Bauernknecht, heute aber zum Hüter des Feuers bestellt. »Is schier um an Meter z'hoch! Da kimmst deiner Lebtag' net 'nüber.« »Je, der Simmerl!« lachte Toni. »Du vielleicht net! Rutsch mir den Buckl 'runter, lahmes Mannsbild!« Ein wilder Juchzer von Toni, der gellende Angstschrei einer Frauenstimme, sie waren gesprungen. »Saxendi!« wunderwerkte der Simmerl. »Ein so spinneter Teufel!« Ohne so recht zu wissen, was ihr geschehen war, und sanfter, als sie sich's zuvor erwartet hatte, kam Trautchen, von Tonis Arm gehalten, wieder auf die Füße. Ganz verwirrt schaute sie drein, und er benutzte die Gelegenheit, um ihr jetzt wirklich den angedrohten Kuß auf den Mund zu drücken. Es war schwer zu entscheiden, ob sie das überhaupt merkte, oder ob sie ihn nur so in halber Bewußtlosigkeit wiederküßte. Zitternd schmiegte sie sich gegen seine Brust und hängte sich mit beiden Händen an seine Schultern. »Madel, du brennst ja!« schrie er plötzlich auf, und ihr paßte das so gut in die Stimmung, daß sie auch dies unwillkürlich als symbolisch nahm und die Tatsache erst begriff, als er das glimmende Feuer mit seinen großen Pratzen totgedrückt hatte. »Der schöne Schurz ...!« Er schnalzte bedauernd mit der Zunge und wies ihr den Schaden: ein handgroßes, schwarzgerändertes Loch. »Ah, das macht nichts«, entgegnete Trautchen, die sonst doch viel auf ihre Sachen hielt, vollkommen gleichgültig. »Recht hast!« sagte er anerkennend. »Und jetzt keine Müdigkeit vorschützen! Heut' tanzen mir uns grad' gnua! Die Schuhsohlen müssen auch noch hinwerden!« Er faßte nach ihrer Hand, die aber drückte die seine und blieb stehen. »Alle die Leute! Hier draußen ist's eigentlich viel schöner. Diese Nacht! Machen wir einen Mondscheinspaziergang!« Das leuchtete ihm sofort ein. »Freilich, wenns d' magst. Is mir selber lieber. Augenblick! Ich hol' mir bloß mein G'lump.« Sie stand allein und drückte beide Hände auf ihre erregte Brust. Mit großen Augen starrte sie in das Feuer, durch das sie für ihr Gefühl in eine andre Welt gesprungen war, wie aus Crimmitschau direkt in den Himmel. Da erschien Toni schon wieder, mit Rucksack und Pickel. »Komm!« sagte sie einfach. Und sie gingen hinaus in die Nacht. Sein Arm legte sich um sie, der ihre um ihn, das hatte durchaus nichts Überraschendes mehr. Sie waren noch keine hundert Schritte vom Tanzplatz, als dort plötzlich Calles am Dialekt kenntliche Stimme laut wurde: »Tuni, Tuni!« »Toni, Toni!« so mischten sich andre Stimmen darein. Er wollte schon unwillkürlich antworten, aber eine kleine Hand legte sich ihm auf den Mund. »Der dumme Mensch!« wisperte sie. »Was brauchen wir ihn!« Und er begriff sie sehr schnell. Er zog sie sogar hinter einen Heuhaufen, der dicht neben dem Wege stand. Dort duckten sie sich und freuten sich ihrer Unsichtbarkeit. Und der starke Mann schnitt sein verschmitztestes Lausbubengesicht. Jawohl ja, er wußte, wonach Calle so kläglich brüllte. Ihm klang es kläglich, aus seiner Kenntnis heraus, daß der Ärmste ohne einen Pfennig war. Den Rest der Reisekasse mit genau sechs Mark siebenundfünfzig beherbergte ein lederner Zugbeutel in Tonis Hosensack. Leise lachten die zwei vor sich hin, als die Stimmen drüben schließlich ratlos verstummten. Jetzt erst fühlten sie sich so recht heimlich und beisammen, vergnügt und angenehm beunruhigt, wie Kinder, die hinter die Schule gelaufen sind. Toni fand, daß die Situation nach dem zweiten Kuß schreie, und machte diese Überzeugung denn auch mit aller Ausführlichkeit zur Tat, bis Trautchen ihn von sich abdrängte und rief: »Halt! Ich erstick' ja!« Dann strich sie sich weckend mit dem Handrücken über die Stirn. »Gehn wir!« sagte sie leise, und es lag etwas wie ein Flehen darin, die letzten Zuckungen gleichsam ihrer guten Erziehung. Aber daß sie etwa umgekehrt wäre – nein, dazu langte es doch nicht mehr. Auch jetzt noch erzählte sie ihm nichts von den erfreulichen Nachrichten, die sie für ihn bereithielt. Sie dachte überhaupt nicht daran. Unklar wallte in ihr ein Dankgefühl auf, weil sie es wußte und es vergessen durfte. Weit hinter ihr lag alle die Prosa, und lag da sicher und gut; erhöhten Gefühlen gehörte die Stunde. Viel redeten sie beide nicht, aber dennoch unterhielten sie sich vortrefflich. Es geschah nicht selten, daß die Situation wieder nach einem Kusse schrie, dann sagten sie jedesmal auch etwas. Er sagte: »Trautchen!« und sie sagte: »Toni!« Und damit war ihrem Mitteilungsbedürfnis in Worten fürs erste genügt. Die Musik verklang hinter ihnen. Hier und da grunzte der Baß noch ein paar verlorene Takte herüber. Sie mußten jetzt ein Stückchen steigen, nicht hoch, und standen dann auf dem grünen Fuße, den ein Berg in das Tal vorgestellt hatte. »Da is eine Bank«, sagte Toni. Sie setzten sich und blickten den Weg zurück, den sie gegangen waren. Ärmlich wirkte von hier das Lampiongefunkel, als ein komisches Nichts das Feuer, über das sie einen so hohen Sprung hatten tun müssen. »Nun ist der Mond hinter die Berge gegangen«, flüsterte Trautchen. Er mußte ein bißchen lächeln über ihren gehobenen Ton. »Das hat er so an sich«, erwiderte er trocken, »erscht geht er auf, und nachher geht er unter.« »Ach, warum bist du denn so?« schmollte sie, ein wenig aus ihren Himmeln geworfen. »Aber, wie bin ich denn?« fragte er erschrocken und nahm ihre Hand zwischen seine beiden und spielte zärtlich mit ihren Fingern. Rührend winzig kamen die ihm vor, und er selbst deuchte sich klobig, groß und täppisch. Er würde es am Ende noch verscheuchen, das kleine Vogerl. Nein, er wollte sehr lieb sein. Am besten: er hielte sein Maul überhaupt. Sie schwiegen und suhlten und hörten eines des andern unruhige Atemzüge. Es war wie ein Warten in ihnen, ein Warten und eine Gewißheit und eine Scheu. Plötzlich fuhren sie empor und lauschten. Da unten auf dem Weg mußten Leute kommen. Man hörte sprechen: einen Mann und eine Frau, ganz nah schon; oder vielleicht nicht so nah: die Nachtlust trug den Schall weit. Sie wußten es beide sofort: auch dies war ein Liebespaar. Konnte man auch kein Wort verstehen, der Tonfall sagte es deutlich. Und auf einmal lachte die Frau, ein hingegebenes, gurrendes Lachen. Ein häßliches Lachen, fand Trautchen. Und doch floß ein Schauer durch ihre Glieder. Aber sie rutschte ein Stück von Toni fort. Gleichsam beschwörend drückte sie die Handflächen gegen ihre Stirn, ihre Schläfen, ihre Wangen. Ihn durchfuhr ein Schreck, er spürte die Gefahr, daß sie ihm entgleiten könnte. »Sie kommen hierher«, flüsterte er mit heiserer, unfreier Stimme und fuhr unter einem etwas unnatürlichen kurzen Auflachen fort: »Du, Madel! Wie wär's? Schlenken mir die! Gehn mir am Aufacker 'nauf!« Sein Arm wies dahin, wo ihnen zur Rechten eine verschwommene Masse anstieg, ohne daß man ahnen konnte, wie hoch und wohin. Sie war aufgestanden und schaute verwirrt um sich. Ein gequälter Ausdruck spannte ihre Züge. Aber sie sagte gehorsam: »Wie du willst, Toni!« Er zog sie schon mit sich, bergan, in das tiefere Dunkel zwischen den Tannen. Da fragte sie schnell: »Ist es weit?« »Knappe eineinhalb Stund'«, erwiderte er beruhigend. »Ja nämlich, Toni, weil ich ja um drei mit dem Extrazug ...« »A geh!« widersprach er. »In der besoffnen Gaudi! Nein, wir fahren morgen mitsammen. Ich muß hier in der Früh noch etwas erledigen, bei einem Verwandten. Schau, Trautchen, droben am Gipfel is auch ein Unterstand. Und von da die Sonn' aufgehn sehn ...« Sie sagte einfach: »Komm, Toni!« Und er ging voran. Sie konnte nicht anders sprechen. Hatte man ihr auch das Rechnen sorglich eingetrichtert, heute nacht wußte sie ohne Bewußtsein, daß das kleine Einmaleins noch nicht aller Weisheit Schluß ist. Ihr weiblicher Takt empfand, wie keck und ohne Bedenken um die Folgen Toni in das Abenteuer hineinschritt. Sie mußte ein gleiches tun, wollte sie die Stimmung der Stunde nicht stören, die auch sie trug und führte, weit hinaus über die vorsichtige Atmosphäre, in der sie aufgewachsen war. Als kein Laut mehr heraufwehte von den fremden Menschen da unten, machte Toni halt, lud seinen Rucksack ab und versteckte ihn und den Pickel zwischen ein paar Felsblöcken. »Es geht sich leichter«, erklärte er. Spitz und eindringlich plätscherte der Bach in der Schlucht, geheimnisvoll wichtigtuerisch raunten die Blätter, fremd knarrte dazwischen der Schrei eines Nachtvogels. Trautchen genoß den Gedanken, wie sie sich fürchten würde, wenn sie allein um Mitternacht diesen Weg ginge. Aber in seinem Arm ... Keine Gefahr! Gar keine Gefahr! Gar keine! Bei der geringsten Unebenheit auf dem Wege sagte er zu ihr, wie sie den Fuß setzen müsse. »Dein Fußerl, mein kleines«, sagte er und kam sich nicht einmal komisch dabei vor. Sie überschritten auf einer Knüppelbrücke das Wasser und verließen den Wald. Quer über einen Grashang lief jetzt der Pfad. Es öffnete sich wieder der Blick ins Tal und auf den tief drunten noch immer leuchtenden Tanzplatz. Toni deutete hinunter. »Um viel Geld möcht' ich jetzt net dort sein! Du, Trautchen?« »Ich? Nein«, sagte sie sonderbar gleichgültig und schaute kaum hin. »Bist am End' müd?« erkundigte er sich besorgt. »Oh, ich kann schon noch«, antwortete sie tapfer und schritt mit betonter Flottheit aus. »Is jetz' auch nimmer weit. Hab gar keine Angst! Die zwei lumpigen Serpentinen hier, dann ein Stückerl durch den Wald droben, nacher haben mir's gleich!« Und sie nahm sich zusammen, wenn's ihr auch sauer wurde. Aber als sie schließlich den Wald passiert hatten, merkte Trautchen, daß der Aufacker mit andern Bergen die Eigenschaft teilte, die tröstlichsten Zusicherungen von Einheimischen Lügen zu strafen und sich, wenn man glaubt, droben zu sein, immer noch ganz infam zu recken. Vor ihr stieg scheinbar ins Endlose ein schräger Hang, bestanden mit einem Wirrwarr von schattenhaften Formen, deren wahres Wesen sie nicht unterscheiden konnte. »Müssen wir da noch hinauf?« fragte sie zaghaft. »Och, das is nix mehr!« erklärte er zuversichtlich. »Über den Windbruch, und da droben noch ein ganz ein klein bisserl Wald; und wenn mir durch den sind, sieht man den Gipfel schon; dann sind es keine zweihundert Schritt' mehr.« Da sank ihr plötzlich der Mut. Ihre Kraft war am Ende. »Toni«, sagte sie, »ich kann nicht weiter; keinen Schritt! Sei nicht böse!« »Böse? Ich?« rief er erschrocken. »Aber du! Arm's Hascherl! Warum hast du das net lang' schon gesagt? Freilich, ich bin auch ein Trottel, ein rücksichtsloser! Hätt' ich mir selber auch denken können! Ja, was machen mir da? Halt, da droben, gar net weit, is eine Hütten, von damals, von den Holzknechten her im Windbruch. Schön is sie zwar nimmer. Aber besser als wie nix! Is sogar noch ein Stroh drinnen. Kein fürschtliches Lager, aber ... Wart, ich trag' dich!« »Das geht doch nicht, Toni!« wehrte sie ihm. Doch er hatte sie schon auf die Arme genommen. »Wenn ich grad' naufgeh und spar' mir die faden Serpentinen, in fünf Minuten ...« sagte er und stieg mit erstaunlicher Sicherheit bergan; kaum daß er ein einziges Mal über das dürre Gezweig stolperte, das überall umherlag und fast bei jedem Schritt knallend unter seinen Genagelten zersprang. Sie hielt die Arme fest um seinen Hals geschlungen und fühlte sich gleich wieder ganz frisch. Wie stark er war, und wie gut aufgehoben man sich bei ihm fühlte! »Bin ich dir auch nicht zu schwer?« fragte sie, besorgt wie eine Mutter. »Du? Du bist ja bloß ein Federl!« renommierte er, schnaufte dabei aber mächtig. »Schöne Feder!« Sie lachte und zupfte ihn zärtlich strafend am Ohr. »Lustig machen will er sich über mich!« »Außerdem haben mir's gleich!« stieß er fast grimmig durch die Zähne hervor. »Guter Kerl!« flüsterte sie und rieb ihre Wange schmeichelnd wie ein Kätzchen an der seinen. Durch solche Anerkennung hätte er sich noch für ganz andre Kraftleistungen reichlich belohnt gefühlt. Aber von Herzen froh war er doch, als sie endlich vor der Hütte standen. »No also!« sagte er atemlos und bückte sich tief, trat durch das niedrige Türloch ein, hockte sich hin und lud sie auf die verdrückte Strohschütte ab. »Nun ruh' dich!« Eilig zog er dann seine Joppe aus, rollte sie zusammen und schob sie ihr als Polster unter den Kopf. »Nein, nein!« widersprach sie lebhaft. »Du erkältest dich!« »A wo! Mir is ja so warm!« Und das war keine Lüge. Er setzte sich auf das hochkant gestellte Brett, das ihr Lager von dem übrigen Fußboden abgrenzte. »No«, lachte er, »im Dunkeln, wenn man nix davon sieht, is das doch das feinste Hotelzimmer. Schlaf jetzt ein bissel, Liab's!« Er streichelte leis ihre Stirn. »Ich pass' derweil auf, daß dich keiner mir stiehlt.« Nun lag es ihm ja durchaus fern, die ganze Nacht hier auf dem Stangerl hocken und stumpfsinnig ihren Schlummer hüten zu wollen. Innerlich behielt er sich die Dauer dieses ungemütlichen Zustandes vor. Einerseits tat es ihm not, sich etwas zu verschnaufen, und andrerseits wollte er auch vielleicht Eindruck machen mit seiner Bravheit. Und dieses gelang ihm über Erwarten. Trautchens Herz wurde weich und groß vor so viel selbstloser Güte. Da er edel war – oh, sie konnte auch edel sein. Ihre Hände hoben sich, die eine nahm ihm den Hut ab und warf ihn achtlos auf die Backsteine des kleinen Herdes an der andern Hüttewand, ihre Finger schlossen sich um seinen Kopf und zogen ihn zu sich nieder. Bis ihre Lippen sich trafen. »Du!« flüsterte sie. Glückliches Geschlecht der Weiber: am klügsten gerade dann, wenn ihr all eure kleine Klugheit heimgeschickt habt! Neuntes Kapitel. Allerhand Überraschungen Kaltgraues Frühmorgenlicht glotzte durch das Türloch und die großen Öffnungen in dem schadhaften Rindendach, als Trautchen erwachte. Sie war sofort ganz bei sich und setzte sich auf. Ach ja, nun konnte sie nichts mehr dran ändern. Geräuschlos verließ sie das Lager und stand und sah Toni an. Der schlief unbekümmert und gut; und von der ritterlichen Zartheit des Starken, die sie bezaubert hatte, sprach kaum noch etwas an diesem vierschrötigen Bauernburschen. Er schnarchte mit weit offnem Munde. Schmerzlich zuckte es über Trautchens Gesicht. Aber bevor sie ins Freie hinaustrat, hob sie die Joppe auf, die ihr als Kopfkissen gedient hatte, und breitete sie, trotzdem sie selbst ein starkes Frösteln empfand, mit Sorgsamkeit über den hemdärmligen Toni. Dann bemerkte sie seinen Hut, der mitten in den schwarzen, seit Jahren erkalteten Kohlen auf dem Herde lag. Das ging ihrer Ordnungsliebe wider den Strich. Sie nahm ihn, schaute ihn mißbilligend an, blies fest darüber hin, putzte ihn sachgemäß ab und hängte ihn auf einen Holznagel neben der Tür. Ein trüber Blick noch streifte den Schläfer, sie seufzte und ging hinaus. Mein Gott, wie es da aussah: ein Bild der Verwüstung, so recht dazu gemacht, das Echo auf ihre Stimmung zu geben. Hinunter bis an die Tannen, hinauf bis zum Himmel nichts als zerschmetterte, entrindete, wettergraue Baumstümpfe, teilweise von Mannshöhe und darüber, umwuchert von niedrigem Gestrüpp, durch das tote Wurzeln wie Schlangen krochen, einst ein lustiger Wald, in dem die Vögel jubilierten, heute ein Trümmerfeld. Zerstört und zunichte gemacht durch den Sturm einer Nacht. Einer einzigen Nacht! Trautchen ging ein paar Schritte und ließ sich müde auf einen glatt abgesägten Wurzelstock nieder. Sie schlug die Hände vor das Gesicht und weinte herzbrechend. Aber nicht lange dauerte diese Schwäche. Sie riß ihr Tuch aus der Tasche und trocknete sich trotzig die Augen. Nein, nein, nein! Und wenn er aufwachte? Außerdem hatte das Flennen auch keinen Zweck mehr. Vorher sich's überlegen! Jetzt blieb es schon so. Kalt war's. Sie wickelte ihre bloßen Unterarme in die verbrannte Schürze und beugte ihr Kinn in den spitzen Ausschnitt hinunter, den das Brusttuch freiließ. So saß sie, ohne sich zu rühren, und starrte mit trocknen Augen vor sich hin. Jawohl, man soll eben seine gute Erziehung nicht vergessen! Recht hatten sie gehabt, die Leute in Crimmitschau. O dieses München! Und dies Getu, dieser Dichterschwindel von der Liebe, daß es einem jungen Ding, das nichts wußte und nichts kannte, wahrhaftig wirr werden konnte im Hirn! Was hatte sie sich nicht alles geträumt von Poesie und Wonne und Herrlichkeit! Würde man nur auf seine gute selige Mutter gehört haben! Ja, aber wer glaubt seiner Mutter! Die hatte es ihr oft und oft gesagt. Natürlich heirate man aus Liebe, weil es sich einmal gehöre. Und die Liebe sei selbstverständlich auch eine der Pflichten einer christlichen Gattin. Aber so richtig nett würde es in der Ehe doch erst, wenn dies Anfangsstadium vorbei sei und eine ruhigere Wärme Platz greife. Sehe man dann, daß man einen braven tüchtigen Mann habe, so verzichte man mit Vergnügen, ja, mit einer gewissen Erleichterung, auf alle die Leidenschaft, die sich eben von weitem auch entfernter ausnehme. Heute bat Trautchen dieser grundgescheiten, erfahrnen Frau alles ab, was sie damals in ihrer dummen, grünen Romantik so bei sich gedacht hatte. Jetzt wußte sie's. Und jetzt war es zu spät! Die Ehe, gegen die war gewiß nichts zu sagen. Aber die hatte sie sich nun selber verscherzt. Oder konnte sie glauben, daß Toni ...? Nein, nein, so sind die Männer nicht. Auch darüber hatte ihre Mutter manch kräftiges Sprüchlein gewußt. Und gar in München! Und Künstler! O nein, da brauchte sie sich nichts einzubilden. Jedenfalls: selbst wenn er nun eine Ausnahme wäre, dann müßte er kommen! Sie wollte sich lieber die Zunge abbeißen ...! Daß sie sich auch noch lächerlich machte, da durfte er lange warten! Aber er sollte nicht etwa meinen, jetzt wäre alles in schönster Ordnung, und es ginge so weiter. Adieu, Toni! würde sie ihm in aller Ruhe sagen. Und dann? – Sie warf den Kopf in den Nacken. Mochte geschehen, was da wollte – klein kriegen ließ sie sich nicht! Ins Wasser gehen um so was, das war nicht ihr Stil. Dazu fühlte sie sich zu gesund. Aufdringlich gesund, hatte Brita Ladurner einmal gesagt. Gut so! Sie konnte es brauchen!   Ein vorwitziger Sonnenstrahl traf Tonis Nase. Der schlug die Augen auf und schloß sie gleich wieder. Er wollte noch lange schlafen. Doch plötzlich verzog sich sein friedlich ausdrucksloses Gesicht zu einer Miene des Nachdenkens und der Verwunderung. Er fuhr empor und starrte mit dummen Augen auf das Stroh neben sich. Hatte er das nur geträumt? Aber wie kam er dann daher? Nein, nein, es war schon kein Traum. Er runzelte seine Stirn und kratzte sich bedenklich hinterm Ohr. Aber er mußte doch sehen ... Vorsichtig kroch er auf den Knien an das Fußende des Lagers und spähte zur Tür hinaus. Richtig, da saß sie! Wie ein Häufchen Unglück. Genau so hatte er sich's vorgestellt. Na, wenn ihm da nicht das Standesamt drohte! Wenn ihm gestern einmal der Schatten dieses Gedankens flüchtig durch den Kopf gelaufen war, hatte er vergnügt hinter dem verdämmernden hergesehen, als ob das nichts wäre. Gestern war aber nicht heute. Er wollte gewiß nichts gegen Trautchen sagen. Doch um zu behaupten, daß er nun aus einmal zum Beispiel gar nicht mehr ohne sie leben könnte, hätte er sich selber glatt anlügen müssen. Gewiß war sie nett und lieb. Aber schließlich erinnerte er sich an andere, die auch nett und lieb zu ihm gewesen waren. Und von denen hatte doch nie eine so etwas Grausames wie das Heiraten von ihm verlangt. Weil sie aus Crimmitschau stammte? Das schien ihm kein genügender Grund. Außerdem konnte er nicht das mindeste für diesen, er gab es zu: betrüblichen Umstand. Mächtig bäumte sich in Toni sein Junggesellentum. Oh, er bewahrte die stolzen Sprüche, mit denen er gerade in bezug auf Trautchen solche Möglichkeiten weit von sich gewiesen hatte, gut im Gedächtnis. Auf das hin jetzt heiraten, da müßte man doch sich und namentlich dem verdammten Theo wie ein Hanswurst vorkommen. Aber was konnte das nützen! Sich schlafend zu stellen, war wohl kein Ausweg, wenigstens für die Dauer nicht. Vorwärts! Und bloß die Ohren steif halten! Er stand auf, zog sein Joppe an, fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und stülpte das Hüterl verwegen auf den Hinterkopf. Plötzlich fiel ihm etwas ein, was sein Herz sehr erleichterte: er brauchte ihr ja nur, möglichst gleich zu Anfang, klarzumachen, wie es mit seinem Reichtum stand. So auf minus fünftausend schätzte er sich immerhin ein, das umgeschriebne Konto bei Calle ganz außer Betracht gelassen. Juchhe, er konnte ja gar keine Familie ernähren! Ein Lichtstrahl vom Himmel! Dennoch war es eine gezwungene Flottheit, mit der er jetzt seine Fäuste in die Hosentaschen versenkte und die ihm noch von gestern im Ohr liegende Barkarole vor sich hinpfiff, während er sich im Schlenderschritt zu Trautchen begab. Sie sah sich überhaupt nicht nach ihm um. »Grüß Gott!« sagte er laut und gab ihr einen leisen Schubs gegen die Schulter. »Grüß Gott!« antwortete sie abwesend und saß wie eine Bildsäule. »Gut geschlafen?« erkundigte er sich frech. »Gar nicht.« Sie meinte jetzt in der Tat, kein Auge zugetan zu haben. Oh, und er, der unterdessen so süß geschlummert hatte! Eine weichere Regung erwachte in ihm. Er ließ sich neben sie auf den Wurzelstock nieder und legte tröstend den Arm um ihre Schultern. »Ach bitte nein, Toni!« Sie sagte es ohne Schroffheit, aber ihre Abwehr klang doch so bestimmt, daß er begossen aufstand und einen Schritt zurückwich. Hilflos schaute er umher und suchte nach Worten. Plötzlich rief er wie erlöst: »Aber! Was es da Erdbeeren hat! Wart, du kriegst welche!« Und emsig türmte er die Früchte auf ein großes grünes Blatt, mit dem er sich manierlich den Handteller zugedeckt hatte. »Da, Madel, iß!« sagte er dann und servierte ihr seine Beute. Sie nahm sie dankend entgegen und aß die Beeren gehorsam in ihren leeren Magen herein. Er aber suchte weiter zwischen den Baumstümpfen. Dies hatte so etwas von der Stimmung wilder Urzeiten, wo starke Männer, die sich mit Gewalt und Lebensgefahr ein Weib geraubt hatten, diesem dann im Walde die Nahrung suchten. Toni mußte ernsthaft daran denken. Freilich bestand hier wohl nicht Lebensgefahr. Aber doch Gefahr für das ganze Leben! Und dieser Gefahr fühlte er sich im Grund von Sekunde zu Sekunde weniger gewachsen. Gerade, weil sie nichts sagte. Das war so unheimlich. Trautchen ließ sich auch die zweite Portion Erdbeeren gefaßt überreichen. Dann aber erklärte sie, es wäre jetzt wohl am besten, zu gehen. So machten sie sich denn an den Abstieg. Toni versuchte des öfteren ein munteres Gespräch in Gang zu bringen. Doch verpufften seine Bemühungen ohne Widerhall ins Leere. Er erklärte Trautchen ausführlich die heimische Landschaft und sagte sich im stillen, bis sie drunten wären, hätte er noch lange Zeit, von seinen trostlosen Vermögensverhältnissen zu erzählen. Aber bergab läuft es sich verdammt schnell. Als sie schon ziemlich tief unten auf den kurzen Serpentinen neben der Schlucht waren, erspähte sein gutes Auge etwas, was wieder für zwei Minuten Gesprächstoff liefern konnte. »Moment!« rief er und stieg an den Bach hinunter. »Da!« sagte er, als er wieder den Weg betrat, und überreichte ihr eine schöne braunrosa Blüte auf hohem Stil. »Kennst das?« »Es muß eine Lilazee sein«, antwortete sie. »Türkenbund«, erklärte er und schritt voran. Gott im Himmel, sollte sie nun gar noch einen Lilienstengel vor sich hertragen! Sie ließ die Blume fallen, sobald das unauffällig geschehen konnte. Und siehe, schon hatte man das Versteck seiner sieben Zwetschgen, wie Toni das ausdrückte, erreicht. Hier wusch man sich am Bache Gesicht und Hände. Es befand sich ein Handtuch und sogar ein Stück Seife im Rucksack. – Herrschaft! dachte nachher im Weitergehen der starke Mann förmlich entrüstet. Wenn sie doch endlich einmal eine Ruh' geben wollte! Unter eine Ruh' geben verstand er in diesem Fall: etwas sagen. Dann würde er doch gegen einen sichtbaren Feind kämpfen. Aber sie schwieg sich aus. Als sie zwischen die ersten Häuser des Dorfes kamen, hatte Trautchen endgültig alle Hoffnungen aufgegeben. Das bildete sie sich wenigstens ein. Dabei aber war sein Gemüt schon einfach unangenehm weichmassiert durch ihr Taktik, die doch gar keine Taktik vorstellen sollte. Die ganze Zeit und immer noch setzte er sich wieder und wieder ein Ziel: den Heustadel da, jene Straßenecke; da wollte er ganz bestimmt anfangen, ihr seine großen Schulden und seine geringen Aussichten zu beichten. Aber er tat es nie. Und zwar aus Furcht, sobald er den Mund öffne, möchte eine wesentlich andre Mitteilung daraus hervorgehen, nämlich der Satz: – Na, dann sei endlich wieder gut! Ich heirat' dich ja auch, wenn du mich magst!   Ein Gasthof breitete sich stattlich von der Straße aus. »Jetzt trinken mir aber Kaffeeh!« rief der starke Mann, froh des neuen Themas. Und sie war einverstanden. Wen aber erblickten sie, als sie in den angenehm schattigen Wirtsgarten traten? An einem der Tische saßen Sauerländer und Wacker. Dem Kunsthändler war gestern Calle in den Weg gelaufen. Er wußte also von Tonis Anwesenheit in Oberammergau und war deshalb geblieben. Der Maler hingegen hatte die nächtliche Fahrt mit den angeheiterten Kollegen gescheut. »Hallo! Da kommen ja gute Bekannte!« rief Sauerländer, »Wollen Sie nicht bei uns Platz nehmen?« »Gel ja?« sagte der starke Mann zu Trautchen, hütete sich aber wohl, ihre Antwort abzuwarten. Ihm war es nicht unlieb, daß so dem Tête-à-tête vorläufig ein Ziel gesetzt wurde. Sie begrüßten die beiden und setzten sich. »Tät' mich doch wundern«, bemerkte Toni, »ob net auch noch mein lieber Freund Nordlind irgendwo zum Vorschein kommt.« »Liegt oben im Bett«, berichtete Wacker, »und wartet, bis Sie ihn auslösen.« »Soll warten, bis er schwarz wird!« war die rohe Antwort. »Wie geht's immer, Herr Gwinner?« fragte Sauerländer. »Zwei Kaffeeh!« befahl der starke Mann dem auserwählt schäbigen Exemplar von einem Oberkellner, das an den Tisch gelatscht kam. »Belieben komplee?« »Komplett, jawohl!« Und Toni wendete sich lächelnd an die andern: »Soviel kann ich mir grad' noch leisten!« Jetzt vor Zeugen wuchs ihm auf einmal der Mut, und er warf seinen Dallees ungeniert in die Debatte. »N–no?« bemerkte Wacker zweifelnd und wollte nach den »Münchener Neuesten Nachrichten« greifen, die zusammengefaltet auf dem Tisch lagen. »N–no?« sagte ganz unwillkürlich gleichzeitig Trautchen in dem gleichen Ton. Ihr Kummer raste jetzt offenbar weiter in die Tiefe. Dies hier war zu interessant und bot zuviel Spannungsmomente für sie. Ganz so tot, wie sie glaubte, waren die Hoffnungen also doch noch nicht. Wacker gelangte nicht zu der Zeitung. Denn Sauerländers Hand legte sich mit gespreizten Fingern gleichsam zufällig, aber fest darauf, während er, jede andre Rede abschneidend, mit süßem Lächeln zu Toni sagte: »Ohlala? Versteh' ich Sie recht, Meister? Kleine Verlegenheit? Aber bitte! Verfügen Sie über meine Kasse!« Trautchen fühlte sich auf einmal sehr solidarisch mit Tom. Sie machte hastig eine Bewegung, als wolle sie ihn warnend zurückhalten. Er aber bekam ganz runde, große Augen: Meister wurde er von diesem G'schwollschädel genannt? »Das sagen S' bloß net zweimal, Herr Hofrat!« lachte er etwas krampfhaft. »Hofrat sind Sie?« erkundigte sich Wacker. »Sie werden es aber auch nie!« antwortete der Sauerländer schlagfertig und wendete sich sogleich wieder an Toni: »In allem Ernst: ich kauf' Ihren ›Bel zu Babel‹, wenn Sie mir einen Freundschaftspreis machen, privatim: für meine Frau.« »Er will ihn ihr übers Bett hängen zum Abgewöhnen«, erläuterte Wacker. »Ihre faulen Witze!« Der Kunsthändler zuckte die Achseln. Zu schlagenden Erwiderungen fehlte ihm jetzt die Zeit. Trautchen war der Unterhaltung einen Augenblick nicht gefolgt. Da Sauerländer der Gewohnheit huldigte, seine Worte durch schöne Gesten eindringlich zu machen, lag die Zeitung unbehütet da. Das kluge Mädchen hatte sich diese Gelegenheit zu nutze gemacht und hatte auch schon entdeckt, was es suchte. »Also!« sagte der Händler zu Toni. » Eccolo ! Fackeln wir nicht lange! Schlagen Sie ein! Zweitausend Emm für den ›Bel‹! Hier gleich bar auf den Tisch! Ist das ein Wort?« Der Mund des starken Mannes öffnete sich zu einer schnellen Antwort. Trautchen aber war noch viel schneller. »Das gibt es ja gar nicht!« rief sie voll wilder Energie. »Ja, aber warum?« fragte Toni mit einer vor betretnem Staunen vollkommen blödsinnigen Gesicht und nicht ganz frei von Unwillen. »Weil ich gerade im Moment das da lese!« erwiderte sie lebhaft. Sie reichte ihm die »Neuesten Nachrichten« und deutete mit dem Finger auf eine Notiz. Sauerländer hatte eine Bewegung gemacht, als wolle er ihr das Blatt aus der Hand reißen. »Ach, und wie Sie sich da wundern!« zeterte er höhnisch. »Als ob Sie das gestern nicht auch schon gewußt hätten!« Die Augen des starken Mannes überflogen die Zeilen. Er wurde bleich. »Nein!« rang es sich aus seiner Kehle, »Ja, Herrgott!« jubelte er dann heraus. Er fand weiter keine Worte unter dem Ansturm der Gefühle. In ihm war ein unsinniger Taumel. Er hätte jedem Menschen etwas schenken mögen: seine Krawatte, seine Joppe, seine Uhr – wenn es sein mußte: sich selbst! Der Händler konnte sich nicht zügeln, so wütend war er über diese unanständige Verpatzung eines eigentlich schon abgeschlossenen Geschäftes. »Mein Fräulein!« sagte er, scharf wie ein Rasiermesser. »Hab ich vielleicht Ihnen was abkaufen wollen? Ich denke: nein! Also? Was mischen Sie sich herein? Was geht das Sie überhaupt an?« »No, no, no, lieber Sauerländer!« Toni machte seinen Rücken sehr gerade und sah wirklich schon wie eine Nummer auf dem internationalen Kunstmarkt aus. »Gestatten Sie mal! Die Dame ist meine Braut!« »Gratuliere, Verehrtester!« so redete Wacker nicht etwa den glücklichen Bräutigam, sondern den zerschmetterten Kunsthändler an. »Sehn Sie, es gibt doch Leute, die noch früher aufstehn!« Inzwischen hatte sich Trautchen, die im ersten Freudenschreck ganz verwirrt gewesen war, schon vollkommen in die Lage gefunden. Sie griff unter dem Tisch zärtlich nach Tonis großer Pratze und schmetterte Sauerländer die triumphierenden Worte ins Gesicht: »Jawohl! Und daß wir Ihnen den ›Bel‹ unter fünftausend geben – gar keine Rede!« – Jessas! Ich bin verlobt! so sprach sich Toni ein wenig dümmlich zu seiner Seele. Aber der Gedanke, daß er daran in Zeit und Ewigkeit noch etwas ändern könnte, kam ihm nicht einmal von fern. Er sah wohl: wie seine Geschäfte, so war von nun an auch sein Leben in eine kleine, runde, starke Hand genommen, die festhielt, was sie hatte. Zehntes Kapitel. Der Herr im Haus Trautchen war für eine schnelle Heirat gewesen, da sie keineswegs einsah, was ein Hinausziehen dieser wichtigen Lebensangelegenheit für einen Sinn haben solle. Ihre kurze Brautzeit aber nützte sie ganz als Vorspiel einer langen Ehe aus, so wie ein Generalstab jede Friedensübung möglichst genau auf die Verhältnisse des Ernstfalles zuschneidet. Im Völkerkrieg hat die Entwicklung vom zweifarbigen Tuch, von blanken Litzen und Knöpfen, von paradierendem Aufmarsch unter furchterregendem Getöse zur feldgrauen Unsichtbarkeit, zur Verschleierung jeder Bewegung durch unheimliches Schweigen geführt. Beim Kampf der Geschlechter war's der umgekehrte Weg: wo einst die Frau ihre leisen Siege erfocht, die nicht kleiner dadurch wurden, daß kein Barde sie in die Welt posaunte, dröhnt heute das Tschindara und Ratatam begeisterter Frauenrechtlerinnen. Es wäre wohl frivol, zu bezweifeln, daß auf die Art der Lärm größer geworden ist. Ob die Erfolge in dem gleichen Maße wuchsen, darüber sind sich die Gelehrten noch nicht einig. Trautchen für ihren Teil war trotz den Reformgewändern eine Anhängerin der altbewährten Taktik. Vom Tag der Verlobung an entsagte sie der bisher geübten offensiven Plänkelei; nun sie den Bräutigam hatte, richtete sie sich auf den Stellungskampf ein, focht stets in guter Deckung und wußte alle Eigenheiten des Geländes meisterhaft auszunutzen. Den Feind siegen lassen, um ihn desto sicherer zu bezwingen, ist eine goldene Feldherrnregel. Nachgiebig fügte sich Trautchen Tonis Wünschen; er brauchte nur zu pfeifen, und sie tanzte. Daß er keine Melodien pfiff, die ihr nicht in den Kram paßten, dafür sorgte sie schon. War so der Angriffspunkt, bei dem man Toni fassen konnte, die liebe Eitelkeit des starken Geschlechts, so war der andre die bei ihm sehr entwickelte männliche Bequemlichkeit, sein geringer Ordnungssinn fürs Kleine, seine Schwerfälligkeit gegenüber Sachen, die er noch nie gemacht hatte. Eigentlich schon vom ersten Tag ab setzte Trautchens Hilfsbereitschaft hier tatkräftig ein. Nicht einmal um seine Verehelichungspapiere brauchte sich das träge Mannsbild zu kümmern. Sie nahm ihm aufopfernd die Schreibereien darum ab. Wen wird es wundern, daß Trautchens geschickte Feder nun auch zur Erledigung der einlaufenden Briefe von Kunsthändlern herangezogen wurde, und daß sie so ganz von selbst noch als Braut die Leitung der Geschäfte in die Hand bekam – sehr zu Tonis Nutzen, das durfte der ruhig gestehen. Nicht nur, daß dem bayrischen Staat sein schäbiger Anschlag, beim »Raub der Proserpina« nachträglich fünftausend Mark abzuschachern, jammervoll zusammenbrach, die charakterstarke Sächsin nahm es sieghaft mit noch weit raffinierteren Gegnern auf: Sauerländer mußte den »Bel zu Babel« voll bezahlen und wurde bloß kühl verachtet, als er den Atelierscheps gegen eine immerhin mitnehmenswerte Summe im ganzen erstehen wollte. »Scheps? Was ist Scheps? Was heißt überhaupt Scheps? Bei uns wird nicht geramscht!« sagte Trautchen. Und siehe da: der Mann mit der ehernen Stirn, den weltberühmte Professoren demütig umschwänzelten, mußte sich bequemen, für jedes Bild hübsch einzeln einen angemessen erscheinenden Betrag hinzulegen. So etwas reißt erfreulich ins Geld der andern und kann einem Kunstmaler, der im Begriff ist, eine Familie zu gründen, wohl zu einem bis auf weiteres schon recht beruhigenden Bankguthaben verhelfen. Doch während Trautchen erfolgreich im Großen wirkte, ließ sie auch Kleines nicht außer acht. Sie errang sogar einen jener Triumphe weiblicher »Naivität«, die auch der gerissenste Mann nie zustande bringen würde: Tonis längst ungeduldig und advokatisch gewordene Lieferanten mußten es sich zähneknirschend gefallen lassen, daß man ihnen, als ihre Rechnungen endlich bereinigt wurden, unter der überaus kühnen Bezeichnung Kassaskonto zwei Prozent strich. Ohne das – keine neuen Einkäufe für das künftige Nest des jungen Paares! Unbestreitbar blieb wohl, daß die wackern Leute auch so noch genug verdienten; immerhin bedeutete ihre Bändigung eine Tat. Niemand bewunderte derartige Triumphe freudiger als Toni, nicht wegen der paar Hunderter, die infolgedessen mehr auf die hohe Kante gelegt werden konnten, sondern wegen der Langweiligkeiten, die ihm selbst dadurch erspart blieben. Überließ er deshalb schon während der Brautzeit Trautchen die meisten seiner Sorgen, so machte er sich in der Ehe überhaupt kaum noch welche. Warum sollte er sich mit den Bagatellen abschinden? Der regierende Kopf blieb er trotzdem. Trautchen hielt geradezu ängstlich darauf, ihn bei allem, was sie tun wollte, vorher zu fragen. Daß zugleich schon immer die gewünschte Antwort in seinen Befehlshabermund gelegt wurde, fiel ihm weiter nicht auf. Sein Wille herrschte, und so mußte es sein nach menschlichem und göttlichem Recht. Wär' noch schöner, daß die Weiberleut' das Heft in der Hand haben wollten! Auch der Außenwelt gegenüber wurde der Nimbus von Tonis Würde mit pedantischer Genauigkeit gewahrt. Es war ihm selber im Anfang ein klein wenig genierlich, wenn er stockdumm dastand und immer nur: jawohl! zu nicken hatte, während Trautchen einem Kunsthändler Mores lehrte und dabei in einem fort versicherte: »Mein Mann denkt dran!«, »Mein Mann besteht darauf!«, »Das ist bei meinem Mann einfach Prinzip!« Martialisch warf sich der Herr des Hauses dann in die Brust, um seine tüchtige Gattin nicht Lügen zu strafen. Merkwürdigerweise aber glückte es ihm nicht von fern, in den Geruch eines harten Geschäftemachers zu kommen, während vor Trautchen bald ein Ruf der Furcht und des Schreckens einherging. Sauerländer zum wenigsten sagte häufig: » Eh bien ! Lassen wir's! Ich schau ein andermal nach, wenn die Gnäd'ge verreist sind.« Schön gedacht! Bloß: Trautchen verreiste nie, jedenfalls nicht ohne Toni. Fiel ihr im Schlaf nicht ein! Sie konnte sich nicht von ihm trennen, kaum für eine Stunde. Na, wenn das nicht Liebe war! Und er, der als Bräutigam gerade hierüber zeitweise starke Bedenken gehabt hatte! Komisch, was so einem Junggesellen nicht alles einfällt! Wird man's glauben: gerade damals, als sich Trautchens Tüchtigkeit zuerst glorreich in seinem Interesse zu entfalten begann, überrieselte ihn zuweilen ein leiser Schauer vor solchem Segen, und fatal dumme Gedanken geisterten durch seinen Kopf. Wer weiß aber: vielleicht zog er ihre Gefühle auch nur in Frage, weil er sich seiner eignen nicht so vollkommen sicher war. Es sucht keiner den andern hinterm Busch, der dies Versteck nicht selber genau kennt. Aber schließlich und endlich waren das doch zwei verschiedene Dinge. Daß er den Leidenschaftstaumel, von dem er in so vielen Romanen gelesen hatte, kaum in literarisch verwertbarer Stärke empfand – was war da weiter dabei! Er hatte Trautchen gern, und das durfte ihr genügen. Ihre verflachte Pflicht und Schuldigkeit hingegen – jawohl, sie müßte damisch verschossen in ihm sein! Nicht, daß er auf ein großes Zärtlichkeitstheater von ihr Anspruch machte, aber ihm schwante dunkel so etwas, als hätte er in einem Augenblick, da er von einer andern Botschaft voll bis zum Rande gewesen war, mit halbem Ohr ein Wort Sauerländers vernommen, aus dem sich bei einigem Mißtrauen merkwürdige Schlüsse ziehen ließen. Hatte am Ende Trautchen, bevor sie so großmütig und verschwenderisch ihr Herz für ihn entdeckte, wirklich schon Kenntnis von seinen Verkäufen gehabt? Ach ja, mögen auch in gewissem Sinn die Leute gar nicht so töricht sein, die der Vernunftehe das Wort reden, etwas entschieden Unschmeichelhaftes hat es trotzdem, wenn die Vernunft dabei in allzu hohem Grad auf seiten des Gegenparts ist. Toni trieb diese Spinnereien immer wieder von sich wie lästige Fliegen. Ganz totkriegen ließen sich die Zweifel aber doch nicht; und wer weiß, was schließlich passiert wäre, wenn nicht zwei Umstände seine Treue zu der ihm gleichsam aus den Wolken geschneiten Braut von entgegengesetzten Seiten gestützt hätten. Erstes nämlich weckten freche Bemerkungen, die mit Beilhieben in dieselbe Kerbe schlugen, die zuerst die dünne Feile seiner eignen Bedenken geritzt hatte, den Widerspruchsgeist bei ihm. Und zweitens wurde Toni durch das Gefühl gehalten, das bei ihm sein kränkliches Gewissen hieß, während ihm der rohe Nachbar den Namen: Angst vor dem sächsischen Malweib verlieh. Angst? Lächerlich! Vor diesem netten Mädel, das so lieb und dienstfertig war, das ihm jeden Wunsch von den Augen ablas und ihn verwöhnte, wo es nur konnte? Dies alles blieb nicht einmal Theo verborgen. Er half sich dabei in seiner Verlegenheit mit ebenso haltlosen wie düsteren Prophezeiungen. Das sei ja kein Wunder. Wo sie sich nun endlich im Schweiß ihres Angesichts einen gefangen hätte – schön dumm müßte sie sein, wenn sie ihn gleich wieder scheu machen wollte, bevor die Mausefalle amtlich petschiert wär'. Abwarten und Kuchen essen! Das dicke Ende käme schon nach. Der starke Mann hatte auf solche Verdächtigungen stets die gleiche Antwort, die seine Meinung in Form einer höchst kränkenden Einladung umschrieb. Aber, hol' es der Kuckuck: einer gewissen, wenn auch oberflächlichen Logik entbehrte die Alltagsweisheit des nüchternen norddeutschen Bundesbruders nicht. Tja, heiraten ist wirklich eine ernste Sache, wenn man's noch nicht gewohnt ist. Nimm's, wie du willst: ein Sprung ins Dunkle! Doch hat man den Mut gefaßt und ihn keck getan, dann geht einem ein Licht auf. Dann weiß man, was für ein Esel man vorher war: sich kopfscheu machen zu lassen von, nun ja, von blutigen Dilettanten. O du Heupferd von einem Theo! Verborgene Krallen? Daß ich net lach'! Noch netter als zuvor, wenn's möglich war, wurde Trautchen im Ehestand. Wie er ihr nur Berechnung hatte unterschieben können! Na, ob sie ihn liebte? War sie vielleicht nicht toll eifersüchtig? Und gibt es einen schlagenderen Beweis? Sogar etwas zu beweiskräftig wollte ihn das im Anfang hie und da bedünken, und dann erfaßte ihn eine kleine Reue darüber, daß er einmal in vertrauter Stunde seiner jungen Gattin gar so redselig Schwänke aus seinem freilich recht bunten verflossenen Liebesleben erzählt hatte. Lag es nun an seinem pastosen Farbenauftrag dabei, oder an ihrer starken Phantasie – von Stund' an glaubte sie sich in ihm einen ganz gefährlichen Don Juan zahmgemacht zu haben und schaute ihn entschieden als einen an, den man nicht aus den Augen lassen dürfte, ohne daß er gleich auf Abwege geriete. Nicht, daß sie Toni den Hausschlüssel entzog, wie Theo vorher unter leichtfertiger Verpfändung seines Ehrenwortes angekündigt hatte, sie ließ den Schlüssel ruhig in seiner Hosentasche, hängte sich aber zugleich, als der gute Kamerad, der sie ihm überhaupt war, fest in seinen Arm, wenn er wieder einmal einen lustigen Abend mit den Freunden von ehedem verbringen wollte. Sie ging mit und schien gänzlich blind dagegen zu sein, daß die Maler diese Verschönerung ihrer Tafelrunde kaum nach Gebühr zu würdigen schienen, diese Dummköpfe! Um so hellere Augen dafür hatte ihr Mann. Empfand er doch selber, daß der sittigende Einfluß seines Weibes die gewohnte Fidelität in eine schnell zum Gähnen reizende Langeweile wandelte. Denn die hatten wenigstens das heimliche Vergnügen, ihn mit seiner Unzertrennlichkeit von Trautchen als komische Figur zu belächeln und sich die schlechten Witze auszudenken, die sie über ihn machen wollten, wenn er, dem Augenwink der müden Gattin willfahrend, endlich verschwunden wäre. Er kannte die Bande. Sonderbar: man mag sich so glücklich verheiratet fühlen, wie man will, als einziger Ehemann unter lauter Junggesellen mit seinem Glück Parade sitzen, ist peinlich. Man schämt sich. Toni beschloß, seiner Frau klarzumachen, daß er zuweilen auch ohne sie unter Leute müsse. Doch wie sie davon überzeugen? Er kam aus den pfiffigen Gedanken, ihr zu sagen, diesmal träfe man sich in einem Lokal, wo Damen wirklich nicht gut hin könnten. Verblüffenderweise aber reizte das sie wenig dazu, ihn unbeaufsichtigt fortzulassen. Sie betonte mit Eifer ihre vollkommene Vorurteilslosigkeit. Mein Gott, als verheiratete Frau! Und mochte es eine Verbrecherkneipe sein! Im Gegenteil, so etwas würde sie besonders interessieren. Allerdings, wenn es ihm nicht recht wäre, dann bliebe sie selbstverständlich gern zu Hause, obgleich sie sich, gerade heute, schon vom Erwachen an auf das gemütliche Beisammensein mit ihm und den andern gefreut hätte. Aber immer, wenn man sich auf etwas Besonderes freue, na ja ... Sie schluckte herunter; ihr Blick bohrte sich groß und traurig in unbekannte Fernen, daß Toni ein Barbar gewesen wäre, hätte er ihr tapfres Dulden noch länger kühl ansehen können. »A was, gehst halt mit!« sagte er großmütig; und ihre kindlich hüpfende Freude war einfach rührend. Nein, er brachte es auch noch nicht übers Herz, sie zu kränken, wenigstens nicht, solange er ihr unter den Augen war. Das nächste Mal nämlich fing der leichtsinnige Tropf es anders an. Es ist nicht zu sagen, auf was für unwahrscheinliche Dinge ein Mensch in der Verzweiflung verfällt. Toni erbot sich ganz aus freien Stücken, ein paar Briefe, die Trautchen geschrieben hatte, in den Kasten zu werfen. Es war ja nur bis zur nächsten Ecke. Er wollte im Augenblick wieder da sein. Dieser Augenblick nun reckte sich von sechs Uhr nachmittags bis zum nächsten Morgen um neun, wo sich der schwer Vermißte und sogar bei der Polizei telephonisch Gesuchte endlich, übernächtig und bleich, die linke Schulter voran, zur Schlafzimmertür hereinschob. Eine heimliche Besorgnis vor dem Empfang, der ihn aller Wahrscheinlichkeit erwartete, hatte ihn so lange ausbleiben und sich unentwegt Mut antrinken lassen. Doch eben das schlechte Gewissen an die Stichelreden der bösen Kumpane bewirkten, daß er jetzt trutzig dastand, ganz der starke, wenn auch etwas wacklige Mann, entschlossen, einen hanebüchenen Krach zu schlagen, sobald Trautchens Mundwerk zu der Gardinenpredigt aushöbe. Sie aber, und das verwirrte ihn im Nu vollkommen, war, trotz allem, was sie die Nacht über ausgestanden hatte, lieb und dienstwillig wie immer und sagte ihm kein böses Wort. Sie litt nur. Und das freilich verstand sie aus dem Grunde. Keine fünf Minuten, da hatte sie alle seine herrischen Vorsätze zu Mus gelitten. Aus dem Heldendrama, für das er präpariert war, wurde eine rührsame Versöhnung mit Strömen von Salzwasser auf Trautchens und einigen Tropfen davon sogar auf seiner Seite. Der gute Toni leistete schließlich unaufgefordert einen heiligen Schwur, daß so etwas nie wieder vorkommen würde. Dann entschlief er in Trautchens Arm und wachte erst am späten Nachmittag wieder auf, gefoltert von wütendem Kopfweh. Sie aber pflegte ihn mit sanften Händen, Aspirin, neckischen Koseworten, saurem Hering und Märzenbier, so daß er gegen Abend schon ziemlich hergestellt war und ein begeistertes Loblied darauf anstimmen konnte, um wieviel schöner es daheim bei der Frau sei als im Wirtshaus unter den eigentlich doch verdammt stumpfsinnigen, ewig fachsimpelnden Malergesellen. Als er jedoch kaum vierzehn Tage danach meineidig wurde und abermals bei hellem Morgensonnenschein in bejammernswerter Verfassung hereingewankt kam, hielt Trautchen sich wieder an ihre bewährte Methode und erlitt sich denselben starken Augenblickserfolg wie das erstemal. Im stillen aber sah sie ein, daß es damit nicht getan war. Denn der Mensch gewöhnt sich an nichts so mühelos wie an die Leiden anderer. Um ganze Arbeit zu tun, mußte sie ihre Maßregeln in die handelnde Form übersetzen, natürlich, ohne daß ihr Herr und Meister etwas davon merkte. Der böse Feind, den es zu bekämpfen galt, hieß für sie: München. München, dieses gefährliche Pflaster, auf dem Tonis Füße im Lauf der Jahre eben schon viel zu sehr ins Bummeln gekommen waren. Wie gut würde da ein, sei's auch nur ein kleiner, Ortswechsel tun! In neuer Umgebung fängt sich ein neues Leben leichter an, gewöhnen sich alte Torheiten sanfter ab, gleitet ein Mann unvermerkter in die Hände seiner klugen Frau. Gedacht, getan! Schon nach drei Tagen führte die beiden ein Sonntagsausflug zufällig nach Pasing, einem Nachbarstädtchen der Residenz mit guter Bahnverbindung. Vor einem behaglich hingelagerten Anwesen, dessen Front weiß aus einem großen, von Herbstblumen bunten Garten hervorlugte, hatte Trautchen plötzlich den Einfall, wie nett es sein müsse, so im Grünen zu wohnen, unter selbst erbautem Dache. Ewig schade, daß man sich das nicht leisten könne! »A warum!« sagte Tom sofort, großartig und unternehmend. Er hatte auf die Angel gebissen. Sie brauchte nur weiter Bedenken zu äußern, um den Widerhaken unausreißbar in seiner Seele zu verankern. Und das tat sie. Immer eifriger und hitziger wurde er vor solcher Verbohrtheit und rechnete ihr klar aus, wieviel billiger sie dabei wegkommen würden. Ein eignes Haus könnte an Zinsen gar nicht den Betrag fressen, den die Miete einer Wohnung koste. Trautchen räumte ein, man könnte am Ende auch dadurch manche Mark sparen, daß man sich, was hier draußen ja vortrefflich ginge, Federvieh hielte und einen Nutzgarten anlegte. Damit wüßte sie gut Bescheid, ihre selige Mutter wäre in der Hinsicht daheim berühmt gewesen. »Jawohl, und die frischen Eier! Und wie das Gemüs anders schmeckt, als wie das welke G'lump aus dem Laden!« rief Toni zungenschnalzend und wollte gleich die Oberleitung des landwirtschaftlichen Teils an sich reißen. Sogar eine Milchkuh und zwei Mastschweine warf er kühn in die Debatte. Willig ließ sich Trautchen für eine Weile durch ihn entführen in allerlei Träumereien von den Freuden eines rittergutsmäßigen Daseins – bis sie dann endlich nach einem abschließenden Seufzer erklärte, es müßte ja schön sein, doch leider sei es unmöglich. Arme Leute, wie sie, dürften sich keine großen Rosinen in den Kopf setzen, und nach ihren Verhältnissen wäre eine Wohnung im vierten Stock gerade das richtige. Aber da kannte sie ihres Gatten Eigensinn schlecht. Wenn der einmal einen Beschluß gefaßt hatte, dann ließ er sich nichts mehr dreinreden, am wenigsten von seiner Frau. Es wurden sofort an Ort und Stelle Erkundigungen nach passenden Grundstücken eingezogen, und am gleichen Abend noch brach Toni die Sonntagsruhe, die er sonst so mit Sorgfalt heilig hielt: er spitzte sich einen Bleistift und ging daran, den Grundriß für eine Villa mit Atelier zu entwerfen. Und von Stund' an bekam er, wie Theo das ausdrückte, den Architekturfimmel und brachte den Baumeister, an den sie sich wendeten, mit seinen vielen unausführbaren Wünschen und Vorschlägen rein zur Verzweiflung. Immerhin mußte selbst dieser Fachmann, als sie sich nach unendlichem Krakehl zusammengerauft hatten, befriedigt gestehen, das gäbe ein Einfamilienhaus, so hübsch, praktisch und bodenständig, wie in der Umgegend von München noch keins zu erblicken sei. Während dann die Pläne zu diesem Wunderwerk bei der dafür eingesetzten Verschleppungsbehörde ihrer genehmigten Auferstehung entgegenschlummerten, wurde durchaus ungesetzlicherweise bereits die Erde für den Bau ausgehoben, und Toni ließ es sich nicht nehmen, täglich hinauszufahren, um sich von den Fortschritten der Arbeit zu überzeugen und bei jeder Schaufel Kies die nach oben gelangte, eine innige Freude zu empfinden. Zu den liebenswürdigsten Seiten jedoch dieser ganzen Angelegenheit gehörte es, daß der starke Mann die Villa sozusagen geschenkt bekam. Denn als Trautchen endlich seinem Drängen nachgab und, wiewohl noch immer zaghaft und zweifelnd, ihr Einverständnis erklärte, da hatte sie gesagt, wenigstens solle nicht sein sauer verdientes Geld hier verpulvert werden, sondern dann noch lieber das ihre. Einen besseren Zweck, als ihrem Mann eine Freude zu machen, könnten die paar Groschen ja gar nicht erfüllen. Toni war ebenso gerührt und angenehm überrascht wie damals, als er zuerst erfuhr, daß seine Erwählte neben sonstigen schätzbaren Vorzügen auch den besaß, eine gute Partie zu sein, wenigstens nach seinen Begriffen – verfügte sie doch jetzt schon über ihr Muttergut in Höhe von einigen fünfzigtausend Mark. Diese Summe nun ließ sie restlos für die Schaffung ihres Heims draufgehen. Das schien ihr als gute Kapitalanlage, und sie wußte genau, warum. Außerdem aber hatte sie für später noch einen angenehm runden Betrag zu erwarten, nach dem Abscheiden ihres Vaters, der sich in einem soliden und rentablen Fabrikbetrieb die Herstellung von Buckskin angelegen sein ließ. Es gab in dem Jahr einen langen und schönen Herbst. Das kam den Bauarbeiten sehr zustatten. Noch bevor der erste Schnee fiel, konnte die Übersiedlung ins Werk gesetzt werden. Und als nun die fröhliche Mühe des Einrichtens ihr Ende hatte, als der letzte Handwerker draußen war und das letzte Bild so gut an seinem Platz hing wie der letzte Kochlöffel, da machten die Eheleute einen Rundgang vom Keller bis zum Speicher durch alle die von Neuheit duftenden, in Sauberkeit und Ordnung jungfräulich protzenden Räume. »Na, wer war nun der Gescheitere?« fragte der starke Mann jovial. »Du!« sagte Trautchen mit einem lieben Lächeln und hängte sich zärtlich bei ihm ein. »Ja, das wirst du noch öfters merken!« brüstete er sich und klopfte ihr, damit sie seine Überlegenheit nicht gar so stark empfinde, freundväterlich die Backe. Und in der Tat merkte sie, daß es Segen bringt, seinem Gatten zu folgen, wenn er dahin geht, wohin man möchte. Die Luftveränderung gewann bald den gewünschten Einfluß. Und so entfaltete sich mit der Zeit aus dem zufällig verheirateten möblierten Herrn glorreich der Ehemann. Nicht ein einziges Mal mehr geschah es, daß er durchbrannte und die Nacht ausblieb. Er wußte ja: Trautchen hätte sich hier draußen allein mit den Mägden in dem großen Haus zu Tode geängstigt. – Im ersten Winter fuhren sie öfters zusammen Amüsierens halber nach München, doch allmählich fanden sie das immer seltener der Mühe für wert. Sie wurden häuslich und fühlten sich am zufriedensten in ihren vier Wänden. Die wenigen Leute, die sie gern sahen: Theo und sonst wohl ein Maler, diese und jene Freundin von Trautchen, Philipp Ladurner mit seiner Frau und noch einige junge Ehepaare, die sie gelegentlich hatten kennengelernt, die sollten nur zu ihnen kommen. Es saß sich hier doch viel angenehmer als im Wirtshaus; und besser essen als bei Gwinners konnte man nicht so leicht woanders. In der Beziehung durfte man sich auf die Hausfrau verlassen. Sie war genau, aber nicht geizig; ihr genügte es, wenn jährlich die Hälfte des Einkommens auf die Bank gelegt wurde, und ließ man das andre draufgehen, so brauchte man sich nichts abzuziehen. Unvermerkt fiel Toni auf die Art einem Leben sozusagen in Schlafrock und Pantoffeln anheim, einem Leben fest geregelter Gewohnheiten, bei dem er es sich wohl sein ließ und gemächlich zusah, wie Trautchen rastlos ihr kleines Reich regierte, die Dienstboten geräuschvoll mit einem kräftigen Mundwerk, ihren Mann leise mit Liebe. Die ehemalige Künstlerin erkannte man nur noch an einem gewissen Geschmack in allem, was sie fürs Haus anschaffte; Pinsel und Palette hatten Ruhe vor ihr, sie fand es vollkommen ausreichend, wenn einer in der Familie malte. Daß Toni diese Tätigkeit nicht einschlafen lasse – darauf legte sie allerdings Wert. Aber es rechtfertigten sich keineswegs die Befürchtungen, die er als Bräutigam manchmal gehegt hatte, wenn er sah, welch glänzenden Aufschwung dank ihrer Tüchtigkeit der Bilderverschleiß nahm. Sie zeigte sich nicht erpicht darauf, daß er sich möglichst oft und womöglich schnell durch Herunterschruppen eines Ölgemäldes wieder ein paar Tausender verdiene. Sie verstand genug von der Malerei, um Ansprüche an ihn zu stellen und eigentlich, wenn auch in der schonendsten Form, seine strengste Kritikerin zu sein; und vom Geschäft verstand sie genug, um zu wissen, daß ein paar gute Bilder im Jahr für die Dauer nahrhaftere Aussichten eröffnen als viele schlecht und liederlich hingehauene. Sie konnte, wenn er was Rechtes geschafft hatte, so fröhlich loben, so stolz sein auf ihren Mann, daß er eines Tadels für etwas Verpatztes bald gar nicht mehr bedurfte. Wenn sie nur in gewisser Art ihre Stumpfnase krauste und die Augen prüfend zukniff, wußte er schon Bescheid und fühlte sich sehr begossen. Dadurch erwuchs in ihm ein scharfer Ehrgeiz, Trautchen zufriedenzustellen; und der war ihm sehr gesund. Denn wer nicht steigt in seinen Leistungen, ist bald tief drunten an der Kunstbörse. Wie Toni überhaupt in eine regelmäßige Tageseinteilung hineinglitt, so ergab es sich schließlich von selbst, daß er immer zu der gleichen Stunde vor seine Staffelei trat. Doch richtig anzufangen, kostete ihm jeden Morgen einen Entschluß. Trautchen wußte das und half ein wenig nach, damit er nicht gar zuviel Zeit mit Vorbereitungen, sozusagen mit dem Anlauf, vertrödle. Sie huschte häufig einmal herein, um sein Gewissen zu schärfen; denn sie besaß, und das war ihm nur zu wohl bekannt, einen unbestechlichen genauen Blick dafür, wieviel er schon wieder frisch gemalt hatte und wie ernsthaft. Erst wenn sie sah, daß er in Zug kam und seine Hiebe mit dem langgefaßten Pinsel in der eleganten Fechterhaltung, die ihm dabei eigen war, treffsicher hinsetzte – erst von da an überließ sie ihn sich selbst, schlich sie höchstens aus Zehenspitzen andächtig an der Ateliertür vorüber und hütete sich, ihn zu stören. Gott sei Dank, er arbeitete! Aber sie hatte es auch im Gefühl, wie lange er, je nach seiner Stimmung und dem Stadium, in dem sich das Bild befand, wirklich mit Leidenschaft bei der Sache blieb, und wann bei ihm die weitere Tätigkeit Heuchelei zum Schein des Gerechten wurde. Immer, wenn er im Grunde genug hatte, durfte er sich heilig darauf verlassen, daß Trautchen binnen kurzem einen freundlich lächelnden Kopf hereinstreckte und ihn, mit der Bitte um Entschuldigung für die Störung, zu etwas anderm abrief, worauf er natürlich tat, als trenne er sich nur unter äußerster Selbstüberwindung von seinen Pinseln. »Ach, verzeih!« so konnte sie ihn dann wohl, gleichsam erschrocken, beschwichtigen. »Na ja, also malst du noch ein Viertelstündchen an der ›Geburt der Venus‹; aber nachher bist du doch so lieb und gräbst mir das Mistbeet um?« Auf so etwas hin ließ er zunächst ein kleines zerstreutes Gebrumm hören, das ihn befriedigte und sie nicht enttäuschte; doch entriß er sich alsbald seiner gespielten Versunkenheit und erklärte galant, ganz zu ihrem Befehl zu stehen. Eiligst wurde das Malgerät versorgt und nach dem gröberen Handwerkszeug gegriffen. Gegen Abend machten die beiden meist einen längeren Spaziergang. Die sinkende Sonne entzündete über der flachen Hochebene Beleuchtungswunder, die ein Malerauge wohl befruchten konnten, und das flotte Ausschreiten stimmte den Magen mild sehnsüchtig auf das Abendbrot. So war für Leib und Seele gesorgt. Nach dem Essen saß man dann noch bis zum Schläfrigwerden im Wohnzimmer beisammen, sie mit einer Näharbeit, er hinter der Zeitung oder über irgendeinem Roman. Das Schmökern gehörte noch immer zu seinen Liebhabereien. Zwischendurch ließ Trautchen die Socke sinken, an der sie gerade stopfte, und streckte ihm über den Tisch ihre mollige, mit dem Fingerhut geschmückte Hand entgegen; er deckte, gleichsam beschwichtigend zärtlich, seine große Pratze darüber und schnurrte wie ein Kater vor tiefem Behagen. In sich herein schmunzeln mußte er, wenn er zugleich in seinem Buche große Spräche las von verzehrenden Leidenschaften und den Schmerzen der Liebe. Ein komisches Korps, die Dichter! Lauter Schwindel, um sich interessant zu machen! Oder bloße Einbildung, ganz gewöhnliche Dummheit! Wer sich sein Leben gescheit einrichtet, was kann dem passieren! Quatsch! Man muß es verstehn, weiter nichts! Die überspannten Jugendträume, die ihm noch als Bräutigam manchmal in die Quere gekommen waren, was hatten die für einen Wert gehabt? So etwas verweht vor dem ersten Lufthauch der Wirklichkeit; eine richtige, ruhige Liebe wächst mit den Jahren und ist dauerhaft, wie's für die Ehe paßt. Gefühle, die vorhalten müssen bis zur Silberhochzeit und darüber hinaus, können nicht aus grüner Romantik entspringen, sondern nur aus der Gemeinsamkeit der Interessen. Und damit stimmte es bei ihnen, das mußte wahr sein! sie lebte förmlich in seiner Malerei, ohne ihm doch ins Handwerk zu pfuschen, er hinwiederum tat ihrer Kochkunst alle Ehre und Andacht an, ohne ein Topfgucker zu werden. Hier pflügte jedes treulich den eignen Acker zur Freude des andern, in der Sorge um Hühnersteige und Gemüsegarten fanden sie sich zu lustigem Zusammenwirken; und was das sonstige langweilige Zeug betrifft, das leider noch zum Leben gehört: Geldsachen, Geschäfte und ähnliches, da war er der Kopf und sie die Hand. Daß der Kopf sich oft schonte und die Hand das Denken gleich mitbesorgte, bedeutete eine praktische Arbeitsteilung und ging nur sie beide etwas an. Mochten doch andre Leute davon denken, was sie wollten! Es gibt ja solche Idioten, die meinen, die Frau müßte deswegen gleich die Hosen anhaben, bloß weil der Mann mit ihr harmoniert. Nein, das weiß Toni nun wirklich besser! Gott sei Dank! Ein überlegnes Lächeln kräuselt seine Lippen, er bläst einen langen Atomzug durch die Luft, versieht die ausgegangne Zigarre wieder mit Feuer und schenkt seine Aufmerksamkeit erneut den immerhin spannenden Schriftstellerphantasien. Es hat schon was, so vom sichern Hafen aus zuzuschauen, wie dahinten weit in der Türkei die Leute – an der Liebe sterben. Wenn's auch nicht wahr ist, unterm Lesen glaubt man's wie einen Detektivroman. – Die Biedermeierstanduhr auf dem Kamin schlägt zehn silberhelle Schläge und hat es sehr wichtig und eilig damit. Der starke Mann klappt das Buch zu und richtet den Blick auf Trautchen. Sie spürt das gleich. Sie versorgt ihre Nadel, zieht, was einen leise knallenden Laut gibt, den Fingerhut ab und wickelt ihn nebst der kleinen Schere und dem Garnknäuel in ihre Arbeit, gehorsam wie immer. Er erhebt sich, reckt sich kräftig, zupft danach, aus Höflichkeit gleichsam erschrocken, seine Weste abwärts und sagt unter verhaltnem Gähnen: »No, was is, Schnucksibucks? Gehn mir schlafen?!«   Toni und Trautchen galten bald in ihrem Bekanntenkreis für ein sprichwörtlich glückliches Paar. Wurden sie von dem oder jenem darob belächelt, so gelb lächelt der Neid, übersehen konnte es keiner – hätte man wenigstens meinen sollen. Und doch gab es einen, der es lange Zeit fertigbrachte, diesem Glück gegenüber Blindheit zu heucheln. Wer war das wohl? Natürlich niemand anders als Theo Schlotthauer. Er hielt seine Bockbeinigkeit wahrscheinlich noch dazu für Konsequenz und bildete sich was drauf ein. Denn er hatte seinerzeit bei der Kunde von Tonis Verlobung diesem eiskalt die Mitteilung gemacht: »Wenn du die heiratest, kuck' ich dich nich mehr an!« Und wäre es, wie sich bald erwies, auch übertrieben gewesen, diese Drohung wörtlich zu nehmen, es dauerte trotzdem eine ganze Weile, bevor der eingefleischte Hagestolz seine innere Mißbilligung dieser Ehe fahren ließ, und noch länger, bis er das nur mit einer Silbe zugab. Endlich aber, im zweiten Jahre von Tonis Ehe, damals, als Trautchen ihr erstes Kind erwartete, konnte er nicht mehr anders: auch ihn trieb es, Zeugnis abzulegen, was denn bei den Beteiligten die einer solchen Überraschung entsprechende Genugtuung erregte. Theo war ein materieller Mensch, die schönen Gefühle gingen bei ihm durch den Magen. Und diesen hatte die Hausfrau an jenem historischen Abend durch einen üppig mit Zwiebeln gespickten Hammelbraten von bemerkenswerter Güte listig zu umgarnen gewußt. Nach dem Essen saß man dann draußen um den runden Tisch in der Laube; der milde Sommerabend, das milde Licht der gelben Lampions und eine mildkräftige Erdbeerbowle, die niemand behandelte, als stünde sie bloß zum Ansehen da, das alles schuf eine aufgelöste, still behagliche Stimmung zwischen den dreien, dem Ehepaar und seinem einsichtigen Gast. Da nun ereignete sich das Verblüffende, daß Theo plötzlich sein Glas über den Tisch hinweg Trautchen entgegenreckte und mit ihr anstieß, dann aber ganz deutlich zu seinem Freunde sagte: »Altes Kamel, mit der da hast du auch mehr Glück wie Verstand gehabt!« Solch feurige Gemütsausbrüche war Toni von seinem alten Nachbarn wahrhaftig nicht gewohnt. Wie schön im Fett mußte er doch sitzen, daß es selbst einem so hoffnungslosen Junggesellen auffiel! »Gel ja?« gab er triumphierend zur Antwort und strahlte über das ganze Gesicht. »Mein Lieber: ich hab mir meine Alte aber auch richtig gezogen!« Also sprach der starke Mann breitspurig. Doch warf er dabei unwillkürlich ein die Wirkung solcher Aufrichtigkeit ins humoristische abschwächendes Blinzeln zu seiner Frau hinüber, seine Hand suchte unter dem Tisch die ihre und drückte sie mit begütigender Zärtlichkeit. »Hahü!« flötete Theo ironisch und ließ die listig zugekniffenen Äuglein vom Manne zur Frau, von der Frau zum Manne schweifen. Ihm machten Tonis Siegergebärden nichts weis. Na, und die Bestätigung dafür, daß er einen Pantoffelhelden vor sich hätte, würde ihm ja auch sofort aus Trautchens Munde zuteil werden. Er freute sich schon innig darauf. Sie aber schaute den Zweifler mit ihrem klarsten Kinderblick an und sagte schlicht und warm, fast ein wenig schüchtern: »Sieh, Theo, er ist eben gut zu mir. Und in Güte macht einer aus mir, was er will.« Toni kriegte förmlich blanke Backen. Er nickte dem elendig Abgeblitzten von oben herab mitleidig zu und schwoll an vor Würde. Da hatte nun einer schlagend bewiesen gekriegt, wer der Herr war im Hause Gwinner! Zweites Buch Schön ist es auch anderswo, Und hier bin ich sowieso. Wilhelm Busch   Elftes Kapitel. »Vati« Jahre, die so glatt verrinnen, daß man sich jedesmal wundert, wenn, wieder schon, eines herum ist, und die sich bei der Rückschau doch ausnehmen, als umfasse ihre Reihe eine kleine Ewigkeit, als hätte es nur in halbvergessener Ferne Zeiten gegeben, die den gegenwärtigen nicht glichen – wie nennt man solche Jahre? Der eine wird sie herrlich heißen, der andre langweilig, der reich an Gewinn, jener versäumt und verloren, wieder einer heute so und morgen so, wie er eben aufgelegt ist. Aber daß es sich da um ruhige Jahre gehandelt haben muß, darüber kann schwerlich ein Streit entbrennen. »Mei Ruh'!« ist der Spruch, mit dem der Altbayer seinen Standpunkt wahrt, wenn geschäftige Faselhänse ihn für etwas begeistern oder gegen etwas aufmanndeln wollen. Und Toni wäre der letzte gewesen, der sich gern in seiner königlich bayerischen Ruhe hätte stören lassen. Eines aber hat jeder Mensch mit seiner Taschenuhr gemein. Daß nämlich der Meister, der ihn schuf, inwendig in ihm selber eine Unruh angebracht hat, von der er nichts weiß, solange das eintönige Brausen des Alltags ihm die Ohren füllt. Es gibt jedoch sehr stille Stunden, wo das unterweltliche Ticken merkwürdig laut und metallisch wird. Zu den Übergangszeiten des Lebens häufen sich solche Stunden, und durch ihr Schweigen tropft, Silbe für Silbe, unübertönbar die alte dumme Frage: Wozu leben wir Menschen eigentlich? Das da, soll das das Ganze sein? Man schüttelt den Kopf, an dessen Schläfen man vielleicht gerade in der Frühe beim Rasieren die ersten grauen Haare festgestellt hat, und sagt sich: Hm, das hab' ich mir doch dazumal wesentlich anders vorgestellt, verflucht anders. Ach ja, mir fehlt ja weiter nichts, aber ... Und hinter diesem: Aber eröffnen sich weite, in Dunst verschwimmende Horizonte.   In das vierzehnte Jahr schon ging Tonis Ehe. Ein stilles, dabei nicht zu langsames Wachstum ließ sich spüren an Tonis Künstlerberuf, seinen Bilderpreisen, seinem Bankguthaben und leider auch an der Taillenweite seiner Frau. »Unberufen!« pflegte Trautchen satt lächelnd zu entgegnen, wenn jemand mit einem abschätzenden Blick über ihren Kubikinhalt fand, nach ihrem Ergehen müsse man wohl gar nicht erst fragen. Zufriedenheit glänzte von ihren Backen, ihrem gemütlichen Doppelkinn, Zufriedenheit mit sich und der Welt. Ob dereinst im Jenseits die Tugend gekrönt würde, darüber machte sie sich kein Kopfzerbrechen. Denn wenn es einen ewigen Richter gab, müßte seine Allweisheit doch sicher ebenso vollkommen einverstanden sein mit ihr, wie sie selber es war. Jeder künftigen Scheidung in Schafe und Böcke konnte sie mit Ruhe entgegensehen. Inzwischen aber lebte sie der Überzeugung, daß sich unsere guten Taten schon in diesem Dasein belohnen, daß folglich das, was sie hatte, ihr nur zu Recht gebührte. Auch die zwei in ihren Augen wirklich großen Glücksfälle seit der Hochzeit: die Geburt ihres Jungen im zweiten und die Schmückung Tonis mit dem Professortitel im zwölften Ehejahr, sah Trautchen keineswegs wie aus den Wolken gefallne Gnadengeschenke an, sondern als redlich verdient gleich allem andern. Aber, daß man ihr nicht unrecht tue: so lind es ihr einging, von den Mägden, dem Kohlenmann und den Dreiquartelprivatiers der Nachbarschaft Frau Professor genannt zu werden, ihr höchster Stolz blieb es, Mutter zu sein, Mutter eines so ungewöhnlichen Kindes, wie der kleine Michel es war. So hatte man den Knaben getauft, weil Namen von dieser herausfordernden Schlichtheit zu der Zeit für das Differenzierteste galten. Doch trotz aller Seligkeit über ihn erzog sie den Buben mit heilsamer Strenge. Der sollte einst im Leben seinen Mann stellen; und dazu gehörte es, daß man ihn zeitig herannahm. Da er das einzige Kind seiner Eltern war und blieb, lag die Gefahr der Verwöhnung ohnehin nahe. Und ihm etwa bloß aus pädagogischen Rücksichten Geschwister in die Welt setzen, nein, dafür dankte Trautchen ergebenst! Neben allem andern sträubte sich schon ihr ökonomischer Sinn dagegen. Denn fällt ein Erbteil nicht am nahrhaftesten aus, wenn es bloß durch eins dividiert wird? Also gönnte die kluge Mutter ihrem Stammhalter sein einsames Prinzentum und traf nur durch ein festes Mundwerk und eine hier und da sehr rasche Hand ihre Vorbeugungsmaßregeln dagegen, daß der Thronfolger am Ende gar bereits mit fünfzehn, sechzehn Jahren seinen dann bestimmt noch sehr rüstigen Erzeugern über den Kopf wachse. Dieser Gefahr beizeiten Widerpart zu halten, schien Trautchen nicht ganz ohne Grund nötig. Denn kaum konnte das Michele zur Not laufen, als auch schon sein von ihm völlig verzuckerter Vater es war, der sein verjüngtes Ebenbild mit Eifer in allerhand Lausbubenstreichen zu unterweisen begann. Was Wunder, daß so gar bald eine Art von heimlichem Bündnis zwischen dem kleinen und dem großen Bengel entstand, ein stillschweigendes Einvernehmen gegen die manchmal wirklich »gar zu fade« Frau Mutter, und daß diese nicht selten eine Bitterkeit herunterschlucken mußte, weil ihr Kind – oder hatte vielleicht er es unter Schmerzen zur Welt gebracht? –, weil also ihr Kind viel mehr als an ihr an Toni zu hängen schien, der doch, verglichen mit der Mama, dem Michele bloß ein weitläufiger Verwandter war. Um so klare Naturgesetze zu bezweifeln, muß man wirklich schon ein Mann sein! Wie sicher nun auch alle Vernunftgründe Trautchen ihren künftigen Sieg im Herzen des Jungen verbürgten, wenn der erst mehr Einsicht besäße, vollkommen bändigen konnte sie es nicht immer, das Nagen der Eifersucht irgendwo da drunten. Michele gegenüber äußerte sich das hier und da durch plötzliche Anfälle von zärtlicher Schwäche. »Haut schon! Heut is sie gut aufgelegt!« sprach der schlaue Knabe in dergleichen Fällen unternehmend zu seiner Seele und war bestrebt, der Gunst solcher Stunden möglichst viel abzugewinnen: sein erstes Zweirad und sonst allerhand Großes. Häufiger und weniger wohltätig als der Sohn hatte Toni diese Gemütsblähungen einer gekränkten Mutter zu verspüren. Sie konnten eine gewisse Redseligkeit und Schärfe in ihre sonst so angenehm schläfrige abendliche Zwiesprach bringen, wenn die auf das verantwortungsreiche Feld der Erziehung abbog. Und mußte sich Trautchen hierbei vielleicht nicht ereifern, wo doch die ganze Last auf ihren Schultern lag und ihr Mann, der der Nächste dazu gewesen wäre, von allem andern ganz abgesehen, da noch die neue Mode einführen wollte, andrer Meinung zu sein als sie! »Geh, laß das Michele gehn, Schnucksibucks! Ein Bub', der kein Lausbub' is, is überhaupt kein Bub', sondern eine alte Tunte! Erziehung, Erziehung? Wer hat denn mich erzogen, draußen am Land? No, und bin ich vielleicht net ganz recht worden?« Also, mit Gewalt an sich halten mußte Trautchen auf so etwas, um ihm nicht gerade ins Gesicht zu sagen, wem er sein bißchen Erziehung verdanke. Und ob er sich dafür zu garantieren getraue, daß auch das Michele einmal eine Frau fände, bei der es so schön alles Versäumte nachholen könnte? Außerdem: so gottgewollt und natürlich sie in der eignen Ehe das weibliche Regiment bedeuchte, ihren Sohn wünschte sie dereinst denn doch als den Herrn in seinem Hause zu sehen. Nach einer Schwiegertochter, die ihren traditionellen Einfluß durchkreuzen könnte, stand ihr der Sinn nicht. Kein Mensch wird bestreiten, daß Trautchens Voraussicht weit in die Zukunft ging. Aber auch in der Gegenwart ließ sie sich nicht leicht zu Unbesonnenheiten hinreißen. Sie antwortete ihrem Mann auf seine leichtfertigen Gemeinplätze keineswegs mit Schnödigkeit, sondern lenkte ihre Gereiztheit in vielleicht etwas übertriebener Schärfe auf das Michele ab, dem dies ja weiter nicht weh tat, da der Schlingel um diese Stunde schon wie ein friedliches Engerl schlummernd in seinem weißen Gitterbett lag. »Ja aber, Vati«, begann sie, »du wirst wohl zugeben, daß es mit dem Jungen bald nicht mehr auszuhalten ist! Red auf ihn ein, soviel du willst – gerade, solang' er bei dir ist! Aus den Augen, aus dem Sinn! Zum einen Ohr herein!« »No ja«, so unterbrach Toni diese Aneinanderreihung volkstümlicher Wendungen, »ein Bub' halt! Er vergißt drauf. Bös is das weiter net gemeint.« »Er muß aber gehorchen lernen.« »Schon recht, Schnucksibucks. Bloß: all der viele kleine Dreckskram, was er soll und net soll ... Schau: wenn er wirklich was angestellt hat, einmal eine solide Watschen ...« »Ja, Vati, ja! Da wärst du der Richtige!« »Schau, Schnußsibucks, aber so ... Von in der Früh' bis abends in einer Tour nörgeln und schimpfen!« Der starke Mann erschrak plötzlich und hob den Blick etwas scheu zu seiner Gattin. »Das heißt also«, stieß sie mit bebender Stimme hervor, »daß ich eine böse Sieben bin?« »Nein, wo denkst du hin! Wie käm' ich denn drauf?« stammelte er verwirrt und fingerte hastig auf dem Tische nach ihrer Hand. Selbstverständlich kamen sie sich bald wieder nahe. Das heißt: sie blieb stehen, und er pirschte sich Schritt für Schritt heran, bis sie sich auf dem Boden gleicher Erziehungsgrundsätze fanden. An solchen Abenden konnte es vorkommen, daß Toni sich gegen seine Gewohnheit eine ganze Weile hellwach im Bett wälzte und eines hartnäckigen Grübelns pflog, während sein Weib, das Lächeln der Siegerin um die Lippen, friedlich schlummerte und den Atem in langen, regelmäßigen Stößen von sich blies. Ach ja, was sollte das nun für einen Zweck haben, der ewige Streit um des Kaisers Bart! Denn daß sein leiblicher Sohn durch noch so viel stramme Zucht zu einem nach Crimmitschauer Begriffen gesitteten Knaben gemacht werden könne, daran glaubte der starke Mann eben nicht, hielt es nicht einmal für erstrebenswert, wenn er auch zuweilen, bloß um seine Ruh' zu kriegen, so tat. Sollte doch Trautchen selber ihr Heil versuchen und ihn in Gottes Namen aus dem Spiel lassen! Auf eine Tracht Prügel hin schüttelte sich der Bub bloß wie ein nasser Hund, und bei Scheltworten hatte er nicht einmal das nötig, so wirkungslos glitten sie von seiner gesunden Haut ab. Der vertrug einen Puff! Und gar zu hart faßte ihn die Frau Mama schon nicht an, verliebt in das Michele, wie die war. Etwas übertrieben verliebt, durfte man wohl sagen. Hatte er als Vater ihn denn nicht selbst gern genug, den kleinen Spitzbuben mit den durchtriebenen Augen! Aber mußte man deshalb gleich gar nichts andres mehr kennen? Toni hatte sich in den ersten Ehejahren nicht ungern daran gewöhnt, der Punkt zu sein, um den das Hauswesen sich drehte. Seit das Michele da war, fühlte er sich mit Mißbehagen gegen den Rand des Kreises ausgerutscht. Nicht, daß ihm irgend etwas entzogen wurde, worauf er ein Recht zu haben meinte, die Sache lag tiefer: Trautchen war anders zu ihm geworden, wirklich sehr anders. Das schaute sich ja bald so an, als wäre er weiter nichts als das Mittel zum Zweck gewesen. Es handelte sich nicht nur um die Erziehungsfragen, er wurde im ganzen nicht gebührend honoriert. Es konnten ihn Zweifel anwandeln, ob er überhaupt noch der Herr wäre, so wenig wurde er gefragt. Äußerte er einmal seine Verwunderung, weil schon wieder in seinem Namen etwas geschehen war, wovon er selbst keine Ahnung hatte, dann meinte Trautchen, sie wären nun wohl lange genug verheiratet, daß sie seinen Willen auch ohne weitschweifende Beratungen kenne. Er solle froh sein, wenn sie ihn mit allem dem Krimskrams nicht erst belästige. Lange genug verheiratet, kein eben schmeichelhafter Standpunkt! Das klang ja, als wäre es schon ganz etwas Selbstverständliches und kaum ein Vorzug mehr, die Frau von einem Kerl wie ihm zu sein. Man merkt wohl: die leise Eifersucht wegen des Michele beruhte bei seinen Eltern auf Gegenseitigkeit. Übrigens schob Toni hier doch wahrscheinlich manches seinem unschuldigen Kind in die Schuhe, was die Zeit ganz von selbst mit sich brachte. Häufige Übung einer Tätigkeit führt eben zu deren Vereinfachung. Trautchen stand vor dem göttlichen Meisterwerk, als das der Gatte betrachtet zu sein wünschte, wie ein Arbeiter, der eine verschmitzte Maschine bedient. Solange sie ihm neu ist und er noch ein staunendes Vergnügen daran hat, wie sich aus dem Rohstoff, den er an dem einen Ende hineinführt, auf dem Wege zwischen Walzen und sonstigen sinnreichen Vorrichtungen hindurch der fertige Gegenstand entwickelt, um schließlich am andern Ende ruckweise und rastlos hervorgespuckt zu werden, so lange vollführt solch ein Mann seine regelnden Griffe mit liebhaberischer Sorgfalt und elegantem Schwung. Kennt er die Geschichte erst genau, dann schaut er gleichgültig in die Luft, pfeift sich eins, kratzt sich zwischendurch den Kopf, und seine Hände schlagen sachlich und mechanisch, klipp klapp, gegen die stählernen Hebel. Und wenn das das einzige gewesen wäre! Aber es kam eins zum andern: nicht nur, daß Trautchen die zart respektvollen Formen, mit denen sie selbst ihn verwöhnt hatte, außer acht ließ, sie kränkte sein Malerauge auch dadurch, daß sie aus der Form ging. Mein Gott, Unmögliches zu verlangen, so bar aller Vernunft war er nicht. Hat jemand Anlage zur Korpulenz, dann darf man es ihm nicht als Verbrechen auslegen, daß er zunimmt. Bändigen aber wenigstens kann man seine Fülle, so gut es geht. Und sie zeigte ja, daß sie es konnte, wenn sie das Haus verließ, oder wenn Gäste kamen. Bloß für ihn fand sie sich schön genug in den unerfreulichen Hängern, die scheinbar notwendig zu ihrer familiären Bequemlichkeit gehörten. Meinte Trautchen denn, sobald man erst einen Mann habe, wäre es Verschwendung, noch begehrenswert zu sein, und sei erst ein Kind da, so könne man nicht schnell genug alt werden? Er für seine Person fühlte sich noch genau so jung, wie da er von der Hochschule abging, um sich in der Kunst selbständig zu machen. Und was er sich damals erträumt hatte, durfte davon bis heute eigentlich mehr Wahrheit geworden heißen als ein winziger Bruchteil? Ja: er hatte, wie man so sagt, Glück gehabt Man kannte seinen Namen, kaufte seine Bilder, eingeheimst war so ziemlich, was es an großen goldnen Medaillen gab, er wurde Professor geschimpft; zweifellos lauter Träume der Jugend, die sich ihm erfüllt hatten. Doch jedes erreichte Ziel zeigt einem, daß es der Mühe kaum wert war, daß das Ziel, das eigentliche, weiter vorn liegt, undeutlich im blauen Nebel wie je. Weiß der Kuckuck, wo; weiß der Kuckuck, in welcher Gestalt! »Was verlangst du denn noch, Vati?« konnte Trautchen ihn fragen, wenn er auf die Kunde von dem schönsten Verkauf bloß einen gleichgültigen Seufzer von sich gab. »Tu doch nicht so blasiert! Wenn ich an früher denke, was du da ... Gott ja, na, vielleicht bringen das die Jahre ganz von selbst mit sich.« Also: ausgerechnet sie warf ihm seine Jahre vor! Aber er kannte diese Manier ja! Auch daß er nicht mehr so leicht begeistert war von den eignen Sachen, daß er mehr Selbstkritik besaß – gerade doch, weil er mehr konnte –, auch das bezeichnete sie gern in verblümter Form als Alterserscheinung. Sie hatte es nötig! O nein: lag wirklich die Gefahr vor, er könnte lächerlich früh auf den absteigenden Ast geraten, dann war das nichts als eine Ansteckungsgefahr. Und die drohte ihm von ihr! Hat nicht irgendein verflucht gescheiter Schriftsteller einmal gesagt: Ein Mann ist immer so alt, wie seine Frau aussieht? Und sah Trautchen auch nur entfernt so jung aus, wie er sich fühlte? »Vati« nannte sie ihn; sie ihn! Sie, mit ihrer blödsinnigen Neigung zum Matronenhaften, sie, die sich in dieses Dasein, wie es nun einmal war, breit hineingesetzt hatte, als sei es ein Großmutterstuhl, sie, die nichts dachte als: Wenn es so weitergeht – unberufen! Ihre Träume waren erfüllt: die Unsterblichkeit in Gestalt ihres Jungen, das irdische Wohlbehagen in Form eines ständig wachsenden Vermögens und schließlich, weil er als Vorbedingung zu beiden nicht gut zu entbehren ist, noch der Mann. Na ja, nebenbei hat es schon etwas, sagen zu können: »Mein Mann!« Es sähe ja sonst so aus, als hätte man keinen gefunden. Tief gekränkt stellte Toni manchmal bei sich fest, Trautchen sähe in ihm bloß eine Art von nützlichem und dekorativem Möbel und ließe ihn im übrigen ruhig in seiner Ecke stehen, mit dem Gefühl: Was man hat, das hat man und braucht sich darum nicht weiter groß aufzuregen. Himmlisches Donnerwetter, war sie seiner denn so sicher? Ach ja, leider war sie das mit der Zeit geworden. Aber darauf sollte sie sich doch nicht zu fest verlassen! Das wußte er besser! Woher? Ja, eben daher ... Es war nämlich, anfangs bloß unwillkürlich, allgemach aber ganz bewußt, ein lieber Zeitvertreib des starken Mannes geworden, hübsche, junge (und namentlich schlanke) Weiblichkeiten mit feurigen Blicken zu bombardieren. Besonders die Fahrten im Vorortzug wurden dadurch auf das erfrischendste kurzweilig gemacht. Und siehe da: es fand sich unter diesen Evastöchtern höchst selten eine, die dem gegenüber das Marmorbild spielte. Die Art, ihm das zu zeigen, war je nach Temperament und Erziehung verschieden, aber er lernte sie schnell verstehen und sprechen, alle diese Dialekte der Koketterie. Eben die reiche Abwechslung machte es ja, daß auch ein alter Gedankensünder des Spiels nie müde wurde. Nett war das: jede anders, und doch gab jede ihm zum mindesten eine Ahnung dessen, was ihm so recht im Grund fehlte. Von einem Erlebnis die Ahnung! Wär's denn ein Wunder, wenn einem Künstler die Arbeit schließlich überhaupt nicht mehr von der Hand ginge, der nicht befruchtet wird vom Erlebnis, der menschlich verkümmern muß in wohlgenährter Bürgerlichkeit, die am Morgen immer genau weiß: dieser Tag wird sich abrollen gleich jedem andern; eine Überraschung, die irgend der Rede wert ist, vermag er gewiß nicht zu bringen! Eine ordentliche Sehnsucht selbst nach den Gerichtsvollziehern seiner liederlichen Junggesellenzeit konnte sich Toni auf die Brust legen, ganz zu schweigen von den gutherzigen kleinen Mädeln, die einst auf flüchtigem Fuß durch seinen sonnigen Morgen getänzelt waren. Hinter ihnen drein, so hatte er wohl geträumt – oder hatte er das irgendwo gelesen? –, hinter diesen unterhaltlichen Abenteuerchen würde eines schönen Tages das Abenteuer, das große, grundstürzende, über seine Schwelle treten, das eine, einzige, an dem man zu zehren hat bis an sein Ende. Jawohl! Es war schon ein prophetischer Katzenjammer gewesen, der ihn damals in der zerfallnen Holzknechthütte geweckt hatte, droben am Aufacker! Bestohlen um das Beste des Daseins hatte ihn die ... na ja, die Lebenskünstlerin, die da neben ihm, taktmäßig und etwas zu geräuschvoll atmend, mollig unter molligem Federpfühl lag: seine glückliche Besitzerin. Nur recht geschehen würde es ihr, wenn er, bevor er vertrottelte vor lauter Bürgerfrieden, das Versäumte nachholte, das große Erlebnis suchte, kurz: sie betröge hinten und vorn. Aber, das war ja das Dumme, er betrog sie nie. Alle Fähigkeiten, die er ehedem als Don Juan entwickelt hatte, schienen infolge mangelnder Übung eingerostet zu sein. Komisch, und er fühlte sich doch keineswegs älter geworden! Ja: er! Aber hatte er es denn schriftlich, daß diese von ihm mit Blicken aus der Ferne umworbenen grünen Dinger, die ja nicht wußten, was gut ist, in ihm törichterweise doch einen bereits recht gesetzten Herrn sahen, und daß sie ihn nicht am Ende bloß aufs Glatteis lockten, um an seinem Ausrutschen eine gemütlose Gaudi zu haben? Wo in der Welt lebt der Professor, der sich besonders gern blamierte? Der Teufel kenne sich aus mit den Weibern, und gar mit den jungen! Ging aber nun eine der Damen so weit in dem heimlichen Ermuntern und Winken, daß Tonis Bedenken schon schwinden wollten, da schien es geradezu, als ob sich die sittliche Weltordnung selber ins Mittel lege: dann fehlten nämlich immer noch so etwa zehn Minuten bis zum Mittagessen. Und zu der Mahnung des Magens trat alsbald noch die der Vernunft: Pasing war schließlich keine Großstadt; die Lieblingsbeschäftigung der Einwohner bildete der Klatsch, und der pflegte vor Trautchens Schwelle keineswegs haltzumachen. So hemmte denn schließlich der starke Mann auch in recht aussichtsreichen Fällen, bevor er endgültig zur Attacke überging, seinen Sturmschritt, warf noch einen melancholischen Scheideblick hinter seiner befremdet von dannen wogenden Huldin her und begab sich zu den Fleischtöpfen des Familienlebens, wobei er sich mit dem immerhin schmeichelhaften Gedanken zu trösten suchte, er sei eben doch ein gar zu anständiger und guter Kerl und hätte als solcher, das wüßte er ja von jeher, ein kränkliches Gewissen. So versteht es der Mensch, aus jeder Not der Umstände eine Tugend seiner Person zu machen. Hatte Toni in schlaflosen Stunden bis zu diesem ewigen Schlußpunkt gedacht, so wurde er seines Jammers gewöhnlich müde und gähnte herzhaft. Und gerade dann konnte Trautchen, die Frau mit dem sehr gesunden Gewissen, es sich beifallen lassen, ein höchst prosaisches Geschnarch anzuheben. Tief beleidigt schoß er hinter geschlossenen Lidern einen grimmen Blick auf die Ahnungslose ab und kroch bis über die Ohren unter die Decke. Nichts hören wollte er mehr und nichts sehen, und vor allem sich nicht länger wachhalten lassen durch zweckloses Grübeln. Er suchte eine Ablenkung auf tröstlichere Gebiete; und die lagen zum Glück nicht fern. Wozu hatte er denn die formende Malerphantasie! Die schwingt ihren Zauberstab, und siehe: schon tanzt die hübscheste der koketten Weiblichkeiten aus der Eisenbahn vor seinem Blick herauf! Von Zweideutigkeit jetzt kein Schatten mehr in ihrem Lächeln! Siegessicher darf er ihr folgen, wie sie dahinwandelt, sich leise wiegend auf zierlich hohen Hacken, die rührend schlanken Knöchel durch spinnwebseine Strümpfe modelliert, husch husch, ihm voran in die Traumgefilde! Nun schnarcht auch Toni, das heißt: sein verheirateter Körper, während die Seele die Reise antritt ins Land der Freiheit. Leider nur mit einem, kurzfristigen Retourbillet! Denn um sieben Uhr zetert grausam der Wecker. – Ach ja: gibt es ein Alter zwischen zwanzig und dreißig, wo die Männer reif zur Ehe werden, so folgt diesem später eins, wo sie reif werden zum Seitensprung, und damit, stark, wie dieses Geschlecht nun einmal ist, vielleicht schon zur zweiten Ehe. Gleich einem zeitigen Apfel am Ast, wartet so einer dann nur, daß man ihn herabschüttle. An Liebhaberinnen des Schüttelns wird's schwerlich fehlen. Bloß können sie selten nahe genug heran. Der Zaun um einen richtigen Familiengarten ist hoch. Und darum ist auch die Treue kein leerer Wahn. Hängt einer erst, was öfter vorkommen soll, bis dreiviertelwegs zur Silberhochzeit an seinem Bäumchen, dann schüttelt ihn nur noch eine Mannsfaust herunter, eine hagere, bleiche, wohl einer Frau in den Schoß, doch keiner jungen; einer sehr alten: der Erde, von der wir kommen, zu der wir gehen. Spät, aber sicher, sei so verheiratet, wie du magst, blüht dir doch noch die Scheidung. Und bis dahin? Mein Gott: Gewohnheit ist das halbe Leben und frißt dir schließlich das ganze. Zwölftes Kapitel. Wenn's dem Esel zu wohl wird ... Ein warmer, sonnenheller Nachmittag war es gegen Ende Mai. »Gutes Wetter für meine Wäsche«, hatte Trautchen in der Frühe gesagt, mit einem Blick zum Himmel, der sich ausnahm, als glaube sie ganz richtig an ein höheres Wesen da droben, das um ihretwillen den Barometerstand beeinflußt hätte und nun gespannt auf ihre leutselige Anerkennung warte. Tom war nicht rosig gestimmt. Es hatte ein magres und reizloses Mittagessen gegeben, wie stets, wenn Frau Glaß, die Waschfrau mit den Gaben einer Konzertesserin, im Hause weilte. Und langweiliges Essen hinterläßt ja die gleiche innere Leere wie langweilige Gespräche, wenigstens bei Leuten, die Besseres gewohnt sind. Heute nun gesellte sich dazu noch etwas andres, was einen ehrgeizigen Künstler wohl zu plagen vermochte. Gleich nach Tisch waren die drei neuen, für die bevorstehende Sezessionsausstellung bestimmten Bilder vom Vergolder zurückgekommen. Toni hielt darauf, seine Werke, bevor sie der Öffentlichkeit gezeigt wurden, im Rahmen noch einmal daheim genau und prüfend zu mustern. Die begrenzenden Goldleisten gaben ihnen gleichsam ein andres Gesicht; und so gewann er den Abstand, aus dem er zu ergründen suchen konnte, wo es etwa noch fehle, und wo vielleicht eine Besserung von letzter Hand nötig und möglich wäre. Ach ja, weit zurück lagen die Zeiten glücklicher Naivität, da dem starken Mann die eignen Sachen bei solchem Wiedersehen nach kurzer Trennung erstaunlich viel besser als in der Erinnerung zu erscheinen pflegten, da er noch immer aufs neue darüber verblüfft sein und sich wundern konnte, wie verdammt und ausnehmend talentvoll er war. Die Palette am Daumen, die Faust zum Pinselköcher gerundet, so trat Toni bald vor die eine, bald vor die andere der drei Staffeleien, nahm die Kopfhaltung eines Stiers an, der stoßen möchte, runzelte die Brauen, kniff forschend die Augen zu Gedankenstrichen zusammen, riß plötzlich einen Pinsel aus dem Bündel, mischte in wütender Eilfertigkeit den Ton, der ihm vorschwebte, und schleuderte mit kurzem Hieb irgendein raffiniertes Glanzlicht in das Bild; häufig nur, um es gleich wieder mühsam und sorgfältig auszulöschen, unter verärgertem Ächzen und Schimpfen. »Ich sag's ja!« brummte er in sich herein und stampfte mit dem Fuß auf. »Raus kommt eh nix bei der Schinderei, der blöden. Ach, sie hat ja so senkrecht wie immer. Hätt' ich den Dreck bloß gleich in die Sezession spedieren lassen!« Dennoch vermochte er sich nicht loszureißen von der sauren Arbeit, die ihm offenkundig so wenig Freude machte. Zu desto mehr Vergnügen boten diese künstlerischen Geburtswehen des Meisters einem andern Anlaß, und das war herzloserweise sein leiblicher Sohn. Möglichst unscheinbar stand der Bub vor seiner kleinen Privatstaffelei, an der er sich in letzter Zeit gern einer breitpinseligen Schilderei in Wasserfarben befliß. Auch heute hatte er aus der Tiefe seines Gemütes ein Kunstwerk auf grauen Pappendeckel geworfen, das ihm mit reiner Genugtuung erfüllte. Er, er besaß noch die jugendliche Begeisterung für das eigne Können, oder auch Nichtkönnen; das bleibt sich wohl gleich. Vielleicht vermochte er deshalb den ungebärdigen Anstalten seines Erzeugers bloß die komische Seite abzugewinnen. Jedenfalls hatte Toni plötzlich, stark und bestimmt wie eine körperliche Berührung, ein Gefühl, als ob ihn irgendwo irgendwer nicht gebührend ernst nähme. Kampfbereit wendete er den Kopf und sah in Micheles vor spöttischer Wonne strahlendes Lausbubengesicht. »Was is denn?« knurrte er, künstlich barsch. »Ja, Vater?« fragte der Junge, harmlos erstaunt. Vati, so sagte höchstens noch Trautchen. Das Michele deuchte sich längst zu männlich für solch eine täppische Anrede. »Was du zu grinsen hast, möcht' ich wissen?« forschte Toni mit grimmiger Miene weiter. »I–ich?!« »No? Krieg' ich bald eine Antwort, Schurke?« Nun war der Bub beruhigt. Wenn der Vater Schurke sagte, hatte es weiter nichts auf sich. »Ja, weil ...« begann er zaudernd, und schon lachten seine Augen wieder. »Weil?« »Weil du so dumm tust!« schoß es dem Michele heraus, und es pruschte, halb dreist, halb erschrocken, in die vorgehaltene Hand. »Du!« warnte Toni. »Bis ich dir einmal die Ohrwascheln auf einen Meter verlängre! Außerdem is hier das geheiligte Reich der Arbeit. Malen, oder an die frische Luft gesetzt werden, Bursche!« »Bin eh schon fertig!« erklärte der Bub, postierte sich auf zwei Schritt Entfernung von seiner Staffelei, nahm eine treu dem Alten abgelauschte Kennerhaltung an und musterte mit dem rechten Auge – das linke hatte er fachmännisch zugekniffen –, was er vollbracht. »Also, wollen einmal schaun!« Toni trat hinter seinem Sprößling. »Teufel!« entrutschte es ihm dann; er fuhr ein wenig zurück und machte ein verzwicktes Gesicht. Der werdende Künstler besaß im ganzen noch die unschuldigste Anfängertechnik. Auf seinem Pappendeckel prangten übereinander drei etwas eckig geratene Kreise, die nach oben immer kleiner wurden. Der mittlere trug an den Seiten Henkel, vom unteren baumelten zwei rechtwinklige Haken abwärts. In der Hinsicht war es auf die schlichteste Formel gebracht, auf die ein wohlgenährter Mensch weiblichen Geschlechts gebracht werden kann. Aber es steckte noch etwas mehr darin, eigentlich etwas verdammt Gutes, fand der stolze Vater insgeheim; und das lag einmal in einem gewissen natürlichen Farbengeschmack, andrerseits, stärker noch, im Ausdruck. Wie durch ein paar Striche und Tupfer dies Gesicht mit den zinnobernen Bäckchen in den obersten Kreis gesetzt war, daraus sprach Beobachtung, und eine fast boshaft scharfe außerdem. Toni wußte nur zu genau, welche Dame ihres nächsten Bekanntenkreises von dieser Würde, dieser inbrünstig satten Zufriedenheit überglänzt war. »Wer soll jetzt das wieder sein?« fragte er trotzdem obenhin und betont ahnungslos, in der stillen Hoffnung, das Michele würde die goldne Brücke, die er ihm auf die Art baute, benutzen. Der Bub war aber wirklich ein Beobachter und hatte das flüchtige Zucken der Erheiterung um seines Vaters Mundwinkel blitzschnell erfaßt und richtig gedeutet. Schlicht und keck zu erklären, daß diese selig schmunzelnde Kugelpyramide die Mutter darstelle, schien ihm doch wohl nicht ratsam. Er wußte sich aber eine Umschreibung, von der er wahrscheinlich meinte, daß sie sein immerhin gewagtes Geständnis ins harmlos Humoristische abschwäche. »Das?« sagte er mit gemachter Leichtigkeit. »Das is doch die geborne Grunelius.« Doch kaum war's heraus, da zuckte schon sein Kopf erschrocken zur Seite, und der gekrümmte Arm hob sich vorsorglich als Schild. »Ja, was fällt denn dir ein!« wetterte Toni in hastig zusammengerafftem Pädagogenernst. »Wie redst denn du von deiner Mutter! Möcht wissen, woher du die Ausdrück' hast!« Kam beim Vater die Watschen nicht gleich, so kam sie überhaupt nicht. Das Michele ließ demgemäß den Arm sinken, machte große, reine Augen und entgegnete mit vor lauter Unschuld fast gekränkter Miene: »Ja, von dir, Vater!« »Schwätz net so blöd daher! Was: von mir? Na, wird's bald? Antwort!« »Jawohl, das sagst du doch«, kam es weinerlich zurück. »Was soll ich sagen?« »No, halt das ... das, wo ich net sagen soll ...« »Dummes Gered'!« grollte Toni abschließend, aber sein Gewissen biß ihn dabei. Sich selber konnte er nicht gut verhehlen, daß neuerdings in seinen verschwiegnen Gedanken Trautchen häufig als die geborne Grunelius aufzutreten pflegte. Und so mochte es denn geschehen sein, daß etwas davon einmal in einem unpassenden Moment versehentlich laut geworden war. »Und wenn du's doch gesagt hast!« maulte das ungerecht behandelte Michele. »No ja«, so wich der Herr Papa langsam von seiner Bestimmtheit zurück, »aber das is noch lang' kein Grund! Und wenn ich einmal einen Spaß mach' ... Ich weiß zwar gar nix davon. Und wenn ein Bub wie du so was sagt von seiner Mutter, schau, Michele, besonders hübsch is das einmal net!« »Ich spaß' doch auch bloß!« wendete, geniert durch diese Gefühlstöne, der Junge ein. »Das gehört sich aber net! Und überhaupts, schau, seine liebe Mutter so abmalen, das tut man doch net!« »Warum?« »Schau, Michele, glaubst denn du, die Mutter tät' eine große Freud' haben, wenn sie das sieht?« »Ja, sie lass' ich's doch net sehn! Da mach' ich schon zuvor was andres daraus. A, das geht ganz leicht. Ich weiß: eine Fledermaus!« Jetzt blitzten Micheles Augen wieder vor reinem Vergnügen und unternehmender Schöpferfreude. »Na sixt es!« rief Toni befriedigt. »Du bist gar net so dumm! Du weißt es schon selber!« Aber dann fühlte er sich doch verpflichtet, diese Angelegenheit nicht so gewissermaßen mit einem halben Lobspruch ihren Abschluß finden zu lassen, sondern noch eine recht väterliche Ermahnung daran zu knüpfen. »Schau, Michele«, begann er, »das mußt du doch als ein gescheiter Bub' einsehn! Wo die Mutter immer so gut zu dir is und so viel Müh' und Plag' mit dir hat!« »Könnt' sich ja manches davon auch sparen!« warf der Junge kaltblütig hin. Er hatte Amüsanteres zu tun, als sich von aufgenötigter Rührung ans Herz greifen zu lassen. Versah er doch gerade den Kopf der gebornen Grunelius mit zwei gewaltigen spitzen Ohren, zog die Winkel des mild lächelnden Mundes fast bis an diese Ohren hinauf, vergrößerte die Nasenlöcher und setzte einen kühnen geschwungenen Bogen darüber. »Denk doch dran«, predigte Toni weiter, »was sie bloß damit für Arbeit hat, wie du alle deine Sachen zerreißt!« »Da kann ich aber nix dafür!« wehrte sich das Michele. »Weil nix mehr das aushalten tut wie früherszeiten, hast du doch selber gesagt, und weil die Stoffe jetzt halt so ein Glump sind.« »Und weil du auf jedem Baum kraxeln mußt, und weil gewisse Leut' im Winter am bloßen Hosenboden rodeln, deshalb!« Der Bub war jetzt eifrig darein vertieft, die Füße seines Porträts mit einer unwahrscheinlichen Zahl von scharfen Krallen zu bewaffnen. »Ich sag's ja alleweil«, gab er seelenruhig zur Antwort, »mir is es bloß recht, bal mir die rindsledernen Hosen und Janker machen laßt's, die wo abends zum Wichsen vor die Tür 'nausgestellt werden. Soll mich bloß einer derblecken von die andern Buben, nachher hau' ich ihm eine hinter die Luser!« »Red' doch net gar so g'scheert, Bubi! Was tät' die Mutter sagen!« »Weißt, was ich glaub', Vater: mir zwei, das richtige Sächsisch-Hochdeutsch lernen mir nimmer.« »Du! Fangst schon wieder so an?!« Das Michele hatte keine Zeit, vor diesem drohenden Ton zu erschrecken. Es zog wilde Striche auf seinem Pappendeckel, ließ dann plötzlich den Pinsel sinken und trampste hart mit dem Fuß auf. »Ja, Kruziteufel Sakrafixen!« fuhr es ihm heftig heraus. »No, so was! Was war denn jetzt das für eine neue Mode!« begehrte der Vater auf. »Das ging' uns grad' noch ab: fluchen! Mit elf Jahr'!« »Nimmer weit von zwölf«, stellte der Sohn sachlich fest. »Außerdem bin ich protestantisch«, fügte er in einem Ton hinzu, als sei damit die Sache vollkommen erledigt. In der Tat hatte Toni ihn dem Glauben Trautchens folgen lassen. Und für den Augenblick verblüffte ihn der mit solcher Sicherheit vorgebrachte dogmatische Einwand derart, daß er fast kleinlaut erwiderte: »Reden mir gar nix davon, ob es eine Sünd' is, das Fluchen; aber es gehört sich einmal net.« »Weil doch die Malafizflügel, die elendigen, so schwer gehn!« entschuldigte sich das Michele lässig. Toni kratzte sich hinterm Ohr; gemischte Gefühle sprachen aus seinem Gesicht, unter denen freilich eine leichtfertige Belustigung vorwog. Tja, der Apfel fällt nicht weit vom Birnbaum; und er als Erzieher, das gab wohl eine komische Figur. Es war nur seine Eheliebste, die auch in ihrer Abwesenheit unsichtbar hinter ihm stand und ihm ans Gewissen stupste. Er wußte genau, daß er sich zum Moralpredigen anstellte wie das Flußpferd zum Harfenzupfen. Darum verfiel er ja, wenn er's probierte, gar so leicht ins Geschwollne, Salbungsvolle, in ein saudummes Appellieren an Micheles Gemüt, in ein rührsames Erweichen des Kinderherzens durch Hymnen auf Trautchens Liebe und Güte, als ob sich so was bei einer Mutter nicht einfach von selbst verstünde. Gott sei Dank, sie beide, das Michele genau wie er, waren viel zu richtige Mannsbilder, um solche Töne nicht im Grund blamabel und einigermaßen lächerlich zu finden. Er spürte ja so genau: wenn er seinen Sohn erzog, schämten sie sich alle zwei ganz in der gleichen Weise, voreinander und, mehr noch, füreinander. »Geh halt her, Vater!« rief da das Michele ungeduldig und fast vorwurfsvoll. »No ja, und?« »Zeig mir halt, wie daß sie geh'n, die Flügel! Bloß, wie sie gehn. Nachher kenn' ich mich schon selber aus.« »Was du aber auch für ein Patzer bist!« rief Toni, sofort bei der Sache. »Das könnt' im Notfall einen Schmetterling geben, einen recht einen angefressenen; aber gar nie ...« Schon hatte er sein Malgerät beiseitegelegt und zwängte nun seinen großen Daumen mühselig durch das Loch von Micheles blecherner Kinderpalette. »Wo hast denn du den Dachshaarpinsel her?« fragte er plötzlich, im Ton des Untersuchungsrichters. »Och ... Der Bub schaute den Gestrengen humorvoll schuldbewußt von unten herauf an. »Also!« drohte der. »Bloß noch einmal geh mir über meine Sachen! Nachher wachsen mir einmal zusammen!« »Ja, Vater, bal sie mir bloß alleweil so talentlose Dilettantenpemsel kauft!« »Du! Sei so freundlich! Man sagt net: sie, man sagt: die Mutter.« Hiermit glaubte Toni für diesmal seinen erzieherischen Pflichten genügt zu haben. Er begann dem kuriosen Untier, das sein Sohn geschaffen hatte, ein wunderbares Paar Fledermausflügel wachsen zu lassen. Darüber vergaß er alles andre und glitt in eine reine Künstlerfreude herein. Leuchtenden Auges sah ihm der Bub zu, nickte bei jedem Strich heftig beistimmend, zog die Kurven mit der Hand in der Luft nach und lernte, gerade weil er gar nicht belehrt wurde. »Haut schon, haut schon!« jubelte er und schnalzte bekräftigend mit den Fingern. »So!« erklärte Toni nach einer Weile und trat ein paar Schritte zurück. »Jetzt schaut's doch halbwegs so einem Viech gleich.« »Ein richtiger Vampir, ein blutsaugater!« sagte das Michele. »Und weißt, Vater, jetzt spannt das keiner mehr, wer das sein soll. Heißt das: mir zwei – schon!« verbesserte er sich und schnitt dazu ein so auserwähltes, entzückend schlaues Lausbubengesicht, daß der schwache Vater ihn wahrhaftig am liebsten hätte küssen mögen. Aber erstens war so eine Abschmatzerei unter Männern bei ihnen überhaupt nicht Mode, und außerdem ließ sich schwer leugnen, daß sie wieder einmal mitsammen ein Geheimnis vor Trautchen hatten. Gerade solche Bündeleien vermerkte diese besonders übel und fand sie unpädagogischer als irgend etwas andres. »Du!« so warnte deshalb ihr gut gezogener Gatte den gemeinsamen Sohn und gab als Einleitung zu weiterem einen unverständlichen Laut von sich. Aber die geplante väterliche Predigt wurde ihm durch einen gesegneten Zufall gespart. Die Haustürglocke drunten trillerte heftig und anhaltend. Und dabei ging es ihm und dem Buben plötzlich auf, daß es vorher schon zweimal geklingelt hatte; sie waren bloß zu sehr in andres vertieft gewesen. »Ja, sitzen denn die wieder auf ihre Ohrwascheln, die Kathi und die Leni?« wetterte der Hausherr. »Is ja die Frau Glaß da«, erläuterte das Michele. »In der Waschküch' hört man's net.« »Aber die Mutter?« »No, die wird doch net fehlen, da draußd' in dem Ratschklub!« »Was?!« so bäumte sich der entrüstete Vater auf. »Wie du alleweil sagst«, ergänzte der Bub schnell und hell. »Ich?« heuchelte Toni, fand es dann aber doch einfacher, abzulenken, und sagte: »Du, geh 'nüber ins Biedermeierzimmer und spitz beim Fenster 'naus! Wenn's von der Mutter ihre pasinger Bekanntschaften eine is, dann tust nix schnaufen! Nachher schellt sie von mir aus, bis sie schwarz wird! Die Urscheln gingen mir ab!« »Is mir eh lieber!« stimmte das Michele zu. »Die! Grad' immer was zum Petzen haben s' über mich. Auch wenn sie durchaus gar nix wissen können! Alleweil soll es ich gewesen sein!« »Weil du halt stadtbekannt bist!« Toni nickte in einer Mischung von Vorwurf und Anerkennung. »Heißt man das auch eine Stadt?« klang es verächtlich zurück. »Jetzt aber dalli! Und schwing keine Reden! Dich kennt man!« »Hab' halt einen Vater, den wo alle Leut' kennen«, gab der Bub listig zur Antwort und wischte unter Anstimmung des Liedes »Das ist der Toni, den ein jeder kennt ...« eilend zur Tür hinaus. »Gesundes Mundwerk!« schmunzelte der starke Mann in sich herein. »Daß der einmal ums letzte Wort verlegen wär'! No ja, bin auch net anderst gewesen.« Da riß das Michele die Tür schon wieder auf, steckte den Kopf herein und verkündete: »Der Onkel Theo is es mit der Tante Pepi.« »So? Also: marsch marsch!« »Hier ins Atelier 'rauf?« »Hm, wart einmal! – Ja, von mir aus!« Toni ließ den Blick zu seinen neuen Werken hinüberschweifen. Es wär' am Ende gar nicht so dumm, zu hören, was ein Fachmann darüber dächte. Warum schließlich auch nicht! Mochte die Form, in die der Kollege aus Preußen sein Urteil zu kleiden pflegte, auch eher rauhbauzig als überschwenglich pathetisch zu nennen sein, gelobt hatte er Tonis Bilder noch immer. Und wieviel Lob kann ein Künstler ertragen!   War mangels jeglicher Blutsverwandtschaft schon Theo Schlotthauer dem Michele ein reichlich entfernter Onkel, so war die sehr hübsche junge Dame, die jetzt mit ihnen beiden zur Tür hereintrat, eine noch wesentlich entferntere Tante von ihm. Nicht einmal unter dem Begriff der angeheirateten Nenntante ließ sie sich so recht unterbringen, schon deshalb nicht, weil sie sich, trotz langjährigen nahen Beziehungen zu Theo, noch durchaus im ledigen Stande befand. Das hinderte sie aber nicht, ein häufig und gern gesehener Gast im Gwinnerschen Hause zu sein. Trautchen besaß, so gut bürgerlich ihr eigner Wandel genannt zu werden verdiente, nach der Richtung keine pharisäischen Neigungen. Allerdings: als in der ersten Zeit Toni es einführen wollte, die Pepi beim Grüß Gott und Adieu wie eine gnädige Frau mit einem Handkuß zu beehren, da hatte seine Gemahlin dies denn doch übertrieben gefunden. Heute aber weilte sie in der Waschküche und sah es nicht; warum also sollte er diesem netten Mädel nicht die Hand küssen? Er tat es ungeniert und sagte feinschmeckerisch: »Respekt! Schon wieder schöner geworden!« »Wo das noch einmal hinführen soll?« bemerkte Theo; und auch Pepi nahm die Schmeichelei des Hausherrn nicht mit der gebührenden Verklärung zu sich, sondern erwiderte: »Geh, lassen S' mi aus, Sie Schlankl!« Das Michele, das sich als ein vergnügter Beobachter der schwerenöterischen Anstalten seines Vaters abseits hielt, konnte auf diese respektlose Betitelung hin das Lachen nicht mehr bezwingen und pruschte herzhaft in die vorgehaltne Hand. »Was stehst denn da so herum?« brummte Toni ihn an. »Schau, daß du weiterkommst! Und der Mutter sagst, es is Besuch da! Schick dich; vorwärts!« Der Bub trollte sich mit verdrossener Langsamkeit. Alleweil, wenn's grade so recht amüsant zu werden versprach, expedierte man ihn. Ach ja, es ist schon ein Elend, ein Kind zu sein! Die Tür fiel demgemäß etwas hart ins Schloß. »Bumm!« sagte Theo. »Soll ich vielleicht auch 'rausgehn, oder genügt's, wenn ich mich umdreh'?« Und er drehte sich um und versank in eine genaue Musterung der neuen Bilder seines Freundes. Ein kleines Schweigen stand zwischen den vier Wänden, bis Pepi es mit den Worten unterbrach: »Bewundern Sie mich nur ruhig weiter!« Ja, das war leicht gesagt! Toni hatte sich ihr gegenüber die scherzhaften Kurmachersitten angewöhnt, weil es zwischen ihm und ihr nicht recht einen andern Gesprächsstoff gab. Übung hatte er mithin wohl allmählich. Aber so auf Kommando ... »No! Seh'n Sie mir denn gar nix an?« fragte sie mit einem besonderen, pfiffigen und doch leicht verlegnen Lächeln. Er schaute krampfhaft und rief dann erleichtert: »Jawohl ja, der Hut! Hundsnobel! Das reine Gedicht!« »Ach so, der Hut?« Sie langte unwillkürlich mit der Hand hin. »Hab' ich mir selber kopiert.« »Ja, Sie!« rief Toni bewundernd. »Und Sie wissen freilich, was Sie kleidet! Zu Ihrem feinen brünetten Fell!« »Sagen Sie doch gleich: Schwarte!« schlug sie mit einem halben Auflachen vor. »Also: Teng«, verbesserte er sich nachgiebig. »Wie da das Orange am Hut droben dazu steht! Also, hol' mich der oder jener, Madel: Porträtist könnt' einer werden!« »Och«, warf Theo aus dem Hintergrunde dazwischen. »Wenn das Bild nachher uns gehört, lassen wir schon mit uns sprechen.« »Ja?« rief Pepi erfreut. »Sie wollen wirklich? In allem Ernst?« Und, wieder mit dem besonderen Lächeln, fügte sie hinzu: »Eine Gelegenheit, zu der Sie's uns dediziern dürfen, wüßt' ich nämlich schon! Gel, Theo?« Doch der schien sehr in die Gemälde vertieft zu sein und schwieg sich aus. »Und ich fall' ihm drauf 'rein!« sagte sie plötzlich wieder gegen Toni hin. »Bloß daß er einem den Mund wäßrig macht! Der Trautchen is es ja eh net recht.« »Was soll ihr net recht sein?« Der starke Mann tat äußerst befremdet. »Das dürfte denn doch wohl nur von mir abhängen.« »Meint man!« warf der ewig skeptische Preuße dazwischen. Darauf gehörte ihm aber was. »Wenn net am End' sonst wer es dann mit der Eifersucht kriegt!« bemerkte Toni beißend. »Zum Beispiel vielleicht ein gewisser Herr Theo.« »O mei!« erwiderte der. Ein solches Maß von verächtlichem Mitleid konnte er nur auf altbayerisch zum Ausdruck bringen. »Wie er tut!« gab der Hausherr zurück. »Jetzt reden Sie einmal, Schlotthauerin!« so rief er Pepi zur Zeugin auf. »Bitte!« widersprach die. »Schlechtweg: Pepi oder aber: Fräulein Kurzbichler; mir sind jetzt verlobt.« Der starke Mann starrte sie verblüfft an. Jedenfalls hatte sie damit einen sehr guten Witz machen wollen, soweit glaubte er sie zu kennen; nur blieb ihm diesmal die Pointe völlig verborgen. »Verlobt, jawohl, sehr gut«, murmelte er etwas verwirrt, in dem besänftigenden Ton, wie man einem geistig nicht recht Normalen bereitwillig alles zugibt. Theo faßte einen Entschluß: er machte kehrt und sagte leichthin: »Kurz und gut: Willst du der Katastrophe nun als sogenannter Trauzeuge beiwohnen oder nich?« »Heiraten wollt ihr?!« stammelte Toni, und der Mund blieb ihm offen stehen. »Natürlich bloß: wenn es dich nicht stört!« knurrte der Bräutigam kampfbereit. Spitzig fiel Pepi ein: »Sie raten ihm wohl ab?« »A, woher denn!« antwortete Toni. »Wär' ja auch eine Retourkutsche. Denn er dazumal!« »No, und? Hat's was geholfen?« Überlegen spöttisch blinzelten ihre Augen ihn an. »Hilft nie was!« sagte der starke Mann sanft und lebenserfahren. »Und also: meinen gehorsamsten Glückwunsch!« Er ergriff ihre Hand und drückte chevaleresk die Lippen darauf. »Von Herzen kommt Ihnen das aber net«, meinte sie mißtrauisch. »Aber ja!« beteuerte Toni und reckte Theo bieder seine große Pratze hin. »Heil, Sieg und so weiter! – Zwar, du warst einmal ein richtiggehender Junggesell mit Prinzipien und allem Teufel; aber für das Gewesene ... Also: ruhe sanft, ehrengeachteter Jüngling!« »Herrschaft!« erscholl es sehr erheitert, doch mit gedämpfter Stimme aus dem Hintergrund. Dies war eine Meinungsäußerung des Michele, welches jetzt das Öffnen der Tür wesentlich geräuschloser besorgt hatte als vorhin das Schließen. Natürlich: genau wie den Onkel Theo hatte sich der Bub einen Jüngling von jeher vorgestellt. Schon so recht boshafte Witze konnte er machen, der Vater. »No? Was is denn schon wieder?« knurrte Toni. »Wenn sie mich schickt!« so lehnte sich das Michele gegen die ungerechte Behandlung auf. »Ich kann nix dazu, wenn sie sich zuvor anziehn muß.« »Also, dann wissen mir's!« sagte der Vater. »Allons! Verschwind! Mach' dich dünn!« Der Bub zeigte eine Miene, aus der jeder Beobachter leicht die Feststellung hätte herauslesen können, die Gesellschaft wäre ihm eh zu fad, um seine kostbare Zeit daran zu vertun. Festen Schrittes trampste er von dannen, drehte sich jedoch in der Tür noch einmal um und richtete lässig noch folgendes aus: »Die Tante Pepi wenn mag, derf von ihr aus ins Schlafzimmer nüber.« Einer so schmelzend liebenswürdigen Einladung schien die glückliche Braut nicht widerstehen zu können. »Wart, Bubi«, rief sie, »ich geh' gleich mit dir.« Er würdigte sie keiner Antwort, machte aber doch halt, und gleichgültige Duldung sprach aus seiner Rückenlinie. Befand er sich auch in den Jahren, wo es einem gesunden Jungen für eine ehrenrührige Schande gilt, sich öffentlich mit einem Wesen weiblichen Geschlechts zu zeigen; hier im Hause sah es schließlich kein Mensch, auf dessen Urteil in solchen feineren Kommentangelegenheiten er irgendeinen Wert gelegt hätte. Pepi wendete sich wieder an Toni: »Die Trautchen, das weiß ich, da krieg' ich wenigstens eine ehrliche Gratulation. Derweil können Sie's ihm ja ruhig ausreden!« Sie lächelte siegesgewiß, machte eine schnippische Verneigung und ging zur Tür. »Bubi, komm!« sagte sie frisch, strich dem Michele über die Haare und legte ihm den Arm um die Schultern, womit sie aber arg an den Falschen geriet. Er entwandte sich unwillig solcher plumpen Vertraulichkeit und schaute, daß er ihr um drei Schritte vorankam. Ein kurzes Schweigen wurde lang zwischen den Freunden, als sie allein geblieben waren. »Was du dir jetzt denkst, weiß ich!« begann schließlich Theo voll Trotz. Auch Toni wußte natürlich, was er sich dachte. Aber er erwiderte ganz sanftmütig mit einem alles verstehenden Lächeln: »Ach, du meinst, weil du's immer so scharf verschworen hast? Tja, Heiraten is halt ein besonderer Fall. No, das geb ich ja zu: ein bissel plötzlich kommt es am Ende.« »Plötzlich! Sieben Jahr' waren wir jetzt im letzten Fasching beisammen. Das heißt vielleicht lang' genug überlegt. Oder?« »Gewiß, gewiß, eine hübsche Zeit; alles, was recht is. Überlegt hast du dir bisher zwar das Gegenteil.« »Lieber Toni, warum soll ich sie nich heiraten?« »Hab' ich gesagt, du sollst net?« so wich der starke Mann diplomatisch aus. Doch Theo schien sich trotzdem für verpflichtet zu halten, seinen großen Entschluß des weiteren zu begründen. »Auch künstlerisch, find' ich«, fing er an. »Künstlerisch, so?« bemerkte Toni trocken. »Kriegt man bei euch in Preußen mehr Talent davon, wenn ein Standesbeamter die gesetzlich vorgeschriebnen dummen Fragen an einen stellt?« »Sieh mal, Toni, die ewige Zeichnerei für die ›Jugend‹ ...« In der Tat durfte heute keiner Theo einen Lügner schelten, wenn er sich als ständigen Mitarbeiter dieser beliebten Zeitschrift ausgab. Erfüllt hatten sich ihm die kühnsten Träume von ehemals; ach ja, und nun schimpfte er drüber. So ist's in der Welt: was man hat, kann einem nichts nützen. »Zeichnerei für die ›Jugend‹!« so äffte Toni dem Freunde nach. »Wie er tut! Da wüßt' ich dir manchen, der dir neidig drum is.« »Jawohl, das glaubt man! – Und is ja ganz recht. Aber bloß immer zeichnen, was die bestellen! Ich will auch malen, und zwar was mir paßt.« »Und das, kalkulierst du, kannst du als ein Verheirateter besser?« erkundigte sich der starke Mann mit leiser, aber tiefer Ironie. »Die Arbeit, das is doch klar!« erwiderte Toni lebhaft. »Man ... Herrgott, schau dich doch selber an! Ja, weißt du denn überhaupt, wer eigentlich, wenn man's genau nimmt, der edle Stifter meiner Ehe is?« »Ich schon, mein Lieber!« Toni blinzelte schlau. »Aber du gibst dich da vielleicht Täuschungen hin.« »Kuck in den Spiegel, da kannst du ihn sehn! Soll einem das keinen Mut machen? Hat ein Leben wie Gott in Frankreich, steht im besten Futter, malt mythologische Bilder!« Der Hausherr hängte sich beflissen an das letzte Wort des andern: »Du, Theo, du hast die sogenannten Ölgemälde vorhin so fleißig studiert. Meinst du, es is was?« »Ahaha!« höhnte Theo. »Schmeicheleien will er.« »Woher doch! Sei net so blöd'! Bloß, ich hab' neuerdings oft das Gefühl ... Steckt da eigentlich noch die richtige Frische drin?« »Dir geht es scheinbar zu gut!« sagte der alte Nachbar mit einem Auflachen. »Wenn's nich bloß Getu' is! Denn da hast du ja doch keinen Zweifel, daß das wieder verkauft wird wie die warmen Semmeln. Und die hohe Kritik stößt gehorsamst ins Horn.« »Jawohl, mein Lieber: jeder einzelne in seine zwei Hörner. Auf die Lobgesänge von den Brüdern pfeif' ich allmählich.« Theo zeigte ein nachsichtiges und nicht sehr gläubiges Lächeln. »Du bist aber ungenügsam«, entgegnete er achselzuckend. »Seit wann is das auch schon ein Fehler, bei einem Künstler?« fragte Toni herausfordernd; und nicht ohne einen Hauch von Bitterkeit fuhr er fort: »Grad' umgekehrt wird ein Schuh draus: viel zu genügsam!« Zum Glück wurde er hier durch die Ankunft der Damen unterbrochen, sonst hätte er dem Kollegen am Ende noch im Eifer des Gesprächs mehr von seiner sogenannten Seele gezeigt, als einem richtigen Mannsbild hintennach angenehm zu sein pflegt. Es erwies sich, daß Pepi durchaus recht gehabt hatte, als sie sich von Trautchen einen ehrlichen Glückwunsch versprach: auch Theo wurde die Hand beinah aus dem Gelenk geschüttelt vor lauter freudiger Anteilnahme. Es durfte natürlich keine Rede davon sein, daß sich die Verlobten, wie sie zu beabsichtigen vorgaben, nach kurzer Stippvisite wieder empfahlen. Sie müßten zum Essen bleiben, erklärte die Hausfrau, allerdings mit bescheidnen Ansprüchen, wegen des Waschtags. Die Dienstmädchen waren unabkömmlich, aber sie selber wollte die Koteletts braten. »Und nachher gibt's Maibowle!« verkündete Trautchen. »Wir müssen doch Brüderschaft trinken, nich?« Sie nickte Pepi strahlend zu und legte ihr die grübchenreiche Hand ermunternd auf die Schulter. »Ich bin so frei«, entgegnete die also Ausgezeichnete manierlich und errötete vor Vergnügen. Das Heiraten trug einem doch viel Angenehmes ein, sogar die glatte Ebenbürtigkeit mit einer Professorin, von der man sich bisher höchstens leutselig hatte geduldet fühlen müssen. »Für die Bowle interessieren sich wohl die Herren?« ordnete Trautchen an. »Waldmeister holt Michele von der Gemüsefrau. Und Toni, du sorgst auch für die Lampions! Kerzen sind unten im Wirtschaftsschrank. – Wir essen doch draußen in der Laube? Bei dem Wetter!« So geschah es, daß Theo das eigentliche Fest seiner Verlobung in eben der Laube beging, wo einst seine strengen Hagestolzenprinzipien ihr erstes Loch gekriegt hatten durch den Anblick von Tonis ehelichem Glück. Und wieder war es ein herrlicher Abend, ganz aufgelöst in sanftmütige Stimmung: sanft ergoß sich der Schein der Lampions über die beiden Paare, sanft tröpfelte Rede und Gegenrede, sanft wedelten draußen an langen Seilen die feuchten Laken, die Frau Glaß zum Trocknen über Nacht hatte hängenlassen, und von denen ein saubrer Duft nach Häuslichkeit herübergeschwommen kam. Stillvergnügt war jedes. Wer aber förmlich glänzte vor innerm Behagen, das war Trautchen. Wie im Himmel mehr Freude ist über einen bekehrten Sünder als über neunundneunzig sonstige fade Gerechte, so diente ihr der Sieg der sittlichen Weltordnung, den sie heute erlebt hatte, zu ganz besonderem Wohlgefallen. Deshalb trank sie nicht nur Brüderschaft mit Theos hübscher Bekehrerin, sondern zeigte sich wirklich innig befreundet mit ihr. Das gab Pepi endlich den Mut zu etwas, was ihr schon seit dem Nachmittag keine Ruhe gelassen und sich ihr oft auf die Zunge gedrängt hatte: sie erzählte forsch und keck von Tonis Angebot, ihr Porträt zu malen, erschrak aber, kaum daß es draußen war, und schaute die Hausfrau zaghaft an. Doch sie hatte sich getäuscht: Trautchen fand gar nichts dabei. »Selbstverständlich! Sehr nett!« sagte sie. »Das tust du aber wirklich, Toni! Gibt dann gleich euer Hochzeitsgeschenk«, erklärte sie dem Brautpaar. »Das heißt«, so schränkte sie ihr Versprechen plötzlich ein, »jetzt, da wird es sich wohl kaum mehr machen lassen. Aber wenn wir aus Schweden zurück sind.« »Schweden?« Theo glaubte sich verhört zu haben. »Hat's dir Toni denn nicht gesagt? Wir gehn nach Schweden.« »A nein? Wann denn?« »So in vierzehn Tagen, drei Wochen. Für zwei Monate.« »Wie kommt ihr ausgerechnet auf Schweden?« »Es ist mal was andres«, erwiderte Trautchen. »Wegen Toni vor allem. Ein Maler muß auch was sehn.« »Daß ihr mal den Sommer nich nach Oberammergau geht! Und du, Toni, hast doch immer gesagt ...« »Och«, meinte der starke Mann, »und du hast das Heiraten verschworen. Warum muß denn grad' ich so konsequent sein? Anregender als die Ehe is das Reisen am End' noch.« Hatte er ein paar Glas Wein im Leibe, dann kannte Tonis Mundwerk auch in Gegenwart seiner Frau keine fromme Scheu. »Trautchen, ich will nicht hetzen«, sagte Theo. »Aber das ließ' ich ihm nich so hingehn! Er wird zu üppig. Und Anregung braucht er! Wer hat sich immer pucklig gelacht über den Ladurner, den spinneten Teufel, weil er egal durch die Welt saust, um dichten zu können?« »Ja«, so verteidigte Trautchen ihren Mann, »der Philipp, der reist und schreibt nachher doch nichts, aber Toni, paß mal auf, malt nachher feine Sachen. – Komisch übrigens, wie du grad' darauf kommst, wir reisen nämlich mit Ladurners oder treffen sie vielmehr da.« »Na, viel Vergnügen! Und das soll dann eine Erholung sein?« gab Theo höhnisch zurück. »So? Der hat euch auf die Idee gebracht?« »Nein, eigentlich ...« entgegnete Toni. »Du, Theo, hast du net voriges Jahr in der Sezession die zwei Bilder von dem Schweden gesehn, dem Wassermaler, dem Pelle Danielsson: nix wie Meer und Felsen und Steine?« »Ja, weiß schon: echte Danielssons; sehr bunt, mit der üblichen Perlmuttersoße begossen, dabei reichlich hart in der Farbe.« »Was? Red't sich leicht, so ein Illustrator! Voll gemalt einfach! Und heuer, ich bin doch in der Jury, heuer hat er gleich ein Dutzend von der Sorte da. Eins wie das andre heißt ›Koster‹, Koster eins, Koster zwei ...« »Koster drei und so weiter bis zwölf«, ergänzte Theo. »Schau, wie du intelligent bist!« sagte Toni erstaunt. »Koster, das is eine kleine Insel an der schwedischen Westküste. Und da, mein Lieber, landschaftlich, da trau' ich mir dort Motive zu sammeln, daß ich g'lang' für zehn Jahr'!« Der Kollege lächelte mitleidig. »Weil's da schon so aussieht, wie's dieser Schwindler malt! Jawoll! Ausgerechnet in Schweden!« »Aber ja!« versicherte Toni. »Noch farbiger! Die Luft is droben so klar. Der Philipp Ladurner sagt es doch auch.« »Dann muß es ja wahr sein.« »Bunt wie die Blumensträuße, hat der Philipp gesagt, stehn die Granitinseln vor dem Meer.« »Wenn einer schon so einen Mist daherbringt!« gab der norddeutsche Skeptiker zurück. »Mit dem zusammen reisen, da dürft' mir einer zuzahlen!« »Du magst ihn eben nicht, Theo«, sagte Trautchen. »Er kann aber doch sehr charmant sein. Namentlich, wenn's ihnen gut geht, wenn sie Geld haben und ...« »Ja eben! Und da dies nie der Fall is ...« Toni winkte dem Freunde lächelnd ab. »Wirst dich aber schwer täuschen, mein Lieber: Hier und da wird bekanntlich eine von der Brita ihren berühmten Erbtanten fällig. Es hat, Gott sei's getrommelt, grad' erscht wieder eine von den alten Damen zerrissen.« »Das geht aber doch auch nicht ewig so.« »Hm, scheint ja, unberufen, eine recht weitverzweigte Familie zu sein. Und der Philipp wenn sich Sorgen machen wollt' um die Zukunft, wo käm' er da hin! – Kaum, daß jetzt der Mammon da war, is er auch prompt durch mit der Brita, uns voraus als Quartiermacher, bloß, daß er hier net in Versuchung kommt, Schulden zu zahlen.« »Nu ja«, räumte der Preuße ein, »daß die da 'rauf zu den Wilden verschwinden ... Deutschland is eben zu klein für seinen großen Geist und seine unbezahlten Rechnungen. Aber was euch plagt? – Ihr braucht doch vor niemand zu flüchten.« »Weißt du das so genau?« fragte der starke Mann mit Humor. »Es will uns nämlich schon die ganzen zwei Jahr', seit der Schwiegerpapa tot is, meine Schwägerin mit ihrem Besuch beglücken; und die is aus Crimmitschau!« »Ach Toni!« sagte Trautchen schmollend. »Wieso denn?« gestattete ihm sein alkoholisch befeuerter Mut zu erwidern. »Ich lass' jede Crimmitschauerin leben. Hab' ja sogar eine geheiratet; und das is doch 'ne Leistung. Also prost, Schnucksibucks!« fügte er plötzlich hinzu und hob sein Glas gegen Trautchen; seine Augen zwinkerten sie listig beruhigend an: Na, wir kennen uns ja und verstehen Spaß? Aber diese mimischen Bemühungen waren ganz unnötig: seiner Gemahlin lag es fern, sich für ihre eigne Person gekränkt zu fühlen; bloß die Schwester mußte sie natürlich in Schutz nehmen: »Nein, Toni, du hast aber unrecht: Minchen ist ein sehr wertvoller Mensch.« »Ja, ja«, gab er, nur halb überzeugt, zurück. »Ich hab' ja nix gegen alte Jungfern, aber ...« »Toni, wollen wir das Thema nicht fallen lassen? Ich finde, wir hätten gerade jetzt eher Grund, ihr dankbar zu sein. Oder?« so rief Trautchen ihre Gäste zu Zeugen auf. »Ist es nicht rührend nett von ihr, daß sie uns die Zeit über auf den Jungen achtgeben will?« »Geht er denn net mit euch, der Bubi?« fragte Pepi. »Nein«, erwiderte Toni, »er darf derweil ganz ungestört Tante Minchen genießen. Ordentlich neidig bin ich ihm!« »Ja, du«, sagte Trautchen tadelnd, »du bestärkst ihn nur in den Albernheiten!« »Er wär' wohl ums Leben gern mit?« erkundigte sich die weichherzige Pepi. »Geheult hat er wie ein Schloßhund«, so bejahte der starke Mann diese Frage. »Er hat dann überhaupt noch Schule«, erklärte Trautchen abschließend. »No, das wär' für ihn doch eher ein Grund mehr«, meinte Theo. »Danach sind seine Zeugnisse aber nicht«, stellte sorgenvoll die Mama fest. »Och, no ...« wendete der anspruchslosere Vater ein. »An Ostern die Noten, grad' mehr den einen Vierer!« »Und sieh mal, Pepi«, fuhr Trautchen fort, »wenn man sich schon zu so was entschließt und das viele Geld ausgibt, dann muß die Sache doch einen Zweck haben.« »Zweck?« warf Theo dazwischen. »Ja, auf den bin ich nämlich so gespannt.« »Lieber Theo: zunächst wegen Toni! Künstlerisch, die neuen Eindrücke! Wenn man immer so fortmalt ... Ich weiß nicht, schließlich, die Frische ...« »Heißt das: die vermißt du bei meinen Bildern?« so lehnte Toni sich auf. Es hat alles seine Grenzen: was er fand, das hatte seine Frau noch lang' nicht zu finden! »Nein, nein!« beruhigte sie ihn. »Aber, gib mal acht, nachher erst!« »Das is ja schön und recht«, wendete Pepi ein. »Aber zu was deshalb der Bubi, das arme Hascherl ...?« »Ja, siehst du«, erwiderte Trautchen, »ich hab' eben auch das Bedürfnis ... Und wenn Toni sagt, er braucht keine Auffrischung, ich gesteh' ganz offen: ich brauch' eine.« »So, so?« brummte der starke Mann und schielte sein Eheweib in einem plötzlich erwachenden Mißtrauen an. »Jeden Sommer nach Oberammergau«, so erklärte Trautchen weiter, »soll das für mich eine Erholung sein? Wo der ganze Haushalt mitgeht! Man kommt eben nicht aus den alten Falten.« »Nu bin ich im Bilde.« Theo feixte vergnügt. »Frisch aufbügeln willst du dich lassen.« »Nenn es immerhin so!« gab sie zu. »Denn wenn man so ewig im gleichen Trott ... Man, man rostet ein. Und ich würd' es Toni gar nicht übelnehmen, wenn ich ihm zum Schluß einfach langweilig würde.« »Jawohl! Oder ich dir!« widersprach ihr Gatte gekränkt und spitzig. Daß sie so in seinen geheimsten Gedanken gelesen hatte, von denen sie doch unmöglich etwas wissen konnte, das sprach wirklich Bände über ihre eignen Gefühle gegen ihn. Sie jedoch legte ihre rundliche Hand sanft auf die seine und wurde ordentlich hübsch vor lauter Herzlichkeit: »Geh, Vati! Das glaubst du ja selbst nicht! Es ist ja nur deinetwegen. Du sollst eben wieder eine frische, lustige Frau haben. Denn, o ja, ich weiß schon, die letzte Jahre ...« Und dann – schon wieder hatte diese kluge Frau in seinen Gedanken gelesen – fügte sie fast schüchtern lächelnd und so recht lieb hinzu: »Wenn du das vielleicht noch gar nicht so empfunden hast, ist's eben, weil du so ein netter, guter Kerl bist.« »Das heißt auf deutsch: dumm?« versuchte er sich aufzumanndeln: so weit aber brachte er es doch nicht, daß er ihr seine Hand entzogen hätte. Es begann etwas in ihm zu schmelzeln. Er war doch recht empfänglich für liebevolle Behandlung. »Nein doch!« erwiderte sie eindringlich und gab ihm zärtlich strafend ein paar Klapse auf die große Pratze. »Sieh, grade, wenn man gut zusammen lebt! Man gewöhnt sich ans Verheiratetsein wie ans Atmen, möcht' ich sagen. Und darum ... Man muß zuweilen ...« Sie suchte nach dem Wort. »Einen kleinen Seitensprung machen!« half ihr Theo ein. »Hüte dich!« so verwarnte ihn daraufhin Pepi mit komischer Strenge. »Möchtest du 'ne andre, Vati?« fragte Trautchen, nicht ohne Koketterie lächelnd und seiner Antwort gewiß. »Dann tät' ich mir ja wahrscheinlich eine nehmen«, äußerte er mit männlicher Barschheit. Aber schon waren es seine Finger, die sich zu begütigendem Druck um die ihren schlossen. »Und schließlich«, gab der frivole Kollege zu bedenken, »was man da auch erwischt, es ist immer wieder eine Frau.« Trautchen nickte ihm lebhaft Beifall. »Nein«, sagte sie, »das ganze Geheimnis der Ehe ist: man muß einander neu bleiben.« »Wie macht man das?« erkundigte sich Theo und zog ein ungeheuer wißbegieriges Gesicht. »Ich wenigstens hab' mir immer erzählen lassen, auch die verheirateten Damen werden mit den Jahren nich neuer, sondern ...« »Als ob ihr Männer jünger würdet!« so ließ ihn seine Braut ablaufen. »Du hast es nötig! Wer schon vor der Hochzeit so eine Platten hat!« »Übertreib auch nich!« erwiderte er und fuhr sich tastend über den gelichteten Scheitel. »Und Haarschwund, der is bei euch natürlich weniger sichtbar.« Selten schätzt eine Frau Witzeleien über Toilettengeheimnisse, die ihr keine Geheimnisse geblieben sind. Und gar, wenn man sich einst in sein blondes Gelock wie in einen Mantel hat wickeln können! Trautchen kehrte lieber zu ihrem alten Thema zurück: »Und du wirst sehn, Toni! Schon in Gedanken an Schweden fühl' ich mich als ganz anderer Mensch.« »Nu«, sagte Theo, »dann werden wir unsere Flitterwochen wohl gleichzeitig feiern. Bloß daß ihr Kapitalistenbande euch 'ne Hochzeitsreise leisten könnt. Denn so was wird es ja scheinbar?« Die Hausfrau senkte die Lider, ein Lächeln kräuselte kaum sichtbar ihre Lippen; sie befreite plötzlich ihre Hand sänftiglich aus der Tonis und legte sie sittsam zu der anderen in den Schoß. »No ja«, räumte sie dann ein und schlug ein Paar großer Unschuldsaugen auf, »es ist ja auch die erste, richtige Reise, die wir zusammen machen.« »Und da fragst du noch, weshalb das Michele an den Busen der Tante gelegt wird?« belehrte Theo seine Braut. »Das könntest du auch schon wissen, daß man auf seine Hochzeitsreise die größeren Kinder so gut wie nie mitnimmt. No, also prost, Toni! Freust du dich recht?« Der starke Mann setzte das Glas ab, in das er andächtig vertieft gewesen war. Die Frage überrumpelte ihn, und er sagte breit: »Jawohl freu' ich mich!« Sogleich aber fühlte er sich verpflichtet, das mit etwas anderm zu begründen, als mit der verheißenen Auffrischung seines Eheglücks: »Stell dir bloß vor: auf so einer Insel! Die Post kommt nur einmal die Woche. Zwei Monate lang kein Automobil, keine Kirchenglocken, keinen Kunsthändler!« Theos Augen kniffen sich zu vergnügten Strichen zusammen und wanderten zu dem Freund hinüber; seine Lippen formten nur das eine, spöttisch mitleidig in der Fistel gleichsam gesungene Wort: »Ehemann!« »Bräutigam!« gab Toni ebenso zurück. »Und das, mein Lieber, wär' ich in deinem Alter nimmer geworden!« »Also, dies Krokodil!« Pepi schlug in scherzhafter Empörung leicht mit der Faust auf den Tisch. »Rät er ihm net schon wieder ab?« »Woher denn!« beruhigte sie der starke Mann. »Weiß ja eh, daß es umsonst wär'! Denn wenn's dem Esel zu wohl wird ...« »Dann geht er nach Schweden?« fragte Theo mit freundlicher Anteilnahme. »Sprichwörter verkorksen, das kann ich selber«, entgegnete der Hausherr. »Wart einmal! Was gibt's denn gleich für eins über so einen wie dich, so einen Hochzeiter?« »Ja, einfallen muß einem was!« höhnte der Nachbar. Pepi hüpfte plötzlich auf ihrem Sitz herum, ihre lebhaften Armbewegungen zeigten: ihr war etwas eingefallen, und zwar etwas so Schlagendes, daß sie dafür ein Silentium beanspruchen durfte. »Wer das Glück hat, führt die Braut heim!« schmetterte sie strahlend hervor. »Und wer die Braut heimführt, braucht für den Spott net zu sorgen«, sagte nun Toni und senkte salutierend die Stirn, wie ein siegreicher Fechter sein Florett. Trautchen lehnte sich in ihren Korbstuhl zurück, daß der ein behagliches, humorvoll erschrocknes Ächzen ausstieß. Seelenruhig verschränkte sie die Finger über dem Magen; um ihre Mundwinkel ging ein nachsichtiges Lächeln. Gott ja, irgendeinen Rest von Freiheitsdrang und von Heimweh nach hemmungslosen Junggesellenzeiten tragen sie irgendwo da drinnen wohl alle mit sich herum, die Männer. Und die unter ihnen, bei denen sich das bloß, wenn sie ihr Quantum Bowle haben, in despektierlichen Witzen über die Ehe austobt, die sind längst nicht am schlechtesten zu haben. Dreizehntes Kapitel. Die Ostsee und der Herr Professor Toni erwachte aus einem tiefen, guten Schlaf, der ihn nach Pasings Fluren entführt hatte, und sah sich verwirrt in dem engen Gelaß um, das ihn beherbergte. Violettblaues Licht ohne Helligkeit nebelte aus der halbkugligen Glasglocke an der Decke und zeigte gerade noch die mißfarbenen Ornamente, die dort ihre nüchtern wilden Ranken spazierenlaufen ließen. Jawohl, natürlich, die blöde Reise! In der Eisenbahn war man. Wo sonst in der Welt wird einem heute noch zugemutet, derartiges Jugendstilgemüse, solchen zur Schablone erfrornen Irrsinn für luxuriös zu halten, als in den Menschenbehältern der Internationalen Schlafwagengesellschaft! Bleibe im Lande und nähre dich redlich, es ist, Gott soll es wissen, gescheiter! Verdrossen wälzte sich der starke Mann auf die rechte Schulter herüber und warf einen Blick in den schmalen Abgrund neben seinem Lager. Er unterschied drunten bei der ungewissen Dämmerung zwei Paar Schnürstiefel, ein großes und ein kleineres, die, müd' gelangweilt und mehr aus Pflichtgefühl, miteinander zu kokettieren schienen. Ihnen zur Seite gähnte mächtig der Schlund einer nagelneuen, hellbraun rindsledernen Handtasche, aus der die Metalldeckel gleich einer Reihe gefährlicher Zähne hervorblicken. Und, horch einmal: machte es nicht den Eindruck, als ob das Ungeheuer, zu dem dies große Maul gehöre, bösartig und voll Ingrimm schnarche? Die rauhen Laute entquollen natürlich keineswegs dem zahlungsfähig dreinschauenden Reisegerät, sondern hatten ihren durchaus nicht geheimnisvollen Ursprung hinter dem zugezognen Vorhang der unteren Bettstatt; und bösartig verdiente weiter nichts genannt zu werden als Tonis ebenso hämische wie abgeschmackte Auslegung der ihm doch genügend vertrauten, friedlich gemütlichen Nachtmusik des deutschen Familienlebens. Kurzum aber: er war entschlossen, sich daran zu ärgern. Wie hieß das gleich, was ihm der geistvolle Theo prophezeit hatte, dieser Optimist aus Verzweiflung, dem halt die Freiersfüße völlig bis ins Hirn hinaufgewachsen waren? Neue Flitterwochen? Freilich, es hörte sich beiläufig so an! Fünf Tage schon unterwegs! Wenn Trautchen ihre Verwandlung zu einem andern Menschen immer noch ernstlich im Sinn trug, dann wurde es langsam Zeit. Viel hatte er wenigstens noch nicht davon bemerkt. Und überhaupt dies Herumkarren in Europa! Seit der Abfahrt vom Münchener Hauptbahnhof war Toni wie ein wandelnder Protest gegen das ganze ausgefallene Unternehmen anzuschauen gewesen, ein Bild jener frostigen Mißbilligung, die der von Natur seßhafte Mensch gegen alles Ungewohnte ausstrahlt. Na ja, und was hätte ihn auch zu einer Korrektur seiner vorgefaßten Meinung bewegen sollen? Berlin etwa? O mei, Berlin! Wenn einer aus Pasing kommt und sich als Münchener fühlt! Immerhin lag dieses große Dorf noch in Deutschland, wenn auch in einem verkehrten Zipfel davon. Jetzt aber – wahnsinnige Idee! – ging's nach Schweden, in ein Land, wo die Leute die Naivität besaßen, ohne jede Rücksicht einfach schwedisch zu reden und einen mithin völlig den Dolmetschkünsten eines unzurechnungsfähigen Lyrikers und seiner nicht wesentlich vernunftbegabteren Gattin auszuliefern. Trautchen hatte zwar in den letzten Wochen, was man so sagt, ein Verhältnis mit dem kleinen Meyer, dem Taschenwörterbuch, angefangen. Aber Toni malte sich schon voll schmunzelnder Schadenfreude aus, wie sein kluges Weib bei dem ersten Versuch, diese Sprachkenntnisse an den Mann zu bringen, für eine Chinesin würde gehalten werden. Ihr geschähe es bloß recht! Ja, aber er hätte die Unbequemlichkeiten davon! Ach was: ihm geschah's ebenso recht! Wer plagte ihn denn, sich breitschlagen zu lassen? Was hatte er da droben verloren? Die famosen Granitfelsen am Ende? Daß ich net lach'! Aus den kümmerlichen Dingern würde man daheim in Oberbayern höchstens Schotter für die Landstraße klopfen. Und das Meer? Der starke Mann kannte es nicht, war aber entschlossen, es als aufgelegten Schwindel zu betrachten, den höchstens profitgierige Fremdenverkehrsvereine neben oder gar über das Gebirge zu stellen die Stirn haben könnten. Einfaches Wasser halt, mit ein bissel Salz drin! Wasser in fader Massenhaftigkeit! Doch es sollte sich bald zeigen, daß hier jemand bärbeißiger tat, als ihm im tiefsten ums Herz war. Denn jetzt horchte Toni plötzlich auf; ein gespanntes Überlegen trat in sein Gesicht. Sacht schlurfend ging ein gleichmäßiges Zittern und Schüttern durch sein Lager und durch alles ringsum: ein andrer Ton und ein andrer Rhythmus als das Gewackel und Gestoße, das ihn heute nacht zum Schlummern betäubt hatte. Herrschaft, wieviel Uhr war es denn schon? Hastig ließ Toni den elektrischen Schalter knipsen; Helles, warmes Licht brach aus der Glasglocke und wischte schnell den bläulichen Dunst bis in den letzten Winkel fort. Sechs Uhr durch? Ja, aber dann! Man schwamm! Schwamm schon seit gut zwei Stunden! Tolle Geschichte: es steigt jemand am Abend in die gewöhnliche Eisenbahn, legt sich in die Klappe, und wenn er wach wird, dann schwimmt er, schwimmt mit dem ganzen Zug aus so einem verschmitzten Möbel, so einer Fähre, von deren eigentlicher Einrichtung sich ein vernünftiger Mensch überhaupt keinen halbwegs klaren Begriff machen kann. Was Toni diese fünf Tage her immer vermißt hatte, wenn er sich grämlich zweifelnd gleichsam den innerlichen Puls abtastete, nun war es mit eins da: das lebhaftere Klopfen des Blutes, die verschmitzte Schulbubenlust am Entlaufen aus dem eingefahrnen Gleise der Pflicht, die Reisefreudigkeit, der nicht einmal das unbequeme Vorgefühl von Zollrevision, Umsteigen, Gepäckaufgabe im fremden Land etwas anhaben kann. Er schaute wieder über den Rand seines Lagers hinunter und konnte schmunzelnd feststellen: auch die Schnürstiefel hatten einen ganz andern Ausdruck bekommen. Verwogne Glanzlichter flinkerten über sie hin, und ihr legitimes Liebäugeln gewann jetzt wirklich etwas geradezu unpassend Inniges. »Du, Trautchen!« rief Toni mit frischer Stimme. »Ja?« klang es erschrocken und verschlafen zurück. Es wurde lebendig da unten. Nach einem hastigen Geguschel schepperten denn auch die Vorhangringe, und ein schlafrosiges Gesicht unter lässig zum Kranz gelegter Haarfülle lugte zu ihm herauf. Da er strahlte, strahlten sogleich auch ihre Augen, trotzdem sie doch unsanft aus dem schönsten Schlaf geschreckt worden war; sie fragte warm und gemütlich: »Nu, was hast du denn, Vati?« Nicht einmal die von ihm sonst wenig geschätzte Anrede: Vati wurmte ihn heute, jovial und lärmend deklamierte er: »Auf, auf, sprach der Fuchs zum Hasen; hörst du nicht den Jäger blasen?« Etwas zu lärmend vielleicht rief er das. Denn nun ballerte von draußen an die verschlossene Tür zum Nachbarabteil ein Gegenstand, den man für einen doppelt gesohlten Männerstiefel taxieren mußte. Gleichzeitig erhob sich drüben ein ärgerliches Schmälen in einer unverständlichen Sprache, ein abfälliges Urteil ohne Zweifel über deutsche Sitten. Wiederholte sich doch das Wort » tyskarna « mehrmals darin. Toni lachte wie ein Straßenjunge. »Horch, der schimpft uns!« sagte er mit gedämpfterer Stimme. »Auf schwedisch!« hob er beinah geschmeichelt hervor. »Du bist ja so vergnügt?« stellte Trautchen befriedigt fest. »Je, woran merkst denn das?« erwiderte er und fuhr fort: »Nun aber keine Müdigkeit vorschützen! Raus aus den Posen! Mir schwimmen nämlich schon lang'! Die Ostsee möcht' auch einmal eine Professorin in ihrer hundsnobeln neuen Reisekluft bewundern!« »Natürlich!« so stimmte sie ihm herzlich zu, schlug dann jedoch vor: »Vielleicht machst du dich erst fertig! Zweie können sich hier ja nicht umdreh'n. Du brennst ja doch drauf. Und ich komm' dann gleich nach.« Na, das sah er ein. Er turnte unverweilt aus seinem Obergeschoß abwärts und hatte es sehr eilig, einen sauber gewaschenen und gestriegelten, gut angezogenen Mann aus sich zu machen. » Allons enfants de la patri ... i ... e ... «, stimmte er dazu an. Die Fortsetzung aber summte er nur; denn viel weiter erstreckte sich weder seine Kenntnis der französischen Sprache im allgemeinen noch die des Textes der Revolutionshymne im besonderen. Trautchen dehnte sich derweil behaglich in ihrer Klause, folgte jeder seiner Bewegungen mit beifälligen Augen und genoß ihren aufgekratzten Gebieter. Ja, diese Reise! – Hatte sie's nicht gewußt! »Aber brauch' net so lang', Schnucksi!« sagte Toni, trat aus den Gang hinaus und machte von draußen wieder zu. Dann beeilte er sich, ins Freie zu kommen, fand aber im Vorübergehen noch Zeit, der Nachbartür, hinter der er den cholerischen Schweden wußte, einen Renner mit der Schulter zu versetzen, daß es nur so krachte. Und nun sprang er mit gleichen Füßen auf richtige Schiffsplanken, wie er feststellte, obschon es in Wirklichkeit eher Eisenplatten waren. Seine schwarzen Augen liefen hurtig in die Runde; die stärkeren Eindrücke freilich nahm er zunächst durch die Nase auf: witternd sog er jene sonderbare Luft ein, die an einer Mischung von Salz, Jod, Kesseldampf und Schmieröl geschwängert zu sein scheint und in der auch der Neuling sofort den wahren, ihr allein eignen Geruch der Seereise erkennt. Schön konnte man es hier übrigens auch bei bescheidnen Ansprüchen nicht finden; der Fernblick wenigstens durfte mehr als beengt heißen. Aber gleich da vorn führte über ein eisernes Treppchen ein Weg in die Höhe, und der starke Mann schlug ihn erwartungsvoll ein. Kaum auf das Promenadendeck gelangt, stand er auch schon vorgebeugt an der Reling, ohne daß es ihm so recht bewußt wurde, wie er dahingekommen war. Und so sahen sie sich denn zum erstenmal von Angesicht zu Angesicht, das Meer und der Professor Gwinner aus Pasing. Wer von den beiden dabei den stärkeren Eindruck hatte, ist ein Geheimnis geblieben. Das große Wasser sagte überhaupt nichts, und auch Toni gab, mit einem herablassenden Nicken, bloß die Worte von sich: »Hm ja, wahrhaftig, net übel!« Aber trotzdem er auf die Art äußerlich die vornehmste Fassung wahrte, verschlug's ihm den Atem; etwas wie ein Schwindel packte ihn, leer von Gedanken wurde sein Kopf; nur die Augen schöpften das Erlebnis in sich herein. Und er durfte wohl Augen machen. Denn die Ostsee hatte für diesen feierlichen Moment eins ihrer allerbesten Gewänder angezogen: das sonnenfunkenbestickte seidene, dessen Grün der Nähe so fein in das Stahlblau des Horizonts hinüberklingt und dessen unaufdringliches Wellenmuster hier und da durch die weiße Ellipse eines kleinen Schaumkopfes gerade am rechten Platz sinnvoll verdeutlicht wird. Frauenzimmer sind Frauenzimmer. Sag' mir einer, für wen sich das putzt, wenn nicht für fremde Männer. Und schon erwachte in Toni der Mann, dem so etwas schmeichelt und all sein Herrengefühl zurückgibt. Schon hielt seine Hand einen unsichtbaren Pinsel und setzte Farbenflecke, Striche und Tupfer in die Luft, die gleichfalls unsichtbar waren, für jedermann, bloß für ihn selber nicht. »Ich zwing' dich!« knurrte er die geheimnisvoll lächelnde Schöne an und kniff die Lider unter drohend gerunzelten Brauen zu scharf forschenden Strichen zusammen. Doch gleich darauf erhellte sich seine Stirn. »Ich zwing' dich!« sagte er noch einmal, jetzt mit der heiteren Ruhe des Siegers. Er ließ einen Besitzerblick um den Himmelskreis laufen, wie einer auf Zeit Abschied nimmt von etwas, was ihm nicht streitig gemacht werden kann; einen tiefen Seufzer noch schlürfte er in sich herein und trat nun eine Erkundungsreise an aus dem Weiten ins Nähere; rund um das Deck führte ihn der lässige Bummelschritt. Zunächst fesselten ihn die Leute droben auf der Brücke: der eine, der kurze Pfeife rauchte und von Zeit zu Zeit mit dem Fernstecher Ausschau hielt, und der andre, den unser Pasinger mit dem Titel: der Steuermann am Rad ehrte, wobei er sich auf seine Kenntnis der seemännischen Fachsprache auch noch etwas einbildete. Dann kam das Äußere des Kastens an die Reihe, auf dem man schwamm: Masten, Schornsteine, Boote. Toni nickte billigend: alles gut und sachlich und frei von Kunstgewerbe. Besonders dekorativ fand er die Ventilatoren, die er übrigens so lange für Nebelhörner ansah, bis eine Beobachtung, die er machen durfte, ihn darüber belehrte, daß es sich hier vielmehr um Aufzüge zur Beförderung von Schlacke und Asche handle. Wesentlich weniger konnten ihm die inneren Gemächer des Schiffes imponieren, als er sie, die in dieser Morgenfrühe verlassen dalagen, durch die offnen Fenster einer Musterung unterzog. Kaltblütig in die Klasse der: berittenen Schuster zu Fuß reihte er den Raumkünstler ein, der diesen Damen- und diesen Rauchsalon verbrochen hatte. Vor dem Speisesaal aber verstummte alle Stilkritik, nicht etwa, weil dessen Einrichtung schöner gewesen wäre, sondern weil Toni gänzlich über sie hinwegsah, so völlig wurden seine Sinne von dem gefesselt, was da auf einer ansehnlichen Tafel aufgebaut war. Man mußte an ein kaltes Abendessen für eine große Gesellschaft denken, das gestern aus irgendeinem rätselhaften Grunde unberührt stehengeblieben sei. Nicht, daß Toni sich nicht auskannte! Er wußte sogar, wie das hieß. Philipp Ladurner hatte ihm ja genug von dem berühmten nordischen: Smörgaasbord, oder so ähnlich, vorgeschwärmt; und was man hier sah, strafte den Dichter gewiß nicht Lügen. Aber um halb sieben Uhr morgens! Wenn einem auch der Anblick aller der Herrlichkeiten das Wasser im Munde zusammenlaufen machte, die deutsche Sehnsucht schrie dabei nach Kaffee mit Buttersemmeln. Doch hineinzugehen und das zu verlangen, getraute sich der starke Mann nicht recht. Der bis jetzt einzige Kellner, der da drinnen herumstand und sich mit häufigem und heftigem Gähnen unterhielt, sah ganz verdächtig schwedisch aus. Der konnte sicher kein Wort deutsch, und dann war man eben blamiert. Sich Herr über die Ostsee fühlen, ist in der Tat wesentlich leichter, als einem fremdländischen dienstbaren Geist einen Auftrag geben. Wenn bloß Trautchen mit ihrem Freunde, dem kleinen Meyer, käme! Was die auch so lang' zu tun hatte? Schon näherte Toni sich wieder der Treppe, um drunten seine Gemahlin energisch auf den Trab zu bringen, da stockte sein Schritt: dicht vor ihm enttauchte der Tiefe ein Mensch oder zunächst vielmehr bloß ein Kopf mit gepolsterten rosigen Backen und kräftigem Doppelkinn, gekrönt von einer gegen all diese Fülle zu eng wirkenden seidnen Reisemütze, die jene glatte Barettform zeigte, deren Schlichtheit etwas so niederschmetternd Zweckmäßiges hat. Darunter schauten zwei vorstehende, wasserblaue Augen unfreundlich warnend in die Welt: Trete mir ja keiner auf die Zehen! An diesem furchterregenden Kopfe hing, wie sich bald erwies, ohne Vermittlung eines erwähnenswerten Halses eine mehr der Breite als der Länge nach imposante Gestalt, um die ein Schoßrockanzug von unbeschreiblicher Farbe schlotterte, eigentlich überhaupt keiner Farbe; hellgrau wäre ein übertrieben schmeichelhafter Ausdruck dafür gewesen. Toni atmete auf: kein Adonis fürwahr, dieser Herr, aber – wer hätte da einen Moment gezweifelt? – ein Deutscher, vielleicht sogar ein engerer Landsmann, wenn nicht ein Mitbürger von Trautchen! Buckskin konnte gut und gern seine Branche sein. Und war es nicht trostreich und erhebend anzusehen, wie unbekümmert er daherkam, ein blonder Herrenmensch, einer unserer Sieger im friedlichen Völkerkampf; was gilt die Wette: ein Geschäftsreisender? Nicht ein Kommis: ein Mann von höheren Graden! Leuchtete sie nicht daumendick, die massiv goldne Panzerkette, die den kühnen Bauch in ganzer Ausdehnung überquerte? »Ein Kommerzienrat!« hauchte Toni erschüttert. Wie wohlhabend und reisegewohnt schritt das an ihm vorbei und ohne jedes bängliche Zaudern aus den Eingang des Speisesaals zu! Den schickte der Himmel! Harmlos durch die Zähne pfeifend, näherte sich der starke Mann einem der offnen Fenster. Scheinbar träumten seine Augen nach dem Horizont hinaus, verstohlen aber schielten sie zwischendurch nach seinem unbewußten Lehrmeister. Wenn der da: Kellner! riefe, dann wäre die Sache sehr einfach. »Steward!« schrie der dicke Herr befehlshaberisch. So ein Reinfall! Jetzt sprach dieser Stiefel englisch. Aber nein! Er schien sich doch darauf zu besinnen, was da draußen von ihm erwartet wurde, und fügte hinzu: »Kaffee! Bißchen fix! Ja?« »Ssofort!« erwiderte der Befrackte ganz klein und schoß von dannen. Toni war begeistert: erstens kam man hier mit Deutsch durch, und dann kannte dieser Mann die Welt! »Bißchen fix! Ja?« Großartig! Aha, richtig: schon begann der Kommerzienrat mit Umsicht Breschen zu legen in das Stilleben, langsam wandelte er um den Tisch, und auf seinem Teller türmten sich die guten Dinge zum Haufen. Aber war das denn möglich? Dazu hätte doch von Rechts wegen eher eine Maß Bier gehört. Doch als kein Zweifel mehr darüber herrschen konnte, daß ein Würdenträger von solchem Gewicht zum Kaffee, als ob das nichts wäre, kalt lächelnd Ölsardinen fraß, entschloß sich sein aufmerksamer Schüler, keck seinem Beispiel zu folgen. Ländlich – schändlich! Und siehe, die ungewohnte Zusammenstellung zeigte sich reizvoller, als Toni je vermutet hätte. So tat auch er den Delikatessen alle Ehre an und suchte darin mit seinem Vorbild zu wetteifern, mußte aber schließlich erkennen, daß dieses in der Hinsicht wie in jeder andern unerreichbar blieb. Als Trautchen nach langem Suchen endlich ihren Gemahl entdeckt hatte und an seinen Tisch trat, war er durch reiche persönliche Erfahrung in die Lage versetzt, ihr einen lehrhaften und erschöpfenden Vortrag über die Eigentümlichkeiten und Annehmlichkeiten so eines skandinavischen ersten Frühstücks zu halten. Bloß ließ er ihr keine Zeit, dieses Mahl mit der gleichen beschaulichen Breitspurigkeit zu sich zu nehmen, wie er es getan hatte. Er für sein Teil war nämlich satt, und ihn plagte die Ungeduld, ihr nun auch die Honneurs des großen Salzwassers zu machen. Da es aber Trautchens Grundsätzen zuwiderlief, dem Wirt etwas zu schenken, mußte sie nun schneller essen, als es der Gesundheit zuträglich ist. Und vielleicht war es das, was sich ihr auf die Stimmung schlug. Jedenfalls bemerkte Toni, als sie nachher selbander an der Reling standen, daß sie seinen Erläuterungen zur Ostsee nicht mit der gebührenden Verzückung folgte, vielmehr deutliche Merkmale von Zerstreutheit kundgab und schließlich in Sehnsuchtsklagen nach dem Michele ausbrach. Er zuckte ärgerlich die Achseln. »Ja, ich war's net, der ihn absolut hat zu Haus lassen wollen!« gab er ihr mürrisch zur Antwort. »Gott, ich hab' eben geglaubt ...«, sagte sie bekümmert. »Ich wollte mal alle Sorgen los sein und ... Aber sieh, es ist doch das erstemal, daß er ohne uns ist. Und ob das auch gut geht mit Minchen?« »No«, knurrte er, »zu wenig paßt die ganz gewiß net auf ihn auf!« »Ja, ja«, wendete sie ein, »das bezweifle ich gar nicht. Alle Mühe gibt sie sich schon. Aber mit Kindern, und besonders mit so einem Jungen, da fehlt ihr doch jede Erfahrung.« »Auf einmal?!« höhnte er. »Und ich hab' gedacht, er wird uns nachher als ein richtiger Musterknabe wieder abgeliefert, mit Manieren wie ein Lord aus Crimmitschau? – Reg dich 'net auf: mir treffen ihn genau noch als den alten! Und wenn's ihm auch fad genug sein wird, eins beruhigt mich außerordentlich: eine ungetrübte Freude versprech' ich mir für sie erst recht net von der G'schicht.« »Ach Gott, wenn's nur das wäre!« erwiderte sie. »Soll er meinetwegen so ungezogen zu ihr sein, wie er will!« Er lächelte und sprach ihr ironisch Trost zu: »No, das wird er schon pünktlich besorgen, – hab' keine Angst!« »Nein, Toni, ich weiß nicht, beim Abschied ... Hast du nicht gefunden: er war so ganz anders wie sonst?« »Himmel, Herrgott, wie soll er denn gewesen sein? Entzückt war er net; nehm' ich ihm auch gar net übel.« »Nein aber, Toni, ich kenn' ihn doch besser als du.« »So? Wirklich? Woher denn?« »Ich weiß nicht: sein Gesicht auf dem Bahnhof! So still unglücklich!« »Still?« spöttelte Tom, »Ja, weil er sich bei dir halt nix zu sagen traut! Wenn das net wär', dann hätt'st du jemand aber anders können schimpfen hören!« »Ach, das verstehst du nicht!« sagte sie ernst und unbelehrbar. »Und wie er da neben Minchen stand und unserm Zug nachsah, ich kann die Augen nicht vergessen, die er da machte! Und ich hab' so ein Gefühl ...« Er wendete ihr kurz den Rücken und drückte sich. – Ein ganzes Stück von ihr entfernt, blieb er stehen und starrte uninteressiert in die Weite. Die Laune war ihm gründlich verdorben. Auch vor ihm tauchte jetzt Micheles herzlich betrübtes Abschiedsgesicht auf, und so etwas wie Sehnsucht regte sich in ihm. Wie hätte der Bub hier geschaut: das Meer und gar erst das Schiff! Das wär' erst die rechte Freude gewesen, dem frischen Kerl das alles zu zeigen. Und das schwedische Frühstück! So ein Futter » à discrétion «! Aber was nicht ist, das ist einmal nicht und läßt sich nicht ändern. Trautchen war selber schuld, daß der Bengel nicht mit war, und jetzt natürlich machte sie es so! Ahnungen hatte sie! Wenn ihnen sonst nix fehlt, kriegen sie's mit den Ahnungen! Weibervolk, hysterisches! Das fühlt sich ja aber nicht glücklich, wenn es sich nicht unglücklich fühlt! Was so einem festen Burschen wie dem Michele wohl geschehn sollte? Aber mach' einer das ihr einmal klar! Äußerst mißgestimmt sah Toni die flache Küste Schonens aus dem Meer steigen. Er pfiff schon ergebenst auf diese Reise! Das ganze Nordeuropa mit seinen barbarischen Fremdsprachen und seiner blöden Fischkost zum ersten Frühstück konnte ihm gestohlen bleiben! Pfüet di Gott, er wünschte, er wäre in Pasing!   Auch die zwölfstündige Eisenbahnfahrt von Trelleborg nach Strömstad machte die Welt- und Lebensauffassung des starken Mannes nicht rosiger. Nichts war ihm recht: der in der Frühe von ihm so freigebig zum Kommerzienrat ernannte Herr, der bis Malmö im gleichen Wagen mit ihnen blieb, erregte seinen Abscheu, weil er so deutsch war; die anderen Reisegenossen wiederum mißbilligte Toni als zu schwedisch. Schnell hatte er das harte Urteil fertig, ein Volk von so ruppiger Unhöflichkeit gebe es auf Erden nicht zum zweitenmal; einfach weil sich diese Leute nicht im geringsten um ihn kümmerten. Hätten sie dies aber getan, so würde er ihnen das noch viel übler vermerkt haben. Jedenfalls empfand er es in Göteborg, wo man umsteigen mußte und wo die Gepäckrevision stattfand, als eine haarsträubende Frechheit von dem Zollbeamten, daß er, als verstünde sich so etwas von selbst, eine Frage auf schwedisch an ihn richtete. Toni machte entgeisterte Augen und sah Trautchen an; Trautchen, die inzwischen mit unterstrichener Bereitwilligkeit die Koffer aufgesperrt hatte, machte gleichfalls entgeisterte Augen und begann in ihrer Handtasche zu wühlen. Dazu stammelte sie etwas, woraus sich endlich die nicht übertrieben skandinavisch klingenden Worte lösten: »Ach, sprechen Sie nicht deutsch?« » Nej «, erwiderte der Zöllner mit der kaltblütigsten Naivität. »So is recht!« bemerkte der starke Mann. »Ja, ja, wart' doch!« zischelte sie hastig und suchte auf Mord und Tod in ihrem gedruckten Gedächtnis. Aha, da war es schon, was sie wollte! Sie machte eine gleichsam segnende Gebärde über ihre zahlreichen Gepäckstücke hin und verkündete mehrmals: » brukade saker, brukade saker!« Und – hatte sie's nicht gewußt! – der blonde Beamte verstand sie; nur bei einer großen, neuen, wie für die Ewigkeit vernagelten Holzkiste plagten ihn offenbar Zweifel, ob sich auch in ihr gebrauchte Sachen befänden. Er deutete mit wißbegierigem Zeigefinger darauf und fragte schon wieder etwas auf schwedisch. Trautchen bekam einen Heidenschreck. Da drinnen war ihres Mannes ganzes Malgerät. Wenn man das Ding jetzt aufbrechen lassen müßte, wer nagelte es einem bloß wieder zu? Der kleine Meyer rauschte förmlich unter fanatisch blätternden Fingern. Doch, halt: eine Idee, die denn auch sofort zur Tat wurde! Die kluge Frau rettete sich in die Pantomime: ihr linker Daumen bohrte sich entschlossen durch das Loch einer imaginären Palette, die Rechte packte einen gleichfalls gedachten Pinsel, tunkte ihn ausgiebig in nicht vorhandene Farbe und schmiß mit ihm kühne Striche in die Luft. Der unglückliche Schwede brachte erschrocken seine Nase in Sicherheit, seine blaßgrauen Augen wurden rund und verstört. »Nein«, grinste Toni vor sich hin, »für eine Chinesin hält er sie vielleicht net, aber für tobsüchtig bestimmt.« Jedenfalls schien es der Zöllner für ein bedenkliches Unterfangen anzusehen, die fremde Dame länger zu reizen. Eine halb resignierte, halb begütigende Handbewegung räumte ihr ein, daß sie vermutlich durchaus recht hätte; beflissen pappte er auf jedes Stück, und auf die verdächtige Kiste zu allererst, das kleine Wapperl, das den Passierschein bedeutete, legte respektvoll die Hand an die Mütze und wendete sich ab. Trautchen beschoß, während sie die Koffer zusperrte, Toni mit sieghaften Seitenblicken. Was? Ob sie die Sprache kannte! Schwieriger wurde die Lage wieder, als sie nun dem Träger klarmachen wollte, was weiter zu geschehen hätte. Da bewies Toni, daß er die mimischen Künste seines Weibes nicht erlebt hatte, ohne eine Nutzanwendung daraus zu ziehen. »Strömstad!« befahl er und zeigte mit einer großen Armbewegung zur Tür hinaus in die Weite. »Station till Strömstad!« fiel Trautchen hastig ein. » Järnvägstationen !« trumpfte Toni auf. Da hatte sie's nun! Denn was verfolgte sie wohl für einen Zweck mit ihrem überflüssigen Korrigieren? Als ob der Kuli, der ausländische, ihn nicht schon aufs erste Wort verstanden hätte! Jawohl, der starke Mann mußte wirklich sagen: er stellte sich lange nicht so tappig zum Reisen an, wie er daheim immer prophezeit hatte. Gott sei Dank! Wer holte immer, wenn's Aufenthalt gab, Speise und Trank vom Büfett? Er: Toni! Das erstemal freilich mußte ihm Trautchen, obgleich er sich seit einer Stunde bitter grollend über Hunger und Durst beschwert hatte, sehr lange und dringlich zureden, bevor er sich widerwillig auf den Weg machte. Dann aber gewann er schnell eine raffiniert überlegne Fouragierungstechnik, die nur den einen Mißstand im Gefolge hatte, daß einem das Portemonnaie so lästig dick wurde vor lauter Kleingeld. Und dies geschah, weil Toni von dem, was da bereitstand, das ihn wünschenswert Dünkende unter eisernem Schweigen an sich raffte und dem Fräulein an der Kasse nachher ebenso stumm jedesmal einen Zwanzigkronenschein überreichte. Das Wechselgeld schob Toni voll edeln Vertrauens ungezählt ein. All der innerliche Ärger schien so an den Kräften des starken Mannes zu nagen, daß er, um sich überhaupt am Leben zu erhalten, einen bewundernswürdigen Appetit entwickeln mußte und eigentlich ununterbrochen vom Morgen bis zum Abend aß, obgleich er fast ebenso ununterbrochen erklärte, wie sehr ihm schon grauste vor den langweiligen Butterbroten. Noch schärfere Ausdrücke der Empörung widmete er dem Getränk, das er immer wieder einhandelte, weil ihn von den Flaschenetiketten in irgendeiner rätselhaften Zusammenstellung das Wort Pilsner grüßte, das für ihn hier im wilden Norden etwas ungemein Heimatliches ausstrahlte. »Und das heißen die hier ein Bier!« stöhnte Toni und ließ die ungemein naß wirkende Flüssigkeit mit Todesverachtung durch seinen lechzenden Schlund strudeln. Er ahnte nichts davon, daß er etwas trank, was ein Pilsner nur für das Auge darstellen wollte und in Wahrheit eine Art von alkoholfreier Limonade war. So wirkte auch der reichliche Genuß dieser optischen Täuschung eher niederschlagend als stimmungfördernd. Und was hätte Toni sonst aufmuntern sollen? Die Landschaft etwa, um derentwillen man doch eigentlich diese Mordsreise unternommen hatte? O Jessas nein, das bissel Landschaft! Solange sie durch das flache Schonen fuhren, äußerte er mehr als einmal verächtlich: »Weiß wahrhaftig net: auch net anders wie in Berlin!« Trautchen hütete sich, ihm zu widersprechen, blickte dann aber doch mit leiser Verwunderung zum Fenster hinaus. So viel war ja richtig: Wälder, Wiesen und Felder und blühende Obstbäume gab es in Deutschland auch; was ihn jedoch vor dieser ländlichen Umgebung gerade an Berlin erinnere, blieb ihr einigermaßen rätselhaft. Er aber meinte die Hitze damit, die vom wolkenlosen Himmel herniederknallte. Ja, diese Hitze entlockte ihm manchen Seufzer und manches unwillige Wort. Wie hätte er erst geschimpft, wenn das Wetter kalt und unfreundlich gewesen wäre! Später, in Bohuslän, kam es auf ein Haar so weit, daß die vorbeifliegende Gegend Toni fesselte. Je weiter die Reise führte, desto nackter drängten sich die mageren Granitrippen des Landes durch seine grünende Haut. Streckenweise verlief sich der Zug in ein pittoreskes, höchst eigenartiges Felsgewirr. Doch der starke Mann verschloß mit Gewalt seine Augen dagegen; er hatte sich nun einmal vorgenommen, Schweden zu mißbilligen. Um sich darin zu stärken, redete er sich schließlich in eine etwas komische Wut gegen seinen lyrischen Freund und dessen Gattin hinein. Die Abrede war, daß Ladurners sie in Strömstad am Bahnhof erwarten sollten; und je mehr sie sich diesem Städtchen näherten, desto genauer wußte Toni, daß die unzuverlässigen Leute ganz bestimmt nicht Wort gehalten hätten. Recht geschähe es einem übrigens, und das käme davon, wenn man sich am Ende der Welt Rendezvous mit Irrsinnigen gäbe. Trautchen schaute gottergeben vor sich hin, verhielt sich zu ihrem Gatten wie zu einer entfesselten Elementargewalt und setzte ihre Hoffnung für die Lösung aller dieser Konflikte vertrauensvoll auf die Zeit. Immerhin war es ihr eine Erleichterung, als sich endlich, gegen die achte Abendstunde, die Bremsklötze für heute zum letztenmal knirschend an die Radkränze schmiegten. Dann beugte sie den Kopf zum Fenster hinaus, holte ihn wieder herein, rief ihrem ungnädigen Gebieter zu: »Sie sind da!« und winkte hierauf lebhaft mit dem Taschentuch in die Weite. »Ihr Glück!« murmelte Toni grimmig.   Des rundlichen Lyrikers liebenswürdig lächelndem Jungengesicht konnte selbst ein grundloser Zorn nicht gut widerstehen. So herrschte eine milde, sehr warme Stimmung zwischen den Ehepaaren, in Strömstad und später während der Fahrt im Segelboot. Bei den Männern entsprang das vielleicht auch einer Spur von schlechtem Gewissen. Denn es darf niemand glauben, daß sich vorher bloß der Maler abschätzig über den Dichter geäußert hätte. Das Beste aber zu den guten Gefühlen schenkte ihnen Schweden. Dies Land, das Toni vom Fenster des lärmenden Schnellzuges aus bockig verachtet hatte, nahm ihn während der Segelfahrt ganz in Besitz, nahm ihn auf in die Ruhe und Größe seines heiter ernsten Zusammenklanges aus Wasser und Stein. Ordentlich eine Wolke von Wohlwollen überschattete ihn, und er sagte: »Du, das war 'ne Idee von dir! Die Landschaft geht mir nämlich ein.« Philipp verneigte sich mit einem Gesicht, geschmeichelt und doch ein bißchen von oben herab triumphierend, wie ein herausgerufener Dramatiker auf dem Theater. Da er es war, der Gwinners zu der Reise geraten hatte, fühlte er sich ihnen gegenüber gewissermaßen als der Verfasser von Schweden. Und sein Lampenfieber vorher war nicht gering gewesen. Er kannte Tonis, wie er es ausdrückte, herbe Witzigkeit nur zu gut. »Ja, nicht wahr?« gab er strahlend zurück. »Ist es nicht, wie ich gesagt hab'?« Toni lächelte, nun doch mit leiser Schelmerei. »Freilich, Philipp, genau! Die Inseln als bunte Blumensträuße vorm blauen Meer. Ich seh' die Inseln zwar grau, und das Meer bunt; aber das macht fast gar nix. Nein, nein, sei nur zufrieden: ich find' es sogar feiner!« »Ja, natürlich, hier, das ist klar: die Inseln sind grau«, so wies der Dichter den Verdacht der Farbenblindheit beflissen von sich. »Aber wart' nur, ich zeig' es dir schon noch, daß ich nicht einfach dumm in den Tag hineinred'! Du glaubst immer, ich seh' alles so anders als andere Leute, so phantastisch!« »Na, sei doch froh!« erwiderte der Maler. »Is das vielleicht ein Vorwurf? Wenn du alles genau so anschau'n würdest wie der Herr Huber und Meier auch, tät' ich gern verzichten auf deine Gedichte.« Philipp kriegte ein dreifaches Kinn vor Genugtuung. Und ein Wunder war das nicht: Schmeicheleien aus diesem Munde hatten jedenfalls einen Seltenheitswert. Auch Brita hüllte Toni in einen gerührten Dankesblick ihrer blauen Augen. Wer ihr etwas schenken wollte, mußte seine guten Gaben ihrem Mann überreichen. Im Drang ihres vollen Herzens legte sie ihren Arm um Trautchens Schultern, schüttelte sie zärtlich ein wenig und sagte: »Ach, Alte! Ich bin so froh, daß ihr da seid!« »Wir auch!« bemerkte Toni trocken. »Denn diese Reise!« »Ach?! War sie unangenehm?« fragte Philipp erschrocken und geradezu reuevoll, als fühle sich seine Gewissenhaftigkeit auch für alle Zufälle der Bahnfahrt verantwortlich. »Jetzt sind wir hier«, fiel Trautchen ein, »und hier ist es herrlich.« »Und, Toni, paß einmal auf: auf Koster erst!« versicherte der Dichter trostreich. »Wir haben ja schon mindestens zwanzig von den Inseln besucht. Wir segeln fast jeden Nachmittag. Und sie sind alle schön. Aber Koster! Ich sag' immer zu Brita: die verzauberte Insel. Keine hat so viel Stimmung; so was, ich weiß nicht, Heidnisches.« Toni fühlte wohl, was Philipp hiermit ausdrücken wollte. Dennoch lächerte es ihn ein wenig bei dieser konfessionellen Bewertung von Inseln. Aber er unterdrückte jeden schlechten Witz und sagte beifällig: »Mhm ja, auch schon das da! Weißt, wie sie ausschau'n, all die Felsbuckeln im Nasser? Akkurat doch wie angeschwemmte Leiber von versteinerten vorsündflutlichen Biestern, Mastodons, oder wie die freundlichen Luder gleich g'heißen haben.« »Ausgezeichnet! Nein, aber wie du nur darauf kommst?« rief Philipp in einer Bewunderung, so verblüfft, daß sie fast etwas Kränkendes hatte. Aber er fügte sofort beflissen und höflich hinzu: »Ja, ja, das Auge des Malers! Ich war nur so frappiert, weil mir das ... Es hat mir schon immer aus der Zunge gelegen. Und nun sprichst du es aus! Brita, jetzt weiß ich's, mein Skagerrakroman muß in der Zeit spielen: vor der Sündflut.« »Ich denk', du willst hier deinen abessinischen Roman schreiben?« fragte Trautchen, die in manchen Dingen ein unbequemes Gedächtnis besaß. »Ja, ja, natürlich; zuerst den«, antwortete Philipp zuversichtlich, »Ich hab' die vier Wochen hier schon sehr viel darüber nachgedacht.« »Aber jetzt ruhst du dich erst einmal gründlich aus!« bat Brita zärtlich besorgt. Trautchen, die sah, daß Toni einen Witz auf der Zunge hatte, hielt es für vorsichtiger, abzulenken. »Nein, Vati!« sagte sie lebhaft. »Kuck mal: den Abendhimmel ...!« »Hi–ja ...!«Er musterte das Netz von rosig glühenden Lämmerwölkchen ziemlich kritisch. »Ich freilich, wenn ich schon ein Abendhimmel war', tät' mich bemüh'n, net gar so süeß in der Farb' zu sein. Aber da schau: das Wasser, wo es so spiegelt, doll! Perlmutterig wie auf dem Pelle Danielsson seinen Bildern.« »Ja!« warf Philipp dazwischen. »Angenehme Gesellschaft findet ihr auch. Er ist nämlich da.« »Wer is da?« »Danielsson. Denk dir!« »Hm«, brummte Toni, »um Kunstmaler zu besichtigen, reis' ich zwar net da herauf. Das hab' ich in Pasing billiger.« »Toni, denk einmal: er wußte gleich, wer du bist! Er kennt deine Bilder!« »Schmeichelt mir ja riesig«, spöttelte Toni. »Wir haben uns angefreundet und aßen bisher am gleichen Tisch«, berichtete Philipp. »Spricht er wenigstens deutsch?« erkundigte sich Toni. »Sehr gut. Ja, wirklich: recht gut. Er war ein Jahr lang in München auf der Akademie. Aber selbstverständlich, wenn ihr den Verkehr nicht wollt, dann sag' ich ihm einfach ...« »Nein, nein, um Gottes willen!« wehrte Toni ab. »Bloß keine große Kumedi!« Nun aber faltete sich Philipps Stirn in einem ernsten Bedenken, und er begann zögernd: »Allerdings, er hat eine Dame bei sich. Verheiratet sind sie nicht. Seine Freundin, wißt ihr.« »So was! Da staun' ich!« rief der starke Mann mit parodistischer Entrüstung. »Is das 'ne unmoralische Gegend, dies Schweden!« »Ich meinte aber, es könnte vielleicht deiner Frau ...«, sagte der Dichter. »Och, wenn sie sonst nett ist!« entgegnete Trautchen lächelnd. »Furchtbar nett!« rief Brita. »Ja, Brita«, so schränkte ihr Mann dieses Urteil ein, »das ist dein Geschmack. Ich glaub' ja freilich auch: sie stört wenigstens nicht.« »Philipp, sie hat gerade dir doch immer gefallen. Und, ich weiß nicht: ich hab' bei ihr so ein gutes Gefühl wie bei dir, Trautchen. Es strahlt innerliche Wärme und Sicherheit von ihr. Sie ist auch so tüchtig.« »No dann!« sagte Toni, gleichsam beruhigt. »Dann heiratet sie ihn ja außerdem früher oder später doch noch.« »Wieso?« fragte Trautchen. »Och«, entgegnete er leichthin, »mir fiel grad' der Theo Schlotthauer ein und seine tüchtige Pepi.« »Ist ja wahr!« rief Philipp. »Ich hätte dran denken sollen: die verkehren ja auch bei euch und sind nicht verheiratet.« »Glaubst du?« Der starke Mann blinzelte verschmitzt. »Da wirst du dich täuschen.« »Wie?! Was?! Nein?! Heimlich getraut?« staunte der Dichter. »Im Gegenteil«, erwiderte Toni sachlich. »Gegenteil?« »No ja: unheimlich«, sagte der Maler und grinste. Der Dichter da glaubte offenbar, die heimlichen Ehen wüchsen in Schwabing wild, wie in den Romanen von Anno Tobak. Trautchen beeilte sich, den einfachen Tatbestand aufzuklären, und schob damit ein höchst willkommenes Thema in die Debatte. Liegt die Gefahr einer Reibung zwischen Anwesenden in der Luft, so wirkt ein Gespräch über Abwesende wie Schmieröl. Man nähert sich einander so schön im gemeinsamen Lästern über dritte. Toni beteiligte sich heute nicht an diesem beliebten Gesellschaftsspiel und hörte bald gar nicht mehr zu. Er schwieg sich langsam in einen verträumten und dennoch sehr wachen Zustand hinein. Alle seine Sinne spannten sich wohlig zu ungewohnter Schärfe; er sah, hörte, roch und schmeckte dieses Erlebnis seiner ersten Segelfahrt auf dem Meere. Um es denn auch zu fühlen, senkte er die Fingerspitzen in die Flut und ließ das Wasser in zwei kleinen blanken Bogen an seiner Hand empor- und vorüberschießen. Hurtig gingen seine Blicke von einem zum andern und ruhten doch liebevoll auf allem, was sie berührten: auf den rostroten, bunt geflickten Segeln, die fröhlich und fein gegen Meer und Himmel standen, auf dem schwedischen Fischer, der am Steuer saß, und dessen Augen sehr aufmerksam, aber sehr sicher dem Kurs des Bootes gleichsam wegbahnend vorausliefen, blau und ganz hell in dem seeluftgegerbten kantigen Gesicht, dessen derb klare Linien so ruhevoll und hergehörig waren, so stimmten zu dieser Landschaft, deren Kraft durch Sparsamkeit in der Gebärde zu Anmut wurde. Munter, und doch geheimnisreich wie eine seelenlose Nixenstimme, plätscherte das Wasser vorn am Bug, springende Metalltöne aus fremden Tiefen glucksten einem hohl unter den Füßen; das trockne Knarzen des Takelwerks gab wichtig flüsternd Antwort. Der Duft des Meeres legte sich einschläfernd auf die Brust, zog einen Schleier vor die Gedanken; man schmeckte Salz auf den Lippen. Die Sonne glitt unter den Horizont; stiller und reicher wurden die Farben über Himmel, Wellen und Inseln. Das Abendrot dämpfte sich zu heimlicher Gewalt und schlüpfte in die Dinge hinein; jedwedes leuchtete in seinem Ton aus sich selber, nicht gefärbt mehr, nur noch verklärt. Und die Stunde rann und wandelte alles tausendfach, schuf es um, schuf es neu aus dem strömenden, sinkenden Verschwenden des sterbenden Lichtes. Bläßlich blinzelten von den Klippen die grünen, roten und gelben Feuerchen, die das Amt haben, bei Nacht zu warnen, zu rufen, den Weg zu weisen durchs Labyrinth der Schären. Zehnmal sah es aus, als müsse das Boot gleich zerschellen an langgestreckter, lückenloser Steilküste, und dennoch fand es zuletzt auf unbegreifliche Weise ein Sträßlein, das hindurchführte, weiter gen Koster, nach dem verheißenen, heidnischen Land. Trautchen, Brita und Philipp schwätzten vergnügt und lebhaft. Doch von Toni ward ihnen wortkarge, zerstreute Antwort. Er fühlte sie wie in der Ferne. Viel näher deuchte ihn einer, der doch nicht da war: das Michele meinte er manchmal leibhaftig neben sich zu haben. Er und sein Bub, jawohl, das wußte er: sie beide stimmte die Natur immer auf den gleichen Ton, einen Ton, der stumm bleiben mußte zwischen ihnen, so laut und stark sie ihn auch vernahmen. Unter der grenzenlosen Kuppel, daran man die Sterne kaum ahnte, band schon das licht silbergraue Halbdämmern der nordischen Sommernacht alles in seine farben- und formendurchgeisterte Einheit, als der Bauch des Bootes an die Pfähle der Landungsbrücke stieß und sich dann hölzern kreischend an ihnen rieb. Toni mußte sich gleichsam wecken. Er war der letzte, der von der Bank aufstand. Und bei dieser Bewegung wurde ihm bewußt, wie weit weg er gewesen war in dem Reich der dunkeln Gefühle. Und das empfand er jetzt vor den anderen als genierlich. Um einen Seufzer zu verheimlichen, der durchaus herauf wollte, blies er die Luft von sich, wie eine Lokomotive den Dampf abbläst, und brummte: »Endlich einmal!« Das sollte klingen, als hätte ihn die Fahrt bloß gelangweilt. »No, poetischer Philipp«, fügte er dann burschikos hinzu, »jetzt können mir sie ja des nähern beriechen, deine faule Zauberinsel.« Vierzehntes Kapitel. Die Zauberinsel Schon die nächsten Tage sollten erweisen, daß Toni gar nicht daran dachte, grämlich an seinem neuen Aufenthaltsorte zu kritteln. Er wohnte sich schnell ein und verliebte sich in die Insel vorbehaltlos. Streichelnd fuhr sein Auge über die Linien der alles beherrschenden Granitbuckel, die, bald vereinzelt, bald zu weitverzweigten, spinnenähnlichen Gebilden zusammengewachsen, ringsum aus dem Boden wuchteten. Eis und Wasser hatten an ihnen geschliffen und ihre Kanten sanft abgerundet; dennoch blieben sie wild, zeichneten einen Reichtum von eigensinnigen Formen in die Luft, so voll heimlicher Stärke wie die Farben, die sich unter der verwitterten Haut des Gesteins bargen. Nur, wo die zerrissen war, leuchteten die frischen Bruchstellen, zogen sich hier tiefschwarze Wellenstreifen der Quere durch ein heißes Rostgelb, sprenkelte dort fahles Olivgrün eine glimmerglitzernde fleischrote Fläche, oder stürzte milchweiß eine lotrechte Quarzader, gleich einem gischtenden Gießbach zu schauen, durch eine kräftig graublaue Schlucht herunter. Dies waren die Felsen, zu denen man aufsah. Doch gab es auch andre. In den höheren Tälern der Insel hatten, wie Toni das ausdrückte, die steinernen Mastodons Junge gekriegt. Da mochte man meinen, als ein Riese im Hochgebirge zu wandeln. Überall kahle Zinnen und Gipfel, die kühn getürmt gen Himmel trotzten und einem doch kaum über den Scheitel stiegen. In den Mulden dazwischen hatte sich dünn etwas Erdkrume angesiedelt, und darüber spreitete der Wacholder, der hier nur zur Spannhöhe erwuchs, seine unregelmäßig ausgebuchteten Polster. An Tannenwälder konnten die einen gemahnen, wie man sie vom Berg aus tief unter sich aus die Hänge gelagert sieht, und das Preißel- und Heidelbeerkraut an fernewinzige Laubbäume, dunkle und lichte. Die Blütensterne der Heckenrose, die alles Geröll auf Koster mit dornigen Ranken bekroch, wurden daneben seltsam groß und tropisch unwahrscheinlich. Und die wirklichen Bäume, die spärlich eingesprengt waren, fielen kaum aus dem Bild. Schauten sie gleich sehr von oben herab aus die Zwergwälder, Zwerge waren auch sie. Das machte der Seewind. Den schiefen Eichen, Eschen und Espen hatte er die Kronen glatt wie mit dem Messer bekappt; die fräuleinhaften Birken duckten sich zierlich vor ihm, als wollten sie mit hellem Schreckensschrei leichtfüßig davonhuschen; sie wanden ihre Stämmchen gleich aufgeregten weißen Schlangen, ließen die Laubflammen treulich immerdar ostwärts lodern, wie vom Sturme gepeitscht selbst dann, wenn einmal an einem seltenen Tage kein Lüftchen wach war. Ging man hier auch auf einem Pfade, den schwere Stiefel vieler Geschlechter in den Stein gehöhlt hatten, jedesmal war es einem, als sei man durch die Zeiten zurückgeschritten und stünde in einer noch von keinem Auge erblickten Urnatur, unter der Sonne des Schöpfungstages, der das Feste zuerst aus der Flut hob. Führte einen der Weg dann abwärts in das Innere, die Tiefebenen der Insel, so breiteten sich da sauber in Rechtecke abgeteilte Felder und Wiesen: fügsamerer Boden. Aber auch bei ihm durfte man den Granit nicht vergessen, der ihn hart machte und arm und ihn doch schützte vor dem donnernden Feinde da draußen. Fleißig geschichtete Mäuerchen zogen Grenzen zwischen Flur und Nachbarflur, hängten sich gleich straff gespannten Spitzenfäden winklig aneinander, zickzackten über die Breite des Tals hinweg, zwangen Koster von Küste zu Küste unter ein bedeutungsvoll steinernes Netz. Weit über das Grün verstreut, lagen die kleinen Häuser, blutrot oder silbergrau, mit weißen Fensterstöcken, spielzeughaft adrett, doch nicht wie vom Zufall in die Natur geworfen, sondern gleichsam erwachsen aus dieser Erde, voll der schüchternen Anmut des Selbstverständlichen, wie Baum, Strauch und Blüte in ihren schmalen, staketumfriedeten Gärten. Gestenlos gaben sich auch die Menschen in ihrer protestantisch nüchternen, halb städtischen Tracht, mit den germanisch klar und sauber geschnittenen, ruhig zugleich in die Weite und in sich herein träumenden, dabei so schlicht wachen Gesichtern, mit dem bedächtig Fuß vor Fuß setzenden, schweren und sicheren Gang, leibliche Kinder des Urgesteins. Engere Verwandtschaft noch mit dem Felsgrunde, der sie gezeugt hatte, als bei den Leuten wollte Toni bei deren vierfüßigen nächsten Gefährten erblicken. Mit dem lieben Vieh glaubte der Bauernsohn daheim doch wirklich gut Freund gewesen zu sein. Aber hier die zottigen falben und braunen Gäule, die weißen oder gelbbunten Rinder hatten für ihn die Fremdheit von Fabelwesen. Nahte man so einer weidenden oder nachdenklich wiederkäuenden Kuh, und sie wendete den Kopf und sah einen an, dann konnte einen ein Frösteln überrieseln von diesem in seiner Leere ungeheuerlich tiefen Blick, ein andächtiger Schreck, wie er einen schütteln müßte, wenn plötzlich ein Baum willkürliche Gebärden machte. Es schien ein Erinnern auf dem Grunde dieser weißumwimperten Augen zu schweigen, ein unbeirrbares Wissen um in Ewigkeitsdämmer versunkene Zeiten, da Tier und Pflanze noch eins waren, ein Erinnern, vielleicht gar ein ewiges, längst still und gefaßt gewordenes Heimweh nach Wurzeln. So konnte einem manches durch den Kopf gehn auf Koster – nicht als Gedanke: als beglückendes dumpfes Gefühl. Noch nie hatte Toni die Einheit alles Geschaffenen auf diese Art sinnlich angefaßt, nie war er so jedem Stein, jedem Wassertropfen Bruder gewesen wie auf dieser Schäre, der einen unter den Tausenden längs der Küste im Skagerrak. In Wahrheit sinnlich genoß er das und suchte seinem Behagen keine überstiegnen Worte, keine tönenderen als etwa ein anerkennend hervorgegrunztes »Fein, fein« oder »Nobel, alles, was recht is«. Nur heimlich irgendwo drunten war ihm zumut wie einem, der jahrelang in der Luft gehangen hätte und nun aus der Berührung mit der Erde in sich herein neue Kräfte steigen fühlte. Ja, oder wie denn? Waren es nicht die alten? Wurzelgeheimnis, einfachstes, tiefstes! Baum und Mensch und weckendes Frühjahr! Und Sonne! Jeden Morgen glitt sie im Osten hinter dem ferneblauen Wall des Festlands empor, die Sonne, jeden Abend glitt sie im Westen müd in die offene See, und von Aufgang gen Untergang rollte sie Tag für Tag ruhevoll ihre Bahn durch ein gläsern bis ins Unendliche sichtiges Firmament. Gierig trank sie die Dünste des Wassers und duldete keines Wölkchens weißlichen Hauch. Über die Grenzen gescheucht war der Feind, der alte; und trieb er einmal seine Plänkler auf Kundschaft vor, so hatten die kaum ihre Nasen über den Himmelsrand gestreckt, da packte sie schon das Entsetzen vor dem grimmig strahlenden Antlitz der Siegerin, und sie entwichen, woher sie gekommen, ohne Spur in das Nichts. Gleich blanken Kugeln auf glatter Bahn, wie droben die Sonne, ewig gleich, ewig-neu rollten die Tage aus der lässig geöffneten Hand des Sommers. »So kann es bleiben, von mir aus noch lang'!« pflegte Toni zu sagen.   Ein Wort, das er selber gedankenlos hinwarf, sollte dem starken Manne zuerst ein Licht menschlich nüchternen Begreifens in das werfen, was er hier bisher nur als gedankenferner Sohn der Natur fühlend und ahnend erlebt hatte. Das geschah eines Abends, als er mit seinem Freunde Philipp auf einem der Felsbuckel stand und der Sonne zusah, wie sie langsam ins Meer sank. »Also, hier auf Koster, die Farben! Nicht einmal in den Tropen hab ich solche Farben gesehn!« rief der Dichter ekstatisch und umfaßte mit weiter Armbewegung all die Glut, von der die Welt flammte. Dann fragte er in einem Einfall: »Das da, sag': könntest du das malen?« »Dieses weniger. Aber ich muß ja auch nicht«, antwortete Toni mit gravitätischer Wurschtigkeit. »Weiß nicht: das würde mich nun gerade reizen!« wendete Philipp, fast etwas mitleidig, ein. Der starke Mann unterzog sich nicht der Mühe, solche Laienideen über die unbegrenzten Möglichkeiten der Malerei erst groß zu bestreiten. Bloß einen kurzen Seitenblick gönnte er dem Poesiedichter, und um seine Mundwinkel schlängelten sich vergnügte Spottfältchen. Mit einem Ruck aber wurde sein Gesicht ernst. Ein Nachdenken trat in seine Augen. Was hatte er da gesagt? Er mußte hier nicht. Jawohl, da lag das Geheimnis, warum er sich auf Koster so neugeboren fühlte. Vor allem machte er sich eine Kunst wieder zu eigen, in der er einst Bedeutendes geleistet hatte, bis sie ihm dann in der Ehe allmählich so ganz unter der Hand wegeskamotiert worden war: die edle und freie Kunst des Faulenzens. Nicht einmal Trautchens besorgtes Zureden, er solle sich nur ja richtig erholen und am liebsten die ganzen zwei Monate keinen Pinsel anfassen, vermochte seinen Widerspruchsgeist aufzustacheln. O nein: entsprachen ihre Ratschläge nur seinen Wünschen, so zeigte er eine Fügsamkeit, daß es ihr hie und da beinah unheimlich wurde. Wie soll man seinen Mann denn regieren, wenn er zu allem freundlich lächelnd ja sagt? Und fand sie es hie und da unumgänglich, einmal ein ernsteres Wort mit ihm zu reden, so hörte er zu, sagte wiederum ja und tat, was er wollte, ganz im Gegensatz zu daheim, wo er dann immer in beleidigter Manneswürde höchst stürmisch nein gesagt und – nachher getan hatte, was sie wollte. Das erinnerte sehr an die Art, wie er sich ihr gegenüber einst in den Bräutigamstagen aufgespielt hatte. Die Luft hier schien in der Tat verjüngend auf ihn zu wirken, mehr als nötig vielleicht. Denn oft schoß seine Fröhlichkeit zu einem Lausbubenübermut ins Kraut, der mit Vorliebe gerade die geheiligte Person seines Eheweibes zur Zielscheibe von allerhand Frozzeleien und schnöden Witzen machte. Wenn sie die schönen Träume zurückrief, in denen sie sich vor Antritt der Schwedenfahrt nicht ungern gewiegt hatte, konnte sie ein leises Bedauern verspüren, weil er gleich so übertrieben jung geworden war. Netter wäre es schon gewesen, er hätte damit etwas früher gebremst, etwa bei dem Entwicklungsstadium, in dem er sich während ihrer ersten Pasinger Jahre befunden hatte. Eigentlich war das doch ihre beste Zeit gewesen. Aber weinerliches Bedauern gehörte nicht zu Trautchens Liebhabereien. Sie war vernünftig und eine Realistin. Hochzeitsreisen im vierzehnten Ehejahr nachholen, das klingt ja sehr schön, aber schließlich sind Erholungsreisen auch nicht zu verachten. Und man sagt ja, daß bei Sommerfrischen die Wirkung nachkommt, später, wenn man wieder daheim in seinem Alltag ist. Die Hoffnung stärkte und tröstete Trautchen, zeigte ihr die Zukunft in sanft rosigem Licht, machte ihr Herz nachsichtig und ihre Prinzipien weich. Nun, und Gefahren schienen ja keine vorhanden. Brita Ladurner und Fröken Kajsa Sundström, die Freundin Pelle Danielssons, waren, legitim die eine, die andere illegitim, viel zu verheiratet mit ihren Männern, als daß sie Toni hätten gefährlich werden können. Und die schwedischen Strohwitwen, die alle Fremdenzimmer des kleinen Hotels lebhaft bevölkerten, zeichneten sich doch wohl mehr durch die in der Tat überraschende Zahl ihrer Kinder aus als durch irgendwelche verführerischen Eigenschaften. Und das nahm Trautchen nicht ungern wahr. Wenn nur ihr Mann keiner andern gegenüber den schmachtenden Seladon spielte, fand sie sich damit ab, in Gottes Namen auch für ihre Person darauf zu verzichten. Ließ seine Art gleich etwas wie eine Leere in ihr, so tat sie ihr doch zum mindesten nicht weh. Es fehlte ja schließlich bis zu einem gewissen Grade auch an der rechten Gelegenheit für die Verwirklichung ihrer heimlichen Träume. Vor Zeugen konnten gesetzte Eheleute, wie sie, nicht gut ein schnäbelndes Zärtlichkeitstheater ausführen. Und ungestört unter vier Augen durfte man sich eigentlich nur in der Zeit zwischen Morgenkaffee und Mittagessen genießen, beim Bad und dem sich daran schließenden faulen Herumliegen im Sande. Philipp zwar hatte es sich besonders idyllisch vorgestellt, wenn man auch gemeinsam baden würde; und es mag ja sein, daß Trautchen einst in ihren ledigen Malerinnenjahren diesem Gedanken Reiz abgewonnen hätte. Heute aber fühlte sie sich, gottlob, zu verheiratet, vielleicht nebenbei auch nicht mehr schlank genug, um hinter derartigen Veranstaltungen irgendeinen Sinn zu erblicken. So suchte denn vormittags hübsch jedes Paar seinen eigenen Strand auf. Es gab ja überall dafür passende kleine Buchten, die heimlich zwischen hohe, bis ans Meer vorspringende Felsrücken eingekesselt lagen. Trautchen hatte mit sicherem Instinkt einen Platz ausfindig zu machen gewußt, wo man sich vor unberufenen Spähern völlig geborgen fühlen konnte. Und es bildete in ihren Augen keinen Nachteil, daß damit zugleich ihrem Mann jede Gelegenheit verpatzt war, etwaige fremde Nixen zu belauschen, die hierzulande ja häufig ohne jedes Kostüm zu baden pflegten. Sie legte es übrigens auch nicht darauf an, ihm zum Ersatz für solche Entbehrung nun ihrerseits ein leichtfertiges Meerweib vorzugaukeln. Trat sie hinter dem Weidenbusch hervor, der sie bei der Toilette verbarg, so wirkte sie fast noch sittsamer bekleidet als für gewöhnlich in ihrem ungemein ausführlichen Badeanzug aus marineblauem Cheviot mit kindlich neckischen weißen Borten um den Matrosenkragen und sonst an allen irgend dafür geeigneten Stellen. Ein besonders diebisches Vergnügen aber bereitete Toni der große Anker, den sie in hellblauer Kurbelstickerei schräg auf der Brust trug. »Die deutsche Flotte!« grinste er dann wohl in sich herein. Und war sie, in jeder Bewegung das Bewußtsein ihres wirklich niedlichen Aussehens, mit vorsichtig kleinen Schritten bis an die Knie in das feuchte Element gestelzt und vollführte da draußen unbegabte Schwimmversuche, so fuhr er lieblos fort: »Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser. Daher der Name Wasserverdrängung.« Jawohl, dort plätscherte sie nun: seine Vergangenheit, Gegenwart und, na, in Gottes Namen, auch Zukunft! Warum schließlich nicht! An sie war er einmal gewöhnt. Und Weiber sind Weiber. Man muß sie bloß nicht für das Wichtigste nehmen im Leben.   Während so der starke Mann vergnügt dahinlebte, geschah das Unerwartete, daß mit der Zeit Philipp in der Zauberinsel ein Haar fand, und zwar eigentlich, weil sich eine Befürchtung nicht erfüllte, die er gehegt hatte: daß nämlich die beiden Maler und ihre Damen schlecht miteinander harmonieren würden und er, als der Vermittler der Bekanntschaft, dieserhalb von links und rechts Nackenschläge bekommen könnte. Und nun harmonierten diese Leute sofort in einer Weise, daß man es wirklich nicht gut anders als übertrieben nennen konnte. Pelle Danielsson war so recht ein Mensch nach dem Herzen Tonis, groß, breit, ruhig, sogar schon ein wenig zu Korpulenz und Phlegma neigend, dabei ein Philosoph, der aber diese Gabe nicht etwa zum Philosophieren mißbrauchte, sondern sie in der fröhlich klingenden kleinen Münze eines gewissen untergründig ironischen Humors ausgab, kein Sprüchmacher Gott sei Dank, aber ein Mann für unterhaltsame Gespräche. Das eben schätzte jeder von den zwei Malern an dem anderen, daß ihm hier einer gegenübersaß, der nicht in einem fort die geheimsten Tiefen seines Innern hervorstülpte oder gar eine Weltanschauung auf dem Wirtshaustisch plattwalzte. Zwischen Trautchen und dem rothaarigen Fröken Kajsa Sundström hinwiederum konnte zwangloses Geplauder nicht gut die Brücke schlagen. Verfügte doch keine von ihnen über einen nennenswerten Wortschatz in der Muttersprache der andern. Und außerdem schwieg sich Fräulein Kajsa auf schwedisch fast ebenso hartnäckig aus wie auf deutsch. Aber ihr Schweigen hatte nichts Gewaltsames, Peinliches; es gehörte einfach zu ihr und bald, als Stoff für allerhand gutmütige Scherze, ebenso zum Behagen des kleinen Kreises. Blieb ihr Mund auch meistens stumm, um so beredter waren die Neigung ihres Kopfes, die Haltung ihrer Schultern, die Art, wie sie die großen, weißen, ein wenig sommersprossigen Hände ineinander legte, die gescheite Aufmerksamkeit in ihren blauen Augen, die außerdem die Gabe hatten, plötzlich so strahlend sonnig und aus dem Herzen heraus lächeln zu können, wie man sonst nur die unschuldigen Spitzbubengesichter gesunder Kinder lächeln steht. Trautchen mußte dabei unwillkürlich an das Michele denken. Ja, dieses Mädchen gefiel ihr. Und geradezu wohltuend war es, wie kräftig man den Einklang zwischen ihr und Danielsson empfand, trotzdem die zwei kaum je miteinander sprachen und nie einen verliebten Blick wechselten. Das hatten sie eben gar nicht nötig. Solch eine schlechtweg glückliche Ehe, und mag sie tausendmal zu der Klasse der sogenannten wilden Ehen gehören, hat für eine Frau, die selber Ziel und Sinn des Lebens im Kreise der Familie findet, etwas Gottgewolltes, zur Andacht Stimmendes, Herzerwärmendes. Daher kam es, daß schon am zweiten Abend die Frau Professor aus Pasing ihre vorsichtige Reserviertheit fahren ließ und diesem, streng genommen, doch gar nicht gesellschaftsfähigen kleinen Mädel so recht zärtlich billigend zunickte. Und Kajsa verstand gleich, was ihr da gesagt wurde. Sie reckte mit der impulsiven Geradheit des Naturkindes ihre Hand über den Tisch und streichelte sanft und liebevoll die kleine, rundliche Faust ihrer neuen Freundin. Denn Freundinnen waren und blieben sie von Stund' an, vielleicht auch darum, weil sie nicht viel miteinander reden konnten. Der Austausch von Meinungen soll ja, zumal beim weiblichen Geschlecht, nicht gerade immer ein Mittel der Annäherung sein. Kurz, aus dem allen entwickelte es sich von selbst zur Regel, daß zum Beispiel auf Spaziergängen Toni und Danielsson, immer in eifrigem Gespräch, die Spitze nahmen und als zweites Paar Trautchen und Fröken Kajsa folgten, diese schweigsam, doch die Arme vertraulich ineinandergehenkelt. Philipp hatte das Nachsehen und durfte mit seiner getreuen Brita hinterdreinhatschen. Nun mag einer über alle Begriffe glücklich verheiratet sein; wenn man ihn in einem größeren Kreise vorwiegend der Gesellschaft seiner Frau überläßt, empfindet er das trotzdem leicht als etwas demütigend. Ja, das mußte unser Dichter schon sagen, zumal auch bei den Mahlzeiten im Hotel wirklich wenig Rücksicht auf ihn genommen wurde: nicht nur, daß man meist von Dingen sprach, die ihn langweilten, man redete ganz naiv über ihn hinweg, wie wenn da ein x-beliebiger Mensch säße. »Es ist ja beinah, als ob man gar nichts mehr wäre!« äußerte Philipp mehr als einmal in grollendem Staunen zu seiner Frau. Wohl wußte er, wer er war, und konnte deshalb nur Mitleid empfinden mit dem anmaßenden Größenwahn dieser Maler. Mein Gott, wo deren Bilder wohl wären, dereinst in den fernen Zeiten, da seine Lieder immer noch klingen würden! Aber so ganz tröstete ihn der sichere Nachruhm doch nicht über die verständnislose Nichtachtung hinweg, die ihm aus der Ungezwungenheit der anderen zu sprechen schien. Oh, er hatte sich in der Hand, er hielt viel aus; und wenn er nicht wollte, merkte ihm keiner seine Leiden an. Nur Brita schenkte er das Vertrauen, sie zur Zeugin seines aufgewühlten Innenlebens zu machen, wenn sie, so recht schön ungestört, in den vier Wänden ihres Fischerhäuschens weilten. Dann litt Philipp in der Erinnerung bis zum Erbrechen unter dem ewigen banalen und klobigen Geschwätz dieser Leute, das ihm das Hirn gänzlich aushöhlte. Damit fing es an. Bald aber gab es hier überhaupt nichts mehr, worunter er nicht gelitten hätte. Das eintönige Essen, und dazu die rücksichtslose Art der anderen, gerade von dem am meisten zu nehmen, was ihm noch so halbwegs schmeckte, die harten Betten, die ihm blaue Flecken in die Haut drückten, die stimmungmordend häßlichen Tapeten in den fliegendurchsummten Stuben, der an den Nerven zerrende ruhelose Wind, der unentrinnbare Salz- und Tanggeruch, die schauerlichen grauen Steine, die längst nicht mehr wie bunte Blumensträuße vor der unendlichen Bläue standen, das alles peinigte ihn entsetzlich. Ach, und die Abenteuer, die ihm in dieser starren, ungütigen Heidenwelt nun immer häufiger begegneten! Ein »tollwütiger« Stier fuhr empor bei seinem Anblick, brüllte, wie Philipp nachher höchst plastisch erzählte, gleich einem losgelassenen Höllenhund, rammte seine Hörner in den Boden und schleuderte Erdschollen und Felsblöcke hoch in die Luft. Nur durch blitzschnelles Erklimmen einer senkrechten Granitwand vermochte sich der geistesgegenwärtige und akrobatisch veranlagte Dichter eben noch zu retten. Dann ließ sich eines schönen Tages dieser Idiot von Hotelwirt zu einem fürchterlichen Attentat auf die Phantasie des Poeten verleiten: er erzählte ihm leichtfertigerweise, daß es hier einen verrückten Fischer gebe. In die Kreisirrenanstalt könne er erst aufgenommen werden, wenn dort wieder ein Platz frei würde, die Unterbringung in einer Privatklinik hinwiederum erschiene der Gemeinde zu kostspielig. So hause der Kranke nach wie vor in seiner Hütte, und die übrigen Männer von Koster hielten umschichtig die Wache bei ihm, zu zweit bei Tage, selbviert bei Nacht. Jawohl ja, das klang gewiß recht schön! Aber wenn diese Wächter nun einmal unversehens einschliefen, oder nicht richtig aufpaßten, oder sich gegen die übermenschliche Kraft nicht mehr zu wehren vermöchten, die die Tobsucht verleiht, was dann? Seit diesem Tag konnte dem unglücklichen Philipp kein Fischer mehr entgegenkommen, ohne daß er ihm schon auf hundert Schritt am Blick angesehen hätte, daß es der Irre sei. Sollen solche Aufregungen vielleicht dazu beitragen, einer feinfühligen Natur die Erholung zu schenken, die sie einmal im Jahr, im Sommer, doch so bitter notwendig braucht? Dazu kam als das Verstimmendste, daß außer Brita kein Mensch die Todesgefahren wirklich ernst nahm, denen der große Ladurner immer nur mit Not und Mühe entrann. Toni drohte sogar, aus dem Abenteuer mit dem erbosten Rindvieh ein Gemälde zu machen. Dieses Werk beschrieb er höchst spaßhaft und sprach dabei die Hoffnung aus, Philipp würde doch sicher so freundlich sein, ihm dafür im Interesse der Kunst ein wenig Modell zu klettern. Überhaupt ließ der starke Mann seiner derben und gefühllosen Lust daran, billige Witze auf Kosten von Leuten zu reißen, die er nicht verstand, auf das taktloseste die Zügel schießen. Was aber tat Danielsson, dieser Schwede, der doch froh sein durfte, wenn sich der erste unter den lebenden deutschen Lyrikern überhaupt mit ihm abgab? Er entblödete sich nicht, ganz unverhüllt zu lachen, so grob und unästhetisch zu lachen, daß ihm der blonde Vollbart wackelte. Diese zahllosen Widrigkeiten ließen in Philipp allmählich die Sehnsucht nach einem milderen Klima entbrennen. Wenn er die länger, als es sonst seine Art war, im Busen verschloß, so lag das daran, daß er noch auf der Suche nach einem zwingenden, durchaus einleuchtenden Grund für seine Abreise war. Freilich: Brita gegenüber mochte der Hinweis auf die Unmöglichkeit genügen, hier etwas zu schreiben, während ihn doch ein so stürmischer Arbeitsdrang fiebern machte. Trautchen aber und Toni – oh, er kannte diese Leute, er hörte schon ihre hämischen Glossen. Denn übelnehmen würden sie ihm sein Fortgehen natürlich schwer. Aber Gott verläßt keinen Dichter. Als Philipp eines schönen Samstagmorgens erwachte – überraschenderweise ganz richtig erwachte, trotzdem er hier schon seit Wochen kein Auge mehr zutat –, da stand auf einmal, gegen jede Gewohnheit und Sitte, der Himmel nicht mehr als hohe, reinblaue Kuppel über der Schärenwelt, sondern hatte sich tief und grau mit Wolken verhängt; und aus denen plätscherte ein Regen herunter, der solid und wie für die Ewigkeit gemacht aussah. Nun war es entschieden: Das Schicksal selbst hatte gesprochen! Daß sich ein Dichter von seinem Rang hier ihnen zuliebe den Tod hole, das konnten Gwinners unmöglich verlangen. Richtig: schon kündigte sich prompt ein schwerer Gelenkrheumatismus an. Vor schauderhaften Schmerzen in der linken Schulter hinkte Philipp mit dem rechten Fuße – so sensitiv war er –, als er sich nun schleunigst in Schlafrock und Pantoffeln zu Brita hinüberbegab, um sie in kurzen und starken Worten von der mörderlichen Wetterkatastrophe und den Folgerungen zu unterrichten, die er am Montag früh, denn sonntags sei hier das Essen ja besser, daraus zu ziehen gedenke. Und sie – sie fand es fast rührend bescheiden, daß er bloß an den Lago maggiore und nicht vielleicht nach Valparaiso oder Yokohama mußte, um dort seinen Skagerrakroman zu schreiben. Ihre Trauer über seine mit brechendem Herzen getroffene Anordnung, sie selbst solle aus Gründen vernünftiger Sparsamkeit nicht mit ihm gehen, sondern auf Koster bleiben, schluckte sie tapfer herunter. Sie war es ja schließlich gewohnt, einen Herrn über sich zu wissen, der keinen Widerspruch litt. Für einen Pantoffelhelden von Tonis Schlage hätte sie sich auch schönstens bedankt! Jawohl, das hätte sie!   Es war ein Staunen, nicht ganz frei von Unwillen, mit dem Philipp feststellen mußte, wie wenig Sensation im Grunde seine Reisepläne hervorriefen, oder, richtiger gesagt, wie gut die andern, ihm so recht zum Tort, ihren Ärger und ihre Enttäuschung zu verstecken wußten. Nun ja, vielleicht war es um des lieben Friedens willen so besser. Was Trautchens gesunder Menschenverstand und Tonis Spottlust ohnehin noch zu der Sache zu bemerken hatten, verstimmte und langweilte ihn gerade ausreichend. Gott sei Dank genügte es, sie mit dem schlichten Hinweis zu entwaffnen, daß er ja nicht aus Laune oder zu seinem Vergnügen fortginge, sondern weil seine Gesundheit es nun einmal gebieterisch verlange. Dies öfters hervorzuheben, war schon deshalb nicht ganz überflüssig, weil dieser Grund zur Flucht inzwischen durch die Umstände leider fadenscheinig geworden war. Das aller vernünftigen Vorausberechnung nach so dauerhafte Unwetter vom Samstagmorgen hatte sich als flüchtige Regenbö entpuppt; schon nach ein paar Stunden war wieder die Sonne durchgebrochen, und seitdem strahlte die gewohnte Hitze vom wolkenlosen Firmament, als ob es überhaupt nie geregnet hätte. Ein schwächerer Geist wäre dadurch vielleicht beirrt worden, Philipp nicht. Was bewies ihm die Temperatur! Er führte den Gegenbeweis und erschien auch heute am Sonntag nicht nur in einem Winteranzug aus stockigem, dickem Wollstoff, sondern zog im Freien noch einen warmen Herbstmantel darüber. Und trotzdem überlief ihn in angemessenen Zwischenräumen ein plötzlicher Frostschauer. Seine Natur reagierte eben auf Feuchtigkeit in der Luft schärfer als der feinste Hygrometer. In solcher Verpackung saß unser Poet denn auch nach dem Mittagessen inmitten der sommerlich hell gewandeten Tischgesellschaft auf dem sogenannten Siestaplatz. Es war dies eine flache, halb durch ein elastisches Graspolster ausgefüllte Mulde im Felsgrund vor der Front des Hotels. Hier lagerte man sich täglich zu dieser Stunde, schlürfte den guten schwedischen Kaffee, führte ein gemächlich dahintröpfelndes Gespräch und ließ geruhsam die Augen schweifen: den steilen Steinpfad hinunter zur Landungsbrücke, über das blaue Wasser mit den hundert, so in dem grellen Licht wirklich bunten Inseln, deren Farben alle Möglichkeiten zwischen dem sattesten Schwarzblau und dem hellsten Honiggelb durchliefen, bis an den vom Sonnendunst violetten, gen Norden wie gen Süden im Unendlichen verschwimmenden Streifen der Festlandküste. Als man sich heute hier niedergelassen hatte, reckte sich Toni, stieß eine Art von wohligem Grunzen hervor und sagte: »Alles, was recht is! So ein Essen, wie das, jeden Tag, das ließ' sich meinem Vater sein einziger Sohn eingehn.« »Ach!« machte Philipp verächtlich abwehrend; und dann auf einmal blitzten seine hübschen Zähne in einem schwärmerischen Lächeln, und er sprach aufgeräumt: »Wie eine Erlösung wird es mir sein: in Italien die Küche! Alles in Öl gebraten, so gütig!« Der Dichter verwendete neuerdings das Wort gütig oft und meist in den überraschendsten Zusammenhängen, um Toni auf seine Weise zu Gemüte zu führen, was er an ihm so schmerzlich vermißte. »In Öl? Pfui Teifel!« rief der starke Mann. Der Dichter verschmähte es, sich mit ihm über die italienische Kost zu streiten. Klagenden Tones fuhr er fort: »Hier ewig die elenden Fische! Fisch und Fisch und Fisch!« »No?« sagte Toni, der nun einmal keine Ruh' geben wollte. »Davon warst doch gerade du so verzuckert, weil Fisch die Denkkraft steigern soll: Phosphor ins Hirn?« »Das ist's ja!« erklärte Philipp. »Die Überladung mit Phosphor! Es kann doch für einen Dichter nichts Schlimmeres geben, als wenn bei ihm der Verstand auf Kosten von allem andern zum Hypertrophieren gebracht wird!« »Ah?!« staunte der Oberammergauer. »Und das is dir hier passiert?!« Trautchens Hand deutete ablenkend auf ein weißes Segel, das, nur zur oberen Hälfte sichtbar, hinter dem steinernen Wall einer Nachbarinsel still und langsam dahinglitt. »Kuckt mal: das Boot!« rief sie. »Ob das wohl zu uns kommt?« Dies war denn nun eine Frage, die bei dem eintönigen Leben auf Koster des Interesses nicht entbehrte. Ein neuer Gast bildete stets ein Ereignis; allerdings meist nur, bis man ihn in Person erblickt hatte. Nachher konnte man sich für gewöhnlich enttäuscht beruhigen. Aber trotz dieser Erfahrung veranlaßte Trautchens Wort auch heute eine lebhafte Debatte. Toni behauptete, das Boot dächte gar nicht daran, Kurs hierher zu haben, was für Philipp natürlich ein Grund war, mit Leidenschaft die entgegengesetzte Meinung zu verfechten. »Also, wenn es nicht herkommt!« verschwor er sich. »Ich weiß nicht, das fühlt man doch, wie es da so sonderbar bestimmt seine Bahn zieht: wie das Schicksal.« »Und weiter nix!« brummte der starke Mann belustigt. Inzwischen hatte Danielsson mit der Kellnerin, die eben den Kaffee brachte, ein paar Sätze auf schwedisch gewechselt und wendete sich nun zu den andern: »Ja, Esther sagt, es soll heute noch ein neuer Gast eintreffen, eine Dame.« »Was denn auch sonst?« spöttelte Toni. »Na, und wieviel Kinder?« »Ich beklage, aber das wurde mich nicht vorraten. In das Schuhmacherhaus hat sie gemietet. Wirklich, das wird sie sein«, sagte der Schwede und zeigte aufs Meer. Das Boot hatte gekreuzt und schoß nun, auf einmal in ganzer Gestalt, aus dem schmalen Wasserarm zwischen den beiden nächstgelegenen Schären hervor. »Na, Toni, wer hat nun recht?« triumphierte der Dichter. »Du«, war die gleichmütige Antwort. »Aber, du hörst ja: kein Schicksal, bloß eine Schicksel!« »O der Kalauer, Vati!« seufzte Trautchen humorvoll. »Das habe ich nicht ganz vorstanden«, erklärte Danielsson neugierig. »Sein S' froh!« lachte Toni. »Es war net so geistreich.« Drunten legte das Boot an. Der wohlbeleibte Hotelwirt, Herr Olsson, der nebst seinem Hausknecht plötzlich auf der Landungsbrücke aufgetaucht war, dienerte lebhaft und half einer schlanken, hochgewachsenen, in Weiß gekleideten Dame an Land. Trotzdem man die von hier oben aus nur als winziges Figürchen sah, reckten die Männer die Hälse; aus ihren Augen war jede Siestaschläfrigkeit weggewischt. Und dies gab den Frauen Anlaß, nun auch ihrerseits dem neuen Gast mit ebenso großem, nur vielleicht nicht ganz so wohlwollendem Interesse entgegenzublicken. »Donnerwetter!« sagte Toni feinschmeckerisch. »So von weitem, alle Achtung! Und, das is ja ganz was Neues: kein einziges Kind!« »Das ist doch ein junges Mädchen, in jeder Bewegung!« entgegnete Philipp. »Wär' ja auch weiter kein Fehler.« Der starke Mann lächelte verwegen. »Nein, kuckt doch: die Koffer von der Person!« bemerkte Trautchen mißbilligend. »Drei Stück, und jeder so groß wie ein Haus«, stimmte Brita ein. »Die verwechselt Koster wohl mit Ostende.« »Nun ja, laß sie doch! Stört es dich vielleicht?« so wies ihr Gemahl sie zurecht. Es war sonderbar, was für eine gereizte Stimmung plötzlich in der Luft lag. Mittlerweile näherte sich die Dame langsam. Besonders die Maler wendeten keinen Blick von ihr. Sie schritt aber auch mit einer leichten Grazie bergan, die vollendet schien, höchstens um eine Kleinigkeit zu vollendet. Auch ihre Kleidung war wohl von duftigerer Eleganz, als es bei einer Segelfahrt übers Meer sachgemäß ist; und das hochhackige weiße Schuhwerk nahm sich etwas sonderbar aus auf dem steinigen Pfade. Jedoch sprang dieses vorwiegend dem weiblichen Teil der Gesellschaft in die Augen, die Männer fanden ihre Füße entzückend und nahmen es nicht übel, daß sie auch die zierlichen Fesseln in den flordünnen Seidenstrümpfen bewundern durften; denn die Fremde hatte das Spitzengeriesel ihres Rockes gerafft, in direkt unpassender Weise, mußte Trautchen bei sich bemerken. Als die Höhe erreicht war, hob die schlanke Frau in Weiß den Kopf und schaute sich nach dem langsameren Herrn Olsson um. Ein leiser, gleich im Entstehen unterdrückter Laut der Überraschung trat auf Danielssons Lippen; nach einem unmerklichen Zaudern zog er mit gemessener Höflichkeit den Hut. Auch Toni und Philipp taten das gleiche; und ihnen zerrte ein verbindliches Lächeln die Münder in die Breite. Wie eine Herzogin, so knapp grüßte die Dame wieder. Und schon war sie neben dem dicken Wirt um die Hausecke verschwunden, nachdem sie die drei Paare noch einmal mit einem ungeniert abschätzenden Blick gemustert hätte. »Sakra, Sakra!«: Toni schnalzte beifällig mit der Zunge. »Damisch nobel is die in der Farb'! Die roten Haar'! Und in dem hellen G'sichtel die schwarzen Augen! Und kennt sich aus, was sie kleidet! Das Weiß und dazu der scharfgrüne Schleier und der Gürtel!« »So was Hergerichtetes! Und wirklich eine sonderbare Manier, einen anzukucken!« wendete Trautchen ein. Aber bevor sie fortfuhr, erkundigte sie sich weislich: »Doch keine Verwandte von Ihnen, Herr Danielsson?« Es wurde ihr fürs erste keine Antwort. Fräulein Kajsa war nämlich dabei, im Flüsterton gleich ein paar hastige Fragen hintereinander an ihren Liebsten zu richten; und er entgegnete darauf, ebenfalls leise und auf schwedisch, ein wenig verdrossen, so schien es. Der starke Mann mußte lachen. »Ja, Fröken!« staunte er. »Was ist denn mit Ihnen! Sie reden ihn ja heut förmlich tot, Ihren Pelle!« Kajsa hatte den Sinn der Neckerei erfaßt. Lächelnd nickte sie Toni zu, als wollte sie sagen: Ich hör' ja schon auf! Und damit sank sie in ihre gewohnte Haltung zurück, ließ ihren Rücken rund werden und legte die Hände ineinander; ihre Augen schauten wie immer, klug und so ruhig, als sähen sie weit in der Ferne ein sicheres Ziel. »Wer ist die Dame?« wollte Philipp wissen. »Sie kennen Sie, Herr Danielsson?« »Ja, flüktig«, war die Antwort. »Ja; das will sagen: es sind schon viele Jahre. Näher, nein, näher nicht.« »Aber doch keine Schwedin?« fragte Toni und schnupperte in der Luft. »Der Schwanz von Wohlgeruch, den sie hinter sich herzieht! Berlin WW , taxier' ich.« »Die typische Skandinavin!« widersprach Philipp. Danielsson lächelte. »Auf gewisse Weise haben Sie recht und Sie recht. Ja, Berlin; zumindestens hat sie da lange ihr Leben geführt, wenn sie auch aus Schweden herstammt. Es ist die Frau Erik Baginsky.« »Von dem großen Kunsthändler?« rief der Dichter. »Hat uns schon viel abgekauft«, warf Trautchen ein und fand die Fremde plötzlich weniger unsympathisch. »Ja aber, wart mal ...«, begann Toni und runzelte nachdenklich die Stirn. »Oder«, so verbesserte sich Danielsson, »jetzt riktiger wieder Frau Annastina Nordlind. Sie hat sich separeert.« »Das ist die kleine Annastina?« rief Brita. »Nordlind?« rief zu gleicher Zeit der starke Mann lebhaft. »Und der blöde Vornamen, natürlich! Weißt noch, Schnucksi, das war die Schwester, von der der Calle so Wunderdinge verzählt hat.« »Sie kennen ihm, Calle Nordlind?« fragte Danielsson erstaunt. »Wir auch, wir auch!« betonte Philipp. »Freilich, Schnucksi!« fuhr Toni fort. »Das is die Bewußte, die Schwester; und zu der ihrer Hochzeit, es war gar net so lang' nach der unsern, is der Calle doch dazumal fort von München und nach Berlin. Weißt nimmer: den letzten Abend in der Bar, wo er so voll war von Sekt? Tjaja, der Calle! Sagen S' mir, Danielsson, was treibt er denn jetzt, der alte Idiot?« »Sie kennen ihm wirklich, das sehe ich jetzt«, erwiderte der Schwede. »Nun, er tut, was er wahrscheinlich auch dann tat: nichts und als Abwechsling: reisen. Er ist selten in Schweden und imponeert lieber die ganze Welt mit seines Vaters Namen und seiner Frau Geldern.« »Also doch ne reiche Partie!« schmunzelte Toni. »No, ich sag's ja: wer immer strebend sich bemüht ... Übrigens, was ich fragen wollt': der alte Nordlind, der Mann mit dem Weltfrieden in Essig und Öl, der is aber tot?« »O ja, vor fünf oder sechs Jahre«, gab Danielsson etwas verwundert und leicht belustigt zur Antwort. »Und das konnten Sie, dachte ich, wissen. Denn seine Frau und seine Kindern – sie machten doch von diesem Tod das größeste europäiske Evenement es überhaupt noch gegeben hat. In alle illustrierte Zeitungen haben Photographier von der berühmten Familie Trauer an seine Bahre gestanden.« »Du, Brita!« warf Philipp dazwischen. »Du hast doch intim im Hause Nordlind verkehrt. Da mußt du sie aber doch kennen?« »Ja, das heißt, eigentlich: befreundet war ich mit der Schwester. Sie war damals wohl nicht mehr als ein Backfisch. Ja, ich sehe sie noch: intelligent und schon sehr kokett, lang, mager und eher häßlich.« »No, dafür hat sie sich aber gut ausgewachsen«, fand der starke Mann. Und unvermittelt fuhr er fort: »Nein, das kann die ja gar net sein, zu der ihrer Hochzeit damals ... Vor vierzehn Jahren! Die is doch heut keine fünfundzwanzig.« »Präzis: dreiunddreißig Jahre und fünf Monate«, entgegnete der Schwede. »Schau, schau, der Danielsson!« rief der starke Mann pfiffig. »Gar so oberflächlich, wie er vorspiegeln möcht', ist, scheint's, die Bekanntschaft aber net. Fröken, Fröken, tun S' ihn nur recht festhalten am Bandl! Sonst spielt eine gewisse Jemandin am End' gar noch ein bisserl Schicksal für einen gewissen Jemand.« Kajsa verstand seine Worte nicht, aber sie fühlte genau, worum sie sich drehten. » Nej, Nej « erwiderte sie in ihrer gelassenen Art; und plötzlich deckte sie für einen flüchtigen Augenblick, scheu gleichsam, die eine Hand sanft über die ihres Pelle. Es war das erstemal, daß man zwischen den beiden so etwas wie Zärtlichkeit sah. »Da kommt Carlsson mit unserm Boot!« sagte Trautchen. Sie blies, wie erlöst, die Luft von sich und erhob sich. »Ihr segelt heute wohl nicht mit?« fragte sie Ladurners. »Nein, ich ... Und Brita muß packen«, erklärte Philipp »Also denn: auf heut abend!« »Vergeßt auch die Wärmflasche nicht!« schrie Toni hinter den Abziehenden her und wendete sich dann wieder an seinen Kollegen: »Tja, um nun auf die wohlriechende Huldin zurückzukommen ...« »Hör doch schon auf damit, Vati!« murrte Trautchen verweisend. »Bald seit einer Stunde reden wir jetzt von nichts anderm! Und, ich weiß nicht: so was Merkwürdiges ... Finden Sie sie eigentlich hübsch, Danielsson?« »Tja?« Der Gefragte flüchtete sich hinter eine zweifelnde Handbewegung. »Also«, fuhr sie mit naivem Eifer fort, »ich kann sie nicht hübsch finden, Mein Mann findet sie scheinbar hübsch.«   Als die drei Paare sich zur Stunde des Sonnenuntergangs wieder vor dem Hotel trafen, durfte man schwerlich behaupten, daß das Thermometer seit dem Nachmittag gestiegen wäre; ungeachtet dessen hatte sich Philipp aus allen den Häuten seiner wollnen Verpuppung geschält und trat nun in einem weißen Pikeeanzug und weißen Halbschuhen auf, wozu er eine scharf grüne Krawatte und grüne Strümpfe angelegt hatte. In Erwartung der Wirkung, die sein wirklich glorreiches Aussehen hervorbringen mußte, lächelte er den andern entgegen, sieghaft und doch vielleicht ein klein wenig unsicher, weil Toni dabei war, den er schon oft bei sich einen Mörder seiner Naivität genannt hatte. Und richtig mußte dieser der erste sein, der seiner Bewunderung Ausdruck verlieh. »Da legst di nieder!« rief er. »In was für nem Verzug kommst denn du auf einmal daher? Und wo hab' ich denn diese Farbenzusammenstellung schon früher gesehn?« »Ich weiß nicht, was du meinst«, entgegnete Philipp und sah verwundert an sich herunter. »Richtig ja: in der sächsischen Flagge«, erklärte der starke Mann infam harmlos. »Also Trautchen zu Ehren!« Plötzlich aber markierte er einen heftigen Frostschauer. »Brrr, und es friert ei'm, wenn man dich bloß anschaut!« »Ach, findest du?« staunte der Dichter lebhaft. »Ich meine: jetzt, wo es endlich geregnet hat, ... Die Feuchtigkeit gibt der Luft etwas ... Es macht sie so ganz anders, so ... so ...« »So gütig«, schlug Toni merkwürdig boshaft vor, »Feuchtigkeit – das Beste für Gelenkrheumatismus!« »Denkt, nun muß er gar nicht reisen«, sagte Brita zufrieden. »Ähemm!« so räusperte sich der starke Mann anzüglich und schoß einen sehr sprechenden Seitenblick auf Philipp ab. Der Gute spürte gar nicht, daß gleichzeitig er selber mit einem mindestens ebenso sprechenden Blick gemessen wurde, von Trautchen. Die verstand es vollkommen, daß es ihm nicht schwer fiel, seinem Dichterfreund in der Seele zu lesen. War er, der Professor Gwinner aus Pasing, nicht heute, ganz gegen seinen sonstigen Brauch, nach der Segelfahrt heimgegangen, um fürs Abendessen ein bissel Toilette zu machen, einen frischen Kragen umzuknöpfen, sich die Künstlerlocke genau und schwungvoll in die Stirn zu kampeln und unter Anwendung der Wurzelbürste seine Hände zu waschen? Mehr noch: er hatte zum Schluß widerrechtlicherweise, und unbeobachtet wie er glaubte, den Nagelpolierer seiner Gemahlin zu leihen genommen und sich damit buchstäblich manikürt! Ei, ei, verwechselten hier nun schon mehr Leute Koster mit Ostende? Fünfzehntes Kapitel. Haß auf den ersten Blick Am Morgen nach der Ankunft der wohlriechenden Huldin, wie die neue Dame auch weiter von Toni genannt wurde, zeigte dieser seiner Gattin den rechten seiner braunen Schnürstiefel, an dem die Hintere Naht aufgeplatzt war, und bekundete ihr leichthin und nebenhinaus seine Absicht, mit dem Patienten jetzt gleich auf dem Weg ins Hotel rasch einmal zum Schuster hinüberzuspringen. Trautchen fand diese Eile überflüssig, da er ja andere Schuhe genug besäße. Auch erregte es Argwohn in ihr, daß er sich auf einmal persönlich zu Gängen anbot, die er in der Regel sehr gern ihr überließ. Wäre sie nun noch davon unterrichtet gewesen, daß Toni diese Naht gestern abend selber planvoll, und sorgsam mit seinem Taschenmesser aufgetrennt hatte – na, aber dann! Immerhin war sie hellsichtig genug, ihn freundlich bis an das Schuhmacherhäuschen zu begleiten. Und dort erlebte er die weitere Enttäuschung, daß er auch nicht den kleinsten Seitenblick in die Gemächer der schönen Frau Nordlind abschweifen lassen konnte: die landesüblichen Rouleaux aus schwarzem Glanzkattun waren tief heruntergelassen. Offenbar zählte die Dame zu den Langschläfern. Von ihren Wirtsleuten hingegen ward einem, nachdem einige Schwierigkeiten der Verständigung überwunden waren, der Aufschluß, daß der Schuhmacher vor drei Jahren nach Amerika ausgewandert sei. Am Haus hafte wohl noch der alte Beiname, aber wegen Stiefelreparaturen könne man einem zur Zeit nichts andres raten, als nach Strömstad zu reisen, wo es sogar mehr als einen Schuster gebe. Als man dann ins Hotel kam, zeigte sich's, daß sogar die weltfremdesten Dichter, wo sich das lohnt, eine gewisse Schläue zu entwickeln vermögen. Ladurners und Danielssons saßen schon beim Kaffee, aber die Tischordnung hatte sich geändert. Die Sache war nämlich die, daß die beiden vorderen Speisezimmer von den schwedischen Strohwitwen nebst ihren Kindern bis auf den letzten Stuhl bevölkert worden. In dem kleineren dritten Raum hatten sich bisher die drei Künstlerfamilien eines ungestörten Alleinseins erfreuen dürfen. Gestern abend jedoch war hier noch für die fremde Dame gedeckt worden, am Nebentisch, den von den Männern nur Danielsson vor Augen hatte, während die beiden andern ihm den Rücken zeigten. Darum war Philipp heute sogar früher aufgestanden und hatte entdeckt, daß seine sämtlichen Leiden hier in Schweden auf den bejammernswerten Zustand seiner Augen zurückzuführen seien. Und der wundre ihn gar nicht, weil er ja bei allen Mahlzeiten durchs Fenster immer auf den einen blendend hellen Felsen starren müsse. Danielsson würde ihm einen Gefallen tun, wenn er den Platz mit ihm tauschte. Hierauf nun war der Schwede ohne das geringste Sträuben eingegangen. Eine schöne Aussicht sagte ihm offenbar weniger als andern Leuten. Was Wunder, daß der Dichter wie ein Sieger strahlte! Sein gestriger Vorschlag, die Fremde, die sich da einsam langweile, zur Übersiedlung an ihren Tisch einzuladen, war gescheitert, weil einmal die Damen es hier schon für sechs Personen recht eng fanden, und weil ferner Danielsson erklärte, er kenne Frau Nordlind nur flüchtig und wisse gar nicht, ob ihr solch ein Vorschlag genehm wäre. Philipp hatte diese Ausreden bei sich wenig menschenfreundlich und noch dazu ganz albern genannt. Aber da er eine gesegnet lebendige Phantasie besaß, verstand er es, sich auch aus einem unschmackhaften Kuchen süße Rosinen zu klauben. Und seit er sich gar den günstigen Platz erobert hatte, sah er die Entwicklung, welche die Sache so nehmen müßte, in dem reizvollsten romantischen Licht. Toni hingegen war verdrießlich. Er mißgönnte dem Freunde den strategischen Erfolg. Den einzigen Trost für ihn bildete es, daß Philipps heimtückischer Schachzug diesem zunächst nicht viel nützte. Frau Nordlind blieb unsichtbar; und auch die liebevolle Ausführlichkeit, mit der sich der Dichter schon in aller Herrgottsfrühe der gestern erst leidenschaftlich geschmähten Fischkost hingab, brachte die Schöne nicht herbei. Mit restlos gestilltem Hunger, aber ungestillter Sehnsucht mußte er sich wohl oder übel gleichfalls erheben, als der allgemeine Aufbruch jedes Paar den Weg nach seinem Badestrand einschlagen ließ. Trautchen begann, nachdem man sich von den andern getrennt hatte, lieblos Glossen über Philipp zu machen und stellte fest, daß solch ein albern verliebtes Getue einem älteren, glücklich verheirateten Mann unendlich lächerlich anstehe. Wenn sie aber geglaubt hatte, damit bei Toni auf den Busch klopfen zu können, so unterschätzte sie ihn sehr. Kaum in halben Worten und eher gelangweilt gab er zu, daß er ihr nicht unrecht geben könne, und glitt sofort mit geschmeidiger Eleganz über dies Thema weg und in ein andres hinein: er warf die Frage auf, ob es nicht gut und zweckmäßig wäre, wenn er endlich die Kiste mit dem Malgerät auspackte und hier ein wenig zu landschaften begänne, Naturstudien bloß, Material für künftige Bilder. Wurde Trautchen schon damit ein Wunsch erfüllt, den sie nicht ohne beunruhigte Sehnsucht im Busen gewälzt hatte, so durfte sie heute noch einen anderen Grund zu manchem heimlichen Seufzer beseitigt sehen, ihr auf Koster fraglos ein wenig verwilderter Gatte war plötzlich wie ausgetauscht. Er zeigte sich ihr den ganzen Vormittag in einer so vollendeten Nettigkeit, daß sie sich kaum aus ihren ersten Ehejahren auf etwas Ähnliches besann. Ihr wurde schwül vor dieser Fülle des Segens. In Tonis schmelzenden Manieren sah ihr Mißtrauen den Versuch, ihr Richterauge zu blenden, sich schon vor der Zeit gewissermaßen ein Alibi zu schaffen. Und hinter der plötzlich erwachten Arbeitslust witterte sie sogar finstere Pläne für Porträtsitzungen mit weiblichen Wesen, die angeblich ungeheuer nobel in der Farbe waren. Mit solchen Grübeleien trug sich Trautchen. Und Toni gab sich doch soviel Mühe! Wirklich: den Weibern soll's einer recht machen!   Als sich Gwinners an diesem Tage zum Mittagessen nach dem Hotel begaben, wollte es der Zufall, daß gerade Frau Nordlind den Seitenpfad vom Schuhmacherhaus heraufkam und dann in einem Abstand von etwa dreißig Schritten vor den beiden herwandelte. »Schau, schau: in Lila heut!« bemerkte Toni beiläufig. »Das dritte Kleid, das ich an ihr sehe! Und seit gestern ist sie da!« gab Trautchen naserümpfend zur Antwort. »Ja, mei! Wer's lang hat, läßt's lang hängen«, sagte er und fügte halb zerstreut hinzu: »Gute Figur übrigens ...« »So mager!« wendete sie mit einer Sicherheit ein, als könne ihr kein Mensch ausreden, daß ihre Formen reizvoller wären. Diese Meinung teilte er nicht, aber er enthielt sich klüglich jedes Widerspruchs; vielmehr stimmte er ihr halb und halb zu: »Tja, vielleicht ... Aber gehn tut sie schon verdammt schön.« »Schön gehen?!« fragte Trautchen so erstaunt, als hätte sie etwas Derartiges nie im Leben gehört. »Wieso: schön gehen?« »No ja«, erläuterte er, »wie sie halt die Haxen setzt, und wie das bis da oben mitschwingt: die ganze Linie über die Hüften zur Schulter und bis zum G'nack.« »Komisch!« Sie lächelte säuerlich. »Ist das nicht bei jedem Menschen so?« »Jawoll! Du wirst dich täuschen! Nein, nein, laß gut sein: die geht, und andere watscheln.« »Wer watschelt?« »Halt die Weiberleut'. Heißt das: die meisten«, verbesserte er sich eilig. »Geh du mal in so einem engen Rock!« sagte sie. Doch konnte sie ihm für den Augenblick nichts mehr davon eröffnen, was sie alles an Frau Nordlind auszusetzen wüßte; denn diese war stehengeblieben, hatte sich umgedreht und sah den Eheleuten mit dem ihr eignen ungenierten Blick entgegen, ganz so, als warte sie auf sie und wolle ihnen etwas mitteilen. Trautchen und Toni wurden dadurch innerlich ein wenig befangen: sie in einem Gefühl von Feindseligkeit, er in angenehm kitzelnder Spannung; beide aber mäßigten sie unwillkürlich ihren Schritt, als sie der Fremden nahe kamen, die ihnen da sehr bestimmt und gleichsam unverrückbar mitten im Weg stand. »Ach, möchten Sie, bitte, vorangehn!« bat die rothaarige Frau, durchaus verbindlich, aber fest wie eine Königin, die das Befehlen gewohnt ist. Dann wechselte ihr Ausdruck unvermittelt, etwas beinah Backfischhaftes kam in ihre Haltung, als sie mit einem großen, naiven Augenaufschlag gegen Toni hinzufügte: »Ich fürcht' mich vor dem Pferd.« So graziös leise dieser kindliche Ton angeschlagen wurde, Gwinners empfanden ihn beide mit voller Deutlichkeit. Trautchen nannte ihn bei sich gräulich affektiert und lächelte spöttisch. Auch Toni lächelte, er aber gewissermaßen gerührt über die süße Hilflosigkeit dieses zierlichen jungen Dinges. Sein innerer Mensch jedenfalls glaubte in diesem Augenblick nicht von fern an Frau Nordlinds wohlgezählte dreiunddreißig Jahre. »Das werden mir gleich haben!« sagte er, forsch auflachend, und schritt, ein Ritter ohne Furcht und Tadel, dem falben Gaul entgegen, der ein Stückchen weiter vorn quer über dem Weg stand und mit den geisterhaften Augen der Haustiere von Koster herglotzte. Eine gebieterisch scheuchende Handbewegung des starken Mannes, und schon setzte das furchterregende Tier seine grobknochigen Knickebeine mit den dicken Knien und den riesigen, haarumzotteten Hufen langsam in Marsch. »Die Bahn ist frei!« rief Toni den beiden Frauen entgegen, sieghaften Triumph, der seiner selbst spottete, im Blick. Trautchen glaubte eigentlich merkbar genug die Erwartung zu zeigen, daß sich die fremde Person nun wieder hübsch allein ihres Wegs trollen werde. Die aber schien das zu übersehen. Mit einer liebenswürdigen, doch gleichsam keinen Widerspruch duldenden Gebärde nötigte sie die andre zum Vortritt und schloß sich an. Als sie zu Toni gelangten, der ihnen wartend entgegensah, sagte Frau Nordlind: »Ich danke Ihnen sehr.« »Oh, wenn gnä' Frau mir nie schwierigere Aufträge zu geben haben ...«, wehrte er ab und schwang grüßend das Hütchen. »Ich erscheine Ihnen wohl ein bißchen komisch mit meiner Angst?« fragte sie und zeigte wieder jene entzückend kindliche Miene. »Sehr gefährlich ist das altersschwache Pferd ja vielleicht nicht«, stellte Trautchen mit Ruhe fest. »No?« meinte Toni. »Menschen wird der Gaul ja kaum schon g'fressen haben; aber, das is schon richtig, er hat was von einem Gespenst.« »Ja, nicht wahr?« rief Frau Nordlind, ordentlich dankbar. »Im Traum kann er einem vorkommen«, nickte er und fügte scherzhaft hinzu: »Ich selber hätt' am End' auch net so viel Schneid' gegen das Ungeheuer, wenn es net solch ein alter Bekannter wär'.« »Sie kommen öfter nach Koster?« erkundigte sie sich, ausfallend lebhaft, schien es. »Nein, nein, den Häuter kenn ich schon wo anders her. Sie übrigens auch, gnä' Frau.« Toni blinzelte sie schalkhaft an. »Wie? Ich versteh' nicht?« »No, schau'n S' doch 'nüber! Seh'n S' es denn net? Das is doch der mit Recht so beliebte Gaul, der zuerscht in dem Böcklin seinem ›Abenteuer‹ aufgetaucht is und dann nachher in der deutschen Kunst soviel Junge gekriegt hat. Jetzt kommt die Reih' also an mich, ihn zu verzapfen.« »Ach, so ein abgedroschenes Motiv!« wendete Trautchen ein. »Aber wieso?« widersprach er. »Ich mal' ihn doch als der erste nach der Natur.« »Sehr gut!« Frau Nordlind lachte kurz auf. »Du stürzt dich aber heute in Unkosten!« bemerkte Trautchen beißend. Dies überhörte Toni. »Übrigens«, sagte er unvermittelt und lüpfte den Hut gegen die rothaarige Schöne, »Gwinner is mein Name.« »Ich weiß, ja, gewiß. Ich bin Frau Nordlind, Bengt Nordlinds Tochter!« »Respekt!« Er verneigte sich. »Meine Frau«, so stellte er dann vor; und die beiden Damen senkten formell die Nasen. Ein kurzes, etwas peinliches Schweigen stand für einen Augenblick zwischen den dreien. Dann begann Frau Nordlind wieder: »Ja, ja, natürlich: Toni Gwinner. Ich kenne ihre Bilder.« Diese gewiß recht gut gemeinten Worte reizten Trautchen. Und wenn die da seine Bilder schon kannte! Arrogante Pute, die! »Ihr Herr Gemahl wird ja auch an manchem davon hübsch was verdient haben!« gab die mollige Professorin ungemütlich zurück und ließ zwei Augen voll betonter Harmlosigkeit irgendwohin in die Ferne schweifen. Die andere blickte sie mitleidig von ihrer Höhe an. »Baginsky?« warf sie kühl und gleichsam zerstreut hin »Ja, ich war mit ihm verheiratet. Aber seine Geschäfte haben mich nie interessiert.« Und ohne eine Pause dazwischen zu machen, fuhr sie, zu Toni gewendet, fort: »Welch ein eigentümlicher Vornamen, den Sie haben! Wissen Sie, daß ich Sie im Anfang für eine Dame hielt?« »Seine Bilder haben ja so etwas eminent Weibliches!« Trautchen fauchte ihr das beinah ins Gesicht. »Hoffentlich kann ich der gnä' Frau jetzt beweisen, daß ich ein Mann bin«, rumpelte es Toni heraus. Erst das heiter vorwurfsvolle Erschrecken, das in ihrem Gesicht aufblitzte, machte ihm die Ungeschicklichkeit seiner Ausdrucksweife klar. »Pardon, ich meinte ...«, so verbesserte er sich etwas verwirrt. Dabei fühlte er sich aber doch als ein ganz verfluchter Kerl. »Nun«, sagte sie leichthin, »Sie reden ja keck, für einen Deutschen!« Plötzlich jedoch wandelte sich ihr Ausdruck zu hochmütiger Strenge, und kühl verweisend fügte sie hinzu: »Ich hoffe aber nicht, Sie meinen ...« »Oh, Frau Nordlind«, so schnitt ihr Trautchen mit überlegner Ironie das Wort ab, »da dürfen Sie ganz beruhigt sein. Was mein Mann so dahersagt ... Sie suchen wirklich zu viel dahinter.« Dieses nun war für die andre ein Anlaß, sich wieder zurückzuverwandeln. Bloß neckisch vorwurfsvoll noch war ihr Ton, als sie, zum starken Mann gewendet, lächelnd weitersprach: »Und gleich im ersten Moment der Bekanntschaft!« »Ach, ich kenn' Sie ja schon so lang', gnä' Frau!« rief Toni wie erlöst, höchst befriedigt davon, daß ihm ein neues Thema einfiel. »Wie?« fragte sie verblüfft. »Jawohl. Par renommée , heißt das.« Ungeheuer schlau schielte er zu ihr hinüber. » Par reno ...? Aber ich versteh' nicht?« »Ja, gnä' Frau, es hat mir halt ein gewisser Jemand jo begeisterte Hymnen auf Sie vorgesungen ...« »Wie?! Was?! Danielsson?!« fragte Trautchen heuchlerisch erstaunt, mit jener instinktiv ahnungsvollen Bosheit, die dem weiblichen Geschlecht ja im Bedarfsfall zur Verfügung steht. »Aber ich weiß wirklich nicht ...« Eine schneidende Schärfe klang in Frau Nordlinds Stimme. »No ja«, erklärte Toni pfiffig, »ein gewisser Herr Carl Nordlind.« »Was? Calle?!« »Eben derselbe.« »Sie kennen meinen Bruder?« »O ja, sind recht gute Freunde gewesen. Is freilich schon eine Zeit her.« »Aber wo denn? Wie denn?« »Vor Jahren in München.« »O ja, o ja! Das war, als ich heiraten sollte.« »Ganz recht, gnä' Frau. Zu Ihrer Hochzeit is er plötzlich fort. Und nachher kein Wort mehr, net einmal eine Ansichtskarte.« »Oh, Calle!« sagte sie, als wundre sie das nicht im geringsten. »Er ist ja, ich weiß wirklich nicht, wie er zu uns kommt, der faulste, unzuverlässigste Mensch in der ganzen Welt.« Trautchen schmunzelte giftig in sich herein. Jawohl, da erkannte sie die ganze lächerliche Einbildung der Kinder dieses großen Vaters wieder. Wenn einem Nordlind keine positiven Eigenschaften nachzurühmen waren, so mußten zum mindesten seine negativen ins Gigantische gehen. Der Faulste in der ganzen Welt; weiter nichts! »Er soll jetzt ja verheiratet sein?« so spann Toni den Faden fort. »Ja. Mit der Frau verkehr' ich nicht. Sie ist unmöglich. Aber das reichste Mädchen von Schweden.« – Warum nicht auch von der ganzen Welt? fragte Trautchen höhnisch bei sich selber. Und durch ähnlich bösartige geheime Glossen tröstete sie sich auch des weiteren halbwegs über den Ärger hinweg, mit dem sie anhören mußte, wie lebhaft ihr Mann und diese Person sich Schwänke aus dem Leben Calles erzählten. Toni sprühte ordentlich von guten Bemerkungen und leicht gefundenen Witzen. Überraschend schnell nach seinem, unerträglich langsam nach Trautchens Gefühl, hatte man den Platz vor dem Hotel erreicht. Hier blieb Frau Nordlind stehen und streckte ihm die Hand hin: »Ja, also!« Obgleich er das sonst in Trautchens Beisein nicht in der Mode hatte, küßte er diese Hand, die ihm allerdings ziemlich suggestiv gegen die Lippen gehoben wurde, eine, wie er genießerisch feststellen konnte, auffallend schöne, gepflegte, sehr weiße Hand, deren adeligen Form nicht einmal die vielen funkelnden Ringe Abbruch taten. »Gnä' Frau!« sagte er etwas atemlos und dienerte höflich. »Hier müssen wir uns wohl trennen. Schade!« fügte sie schmeichelhaft hinzu und schenkte ihm einen ihrer vollen, schelmischen Kinderblicke. Das begeisterte ihn so, daß er kühn alle Vorsicht gegenüber der Gattin vergaß. »Aber warum, gnä' Frau? Kommen S' doch mit an unsern Tisch!« »Bei der Enge!« bemerkte Trautchen. »Ach nein, ich möchte lieber nicht«, erklärte die Schwedin. »Sie sitzen da gar so verlassen, gnä' Frau!« »Aber quäl doch Frau Nordlind nicht, Vati! Sie muß ja selber wissen!« mahnte Trautchen. Die Anrede Vati in diesem Augenblick wurmte den starken Mann schandbar und stachelte ihn erst richtig zum Trotz an. Dringlich fuhr er fort: »Und schau'n S', gnä' Frau, den Danielsson kennen S' doch auch schon!« »Ja, eben! Denn er hat da eine Person bei sich ...« »Die Fröken Kajsa? Aber die is sehr nett.« »Gefällt sie Ihnen? Ich kenne sie nicht, natürlich. Vielleicht, daß sie in München anders denken über solche Damen.« »Ach, in Berlin gibt es das gar nicht?« fragte Trautchen spitzig. »Berlin ist mir sehr wenig maßgebend«, erklärte die andre mit eisigem Hochmut. »Ich weiß nur, welchen Verkehr ich für mich passend finde.« »Bitte, bitte!« entgegnete Trautchen, maliziös begütigend. Toni machte ein leicht überraschtes Gesicht: »Sie sind aber streng, gnä' Frau!« »Es muß jeder danach gehen, was sein Gefühl für Sauberkeit ihm vorschreibt.« Sie zeigte ein Gesicht von so tugendstolzer Selbstsicherheit, daß Trautchen mit aller Gewalt an sich zu halten genötigt war. Hätte sie nur ein Wort durch ihre Zähne gelassen, so wäre sie dieser Dame sicherlich grob gekommen. Und die schien so etwas zu ahnen. Jedenfalls sagte sie Abschied nehmend: »Nun, einerlei! Ich will jetzt aber ...« Da jede der Frauen lauerte, ob die andre zuerst Anstalt machen würde, ihr die Hand zu reichen, kam es wieder nur zu einer auch diesmal recht steifen Verneigung. Toni hingegen erhielt noch einen netten und vertrauten Scheideblick, der ihn aufs neue in solch einen Taumel versetzte, da er der schönen Frau nachrief: »Aber wir ... Hoffentlich öfter das Vergnügen!« Und in einem verunglückten Versuch, spaßhaft zu sein, fügte er hinzu: »Denn wir, da können Sie ganz beruhigt sein, wir sind verheiratet.« Sie drehte sich in der Tür um, ein Lächeln kräuselte ihre Lippen. »Oh, das hab' ich nicht einen Moment bezweifelt«, sagte sie und maß Trautchen unter halb geschlossenen Lidern hervor mit einem Blick, den diese impertinent fand. Toni starrte auf die Tür, die hinter der Schwedin zugefallen war, und zog ein ehrlich dummes Gesicht. »Und du, und du!« So wurde er nun im Flüsterton angeherrscht. »Und das läßt du deiner Frau bieten, von so einer!« »Ja, aber Schnucksi!« stammelte er erschrocken. »Was hast denn? Und was hat sie denn schließlich gesagt? Daß sie dich eh für kein Matschackerl gehalten hat. Is das eine Beleidigung?« »Aha! Also du weißt genau!« Sie lachte bitter auf. »Und dazu hat man einen Mann!« »Schnucksi, was bist denn so aufgeregt?« bettelte er wie ein ertappter Schulbub und schob zaghaft seine Hand in ihren Arm. Mit einer energischen Wendung des Oberkörpers vereitelte sie diesen Versuch zu unzeitgemäßer Zärtlichkeit. »Ich bin nicht aufgeregt!« zischte sie wütend. Doch im gleichen Augenblick entspannten sich ihre Züge. Überraschend quick schaute sie um sich. Man hatte das vorderste Speisezimmer betreten und war somit im Kreuzfeuer der zwölf neugierigen Augen von sechs schwedischen Strohwitwen. Und die brauchten nichts zu merken. So glücklich wie diese semmelblonden Kühe war Trautchen noch lange!   Es wollte und wollte sich heute beim Essen nicht das lebhafte Geplauder von sonst anspinnen. Trautchens empörter Gram war es, der sich jedermann wie Meltau auf die Stimmung legte, den andern vielleicht unbewußt, sehr bewußt dem Sünder Toni. Das heißt: Sünder? Was hatte er denn verbrochen? Einer fremden Dame ein paar höfliche Redensarten gedrechselt; es war ja zu dumm! Aber was half es: sein getreues Weib brauchte nur eine gewisse verstockte Leidensmiene aufzusetzen, und schon fühlte sich sein kränkliches Gewissen schuldig, schon war die überlegene Wurstigkeit, in die er sich hier auf Koster süß hineingeträumt hatte, beim Teufel, niedergeglitten nach allen Regeln der Kunst. Stumm und ingrimmig futterte er in sich herein; nicht einmal Philipps regsames Liebäugeln zu der rothaarigen Schönen hinüber konnte dem starken Manne mehr als hier und da ein flüchtiges Lächeln der Ironie entlocken. Es war, mit einem Wort, fad, und alles fühlte sich erleichtert, als die Tafel aufgehoben wurde. Toni wollte gerade das Zimmer verlassen, da hielt ihn ein Zuruf von Frau Nordlind auf: »Ach Pardon, Gwinner, einen Moment!« Er flog nur so herum, und an seine Seite stellte sich Trautchen. Das interessierte sie doch. Übrigens fand sie, daß die Person, wenn sie was von ihrem Mann wollte, ruhig Herr Professor sagen dürfte. Ungerufen kehrte noch jemand um: Philipp, der jetzt den Vorsprung wettzumachen dachte, den Toni der persönlichen Bekanntschaft mit der Dame verdankte. Zögernden Schrittes pirschte er sich heran. »Sie haben so einen schönen Badestrand«, begann Frau Nordlind. Trautchen setzte sich sofort auf die Hinterbeine: »Ja, aber da sind wir doch schon seit Wochen!« »O bitte, gnädige Frau, mir liegt nichts ferner ... Ich meinte nur: da Sie am Morgen baden und ich den Nachmittag vorziehe ...« »Selbstverständlich steht Ihnen der Strand zur Verfügung«, erklärte Toni chevaleresk. »Oder«, so mischte sich auf einmal der Poet ein, »wenn Sie vielleicht an unsern Platz wollen? Er stößt gleich an den andern. Und er ist auch sehr schön.« Frau Nordlind musterte den fremden Herrn erstaunt. »Danke«, entgegnete sie kühl. »Toni, willst du mich nicht vorstellen?« mahnte Philipp. »Herr Ladurner«, murmelte Toni mit einer nachlässig präsentierenden Handbewegung. Sie nickte flüchtig, hatte also offenbar keine Ahnung, wen sie da kennenlernte. »Philipp Ladurner!« betonte darum der Dichter. »Ach so? Ja, Sie malen auch?« sagte sie. »Aber nein!« rief Philipp, fast entsetzt, mit einem Auflachen. »Er schreibt gewohnheitsmäßig Bücher«, erläuterte der starke Mann. »So? Ich dachte ...« sagte Frau Nordlind kurz und wendete sich dann, lebhafter, an Trautchen: »Ich darf also Ihren Strand benutzen?« »Bitte sehr!« erwiderte sie gleichgültig. »Wir haben ihn ja nicht gepachtet. Und nachmittags, wo wir nicht da sind ...« Philipp hatte inzwischen an seiner Enttäuschung und seinem Ärger über Toms Maler-Größenwahn gekaut. Da plötzlich brachte ihn etwas auf andre Gedanken: Brita erschien nämlich draußen in der Tür, um nachzusehen, wo er eigentlich bleibe. »Ach Brita, einen Augenblick!« Er winkte ihr; und während sie durch die zwei vorderen Zimmer heranschritt, sagte er eifrig: »Gnädige Frau, Sie und meine Frau – wissen Sie auch, daß Sie alte Bekannte sind?« »Ich?« fragte die Schwedin. »O nein, das muß ein Irrtum sein.« »Doch! Früher, in Falun. Meine Frau hat viel in Ihrem Elternhaus verkehrt. Sie war eine Schulfreundin Ihrer Schwester, Brita Palmquist.« »Ach so? Schulfreundinnen von Ellen? – Ja, da sind verschienene gekommen. Palmquist? Nein, ich weiß wirklich nicht.« Recht hochmütig brachte sie das hervor. Und sehr viel anders war auch der Ton nicht, den sie dann gegen Brita selbst anschlug. Philipp schien der Meinung zu sein, daß diese Steifheit sich bald heben würde, wenn man jetzt zusammen den Kaffee nähme. Aber seine Einladung dazu wurde von Frau Nordlind knapp abgelehnt, mit einem Gesicht, als müsse sie solch eine Zumutung recht merkwürdig finden. Und gleich darauf empfahl sie sich in nicht eben schmeichelhafter Eile; nur auf Toni ruhte ihr Blick etwas länger, und gegen ihn senkten sich ihre Lider flüchtig zu einem Gruß voll geheimen Einverständnisses. Wie sich da der starke Mann aber als Sieger fühlte! Bloß leid tun konnte er ihm, der Poesiedichter auf seinem Platz mit der schönen Aussicht. Philipp jedoch schien mit seinem Erfolg bescheidenerweise soweit ganz zufrieden zu sein. Wenigstens sagte er, als sie nun hinter ihren Gemahlinnen her gleichfalls ins Freie gingen, begeistert: »Mensch, ist die Frau schön!« »Aber ungebildet«, entgegnete Toni. »Net einmal deine Bücher gelesen!« »Ja.« Der Poet lachte auf. »Das war wirklich naiv. Mich für einen Maler zu halten! Du, Brita!« rief er. »Du mußt heute abend Frau Nordlind mein letztes Gedichtbuch bringen.« »Da wird sich Brita schönstens bedanken!« stieß Trautchen mit feindseligem Hohn hervor. »Wenn ich sie darum bitte?!« fragte Philipp befremdet. »Gewiß, natürlich, wie du willst! Und wenn du meinst ...«, so beeilte sich Brita ihn zu beruhigen. Inzwischen hatte man sich dem Siestaplatz genähert. »Nun? Sie sind schon bekannt geblieben mit Frau Nordlind?« rief Danielsson ihnen entgegen. »Eine angenehme Bekanntschaft!« sagte Trautchen schneidend und ließ sich neben Fräulein Kajsa nieder. Der Schwede lächelte. »So ist sie nicht in Ihrem Geschmack?« Sie gab ihm keine Antwort, sondern wendete sich an Brita. »Sag' mal: zu dir war sie doch auch so frech?« »Frech? Ach nein: frech? Aber ich finde: es kommt einem kein Gefühl von ihr entgegen.« »Soll sie dir vielleicht gleich um den Hals fallen?« fragte Philipp geärgert. »Als eine Wildfremde! Sie erinnert sich eben nicht mehr an dich; entschuldige schon!« Trautchen lachte mitleidig auf. »Und diesen Schwindel glaubst du?! No ja du findest sie ja sogar naiv, hast du vorhin behauptet!« »Naiv?« warf Danielsson dazwischen. »O ja, in einer Hinsicht sind es Bengt Nordlinds Kinder alle.« »Im Größenwahn, jawohl!« bestätigte Trautchen energisch. »Wie ihr Frauen schnell fertig seid mit einem Urteil!« entgegnete der Dichter tadelnd. »Nun, Gwinner, und was sagen Sie?« fragte der Schwede. »Ich?« fragte Toni fast übertrieben gleichgültig zurück. »So viel hab' ich wirklich noch net nachgedacht über sie. Die Dame is mir ziemlich wurscht.« Man sah es Trautchen an, daß sie das gern hörte. Aber dennoch bemerkte sie spitz: »Ich denk': sie geht so schön?« »No ja? Und dann?« erwiderte der starke Mann »Von vollendeter Grazie ist sie!« erklärte Philipp. »Ich hab' schon öfter gefunden«, wendete Brita ein, »daß die Menschen, welche sich so schön bewegen, im Innern kühl sind.« »Wie Wellen geht es durch ihren Körper!« schwärmte der Dichter. »Wie eine Nixe ist sie!« »Und Nixen haben bekanntlich keine Seele!« triumphierte Trautchen. »Das wird sich alles zeigen!« sagte Philipp mit einer vertröstenden Handbewegung. »Ja, laß dir ihre Seele zeigen!« spöttelte der starke Mann. »Ach Toni, du mit deinen ...! Sag selbst: ist sie nicht schön? Gerade du als Maler! Zu ihrem roten Haar der schneeweiße Teint!« »Ja, und der Puder: fingerdick!« lachte Trautchen mit Behagen. »Gepudert war sie deutlich«, räumte Toni ein, nicht weil er etwas davon bemerkt hätte, sondern nur, um sein gestrenges Weib in Sorglosigkeit zu wiegen. Und er tat noch ein übriges und fügte heuchlerisch hinzu: »Auch die Haarfarb'; wieviel von der sie ihrem Friseur verdankt, nix Gewisses weiß man nie.« »Nein, nein«, widersprach Danielsson, »das nicht! Die Farbe von ihre Haaren, die ist ekt.« »Soll sie echt sein!« sagte Trautchen. »Warum auch nicht? Wir haben bei uns ein Sprichwort: Rote Haar' und Erlenhecken wachsen auf kei'm guten Flecken.« »Hahüh, ein Moosbacher!« jauchzte Toni. »Das wird der Fröken Kajsa schmeicheln! Das müssen S' ihr gleich auf schwedisch ausdeutschen!« Und dies tat Danielsson voll innigen Vergnügens, während die erschrockene Professorin sich mit hastigen Worten herauszuwinden trachtete. Die rote Kajsa aber legte beruhigend die Hand auf die ihre und nickte ihr lachend zu. Derweil nahm der Schwede die andre Hand seiner Liebsten zwischen seine beiden und schüttelte sie mit leiser Herzhaftigkeit. Sonderbar, was für ein zärtliches Getu bei denen Mode wurde neuerdings! Sechzehntes Kapitel. Geplänkel Hinfort fand Trautchen keinen Anlaß mehr, es zu beklagen, daß ihr Mann zuviel Interesse für die sogenannte schöne Schwedin zeigte. Ihr Mißtrauen wurde sanft eingelullt; nicht einmal hinter Tonis aufmerksamer Nettigkeit gegen sie selber suchte sie jetzt noch etwas Verdächtiges. Sie lebte sich schnell in diesen Zustand ein und war geneigt, zu glauben, es sei schon die ganze Zeit her so gewesen. Ja, diese Reise! Toni befleißigte sich allerdings der größten Vorsicht. Er grüßte Frau Nordlind fremd aus der Ferne und baute gleichsam eine gläserne Mauer von Zurückhaltung um sich auf, wenn er sich durch seine Frau beobachtet wußte. War dieses nicht der Fall, dann freilich vagabundierten seine Augen spornstreichs in die verpönte Gegend; und Frau Annastina mochte ihm selbst zufällig den Rücken zeigen, den Blick von ihm empfand sie immer. Erwiderte sie ihn auch nur flüchtig, und zuckte es dabei um ihre Lippen von leisem Spott, gerade dieses Lächeln hatte für ihn etwas Aufreizendes. Es kitzelte Toni nicht wenig, ihr seinen Mut zu jedem Abenteuer zu beweisen. Trotzdem ließ er noch mehrere Tage verstreichen, bevor er Trautchen gegenüber wieder die Rede auf seine Arbeitspläne brachte. Dann aber packte er eines Morgens die große Kiste aus und erklärte, er wolle seine Nachmittage nunmehr der Kunst widmen; wohlweislich die Nachmittage, weil ihm bekannt war, daß seine liebe Frau den von daheim gewohnten Schlaf nach Tisch schon bisher über den Segelpartien nur ungern versäumt hatte. Und richtig: die Sache entwickelte sich ganz nach Wunsch. Trautchen ging mit, um sich zu überzeugen, ob er seiner Feldstaffelei auch einen unverfänglichen Platz gesucht hätte. Und daran konnte sie nichts aussetzen; man sah von hier aus nur auf den Ladurnerischen Badeplatz, und der lag zu dieser Stunde verlassen da. Nach ihrem eignen Strande und auch nach dem Weg, den Frau Nordlind dorthin gehen mußte, war die Aussicht gut versperrt: durch einen hohen, soliden Granitbuckel, der noch ein Stück ins Wasser vorsprang. So begann denn Trautchen, als sie hatte feststellen können, daß ihr Gemahl sich tüchtig in die Arbeit hineinkniete, zu gähnen und empfahl sich schließlich mit der Verheißung, sie wolle gegen sechs Uhr wiederkommen und ihn holen. Sie mußte sich mit einem zerstreut zustimmenden Gemurmel als Antwort begnügen: Toni war gar so vertieft in sein Gemälde. Doch kaum wußte er sich allein, da ließ er Palette und Pinsel sinken. Ein Seufzer der Erleichterung kam triumphierend aus seiner Brust. Dort vorne nämlich, keine dreißig Schritt von seiner Staffelei, kreuzte den Weg, an dem er stand, ein schmaler Fußpfad, dem Trautchen gar nichts angesehen hatte, obschon er die nächste Verbindung vom Schusterhäuschen nach dem Strande dort hinter den Felsen darstellte. Das mußte man eben wissen und es verstehn, solche klug erforschte Kenntnis für sich zu behalten. Übrigens ein Glück, daß Frau Annastina sich nicht übereilt hatte. Das heißt: jetzt dürfte sie allmählich erscheinen, fand er. Es wäre, nachdem er so viel List auf diese Sache verwandt hatte, direkt nicht hübsch von ihr, wenn sie ihn einfach sitzen ließe. Doch leider machte es mit der Zeit den Eindruck, als ob sie trotzdem diese Absicht hege. Betrübt, dann zapplig und endlich wütend wurde Tom. Nach einer kleinen halben Stunde kam es dahin, daß er schon ganz gehorsamst auf alle verführerischen Weiber hustete. Von dort aus lenkte ihn der Weg gar bald in eine milde Rührung über sich selbst und seine vorbildliche Treue gegen die Eine, die jetzt daheim so wohlbehütet schlummerte. Und als er erst aus den Gedanken an Trautchen gekommen war, schwoll gleich sein Herz vor Edelmut. Er wollte noch ein übriges tun und jetzt fleißig schruppen, um ihr eine rechte Freude zu machen. Sie hatte übrigens auch ein so unbestechliches Auge dafür, wieviel er in ihrer Abwesenheit wirklich mit Ernst geschafft hätte. Seufzend mischte er sich einen Farbton zusammen und begann. Beinah verächtlich setzte er die ersten Pinselhiebe auf die Leinwand. Aber, sieh da: das saß! Und, Herrgott, ob das saß! Verflucht! Scharf ging sein Auge nun zwischen Landschaft und Bild hin und her; er malte mit breiten Strichen und fühlte, daß es gut war, was er malte. Gemächlich pfiff er vor sich hin, die kleine Folge von Tönen, die seine Gattin so gern vernahm, wenn sie daheim im Vorüberhuschen das Ohr gegen die Ateliertür neigte. So frisch war ihm die Arbeit seit Jahren nicht mehr von der Hand gegangen. Er versank mit Behagen ganz tief in sie; und Nebendinge, wie Frauenzimmer und dergleichen, lebten ihm nur noch fern in einer andern Welt. Er zwang das Meer, er schon! Zwang es auf seine Weise! Plötzlich wurde Toni unter dem Malen von dem Gefühl angerührt, daß er nicht allein sei. Fast geärgert schaute er empor und erblickte die, um derentwillen er eigentlich hier war: Im ersten Moment empfand er ihr Kommen beinah als Störung; gleich darauf aber verbreiterte sich sein Gesicht in einem lustigen Strahlen. Sakra, Sakra, sah sie wieder famos aus, wie sie da stand, droben auf dem Granitbuckel, als lichte Silhouette gegen den tiefblauen Himmel, in dem rosa Kleid, das der Sonnenschein förmlich glühend machte, noch heißer fast als das rote Haar, dessen Wellen ihr frei über Rücken und Schultern flossen. Eine Erinnerung tanzte kichernd durch Tonis Kopf. Wann war es gleich gewesen, daß einmal schon so ein liebes Ding mit offnem Haar zum ersten Stelldichein bei ihm angeflattert kam? Ach ja!. Damals hatte das freilich im weiteren Verlauf zu einer Ehe geführt. Nun, gegen die Gefahr durfte man sich jetzt wohl gefeit fühlen. »Gnä' Frau!« rief er und zog den Hut. Eine galante Verneigung lud sie ein, sich von ihrer Höhe herabzulassen zu ihrem demütigsten Bewunderer und Sklaven. Sie antwortete mit einer großen Armbewegung von entzückend eckiger, knabenhaft sportgerechter Grazie. Ganz Weib aber wurde sie wieder, da nun ihre beiden Hände den Rock rafften und sie, die Füße in koketter Vorsicht setzend, langsam über das Gestein bergab schritt. Himmel, sich nach der einmal so ein paar ganz flüchtige Bewegungsstudien notieren dürfen! »Grüß Gott!« sagte Toni. »Ich hätt' Sie zwar von der andern Seite erwartet.« »Vom Strande komm' ich«, antwortete sie; plötzlich aber wechselte ihr Ausdruck. »Erwartet?« fragte sie kühl und dehnte das Wort. »Nein, nein, ich mein' bloß! Daß Sie riskieren, so bald nach Tisch zu baden!« »Aberglauben! Hat mir noch nie geschadet.« Sie deutete nach der Staffelei: »Ist es erlaubt?« »Bitte, natürlich! Steckt zwar noch sehr im Anfangsstadium.« Er machte Platz; sie stellte sich auf die rechte Entfernung und musterte die Leinwand. Die erhoffte Kritik jedoch blieb aus; vielmehr sagte sie unvermittelt, mit einem besondern Lächeln: »Denn Ihre Frau ist ja nicht da.« Dies war ihm auch vorher gottlob nicht unbekannt gewesen, aber daß sie es aussprach, schien ihm ihr Beisammensein so verwirrend intim zu machen, mischte einen prickelnden Reiz des Verbotenen darein. Ein wenig ungeschickt torkelte ihm die Frage heraus: »Nein. Warum?« Sie schoß aus dem Augenwinkel einen schelmischen Blick auf ihn ab. »Gott, Sie sind doch sicher ein sehr guter Ehemann.« »Seh' ich so aus?« fragte Toni und bemühte sich, in seine ganze Haltung recht viel vom tollen Kerl zu legen. »Ihre Frau sieht wenigstens so aus«, bemerkte sie dunkel, aber spürbar boshaft. »Und mich kann sie ja außerdem nicht leiden.« »Aber, woher denn!« widersprach er heuchlerisch. »Ach, davon haben Sie noch nichts bemerkt?« gab sie mit offenem Spott zurück. »Sie hat Ihnen ja auch von ihrer Aversion sicher nie ein Sterbenswörtchen gesagt?« Nun mußte er lachen. Er zuckte kapitulierend die Achseln. »Gnä' Frau sind halt zu klug.« »O nein. Und wenn ich vielleicht nicht so besonders dumm bin, so verwende ich das auf andre Dinge. Dies weiß ich aus Erfahrung.« »Erfahrung?« »Ja, denken Sie: Frauen mögen mich nicht. Fast keine Frau! Ist das nicht sonderbar?« Sie machte wieder einmal ihr harmlos staunendes Backfischgesicht. »No, gar so sonderbar!« wendete er mit einem bewundernden Blick ein. Das hatte sie hören wollen; aber es war ihr scheinbar noch nicht deutlich genug. Denn sie fragte: »Geb' ich den Frauen einen Grund?« »Sie sind ein Grund!« »Nein, das versteh' ich nicht.« »Sie gefallen halt den Männern zu gut.« »Wie wollen Sie das wissen? Wir kennen uns ja kaum?« »Vielleicht hat einer von den Schuften es mir verraten.« »Wer?« fragte sie, ein wenig hastig. »Das sag' ich net!« Sie zwang sich, aufzulachen. »Ach so, ich weiß: der kleine Dicke an Ihrem Tisch, der mich immer so anschmachtet und dabei so fanatisch ißt. Er hat mir übrigens durch seine Frau Gedichte schicken lassen. Wie kommt der Mensch dazu?« »Tja, mit dem Verkaufen allein wird doch die Auflage net gar«, erklärte Toni freudig grinsend. »Gwinner, wenn das der einzige ist, der mich liebt!« »Is er ja gar net!« »Ach Unsinn! Wer denn noch?« »Ich selbstverständlich!« erwiderte der starke Mann keck. Und gleichzeitig schien er zu dem Entschluß gekommen zu sein, die Arbeit nunmehr für längere Dauer zu unterbrechen. Er steckte die Pinsel durch das Daumenloch der Palette und legte diese auf den Farbenkasten. Sie lachte hell auf. »So so? Was Neues für die Sammlung?« »Sammlung?« »Ja. Oder glauben Sie, daß Sie der erste sind, der mir das sagt?« »Oh, gnädige Frau, mir genügt's durchaus, wenn ich der letzte sein darf.« »Das klingt ja beinah wie ein Heiratsantrag. Und ich dachte immer, Sie wären schon ...« »Herrgott, ganz richtig. Ich bin ja schon ... Was tut man da? Soll ich mich scheiden lassen?« schlug Toni vor und fühlte im gleichen Augenblick, daß er nicht auf dem rechten Wege war, und daß es der Fortführung dieses Geplänkels kaum gedeihlich sein konnte, wenn er sich gar zu weit auf das Gebiet phantastischer Unwahrscheinlichkeiten vergaloppierte. »Weil Scheidenlassen ja so einfach ist!« erwiderte sie ernster, als er erwartet hatte; doch fügte sie gleich spöttisch hinzu: »Ich möchte Ihre Frau Gemahlin nicht berauben.« »Hm, schade« scherzte er, noch immer nicht recht fähig, zu dem passenden, ganz leichten Ton hinüber zu gelangen. »Grade wie Sie hätte ich mir meine zweite Frau nun vorgestellt: so hübsch, so ...« »Hübsch ist mir zu wenig.« »Ich mein' ja auch natürlich: schön!« versicherte er eifrig. Ein Schatten von Melancholie kam in ihre Stimme, als sie nun sagte: »Ach schön! Und glauben Sie, daß das ein Glück ist?« »Weiß ich's? Ich bin noch niemals schön gewesen.« »Nun, das will ich doch nicht sagen. Als Mann ...« »Ach, wiederholen Sie das noch mal, gnä' Frau: das tut so wohl!« »Nein, ohne Scherz: ich hab' Ihnen nämlich vorhin schon die ganze Zeit zugeseh'n.« »Zugesehen?« »Beim Malen. Sie waren sehr vertieft. Und Ihre Bewegungen, wissen Sie ... Sie legen sich mit dem Pinsel aus wie ein Fechter mit dem Degen. Es steckt so eine konzentrierte Kraft darin. Sie müssen stark sein.« »Passiert«, erwiderte Toni bescheiden. Doch beugte er zugleich den rechten Arm und spannte ihn so heftig, daß sein Kopf rot wurde und die Faust ihm zitterte. Einladend tippte er dann mit dem linken Zeigefinger auf den granitnen Muskel. Wie das ihn wieder an jenen fernen Nachmittag gemahnte! Ganz ebenso wie damals verlief die Sache freilich nicht. Frau Annastina schien bedeutend weniger Forschertrieb zu verspüren als Trautchen einst in jungen Tagen. Sie wich pikiert zwei Schritte hinter sich. »Ja, ja, ich glaub' es. Ich bezweifle es nicht im geringsten, ja.« Für einen Augenblick hing ihr zu irgendeinem Knopfloch wieder die Herzogin heraus. Toni ließ seinen Männerarm sinken. Zu dumm! Nun war grade alles wieder so schön im Zug gewesen! Um über seine leichte Verlegenheit wegzukommen, rief er: »Sie haben ja zwar einen Grund, andrer Leute Bewegungen zu bewundern!« »Wieso, bitte?« »Sie selbst! Ihr Gang! Das war's doch, was ich auf den ersten Blick ...« »Seh'n Sie!« stimmte sie ihm lebhaft zu. »Das hör' ich lieber als banale Komplimente von Schönheit und so weiter. Bewegung sagt viel mehr als dieses Äußerliche, Bewegung zeigt ... nun ja ...« Sie brach ab und ließ eine schöne Geste ihrer schönen Hand schweigend von ihrer inneren Schönheit sprechen. Seine Augen ruhten mit so ausdrucksvoller Huldigung auf ihr, daß sie nun ein wenig Befangenheit am Platze fand. »Seh'n Sie mich nicht so an, Gwinner! Daß ich die Haare offen hab', ist nur ... Es ist mir Wasser unter die Bademütze gekommen.« Nun hatte er sich zwar gerade weniger mit ihrer Frisur als mit der Feststellung beschäftigt, daß sie durchaus nicht mager war, wie Trautchen immer sagte, bloß schlank. Doch fing er sich sofort und schwärmte: »Da bin ich dem Wasser aber dankbar. Denn so ... Und überhaupt! Sie wissen aber auch ... Das raffinierte rosa Kleid! Die roten Frauen meinen immer, es muß Meergrün sein oder so was Grausliches. Soll ich Ihnen übrigens was verraten? Sie werden lachen. Also, stellen Sie sich vor: meine Frau – aber gel, Sie sagen's ihr net wieder? –, die wollte Ihnen Ihren Teint net glauben. Das wär' gepudert! Na, ich mußte mich ja biegen, denn für ein Malerauge ... Und jetzt, wo Sie grad' aus dem Wasser kommen ...« Unwillkürlich schaute Frau Annastina etwas scheu nach dem seidenen Beutel, den sie am Arm hängen hatte. Dann, nachdem sie ein Weilchen gleichsam zerstreut ins Leere gestarrt hatte, sagte sie in einem Ton, der vermuten ließ, es läge ihr an ihrem Äußern vielleicht doch mehr, als ihr selber klar war: »Natürlich, und ich schminke mich und färbe mir die Haare und hab' am Ende noch ein Korsett an?« »Nein«, wehrte er erheitert ab, »das hat net einmal meine Frau behauptet.« Sie bewies durch eine kurze Bewegung, die sie gleich einer Welle harmonisch von ihrem Nacken bis zu den Knien laufen ließ, wie fesselfrei ihr Leib sich fühle. Ihr tat es wohl, daß nicht einmal jene unglaublich geschnürte Sachkennerin auf den Verdacht gekommen war, sie trüge ein Korsett. Sie trug auch keins; nur einen Gürtel, der höchstens nach unten zu ein wenig weitreichend war für diesen Namen. Es herrschte ein kurzes Schweigen zwischen den zweien. Toni blickte versunken auf sie, und dabei spürte er das Klopfen seines Herzens so stark, daß er Angst bekam, sie möchte es hören. Darum begann er wieder in einer gewissen Hast zu sprechen: »Und grade, wie Sie jetzt da stehn, der graue Felsen dahinter, das gab' so ein Freilichtporträt.« Plötzlich aber packte ihn ein Schreck: wenn sie das nun als Aufforderung nähme! Und was Trautchen dann wohl anstellen würde! Schnell fügte er hinzu: »Sie müssen aber doch schon gemalt sein?« »Ach, und wie oft! Von allen Größen in Berlin! Nur gut niemals.« Er musterte sie sachlich, mit zugekniffenen Augen. »Mag sein, daß es net leicht is. Es sind da so Finessen. Aber, man sollte meinen: die Farbe is allein schon so charakteristisch.« »Ich bitt' Sie, Gwinner! Farbe! Wenn's darauf ankäm'!« »No, gnä' Frau? Für einen Maler?« »Nun ja, ich meine ... Wenn einer, war mein Vater doch ein Maler. Und ihm bedeutete die Farbe nicht mehr als Handwerkszeug.« »Als Brotaufstrich hab' ich sie eigentlich bisher auch noch net verwendet«, entgegnete er schmunzelnd. »Nein: meinen Porträtisten war die Farbe Selbstzweck.« »Ach so? Das gibt's! Und sicher: auch Zeichnenkönnen is keine Schande.« »Nein, nein: es sind eminent gezeichnete Bilder darunter. Und doch!« Der starke Mann pfiff leise vor sich hin. »Ja, mit den Damen! Die werden sich aus Porträts nie schön genug.« »Nein aber, Gwinner!« Sie mußte wirklich lachen. »Und das können Sie von mir glauben! Nein: ein Porträt soll doch den Menschen geben, das Seelische, die innere Bedeutung.« – Aha: bedeutend möcht' sie aussehn auf den Bildern. Zweite Kulturstufe der weiblichen Eitelkeit! sprach Toni sanft erheitert zu sich selbst. Laut aber entgegnete er: »Sie denken, frei nach Wilhelm Busch: ›Mein Ehrgeiz liegt halt anderswo, denn schön bin ich sowieso‹?« »Ehrgeiz?« Ein zugleich hoch- und wehmütiges Lächeln zog ihre Mundwinkel abwärts. »Ach nein: ich weiß schon, daß es bequemer ist, so recht von Herzen gewöhnlich zu sein. Nun ja, was soll das! Als junges Mädchen, ja! Mein Vater hat mich oft gemalt. Das waren Bilder! Ich stand ihm ja besonders nahe. Gegen meine Geschwister konnte er streng sein. Aber ich war schon als Kind so anders. Mich hatte er am liebsten immer um sich, selbst bei seiner Arbeit, im Atelier. So wuchs ich ganz in der Welt seiner großen Ideen aus. Ach ja, und er! Von meiner Zukunft, was er da erwartet hat! Lilla prinsessan , wie er mich nannte! Gott ja, wie lange ist das denn her? Und heute! Ich bin nur froh: er hat's nicht mehr erlebt.« »Ah geh, gnä Frau! Sie sind doch noch so jung!« »Nein, ich bin alt.« Er lächelte. »Jawohl, jetzt denken Sie, ich widerspreche?« »Schon einunddreißig, Gwinner!« Schau, schau: zwei Jahre unterschlug sie also doch! »Wahrhaftig eine Greisin!« bemerkte er mit Humor. »Mir liegt auch nichts daran«, sagte sie resigniert. »Und wenn nur meine Kinder ...« »Sie haben Kinder?« »Große schon. Zwei Töchter von zwölf und elf.« »Donner! Das sieht Ihnen aber keiner an!« »Ach, Gwinner, sparen Sie sich die Komplimente! Die Kinder will ich so erziehen, daß sie ... Wenn man mich so erzogen hätte, ach ja; vielleicht wär' alles anders gekommen.« »Ich dachte: Ihr Herr Vater ...?« rief Toni, leicht verwundert. »Ja, er! Nein aber: meine Mutter, Gwinner! Mag sein, daß sie zu ihm die notwendige Ergänzung bildete; man muß ja schließlich auf der Erde leben. Aber gegen mich! Sie ist, ich kann es selbst nicht andere sagen, eine schreckliche Frau!« Hierauf nun wußte der starke Mann nicht recht etwas zu entgegnen. Zustimmung wäre ihr wohl so ärgerlich gewesen wie Widerspruch. Auch sie schwieg und schien melancholisch ihrem verpfuschten Dasein nachzusinnen. Da fragte er endlich: »Und wo sind Ihre Töchter jetzt?« »Bei meiner Mutter«, erwiderte sie sachlich, zerstreut und in Gedanken. Er hob wohl ein wenig zu schnell den Kopf; denn sie fügte hastig hinzu: »Nur für die erste Zeit und bis ich selbst ... Sie wissen ja vielleicht: ich hab' mich scheiden lassen. Und ich bin eigentlich die ganzen zwei Jahre schon auf Reisen. Aber: genug, kein Wort mehr von den Sachen! Ich weiß auch nicht, wie ich dazu komme, gerade Ihnen ... Denn sonst ..., wirklich, nichts liegt mir ferner. Ich sprech' gewiß nicht gern von mir.« »Dann tun Sie's also ungern?« konnte sich Toni nicht enthalten, lausbübisch lächelnd zu bemerken. »Ja, Gwinner, verspotten Sie mich nur! Es geschieht mir recht.« »Ah, nix von Spott, gnä' Frau! Das is halt meine Art. Bloß dumme Angewohnheit!« »Ich weiß, daß es nicht schlimm gemeint ist. Sie sind als Mensch genau so wie in Ihren Bildern.« »Auweh! Talentlos?« »Nun, Gwinner, sein Sie nicht kokett!« »O nein, das wäre Ihnen gegenüber unlautrer Wettbewerb«, gab er ihr mit einer kleinen Verbeugung heraus. Sie machte plötzlich wieder ihre großen, ernsten, naiven Augen. »Mich finden Sie kokett?!« »A wo, ka Spur! Gnädige Frau haben das doch net nötig!« »Sehn Sie, das war nun nett gesagt. Solche Komplimente – à la bonne heure !« »Recht dicke?« erkundigte er sich harmlos. »Pfui, Sie sind ungezogen! Aber das ist es ja, was auch bei Ihren Bildern ... Sich lustig machen über alles! Und bloß von seiner Wärme nichts verraten!« »Tja, deutsches Gemüt wird zur Zeit net gekauft. Mir gehn halt mit der Mode.« »Oh, tun Sie doch nicht so! Sie finden es nur männlicher, Ihre Gefühle zu verstecken.« »Gefühle verstecken?« Er schlug erstaunt die Hände ineinander. »Hab' ich Ihnen meine Liebe noch net pfeilgrad' genug erklärt?« »Oh, es genügte. So grade heraus, daß es nicht mehr war als ein Witz.« »Wie soll ich Ihnen beweisen ...? Soll ich da auf der Stelle vor Ihnen niederknien?« »Ich dachte, Sie gehen mit der Mode? Fußfälle sind nämlich unmodern. Aber, wenn Sie durchaus wollen, bitte! Aufheben werde ich Sie nicht.« »So schön und doch so grausam!« »Nicht wahr? Sie einfach so verschmachten zu lassen in Ihrer großen, großen Leidenschaft!« »Sie werden schon sehn, wie ich verschmachte!« »O ja; ach, tun Sie's! Ich stelle mir das entsetzlich spannend vor, wenn es nur nicht zu lange dauert. Und sonst ist ja auf Koster leider wenig los.« »So? Die Kurkapelle soll Ihnen mein Tod aus Liebesgram ersetzen?« »Hm, Ihre falschen Töne können wirklich dran erinnern.« »Weil sie in Ihnen halt kein Echo wecken.« »Nein, ich bedaure, Gwinner, diese Töne nicht.« »Es is einmal mein Unglück, Ihnen zu mißfallen.« »Wieso denn? Sie gefallen mir sehr gut.« »Na, also!« »Was: also?« »Dann geben Sie sich bloß noch das kleine bissel Mühe!« »Ach, Gwinner, wenn es damit getan ist, dann geben Sie sich doch die Mühe und konzentrieren Sie Ihre Leidenschaft zum Beispiel auf Ihre Frau! Der macht es sicher Freude.« »Ah!« grunzte er ernüchtert und verdrossen. Das durfte sie wohl seine Sorge sein lassen! Und außerdem hatte sie ihn damit an etwas anderes erinnert. Seine Hand begann verstohlen nach der Westentasche zu fingern. »Nun, Gwinner«, rief sie lachend, »nicht gleich so ein Gesicht! Ich sag' doch: Sie gefallen mir! Und wenn Ihnen mit meiner bescheidnen Freundschaft gedient ist.« »Freundschaft!« warf er verächtlich und zugleich geistesabwesend hin. Er zeigte ihr beinah den Rücken. »Sie müssen das nicht für so wenig halten«, entgegnete sie. »Ich bin im allgemeinen gar nicht verschwenderisch damit und wüßte manchen, der das als Auszeichnung ... Ja, aber?« so unterbrach er sich. »Was machen Sie denn da? Verzweiflung, die nach der Uhr sieht? Das ist wenigstens originell.« »Ach nein ... Ach nix ...«, stammelte er verlegen. Ein Lächeln des Verständnisses erhellte ihr Gesicht. »Erwarten Sie hier jemand?« »Wer? Ich? Nein. Allerdings, ich ... Meine Frau.« »Und ist es schon so weit?« »N–ja, sie ... Ja. Das heißt ... Sie wollte ...« »Dann geh' ich, Gwinner.« »Was? Schon?« klagte er heuchlerisch. »Nein, nein, es ist schon besser. Und wenn wir beide auch das reinste Gewissen haben; ob uns das jeder ohne weiteres glaubt?« Sie streifte ihn mit einem Blick, so voll von übermütiger Schelmerei, daß er auf einmal wieder ganz heiß und glücklich wurde. »Und schließlich«, fuhr sie fort, »hat doch auch das Geheimnis einen Reiz, selbst das Geheimnis, daß es kein Geheimnis gibt.« »Ja, leider Gottes!« klagte er. Sie nickte ihm spitzbübisch lächelnd zu und streckte ihm die Hand entgegen: »Adieu denn, Gwinner!« »Hach ja, so schön es war, so kurz!« rief er und preßte seine Lippen sehr fest auf ihre schmalen Finger. »Halt! Loslassen!« rief sie. »Sie essen mich ja auf!« »Ich bin halt ein Gourmand«, antwortete er flott, hob aber den Kopf und gab ihre Hand frei. »Nun, wenn Sie gar so folgsam sind ...« Sie hielt den Blick ein Weilchen zaudernd gesenkt. Dann hob sie ihn schnell, sah ihm unbefangen in die Augen und fragte gleichsam nebenhinaus und sachlich: »Arbeiten Sie morgen wieder hier?« »Punkt drei Uhr bin ich da! Sie werden kommen?« Da wendete sie sich, bereits im Gehen, noch einmal um und zeigte in Haltung und Gesicht ein Schwanken, das, wenn es nicht kokett war, doch eine täuschend gute Imitation davon darstellte. »Ich weiß nicht, ob ich soll.« »Sie sollen! Bestimmt! Wenn Sie mir nicht versprechen ...!« »Nein, bleiben Sie! Denn sonst ...« Mit einem trillernden Lachen lief sie den kleinen Pfad entlang. Doch ehe sie um den nächsten Felsen bog, reckte sie noch einmal den Arm zum Gruß empor, in einer entzückenden Bewegung wieder, und herübergeflogen kam ein Helles: »Ich weiß noch nicht. Vielleicht.« Toni warf ihr, hingerissen, eine Kußhand nach, freilich erst, als sie es nicht mehr sah. Daß sie morgen kommen würde, darüber fühlte er sich ganz beruhigt. Er hatte ein Rendezvous! Mit dieser Frau! Er war halt ein verfluchter Schwerenöter! Jetzt aber an die Arbeit! Denn Trautchen ärgern zu wollen, lag ihm fern. Doch hatte er kaum die Palette am Daumen und dir Pinsel in den Händen, da versank er wieder in angenehme Träumereien. Er hätte juchzen mögen, so heiß und taumelig stieg's ihm zu Kopf, so jung, so einfach alles niederreißend jung fühlte er sich auf einmal wieder. Erst ein bekannter Schritt, der hinter ihm herkam, riß ihn auf die Erde zurück. Mit wilder Eile begann er sich einen Farbenton zu mischen und sah dann, daß er ein hundsgemeines kaltes Giftgrün zusammenmanschte, bei dessen Anblick wohl eine Ratte vor Schreck hätte krepieren können. »Nun, Vati?« sagte Trautchen. Er fuhr herum. »Du bist es?« stammelte er mit etwas verstörten Augen. »Nu, nu«, beruhigte sie ihn. »Du hast mich gar nicht kommen hören?« »Nein, denk dir! Nein, ich habe ...« »Du warst so in der Arbeit«, sagte sie befriedigt und trat vor sein Bild. »Ah! Ja!« Sie nickte lebhaft. »Ja, ich hab' ...«, erwiderte er; doch plötzlich prallte er zurück und rief, mit einem halben Lachen auf die Leinwand deutend: »Nein aber, is das net verrückt? Wie schnell hier die Beleuchtung wechselt! Vor 'ner Minute ... Und jetzt! Nein, schau, is das net sonderbar?« »Nu ja, jetzt gegen Abend!« sagte Trautchen sachverständig. »Und es ist wirklich Zeit. Du warst so fleißig. Man muß es auch nicht übertreiben, Vati!« Halb komisch und halb rührend fand er sie in ihrer edeln Arglosigkeit, die ihm zugleich den letzten Stein vom Herzen nahm. Und plötzlich entluden sich die in ihm angestauten Gefühle wahrhaftig doch in einem gellenden Juhu, das lustig von den Felsen widerhallte. Sie aber verschränkte ihre Hände andächtig auf den Magen und war mit ihm zufrieden und – mit sich. Denn hat nicht jede Frau den Mann, den sie verdient! Siebzehntes Kapitel. Das Irrlicht Toni verbrachte die Zeit bis zum nächsten Nachmittage nicht damit, an seinen Knöpfen abzuzählen, ob Anastina ihn liebe, er sagte sich vielmehr: Wenn sie morgen kommt, ist alles gut. Anfangs war er sich sehr sicher, daß sie käme, und bildete sich auf seine Unwiderstehlichkeit nicht wenig ein, je näher aber die Entscheidungsstunde rückte, um so zweifelhafter schien ihm die Sache. Denn die Weiber studiert keiner aus. Als er dann kurz vor drei Uhr seine Feldstaffelei zurechtstellte, sprach er bereits mit Selbstironie sich: Du bist ein Trottel! Sie läßt dich heilig sitzen und lacht sich eins ins Fäustchen. – No ja, und is mir auch ganz wurscht! belog er sich dreist und trotzte so gegen die Erkenntnis dessen an, wie unruhig die Hoffnung in ihm war, wie endlos sich die Minuten dehnen würden, wenn sie ihn etwa lange warten ließe. Doch diese Qualen blieben ihm erspart: ganz pünktlich erschien Annastina, schritt auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Ihre Augen, die ihm gerade und frei ins Gesicht sahen, fragten: Bist du zufrieden? Wahrhaftig ja, das war er. Und mehr als das! Jetzt gab es keinen Zweifel mehr. Er fühlte sich als Sieger und dachte, ganz wunderlich gerührt: Wie sie in mich verliebt ist, das arme Ding! Dieses Bewußtsein stieg dem starken Mann zu Kopf und versetzte ihn in einen Rausch des Übermutes. Heut war von unbeholfnem Wortesuchen nicht mehr die Rede. Die galanten Scherze flogen ihm nur so zu, und er scheute sich auch gar nicht, Annastina in aller Gutmütigkeit ein bißchen zu frozzeln. Sie nahm das nicht im geringsten übel, schon weil sie einen Witz sehr witzig zu parieren wußte. So gab es ein fröhliches Degenkreuzen, ein Kampfspiel, das sie einander näherbrachte, als es wahrscheinlich der Austausch intimster Seelengeheimnisse vermocht hätte. Im tiefsten Grunde aber fehlte es auch hieran nicht, von ihrer Seite wenigstens. Dazwischen immer wieder ergab es sich ganz ohne Zwang, daß eine leichte Melancholie sie beschattete und ihr, gegen ihren Willen gleichsam, ein paar Worte voll Bitterkeit entriß. Unmerklich fügten sich diese mit scheinbar achtloser Gebärde verstreuten Steinchen für Toni zum Mosaik, zu einem geschlossenen Bilde ihres Lebens, wie sie es sah und gesehen wissen wollte. Da tauchte zunächst die wikinghafte Gestalt des Vaters auf, in Glanz und Glorie, durch das Vergrößerungsglas kindlicher Liebe betrachtet. Es stand ihr als Tochter gewiß nicht schlecht an, ihn zu verehren; als Maler schätzte der starke Mann den alten Nordlind selber hoch; was ihm ein bißchen komisch schien, war, daß sie auch seine sogenannten großen Ideen gar so ernst und wichtig nahm und in der Tat beinah zu glauben schien, seine Gemälde vor allem hätten den vielberufenen europäischen Krieg bisher noch glücklich hintangehalten. Dies aber gab sie mit so naiv heiliger Überzeugung von sich, daß Tonis Späße halt davor machten und er all seine Ironie herunterschluckte. Er fühlte: an ihren Vater durfte er nicht rühren, wenn er es mit ihr selber nicht verschütten wollte. Und gerade das Gegenteil lag doch in seiner Absicht. Jedenfalls mußte ihr Verhältnis zu dem alten Herrn besonders innig gewesen sein. Aus allem, was sie sagte, ging hervor, daß er sie verstanden hätte wie sonst niemand, nicht ihre Mutter, nicht die Geschwister, und am wenigsten ihr Mann. Auf diesen fielen, obgleich sie ihn immer nur flüchtig erwähnte, in ihrem Bild so dunkle Schatten, daß es einen wundernehmen konnte, warum sie ihn überhaupt geheiratet hatte. Die Art, wie sie sich so vor Toni allmählich als unverstandene Frau enthüllte, mußte ihm ja schmeicheln, betonte sie doch häufig, daß solche Offenherzigkeiten ihr sonst ferne lägen. Nach ihrem Vater sei er eigentlich der erste ... Hieß das nicht, daß sie ihn für etwas Besondres hielt, für, nun kurzum: für ihresgleichen? Aber nicht nur als Geistes-, auch als Schicksalsgenossen schien sie ihn sich verwandt zu fühlen. Die etwas mitleidige Anerkennung, mit der sie Trautchen hie und da zum Beispiel eine gute Hausfrau nannte, ließ durchblicken, daß sie ihn, genau wie sich, für einen Menschen hielt, der durch die Ehe einsam geworden wäre. Und dies geschah so diskret, daß Toni sich nicht etwa in der Seele seiner Gattin pflichtgemäß beleidigt zu fühlen brauchte und doch so deutlich, daß er sich in dem stolzen Bewußtsein sonnen durfte, ein unverstandener Mann zu sein, oder richtiger: bis gestern gewesen zu sein. Denn das Alleinsein war zu Ende, heut wandelte er zweisam auf der Menschheit Höhen, fern unter sich das Wimmeln der Gewöhnlichkeit, Hand in Hand mit dieser Frau, die viel, viel mehr als nur entzückend war, und viel mehr als sein und vornehm. Auch ihre innere Bedeutung hob er nach verliebter Leute Art freigebig ins Phantastische. Ganz schwindlig war ihm vor diesem leichten, trunkenen Glück. Doch übermannte ihn die Schwüle und wollte die rote Dunkelheit sich auf ihn senken – sie sah es an dem eignen Glanze seiner Augen –, dann verstand sie es, ihm mit graziöser Bewegung eine kleine kalte Dusche ins Gesicht sprühen zu lassen, die nur für den Moment, die Oberfläche kühlte, doch es vermied, die innere Glut zu löschen. Als er lichterloh in Flammen stand, nahm sie Abschied; es fiel ihr schwer, das merkte er an ihrem Zögern. Und sie versprach, den nächsten Tag auf die Minute am Platz zu sein, wenn er verspräche ... Und er versprach ihr alles, was sie wollte, und war entschlossen, nichts davon zu halten. Morgen, so viel stand fest, setzte er keck zum Sturme an. Er wußte, sie hätte auch nicht mehr die Kraft, es ihm zu wahren. Aber heute freilich mußte er noch so tun. Ganz dreist und ohne Wimperzucken log er. Sein kränkliches Gewissen schien mit all dem andern Plunder, den die Jahre in ihm angesammelt hatten, verbrannt zu sein im großen Feuer. Es erstand auch nicht etwa als Phönix aus der Asche, da sie dann fort war und er, um Trautchen blind zu machen, sich eifrig auf das Malen warf. Er hatte gar nicht das Gefühl, daß er sein treues Weib betrügen wollte. Was nahm er ihr denn weg? Was sie nicht wußte, tat ihr nicht weh. Und sie würde schon nichts erfahren, dafür war er sich gut! Daß jede unserer Taten als Same in den Acker der Zeit gesenkt ist und aufgeht, wie er will, weil wir ihm nicht das Wetter machen können, ein Ahnen hiervon klopfte wohl bei ihm an, doch ließ er es nicht ein. Er wollte es nicht wissen. Das Abenteuer, das leichten Schrittes und mit zierlicher Gebärde winkend in sein Leben getreten war, es deuchte ihn unirdisch, ein Mittsommertraum, dem er vielleicht Ewigkeit wünschte, von dem er aber keine Fäden hinüberwerfen konnte zu künftigen Werkeltagen der Gewohnheit. Mitsommertraum! Und wie das wieder stimmte! Johanni stand dicht bevor, die kürzeste Nacht, in der die Feuer brannten, wie Anno dazumal in seinem Heimatsdorf. Waren das denn wirklich schon vierzehn Jahre? Sonderbar! Erlebte man denn alles zweimal? Wieder ganz das gleiche? Gleich und doch anders! Man war nicht mehr der junge Dachs, der blind und blöd sich führen ließ und dann in dumpfem Staunen am Ziel erwachte und im Garn saß. Herr war man seines Schicksals; reif zum Genuß, hob man den Becher an die Lippen und schlürfte den Trank bewußt als Kenner bis zur Nagelprobe. Toni sah eine Weile sinnend vor sich hin, nickte dann zuversichtlich und machte sich ernsthaft an sein Bild. Auch heute wieder ging das Malen ihm von der Hand wie in den besten Jugendtagen. Als sich um sechs Uhr Trautchen einfand, konnte die ahnungslose Ehefrau abermals höchst zufrieden mit den Fortschritten seiner Arbeit sein; und seine glänzende Laune schrieb sie nichts anderm zu als dem Gelingen, das seinem Fleiß beschieden gewesen war. Wie hätte ihr denn auch beifallen sollen, er könnte so heftig strahlen, weil er sich endlich als unverstandener Mann gewürdigt und mithin zum erstenmal verstanden fühlte? Hatte sie ihn doch nach ihrer Meinung schon von jeher recht gut verstanden und bloß geglaubt, ihm eher dadurch schmeicheln zu können, daß sie es ihn nicht gar so merken ließ.   Diesmal berührte den starken Mann bis zum nächsten Stelldichein auch nicht der kleinste Zweifel an Annastinas Liebe. Doch als sie dann leibhaftig vor ihm stand, war er ein wenig linkisch und verlegen, beinah, als fürchte er, sie könne ihm anseh'n, wie sieghaft keck sich seine Phantasie dies Wiedersehen ausgemalt hatte. So wußte er nicht recht ein Gespräch zu beginnen, trotzdem der erste Blick ihm zeigte, daß ihr gerade heute viel daran lag, ihm zu gefallen. Trug sie doch das von ihm so laut gelobte rosa Kleid von vorgestern. Auch schien ihr wieder Wasser unter die Bademütze gekommen zu sein, trotzdem sie noch gar nicht am Strande gewesen war. Die roten Haare hingen zum Trocknen aus. Als sie seinem Handkuß sanft ein Ende gemacht hatte, nahm sie auf einem niedrigen Granitblock Platz, schlug die Beine übereinander, verschränkte die Finger vor dem Knie und schaute Toni mit großen Unschuldsaugen ins Gesicht. »Gwinner, Sie sind doch mein Freund?« fragte sie nach einer Weile. Er gab keine Antwort. Er war zu sehr in den Anblick ihrer schönbeschuhten Füße und ihrer wohlgeformten Fesseln in den dünnen, opalisierend weißen Seidenstrümpfen vertieft. Sie spürte das sogleich; etwas, das einem Frösteln glich, lief über sie herunter, ihre Hände faßten flüchtig den Rock und deuteten ein Senken seines Saumes an. Doch da der Erfolg dieser Bewegung nur war, daß man jetzt eher noch etwas mehr von ihren Strümpfen sah, erschien es nötig, Tom noch einmal zu wecken: »Gwinner, hallo, wo weilen Sie? Ich frage ...« Er fuhr auf. »Ja, was?« »Ob Sie mein Freund sind?« »Das könnten Sie bald wissen!« entgegnete er lächelnd. »Nun, dann ... Wollen Sie mir einen Dienst tun?« »Zwei!« erklärte er generös. »Befehlen Sie! Soll ich mich für Sie dort von dem Felsen stürzen?« »Das dürfte Ihnen ja kaum gut bekommen. Und für das, was ich von Ihnen möchte, brauch' ich Sie schon lebendig.« »Sehr angenehm! Beruht durchaus auf Gegenseitigkeit.« »Und Gwinner, Sie versprechen mir ...?« »Alles! Das heißt natürlich: wenn ich kann.« »O ja, Sie können. Leicht! Nein, nein: es ist viel leichter für Sie es zu tun, als mir, es Ihnen zu sagen.« Mit einer so nett gespielten Befangenheit lächelte sie dabei gegen ihn hinauf! Ihm wurde schwindlig. »Nun ja, am besten ginge es vielleicht ...«, sagte sie plötzlich mit einem eigenen Lächeln. »Darf ich Ihnen einmal ein Märchen erzählen?« »Ein Märchen? Bitte ja, das hör' ich gern. Ich leg' mich dazu hier gemütlich in die Preißelbeeren. Also? Ich bin ganz Ohr.« »Nun schön: es war einmal ...« Sie unterbrach sich. »Hören Sie, Gwinner, Sie scheinen mir viel eher ganz Auge zu sein. Was interessiert Sie so an meinen Füßen?« »Nur der Zusammenhang mit Ihnen, gnädige Frau. Ich seh' schon weg. Na, Und? Wollten Sie mir nicht ein Märchen ...?« »Nicht, wenn Sie ungezogen sind!« »A wo! Ich platze bald vor Artigkeit.« Da begann sie verträumten Tones: »Es war einmal eine kleine Prinzessin, die lebte bei einem alten, weisen Zauberer in einem Schloß aus Glas.« »Na, sagen Sie doch ruhig: ich!« warf Toni ein. Wieder lächelte sie ganz leise. »Ja, es ist diesmal wirklich von mir, daß ich sprechen wollte.« »A nein?! Ganz ausnahmsweise?« neckte er. »O bitte, wenn es Ihnen zuviel wird!« gab sie spitzig zurück. »Woher doch! Ich hatte bloß, hell, wie ich bin, sofort gespannt: das Schloß aus Glas muß doch ein Atelier sein.« »Nun, Gwinner, also Sie fragten gestern, warum ich eigentlich Erik Baginsky heiratete?« Danach hatte Toni sie zwar mit keinem Wort gefragt, doch nickte er eifrig. »Ja, warum?« fuhr sie sinnend fort. »Näher kamen wir uns wohl zuerst in der gemeinsamen Begeisterung für meines Vaters Werk. Und ich gesteh' ganz offen: auch die Lebhaftigkeit, mit der er meines Vaters Geschäfte anging, seine förmlich elektrische Energie ... Ich wurde imponiert von der deutschen Tüchtigkeit, die mir nachher so oft auf die Nerven gefallen ist.« »Tja, Baginsky«, murmelte der starke Mann respektvoll abwägend. »Stellt schon was vor!« »Sie meinen, daß er Geld verdient?« entgegnete sie mit lässiger Verachtung. »Vielleicht ... Obgleich er darin wohl auch überschätzt wird. Ich finde: wenn man schon so ist, dann sollte es mehr sein. Aber nicht das ist es, wovon ich sprechen wollte. Der Hauptgrund eigentlich, daß ich ihn nahm ... Ja, Gwinner: ich war trotz meiner Jugend müde, so ohne Hoffnung, kurz, so desillusioniert, durch ein Erlebnis, das ich hatte. Aber das interessiert Sie nicht?« »Doch, doch, ja, bitte!« sagte er etwas heiser. Sie schaute in den Himmel, als sähe sie durch seine Bläue hindurch in eine dunkle Ferne. Eintönig fielen die Worte von ihren Lippen: »Ich liebte vorher einen andern, Gwinner. Und wir wären zusammen glücklich geworden. Doch da trat etwas zwischen uns, ein Mißverständnis nur, wie ich es heute sehe. Er war auch Maler. Und wir bekamen Streit um meines Vaters Werk. Jetzt ist es mir klar, daß er eifersüchtig werden mußte darauf, wie ich zu meinem Vater stand. Weil das ihn rasend machte, sprach er so häßlich. Aber damals sah ich nur Künstlerneid und niedrige Gesinnung darin und sagte ihm harte, trennende Worte, und er ging. Jung waren wir beide und trotzig. Jeder wartete. Wie's eben geht: es wurden Wochen. Und dann ... Wir reisten in dem Sommer nach Berlin. Baginsky warb ja um mich mit derselben Intensität, wie er meines Vaters Bilder propagierte. Mir war alles so einerlei geworden. Und mein Vater, dies große Kind in solchen Sachen, sah es gern. Und so wurde ich eine Frau Baginsky, und er, der andere, den ich liebte, ist darüber menschlich und künstlerisch zugrunde gegangen.« Sie verstummte und sah Toni sonderbar forschend an. »Tja, ja!« seufzte der schwer. Was hätte er auch sagen sollen? Langsam nickte sie vor sich hin. Dann, unvermittelt, fragte sie mit etwas erkünstelt wirkender Sachlichkeit: »Sie kennen Danielsson schon länger?« »Danielsson?!« rief der starke Mann. Fast wäre er aufgesprungen. Aber er bezwang sich. Sie neigte still den Kopf. »Er war es. Hatten Sie sich das nicht schon gedacht?« Nun glitt es ihm wie Schuppen von den Augen. Ein schönes Rindvieh, kein andrer Ausdruck fiel ihm dafür ein, war er gewesen! Geschieht dir aber recht! so spottete er sich selber aus. Na ja, is schließlich schnuppe! fügte er wegwerfend hinzu. Und für den Moment gelang es ihm wirklich, sich so etwas wie Ruhe vorzulügen. »Aber?« sagte er laut und hörte sich selber wie in weiter Ferne sprechen. »Sie sagten: menschlich und künstlerisch kaputt gegangen? Sagten Sie net so?« »Wie lange ist es schon, daß Sie ihn kennen?« fragte sie zurück. »Ja, hier auf Koster, diesen Sommer ...« »Dann, Gwinner, können Sie nicht wissen, wie er war.« »Aber ich meine doch: als Künstler ...?« wendete er ein. Sie lachte verächtlich auf. »Die Virtuosenstücke! Der edle Emailton! Leere Routine! Schlager für den Markt! Wenn einer das seit Jahren malt und gar nichts anderes will ... Und sehen Sie ihn selbst an! Diese Haltung! Und der Vollbart! Er war der schönste Mensch in seiner Jugend.« Der starke Mann zuckte die Achseln. »Tja, schöner wird man mit den Jahren net.« »Warum denn nicht? Natürlich: in guter Luft muß man leben! Er hat ja leider alles Gefühl dafür verloren, wenn er ganz ohne Scheu mit diesem Frauenzimmer ...« »Die Fröken Kajsa«, sagte Toni, »die schaun Sie doch am Ende falsch an.« »Ich bitt' Sie: ist sie seine bezahlte Mätresse oder nicht?« »Ja, ja, aber Sie täuschen sich: berechnend ist das Mädel wirklich net.« Annastina stieß einen höhnischen Lachlaut hervor. »Sie glauben also: wenn er nicht sehr viel Geld verdiente, dann würde sie ...? Sie männlicher Idealist!« Er zuckte stumm die Achseln. Bei sich aber dachte er: Und du? Du hättest freilich den Baginsky auch ohne Geld genommen! Nein, er war nicht mehr blind. Die kritische Ader schlug ihm heftig. Sie aber lenkte plötzlich um: »Mir war Danielsson einmal viel. Und da ich ihn durch einen Zufall in der Verfassung wiedersehe ...« Ein schöner Zufall! dachte Toni. Wo er im Sommer lebt, weißt du genau aus seinen Kosterbildern. »Nur wegen seiner Kunst, Gwinner! Nicht, daß Sie glauben ... Sie müssen mich verstehn!« »Ja, ich versteh' Sie schon«, bemerkte er mit trockener Skepsis. »Denn irgendwie«, fuhr sie, die Worte sorglich wägend, fort, »empfinde ich so etwas wie Schuld gegen ihn. Sehen Sie: daß ich den andern nicht aus Liebe nahm, das konnte er wohl wissen. Ja, mußte er denn nicht auf den Gedanken kommen, ich nahm ihn, weil er reicher war? Und wenn ich das tat, die er vorher so ansah, wie ... Ist es ein Wunder, daß dabei etwas in ihm entzwei gehen mußte? Und doch so ungerecht! Ich hätte damals den ersten besten, auch einen Bettler von der Straße, genommen. Aus Trotz, aus weiter nichts, bin ich Baginskys Frau geworden. Und Pelle Danielsson soll es endlich wissen!« »Und dann?« fragte Toni. »Er soll den Glauben wiederhaben!« rief sie. »An Sie?« »Nein, an das Gute! Bei seinen Gaben ...! Ich bin überzeugt, er zieht dann wieder einen ganz neuen Menschen an.« »Sie meinen, er kriegt mehr Talent davon?« erkundigte sich Toni spöttisch. »Ach, Gwinner, was nützt das Debattieren! Ich frage Sie auch nicht, ob ich es ihn wissen lassen soll; ich frag' Sie nur, wie man das macht.« »Macht?« Nun setzte er sich aber auf. »Ja«, murmelte sie, halb verloren. »Was tut man da? Denn sehn Sie: mit ihm sprechen kann ich nicht. Und schreiben? Wie soll er es denn vor der Person verheimlichen? Und sie, muß sie, bei ihrem Horizont, nicht meinen, ich wollte mich ihm wieder nähern? Ich wollte mich mit ihr in Konkurrenz begeben?« Es zuckte leis um Tonis Mundwinkel, als er nun fragte: »Und sind Sie vom Gegenteil denn selber wirklich so ganz fest überzeugt?« »Was soll das heißen, Gwinner! Sie könnten den Verdacht haben, ich erniedrige mich so weit, einem Manne nachzulaufen?!« »Hab' ich doch net gesagt.« Er zog die Worte durch die Zähne, verlegen unter ihren blitzenden Augen. »Daß es so aussehn könnte, ist eben das Gefährliche«, erklärte sie. »Nein, und so schwarz auf weiß ... Ich kann nicht. Zur Diplomatin bin ich mal verloren. Ich kann nicht an ihn schreiben. Und deshalb«, sie warf den Kopf empor, »müssen Sie es tun!« »Ich?!« Er prallte ordentlich zurück. »Nicht schreiben, Gwinner. Es ihm sagen, ihm richtig sagen, so wie Sie es wissen; daß er es nicht mißversteht. Sie können es!« Er zuckte unbeholfen die Achseln und war innerlich recht böse. Nun wußte er ja genau Bescheid! So? Dazu war er gut? Dazu die ganze Komödie! Nobel! »Ich fürchte, gnädige Frau«, entgegnete er ironisch, »Sie überschätzen mich doch, wenn Sie meinen, ich steckte Sie mit meinen diplomatischen Talenten in den Sack. Umgekehrt wird eher wohl ein Schuh draus.« »Ach, Gwinner!« Sie lächelte ihm mit einer leisen Wehmut zu, hinter der sich doch ein Quentchen Spitzbüberei verbarg. »Wir beide sind keine Diplomaten. Es ist auch nicht das, woran ich mich bei Ihnen wende.« »Ja, ja, ich weiß schon, was es ist.« »An Ihr Gefühl für mich!« sprach sie sanft weiter. »Das kann ich doch spüren: Sie bringen das nicht fertig! Sie liefern mich ihm nicht aus.« »Und darum is es besser ...« knurrte er wütend. Das fehlte gerade: zum Schaden noch den Spott! Nein, was zu viel war, war zu viel! Sie aber hatte sich von ihrem Sitz erhoben und schritt auf ihn zu. Er starrte ihr entgegen wie, nun, wie dem Schicksal. Und unentrinnbar wie das Schicksal stand sie vor ihm und legte ihre Hand auf seinen bloßen Kopf und strich leise über seine schwarzen Haare. »Toni Gwinner!« flüsterte sie beschwörend. »Toni Gwinner!« Er wand sich widerspenstig. Der Wille war in ihm, sie wegzustoßen. Doch aus den weißen, schlanken Fingern drang es in ihn ein gleich einem Strom von fremder Kraft, der seine Kräfte lähmte. Sie fühlte ihn sich untertan werden und nötigte ihn mit sanfter Gewalt, sie anzusehen. Ihre offnen Locken glitten schmeichelnd an seinen Wangen nieder, bauschten sich auf seinen Schultern und schienen ihm eine Schlinge um den Hals zu legen; und ihre roten, roten Lippen, durch die hervor die Zähne blinkten, brannten so nah über seinen Mund, daß er ganz eingehüllt war in ihren Atem, ihre Nüstern blähten sich zitternd, und ihre halbgeschlossenen Augen wurden tief und dunkel. Toni klopfte das Herz, als ob es ihm zum Hals herausspringen wolle; er wußte nichts mehr. »Willst du es tun?« Gehaucht nur klang die Frage. Dies: Du gab ihm den Rest. »Ja, alles, was du willst!« keuchte er. Und plötzlich warf er sich herum, seine Arme umschlangen ihre Knie, in einem Aufstöhnen preßte sich sein Kopf an ihre Hüfte. Aus ihren Augen, die jetzt irgendwo im Weiten weilten, brach kurz ein Strahl fast grausamen Triumphes, etwas vom schönen Raubtier kam in die Linie ihres Leibes. Doch als nun ihre Hand aufs neue still und gleichmäßig über seine Haare strich, sprach es wie Angst und Flehen aus diesem zögernden Rhythmus; und eben darum war wieder so viel Kraft darin und Bändigung. Toni kniete versteinert und erstarrt, als müsse der kleinste Ruck den Zauber brechen, mit dem er sie hielt. Er horchte gleichsam, atemlos. Und mählich, wie eine herabgebrannte Kerze ohnmächtig zuckend verlischt, erstarben in ihm Rausch und Hoffnung. Die Wirklichkeit war wieder da. Er ließ die Arme sinken. Schwerfällig erhob er sich dann und stand sehr hölzern da. Sie führte den Handrücken über ihre Stirn, als müsse sie sich wecken, und war sofort ganz wach. »Ach ja!« seufzte sie. »Ich danke Ihnen so von Herzen, Toni Gwinner! Sie wollen es wirklich für mich tun?« »Ich hab' es ja versprochen.« »Nein, aber: mit Freude sollen Sie es tun!« »Ja, ja, auch das.« »Für mich! Haben Sie mich denn nicht ein bißchen gern?« Nur einen dumpfen Laut stieß er hervor. »Nein!« bat sie. »Sie dürfen nicht traurig sein! Sie tun mir weh damit! Und wenn Sie heute auch ein wenig in mich verliebt zu sein glauben ...« »Merkt man das so deutlich?« scherzte er trübselig. »Toni Gwinner, Sie sollen auch nicht meinen, daß ich das nicht zu schätzen wüßte. Ich bin sehr stolz darauf.« »Das ist mir freilich das Wichtigste.« »Ach, sehn Sie: auch die Liebe ist nicht das Wichtigste im Leben. Sie haben Ihre Kunst.« »Ja, weiß schon.« »Verliebtheit ist Strohfeuer.« »Hm, tut sich manchmal doch, wie's scheint, trotzdem durch Jahre konservieren«, gab er beziehungsreich zurück. »Ach? Sie können wirklich glauben, ich sollte für Pelle, für Danielsson ... Nein, Sie sind komisch, Gwinner!« »Das find' ich selber schon lange.« »Ach was, dazu ist gar kein Grund! Und jetzt sind wir wieder vergnügt!« Sie legte ihm kameradschaftlich die Hände auf die Schultern und rüttelte ihn ermunternd. »So! So hab' ich Sie gern! Sehn Sie, Sie lachen! Das Sentimentale steht Ihnen nicht. Und nun, was ich noch sagen wollte ...« Damit begann sie, ihm ihre Weisungen für seine Aufgabe bei Danielsson zu geben, ausführlich und überlegt. Toni hörte ihr in dumpfen Staunen zu. Wenn da nicht diplomatische Talente lagen, wußte er nicht, wo er sonst welche hätte suchen sollen. Er nickte immer wieder, und das eintönige: Ja, ja, mit dem er ihr seine Aufmerksamkeit bezeugte, klang mürrisch, aber fügsam, ohne Widerstand. »Wann sprechen Sie mit ihm?« fragte sie schließlich. »Noch heute? Ich weiß, Sie machen es schon richtig. Und morgen komm', ich so wie heute, und Sie erzählen mir ...« »Ja, ja.« »Nicht dies Gesicht! Sie dürfen wirklich nicht glauben, er, Danielsson ... Ich komm' auch nicht nur deshalb. Und nicht nur morgen. Auch übermorgen. Und alle Tage. Ja! Denn diese Stunden sind mir selbst so lieb geworden. Und manchmal könnte ich beinah meinen, ich müßte mich zur Freundschaft zwingen.« »So, so? Sogar zur Freundschaft schon?« »Nein, nein, tun Sie nicht so! Denn Sie verstehen mich ganz gut. Ach ja, und nun auf Wiedersehn und Dank für heute! Daß Sie mir diesen Dienst erweisen, bringt Sie mir so nah!« »Wird gar so nah net sein!« brummte er melancholisch. »Sie Dummer! Warten Sie's doch ab!« Ein koketter Blick, in dem mancherlei Verheißungen liegen konnten, streifte ihn. »Jetzt ist es aber höchste Zeit. Denn sonst, wahrhaftig, red' ich noch lauter Unsinn, und Sie werden mir übermütig, Adieu, adieu«! Und silbern lachend, floh sie den Weg entlang, als werde sie von einer Gefahr gehetzt. Am nächsten Felsen hielt sie, wie nun schon üblich, noch einmal an, winkte zurück und rief sehr warm: »Sie guter Freund!« Und – täuschte ihn sein Gesicht? –, nein, im Verschwinden warf sie ihm eine Kußhand zu. Es riß ihn unwillkürlich, sie zu erwidern. Aber er ballte die Faust und ließ sie drunten. Jawohl! gut, aber dumm! höhnte er. Er könnte sich jetzt wohl auskennen, und trotzdem kroch er ihr immer noch prompt aus jeden Leim. Verliebter Esel, der er war! Saubere Verwandlung, das: von ihrem Amoroso zu ihrem Postillon d'amour . – In dieser Rolle mußt du dich täuschend machen! sprach er zu sich. Ausstopfen lassen solltest du dich so. Daß doch auch noch die Nachwelt dich bewundern kann! Aber die grimmigen Späße sollten ihm nur helfen, sich das Heulen vom Hals zu halten. – Nach einem Weilchen faßte Toni einen Entschluß und begann, um den sich selber zu beweisen, leise vor sich hinzupfeifen. Er hob das angefangene Bild von der Staffelei und stellte einen frischen Keilrahmen darauf, den er für alle Fälle bei sich hatte. Er mochte, was ihm die Tage vorher so gut gelungen war, in dieser Stimmung nicht verpatzen; und irgend etwas schaffen mußte er, schon Trautchens wegen. Trautchen, die gute Haut, die ahnungslose! Sie sollte auch nichts ahnen! So machte er denn einfach eine Viertelwendung und malte diese Seite der Aussicht, ohne erst lange zu wählen, gleichgültig anfangs und fast wie im Schlaf. Doch als die Sache im ganzen skizziert war, stutzte er. Quer über seine Leinwand zog sich der Felsbuckel, von dessen Höhe Annastina zuerst in seine engere Welt herabgestiegen war. Dort oben hatte sie gestanden und ihm gewinkt mit dieser wundervollen großen Geste, er sah es noch so deutlich, und es zuckte in seinen Fingern. Unwillkürlich mischte er sich die Farben, die er brauchte, faßte den Pinsel lang und warf in seiner entschlossensten Fechterhaltung das, was sein inneres Auge geparkt hielt, mit wenig Strichen in das Bild. Ausatmend trat er dann zurück. Das war geglückt, wie selten etwas glückt. Ohne ängstliches Haschen nach Ähnlichkeit in Einzelzügen hatte er sie getroffen, daß jeder sie kennen mußte beim ersten Blick an dieser verblüffend treu eingefangenen, nur ihr selber eigenen Bewegung. Er nickte stolz; doch schon im nächsten Moment begann er nachdenklich an seiner Unterlippe zu nagen. Das Gute dran, das eben war der Teufel! So durfte er Trautchen das Bild nicht zeigen. Das Figürliche hatte zu verschwinden! Und doch, es ging ihm wider die Natur, die schöne Annastina kurzerhand wegzuspachteln und einen langweiligen Himmel drüber hinzuschruppen. Von allem andern abgesehen, war ihm das Ding als Studie wertvoll. Wer sagte ihm denn, daß er es rein aus dem Gedächtnis noch einmal so hinbringen würde? Da kam ihm eine ganz ausgefallene Idee: er griff zum Pinsel und malte das kleine Weiblein zu einer hohen Feuerflamme um. Die menschliche Gestalt verschwand dahinter für jedes Auge, bloß für seines nicht; denn die Bewegung, wie sie von den Füßen durch den Körper bis in die hochgereckte Hand gelaufen war, die blieb. Und was die Farbe betraf: ein paar Tupfer Gelb und Grün und Blau und warmes Rot zwischen das goldige Rosa hineingesetzt, und fertig! Die Landschaft freilich mußte er anders stimmen, damit es wirkte. Er hatte es aber gut im Kopf, wie hier die Töne sich verwandelten im Halblicht der nordischen Sommernacht; es währte nicht lange, und in unbestimmte Dämmerung gekleidet lag der Felsen und das Land davor, und droben von dem Kamme loderte es magisch glühend, mit geisterhaftem Glanz, der keine Lichter warf, zum fahlen Grün des Firmamentes. Der Künstler prüfte sein Werk und war zufrieden. Und plötzlich schlängelte sich ein Lächeln um seinen Mund. Es fehlte noch etwas daran, wenn es ihm richtig zum ewigen Gedächtnis dienen sollte an diesen Tag, wo er sich so weidlich mit Ruhm bedeckt hatte: er selber fehlte noch darauf! Gedacht, getan: bald war im Vordergrund ein haariger Faun entstanden, der mit törichtem Gesicht nach oben starrte und dessen täppisch wilde Haltung zeigte: gleich würde der blöde Tropf sich in die Flamme stürzen, die doch nur als eine Ausgeburt seiner lebhaften Phantasie erschien. Die mythologische Verkleidung borgte sich der starke Mann einmal aus alter Gewohnheit, und weil er außerdem gewiß war, mit einem Bocksbart und Bocksbeinen nicht so leicht erkannt zu werden. Bloß für sich selber leistete er sich den Scherz, seinen schönen Namen Toni Gwinner wie eine erklärende Legende unter den Kerl zu setzen, als er das Bild zum Schluß signierte. Denn es war fertig, und er würde sicher nichts mehr daran bessern können. Wie er die Hände sinken ließ, bemerkte er plötzlich, daß seine Stimmung gegen Annastina viel weicher geworden war. Er hatte sich von seinem Schmerz ein wenig losgemalt und sah das alles schon auf Abstand. Und damit ist dem Menschen die schöne Gebärde auch nicht mehr fern. Tonis unglückliche Liebe drapierte sich mit dem Theatermantel der Entsagung. Ja, er wollte mannhaft sein Bestes tun, um Annastina mit ihrem Pelle zu vereinen. Und schlüge die Ehe dann vielleicht nicht gut aus, so würde sie wohl manchmal noch mit Wehmut an ihn denken. Nicht, daß er es ihr wünschte, nein, beileibe! Aber ganz unrecht geschähe ihr das nicht: sie hatte ihn schon bös an der Nase herumgeführt! Aber schließlich: der Danielsson war ihre Jugendliebe. Und hätte er diesen Vorsprung nicht gehabt, wer weiß! Na ja, was half das! Man mußte sich halt mit dem Bewußtsein trösten, zwei Menschen glücklich zu machen; nein, drei: Trautchen doch auch! Das ist einmal der Lauf der Welt: des einen Freude ist des andern Leid. Und die Rolle der betrübten Lohgerber fiel hier eben ihm und Fröken Kajsa zu. Nun, sie war ja tüchtig und vernünftig und kam wohl drüber weg. Daß sie von einer Nebenbuhlerin wie Annastina glatt ausgestochen wurde, konnte sie nicht wundern. Das ließ sich wirklich eher noch begreifen, als daß er, Toni, diesem Schweden mit seinem gelben Vollbart weichen mußte. Aber auch er ... Ein rechter Kerl stirbt nicht an gebrochenem Herzen! Komisch: nun waren seine Träume immer auf das Erlebnis ausgewesen. Jetzt hatte er sein Erlebnis! Eine verdammt spöttische Bestie schon, das sogenannte Schicksal! Kopf hoch! Auch daraus etwas machen! Und wenn die Sache weiter solche Früchte trug, wie die da vor ihm aus der Staffelei ... »Nun? Vati?« klang es hinter ihm. Diesmal hatte er Trautchen wirklich nicht kommen hören, und trotzdem erschrak er nicht ein bißchen; er hatte heute ein so ungeheures gutes Gewissen. »Was ist denn das?« Sie deutete mit lächelndem Staunen auf die Leinwand. »Und so was malst du hier im hellen Sonnenschein nach der Natur?« »Kann's ja, so gut wie später, auch gleich übersetzen«, gab er zur Antwort. »Da hat man statt der Studie schon das Bild«. »Ja, und wie heißt es?« fragte sie, ohne den Blick davon zu wenden. »Hm, nun: das Irrlicht«, so taufte seine Geistesgegenwart das Werk. Sie klatschte in die Hände. »Famos! Nein, weißt du, Vati, daß das wirklich gut ist? Und trotz des kleinen Formats, dafür darf Sauerländer zahlen! Wie du die Flamme hingebracht hast: in der Farbe so effektvoll! Und es ist doch wahrhaftig ein Schwung darin, als ob sie winkt und lockt. Und er, der Faun, man sieht ihn schon förmlich rennen. Wie herrlich dumm er glotzt!« »Net wahr, saudumm!« sagte Toni; doch in seinem Blick lag etwas, als ob er sie verstohlen um Mitgefühl und Tröstung bitten wolle: sie, die gewiß kein Irrlicht war, sondern seine alte, manchmal ein bißchen blakende, doch treue und gemütliche Petroleumlampe. Und nein: sie hatte heute so etwas Rührendes für ihn; vielleicht, weil er sich selber rührend vorkam. Einem Impulse folgend, legte er seinen Arm um ihre Schultern. »Ja, Schnucksibucksi!« murmelte er verloren. Sie schaute zärtlich zu ihm hinauf, so richtig mit ihm einverstanden. Und hatte sie denn keinen Grund dazu, mit solchem Mann! Er war ihr treu geblieben. Sehr gegen seinen Willen wohl im Grunde, aber, er konnte sich nicht helfen, er fand es schön von sich. Achtzehntes Kapitel. Ein Ausflug ins Diplomatische Einen andern Menschen aus edlem Herzen heraus selbstlos zu beglücken, ist nicht immer ganz so einfach, wie das auf den ersten Blick erscheinen könnte. Auch dazu gehören nämlich zwei. Bei dem gewohnten Spaziergang vor dem Abendessen schob heute der starke Mann seinen Arm in den Danielssons und schlug einen Schritt an, der bald sine schöne Entfernung zwischen sie und die übrige Gesellschaft legte. »Sie ßpringen ja so hastig?« sagte der Schwede zuletzt ein wenig atemlos. Toni schaute sich prüfend um. »Ja, gehn mir langsamer!« Er mäßigte das Tempo. »Es war nur, weil ... Ich soll Ihnen etwas unter vier Augen ausrichten. Von wem, das werden Sie kaum raten«. »Was will mich also Frau Nordlind mitteilen?« erkundigte sich Danielsson. Diese Sicherheit verblüffte den starken Mann nicht schlecht. Die feine Einleitung, die er sich zurechtgetüftelt hatte, fiel ins Wasser. Recht überstürzt brachte er nun seine Botschaft vor. Der Schwede vernahm es offenbar mit Fassung, daß nur ihr Trotz der Stifter von Annastinas Ehe gewesen sei. Und als der andre fertig war, fragte er sachlich: »Ja, warum glaubte Frau Nordlind, daß mir das interesseeren sollte? Denn ich verlobe mir in Prinzip nie zweimal mit eine Dame«. »Ach, aber daran denkt sie gar net!« widersprach Toni. »Sie hat mir eigens noch betont ...« »Daß sie mir nur – was heißt es? – retten will for die heilige Kunst?« »Ja, aber?« Der starke Mann machte große Augen. »Nun vielleicht, Gwinner, daß Sie nicht die erste Friedenstaube sind.« »Wie?! Nein?! Sie hat schon früher ...?« »Das nicht. Direkt zu mir hingeschickt sind Sie der erste. Aber sie hat oft solche Wörter fallen gelassen bei allerhand gemeinsame Bekannte. Und weil ich nicht gut hörete, so zieht sie nun das Zirkel enger. Das habe ich gleich vermutet, da ich sie hierkommen sah.« »No, Danielsson, das is für Sie doch höchstens schmeichelhaft?« »So, ist es das? Und denken Sie, daß sie mir dann auch zu retten Lust hatte, wann ich es in Wirklichkeit notwendig bedurfte? Stellen Sie sich ihr in die Situaschon vor, daß ich ein unbekannte arme Teufel geblieben sein sollte! Oder er, Baginsky, sollte es damals gewesen sein! Oh, ich weiß: die romantischste Motiven veranlaßten Frau Annastina, dem Mann zu heiraten; und es spielte keine Rolle, daß er die großen Gelder hatte, und daß der alte Bengt ihm auch sonst gut gebrauchen konnte. Ich bin sogar voll überzeugt: sie glaubt das ehrlich, und es ist nur mein Fehl, wann ich es leider nicht glauben kann; ein ordinäre Realist, wie ich«. Toni vernahm dies wenig liebevolle Urteil mit zwiespältigen Empfindungen. »Also? Was soll ich ihr nun antworten?« fragte er nach einem kurzen Schweigen. »Ja, war es, daß sie mir etwas fragen ließ?« Der Schwede lächelte fein. »Nein, eigentlich ... Ich sollte Ihnen einfach sagen ...« »Nun ja, das haben Sie gemacht; und ich hab' es gehört«. »Aber?« stammelte der starke Mann betreten. »Sie glauben, Gwinner, daß Frau Nordlind, zu Trotz von ihre heftige Protesten gegen das, doch vielleicht auf etwas andres ßpekuleerte? Und Ihnen erscheint die Situaschon nicht sehr gemütlich, sie au sihrem Irrtum zu nehmen? Ja aber, was soll ich tun? Denn, sehen Sie, zwei Frauen zu heiraten, das kann in die Türkie gehen, aber in Schweden ist es kriminell«. »Zwei Frauen? Ich versteh' Sie net«. »Jawohl, ich reise übermorgen und ...« »Sie reisen?« »Nach Stockholm. Und, Gwianer, unter Diskreschon for's erste: ich soll dort Hochzeit seiren mit Fröken Kajsa«. »Was?! So auf einmal?« »Oh, das ist schon ein altes Plan. Und nur, daß es in den Moment realiseert wird, daran kann möglicheweise Frau Nordlind schuldig sein. So, Gwinner, nun wissen Sie die große Heimlichkeit, als erster; denn auch Kajsa weiß es noch nicht. Und, ehrlich zu sprechen: daß ich es mit ihr besser haben soll als mit der anderen – können Sie zweiflen?« Toni neigte höflich den Kopf und murmelte etwas vag Zustimmendes. Doch mochte seine Miene unbewußt verraten, daß er den Geschmack Danielssons einfach nicht begriff; denn dieser redete lebhaft weiter, als müsse er ihn überzeugen. Er stellte die beiden Frauen nebeneinander, wobei denn freilich Annastina schlecht bei ihm abschnitt. Und alles, was er ihr vorwarf, führte er auf die Erbkrankheit der berühmten Familie zurück, an der schon Vater Bengt gelitten hätte: ganz grenzenlose Selbstüberschätzung. Sehr herzlich hingegen wurde er, sobald er auf Kajsa kam. Ihr billigte er alle Vorzüge zu, die er Der andern absprach. Das einzige, worin ihr Annastina wohl überlegen wäre, könnte die Kunst sein, sich herzurichten und äußerlich zu glänzen. Doch sich dadurch blenden zu lassen, sei er heute schon einfach nicht mehr jung genug. In seinen Jahren fände man in bengalischer Beleuchtung nicht mehr Ersatz für richtige, gute Wärme. Philister! dachte Toni. Vor Sehnsucht nach Schlafrock und Pantoffeln wirst du gleich gefühlvoll. Ja ja, bequemer glaubst es halt zu treffen mit deiner stummen Null. Na, wart's nur ab! Es können auch bei ihr, wenn sie den großen Zweck einmal erreicht hat, die Krallen zum Borschein kommen. Laut aber sagte er: »Na jedenfalls: herzlichsten Glückwunsch! Es braucht ja keine Redensarten. Sie wissen, wie's gemeint is«. Danielsons bedankte sich und schüttelte die ihm bieder hingestreckte Hand. Auf dem Rückweg nach dem Hotel verhielten sich die beiden schweigsam. Der neubackne Bräutigam mochte von seinen künftigen Flitterwochen träumen; der alte Eheknüppel hingegen hatte es faustdick hinter den Ohren und wälzte emsig Gedanken, die mit Altar und Standesamt nur eine lockre, man darf wohl sagen, negative Verknüpfung hatten. Recht taktvoll schonend selbstverständlich müßte er Annastina die Sache beibringen, doch auch nicht gar zu weich in Watte eingewickelt. Denn war es nicht der Trotz gewesen, der sie Baginsky in die Arme getrieben hatte? Na also! Sollte sie diesmal wieder Lust verspüren, solch eine echte Weiberrache an Pelle Danielsson zu nehmen: hier stand der Mann, der ihr sehr gern als Werkzeug ihres Grimmes diente. Oh, ein Vergnügen machte er sich daraus! Zu einer Heirat auszuarten brauchte das deshalb nicht. Man muß ja nicht von allem zweimal haben. So phantasierte einer ganz frisch und frech. Dabei war ihm im Grunde aber gar nicht so furchtbar wohl zumute bei dem Gedanken an sein nächstes Rendezvous.   Die bängliche Unruhe, die Toni bis zum Wiedersehen mit Annastina ausstehen mußte, erwies sich leider als nur zu prophetisch. Wieviel er ihr überhaupt sagen wolle, und wie zart oder kräftig, darnach wurde er nicht gefragt. Sie verstand es sehr geschickt, ihm alles zu entlocken, was er wußte, selbst Danielssons liebloses Urteil über sie und ihre berühmte Familie, den großen Vater an der Spitze. Zuletzt rumpelte dem Ärmsten gar unversehens der Reise- und Heiratsplan des Schweden heraus, trotzdem ihm der doch eigentlich nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut war. Und wie nahm sie das auf? Oh, mit bewundernswürdiger Gleichgültigkeit! Was scherte sie dieser Mensch, der, wie er heute nun einmal geworden war, sie ja nicht anders als aus seiner Perspektive beurteilen konnte! Sie hatte nichts von ihm gewollt und lächelte über ihn. Es war doch nur ihre überfeinerte Gewissenhaftigkeit gewesen, was sie bewog, den Versuch zu unternehmen, ob er sich nicht aufrütteln ließe und vielleicht noch zu seinem besseren Selbst heimfände. Nun aber hatte sie ihre Pflicht, und mehr als das, getan. Sie brauchte nicht mehr daran zu denken. Und sie war froh darum. Sehr überzeugend froh sah sie nun zwar nicht aus. Nicht zum erstenmal stellte Toni fest, daß sie zuzeiten beinah häßlich werden konnte. Ihr Reiz lag in der Bewegung; dies Steinerne in ihrem Gesicht, wobei das Kinn so hart gemeißelt vortrat, stand ihr nicht. Merkwürdig starr war ihr Blick, merkwürdig starr ihre Miene. Nur dicht vor ihren Ohren, dort wo das Kiefergelenk sitzt, arbeitete es leise zwar, doch heftig unter der Haut. Wer daraus aber hätte schließen wollen, es verberge sich hinter ihrer steinernen Ruhe ein Zorn gegen Danielsson, der wäre auf dem Holzwege gewesen. Wohl zeigte es sich plötzlich, daß sie in der Tat böse war, sogar sehr böse, jedoch nicht etwa ihrem ungetreuen Bräutigam von einst, sondern ihrem getreuen und diensteifrigen Professor Toni Gwinner. Hei, was für ein Hagelwetter von scharfen Anklagen über sein erschrockenes Haupt herniederbrauste! Mein Gott, was hatte er verbrochen? Na, wenn er das nicht selber einsah! Daß jene Person den tapferen Pelle zum Mann bekam, war ihr natürlich einerlei. Zumal, da sie noch heute abreiste und dem Pärchen nie wieder begegnen würde. Nein, keinen Widerspruch: sie reiste, noch in dieser Stunde! Was er denn von ihr dächte? Sie müßte ja in den Boden sinken unter dem Blick der beiden, die doch nicht anders könnten, als sich einbilden, sie hätte ihn, diesen Menschen, seiner sogenannten Braut abspenstig machen wollen. Sie! Ihn! Ihr! Warum es ihnen sonst wohl so eilig mit der Hochzeit wäre? Und da läge Tonis Schuld; das, und nichts andres, nehme sie ihm übel. Er hätte es nicht vermocht, Danielsson von dieser sie erniedrigenden Meinung abzubringen, weil er selbst im Grunde diese Meinung eben teile. Jawohl: trotz allen seinen schönen Worten, und trotzdem sie ihm, mit wahrhaft blindem Vertrauen, so viel von ihrem innern Menschen gezeigt hätte, wie wohl noch keinem Mann, sei ihm auch nicht ein Schimmer von ihrem Wesen aufgegangen, sei sie in seinen Augen nur eine Frau gleich andern Frauen. Und dies schien sie nun freilich für eine schwere Beleidigung zu halten. »Das is ja net der Fall!« versicherte er eifrig. »Aber wenn dieser Danielsson nun mal ... Was hätt' es denn für einen Zweck gehabt? Hätt' ich mich mit ihm lange streiten sollen?« »Ach, bitte, bitte!« sagte sie verachtungsvoll und bitter. »Sie sind eben eine friedfertige Natur.« »Gnä Frau, ganz ehrlich: war das in diesem Fall net das Vernünftigste?« »Vernünftig? Ja, mag sein. Vernünftig! Danielsson hat mir ja nur die häßlichsten Motive untergeschoben für meine Ehe, er hat, was schwerer wiegt, das Andenken meines Vaters verunglimpft! Nun, Gwinner, ja, Sie sind vernünftig. Das muß man Ihnen lassen. Obgleich, wenn ich mir denke, ich sollte ein Mann sein, und es spräche einer so zu mir von einer Frau, die mir wert ist ... Oder haben Sie nicht noch gestern wenigstens so getan?« »Nur so getan, Annastina?« rief er feurig und mit sanftem Vorwurf in der Stimme. »Nein, das ist ungerecht! In meinem ganzen Leben hat noch keine Frau ...!« Hier aber, da er endlich das Boot der Unterhaltung durch die gefährlichsten Klippen aufs offene Meer gelenkt zu haben glaubte und grad so recht im Zug war, erstarb das Wort in seinem Munde. Sie machte nämlich eine böse und gebieterische kleine Handbewegung, als warne sie ihn hastig, nicht zu weit zu gehen; und ihr Gesicht gefror in einem Ausdruck solchen Hochmutes, daß er verblüfft zurückfuhr. Himmel, welch ein Fauxpas war's denn schon wieder, durch den er sie beleidigt hatte? Ein wenig anstrengend war der Verkehr mit ihr doch ohne Frage. Nein, oder galt das gar nicht ihm? Ihr Blick ging schräg an ihm vorüber und haftete dort hinten auf irgend etwas. Ja, was mochte das denn sein? Und kaum gedacht, da konnte er schon hören, was sie sah. Ein fast asthmatisches Schnaufen ließ ihn jäh erbleichen. Er fuhr herum. Oh, seine Ahnung! Trautchen! Erhitzt, in zügigem Sturmschritt fegte sie daher und trampste so gewaltig auf, daß nicht nur ihre Fülle bebte; ihm wenigstens war es, als ob auch die Erde bebe. – Verflucht, die ging mir grade ab! konnte er noch denken, bevor ihm ein wohltätiger Nebel für zwei Sekunden die Klarheit des Bewußtseins umschleierte. Da ihn dann ein schmetterndes »Aha!« daraus emporriß, stand seine zornentbrannte Gattin bereits in ganzer Breite zwischen ihm und, na ja, der andern. Es war natürlich Trautchens Stimme gewesen, die ihn so erweckte. »Guten Tag«, gab Annastina merkwürdig gelassen zur Antwort, doch schloß ihr Toni eine Reprimande ein. Wenn Blicke töten könnten, so hätte Toni jetzt wahrscheinlich zwei weibliche Leichen sich zu Füßen sinken sehen; an mörderischer Wucht gaben die eiskalten grünen Augen den wutsprühenden blauen nichts nach. So aber zeigten die beiden Damen bald, daß sie noch recht lebendig waren. »Ich muß mir das verbitten!« fauchte Trautchen. »Sprechen Sie eigentlich mit mir?« erkundigte sich die andre hoheitsvoll. »Was dachten Sie denn?« »Nun, Ihrem Herrn Gemahl scheint dieser Ton kaum aufzufallen. Sie irren sich in der Adresse, meine Beste.« »Großartig auch noch!« brach es aus der empörten Ehefrau hervor. »Erst stellt sie meinem Manne nach!« »Du lieber Gott, Sie sind wohl eifersüchtig?« »Und hab' auch allen Grund!« »Mag gerne sein! dann suchen Sie den Grund aber doch, bitte, in sich, und nicht in mir! Nachstellen ist ja köstlich! Ich hab' bisher zwar oft erlebt, daß mir die Männer nachgelaufen sind ...« Toni wand seinen Hals im Kragen. Das brauchte sie nun nicht grad' daherzubringen, fand er. Das zog ihm unverdient die schönsten Widerwärtigkeiten zu. »Die Männer!« sagte seine Gattin mit Verachtung. »Die laufen jeder nach, die sie dazu aufreizt.« »Kommt ganz drauf an, wodurch man die Männer reizt«, entgegnete Annastina und blickte selbstgefällig an sich nieder. »Mir ist noch keiner nachgelaufen«, rief die Gegnerin ein wenig unbedacht. »Ach was? Nicht einmal Ihr Mann?« Trautchen verschlug's die Rede; und dies erschien Toni als der gegebene Moment, sich ins Mittel zu legen. »Ich bitt Sie, gnä' Frau«, begann er mehr kläglich als imposant. Da hatte seine Frau mit eins die Sprache wieder: »Sei du doch ruhig! Misch dich nicht herein!« Und er – was sollte er auch tun! –, er fügte sich achselzuckend. »Ich würde strammstehn, Gwinner«, höhnte Annastina. »Das wär' noch deutscher!« »Sie, Sie, Sie Schwedin!« so sprang Trautchen bereitwillig mit auf das politische Gebiet hinüber. »Wenn er ein Schwede wäre!« gab die andere zurück. »Ja, Gwinner, dann wären Sie vielleicht Mann und Kavalier genug, um mich zu schützen vor dieser Furie!« »Das geht zu weit, gnä' Frau!« protestierte Toni, doch war sein Ton viel eher der der Bitte. Derweil machte seine Frau Anstalten, als wollte sie der Feindin mit den zehn Fingern in die Haare fahren. »Ich zeig' Ihnen die Furie schon!« keuchte sie. »Danke, ist ja wohl nicht mehr nötig«, hatte Annastina die Kraft zu sagen, während sie erblassend einen Schritt zurückwich. »Nein, so was!« Trautchen staunte entrüstet gegen das Firmament. »Das ist das Höchste! Beschützen soll er sie! Vor mir!« »Ich schütze mich schon selbst!« erwiderte die Schwedin; ihr zitterten die Lippen, doch sprach sie eisig von oben herab. »Zum Kampf mit Ihnen fehlen mir die Waffen. Und auch die Lust. So überlass' ich Sie denn ganz dem ungestörten deutschen Familienleben. Und Ihren tapfern Gemahl möge der liebe Gott beschützen! Der Schutz der Schwachen ist ja sein Beruf. Adieu!« Eine kurze Wendung auf dem Absatz, dann räumte sie das Feld, lang ausschreitend, als läge ihr nicht viel daran, erst noch groß Antwort zu bekommen. Toni schielte ihr zaghaft nach. Nein, dieser Hüftenschwung, mit dem sie ihre Verachtung so plastisch zu bekunden wußte! Hol' es der Kuckuck: sie ging verdammt schön; das konnte ihr auch nicht der Zorn bestreiten. Sein Malerauge eben, und überhaupt! Gar keine Frage, daß sie sich wenig nett gegen ihn benommen, ihm ohne Rücksicht und ohne jeden Sinn eine ganz üble Suppe eingebrockt hatte. Aber was half das alles! Blieb es nicht trotzdem sein Mittsommertraum, der da mit ihr um jenen Fels bog und verschwand? Für immer! Pfüet di Gott! Ach ja ... Inzwischen hatte Trautchen das rechte Wort gesucht, und jetzt war es entdeckt. »Dies Luder!« zischte sie. »Und du!« rief sie dann mit funkelnden Augen. »Du ...« Nein, für ihn war ihr kein Name hart genug. Mit einem Ruck drehte auch sie sich um und stürzte nach der andern Seite davon. Ei, ei, die Siegerin ergriff die Flucht? Wie unlogisch oft Frauen handeln! Und wie genau sie meistens wissen, warum sie's tun! Der starke Mann stand erst verblüfft. Er schaute dahin, wo Annastina, dorthin, wo Trautchen entschwunden war, zwei-, dreimal drehte sich sein Kopf unschlüssig, dann ließ er alles stehen und liegen und hastete mit Riesenschritten hinter der legitimen Gattin her.   Es war kein weiter Weg, den Toni zurückzulegen hatte. Fast erschreckend schnell, bevor er seine Gedanken auch nur ganz oberflächlich ordnen konnte, schon, als er um den Granitrücken in das nächste grüne Tälchen einbog, prallte er fast gegen seine Frau. Sie hatte sich auf einen Felsblock sinken lassen und die Hände vors Gesicht geschlagen; ein wildes, trocknes Schluchzen rüttelte ihre Schultern. Er sah sofort, daß dies nicht jene gut bewährte Methode war, ihn durch ihr Leiden zu entwaffnen, dies nahm sie ernst, dies ging ihr tiefer. Mit schiefgestelltem Kopf besann er sich. Dann trat er auf den Zehenspitzen, unter sonderbar ängstlicher Vermeidung jedes Geräusches, hinter sie, schmiegte die Finger sanft um ihre Arme und sagte, zärtlich und verlegen: »Geh, Schnucksibucksi, sei net dumm!« Durch einen heftigen Ruck des Oberkörpers befreite sie sich von der verhaßten Berührung. »Laß mich in Ruh'! Lauf du nur ihr nach!« rief sie. Und beinah wimmernd kam es dann hervor: »Ich bin so unglücklich!« »Du lieber Gott, was hast denn, Schnucksi? Das is doch wirklich blöd'!« »Nein, nein! Du brauchst gar nichts zu reden! Ich will nicht! Geh!« Statt dessen ließ er sich auf den gleichen Buckel nieder, auf dem sie saß, vorsichtigerweise freilich ganz am andern Ende. »Schnucksi, nimm doch Vernunft an!« bat er. »Du hast sie selbst gehört. Kannst du denn glauben, die is verliebt in mich?« »Aber du in sie!« schluchzte sie herzbrechend. »Ach Quatsch!« erwiderte er tröstend. »Denkst du im Ernst, die wollte was von mir?« »O nein«, gab sie ein wenig höhnisch zurück. »Das bildest du dir höchstens ein. Und das ist ja so würdelos. Sie? Sie kokettiert mit dir bloß aus Gewohnheit, und weil kein andrer da ist. Nein, du bist nicht der Mann, der diese Sorte reizen könnte. Wenn sie dich so weit hat, lacht sie recht über dich verliebten Esel!« Den letzten Satz warf Trautchen ihrem Toni fast triumphierend ins Gesicht. Daß er von Annastina nicht ernst genommen wurde, das gönnte sie ihm wohl. Ein bißchen Trost beinah schien ihr hierin zu liegen. Wenigstens sanken ihre Hände in den Schoß, sie richtete den Kopf schon mutiger empor und verkündete zum Beschluß die allgemeine Weisheit: »Gott, seid ihr Männer dumm!« Toni, der sich doch sonst nicht eben gern für einen Trottel anschau'n ließ, nahm heute dieses harte Wort nicht übel. Er hatte einfach keine Zeit dazu. Die kleine Ruhepause deuchte ihn gerade der richtige Moment, den Trumpf auszuspielen, den er schon pfiffig zwischen den gespitzten Fingern hielt. »Du bist als Frau so klug und weißt das meiste«, begann er leicht ironisch. »Weißt du zum Beispiel auch, daß diese Donna Nordlind einmal mit Danielsson verlobt war?« Nun machte aber Trautchen Augen. Und ihr gescheiter Mann erkannte, daß er den Faden hielt, der aus dem bösen Labyrinth ins Freie führte. Jetzt frisch drauflos und keine falsche Scheu mehr vor den Nesseln, die unterwegs noch wuchsen und ihre Wurzeln in seinem sogenannten kränklichen Gewissen hatten! Der Skrupelkram war halt ein Luxus, den er sich hier nicht leisten konnte. Und schließlich war ihm sein Hemd wohl näher als die Röcke, in denen Annastina sich so schön bewegte. Sie reiste zudem ab und tat sich leicht, Trautchen blieb da und stand auf ihrem Recht. So erzählte er denn mit edler Unschuldsmiene. Und was erzählte er? Die volle Wahrheit. Denn was er vorsichtigerweise doch verschwieg, hielt er im Augenblick ganz ehrlich für wesenlose Nebendinge. Unter dem Sprechen war ihm auf einmal eines klargeworden und wurde ihm bei jedem Worte klarer: alle Nettigkeiten der Schwedin gegen ihn waren nur bestimmt gewesen, ihn sanft für ihre eigensüchtigen Zwecke einzuwickeln; er hatte in der ganzen Sache bloß recht naiv den geschlenkten Europäer gespielt. Und daß er von dieser wenig ehrenvollen Rolle gerade seiner Frau des langen und des breiten Kunde gebe, konnte ihm kein Mensch zumuten. Trautchen lauschte ihm schweigend. Und wie sie lauschte! Das befeuerte ordentlich seine Rednergabe. Sie zitterte für ihre Freundin Kajsa, da sie von dem schnöden Anschlag auf deren Glück vernahm. Und daß ihr eigner Mann so, nun, sie wollte annehmen, bloß so gedankenlos gewesen war, sich bei diesem Plan als Vermittler mißbrauchen zu lassen, dafür hätte sie ihm sicher bös den Kopf gewaschen, wenn sie nicht viel zu neugierig gewesen wäre, um ihn auch nur mit einer Silbe zu unterbrechen. Im weiteren dann vergaß sie jeden Vorwurf. Wie Danielsson den Zudringlichkeiten der intriganten Person begegnet war, wie er ihr durch Toni ganz kalt den runden, glatten Korb hatte überreichen lassen, wie ihn gerade dies in dem Entschluß bestärkte, die andere zu heiraten, oh, das tat wohl, das goß in Trautchens Busen heilenden Balsam süßer Schadenfreude. »Und war sie denn recht wütend?« fragte sie verzückt. »Na!« bestätigte er mit einem halben Lachen. »Das hast du eigentlich wohl spannen können.« So viel war klar: er hatte seiner Frau durch diese Indiskretionen ein höchst willkommenes Geschenk gemacht. Und jeder gute Mensch, der fühlt, daß seine Gaben Dankbarkeit erwecken, gerät ja leicht in einen Taumel des Verschenkens. Der starke Mann tat nun ein übriges: er fügte angenehm zu hörende Einzelheiten hinzu. Urteile wuchsen draus hervor, die Annastina unsanft trafen. Was er mit ihr erlebt hatte, stimmte plötzlich alles so gut zu Danielssons gestrigem Urteil. So wiederholte Toni, rein der Bequemlichkeit halber, ziemlich genau des Schweden Worte. Und Trautchen bekam immer hellere Augen. Verliebtheit macht die Männer blind, das war ein alter, weiser Spruch. Er aber, nein, wie er diese Person durchschaute! Nein, die konnte ihm auch nicht die Spur gefallen. Und dieser Gedanke scheuchte die letzten Schatten von Sorge aus Trautchens Seele. Da schlich sich nun eine gute Wärme zwischen die beiden ein; herzlicher wurde mählich der Unterton der Worte. Ob er, ob sie vom Platze rückte, weiß der liebe Gott, aber auf einmal saßen sie dicht nebeneinander; es währte gar nicht lange, und Toni schlug seinen Arm um ihre Schultern und sagte zärtlich neckend: »O je, und Schnucksibucks war eifersüchtig!« Sie warf einen lächelnden Seitenblick zu ihm hinüber, ganz flüchtig nur; dann senkte sie den Kopf. »Ja«, hauchte sie und sah dabei so mädchenhaft beschämt aus, daß ihr Gesicht um zwanzig Jahre jünger wurde. Teufel, sie konnte doch auch heute noch hübsch sein! »Geh, geh!« Er rüttelte sie aufmunternd ein bißchen. Ein befreiter Seufzer zitterte durch ihre Lippen. Heiß spürte sie einen Hauch von Feuchtigkeit hinter den Lidern. Nach all der Angst durchdrang sie nun die Freude. Und in ihr regte sich ein Ahnen, als könnte doch noch etwas werden aus der Verjüngung ihrer Ehe hier auf Koster. Toni aber sagte vergnügt: »Das kenn' ich ja an dir noch gar net: Eifersucht! Da fühl' ich mich ganz kolossal geschmeichelt.« »Das darfst du aber auch!« gab sie zur Antwort und schob die Unterlippe drollig schmollend vor. »Eigentlich sollt' ich dir's gar nicht zeigen, daß ich noch so verliebt bin in dich.« »Warum?« lachte er keck. »Zeig es nur ruhig! Damit beweist du höchstens einen ausgezeichneten Geschmack. Und sonst hab keine Sorge! Die g'fährliche Sirene reist heut noch ab, und ich bleib' hier.« »Das kann sie leicht behaupten!« wendete Trautchen mißtrauisch ein. »Nein, glaub' mir nur: sie reist. Die geniert sich jetzt viel zu viel. Sie war auch viel zu fuchtig. Und wenn sie sich hier sogar eine Villa bauen würde, du alter, dummer Schnucks, darum brauchst mir auf ein zweites Mal noch lang' net wie ein Indianer nachzuschleichen.« »Ach, doch nicht deshalb!« wehrte sie lebhaft ab. »Ich bin ja ...« Sie stockte, sprang unvermittelt auf und schlug sich vor die Stirn. »Herrgott, das hab' ich drüber ganz vergessen!« »Nämlich?« fragte er ruhig und erhob sich langsamer. »Ja, Toni, ich kam doch, weil ... Nein, daß ich das total vergessen konnte!« »Na, wenn's dir inzwischen wieder eingefallen is, so darf ich vielleicht das große Geheimnis auch erfahren«, entgegnete er mit leisem Spott. Er glaubte nicht recht an ihre anderen wichtigen Gründe. »Das Telegramm«, rief sie wie abwesend. »Für mich ein Telegramm? No ja: wahrscheinlich Sauerländer.« »Nein, nein, von Minchen. Lies!« Sie reichte ihm ein zusammengefaltetes Papier, das sie gedankenlos die ganze Zeit fest in der linken Faust gehalten hatte. Er griff danach. »Jessas, sie hat sich doch net am End' verlobt? Das wär ein harter Schlag für ihren Bräutigam.« »Ach, Toni, nein: das Michele!« »Was is denn los?« stieß er hervor. Denn wenn es um den Buben ging, griff das ihm gleich ans Herz. Seine Hände zitterten und stellten sich recht ungeschickt beim Öffnen der Depesche. »So red' doch!« bat er nervös. Aber da konnte er's schon selber lesen. Und halblaut sprach er dabei die Worte mit: »Michel heute 39,5 Grad. Minna.« »Was denkst du davon?« fragte Trautchen. Er schlug heftig mit dem Handrücken auf das Blatt. »Das is doch ein saudummes Frauenzimmer! Ja: Sachsen, ich sag's ja! Sie spart die Worte und bildet sich was ein, wie eegonom'sch sie is. ›Michel heute 39,5 Grad.‹ Hast du schon so was erlebt!« »39,5 Fieber«, erläuterte sie betrübt. »Ja, daß sie keine Kältegrade meint, hab' ich mir auch gedacht«, höhnte er grimmig. »Und weiter weiß sie nix! No ja: sie spart wahrscheinlich den Doktor auch.« »Ach, Vati, es ist vielleicht ein Brief verloren.« »Woher denn! Briefe gehen net verloren! Aber das is die Dande Minchen, wie sie im Buche steht!« Trautchen seufzte gepreßt. »Was meinst du, was der Junge hat?« »Kann ich das schmecken?« knurrte er grob. »Du, Toni, wenn es nur nichts Schlimmes ist! Ich weiß nicht: ich hab' so ein Gefühl. Und wie er damals, als wir reisten, auf dem Bahnhof ...« »Gefühle hat sie! Geh, hör auf und tu um Gottes willen net gleich unken!« rief er ungeduldig. Er fürchtete wohl von ihren Ängsten angesteckt zu werden und sprach sich Mut zu, indem er die Sache möglichst leicht nahm: »Wegen dem lumpigen bissel Fieber!« »Ich habe keine Ruhe, Toni. Sei mir nicht böse: ich fahr' hin.« »Was für ein Unsinn, Schnucksi! Bloß net so übertrieben und hysterisch! Da muß man doch erst hören, was ihm fehlt. Du wirst schon sehn: gar nix Besondres.« »Ja aber: 39,5! Und das Telegramm ist doch vom Vormittag!« »No«, widersprach er, »und letzten Herbst, weißt nimmer: die Temperatur? Und wie der Doktor kam: verdorbner Magen! Nix! Ein Dreck! Nein, ich sag' dir was: mir depeschieren mit bezahlter Antwort. Und dann wird man ja sehn ...« Trautchen hätte so gern wie er die Ferienruhe hier oben bis zum vorgesetzten Ende ausgekostet; aber der Gedanke ging einfach nicht in sie hinein, daß sie ruhig auf Koster bleiben und das kranke Michele der Pflege ihrer Schwester überlassen könnte. Alle Vernunftgründe, die ihr dargelegt wurden, konnten gegen ihr Gefühl nicht verfangen. Der Zug, der heute abend von Strömstad abging, war nicht mehr zu erreichen, aber morgen in aller Frühe fuhr sie. Wenn Toni das lieber wolle, brauche er gar nicht mitzufahren. Und sei die Sache nicht gefährlich, so käme sie wohl bald zurück. Er war gerührt, vielleicht ein wenig beschämt von diesem großherzigen Vertrauen, sah jedoch ein, daß er es auch auf keine zu harte Probe stellen durfte, wollte er es nicht ins Gegenteil umschlagen sehen. Was sie denn von ihm glaube? fragte er mit schöner Entrüstung. Daß er sie nicht allein fahren ließe, sei wohl ganz selbstverständlich. Nein, kein Wort weiter! Wenn sie hier fortging, ging auch er, und damit basta! Kaum hatte er das energisch festgestellt, als ihm der jähe Abschied von Schweden gar nicht mehr so schmerzlich schien. Das Michele würde solch eine Freude haben! Und freute er selber sich etwa nicht auf das Wiedersehn! Bedachte man es recht, so war ja von der Zauberinsel der beste Rahm auch abgeschöpft. Was für besondere Genüsse dürfte er sich denn künftig auf Koster noch versprechen? Als geistige Nahrung dreimal des Tages lyrisches Ehepaar, als leibliche die ewige Fischkost, gemildert höchstens hier und da durch totes Schaf. Sieh da: und schon erschienen dem starken Mann am Horizont der erste saftige Kalbsbraten, das erste bœuf à là mode mit Knödeln daheim in Pasing. So malte er sich die leisen Freuden des Resignierten aus und täuschte sich tapfer über die Wehmut hinweg, die, ohne daß er's richtig wußte, inwendig sein Gemüt mit tausend scharfen Spitzen prickelte. »Nein, Vati, aber bleib doch wirklich!« sagte Trautchen, deren Vertrauen durch seine Reiselust ins Ungemessene schwoll. Und da er mit einer majestätischen Handbewegung nur stumm abwehrte, wußte sie viel triftige Gründe und lag ihm dringend an. Trieb ihm das auch die Stacheln tiefer in die Seele, oh, er blieb fest. Und so entspann sich ein edler Wettstreit, an dem die Engel im Himmel ihre Erbauung haben mochten. Toni kannte seine Frau sehr gut und fühlte deutlich, daß er sie jetzt durch die sonst nicht unbeliebte Fügsamkeit nur kränken könnte. Hier war zu ihrem Glücke vielmehr der bockigste Ungehorsam seinerseits vonnöten. Und er blieb Sieger. Trautchen beugte sich seinem Willen und genoß die Niederlage still in ihrem Herzen, wenn ihr dabei auch das Gewissen ein wenig schlug: er hatte hier so ausgezeichnet arbeiten können. Und daß er trotzdem gerne mitging, der gute Kerl, fand sie beinah ergreifend. Sie sah ihn mit blanken Augen an. Doch faßte sie sich bald, und ihr praktischer Sinn stellte sie fest auf den Boden der Wirklichkeit. Es gab ja heute noch viel zu tun. Sie entwarf den Schlachtplan und verteilte die Arbeit klug nach den Kräften und den Fähigkeiten. Das Kofferpacken übernahm sie selbst; er sollte derweil an Minchen depeschieren, das Segelboot für morgen früh bestellen und Sorge tragen, daß im Hotel die Rechnung vorbereitet würde. Als sich die beiden trennten, hätte niemand glauben können, daß der gute Friede, der sie einte, aus dem Boden einer Eifersuchtstragödie erwachsen war. Das lag da hinten irgendwo, schon halb vergessen. Die Unruhe um das Michele, die nun auch ihn ansteckte, schob sonst alles in die Ferne, zog gleichsam einen Vorhang davor, beschränkte den Blick auf das eine, in dem sie einander so recht zugehörig waren.   Toni und Trautchen wandelten selbander zum Abendessen und sahen alles, Fels und Baum und Strauch und Wiese, gleichsam mit neuen Augen an, als reisefertige Leute, die auch die kleinsten Dinge, die sie vorher über dem Ganzen verachtet hatten, nun der Erinnerung fest einprägen müssen. »Es ist mir ordentlich ein Trost«, sagte sie, »daß Danielssons mit uns fahren, auch in der Bahn bis Malmö. Das ist dann noch wie ein Stückchen Koster. Ach ja: wo fortgehn, wo es schön war, gibt doch immer einen Riß, etwas von seinem Herzen läßt man da.« »Man kann ja wiederkommen«, tröstete er rauh und nüchtern. Er wollte ihr nicht zeigen, welch starkes Echo ihre Wehmut in ihm weckte. »Das sagt man so«, gab sie leise zurück. »Und wenn man wiederkommt, es ist nicht mehr dasselbe. Wir sind nicht mehr dieselben. – Sag, Vati, hast du niemals das Gefühl? In unseren Jahren ist doch jeder Abschied schon fast wie ein Schritt zum Grabe.« »Ach Schnucksi, sei net so elegisch! Mit der Philosophie, da kannst auch sagen, daß die Geburt der erschte Schritt zum Tod is. Aber wer dadrum heulen wollt' hätt' net gar viel vom Leben. Für uns hat's mit dem Grab ja noch ein bissel Zeit. Und wenn das gleiche nimmer wiederkommt, na kommt was anderes. Laß gehn! Weiß net einmal, ob das in jedem Fall solch ein Malheur is! Noch eine Sommerfrischen mit der ladurnerischen Sippschaft, mir wär' es ja genügend. Froh bin ich, bal ich die Gesellschaft nimmer siech!« Auf Trautchen machte dieser flotte Exkurs nicht viel Eindruck, sie lauschte ihm nur halb und blieb in der weich aufgelösten Stimmung. Plötzlich jedoch riß etwas anderes sie wirksam daraus empor: dort vorne, wo das Sträßchen vom Schuhmacherhaus her einmündete, erschien der gramgebeugte Kopf des vielberedeten falben Gespensterpferdes, ihm folgte knickebeinig der Rest des Gaules, und daran hing ein kleiner Bauernwagen, der unter der Bürde von drei riesigen Koffern ächzte, die es nur einmal auf der Insel Koster gab. Weil Granitbuckel und Wacholdergestrüpp gerade hier den Weg dicht einsäumten, mußte das Ehepaar, bevor es Raum bekam, das Fuhrwerk zu überholen, sogar eine Zeitlang Schritt vor Schritt geduldig hinter ihm dreinschleichen, in einem wahren Leichenzugtempo, fand Toni. Jetzt war es wieder er, in dem die Wehmut mächtig wurde. Trautchen hingegen schaute schon wieder lebensfroher in die Welt. »So scheint sie also doch zu fahren«, stellte sie befriedigt fest. »Ich hab' dir's ja gesagt«, brummte er ein wenig mürrisch. Hatte sie denn an seinen Worten erst noch zu zweifeln brauchen! Jawohl, die Tochter des großen Nordlind fuhr; das wurde den beiden zur unumstößlichen Gewißheit, als sie den Siestaplatz vor dem Hotel betraten. Drunten erblickten sie Carlssons Boot schon unter Segel. Annastina aber stand, heute sehr reisemäßig strikt in Dunkelblau gekleidet, die Fäuste mit Schwung in die Taschen des Staubmantels versenkt, auf der Landungsbrücke und schaute hartnäckig übers Meer, dorthin, wo fern die Festlandküste dämmerte. Sie wendete den Kopf nicht, und aus ihrer stolz verachtungsvollen Haltung sprach der grausame Entschluß, ihn bis zur Abfahrt auch nicht ein einziges Mal mehr zu wenden. – Sie meint, sie kann uns ärgern, wenn sie zeigt, wie sie sich ärgert! dachte Trautchen triumphierend und genoß es von Herzen, daß ihre Feindin sich so sang- und klanglos drücken mußte. Gleichzeitig erwachte wiederum und stärker ihr Gewissen, und sie begann sich Vorwürfe zu machen, weil sie Toni, der hier schon zwei so gute Bilder gemalt hatte, mit heimnehmen und mitten aus dieser Schaffensfreude reißen wollte. Und während sie noch schwankte, ob sie ihm das nicht sagen soll, kam ihr von außen der entscheidende Anstoß. Der dicke Olsson, der Hotelwirt, der heute nachmittag in Strömstad Einkaufe gemacht und dabei die Post geholt hatte, trat heran und überreichte ihr einen Brief. Der war von Minchen, und in ihm stand, der Doktor hielte Micheles Unpäßlichkeit nicht für gefährlich: es sei nur eine Halsentzündung, eine leichte Angina. Verdacht auf Diphtherie bestehe nicht. Das tröstete beide Eltern sehr. Trautchen gab zwar, trotz ihres Mannes Zureden, für sich den Reiseplan nicht auf, erklärte es aber für einen Unsinn, wenn Toni nicht hierbliebe und so schön weiterschaffte wie in der letzten Zeit. Und mit dem Jungen könne es ja nach Minnas Brief schon nach ein paar Tagen besser sein. Dann käme sie zurück und brächte ihn einfach mit. Der starke Mann empfand sofort, daß ihm jetzt ein ganz ernstgemeinter Urlaub angetragen wurde. Er stimmte freudig zu und erklärte, erst wenn auch das Michele da sei, würde es in Schweden richtig nett. Doch war's ihm innerlich nicht unlieb, zunächst eine Zeit der Einsamkeit und stiller Selbstbetrachtung vor sich zu sehen. Es hatte doch was verflixt Sonderbares, wie dort die vollen Segel über das blaue Meer glitten und das entführten, was ... Na, hol's der Kuckuck! Vor allem tüchtig schaffen! Das deuchte ihn die wirkungsvollste Kur. Sein oft herbeigeseufztes Erlebnis hatte er, wenn auch nicht in der beglückendsten Form, nun doch gehabt; und er beschloß, aus seinen großen Schmerzen Bilder im mittleren Sofaformat zu machen. Als sie nachher beim Essen saßen, kam Minchens Antworttelegramm und beruhigte auch das immer noch ängstliche Mutterherz vollkommen: Das Fieber hatte gegen Abend nachgelassen. So gab es denn eine fidele Abschiedssitzung. Trautchen konnte jetzt nicht mehr verbergen, daß sie von Pelles und Kajsas großem Geheimnis wußte und an dem Glück der Freundin innig Anteil nahm. Da gab es nun ein lebhaftes Gratulieren, und die Verlobung wurde mit Pomp gefeiert. Der ganze Sektvorrat des Hotels ging hierbei drauf: fünf Flaschen von drei verschiedenen Sorten. Je mehr Toni trank, desto schnödere Witze machte er über die wohlriechende Huldin, teils, weil seine Gattin das gern hörte, teils auch nach dem Rezepte des Fuchses mit den Trauben. Und als es dann zur allgemeinen Verbrüderung kam, da gab er Kajsa einen so recht überzeugten Kuß, patschte ihr auf die Schulter und sprach zu Danielsson die billigenden Worte: »Mit der, mein Lieber, triffst es besser wie mit deiner selig gebliebnen Jugendflamme! Denn der wär' die Bisgurn bald bei jedem Knopfloch 'rausgehangen!« Philipp, die treue Haut, versuchte eine Lanze für Annastina zu brechen, doch wurde ihm darauf nur die mitleidige Antwort: »Ja, red nur recht blaublümerant, du Frauenkenner!« Stolz in die Brust warf sich der starke Mann und fühlte sich nicht nur als Frauenkenner, sondern auch als Frauenüberwinder. Was brauchte er die Weiber! Er hatte seine ewig Geliebte: die Malerei. Neunzehntes Kapitel. Strohwitwers Freud und Leid Toni hatte Trautchen und Danielssons nach Strömstad an die Bahn begleitet. Als er die winkenden Taschentücher nicht mehr sehen konnte und dann auch die Rückwand des letzten Wagens seinem Blick entschwunden war, stand er noch eine Weile vor den blanken Schienen im Sonnenschein, wie wenn er nicht recht wüßte, wohin mit sich. Geschah es doch zum ersten Male seit der Hochzeit, daß ihn seine Frau auf unbestimmte Zeit, vielleicht auf Wochen, sich selber überließ. Nebenbei wühlte in seinem Herzen ein stiller Gram um Annastina, bohrte in seinem Schädel ein kleiner Katzenjammer von der gestrigen Feier her. Was tut ein deutscher Mann als erstes, wenn er der strengen ehelichen Aufsicht entronnen ist? Dumme Frage! Ins Wirtshaus geht er. Auch Toni stellte nach einigem Grübeln fest, daß die innere Leere, die er verspürte, ihren Sitz ganz besonders im Magen hätte und von diesem Körperteil aus gewiß am ehesten zu lindern wäre. Dies lenkte seinen Schritt in das Bade- und Strandhotel, das auf einen Bewohner Kosters geradezu weltstädtisch wirken mußte. Und dort begann er, zu dieser Stunde, da die langschläferischen Schweden erst allgemach zum Morgenkaffee herunterkamen, ein Staunen erregendes zweites Frühstück zu verspeisen, dessen Glanzstück ein englisch gebratenes Entrecote bildete. Ochsenfleisch nämlich war drüben auf der Zauberinsel ein sagenhafter Artikel; so mußte man die Gelegenheit nützen. Das gleiche galt von dem guten schwedischen Aquavit, für den in diesem auf Temperenz erpichten Land ein kleiner Wirt wie Olsson keine Ausschankberechtigung besaß, während man hier davon kriegen konnte, soviel man irgend mochte. Doch lag es dem starken Manne fern, diese Freiheit schnöd zu mißbrauchen: drei Gläschen deuchten ihn genug bei einer Mahlzeit. Aber er setzte eine halbe Flasche Sherry drauf, und da er merkte, wie wohl die ihm tat, noch eine zweite. Als er hernach gesättigt zum Hafenkai bergab wandelte, fühlte er sich sehr leichtbeschwingt, besonders auch hinsichtlich der Gehwerkzeuge. So hoben die sich höher als sonst und traten darum manchmal ein wenig unvermutet aus, bald gar zu sorglich tastend, bald eher zu bestimmt und hart. Doch störte das nicht weiter; und wer geglaubt hätte, das käme von den Getränken, der hätte sich schwer getäuscht. Der starke Mann war wohl beschwingt, doch keineswegs beschwipst; er hatte, was nun auch seine Füße dazu meinen mochten, eine vollkommen ausbalancierte Weltanschauung. Irgendein glänzender Nebel verschleierte ihm die Nähe, so daß sie schon wie Ferne wirkte. Was kann dem Menschen denn im Grund geschehen! Und warum soll er sich heut um Dinge grämen, die er beim Zurückschau'n nach zehn Jahren doch bloß belächeln wird! Was stellen wir überhaupt vor im Vergleich zum Weltall, und unser Leben im Vergleich zur Ewigkeit! Man nehme sich nur nicht zu wichtig und lasse sich an schönen Tagen die Sonne genießerisch auf den Buckel scheinen. Dieses besorgte Toni denn auch fleißig, als er sich nun von Carlssons Kutter über das blaue, in kleinen Wellen tanzende Wasser tragen ließ. Aus einmal aber ging es wie ein Schlag längelang durch ihn hindurch, sein Rücken straffte sich mit hohlem Kreuz, er blickte fest, die Lider ein wenig zugekniffen, nach einer ganz bestimmten Richtung, einem Ziel. Reißt's einen Mann aus innigem Duseln jäh zu so heller Wachheit empor, dann prüft der Kenner, ob nicht ein hübsches Frauenzimmer um die Wege sei; vielleicht auch mehrere hübsche Frauenzimmer. Und letzteres war hier der Fall. Seitwärts vom Eingang der Bucht lag, übers Meer hinausgestellt, die Badeanstalt, eine lange ockergelbe Bretterbude mit einer schmalen Plattform davor, auf der Schulter an Schulter wohl dreißig, vierzig Weiblichkeiten in meist recht knappen Schwimmanzügen standen, scheinbar eigens aufmarschiert, um dem starken Manne zu huldigen. Sie winkten nämlich alle zu dem Boot herüber, wobei die eine sich eines winzigen Schnupftüchleins bediente, die andere gleich ein Mordstrumm Badelaken im Winde flattern ließ. Das war ein lustiges Bild, wohl wert, von einem Malerauge aus größerer Nähe studiert zu werden. Mit der linken Hand erwiderte Toni huldvoll die Grüße der Damen, mit der rechten fischte er hastig in seiner Rocktasche nach dem Kleinen Meyer. Er wollte ein Segelmanöver anordnen, zu dem ihm aber vorerst noch die Vokabeln fehlten. Doch durfte er sich das Kommando sparen: Carlsson erriet die Wünsche des Herrn Professors prompt: flink legte er, obgleich man ohne jedes Kreuzen leicht aus der Bucht gekommen wäre, das Ruder hart nach Backbord und braßte, als der Kutter auf dem Wind war, das große Gaffelsegel um, so daß es für einen Augenblick wie unentschlossen schlotterte, sich dann aber ruhig kraftvoll nach der andern Seite hinaus bauschte. Toni, der in solchen Dingen genügend Fachkenntnis erworben hatte, war gleich im Bild und eilte, die Fockschoot zu bedienen. Das Boot neigte sich elegant hinüber und hielt in majestätisch langsamer Fahrt auf eine Felsnase landeinwärts vom Badehause zu. Wenn man dort knapp vor dem Ufer wieder halste, mußte einen der nächste Schlag mit wenigen Metern Abstand an der Plattform vorbeiführen. Den Damen blieb der Plan der Segler nicht verborgen; sie fühlten sich darob aber offenbar weder geängstigt noch auch moralisch entrüstet, sondern fanden das Abenteuer äußerst belustigend. Ihr Winken nahm geradezu leidenschaftliche Formen an; bloß daß diese Inbrunst von einem Stich ins Parodistische wohl nicht vollkommen frei war. Toni schaute stramm hin; und vielleicht, um vor sich selber den Schein des Gerechten zu wahren, konzipierte er dabei eifrig an einem neuen mythologischen Gemälde, das den Titel: Odysseus und die Sirenen führen sollte. Inmitten der Plattform des Badehauses ragte ein Laufbrett schräg übers Meer. Und dieses Brett erstieg jetzt federnden Schrittes ein großes, schlankes Mädchen. Das trug eine starkblaue, sich gleich einem römischen Helm an den Kopf schmiegende Schwimmhaube und ein schwarzes Trikot von sparsamstem Zuschnitt. Das junge Ding erfreute sich eines prachtvollen Wuchses und bewegte sich sehr schön. Herrgott, an wen gemahnte das unsern starken Mann doch gleich? Ach Unsinn! Mit Annastinas Körperrhythmus konnte solch ein Persönchen freilich nicht wetteifern; da fehlte es noch weit! Aber mußte man denn die zwei durchaus vergleichen! Annastina, ach ja, war abgereist, Gott mochte wissen, wohin. Und es hatte doch etwas verdammt Gutes, wie das schöne Mädel da das Laufbrett nun ins Wippen brachte, während zugleich die Hände mit edlem Schwung emporfuhren und sich hoch über dem Kopf zusammenlegten. Von den Finger- bis zu den Fußspitzen lief eine graziöse, nirgends gebrochene Kurve durch die Gestalt. Dann sprang sie. Beim Überschlagen streckte sie sich mühelos zu einem plötzlich im umgekehrten Sinn geschwungenen schlanken Bogen, glitt sacht, die Hände voran, ins Wasser, unters Wasser. Genau in der Flucht der Linie, die sie beim Untertauchen beschrieben hatte, genau da, wo man es erwarten mußte, schossen die Arme und der blaubehelmte Kopf empor. Und mächtig ausgreifend, schwamm sie weiter, quer zum Kurs des Kutters, ein Stück vor seinem Bug vorbei. Carlsson murmelte einen Satz auf schwedisch, der wohl ein Lob für die Springkünste der Dame in sich schloß. Und deren Mitnixen fühlten offenbar den gleichen Drang: sie hoben allesamt ein prasselndes Applaudieren an. Da schlug auch Toni, gewissermaßen gnädig, in die Hände und schrie zu der Plattform hinüber: »Na hoppla! Vorwärts! Jetzt die Nächste!« Die deutschen Worte erregten sichtlich einige Sensation. Wie Sturmwind durch ein Saatfeld, ging es über die hübschen Köpfe, tuschelnd wurden sie zusammengesteckt. Dann formte eine kräftige Blondine die Hände zum Sprachrohr, und deutlich schallte es an Tonis Ohr: »Wir produzeeren ins nicht for Berliner!« Er wußte nicht gleich, was er auf diese unerhörte Beleidigung antworten solle. Und schon vernahm er das noch härtere Wort: »For Handelsreisande!« Gleich einem Raketenfeuerwerk trillerte ein Lachen aus dreißig Frauenkehlen in die Luft. Er sprang entrüstet auf und brüllte: »Ja, schau' ich wie ein Preuß' aus, und wie ein Koofmich? Nein, Kinder! Ratet einmal, was ich bin!« »Vielleicht ein Maler aus Pasing an der Würm?« fragte ganz nah bei ihm eine Frauenstimme voll spitzbübischer Interessiertheit. Es riß den starken Mann; er fuhr herum. Hatte er denn am hellen Tag Halluzinationen? Hilflos suchend irrten seine Augen über das Wasser, durch die Luft. Ein Kichern aus der Tiefe zeigte ihm dann den Weg. Wahrhaftig: Annastina! Unter dem blauen Helm hervor lächelten ihm rätselhaft die grünen Augen zu. Sie hielt sich mit den Händen am Kutter fest und ließ sich ziehen; um ihre schlanken Beine plätscherte das Wasser mit spitzigen Flüsterlauten. »Nein, so was! Gnä Frau!« stammelte Toni glücklich. »Gwinner, ich wollte nichts als Ihnen sagen: Dank für gestern!« »O bitte, keine Ursache!« holperte es ihm ungeschickt heraus. »Gwinner, Sie haben ... Vollendet haben Sie sich benommen, zuerst mit Danielsson und überhaupt. Ich war im Unrecht. Sind Sie mir nun böse?« fragte sie sanft, jungmädelhaft, fast innig. Ganz recht, im Grund war er ihr böse. Aber weiß der Kuckuck, woher es kam: jede Rachsucht hätte ihn gar so engherzig gedeucht. »Ah, keine Spur! Wo denken Sie denn hin!« erklärte er generös. »Auch kein klein bißchen, Gwinner? Die Hand darauf?« Sie reichte ihm die Linke, denn mit der Rechten mußte sie sich halten. Er drückte einen Kuß auf die schmalen Finger und bat: »Geh, kommen S' doch herein! Das is entsetzlich unbequem.« »Das möchten Sie wohl?« fragte sie mit einem listigen Blinzeln, und ihre Zungenspitze spielte für einen Augenblick im Mundwinkel. »Möchten is gar kein Ausdruck«, beteuerte er schwärmerisch. »Nein, nein!« Sie schüttelte lächelnd den Kopf. Und während sie den Blick prüfend an sich heruntergleiten ließ, wobei sie sich ganz unwillkürlich ein wenig aus dem Wasser hob, sagte sie mit einem backfischhaft verwunderten Blick: »Ich bin ja doch im Schwimmkostüm.« »Is denn das bissel Kostüm auch noch der Rede wert?« entgegnete er keck. Sie tauchte andeutungsweise etwas tiefer in die Flut und drohte ihm mit dem Finger. »Benehmen Sie sich nur nicht zu – strohwitwerisch!« »Sie wissen?« stotterte er verblüfft. »Ja, denken Sie sich! Ich hab' mich nämlich für ein paar Tage hier in Strömstad einquartiert. Und wie's der Zufall will, muß ich gerade da in dem grauen Haus direkt am Bahnhof Zimmer finden.« Zufall? dachte Toni, behielt das aber fein für sich. »Und, Gwinner, warum ist Ihre Frau denn abgereist?« erkundigte sie sich und senkte ihren Blick eindringlich forschend in den seinen. »Wir kriegten eine Nachricht«, antwortete er hastig, etwas befangen und zerstreut. »Ein Telegramm. Eine Erkrankung. Unser Sohn.« »Ach was? Sie haben einen Sohn? Das wußte ich ja gar nicht. O bitte, bitte, erzählen Sie mir von ihm!« rief sie und vergaß in ihrem Eifer völlig, daß sie im Schwimmkostüm war. Wenigstens saß sie plötzlich aus dem Außenbord des Kutters, in schöner, freier Haltung, die Beine leicht gekreuzt. Die eine Hand hielt sich, hoch über ihrem Kopf, an einem Tau fest, die andre drückte mahnend seine Schulter. »Erzählen Sie, erzählen Sie!« Die leise Berührung verwirrte ihn, doch er gehorchte. Was er da aber redete, wurde ihm selber kaum bewußt. Seine Aufmerksamkeit richtete sich ganz wo anders hin. Herrgott, war Annastina schön! Wie wunderbar, wie fehlerlos vollendet saß sie da! Diese schlanken, rein und vornehm gezeichneten Glieder! Und diese unglaubwürdig weiße Haut, die durch das schwarze Trikot in ihrer Leuchtkraft noch gehoben wurde! Er starrte sie so hingerissen an, daß Annastina nach einem Weilchen wie unter einer Berührung zusammenschauerte und ein wenig atemlos sagte: »Nein! Sehn Sie mich nicht so an! Ich will nicht! Nein, wenn Sie solche Augen machen, dann ...« »Dann?« »Dann komm' ich nicht mehr nach Koster.« »Sonst aber kommen Sie? Ach ja, ach ja! Wann? Gleich heute?« »Heute? O nein, das sähe ja so aus ...« »Also morgen!« Sie lächelte. »Ich weiß noch nicht, ob überhaupt ... Eins ist ja richtig: der dumme Mensch, der mich vertrieben hat, ist fort. Ich lieb' die Insel. Sie wollten mich auch malen, sagten Sie?« Dies hatte er zwar nicht gesagt. Doch trotzdem rief er lebhaft: »Natürlich! Das is doch ausgemacht; Sie haben's mir versprochen!« »Versprochen?« fragte sie. »Nein, davon ist gar keine Rede.« »Nacher versprechen Sie mir's jetzt!« »Vielleicht«, sagte sie zögernd. »Wenn Sie versprechen ...« »Alles!« beteuerte er großartig. »Alles ist mir zu wenig!« gab sie fein zurück. »Nein, Gwinner, wirklich: was hat's für einen Sinn! Man muß doch seiner sicher sein. Sonst ist's ein Mit-dem-Feuer-Spielen.« »Das macht doch grade Spaß!« lachte er ganz frech. »Ja, Ihnen! Ich aber bin doch eine Frau.« »No, eben deshalb macht es mir ja Spaß.« »Nein, Gwinner, nein; ich seh' schon: wir lassen's lieber! Also: adieu!« »Waas? Sie wollen?« »Ach ja!« antwortete sie mit parodistischer Düsterkeit. »Der Abschied von Ihnen wird mir so furchtbar schwer: ich geh' ins Wasser!« »Erst können!« rief er; und wahrhaftig: er hatte die Dreistigkeit, sie mit Gewalt halten zu wollen. Doch seine Hände griffen in die Luft, beinah wär' er über Bord geschossen, eine dicke Garbe der Salzflut fuhr ihm ins Gesicht und machte ihn völlig blind. »Aber Sie kommen?« brüllte er, während er gleich einem Rasenden nach seinem Sacktuch suchte. »Abwarten!« rief Annastina spöttisch, schon von weitem her. »Und Kuchen essen!« ergänzte aus nächster Nähe eine fremde Frauenstimme, ein komisch tiefer Alt. Toni, der heftig an sich herumwischte, sah auf: Carlsson hatte in der Zwischenzeit zum zweitenmal gewendet; man war dicht vor der Badeanstalt. Und wie die Weiblichkeiten lachten! Es war wirklich nimmer schön. Da sich von Annastina nichts mehr erspähen ließ als der blaue Fleck ihres Helmes auf den Wellen, drehte er der spöttischen Gesellschaft voll Trotz den Rücken. Zorn und Geniertheit stritten sich eine Weile in Tonis Brust. Aber nachher, als sie die Bucht verlassen hatten, besserte sich seine Laune bald. Ach was: Annastina kam schon; das mußte er doch besser wissen als sie selbst! Und mählich geriet er in eine so glänzende Siegerlaune, daß er die ganze Welt hätte umarmen mögen. Der Kutter befand sich auf der Höhe einer kleinen Klippe, die ein weithin sichtbares Seezeichen trug: eine nach oben sich verjüngende, der Quere schwarz und weiß gestreifte Steinsäule. Und die, das wußte Toni, hieß bei den Fischern der alte Mann und mußte nach einem Aberglauben auf jeder Ausfahrt respektvoll begrüßt werden; das brachte Glück und reichen Fang. Toni zog schwungvoll den Hut davor und fragte durch ein flüchtiges Augenblinzeln Carlsson, ob der dies auch entsprechend würdige. Jawohl, das tat der Fachmann: er lächelte beifällig und lüpfte gleichfalls die Seemannsmütze. Freilich vollführten Schüler und Meister diese Zeremonie nicht mit der rechten Andacht, sondern zerstreut und oberflächlich, wie etwa ein hungriger Bauernknecht sein Tischgebet herunterleiert. Wer weiß, ob ihre heimlichen Gedanken dabei nicht ganz was andres grüßten! Muß es durchaus ein alter Mann sein? Im Notfall tut's auch eine junge Frau. Die beiden wechselten nie viel Worte auf ihren Fahrten, schon wegen all der Schwierigkeiten der Verständigung. Heut aber war ihr Schweigen auf eine Weise träumerisch und tief, daß man es förmlich hören konnte, so fremd hob es sich ab vom Wellenkichern vor dem Bug des Kutters, der ruhig durch das sonnenblanke Wasser schnitt, mit sicherm Kurs zum Strand der Zauberinsel. Es kam nicht ganz so, wie sich das einer in seinen seligen Träumen vorgegaukelt hatte. Annastina ließ auf sich warten. In unruhvoller Sehnsucht war der erste Tag dahingegangen. Und nun neigte sich auch der zweite seinem Ende zu. Melancholisch gestimmt, schlenderte Toni durch den Hotelpark zum Nachtessen. Er hatte die Hoffnung endgültig aufgegeben. Nein, und jetzt freute ihn schon gar nichts mehr. Es war Mitsommerabend, und der sollte nach gutem nordischen Brauch gefeiert werden. Auf einem freien Platz im sogenannten Park, nah beim Hotel, hatte man einen Mast errichtet, der dicht mit Laub umkleidet und oben von gleichfalls aus frischem Grün kunstreich gewundnen symbolischen Ornamenten bekrönt war. Rundum auf der Wiese standen, die Pracht anstaunend, alle die Kinder der Strohwitwen in lustig bunten Nationaltrachten. Selbst von den Müttern hatten es manche nicht verschmäht, sich in den gleichen Staat zu werfen; es waren da in reicher Mannigfaltigkeit wohl sämtliche Landschaften Schwedens vertreten. »Sag, ist das nicht ein schönes Bild?« rief Philipp dem Freund entgegen und zeigte lächelnd seine hübschen Zähne. »Bild? Na, von mir aus Bild!« brummte Toni sehr gefaßt. »Ja, das«, fuhr der andre unbeirrt fort und deutete nach dem geschmücktem Mast, »das ist die echte schwedische Maistange.« »Wahrscheinlich, weil sie im Juni aufgepflanzt wird?« höhnte mitleidvoll der starke Mann. »Ja, das ist wirklich komisch«, räumte der Dichter fügsam ein. »Nein aber, Toni, sieh die Kinder in den Trachten; die sind doch ganz entzückend!« In andrer Stimmung wäre Tom der erste gewesen, sich hieran lebhaft zu begeistern. Heut aber mochte er halt nicht! Er sagte kühl sarkastisch: »Als Pfingstkälber haben die sich offenbar garniert, weil's morgen Johanni is?« – Widerwärtiger Patron, öder Witzling, poesiefremder Bauernkerl! so hätte Philipps Antwort wohl gelautet, wäre es ihm ratsam erschienen, die Katze aus dem Sack zu lassen. Doch er bezwang sich mannhaft. Ein Streit kann, eh' man sich's versieht, zu Mord und Totschlag führen. Und da bei so etwas die rohe Kraft entscheidet, war nicht anzunehmen, daß dann zu guter Letzt gerade Toni zerschmettert auf der Walstatt liegen würde. Wenn der Dichter nun aber glaubte, er könnte sich dadurch viel nützen, daß er geduldig und krampfhaft höflich zu den geschmacklosesten Scherzen seines Malerfreundes lachte, dann war das eine Täuschung. Der starke Mann schien heute so etwas wie Trost für sein Seelenleid im Aufziehen von Lyrikern zu suchen. Erleichtert fühlte sich Philipp, als endlich zum Essen gegongt wurde. Als er das letzte der drei Speisezimmer betrat, stellte Toni wieder einmal mit Wehmut fest, daß sie noch immer allein drin saßen. Zwar fehlte auf dem Nebentische auch jetzt nicht das Gedeck für Annastina; aber dies hatte nur das erstemal törichte Hoffnungen in ihm erweckt. Na, hol's der Kuckuck! Morgen fing er nun aber wirklich ernsthaft mit dem Schruppen an! Und als er diesen lobenswerten Entschluß gefaßt hatte, wendete er Blick und Aufmerksamkeit den Vorspeisen auf ihrer eigenen Tafel zu. Die alte Leier: Fisch, Fisch, Fisch! Als schwacher Fleischestrost einsam dazwischen ein kleiner Teller Pökelzunge. Den aber ergatterte der starke Mann, ehe er noch richtig aß, mit rücksichtsloser Faust. Er wußte, wodurch man deutsche Dichter bis in die Seele kränken kann. Von den zehn Scheibchen Zunge nahm er neun ganz unbefangen für sich, das letzte präsentierte er freigebig lächelnd Brita. Zwar reichte die es pflichtschuldigst ihrem Mann weiter; aber dieser sagte mit etwas verzerrt wirkender Liebenswürdigkeit: »Nein, Brita, nein, iß du nur! Es ist so wenig da.« Letzteres sollte ein Hieb gegen Toni sein. »Ja, schade!« entgegnete er, mit vollen Backen kauend. »Die Zunge is nämlich delikat!« Und daran knüpfte er eine unverfängliche Frage nach irgend etwas Gleichgültigem. Nur das Funkeln seiner schwarzen Augen verriet, daß dies nichts weiter bedeutete als einen Umweg zu neuen Infamien. Mit denen aber sollte er nicht zu Rande kommen. Das Schicksal selbst erbarmte sich seines unglücklichen Opfers; er verstummte mitten im angefangenen Satz und horchte zweifelnd. Sein scharfes Ohr hatte durch all das lebhafte Geschnatter im Nebenzimmer einen Ton vernommen, der ihm nicht fremd war. Und, Herrgottsakrament, er täuschte sich nicht: dies feine, gleichsam heimliche Seidenknastern kam doch näher? Da: in der Tür stand Annastina! Sie stutzte kaum merkbar auf der Schwelle. Und schon rauschte sie, den stolzen Kopf um knapp zwei Millimeter zum Gruße senkend, vorüber an den dreien, nach ihrem alten Platz. Herrgott, wie schön sie ging! Und ja: sie trug das rosa Kleid, das Toni liebte. Auch dem suggestibeln Geiste Philipps versetzte das Auftauchen Annastinas einen Schlag von einer Heftigkeit, daß es ihn gleich vom Stuhl emporriß. Und da er einmal aufgestanden war, ging er denn hin, küßte ihr mit Ritteranmut die Hand und flehte so dringlich, als hinge sein Leben davon ab, sie möchte doch an ihren Tisch hinüberkommen: jetzt gäbe es ja Platz in Fülle dort. Sie hörte dem Gebalz, wie Toni es bei sich nannte, lächelnd zu und ließ sich bitten. Schließlich erbarmte sie sich und kam. Sehr warm begrüßte sie Brita, als sei es ihr inzwischen wieder eingefallen, daß sie vor Jahren ein häufiger Gast in ihrem Vaterhaus gewesen war. Dann reichte sie auch dem starken Manne die Hand und drückte sie bedeutungsvoll zum Zeichen des Einverständnisses, fragte dabei aber höchst erstaunt: »Was?! Sie sind auch da?« »Wo sollt' ich sein?« fragte er zurück und zog ein wenig geistreiches Gesicht. »Ich dachte: abgereist? Mit Ihrer Frau?« Dies klang ja, als hätte sie ihr schönes Stelldichein in Strömstad schon wieder ganz vergessen. Aber Toni nahm ihr das nicht übel. Oh, im Gegenteil: entzückend fand er ihre kleine List. Klug war sie, die schöne Frau; das konnte ihr selbst nicht der Neid bestreiten. Ganz lässig wußte sie so nebenher ein paar Worte darüber ins Gespräch zu flechten, warum sie vorgestern fortgegangen wäre, und welche tatsächlich sehr plausibeln Erwägungen sie neuerdings nach Koster führten. Dies teilte sie dem Dichter mit, an den sich überhaupt ihre Worte vorwiegend wendeten, äußerst charmante Worte, die von einem strahlenden Lächeln aus großen Kinderaugen hold verwirrend begleitet waren. Philipp machte das selig; und Toni focht es ganz wenig an. Er kannte sich ja aus. Und als es ihm zum Schluß doch etwas unheimlich wurde, so völlig links liegenzubleiben, spürte das Annastinas Feingefühl sofort. Leis tröstend schmiegte sich ihr Knie an seines und sagte gleichsam: Dummer! Was überm Tisch geschieht, ist ja nur Sand für fremde Augen. Da schoß eine unbändige Freude in Toni auf. Obgleich sie dann seinem Versuch, diese drahtlose Telephonie zu einem Dauergespräch zu mißbrauchen, sofort ein Ende machte, er blieb in seinem Taumel. Und wessen das Herz ihm voll war, des ging der Mund ihm über. Nicht, daß er von seiner Liebe gesprochen hätte, o bewahre! sie sollte sich nicht fürchten: auch er war schlau und konnte ein Geheimnis hüten. So wurde sein Ventil das Witzemachen, das ihm ja von jeher als Larve hatte dienen müssen, wenn's galt, Gefühle zu verstecken, die ein Mannsbild nicht gerne nackend zeigt. Natürlich hatte dabei wieder Philipp sehr zu leiden. Seine Kurmacherei, die ein bißchen Lavendelduft vom Anstandsunterricht der Tanzstunde aushauchte, wurde überdonnert durch Tonis schweres Geschütz. Und leider lieferte der Dichter diesem außerdem das Ziel für ein kleines Wirkungsfeuer. Kam er auch als Rivale nicht ernsthaft in Betracht, ihn nebenher ein bißchen mit dem Nimbus der Lächerlichkeit zu umgeben, war eine Vorbeugungsmaßregel, die jedenfalls nichts schadete. Die Hauptrolle aber spielten diese scharfen Schüsse nicht; das meiste waren Leuchtraketen zur Blendung der schönen Augen Annastinas, ein Bombardement von Huldigungen in scherzhaft übertriebener Form, damit die andern dies alles für recht unverfänglich hielten, während die eine, die es anging, die echte Glut schon durchfühlen würde. Das tat sie auch und lachte süß dazu aus vollem Halse. Na, kurzum: Toni benahm sich ganz in der Weise, die Trautchen immer sehr nervös zu machen pflegte, wenn sie dabei war. Aber sie war ja nicht dabei. Und er wollte nicht an sie denken. Wozu auch! Hatte das 'nen Zweck! Doch gab es eine gute Seele, die in Vertretung des Ungetreuen an seine Gattin dachte. Philipp nämlich tat die alte Freundin auf einmal furchtbar leid, weil sie bei all der Lustbarkeit fern weilen mußte. Wenigstens nachträglich, fand er, sollte sie sich mitfreuen an dem gelungenen Abend. So ließ er sich denn eine Ansichtskarte kommen, versah sie mit der Adresse von Frau Professor Gertraute Gwinner, Pasing (Oberbayern), und schrieb der Freundin diese Zeilen: Liebes Trautchen! Heut abend sind wir sehr vergnügt und gedenken Dein, Toni ist schon bei der vierten Flasche Pilsener. Frau Nordlind ist auch wieder hier und speist jetzt mit an unserem Tisch. Hoffentlich geht es Michele gut, und wir sehn Dich bald mit ihm in unserer Mitte! Tausend innige Grüße! Dein alter Philipp L. Brita fügte einen herzlichen Gruß hinzu, während Annastina nicht mehr als ihre Anfangsbuchstaben fast unsichtbar in eine Ecke setzte. Zum Schluß kam Toni an die Reihe. Er kritzelte, pfiffig schmunzelnd, den ganzen freigebliebenen Raum voll und ließ dann den Dichter lesen. Da stand, höchst frech und unbefangen: Wie geht's Dir, Schnucksi? Mir glänzend! Namentlich heute! Grad bestell' ich mir die fünfte Flasche. Und Frau Nordlind mach' ich mit einem Schwung den Hof, daß Philipp demnächst platzt vor Eifersucht! Gott mit ihm! Gruß ans Michele und Dich! Vater Toni. Philipp war merklich erstaunt, deutete ein kleines Lachen an und sagte schnell: »Gib her! Ich steck' sie dann gleich ein.« »Du bist zu freundlich, aber bemüh' dich net!« erwiderte der starke Mann mit einem Hauch von Ironie und schob das Schriftstück unter seine Serviettentasche. »Ich expedier' das nacher schon.« Um ihn hineinzulegen, mußte man früher aufstehn. Ihm war sehr klar, wo dieses kostbare Autogramm von Deutschlands erstem Lyriker enden würde. Leider nur vergaß er, als man später hinausging, die dumme Ansichtskarte über viel interessanteren Sachen. Ein andrer aber vergaß sie nicht. Ja, wer sich immer alles vorsorglich überlegte, würde selbst so etwas wie einen Dichter nicht unnütz reizen. Ganz waffenlos ist auch der Schwächste nicht.   Das Fest hatte längst begonnen, als die vier ins Freie traten. Und ihnen allen war es, wie wenn sie in eine andre Welt versetzt würden. Ein Feuerkreis aus bunten Papierlaternen machte die Parkwiese zu einer Lichtinsel in dem kühlbleichen Dämmermeer der Sommernacht. Um den Maibaum wandelte paarweis der Kinderreigen, geführt von einer blonden Frau in dalarner Tracht, mit kühn zurückgeworfnem Kopf und flatternden Haaren. Fast glaubte man in ihr ein spukhaft schönes Trollweib zu erblicken, so gut es einem auch bekannt war, daß sie bei Tag als dürftige, brav glattgekämmte Provisorsgattin herumzulaufen pflegte. Jetzt aber hob sie beim Gehen ihre Knie bacchantisch im Takt des leidenschaftlichen Tanzliedes, das sie auf ihrer Geige spielte. Dazu sangen die Kinder, und ihre hellen Stimmen wallten gegen das Firmament gleich dem Opferrauch unschuldiger Heiden. Noch niemals hatte Toni es so mit dem Gefühl verstanden, warum Philipp in Koster durchaus heidnisches Land sehen wollte. Auch die Begeisterungsausbrüche, an denen der Dichter sich kaum genugtun konnte, dämpfte der starke Mann nicht mehr, wie vor Tisch, durch kalte Güsse billigen Hohns. Er achtete wohl kaum darauf, war er doch selber wie hingenommen und entrückt. Und alles, was er sah und hörte, diente ihm nur als Hintergrund für Annastina, wob um sie eine Märchenglorie. Sie stand drei Schritte von den anderen entfernt. Jede Linie ihres Leibes war straff gespannt. Das gab ein Bild, als hafte sie kaum noch am Boden, als müsse sie gleich aufgehoben werden, still, ohne ein Glied zu rühren, in der gleichen schwerelosen Stellung. Und durch ihr rotes Haar flirrten metallische Funken, wie wenn ein erster Strahl vom Lichte eines höheren Landes sich grüßend auf sie niederließe. »Seht nur, nein, seht: wie schön ist diese Frau!« flüsterte Philipp, vielleicht nicht so besonders leise, Brita und Toni zu. Durch Annastinas Körper schnellte ein Ruck: sie fiel aus ihren Himmeln, was sie übrigens gleichfalls mit vollendeter Anmut besorgte. Es mag im Zweifel bleiben, ob sie die Worte des Dichters vernommen hatte, oder ob sie so jäh erwachte, weil das süß jubelnde Geschluchz der Geige durch das ordinär vergnügte Dudeln einer Ziehharmonika abgelöst worden war. Ein neues Bild bot nun die Wiese. Zuschauer und handelnde Personen hatten die Rollen vertausche Die bäurisch herausgeputzten Stadtkinder standen gaffend im Halbkreis unter den Eschenbäumen; und wo sie zierlich den Reigen getrippelt hatten, drehte sich im Rundtanz die erwachsene Fischerjugend, wuchtig aufstampfend, inbrünstigen Ernst in Haltung und Gesichtern. »Ja, Herrschaft, is das echt!« murmelte Toni, und seine Augen blitzten. Der schönen Annastina hingegen erschien diese Volkstümlichkeit offenbar zu echt. Bevor der starke Mann seine Absicht, sie um einen Tanz zu bitten, wahrmachen konnte, ließ sie ein Lächeln, gemischt aus schmerzlich berührtem Feingefühl und Verachtung, um ihre Lippen laufen und sagte unvermittelt und dennoch im Zusammenhang mit diesem Lächeln: »Gut' Nacht! Ich will jetzt gehn.« »Ich werde Sie begleiten«, erklärte Toni mit edler Zuversicht. »Wie kommen Sie auf die Idee?« fragte sie peinlich erstaunt. »Nein, danke!« Ein eisiger Blick wies ihn in seine Schranken. Oh, wie das Philipp wohltat! »Wir alle bringen Sie«, schlug er nun vor. »Ach, danke! Bitte, bitte, bleiben Sie!« wehrte Annastina freundlich ab. »Wozu? Die wenigen Schritte ... Und nach dem Lärm hier hab' ich das Bedürfnis, allein zu sein. Entschuldigen Sie. Es ist vielleicht lächerlich ...« »Oh, ich versteh' Sie!« rief lebhaft der Dichter. »A was?« stichelte Toni. »Das artet dann doch sicher zum Gedicht aus?« Annastina verzog einen Moment mit gesenktem Kopf, dann hob sie ihn und sagte ruhig: »Auf Wiedersehn denn morgen!« Mitten über den Tanzplatz schritt sie davon. Nichts hätte die Schönheit ihrer Bewegungen besser hervorheben können als der Zwang, diesen trampelnden Paaren geschmeidig auszuweichen. Der starke Mann starrte ihr nach, bis auch der letzte Schimmer ihres Kleides vom Parkdunkel verschluckt war. Hatte nicht in dem Schwung ihrer Hüften, in jeder Biegung ihres Leibes gleichsam ein Locken, Winken, Rufen gelegen, genau wie in jenem flüchtigen Blick, mit dem sie ihn zum Abschied heimlich streifte? Für eine kurze Anstandsfrist noch zwang er sich zum Bleiben. Dann reckte er sich mächtig, gähnte ganz laut, erklärte, daß ihm die talentlose Tanzerei bis dahin stünde, wünschte allerseits auch weiter viel poetische Anregung und empfahl sich. »Nein also«, stellte der Dichter fest, als er mit seiner Frau allein geblieben war, »wenn den nicht Trautchen mit dem Pantoffel unter Aufsicht hält, ist er doch unausstehlich. Und kaum dreht sie den Rücken, macht er schon einer anderen den Hof. Und grade dieser Frau! Was bildet sich denn so ein Bauer ein!«   Gleich einem scharfen Horne des versteinerten Vorwelttiers saß droben auf dem Granitbuckel der Mond im ersten Viertel. Er glänzte nicht, er gab nicht Helle, nur gleichsam milchig machte er die Nacht. Drunten das Schusterhaus lag so ruhig schlafend, daß man es beinah atmen sah. Es ist ja die vollkommene Stille, die toten Dingen solch ein unheimlich lebendiges Leben gibt, etwas Verzaubertes, das zu sich zieht und warnend von sich stößt. Kein Lichtstrahl stahl sich aus Annastinas Fenstern. Sie standen offen, doch waren die schwarzen Rollvorhänge herabgelassen; das weckte den Eindruck, als laure drinnen tiefe, leere Nacht, geduckt, zum Sprung bereit, gefährlich. Daneben schienen die hellgrauen Außenwände magisch aus sich selbst heraus zu leuchten, in tückisch verstohlnem, bläulichem Phosphorglanz. Als grüne Funken taumelten Johanniswürmchen durch die Luft. Es gehörte zu den Dogmen des starken Mannes, daß er sich vor dem Teufel selbst nicht fürchte. Und fürchten tat er sich auch jetzt nicht. So sehr behaglich aber war ihm trotzdem nicht zumut, als er nun hinter dem blühenden, schwül duftenden Holunderbusch hervortrat, durch dessen Zweige er die Gelegenheit ausgekundschaftet hatte, und sich lautlos wie ein Indianer näherpirschte. Warum ihm das Herz nur so verdammt schlug, gleich bis in den Kopf herauf? Es dröhnte ihm förmlich in den Ohren, und ihm war, wie wenn man es von weitem müsse hören können. Und da er nun dicht vor dem Ziel stand, ging auch sein Atem so erregt und laut, daß er ihn gewaltsam anhalten mußte. Von Zeit zu Zeit öffnete er weit den Mund, um all die in den Lungen eingepreßte Luft ohne Geräusch entweichen zu lassen. Zur Stärkung seiner Unternehmungslust verulkte er sich selbst ein bißchen. War er denn nicht am Lande groß geworden? Und fensterlte er heut zum erstenmal? Freilich, ob Annastina ihn, wie einst die ländlichen Schönen, sehr erfreut begrüßen würde, schien ihm doch einigermaßen zweifelhaft. Nun ja: im schlimmsten Fall würde er seinen Kopf mit einem Witzwort aus der Schlinge ziehen. Wozu hat einem Gott denn den Verstand gegeben, wenn man ihn da verlieren wollte, wo man ihn am dringendsten benötigt: im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht! Recht unfrei war trotz allen diesen Erwägungen noch immer seine Stimme, als er sich dazu aufschwang, leis zu rufen: »Annastina!« Nichts regte sich im Haus. So angespannt er horchte, es blieb totenstill. Und wieder rief er: »Frau Annastina!« Und nach einer neuen Pause lauter: »Gnädige Frau!« Keine Antwort! Nun ja, natürlich: sie war gerad' erst heimgekommen und hielt sich sicher noch in ihrem Wohnzimmer auf. Vorwärts, und bloß die Ohren steif! Das zweite Fenster von da! Er tastete mit den Fingern längs der Wand und schlich sich weiter, behutsam auf den Zehenspitzen, heimlich wie ein Dieb. Pleng, krach! Wogegen er da mit seinem Fuß gerannt war, und was natürlich dröhnend umfiel, das mußte eine Gießkanne sein. Und wie er sich nun bückte, um dies festzustellen, stieß richtig sein Ellenbogen an ein Brett, das so leichtsinnig auf den Brennholzstapel gelegt war, daß es einfach herunterpoltern und alles mitnehmen mußte, was drauf zum Trocknen stand: dem mörderischen Geschepper nach wahrscheinlich das blecherne Eingeweide einer Milchzentrifuge und außerdem noch einiges aus Glas und Porzellan; den es fehlte in dem Konzert auch nicht das ganz besondere Geräusch, das einzutreten pflegt, wo's Scherben gibt. Aus einer Hundehütte am nächsten Eck des Hauses fuhr fanatisch kläffend ein kleiner Spitz und wollte sich an seiner Kette schier erdrosseln. Nun ja, der Zweck, Annastina von seiner Gegenwart zu unterrichten, mußte jetzt wohl erreicht sein. Richtig: da vorn klirrte schon ein Fenster, und es fuhr ein Kopf daraus hervor. Aber auf Schönheit konnte dieser Kopf keinen Anspruch machen, heute wenigstens nicht mehr; vielleicht vor fünfzig Jahren. Was das alte Weib zu bemerken für nötig hielt, davon verstand Toni keine Silbe; nur so viel wurde ihm klar, daß es sich hier ganz gewiß nicht um die zarten Liebesworte handelte, auf die er sein ganzes Innere eingestellt hatte. »Was plärrst denn gar so damisch, spinnete Urschel, gräusliche?« begütigte der starke Mann wohlmeinend in seiner Muttersprache. »Glaubst denn, ich zahl' dir deinen Dreck net? Laß dir nur Zeit bis morgen!« Als aber dieser noble Vorschlag nicht die geringste Wirkung tat und sie nur immer lauter kreischte, hielt er es zum Schluß doch für das weiseste, den Rückzug anzutreten; und weil er sich einmal hierzu entschlossen hatte, auch gleich im Laufschritt. So leichten Kaufs jedoch wollte ihn die Alte nicht entrinnen lassen. Mit einer für ihre Jahre merkwürdigen Behendigkeit war sie draußen, hatte ihren Hund losgekettet und hetzte ihn dem nächtigen Störenfriede nach. Toni hörte das unternehmend renommistische Kläffen schnell näher kommen und machte halt. Na: wart nur, Spitzel! Handliche Steinbrocken gab's hier auf Koster gottlob nicht zu wenig; und damit treffen konnte ein ammergauer Bauernsohn ganz eklig sicher. Davon würde sich das Biest, das ausländische, bald überzeugen! Und dies war denn auch hinreichend Menschenkenner, um dem fremden Kerl da jede Gemeinheit zuzutrauen. Kaum bückte er sich, als Spitzel so unvermittelt in seinem Sturmlauf innehielt, daß alle seine vier Beine sich schräg nach vorne stemmten, während der Körper entsetzt dahintenblieb und rückwärtsprallte, bis das Hinterteil am Boden aufstieß. Doch als wäre die Erde glühend, fuhr er sofort wieder empor und wandte sich mit kläglichem Angstgewinsel zu ruhmlos überstürzter Flucht. Als Sieger also räumte Toni das Feld. Aber das stille Schmunzeln des Triumphes wich bald von seinen Zügen. Was nützte dieser Sieg ihm schon! Er klopfte sich im Geist ironisch auf die Schulter: Das hast du glänzend angefangen, lieber Freund! Denn so viel war ihm klar: man kann ein Weib nach höchst verschiednen Methoden kirren, als frecher Räuber darf man kommen, als flötender Minnesänger, als gottloser Spötter, als weinerlicher Bettler, der das Mitleid weckt, als alles, was es gibt auf dieser Welt, bloß als das eine nicht, was er jetzt glücklich in ihren Augen war: als komische Figur. Aus! Fertig! Verpatzt für Zeit und Ewigkeit! In all dem Lärm vorhin hatte er es nicht beachtet, jetzt aber klang's ihm um so deutlicher im Ohre nach, das verstohlne Kichern aus Annastinas dunkelm Zimmer. Ein gar nicht nettes Kichern, mußte er schon sagen. »Na, lacht sie halt!« brummte er vor sich hin und suchte sich Trost in der eigentlich nur mäßig trostreichen Alltagsweisheit: »Wer weiß, wozu es gut is!« Schluß, Schluß, genug davon! Jetzt ging er heim und kroch in seine Klappe. Gut schlafen würde er, das nahm er sich richtig wütend vor. Und morgen früh beim Tageslicht sah sich das alles schon wieder anders an, ganz anders. O mei, auch jetzt! Er dankte untertänigst und pfiff auf sämtliche Mitsommerträume! Zwanzigstes Kapitel. Mittsommernacht Einem Nachtwandler gleich, hatte Toni rasch den Park durchquert, im Kopf ein ungewisses Brodeln von Gedanken, während die Sinne ihre Arbeit instinktiv verrichteten, taub gegen jeden Eindruck. Doch als er zwischen die letzten Bäume kam, wo sich der Blick über die Innenebene der Insel öffnet, stockte sein Fuß. Er stand, er schaute, er atmete tief aus und ein. Wie geisterhaft war hier die Welt! Kein Mond zu sehen! Der mußte irgendwo hinter dem Felskamm da zur Rechten stecken. Und eben weil man seine Quelle nicht wahrnahm, wirkte dies kühle Licht unirdisch fremd. Es sog die Farben aus den Gegenständen und lieh allem den gleichen bleichen, in sich doch tausendfach nach Licht und Schatten abgestuften Ton. Es lockerte die Formen und steigerte sie durch Verwischen der Einzelheiten, durch Ausheben jeder Perspektive ins Ungeheure. Winzig klein deuchte sich daneben der Mensch, einsam inmitten dieser an Leben leeren und zugleich von geheimnisvollem Leben förmlich kochenden Weite. Aus der tief ins Land hereinschneidenden, sich sumpfig allgemach begrünenden Bucht da drüben, die die Kosterer von ihrem Element abgedämmt hatten, um Meeresgrund als Ackerboden für künftige Geschlechter zu erobern, stieg Nebelrauch, legte sich hier in flachen, weich lastenden Lichtschwaden auf die Felder, glitt dort in hohen, schlanken Wolkensäulen vorbei, eine Prozession von Riesen mit weißen Flormänteln über silbernen Rüstungen. Tja, aber was half das alles! Der starke Mann blies einen Seufzer durch die Lippen und ging weiter, heimzu. »Zum Anschau'n vielleicht net übel«, sagte er halb zerstreut. »Aber zum Malen nix! Motiv für einen Wagnerianer Kitsch!« Und dennoch versank er gleich wieder in das Gefühl hingerissener Ohnmacht gegenüber den stummen Kräften, die diese Nacht entfesselt hatte und walten ließ. Horch! Ging dort im Schatten unsichtbar nicht einer neben ihm, treulich im Takt mit ihm, nur daß er fester auftrat, mit hellerem, schärfer abgesetztem Laut? Tap, tap, tap, tap ... Toni und Trautchen hatten mehr als einmal gemeinsam festgestellt, daß ihre Tritte hier bei Nacht einen so seltsam starken Widerhall an der Granitwand drüben fanden. Warum denn war's ihm heute, wie wenn der Klang seiner eignen Füße zögernd nur das Echo gäbe auf diesen fremden Schritt, den Schritt des Schicksals, das ihn zwänge, in gleichem Takte mitzugehen, bis an ein unbekanntes, von blinden Mächten vorbestimmtes Ziel? Tap, tap, tap, tap, ... Das klang, als ob es nie begonnen hätte und niemals enden könnte; so ewig klang es wie der Tropfenfall der Zeit, das Ticken des Totenwurms im Innern alles Lebens. Doch nun, ganz schreckhaft plötzlich: Stille, tiefe, hohle, dennoch in großen Wellen steigende und sinkende Stille. Toni stand und starrte mit ungläubig aufgerissenen Augen. Dort vorne hatte sich aus dem Zug der Nebelgeister eine Gestalt gelöst und glitt langsam gegen ihn her, licht, riesengroß und luftig gleich den andern. Im Näherschweben aber verdichtete sie sich, gewann einen Kern, gewann von innen heraus Form und Umriß, schrumpfte ruckweise auf das Maß des Menschlichen zusammen, glitt schon nicht mehr gewichtlos durch die Luft, horch! Tap, tap, tap, tap ... Aufs neue erklang der feste, gleichsam unerbittliche Schicksalsschritt. Nicht Tonis Füße aber weckten jetzt das Echo. Sie wurzelten am Boden, er fühlte sein Herz im Halse pochen, doch ein Pochen der Freude war es, einer Freude, die zuerst noch zweifelte, dann jubelnde Gewißheit wurde und sich in dem einen Wort entlud: »Annastina!« »Sind Sie es, Gwinner? Gott sei Dank!« scholl es ihm wie erlöst entgegen. Nun kam sie schnell dahergetrippelt, legte die Hände auf seine Schultern und kuschelte sich bang an ihn. »Ich hab' mich so gefürchtet!« Als könnte er ihr damit weh tun, so behutsam schlang er seinen Arm um sie; seine Hand klopfte beruhigend ihren Rücken. Er brauchte nicht nach dem Grund für ihre Angst zu forschen. Ein bißchen unbehaglich war's ihm ja selber in der Gespensterstille dieser Nacht vorhin zumut gewesen. Wie weit lag das zurück! Mit kühlem Herrscherhochmut ließ er seinen Blick über die nebelbrauende Ebene schweifen. Nicht klein und einsam mehr fühlte sich der Mensch im Grenzenlosen; das ganze Weltall war nur noch stimmungsvoller Hintergrund für ihn und für sein Glück, sein kleines großes Glück, das ihm, gerade da er die Hoffnung gänzlich aufgegeben hatte, mitten aus dem Dunkel hervor in die Arme geflogen war. Ein Schwindel wollte ihn packen, eine so atemberaubend schwüle Spannung schwoll in ihm empor, als lege sich ein eiserner Ring um seine Kehle. Der Druck des Schweigens steigerte sich zur Unerträglichkeit. »Ich bin ja da! Wer wird sich denn da fürchten!« murmelte er heiser, nur um irgend etwas zu sagen. »Jetzt fürcht' ich mich doch nicht«, gab sie vertrauensvoll zur Antwort. »Es war nur ... Man sagt ja, daß die Mitsommernacht nicht ist wie andere Nächte. Auch Sie, von weitem ... Sie kamen so groß und schwer daher wie ein böser heidnischer Troll. Kennen Sie wohl den Troll aus unsern Märchen? Er hatte die schlimme Angewohnheit, unschuldige kleine Prinzessinnen auf sein Zauberschloß zu entführen, das irgendwo da draußen lag, östlich von der Sonne und westlich vom Mond.« Toni wollte etwas erwidern, brachte aber nichts heraus. »Nein, nein«, fuhr sie ein wenig spöttisch fort, »Sie brauchen sich nicht zu verteidigen. Ich weiß schon: ein deutscher Professor gibt sich mit so etwas nicht ab und ist ganz ungefährlich. Nicht wahr, Sie sind doch ungefährlich? Oder?« Sie schaute ihn in kokett bangem Zweifel an. Ein rauher Laut brach plötzlich aus seiner Kehle. Nun war der eiserne Reif mit eins zersprungen. Toni hatte die Trense zwischen die Zähne genommen. Bevor Annastina so recht wußte, wie ihr geschah, fühlte sie sich mit einer Heftigkeit an seine Brust gerissen, daß ihr die Luft verging und ihr der Boden unter den Füßen schwand. Und es sah aus, als hätte der Blitz, der ihn durchzuckte, auch bei ihr eingeschlagen. Gleich einer geknickten Blüte hing sie in seinem Arm, den Oberkörper ohne Kraft ins Kreuz gelehnt. Sehr bleich schimmerte ihm ihr Gesicht entgegen, mit zitternd geblähten Nüstern, mit Augen, die unter tief gesenkten Lidern hervor in seine Augen starrten, blicklos und blind vor Selbstvergessenheit. Er wußte nicht mehr, was er tat, sein Wille regierte ihn nicht mehr. Wie von der eigenen Schwere gezogen, senkte sich sein Kopf, sanken seine Lippen, langsam und unaufhaltsam, hinab auf ihre Lippen. Da ging es wie ein Aufbäumen durch ihre Gestalt, mit einem halb erstickten Stöhnen warf sie die Arme in einer beinah verzweifelten Leidenschaft um seinen Hals, als müsse sie da Rettung suchen vor sich selbst. Sie küßten sich und wußten nichts mehr als diesen Kuß, der unersättlich war wie der Trunk eines vor Durst fast Verschmachteten. Endlich bog Toni, um nicht zu ersticken, den Kopf ein wenig in den Nacken zurück und sah sie an. So mächtig dehnte das Glück sein Herz, daß es ihm wehtat. Es war jener süße Schmerz der äußersten Seligkeit, die mit dem Tod verwandt ist und das schwache menschliche Gefäß zu sprengen droht. »Annastina!« flüsterte er heiß, und ein Überschwang von Dankbarkeit ergoß sich in dieses Wort. Daß sie nun sein war, sie, das Feinste, Schönste, Kostbarste, was es auf Erden gab! Da er sie beim Namen rief, richtete sie sich mit eckig unsichern Bewegungen auf, wie eine Marionette, der man vorsichtig den Faden anzieht. Ein Seufzer aus dem Grunde ihrer Brust, sie öffnete die Augen, große, staunende Augen, die durch die Dinge hindurch in leere Weiten schauten. Ihre Hände flatterten gleichsam empor, zur Höhe ihres Kopfes, schienen in der Luft nach etwas Unsichtbarem zu haschen, drückten sich dann gegen ihre Schläfen, daß die schlanken, funkelnd beringten Finger ganz in dem roten Haar versanken, und glitten von dort zaudernd über die Wangen abwärts auf die Schultern. »Nein, nein, was tun wir!« sagte sie, als müsse sie sich erst darauf besinnen. Er gab keine Antwort und wollte durch einen neuen Kuß zeigen, was sie getan hätten. Sie aber entwischte ihm geschickt und stand nun da, den Arm wehrend gegen ihn erhoben, wie mitten im Lauf zu der wundervoll bewegten Statue einer Fliehenden versteinert. »Geh, Annastina!« bat er. »Ich hab' Sie doch so lieb!« Sie lachte plötzlich auf. »Das fehlte auch noch, daß Sie das nicht hätten!« Er wußte nicht recht, was er darauf erwidern solle, und begann: »No, also können Sie doch verstehn!« »Oh, Ihren Geschmack versteh' ich schon.« Sie musterte ihn spitzbübisch zwinkernd aus dem Augenwinkel. »Verstehn kann ich's sogar, daß Sie mich küßten, wenn dieser Überfall auch reichlich dreist war. Aber daß ich Sie wiederküßte, Gwinner, verstehn Sie das?« »Braucht's gar net. Ich hab's gespürt. Und das genügt mir!« erklärte er, höchst übermütig gemacht durch das neckisch verlarvte Liebesbekenntnis, das hinter ihren Worten hervorlächelte. »Und ihm scheint das ganz selbstverständlich!« rief sie schmollend. »Um seinetwillen werd' ich meinen heiligsten Grundsätzen untreu. Ich, die ich mir geschworen hatte, niemals wieder zu heiraten! Und nun!« Da gab es Toni aber einen Riß. »Heiraten« hatte sie gesagt und dieses inhaltsreiche Wort mit einer so beiläufigen Schlichtheit fallen lassen, als kennte sie überhaupt keine andre Art von Beziehung zwischen zwei Wesen verschiedenen Geschlechtes. Er mochte eine recht verdutzte Miene zeigen; denn sie warf plötzlich in eisigster Befremdung das Kinn empor und fragte schneidend: »Ja, oder meinten Sie vielleicht ...?« »Nein nein, wie können Sie denn glauben! Nein, Ehrenwort, ich hab' doch ganz gewiß net ...« stammelte er, mit stark verdeutlichtem Entsetzen über ihren, ach, so ungerechten Verdacht. Hätte er ihr vielleicht kühl und ohne Umschweif erklären sollen, daß, was ihn ihr ins Netz getrieben hatte, nicht eben das Bedürfnis nach einer legitimen Ehegattin war, zumal er, wenn man es genau nahm, solch ein ihm rechtens angetrautes Weib ja schon besaß? O nein, er würde seine Zunge hüten! Es fiel ihm gar nicht ein, sein holdes Abenteuer, das doch gerade erst so vielverheißend anfing, sich selbst mutwillig zu verpatzen. Das war ihm ganz unmöglich in diesem Augenblick! Ja oder? Ein Blitzschlag der Erkenntnis zuckte auf ihn herab und zeigte ihm den eignen alten Adam am Scheideweg. Was ihm in diesem Augenblick unmöglich war, das wurde, wenn er ihn ungenutzt verstreichen ließ, noch viel unmöglicher. Ein jedes Wort, das er dann weiter spräche, mußte ihn fester binden und verstricken. Und so geschah es auch. Der starke Mann wollte sich gar nicht warnen lassen von der inneren Stimme. Die wundervollste Frau der Welt begnadete ihn mit ihrer Liebe. Er ließ den Jubel über dieses unverhoffte, niemals verdiente Glück brausend in sich emporschnellen und jede Erinnerung an den Alltag übertönen. Sein ganzes ferneres Leben und die ewige Seligkeit, ohne das kleinste Zaudern hätte er sie um diese Stunde in Tausch gegeben. Sie aber, seine schöne Elfenkönigin, sie war ein Weib und damit eine Realistin. Und so lenkte sie denn die Rede mit behutsam tastenden, doch trotzdem geradeswegs zum Ziel strebenden Worten aus niemand andres als auf Trautchen, die Toni gerade so schön vergessen hatte, und die außerdem jetzt sicher sehr gut aufgehoben und weich und warm in ihrem Pasinger Bette lag. Was half's! Er wurde mit der Nase auf die Gewissensfrage hingestoßen, was seine Frau wohl dazu sagen und ob sie sich nicht mit Händen und Füßen gegen die Scheidung sträuben würde. Nun, er beschwichtigte Annastina mit einer großartigen Geste. Das solle sie nur seine Sorge sein lassen. Und sich beschwichtigte er im stillen durch den Entschluß, die Sorge um solche künftigen Dinge mutvoll der Zukunft anheimzustellen und sich erst, wenn es wirklich darauf ankam, den Kopf darüber zu zerbrechen. Dafür schien ihm der Augenblick zu kostbar. Doch als er sie nun wieder an seine Brust zog und seine Lippen durstig die ihren suchten, stieß er auf den ungebärdigsten Widerstand. Er nahm ihn anfangs nicht zu ernst, wollte sich nicht groß um ihn scheren und ihn durch sanfte Kraft und Ausdauer überwinden. Da brach sie mit einmal in ein schier verzweifeltes, kindlich lautes, wütendes Weinen aus. Ihm sanken die Arme, gelähmt von Schrecken, nieder, unwillkürlich wich er um einen Schritt zurück. Weibertränen sind eine starke Waffe. Jeder Mann, und antwortete er gleich mit einem Wutausbruch darauf, fühlt sich vor ihnen doch im Unrecht, plump und roh und schuldbeladen. Toni wußte nicht, was er tun, nicht, was er sagen solle; und was er schließlich sagte, war denn auch so dumm und ungeschickt wie möglich: »Aber ich will mich ja doch scheiden lassen!« »Wie gnädig!« rief sie höhnisch und wischte sich voll Trotz die Augen. »Sie finden wohl, daß Sie ein Opfer bringen, wenn Sie mich heiraten? Da muß ich weiß Gott wie dankbar sein für diese edle Absicht und alles und mich selbst vergessen?!« »Aber Annastina!« bat er vorwurfsvoll und traurig. »Sie wissen doch, wie dankbar ich Ihnen bin!« »Das merkt man!« klang es kämpferisch zurück. »Ja mei, was hab' ich denn ...? Und is ein Kuß ...?« »Nein, Gwinner, Sie sagen: nur ein Kuß! Aber jetzt, hier, in dieser Nacht, die etwas hat, was ... Weiß man, wohin es einen führt? Besitzen Sie die Kraft? Ich weiß nicht, ob ich sie noch besäße.« »Annastina!« jubelte er. Sie hielt ihn mit einer prachtvoll gebieterischen Handbewegung auf Abstand. »Nein, es ist häßlich von Ihnen, daß Sie meine Schwäche ausnutzen wollen. Ihr Männer denkt immer nur an euch! Wollen Sie, daß ich keinem mehr gerade in die Augen sehen kann? Wie müßte ich mich vor mir selber schämen, ich, die ich immer stolz war und stolz sein durfte! Ich müßte mich ja auf einer Stufe fühlen mit, sagen wir nur gleich: mit der Person, die der gute Danielsson zu seiner Frau zu machen für geschmackvoll hält!« »Die Kajsa!« antwortete er leichthin wegwerfend. »Daß Sie sich damit überhaupt vergleichen mögen! Aber Sie! Ich versteh Sie gar net. Was soll da schmutzig sein? Sind mir net freie Menschen?« Hier hob die schöne Frau den Kopf. Das Wort: Freiheit hatte schon seit frühen Jugendtagen einen Fanfarenklang für sie. War es doch eines der beliebtesten Prunkstücke aus der idealistischen Rüstkammer ihres großen Vaters. Nein, den Verdacht der Philistrosität konnte sie nicht auf sich sitzenlassen; und sie zerstreute ihn darum bei Toni, dem freilich Taten mehr bewiesen hatten, mit höchst scharfsinnigen Erklärungen. Nicht etwa bürgerliche Vorurteile legten ihr Fesseln auf, ihre Bedenken waren vielmehr höchst adliger Natur. Als Bengt Nordlinds Tochter gehörte sie nicht nur sich selbst, sondern sozusagen der Welt, stand sie nun einmal stets vor den Augen der internationalen Öffentlichkeit. Ach ja, das Leben im Verborgnen wäre manchmal schöner! Wer keinen privaten Namen trägt, sondern, das durfte sie wohl sagen, einen geschichtlichen, der ist hierin nicht frei. »Und, lieber Freund, was ist denn Freiheit überhaupt!« schloß sie melancholisch lächelnd. Dann aber warf sie das Kinn empor und kehrte urplötzlich in das graue Land der Tatsachen zurück, indem sie fragte: »Und, Gwinner, Sie? Sind Sie denn frei?« Die Antwort hierauf gab sie dann gleich selbst. Nein, er war nicht frei! Er hatte eine Frau, die, wie man auch über sie denken mochte, ganz sicher ihre schätzenswerten, tüchtigen Eigenschaften besaß. Es wäre seiner in der Tat nicht würdig, die Ärmste so zu hintergehen. Mein Gott, wieviel Gerechtigkeit doch Annastina ihrer bittern Feindin zollte! Freilich war sie dabei offenbar der Meinung, die Untreue ihres Mannes könne Trautchen nur so lange schmerzlich sein, als sie von ihr nichts wüßte. Toni durfte bitten und betteln, soviel er mochte, Annastina war sehr sanft und nett, blieb aber fest dabei, sie könne ihm erst angehören, sobald sie das vor niemand aus der Welt mehr zu verheimlichen brauchten. Wenn er sie wirklich so sehr liebe, würde er es durchsetzen gegen jeden Widerstand und würde sie nicht zu lange in Sehnsucht dessen harren lassen. Bis dahin aber wäre es klüger, sie trennten sich. Mochte er es auch für schwerfällig halten, sie wolle mit erhobnem Haupt in diese Ehe treten, die ja ihre erste wahrhafte Ehe genannt werden müsse. Und darum ginge sie morgen zu ihren Kindern, zu ihrer Mutter, nach deren Landhaus bei Falun. Dorthin solle er dann kommen und, wie es hergebracht sei, um sie werben. Daß sie sich nicht knechtisch und aus Zwang in die bürgerlichen Bräuche schickten, wäre wohl selbstverständlich: freiwillig und überlegen wollten sie sich ihnen beugen. Und wenn man's richtig betrachte, bliebe ja auch die konventionelle Form nur so lange konventionell, als man sie nicht mit neuem Inhalt fülle. Dazu aber, dies zu tun, wären sie wohl die rechten Leute, sie beide! Toni, der sonst im Leben für hohe Worte nicht viel übrig hatte, ließ sich heut gern davon berauschen. In seinem Liebestaumel steckte ihn dieser Ton sogar ein bißchen an, und er wurde selber in seiner Ausdrucksweise nicht viel weniger als poetisch. Er bat Annastina eindringlich, sie möge doch hier auf Koster bleiben, damit er wisse, wo er sie während der Trennung zu suchen habe. Sonst hielte er das nicht aus: an einem fremden Orte könne er sie von fern nicht sehen und nicht fühlen. Vor ihm brauche sie ja auch nicht zu flüchten, denn er selber reise schon morgen heim und würde dort die Sache regeln. In wenig Tagen hoffe er zurückzukehren und ihr sagen zu können, daß alles im rechten Gleise sei. Und hier, auf ihrer Zauberinsel, wo sie sich gefunden hätten, wolle er ihr das sagen. Für die Werbung bei ihrer Mutter käme dann später noch die Zeit. Ja, der Umgang mit einer feinen Frau veredelt rauhe Männersitten. Ein strahlendes Lächeln belohnte ihn für seine wohlgesetzte Fügsamkeit; dabei wußte sie es graziös so zu drehen, als ob sie sich mit dem Verbleiben auf Koster seinen Wünschen füge. Jetzt durfte er ihr, wenn auch nicht auf den Mund, so doch die Hand mit aller Innigkeit und Ausführlichkeit küssen; er bekam sogar die Erlaubnis, sie noch bis vor das Schusterhäuschen zu begleiten. Mehr noch: sie hängte sich in seinen Arm und schmiegte sich im Schreiten zuweilen selbstvergessen an ihn an. Dann schoß Toni immer die Hitze durchs Blut, und der Atem stockte ihm gleich für Sekunden. Doch nahm er sich fest zusammen. Er hatte sich vorhin ihren Tränen gegenüber doch gar zu sehr als der plumpe Bauer empfunden. Um keinen Preis durfte er schon wieder ihr Zartgefühl verletzen. Er sah's schon ein: um sie richtig anzufassen, mußte er noch viel lernen; sie war ja etwas so viel Feineres, Höheres, Vornehmeres, als was ihm sonst von Frauen jemals in den Wurf gekommen war. Sie selber hielt sich ja dafür, und das ist stets das beste Mittel, auch dafür zu gelten. Es gab aber auch noch einen andern Grund, der Toni Hemmungen auferlegte. Bei aller Leichtigkeit, mit der seine Worte über die Hindernisse setzten, die noch auf den von Annastina gewiesenen Weg zum Glücke lagen, in seiner Vorstellung wuchsen diese Hindernisse allgemach zu wahren Chimborassos an. Es würde nicht so einfach und durchaus kein Vergnügen sein, die Dinge, die ihnen beiden ohne weiteres einleuchteten, auch Trautchen klarzumachen. Herrschaft, er mochte gar nicht daran denken und versank doch immer tiefer in dies nicht eben hoffnungsvolle Grübeln. Und Annastina schien mit klugem, weiblichem Instinkte zu erraten, was ihm so auf die Stimmung drückte. Um ihm zu helfen, fragte sie ihn mit warmer Anteilnahme, wie er denn überhaupt zu dieser Frau gekommen sei. Er begrüßte es als Erlösung, daß das schwüle, peinliche Schweigen unterbrochen wurde, und begann zu erzählen, langsam und stockend anfangs, nachher mit einer flackernden Lebhaftigkeit, die wohl gleichsam ihn selber übertönen sollte. Als könne er seine Untreue dadurch rechtfertigen, ließ er Trautchen nicht gerade in schmeichelhaftem Licht erscheinen. Er erhob ja keine deutlichen Anklagen gegen sie, irgendwie aber konnte man aus seinen Worten doch entnehmen, daß sie ihr Herz für ihn wohl kaum würde entdeckt haben, wenn seine Bilder nicht auf jener ersten Ausstellung im Glaspalast so eingeschlagen hätten. Das glaubte er auch selber ehrlich, sein alter Verdacht von Anno dazumal wurde jetzt, da es ihm so paßte, gerade auf den Tag nach vierzehn Jahren mit einem Schlage zur Gewißheit. Trotzdem fühlte er sich nicht so recht wohl bei seinen eignen Worten. Denn im Grund: was Trautchens ursprüngliche Motive gewesen sein möchten, seitdem war so viel Wasser den Fluß hinabgeflossen, war auch so viel geschehen, hatte er denn doch so vieles Liebes und Gutes von ihr erfahren! Ein Zufall wollte es, daß eben jetzt ganz in der Nähe aus einem Eschenbaum ein Hahnenschrei erscholl. Irgendein Bauerngockel, der sich, statt brav und ordentlich in seinen Stall zu gehen, sein Nachtquartier dort oben gesucht hatte, mochte von dem Geräusch ihrer Schritte erwacht sein und verwechselte nun den hellen Mondschein mit dem Lichte des anbrechenden Morgens. Dies Kikeriki ging Toni durch und durch. Und die Legende fiel ihm ein von jenem Simon aus Galiläa, der auch beim Krähen dieses Vogels reuig einsah, daß er verleugnet hatte, was er nicht verleugnen durfte. Nicht, daß der starke Mann sich nun beim Hahnenschrei gerade schamrot abseits gedrückt und bitterlich geweint hätte, aber er stotterte plötzlich etwas von Trautchens doch immerhin vorhandenen guten Eigenschaften und machte gleichsam einen Nebel von halben Worten, abgerissenen Phrasen, von einerseits und andrerseits um die Geschichte seiner einstigen Verlobung. Und wieder war es Annastina, die ihm half. Mit beiden Händen langte sie in den Dunst, erwischte festen Griffes den Kern seiner Erzählung und hielt ihn in ein unbarmherzig klares Licht empor. Sie fand es schön von ihm, daß er die Dinge nicht beim rechten Namen nennen wollte; sie aber täuschte er damit nicht: es war schon, wie sie es sich von Anfang an gedacht hatte! Man konnte wahrhaftig auf die Idee kommen, sie selber hätte in diesem Augenblick noch keine Ahnung von Tonis künstlerischem Ruf und Ansehn, so ehrlich entrüstete sie sich über Trautchen, weil die schon, bevor sie ihm ihr Jawort gab, etwas davon hatte läuten hören. Trautchen hätte ihn aus Berechnung geheiratet, machte sie ihm klar, und hieraus sei mit zwingender Notwendigkeit alles Weitere erwachsen. Mein Gott, Annastina machte der armen kleinen Frau gar keinen Vorwurf daraus: sie konnte ja nichts dafür, daß sie aus einem Milieu kam, wo man so denkt und diesen Horizont hat. Und sie bestritt ihr auch ihre sogenannten Tugenden gar nicht und zog es nicht in Zweifel, daß sie ihm eine treue und besorgte Gattin gewesen sei; das hatte aber schließlich in ihrem eignen wohlverstandenen Interesse gelegen. Wenn eine sich ihren Mann auf diese Weise erlistet hat und sonst nicht eben sehr viel Reize aufbieten kann, muß sie doch wenigstens in dieser Hinsicht alles tun, um ihn zu halten. So eine kann doch gar nicht anders, als sich jeden Tag und jede Stunde fürchten, daß das Gebäude, welches sie auf dem unsoliden Grund der Lüge errichtete, plötzlich zusammenstürzt. Ja, sah denn Toni gar nicht, warum sie ihn nach dem traurigen Nest von Pasing hinausgelockt und ihn dort in ein kleinbürgerlich häusliches Behagen eingesponnen hatte? In jeder Berührung ihres Mannes mit der großen Welt barg sich Sie Gefahr für sie, er könne ihr entgleiten. Gewiß, sie war eine in ihrer engen Weise brave Frau, eine Musterfrau für einen Kaufmann und Beamten. Für Toni als Künstler aber paßte sie nun einmal nicht, Toni als Künstler hatte sie in voller Unschuld um das Beste des Lebens betrogen, zu allem Anfang schon und später immerfort. Betrogen hatte sie ihn um die Atemluft, eben die Luft der großen Welt, in der allein ein Künstler auch Großes vor sich zu bringen fähig ist, weil er nur dort die Quellen rauschen hört, aus denen das neue Werden strömt, betrogen hatte sie ihn zu schlimmerletzt um seinen Anspruch auf eine feinfühlige, verständnisvolle Gefährtin, wie sie ein jeder wahre Mann braucht, damit sein Dasein sich erfülle und vollende: die Gefährtin, die seinen Geist beschwingt, statt ihn zu hemmen. »Hab' ich nicht recht?« so wendete sich Annastina, auf einmal stehenbleibend, an Toni und blickte ihm mit ihren rätselgrünen Augen herzlich durchdringend ins Gesicht. »Wie Sie das alles aber so genau wissen können!« murmelte er in einem fast andächtigen Staunen. »Das wußte ich schon früher«, gab sie mild und wie verträumt lächelnd zur Antwort. »Lange, bevor ich Sie zum ersten Male sah. Gefühlt hab' ich es, aus jedem Ihrer Bilder. Denn hinter dieser Spaßmachergebärde, diesem manchmal grausamen Hohn sah das doch immer hervor: die Klage eines vom Leben sehr Enttäuschten, unendlich Einsamen«. Toni war von der Fülle an Weltschmerz, die sie in seiner ironischen Mythologie entdeckte, vielleicht ein wenig überrascht. Doch welcher Künstler läßt sich nicht gern für tiefer ansehen, als er selbst geahnt hat. Er glaubte ihr also aufs Wort, was sie in ihn hineingeheimniste. Und das übrige tat die Stimmung dieser Nacht. Wie sie dann langsam weiterschritten, begann sie ihm das neue Leben auszumalen, das ihm an ihrer Seite für die stumm verschluckten Leiden entschädigen würde. Und hier sparte sie mit den lichten Farben nicht. Die schönste Jakobsleiter baute sich in kühner Perspektive vor seinem geistigen Auge auf und führte geradeswegs bis in den Himmel. »Ach, wär's erst bloß so weit!« warf er schwärmerisch dazwischen und stieß einen herzhaften Seufzer aus. Und sie verstand auch diesen Seufzer gleich. »Ja, ja, ich weiß schon: Ihre Frau«, sagte sie sinnend. »Ich kenn' die Sorte Frauen. Sie haben nicht so viel Stolz, den Mann gutwillig freizugeben, der sie nicht mehr liebt. Ich weiß auch, leider, aus Erfahrung, was eine Scheidung vor diesen deutschen Gerichten zu besagen hat! Ohne ihr Einverständnis ist es gar nicht möglich. Und das zu kriegen, ach lieber Freund, es wird wohl ein Stück Arbeit. Nein, ich beneide Sie wirklich nicht darum. Vor sie hintreten und ihr das klarzumachen – sagen Sie ehrlich: trauen Sie sich überhaupt die Kraft zu?« »Doch, doch!« rief er mit hastigem Eifer. Aber so ungeheuer sicher klang das am Ende nicht. Da hatte sie einen klugen Einfall und hielt damit auch nicht hinter dem Berge: Ob es denn nicht besser wäre, wenn er zunächst überhaupt nicht hinführe, sondern ihr vorher alles schriftlich erklärte? Es war das erstemal in seinem Leben, daß Toni die Zumutung, er solle einen Brief schreiben, mit Beifall begrüßte. Jetzt erst erkannte er, wie vollkommen unmöglich es ihm gewesen wäre, dies alles Trautchen ohne Vorbereitung ins Gesicht zu sagen. Nicht eine Silbe davon hätte er über die Lippen gebracht. Wenn sie es aber schon zuvor wüßte, würde sie selber das Gespräch in Gang bringen, davon war er nur zu überzeugt. Dann hieß es also bloß noch, den Nacken steif zu halten. Und den Entschluß faßte er mit aller Bestimmtheit. Lächerlich machen wollte er sich weder vor Trautchen noch vor Annastina! Und Trost gewährte weiter eins: bis sein Brief hinkam und ihre Antwort wieder an ihn zurück, verging bald eine Woche. Um so lange also schob sich der Kampf Stirn gegen Stirn nun noch hinaus. »Ja, es ist besser!« rief er. »Ja, ich schreibe! Gleich morgen! Aber, Annastina, bitte: jetzt, wo ich dableib', dürfen Sie deshalb net fort! Gel?« Sie sträubte sich zuerst mit einiger Koketterie. Doch sagte sie schließlich ja; das heißt: wenn er verspreche ... Nun, er versprach ihr natürlich wieder alles und noch einiges mehr. Zum Dank dafür redete sie ihm jetzt gut ermunternd zu. Es regle sich ja fast jedes Ding im Leben leichter, als man sich's beim Darangehen vorstelle. Er müsse Trautchen bloß das Ganze nun auch richtig schreiben: so und so und so ... Daß eben nicht mehr und nicht weniger als seine menschliche und künstlerische Zukunft daran hänge. Du lieber Himmel, schließlich hege niemand die Absicht, sie ungerechterweise zu verkürzen. Materiell könne er ja nach ihren Begriffen glänzend für sie sorgen. Und was die Hauptsache sei: ihr bliebe doch das Beste, ihr Kind. Bei diesem Wort stieß Toni auf einmal einen kurzen Laut hervor, erschrak aber gleich selbst darüber und konnte ihn gerade noch zur Hälfte verschlucken. »Nein, Gwinner!« rief Annastina lebhaft. »Das können Sie ihr nicht antun! Darauf hat jede Mutter, und mag sie sein, wie sie wolle, ein heiliges Recht!« Er wehrte müde mit der Hand ab. Es fiel ihm gar nicht ein, zu widersprechen. Daß Trautchen den Buben nicht hergeben würde, soviel konnte ihm selbst wohl klar sein. »Ist Ihnen dies Opfer zu groß? Dann sind Sie selbstverständlich frei«, erklärte Annastina edelmütig. »Nein, nein doch, Annastina! Aber ...« Sie streichelte ihm sanft den Arm und hatte linde Worte des Trostes. Der Junge könne sie ja oft besuchen. Dann solle er in ihr die zweite Mutter finden. So, wie sie hoffe, daß Toni ihren Töchtern nicht das sein werde, was man einen Stiefvater nennt. Er würde sich sicher ausgezeichnet mit ihnen stehen: als guter, fröhlicher Kamerad, wie sie ihn kenne. »Die beiden Blonden!« sagte sie voll Herzlichkeit. »Sie sind sehr fein und eigenartig, schon richtige kleine Menschen. Ach, unsere Kinder überhaupt! Ihr Männer könnt das ja gar nicht so verstehn. Ich bin aber eine Mutter und brächte es darum niemals übers Herz, einer andern Mutter etwas zuzumuten, wogegen ich selbst mich wie eine Löwin wehren würde. Und wenn ich nicht glaubte, es wäre zum Glück der Kinder, ich sag' es ehrlich, Gwinner: niemals würde ich dann Ihre Frau. Überhaupt: Sie dürfen zusehn, daß Sie den beiden Blonden gefallen! Auch davon hängt es ab. Nicht nur bei meiner Mutter, auch bei ihnen müssen Sie um mich werben. Ihr Jawort ist es, was zuletzt entscheidet.« Dies brachte sie in einer anmutigen Mischung zwischen Scherz und Ernst hervor. Eigentlich erschien Tonis gesunder Bauernvernunft diese Idee, die Kinder könnten ihm einen Korb geben, ein bißchen überspannt, obgleich dem fraglos ein schönes Gefühl zugrunde lag. Na aber, reizende Kerle waren sie einmal gewiß, die Töchter dieser Frau. Er nahm sich fest vor, daß sie bei ihm den rechten Vater nicht entbehren sollten. Trotz alledem: das Michele! Da würde er sich hart tun! Zum erstenmal in dieser Nacht geschah es, daß Annastina seine trübe Miene falsch auslegte. »Kopf hoch, mein Freund!« sagte sie lächelnd. »Das ist nun mal nicht anders: hinein in eine verfehlte Ehe kommt man leichter als wieder draus heraus! Nein, nein, ihr Männer! Ich begreif' es nicht, wie Sie sich so harmlos konnten fangen lassen!« Das brachte sie in einem Ton hervor, daß der starke Mann sich der Naivität seiner grünen Jahre bis in den Grund der Seele schämen mußte. Um sich in ihren Augen wieder halbwegs zu rehabilitieren, vielleicht auch, weil er gern auf andere Gedanken kam, vergaß er jede Diskretion und schilderte, in zarten Andeutungen bloß, versteht sich, sein Abenteuer droben am Aufacker, damals auch in so einer Mittsommernacht. Nun ja, man hätte sich halt fortreißen lassen. Und dann natürlich ... Net wahr? Annastina war starr. »Ja, ist das möglich?« rief sie mit einem schneidenden Auflachen. »So hat sie das gemacht! Sich Ihnen an den Hals geworfen und nachher die Rechnung präsentiert!« »No, daß das Spekulation von ihr gewesen is, glaub' ich zwar net; das war schon ...«, so suchte Toni die überraschend drastische Wirkung seiner Worte zu dämpfen. »O Gwinner!« Sie lächelte, beinah gerührt von Mitleid. »Also noch heute! Wo Sie sich doch so lange kennen! – Na ja, ein bißchen spricht wohl auch die liebe männliche Eitelkeit mit herein. Aber ich sag' nur: diese Frau! Echt ist das aber! Mein Gott, welch eine Welt! Nein, diese kleinen unschuldigen Bürgermädchen! Von denen kann man wirklich noch was lernen!« Er schwieg geniert und wünschte sich, er hätte lieber von Anfang an den Mund gehalten. Auch sie sagte nichts mehr und staunte nur immer kopfschüttelnd weiter vor sich hin. Es fröstelte sie augenscheinlich bei dem Gedanken an Trautchens eiskalte Raffiniertheit: zusammenschauernd schmiegte sie sich dicht an Toni, als wolle sie da Wärme suchen. Wenn es dabei verteufelt warm zu werden anfing, das war er. In diesem langen, schwülen Schweigen gewann auch die Phantasie solch einen weiten Spielraum. In immer verlockenderem Lichte zeigte sich ihm der Entschluß, wieder einmal auf Gedeih oder Verderb die Trense zwischen die Zähne zu nehmen. Bloß, er getraute sich's nicht recht und schielte zweifelnd zu ihr hinüber. Schließlich setzte er sich eine Frist: er nahm sich vor, jetzt noch bis zehn zu zählen, und dann ... Da wollte es das Schicksal, daß sie, gerade bei der Ziffer Sechs, aus dem Baumschatten in die Mondhelle des freien Platzes vor dem Schusterhäuschen traten. Im gleichen Augenblicke fuhren sie beide jäh zusammen, und die ganze Stimmung war wie abgeschnitten: Spitzel hatte ein infernalisches Gekläff erhoben und zerrte mit einer Wut an seiner Kette, daß es ihn auf die Hinterbeine emporriß und einfach nur um sich selber drehte. »Was hat der Hund? Er bellt sonst nie«, sagte Annastina und hielt sich die Hände vor die Ohren. »Tja ... Ja ...?« stammelte der starke Mann. »Und heute bellt er«, fügte er hastig und in einem so auffälligen Tone größter Ahnungslosigkeit hinzu, daß sie ihm unwillkürlich prüfend in die Augen sah. Er holte verlegen zu einer erläuternden Armbewegung aus, packte aber plötzlich ihre Hand, schüttelte sie mit krampfhafter Innigkeit und drückte einen heißen Kuß daraus. »Dank, Annastina, Dank für alles! Ich ... Auf morgen also!« Damit riß er sich los und machte sich zügigen Schrittes davon. Erstaunt schaute sie hinter ihm her. Doch als er verschwunden war, nickte sie in einem linden, leis gerührten Verstehen. »Du lieber, dummer Bär!« flüsterte sie zärtlich. Sie hatte ihn wirklich gern. Dann ging sie auf das Haus zu, vorüber an dessen treuem Wächter, der nach dem Verschwinden des bösen Feindes Ruhe gab und nur noch hie und da halblaut ein kurzes mißtrauisches Blaffen hervorstieß. Während sich Annastina in ihrem Schlafgemache langsam entkleidete, zog sie, wie das ihr großer Vater sie einst gelehrt, mit unbarmherziger Ehrlichkeit die Bilanz ihres Tages. Der Abschluß war gut, sie durfte zufrieden sein. Sie hatte das vorgesteckte Ziel erreicht, aber das bedeutete ihrer aufs Innerliche gerichteten Natur nicht die Hauptsache. Die Menschlichkeit vor allem! hieß Bengt Nordlinds Wahlspruch. Andere Frauen würden, wo es sich um ihre Liebe und ihr eignes Glück handelt, kaltblütig über Leichen gehen. So etwas lag ihr fern. Nein, welches nachsichtige Verständnis sie heute jener Person bewiesen hatte, von der ihr erst vor wenig Tagen so Empörendes widerfahren war! Wahrhaftig: von niedrer Rachsucht fühlte sie sich in einem Grade frei, daß sie sich selbst nur darüber wundern konnte. Und ihre beiden Blonden – war sie ihnen nicht eine seltene Mutter? Ja, ja, die durften froh sein! Und Toni auch! Was für ein ganz andrer Mensch er werden würde in dieser Ehe, was für ein Künstler! Fast wollte sie es bedünken, als müsse sogar Trautchen froh sein. Wenn sie nur einen Funken von selbstloser Liebe zu ihrem Mann besäße! Aber Annastina war nicht die Frau, sich über andre naiven Täuschungen hinzugeben. Von der platten Gewöhnlichkeit konnte sie soviel Seelengröße ja auch nicht erwarten. Sie wußte schon: noch hieß es, Kämpfe zu bestehen, und keine leichten. Doch fühlte sie sich guten Mutes. Dies Glück war ihr das Schicksal endlich schuldig. Seit vielen Jahren hatte es ihr nichts als Enttäuschungen und Leid gebracht. Sie wußte wirklich nicht, wodurch gerade sie sich solch ein Los verdient habe. Nein, immer würden nicht die Schlechten triumphieren; es gab noch eine irdische Gerechtigkeit! Hart, schmal und dürftig war ihr Lager in diesem armen Häuschen. Sie hatte oft darauf gescholten; heut spürte sie es gar nicht, und der Schlummer entrückte sie schnell aus allem Zukunftsplanen ins weite Reich des Unbewußten, wischte jedes Fältchen des Grübelns und der Spannung aus ihren Zügen, goß anmutreichen Frieden reinster Kinderunschuld über sie. So sanft und ruhig atmend schläft nur, wer sich unverbrüchlich auf dem Pfad des Guten weiß.   Da nun das Bellen hinter ihm verstummt war, zügelte Toni seinen Schritt. Auf einmal machte er völlig halt und lauschte. Wie still, wie über alle Begriffe still die Nacht war: er meinte förmlich sein Blut wallen zu hören. Ein flüchtiges Lächeln spielte um seinen Mund, um seine Augenwinkel, und schwand und räumte den Platz einem guten, hellen Ernst. Jawohl! Er nickte stark bekräftigend und setzte von neuem langsam Fuß vor Fuß. Jetzt wußte er erst, wohin so unruhig zitternd seine innere Kompaßnadel gezeigt, wonach ihm die nimmermüde Sehnsucht gestanden hatte alle die Jahre. Zu früh, beinahe um ein ganzes Leben zu früh, war er vor Anker gegangen im faulen Brackwasser des Hafens. Doch noch war Zeit, er hißte seine Segel zu neuer großer Fahrt: Von seligen Inseln in der Ferne orgelten die Stimmen der Tiefe unterm Kiel. Die Stimmen trogen nicht. Und sollten sie selbst trügen, und gab es draußen nichts als Meer und Himmel, Sturm und Wasserwüste: im Fahren liegt das Glück. Halt, was war das! Es riß ihn mitten aus dem Traum. Und wieder blieb er stehn und horchte, mit vor Aufmerksamkeit gerunzelten Brauen und schief zur Seite gedrehtem Kopf. Nein, er hörte nichts. Ja, aber da! Er starrte auf die beschattete Granitwand: plötzlich schwankte dort, wie aus dem schwarzen Nichts entsprungen, ein kleiner blasser Lichtfleck, in dem ein sonderbares Kochen und Sichgebären wirkte. War die Erscheinung zuerst nur dem tastenden Schimmer eines Blendlaternchens gleich gewesen, so lockerte sie sich nun zum mondbestrahlten Nebelwölkchen, schoß jetzt zu scharfbegrenzter Form zusammen, und jetzt ...! »Nein!« sagte Toni laut, warf, um sich zu erwecken, die eine Schulter heftig zurück und ließ die Fingerspitzen fest über seine Lider gleiten. Als er sie wieder ausschlug, war alles Ungewöhnliche verschwunden. Einbildung der überreizten Phantasie! Was denn auch sonst? Das fehlte auch noch, daß er, Toni Gwinner, sich aus seine alten Tage mit Halluzinationen und Gespensterseherei befaßte. Was war dies aber anders als ein Zeichen, wie schwer er sich von seinem Buben trennte, wie sauer es ihm fiel, hinfort in Micheles Augen nicht mehr als das fröhlich bewunderte Ideal mannhafter Vollkommenheit, sondern sozusagen als schlechter Kerl, als windiger Durchbrenner, als pflichtvergessener Vater dazustehn! So würde ihn Trautchen ganz gewiß betrachten; und abfärben würde ihre schlechte Meinung unwillkürlich auf den Sohn. Weil Toni daran nicht zweifeln durfte, nur deshalb hatte er sich ja Micheles Gesicht jetzt eben so stark vorgestellt, daß er es für eine Sekunde leibhaft zu sehen meinte, ihm wohlbekannt und fremd zugleich, mit diesem neuen, sonderbar unjungen Ausdruck, darin sich Trauer, Staunen, Enttäuschung und Verachtung mischten. Ach ja, umsonst wird einem halt auf dieser Erde nichts geschenkt, für jeden Gewinn heißt's aus der andern Seite Opfer bringen. Doch gleich beschlich ihn Scham ob solcher billigen Lebensweisheit. Er fuhr mit vollen Segeln nach seinem Glücke aus; und die er einsam am Ufer zurückließ, sein Weib, sein Kind, die waren es, denen hier Opfer zugemutet wurden. Mit scharfem Ruck warf er den Kopf dann ins Genick und dachte trotzig: Nein, die Sentimentalitäten dürft' ich mir wirklich schenken! Trautchen? Is sie denn so gefühlvoll? Und eine, die ihr ganzes Leben auf das falsche Rechenexempel aufbaut, ich wär' bloß eine Null, und net ein Einser, die darf sich net gar so beklagen, wenn es zum Schluß net stimmt. Ja mei, der Bub', natürlich nimmt er jetzt die Partei der Mutter, und ich bin halt für ihn der Schuft und Lump. Aber er wird einmal ein Mann und urteilt selber. Was hätt' er schon davon, wenn er mir beim langsamen Vertrotteln zuschaun dürft'! Und ob's ihn dann net besser freut, wenn er sich sagen kann: Mein alter Herr, ein Tugendspiegel war er net, der Mutter is er durch, aber gekonnt hat er verflucht was und geleistet! So ließ sich Toni von der gefälligen Logik ganz ernsthaft überzeugen, ein Vater tue in allem Wesentlichen seiner Elternpflicht genug, wenn er recht schöne Bilder malt. Den Rest von Mißbehagen, der unter diesen Erwägungen noch immer heimlich auf der Lauer blieb, schlug er beherzt in die Flucht, daß er sich helle Zukunftsbilder vor Augen zauberte. »Hab' ich ein Glück! Wird das ein Leben!« flüsterte er sich selber mit fast beschwörender Eindringlichkeit zu. Und gleichsam kopfüber stürzte er sich in den Entschluß, nicht eine Stunde mehr zu warten. Sobald er heimkam, gleich schrieb er an Trautchen! Bevor dies harte Stück Arbeit hinter ihm lag, war es ja mit dem Schlafen doch nichts Rechtes. Sich bis zum hellen Tag im Bette wälzen und in Gedanken Briefe schreiben, nein, der Trottel war er nicht! Was einer heute tut, darf er sich morgen sparen. Und für morgen wußte er sich reizvollere Geschäfte. Mit langen Schritten, denn es eilte ihm plötzlich, ging er weiter; und um sich selber seine Festigkeit so recht sinnfällig zu machen, trampste er lärmend auf. Tap, tap, tap, tap, das sollte sagen: Platz gemacht; diese zwei Füße kennen ihren Weg! Tap, tap, tap, tap, klang es im gleichen Takte von der Felswand wider, unübertönbar, immer noch um ein kleines Heller und schärfer als der Menschentritt. Toni wollte jetzt keine romantischen Philosophastereien mehr damit verknüpfen: ein lumpiges Echo war das, weiter nichts! Und dennoch übersetzte sich ihn, der stete Ton zuletzt in Worte: Tap, tap, tap, tap. Dein Weg? Bild dir nichts ein! Den Weg des Schicksals gehst du. Schmeichlerisch drohend streckte sie wieder die Hände nach ihm aus, die Stimmung dieser Nacht, zeigte sie ihm in Dunst und lichtdurchsickertem Dämmer die Unendlichkeit der Welt, ließ ihn sich selber als verlornes Sandkorn in der Wüste fühlen, winzig und einsam unter Milliarden, kraftloser Raub der windbewegten Luft. Aber er riß sich aus der tückisch einlullenden Weichheit empor. Der Weg des Schicksals? Mochte es denn der Weg des Schicksals sein! War Willensfreiheit etwas andres als ein Wort! Und doch: sein Schicksal, wenn es kommt, erkennen, sein Schicksal wollen, das ist freie Mannestat! »Annastina!« Er sprach den Namen wie eine Zauberformel aus, die Berge sprengt und alle Türen öffnet. Kaum in zehn Jahren sonst hatte Toni so viel Briefpapier verbraucht wie heute nacht in den drei, vier Stunden. Immer wieder schien es ihm so nicht recht, und er zerriß den Bogen, den er gerade erst in bittrer Arbeit mit den schön geschwungenen Lettern seiner nicht eben kuranten Schrift bedeckt hatte. Bis es ihm schließlich zu dumm wurde und ihm die Erleuchtung aufging, daß alles Bemühen, die Sache Trautchen mundgerecht zu machen, doch ganz umsonst war. Zum Teufel mit den pflaumenweichen Redensarten und dem Appelieren an ihre schöne Seele! Maulspitzen tat's hier nicht, es mußte gepfiffen sein! Er tunkte die Feder heftig ins Tintenfaß, und siehe: nun flutschte es endlich! Die Gedanken strömten ihm nur so zu und verketteten sich ganz von selber zum schlüssigen Beweis, genau, als stünde irgend ein unsichtbarer Einbläser hinter ihm. Es fiel ihm weiter gar nicht auf, daß dieser dienstbare Geist niemand andres war als sein Gedächtnis, und daß er einfach wiederholte, was er vor einer kleinen Weile von einer klugen Frau sich hatte auseinandersetzen lassen. Er brauchte das nur in sein doch immerhin abweichend geartetes Deutsch zu übertragen. Freilich verwendete er auch darauf in der Eile nicht viel Sorgsamkeit, und so standen mancher Satz, manche gehobene Wendung etwas fremd in ihrer Nachbarschaft. Ihm aber imponierten diese eingestreuten Perlen ganz besonders, als er die sechzehn Seiten zum Schluß noch einmal überlas. Er wußte wirklich nicht, weshalb er immer der Meinung gewesen war, er habe zum Briefschreiben kein Talent. Jedenfalls: den Brief hier sollte ihm nur einer nachmachen! Der hatte Hand und Fuß. Es war alles darin gesagt, und gut, teilweise sogar schön, gesagt. Wie er nun aber die Blätter faltete und sie ins Kuvert schob, starrten seine Augen aus einmal wieder sinnend ins Leere, und seine Brauen runzelten sich. Trautchen natürlich, an die waren die Feinheiten dieses Schreibens wohl verschwendet. Und Schmeicheleien standen für sie am Ende auch keine drin, trotzdem er sich bewußt war, daß er ihr in allem, wo er's mit gutem Gewissen konnte, vollste Gerechtigkeit hatte widerfahren lassen. Was half's! Sie würde einfach toben, da traute er sich zu wetten! »Na tobt sie!« sagte er plötzlich laut, sehr grimmig und entschlossen. Es war vielleicht am besten so. Womit denn sonst hatte sie ihn alle die Jahre listig ums Fingerl gewickelt als mit dieser vermaledeiten falschen Süßigkeit! Dem vermochte er schlecht zu widerstehen. Kam man ihm aber dumm, dann lernte man ihn von einer andern Seite kennen! Bitt' schön, sie tat ihm selber den größten Gefallen, wenn sie den bayrischen Zorn in ihm zum Aufbegehren brachte! Nur zu! Nur ungeniert! Er hatte wahrhaftig keine Angst! Ob wohl den starken Mann eine schamhafte Ahnung davon beschlich, daß sich der Waffen, auf die er sich verließ: Grobheit und Brutalität, gerade die Schwachen aus seinem Geschlecht mit Vorliebe zu bedienen pflegen? Er mochte vielleicht so sein. Wenigstens zögerte er, nachdem er den Kleberand der Umschlagklappe schon angefeuchtet hatte, noch einen Augenblick. Aber, zum Kuckuck, nein: der Brief war gut so! Und es hatte auch gar keinen Zweck, ihn morgen früh bei Tage noch einmal durchzulesen. Schluß endlich jetzt damit! Er pappte ihn zu und donnerte besiegelnd mit der Faust darauf. Dann erhob er sich und reckte die Arme mächtig. So! Und jetzt ins Bett! Als er das Licht gelöscht und sich zum Schutz gegen die äußerst munter gewordenen Fliegen das Laken über seinen Kopf gezogen hatte, kam die Befriedigung über ihn, die ein Mensch genießt, der ein lästiges, langwieriges Werk glücklich vollbracht hat. Nun ist der schwerste Schritt getan! behauptete er voll ruhiger Zuversicht. Und Annastina wird sich freun! fuhr er mit weicher Rührung fort. Jawohl, es war ein großer, wichtiger Schritt, ohne Übertreibung der wichtigste seines bisherigen Lebens. Und als wolle er sich jeder Einzelheit dieses historischen Vorgangs für immer ins Gedächtnis prägen, stellte er sich das alles noch einmal vor Augen: er sah sich selber, wie er am Tische saß und schrieb, er sah die Wand, auf der seine Blicke überlegend geruht hatten, mit ihrer banalen, in einer abstechenden Farbe vielfach gestickten Tapete, er sah Trautchens hübsches Reisetintenfaß, ihren in seiner Hübschheit ein wenig dilletantischen Onyxfederhalter, sah die flackernde Kerze auf dem Schiebeleuchter aus graugewordenem Weißblech. Gerade diese dünne, halb durchsichtige, fein geriefte Kerze, die schief niederbrannte, und an der opalweiße tröpfelnde Paraffinstalakiten hingen, hypnotisierte ihn förmlich durch ihr im Geist zurückgerufenes Bild; sie sah er deutlich, bis zuletzt alles von einem träge brodelnden Dämmern überkrochen und verschlungen wurde. »Kikeriki!« so krähte draußen der heisere alte Haushahn den rot im Osten emporsteigenden Morgen an. Er krähte tauben Ohren: Toni schlief wie ein Holzknecht, der zwölf Stunden rechtschaffener Arbeit hinter sich gebracht hat, schlief sanft und traumlos in den hellen Tag hinein. Einundzwanzigstes Kapitel. Eine tüchtige Mütze voll Wind Der starke Mann trat in den Sonnenschein hinaus und machte sich auf den Weg nach dem Schusterhäuschen. So stand er jetzt wohl mit Annastina, daß er sie ruhig zum Essen abholen durfte. Es war gerade die Zeit dazu; den Morgenkaffee hatte er glücklich verschlafen. Er schlenderte ohne Hast dahin, köpfte hier und da mit einer entblätterten Weidenrute einen Löwenzahn und summte sich ein Liedchen, um sinnfällig zu beweisen, wie guten Mutes er sei. Denn so lächerlich er das auch fand, und so wenig er sich das geradezu eingestehen mochte: sein Brief, dieser verflixte Brief an Trautchen, brannte ihm heftig in der Tasche. Plötzlich erhellte sich sein Gesicht: als hätte Annastina sein Nahen gefühlt, kam sie ihm schon ein Stück vor ihrem Haus entgegen; sie lächelte sonnig und reichte ihm die Hand zu gut kameradschaftlichem, darüber hinaus jedoch insgeheim noch eine ganze Menge sagendem Druck. Für seinen feurigen Handkuß ließ sie ihm gerne Zeit. Wie er dann aber nach einem behutsamen Rundblick den Arm um ihre Taille legen und diesen Kuß auf ihren Lippen eine Fortsetzung geben wollte, wurde ihm das verwehrt. »Nicht, Gwinner, nicht! Sie wissen: hübsch artig sein ist die Parole und die Bedingung, unter der ich bleibe!« »No, Annastina!« bat er, und es fiel ihm ein, wie sehr er sich heute nacht für sie geplagt hatte; das war nun sein Lohn! Mit leis gekränktem Pathos in der Armbewegung zog er das Dokument heraus und hielt es ihr stumm eindringlich unter die Augen. Sie las die Aufschrift und schlug vor freudiger Überraschung die Hände zusammen. Sie sagte ihm und zeigte es ihm unumwunden, daß sie ihm dafür so recht von Herzen zugetan war. Im Weitergehen hängte sie sich sorgsam in seinen Arm und schmiegte sich zärtlich vertrauensvoll an ihn. Da fühlte sein Gewissen sich auf einmal frei und rein. Der Brief bedrückte ihn nicht mehr, wußte er doch, warum er ihn hatte schreiben müssen, und daß damit eine gute Tat vollbracht war. Es machte Annastina glücklich; und dies wog mehr als Trautchens Zorn, selbst als die Ungnade Micheles. Als sie, nun wieder einen korrekten Schritt Abstand zwischen sich, vor dem Hotel anlangten, strahlte ihnen Philipp Ladurner in seinem feinsten Sommersonntagsglanz entgegen. Er schwang schon von weitem den Panama und zeigte lächelnd seine hübschen Zähne. »Wie der heut ausschaut!« flüsterte der starke Mann voll Bosheit. »Da müßt' ja einem Menschenfresser das Wasser im Maul zusammenlaufen: so appetitlich und so gut im Fett!« Der Dichter begrüßte Annastina lebhaft mit der ihm eigenen, ein wenig biedermeierisch gespreizten Herzlichkeit. Toni hingegen schien er genau so anzusehen, wie der ihn ansah: als eine recht überflüssige Zutat zu der schönen Frau. »Ah, Herr Ladurner!« sagte diese freundlich. »Nun, und die Frau Gemahlin? Noch nicht da?« »Nein, nein, sie kommt heut nicht zu Tisch – sie hat entsetzliche Migräne!« antwortete Philipp und machte ein glückstrahlendes Gesicht. Britas Verhinderung kam ihm offenbar gelegen. Jedenfalls begann er jetzt die Qualen, die sie bei diesem Zustand zu erdulden hätte, mit behaglicher Breite und der ganzen Phantastik, die ihn auszeichnete, zu schildern. Dem starken Manne, der es gewohnt war, von allem, was sein lyrischer Freund erzählte, kühl im vornhinein neun Zehntel abzuziehen, wurde dieser Krankheitsbericht bald langweilig. Er hörte nur noch mit halbem Ohre zu und versank in seine eigenen Angelegenheiten. Ach ja! dachte er plötzlich; seine Hand schob sich in die linke Seitentasche seiner Jacke und tastete dort über etwas Kühles, Glattes hin. Unvermittelt drehte er sich kurz auf dem Absatz um und verließ die beiden ohne ein Wort der Erklärung. Während er die Stufen zur Veranda hinaufstieg, zog er das inhaltsschwere Kuvert ans Licht und zeigte es nicht etwa heimlich Annastina, sondern ließ sie es nur sehen. Genau so verschwiegen gab sie ihm, dieweil sie lebhaft auf Philipp einsprach, durch ein sehr leises, trotzdem sehr ausdrucksvolles Senken der Wimpern kund, daß sie sein Vorhaben wahrnahm und freudig billigte. Und nun stand er droben vor dem Briefkasten. Der hatte gar nichts Feierliches, war er doch bloß eine ganz gemeine Pappschachtel mit einem nachlässig geschnittenen Schlitz im Deckel. Dennoch fühlte Toni die Minute des Schicksals bis in die Nervenspitzen. So, jetzt schaute zwischen seinen Fingern nur noch ein kleines weißes Dreieck aus dem Spalt hervor. Nach einem letzten Zögern ließ er los. »Platsch!« sagte es da drinnen. Mit diesem ironisch gefärbten Laut der Überraschung begrüßte der Brief eine Postkarte, auf die er im Fall zu liegen kam und die ihm, wie er sogleich bemerkte, während der ganzen Reise treulich Gesellschaft leisten würde. Tonis Ohren waren wohl zu stumpf, um dieses belustigte »Platsch!« nach seinem wahren Sinne auszufassen; was er heraushörte, hatte den Klang eines erleichterten Seufzers und sagte sehr zufrieden: »Schluß!«   Bei Tische unterhielt sich Annastina wieder viel mehr mit Philipp als mit Toni. Hatte das diesen aber schon gestern kaum beirrt, so scherte er sich nun ganz einfach den Teufel darum. Mochte der wohlbeleibte kleine Mann sich ruhig in dem Wahne wiegen, sein glücklicherer Rivale zu sein! Freilich, für später lag ihm schon daran, den Menschen wegzuekeln. Aber wie? So furchtbar einfach war die Sache sicher nicht. Hurra, das ging! In einem Ton, als setze er damit ein vorhin unterbrochenes Gespräch fort, sagte der starke Mann plötzlich: »Und also, gnä Frau, dann bleibt's dabei: heut nachmittag wird fest Porträt gemalen, gel?« Sie sah belustigt auf und nickte dann ernsthaft und sachlich. »Sie wollen sich von ihm malen lassen?« rief der Dichter und hielt das offenbar für eine ganz perverse Idee. »Natürlich nur, wenn du nix dagegen hast?« erläuterte Toni. »Ja, glauben Sie denn, daß er das kann?« erkundigte sich Philipp, ordentlich besorgt. »Jawohl, reg dich net auf und gib dir keine Mühe!« erwiderte der starke Mann mit sanfter Heiterkeit. »Toni, du weißt, wie sehr ich deine Bilder schätze.« »Ich weiß, ich weiß.« »Aber sieh dir Frau Nordlind an! Wie in dem Gesicht alles auf Feinheit, auf die Nuance gestellt ist! Es würde mich für dich natürlich nur ungeheuer freuen, wenn du das herausbrächtest. Denn, das gibst du wohl zu, es wäre einmal ganz was andres. Du, Toni, weißt du was: laß mich dabei sein, wenn du malst! Ich glaube, ich seh' da mehr als du und kann dir manches sagen.« »Ausgeschlossen, lieber Freund! Seh'n muß ich es schon selber, und Pinsel hab' ich auch ohne dich genug.« – So, das war deutlich! dachte Toni. Aber leider glitt es an Philipp ohne Wirkung ab. Er steckte sich hinter Annastina, und da sie die Bemühungen, ihn loszuwerden, wohl nicht gar zu verdachterregend unterstützen mochte, bekam er Oberwasser. Der starke Mann durfte sagen, was er wollte, er mußte sich schließlich fügen. Das tat er jedoch nur scheinbar. Die Porträtsitzung hatte plötzlich jeden Reiz für ihn verloren. Er brütete über neuen Listen. Als sie nachher auf dem Siestaplatz im Freien Kaffee tranken, bemerkte Toni, daß sich ein sehr frisches Lüftchen erhoben hatte. Die Blätter der Bäume und Sträucher flatterten alle lebhaft nach einer Richtung und wisperten erschrocken; das Wasser zeigte weiße Schaumköpfe, und man hörte es mit starken, halb ineinander verschwimmenden Schlägen orgelnd ans Ufer branden. Nach einem pfiffigen Seitenblick auf Philipp sprach der starke Mann also zu Annastina: »Jetzt horchen Sie mal zu, gnä Frau: Porträtmalen kann man ja jeden Tag. Aber so einen guten Wind zum Segeln hat man selten. Wir wollen schon alleweil einmal nach der Leuchtturminsel, von der man abends immer die zwei Lichter sieht. Hätten Sie Schneid daraus?« »O ja, warum nicht!« erwiderte sie. »Das wär' ein Unsinn und ein Leichtsinn!« mischte sich hastig der Dichter ein, »Der Wind ist viel zu stark.« »Mußt ja net mit, wenn du dich fürchtest«, sagte Toni ruhig. »Ich mich fürchten? Lieber Toni, das glaubst du ja wohl selbst nicht! Ich mein' nur: wegen der gnädigen Frau!« »Laß das doch ihre Sorge sein! Net wahr, gnä Frau?« »Oh, ich«, antwortete Annastina, »ich bin als kleines Mädchen schon bei jedem Wetter gesegelt. Mein Vater wußte sich nichts Schöneres als solche Fahrten.« »Es gibt hier zwischen den Schären auch soviel Unterwasserklippen«, wendete Philipp ein. »Auf die fahren mir halt net drauf, sondern hübsch drum rum«, tröstete Toni. »Und Ertrinken soll ja auch der angenehmste Tod sein.« »Red doch nicht so frivol!« rief der Dichter, heimlich zusammenschauernd. »Es ist ja auch nicht das. Wer spricht denn vom Ertrinken! Aber ... Sag, Toni, kannst du heut eigentlich gut auf so lange fort? Ich denk', du erwartest ein Telegramm von Trautchen, wie es dem Michele geht?« »Was du nur hast!?« wetterte der starke Mann ärgerlich los. »Trautchen is gestern abend in Pasing angekommen. Wenn das wahr wär', hätte ich doch längst das Telegramm! Daß du dir bloß immer meinen Kopf zerbrechen mußt!« »No, no!« begütigte sein Freund. »Weshalb regst du dich denn gleich so auf!« Im Grunde wußte Toni selber nicht, warum er heftig geworden war. »Ich rege mich ja gar net auf!« grollte er mit gedämpfter Stimme weiter. »Und außerdem«, lenkte Philipp nun ab, »auch wegen Brita, wegen meiner Frau! Auf die Partie zur Leuchtturminsel hat sie sich so gefreut!« »Da fahren mir ein andres Mal halt wieder! Die Insel läuft ihr net fort«, sagte der starke Mann. »Übrigens, es zwingt dich keiner. Net wahr, gnä Frau, Sie trauen sich wohl zur Not mit mir allein?« »O ja. Und Carlsson ist ja dabei«, antwortete Annastina diplomatisch. »Vielleicht überlegt sich auch Herr Ladurner die Sache noch?« Dies faßte Philipp als eine dringende Einladung auf. »Wer sagt denn, daß ich nicht mit will!« rief er feurig. »Davon ist keine Rede! Natürlich fahre ich mit!« »Schau, schau, wie todesmutig!« spöttelte Toni. »No ja, dein Leben wirst du wohl versichert haben? Und Dichter, mei, auf einen Dichter ...! Es bleiben immer noch genug.« So trennte man sich denn, um sich fürs Segeln richtig anzuziehen.   Als die drei nach einer kleinen Stunde wieder vor dem Hotel zusammentrafen, nährte der starke Mann Boshaftigkeit in seiner Seele. Er hatte die Hoffnung nicht aufgegeben, Philipp die Fahrt doch noch zu verleiden, und wetzte darum seinen Schnabel in wenig liebevoller Weise an ihm. Da aber alle schnöden Witze und alle gruseligen Ausmalungen der bevorstehenden Gefahr nichts nützen wollten, sagte er zum Schluß in verdrossener Resignation: »Na, worauf warten mir?« »Ja ...« antwortete der Dichter, wie zerstreut; er schaute sich noch einmal um, als hoffe er, es möchte irgend etwas geschehen, was den nach seiner Ansicht ganz irrsinnigen Plan zunichte machte. Und einen Aufschub wenigstens schien ihm das Schicksal noch gönnen zu wollen. Man hörte Räderrasseln. Dort hinten bog um den Felsen der falbe Kopf des vielberedeten Gespensterpferdes, das im allgemeinen nur eingespannt wurde, wenn es galt, die Koffer von Sommerfrischlern zu befördern. »Ach?!« sagte Philipp, »Reist denn heut jemand ab? Oder sollte jemand kommen? Ist denn noch überhaupt was frei?« »Nein, es reist schon einer ...«, entgegnete der starke Mann in plötzlich merkwürdig anders gewordenem Ton. Und dann stand für eine Weile ein Schweigen zwischen den dreien. Der Wagen hatte ein paar Schritte vor ihnen haltgemacht, und ebenso die kleine Schar von Leuten, die ihm folgte. Sechs junge Fischer in ihrer dunkeln Sonntagstracht traten langsam an das Gefährt, hielten flüsternd eine kleine Beratung, sahen prüfend in ihre schwieligen Hände und packten zu. Die Arme rührten sich ihnen schwer und ungelenk vor frommer Sorgsamkeit. Denn was sie unter erregt hervorgezischelten Kommandos vom Wagen hoben, war eines kleinen Mannes billiger Sarg aus gelblackiertem Fichtenholz mit häßlichen silberbronzierten Schnörkeln als Zierat. Dann formte sich der Zug und schritt sehr langsam den Felsenpfad bergab zur Landungsbrücke, voran, hoch auf den Schultern der Träger schwankend, der Tote in seinem engen Haus, dahinter paarweis das Trauergefolge, viele von ihnen Kränze tragend. Ein ärmliches Begräbnis. Aber ein starker Hauch von Würde umwitterte die Armut. Und der strömte aus dem Wesen dieser Leute. Mit gesenkten Stirnen zogen sie vorbei, die Weiber unterm schwarzen Kopftuch, die Männer barhaupt, das helle Haar vom Wind gesträubt. Aller Augen waren, ohne den kleinsten Seitenblick abirren zu lassen, auf den rauhen Weg gerichtet, den ihre Füße gehen mußten, und sahen doch wie in das Grenzenlose. Nicht eines von den klar, herb, kantig geschnittenen Gesichtern zeigte den tränenseligen Schmerz, zu dem sich sonst Leidtragende um der andern willen verpflichtet fühlen; jedes war ganz zusammengerafft in einem tiefen, stillen Ernst. Es sprach daraus gestählte Kraft zu hartem Leben, Vertrautheit mit dem Tode, Religion. Toni und Philipp nahmen hastig die Mützen ab. In den Mienen der drei trat zu der gefaßt teilnehmenden Kümmernis, die hier am Platze war, ein Ausdruck von Verlegenheit und jener unbewußten Scham, die solche von ihren Wurzeln geschnittene Weltkinder überrieselt, wenn sie zu Zeugen der ruhig großen Gefühle einfacher, bodenständiger Menschen werden. Sie hoben die Köpfe erst wieder, als die Tritte der schweren Stiefel schon zu Verhallen begannen. Auch jetzt noch schauten sie aneinander vorüber und fanden das rechte Wort nicht, das Schweigen zu brechen. Dann endlich fragte Philipp: »Wer da beerdigt wird?«« »Wohl dieser Fischer«, erwiderte Annastina, »meine Wirtin hat mir davon erzählt. Er war ja geisteskrank; religiöser Wahnsinn, glaub' ich. Die andern wachten Tag und Nacht bei ihm. Und vor zwei, drei Tagen, wie die Wärter einmal nicht aufpaßten, hat er sich erhängt.« »Gräßlich!« Der Dichter schüttelte sich in einem leisen Schauder. »Da kann einem wirklich die Lust zu einem Vergnügungsausflug vergehen!« Toni machte sich selbst nicht klar, was eigentlich ihn an diesen Worten reizte. Er sagte höhnisch: »Ein schlechtes Omen wohl für unsre hochriskante Fahrt, gel? Nein: abergläubisch bist du gar net!« »Darüber sollst du nicht lachen, Toni!« antwortete Philipp fast feierlich. »Als Dichter spür' ich eben mehr als andre. Und wenn mir ein Leichenzug begegnete, hat das noch jedesmal bedeutet ...« »... daß jemand gestorben war«, so schnitt ihm der starke Mann das Wort ab. »Und daß wir alle einmal sterben müssen. Na, bleib daheim und bind dir ein Plumeau auf deinen Kopf, daß dir am Land kein Ziegelstein ins Dach schlägt! Geh'n mir, gnä Frau?« »Warten wir doch wenigstens, bis die da unten mit dem Toten fort sind«, wendete der Dichter ein. Und man verzog denn noch ein Weilchen, bis die drei Boote von der Brücke abgestoßen waren, das große, das den Sarg trug, und die beiden andern mit dem Gefolge. Von kräftigen Fäusten gerudert, stampften sie durch die Wellen und nahmen ihren Weg zur Kircheninsel, in deren Erdenschoß die Leute von diesen Schären alle einmal die letzte Reise führt. Erst als der Zug drüben in der schmalen Wasserrinne verschwunden war, begaben sich die drei zum Landungsplatz, Toni sprang schnell in den Kutter und streckte von dort Annastina helfend die Hand entgegen. Während sie sie ergriff und ihm vorsichtig folgte, blieb Philipp oben stehen und musterte das ihm so wohlbekannte Fahrzeug mißtrauisch, als sähe er es zum erstenmal. Plötzlich deutete er in die Takelung und fragte Carlsson auf schwedisch, was denn das bedeute, und ob da irgend etwas nicht in Ordnung sei. Die Segel hätten doch eine ganz andre Form als sonst. Der Fischer gab lächelnd die Auskunft, es wären bloß Reffe drin, und anders ginge es bei dem Wetter nicht. Ja, ob man denn dann heute überhaupt zur Leuchtturminsel fahren könne? Zur Leuchtturminsel? Oh, das ginge schon. Warum auch nicht? Nun, weil man augenscheinlich Sturm bekäme. Carlssons klarblaue Augen wanderten prüfend gegen den westlichen Horizont und kehrten von dort zurück. Nein, Sturm, erklärte er, sei wohl kaum zu befürchten. Es gäbe sicher nicht mehr als eine tüchtige Mütze voll Wind. »Gnädige Frau!« rief der Dichter, nun in deutscher Sprache, sehr aufgeregt. »Toni, hast du verstanden, was er sagt? Eine tüchtige Mütze voll Wind! Ich kenn' die Ausdrucksweise dieser Leute! Das heißt nichts andres als Orkan!« »Windstärke vierzehn mindestens«, bestätigte Toni kaltblütig. »Das macht doch grade Spaß! Na, kommst du heut noch?« Annastina blickte den Zaudernden lächelnd an. Carlsson, der trotz vollkommener Unkenntnis des Deutschen genau Bescheid zu wissen schien, verzog den Mund zu einem unverschämten Grinsen. Schon faßte des Dichters Hand an die Wanten, schon hatte er den einen Fuß erhoben, da ließ er plötzlich los und zog den Fuß zurück. »Nein!« rief er. »Ich komme nicht! Und Frau Nordlind, Sie auch! Ich dulde nicht, daß Sie bei diesem Wetter segeln!« »Weil sie dich schon um Erlaubnis gefragt hat!« spottete der starke Mann. Seine Finger lösten eilfertig das Tau, das um einen Pfosten des Stegs geschlungen war; zugleich hob er den Kopf auffordernd gegen den Fischer. Und dieser verstand ihn und handelte entsprechend. Der Kutter trieb langsam ab, sah einen Augenblick wie unentschlossen aus, legte sich plötzlich schräg und schoß davon.   Auf dem Kutter herrschte, nachdem das Schmunzeln über Philipp sich gelegt hatte, für eine Weile schweigende Geschäftigkeit. Der Weg zur Leuchtturmschäre führte in seiner ersten Hälfte um einen großen Teil von Koster herum; und zunächst galt es, gegen den Wind kreuzend den nicht sehr breiten Wasserarm zu durchschiffen, an dem die Badeplätze von Gwinners und Ladurners lagen. Die Ufergestaltung wechselte in einem fort; unregelmäßige Böen stürzten sich in die Segel. Da hatte Carlsson ein verzwicktes Manövrieren, und Toni half ihm dabei eifrig. Nachher aber kam man in freies Fahrwasser und hielt nun mit raumer Schoot geradeswegs auf das Ziel zu. Die Hände des starken Mannes durften feiern. Er setzte sich neben Annastina und begann ein munteres, beziehungsreiches Geplauder in Gang zu bringen. Man konnte zwanglos reden; der Fischer verstand zum Glück kein Wort davon. Hier, wo der Felsrand die Brise nicht mehr hemmte, merkte man erst, daß es wirklich eine tüchtige Mütze voll war. Der Kutter lag ganz auf der Seite und schoß nur so dahin. Er schlingerte schwer; und wenn sein Bug von einem Wellengipfel ins Tal hinabstieß, sprühten unter dem harten Prall dichte Tropfengarben empor, die standen einen Augenblick in traumhaft flüchtigem Regenbogenglanze aufrecht; dann platschten sie mit kurzem, scharfem Wirbelschlag ins Boot. Als plötzlich die volle Wucht solch eines Gusses ihn und Annastina traf, wollte Toni die Lodenpelerine, die er über dem Mantel trug, durchaus um ihre Schultern hängen. Sie wehrte ihm; es entspann sich ein edler Wettstreit, und der führte schließlich aus ihren Rat zu einem Kompromiß, das ohne Frage seine Reize hatte. Der Wetterkragen war gottlob sehr weit und konnte bequem sie beide schützen, wenn sie nur dicht genug zusammenrückten. So machten sie es denn und knöpften sich mitsammen in das wasserdichte Zeug. Er hatte den Arm um sie geschlungen, seine andre Hand lag zwischen ihren Händen und ließ sich zärtlich streicheln. Wärme floß still von ihm zu ihr, von ihr zu ihm. Zum ersten Male kosteten sie jenes vertraut zufriedene Schweigen aus, das zwischen Liebesleuten die beste Unterhaltung ist. Der Meeresteil, den sie in schräger Fahrt zu überqueren hatten, glich beinah einem langgestreckten Binnensee. Ihnen zur Linken lag jetzt noch der Hochstrand von Koster, schlossen sich weiterhin andre bewohnte Inseln an; zur Rechten bildeten niedre Klippen gleichsam eine unregelmäßige, lockre Perlenschnur: das letzte Bollwerk, das den Schärenhof, dies Labyrinth aus Wasser und Granit, vom offenen Meere trennte. Draußen brüllte das Skagerrak; seine Wellen gischteten wütend über die flacheren unter diesen Felsen hinweg und ließen deren blanke Flanken nur hie und da flüchtig durch die Schaumschleier lugen. Auch von den steiler aufgetürmten Klippen blieb selbst im Windschutz nicht ein Fleckchen trocken, so hoch tobte die Flut daran empor. Im Bund mit den Jahrtausenden hatte sie das Urgestein glatt und rund geschliffen. Nicht einmal die Möwe fand hier einen Spalt, darin sie nisten konnte. Nur die Pflanzenwelt ließ sich nicht ganz vertreiben. Duldete das feindliche Element auch nicht das ärmste Gräschen, geschweige denn ein Blatt – was hier noch treulich aushielt, waren die Flechten, die ihren löcherigen rotgelben Teppich überallhin woben, wo ihnen die Verwitterung ein kümmerliches bißchen Nahrung schenkte. Die Pflanzenwelt ist zäh, und zäher ist der Mensch. Kann seine Kühnheit an einem Platz nicht mehr Hütten bauen, immer noch errichtet er dort Denkmale seiner Tätigkeit, seines hungergepeitschten Lebens- und Arbeitswillens. Gar viele unter den nackten Holmen trugen eins jener dachstuhlförmigen Sparrengerüste, auf denen hierzulande der Stockfisch getrocknet wird, und deren Anblick in Wogenschwall und Felseinöde von unendlicher Trauer umwittert ist. Denn sie gemahnen an Ruinen halb in den Boden versunkener Heimstätten, an bleichende Gerippe einer ausgerotteten Kultur. Toni sog die steinerne Tragik dieser Stimmung durch die Augen in sich ein. Und sie bedrückte ihn nicht, sie weitete seine Brust, ließ alle Fesseln springen, die der ängstliche Sorgenkram des Alltags darum gelegt hatte. In diesem Bilde der Zerstörung sah er sein früheres Dasein, zu Trümmern geschlagen von der Urkraft der Leidenschaft, der ersten großen Liebe seines Lebens. Wer darf mit Gottes heiligem Sturme rechten, wer ihn der Sünde zeihen! In überschwenglicher Seligkeit preßte der starke Mann Annastina so fest in seinen Arm, daß jäh ein Schauer sie überrieselte. Er fühlte ihr Herz an seine Rippen pochen. Sie atmeten in gleichem, hastig beschwingtem Takt. So heiß schoß ihnen das Blut zu Kopfe, daß es dunkel vor ihren Augen wurde. Die Erde und das Weltall sanken unter ihnen zurück: nur er und sie in grenzenloser Einsamkeit! Von ihren Lippen kam kein Laut, es war ein langes, inhaltsträchtiges Schweigen, das sie fester zusammenband als alle die Worte, durch die sie sonst Brücken zwischen sich geschlagen hatten. Unmerklich ebbte die Erregung ab, ihr Blick wurde immer stiller und tiefer, je länger sie in das wilde Brodeln der Wellen starrten. Schon nicht mehr wie zwei Leute, die sich erst gestern gefunden haben, fühlten sie sich, sondern als säßen sie von je so, Schulter an Schulter, Hand in Hand, eines dem andern zugehörig, als säßen sie von je so und würden immerdar so sitzen, als gäbe es nicht Ziel noch Ende dieser Fahrt. Vergangenheit und Zukunft schienen ausgelöscht, die Stunde leuchtete still im Glanz des Ewigen. Und war doch flüchtig, wie die Erdenstunden sind. »Ähemm!« so tönte plötzlich ein sehr lautes Räuspern vom Heck herüber. Die beiden fuhren jäh empor. In Carlssons freundlich klugen Mitwisseraugen blitzte ein Fünkchen Spott auf über die verblüfften Gesichter, die ihn voll leisen Unwillens maßen; dann gab er sachlich kund, jetzt wäre man gleich da, doch müsse man das letzte Stück noch kreuzen. Ob wohl der Herr Professor so gut sein wolle, das Focksegel zu bedienen? Toni knöpfte sich hastig aus dem Wetterkragen und stürzte sich in die Arbeit. Herrgott, war das jetzt aber ein infamer Wind geworden! Die Schoot riß einem ja beinah die Haut von den Händen. Der starke Mann fluchte halblaut in sich herein, und obgleich das auf altbayrisch geschah, verstand der Fischer ihn, wie für gewöhnlich, gut: er warf als Antwort einen mißtrauischen Seitenblick gegen den Himmel und zuckte gleichsam entschuldigend mit den Achseln, als wolle er sagen, daß er das Wetter auch nicht gemacht hätte. Schon schoß jedoch der Kutter in die enge Durchfahrt zwischen der Leuchtturmschäre und einem hochgetürmten Nachbareiland und gewann damit Windschutz und ruhigeres Wasser. Zwei kurze Schläge noch hinüber und herüber, dann lag man wohlgeborgen hinter einem soliden Steindamm fest. Toni sprang schnell hinaus und faßte Annastina helfend unter den Arm. Zugleich aber schweiften seine Augen in die Runde, und sein Malerherz vergaß vor Andacht fast zu schlagen. In großen, schlichten, herben Linien bauten sich um das enge Hafenbecken schwarzgrau die steilen Hänge auf. Über dem Ganzen lag eine Tempelstimmung von düster feierlicher Majestät. »Nein!« flüsterte der starke Mann hingerissen. Doch plötzlich prallte er zurück, sein Finger deutete über das Wasser nach der jenseitigen Felswand, und seinem Mund entrangen sich, halb geärgert, halb belustigt, die Worte: »O Jessas naa, o Herrgottsakrament!« Worauf er zeigte, und was ihn jäh aus allem herausgeworfen hatte, war ein riesiges weißes Firmenschild, das denn in dieser weltverlornen Öde so grotesk wie möglich wirkte. Da stand mit großen Buchstaben: Herzberg \& Kantorowitsch Luebeck Grabsteine \& Kreuze en gros Eigenes Granitwerk: Svartö (Schweden) »Nein, so was!« Toni schlug lebhaft mit der Hand auf sein Knie. »Da kann es einem ja bald leid tun, daß unser tapfrer Dichterheld net mit dabei is. Den tät' es jetz' vor Schrecken anderst reißen! Grabsteine gleich en gros, na, wenn das kein Malheur bedeutet!« Recht wohl zumute aber war's ihm selber nicht bei dem Gewitzel, sei's, weil sein Ton dem eignen Ohre falsch klang, sei es, weil er ganz ohne Echo blieb. Denn Annastina antwortete nur mit einem matten Lächeln zerstreuter Höflichkeit. Ihr plötzlich bis in die Lippen blasses Gesicht trug einen Leidensausdruck. »Is dir net gut?« fragte er erschrocken. »Es geht schon wieder vorüber«, hauchte sie und kniff den Mund zusammen. »Das ewige Schaukeln! Der Boden schwankt mir noch unter den Füßen; und schwindlig ist mir!« »Stütz dich auf meinen Arm!« bat er liebevoll. »Was tut man nur?!« »Es ist ja nicht so schlimm«, sagte sie, hängte sich aber schwer bei ihm ein. »Wenn ich nur etwas Warmes hätte, bloß eine Tasse Kaffee, dann wäre mir sofort wohl.« »Das kriegt man doch auf diesen Inseln, Annastina. Sprich mit Carlsson!« Der Fischer gab die Auskunft, man könne das Gewünschte sicher beim Leuchtturminspektor bekommen. Er führe sie gleich hin; er hätte unter den Assistenten hier einen Nevö, dem er in der Zwischenzeit einen Gruß von seiner Mutter ausrichten wolle. Zu lange übrigens sollten sie sich nicht aufhalten, es wäre ratsam, die Heimfahrt bald anzutreten. Er ging voraus; die beiden folgten ihm und stiegen langsam, zuweilen innehaltend, den steilen Pfad hinan. Ursholm, die Leuchtturminsel, lag im Zug der äußeren Klippenkette, an der sie entlanggesegelt waren, und wirkte hier wie ein Riese zwischen Zwergen. Als breite Kuppel ragte die Schäre trotzig gen Himmel. An der vom offnen Meere abgekehrten Seite schien die Gewalt einer Elementarkatastrophe aus dem oberen Teil ihrer Wölbung ein mächtiges Stück weggesprengt zu haben. Dadurch war dort auf halber Höhe eine Geländestufe entstanden, ein ebener Platz, dem die Hänge, die ihn im Drittelkreis umrahmten, ein wenig Schutz vor den herrschenden Westwinden gewährten, doch nicht genug, daß hier außer ein paar harten und magern Grashalmen etwas von Pflanzenwuchs gediehen wäre. Die Menschen aber, denen ihre Pflicht diesen nackten Steinklotz zur Heimat machte, hatten sich auf seinem beschirmtesten Teil, oben auf dieser Plattform, angesiedelt. Wenn man sie vom Landungsplatz kommend betrat, erblickte man quer vor sich ein breit hingelagertes, rot getünchtes Holzhaus, in dem die kleineren Angestellten, drei Mann, ein jeder mit Weib und Kind, ihre Wohnungen hatten. Es schmiegte sich dicht an den Felsen, der beinah senkrecht dahinter emporschoß und droben auf dem Kamm die beiden eisernen Feuertürme trug. Ihr stilles Zwillingslicht grüßte des Nachts viele Meilen über See hinaus, man schaute danach von allen den Inseln in der Runde bis hin zum Festland. Für solche Wirkung in die Ferne waren es, von hier betrachtet, recht kurze, stämmige Gesellen. Ihr Platz erst lieh ihnen die Herrscherstatur. Wollte man sie besuchen, so mußte man sich nach links wenden, wo ein Pfad seinen Ursprung nahm, der in weitläufigem Zickzack bergan führte und sorglich mit einem Drahtseil gesichert war. Machte man statt dessen eine Viertelwendung nach rechts, so stand man vor einem zweiten, gleichfalls ängstlich unter den Hang geduckten Haus, das kleiner war als das andere, es aber durch Vornehmheit in Schatten stellte. Silbergraue Wände und von weißem Holzwerk umrahmte und geteilte Fenster gaben ihm etwas Freundliches; und hinter den blitzblanken Scheiben erzählten ausgiebig geblaute Spachtelgardinen und viele Geraniumstöcke mit fettgrünem Laub und Blütendolden in leuchtendem Krapp- und Zinnoberrot von wohnlichen Gemächern. Dies war die Residenz des Königs von Ursholm, des Herrn Inspektors Liljeqvist; zu dieser Tür wies Carlsson seine Passagiere, während er selber den Schritt nach der Familienkaserne der Leuchtturmwärter lenkte. Der Inspektor war abwesend, er hatte droben bei den Türmen dienstlich zu tun; aber seine Frau, eine quicke, mollige Person, so an die Fünfzig, mit leicht ergrautem Haar über dem frischen, rosigen Gesicht, empfing Toni und Annastina mit wortreicher Herzlichkeit. Sie war sofort bereit, den beiden für Geld und gute Worte einen extrastarken Kaffee zu brauen. Daß ihre Gäste, namentlich die arme junge Frau, eine Stärkung brauchten, fand sie weniger auffallend, als daß sie bei solchem Wetter überhaupt gesegelt wären. Sie ihrerseits würde sich heute auch nicht durch eine Million, die man ihr dafür bieten könnte, aufs Wasser locken lassen. Sie neige nämlich gleichfalls zur Seekrankheit. Annastina versicherte, wie das so üblich ist, daß sie vollkommen fest sei und ihr kein Wellengang etwas anzuhaben vermöchte; sie fühle sich nur etwas benommen und durchkältet, weiter nichts. Frau Liljeqvist rechtete mit ihr nicht um den Namen, den sie ihrem Zustand beilegen wollte, sondern empfahl sich alsbald mit der Zusage, daß sie den Kaffee gleich bereiten werde. »Die Frau ist nett«, sagte Annastina und zeigte ein Lächeln, das immer noch recht müde war. »Überhaupt ist es nett hier.« Der starke Mann nickte. Er konnte ihr nur beipflichten. Denn sie hatte recht. Er wußte selbst nicht, warum diese im Grund doch mit richtig kleinbürgerlichem Ungeschmack eingerichtete Stube so harmonisch, so urbehaglich wirkte. Lag es an ihrer Enge und Niedrigkeit, sie ihr etwas von einer Schiffskajüte liehen, wozu auch der Wind gut stimmte, der heulend durch den Schornstein fuhr und das Dach knarzen und ächzen machte? Lag es an dem Gegensatz, den diese liebevoll ausgeräumte Sauberkeit mit spiegelndem Holzwerk und wohlgepflegten Blumen auf den Fensterbrettern zu der kahlen Steinlandschaft draußen abgab? Lag es an dem Geist des Friedens, der sichtbar zwischen diesen Wänden waltete, der einen beim ersten Schritt über die Schwelle fühlen ließ, daß die Bewohner gut zusammen lebten? Wer will das wissen! Man kann es nicht beschreiben und begründen; diese Luft ist in einem Hause, oder sie ist nicht da. Hier war sie, und die beiden vom Zufall her verschlagenen Gäste amteten sie wohlig ein, ohne lang zu fragen, woher sie wehe. Für solche Untersuchungen fehlte es ihnen schon einfach an der Zeit. Toni fand nämlich, daß es bei dem gegenwärtigen Zustand seiner Liebsten die beste Kur wäre, wenn man sie auf andere Gedanken brächte. So setzte er sich denn, kaum daß sie allein geblieben waren, dicht neben sie auf das Sofa und versuchte es zunächst mit einem Kuß von großer Ausführlichkeit. Da der dann schließlich doch sein Ende finden mußte, geschah es zum erstenmal, daß Annastina nach einer solchen Hingerissenheit nicht über sich selbst erschrocken tat. Für ihr Gefühl wie für das seine hatte diese Sturmfahrt die letzte Scheidewand von Fremdheit weggeräumt, die bisher trotz allem noch zwischen ihnen gewesen war. So geschah es denn, daß sich die beiden noch öfter küßten und erschrocken auseinanderfuhren, als sich endlich vor der Tür ein warnendes Geklapper von Porzellan erhob. Frau Liljeqvist mußte den Eindruck gewinnen, daß schon der bloße Duft ihres Kaffees Wunder wirkte, so blühend sah die junge Frau jetzt aus. Die merkwürdige Atemlosigkeit, in der sich ihre Gäste befanden, schien ihr gottlob nicht aufzufallen. Sie war wohl mit Tischdecken, Nötigen und später mit lebhaftem Geschwätz viel zu beschäftigt, um irgendeinen unbequemen Verdacht zu schöpfen. Irgend etwas gemerkt schien sie aber doch zu haben. Weshalb denn hätte sie sonst nachher mitten aus etwas anderem heraus und ohne jeden Zusammenhang der Vermutung Worte geliehen, die Herrschaften seien sicher erst ganz kurz verheiratet? Annastina errötete heftig, da sie dem starken Manne das auf deutsch wiederholte. Er aber zeigte keine Spur von Verlegenheit, nein, es packte ihn ein solcher Übermut, daß er ganz aus freien Stücken etwas tat, wozu ihn sonst nur die äußerste Notwendigkeit zwingen konnte: er sprach schwedisch, er log sogar auf schwedisch. » Tre dagar !« sagte er strahlend und hielt Frau Liljequist Zeige-, Mittel- und Ringfinger der linken Hand eindringlich triumphierend vor die Nase. Zugleich schlang er den rechten Arm höchst unbefangen um Annastinas Schultern. Wie nett, daß man sich so etwas jetzt offen und mit gutem Gewissen erlauben durfte oder sogar mußte. Denn hatte man sich einmal als Flitterwöchner deklariert, so hieß es auch im Geist der Rolle bleiben, wenn man in ihr nicht unwahrscheinlich wirken wollte. » Tre dagar !« echote die Inspektorin mit einem bewundernden Seufzer. Unendliches Wohlwollen, das durch einen Schatten von stillem Neid nur wirkungsvoller herausmodelliert wurde, leuchtete von ihrem runden Gesicht. Ihr Blick hätte nicht sprechender sein können; man sah's ihr an: für sie lag dieser Zustand beinah dreißig Jahre zurück. Doch gönnte sie andern Leuten aufrichtig ihr junges Glück und knüpfte nur mit einer süßen Wehmut, die nicht schmerzte, Altweiberfäden der Erinnerung daran. Toni und Annastina spürten beide, daß diese Frau keine saure Spießbürgerin geworden war, daß sie, wie er es sich ausdrückte, von der Liebe was verstand. Und dies schenkte ihnen die vollste Unbefangenheit, ließ sie sich ganz als ein junges Ehepaar benehmen, das sich vor einer guten mütterlichen Freundin keinen großen Zwang aufzuerlegen braucht. Dabei war gar nichts von Komödie mehr, es hatte sich auch für ihr Gefühl beinah zur Wirklichkeit gewandelt. So schrieb denn der starke Mann, als ihm das Gästebuch von Ursholm vorgelegt wurde, ohne Zaudern und Besinnen hinein: Toni Gwinner und Frau aus München. »Und Frau?« rief Annastina, die ihm auf die Finger gesehen hatte. »Na ja doch!« erwiderte er halblaut und blinzelte ihr verstohlen zu. »Nein, lieber Toni«, sagte sie und schaute ihn plötzlich ein bißchen kühl von oben herab an. »Dies mag ja deutsche Sitte sein. Aber mir liegt es nicht, so als bloßes Anhängsel zu paradieren. Ich schreibe mich schon selbst ein«. Sie griff zur Feder und strich die Worte »und Frau« zweimal kräftig durch. »No, wenn's dir Spaß macht!« Er lächelte gutmütig. Dann aber wurden seine Augen starr. Sie schrieb ja: Annastina Nordlind. »Ja, aber!« flüsterte er ihr verblüfft und hastig warnend ins Ohr. »Was hast du denn?« fragte sie und fügte einen Bindestrich hinzu, an den sie dann seinen Namen hängte. Er las nun, erleichtert und doch ein bißchen befremdet: Annastina Nordlind-Gwinner. »So hält man es damit in Schweden«, erläuterte sie. »Wenigstens oft. Ich jedenfalls, denn in erster Linie bleib' ich doch immer eine Nordlind. Das wirst du einsehn können? Oder nicht?« »J–ja«, druckste er gedehnt hervor. Aber fand keine Zeit, das, was ihm hierbei gegen den Strich ging, mit schonender Behutsamkeit anzudeuten: die Inspektorin mischte sich jetzt eifrig ins Gespräch und fragte, ob die junge Frau eine Verwandte Bengt Nordlinds wäre. Es läßt sich nicht schildern, mit welchem Stolz die Tochter des großen Mannes dies ihrem Toni verdolmetschte. Also noch auf der äußersten Schäre besaß der Name ihres Vaters Klang und Geltung. Im weiteren erwies sich freilich, daß Frau Liljeqvists Wissen über den großen Mann sich darauf beschränkte, er müsse, wenn sie ihn nicht am Ende mit einem andern verwechsle, ein Maler gewesen sein und demgemäß irgendwelche Bilder gemalt haben. Aber Stolz ist ja, trotz den üppigen Ranken, die er treibt, eine unendlich dankbare, im wahrsten Sinn des Wortes bescheidene Pflanze, die noch in dem magersten Boden kräftig Wurzel zu schlagen und reiche Nahrung zu finden weiß. Außerdem gab die Unbildung der Inspektorin Annastina Gelegenheit, ihr Lieblingsthema anzuschlagen, wobei sie in diesem Falle sehr schön das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden konnte: sie diente der Volksaufklärung und schwelgte zugleich behaglich im Familienruhm. Was Wunder, daß sie warm und lebhaft sprach. Frau Liljeqvist, der es so überzeugend klargemacht wurde, welch einen Glanz dieser Mittsommertag in ihre Hütte getragen hatte, lauschte andächtig, ihre Augen waren ganz groß geworden, sie saß vor lauter Respekt nur noch auf der Kante ihres Stuhles. Toni hatte den Kopf an Annastinas Schulter zur Ruhe gebettet und spielte mit ihren schönen, schlanken Fingern. Der melodische Tonfall der Stimme, die er liebte, tat ihm wohl, entrückte ihn in holde Träume, erzählte ihm von ganz andern Dingen als von Vater Bengt und der Idee des auf Verträge gestützten ewigen Völkerfriedens. Auf einmal erklangen dann im Hausgang schwere Tritte und das Schelten einer rauhen Männerstimme. Die Tür wurde höchst energisch geöffnet, und Carlsson schob sich, die linke Schulter voran, langsam in das Zimmer. Er hielt die Mütze ungeschickt in einer Hand und kratzte sich mit der andern verlegen hinterm Ohr. Über seine Schulter schaute das luftbraune, von rundem grauem Vollbart umrahmte Gesicht eines Mannes, dem man sofort den alten Kapitän ansah. Und dies war niemand andres als der König von Ursholm selbst. Mit wahrhaft königlicher Kurzangebundenheit befahl er denn auch dem Fischer, nun endlich einmal sein Maul aufzutun. Und er gehorchte und stotterte, die Mütze zwischen den Fingern drehend, etwas davon hervor, daß es mit der Heimfahrt für heute nichts mehr würde. Der Wind sei stärker geworden, als er erwartet hätte. Er möge ruhig sagen: Sturm, polterte der Inspektor los. Jetzt nach Koster hinüberzusegeln, und namentlich mit solch einem Kerl am Ruder, bedeute den sicheren Tod. Dies flache Fahrwasser würde bei solchem Wetter auf weite Strecken einfach bis zum Grunde aufgewühlt. Es sei schon gestern Sturmwarnung erlassen worden, und wenn Carlsson das tausendmal nicht gewußt hätte, wäre es um so mehr seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit gewesen, die eigne Nase in den Wind zu stecken. Aber man kenne das: die ganze Bande hier in der Gegend sei durch die Sommergäste toll geworden und total verdorben durch den leichten Verdienst. Kurzum, was auch der arme Sünder an Entschuldigungsgründen daherstammeln mochte, es zog ihm nur noch härtere Vorwürfe auf den Hals. Und endlich wurde ihm bedeutet, er solle sich sofort zum Teufel scheren, was Carlsson sich nicht zweimal sagen ließ. Nun bestürmte Annastina den Inspektor mit Fragen, und er antwortete kurz, in nachwirkender Erregung noch ein wenig brummig. Ja, von Heimsegeln sei heute keine Rede. Wie lange der Sturm dauern könne, wisse er auch nicht, vielleicht einen Tag, vielleicht zwei oder drei, vielleicht noch länger. Sie übersetzte diese Auskünfte sogleich dem starken Mann. »Wir müssen wohl oder übel bleiben«, schloß sie. »Ja«, antwortete er unsicher. »Schicksal!« Halb seufzend und halb lächelnd sprach sie das vor sich hin. Er nickte schweigend, hob die Schultern und wies ihr mit einer Gebärde der Machtlosigkeit die leeren Hände. Inwendig in ihm brausten die Gedanken. Dies letzte Wort, das ihr so leichthin über die Lippen geglitten war, schwoll für ihn an zu mächtigem Orgelton. Jene Nachmittagsstunde trat ihm vor die Erinnerung, da er mit den andern auf dem Siestaplatz gesessen und ein Boot beobachtet hatte, von dem er noch nicht ahnen konnte, daß es Annastina trug. Philipp war es ja wohl gewesen, der damals die Bemerkung machte, dies Segel komme so bestimmt daher, so unabwendbar wie das Schicksal. Das war die Art, auf die das Leben spielte. Die dümmsten Dichterphrasen schuf es rückwirkend zur Prophezeiung um. Ob sie denn nun bei ihm ein Unterkommen finden könnten, fragte Annastina den König von Ursholm. Es wäre ja nichts anderes zu machen, erwiderte der Inspektor. Das Nähere solle sie mit seiner Frau besprechen, er wolle draußen noch ein bißchen nach dem Rechten sehn. Und damit ging er. Seine Verbeugung zum Abschied wurde schon durch einen Schimmer von Jovialität verklärt, wie denn der alte Seebär überhaupt, ohne das gerade stürmisch zu äußern, allmählich immer freundlicher und menschlicher geworden war. Ja, Annastinas Reiz widerstand auch ein wetterharter Mann nicht leicht. Frau Liljeqvist erklärte, es würde eine Ehre und eine Freude für ihr Haus sein, das junge Paar zu beherbergen, solang es eben wegen des Wetters nötig sei. Es ginge auch ganz gut, Platz hätten sie genug, seit ihre beiden Töchter fort wären. Sogar mit etwa fehlenden Toilettegegenständen könne sie zur Not aushelfen; hier draußen gewöhne man sich daran, manches auf Vorrat einzukaufen, wenn man ein seltnes Mal nach Strömstad komme. Auch über das Essen würden die Herrschaften nicht zu klagen brauchen, den Vergleich mit der Beköstigung in Olsons Hotel brauche es sicher nicht zu scheuen. Sie hielten selber was auf einen gut bestellten Tisch: irgendein Vergnügen müsse der Mensch schließlich haben hier in der Einsamkeit, wo es weder Theater noch Kinematographen gebe. Ewig und ewig lesen schade nur den Augen, ganz zu schweigen davon, daß heutzutag die Leute meistens so überspannte oder so häßliche Bücher schrieben. Die Stücke wiederum, die ihr Grammophon spiele, hätten sie alle sicher schon fünfhundertemal gehört. Zum Schluß stumpfe man doch auch gegen Kunstgenüsse ganz unwillkürlich ab. – Vielleicht wollten die Herrschaften sich gleich die Schlafgelegenheit ansehen, damit man wisse, was noch etwa fehle, und, soweit möglich, für Abhilfe sorgen könne. Die freundliche Wirtin machte ein paar Schritte und öffnete einladend die Tür zum Nebenzimmer, das noch weit kleiner als die Wohnstube war. Allerhand naiver Zierat an den Wänden und auf der Kommodenplatte verriet, daß hier für gewöhnlich junge Mädchen aus dem Kleinbürgerstande hausten, und zwar deren zwei. Dies ersah man aus den zwei unschuldsweiß lackierten Betten, die da friedlich nebeneinander standen. Als der starke Mann unvorbereitet dieses Bild gewahrte, zog er die Augenbrauen hoch. »Still!« wisperte seine Liebste leise, aber heftig, trotzdem er nicht einen Laut von sich gegeben hatte. Bloß alles Blut schoß ihm ins Hirn. Gleich danach ging Frau Liljeqvist auf den Vorplatz hinaus, um frische Wäsche zu besorgen. Kaum waren die beiden allein, da trat Annastina dicht vor Toni hin und schaute ihm drohend ins Gesicht. »Sie wissen, wofür wir hier gelten!« sagte sie. »Wir dürfen uns nicht lächerlich machen! Wie es nun ist, geht es nicht anders. Und was ist denn im Grunde auch dabei! So viel kann ich von Ihnen wohl erwarten? Ich werde mich vor Ihnen doch nicht zu fürchten brauchen? Oder?« Es sprühte förmlich Wut aus ihrem Blick. Das Sie, mit dem sie ihn auf einmal wieder anredete, schien so etwas wie eine spanische Wand zwischen den zwei Betten errichten zu wollen. »Nein, nein!« wehrte er betreten ab. »Sie sind doch ein Mann!« fügte sie, den Kopf in den Nacken werfend, stark hinzu. Mochte nun auch gerade dieses Argument logisch auf etwas wackeligen Füßen stehn, vielleicht wirkte es eben durch seine Kühnheit so hinreißend. »Ja, Annastina!« rief Toni in einem Taumel edler und opferfreudiger Begeisterung. Und er gelobte es sich fest zu: ihr rührend schönes Vertrauen sollte nicht enttäuscht werden. Sie las in seinen Mienen, und ihr gefiel, was sie da las. Der nette Kerl verdiente wohl, daß man ihn jetzt wieder duzte. »Ich weiß es, Toni: du bist der, für den ich dich immer hielt!« Voll und kindlich ruhte ihr Blick in seinen Augen. Dann plötzlich überlief sie ein kleiner Schauer, sie senkte mit glühenden Wangen den Kopf, als sie nun verwirrt hervorstieß: »Und das soll dir auch nicht vergessen werden!« Der Wechsel auf die Zukunft, den sie damit einen flüchtigen Moment lang in der Luft flattern ließ, schien ihn so reich zu machen wie gutes Bargeld: er quittierte durch einen Handkuß voll ergriffendster Dankbarkeit. Nur ein rohes Gemüt hätte es Einbildung schelten können, daß der starke Mann seine Liebe zu Annastina als ein Verjüngungsbad empfand. Er war wirklich wieder sehr jung geworden.   Nach dem Abendessen blieben sie gleich so beisammen sitzen, die zwei Paare, das alte und das junge. Jetzt in dem sanften Licht der Hängelampe wurde die Wohnstube erst richtig gemütlich und glich nun zum Verwechseln einer Schiffskajüte. Annastina und Frau Liljeqvist unterhielten sich lebhaft und schienen ein Herz und eine Seele zu sein. Auch die Männer fanden Gefallen aneinander und waren sich recht nahe gekommen. Hier bildete nicht die Sprache das Verständigungsmittel, sondern der steife Kognaktoddy, der in großen Wassergläsern vor ihnen dampfte. Sonst beschränkte sich ihr Meinungsaustausch auf häufigere Wiederholung eines sehr schlechten Leitmotivs. Mit einem kurzen »skål!« schlug der Inspektor es an, und Toni verzierte das Thema ein klein wenig und erwiderte: » Min skål, din skål, alla vackra flickors skål !« Dieser Trinkspruch veranlaßte dann den grauköpfigen Seebären stets, sein Glas mit täppischer Galanterie huldigend gegen Annastina zu erheben. Ein Zwinkern seiner blauen Äuglein ließ sie gleichzeitig merken, wie wenig blind er dafür wäre, wo hier das hübsche Mädel zu suchen sei. Sie dankte ihm durch ein kleines, schmeichelhaft erschrockenes Lachen, bei dem die Grübchen in ihren Wangen tanzten; und auch bei Frau Liljeqvist erweckte diese Kurmacherei keine Eifersucht. So sah ihr Alter nicht mehr aus, daß er der jungen Frau hätte gefährlich werden können, ganz davon abgesehen, wie verliebt die in ihren eignen Mann war. Zu nett, die beiden zu beobachten! Schulter an Schulter, Arm an Arm geschmiegt, saßen sie auf dem Sofa. Von Zeit zu Zeit, wenn sie glaubten, es sähe es gerade niemand, fanden sich ihre Hände, ihre Augen versanken starren Blickes ineinander, und ihre Lippen formten heimlich ein Liebeswort, so leise, daß es kaum die Luft bewegte. Schließlich konnte die brave Hausfrau ihre Freude daran nicht mehr bei sich behalten. Sie mußte die Bewunderung für dieses reine Eheglück in herzhafte Worte fassen. Annastina lächelte sie unter leisem Erröten an und entgegnete liebenswürdig, dies Urteil schmeichle ihr um so mehr, da es ja von höchst sachverständiger Seite käme. Sie wenigstens sei überzeugt, daß auch Frau Liljeqvist nicht gerade unglücklich verheiratet sei. Hier wendete sie sich an den Herrn Inspektor und fragte ihn, was er denn dazu meine. Der Alte nickte langsam mit wägend schiefgelegtem Kopf, tat einen mächtigen Zug aus der Shagpfeife und blies eine rollende Rauchwolke gegen den Lampenzylinder. Er sei halt ein verteufelt guter Kerl, entgegnete er schmunzelnd, und außerdem hätten sie sich von jeher mit sehr kleinen Wohnungen behelfen müssen. Da gäbe es so wenig Platz für Zank und Streit. Und trotzdem, stellte nun die Inspektorin mit leisem Kichern fest, habe diese Enge einmal einen gewissen Jemand nicht gehindert, einen vollen Teller Erbsensuppe an die Wand zu feuern, aus Eifersucht, hihi! Ach was, Erbsensuppe mache keine Flecken, behauptete der König von Ursholm kühn. Das wäre nun rund siebenundzwanzig Jahre her und schiene einer gewissen Jemandin doch riesig geschmeichelt zu haben, da sie es gar nicht vergessen könne. Sie sage ja auch immer, daß er in jenen weit zurückliegenden Tagen viel netter zu ihr gewesen sei als heute. So neckten sie sich noch eine Weile weiter. Dies war mit der Zeit die Art geworden, auf die sie sich ihre Liebe zu erklären pflegten. Und das hörte auch das junge Paar aus all den kleinen Schraubereien leicht heraus. Man hatte gegenseitig Freude aneinander. Tief friedliches Behagen waltete im Lichtkreis der bescheidenen Lampe, ein guter Geist ging durch das Zimmer. Toni, dem das wärmende Getränk das Blut schon schneller durch die Adern trieb, wurde sich plötzlich des starken Glückempfindens, das er bisher verträumt genossen hatte, klar bewußt. Hier saß er, Hand in Hand mit Annastina, bei wohlgesinnten Menschen, denen er keine Rechenschaft schuldig war, unerreichbar für die grämliche Welt mit ihren Ansprüchen und Pflichten, von der unbändigen Natur selber auf diesem sturmumtobten Felsen festgehalten, herrlich machtlos, ein froher Sklave seines Schicksals. Und eine Ahnung, zugleich beseligend und erschütternd, streifte ihn, daß dies wohl eine der ganz großen, ganz glücklichen Stunden seines Lebens sei, eine der Stunden ohne Wunsch, eine der Stunden der gütigsten Erfüllung. Oder sind das nicht Stunden? Sind es immer nur Augenblicke, schon verloren und verscherzt, da sie nur tastend der Gedanke berührt, unser Gedanke, der die Andacht zur Gegenwart nicht kennt und, einer unruhvollen Spinne gleich, Fäden der Hoffnung oder Furcht zum Strande der Zukunft wirft? Der starke Mann erkannte die Gefahr, er wehrte der Bewußtheit, er wollte wieder träumen. Er goß den Rest aus seinem Glase schnell herunter und lehnte seinen Kopf an die Schulter der liebsten Frau. Ein kurzes, leise gurrendes Stöhnen des Wohlbehagens drang aus seiner Kehle. Ihm ging es jetzt so gut, er wollte seßhaft sein in seinem Glück. Jedoch durch diesen Plan wurde ihm ein Strich gemacht. Als nämlich der Inspektor Anstalten traf, ihm seinen dritten Toddy zu bereiten, war Annastina auf einmal furchtbar müde und verlangte sofort ins Bett zu gehen. Der alte Seebär, gleichfalls eine seßhafte Natur, widersprach dieser ausgefallenen Idee mit Feuer. Aber er strengte seine Beredsamkeit umsonst an. Die rothaarige Schöne schüttelte charaktervoll den Kopf und erhob sich. Und Toni folgte ihrem Beispiel als gut gezogener Mann. Nicht einmal Überwindung kostete ihn das. Schon war wieder der stille Hafen der Gegenwart verlassen, ein freundlicher Wind blähte die Segel des Gedankenschiffleins und trieb es in das sanft bewegte Meer der Hoffnungen hinaus. Herr Liljeqvist übrigens, so bat Annastina, möge sich durch ihren Aufbruch nicht hindern lassen, ruhig sein drittes Glas zu trinken. Der Alte gab ehrlich zu, dies ohnehin im Sinn gehabt zu haben. Doch würden er und seine Frau sich für das halbe Stündchen, das sie noch wachzubleiben gedächten, in die schöne warme und gemütliche Küche setzen, damit ihr Geschwätz die gar so müden Herrschaften nicht störe. Zuerst wolle er ihnen bloß noch ein kleines Schlummerständchen bringen, nachher solle alles mäuschenstill sein. Da er sich bei diesen Worten zum Grammophon begab und es kaltblütig aufzuziehen begann, versicherte man ihm, daß man höchst unmusikalisch und solcher Genüsse darum eigentlich nicht würdig sei. Dies aber nahm der Herr Inspektor nur für eine Redefloskel übertriebener Bescheidenheit. Ach was, er täte es ja gern, es mache keine Mühe, und das Instrument stände nun einmal da, so solle es jetzt auch was Deutsches und was Schönes zu Ehren seiner Gäste spielen, sagte er und kramte ruhig weiter in seinem Plattenvorrat. Man schüttelte sich nun die Hand und dankte einander für den Abend. Dann verfügten sich die jungen Leute in ihr Schlafgemach. Als Toni die Kerze auf dem Nachttisch angezündet hatte, trat er vor Annastina hin und wollte ihre Hände fassen. Seine Augen starrten ihr mit einem treuen Hundeblick bittend ins Gesicht, Sie wich zurück und musterte ihn befremdet. »Nein, Toni, nicht! Wissen Sie nicht, was Sie mir versprochen haben?« »A!« stieß er rauh hervor. Er hatte seine heiligen Gelübde von heute nachmittag vergessen und wünschte nicht, daran erinnert zu werden. Aber nach seinen Wünschen wurde nicht gefragt, und all sein stummes Flehen war umsonst. Annastina besaß eine sehr prinzeßliche Art, den Widerstand zu bändigen. Man fügte sich ihr nicht nur, man gab ihr sogar gegen den eigenen Willen recht, weil sie von ihrem Rechte, zu befehlen, so felsenfest überzeugt war. Sie verlangte von Toni, er solle, bis sie im Bette läge, sich an das Fenster stellen und hinausschaun. Und er gehorchte, das heißt: er begab sich schleppenden Schrittes an den befohlenen Platz und kehrte ihr den Rücken. So weit, daß sein Blick die Fähigkeit erworben hätte, die Bretter der geschlossenen Laden zu durchdringen, ging schließlich auch ihre Macht nicht. Mußte er deshalb seinen Gesichtssinn fast völlig ausschalten, so spitzte er dafür seine Ohren und lauschte angehaltnen Atems auf das verstohlene Rascheln ihrer Gewänder. Das Blut klopfte ihm gewaltig in den Schläfen. Plötzlich trat etwas ein, was ihn gewaltig störte: in der Wohnstube drüben begann das Grammophon zu näseln. Und was es von sich gab, das war nichts andres als der Hochzeitsmarsch aus »Lohengrin«. Der starke Mann erlag für einen Moment der Last der eignen Lächerlichkeit, sein Rücken wurde rund, die Arme baumelten kraftlos an den Schultern. Sei es nun, daß er so von hinten ein recht komisches Bild abgab, sei es, daß Annastina gleichfalls das Musikstück erkannte: sie ließ ein spitzbübisches Kichern hören. Das entflammte den Mut sich umzudrehen. Aber dies Unternehmen erstickte im Versuch, so hastig untersagte sie es ihm, so deutlich klang aus ihrem Ton die Drohung, daß er es zu bereuen haben würde. Drum legte er denn wieder den Ausdruck der Ergebung und Geduld in seine Rückenlinie. Und namentlich die Geduld hatte er sehr nötig: schon das Grammophon brauchte eine endlose Zeit, bis es seine anzügliche Begleitung zu Tonis verdrossenen Gedanken heruntergedudelt hatte. Aber auch nachher beeilte sich Annastina so wenig, daß er wahrhaftig zu dem Glauben kam, sie weide sich hartherzig an seiner Qual. Schließlich aber war sie so weit und schenkte ihm Bewegungsfreiheit. Man kann sich denken, wie stürmisch er herumfuhr. Sie lag im Bett und hatte sich bis unter die Nase zugedeckt. Ihr in der Mitte gescheiteltes Haar, das straff und schlicht dem Kopfe anlag, und der dicke Zopf, der sich vorwitzig über die Decke schlängelte, gaben ihr etwas grenzenlos jungmädchenhaftes, wozu der bange und unschuldvolle Ausdruck der Augen noch ein übriges tat. Vor so viel Kindlichkeit mußte sich wohl jeder unreine Gedanke in den dunkelsten Winkel verkriechen, wenn auch mit widerspenstigem inneren Knurren. Nun kehrte Annastina ihr Gesicht gegen die Wand und hieß Toni machen, daß er auch zur Ruhe käme. Er brauchte wenig Zeit zum Ausziehn; und kaum war er im Bett, als sie schon die Kerze löschte. »So!« sagte sie zufrieden. »Gute Nacht!« »No, was? Die Hand werd' ich dir wohl noch küssen dürfen zum Gut' Nacht?« »Nein!« erwiderte sie bestimmt und fügte mit einem magern Tröstversuch sanfter hinzu: »Morgen! Sein Sie vernünftig, Toni! Schlafen Sie! Ich bin so müde«. Jawohl, das war das Rechte, Schlafen Sie! Als ob man das so auf Kommando könnte! Und weil sie müde war, sollte er Schlaf haben! Nein, bis zum Morgen tat er bestimmt kein Auge zu! Geschah ihr ja bloß recht, wenn er nicht schlief! Und merken sollte sie es schon! Er begann sich aller Augenblicke schwer von der einen Seite auf die andre hinüberzuwälzen, und zwischendurch verkündeten ihr jammervolle Seufzer, was er litt. Sie stellte sich eine Weile taub. Als dies aber nur den Erfolg hatte, daß er sich immer wilder gebürdete, herrschte sie ihn schließlich ungeduldig an: »Nein, das ist ganz unmöglich, Toni! Denken Sie doch an mich! Sein Sie ein Mann! So kann ich doch nicht schlafen!« »Ja, ja, verzeih!« gab er erschrocken im Armsünderton zurück. Er hatte sich mittlerweile in eine große Sentimentalität hineingeseufzt und wollte selbstlos edel sein. Vielleicht könnte demütiger Gehorsam ihr eher das strenge Herz erweichen. Er biß die Zähne aufeinander und hielt sich tapfer mäuschenstill. Und, weiß der liebe Gott: Annastina schlummerte jetzt nicht etwa beruhigt ein. Nein, sie fing an zu lauschen, ob sich denn Toni gar nicht mehr rühren würde, der rücksichtsvolle gute Kerl; den Titel mußte sie ihn schon geben. Kaum, daß man seinen Atem noch vernahm! Leicht fiel ihm das nicht! Er könnte sicher die ganze Nacht nicht schlafen, der närrische Mensch! Wie sonderbar stark auf einmal in dieser Stille die tausend Stimmen des Dunkels wurden! Über allem der tiefe Orgelton des Meeres, das wütend gegen die Leuchtturminsel ansprang. Dazu heulte der Wind ums Haus, pfiff schwellend und sinkend durch den Schornstein, klapperte mit den Fensterladen, ließ alles Holzwerk stöhnen und ächzen. Ein Weltuntergangskonzert der entfesselten Elemente, vor dem Menschenwerk und Menschenleben erzitternd klein und machtlos wurden. Und dennoch, Toni und Annastina fühlten plötzlich jedes sein Herz so mächtig pochen, daß dieser Laut den Aufruhr der Natur verschlang. Die Melodie des Blutes schwoll zu betäubendem, hirnzersprengenden Gedröhn. Dann plötzlich warf sich ein neuer, ungewohnter Ton spitz dazwischen: das hastige und doch scharf abgesetzte Galoppieren von kleinen Füßen droben auf den Brettern der Decke. »Was war das?« flüsterte sie atemlos. »Weiß auch net. Eine Ratte?« murmelte er mühsam und heiser. »Toni, ich fürchte mich!« rief sie mit heller klagender Kinderstimme. Ihre Hand tastete hilfesuchend über seine Bettdecke. Schon hatte er sie ergriffen. Ein Stöhnen brach aus seiner Kehle. Brausende Finsternis riß ihn in ihren Wirbel. Und Annastina? Sie hatte so lange mit dem Feuer gespielt, daß nun die Glut auch über ihrem Kopf zusammenschlug.   Toni erwachte plötzlich aus einem tiefen und gesunden Schlafe. Seine Augen blinzelten ins Licht und schlossen sich gleich wieder, als könne er so die Bilder kostbarster Erinnerung klarer sehen. Annastina! klang es in ihm. Daß es etwas so Schönes, so Herrliches auf Erden gab! Wie blind und dumm und arm war er durch dieses Dasein hingestolpert und hatte seines Lebens beste Zeit versäumt! Nein, doch noch nicht versäumt! Der Zauber war gebrochen, in den ihn Trautchens bürgerlich kluge Vorsicht eingesponnen hatte. – Jung bin ich! klang es hell in Toni. Jung genug, um von der wundervollsten Frau geliebt zu werden! Sein Herz wurde groß in Dank und frommem Staunen. Ja, konnte er's denn glauben? War das nicht alles nur ein Traum? Er spielte mit diesem Schreckgedanken und scheuchte ihn lächelnd fort. Um aus dem Traum Wahrheit zu machen, brauchte es weiter nichts, als daß er die Lider aufschlug. Dies tat er nun frisch und wendete den Kopf. Jedoch der helle Ausdruck der Erwartung gefror zu blödem Staunen. Nanu, das Bett war leer? Er hob sich leicht auf den Ellenbogen empor und schaute sich im Zimmer um. Annastina, schon fertig angezogen, stand, mit dem Rücken gegen ihn, am Fenster und starrte nachdenklich in den grauen sturmdurchtosten Tag hinaus. Er runzelte die Brauen. Eine Beklemmung schnürte seiner Freude mit eins die Kehle zu. Nein, und wie ihm dies Erwachen ein anderes zurückrief! Sonderbar! Genau auf den Tag, vielleicht auf die Minute vor vierzehn Jahren war's gewesen, am Morgen nach Johanni. Und hier wie dort das Hüttchen in der Felsenöde, und hier wie dort das leere Lager neben ihm, und ... Wiederholt sich denn das Leben? Ach Unsinn! herrschte der starke Mann sich an. Was ihm schon diese dummen Zufälligkeiten sagten?! Trautchen und Annastina, hieß das allein nicht Unterschied genug? Und doch: so wenig sich die beiden Frauen glichen, der stumme Vorwurf rotgeweinter Augen würde ihn auch heute durchbohren, genau wie damals. Hatte Annastina ihm nicht selbst gesagt, sie würde sich so etwas nie verzeihen, sie vermöchte mit dem Bewußtsein davon keinem mehr offen ins Gesicht zu sehn? Aber was half das! Einmal mußte es ja sein. Er wollte sie schon trösten, wollte sie einfach überwältigen mit seiner Dankbarkeit für ihre große, alle Schranken niederreißende Liebe. Also: nur Mut! Und Toni räusperte sich zaghaft. Sie schaute sich um. Zuerst erschrak er beinah, weil ihre Miene alle seine Befürchtungen Lügen strafte. Von Trostbedürfnis zeigte sich da kein Schatten und keine Spur von Reuetränen. »Du hast so gut geschlafen«, sagte sie mit einem lieben Lächeln, Ihm fiel ein Stein vom Herzen, es wurde ihm vor Freude heiß im Kopf. Nach kurzem, zierlich kokettem Zaudern huschte sie schnell heran, setzte sich auf sein Bett und gab ihm einen Kuß. Dann senkte sie die Stirn wie ein verschämtes kleines Mädchen und hielt die Hände flach nebeneinander gegen seine Brust. »Jetzt«, begann sie und stockte, bevor sie weitersprach, »jetzt kann uns nichts mehr trennen!« Dies Wort wollte ihn für den Bruchteil einer Sekunde fast ernüchtern. Nicht einmal Trautchen, der sie doch schnödeste Spekulation vorwarf, hatte ihm auf die Art gleichsam die Quittung präsentiert. Doch kaum geboren, war der Gedanke schon verscheucht. Annastina barg ihr Gesicht an seiner Schulter und flüsterte: »Du Lieber!« Er warf die Arme fest um sie, Mund preßte sich auf Mund, Dann aber befreite sie sich sanft und trat zwei Schritte zurück, »Ach, Annastina!« bat er. »Nein, nein!« Sie hob den Zeigefinger neckisch wehrend gegen ihn. »Jetzt steigt der Herr mir endlich aus den Federn! Und ich hab' Hausfraunpflichten. Ich sorge in der Zeit fürs Frühstück. Ist's so recht?« Sie ging zur Tür und faßte nach der Klinke. »Nicht, Toni? Du beeilst dich und läßt mich nicht zu lange schmachten nach dem Kaffee. Ach so, du glaubtest wohl, nach dir? Und wenn's so wäre, würd' ich's dir nicht sagen. Denn eingebildet bist du schon genug.« Ein helles Lachen, ein spitzbübisches Zwinkern, draußen war sie. Mit beiden Füßen sprang der starke Mann aus seinem Bett. O Himmel, Herrgott, war das Leben schön!   Verdankte der Kaffee seine Güte auch der Kochkunst von Frau Liljeqvist, daß Toni ihn als den besten Frühtrunk empfand, den er noch je genossen hätte, war Annastinas Werk. Wie sie die Kanne hob, um einzuschenken, wie sie mit spitzen Fingern die Zuckerstücke aus der Dose holte, wie sie ihm seine Brote strich, darin lag eine Anmut, die ihn hinriß. Toni ließ sich in dankbarem Behagen auf diese hübsche Art bedienen und verwöhnen. Er fühlte sich sehr heimisch in der Rolle des frischgebacknen Ehemanns. War er gleich eigentlich, wenigstens zur Zeit noch, mit einer ganz anderen verheiratet, ach was! Heute war heut! Und heute, vielleicht auch morgen noch, konnte ihn nichts erreichen von jener feindlichen Welt dort überm Wasser, die sein Zivilstandsregister kannte. Gerade, wie er nun das Leuchten dieser Gewißheit in seinem Blick aufgehen ließ, zuckte er plötzlich nervös zusammen. Hallo, was war denn das? Er hatte draußen einen Laut vernommen der ihm in dieser Wildnis widerlich fehl am Orte schien: ein kreischendes Metallgetriller von ordinärer Durchdringlichkeit. Und richtig, seine Ahnung trog nicht: in der Tür erschien der alte Liljeqvist und meldete, Herr Gwinner werde von Koster aus am Telephon gewünscht. Im Vorgefühl unangenehmer Dinge sprang Toni auf und lief hinaus. »Hier Gwinner!« rief er in den Apparat. »Wer dort?« Die Antwort war wegen starker Nebengeräusche schwer verständlich. Bald wußte er aber doch, daß er mit Philipp Ladurner sprach. Er hatte auch nichts anderes erwartet »No ja, und dann? Was willst du?« fragte er mürrisch. »Seid ihr noch gut auf der Leuchtturminsel angekommen?« fragte es zurück. »Bedaure, nein. Wir sind ertrunken«, erwiderte der starke Mann mit schöner Seelenruhe. »Ach, Toni, deine Witze! Und habt ihr denn einigermaßen ein Nachtquartier gefunden?« »Ah, Platz genug! Das reinste Hotel!« »Ja, und wie ist es denn? Könnt ihr nun heute wohl zurück?« »Nein, ausgeschlossen! Bei dem Sturm! Was sagst du? Aber Philipp, wenn du gar so Sehnsucht hast nach uns, komm du doch!« Toni grinste. »O nein, nicht deshalb!« Man sah den Dichter förmlich mit beiden Händen die Zumutung von sich weisen. »Es liegt nur seit gestern hier ein Telegramm für dich«. »Was!« rief der starke Mann. »Ein Telegramm, eine Depesche an dich!« »Ja, ja, ich hör' ja schon! Und was steht drin?« »Soll ich es öffnen?« fragte Philipp, und man hörte, wie neugierig er selber auf den Inhalt war. »Sofort! Wo hab' ich es bloß hingesteckt? Einen Moment!« »Ja, mach doch!« drängte Toni. Das Herz klopfte ihm heftig. Die Zeit, die der andre brauchte, wurde ihm zur Ewigkeit. Immer nur dieses Brausen und Pfeifen und zwischendurch dies sonderbare trockne Knattern im Telephon! Jetzt meldete sich des Dichters Stimme wieder: »Bist du noch da?« »Ja doch, lies vor!« »Also, Toni: von Trautchen. Sie depeschiert ...« In diesem Augenblick wurde das Knattern so laut, daß es die weiteren Worte übertönte. Dann plötzlich ein schmerzhaft harter, heller Knall und danach Totenstille. »Philipp, noch einmal! Ich hab' dich net verstanden. – Was nur mit dem saudummen Apparat is? Philipp! Hörst du net? He, Philipp!« Hol' es der Kuckuck! Unterbrochen! Toni rief Annastina. Sie möge so gut sein und den Inspektor bitten, die Verbindung wiederherzustellen. Der Alte kam und kurbelte und lauschte, kurbelte und lauschte ... Schließlich fragte er, ob sich am Ende irgendein besonderes Geräusch im Hörrohr hätte vernehmen lassen. Und als er von dem scharfen Knall erfuhr, nickte er gleichsam beruhigt. Dann sei eben einfach der Draht gerissene. Das käme bei Sturm sehr häufig vor. Wie lang' die Störung dauern würde? Tja, das wisse er selber nicht. Handle es sich um einen Bruch auf einer von den Wasserstrecken zwischen zwei Inseln, so müsse zum Flicken ruhiges Wasser abgewartet werden. Ein paar Tage könnten leicht darüber hingehn. »Teufel, Teufel!« murmelte der starke Mann. Das war ja eine schöne Geschichte, das! Hätte doch dieser lyrische Spitaler gescheiter noch eine Viertelstunde mit dem Anruf gewartet! Dann wär' die Leitung zuvor kaputt gewesen, und man brauchte sich jetzt den Kopf nicht zu zerbrechen. Ja, ja, man soll sich nur so recht auf etwas freun – da wird einem auch prompt ein Knüppel zwischen die Füße geworfen! Nun war das Beste von der Sache schon dahin! Zum Glück fand Annastina ein kluges Mittel, ihn zu trösten: sie spottete über seine Unruhe. Herrgott, es handle sich doch sicher um weiter nichts, als um die inhaltschwere Nachricht: »Glücklich in Pasing angekommen.« Ob er's denn selber nicht ein bißchen kleinbürgerlich finde, hinter jedem Telegramm gleich irgendeine Hiobsbotschaft zu suchen. Nein, sich als Kleinbürger von dieser Frau der großen Welt bemitleiden zu lassen, tat Tonis Eitelkeit zu weh. Er raffte sich aus dem Trübsinn empor und gab ihr lächelnd recht, auch innerlich bei sich. Seinen Brief an Trautchen hatte er erst gestern nachmittag in den Kasten geworfen. Und hinter Micheles harmloser Halsentzündung eine Gefahr wittern zu wollen, das grenzte doch an Hysterie. Er machte seine Ohren taub für das Geraum der Sorge. Uns wollte die sich doch wieder eifrig tuschelnd hören lassen, so schien Annastinas Feingefühl das gleich zu spüren. Sie wurde dann besonders weich und zärtlich und fachte hiermit eine Freude in ihm an, die die ganze übrige Welt hinter einem prasselnden Flammenvorhang verbarg. Oder sie lenkte ihn von der Schau nach innen dadurch ab, daß sie ihm einen weiten Ausblick öffnete über die klug in Dunkel gehüllte nächste Zukunft hinweg in die blauen Fernen künftiger schönerer Zeit. Toni berauschte sich an ihrem Wesen, ihren Worten, an Leidenschaft und Hoffnung. Nur um so durstiger, mit um so heißerer Gier schlürfte er den Taumeltrank, den sie ihm reichte, weil ihm vom Grunde dieses Bechers unsichtbar zwei ruhige, erbarmungslos sichere Augen entgegenstarrten: die leeren, in ihrer Leere rätseltiefen Augen der Lebensangst, die hinter dem Genusse lauert, wie unter einem jugendschönen Antlitz heimlich der weiße Schädel grinst. Ins Unbewußte hinabgescheucht, nicht tot war Tonis Sorge. Dort unten, wo kein Gedanke vor ihr Wache hielt, lag sie, zum Sprung geduckt, und harrte ihrer Zeit.   Noch einmal sang das Tosen der Elemente Toni und Annastina auf der Leuchtturminsel in guten Schlaf. Als sie der nächste Morgen weckte, war der Sturm endlich müde geworden. Dafür plätscherte nun der Regen still herab und legte rieselnde Gespinste von Silberfäden an die Scheiben. So kam der Nachmittag, bevor man sich ohne die Furcht, durch und durch naß zu werden, einschiffen konnte. Die zwei hatten es auch da noch gar nicht eilig damit. Ohne daß eins es dem andern sagte, ohne daß es ihnen überhaupt richtig bewußt ward, empfanden sie beide diese Ursholmer Tage als etwas, das so nie wiederkäme. Carlsson und der Inspektor waren es, die, sobald es nicht mehr regnete, dringend zum Aufbruch mahnten. Der Wind flaute zusehends ab, es sei jetzt höchste Zeit, wenn man noch heute bei Tag Koster erreichen wolle. Und die Seeleute behielten mit ihrem Mißtrauen gegen das Wetter recht. Kaum hatte man den kleinen Hafen verlassen, da zeigte sich's schon, daß der Kutter, trotzdem das letzte Fetzchen Leinwand gesetzt war, betrüblich langsam vom Flecke kam. Wie verschmitzt auch der Fischer die Segel stellte, um jeden Lufthauch einzusaugen, alsbald schlotterten sie wieder ohnmächtig und verdrossen. Dabei herrschte noch vom Sturm her starke Dünung. In langsamem, heimtückisch sanftem Takte hob die tief atmende Flut das fahrtlose Schifflein und ließ es wieder gleitend sinken, hob es und ließ es sinken, hob es und ließ es sinken. Wer nicht ganz fest war, konnte da wohl ein sonderbares Gefühl ums Zwerchfell herum, in der Kehle und hinter der Stirn bekommen. Annastina wurde davon sehr bald gepackt. Sie erblaßte plötzlich bis in die Lippen und streckte sich längelang auf der Bank aus, erlaubte Toni gerade noch, ihr seinen zusammengerollten Wetterkragen als Kissen unter den Nacken zu schieben, bat ihn dann aber beinah heftig, sie nicht mehr anzurühren und kein Wort zu ihr zu sprechen. Ihr sei es zum Sterben elend. Er trollte sich mit hangenden Schultern zur andern Bank, setzte sich und stützte den Ellenbogen aufs Knie und das Kinn in die Hand. Verstohlen mitleidvoll schaute er zu ihr hinüber. Sie sah wirklich nicht so aus, als ob es ihr zum Sterben wäre, sondern schon fast wie tot. Merkwürdig spitz waren ihre Züge geworden, der Knochenbau trat scharf hervor, in den Senkungen dazwischen lagen kränklich gefärbte Schatten, deren ins Violette spielendes Grau schlecht zu den roten Haaren stand. Die ganze Schönheit Annastinas war ausgelöscht. Und war nicht alle Schönheit der Erde wie ausgelöscht? Toni stieß einen Seufzer hervor. Die Landschaft aus Wasser und Granit, die ihn sonst bald durch heitere Anmut, bald wieder durch feierliche Größe hingerissen hatte, heute lag sie in gottverlassener Melancholie unter dem gleichmäßig düsteren Himmel: eine kalte Trauer wehte von ihr her und drang bis in die Tiefen seiner fröstelnden Seele. Er suchte sich emporzuraffen, aber umsonst: er konnte nicht dagegen an. So scheuchte er denn die Gedanken fort; und sie ließen sich willig scheuchen. Er versank langsam in eine Art Betäubung. Auch hinter seiner Stirn rumorte es dumpf. Wenn bloß erst diese Fahrt ein Ende hätte! Aber sie schien ewig dauern zu wollen. Der Wind schlief gänzlich ein. Carlsson mußte sich, mit saurer Miene, zum Rudern entschließen. Er tat es lustlos; denn nützen konnte all seine schwere Müh' und Plage auch nicht viel. Eintönig klopften die Riemen in den Dollen und schlugen gleichsam den Takt zu dem trägen Steigen und Sinken des Kutters. Toni horchte in wachsender Erbitterung auf diesen Laut. So neigte sich der Tag. Bleigraue Dämmerung stieg, einem dünnen Rauche gleich, aus dem Meer empor. Bald würde es Nacht sein. Da aber wuchs von neuem eine sonderbar fahle Helligkeit. Toni schaute sich überrascht um. Im Westen, wo die Sonne hinter dichter Wolkendecke zur Rüste gegangen war, stand jetzt auf einmal ein breites und hohes Stück klaren Himmels, mattgelb am Horizonte, nach oben mählich in ein blasses Grün verlaufend. Der Widerschein davon legte sich silbrig auf das Wasser und verwandelte es in schwerwogendes geschmolzenes Metall. Tief sammetschwarz standen die kleinen Klippeninseln gegen den geisterhaften Glanz. Toni gemahnten sie an eine Reihe von schwarzen Särgen. Er hätte weinen mögen und wußte nicht, warum.   Zur Landungsbrücke beim Hotel wäre man wohl kaum vor Mitternacht gelangt. Carlsson setzte deshalb seine Passagiere am ersten Steg ab, den man auf Koster erreichen konnte, ganz in der Nähe des Gwinnerschen Badestrandes. Von dort war es gottlob kein weiter Weg mehr bis zum Schusterhaus. Annastina hatte es eilig, heimzukommen. Vor dem Gedanken, heute noch etwas essen zu sollen, drehte sich ihr der Magen um. Sie sehnte sich nur nach ihrem Bett und wollte es bestimmt vor morgen mittag nicht verlassen. Schwer hing sie an Tonis Arm, als sie so durch die sinkende Nacht über den steinigen Pfad stolperten. Auch sein Schritt war nicht sicher. Der Boden schwankte ihm fort und fort unter den Füßen. Wie da erst ihr zumut sein müsse, konnte er sich leicht vorstellen. In lebhaftem Mitleid versuchte er es ein paarmal, sie mit einem zärtlichen Streicheln, einem ermunternden Zuspruch zu trösten. Aber sie wies das immer merkwürdig gereizt zurück. Und durfte ihm auch klar sein, daß diese Heftigkeit gar nicht ihm galt, er fühlte sich doch bitter gekränkt und fragte sich selber ein bißchen tränenselig, ob es mit ihrer Liebe zu ihm denn schon vorbei sei. Mit einer Art von Wollust hätschelte er diese sentimentalen Erwägungen: vielleicht, weil sie ihm einen greifbaren Grund lieferten für die dunkle Traurigkeit, die immer schwerere Gewichte auf seine Seele lud. Annastina war viel zu sehr mit sich und ihrem Zustand beschäftigt, um seine still pathetischen Anstalten zu beachten. Schließlich aber, da sie ihn an der Tür ihres Hauses mit kurzem Abschied entlassen wollte, mußte sich ihr wohl aufdrängen, was für ein wehleidig vorwurfsvolles Gesicht er schnitt. Ein mattes Lächeln geisterte um ihre Lippen, sie legte die Fingerspitzen zu leichtem Druck auf seine Schulter und sagte sanft: »Sei mir nicht böse, Lieber! Ach, wenn du wüßtest, wie mir ist! Auf morgen, Toni! Du holst mich doch zum Mittag ab, nicht wahr? Schlaf schön! Und sei vergnügt! Morgen ist alles anders. Ja!« An herzliches Nicken, ein Spitzen ihrer Lippen wie zum Kusse, und schon schnappte die Tür hinter ihr ins Schloß. »Morgen«, sprach ihr der starke Mann mechanisch nach. Sonderbar, dies: morgen schien ihm unendlich fern. Ein Weilchen stand er und starrte auf den Fleck, wo sie verschwunden war, als sähe er sie noch. Dann wendete er sich ab und ging. Als er aber um den nächsten Felsbuckel bog, der ihn gegen jede Sicht vom Haus her deckte, fuhr plötzlich ein Ruck durch seinen Körper. Toni begann zu laufen, lief, bis ihm schier die Brust zerspringen wollte, blieb keuchend stehen, ließ sich jedoch nicht Zeit, richtig Luft zu schöpfen, und rannte schon wieder. Er strauchelte über einen Stein, stürzte, schlug sich das Knie wund, raffte sich ärgerlich fluchend empor. Weh tat das. Einerlei! Nur weiter! Ihm frommte kein Aufschub mehr, die Frist war um, die Sorge ließ sich nicht mehr beiseitedrängen und lügnerisch vermummen. Die Angst, die ihr Opfer so lange heimlich geduckt belauert hatte, jetzt war sie ihm an den Nacken gesprungen, schlang ihre Pranken würgend um seinen Hals und hetzte ihn. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Der schweigsame Gast Schwer atmend und mit hart klopfenden Pulsen öffnete Toni die Tür des Fischerhäuschens. Ein oft gesehenes Bild des Friedens tat sich vor ihm auf und nahm selbst heute sein Malerauge wider Willen gefangen. Das kuppellose Schnittbrennerlämpchen, dessen Schein ein blanker Messingreflektor verstärkte und lenkte, schuf in der räucherigen Küche ein feines, unendlich mannigfach abgestuftes Helldunkel. Als lichtester Fleck erglänzte der weiße Kopf des alten, vom Rheumatismus bös krummgezogenen Julius Andersson, der, die runde Brille aus der Nasenspitze, andächtig in ein frommes Buch vertieft war. Sein Weib, dürr, hochgewachsen und immer noch kerzengerade, stand drüben halb im Schatten und wusch mit flinken, energisch eckigen Bewegungen Geschirr ab. Die Leute haben's gut! fuhr es dem starken Manne durch den Sinn. Die sind darüber hinaus; denen kann gar nichts mehr geschehen. Wenigstens wollte es ihm so scheinen, als gäbe es irgendwo und irgendwann noch vor dem Tod einen ganz sicheren Hafen, in dem uns kein Wetter mehr erreicht. » God afton !« sagte er. Sein kurzer Gruß verwandelte die Stille mit einem Schlag zu unruhvollem Leben. Die Alte ließ den Teller, den sie gerade spülte, so schnell in die Wanne zurückgleiten, daß das trüb fettige Wasser glucksende Wellen schlug; die Hände an der Schürze trocknend, trat sie eilig auf ihren Mieter zu, und ein Strom von Worten ergoß sich aus Ihrem Mund. Ihr Mann, der sich schwerfällig hinter dem Tisch hervorgearbeitet hatte, versuchte ein paarmal etwas dazwischenzuwerfen, konnte damit aber nicht durchdringen. Toni verstand nicht eine Silbe von dem, was ihm da erzählt wurde. Oft genug hatte er früher mit Trautchen zusammen über die sprechselige Frau Andersson gelacht, der es immer wieder entfiel, daß für diese Deutschen ihr lebhaft herausgesprudeltes Schwedisch nicht mehr als ein wirres Geräusch war; heute erschien ihm die Alte nicht komisch, sondern beinah unheimlich. Ihn peinigte der unnütze Aufenthalt. Dennoch kam er nicht vom Fleck; es war, als hemme ein drohendes Etwas seinen Fuß. So zauderte er willenlos und lauschte, mißmutig und bang zugleich, dem Redeschwall. Plötzlich traf ein bekanntes Wort sein Ohr: dasselbe Wort, das ihn in toller Angst und Eile hergehetzt hatte. »Telegramm?« wiederholte er erregt und deutete gegen sein Zimmer. »Da drinnen?« fragte er auf deutsch. Frau Andersson bejahte und fügte irgend etwas von herre Ladurner hinzu, während sie dienstfertig nach der Lampe lief, um Toni zu leuchten. Der aber hatte die Tür schon hinter sich ins Schloß gedrückt. Pechschwarze Finsternis gähnte ihm unheilvoll entgegen. Er strich mit zitternden Fingern ein Zündholz an. Ein scheuer Seitenblick beim ersten Aufzucken des dürftigen Flämmchens zeigte ihm, daß das Erwartete, Gefürchtete dort auf dem Sofatische lag. Und dann brannte in dem blechernen Schiebeleuchter der Kerzenstummel, der ihm zum letztenmal für jenen Brief an Trautchen Licht gespendet hatte. Sein Herz klopfte zum Zerspringen, da er nun matten Schrittes hinüberging. Und als er beim Tische war, befiel ihn eine jähe Schwäche; er mußte sich setzen und die Augen schließen, ihm schwindelte der Kopf, der Stuhl unter ihm schien langsam zu steigen und zu sinken, in dem gleichen Takt, wie das Meer den Kutter Stunde um Stunde hatte steigen und sinken lassen. Mit Aufbietung aller seiner Kräfte riß er sich endlich aus dieser halben Ohnmacht empor, die seinen Willen lähmte, ohne ihn doch in wohltätige Vergessenheit zu senken. Zwei Telegramme waren es, die da, genau und sauber aufeinandergelegt, seiner warteten, zwei Telegramme in hellblauen Amtskuverts, beide geöffnet, das obere an ihn, das untere an Philipp Ladurner adressiert. Er gab sich keine Rechenschaft darüber, weshalb er gerade dieses zweite zuerst aus seiner Hülle zog und mühsam, denn die Hände flogen ihm, entfaltete. Da stand in ungeschickten, gleichgültigen Bleistiftzügen: Sucht Toni unbedingt zu erreichen. Benachrichtigt ihn schonend, daß Michel heute abend halb sechs Uhr nach schwerstem Leiden sanft entschlafen, Beerdigung Montag drei Uhr. Abreise von dort spätestens morgen Samstag abend notwendig. Trautchen. Toni wollte es so scheinen, als hätte er das die ganze Zeit schon geahnt, gewußt. Und er wußte es eigentlich doch noch jetzt nicht. Begriff auch sein Verstand, daß, was ihm dies Papier entgegenschrie, harte, nüchterne Wahrheit bedeutete, sein Herz konnte das Schreckliche, Widersinnige, Unmögliche nicht fassen. Die Ellbogen auf dem Tisch, die Fäuste gegen die Schläfen gestemmt, so saß er da. Ein Chaos von Gedankentrümmern brodelte in seinem Hirn; es wollte sich nichts Ganzes, nichts fest Gestaltetes daraus erheben. Nach einer Weile holte er mit den unbewußt sicheren Bewegungen des Schlafwandlers das andere Telegramm hervor und las: Heimreise sofort auf schnellstem Wege. Michel Blinddarmentzündung. Sehr starke Schmerzen seit heute früh. Große Sehnsucht nach Dir. Hausarzt andeutet Möglichkeit von Operation. Trautchen. Toni ließ das Blatt sinken und schüttelte hilflos den Kopf. Blinddarmentzündung? Konnte das möglich sein? Hatte es denn nichts stets geheißen: Halsentzündung? Mein Gott, weshalb nur fragte er danach! Das Michele war tot! Tot! sprach er vor sich hin, als müsse er sich das grausame Wort nach Klang und Sinn einprägen, es mit Gewalt in sein Bewußtsein und Gedächtnis hämmern. Wußte er nicht, was das hieß? Daß er sich um Art und Namen der Krankheit quälte, gab ihm sein Kind nicht wieder. Dennoch heftete sich sein Blick auf allerhand Einzelheiten, Begleitumstände, Nebendinge, die ihm zuerst so gleichgültig erscheinen wollten, daß er nicht wußte, wie er darauf kam. Aber es führte gerade an ihnen vorbei der Weg aus dem Nebel dumpf brütender Betäubung in die unbarmherzig klare und kalte Luft der Wirklichkeit. Halb unbewußt noch, schaute er wieder in das Telegramm, das vor ihm lag, und prüfte den Dienstvermerk. Er fuhr zusammen, sein Ausdruck wurde starr: in Pasing aufgegeben am 24. Juni, 12 Uhr 48 Minuten nachmittags. Fast um die gleiche Stunde hatte ihm Trautchen depeschiert, da er den Brief an sie hier in den Kasten warf. O dieser Brief! Wenn er ihn doch jetzt noch zurückrufen könnte! Umsonst und ganz unmöglich! Er wußte ja: gerade der Donnerstag war einer der Tage, wo der Hotelwirt drüben in Strömstad seine Einkäufe machte und dann auch gleich die Post besorgte. Oder sollte diesmal das Wetter ihn gehindert haben? Törichte Hoffnung! Sah er nicht deutlich das Bild des Landungssteges bei seiner eigenen Abfahrt mit Annastina vor sich? Olsfons Kutter hatte bestimmt nicht an seinem Platz gelegen. Mitten in Trautchens Herz traf dieser Brief, in ein gequältes Herz, das schon durch den Verlust des Teuersten, was es besaß, bis aus den Tod verwundet war, und dem damit der letzte arme Trost zerbrach. Ihm schauderte bei dem Gedanken vor sich selbst. Er hatte das nicht gewußt und nicht gewollt; es war das blinde, unvernünftige Schicksal, das alles so tückisch fügen mußte. Aber sprach das ihn frei von Schuld? Die wohlgesetzten Gründe, mit denen er sich unter dem Schreiben damals sein gutes Recht auf Glück bewiesen hatte, jetzt hielten sie nicht mehr stand. Jugend hat freie Arme, sie soll sich erst ihr Leben bauen, ihr mag der von Bedenken freie Egoismus anstehn. Ist deine Jugend einmal versäumt, sei es, wodurch es sei, durch fremde Klugheit oder durch eigene Schwäche, dann ist's zu spät, dann hat deine Bestimmung dir Fesseln umgeschnürt, die du nicht ungestraft zerreißen kannst; denn jeder Riß durch sie geht folternd auch durch die Seelen derer, die deine Nächsten sind, weil ihres Lebens Glück nun einmal deiner Hut befohlen ist. »Versündigt hab' ich mich!« flüsterte Toni und lauschte, tiefernste Aufmerksamkeit im Blick, dem Klange seiner Stimme. Er redet von Sünde? Hatte er nicht gemeint, diesen Begriff als freier Mensch aus seiner Ideenwelt verbannt zu haben? Sünde bedeutet Übertretung des göttlichen Gebotes. Gott? Was war ihm Gott gewesen? Hatte er je an ihn gedacht, hatte er seinen Namen nicht eigentlich nur dann im Mund geführt, wenn er zum Scherze fluchte? Nun dröhnte ihm dieser Name aus dem Wort der Schrift entgegen: Gott läßt sich nicht spotten. Aber der Menschen spottet die dunkle Gewalt dort über uns, mag sie nun Gott, mag sie Naturgesetz, mag sie ganz einfach Leben heißen. Stand hier Trautchen, so stand dort Annastina, sie, der seine Liebe gehörte, wie zuvor noch keiner Frau, das fühlte er zu dieser Stunde stärker denn je. Gab er der einen ihr gutes Recht, dann tat er der andern Unrecht an. Wohin er sich auch wenden mochte, jeder Schritt verstrickte ihn rettungslos ins Garn der Sünde. Auf einmal aber riß es ihn empor, und seine Augen starrten erschrocken in das Leere. Er Narr! Worüber er sich doch den Kopf zerbrach! Hatte er denn in seines Herzens Stumpfheit ganz vergessen, welcher unbarmherzig schweigsame Gast daheim über seine Schwelle getreten war? Sünde? Wie hieß die Sünde, auf die der mild: Richter den Tod setzte, als er zu seinen Jüngern sprach: »Wer dieser Kleinen Einen ärgert, dem wäre besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehänget und er ersäufet würde im Meer, da es am tiefsten ist.« Ein tiefer Seufzer, der fast einem Röcheln glich, drängte sich aus Tonis Brust. Ja, hier lag seine schwerste Schuld, die sich in alle Ewigkeit nicht wiedergutmachen ließ. Sein Kind hatte sich in bitterster Not des Lebens nach ihm gebangt, vielleicht nach ihm geschrien; und er hatte es nicht gefühlt, nicht fühlen wollen, er hatte sich mit Absicht blind gemacht, selbst in dem Augenblick, da Micheles Sehnsucht so gewaltig wurde, daß sie die Ferne überbrückte und ihn leibhaft vor ihn hintreten ließ; er hatte die Fülle der warnenden Zeichen, mit denen ihn das Schicksal aus dem Taumel wecken wollte, feig und leichtherzig in den Wind geschlagen; die innere Stimme hatte er erstickt, sie übertönt durch schmetternde Fanfaren ichsüchtiger Leidenschaft. Tonis Gedanken verloren von neuem die scharfen Umrisse, zerflossen zu Nebel, ballten sich zu brodelndem Gewölk, dieweil sein Blick immerfort wie gebannt auf dem unheilverkündenden Papierblatt lag und er wieder und wieder mechanisch las, was da geschrieben stand, ohne daß ihm der Sinn der Worte richtig zum Bewußtsein kam. Dann aber sprang ihm eine Erkenntnis so unvermittelt gleichsam an die Kehle, daß er zurückfuhr. Was stand da? »Beerdigung Montag drei Uhr, Abreise von dort spätestens morgen Samstag abend notwendig.« Und heute war ja Samstag. Oh, wenn er doch schon mittags wiedergekommen wäre! Jetzt hatte der Nachtzug Strömstad längst verlassen. Der nächste ging früh um acht Uhr ab. Nicht also genug daran, daß er ihm in dem letzten Kampf nicht hatte mit seiner Liebe tröstend zur Seite sein dürfen, die boshafte Fügung verwehrte es ihm noch, dem Michele die letzte Ehre zu erweisen. Tonis Hände glitten langsam herab von seinen Wangen, er ballte sie zu Fäusten und ließ sie mit dumpfem Laut schwer aus die Tischplatte niederfallen. Ein trocknes, tränenloses Schluchzen rüttelte ihn. Dem Michele, wenn es nun wirklich von einem andern Stern herunterschauen könnte, mochte es wohl einerlei sein, ob sein Vater um einen halben Tag früher oder später an sein Grab träte. Trautchen aber! Welch bittere neue Kränkung würde ihr Mutterherz, welche eine Schande vor den Leuten ihr bürgerliches Schicklichkeitsgefühl darin sehen, wenn er bei der Beerdigung fehlte! Und kaum hatte sich so wieder ihr Bild vor sein inneres Auge gestellt, da stand auch schon die andre da, Annastina. Und jede forderte ihr Recht, und beider Frauen Blicke bohrten sich vorwurfsvoll und drohend in sein Gesicht. Sie wichen nicht vom Platz, sie schoben das arme Michele in den Hintergrund. Er konnte nicht die Sammlung finden, seines Verlustes Größe und Tiefe zu ermessen, ihn überhaupt zu fassen. Das war das Schlimmste: nicht einmal die starke, reine Trauer um den Tod seines Kindes gönnte ihm das Leben. Das Leben war stärker als der Tod. Es zeigte ihm jenseits des frischen Hügels, an dem er so gern weinend gerastet hätte, den Scheideweg und stieß ihn vorwärts und sagte hart: Nun sei ein Mann und wähle! Doch Toni zauderte und konnte sich nicht entscheiden. Er schlug die Hände vors Gesicht und ließ sich willenlos schütteln, sich tatlos hinüber- und herüberreißen von den einander feindlichen Kräften, von Ängsten und von Zweifeln. Die Zeit verrann, er fühlte es nicht. Vielleicht eine halbe, vielleicht eine ganze Stunde mochte Toni so in seiner Versunkenheit dagesessen haben, als ein Geräusch ihn weckte, das aus der Küche herüberdrang. Er hob den Kopf und lauschte. Dabei schauten sich seine Augen verwirrt im Zimmer um. Die Kerze war niedergebrannt, schon hatte der gefalzte Papierstreifen, der ihr den Halt im Leuchter gab, Feuer gefangen und ließ eine unruhige rote Flamme hoch emporzüngeln. Phantastische Schatten tanzten an der Wand. War das nicht Philipp, der da draußen sprach? Er richtete eine Frage an die Fischersleute; und als er die Antwort hatte, dämpfte sich seine frische, helle Knabenstimme plötzlich zu sanftem, rücksichtsvollem Flüstern. Wie wenn ein Toter hier im Hause läge! schoß es Toni ganz unwillkürlich durch den Sinn. Er wollte den Menschen jetzt nicht sehen, er brauchte sein Mitgefühl nicht! Und ohne sich zu überlegen, was er tat, griff er zur Zündholzschachtel und erstickte mit ihr das sterbende Licht. Erst hinterher fiel es ihm ein, daß er sich dadurch ja nicht unsichtbar machen konnte. Ach Gott, und schließlich war es wohl am besten so. Einmal mußte er sie doch von sich werfen, diese lahme Untätigkeit. Da kam der Anstoß von außen gerade recht und kaum um eine Minute zu früh. Es war gewiß die höchste Zeit, sich aufzuraffen. Da es nun klopfte, rief er deshalb mit fester, freilich ein wenig heiserer Stimme: »Herein!« Die Tür öffnete sich. Philipp stand da, ein schwarzer Schattenriß auf lichtem Grund. »Toni!« begann er in gefühlvoll bebendem Ton. Dann unterbrach er sich verwundert: »Du sitzst im Dunkeln?« Er wendete sich zurück und sprach hinaus: »Ach, Brita, Frau Andersson kann uns wohl ihre Lampe leihen?« Ladurners traten ein. Toni erhob sich mühsam. Der grelle Glanz der Messingscheibe blendete ihn; er mußte für einen Moment die Lider schließen. Der Dichter ergriff eine Hand und hielt sie eine Weile mit warmem, etwas weichlichem Drucke fest. »Innigstes Beileid, lieber Tom! Du darfst uns glauben, daß wir mit dir fühlen. Ich kann nicht Worte machen. Trostworte sind so arm in solchem Fall.« Warum redest du dann so viel! dachte Toni in dumpfer Erbitterung. Doch über seine Lippen kam nur ein unverständliches Murmeln, das sich der andre als einen Dank auslegen mochte. Nun näherte sich Brita gleichfalls und schüttelte ihm die Hand. Auch sie trug die verdeutlichte Teilnahme im Gesicht, die die Leute einem Trauernden schuldig zu sein glauben, aber wenigstens schwieg sie dazu und machte keine Phrasen. Doch schon begann ihr Mann aufs neue und sagte mit ergriffenem Augenaufschlag: »Ach ja, das arme Trautchen! Ihr einziges Kind! Und wie das schnell gegangen ist! Dabei du nicht zu erreichen! Ich hab' gestern und heute sicher zwanzigmal anzurufen versucht. Seit wann bist du denn nun zurück?« »Ich?« Toni fuhr wie aus einem Traum empor. »Ja, heute abend. Ja, vorhin. Vor einer Stunde oder so. Ich weiß net.« »Sag, aber gestern früh am Telephon, das Telegramm hast du doch noch verstanden?« »Ich? Nein.« »Da wußtest du überhaupt nichts von Micheles schwerer Erkrankung, bis ...?« Ein halbabweisendes Kopfschütteln war die Antwort. Philipp schnalzte bedauernd mit der Zunge. »So hat dich das da«, er deutete nach dem Sofatisch, »ganz ohne Vorbereitung getroffen? Aber ich konnte ja nicht ahnen, wann ... So hielt ich es denn für das richtigste, die Telegramme hier zu hinterlegen.« »Ja, ja«, warf Toni müde hin. »Das erste«, erklärte der Dichter eifrig, »kam schon vorgestern abend. Du sagtest mir ja, ich sollte es öffnen. Das andre ist heute früh um sieben gekommen, an mich. Ich hatte ihr, damit sie sich nicht beunruhigte, ja gestern depeschiert, daß du nicht zu erreichen wärst, wegen dem Sturm. Na, überhaupt: ausführlich ...« Die letzten Worte hatte er immer zögernder hervorgestottert, jetzt brach er ab, verwirrt durch den starren Blick, von dem er sich plötzlich scharf aufs Korn genommen fühlte. Toni hatte in einem jähen Erschrecken das Kinn emporgeworfen. Fast wäre ihm die Frage entschlüpft: Du hast doch gegen Trautchen nichts von Frau Nordlind erwähnt? Aber er besann sich noch rechtzeitig und blieb stumm. Nein, und das war ja auch bloß ein ganz verrücktes Hirngespinst. Mochte nun Philipp sein Gewissen rein und lauter fühlen oder nicht, er lenkte ab: »Tja, nun kannst du heute nicht mehr reisen. Und wenn das Begräbnis wirklich Montag ist ...« »Es wird verschoben«, erwiderte der starke Mann hastig. »Ich telegraphier' an Trautchen. Ja übrigens, jetzt muß ich ... Ihr entschuldigt! Denn wenn ich mit dem Morgenzug ... Ich darf gar net dran denken, was ich alles ..., Zuerst zu Olsson ins Hotel ... Ja, ob man heute noch nach Strömstad telephonieren kann, wegen dem Motorboot? Segeln wär' zu unsicher. Vorhin, wie ich zurückkam, keine Spur von Wind.« Nun aber erbot sich Philipp mit der ganzen herzlichen und gewinnenden Liebenswürdigkeit, die ihm, sobald er wollte, zur Verfügung stand, dies alles zu besorgen. »Nein, widersprich nicht, lieber Toni, es macht uns keine Mühe, und wir tun es furchtbar gern. Du mußt doch packen. Und dich mit Olsson auf schwedisch zu verständigen, ist dir ja auch so unbequem. Wenn du mir Geld mitgeben willst, bezahl' ich gleich die Rechnung. Und sonst? Der Wagen fürs Gepäck ... Das Motorboot ... Telephonieren kann man ja bis elf. Zeit genug! Weiter wäre es wohl nichts. Schön, also gehn wir! Ich schau nachher noch einmal vor und sag' dir, ob alles in Ordnung ist.« Toni nahm diese Hilfe ehrlich dankbar an. Alles, was recht war: zuzeiten konnte Philipp wirklich nett sein; dafür bat er ihm jetzt innerlich allerhand ab. Als sich Ladurners dann durch die Dunkelheit behutsam den Feldweg entlang tasteten, sagte der Dichter zu seiner Frau: »Nein, dieser Toni! Ich versteh' solche Menschen nicht! Hast du bemerkt: nicht einmal verweinte Augen hat er gehabt!« »Vielleicht, daß er es nicht so zeigt«, gab Brita schüchtern zu bedenken. »Er war doch ganz anders als sonst.« »Anders? Nein, Brita, manchmal bist du wirklich sonderbar. Das fehlte auch noch, daß er wie gewöhnlich ...! Aber stell' dir doch bloß vor! Nimm einmal an, ich sollte ... Ich, der ich mir nur deshalb nie ein Kind gewünscht Hab', weil ich mich täglich und stündlich darum zu Tode ängstigen müßte, bei all den Gefahren, denen solch ein kleines Leben ausgesetzt ist! Denk doch an mich: wenn ich ein Kind verloren hätte!« »Ja aber, Philipp, du kannst doch nicht ... Das läßt sich natürlich nicht vergleichen. Die Gwinners, alle beide, Trautchen genau wie er, es mögen ja ganz brave Menschen sein. Aber daß sie etwa sehr fein besaitet wären, davon ist doch wahrhaftig nicht die Rede.« »Eben!« so stimmte Philipp lebhaft zu. »Und warum verkehren wir mit solchen Leuten! Sie passen nicht zu uns. Man opfert sich aus lauter übertriebenem Zartgefühl! Nein, nein, Ich bin dem Schicksal wirklich dankbar, daß er nicht mehr bleibt. Jetzt wird es hier erst schön! Ich fühl' mich wie erlöst!«   Es war nur ein einziger, nicht sehr großer Koffer, den Toni zu packen hatte. Die übrigen standen immer noch geschlossen da, wie sie bei Trautchens Abreise stehengeblieben waren. Dennoch brauchte er lange Zeit für die geringe Arbeit. Oftmals ertappte er sich dabei, daß er einen Gegenstand zweck- und sinnlos von einem Platz zum andern trug, oder daß er, wohl schon seit einer Weile, aufmerksam und ohne sich zu rühren, irgendeinen blanken Nagelkopf in der Bretterdiele musterte, als könne er dort die Antwort auf die Fragen finden, die ihn bedrängten und ihre Lösung von ihm forderten. Endlich, als er ein letztes Mal in allen Schränken und Schubladen Nachschau gehalten hatte, ließ Toni den Deckel des Koffers niederfallen. Es war alles darin untergebracht, was er nicht noch vor der Abreise brauchen würde. Er warf sich müde auf den Stuhl, der am Fußende seines Bettes stand. Es machte fast den Eindruck, als wolle er dem Sofatisch möglichst fernbleiben, von dessen Platte her ihn die Schachtel mit dem Briefpapier und das Schreibzeug mahnend ansahen. Ja, das war nun sein Letztes hier: er mußte Annastina von dem Geschehenen verständigen und ... »Später, später!« sprach er beschwörend zu sich selbst. Er durfte Ladurners jeden Augenblick zurückerwarten; da lohnte es sich gar nicht erst anzufangen. Nicht einmal daran, was er in seinem Briefe alles sagen und wie er es fassen solle, wollte er jetzt schon denken. Und dennoch, ohne es sich klarzumachen, dachte er die ganze Zeit an nichts als nur an dies. Erst ein sehr kräftiges Klopfen weckte ihn, nachdem er das erste, leisere, überhört hatte, aus dem Grübeln. Philipp und Brita traten ein. Sie hatten im Hotel alles nach Wunsch geordnet und erledigt und kamen nun, das zu melden und Abschied zu nehmen: einen sehr gerührten und herzlichen Abschied. Wieder einmal brachte der Dichter seinem übertriebenen Zartgefühl mannhaft ein Opfer. Und dann war Toni für heute endgültig allein. Wohl eine Reihe von Minuten stand er auch jetzt noch müßig da, die Fäuste in die Jackentaschen gebohrt, und musterte hangenden Hauptes seine Stiefelspitzen. Dann gab er sich gewaltsam einen Stoß. Vorwärts! Nun galt keine Ausrede mehr. Entschlossen schritt er zum Tisch hinüber, ließ sich mit einem Stöhnen schwerer Angestrengtheit nieder und breitete alles, was er brauchte, sorgfältig vor sich aus. Zuerst adressierte er langsam und in wohlgezirkelten Schriftzügen das Kuvert. Langes Kopfzerbrechen verursachte ihm die Form der Anrede; und als sie endlich gefunden war, drängte es sich ihm unvermittelt auf, wie merkwürdig und welch eine vertrackter Ironie des Schicksals es wäre, daß er genau drei Tage nach seinem Brief an Trautchen hier zu der gleichen Nachtstunde vor dem gleichen Tische saß, die gleiche Feder in der Hand, um jetzt ... Schon wieder dieser Unsinn! herrschte er sich selber ingrimmig an. War er denn völlig kindisch geworden, daß er in jedem Spiel des Zufalls geheime Verknüpfungen und die Hand einer höheren Gewalt sehen wollte? Nein, diese Spinnereien hatten nur den Zweck, ihm noch ein bißchen Aufschub zu erlisten. Daß er sich da nicht vor sich selber schämte! Los denn in Dreiteufelsnamen! Nun tauchte er die Feder heftig ins Tintenfaß und ließ sie ohne viel Besinnen schnell über das Papier gleiten. Er war auch bald bis zur Unterschrift gelangt. Doch diese knappen Sätze bedeuteten in Wahrheit nicht mehr als abermals einen Aufschub. Er teilte Annastina nur mit, welch eine Post ihn bei der Rückkehr empfangen hätte, daß er morgen in aller Frühe reise, daß er sehr traurig sei, und daß er ihr von daheim gleich ausführlich Nachricht geben werde. Ein magerer Brief, der wenig sagte. Aber er konnte jetzt nicht anders. So mochte es denn genug sein! Später in Pasing, wenn er dort wieder im Dunstkreis seines alten Lebens weilte, dann würde es ihm leichter von der Hand gehn, Annastina zu schreiben, was er ihr nun einmal schreiben mußte. Diese Erkenntnis war ihm unvermerkt aus seinem langen dumpfen Sinnen herangereift: er hatte nicht die Wahl; ein Mächtigerer hatte schon für ihn entschieden, der König dieser Welt, der Tod. Dem gleichen Streiche seiner Hippe, der das Michele hinwegnahm, war auch seines Vaters verspäteter Mittsommertraum zur Beute gefallen. Gemäht, verdorrt, reif für die Flamme der Vernichtung. Toni ließ traurig den Kopf hangen; zum erstenmal an diesem Abend stand ihm das Wasser in den Augen: vor Mitleid mit sich selber. Dann jedoch raffte er sich hart empor und hemmte den Quell der Tränen. Zwei scharfe Falten traten zwischen seine Brauen; er nahm sich, ein argwöhnischer Richter, scharf ins Verhör: Wenn du das weißt, ist's da nicht Feigheit, daß du dir diesen lügnerischen Aufschub gewährst, daß du die Kraft nicht findest, Annastina gleich zu sagen, was keine Zukunft mehr ändern kann? Und trüge solche Tat nicht ihren Segen in sich selbst? Trätest du so nicht mit freierer Stirn, bitter schwer wird es noch immer sein, vor Trautchen hin? Bist du ihr das nicht schuldig? Lange Zeit hallten die ernsten Fragen in ihm nach. Zum Schluß ließ er die Hand, die sein Kinn gestützt hatte, schwer auf den Brief niedersinken! Nein, mochte der jetzt nur so bleiben! Was kommen mußte, kam und wurde ihm nicht erspart. Er brauchte dem Schicksal nicht vorzugreifen. Oder stak dahinter gar eine Scheu, die Brücken nach dem verlorenen Traumland unwiderruflich abzubrechen? Erwartete er trotz allem heimlich tief in seinem Innern doch noch Wunder? Er schüttelte den Kopf. Ganz flüchtig huschte ein schiefes Lächeln trübseliger Selbstverspottung um seinen Mund. Dann faltete er den Bogen, schob ihn in seine Hülle und klebte sie zu. Fertig! Das mußte morgen also der alte Julius Andersson ins Schusterhaus hinübertragen. Er blickte auf und gewahrte plötzlich, was er schon eine Zeitlang unbewußt empfunden hatte: die geisterhafte Dämmerung, die alles in immer dichtere mißfarbene Schleier hüllte, gleichsam vom Boden emporschwoll, von der Decke sank, von allen vier Wänden drückend auf ihn eindrang. Das Öl der Lampe war verzehrt. Ohne recht zu wissen, was er tat, erhob sich Toni und blies über den Zylinder hin. Ein kurzes Aufblucken des roten Flammenzüngleins, und es war verschwunden. Von dem nachglimmenden Dochte stieg steil ein blauer Rauchfaden in die Luft, löste sich droben zu wolkigem Gekräusel, erfüllte das Zimmer mit ätzendem Gestank. Toni trat an eins der Fenster, zog den Rollvorhang in die Höhe und öffnete beide Flügel weit. Durstig trank er die reine Luft in seine Brust. Ihn fröstelte. Draußen der Himmel schwer verhangen, und dennoch eine Ahnung von Mondschein unter seiner Kuppel. Nichts war erhellt, und alles war in Leichenblässe getaucht, eintönig, stumm und tot. Kälte des Todes kroch auch an das verlassene Menschenherz heran. Plötzlich aber erzitterte es in freudigem Schrecken. Dort drüben, gerade zu Häupten des höchsten Felsrückens von Koster, hatte die Wolkendecke ein Loch bekommen. Schüchtern blinzelte da ein einzelner kleiner Stern. Der Schauer einer Offenbarung überrann Toni. Jetzt fühlte er, was er vorhin nicht hatte fühlen können: das Michele war gestorben und lebte doch. Irgendwoher aus dem großen Weltraum lächelte es still, klug und freundlich zu ihm herunter. Ihm war, als brauche er nur zu wollen, und es würde ihn durch alle Weiten fortreißen, hinaus, hinauf. Schon schwand der Boden unter seinen Füßen, er flog. Er stieß gegen etwas Weiches, Undurchdringliches, es wurde ihm schwarz vor den Augen, er stürzte in eine bodenlose Tiefe, Meilen auf Meilen rauschten um ihn empor. Als er zu sich kam, fand er sich aus dem Fensterbrett sitzen, beide Hände krampfhaft ans Fensterkreuz geklammert. Ein Schwindelanfall, der jetzt langsam abklang; weiter nichts. Er ließ sich vorsichtig heruntergleiten und stellte sich auf die Füße. Es war wohl klüger, man ging zu Bett. Mochte von Schlaf auch keine Rede sein, so ruhte doch der Körper und sammelte ein wenig Kraft. Aber kaum lag er und hatte die Decke über feine Brust heraufgezogen, da umwölkte sich schon sein Daseinsgefühl. Schwer wie im Tode wurden seine Glieder. Er schlief den ohnmachtstiefen Schlummer der Erschöpfung.   Zerschlagen von der langen Fahrt, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, stand Toni am Montagabend daheim vor seiner Haustür. Ein paar Atemzüge lang zögerte er noch, dann stieß er einen tiefen Seufzer aus und drückte entschlossen auf den Klingelknopf. Trautchen selbst war es, die ihm öffnete. Höher und schlanker, als er sie je gesehen, erschien sie in dem schwarzen Kleid; aus ihrem bleichen Gesicht blickten ihm die Augen sonderbar ausdruckslos und ausdrucksvoll zugleich entgegen, als wollten sie ihn fragen: Wer bist du, und was willst du hier? Aber schon trat sie zur Seite und gab ihm den Weg frei. Er wollte sie begrüßen, doch fand er nicht die Form dafür und brachte keinen Laut hervor. Drum neigte er nur den Kopf, und sie erwiderte in der gleichen Weise. Während er dann die Stufen zum Erdgeschoß hinanstieg, erkundigte er sich hastig: »Und die Beerdigung? Verschoben?« »Nein«, entgegnete sie ruhig und gleichsam müde, »heut nachmittag um drei, das wußtest du ja doch.« »Ja, wie denn? Hast du mein Telegramm denn nicht bekommen?« »Doch; aber ... Und es ging auch schon wegen der Hitze nicht.« Er fuhr zusammen; schwer legte sich die Erkenntnis auf seine Seele, daß nun die häßliche Verwesung Herr über das Michele war. Ein halb ersticktes Ächzen, in dem zum Schmerz sich etwas von Ekel mischte, entrang sich ihm. Sie musterte ihn unbewegt. Höchstens ein staunendes Beobachten war in ihre Augen getreten, als wäge sie die Gefühle ab, die sich auf seinen Zügen malten, und befinde sie federleicht gegen ihr eigenes Leid, das sie so fest in sich verschloß. »Du kommst dann wohl?« sagte sie und wies gegen die Wohnstubentür. Mit einem verstohlenen, etwas hölzernem Achselzucken stellte Toni die Handtasche fort, hängte Hut und Mantel an den Kleiderrechen und folgte ihr. Ohne daß eine Spur von Gewolltheit darin gelegen hätte, fröstelte ihn etwas steif Gesellschaftliches, konventionell Höfliches auch aus der Art an, wie sie sich setzte und ihn durch eine stumme Kopfbewegung in den andern Armstuhl nötigte. So hatten sie sich an diesem runden Tisch in all den langen Jahren fast Abend für Abend gegenübergesessen. Damals aber waren sie einander doch immer sehr nah gewesen, heute hielt die starke Einsamkeit, die Trautchens Wesen von sich strahlte, Toni still gebieterisch auf Abstand, errichtete gleichsam eine unsichtbare Mauer zwischen ihnen. Beklommen suchte er nach dem ersten Wort. Er hatte einen Sturm von Vorwürfen, vielleicht auch einen Tränenstrom erwartet; ihr Schweigen war tausendmal schlimmer. Sie war es, die es endlich brach: »Ich wollte nur ... Ich habe dich ...« begann sie halb zerstreut und gleichsam geschäftsmäßig. »Ich habe deinen Brief bekommen.« »Ach!« wehrte er ihr gequält. Sie hob leise die Hand, als wolle sie sagen: Laß mich zu Ende sprechen! Wie eine auswendig gelernte Lektion, so kühl und ebenmäßig glitten die Worte über ihre Lippen: »Ich soll dir deine Freiheit geben. Du bist frei!« »Geh, Trautchen«, bat er, »als ich das schrieb, da ahnte ich doch nicht ... Wenn ich den Brief nur nachher irgendwie hätte zurückhalten können!« Sie schlug langsam die Lider auf und sah ihm ruhig prüfend ins Gesicht. »Und dann?« Es lag unheimlich viel in diesen zwei Silben. Er hielt ihren Blick nicht aus und schaute verwirrt zu Boden. »Muß das denn jetzt ...?« wiederholte er nach einer Weile gepreßt. »Kannst du dir denn net denken, daß ich ...? Ich weiß ja bloß, was du in deinem Telegramm ... Und da ... Ich hör die ganze Zeit von einer harmlosen Erkältung, und plötzlich ... Sag mir doch nur um Gottes willen ...!« Sie preßte die Knöchel beider Fäuste gegen ihre Augen. »Ich kann nicht!« rang es sich aus ihr hervor. »Laß dir von Minna, wenn du willst ...! Oder sprich mit dem Doktor! Der wird dir alles ganz ausführlich und wissenschaftlich ... Vielleicht erklärt er dir auch, warum er die Operation verschob, verschob, bis es zu spät war.« »Der Doktor Bönigkau?« rief Toni. »Du meinst, daß er?« Sie schüttelte matt den Kopf. »Es hat ja keinen Zweck mehr. Und was weiß ich denn! Es mag auch sein, daß ich ihm unrecht tue, aber ... Wenn ich dran denke! Diese fürchterlichen Schmerzen! Und nicht helfen können!« »Das Michele!« murmelte Toni erschüttert. »Hat er so leiden müssen?« »Ja, er hat leiden müssen«, antwortete sie mit eigentümlich singendem Tonfall. »Trautchen, in deinem Telegramm, da war doch von einem sanften Tod ...?« fragte er tastend. Sie nickte langsam. »Zuletzt, als die Entzündung durchgebrochen war ... Aber die Nacht vorher! Und wenn ich hundert Jahre würde, werd' ich sein Schreien nicht vergessen!« Toni barg sein Gesicht in der Beuge des auf den Tisch gelegten rechten Arms. Und er: wie überschwenglich selig war er gewesen in der gleichen Nacht! Da hatte kein Schatten einer Ahnung ihn aufgescheucht aus seinem Glückstaumel, den jetzt das blinde Schicksal rückwirkend zum Verbrechen machte. Trautchen starrte vor sich hin ins Leere. Dann sagte sie: »Hast du daran gedacht, daß er gerade an unserem Verlobungstag gestorben ist?« Er hob den Kopf; in ihren Augen stand ein so zwingend bedeutungsvoller Ausdruck, als sähe sie da dunkle Verknüpfungen. Wußte er auch nicht, welche Wege ihre Gedanken gingen, eine Ahnung streifte ihn doch und ließ es kalt über seinen Rücken herunterrieseln. Er gab sich einen Ruck und schüttelte den Bann ab. Eine große Weichheit lag in seinem Ton, da er nun, etwas schüchtern, fragte: »Und hat der Bub nach mir ...? Du depeschiertest mir von Sehnsucht?« Sie nickte. »Er hing doch so an dir. Du hast es ja verstanden, hier wie sonst im Leben. Alles Unangenehme ist immer auf mein Teil gekommen. Du! Da kann man freilich leicht beliebt sein.« »Trautchen, sei nicht so bitter!« »Bitter nennst du das?« sagte sie fast spöttisch; und dann, nach einer Pause: »Streiten wir uns doch nicht um Dinge, die abgetan sind!« Sie senkte die Stirn und hob sie wieder und fuhr fort: »Wenigstens zuletzt hat er gefühlt, wer ihn ... wer es am besten mit ihm meinte.« Toni ließ einen Seufzer hörbar werden. »Ach ja, er war wohl recht gekränkt, der arme kleine Kerl, weil ich net kam?« »Gekränkt? Ach, Toni, du hast ihn eben nicht ... Er war in seiner Krankheit so anders. Und gar nicht wie ein Kind mehr. Wie soll ich es nur sagen? Du brauchst mich deshalb nicht für überspannt zu halten. So viel weiter im Leben war er als wir andern. Am Freitag früh, da ließen doch die Schmerzen auf einmal nach. Ich hielt es für ein gutes Zeichen, ich glaubte, es ist die Rettung. Aber er, er sah mich an wie einer, der alles weiß, der halb schon drüben ist. Er sagte es mir nicht; nein, nein. Er war ja so tapfer und lieb und rücksichtsvoll. Sogar Witze hat er zu machen versucht, um mich zu trösten. Nach dir fragte er oft ängstlich, als ob er ahnte, daß er dich nicht mehr sehen würde. Er wußte ja von meiner Depesche an dich, und er wartete so! Jedesmal, wenn es unten klingelte, hat er gemeint ... Und wie dann mittags die Antwort von Philipp kam, ich brachte es nicht übers Herz. Ich nahm mich eben zusammen und erzählte ihm, du kämst am Abend. Eine ganze Geschichte erfand ich, daß du von selbst und schon vor meinem Telegramm gereist wärst. Es war seine letzte Freude. Ich hab' ihn angelogen. Aber es tut mir nicht leid.« »Schön war das von dir, Trautchen«, sagte Toni gerührt und warm. »Ich dank' dir!« Es war, als gefröre mit eins etwas in ihr. Sie saß sehr aufrecht da und schaute gleichsam über ihn hinweg. »Du brauchst mir nicht zu danken. Deinetwegen hab' ich es nicht getan.« »Ja, ja, ich weiß ja«, seufzte er. »In deinen Augen bin ich jetzt natürlich der schlechte Kerl.« »Ach!« fiel es ihr leise von den Lippen. »Schon gut!« murmelte er mit etwas wehleidiger Gekränktheit. »Du warst zwar einmal andrer Meinung!« »O Toni, es ist dafür gesorgt worden, daß ich mir sehr klarwerden konnte.« »Über mich!« ergänzte er bitter. »Über uns.« So schlicht und still sie diese Worte sprach, es schwang ein tief verborgener Metallton darin mit, eine dunkle innerliche Kraft, vor der er sich sehr klein werden fühlte. »Trautchen, ich seh' mein Unrecht gegen dich ja ein«, sagte er gedrückt. »Aber du mußt auch ... Für diese Verkettung von unglücklichen Zufällen kann ich doch nichts.« »Ja«, erwiderte sie versonnen, »es kam recht viel auf einmal.« Sie schaute diesem Gedanken nach; doch plötzlich brach es ungezügelt aus ihr hervor: »Mensch, begreifst du es denn gar nicht, was du mir angetan hast! Zufall! Schieb es nur auf den Zufall! Oh, wenn ich daran denke! Der Junge im langsamen Verlöschen. Er sucht die ganze Zeit so bang nach meinem Blick, seine Augen bitten mich so rührend, bei ihm zu sein mit meinen guten Gedanken in seiner letzten Not. Und dahinein fällt diese Nachricht, und ich kann nicht mehr, kann ihn kaum richtig anseh'n. Immer und immer wieder drängt sich das Bild von der Person zwischen mich und mein sterbendes Kind und beschmutzt mir diese Stunde! Da, wenigstens da, hätte ich ganz dem Michele gehören müssen; und ich gehörte dir, trotz allem! Glaubst du, das kann ich je vergessen!« Toni murmelte, erschüttert und befangen, etwas Unverständliches. Dann rief er hastig, in dem dunklen Drange, sich irgendwie auf einen Seitenweg zu retten: »Hat dir der Philipp depeschiert, daß ich den Ausflug mit ihr ...? Das hätt' er bleibenlassen können!« Trautchen hatte sich schon wieder fest im Zaum. »So?« fragte sie mit trübseliger Ironie. »Und wenn er nun, wie du's von ihm verlangst, diskret gewesen wäre, dann hätte ich wohl auch heute deinen Brief nicht bekommen?« »Heute?« Er starrte sie offnen Mundes an. »Ja, lieber Toni, sechs Stunden vor Micheles Beerdigung.« »Glaub mir doch, Trautchen, daß mir das selber fürchterlich ...!« Sie machte eine obenhin beruhigende Handbewegung. »Ich glaub dir's ja. Und jetzt weiß ich's ja auch nur zu genau, daß es einmal so kommen mußte. Früher oder später, heut oder morgen, diese oder eine andre. Was dir gefehlt hat, war immer bloß die Gelegenheit. Aber den Augenblick dafür hättest du auch mit aller Bosheit nicht schlechter wählen können. Und Toni, warum auf die Art? Schließlich waren wir vierzehn Jahr' verheiratet. Und sie, die Fremde ... Mußte ihr denn gleich alles ausgeliefert sein, was nur wir zwei zu wissen brauchten? Denn den Brief an mich hat dir doch sie diktiert.« Dieser Vorwurf berührte eine wunde Stelle seines Gewissens. Dem Wortlaut nach traf er ihn aber nicht. »Und so eine Geschmacklosigkeit traust du mir zu?!« rief er entrüstet. Um ihre Lippen kroch ein ungläubiges, seltsam starres Lächeln. »Sag, Toni«, fragte sie dann, »die Karte, die gleichzeitig mit dem Briefe kam, die war wohl auch geschmackvoll?« »Karte? Was denn für eine Karte?« stotterte er. Plötzlich jedoch ging es ihm aus: schon wieder dieser Philipp! – Er suchte nach der rechten Form, Trautchen den Zusammenhang zu erklären, aber er fand sie nicht. Sie unterbrach seine verlegnen Anstalten mit einem matten: »Laß! Es geht mir nicht um diese Karte, wenn sie mir auch zuerst recht weh getan hat. Es kommt bloß eins zum andern. Gleichviel: es ist jetzt, wie es ist. Versteh mich nur nicht falsch: ich kämpfe nicht dagegen an. Aber, Toni, wenn du so sehr in die andre verliebt bist, daß du meinst, du kannst nicht leben ohne sie, du mußt dafür alles hinwerfen, was war ... Ich kenne dich zwar auch seit einer Weile und hatte dich eigentlich nie für so furchtbar leidenschaftlich gehalten. Nein, nein, sag nichts! Schön, gut: es soll die große Liebe sein, die dich auf einmal, zum erstenmal mit achtunddreißig Jahren, packt. Sag mir nur eins: wozu dieser häßliche Brief? Ich denk', du willst ein Mann sein! Warum bist du nicht selbst gekommen und hast zu mir gesagt: So und so ist es, ich kann nicht anders, gib mich frei!« »Und was wär' dann gewesen?« entgegnete er lebhaft. »Versetz dich doch in meine Lage! Nimm an, das Michele lebte und wär' gesund – ich konnte damals doch nichts andres glauben –, nimm an, dies alles wäre nicht gescheh'n, und ich, ich käme plötzlich und sagte dir das – frag dich doch selber, Trautchen, ehrlich: hättest du mich überhaupt auch nur ausreden lassen?« Sie warf den Kopf zurück und setzte zu einer scharfen Antwort an. Auf einmal aber knickte ihre Haltung in sich zusammen. Ihr Blick wurde matt und folgte zerstreut dem Gleiten ihres Zeigefingers, der unbewußt den Schnörkeln einer Arabeske in der Tischdecke nachfuhr. Er spürte, daß seine Worte Eindruck gemacht hatten, und sprach weiter: »Trautchen, nicht, daß ich ... Glaub mir doch, daß ich diesen Brief bereue, wie sonst nicht leicht etwas in meinem Leben! Aber vielleicht begreifst du jetzt ein bissel besser, warum ich ihn geschrieben hab'.« Ruhig und von Müdigkeit verschleiert, dabei doch fest und sicher war ihre Stimme, als sie ihm nach einer kleinen Pause Antwort gab: »Ja, du hast recht.« Dies hatte er nicht erwartet. Er starrte sie groß an und stammelte: »Nein, nein, ich weiß schon, daß ich unrecht hab'. Ich wollte nur ...« Sie winkte ihm lässig ab: »Laß gut sein: es war mir wohl so bestimmt. Und dieser Brief gehörte auch dazu. Dies alles mußte wohl zusammenkommen, um mir, endlich, den Star zu stechen.« »Wie meinst du das?« fragte er zweifelnd. »Toni, was hat's für einen Zweck, in Einzelheiten nach der Schuld zu forschen, die eines oder das andre trifft! Gehn wir aufs Ganze! Unsere Ehe war eben eine einzige Lüge. Du brauchst nicht aufzufahren, Toni. Freilich: du hättest auch so manches anders machen können; und wenn du ein anderer gewesen wärst, wer weiß! Aber der erste Fehler, aus dem dann alles später von selbst hervorwuchs, liegt bei mir.« »Nein, ich versteh' dich net«, murmelte er fassungslos. »Du verstehst mich sehr gut«, gab sie zurück. »Worum dreht sich dein Brief von Anfang bis zu Ende? Daß ich dich aus Berechnung genommen hab'.« Er wehrte mit beiden Händen ab. »Davon hab' ich kein Wort hineingeschrieben!« Sie schüttelte leis den Kopf über ihn. »Nun, wie du willst! Ich aber hab's darin gelesen. Und nicht erst in diesem Brief. Schon von jeher. Wozu mußt du dich drehn und winden und so tun? Es ist ja wahr.« »Was ... ist wahr?« »Ja, Toni, ich ging damals herum und suchte nach der guten Partie. Und hätte ich von deinem Erfolg, deinen Verkäufen im Glaspalast noch nichts gewußt an dem Abend in Oberammergau, es wär' wohl nie ein Paar aus uns geworden.« Ein Frösteln rann Toni den Nacken herunter. Er spürte den Zug von Größe in Trautchens gegen sich selbst unbarmherziger Ehrlichkeit und maß daran die Größe des Schicksalsschlags, der sie getroffen hatte. Davor kam in ihm keine kleinliche Gekränktheit über ihr Bekenntnis aus. Er schaute ohne Blinzeln in das harte Licht der Wahrheit und sagte, einfach wie sie: »Manchmal hab' ich mir das gedacht.« »Sag ruhig: immer, Toni!« erwiderte sie. »Du schobst diesen Gedanken zwar gerne von dir, weil er dir unbequem war und auch nicht gerade schmeichelhaft; im Grund aber gedacht hast du das immer, und schon von der ersten Stunde an. Warum hast du mich da geheiratet?« »Ja, wie?« stotterte er. »Nachdem es einmal so weit gekommen war? Da hätte ich dich sehen mögen, Trautchen!« »Also aus Edelmut?« fragte sie mit mattem Spott. »So schöne Sprüche liegen mir recht wenig«, so verteidigte er sich. »Aber man hat doch ein Gewissen.« »Nun, Toni, wenn dir der Edelmut nicht zusagt, nennen wir es Gutmütigkeit, oder noch besser wieder gleich beim rechten Namen: Bequemlichkeit, Angst vor Szenen und Aufregung, Angst schon vielleicht vor jedem ernsten Wort! Gewiß, ich geb's dir zu: wenn du mich damals hättest sitzenlassen, ich wär' sehr unglücklich gewesen. Aber bin ich denn heute glücklich? Damals hatte ich noch das ganze Leben vor mir, ich konnte, wie's auch ging, noch alles von der Zukunft erwarten. Jetzt sind die besten Jahre hingeopfert für etwas, was nicht Stich hielt. Worauf soll ich noch hoffen! Die Jugend ist vorbei; ich habe auch den Mut nicht. Den hat man nur, solange man sich noch Illusionen macht über sich und über andre. Was ich hatte, woran ich mich halten konnte, ist doch zerronnen wie, nun eben, Illusionen. Was war es denn auch sonst? Bis auf das Michele! Aber er ist ja tot, ich hab' kein Kind mehr, es war mein einziges! Nein, nein, sag' gar nichts, Toni; ich weiß, daß du dafür nichts kannst. Auch hier bin ich es wieder. Ich glaubte so klug zu sein und war so dumm. Wieviel schöner hätte des Jungen kurzes Leben sein können, wenn er nicht so allein mit uns Großen gewesen wär'! Und ich stände jetzt nicht so zwecklos und verlassen in der Welt. Freilich, um unseretwillen sind die Kinder nicht da; aber was sind wir ohne Kinder!« »Ja, Trautchen«, begann Toni, »ich hätte mir auch mehr Kinder gewünscht.« »So?« murmelte sie bitter. »Gesprochen hast du aber nie davon.« »Mein Gott, nachdem du es net wolltest, was hätt' es nützen sollen!« »Natürlich, Toni: hier wie in allem anderen! Was hätt' es nützen sollen! sagst du. Und doch: aus mir wär' vielleicht etwas zu machen gewesen.« »Wie meinst du das?« fragte er überrascht. »Und soll das ein Vorwurf sein?« Sie schüttelte still den Kopf. »Nein; ich weiß zu genau, woran es bei mir selber fehlte. Du hast mir das ja alles in deinem Briefe aufgezählt. Wozu noch davon reden, Toni! Freilich bedenkst du nicht die Welt, aus der ich herkam: die wohlhabend gewordenen kleinen Leute, diese Beschränktheit, in der sich alles um den Nutzen dreht, ums liebe Geld und darum, was die anderen Spießbürger sagen werden. Ich hab' es ja in diesen Tagen wieder an Minna merken können. Glaubst du, das färbt nicht ab, wenn man von klein auf nichts andres hört und sieht! Und viel davon hat mir bis heute nachgehangen; darüber täuschte ich mich nicht. Aber warum bin ich denn fort aus der Familie und dem allen? Glaubst du, das war so einfach damals? Und wenn ich in die richtige Hand gekommen wäre, dann hätte es vielleicht nicht erst so schwere Schläge gebraucht, damit ... Aber genug! Wozu das alles!« »Das kommt ja so heraus«, wendete er beklommen ein, »als ob du meinst, ich hätte dich so quasi erziehen sollen? In dieser Hinsicht hast du sonst wohl eher das Gegenteil gedacht.« »Toni«, erwiderte sie, »ich glaub': in einer Ehe, wie sie sein soll, erzieht sich eins am andern ganz von selbst. Das bringt die Luft schon mit sich, die in einem solchen Haus ist. Die rechte Liebe natürlich gehört dazu. Und ob die auf meiner Seite mehr gefehlt hat, oder auf deiner, das zu entscheiden, überlass' ich dir. Wie es auch zuerst gewesen sein mag, später hab' ich ... Einerlei! Es hat ja keinen Zweck. Du aber ... Hast du je in mir was anderes gesehen als eine immerhin ganz nützliche Person: Haushälterin, Geschäftsführerin, vielleicht noch künstlerische Beraterin?« »Wie magst du nur so übertreiben!« fiel er ihr ins Wort. Jedoch sie blieb dabei. »Mach es dir nur klar: viel anders war es nicht. Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Ich will mich damit nicht reinwaschen. Ich weiß, dies alles kommt daher, daß du dich von mir eingefangen fühltest. Das setzte dir von Anfang an die falsche Brille für mich auf. Freilich: ob du sie durch alle diese Jahre aufbehalten mußtest? Toni, du hörst es gern, wenn man dich den starken Mann nennt. Wärest du es nicht nur mit den Armen, sondern auch sonst, ich meine: mit dem Herzen, dann hättest du vielleicht schon in unserem ersten Ehejahr durch ein paar offene Worte über deinen Verdacht so manches anders machen können. Glaubst du nicht?« Toni gab sich nicht Rechenschaft darüber, ob es der Ton oder der Inhalt ihrer Worte war, was es plötzlich so heiß hinter seinen Augenlidern werden ließ. Ein leichter Taumel riß ihn hin. »Ja aber, Trautchen«, rief er lebhaft »wenn du das wußtest, warum hast du denn da net gesprochen?« »Gott, Toni, nachher weiß man's natürlich besser. Und war es denn an mir, zu sprechen? Ich denk': an mir war es, dir eine gute Frau zu sein. Bemerken hättest du das selber müssen.« Er sah sie groß an, als mache er eine ganz unerwartete Entdeckung. »Jetzt hast du aber doch gesprochen«, sagte er schnell. »Und es braucht noch nicht zu spät zu sein!« »Es ist zu spät«, entgegnete sie sehr schlicht und sehr bestimmt. »Warum denn, Trautchen! Du hast mir das auf einmal in ganz neuem Licht gezeigt. Wir waren, zu allem andern, beide ein bissel selbstgerecht. Jetzt aber, wo wir uns darüber klar sind, daß keines ohne Sünd ist ...« »Sünde?« so unterbrach sie ihn mit einem wehen, tiefen Lächeln. »Du hast es wohl nicht bös gemeint, und ich hab' es, das darfst du glauben, in meiner Dummheit gut gemeint. Ich weiß nicht, ob es Sünde war. Ich weiß nur, daß man dafür bestraft wird. Und noch in diesem Leben. Ich hab's erfahren, Toni. Vielleicht erfährst auch du es noch einmal. Dann wünsch' ich dir, daß es über dich nicht so hart Schlag auf Schlag kommt, wie es mich getroffen hat. Nun ja, ich hatte es wohl nötig. Ich war sehr selbstgerecht.« »Sei nicht so trostlos!« bat er ergriffen. »Ach, wenn ich diesen Brief nur ungeschehen machen könnte!« »Du kannst ihn nicht ungeschehen machen«, sagte sie, und eine so vollkommene Ergebung in das Schicksal klang dabei mit, daß es beinah an ernst entschlossene Freudigkeit zum Schicksal gemahnte. »Nichts kann man ungeschehen machen«, wiederholte sie. »Gutmachen wenigstens, soweit es geht«, verbesserte er sich. »Wenn man sein Unrecht einsieht! Glaubst du, ich lass' dich jetzt allein? Also Trautchen, versuch es noch einmal mit mir!« »Nun, und die andre?« fragte sie sachlich. »Bist du dort nicht gebunden? War das nur Spielerei? Wen liebst du: mich oder sie?« »Darauf kommt's jetzt net an«, haspelte er mühsam heraus. »Hier ist die Frage, wem ich notwendiger bin.« »Toni, mach dir nichts vor! Was dich jetzt treibt, ist momentane Gefühlsaufwallung. Ich geb' dir zu, daß du ein weiches Herz hast; aber ich brauch' dein Mitleid nicht. Wer weiß, wer von uns beiden übers Jahr das Mitleid nötiger hat!« Trautchen erhob sich, als wolle sie der Unterredung ein Ende machen. »Dann ist es also Rachsucht!« rief er, plötzlich gereizt, und stand gleichfalls auf. Sie sah ihn mit einem schiefen Lächeln an. »Jawohl: wie du von Annastina denkst, glaubst du ja doch, es ist mein Unglück, wenn ich sie heirate«, warf er hin. »Toni, manchmal hast du doch was von einem Kind!« »Weich mir net aus!« sagte er. »Glaubst du, ich werde unglücklich mit ihr, oder ich werd' es net?« Sie zuckte die Achseln. »Wer will in solchen Dingen prophezeien, Toni! Um das zu wissen, gibt's nur einen Weg: probier's! Sehr möglich, daß es dein Unglück ist. Probierst du's aber nicht, so bleibt's in deinen Augen ganz bestimmt aus ewig das verlorene große Glück. Und ich dürfte dann jeden Tag aus deinen Mienen die stumme Klage lesen, was du für mich geopfert hast aus lauter Edelmut. Darauf verzichte ich.« »So einer also bin ich nach deiner Ansicht?« murrte er tief gekränkt. »Dann freilich! Aufdrängen will ich mich dir net. Dir scheint ja diese Trennung net sehr nahzugehen.« »Ach Toni«, antwortete sie mit seinem untergründigem Spott. »Und du glaubst nur im Augenblick, daß sie dir so entsetzlich nahegeht. Frag dich nur ehrlich, ob dir nicht im Grund ein Stein vom Herzen fällt! Die andre hätte dich wohl nicht so leichten Kaufs entlassen.« Er erschrak davor, wie hellsichtig sie durchschaute, was als halb unbewußte flüchtige Regung in seinem Innersten aufgeblitzt war. Aber er sagte: »Wie wenig du mich kennst! Ja, also, dann ist es wohl das beste ...« »Es ist das einzige«, gab sie zurück. »Und alles Reden ändert nichts daran. Leb wohl!« Er stand unschlüssig. Endlich murmelte er: »Nun, eine Hand wirst mir am End' noch geben können zum Adieu!« Sie tat es. Aber ihre Finger lagen wie leblos in den seinen. »Toni, leb wohl! Ich wünsche dir nichts Böses.« »Ja, Trautchen, eins noch: muß es denn überhaupt sein, daß wir uns deshalb als Feinde anschaun? – Von meiner Seite ... Du sollst dich über nix zu beklagen haben«. Ein trübes Lächeln glitt um ihre Mundwinkel und verschwand. Ja, Männer! Fuhr er da nicht schon wieder mit vollen Segeln auf das Meer der Zukunft hinaus? »Das wird sich später alles finden«, erwiderte sie. »Ich bin furchtbar müde. Nimm s mir nicht übel, Toni, aber geh jetzt!« »Ja, ich geh' schon.« Er ließ ihre Hände los, wendete sich dann schnell ab und schritt zur Tür hinaus. Sie folgte ihm und blieb auf der Schwelle stehen. Während er den Mantel anzog und Hut und Tasche nahm, arbeiteten seine Gedanken: er hatte die Empfindung, als müsse er ihr noch etwas sagen. Und schließlich sagte er: »Und wo ...? Ich will jetzt an das Grab vom Michele.« »Was? In der Nacht?« erwiderte sie. »Auf dem Pippinger Friedhof. Der neue Pasinger ist so öd und häßlich.« »Im Eck dort an der Mauer?« fragte Toni. »Dort, wo ich damals – weißt du, der Bub war mit uns – gesagt hab', daß ich nach meinem Tode liegen möchte?« »Ja. Wie lange mag das her sein? Knapp ein Jahr. Wer hätte wohl gedacht ...! Und jetzt liegt dort der Bub. Und du wirst nie da liegen.« Dies brachte sie als schlichte Feststellung hervor, mit jener großen Ruhe, die ihm heute schon ein paarmal kalte Schauer den Rücken heruntergejagt hatte. »Also dann ...«, murmelte er mit halberstickter Stimme und stieg gesenkten Kopfes rasch die Stufen hinunter. Doch plötzlich überfiel es ihn, daß sein Davongehn nicht besser sei als eine feige Flucht. Trotzdem hob er die Hand zur Klinke und öffnete die Haustür. Aber er schloß sie wieder und drehte sich noch einmal zurück. »Trautchen«, begann er stockend, »muß es so sein? Ich weiß, du verachtest meine Gefühle. Und ja, du bist die Mutter. Ich sehe ein, daß das noch etwas anderes ist; und ich versteh' es so gut, daß du in dieser Stunde ganz in dem einen aufgehst. Aber das Leben geht doch weiter. Du kannst es net bis zum Ende bloß mit der Trauer um das Michele füllen. Du mußt ihm wieder Inhalt geben, ein Ziel, ein ...« »Toni, ans Ziel führt uns das Leben ganz von selbst. Ich bin zu zielbewußt gewesen. Um mich mach dir nur keine Sorge! Ich weiß schon, daß ich weiterleben muß. Das ist ja meine Strafe. Man kann sich nicht drum drücken. Es wird uns nichts von dem erspart, was wir verdient haben. Wer sagt dir denn, daß ich in Zukunft nichts tun will, als nur immer trauern! Das Michele ist tot und über meine Hilfe hinweg. Den Lebenden kann man helfen. Arbeit findet sich schon für einen, dem's ernstlich drum zu tun ist.« Und wieder kam sich Toni arm und ausgeschlossen vor. »Schau, Trautchen«, sagte er, »wir waren vierzehn Jahr beisammen. Und wenn du ... Am End' bin ich dir doch der Nächste.« Sie schüttelte langsam den Kopf. »Mein nächster ist, wer mich braucht; du brauchst mich nicht.« Und als er widersprechen wollte, fuhr sie fort: »Toni, es führt zu nichts. Ich kann vor Müdigkeit kaum auf den Füßen stehn. Leb wohl! Laß es dir gut gehn, wenn du kannst!« »Ich geh' schon!« antwortete er hastig. »Aber ich komme wieder, morgen früh. Man sagt ja: Zwischen heut und morgen liegt eine lange Zeit. Vielleicht denkst du bis dahin nicht mehr so schlecht von mir. Also: ich komme!« Und schon sprang hinter ihm die Tür ins Schloß. Es war, als hätte er Trautchens Antwort gar nicht mehr erst hören wollen. Und nun war ihre Kraft zu Ende. So mutig sie gesprochen hatte, jetzt starrten ihre Augen in die kommenden Tage wie ein totes, hoffnungslos graues Nebelmeer. Auf der Stelle, wo sie stand, sank sie, am Türstock niedergleitend, in sich zusammen, schlug die Hände vor ihr Gesicht und weinte, weinte ...   Toni schritt zwischen den schwül duftenden Rosenbeeten den Kiesweg entlang auf das Gartentor zu. Doch bevor er es erreicht hatte, hielt ihn ein dunkler Zwang an. Er blieb stehen und warf einen Blick nach dem Hause zurück. Sein altes Haus! Im Äußeren trug es in jeder Linie den Stempel seiner Persönlichkeit, und innen war es ihm doch mehr, als er je gewußt hatte, zur warmen Heimat geworden. Sonderbar ausdrucksvoll, lebendiger als so mancher Mensch, schaute es ihm heut abend mit stillem Vorwurf entgegen, verzaubert durch das Mondlicht, das aus der weißen Mauer, wo nicht der tiefe, weiche Baumschatten sie deckte, gleichsam ein kaltes Feuer sprühen ließ. Ein schwerer Seufzer kam aus Tonis Brust. Er riß sich los und setzte wieder langsam Fuß vor Fuß. Als dann die Pforte hinter ihm zugeschlagen war, beschleunigte die innere Unruhe seinen Schritt. So ging er unter Linden, die leise rauschten und die Nacht mit süßem Blütenatem erfüllten, durch Pasings stille Straßen nach Pipping, wo das Michele begraben lag. Seine Gedanken waren die ganze Zeit bei Trautchen. Er meinte sie noch immer bleich und ernst vor sich stehn zu sehen, nicht mehr die kleine, gemütliche, mollige Frau von ehedem, sondern in jedem Zug auf ihr Wesentliches zurückgeführt, vereinfacht, groß geworden. Warum nur hatte es vierzehn Jahre dauern müssen, bis er hinter all dem äußerlichen Alltagskleinkram ihr wahres Wesen erkannte, das Unvergängliche an ihr, das sie immer regiert haben mußte und heute noch regierte: die starke, keusch verschlossene Liebesfähigkeit, die warme Lebensenergie, die herzhafte Tüchtigkeit. Sprach die im tiefsten nicht auch aus der ernsten Leidenschaft, mit der sie jetzt die harten Schicksalsschläge fromm als Strafe der eignen Sünden auf sich nahm? Wer so im Unglück wächst, ist kein gewöhnlicher Mensch. Und doch war's die Gewöhnlichkeit, was er ihr insgeheim immer zum Vorwurf, was ihm die Ehe mit ihr zur fortgesetzten Enttäuschung gemacht hatte. Nun aber kannte er sie und wußte, daß er um ihretwillen allen holden Mittsommerträumen zu entsagen hatte. Tat das auch weh, und täuschte er sich darüber nicht, daß ihm an Trautchens Seite kein Ersatz für solch ein junges, überschäumendes Glück werden konnte, in dieser Stunde empfand er, was seine Aufgabe und wo sein wahrer Weg war. Wenn er ihn ging und sein Ziel erreichte, so würde sein Leben auch an der rechten Liebe niemals arm sein. In solchen Gedanken ging Toni fürbaß und stand auf einmal, ihm selber unerwartet, vor dem Pippinger Gottesacker. Er stieg die ausgetretenen Steinstufen hinan und rüttelte an dem Gitterpförtchen, das die niedrige Mauer unterbrach. Vergebens. Es war zugesperrt. Einen Augenblick fragte er sich, ob er nicht einfach hinübersteigen solle. Aber er blieb, wo er war, und starrte verträumt auf das kleine Gräberfeld, dem der Mondesdämmer durch Verwischen und Steigern aller Formen eine eigen schwermütige Schönheit lieh. Micheles frischen Hügel konnte er nicht sehen; der lag da drüben, verdeckt und beschattet von dem spitztürmigen Kirchlein. Und er brauchte ihn nicht zu sehen: er fühlte seine Nähe. Seine Finger hielten noch immer die rostigen Eisenstäbe umklammert, und von ihnen drang eine Kälte durch die Arme in seinen Körper ein. So hielt er Zwiesprach mit seinem toten Buben und verstand, was der ihm zu sagen hatte. Da er nach einer Weile wieder der Landstraße entlang wanderte, dem Pasinger Bahnhof zu, kannte er seinen Weg genau. Er mußte, wenn es not tat, um Trautchen kämpfen, geduldig um sie werben, bis sie an seine innere Wandlung glaubte. Verlassen durfte er sie nicht, und mochte sie ihn zehnmal noch von ihrer Schwelle weisen. Wie wenn er für diesen Entschluß belohnt werden solle, eröffnete es sich ihm plötzlich, auf welche Art ihm das gelingen möchte. Jawohl, noch heute abend schrieb er den Abschiedsbrief an Annastina, schrieb ihn so, daß sie ihm nicht den Vorwurf der Untreue oder des Mangels an Liebe machen konnte, sondern klar einsah, welcher heiliger Zwang ihn trieb, ihr sein Wort zu brechen. Und diesen Brief sollte, bevor er abging, Trautchen lesen. Brachte er ihn zu Papier, wie er ihm jetzt vor der Seele schwebte, so war er seiner Wirkung auch auf sie gewiß. Und kaum saß Toni in dem häßlichen Münchner Hotelzimmer, da griff er schon zur Feder und hatte langes Besinnen gar nicht nötig. Noch nie war ihm das Schreiben leichter von der Hand gegangen. Ein starkes Gefühl schenkte ihm die Kraft des Wortes. Zum Schlusse überlas er die wenigen Seiten noch einmal und war zufrieden. Keine Silbe brauchte er zu ändern. Befreiten Herzens legte er sich dann zur Ruhe. Und da es dunkel um ihn geworden war, konnte er sich zum erstenmal ganz ungeteilt dem trauernden Gedenken an das Michele hingeben. Das tat er, bis alles, was Gestalt war, sich vor seinen geschlossenen Augen in rollende Nebelwolken auflöste. Als sanfter Freund trat heute der Schlaf an sein Bett. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Die Siegerin Auf dem Wege vom Hotel zum Starnberger Bahnhof sah Toni am nächsten Morgen im Fenster einer Blumenhandlung einen Grabkranz, der ihm ins Auge stach: ein schlichtes, glattes Rund, gebildet ganz aus leuchtend blauen Enzianblüten. Daran hätte der Bub sicher Freude gehabt. Toni trat in den Laden und erstand den Kranz. Wie er dann, ihn am Arme tragend, weiterging, fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf, es möchte wohl auch Trautchen eine milde Rührung darüber empfinden, daß er so an das Michele dachte. Vielleicht würde gerade dies es sein, was ihm wieder den ersten Riegel ihres Herzens öffnete. Das Beste dazu mußte freilich sein Brief an Annastina tun, den er unverschlossen in der Brusttasche trug. Entsprang es dem Bewußtsein, daß er das Gute wollte, oder half dazu die strahlende Pracht des Sommermorgens mit: er war sehr hoffnungsfroh. Aber je näher er seinem Ziele kam, desto unsicherer fühlte er sich wieder. Er hatte wirklich immer, hierin gab er Trautchen recht, eine Scheu davor gehabt, mit ihr über ernste Dinge ernsthaft zu verhandeln. Er war das nicht gewohnt, es lag ihm nicht. Die Unterredung gestern ließ sich damit ja nicht vergleichen. Und auch da hatte er kaum etwas gesagt. Heute aber mußte er sprechen. Wenn er nur die ersten einleitenden Sätze hinter sich hätte! Das Weitere ergab sich dann wohl von selbst. Leni, das Zimmermädchen, ein langjähriges Inventarstück des Hauses, öffnete ihm auf sein Klingeln. »Ah, der gnä Herr!« sagte sie. »Is der scheen, der Kranz! G'hört der fürs Michele?« Er nickte und erkundigte sich, wo Trautchen wäre. »Noch droben«, antwortete sie. »Grad' vorhin erscht hat die gnädig' Frau nach warm Wasser g'schellt. Sie hat so schlecht g'schlafen heut' nacht. Dös Hundsvieh von Verwalters hat wieder bis in der Früh ka Ruh' net geben.« »Also ...« Er stockte. Es war doch lächerlich, wenn er sich bei Trautchen feierlich melden liest. Dann schloß er: »Sagen S' es meiner Frau, ich wär' da!« Sie schaute ihn verwundert an und machte sich auf den Weg nach dem ersten Stock. Als sie zurückkam, zeigte ihm ihre Miene deutlich, daß sie ahnte, was hier im Gange war. Beinah ein Schein von Mitleid und unverhohlenes Bedauern stand in ihren Augen. Leni hatte für den Herrn des Hauses sehr viel mehr übrig als für die gestrenge Herrin. »Die gnädig' Frau laßt sagen«, so richtete sie ihre Botschaft aus, »daß s' noch net angezogen is; und Kopfweh, sagt s', hat s' auch. Aber die Fräul'n Mina kommt glei runter«. Dies war Toni eine höchst verdrießliche Kunde. Er schwankte, was er tun solle, und ob er nicht am klügsten wieder ginge. Da aber knarrte bereits die Stiege unter festen Schritten, aus deren langsamem Rhythmus ihm schon so etwas wie ein Vorwurf herauszuklingen schien. Er hatte diese Schwägerin nie leiden mögen, vor allem auch wegen ihrer ihm höchst fatalen Familienähnlichkeit mit Trautchen nicht, an die sie für sein Gefühl auf dieselbe unästhetische Art erinnerte, wie der Affe im Zoologischen Garten dem Menschen gleichsieht. Tonis trübe Erwartungen betrogen ihn nicht. Minna Grunelius gab schon durch die ausdrucksvolle Ausdruckslosigkeit, die ihr bleichfettes Mopsgesicht zur Schau trug, zu verstehen, daß sie ihn für eine Art Verbrecher hielt. Ohne ihn einer Begrüßung zu würdigen, trat sie vor ihn hin, reichte ihm einen zusammengefalteten Briefbogen, sagte kurz und schroff: »Von Trautchen«, und stieg sofort wieder die Treppe hinauf. Er öffnete den Bogen und las die in flüchtigen Buchstaben hingeworfenen Zeilen: Toni, quäl mich nicht und quäl Dich nicht! Es muß dabei bleiben, was ich Dir gestern sagte. Ich will und werde meine Meinung niemals ändern. Trautchen. Er machte ein niedergeschlagenes Gesicht. Ein lauter Seufzer entschlüpfte ihm. Aber er fühlte die Augen der Magd gespannt auf sich ruhen. So tat er sich Zwang an und begann möglichst leichthin und unbefangen: »Ja, nachher ist's gescheiter, ich geh' jetzt erst und trag' dem Michele den Kranz hin und schau' dann später noch einmal ... Sie, Leni, richten S' meiner Frau aus, daß ich zum Friedhof bin wegen dem Kranz. Vielleicht, daß sie mir doch noch nachkommt. Gel'n S', Leni, und die andre braucht es fei net zu wissen.« »Is recht, gnä Herr, ich richt's scho aus.« Leni zwinkerte verständnisinnig, als wolle sie ihm zusichern, daß es an ihren Bemühungen, die Sache wieder ins Lot zu bringen, gewiß nicht fehlen würde. Das etwas plump vertrauliche Gehaben des Mädchens führte Toni mit einem Schlag die ganze Schiefheit seiner Lage zu Bewußtsein. Er spürte eine Art von Scham und entfernte sich schnell. Der gute Mut, mit dem er heute früh erwacht war, hatte getrogen. Er suchte sich an die Hoffnung zu klammern, daß Trautchen durch Lenis Botschaft bewegt werden möchte, ihm auf den Friedhof zu folgen. Dort wäre wohl der rechte Ort, sich über alles auszusprechen. Das Grab des Michele war es doch, was sie am tiefsten miteinander verband. Er konnte freilich die Zweifel immer nur für Augenblicke wegtreiben. Das: Niemals, das Trautchen in ihren Briefchen ausgesprochen hatte, machte es sehr unwahrscheinlich, daß sie schon in einer halben oder auch einer ganzen Stunde anderen Sinnes sein könnte. Und noch einmal den Versuch zu wagen, daheim bis zu ihr vorzudringen, erschien ihm als eine sehr peinliche Aufgabe. Da war die Magd, da war vor allem seine Schwägerin, die ohne Zweifel bei der Schwester so eifrig gegen ihn hetzte, wie es überhaupt nur in ihrer Kraft stand. Und ihre Kraft nach dieser Richtung durfte man keineswegs unterschätzen. Deshalb erschien es auch ganz aussichtslos, Trautchen sein Schreiben an Annastina mit ein paar begleitenden Zeilen zuzusenden. Der Brief allein tat es ja nicht. Es mußte, während sie vom Lesen noch warm war, sofort eine Überrumpelung ihres Gefühls vorgenommen werden. Endlich erkannte Toni es als das einzige Mittel, nicht vom Pippinger Friedhof oder aus dessen nächster Umgebung zu weichen, bevor Trautchen käme, und müßte er bis zum Abend darauf warten. Im Lauf des Tages würde sie das Grab bestimmt besuchen. Dieser Entschluß stärkte seinen Mut von neuem; er machte seinen Rücken straff und schritt kräftiger zu.   Toni trat gleichsam zaghaft vor Micheles Grab hin, das ganz allein für sich im hintersten Winkel des kleinen Gottesackers an der Mauer lag, beschattet von dem saftigen Grün eines großen Holunderstrauches, der in dem angrenzenden Bauerngarten wuchs und seine ausladenden Zweige herabschickte. Der flüchtig aufgeschüttelte, noch ungeformte Hügel aus magerem, moränenschuttdurchsetztem Erdreich bot das trübselige Bild dar, wie es ein frisches Grab in den ersten Tagen zu zeigen pflegt. Die Sommerhitze hatte die Kränze schon zu einem mißfarbenen Haufen Heu und Unrat gemacht. Die neugebliebenen blanken Atlasschleifen mit den blitzenden Goldbuchstaben stachen unangenehm dagegen ab. Auch Tonis frischer Kranz wirkte hier mit seiner Leuchtkraft viel zu grell und schreiend. Toni sagte sich betrübt, daß dieser Augenblick seine Erwartungen enttäuschte. Micheles Grab sprach ihm nicht zum Herzen und zur Seele, sprach ihm nicht von der Größe des Todes, sondern nur von seiner trostlosen Häßlichkeit. Kein matter Abglanz der weichen Hingerissenheit wurde wach in ihm, die er heute nacht dort auf den Stufen vor dem Gitterpförtchen so tief und klar empfunden hatte. Er starrte eine Weile gerade vor sich hin ins Leere. Und nun begann die Vormittagstille, die über der Welt lag, Gewalt zu bekommen. Sie wurde von keinem Menschenlaut gestört; die Leute waren wohl alle auf den Feldern. Ein leises Vogelzwitschern irgendwo, das dumpfe Brüllen einer Kuh, das Gackern einer Henne in den benachbarten Bauernhöfen machten die Ruhe nur sinnfälliger. Innere Stimmen fingen an zu sprechen. Alles versank, was Hoffnung oder Sorge, Angst und Zweifel war. Toni war mit dem Michele allein und hatte das unverbrüchliche Empfinden seiner Nähe. Er wendete keinen Gedanken an die Frage, ob es ein Fortleben nach dem Tode gäbe, er betete auch nicht. Oder war dies doch ein Beten? Es steht geschrieben, daß von unserm Gebet die andern nichts wissen sollen; vielleicht kann man auch beten, ohne daß man selbst es weiß. Jetzt ging es Toni auf, was er am Michele verlor, und er erkannte in diesem Verlust die Strafe dafür, daß er Weib und Kind im Stich gelassen hatte um des eigenen Glückes willen, eines Glückes, das seinen Jahren nicht mehr zustand. Demütige Reue wurde stark in ihm; aber er wollte sich diesem Gefühl nicht wehleidig hingeben, sondern es fruchtbar wirken lassen in sich. Nicht mehr das eigene Behagen durfte künftig sein Leitstern sein; sühnen wollte er seine Schuld, nachholen die durch Jahre versäumte einfache Menschenpflicht: gütig zu sein und treu dem Schicksal, das ihm in jungen Tagen einst doch niemand andres geschmiedet hatte als er selbst. Ihm wurden die Augen naß; er war ein Mann und konnte nicht in Strömen weinen, aber die wenigen Tränen brachten dem inneren Drucke Lösung. Ruhe zog in ihm ein. Er wollte nicht mehr grübeln, nicht ängstlich nach dem Wege suchen, den er zu gehen hätte. Der gute Wille findet schon den besten Weg. Er gab sich fromm dem Leben in die Hand. Plötzlich warf er das Kinn empor und horchte. Als solle das ihm Antwort geben auf seine Gedanken, hatte das Friedhofpförtchen schrill in seinen Angeln gekreischt. Kam Trautchen also doch? Ja, er täuschte sich nicht: es war der leichte, rasche Tritt einer Frau. Aber was war das? Er hatte einen Augenblick gemeint, ein ihm sehr wohlbekanntes feines, gleichsam heimliches Seidenrauschen zu vernehmen. Das war ja ganz unmöglich! Dennoch stockte ihm der Atem, sein Herz klopfte laut. Er knüllte sein Sacktuch zusammen und schob es in die Tasche. Sehr linkisch war seine Haltung, da er so stand und wartete. »Annastina!« schrie er dann auf, eine seltsame Mischung von Freude und Erschrecken im Gesicht. Die schöne Frau, die ein schlicht dunkles, aber durch nichts an Trauer erinnerndes Kleid trug, ging auf ihn zu und reichte ihm beide Hände zu langem, festem Druck. »Da bin ich!« sagte sie einfach. »Ich wußte, daß du Trost brauchst.« »Ja, danke«, stammelte er, entgeistert und doch hingerissen von ihrer Gegenwart. »Bloß ... Wie kommst du her?« »Toni, als ich deinen Brief las, wußte ich, was ich zu tun hatte. Nur ging vor dem Abend kein Zug mehr. Heut' früh erst bin ich in München angekommen.« »Nein aber, Annastina, daß du hier ...? Wie konntest du denn wissen, daß ...?« »Ich suchte dich in deinem Haus«, erklärte sie. »Das Mädchen sagte mir ...« »Du warst bei mir daheim? Und hast du ...?« Er vollendete die Frage nicht, aber sie entgegnete: »Nein, ich hab' niemand als das Mädchen gesehen«. »Ja«, murmelte er hilflos und suchte seine Gedanken zu sammeln. »Wie du verstört bist!« sagte sie mitleidig. »Was mußt du Armer durchgemacht haben in diesen Tagen!« »Ach ja!« seufzte er und schickte einen traurigen Blick zu Micheles Grabhügel hinunter. »Liegt da dein Sohn?« fragte sie mit sanfter Stimme. »Ist dieser Kranz von dir? Ich will ihm auch einen bringen. Ich teile deine Trauer. Sprich dich doch aus, Toni! Mach kein so trostloses Gesicht! Ich kann mir denken: deine Frau, sie hat dir furchtbar zugesetzt.« »Nein, nein«, versicherte er hastig. »Sie ... Du mußt doch auch bedenken, wieviel für sie zusammenkam!« »Das weiß ich doch«, gab sie zur Antwort. »Bin ich nicht selbst eine Mutter? Freilich, wenn ich mir vorstelle, es sollte mir eins meiner Kinder gestorben sein, ich glaub', es könnte kein andrer Schmerz der Erde mehr an mich heran, alle Güter des Lebens wären mir gleichgültig.« »Annastina, du weißt nicht, wie nah der Tod des Buben ihr gegangen ist!« »Nahgehen!« warf sie gleichsam müde hin. »Schon daß du dieses Wort wählst ...!« »Nein, ich drücke mich falsch aus, Annastina. Ich kann es net so sagen. Und du meinst vielleicht ... Aber das ist wirklich net der Fall. Im Gegenteil, sie will nix mehr von mir wissen.« Ein Leuchten des Triumphes glitt flüchtig über ihr Gesicht. Dann aber musterte sie ihn scharf aus dem Augenwinkel und machte eine wegwerfende Handbewegung. »Hält sie dich nicht gerade dadurch um so sicherer?« fragte sie. Er rief lebhaft: »Und wenn ich dir doch sage, daß du dich täuschst!« Dabei kam er sich mit seiner lauen Verteidigung Trautchens recht kläglich vor. Er glaubte den vorwurfsvoll staunenden Blick Micheles auf sich gerichtet zu fühlen. »Toni«, begann sie wieder, »warum kannst du mir nicht richtig und offen in die Augen sehn?« »Nicht sie, nicht sie!« entgegnete er nervös und gleichsam ungeduldig. »Glaubst du, ich hab' nix durchgemacht? Innerlich ... Wie soll ich es dir sagen? Es ist so ... Ich hab' es dir geschrieben. Da!« Er hatte plötzlich seinen Brief aus der Tasche gezogen und hielt ihn ihr hin. Sie nahm ihn zögernd, las die Adresse, erbleichte und biß sich auf die Lippen. Schnell aber raffte sie sich zusammen, holte die Blätter hervor, entfaltete sie und vertiefte sich in den Inhalt. Er beobachtete ängstlich ihr häufig wechselndes Mienenspiel. Da sie zum Schluß gekommen war, ruhte ihr Blick noch eine Weile auf seiner Unterschrift. Die Gedanken arbeiteten heftig in ihr. Sie hatte die andre zu niedrig eingeschätzt; die war viel klüger, als sie nach dem Bisherigen vermutet hätte. Vor allem kannte sie ihren Mann genau und wußte ihn zu nehmen. Aber sie sollte sich täuschen! Annastina fühlte sich dieser Spekulantin gewachsen. So sehr ihr deren Waffen widerstrebten, zur Verfügung standen sie auch ihr. Und wenn sie sie ergriff, so wollte sie mit ihnen siegen. Die Feindin hatte ihr ja selbst den Weg gezeigt. Sie streckte also Toni die Hand entgegen und sagte schlicht und warm: »Ich danke dir für diesen Brief. Jetzt erst hab' ich dich ganz verstanden. Und ach, jetzt weiß ich, was du mir geworden wärst. Aber es kann nicht sein. Deinem Gewissen mußt du folgen. Tu es und denk nicht an mich! Du bist frei. Was auch geschehen ist, du brauchst dich zu nichts verpflichtet fühlen. Und ich werde unsere kurzen Glückesstunden auf Ursholm nie bereuen, komme, was kommen mag! Ich hab' ja nie gewußt, daß man auf Erden so glücklich sein kann. Toni, leb wohl! Laß es uns kurz machen! Denn sonst ... Ein Schluchzen erstickte ihre Worte. Sie war schneeweiß im Gesicht. Das aufrichtigste Gefühl hielt sie gepackt. Die schönen Empfindungen, denen sie Worte lieh, rissen sie fort in einen Taumel. Die Tränen, die jetzt unaufhaltsam ihre Wangen herunterstürzten, entsprangen echter Rührung über den eigenen Edelmut. Sie wendete sich schnell ab und wollte gehen. Aber er ließ ihre Hand nicht los, faßte mit der anderen Hand ihren Oberarm und zog sie leicht an sich. »Annastina!« flüsterte er erregt. »Net so! Bleib noch ein bissel! Ich weiß net, wie das werden soll, wenn du jetzt gehst. Ich halt' es ja net aus!« Doch sie entwand sich ihm sanft und zwang ihr Weinen nieder. Dann trat sie einen Schritt zurück und sah ihn mit bannend ernsten Augen an. »Toni«, bat sie, »laß mich! Machen wir uns das Herz nicht schwer! Wenn es noch lange dauert, haben wir beide nicht mehr die Kraft!« »Ich hab' die Kraft schon jetzt nimmer!« brach es aus ihm hervor. Und dabei warf er einen scheuen, erschrockenen Seitenblick nach Micheles Grab. Keine Fiber zuckte in ihrem Gesicht, es blieb so marmorn wie zuvor. »Und doch muß es sein«, sagte sie. »Das hat mich dein Brief gelehrt. Glaub mir: ich fühle auch mit deiner Frau! Wir sind doch alle, so herrlich wir uns dünken mögen, arme Menschenwesen. Und sie und ich sind Schwestern, und jede trägt ihr Frauenleid. Wenn mir die Bürde ein bißchen schwerer zugemessen wird – nimmt dich das wunder, Toni? Diese Welt ist einmal so eingerichtet, daß die feiner und edler Organisierten mehr leiden müssen als die andern. Ich darf nicht darüber klagen und wäre auch zu stolz dazu.« »Annastina, wenn ich nur hätte ahnen können, daß es dir so nahgeht!« »Und daran konntest du zweifeln?!« Sie warf fast feindselig ihr Kinn empor. »Nach allem, was geschehen ist! Sag mir: wofür hast du mich denn gehalten?« »Nein, um Gottes willen!« wehrte er kleinlaut ab. »Ich weiß! Ich meinte nur: du bist die jüngere! Vor dir liegt noch das ganze Leben. Du findest später wohl ein anderes Glück, mit einem Besseren als ich.« »Wie wenig du mich kennst!« erwiderte sie bitter. »Gut, denk nur so von mir, wenn dich das tröstet! Auf mich kommt's ja nicht an. Nein, lügen will ich nicht in dieser Stunde. Glück wird dies Dasein mir nie wieder bringen! Aber wo steht es denn geschrieben, daß wir auf dieser Erde sind, um glücklich zu sein? Mein Leben ist verpfuscht von Anbeginn. Einen Augenblick hab' ich geträumt, es könnte nun doch noch ... Der Traum ist aus. Nein, Toni, ich nicht! Wer weiß, ob nicht die andre, ob nicht deine Frau sich viel eher getröstet hätte! Oh, mißversteh mich nicht: das soll kein Vorwurf sein. Im Gegenteil: die Leute sind wohl die stärkeren, die lebenstüchtigeren. Wie oft hab' ich mir schon gewünscht, ich könnte wie die andern sein! Adel, ich spreche hier vom innern Adel, verpflichtet nicht nur, er macht auch arm an Freuden, er gibt einem so eine feine Haut, daß man den Schmerz zehnfach empfindet.« Sie verstummte und drückte wieder ihr Tuch an die Augen. Auch Toni war ergriffen und wie betäubt. Seine Gedanken jagten in blindem Kreislauf dahin. Plötzlich fanden sie einen Durchschlupf ins Freie. »Annastina«, rief er, »nun seh' ich, was meine Pflicht ist. Der von euch beiden muß ich gehören, die mich nötiger braucht. Ich glaubte, Trautchen wär' es; jetzt weiß ich, daß du es bist.« »Nein, Toni! Du sollst nicht aus Pflichtgefühl ... Dein Mitleid beleidigt mich.« »Mitleid, sagst du? Fühlst du denn net, daß ich dich liebe?« »Frag dich doch selber, Toni, ob du mich wirklich so liebst, wie ich glaubte! Hättest du dann ...? Nein, wozu noch davon sprechen! Toni, ich will dein Opfer nicht. Bring du dein Opfer da, wo es von dir verlangt wird!« »Es wird ja net verlangt!« erwiderte er fast hitzig. »Trautchen hat mich noch heut, wie ich zu ihr wollte, mit ein paar schnöden Zeilen abgespeist. Da, lies!« Sie nahm den Bogen und überflog die wenigen Worte. Mit einem Seufzer reichte sie ihn ihm zurück. »Ach, Toni, diesen Brief hättest du mir nicht zeigen sollen!« sagte sie betrübt und schlug die Augen kindlich zu ihm auf. »Nun war ich mir meines Weges so gewiß! Ich hatte mich schon abgefunden!« »Und nun?« fiel er ihr atemlos ins Wort. »Toni, daß sie so schreibt! Kannst du denn diese outrierte Schroffheit für ganz ehrlich halten? Wenn ich alles so genau wüßte, wie daß sie dich wieder in Gnaden aufnimmt! Bitten und betteln sollst du nur vorher, damit sie dich dann um so fester hält. Gerade aus deinem Besten, aus dem, was ich an dir liebe, schmiedet sie ihre Waffen gegen dich. Aber um Gottes willen, ich will ihr nicht unrecht tun! Du kennst sie ja seit vierzehn Jahren. Und glaubst du, daß ich mich täusche, dann ...« Sie brach ab und schaute ihm ängstlich fragend ins Gesicht. »Nein, es mag schon etwas dran sein«, antwortete er zögernd. Sie hob den Kopf und stand sehr aufrecht da, wie eine, deren Entschluß gefaßt ist. »Nun, Toni, wenn du selber das Gefühl hast, dann bringe ich's nicht übers Herz; dann wär' es Feigheit von uns und falsche Sentimentalität; dann dürfen wir's nicht nur, dann müssen wir's!« »Du willst?!« stammelte er in freudigem Erschrecken. Aber seine Füße waren wie festgewurzelt an der Erde. In ihrem Blick erblühte plötzlich ein schelmisches, ganz leise kokettes Lächeln. »Oder hat sich's der Herr und Meister schon wieder anders überlegt?« fragte sie. »Du!« keuchte er hingerissen und schlang die Arme um sie. Seine Lippen suchten und fanden ihren Mund. Aber es wurde nur ein scheuer, flüchtiger Kuß. Ihn hatte mittendrin die Scham und ein Erschrecken gepackt, als ob das hier vor dem frischen Grab wie ein Verrat am Michele wäre. Eine scharfe Falte stellte sich zwischen ihre Brauen, die grünen Augen schauten enttäuscht und böse drein. »Was hast du, Toni? Wenn du glaubst, daß du es bereuen könntest, dann trennen wir uns lieber gleich!« »Nein doch!« murmelte er verwirrt. »Toni, bedenk das eine«, fuhr sie sanfter fort, »nehmen wir ihr denn etwas, was sie jemals wirklich besessen hat? Und wir? Geht es hier nicht um mehr als uns: um deine Kunst?« »Still!« zischte er sie unvermittelt beinah wütend an. Sie prallte befremdet und tief verletzt zurück. Zornige Worte schwebten ihr auf der Zunge. Dann aber horchte sie wie er, bleich und angehaltenen Atems. Das Gitterpförtchen hatte in seinen Angeln gekreischt. Nun näherte sich langsam ein müder Schritt. Die beiden starrten wie gebannt auf das Eck der Kirche, wo der Ankömmling sichtbar werden mußte. Ein befreites Aufatmen, halb wie ein Lachen, entrang sich ihnen: es war nur ein altes, verhutzeltes Bauernweiblein. »Toni«, flüsterte Annastina hastig, »hast du geglaubt, es könnte deine Frau sein? Wär' das möglich?« »Sie weiß es, daß ich hier bin«, gab er im gleichen Ton zurück. »Das Mädchen hat ihr sicher auch von dir gesagt. Nach der Beschreibung kann sie leicht ...« »Dann bleib' ich keine Minute länger hier. Komm schnell!« Sie faßte seine Hand und zog ihn mit sich fort. Es war wie eine Flucht, er hatte nicht mehr Zeit, einen Scheideblick auf Micheles Grab zu werfen. »Dorthin?« fragte sie besorgt, als sie die ausgetretenen Steinstufen hinabgestiegen waren, und deutete südwärts gegen Pasing hin. »Geht es nicht, daß wir irgendwie anders ...? Ich möchte ihr um keinen Preis begegnen. Ich kenn' ja ihre Hemmungslosigkeit.« Er überlegte kurz und wies dann der Landstraße entlang gen Norden und dann im Viertelkreis gen Osten. »Man kann auch so herum nach München. Und besser wär' es. Wenn es dir net zuviel is, eine gute Stund' zu laufen bis zur nächsten Tram?« Sie schüttelte den Kopf und schritt schon rüstig aus. Toni ging mit einem Schritt Abstand neben ihr. Sie schwiegen beide. Er schaute starr vor sich hin zu Boden und wunderte sich, wie glatt das Leben den Knäuel von Schwierigkeiten abgewickelt hatte, der ihm unentwirrbar erschienen war. Erhob jedoch sein Liebesglück ungestüm das Haupt, so richtete sich sein Gewissen dagegen empor und fragte grämlich mahnend, warum er dann zuerst einen ganz anderen Weg für den richtigen gehalten hätte. Annastina musterte ihn verstohlen von der Seite. In ihren Augen stand kluges Überlegen und eine starke Sicherheit. Eine Biegung der Straße führte sie um das alte Schloß Blutenburg herum. Vor jedem unberufenen Blick, der sie hätte verfolgen können, waren sie nun geschützt. Da huschte die schöne Frau zu Toni hinüber, hängte sich in seinen Arm und begann ihm zart und mitfühlend zuzusprechen. Trautchens tat sie mit keiner Silbe mehr Erwähnung. Liebreiche Worte aber fand sie für seine Trauer um das Michele, die sie verstand und heilig hielt und ganz gewiß nicht stören wollte. Nur eines könne sie nicht mit ansehn: daß er sich so ungerechte selbstquälerische Vorwürfe mache, wo ihn doch kein Schatten einer wirklichen Schuld treffe. Lief auch ihr Trösten im innersten Kern bloß auf die landläufige Wahrheit hinaus, gegen den Tod sei nun einmal kein Kraust gewachsen: sie wußte so schön zu reden und alles, was sie sagte, in das magisch verklärende Licht ihrer großen, vom Vater her ererbten Weltanschauung zu rücken, daß ihre Worte Wirkung und Gewalt gewannen. Tonis Bedenken schmolzen dahin. Der schwere Druck ließ nach. Mit behutsam zielbewußten Händen tötete Annastina seine Reue. Reue ist nichts, was ewig leben soll. Doch wenn sie zu ihrer Stunde eines natürlichen Todes stirbt, hat sie ihr Werk getan und ihre Frucht gebracht. Wird sie vorzeitig erstickt, so war sie umsonst: ein Samenkorn, das in die Dornen fiel. Helleren Auges schon sah der starke Mann in den sonnigen Tag. Und Annastina, die sich jetzt enger au ihn schmiegte, lenkte seine Gedanken mit weichem Zügel fort von der Vergangenheit, munter hinaus in die kommende Zeit. Glück, Glanz, Ruhm, Ehre wurden ihm verheißen und übten ihren Zauber. Vor seinem Blick lief schnurgerade und bequem die breite Straße, an deren Ziel die offne Pforte zur Unsterblichkeit in goldnem Schimmer stand. Er hatte es nicht vergessen, aber es war ihm kein Erlebnis mehr, daß sein bestes Stück Unsterblichkeit tot unter einem frischen Erdhügel lag, zu Füßen jenes gotischen Kirchleins, dessen spitziger Turmhelm, weit dahinten schon, eben noch über die sanften Geländewellen lugte. Toni sah nicht zurück. Er preßte Annastinas Arm in einer heißen Wallung von Freude stürmisch gegen seine Brust und ging weiter, über Neu-Lustheim und Nymphenburg. Er spürte nichts von der geheimen Ironie, mit der das Schicksal ihm gerade Orte solchen Namens an den Weg ins neue Leben stellte. Vierundzwanzigstes Kapitel. Antonius Ein gutes halbes Jahr nach jenem Fußmarsch von Pipping bis nach Nymphenburg wurden Toni und Annastina vor dem Gesetze Mann und Frau. Und damit wäre, wenn man Theo Schlotthauer recht geben wollte, das Leben des starken Mannes auserzählt. Der Ateliernachbar aus lustigen Junggesellenzeiten pflegte nämlich, sobald die Rede auf Tonis zweite Ehe kam, hämischen Mitleids voll zu sagen, dies heiße er kein Leben mehr, sondern bloß noch eine Karriere. Aber Theo konnte hier kaum als unbefangener Zeuge gelten. Er hatte eine Schandwut auf Annastina, weil er die Richtigkeit ihrer Meinung nicht einsehen wollte, daß er als mittelmäßiger, dazu mit einer unmöglichen Frau behafteter Illustrator kein Verkehr für sie und ihren Gatten sei. Dieser sonderbare Heilige tat beinah so, wie wenn er hier noch immer dem Toni Gwinner von ehemals gegenüberstände. Und doch konnten ihm schon genug rein äußerliche Kennzeichen dartun, aus welchem Holzweg er da wandele. Vor allem gab es einen Toni Gwinner bald nach der Hochzeit überhaupt nicht mehr: es war ein klangvollerer Antonius draus geworden. Und mit der Zeit wuchs sich hier ein starker Mann, dem dies im Anfang selbst ein bißchen komisch vorgekommen war, in seinen neuen Vornamen hinein wie einer, der von Kind an so gerufen worden ist. Noch augenfälliger womöglich war die Wandlung im ganzen Lebensstil des Herrn Professors. Gleich die erste gemeinsame Tätigkeit des jungen Paars galt dem Bau eines Hauses im Herzogpark zu München, das die würdige Fassung für den Edelstein Annastina darstellen sollte. Dieser Aufgabe vermochte eine bescheidene Villa nicht zu genügen, es mußte eher so etwas wie eine Art Palast mit Atelier sein. Und es wurde auch einer. Die schlimmen Münchner Mäuler tauften ihn alsbald Stalozzo Prozzi. Sprach hieraus gleich der gelbe Neid, er brauchte Gwinners nicht zu stören. War doch mit diesem Kalauer, der wie ein Lauffeuer durch die Stadt ging, zugleich der andre Zweck des prunkhaften Gebäudes erfüllt: von sich reden zu machen. Wenn einer darauf aus ist, sich Weltberühmtheit zu erwerben, tut er am besten kaltblütig so, als ob er sie schon längst besäße. Annastina kam ja aus dieser Sphäre und kannte den Rummel. »Geld muß der Kerl wie Heu verdienen!« sagten des starken Mannes mißgünstige Kollegen oft, während ihm selber beim Zusammenschmelzen seines einst so erfreulich wohlaufgefüllten Bankguthabens manchmal ein leichter Schauer den Rücken herunterrann. Doch seine kluge Gattin tröstete ihn mit dem Hinweis, dies wären Spesen, die hundertfältig wieder zurückströmen würden. Geschmack und Eleganz vereinten sich dazu, Tonis neuem Heim über die Grenzen Deutschlands hinaus den Ruf einer Sehenswürdigkeit zu schaffen. Paßten denn seine Freunde aus früheren Tagen überhaupt in solche Räume? Dies bronzebeschlagene Tor öffnete seine Flügel gern und weit nur Leuten, die entweder sehr vornehm, sehr reich oder wenigstens sehr berühmt waren. Annastina war als Tochter des großen Bengt Nordlind selbstverständlich Demokratin bis auf die Knochen. Trotzdem würde sie sich in einer Welt, die nur aus Volk bestanden hätte, recht fehl am Ort gefühlt haben. Freimütig gestand sie selbst mit kindlich schuldbewußtem, doch der Verzeihung sicherem Augenaufschlag, daß ihr die Eitelkeit dieser Welt mehr bedeuteten, als es ihren Grundsätzen eigentlich wohl anstand. Man dürfe aber das Elend ihrer ersten Ehe nicht vergessen. Um sich über die Leere dieses Daseins hinwegzutäuschen, hatte sie sich an das einzige geklammert, was für Baginskys schnödes Geld zu haben war: den Luxus. Und jetzt war ihr das eben Gewohnheit geworden. Sie brauchte zu ihrem äußeren Behagen nun einmal schöne Kleider, edeln Schmuck, ein Automobil, Reitpferde und dergleichen, es war ihr ein Bedürfnis, die feine Welt in ihrem Salon zu empfangen, von ihr wieder zu Gast geladen zu werden und überall mit dabei zu sein, wo die oberen Tausend ihre Zusammenkünfte und Feste feierten. Natürlich hätte sie in dem Glück ihrer zweiten Ehe dem allen ohne ein Wimperzucken entsagt, wenn es notwendig gewesen wäre. Aber es war Gott sei Dank nicht notwendig; und ihr lieber, guter Mann verlangte es gar nicht von ihr. Nicht wahr? Nein, er verlangte es wirklich nicht, schon aus Liebe zu Annastina nicht. Daß ihm dies langweilige und zeitraubende Vornehmgetu sehr läge, konnte er nicht behaupten. Aber erstens wollte er ihr das so entzückend jungmädelhafte Vergnügen daran nicht stören, und zweitens befaßte man sich damit ja auch nicht bloß zu seinem Vergnügen. Sie hatte tausendmal recht, wenn sie all den Klimbim aus viel praktischeren Ursachen für unvermeidlich hielt. Das mußte er schon selber einseh'n, je länger, desto besser. Es waren nicht mehr die Zeiten, da Toni, trotz manchem Zweifel, der ihn aber mehr auf die Art stach, wie den zu gut genährten Gaul der Haber, beschaulich gemalt hatte, was ihm in den Sinn kam, um seine Bilder dann entweder frisch von der Staffelei an Sauerländer zu verkaufen oder sie in die Ausstellung zu schicken, in welchem Fall ihm ja meistens nur noch die kleine Mühe übrigblieb, das Geld später auf sein Bankkonto einzahlen zu lassen. Im ersten Sommer nach seiner zweiten Hochzeit wurde die Hauptwand im Ehrensaal der Münchner Sezession durch ein Riesengemälde Tonis beherrscht, das den literarisch angehauchten Titel führte: »Der Friede vertreibt die Kriegsdämonen von der Erde.« Dem Künstler selbst war es beim Malen dieser großzügigen Komposition nicht immer ganz wohl zumut gewesen. Aber dies eine Mal wollte er Annastina die Freude doch machen. Es kam nur darauf an, daß er sich in dem Gleis nicht festfuhr. Und so was stand hier doch nicht zu befürchten. Bei ihm! Er wartete etwas unruhig, was nun die liebe Öffentlichkeit zu dem Versuch auf einem neuen Gebiete meinen würde. Aber die Kritik verhielt sich respektvoll anerkennend, das Publikum redete so dumm daher wie immer, und die Kollegen banden Toni ihr Urteil nicht auf die Nase. Es entsprach freilich ungefähr dem, was Theo Schlotthauer vor dem Bilde übertrieben drastisch zu seiner Pepi äußerte, bei der er seit der Hochzeit schon wieder gute Fortschritte im Altbayerischen gemacht hatte. »Herrschaft, der Schinken!« sagte er. »No ja, den Toni hat's halt, seit er Annas Tinte gesoffen hat.« Dies sollte ein Wortspiel mit dem Namen Annastina sein. »Und er muß ja auch das Nordlindsche Geschäft fortsetzen – schwedisch, ohne Schwefel und Phosphor –, als Schwiegersohn und Einheirater, verstehst. Jessas, schau ihn nur an, den Muskelwurschtel, den ausgestopften, wie er das Trumm Fackel schwingt! Da braucht's net erscht, daß man ein Dämon is, um sich davor zu grausen. Das soll symbolisch sein, daß du dich fei net täuschst! Schad' drum, der Kerl hat was gekonnt! Und was er sich wohl einbild't, wer das dekorative Stück Unglück kaufen soll?« Die Antwort übrigens auf diese letzte Frage fand Theo zu seinem Staunen kaum eine Woche darnach unter dem Strich der »Münchner Neuesten Nachrichten«. Er hatte sich umsonst den Kopf zerbrochen: das Bild wurde verkauft und gut verkauft an einen amerikanischen Millionär, den als erbitterten Pazifisten alte Beziehungen mit dem Hause Nordlind verknüpften. Dieser Menschenfreund liebte es, seinen Namen in der Zeitung zu lesen. Er erstand also Tonis Allegorie, ohne zu feilschen, und schenkte sie dem Friedenspalast im Haag als Wandschmuck für den großen Sitzungssaal. Annastina strahlte. So eine Ehre. Und welche Bombenreklame das machen mußte, dazu noch ganz besonders bei den zahlungsfähigen Bürgern des Landes, wo man nach Dollars rechnet! Sie ließ sich gleich mit ihrem Mann zusammen photographieren, um, ihren Verdiensten daran entsprechend, einen Abglanz seines Ruhmes auch auf ihr Haupt zu lenken in den illustrierten Blättern der Alten und der Neuen Welt. Toni ging, wie man sich denken kann, dieser Verkauf gleichfalls sehr angenehm ein. Leider nur hatte er ungeahnte Folgen für ihn. Spielte er doch Annastina die Trümpfe zu und erleichterte es ihr, den Herrn Professor sacht in dem Gleise fortzuführen, in dem er sich doch durchaus nicht hatte festrennen wollen. Was sollte er auch tun! Seine Frau erwartete es von ihm, jeder erwartete es von ihm; so kam's, daß mählich er selbst es nicht mehr anders wußte. Es wurde ihm zur Gewohnheit, mehrmals im Jahr ein weidliches Pinselfechten gegen den Krieg zu vollführen. Es gab Leute, die ihn für solchen Heldenmut bis in den Himmel hoben, und wieder andre, die das als eine Marotte des Meisters ansahn. Den Rang aber eines Meisters gewann er damit in der öffentlichen Meinung. Er hieß bald allgemein der Friedens-Gwinner und hatte so die Marke, unter der ihn die Reiche der Erde kannten. Die Ausdauer, mit der er Jahr für Jahr in die gleiche Kerbe hieb, schuf ihm Respekt bei Gesinnungsgenossen und Gegnern. An dem heiligen Ernst seiner Überzeugung und der granitnen Festigkeit seines Charakters zweifelte niemand; er selber zu allerletzt. Steter Tropfen höhlt den Stein; durch ständige Wiederholung eines möglichst schlichten Grundsatzes prägt ein Mann sein Gedächtnismal in die Tafeln der Geschichte. Ehre also brachte dem starken Manne dieser Kampf, von dem er im übrigen sagen durfte, daß er ihn nur um des hohen Gedankens willen führe; denn irgendwelchen unmittelbaren Vorteil aus dieser Arbeit zog er nicht. Es war ganz sonderbar: so schnell das erste dieser Bilder einen Liebhaber gefunden hatte, so unverkäuflich zeigten sich die andern. Und das verdroß den Maler manchmal sehr. Annastina aber scheuchte durch guten Trost die Wolken von seiner Stirn. Die Welt war eben doch noch nicht reif dafür. Was machte das! Kunstwerke dieses Ranges verloren nicht mit der Zeit, sondern gewannen an Wert weit mehr, als wenn man dafür erlöstes Geld auf Zinseszins angelegt hätte. Und dies wäre außerdem wohl kaum geschehen. Zum Anspeichern von schnödem Mammon fehlte ihnen beiden das Talent. Drum mochten diese Bilder das Kapital darstellen, woraus man den Notgroschen für seine alten Tage ziehen würde. So diente Toni zugleich als vorsorglicher Hausvater sich und den Seinen, wenn er unbeirrt und treu für den ewigen Frieden weiterwirkte. Leider blieb ja der blinden Menschheit solch eine eifernde Belehrung immer noch sehr notwendig. Es zeigte sich in manchem, was diese Jahre über die Erde brachten: Vater Bengt war doch etwas zu früh gestorben, als daß er den Krieg schon völlig hätte ausrotten können. Den laufenden Anforderungen des Lebens mußte ein andrer Zweig von Tonis Arbeit dienen, der gleichfalls unter Annastinas kluger Pflege wie von selber aus dem Nichts entsprungen war, bald aber überraschend reiche Früchte trug. Es wäre schlimm gewesen, wenn der starke Mann nicht nebenher noch eine Menge Bilder hätte malen können, die nicht nur nicht unverkäuflich, sondern meist sogar schon glänzend verkauft waren, bevor er den ersten Pinselstrich daran tat. Auf der gleichen Ausstellung, die seinen Ruf als Friedensapostel begründete, hatten auch zwei Porträts Annastinas von seiner Hand gehangen, frische Bewegungsstudien in ganzer Figur, Hymnen zum Preise ihrer Anmut, gesehen mit den Augen der Liebe, in glücklicher Stunde auf die Leinwand geworfen. Und diese Bilder, die bei den Kennern wie beim Publikum einmütigen Erfolg fanden, weckten in mehreren sehr hochgestellten Damen den Wunsch, sich gleichfalls in solchem Reiz der Nachwelt überliefert zu sehen. Toni war nach einigem Zaudern bereit, ihnen dazu zu verhelfen, forderte aber auf den Rat seiner Frau sehr hohe Preise; und das erwies sich mehr als Lockung denn als Abschreckung. Man mußte schon etwas bedeuten aus diesem Erdenball, um sich von Antonius Gwinner malen lassen zu können. Das half ihm, schnell in Mode zu kommen. Und wollte es doch einmal aussehen, als ließe das Gedränge der Kunden etwas nach, dann wußte Annastina schleunigst eine so geschickte Werbetätigkeit zu entfalten, daß die von ihr Gepreßten sie noch flehentlich um ihre Fürsprache baten, damit nur recht bald die erste Sitzung für sie angesetzt würde. Hier zeigte sich's im hellsten Licht, wie wertvoll es für Gwinners war, ein großes Haus zu machen. Freilich, um gute Aufträge zu kriegen, entfaltete man eine luxuriöse Gastlichkeit, und um die Kosten dafür bezahlen zu können, mußte man rastlos hinter neuen Aufträgen her sein. Es gab nüchterne Stunden, wo dies dem starken Manne dumpf und verdrießlich zu Bewußtsein drang. Aber auch sonst empfand er namentlich im Anfang häufig, daß es doch seine zwei Seiten hatte, der Lieblingsporträtist der großen Welt zu sein. Durch das Verlangen gesalzner Preise allein konnte er seine Auftraggeber nicht befriedigen. Sie wollten sich und anderen auf ihren Bildern außerdem gefallen und imponieren; und darnach, daß dies leicht zu bewerkstelligen gewesen wäre, sahen sie doch nur selten aus. Was blieb denn Toni übrig, als ihnen mit seinem Pinsel ein bißchen zu schmeicheln! Zuerst zwar fiel ihm das verdammt schwer; er nannte, was ihm da zugemutet wurde, Annastina gegenüber elende Kitschmalerei. Doch sie verstand es, ihn auch hier zu trösten. Er solle es nicht gar so wichtig nehmen; dies sei eben nichts als Brotarbeit. Und er dürfe nicht vergessen, daß er doch auch durch sie mittelbar der hohen Kunst und seinen Idealen diene. Je öfter sie ihm das im Lauf der Zeit darlegte, desto besser leuchtete es ihm ein. Und schließlich durfte sie sich jedes Wort hierüber sparen. Er war es allgemach gewohnt; und für müßige Grübeleien fehlte ihm auch immer mehr die Muße. Er malte seine Damen alle schlangenhaft graziös in Haltung und Gebärden, und die Herren malte er bedeutend. Die Folge war, daß Tonis Porträts anfingen, sich untereinander merkwürdig zu gleichen. Das schadete ihm bei seinen Modellen nichts; denn sie bekamen so gerade das, worauf sie ausgegangen waren: einen echten Gwinner, dem man die Art des Meisters schon durch drei Zimmer ansah. Die Malerkollegen standen der Sache liebloser gegenüber. Aber mochten sie! Das Opfer ihrer lieblosen Urteile erfuhr ja nichts davon; und hätte es auch davon erfahren, es wäre ihm einerlei gewesen, genau so wie die dummdreisten Anrempelungen, mit denen ein paar obskure Zeitungsschreiber sich wohl berühmt zu machen hofften. Die besonnene Kritik nahm sich dergleichen schon nicht heraus gegen den anerkanntesten und bestbezahlten Meister von München, dessen schöne Frau zudem eine so liebenswürdige Gastlichkeit entfaltete. Nein, auf die kleinen Kläffer paßte Toni nicht im geringsten auf. Er war etwas geworden, er verkehrte mit ganz andern Leuten und ließ sich nicht von ihnen imponieren. Seine einstige Tappigkeit war spurlos verschwunden. Ordentlich herablassend behandelte er seine feine Kundschaft, und mochte einer den Titel Durchlaucht führen, und mochte einer zwei Millionen Dollars jährlich zu verzehren haben. Er lernte sogar die Kunst, die für einen drunten Gebornen die allerschwerste zu sein scheint: er konnte sogar zu gekrönten Häuptern sprechen, ohne ins Stottern zu kommen oder sich das Kreuz zu verrenken, frei weg, wie ihm das Maul gewachsen war, mit ruhiger Betonung seines altbayerischen Dialekts, was namentlich von den auswärtigen Herrschaften als entzückende Originalität und als Beweis für die Urwüchsigkeit des Meisters empfunden wurde. Auf lange Diskussionen über tiefere Dinge ging er übrigens nicht ein. Er begnügte sich meist damit, den Weltfrieden schon eine große Sache und den Krieg ein aus Verseh'n am Leben gebliebenes Stück Mittelalter zu nennen. Die weitere mündliche Propaganda in diesen Kreisen stellte er willig seiner Frau anheim. Die verstand es schon, sich bei solchen Gelegenheiten zufällig ins Atelier zu verirren. Und war sie einmal drin, so blieb sie und bewegte sich auf dem glatten Parkett geschickt und so fern von jeder Befangenheit, daß sie vielmehr etwas darin suchte, durch souveräne Mißachtung aller steifen Etikette und durch anmutig naives Herausplatzen mit ganz gefährlich demokratischen Ansichten als Enfant terrible zu wirken. Kaum eine der hohen Damen, aber sehr viele der hohen Herren bezauberte sie durch diese Art. Gab es aber einmal einen unter diesen Besuchern, der von Annastinas Umgangston eher befremdet war, so ließ er sie das wenigstens nicht merken. Prinzen pflegen ja häufig noch besser erzogen zu sein als selbst die Kinder des großen Bengt Nordlind. Toni durfte sich wohl mancherlei einbilden. Auszeichnungen wurden in seinem Leben etwas Alltägliches. O mei, der starke Mann lächelte über Orden und Titel. Wer, dem sie zuteil werden, täte das auch nicht! Aber es war doch ein bedeutender Augenblick, als er zum erstenmal auf ein fertiges Bild seinen Namen in der neuen, dekorativeren und rhythmisch besser abgewogenen Form setzen konnte: ANTONIVS VON GWINNER Und gleichzeitig erfüllte sich ihm ein Wunsch, den er im Anfang seiner zweiten Ehe stark gehegt, mittlerweile aber schon wieder beinah vergessen hatte. Es war ihm zuerst immer ein bißchen peinlich gewesen, daß seine Frau den Familiennamen ihres Vaters hartnäckig seinem eigenen voranstellte. Jetzt wurde ihm, etwas spät zwar, eine glänzende Entschädigung für sein takt- und pietätvoll stilles Dulden in dieser Sache. Auf ihren Visitenkarten hieß es hinfort nicht mehr: Frau Annastina Nordlind-Gwinner, sondern: Frau Annastina Gwinner-Nordlind. Karriere hatte Toni gemacht. Da braucht es wirklich keinen Theo Schlotthauer, um das herauszufinden. Erschien mithin die eine Hälfte von dessen hämischer Bemerkung recht überflüssig, so war die andre, daß nämlich seines alten Freundes Dasein kein Leben mehr sei, geradezu albern. Das mußte der starke Mann wohl besser wissen. Und ohne daß man ihn fragte, leuchtete aus jedem Wort, das er über Annastina sprach, eine ganz andre Meinung hervor. Erst sie hatte ihm das wahre Leben gebracht. Sie war und blieb seine erste und einzige große Leidenschaft. Das wiederholte er auch dann noch sich selber immer wieder im stillen, als er es später die andern nicht mehr so stark merken ließ. Sie verstand es aber auch, seine Wärme frisch zu erhalten. Sie machte ihre Zärtlichkeiten nicht zur täglichen Hauskost. Das hätte sie läppisch und kleinbürgerlich gedeucht, ja, fast unkeusch, wie sie es bald nach der Hochzeit einmal ausgedrückt hatte, als er hinter ihrer Zurückhaltung Kälte suchen wollte. So blieb ihm ihre Liebe ein Geschenk für hohe Festtage seines Lebens, ein Lohn, um den er immer diente, und der ihm dann längst ersehnt und dennoch überraschend in den Schoß fiel. So reich an Spannung und Erleben machte das Toni in den ersten Jahren, daß er sich dessen zu Stunden der Gewissenseinkehr manchmal vor Trautchen schämte. Dann sah er sie wieder hoch, bleich und ernst vor sich stehen, wie damals in der Nacht nach der Beerdigung, wie zuletzt noch beim Sühneversuch auf dem Gericht. Es hatte sich an diesem Bilde nichts geändert. Ihm wäre es fast eine Erleichterung gewesen, wenn sie Annastinas verächtliche Prophezeihung wahrgemacht und sich während der Scheidung ein einziges Mal wieder von der unangenehmen Seite gezeigt hätte. Aber häßlicher Zank erhob sich hier nicht einmal ums liebe Geld. Trautchen wies sogar die Rente zurück, die Toni ihr freiwillig anbot. Das Haus in Pasing, in dem ja ihr Muttergut steckte, und ihr bescheidenes väterliches Erbteil waren ihr genug. Es lag zuzeiten wie ein heimlicher Druck auf dem starken Manne, weil für sein Glück das Unglück Trautchens zahlen mußte. Denn sie verdiente ein besseres Los, und er hätte es ihr so ehrlich gegönnt. Aber als er, vielleicht drei Jahre nach Micheles Tod, in der Zeitung ihre Vermählung mit einem Pasinger Arzt angezeigt fand, war es ihm doch ein kränkendes Gefühl, plötzlich von diesem Druck befreit zu sein. Nannte er das auch selber tausendmal töricht und ungerecht, er nahm es ihr doch irgendwie übel, daß sie sich schon nach lumpigen drei Jahren über den Verlust solch eines Prachtkerls, wie er es war, getröstet hatte. Warum also war er guter Dummkopf dann seither seiner Reue niemals so recht ledig geworden! Sie hatte ihre hohen Gedanken von damals bald genug vergessen. Und ausgerechnet irgend so einen kümmerlichen Spießer mußte sie zu seinem Nachfolger machen. Arzt! In Pasing! Weshalb nicht gleich einen Veterinär? Ach ja, und um das Grab des Buben, da dürfte sich jetzt auch er kümmern. Sie würde das ja kaum noch interessieren. Toni war, seit er ihn an jenem Junitag mit Annastina fluchtartig verlassen hatte, nie wieder auf den Pippinger Friedhof gekommen. Und auch jetzt schob er den geplanten Besuch dort trotz seinem ernsthaften Vorsatz von Tag zu Tag hinaus, bis es ihm selbst allmählich immer zweifelhafter erschien, ob er heuer überhaupt noch die Zeit dafür fände. So wurde es wieder ein Jahr, es wurden Jahre. Das Vaterauge ruhte nie auf Micheles kleinem Hügel, und dennoch lag er wohlbetreut da, im Sommer ein in heißen Farben leuchtendes Blütenbeet, durch das die Bienen summten, und auch wenn Eis und Schnee ihn deckten, wenigstens mit einem Immortellenkranz geschmückt. Doch am Heiligen Abend hatte er seine hohe Zeit. Dann trug er ein Fichtenbäumchen, von dem der Opferrauch der Weihnachtskerzen fromm in die kalte Nachtluft wallte. Kaum aber eine Woche konnte je ins Land gehn, ohne daß einmal Kinderfüße ein munteres Getrappel um das Grab vollführten. Und die blauen Augen gesunder Jungen und Mädel wurden weit und klar, wenn eine warme Mutterstimme vom toten Brüderchen erzählte, das nun schon ein großer Bruder wäre, hätte der liebe Gott es nicht so früh zu sich genommen. Hier war das Michele nicht tot, hier lebte es fort und fort und ging in die Gefilde der Sage ein, mit seinem weichen Herzen und dem kecken Mundwerk, zugleich ein Lausbub und ein Held. Eine Lehre der schwersten Stunden ihres Lebens hatte Trautchen jedenfalls nicht vergessen: Kinder könne man gar nicht genug haben, war jetzt ein Lieblingswort von ihr; und sie sah jedem, das ihr beschert wurde, mit einer so heilig scheuen Freude entgegen, als ob es der erste Sproß aus ihrem Blut sei. Erzählte jemand dem starken Manne, daß in seinem alten Haus wieder ein kleiner Weltbürger das Licht erblickt hätte, so zuckte es spöttisch um seinen Mund, und er runzelte die Stirn. Wider Willen sah er darin beinah so etwas wie Verrat an seinem einzigen früh verstorbenen Kinde. Vielleicht war da, ihm selber unbewußt, ein tief verhehlter Neid am Werk. Annastina fürchtete die Schmerzen des Gebärens. Und auch die Sorge um ihre beiden Töchter führte sie gegen seine Wünsche ins Feld. Erst wenn er ein leibliches Kind hätte, würden sie im wahren Sinne Stiefkinder für ihn sein. Toni verstand das feine Gefühl, das sie leitete, und fügte sich still. Den beiden hübschen großen Mädchen wurde er ein guter Vater. In seine Art, mit ihnen zu verkehren, mischte sich etwas vom huldigenden Kavalier und etwas vom guten Kameraden. Sie schlossen sich ihm traulich an, kamen auch gern zu ihm, wenn sie einmal um irgendeine besondre Erlaubnis betteln wollten. Den Papa kriegte man in solchen Dingen so leicht heran. Mama hingegen hatte Grundsätze und erzog ihre Töchter recht streng; ob auch besonders gut, darüber könnte man streiten. So eifrig sie angehalten wurden, zu ihrer Mutter respektvoll bewundernd emporzublicken, es wurde ihnen auf der anderen Seite neben größter Sicherheit der Umgangsformen ein maßloser Hochmut eingeimpft. Sie waren kaum richtig erwachsen, da glaubten sie auch schon, als Enkelinnen Beugt Nordlinds, ältere Leute, die zudem viel mehr in der Welt bedeuteten, als den jungen Dingern wahrscheinlich je beschieden sein würde, sehr offenkundig über die Achseln ansehen zu dürfen. Auch Toni, das bloß angeheiratete Mitglied der berühmten Familie, fühlte sich nun von den zwei Fräulein oft für eine Art Wesen zweiter Klasse gehalten und demgemäß hie und da nachsichtig belächelt. Sehr lange freilich ärgerten sie ihn dann nicht mehr damit. Sie heirateten nacheinander sehr früh und machten, wie es bei dem Bekanntenkreis des Hauses und der Klugheit ihrer Mutter nicht anders zu erwarten war, glänzende Partien. Die Bräutigame, der eine ein Engländer, der andre ein Russe, stammten aus reichen, altadligen Familien und standen beide als hoffnungsvolle Anwärter im diplomatischen Dienst, was Annastina mit ganz besonderer Genugtuung erfüllte. Vielleicht sah sie in ihren Schwiegersöhnen so etwas wie berufsmäßige Verfechter der Grundsätze ihres Vaters und glaubte, Diplomaten dienten allen Ernstes dazu, den Völkern dieser Erde den Frieden zu erhalten. So abgekühlt der starke Mann den beiden Mädchen zuletzt gegenübergestanden hatte, da ihre Jugend nun sein Haus verließ, war es ihm doch, als bliebe eine Leere klaffend hinter ihnen zurück, als wollten sich unsichtbare Schatten einer großen Einsamkeit erkältend über ihn legen. Warum? Wieso? Was fehlte ihm auf einmal? Der Strom des Lebens versiegte nicht; noch lauter, triumphierender schien er zu rauschen. Und hatte er denn sein Bestes nicht mehr: Annastina! Freilich, es schien ihm manchmal, wie wenn sie nur immer knappere Augenblicke für ihn übrigbehielte. Es war vielleicht auch nötiger als früher, sich überall zu zeigen und tunlichst alle Leute von Bedeutung ins Haus zu ziehen. Die Menschheit ist unbeständig: neue Porträtisten wurden Mode und bildeten eine wachsende Gefahr. Hätte man die Hände in den Schoß legen wollen, wer weiß, wie bald man von der Kalesche gewesen wäre! Und das durfte nicht sein. Eine Lebensführung, bei der niemand nach den Kosten fragt, pflegt mit der Zeit ganz von selbst nicht weniger, sondern immer mehr Geld zu verschlingen. Da kommt man ohnehin nie völlig aus den Sorgen heraus, wenn sie auch nicht so würgend drücken und so ans Leben gehn wie in kleineren Verhältnissen. Nein, davon war keine Rede, Gott sei Dank! Aber Toni hatte doch allen Grund, seine Frau zu preisen, weil sie ihm so geschickt für Arbeit sorgte. Zuviel davon konnte es ihm nicht leicht werden; er arbeitete neuerdings mit einer atemlosen Leidenschaft. Alle die sogenannten Vergnügungen, die man mitmachen mußte, raubten ihm ohnehin genug Zeit. So kam es, daß er an Abenden, wo er ohne Gäste daheim war, auch nicht mehr zu bürgerlicher Stunde die Ruhe suchte. Nach unten abgeblendete elektrische Bogenlampen schufen ein zerstreutes Licht im Atelier; es ließ sich dabei malen wie am Tag. Drei, vier Uhr morgens konnte es darüber werden. Lieber Gott, er versäumte ja nichts. Schlafen konnte er doch nicht, wenn er früh zu Bette ging. Und lag man so, die Turmuhrschläge zählend, wach, dann kam man nur ins Grübeln. Wieder wie einst, da er noch mit Trautchen verheiratet gewesen war, erhob sich die alte dumme Frage: Wozu leben wir Menschen eigentlich? Das da, soll das das Ganze sein? Und heute gab es keinen Traum mehr, daß es einmal anders würde. Man war auf dem absteigenden Ast. Aber was wünschst du dir denn anders? herrschte er sich an. Geht's dir nicht gut? Hast du die Frau nicht, die du liebst? – So? Und was bist du ihr? klang eine andere Stimme aus dem Dunkel seiner Schwermut zurück. – Unsinn! so lehnte er sich auf. Darum dreht es sich nicht. Ich schaffe doch für sie, ich schaffe ihr das Leben, das sie glücklich macht; und schaff ich außerdem nicht an einem Werk, das der Mühe wert ist? – Am ewigen Frieden? höhnte der unbequeme Mahner. Jawohl, und drunten am Balkan irgendwo rauchen zu dieser Stunde brennende Dörfer und fahren die Splitter krepierender Granaten in lebendiges Fleisch. Ächzend vor Überdruß warf Toni sich dann herum, drehte das Licht an und griff nach dem Buch, das auf dem Nachttisch lag. Aber um sich selbst über dem Schmökern gänzlich zu vergessen, war er wohl auch schon nicht mehr jung genug. Schlaflosigkeit hieß ihm die allerschlimmste Qual. Da deuchte es ihm wirklich klüger, wenn er in der Zeit was vor sich brachte. Und wollten je die Nerven auslassen, so half man halt ein bißchen nach, um die verdammte Abspannung zu überwinden: mit Kaffee, Alkohol und Nikotin; wenn's nottat, auch mit schärferen Giften. Seine Bärennatur vertrug ja eine Portion. Geschafft hatte Tom kaum jemals mehr als in diesen Jahren. Annastina bewunderte ihn freigiebig dafür; und wenn sich sein Gesicht bei ihrem Lob erhellte, sagte sie wohl so recht vergnügt und herzlich: »Ja, du freust dich, und das darfst du auch. Ich finde eigentlich, daß dir das furchtbar gut bekommt. Je mehr du arbeitest, desto wohler ist dir.« Auf das hin konnte es geschehn, daß plötzlich sein Ausdruck wechselte. Er starrte abwesend in die Luft, als sähe er da eine Offenbarung, die ihm sehr schwer zu schaffen mache. Seine Lippen murmelten etwas Unverständliches. Er strich sich mit dem Handrücken über die Stirn und erwachte gleichsam. »Ja, oder meinst du denn, es schadet dir?« fragte sie leicht befremdet. »Antonius! Hörst du denn nicht? Was ist?« »Was? Was sagst du? Wieso? Nein, Unsinn! Nein, du hast ganz recht«, versicherte er hastig. »Das sag' ich selber immer.« Und sie nickte beruhigt und zufrieden. Es ging ihm wirklich ausgezeichnet. Hätte er sonst so schaffen können? Einem großen Manne, wie er es dank ihrer wackeren Unterstützung geworden war, durfte man es wohl nachsehen, wenn er neuerdings etwas vom Sonderling annahm, sich mitten aus einem Gespräch heraus grübelnd in sein Inneres vertiefte und der Welt eine merkwürdige Zerstreutheit zeigte. Das machte sogar Eindruck auf die Leute. Nur ihr gegenüber, fand Annastina, hätte er sich schon ein bißchen mehr zusammennehmen sollen. Zuweilen konnte man wirklich beinah meinen, er müsse sich zuerst darauf besinnen, daß es sie überhaupt in seinem Leben gab. Besonders kränkend traf das sie eines Tages bei einer offiziellen Feier in der neuen Pinakothek. Da war er, als der illustre Kreis sich zu empfehlen begann, plötzlich verschwunden. Sie machte sich ärgerlich ans Suchen und fand ihn zuletzt im hintersten der Säle vor einem der eigenen Jugendwerke, seinem Raub der Proserpina. »Antonius!« rief sie, gedämpften Tadel in der Stimme. Er hörte nicht und starrte weiter auf die Leinwand, doch so, wie wenn er durch ganz etwas andres blicke. Sie rüttelte ihn leicht am Arm. »Was ist? Antonius! Was hast du? Alles ist längst fort, und ich darf laufen und ... Es war sehr peinlich! Was denken sich die Leute!« Er fuhr auf und stammelte, wie einer, der überraschend an einem fremden Ort erwacht: »Ich habe nur ... Ich wollte ... Ja, bitte verzeih; ich ... Ja ...« Seine Hände machten eine hilflose Bewegung. Sie deutete plötzlich auf das Gemälde. Mit leicht verzognem Mund sagte sie kopfschüttelnd: »Daß das von dir ist! Ich begreif' es nicht! Ich kann das Bild nicht leiden.« Ein sonderbares Zucken flackerte über seine Wangen, aus denen alles Blut gewichen war. Er maß sie unter gesenkten Brauen hervor beleidigend kritisch, hart, gleichsam entzaubert. Und mählich ging in seinen Augen ein kaltes Feuer auf, das fast an Haß gemahnte. Jedenfalls empfand sie es so. Auch sie wurde bleich und wich betreten einen Schritt zurück. »Du wirst doch nicht ...? Ach nein, ich glaube gar, du nimmst das übel? Mir? Aber Antonius! Wie ich zu deiner Kunst steh', könntest du wissen!« Er schloß die Lider langsam und schlug sie langsam wieder aus. Sein Blick war wie erloschen. »Nein, nein! Entschuldige, Annastina! Durchaus net! Ich bin nur grad' mit meinen Gedanken woanders gewesen.« »Das scheint so«, erwiderte sie nicht ohne Empfindlichkeit. »Und wo warst du denn in Gedanken?« forschte sie dann. Ihr bedeutsamer Blick lenkte den seinen hinüber zu dem derb vergnügten Blondkopf der gemalten Proserpina. »Bei Trautchen, meinst du?« Er lachte ordentlich erleichtert auf. »Na, weißt du! Da darf ich mich ja beinah geschmeichelt fühlen.« Und etwas hastig fügte er hinzu: »Nein, Spaß beiseite! Es interessierte mich, wieder nach langer Zeit einmal ... No ja, und ich darf konstatieren: solid gemalt! Schon nimmer gar so weit von dreißig Jahr', und kaum hie und da ein kleiner Sprung. Alles, was recht is!« Annastina betrat die Brücke, die er geschlagen hatte für sie und sich. Auch sie lachte, wenn schon es noch etwas gekünstelt klang. »Und vor Befriedigung über diese hochwichtige Tatsache vergißt du die ganze Welt. Und mich vor allem, schlechter Mensch! Wart nur, mein Lieber, nächstes Mal lass' ich mich scheiden!« Er antwortete wieder mit einem Scherz, und sie schritten munter plaudernd durch die lange Reihe der Säle hinaus. Aber während Annastina den immerhin leis bitteren Nachgeschmack dieser Stunde schnell von der Zunge verlor, blieb in seinem Innern eine dumpfe Leere, deren Grund er sich hinterdrein selber nicht klarmachte. Es war, als hätte er Angst davor. Die Leute, die ihm saßen, mußten sich jetzt oft über den Meister wundern. Auch hier konnte er mitten unter der Arbeit ohne jeden äußeren Anlaß plötzlich erstarren und eine Minute oder länger sehr aufmerksam und ganz vertieft nach irgend etwas spähen, was nicht da war. Griff er dann wieder zum Pinsel, so schmiß er die Striche zuerst fast wütend auf die Leinwand und murmelte dabei allerhand in den Bart, wovon man nichts verstand, was aber keineswegs freundlich klang. Es kam auch vor, daß er irgendein leicht hingeplaudertes Wort seines Modells mit einer allgemeinen Betrachtung erwiderte, die von erschreckend bitterem, fast wildem Pessimismus zeugte. Wendete man dagegen ein, er könne das wohl kaum ernst meinen, er hätte gewiß keinen Grund, so schwarz zu seh'n: bei seinem Glück, seiner großen Stellung, seiner wundervollen Frau, dann schien ihn die Scham zu stechen. »Wer redet denn von mir!« sagte er schnell. »Das wär' noch schöner! Worüber soll ich klagen? Aber wenn man das Leben so im allgemeinen anschaut!« Er verstummte. Doch fügte er gleich hinzu: »Ja, meine Frau! Ja, wenn ich die net hätt!« Und dabei zitterte etwas Überhitztes in seiner Stimme, als wolle er sich selbst mit aller Leidenschaft etwas versichern. Sogar auf fremde Menschen, die Toni bei irgendeinem Fest nur aus der Ferne erblickten, wirkte er jetzt befremdend. Da geschah es denn wohl, daß einer seiner unberühmteren Kollegen zu einem andern sagte: »Herrgott, ist das der Gwinner? Der ist doch nicht gesund. Wie er verknittert ausschaut! Und dabei kann er ... Wann war gleich sein fünfzigster Geburtstag? Er ist ja mit dem nötigen Trara gefeiert worden. Warten Sie! Ja, keine zwei Jahr' ist das her. Wundern kann's einen zwar nicht. Er hat die Kerze halt an beiden Enden angebrannt. Wird es wohl nötig haben! Die Frau soll's ja verstehn. Tja, Schönheit: je weniger sie wird, je mehr sie kostet. Oder finden Sie sie vielleicht noch schön? So was Zurechtgemachtes! Um ihn könnt's einem beinah leid sein. Nein, für all das Geld, was er verdient, möcht' ich nicht mit ihm tauschen. Der steckt in keiner guten Haut.« Ach ja, der starke Mann selber empfand es an jedem neuen Tage deutlicher, wie seine Lebenskraft zerbröckelte. Aber er wollte es nicht wissen. Er biß die Zähne zusammen und klammerte sich an die Arbeit, wenn sie ihm auch keine Freude mehr machte, weil der Rosenschimmer der Selbsttäuschung um sie erloschen war. Gewohnheit hielt ihn noch mit hartem Zügel aufrecht. Niemals kam eine Klage über seine Lippen. Die Schwermut, die ihn immer schwärzer und lähmender bekroch, trug er allein. Und es gelang ihm, seine Frau zu täuschen. Sie hatte ja so viel zu tun und sie besaß die Gabe, vor unangenehmen Dingen vornehm die Augen zu verschließen. Mit einem trübe wissenden Lächeln saß er dabei, wenn sie Reisepläne für kommende Jahre machte. Von Ägypten träumte sie dann, von Indien, gar von Japan! Weiter nichts?   Annastina saß vor dem Toilettenspiegel und ließ sich frisieren. Die Uhr auf dem Kamin ihres Schlafzimmers tat neun Schläge. Die schöne Frau gähnte ein bißchen übernächtig. Sie waren erst um drei Uhr von der Gesellschaft bei Exzellenz Buxbaum heimgekommen. Aber mochte Antonius nur brummen, verloren konnte man den Abend nicht heißen. Der Prinz Peter hatte sich fast zwei Stunden lang mit ihm unterhalten und einen Atelierbesuch in Aussicht gestellt. Plötzlich klopfte es sehr laut und ungeduldig an die Tür. Sie fuhr empor. »Ja, was ist? Was soll das heißen! Wer da?« rief sie scharf. »Soll ich mal schau'n, gnä Frau?« fragte die Jungfer und huschte schon davon. »Ich bin's, gnä Frau. Der Stettner«, erklang von draußen aufgeregt die Stimme des Dieners. Das Mädchen öffnete spaltbreit und sagte neugierig: »Was is denn, Stettner? Nein, Sie können net herein.« Doch er schob sie beiseite und trat heftig ins Zimmer. »Gnä Frau!« Annastina war aufgesprungen und hielt die Spitzenjacke über ihrer Brust zusammen. »Was fällt Ihnen ...?« Sie stockte mitten in ihrem zornigen Satz. Mit großen Augen starrte sie in sein verstörtes Gesicht. »Gnä Frau, der Herr Professor!« »Was?! Was?!« »Wie ich ihn wecken wollte ...« »Tot!« schrie Annastina mit seltsam hoher, schriller Stimme und sank besinnungslos in ihren Stuhl zurück. Aber bevor die Jungfer das Riechsalz unter die Nase halten konnte, war sie schon wieder bei sich. »Tot?« fragte sie dumpf und ließ die Fingerspitzen von den Schläfen über die Wangen niedergleiten. Die Alte nickte und bat, ein Schluchzen unterdrückend, kläglich: »Möchten die gnä Frau net mit 'nüberkommen?« »Nein, ich kann nicht! Ich muß erst ...«, wehrte sie in einem heftigen Schauer ab. »Nein, gehn Sie gleich wieder zu ihm und bleiben Sie da, bis ... Und Sie, Alwine, Sie telephonieren an den Doktor; er soll gleich ...« »An den Herrn Hofrat, ja.« Die Jungfer lief schnell hinaus. Stettner folgte ihr kopfschüttelnd. Es dauerte eine Weile, bis der dumpfe Wirrwarr in Annastinas Kopfe klareren Gedanken wich. Wie hart sie das doch traf! Daß es gerade jetzt kam! Was wurde nun aus all den schönen Plänen, die sie für die Zukunft gemacht hatte! Und überhaupt, es war ja nichts vollendet und gesichert; es lag alles im Nebel. Diese entsetzliche, sinnwidrige Möglichkeit hatte sie nie ins Auge gefaßt. Sie ahnte nicht einmal, ob sie genug zu einem Leben haben würde, das nach ihren Begriffen eines wäre. Abhängig zu sein von der Hilfe der Schwiegersöhne, wie bitter für ihren Stolz! Und ob die Bilder soviel brächten ...? Warum nur alles Unglück dieser Welt sich auf ihr Haupt sammeln mußte? Das Mitleid mit sich selber packte Annastina, sie gab sich haltlos einem wilden Schluchzen hin. Die Hausglocke trillerte scharf. Konnte das schon der Doktor sein? Sie wischte sich schnell die Tränen ab und blickte, während die Finger mit geübten Griffen ihre Frisur betasteten, ernst und aufmerksam prüfend in den Spiegel. Schrecklich verweint! Nun ja, das durfte ihr nach einem solchen Schlag wohl niemand übelnehmen. Nein aber, wie sie aussah! Gewohnheitsmäßig griffen ihre Finger zum roten Stift, sie netzte ihn mit der Zungenspitze und frischte die Farbe ihrer Lippen auf. Jetzt noch ein bißchen Puder; nur einen Hauch. Sie war nicht in der Stimmung, sich erst lange schön zu machen. Alwine kam an die Tür und meldete den Arzt. »Er soll ...«, rief Annastina. »Führen Sie den Herrn Hofrat zu ... Sie wissen ja. Ich komm' gleich nach.« Aber sie gewann es nicht über sich, das unaufgeräumte Sterbezimmer zu betreten. Sie ließ dem Doktor sagen, sie erwarte ihn später in ihrem Boudoir. Und als der alte Herr dort eintrat, fand er sie, ein Bild des steingewordnen Schmerzes, auf der Chaiselongue sitzen, in einem dunklen Morgenkleid von schön geordnetem Faltenfluß. Er sah auf den ersten Blick, daß sie ihr Leid vornehm mit sich selber abmachen wollte. Die langjährige Übung in seinem Beruf hatte ihm eine sichere Witterung dafür geschenkt, was bei Todesfällen die Hinterbliebenen von ihm erwarteten. Hier begnügte er sich damit, der Witwe respektvoll die Hand zu küssen und undeutlich ein paar kurze Worte in den Bart zu murmeln, durch die seine innere Ergriffenheit nur leise hindurchklang. Dann nahm er Platz und ließ gedämpften Tones hören, was er als Arzt zu sagen hatte. Von Arteriosklerose sprach er und davon, daß sich die Katastrophe wohl sicher durch leichtere Anfälle in Gestalt von Ohnmächten vorausverkündet haben müsse. Der Herr Professor hätte ihm übrigens erst jüngst – wenn er nicht irre, in einiger Besorgtheit – telephoniert, er fühle sich nicht Wohl und wolle sich am nächsten Tag einmal gründlich von ihm untersuchen lassen. Gekommen sei er dann allerdings nicht. Aber es wäre für eine wirkliche Hilfe auch da schon bestimmt zu spät gewesen. Und so schwer solch ein jähes Ende die Angehörigen treffe, versöhnend wirke doch, daß dem Heimgegangenen vielleicht hilfloses Siechtum erspart geblieben sei. Früh freilich, viel zu früh sei der Herr Professor den Seinen, der Menschheit und der Kunst entrissen worden. Nun, eine volle Lebensarbeit hätte er trotzdem geleistet; weit mehr als mancher, der erst mit achtzig stürbe. Man wisse ja, welch ein leidenschaftlich tätiger Mensch er gewesen sei. Und das stelle natürlich auch seine Ansprüche an die Maschine, die das Blut durch die Adern pumpe. Mag sein: wenn er sich in dieser Hinsicht von jeher ein bißchen mehr hätte schonen wollen . . . Hier stockte der Hofrat und deutete ein leichtes Hüsteln an. Er war plötzlich über seine eigenen Worte erschrocken. Ob er da nicht am Ende einen wunder Punkt berührte? Doch Annastina sagte ruhig, in sanftem, kaum ein wenig bitterem Klageton: »Ach, warum hat er sich nicht mehr geschont!« Die grünen Augen schlugen sich traurig gegen die Decke auf. Es war der Blick einer Dulderin, in dem die kindlich vorwurfsvolle Frage brannte: Hat er denn gar nicht an mich gedacht? Die Spannung in dem Gesichte des Doktors löste sich; unwillkürlich nickte er Beifall. Er stellte sich ihr noch für alle gewünschten Dienste zur Verfügung und empfahl sich dann bald. Diese Frau brauchte ihn nicht weiter. Er hatte schon häufig ihre Sicherheit auf dem Parkett der großen Welt bewundert, jetzt wußte er, daß sie jeder Lebenslage gewachsen war. Und daran hatte er als alter Skeptiker halt seine sozusagen künstlerische Freude.   Toni lag kalt und bleich auf seinem Bett. Mit einundfünfzig Jahren war er gestorben. Zu früh, das sagten dem ersten, der es aussprach, späterhin noch viele nach. Als seine Zeit erfüllt war, sagte der Meister, der die innere Unruh dieses Lebens für immer stillgestellt hatte. Vom Arzt war Annastina, aus Überzeugung oder aus Liebenswürdigkeit, der Trost gespendet worden, daß ihres Mannes Ende plötzlich und sanft gewesen sei, vielleicht nur ein Hinübergleiten aus dem zeitlichen Schlaf in den ewigen. Aber die Ärzte haben leicht reden. Wer diesen Toten richtig ansah, wußte es besser. Und mochte der Tod ihn schnell wie der Blitz aus dem Hinterhalt überfallen haben; wieviel Zeit braucht denn ein Mensch, um vor dem Sturz ins Dunkel seinen Erdenweg noch einmal zu gehen! Dies ist der Weg, der uns ans Ziel führt: zur Erkenntnis. Und Toni war ihn gegangen; davon sprach sein letztes Gesicht. Es zeigte die wächsernen Züge eines vom Leben aufgebrauchten Mannes, Leiden und Leid hatten ihre Narben hineingeprägt, aber dafür lag ein stilles, starkes Lächeln, das die Jahre auszulöschen schien und wiederbrachte, was sie vertrieben hatten: den hellen, mutigen Unschuldschimmer der Jugend. – Wie? War, was ihm als Frucht und Summe seines Lebens in der erstarrten Hand lag, denn schon einmal sein Besitz gewesen? Im Keime, ja! Die Todesstunde bringt nichts in uns zur Reife, was nicht von jeher in uns wuchs. Wir konnten es nur nicht mehr sehen, weil unsere eigne Torheit, Bequemlichkeit und Sünde, weil unsere Einbildung Dornen und Disteln darum wuchern ließ. Es ist noch nicht zu spät, wenn erst der Vollender Tod das geile Unkraut rodet. So spiegelte der Glanz, der von Tonis letztem Antlitz ausging, ins Ewige vereinfacht wider, was die Kameraden froher Werdetage einst sein Lausbubenlächeln genannt hatten. Mit pfiffigem Mißtrauen hinter die Dinge schaute dieses Lächeln und war doch von Herzen verliebt in die närrische Welt, spöttisch und gütig war es, kindlich und aller Weisheit voll: der unbewußten, noch nicht durch neunmalklugen Schwatzkram fadenscheinig gemachten Weisheit des Gefühls. Da schaut ihr! sagte dieses Lächeln. Nun hat ein starker Mann am Ende doch noch seine Kraft gefunden. Es wurde langsam Zeit! Gott, war ich dumm! Und einer hatte es vielleicht noch mehr und etwas Besonderes zu sagen: Annastina. Als sie, die vor Leichen ein Grauen empfand, endlich zögernden Fußes an den Sarg trat, war es ihr, als blickten die toten Augen höhnischen Mitleids voll durch die geschlossenen Lider. Sie barg ihr Gesicht in den Händen. Sie wollte das nicht sehen, wollte es nicht ablesen von dem auf immer stummen Mund, sein letztes Wort an sie: Ich bin gegangen, ich bin dort, wohin du mir nicht folgst. Ich habe meine Sünden abgebüßt, und ich bin frei. Ich weiß jetzt alles, was dir auf alle Zeit verborgen bleibt, du armes Ding mit deiner Weltanschauung. Den Kopf scheu weggewendet, schlich sich Annastina hinaus. Vor der Tür preßte sie die Fäuste auf ihr pochendes Herz und schüttelte sich leise. Wie er sich verändert hatte! Ganz fremd, ganz fern! Fern mochte Toni ihr wohl sein: er war bei sich. Nein, dachte sie, ich will ihn als Lebenden in der Erinnerung behalten. So gehörte er mir. Wär' ich doch meinem Gefühl gefolgt und gar nicht zu ihm hingegangen! Wie lange werd' ich brauchen, bis ich dies häßliche Lächeln nicht mehr sehe! Trübsinnig starrte sie zu Boden. Plötzlich ging ein Ruck durch ihre Gestalt. Sie horchte. Hatte es nicht geklingelt? Der Diener kam und meldete mit einer Leichenbittermiene, ein Herr von den »Neuesten« wünsche die gnädige Frau zu sprechen. Sie richtete sich auf. »Führen Sie ihn ins Boudoir! Ich komme!« Das Leben forderte sein Recht. Gut denn, so tat man seine Pflicht.   Wer wohl um Tonis Tod das reinste Leid trug, das war Trautchen. Sie hatte einen guten, lieben Mann, mit dem sie in inniger Harmonie zusammengewachsen war. Fünf frische, wohlgeratene Kinder, zwei Buben und drei Mädel, lärmten fröhlich durch ihr Haus, alles gedieh ihr, und es blieb ihr kaum etwas zu wünschen. Toni hatte sie seit vielen Jahren nicht gesehen, ihn gar nicht sehen wollen. Ob er nun lebte oder starb, das gab ihr nichts und nahm ihr nichts. Dennoch war es ihr, als sie die Anzeige in der Zeitung las, als sinke mit ihm ein gutes Stück ihrer eigenen Jugend in die Gruft. Hatte vielleicht in einem schattigen Winkel ihres Herzens noch irgendein Restchen Bitterkeit gegen ihn sein verborgenes Dasein gefristet, jetzt schmolz auch das dahin. Sie wußte, daß es ihm nicht gut ergangen sein konnte, sie ahnte, was seinem Erdenweg so schnell das Ziel gesteckt hatte. Einen Tag lang trug sie das still mit sich herum; dann eröffnete sie sich ihrem Mann. »Rudi«, sagte sie zum Schluß, »ich weiß nicht, ich hab' das Gefühl, ich sollte ihm doch auch einen Kranz bringen, einen kleinen selbstgemachten aus unserm Garten. Verstehst du das? Nicht wahr, ja, du verstehst es auch? Nein, nein, auf die Beerdigung geh' ich natürlich nicht. Nachher, wenn niemand da ist, gegen Abend ... Ich finde, das gehört sich so.« Er schaute verloren in die Luft. Dann nickte er eifrig und bestimmt. »Natürlich! Du hast recht!« »Aber wenn du nicht meinst?« entgegnete sie zögernd und musterte ihn in plötzlich ausgestiegenem Zweifel. »Nein, nein!« Er mußte beinah lachen. »Was glaubst du denn, und warum soll' ich ...? Glaubst du, ich wäre eifersüchtig? Bin ich das je gewesen, solang' er am Leben war?« »Das wäre auch noch schöner!« stellte Trautchen fest. »Na dann!« sagte er. »Und jetzt erst recht! Also: wenn du's nicht tust, dann heißt das, daß du mich für dumm hältst. Nein, ich besteh' darauf. Und ich finde, es macht auch deinem Herzen alle Ehre.« Damit war es beschlossen. Aber es ließ ihr keine Ruhe. Ein bißchen traurig war er gewesen wenn er es auch nicht zeigen wollte. Und so bohrte ein seiner Stachel in ihr, als ob von ihrer Seite eine heimliche kleine Ungerechtigkeit gegen ihn darin läge. Am nächsten Morgen nach dem Kaffee, als die Kinder zur Schule abmarschiert waren und auch er gerade im Begriff stand, das Zimmer zu verlassen, fing sie an: »Du, Rudi, was ich noch sagen wollte: das von gestern war nur so eine Idee. Jetzt habe ich mir's überlegt. Nein, meinen Kranz für Toni trag' ich nicht in die Stadt zu all dem Lorbeer, der dort liegen wird; ich leg' ihn auf Micheles Grab. Das ist das Richtigste. Meinst du nicht?« In seinen Augen ging eine Wärme auf. Er nickte ihr zu, nahm ihre Hand und drückte sie. »Also, grüß Gott. Vierzehn Patienten heute früh!« Er wußte wieder einmal, was er an ihr hatte. »Komm nicht zu spät!« rief sie ihm nach. »Heut mittag gibt es Fisch. Und der zerfällt so leicht.«   Trautchen tat nichts, als daß sie einen kleinen Kranz für Toni auf Micheles Grabhügel niederlegte. Annastina hingegen arbeitete mit allem Eifer für Antonius von Gwinners Nachruhm, seine Unsterblichkeit. Und trotzdem, so widersinnig ist diese Welt, mußte das Echo, das des starken Mannes Tod im Blätterwald erweckte, Trautchen zu viel größerer Genugtuung gereichen als ihrer Feindin von einst. Zwar in den biographischen Stilübungen der Lokalberichterstatter klang deutlich Annastinas Stimme durch, hier vollführten auch die Glocken des ewigen Friedens ihr feierliches Gedröhn, und der Schatten Bengt Nordlinds geisterte bedeutungsvoll über die Szene. Aber die ernsthafte Kritik, die unterm Strich Antonius von Gwinners Lebenswerk zusammenfassend vor die Lupe nahm, war rein vom Teufel besessen. Bei ihr kamen die berühmten Friedensbilder schlecht weg, höchstens die edle Absicht, die hinter ihnen stecke, wurde gewürdigt, die Porträts vollends ließ man ganz links liegen; des Künstlers wahre Bedeutung fand man in seinen früheren Bildern, in dem, was er selbst seine ironische Mythologie genannt hatte. Sollte man's glauben: von dieser leichten Ware machten die Menschen ein Geschrei! Einer von ihnen verstieg sich sogar zu der Behauptung, diese Bilder erschienen einem heute schon in historischem Abstand, gewännen fast etwas Altmeisterliches. Die Zeit ihrer Entstehung hätte an ihnen nicht mehr als die stupende Malerei und die saftige Lustigkeit bemerkt, heute erst spüre man darin die Tiefe des Blickes, das Dämonische, das einem der Ausblick in die Abgründe der Seele eröffne, die so humorvoll und ohne jedes Pathos vorher kein andrer Maler durchleuchtet hätte. Dies Erstmalige und Einmalige erhebe diese lustigen Werke zum Rang der hohen ernsten Kunst. Der das schrieb, war zudem ein Parteigänger der allerneuesten Richtung, die doch sonst immer so tat, als ob es vorher überhaupt noch keine Maler gegeben hätte. Nein, Annastina ließ sich nicht täuschen: hier handelte es sich um eine Verschwörung. Was sollte dieser Trompetenstoß denn auch für einen andern Zweck verfolgen als den, die Werke ihres Mannes, die noch zu haben waren, verächtlich zu machen! Leider glückte der tückische Anschlag. Die frühen Bilder Tonis, die in der Hand von offenen oder verkappten Händlern waren, wechselten schnell und zu hohen Preisen den Besitzer. Alles, was Annastina selbst noch hatte, lag wie Blei. Niemand fragte danach. Nun aber zeigte sich die Größe dieser Frau noch im hellsten Licht. Sie drehte effektvoll den Spieß um und ließ erklären, daß diese Werke gar nicht verkäuflich seien. Sie sollten, um ihrem hohen Gedanken weiter zu dienen, ein eigenes Museum bilden, für das sie das Atelier des Meisters und mehrere daranstoßende Räume ihres Hauses zur Verfügung stellte. Die Welt las die Notizen darüber mit Respekt und regte sich nicht weiter auf. Nun ja, erklärte Annastina ihren Freunden, die Menschheit sei heute noch nicht reif dafür. Aber an ihr werde es trotzdem nicht fehlen. Der Architekt arbeitete schon an den Plänen des Umbaus. Zu Weihnachten würde das Friedensmuseum eröffnet. Und eines wisse sie: möge der Besuch im Anfang sein, wie er wolle, noch nach zweihundert Jahren würde die Menschheit dankbar zu dieser Stätte wallfahrten. Auf zweihundert Jahre hinaus ist leicht prophezeien. Der kurzfristige Teil von Annastinas Voraussage wenigstens erfüllte sich nicht. Es kam etwas dazwischen. Knapp vier Monate nach Tonis Todestag, zu Anfang des heißen Augustes im Jahre vierzehn brach der große Krieg aus. Und der steht freilich auf einem andern Blatt als diese Geschichte vom starken Mann. Annastina war in allen den langen Jahren dem inneren Wesen nach doch keine Deutsche geworden; die sie am vornehmsten dünkenden Gäste ihres Hauses waren Ausländer gewesen, ihre beiden Töchter weilten jetzt von ihr abgeschnitten im feindlichen Lager. So kam es, daß sie kaum etwas von der gewaltigen Welle spürte, die in jenen Tagen durch unser Land ging, nichts von dem Glühen in den Seelen, nichts von dem unheimlich leise drohenden Waffenklirren, mit dem der Riese sich erhob. Sie betrachtete diesen Krieg beinah so, als stürzten sich die Völker Europas nur ihr zum Tort so todverachtend auseinander. Und sie sagte: »Dank wenigstens dem Himmel, daß mein Mann diesen Zusammenbruch seiner Ideale nicht mehr erlebte! Er hätte es nicht ertragen!« Trautchen aber, die Deutsche, hatte einen anderen Glauben, sie sagte mit leuchtenden Augen ganz leise zu sich selbst: Wenn Toni jetzt noch lebte, er wäre trotz seinen Jahren und trotz allem freiwillig mitgegangen! Und das Michele natürlich auch! Trautchen spielte sich nicht die Spartanerin vor, sie war eine sehr vernünftige Frau. Es bedeutete ihr eine Herzenserleichterung, daß ihre beiden Söhne den Jahren nach als Soldaten noch gar nicht in Frage kamen und daß der Krieg ihren guten Mann auf einen Posten weit vom Schuß in einem Münchener Reservelazarett stellte; sie hatte auch die Kraft und Kühnheit des starken Mannes nie überschätzt und doch: insgeheim war irgendwie ihre erste Ehe das Heldenzeitalter ihres Lebens und Toni ihr Held geblieben. Warum, das fragte sie sich nicht. Wer kann wissen, welche der beiden Frauen mit ihrer Meinung das Richtige traf! Toni lag sechs Fuß tief im Boden seiner Heimat, die in der sicheren Hut der fernen Fronten stand. Er schlief; und droben wurde es nun sehr still von ihm, noch stiller von seinem fleißigen Kampf um den ewigen Frieden. Es hätte wohl lange so bleiben können, wenn nicht mitten im Krieg etwas geschehen wäre, was seinen Namen aufs neue in den Mund der Leute brachte. Das Völkermorden, das so viel Leben kostete und so viel Schmerz gebar, brachte nebenher das Geld ins Rollen. Wer klug war und von Bedenken frei, konnte sich leicht die Taschen füllen. Und die neuen Millionäre entwickelten sich märchenhaft rasch zu Kunstmäzenen. Sie hatten mannigfache Gründe von großenteils fragwürdiger Natur dafür. Aber der Bildermarkt blühte. Und Annastina beschloß, das zu benutzen. Sie konnte die Einnahme wohl gut brauchen, auch fand sie vielleicht, daß sich die Menschheit nun des ihr zugedachten Museums für alle Zeit unwürdig gemacht hätte. Kurzum, sie ließ Tonis ganzen Nachlaß versteigern. Und der Erfolg gab ihr recht. Wunderlich genug wirken seine gemalten Friedenshymnen als Wandschmuck bei den neuen Reichen. Zum Glück jedoch fällt das kaum jemand auf. Versäumt es der Besitzer auch selten, einen Besuch, an dessen Meinung ihm etwas liegt, vor diesen Stolz seiner Galerie zu führen, und ruft der Gast dann auch gewöhnlich angenehm überrascht: »Ein echter Gwinner, ah, Respekt!«, so gilt die Verbeugung, die er dazu macht, doch weder der Pinselführung, noch der Idee des Bildes, sondern nur dem Haufen blutigen Geldes, der dafür angelegt wurde. Tritt aber in einer unserer öffentlichen Sammlungen ein Mensch von Gefühl vor eines der frühen Gwinnerbilder, die nicht gemalt sind, um Ideen zu verkörpern, dann stockt der Atem ihm, er steht gepackt, und hell erblüht in seinen Augen und um seinen Mund das gleiche Lächeln, das auf Tonis letztem Antlitz lag und dort schon vor so manchem Jahr zu Staub zerfiel, dies starke, dieses deutsche Lächeln. Denn ist es nicht vor vielem andern dieses Lächeln, was unser starkes, tüchtiges, jeder Not gewachsenes Volk zugleich den nichts als Tüchtigen so wunderlich, was es so tief, so menschlich macht?