Maurus Jókai Ein ungarischer Nabob Roman * Deutsch von Adolf Dux. Leipzig Druck und Verlag von Philipp Reclam jun. Erster Teil. 1. Zwei Sonderlinge aus dem Jahre 1822. Ein stürmisches Wetter ist draußen auf der Pußta, der Himmel wolkig, die Erde kotig, der Regen strömt schon seit zwei Wochen, aus jedem Rinnsal ist das Wasser getreten, an der Stelle der Kornsaat wächst Schilf, zwischen dem teuern Mais machen sich jetzt Störche und Enten zu schaffen. – Zu Medardi am Lostag hat's angefangen, und jetzt wird es vierzig Tage lang fortregnen; wenn es aber so fortdauert, so weiß ich nicht, wer der Noah sein, und Menschen und Vieh aus dieser teilweisen Sündflut retten wird. Diese klägliche Bemerkung machte der edle Herr Peter Bus, dem es vom grausamen Schicksal auferlegt war, auf dem Kereßturer Damm, im Szaboleser Komitat sich mit Gästen abgeben zu müssen, denn er war der Wirt der »halsbrecherischen« Tscharda. Diese »halsbrecherische« Tscharda auf dem Kereßturer Damm, in welcher Herr Peter Bus als Wirt lebte, war ein schöner Zufluchtsort. Seinen Namen hatte das wackere Haus nicht durch Zufall erhalten, sondern redlich verdient, denn kein Reisender war je ohne Gefahr hingelangt, etwas mußte am Wagen brechen. Besonders bei solchem Wetter, wenn sich die Schleusen und Kanäle des Himmels öffnen, und es dem Menschen einfällt, um wie viel es besser wäre, wenn lieber die Erde Schleusen und Kanäle hätte; dann stürmte kein See an beiden Seiten des Dammes, dann wäre dieser nicht durchnäßt, und niemand würde in dem aufgeweichten Damm versinken und genötigt sein, seinen Wagen selbst wieder flott zu machen. Der Abend bricht an. Herr Peter Bus reitet eben vom Acker heim und brummt, die Pfeife im Mund, vor sich hin. – Ist die Pfeife nicht eine gute Erfindung? Sie hindert die Leute, laut zu fluchen. – Das Heu hat der Teufel in ganzen Schobern geholt, das Korn liegt auf dem Felde. Alles wird des Teufels. In die ganze Wirtschaft hat der Donner geschlagen. Der Leser muß wissen, daß ein Pußtenwirt nicht vom Weinschenken lebt, er ist erst Bauer, und nur nebenbei ein Wirt. Während er so vor sich hinbrummt, zeigt eine zweifelhafte weibliche Gestalt, von der man nicht gleich zu sagen weiß, ob sie sein Weib oder seine Magd sei, nach dem äußersten Ende des Dammes, der sich gegen die Theiß hinzieht. – Kommt da nicht eine Kutsche? – Das könnte ich brauchen, daß mir der Teufel noch einen Gast bringe, brummt Peter Bus; er schaut gar nicht hin, sondern geht ins Haus, um seine durchnäßte Bunda am Herd auszubreiten, und da brummt er weiter: Ich weiß nicht einmal, wo wir Brot für Geld bekommen, wenn unseres alle wird; und für andere werde ich nicht darben. Endlich schaute er durchs Fenster, das er zu diesem Zweck erst abwischen mußte, und sah in ziemlicher Entfernung eine Kutsche mit vier Postpferden auf dem Damm mühsam fortkommen; beruhigt sagte er dann: Heute kommen die nicht her. Dann setzte er sich vors Thor, und sah schmauchend, und mit seliger Befriedigung zu, wie sich die vier Pferde abarbeiteten. Der schwere Kasten macht auf den Federn ungeheure Sprünge, zwei Männer mühen sich an beiden Seiten der Kutsche, und helfen ihr bald über kleine Hügel weg, bald heben sie die im Kot versunkenen Räder mit Schaufel und Stangen heraus, und nach errungenem Siege bewegt sich das Gefährte wieder einige Schritte vorwärts. Mit fatalistischer Ergebung schaut Peter Bus dieser Mühsal zu: er könnte dem anlangenden Gast wohl mit seinen eigenen Pferden helfen; aber wozu das? Ist es jenem bestimmt, in die Tscharda zu kommen, so gelangt er auch ohne fremde Hilfe hin; ist es ihm aber nicht bestimmt, so muß sein Wagen brechen, und Sünde wäre es, der Vorsehung vorgreifen zu wollen. Endlich bleibt die Kutsche mit allen vier Rädern in der Mitte des Dammes so tief stecken, daß sie weder vor noch rückwärts kann. Die Leute dort schrieen sich umsonst heiser, die Stränge rissen, die Pferde legten sich in den Kot nieder, und die Finsternis brach herein. Herr Peter Bus schlug mit erleichtertem Herzen die Asche seiner Pfeife an seiner flachen Hand aus. Gott sei Dank, sagte er, heute kommt mir da kein Gast her, und mit Freude sah er, als er hineinging, daß der Wagenschuppen leer war, und das Federvieh da ein ruhiges Nachtquartier hatte. Auch er samt seinem Gesinde legten sich nieder, denn die Kerzen sind teuer, auch das Feuer löschte er aus, und in seine Bunda gehüllt, rauchte er eine Pfeife, und dachte, welch eine Dummheit es sei, sich bei so nassem Wetter auf den Weg zu machen. Während Herr Peter Bus still im Herrn ruht, nahet dem Hause von anderer Seite Gefahr; auf jener Seite nämlich gegen Nyiregyháza zu ist kein Damm, und das Wasser hat ungehinderten Spielraum. Wenn sich ein Unbekannter daher verirrt, so möge er nur gleich sein Testament machen, denn da muß er zu Grunde gehen; wer hingegen mit den Geheimnissen dieses Baues bekannt ist, der kann darauf leichter fortkommen als auf einer gebauten Straße, ja es giebt Kutscher, die in dieser Gegend lange als Wegelagerer gelebt und dabei das ganze Labyrinth dieser Sümpfe und Hügel so ausstudiert haben, daß sie auch in später Nacht mit was immer für einer Kutsche dazwischen durchkämen. Es mag schon fast Mitternacht sein, denn die Hähne dieser halsbrecherischen Tscharda beginnen nacheinander zu krähen, als plötzlich ein Lichtschein sichtbar wird; zwölf berittene Männer kommen mit brennenden Fackeln und begleiten eine Kutsche und einen Bauernwagen; der Wagen geht voran, um der Kutsche als Beispiel zu dienen, und damit letztere den Ort vermeide, wo der erstere versinkt. Die Fackelträger sind Heiducken mit eigentümlicher Livree, sie haben Tschakos mit einem Busch weißer Pferdehaare, rote Dolmánys mit gelben Schnüren und darüber jeder ein Wolfsfell gegen den Platzregen. Im Sattel hat jeder von ihnen ein Beil und zwei Pistolen. Bis zum Gürtel ginge diese Uniform noch an, aber unterhalb desselben haben sie nur Leinwand-Beinkleider mit kurzen Fransen am Saume, ein Kleidungsstück, das mit dem Dolmány aus scharlachrotem Tuch nicht zusammenpaßt. Sehen wir jetzt nach dem Wagen; vier gute Bauernpferde sind daran gespannt, deren Mähnen beinahe im Wasser schwimmen, die Zügel hält ein alter, wild aussehender Kutscher in der Hand. Der gute Junge schläft, denn seine Pferde kennen ja den Weg gut; nur wenn sie die Zügel in seiner Hand stark anzerren, erwacht er und ist dann nicht wenig böse auf seine guten Pferde. Inwendig war der Wagen in seltsamer Weise besetzt; obwohl der Rücksitz leer scheint, machen sich's doch in dem vorderen, dem Kutscher den Rücken zukehrend, zwei Männer mit unbestimmter Gestalt bequem; wer und was sie seien, läßt sich nicht sogleich sagen, denn sie sind völlig eingehüllt in ihre Pelze, haben die Kapuzen derselben über den Kopf gezogen, so daß man von ihrem Gesicht gar nichts sieht, und außerdem sind sie in Schlaf versunken; sie nicken mit ihren Köpfen bald rechts, bald links, und erwachen nur zuweilen, wenn der eine oder der andere mit dem Kopfe an eine Wagenleiste geraten ist, oder wenn sie mit den Köpfen aneinander gestoßen; aber sie schlafen jedesmal wieder ein. Der hintere Teil des Wagens ist mit Kotzen bedeckt, deren Hügel vermuten lassen, daß allerlei darunter ist; die Stelle des hintern Sitzes bewegt sich zuweilen und man gerät auf den Gedanken, daß sich dort etwas Lebendiges befinden müsse, um dessentwillen die beiden in Pelz gehüllten Männer sich mit dem schlechteren Platz begnügten; nach langem Kämpfen gelingt es der geheimnisvollen Person unter der Decke sich den Kopf frei zu machen, und wir sehen einen prächtigen Windhund. Also ihm gebührte der Ehrensitz, er schien es auch zu fühlen; er setzte sich aufrecht und gähnt würdevoll, dann kratzte er sich seine gnädigen Ohren mit seinen langen Füßen und schüttelte seine stählerne Halskette, und als eine impertinente Bremse mit aller Gewalt mit ihm bekannt werden wollte, schnappte er nach ihr. Nachdem er diese Unterhaltung auch schon satt hatte, wendete er seine Aufmerksamkeit seinen schlafenden Gefährten zu; er war eben in guter Laune, und als der längere der beiden Männer ihm im Schlummer fortwährend seine Bücklinge machte, erhob der humoristische Windhund eine Vorderpfote und streifte damit über das Gesicht des Schlafenden. Dieser brummte darauf: »Lassen Sie mich in Ruhe, gnädiger Herr!« Sehen wir nach der Kutsche; sie wird von fünf Vollbluthengsten gezogen, deren jeder sein buntes Riemenzeug schüttelt. Zwei dieser Pferde sind an der Deichsel und drei vorn, die Glöckchen am Halse haben, damit entgegenkommende Wagen sie hören und rechtzeitig ausweichen können. Auf dem Bock sitzt ein alter Kutscher mit verbrämtem Pelz; er hat den Auftrag, wohin immer er fahre, niemals zurück in den Wagen zu schauen, weil er dann sogleich niedergeschossen würde. Da aber wir diesen Schuß nicht zu fürchten haben, so sehen wir, wer in dem Wagen sitzt. Da sitzt ein Mann bei Jahren, bis zum Knie in einen Wolfspelz gehüllt, mit einer Astrachanmütze auf dem Kopf, die bis zu den Augen niedergezogen ist. Die Züge und Augen, die nicht verhüllt sind, überraschen den Beschauer; aus diesen Augen leuchtet eine verirrte Seele, die vielleicht zu ungewöhnlichen, großen Ideen berufen war, aber vom Geschick, von der Umgebung, durch Isoliertheit veranlaßt, das Ungewohnte in kleinlichen Dingen suchte, und jetzt wie über sich selbst erstaunt, dahinstarrt; das ganze Gesicht, fett, aber farblos, mit seinen edlen, aber in bizarre Ecken verzerrten Zügen, diese starken Augenbraunen, dieser vernachlässigte Schnurrbart machen beim ersten Anblick eine abstoßende Wirkung, aber wer länger hinschaut, der versöhnt sich nach und nach mit diesen Zügen; besonders, wenn die Augen verschlossen sind, und der Schlaf die zerwühlten Züge glättet, so erhält dieses Gesicht ein so patriotisches Ansehen, daß man sich mit kindlicher Verehrung hingezogen fühlt. Noch auffallender ist der Umstand, daß sich an beiden Seiten dieses Alten zwei rotwangige Bauernmädchen schmiegen, von deren ernsten, ja bekümmerten Gesichtern sich schließen läßt, daß diese Mädchen infolge irgend eines Mutwillens dasitzen. Den alten Wann fröstelt's in der kalten feuchten Nacht, der Wolfspelz ist nicht genug, um ihn warm zu halten, darum hat man zu ihm die beiden jungen Mädchen gesetzt, damit der lebenskräftige Magnetismus seinem abgelebten Körper Wärme verleihe. Er hatte rasch gelebt, und hörte schon vor seinem Tode auf zu leben, er war jetzt nur mehr ein Gespenst, abgestumpft, und lebte nur wieder auf, wenn neuer Reiz, ein neuer, toller, bizarrer, außerordentlicher Einfall, ihn aus seinem geistigen Scheintode erweckte. Auch jetzt hat ihn mitten in der Nacht ein solcher Einfall aus seinem entfernten Kastell gebracht; er konnte die ganze Nacht nicht schlafen, fand an nichts Freude, und endlich fiel's ihm ein, nach der halsbrecherischen Tscharda zu gehen, den Wirt zum Streit zu reizen, der ohnehin aufgeregt sein wird, weil er des Nachts wird aufstehen müssen, und der fluchen wird, wenn man von ihm Speise und Trank verlangt; aber für das alles wollte er ihn dann von seinen Heiducken gut durchbläuen lassen. Der Wirt ist ein Edelmann, der ganze Spaß wird einige tausend Gulden kosten, aber die Unterhaltung ist so viel wert. Darum hat er seine Leute aufgeweckt, darum hat er anspannen und Fackeln anzünden lassen, darum machte er sich um Mitternacht mit zwölf Heiducken auf den schlimmen Weg, und nahm zu essen und zu trinken mit, um nach der Ausführung des Scherzes ein Mahl zu halten; dabei vergaß er nicht jener drei Personen, die ihn am meisten zu unterhalten pflegten, und die dort in dem Bauernwagen fahren. Die eine ist der Lieblingswindhund, die andere der närrische Zigeuner und die dritte der Poet, die hier traulich beisammen sitzen. So bewegt sich der nächtliche bizarre Zug unter dem Schnauben der Pferde bei Fackelschein vorwärts, der gefährlichen Tscharda zu, die von fern und bei der Täuschung der Nacht ein Schloß zu sein scheint. Als sie angelangt waren, wurde dem einen Heiducken befohlen, den Wirt aufzuwecken und ihn mit »Ihr« anzusprechen; dieses »Ihr« war für einen Edelmann, und wäre er auch nur ein Wirt gewesen, eine wahrhafte Injurie. Zudem war der edle Herr Peter Bus bekannt dafür, daß man bei ihm nicht lange zu betteln brauchte, daß er eine Grobheit sage, und daß man von ihm nichts leichter erhalten könne, als ein paar Flüche; ein schiefer Blick genügte und er war zum Streit gereizt, und wenn ihm jemandes Gesicht nicht gefiel, oder wenn es jemand wagte, gegen das, was er gesagt, zu räsonnieren, oder gar ihm den Titel edler Herr zu versagen, so gerbte er ihm gewiß das Fell; das Wagnis, ihn mit »Ihr« anzusprechen, haben nur einmal zwei Pataker Studenten glücklich ausgeführt und die hatten ihr Glück nur dem Umstände zu verdanken, daß sie sich im Schilf verbargen, denn der Wirt ritt ihnen nach, sobald sie fort waren und wollte sie mit einer großen Eisengabel totstechen. Also diesen wackern Herrn weckte der Heiduck, indem er dabei mit großem Lärm an das Fenster pochte, mit folgenden Worten auf: Steht schnell auf, Wirt, kommt heraus und bedient uns. Als hätte man ihn mit kaltem Wasser übergossen, so sprang Peter Bus nach diesen Worten aus seinem Bette, ergriff sein Beil und ging vor Wut in den Kasten anstatt nach der Küchenthüre; als er endlich durchs Fenster blickte und die vielen Bedienten sah, die das Haus mit ihren Fackeln beleuchteten, so wußte er gleich, mit wem er es zu thun habe. Er merkte, daß sie ihn ärgern wollten und nahm sich zum Spaß vor, ruhig zu bleiben. Er hängte sogleich wieder das Beil an den Nagel, setzte die Pelzmütze auf, hüllte sich in seine Bunda und trat in den Hof hinaus. Alle angelangten Gäste waren bereits im Vorhaus; in ihrer Mitte, von seinen Leibgarden umgeben der gnädige Herr in einem bis zum Knie reichenden und mit großen goldenen Knöpfen besetzten Attila, seines Körperumfanges wegen den Kopf etwas nach rückwärts gebeugt und auf einen spanischen Rohrstock mit großem goldenen Knopf, gestützt. Erst jetzt fiel es auf, wie schlecht zu diesem Gesicht dieser spöttische, zanksüchtige Ausdruck paßte, der jetzt seine jovialen Züge ganz entstellte. – Kommt näher! rief er dem Wirt mit erzwungenem, gereiztem Tone zu; öffnet ein Zimmer und behandelt uns als eure Gäste, gebt uns Wein, Tokaier und Meneser, Fasane, Artischoken und Krebsragout. Der Wirt nahm demütig seine Mütze ab und antwortete ruhig und kalten Blutes. – Sei mir der gnädige Herr willkommen, ich will Ihnen mit allem dienen, was Sie befohlen haben, nur muß ich um Verzeihung bitten, daß ich keinen Tokaier und Meneser habe; auch meine Fasane sind noch nicht gemästet und die Krebse sind, wie Sie sehen mögen, alle unter Wasser gesetzt; ich müßte mir denn diese zwölf Krebse für meine Küche ausbitten. Das war eine Anspielung auf die scharlachrote Montur der Heiducken und der Einfall nahm sogleich die Aufmerksamkeit des großen Herrn in Anspruch. Es gefiel ihm, daß der Wirt so vertraut mit ihm sprach. Das belustigte ihn, obwohl er es nicht erwartet hatte. Der Zigeunernarr steckte jetzt sein schwarzes Gesicht hervor, das mit jedem Mohren hätte wetteifern können; seine beiden Reihen weißer Zähne dem Wirt zeigend, fing er an, auf seinen Fingern herzuzählen, was er noch brauche. – Ich brauche nichts anderes, sagte er, als eine Schüssel Kanarienvogeleier, das Fett eines saugenden Reh's und Sülze von Ziegenknorpel, ich esse nie etwas anderes. – Schade, daß ein solcher Herr sich den Magen mit derlei Dingen anfüllt, sagte Peter Bus, ich will Ihnen mit einem Zigeunerbraten aufwarten. – Das bitte ich mir aus, schrie der Narr, der ist mein Vetter, den dürft Ihr nicht braten. Der alte Herr fing an, über diese geschmacklosen Spaße zu lachen, so was unterhielt ihn; und daß der Wirt seinen Geschmack traf, das änderte seine Absicht in Bezug auf letzteren völlig. – Also, was könnt Ihr Euren Gästen auftragen? fuhr er fort. – Alles, gnädiger Herr; nur ist das, was ich gehabt habe, alle geworden, was ich haben werde, das ist noch weit, was ich aber haben sollte, das habe ich nicht. Dem gnädigen Herrn gefiel diese lange Beschreibung des Nichts so sehr, daß er in lautes Gelächter ausbrach. – Wo ist Gyárfás, wo steckt der Poet? rief er; aber der Arme stand neben ihm, mit auf den Rücken geschlagenen Händen, mit einem knochendürren Gesicht und die ganze Scene mit Unmut anschauend. Frisch, Gyárfás, sagt mir ein paar Verse auf die Tscharda, wo man nichts zu essen bekommt. Gyárfás senkte die Augenlider, spannte den Mund weit auf und sich mit den Fingern auf die Stirn trommelnd, extemporierte er folgendes Distichon: »Nichts zu essen ist da, und leer steht ewig die Schüssel, Ewige Fasten sind hier, und kein Türke kommt her.« – Was ist das für ein Geschwätz! was geht diese Tscharda den Türken an? – Sie geht ihn sehr viel an, antwortete Gyárfás. Wenn man hier nichts zu essen bekommt, so kann auch kein Türke herkommen, um zu essen; folglich sind meine Verse richtig. – Da wachsen Eichen und Hörner beisammen, sagte der große Herr darauf; und als ob er plötzlich etwas gesehen hätte, sagte er zum Wirt: Habt Ihr Mäuse? – Sie gehören aber nicht mir, denn ich bin hier nur Pächter, wenn übrigens eine oder die andere fehlt, so brauche ich darüber nicht Rechnung abzulegen. – Also laßt uns eine Maus braten. – Nur eine? – Zum Henker! die paar Leute werden doch wohl mit einer Maus ausreichen. – Ich will Ihnen dienen, gnädiger Herr, sprach der Wirt, und rief die Katzen in die Kammer. Er brauchte nur die Mange wegzurücken und man hatte eine reiche Auswahl, das heißt die Katze hatte sie. Die ganze Gesellschaft war überzeugt, daß hier ein tüchtiger Spaß folgen werde und man lachte im voraus. Herr Peter Bus schloß indes für seine Gaste seine große Stube auf, in deren einer Ecke ein leeres Bettgestelle und in der andern eine Hechel stand. Man hatte daher die Wahl; wer nicht im Bettgestelle liegen wollte, der konnte sich auf die Hechel legen. Die Heiducken luden indes den Bauernwagen ab, schleppten Polster, Teppiche, Feldsessel und Tische herbei und verwandelten die kahle Stube in einem Augenblick in ein komfortables Gemach. Der Tisch wurde mit silbernen Schüsseln und Bechern bedeckt und aus dem Eise silberner Kühlwannen ragten die schlanken Hälse venetianischer Flaschen hervor, deren Inhalt lockend zu sein schien. Der große Herr legte sich der Länge nach auf ein für ihn aufgeschlagenes Feldbett, seine Heiducken zogen ihm die Stiefel mit den großen Sporen von den Füßen, das eine Bauernmädchen setzte sich ihm zu Häupten und kraute ihm sein graues Haar, die andere saß bei seinen Füßen und frottierte sie mit Flanell. Gyárfás der Poet und Vidra der Narr standen vor ihm, in einiger Entfernung die Heiducken und der Windhund lag unter dem Bett. Das war die Umgebung eines der reichsten Magnaten Ungarns: Heiducken, Narren, Bauerndirnen und Jagdhunde. Es war aber lauter auserlesenes Volk; die Heiducken waren die stärksten, die man finden konnte, die Dirnen die schönsten, der Narr war von der schwärzesten Gattung Zigeuner und der Poet einer der seltsamsten Käuze in ganz Ungarn. Unter den zweibeinigen, ungefiederten Bestien hat es immer welche gegeben, die ihren Mäzenen in geschriebenen oder gedruckten Versen zu Geburts- und Namenstagen, zu Hochzeit- und Tauffesten, ja auch manchmal zum Begräbnis ekelhaften Weihrauch streuten und den Namen Poet in den Kot traten. Es giebt auch heute noch einige aus den guten alten Zeiten übriggebliebene Exemplare, die von Palast zu Palast schleichen und für Schmeicheleien Brot eintauschen. Ein bitteres Brot das. Indessen wurde die Maus gebraten. Der Wirt selbst brachte sie herein, sie lag mitten in einer großen silbernen Schüssel, von geriebenem Meerrettich umgeben und ein grünes Petersilienblatt im Munde. Dieses Gericht wurde mitten auf den Tisch gestellt. Zuerst bot es der große Herr den Heiducken an. Aber sie schüttelten die Köpfe, endlich rückte der älteste unter ihnen mit den Worten hervor: Wenn mir der gnädige Herr diese Tscharda samt den Wirt übergeben, dann greife ich zu. Jetzt kam die Reihe an den Poeten. – Pardon, Euer Gnaden; ich will lieber den besingen, der sie ißt. – Also, du Vidra, lange zu. – Ich, gnädiger Herr? sprach er, als hätte er nicht recht gehört. – Na, warum fürchtest du dich denn? Als du noch im Zelt wohntest, fiel mir ein Ochs an der Tollwut und ihr habt ihn aufgegessen. – Das war damals, gnädiger Herr; wenn ein Faß aus Euer Gnaden Keller toll geworden wäre, so hätten wir es auch getrunken. – Na lange zu, dem Gericht zu Ehren. – Aber mit einem solchen Tier hat sich ja nicht einmal mein Großvater abgegeben. – Sei gescheiter als dein Großvater. – Ich werde gescheiter sein für hundert Gulden, sprach der Narr und kratzte sich sein Kraushaar. Der große Herr nahm aus der Tasche seines Dolmánys eine große volle Brieftasche hervor und ließ, indem er sie öffnete, deren Inhalt sehen. Der Narr schielte hin und sagte wieder: für hundert Gulden thue ich's meinetwegen. – Wir wollen sehen. Der Narr knöpfte seinen Frack auf (denn beiläufig gesagt, der große Herr ließ seinen Narren im Frack gehen, ein Kleidungsstück, das ihn sehr sonderbar dünkte; oft ließ er ihn nach der neusten Mode kleiden und glaubte, er müsse sich darüber zu Tode lachen) also der Narr knöpfte seinen Frack auf, sein dummes rundes Gesicht wurde jetzt beinahe viereckig, er zog seine bewegliche Kopfhaut einigemal auf und nieder, wodurch sich auch der Wald seiner ungekämmten Haare vor- und rückwärts bewegte wie der Schopf eines Wiedehopfes, dann ergriff er das anwidernde Tier bei jenem Teile, der vom Kopf am entferntesten ist, hob es so in die Luft, schnitt ein häßliches Gesicht, schüttelte den Kopf, schloß die Augen, öffnete mit verzweifelter Entschlossenheit den Mund und in einem Nu war die Maus verschwunden. Der Narr konnte nicht sogleich sprechen, er griff sich nach der Kehle; es ist keine Kleinigkeit, ein ganzes vierfüßiges Tier auf einmal zu verschlingen; aber die andere Hand streckte er zu gleicher Zeit nach dem Herrn hin und stöhnte beinahe erstickend: Meine hundert Gulden! – Was für hundert Gulden? fragte der Herr; habe ich gesagt, daß ich dir hundert Gulden gebe? Du sollst dich noch bedanken für einen so seltenen Braten, wie ihn selbst dein Großvater nicht gegessen hat und nicht, daß ich noch zahlen muß. Über den Spaß wurde nun gelacht; aber plötzlich verging allen die gute Laune, denn der Narr wurde blau und grün zugleich, seine Augen standen weit hervor, er warf sich auf seinem Sitze hin und her, konnte nicht sprechen, zeigte wie erstickend auf seinen geöffneten Mund und fing an, sich zu krümmen. – Da hat man's! sie ist ihm in der Kehle stecken geblieben, riefen mehrere. Der große Herr erschrak sehr, das konnte dem Spaß eine sehr ernste Wendung geben. Schüttet ihm Wein in den Mund, damit er sie hinabschwemme. Die Heiducken griffen sogleich nach den Flaschen und begannen dem Narren den guten Erlauer und Meneser Halbeweise einzugeben; er kam nach und nach schwer atmend zu sich und stammelte, indem er sich die Augen rieb, unverständliche Worte. – Na, da nimm die hundert Gulden! sprach der Herr, der sich von seinem Schrecken kaum zu erholen vermochte und den von den Ufern des Todes zurückgekehrten Narren gern versöhnen wollte. – Ich danke, ächzte dieser jämmerlich, ich brauche kein Geld mehr, mit der Fischotter Vidra heißt deutsch Fischotter. ist's aus; wenn noch ein Wolf die Fischotter getötet hätte, aber nein, so eine niederträchtig kleine Maus hat's gethan. – Na, mach keine Dummheiten, es wird dir ja nichts sein, da hast du noch hundert Gulden, sei vernünftig, es ist doch schon vergangen; schlagt ihm ein wenig auf den Rücken; bringt den Rehbraten, der wird die Maus schon hinabdrücken helfen. Der Narr bedankte sich für die Schläge, die man seinem Rücken erteilte und als man ihm den Rehbraten vorsetzte, machte er sich daran mit dem zweifelhaften Gesicht eines Kindes, das nicht weiß, ob es weinen oder lachen solle und das bald lacht bald wieder heult; also mit einem solchen Gesicht machte er sich an den schmackhaften kalten Braten, der fein gespickt, in gutem gepfeffertem Rahm bereitet wurde; er begann davon sich Bissen in den Mund zu schieben, die größer waren als die größte Maus der Welt. Das beruhigte endlich den Herrn. Der Narr aß mit jämmerlichem kläglichem Gesichte fort, er winkte dem Windhund und warf große Bissen in die Luft, welche der Hund geschickt aufschnappte; endlich sagte er traurig, als sollte er eben den letzten Bissen mit ihm teilen: da Mathes! (Der große Herr gab seinem Narren einen Tiernamen, seinen Hunden aber Menschennamen.) Da der Spaß dennoch gut ausfiel und er von seinem Schrecken erlöst wurde, forderte der große Herr Gyárfás auf, hierauf ein Gedicht zu improvisieren; der Poet kratzte sich die Nase und sprach: Paßt die kleine Maus nicht in den Schlund des Zigeuners, Dreht er sich rechts und links und sein Auge weint. – Ei ihr seid ein unverschämter Dieb! rief der Herr, die letzte Zeile ist ja von Gyöngyösi gestohlen, der ähnliches von dem in die Klemme geratenen Rauchfangkehrer schrieb. – Pardon! sprach der Poet mit unerschütterlichem Gleichmut, das ist eine poetische Licenz; die Poeten dürfen voneinander stehlen und man nennt diese Figur Plagium. Auf einen Wink des Herrn trugen die Heiducken die mitgebrachten kalten Speisen auf, der Tisch wurde vor ihm hingerückt, während er auf seinem Bette ausgestreckt blieb; ihm gegenüber nahmen auf drei Feldstühlen seine drei Lieblinge Platz: der Narr, der Hund und der Poet. Der Herr bekam nach und nach Appetit, als er diese drei essen sah; der Wein verbrüderte sie allmählich, der Poet begann den Zigeuner mit Euer Gnaden zu titulieren und der Narr duzte seinen Herrn, der nacheinander schale Witze über die Maus machte, über welche die zwei andern laut lachen mußten. Als der Herr dann endlich selbst schon glaubte, man könne von der Maus in gar keiner neuen Wendung mehr sprechen, da griff der Zigeuner in seine Brusttasche und rief: da ist die Maus! Er holte sie auch wirklich aus der Tasche hervor, wohin er sie unvermerkt hatte gleiten lassen, während die erschrockene Gesellschaft glaubte, er habe sie verschlungen und ersticke daran. – Da, Mathes! Der Windhund verschlang nun das Corpus delicti wirklich. – Du betrügerischer, nichtswürdiger Schurke! rief der Herr, so betrügst du mich? ich lasse dich dafür aufhängen. Heiducken bringt einen Strick, er muß da an den Tragbalken gehängt werden. Die Heiducken thaten sogleich, was ihnen befohlen wurde; sie ergriffen den fortwährend lachenden Zigeuner, stellten ihn auf einen Stuhl, warfen ihm die Schlinge um den Hals, zogen das Ende des Strickes über den Tragbalken und stießen dann den Stuhl um, auf welchem der Zigeuner stand. Der Narr stieß und zappelte mit allen Gliedern, aber das nutzte nichts; sie ließen ihn nicht los, bis ihm wirklich der Atem auszugehen anfing und als sie ihn herunter ließen, sagte er zornig! ich sterbe! Ich bin kein Narr und werde mich nicht mehr aufhängen lassen, da ich doch ehrlich sterben kann. – Stirb nur, rief der Poet, fürchte dich nicht, ich werde schon für dein Epitaphium sorgen. – Ich sterbe auch, sagte der Narr, legte sich in aller Länge auf die Erde nieder und schloß die Augen. Gyárfás war mit dem Epitaphium sogleich fertig: Hier du Zigeuner, liegst du und wirst nun nimmermehr lachen, Der du ein Geiger warst, bist jetzt die Geige des Tod's. Und der Zigeuner bewegte sich nicht weiter. Er war ausgestreckt, starr, sein Atem stand still, vergebens kitzelte man ihn an der Nase und an den Fußsohlen; er bewegte sich nicht. Dann hoben sie ihn auf den Tisch, stellten rings um ihn brennende Kerzen, wie um einen Katafalk, die Heiducken mußten singen wie bei einer Leiche, aber sie sangen nur allerlei närrische Lieder und der Poet mußte sich auf einen Sessel stellen und die Leichenrede halten. Der große Herr lachte so sehr, daß ihm beinahe der Atem ausging. Während das alles in dem einzigen Gastzimmer der halsbrecherischen Tscharda vorging, näherten sich dem ungastfreundschaftlichen Hause neue Gäste. Es waren die Inhaber jener unglücklichen Kutsche, die auf dem Kereßturer Damm vor unseren Augen und vor denjenigen des Wirts im Kot stecken geblieben ist; und nachdem es drei Stunden hindurch trotz aller angewendeten Anstrengungen nicht gelingen wollte, das steckengebliebene Gefährt wieder flott zu machen, brachte die Not den im Wagen sitzenden Herrn auf den Einfall, sich von einem Menschen auf dem Rücken nach der Tscharda tragen zu lassen. Er setzte sich also auf den Rücken eines Jägers, eines muskulösen, breitschulterigen böhmischen Burschen, ließ seinen Diener bei der Kutsche zurück, damit er auf das Gepäck acht gebe, ließ den Kutscher mit der Wagenlaterne vorangehen und gelangte auf so sonderbare Art nach der Tscharda. Der kräftige Böhme stellte ihn dort im Vorhaus ab. Es wird von Interesse sein, daß wir den neuen Ankömmling, so gut es im ersten Augenblick möglich ist, kennen lernen. Sein Anzug gab zu erkennen, daß er kein Unterländer sei. Nachdem er seinen Mantel mit kurzem Kragen à la Quiroga , abgelegt hatte, sah man, er sei nach einer alten Mode gekleidet, daß er heutzutage gewiß einen Auflauf veranlassen würde, wenn er sich so sehen ließe. Diese Mode nannte man damals à la Calicot . Auf dem Kopfe trug er einen niederen Hut, ungefähr von der Gestalt eines Bratkesselchens, mit einer so schmalen Krämpe, daß man kaum begreift, wie er diesen Hut abnehmen könne. Unter diesem Hut quillt an jeder Seite ein Busch gekräuselter Haare hervor, die so viel und bauschig sind, daß sie über die Krämpe hinaufragen. Sein Gesicht ist rasiert, nur hat er einen Schnurrbart, dessen gewichste Spitzen drohend in die Höhe ragen; der Hals steckt in einer hohen, steifen Krawatte und das Kinn zwischen zwei hohen, spitzigen Vatermördern, so daß er es nicht bewegen kann. Die Taille seines dunkelgrünen Fracks befindet sich beinahe unter den Schultern, aber die Schöße reichen bis unter die Knie hinab und der Kragen ist so hoch, daß er darüber kaum hinwegschauen kann, die messingenen Knöpfe des Frackes sind nicht großer als ein Kirschkern, die Ärmel aber sind übermäßig weit und bauschen sich an den Schultern hoch auf. Sein wachsgelbes Gilet ist von dem großen herausgebogenen Jabot beinahe bedeckt. Ferner tragt er Beinkleider à la Cosaque , die nach unten immer weiter werden und Ausschnitte haben, aus welchen die Schuhspitzen hervorgucken. Unterhalb des Gilets hängen allerlei klingelnde Joujoux, an den Stiefeln trägt er ungeheure Sporen, die so lang sind, daß er einem hinter ihm gehenden Menschen die Augen damit ausstechen könnte, wenn man nicht acht gäbe. So kriegerisch war damals die Mode, in einer Zeit übrigens, in der es keinen Krieg gab. Vollendet wurde das ganze durch ein kleines Stäbchen mit einem aus Elfenbein gedrechselten Vogelkopf, den jeder, der mit der Mode vertraut war, zwischen den Lippen herumzudrehen pflegte; befand sich an dem Vogelkopf ein Pfeifchen, so war es sehr vornehm, damit zu pfeifen. Ein solcher Mann war der eben angelangte Gast und ich glaube, wir kennen ihn schon vollständig, nachdem wir mit seiner Kleidung bekannt sind. Die damaligen Modebengel veränderten auch ihre Sitten, Manieren, ja sogar ihren Charakter, je nachdem es die Mode verlangte. Zur Zeit der jeunesse dorée , der goldenen Jugend, trug die Modewelt große knotige Stöcke und in den Pariser Salons wurde es Mode, den Buchstaben »r« gar nicht auszusprechen; und diese Mode erstreckte sich bis nach Koblenz, so daß, als die eleganten jungen Herren die Noblegarde Ludwigs XVIII. anführten, die Soldaten sie wegen des verschluckten »r« nicht verstanden. In der Calicotzeit hingegen trugen sich sogar die Ladendiener wie die Soldaten und die ganze elegante Welt sprach so harte »r« aus, als ob sie voller Zorn wäre. Zur Zeit des chapeau à la Minerve war es Mode, republikanisch zu sein und römische und griechische Namen zu haben; der chapeau à la Robinson und die cravatte à oreilles de lièvre (Krawatte mit Hasenohren) machten napoleonische Sympathien zur Bedingung; hierauf kam der chapeau à la russe . Und zu jeder Zeit waren die Menschen gleich bereit, die Kleider, die Grundsätze und den Charakter zu wechseln, zuweilen änderten sie sogar auch den Namen, wie einer unserer Landsleute, ein Ungar, der von 1790 bis 1820 alle Phasen der Pariser Mode durchgemacht hat; ursprünglich hieß er Váry, während der römischen Mode wurde hieraus Varus, als alles französisch sein wollte, nannte er sich de Var, als die polnischen Sympathien Mode waren Varßky, später Varoff und endlich kam er als Herr von Var nach Hause. Aber es ist nicht der, der vor uns steht. – Ventre bleu! Sacre bleu! rief der Ankömmling (so viel hatte er aus Béranger gelernt), als er die Küchenthüre einstieß und seinen vom Regen durchnäßten Mantel schüttelte. Was ist das für ein Land! Heda! Licht! ist kein Mensch zu Hause? Jetzt schritt Herr Peter Bus heraus, mit einem Licht in der Hand; nachdem er den Ankömmling und dessen Diener genug angestaunt hatte, fragte er mit ungemeiner an ihm durchaus nicht gewohnter Bereitwilligkeit: »Was befehlen Sie?« dabei sah man ihm aber an, daß er nichts geben werde. Der Fremde sprach gebrochen ungarisch und in seiner Aussprache hörte man irgendeinen fremden Accent. – Mille tonneres ! kann man hier nichts anderes als ungarisch? – Nein. – Das ist schlecht, und der Wirt selbst? – Der bin ich; und wer sind Sie mein Herr? von wo kommen Sie? wo wohnen Sie? – Ich habe hier Grundbesitz, meine Wohnung ist in Paris. Die Teufel haben mich hergebracht, möchten Sie mich nur schon wieder fortbringen, aber der Kot ist gar zu groß auf der Straße. Geben Sie mir jetzt – comment s'appelle . (Hier stockte er, es fiel ihm das Wort nicht ein, welches er brauchte.) – Was soll ich Ihnen geben, mein Herr? – Comment s'appell e? wie nennt man das? – Mich Peter Bus. – Diable ! ich frage nicht, wie man Sie nennt, sondern das, was ich brauche. – Also was brauchen Sie, mein Herr. – Nu, das was den Wagen zieht, es hat vier Füße und man schlägt's mit der Peitsche. – Ein Pferd. – Pas done ! das nennt man nicht so! – Also Vorspann. – Ja, ja, Vorspann, ich brauche Vorspann und zwar sogleich. – Nicht möglich, mein Herr, die Pferde sind draußen auf der Weide. – C'est triste ; dann bleiben wir hier. Tant mieux ; das geniert mich nicht, ich war in Ägypten und Marokko und habe in genug deplorablen Hütten geschlafen! das ist mir ein Spaß. Ich werde mir vorstellen, daß ich in irgendeinem Beduinenzelt schlafe und das hier sei der ausgetretene Nil und diese Tiere, die hier im Walde schreien, comment s'appelle ? die Frösche seien die Krokodile des Nils und dieses miserable Land, wie heißt dieses Departement? – Das nennt man nicht so, wie es da der gnädige Herr sagen, das ist ein Damm und der heißt der Kereßturer Damm. – Fripon ! ich rede nicht von dem Kot, in welchen ich hineingeraten bin; ich will wissen, wie die ganze Gegend heißt. – Ah so, das Szaboleser Komitat. – Szaboles? ein seltsamer Name; woher mag der wohl kommen? durch was zeichnet sich denn dieses Szaboles aus, daß es gerade Szaboles heißt? – Es heißt so, weil ein Anführer so geheißen hat, unter welchem die Ungarn aus Asien gekommen sind. – Ah c'est beau ! das ist lieb. Die guten Ungarn nennen auch setzt noch ihre Departements nach ihren früheren Menschen, das ist rührend. – Nun erlauben Sie mir zu fragen, zu welcher Nation gehören denn Sie? – Ich wohne nicht hier. Bon Dieu ! welch ein Geschick ist es hier zu wohnen, wo der Kot bodenlos tief ist und wo man weiter nichts sieht als Störche. Herr Bus dachte, er wolle auch nichts mehr sehen und wandte sich, um in die Stube zu gehen. – Na, gehen Sie nicht weg mit der Kerze, Signore Contadino . – Ich bitte um Vergebung, ich heiße Peter Edler von Bus und bin mit diesem Namen zufrieden. – Ah! ah! Monsieur de Bouche , Sie sind also ein Edelmann und Wirt zugleich; das macht nichts. Johann Stuart hatte fürstliches Blut und endlich ist er auch Wirt geworden. Wenn wir also hier bleiben müssen, haben Sie guten Wein und ein schönes Mädchen? – Mein Wein ist schlecht und paßt nicht für einen feinen Herrn. Meine Magd aber ist häßlich wie die Nacht. – Häßlich! ah c'est picant , desto besser, einem Gentleman ist das alles eins; gestern eine elegante Dame, heute ein Aschenbrödel; die eine ist schön wie eine Göttin, die andere häßlich wie Macbeths Hexen, dort Parfüm und hier Knoblauchduft, c'est la même chose , das ist alles eins, so ist das Leben bunt. Dem Herrn Peter Bus mißfiel diese Rede sehr. – Es wäre besser, wenn Sie danach fragten, wo Sie diese Nacht schlafen werden, das möchte ich auch gern selbst wissen. – Ah ça , das ist interessant – ist also kein Gastzimmer da? – Ja, es ist eins da, aber es wohnt schon jemand darin. – C'est rien , wir teilen uns darin. Ist's ein Mann, so braucht er sich ja nicht zu genieren und ist's eine Dame, tant pis pour elle , um so schlechter für sie. – Dem ist nicht so. Sie müssen wissen, daß der Herr Jancsi in jenem Zimmer ist. – Qu'est ce que cela , wer Teufel ist der Herr Jancsi? – Das ist der Herr Jancsi, haben Sie von dem Herrn Jancsi noch nichts gehört? – Ah das ist stark, also ist hier ein so patriarchalisches Leben, daß die Leute da nur Taufnamen haben? Eh bien ! also was ist's mit dem Herrn Jancsi, ich gehe hinein und sage ihm, daß ich bei ihm in seinem Zimmer schlafen wolle und ich bin ein Gentleman, den man nicht refüsieren darf. – Das wird wahrhaftig gut sein, sagte Peter Bus; dann sagte er aber gar nichts mehr, löschte die Kerze aus, ging hinein und überließ es dem Fremden, das Zimmer zu suchen, in welches er gehen wollte. Es war finster, daß man gar nichts sah, aber die Töne des Singens und Brüllens dienten dem Ankömmling als Leiter nach der Stube des rätselhaften Herrn, von dem wir jetzt bereits wissen, daß er Herr Jancsi heißt; warum er so heißt, das wird sich später ergeben. Da hatte der Spaß bereits den Gipfel der Verrücktheit erreicht; die Heiducken trugen den Tisch, auf welchem der Narr lag, in der Stube herum und heulten Lieder, hinter ihnen ging der Poet, das Tischtuch als Mantel umgehängt und deklamierte seine fürchterlich schlechten Alexandriner und Herr Jancsi selbst hatte eine Geige, die ihm überall nachgetragen wurde, in der Hand und spielte einen Friss magyar nach dem andern mit einer Fertigkeit, wie nur ein Zigeuner, die beiden Bauernmädchen mußten hierzu mit zwei Heiducken tanzen. Die Begräbnisparodie, die tanzenden Heiducken, der musizierende Herr mit der Geige in der Hand, der Gesang, das Deklamieren des Poeten, das Jauchzen und das Gelächter der Trunkenen, boten dem Auge wie dem Ohr ein so höllisches Charivari, wie man es sich kaum vorstellen kann. In diesem Augenblick trat der Fremde in den Saal; niemand sah ihn kommen und man wurde seiner erst gewahr, als er zu sprechen anfing. – Guten Abend, meine Herren und Damen, ich habe die Ehre Ihnen meine Aufwartung zu machen. Wie groß auch der Lärm gewesen, so verstummte er doch plötzlich; alle gafften mit offenstehendem Munde die fremde Gestalt an, die Plötzlich mitten im Saal stand und sie zutraulich grüßte. Alle waren verwirrt. Herr Jancsi ließ den Bogen fallen, denn wie gern er auch die Posse zu Ende geführt hatte, so genierte er sich doch, dies vor einem Fremden zu thun; indes blieb der neue Ankömmling nicht lange fremd, denn überrascht von der plötzlich eingetretenen Stille, blickte der Narr auf und als er den beinahe wie er selbst gekleideten Kavalier sah, vergaß er, daß er nun tot sei, sprang vom improvisierten Katafalk, stürzte auf den Fremden los, umarmte und küßte ihn und rief: »Grüß dich Gott, mein lieber Freund!« Bei diesem närrischen Empfang brach alles wieder in schallendes Gelächter aus. – Ah c'est drôle , aber zigeunerisch! rief der Fremde, sich den Umarmungen des Zigeuners entwindend; küsse mich nicht mehr, es ist schon genug. Hiermit verneigte er sich ringsherum vor der ehrenwerten Gesellschaft und wischte sich mit seinem Sacktuch die Spuren von den Küssen des Zigeuners vom Gesichte. – Derangieren Sie sich meinethalben nicht, meine Herren und Damen; fahren Sie fort in Ihrer Unterhaltung. Ich bin nicht gewohnt, Unterhaltungen zu stören; ich bin ein echter Gentleman, der es in jeder Gesellschaft versteht, zu prendere son air . Ich habe die Ehre mich Ihnen vorzustellen, ich bin Abellino Karpáthi von Kárpat . Hiermit pfiff er an dem Pfeifchen seines Stockes, warf sich mit nobler Nonchalance in einen Armstuhl und kreuzte die bespornten Füße übereinander. Auf diese Worte waren alle noch mehr erstaunt. Herr Jancsi setzte sich aufrecht und die Hände ans die Knie legend, schaute er den Fremden an, den der Narr nach Art der Hunde umschnüffelte. Endlich fragte Herr Jancsi mit gedehntem, feierlichem Tone. – Sie sind ein Karpáthi? Wissen Sie auch, was das bedeutet, ein Karpáthi zu sein? einen Namen zu führen, den zweiunddreißig Ahnen, lauter Obergespänne und Feldhauptmänner hinterlassen, der einen bessern Klang hat, als alle übrigen Namen in Ungarn. Daher bedenken Sie, was Sie sagen! Es giebt mir noch einen Karpáthi außerhalb Ungarns und der heißt Bela. – Le voilá ! Der bin ich ja eben, sprach der Fremde, eines seiner Beine auf den vor ihm stehenden Stuhl streckend. In diesem barbarischen Lande hat mich meine Mutter zur Welt gebracht. Das war eine noble Dame von feiner Erziehung; aber mein Vater hat sich in verschiedenen Sonderbarkeiten gefallen. Eine derselben war, daß er mich, seinen einzigen Sohn, Bela taufen und ungarisch lernen ließ; Bela! ist das ein Name für einen Kavalier? Zum Glück ist mein Vater früh gestorben und ich ging mit meiner Mutter nach Paris. Mein Name gefiel mir nicht, darum habe ich mir den Namen Abellino beigelegt, der eben am meisten en vouge war; aber die ungarische Sprache konnte ich nicht losbringen. Na, das macht nichts, ich weiß ja sogar auch die Mohrensprache. Das schadet einem echten Gentleman nicht. – Hm, sehen Sie, jetzt ist's sogar gut, daß Sie ungarisch können; was würden Sie sonst anfangen, da Sie in Ungarn reisen? – Ah! venir ici de Paris, c'est tomber du ciel à l'enfer . Von Paris hierher kommen, das heißt vom Himmel in die Hölle fallen. C'est merveilleux , es ist wunderbar, daß die Menschen es hier aushalten können. Ah mon cher Heiduck, dort sehe ich einen Braten, seien Sie so gefällig, ihn näher zu rücken, stellen Sie ihn hierher und schenken Sie mir ein Glas Wein ein. A votre santé messieurs, et mes dames ! Und besonders auf Ihre Gesundheit, Monsieur Jancsi ! Herr Jancsi schwieg; sein Auge folgte jeder Bewegung des Fremden mit gespannter Aufmerksamkeit und allmählich nahmen seine Gesichtszüge den Ausdruck stiller Trauer an. – Also was führt Sie denn hierher? aus dem Himmel in die Hölle? – Hélas! seufzte Abellino, indem er mit dem Eßzeug auf dem Teller einen Marsch trommelte. Eine dringende Angelegenheit. Ein Gentleman, der im Auslande wohnt, hat viele Bedürfnisse und mein Vater hat mir nichts als ein Einkommen von lumpigen viermalhunderttausend Francs hinterlassen; ich bitte Sie, was ist das, wenn man anständig leben will? Und wie soll man davon leben können, wenn man seiner Nation Ehre machen und den Leuten beweisen will, daß man auch etwas versteht? Ich habe in Paris eines der ersten Häuser geführt, eine eigene Meute und Parforcejäger gehalten, die berühmtesten Tänzerinnen und Sängerinnen waren meine Maitressen; ich war in Ägypten und Marokko, habe die schönsten Haremweiber des Beys entführt, die Saison in Italien zugebracht und hatte selbst eine elegante Villa am Comosee; ich habe durch die berühmtesten Autoren Frankreichs Folianten über meine Reisen schreiben lassen und dieselben unter meinem eigenen Namen herausgegeben; die Académie de sciences mich dafür zu ihrem Mitglied gewählt; in Homburg habe ich auf einem Sitz eine halbe Million Francs verloren, ohne nur einmal das Gesicht zu verziehen – und jetzt ist mein lumpiges Einkommen samt dem Grundvermögen phü! Hierbei zeigte er mit Hand und Mund, daß es Verblasen sei. Herr Jancsi blickte immer starrer auf den noch nicht alten Roué und unwillkürlich seufzte er tief auf. – Das macht aber nichts, fuhr der Chevalier mit beruhigendem Tone fort; wer eine Million besitzt, der kann zwei Millionen ausgeben. Auf einmal aber setzen sich's ces fripones de creanciers , diese Schurken von Gläubigern in den Kopf, von mir Geld zu begehren und wie der eine anfängt, thun's ihm die andern Narren nach. Ich zanke mit ihnen, sie sind nicht zufrieden, gehen zum Gericht und ich muß Paris verlassen. C'est pour bruler la cervelle . Man könnte sich eine Kugel ins Gehirn jagen! Mais v'lá ! Das Glück ist mir günstig, da geschieht's, daß ein Bruder meines Vaters, ein gewisser Johann von Karpáthi, der noch viel reicher war, als mein Vater – – Aha! – Ein närrischer alter Kauz, von dem man sich tausenderlei Narrheiten erzählt – – In der That? – Jawohl. Er soll sich niemals aus seinem Dorf fortrühren, er hält in seinem Kastell ein Theater, in welchem seine eigenen Komödianten spielen; er läßt die ersten Sängerinnen hinkommen, bloß damit sie ihm Bauernlieder vorsingen; er hat einen ganzen Palast für seine Hunde und speist mit ihnen an einem Tisch. – Na, und was noch? – Er hält einen ganzen Harem von Bauerndirnen und tanzt mit ihnen in Gesellschaft von Betyáren, wie er einer ist, die ganze Nacht, dann hetzt er die Gesellschaft, bis sich die Leute die Köpfe blutig schlagen. – Und weiter? – Er ist ein solcher Sonderling, daß er nichts duldet, was ausländisch ist; nicht einmal Pfeffer läßt er auf seinen Tisch bringen, weil dieser nicht im Lande wächst, sondern Paprika; auch Kaffee duldet er nicht und anstatt Zucker braucht er Honig. Ist das nicht verrückt? – Freilich. Wissen Sie nichts mehr von ihm? – O noch tausend solche Einfälle; sein ganzes Leben ist eine Narrheit; nur einmal in seinem Leben hatte er einen gescheiten Einfall. Als ich eben nichts mehr besaß und als mir schon gar nichts mehr helfen konnte, als eine reiche Erbschaft, da stopft sich dieser reiche Onkel, dieser ungarische Nabob, dieser Plutus eines Abends den Magen voll mit Kibitzeiern und am nächsten Morgen stirbt er. Davon hat man mich natürlich sogleich in Kenntnis gesetzt. – Und jetzt sind Sie gekommen, um die reiche Erbschaft zu erheben, nicht wahr? – Ma foi , sonst hätte mich nichts dazu bewegen können, dieses detestable Land zu betreten. – Na, dann lassen Sie nur gleich wieder anspannen und fahren Sie zurück nach Paris, oder nach Italien, oder gar nach Marokko, denn dieser halbnärrische Onkel, dieser reiche Betyár bin ich selbst , ich bin nicht gestorben. Abellino erstarrte auf diese Worte, er ließ vor Schreck Füße und Hände sinken und stammelte: Est ce possibile ? wär' es möglich? – So ist's; ich bin der Johann von Karpáthi, den das gemeine Volk den Herrn Jancsi schilt, wie es auch Ihnen beliebte, mich zu nennen. – Ah, wenn ich das gewußt hätte! rief der Chevalier, indem er aufsprang und hineilte, um die Hand des Onkels zu ergreifen; aber die schlechten Leute haben nur mein einziges Onkelchen ganz anders beschrieben, sodaß ich mir ihn gar nicht als einen so noblen Gentleman vorstellen konnte; mille tonnerres ! soll sich noch jemand unterstehen zu sagen, daß mein liebes Onkelchen nicht der wackerste Kavalier auf dem ganzen Kontinent ist! Ich wäre untröstlich, wenn ich Sie nicht hätte kennen lernen. Das ist prächtig; ich suche einen toten Onkel und finde einen lebenden; c'est bien charmant ! Fortuna ist nicht umsonst eine Dame, sie ist ganz vernarrt in mich. – Lassen Sie die dummen Reden, mein lieber Herr Neffe, ich liebe das nicht; ich bin daran gewöhnt, daß selbst mein Heiduck mit mir grob spricht, weil mir das besser gefällt. Mein Herr Neffe kommt weit her, um mich zu beerben, seine Gläubiger kommen scharenweise hinterdrein und jetzt findet er, daß ich noch am Leben bin, ist das nicht ärgerlich? – Au contraire . Na Sie leben, liebes Onkelchen, so können Sie sich ja noch liebenswürdiger machen. – Wie so denn? Ich verstehe Sie nicht. – Na, ich will nicht um eine jährliche Apanage einkommen, ce serait bien fatigant für uns beide; ich mache Ihnen den Antrag, daß ich Sie für immer in Ruhe lassen will, wenn Sie jetzt meine Schulden auf einmal auszahlen wollen. – Hm, wie großmütig; und wenn ich nicht zahle, so erklären Sie mir vielleicht den Krieg? – Na, liebes Onkelchen, wozu diese Plaisanterie? Wozu sagen Sie, ich zahle nicht? Une bagatelle , einige hunderttausend Livres, was ist das für Sie? – Ja, lieber Neffe, ich bedauere sehr, daß Sie Ihrem Vermögen, welches Ihre tapferen Ahnen durch Verdienste erworben haben, so stark zu Leibe gegangen sind, aber ich kann Ihnen nicht helfen; das Geld brauche ich selber. Ich verschwende es auch an Narren, aber an inländische. Ich habe ganze Scharen von Betyáren, Heiducken und Schmarotzern und wenn mein Einkommen nicht durch sie aufgeht, so traktiere ich die Krähen des Feldes, oder wenn es mir einfällt, so lasse ich eine Brücke bauen von einem Berg zum andern; aber für mein Geld lassen wir keine Tänzerinnen herumkutschieren, noch entführen wir marokkanische Prinzessinnen, oder klettern auf die Pyramiden; wenn es Ihnen beliebt, so finden Sie bei mir zu essen und zu trinken, so viel Sie wollen, auch haben Sie da schöne Mädchen zur Auswahl, mehr als genug und wenn Sie sie schön ankleiden, so sind sie gewiß so schön, wie marokkanische Prinzessinnen; auch Reisen können Sie machen, denn das Land ist groß genug, Sie brauchen eine ganze Woche nicht vom Wagen zu steigen und fahren immer ans meinem Grund und Boden, aber wir schicken kein Geld ins Ausland, wir tragen nicht Wasser in die Donau. Der Chevalier begann die Geduld zu verlieren und warf sich während der ganzen Moralpredigt auf dem Stuhl unruhig hin und her. – Ich begehre ja nichts geschenkt, rief er endlich aus, als er zu Wort kam, ich will ja nur einen Vorschuß. – Einen Vorschuß? Worauf? Vielleicht auf meine Haut? – O! rief Abellino ungeduldig, mit jenem Ausdruck der Impertinenz im Gesicht, den wir an manchen Menschen mit Recht so bewundern, die gerade dann am frechsten sind, wenn sie am demütigsten sein sollten. Er rückte sich hochmütig die Krawatte zurecht, steckte die Hand vorn in den Brustlatz und sagte: Was Sie besitzen, wird ja doch früher oder später mein Eigentum werden! Sie wollen es doch nicht mit ins Grab nehmen? – Ins Grab ! rief der Alte schaudernd und erblaßte. Was? Ins Grab? Ich? – Ja, ja; Sie stehen ohnedies schon mit einem Fuß darin; die Bankette, Pasteten und Bauerndirnen werden schon bald auch den andern hineinbringen und dann wird Ihr ganzes Vermögen mein sein, ohne daß ich Ihnen dafür zu danken brauche. – Kutscher! schrie der alte Karpáthi von seinem Sitz aufspringend mit dem Ausdruck edler Entrüstung im Gesicht, Die Wagen vor! wir reisen ab, im Augenblick, Keinen Laut will ich mehr hören in dieser Stube. Abellino lachte über den ohnmächtigen Zorn des Alten. – Wozu wüten Sie, wozu echauffieren Sie sich? So trifft Sie ja der Schlag noch früher. Na na, guter Alter, Sie brauchen sich nicht so zu ärgern, ich kann ja warten, ich bin ja noch jung. Und hiermit begann er ein Bruchstück einer Chansonette, das ihm von einem Vaudeville im Gedächtnis geblieben, zu summen und streckte sich auf drei Stühlen in aller Länge nieder. Die Heiducken wollten ihm die Stühle wegziehen und schickten sich an, das Gepäck aufzuladen. Laßt alles, wie es ist, schrie der Alte; ihr dürft nichts anrühren, was er einmal berührt hat; Wirt, wo sind Sie, Alles, was hier in der Stube ist, gehört Ihnen. Bei den letzten Worten war der alte Herr schon so heiser, daß man ihn kaum verstehen konnte. Der Narr faßte ihn bei der Hand, damit er nicht umfalle und der Poet ging furchtsam auf die Seite. – Sehen Sie, der Lärm nützt Ihnen nichts, sprach Abellino mit spöttischer Teilnahme; eilen Sie nicht so sehr, denn sonst fallen Sie und das ist nicht gesund, nehmen Sie den Pelz um, damit Sie sich nicht erkühlen; wo ist der Fußsack des gnädigen Herrn? He Bursche, Ziegel wärmen und meinem lieben Onkelchen unter die Füße legen. Gebt acht, daß ihm nicht ein Haar gekrümmt werde. Herr János sprach währenddessen kein Wort; es war das erste Mal in seinem Leben, daß man es wagte, ihn so zu ärgern, Welcher Ausgang war zu befürchten, wenn das ein anderer gewagt hätte! Die Heiducken und die Reiter standen zitternd da, selbst Herr Peter Bus verstummte, als er den alten Herrn sah, der mit blutunterlaufenen Augen vor sich hinstarrte. Die Heiducken hoben ihn mit schwerer Mühe in den Wagen, die zwei Mädchen setzten sich neben ihn an beiden Seiten, dann winkte er dem Wirt zu sich und murmelte ihm mit dumpfer, heiserer Stimme einige Worte zu, worauf dieser wie einstimmend nickte. Dann warf Herr János seine Brieftasche hin und winkte ihm zu, er möge sie behalten. Hierauf fuhr der Wagen hinaus, umgeben von den berittenen Fackelträgern. Mit spöttischem Ton rief der Roué, Kuhhände werfend, ihm den Abschied nach: Adieu cher oncle! adieu , liebes Onkelchen Jancsi! Ich grüße die Fräulein zu Haus und die werten Hunde dazu! Au revoir ! Auf Wiedersehen! Und hierbei warf er ihm fortwährend Kußhände nach. Der Wirt begann hierauf alles aus der Stube zu schaffen, die Betten und die Tische, welche der Herr János ihm gelassen hatte. – Ah cher ami , könnten Sie die Räumerei nicht auf morgen verschieben? Ich brauche ja diese Sachen. – Nicht möglich; ich muß das Haus anzünden. – Que diable ! Wie wagen Sie's, so was auszusprechen? – Das Haus gehört dem Herrn, der eben fortgefahren ist; was darin ist, gehört mir und ist mir ausbezahlt worden; er hat befohlen, dieses Wirtshaus anzuzünden und an dieser Stelle wird es von nun an kein Wirtshaus mehr geben. Übrigens hat sich kein Mensch darum zu kümmern. Hiermit hielt er mit großem Phlegma die brennende Kerze gegen ein Bündel Schilfrohr, das unter dem Vordach lag und sah kaltblütig zu, wie die Flamme um sich griff. Bei dem Licht konnte er bequem ausrechnen, wie viel er für diese Illumination erhalten habe. Er hätte sich dafür drei Häuser in Szegedin kaufen können. Er war zufrieden. Dem Chevalier blieb, wenn er nicht verbrennen wollte, nichts anderes übrig, als seinen Mantel umzunehmen und sich von seinem Jäger wieder zu seiner Kutsche tragen zu lassen. Du hast mich aus dem Wirtshaus verdrängt, ich werde dich aus der Welt schaffen! murmelte er, während sein Jäger mit schmatzenden Stiefeln durch den Kot watete. Die beiden Männer übereinander nahmen sich im Feuerschein aus, wie ein höckeriger Riese. So endigte das verhängnisvolle Zusammentreffen der beiden Verwandten in der halsbrecherischen Tscharda. 2. Handel um die Haut eines noch lebenden Menschen. Herr Griffard war zu jener Zeit einer der reichsten Bankiers zu Paris. Im Jahre 1780 war er noch Pastetenbäcker in einer Vorstadt und schärfte seine Finanzwissenschaft nur noch an den Studenten des Kollegiums von Piquepuce, indem er fortwährend jenen aureus calculus anwandte, nach welchem man die Zeche, die ein Student schuldig geblieben, von den anderen durch größere Rechnungen hereinbringen konnte. Die Mississippiwut riß auch ihn mit sich fort. In Paris wurde damals jedermann über Nacht ein Millionär; auf den Gassen und Plätzen wurden Mississippiaktien gekauft und verkauft. Herr Griffard verkaufte seinen Pastetenkram seinem ersten Gesellen, ging fort, um Millionen zu suchen und fand sie auch. Aber eines Tages platzte die ganze Mississippigeschichte wie eine Seifenblase und Herr Griffard behielt nicht mehr als neun Sous in der Tasche. Wenn jemand niemals Millionär war und nur einen Sons in der Tasche hat, so ist das nicht so ärgerlich; wenn man aber schon den hohen Standpunkt eingenommen hat, von welchem aus man eine eigene Equipage, Pferde, Livreebedienten, prächtig möblierte Zimmer, einen reich gedeckten Tisch, schöne Maitressen und dergleichen andere schöne Gegenden sieht, so ist das Zurücksinken in die vorige Niedrigkeit eine höchst unangenehme Sache. Herr Griffard ging in seinem tiefen Schmerz in den Laden eines Messerschmieds, kaufte sich für sechs Sous ein großes Messer und ließ es für zwei Sous schleifen. Indes langte bei dem Laden ein Schwarm von nach der neusten Mode halbgekleideten und aufgeschürzten Citoyens, phrygische Mützen auf dem Kopf, an, und schrie: nieder mit den Aristokraten. Einer von ihnen trug eine Stange, an welcher gleich einer Fahne die erste Nummer der Zeitung Marats flatterte. Man nahm das Blatt herunter und derjenige, welcher am wenigsten heiser war, las es mit lauter Stimme vor. Aus dem, was Herr Griffard vernahm, lernte er, daß er mit dem geschliffenen Messer eine weit nützlichere Beschäftigung vornehmen könne, als sich selbst den Hals abzuschneiden. Er steckte daher das Messer ein, mischte sich in den Schwarm und schrie mit: à bas les aristocrates ! Wo überall er sich hierauf einige Jahre hindurch herumgetrieben habe, das weiß er vielleicht selbst nicht mehr. Um Ruhm kümmerte er sich nicht viel, diesen überließ er andern, aber indem wir einige Jahre später, in der Zeit des Direktoriums mit ihm zusammentreffen, können wir ihm schon als Verpflegskommissär bald bei der Rhein-, bald bei der italienischen Armee unseren Respekt bezeugen, je nachdem er sich von dem einen oder dem andern General erschießen lassen wollte. Denn es pflegt zweierlei Verpflegskommissäre zu geben, nämlich solche, die durch ihr Unternehmen Bettler und solche, die Millionäre werden; die ersteren pflegen sich selber zu erschießen und die letzteren pflegen erschossen zu werden. Letzterer Fall indes ist weit seltener. Herr Griffard war so glücklich, zu denjenigen zu gehören, die Millionäre und nicht erschossen werden. Er erwarb sich einige hübsche Güter, welche von Emigranten dem Staat zurückgelassen wurden; und als diese in den Tagen der Restauration zurückkamen, war Griffard einer derjenigen, welche den Einmarsch der alliierten Truppen vom Balkon ihrer eigenen Paläste mit ansahen; einige Emigranten, die hinter den siegreichen Truppen ihren Einzug hielten, sahen verwundert auf das prächtige fünfstöckige Palais am Boulevard des Italiens, das damals noch nicht existiert hatte, als sie Paris zum letztenmale sahen – und wenn sie sich erkundigten, wer der Eigentümer sei, so hörten sie einen Namen, der ihnen unbekannt war. Aber nicht lange blieb der Name unbekannt. Wer Millionen besitzt, der gelangt mit leichter Mühe zu einem Renommee, daß er zu den besten Gesellschaften Zutritt erhält. Auch Mr. Griffards Name hatte bald einen sehr angenehmen Klang, Es gab keine elegante Soiree, keine geniale Matinee, kein Wettrennen, keine Orgie, keine berühmte Entführung, wo er nicht dabei gewesen wäre; Herr Griffard blieb nirgends aus, denn das sind ja die besten Gelegenheiten, bei welchen ein feiner Beobachter die Leidenschaften, Narrheiten, die Vermögenszustände oder die Geldnot der Leute gründlich studieren und darauf hin sichere Berechnungen anstellen kann. Herr Griffard war der kühnste Unternehmer der Welt. Er wagte es, den ruiniertesten Verschwendern, die selbst von ihren Bedienten wegen rückständigen Lohnes vor Gericht belangt wurden, große Summen zu leihen und er kam auf einem oder dem andern Wege zu seinem Geld. Wenn ich sage »zu seinem Geld«, so bedeutet das, daß er immer doppelt so viel zurückerhielt, als er geliehen hatte. Denn eben deshalb beschäftigte er sich stets mit gewagten Unternehmungen, damit er nicht genötigt sei, sich mit kleinen Prozenten zu begnügen. Und nicht bloß einzelne, nicht bloß die Höchsten konnte er sich verbindlich machen. Seine Sorgfalt erstreckte sich auf das ganze verehrte Publikum. Die im besten Zustand befindlichen Tontinen und Lebensversicherungsanstalten, die solidesten Spielbanken standen unter seiner Schutzherrschaft; und damit auch der Staat nicht sagen könne, daß sich Mr. Griffard nicht um die öffentlichen Angelegenheiten kümmere, hatte er auf der Börse immer die authentischesten Nachrichten und was immer auch im offiziellen Moniteur stand, wenn Herr Griffard plötzlich viele Papiere verkaufte, so wurde die ganze Börsenwelt von einer Panik ergriffen und die Kurse sanken, wenn er aber zu laufen anfing, so stiegen die Kurse wieder plötzlich. Manchmal stand er allein fest, wenn die ganze Börsenwelt schwankte und dann gewann er durch seine Ausdauer außerordentlich viel. Er wußte schon selbst nicht mehr, wie groß sein Vermögen sei. Einem armen Manne gelingt es schwer, sich zu einem Besitz von hundert Gulden hinaufzuschwingen, aber einem Millionär ist es ein leichtes, noch einige Millionen zu erwerben. Auch das Geld liebt Gesellschaft. Wie gesagt, dieser große Mann besaß den seltenen und liebenswürdigen Mut, verzweifelte Unternehmungen mit dem größten Vertrauen zu beginnen und bankerotten Menschen Geld zu leihen. Das wiederholen wir nur, damit unsere Leser sich nicht wundern, wenn wir einen Helden unserer Erzählung – wenn es erlaubt ist, den jungen empfindlichen Chevalier einen Helden zu schelten – bei ihm in Paris finden. Der Ort der Zusammenkunft ist eigentlich nicht Paris, sondern eine angenehme Insel der Seine, die Isle de Jerusalem, wo sich die Villen der reichsten Geldleute von Paris befinden, wo es nicht jedem lumpigen Millionär möglich ist, eine Villa zu bauen, Gärten und Parks anzulegen, denn hier kostet jeder Quadratmeter Boden tausend, ja zuweilen sogar zwölfhundert Francs, so daß ein englisches Gärtchen, das zehn Morgen groß ist, so viel kostet, wie eine mittelmäßige Herrschaft in Ungarn. Unter all den Villen, Pavillons und Tuskulanums, welche die kleine Insel bedecken, war unstreitig die schönste, großartigste und kostbarste die Griffard'sche Villa. Auf einem kleinen, durch Menschenhand aufgeworfenen Hügel, die Front der breiteren Wasserseite zugekehrt, stand das durchaus im Geschmack der Nation und der Zeit erbaute Lusthaus, zum Ruhme der damaligen Baukunst, die mit Verachtung aller Klassizität, sowie des Rokokogeschmacks, alles ersann, was möglichst gewunden, seltsam und unbequem war. Es war jedoch nicht genug, daß sich der Garten auf der Insel befand, er war hier selbst noch mit einem künstlichen Fluß umgeben, über welche alle Arten von Brücken führten, von der amerikanischen Kettenbrücke angefangen bis zu den aus Holz und Rinde zusammengefügten und mit Wintergrün bekleideten, bretagnischen Brücken; jede derselben wurde von eigenen mit Hellebarden bewaffneten Brückenwächtern bewacht und die entsprechenden Hütten derselben stellten wieder bald ein Eremitenhaus, bald einen Leuchtturm vor; jeder der Wächter endlich hatte ein anderes Blasinstrument, so daß man immer voraus erfahren konnte, über welche Brücke und auf welchem Wege sich jemand dem Kastell näherte. Jenseits der Brücke folgten die gewundenen Wege des englischen Gartens, welche zu jener Zeit die glatt beschnittenen, den Coulissen ähnlichen Alleen verdrängt hatten. Man ging da immer unter dem dichten Laub ineinandergreifender Bäume und konnte Stunden lang umherirren, ohne zu finden, wo man hin wollte; der Rand der Wege war überall mit Blumen dicht besetzt, bei jeder neuen Krümmung sah man bald eine Jasminlaube mit idyllischen Bänken, bald marmorne Götterstatuen, die geschmackvoll von Päonien umwunden waren; ferner Pyramiden, die über und über mit Blumen bedeckt waren, künstliche Ruinen mit Ungeheuern Agaven und Kaktus besetzt, ein ägyptisches Grabgewölbe mit wirklichen Mumien und einer ewigen Lampe, die jeden Morgen mit Öl versehen wurde, einen römischen Altar mit steinernen Gefäßen, korinthischen Vasen und aus farbigen Steinen nachgeahmten antikrömischen Fladen und Kühen, wie sie zur Zeit der Nymphe Egeria dargebracht wurden und unter welche einmal ein Witzling die maliziösen Worte schrieb: »Hier bekommt man alte Pasteten«. Dieser Witz ärgerte übrigens den ehemaligen Pastetenbäcker nicht, weshalb er diese Worte gar nicht einmal weglöschen ließ. Hie und da an geräumigeren Plätzen stürzten rauschend große Springquellen und Wasserfälle in Marmorbecken, gläserne Kugeln auf dem hohen Strahl balancierend und zahlreichen Goldfischen als Tummelplatz dienend; das Wasser floß von hier in große Teiche, die hinter hohem orientalischen Riedgras verborgen lagen und auf deren ruhigen Wellen schöne weiße Schwäne schwammen, die zwar nicht so schön sangen, wie es die Dichter den Menschen weiß machen wollen, die aber um desto mehr Kukurutz verzehrten, ein Artikel, welcher damals noch teurer war, als reines Korn. Wenn man alle diese gewundenen Gänge durchschritten und alle diese Wunder angestaunt hatte, so kam man doch endlich in die Allee, die zum Tuskulanum führte, auf dessen Treppen auf beiden Seiten, teils blühende, teils mit Früchten beladene Pomeranzenbäume stehen. Unter diesen Pomeranzenbäumen sehen wir den jungen Gentleman, mit welchem wir bereits Bekanntschaft zu machen das Glück hatten. Indes ist seitdem ein Jahr verflossen, die Mode hat sich stark geändert und wir müssen ihn daher aufs neue vorstellen. Die Calicotsaison ist zu Ende; jetzt trägt der junge Dandy einen langen, bis zum Knie reichenden, zugeknöpften Kaputrock, glänzende Stiefel, in deren hohen Röhren die engen Unaussprechlichen stecken und anstatt des Schnurrbarts, der verschwunden ist, einen Backenbart, der sich von den Ohren nach der Nase zieht, das Haar ist mitten gescheitelt und darüber ein schauderhaftes Etwas gestülpt, das man Chapeau à la Bolivar nannte und das eine sehr zweckmäßige Art von Hüten war, da es eine so breite Krämpe hatte, daß sie als Regenschirm dienen konnte. Dieser Hut wurde nach oben zu immer breiter. Das ist Abellino von Karpáthi. Auf den Treppen und in den Vorzimmern, die zu dem Bankier führten, wimmelte es von Livreebedienten, welche den Gast von Hand zu Hand gaben, ihm Überrock, Rock und Hut abnahmen, die er beim Fortgehen durch gutes Trinkgeld wieder einlösen mußte. Diese verdienstvollen Brotvertilger kannten Abellino schon genau, denn die ungarischen hohen Herren wissen sehr gut, sie müssen im Ausland die Ehre der Nation besonders vor den Bedienten aufrecht erhalten und dazu gebe es nur ein Mittel: Geld wie Wasser ausstreuen und das Aufheben eines fallengelassenen Sacktuches mit Dukaten belohnen. Wir müssen wissen, daß ein eleganter Chevalier kein anderes Geld bei sich trägt, als Dukaten und zwar auch diese nur vom neusten Gepräge und gut mit eau de cologne und anderen Parfüms besprengt, damit man ihnen nicht die Berührung fremder Hände anmerke. In einem Augenblicke waren Abellino Rock, Stock und Handschuhe abgenommen, die Bedienten klingelten einer dem andern, er wurde von einem Vorzimmer zum andern geführt und kaum war der Ritter zu der letzten Thüre gelangt, als ein Bedienter daraus hervortrat, meldend, Herr Griffard sei bereit ihn zu empfangen und hiermit wurden die hohen Mahagonithürflügel auseinandergeschlagen, welche in Herrn Griffards Empfangszimmer führten. Da saß Herr Griffard, von einem Stoß Zeitungen umgeben; denn beiläufig gesagt, nur die ungarischen hohen Herren haben die Idee, der Sommer sei vom Schöpfer nur dazu eingerichtet wurden, daß man während desselben keine Zeitungen lese. Herr Griffard las also eben die neusten Nachrichten von den Siegen der Griechen, ganz hergestellt dadurch von dem unangenehmen Gefühl, das ein englisches kritisches Blatt in ihm erregt hatte, in welchem ein gewisser Herr Watts beweisen wollte, jener gottlose und aufgeblasene Lord Byron habe alle seine Gedichte von verschiedenen Schriftstellern abgeschrieben. Diese Polemik verursachte, daß Herr Watts einige Jahre hindurch sich einer gewissen Berühmtheit erfreute. Vor dem Bankier stand auf einem kleinen Tisch aus chinesischem Porzellan ein silbernes Theeservice und eine halbgefüllte flache Schale, aus welcher er von Zeit zu Zeit eine Flüssigkeit schlürfte, wahrscheinlich Thee mit Ei gemischt, den er mit aus einer gewissen Milch extrahiertem Zucker versüßte; diese Substanz war damals eben erst erfunden und wurde als ein gutes Mittel gegen Brustschmerzen gerühmt, war aber sehr teuer, weshalb viele reiche Leute es für modern hielten, an Brustschmerzen zu leiden, um sich dieses teuern Heilmittels bedienen zu können. Das Zimmer des Bankiers erinnerte nicht im geringsten an den einstigen Pastetenbäcker; als er die Kastelle der Emigranten kaufte, nahm er auch ihre Kammerdiener in seine Dienste und ein geschickter Kammerdiener ist der beste Lehrer jener vornehmen Uniformen, welche die Klassen der Chinesen, Lateiner und Philister so sehr bewundern, ohne sich sie aneignen zu können. Der massive Teil der Möbel, die Fauteuils, Diwans, Schreib- und Büchertische waren aus Ebenholz mit Silber verziert, die Überzüge aus weißem Kaschmir mit blumigen Bordüren, kein einziges Möbel stand dicht an der Wand oder in einer Ecke, sondern teils in der Mitte des Zimmers, teils mit den breiten Seiten an die Winkel gerückt, denn so war es damals Mode; und zwischen den Möbeln, die mit ihren schwerfälligen Formen die damalige (1822) europäische Blasiertheit und Nüchternheit darstellen sollten, standen als notwendiger Gegensatz die schön ciselierten, schlanken, korinthischen Vasen; kostbare antike Statuen, welche aus den vor nicht langer Zeit entdeckten Überresten Pompejis ausgegraben wurden, standen neben den bunten, mit Gold und Silber ausgelegten Tischen aus chinesischem Porzellan. Die Fußteppiche waren lauter mit der Hand gestickte Arbeiten und auf die meisten derselben war mit großen Buchstaben gestickt: souvénir , was aber dennoch nicht den Verdacht beseitigt, daß der Bankier diese Teppiche um teures Geld gekauft habe; die Wände waren von mit Silber bepreßten Tapeten bedeckt; Tibetshawls, die vom Plafond bis auf den Boden herabhingen und von silbernen Schlangen zusammengehalten wurden, teilten die Wände in Felder, in deren jedem prächtige Stahlstiche (in eleganten Arbeitszimmern pflegt man nicht Ölgemälde zu halten, diese gehören in die Salons), die Porträts berühmter Modedichter und Pferde hingen: die Porträts derjenigen Dichter, welche der Bankier persönlich kennt, sind mit Versen versehen, die sie eigenhändig hingeschrieben haben. Alles das beweist uns zur Genüge, daß der Bankier einen sehr geschickten, seine Zeit kennenden Kammerdiener hat. Der Bankier selbst ist ein ungefähr siebzigjähriger ehrwürdiger Greis mit einem freundlichen, auf den ersten Blick einnehmenden Gesicht; nicht nur seine Haltung, sondern sein ganzes Benehmen erinnert lebhaft an Talleyrand, zu dessen größten Verehrern er gehört. Sein Haar ist wunderschön weiß, sein Gesicht noch rot, glatt rasiert und lebhaft, seine Zähne sind gesund und weiß, seine Hände besonders fein und glatt, wie gewöhnlich bei Leuten, die sich viel mit dem Kneten feinen süßen Teiges beschäftigt haben. Sobald der Bankier durch die geöffneten Thüren Karpáthi erblickt hatte, legte er die Zeitungen beiseite, die er ohne Augenglas zu lesen vermochte, ging dein Gast bis zur Thüre entgegen und grüßte ihn aufs allerfreundlichste. Diese große Freundlichkeit bestand den eleganten Modeformen gemäß darin, daß man sich schnell auf die beiden Fußspitzen erhob, mit den Fingerspitzen eine Bewegung nach dein Mund machte, den Oberleib so weit als möglich vorbeugte und den Kopf langsam schüttelnd, die Hand dem Fremden entgegenstreckte, was dieser mit gleichen Attitüden erwiderte. – Monseigneur! rief der junge Merveilleux (das war der Titel der Modeherren), ich bin der Ihre bis zum Absatz meines Schuhes. – Monseigneur! antwortete Mr. Griffard mit noch größerer Plaisanterie, ich bin der Ihrige bis zum Grund meines Kellers. – Hahaha! hahaha! Das war gut gesagt, Sie haben mir gut geantwortet, lachte der junge Dandy; von diesen Bonmot wird man in einer Stunde auf allen Boulevards sprechen. Also was giebt es neues in Paris, mein lieber Goldsouverän? Schlechtes will ich nichts hören, sagen Sie mir nur, was es gutes giebt. – Die beste Neuigkeit, sprach der Bankier, ist die, daß wir Sie wieder in Paris sehen können; und eine noch bessere, daß Sie bei mir sind. – Ah, Monsieur Griffard, Sie sind immer so höflich, sprach der junge Incroyable (auch ein Modetitel), sich in einen Fauteuil werfend. Dies war übrigens damals nicht mehr Mode; man mußte sich rittlings auf einen Sessel setzen und an die Lehne mit den Armen stützen. Aber das konnte Abellino noch nicht wissen. – Eh bien , Monsieur Griffard, fuhr er fort, indem er sich in einem Taschenspiegel besah, ob seine Frisur nicht zerstört sei; wenn Sie mir also keine gute Neuigkeit sagen können, so kann ich Ihnen dafür eine andere erzählen, aber eine schlechte. – Zum Beispiel. – Zum Beispiel, Sie wissen, daß ich nach Ungarn gereist bin, um eine gewisse Erbschaft zu erheben, ein gewisses Majorat, das ein Einkommen von anderthalb Millionen trägt. – Ich weiß es, sprach der Bankier mit frostigem Lächeln und spielte mit einer Feder. – Sie werden vielleicht auch das wissen, daß in dem asiatischen Lande, wo mein Majorat liegt, nichts so schlecht eingerichtet ist wie die Gesetzgebung, ausgenommen die Landstraßen, die noch schlechter sind. Doch nein, die Gesetzgebung ist noch schlechter als diese. Die Landstraßen können wenigstens bei trockenem Wetter gut sein, aber die Gesetzgebung bleibt immer dieselbe, ob es regnet oder ob die Sonne scheint. Hier hielt der junge Merveilleux inne, als ob er dem Bankier Zeit lassen wollte, ihm zu diesem geistreichen Einfall zu gratulieren. Doch jener lächelte nur und sagte nichts. – Sie müssen wissen, fuhr Abellino fort, daß diese Menschen ein großes Buch haben; ich sage zu wenig, wenn ich es mit dem Strazzabuch eines Spezereikrämers vergleiche; darin sind nun alle Gesetze enthalten, welche je von Barbaren gebraucht wurden, z.\ B. auch das, daß ein Hahnrei sein treuloses Weib samt ihrem auf der That ertappten Liebhaber umbringen dürfe. Außerdem ist das Land voll von Advokaten; der Bauernstand besteht nur aus zwei Klassen von Menschen, nämlich ans Ackerbauern und Advokaten; daselbst nennt man manche Bauern Edelleute, warum, weiß ich nicht. Diese Advokaten haben nichts anderes zu thun, als überall Prozesse aufzusuchen und welche zu veranlassen, wenn sie keine finden, und für ein solches Meer von Prozessen und Advokaten giebt es in jedem Departement nur einen Richter und auch der beschäftigt sich im Sommer mit Rapsproduktion und Branntweinbrennen; aber das ist nicht genug, wenn man einmal ein gerechtes Urteil erlangt hat, so steht es der verlierenden Partei frei, den Richter zu verjagen, mit dem Stock oder einer Eisengabel Widerstand zu leisten und bei drei höheren Gerichtshöfen zu appellieren, deren letzter die Septemtrionaltafel heißt. (Mr. Abellino meint hier eigentlich die Septemviraltafel.) – Sie erzählen mir da sehr spaßige Dinge, sprach Mr. Griffard lachend, der durchaus nicht begriff, wozu er das alles so gründlich zu wissen brauche. – Ah, Sie müssen das alles hören, wenn Sie das Folgende verstehen sollen. Außerdem giebt es in der ungarischen Sprache noch einen sehr rabulistischen Ausdruck: intra dominium et extra dominium , was in unserer Sprache so viel bedeutet, wie »außerhalb des Besitzes und innerhalb des Besitzes.« Möge nun jemand auf eine gewisse Herrschaft was immer für ein kleines Recht haben, so ist er übel daran, wenn er außerhalb des Besitzes ist; derjenige aber, der innerhalb desselben ist, mag er was immer für ein Usurpator sein, kann leicht lachen, denn die Sache läßt sich in die Länge ziehen. So steht es mit mir. Denken Sie sich, die Erbschaft, das reiche Majorat mit einem Einkommen von anderthalb Millionen, ist mir schon zugefallen, ich eilte hin, um die Güter zu übernehmen und finde, daß mir bereits einer zuvorgekommen ist. – Ich verstehe, sprach der Bankier mit seltsamem Lächeln; also in Ihrer reichen Erbschaft, Monseigneur Karpáthi, sitzt schon ein böswilliger Usurpator intra dominium , der Ihnen Ihr Recht nicht zuerkennen will und sich auf das große dumme Buch beruft, in welchem unter vielen Paragraphen auch das steht, daß es »zwischen Lebenden keine Erbschaft giebt.« Der junge Dandy riß die Augen auf und sprach: Was wissen Sie? – Daß dieser böswillige Usurpator, der Ihre Erbschaft mißbraucht, niemand anders ist, als Ihr Onkel, der indiskret genug ist, nachdem ihn schon der Schlag getroffen, wieder zu sich zu kommen, um Ihren Besitz wieder einzunehmen und Sie in die unangenehme Lage zu bringen, daß Sie in jenem ganzen großen Buch nicht ein einziges Paragraphchen finden können, auf das hin Sie Ihrem Onkel einen Prozeß machen könnten, weil er noch nicht gestorben ist. – Schmach! rief Karpáthi von seinem Sitz aufspringend. Ich habe überall erzählt, daß ich einen Prozeß beginnen werde. – Bleiben Sie nur ruhig, sprach der Bankier besänftigend. Jedermann glaubt Ihnen, was Sie sagen. Nur ich muß die Wahrheit wissen; denn ich bin ein Bankier, aber ich bin gewohnt zu schweigen. Mir sind die Familienverhältnisse des Fürsten von Nepaul in Ostindien so bekannt, wie die Lebensweise des ersten spanischen Granden und mir ist der embarras de richesses des ersteren so nützlich, wie die mit Glanz verhüllte Armut des anderen. Ich vermag jedem Fremden, der nach Paris kommt, seine wahre Stellung anzugeben, möge er auf welchem Wege und mit welchem Lärm immer kommen. Dieser Tage sind zwei ungarische Grafen angelangt, welche Europa zu Fuß durchwandert haben, ein anderer ist aus Amerika zurückgekehrt, wo er alle seine Reisen auf dem dritten Verdeck gemacht hat, aber ich weiß dennoch, daß diese Herren zu Hause so wohlgeordnete Wirtschaften besitzen, daß sie mir Geld leihen könnten; hingegen fuhr kürzlich ein nordischer Fürst, dessen Name den besten Klang hat, in einer von sechs Schimmeln gezogenen vergoldeten Kutsche mit Jägern durch die Porte St. Denis herein, aber ich weiß, daß der Arme nicht mehr Geld besitzt, als er mitgebracht hat, denn sein Vermögen wurde wegen eines dummen Streichs mit Beschlag belegt. Karpáthi unterbrach ungeduldig die Rede des Bankiers. – Ei, mein Herr, wozu brauche ich das alles zu wissen? – Zum Beweise dessen, daß es auf dem Grunde der Herzen und Börsen immer Geheimnisse gegeben hat und geben wird, daß aber die Männer, welche die Finanzwelt beherrschen, diese Geheimnisse dennoch erfahren und um Ihnen zu beweisen, daß ich auch Ihre empfindlichen Umstände kenne; übrigens können Sie vor der Welt die Sache anders erzählen, man wird Ihnen schon glauben. – En fin , was nützt mir das? – Ah so? rief der Bankier, sich auf die Stirne schlagend; es wäre Ihnen lieber, wenn die Welt das wüßte, was ich weiß, nur ich nicht. Das ist natürlich; Sie sind mit der Absicht zu mir gekommen, mir ganz andere Krankheitssymptome mitzuteilen, als diejenigen, an welchen Sie leiden und dennoch von mir Heilung zu verlangen; ich bin aber ein praktischer Arzt und sehe den Leuten die Ursachen der Krankheit an dem Gesicht an. Wenn ich sie aber dennoch heilen könnte? Abellino nahm diesen bitteren Scherz mit Wohlgefallen auf. – Ha – fühlen Sie mir den Puls – sagte er scherzend, aber berühren Sie nicht meine Hand, sondern meine Tasche. – Das ist nicht nötig. Sehen wir erst die Krankheitssymptome. Sie haben eine kleine Indigestion wegen einer nicht verdauten Schuld von dreimalhunderttausend Franks. – Sie wissen es besser. Geben Sie meinen Gläubigern etwas, damit ich sie los werde. – Ah, es wäre Schade um die armen Leute; wer wird den Tapezierer, den Wagenfabrikanten, den Riemer umbringen, bloß damit man ihnen nicht zu zahlen brauche? Es gäbe einen weit geradern Weg, sie zu befriedigen. – Womit soll ich sie befriedigen, rief Abellino wütend, wenn ich nicht, wie Don Juan de Castro meinen halben Schnurrbart nach Toledo schicke, um darauf Geld auszuleihen; aber auch das könnte ich nicht, denn ich habe mir ihn abrasieren lassen. – Und was werden Sie thun, wenn man dennoch das Geld von Ihnen verlangt? – Das ist bald gethan, ich erschieße mich. – O das thun Sie nicht. Was würde die Welt dazu sagen, wenn sich ein vornehmer ungarischer Edelmann wegen einer Bagatelle von einigen hunderttausend Franks erschießen würde. – Und was wird sie sagen, wenn man ihn wegen einer solchen Bagatelle in den Schuldturm steckt? Der Bankier legte lächelnd dem Dandy die Hand auf die Schulter und sagte mit ermunterndem Ton: Wir wollen schon probieren, wie Ihnen zu helfen wäre. Dieses Lächeln, dieses herablassende auf die Schulter klopfen charakterisierte den Parvenü vollständig. Karpáthi dachte in diesem Augenblick nicht daran, daß ein ehemaliger Pastetenbäcker aus der Straße Rambuteau dem Sprößling eines der ersten Kriegshelden Ungarns seine Gönnerschaft zuwendet. Der Bankier setzte sich mit ihm auf einen Diwan und nötigte ihn so ordentlich zu sitzen. – Sie brauchen dreimalhunderttausend Franks sagte Mr. Griffard mit freundlichem sanften Ton und Sie würden doch nicht vor dem Gedanken erschrecken, daß Sie für diese Summe beim Antritt Ihres Majorats sechsmalhunderttausend zurückzahlen? – Fi donc , rief Karpáthi verächtlich, in welchem für einen Augenblick ein edler Stolz erwachte; er zog kalt seinen Arm aus der Hand des Bankiers und sagte, Sie sind doch ein Wucherer. Der Bankier steckte die Beleidigung lächelnd ein und bemühte sich darüber zu scherzen. – Das lateinische Sprichwort sagt: » bis dat, qui cito dat ,« »doppelt giebt, wer schnell giebt.« Warum sollte also der das Gegebene nicht doppelt zurückverlangen dürfen? Übrigens, mein Herr, ist das Geld eine Ware und wenn es erlaubt ist, für den gesäten Samen das Zehnfache zu erwarten, warum nicht auch für das gesäte Geld? Sie müssen auch das in Betracht ziehen, daß es das gewagteste Unternehmen von der Welt ist, Geld wegzuleihen; Sie können ja früher sterben, als der Verwandte, den sie beerben wollen; Sie können bei der Fuchsjagd oder beim Wettrennen vom Pferde fallen und den Hals brechen, Sie können in einem Duell erschossen werden, ein Fieber oder eine Erkältung, und ich kann mir für meine seligen dreimalhunderttausend Franks einen Trauerflor um den Hut winden. Aber gehn wir weiter. Für Sie ist das nicht genug, daß Sie Ihre Schulden bezahlen, Sie brauchen auch weiter jährlich mindestens eine doppelt so große Summe. Gut. Ich bin bereit, Ihnen auch diese vorzustrecken. Karpáthi wandte sich bei diesem Wort mit Interesse zu dem Bankier. – Sie scherzen? – Nicht im geringsten. Ich riskiere eine Million, um zwei zu gewinnen, ich riskiere zwei, um vier zu gewinnen und so weiter. Ich spreche offen. Ich gebe viel und nehme viel. Sie sind in diesem Augenblick um nicht viel besser daran, als Don Juan de Castro, der sich von den Sarazenen zu Toledo auf seinen halben Schnurrbart Geld ausgeliehen hat; gut! der Schnurrbart eines ungarischen Chevaliers soll nicht schlechter sein, als der eines spanischen, ich gebe darauf, so viel Sie befehlen und ich wage es kühn in Frage zu stellen, ob es mir oder dem Mohren von Toledo jemand zuvorgethan hat, oder ob jemand es nachahmen wird. – Gut, Einigen wir uns, sprach Karpáthi, der die Sache ganz ernst nahm; Sie geben mir eine Million und ich gebe Ihnen einen Schuldbrief über zwei Millionen, die ich zu zahlen habe, sobald mein Onkel gestorben ist. – Und wenn der Lebensfaden Ihres Onkels in den Händen der Parzen länger währen sollte, als die Million in Ihrer Hand? – Dann werden Sie mir eine zweite geben, und so weiter. Sie legen Ihr Geld sehr gut an, denn der ungarische Edelmann ist der Sklave seines Besitzes und kann ihn niemanden, als seinen gesetzlichen Erben hinterlassen. – Und sind Sie dessen gewiß, daß Sie allein der gesetzliche Erbe sind? – Nach dem Tode Johanns von Karpáthi giebt es außer mir keinen, der diesen Namen führt. – Das weiß ich, aber Johann von Karpáhti kann noch heiraten. Abellino lachte. – Sie stellen sich meinen Onkel als einen liebenswürdigen Chevalier vor? – Durchaus nicht. Ich weiß sehr gut, daß er am Rande des Grabes steht; seine Lebensorgane sind so sehr in Auflösung, daß er, wie sehr ich ihn bedauere, kaum länger als ein Jahr noch leben kann, ausgenommen, er ändert plötzlich seine Lebensweise, wozu freilich wenig Hoffnung vorhanden ist. Sie vergeben es mir, daß ich von dem möglichen Tode Ihres Verwandten so spreche. – Nur zu. – Bei uns, die wir uns mit den Lebensversicherungsanstalten beschäftigen, ist es etwas alltägliches, daß wir die Lebensdauer eines Menschen abschätzen; nehmen Sie daher die Sache, als ob Sie Ihren Onkel bei einer Lebensversicherungsanstalt einschreiben ließen. – Das sind überflüssige Skrupel; ich habe mit meinem Onkel gar kein Mitleid. Der Bankier lächelte. Er wußte das besser, als Abellino selbst. – Ich habe soeben gesagt, daß Ihr Onkel heiraten kann. Das gehört nicht eben zu den seltensten Fällen. Es trifft sich oft, daß abgelebte Gentlemen, die achtzig Jahre hindurch vor der Ehe ein Grauen gehabt haben, plötzlich in einer sentimentalen Stunde, die erste junge Lady, die ihnen zu Gesicht kommt, und sei sie auch zuweilen eine Küchenmagd, mit ihrer Hand beglücken. Oder es kann eine alte Neigung sein, die nach Jahren, wie ein in Steinkohlen eingeschlossenes Insekt zu neuem Leben ersteht und sie heiraten das Ideal, das sie in seinem sechzehnten Jahre nicht heiraten konnten, weil es vielleicht an einen anderen gebunden war, im Alter von siebzig Jahren, wenn es wieder frei ist. – Mein Onkel hat keine Ideale. Er kennt dieses Wort gar nicht. Übrigens kann ich Ihnen versichern, daß eine solche Ehe kein Resultat haben könnte. – Darüber bin ich ruhig, sonst hätte ich es kaum gewagt, Ihnen meine Antrage zu machen. Aber Sie müssen mir noch in einem andern Punkt Sicherheit verschaffen. – Ich? Sicherheit? Nun, jetzt geht es an meinen Bart, murmelte Abellino, seine schwarzen Favoris streichend. – In der That, dieser Vertrag ist eben ein solcher, wie diejenigen, welche man sich von einem noch reicheren Gentleman als ich bin, erzählt, den man allgemein den Teufel zu nennen pflegt und der sich die Seelen der Menschen, welchen er unermeßliche Schätze austeilt, durch mit Blut geschriebene Verträge zu verbinden Pflegt. Par dieu ! mein Geschmack ist ein anderer; dieser Monsieur Satan weiß mit den Seelen etwas anzufangen, aber wozu könnten Sie mir dienen? Im Gegenteil, ich will mich lieber dessen versichern, daß Sie recht lange leben. – Natürlich, damit ich nicht früher sterbe, als mein Onkel. – Getroffen. Ich werde Ihnen daher nicht bloß Geld geben, sondern auch daraus achten, daß Ihren: Leben kein Schaden geschehe. – Wie so? – Das will ich Ihnen sagen; so lange der alte Karpáthi lebt, dürfen Sie sich nicht duellieren, auf keine Parforcejagd gehen, keine Seereise unternehmen, mit den Mitgliedern des Ballettcorps leine Liaison anknüpfen, mit einem Wort: Sie müssen jede Gelegenheit vermeiden, die mit Lebensgefahr verbunden ist. – Darf ich also keinen Wein trinken und dann auf keiner Treppe gehen, damit ich nicht herunterfalle und das Genick breche? – Das nehmen wir nicht so genau. Ich gebe es zu, daß Ihnen die aufgezählten Verbote unangenehm genug sein werden, aber ich weiß einen Fall, der sie alle aufhebt. – Und der ist? – Wenn Sie heiraten. – Parbleu! lieber verpflichte ich mich kein Pferd zu besteigen und keine Waffe in die Hand zu nehmen. – Monseigneur! Sie sprechen, wie Sie es von den geschminkten Chevaliers in den Vaudevilles hören. Das ist eine witzige Karikatur, von Feuilletonisten erdacht. Sie wissen es ja, daß die Ehe in der eleganten Welt nur ein Kautschukband ist, es hält zusammen, wenn man eben will, aber, es giebt auch nach, so viel wir wollen. Sie würden eine elegante Dame mit Ihrer Hand beehren; denn in Paris findet man ja Damen genug, die man ein ganzes Jahr hindurch zu lieben im stande wäre. Nach einem Jahre gäbe es einen jungen Sprößling mehr in der Karpáthischen Familie und dann wären Sie von Ihrer Verpflichtung frei. Sie könnten den Hals brechen oder sich erschießen, wie es Ihnen gerade beliebt. Wollen Sie sich aber lieber weiter des Lebens freuen, so ist ja Paris groß genug, die Welt doppelt so groß und Sie können sich es einrichten, daß Sie Ihre Frau gar nicht mehr zu sehen brauchen, ausgenommen etwa, Sie verlieben sich ein zweites Mal in sie, wenn sie Ihnen bereits wieder fremd geworden ist. Das ist nicht so schrecklich. – Wir wollen sehen, sprach Abellino aufstehend, indem er sich seine, während des Sitzens verdrückten Manschetten glättete. – Wie? fragte der Bankier gespannt, der es vorausgesehen hatte, daß Karpáthi, sobald er sich bereit zeigt, ihm aus seinen Verlegenheiten zu helfen, den Spröden spielen werde. – Ich sage, wir wollen sehen, welcher der vor mir liegenden Wege der bequemste sei. Das angebotene Geld nehme ich jedenfalls an. – Ah! das habe ich gehofft. – Nur die Garantien sind in Frage. Zuerst probiere ich, ob ich es vermag, Ihre Verbote zu halten. O ich bin an die asketischen Entsagungen gewöhnt; in letzter Zeit habe ich mich homöopathisch kurieren lassen und vier Wochen hindurch durfte ich keinen Kaffee trinken, noch mein Haar parfümieren. Ich besitze viel Seelenstärke, Wenn ich Ihre Verbote aushalle, dann probiere ich die Ehe. Aber besser als alles das wäre es, wenn ich meinen Onkel auf schöne Art loswerden konnte. – Ach, mein Herr, sprach der Bankier rasch aufstehend, ich hoffe Sie scherzen nur. – Haha! lachte der junge Dandy, Hier ist nicht von Gift und Dolch die Rede; ich denke auch nicht daran, daß ich dem Armen seine Gesundheit durch hitzige Frauenzimmer oder durch fette Pasteten verderbe. Sie wissen es , es giebt so gute schwere Pasteten, man nennt sie Erbschaftspasteten, sie sind nicht vergiftet, nur fett und lecker. Eine Schüssel voll davon gegessen, guten roten Wein darauf und der Schlag ist fertig. – Ich weiß es nicht , denn ich habe niemals solche gemacht, sprach der ehemalige Pastetenbäcker ernst. – Ich sage es auch nicht, damit Sie sie für meinen Onkel machen sollen; ich kann hassen, ich kann jemanden aus Haß erstechen, erschießen, aber jemanden ermorden lassen, damit ich ihn beerbe, daß kann ich nicht; aber ich kann Ihnen sagen, daß ich, wenn ich mir diese Mühe nehmen wollte, fähig wäre, ihn aus der Welt zu schaffen. – Es wäre schade, warten wir, bis er von selbst geht. – Es bleibt nichts anderes zu thun übrig. Bis dahin sind Sie genötigt, mein Bankier zu sein. Je mehr Geld ich ausgebe, desto nützlicher ist es für Sie, denn Sie erhalten es doppelt zurück. Was kümmert mich das? Wer nach mir kommt, der möge zusperren. – Wir sind also einig? – Morgen nach zwölf Uhr können Sie Ihren Notar mit den fertigen Dokumenten zu mir schicken, damit ich nicht lange zu thun habe. – Ich werde Sie nicht bemühen. Abellino empfahl sich und der Bankier begleitete ihn, sich die Hände reibend, bis zu der Thüre. Es war die schönste Aussicht vorhanden, daß eines der größten Güter Ungarns binnen einigen Jahren vollständig in die Hände eines fremden Bankiers gelange. 3. Am Grabe Rousseaus. Wir sehen drei leicht gekleidete junge Männer dem Wäldchen von Ermenouville zuschreiten. An ihrer Kleidung läßt sich trotz aller Nonchalance des Reisenden jene ungesuchte Eleganz sehen, die geschmackvolle Menschen niemals verleugnen können. Alle drei sind junge ungarische Kavaliere. Von allen dreien haben wir bei Mr. Griffard gehört und wir werden erfahren, daß jene beiden, welche an der Seite des dritten gehen, infolge einer gegenseitigen Wette, Europa zu Fuß durchwandert und dabei in Entbehrungen aller Art miteinander gewetteifert haben. Beide haben kräftige markierte Gesichtszüge. Den einen charakterisieren besonders seine dichten schwarzen Augenbrauen, ein gewisses sarkastisches Lächeln, das übrigens nur auf Augenblicke über sein Gesicht stiegt und dann verschwindet; der andere ist eine athletische Gestalt, mit ungeheurer Brust, dichtem schwarzen Haar, kühn blickenden feurigen Augen, einem auf Entschlossenheit deutenden Munde und einem kleinen flaumartigen Schnurrbärtchen; wenn er spricht, läßt er eine so tiefe donnernde Stimme hören, daß man ihn, wenn man ihn nicht sieht, für einen ausgewachsenen Mann hält. Der dritte, der in der Mitte der beiden geht, ist ein hochgewachsener, schlanker, junger Mann mit glatt rasiertem Gesicht. Seine Kleidung ist einfach, auf seinem Gesicht scheint gar kein besonderer Ausdruck vorzuwalten, kalte leidenschaftslose Ruhe weilt daraus; auf seinen Lippen, in seinen Augen liegt jener verklärende Gleichmut, der den Frauen so gefährlich ist. Seine Bewegungen sind englisch nachlässig, jedoch ohne alle gesuchte Affektation, seine Rede fließt ruhig dahin, ohne daß er auf ein Wort einen besondern Nachdruck legte oder den Ton hier und da verstärkte – er scheint sich vielmehr darum zu kümmern, daß seine Rede verständlich sei, als daß er seine Redefertigkeit bewundern lasse. – Das ist jener junge Mann, von dein Griffard erzählte, daß er in Amerika auf dem dritten Deck gereist sei. Der Seltsamkeit wegen können wir hinzufügen, daß alle drei ungarisch sprechen, was genug zu verwundern ist, wenn wir bedenken, daß die Zeit unserer Geschichte 1822, der Ort das Wäldchen von Ermenonville und die Personen ungarische Magnaten sind. Die jungen Männer nennen sich während ihres Gesprächs mit den Taufnamen; der feurige, muskelstarke heißt Nikolaus, der mit den dunkeln Augenbrauen Stephan und der mittlere Rudolf. Der aufmerksame Beobachter könnte die Bemerkung machen, daß der eine von den drei mit verschlungenen Armen wandelnden jungen Männer, immer um eine Kopflänge vorwärts und einer am meisten zurück ist, so daß der in der Mitte Befindliche bald vor-, bald rückwärts gezogen wird und oft genötigt ist, stehen zu bleiben und die während der heftigen Diskussion aufgelöste Ordnung wieder herzustellen. In der Waldeinsamkeit sprechen sie ein wenig lauter; der Wald von Ermenonville ist kein Lieblingsplatz der Modewelt, da kann man sprechen, diskutieren, so laut man nur will und wird doch nicht für lächerlich gehalten. Plötzlich tritt aus dem Gebüsch ein junger Mann, der, stehen bleibend, auf das Gespräch der drei lauscht. Nach seinem Äußern zu urteilen, gehört er zur arbeitenden Klasse; auf dem Kopf trägt er eine breite flache Mütze, seine kräftigen Glieder sind in eine blaue Leinwandbluse gehüllt, die mit einem bunten Kragen versehen ist. Auf dem Gesicht des jungen Mannes spiegelt sich Freude und Überraschung über die Sprache der drei ihm entgegenkommenden jungen Männer. Einen Augenblick scheint er zu schwanken, aber dann geht er ihnen entschlossen entgegen und spricht sie an: Ah, meine Herren, Sie sprechen ungarisch, ich bin auch ein Ungar. Eine Freudenthräne blinkte in dem Auge des jungen Arbeiters. – Wir grüßen dich, Landsmann, sprach jener mit der donnernden Stimme, indem er dem Unbekannten die Hand freundschaftlich entgegenstreckte und die seine männlich schüttelte. Dasselbe thaten auch die übrigen. Der junge Handwerker war ganz gerührt und fand kaum Worte, um seine Gefühle auszudrücken. – Vergeben Sie mir, meine Herren, daß ich mich Ihnen so aufdränge; aber seitdem ich in Paris wohne, es sind schon sieben Jahre, höre ich meine Landessprache zum erstenmal und das thut mir so wohl, so wohl. – Also kommen Sie mit uns, sagte der in der Mitte, wenn Sie Zeit haben; schlingen Sie sich ein in einen von uns und plaudern wir. Der Handwerker schien bescheiden zu zögern, als derjenige, der Stephan hieß, ihn unter dem Arm nahm und mitzog. – Halten wir Sie nicht von irgendeinem Geschäft auf? – Nein, meine Herren, heute ist Feiertag, heute arbeiten wir nicht. – So halten wir Sie vielleicht von einem Rendezvous zurück, fragte jener mit flüchtigem Lächeln. – Durchaus nicht, antwortete der Handwerker. Ich bin es schon gewohnt, hier spazieren zu gehen, so oft ich freie Zeit habe. – Aber dieser Ort bietet ja wenig Unterhaltung. – Freilich sind die Weinhäuser weit von da, aber hier befindet sich das Grab eines großen Mannes, dessen Werke zu lesen mehr wert ist, als was immer für eine Unterhaltung; denn sie sind so geschrieben, daß sich auch der einfältigste Mensch daran erfreuen kann. Die Herren kennen sie vielleicht. Aber was frage ich so dumm! Wie sollten so gebildete Herren nicht die Werke von Jean Jaques Rousseau kennen! – Sie pflegen Rousseaus Grab zu besuchen. – Niemand verehre ich so wie ihn. Seine Bücher habe ich schon hundertmal durchgelesen und immer finde ich neue Schönheiten darin; o wie wahr ist jedes seiner Worte! Ich habe es schon oft an mir selbst erfahren; wenn ich eine große Sorge im Kopf hatte, oder wenn mir was übles passiert, da nahm ich nur meinen Rousseau vor und gleich wurde ich ruhig. So gehe ich denn an Feiertagen heraus zu dem einfachen Denkmal, das ihm gesetzt wurde, da setze ich mich nieder, nehme sein Buch heraus und manchmal kommt es mir vor, als ob ich mit ihm selbst spräche. Ich bin schon zeitig in der Früh herausgekommen und jetzt kehre ich zurück. Rudolf sprach frostig drein und gab dem Gespräch eine ganz andere Wendung. – Was für einen Beruf haben Sie in Paris? – Ich bin ein Arbeiter, Herr, ein Tischlergeselle in Soudchaurs Atelier; wenn Sie vorbeikommen, so nehmen Sie sich die Mühe, die Kunstmodelle und die gotischen Kirchenornamente anzuschauen, die in der Auslage zu sehen sind, die habe ich gezeichnet. – Warum streben Sie nicht nach einem eigenen Etablissement? Der Handwerker seufzte unwillkürlich. – Ich will nicht in Paris bleiben, mein Herr, ich gehe zurück nach Hause. – Nach Ungarn? Geht's Ihnen vielleicht schlecht in Paris? – Besser könnt' ich mir's gar nicht wünschen. Meine Meister schätzen mich, meine Arbeit wird mir gut bezahlt, man liebt hier sein Handwerk, weil es durch die ewig sich ändernde Mode beinahe zur Kunst erhoben wird; es ist ja eine wahre Freude, alle Tage an einem neuen, prächtigen Stück zu arbeiten und sich damit auszuzeichnen; aber ich kann doch nicht in Paris bleiben, sondern gehe nach Hause, obwohl ich weiß, daß ich dort weder fürstliche Prachtbetten, noch Kirchengalerien zu machen bekommen werde, weil man so was einem Einheimischen gar nicht zutraut; ich weiß, daß ich mit Armut zu kämpfen haben werde und daß ich, um leben zu können, Bauernbetten und gemalte Truhen werde machen müssen, weil man von einem ungarischen Meister nichts anderes erwartet; aber ich gehe dennoch nach Hause. – Haben Sie vielleicht Verwandte zu Hause? fragte Rudolf. – Niemanden außer dem lieben Gott. – Dann ist es unbegreiflich, daß Sie sich von hier fortwünschen, wo es Ihnen so gut geht. – Gewiß ist's eine Thorheit, meine Herren, und ich kann mir es selbst nicht erklären. Ich war fast noch ein Kind, als ich vom Hause losgerissen wurde und seitdem ist eine lange Zeit verflossen, aber dennoch kommen mir die Thränen ins Auge, wenn es mir einfällt, daß jenes Volk, das meine Sprache spricht, hundert und hundert Meilen von hier entfernt ist, und daß ich nicht auch dort sein kann; ich kann Ihnen gar nicht sagen, was das für ein Gefühl ist. Seien die Herren nur einmal sieben Jahre von der Heimat entfernt, dann werden Sie's schon auch erfahren, wie wohl das thut. Armer närrischer Junge, er dachte, jeder Mensch fühle so wie die Tischlergesellen. Stephan wandte sich zu Rudolf und flüsterte ihm ins Ohr: Hörst du? Wenn ihr nur den hundertsten Teil von dem fühltet! Rudolf zuckte die Achseln und murmelte: Ein beneidenswertes Gefühl! Indes waren die jungen Männer bei einem Kreuzweg angelangt und zauderten, nicht wissend, welchen Weg sie einschlagen sollten. – Ah, unser junger Freund ist ja in dieser Gegend bekannt, sprach Nikolaus, der liberalste im Austeilen von Freundschaftstiteln. Sie werden so gut sein, uns den Weg zu zeigen, wir wollten auch Rousseaus Grab besuchen. Der junge Handwerker konnte seine Überraschung nicht verbergen. – Sie wollen auch auf die Pappelinsel? – Sie scheinen sich darüber zu wundern? – Weil das ein sehr verlassener Ort ist, das Grab eines Weisen, das sehr wenige besuchen. Aber ich freue mich sehr darüber, daß auch Sie sich an ihn erinnern; von ganz Frankreich möchte ich nur dieses Grab mit mir nehmen. Heute war ich schon einmal dort, gehe aber gern aufs neue hin. Ganz bis zum Grab können wir zwar nicht gehen, denn es ist rings von einem Sumpf umgeben, aber gegenüber befindet sich ein ziemlich hoher Hügel, auf dem eine Art antiker Tempel steht; auf einer der Säulen ist Rousseaus Name aufgezeichnet und wenn wir uns dort hinstellen, so können wir den Grabstein des Weisen bequem sehen. Die jungen Männer nahmen den Antrag gern an und gingen durch das immer dichter werdende Gebüsch auf den dem jungen Handwerker wohlbekannten Fußpfaden; der Führer blieb zuweilen stehen, da er nicht glauben konnte, daß die jungen Männer hinter ihm so schnell gehen können, wie er. Endlich wurde der Hügel sichtbar, auf welchem zu Ehren Montaignes ein kleiner Tempel errichtet wurde, auf dessen sechs Säulen der Name je eines Philosophen aufgezeichnet ist, darunter Voltaire, Montesquieu und Rousseau. Das Gebäude ist nur halb fertig und wurde vielleicht gerade deshalb der Tempel der Weisheit genannt. Dem Tempel gegenüber ist der kleine Raum sichtbar, welcher die Pappelinsel heißt: dort blinkt unter dem zitternden Laube der weiße Grabstein des Weisen, ein hoher Obelisk, auf dem die Worte eingegraben sind: » Hier ruht der Mann der Natur und der Wahrheit. « Kein Wunder, daß dieses Grab so verlassen ist, die Wahrheit ist ein schlechter Empfehlungsbrief. Aber die Natur hat das Grab ihres Lieblings in besonderen Schutz genommen; nie welken darauf die Blumen und ringsherum läßt sie Gebüsche grünen, als ob sie dieses Grab für sich allein behalten wollte. Bei dem Denkmal Montaignes, von wo man auf das Grab sehen kann, angelangt, nahm der Handwerker von den drei jungen Männern Abschied, denn er mußte nach Paris zurückkehren; er drückte ihnen gerührt die Hände, entfernte sich, ohne sich nach ihren Namen zu erkundigen und schaute sehr oft nach ihnen zurück. – Ich fühle eine solche Niedergeschlagenheit, sprach Stephan, nachdem der Handwerker fort war; ich weiß nicht, ob die Worte dieses Arbeiters daran Schuld sind oder dieser düstere Ort, den ich mir ganz anders vorgestellt habe. Ich dachte mir, der Wald von Ermenonville sei eine heitere Gegend mit blühenden Sträuchern, dazwischen ein Fluß mit einer kleinen Insel, aus welcher ich mir nur Najaden und Faune mit Querpfeifen vorstellen konnte, kurz ich erwartete ein Tempe zu finden und siehe da, wir finden nichts als einen mit Schilf und Wassertulpen bedeckten Sumpf und in dessen Mitte einen kunstlosen Stein unter keineswegs malerischen Pappeln. – Einmal war diese Gegend so, wie du sie dir vorgestellt hast, sagte Rudolf, der sich ins Gras legte, während Nikolaus sich die Aufschriften des Denkmals ins Portefeuille schrieb, ein blühendes Tempe, dem sogar die Najaden nicht fehlten, nämlich die galanten Damen von Paris. Zu Rousseaus Grab konnte man auf zwei Wasserarmen in kleinen Nachen gelangen. Der Ort war zu Schäferstunden wie geschaffen. Aber einmal kam ein Wolkenbruch, riß die Ufer des kleinen Baches fort, überschwemmte die Ebene und seitdem ist hier der Sumpf, seitdem wird Rousseaus Grab von niemanden besucht, als von Fröschen, die seit Homer große Freunde der Dichtkunst sind, von einigen reisenden Sonderlingen, die auch dazu Zeit haben und etwa noch von einem Tischlergesellen, welcher die neue Heloise liest. Das ist das Los eines jeden Gelehrten. Glücklich ihr Barbaren, die ihr keine Gelehrte habt. – Wenn du unter diesen glücklichen Barbaren uns verstehst, so verdienen wir jetzt dieses Kompliment nicht mehr, denn in neuster Zeit beginnt auch der Ungar aus seiner geistigen Lethargie zu erwachen und nicht mehr ist Csokonai der letzte Dichter, der in der Litteratur einen Platz einnimmt, noch ist der »gelehrte Palócz« die einzige Zeitschrift, welche die schöne Litteratur repräsentiert. In diesem Jahre sind schon mehrere gelehrte und wissenschaftliche Zeitschriften entstanden; unsere Almanache aber, die in diesem Jahre erschienen sind, brauchten wir selbst nicht vor der häkeligsten Kritik zu verbergen. – Auch ich halte die Vorliebe für uns selbst für ein ehrenwertes Gefühl. Stephan geriet in Feuer. – O das ist mehr als Vorliebe, es ist Selbstbewußtsein. Unsere jungen Dichter, die in neuerer Zeit aufgetaucht sind, machen uns stolz auf unsere Sprache, auf unsere Nation. Nikolaus war mit seinen Aufzeichnungen fertig und sprach mit donnernder Stimme darein. – Ist also der Ungar wie die alten Weiber, nur auf seine Sprache Sprache und Zunge werden im Ungarischen mit dem einzigen Worte nyelv ausgedrückt; es wäre etwas gezwungen, wollten wir zur Rettung des Wortspiels, das im Original vorkommt, oben sagen: Unsere Dichter machen uns stolz auf unsere Zunge u. s. w. D. Ü. stolz? haben wir keinen andern Wirkungskreis vor uns, der uns groß machen kann, als Verseschreiberei und Buchdruckerei? – Freund! große Helden, große Staatsmänner sind immer nur dort entstanden, wo es große Dichter giebt und es ist der Totenschein einer Nation, wenn ihre Dichter verstummt sind, es ist das Lebenszeichen einer aus ihrer Lethargie erwachenden Nation, wenn ihre Dichter sich wieder hören lassen. Heutzutage würde einen Geist, wie Johannes Hunyadi, kaum ein anderer Beruf erwarten, als Pflügen und Säen, während ich es wage, den jungen Männern, welche heuer in der »Aurora« vor das Publikum hingetreten sind, Bajza, Szenvey, Börösmarty, eine glänzende Zukunft zu prophezeien. – Unbekannte Namen, sprach Rudolf, den Kopf auf die Hand stützend und einen abgerissenen Grashalm im Munde drehend. – Sie werden es nicht bleiben. Übrigens kann ich bekanntere nennen, damit du nicht glaubst, daß diejenigen, die sich mit Litteratur beschäftigen, für Parias der Nation gehalten werden; in dem heurigen Jahrgang des Almanachs »Hebe« findest du Namen, wie Dezsöfi, Franz Teleki, Gedeon Ráday, Majláth, die gehören zu den unseren und sind keine unbekannten Namen. Hier zeigte sich wieder das flüchtige, sarkastische Lächeln auf dem Gesicht des Sprechenden. – Galvanische Zuckungen von Leichen, nichts weiter, antwortete Rudolf kalt. – Du glaubst, wir seien tot? fragte Stephan. – Ja. – Nicht wahr! riefen jetzt die beiden andern auf einmal mit Heftigkeit. Rudolf antwortete mit unerschütterlicher Ruhe. – Wenn ein lauter Ton eine triftige Widerlegung des Todes ist, so habt ihr recht, daß ihr mich so anschaut; ihr leugnet den Gedanken, weil er euch noch schmerzt; aber ich sehe, weiß und fühle es, es ist meine unwiderlegliche Überzeugung, daß unser Stamm seine Rolle ausgespielt hat und dahin zurückkehren wird, wohin seine Vorfahren, die Hunnen, Avaren und Pedschenegen geraten sind. Unsere Städte, unsere größeren Handelsplätze werden schon jetzt von wenigen Magyaren bewohnt. Die Großen des Stammes wissen nur von der Landkarte her, wo das Land liegt und ohne daß sie sich den geringsten Zwang anzuthun brauchten, könnten sie Franzosen, Deutsche, Engländer u. s. w. sein; die Originalrasse wird nach und nach aus ihre Pußten, in ihre Hütten hinausgedrängt; allmählich werden sie auch dort, von tüchtigeren Landwirten verdrängt, verschuldet werden und zu Grunde gehen und der Adel wird unter seinen veralteten Institutionen begraben werden, sobald diese mit der Civilisation in Zusammenstoß geraten. Das ungarische Volk wird nicht von den Barbaren, sondern von der Civilisation vernichtet werden, und was hat unser Stamm, das ihm eine Zukunft verspricht. – Er hat Söhne! sprach Nikolaus mit starker Stimme. – Gut gesprochen, Nikolaus! rief Stephan, ihm die Hand drückend; übrigens behaupte ich, daß unser Stamm alles hat, was er braucht um zu leben. – Ja freilich, er hat Wein und Getreide! – Das ist auch etwas; ein Volk, das zu leben hat, ist gegen Entkräftung verwahrt. Freilich ist es auch, weil es zu leben hat, nicht genötigt, seinen Geist anzustrengen, aber der Ungar ist ein Tausendkünstler. Ist er einmal genötigt, sich sein Brot mit Mühe zu erwerben, so wird er mit seinen vielseitigen Fähigkeiten Wunder thun. Er wird alle Losungswörter der Civilisation zu den seinigen machen, wird mit der Zeit gleichen Schritt halten und auf jedem Felde mit den ersten Nationen der Welt wetteifern; da wird in dem ganzen Stamm ein neues Leben, neue Bewegung, eine neue Blutcirkulation sein, er wird das Schwert niederlegen mit dem er einst ganz Europa verteidigt hat und beweisen, daß er jedes Werkzeug zu handhaben weiß, mit welchem man Ruhm, Nutzen, Ehre erwerben kann, sei es der Meißel des Bildhauers, die Haue des Bergmanns, der Pinsel des Malers, das Senklot des Baumeisters, er wird hochherzige Männer haben, die ihn aneifern und begeistern und ich glaube sogar, daß sie schon geboren sind. – Und die Hauptsache, die du vergessen hast, sprach Nikolaus darein, ist, daß er einen diplomatischen Wirkungskreis hat und du mußt doch zugeben, daß der letzte ungarische Táblabiró im kleinen Finger mehr Staatsweisheit besitzt, als der erste ... Er sah es selbst ein, daß er zu viel sagen wollte. Rudolf lächelte bei letzterer Behauptung und wandte sich zu Stephan. – Dem da antworte ich nicht, sagte er auf Nikolaus deutend, denn er wäre im stande mich in diesen Sumpf zu werfen; aber das, was du gesagt hast, ist nur meine Behauptung, wenn auch umgekehrt. Wenn unsere Nation ihre Eigentümlichkeiten ablegt und sich den Formen anschmiegt, welche die neuen Begriffe vorschreiben, dann hört sie auf das zu sein, was sie ist; sie beginnt ein neues Leben, aber dem früheren stirbt sie ab, sie kann glücklich, wird aber nicht ungarisch sein; je mehr sie sich den anderen Nationen nähert, desto mehr entfernt sie sich von sich selbst; Poeten und Volksmusiker erhalten nicht das Leben der Nation; von den Staatsmännern getraue ich mich nicht zu sprechen, denn diese stehen unter Nikolaus Schutz. – Aber all diesen Besorgnissen macht ein Wort, eine Idee ein Ende. Dieses Wort heißt wollen und nicht wollen . Wenn wir sagen, wir wollen leben , wir wollen es mit Beibehaltung all der nationalen Eigenschaften, die edel, lebensfähig und schön sind, wir wollen jeder nach seiner Fähigkeit, auf der gewählten Laufbahn ausharren, wir wollen uns lieben, das Gute schätzen, wenn es auch nicht vom Ausland kommt, wir wollen jeden Vorteil aufsuchen und ausbilden, der unsere Nation hebt; ferner wir wollen nicht die eitlen Nachäffer alles dessen sein, was fremd ist, sondern das von der Fremde übernommene verdauen und in unser eigenes Fleisch und Blut verwandeln; wenn wir ins Ausland reisen, um unserem Vaterland mit unserem Verstand, nicht aber dem Ausland mit unserer Thorheit zu dienen, dann giebt es keine physische und moralische Kraft, die uns in den Zustand der Auflösung versetzen kann. Das Eis schmilzt, aber der Krystall schmilzt nicht und nimmt Funken von der Sonne in sich auf. Die Völker werde einsehen, daß wir lebensfähig sind und unsere Bestrebungen ehren; auf unseren Feldern wird ein neues Leben blühen, auf unseren Land- und Wasserstraßen wird sich der Handel beleben, die ungarische Sprache wird in unsere Salons dringen und Mode werden, in unseren größeren Städten wird der nationale Geist geboren, in der Hauptstadt des Landes, in Pest, wird sich der Glanz, die Kraft, der Geist der Nation konzentrieren, wir werden eine Akademie, Schriftstellervereine, ein Nationaltheater haben. Und das alles brauchen wir nur zu wollen. – Schön. Und wer wird dieses schöne Streben beginnen? Denn einer muß doch mit dem Beispiel vorangehen; der Geist kann nicht auf einmal in einige Millionen Menschen kommen. – A capite foetet piscis : Diejenigen, welche die meisten Verdienste in der Vergangenheit, die meisten Sünden in der Gegenwart und die meisten Pflichten für die Zukunft haben, – die ungarischen Magnaten. – Der größte Teil ist im Ausland, aber du wirst nur doch zugeben, daß sie da nicht ihr Herz verpfänden, wenn sie auch den aus der Heimat mitgebrachten Staub von den Füßen schütteln? Rudolf lächelte. – Du bist ein Missionar, der seine Landsleute bekehren will; wirst du vielleicht die Welt durchwandern, um sie nach Hause zu rufen? – Das halte ich nicht für unmöglich. – Glücklicher junger Mann, wie alt bist du jetzt? – Zwanzig vorüber. – Morgen wirst du um zehn Jahre älter sein. Morgen kommt mit mir in den Klub der » jungen Riesen «. Das ist eine edle Gesellschaft, in welche nur solche Mitglieder Zutritt haben, die sich entweder durch hohe Geburt, durch Reichtum oder durch eine merkwürdig närrische Lebensweise auszeichnen. Hier werdet ihr alle jungen Männer der vornehmen ungarischen Welt beisammen finden. Dann werde ich dich fragen, ob du sie nach Hause bringen willst, oder ob du dich im stande hältst, es thun zu können. – Unnötige Mühe! die Landtagsregalien werden sie schon nach Hause rufen. Die letzten Worte sprach Nikolaus, der während der ganzen Diskussion sich bemüht hatte, eine vor dem Tempel liegende entzwei gebrochene Säule aufzurichten, auf welcher geschrieben war: »Wer kann diese Säule wieder aufrichten?« Nikolaus kehrte das eine Bruchstück um, setzte es mit der Bruchseite in die Erde, legte das andere Stück mit der Krone darauf und beantwortete so die weise Frage. Also Morgen gehen wir in den Klub der jungen Riesen . Das ist eine edele Gesellschaft, in welche nur solche Mitglieder Zutritt haben, die sich entweder durch hohe Geburt, durch Reichtum oder durch eine merkwürdig närrische Lebensweise auszeichnen. Hier werdet ihr alle jungen Männer der vornehmen ungarischen Welt beisammen finden. Dann werde ich dich fragen, ob du sie nach Hause bringen willst, oder ob du dich im stande hältst, es thun zu können. – Unnöthige Mühe! die Landtagsregalien werden sie schon nach Hause rufen. Die letzten Worte sprach Nikolaus, der während der ganzen Diskussion sich bemüht hatte, eine vor dem Tempel liegende entzwei gebrochene Säule aufzurichten, auf welcher geschrieben war: »Wer kann diese Säule wieder aufrichten?« Nikolaus kehrte das eine Bruchstück um, setzte es mit der Bruchseite in die Erde. legte das andere Stück mit der Krone darauf und beantwortete so die weise Frage. Also Morgen gehen wir in den Klub der jungen Riesen . 4. Die jungen Riesen. Auf der nördlichen Seite des Boulevard Montmartre steht ein dreistöckiges Haus, das jetzt der Sitz des Jockeyclubs ist, aber auch damals (1822) der Lieblingsort der eleganten Jugend war. (Dieser Satz scheint einen Pleonasmus zu enthalten, da der elegante Mensch ewig den Anspruch macht, für jung gehalten zu werden.) Hier wurde alles geordnet, was die vornehme Welt zu beschäftigen pflegte; die Anordnungen von Steeplechases, Wettrennen, Banketts zu Ehren berühmter Künstler sind von hier ausgegangen, hier wurde die öffentliche Meinung des Theaters gemacht und der Applaus oder das Auspfeifen beschlossen; hier wurde ausgemacht, welche Art Blumen im nächsten Karneval in Mode sein soll; im vorigen Jahr war es die Hortensie, aber zuletzt wurde sie von der Orangenblüte und dem Heliotropium verdrängt, jetzt sind beide letzteren in die Bedientenzimmer verdrängt, die Meinung der eleganten Welt ist zwischen Geranium und Melaleuca geteilt und welche von beiden Arten den Sieg davon tragen werde, das läßt sich nicht prophezeien. Eine noch wichtigere Lebensfrage ist es, ob der Direktor der Académie royale de musique (einen so hochtrabenden Titel hatte damals das Opernhaus) Mut genug haben werde, in der Zalmira, der neusten Oper Rossinis, die Titelrolle der Catalani zu geben, die eben erst gekommen und noch jung ist und deshalb von den jungen Riesen beschützt wird – und die Mainvielle zu übergeben, die schon lange da ist und was noch mehr: die geheiratet hat und was noch mehr, einen Schauspieler und die, was das ärgste ist, mit ihrem Manne gut lebt. In jedem Zimmer, sowohl bei den Piquettischen, als auch um die Billards bilden sich Gruppen, die alle in einer lebhaften Diskussion begriffen scheinen; alle sind mit dieser einen Frage beschäftigt und kaum vermag eine kunstvolle Karambole oder ein siegreiches Sextett die Aufmerksamkeit der öffentlichen Meinung einen Augenblick auf sich zu ziehen. Der Lieblingsort der Elite dieser Gesellschaft, der crême de la crême ist das Erkerzimmer. Es ist ein prächtiger, mit marmornen Hautrelief-Arbeiten und kunstvollen Gemälden (von Lebrun) geschmückter Saal. Auf dem Erker zeigt sich eine Gruppe von fünf oder sechs jungen Männern, die auf die vornehme und nicht vornehme Weit von Paris hinabsehend, einen prächtigen Stoff zu jener lieben Unterhaltung findet, die man Medisance nennt. Unter ihnen sehen wir den berühmten Marquis de Brys, den ersten Bonhomme von Paris, den liebenswürdigsten Verleumder, der jedes kleinste Abenteuer, das geringste Geheimnis der Boudoirs, die romantischsten Intriguen der Coulissen erfahren muß, um aus ihnen mit allerlei Variationen Fabeln und Anekdoten zu fabrizieren; wenn er jemanden gesehen hat, so kann man gewiß sein, daß er von ihm etwas weiß, aber trotzdem ist der Marquis der liebenswürdigste Mensch, denn er beleidigt niemanden ins Gesicht und dafür, was man einem hinter dem Rücken nachsagt, pflegt man in der gebildeten Welt nicht zu zürnen. Das Gelächter seiner Gesellschaft beweist, daß er jetzt ein angenehmes Abenteuer erzählt, zuweilen sinkt seine Rede zu bloßem Geflüster herab und die jungen Männer stecken die Köpfe zusammen, aber plötzlich bricht das Gelächter wieder aus und sie fahren auseinander, hierhin und dorthin. Der Marquis ist ein wohlgenährter, fetter Mensch, von dem niemand so viel Beweglichkeit voraussetzen würde; was er spricht, das weiß er mit den Händen und dem Gesicht so maliziös zu illustrieren, daß manchmal die Anekdote nur deshalb interessant ist, weil er sie erzählt, so daß andere, die sie nacherzählen wollen, damit Fiasko machen. Wir kommen mit dem Grafen Rudolf und seinen Gefährten eben in dem Augenblick an, da der Marquis in bestem Erzählen ist; Rudolf, der mit der Gesellschaft bekannt ist, stellt seine Gefährten vor und nach der üblichen Begrüßung wird die Erzählung fortgesetzt. – Unser Saintmichel, fuhr der Marquis fort, ließ sich nach so vielen vereitelten Bestrebungen nicht abschrecken, auch nachdem es der Arme nicht einmal so weit gebracht hatte, daß der kleine Petit-pas nur an ihn denke; denn der arme Junge kann sich eben so wenig wie ich zu den Adonisen zählen, seine künftige Erbschaft besitzen noch Menschen, die er noch gar nicht einmal kennt und sein Monatsgehalt genügt dem Petit-pas nicht einmal zu einem Malaleucabouquet, sie aber ist nicht dazu geschaffen, sich durch jemandes Verstand unglücklich machen zu lassen. Was aber sollte der arme Saintmichel erdenken, um sich der kleinen, rehfüßigen Tänzerin nähern, mit ihr alle Tage sprechen und so zu sagen Tag und Nacht bei ihr sein zu können? – Oho! Das wird ein bißchen zu viel sein! rief Fürst Ivan aus, ein hoher, militärisch gewachsener Mann, in welchem wir jenen nordischen Fürsten zu sehen die Ehre haben, von dem schon einmal die Rede war. – Na, ich gebe demjenigen hundert Dukaten, der es errät. – Gieb dir selbst die hundert Dukaten und errate es, sagte Lord Burlington, ein seltsamer junger Engländer, welcher der Gesellschaft den Rücken kehrend, auf einem Stuhle rittlings saß und seine Beine so weit vor sich hinstreckte, daß man gar nicht glauben konnte, das alles zu ihm gehöre. – Der edle Lord macht bessere Witze, als ich, sagte der Marquis lachend; er weiß gut, daß in meiner Tasche keine hundert Dukaten zu liegen Pflegen. Also der gute Junge verdingte sich bei der kleinen Tänzerin als Bedienter. – Ah! ah! riefen alle. – So erreichte er einen doppelten Zweck, sprach der Lord von rückwärts; so konnte er zugleich dem Stubenmädchen die Cour machen. – Fi donc rief jemand mit einer fadendünnen Stimme. Das war Graf Vezekéri, ein junger ungarischer Elegant, ein schlanker Junge mit milchweißem Gesicht, der träge am Gitter des Erkers lehnte und seine Arme durch dasselbe geschlungen niederhängen ließ; Fi donc sagen Sie das nicht noch einmal, ein solcher Skandal in unseren Kreisen! – Hat keiner von euch ein Riechfläschchen bei sich? Der Herr Graf wird ohnmächtig! scherzte der Marquis. – Hören wir weiter, drängten die andern. – Also der Junge wurde bei dem Petit-pas Bedienter, lachte Ivan, vielleicht war es derselbe, der mir neulich den Kutschenschlag öffnete und dem ich fünf Rubel gegeben habe? – Und der mir meinen Redingot mit Thee begossen hat und dem ich eine Ohrfeige gegeben habe? – Ah, ah! sprach der empfindsame ungarische Graf mit der dünnen Stimme, vielleicht ist's gar derselbe, dem ich neulich den Auftrag gab, dem Fräulein meine Liebesbriefe zu übergeben. – Die hat er gewiß alle ins Feuer geworfen! lachte der Marquis. Aber laßt mich euch erzählen, was weiter geschehen ist, das beste kommt erst. – Hört! – Eines Tages hatte der kleine Petit-pas ein Rendezvous im Boulogner Wäldchen, wo sie durch die Gnade Gottes eine kleine hübsche Villa besitzt. – Und für mein Geld! murmelte Ivan. – Fürst! was die Rechte giebt, soll die Linke nicht wissen! sprach der Marquis tadelnd. Also die kleine Tänzerin nahm eine Mietkutsche und fuhr hinaus, um die Schäferstunde abzuwarten, den Bedienten nahm sie natürlich mit. – Wen? Saintmichel? – Ja ihn; sie sollte mit einem wackern General zusammenkommen, zu welchem die liebenswürdige Dame persönliche Neigung hat. – Debry! verleumde nicht! rief mit scherzhaftem Tadel Rudolf, der sich unter die Zuhörer gemengt hatte. – Ach, ich habe vergessen, daß Euer Gnaden hier sind, sonst hätte ich auf meine Ausdrücke besser acht gegeben. So viel ist gewiß, daß der General bei den Damen viel Glück hat, er hat mich selber schon an mehreren Plätzen aus dem Sattel gehoben. – Sprich nicht von dir, von dir wird schon die Rede sein, sobald du fortgegangen bist. – Also bleiben wir bei unserem Gegenstand. Der General erscheint und der kleine Petit-pas läßt einen Tisch mit zwei Gedecken in die Rosenlaube bringen, gerade wie im goldenen Zeitalter; eine duftige Rosenlaube, ein murmelnder Bach und zwei liebende Herzen; nur tranken die Schäfer keinen Champagner und hatten keine unglückliche Bedienten um sich, welche die Flaschen entkorken, deren Inhalt die Herrschaften schlürfen. Also wie sich Damon und Phyllis zum Tisch setzen, muß der unglückliche Bediente sich hinter dem Fräulein hinstellen und auf ihre Befehle warten, und da der General ihm gegenüber sitzt, muß er zum bösen Spiel süße Miene machen und dem General eine freundlich demütige Miene zeigen. Aber wie er auf ihn hinschaut, möchte der arme Saintmichel gleich in die Erde versinken, denn er sieht seinen eigenen Onkel! – Ah! Die Geschichte wird interessant. – Wenn er genug Geistesgegenwart besessen hätte, so hätte ihn sein Onkel nicht erkannt, denn man pflegt dienende Personen, wenn sie mit uns gleichen Geschlechts sind, nicht so aufmerksam anzusehen! aber der arme Junge war so verwirrt, daß er lauter verkehrtes Zeug trieb; er gab ein Messer hin, wenn man einen Löffel begehrt hatte, steckte eine Gabel ins Eis und hätte seinem Onkel bald mit einem Flaschenkork ein Auge ausgeschossen. Dieser sah denn doch endlich den ungeschickten Bedienten etwas genauer an und erkannte ihn nach und nach, Que diable! rief er endlich, das ist ja Saintmichel, mein Neffe! Der Unglückliche ließ sogleich vor Schreck ein halb Dutzend Porzellanteller fallen. Die Tänzerin aber fing an zu lachen, daß ihr die Schnürbänder rissen und sie samt dem Sessel umfiel. – Ah! das ist interessant. – Es geschah kein Skandal, man hob sie wieder auf; der General ist ein gutmütiger Mensch, man ließ den guten Saintmichel am Tisch Platz nehmen, gab ihm ein Gedeck und die Freude des Wiedersehens wurde bis in die späte Nacht gefeiert. – Und dann? fragte der Lord. – Das ist gut; der edle Lord möchte, daß man eine Anekdote so endige, wie Walter Scott seine Romane, wo erzählt wird, wie, wo und wann der Held gestorben ist. – Was geschah denn mit Saintmichel? – In jener Stunde nichts. Es giebt Onkel, die noch liebenswürdiger sind, als ihre Neffen. Aber möglich, daß er nach dieser Anekdote, ein Modelöwe wird. – Ach, wie fade Geschichten, seufzte der empfindsame ungarische Graf, der die Uhr aus der Tasche zog und sie so nahe ans Auge hielt, daß er es sich mit dem Zeiger hätte ausstechen können, wenn das Uhrglas nicht gewesen wäre. Es sind schon fünf Minuten auf eins und ich verspäte mich; hiermit suchte er seinen Hut, besah ihn, als er ihn gefunden, sorgfältig von innen und von außen, ob es auch wirklich der seine sei und probierte ihn dann noch am Kopfe, um zu sehen, ob das wirklich sein Kopf sei, auf welchen er den Hut setzt. – Was versäumt der? fragte einer der Zurückgebliebenen, nachdem sich der empfindliche Graf entfernt hatte. – Das » bain cosmetique de lait «, antwortete Debry spöttisch. – Sie scherzen, sprach Stephan drein, er wird sich doch nicht in Milch baden? – Das thut er, denn das macht die Haut weiß und die Nerven empfindsam, die bei ihm schon so gut dressiert sind, daß er, so oft man Rossinis Moses giebt, bei den höheren Tönen mit den Damen um die Wette in Ohnmacht fällt; er hat sich auch schon in Fleischbrühe gebadet, um seine Nerven wieder etwas aufzufrischen. – Arpad mit dem Pantherfell! seufzte Nikolaus mit donnernder dumpfer Stimme. Gäste kamen und gingen, die Gesellschaft am Erker änderte sich jeden Augenblick, anstatt der Weggegangenen kamen immer wieder andere und die Zurückgebliebenen sprachen immer über denjenigen, der zuletzt fortgegangen war. Zuerst hatte sich der nordische Fürst entfernt. Debry wußte gleich von ihm eine Anekdote zu erzählen. – Kürzlich traf er vor dem russischen Gesandtschaftshotel mit einem Kosaken zusammen, der eben vom Pferde stieg. »Du Bauer!« ruft ihm der Kosak zu – die Kosaken halten nämlich jeden für einen Bauer, der nicht eine Flinte trägt oder zu Pferde sitzt – »du Bauer, sagt er, komm her und halt mir das Pferd, bis ich herauskomme,« und hiermit wirft er ihm den Zügel zu. Der Fürst hielt nun das Pferd, während der Kosak drin war. Die Diener des Gesandten sahen das vom Fenster aus, erschrocken eilen sie über die Treppe und rufen dem ihn entgegenkommenden Kosaken zu: Um Gottes willen, was habt Ihr gemacht, Ihr laßt Euch vom Fürsten Ivan das Pferd halten! Der Arme starb beinahe vor Schrecken, warf sich vor dem Fürsten zu Füßen und flehte um Gnade; wahrscheinlich wäre der arme Kerl glücklich gewesen, wenn man ihm gesagt hätte, daß er mit hundert Knutenhieben davon kommen würde. Da nahm der Fürst zwei Dukaten aus der Tasche, drückte sie dem Kosaken in die Hand und sagte: »Da nimm, mein Sohn und fürchte nichts, sei auch ein anderes Mal so stolz.« Einige lachten, andere verwunderten sich über diesen Zug; der Lord sagte darauf, das sei nur das Benehmen eines Sonderlings, stieß seinen Stuhl um, stieg über die Knie dreier vor ihm Sitzenden, steckte die Hände hinten in die Fracktaschen, nahm seinen Hut vom Tisch, steckte den Kopf darein, ohne zu sehen, ob er den Hut richtig ausgesetzt und entfernte sich aus dem Erkerzimmer. – Seht, der edle Lord glaubt, daß nur er das Privilegium habe, ein Sonderling zu sein, sagte Debry. Habt ihr von seiner kürzlichen Gastdarstellung im Theatre de la Gaité gehört? Ah, das ist interessant, sagte Rudolf, sich zu ihm wendend. – Nicht wahr, Sie können das allerliebste kleine Vaudeville: La belle laitière , das vor einigen Wochen so großes Furore gemacht hat? Darin hat ein Bär eine sehr rührende Rolle; er gerät mit einem Jäger in Kampf, der Jäger erlegt ihn auf der Bühne, setzt sich auf ihn und singt ein hübsches Couplet, das auch schon jeder Gamin singt. Der närrische Lord beredet nun einmal den Direktor der Gaité, er möge ihn die Rolle des Bären spielen lassen. Der Direktor ist's zufrieden. Der Lord wird in eine Bärenhaut genäht und brummt und zottelt ganz prächtig. Endlich kommt der Jäger, der Lord stellt sich auf die beiden Hinterfüße, der Jäger stürzt auf ihn los, der Bär schlägt ihm das Jagdmesser aus der Hand, dann ringen sie, der Jäger unterliegt, der Bär setzt sich auf ihn unter großem Triumphgeschrei und jetzt singt der Bär das bekannte Couplet des Jägers zum großen Jubel des Publikums. Ist das nicht ein interessanter Spaß? Rudolf hörte die Geschichte des Marquis mit großer Aufmerksamkeit mit an und unterbrach ihn nicht, so lange er erzählte, machte aber endlich die Bemerkung: Sehr interessant und neu; ich habe die Geschichte erst vorgestern im Journal des Carricatures gelesen. – Das ist hart, sagte Debry; einen eine Geschichte auserzählen zu lassen und erst am Ende sagen, daß man sie in der Zeitung gelesen habe. Nach einem solchen Fiasko muß ich fort. Ehe er ging, wandte er sich mit der scherzhaften Bitte an die Gesellschaft: Meine Herren, haben Sie Barmherzigkeit, Ich weiß, welches Schicksal den erwartet, der von hier fortgeht, Gnade und Barmherzigkeit, meine Herren. Zu Debrys Glück war die Gesellschaft in diesem Augenblick von einein ganz anderen Gegenstand in Anspruch genommen, der es nicht zuließ, von Debry zu erzählen, er sei der reichste Mann, weil er nicht allein aus seiner eigenen Tasche, sondern fortwährend aus den Taschen anderer Geld ausgiebt, er färbe seinen Bart, habe dreißig Perücken, setze jeden Tag eine mit längeren Haaren auf und sage am Ende des Monats, daß er sich das Haar schneiden lasse, auch sei er sehr böse, wenn man auf seine Perücke anspielt. Einmal hätte er sich beinahe mit dem Engländer wegen eines solchen Witzes duelliert; als sie im Odeon waren und die jungen Riesen fortwährend die Logenthür offen liehen, beklagte sich Debry über den Luftzug, der hierdurch entstehe; der Lord sagte aber darauf: »Sie haben leicht reden, Ihr Kopf ist bedeckt.« Alles das und noch manches andere hätte man von ihm erzählt, sobald er sich aus dem Zirkel der Medisance entfernt hatte, wenn nicht in demselben Augenblick eine seltsame herrschaftliche Equipage über das Boulevard gefahren wäre. Vor eine neue, melonengrüne Kalesche waren vier graue Vollbluthengste, nicht je zwei und zwei, sondern wie an einem römischen Triumphwagen alle vier in der Breite gespannt. Der elegante Herr kutschierte selbst, der Kutscher und der Jäger saßen im Coupé. – Seht da Karpáthi, sprach ein junger Dandy, sich über den Erker hinausbeugend (dieser, der Sohn eines ungarischen Vicegespans, der seine Apanage aus der Heimat bezieht und sich seit Jahren bemüht, die Leute glauben zu machen, daß seine Mutter eine Baronin sei, und daß man die Vicegespänne in Ungarn mit Excellenz tituliere), oh, welch ein prächtiger Junge ist der Karpáthi! meine Herren, einen solchen Kutscher giebt es in ganz Paris nicht. So fährt er en carriére, wenn eben die meisten Kutschen auf dem Boulevard sind. Kürzlich wollte ihm ein Milchwagen nicht ausweichen. Na warte! sagte er, ich saß neben ihm, dann fuhr er so geschickt darauf los, daß er den Milchwagen umstürzte und der Milchhändler unter dem Wagenkasten kläglich hervorguckte, er hatte einen Fuß und die Deichsel gebrochen. Abellino machte dann auf der Conciergerie, wohin der Milchhändler klagen gegangen war, kurzen Prozeß, nahm die Börse heraus und sagte: »So viel für die Deichsel, so viel für den Fuß!« Wie witzig! Ein ähnlicher Fall ist dem Kutscher meiner Mutter, der Baronin, passiert, eines morgens kam er zum Papa und sagte: Excellenz! – – Hier wurde der junge Merveilleux in seiner Erzählung unterbrochen, denn im Salon entstand ein großer Lärm, als ob man jemanden mit jubelndem Triumph begrüßte; die Thüre des Erkersaales öffnete sich und mit siegstrahlendem Gesicht trat Karpáthi herein, begleitet von einer Menge junger Riesen, die Karten und Billard verlassen hatten, um die gute Nachricht zu hören, welche der hiermit beauftragte Abellino über die Mainvielle-Catalani-Angelegenheit brachte. – Nun, was ist beschlossen? fragten hundert Stimmen auf einmal. – Meine Herren, lassen Sie mich nur erst ein wenig zu Atem kommen, ich bin ganz alteriert, exaltiert, fatigiert. Man brachte ihm schnell einen Stuhl und ließ ihn setzen. – Alles ist gewonnen, ich habe mehr erlangt, als der Klub gefordert hat; ruhig, meine Herren! ich will alles erzählen, aber dabei bedinge ich mir aus, daß Sie mir nicht in die Rede fallen. Also wissen Sie, daß dieser starrköpfige, eigensinnige Deboureux, der Direktor der Oper, die Rolle der Zelmira durchaus nicht der Catalani, sondern der Mainvielle geben wollte – – – Derselben Mainvielle, die vor einigen Jahren in Petersburg, Venedig und hier in Paris mit solcher Auszeichnung empfangen wurde? fragte Stephan. – Da habt ihr's, es redet mir schon jemand drein! rief Abellino zornig und von seinem Sitz aufspringend. – Um Vergebung, der Name hat mich überrascht, da diese Dame unsere Landsmännin ist. – Die! Dieses Wort war so betont, als ob es sagen sollte: Wie kann denn etwas Ausgezeichnetes aus unserem Lande kommen? – Also, fuhr Abellino fort, der Direktor machte sich ganz unzugänglich und wollte sich über diesen Punkt nicht einmal in ein Gespräch einlassen. Da kam mir meine alte Schutzgöttin, der glückliche Zufall, in Gestalt eines Pudels zu Hilfe. Allgemeines Gelächter. – Wie gesagt, in Gestalt eines Pudels. Meine Herren, Sie kennen das neuste Drama, welches eben in Mode ist und alle Stücke von Shakespeare und Viktor Hugo in den Hintergrund drängt: »Aubry, oder der dankbare Hund?« – Gegenstand desselben ist: ein Ritter wurde ermordet und sein treuer Hund tritt als Kläger gegen den Mörder auf, worauf der König ein Gottesgericht veranstaltet, in welchem der Angeklagte vor den Schranken erscheinen, mit dem rächenden Pudel kämpfen muß und von diesem auch besiegt wird. Ein Genie hat daraus ein rührendes Drama gemacht, in welchem Philax, der Pudel, die Hauptrolle hat. Herr Philax hat bereits halb Europa bereist und ist überall mit Triumph, mit Begeisterung empfangen worden, für ihn regnete es Kränze und für seinen Herrn Thaler und Louisdor; vergebens riefen die Dichter, die Journalskribler, dies sei Schmach, eine Entehrung der Kunst, eine Erniedrigung der Poesie! Philax setzt dennoch seine Kunstreise fort und vor einigen Wochen in Paris angelangt, machte er auch hier Furore. Anfangs fürchteten sich zwar die Direktoren, ihn auftreten zu lassen, denn die Schauspieler drohten, die Bühne zu verlassen, auf welcher der Künstler mit einem Hund in eine Kategorie gestellt wird und wo Beifall und Kränze, die bisher für richtige Deklamation, künstlerische Mimik, ausgezeichnete Stimme und warmes Gefühl als Belohnung galten, jetzt dem Bellen und den Sprüngen einer Bestie zu teil werden. – Der spricht nicht schlecht, flüsterte Stephan Rudolf ins Ohr. – Sorge nicht, er wird sich schon zu Grunde richten. – Indes fand sich doch ein Direktor, den seine Schauspieler nicht genierten und der den Mut hatte, den Hund zu Gastrollen auftreten zu lassen, wobei er es vom Erfolg abhängig machte, ob er ihn als ordentliches Mitglied engagiere oder nicht. Es war der Direktor des Luxembourg. Der Erfolg übertraf alle Erwartungen. Die elende Baracke, in welche früher niemand hineinging, als Matrosen, Studenten und Debardeurs, in der sich nicht einmal eine ordentliche Lorette zeigte, füllte sich jetzt mit dem elegantesten Pariser Publikum. Aus den nach Knoblauch und Branntwein riechenden Logen blickten die bekanntesten Modedamen und an diesem Abend wurde der künstlerische Hund im vollen Sinne des Wortes unter einem Blumenregen begraben. Von diesem Tage riß ein Theater dem andern den berühmten vierfüßigen Künstler ans den Händen, einen Abend hörte ihn das Gaité bellen, den andern das Vaudevilletheater, den dritten das Varietés, bis er die Runde durch alle Bühnen von Paris gemacht hatte. Die beiden stolzen Theater, das théâtre français und die académie royale de musique blieben ohne Publikum; die elegante Welt riß sich um Philax, man überhäufte ihn mit Schmeicheleien und natürlich, wo die Damen hingehen, da eilen auch die Herren hin, kurz: die beiden pedantischen Theater hatten die Ehre, ihren Cid, die Hermione und den Tartüffe, die Cenerentola, die Gazza ladra, Alcidor oder Nurmahal vor leeren Bänken aufzuführen, das Theater blieb leer und die Direktoren wüteten über das Publikum, das in den Hund völlig verliebt war. – Monsieur! müssen wir das alles wissen? rief eine ungeduldige Stimme. – Meine Herren, ich bitte um Diskretion, sprach Abellino unwillig, sonst erzähle ich kein Wort weiter. Man stimmte für Diskretion. – Ich besuchte Herrn Deboureux, wissend, wie sehr er gegen den Hund gereizt sei, so daß er, wenn er im »Aubry« die Rolle des Mörders zu spielen hätte, ganz gewiß den Pudel und nicht dieser ihn umbrächte. Ich machte ihm also den Antrag, daß ich der Hundesaison plötzlich ein Ende machen und das Publikum von seiner Leidenschaft für den Pudel kurieren wolle; ich fragte ihn, was er mir hierfür zu thun erbötig sei. – Alles, was Sie wünschen, antwortete der brave Mann. – Gut, sagte ich, ich wünsche zweierlei: erstens, daß Sie die Rolle der Zelmira der Catalani geben. Er versprach es. Die jungen Riesen rissen auf dieses Wort Abellino vor Freude beinahe in Stücke. – Das zweite ist, daß Sie den Tag nach Aufführung der Zelmira sogleich die veraltete Oper: Italiana in Algheri aufführen und darin die Mainvielle auftreten lassen. – Bravo, Bravo! riefen mehrere; das ist prächtig, man könnte nie auf geschicktere Weise eine Künstlerin heben und die andere stürzen. – Wartet, das ist noch nicht alles. Die Mainvielle muß die Sache sogleich erfahren haben, denn noch in derselben Stunde ließ sie dem Direktor sagen, er möge ihr Urlaub geben, denn ihr Mann sei krank und sie müsse mit ihm ins Bad reisen. Wer sieht da nicht die Verderbtheit der Welt! Ist das die Ordnung, daß die Schauspielerinnen mit ihren Männern zusammen reisen? Enfin , der Direktor war genötigt, die Mainvielle binnen drei Tagen zu entlassen, die Zelmira wird, da erst zwei Akte davon einstudiert sind, erst nach der Abreise der Mainvielle aufgeführt werden können und es wird den Anschein haben, als ob man der Catalani die Rolle aus Not gegeben hätte. Wer kann da helfen? Hier schaute er die jungen Riesen der Reihe nach an und da sie schweigen, schlug er sich auf die Stirne, als wollte er sagen: »Mein Kopf!« – Um so besser, sagte ich, wir lassen also an einem Abend die ersten zwei Akte der Zelmira und hierauf jene zwei unausstehlichen letzten Akte aus der Italiana in Algheri aufführen, bei welchen sich das Publikum gewöhnlich zu entfernen pflegt. Ist's nicht so gut? – Prächtig! riefen alle, das Arrangement ist geistreich erdacht und läßt nichts zu wünschen übrig. So haben wir Triumph und Sturz an einem Abend, erst Applaus und dann Zischen, – Aber hört weiter. Die Bedingung hierfür war, daß die Pudelsaison ein Ende habe; hier sprang Abellino auf, schnalzte mit den Fingern und rief: Eh voilà , sie ist schon zu Ende! – Wie so? wie so? fragten alle verwundert. – Ich setzte mich sogleich zu Pferde, sprach mit meinem Bankier (hierbei richtete er sich die Krawatte, damit seine Zuhörer bedenken, er habe wieder einen Bankier) und von dort ritt ich sogleich zu Pelerin, dem der vierfüßige Künstler gehörte. Ich ließ ihn samt den Hund zu mir herausrufen und ohne vom Pferde zu steigen, fragte ich: »Wie teuer giebst du die Bestie?« Der Flegel antwortete erst grob und sagte, ich besäße gar nicht so viel Geld, als ich ihm dafür geben müßte. Par dieu ! kann man einen ungarischen Kavalier eine größere Grobheit sagen, als daß er kein Geld habe? Ha! rief ich dem Lümmel wütend zu: Monsieur, was nennen Sie Geld? Glauben Sie, daß ich Ihnen den Hund nicht bezahlen könne? Wie viel verlangen Sie dafür? – Der Mensch antwortet, daß er ihn nicht unter fünfzig Tausend Franks hergebe! – Fripon ! rief ich und das nennt er Geld! Hier hast du deine fünfzig Tausend Franks, rief ich, aus meinem Portefeuille fünfzig Bankbillets nehmend und warf sie ihm hin. Der Lümmel staunte; der Hund hat ihn zwar von Jahr zu Jahr genährt, aber der Hund kann sterben und fünfzig Tausend Franks sterben nicht, er kann damit einen Spezereikramladen eröffnen und von dem Erträgnis auskommen bis zu seinem Tode; er schien ein wenig zu überlegen, dann steckte er die Bankbillets ein, führte nur den Pudel am Halsband zu und brummte: da haben Sie einen guten Kauf gemacht. Der Lump sah mich für den Direktor einer Wandertruppe an, der mit dem Hunde reisen will. Nichtswürdiger, damit du siehst, welch ein Spaß es einem ungarischen Kavalier sei, fünfzig Tausend Franks hinauszuwerfen und damit du ein anderes mal Respekt hast – da sieh! Hiermit zog ich ein Terzerol aus der Satteltasche und puff! da lag der Hund totgeschossen – und hiermit hat die Hundesaison ein Ende. Alle verstummten vor Erstaunen, nur einer aus der Gesellschaft ließ einen Seufzer vernehmen. – Dein Kamerad bedauert den Hund, sprach Abellino zu Rudolf, auf Stephan deutend. – Nicht den Hund, sondern dich. – Eh bien , ich habe die Bedingnisse erfüllt und Deboureux die seinen; auf übermorgen sind Zelmira und Italiana angesetzt; jetzt ist es Zeit an die Vorbereitungen zu denken, wir müssen die Rollen verteilen, damit wir schneller fertig werden; Debry muß die Blumenverkäuferinnen auftreiben und so viel Maalenken als zu haben sind, zusammen kaufen; Fennimore (das war der Taufname des Landsmannes, der sich in Milch badete) muß mit den Poeten sprechen, die uns ihre Werke zu dedizieren pflegen, sie sollen Lobgedichte verfassen. Ivan soll zum Juwelier eilen und die schönsten Diamanten, er hat darin den besten Geschmack, zu einem prachtvollen Diadem auswählen; wenn die Kosten mehr ausmachen, als die Klubkasse, so decke ich sie. Auf dieses Wort entstand unter den jungen Riesen eine große Bewegung; jeder wollte, daß man ihm etwas anvertraue. – Disponiert auch über mich, rief jener junge Gentleman, der seinen Vater mit Excellenz zu titulieren pflegte. Disponiert über mich, rief er zum zehntenmal. – Sehr gern, mein Freund, rief der alles arrangierende Abellino; eilen Sie, den Herrn Oignon aufzusuchen und hierher zu bestellen. Der junge Mann überlegte einen Augenblick, ob das Wohl genug Ehre für ihn sei, oder nicht; endlich entschloß er sich nahm seinen Hut und ging fort. – Und ihr werdet euch nicht rühren? rief Abellino nach der Ecke hin, wo Rudolf mit seinen Gefährten stand. – Wo so viele mitspielen, da müssen ja auch einige Zuschauer übrigbleiben, antwortete Rudolf mit frostigem Sarkasmus, während Stephan seinen Zeigefinger in Abellinos Knopfloch steckte und ihn am Arme in die Ecke zog. – Sprich, woher dieser Zorn gegen die Mainvielle? Hat sie jemanden von euch beleidigt? – Uns alle hat sie aufs Blut beleidigt! vor vier Jahren ist sie hergekommen, wir haben sie zum Himmel erhoben, gepriesen, ihr Weltruhm verschafft und womit hat sie's uns gedankt? Damit, daß sie sich höchst unanständiger Weise von uns zurückgezogen hat an die Seite ihres morosen, hypochondrischen Mannes und die anständigsten Kavaliere zurückwies; mehrere von uns beabsichtigten mit ihr die honetteste Liaison anzuknüpfen, aber alle hat sie refüsiert. – Dann habt ihr recht, sprach Rudolf, seine Lippen kaum zu bitteren, Spott bewegend. – Aber das ist nicht alles. Vor kurzem gaben wir ein Bankett, bei welchem nur Künstlerinnen und Kunstfreunde zugegen waren und sie blieb weg unter dem Vorwand, ihr Mann sei krank und sie müsse ihn pflegen. Ah Madame! Sie trotzen uns? Warten Sie, wir werden Ihnen beweisen, daß wir sie zu stürzen vermögen, wir, die wir Sie erhoben haben. – Wenn aber der Mann dieser Frau gegen euch auftritt? fragte Nikolaus, der das sehr natürlich gefunden hatte. – Ihr Mann? Que diable ? Was könnte der uns thun? Wir sind Publikum und er Schauspieler, wir zahlen und er spielt; wir können nach Belieben applaudieren oder zischen. Dafür zahlen wir. – Laß mich nur eines sagen, sprach Stephan, indem er, was später seine bekannte Gewohnheit wurde, demjenigen, mit welchem er sprach, das Halstuch richtete, dieses Weib ist eine Ungarin, unsere Landsmännin. Und wir sollen sie verfolgen? Abellino antwortete nicht auf diese Frage, sondern indem Stephan ihn mit dem Finger am Knopfloch zerrte, sagte er scherzend: Wollen Sie so gut sein, mein Knopfloch loszulassen, oder soll ich mir den Frack ausziehen und ihn hier lassen? Nachdem dieses geschehen war, mischte sich der junge Lion mit Nonchalance unter die jungen Riesen Bald darauf kehrte der aus der Mesalliance einer Baronin mit einem Vicegespan hervorgegangene junge Mann mit Monsieur Oignon zurück. Monsieur Oignon war aber niemand anders als der Entrepreneur der Claque, das ist ein Mensch, der mit Applaus und Zischen handelte. Ein hochangesehener Mann, von dem das Schicksal der Schriftsteller und Künstler abhängt. In Bezug aus den ersten Punkt, nämlich Applaus, Kränzewerfen und Gedichte ausstreuen war die Verhandlung bald beendigt. Der andere Punkt ging etwas schwerer durch; eine in allgemeiner Achtung stehende Künstlerin auszischen ist kein Spaß; man kann sich dazu nicht so leicht hergeben, denn man hat bald Gelegenheit, mit der Gendarmerie bekannt zu werden, auch ist es möglich, daß das Publikum Partei nimmt. Endlich hat selbst der Chef der Claque ein Herz. Aber zum Glück ist das Herz des Chefs der Claque nicht aus Eisen, einige goldene Beweggründe erweichen ihn; er wird schon sehen, was er thun kann. Er wird bewirken, daß der Empfang ein kühler sei, daß die Pastetenverkäufer auf den Galerien keine Erfrischungen herumtragen, damit das Publikum unruhig werde; irgendein unerwartetes Intermezzo kann dann gute Dienste leisten, ein Hut, der ins Parterre fällt, jemand, der während des Pianissimos der Sängerin laut gähnt, damit der leichtblütigere Teil des Publikums ins Gelächter ausbreche, alles das wird mehr wert sein, als ein entschlossenes Zischen; denn Langeweile und frostiger Empfang sind eine weit erdrückendere Manifestation, als Zischen und Pfeifen, wodurch oft Reaktion hervorgerufen wird. So wurde die Übereinkunft auf den übermorgigen Abend beschlossen und ratifiziert; die aufgeregten Gemüter der jungen Riesen hatten keine Geduld so lange zu warten. – Also willst du diese nach Hause bringen? fragte Rudolf seinen schweigenden Gefährten. – So viel ist gewiß, daß ich dich mitbringe. Rudolf ließ den Kopf sinken und ging schweigend an der Seite seiner Gefährten durch die Säle des Klubs und erst, als sie die Treppe hinabgingen, sagte er: Möglich! Sehen wir nun, wer jene Mainvielle gewesen, die in der Welt der Riesen zu einer so energischen Bewegung Anlaß gegeben und für die wir ein um so größeres Interesse hegen, da sie eine Ungarin ist und europäischen Ruf hatte. Sie hatte ihn! jetzt liegt auch sie in tiefem Schlaf, seit ihre Zaubertöne verklungen, wird von ihr nicht mehr gesprochen. 5. Die Laufbahn einer Künstlerin. Ich spreche nicht von etwas Idealem; die Dichter lügen, das Leben spricht die Wahrheit. Die Künstlerin, über deren Leben ich spreche, war einer der glänzendsten Geister ihrer Zeit; sie war von der Natur mit einem großen Herzen, einnehmenden Zügen, einer hinreißenden Stimme begabt und vom Genius der Kunst geweiht; das launische Schicksal hatte ihr seine Gaben erschlossen, damit sie wähle. Ihr Ruhm war verbreitet von Moskau bis Venedig, von Wien bis Paris und London. Man sprach von ihr als von einer Wundererscheinung; die Dichter, welche die Helden der Weltkriege besangen, sangen auch zu ihrem Preise und ihr Triumph war sogar vollkommener als der Napoleons, denn sie besiegte nicht bloß eine oder die andere Nation, sondern ganz Europa zugleich und in England hielt man sie für eben so groß, wie in Rußland, in den Tuilerien erkannte man ihre Hoheit eben so gut an, wie im Kreml. Wie später der Name Jenny Linds, so war auch der ihrige in der ganzen Welt bekannt – und doch, obwohl seit damals kaum dreißig Jahr verflossen sind, erinnert sich ihrer jetzt niemand mehr. Der Name dieses Weibes war Josephine Fodor . Ihr Großvater, Karl Fodor , wanderte im vorigen Jahrhundert als Husarenhauptmann, mit drei Söhnen nach Holland aus. Der jüngste derselben, Joseph, verlegte sich auf Musik, heiratete und wurde vom Herzog von Montmorency zum Hofkapellmeister gewählt. Eine Frucht dieser Ehe war Josephine; ihre kindliche Schönheit bewies, wie sehr ihre Eltern sich einander liebten und ihre mit ihrem Wachstum sich mehrende Schönheit bewies, wie sehr sie ihre Eltern liebte. Vielleicht ist's ein Aberglaube, was ich da sagte, aber ich glaube, daß ein Kind, dessen Eltern sich nicht lieben, häßlich zur Welt kommt und daß ein Kind, welches seine Eltern nicht liebt, häßlich wird, denn die Liebe schafft das Schöne. Als der Herzog von Montmorency beim Ausbruch der französischen Revolution floh, kehrte Joseph Fodor nach Holland zurück und da starb seine Gattin. Damals wurde er mit dem Fürsten Kurakin bekannt, dem russischen Gesandten in Holland; von diesem wurde er nach Rußland berufen, wo ihn der die schönen Künste vergötternde Aristokrat als Kapellmeister anstellte, während er Josephine mit seinen eigenen Töchtern zusammen von europäisch berühmten Meistern erziehen ließ. Das kleine Mädchen sprach schon im Alter von zehn Jahren alle gebildeten Sprachen der Welt, die vaterländische süße barbarische Sprache hatte sie in traulichen Stunden von ihrem Vater erlernt. Schon im zarten Kindesalter spielte sie die Harfe, welche damals vor dem noch nicht vervollkommneten Klavier noch viele Vorzüge besaß, mit so großer Fertigkeit, daß ihr Vater keinen Anstand nahm, sie vor der vornehmen Welt Moskaus in einem Konzert auftreten zu lassen, in welchem sie alles zur Bewunderung hinriß. Zwei Jahre darauf hörten sie die Kunstfreunde Moskaus singen. Diesem Konzert wohnte selbst der Zar Alexander bei, der von ihren Tönen so hingerissen wurde, daß er dem Mädchen angesichts aller Anwesenden die Hand drückte – und kaum war eine Woche verflossen, so schickte er einen seiner Kammerherrn zu ihrem Vater, um Josephine für die Hofoper mit einem Gehalt von drei Tausend Silberrubel zu engagieren. Sie wurde bald der Liebling des Publikums. O unter jenem kalten Klima fühlen die barbarischen Menschen, von welchem wir unter einem wärmeren Himmel Geborenen glauben, daß sie in Bärenhäuten gehen und zur Trommel tanzen, sehr warm für die Kunst. Zu jener Zeit besaß Moskau auch ein französisches Theater, als dessen gefeiertester Held Herr Tharaud-Mainvielle genannt wurde. Der Künstler hatte eine hohe, ideale Gestalt, edle, männliche Züge, an welchen gewöhnlich nur der Ausdruck der Ehrlichkeit und Offenherzigkeit sichtbar war und das war sein Charakter; aber auf der Bühne konnte er seine Physiognomie in tausend Arten ändern. Aufregung, Wut, schrecklicher Zorn, unwiderstehlicher Zauber, tödliche Rache, Humor. – Alles konnte er ausdrücken und das war seine Kunst. Man sprach von Mainvielle eben so rühmlich, wie von Josephinen. Der Ruf, der so geschickt Liebesbündnisse anzuknüpfen versteht, kam von ihm zu ihr und von ihr zu ihm; jeden Tag mußten sie von ihren wechselseitigen Siegen hören. Nicht einmal ist es dem Ruf gelungen, zwei berühmte Menschen miteinander zu verbinden, die sich einredeten, daß sie einander lieben, während sie nur einer des andern Ruhm liebten. Aber die Regel hatte hier ihre Ausnahme. Die beiden größten Künstler der Zeit liebten einander mit einer Liebe, die auch dann noch fortdauerte, als ihr Ruhm bereits verschollen war. Denn wisset, meine Lieben, die ihr nach Ruhm geizt, daß der Ruhm des Künstlers vergänglich ist, dieser braucht nicht erst zu sterben, er braucht nur alt zu werden; er lebt noch und ist schon begraben. Also die beiden berühmten Künstler wurden Mann und Weib und seitdem hatten beide doppelten Ruhm; das applaudierende Publikum kannte eben so gut den Namen Mainvielle, wie den Namen Fodor und brauchte sich nicht erst an einen neuen Namen zu gewöhnen, wenn es seinen Liebling als verheiratete Dame auf der Bühne sah. Indes brach der russisch-französische Krieg aus und Kaiser Alexander verwies plötzlich aus seinem Reiche alle französischen Schauspieler, unter ihnen auch Mainvielle. Josephine brauchte ihrem Manne nicht zu folgen, denn sie traf die Ausweisung nicht; sie war beim russischen Hoftheater engagiert und es wäre nichts außerordentliches gewesen, wenn sie ihren Mann hätte fliehen lassen und selbst in ihrem glänzenden Engagement verblieben wäre. Aber sie handelte nicht so, sie verließ ihre gute Stellung und folgte ihrem Manne in Armut und Elend. Sie organisierten eine Wandertruppe und bereisten mit derselben Stockholm, Kopenhagen und Hamburg; eine Oper hatten sie nicht und Josephine spielte in Dramen mit . Das wird, glaube ich, jeder für das größte Opfer halten, der die glänzende Laufbahn der Opernsänger mit der bescheidenern des Schauspielers vergleicht. So kamen sie nach Paris zurück. Eine Kunsthalle dritten, vierten Ranges, das Feydautheater, bewilligte nach vielen Bitten, daß Josephine auftreten konnte. Seit dem Tage wurde sie der Liebling von Paris. Sogleich wurde sie an der italienischen Oper als Primadonna engagiert und als sie in der Griselda auftrat, wurde die frühere Primadonna, Signora Barilli, zu ewiger Vergessenheit verdammt. Von Paris kam sie nach England und dann nach dem zauberischen Venedig. Hier in der Heimat der Musik erreichte sie den Gipfel ihrer Berühmtheit. Selten ist der Künstler, der seine anderswo erworbenen Lorbeeren nach Italien bringt, wem es aber gelingt, sie von dort unverwelkt zurückzubringen, auf dessen Haupt grünen sie ewig. Die Begeisterung der Venetianer für die ungarische Künstlerin stieg so hoch, daß sie dieselbe in der Fenice feierlich krönten und zu ihrem Andenken goldene, silberne und Bronzemedaillen prägen ließen, auf deren einen Seite das Brustbild der Künstlerin mit ihrem Namen und auf der andern Seite ein Lorbeerkranz mit den Worten zu sehen war: » Te nuova Euterpe Adria plaudente onora ,« (Dich, neue Euterpe, rühmt Adria applaudierend.) Damals wurde sie nach Paris zurückberufen. Den Wert dessen, was wir besitzen, erkennen wir gewöhnlich, nachdem es im Ausland gerühmt worden. Josephine kehrte zurück. Zu derselben Zeit probierte Rossini sein Glück mit seinen Erstlingswerken, aber in Paris erntete er einen schlechten Erfolg. Sein Barbier von Sevilla wurde bei der ersten Aufführung ausgezischt, bei der zweiten ausgelacht, bei der dritten blieb das Publikum aus; und endlich wurde er vom Repertoir gestrichen. Josephine wurde mit dem Werk bekannt und ihr Genie erkannte dessen Schönheiten. Sie wünschte darin aufzutreten. Als sie die Rosina sang, war das Pariser Publikum außer sich vor Entzücken; überall kamen neue, unbekannte Schönheiten zum Vorschein. Rossini wurde plötzlich der Mann des Tages und das Publikum hörte die Mainvielle im Barbier und überhäufte sie mit Beifall achtzig Mal hintereinander. Das gute Publikum! Das Publikum ist ja an und für sich so gut; wen es einmal liebgewonnen hat, den läßt es sobald nicht mehr fallen; wenn nur das Publikum nicht aus einzelnen Menschen bestünde! Möge eine Künstlerin noch so groß sein und das Publikum noch so sehr bezaubern, wenn sie lange an einem Orte bleibt, so wird man allmählich kalt, man gewöhnt sich an ihre Vorzüge und bemerkte sie nicht mehr, während man ihre Fehler aufzeichnet. Wenn sie bloß der Kunst lebt, wenn sie sich dem Treiben der Welt nicht hingiebt und im Leben nicht dieselben Rollen spielt, wie auf der Bühne, wenn sie gar ihr Glück nur zu Hause findet und immer am Arme ihres Mannes erscheint, den sie jahrelang standhaft liebt, dann vermindert sich die Zahl der Anbeter, später auch die der Verehrer, die Kränze wirft man mit vollen Händen den unfähigen, wohlfeilen Schönheiten und sie muß alles kennen lernen, wodurch das Publikum seine Erkaltung an den Tag legt, das stumme Schweigen, während sie fühlt, daß sie den Anforderungen der Kunst entspricht, absprechende Kritiken und leere Logen. Später muß sie sogar hören, daß sie schon zu lange spiele, zu lange lebe, mau zählt ihre Jahre, man sagt, daß sie für diese oder jene Rolle nicht mehr geeignet sei, man fragt schon, wer sie ersetzen werde und endlich sagt man ihr rund heraus, daß sie schon zu alt sei. Und kommt eine glückliche Nebenbuhlerin, die zwei große Vorzüge hat, nämlich daß sie neu ist, und daß sie sich um die Gunst des Publikums nicht bloß auf der Bühne, sondern auch außerhalb derselben bewirbt, dann ist der frühere Liebling des Publikums, ohne etwas verbrochen, ohne an Kraft und Kunst abgenommen zu haben, gestürzt; alles ist gegen sie, der Tadel der Kritik, die Kälte des Publikums, die Intriguen der Kollegen, man giebt ihr verhaßte Rollen und endlich wird sie ausgezischt. Die Catalani war nicht schöner, noch jünger, noch eine größere Künstlerin, als Josephine, aber sie hatte einen Talisman, der in der Künstlerwelt mehr bedeutet, sie führte keinen Mann mit sich. Um den armen Schiffskapitän, der Gott weiß in welchem Meere seinen Ruhm trank, kümmerte sie sich nicht so viel, daß sie vor dem Publikum seinen Namen geführt hätte. Wie hatte sie den so wohlklingenden, mit den Erinnerungen so vieler Triumphe verknüpften Namen mit dem barbarischen Namen aus der Bourgogne vertauschen sollen? Die Hälfte derjenigen, die ihr applaudierten, hätte geschwiegen, wenn sie anstatt Catalaui hätte Valabregue rufen müssen. Der ehrliche Valabregue stand der Kunst seiner Gattin nicht im geringsten im Wege; er hatte am gelben Fieber, dem Skorbut, den Blattern und an anderen Geschenken des tropischen Klimas krank liegen, er hätte nach Belieben sterben und ins Meer sinken können, deshalb wäre im Repertoir keine Veränderung vor sich gegangen, das bestimmte Stück hätte deshalb doch nicht unterbleiben müssen. Ist es nicht schon ärgerlich genug, daß ein angekündigtes Stück unterbleiben muß, weil die Trägerin der Hauptrolle krank geworden ist? Kann man so was glauben? kann man es verzeihen? Ein gewöhnlicher Mensch kann schlecht gelaunt sein, wenn er sich den Magen verdorben, er kann husten, wenn er sich erkältet, er kann ärgerlich sein, wenn sich ihm die Galle ergossen hat, er darf sich niederlegen, wenn er sich nicht mehr auf den Füßen erhalten kann; aber ein Künstler, dessen Pflicht es ist, das Publikum zu unterhalten, welches Recht hat er zu husten, unpäßlich zu sein, sich niederzulegen? Und hat man schon einmal gehört, daß sich eine Künstlerin der Bühne entzieht, weil ihr Mann krank ist? Möge sie ihm in Gottes Namen einen Arzt rufen, sie selbst kann ihn doch nicht heilen; sie aber gehe spielen, singen, lächeln, kokettieren. Schon seit mehreren Tagen cirkulierte in der Stadt das skandalöse Gerücht, die Mainvielle wolle nicht auftreten und fühle sich unfähig zu singen, weil ihr Mann sterbenskrank ist; sie habe die qualvollsten Sorgen, wenn sie sich einen Augenblick von ihm entfernt. – Larifari! Wer könnte das glauben? Sie will bloß deshalb nicht auftreten, weil die Catalani da ist und sie den Triumph der Catalani nicht mit ansehen kann. Der Direktor wird von allen Seiten mit der Frage bestürmt, warum er die Mainvielle nicht auftreten lasse. Der Direktor läßt ihre jede Stunde Posten sagen, endlich droht er ihr, er werde sie zwingen; die Künstlerin bittet endlich um Urlaub, denn ihr Mann könne nur dann gesund werden, wenn sie mit ihm ins Bad reist. Sie muß aber früher noch einmal auftreten, denn so steht's in: Kontrakt – sie willigt ein, nur daß man sie entlasse; dann schickt man ihr die unausstehlichste Rolle, sie nimmt sie mit Resignation an und macht sich darauf gefaßt, durchzufallen. Schon sieben Nächte hat sie am Bette ihres leidenden Mannes gewacht und sie selbst ist so blaß wie er. Lange Nächte saß sie dort am Bette des Kranken, sie lauschte jeder Bewegung seiner Lippen, zählte die Minuten, nm nicht das Eingeben der Medizin zu versäumen, linderte ihm die brennende Stirn mit ihrer kühlen Hand und verscheuchte seine bösen Träume mit beruhigendem Flüstern. Die Besucher, die guten Freunde blieben aus, denn man sagte, Mainvielles Krankheit sei ansteckend. Das Weib umarmte den Mann, legte ihren Kopf neben ihn ans seine feuchten, heißen Kissen, küßte seine brennenden Lippen, legte seinen glühenden Kopf an ihre Brust und dachte, wenn sein Fieber ansteckend ist, so möge auch sie davon angesteckt werden und wenn er stirbt, so wolle auch sie mit ihm sterben – und in solchen Momenten war die Coulissenwelt samt ihrer Eintagsglorie vergessen. In Mainvielles Krankheit trat eben während der Nacht die Krisis ein, er sank in ruhigen Schlaf und nach der Versicherung der Ärzte war er jetzt außer Lebensgefahr. Josephine sitzt neben ihm am Bette, in ihren edlen, bleichen Zügen sieht man das Glück der Beruhigung. Sie hat nur einen Gedanken und der ist, daß ihr Mann genesen wird. Sie hält die Noten der unausstehlichen Rolle in der Hand und durchläuft sie, um sich sie wieder ins Gedächtnis zurückzurufen und um darin neuen Glanz, neue Schönheiten zu suchen. Vergebens. Es ist eine undankbare Rolle, eine derjenigen, an welche der Künstler seine geistigen und leiblichen Kräfte verschwendet, ohne den geringsten Erfolg zu erzielen, welche der Dichter ohne Lust, ohne Gedanken geschaffen hat und die er dem Künstler anvertraut, damit dieser ihr die Seele einhauche, die ihr fehlt. Hundertmal müßte sie die Rolle zur Erde werfen, die Blätter zerreißen und mit den Pantoffeln zertreten; aber Josephine zürnt nicht, der Groll der Bühnenwelt dringt nicht bis zu ihrem Herzen und jetzt fühlt sie nur, daß ihr Mann genesen wird. Manchmal verdüstert sich ihr Gesicht, wenn sie an die glänzende Hälfte ihres Lebens denkt und sich daran erinnert, daß sich im Abendrot des Künstlerlebens die Schatten verlängern – aber ein Blick auf das Gesicht ihres schlafenden Mannes, und ihre Augen beginnen wieder zu lächeln. Das alles ist doch nur Komödie! – das Glück wohnt zwischen den vier Wänden und hat mit dem schillernden Lampenlicht nichts zu thun. Wofür sie zum Himmel gefleht hat, das erfüllt sich, ihr Mann wird genesen, möge dafür ihr Künstlerruhm verloren gehen; denn, wenn sie den Mann verlöre, so könnte aller Ruhm in der Welt ihn ihr nicht ersetzen. Einmal öffnet sich leise die Thüre und vorsichtig tritt auf den weichen Fußteppichen Mademoiselle Jeannette herein, Josephinens älteste vertraute Dienerin, welche sie in letzter Zeit von aller Arbeit befreite und bloß als Gesellschafterin, Freundin bei sich behielt. Das Mädchen schien einen Kummer zu haben, den sie nur schlecht verbarg. – Warum kommen Sie, Jeannette? fragte Josephine diese, ihr mit der Hand zuwinkend, sie möge kein Geräusch machen, denn ihr Mann schlafe. – Ah, Madame, wie freue ich mich, daß Herr Mainvielle genest und wie würde ich mich freuen, wenn Sie heute plötzlich krank würden. – Jeannette, Sie wünschen mir Böses! – Durchaus nicht, Madame, nicht etwa eine dauernde Krankheit, sondern nur so eine Bühnenkrankheit. – Sie wissen doch, Jeannette, daß ich daran nicht zu leiden pflege? warum wünschen Sie es jetzt? – Ah, Madame, Sie wissen vielleicht nicht, daß heute auch die Catalani in der Zelmira auftreten wird. – Ich weiß es, Jeannette. – Sie werden ihr applaudieren und Kränze zuwerfen. – Und Sie glauben, Jeannette, daß mir das weh thut? Die Catalani verdient das alles, denn sie ist eine große Künstlerin. – Groß, wo Sie nicht sind. Mein Gott, welch ein Gedanke ist dies! wenn sie neben Ihnen in l'Italiana aufträte! – Das Publikum wird kalt sein. – Es hat mich schon daran gewöhnt. – Aber es wird nicht nur kalt sein, sondern auch Zeichen des Mißfallens geben. – Ich werd' es ertragen. – O, Madame, Sie wissen nicht, was man gegen Sie im Schilde führt; es ist schon Stadtgespräch. – Was? was spricht man? Jeannette schien zu zögern, als ob sie neue, zartere Ausdrücke suchte, aber endlich sagte sie doch das rechte: Man wird Sie auszischen. Josephine wurde einen Augenblick blaß wie die Wand, die Rolle fiel ihr aus der Hand, ihr Kopf sank nieder und Thränen traten ihr aus den Augen. – O Madame, wenn es möglich ist, so treten Sie heute nicht auf, treten Sie hier niemals wieder auf; man wird Sie beschimpfen. Josephine erhob auf diese Worte ihr Haupt ruhig. – Mögen sie's thun. Was kümmert es mich mehr! Ihre Blicke fielen auf ihren schlafenden Mann. – Sprechen wir nicht mehr davon, Jeannette, mein Mann könnte erwachen und etwas hören. Mainvielle öffnete in diesem Augenblick die Augen und seine dürre Hand ausstreckend, ergriff er die weiße, glatte Hand Josephinens, zog sie zu sich und flüsterte: Ich habe alles gehört. O die Kranken sind schlau; oft schließen sie die Augen, als ob sie schliefen, nur um zu hören, was man im Zimmer spricht. Also so weit sind wir gekommen?! Josephine beugte sich zu ihm nieder und küßte ihm die Stirne. – Mache dir darüber keine Sorgen, Tharaud; man spricht immer mehr, als wahr ist; ich glaube nicht, daß sie mir das thun werden und thun sie es auch, was schadet's mir? Ich verliere meinen Ruf? Ich werde glücklich sein, wenn ich ihn vergessen habe; du bleibst mir doch. – Du hättest mich doch nicht so sehr lieben sollen, seufzte Mainvielle. Die Künstlerin gehört der ganzen Welt und wer sie dieser vorenthält, der ist ein Dieb und man bestraft ihn dafür. – Sei ruhig und denke nicht wieder daran. – Ich soll nicht wieder daran denken? sprach der kranke Schauspieler, ich, der es weiß, wie weh es thut, nur ein einzelnes Zischen zu hören, welches man selbst mitten in der höchsten Begeisterung vernimmt und das schmerzhafter berührt, als der Zahn der Schlange? Ich soll ruhig schlafen können, wenn ich weiß, daß du, mein Ideal, mein Altarbild, auf der Schandbühne stehst und elende Buben dir den Kranz abreißen, den Gott dir selbst um die Stirne gewunden. Bis hierher werde ich das Zischen hören, als käme es aus meinem Becher. Ach gieb ihn her diesen Becher, damit ich ihn in Stücke breche. – Tharaud! bat das Weib, rege dich nicht auf. Kann ein reines Gemüt von einer solchen Beleidigung berührt werden? Wenn ich zurückkomme, so wirst du an meiner Stirne keine Spur von Schamröte sehen. – Und ich soll bis dahin im Bette schmachten. Das glaubst du? Nein. Halb tot lasse ich mich hintragen. Ich will sehen, ob jemand den Mut haben wird, mich zu töten, mich mit Füßen zu treten! Ich, ich allein fordere die ganze Welt heraus! – Lege dich nieder, Tharaud! sprach Josephine ruhig. Diese Aufregung nützt dir nichts. Vor einem kranken Menschen fürchtet sich niemand. Selbst wenn du gesund wärst, könntest du mich nicht schützen, denn du bist mein Mann. Wärst du mein Geliebter, so könntest du für mich alles thun; aber überlege nur, welch eine lächerliche Rolle es ist: der Mann einer Sängerin, der mit den Leuten zankt, weil sie ihr nicht applaudieren wollen. Mainvielle bedeckte sich das Gesicht mit beiden Händen. In diesem Augenblick wurde geläutet und Jeannette eilte aufzumachen. – Wenn ich gesund werde, ächzte Mainvielle, so werde ich ein Seiltänzer; ein Cirkus, Hunde, die springen gelernt haben, Taschenspieler, schamlose Ballettdirnen, das alles gehört hierher, nicht die Kunst! Wenn ich ein neues Leben beginne, so werde ich Direktor einer Kunstreiterbude, nicht eines Schauspielhauses. Fare well, Othello ! jetzt kommt Bamboche an die Reihe. Josephine bat ihren ausgeregten Mann, der mit seinen Reden seine letzte Kraft zu erschöpfen schien, vergebens, sich zu beruhigen, als Jeannette mit einem geöffneten Brief zurückkehrte. – Um Vergebung, Madame, daß ich es wagte, diesen Bries zu öffnen; aber da der Überbringer seinen Namen nicht sagen wollte, kam ich sogleich aus den Gedanken, es sei vielleicht ein böswilliges Schreiben, irgendein Pasquill, o diese Menschen sind alles im Stande. – Also was ist da«? – Gerade das Gegenteil von dem, was ich gefürchtet habe. Sie können es lesen. – Ein anonymer Brief? Wer kann ihn geschrieben haben? – Wahrscheinlich kein großer Herr, denn er ist sehr schön geschrieben; ein einfach gekleideter Mann hat mir ihn übergeben, lesen Sie ihn, lesen Sie ihn laut, damit ihn auch Herr Mainvielle höre. Josephine nahm den Brief und las: »Unsterbliche Künstlerin! Möge Sie die Nachricht nicht überraschen, daß gewisse Menschen, die nichts anderes zu thun haben, zu Ihrem heutigen Auftreten Vorbereitungen treffen, die Sie betrüben können; ich kann Ihnen mit Bestimmtheit sagen, daß der Teil des Publikums, der nicht um zu schwatzen, sondern um zu hören ins Theater geht, daß alle diejenigen, die in Ihnen die Kunst und nicht Ihre persönlichen Reize bewunderten, für Sie warm fühlen und ihre Gesinnungen nicht bloß mit Worten, sondern gewiß auch durch die That beweisen werden. Treten Sie daher mit jenem Mut vor das Publikum, der einem Liebling desselben zukommt. Vergeben Sie mir meine schlechten Zeilen, ich, der ich sie geschrieben habe, bin ein einfacher Handwerker und das ganze Interesse, das mich drängt, Ihnen zu schreiben, ist, daß auch ich in Ungarn geboren und daß ich auf Sie, meine Landsmännin stolz bin.« Die einfachen, schmucklosen Worte thaten der Künstlerin wohl. Also dort, wo man bloß die Kunst selbst genießt und von der Künstlerin nichts verlangt, stirbt die Gunst doch nie ganz. – Sieh, sagte sie zu ihrem Manne, diese Worte erheben mich. Dieses anonyme Schreiben ist für mich ein größerer Triumph, als ein ganzer Haufe jener parfümierten Briefe, deren Siegel zehnzackige Kronen enthalten; das Siegel dieses Briefes stellt eine Biene, das Zeichen des Fleißes, vor, o heute werde ich stark sein. Man läutete abermals. Jeannette kam mit zweifelndem Gesicht zurück. – Der Austräger des Direktors ist mit einer Botschaft da; soll ich ihn einlassen? – Er komme! möge er mir was immer zu sagen haben. Heute wird mich nichts erschüttern. Sie ging hinaus, damit ihr Mann nicht durch die etwa unangenehme Nachricht wieder aufgeregt werde. Der Direktor ließ ihr mit aller Hochachtung sagen, er bitte Sie um Vergebung, daß er anstatt der Italiana in Algheri eine andere Oper aufführen muß; denn Seine Majestät der König habe eben jetzt befohlen, daß auf den Wunsch der gestern angelangten Herzogin von Nemours, welche die Mainvielle in der Semiramide hören will, letztere Oper vorgenommen werde. Wenn übrigens die geehrte Künstlerin durch Familienangelegenheiten gehindert wäre, so ist der Direktor so gut, ihr das Auftreten zu erlassen, auch wollte er es für den Fall übernehmen, die Künstlerin bei der Herzogin zu entschuldigen. Der liebe, nachgiebige Direktor! Wie gutherzig er auf einmal geworden ist! Gewiß weil die Semiramide eine Rolle ist, in welcher sie das Publikum bezaubert und wenn sie darin nach der Zelmira auftritt, der Catalani sicher die Palme aus den Händen windet. Ah, welch ein Strich durch die Rechnung der jungen Riesen! Vor Schreck gaben sie dem Deboureux den Rat, er möge der Mainvielle das Auftreten erlassen, die sich ohnedies fürchten wird, diesen Abend zu spielen. Josephinens Gesicht erglühte, ihre Lippen bebten und ihr Busen wogte. – Ich grüße Herrn Deboureux, sprach sie schnell entschlossen, ich werde spielen ! Der Theaterdiener eilte mit der Botschaft zurück, welche die Schar der jungen Riesen völlig in Wut brachte. Das war ein kühner Trotz und eine offene Herausforderung; sie gaben ihr Gelegenheit, sich zurückzuziehen und sie benützt dieselbe nicht und tritt ihnen entgegen. Der Austräger hatte es gut durch die Thüre gehört, wie Josephine ihrer Gesellschafterin mit lauter Stimme befahl, ihr für den Abend ihr schönstes Diadem und ihr prächtigstes Kostüm zurecht zu legen. Also ein Kampf auf Leben und Tod. 6. Die Theaterschlacht. Die erwartete, gefürchtete Stunde nahte heran, das Publikum drängte sich ins Opernhaus. Die nicht genug verheimlichten Vorbereitungen der jungen Riesen machte das allgemein verbreitete Gerücht entstehen, daß heute im Theater große Dinge vor sich gehen werden; nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Parterre, auf den Galerien und in der höllischen Loge werde eine große Vorstellung stattfinden. So nennt man die der Bühne zunächst befindliche Loge, die Lieblingshöhle der jungen Riesen, weil sie tiefer lag, als die Bühne und bei Gelegenheit des Balletts die angenehmste Aussicht gewahrte. Die jungen Merveilleux brechen sich Bahn mitten durch das Gedränge an den Kassen und in den Vorhallen und bemühen sich, bemerkbar zu machen, daß sie heute Beschäftigung haben; wo zwei zusammentreffen, fragen sie sich mit ernsthaftem Gesicht, ob alles in Ordnung sei, der junge Vicegespanssprößling hat sich die Rolle erfunden, jedem, der ihm entgegenkommt, zu fragen: haben Sie nicht Monsieur Karpáthi gesehen? haben Sie nicht meinen Freund den Fürsten Ivan gesehen? Und wenn er diese Fragen erschöpft hatte, fragte er zuletzt nach Oignon, nach welchem ein civilisierter Mensch aber nicht überall zu fragen pflegte; denn es giebt Menschen, mit welchen man unter vier Augen sehr vertraut ist, die man aber vor andern nicht zu erkennen pflegt. Monsieur Oignon zu suchen ist nicht nötig; er ist schon an seinem Platz; er hat seine Leute im Parterre und auf der Galerie gut aufgestellt. Jetzt geht er, die Vorposten zu inspizieren, um nachzusehen, ob jeder an seinem Platze stehe. Der Applaus muß im Parterre beginnen, denn darnach richtet man sich; da die Oper zum erstenmal gegeben wird, so können die Leute nicht wissen, wann sie applaudieren sollen. Man muß daher acht geben, wann sich Monsieur Karpáthi in der Loge infernale vor dem Spiegel aufstellt, das bedeutet: jetzt applaudiert. Die Kränzewerfer haben ihre Rollen schon einstudiert und sind auf allen drei Galerien aufgestellt; auf der dritten Galerie steht schon der Mann, der seinen Hut hinabwerfen muß, wenn die Semiramide ihre Arie singen soll, gegenüber hat derjenige seinen Platz, der gähnen muß, wenn sie ihre zartesten Fiorituren singt. Die eingeweihteren unter den jungen Riesen sind im Foyer und umschwärmen die Catalani. Die Mainvielle ist noch nicht angekleidet; sie hat erst im dritten Akte zu thun und hält sich bis dahin in ihrem Ankleidezimmer auf. Die Catalani ist heute sehr gut gestimmt, ihre witzigen, manchmal beißenden Einfälle bringen jeden in gute Laune; sie weiß sehr gut um die Bemühungen der jungen Gentlemen für diesen Abend und bemüht sich dafür dankbar zu sein. Ihre Kleidung ist bezaubernd. Ihr langes schwarzes Haar hängt halb aufgelöst und mit Perlenschnüren durchflochten in Hängelocken nieder, die duftleichte Tunika, welche die Reize ihres Wuchses verhüllt, ist aus phrygischem durchsichtigen Stoff; der reichgestickte rote Gürtel ist so um ihren schlanken Leib gewunden, daß ihn viele darum beneiden, die sich gern plötzlich in Kaschmir verwandeln würden und auch den schlanken Leib des schönen Weibes umfassen möchten. Sie ist nicht um ein Jahr jünger als die Mainvielle, aber die spielende Heiterkeit, ihre oft die Grenzen überschreitende Koketterie und eine wunderbar überwältigende Kühnheit, die aus ihrem ganzen Wesen spricht, sichern ihr jene Huldigung, welche man ewiger Jugend darbringt. Außerdem spielt sie in jeder Rolle nur sich selbst, nur die Catalani, das liebenswürdige, heitere, siegreiche Weib; sie kümmert sich nicht viel darum, ob ihr Anzug charakteristisch sei, wenn er nur ihre Reize hervorhebt; sie wird wahnsinnig und lächelt nach den Coulissen, sie stirbt und wirft triumphierende Blicke nach der Loge infernale. Das gilt demjenigen, der die Kunst anbetet, als sehr gering, den aber befriedigt es, der die Künstlerin anbetet. Die Catalani hat nicht wie andere Künstlerinnen die Schwäche, die Welt glauben machen zu wollen, daß sie gegen Kolleginnen nicht intriguiere, sie giebt denjenigen, die von einer Kollegin Böses sprechen, darüber keinen Verweis. O, die Catalani liebt selbst nicht auf der Bühne die Verstellung. Sie eifert ihre Anbeter selbst an, über ihre Kolleginnen zu medisieren und wenn diese nichts mehr wissen, so liefert sie neuen Stoff. Als sie Direktrice der Oper war, trieb sie diese Gewohnheit so weit, daß alle weiblichen Mitglieder sie verließen und sie allein blieb. Heute gab es große Gelegenheit ihr angenehm zu sein; die Schmetterlinge im Frack flüsterten ihr zu, daß ihrer eine große Überraschung warte, später plauderten sie vor ihr noch aus, woraus diese Überraschung bestehen werde; Kränze und ein Diamantendiadem für die Künstlerin, Zischen und vielleicht auch Pfeifen für ihre Kollegin. – Geschieht ihr recht, sagte das schöne Weib mit unverhohlener Freude, ihre kleinen runden Fäuste aneinander schlagend. Später erzählten ihr auch die Anwesenden, wessen Werk das alles sei; natürlich hatten diejenigen, die nicht zugegen waren, dazu gar nichts beigetragen. Die schöne Frau belohnte sie mit süßem Lächeln für ihre Bemühungen und forderte Abellino, als den eingeweihtesten Jünger der Ästhetik selbst auf, ihr das Schönheitspflästerchen über den korallenroten Lippen aufzukleben. Diese Auszeichnung wurde noch dadurch vermehrt, daß sie die mit Diamanten ausgelegte Uhr trug, welche ihr Abellino heute Morgen geschenkt hatte. Ob die Damen zur Zeit der Zelmira Schönheitspflästerchen und Uhren hatten, darnach fragte sie nicht. Endlich kommt der Regisseur und kündigt mit großer Unterthänigkeit an, man müsse anfangen, denn die Herzoginnen von Nemours und von Berry seien schon in ihren Logen. – Was gehen mich die Herzoginnen von Nemours und von Berry an! rief das schöne Weib hochmütig, die nicht vergessen konnte, daß diese daran schuld seien, daß die Mainvielle heute nicht die Italiana sondern die Semiramide singt. – Sie sollen warten! hier bin ich die Königin. Die jungen Riesen liebten es aber nicht fortwährend in jenem Reich zu leben, in welchem das schöne Weib die Königin ist und baten mit großer Courtoisie um Vergebung, daß sie die Künstlerin so lange aufgehalten haben, während sie eben gewünscht hätte, daß sie länger bleiben sollen. Alles eilte in die Logen. Abellino durcheilt noch einmal die Logen der Bundesgenossen, sie ermahnend und aneifernd; in einer Loge saßen die drei jungen Magnaten, Stephan, Rudolf und Nikolaus. Auch bei ihnen sprach Karpáthi ein. – Schön, daß auch ihr da seid, ich bitte euch, gebt nur auf unsere Loge acht. – Es scheint, sagte Rudolf, als ob ihr heute debütieren solltet und nicht die auf der Bühne. Viel Glück! Nach und nach war alles auf seinem Platz. Die Ouvertüre begann und während derselben wurde in der Loge infernale die Batterie der Operngucker aufgerichtet und mit derselben alle Schönheiten, die im Theater anwesend waren, bestürmt. Monsieur Oignon, der Chef der Claque stand in der ersten Galerie auf einer erhöhten Bank und Abellino wechselte mit ihm mittels des venetianischen Spiegels in der Loge infernale seine geheimen Zeichen. Endlich wurde die Ouvertüre mit Trompetengeschmetter und dem Schall der Trommeln und Paulen beendigt und nach langer Ungeduld der Vorhang aufgezogen. Jedes Auge, jeder Operngucker waren hingewendet, jede Hand war zum Applaudieren, die Kränze und Gedichte zum Fliegen bereit, so daß, als die mit dem golddurchwirkten, rotsamtnen Mantel bekleidete weibliche Gestalt aus dem Halbdunkel der Coulissen hervortrat, ein stürmischer Applaus begann und Kränze und Gedichte hingeworfen wurden. Bestien, was macht ihr! das ist ja nicht die Catalani, sondern Signora Brussi, die den Prolog sprechen wird. Seid doch ruhig! Die erschrockene Signora bemerkte, daß der Sturm nicht ihr galt; sie eilte, sich mit ihrem Prolog zurückzuziehen und der Zelmira Platz zu machen, die wütend aus die Bühne kam, Rossini samt dem dummen Verfasser zur Hölle wünschend, der zu den Opern Prologe schreibt und so bewirkt, daß die Kränze andern als der Primadonna geworfen werden. Es ist umsonst, bei einer ersten Vorstellung kann man die unwissenden Leute nicht auf alles aufmerksam machen. Es gab kein anderes Mittel, den Fehler wieder gut zu machen, als die Signora Brussi fortzuschicken und plötzlich in die Scene einzugreifen. Bei ihrem Erscheinen wurde der Applaus verdoppelt. Wenn sich eine andere Schauspielerin so sehr vergißt und die Achtung des Publikums so sehr außer Augen läßt, dann kann sie gewiß sein, daß ihr das fernere Auftreten verboten wird; aber bei einem Liebling des Publikums nennt man das Genialität und wunderbare Geistesgegenwart. In dieser Scene wurden die noch zurückgebliebenen Kränze nachgesendet, so daß die Catalani im vollen Sinne des Wortes bis an die Knie in Gedichten und Kränzen ging, was der verehrten Künstlerin nicht wenig Schwierigkeit machte, bis zum Souffleurkasten vorzudringen. Und das mußte sie notwendig thun, denn sie hielt es für überflüssig, den Text der Partitur auswendig zu lernen, was einerseits ihren Mut beweist, andererseits, wie wenig es den Sängern notwendig sei, sich mit dem Inhalt der Oper bekannt zu machen. Aber zugeben muß man, daß sie ein schönes Weib war. Hier am Lampenlicht schien sie ein kindliches Mädchen zu sein, jeder ihrer Blicke tötete und belebte, jede ihrer Bewegungen bezauberte und war hinreißend; sie bemühte sich nicht, in ihre Rolle einen durchdachten Grundton zu legen, sondern so bezaubernd und verlockend als möglich zu sein; ihr Gesang war auch fern von dem, was vorgeschrieben war, so sehr durchflocht sie ihn nach Belieben mit den Fiorituren ihrer mit wunderbarer Biegsamkeit ausgestatteten Stimme; sie wandte alle Kunstgriffe an, die das Publikum hinreißen und gab der Rolle so sehr eine andere Färbung, daß Rossini selbst, der sein Werk hinter den Coulissen mit anhörte, zu applaudieren anfing und die Umstehenden fragte: »Eine schöne Komposition das, wissen Sie nicht, von wem sie ist?« Auch das Publikum spielte gut, die Leute des Monsieur Oignon führten sich gut auf, auf eine Handbewegung Karpáthis ließen sich hundert und hundert Hände hören und wenn er seine Hände ruhen ließ, so schwiegen auch sie, damit nicht durch irgendeine unzeitige Handbewegung dem Publikum eine kostbare Fioritur verloren gehe. Jetzt folgte die Romanze der Zelmira, der Glanzpunkt des ganzen Werkes, wo die melancholische Arie nur stellenweise von einer Flöte, einem Violinpizzicato und einer Oboe begleitet wird. Pst! pst! klang es zeitig genug; aus der Loge infernale wurde gewinkt, daß sich das Publikum ruhig verhalte, denn jetzt kommt das Beste. Die Catallani trat bis an die Rampe vor, um besser gehört zu werden und begann mit schmelzender, weicher Stimme die Romanze zu singen. Kaum hatte sie einige Takte gesungen, als eine derbe Stimme Bravo rief und zahllose Hände zu applaudieren begannen. Karpáthi blickt erschrocken hinauf; welch ein ungeschickter, verrückter Narr ist dieser Oignon! während eines Pianos läßt er applaudieren. Die Catalani hielt mitten im Gesang inne und wartete mit sichtbarem Ärger, bis der Applaus verstummte, dann sang sie die Romanze weiter. Wieder kam sie bis zur nächsten Roulade und wieder begann man zu applaudieren und Bravo zu rufen. – Ist dieser Oignon verrückt geworden! rief Karpáthi ziemlich hörbar, indem er sich aus der Loge hervorbeugte und still! ruhig! rief. Die ganze Loge infernale erhob sich, um den ungelegenen Lärm zu beschwichtigen; nun aber ist nichts schwerer, als ein applaudierendes Publikum zu bitten, es möge nicht applaudieren, Zelmira begann aus der Rolle zu fallen und schüttelte den Kopf. Sie begann wieder zu singen und wieder wurde sie durch Applaus unterbrochen, was die Künstlerin endlich so sehr außer sich brachte, daß sie sich vergaß und zornig mit dem Fuß stampfte. Abellino stürzte jetzt wütend aus der Loge, hinauf in die zweite Galerie und ergriff dort den ihm entgegenkommenden erbleichten Oignon an der Kehle. – Mensch! was thust du? willst du uns töten? – Herr, entschuldigte sich der bleiche Applaushändler, ich bin ein ruinierter Mensch, hier sind fremde Hände im Spiel, das ist ein Verrat, den ich nicht begreife. Ich kenne niemanden von den Claqueurs. – Man muß sie zum Schweigen bringen. – Gehen Sie nicht hin, Herr, es sind betrunkene Ouvriers, die einen gleich mit den Fäusten traktieren. Abellino raufte sich verzweifelnd das Haar. Als Zelmira endlich sah, daß sie diese Arie vor lauter Applaudieren nicht zu Ende singen könne, so sang sie plötzlich aus einer Oper, welche das Publikum sehr liebte, ein Finale, anstatt der Romanze der Zelmira. Der Applaus wurde stürmisch. Einer Künstlerin, welche der Liebling des Publikums ist, erlaubt man alles. Die jungen Riesen waren außer sich über die Großartigkeit des Erfolges und als der Vorhang fiel, stürzten sie auf die Bühne, von welcher eben zwei Theaterdiener die Kränze wegfegten, um von ihren eigenen Blumen einige Blätter zu erhaschen. Die Künstlerin brachten sie in ihrem Kostüme als Zelmira in ihren Wagen, spannten in Begeisterung die Pferde aus und zogen sie in einem Triumphzug nach ihrer Wohnung, wo sie sich umkleidete, um mit einem Schwarm ihrer Verehrer ins Theater zurückzukehren und in ihrer Loge den zweiten Teil ihres Triumphes, nämlich den Sturz ihrer Nebenbuhlerin, zu genießen. Inzwischen wurden die zu dem zweiten Stück nötigen Vorbereitungen getroffen und die Ouvertüre begann. Jeder saß auf seinem Platze, die Augen bewaffnet und das Aufgehen des Vorhangs mit Ungeduld erwartend, denn heute muß ja etwas Außerordentliches geschehen; die erste Künstlerin des Theaters, welche so viele Jahre hindurch der Liebling des Publikums gewesen, wird ausgezischt werden und das Publikum wird mit einiger Befriedigung sehen, wie diejenige, der es so lange so viel Ehre erwiesen, endlich erniedrigt, gebrochen dastehen wird. Eigentlich war sie doch auch nichts mehr, als ein zerbrechliches Spielzeug. Die Ouvertüre war zu Ende, auf der Bühne wurde die Glocke des Inspektors gehört, in einer Loge wurde mit großem Lärm die Thüre zugeschlagen und laut gesprochen und gelacht, es war die Loge der Catalani, die sich mit mehreren jungen Riesen sehr gut zu unterhalten schien, was um so besser gehört wurde, da sich das Publikum während der ganzen Ouvertüre sehr ruhig verhalten hatte. Der Vorhang wurde langsam aufgezogen. Aus dem Hintergrund der Bühne trat eine hohe, majestätische Gestalt hervor. Ihr Gesicht, ihr Wuchs, ihre Haltung waren wahrhaft königlich. Semiramis selber konnte nicht schöner, nicht erhabener sein, als sie vor ihre Richter, ihre Feinde hintrat, um ihr Reich zurück zu gewinnen oder zu verlieren. O, auch hier war von einem Reich die Rede, das zu erhalten oder zu verlieren war. Tiefe Stille herrschte überall, nur in einer Loge wurde laut geschwätzt. Noch wurde kein Zischen gehört, das pflegte man erst dann zu beginnen, wenn die Betreffende zu den Lampen vortrat. Josephine wußte sehr gut, daß es beginnen werde, sobald sie sich an diesem gefährlichen Ort befinde, aber in ihrem Gesicht zeigte sich keine Spur von Furcht. Sie trat kühn vor. In dem Augenblick beugte sich die Herzogin von Berry, die neben der Herzogin von Nemours saß, aus der Loge hervor und rief mit starker, schallender Stimme: Au nom de la reine ! (Im Namen der Königin). Und das Publikum sah einen Immortellenkranz zu der Künstlerin hinfliegen. Im nächsten Augenblick rief eine Männerstimme von der ersten Galerie: Au nom du peuple ! (Im Namen des Volkes). Und ein einfacher Lorbeerkranz flog zu den Füßen der Künstlerin nieder. In diesem Augenblick erscholl, als ob das Publikum völlig umgewandelt wäre, ein so stürmischer, allgemeiner Applaus, daß sich die Catalani erschrocken zurückzog, als ob eine Explosion stattgefunden hätte. Beim Publikum ist die Ungerechtigkeit von der Großmut nur durch eine dünne Scheidewand getrennt und wie leicht es sich zu der ersteren hinneigt, ebenso energisch zeigt es sich in der anderen. Die Mainvielle war auf alles gefaßt, nur darauf nicht. Zwei Kränze wurden ihr geworfen, mit der Losung zwei so großer Namen, vor denen sich jeder beugt, und die ihr, wie mit einem Zauberschlag das Publikum gewannen, so daß sie, als sie sich duckte, um die beiden Kränze aufzuheben, die eine ganze Sündflut bezahlter Kränze aufwogen, die Semiramis vergaß und auf die Knie sank. Viele glauben, eine Schauspielerin könne auf der Bühne nicht wirklich weinen, o das waren wirkliche Thränen, Thränen unendlichen, grenzenlosen Dankes. Das Publikum konnte gar nicht aufhören zu applaudieren und das kam Josephinen ganz gelegen, denn wenn sie in diesem Augenblicke hätte singen müssen, so wäre sie nicht imstande gewesen, einen Ton hervorzubringen. Aber endlich hatte sie sich ausgeweint, ihre Kraft kehrte zurück, ein Diener kam auf die Bühne, um die beiden Kränze auf eine silberne Schüssel zu legen; Josephine sagte ihm leise, er möge eilen und ihren Mann von dem Vorgefallenen benachrichtigen – und hiermit war sie wieder Semiramis, die Königin, die Herzen und Länder erobert. Nie hatte man sie so singen gehört! Ihre Stimme klang wie die Musik der Glasharmonika, sie wehklagte um die Wette mit der Flöte, so daß man kaum unterscheiden konnte, welches die Stimme und welches die Musik sei, bald ging sie wieder dritthalb Oktaven hinab und ihre Stimme drang in die Herzen wie der metallene Ton der Glocke, das war nicht Routine, sondern Kunst, nichts Verlockendes, Bezauberndes, sondern das Ideal, die Poesie. Das Publikum zeigte sich doppelt bezaubert, als wollte es seine Reue ausdrücken, daß es seinen einstigen Liebling so leicht mit einem andern vertauschte. Es giebt einen gewissen unwillkürlichen Laut, einen namenlosen Ausdruck des Entzückens, der gleich dem Gold durch keinen Befehl, keinen Wunsch geschaffen werden kann und deshalb so wertvoll ist, wie dieses Metall und mehr bedeutet, als ein ganzer Sturm von Applaus; dieser aus Seufzern, Ermunterung und Befriedigung zusammengesetzte Ton begleitete Josephinens ersten Gesang, in welchem kein Fleckchen, nicht die Spur einer Schwäche wahrzunehmen war. Die Bevölkerung der Loge infernale war verstummt; wer das Gefühl eines Menschen kennte, der von einem explodierenden Schiffe in den Abgrund des Meeres geschleudert wird, der könnte sich von dem Zustand der jungen Merveilleux annähernd einen Begriff machen. – Was ist das? Das ist Verrat, ein Komplott, eine Verschwörung! Wessen Werk ist das? Giebt es einen Verräter unter uns? O, dieser Applaus ist ein Skandal, er ist bezahlt. Gewiß haben die zwei erst neulich angekommenen ungarischen Magnaten das Ganze arrangiert. Nein, nein, sie sind zu geizig dazu. Das ist zum Verzweifeln! Solche Apostrophen erfüllten die Loge infernale, bis Abellino, der seine Unruhe nicht mehr ertragen konnte, sich anheischig machte, zu Rudolf hinaufzueilen und von ihm herauszubringen, ob dieser Skandal nicht mit ihrem Separatismus in irgendeinem Zusammenhang stehe. – Ah, sprach er, in die Loge stürzend, also auch diese stolze Mainvielle hat reiche Anbeter! Rudolf zuckte die Achseln, als ob er zeigen wollte, daß er dieses Bruchstück von einem Syllogismus nicht verstehe. – Du wirst doch zugeben, daß nur Anbeter so wütend applaudieren können. – Ich gebe zu, daß sie Anbeter hat, ich begreife nur nicht, warum diese reich sein müssen. – Ah, glaubst du vielleicht, man könne einen so kostbaren Spaß umsonst veranstalten? Es ist wahrhaftig famos! wer immer ihn veranstaltet hat, der kann triumphieren, das muß man sagen. – Aber dieser Triumph gebührt niemandem von uns, denn wir haben ihn nicht veranlaßt. – Aha! Ihr kennt also den Veranstalter? Nennt mir ihn nur, die übrigen brauchen es nicht zu erfahren. – Dort steht er, in der Mitte der ersten Galerie, du kannst ihn gut wahrnehmen, denn er trägt ein eigentümlich beschnürtes Kleid, das hier nicht landesüblich ist. Abellino sah durch den Operngucker hin. – Bon Dieu ! wer Teufel ist das? Rudolf antwortete mit kaltem Blut: – Der Gesell des Herrn Tischlermeisters Goudcheux. – Va, t'en (geh weg), rief Abellino ärgerlich, sprang auf und verließ die Loge. – Also ist es der Mühe wert, dem die Wahrheit zu sagen? sprach Rudolf, sein Glas nach der Löwenloge hinrichtend, deren Augenwaffen schrecklich nach allen Seiten hin spielten, um unter dem unerwarteten Feinde irgend ein bekanntes Gesicht zu entdecken; aber vergebens, sie konnten das Geheimnis nicht enthüllen. Abellino war fortgeeilt, um Monsieur Oignon aufzusuchen. Auf der Treppe traf er mit ihm zusammen. Oignon wollte eben vorüberschleichen. Der Dandy ergriff ihn aber am Kragen. – A kingdom for a horse ! ein Pferd für einen Pfiff! großer Mann! – Ach mein Herr, ich bin kein großer Mann, ich bin ein gebrochener, zu Grunde gerichteter Mann. Hören Sie diesen mörderischen Applaus? Ich fliehe. – Fliehe, aber um Pfeifen, und deine Namensbrüder zu schaffen (Oignon – Zwiebel). Wenn sie es bis zum Äußersten treiben, so wollen wir es auch thun. – Sie, sie! aber wer sind diese »sie«? Wenn ich nur einen von ihnen kennte, so wüßte ich gleich, wer hinter ihnen steckt. Aber es sind lauter unbekannte Gesichter und was weiß ich, auf wessen Befehl sie handeln! – Gut, Oignon, Sie sind ein feiger Lümmel und das steht Ihnen an; aber Gentlemen werden Sie nicht wieder in Schande bringen. Jetzt packen Sie sich und schicken Sie anstatt Ihrer einen Kranz Zwiebeln. – Ach, mein Herr, glauben Sie, daß jemand es wagen werde, ihn hinabzuwerfen? – Fripon! ich selbst werde es thun. – Um Gottes willen, thun Sie's nicht; lieber mache ich noch einen Versuch; im nächsten Entreakt gebe ich meinen Leuten den Auftrag zu zischen; was die Pfeifen betrifft, so könnten sie heute Gefahr bringen, ein starkes Zischen leistet vielleicht dieselben Dienste mit weniger Gefahr. – Also sehen Sie zu, wie Sie das Fiasko zu stande bringen, damit wir nicht diese Rolle übernehmen müssen. Abellino kehrte jetzt in die Löwenhöhle zurück und erzählte, Wie energisch er gegen Oignon aufgetreten sei, welches Heldenhafte Benehmen mit der Zufriedenheit des ganzen Klubs belohnt wurde; übrigens erklärten sich alle bereit, falls Oignon sein Wort nicht halten sollte, Karpáthis Versprechen einzulösen, und gegen die Canaille entschlossen aufzutreten. Der erste Akt war indes glorreich beendet worden; das Publikum und die Sänger waren miteinander zufrieden, was eine große Seltenheit ist. Während des Entreaktes erhielt die Herzogin von Berry eine Nachricht, infolge deren beide Herzoginnen die Loge verließen. Das war für die jungen Riesen ein gutes Zeichen. Viele von Oignons Bande fühlten sich durch die Anwesenheit der hohen Gäste zurückgehalten und nach deren Entfernen erwachte in ihnen die Lust zu Excessen mit neuer Kraft. Im zweiten Akt hat die Mainvielle nicht sogleich zu thun, es traten erst mehrere kleinere Mitwirkende auf. An diesen wurden die Waffen gewetzt, welche der Mainvielle bestimmt waren. In der Laufbahn eines Künstlers übt auch oft das Unglück fremder Menschen einen Einfluß aus. Jetzt kommt die Arie der Semiramide, eine zarte, traumartige Phantasie, die man mit dem Herzen zu hören glaubt. Mitten in der melancholischen Arie, während des zartesten Pianissimos, begann jemand auf der dritten Galerie, wie Herr Oignon es vorher angeordnet hatte, lange zu gähnen, alle Selbstlaute des ABC durchlaufend. Auf so viele Selbstlaute folgte aber ein Mitlaut ; der jedoch in keinem ABC zu finden ist, denn es war nichts anderes, als der Schall einer großen Hand, die den Mund des Gähnenden mit aller Kraft schlug. Das Publikum hörte das Gähnen und den Schlag, manche lachten, einige zischten, dann wurde es wieder ruhig und die Mainvielle fuhr, ohne verwirrt zu sein, fort zu singen. Nachdem die erste Losung gegeben war, horchten die jungen Riesen aufmerksam, ob man nicht schon zu zischen anfange. Nach der Maulschelle hörte man wohl einige zischen, aber man wußte nicht, ob es dem Gähnen, den Lachern oder der Bühne galt. Mehr wurde nicht gehört. Kaum war die Arie zu Ende, so wurde zu zischen begonnen; aber das Publikum applaudierte und rief die abgegangene Künstlerin in offener Scene. Jetzt konnte sich die feindliche Partei nicht mehr zügeln, in der Loge infernale begann man zu zischen. Aber was war das gegen den stürmischen Applaus? Ein Windhauch, der das Feuer nur besser anfacht. – Hinauf auf die Galerien! auf die Galerien! rief Abellino. Soll es einen Skandal geben, so möge er eklatant sein. Warum habe ich nicht vorher Zwiebelkränze bringen lassen! Man will oft prahlerisch etwas Großes, wovon man weiß, daß es nicht hei der Hand ist; und wenn sich ein dienstfertiger Mensch findet, der den verlangten, aber nicht erwünschten Gegenstand plötzlich herbeischafft, was soll man dann thun? So ging es jetzt Abellino, denn sobald der junge Excellenz-Landsmann gehört hatte, was fehle, eilte er fort und kam bald mit einigen Zwiebelkränzen zurück. – Da sind sie! Karpáthi war genötigt, seine Heldenrolle weiter zu spielen. – Hinauf auf die Galerien! vorwärts Freund! rief er entschlossen. Er war klug genug, den Excellenzjüngling vorausgehen zu lassen. Und die jungen Titanen stürmten auf den donnernden Olymp, in der Meinung, ihr energisches Auftreten werde ihre Bundesgenossen in Feuer und Flammen setzen. Aber wehe, die ganze Bundesarmee war kläglich demontiert. Wie Rudolf richtig vermutete, handhabten die Tischlergesellen des Herrn Tischlermeisters Goudcheux jetzt die geheimste Polizei. Von ihrem Kameraden angeeifert, beschränkten sie sich nicht bloß darauf, dem Liebling des Publikums Beifallsäußerungen zu verschaffen, sondern sorgten auch dafür, daß die feindseligen Manifestationen der Gesellen Oignons rechtzeitig unterdrückt wurden. Während der ersten Oper war es sehr leicht, diejenigen herauszufinden, die auf den Wink der Loge infernale applaudierten und ebenso leicht war es zu erraten, daß dieselben während der zweiten Oper zischen würden. Während des Zwischenaktes, wo sich das Publikum vermindert, schlichen sich die Tischlergesellen zu den Zischern. Und wie zum erstenmale zu zischen begonnen wurde, erhielt jeder Zischer wie auf Kommando einen Rippenstoß. Ein so Berührter muckste dann nicht weiter. Un soufflet pour un sifflet (eine Ohrfeige für einen Pfiff), war die geheime Losung der Tischler, die ihre Gegner vollständig zum Schweigen brachten. Das Schicksal des Gähners ist uns schon bekannt und findet in dieser Losung seine Erklärung. Die ganze Claque war entwaffnet und Monsieur Oignon stellte sich nichts anderes vor, als daß seine Leute durch eine geheime Versenkung verschlungen wurden. Aber jetzt kamen die Triarier! Voran die junge Excellenz mit den gefährlichen Kränzen auf der Schulter; er übersprang zwei, drei Stufen auf einmal. Fennimore rief ihm in einem fort nach, dieses Springen werde seine Lungen affizieren. – Da sind wir! rief er triumphierend auf der obersten Stufe angelangt, aber in diesem Augenblick schlugen ihm unbemerkte Hände den Bolivarhut so tief ein, daß die Krämpe seine Schulter berührte. Sogleich wurde ihm die Munition abgenommen. Auf den Lärm eilten die Gerber- und Tischlergesellen und andere handschuhlose Truppen herbei, die gelben Handschuhe hielten den Sturm nicht aus und retirierten mit dem Verlust von Hüten und Frackschößen; die ganze Schar der Riesen wurde aus dem Paradies hinabgejupitert, wobei die erbeuteten Zwiebeln als Donnerkeile dienten. Im Theater wußte man von dem allen nichts; zwölfmal hintereinander wurde Josephine gerufen, die vor Rührung weinte, die Damen winkten mit den Tüchern, die Herren schlugen mit den Stöcken aus den Boden, das Publikum wollte sich kaum von ihr mehr trennen. Nur die Loge infernale war leer. Die Bewohner derselben kämpften indes draußen mit der unbekannten Canaille, die ihnen ihre weißen Gilets beschmutzte, ihre Kastorhüte zerdrückte, ihre lackierten Schuhe zertrat und ihre Kleider zerriß in dem großen Krieg der Catalani gegen Mainvielle. Und das nannte man im Jahre 1822 eine »prächtige Unterhaltung«. * Der Theaterdirektor Deboureux eilte noch an demselben Abend zur Mainvielle und machte ihr den Antrag, ihr vierzehntausend Francs zu zahlen, wenn sie nicht mehr aufträte. Wer die Interessen der Intriguen mit Aufmerksamkeit verfolgt hat, wird begreifen, wie ein Direktor vierzehntausend Francs bieten könne, um seine beste Sängerin los zu werden. 7. Chataquée. Die Modeblumen haben ein kurzes Leben, in Paris ist der Ruhm nicht mit Unsterblichkeit verbunden. Sagen wir nach einem Verlauf von einigen Monaten, wie viel Gegenstände des allgemeinen Gesprächs oder besser Löwen des Tages es giebt. Eine Nachricht begräbt die andere, und wer heute Götze war, ist morgen das Opfer auf dem Altar eines neuen Götzen. Also vom 1. April bis zum 5. war der Verfasser von la belle laitière der Modeheld, vom 5. bis zum 8. Lord Burlington, der den Bären spielte und den Jäger niederschlug, vom 9. bis zum 10. Debrys Kammerdiener, dem sein Herr anstatt des halbjährigen Lohnes ein Lotterielos gab, das mit einem Treffer von achtzigtausend Francs herauskam; der Kammerdiener begann sogleich ein gleiches Leben wie sein Herr zu führen, kaufte Kutschen und Pferde, etablierte ein Hotel, nahm eine Loge in der Opéra comique und machte den Balletttänzerinnen den Hof. So konnte er leicht ausrechnen, daß er nach vier Monaten, das ist am 10. August, keinen Sous mehr haben werde, weshalb er seinen ehemaligen Herrn, den Marquis Debry, rechtzeitig bat, er möge statt seiner keinen andern Kammerdiener nehmen, weil er bald wieder zu ihm zurückkehren werde. Um die Mitte des Monats April war wieder Fürst Ivan Gegenstand des Tagesgesprächs; er hatte nämlich gehört, daß die berühmte Tänzerin Vestris durch seine Güter reisen werde und gab Befehl, daß in jener Stadt, deren Grundherr er ist, von allen Gasthäusern die Schilder abgenommen werden sollten und ein Gasthausschild an seinem Palast angebracht werde; so getäuscht, stieg die berühmte Künstlerin da ab, wo der Fürst als Wirt mit der weißen Schürze und die Kappe unterm Arm sie empfing und bediente. Erst bei ihrer Abreise sagte er, wer sie bedient habe. Diesem folgte im Weltruhm Mademoiselle Grignon , die, eine junge »Ratte« (das stumme Personal bei der Oper), einen jungen Dandy, der sie betrogen hatte, im Palais royal vor allen Leuten mit einer Reitpeitsche traktierte. Ihr Ruf wurde wieder von einem mangeur de petits enfants (Kinderfresser) verschlungen, der wegen einiger Mordthaten damals geköpft wurde. Denn auch das genügt, um in die Mode zu kommen. Der Ruf des Geköpften wurde von dem Hunde Aubrys verdunkelt, der das ganze Publikum in fieberhafte Begeisterung versetzte, dem Hunde folgte Abellino Karpáthi, der ihn für fünfzigtausend Francs niederschoß. Hierauf folgte der Mainvielle-Catalani-Krieg, von welchem man am meisten sprach, bis zum 10. August. Damals trat, wie er es vorausgesagt hatte, Debrys Kammerdiener wieder in die Dienste seines Herrn, mit dem er vier Monate hindurch im Kavalierleben gewetteifert hatte; alle diese Tagesereignisse wurden aber bald von einem Namen verschlungen, der, wie seltsam er uns schon klingt, dem Franzosen doppelte Pein verursacht, der genötigt ist, seinen Sprachwerkzeugen alle mögliche Gewalt anzuthun, um das Wort Chataquela aussprechen zu können. Anfangs September sprach schon niemand mehr von etwas anderem, als von der wunderbaren Chataquela und es gab keinen braven Menschen, der nicht irgendein neues Abenteuer von ihr zu erzählen gewußt hätte, ob es nun wahr oder erdichtet war. Nach dem Klang zu urteilen, könnte ich die Leser lange raten lassen, was das eigentümlich klingende Wort bedeute, ein Nilpferd, einen arabischen Taschenspieler, der einen australischen Vogel; dieses wie Mühlengeklapper klingende Wort konnte alles bedeuten, nur nicht ein vernünftiges Wesen. Und doch ist's der Name einer der schönsten Frauen, die je unter dem tropischen Himmel gezeugt wurden. Chataquela war die Tochter eines afghanischen Kriegshäuptlings und geriet im Krieg mit den Engländern schon als Kind in Gefangenschaft. Sie gelangte aber auch bald zur Herrschaft, denn die nach Europa verpflanzte, tropische Pflanze beherrschte da jedes Männerherz. Sie war eine neue, fremdartige Schönheit, die vom Gewohnten so sehr abwich und mit ungewohnten Reizen ein unbekanntes Entzücken erregte. Ihr Teint war wie Silber mit Gold vermengt, glänzend, aber nicht unangenehm gelb, durchsichtig, so daß man die Adern sah und aus ihrem Gesichte leuchtete das stumme Spiel der Leidenschaften. Das Weiße ihrer Augen war bläulich, ihre schwarzen Augensterne Quellen strahlenden Feuers, ihr in vier lange Zöpfe geflochtenes Haar war glänzend schwarz, ins Bläuliche hinüberspielend. Ihre Lippen waren so klein, rot und schwellend, wie eine gespaltene Kirsche, ihr Wuchs schlank und kräftig. Aber was sind Gesicht, Wuchs und Augen? Was ist die tote Beschreibung gegen einen ihrer Blicke? Wer könnte das unauslöschliche Feuer dieser Augen schildern, das leuchtet und brennt, peinigt und verzehrt, beglückt und bezaubert? Hätte der Maler mehr Mut, seinen Pinsel, der Dichter die Feder zu ergreifen, wenn er diese Lippen lächeln sähe? Von anderen Reizen nicht zu sprechen. Und wer könnte sie wahrhaft beschreiben, da das wunderbare Weib in jedem Augenblick eine andere Gestalt annimmt; noch nie hatten zwei Männer gleiche Begriffe von ihr, und wenn zehn beisammen sind, so wird sie jedem anders erscheinen, dem einen sanft, dem andern heldenhaft, dem dritten kokett, dem vierten kindisch, hier behutsam, dort unachtsam, heute bis zur Ausgelassenheit lustig, morgen träumerisch und melancholisch und deshalb schwärmen die Männer so sehr für sie. Übrigens wollen wir mit dem allen gegen Chataquela kein Vorurteil erwecken, sie gehörte nicht zu den Modeschönheiten, zu den Entretenues und anderen leicht zugänglichen Damen; sie war ein Muster der Moral und der strengsten Tugend – nach afghanischen Begriffen. Wir müssen daher diese kennen lernen. Im Ehekodex der Afghanen sind für die offiziellen Liebesbündnisse wenig Formen festgesetzt. Das Ganze besteht daraus: wenn einem Mann ein im Zustand der Freiheit befindliches Frauenzimmer gefällt, so schickt er ihr seinen Leibgürtel und wenn sie ihn behält und ihm den ihrigen schickt, so ist die Ehe geknüpft. Wenn nun eine Dame den Gürtel eines Mannes trägt, so weiß man, daß sie dessen Gattin ist; der Mann ist verpflichtet, dem nächsten Bonzen ein Geschenk darzubringen und erhält von diesem dafür einen Segen. Die Scheidung geht mit eben den einfachen Formalitäten vor sich. Diejenige Partei, welcher die Verbindung nicht mehr gefällt, löst sich den Gürtel vom Leibe und schickt ihn der andern Partei, von welcher sie ihn erhalten – und dann sind beide frei. Beide Parteien können sich aufs neue verheiraten, so oft es ihnen gefällig ist. Aber wehe der Frau, die, so lange sie den Gürtel eines Mannes trägt, ihre Hände von einem anderen Manne berühren ließe; die afghanischen Sitten sind streng! eine solche Frau wird als Ehebrecherin betrachtet und auf dieser Erde vorläufig nur lebendig eingegraben, aber jenseits wird sie von Talihameha mit den großen Zähnen in tausend Stücke zerrissen und jedes Stück muß dieselbe Pein fühlen. Nach diesen Begriffen der Moral war Chataquela das vollkommenste Weib unter allen denjenigen, die je in den Gebirgen des Dhavalagiri erzogen worden sind. Ihr erster Mann war ein englischer Oberst gewesen, der sie nach London gebracht hatte; aber hier nahm er die Tochter eines Lords zur Frau und gab der Afghanin nach der oben beschriebenen Formalität den Abschied. Von da ab erfreute sich Chataquela bei Siov, der Liebesgöttin der Afghanen, der größten Gunst – bei der Göttin, die mit zwölftausend Ohren abgebildet wird, damit sie alle Seufzer hört, die an sie gerichtet werden. Zwei Jahre hindurch gab es in den Hauptstädten der Welt keinen berühmten Menschen, der sie nicht als legitime Gattin besessen hätte und Chatannela beobachtete gegen alle die pflichtgemäße Treue und weibliche Tugend, bis sie es für gut fand, sich von ihnen zu trennen. In letzter Zeit war sie einem Manne nach Griechenland gefolgt und focht den Befreiungskrieg mit; bei Gelegenheit eines Kampfes lernte sie den genialen Geistesriesen Byron kennen, beehrte diesen mit ihrem vielgewanderten Gürtel, trennte sich von ihrem bisherigen Mann und kam mit dem Dichter wieder nach London. Kaum sind ein paar Wochen verflossen, seitdem sie von der britischen Hauptstadt nach Paris gekommen ist und schon spricht jedermann von ihr. Ihre Schönheit übertrifft alles bisher Gesehene, ihre Eigentümlichkeiten sind hinreißend. Man weiß, welche endlose Liebe in diesem Herzen lebt und wie schwer es ist, diese zu erreichen. Ihr ist es nicht genug, daß jemand reich sei, Chataquela kann für denjenigen, den sie liebt, leiden, entbehren, sie kann ihm, wenn es sein muß, als Magd dienen; aber den sie liebt, der muß liebenswürdig sein, denn sie hat Liebe niemals geheuchelt. Sie hat einen Mann. Das ist nach europäischen Begriffen eine sehr heikelige Sache, denn ein mit einer verheirateten Frau begonnenes Verhältnis kann nicht mit der Ehe endigen; der Liebhaber kann sich bei uns nicht diesen, wohl aber den doppelten Genuß verschaffen, daß er sich selbst Freude und einem andern Ärger bereitet. Aber Chataquela entsagt der Treue gegen ihren Mann nur aus Liebe zu ihrem folgenden Manne; jedem andern ist sie unzugänglich. Das wäre übrigens auch nicht viel, man könnte sie heiraten und sich binnen gewisser Zeit von ihr wieder trennen; aber es ist nicht leicht, die Afghanin zu besiegen. Die europäische Courtoisie ist zu arm, um ihren Launen zu entsprechen, man muß vor ihr ein Held, tapfer, geistreich, aufopfernd sein; sie stellt die Leute auf die Probe und wer die Probe nicht besteht, den lacht sie aus. Man muß sich um sie bemühen, um sie kämpfen, aber wie süß ist es, sie zu besitzen. Das giebt den Leidenschaften den größten Reiz; dieser lockende Genuß, der sich nahe hinstellt und doch fern ist, wie die Blumen, die am Meeresgrunde erscheinen, die man mit den Händen fassen zu können meint und die doch so fern sind. Sie reizte die ganze elegante Jugend, jeder wollte die Stelle ihres neuen Mannes einnehmen, was aber jetzt schwerer ist, denn der frühere besitzt noch ihre Liebe, nämlich Lord Byron, und der steht so hoch über den Löwen seiner Zeit, daß jeder verzweifeln muß, dem es in den Sinn kommt, das Andeuten des Dichters im Herzen seines Weibes zu verlöschen. Dennoch hörten die jungen Riesen nicht auf sie zu lieben, jeden Tag bestürmten sie die Säle und das Herz der schönen erotischen Frau; die Säle standen offen, aber ihr Herz war verschlossen. Sie erregte nur Durst, linderte ihn aber nicht. Sie spielt, tändelt, unterhält sich mit ihnen, wie etwa mit dressierten Tieren; im Klub erzählt jeder der jungen Männer, wie weit er schon gekommen sei, aber wenn sie das Resultat untersuchen, so finden sie, daß sie dort stehen, wo sie im Anfang gestanden haben. * Eines Abends brach in der Straße Mouffetard Feuer aus. Damals waren die Feuerlöschanstalten noch nicht so wohl geordnet, wie heutzutage, man mußte viel läuten und trommeln, und so alles, was gesunde Hände und Füße hatte, zusammenrufen. Die Straße Mouffetard ist ganz geeignet, daß ein in ihr entstandener Brand für die Umgegend gefährlich sei. Sie ist ein Knäuel von wunderbar gestalteten Häusern, von denen einige älter sind als dreihundert Jahre, unterbrochen durch mehrere enge Gäßchen, wie die St. Medard-, die Arras-, die Oursinegasse, die nur für Fußgänger zu passieren sind. Ein Haus ist ebenerdig, das andere dreistöckig; alle sind alt und verfallen; an über die Gasse gespannten Stricken hängen die Laternen und beleuchten ein Labyrinth, in welchem sich nur die ärmste Volksklasse zurecht findet, und da hier ohnedies niemals eine Equipage oder Postkutsche durchfährt, so sind die Gassen an mancher Stelle so enge, daß die Fußgänger an die Wand gedrückt werden, wenn es sich trifft, daß doch einmal ein Wagen durchfährt. Zwischen den zerfallenen, mittelalterlichen Häusern erhebt sich ein ungeheures Gebäude mit roten Ziegelwänden und ungeheuren, dicht nebeneinander stehenden Fenstern; das ist die Gobelinfabrik, welche der Bevölkerung der ganzen Straße Arbeit giebt; hier arbeiten diese Leute tags über und nachts gehen sie Lumpen sammeln. An einem Ende der Straße steht das Hospital la pitié , ein Gebärhaus für die vom Elend oder dem Verbrechen heimgesuchten Frauenzimmer, am andern Ende steht das Spital la bourbe für die sterbend Eingebrachten und das Gefängnis Saint Pelagie für die zum Tode Verurteilten. Für die Bevölkerung dieser Straße ist also gesorgt von der Wiege bis zum Grabe. Kaum ertönte die Feuerglocke der Saint Medardkirche, als das erschrockene Volk eine ungeheuere schwarze Rauchsäule aufsteigen sah, die später von roten Flammen durchzuckt wurde. Das Volk eilte sogleich von allen Seiten nach dem in Gefahr befindlichen Stadtteile; die Glocken antworteten einander mit ihren Schrecken erregenden Tönen, welche von der Glocke der Notredamekirche am grauenhaftesten übertönt wurden. Vom Pantheonplatz konnte man das Feuer am besten sehen, das in dem dichten Häuserknäuel ungehemmt um sich griff; hierher eilte die elegante Welt in prächtigen Equipagen oder zu Pferde, um das Schauspiel anzustaunen; die Damen hielten Flacons bereit, um, wenn es nötig ist, in Ohnmacht zu fallen. Die Herren begossen sich an einem Brunnen ihre Kleider, um dann zu sagen, daß sie löschen geholfen hätten. Hier konnte man auch die offene Kutsche Chataquelas sehen; sie war von eleganten Reitern umgeben, unter welchen wir Abellino, Fennimore, den Vicegespanssohn und andere bekannte Landsleute sehen; Lord Burlington sitzt auf dem rückwärtigen Kutschbock und übersieht mit einem langen Fernrohr die ganze Aussicht; die übrigen Reiter stiegen wie Adjutanten umher, um der Dame Nachrichten zu bringen, die in einem prächtigen Kaschmirkleide, in die Kissen des Wagens nachlässig zurückgeworfen sitzt; ihren feinen Reisstrohhut hat sie herabgenommen, hält ihn an den Bändern und sieht starr nach dem Schauplatz des Brandes hin. Die meisten unter jenen, die ihr Nachrichten bringen, sind nicht weiter geritten, als in die nächste Gasse und hielten es für gut, sich dort vor dem Volksgedränge zurückzuziehen; nur Fürst Ivan nahm sich die Mühe, sich mit der Reitpeitsche Bahn zu brechen und durch die fluchende Canaille zu reiten. Nach einer kurzen Weile kehrte er wieder zurück. – Das Feuer nimmt überhand, sagte er, sich zu Chataquela vorbeugend, binnen kurzem wird es die Medardkirche ergreifen, was ein großartiges Schauspiel sein wird. – Giebt es hier keine mutigen Männer, die das verhindern könnten? fragte die Dame. – Was können sie ohne Spritzen thun? Man kann die größeren Spritzen nicht durch die engen Gäßchen bringen. Ich mußte soeben über ein Paar gute Jungen von uns lachen, ich glaube, es waren junge ungarische Magnaten, die sich mit einer Gartenspritze, mit der man die Raupen von den Bäumen spritzt, abgaben; freilich konnten sie damit kaum die Fenster des brennenden Hauses benetzen. – Und giebt es denn da keine größere Feuerlöschmaschine? – Im Hofe des Pantheon steht eine, aber es sind keine Pferde da, welche sie hinziehen. – Da ist leicht zu helfen, sagte Chataquela, und winkte ihrem Kutscher, nach dem Pantheon zu fahren. Dort angekommen, ließ sie ihre prachtvollen englischen Vollbluthengste ausspannen und an die ungeheure Spritze spannen, die eben eine Schar junger Männer fortschleppen wollte. Jetzt warf Chataquela ihren Strohhut weg, schürzte ihre gestickten Ärmel auf, sprang auf den Sitz der Spritze und ergriff selbst das Leitseil. – Ah, riefen ihre Begleiter erstaunt, Sie wollen doch nicht selbst die Spritze hinführen? – Was soll ich denn thun? Ich kann doch nicht hier in der unbespannten Kutsche sitzen. Hiermit hieb sie mit der Peitsche auf die Pferde und die schwere Spritze rollte donnernd über das Pflaster nach der Straße Mouffetard. Die elegante Welt schüttelte skandalisiert den Kopf: welch eine Sucht sich auszuzeichnen! Der begleitende Dandyschwarm blieb nach und nach zurück und war bald durch die nachdrängende Volksmenge von der Spritze abgeschnitten. Der seltsamen Spritzendame wurde mit allgemeinem Hurrah Platz gemacht, die eleganten Reiter aber wurden zurückgedrängt. Chataquela bemerkte gar nicht, daß sie allein, ohne ihre Anbetersuite auf dem Schauplatz des Brandes angelangt war. Hierher, hierher, Madame! rief sogleich eine Stimme neben ihr mit edlem Ausdruck, und Chataquela erblickte einen nach der neuesten Mode gekleideten jungen Mann, der aber ganz durchnäßt und eingerußt war, den Pferden in die Zügel fiel und sie nach einer Ecke zu lenken strebte, wo einige andere, ebenfalls elegant gekleidete, junge Männer sich bemühten, mit Hilft einer schlechten Spritze das gegenüberstehende Haus vor dem um sich greifenden Feuer zu bewahren. Das war der gefürchtetste Punkt. Wenn das Feuer hierher dringt, dann ist die Medardkirche verloren. Mehrere Arbeiter in Blusen waren unter der Anführung eines jungen Kavaliers auf das Dach des Hauses geklettert, um dieses abzureißen. Chataquela kannte hier niemanden; diese jungen Männer mögen zu der vornehmsten Welt gehört haben, aber sie war ihnen niemals begegnet; doch jene kannten das schöne Weib wohl und einer von ihnen rief sie beim Namen und dankte ihr ohne Kompliment für den Dienst; derselbe sprang, nachdem die Spritze in die Ecke gebracht worden war, hinauf, ergriff den Schlauch und richtete den Wasserstrahl mit großer Geschicklichkeit auf das über ihnen brennende Dach. Die Wirkung wurde sogleich wahrgenommen; die Flammen begannen hier abzunehmen, aber um so mehr Funken zu sprühen. Ungefähr zwölf nebeneinander stehende Häuser brannten zugleich. Plötzlich wurde mitten unter dem Lärm der Menge lautes Wehklagen gehört. Aus der Gobelinfabrik kam ein Schwarm von Weibern, die Hände ringend und mit dem Ausdruck der größten Verzweiflung; den umstehenden Männern gelang es mit schwerer Mühe, sie zurück zu halten, daß sie nicht ins Feuer rannten. – Was fehlt diesen Weibern? fragte Chataquela einen Arbeiter, der sich ihr eben näherte. – Die Armen pflegen, wenn sie in die Fabrik zur Arbeit gehen, gewöhnlich ihre Kinder in einen Hof zu bringen, wo ein altes Weib dieselben bewacht. Jetzt hat sich das alte Weib gewiß entfernt und unterdes die Kinder eingesperrt, die jetzt alle verbrennen. – Man muß sie retten! – Man kann zu dem Hof nicht hingelangen, weil alle Häuser ringsherum brennen; ausgenommen es ginge jemand über das Dach der brennenden Häuser, die Gäßchen, die hinführen, sind mit brennendem Schutt verrammelt. Es schien wirklich, als ob man mitten in dem Lärm und der Verwirrung das Weinen der Kinder hörte. – Meine Herren, das ist schrecklich! rief Chataquela den Umstehenden zu, hören Sie nicht das Weinen? Giebt es kein Mittel, die Kinder zu retten? – Es giebt eins, sprach kalten Blutes jener junge Mann, der das schöne Weib zuerst angesprochen hatte; wir müssen an das vor uns stehende Haus eine Leiter lehnen, unter dem fortwährenden Spielen der Spritze auf das Dach dringen, dort läßt ein Mann den andern an einem Strick hinunter in den Hof und an demselben Strick werden die Kinder eins nach dem andern heraufgezogen und dann von Hand zu Hand in Sicherheit gebracht. – Gut, sprach der Arbeiter, aber wer wird es wagen, auf das Dach des brennenden Hauses zu klettern? – Ich! rief der Kavalier, ohne seine Züge zu verändern. – Aber wer wird der andere sein, der sich von dort hinabläßt in die Gefahr, wo er zu Grunde geht, wenn Sie ihn verlassen? wer wird sich Ihnen anvertrauen? – Ich, ich! rief Chataquela eifrig. Bringt schnell eine Leiter und einen Strick! Und ohne sich lange zu besinnen, schnallte sie die Agraffe auf, die ihr Kleid vorn zusammenhielt und legte das Kaschmiroberkleid ab, ohne zu bedenken, daß sie unter den Umstehenden ein größeres Feuer anschürte, als das, welches auf den Häusern lohte. Ihr prächtiger Wuchs wurde durch nichts verhüllt, als durch ein an den Schultern ausgeschnittenes feines Hemd und durch weite türkische Beinkleider aus Seide, die nach indischer Sitte nur bis zu den Knieen reichten, dort an die Beine gebunden und mit breiten Spitzen umsäumt waren. Die Umstehenden vergaßen einen Augenblick das Löschen. Chataquela nahm die gefährliche Wirkung nicht wahr, die sie hervorbrachte und rief mit starker, schallender Stimme: Vorwärts, meine Herren! bringt die Leiter, die Mütter weinen um ihre Kinder, eilt! Meiner Treu, dieses Weib hat das Herz am rechten Fleck, brummte der Arbeiter forteilend und brachte bald mit seinen Kameraden eine lange Leiter und einen Strick zurück. Die Leiter wurde an das Haus gelehnt, den Strick nahm die schöne Frau um den Leib und winkte dem jungen Manne voranzugehen. Das Hurrahgeschrei der Menge begleitete die beiden Kühnen. Die Weiber knieten vor dem gegenüberstehenden Hause nieder und warteten betend den Erfolg ab. Die beiden gingen ohne zu zögern hinauf. Der junge Mann war schon bis zum brennenden Dach gelangt. Er winkt der Dame mit der Hand, sie möge ein wenig zurückbleiben. Er mußte erst unter einem brennenden Tragbalken durchkriechen. Jetzt erreicht ein gut gezielter Wasserstrahl den Balken und dem jungen Manne gelingt es, den schnell gelöschten Teil zu ergreifen und den Balken aus dem Wege zu räumen. Hierauf reicht er der Dame hinter ihm die Hand und diese springt kühn auf die glühende Mauer. Dieses Weib ist entweder mit den guten oder den bösen Geistern im Bunde. Derselbe Wasserstrahl, von dem untenstehenden jungen Kavalier geleitet, folgt den beiden durch das Feuer Schreitenden, indem er ihnen teils Bahn bricht, teils den Rücken frei hält, Ah, es gelang ihnen, bis zur Feuermauer vorzudringen. Der junge Mann sucht einen Platz, mit den Füßen an die Mauer stampfend, um zu sehen, ob sie nicht schon morsch sei. Den unten Stehenden winkt er mit der Hand beruhigend, daß die Kinder sich im Hofe befinden. Jetzt windet sich Chataquela den Strick vom Leib, bindet ihn mit Hilfe des jungen Mannes an einen hinausragenden Tragbalken, mit dem andern Ende um ihren Leib und wird von dem jungen Mann langsam hinabgelassen; wenn dieser nur einen Augenblick feig ist, so ist das Weib verloren – und dieses alles geschieht mitten unter einem Regen glühender Kohlen und mitten in dichtem Rauch. Die Menschen da unten verstummen in gespannter Erwartung und Staunen. Der junge Mann hat sich auf ein Knie niedergelassen und muß den Strick mit beiden Händen halten, um seine Last nicht zu rasch hinabsinken zu lassen; in diesem Augenblick beginnt ein über seinem Haupte brennender Balken sich langsam zu ihm hinabzuneigen, der junge Mann sieht es wohl, daß der Balken auf ihn fallen müsse. Unten bricht ein Schrei des Entsetzens aus, gleich wird der Retter zerschmettert sein. Der junge Mann kann seine Hand nicht vorhalten, noch kann er auf die Seite treten, denn er muß den Strick halten; er sieht nur ruhig zu, wie sich der brennende Balken gegen ihn neigt. Durch sein Beispiel ermutigt, eilen mehrere die Leiter hinan, aber zu spät! Der Balken ist niedergestürzt, doch der junge Mann hat sich geschickt zur Seite geneigt und der Balken fiel zu seinen Füßen nieder, kaum ein Haar breit entfernt. Mittlerweile waren schon mehrere mutige Männer aufs Dach gelangt. In diesem Augenblick gelangte Chataquela in den Hof hinab. Die Kinder hatten sich alle unter einem großen Akazienbaum versammelt, der sie mit seinem Laub bisher gegen den Feuerregen geschützt hatte. Es waren ihrer ungefähr vierundzwanzig. Chataquela band schnell einen kurzen Knüttel an das Ende des Strickes, setzte zwei Kinder darauf, schärfte ihnen ein, sich an den Strick festzuhalten und winkte dem oben stehenden jungen Manne. Dieser zog die beiden Kinder hinauf, welche dann von den übrigen Arbeitern von Hand zu Hand die Leiter hinab gereicht wurden. Seht nur die Freude jener Mütter, die ihre Kinder zuerst erhalten haben, seht ihr Entzücken; wie sie sie an die Brust drücken, wie sie weinen und sich vor Freude zur Erde werfen; die übrigen beten tiefatmend, Gott möge den Rettern beistehen. Der junge Mann zog wieder zwei Kinder herauf; nach und nach konnte jede Mutter ihr Kind umarmen. Schon sind die letzten zwei in den Händen der Männer. Aber ach, ein Kind fehlt noch. Es ist das letzte, das kleinste, ein in den Windeln liegender Säugling, der gewiß in der Stube vergessen wurde; es ist das Kind eines jungen, neunzehnjährigen Weibes, dessen Mann erst in diesem Jahre gestorben ist und das jetzt am Boden liegt, sich aus Verzweiflung die Haare ausraufend. Der junge Mann winkt schon den auf dem Dach stehenden Männern, daß sie sich entfernen und scheint jetzt beim Heraufziehen des Strickes eine größere Kraft zu verwenden, als bisher. Es scheint, daß er diesmal kein Kind heraufzieht. Das junge Weib blickt mit brechendem Herzen gen Himmel, als wollte sie dort ihr Kind suchen, als rings um sie ein ungeheures Freudengeschrei erdröhnt; die schöne Frau war auf die Feuermauer gelangt, das vermißte Kind im Arme. Nach einigen Augenblicken kamen die beiden kühnen Retter die Leiter herab; nun brannte schon jedes Stockwerk des Hauses, aus allen Fenstern kamen Flammen. Unten angelangt, legte Chataquela den Säugling an die Brust der jungen Witwe, hängte demselben den Diamantenfetisch um den Hals, den sie am Busen getragen hatte und eilte schnell fort, um ihr Überkleid anzulegen. Wie schön war sie! Wie strahlten ihre Augen, wie heiter und selig war ihr Gesicht! Wie wird man sie in den Hütten der Armen segnen! wie wird man sie in den Salons wegen ihrer Seiltänzerei-Bravour verspotten! In diesem Augenblick stürzte die Hälfte des Hauses mit großem Gekrach zusammen. Wenn das zehn Minuten vorher geschah, so waren beide Retter begraben. Indes war das Feuer auf dieser Seite erstickt und wurde auf der andern Seite energisch gelöscht. Jetzt war Chataquela mit ihrem Gespann zu ihrer Kutsche zurückgelangt und ihre Diener sprangen hinzu, um ihr in den Wagen zu helfen. Sie blickte um sich, als ob sie jemanden suchte; aber ihr Gefährte und die beiden andern mutigen jungen Männer waren nirgends zu sehen; sie waren in demselben Augenblick, in welchem die schöne Frau den geretteten Säugling seiner Mutter zurückgab, unter der Volksmenge verschwunden, wahrscheinlich, um den Danksagungen zu entgehen. Chataquela erkundigte sich vergebens nach ihnen bei den Umstehenden, niemand kannte sie; aber wie gern hätte sie gewußt, wer jener junge Mann sei, dem sie so leichtsinnig ihr Leben anvertraute und der es mit so starker Seele behütete. Einige behaupteten, sein Jäger, der mit war, habe ihn als Grafen tituliert. So muß sie doch irgendwo mit ihm zusammentreffen, ausgenommen er ist ein Ascet oder ein Puritaner, der die Kreise, in welchem sie sich bewegt, geflissentlich meidet. Wie gern möchte sie mit ihm noch einmal zusammentreffen, vielleicht bloß, um ihm zu sagen: »Sie sind ein wackerer Mann!« Wie wir bereits angedeutet haben, wird man in den besseren Kreisen über diese akrobatische Produktion genug Witze machen. Im Klub der jungen Riesen ist der der glücklichste, welcher auf diesen Vorfall den besten Witz zu machen weiß. Waren sie auch dabei gewesen, so wäre das Werk eine Heldenthat, so aber ist sie eine Badinage, über die man lachen muß. Chataquelas That wurde mit hunderterlei Zusätzen und Veränderungen erzählt, nur konnte man nicht angeben, wer der unbekannte Held gewesen sei, der ihr dabei geholfen. Also ist denn jener Mensch so gar nicht eitel, daß er sich nicht beeilt, sich irgendeinem Zeitungsschreiber zu entdecken? oder wenn er aus den besseren Kreisen ist, daß er sich da seiner That nicht rühmt? Wenn er ein gemeiner Mensch ist, warum eilt er nicht, sich von der Regierung seinen Lohn zu holen – und von Chataquela, wenn er ein Aristokrat ist? Der Unbekannte wurde nicht entdeckt. Eines Mittags war man eben im besten Scherzen über diesen Gegenstand; Abellino führte im Erkerzimmer das Wort, anwesend waren die bekannten Habitués: Lord Burlington, Rudolf, Fürst Ivan, Marquis Debry, Fennimore u.s.w. – Wir sind ihm auf der Spur, meine Herren, sagte Abellino. Ich habe psychologische Daten, daß der Unbekannte aus den adeligen Kreisen sei. – Laß hören! riefen mehrere. – Also, als Chataquela demjenigen tausend Dukaten anbot, der ihr ins Feuer folgen werde, da rührte sich niemand, aber als sie rief: »Einen Kuß dem Manne, der mit mir kommt!« fand sich gleich ein Unternehmer. Beweist das nicht, daß es einer von uns ist? – Hihihi! lachte der Vicegespanssohn, der die gute Gewohnheit hatte, über die schlechten Witze anderer zu lachen. Nun hat er den Kuß erhalten? – Lassen Sie mich sprechen, Monsieur, sprach Abellino verächtlich, der wohl wußte, daß man in Ungarn die Vicegespane nicht mit Eure Excellenz tituliere und den es daher sehr verletzte, daß der Sohn eines solchen ihm in die Rede fiel. – Der Sage nach, fuhr er dann fort, hat unsere Heldin dem unbekannten Manne zu besserer Beglaubigung angesichts des ganzen Volkes den versprochenen Kuß gegeben. Allgemeines Gelächter, an welchem Rudolf nicht teilnimmt; er las unterdessen ein englisches Journal. – Dieses Frauenzimmer mag große Lust haben, im Feuer zu küssen, bemerkte Fürst Ivan. – Wie denn nicht! sprach der unverbesserliche Vicegespanssohn, der glaubte, er sage dem Fürsten Ivan hiermit etwas Neues, die indischen Weiber lassen sich doch mit den Leichen ihrer Männer verbrennen, das ist ihnen nur ein Spaß. – Ich glaube kaum, daß Chataquela einem ihrer gewesenen oder künftigen Männer diese Ehre erweisen werde, erwiderte Abellino lachend, worauf die andern ebenfalls lachten. Auf diese Bemerkung stand Rudolf von seinem Sitz auf und näherte sich der Gesellschaft. In seinen schönen, bleichen Zügen drückten sich jetzt Lebensüberdruß, Ärger, Menschenhaß und Verachtung so lebhaft aus, daß diejenigen, die ihn anschauten, unwillkürlich zu lachen aufhörten. Sein Blick war besonders gegen Karpáthi gewendet. Kaum könnte man eine bizarrere Gruppe malen, als diese beiden Gesichter, die sich jetzt gegenseitig anblickten. Einerseits ein leichtsinniges, unverständig hochmütiges, lachendes Gesicht, andererseits das starre, scharfblickende Gesicht mit seinem kalten, bittern Lächeln, das jenen zurückzuweisen scheint. In den Gesichtern dieser beiden Männer könnte ein Physiognom lesen, daß diese beiden einst erbitterte Feinde sein werden. – Wetten wir, mein Herr, daß das, was Sie gesagt haben, nicht wahr ist, sprach Rudolf, zu Karpáthi gewendet. – Wie! fragten mehrere, über Rudolfs seltsames Benehmen erstaunt. – Wetten Sie, sprach Rudolf, Karpáthi starr ins Gesicht sehend, daß die Dame, von der wir sprechen, fähig ist, sich im Todesfalle ihres Mannes zu töten. – Ah ça , das ist eine seltsame Wette. Sprechen Sie sich deutlicher aus. Die Zeit macht hier einen großen Unterschied, denn die Hauptfrage ist, daß Chataquela um jene Zeit noch jung sei. – Mein Antrag ist kurz und bald auszuführen. Ich heirate dieses Weib; das ist das erst. Dann werde ich sorgen, daß ich bald sterbe, das ist das zweite. Chataquela wird nach mir sterben, das ist das dritte; und dann sind Sie verpflichtet, sich auf eine Ihnen beliebige Weise ums Leben zu bringen. Das ist das vierte. – Ah, das ist eine Thorheit! rief Ivan; ihr sprecht so leichtfertig von dem Leben zweier edlen Menschen, als ob man zwei Kegel umwerfen wollte. – Das ist ein prächtiger Spaß! behauptete der Lord. Ich bedaure sehr, daß er nicht von mir herrührt, oder daß Rudolf kein Engländer ist. Übrigens glaube ich, daß er sein Wort halten wird. Abellino lachte nach Art derjenigen, die unter dem Lachen ihre Angst zu verbergen suchen. – Mein Herr, Sie müssen mir glauben oder mit mir wetten; sprach Rudolf kalt, ihm die Hand hinstreckend. – Was soll ich glauben? – Daß Chataquela nach ihrem Manne sterben könnte, oder Sie müssen wetten – Leben um Leben! – Die Wette steht! rief Abellino lachend und ergriff die ihm dargebotene Hand. – Auf das Wort eines Edelmannes, sprach Rudolf. – Auf mein Wort als Edelmann! bekräftigte Abellino lachend. – Sie haben es gehört, sagte Rudolf zu den Umstehenden; wenn ich mein Versprechen nicht halte, so halten Sie mich für feig, wenn jenes Weib ihrer Pflicht nicht treu ist, so lachen Sie mich aus; wenn aber beides geschieht, so werden Sie gewiß sehen, daß Bela Karpáthi sein Wort nicht halten wird. Bis dahin ist es eine Ehrensache, das Geheimnis zu bewahren. Hiermit nahm er seinen Hut und entfernte sich. Abellino machte bei diesen letzten Worten ein langes Gesicht und fing an, sich darüber zu ärgern, daß die jungen Riesen diese Wette für einen guten Spaß hielten. Indes war er einmal darin und gezwungen, die Großmut anzunehmen. Diese Wette war eine prächtige Sache, nur war es für die Anwesenden traurig, daß sie nicht plaudern durften. Rudolf machte es zu einer Ehrensache und so war es natürlich, daß die betreffende Dame von der Sache nichts erfahren konnte. Es wird viele geben, die diese Wette für eine Übertreibung halten, aber wir versichern, daß in den höheren Kreisen das Leben wohlfeil ist; ein Wort, ein Blick ist genug, um zu töten und zu sterben. Arme Leute können für ihr Leben Sorge tragen, aber für große Herren schickt sich das nicht, für moderne, blasierte Gemüter ist es gar ein Verbrechen. Ein armer Mensch ist für sein Leben seiner Familie, seinem Vaterlande und seinem Gott verantwortlich; große Herren leben der Meinung, daß sie das nicht zu thun verpflichtet sind. Doch halt! hier giebt es doch eine Ausnahme! Monsieur Karpáthi ist für sein Leben doch jemandem verantwortlich, seinem Gläubiger. Mr. Griffard erfuhr die Wette, denn er muß doch alles wissen, sei auch das Geheimnis hinter Schloß und Riegel, unter einem diplomatischen Siegel, im Sanktuarium oder durch ein Ehrenwort bewahrt. Indes bleibt es doch geheim, denn er plaudert es nicht weiter. Herr Griffard also erfuhr, der Spaß sei so ernst geworden, daß, wenn Rudolf die Bedingnisse der Wette erfüllt, Karpáthi genötigt sei, sich den Folgen zu unterziehen, sonst habe jeder der Anwesenden das Recht, ihn, wo er ihn findet, niederzuschießen; und Lord Burlington hatte ihn schon im voraus damit getröstet, daß, wenn er, Karpáthi nämlich, nicht den Mut habe, sich das Leben zu nehmen, er, der Lord, ihm mit seinem Mut dienen wolle – und der Lord trifft mit der Pistole einen Thaler in einer Entfernung von fünfzig Schritten, Also diese Wette gefiel dem Bankier durchaus nicht. Er suchte Karpáthi persönlich auf und warf ihm vor, daß er ihren Vertrag schon gebrochen habe, indem er sich in ein lebensgefährliches Abenteuer einließ. – Pah! hier ist die Lebensgefahr so fern, wie der Mond, sprach Abellino. Zuerst muß Rudolf die Chataquela heiraten, nach afghanischer Ceremonie; aber können Sie glauben, daß ihm dieses gelingen werde? Dieses eigensinnige Weib wollte den britischen Dichter nicht für mich vergessen, noch für andere, die alle reiche, generöse, elegante Kavaliere sind; wird sie für Rudolf es thun, der ein melancholischer, spleenbehafteter Sonderling mit Yankeemanieren ist? Das ist kaum wahrscheinlich; aber vorausgesetzt, es geschieht, kann man von diesem verständigen Menschen voraussetzen, daß er sich umbringen werde, bloß um die Wette zu gewinnen? das ist von Rudolf nur Prahlerei, die sich fügen wird, wenn es zur That kommt. Endlich das auch noch zugegeben, bleibt die Unmöglichkeit, daß Chataquela sich umbringe, weil dies in Indien so Sitte ist. Das ist ein psychologisches Absurdum. Ein Weib, das schon fünfzig Männer gehabt hat, von welchen doch einige gestorben sind. – Aber Sie müssen bedenken, daß sie sich von ihnen noch bei deren Lebzeiten getrennt hat und so hatte sie die religiöse Verpflichtung nicht. – Ei, lassen Sie mich in Ruhe! Hiermit wandte er dem Bankier den Rücken und pfiff. Das ist eine sehr gute Antwort wenn man nichts mehr zu sagen weiß. * Das indische Weib suchte indes mit der Glut der Leidenschaft ihren unbekannten Ritter allenthalben, sie wütete und verzweifelte, als sie ihn nirgends fand. Des Tags fuhr sie fortwährend in den Straßen von Paris herum, dinierte in öffentlichen Speisesälen, nahm ihr Eis in den besuchtesten Kiosks, abends ging sie ins Theater und belorgnettierte jedes Männergesicht; vergebens! nirgends war der, den sie suchte. Das ist zum Verzweifeln, unter einer so unendlichen Volksmenge eine Gestalt zu suchen, die man nur einmal gesehen hat und die dann spurlos verschwunden ist. Wer kann er sein? Welchen Grund hat er, sich vor ihr zu verbergen? Giebt es denn niemand, der ihn kennt? warum spricht doch niemand von ihm? Er stand ihr schon so nahe, drückte ihr die Hand, er warf sein Leben hin, um ihres zu erhalten, und sie vergaß, nur ein Wort mit ihm zu sprechen, ihn zu fragen: wie heißen Sie mein Herr? Wann werde ich Sie wieder sehen? Wie glücklich wäre sie jetzt, wenn sie die Antwort auf diese Fragen hätte! Ganze Nächte durchwachte sie. Ihre alte Amme, die Zauberin Hyurmala unterhält sie mit indischen Zaubereien, durch welche prophezeit werden soll, wer der Jüngling gewesen sei und ob sie ihn wieder sehen werde. Die alte Duenna stellt auf das niedrige Tischchen die indische Flasche. Es ist das ein bauchiges Glasgefäß mit einem engen, langen Halse, voll von einer dicken, aber krystallhellen Flüssigkeit. Dann gießt die Zauberin durch die enge Mündung eine helle, goldgelbe Flüssigkeit; der Inhalt der Flasche verdunkelt sich sogleich, als ob sie mit Wolken gefüllt wäre, die sich auf den Grund der Flasche drängen, immer dunkler, immer schwärzer. Sobald der wolkenartige Knäuel den Grund erreicht hat, beginnt sich das Innere der Flasche wunderbar zu beleben, Gestalten kommen und gehen, sie ändern die Gestalt, werden kleiner, stoßen einander weg und erscheinen der erhitzten Phantasie als bekannte Gesichter, Häuser, Städte. Die dunkeln Gegenstände werden plötzlich von allen Farben des Regenbogens durchzogen, das Grün der Wiesen und der Purpur der Morgendämmerung spielen miteinander, die beweglichen Gestalten erhalten eine zauberhafte Beleuchtung, bald wird ihre Bewegung langsamer, die Gegenstände verschwimmen ineinander, die schönen Farben erbleichen, die Wunder verschwinden und die Flasche wird von einer undurchsichtigen, fahlen Flüssigkeit erfüllt. Die alte Hyurmala, deren Gesicht durch die Zeit völlig vergilbt ist, beeilt sich, aus dem rätselhaften Chaos, das wir in der Flasche gesehen, zusammenhängende Geschichten herauszulesen. Sie erzählt ihrer Herrin, wo sich der unbekannte Jüngling jetzt befindet. Jetzt spaziert er auf blumigen Wiesen, wohin er tritt, da wird die Gegend grün und rot und verläßt er sie, so wird sie blau und lila. Wer sind die braunen Gestalten hinter ihm? Das sind gedungene Mörder, die ihn töten wollen. Aber der Wald schützt ihn, Gebüsche mit dunkelgrünem Laub bilden sich hinter ihm und niemand kann ihn verletzen. Dort geht eine blaßgelbe Gestalt, die sich durch die dunkeln Erscheinungen Bahn bricht, als ob sie jemanden suchte. Sie weichen sich immer aus. Kleine Kindertöpfe auf der Erde, kriechende Schlangen in der Luft ziehen ihm nach. Segen und Verleumdung. Jetzt nähern sie sich einander, die gelbe Gestalt bleibt stehen, die Kinderköpfe verwandeln sich in Rosen und bilden eine Laube rings um sie, die Schlangen werden Kugeln, die ihm um den Kopf fliegen. Sieh, sieh, jetzt drehen sie sich schnell umeinander, ach, jetzt werden sie bald zusammenkommen. Jetzt haben sie sich, sie fließen ineinander und wunderbare Erscheinung! Die ganze Flasche wird von Rosenschimmer erfüllt! Herrin, den du erwartest, der wird kommen und dich lieben. – Jetzt setzen sich die Gestalten, die Flüssigkeit erbleicht und wird dann wieder dunkel. – Und dann wirst du niemanden weiter lieben. Chataquela hatte in derselben Nacht süße Träume, aber als sie des Morgens erwachte, fand sie die mit einem Elixir gefüllte Schale unberührt, also kommen die Träume von anderswo her. Sie ließ sich ankleiden, ihr abenteuerliches Gemüt hatte sich eine eigene phantastische Mode ersonnen, ein Gemisch der Hindu- und der europäischen Tracht. Ihr niederfließendes Haar wurde durch ein weißes Stirnband zusammengehalten, ihr langes Kleid aus blaßgelber Seide ließ die Arme unbedeckt, die mit glatten, goldenen Armbändern geschmückt waren; die vorn offenen Volants ließen den wunderschönen, buntbewebten indischen Rock sehen; nur in den orientalischen Geweben sieht man ein so kühnes Gemisch der abstechendsten Farben, die dann doch zusammen ein harmonisches Ganzes bilden. In ihrer Brust wird das Kleid von einer dreifachen Spange zusammengehalten, um ihre Taille, die bis zur Hüfte reicht, hat sie einen mit Gold und Silber durchwirkten, roten Shawl gewunden, was von der damaligen Mode mit den kurzen Taillen geschmackvoll abwich. Auf ihr Klingeln kommt Hyurmala herein und überreicht ihr, während ihr die Stubenmädchen das Haar flechten, die Karten der gestrigen Besucher, die damals nicht zu Chataquela gelangen konnten, weil sie krank war, vielleicht aber nur aus Laune. Die Dame sieht die Karten der Reihe nach an. Lauter bekannte Personen, deren sie überdrüssig war. Doch eine ist darunter, mit einem Namen, den sie noch nirgends gehört hat. Der Familienname steht zuerst da und dann der Taufname, eine ihr völlig unbekannte Art. Die andern alle schreiben ja ihre Namen umgekehrt: Vicomte Abellino de Karpáthi, Comte Fennimore de l'ile de Szigetvar, Chevalier Charles de Calacci (nämlich Kalácsi). Warum ist dieser ein Sonderling und schreibt den Titel zuletzt: »Szentirmay Rudolf Báró?« Die andern Karten fielen ihr alle aus der Hand, nur diese eine steckte sie in den Busen. Wenn gerade der es wäre, den sie erwartet. Die Zauberflasche hat Gutes verkündet und das muß in Erfüllung gehen. Arme Indierin! sie kannte nicht den Segen, daß man um das, was man wünscht, auch beten kann, sie wußte nicht, daß nur zauberischer Trug und vergängliche Träume ihre Seele beschäftigten. – Laßt niemanden herein zu mir, sagte sie zu Hyurmala, nur den, der Herr dieser Karte ist. Hat er versprochen, wieder zu kommen? Niemand erinnerte sich. – Wie sah er aus? fragte die Dame mit schmachtender Neugierde. Niemand konnte es sagen; sie hatten ihn nicht beachtet und beschrieben jetzt für ihn andere, die Chataquela gut kannte. Der Mittag verging unter ruhelosem Sehnen; Kutschen, Kabriolets blieben von Zeit zu Zeit vor dem Hotel stehen, man hörte die Glocke des Portiers; dann fuhren die Kutschen wieder von dannen. Der Erwartete kam nicht. Einmal läßt sich das Klingeln des Portiers wieder vernehmen und das scharfe Gehör der Indierin vernahm Männertritte auf der Treppe. Ihr Herz fing an schneller zu schlagen. Das ist er! Sie setzte sich in die Ecke des Diwans, die Arme an die Brust gedrückt; sie wagte es nicht aufzublicken. Sie hatte Angst und zitterte wie ein junges Mädchen, das den Bräutigam erwartet. Die Fußteppiche knisterten, jemand schritt darüber herein. Er war es! sie blickte nicht auf und doch wußte sie, daß er es sei. Sie hatte ja schon oft so geträumt, der mutige Jüngling komme zu ihr; sein Gesicht, das während der Gefahr so kalt war, blickte zaubervoll auf sie, seine dem Tode trotzenden Augen leuchteten von Liebe, er setzte sich zu ihr, auch jetzt fürchtete sie, das alles sei nur ein Traum. Aber er saß wirklich neben ihr, er, den sie gesucht und erwartet hatte und das war kein Traum mehr, der Atem des Jünglings berührte ihre Schultern. Chataquela sprach flüsternd zu ihm, wie man es mit Traumbildern thut, damit sie nicht erschreckt verschwinden. – Also Rudolf heißen Sie? wie quälte es mich, daß ich mir Sie nicht nennen konnte, ich sah nur immer Ihr Gesicht vor mir und konnte es nicht ansprechen. – Ich habe auch viel an Sie gedacht, erwiderte Rudolf, in dessen Zügen wir auch jetzt nichts anderes, als die gewohnte Kälte sehen, den Zauber, die strahlenden Augen sah nur Chataquela mit den Augen der Liebe an ihm. Ein solches kaltes, bleiches Gesicht ist den Frauen sehr gefährlich. Die Männer wissen das nicht, aber die Frauen, welche lieben, wissen, daß so ein Gesicht zum Wahnsinn bringt. – Wissen Sie, was ich damals dachte, als Sie mir in jener Gefahr Ihr Leben anvertrauten? – Haben Sie an mich gedacht? – Ich dachte, wenn die Kinder gerettet sein würden und nur Sie noch unten wären, anstatt Sie herauf zu ziehen, den Strick hinab zu werfen und mich nachzustürzen, damit wir unten zusammen im Feuer umkämen. – Warum thaten Sie es nicht?, fragte die Frau mit unsäglich schmachtendem Ausdruck. – Als die beiden letzten Kinder gerettet waren, riet es Ihnen Ihr Schutzgeist, in das brennende Haus zu gehen, und nachzuschauen, ob nicht noch jemand drin sei. – Ja, mir war's, als ob mich jemand hineinzöge. – Sie gingen hinein, brachten einen Säugling heraus und nahmen ihn mit herauf; da konnte ich meinen Vorsatz nicht mehr ausführen. – Und das wäre mir eine große Freude gewesen. Die im Feuer sterben, die kommen gleich in die Sonne, die in der Erde sterben, müssen hingegen lange warten, so lange bis sie zu so kleinen Stäubchen aufgelöst sind, wie wir sie hier am Fenster tanzen sehen, welche die Sonne nach und nach zu sich heraufzieht; der schönste Tod ist im Feuer und in der Liebe, der Tod, welchen bei mir zu Hause die Frauen zu sterben pflegen. Rudolf ergriff langsam die Hand des wundersamen Weibes. – Chataquela, sei mein Weib. Sie zitterte und vermochte nicht zu antworten. – Geh zu deinem Mann zurück und scheide dich sogleich von ihm. Ich werde dir nachreisen, dich zum Weibe nehmen und dich lieben bis zu meinem Tode. Sie erbleichte, ihre Lippen wurden weiß, fieberhaft zitternd sank sie zu den Füßen des jungen Mannes nieder, der, ihren schlanken Leib mit den Armen umschlingend, sie aufhob. Sie kam nicht eher zu sich, als bis sie an ihrem Nacken den Kuß seiner heißen Lippen fühlte. Dann sprang sie auf und hielt ihre Hände wie abwehrend vor sich hin. – Was hast du gethan! rief sie mit dem Blick des Schreckens. Du hast mich geküßt, während ich nicht dein bin, ehe ich von meinem Manne geschieden war! die zürnenden Geister werden mich dafür strafen. Nach einer Stunde war Chataquela auf der Reise nach Calais. Rudolf versprach, ihr in zwei Tagen zu folgen. Und hier ist es am Ort zu fragen: ob das Scherz oder Ernst sei und wenn es Ernst ist, worauf dieser beruhe. Woher dieser Lebensüberdruß bei einem dreißigjährigen jungen Manne, diese Bizarrerie, diese Verachtung der Welt, diese excentrische Denkweise? Wir wollen diese Fragen beantworten. Das ist nicht die Krankheit der Leber, sondern der Seele und zwar meistens großer Seelen, denn kleine Seelen finden sich in der Welt bald zurecht. Das ist der Fluch der Unthätigkeit, der auf allen ruht, denen das Geschick große Geisteskraft gegeben hat; aber sie mieden und suchten nicht den Wirkungskreis, der ihnen zugewiesen war und zur Strafe wurde ihnen ihre Geisteskraft zur Geißel, denn sie sahen die Welt für leer und was sie enthält für nutzlos an, sie hielten nichts für der Mühe, der Liebe, des Nachdenkens wert. Hätten sie es aber gesucht, so hatten sie gefunden, daß es etwas giebt, was der Mühe ihrer Arme, des Ringens ihres Geistes und der tiefsten Liebe ihres Herzens Wert ist – und das ist – das Vaterland. Zehn Tage waren seit Chataquelas Abreise verflossen und Rudolf wartete noch immer vergebens auf einen Brief von ihr, trotzdem sie ihm versprochen hatte, gleich nach ihrer Ankunft in London zu schreiben. Endlich entschloß er sich, ihr nach London nachzureisen. War es bloße Unruhe, war es wirklich Liebe, oder nichts weiter als einer jener Wünsche, die man in sich erst erweckte, weil man über den betreffenden Gegenstand lange nachgedacht hat? Am Abend vor jenen, Tag, an welchem er abreisen sollte, ging er ins Theater und bemerkte, daß er sich noch nie so gelangweilt habe, wie jetzt. Die ganze Welt kam ihm außerordentlich häßlich und dumm vor. Mademoiselle Mars hatte niemals so schlecht deklamiert, die Claque nie eine so ungeschickte Impertinenz entwickelt, die jungen Damen in den Logen hatten sich nie so kokett benommen und die jungen Riesen nie so viel Abgeschmacktheiten gesprochen, wie heute, er fühlte Ärger und Pein, wohin er immer sah, endlich sah er nirgends mehr hin, zog sich in den Hintergrund der Loge zurück und war vollkommen bereit mit dein ersten Besten, der zu ihm in die Loge trat, Streit zu beginnen. Wirklich öffnete sich die Thüre, Rudolf blickte murrend zur Seite und sah den Grafen Stephan eintreten. Jetzt ärgerte er sich noch mehr, daß er mit diesem nicht streiten konnte, denn er hatte Respekt vor ihm. Der junge Graf blieb in der Thüre stehen und sagte: Ich bitte dich nur auf ein Wort, Eßékis sind hier, sie sind eben aus London gekommen, haben erfahren, daß du hier bist und die alte Frau möchte gern mit dir sprechen. Rudolf machte zu dieser erfreulichen Nachricht ein unaussprechlich saures Gesicht; er stand so schwer auf von seinem Sitz, wie wenn eine große Last bewegt wird, hängte sich verdrießlich an Stephans Arm und ließ sich von ihm führen, wohin es diesen beliebte. Graf Stephan öffnete vor ihm eine Parterreloge. Die fragliche Familie war eine der vornehmsten Ungarns und zwei Mitglieder derselben befanden sich in der Loge; die Großmutter, die gemütliche Gräfin Eßéki, und deren siebzehnjährige Enkelin, mit welcher sie einen Winter in London zugebracht hatte. Die alte Frau behielt noch immer die Mode aus der Zeit des Empires, das große gepuderte Dupé, das übrigens gesunden Matronengesichtern gut steht, die spitze Taille mit dem gestickten blumigen Gürtel, das enge Kleid mit den kurzen Ärmeln, den wie ein Pfauenschweif großen gemalten Fächer und die bis zu den Ellenbogen reichenden hirschledernen Handschuhe. Sie nimmt den Ehrensitz ein, der Bühne gegenüber. Ihr gegenüber sitzt ihre Enkelin Flora; ein Gesicht voll hinreißender Schönheit und eines gewissen heitern Ernstes, Die Ruhe ihres Blickes, die schönen Züge ihres blassen, ovalen Gesichtes, das, wenn man lange darauf sieht, sich mit einem Glorienschein zu umgeben scheint, ihre schmalen Augenbrauen, ihre sanften Augen, ihre feingeschnittenen Lippen bilden ein harmonisches Ganzes voll so rührender Unschuld, daß bei dessen Anblick selbst der größte Zweifler wieder an weibliche Tugend glauben muß. Es ist eines der Gesichter, die, obwohl schön, doch keine Leidenschaften erwecken. Die Bühne nimmt ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch und wie die beiden jungen Männer eintreten, grüßt sie dieselben mit leichtem Kopfnicken, und mit höflicher Aufmerksamkeit entzieht sie der Bühne ihre Blicke, ohne sie aber völlig den beiden Ankömmlingen zu widmen. – Sie sind ein böser Mensch, sprach Frau Eßéki zu Rudolf mit scherzhaftem Tadel, wenn ich nicht bewaffnete Macht um Sie geschickt hätte, so könnten wir Sie gewiß nicht sprechen. Wir glauben, daß wir ihn im Theater treffen werden und er zieht sich, anstatt die Logen zu mustern, in die Ecke seines Diwans zurück und schaut nirgends hin; wie können Sie die schickliche Neugierde so sehr vergessen? Sie sind ein böser Mensch, Sie entfernen sich immer ans der Stadt, wenn wir ankommen, als ob Sie uns geflissentlich meiden wollten; aber jetzt haben wir Sie erwischt und Sie aufgesucht. – Ich wäre schon gekommen, sagte Rudolf, als ihn die gesprächige Dame endlich zu Wort kommen ließ. Ich habe die Verehrung nicht vergessen, die ich Ihnen schuldig bin. – Nur wäre es Ihnen schwer gewesen, sie zu beweisen, denn morgen reise ich in mein liebes Ungarn. Über Rudolfs Züge flog ein sarkastisches Lächeln, als ob er sagen wollte: sie muß nach Hause reisen, weil man jetzt Raps einsammelt und die Schafschur hält, zu solcher Zeit muß eine gute Hauswirtin daheim sein. Anstatt dessen sagte er aber: Euer Gnaden haben England zu früh verlassen, das lustige Leben, die Wettrennen, die Jagden, die Ausflüge zur See, die Belustigungen auf der Insel Jersey beginnen erst jetzt. – Meine kleine Enkelin ließ mich nicht länger bleiben, im Winter hat sie immer wiederholt, sie möchte gern zu Hause sein. Rudolf sah erst jetzt der kleinen Enkelin aufmerksam ins Gesicht; er hatte sie schon vor Jahren als kleines ungezogenes Mädchen oft gesehen und konnte jetzt sein Staunen über ihre ernste, jungfräuliche Schönheit nicht verbergen. Das Gesicht eines Kindes, das anfangs gar nichts verspricht, entwickelt sich zuweilen zu einem Ideal. – Also Fräulein Flora, Sie haben sich in London gelangweilt? fragte er sie, erwartend, daß seine Worte sie in Verlegenheit bringen würden. Indes hatte die gute Großmutter die liebe Gewohnheit, auf die an ihre Enkelin gerichteten Fragen selber zu antworten, indem sie nicht zugab, daß jemand das Kind in Verlegenheit bringe. – Ah, mein Herr, wie hätte sie sich langweilen können? sie ist ja noch ein Kind, das an allem Vergnügen findet, sie hat noch weder einen Mann, noch Anbeter, um diese Langeweile zu kennen. – Dieses Kompliment stecke ich im Namen des ganzen männlichen Geschlechts ein, antwortete Rudolf etwas besser gestimmt, den Frau Eßéki deshalb auszeichnete, weil sie in ihm unter allen ihr bekannten jungen Männern den besten und feinsten Gesellschafter fand. – Also bloßes Heimweh, fuhr Rudolf fort, sich auf die Lehne eines Fauteuils stützend, ein romantisches Schmachten nach der gelblichen Theiß, ein Sehnen nach dem einförmigen Mühlengeklapper im Schatten der Tißa-Várader Pappeln, nach einem Spaziergang zwischen den Kornfeldern, nach den Zigeunergruppen am Ende des Dorfes, wo sie Maultrommeln schmieden und nach den sonntäglichen Erbauungen des hochwürdigen Herrn. – Ach, mein Herr, fahren Sie in Ihren Sarkasmen nicht fort, fiel ihm Frau Eßéki ins Wort, wir gehen nicht nach Tißa-Várad, um die Mühlen klappern zu hören, und Sie haben sehr ländliche Begriffe vom Heimweh, wenn Sie glauben, daß man es nur zwischen den Kornblumen stillen könne, wir weiden auch in Ungarn in einer großen Stadt leben. – Um so schöner. Debreczin, Szegedin oder meinetwegen Holdmezövásárhely werden Ihnen die seltensten Genüsse bieten. Zum Beispiel in Debreczin mitten in der Stadt eine große Brücke, die sich durch die ganze Gasse hinzieht und die deshalb eine europäische Seltenheit ist, weil sie über den trockenen Boden führt. – Sie täuschen sich wieder; wir ehren diese großen, Brot erzeugenden Städte, aber wir werden in Pesth wohnen. – Ah, ich habe vergessen, daß auch Pesth in Ungarn liegt. Ich glaube, auch Euer Gnaden werden dort vergessen, daß Sie in Ungarn sind. Das ist ja keine ungarische Stadt, sondern eine deutsch-jüdische Kolonie, wo man nur im Köröser und Ketskeméter Hof bei Gelegenheit der Wochenmärkte ein ungarisches Wort hören kann. – Sei es so, mein Herr. Mit uns werden einige mehr dort sein, von denen man ein ungarisches Wort hören wird. Ich hatte schon längst eine bizarre Idee und wartete nur, bis meine Enkelin aufwachsen würde. Jetzt werde ich in Pesth meinen bleibenden Aufenthalt nehmen. Da Pesth ohnedies wenig Prachtgebäude hat (1822), so lassen wir auf einem der vornehmsten Platze der Stadt ein großartiges Palais aufführen. Zum Sommeraufenthalt wählen wir die Ofener Gebirge und werden trachten, jede Arbeit durch heimische Künstler und Handwerker ausführen zu lassen; fähigen Dichtern, Künstlern geben wir Gelegenheit, in Pesth leben zu können und wir werden ein großes Haus führen, wo alles Fremde verbannt sein wird; die Modewelt wird auf unseren Tischen ungarische Blätter finden, in unseren Konversationszimmern ungarische Gespräche und in unseren Salons ungarische Musik hören. Oder glauben Sie, daß es uns nicht gelingen werde, einen Kreis zu bilden? Bei dieser Frage blickte Frau Eßéki stolz auf ihre Enkelin. – Ganz gewiß, antwortete Rudolf, auch ich wäre der ewige Satellit von Euer Gnaden, wenn ich das Glück hätte, von gleichem Heimweh beseelt zu sein. – Lieber Rudolf, sprach Frau Eßéki ernst, indem sie seine Hand ergriff, Sie begehen ein Unrecht gegen sich selbst, wenn Sie Ihr heiligstes Gefühl verleugnen. Dieser traurigen Erscheinung begegnet man kaum anderswo, als in unseren Kreisen. Ich übersehe die Reihe der Logen und finde fünf, sechs ungarische Magnaten, die beständig hier wohnen, hier ihr Vermögen und was noch mehr ihre Geisteskraft verschwenden; aber wie viel könnten sie zu Hause nützen! Sehen Sie, ich verstehe keine Politik, ich weiß nicht, ob unsere Magnaten in Ungarn eine Rolle zu spielen haben, aber das weiß ich, daß, wenn ein Volk gerade von denjenigen verlassen wird, welche die Reichsten und Vornehmsten sind, es verarmen und abnehmen muß. – Andere könnten noch nützen, gnädige Frau, erwiderte Rudolf mit kaltem Lächeln, aber was kann ich thun, ich bin ein unnützer Mensch. – Nicht so, lieber Rudolf, das weiß ich besser. Ich kenne das Leben, weil ich schon lange lebe. Die Lebensweise unserer Herren ist folgende: Bis zu ihrem sechzehnten Jahr sind sie Kinder, von denen spricht man nicht, da lernen sie Gutes und Schlechtes untereinander; von sechzehn bis, zwanzig sind sie träumerisch, dichterisch oder wenigstens schmachtend verliebt; von zwanzig bis fünfundzwanzig stürzen sie sich in alle Freuden der Welt, sie werden wilde Freudenjäger und wenn sie zuletzt glauben, allen Genüssen auf den Grund gekommen zu sein, dann beginnen sie blasiert zu sein, verleugnen ihre Leidenschaften, ihr Herz, selbst die Wärme ihres Blutes, lächeln, oder thun auch das nicht, wenn man vor ihnen von Liebe spricht, möge diese einen Freund, ein Weib oder das Vaterland betreffen, sie spielen mit ihrem Leben, wie mit einem Spielzeug, dessen man überdrüssig ist, das keinen Wert mehr hat, sie werfen ihr Leben weg, wie eine Citronenschale, deren Saft sie bis zum letzten Tropfen ausgepreßt haben; das dauert bis zu ihrem dreißigsten Jahre, dann erst eröffnet sich dem Mann die Welt seines Herzens, dann erst beginnt er wahrhaft zu leben, richtig zu sehen, zu fühlen, dann wird er ein Menschenfreund, ein Patriot, ein guter Mann, kurz ein glücklicher Mensch. Sehen Sie, Rudolf, und Sie sind noch nicht dreißig Jahre alt. Rudolf wartete mit Ungeduld, bis die Gräfin mit ihrem Text zu Ende war und dann ließ er sich das Wort entschlüpfen: – Ein neuer Gott müßte entstehen, der mich zu einem neuen Menschen umschaffte. Man muß es in der That nur seinem außerordentlich aufgeregten Gemüt zuschreiben, daß er so was sagen konnte, da er sonst die Ehrfurcht vor Gott nicht zu verletzen pflegte. Frau Eßéki nahm an seinen Worten ein ernstliches Ärgernis. – Lieber Rudolf, es ist mir nicht lieb, von Ihnen ein solches Wort zu hören. Sehen Sie, ich bin keine Frömmlerin, aber ich höre es nicht gern, wenn man den Namen Gottes nicht mit Ehrfurcht ausspricht. Wenn man auch in Paris eine Tänzerin aus dem Ball Mabille auf den Altar gestellt hat, so ist Gott doch allmächtig geblieben und seine Wunder sind nicht bloß in den Elementen zu sehen, sie geschehen auch in den Herzen der Menschen. Rudolf seufzte tief auf, als wollte er sich fragen: ob es einen Gott geben werde, der ihn bewahre, mit einem kalten, ausgebrannten Herzen zu sterben und der ihn lehren werde zu leben und zu fühlen . Indes hielt er es für gut, dein emphatischen Gespräch eine andere Wendung zu geben, wandte sich zu Flora und fragte sie, wie sie sich in London unterhalten habe und von was man dort in der letzten Zeit am meisten spreche. Das Mädchen erhob ihre großen schwarzen Augen und ihr zauberhaftes Gesicht zu dem Fragenden und antwortete ihm mit dem richtigen Tone, der das Publikum nicht stört und den in der Loge Anwesenden nicht als Flüstern erscheint. – O jetzt hat sich in London etwas Trauriges zugetragen, die ganze Modewelt trauerte. Eben zwei Tage bevor wir abreisten, hat man dort den berühmtesten Mann und die berühmteste Frau Englands begraben. – Ah, davon wissen wir noch gar nichts, sagte Rudolf, und dachte: dieses kleine, einfältige Mädchen hält gewiß den Lord Mayor oder einen General für den berühmtesten Mann und ihre berühmte Frau ist gewiß irgendeine Ordensdame. – Und wer waren jene beiden berühmten Leute? fragte er Flora, wie man die Kinder auszufragen pflegt. – Der berühmte Mann, sagte das Mädchen mit einiger Exaltation, die ihrem edlen Gesicht gut stand, war der größte Geist seiner Zeit, der unsterbliche Dichter Lord Byron. Als hatte er einen elektrischen Schlag in allen seinen Gliedern gespürt, so wurde Rudolf bei dieser Nachricht erschüttert, sein Gesicht wurde blaß, an seinen Schläfen und an seiner weißen Stirne war der Puls sichtbar, er war einen Augenblick wie besinnungslos. – Und wer war die Frau? fragte er mit beengter Stimme, als ihm die Sinne zurückgekehrt waren. – Diese Frau war die Tochter eines andern Klimas, die den Dichter sehr liebte und ihn vor ihren Göttern zum Mann nahm; und als der Mann starb, starb auch sie nach heimischer Sitte, indem sie ihren Kiosk anzündete. Haben Sie vielleicht den Namen »Chataquela« schon gehört? Rudolf schwieg. Vielleicht ist Byron gestorben, ehe sie sich noch von ihm scheiden konnte, und das indische Weib hielt es für ihre Pflicht, nach ihm zu sterben, Sie kam Rudolf zuvor, anstatt ihm in den Tod zu folgen. Also giebt es doch eine göttliche Macht, die dem lebensüberdrüssigen Menschen die zum Selbstmord bestimmte Waffe ans der Hand windet. Rudolf fühlte einen heiligen Schauer durch seine Glieder rieseln, als ob er eine Stimme hörte, durch welche Saul zu einem Paul bekehrt wurde. Wunderbar! Als er wieder zu sich kam, fühlte er sich durch diese Nachricht nicht unangenehm berührt; er fühlte eine Befriedigung, wie einer, der aus einem ängstigenden Traum erwacht und sich freut, daß das, was er gesehen, nur ein Traum gewesen sei. Zu seinem Glück gewahrten die Anwesenden nicht, was in diesem Augenblick in ihm vorging, denn ein Monolog der Mars nahm ihre Aufmerksamkeit in Anspruch. Wie gut deklamierte heute die Mars. Und wohin er immer blickte, er sah alles mit anderen Augen, die Menschen waren besser und schöner als je und als seine Blicke auf das Gesicht der vor ihm sitzenden Flora zurückkehrten, schaute er selbstvergessen auf diese schönen, edlen Züge, bis das Mädchen errötete, wie die vom Sonnenstrahl gereifte Frucht. Plötzlich wandte er sich ohne alle Umstände zu Frau Eßéki, die ihren Gast für zerstreut zu halten begann. – Wann reisen die Damen nach Ungarn? – Morgen, zeitlich in der Früh. – Erlauben Sie mir, Ihr Begleiter zu sein? Diese Frage war so überraschend, so unerwartet, daß niemand darauf antwortete. Indes war dieses Schweigen, dieses Staunen Antwort genug, Rudolf nahm plötzlich seinen Hut und verabschiedete sich. – Ich muß eilen, meine Sachen in Ordnung zu bringen und meinen Wagen zu bestellen, damit ich nicht zurückbleibe. Und hiermit verneigte er sich mit der Beweglichkeit eines glücklichen Menschen und stürzte fort. Als er fort war, beugte sich Graf Stephan zu Floras Hand nieder und flüsterte, indem er ihre zarten weißen Finger mit seinen Lippen berührte: Ich danke Ihnen. Flora fragte erstaunt: Wofür? – Daß Sie einen wackern Mann seinem Vaterlande zurückgegeben haben. Die schöne Jungfrau schüttelte den Kopf und bedeutete dem Grafen, daß sie ihn nicht verstehe. Und das war doch so einfach. Rudolf eilte indes schnell über die Treppe, stieß an einer Ecke den Marquis Debry fast über den Haufen, der ihm, sobald er ihn erkannte, nacheilte und ihn zum Stehen nötigte. – Bleiben Sie doch stehen! Das ist eine Wette, die beide gewonnen haben, Haben Sie noch nicht gehört, daß Chataquela gestorben ist? Ja, sie hat sich verbrannt, nachdem ihr Mann gestorben war. Also haben Sie die Wette gewonnen. Aber sie hat sich nicht nach Ihrem Tode verbrannt, darum hat Abellino nicht verloren. – Ich habe es schon gehört, sagte Rudolf, die Heiterkeit des Marquis vollständig teilend; und sich von ihm befreiend, eilte er sich in seine Kutsche zu werfen und nach Hause zu fahren. Während er fuhr, wollte er sich noch Vorwürfe machen, daß er über den Tod dieses Weibes nicht die geringste Traurigkeit zu fühlen vermochte, trotzdem ihre liebevolle Selbstaufopferung so groß war. Aber vergebens, die Gefühle lassen sich nicht erzwingen; er hatte ein Gefühl, als ob er eben eine reiche Erbschaft gewonnen hätte; er möchte gern, es schickte sich auch, daß er traurig sei, aber andere, mächtigere Empfindungen verdrängen die Trauer. Er begann, sich einen herzlosen, feigen Menschen zu schelten, der sich freut, weil er von einer tödlichen Wette durch den Tod eines liebenden Weibes befreit sei, und als er nach Hause kam, nahm er sein Tagebuch vor, um die Eindrücke jener Tage sich wieder vorzuzaubern, die er in Erinnerung an Chataquela verlebt hatte. Doch ehe er zu diesen Blättern gelangte, mußte er noch andere aufschlagen, in welchen die Erinnerung an längst vergessene und jetzt wiederkehrende Gefühle niedergelegt war: Ein oder das andere Portrait lange nicht gesehener Verwandten, die Zeichnung einer romantischen Gegend an den Ufern der Donau, eine in ihrer Farbe noch Wohl erhaltene Blume, die aus den Blättern fällt und die ihn an jene Jugendjahre erinnert, welche er zwischen den Alpen Siebenbürgens verlebt hat, die ersten Ergüsse seiner Phantasie, eine graue Locke seines verstorbenen Vaters, endlich ein zärtlicher Brief seiner Mutter, den sie ihm in die Fremde geschickt hatte, während sie selbst sich von dem Grabe des geliebten Mannes nicht trennen konnte, das sie jetzt mit ihren Thränen benetzt. An allen diesen Erinnerungen blieb Rudolfs Seele haften, bei manchen verweilte er lange, und als er zu den letzten Blättern kam, die er in einem ungewohnten, außerordentlichen Gefühl, oder besser unter dem Einfluß der Blasiertheit geschrieben, hielt er diese Gedanken für so lächerlich, daß er sich schämte, sie durchzulesen. Er machte noch einen Versuch in dem Kampf gegen sich selbst, er nahm den Bleistift und versuchte es, Chataquelas Portrait aus dem Gedächtnis zu zeichnen, was ihm bei seiner lebhaften Phantasie und seiner Fertigkeit im Zeichnen sonst zu gelingen pflegte. Niedergeschlagen nahm er wahr, daß er sich jetzt dieses Gesicht nicht vorstellen konnte. Er rief sich jene Stunde in Erinnerung, in welcher er Chataquela in so glänzendem Licht gesehen hatte, aber das Bild wollte ihm nicht gelingen; das Gesicht war zu lang, die Augen matt, zu wenig offen, die Augenbrauen zu schmal, die Lippen zu ernst, und als er fertig war und es vor sich hinhielt, um zu sehen, ob es getroffen sei, gewahrte er erstaunt, daß er nicht Chataquelas, sondern Floras Bild gezeichnet habe. Rudolf fühlte die Nähe eines erhabenen Geistes, er fühlte, daß er in dieser Einsamkeit nicht allein sei, um sich, über sich, überall fühlte er eine höhere Macht, die nicht bloß in den Elementen ihre Wunder wirkt, sondern auch in den Herzen der Menschen. Unwillkürlich faltete er die Hände, ein Seufzer entstieg seiner Brust und in seinen Augen glänzte eine Thräne; es war der erste Seufzer, die erste Thräne, seit den abgeschlossenen Tagen der Kindheit. Dann nahm er den Zeichenstift noch einmal zur Hand, stellte sich das Gesicht der schönen errötenden Flora lebhaft vor, verbesserte einige Züge des Bildes und siehe, es war ein vollkommen ähnliches Portrait, voll Lieblichkeit und mit dem Ausdruck der Liebe. Rudolf küßte das Bild unwillkürlich. Er fühlte die jugendliche Wärme des Errötens in seinem Gesichte. Neue Gefühle, neue Wünsche belebten ihn, und die Welt erschien ihm in neuen Lichte. Ruhig und heiteren Gemüts traf er die Vorbereitungen zu seiner Reise nach dem schönen, armen Ungarn. Zweiter Teil. 1. Der Pfingstkönig. Wir sind also wieder zu Hause, in dem lieben, armen Ungarn. Die rosigen Pfingsten dämmern, eine rosige Dämmerung. Frühmorgens, gleich nach dem ersten Hahnenruf zieht eine Bande brauner Musikanten musizierend durch die Gassen von Nagy-Kún-Madaras, vor ihnen mit blankgezogenem – Haselstecken der Stadtgeschworene, und an seinem in schrecklich würdevolle Falten gelegten Gesichte sieht man, daß er heute amtlich beschäftigt ist und noch keinen Schnaps getrunken hat. Der wackere Geschworene ist ganz in Blau gekleidet, wie es sich für einen Mann von Rang und Würde schickt, seinen runden Hut schmücken ein paar aufgeblühte Pfingstrosen, im Knopfloch hat er einen Busch Nelken mit Muskatblättern stecken, an seinem seidenen Gilet trägt er silberne Knöpfe, sein Gesicht ist rot, sein Schnurrbart spitz aufgewichst, seine Stiefel mit Sporen und Quasten verziert. Seine Schritte sind so steif und klein, als ob er zwischen Eiern ginge, nicht um die Welt würde er zur Seite scheu und noch weniger rückwärts auf die hinter ihm gehenden Zigeuner; nur wenn sie vor dem Fenster eines Stadtrates oder eines Wahlbürgers vorüberkommen, winkt er mit hochgeschwungenem Stock, man habe jetzt langsamer zu gehen und stärker zu trompeten. Bei dem lauten Schall der Musik erwachen die Bewohner der Gassen, die Fenster werden geöffnet und die jungen Mädchen sehen, in ein schnell umgenommenes Tuch gehüllt, zum Thor heraus und wünschen dem Herrn Andreas Varga einen guten Morgen; aber der Herr Andreas Varga kennt niemanden, denn er bekleidet heute ein großes Amt, das ihm nicht erlaubt, sich herabzulassen. Nun kommt er zu den Häusern der hochwürdigen Herren; hier muß er hineingehen, denn er hat da ein besonderes Geschäft, da erwartet ihn nämlich ein Glas Schnaps, dessen besänftigende Wirkung auf seinem Gesichte bemerkt wird, sobald er zurückkehrt. Nachdem er das alles ausgeführt hat, bleibt ihm noch das wichtigste Berufsgeschäft übrig, Seine Gnaden, den Herrn Jancsi gebührend zu begrüßen. Das ist keine Kleinigkeit, denn der Herr Jancsi hält gezähmte Bären in seinen, Hof, die einen auffressen, selbst einen Geschworenen, ohne Rücksicht auf sein Amt, oder man kann unter die Jagdhunde geraten, die einen in Stücke zerreißen. Zu seinem Glück stand eben ein Heiduck in roter Montur im Thor, den er mit großer Höflichkeit ansprach. – Sind Seine Gnaden der Herr Jan– Jan– Jancsi schon aufgestanden? – Ei, ihr könnt ja eure paar Worte gar nicht herausbringen. Er ist noch gar nicht schlafen gegangen. Herr Varga trollte sich weiter. Jetzt mußte er noch im Gemeindehaus den Richtern Bericht abstatten, was Herr Varga auch ohne alle Weitläufigkeit that, indem er sagte: Ich habe alles beendigt! – Gut, Herr Varga. Machen wir uns jetzt mit bedeutenderen Männern bekannt. In dem ehrwürdigen Gemeindesaal hängen in langen Reihen die Porträts der Celebritäten des Landes und der Stadt an den Wänden; dazwischen blieb kaum Raum genug für die Leichenwappen der verstorbenen Patrone, Senioren, Kuratoren und Fundatoren, auf dem Tische lagen große, drohend aussehende dicke Bücher, darauf bleierne Tintenfässer standen, der Tisch selbst war nach allen Richtungen mit Tinte bekleckst und beschmiert. Man läutet eben erst die Frühglocke und schon sind die Räte im Saal versammelt und sitzen der Reihe nach, die Ellenbogen aufgelegt, um den Tisch, Präsident ist der Richter, ein wackerer dicker Mensch. Bei der Thüre steht eine Schar junger Männer mit kurzen, bis zum Knie reichenden leinenen Hosen, die mit Messingknöpfen besetzten Dolmánys auf die Schulter geworfen, bunte Schnupftücher im Knopfloch und bespornte Stiefel an den Füßen. Der vorderste unter diesen jungen Männern ist der vorjährige Pfingstkönig . Es ist ein hoher, schlanker Bursche mit gebogener Adlernase und einem langen, dreifach gewundenen, durchaus mit Wachspomade gesteiften Schnurrbart; sein langer, vorgebogener Hals ist schwarz bis zur Grenze des Hemdes und von da weiter wie mit einer andern Haut bedeckt. Seine Tracht weicht von der der übrigen ab; anstatt der weiten Leinwandhose trägt er ein enges, beschnürtes Beinkleid und darüber Kordovanstiefel mit langen Quasten; die glänzende Schnalle seiner blinkenden Leibbinde blickt kokett unter der kurzen grünseidenen Weste hervor, aus jeder Tasche des Dolmánys hängt ein buntes Tuch, das mit einem Ende an das Knopfloch gebunden ist, an den Fingern trägt er Reif- und Siegelringe, so vom Fleisch überschwollen, daß er sie nicht mehr herabnehmen kann. Aber was den Burschen besonders auszeichnet, das ist ein großer Kranz, den er auf dem Kopfe trägt. Diesen haben die Mädchen aus Zweigen der Trauerweide und aus Blumen gewunden, sodaß lange Gewinde aus Nelken und Rosen auf die Schultern des Burschen gleich den langen Locken der Mädchen niederfließen, nur sein Gesicht ist von diesem Gehänge frei. Diesen Kranz möge nun der gewinnen, der es imstande ist. – Nun Martin, sagt der Richter zu ihn, Pfingsten ist wieder da. – Ich weiß es, edler Herr, ich war gestern in der Kirche, ich hab' es gehört, wie der hochwürdige Herr es gesagt hat. – Willst du auch heuer Pfingstkönig bleiben? – An mir soll's nicht fehlen, edler Herr; ich bin es jetzt schon im sechsten Jahr. – Weißt du, wie viel Eimer Wein du seitdem ausgetrunken, wie viel Flaschen du zerbrochen, von wie viel Sautänzen und Hochzeitsfesten du die Gäste hinausgeworfen hast? – Das weiß ich nicht, edler Herr, ich habe mir's nur angelegen sein lassen, überall dabei zu sein, und ich kann sagen, daß mich weder Wein, noch ein Mensch je umgeworfen hat. – Lesen Sie ihm nur vor, Herr Notar, wie viel Eimer Wein und wie viel zerbrochene Köpfe ihm aufgeschrieben worden sind. Und aus der Liste ging hervor, daß Martins sechsjähriges Pfingstkönigtum der Gemeinde 72 Eimer Wein gekostet hat, daß seinetwegen mehr als hundert Unterhaltungen zerstört wurden, daß er endlich einen Wirt reich gemacht hat, indem er ihm jede Woche die Gläser zerbrach, welche die Gemeinde bezahlen mußte. – Und hast du zusammengezählt, wie oft deine Pferde zu Schaden gekommen sind? – Darum kümmere ich mich nicht; ich hüte sie nicht, sondern meine Untergebenen. – Wie viel Mädchen du verrückt gemacht hast? – Warum lassen sie es zu? – Durch deine Hände ist viel unrechtes Gut gegangen. – Man hat mich noch niemals ertappt. – Aber dein Pfingstkönigtum kommt der Stadt teuer zu stehen. – Ich weiß, daß die Kasse der Stadt hiermit nichts zu thun hat, sondern daß der Vater des Herrn Johann von Karpáthi, dessen würdevolles Porträt dort an der Wand hängt, der Gemeinde eine Summe zu dem Zweck hinterlassen hat, daß einerseits die alte Sitte aufrecht erhalten, andererseits die Veredlung der Pferde befördert werde, weshalb an jedem Pfingstfest die berittenen Burschen aus der Umgegend zusammenkommen und ein Wettrennen abhalten; ich weiß auch, daß, wer bei dieser Gelegenheit Sieger bleibt, in allen Wirtshäusern der Stadt auf Kosten jener Hinterlassenschaft trinken darf, daß seine Pferde jedes Gemeindeglied hüten muß, und daß nicht er seinen etwaigen Schaden zu bezahlen braucht, sondern derjenige, der schlecht acht gegeben hat; seiner hat der Sieger freien Zutritt zu jeder Gasterei und Hochzeit und wenn er einmal in guter Laune jemanden hinauswirft, so trifft ihn dafür keine Leibesstrafe, er wird weder geschlagen, noch eingesperrt. – Ei, du wärst ein guter Advokat geworden, wo hast du so fließend reden gelernt? – Sechs Jahre hindurch bin ich immer Pfingstkönig geblieben, antwortete der Bursche, sich stolz in die Brust werfend, ich war daher in der Lage, meine Rechte zu studieren. – Na, na, sprach der Richter mit tadelndem Ton; es ist nicht gut sich so zu verlumpen, Martin; du wirst dich zu sehr an dieses Leben gewöhnen und dann wird es dir schwer werden, zur Ordnung zurückzukehren, deinen Wein selbst zu bezahlen und für Vergehungen gestraft zu werden, wenn du heut oder morgen dein Pfingstkönigtum verlierst, und leicht kann es sich treffen, daß einmal ein Bursche kommt, der es dir zuvorthut. – Der Mensch ist noch nicht geboren worden, sprach Martin, sich stolz in Positur werfend. Die Herren Ratsmitglieder sahen ein, daß es vergebens sei, hier zu streiten, wie es auch nicht der passende Ort war, der Autorität einer so hochansehnlichen Person entgegen zu treten. Man ging daher zu den Vorbereitungen der Festlichkeit über. Vier Fässer Wein, jedes besonders, wurden auf Wagen geladen, ein anderer war mit frischgebackenem weißen Brot bepackt und hinter die Wagen wurden die zwei Ochsen, welche geschlagen werden sollten, an den Hörnern angebunden. – Das wird so nicht gut sein, sprach Martin, der jetzt den respektvollen Ton abgelegt hatte, mit seinem seit den sechs Jahren gewohnten befehlshaberischen Ton. Da muß größere Pracht sein; wer hat schon gesehen, daß man die Ochsen, die fürs Volk bestimmt sind, hinten an die Wagen bindet, sie müssen von den Fleischhauern an den Hörnern geführt werden, an die Hörner muß man Citronen stecken und Bänder anbinden. – Ei, wie er das alles anzugeben weiß. – Auf jedes der Fässer muß sich eine Jungfrau setzen, die den Wein in einer Kanne mit Handhaben verteilt. – Befiehlst du noch etwas, Martin? – Ob! die Zigeuner müssen mir mein Lieblingsstück aufspielen, wenn wir aufbrechen und zwei Heiducken mein Pferd halten, wenn ich mich aufsetze. Alles geschah nach seinem Befehl. Das Volk beendete schnell den Gottesdienst und brach in schöner Ordnung nach dem Felde auf. Vorne ritten zwei Geschworene, mit Bändern umwundene Fokos (Beile) in der Hand haltend, hinter ihnen spielte die auf einen Wagen gepackte Zigeunerbande, mit himmelanschreienden Tönen Martins Lieblingsstück. Hinterdrein kamen die beiden bebänderten Ochsen, von aufgeschürzten Fleischergesellen geführt, die der alte auf dem Karren sitzende Brugós (Baßgeigenspieler) fortwährend bat, sie möchten um Gottes willen den Stier nicht loslassen, denn er wäre der erste, den das Tier wegen seiner roten Hosen mit den Hörnern aufspießen würde. Hierauf kamen die Wagen mit den Speisevorräten, hinterdrein die Wagen mit den Weinfässern, auf deren jedem eine muntere Dirne saß. Jetzt folgte Herr Varga. Das Schicksal hatte ihn noch höher erhoben, denn er saß zu Pferde und hielt eine große rote Fahne in der Hand, die er wacker schwenkte. Nach der Befriedigung, die aus seinem Gesichte strahlte, war zu schließen, er bilde sich ein, daß, wenn Martin Pfingstkönig ist, er Pfingstpalatin sei. Endlich kommt der Pfingstkönig. Sein Pferd ist nicht sehr schön, aber ein großes, starkknochiges, sechzehn Faust hohes Tier, und was demselben an Schönheit fehlt, das ist durch bunten Aufputz ersetzt; die Mähne ist in zwölf mit Bändern durchflochtene Zöpfe abgeteilt, die Satteldecke ein Wolfsfell. Er sitzt nicht schlecht zu Pferde. Er scheint zwar ein bißchen locker zu sitzen, aber das rührt nicht von dem eingenommenen Frühstück, sondern von seiner hochmütigen Nachlässigkeit her; wenn er auch bald zur Seite, bald rückwärts baumelt, so sitzt er doch so fest auf dem Pferde, als wenn er damit zusammengewachsen wäre. Ihm zur Seite reiten zwei Bürger mit gezogenen Säbeln; sie müssen darauf acht geben, daß sie immer ein wenig rückwärts bleiben, denn sobald Martins Pferd merkt, daß ihm ein anderes um eine halbe Kopflänge voraus sei, so beißt es den Nebenbuhler, daß er zu schreien anfängt. Hinter ihm kommt die lange Reihe der Bursche, die den Preis gewinnen wollen; in dem Gesicht eines jeden leuchtet ein Hoffnungsstrahl, er werde siegen. Wer weiß, ob nicht die Füße seines Pferdes seit dein vorigen Jahr länger, die der andern schwächer geworden sind. Der Zug wird von herrschaftlichen Equipagen und Bauernwagen geschlossen, die großen Staub aufjagend den Reitern folgen, bepackt mit lustigem Volk und aufgeputzt mit grünem Laub und wehenden bunten Tüchern. So gelangen sie auf die Ebene. In dem Augenblick kündigen Böllerschüsse an, daß der höchste Patron, Herr Jancsi, der reiche Nabob, von seinem Kastell abgefahren sei. Das Volk stellt sich in den Gärten und den Friedhöfen auf. Die Reiter nehmen die Ebene ein, einer oder der andere läßt stolz sein Pferd einige Sprünge machen, alle lassen ihre Sporen laut klingen und machen untereinander Wetten, die mit Wein bezahlt werden müssen. Bald kündigt eine hinter den Gärten entstehende Staubwolke an, daß der Herr Jancsi naht; die auf einem Hügel stehenden Buben laufen mit großen« Geschrei herab, denn jetzt wird bald geschossen werden. Zwei eiserne Mörser sind in die Erde eingegraben und mit hineingeschlagenen Holzpflöcken verschlossen; ein erfahrener Mann, der den Franzosenkrieg mitgemacht hat, nähert sich auf dein Bauch kriechend mit einer langen Stange, an deren Ende brennender Schwamm befestigt ist, und brennt, die Zündlöcher berührend, die beiden Geschütze los; die Holzpflöcke stiegen in die Luft, das Volk rennt auseinander, um dem den Pflöcken nicht getroffen zu werden, und wie diese niederfallen, eilt es wieder hinzu, um zu sehen, ob sie sich nicht oben verwandelt haben. Sobald die herrschaftlichen Kutschen sichtbar werden, erschallt in der Ferne von dem Volk ein lautes Vivatrufen (das ungarische Éljen war damals noch nicht im Gebrauch), woraus sogleich allgemeines Gelächter erfolgte. Herr Jancsi hat sich nämlich für diese Gelegenheit den Scherz ausgedacht, daß er dem Zigeuner Vidra ein prachtvolles mit Gold gesticktes Kleid anlegen und ihn in seine vierspännige Staatskutsche setzen ließ, während er selbst hinter ihm in einem Bauernwagen fuhr; das Volk rief seine Vivats dem goldenen Kleide, als es aber sah, daß der Zigeuner drin stecke, wurde das Gelächter um so großer, das unterhielt nun den alten Herrn sehr. Außer seinem Hofnarren kamen seine liebsten Gäste mit Korhi Miska aus dem Bácser Konitat, der fünftausend Joch besaß und zuweilen auf ein Wort zum Nachbar (nach Großkumanien) zu kommen pflegte, so zum Beispiel kam er einmal im März und fragte ungefähr Ende August, wer zum zweiten Vicegespan von Szaboles gewählt worden sei, zu Hause hatte er aber den Auftrag gegeben, daß man nicht zu ernten und Heu zu machen anfange, bis er zurückkomme. So blieb denn seine ganze Fechsung auf den Feldern. Der zweite war der berühmte Esenkö Laczi , Besitzer des schönsten Gestütes in Unterungarn, der, wenn ihn nicht jemand anders auf seinen Wagen mitnahm, zu Fuß ging, weil es ihm um seine schönen Pferde leid that. Der dritte war Berki Laczi , der berühmteste Jäger in der Umgegend, der so schöne Lügen nacheinander erzählen konnte, als ob man sie ihm diktierte. Der vierte war Kalotai Fritzi , der die seltsame böse Gewohnheit hatte, Pfeifen, silberne Löffel, Taschenuhren u. dergl. zu stehlen; die ihn kannten, wußten, wenn sie etwas vermißten, recht gut, wo sie es zu suchen hatten; sie packten ihn ohne Umstände und untersuchten ihn, er aber kam dadurch nicht im mindesten in Verlegenheit. Endlich war da Kutyfalvi Bandi , der wackerste Trinker und Raufer im ganzen Lande, der, so oft er trank, seine Zechgenossen prügelte; trinken konnte er aber wie ein Nilpferd und niemals wurde er betrunken gesehen. Aus solchen Käuzen bestand die Gesellschaft des Herrn Jancsi, die sich alle in dem Gedanken gefielen, daß man sie originelle Bursche nannte, und um diesen Titel um so besser zu verdienen, fortwährend unerhörte Dummheiten ersannen, unter welchen folgende die solidesten waren: den Pferden der Gäste die Schwänze abschneiden, deren neue Kutschen zerhacken, das Haus während der besten Unterhaltung anzünden, am hellen Mittag, während die meisten Leute in der Stadt sind, über die Promenade in einem Kostüme gehen, das man nur in der Schwimmschule trägt, orthodoxe Juden zwingen, Speck zu essen und mehrere solche geniale Streiche, die man zur Zeit für sehr witzig hielt. Sobald die vornehmen Gäste angelangt waren, bliesen die braunen Musikanten einen dreimaligen Tusch, dann maßen die Geschworenen die Rennbahn aus, stellten Herrn Varga mit der roten Fahne zum Ziel hin, die berittenen Burschen stellten sich in einer durchs Los bestimmten Ordnung auf und alles war so geordnet, daß die vornehmen Zuschauer das Rennen von ihren Kutschen aus gut sehen konnten. Die Rennbahn war tausend Schritte lang. Herr Jancsi wollte schon mit seinem Stock mit goldenem Knopf winken, daß der dritte Mörser zum Zeichen des Beginns losgebrannt werde, als er von der andern Seite der Pußta einen Burschen in gestrecktem Galopp herreiten sah, der, bei den beiden Geschworenen angelangt, stehen blieb, den Hut lüftete und bündig ankündigte, daß auch er sein Gluck probieren und am Rennen teilnehmen wollte. Als ihn die Geschworenen fragten, wer er sei, antwortete er: Fragen Sie nicht, wer ich sei, was ich sei; wenn ich besiegt werde, gehe ich ohnedies fort, siege ich aber, so bleibe ich da. Niemand kannte den Burschen. Es war ein sechsundzwanzigjähriger Jüngling mit schönem braunen Gesicht, einem kleinen krausen Schnurrbart, der mit den Spitzen nach oben aufgewichst war, sein Haar floß in langen Locken auf die Schultern nieder, seine Augen waren schwarz und feurig, sein Wuchs klein, aber muskulös und geschmeidig, seine Tracht volksmäßig, aber äußerst rein, an seinem weißen, wallenden Hemd konnte man nicht das geringste Fleckchen finden, seinen Hut mit dem langen Reihergras trägt er so hübsch wie irgendein Kavalier. Möge er das Pferd, auf welchem er sitzt, von wo immer her haben, es ist ein prächtiges Tier; es ist ein unruhiges siebenbürgisches Vollblutpferd mit langen bis zur Erde reichenden Mähnen- und Schwanzhaaren; keinen Augenblick kann es ruhig stehen, fortwährend tanzt es und bäumt sich. Man läßt ihn ein Los ziehen und dann mengt er sich unter die übrigen Reiter. Während er um seine Aufnahme bat, besichtigten die herrschaftlichen Roßkämme sein Pferd; um den Reiter kümmerten sie sich nicht, aber das Pferd erregte ihre Aufmerksamkeit. Endlich wurde das Signal gegeben; beim ersten Mörserkrachen begannen die Pferde sich zu bäumen, beim zweiten Schuß beruhigten sie sich, die Ohren aufmerksam spitzend, nur ein oder das andere unerfahrene Pferd bockte ein wenig. Dann krachte der dritte Mörser und in diesem Augenblick brach die ganze Reihe auf der Rennbahn aus. Fünf oder sechs ließen gleich anfangs die übrigen hinter sich, das sind die hitzigsten Reiter, die ihren Pferden gleich am Anfang die Sporen geben, dann aber zurückbleiben; unter ihnen war auch der zuletzt angekommene Bursche. Der Pfingstkönig reitet noch in der Mitte der übrigen und hat seine Peitsche noch nicht gerührt. Als sie dreihundert Schritte vor waren, nahm er plötzlich sein Pferd zwischen die Sporen, ließ die Peitsche knallen, jauchzte und war dem ganzen Trupp um drei Schritte voraus. Jetzt beginnt der Lärm, das Peitschenknallen, jeder Reiter liegt seinem Pferd auf dem Halse, die Hüte fallen, die Mentes fliegen und in der Mitte der Bahn glaubt jeder, er werde der Sieger sein; ein Pferd stürzte samt dem Reiter, die übrigen fliegen vorwärts. Von den Kutschen aus konnte man gut sehen, wie der Pfingstkönig alle übrigen hinter sich ließ und die Gewinde seines Kranzes hinter ihm nachflogen. Von denen, die gleich im Anfang zuvorgekommen waren, bleibt jetzt einer nach dem andern zurück und so oft einer zurückbleibt, knallt er mit der Peitsche und ruft hochmütig: Vorwärts Kamerad! Im vierten Teil der Bahn war es schon klar, daß er allen voraus war, nur dem fremden Burschen nicht. Martin sucht auch diesen zu überflügeln, sein Pferd ist länger, aber das des andern schnell wie der Wind. – Nur noch zweihundert Schritte sind bis zum Ziel... Der junge Bursche sieht auf seinen Nebenbuhler mit lächelndem Selbstvertrauen zurück; die Herren in den Kutschen rufen: laß dich nicht! was beide Nebenbuhler angehen kann; Herr Jancsi sieht dem interessanten Rennen stehend zu. Na, jetzt wird er ihn bald überholen!– Nein, auch der hat seinem Pferde die Sporen gegeben. Er knallt mit der Peitsche und fliegt wie der Wind. – Million! was für ein Pferd und wie sitzt der Junge drauf! – Na Marczi (Martin), jetzt ist's aus mit deinem Pfingstkönigtum! – Nur noch hundert Schritte sind bis zum Ziel ... Jetzt ist's vorbei, er holt ihn nicht mehr ein. So war es auch, der fremde Bursche gelangte um anderthalb Sekunden früher zum Ziel, als Martin, und blieb bei der Fahne stehen. Martin nahm indes, so wie er kam, dem Herrn Varga schnell die Fahne aus der Hand und rief triumphierend dem Burschen zu: Glaube mir nicht, du habest gesiegt, denn es ist bestimmt, daß derjenige Pfingstkönig ist, der die Fahne früher kriegt, die halte ich aber in meiner Hand. – So? erwiderte der Bursche ruhig; das habe ich nicht gewußt. Na, beim zweiten Rennen werde ich schon acht geben. – So? sagte Martin; glaubst du, daß ich dich mir zuvorkommen lassen werde? das wirst du nicht, Auch jetzt hast du's nur dem zu verdanken, daß mein Pferd vor deinen wallenden Ärmeln erschrocken ist, sonst wärst du weit hinter mir geblieben. Na komm nur zum zweitenmal, ich will dir schon zeigen, wer da Mann ist. Indes langten auch die übrigen Renner an, denen Martin mit hundert Gründen zu erklären eilte, wieso es möglich war, daß der fremde Bursche früher ans Ziel kam, als er; endlich kam es gar heraus, daß der Fremde nicht einmal früher ans Ziel gekommen sei, außer etwa um die Breite eines Haares. Der fremde Bursche ließ ihn ruhig ausreden und ritt guter Laune zurück nach dem Ausgangspunkt. Diese Ruhe, diese selbstvertrauende Nachgiebigkeit gewannen ihm vollständig die Sympathie des Publikums gegen den zänkischen Martin; es wurden Wetten abgeschlossen, und zwar zehn gegen eins, daß der Fremde in allen drei Rennen Sieger bleiben werde. Die Mörser werden wieder geladen, die Bursche stellten sich wieder in Reihe auf und auf den dritten Schuß brach der Trupp auf. Jetzt sprangen die beiden Helden zugleich aus der Reihe der übrigen vor. In der Mitte der Bahn waren sie schon ihren nächsten um einige Klafter voraus und dicht nebeneinander bleibend ritten sie der Fahne zu. Ganz bis zum Ende der Bahn war keiner von beiden imstande, den andern zu überholen. Als sie schon kaum fünfzig Schritte vom Ziel entfernt waren, knallte der Fremde plötzlich stark mit der Peitsche, worauf das erschrockene Pferd drei wütende Sätze machte und dem Pferde Martins um eine ganze Kopflänge zuvorkam und dieser Unterschied blieb unabänderlich bis zum Ziele immer derselbe, obwohl der Pfingstkönig sein schäumendes Pferd mit dem Peitschenstiel schlug. Der fremde Bursche war früher bei der Fahne und riß sie dem Herrn Varga so heftig aus der Hand, daß dieser vom Pferde fiel. Martin hieb außer sich vor Wut mit der Peitsche nach der Fahne und riß in das rote Zeug ein Loch. Vergebliche Wut. Die Geschworenen kamen hinzu, nahmen dem vor Wut zitternden Martin den Kranz vom Kopf und setzten ihn dem Sieger auf. – Ich brauche den Hut nicht, rief er heiser, als man ihm seinen Hut reichen wollte. Ich werde den Kranz aufs neue gewinnen. – Man muß sie rasten lassen, riefen die Herren von den Kutschen. – Nicht nötig, erwiderte Martin trotzig; ich bin nicht müde, mein Pferd auch nicht, wir rennen und sollte es uns auch das Leben kosten. Nicht wahr, Ráró (der Name des Pferdes). Das Pferd scharrte, als ob es verstände, was man zu ihm sagte, mit dem Fuß und warf den Kopf auf die Brust. Die Geschworenen führten die Jugend zurück an den Ausgangspunkt. Viele sahen ein, daß sie mit den beiden Reitern nicht konkurrieren konnten und mischten sich unter die Zuschauer, sodaß noch kaum sechs andere mit den beiden Nebenbuhlern ritten. Um so interessanter wurde das Rennen, da man nur wenigen die Aufmerksamkeit zuzuwenden brauchte. Bevor man sich zum dritten Rennen anschickte, stieg der Fremde vom Pferde, schnitt sich in der Nähe des Friedhofes eine Weidengerte ab, entblößte diese der Blätter, hängte sich seine Peitsche um den Hals und setzte sich wieder zu Pferde. Bisher hatte er sein Pferd nicht geschlagen. Als das edle Tier das Sausen der dünnen Gerte hörte, begann es sich zu bäumen. Es stellte sich auf die beiden Hinterfüße, biß wütend in die Zügel und tanzte aufrecht stehend. Man begann für den Burschen zu fürchten, nicht, daß er vom Pferde falle, denn davon war keine Rede, sondern daß es ihn aufhalten werde; schon krachte der zweite Schuß, die anderen ließen die Zügel nach und waren bereit zu rennen, aber sein Pferd bäumte sich noch oder scharrte die Erde. Sobald der dritte Schuß losging, schlug der Fremde sein Pferd mit der Gerte und ließ den Zügel los. Wie der Wind flog das geschlagene Pferd dahin, wild und rasend, wie ein scheues Pferd, das mit dem Reiter durchgeht. Niemand, aber niemand kam ihm nahe, selbst Martin blieb schon in der Mitte der Bahn um mehrere Klafter zurück und das Volk staunte über die Kühnheit des Reiters, wie über die Wut des Pferdes; plötzlich fiel dem Burschen der Blumenkranz vom Kopfe und wurde von den nachfolgenden Pferden mit den Hufen zertreten. Er selbst bemerkte dies nicht eher, als bis er zum Ziele kam, wo er das Pferd schon früher zurückhalten mußte. Das Ziel hatte er erreicht, aber die Krone verloren. – So kann er nicht Pfingstkönig sein! riefen mehrere. Warum hat er die Krone verloren? – Also wer wird es denn sein? Die Krone hatte niemand bemerkt, sie war in den Staub getreten. – Das ist keine Gerechtigkeit! riefen die meisten, während mehrere ein neues Rennen beantragten. – Ich bin zu allein bereit, sagte der fremde Bursche. – Wart, Bursche, sprach Martin mit heiserer Stimme und zitternd vor Wut, es soll sich entscheiden, wer von uns wackerer ist. Hier auf der Bahn hast du mir's zuvor gethan, das geb' ich zu; du hast ein besseres Pferd und das kann jeder Narr, wenn er ein schnelles Pferd hat, setzt ein Kind darauf, so wird es mir auch zuvorkommen. Aber komm, zeige, ob du auch dort ein Mann seist, wo man selber etwas thun muß. Sieh, hier ist viel Volk beisammen und für so viele Leute hat man nicht mehr als zwei Rinder herausgebracht. Die werden zu wenig sein. Komm mit, wenn du Mut hast, wir wollen ein drittes herbeischaffen. Wir brauchen nicht weit zu gehen, hier mitten im Röhricht hält sich ein vertriebener Stier auf, der schon seit zwei Wochen die Gegend in Schrecken hält, er tötet Menschen, treibt Herden auseinander, zerstört die Getreidemandeln, wirft die Wagen der Reisenden um und verjagt die Arbeiter vom Feld in die Stadt. Alle Béres (Knechte) und Gulyás (Rinderhirten) der Stadt zusammen waren nicht imstande, ihn mit vereinten Kräften zu fangen; gehen wir zwei hin und wer von uns beiden ihn da hertreibt, der soll Pfingstkönig sein. – Meine Hand darauf, sprach der fremde Bursche, seinem Nebenbuhler in die Hand schlagend und ohne sich erst zu besinnen. Diejenigen, welche diese Wette hörten, begannen sich von den beiden Nebenbuhlern zurückzuziehen; das sind ja verrückte Menschen, die den wilden Stier unter das Volk treiben wollen. – Da ist nichts zu fürchten, sobald wir ihn hertreiben, wird er zahm, wie ein Lamm, oder wir bleiben dort. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von der kühnen Wette. Der furchtsame Teil des Volkes suchte sich hinter den Gräben der Gärten und Friedhöfe zu bergen, die mutigeren Burschen setzten sich zu Pferde, um den beiden nachzureiten und den Ausgang des Wagnisses zu sehen; auch die Herren ließen sich Pferde bringen und selbst Herr Jancsi fuhr mit seinem Bauernwagen nach. Vielleicht glaubte er, vor ihm werde selbst das wilde Tier Respekt haben. Kaum eine halbe Stunde von der Stadt beginnt der ungeheure Sumpf, der sich von da hinab bis nach Püspök-Ladány und hinauf bis Nádudvar und Tißafüred erstreckt; da hätte nicht bloß der wilde Stier Platz, sondern auch noch der Hyppopotamus. Auf einer Seite liegen reiche Kornfelder und auf der andern zeigt hohes, dunkelgrünes Schilf die Linie an, bis zu welcher sich das Wasser erstreckt und nur ein schmaler Damm trennt die Wiesen und Felder von dem Sumpf. Von den auf den Wiesen zerstreut hausenden Hirten konnte man mit leichter Mühe erfahren, wo sich der Stier jetzt aufhalte. Jetzt muß er sich eben zwischen den Sträuchern der Weideninsel befinden, dorthin sahen sie ihn einbrechen, die ganze Nacht brüllte er dort und nur am Tage schwieg er. Vor allem ist es nötig zu wissen, was für ein Tier solch ein vertriebener Stier ist. Wenn zu einer Herde zwei Stiere kommen, oder neben dem schon da befindlichen noch ein Stier aufwächst, so verhalten sie sich den Winter hindurch ruhig, höchstens stoßen sie, wenn sie zusammenkommen, brummend ihre Stirnen aneinander und drehen sich so einer um den andern und wenn der Bojtár (Hirtenjunge) seinen Stab zwischen sie wirft, so laufen sie auseinander. Aber sobald der Frühling anbricht und die gewürzigeren Kräuter das grasfressende Tier kühner machen, wenn das Blut zu sieden beginnt, so fangen beide an, die Hörner höher zu tragen, schon von fern brüllen sie, wenn sie sich sehen und die Gulyáse müssen das Zusammentreffen der beiden Tiere zu verhüten suchen. Wenn dann an einem heißen Sommertage, während die Hirten unter ihren Gubas (Pelzen) schlafen, die beiden feindlichen Häuptlinge sich antreffen, so beginnen sie einen entscheidenden Kampf, der gewöhnlich mit dem Fall oder der Flucht des einen endigt. Dann bemühen sich die Hirten schon vergebens, die beiden Kämpfer zu trennen. Das erboste Tier sieht und fühlt nichts, es strengt alle seine Kräfte an, um den Gegner zu besiegen. Oft dauert der Kampf stundenlang auf einem kleinen Raum, auf welchem sie den Rasen so aufwühlen, als wäre er gepflügt. Der, dessen Kräfte abzunehmen beginnen, fühlt, daß der Gegner stärker ist, beginnt unter schrecklichem Geheul zu fliehen, irrt in der Pußta wild herum, läuft mit blutiger Zunge, blutigen Augen über die Felder, kehrt oft dahin zurück, wo er die Schmach erlitten, mischt sich aber nicht mehr unter die Herde, und wehe jedem lebenden Wesen, das er trifft; schon von ferne beginnt er es zu verfolgen, es giebt Fälle, daß er den auf einen Baum geflüchteten Reisenden tagelang bewacht, bis ihn die Hirten, die zufällig hinkommen, vertreiben, ja in neuerer Zeit griff ein solches wildes Tier den Szolnoker Eisenbahnzug an und wurde, als es mit vorgehaltenen Hörnern auf die Lokomotive losstürzte, von derselben zerschmettert. Nach der Anweisung der Hirten war der Aufenthaltsort des Stieres leicht zu finden, man sah zwischen dem hohen Schilf zwei Wege, welche er eingetreten hatte; die beiden Burschen ritten getrennt auf beiden Wegen fort, um das Tier zu suchen. Die aus Neugierde mitgekommenen Reiter stellten sich auf dem Damm auf, von wo sie eine weite Übersicht hatten. Kaum war Martin zwischen dem Schilf hundert Schritte weit geritten, als er das Brummen des Stieres hörte. Einen Augenblick überlegte er, ob er nicht den auf der andern Seite reitenden Burschen rufen sollte, aber der Stolz siegte in ihm, er wollte das Tier allein besiegen und die mit einer Drahtschlinge endende Fangpeitsche vornehmend, die er dann zusammengewunden um Arm trug, brach er kühn nach dem Platz auf, von wo er das Brummen hörte. Da lag das starke Tier mitten im Schilf bis zu den Knieen in den Sumpf vergraben und hatte ringsherum das Schilf entweder in der Wut oder aus Vorsicht niedergetreten. Sobald es das nahende Geräusch vernahm, hob es den Kopf empor und ein Horn stand, in einem frühern Kampf verbogen, nach vorn, das andere gerade aufwärts. Die schwarze Stirn hing voller Kletten, an der Nase war eine nicht vernarbte Wunde sichtbar. Sobald der Stier den nahenden Reiter erblickte, erhob er sich auf die beiden Vorderfüße und ließ ein langes, wiederholtes, wildes Brüllen hören. Martin wollte das Tier auf die Ebene herauslocken, wo er mit ihm leichter umspringen konnte, als hier in dem unbekannten Sumpf und ließ wie zum Zeichen der Herausforderung seine Peitsche knallen. Auf diesen Ton sprang das Tier gereizt auf und stürzte auf den Reiter los. Dieser wandte sein Pferd und eilte aus dem Sumpf, das wilde Tier nach sich lockend. Sobald der Stier aufs Feld gelangt war und die auf dem Damme stehende Menge erblickte, wandte er sich, als vermutete er, was man mit ihm vorhabe, um, und legte sich am Rande des Sumpfes nieder. Martin wandte sich hierauf wieder nach ihm um und knallte mit der Peitsche. Der Stier heulte, rührte sich aber nicht von der Stelle, sondern steckte die Nase noch tiefer ins Schilf und dann konnte Martin die Peitsche knallen lassen, so viel er wollte, das Tier antwortete nicht, sondern peitschte nur die Luft mit seinem Schweife. Martin ärgerte dieser Trotz und sich dem wilden Stier nähernd, gab er ihm einen Streich mit der Peitsche. Der zackige Draht am Ende derselben riß einen ganzen Streifen in die Haut des wilden Tieres; aber es rührte sich doch nicht. Der zweite Hieb traf es am Halse und riß ein Stück von der Haut weg; der Stier brüllte nur, stand aber nicht auf und steckte den Kopf so tief ins Schilf, daß die Schlinge nicht darüber geworfen werden konnte. Jetzt kam der Jäger schon in Wut, er schlug das halsstarrige Tier in einem fort, ohne daß es sich bewegte und schon versammelten sich dort mehrere Reiter, welche die Feigheit des Stieres ärgerte und die ihn mit ihrem Geschrei aufscheuchen wollten. Da traf ein Peitschenhieb das Auge des Stieres. Blitzschnell sprang er auf, schüttelte den Kopf, stürzte mit Wut auf den Reiter los und ehe sich dieser retten konnte, faßte er ihn an der Seite, warf ihn mit einem schrecklichen Stoß samt dem Pferde in den Staub und trat beide unter die Füße. Die übrigen flohen erschrocken von der Stelle. Das niedergetretene Pferd bemühte sich, wieder auf die Beine zu kommen; vergebens, das Horn des wilden Tieres hatte ihm die Weiche aufgerissen. Das edle Tier wird an keinem Wettrennen mehr teilnehmen; es fällt blutend zusammen und begräbt unter sich seinen Reiter, der, mit dem Fuß in dem Steigbügel verfangen, sich nicht losmachen kann. Das gereizte Tier stand schrecklich brüllend auf der Ebene, stampfte mit den Füßen die Erde und aus seinem ausgeschlagenen Auge floß das Blut über die schwarze Brust. Es verfolgte die Fliehenden nicht, sondern wandte sich um und als es das Pferd und den Reiter sah, die sich auf der Erde wälzten, begann es mit Bockssprüngen auf sie loszustürzen, indem es hier und da mit den Hörnern die Erde aufwühlte. Gott sei dem armen Burschen gnädig! Endlich gelang es Martin, sich von seinem Pferde zu befreien und als der Stier den Gegner aufrechtstehen sah, stürzte er mit rasender Schnelligkeit, wie eine abgeschossene Kanonenkugel auf ihn los. Ein Schreckensruf erfüllte die Luft, mehrere von den Zuschauern wandten das Gesicht ab, um den Tod Martins nicht zu sehen. In diesem Augenblick, als das wilde Tier nur noch einen Sprung von seinem Opfer entfernt war, blieb es plötzlich stehen und wandte den Hals nach rückwärts. Die Schlinge einer geschickt geworfenen Fangleine drosselte ihn, das Ende derselben hielt der fremde Reiter in der Hand, der eben jetzt aus dem Schilf hervorgebrochen war. Als er den Lärm des Kampfes hörte, eilte er dahin und kam eben zur rechten Zeit an. Einen Augenblick später und sein Nebenbuhler wäre verloren gewesen. Als das überraschte Tier die drosselnde Schlinge am Hals spürte, wandte es sich gegen seinen neuen Feind; aber da hatte sich dieser auch schon gewendet und begann, die Leine über die Schulter haltend, über die Ebene zu jagen. Das war ein Rennen! das schwerfällige, wilde Tier mußte mit dem schnellsten Pferde wettrennen; über Hals und Kopf stürzte es vorwärts, es sah schon nichts mehr und wird rennen, bis es zusammenbricht. Der Bursche jagte gerade nach der Rennbahn und sprang plötzlich mit seinem Pferd zur Seite; der Stier sprang vor ihm vorüber und nun rannte dieser vorn und der Reiter hinterdrein. Jetzt nahm der Reiter seine Hetzpeitsche vor und begann den Stier von hinten zu schlagen, worauf er noch schneller rannte; das Pferdegetrapp, das Knallen der Peitsche, das Jauchzen des Volkes nahmen ihm die Besinnung, er rannte nur fort, aus Maul und Nase strömte ihm das Blut und endlich gelangte er auf die Rennbahn; die Beine brachen unter ihm zusammen, er konnte sich nicht mehr aufrecht erhalten, stürzte in einen Graben, streckte sich auf den Rasen nieder und hörte auf zu leben. Jauchzend und Vivat rufend begleitete das Volk den neuen Pfingstkönig durch die Gassen; er mußte vor den Häusern eines jeden Ratsmitgliedes und des Richters stehen bleiben und auf die Gesundheit eines jeden ein Glas Wein trinken, welche Gewohnheit beweist, daß der Pfingstkönig nicht bloß der beste Reiter, sondern auch der beste Trinker sein muß, eine Eigenschaft, die für ihn um so notwendiger war, da er nach Beendigung alles dessen erst noch im Kastell des Herrn Karpáthi mit den Geschworenen trinken mußte. Wir behalten uns vor, von diesem Kastell und seinen eigentümlichen Unterhaltungen zu seiner Zeit zu sprechen und um einem neueren Helden unserer Geschichte Platz zu machen, damit er zu einem gleich großen Interesse, wie die übrigen heranwachse, wollen wir jetzt die Nebensachen nur flüchtig erzählen. Übrigens gehört die folgende Unterhaltung nicht zu jenen interessanteren Schauspielen, welche Karpáthis Kastell an jedem Johannis-Enthauptungstage zeigt, wozu sich der ganze Adel und alle Zigeuner der Umgegend versammeln, Schauspieler ihr Theater errichten, Poeten im Deklamieren wahnsinniger Dithyramben wetteifern und berühmte Redner blumenreiche Toaste ausbringen, Feuerwerke abgebrannt und Scheunen in Brand gesteckt werden, bei deren Flammen die braunen Musikanten zum Tanz aufspielen, die Herren mit jungen Bäuerinnen tanzen. Statt alles dessen werden wir jetzt nur die wilde Unterhaltung des ewigen Bechers sehen, die in folgendem besteht: In einem großen leeren Saal sitzen die originellen Käuze rings um einen großen runden Tisch; im ganzen Saal befindet sich kein einziges Geräte, das man zerbrechen könnte, nur kleine runde Stühle sind da, die keine Lehne haben und die man leicht anpacken kann, um sie jemandem an den Kopf zu werfen. Dann wird einem ein runder Becher ohne Fußgestelle in die Hand gegeben, den man nicht auf den Tisch stellen kann; sobald ihn der Heiduck, der hinter dem Rücken eines jeden Gastes steht, angefüllt hat, muß man ihn austrinken und dem Nachbar reichen. So macht der Becher fortwährend die Runde und so oft ihn jemand ansetzt, muß die ganze Gesellschaft einen Refrain singen. Das Resultat dieser trefflichen Unterhaltung pflegt zu sein, daß bald der eine, bald der andere aus der Gesellschaft umsinkt und von den Heiducken auf eine Rohrdecke neben der Wand gelegt wird; dort kann er bis zum andern Tag schlafen, die andern trinken weiter. Diese unstreitig sehr gemütliche Unterhaltung dauert so lange, bis nur einer noch am Tisch bleibt und das pflegt gewöhnlich Kutyfalvi Bandi zu sein. Von der Gattung des aufgetischten Weines läßt sich immer schließen, welchen Ausgang die Unterhaltung haben werde, denn jeder Wein hat einen andern Geist. Wenn der ewige Becher mit Neßmélyer gefüllt wird, dann wird die Gesellschaft lärmend, gesprächig, eine frivole Anekdote folgt der andern, über welche weidlich gelacht wird; die umsinken, schlafen, ruhig schnarchend, und denjenigen, der sich bis zuletzt aufrecht erhält, küssen die ihn begleitenden Heiducken der Reihe nach. Aber wenn der Wettkampf mit Villányer ausgeführt wird, dann liegt die Gesellschaft schon beim zehnten, der umgesunken ist, sich in den Haaren; jeder wird zornig, will Türken töten und sieht den Nachbar für einen Türken an, die auf der Erde Liegenden brüllen und ächzen, der letzte übriggebliebene Held läßt sich, da er niemand andern vor sich hat, mit den Heiducken in Streit ein und muß gebunden zu Bett gebracht werden. Einmal probierten sie auf diese Art einen ausländischen Wein und da bildete sich die ganze Gesellschaft ein, sie befinde sich auf einem von Stürmen umhergeschleuderten Schiff; um es zu erleichtern, warf man die Stühle und den Tisch als Ballast zum Fenster hinaus, die auf der Erde Liegenden klagten über Seekrankheit und Kutyfalvi Bandi wollte alle ins Meer hinauswerfen. Damit aber mit dem Kreisen des Bechers ein doppelter Zweck verbunden werde, nimmt man, besonders wenn viele Gäste da sind, die Karten vor. Sie werden nur um einen kleinen Einsatz spielen, sagen sie, um einen Zwanziger. Nach einer Stunde werden schon Tausende auf ein Blatt gesetzt und nicht wenigen, die sich vorgenommen hatten, sich nicht zu betrinken und nicht hoch zu spielen, passierte es, daß sie zuletzt dennoch berauscht und mit leeren Beuteln unter den Tisch sanken. Wie wir sehen, verspricht diese geistreiche Unterhaltung keine große Abwechselung, und um mit Vergnügen zu sehen, wie der Poet auf allgemeines Verlangen ein Zigeunerrad (Burzelbaum) macht und umgekehrt der Zigeuner Verse deklamiert, wie der Ortskantor predigt und Herr Korhi Miska den Abendsegen singt, müßten wir unstreitig in einem eben solchen Zustand sein, wie diese Herren. Darum wollen wir die Schilderung hiervon unterlassen. Sobald die Geschworenen den neuen Pfingstkönig zu Herrn Jancsi geführt hatten, befahl dieser, daß sie sich alle packen sollten; er wollte mit dem Burschen allein sein. Herr Jancsi nahm eben ein Fußbad und saß in seinem Lehnstuhl, einige bittere Mandeln kauend. Das waren die Vorbereitungen zu dem Trinkgelage am heutigen Abend. – Wie heißt du, Bursche? fragte er den Pfingstkönig. – Kis Mihály, zu dienen, gnädiger Herr. – Na, du Kis Miska, du bist ein wackerer Bursche. Du gefällst mir. Jetzt wirst du ein Jahr lang Pfingstkönig sein, nicht wahr? Was wirst du also dieses Jahr hindurch thun? Der Bursche drehte sich den Schnurrbart und sah auf den Plafond. – Das weiß ich selbst nicht; ich weiß nur, daß ich ein größerer Herr sein werde, als ich bisher gewesen. – Wenn man dich übers Jahr absetzt? – Dann gehe ich wieder zurück nach Nádudvar, um dort Csikós zu sein, wie ich es bisher gewesen bin. – Hast du keinen Vater, keine Mutter? – Keine Spur davon. Ich habe sie niemals gekannt. – Na warte Miska. Was sagst du, wenn ich dich zu einem noch größern Herrn mache, als du dir vorstellst, wenn ich dich hier in die Gesellschaft der Herren einsetze, dir Geld gebe, so viel du brauchst, damit du mit ihnen trinkest und spielest, als edler Herr von Kis, Grundbesitzer von Nádudvar? – Meinetwegen; aber ich weiß nicht, wie ich mich benehmen muß, um für einen Herrn angesehen zu werden. – Je mehr Betyár du sein wirst, für einen desto größeren Herrn wird man dich halten, den Bauer erkennt man nur an der Bescheidenheit. – Wenn es nichts weiter braucht, so bin ich bereit. – Du wirst mich überall begleiten, wirst trinken, spielen, Schelmereien treiben, die Männer prügeln und die Mädchen verführen, wenn sie es zulassen. Wenn das Jahr um ist und du nicht mehr Pfingstkönig bist, so legst du deine Herrenkleider ab, trittst bei mir als Heiduckenlieutenant in Dienst, nimmst den roten Mente um und bedienst die Herren, mit welchen du das ganze Jahr getrunken und gespielt und hebst die Fräulein in den Wagen, mit welchen du im Fasching getanzt hast. Ich halte das für einen sehr guten Spaß, vielleicht hältst du es auch dafür. Wie werden die jungen Herren fluchen und die Damen rot werden, sobald sie erfahren, mit wem sie sich das Jahr hindurch unterhalten haben! Der Bursche überlegte ein wenig, dann nickte er mit dem Kopfe und sagte: Ich bin's zufrieden. Herr Jancsi sah auf die Uhr. – Jetzt ist's dreiviertel auf Vier. Denke daran. Von heute über ein Jahr um dreiviertel auf Vier ist deine Herrlichkeit zu Ende; bis dahin bist du ein Herr, wie die übrigen, jeden Monat bekommst du von mir tausend Gulden zum Durchbringen. Da hast du gleich das erste Tausend. Jetzt geh, meine Heiducken werden dich ankleiden, wenn du fertig bist, so komm hinab in den Trinksaal. Gegen die Diener sei grob, sonst merken sie, daß du ein Bauer bist, die Herren mußt du nur mit ihren Bubennamen nennen: Miska (Michael), Bandi (Andreas), Laczi (Ladislaus), Friczi (Friedrich), Lenczi (Lorenz). Mich mußt du, wie du weißt, Jancsi nennen. Binnen einer halben Stunde war Miska als Kavalier gekleidet. Im Trinksaal war man schon auch ohne ihn lustig, denn hier sieht man jeden gern, aber gewartet wird auf niemanden. Der Hausherr stellte den Ankömmling seinen Gästen als Herrn Michael, Edlen von Kis, Grundbesitzer von Nádudvar, vor, der als »origineller Kauz« sich als Csikós verkleidet habe, um um das Pfingstkönigtum zu konkurrieren, das er denn auch so wacker errungen hat. Das hielt jeder für einen originellen Spaß. Man sieht's ihm auch an den Augen an, daß er ein Herr und nicht ein Bauer. Jede seiner Bewegungen, wie er sich setzt, wie er die Ellenbogen auf den Tisch legt, wie er den Hut in die Ecke wirft, sein ganzes betyárisches Benehmen beweist, daß er in besserem Kreise aufgewachsen; ein Bauer würde es hier gar nicht wagen, die Augen aufzuheben, während der mit allen Bruder ist. Jetzt erinnerte sich jeder, ihn schon beim ersten Auftreten als Herrn erkannt zu haben, einige wußten sich sogar genau daraus zu besinnen, daß sie ihn bei den Banketts zu Ehren der Installation des Obergespans gesehen hätten. Miska erinnerte sich natürlich ebenfalls an das alles und nach einer kurzen Weile hatte er schon mit der ganzen Gesellschaft Brüderschaft getrunken und war mit allen so bekannt, als hätte er immer mit ihnen gelebt; er wunderte sich selbst darüber, wie leicht es sei, die Rolle eines Herrn zu spielen. Der ewige Becher begann jetzt seine Runde. Miska sang ein neues, bisher nicht bekanntes Trinklied, die Gesellschaft nahm es sogleich auf und fand, daß es viel schöner sei, als ihr bisheriges. Kalotai Friczi stürzte ganz gerührt zu ihm hin und umarmte ihn. – Stiehl mir nur nichts, während du mich umarmst, sagte Miska, was, da es völlig am Ort war, von der ganzen Gesellschaft als ein großer Witz angesehen wurde, obschon es nichts war als ein Kneipenimpromptu. Binnen einer Stunde war Miska der Held der ganzen Gesellschaft geworden; im Trinken that es ihm keiner zuvor, er trank den Becher jedesmal bis zur Nagelprobe aus. Man begann zu spielen, er schob das Geld mit vollen Händen in die Tasche, gewann in einem fort und verriet mit keinem Zug auch nur die geringste Freude; er steckte das Geld mit solcher Gleichgültigkeit ein, als hätte er es zu Hause in vollen Säcken, er lieh sogar dem Kalotai Friczi, was die größte Verachtung des Geldes bewies, denn dieser zahlte nie etwas zurück. Den meisten machte der Wein schon den Kopf schwer, sie waren bereits über die Grenze hinaus, wo der Wein in gute Laune bringt und befanden sich schon im ersten Stadium des Rausches, wo mau nicht mehr den Geschmack des Weines, sondern die Schwindel bringende Wirkung desselben empfindet, die zu weiterem Trinken reizt. Kutyfalvi Bandi pflegte in solchem Zustand seine alte Kunst zu produzieren, welche darin bestand, daß er mit ausgerecktem Hals einen ganzen Becher Wein trinken konnte, ohne ein einziges Mal zu schlürfen, er goß sich den Wein nur so hinab. Dazu gehört natürlich eine weite und geübte Kehle und außer Bandi waren kaum noch zwei in der Gesellschaft imstande, es ihm nachzuthun. – Das alles ist nichts, sprach Kis Miska, indem er Bandis Kunstwerk ohne die geringste Anstrengung nachahmte; aber probiert, ob ihr, wie ich, einen Becher singend leeren könnt, ohne das Singen nur einmal zu unterbrechen. Das war damals noch ein neues und sehr schweres Kunststück, da es zur Ausführung desselben nicht allein notwendig ist, daß, während der Wein durch den Schlund rinnt, die Luftröhre unbeweglich bleibe, sondern daß man zur selben Zeit einen ununterbrochenen Ton von sich gebe. Das produzierte Kis Miska zum Staunen aller mit bewundernswerter Geschicklichkeit und übergab den Becher, daß man's ihm nachmache. Natürlich mißglückte es allen. Mit jedem Becher erfolgte ein neues Fiasko und die Trinker lachten einander aus, weil jeder gezwungen war, während des Trinkens den Gesang zu unterbrechen. Kis Miska zeigte noch einmal, wie man es machen müsse. – Her mit dem Becher! rief endlich Bandi und begann es ebenfalls zu versuchen; eine Weile ging's ihm mit dem Gesang fort, aber plötzlich kam ihm ein Tropfen in die »unrechte Kehle« und erstickend gab er, wie ein aus dem Meer auftauchender Walfisch, oder wie ein steinerner Meergott am Springbrunnen, den Trunk wieder von sich. Diese Scene läßt sich nicht mit vorsichtigerer Umschreibung wiedergeben. Die guten Leutchen hielten das für eine prächtige Unterhaltung und erzählten oft mit Begeisterung davon. Die ganze Gesellschaft sprang auf und erstickte beinahe vor Lachen, während Bandi hustete; und wenn sich zuweilen der Sturm seiner Kehle beruhigte, zeigte er mit der Faust nach Miska und rief: Ich erschlage dich! Und als er endlich aufhörte zu husten, schürzte er an seinen dicken, fleischigen Armen die Ärmel auf und schrie heiser: Mach dich bereit, ich erschlage dich. Ich erschlage die ganze Compagnie. Auf dieses Wort flüchtete sich jeder nach der Thüre; man kannte schon seine Gewohnheit; in solchen Momenten war es gut, vor ihm zu fliehen, oder sich niederzulegen, denn gleich dem Bären that er den auf der Erde Liegenden nichts. Die Heiducken begannen Herrn Jancsi schnell hinauszutragen. Wer seiner Beine am wenigsten mächtig war, der zog sich unter den Tisch zurück. Nur Kis Miska rührte sich nicht vom Platz. Kutyfalvi besaß große, brutale Kraft, er konnte einen Sack mit drei Scheffeln Korn mit den Zähnen packen und sich ihn über den Kopf schleudern, er war imstande, einen Thaler zu zerbeißen und ganz allein ein feuriges Pferd einzufangen; diese Eigenschaften erwarben ihm ein solches Ansehen, daß ein großer Grad von Trunkenheit dazu gehörte, wenn einer seiner Bekannten wagen sollte, mit ihm anzubinden und ein solches Wagnis endete gewöhnlich damit, daß der ungeschlachte Riese den schwächern Gegner übel zurichtete. Wehe dir, Kis Miska! seufzten alle, die sahen, daß er allein sich der Wut des Giganten aussetzte, der außer sich darüber war, daß ihm der Trunk mißlungen; er warf die Stühle über den Haufen und eilte mit ausgestreckten Armen zu Kis Miska hin, um ihm die Knochen im Leibe zu zerschmettern. Aber der in einen Kavalier verwandelte Csikós war an solche Kämpfe schon gewöhnt und wie der Gegner ihm nahe kam, schlüpfte er ihm schnell unter den Armen durch und zeigte jetzt die Csikóshandgriffe. Er ergriff ihn mit einer Hand an der Halsbinde und zog daran, daß jenem beinahe der Atem ausging, dann legte er ihm ein Bein unter und hielt ihm mit der andern Hand einen Fuß. Das sind die Handgriffe des Csikós, die selbst der riesenhaftesten Kraft gegenüber zum Ziele führen, nur darf man sich dabei aus ein paar Schlägen auf den Kopf nichts machen; daher gehen die Csikóse gewöhnlich barhaupt in der Sonne herum, damit ihr Schädel hart werde und selbst dem Fokos widerstehe. Die von der Thüre Zurückblickenden sahen, wie Kutyfalvi Bandi mit mächtigem Krachen zur Erde stürzte, wie der Riese unbeweglich unter dem auf ihm knieenden Gegner lag und sich von oben bis hinab durchbläuen ließ, gerade so, wie er es mit andern zu thun pflegte, wenn er zuweilen einen oder den andern Zechgenossen beim Trinken schlug. Ah, geschieht ihm recht! Alle freuten sich, daß einmal auch an ihn die Reihe gekommen und als Kis Miska endlich die Halsbinde los und den Geschlagenen auf der Erde liegen ließ, da trugen sie den Rächer ihrer vieljährigen Schmach beinahe auf den Händen und tranken auf seine Gesundheit, bis der Morgen anbrach. Kutyfalvi aber, den die Bedienten nach diesem kleinen Scherz aus dem Saal trugen und in ein Bett brachten, schlief bis zum andern Mittag und träumte, er sei von einem hohen Berg in eine tiefe Schlucht gerollt und habe sich an den hervorstehenden Felsen alle Knochen im Leibe zerschlagen; als er erwachte, wunderte er sich sehr darüber, daß er die Wirkung seines Traumes auch jetzt noch fühlte. Von dem Tage an war Kis Miska der Liebling des Herrn Jancsi und aller Männergesellschaften der Umgebung. Zur Erläuterung des letzteren Wortes muß ich bemerken, daß es in Unterungarn, besonders aber im Banat eine Art Männerseparatismus giebt, der sich nicht damit begnügt, den Einfluß der Frauen auf dem Felde der Öffentlichkeit nicht zu dulden, sondern auch im gesellschaftlichen Leben, in den Unterhaltungen die Frauen von sich fern hält. Wo diese zugegen sind, da können sie sich nicht unterhalten, sie denken gleich daran, sie je früher je lieber aus der Gesellschaft zu verscheuchen; die Mitglieder solcher Compagnien sind gewöhnlich Männer, die auch zu Hause die beglückende Nähe eines sanfteren, zarteren Wesens entbehren, die außer den Mägden und den wohlfeilen Schönheiten der Städte jede andere weibliche Bekanntschaft meiden; sind sie verheiratet, so behandeln sie ihre Frauen wie Mägde und die Mägde wie ihre Frauen. Solche Gesellschaften sind die besten Mittel zur Verbreitung jeder Art von Barbarei, sie sind für die jungen Herren wahrhafte Betyárseminarien. Wäre ich ein Dichter, so würde ich solche Gesellschaften Wälder ohne Blumen nennen; doch, ich hätte nicht recht, denn die »Weinblume« wird da sehr geschätzt. Der Landtag vom Jahre 1825 brachte in diese starken Gesellschaften manchen Riß; der eine wurde durch dieses, der andere durch jenes Amt dem Freundeskreise entrissen und obwohl die sympathischen Seelen sich auch in Preßburg fanden, so machte sich damals doch schon ein neuerer Geist bemerkbar, diese verwilderten Gemüter fingen an, sich mit Politik zu beschäftigen. Diese Beschäftigung war zwar auch noch roh genug, aber sie brachte doch nicht nur die Kehle und die Lunge, sondern auch Geist und Herz in Bewegung, sie erinnerte die Leute, daß es Interessen giebt, die über die Trinkgelage hinausgehen, und daß der Boden, den wir bebauen, verpfänden, verspielen, nicht bloß unsere »Herrschaft«, sondern auch ein Teil des Vaterlandes ist, daß dieses Vaterland Forderungen an uns zu stellen hat, die, sobald wir deren Interessen nicht bezahlen, zu einer ungeheuren Schuld anwachsen. Kurz anstatt zum Trinken versammelte man sich um den grünen Tisch der Beratung, anstatt der Männergesellschaften besuchten unsere Bekannten nun Klubs und mehr als eines dieser verwilderten Gemüter erkannte jetzt seinen edleren Beruf. Auch das älteste Mitglied der Familie Karpáthi wurde nach den Normen der nationalen Verfassung zum Landtag nach Preßburg berufen; er trennte sich, wie schwer es ihm auch fiel, von seinen Narren, Heiducken, Hunden, Zechgenossen und Bauerndirnen, nur von Miska konnte er sich nicht trennen. Er nahm ihn nach Preßburg mit. Indes ist es möglich, daß er dieses nur Spaßes halber that, um den Pseudo-Edelmann mit mehreren Magnaten in Berührung zu bringen, wer weiß, vielleicht verliebt sich noch eine Komtesse in den Jungen, und welch ein Spaß wird es dann sein, ihr den Geliebten in der scharlachroten Montur eines Heiducken vorzustellen, der auf den Bock springt, wenn sich die Herrschaft in den Wagen setzt. Kis Miska wurde indes infolge seines heiteren Gemüts und seiner hübschen männlichen Gestalt überall günstig aufgenommen. Die gebildeten Kreise haben ein eigenes Wörterbuch, Rohheit nennen sie Lebhaftigkeit, schlechte Ausdrücke originelle Ausdrucksweise, Heftigkeit männliches Benehmen, Unachtsamkeit Ernst; so kam Miska zu einer ansehnlichen Anzahl guter Eigenschaften, ohne daß er an sich etwas anderes als seine Kleidung geändert hätte. Er war ein geborener Kavalier, jedermann bewunderte – nicht seinen Verstand, denn darum bekümmerte man sich wenig, sondern seine männlichen Vorzüge, sein rotes Gesicht, seine schlanke Gestalt, seine glühenden Augen, seinen schwarzen Schnurrbart und was den Leuten mehr galt als alles Wissen, sein Reiten – und wenn er auch kein Wort sprach, so war er doch ein ganz anderer Mensch als hundert Gelehrte, die sich an ihren Büchern einen krummen Rücken anstudieren; und wenn er auch an den Diskussionen über Privat- und öffentliches Recht nur schweigend teilnehmen konnte, so konnte er doch über einen Gegenstand so sprechen, daß ihm selbst die Väter des Vaterlandes nicht selten gern zuhörten, nämlich über die Frauen. Und in der That cirkulierte mehr als ein Gerücht von seinen sentimentalen Abenteuern mit dieser oder jener Dame, die den hübschen Abenteurer auszeichnete, von dem man zwar nicht wußte, wo er seine Güter habe, der aber augenscheinlich viel Geld besaß. Herr Jancsi lachte insgeheim, denn die Pfingsten nahten heran und Miska war schon mit den meisten jungen Kavalieren auf du; hier und da konnte man sogar hören, wie sorgsame Mütter sich nach den Umständen des schönen jungen Mannes erkundigten; denn sie sahen es nicht ungern, wenn er ihren Töchtern seine Aufwartung machte und vertrauten Freundinnen teilte man das Geheimnis mit, daß er ernstliche Absichten hege. Solche Geheimnisse pflegten schnell kund zu werden und der alte Karpáthi fing an, seltsame Anfälle zu bekommen; oft geschah es, daß er in den ernsthaftesten Gesellschaften plötzlich laut lachte, wenn es ihm nämlich einfiel, daß der gefeierte Kavalier in einigen Tagen sein Heiduck sein werde. Manchmal setzte er sich im Bett auf, um zu lachen; ja einmal brach er mitten in der Landtagssitzung, als eben sehr viele Damen auf der Galerie waren und unter der untenstehenden Jugend am meisten seinen Miska belorgnettierten, gerade beim Lesen des Protokolls in ein lautes Gelächter aus, sodaß er darüber »Aktion« (parlamentarische Strafe) bekam. Er zahlte auch damals sein »Birsagium« (die Geldbuße) sogleich und zwar doppelt, weil er sich durchaus nicht vom Lachen zurückhalten konnte. Endlich brach der schöne Tag an, die Pfingsten waren da. Karpáthi veranstaltete im Aupark ein kostbares Souper, zu welchem er alle diejenigen einlud, die mit Miska bekannt waren. Welch ein prächtiger Spaß wird es sein, den so siegreichen Helden der Gesellschaft als Bedienten vorzustellen. Jancsi hätte diesen Spaß nicht für ein Gut hergegeben. Eben schlug es dreiviertel auf Vier. Es war schon ausgemacht, daß Miska zu dieser Zeit im Vorzimmer warten solle und nicht eher bei Jancsi vorgelassen werde. – Was ist das für eine Manier, rief Miska, nachdem man ihn eingelassen hatte, sich in ein Fauteuil werfend; seit wann läßt man unsereinen zehn Minuten im Vorzimmer warten? Herr Jancsi hatte eine Pfeife im Munde, die er sich eben gestopft hatte. – Miska, sprach er schlau, steh dort auf von dem Stuhl und zünde mir die Pfeife an. – Sie haben ja Fidibus neben sich; zünden Sie sich die Pfeife selber an. Herr Jancsi machte große Augen. Der Junge muß vergessen haben, was für ein Tag heute ist. Um so interessanter wird es sein, um so mehr wird er überrascht werden. – Bist du verliebt, Junge, daß du so zerstreut bist? Weißt du nicht, daß heute Pfingsten ist? – Das müssen die Geistlichen und Kalendermacher wissen, was geht es mich an? – Ei, ei, besinne dich doch, daß du um dreiviertel auf Vier aufhörst, Pfingstkönig zu sein. – Na, und dann? fragte Miska, nicht im geringsten betroffen, indem er mit seinem seidenen Sacktuch über die antiken Opalknöpfe seines Attilas fuhr. – Und dann! rief Jancsi, der in Wut zu kommen anfing, von dem Augenblicke an bist du ja kein Kavalier mehr. – Was bin ich denn? – Was du bist? Ein Bauer bist du, ein Betyár, ein Taugenichts, ein hergelaufener Lümmel, der mir die Hand küssen mag, wenn ich ihn als Heiducken aufnehme, damit er nicht Hungers oder am Galgen sterbe. – Ei freilich! sprach Miska, sich den Schnurrbart drehend. Ich bin Michael Edler von Kis, Herr von Almásfalva, welches ich vorgestern aus der Masse von Kasimir Almásfalvi um hundertundzwanzigtausend Gulden gekauft habe und zwar im Wege einer gerichtlichen Exekution, die mir den sichersten Besitztitel giebt. Herr Jancsi sank vor Verwunderung beinahe um. – Um hundertundzwanzigtausend Gulden! Wo und wann hast du so viel Geld erworben? – Auf ehrlichem Wege, sprach Kis Miska lächelnd, an einem Abend habe ich es im Spiel mit mehreren Kavalieren gewonnen; zwar habe ich noch mehr gewonnen, aber das übrige bestimmte ich zu einem prachtvollen Kastell, das ich auf meinem Gute, wo ich diesen Sommer wohnen will, bauen lassen werde. Herr Jancsi begann die Sache vollkommen wohl zu begreifen; auf den Preßburger Landtagen pflegte man noch größere Summen zu gewinnen und zu verlieren. Nur eines verstand er noch nicht. – Wie konntest du ein Edelgut kaufen? Du bist doch kein Edelmann. – Das ist auch sehr einfach. Die zwei Wochen, während welcher ich kürzlich nicht hier war, brachte ich in einem Komitat jenseits der Donau zu; dort ließ ich kundmachen, daß ein Mitglied der edlen Familie von Kis da sei, um seine Verwandten aufzusuchen; darum möchten die Edlen von Kis, die sich noch an ihre nach Szabolcs ausgewanderten Verwandten erinnerten und diesen den Anteil an ihren Adelsbrief geben wollten, sich bei dem Unterzeichneten gegen eine Prämie von tausend Gulden melden. Binnen einer Woche erinnerten sich neunundfünfzig Familien Kis an ihre Szabolcser Verwandten, brachten mir ihre verschiedenen Adelsbriefe und ich hatte nichts anderes zu thun, als denjenigen auszuwählen, dessen Wappen mir am besten gefiel; hiermit küßten wir uns und machten die Genealogie zurecht, ich zahlte die tausend Gulden, sie nannten mich ihren lieben Verwandten, ließen das Diplom im Komitat promulgieren und jetzt bin ich ein Edelmann; hier sehen Sie das Wappen an meinem Ring. Herrn Jancsi gefiel dieser Spaß noch besser als sein eigener; anstatt ihm zu zürnen, küßte er den schlauen Abenteurer, der gescheiter war als alle und die Rolle, die er ihm im Scherz gab, so geschickt und so ernst durchführte. 2. 1825. Dies waren die gesellschaftlichen Verhältnisse Ungarns im ersten Viertel unseres Jahrhunderts. Viele unserer größten Magnaten kannten damals noch nicht ihr Vaterland, in welchem sie Güter besaßen, so groß, daß die Reise durch dieselben tagelang dauerte; die Sprache ihrer Vorfahren war ihnen fremd, sie hatten sie vielleicht noch nie in ihrem Leben gehört; ihren Reichtum verschwendeten sie an fremden Plätzen, ihre Geisteskraft in geistloser Nachäfferei, sie durchreisten die Welt auf der Jagd nach schnöden Genüssen und beraubten sich des größten Genusses, desjenigen nämlich, der im verständigen Genießen besteht. Die sich des Ruhms hätten erfreuen können, daß Millionen ihren Namen segneten und verewigten, fanden ihre Freude daran, eine kurze Weile von Narren und Müßiggängern als Helden gefeiert zu werden. Ihre europäische Bildung erkauften sie teuer, um den Preis der Vaterlandsliebe und selbst dann bleibt es noch in Frage, ob die Feinheiten der Rouerie, Salongewandtheit, Bekanntschaft mit den Statuten der Klubs und dem code du duel wesentliche Bestandteile der europäischen Bildung seien. Ein anderer, obwohl kleinerer Teil der Magnaten blieb im Lande und meinte, die Sitten der Ahnen, das ursprüngliche ungarische Blut dadurch rein zu erhalten, wenn sie jede höhere Bildung verleugneten; das war eine wahrhafte Betyárenpropaganda. Solche Leute kamen in Szürs und Gubas (ungarische Pelze) auf Bälle, ließen sich auf der Gasse von Musikanten begleiten, kamen von Woche zu Woche in ein anderes Haus, um Fasching zu halten, hielten die Gelehrten für Narren, Bücher für Lebensverkürzungsmittel, Arbeit für Bauernpflicht und lebten in dem glücklichen Selbstbewußtsein, sie seien nicht bloß die Erfinder der wahren Lebensweisheit, sondern zugleich auch gute Patrioten, denn sie kannten noch keine fremden Zustände. Diese beiden Richtungen verfolgte auch der mittlere Adel. In unsern besseren Häusern war entweder der nationale Geist verbannt, das Familienhaupt sprach mit Weib und Kindern eine fremde Sprache und ungarisch nur mit den gemeinen Dienstleuten; Söhne und Töchter wurden in Anstalten erzogen, die alles, was ungarisch ist, fern hielten; ein Fräulein aus gutem Hause in ungarischer Sprache zum Tanz auffordern, wäre die größte Beleidigung gewesen, für welche der Betreffende gewiß mit Zorn abgewiesen wurde, denn der ungarischen Sprache bediente man sich ja nur, wenn man mit Dienstboten redete und so verhielt es sich in der kleinsten ungarischen Stadt; oder es herrschte in den Kreisen des Adels ein wilder, skandalöser Ton, eine brutale Reaktion gegen jenes nicht nationale Wesen, die Mädchen ließ man nichts lernen, weil man dafür hielt, die beste Frau sei diejenige, die gar nichts weiß und die Knaben ließ man nur dann etwas lernen, wenn man ihrer zu viel hatte, sodaß nicht alle auf ihren Feldern Platz gehabt hätten, Hasen zu jagen, in solchen Fällen ließ man einen oder den andern Latein lernen und er wurde ein Advokat, der außer dem Corpus juris nichts zu wissen brauchte. Volk? Das gab es damals noch nicht. Nur zur Zeit der Robot hatte man mit der Masse etwas zu thun, die jetzt Volk heißt, die man aber damals noch nicht so zu nennen pflegte. Das Wort »Arbeit« war bei uns unbekannt. Was hätte ein ungarischer Edelmann gearbeitet? Handel und Handwerke trieben größtenteils die deutschen Bürger. Zum Ackerbau war der Bauer gut genug, daß die Ökonomie eine Wissenschaft sei, ahnte man damals noch nicht. Wissenschaften brauchte man nicht. Wozu auch? Man konnte durch das viele Sitzen höchstens kränklich werden und wer nicht etwa ein Professor sein wollte, der hätte von seinem Wissen nicht den mindesten Nutzen geschöpft. Hätte man sich vielleicht auf die Pflege der Sprache verlegen sollen? Die Hungers sterbenden Poeten und wandernden Komödianten, die durch ein unglückliches Schicksal oder weil sie aus der Schule gestoßen wurden, diese Laufbahn wählten, waren ein genug abschreckendes Beispiel. Kaum wachte unter diesem schlafenden Geschlecht ein oder der andere hervorragende Geist, welcher die Vermutung weckte, unter diesem Kies liege Gold, man brauche nur darnach zu graben. Wir hatten hochherzige Frauen, die sich der verwaisten Nation erbarmten; die Namen einer Anna Ürményi in Ungarn, einer Teleki , einer Bornemißa , einer Bánfy in Siebenbürgen werden in ewigem Andenken bleiben, sie waren die letzten Sterne der schwindenden Nacht und die ersten der anbrechenden Dämmerung. Auch unter den Magnaten finden wir mehrere auf dem Kampfplatz der Bildung und des Fortschritts; mit bewundernswerter Zuversicht traten sie gegen die Indolenz und die Nachäfferei des Auslandes auf, nur der Bildung in Ungarn und der ungarischen Nation im Reich der Bildung eine Bahn zu brechen. Sie hatten Feinde und einen undurchdringlichen Wald vor sich und hinter sich. Unter diesen Wackern verehren wir einen Georg Festetics , den Gründer des ungarischen Helikons und dessen würdigen Schwager, den Grafen Franz Széchényi , Schöpfer des Nationalmuseums, ferner einen Ráday , einen Teleki , einen Majláth , einen Podmanitzky , einen Dessewffy , welche die ersten Bannerträger der damals begonnenen geistigen Bewegung waren, während es Leute gab, die glaubten, der Ungar sei nur fähig, das Schwert zu führen. Ja, es gab Leute, die nicht einmal das glaubten. Die Sänger der aufgehenden Sonne traten auf: Berzsenyi , Kazinczy , die beiden Kisfaludy , Kölcsey , Vörösmarty und Bajza waren damals noch jung. Es entstanden Zeitungen, deren Lektüre der jetzigen Generation sehr nützlich wäre. Wackere, ernst denkende Künstler stellten sich zusammen, um die Kunst und die heimische Sprache zu verkünden und besiegten das Vorurteil, welches gegen die Schauspieler im Schwange war. Siebenbürgen kam dem Eifer der Patrioten Ungarns zuvor und eröffnete das in jenem Jahre in Klausenburg fertig gewordene Nationaltheater mit einer Feierlichkeit, die demselben Glanz und Ansehen verschaffte; zwanzig Männer und Frauen, alle aus den vornehmsten Familien Siebenbürgens, ernste, geachtete Persönlichkeiten, unternahmen die Aufführung des ersten Stückes, mit welchem der neue Tempel der nationalen Bildung eingeweiht wurde. (Dieses Stück war eine Übersetzung von Körners »Zrinyi.«) Solche Scenen charakterisieren das Jahr 1825, mit welchen, eine neue Ära des ungarischen Lebens begann. Ein neues Leben, eine neue Blutcirkulation in allen Adern des ungarischen Lebens, aus dem Schlaf erwachende Menschen, die nicht glauben können, daß sie geschlafen haben, Leute, die weiter schlafen, weil sie glauben, es schlafe noch alles, bezeichnen jenes Jahr. Ich spreche nicht von den politischen Resultaten jenes Jahres, von seinen parlamentarischen Kämpfen, ich halte mich weder für gescheit, noch für thöricht genug, um von diesen Dingen jetzt schreiben zu wollen. Es giebt Angelegenheiten, über welche ein weiser Mann sehr viel sprechen kann, aber es giebt Dinge, bei denen es besser ist klug zu sein als weise. Doch die Resultate jenes Jahres hatten auch auf das allgemeine Leben Einfluß, der Preßburger Landtag bereicherte nicht nur die politische Verwaltung mit neuen heilsamen Gesetzen, sondern auch das gesellschaftliche Leben mit neuen interessanten Gestalten. Ein großer Teil dieser letzteren ist uns nicht mehr unbekannt. Einige Monate nach Eröffnung des Landtags finden wir in Preßburg mehrere interessante Gruppen. Die Parteien sind bereits gebildet und die verschiedenen Sympathien im Wege der Konferenzen und der Klubs schon in das gesellschaftliche Leben übergegangen. Die meisten der uns bereits bekannten Gestalten spielen hier und da eine hervorragende Rolle. Unter allen müssen wir den Grafen Stephan zuerst erwähnen, dessen jugendfrisches Genie, gepaart mit so viel Weisheit der Alten, den ernsteren Patrioten Bewunderung abzwingt, der als öffentlicher Charakter so rein, so hoch dasteht, daß seine Freunde es nicht wagen ihn zu lieben, noch seine Feinde ihn zu hassen – beide müssen ihn achten. Nikolaus geht nicht mehr Arm in Arm mit ihm; glühendere Leidenschaft reißt ihn auf steilere Bahnen hin. Um ihn scharen sich die heißblütige Jugend, die sanguinischen Patrioten, die mehr ihrem Herzen als ihrem Kopf folgen. Wie er es einst prophezeite, kamen die Magnaten nach Hause, nicht getrieben von den Gesängen der Dichter, sondern infolge der königlichen Einberufungsschreiben. Zum Landtag kam jeder nach Hause, in dem nur ein Tropfen Stolz war. Um jedes Mißverständnis zu beseitigen, sage ich, daß ich hierunter nicht den Nationalstolz, sondern den Privatstolz verstehe. Und wenn wir eine Stunde vor dem Beginn der gemischten Sitzung (Oberhaus- und Unterhausmitglieder zusammen) im Thor des Landtagshauses stehen, so schwillt uns das Herz vor Freude, wenn wir diese ritterlichen Gestalten sehen, die in ihren prächtigen Equipagen kommen, Reiherbüsche auf den Kalpags, in goldbeschnürten altungarischen Mentes, Degen mit prachtvoll ausgelegten Griffen umgeschnallt, die kühn blickenden Gesichter mit dem Schnurrbart oder Vollbart bewachsen; wir erkennen darunter unsere Bekannten, Bela Karpáthi, Fennimore und andere Magnaten aus altungarischen Familien, und unsere Freude an ihnen wird nur dadurch gemildert, daß sie die paar Worte: »ich stimme gegen diesen Antrag« nur mit schwerer Mühe ungarisch hervorbringen können. Größere Reden müssen sie in lateinischer Sprache halten. Aber kaum erkennen wir unseren ungarischen Nabob Johann Karpáthi in seinem prächtigen, von Edelsteinen strahlenden Kleide wieder, welcher schwerfälligen Körpers, wie er ist, mit der natürlichsten Konsequenz den trägen Stillstand repräsentiert und die ewige Zielscheibe der Opposition ist, die ihn fortwährend mit ihrem beißenden Spott verfolgt; keiner aber verfolgt ihn mit so großer Erbitterung wie sein Neffe, der, wenn er keine andere Ursache gehabt hätte, nach Ungarn zurückzukommen, schon deshalb gekommen wäre, um seinen Onkel auf dem öffentlichen Kampfplatz zu verfolgen. Der Gedanke, auf dem Landtag all seinen Glanz zu entfalten, der Gegenstand des öffentlichen Gesprächs, des Ruhms zu sein, bei den Frauen und Töchtern aller Vornehmen, die von allen Seiten des Landes zusammenströmten, Eroberungen zu machen, zog ihn nicht so mächtig nach Preßburg, wie der Gedanke, daß er da mit seinem Onkel an einem Ort zusammenkommen werde, wo jener ihm nicht entgehen und wo er ihn ungestraft bis aufs Blut ärgern kann. Hätte sein Onkel zu der Opposition gehört, so wäre er konservativ geworden, so fiel aber das Verhältnis umgekehrt aus und Bela war so wütend oppositionell, daß seine Kameraden auf ihn stolz wurden. Auch der Name eines andern von unseren Bekannten wird öfter vorkommen, zwar nicht in den Berichten über die heißen Landtagsdiskussionen, noch in den Wiener Modeberichten, sondern auf dem Felde jedes freisinnigen Fortschritts, unter den Subskriptionen zu jedem wohlthätigen Zweck, unter den Namen der Gründer von Nationalinstituten und das ist der Name Rudolfs von Szentirmay , welchen bei jedem menschenfreundlichen, oder eine höhere Idee befördernden Unternehmen noch ein anderer Name zu begleiten pflegt, nämlich Flora von Szentirmay-Eßéki . Wir sind also zu Hause. Jeder fühlt, es sei eine an Ereignissen reiche Zeit angebrochen. Große Ideen, weitreichende Reformen tauchen auf dem Felde der Öffentlichkeit auf; in den Kaffeehäusern werden die Zeitungen verschlungen, in den Soireen, bei Gastmählern wird auch schon von anderen Dingen gesprochen, als von der Jagd und der Mode, die Damen beginnen die Farben zu ihrem Anzug zu wählen, die öffentliche Meinung ist eine Macht geworden, die stürzt und erhebt, je nachdem jemand ihr Liebling oder ihr auserlesenes Opfer geworden ist. Das Publikum besucht die Galerien des Landtagssaales mit solcher Lust und Neugierde, wie das Theater, und abends gehen die Väter des Vaterlandes noch lieber ins Theater, als zu den Beratungen. Heute ist eben öffentliche Magnatensitzung, die Galerien sind vom Publikum beiderlei Geschlechts und jeden Ranges überfüllt, denn tags vorher ging das Gerücht, daß heute heftige Diskussionen stattfinden, daß die beliebtesten Redner sprechen, und daß es große freundliche und feindselige Demonstrationen geben werde. Es ist eine wichtige Frage an der Tagesordnung, deren Entscheidung den Sieg der einen und den Sturz der andern Partei nach sich ziehen muß. Die Aufmerksamkeit ist im Saal wie auf der Galerie sehr gespannt und während vorläufig die Protokolle gelesen werden, herrscht eine solche Stille, daß man das Kritzeln der Stenographen hört. Indes steht ein wegen seiner Weitläufigkeit und platten Ausdrucksweise bekannter Redner auf und fängt eine lange lateinische Rede an, deren verworrene Einleitung den Schluß nur in weiter Ferne ahnen läßt. Die eintönige Unterhaltung beginnt jenen Teil des Publikums, der die Sprache nicht versteht, zu langweilen. Die Aufmerksamen ärgern sich gar. Der Schwarm der jungen Juraten beginnt schon ungeduldig mit den Degen zu klirren; bei manchen auffallenden Sätzen lassen die Mitglieder der Opposition ihr spöttisches Ah! Ah! hören. – Wo die Ausdrücke ein bißchen unerträglicher wurden, da rief einer: Hört! und hundert Stimmen riefen es sogleich nach, sodaß man gar nichts hören konnte. Das alles stört den Redner nicht, im größten Lärm setzt er seine Rede fort, ohne auf die Seite zu blicken, bis endlich der Lärm von selbst sich beschwichtigt. Seine Rede bringt im Hause eine große Gereiztheit hervor. Mehrere von den hitzigeren Magnaten stehen auf und verfügen sich zu ihren Genossen, um mit ihnen zu sprechen; wo drei, vier eines Sinnes sind, stecken sie die Köpfe zusammen und flüstern unter heftigen Gestikulationen; das Publikum verlegt sich aufs Raten, was diese wohl sprechen mögen. Auf einer Galerie, die von Damen und Herren besetzt ist, steht eine Gruppe Juraten in schwarzen Attilaröcken und engen ungarischen Beinkleidern; einer derselben ist augenscheinlich schon längere Zeit in Preßburg, die übrigen sind wahrscheinlich erst jetzt angekommen, denn sie zeigen sich über alles sehr erstaunt und fragen jenen fortwährend: wer ist der, welcher jetzt aufgestanden ist? wer ist der, der jetzt die Feder eintaucht? wo sitzt der, wo jener? wer gehört zu den Liberalen, wer nicht? und andere ähnliche Fragen. Der Gefragte weiß natürlich auf alles eine befriedigende Antwort zu geben, denn er ist schon seit Eröffnung des Landtags in Preßburg, ist beim Personal (Stellvertreter des Königs im Unterhause) in der Praxis und mit allen Celebritäten persönlich bekannt; er weiß sogar, in welches Kaffeehaus jeder, je nach der Partei, zu welcher er gehört, zu gehen pflegt, und verschafft sich somit bei seinen Kameraden ein gewisses Ansehen. – Seht, der dort ist Karpáthi Bela, sagt er, indem er ihnen denselben zeigt; der ist ein wackerer Junge, unter allen Magnaten ist keiner so liberal wie er. Man kann sich's vorstellen, wenn er sogar gegen seinen eigenen Onkel auftritt, weil dieser zu den Konservativen gehört. Würde ich es wagen, gegen meinen Onkel Gregor zu sprechen? und der ist doch nur ein Stuhlrichter. Freunde, das ist ein großer Charakter, ein prächtiger Mann, er kann sogar ungarisch, er spricht es so fließend, daß jeder von uns ihn verstehen kann. Die wilden Jungen konnten sich nicht genug verwundern. – Seht nur, jetzt gefällt ihm etwas nicht, was der Redner sagt, er nimmt die Feder in die Hand; wie prächtig er sie eintaucht! gewiß schreibt er sich eine Bemerkung auf, um später einen Antrag zu stellen. Aha, jetzt giebt er das Papier von Hand zu Hand. Jedem gefällt es, sie billigen es, o er ist ein kluger Mann. Was war's aber? Nichts weiter, als eine Karikatur seines Onkels, die der jüngere Karpáthi jetzt gezeichnet hat; er zeichnete den guten Alten als einen geduldigen Widder, der an Urbarialakten kaut. – Seht, jetzt sind zwei aufgestanden, um zu ihm zu gehen, obwohl sie zur Gegenpartei gehören. Gewiß kapacitiert er sie für seinen Gedanken. Seht, wie stolz er ihnen zeigt, wie er zu antworten wissen wird. Das glaube ich, sie aber wagen es zu zweifeln. Soll nur die Sache einmal zur Sprache kommen, er wird sie schon überzeugen. – Wetten wir, daß sie hier sein wird, sprach Bela Karpáthi zu den beiden jungen Magnaten, die sich zu ihm beugten und mit ihm sprachen. – Ich glaube es nicht, bis ich es nicht sehe, sagte Livius, ein schlanker, junger Mann mit einer Adlernase. Sie ist ein in aller Strenge erzogenes Mädchen. – Ei, die Mädchen sind alle gleich. Jede hat ein Herz, man braucht nur den Schlüssel dazu zu finden. – Dieses Schloß kannst du nicht einmal mit Gewalt aufbrechen. Das Mädchen wird von einer fortwährend betenden Tante bewacht, die ihr überall auf der Ferse folgt. – Pah! der frommen Tante verrücken wir den Kopf und der Hesperidengarten ist unser. – Ich sage dir, sie ist unzugänglich, man läßt sie nirgends hingehen, sie kommt nie ins Theater, auf die Promenade, nirgends, wo viele Menschen beisammen sind, kommt sie hin, ausgenommen in die Kirche und auch dort pflegt sie auf dem Chor zu sitzen und mitzusingen. – Das alles weiß ich schon längst. Man hat mir auch gesagt, daß sich das Mädchen im Kirchengesang auszeichnet. Das ist genug, nun wissen wir, daß sie sich gern hören läßt und Künstlerneigungen hat. Ein solches Gemüt ist mancher Eindrücke fähig. Ihr wißt, daß ich mit Fennimore um tausend Dukaten gewettet habe, das Mädchen werde binnen einem Jahre bei mir wohnen. – Das scheint mir sehr unglaublich, wenn ich bedenke, welch ein klägliches Ende Fennimores Bewerbungen um sie genommen haben. – Wie so denn? Was ist geschehen? fragte ein Dritter, der eben hinzugekommen war. Abellino war sogleich bereit, die erbetene Aufklärung zu geben. – Also der gute Junge schickte dem Mädchen Liebesbriefe, welche die Empfängerin immer sogleich ihrer Tante übergab. Diese schlaue, betende Hexe bestellte Fennimore in Fannys Namen zu einem Rendezvous in den neben dem Haus befindlichen Garten; er kommt zur bestimmten Stunde durch die offen gelassene Hinterthüre und wartet eine Weile ungeduldig zwischen den Stachelbeersträuchern; da niemand kommt, bemerkte er, daß man ihn angeführt habe. Er will also wieder fortgehen, wie er aber zu der Thüre gelangt, durch welche er hereingekommen war, findet er sie geschlossen. Nun überlegt er, was zu thun sei; Geräusch zu machen war gefährlich, denn im Hof arbeiteten acht Tischlergesellen des Herrn Boltay; wenn er Lärm macht, so polieren sie ihn, daß er seine Haut selbst nicht mehr erkennt – und ringsherum war eine unübersteigliche Mauer. Er hatte also keine andere Wahl, als sich zwischen den Blumenbeeten niederzulegen und den Morgen abzuwarten, bis der Gärtner die Thüre wieder öffnen werde. Man kann sich denken, welche Aufgabe das für Fennimore war, der, wenn sein Betttuch nur eine Falte hat, nicht schlafen kann und der sich niemals niederlegt, ehe er sich nicht mit tausenderlei Wassern gewaschen hat. Hierzu kam noch der grausame Zufall, daß es um Mitternacht zu regnen anfing und fortregnete, als ob man volle Eimer ausschüttete; im ganzen Garten war kein Loch, kein Glashaus, nicht einmal eine Spargeldecke zu finden, worunter er sich hätte flüchten können und dieser Spaß dauerte bis sechs Uhr früh; erst dann entkam Fennimore aus dieser Douche. Er hatte Nankinginexpressibles an, einen Frack mit seidenem Kragen und einen Kastorhut. Ihr könnt euch vorstellen, wie er aussah. Jedem Bekannten, den er im Nachhausegehen antraf, sagte er, er habe einen Knaben vom Ertrinken gerettet. – Also deshalb hatte er so viel Lust auf Fannys Tugend zu wetten? – Natürlich. Gewinnt er, so hat er recht und tausend Dukaten dazu, verliert er aber, so hat er die Befriedigung, daß das Mädchen gefallen ist, wenn auch nicht durch ihn, – Ich kann euch versichern, daß er verlieren wird, Fanny wird binnen einem Jahre vollkommen so sein, wie alle Frauenzimmer. – Und auf welchem Wege glaubst du zum Ziel zu gelangen? – Das verrate ich nicht; genug, wenn ich euch sage, daß das Mädchen heute auf der Galerie erscheinen wird; hier gleich neben der fünften Säule, Punkt elf Uhr, dort wo die vielen Juraten stehen. So lehrreiche Gespräche hielt die vortreffliche Gruppe, welche unsere Juraten nicht genug bewundern konnten, während die Väter des Vaterlandes über eine tiefeingreifende Frage harte Worte wechselten. – Seht nur, sagt die Notabilität unter den Juraten zu seinen Kameraden, jetzt hat Seine Gnaden auf mich hergeschaut. Er kennt mich gut, ich spreche oft mit ihm, wenn mich mein Prinzipal mit einem Cirkulare zu ihm schickt. Er blickt gewiß deshalb her, um uns aufmerksam zu machen, daß er bald sprechen werde. Nun, wir werden ihm Éljen zurufen. Schreit nur recht laut. In diesem Augenblicke hörten die Juraten das Rauschen eines Damenkleides hinter sich, und diejenigen, die Zeit hatten zurückzublicken, sahen ein nett gekleidetes Bürgermädchen in Begleitung einer abgelebten, aber stark aufgeputzten Frau. Das Mädchen konnte kaum älter als sechzehn Jahre sein, ihr Wuchs war schlank, ihr Gesicht frisch und schien jetzt zu glühen, ihre Lippen bebten, als ob sie Angst hätte; sie bemüht sich über die Schultern der vor ihr Stehenden auf die, welche unten saßen, zu blicken, während die aufgeputzte Frau ihr etwas ins Ohr flüstert, worauf das Mädchen oft neugierig zurückblickt und fragt: welcher? – Dort ist sie! flüsterte Abellino seinen Kameraden zu und richtete seine Lorgnette nach ihr. Eben ist sie angekommen; dort hinter den Juraten. Jetzt könnt ihr sie wegen des riesenhaften Lümmels nicht sehen, der vor ihr steht. Da kommt sie wieder zum Vorschein; wie sie errötet, wie furchtsam ihre schwarzen Augen umherschweifen; seht nicht so aufmerksam hin, sonst merkt sie es und erschrickt. Wenn nur der Teufel den langen Lümmel vor ihr holte. – Seht, sprach der Jurat, jetzt hat er auf mich gezeigt, auch die anderen Herren schauen auf mich her. Gewiß erzählt er ihnen von mir. Er hat mich sehr gern; mein Prinzipal erzählt ihm immer von mir. Wie aufmerksam er auf mich herschaut, vielleicht sollte ich ihn grüßen. Der gute Junge wußte sich nicht zu helfen; jeden Augenblick nahm er eine andere Stellung an, bald nahm er den Degen auf den Arm, bald stützte er sich darauf, bald drehte er sich den Schnurrbart; er wandte sich zu seinen Kameraden, um mit ihnen mit komischem Ernst zu sprechen, schnitt bald ein solides Gesicht und bald lächelte er weise, wie junge Laffen zu thun pflegen, wenn sie bemerken, daß man sie anschaut. Endlich konnte er so viel Glorie nicht mehr aushalten, die nach ihm gerichteten Lorgnetten brannten ihm auf die Haut, wie Brenngläser. Er sagte seinen Kameraden, er müsse jetzt zu seinem Prinzipal eilen und wenn Karpáthi indes etwa sprechen sollte, möchten sie gut acht geben, um es ihm erzählen zu können. Hiermit eilte er fort. Durch die nach seinem Verschwinden entstandene Lücke wurde die Gestalt des Bürgermädchens sichtbar, die aber nur einen Augenblick verweilte und sich gleich mit ihrer Begleiterin entfernte. – Das war sie wirklich! sagten die unten; wieder eine Teufelei von Bela. In diesem Augenblick erklangen die Schlußworte des letzten Redners der Oppositionspartei, begleitet von dem Lärm der Zuhörer. – Was ist das für ein Lärm? fragten einander die jungen Vater des Vaterlandes, die in einer Gruppe zusammen sprachen. Wovon war die Rede? Zur Vermeidung jeder weiteren gereizten Diskussion hielt es der Präsident für gut, einfach abstimmen zu lassen, ob die Motion des Unterhauses angenommen werden solle oder nicht. Den Gesichtern der ernsteren Staatsmänner sah man es an, mit welcher Spannung sie dem Resultat der Abstimmung entgegensahen – unsere junge Generation aber sprach, was ihr eben in den Mund kam. Die Juraten hatten leichte Mühe Abellinos Rede auswendig zu lernen. – Nun, nun? fragte der Koryphäe seine Kameraden, als sie nach Hause kamen, was hat Karpáthi gesagt? Nicht wahr, seine Rede war prächtig? – Er hat gesagt: »ich nehme den Antrag des Unterhauses an!« – Das hat er gesagt? Wie witzig! 3. Der Fluch einer Familie. Zu jener Zeit wohnte in Preßburg eine wegen ihres traurigen Schicksals viel genannte Familie. Wir wollen sie Mayer nennen, dieser Name kommt oft vor. Der Vater war der Verwalter einer öffentlichen Kaffe und hatte fünf schöne Töchter. Eine hatte eine idealischere Gestalt als die andere. Welch ein Gottessegen sind fünf schöne Kinder! Zwei dieser Mädchen waren schon im Jahre 1818 erwachsen, die gefeierten Schönheiten der Redouten, die Königinnen der Bälle; elegante Herren und selbst Magnaten tanzten gern mit ihnen, man nannte sie nicht anders, als »die schönen Mayerschen Mädchen.« Wie freuten sich die Eltern über diesen Ruf. Die schönen Mädchen pflegten ihre Schönheit in entsprechender Weise; sie gaben sich nicht mit niedriger Arbeit und häuslicher Beschäftigung ab, sondern lebten, als ob ihrer ein glänzenderer Beruf wartete, als die Erfüllung häuslicher Pflichten, auf großem, glänzendem Fuß. Anstatt in gewöhnliche Strickschulen hatte man sie in die vornehmsten Erziehungsinstitute geschickt, wo die eine ausgezeichnet sticken, die andere hübsch singen lernte und auch die übrigen schöne Fähigkeiten entwickelten. Der Vater dachte damals: diese wird eine berühmte Künstlerin werden, jene wird sich durch Modewarenhandel bereichern, alle werden die Frauen der reichen Grundbesitzer und Banquiers, von welchen sie fortwährend umschwärmt sind. Vielleicht hatte er dergleichen in einem alten Roman gelesen. Zu einer so herrschaftlichen Erziehung gehörten auch herrschaftliche Einkünfte; aber wir wissen, daß ein Beamter ein beschränktes Einkommen hat. Die Haushaltung kostete weit mehr als ausgegeben werden sollte; der Vater sah das wohl ein, zerbrach sich auch ganze Nächte den Kopf, welchen Zweig der Ausgaben er beschränken könne, allein er fand keinen Ausweg; die Mädchen durfte und konnte er nicht aus der Welt zurückziehen, damit er ihnen ihr Glück nicht verscherze. Der Ältesten machte damals eben ein Grundbesitzer den Hof, der sie auf einem Balle hatte kennen lernen; der wird sie vielleicht heiraten und dann ist es ihr ein Leichtes, dein Vater mit einigen tausend Gulden aus seiner Verlegenheit zu helfen. Die Bekanntschaft mit Grundbesitzern kostet aber viel, die öffentlichen Unterhaltungen, der Putz, der Glanz verzehren außerordentlich große Summen; bei dem gedeckten Tisch sind die Schneider, Schuhmacher, Putzwarenhändler, Friseure, die Seiden- und Blumenhändler unsichtbar zugegen und helfen die Kräfte der Familienhäupter verzehren. Außerdem war die Frau auch unverständig, sie war, wie ein ungarisches Sprichwort sagt, das Feuer im Hause, dessen Rauch man nicht sieht. Sie war die schlechteste Wirtin, die man sich denken kann. Sie verstand nichts und mußte alles den Dienstboten überlassen; wenn es knapp ging, so machte sie Schulden und dachte dabei nie ans Zahlen; oft machte sie den Spaß, daß sie mit dem letzten Geld, das sie zur Haushaltung brauchte, zum Gärtner ging und dafür eine Ananas kaufte. Eines Tages hielt die Oberbehörde, ohne es vorher angezeigt zu haben, eine Kassenuntersuchung und fand in der von Mayer verwalteten Kasse ein Defizit von sechstausend Gulden. So weit brachte es der Leichtsinn. Mayer wurde plötzlich abgesetzt und was er an Vermögen besaß, wurde mit Beschlag belegt; es war auch die Rede davon, daß man ihn einsperren werde. Zwei Wochen hindurch sprach man in der Stadt von nichts anderem, als von seinem Fall. Indes hatte Mayer eine Schwester in Preßburg, eine in Zurückgezogenheit lebende alte Jungfer, die in glücklichen Zeiten die Zielscheibe der Familie war; sie that den ganzen ganzen Tag nichts anderes, als in die Kirche gehen und beten, mit ihren Katzen spielen, oder mit ihresgleichen das junge Volk verlästern, weil sie die Freuden der Jugend nicht mehr genießen konnte, nebstdem trieb sie vielleicht ein Wuchergeschäft und hatte auf niemanden einen erbittertem Haß, als auf die Familie ihres Bruders, auf die sie zürnte, weil sie so geputzt ging, so gut lebte und so viel Bälle mitmachte, während sie selbst den ganzen Winter hindurch hinter dem Ofen bleibt, zwölf Jahre hintereinander ein Kleid tragt und von Woche zu Woche nichts anderes ißt als Wassersuppe mit Semmelbrocken. Wenn die Mädchen lachen wollten, fragten sie sich nur: »Gehen wir nicht zur Tante Therese speisen?« Also als diese teils lächerliche, teils böse Jungfer hörte, was ihrem Bruder passiert sei, raffte sie ihre aus gesetzliche Zinsen ausgeliehenen Gelder, die Früchte ihrer vieljährigen Entbehrungen zusammen, band sie in ihr buntes Sacktuch ein, ging damit nach dem Stadthaus, ersetzte den in der Kasse vorgefundenen Schaden und ruhte nicht eher, als bis sie es durch Bitten und Weinen dahingebracht hatte, daß man ihren Bruder nicht einsperrte und das gegen ihn eingeleitete Kriminalverfahren aufhob. Als Mayer hörte, was seine Schwester für ihn gethan, eilte er Thränen vergießend zu ihr, küßte ihr unzähligemal die Hände und fand nicht Worte genug, um ihr seine Dankbarkeit auszudrücken; ja er bewog sogar seine Töchter, zu ihr zu gehen und ihr die Hand zu küssen und es war von seiten der Mädchen genug Selbstaufopferung, daß sie es sich nicht verdrießen ließen, ihre Rosen- und Kirschenlippen mit der runzeligen Hand der alten Tante in Berührung zu bringen, und daß sie die altmodischen Locken und die Kleidung der alten Jungfer ohne zu lachen ansahen. Mayer beschwor Himmel und Erde, er werde sich es zur einzigen Lebensaufgabe machen, der lieben Schwester für ihre Wohlthat dankbar zu sein. – Das kannst du dadurch erreichen, sprach die abgelebte Dame, wenn du mir deiner Familie ein anderes Leben beginnst. Ich habe sozusagen mein Alles hingegeben, um deinen Namen vor Schande zu bewahren, jetzt achte du darauf, daß du ihn vor einer noch größeren Schande bewahrst; denn es giebt eine noch größere Schande, als die ist, eingesperrt zu werden. Du verstehst mich wohl. Suche dir eine Beschäftigung, gewöhne deine Kinder an Arbeit. Schäme dich nicht, bei irgendeinem Kaufmann als Buchhalter einzutreten, du verstehst das und hast dann etwas, worauf du dich stützen kannst; deine Töchter sind schon erwachsen genug, um sich selbst helfen zu können, Gott bewahre sie davor, daß ihnen andere helfen müssen. Die eine kann sich als Marchande de Modes ihr Brot verdienen, denn sie versteht feine Handarbeiten zu machen; die andere kann in irgendeinem Herrschaftshause als Erzieherin eintreten, auch die übrigen werden mit Gottes Hilfe irgendeine Beschäftigung finden und gewiß werden alle noch glücklich sein. Der gute Mayer kehrte von seiner Schwester völlig getröstet zurück. Er dachte nicht mehr an Selbstmord, sondern trat schnell genug in einem Handlungshause als Gehilfe ein, teilte seinen Töchtern den heilsamen Lebensplan mit und diese verstanden sich dazu unter vielem Weinen. Elise fand bei einer Näherin Beschäftigung, Mathilde hielt es für geratener, anstatt die Laufbahn einer Erzieherin, die einer Künstlerin zu betreten und da sie eine hübsche Stimme hatte und ein bißchen zu singen verstand, so war es ihr leicht, ihrem Vater den Glauben beizubringen, daß ihrer auf der Bühne eine glänzende Zukunft warte, und daß sie sich als Opernsängerin Reichtum erwerben könne; sie nannte auch einige große Künstlerinnen, die aus zu Grunde gegangenen Familien stammten und ihre Eltern reichlich unterstützten. Mayer gab der Künstlerneigung seiner Tochter nach und erlaubte ihr, sich dem erwünschten Beruf zu widmen. Anfangs wurde sie zwar nur als Choristin engagiert, aber man tröstete sich, haben doch die berühmtesten Künstlerinnen so angefangen; dieser Trost kam von fachkundigen Menschen, denen wir aber nicht glauben wollen. Das band man der Tante Therese freilich nicht an die Nase, man redete ihr ein, Therese sei eine Erzieherin; das ehrenhafte Fräulein pflegte ja nie ins Theater zu gehen und wenn ihr jemand zuflüstern sollte, daß Mayers Tochter beim Theater sei, so wird man ihr leicht weismachen können, daß dies die Tochter eines andern Mayer sei, nicht die ihres Bruders; Schauspielerinnen, die Mayer heißen, findet man ja im Theateralmanach wenigstens dreihundert und Therese wird das lieber glauben, als in das von ihr verdammte Institut zu gehen, um daselbst das Wahre zu erfahren. So glaubte denn Mayer, daß er jetzt ein völlig neues Leben beginnen werde, in seiner Familie werde eine neue Hausordnung herrschen, jedermann werde seine Pflicht erfüllen und das Gluck werde bei ihm durch Thür und Thor einströmen. Frau Mayer mußte sich ans Kochen gewöhnen, Herr Mayer aber an die Wassersuppe – und die ganze Familie arbeitete, Mayer war vom Morgen bis zum Abend im Comptoir beschäftigt, Frau Mayer in der Küche, die Kinder nähten, strickten, die größeren waren auswärts beschäftigt, die eine verfertigte außerordentlich viele Hüte und Hauben und die andere vermochte kaum die vielen Rollen zu lernen; wenigstens redeten sie sich das einander ein. Das Wahre von dem allen aber war, daß sich der Herr während dieser Zeit im Kaffeehause aufhielt und die Zeitungen las, was der wohlfeilste Genuß im Kaffeehaus ist; die Frau überließ ihre Topfe dem Feuer und plauderte mit den Nachbarinnen, die Kinder lasen versteckt gehaltene Bücher oder spielten blinde Kuh, die älteste Tochter wurde in dem Modemagazin, in welchem sie arbeitete, von eleganten jungen Herrn amüsiert und von den mühsamen Studien der Choristin wollen wir lieber gar nicht sprechen. Nur beim Mittagmahl kam die Familie zusammen und dann setzten sich alle murrend und mit verdrießlichen Gesichtern zu Tische, die jüngeren ärgerlich über die mageren Speisen, die älteren mit einem durch Leckereien verdorbenen Appetit, alle schweigsam, gelangweilt und kaum erwartend, bis sie wieder aufstehen und ihren mühsamen Beschäftigungen nachgehen können. Es giebt glückliche Menschen, die niemals das glauben können, was ihnen nicht behagt; die nicht glauben können, daß ihnen jemand zürne, bis er ihnen auf den Fuß tritt; die es nicht bemerken, wenn ihre Bekannten auf der Gasse mit Verachtung auf sie herabsehen, denen keine selbst im Innern ihrer Familie vor sich gegangene Veränderung auffällt, bis man es ihnen nicht sagt; die endlich ihr Gewissen einem schläferigen Teufel überlassen und für ihre deutlichsten Fehler auf allerlei Entschuldigungen sinnen, anstatt sich zu einer Besserung anzustrengen. Das ist unstreitig sehr bequem und man kann dabei lange leben. Die Familie Mayer verbrachte so einige Monate hindurch ein zurückgezogenes, man kann sagen, trauriges Leben. Die Vorsehung pflegt Menschen, die genötigt sind, von ihrer Hände Arbeit zu leben, aus zarter Sorgfalt den Trieb zu verleihen, daß sie in der begonnenen Arbeit ihre Freude, ihren Stolz finden; wenn dann die Familie zusammen kommt, so wird gerühmt, wie weit jeder in seiner Arbeit fortgeschritten sei und das thut so wohl. Dieser Trieb fehlte der Familie Mayer; auf ihrer Arbeit ruhte ein Fluch, niemand rühmte sich seiner Fortschritte, niemand erkundigte sich nach den Fortschritten des andern, sie hüteten sich, irgendein Gespräch anzufangen, als ob sie fürchteten, es werde mit Klagen endigen, denn es ist schauderhaft, Familienklagen anhören zu müssen. Es giebt aber Klagen, die auch stillschweigend sprechen; alle Mitglieder der Familie begannen in ihrem Äußeren jene gewisse Nachlässigkeit zu zeigen, welche denjenigen eigen ist, die nur dann nett aussehen, wenn sie neue Kleider anhaben und den ganzen Tag vor den Spiegel stehen können; sonst hängt und schlottert alles an ihrem Leibe, ihre Kleider sehen abgetragen aus und verraten Armut, ohne noch schlecht zu sein. Die Mädchen waren genötigt, ihre vorjährigen Kleider hervorzusuchen und auszubessern; der Fasching kam, überall wurden große Bälle angekündigt und sie mußten zu Hause bleiben, weil sie die Ausgaben zu einem Balle nicht erschwingen konnten. Wohin immer Mayer blickte, sah er verdrießliche, niedergeschlagene, trotzige Gesichter, aber er kümmerte sich gewöhnlich nicht viel darum; nur Sonntags Nachmittags, wenn das Glas Wein seine Nerven magnetisiert hatte, ergoß sich der Strom seiner Rede und dann gab er den Töchtern fromme Lehren; er sagte ihnen, wie glücklich er sei, daß er seinen ehrlichen Namen bewahrt habe, wenn er auch arm sei und einen zerrissenen Rock trage (was für die erwachsenen Töchter freilich kein großer Ruhm war), aber er sei stolz auf diese Fetzen und wünsche, daß auch seine Töchter auf ihre Tugenden stolz seien u. s. w. Jene gingen freilich von dieser Predigt nacheinander weg und ließen ihn allein. Auf einmal indes begann in die Familie eine bessere Laune, ein heiterer Geist zu kommen; Herr Mayer, der einmal aus seinem Bureau, oder Gott weiß von wo kam, überraschte seine Töchter beim Singen, die Frau hatte sich neue Hauben gekauft, alle trügen neue Kleider, die Speisen begannen besser zu werden und Herr Mayer hatte jetzt nicht bloß am Sonntag, sondern an allen Tagen der Woche sein Glas Wein, Ihm wäre das alles nicht aufgefallen, ebensowenig wie den Vögeln des Himmels das volle Kornfeld, die auch nicht fragen, wer das alles für sie gesäet habe, wenn ihm nicht eines Tages die Frau ins Ohr geflüstert hätte, Mathilde habe in der Kunst so schöne Fortschritte gemacht, daß der Direktor sich bewogen fühlte, ihre Gage bedeutend zu verbessern; nur müsse das noch geheim bleiben, damit die andern nicht auch eine höhere Gage verlangten, Herr Mayer fand das sehr natürlich. Es überraschte ihn zwar, daß er an Mathilden immer prächtigere Kleider sah, daß sie die modernsten Shawls und Hüte trug, die sie auch bald wieder der Schwester schenkte; er nahm auch wahr, daß man, sobald er ins Zimmer trat, das Gespräch plötzlich unterbrach, und wenn er fragte, wovon gesprochen wurde, sahen sie sich einander an, damit sie keine widersprechenden Antworten gäben; das alles beunruhigte ihn so sehr, daß er seine Frau einmal fragte, warum Mathilde so teure Kleider trage. Die gute Frau beruhigte den sorgsamen Familienvater hierüber vollständig. Erstens seien das keine teueren Waren, sie sähen nur so aus, außerdem kaufe Mathilde diese Kleider von der Primadonna um einen Spottpreis, wie das schon beim Theater so zu gehen pflegt. Herr Mayer lernte jetzt viel; denn was er da hörte, war ihm neu. Auch erfuhr er von dem Tage an von seiner Familie sehr viel Liebe und alles war bestrebt, ihm seine Wünsche an den Augen abzusehen. Wie gut sind doch meine Töchter, sagte der glückliche Familienvater. An seinem Geburtstag wurde er von jeder besonders mit Geschenken überrascht, Mathilde selber erfreute ihn mit einer kostbaren Meerschaumpfeife, auf welcher Jagdhunde abgebildet waren. Das Stück war, die Silberbeschläge abgerechnet, fünfundzwanzig Gulden wert. Teils aus Freude hierüber, teils der Schicklichkeit wegen nahm sich Mayer vor, an diesem Tag auch Therese zu besuchen, wozu er um so mehr Lust hatte, da sein Rock jetzt mit einem neuen Samtkragen versehen war; er nahm seine schöne Meerschaumpfeife mit und ging zu Theresen. Die fromme Jungfrau saß am Ofen; bei ihr wurde jetzt noch geheizt, obwohl es schon Mitte Frühling war. Herr Mayer grüßte sie, ohne die Pfeife aus dem Munde zu nehmen. Therese hieß ihn setzen. Sie behandelte ihn außerordentlich kalt, dreimal hustete sie, ehe sie ein Wort sprach. Herr Mayer wartete nur, sie werde ihn fragen, wieso er zu der schönen Pfeife gekommen sei, wobei er den Nebengedanken hatte, daß sie, sobald sie den feierlichen Anlaß erfahren wird, sich beeilen werde, ihm auch ein Geschenk zu machen. Endlich mußte er selbst sprechen. – Schau, Schwester, was für eine schöne Meerschaumpfeife ich da habe. – Schön, sagte sie, ohne nur darauf zu sehen. – Meine Tochter hat mir sie zu meinem Geburtstag gekauft, schau sie nur an. Mit diesen Worten reichte er Theresen das schöne Kunstwerk hin. Diese faßte die Pfeife und schlug sie mit solcher Heftigkeit an den eisernen Fuß des Ofens, daß sie in Stücke sprang. Herrn Mayer stand der Mund weit offen; das ist eine schöne Geburtstagsgratulation. – Schwester, was soll das bedeuten? – Was das bedeuten soll? Daß du ein dummer Mensch bist, mit so großen Hörnern, daß du nicht mehr zur Thüre herein kannst und doch bemerkst du's nicht. Die ganze Welt weiß, daß deine Tochter die Maitresse eines reichen Magnaten ist und du entblödest dich nicht allein, mit ihr zu wohnen, sondern mich ihren schmachvollen Erwerb mit ihr zu teilen, ja kommst sogar zu mir her, um dich dessen zu rühmen. – Was! welche Tochter? schrie Mayer. Plötzlich fiel ihm so vieles ein, daß er sich nicht mehr auskannte. Therese zuckte die Achseln. – Wenn ich nicht wüßte, wie leichtsinnig du bist, so müßte ich dich für sehr verworfen halten. Du glaubtest mich zum besten zu halten, als du mir sagtest, deine Tochter sei eine Erzieherin geworden, während sie zum Theater gegangen war. Ich will dir nicht sagen, welche Ansichten ich über diesen Beruf habe, ich will zugeben, daß meine Gedanken veraltet sind; aber so viel setze ich doch von einem Menschen voraus, der rechnen gelernt hat, daß er wissen muß, man könne von einer Monatsgage von sechzehn Gulden nicht Hunderte für Luxus ausgeben. – Ah, ich bitte, Mathildens Gage ist verbessert worden, sagte Mayer, der es gern gehabt hätte, daß auch andere etwas von dem glaubten, was er glaubte. – Das ist nicht wahr; du kannst es beim Direktor erfahren, wenn du willst. – Und das ist kein so großer Luxus, wie du meinst. Die alten Kleider, die sie trägt, kauft sie von Primadonnen. – Das ist auch nicht wahr, sie hat alles neu gekauft; bei »Fleß und Huber« allein hat sie dieser Tage für mehr als dreihundert Gulden Spitzen eingekauft. Darauf wußte Mayer nichts zu antworten. – Aber warum gaffst du, wie die Kuh vor dem neuen Thor! rief Therese endlich zornig; Hunderte, Tausende haben sie mit dem gewissen Herrn im Fiaker, in seiner Equipage gesehen, nur du allein bist so blöde und siehst deine Schande nicht, die jeder sieht. Mich wundert nur, daß man noch keine Posse geschrieben hat, in welcher du vorkommst. Ein Familienvater, der jeden Sonntag, wenn er betrunken ist, seinen Töchtern, die ihn hinter dem Rücken auslachen, Moralpredigten hält, und dann mit den Meerschaumpfeifen prahlt, die ihm der Verführer seiner Tochter zum Geburtstag geschenkt hat. Wenn ich glaubte, daß du nur eine Ahnung von allen den Schlechtigkeiten hast, so würde ich dich mit dem Besen, mit welchen, ich diese Pfeifentrümmer zusammenfege, aus meinem Zimmer jagen – und wenn man deine Seele für eine Pfeife kaufen kann, so gebe ich nicht ein Stückchen Zündschwamm dafür. Herr Mayer war sehr betroffen, stand ohne ein Wort zu sprechen auf, nahm seinen Hut und ging vor allem in den Laden der Herren Fleß und Huber, um sich zu erkundigen, wie viel seine Tochter dort eingekauft habe. Das machte in der That mehr als dreihundert Gulden aus, Therese war gut unterrichtet. Es ist umsonst; man hat doch immer gute Freunde, die einem alles sagen, wovon sie wissen, daß es einen betrüben werde. Von da ging er zum Theaterdirektor und fragte, welche Gage seine Tochter bekomme. Der Direktor wußte es auswendig, er sagte, sie erhalte sechzehn Gulden, verdiene aber auch die nicht, weil sie nachlässig studiere und gar keine Fortschritte mache; übrigens scheine es, daß ihr nichts daran gelegen sei, denn sie erscheine niemals zu den Proben und die Hälfte ihrer Gage gehe in Strafen auf. Das war zu viel. Herr Mayer kannte sich vor Wut nicht aus. Er eilte heim. Zum Glück stürzte er mit solchem Getöse ins Haus, daß die Familie Zeit hatte, Mathilde vor seiner Wut zu verbergen; aber er nahm sich doch die Genugthuung, daß er die verworfene Tochter verleugnete, enterbte und ihr verbot, seine Schwelle zu übertreten, sonst werde er ihr den Hals umdrehen, ihr den Kopf spalten, sie in Stücke zerreißen u. s. w. Der brave fromme Mann hatte plötzlich ein Tigerherz bekommen. Er war wütend und unerbittlich, wollte von der verfluchten Tochter nichts mehr hören und befahl, daß man es nicht mehr wage, sie zu nennen, denn wer sie nenne, müsse auch aus dem Haus. Dieser grausame Ausspruch gab zu vielem Weinen Anlaß, aber Herr Mayer nahm sich vor, hartherzig zu bleiben und er achtete gar nicht darauf, als seine Frau und seine Kinder beim Essen fortwährend seufzten. Zu seufzen erlaubte er ihnen; wem's beliebt, der möge seufzen, aber er fragte niemanden nach der Ursache. Eine ganze Woche hielt er es aus, so grausam zu sein; manchmal hätte er sogar gewünscht, daß sie von der Verstoßenen wieder zu sprechen anfingen, bloß damit er wieder gegen sie wüten könne, Zuweilen schwebte ihm das Wort schon auf der Zunge, aber er würgte es wieder hinab und schwieg. Endlich, als er sich eines Tages zu Tische setzte und niemand etwas aß, konnte es Herr Mayer nicht länger aushalten. – Also was fehlt euch? Warum eßt ihr nicht? Warum weint ihr? Die Mädchen nahmen die Schürzen vor die Augen und weinten noch mehr; die Frau antwortete schluchzend: Das Mädchen stirbt mir. – Freilich, sagte der Mann und stopfte sich einen so großen Löffel voll Mehlspeise in den Mund, daß er beinahe erstickte; man stirbt nicht so leicht. – Es wird ja für die Arme besser sein, wenn sie stirbt; wenigstens leidet sie dann nicht mehr. – Warum schickt man ihr keinen Arzt? – Ihre Krankheit vermag kein Arzt zu heilen. – Hm, murmelte Mayer und stocherte sich die Zähne. Die Frau schwieg eine Weile, dann fuhr sie in weinerlichem Tone fort: Immer spricht sie nur von dir, nur ihren Vater möchte sie sehen und ihm noch einmal die Hand küssen, dann will sie gerne sterben. Auf dieses Wort fing die ganze Familie an zu weinen; Herr Mayer that, als ob er sich das Gesicht abtrocknete. – Also wo liegt sie? fragte er mit erzwungener Ruhe. – Auf dem Zuckermandel (eine Vorstadt Preßburgs), in einem ärmlichen Monatszimmer, von aller Welt verlassen. Also in einem erbärmlichen Zustande, dachte Herr Mayer. Therese hat also vielleicht doch nicht ganz recht gehabt. Möglich, daß sie jemanden geliebt und von ihm, Geschenke angenommen hat; das ist noch kein so großes Verbrechen; daraus folgt noch nicht, daß sie sich verkauft habe. Diese alten Jungfern, welche niemals die größten Freuden der Welt genossen haben, sind doch der Jugend so neidisch. – Hm, also auch von mir spricht das schlechte Mädchen. – Sie glaubt, dein Fluch habe es ihr angethan. Seit sie von da fort ist – – Hier wurde die Rede wieder vom allgemeinen Weinen unterbrochen. – Seit sie von da fort ist, fuhr Frau Mayer fort, ist sie noch nicht vom Bett aufgestanden, ich weiß, daß sie es auch nicht mehr verlassen wird, als bis man sie in den Sarg legt. – Nun, führt mich also nachmittags zu ihr hin, sagte Herr Mayer endlich gerührt. Aus dieses Wort fiel ihm die ganze Familie um den Hals, küßte und umarmte ihn und auf der ganzen Welt gab es keinen so guten Vater. Kaum konnten sie's erwarten, daß der Tisch abgeräumt sei; sie kleideten das fromme Familienoberhaupt an, gaben ihm den Stock in die Hand und gingen alle nach dem Zuckermandel, wo Mathilde in einer ärmlichen Dachstube lag, in welcher sich im strengsten Sinne des Wortes nichts befand, als ein Bett und zahlreiche Medizinflaschen. Den guten Vater überlief's bei diesem Anblick eiskalt. Also Mathilde hat nichts! Armes Mädchen! Wer hätte denken können, daß sie binnen einer Woche alle ihre Spitzen und Seidenkleider in Medizin vertrunken habe. Das Mädchen wollte aufstehen, um den Vater zu sehen, aber sie vermochte es nicht; Herr Mayer ging mit einem Armensündergesicht zu ihr hin, als hätte er ein Verbrechen begangen. Das Mädchen ergriff seine Hand, preßte sie an die Brust, bedeckte sie mit Küssen und bat mit gebrochener Stimme um Vergebung. Das Herz des guten Vaters hätte wirklich aus Stein sein müssen, wenn er ihr die Vergebung versagt hätte. Er verzieh ihr. Sogleich ließ er einen Fiaker kommen und brachte sie nach Hause. Möge die Welt reden, was sie will, Blut ist nicht Wasser, ein Vater kann sein Kind wegen eines kleinen Vergehens nicht umbringen. Er konnte das um so weniger thun, da er nicht einmal eine Ursache dazu hatte; denn noch an demselben Tag erhielt er einen Brief, den ein Livreebedienter überbrachte und in welchem der oft erwähnte Grundbesitzer ihm eigenhändig schrieb, Wie sehr es ihn schmerze, daß seine unschuldige Annäherung, mit welcher er nur gute Absichten verband, zu solchen Mißverständnissen Anlaß gegeben habe. Er hege gegen seine ganze schätzbare Familie die größte Achtung und was er für Mathilde fühle, sei nichts anderes, als Verehrung für die Kunst; daß aber die Tugend seiner Tochter unerschütterlich sei, das könne er mit den gültigsten Zeugnissen beweisen und er sei bereit, diese mit seiner eigenen Handschrift auszustellen. Ah, das ist ein wackerer, ehrenhafter Mann. Mayer, Mayer, wo war dein Verstand, daß du urteiltest, ohne die andere Partei anzuhören? du verdientest, daß du deine Familie um Vergebung bitten müßtest. Bei einem andern Mädchen würde man einem solchen Anbeter antworten, er möge sie heiraten, wenn er reine Absichten hege, aber eine Künstlerin ist eine Ausnahme, sie darf man auch bloß verehren ; man darf der Kunst huldigen und das ist leine Verführung, sondern nur Achtung, Auszeichnung, Würdigung, und aus dem allen folgt nicht, daß man sie heiraten müsse. – Nun gut, sagte Herr Mayer, welchen dieser Brief vollkommen beruhigte, das ist ganz was anderes; aber wenigstens soll er sich nicht bemühen, Mathilde auf öffentlichen Spaziergängen und hinter den Coulissen aufzusuchen, denn das kann sie kompromittieren; wenn er ehrenhafte Absichten hat, so möge er ins Haus kommen. Dummer Mensch! er füttert die Ratten, damit sie nachts keinen Lärm machen, anstatt für sie eine Katze zu halten. Binnen zwei Tagen war Mathilde natürlich so gesund wie ein frisch vom Baum gefallener Apfel und der Grundbesitzer kam jetzt ins Haus. Wir wollen uns nicht bemühen, ihn zu beschreiben, denn Wir werden uns ohnehin nicht viel mit ihm abgeben; nach einigen Monaten reist er ab, nach ihm kommt ein junger Bankier, dann wieder ein Grundbesitzer, dann ein vierter, ein fünfter, und wer weiß, wie viele noch. Und alle diese sind große Verehrer der Kunst, wackere anständige Leute, von welchen man kein unschickliches Wort hört, die der Mama die Hand küssen, mit dem Papa über ernste Dinge sprechen und sich vor den Mädchen, wenn sie kommen und gehen, mit solcher Bescheidenheit verneigen, als ob sie's mit Gräfinnen zu thun hätten. Manche unter ihnen sind lustige, geistreiche junge Herren, bei deren Scherzen man sich zu Tode lachen muß, die in die Küche gehen und mit der Mama einen lustigen Streit beginnen, den Kuchen stehlen, kurz liebe närrische Jungen. Vier Mädchen waren schon erwachsen, eine war schöner als die andere und im Alter waren sie kaum voneinander verschieden. Als sie aufwuchsen und ihre jungfräuliche Schönheit sich entwickelte, wurde Herrn Mayers Haus immer geräuschvoller, immer besuchter; der alte Luxus, der Leichtsinn und die Verschwendung kehrten wieder zurück, ewige Heiterkeit herrschte im Hause, die gewähltesten Gesellschaften versammelten sich da, in welchen Grafen, Barone, Edelleute, Bankiers und andere große Herren zusammen kamen. Herr Mayer bemerkte zwar, daß diese Grafen und Bankiers, wenn er ihnen auf der Gasse begegnete, sich anstellten, als ob sie ihn nicht sähen, ja sogar, wenn sie seinen Töchtern begegneten, stellten sie sich so; aber er pflegte sich über Dinge, die ihm nicht gefielen, nicht den Kopf zu zerbrechen. Er dachte, das sei schon die Manier großer Herren. Auch das jüngste Mädchen begann schon heranzuwachsen, sie war bereits zwölf Jahre alt und man konnte an ihrer Entwicklung sehen, daß sie alle ihre Schwestern an Schönheit übertreffen werde. Sie trug noch kurze Kleidchen und Höschen, ihr dichtes, langes Haar hing in zwei Zöpfen herab und die Verehrer des Hauses fragten sie schon scherzend, wann denn auch sie lange Kleider tragen werde, wie ihre Schwestern. Eines Tages erhielt Herr Mayer einen ungewohnten, überraschenden Besuch. Eben unterhielten sich einige heitere junge Herren mit den Mädchen und sogar aus die Mama kam ein Elefant, der sie lachen machte; Papa Mayer aber erschlug Fliegen an der Wand. Da klopfte jemand an der Thür und als niemand herein sagte, so wurde wieder geklopft und endlich auch ein drittes Mal; nun sprang ein lustiger junger Herr hin und riß die Thür auf, in der Erwartung, es werde einer seiner Genossen sein, der die Gesellschaft überraschen wolle. Die Gestalt einer alten, dürren Dame in abgetragenen schwarzen Kleidern stand vor der Gesellschaft. Herr Mayer erschrak heftig, es war Therese . Ohne die Anwesenden nur der geringsten Aufmerksamkeit zu würdigen, ging die alte Jungfer gerade auf Herrn Mayer los. Der gute Familienvater war in einer unerhörten Verlegenheit; er wußte nicht, ob er die ehrsame Jungfrau solle sitzen heißen? wohin? neben einen der Merveilleux? soll er sie der heitern Gesellschaft als seine Schwester vorstellen, oder thun, als ob er sie nicht kenne? oder soll er einen der Gäste nach dem andern Theresen als Hausfreund vorstellen? Therese half ihm selbst aus der Verlegenheit, Sie sprach ruhig und kalt: Ich hätte mit dir ein paar Worte zu reden und wenn du Zeit hast, deine Gäste auf einige Augenblicke zu verlassen, so führe mich irgend wohin, wo wir die Gesellschaft nicht stören. Papa Mayer nahm den Antrag, seine Schwester aus diesem vornehmen Kreise zu entfernen, gern an, öffnete vor ihr eine Thüre und führte sie in ein entlegenes Zimmer. Kaum hatte er die Thüre hinter sich geschlossen, als er die Gesellschaft laut lachen hörte; Papa Mayer beeilte sich, Therese vor sich herzutreiben. Sie hätte sehr einfältig sein müssen, um nicht zu erraten, daß man jetzt über sie, die altmodische Jungfrau, gelacht habe. Papa Mayer bemühte sich, gegen Therese so freundlich, wie nur möglich, zu sein. – Setze dich, liebe Schwester, o wie glücklich bin ich, dich wieder einmal sehen zu können. – Ich bin eben nicht gekommen, um dir Höflichkeiten zu sagen, sprach Therese trockenen Tones und zu den paar Worten brauche ich mich nicht erst zu setzen, ich kann meine Sache stehend vorbringen. Seit zwei Jahren haben wir uns nicht gesehen und seit der Zeit hast du dich so sehr von mir entfernt und führst eine solche Lebensweise, daß es für ewig unmöglich ist, uns einander wieder zu nähern. Ich denke, daß dich das nicht sehr betrüben wird und deshalb habe ich den Mut, es dir zu sagen. Deine vier Töchter haben nacheinander alle denselben Beruf gewählt. Ich will nichts weiter sagen; es ist besser, wenn man über solche Dinge gar nicht spricht, ich bitte dich, mich nicht zu unterbrechen; ich will dir damit leine Vorwürfe machen. Du bist Herr deiner Handlungen. Du hast noch eine Tochter, sie ist zwölf Jahre alt und heute oder morgen ein erwachsenes Mädchen. Ich bin nicht gekommen, um dir eine theatralische Scene vorzuspielen, ich will dir keine Lektion halten über Sitten, Religion, Gott, weibliche Tugend, lauter Dinge, über welche große Herren und große Geister spotten; ich will mich nicht mit Bitten an dein väterliches Herz wenden, daß du an der fünften Tochter rettest, was du an den vier andern verabsäumt hast; denn ich weiß, daß du dazu nicht den Willen hast und hättest du ihn schon, so würde es dir an Kraft fehlen und hattest du auch diese, so fehlte es dir an Verstand dazu. Herr Mayer war ein so guter Mensch, daß er nur zu lächeln pflegte, wenn man ihm solche Dinge sagte. – Um dir weniger ungelegen zu sein, will ich dir kurz sagen, weshalb ich gekommen bin. Ich bitte dich, nein, ich fordere von dir, daß du mir deine jüngste Tochter übergebest. Ich werde sie rechtschaffen erziehen, wie es sich für ein ehrsames Bürgermädchen schickt. Ihre Seele ist noch unverdorben, sie ist noch in Gottes Hand, ich werde mich auch bis zu meinem Lebensende bemühen, ihre guten Sitten zu bewahren und verlange von dir nichts weiter, als daß weder du, noch irgendein Mitglied deiner Familie sich um das Mädchen weiter kümmere. Gott wird mir in meinem Vorhaben beistehen. Ich halte es übrigens für gut, zu bemerken, daß ich vorhin nicht umsonst gesagt habe, daß ich es »fordere«; denn wenn du meinen Antrag zurückweisest, so werde ich mich an die höchsten Behörden wenden, um zum Ziele zu gelangen und das könnte dir viele Unannehmlichkeiten bereiten. Ich bin imstande, bis zum Fürst-Primas zu gehen und ihm die Gründe auseinanderzusetzen, die mich zu diesem Schritt nötigen. Eigentlich wäre an meinem Antrag nichts zu überlegen; indes lasse ich dir bis morgen früh Zeit; wenn du mir aber bis dahin das Mädchen nicht bringst, so kannst du in mir auf deine erbittertste Feindin zählen. Die Gnade des barmherzigen Gottes sei immer mit dir! Hiermit entfernte sie sich. Herr Mayer begleitete seine Schwester und so lange er sie vor sich sah, stand ihm der Verstand still, er war nicht Herr eines einzigen Gedankens. Er begann erst zu sich zu kommen, als sie ihm aus den Augen schwand. Die Mädchen und die jungen Herren begleiteten das Erscheinen der alten Jungfer mit spaßhaften Bemerkungen und diese Späße gaben dem Papa Mayer seinen Mut wieder. Er begann ihnen zu erzählen, was das alte Fräulein hergeführt habe. – Sie wollte nichts anderes, als Fanny entführen und für immer bei sich behalten. Ho! – oh! – ah! erscholl es von allen Seiten. – Und warum? ich möchte wissen weshalb? Erziehe ich sie nicht honett? Kann jemand etwas gegen mich einwenden? Kann man mir etwas vorwerfen? Achte ich nicht auf meine Töchter, wie auf meinen Augapfel? Hat schon jemand von mir ein böses Wort gehört? Bin ich etwa ein bekannter Betrüger, der seinen Kindern ein schlechtes Beispiel giebt und dem die Behörden deshalb seine Kinder wegnehmen dürfen? Nun, meine Herren, sagen Sie, was Sie über mich wissen. Bin ich ein Dieb, ein Räuberhauptmann, ein Falschmünzer? Hört man von mir Gotteslästerungen, oder kann man mir Verschwendung vorwerfen? Bei diesen Worten ging er hitzig und mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, wie ein Theaterheld, und ließ sich von seinen Gästen anstaunen. Was er sprach, das machte auch endlich eine große Wirkung, nämlich die, daß die jungen Herren sich nacheinander davonmachten. In Theresens Drohung war etwas, was für sie unangenehm sein konnte. Als die Familie sich allein befand, da brach erst das Gewitter gegen Therese los; diese alles übertreffende Keckheit empörte die Gemüter, es gab keine so böse, hinterlistige Person auf der Welt, wie das alte Fräulein; sie soll es nur nicht wagen, noch einmal einen Fuß ins Haus zu setzen, sie werfen die häßliche Hexe gewiß hinaus. Herr Mayer selbst begann auch in Wut zu kommen. Er konnte vor Empörung nicht ruhen, er mußte fortgehen, um seinem Gemüt Luft zu machen. Er hatte drei gute Bekannte, noch von jener Zeit her, da er Beamter war; diese waren berühmte Juristen, auf deren Rat er bauen konnte. Er hatte sie zwar schon lange nicht gesehen, aber jetzt fiel es ihm ein, sie aufzusuchen und Theresen zuvorzukommen, falls sie etwa ihre Drohungen ausführen wollte. Der erste, den er antraf, war Herr Schmerz; Magistratsrat, ein lediger Vierziger mit glattem Gesicht und sanftem Gemüt; er fand ihn eben im Garten, wo er Nelken setzte. Er sagte diesem, was ihn hergeführt habe, womit Therese ihm drohe und daß sie ihn sogar beim Primas angeben wolle. Herr Schmerz lächelte während der ganzen Rede, nur zuweilen bedeutete er Herrn Mayer, er möge ihm nicht in die Blumenbeete treten. Als Herr Mayer geendigt hatte, antwortete er ganz ruhig darauf: Therese wird das nicht thun. Sie wird es nicht thun? dachte Herr Mayer bei sich; das ist nicht genug. Er wollte hören, Therese könne und dürfe das nicht thun, und wenn sie es wagen sollte, so würde sie sich lächerlich machen. Herr Schmerz hatte sich vorgenommen, an diesem Abend unendlich viele Nelken zu setzen, sodaß Herr Mayer es für besser hielt, mit seiner Klage zu dem zweiten Bekannten zu gehen, in der Hoffnung, er werde hier eine bestimmtere Antwort hören. Dieser war Herr Chlamek, ein berühmter Advokat, ein geschätzter Charakter, ein außerordentlich trockener Mensch, voll praktischen und gesunden Menschenverstandes und Vater von drei Söhnen und zwei Töchtern. Herr Chlamek hörte die ganze Geschichte mit Advokatengeduld an und antwortete ruhigen und aufrichtigen Tones: Lieber Freund, fangen Sie mit Ihrer Schwester über eine solche Angelegenheit keinen Streit an, wenn es ihr beliebt, eine Ihrer Töchter zu sich zu nehmen, so geben Sie sie in Gottes Namen hin, Ihnen bleiben dann noch Töchter genug. Ich weiß es an mir selbst, daß man mit einem Mädchen mehr aussteht, als mit drei Knaben. An Ihrer Stelle würde ich ihr dieses Verlangen nicht abschlagen. Herr Mayer antwortete keine Silbe; dieser Rat gefiel ihm noch weniger. Er ging zum dritten. Dieser schien ihm der wackerste Mann; er hatte einen ungarischen Namen und hieß Bardácsi. Er war Assessor des Kriminalgerichts, schrecklich grob mit denjenigen, auf welche er zürnte und wickelte sich das ganze Gericht um den Finger. Herr Mayer fand den würdigen Kriminalassessor vor einer Menge staubiger Papiere. Derselbe war gewohnt, daß, wenn er mit irgendeiner verwickelten Angelegenheit beschäftigt war, diese so sehr zu seiner eigenen zu machen, daß er völlig darin lebte; er war zornig, wenn er eine Rechtsverdrehung, auffallende Exceptiven sah und beruhigte sich nicht eher, als bis die gerechte Partei gewonnen hatte. Außerdem war er wegen seiner Unbestechlichkeit bekannt; wer ihm Dukaten brachte, den warf er hinaus und wenn schöne Frauen zu ihm kamen, um auf sein Urteil durch ihre Reize von Einfluß zu sein, so betrug er sich gegen sie so unhöflich, daß sie gewiß nicht ein zweites Mal kamen. Sobald Herr Bardácsi Herrn Mayer eintreten sah, nahm er das Augenglas ab, legte es in die geöffneten Akten, um später zu wissen, wo er unterbrochen wurde und schrie mit außerordentlich grobem Ton: Na, Freund Mayer, was giebt's? Herr Mayer freute sich über das Wort »Freund«, aber das war beim Assessor nur Redensart; so pflegte er auch seinen Schreiber, seinen Heiducken und die streitenden Parteien zu nennen, wenn er sie zornig anfuhr. Mayer brachte seine Klage mit Zuversicht vor, er setzte sich auch nieder, ohne daß ihm ein Sitz angeboten wurde, wie in den früheren glücklichen Zeiten, als sie noch Klubkollegen waren. Herr Mayer pflegte, wenn er sprach, niemals dem ins Auge zu sehen, an den er seine Worte richtete; durch diese Feigheit war er des Vorteils beraubt, die Wirkung seiner Worte an den Gesichtern abzulesen. Es mußte ihn daher sehr überraschen, als ihn am Ende seiner Rede Herr Bardácsi außerordentlich zornig anschrie: Wozu sagen Sie mir das alles? Herrn Mayer sank plötzlich der Mut, er konnte nicht antworten, sein Mund bewegte sich nur, wie bei gewissen Gipsfiguren. – Was! rief Herr Bardácsi mit noch größerer Anstrengung der Lunge, indem er vor den unglückseligen Klienten nahe hintrat und ihn mit weit geöffneten Augen ansah. Der unglückliche Mann sprang in seinem Schrecken vom Stuhl auf, auf welchem er unaufgefordert Platz genommen hatte und bemerkte: Ich bitte ergebenst, ich bin gekommen, um mir Ihren Rat zu erbitten, um Ihre Unterstützung. – Was? Sie glauben, daß ich Ihre Partei nehmen werde? rief der Assessor mit einer Stimme, als ob er einen Tauben vor sich hätte. – Ich glaubte, stammelte der unglückliche Familienvater, die alte Herzlichkeit, welche Sie früher meinem Hause erwiesen – Bardácsi ließ ihn nicht zu Ende reden. – Was? Ihr Haus! Damals war Ihr Haus ehrenhaft, jetzt aber ist es ein Sodom und Gomorrha, das den Narren der ganzen Welt offen steht; Sie haben Ihre vier Töchter der Hölle verlobt und sind jedem Menschen von gutem Gewissen ein Greuel; Sie verderben die Jugend der Stadt; wo es nur einen ausschweifenden Sohn und einen leidenden Vater giebt, dort nennt man Ihren Namen. Da brach Herr Mayer in Thränen aus und stammelte, daß er davon nichts wisse. – Mit was für einer schönen Familie hat Gott sie gesegnet und wie haben Sie dieselbe zum Gespötte der Welt gemacht. Sie haben mit der Unschuld, mit der Liebe und dem Seelenheil Ihrer Töchter Handel getrieben; Sie haben sie den Meistbietenden verkauft, versteigert, Sie haben sie gelehrt, wie sie auf der Gasse die Leute mit ihren Blicken fangen sollen, wie sie zu lachen, zu lächeln und den Leuten Liebe zu heucheln haben, die sie zum erstenmal sehen, wie sie lügen und Geld erpressen sollen. Der Unglückliche brachte schluchzend und mit erstickter Stimme einige Worte hervor, daß er das nie gethan habe. – Jetzt haben Sie noch eine Tochter, die jüngste, die schönste, die liebenswürdigste; als ich noch in Ihr Haus kam, war sie ein kleines Wickelkind, jedermann trug sie herum und liebte sie am meisten. Erinnern Sie sich noch daran? Und jetzt wollen Sie auch diese verkaufen? Und Sie sind bös und widerhaarig, wenn eine ehrenhafte Person das unglückliche Kind retten will, damit ihre Unschuld nicht beschmutzt werde, damit ihre Seele nicht in den Krallen junger Wüstlinge, Pflastertreter, nichtsnutziger Laffen dahinwelke, damit nicht ihr ganzes Leben unglücklich und schmachvoll, damit sie in ihrer Todesstunde nicht verlassen sei und dem Feuer der Hölle entgegensehe! Dagegen machen Sie noch Einwendungen? Freilich, man will Sie eines großen Schatzes berauben, den Sie teuer verkaufen können, dessen Preis Sie sich schon im voraus berechnet haben. Ist's nicht so? Herrn Mayer klapperten die Zähne vor Schrecken und Schauder. Mit strengem Tone fuhr der Assessor fort: Wenn Sie noch fähig sind, einen guten Rat anzunehmen, so sage ich Ihnen, geben Sie Ihr Kind Ihrer ehrsamen Schwester Therese; denn wenn Sie die Sache auf einen Prozeß ankommen lassen und noch fernere Einwendungen machen, Donnerwetter, dann lasse ich Sie einsperren. Mayer fragte in seinem Schrecken, »in welches Gefängnis?« Den Assessor überraschte diese Frage einen Augenblick, aber schnell fand er eine Antwort. – Ins Zuchthaus, wenn Sie wissen, was in Ihrem Hause vorgeht und ins Narrenhaus, wenn Sie's nicht wissen. Herr Mayer hatte genug. Er empfahl sich und ging. Kaum fand er sich zur Thüre hinaus und taumelnd gelangte er auf die Straße hinab, sodaß ihn die Leute für einen Betrunkenen hielten. Also von anderen mußte er erfahren, daß er kein ehrlicher Mensch sei; von fremden Lippen mußte er hören, daß man ihn verachte, verspotte, verfluche, daß man ihn für einen Kuppler halte, der seine eigenen Töchter verkauft, daß man sein Haus für das Verderben der Jugend halte. Er aber hatte geglaubt, er sei der beste Mensch von der Welt, dessen Haus man schätzt, dessen Freundschaft man sucht. Er überlegte, ob er Wohl noch den Fuß in jenes Haus setzen dürfe. Tieftraurig schlenderte er bis zum Teich in der Mühlau; wie schön ist dieser Teich, dachte er, wie viel schlechte Töchter könnte man da ertränken, man könnte gar selbst hineinspringen. Hiermit kehrte er um und eilte nach Hause. Zu Hause klagte und jammerte man noch immer über Theresens Forderung. – Arme Fanny, bei uns hat es die Dienstmagd besser, als du es bei Theresen haben wirst. – O, wie angenehme Tage wirst du verleben, den ganzen Tag stricken, nähen und abends bis zur Andachtsstunde der Tante vorlesen, bis sie einschläft. – Ich weiß, daß sie vor dir über uns fortwährend schlecht reden wird, du wirst uns so fremd werden, daß du uns gar nicht mehr anschauen wirst. – Arme Fanny, der alte Knochen wird dich sogar auch schlagen. – Arme Fanny! – Armes Mädchen! – Arme Schwester! Das Mädchen wurde durch dieses viele Seufzen mit Schreck erfüllt; endlich kam man überein, Fanny möge dem Vater – wenn dieser Theresen nachgeben sollte – sagen, sie wolle nicht hingehen, die übrigen werden dann schon ihre Partei nehmen. Eben hörte man Herrn Mayers Schritte auf der Treppe; den Hut auf dem Kopf trat er ein – in einem solchen Hause pflegt man ja nicht den Hut abzunehmen. Er wußte, daß ihm alle ins Gesicht sahen, er wußte auch, sein Gesicht sehe so verwirrt aus, daß alle erschrecken mußten, die ihn anblickten. Er schaute niemanden an und sagte bloß zu Fanny: Nimm Mantel und Hut und mache dich bereit. – Wozu Papa? fragte Fanny nach der Gewohnheit schlecht erzogener Kinder, die immer, wenn man ihnen etwas befiehlt, fragen: Wozu? – Du wirst mit mir gehen. – Wohin, Papa? – Zu der Tante. Alle bestrebten sich, Staunen auszudrücken, Fanny sagte furchtsam, mit niedergeschlagenen Augen und mit einem Bande spielend: Ich will nicht zur Tante gehen. Auf den, Tisch lag ein auseinander gelegter Stickrahmen. – Was hast du gesagt? fragte Mayer, sich zu dem Mädchen neigend, als ob er es nicht gehört hatte. Fanny blickte auf ihre Mutter und ihre Schwestern, und als sie den ermunternden Blicken derselben begegnete, sprach sie mutig und entschlossen: Ich will nicht zur Tante Therese gehen. – Wie? du willst nicht? – Ich will hier bleiben bei der Mutter und den Schwestern. – Bei deiner Mutter und deinen Schwestern? – und das werden, was sie sind? Hiermit ergriff er die Hand des Mädchens und einen Teil des Stickrahmens und bevor sie Zeit hatte, sich zurückzuziehen, schlug er sie so, daß ihm selbst das Herz brach. Die Schwestern warfen sich alle dazwischen, aber sie kamen ihm recht, den ganzen Stickrahmen zerbrach er an ihnen. Endlich kam auch die Frau hinzu. Vom Rahmen war schon kein Stück mehr ganz, darum schlug er sie mit der Faust, bis sie zusammensank. Diese Lektion mit gehörigem Maß hätte vor einigen Jahren noch von Nutzen sein können, jetzt verursachte sie nur Schmerzen. Herr Mayer sprach während der ganzen Scene kein Wort, er befriedigte nur seine Wut, wie ein seinem Käfig entkommenes wildes Tier. Hierauf faßte er Fanny bei der Hand und ohne daß er sie von jemandem Abschied nehmen ließ, schleppte er sie zu Theresen. Die geschlagenen Mädchen wünschten in ihrem Zorn, der Vater möge nie mehr zurückkehren. Dieser Wunsch ging auch in Erfüllung, denn Herr Mayer kehrte nie mehr zurück. Von der Stunde an war er aus Preßburg verschwunden. Niemand erfuhr, was mit ihm geschehen sei. Einige behaupteten, er sei in die Donau gesprungen, andere, er sei entflohen; und nach Jahren brachten Reisende die Nachricht, bald daß sie jemanden, der ihm ähnlich sah, in der Türkei, bald daß sie einen solchen in England gesehen hätten. 4. Der Versucher in der Kirche. Wiederum führte ihn der Teufel mit sich auf einen hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit; und sprach zu ihm: Dies alles will ich dir geben, so du niederfällst und mich anbetest. Na sprach Jesus zu ihm: Hebe dich weg von mir Satan! Guter Gott! wie viel näher sind die Reichen dem Himmelreich als die Armen. Wie viele Laster giebt es, denen der Arme verfällt und welche der Reiche nicht kennt. Hört man, daß reiche Leute stehlen? Daß der Trieb der Selbsterhaltung sie zu Schritten nötigt, die gegen Gottes Gebot sind und über welche die Welt ihr Verdammungsurteil spricht? Hat man je gehört, daß eine vornehme Dame ihre Tugend für Geld verkauft? Nein, das ist bloß des Verbrechen armer Mädchen. Seit erdenklichen Zeiten, seit man Geld und Liebe kennt, war die Liebe das Symbol der Gottheit und das Geld das des Teufels. Ist es so seltsam, daß man Gott für den Teufel hingiebt? Oft, sehr oft kommt dies vor. Und die Schande ist immer desjenigen, der verkauft , nie dessen, der kauft . Ein Mädchen ist bescheiden und fleißig, sie hat nie andere Beispiele vor sich gehabt, als die der Tugend, Geduld und Entsagung, das Gefühl für das Gute ist ihr ins Herz gepflanzt, sie errötet bei der geringsten unschicklichen Berührung, ihre Seele ist rein, ihre Tugend demantfest, ihre Liebe jungfräulich; aber wenn der Versucher sie auf den hohen Berg führt und ihr die reiche, die an Freuden und Genüssen unerschöpfliche Welt zeigt und zu ihr sagt: »Sieh, dies alles will ich dir geben, so du niederfällst und mich anbetest!« wie viele wird es da geben, die es nicht schwindelt und die sagen: »Hebe dich weg von mir Satan!« besonders wenn der Versucher in einer hübschen Gestalt mit einnehmendem Gesicht erscheint? Aber es ist bekannt, daß wer auf einer Höhe den Schwindel bekommt, sich zerschmettert und daß man immer hinab und nie hinauf fällt. – Und doch geben so viele dem Versucher so leicht nach und fallen. – – – – – Drei Jahre sind verflossen, seit Fanny bei ihrer Tante Therese wohnt. Diese drei Jahre waren auf das junge, noch lenksame Gemüt von großem Einfluß. Es ist eine alte Idee, daß die guten und schlimmen Neigungen im menschlichen Herzen, wie in einer Wiege, beisammen schlummern. Die Neigungen, welche gepflegt werden, wachsen und verlassen die Schwestern; die Erziehung macht die Folgerungen der Phrenologie zunichte. Fanny war die zarteste und sanfteste Jungfrau unter ihren berüchtigten Schwestern. Wären diese nicht vielleicht auch so geworden, wenn es jemand verstanden hätte, ihren Seelen die gehörige Richtung zu geben? Anfangs war Therese gegen sie streng und hartherzig und das brach den Trotz des Kindes. Sie sah ihr nicht den geringsten Fehler nach, bestimmte ihr für jeden Augenblick ihre Arbeit und verlangte dafür Rechenschaft, sie duldete nicht den geringsten Widerspruch, nicht die kleinste Laune, ihrer Wachsamkeit entging nichts, vor ihrem Scharfblick war keine Lüge möglich, sie durchschaute die Seele des Mädchens, einen unrechten Gedanken erfaßte sie im Keim und riß ihn aus; sie mußte erst das Unkraut ausjäten, um dann edlere Saat in dieses Gemüt zu legen. Die Erziehungsmethode dieser alten, lebensüberdrüssigen Tante ist gewiß unangenehm, aber sehr nützlich. Als das verwilderte Gemüt des Mädchens endlich gebrochen war und als sie wußte, daß es nichts nütze, das Gute zu heucheln, zu lügen, weil es ein Wesen giebt, das ihre Gedanken sieht, ihr nicht vergiebt und vielleicht auch ihre Träume belauscht – als sie sah, sie müsse wahrhaft und ehrlich sein, da machte Therese sie allmählich mit den Freuden dieser Gemütsänderung bekannt. Mit Fannys Aufrichtigkeit wuchs auch Theresens Vertrauen, Sie wurde nun oft sich selbst überlassen, ihren Arbeiten wurde nicht nachgeforscht, ihrem Wort wurde geglaubt und dadurch wurde das Gemüt des Kindes gehoben. Als sie sah, daß ihre strenge Erzieherin ihr vertraue, gelangte sie zum Selbstvertrauen . Und das ist ein kostbarer Schatz! – Schade, daß so wenige demselben ihre Aufmerksamkeit zuwenden. Therese sprach niemals mit ihr von ihren Schwestern; sie schien es sogar zu erraten, wenn Fanny an dieselben dachte und dann lenkte sie ihre Gedanken auf etwas anderes. Im Gefühl ihrer Reinheit sehnte sich Fanny später schon weniger nach den Schwestern. Als sie dann mit Theresens Erlaubnis irgend wohin ging, sah sie auf der Gasse Mathilde in einer offenen Kutsche fahren; erschrocken eilte sie in das Haus einer Bekannten und sagte: »wenn sie mich nur nicht gesehen hat.« So weit hatte sie es gebracht. Therese erfuhr dies, und seit der Zeit erwies sie sich gegen Fanny so zärtlich, wie noch nie. Das Mädchen setzte sich zur Arbeit und seufzte, Therese wußte jetzt gut, daß sie an ihre Schwestern denke. – Warum hast du geseufzt? fragte sie. – Arme Mathilde ! sagte das Mädchen, aufrichtig gestehend, woran sie denke. Sie bedauerte ihre Schwester, die in einer Kutsche fuhr und Brabanter Spitzen trug, während sie bei ihrer Handarbeit so glücklich war. Therese antwortete nichts, sie drückte nur das Kind zärtlich an ihr Herz. Gott belohnte sie für ihre dreijährigen Mühen, denn das Kind war gerettet und für eine glückliche Zukunft gewonnen. Die Armut ist kein so harter Schlag. Wer sie näher kennt, weiß, daß auch die Armut ihre Freude hat, die andere für noch so viel Geld nicht erkaufen können. Übrigens war Theresens Zustand kein so verlassener; sie bezog aus einer Lebensversicherungsanstalt eine Jahresrente von fünfhundert Gulden, wovon die Hälfte genügte, daß beide nicht nur leben konnten, sondern auch noch manches kleine Vergnügen hatten. Die bekannten Knaben und Mädchen kamen zusammen und es wäre ein Fehler, zu glauben, daß die einfachen Menschen sich nicht zu unterhalten verstehen. Die andere Hälfte wurde für Fanny zusammengespart. Außerdem hatte diese schon einen Erwerb, sie bekam für ihre Arbeiten Geld. Ihr im Wohlleben schwimmenden Menschen wißt nicht, welche Freude der junge Mann oder das junge Mädchen empfindet, wenn sie sich für ihre Mühen zum erstenmal belohnt sehen, welch, ein stolzes Bewußtsein es für sie ist, daß sie auf eigenen Füßen stehen und ohne Besitz, ohne die Gnade anderer leben. Und Fannys Arbeit wurde sehr gut bezahlt; das muß ich durch einen Umstand erklären, der mit den Personen unserer Geschichte in engerer Verbindung steht. Das Haus, in welchem sie wohnten, gehörte einem ungarischen Tischlermeister, Namens Johann Boltay , der noch mehrere Häuser in Preßburg besaß. Dieser reiche Handwerker hatte vor langer, langer Zeit, als er eben erst Meister geworden war, für Therese Sympathie gefühlt und um ihre Hand gebeten. Aber Theresens Eltern gaben ihm das Mädchen nicht, obwohl diese ihn wieder liebte, denn sie gehörten zu einer Beamtenfamilie und es schickte sich nicht, in eine solche einen Handwerker aufzunehmen. Boltay heiratete später eine andere, aber seine Ehe war unglücklich und unfruchtbar und nachdem seine Frau gestorben war, war er alt geworden und Therese auch. Diese hatte nie geheiratet, sie war alt und grau geworden, ohne ihre erste Liebe zu vergessen. – Inzwischen verarmte ihre Familie und sie war genötigt, ein Haus in der Vorstadt zu beziehen, wo sie jetzt schon seit fünfundzwanzig Jahren lebte, Boltay war indes reich geworden, kaufte das Haus, in welchem Therese wohnte und hatte dadurch Gelegenheit, für manche ihrer Bedürfnisse so zu sorgen, daß Therese es nicht zurückweisen konnte. Er ließ den Hof in einen Garten umwandeln, entfernte die Einwohner, die zu viel Lärm verursachten und nahm von ihr nur eine geringe Miete an. Übrigens sprachen sie nie zusammen, Boltay selbst wohnte in einem andern Teile der Stadt, in einem ebenfalls ihm gehörigen Hause, wo er ein Magazin hatte; trotzdem wußte er alles, was um Therese vorging, er erfuhr auch, daß sie Fanny zu sich genommen habe und seitdem schickte er oft einen jungen, wackern Gesellen hin, der, wie man sagte, sein Liebling war und den er als seinen Erben betrachtete, da er ohnedies keine Verwandten hatte. Es ist dies unser Bekannter, den wir im Wäldchen von Ermenon und dann in Paris als Kämpen der Mainvielle gegen die Catalani gesehen haben. Diesen jungen Menschen schickte Boltay oft zu Theresen, um bald die eine bald die andere weibliche Arbeit zu bestellen, welche Fanny machen mußte und die er dann sehr gut bezahlte. Er hatte es nicht gewagt, Theresen eine Unterstützung anzubieten, aber in solcher Art gegeben, mußte sie sie für das Mädchen annehmen. Dem aufmerksamen Beobachter hätte es auffallen können, daß weder Therese noch Boltay sich beunruhigten, wenn Sándor (dies war der Name des jungen Handwerkers) längere Zeit bei dem Mädchen verweilte, um mit ihr zu plaudern. Dachten sie sich vielleicht dabei etwas? Wahrhaftig, sie hätten ein schönes Paar abgegeben. Er war eine hohe, muskulöse, regelmäßige Gestalt mit krausem, blondem Haar und feurigen, blauen Augen, sein Gesicht war kühn, männlich, in seiner Haltung war nichts Nachlässiges, Gemeines, noch gesuchte Vornehmheit, sondern jene Sicherheit, welche die gleichmäßige Ausbildung des Geistes und des Körpers giebt. Das Mädchen war eine schlanke, ideale Gestalt mit schmachtenden, schwarzen Augen, einem vollen, frischen Gesichtchen, das selbst um die Augen nicht jene welken Ringe hatte, die so oft vorkommen. Sie hatte ein Wesen, das sogar in der großen Welt seine Wirkung nicht verfehlt hätte; sie würden wirklich gut zusammenpassen – er ist blond, sie braun, er hat blaue, sie schwarze Augen; er ist mutig, ernst, energisch, sie voll Leidenschaft und Gefühl – indes wer weiß, welches Schicksal ihnen beschieden ist! Unter den Bekannten, welche Therese zu besuchen pflegten, war ein kleines, bewegliches Männchen, das man nicht mit seinem Namen, sondern mit seinem Beruf zu nennen pflegte. Es war der Regens-Chori . Der wackere Regens-Chori hörte eines Nachmittags Fanny, als sie eben bei guter Laune war, singen. Vielleicht sang sie eben irgendein altes Lied, wie etwa: »Schöne Minka, ich muß scheiden,« aber den kunstverständigen Kapellmeister überraschte die schöne, wohlklingende, junge Stimme, er konnte sich nicht enthalten zu sagen, wie interessant es wäre, wenn Fanny die Arie aus Rossinis Stabat mater einstudierte, damit sie dieselbe in der Kirche singe. Therese schauderte bei dem Gedanken, Mathilde fiel ihr ein. Indes, es ist etwas anderes, auf offener Bühne, bunt herausgeputzt, vor lauernden Zuschauern Liebeslieder – und etwas anderes im Hause Gottes, hinter dem bergenden Gitter, vor andächtigen Betern ein erhebendes Lied zu singen. Aber der Böse, der sein Opfer sucht, um es zu verschlingen, findet es auch in der Kirche. Therese mußte also nachgeben, daß Fanny zum Regens-Chori ging, der sie mit Leidenschaft unterrichtete und in ihrem Lob unerschöpflich war. Das Mädchen ging selten allein zu ihm. Entweder Therese oder eine Freundin derselben, die fromme Frau Kram begleitete sie bis zur Wohnung des Regens-Chori und holte sie am Ende der Stunde wieder ab. Übrigens braucht man in den bürgerlichen Kreisen auf die Mädchen nicht so acht zu geben; eine Familie ist da auf die Tochter der andern so achtsam, wie auf ihr eigenes Kind, und sie kann ohne Mutter, ohne Gardedame überall erscheinen, denn sie findet überall ihre Schützer; in diesen Kreisen ist gegen die, welche mit Liebe handeln, ein sehr starkes Schutzzollsystem errichtet. Daß sich der Ruf von Fannys Schönheit und tugendhaftem Benehmen in der Stadt nicht verbreiten sollte, war gar nicht zu erwarten. Es giebt müßige Herren, die nichts anderes zu thun haben, als auf solche Entdeckungen auszugehen und die Zahl dieser Freudenjäger war durch den Landtag stark vermehrt. Wer hätte damals nicht die Mayerschen Mädchen gekannt! Und wer sie kannte, mußte doch auch erfahren, daß sie noch eine fünfte Schwester haben. Wo ist diese? Diese Frage kam natürlich oft vor. Die Mädchen machten kein Geheimnis daraus, sie sagten, bei wem sie sei, wo und wann man sie sehen könne. Das war mehr als Leichtsinn, es war Gemeinheit, Neid und Haß; Mathilde konnte nicht vergessen, daß Fanny ihr auf der Gasse ausgewichen und keine der vier Schwestern konnte es ihr verzeihen, daß sie einen Schatz besaß, den sie längst verloren hatten: die Unschuld. Welch ein Leckerbissen wäre sie für die Feinschmecker, welch eine seltene paradiesische Frucht! Ein fünfzehn- oder sechzehnjähriges Kind, eine aus dem Schmutz aufgelesene, gerettete Perle, ein zartes Herz, das vielleicht einem schmachtenden Jüngling aufbewahrt wird, der nur noch von Gott und Kinderspielen träumt! Welch ein Genuß wäre es, diese Wunderblume erbarmungslos zu pflücken, die Blätter dieser Knospe einzeln abzureißen, sie aufs neue in den Sumpf zu stoßen, welchem sie entrissen worden, sie mit den Künsten der Hölle bekannt und zum Opfer der verzehrenden Leidenschaften zu machen, die in verdorbenen Herzen wüten. Was versteht ihr von dem Genuß, Menschen, die ihr noch an alltäglichen Begriffen hängt, die ihr euch in ein Mädchen verliebt, sie heiratet und euch euer ganzes Leben hindurch plagt, um sie glücklich zu machen? Ihr könnt es nicht begreifen, welch ein Genuß darin liege, ein unschuldiges Herz der Freude einer Stunde zu opfern, in eurem Katechismus steht noch nicht der Satz: »ein Weib zu betrügen, ist keine Sünde; warum giebt sie nicht acht auf sich?« Alle Freudenjäger umstellten Fanny; die irrenden Ritter, die zu allem Zeit haben, umlauerten und umstellten sie auf Wegen und Stegen und überhäuften sie mit Schmeicheleien, Huldigungen und Anträgen; allein über ihrem auserlesenen Opfer leuchtete ein Stern, der es bewahrte, es war der Stern der Tugend. Die Merveilleux kamen alle Tage ärgerlicher zu Mayers und verspotteten sich einander wegen ihrer erfolglosen Versuche. Wie bei Wettrennen, machten sie auf Fannys Fall Wetten, die sie natürlich verloren. Endlich stellte einer der uns bekannten Dandys, Fennimore nämlich, den Grundsatz auf, ein direkter, offener Angriff führe bei den Weibern am sichersten zum Ziel. Er schickte daher eines Tages, als er erfahren hatte, daß Fanny allein zu Hause sei, derselben ein Bouquet aus den prächtigsten Treibhausblumen, zwischen welchen ein Liebesbrief verborgen war, mit dem Antrag, daß Fanny, wenn sie geneigt sei, Liebe mit Liebe zu vergelten, abends die Hinterthüre des Gartens offen lasse. Es giebt Fälle, in welchen solche Anträge am schnellsten zum Ziele führen. Überrascht nahm Fanny die Blumen an, und erst nachdem der Überbringer sich entfernt hatte, bemerkte sie den verborgenen Brief, den sie entsetzt, als hätte sie einige giftige Spinnen gefunden, fortschleuderte. Sie hielt sich durch diesen Brief allein schon beschimpft und eilte zur Nachbarin Kram hinüber, der sie den Vorfall schluchzend klagte. Bald kehrte auch Therese nach Haus zurück und untersuchte mit Hilfe der Nachbarin den noch versiegelten Brief, Fanny war untröstlich, als letztere ihr den Inhalt des Briefes vorschwatzte; sie glaubte ernstlich, sie sei durch die Annahme desselben auf ewig entehrt und trotz der Tröstungen der beiden frommen Damen war sie so sehr alteriert, daß sie die ganze Nacht im Fieber lag. So empfindlich ist die reine Seele, wenn sie zum erstenmal von Schmutz berührt wird. Die beiden Damen brüteten indes gegen den Urheber dieses Leids einen Racheplan aus. Sie ließen die Hinterthüre offen, lauerten, bis der Chevalier hereingetreten war und schlossen sogleich wieder zu. Sie selber ergötzten sich dann vom Fenster eines Dachzimmers aus an dem Anblick, wie der in die Falle geratene Verführer zappelte und als es endlich zu regnen anfing, gingen sie mit böser Schadenfreude schlafen, den Schlüssel zur Hinterthüre legte sich Therese unter das Kopfkissen und mit Freuden hörten beide, wie der Regen an die Fensterscheiben schlug. Diese Schlappe, welche der eine von ihnen erlitten hatte, stachelte die Hitze der anderen Freudenjäger nur mehr an. Vor einem unerfahrenen Kinde so durchzufallen, von alten Weibern gefoppt zu werden, dagegen sträubte sich der » esprit du corps « und zur Herstellung des Renommees der ganzen Klasse setzte Abellino große Summen auf die Wette, daß die paradiesische Schönheit binnen einem Jahre bei ihm wohnen werde. Natürlich war darunter keine Ehe verstanden. Am folgenden Sonntag sang Fanny in der Kirche das » stabat mater « wundervoll, sie erfüllte die Herzen durch ihren Gesang mit Andacht. Frau Kram saß in ihrem Sonntagsputz vor einem Seitenaltar und ergötzte sich an der schönen Stimme des Kindes, als sie neben sich jemanden entzückt flüstern hörte! O, wie prächtig, welch ein erhabener Gesang! Darauf mußte sie sich doch umwenden, um zu sehen, wer ihre Seelenfreude in solchem Maße teilte. Sie sah einen bescheiden gekleideten Herrn, der an seinem Hut einen Trauerflor trug und eben von seinen nach dem Himmel gewendeten Augen eine Thräne abwischte. Es war Abellino Karpáthi. – Nicht wahr, sie singt prächtig? sagte die gute Frau ganz stolz. – Wie die Engel! Ach Madame, so oft ich einen solchen Gesang höre, treten mir die Thränen in die Augen. Und der gefühlvolle Jüngling bedeckte sich die Augen mit seinem Taschentuch. Was mag den Armen so unglücklich machen? Dann ging er fort, ohne zur Frau Kram noch ein Wort zu sprechen. Diese wäre die ganze Woche hindurch beinahe gestorben vor Neugierde: was den rätselhaften Mann so bedrücke und ob er den nächsten Sonntag wieder in die Kirche kommen werde. In der That, er erschien wieder. Jetzt grüßten sie sich schon als alte Bekannte. – Sehen Sie, Madame, sprach der junge Ritter, mit trauriger Mine, vor zehn Jahren hatte ich eine Geliebte, eine Braut, die ebenso schön sang, das stabat mater klang von ihren Lippen ebenso herrlich, es ist mir, als ob ich sie selbst hörte. Gerade an dem zu unserer Hochzeit bestimmten Tage starb sie. Auf ihrem Totenbette ließ sie mich geloben, wenn ich ein junges, armes Mädchen fände, das diese heiligen Lieder so schön singt, zu ihrem Andenken jährlich dreitausend Gulden zu dem Zwecke zu widmen, daß jenes Mädchen Gelegenheit habe, sich in der Kunst mehr auszubilden und glücklich zu werden. Ich stellte zu ihrem Verlangen nur die Bedingung, daß das Mädchen unschuldig bleibe, wie sie es war, meine geliebte, unvergeßliche Maria. Der junge Mann preßte sich wieder das Sacktuch an die Augen. Welch ein wahrhafter Schmerz! dachte die Frau. – Mit Schmerz muß ich gestehen, fuhr der Dandy mit zitternder Stimme fort, daß ich acht Jahre hindurch den Wunsch meiner verstorbenen Braut nicht erfüllen konnte. Diejenigen, die ich mit meinen Wohlthaten überhäufte, machten zwar Fortschritte in der Kunst, aber sie strauchelten und fielen auf dem Wege der Tugend. Mit Schamgefühl denke ich an sie, obwohl es unter ihnen einige giebt, welche die Welt mit Ruhm bedeckt. Jeder neue Versuch, den ich gemacht habe, war nur eine Täuschung. Hier unterbrach er sich und ließ der Frau Kram eine ganze Woche Zeit, sich über seine Erzählung den Kopf zu zerbrechen. Aber diese sprach mit niemandem davon. Am nächsten Sonntag erschien Abellino wieder. Bis zum Ende des Gesanges schwieg er, man sah's ihm an, daß er gern etwas fragen möchte, es aber nicht wage. Endlich schien er doch Mut zu fassen. – Um Vergebung, Madame, daß ich Sie mit einer solchen Frage belästige. Nehmen Sie mir's nicht übel, Sie scheinen die Sängerin zu kennen? Ich habe mich mit meiner Gutherzigkeit so oft getäuscht, daß ich es kaum mehr wage, mich jemandem ohne vorläufige Erkundigung zu nähern; ich höre über die Familie des Mädchens die wunderbarsten Gerüchte, diese Leute sollen sich aus guten Sitten eben nicht viel machen. Auf dieses Wort wurde Frau Kram gesprächig. – Mögen die Verwandten des Mädchens was immer sein, mein Herr, sie lebt seit ihrer Kindheit nicht bei ihnen und ihre Seele ist so rein wie die jener Kinder, welche der Heiland zu sich kommen ließ, ihre Erziehung aber ist so streng, daß sie, wenn sie heute in was immer für einem Schicksal allein bliebe, nicht einmal durch den Schatten einer Sünde befleckt würde. – Ah, Madame, Sie machen mich ganz glücklich. – Wie so, mein Herr? – Endlich werde ich dem Geist meiner Maria willfahren können. Hiermit entfernte er sich und ließ der Frau abermals eine ganze Woche Zeit nachzudenken. Am nächsten Sonntag grüßte er die Frau schon mit herzlichem Zutrauen – Madame, ich habe mich überzeugt, daß Ihr Schützling meiner Unterstützung vollkommen würdig ist Dieses Mädchen wird einst eine berühmte Künstlerin und was sie über alle anderen erheben wird, eine tugendhafte Dame sein. Doch man muß auf sie gut acht geben Ich habe schon erfahren, daß reiche, junge Männer ihr insgeheim nachstellen. Geben Sie acht, Madame und sagen Sie den Leuten bei welchen das Mädchen lebt, daß sie sie gut beschützen mögen. Der Glanz pflegt auch den größten Charakter zu verblenden. Aber ich habe mir vorgenommen, sie vor den Nachstellungen, die ihr gemacht werden zu bewahren. Sie muß eine Künstlerin werden. Sie besitzt in ihrer Stimme einen solchen Schatz, daß diese Kavaliere, wenn sie einmal zu einer vollkommenen Künstlerin ausgebildet ist, mit allen ihren Einkäufen gegen sie nur als Bettler erscheinen werden, und wenn sie einmal in sich selbst die Quelle des Reichtums besitzen wird, dann wird für sie die Gefahr schwinden, mit welcher der Reichtum die Unschuld bedroht. Frau Kram glaubte die Sache vollkommen wohl zu verstehen, Sie sah schon sogar die Kirche für ein Theater an und erwartete, daß man Fanny applaudiere. – Binnen zwei Jahren kann sie eine vollkommene Künstlerin werden. Hierzu bedarf es nur des Fleißes und geringer Ausgaben, Letztere strecke ich gern vor, dein Gelöbnis gemäß, das ich meiner Braut gemacht habe. Ich will ihr nichts schenken, sondern bloß leihen; wenn sie einmal reich ist, dann wird sie mir zahlen, damit ich mit dem Geld wieder andere glücklich machen könne. Ich übergebe Ihnen monatlich dreihundert Gulden, damit Sie damit die Ausgaben für die Studien des Mädchens decken können; aber ich bitte Sie, sagen Sie ihr nicht, daß das Geld von einem Manne kommt, denn es ist möglich, daß sie es dann nicht annimmt. Nennen Sie ihr meine verstorbene Braut, Maria von Darvai, als die Senderin der Unterstützung. In der That schickt sie es auch aus dem Himmel. Ich fordere dafür nichts, als daß sie tugendhaft bleibe. Wenn ich das Entgegengesetzte erfahre, so ziehe ich meine Hand sogleich von ihr ab. Jetzt seien Sie so gut, den ersten Monatsbetrag sogleich von mir zu übernehmen und zweckmäßig zu verwenden. Noch einmal bitte ich Sie, mich nicht zu erwähnen; ich bitte dieses um des braven Mädchens willen. Die Welt würde gleich böses sprechen. Frau Kram übernahm das Geld. Warum hatte sie es nicht annehmen sollen? An ihrer Stelle hätte jedermann dasselbe gethan. Gab der geheime Wohlthäter etwa Anlaß zu einem Verdacht? Er wünscht ja unbekannt zu bleiben, er will sich ja dem Mädchen nicht einmal nähern, er macht ja selbst auf die Nachstellungen der Verführer aufmerksam und macht die tadelloseste Sittenreinheit zur Bedingung seiner Wohlthat. Was könnte man mehr verlangen? Frau Kram übernahm das Geld und nahm insgeheim für Fanny Musik- und Gesangsmeister auf, nur dieser allein setzte sie die Sachlage auseinander. Der Fehler war, daß sie Theresen keine Mitteilung darüber machte. Sie befürchtete, was auch sicher geschehen wäre, daß die strenge Dame das Geld zum Fenster hinauswerfen und sagen werde, ein ehrenhaftes Mädchen dürfe unter keinem Vorwande Geld nehmen, das ihr nicht auf ehrlichem, offenem Wege zukommt. Dazu kam noch die Frage in Bezug auf die Künstlerlaufbahn; Therese hätte es gewiß nicht zugegeben, daß Fanny eine Künstlerin werde. Doch die Sache konnte Theresen nicht geheim bleiben. Sogleich nahm sie die Veränderung wahr, welche in den letzten Tagen in Fannys Gemüt vorgegangen. Das Mädchen trug jetzt den Gedanken mit sich herum, sie besitze einen Schatz, der sie über alle Berufsgenossinnen erheben werde. Und von nun an hatte sie keine Lust mehr zu den einfachen Arbeiten und den armseligen Unterhaltungen, an welchen sie bisher Freude gefunden hatte; mit dem jungen Handwerker sprach sie nicht mehr so herzlich, oft war sie stundenlang in Träumereien versunken und dann pflegte sie ihrer Tante zu sagen, daß sie ihr ihre Bemühungen einst reichlich belohnen werde. Wie schauderte Therese bei diesen Worten. Das Mädchen träumt von Reichtum . Der Böse hatte ihr die Welt gezeigt und gesagt: »Siehe, dies alles will ich dir geben, so du niederfällst und mich anbetest.« Ihr aber fiel es nicht ein, zu sagen: »Hebe dich von hinnen, Satan.« Der Jäger hatte seine Falle gut gelegt. Von Dankbarkeit getrieben, bat das Mädchen die Frau Kram oft, sie möge sie zu der unbekannten Wohlthäterin führen, damit sie dieser ihren heißen Dank sage, sie um Rat und darum bitte, daß sie die Tante überrede. Das trieb nun die Frau so sehr in die Enge, daß sie endlich sagte, diese Wohlthaten kämen nicht von einer Dame, sondern von einem Manne, der nicht genannt sein wolle. Durch diese Entdeckung ward Fanny im ersten Augenblick sehr betroffen, aber bald war ihre Phantasie nur mehr gereizt. Wer kann der Mann sein, der sie glücklich machen will, ohne daß er sie zu sehen verlangt, der so vorsichtig ist, der sich so sehr fürchtet, dem fleckenlosen Ruf des Mädchens mit seinem ehrlichen Geschenke zu nahe zu treten, daß er nicht einmal seinen Namen nennt? Was ist natürlicher, als daß sich das Mädchen ihren unbekannten Gönner als ein Ideal vorstellte? Sie dachte sich ihn als einen hochgewachsenen, ernsten Mann mit blassem Gesicht, der nie lächelt, ausgenommen, wenn er Gutes thut, sie sah dieses Bild oft in ihren Träumen. Wenn sie auf der Gasse jungen Kavalieren begegnete, so blickte sie verstohlen hin, ob nicht einer derselben ihr geheimer Wohlthäter sei. Aber alle diese paßten nicht zu dem in ihrer Seele lebenden Bild. Endlich begegnete sie eines Tages einem Manne, dessen Gesicht, dessen Augen, dessen Blick ihrem Ideal angehörten. Ja, der muß es sein, ihr geheimer Schutzgeist, der nicht will, daß sie ihn kenne. Ja, von dieser Gestalt Pflegte sie zu träumen, von diesen blauen Augen, diesen edlen Zügen, von dieser männlichen Gestalt. Armes Mädchen! es war nicht ihr Wohlthäter, Rudolf von Szentirmay war's, der Gemahl Floras, der glücklichste und treueste Gatte, der an Fanny gar nicht dachte. Dem Mädchen ging es nicht mehr aus dein Kopfe, daß dieser ihr Wohlthäter sei. Unaufhörlich drang sie in die Frau Kram, sie möge ihr nur einmal von fern den Mann zeigen, der so geheimnisvoll für sie sorgt; aber als sich die fromme Frau endlich entschloß, dieser Bitte zu willfahren, war sie es nicht imstande, denn Abellino kam am Sonntag nicht mehr in die Kirche, selbst am ersten des nächsten Monats übergab er ihr das Geld durch seinen alten Kammerdiener. Welche feine Berechnung. Frau Kram konnte nicht anders glauben, als daß der unbekannte Herr sich wirklich hüte, sich dem Mädchen zu nähern, Ganz unterthänigst fragte sie daher den Kammerdiener, ob man seinen Herrn nicht einmal wenn auch nur von fern, einen Augenblick sehen könne. Der Kammerdiener antwortete sie könne seinen Herrn morgen in der öffentlichen Sitzung der Magnatentafel sehen, er pflege der fünften Säule gegenüber zu sitzen Ah, er ist also ein Magnat? Einer von den Vätern des Vaterlandes die Tag und Nacht darüber nachsinnen, wie sie das Land und das Volk glücklicher machen können! Dieser Umstand vermehrte ihr Vertrauen. Männer, denen das Schicksal des Landes anvertraut wird, können nicht leichtsinnig sein. – Wenn viele unserer Magnaten die Ehrfurcht kennten, welche das Volk für sie hegt so wären sie stolz darauf und würden sich bestreben, sie zu verdienen. Frau Kram setzte Fanny in Kenntnis, sie könne ihren unbekannten Wohlthäter morgen in der Magnatensitzung sehen, man werde sie unter der großen Menge gar nicht bemerken und das Ganze werde nur einige Augenblicke dauern So kam Fanny auf die Galerie des Magnatensaales, wo Frau Kram ihr den geheimen Wohlthäter zeigte. Fanny fiel aus den Wolken, sie hatte einen andern zu sehen gehofft den sie übrigens auch in dem Saale erblickte Das Gesicht welches Frau Kram ihr zeigte ließ sie kalt, es erregte sogar Mißtrauen und Furcht in ihrem Herzen. Sie drang in Frau Kram, mit ihr wieder fortzugehen und mit getäuschtem Herzen kehrte sie nach Hause. Hier gestand sie ihrer Tante alles, ihre Träumereien, ihren Ehrgeiz, ihre Enttäuschung. Sie gestand, daß sie auch jetzt noch liebe, einen Mann, der ihr Ideal sei, aber dessen Namen sie nicht kenne, sie bat ihre Tante, sie gegen sich selbst zu schützen, denn sie fühle, daß es ihr schwindle und daß sie ihr Herz verloren habe. Am andern Tag, als Frau Kram Fanny wieder zum Singmeister abholen wollte, fand sie Theresens Wohnung leer. Thüren und Fenster standen offen, die Möbel waren fort. Niemand wußte, wohin Therese mit Fanny gegangen sei; in der Nacht war ihr plötzlich der Einfall gekommen, auszuziehen, den Betrag der Miete erlegte sie beim Hausmeister und ihre Möbel ließ sie durch fremde Träger fortschaffen. Niemandem hatte sie gesagt, wo sie zu finden sein werde. 5. Saldiert. Wohin war Fanny mit ihrer Tante so plötzlich, so spurlos verschwunden? Therese hörte verzweifelnd die Geständnisse des Mädchens. Das Mädchen sagte ihr aufrichtig, sie liebe mit aller Glut ihrer Seele, ihres Herzens ein Ideal, einen Mann, den sie für ihren Wohlthäter gehalten habe, von dessen Güte und übermenschlich edlem Charakter sie seit Monaten träume, dessen Wohlthaten sie einst mit dankbarer Liebe hätte vergelten können – und jetzt, da sie erfahren, daß ihr geheimer Wohlthäter nicht derjenige sei, den sie einmal gesehen und seitdem nicht vergessen könne, sei in ihrem Herzen ein schauderhaftes Gefühl erwacht. Sie fühle, daß sie unrecht handelte, als sie von jenem Menschen, unter was immer für einem Vorwand das Geld annahm, sie fühle sich ihm verkauft, sie fürchte sich vor ihm, sie wage es nicht auf der Gasse zu erscheinen, um ihm nicht zu begegnen, sein Gesicht errege Mißtrauen in ihrem Herzen und sie schaudere vor dem Gedanken, daß jener Mensch an sie denke. Aber der Stachel sitze ihr doch im Herzen! – Das Bild jenes anderen, obwohl sie keine Veranlassung mehr habe, in ihm ihren Wohlthäter zu vermuten, könne aus ihrem Herzen nicht mehr verlöscht werden; sie kenne ihn nicht, wisse auch seinen Namen nicht, aber lieben werde sie ihn bis zu ihrem Tode, sie werde an dieser Liebe zu Grunde gehen, aber sie könne sich von dem Ideal in ihrem Herzen nicht mehr trennen. Armer Sándor. – – – Therese sah ihre vieljährigen Bemühungen plötzlich vernichtet. Also selbst in der Kirche ist das unschuldige Mädchenherz vor Angriffen nicht sicher. In ihrer Verzweiflung entschloß sie sich zu einem Schritt, den sie sonst im größten Elend nicht gethan hätte; sie ging zu Boltay, erzählte ihm alles und bat ihn, er möge das Mädchen schützen, denn Frauenschutz genüge hier nicht mehr. Boltay war mit Freuden bereit, dieses Amt zu übernehmen. Das Gesicht des derben Handwerkers wurde rot vor Zorn; an jenem Tage ging er gar nicht nach seiner Fabrik, um nicht mit irgend jemandem in Streit zu geraten; er ließ nur in derselben Nacht Theresens Möbel nach einem Flügel des Hauses bringen, in welchem er selbst wohnte. Hier soll nun jemand wagen ihnen nahe zu treten. Sándor erfuhr alles und ward davon sehr betrübt, aber er verdoppelte seine Aufmerksamkeit gegen Fanny. Liebten sie doch beide unglücklich, er das Mädchen und sie einen andern. Die beiden Alten, Boltay und Therese, hielten jetzt oft eine Art Familienrat, zu welchem zuweilen auch Sándor hinzugezogen wurde, der jetzt oft ungewohnte Gänge zu machen hatte. Die guten Alten bemühten sich, den Namen des unbekannten Magnaten in Erfahrung zu bringen. Wozu? sie wollten ihm das für Fanny ausgegebene Geld zurückerstatten. O, solches Geld darf man nicht schuldig bleiben; man muß es je früher je lieber zurückzahlen, in derselben Münzsorte, Gulden für Gulden. Aber wie war es möglich, diesen Namen in Erfahrung zu bringen? Fanny selbst wußte ihn nicht und sie wäre lieber gestorben, als den Fremden selbst nur ein zweites Mal zu sehen. Boltay ging in alle Kaffeehäuser und horchte, ob er nicht irgendwo von einem Bürgermädchen sprechen höre, das von einem reichen Herrn auf ihre Tugend Unterstützung erhalten habe. Man sprach nichts dergleichen. Das beruhigte ihn zwar, insofern er dadurch erkannte, daß man von der Geschichte noch nichts wisse, daß also das Übel noch nicht so groß sei. Aber der Name, der Name! Endlich kam Abellino diesen Nachforschungen selber entgegen. Sándor pflegte jeden Sonntag in die Kirche zu gehen, welche auch Frau Kram besuchte, und gab, an einer Säule stehend, acht darauf, mit wem die Frau sprechen werde. Am dritten Sonntag kam Abellino selbst hin. Die fromme Frau erzählte ihm die wunderbare Geschichte, Fanny sei mit ihrer Tante wahrend der Nacht plötzlich verschwunden; ihr hätten sie nicht gesagt, wohin sie zögen, was eben nicht schön sei von ihnen, aber sie vermute, die beiden seien zu Herrn Boltay gezogen und Therese verheimliche es gewiß, weil sie in ihrer Jugend mit Boltay ein Verhältnis gehabt habe, oder weil sie Fanny mit Herrn Boltays angenommenem Sohne verheiraten wolle; sie werde sich übrigens um die beiden gewiß nicht mehr kümmern. Abellino zerbiß sich die Lippen vor Wut, diese Philister haben gewiß von seinem Vorhaben Wind bekommen. – Was für ein Handwerker ist denn der Boltay? fragte er die Fran Kram. – Ein Tischler. – Ein Tischler? In einem Augenblick war in Abellinos Kopf ein neuer Plan fertig. – Na, behüt' Sie Gott, Madame, sagte er, und eilte fort. Die Frau Kram brauchte er nicht mehr. Sándor eilte ihm nach. Also endlich hatte er den Versucher in der Kirche gefunden. Abellino eilte nach der Ecke der Gasse, Sándor folgte ihm auf der Ferse nach. Dort stieg jener in seine auf ihn wartende Kutsche, Sándor warf sich in eine Mietkutsche und fuhr ihm nach. Beim Michaelisthor holte er ihn ein, hier stieg der Magnat aus und sein Wagen fuhr in den Hof. Ein großer Portier in langem pelzverbrämtem Rock stand im Thor. – Wer ist der Herr, der jetzt hineingegangen ist? fragte Sándor den Portier – Seine Gnaden, der Herr Abellino Karpáthi von Karpát. – Ich danke. Sogleich notierte sich Sándor diesen Namen, aber das war überflüssig. Nach Jahren, nach Jahrzehnten bliebe ihm dieser Name in die Seele gegraben, wie in die Rinde eines Baumes. Er behielt ihn mit jenem starken Gedächtnis, das dem Haß eigen ist, wie der Liebe. Sándor eilte mit seiner Entdeckung nach Hause. An diesem Tage sah im ganzen Hause jeder so verdrießlich aus, daß die Besucher beim Eintritt erschrecken mußten. Am folgenden Tage ging wieder jeder an seine Arbeit. Herr Boltay arbeitete, die Hemdärmel aufgeschürzt, mit seinen Gesellen um die Wette, aber vergebens begab er sich mitten in den Lärm, jedes Werkzeug schien ihm einen Namen ins Ohr zu schreien. Nie hatte er gedacht, daß der Hobel, die Säge bei der Arbeit sprechen, alle schrien ihm heute das Wort »Karpáthy« ins Ohr. Er rief den Gesellen zu, sie sollten mit ihren Werkzeugen keinen so häßlichen Lärm machen und die Gesellen verwunderten sich und fragten einander, ob der Meister etwa meine, daß sie mit den Hobeln und den Sägen Geigentöne hervorbringen sollten. Therese und Fanny saßen indes, mit Handarbeiten beschäftigt, an einem Fenster, das auf die Gasse ging; sie schwiegen, wie sie es seit einiger Zeit gewohnt waren. Da kam eine schone Equipage in die Gasse und Herr Boltay stand eben vor dem Hause. Fanny sah nach der Gewohnheit junger Madchen zum Fenster hinaus und erblickte den, der eben aus dem Wagen stieg. Erschrocken zog sie sich zurück, ihr Gesicht war erblaßt, ihre Augen starrten, die Arme sanken ihr in den Schoß. Das alles entging Theresens Aufmerksamkeit nicht. Sie hat ihn gesehen, er ist da! Das war ihr erster Gedanke. Sie zitterte. Wenn der Mensch hereintritt, wenn er es wagt, ihr vor die Augen zu kommen, dann wußte sie nicht, wie sie ihm begegnen werde; Wut, Schande, Verzweiflung tobten in ihrer Seele. Sie vergaß völlig, daß doch auch ein Mann im Hause sei, ein Mann, mit dem es nicht gut war zu spaßen, sie glaubte nicht anders, als daß sie allein den ganzen Kampf zu bestehen haben werde. Man hörte schon die Schritte des Ankommenden auf der Treppe, eine arrogante Stimme erkundigte sich draußen nach etwas, endlich hörte man ihn schon auf dem Flur. Ob er hereinkommen wird? Fanny sprang von ihrem Stuhl auf, stürzte zu den Füßen der Tante nieder, verbarg ihr Gesicht in deren Schoß und schluchzte. – Fürchte dich nicht, fürchte dich nicht, sprach Therese mit bebender Stimme und an allen Gliedern zitternd, ich bin hier. Aber jetzt hörte man schon im anstoßenden Zimmer, das Herr Boltay bewohnte, diesen und den Fremden miteinander sprechen. – Also Sie sind der Meister Boltay, sagte Karpáthi mit herablassendem Ton, Sie sind ein wackerer Meister, haben überall einen guten Ruf, Ihre Arbeit wird allenthalben geschätzt; Sie sind ein wackerer, ehrlicher Mann. Sie kommen gerade von der Arbeit, ich schätze die arbeitsamen Bürger sehr hoch. Herr Boltay war nicht der Mann dazu, sich vom ersten besten loben zu lassen und unterbrach diese Lobeserhebungen kurz. – Mit wem habe ich die Ehre zu sprechen? Was befehlen Sie? – Ich bin Abellino von Karpáthi, sagte der Fremde stolz. Herr Boltay wäre beinahe umgefallen, auf diese Überraschung hatte er nicht gerechnet. Der vornehme Herr bemerkte den Ausdruck der Überraschung in Herrn Boltays Gesicht gar nicht, oder that, als ob er ihn nicht bemerkte. – Ich bin hergekommen, fuhr er fort, um bei Ihnen eine ganze Einrichtung zu bestellen; persönlich komme ich, weil ich gehört habe, daß Sie sehr schöne Modelle zeichnen. – Ich zeichne sie nicht selbst, sondern mein erster Geselle, der in Paris gearbeitet hat. – Das gilt mir gleich. Ich bin gekommen, um von den Mustern eines auszuwählen, denn ich möchte eine einfache, aber doch nette bürgerliche Einrichtung, verstehen Sie? im bürgerlichen Geschmack, Ich will Ihnen sagen, warum. Ich will ein junges Bürgermädchen heiraten; verwundern Sie sich nicht, ich heirate ein Bürgermädchen auf gesetzlichem Wege. Ich habe dazu meine Gründe. Sehen Sie, ich bin ein Sonderling. Was ich thue, ist außerordentlich und kommt bei gewöhnlichen Menschen nicht vor. Mein Vater und alle Mitglieder meiner Familie waren Sonderlinge. Ich wollte einmal die Tochter eines Krämers heiraten, die in der Kirche so schön sang. – Aha, das alte Märchen! – Ich hätte sie geheiratet, fuhr der gesprächige Dandy fort – mit so schriller Stimme, daß in Theresens Zimmer jedes Wort gehört wurde – aber die Arme starb. Und ich habe damals gelobt, nicht zu heiraten, als bis ich ein Bürgermädchen fände, die ebenso tugendhaft, ebenso schön sei und das stabat mater ebenso schön singe, wie meine verstorbene Braut. Seit acht Jahren wandere ich in der Welt herum, ohne zu finden, was ich gesucht habe, denn entweder hat eine schon gesungen, war aber nicht schön, oder sie war schön und nicht tugendhaft, oder sie war tugendhaft, konnte hingegen nicht singen. Aber jetzt, mein Herr, habe ich in dieser kleinen Stadt gefunden, was ich so lange gesucht habe, ein Mädchen, das schön und tugendhaft ist und singen kann und die werde ich heiraten, jetzt bitte ich Sie nur zu raten, welche Einrichtung ich ihr zum Hochzeitsgeschenk kaufen soll. In dem anstoßenden Zimmer konnte man das alles ganz gut hören. Unwillkürlich bedeckte Therese Fannys Kopf, der in ihrem Schuß lag, als fürchte sie, die einfältige Fabel werde bei dem jungen Mädchen Glauben finden. Die jungen Mädchen sind ja so leichtgläubig; sie fragen sogar die Blumen, ob man sie liebe oder nicht, wie müssen sie es erst glauben, wenn ein Mensch es ihnen sagt. Herr Boltay sammelte sich während dieser Rede allmählich, ging ohne zu antworten zum Schreibtisch, suchte etwas und schrieb dann schnell einige Zeilen. Gewiß sucht er die Muster und schreibt einen Kostenüberschlag, dachte Abellino, der sich indes nach allen Seiten umschaute, um zu erfahren, ob dieser Philister viele Zimmer habe, in welchem Fanny sich befinde und ob sie seine Worte gehört habe. Der Meister war unterdes fertig geworden, winkte Abellino zu sich und zählte ihm aus einem Bündel Banknoten sechshundert Gulden, ferner vier Gulden in Silber und dreißig Kreuzer in Kupfermünze vor. Was will der Philister mit seinen schmutzigen Groschen? – Bitte, jetzt setzen Sie sich nieder, sagte Boltay, nachdem er mit dem Zählen fertig geworden war, und unterschreiben Sie diesen Empfangschein. Derselbe lautete auf einen Betrag von sechshundert Gulden und auf vier Gulden und dreißig Kreuzer als Interessen, welche Summe der Unterfertigte dem Fräulein Fanny Mayer geliehen und von derselben richtig wieder erhalten habe. Abellino war betroffen; darauf war er nicht gefaßt, daß diese dummen Philister seinen Plan durchschauen würden. Bei solchen Gelegenheiten ist es jedenfalls das beste, den Beleidigten zu spielen. Schweigend und mit vornehmer Miene sah Abellino auf den Tischlermeister herab, ließ seine Reitgerte in der Luft zischen, wie zum Zeichen, daß es schade sei, hier ein Wort zu verlieren und wandte sich um, um fortzugehen. Hierbei herrschte tiefe Stille und die im anstoßenden Zimmer befindlichen Damen horchten pochenden Herzens auf diese Ruhe, die der Vorbote eines Gewitters zu sein schien. Als Boltay sah, daß der Dandy fortgehen wolle, sagte er mit nachdrucksvollem Ton: Herr, nehmen Sie das Geld und unterschreiben Sie die Quittung, sonst werden Sie es bereuen. Karpáthi warf einen Verachtungsvolleu Blick zurück, ging hinaus und schlug die Thüre hinter sich zu. Erst als er in seiner Equipage saß, fiel es ihm ein, daß er dem Menschen hätte eine Ohrfeige geben sollen. Indes war es gut für ihn, daß er dieses unterlassen hatte. Aber wer hätte es auch von dem kräftigen Tischler erwartet, daß er trotz seiner aufbrausenden Natur dem überraschten Courmacher so ohne allen Zornesausbruch seine Meinung zu erkennen geben werde! Abellino wagte es nicht, seinen Gefährten zu erzählen, wie Boltay ihn behandelt habe. Übrigens war die Sache noch nicht abgethan. Der wackere Tischlermeister legte das Geld nicht wieder in seine Kasse zurück, sondern ging damit zu der Redaktion der Preßburger Zeitung und ließ in die Spalten derselben folgende Erklärung einrücken: »Ein hiesiger Bürger hat sechshundert und vier Gulden und dreißig Kreuzer dem hiesigen Bürgerspitale übergeben, welche Herr Bela von Karpáthi der angenommenen Tochter des besagten Bürgers zu schenken die Güte hatte, die jedoch letzterer einem frommeren Zwecke zu widmen für gut fand.« Die Affront war in der Geschichte der Gesellschaft unerhört. Die Sache machte viel von sich reden, der ausdrücklich angegebene Name war in den höhnen Kreisen wohlbekannt, man lachte und ärgerte sich über die seltsame Erklärung, einige Witzlinge von der Magnatentafel gratulierten Abellino im Namen der leidenden Menschheit und die jungen Riesen feuerten ihn an, daß er diesen Schimpf nicht ungerächt lasse und er kam endlich auf den Gedanken, den Tischlermeister Boltay – herauszufordern. Er hatte hiermit keine andere Absicht, als den Philister zu erschrecken und kirre zu machen, daß er zu Kreuze krieche. Es war zu vermuten, daß der Tischlermeister das Duell nicht annehmen, sondern lieber Erklärungen geben und um Vergebung bitten werde, dann wird man, dachte Abellino, zur Versöhnung ein Glas Wein trinken, den die kleine Spröde einschenken wird. Das übrige wird sich dann schon von selbst geben. An einem Nachmittag schickte Abellino seine Sekundanten zu dem Tischlermeister. Der eine hieß Livius, eine Autorität in Duellsachen, dessen Ausspruch in allen das Point d'Honneur betreffenden Angelegenheiten als Gesetz galt; der andere war ein ungarischer Magnat, Namens Konrad, eine ungeheuere, athletische Gestalt, den jede herausfordernde Partei bei solchen Gelegenheiten als Sekundanten zu wählen Pflegte, wo von dem Herausgeforderten rohe Zurückweisungen zu befürchten waren. Er besaß ein imponierendes Gesicht und seine Stimme wäre fähig gewesen, selbst Bären in ihre Höhlen zurückzujagen. Diese beiden ehrenwerten Ritter verfügten sich also, zum Überfluß noch mit einer geschriebenen Herausforderung versehen, in die Wohnung des Herrn Boltay. Der Meister war nicht zu Hause. Er war gerade an demselben Tage frühmorgens mit Theresen und Fanny weggefahren und hatte sich, nach den Reisevorbereitungen zu schließen, auf längere Zeit entfernt. In Herrn Boltays Zimmer, in welches die beiden Secundanten eingetreten waren, saß Sándor allein, mit Modellzeichnungen beschäftigt. Die beiden Gentlemen grüßten, der junge Mann ging ihnen, ihren Gruß erwidernd, entgegen, und fragte, was sie befehlen. – Junger Mensch, begann Konrad mit donnernder Stimme, wohnt hier der Meister Boltay? – Ja, antwortete Sándor, und dachte, es wäre nicht notwendig, so zu schreien. Konrad blickte umher, wie der Riese im Märchen, der Menschenfleisch wittert, und sagte: Der Meister soll hergerufen werden. – Er ist nicht zu Hause. Konrad winkte Livius und sprach zu diesem: Habe ich es nicht gesagt? Dann legte er eine Faust auf den Tisch, hielt die andere auf seinen Rücken, bückte sich nieder, sah dem jungen Menschen drohend ins Gesicht und fragte: Wo ist der Meister? – Das hat er mir nicht anvertraut, antwortete Sándor, der sich so beherrschen konnte, daß er nicht einmal eine Miene änderte. – Gut, sagte Konrad, das versiegelte Schreiben herausnehmend; wie heißen Sie, junger Mensch? Sándor sah den Fragenden mit Staunen und mit Ärger an. – Na na, erschrecken Sie nur nicht, sagte Konrad, ich will Ihnen nichts zuleid thun; Sie werden doch wohl einen Namen haben? – Jawohl, ich heiße Barna Sándor. Konrad notierte sich den Namen und dann faßte er den Brief feierlich am Rande. – Hören Sie, werter Herr Barna Sándor (das Wort »Herr« war mit Nachdruck gesprochen, damit der Bursche begreife, wie sehr er dadurch geehrt werde), dieser Brief, ist an Ihren Meister gerichtet. – Sie können mir ihn kühn übergeben. Herr Boltay hat mich bevollmächtigt, in seiner Abwesenheit alle seine Angelegenheiten zu erledigen. – So übernehmen Sie diesen Brief, sprach Konrad mit donnernder Stimme und war im Begriff, noch viele imposante Dinge vorzubringen; doch er wurde durch Sándors indiskretes Beginnen außer Fassung gebracht, der den an seinen Meister gerichteten Brief erbrach und las. – Was thun Sie, riefen beide Zeugen auf einmal. – Ich bin von Herrn Boltay bevollmächtigt, während seiner Abwesenheit alle für ihn ankommenden Briefe zu lesen und etwaige Forderungen zu berichtigen. – Aber das ist keine solche Forderung, wie Sie denken. Das ist eine Privatsache, eine persönliche Angelegenheit, die Sie nichts angeht. Sándor hatte jetzt den Brief durchgelesen und trat vor die beiden Zeugen hin. – Ich stehe Ihnen zu Diensten, meine Herren. – Was meinen Sie? – Herr Voltay hat mich zur Berichtigung aller an ihn gestellten Forderungen bevollmächtigt. – Nun? – und dann? – Ich bin, sagte Sándor, den geöffneten Brief mit der Hand glättend, bereit, diese Forderung wo und wann immer zu berichtigen. Konrad schaute Livius an. – Dieser Bursche scheint mit uns zu scherzen. – Ich scherze nicht, meine Herren, ich bin seit gestern der öffentliche Kompagnon des Herrn Boltay und einer steht jetzt für den andern ein, mag was immer für eine Forderung an uns gestellt werden. Konrad begann zu zweifeln, ob der Geselle bei gesundem Verstand sei, oder ob er lesen könne. Er schrie ihn an, mit den Worten: Haben Sie den Brief gelesen? – Ja, er enthält die Herausforderung zu einem Duell. – Nun, und mit welchem Recht wollen Sie diese an einen andern gerichtete Herausforderung annehmen? – Weil der Herausgeforderte mein Compagnon, mein Adoptivvater und nicht anwesend ist und weil alles Glück oder Unglück, das ihn treffen kann, auch mich trifft. Wäre er hier, so würde er selbst für sich einstehen, so aber ist er abgereist und ich habe meine Gründe, nicht zu sagen wohin und auf wie lange er abgereist sei. Es bleibt somit nichts anderes übrig, als daß die Herren entweder die Herausforderung zurücknehmen oder mich als Gegner annehmen. Konrad zog Livius auf die Seite, um von ihm zu erfahren, ob das mit den Gesetzen des Duells übereinstimme, Livius erinnerte sich an solche Falle, die aber nur zwischen Edelleuten vorgekommen waren. – Hören Sie, Barna Sándor, sagte Konrad, was Sie uns da anbieten, ist nur zwischen Edelleuten üblich. – Meine Herren, die Herausforderung kommt ja nicht von mir, sondern von Ihnen. Darauf konnten die Herren nicht gleich antworten. Konrad kreuzte seine mächtigen Arme über der breiten Brust und schrie, sich vor den jungen Mann hinstellend: Können Sie fechten, können Sie schießen? – Ich habe bei Waterloo mitgefochten und die Verdienstmedaille erhalten. Konrad schüttelte den Kopf. – Sie wollen sich also für Ihren Meister schlagen? Sie scheinen ein Raufbold, ein kecker Bursche zu sein; bedenken Sie, daß das Duell kein Krieg ist, wo nur von der Ferne geschossen wird, wo man sich vor der Kugel niederducken kann und wo man noch zwei, drei Reihen vor sich hat; im Duell steht Mann gegen Mann, Pistole gegen Pistole, man hat da den Degen des Gegners kaum eine Spanne weit von der unbedeckten Brust, man kann da niemanden zu Hilfe rufen und ist sich selbst überlassen. – Nun? Sándor konnte sich nicht enthalten zu lächeln. – Das ist mir alles eins, meine Herren, ich kann schießen, fechten und treffe meinen Mann sogar auch mit Zwiebeln. Konrad stutzte. – Diable! dieser Mensch macht eine Anspielung. Er erinnerte sich, daß ihn im Catalani-Mainvielle-Krieg jemand mit einem Zwiebelkranz unbarmherzig geschlagen habe. Livius sprach mit kaltem Amtston: Wer werden Ihre Sekundanten sein? Nennen Sie zwei Ihrer Bekannten. – Meine Bekannten sind lauter friedliche Handwerker, die ich nicht in eine so gefährliche Angelegenheit verwickeln will. Es kann sich ereignen, daß ich den Herausforderer erschieße und in dem Fall will ich nicht die Ursache sein, daß zwei unschuldige Menschen fliehen müssen; seien Sie daher so gut, mir in Ihren geschätzten Kreisen zwei Sekundanten zu wählen, ich nehme sie an, seien sie wer immer, Herren wie Sie können sich in solchen Fällen leichter aus der Verlegenheit ziehen. – Über Ort und Zeit werden wir Sie bald in Kenntnis setzen, sagte Livius. Und hierauf entfernten sich beide. – Dieser Bursche hat das Herz eines Edelmannes, sagte Livius zu Konrad im Fortgehen. – Wir wollen sehen, ob er es auch morgen haben wird. Noch am Abend desselben Tages kam ein Heiduck in silbergestickter Montur in Boltays Wohnung und erkundigte sich nach Barna Sándor. Er hatte einen Brief in der Hand. – Ich bitte höflichst, sagte der Heiduck mit einem Tone, der bewies, daß er an ein ordentliches Benehmen gewöhnt war, haben Sie bei Gaudcheux in Paris gearbeitet? – Jawohl. – Sind Sie vor ungefähr drei Jahren im Wald von Ermenon drei ungarischen Herren begegnet? – Ja, sagte Sándor, der erstaunte, daß sich jemand an einen so geringfügigen Vorfall erinnerte. – Dann sind Sie derjenige, an welchen dieser Brief adressiert ist, sagte der Heiduck, den Brief übergebend; ich bitte, ihn gleich zu lesen, ich warte auf Antwort. Sándor erbrach den Brief und ein Ausruf der Überraschung entfuhr ihm, sobald er vor allem nach der Unterschrift gesehen hatte. Er sah da zwei Namen unterschrieben, die bei allen, welche sich für ehrenhafte, aufgeklärte und für gute Patrioten hielten, in hohem Ansehen standen: Rudolf und Nikolaus . Was können sie dem armen Jungen schreiben? sie, die Großen, die Gefeierten der Nation, die Helden des Tages, einem armen unbekannten Arbeiter. Der Brief lautete, wie folgt: »Sie sind ein wackerer Mann, Sie haben recht gehandelt. An Ihrer Stelle hätte jeder von uns dasselbe gethan. Wenn Sie unseren Beistand annehmen, so sind wir als alte Bekannte bereit, Ihnen den ritterlichen Dienst, dessen Sie jetzt bedürfen, zu leisten.« Sándor faltete den Brief ruhig zusammen. – Ich fühle mich durch den Antrag der gnädigen Herren sehr geehrt, sagte er zu dem Heiducken und nehme ihn von ganzem Herzen an. Der Bote verneigte sich artig und ging fort. Nach einer halben Stunde kamen Rudolf und Nikolaus. Ersterer sagte, sie brauchten eine schriftliche Vollmacht von Sándor, damit Konrad und Livius ihm nicht Sekundanten gaben, die er nicht wünsche. – Also bieten sich auch noch andere als Sekundanten an? – O genug. Die jungen Riesen reißen sich um das Vergnügen, bei der Tragikomödie zugegen zu sein, wie sie es nennen. – Es wird keine Tragikomödie sein, das sage ich. – Eben um dieser Auffassung entgegenzutreten, haben wir uns bewogen gefunden, Ihnen unsere Dienste anzubieten. Wir finden kein Vergnügen daran, Menschen gegeneinander zu hetzen und Duelle zu befördern, was man in unseren Kreisen leider für die beste Unterhaltung ansieht; wir halten es für unsere ritterliche Pflicht, durch die Dienste, welche wir Ihnen anbieten, den unpassenden Späßen entgegenzutreten, welche unsere leichtblütigeren Freunde vorhaben. Wir können nicht mit Bestimmtheit angeben, worin diese beabsichtigten Späße bestehen sollten. Einige wollten mit dem Burschen eine großartige Komödie aufführen, der es wagte, den Handschuh eines Edelmannes aufzuheben. Sie wollten ihn mit Todesangst peinigen und auf ihn, wenn er vor Schreck halbtot wäre, eine mit Flaumfedern geladene Pistole abfeuern und dergleichen mehr. Solche Anträge wurden freilich nur von den Leichtsinnigsten unter den jungen Riesen gemacht, aber dennoch gab die Stimmung im allgemeinen zu der Vermutung Anlaß, daß dieses Duell von seiten des Herausforderers mehr für einen Spaß, als für eine ernste Angelegenheit gehalten wurde. Gewiß hatte niemand die Absicht, den armen Handwerksgesellen zu erschießen, auch war es nicht wahrscheinlich, daß er mit seinen von der Arbeit steifgewordenen Händen und einer neuen Pistole jemanden in einer Entfernung von dreißig, vierzig Schritten treffen könne; man wollte ihn nur ein bißchen erschrecken, damit er ein anderes Mal nicht wieder Lust habe zu Unterhaltungen, die für ihn nicht passen. Aus dieser Verlegenheit wollten die beiden ritterlich gesinnten jungen Männer den wackern Handwerker ziehen. Es hätte ihnen wehgethan, wenn dieser edelgesinnte junge Mann das Opfer der unzarten Spöttereien ihrer Genossen geworden wäre; lieber wollten sie, daß das Duell ernst und in aller Ordnung vor sich gehe. Sándor dankte ihnen für ihre Güte und es that ihm sehr Wohl, daß sie kein Wort verloren, um ihm Mut zu machen. Am andern Morgen erschienen die jungen Männer sehr zeitig. Sándor erwartete sie bereits und versiegelte nur noch einige Briefe, die er während der Nacht geschrieben hatte; der eine war an Herrn Boltay gerichtet und enthielt den Bericht über die Angelegenheiten des Hauses, in dem andern bat er Fanny, sie möge seine kleinen Ersparnisse als Vermächtnis von ihm annehmen. Diese Briefe übergab er, nachdem er sie zusammen in ein Couvert gethan hatte, dem Hausmeister mit dem Bedeuten, er möge sie, wenn er sie nicht bis zwölf Uhr zurücknähme, den Betreffenden zusenden. Hierauf setzte er sich in die Kutsche, in welcher Rudolf und Nikolaus auf ihn warteten und fuhr mit ihnen fort; in einiger Entfernung folgte ihnen in einer andern Kutsche der Chirurg. Die jungen Männer nahmen mit Staunen wahr, daß sich in dem Gesicht des Handwerkers keine Spur von Angst zeigte, daß er sich so kalt, so ruhig benahm wie einer der an solche Situationen gewöhnt ist. Er sprach mit ihnen unbefangenen Tones von den gewöhnlichsten Gegenständen und als sich das Gespräch den an der Tagesordnung befindlichen Landes- und Humanitätsfragen zuwendete, sprach er davon mit solcher Begeisterung, wie einer, der noch ein vieljähriges Glück vor sich sieht, – er aber hoffte keinen Tag mehr. Es war noch sehr früh, als sie über die Brücke nach der Au fuhren, dort stand eine Hütte, wo man Erfrischungen bekam. Die jungen Männer ließen die Kutsche halten und fragten Sándor, ob er nicht frühstücken wolle. – Ich danke, antwortete er; man könnte meinen, ich brauche eine Herzstärkung. Später – oder vielleicht auch dann nicht, fügte er leichtmütig hinzu. Von hier gingen sie zu Fuß durch den Wald nach dem anberaumten Platz, wo auch bald der Gegner mit seinen Zeugen ankam. Es war ein düsterer, trüber Morgen, der mit der Stimmung unserer jungen Männer vollkommen übereinstimmte. Die Gegner kamen lachend und voll übermütiger Laune durch das Silberpappelgehölz; es waren Abellino, der riesige Konrad, Livius, ein Chirurg und ein Diener. Letzterer trug ein paar große Pistolen im Futteral und die Instrumente des Chirurgen. Die vier Zeugen verfügten sich in die Mitte des Platzes, sprachen leise miteinander und schienen sich über einige gemeinschaftliche Punkte zu beraten, wie der Ausgangspunkt, die Schußweite und wer den ersten Schuß haben solle. Die Ausgangspunkte wurden auf eine Entfernung von fünfundvierzig Schritten bemessen, die Grenze, bis zu welcher der Duellant vorwärtsgehen durfte, auf fünfzehn Schritte. Während dieser Beratung nahm Abellino seine Schneller mit gutgezogenen Läufen vor und produzierte sich vor der Gesellschaft. Seinem Bedienten befahl er, Lindenblätter vor ihm in die Luft zu schleudern und er traf sie dreimal nacheinander. Daß geschah nur, um der Gegenpartei Schrecken einzujagen. Nikolaus erriet diesen Zweck und flüsterte dem Handwerker beruhigend ins Ohr: Sie werden nicht mit jenen Pistolen schießen, sondern mit den unserigen, die ganz neu sind und mit welchen man keine solchen Bravourschüsse machen kann. Sándor lächelte bitter. – Mir ist alles eins. Mein Leben ist mir nicht teurer, als jene durchschossenen Blätter. Nikolaus sah dem jungen Mann tief ins Auge. Er begann zu vermuten, daß dieser noch einen andern Grund habe zur Annahme des Duells, als die Ehre der gemeinschaftlichen Firma. Der Pflicht gemäß, versuchten es die Zeugen vor allem, die Parteien miteinander auszusöhnen. Abellino machte sich anheischig, die Herausforderung unter folgenden zwei Bedingungen zurückzunehmen: 1) wenn die herausgeforderte Partei im Namen des Herrn Boltay erklärt, daß dieser niemals die Absicht gehabt habe, ihn zu beleidigen; 2) wenn der Meister Boltay in derselben Zeitung, in welcher er die beleidigende Erklärung veröffentlichte, selbst erklärt, daß Karpáthi die fragliche Summe seiner Pflegetochter aus der edelsten, rein kunstfreundlichen Absicht gegeben habe. Sándors Zeugen setzten ihn von diesen Bedingungen in Kenntnis. Er Wies gleich die erste zurück. Boltay habe ihn nicht beleidigen wollen? Das wollte er deutlich und mit klarstem Selbstbewußtsein, er macht diese Absicht seines Meisters zu der seinigen und widerruft sie nicht. O, dieser Mensch hat mehr Gründe zu dem Zweikampf, als bloße Streitlust. Hier bleibt nichts übrig, als zu schießen. Der Trotz des Gegners ärgerte die Sekundanten Abellinos, Jetzt muß er erst recht gequält werden. Konrad schrie mit Stentorstimme dem Chirurgen zu: – Sind Ihre Werkzeuge da? Legen Sie sie heraus halten Sie sie bereit. Was? Warum haben Sie die Beinsäge nicht mitgebracht? Sie sind ein Mensch ohne alle Überlegung, mein Freund. Man bekommt in einem Duell nicht immer die Kugel in den Kopf oder ins Herz, man kann auch am Fuß oder am Arm getroffen werden; und wenn dann der Verwundete erst in die Stadt gebracht und nicht gleich amputiert wird, so schlägt der Brand hinzu. Jetzt fehlte nur noch, daß Sie auch den Kugelzieher vergessen hätten, dessen wir in jedem Falle bedürfen. – Auf den Platz! auf den Platz, meine Herren! rief Rudolf, um dieser rohen Quälerei ein Ende zu machen. Abellino traf eben das vierte Lindenblatt in einer Entfernung von fünfundzwanzig Schritten. – Diese Pistolen müssen Sie weglegen, sprach Rudolf, denn sie sind Ihnen schon bekannt. Unsere hingegen sind ganz neu. – Gut, sagte Konrad, eine sickere Hand trifft auch mit diesen ihr Ziel; du mußt nur acht geben, fuhr er, zu Abellino gewandt fort, daß du beim Zielen den Arm nicht von oben nach unten, sondern von unten nach oben bewegst; auf diese Weise triffst du den Gegner, wenn du ihm gerade auf die Brust zielst, in den Bauch, wenn die Pistole nach unten stößt und ins Gehirn, wenn sie nach oben stößt. Inzwischen wurden die Pistolen geladen, wobei die Kugeln vor den Augen aller hineingegeben wurden. Hierauf wählte jede der beiden Parteien eine Pistole und dann stellten sich die beiden Gegner an den Ausgangspunkten auf; die Barrieren waren mit weißen Taschentüchern bezeichnet. Die Zeugen zogen sich zurück, nach der einen Seite die der einen, nach der andern die der Gegenpartei, Konrad zog sich hinter eine dicke Pappel zurück, die seinen breiten Körper möglichst deckte. Zum Zeichen des Beginns klatschte er dreimal mit den Händen. Sándor blieb einige Sekunden auf seinem Platz stehen, die Pistole in der herabhängenden Hand haltend. Auf seinem Gesicht lag kalte Ruhe, Wehmut könnten wir es nennen, wenn diese nicht eine Art von Feigheit wäre. Abellino machte langsam einige Schritte nach vorwärts, indem er mehrmals die Pistole zum Zielen ans Auge setzte, als ob er plötzlich schießen wollte, dies ist für den Gegner die größte Pein, welche den Feigherzigen gewöhnlich veranlaßt, näher heranzukommen, und so, wenn er nicht getroffen hat, dem Gegner einen großen Vorteil zu verschaffen. Dazu mußte man das boshafte Lächeln, den Hohn sehen, mit welchem Abellino seinen Gegner zu verwirren trachtete. Schießt er doch sogar das fliegende Blatt aus der Luft herab! Armer Junge! seufzte Rudolf leise und Nikolaus wollte schon Karpáthi zurufen, in einem ritterlichen Duell sei es nicht erlaubt, den Gegner auf irgendeine Weise zu reizen. Indes ging Sándor auf einmal mit festen, ununterbrochenen Schritten zu seiner Barriere vorwärts, blieb da stehen, erhob die Pistole und zielte. In seinen Augen loderte ein außerordentliches Feuer, seine Hand zitterte nicht. Das ist eine ungewöhnliche Kühnheit. Vor dem ersten Schuß Pflegt kein Duellant bis zu seiner Barriere vorzutreten; denn, wenn er dieses thut, giebt er, falls er nicht getroffen hat, dem Gegner einen großen Vorteil in die Hand; diese Kühnheit veranlaßte Abellino, da stehen zu bleiben, wo er noch sechs Schritte bis zu seiner Barriere hatte. Im nächsten Augenblick krachte ein Schuß, worauf binnen anderthalb Sekunden ein anderer folgte. Die hinzueilenden Zeugen fanden Sándor aufrechtstehend. Abellino hingegen hatte dem Gegner den Rücken zugekehrt und hielt sich sein linkes Ohr mit der Hand. Die Chirurgen eilten zu letzterem. – Sind Sie verwundet? – Es ist nichts, es ist nichts, sagte er, und hielt sich fortwährend das linke Ohr. Die verfluchte Kugel ist mir gerade vor dem Ohr vorübergeflogen, sodaß ich gewiß taub geworden bin. Ich höre mein eigenes Wort nicht. Verfluchte Kugel; wäre sie wir lieber zwischen die Rippen gekommen. – Das wünscht' ich dir auch! brüllte Konrad, der eben hinzu kam; du bist verrückt, du hast auf mich geschossen, anstatt auf deinen Gegner, Sehen Sie nur hin, meine Herren, die Kugel ist gerade in den Baum geflogen, hinter welchem ich stand; ist das Diskretion, auf den eigenen Sekundanten zu schießen? Wenn der Baum dort nicht war, so wäre ich maustot, maustot. Man soll mir nur wieder einmal kommen und mich zum Sekundanten wählen! ich werde es bleiben lassen. Das konnte nur so gekommen sein, daß Karpáthi bei der Gehirnerschütterung, die Sándors Kugel ihm verursachte, völlig aus der Richtung kam und auf den Baum schoß, hinter welchem Konrad stand, anstatt seinen Gegner aufs Korn zu nehmen. Er hörte Kourads Vorwürfe nicht mehr, aus seinem Ohr begann langsam Blut herauszufließen. Wenn er es auch zu verbergen suchte, so sah man doch an seiner Blässe, daß er große Schmerzen leide. Die Arzte flüsterten, das Trommelfell sei ihm zerrissen und er werde für sein ganzes Leben taub bleiben. Taub sein! Es ist das prosaischeste aller menschlichen Gebrechen, wegen dessen der Leidende öfter bespöttelt wird. Wäre ihm doch die Kugel lieber zwischen die Rippen geraten. Man mußte Karpáthi zu seiner Kutsche führen. Wenn es seine Schmerzen zuließen, so fluchte er. Immer wünschte er, daß er lieber in der Brust eine Wunde erhalten hätte. Rudolf und Nikolaus schritten dann zu den beiden Sekundanten des Gegners und fragten, ob sie mit der Genugthuung zufrieden seien. Livius gab zu, daß alles in der gehörigen Ordnung vor sich gegangen sei; Konrad aber sagte, er sei mit dem Duell so sehr zufrieden, daß man ihn einen Räuber schelten möge, wenn er wieder an einem Duell teilnähme. – Also seien die Herren so gut, mir diese Forderung zu saldieren , sagte Sándor zu den Sekundanten und hielt ihnen das an seinen Meister adressierte Herausforderungsschreiben hin. Haben Sie die Güte und schreiben Sie hierher »Saldiert«. Die Sekundanten lachten über seinen Einfall, verlangten im ersten Wirtshause, zu welchem sie in der Au kamen, Tinte und Feder und Abellino schrieb auf den Herausforderungsbrief der Ordnung gemäß das verlangte »Saldiert«. Seine Sekundanten unterschrieben sich als Zeugen. Das so beglaubigte Dokument in die Tasche steckend, bedankte sich Sándor bei seinen Sekundanten und ging zu Fuß in die Stadt zurück. 6. Der Namenstag des Nabobs. Johannis Enthauptung nahte heran, ein in der ganzen Umgegend des Szaboleser Komitats berühmter Tag. Es ist der Namenstag Seiner Gnaden, des Herrn Johann von Karpáthi und da er gleich am Tage seiner Geburt getauft wurde, so ist es auch sein Geburtstag und weit und breit wegen seiner großen Festlichkeiten berühmt; denn seit Herr Johann geboren wurde, ward dieser Tag von Jahr zu Jahr mit größerem Pomp begangen, zuerst von seinem Vater und dann von ihm selbst und derjenige mußte schon ein verlassener Mensch sein, der von diesen Festlichkeiten nichts wußte. Die Seelsorger der umliegenden Dörfer bestellten sich schon einen Monat vorher in Debreczin oder in Nagy-Kun-Madaras die neuen Röcke und befahlen dabei dem Schneider die Taschen recht groß zu machen. Ein Lemberger Künstler bereitete seine Feuerwerke vor, Debrecziner Studenten studierten die Festgesänge ein, der Primgeiger der Zigeunerbande kaufte viel Kolophonium, Wandertruppen schickten sich an, sich zu dem Namensfest einzustellen und die Frauen sahen demselben, das gewöhnlich eine ganze Woche dauerte, mit Besorgnis entgegen, denn ihre Männer kamen davon gewöhnlich betrunken, zerschlagen und ohne das mitgenommene Geld zurück welches sie dort immer verspielten. Herr Johann selbst war an die Freuden dieses Tages so lehr gewöhnt, daß er ein Jahr für verloren gehalten hatte, in welchem dieses Fest nicht gefeiert worden wäre; die Bekannten, die sich zu seinem Namensfest nicht einfanden, hielt er für Todfeinde. Für diese Unterlassungssünde war nur der Tod eine Entschuldigung. Da er in diesen Jahre wegen des Landtags genötigt war, in Preßburg zu bleiben, so zerbrach er sich den Kopf darüber, ob er seinen Namenstag in dieser Stadt feiern und alle seine Zechgenossen Bekannte, Geistliche, Studenten, Zigeuner, Poeten, Komödianten und Bauerndirnen auf seine Kosten dahin bringen lassen solle. Das war nicht möglich, man kann von niemandem verlangen, daß er wegen seines Namensfestes eine sechstägige Reise mache – und wenn auch schon alle diese anwesend waren, wo bliebe die häusliche Gemächlichkeit, wo wäre der Zufluchtsort der von niemandem bekrittelten Zügellosigkeit? Denn bei dieser festlichen Gelegenheit durfte sich in einem Umkreis von drei Meilen kein nüchterner Mensch zeigen und so war das Schloß Karpáthsalva von einem Kordon umgeben, durch welchen nur schwache Gerüchte von den Kapitalnarrheiten dringen konnten, die dort begangen wurden. Für solche Unterhaltungen war Preßburg ein sehr ungeeigneter Platz. Wo die Gegenpartei lauerte unter der Wachsamkeit des Oberstallmeisters, Der Träger dieser hohen Würde hatte während des Landtags in Preßburg die polizeiliche Oberaufsicht. vor den Augen des Palatins und des ganzen Landes, in der Stadt der nüchternen deutschen Bürger, in der beschränkten Mietwohnung in Gegenwart so vieler Zeitungsschreiber wagt man es ja kaum, einen Laut von sich zu geben. Wer Herrn Jancsi kannte, der konnte schon gegen Ende des Monats Juli an ihm jenen Unmut, jene Lust aus der Haut zu fahren bemerken, die er unter diesen drückenden Umständen verspürte und als ihm endlich Seine kaiserliche Hoheit der Palatin die Erlaubnis erteilte, sich auf zwei Wochen von Preßburg zu entfernen, da kam ihm seine gute Laune wieder. Wen er antraf, Freunde oder Leute, die er nur dem Namen nach kannte, die lud er alle ein, ihn in Karpáthfalva zu besuchen, sodaß bald das Sprichwort entstand: »Gehen wir nicht nach Karpáthfalva zum Namenstag?« Wenn zwei Menschen miteinander im heftigsten Streit waren, so brauchte ein dritter nur dieses Sprichwort hören zu lassen und sie lachten und söhnten sich aus. Dieses Sprichwort drang auch zu Abellino, der sich damals schon zu erholen anfing und auf einem Ohre ziemlich gut hörte. Nur verzehrte ihn noch der Ärger über seinen Onkel und über die Schmach, die er durch Fanny erlitten. Und er war nicht der Mann, der so leicht zu entsagen vermochte: das erste Mißlingen war nur ein neuer Stachel für ihn und wenn er sich es einmal vorgenommen hatte, jemanden ins Verderben zu stürzen, so gab er es nicht auf und wenn er auch zehnmal zurückgeworfen wurde, so versuchte er dennoch das elfte Mal einen neuen Angriff. Eines Tages sagten ihm seine Freunde, die ihn zu besuchen kamen, sein Onkel sei nach Hause gereist, um seinen Namenstag zu feiern. Abellino schien zu lächeln. Zuweilen unterbrach er sein Lächeln durch Ächzen und der Schmerz entstellte sein Gesicht; dann lächelte er wieder. – Ich werde ihm schon auch gratulieren, murmelte er zwischen den Zähnen, ich werde ihm ein Namenstagspräsent schicken, wie er noch keines erhalten hat. Und wieder lächelte er bald, bald schrie er auf: er fühle höllische Schmerzen. Begeben wir uns jetzt nach Karpáthfalva. Eine der launenhaften Krümmungen der Berettyó bildet eine Halbinsel, von einigen tausend Morgen Landes und auf dieser Halbinsel steht das Stammschloß derer von Karpáthi. Es wäre schwer zu bestimmen, welches von den vielen aneinander gehäuften Gebäuden das eigentliche Stammschloß sei, da jeder der Vorfahren sich durch einen von ihm aufgeführten Bau zu verewigen wünschte. Der eine baute am Ufer, der andere im Walde, ein dritter hatte gern die Aussicht auf die Landstraße und der vierte wollte sich so viel als möglich verbergen. Die Nachkommen benutzten dann die Bauwerke der Ahnen bald zu dem, bald zu jenem Zweck; die Denkmale volkstümlicher Persönlichkeiten wurden hierbei in Ehren gehalten, während die der minder verehrten zu untergeordneten Zwecken verwendet wurden. So sah man am Ufer des Flusses, im Schatten alter Kastanienbaume, eine vom Alter geschwärzte Ruine, die ursprünglich gar nicht auf dieser Stelle, sondern draußen auf der Ebene erbaut wurde. Dies war einst das aus behauenen Steinen erbaute Adlernest des ältesten der Ahnen, Karpáthi Ubul, das von den Tartaren unter dem König Bela IV. verbrannt wurde. So stand die ehrwürdige Ruine da, bis zur Zeit Wladislaws, als schon von dem ehemals daneben befindlichen Dorf keine Spur mehr vorhanden war; damals erwachte in der Brust des Karpáthi Akos, des Obergespans von Szabolcs, der Ahnenstolz, und gleich nachdem dem Bauernanführer Dózsa auf dem glühenden eisernen Thron, die glühende eiserne Krone auf dem Kopf, verbrannt worden war, ließ er von den überwältigten Kuruzen (die empörten Bauern) die ehrwürdigen Überreste des hunnischen Baues Stück für Stück von der Ebene, auf welcher der Bau gestanden, ans Ufer der Beretthó bringen und hier neben seinem Palaste wieder aufrichten. Ein späterer Nachkomme, Karpáthi Abel, der den reformierten Glauben annahm, ließ dort eine große, mit Glocken und einer Orgel versehene Kirche erbauen und machte eine Stiftung zur Erhaltung des Geistlichen. Sein Eifer ging so weit, daß er ein ungeheures Gebäude aufführen ließ, das ein Kollegium mit vierundzwanzig Lehrstühlen, einem Konvikt für neunhundert Studenten, einer Bibliothek und einem Museum werden sollte. Aber er starb inmitten des riesenhaften Unternehmens und sein Nachfolger, der praktische Karpáthi Bertalan (Berthold), unterließ die Fortsetzung desselben. Der Sohn des letzteren, Balthasar Karpárthi, war schrecklich geizig und gab niemals, weder für sich, noch für andere, einen Heller aus; er verließ, um nicht Gäste empfangen zu müssen, den unter Leopold I. erbauten großen Palast, ließ die Fenster desselben mit Ziegeln vermauern und sich ein kleines, ebenerdiges Haus bauen, in welchem nur er allein Platz hatte und aus dem er sich nicht herausrührte. Seine Nachfolger, die er durch sein langes Leben sehr ärgerte und auf seinen Tod ungebührlich lange warten ließ, räumten dieses Haus den Hundejungen ein. Das auf ihn folgende Familienhaupt war ein großer Ökonom, der ein Ökonomiegebäude nach dem andern aufführen ließ. Unter anderem wurde dicht neben dem, nach dem Versailler Muster erbauten Palast eine große Branntweinbrennerei errichtet, sodaß man es wegen des fortwährenden Fuselgeruchs dort nicht aushalten konnte; auch konnte man zu jener Zeit in den englischen Park nicht anders als durch den Stall und den Schafmelkhof gelangen. Karpáthi Dalia, der in dem glänzenden Zeitalter Maria Theresias lebte, ließ am Ufer der Berettyó ein neues, prächtiges, zeitgemäßes Kastell mit den damals üblichen Rondellen, mit dem vergoldeten Doujon in der Mitte, dem vergoldeten, marmornen Familienwappen über dem Thor, einem noch größeren am Giebel, einem an der Wasserseite befindlichen, auf Karyatiden ruhenden Erker mit vergoldetem Gitter, im Innern mit langen Gängen, gewölbten, ausgemalten, getäfelten und mit Teppichen belegten Sälen, in welchen kostbare Bilder hingen, endlich mit geheimen Thüren und verborgenen Wendeltreppen, ganz nach der damaligen Mode, bauen. Der Nachfolger, der hierauf unter der Regierung des Kaisers Joseph II, in den Besitz des Kastells kam, lebte in Wien und geriet auf den Einfall, an der Stelle des Dorfes Karpáthfalva eine Stadt zu gründen. Er ließ auch eine ziemliche Reihe von Häusern ausführen und siedelte dort eine Kolonie von Tagedieben an, im Schlosse aber ließ er jeden Saal vermittelst spanischer Wände in drei oder vier Teile abteilen; allein schon, im nächsten Jahre wurde die Kolonie durch die Ruhr und das Fieber zerstört und seine Leute gingen allmählich dahin, woher sie gekommen waren. Er selbst kam auch nach kurzer Zeit in die glücklichere Heimat. Auf diesen folgte unser Nabob, der bis zu seinem Todestag Jancsi hieß. Die Spuren seiner Thätigkeit sind an dem Stammsitz am deutlichsten zu sehen. Alles Auffallende, alles Schreiende, das meilenweit die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich zieht, ist seine Schöpfung. Der Park ist voll von Hirschen und Damhirschen, für deren Winteraufenthalt hier ebenfalls gesorgt ist; schon aus weiter Ferne sieht man den Karpáthfalver Kirchturm, den Jancsi erhöhen und mit schimmerndem Blech decken ließ. Das Glashaus ließ er doppelt so groß erbauen, als es unter seinem Ahnherrn, Karpáthi Dalia, gewesen, nicht etwa, weil er darin Palmen großziehen wollte, sondern um den sechshundertjährigen Kastanienbaum gegen die rauhe Luft zu schützen, zwischen dessen Laub sich einer seiner Ahnherrn, Karpáti Kupa, drei Tage und drei Nächte hindurch vor den Nachstellungen der Tartaren verbarg und sich mit den süßen Früchten des gastfreundlichen Baumes das Leben fristete. Karpáthi Dalia ließ in dem Kastell nur einen runden Saal erbauen, in welchem sich die zuweilen von Wien herabkommenden Sänger und Virtuosen hören ließen; Herr Jancsi ließ anstatt dessen in der Mitte des englischen Gartens nach seinem eigenen Plan ein Theater erbauen und es gab Wandertruppen, die es wagten, da zu spielen. Das Honorar war ziemlich gut, allein um so abschreckender die Kritik; denn wenn ein Schauspieler seine Rolle nicht gut wußte, so ließ ihn der gnädige Herr sogleich in facie loci niederziehen und ihm eine Tracht Prügel geben. Aber eine solche Kritik war bei Gelegenheit des Namensfestes nicht zu befürchten, denn in diesen Tagen war der gnädige Herr ungewöhnlich gnädig; drei Tage lang konnte sich jeder seiner Gnade erfreuen, aber am vierten Tage machten die Untergeordneten, daß sie fortkamen, denn da ging unter den höheren Gästen das Durcheinander los. Sobald der Geburtstag herannaht, überkommt den Herrn János eine ungewöhnliche Frömmigkeit; die Hofnarren und die Bauerndirnen werden aus dem Kastell verabschiedet; die Hunde und Bären werden eingesperrt, damit die hinzuströmenden Armen von ihnen nicht belästigt werden; der gnädige Herr geht mit seinem ganzen Gesinde in die Kirche, um das Abendmahl zu nehmen und um hier seine Aussöhnung mit allen seinen Feinden feierlich zu geloben; sobald er aus der Kirche zurücklehrt, führt er dieses Gelöbnis auch treulich aus. – Schickt mir vor allem den Güterdirektor her. Diesen ruft er nicht deshalb zuerst, weil er etwa sein größter Feind ist, sondern weil bei diesem die Rechnungen aller Beamten, Gespane, Kästner, Wirte und Pächter niedergelegt sind, die sich in die ungeheuren Einkünfte des Herrn Jancsi teilen; der Nabob weiß gut, daß er, wenn er diese Rechnungen durchschaut und gut heißt, Gelegenheit habe, den größten Teil seiner Feinde zu versöhnen und eben deshalb läßt er sich sie den Tag vor seinem Geburtsfest bringen; denn wenn er in einer bösen Stunde einen Blick in diese Rechnungen wirft, so jagt er gewiß die Hälfte seines Personales davon – und das wäre schade, denn die Armen haben meistens Kinder und bessere Beamte kommen doch nicht nach. Der erwähnte Güterdirektor, der edle Herr Peter Varga, ist mit Herrn Jancsi von gleichem Alter und der Sohn eines Schweinehirten, der beim Vater des gnädigen Herrn im Dienst war. Herr Varga wurde in seiner Jugend mit dem jungen Herrn zusammen erzogen, damit dieser jemanden um sich habe, den er immer prügeln könne. Die Wissenschaften, welche die Erzieher des jungen Herrn Jancsi diesem aufbürdeten, gingen ihm zu einem Ohr hinein und zum andern hinaus, fanden aber in Petike (Peterchen) eine um so empfänglichere Seele. Dem alten Herrn machte es großen Spaß, daß anstatt seines Sohnes, Petike die Lektionen lernte und später schickte er diesen in das Debrecziner Kollegium; und als der Junge von da mit beträchtlichem Wissen versehen zurückkehrte, setzte er ihn als Güterdirektor ein, welches Amt Varga bis zu dem jetzigen Moment unserer Erzählung treu verwaltete; wenn wir sagen, daß er sich bei der nicht großen Bezahlung, die er bekam, auch jetzt noch in demselben ärmlichen Zustand befand, wie damals, als er sein Amt antrat, so haben wir von seiner Ehrlichkeit einen genügenden Begriff gegeben, denn der Nabob scheute das Zahlen, lieber schenkte er; seine Beamten durften ihn bestehlen, nur um Gehaltserhöhung durften sie nicht einkommen. Und wenn sich nun ein Narr findet, der nicht nur nicht stehlen will, sondern auch Geschenke, für die er nichts geleistet, nicht gern annimmt, so kann er mitten unter den Schätzen, welche er unter den Händen hat, leicht ein armer Teufel bleiben. Ein anderer an dessen Stelle wäre längst ein Millionär; die untergeordneten Beamten fahren alle in Kutschen, haben silbernes Eßzeug und lassen ihre Töchter in Wien erziehen, er aber brachte es kaum so weit, daß er an seinen Kordovanstiefeln silberne Sporen tragen und in einem alten Kasten mit zwei Pferden, die er aufgezogen hatte, fahren konnte. Auch jetzt sehen wir ihn vor dem Thor des Kastells von diesem Kasten absteigen; hineinfahren will er nicht, um nicht das schöne Kieselpflaster des Hofes mit den Rädern seines schlechten Fuhrwerks zu verderben. Der Wagen ist mit Aktenbündeln beladen, welche Herr Peter vor allem einem Heiducken auf die Arme legt, dann trippelt er mit ehrbaren Schritten hinauf zu Herrn Jancsi, der ihn im Familienarchiv erwartet; hier stehen die großen weißlackierten mit vergoldeten Leisten und Gitterthüren versehenen Archivkasten, voll von Familienpapieren und den Mumien abgeschlossener Rechnungen, deren Ruhe kaum von einigen unglücklichen Mäusen gestört wird. Ehe der würdige Güterdirektor in dieses Zimmer gelangte, mußte er durch viele Thüren gehen, vor denen allen er, ob sie nun offen waren oder nicht, stehen blieb, um anzuklopfen; wenn die Thüre offen war, so klopfte er an den Pfosten, bis ihn endlich der alte Heiduck Pál, der die Akten trug, antrieb, nur gerade fort zu gehen, denn es befinde sich niemand in diesen Zimmern. Endlich kam er ins Archiv. Sobald Herr Jancsi den Ankommenden erblickte, setzte er sich in sein Fauteuil und streckte jenem die Hand entgegen; anstatt aber gerade hin zu gehen, um die dargebotene Hand zu erfassen, ging Herr Peter erst um den langen eichenen Tisch herum, damit er nicht die Grobheit begehe, sich dem gnädigen Herrn von der linken Seite her zu nähern und dann blieb er erst drei Schritte vor ihm stehen und verneigte sich in tiefster Ehrfurcht. – Na, gehen Sie nur näher hin, schrie der vertraute Heiduck, sehen Sie nicht, daß der gnädige Herr den rechten Fuß ausstreckt? – O, ich bitte unterthänigst, sprach der würdige Güterdirektor, die Hände hinter dem Rücken verbergend, ich bin nicht würdig, die Hand des gnädigen Herrn zu berühren. Und nicht um die Welt war er dahin zu bringen, daß er Herrn Jancsi die Hand reichte, auch konnte man ihn nicht bewegen, sich neben dem gnädigen Herrn niederzusetzen; Pál mußte ihn mit Gewalt auf den Sessel niederdrücken, von dem er jedoch wieder aufstand, um vor seinem Grundherrn, wie es sich gebührt, zu stehen. Der gnädige Herr, der Güterdirektor und der Heiduck waren drei eigentümliche Gestalten; Karpáthis Gesicht war in dieser Stunde ungewöhnlich heiter, seine hohe kahle Stirne glich der Kuppel einer Kirche, die spärlichen Überreste seines ehemaligen Haarwuchses hingen ihm wie dünne silberne Fransen ins Genick und von den Schläfen herab; sein Gesicht war glatt rasiert, der Schnurrbart nach beiden Seiten lang hingeschlichtet, die Röte seiner Augen und die Runzeln des Gesichts schienen verschwunden. Hingegen ist der würdige Güterdirektor mit seinem gelbbraunem Gesicht, auf dem sich jetzt der tiefste Respekt ausdrückt, ganz der Typus des vorigen Jahrhunderts; sein Schnurrbart ist kurz geschoren, damit er nicht viel damit zu thun habe, um so mehr Sorgfalt verwendet er auf seinen gepuderten Zopf, der mit schwarzen Bändern durchflochten, ihm angesichts der ganzen Welt hinten herabhängt; sein Rock, von dem man nicht entscheiden kann, ob es ein Frack oder ein Attila sei, ist ebenfalls ein Denkmal des vorigen Jahrhunderts, vorn kann man ihn nicht zuknöpfen und hinten steht er weit weg; unter demselben trägt Herr Varga eine lange Weste mit silbernen Knöpfen. Hinter ihm steht Pál, der alte Heiduck, im beschnürten Dolmány. Er ist ebenso alt, wie die beiden Herren, er ist mit ihnen zusammen aufgewachsen und alt geworden und geht mit dem gnädigen Herrn auch jetzt noch so um, wie damals, als sie zusammen Ball spielten. Das Haar des alten Burschen ist grau geworden, aber es ist noch vollständig beisammen, lang und dicht ist es nach hinten geschlichtet und da mit einem Kamm zusammengehalten; sein aufgewichster Schnurrbart ist spitziger als ein Schusterpfriemen und seine Gesichtszüge sind so einfach, daß man sie mit drei Strichen abzeichnen könnte, zu malen aber wäre dieses Gesicht wegen seiner eigentümlichen Röte nicht so leicht. – Euer Gnaden beliebten die Gnade zu haben, sprach Peter, sich zum Tisch stellend, sich zur Durchsicht der Rechnungen in Ihrer geschätzten Person herabzulassen; deshalb war ich so frei, das Ganze unterthänigst in ein System zu fassen, damit Euer Gnaden es leichter durchschauen können. Hiermit winkte er dem Heiducken, die Schriften niederzulegen. Dieser warf sie ganz zornig auf den Tisch und konnte sich nicht enthalten zu bemerken: Schade, daß das viele schöne Papier so vollgekritzelt ist. – Du sprichst ohne Verstand, schrie ihn Herr Jancsi an. – Es wäre doch ebenso gut, wenn man dem gnädigen Herrn auch nur leeres Papier zeigte, Sie kümmern sich ohnedies nicht viel um die Sachen. Ist es Ihnen nicht genug zu wissen, daß man Sie bestohlen, wollen Sie auch noch erfahren, was man Ihnen gestohlen hat? – Ei, du schlechter Bursche, so sprichst du mit mir? Jetzt sehe ich just alle Rechnungen durch und du mußt während der ganzen Zeit dableiben und hinter meinem Stuhl stehen. – Ich will die Rechnungen aufessen, wenn Sie sie durchsehen, murmelte der alte Diener. – Halt dein Maul! schrie ihn Jancsi an, worauf der Heiduck, den Befehl wörtlich erfüllend, sich den Mund mit der Hand zuhielt und durch die Finger brummte: Ich halte es schon. Hiermit streckte Herr Jancsi mit musterhafter Entschlossenheit seine Hand nach dem zu oberst gelegenen Aktenbündel aus, welches die Rechnungen des Beamten Johann Schaden enthielt; er begann darin herumzublättern, so lange bis er zu der Überzeugung kam, er wisse nicht, wo er anfangen solle; endlich reichte er es dem Güterdirektor hin, welcher das übersichtliche Verzeichnis schnell auffand. – Da sind die Ausgaben und Einnahmen des Kakader Gutes. Wir wollen davon auch etwas hören. Es ist zwar etwas langweilig, aber wir werden dadurch erfahren, wie man auf den Gütern des Nakob wirtschaftete. Herr Peter las trotz seinem vorgerückten Alter ohne Augengläser. – Im Jahre 1824/5 hatte die Kakader Herrschaft, wie oben unter dem Strich erwiesen wird, folgende Einkünfte: Hier unterbrach sich Peter im Lesen. – Mit Ihrer gnädigen Erlaubnis, war ich so frei auf den Rand einige Bemerkungen über die betreffenden Posten zu machen; wenn Sie es erlauben, so will ich sie vorlesen. Herr Jancsi gab seine Einwilligung durch einen Wink zu erkennen. – Also, in diesem Jahre betrug die Fechsung der Kakader Herrschaft zwölftaufend Kübel Korn; demzufolge haben wir auf dem besten Boden nicht einmal das Saatkorn zurück erhalten. – Heuer war ein schlechtes Jahr, entschuldigte Herr Jancsi den Verwalter, das Getreide hat sich umgelegt, im Sommer traf es der Hagel und in den Feimen keimte es wegen des vielen Regens. – Das sagte auch der Verwalter, entgegnete Peter, aber im Winter hätte man die Schafe auf die Saat treiben, hier und da das Riedgras abmähen sollen, dann hätte sich das Getreide nicht gelegt; gegen den Hagel hätte man in Preßburg assekurieren können; und dort steht die große Scheuer, hätte man das Getreide hineingeschafft, so hätte es nicht gekeimt. – Es ist gut, Herr Peter, gehen wir weiter. Es wird schon anders werden, überlassen Sie das nur mir. – Die zwölftausend Kübel sind zu acht Gulden verkauft worden; das hat ein Raaber Kaufmann in Scheinzetteln dafür gegeben, während ich in den Zeitungen gelesen habe, daß gutes Korn in Pest um elf Gulden verkauft wurde und man hätte es leicht dahin verfrachten können, da die Ochsen wegen der Überschwemmung müßig waren. – Jawohl, aber eben die Überschwemmung hat die Theißbrücke weggerissen und so konnte man nicht hinüberkommen. – Hätte man den Damm nicht vernachlässigt, so wäre die Brücke noch da. – Na, überlassen Sie das nur mir, gehen wir weiter. – Der Raps ist, weil man so lange damit gewartet hat, muffig geworden und so sind dafür nicht mehr als achttausend Gulden eingekommen. Das ist eine Nachlässigkeit, denn, so viel ich weiß, regnete es damals nicht, aber wegen der Taufe des Verwalters erhitzte sich der Raps in den Schobern und wurde dadurch schwarz und sauer. – Na freilich! Sind Sie ein ehrlicher Christ, daß Sie vom Verwalter verlangen, er soll die Taufe seines Kindes wegen nichtiger, weltlicher Dinge verschieben? Überlassen Sie das nur mir. – Das Heu ist vom Wasser fortgeschwemmt worden, denn eben als man es einführen sollte, haben Euer Gnaden alle Leute, die nur aufzutreiben waren, zu einer Treibjagd bestellt. Sonst pflegten unter dieser Rubrik schöne Summen angeführt zu werden. – Na, da bin ich selber schuld; Sie sehen der Arme kann nichts dafür. Überlassen Sie das nur mir. – Aus demselben Grunde sind die Einnahmen um einen neuen Posten vermehrt worden, nämlich um die Einnahmen für die Felle der Schafe und Rinder, die aus Mangel an Futter umgestanden sind. – Sehen Sie, so entstand aus dem Schaden ein Nutzen. – Hingegen fehlt die Einnahme für Wolle, die sonst bedeutend war. – Die Wolle steht heuer ohnedies schlecht, es ist kaum eine Nachfrage danach. – Ferner – – – Lassen wir das sein, Peter; wir sehen, daß er ein ehrlicher Mann ist; was enthält jenes zweite Bündel dort? – Das ist die Rechnung des Thaddäus Kajaput , des Kastners der Nyilaser Herrschaft. – Ah, die pflegt interessant zu sein; hat er heuer keine neuen Erfindungen gemacht? Der erwähnte Mann war ein unternehmender Geist, welcher aus dem ihm anvertrauten Gut eine Musterwirtschaft machte, aber diese kostete weit mehr, als sie einbrachte. Er errichtete eine Zuckerfabrik, allein er erzeugte nur Sirup und von diesem kam jedes Pfund auf zehn Gulden. Er hatte auch die Seidenzucht eingeführt, aber ein Band aus der hier gewonnenen Seide kam so hoch zu stehen, daß eine Elle Samt nicht teurer war. Er hatte einmal etwas vom Waid gehört, sogleich kaufte er eine ganze Menge davon, um daraus die Farbe zu bereiten; aber der ausgepreßte Saft wurde ihm sauer, weil er nicht wußte, wie man ihn zum Krystallisieren bringt. Er errichtete eine Glashütte und kaufte das Holz dazu um bares Geld, aber mehr als grünes Glas, das niemand kauft, konnte er nicht produzieren. Auf sandigem Boden und noch dazu im Frühling, pflanzte er einen Tannenwald, im Herbste war von der Pflanzung nichts mehr da. Er errichtete eine Tuchfabrik und stellte einen bankrotten Weber als Fabriksleiter an und dieser fabrizierte ein blaues Tuch, welches, wenn man einen Rock daraus nur drei Wochen trug, schon in Fetzen ging. Kurz dieser Verwalter gab mehr aus, als die ganze Wirtschaft einbrachte. – So geht's, wenn Gelehrte sich auf die Ökonomie werfen, sagte Herr Jancsi, nachdem er über jeden einzelnen Posten herzlich gelacht hatte. – Ich bitte um Entschuldigung, sagte Herr Peter, so geht es, wenn Halbgelehrte wirtschaften; die Wissenschaft ist ein umgekehrtes Gift, viel davon heilt, wenig aber tötet. – Na, sehen wir aber die andern an; was ist das für ein dünnes Bündel dort? Nun suchte er das dünne heraus. – Das ist der Bericht des Opalgrubenpächters. Für das viertausend Gulden betragende Pachtgeld schickte er Edelsteine, die man bei ihm gewiß für tausend Gulden bekommen hätte. – Was soll aber der Arme thun? Er muß doch auch leben; er hat, wie ich höre, sechs Kinder. – Aber ein Kaufmann aus Galizien war da, der zwanzigtausend Gulden jährliches Pachtgeld anbot. – Was? ich soll einen« Galizier, einem Fremden, meine Gruben geben? Nicht, wenn er mich mit Sternen zahlt! Bleiben wir beim Alten. Was ist dieses andere Bündel dort? – Es ist die Rechnung des Talpader Försters. – Respekt vor diesem Mann! Seit zwölf Jahren sehe ich schon die Rechnungen von dem Talpader Wald. Unlängst war ich mit einigen Freunden auf der Hasenjagd und plötzlich überfiel uns der Regen. Macht nichts, sagte ich, in der Nähe muß sich mein Talpader Wald befinden, reiten wir hin, dort können wir das Aufhören des Platzregens abwarten. Wir reiten eilends hin, aber von einem Wald war nichts zu sehen. Endlich fragte ich einen durchnäßten Feldwächter, wo hier der Talpader Wald sei. Dort! sagte er, auf einen Platz zeigend, wo etwa fünfzig verbogene Birken standen, gerade als ob man Besen hingepflanzt hätte. Man muß dem Menschen sagen, daß er dort noch einige Besenstiele in den Sand stecke, wenn er will, daß ich ihn einen Förster nenne. – Das ist die Rechnung des Tarcsaer Müllers, der zahlt auch immer nur mit Kleie. – Lassen Sie das, er hat eine schöne Frau. – Sie ist schön, aber schlecht. Herr Jancsi hielt es für gut, auf diese moralische Bemerkung folgende philosophische Antwort zu geben. – Freund, die schlechten Weiber sind in der Welt notwendig: da es ausschweifende Männer giebt, so muß es auch ausschweifende Weiber geben, denn, wenn diese nicht wären, so würden jene ihre Augen auf die tugendhaften Frauen und Mädchen werfen. Überlassen Sie das nur mir. – Überlassen Sie die Tarcsaer Müllerin nur dem gnädigen Herrn, sprach der hinten stehende Heiduck drein. – Sprichst du schon wieder? – Ich? Ich habe ja nicht gesprochen. – Der Mensch da schreit mir immer ins Ohr; kann man bei einem solchen Lärm Rechnungen durchsehen? kommen wir schnell zum Ende, Herr Peter. Was ist noch zurück? – Die frommen Stiftungen. – Geben wir uns damit keine Mühe; wir wissen, daß sie alle ausgezahlt sind; hat jemand noch etwas von uns zu erwarten? – Jawohl; das ** Kollegium hat heuer das Stipendium nicht erhalten. – Es bekommt es auch nicht, denn voriges Jahr hat es mir zu meinem Namenstag keinen Supplikanten geschickt. – Aber wenn heuer einer kommt, dann zahlen wir's aus? – Auch das vorjährige. – Da sind ferner noch einige Bittschriften und Rundschreiben. – Was bedeuten die letzteren? – Das hier ist ein Aufruf zur Begründung einer Gelehrtengesellschaft. – Dazu gebe ich keinen Heller her. Das Land war so lange glücklich, so lange es keine Gelehrten hatte. Man lernt in den Kollegien schon genug. – Hier ist die Pränumerationseinladung zu einer eben entstehenden Zeitung. – Zeitung: Lüge! Ich will mir damit meine Laune nicht verderben. – Hier ist der Aufruf zur Erbauung eines stehenden Theaters in Pest. – Wer Komödie spielen will, der soll zu mir kommen, hier ist ein Theater, hier bekommt er zu essen und kann dableiben, so lange er lebt. – Das ist eine Aufforderung zur Vermehrung des Nationalmuseums. – Ich wette, daß ich eine schönere Sammlung besitze, als das Nationalmuseum, wenn sie im Kuruzenkrieg nicht gelitten hatte, so wurde sie selbst die Wiener Sammlungen übertreffen. – – – – – – – – – – – – – So waren die Jahresrechnungen des ungarischen Magnaten beschaffen. Seine Einkünfte wurden durch die unzweckmäßige Wirtschaft, durch die treulosen, ihrer Willkür überlassenen Beamten verkürzt; einen großen Teil derselben verschwendete er an hohlen Prunk und geschmacklose Unterhaltungen; öffentlichen Anstalten spendete er nur dort etwas, wo er dafür gerühmt wurde, wo er die Rolle eines Patrons spielen konnte, bei Unternehmungen hingegen, wo er bloß ans Patriotismus, aus Liebe zur Sache hätte opfern sollen, hielt er seine Hand zu und trotz so vieler Verschwendungen und Thorheiten blieben am Ende des Jahres doch noch zweimalhundert und etliche Tausend Gulden in der Kasse, die er nicht auszugeben vermochte. Die übrigen Rechnungen sah Herr Jancsi gar nicht durch. Wozu? Soll er sich ärgern, wenn er bemerkt, wie er betrogen wird? Hat er nicht so viel Geld, daß er es gar nicht auszugeben vermag? Oder soll er mit denjenigen Prozeß führen, an welche er Forderungen hat? Da möge das Geld lieber bei dem bleiben, der es schon hat. Oder soll er seinen Leuten nachgehen, wie eine sparsame Hausfrau der auf den Markt geschickten Köchin nachgeht, um zu sehen, ob diese die eingekauften Waren nicht teurer einrechnet, als sie sie gekauft hat? Alle diese Mühen waren eines Edelmannes nicht würdig. – Binden Sie Ihre Akten zusammen, Herr Peter Varga! Die oberflächlich durchblätterten Akten wurden hinter die Gitterthüren des Archivs gelegt, um nie wieder ein Tintenfaß oder das Tageslicht zu sehen. Wie viele Nationalinstitute, wie viele menschenfreundliche Anstalten und gemeinnützige Unternehmungen hätten nur durch die Abfälle zustande kommen können, welche von dem reichgedeckten Tisch des Nabobs fielen und welche die spätere Generation mit Ameisenfleiß kaum wieder aufzulesen vermag, um damit alles dasjenige aufzubauen, was die Väter zu bauen versäumt hatten. – Na, morgen Abend erwarte ich Sie zur Feier meines Namensfestes, sprach Herr Jancsi, der es seit vierzig Jahren noch nie unterlassen hatte, den treuen Beamten zu dem Feste einzuladen, zu welchem nur vornehme Gäste oder Spaßmacher Zutritt hatten. Der ehrenwerte Beamte sprach auch jetzt, wie seit vierzig Jahren, immer unterthänigst und mit einer tiefen Verbeugung: – Ich bin dieser hohen Gnade nicht würdig, es ist mir unmöglich, in der Gesellschaft so vieler vornehmen Gäste zu erscheinen, ich werde schon übermorgen, zugleich mit den übrigen Beamten, meine Aufwartung machen. Hiermit verbeugte er sich, machte seinen Kratzfuß und ging fort, wobei er es nicht unterließ, sich mehrmals umzudrehen und sich nochmals zu verbeugen. Herr Jancsi lachte, sobald Peter Varga sich entfernt hatte; vielleicht aus Befriedigung über dessen Ehrlichkeit? Nein. Ihm erschien dieser ebenso sehr als ein Narr, wie die übrigen, wie der Zigeuner Vidra, wie der Poet Gyárfás, wie der Theaterdirektor Lokodi, der den Hamlet spielt, wie sein Windhund Mattyi, der den Hasen in die Luft schleudert und wieder auffängt. Alle diese hatten ihre Narrheiten, während der Güterdirektor die besaß, daß er seinen Herrn nicht bestahl, wozu er genug Gelegenheit hatte. – Er ist ein Narr wie die übrigen und nur dazu bestimmt, seinen Herrn zu unterhalten. Und eben deshalb liebt ihn Herr Jancsi, wie seine übrigen Lieblingsnarren: den Zigeuner Vidra, den Poeten Gyárfás, den Direktor Lokodi und den Hund Mattyi und wenn Varga stürbe, so würde er ihn ebenso beweinen, wie jene und ihm ein ebenso glänzendes Denkmal setzen, wie jenen: dem Zigeuner, dem Poeten, dem Komödianten, dem Hund. – Na, wozu stehst du da und hältst Maulaffen feil? warum gehst du nicht, um den Fiskal herzurufen? schrie Jancsi den hinter ihm stehenden Heiducken an. – Schon gut; Sie müssen deshalb nicht so schreien, entgegnete der alte Diener, Ich kann doch nicht sogleich fortspringen, wenn mir der Kopf noch von den verdammten Rechnungen voll ist. – So? Gut, daß du mich daran erinnerst. Wann wirst du über die hundert Gulden Rechnung ablegen, die ich dir gab, als ich dich nach Debrezin schickte? Na, jetzt stelle dich her und prahle noch. Laß sehen, wie du rechnen gelernt hast. – Das ist leicht, antwortete Pál mit der Bündigkeit eines Husaren, drehte sich den Schnurrbart, zupfte am Mente, steckte sich den Kamm tiefer ins Haar, richtete sich die Halsbinde, zog den Hosenriemen enger zusammen, räusperte sich und sagte: Ich habe von dem gnädigen Herrn hundert Gulden in Banknoten bekommen; davon habe ich noch einen halben Kreuzer in der Tasche, das übrige ist in Essen und Trinken aufgegangen; summa summarum macht hundert Gulden. Herr Jancsi hielt sich die Seiten vor Lachen. – Du machst auch Rechnungen wie einmal eine Deputation: »Für Fuhrlohn hundert Gulden, für Essen und Trinken hundert Gulden, macht zusammen dreihundert Gulden.« – Na und was weiter? sagte der Heiduck. – Jetzt pack' dich fort und hole den Fiskal; sag' ihm, er soll sich eine gute Feder mitbringen, denn er wird zu schreiben haben und hier findet er kein vernünftiges Schreibzeug. Nach einer Viertelstunde brachte Pál den Fiskal. Wir wissen nicht, wo Herr Jancsi diesen Menschen aufgefischt hatte, aber gewiß ist, daß er zu den übrigen paßte. Das Gesicht dieses Fiskals war nicht größer als das eines Eichhörnchens und infolge seiner Antipathie gegen das Waschen ganz schmutzig. Hiermit in Übereinstimmung hatte er struppiges Haar und alles, was er anhatte, schlotterte nachlässig herab. Sein Rock glänzt, besonders aber am Kragen, von jahrelang liegen gebliebenem Schmutz; seine Weste von zweifelhafter Farbe ist so zugeknöpft, daß unten ein Knopfloch und oben ein Knopf kein dazugehöriges vis-à-vis haben; dieser Umstand wurde aber dazu benutzt, das müßige Knopfloch der Weste mit einem Knopf der Beinkleider in Verbindung zu bringen, wodurch der Hosenträger erspart wurde. Sein Halstuch, das einst weiß gewesen sein mag, ist hinten zusammengeknüpft; seine beiden Taschen sind bis zum Knie hinab vollgestopft, mit dem Taschentuch, Spagat und den Winterhandschuhen; seine Hände aber sind so schwarz, als ob er gar nicht mit Federn zu schreiben, sondern gleich die Finger selbst in die Tinte zu tauchen pflegte. Auch dieser ist ein Hofnarr des Herrn Jancsi; andere als solche konnte er gar nicht um sich leiden, er sammelt die Narren mit besonderer Sorgfalt, Dieser da ist ein ganz schmutziger Narr, den er nur zuweilen vornimmt, wenn er sich den Spaß machen will, ihm Öl anstatt Zwetschengeist zu trinken zu geben; übrigens wird er nur zu prosaischen Beschäftigungen verwendet, er muß Briefe schreiben, Inventarien aufnehmen und bei Urbarialversammlungen den Bauern Stockschläge aufmessen lassen. Diesen pflegte der Nabob mit »höre der Herr« anzusprechen, was bei ihm noch etwas geringschätzigeres war, als jemanden mit »Ihr« anzureden. – Höre der Herr! Na, komme der Herr nur näher. O weh, wie riecht der Herr nach Knoblauch! Halten Sie den Mund zu, wie oft habe ich Ihnen gesagt, Sie sollen nicht mehr Knoblauch essen, sonst jage ich Sie fort. Aber wie kommen Sie zu Knoblauch, da in meiner ganzen Herrschaft keiner gezogen werden darf? – Na, ich habe den Herrn rufen lassen, damit Sie mir ein paar Briefe schreiben, aber passen Sie gut auf, denn zweimal werde ich's nicht sagen. Schreiben Sie allen den Herren, mit welchen ich hier in irgendeinen Konflikt gekommen bin, daß ich mich an meinem Namenstag mit ihnen auszusöhnen wünsche. Schreiben Sie dem Horhi Miska ( intra parenthesim sage ich Ihnen, daß Sie »Mihály« schreiben sollen, denn er heißt nicht für jeden Narren »Miska«), daß ich in unserer Grenzstreitigkeit meinetwegen nachgebe und ihm den Burjánoser Hügel überlasse. Dem Csenkö Laczi schreiben Sie (vergessen Sie nicht auf die Adresse » perillustris ac generosus « zu setzen, aber den Brief selber schreiben Sie nicht lateinisch, er versteht's nicht, denn er ist nicht über die Syntax hinausgekommen), daß er sich den Hengst abholen kann, den er einmal von mir begehrt hat, den ich ihm aber damals nicht gegeben habe. Den Berki Lorenz benachrichtigen Sie, daß ich ihm von nun an alles glauben will; selbst daß er nicht mehr lügen werde, will ich ihm glauben. Dem Kalotai Fritz schreiben Sie, nein, dem schreiben Sie lieber gar nichts, denn er wäre imstande aus meinem Einladungsschreiben einen Wechsel zu machen, er kommt auch so, obwohl ich ihn vor einem halben Jahre habe hinauswerfen lassen. Dem Kutyfalvy Bandi endlich schreiben Sie, er soll es doch endlich einmal vergessen, daß ihm mein Junge Kis Miska in unser aller Namen einmal die Haut durchgegerbt hat; er soll sich mit ihm aussöhnen, ich werde ihm schon jemanden verschaffen, an dem er seine Galle auslassen kann, wenn keinen andern, so verschaffe ich ihm dazu meinen Fiskal. Hat der Herr mich verstanden? Der Fiskal nickte mit dem Kopfe. – Ich möchte auch dem Herrn die Hand geben, da ich schon einmal in der Versöhnung drin bin, wenn Ihre Finger nicht so voll Tinte wären. Gehen Sie und waschen Sie sich, dann kommen Sie wieder. Der Fiskal gehorchte, ließ sich Seife geben und hatte eine halbe Stunde zu thun, bis er den verjährten Schmutz von den Fingern brachte. Als er zurückkehrte, sah der Herr Jancsi, die Hände auf dem Rücken, zum Fenster hinaus. Der Fiskal stand da und wartete, bis der Herr sich umdrehen werde. Er wartete eine halbe Stunde und dann erst wandte sich der Nabob um, wie einer, der wohl weiß, daß jemand wartet und winkte dem Fiskal. – Setze der Herr sich nieder zum Schreiben. In der Stimme des großen Herrn war eine ungewöhnliche Befangenheit wahrzunehmen, die außer dem Fiskal gewiß jeden anderen überrascht hätte. »Lieber Neffe!« begann der alte Karpáthi zu diktieren. »Da der Herr Neffe jetzt im Lande wohnt, ich aber nicht will, daß der Name Karpáthi verkleinert werde, so reiche ich an dem heutigen Tage, an welchem ich mich mit allen meinen Feinden aussöhne, auch meinem Herrn Neffen als Verwandten die Hand und in der Hoffnung, daß es nicht zurückgewiesen wird, biete ich meinen Neffen zweimalhunderttausend Gulden an, was Zeit meines Lebens alljährlich wiederholt werden wird. Ich hoffe, daß wir von nun an gute Verwandte bleiben werden.« Die Augen des Alten wurden beim Diktieren dieser Zeilen feucht und wenn ein ernsthafterer Mensch zugegen gewesen wäre, so hätte er eine rührende Scene herbeiführen können. – Machen Sie ein Couvert darüber und schreiben Sie »Seiner Hochgeboren, dem Herrn Bela Karpáthi von Karpáth in Preßburg.« Ein berittener Bursche soll ihm den Brief selbst überbringen. Als wären ihn, mit jenen zweimalhunderttausend Gulden ebenso viele Steine vom Herzen gefallen, so erleichtert seufzte er auf. Niemals hatte er sich glücklicher gefühlt, als in diesem Augenblick. Wir werden bald sehen, womit Abellino diese edle Versöhnlichkeit erwidern wird. Herr Jancsi konnte den Morgen des Johannis-Enthauptungstages kaum erwarten; er freute sich darauf wie ein Kind, dem man eine Unterhaltung versprochen hat; schon am frühesten Morgen wurde er vom Hundegebell und dem Gerassel der in den Hof hereinfahrenden Wagen geweckt. Die Jäger kamen vom Wald mit frischgeschossenem Wild, an der Seite des langen Wagens hing der Kopf eines Hirsches mit großem Geweihe herunter, zwei Burschen trugen an einer Stange Fasane und auf den Schultern fette Haselhühner; der Koch kam heraus und befühlte mit großer Befriedigung das schöne Wildbret. Herr Jancsi sah zwischen den Vorhängen des Fensters in den Hof hinaus; es dämmerte, der Himmel flammte in allen Abstufungen der roten Farbe, ringsherum war noch alles ruhig, auf den Feldern lag ein silberweißer Nebel, als ob ein Meer hingezaubert wäre. Er hörte gut, wie die Leute kamen und gingen, wie jeder Vorbereitungen traf, die nur einmal im Jahre vorkamen. Bald werden die Unterthanen und Beamten mit ihren Gratulationen kommen, später die sehnlichst erwarteten Bekannten und endlich vielleicht Bela selbst. An diesen dachte er immer. – Kein verliebter Jüngling wartet mit solcher Zuversicht auf die Geliebte, wie er ans seinen Neffen, Es schien ihm, als ob dieser ihm versöhnt die Hand reichte und obschon es nicht wahrscheinlich war, daß der Neffe den Brief schon erhalten habe, glaubte er doch eine innere Stimme zu hören, die ihm sagte, sein Neffe, sein einziger näherer Verwandter, der Erbe seiner Reichtümer, der einzige Stammhalter der Familie Karpáthi werde heute Abend bei ihm sein. Wie werden sie sich begegnen? wie sich aussöhnen? Was werden sie miteinander sprechen? Er legte sich noch ein bißchen nieder, um zu schlafen, der Morgenschlaf ist der angenehmste; auch da träumte er, er spreche mit Bela, er sitze neben ihm und trinke mit ihm freundschaftlich ein Glas Wein und die Sonne stand schon ziemlich hoch am Himmel, als Pál ihn aufrüttelte und ihm ins Ohr schrie: Na, stehen Sie auf, hier sind die Stiefel! Mit jugendlicher Kraft sprang Herr Jancsi aus dem Bette, wie einer, dem plötzlich einfällt, welche Freuden er heute zu erwarten habe. – Ist schon jemand da? war seine erste Frage an den Diener. – Gäste, wie Mist, sagte dieser. – Ist Kis Miska da? fragte Jancsi, indem er sich die Stiefel anzog. – Er war der erste. Der ist gewiß kein Edelmann, denn er ist schon um zwei Uhr morgens auf den Beinen. – Wer ist noch da? – Horhi Miska. Grad im Thor ist ihm eingefallen, daß er in Theresiopel seinen Tabakbeutel vergessen habe; wenn ich ihn nicht mit Gewalt vom Wagen ziehe, so fährt er zurück. – Der närrische Mensch! Wer ist noch angekommen? – Die sauberen Vögel vom Adel sind alle da. Auch Kalotai Fritzi ist hier, er ist auf einem eigenen Wagen gekommen. Wo mag er den nur gestohlen haben? – Du bist verrückt! Ist sonst niemand da? – Freilich, es sind noch viele andere da; aber wie soll ich mir alle merken können? Sie werden sie schon sehen und satt kriegen. Inzwischen hatte der vertraute Diener seinen Herrn völlig angekleidet und bemühte sich jetzt jedes Fältchen an dessen Anzug zu glatten. – Also irgendein ungewöhnlicher Gast ist nicht da, irgendeiner, der mich nicht zu besuchen pflegt? Pál hielt eine Zeit lang Mund und Augen offen und wußte nicht, was er antworten solle. – Ja, da ist der Supplikant aus **; der ist noch nicht hier gewesen. – Ei, Pál, was für ein Simpler bist du. – Was weiß ich, wen der gnädige Herr erwartet, antwortete Pál trotzig und riß gewaltig am Dolmány seines Herrn. – Ich will wissen, sagte Karpáthi ernst, ob mein Neffe Bela noch nicht hier sei. Pál machte ein Gesicht, worin sich Staunen und Ärger ausdrückten und legte die Samtbürste aus der Hand, mit welcher er an den Anzug seines Herrn eben die letzte Feile anlegen wollte. – Wer? Der Windbeutel – – Na! was ist das? Wisse, daß man von einem Karpáthi immer mit Respekt sprechen muß. – Was? sagte Pál, die Hände auf den Rücken schlagend, wollen Sie sich vielleicht mit ihm aussöhnen, mit ihm, der Sie so beleidigt hat? – Und was geht das dich an? – O, mich geht es gar nichts an; aber wenn es mich auch ein wenig angeht, so bin ich doch nur ein gemeiner Heiduck, der sich in die Angelegenheiten des großen Herrn nicht einzumischen hat. Söhnen Sie sich mit ihm nur ans! Was geht es mich an! Umarmen Sie sich einander, meinetwegen. Mir hat er nichts gethan, Sie hat er beleidigt und wenn Ihnen das gefallt, nur zu! – Na, na, sei kein Narr, sagte Herr Jancsi mit scherzhaftem Ton; sage, wer noch da ist. – Vom Gesinde ist der Pukkaneser Verwalter da; er hat einen ungeheuren Laib Käse mitgebracht; ferner der Dechant von Duda, den ich nicht ausstehen kann. – Freilich, er giebt sich ja mit dir nicht ab. – Das soll er auch nicht wagen; genug, daß ich ihn nicht ausstehen kann. – Und warum kannst du ihn nicht ausstehen, du alter Tölpel? – Weil er sich immer nach der Gesundheit des gnädigen Herrn erkundigt, so oft ich ihn treffe. Was geht ihn die Gesundheit des gnädigen Herrn an? Er ist ja kein Doktor. – Du bist heut schlechter Laune, Pál; sind auch die kleinen Heiligen da? – O, lächelte Pál, die sind da; der ganze Debrecziner Chor samt ihrem Direktor und vier Zigeunerbanden sind gekommen. Auch Bihari Ein Zigeuner, der als Violinist und als Kompositeur sehr berühmt war ist da, der Rektor hat die Bauernfratzen im Hof aufgestellt, erschrecken Sie nicht, denn sie werden alle zu heulen anfangen, sobald sie Sie erblicken. Auch der Feuerwerker ist da. Er zimmert allerlei zusammen und sagt, er habe eine große Überraschung vor. Er soll nur nicht die Scheuer anzünden, wie voriges Jahr. – Sind auch Komödianten gekommen? – Freilich, ich habe auch genug gelacht über sie, Lokodi ist wieder da mit noch vier andern, darunter ist ein magerer Barbiergeselle, der alte Väter und eine alte Vettel, die junge Mädchen spielt. Sie werden bei der Mahlzeit Tableaux darstellen mit griechischem Feuer. – Warum im Speisesaale und nicht im Theater? – Es ist ihnen zu klein. – Sie sind doch nur fünf. – Jawohl, aber alle Heiducken werden dabei sein als Türken und Ungarn verkleidet, wir haben dazu schon aus der Rüstkammer allerlei Waffen und Kleidungen zusammengeschleppt, die Studenten werden dabei singen. Gyárfás schreibt eben jetzt den Text und der Cantus praeses (Chordirektor der Studenten) komponiert die Melodie dazu. Das wird schön sein. Der alte Tölpel freute sich auf die Komödie wie ein Kind. Jetzt fehlte an Herrn Jancsis Toilette nichts mehr. – Na, jetzt können Sie sich schon vor den Leuten sehen lassen. – Wo ist meine Pfeife? – Still! Was Pfeife? Wissen Sie nicht, daß man vorher in die Kirche gehen und beten muß? Vorher schickt es sich nicht zu rauchen. – Du hast recht. Warum läutet man noch nicht? – Geduld! Erst muß man dem Geistlichen sagen lassen, daß Sie schon ausgestanden sind. – Du mußt ihn, auch noch sagen lassen: »Eine Wurst muß lang sein, eine Predigt kurz.« – Das weiß ich, sagte Pál und ging zum Geistlichen, dessen Fehler nicht dann bestand, daß er lange Predigten hielt, sondern daß er den Herrn Jancsi, den er nur einmal im Jahre in der Kirche zu sehen bekam, bei dieser Gelegenheit im Namen Gottes so tapfer abtrumpfte, daß die versammelten Gäste sich damit den ganzen Tag unterhielten. Heute aber wurde Herr Jancsi von der Strafpredigt errettet, denn der Pfarrer war erkrankt und somit gehindert seine Pflicht zu thun. – Der Dechant ist ja da, sagte Pál, mit dieser Trauernachricht zurückkommend. – Sage das nicht wieder! schrie Herr Jancsi, wenn der predigt, so wird aus dem Mittagmahl ein Nachtmahl und dann würde er mich im Angesicht Gottes so lobhudeln, daß ich mich schämen müßte. Der Supplikant soll den Gottesdienst verrichten. Dieser war im fünften Jahre Togat (so heißen die reformierten Studenten der Theologie in den ungarischen Kollegien), der, seit er sich im Kollegium befand, nicht so viele Menschen beisammen gesehen hatte. Man kann sich vorstellen, wie sehr der fromme Jüngling erschrak, als er hörte, daß er binnen einer Viertelstunde zur Erbauung so vieler Gottlosen predigen müsse. Er wäre gern entflohen, aber man behielt ihn im Auge und als die Leute seine Furcht und Angst sahen, spielten sie ihm allerlei Streiche. Sie nähten ihm das Taschentuch an die Tasche seiner Toga (der lange Rock der Studenten der Theologie), damit er es nicht herausziehen könne, wenn er es benötigen wird; sie redeten ihm ein, der Zigeuner Vidra sei der Kantor, worauf er sich an diesen machte und ihn bat, mit der Orgel einzufallen, wenn er stecken bleiben sollte; endlich vertauschten sie ihm sein Gebetbuch mit einem großen Veterinärbuch. Der fromme Student besaß nicht die Geistesgegenwart, wie ein ungarischer Prediger, dem ein Schelm ein Kochbuch auf die Kanzel gelegt hatte: als er es gerade dort aufschlug, wo von Essiggurken die Rede war, faßte er sich schnell und sprach: »Da lief einer und füllte einen Schwamm mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und tränkte ihn und sprach: Halt, laßt sehen, ob Elias komme und ihn herabnehme. Aber Jesus schrie laut auf und verschied«; und auf diesen Text improvisierte er eine Predigt, die jeden erschütterte. Der arme Supplikant war so verwirrt, als er bemerkte, daß er ein Veterinärbuch in der Hand habe, daß er kaum das »Vaterunser« sprechen konnte und ohne ein Wort hören zu lassen, von der Kanzel wieder herabstieg. Jetzt mußte schon der Herr Dechant den Gottesdienst verrichten, er muhte aber versprechen, daß er nicht predigen, sondern nur beten werde. Aber auch das dauerte anderthalb Stunden. Der würdige Herr flehte auf die Familie Karpáthi, auf alle Sprößlinge derselben in auf- und absteigender Linie, sowohl für diese, als auch für jene Welt so viel Segen herab, daß ihnen, ob sie leben oder tot seien, kein Malheur passieren kann. Dem Gottesdienst wohnten alle Gäste, die angelangt waren, bei; Herr Jancsi aber sprach mit niemandem, sondern erhob seine Seele zu Gott und auf seinem Gesicht drückten sich jetzt keine alltäglichen Gefühle ans. Als er niedersank, um zu beten, lag wahrhafte Andacht auf allen seinen Zügen, er schlug die Augen nieder, als er seine Verdienste preisen hörte, er verglich das Gute, das er in seinem Leben gethan, mit dein, was er hätte thun sollen und können und achtete es für gering. Nur ein Jahr möge ihm Gott schenken, seufzte er auf und er wird alles nachholen, was er unterlassen hat. Ist ihm ein solches Jahr noch beschieden? Wird er den Mond, ja die Sonne noch einmal aufgehen sehen? Tief erschüttert verließ er die Kirche und erst die Gratulationen seiner Gäste brachten ihn in seinen gewohnten Gedankenkreis zurück. Die ungewohnte, feierliche Stimmung des Herrn Jancsi trübte die gute Laune der lustigen Gesellschaft nicht im mindesten. Die Leute scherzten und lachten, während sie sich zu Wagen oder zu Pferde von der Kirche nach dem Kastell verfügten; Kalotai Fritz ließ acht Buben zu sich auf den Wagen setzen und als sie im besten Fahren waren, fielen alle vier Räder aus den Achsen und der Wagen stürzte um, einigen wurden die Füße, andern die Hände zerquetscht. Daran war der Schelm Horhi Miska schuld, der, während die andern in der Kirche saßen, die Radnägel aus dem Wagen zog; Kassay Lorenz, der jetzt sein eigenes Pferd ritt, wurde von diesem abgeworfen, denn der Schelm hatte dem Pferde brennenden Schwamm ins Ohr geworfen und es so scheu gemacht. Herrn Jancsi unterhielten sonst solche Spaße, heute aber schüttelte er den Kopf darüber. Horhi Miska sann allerlei Spaße aus, über die man lachen mußte; er hatte das Gebetbuch des Togaten vertauscht und den Stuhl des Kantors mit Pech bestrichen, daß dieser beinahe kleben blieb; in der Küche vertauschte er den Mohn mit Schießpulver und die Pulvertaschen der Heiducken füllte er mit Mohn, sodaß, als sie die anlangende Gesellschaft mit einer Salve begrüßen wollten, kein einziges Gewehr losging und der Backofen von dem vermeintlichen Mohnkuchen in die Luft gesprengt wurde. Der Verwalter, der den ungeheuren Laib Käse mitgebracht, hatte in einer Höhlung desselben ein Paar Tauben verborgen; diese stahl Horhi Miska und that dafür zwei Ratten hinein, die dann mitten unter die Gesellschaft sprangen, als der Verwalter von seinem gutgemeinten Geschenk die Decke hob. Herr Jancsi konnte über alle diese Spaße jetzt nicht mehr lachen, ja er bedeutete dem Spaßvogel sogar, sich vernünftiger zu benehmen. Der Poet mußte vorher sein Gedicht vorzeigen, das er bei Tisch deklamieren wollte, ob es nicht zu frivol sei; dem Zigeuner wurde verboten, wenn er betrunken sein werde, alle Gäste der Reihe nach zu küssen; die Hunde wurden eingesperrt, damit sie diesmal nicht wie sonst in den Saal kommen und den Gästen die Knochen von den Tellern rauben; die Zigeuner, Komödianten und Studenten wurden angewiesen, sich schicklich zu benehmen und dem Volk wurde verboten, zu raufen, wenn man den gebratenen Ochsen und den Wein verteilen wird. Diesmal sei das alles nicht erlaubt. Einer fragte den andern erstaunt nach der Ursache dieser Erscheinung. – Fühlt der Alte vielleicht, daß er ans dem letzten Loch pfeift, daß er auf einmal so fromm geworden ist? sagte Horhi. – Oder vielleicht ist er erst jetzt gescheit geworden; den, Schwaben sagt man, kommt der Verstand mit vierzig Jahren, ihm ist er vielleicht mit siebzig Jahren gekommen. – Laßt ihn gehen, sagte ein dritter, die menschliche Natur verändert sich alle sieben Jahre; mit Gottes Hilfe hat er jetzt bald zehnmal sieben Jahre zurückgelegt, so ist es denn möglich, daß er sich auch einmal ändere. – Ich glaube hingegen, daß er, seit er auf dem Landtag mitspricht, einzusehen beginnt, er sei eine wichtige Person; vielleicht hat er gar schon den Kammerherrnschlüssel bekommen und läßt deshalb nicht mehr mit sich spaßen. So viel ist gewiß, daß man trotz aller Freude, mit welcher Herr Jancsi seine Gäste empfing, an ihm eine gewisse Zurückhaltung bemerkte, die ihm sonst nicht eigen zu sein Pflegte. Diese Veränderung war nur durch einen einzigen Gedanken veranlaßt; er glaubte nämlich immer, sein Neffe Bela werde kommen. Er konnte sich selbst nicht den Grund angeben, weshalb er das glaubte, aber er rechnete darauf und wenn seine Genossen eben irgendeine ausfallende Dummheit ausführten, fiel es ihm ein: wenn das der jüngste Sprosse der Familie Karpáthi sähe, was würde er dazu sagen? Nein, einmal hat dieser schon seinen Onkel bei ungehörigen Späßen überrascht, diesmal soll er ihn bei einer ehrsameren Unterhaltung finden. Nach den feierlichen Gratulationen verfügten sich die vornehmen Gäste in den Garten hinab, wo die versammelten Bauern ihren Herrn erwarteten. Sonst mußte man den Herrn Jancsi, wenn er die Treppe hinab- oder hinaufging, führen; heute aber stieß er Páls Hand zurück und schritt leicht über die zweiunddreißig Stufen hinab, die in den Garten fühlten. Gewiß hat ihm das vernünftige Leben, das er seit einem halben Jahr in Preßburg führte, die Elasticität seiner Muskeln wiedergegeben. Unten schrieen die Schulkinder ihr Éljen . Der Schulmeister hatte schon etwas im Kopfe, ein einziges Glas konnte ihn berauscht machen und das hatte er heute bereits getrunken, weshalb er auf den Einfall kam, er vor allem müsse jetzt dem gnädigen Herrn gratulieren und das hätte er auch gethan, wenn nicht Horhi Miska ihn am Arm gefaßt und ihm eingeredet hätte, daß heute nicht der Namenstag des Herrn Jancsi, sondern der Kalotais gefeiert werde. Nun machte sich der würdige Volkserzieher an diesen; Kalotai hätte sich gern losgemacht, aber die dreihundert Bauernbuben wurden auf ihn gehetzt und schrieen ihm ihr éljen ins Ohr. Er getraute sich nicht um sich zu schlagen, denn unter den Bauernjungen waren einige erwachsene, starke Lümmel. Inzwischen näherte sich Herr Jancsi der Volksmenge; er wurde mit dreimaligem Tusch begrüßt, zwei altersgraue Bauern gingen, einen großen, fetten Ochsen, den sie für diese Gelegenheit gemästet, an den Hörnern führend, ihm entgegen, der eine von ihnen trat vor, nahm seinen Hut herunter, räusperte sich, schaute auf die Spitzen seiner Stiefel und sprach mit großer Unerschrockenheit ein Gratulationsgedicht, dasselbe, das er seit neun Jahren immer bei dieser Gelegenheit hergesagt hatte. Er wußte es auch gut auswendig und blieb nirgends stecken. »Gott möge Euer Gnaden lange leben lasse», Alles soll Gold werden, was Sie erfassen, Gottes Segen soll mit Haut und Haar auf Sie niedersteigen, Man findet auf der ganzen Welt nicht Ihresgleichen. So oft dieser Ochs hat ins Gras gebissen, Er ist schon im fünften Jahr des Weidens beflissen, So viele Jahre soll Gott Ihnen zulegen. Und alle sollen sein voll Glück und Segen. Wein, Korn und Braten sollen Sie immer genug haben, Und Appetit dazu, um sich daran zu laben, Ihr Geld soll nicht wandern ins Apothekerlädchen, Schenken Sie's lieber dem schönen Käthchen. Ihr Ruhm soll keine Makel erleiden, Alle Tage sollen Sie finden neue Freuden, Gepriesen werde immer Ihre Familie, Wir wünschen, daß Gott sie niemals vertilge. Wenn Sie schon aber dennoch sterben, So mögen Sie im Himmel den schönsten Platz erwerben, Und wenn auch wir einmal auf dem letzten Loch pfeifen, So mögen Sie dort oben unsere Partei ergreifen. – Gott lasse den gnädigen Herrn leben, das wünsche ich vom Herzen! fügte der einfältige Mann hinzu, als ob er es für nötig hielte, den Sinn seiner Verse zu verdolmetschen. Herr Jancsi hielt wie gewöhnlich zwanzig Dukaten bereit, gab sie den beiden Alten, welche den Ochsen gebracht hatten und befahl, daß man das fette Rind für die versammelten Bauern brate. Hierauf kam die erwachsenere Jugend, ein Zehneimerfaß voll mit Hegyaljaer vor sich herwälzend und stellte es vor dem Nabob auf; dann stellte sich Marczi, der abgesetzte Pfingstkönig, als bester Redner unter den Burschen, darauf, ließ sich ein Glas füllen, trank es auf die Gesundheit des gnädigen Herrn aus und brachte seinen Spruch vor: »In Gottes Namen wünsche ich Euer Gnaden, da Sie an dem heutigen, mit Gold gepolsterten, mit Samt überzogenen und mit Silber beschlagenen Tag gesund aufgestanden sind, die himmlische Majestät möge nicht erst Ihre Haare zählen, sondern so viel Segen auf Sie herabschütten, als Ihnen Haare ausgefallen sind; von der ganzen himmlischen Dienerschaft soll keiner etwas anderes zu thun haben, als Euer Gnaden die Sorgen aus dem Weg zu kehren, damit Ihre Stiefel mit den goldenen Sporen der Glückseligkeit, nicht im Schmutz der Leiden mit Kot bespritzt werden; die Weinflasche Ihrer guten Laune soll immer mit rotem Erlauer gefüllt sein und so oft Sie daraus trinken, sollen alle Engel, die im Himmel in seidenen Halbstiefeln herumgehen, darauf Prosit rufen und wenn die Gicht, der Schlag, das Fieber oder andere ungern gesehene Gäste sich in der Gegend Ihrer werten Person herumtreiben sollten, so mögen Heiducken aus dem Paradies kommen und sie mit Haselstöcken dahin treiben, woher sie gekommen sind, Sie selbst aber möge Gott so in Glückseligkeit tunken, wie er Pharaos Volk ins rote Meer getunkt hat, wenn aber endlich der unbarmherzige Mäher kommt, der jeden Menschen für Heu ansieht und Sie niedermähen sollte, dann mögen die himmlischen Fuhrleute Sie nicht lange auf Vorspann warten lassen, sondern Euer Gnaden Seele schnell mit den himmlischen Pferden abholen und in das himmlische Wirtshaus führen, wo Abraham, Isaak und alle jüdischen Patriarchen bei der Musik von dreiunddreißigtausend mit schönen roten Hosen bekleideten Zigeunern einen Csárdás tanzen, Gott soll Sie lange leben lassen! Das wünsche ich von ganzem Herzen.« Herr Jancsi beschenkte den Burschen, der, ohne nur einmal stecken zu bleiben, seine seltsame Gratulationsrede gesprochen hatte; und von jetzt an war er so lustig, wie er es sonst gewesen. Hierauf näherte sich ein schönes junges Mädchen, die schönste aller Dörfer der Umgegend. Sie brachte ein weißes Lämmchen zum Namenstag und sprach auch etwas dabei, aber so leise, daß niemand es hören konnte. Am Namenstag des Herrn Jancsi war es Gebrauch, das gratulierende Mädchen zu der Mahlzeit mitzunehmen, wo sie neben dem gnädigen Herrn ihren Platz hatte; außer dieser war kein anderes Frauenzimmer zugegen. Man erzählt sich böse Dinge von dem Ende dieser Mahlzeiten, wo der Wein den Leuten in die Köpfe stieg und der unbekannte Rausch das Gehirn des Mädchens verwirrte; aber die guten Bauern gaben ihre Mädchen doch gern zu der Gratulation her, denn jede solche Gratulantin wurde ausgeheiratet und ihr Vater bekam obendrein sechs Stück Ochsen zum Geschenk. Das Mädchen war mit der Rede zu Ende, was sich daraus entnehmen ließ, daß sie sich zu dem Lamm bückte und dessen Hals umschlang. – Schau, wie die beiden Lämmchen zu einander kriechen, sagte ein aufgeweckter Bursche. – Sie fürchten sich vor der Schlagbrücke, erwiderte darauf zweideutig Horhi Miska. Herr Jancsi trat mit väterlicher Herablassung zu dem Mädchen hin, streichelte ihr die Wangen und fragte sie: Wie heißt du, mein Kind? – Susi, sagte sie kaum vernehmbar. – Hast du schon einen Liebhaber? – Nein, sagte das Mädchen und schlug die Augen nieder. – So wähle dir aus diesen Burschen, die für dich passen, einen aus, denn ich werde dich in dieser Stunde ausheiraten. Herrn Jancsis Verstand beginnt sich zu klären, sagte man hier und da, sonst pflegte er das auf den andern Tag zu verschieben. – Na, Burschen, wer hat Lust, dieses Mädchen gleich zu heiraten? Zehn sprangen hinzu, auch Marczi war darunter, zum Spaß mischte sich auch Horhi Miska unter sie, den aber Herr Jancsi mit seinem Stock vertrieb. – Fort mit der Gaiß von den Lämmern. Für dich habe ich sie nicht bestimmt. Na, Mädchen, wähle dir einen von so vielen wackern Burschen. – Mein Vater soll wählen, stammelte das Mädchen, ohne aufzublicken. – Na, wo ist er? Ein halb ergrauter Mann, den Hut in der Hand, kam heran. – Na, wählt für Eure Tochter, macht schnell. Der Bauer wollte sich's überlegen. – Eins, zwei, drei! überlegt nicht viel! Endlich fand der Bauer einen, der ihm paßte, einen untersetzten Burschen, dessen Vater vermögend war. – Na, bist du zufrieden? fragte Jancsi das Mädchen. Susi wurde rot bis zu den Ohren und antwortete kaum vernehmbar: Dann nehme ich doch lieber den Marczi. Die ganze Gesellschaft lachte laut auf. – Wozu hast du deinen Vater hergerufen? Marczi verlangte keine Bedenkzeit, sondern sprang rasch herbei und faßte das Mädchen bei der Hand; Herr Jancsi gab ihnen seinen Segen und fünfzig Dukaten dazu und trug Marczi auf, für sein Weib gut zu sorgen. – Na, ich will schon auf sie acht geben! sagte Marczi stolz. Was hat den alten Herrn betroffen, murmelte die Gesellschaft, daß er auf einmal so tugendhaft wird? Hierauf erschollen die Trompeten wieder, die Herren gingen in den Palast hinauf und die Bauern machten sich an ihre Unterhaltungen, die Burschen und Mädchen veranstalteten allerlei Spiele, für die Alten war Wein und Branntwein da und die Weiber schwatzten miteinander. Als er in den Palast hinaufging, erwartete Herrn Jancsi eine neue Freude. Kutyfalvi Bandi, von dem er geglaubt hatte, er werde nicht mehr kommen, sprang eben vom Pferde. Sie umarmten sich herzlich. – Na, daß du nur auch da bist! sagte der gute Alte, indem er sich eine Thräne aus den Augen wischte. – Wenig fehlte, so wäre noch jemand mitgekommen, den du am wenigsten erwartest. – Wer? fragte Jancsi mit vor Freude strahlendem Gesicht. – Nun, errate es. – Mein Neffe Bela, rief der Alte schnell. – Erraten! sagte Kutyfalvi, von der Freude des Nabobs ganz überrascht; er hatte geglaubt, daß er ihn mit dieser Nachricht ärgern werde. – Wo ist er? wo ist er geblieben? Warum hast du ihn verlassen? fragte Jancsi den immer mehr erstaunenden Bandi mit freudigem Drängen. – Er ist bei mir im benachbarten Dorf; bloß um dir zu gratulieren, ist er von Preßburg abgereist, aber auf dem Wege erkrankte er und wurde genötigt, bei mir abzusteigen, indes hat er dir zu deinem Namenstag ein Geschenk mitgebracht, das er noch heute Abend herschicken wird, ich hätte es gern selbst mitgebracht, aber dazu gehört ein Wagen und ich bin hergeritten. Herr Jancsi zitterte vor Freude. Er hatte sich die Ankunft seines Neffen so sehr in den Kopf gesetzt, daß er diese als unausbleiblich betrachtete. – Schnell, Pál, schnell! man muß ihm einen Wagen entgegenschicken, vier Pferde sollen voraus abgeschickt werden, damit man bei der Rukader Csárda wechseln könne. Geh' du! doch nein, du nicht, ich schicke einen demütigeren Menschen hin, den Fiskal meinetwegen, er soll dem Herrn Belli sagen, daß ich ihn grüße und küsse, er soll ihn mit Gewalt herbringen. Hurtig! laufe! – Ha, ich soll laufen? brummte Pál, bequem fortschlendernd, ich bin nicht gelaufen seit dem Franzosenkrieg, nur gut, daß er nicht gesagt hat, ich soll fliegen. Herr Jancsi sprach mit niemandem, bis er nicht gesehen hatte, daß der Fiskal seinem Neffen in der prächtigsten Equipage entgegengefahren sei. Er begann zu berechnen: Der Weg hin dauert vier Stunden, zurück eben so viel, macht acht Stunden; jetzt ist's zwei Uhr, um zehn Uhr wird er da sein. Es fehlt ihm ganz gewiß nichts, er hat es nur nicht gewagt, sogleich herzukommen, er glaubt, ich sei bös auf ihn und hat den Kutyfalvi vorausgeschickt; es ist doch schön von ihm, daß er mich so ehrt. Jetzt wird er hereilen, sein früheres Aufbrausen wird er bereuen und auch dafür um Vergebung bitten; dann werden wir gut miteinander sein und ich werde ruhig zu Gott eingehen können. – Seht ihr, meine Freunde, sprach er endlich mit ausbrechender Freude zu den Umstehenden, dieses Fest wird eine doppelte Bedeutung dadurch erhalten, daß die zwei letzten, männlichen Mitglieder der Famille Karpáthi sich an diesem Tage nach langer Zwietracht wieder aussöhnen werden. – Das wird eine wahrhaft gottgefällige Unterhaltung sein, fügte der Herr Dechant hinzu und die Anwesenden stimmten alle ein; nur Kutyfalvi zeigte eine gewisse Verlegenheit. Inzwischen trugen die Heiducken zehnjährigen Zwetschken- und Pflaumengeist und Kuchenschnitte herum, appetitreizende Mittel, welche anzeigten, daß die Mahlzeit nahe sei. Nach einer halben Stunde wurde in dreimaligen Absätzen die Glocke geläutet, welche die Gäste zusammenrief und die Heiducken spannten die Flügel der Saalthüre weit auf, welche in den Speisesaal führte. In dem prächtigen, großen Saal standen lange Tische, aus welchen sich gewöhnlich zweimal so viel Gedecke befanden, als Gäste da waren, damit unvermutet Anlangende sogleich Platz fänden. Der Tisch bog sich unter der Last der Torten und Backwaren, das schönste Obst, Melonen und Ananasse dufteten in ganzen Bergen auf dem Tisch, Pasteten von erschreckender Größe standen zwischen den sich gegenübersitzenden Gästen und Fische, fast so groß, wie die merkwürdigen Seeungetüme machten die Gäste zweifeln, ob sie dieselben würden überwältigen können. Und zwischen den Gerichten befanden sich Kränze oder Blumenbouquets in Porzellanvasen. Außerdem befand sich auf dem Tisch eine ganze Schatzkammer an Gold- und Silbergefäßen, Selbst die Chorstudenten hatten silberne Becher vor sich stehen. In der Mitte des Saales stand ein großes, silbernes Becken, aus welchem der beste Tokayer als klarer, topasgelber Strahl emporsprang. Jeder mußte auf seinen Platz, Herr Jancsi setzte sich oben an nieder. Als er hin kam, sah er, daß sich neben seinem noch ein anderes Gedeck befand; das war zwar auch an seinen früheren Namensfesten der Fall gewesen, denn dort saß immer das Mädchen, das ihm das Lämmchen dargebracht hatte; jetzt aber rief Jancsi skandierend dem hinter ihm stehenden Pál zu: Was ist das? Wozu dieses Gedeck? – Schreien Sie nicht so! Sehen Sie nicht, daß der Familienbecher dabei steht. Ich habe mir gedacht, wenn jener andere kommt , so soll er dort gleich seinen Platz finden – – Herrn Jancsis Gesicht glättete sich wieder auf diese Worte, diese Aufmerksamkeit gefiel ihm, er schlug Pál auf die Schulter und sagte dann den Gästen, dieses Gedeck sei für seinen Neffen Bela bestimmt; den Heiducken aber belobte er aufs neue. – Siehst du, sagte er, daß du doch ein gutes Herz hast? – Ich habe keines, brummte jener trotzig. Die Suppe brachte den Schwarm der Gäste zeitweilig zum Schweigen; jeder hatte seinem Nachbar einen guten Appetit gewünscht und beeilte sich jetzt, sich von seinem eigenen Appetit zu befreien. Rechts neben Herrn Janesi saß der Dechant, am untersten Ende des Tisches Kutyfalvi und neben diesem Kis Miska. Neben Horhi Miska wagte es niemand zu sitzen, denn er pflegte gottlose Streiche zu verüben, unter dem Tisch Feuerfrösche anzuzünden und dem Nachbar, wenn dieser eben wegsah, Essig ins Glas zu schütten. Die Gäste niederen Ranges nahmen einen andern Tisch ein. Im Hintergrunde befand sich die Bühne, auf welcher Lkody zuerst Tableaux und dann eine Komödie »Faust«, von welcher er sagte, er habe sie nach Goethe bearbeitet, aufführen wollte; hierauf sollten die im Hintergrund der Bühne befindlichen, breiten Saalthüren geöffnet werden, damit die Gäste, das Feuerwerk sähen, das im Garten abgebrannt werden sollte. Inzwischen sollte Biharis Bande die gewähltesten Musikstücke spielen. Dieses Programm war auch zur größten Zufriedenheit der Gäste beinahe ausgeführt, man hatte bereits durch den geöffneten Hintergrund die Feuersäulen der farbigen Sonnen und Raketen aufsteigen sehen, welche in der Höhe ihre roten und grünen Sterne in die dunkelblaue Nacht streuten und ein großer Funkenregen sprühte, als man eben einen Wagen in den Hof kommen hörte. Der Fiskal war zurückgekehrt – aber allein. Herr Jancsi setzte sich niedergeschlagen auf seinen Platz zurück, als er erfuhr, daß Abellino nicht kommen könne, weil er krank sei; indes schicke er seinem Onkel ein Namenstagspräsent mit dem Wunsche, es möge ihm die größte Freude machen. Sechs starke Bursche hatten zu thun, um die lange Kiste herauszubringen, in welcher sich das Präsent befand. Die Kiste wurde auf den zum Teil abgeräumten Tisch gestellt, damit die Gäste ihren Inhalt bequem sehen konnten. An jeder der vier Ecken war die Kiste mit starken eisernen Spangen zusammengehalten; diese mußten erst mittelst Zangen herabgenommen werden. Was kann sich in der Kiste befinden? Die Gäste steckten ihre Köpfe zusammen, um zu sehen, was sie enthalte; sie rieten hin und her, doch niemand konnte es erraten. Endlich waren die Spangen losgemacht, die vier Seiten der Kiste fielen auseinander und auf dem Tische stand – ein verhüllter Sarg. Von allen Anwesenden wurde ein Ruf des Entsetzens ausgestoßen. Ein schönes Geschenk zum siebzigsten Geburtstag, ein mit schwarzem Samt überzogener Sarg, auf dem Deckel die Wappen der Karpáthischen Familie und an den Seiten der Name Johannes von Karpáthi mit silbernen Nägeln ausgeschlagen. Verstummt war alles nach dem ersten Entsetzen, nur einen Schmerzensschrei vernahm man noch, der von einem Sterbenden zu kommen schien. Es war ein Schrei, der sich aus der Brust des alten Karpáthi emporwand. Sobald er den Sarg und daran seinen eigenen Namen erblickt hatte, sprang er auf, streckte die Arme aus, sein Gesicht wurde von einem schauderhaften Lächeln verzogen, dann wurde es blau; an der Bewegung seiner Lippen sah man, daß er sprechen wollte, er brachte aber nichts als ein langes, schmerzvolles Röcheln hervor; dann erhob er seine Hände gen Himmel, schlug sich damit auf die Stirne und sank mit offenen Augen in seinen Armstuhl zurück. Das Blut erstarrte in den Adern aller, die dieses sahen; einige Sekunden lang konnte sich niemand vom Platz rühren. Plötzlich kam die Gesellschaft in lärmende Bewegung, einige eilten zu dem Alten, um ihn ins Bett bringen zu lassen, andere schrieen nach dem Arzt und mehrere hoben den Sarg vom Tisch; nur zwei saßen stumm auf ihren Platzen, Kis und Kutyfalvi. Der ehemalige Pfingstkönig wandte, seit sein Wohlthäter zusammengestürzt war, kein Auge von dem Gesicht seines Nachbars und dieser, als wäre er an seinen Sitz gebannt, vermochte nicht aufzustehen. Kis hielt wie unwillkürlich den vor ihm stehenden schweren goldenen Becher mit seiner Hand umschlossen und als die Heiducken ihren Herrn forttrugen, sprang er von seinem Sitze auf und schrie Kutyfalvi zu: Sie samt ihrem Helfershelfer sind elende Meuchelmörder! Und hiermit schüttete er den Wein, der in dem Becher war, dem Angegriffenen ins Gesicht. Die übrigen fielen von einem Schrecken in den andern, jeder suchte die Thüre, denn sie fürchteten Entsetzliches! Der beschimpfte Zänker erhob sich nach der Beleidigung langsam vom Stuhle, wischte mit der Serviette den Wein von seinem erbleichten Gesicht und begann zum Staunen aller, anstatt den Schimpf zu erwidern, sich nach dem Ausgang zurückzuziehen. Niemand konnte das begreifen; sonst war schon ein beleidigender Blick genügend, ihn zu blutigem Streit zu reizen. Was ging jetzt mit ihm vor? Er war ebenfalls erschrocken. Als er mit dem jüngeren Karpáthi ausmachte, daß dem Alten der Sarg als Festgeschenk übersendet werde, glaubte er, das Ganze werde nur ein schlechter Spaß sein, der höchstens zu einer Prügelei ausarten werde; zu dem Ende hatte er seinem Stallmeister den Auftrag gegeben, das Pferd bereit zu halten, damit er leicht entfliehen könnte; aber er hatte nicht gedacht, daß der Spaß so traurig enden werde und als Kis ihn einen Meuchelmörder nannte, da erstarrten ihm alle Glieder, er fühlte den Schimpf nicht, nur das Entsetzen, welches dieses Wort in seinem Herzen erweckte, er dachte an nichts weiter, als so schnell als möglich von da fortzukommen und begann sich der Thüre zu nähern. – Wir gehen nicht fort, mein Herr! brüllte Kis und wie ein erbostes Wild sprang er über den Tisch, stürzte auf den Entfliehenden und faßte ihn an der Brust. – Wir gehen nicht fort von da, erst müssen Sie Ihren Lohn haben. Kutyfalvis Augen waren von Blut unterlaufen, er bestrebte sich, die Hand des Angreifers von seiner Brust zu entfernen und bemühte sich zugleich, zur Thüre zu kommen, aber jener stellte sich ihm in den Weg und hielt ihn mit eiserner Faust zurück. Niemand wagte es, sich drein zu mengen und die Streitenden zu trennen, obwohl es den Anschein hatte, daß keiner den andern lebend loslassen werde. Eine Waffe hatte keiner zur Hand, um so schrecklicher wurde der Kampf; nichts ist fürchterlicher als ein Kampf mit bloßen Fäusten. Kutyfalvi trug am kleinen Finger einen Ring mit einem großen Stein und man sah, wie er sich bemühte, die so bewaffnete Hand frei zu machen; Kis hielt noch den goldenen Becher in der Hand. Im Ringen gelangten sie bis zur Thüre; hier wurde Kutyfalvis Faust frei und er fühlte mit dem Ring einen fürchterlichen Schlag nach der Schläfe des Gegners. Dieser aber bewegte seinen Kopf schnell auf die Seite und im nächsten Augenblick lag Kutyfalvi mit zerschmetterter Stirne auf der Schwelle. Die Gäste flohen entsetzt nach allen Seiten, nach allen Richtungen rasselten die Kutschen in der Nacht fort, Angst und Entsetzen blieben in Karpáthis Kastell zu Gaste, nur der Feuerwerker machte sein letztes Kunststück und der Name »Karpáthi« erschien mit Flammen in die Nacht geschrieben. * Kutyfalvy Bandi wurde mit Blut bedeckt von seinen Dienern nach seinem vier Stunden entfernten Wohnort gebracht. Was war natürlicher, als daß die aus Karpáthis Kastell Fliehenden nach dem nächsten Ort eilten, um sich sogleich an Ort und Stelle nach dem Befinden der Herrschaft mit dem eingeschlagenen Schädel zu erkundigen? Und wenn man schon einmal da war, konnte man es unterlassen, den anwesenden Abellino, dem Präsumtiverben der Karpáthischen Reichtümer seine Huldigung darzubringen? Alle hatten den alten Karpáthi, vom Schlag gerührt, in den Armstuhl zurücksinken sehen und wenn er etwa noch nicht gestorben ist, so kann er doch nicht lange mehr leben; mehrere eiferten, von freundschaftlicher Teilnahme getrieben, Abellino sogar an, noch in der Nacht nach Karpáthfalva zu reisen, um Verschleppungen zu verhüten. Indes hielt der Junker, der sich schon einmal bei einer falschen Nachricht vom Tode seines Onkels übereilt hatte, für gut, das Begräbnis desselben abzuwarten. Am andern Morgen kam der Herr Dechant an, der so lange in Karpáthfalva geblieben war, um zu erfahren, ob Herr Jancsi das Codicill für das ** Kollegium unterschrieben habe; er brachte die traurige Nachricht mit, daß der alte Herr, obwohl er noch nicht gestorben, doch im letzten Todeskampfe liege, sodaß man mit ihm kein vernünftiges Wort sprechen könne. Darunter verstand er, daß man ihn nicht bewegen könne, das Codicill zu unterschreiben. Dem Herrn Dechanten folgten an demselben Tage noch mehrere höhere Herrschaftsbeamte, die sich beeilten, sich Seiner Excellenz, dem Herrn Erben, ihrem künftigen Herrn vorzustellen. Diese brachten weitere Nachrichten über den Zustand des Sterbenden. Ein Dorfbarbier habe ihm zur Ader gelassen, worauf er sich ein bißchen erholt habe; dann wollte man nach einem Doktor schicken, aber er drohte, den zu erschießen, der ihm einen Doktor bringe, man möge ihm nur den Barbier lassen, zu diesem habe er mehr Vertrauen, weil er es nicht wagen werde, ihn umzubringen; er wolle leine Medizin nehmen und niemanden sehen, nur Kis Miska dürfe zu ihm, übrigens werde er höchstens noch bis Morgen früh leben können. Abellino nahm das Erscheinen der Beamten für ein gutes Vorzeichen, das bewies ihm, daß sie ihn als ihren künftigen Herrn betrachteten. Den folgenden Tag kamen wieder viele größere und kleinere Wirtschaftsbeamte nach Kutyfalvis Wohnort und empfahlen sich der Gnade Abellinos. Gewiß, die Augenblicke ihres bisherigen Herrn waren gezählt; niemand wagte es, ihm noch einen Tag zuzugestehen. Am dritten Tag gingen auch die Heiducken und Beschließer zu Abellino über; jetzt fing diesen das langweilige Sterben seines Onkels zu ärgern an. Mit den zuletzt Angekommenen sprach er ganz kurz und als er von ihnen erfuhr, der Alte liege schon in den letzten Zügen, kündigte er an, daß er unter allen seinen Beamten und Dienern große Reformen vornehmen werde, unter welchen die erste die sei, daß sich jeder den Schnurrbart abrasieren müsse. Die Beamten und Kästner gehorchten sogleich, die Heiducken aber thaten es nur mit Widerstreben und erst, nachdem jedem von ihnen vier kaiserliche Dukaten versprochen wurden. Am vierten Tag war bei dem alten Karpáthi von so vielen guten Freunden, Beamten, Dienern und Spaßmachern schon niemand mehr zurückgeblieben als Kis Miska, der einstige Pfingstkönig, Herr Varga, der Güterdirektor, Pál, der alte Heiduck und Vidra, der Zigeuner. Auch der Poet war unter den Überläufern. Er brauchte in seinen Gedichten nur »Bela« anstatt »Johann« zu setzen, um sie dem neuen Patron vordeklamieren zu können. Alle die Gäste, guten Freunde, Unterthanen, die am Johannis-Enthauptungstage zusammen in der Kirche gebetet und an Herrn Jancsis Tisch zusammen gegessen und getrunken hatten, unterhielten sich jetzt mit Abellino und waren unerschöpflich im Erzählen närrischer und lächerlicher Streiche, die sie von dem Alten wußten. Alles schimpfte jetzt über ihn und keinen einzigen fiel es ein, für ihn zu beten, falls er gestorben sein sollte. Am fünften Tag kam bereits niemand herüber, um über Karpáthi eine Nachricht zu bringen. Vielleicht war der Unglückliche schon begraben. Am sechsten sprengte ein Reiter in den Hof, es war Marczi. – Na, bist du auch gekommen, Marczi? rief ihm einer der Beamten zu, sobald jener vom Pferd gestiegen war; du kannst dir auch Glück wünschen, daß deine Hochzeit nicht erst um eine Woche später vor sich ging; der neue Grundherr hätte vielleicht das jus primae noctis wieder eingeführt. Na, was giebt's Neues in Karpáthfalva? Du kommst gewiß, um uns zum Begräbnis einzuladen? – Ich habe Ihnen einen Brief überbracht, sagte Marczi ruhig und berührte zum Schrecken des Beamten seinen Hut nicht, während doch Abellino auf dem Erker stand. – Kannst du nicht deinen Hut abnehmen, Lümmel! Wer schickt den Brief? Auf die erste Frage zuckte Marczi die Achsel, auf die zweite antwortete er, der Güterdirektor habe ihm den Brief übergeben. Der Beamte erbrach das Schreiben und Funken flogen ihm vor den Augen, als er hineinblickte. Es war die eigene Handschrift des alten Karpáthi, welcher seine, in Kutyfalvis Kastell versammelten Beamten, Heiducken und Diener in Kenntnis setzte, er habe sich so viel erholt, daß er aufstehen und ihnen schreiben könne; er freue sich, daß sie einen bessern Herrn, als er sei, gefunden hätten, sie möchten bei diesem bleiben und sich vor ihm nicht mehr zeigen. Der Beamte machte ein Gesicht, wie einer, der in eine saure Birne gebissen hat und damit er die gute Nachricht nicht allein wisse, übergab er den Brief allen seinen Kollegen, und zuletzt machte das gefahrbringende Schreiben auch unter den Heiducken die Runde. Dem Ungar thut es in solchen Fällen wohl, sich den Schnurrbart zu drehen und jetzt hatten alle diese Leute weder ein Amt, noch den Schnurrbart mehr. Der eine kratzte sich den Kopf, der andere schrie laut vor Verzweiflung, ein dritter fluchte; sie wußten nicht, über wen sie sich zuerst beklagen sollten, über Abellino, weil er die Erbschaft nicht wirklich antrat, oder über Jancsi, weil er nicht sterben wollte. Abellino war der letzte, dem die freudige Nachricht mit traurigem Gesicht überbracht wurde. Er schlürfte seinen Thee mit philosophischer Ruhe weiter und sagte: Enfin! wird er doch nicht ewig leben. Dritter Teil. 1. Unvermutete Wendung. Nach Verlauf eines Monats finden wir Herrn Johann von Karpáthi bereits wieder in Preßburg; er nimmt es jetzt sehr übel, wenn man ihn »Jancsi« nennt. Der Nabob hat sich sowohl äußerlich als innerlich sehr verändert; sein Leib ist so sehr zusammengefallen, daß er alle seine früheren Kleider nicht mehr tragen kann, weil sie ihm viel zu weit geworden sind, von seinem Gesicht ist die fieberhafte Röte gewichen, im Umkreis seiner Augen fehlt die frühere Aufgedunsenheit; er spricht jetzt ernst, kümmert sich um öffentliche Angelegenheiten, Nationalunternehmungen, sucht für seine Güter gebildete, ehrliche Beamte, meidet die ausschweifenden Unterhaltungen und hält auf dem Landtag vernünftige Reden, Niemand kann sich vorstellen, was ihn auf einmal überkommen habe. Kis Miska ist jetzt sein einziger Liebling, mit dem er sich auf allen öffentlichen Plätzen zeigt; oft begegnen sie Abellino und dann sehen der Nabob und der Pfingstkönig einander an, sie lächeln, flüstern miteinander und deuten an, daß sie gegen Abellino etwas vorhaben, irgendeine lustige Antwort auf die Übersendung des Sarges; jetzt lachen noch die jungen Roués auf Kosten des Alten, aber bald wird Jung und Alt auf Abellino mit Fingern zeigen und lachen, denn in der Komödie, die er begonnen hat, wird ihm eine Rolle vorbereitet, die sehr geeignet sein wird, das Publikum in gute Laune zu versetzen. Nach zweiwöchentlicher Abwesenheit verfolgte Abellino seine unterbrochene Jagd auf das schöne Bürgermädchen mit verdoppelter Hitze. Die vereitelten Versuche reizten ihn nur noch mehr und das Ziel erschien ihm um so schätzenswerter, je schwerer es zu erreichen war. Endlich wurde er rasend verliebt in das Mädchen, nicht Eitelkeit, nicht Prahlerei, nicht die eingegangene Wette drängten ihn mehr sie zu verführen, er war jetzt von der hartnäckigsten Leidenschaft beherrscht. Er fühlte, er müsse das Mädchen besitzen und vielleicht glücklich machen oder zu Grunde gehen. * Meister Boltay stand eben im Thor und hielt hinter dem Rücken einen kurzen Prügel, als ob er einem Hund auflauerte. Der gute Mann hatte viel Kopfschmerzen, seit er sich in Fannys Angelegenheiten eingemischt. – Ein Philister, der ein Mädchen hütet! Kann es wohl eine lächerlichere Figur geben? Immer glaubt er, daß man ihn betrüge und gerade wenn er nicht daran denkt, betrügt man ihn; weder bei Tag, noch bei Nacht hat er Ruhe, er erwacht bei dem geringsten Geräusch, wenn sich in der Nacht der Fenstervorhang bewegt, glaubt er, der Verführer krieche durchs Fenster, während dieser bequem durch die Thüre ein- und ausgeht, die sich vor seinem Gelde öffnet; er durchstöbert jedes Blumenbouquet, ob damit nicht ein Billet-doux eingeschmuggelt werde, während er, ohne es zu wissen, den Liebesbrief in seinen eigenen Rocktaschen nach Hause trägt; jeder seiner Diener ist ein Verräter, alles ist wider ihn verschworen, er schaut immer und sieht nie etwas. Solche Mädchenhüter wählte sich der Witz zu allen Zeiten am liebsten zum Gegenstand des Spottes; die Unterhaltungslitteratur führt euch immer betrogene Männer und hinter das Licht geführte Väter und Vormünder vor, die vor der Thüre Wache stehen, während sich der Gegenstand ihrer Wachsamkeit drinnen mit der Geliebten unterhält, die einem Schatten nachlaufen, während der glückliche Schwelger sie bestiehlt und zugleich auslacht. Die allgemeine Vorliebe, deren sich eine solche Lektüre erfreut, lehrt, daß sich der Dichter eine dankbarere Rolle erwählt hat, wenn er süße Verbrechen schildert und dem Leichtsinn die Wege vorzeichnet, als wenn er sein Gesicht in ernste Falten legt und über die Abgründe der Gesellschaft lange Predigten hält. Meister Boltay hatte einen kleinen Landbesitz, der im Preßburger Gebirge lag; im ersten Schrecken brachte er Fanny mit ihrer Tante dorthin, um sie zu verbergen. Aber möge Danaë auch in einem unterirdischen Gemach verborgen sein, Jupiter gelangt doch zu ihr; und wenn einmal die edlen Nachahmer dieses ersten aller verliebten Kavaliere ein Weib zu ihrem Opfer auserkoren haben, so wirst du, lieber Dichter, dir vergebens den Kopf zerbrechen, wie du sie befreien könnest; vergebens verleihst du ihr einen stählernen Charakter, eine demantene Tugend, du mögest Unwahrscheinlichkeiten über Unwahrscheinlichkeiten erzählen, du wirst ihr nicht anders helfen können, als wenn du den Verführer erschießest, aufhängst, vernichtest. Schon in der ersten Woche hatte Abellino erfahren, wo man das Mädchen vor ihm verborgen habe und einige Tage darauf hatte Therese bereits eine Magd des Hauses dabei ertappt, als sie in Fannys Lesebuch einen verdächtigen Brief legen wollte. Meister Boltay jagte die Magd sogleich fort. Aber Tag für Tag folgten neue verdächtige Anzeichen; junge Kavaliere jagten in der Nähe des Besitzes und erdachten tausend Schelmereien, um hineinzukommen, bald boten sie verkleidet ihre Dienste als Gärtner oder Meier an, aber Therese witterte Verrat und sperrte ihnen die Thüre vor der Nase zu, bald schlichen sie sich als alte Zigeunerinnen in den Hof und wahrsagten dem Mädchen, ein reicher Herr sei in sie verliebt und werde sie heiraten. Meister Boltay wurde, als er solche Sachen hörte, wütend, wie ein Büffel in den Hundstagen. Er nahm sich Schreckliches vor, er wollte dem ersten, den er erwischt, das Genick brechen. Der Feind ist ein leichtes, bewegliches, in Schelmereien erfahrenes Wesen und hat nichts anderes zu thun, als sich darüber den Kopf zu zerbrechen, wie er jenen daran kriegen könne, während er, wie sein einfältiger Geselle, Sándor, als ein schwerfälliges Tier dasteht, das sich die Hörner wachsen läßt, mit denen es den Feind niederstoßen will. Wenn Karpáthi auch keinen andern Grund hätte, der ihn in seinem Plan zur Ausdauer antreibt, so wäre schon der genügend, diesen von Bauernstolz besessenen Handwerker zu züchtigen, der frech genug war, den von ihm hingeworfenen Handschuh aufzuheben und ihn taub zu machen. Das wird den Burschen mehr schmerzen, als hätte er ihn mit einem Schuß getroffen; er wird ihm sagen können: elender Bretthobler, die dein Ideal war, ist meine Sklavin, die glücklich ist, wenn ich sie anlächle, die dich nicht einmal ansieht, wenn du vor ihr kniest und ihr die Seligkeit versprichst, liegt zu meinen Füßen, küßt mir die Hand und fleht, daß ich sie an meine Brust emporhebe; für dich wird sie gut genug sein, wenn ich ihrer überdrüssig sein werde. Also Meister Boltay stand murrend vor der Hausthüre, als vor derselben eine schöne Equipage stehen blieb und aus dieser ein alter ungarischer Herr mit Hilfe seines Heiducken ausstieg. Freundlich näherte sich der alte Herr dem Meister Boltay und sprach, nachdem er dem Heiducken gewinkt hatte, zurückzubleiben, den Handwerker an: Herr, ist dieses das Hans des Meisters Boltay? Der Angeredete war so in Gedanken vertieft, daß er anstatt zu antworten, nur mit dem Kopf nickte. – Habe ich vielleicht die Ehre, mit dem würdigen Meister selbst zu sprechen? Meister Boltay war noch nicht völlig erwacht und stellte sich vor, dieser Herr wolle jetzt mit ihm einen Streit beginnen. – Ja, ich bin es, ich leugne es nicht. Der alte Herr lächelte, legte seine Hand auf den Arm des Meisters und forderte ihn mit gewinnendem, herzlichen Ton auf, mit ihm ins Haus zu gehen, denn er habe viel mit ihm zu reden. Der Meister willfahrte ihm, führte ihn in sein innerstes Gemach, hieß ihn sich setzen, stellte sich vor ihn hin und forderte ihn auf, zu sprechen. – Vor allem, begann der alte Herr mit seltsamem Lächeln auf den Meister blickend, muß ich mich Ihnen vorstellen. Ich muß damit beginnen, daß ich Ihnen einen Namen nenne, den Sie nicht gern hören werden: ich heiße Johann Karpáthi. Sprechen Sie den Ärger nur laut aus, der jetzt in Ihnen erwacht; ich weiß, daß, was Sie sagen wollen, nicht mich angeht, sondern meinen Neffen, der Bela heißt und sich selbst thörichterweise Abellino getauft hat. Sie haben gerechten Grund, auf ihn böse zu sein, denn er hat Ihnen Unglück ins Haus gebracht. – Das hat er noch nicht gethan, sagte Boltay, und ich hoffe zu Gott, daß er mir auch kein Unglück ins Haus bringen wird. – Das wünsche ich ebenfalls; aber es ist umsonst, der Teufel schläft nicht, besonders wenn von einem schonen Mädchen die Rede ist. Mein Neffe hat sich fest vorgenommen, Ihre Pflegetochter zu verführen. – Das weiß ich, mein Herr, aber ich bin auf der Hut. – Lieber Herr, Sie kennen nicht die Hälfte aller der Schelmereien, die von solchen in der großen Welt bewanderten jungen Herren in ähnlichen Fällen angewendet werden. – Halt, Herr, eines weiß ich, daß nämlich das Mädchen wegen Ihres Neffen zu einem Klosterleben verdammt ist; ohne mich wird sie keinen Fuß auf die Gasse setzen und wenn ich diese Verfolgungen einmal satt habe, so verlasse ich meine Werkstatt und wandere nach einem andern Weltteil aus, ich verlasse mein Vaterland, das ich so sehr liebe, das ich mehr liebe, als viele, die sich Väter des Vaterlandes nennen; aber bis dahin, mein Herr, möge ich keinen von den Schmetterlingen in meiner Nähe erwischen, ich bin kein Edelmann, ich werde keine Herausforderung annehmen, sondern ich zerbreche den, der mir in den Weg tritt, wie schlechtes Glas; sagen Sie das Ihrem Neffen. – Entschuldigen Sie, guter Freund, ich pflege meinem Neffen keine Posten zu überbringen, ich bin auch nicht des bloßen Geschwätzes wegen hergekommen, mich hat ein gut überlegter und berechneter Plan hergeführt. Ich hasse den Menschen mehr, als Sie es thun. Sie brauchen nicht zweifelnd den Kopf zu schütteln; es ist, wie ich es Ihnen sage. Sie hätten Ihr Leben lang hier wohnen können, ohne daß ich Sie belästigt hätte, wenn nicht ein unangenehmes Verhältnis Sie mit Abellino in Verbindung brachte, der mein Todfeind ist und dem ich dasselbe bin. Dieses verwandtschaftliche Verhältnis werden Sie leicht begreifen, wenn ich Ihnen sage, daß er sein schönes väterliches Erbe vergeudet und überdies in Paris große Schulden gemacht hat, die er mit meinem Vermögen bezahlen möchte. So stehe ich ihm denn im Wege; er will, daß ich sterbe, ich aber will nicht. Sehen Sie, das ist Ursache genug, daß wir uns gegenseitig todfeind sind und da ich wahrscheinlich einen kürzeren Weg zum Grabe habe, so wird der Kampf mit sehr ungleichen Waffen geführt. Er hat mir kürzlich zu meinem Namenstag einen Sarg als Präsent mit dem Wunsch überschickt, ich möge ihn je früher je lieber benutzen. Jetzt wird bald sein Namenstag sein und ich werde ihm einen Bettelstab überschicken, mit dem Wunsche, er möge ihn recht lange benutzen. – Gut, mein Herr, das geht Sie an, aber nicht mich: ich bin ein Tischlermeister und fabriziere keine Stöcke; wenn Sie ihm einen Bettelstab schicken wollen, so können Sie einen bei meinem Nachbar bestellen, der ein Drechsler ist. – Meister Boltay, seien Sie nicht ungeduldig; dieser Bettelstab ist ja nur bildlich gemeint. Ich habe, wie gesagt, einen Plan, den Sie kennen müssen. Es wird besser sein, wenn Sie sich zu mir setzen und mich ruhig anhören; so. Ich will, daß Abellino vergebens auf meinen Tod warte und wenn ich einmal sterbe, so sollen meine Güter nicht auf ihn übergehen, sondern auf jemand andern. Verstehen Sie? – Ich verstehe. – Sie verstehen gar nichts. Über das Gut kann ich nach unsern Gesetzen nicht nach Willkür verfügen; es muß nach meinem Tode dem gesetzlichen Erben zufallen und bis jetzt ist Bela mein gesetzlicher Erbe. Eine schöne Erbschaft! sie ist schon der Rede wert. Die jährlichen Einkünfte belaufen sich auf anderthalb Millionen. – Anderthalb Millionen! rief der Handwerker schaudernd und staunte den Magnaten an, als ob er gar nicht glauben könne, daß der ein Mensch sei, der ein jährliches Einkommen von anderthalb Millionen hat. – Ja, jährliche anderthalb Millionen erwarten denjenigen, der mich einst beerben wird; und selbst im Grabe noch würde mir der Gedanke weh thun, daß das Erbe meiner Ahnen, für welches ihr edles Blut geflossen ist, in die Hände eines unwürdigen Nachkommen gelange, der es zerstückeln und an Wucherer vergeuden würde, der über meinen Tod nicht weinen, sondern jubeln wird. Ich will ihn dieser Freude berauben. – Soll ich Ihnen hierzu einen Rat geben? – Nicht nötig! Hören Sie nur, was ich sage. – Anderthalb Millionen! seufzte der Handwerker, kaum hörend, was der Magnat weiter sagte. Nicht Habgier, sondern Angst und Schrecken veranlaßten ihn zu dem Ausruf; wenn diese erstaunliche Summe in die Hände jenes Menschen käme, wie viel Böses würde er damit verüben können! wie schwer wiegt ein so großer Schatz gegen die Tugend und die Ehrlichkeit eines armen Menschen! Wer so viel Geld hat, der kann ja alles kaufen, dem ist ja nichts unmöglich! Deshalb seufzte der Handwerter: anderthalb Millionen! Karpáthi ergriff die Hand des Meisters, um ihn zu besserer Aufmerksamkeit zu nötigen. – Es giebt ein Mittel, das mir ermöglicht, Abellino einen Strich durch die Rechnung zu machen und ich will es, ich will ihm bis aufs Blut, bis ins Herz weh thun, denn er hat mich tief beleidigt und dieses Mittel ist nichts anderes, als daß ich heirate. Hier schwieg Karpáthi still und erwartete zurückgelehnt, was der Handwerker dazu sagen werde. Dieser nickte nur, wie einstimmend mit dem Kopfe. – Wenn mir vielleicht noch ein Kind geboren wird, fuhr Karpáthi mit leiser unterdrückter Stimme fort und schlug dann mit unterdrückter Heiterkeit auf den Tisch; ha! dieser Gedanke belebt mich aufs neue! Herr, ich bin nicht bigott, aber als ich auf dem Sterbebett lag, gab mir eine himmlische Erscheinung diese Versicherung und als ich zum Staunen der Leute aus dem Reich des Todes wiederkehrte, als ich zu mir kam, während mich alles für tot hielt, da bekam ich Kraft und Lust zum Leben und ich bin überzeugt, daß jene Erscheinung kein leerer Traum war. Ich werde heiraten und hören Sie jetzt, inwiefern Sie das interessirt. Der Kopf des Handwerkers war, als ihm so viele Ideen und Vermutungen auf einmal kamen, ganz verwirrt. – Sie haben eine junge Pflegetochter, die Abellino verfolgt, auf welche seine Kameraden Wetten machen, wie bei Wettrennen, gegen die seine Komplotte im Werke sind, der auf Schritt und Tritt unsichtbare Schlingen gelegt werden. Ich will diese schnöde Verfolgung vereiteln und das Mädchen in einen Zufluchtsort bringen, wo mein Neffe Abellino und sollten ihm auch Thüren und Fenster offen stehen, sie nicht aufsuchen wird und dieser Zufluchtsort soll mein Haus sein. – Wie, mein Herr? – Ich bitte Sie, mir Ihre Pflegetochter zur Frau zu geben. – Was? – Sie soll meine gesetzliche Gattin sein. Die Welt hat mich viele Jahre hindurch als einen »guten Narren« gekannt; die Tage, die mir noch beschieden sind, möchte ich dazu verwenden, um den Titel Narr von meinem Namen abzuwetzen. Meister Boltay erhob sich langsam. – Mein Herr, Ihr Antrag ehrt und überrascht mich; Sie haben ein jährliches Einkommen von anderthalb Millionen, Sie sind ein unermeßlich reicher Herr, Sie sind der reiche Mann aus der heiligen Schrift. Aber ich weiß, mein Herr, daß Reichtum nicht auch Glück ist. Ich habe ein armes Mädchen gekannt, die von ihren Eltern voriges Jahr an einen reichen Mann verheiratet und heuer als Leiche aus der Donau gezogen wurde; sie ist trotz dem Reichtum eine Selbstmörderin geworden. Ich will meine Pflegetochter glücklich machen, aber für Schätze, für Reichtümer gebe ich sie nicht hin. Karpáthi blieb sitzen und faßte den Handwerker freundlich an der Hand. – Setzen Sie sich wieder nieder, lieber Meister Boltay. Sobald ich Ihr ehrliches Gesicht sah, war ich auf diese Antwort gefaßt. Sie haben Ihrer Pflegetochter gewiß ein ruhiges, glückliches Los bereitet und das ist rühmenswert von Ihnen. Sie wollen ihr Ihren nicht zu verachtenden Besitz, Ihr Gewerbe hinterlassen und haben ihr vielleicht schon einen ehrlichen, geschickten, verständigen, jungen Mann ausgewählt, an dessen Hand sie ruhig durchs Leben wandeln soll. Aber es steht nicht mehr in Ihrer Macht, ihr ein solches Leben zu bereiten. Das Mädchen ist aus einer unglücklichen Familie, die Eitelkeit liegt ihr im Blut; ihre erste Erziehung erhielt sie in der Schule der Genußsucht, des Hochmuts, der Sucht zu glänzen, ihre später strengere Erziehung hat diese Erinnerungen und die Neigungen, die mit ihr geboren wurden, nur unterdrückt, aber nicht verwischt. Sie hat einmal das Verbrechen gefeiert, die Sittenstrenge verlacht gesehen; das ist eine schlimme Erfahrung und ein starkes Herz gehört dazu, wenn jemand von dem Süßen sagen soll: das ist bitter und von dem Bitteren: das ist süß. Möglich, daß Sie, wenn Sie das Mädchen seit ihrer zartesten Kindheit nach Ihren strengen Grundsätzen erzogen hatten, für ihre Tugend und Genügsamkeit gut stehen könnten; aber Sie haben das Mädchen in einem Alter bei sich aufgenommen, in welchem das Herz schon zur Erkenntnis gelangt ist und kein Zauberer der Welt kann sie dieser Kenntnis berauben. Der Ehrgeiz, die Sucht zu glänzen und sich auszuzeichnen, haben in der Seele des Mädchens bereits Wurzel geschlagen. Haben Sie nicht bemerkt, wie sie gegen den braven armen Jungen plötzlich kalt geworden ist, wie sie sich's in den Kopf gesetzt hat, sie könne eine von der Welt gefeierte Schönheit werden? Anfangs dachte sie, sie werde das durch sich selbst, durch ihre Kunst erreichen, jetzt glaubt sie das wahrscheinlich nicht mehr, denn jemand hat ihr beigebracht, daß ihre Stimme kaum zu den erträglichen gehöre; aber in ihrer Seele blieb der Trieb zurück, zu glänzen, um in Pracht und Gemächlichkeit zu leben. Jetzt schaudert sie vor dem Weg, auf welchem sie das erreichen kann, noch zurück, aber bald kommt der Überdruß, die Leidenschaft, das Verlangen des Bluts, zuweilen noch Erbitterung, ein Augenblick des Selbstvergessens, in welchem das Herz den schlechten Ratgebern Gehör leiht und wer kann ein Mädchen vor dem Fall schützen, wenn sie fallen will? – Das glaube ich nicht, mein Herr, ich glaube gar nichts von dem, was Sie gesagt haben. Ich fühle wohl, daß Sie die Wahrheit sagen, aber ich leugne es dennoch. Es ist wahr, im allgemeinen ist es so, wie Sie sagen, aber mein Schützling macht eine Ausnahme. – Ich will nicht streiten. Sie werden wissen, daß sich die meisten beeilen, Ihrem Schützling Gelegenheit zum Falle zu bieten, denn der Ruf ihrer Schönheit ist bis in die höchsten Kreise gedrungen, freilich auch der Ruf ihrer Tugend. Aber zum Kuckuck! die Tugend ist die reizendste Lockspeise; man spricht niemals von der Tugend eines Mädchens, ohne daß man wünscht, die Diebe möchten kommen und sie ihr stehlen. Sehen Sie, ich verlange nicht, daß Sie mir Ihre Pflegetochter gegen den Willen derselben zur Frau geben oder daß Sie sie dazu bereden sollen; setzen Sie sie bloß von meinem Antrag in Kenntnis. Sagen Sie ihr: ein reicher Magnat verlangt dich zur Frau, der Freier ist weder schön, noch jung, noch liebenswürdig, er könnte dein Großvater sein, indes übernimmst du gegen ihn keine andere Verpflichtung, als dich ihm antrauen zu lassen und ihn zu ehren; wenn du willst, so kannst du von ihm getrennt leben, du brauchst ihn nicht zu sehen, ausgenommen, du suchst ihn selbst auf; glaubst du, daß dich der Glanz des großen Namens und die Macht des Reichtums beglücken werden? willst du den Antrag annehmen? – Wenn das Mädchen hierauf »nein« sagt, so werden wir von der Sache schweigen und ich werde Sie nicht weiter belästigen. Das zu thun, sind Sie als Pflegevater verpflichtet. Zur Antwort lasse ich Ihnen eine Woche Zeit. Nach Verlauf derselben werde ich meinen vertrauten Diener, der dort neben der Kutsche steht, hersenden, weil ich den etwaigen Korb mir nicht gern selbst abholen möchte; der Diener wird fragen, ob ich nicht diesen Brillantring hier vergessen habe. Wenn die Antwort abschlägig sein wird, so schicken Sie mir den Ring zurück, wird aber der Antrag angenommen, dann lassen Sie mir sagen, ich möge den Ring selbst abholen. Hiermit stand der Magnat, nachdem er den Ring auf den Tisch gelegt hatte, auf, drückte dem Meister Boltay freundschaftlich die Hand und überließ ihn seinen verwirrten Gedanken. Boltay begann unruhig auf und ab zu gehen. Was soll ich thun? Er fühlte, daß Karpáthi die Wahrheit gesagt habe. Das Mädchen wird nicht widerstehen können, sie wird den Antrag annehmen und unglücklich werden. Wie sollte sie glücklich sein? Wenn ihr Mann lange lebt und sie ihm treu bleibt, so wird sie traurig dahinwelken; in dem Kreise, in welchen ein blinder Zufall sie erhoben hat, wird man sie verachten als eine Person, die außer ihrer Schönheit kein Verdienst hat; und wie viel wird sie erst verlieren, wenn sie die Huldigung, welche man der Schönheit darbringt, annimmt! Für das sogenannte Glück wird sie die Ruhe ihrer Seele hingeben und sie nie wieder finden. Und dennoch wird sie den Antrag annehmen; die Seele eines Kindes wird von so viel Glanz noch geblendet, überdies ist der Antrag ehrend, einer der reichsten Magnaten bietet einem armen verlassenen Bürgermädchen seinen Namen an; wer würde das nicht für ein Glück erachten? Gewiß, man würde das Mädchen für wahnsinnig halten, das einen solchen Antrag zurückweist. Er geriet schon auf den Gedanken, dem Mädchen gar nichts zu sagen. Doch nein, das schickt sich nicht, das wäre eine Lüge. Plötzlich fiel ihm ein Gedanke ein, der dem Übel die Spitze abbrechen könnte. Er eilte fort, um Sándor aufzusuchen. Der wackere Junge arbeitete eben an seinem Meisterstück; es war ein prächtiger Schreibtisch mit schönem Schnitzwerk und geheimen Schubfächern, er war ganz vertieft in die Arbeit. – Sándor, sagte Boltay, dein Meisterstück wird wirklich meisterhaft. – Ich bin stolz darauf; Tag und Nacht denke ich daran. – Tag und Nacht? und denkst du sonst an gar nichts weiter? – Ich? woran sollte ich denn denken? – Zum Beispiel, daß du übermorgen schon Meister sein wirst. – Dessen bin ich gewiß. – Na, und wenn du schon einmal Meister bist, möchtest du nicht auch eine Frau Meisterin ins Haus bringen? An deinem häuslichen Glück, das ich nie genossen habe, würde ich meine Freude finden. Sándor seufzte. – Wir müßten lange leben, wenn wir das erleben sollten. – Geh, wie sprichst du da? du willst doch kein Hagestolz bleiben? Na, mach mir nur kein so heiliges Gesicht. Vor mir willst du ein Geheimnis haben, vor mir, der ich dich ganz durchschaue? Ich weiß sogar auch, wen du liebst. Na, soll ich's sagen? Sei doch nicht so feig und verseufze nicht deine Jahre! Du mußt der Sache gerade auf den Leib rücken, mußt dem Mädchen sagen: höre, Mädchen, ich liebe dich, ich kann dich auch ernähren, wenn du mein Weib wirst, so sollst du keinen Mangel leiden. Oder willst du, ich soll für dich werben? Meinetwegen, ich werde gern dein Freiwerber sein, heute noch spreche ich mit dein Mädchen und morgen, das wette ich, feiern wir eine Verlobung, über welche selbst die Engel im Himmel ihre Freude haben werden. Wie wir sehen, beantwortete sich Meister Boltay seine Fragen selbst. Sándor sprach kein Wort, er schlug die Augen nieder, drückte dein Meister stumm die Hand und ging aus dem Zimmer; wer weiß, was ihm fehlt? Bisher hatte Meister Boltay ein lustiges Gesicht gemacht, aber sobald der Junge fort war, kamen ihm die Thränen in die Augen. Auch er vermutete, auch er fürchtete, daß Sándor unglücklich liebe. Und dennoch hielt er an dem rettenden Gedanken fest. Karpáthis Antrag kann er vor Fanny einmal nicht verschweigen; aber wenn das Mädchen einem Werber, der jenem zuvorkommt, ihr Jawort giebt, dann braucht er ihr doch nichts zu sagen. Also zuerst wird er für Sándor um Fannys Hand werben; wer weiß, ob sie nicht dennoch etwas für ihn fühlt. Wenn sie ihn aber zurückweist, wenn sie sagt, daß sie für den jungen Mann gar nichts fühlt, was wird sie dann zu dem zweiten Antrag sagen? Kann sie vorgeben, sie werde einen siebzigjährigen Greis lieben, wenn sich ihr Herz gegen einen wackern jungen Menschen mit Kälte wappnet? Der Plan war gut ausgedacht. Boltay fuhr noch an demselben Tage nach seiner Landwohnung hinaus, die in einem lieblichen Thal der Karpathen lag. Die Mühen und Genüsse des Landlebens boten dem Gemüte Fannys eine gesunde Nahrung; die Aussicht auf Wälder und Felder, das Gespräch mit den einfachen Dorfbewohnern gewöhnten ihre Seele an reinere Gedanken, der Hochmut und die Prunksucht, diese Bastarde der Civilisation, schrumpfen ein und verlieren sich im Schoß der heiligen Natur. Fanny lief dem Meister Boltay schon von weitem entgegen, zog ihn vom Wagen und führte ihn mit heiteren kindischen Scherzen im Hof, im Garten, in den Scheuern herum; voll rosiger Laune zeigte sie ihm, wie sie das Getreide in den Scheuern habe aufschütten lassen, wie groß schon die Pflanzen in der Baumschule stehen, wie viel Schwärme die Bienen haben, wie das eingemachte Obst in der Speisekammer ausgestellt ist, wie schon der Flachs gewachsen ist u. s. w. Boltay kniff das Mädchen in die Wangen und freute sich über ihre Heiterkeit. – Was für eine gute Hauswirtin du geworden bist; du verstehst ja schon alles auf der Welt, man könnte dich ja schon ausheiraten. – Ausheiraten! lachte Fanny, fiel dem Meister schelmisch um den Hals und sagte, heiraten Sie mich, Papa Boltay, Sie nehme ich gleich. – Geh, du Schelm, sagte er, sich vor Freude kaum auskennend. Ich bin ja älter, als dein Vater. Wir werden dir schon einen aussuchen, der für dich paßt. – Gut, Papa Boltay, je früher, desto besser, jetzt aber gehen Sie nur zur Tante Therese hinein, ich eile, das Nachtmahl zu bereiten. Hiermit machte sie den neckischesten Knix, küßte dem Meister die Hand und trällernd sprang sie in die Küche, wie ein Kind, wie ein sorgloses Kind. Meister Boltay ging zu Theresen. Fanny kam nicht eher in die Stube, als bis der Tisch gedeckt war und auch dann kam sie nur auf einen Augenblick, um nachzusehen, ob alles in Ordnung sei, Meister Boltay hatte indes Zeit genug, Therese von der Sachlage in Kenntnis zu setzen. Der Antrag des Magnaten machte auch auf sie eine niederschlagende Wirkung. Er war zu glänzend, ein zu großes Glück, als daß man nicht dafür ein stilles, häusliches Glück aufgeben sollte. Bei so vielem Glanz, so großer Macht konnte man sogar die Schande vergessen, wie erst, wenn man dieses Glück noch in allen Ehren genießen kann. Der Liebe Sándors vermochte auch Therese wenig Erfolg zu versprechen. Oft hatte sie Fannys Herz auf die Probe gestellt, vor ihr unvermutet den Namen des jungen Mannes erwähnt; aber das Mädchen blieb kalt, sie achtete und lobte ihn, aber das ist noch nicht Liebe. Während des schmackhaften Abendmahls kam Meister Boltay noch oft auf seine Anträge zurück und machte scherzhafte Anspielungen, worauf das Mädchen mit ähnlichen Scherzen zu antworten wußte. Endlich räumten die Dienstleute den Tisch ab und die drei blieben allein. Meister Boltays heitere Stimmung verwandelte sich jetzt in eine feierliche. Er faßte das Mädchen mit beiden Händen, zog sie zu sich und sagte: Es hat sich ein Freier für dich gefunden. Das Mädchen seufzte und antwortete nichts. – Der Freier ist ein wackerer, junger Mann, ein ehrlicher, arbeitsamer Handwerker, dazu ein kräftiger, gut gewachsener Bursche und was das Beste ist, er liebt dich schon lange wahrhaft, treu und heiß. – Ich weiß es, das ist Sándor, sagte das Mädchen ruhig. Meister Boltay schwieg. Es war nicht zu verwundern. daß das Mädchen das Geheimnis wußte. Die beiden Alten warteten, was Fanny weiter sagen werde. – Armer Sándor! seufzte sie. – Warum bedauerst du ihn? – Weil er mich liebt. Warum liebt er nicht ein besseres, treueres Mädchen, als ich bin, eine, die ihn glücklich machen könnte! – Und du möchtest ihn nicht heiraten? fragte der Alte traurig. – Wenn ich Ihnen damit Freude machen kann, so heirate ich ihn. – Mir? Nicht mir, sondern dir selbst sollst du Freude machen; Sándor ist ein wackerer junger Mann, der seines Gleichen nicht hat, er ist auch kein so dummer Junge, wie andere Handwerker zu sein pflegen, er ist im Ausland gewesen und braucht sich vor niemandem zu verstecken – und wie liebt er dich! – Ich weiß es, ich kenne ihn. Ich habe ihn immer geschätzt; er ist ein wackerer Mann. Aber lieben kann ich ihn nicht. Ich heirate ihn, wenn Sie es wollen, ich werde ihm treu sein bis zum Tode, aber wir werden beide unglücklich sein. Boltay seufzte und nach einer Weile sagte er mit kaum verständlicher Stimme: So heirate ihn nicht. Den beiden Alten traten Thränen in die Augen, beide liebten die zwei jungen Leute, als waren es ihre Kinder und wie gern hätten sie beide zusammen glücklich gesehen. Aber das Schicksal wollte es anders. Fanny fühlte Mitleid mit ihrem weinenden Pflegevater, sie fiel vor ihm auf die Knie, ergriff seine schwieligen Hände und sagte: Bin ich undankbar, weil ich den nicht lieben kann, den Sie lieben? Aber ich wäre undankbarer, wenn ich ihm Liebe heuchelte und ihn unglücklich machte. Beide schwiegen. Wenn ein junges Mädchen über ihre Herzensangelegenheiten in so festgeschlossenen Syllogismen sprechen kann, so beweist dies, daß sie darüber Wohl nachgedacht hat und daß man ihr gar nichts Unerwartetes sagen kann. Boltay streichelte ihr die heiße Stirne und sagte mit erzwungener Ruhe: Steh auf, meine Tochter, das Herz kann und darf man nicht zwingen. Deine Hand ohne deine Liebe würde er gewiß nicht annehmen. Sprechen wir jetzt von etwas anderem, es ist noch ein anderer Freier da. – Nennen Sie ihn gar nicht, Vater! rief das Mädchen, dem Meister Boltay um den Hals fallend. Wenn ich jemanden lieben könnte, so wäre er es, er, den Sie lieben und den zu lieben man so viel Grund hat. Nennen Sie mir niemanden, erlauben Sie mir, daß ich Sie nie verlasse, Sie und die Tante. Ich will bei Ihnen leben, Ihnen dankbar sein für Ihre Güte und jeden meiner Gedanken Ihnen und der Tante widmen; ich wünsche nicht, von Ihnen zu scheiden, jagen Sie mich nicht fort von Ihnen. Niemand wird mich zur Frau begehren, um dessentwillen ich Sie beide verlassen möchte. – Dennoch, dennoch, mein liebes Kind. Es ist meine Pflicht, dich von deinem Glück in Kenntnis zu setzen. Ein großer, reicher Herr wirbt um deine Hand, ein Mann von hoher Familie, dessen jährliche Einkünfte sich auf anderthalb Millionen belaufen. Fanny schlug die Augen nieder und schüttelte den Kopf; dann erwiderte sie kalt und klug: Das ist ein Glück, aber keine Glückseligkeit. – Dein Freier ist zwar nicht mehr jung; aber statt der Liebe bietet er dir ein gemächliches Leben, eine hohe Stellung an. – Wer ist es? – Sein Name hat bei uns wohl keinen guten Klang, denn ein Mann dieses Namens hat uns die meisten Leiden verursacht; er ist der Onkel jenes Versuchers in der Kirche und heißt Johann Karpáthi. Da lachte das Mädchen auf. – Dieser Dicke, der aussieht wie eine Spinne! – Er ist seit einiger Zeit magerer geworden. – Den man für einen so großen Narren hält! – Er ist klüger geworden. – Der immer trinkt und sich mit Bauerndirnen unterhält! – Er hat seine Lebensweise geändert. – Lieber Vormund, nicht wahr, das war nur ein Scherz? oder wenn es Ernst ist, so soll daraus ein Scherz werden? Der gute Herr will mich heiraten, um von sich einen seltsamen Streich mehr erzählen zu können? O, dazu bin ich nicht feil. Und hiermit ging sie, stolz aufgerichtet, im Zimmer auf und ab; die beiden Alten weideten ihre vor Freuden strahlenden Augen an ihrem königlichen Wuchs. Endlich lachte Meister Boltay, entzückt über ihre abschlägige Antwort. Voll heitern Übermuts setzte sich Fanny dem Alten auf den Schoß. – Sehen Sie, Papa Boltay, ich habe Ihnen soeben gesagt, Sie sollten mich heiraten, Ihre Frau werde ich gern; darauf sagten Sie, Sie könnten mein Vater sein und jetzt tragen Sie mir den Herrn Jancsi an! Meister Boltay lachte, daß ihm die Thränen aus den Augen traten. Also das ist doch nicht wahr, was die alte Erfahrung für eine feststehende Wahrheit ausgiebt. Also auch die Seele eines Kindes kann stark sein und den Glanz des Reichtums verachten, während sie nur ihre Hand darnach auszustrecken braucht. – Daß ich nicht vergesse! sagte Boltay, der würdige Herr hat diesen Ring bei mir gelassen, damit ich ihn ihm zurückschicke, falls du seinen Antrag zurückweisest. – Soll ich einen Korb mitschicken? fragte das Mädchen lächelnd. – Das ist nicht nötig, er wird es schon so verstehen, lachte der Meister; auch die gute Therese lachte seit langer Zeit zum erstenmale wieder. Meister Boltay war außer sich vor Entzücken. Die Freude darüber, daß sich das Mädchen der Versuchung gegenüber so wacker gehalten hatte, überwog in ihm das Leid um Sándor, Er war schon im voraus stolz, wenn er sich vorstellte, wie er dem reichen Herrn wird sagen können: Du hast meiner Mündel für die Rosen ihrer Wangen anderthalb Millionen angeboten, sie weist aber deinen Reichtum zurück! Wie stolz, dachte er sich, werde er seinen Kopf vor den Stutzern erheben können, welche glauben, sie könnten Fannys Liebe um einige tausend Gulden taufen! Diese Bettler! Beide küßten das Mädchen unzählige Mal und einander gute Nacht wünschend, ging jeder in sein Schlafzimmer. Die Nacht war bereits vorgerückt. Es war schon Zeit zu Bett zu gehen; aber schlafen konnten sie nicht, ein unruhiger Geist scheuchte allen den Schlaf von den Augen. Meister Boltay dachte an die stolzen Worte, mit denen er von Fanny wird sprechen können. Theresens Seele irrte zwischen den Vorstellungen der Vergangenheit und Gegenwart, sie wollte Klarheit über so viele Widersprüche, die ein Mädchenherz bewegen und es nie zur rechten Erkenntnis des Guten und des Bösen, des Triebes und des Wissens kommen lassen; so ein Mädchen hat Geheimnisse, von denen es selbst nicht viel weiß, sie heuchelt und täuscht damit sich selbst, Phantasien sieht sie für Wirklichkeit an. Wer kann sich da zurecht finden! Einen Engel, einen Teufel kann man leicht erkennen, einen Mann, eine Frau schwer, ein junges Mädchen aber gar nicht. Der Zauber des Schlafes war weit von Fannys Augen. Der Mond, dieses Lieblingsgestirn träumerischer Gemüter schien durchs Fenster, die Gegend war still, die Luft lau, es war eine Nacht, in der die Elfen aus ihren Versteck schlüpfen und im thauigen Gras ihren Reigen tanzen, in der die Mädchen nicht schlafen können und wachend träumen. Wo schweiften jetzt die Gedanken der jungfräulichen Seele? Wandelten sie den Weg der Glückseligkeit, der Liebe, irrten sie zwischen Gräbern, suchten sie die Spuren der Erkenntnis oder schwebten sie zu den Sternen auf? Nur ein Gedanke webte jetzt in ihrem Herzen; sie sah das Gesicht jenes Mannes, den sie liebte, dessen Gestalt sie im Geist mit Blumen bekränzte, den sie sich edel, groß, ruhmreich dachte, von dessen Andenken ihr Herz erfüllt war, dessen lächelndes Antlitz sie sich so oft vorstellte und welche Vorstellung sie so sehr beruhigte. Jetzt dachte sie weder an den alten Narren, dessen Hand ihr der Vormund antrug, noch an den traurigen jungen Mann, der sie so sehr liebte. Sie dachte nur an ihn, den Unbekannten. Wo weilt er jetzt, den sie nicht nennen und nicht vergessen kann? Gewiß hat er keine Ahnung davon, daß ein Herz im geheimen nach ihm schmachtet, so wie der Mond keine Ahnung hat von dem Kranken, den seine Strahlen mächtig anziehen, von dem Kranken, der sich gefährlichen Abgründen nähert, um ihm, dem Mond näher zu sein. O könnte sie ihm nur nahe sein! Wie glücklich sind doch die Damen der großen Welt, die ihn täglich sehen, die mit ihm sprechen, ihn bewundern, ihn achten können! Lebt unter ihnen die Erwählte seines Herzens? Nein, keine kann ihn so innig lieben! Sie würde es ihm nie sagen, aber sterben könnte sie für ihn. Nur einmal möge der Dorn dieser Rose ihr Herz leicht verwunden und sie möchte sich in süßem Schmerz verbluten, bis sie stirbt und ins Grab sinkt, erst dann sollte er erfahren, wie er geliebt wurde und ihrem Grabe eine Thräne weihen. Warum kann sie ihm sich niemals nähern? Niemals? Ein sonderbarer Gedanke ergriff plötzlich ihre Seele. Also so hoch wären die Kreise der vornehmen Welt, jeder Weg zu ihnen so versperrt, daß selbst die anbetungsvolle Liebe ewig nur ein stummer Wunsch bleiben kann? Es kostet sie ja nur ein Wort und die Vornehmen öffnen vor ihr die Thüren! Es kostet sie nur ein Wort und sie ist so hohen Ranges, sie kann dieselbe Luft einatmen, wie die von ihr beneideten Damen, die das Gesicht und die Stimme ihres angebeteten Ideals sehen und hören dürfen, denen es erlaubt ist, dem Blick seines Auges zu begegnen, vor ihm zu erröten, ihn mit sehnsüchtigen Blicken zu verfolgen und das tödliche Gift stummer Liebe einzusaugen. Es schauderte sie. Berührte vielleicht die kühle Nachtluft ihre Glieder? Dieses Ziel wäre erreicht, wenn sie Karpáthi ihre Hand gäbe. Es kostet sie nur einen Schritt und sie befindet sich in der Höhe, die sie für unerreichbar gehalten. Sie wies diesen Gedanken von sich; er blieb ihr nur einen Augenblick in der Seele und dann verlöschte sie ihn wieder. Was würden ihre Lieben, Boltay und Therese sagen, wenn sie den wackern, mannhaften, edelgesinnten jungen Mann des Geldes wegen, aus Sucht zu glänzen zurückwiese und einem ungeliebten Greis die Hand reichte? Doch andererseits hat sie Verwandte, die sie durch diesen Schritt glücklich machen, von Schmach und Elend, vielleicht von der Verdammnis erretten könnte: ihre Mutter und ihre Schwestern. Dazu kommt die Rache, die Vergeltung, die sie an dem Menschen üben könnte, der sie erniedrigen, zum Gegenstand des Gelächters machen wollte, der auf ihren Fall eine Wette machte. Dem könnte sie in seiner eigenen Welt mit Verachtung begegnen! Klügle nur, klügle nur, gute Jungfrau, du bist schon gefangen. Nicht Liebe zu deiner Mutter und deinen Schwestern leiten dich, sondern eine andere Liebe trägt vor dir die Fackel her, deine geheime Liebe zu jenem Unbekannten führt dich dem Greise in die Arme. Spiegle dir nur vor, daß du ein Opfer bringen; deinen Pflegeeltern nicht mehr zur Last fallen willst, stelle dir nur vor, wie viel Gutes du in deiner Stellung den Leidenden wirst thun können! – Das alles ist Selbsttäuschung! Liebe verleitet dich dazu, daß du ohne Liebe deine Hand einem reichen Greise giebst, du gehst Gott versuchen, wenn du vor den Altar trittst und »Ja« sagst zu der Liebe, die einem andern gilt, als demjenigen, in dessen Hand die deine zittert. Geh deinem Schicksal entgegen. Endlich schläft alles im Hause, Träumet nur fort; über Nacht kommt Rat. Am Morgen wurden die beiden Alten überrascht; Fanny ersuchte Boltay, er möge, wenn Karpáthi um den Ring schicke, ihm denselben nicht zurückschicken. 2. Der Jäger in der Grube. Boltay und Therese widersprachen dem Entschluß Fannys mit keinem Wort; sie sprachen in den folgenden Tagen gar nicht von der Hochzeit, sondern sahen nur nach der Aussteuer, die sie zwar in dem Hause des Magnaten nicht brauchen wird, die sie aber zum Andenken zurücklegen und zuweilen vornehmen kann, wenn sie sich mitten im Geräusch der großen Welt an die bescheidenen Freuden des bürgerlichen Stilllebens erinnern wird. Fannys Heirat wurde indes noch geheim gehalten; außer den dabei Interessierten wußte niemand etwas davon und in der Natur dieser lag es nicht, sich zu rühmen oder zu beklagen. Während dieser Zeit trug sich ein seltsamer Vorfall zu. Eines Tages, als sich Boltay eben in seinem Hause befand, in welchem er die Werkstätte hatte, stürzte eine mit Lumpen bekleidete Frauensperson herein, in welcher der Meister kaum eine Bekannte zu erkennen vermochte. Aber die traurige Gestalt beeilte sich, sich selbst zu nennen und dann ließ sie den Meister nicht zu Wort kommen, bis sie ausgeredet hatte. – Ich bin die unglückliche Mayer, Fannys Mutter, seufzte das Weib und warf sich Herrn Boltay schluchzend zu Füßen und küßte ihm Hände und Füße, während ihr die Thränen aus den Augen strömten. Boltay, der an solche Tragödien nicht gewöhnt war, stand wie gebannt da und sagte ihr weder, sie solle ausstehen noch fragte er sie, was ihr fehle. – O mein Herr, Sie lieber, wackerer, ehrlicher, großmütiger Herr Boltay, erlauben Sie, daß ich den Staub Ihrer Füße küsse und ich werde noch in der andern Welt für Sie beten. Der Behüter der Gerechten, der Unschuldigen möge Sie lange leben lassen und mit allen irdischen und himmlischen Freuden belohnen. Hat man schon einen Fall, wie der meinige, gesehen, gehört? Nein! Mein Herz bricht mir, wenn ich es sage und dennoch will sich es sagen. Die Welt, wenigstens Sie sollen es wissen, was für eine unglückliche Mutter ich bin. O, o, Herr Boltay, Sie können sich gar nicht vorstellen, welch eine schreckliche Pein es für eine Mutter ist, die schlechte Töchter hat; die meinigen sind schlecht, sehr schlecht, aber es geschieht mir recht, ich bin selbst schuld daran; warum habe ich ihnen immer ihren Willen gelassen, ich hätte sie züchtigen und zur Arbeit anhalten sollen, dann hatten sie mich geachtet und nicht Schande über mein graues Haupt gebracht, O, daß ich solche Tage erleben mußte! Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Mein armer Mann hat sich vor dieser Schande und aus dieser Welt noch zeitig genug geflüchtet; er hat es nicht ertragen können und ist ins Wasser gesprungen. O hatte ich es doch auch gethan! Aber sehen Sie, Herr, das Herz einer Mutter ist immer zu gefühlvoll, selbst wenn die Kinder schlecht sind, liebt sie dieselben noch, sie glaubt immer, sie werden sich noch bessern. O wäre ich taub und blind geworden. Vier lange Jahre habe ich die Schande ertragen und es ist ein Gottes Wunder, daß ich noch ein Haar auf dem Kopfe habe, daß mir nicht alle vor Gram ausgefallen sind. Aber was zu viel ist, ist endlich doch zu viel. Wenn ich Ihnen all' das Schreckliche erzählen wollte, was in meinem Hause täglich vorgegangen ist, so würden Ihnen die Haare zu Berge stehen. Gestern endlich ist mir die Geduld gerissen und mein Herz hat sich Luft gemacht. »Also wird das immer so fortgehen, werdet ihr niemals fragen, was sich schickt oder nicht schickt, darf ich niemals ausgehen ohne mir die Augen aus dem Kopf zu schämen?« Herr, auf diese Worte sind sie wie Furien über mich hergefallen. »Was predigst du uns da vor? sagten sie, was geht es dich an, was wir thun? Halten wir dich nicht aus, geben wir dir nicht zu leben, hast du nicht deine Kleider von uns? Im ganzen Hanse ist kein Strohhalm, den du erworben hast, alles haben wir angeschafft.« Ein Schauder überlief mich, Herr. Also so geht ihr mit eurer Mutter um, ist das der Lohn meiner sauren Mühen? Hier wurde die Stimme der Sprechenden von Schluchzen erstickt und erst nach einer Weile fuhr sie fort: – Habe ich das für so viele schlaflose Nachte verdient, die ich an eueren Krankenbetten zugebracht, dafür, daß ich den Bissen vom Mund für euch abgespart, daß ich mich geplagt habe, daß ich in Schmutz und Fetzen herumgegangen bin, damit ihr euch Putzen könnt, daß ich keinen Dienstboten gehalten und selber alles verrichtet habe, bloß damit ihr Fräulein sein könnet? Muß ich das dafür hören, ihr nichtswürdigen Bestien! Herr, da stellt sich die älteste vor mich hin und sagt mir höhnisch, wenn es mir nicht gefalle mit ihnen zu wohnen und mich von ihnen aushalten zu lassen, so sei Preßburg groß genug, ich solle meine Kapitalien vornehmen, mir eine besondere Wohnung mieten, Möbel kaufen, meine Garderobe mitnehmen und ohne sie so ehrenhaft leben, wie es mir beliebe. Na wartet ihr schlechten Mädchen, darum sollt ihr nicht glauben, daß ihr mich beschimpft habt, sagte ich und warf meine Kleider von mir; ich suchte diejenigen hervor, die ich bei Lebzeiten meines armen Mannes trug, wenn ich in der Küche beschäftigt war. Die habe ich angezogen und bin so fortgelaufen. Ich wußte selbst nicht was ich that. Mein erster Gedanke war, zur Donau zu gehen. Aber als ich schon dort war, gab mir's ein Engel ein: du hast doch noch eine Tochter, die von guten Leuten in Ehren und zur Tugend erzogen wurde; geh dort hin. Diese guten Menschen werden dich nicht verstoßen, sie werden dir in einem Winkel des Hauses ein Plätzchen anweisen, wo du zurückgezogen leben kannst, bis es Gott gefällt und er dich abruft. So bin ich hergekommen. Ich habe nichts auf der weiten Erde, den ganzen Tag habe ich noch keinen Bissen gegessen und wenn Sie mich fortweisen, wenn meine Tochter mich nicht sehen will, so muß ich auf der Gasse Hungers sterben; denn lieber gehe ich zu Grunde, ehe ich von meinen schändlichen und undankbaren Kindern noch einen Bissen annehme; betteln kann ich auch nicht, ich weiß nur, daß ich heute oder morgen meinem Manne folge, den diese schlechten Kinder auch in den Tod gesagt haben. Meister Boltay begriff von dem allen nur so viel, daß die arme Frau heute noch nichts gegessen habe, weshalb er Kuchen aus dem Schrank nahm, ein Glas Wein hinzustellte und ihr sagte, sie möge sich vor allem vom Hungertod erretten. – O Herr, ich bin ja gar nicht hungrig, ich esse überhaupt nicht mehr als ein Vogel; lieber als alles auf der Welt wäre mir, wenn ich ein gutes Wort von meiner Fanny hören könnte. Das ist nicht möglich, nicht wahr, sie wird sich schämen, ihre Mutter nur anzuschauen? Sie würde mich vielleicht gar nicht mehr erkennen, so elend, so zerlumpt, so gealtert wie ich bin. Wenigstens sehen möchte ich sie; ich verlange ja gar nicht mit ihr zu sprechen, nur durchs Fenster, nur irgendwo verborgen möchte ich sie hören, wenn sie mit anderen spricht. Ich habe keinen andern Wunsch. Meister Boltay war ganz gerührt und dachte an eine ähnliche Scene, die er einmal in einem Trauerspiel gesehen hatte. – Na, na, liebe Frau, seien Sie nicht so verzweifelt, sagte er, die weinende Mutter tröstend, was Sie wünschen, das wird ganz gewiß geschehen. Sie werden Ihre Tochter sehen und mit ihr sprechen. Sie werden mit ihr zusammen wohnen und dann wird alles gut sein. – O Herr, Sie sprechen wie ein Engel, der vom Himmel herunter gekommen ist. Aber meine Tochter, o meine Tochter wird mich nicht lieben können. – Darüber können Sie ruhig sein, Frau. Niemand hat je von Ihnen vor Ihrer Tochter Böses gesprochen und Fanny ist viel zu gutherzig, als daß sie ihre eigene Mutter im Elend nicht anerkennen sollte. Ich werde Sie zu ihr bringen, denn ich habe sie aufs Land geschickt. Dort wohnt sie mit der Schwester ihres Vaters. Die ist zwar ein bißchen streng, aber ich werde sie schon mit Ihnen aussöhnen. – O Herr, ich erwarte nicht, daß Therese mich zu ihr erhebe; ich will ihr als Magd dienen, nur damit ich in der Nähe meiner Tochter, meiner einzigen Tochter sein könne. – Reden Sie nicht so verkehrt, platzte Boltay heraus; ich habe Dienstboten genug, ich werde doch nicht die Mutter meiner Mündel zur Arbeit dingen. In einer Stunde kommen Sie mit mir aufs Land, das übrige überlassen Sie mir. Die Frau Mayer wollte noch einmal Boltays Knie umfassen, aber der gute Mann lief vor der sentimentalen Scene davon, nachdem er der Frau versprochen hatte, binnen einer Stunde zurück zu sein; sie möge sich bis dahin mit den auf dem Fensterbrett stehenden Büchern unterhalten. Diese Stunde benutzte Boltay dazu, daß er in einen Kleiderladen ging und für die Frau Mayer fertige Kleider einkaufte, denn er wollte sie nicht in ihrem elenden Anzuge zu Fanny bringen und diese dadurch betrüben; trotz allem Sträuben mußte die Frau den neuen Anzug nehmen und anlegen. Daß Boltay bei seinem Einkauf keinen sonderlichen Geschmack entwickelte, das läßt sich leicht annehmen; er sah nur darauf, ob das Kleid weit und dauerhaft und nicht, ob es modern sei. Als die Frau Mayer sich angezogen hatte und sich im Spiegel besah, konnte sie sich, da sie allein war, nicht enthalten zu lachen. Wie würden die Mädchen zu Hause und die galanten jungen Herren lachen, wenn sie mich in diesem Aufzug sähen! Was? Ja, ja, die Mädchen und die galanten jungen Herren zu Hause. Denn, damit jemand die Trauerspielscene, die sie eben gespielt hat, für bare Münze nehme, muß er mit einem so starken Glauben gesegnet sein, wie Meister Boltay. Nein, von dem ganzen Monolog ist kein Wort wahr, Frau Mayer hat mit ihren Töchtern nicht gezankt, diese haben sie nicht fortgejagt, sie hatte es gar nicht nötig in die Donau zu springen und die Sache verhielt sich folgendermaßen: Abellino (wieder er!) warf sich mit einer durch wiederholtes Mißlingen gesteigerten Wut auf die Verfolgung seines Plans. Eben jetzt hatte er von Mr. Griffard die letzten hunderttausend Gulden von der zweiten Million begehrt. In der Nähe Abellinos befand sich fortwährend ein Spion, der im Dienst des Bankiers stand und sich beeilte, seinen Herrn von den Vorfällen zu Karpáthfala in Kenntnis zu setzen. Sobald Griffard vernahm, der alte Onkel sei dem Tode nahe, schickte er Abellino anstatt hunderttausend zweimalhunderttausend Gulden, natürlich nicht aus Großmut, sondern weil er für die Summe das Doppelte zurückerhalten mußte. Nach einigen Tagen erfuhr er freilich durch einen andern Brief, Abellinos Onkel habe sich wieder erholt, aber da war das Geld schon auf dem Wege. Abellino hatte nun hunderttausend Gulden mehr in der Hand, als er erwartet hatte und so verdoppelte sich sein Übermut. Jetzt war ihm der Erfolg gewiß. Von ihm selbst war der Plan, demzufolge Frau Mayer sich in den Familienkreis Boltays zu ihrer letzten Tochter einschleichen sollte und – das übrige wußte sie schon. Für das Gelingen des Planes wurden sechzigtausend Gulden bedungen. Ist das möglich? Saget nicht, daß ich Ungeheuer schildere; ich zeichne nur das Leben. Frau Mayer dachte, daß sechzigtausend Gulden ein schönes Geld sind, davon legt sie für sich dreißigtausend Gulden und für Fanny die andere Hälfte in der Sparkasse an und beide sind dann gegen Mangel gesichert. Und was soll dafür gegeben werden? Eigentlich nur eine Chimäre, etwas, was keinen Wert hat, so lange man es behält und nur dann Wert bekommt, wenn man es weggiebt – die weibliche Tugend. Das ist mit sechzigtausend Gulden gut bezahlt. Sie wird noch sozusagen eine Wohlthäterin ihrer Tochter. Also demnach ist derjenige der Verbrecher, der kauft. Denn gäbe es keine Sklavenhalter, so gäbe es auch keine Sklavenhändler. Nach einer Stunde fuhr der Wagen vor. Meister Boltay bat die tiefbetrübte Frau Mayer, sie möge sich aussetzen und vor dem Kutscher nicht zeigen, daß sie weine; welch' letzteres der guten Frau großen Zwang kostete. Meister Boltay setzte sich nicht neben sie, sondern hinaus zum Kutscher. Er entschuldigte sich damit, dies sei seine Gewohnheit; aber die eigentliche Ursache war, daß er sich, wie sehr er auch die gebesserte Frau schätzte, dennoch schämte, angesichts der Stadt neben ihr zu sitzen. Er nahm auch dem Kutscher Zügel und Peitsche ans der Hand und fuhr so schnell, als eilte er, um einer großen Gefahr zu entgehen. Als sie zum Dorf kamen, stieg Boltay ab und sagte der Mayer mit niedergeschlagenen Augen und beinahe stotternd, er habe hier mit dem Kaufmann etwas zu reden, sie möge nur bis zu seinem Hause fahren, er werde nichtsdestoweniger auf dem Wege hinter den Häusern schneller nach Hause kommen als sie. Kaum vermochte der biedere Mann diese Lüge aus seinem Mund zu bringen; vielleicht log er jetzt zum erstenmal in seinem Leben und dazu zwang ihn die äußerste Notwendigkeit. Er wollte nichts anderes, als auf dem Fußweg hinter den Häusern schneller nach Hause kommen, Therese und Fanny von der Ankunft der Mayer in Kenntnis setzen und sie bitten, sie möchten mit ihr so freundlich als möglich umgehen und kein Entsetzen zeigen, wenn sie sie erblickten. Zugleich sagte er ihnen die Ursache, welche Frau Mayer zur Flucht nötigte und das alles vollbrachte er mit solcher Schnelligkeit, daß er, sobald der Wagen gehört wurde, schon im Thor stand, um den Gast zu empfangen. Therese und Fanny standen im Flur; letztere, die erst aus dem Garten gekommen war, legte den breiten Strohhut ab, weil er sie bei der Umarmung der Mutter hindern könnte. Auch Therese legte vorsichtigerweise das Perpetuum mobile weg, welches die Frauen Strickerei nennen, um nicht etwa ihrer Schwägerin mit den Stricknadeln die Augen auszustechen. Als Frau Mayer ihre Tochter erblickte, wollte sie nicht vom Wagen absteigen, sondern hinausstürzen, was jedoch Herr Boltay und der Kutscher hinderten, indem sie sie sanft herunterhoben; aber sie konnten nicht hindern, daß die brave Frau die rührende Scene spielte, die sie sich für diesen Augenblick einstudiert hatte. Sie fiel nieder und näherte sich, auf den Knien rutschend, den beiden Frauen, die so überrascht waren, daß es ihnen nicht einfiel, sie aufzuheben. Endlich hob sie Boltay auf, aber vor Fanny fiel sie wieder auf die Knie und bemühte sich, dieser die Füße zu küssen. Erschrocken hob das Mädchen sie auf und nun fiel ihr die Frau um den Hals, küßte sie, weinte und schluchzte dabei und Fanny ließ sich das alles gefallen, ohne die Umarmung, das Schluchzen und Küssen zu erwidern. Endlich gelang es der ganzen Familie, die Frau in die Stube, dort zum Sitzen zu bringen und ihr begreiflich zu machen, daß sie da wohnen werde; sie wollte aber das durchaus nicht zugeben. Erst wollte sie sich mit einer Schlafstelle auf dem Dachboden, dann in der Küche bei den Dienstboten begnügen, endlich erbarmte sie sich der Bittenden so weit, daß sie ein kleines Zimmerchen annehmen wollte, wo sie sich kaum rühren könne. Zu ihrem Unglück hatte Meister Boltay in seinem Hause lauter große Stuben. Er war sehr gastfreundlich, wenn er schon jemanden in sein Haus aufnahm, so sollte der Gast es auch bequem haben und sich bei ihm gut unterhalten; er besaß zwar nicht die Gabe, die Leute zu amüsieren, aber er hatte die gute Eigenschaft, den Leuten, deren Leidenschaft es war zu sprechen, selbst bis Mitternacht zuzuhören. So fand denn Frau Mayer an Boltay ihren Mann. Er bat nur um Erlaubnis, sich die Pfeife anzünden zu dürfen, dann überließ er sich willig dem Redestrom, mit welchem Frau Mayer ihm ihre lange Lebensgeschichte erzählte, in der sie Dichtung und Wahrheit so sehr vermengte, daß sie sich oft verwirrte, sich widersprach und mehrmals wieder von vorn beginnen mußte, um sich zurecht zu finden; worin Herr Boltay sie mit seiner stillen, beschaulichen Weise durchaus nicht störte. Fanny und Therese beeilten sich, das der Mayer eingeräumte Zimmer in Ordnung zu bringen. Bei dieser Gelegenheit sagte Fanny: Tante, ich muß mich selbst anklagen; ich sollte mich doch freuen, daß meine Mutter angekommen ist, ich sollte weinen darüber, daß ich sie so elend sehe und doch kann ich weder mich freuen, noch weinen. Ich muß ein sehr schlechtes Herz haben. Es thut mir weh, daß ich so gefühllos bin. Therese hätte darauf antworten und ihr diese Gefühllosigkeit erklären können; aber sie hielt es noch für gut zu schweigen und auf der Hut zu sein, Sie ahnte, Frau Mayer habe nur eine Larve vorgenommen, aber sie wollte ihr Zeit lassen, bis sie sich selbst verraten werde, sie wollte sich unbefangen stellen, thun, als ob sie ihr jedes Wort glaubte, dabei ihr aber wie ihr Schatten Schritt für Schritt folgen. Als sie mit dem Ordnen des Zimmers fertig waren, faßte Therese Fanny vertrauensvoll an der Hand, blickte ihr freundlich ins Auge und sagte: Fanny, sei gegen deine Mutter zuvorkommend, sanft und freundlich. Weiche ihr nicht aus, bemühe dich vielmehr, ihre Wünsche zu erfüllen. Es scheint, daß sie dich sehr liebt, das läßt sich nicht leugnen. Erwidere ihre Liebe; nur bitte ich dich, ihr von deiner Heirat nichts zu sagen. Halte ihr das noch eine Weile geheim, mir zu Liebe. Fanny versprach das Geheimnis zu bewahren, obwohl sie eigentlich glaubte, ihre Mutter müsse es schon wissen, denn sie legte sich das Erscheinen derselben so aus: Meine Mutter ist ohne Zweifel der Lebensweise meiner Schwestern schon längst überdrüssig und sie hat nur auf eine Gelegenheit gewartet, von ihnen fortzukommen. Jetzt hat sie auf irgendeine Weise erfahren, daß ich einen reichen Mann bekomme; deshalb schließt sie sich mir an, in der Erwartung, daß ich sie zu mir nehme. Egoismus. – Diese Auslegung war eben nicht geeignet, Fannys kindliche Liebe wieder zu erwecken. Wenn sie erst vermutet hätte, was Therese vermutete. Indes mußte sie ihrer Mutter freundlich begegnen, damit diese nicht glaube, Therese habe sie ihr entfremdet. Dies ist auch in der That nie der Fall gewesen; denn der Name der Frau Mayer wurde von Theresen seit Jahren nicht erwähnt. Am festgesetzten Tage schickte der alte Karpáthi seinen Heiducken Pál zu Boltay um die Antwort und mit großer Freude vernahm er die Nachricht, er möge sich den Ring selbst abholen. Er flog! Nein, das wäre zu viel gewesen, aber er ging zu Fuß hin und eilte, so gut es seine, von der Freude elektrisierten alten Beine zuließen. Wer ihm auf der Gasse begegnete, fragte sich im stillen, was denn dem Alten begegnet sein müsse, denn sein Gesicht strahlte vor Freude. Wäre er ein armer Teufel gewesen, so hätte man sich denken können, er habe in der Lotterie gewonnen; aber was kann dieser Nabob gewonnen haben, worüber kann er sich freuen, er, der mit seinen Reichtümern die ganze Stadt Preßburg kaufen könnte. Als er zum Meister Boltay kam, mußte sich dieser einmal über das andere von ihm umarmen lassen. Sogleich wollte er zu seiner Braut eilen. Der Gedanke, daß das wunderschöne Mädchen bereit sei, ihm ihre Hand zu geben, machte ihn ganz verliebt in sie, Meister Boltay war genötigt, ihn aufmerksam zu machen, daß vor der Trauung noch einige Vorbereitungen und vom Gesetz gebotene Maßregeln notwendig seien. Daß der Magnat, der selbst Gesetzgeber war, das alles vergessen konnte, bewies, wie sehr er von seiner bevorstehenden Heirat hingerissen war; daß aber Boltay Überlegung genug hatte, daß nicht zu vergessen, beweist uns, wie kalt ihn die Sache ließ. Karpáthi bat nun seinen künftigen Brautführer, der, beiläufig gesagt, Wohl um zwanzig Jahre jünger war, als er, das Ganze möge bis zur Trauung geheim gehalten werden; er habe seine Ursachen dazu. Boltay versprach das und erst nachdem der Magnat fort war, sann er darüber nach, daß auch Therese und Fanny ihn zu gleicher Geheimhaltung aufgefordert haben; er sprach darüber mit Theresen. Dieser Umstand bekräftigte letztere in ihrem Verdacht. Wenn es im Interesse beider Parteien steht, daß die Heirat bis zum Tag der Trauung ein Geheimnis bleibe, so kann die Frau Mayer davon nichts wissen, folglich hatte sie eine andere Ursache hierher zu kommen und eine Ursache hat sie, das ist gewiß. Jemehr die Hochzeit herannahte, destoweniger herrschte zwischen Theresen und Fanny die früher rückhaltlose Vertraulichkeit, sie entfernten sich immer mehr voneinander. Therese konnte nicht vergessen, daß Fanny die Braut eines Millionärs sei, ohne daß sie sich über ihr Glück freuen konnte; Fanny hingegen schämte sich, sich der Tante oder dem Vormund vertrauensvoll zu nähern. Was würden diese von ihr denken? Die Liebkosungen eines Mädchens, das bereit ist, vor dem Altar einem Manne Liebe zu schwören, den sie offenbar nicht liebt, würden sie gewiß für Heuchelei halten. Deshalb herrschte jetzt in Boltays Hause eine solche Verstimmung und Zurückhaltung, daß oft während der ganzen Mittagsmahlzeit kein Wort gesprochen wurde. Frau Mayer würdigte diese Verstimmung ihrer besondern Aufmerksamkeit. Das Mädchen ist nicht glücklich, dachte sie, man hält sie da zu streng, Therese ist kalt und mißtrauisch gegen sie; das Mädchen langweilt sich und fühlt sich unglücklich, den ganzen Tag sieht sie keinen jungen Mann vor sich und das Verlangen ihres Herzens wird um so ungestümer. Hm, es wird sich machen lassen. Dabei benahm sich Frau Mayer fortwährend so demütig, daß man ihr auf Schritt und Tritt nachgehen mußte, um zu sehen, was sie mache; immer gesellte sie sich zu den Dienstboten, um an deren Verrichtungen teilzunehmen und immer mußte man sie auffordern, es nicht zu thun; bei Tische mußte man sie immer nötigen, zu essen und bei der vierten Speise stand sie immer auf, als gebühre ihr kein Teil davon. Mit diesen Kniffen erreichte sie den Zweck, daß sich Fanny oft an sie machte, um sie zu ermuntern, daß jene sie mit in ihr Zimmer nahm, mit ihr plauderte und ihr etwas auf dem Klavier vorspielte. Fanny begann zu glauben, die arme Frau bewerbe sich um ihre Gunst. Das ist wohl Egoismus, aber ein bemitleidenswerter. Wenn das Mädchen nur aufblickte, so fragte sie schon, was sie befehle; wenn jene etwas brauchte, so lief die Frau fort, um es zu holen; zuweilen küßte sie verstohlen den Saum ihres Kleides und manchmal nahm sie Fannys Gebetbuch zur Hand und wenn sie es zurückgab, war das Blatt, auf welchem das Gebet der Eltern, für ihre Kinder steht, eingebogen und feucht – gewiß von Thränen. Zuweilen seufzte sie so laut, daß Fanny es hören mußte und wenn diese fragte, warum sie seufze, so antwortete sie, sie habe Grund genug zu seufzen. Eines Tages fuhr Therese nach Preßburg, um nach dem Brautkleid nachzusehen und da es nicht fertig war, so blieb sie über Nacht in der Stadt und schickte anstatt ihrer Boltay hinaus. Fanny hatte bisher noch nie allein geschlafen; ihre Tante schlief immer in dem Zimmer daneben, dessen Thür offen blieb und in Gewitternächten, wenn der Regen an die Fenster schlägt, wenn der Wind pfeift und die Hunde bellen, that es dem Mädchen so wohl, zu wissen, daß in ihrer Nähe eine Seele ruhe, die nach Gott das wachsamste Auge auf sie habe. Und diese Nacht war so stürmisch, der Regen strömte mit solcher Heftigkeit, der Wind rüttelte so stark an den Thüren und die Hunde heulten so sehr, daß Fanny sich fürchtete und ihre Mutter bat, bei ihr im Zimmer zu schlafen. Ein scharfsichtigerer Beobachter als sie hätte jetzt in dem Gesicht der Frau Mayer eien bösen Zug bemerkt, der andeutete, wie sie sich freue, daß sie jetzt Gelegenheit habe, ihren bösen Plan auszuführen. Doch im nächsten Augenblick war ihr Gesicht wieder freundlich, sie freute sich so sehr, daß sie mit ihrem Kinde dieselbe Luft atmen könne. Frauen pflegen vor Frauen nicht sehr vorsichtig zu sein, wenn sie ihre Nachttoilette machen. Mit kindlicher Unbefangenheit legte Fanny in Gegenwart ihrer Mutter die Kleider ab, nicht berücksichtigend, daß die letzte dünne Hülle, die sie auf sich behielt, die marmornen Formen ihrer Schönheit verriet. Wer sieht das? – eine Frau, die noch dazu ihre Mutter ist. Weshalb sollte sie sich verbergen und vorsichtig sein? eigentlich dachte sie an nichts dergleichen; in Träumereien versunken setzte sie sich auf den Rand ihres Bettes und löste, nachdem sie den Kamm herausgezogen, die zwei langen dichten Zöpfe auf; das aufgelöste schwarze, glänzende Haar hing lang herab und umhüllte ihre schöne weiße Gestalt bis zum Knie. Frau Mayer sah ihre Tochter lange, lange an, sie wandte kein Auge von ihr. Sie lag schon im Bett und setzte sich da noch auf, um zu sehen, wie ihre Tochter sich das Haar für die Nacht in kleinere Zöpfe flocht und dabei nicht ein einziges Mal in den Spiegel sah, um sich über ihre Schönheit zu freuen. Frau Mayer schien sich an dem Anblick ihrer Tochter zu weiden; bei jeder Bewegung derselben erschienen ihre Formen in neuer Schönheit. Ah, selbst nach der Schätzung des kunstverständigsten Auges ist dieses Mädchen um sechzigtausend Gulden nicht zu teuer vertauft. – – – – – – – – – Ah, wie schön bist du, Fanny! flüsterte das Weib endlich. Fanny fuhr zusammen; erschrocken blickte sie umher, als ob sie suchte, von wo das Wort gekommen fei. Ihre Blicke begegneten denjenigen der Frau Mayer, dann sprang sie schnell in ihr Bett, ließ das Haar halb eingeflochten, zog die Decke über sich, blies die Kerze aus und schloß die Augen. Erst später wagte sie es nur langsam, dieselben wieder zu öffnen, als ob sie fürchtete, dem stechenden Blick des Weibes selbst in der Finsternis zu begegnen und wieder die kupplerischen Worte zu hören: »Ach, wie schön bist du, Fanny.« Fanny erwartete zitternd, ob das Weib nicht noch etwas sagen werde. In der Nacht, wenn die Kerze ausgelöscht wird, plaudern alte Weiber am meisten, wenn sie jemanden vor sich haben, der nicht so schnell einschläft, der ihnen geduldig zuhört, sie durch nichts stört und hier und da durch einen Ausruf der Bestätigung oder der Verwunderung ihre Suada nur noch befördert. In solcher Zeit haben sie die beste Gelegenheit, Geschichten, die schon vor zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren passiert sind, zu erzählen, von ihrer Geburt und Taufe zu beginnen und bis zu ihrer Verheiratung und ihren späteren Erlebnissen so lange fortzufahren, bis sie merken, daß der Zuhörer eingeschlafen ist. Frau Mayer hatte ebenfalls ihrer Tochter viel zu sagen und wie hätte sie dazu eine bessere Gelegenheit gehabt, als jetzt; niemand, nichts konnte sie stören, die Zuhörerin kann ihr unter keinem Vorwand entgehen, sie kann das Thema hundertmal berühren und in der Finsternis kann niemand bemerken, ob sie errötet. – O, o, mein Herz, mein gutes Kind, meine liebe, schöne Tochter, begann Frau Mayer, ich hätte doch nie gedacht, daß ich noch mit dir in einem Zimmer schlafen würde. Oft habe ich zu mir selbst gesagt, hätte ich doch keine Tochter mehr als dich, hätte mir Gott die andern genommen, damit du mir allein geblieben wärest, dann wäre es mit mir nicht so weit gekommen. Welch ein trauriges Schicksal ist es, vier Töchter zu haben, von denen eine thörichter ist als die andere, denn wären sie nicht so thöricht, so hätten sie sich anders benommen. Jede hatte ein honettes Verhältnis , bei dem sie hätte auskommen können; aber nein, sie wollten das nicht, jede wollte der ganzen Welt angehören. Na, sie werden schon sehen, was sie davon haben werden. Das war der Angriff. Sie begann die niedrigste Art eines schlechten Lebenswandels zu erwähnen, damit ein weniger niedriger in einem bessern Licht erscheine, über diejenigen zu schimpfen, welche die Töchter der Welt geworden sind, weil sie nicht vernünftig genug warm, sich ein honettes Verhältnis zu sichern. In der Sprache solcher Leute heißt ein honettes Verhältnis dasjenige, wo ein Frauenzimmer einen erklärten Liebhaber hat, der für ihre Bedürfnisse sorgt. Fanny antwortete nicht, Frau Mayer gähnte ein wenig, dann fuhr sie fort: Du bist doch in diesem Hause da recht glücklich. Ich sehe, daß man dich liebt, die Leute sind zwar etwas zu streng, aber gut und ehrlich. Was für ein Glück ist es für dich, daß du hierher gekommen bist; du hast alles, was du dir nur wünschen kannst. Du kannst hier ruhig fortleben, solange der alte Boltay lebt ; möge ihn Gott lange erhalten, aber ich fürchte, daß er einmal plötzlich sterben wird, denn er hat dickes Blut, auch sein Vater und seine beiden Brüder sind in seinem Alter am Schlag gestorben. Freilich ist er ein so guter Mensch, daß er selbst für den Fall seines Todes für dich sorgen möchte; aber erstens hat er nicht so viel, wie du meinst, zweitens weiß man in der ganzen Stadt, daß Sándor das wenige erben wird, was Boltay besitzt. Das war der zweite Angriff. Das Mädchen sollte zu dem Gedanken angeregt werden, was aus ihr werde, wenn Boltay stirbt. Bis dahin könne vielleicht ihre kostbare Jugend verloren gehen; dann würde sie es bereuen müssen, daß sie ihren jungfräulichen Schatz nicht zur Zeit verkauft habe. Das Schauderhafte daran war, daß Fanny alles verstand und wohl wußte, warum ihre Mutter so spreche, wohin sie ziele, weshalb sie auf den Strauch klopfe. Selbst in der Finsternis glaubte sie das schlaue Gesicht und die listige Seele des Weibes zu sehen; sie schloß die Augen und hielt sich die Ohren zu, damit sie nichts sehe und nichts höre. Und dennoch sah und hörte sie. Ja, ja! seufzte Frau Mayer, als ob sie sich zur Fortsetzung stimme. – Schläfst du schon, Fanny? – Nein, stammelte das Mädchen. Sie war nicht listig genug, um auf diese Frage zu schweigen. – Bist du böse, wenn ich spreche? sage es, wenn du es nicht gern hast. Fanny that sich Zwang an und sagte kaum vernehmbar: Ich höre schon zu. – Ich hatte dich beinahe nicht erkannt, als ich dich zum erstenmal sah. Wenn ich dir auf der Gasse begegnet wäre, so wäre ich vor dir gewiß vorüber gegangen, ohne dich anzusprechen. Du warst aber auch noch ein kleines Kind, als man dich von mir fortnahm. O warum bleiben doch die Mädchen nicht immer klein! Dieser einfältige Wunsch pflegt den guten Müttern zu entschlüpfen, wenn ihnen ihre erwachsenen Töchter Sorgen zu machen beginnen. – Wozu wachsen auch in der heutigen Welt arme Mädchen auf? So oft einem armen Menschen eine Tochter geboren wird, sollte er lieber trauern, als sich freuen. Was wird aus ihnen, wer nimmt sie? Heutzutage hat niemand Lust zu heiraten. Der Erwerb wird immer schwerer, die Haushaltungskosten werden immer größer und wenn auch eine oder die andere heiratet, was hat sie davon? Sie bekommt einen liederlichen Mann, ihr ganzes Leben ist voll Sorgen, Elend und Kummer, von einem Unglück gerät sie ins andere, sie muß arbeiten, wie eine Magd, es wachsen ihr viele schlechte Kinder auf den Hals und wenn sie alt wird, so mag niemand sie leiden. Eine Mutter, die ein Mädchen zur Welt bringt, sollte es lieber gleich beweinen. So machte sie ihre Tochter auf die Schwierigkeit, mit welcher ein armes Mädchen zu einein Manne kommt und auf die unangenehmen Seiten des ehelichen Lebens aufmerksam. Und Fanny wußte gut, wozu ihre Mutter ihr das alles sage, denn gleich bei dem Worte: wie schön bist du! war ihr ein Licht aufgegangen und jener Verdacht in ihr entstanden, den Therese ihr nicht mitteilen wollte, nämlich, daß dieses Weib als Versucherin hergekommen sei. – Friert dich, Fanny? – Nein, stammelte das Mädchen, die Decke über sich ziehend. – Mir scheint, du zitterst? – Nein. – Hast du Therese Halm gekannt? – Ja, antwortete Fanny leise und mit Zittern erwartend, welche neue Wendung jetzt folgen werde. – Welch ein stolzes Mädchen war sie! du weißt doch, da wir in der Nachbarschaft gewohnt haben, wie hochmütig die ganze Familie war; diese Leute haben sich geschämt, mit uns ein Wort zu sprechen. Als damals das Unglück mit deiner Schwester geschah, wollten sie uns nicht einmal ansehen, selbst mit dir haben sie ihr Mädchen nicht sprechen lassen. Und weißt du, was jetzt mit ihrer Tochter vorgegangen ist? Ein reicher Gutsbesitzer hat sich in sie verliebt und sie entführt; erst haben sie über sie geflucht, sie verleugnet, aber später kaufte ihr der Geliebte ein schönes Landgut und dann haben sie sich mit ihr ausgesöhnt, jetzt wohnen sie alle bei ihr. Die Stolzen, die so leicht dabei waren, andere Menschen zu verurteilen, sagen jetzt selbst: »In der Sache ist doch nichts Verdammenswertes, das Mädchen ist glücklicher als viele Frauen und der Grundherr ist ihr treuer als viele Männer ihren Frauen; er erfüllt ihr jeden Wunsch, was nur gut und schön ist, das kauft er ihr, die Dienstleute titulieren sie gnädige Frau, man empfängt sie in jeder vornehmen Gesellschaft und fragt nicht, wer und was sie sei; auf öffentlichen Spazierplätzen geht sie mit ihrem Geliebten Arm in Arm und alle Leute grüßen sie höflich.« So sprechen jetzt diese stolzen hochmütigen Halms, die über die Töchter anderer Leute so gern den Stab gebrochen haben. Wenn man aber dennoch vor ihnen böse Anspielungen macht, so sagen sie, der Grundherr werde ihre Tochter heiraten, er warte nur bis seine Mutter gestorben sei und bis er seinen Onkel mit sich ausgesöhnt haben werde. Das glauben dann die Leute und bewerben sich um ihre Freundschaft. Hier hielt Frau Mayer einen Augenblick inne, damit sie ihrer Tochter Zeit lasse, über das Gesagte nachzudenken. Einer plötzlichen Eingebung zufolge begann das Mädchen in der nun entstandenen Stille ein Vater unser zu sprechen; die Hände hatte sie schon früher auf der Brust gefaltet und sie eilte, daß sie das Gebet beendige und Amen sage, ehe ihre Mutter sie im Beten stören werde. Frau Mayer fuhr fort, wo sie stehen geblieben war. – Ja, jetzt bewirbt man sich um ihre Freundschaft. Hätte das Mädchen auf ganz gewöhnliche Weise geheiratet, so würde kein Hahn um sie krähen und jetzt spricht die ganze Welt von ihr, alles beneidet sie. Freilich muß man sie beneiden; was für ein elendes Leben müßte sie jetzt führen, wenn sie den Mann geheiratet hätte, den ihre Eltern ihr aufzwingen wollten. Der hat eine andere geheiratet, die sich aber jetzt von ihm scheiden lassen will; ihr Mann ist ein Säufer, ein Verschwender und prügelt sie täglich. Wenn die Halm ihn geheiratet hätte, so wäre sie jetzt die Unglückliche. Es ist einmal so; oft bezwecken die Eltern das Beste und es wird etwas Schlechtes daraus und oft glauben sie wieder, ihr Kind stürze sich ins Unglück und es wird recht glücklich. Fanny, friert es dich? – Nein, nein, flüsterte das Mädchen und zitterte, als läge sie im Fieber. – Es friert dich, ich höre ja, wie deine Zähne klappern. Warte, ich werde dich besser zudecken, oder soll ich dir die Füße reiben? – Nein, nein, es friert mich nicht, stammelte Fanny; sie schauderte vor dem Gedanken, daß ihre Mutter ihren Leib berühren wolle. Frau Mayer ließ sich beschwichtigen und schwieg dann eine ziemliche Weile. Fanny glaubte schon, sie sei eingeschlafen. – Fanny, fing sie wieder an, schläfst du schon? – Nein, sagte das Mädchen; sie war neugierig, was jetzt noch folgen werde. In den Menschen erwacht oft eine kühne Neugierde, sie wissen, daß sie nur Schreckliches erfahren werden und sind dennoch neugierig. – Ich weiß nicht, was mir fehlt, sagte Frau Mayer, ich kann auch nicht einschlafen, ich bin gar nicht schläfrig; vielleicht weil ich in diesem Zimmer unbekannt bin. Hier trat wieder eine Pause ein. Endlich aber fing Frau Mayer abermals an. – Du, Fanny, kannst du noch sticken? – Ja, antwortete Fanny und dachte, nun spricht sie doch von etwas Unschuldigem. – Es fällt mir ein, weil deine letzte Stickerei noch zu Hause ist; weißt du, der Polster mit den zwei Tauben, die sich schnäbeln; der befindet sich gerade unter deinem Porträt, das uns der junge Maler umsonst gemalt hat. Du, der ist seitdem ein berühmter Maler geworden! er hat dein Bild wenigstens in dreihundert verschiedenen Stellungen gemalt und an verschiedene Kunstausstellungen versendet, wo es von reichen Herren um teures Geld gekauft wurde. Mit deinem Bild hat er sozusagen sein Glück begründet, denn er wurde dadurch in allen großen Häusern bekannt. Jetzt führt sie die Eitelkeit ins Feld. – Man möchte es gar nicht glauben. Ein Herr, ein sehr hoher Herr hat sich in dein Porträt verliebt, er hat es im Ausland gesehen und ist eigens nach Preßburg gekommen, um sich zu erkundigen, wer das Original dieses Porträts sei. Du hättest sehen sollen, wie verzweifelt er war, als er dich nicht gleich fand. Er wollte sich erschießen. Aber dann erfuhr er, wo du zu finden seist, er hat dich gesehen und ist seitdem ganz verliebt in dich; jeden Tag kommt er und setzt sich auf das Sofa, dessen Polster du gestickt hast und sieht dein Porträt an. Deine Schwestern sind auf ihn böse, weil er sie gar nicht ansieht, aber ich liebe ihn, weil er immer von dir spricht. Er ist dir ja überall nachgegangen und so habe ich, bis du hierher kamst, durch ihn immer erfahren, ob du gesund seist oder nicht. Der Mensch stirbt noch vor Liebe. Fanny hörte jetzt, auf den Arm gestützt, ihrer Mutter mit jener zurückschaudernden Neugierde zu, mit welcher ein Verwundeter seine brennenden Wunden ansieht. – O, was für Narrheiten hat dieser Herr schon bei uns getrieben; man weiß nicht, ob man über ihn lachen oder ihn bedauern soll. Es ist kein Tag vergangen, an dem er nicht zu uns gekommen wäre und gesagt hätte, daß er dich gleich heiraten würde, wenn du da wärest. Gehn Sie, sagte ich, das wird man Ihnen gleich glauben; solche Herren pflegen nicht ein armes Mädchen zu nehmen. Ja, sie nehmen sie, geben sie aber auch bald wieder zurück. Davor hüte dich, liebe Tochter; wenn ein großer Herr zu dir sagt, daß er dich heiraten will, so hat er dich nur zum besten. Nach dieser frommen Bemerkung pausierte Frau Mayer und Fanny hatte Zeit, sich das Gesagte folgendermaßen zu ergänzen: »Aber wenn er nicht sagt, daß er dich heiratet, sondern dir Geld giebt, dann lange zu. Mädchen verführen, indem man ihnen die Ehe verspricht, ihnen Liebe schwört, das thun nur Studenten und Viertelmagnaten, diese mußt du meiden; ein rechter Kavalier hingegen fragt: ›wie viel er dir geben muß,‹ einem solchen gieb Gehör.« Pfui! pfui! Schmach und Schande! Höre zu, gutes Mädchen, was deine Mutter dir weiter sagen wird. Ihr feinfühlenden jungen Damen, wohlbehütete Blumen der höheren, edleren Kreise, entzieht auch ihr derselben nicht euer Gehör, ihr habt bei solcher Verführung nichts zu befürchten, nur arme Mädchen pflegen in solche Fallen zu gehen. Ihr sollt wenigstens einen Begriff davon haben, wie diese Blüten zu frühem Welken gebracht werden. Fanny erwartete schaudernd, was ihre Mutter noch sagen werde. Wird diese den Mut haben, ihre schauderhafte Rolle zu Ende zu spielen? Sich unter der Maske des Unglücks in den stillen Kreis einer glücklichen Familie einzuschleichen, um da den teuern Schatz, den sie so sorgsam gehütet, die Tugend eines Mädchens zu stehlen, der eigenen Tochter, deren Reinheit Fremde schützen und bewahren mußten! O, der Teufel ist noch schwärzer, als man ihn malt. Ich wußte schon nicht mehr, fuhr Frau Mayer fort, was ich mit dem Menschen anfangen sollte; ich war seiner überdrüssig und bedauerte ihn doch sehr. Auf einmal verschwandest du aus der Stadt. Da verzweifelte er vollends, er glaubte, du hättest geheiratet. Er kam wie ein Wahnsinniger zu mir und fragte mich, wo du seist. Ich weiß das nicht, sagte ich, mir hat man sie schon längst weggenommen; möglich, daß sie geheiratet hat. Darauf erblaßte er und warf sich verzweifelt auf das Sofa mit dem Polster, auf welchem du zwei Tauben gestickt hast, die sich schnäbeln. Ich bedauerte den Armen, denn er ist ein schöner lieber junger Mann, ich habe in meinem Leben keinen schönern gesehen; welche Augen, welche Augenbrauen! dazu hat er ein feines blasses Gesicht, Hände wie Samt, einen schönen Mund und einen prächtigen Wuchs! Ich konnte nichts für ihn thun; ich fragte ihn, warum er sich nicht schneller entschlossen habe, wenn er ernste Absichten hatte. Darauf sagte er, er habe nur auf den Tod seines Onkels gewartet, der diese Heirat nicht zugeben will. Aber das Mädchen kann nicht so lange warten, sagte ich; bis ihr Onkel stirbt, bis dahin kann sie alt werden. Darauf sagte er, die Ehe möge bis dahin geheim bleiben. O weh, mein Herr, daran ist schwer zu glauben, heutzutage kann man den Männern nicht trauen; sie können das Mädchen unglücklich machen und die Ehe ewig geheim halten. Darauf sagte er, wenn ich seinem Ehrenwort, seinem Eid nicht traue, so sei er bereit, sechzigtausend Gulden in meine Hand zu legen, die ich ihm nicht zurückzugeben brauche, wenn er sein Wort nicht hält. Sechzigtausend Gulden sind viel Geld, die wirft niemand thörichterweise zum Fenster hinaus und ich weiß keinen so großen Herrn, der imstande wäre, sein Wort zu brechen, wenn er dadurch sechzigtausend Gulden riskiert, besonders wenn er sein Wort einem so schönen, lieben Mädchen gegeben hat, wie meine Fanny ist. – – Gute Nacht, ich will schlafen, stammelte Fanny, und vergrub sich in die Kissen, die Seele erfüllt von Schauder, Haß und Ekel. Erst der anbrechende Morgen brachte ihren müden Augen den Schlaf. Die Sonne schien bereits durchs Fenster, als Fanny erwachte. Sie hatte, so lange sie schlief, geträumt und im Augenblick ihres Erwachens war sie noch voll Verwirrung, Traum und Wahrheit, Bewußtsein und Einbildung schwammen ihr ineinander. Man fürchtet und ängstigt sich oft die ganze Nacht und wenn man erwacht, so hat man sich noch nicht von den erschreckenden Phantasien befreit, von welchen man die Nacht hindurch geängstigt wurde. Zuweilen ist man auch von einem Gedanken so sehr eingenommen, daß man die Bilder aus dem wachen Zustand in den Traum mitnimmt und dann träumt man nicht nur, sondern man hat noch im Traum vernünftige Einfälle. Dann sieht der Träumende sogar in die Zukunft und darum sagt man, in den Träumen liege Wahrheit. Und wenn wir des Morgens erwachen, so erscheinen die Bilder und Gedanken, die sich die ganze Nacht in unseren Kopfe kreuzten, durch den Nebelschleier des Traumes so fern, als ob sie durch Wochen, Monate von uns getrennt wären. Als Fanny sah, daß ihre Mutter schon aufgestanden und fortgegangen sei, bekam sie plötzlich heitere Laune, stand auf und nahm sich kaum Zeit, ihr Haar in Ordnung zu bringen. Als sie hinauskam, war ihre Mutter in der Küche mit dem Bereiten des Frühstücks fertig, denn diese wollte hierbei den Dienstboten nichts überlassen; sie sagte, ihre schöne, liebe Tochter verdiene es schon, daß sie sich für sie bemühe. Meister Boltay nahm nicht, wie die Frauen in seinem Hause, zum Frühstück Kaffee, sondern genoß früh ein Stück gerösteten Speck mit rotem, ungarischen Pfeffer, dazu einen Schluck Branntwein und ging dann aufs Feld, wenn er auf dem Lande war, und in die Werkstätte, wenn er in der Stadt war. So waren denn Fanny und ihre Mutter allein beim Frühstück. Erstere wünschte der letztern einen guten Morgen und küßte ihr die Hand, was die Mutter damit erwiderte, daß sie ihrer Tochter ebenfalls die Hand küßte. – Diese schöne Hand, diese liebe Hand! O du meine einzige, liebe Tochter, o wie glücklich bin ich, daß ich bei dir sein kann. Warte, laß mich dir einschenken, ich weiß, wie du den Kaffee liebst, viel Milch und wenig Zucker, so. Ich habe noch gar nichts vergessen. Die Frau war heute so gesprächig; bisher hatte sie es wegen Theresens Gegenwart kaum gewagt, mit ihrer Tochter ein Wort zu sprechen; die kalten, ewig lauernden Blicke Theresens übten einen beengenden Zauber auf sie aus, jetzt war sie von diesem frei. Fanny blickte, während sie den Kaffee schlürfte, oft auf ihre Mutter, die nicht aufhörte, sie zu loben, sie schön, gut, feenhaft zu nennen und fortwährend verlangte, Fanny möge allein Kaffee nehmen. – Mama, begann das Mädchen, ihre Mutter, ohne zu schaudern, an der Hand fassend, wie heißt der Herr, der sich nach mir erkundigte? Die Augen der Frau Mayer begannen seltsam zu leuchten; ah, das Wild nähert sich schon der Falle. Hätte sie aber genug beobachtenden Geist gehabt, so hätte sie gesehen, daß das Mädchen bei dieser Frage nicht einmal errötete, sondern kalt und gleichgültig blieb. Erst blickte sie lauernd herum, ob niemand in der Nähe sei, der zuhöre, dann zog sie den Kopf des Mädchens zu sich und flüsterte ihr den verlangten Namen ins Ohr. »Abellino von Karpáthi.« – So? der ist es? sagte Fanny mit seltsamem Lächeln. – Kennst du ihn vielleicht? – Ich habe ihn einmal von weitem gesehen. – O, er ist ein schöner, angenehmer Mann; ich habe in meinem ganzen Leben nicht eine so männliche Gestalt gesehen. Fanny fegte mit ihren schönen Fingern die Brosamen auf dem Tischtuch zusammen und spielte mit dem Kaffeelöffel. – Nicht wahr, Mutter, sechzigtausend Gulden sind viel Geld? (Ach das Wild ist in der Falle, nur schnell!) – Sehr viel, liebes Kind, die gesetzlichen Interessen davon machen dreitausendsechshundert Gulden aus. Ein armer Mensch kann sich lange plagen, bis er sich ein solches Einkommen verschafft. – Sagen Sie mir, Mama, hat der Vater so viel gehabt? – Wo denkst du hin, Tochter; wenn er viel hatte, so belief sich sein jährliches Einkommen auf neunhundert Gulden und die sind mir der vierte Teil von dreitausendsechshundert. – Also hat Abellino im Ernst gesagt, daß er mich heiratet? – Er ist jeden Augenblick bereit, das Pfand in meine Hände zu legen. Fanny schien sich zu bedenken. – Wenn er mich betrügt, so büßt er's ja, die sechzigtausend Gulden bleiben uns dann jedenfalls. »Ah sie ist ein kluges Mädchen, nicht so leichtsinnig, wie ihre Schwestern; sie läßt sich nicht zum besten haben, sie ist mein Blut!« dachte sich Frau Mayer und rieb sich vor Freude die Hände. Das Eisen ist warm, jetzt muß man es schmieden. – Ja, liebe Tochter, die Träumereien sind eine schöne Sache, aber man wird dabei bald hungrig. Die Poeten schreiben von lauter idealen Dingen, aber sie sehen sich dennoch um, wo sie Geld hernehmen. Heute sieht alles nur auf Geld, wer Geld hat, der hat auch Ehre. Ein Bettler mag ehrlich sein, aber niemand achtet darum auf ihn. Du bist jetzt noch schön, jung, man sucht dich noch. Aber wie lange wird diese Schönheit dauern? In zehn Jahren ist es aus mit ihr. Wer giebt dir etwas dafür, wenn du deine Jugend fromm verbracht und dich aller Freuden beraubt hast? Wenn man so lebt, so dauert die Schönheit nicht einmal zehn Jahre; denn Frauenzimmer, die sich der Freude der Welt berauben, verwelken schneller. – Still, Herr Boltay kommt! – – Der alte Herr trat herein, wünschte den beiden guten Morgen und fragte, ob sie nichts in der Stadt zu besorgen hätten, er fahre augenblicklich hinein, der Wagen sei schon angespannt. – Die Mama will in die Stadt fahren, sagte Fanny, möchten Sie nicht so gut sein, sie mitzunehmen? Der Frau Mayer standen Mund und Augen offen, sie hatte nicht geäußert, daß sie nach Hause fahren wolle. – Recht gern, antwortete Boltay, wo soll ich sie absetzen? – Sie will zu ihren Töchtern (Frau Mayer erschrak), ich habe dort noch einige Stickereien und will nicht, daß meine Schwestern sie verwerfen, die wird sie nur abholen. (O, das kluge, kluge Mädchen!) – Besonders das Sofakissen, wissen Sie, Mama, dasjenige, worauf ich die beiden Tauben gestickt habe, das will ich meinen Schwestern um keinen Preis lassen; verstehen Sie? Wie sollte sie das nicht verstehen? das heißt, das Mädchen nimmt den Antrag des Herrn, der jenes Sofakissen so gern ansieht, an; und wie fein weiß sie ihr das zu verstehen zu geben, sodaß der dickköpfige Boltay keine Silbe davon versteht. Ein kluges Mädchen! Boltay ging auf einen Augenblick zum Kutscher hinaus, um der Frau einen Sitz zurecht machen zu lassen; diesen Augenblick benutzte Frau Mayer und fragte: Wann kann ich dich abholen? – Übermorgen. – Und was soll ich dort sagen? – Übermorgen, wiederholte Fanny. Jetzt kam Boltay wieder herein. – Warten Sie noch einen Augenblick, lieber Vormund, ich will der Tante einige Zeilen schreiben, die Sie mitnehmen werden. – Recht gern; aber du solltest dich nicht erst bemühen, ich kann es ja auch mündlich bestellen. – Meinethalben, also sagen Sie der Tante, sie soll mir ein Stück Kaschmir Harras, eine Elle Pur de Laine oder auch Poil de chevre laufen – – Boltay erschrak vor diesen fremden Wörtern. – Schreib' es auf; es wird so besser sein, denn das kann ich mir nicht merken. Fanny nahm jetzt lächelnd ihr Schreibzeug, schrieb ein kurzes Briefchen, faltete und versiegelte es und übergab es Boltay. Frau Mayer warf noch einen geheimen Blick des Einverständnisses auf ihre Tochter, ließ sich auf den Wagen heben und fuhr mit Boltay fort. Fanny sah ihnen lange nach, dann kehrte sie voll kalten, verachtenden Spottes in ihr Zimmer zurück, begoß ihre Blumen, fütterte ihre Vögel und sang voll recht guter Laune. Als der Wagen in die Stadt kam, stieg Boltay beim ersten Kaufladen ab, um da etwas zu kaufen und befahl dem Kutscher, mit der Frau nur fortzufahren, wohin sie ihm sagen wird. Er werde schon zu Fuß nach Hause gehen. Frau Mayer war bald im Kreise ihrer Lieben. Abellino war eben da. Der Dandy war neugierig, was sie bringen werde und alle warteten auf die Antwort. Sie hatte noch den Anzug, den Meister Boltay ihr gekauft hat. Was war das für ein Gelächter! wie hüpften sie um sie herum und drehten sie nach allen Seiten, Abellino bat, sie möge sich in diesem Anzug von ihm porträtieren lassen, doch nein, jetzt ist noch nicht Zeit dazu; vor allem soll sie sagen, was sie ausgerichtet hat. Frau Mayer brauchte zwei volle Stunden, um ihr glückliches Wagnis zu erzählen, wie sie gekämpft habe, wie viel Beredsamkeit sie aufwenden mußte, um das Mädchen zum Nachgeben zu bewegen; denn Fanny sei schrecklich zimperlich, sie habe ihr einreden müssen, der Ritter werde sie heiraten und er müsse ihr auch dasselbe einreden. Abellino konnte sich nicht enthalten, die Frau einmal über das andere zu umarmen, was ihm damit vergolten wurde, daß sie ihm sagte, wie schön sie ihn vor Fanny beschrieben habe. Überlassen wir sie ihren Freuden. Indes ging Boltay nach Hause, Therese erwartete ihn schon im Thor, denn der Kutscher war früher angekommen und meldete die Ankunft des Herrn. Vor allem übergab er ihr den Brief. – Ich habe einen Brief mitgebracht; Fanny hat schreiben müssen, denn was sie mir auftrug, mündlich zu sagen, das war mir zu türkisch, ich hätte mir es nicht gemerkt. Therese erbrach den Brief, las ihn, sah auf Boltay; sie las den Brief ein zweites, ein drittes Mal und sah wieder auf Boltay. – Das ist in der That türkisch, ich verstehe das auch nicht, lesen Sie den Brief. Hiermit überreichte sie denselben Boltay. – Hm, brummte der Alte, der ebenfalls erstaunte, als er folgenden Bries las: »Liebe Tante! Ich weiß alles. Die Frau, die ich mit Schauder meine Mutter nenne, soll nicht mehr zu uns kommen. Lassen Sie dem Herrn Johann Karpáthi sagen, er möge mich noch heute besuchen, ich habe ihm Wichtiges zu sagen. Kommen auch Sie und Herr Boltay gleich heraus. Ihre Sie liebende Nichte Fanny.« – Was bedeutet das? Was ist zwischen beiden vorgefallen? Wann war Zeit dazu? Sie haben so freundlich miteinander gefrühstückt, so freundlich voneinander Abschied genommen. Meister Boltay konnte sich die Sache nicht erklären. Aber Theresen begann ein Licht aufzugehen. Es mußte also gleich zu Karpáthi geschickt werden. Wer soll gehen? Meister Boltay entschloß sich selbst dazu. Seine Füße sind gut; in einigen Augenblicken ist er dort. Der alte Heiduck kennt ihn und schleppt ihn am Arm zu seinem Herrn. Der Bräutigam vernimmt, was die Braut ihm sagen läßt; er läßt einspannen und binnen fünf Minuten sind sie auf dem Wege, Boltay und Therese sitzen neben dem Magnaten in der Kutsche, der Wagen ist geschlossen, die Vorhänge zugezogen, Niemand sieht die darin Sitzenden, fünf feurige Pferde, zu zwei und drei vorgespannt, fliegen mit Windeseile über die Landstraße. Binnen zwei Stunden ist der Weg zurückgelegt, zu welchem Meister Boltay gewöhnlich vier Stunden braucht. Fanny empfängt den Gast; sie ist etwas blasser als gewöhnlich, allein die Blässe steht ihr gut. Der alte Magnat ist außer sich vor Entzücken; er nähert sich dem Mädchen, legt die Hand aufs Herz und spricht mit feierlichem Ton: Fräulein, so möge mir Gott beistehen, wie ich mein ganzes Leben hindurch keine andere Sorge haben werde, als Ihnen Freude zu machen. – Und ich, sprach Fanny ruhigen Tones, gelobe, daß ich in meinem ganzen Leben es für meine heiligste Pflicht ansehen werde, Ihrem Namen Ehre zu machen. Jetzt haben Sie drei die Güte, sich mit mir zu einer längeren Besprechung zurückzuziehen. Diese Worte waren mit einem so ruhigen, entschlossenen Ton gesprochen, daß man nicht anders konnte, als sich ihrem Willen zu fügen. Alle vier zogen sich in das innerste Gemach zurück und schlossen hinter sich alle Thüren. Nach einigen Stunden kamen sie wieder heraus, aber welche Veränderung war in jedem Gesicht. Fanny sah nicht mehr so blaß aus, ihre Wangen waren wieder rot und ihr Aussehen freudig und heiter. Meister Boltay drehte sich den Schnurrbart, wie einer, der sich zu einer Schlägerei vorbereitet, er sieht zornig aus und dennoch lacht er zuweilen. Auch die Augen der frommen Therese leuchteten wie von befriedigter Rache. Und der Bräutigam? Herr Johann? Wo ist Herr Johann, der alte Nabob? Wir erkennen ihn nicht wieder. Sollte es dieser heitere, lachende, triumphierende Mann sein? Er hat sich um zwanzig Jahre verjüngt. – Also morgen Nachmittag! sagte er mit Freude. – Ja, morgen, erwiderte Fanny mit Nachdruck und beider Augen leuchteten, wenn sie aufeinander blickten. Mit überschwänglichem Gefühl drückte Karpáthi dem Meister Boltay die Hand, dann Theresen und jetzt kam an Fanny die Reihe. – Darf ich diese schone Hand drücken? Fanny reichte ihm herzlich ihre kleine, zarte Hand. Diese Berührung elektrisierte den Alten und er preßte die dargebotene Hand an seine Lippen. Vor Freude umarmte er jetzt Boltay und Therese und zuletzt gewahrte er, daß er Fanny in seinen Armen halte; das Mädchen schmiegte sich sanft an ihn, weder prüde widerstrebend, noch kokett, sondern wie ein echtes Kind der Natur. Hierauf eilte Johann zu seiner Kutsche, öffnete selbst den Schlag, stieg ein, ohne sich dabei helfen zu lassen und rief noch einmal zurück: Also morgen Nachmittag! Fanny legte den Finger auf den Mund und winkte ihm zu schweigen. – Fahr fort! rief Herr Karpáthi mit drängender Eile, während Pál gemächlich auf den Kutschbock stieg und von dort phlegmatisch auf seinen Herrn zurückschaute. – Nun, was gaffst du? Fahr' zu! – Wir haben etwas hier gelassen, sagte der alte Diener. – Nun, was hätten wir hier gelassen? – Zwanzig Jahre unseres Alters, gnädiger, junger Herr ! erwiderte jener ohne zu lächeln und das Wort »junger Herr« sehr gedehnt sprechend. Herr Karpáthi lachte über diese spaßige Bemerkung. Der Kutscher ließ die Peitsche wallen und binnen einem Augenblick rollte die Kutsche schon weit hinter Staubwolken. Was mögen die da drin miteinander ausgemacht haben? * Früh am andern Tage kam ein Dienstbote nach Bolays Landwohnung mit dem gestickten Polster, den Frau Mayer ihrer Tochter schickte. Der Dienstbote flüsterte der letztern zu, im Polster sei ein Brief verborgen. Sehr wohl. Fanny suchte den Brief. Ihre Mutter schrieb ihr darin, der reiche Herr freue sich sehr. In seiner Freude giebt er Fanny zu Ehren am nächsten Tag in der Wohnung des Herrn von Kecsterey eine Soiree, zu welcher die Einladung beiliegt. Das Billet lautete: Mademoiselle Fanny Mayer avec famillie . Also mit Familie, die Mutter und die Schwestern und ähnliches Volk! Es ist also für ein großes Publikum gesorgt, es werden Zuschauer da sein, desto besser! Die Vorstellung wird auch gut sein. Fanny entließ den Boten und ließ sagen, sie nehme die Einladung an und empfehle sich dem Herrn Kecskerey. Wer ist dieser Herr von Kecskerey? Wir müssen ihn kennen lernen. Es ist ein wackerer Gentleman, der in den feineren Gesellschaften keine zu verachtende Rolle spielt und einem Bedürfnis entgegenkommt, das ohne ihn schwer zu befriedigen wäre. Jedermann kennt ihn, jeder, der gern für eine Notabilität gehalten werden will, sei er Kavalier oder Künstler. Seine Soireen und Matineen pflegen der Sammelpunkt der seinen Welt zu sein. Vornehme Damen, welche ihr Kunsteifer drängt, einen oder den andern berühmten Künstler auch in der Nähe zu sehen? freisinnige Amazonen, welche ihre Verhältnisse über die Fesseln Hymens hinaus ausdehnen; abgelebte Damen, die lieber lustiges Volk beisammen sehen, als ihre eigenen anständigen Salongesellschaften; beliebte Künstlerinnen, deren Gesellschaft eine wahrhafte Würze der Unterhaltung ist; einige Blaustrümpfe, aufgeklärte Geister, philosophische Frauen, die über jeden Menschen, den sie gesehen, mit dem sie gesprochen haben, in ihren Tagebüchern schreiben; eine oder die andere Dame aus den höheren Kreisen, die eine Sängerin ist und sich gern bewundern läßt; Modeschönheiten von dunkler Herkunft, welche durch die Gnade eines oder des andern Tonangebers Eintritt in vornehme Gesellschaften erhalten haben; ehrbare Mütter, die mit ihren schönen Töchtern kommen und einfältig genug sind, nicht zu erraten, weshalb man sie eingeladen habe; junge Kavaliere, Geistes- und Geldaristokraten, alte Gourmands, ein oder der andere satirische Geist, der sich über die Thorheiten der Menschen gern lustig macht; manche fremde, sehr reiche Kavaliere, die sich gern die Ausstellung junger Schönheiten besehen; blasierte Gemüter, welche die Krankheit der Langeweile verbreiten; eingebildete Poeten, die, wenn man ihnen nur winkt, sich hinstellen und ihre neuesten Gedichte deklamieren; endlich zwei, drei Feuilletonisten, die alles beschreiben, was sie und alle andern in den Soireen des Herrn von Kecskerey gesehen, gehört, gegessen und getrunken haben. Aus solchen Elementen bestehen die feinen Gesellschaften, die sich in den Salons des Herrn von Kecskerey zu versammeln pflegen. Er giebt zwei Soireen in der Woche, in außerordentlichen Fällen, wenn zum Beispiel ein berühmter Künstler durchreist, auch mehrere. Wer daraus schließen wollte, daß Herr von Kecskerey ein außerordentlich reicher Mensch sein müsse, der würde sich sehr täuschen. Er besitzt gar nichts auf dieser weiten Erde, als »Renommee«, man hält ihn für einen seinen, gebildeten, kunstverständigen, gelehrten Kavalier. Bei ihm erscheinen zu dürfen, ist eine Ehre. Niemand braucht sich zu schämen, zu ihm zu kommen; denn er huldigt der Aristokratie aufrichtig und zwar der Aristokratie jeder Art, derjenigen der Geburt, des Geldes, des Geistes und der Schönheit. Er wird dadurch der geistvolle Vermittler aller Gesellschaftskreise. Diese Kunst der Vermittelung veranlaßt die reichen Magnaten, Bankiers und die galanten alten Kavaliere, ihm das Material zu seinen Soireen zu liefern und ihm die geistvolle Anordnung zu überlassen; sie geben ihm das Geld und er verschafft ihnen dafür Gelegenheit zu interessanten Bekanntschaften. Wer aber den Herrn von Kecskerey deshalb einen »Kuppler« nennen wollte, der würde gegen die Regeln der Schicklichkeit einen furchtbaren Verstoß begehen. Herr von Kecskerey mischt sich in nichts, er macht niemandem Gelegenheit, in seinen Soireen fügt sich alles den strengsten Regeln des Anstandes. Zuerst deklamieren, singen und musizieren die Künstler und Künstlerinnen, dann wird bei Klaviermusik ein wenig getanzt, hierauf geht man zum Souper, wobei die Damen sitzend und die Herren stehend essen und auf die Gesundheit der anwesenden Damen und etwaigen Celebritäten einige Gläser Champagner leeren, nach einer kurzen geistreichen Konversation wird wieder ein wenig getanzt und um Mitternacht geht alles nach Hause, nur einige alte und junge Dandys bleiben zurück und spielen. Aus dem allen läßt sich leicht ersehen, daß in diesen Soireen weder Sitte noch Anstand verletzt werden. O, Herr von Kecskerey würde das nicht zugeben, er hält auf seinen Ruf. Er pflegt nur Gelegenheit zu Zusammenkünften zu verschaffen, aber nicht zu Verhältnissen. Das ist die Sache anderer Personen. Und wenn man ihn deshalb einen Kuppler nennt, so ist nur unsere Sprache daran schuld, weil sie nicht zweierlei Ausdrücke hat – für ein und dieselbe Sache. Bei Herrn von Kecskerey wurde für den festgesetzten Tag eine großartige Soiree vorbereitet, Abellino bezahlte die Kosten um so leichter, da Fennimore, mit welchem er auf Fannys Fall um tausend Dukaten gewettet hatte, ihm heute Abend, sobald Fanny erscheint, diese Summe zahlen mußte. Man war der Sache so gewiß, daß sich gar nicht daran zweifeln ließ. Der Scherz ist ein wenig englisch; Abellino wirft sechzigtausend Gulden hinaus, um eine Wette von tausend Dukaten zu gewinnen; das übrige ist Nebensache. Die ganze feine Welt war geladen und erschien auch, die freisinnigen jungen und die lustigen alten Damen, die Modeschönheiten, die Künstler und Künstlerinnen, die Blaustrümpfe und die Poeten, die Dandys und die Gourmands, die lustigen alten Grundbesitzer und viele andere, deren Menge einen armen Feuilletonisten in große Verlegenheit brachte, wenn er für jeden einzelnen ein bezeichnendes Beiwort ersinnen müßte. Am Morgen des entscheidenden Tages, der unsere jungen Vater des Vaterlandes mehr interessierte, als die wichtigste Landtagsverhandlung, setzte sich Frau Mayer in demselben Anzug, welchen Boltay ihr gekauft hatte, in einen Fiaker, fuhr fort und überdachte auf dem Wege die weitere Ausführung ihres Planes: beim Walde wird sie aussteigen und nach Boltays Haus zu Fuß gehen; dort wird sie sagen, daß sie auf einem Bauernwagen hergefahren sei. Dann wird sie mit Fanny spazieren gehen, gleichsam um die Felder anzusehen und aus dem in der Nähe wartenden Fiaker mit ihr fortfahren. Mit solchen Absichten kam sie glücklich in Boltays Landhaus an; die göttliche Vorsehung war ihr gnädig genug, daß sie weder eine Hand noch einen Fuß brach. Aber die unangenehme Überraschung wurde ihr, daß man ihr da sagte, Fanny sei schon am Morgen nach Preßburg gefahren. Sie hatte Grund zu erschrecken. – Haben vielleicht die beiden Alten sie mitgenommen? – Nein, die sind schon vor Tagesanbruch hineingefahren, Fanny folgte ihnen erst einige Stunden später in einer Mietkutsche. O weh! Was denkt sich dieses Mädchen? Wahrscheinlich will sie ihre Mutter hinters Licht führen und die reiche Beute für sich allein behalten. Vielleicht hat jemand sie aufgeklärt, denn bei solchen Gelegenheiten pflegt man den Vermittler gern zu beseitigen. Sie eilte zu ihrem Fiaker zurück und trug ihm auf, so schnell als möglich zu fahren. Wo kann das Mädchen hingeraten sein? Wenn sie nur nicht mittlerweile mit Abellino zusammen kommt. Oder hat sie sich es vielleicht überlegt und will gar nicht kommen? Das ist nicht möglich; man spricht ja überall davon und die Soiree ist nur ihrethalben angeordnet worden. Nein, nein, das kann nicht sein, Frau Mayer kennt das weibliche Herz zu gut; eher ist es möglich, daß das Mädchen ohne sie zu Kecskerey kommen will. Alles eins, sie hat jedenfalls ihr Verdienst dabei, durch ihre Bemühungen hat sie das Mädchen zu dem Schritt bewogen. Ach, mit welch bitterem Kummer muß das Herz einer Mutter kämpfen! Es war Abend geworden. In den Salons des Herrn von Kecskerey versammelten sich bereits die Gäste; eine Dame nach der andern fuhr vor und ließ beim Absteigen ihre reizenden Füßchen sehen; gemietete Livreebedienten übernahmen im Vorfall die Überkleider der Gäste und Herr von Kecskerey selber empfing letztere in der Thüre mit vornehmer Herablassung. Alle wußten, daß die Soiree nicht sein Geld koste, auch er wußte, daß jedermann das wisse; aber deshalb machten Gäste und Wirt dennoch tiefe Bücklinge voreinander, als ob er sie auf seine Kosten bewirtete und als waren sie ihm dafür dankbar. Die laut schrillende Nasenstimme des Herrn von Kecskerey wird durch das ganze Stimmengewirr der Gesellschaft hindurch gehört. – Ich bin sehr erfreut, daß Sie mein bescheidenes Fest nicht verschmähen. – Euer Gnaden erweisen meinem Haufe große Ehre, – Mesdames, es ist sehr gütig von Ihnen, daß Sie Ihren größten Verehrer nicht vergessen haben. – Mein Herr, es ist sehr schön von Ihnen, daß Sie Ihre wichtigen Studien meinethalben auf einen Abend unterbrechen, – Gräfin, es wird der Glanzpunkt dieser Soiree sein, wenn Sie Ihre Syrenenstimme werden hören lassen u. s. w. u. s. w. Der würdige Hausherr strebt mit allen Kräften darnach, daß seine Gäste sich gut und zwanglos unterhallen. Die sich noch nicht kennen, stellt er einander vor; dem Poeten giebt er Zeitungen in die Hand, in welchen er seine eigenen Produkte lesen kann, den Künstler fordert er auf, sich zum Klavier zu setzen und stellt jemanden hinter ihn, der ihn loben muß, jedem weiß er etwas Verbindliches, etwas Interessantes zu sagen, er schleudert Neuigkeiten, pikante Anekdoten in die Gruppen, bereitet den Thee, was niemand besser versteht als er und sieht jeden. Kurz er versteht, wie keiner, die Honneurs zu machen. Endlich kommt Abellino. Er hat nicht Zeit gehabt, früher zu kommen. Er führt einen alten fremden Mann am Arm, geht mit ihm direkt zum Hausherrn und stellt beide einander vor. – Mein Freund Kecslerey, Monsieur Griffard, Bankier. Bücklinge, Händedrücken. – Verehrter Herr von Kecslerey, Sie vergeben, daß ich meinen Busenfreund, der eben aus Paris angelangt ist, ohne weitere Ceremonien herbrachte, um ihn mit der Elite Ihrer Gesellschaft bekannt zu machen. O, Herr von Kecslerey vergiebt das nicht nur, sondern er fühlt sich noch verpflichtet dafür, daß er das Glück hat, die Bekanntschaft einer so ausgezeichneten Persönlichkeit zu machen. Und wieder folgen Bücklinge und Händedrücke. Das alles geht mit einem Ernst vor sich, als ob nicht Abellino es wäre, der diese Soiree eigentlich giebt und als ob das nicht jedermann wüßte. Eigentlich ist der Bankier deshalb aus Paris gekommen, um sich mit seinen eigenen Augen zu überzeugen, ob der alte Nabob, auf dessen Haut er schon so viel geliehen hat, einmal sterben wolle oder nicht. Herr von Kecslerey behandelte den ausgezeichneten Mann mit der größten Aufmerksamkeit, er stellte ihn den liebenswürdigsten Damen vor und sein Ziel war dabei nicht so sehr, den Gast zu unterhalten, als ihn Abellino vom Hals zu schaffen, der sich mit mehreren jungen Dandys in den Spielsalon zurückgezogen hatte. Er konnte, bis Fanny ankommen werde, die Zeit nicht angenehmer zubringen. Als er in den Spielsalon kam, waren schon mehrere andere Gäste da, unter ihnen auch Fennimore, bei dessen Anblick Abellino in ein impertinentes Gelächter ausbrach. – Ah, Fennimore, du mußt heut im Spiel sehr stark sein, denn das andere hast du schon verloren. Diable, du mußt heute viel gewinnen, um deine tausend Dukaten wieder herein zu kriegen. Ha ha, ihr glaubt, diese Soiree koste mein Geld? Da täuscht ihr euch sehr. Fennimore bezahlt sie. Macht mir ein wenig Platz an dem Tisch, ich will mein Glück probieren. Fennimore sprach kein Wort, er hielt eben die Bank; nach einigen Minuten war diese gesprengt, Abellino hatte gewonnen. – Ach, lieber Freund, an dir bewährt sich das Sprichwort schlecht, du bist unglücklich im Spiel und unglücklich in der Liebe. Armer Fennimore, wahrhaftig, ich bedaure dich. Fennimore stand auf und spielte nicht mehr. Wenn sein milchweißes Gesicht noch eine hellere Nuance zugelassen hätte, so hätte man an der Blässe gesehen, wie wütend er jetzt war. Die verlorene Wette, der Geldverlust, der Triumph und Spott des Gewinnenden und Siegers erfüllten sein Herz mit Gift und Galle. Einigemal war er nahe daran, einen Leuchter zu thätlichen Demonstrationen zu gebrauchen. Aber er hielt es dennoch für besser, aufzustehen und hinaus zu gehen. Abellino spielte weiter, gewann noch mehr und ärgerte diejenigen, die verloren, mit seiner nörgelnden Manier. Er hatte heute rasendes Glück und hörte nicht auf, darüber zu lachen. – Na! sagte er, die vor ihm aufgehäuften Banknoten in seine Brieftasche legend, Fennimore hat das Sprichwort mit doppeltem Unglück widerlegt und ich gehe, um es mit meinem doppelten Glück zu widerlegen. Im anstoßenden Salon begegnete er einem Diener, der ihn schon längst suchte; Frau Mayer wartet auf ihn, sie ist von der Reise gekommen und hat noch nicht Zeit gehabt, sich anzukleiden. – Das ist kein gutes Zeichen. – Abellino eilte hinaus, um mit ihr zu sprechen. Diese sagte, sie habe ihre Tochter nicht angetroffen, aber sie werde gewiß kommen, denn sonst hätte sie die Einladung nicht angenommen. Abellino vernahm diese Nachricht mit großem Ärger und ließ die Frau Mayer stehen. Diable! wenn sie mich betrogen hätten. Hier durste er indes seinen Ärger nicht zeigen, sondern mußte nach wie vor den Triumphierenden spielen. Lieber hätte er all sein Geld verloren, nur soll das Mädchen jetzt nicht ausbleiben. In dieser Stimmung war es ihm sehr unangenehm, Fennimores weißem Gesicht zu begegnen und er begann zu überlegen, ob er nicht großmütig sein und sich mit ihm aussöhnen solle. Dann eilte er wieder zur Frau Mayer hinaus und fragte sie, ob sie ihrer Tochter gesagt habe, daß er sie heiraten wolle. – Ja, und das Mädchen scheint sich darüber sehr zu freuen. Das beruhigte ihn ein wenig, er ging wieder zur Gesellschaft zurück und bemühte sich, Herrn Griffard zu unterhalten. Man begann schon den Thee zu servieren und die Gräfin X. hatte bereits ihre » casta diva « gesungen, als Abellinos Bedienter ihm ins Ohr flüsterte: Eben habe ich Fräulein Mayer aus dem Wagen steigen sehen. Abellino drückte dem Diener einige Goldstücke in die Hand und ging zu einem Spiegel, um sich ein wenig in Ordnung zu bringen. Er war nett, recht nett, das muß man zugeben; seine Frisur war tadellos, sein Gesicht glatt, sein Bart und Schnurrbart malerisch, seine Krawatte hinreißend und sein Gilet erhaben. Jetzt tritt der die Gäste meldende Kammerdiener ein, den Abellino nur im Spiegel sieht und ruft mit dem feierlichsten Tun: Madame Fanny de Karpáthi, née Mayer . – Zum Kuckuck! denkt Abellino, dieses Mädchen nimmt die Sache ernst und legt sich meinen Namen im voraus bei. Na, nur zu, wenn es sie amüsiert. Was kann es schaden? – Ah, rief Griffard. Sie haben geheiratet? – Nur an der Linken, erwiderte Abellino scherzhaft. Die Gäste drängten sich neugierig zur Thüre, Herr von Kecskerey stand schon da, der Kammerdiener öffnet die Saalthüren und herein tritt eine junge Dame in Begleitung eines Herrn, Die ganze Gesellschaft verstummt einen Augenblick vor Staunen. Staunen sie so sehr über den Anblick der schönen Frau? Sie war in der That schön. Ein einfaches, aber kostbares Spitzenkleid wogte um ihren prächtigen Wuchs, es war nach damaliger Mode etwas kurz und ließ ihre niedlichen, runden Füßchen sehen, auf ihrem reichen Haargeflechte trug sie ein Häubchen aus Brüsseler Spitzen und an beiden Seiten flossen Locken auf ihre marmorweißen Schultern und auf den entzückend schönen Busen nieder. Und dieses blaßrote Gesicht, dieser göttliche Blick der glühenden, schwarzen Augen, deren Leidenschaft mit den kindlichen Lippen im Widerspruch ist, die aber mit dem Grübchen ihrer Wangen und ihres rosigen Kinns um so mehr harmonieren! Sie lächelte, als Herr von Kecskerey ihr entgegentrat und nicht wußte, was er sagen solle. Fanny grüßte ihn. – Mein Herr, ich habe Ihre Einladung mit Vergnügen angenommen und komme avec famille; dies ist mein Gemahl, Herr Johann von Karpáthi , sagte sie auf den Mann zeigend, in dessen Begleitung sie gekommen war. Kecskerey konnte nichts weiter hervorbringen, als daß er sich unendlich freue; indessen schien er sichtlich verlegen, mit den Augen Abellino zu suchen. Dieser stand beinahe, wie Loths Weib, erstarrt vor dem Spiegel. Herr Johann von Karpáthi indes, der gutgelaunte, heitere, vor Freude strahlende Herr Johann drückte dem Hausherrn als altem Bekannten die Hand, nahm dem Arm seiner Gattin und sagte: Wünschen Sie mir Glück, verehrter Freund; ich habe heute einen Schatz, einen himmlischen Schatz gewonnen. Ich bin glücklich, ich brauche kein Paradies mehr, ich bin schon auf dieser Welt selig geworden. Hiermit trat er mit strahlendem Gesicht der Gesellschaft näher, stellte jedem Bekannten seine Gattin vor und wurde mit Glückwünschen überhäuft. Und Abellino mußte das alles mit ansehen, er mußte erfahren, daß das Mädchen, welches er so hartnackig mit seinen Liebesanträgen verfolgte, die Gattin seines Onkels und so für ihn unzugänglich geworden sei. Wenn man sie in den Himmel oder in die Hülle entführt, wenn man sie in ein Felsenschloß eingesperrt hätte, wenn Racheengel sie mit stammenden Schwertern bewachten, so könnte er sie eher erlangen, als jetzt, da sie die Gattin seines Oheims geworden. Er durfte nun mit ihr gar kein Verhältnis beginnen, sei es welcher Art immer. Wer sich an dem Anblick der schönen jungen Frau genug geweidet hatte, der sah auf ihn, und jeder Blick war für ihn Spott und Gelächter. Es that ihm beinahe wohl, daß sich in der Gesellschaft noch jemand befand, der von diesem Fall unangenehm betroffen war: Mr. Griffard. Und um seine spöttische Natur auch jetzt nicht zu verleugnen, wandte er sich an diesen mit der Frage: Qu'en dites vous, Mr. Griffard? – C'est bien fatal. – Mon cher Abellino , sprach jetzt Fennimore mit seiner zwirndünnen Stimme, mir scheint, daß du mir jetzt tausend Dukaten schuldig bist. Hahaha! Abellino wandte sich wütend gegen ihn, aber in diesem Augenblick begegnete er seinem Onkel, der sich ihm Arm in Arm mit seiner Gattin eben näherte und mit der größten Freundlichkeit sagte: Liebe Frau, das ist mein lieber Neffe Bela. Lieber Neffe, ich empfehle meine Frau deinem verwandtschaftlichen Wohlwollen. Ah! das war der Augenblick, auf den er sich so sehr im voraus gefreut hatte; das war die ausgesuchte Rache, die das Herz des verfolgten Mädchens gewünscht und welche die Augen jener friedlichen Menschen strahlen gemacht hatte. Der Jäger in der Grube, die er selbst gegraben hat! Abellino verneigte sich steif, biß sich in die Lippen und war weiß, wie die Wand. Der alte Karpárthi ging mit seiner Frau weiter, um sich mit Griffard bekannt zu machen, der seine außerordentliche Freude darüber ausdrückte, daß er ihn so gesund antreffe. Abellino aber ging, sobald sich sein Onkel von ihm gewandt hatte, mit erhobenem Kopf und ein Liedchen summend durch den Saal, als ob ihm gar nichts passiert wäre und schien gar nicht darauf zu achten, daß alles Flüstern und Zischeln rings um ihn nur ihm gelte und daß er jetzt von der Gesellschaft verspottet werde. Er eilte in das Spielzimmer. Als er die Thüre öffnete, hörte er sie alle lachen. Fennimores Stimme drang am meisten durch. Als sie aber ihn erblickten, verstummte das Gelächter plötzlich; jeder bemühte sich, ein recht ernsthaftes Gesicht zu machen. Kann es wohl etwas Ärgerlicheres geben? Abellino nahm einen Stuhl zum Tisch und setzte sich zu ihnen. Warum lachen sie nicht? Warum setzen sie ihr Gespräch nicht fort? Warum zwingt sich Fennimore so ernsthaft zu sein? warum wendet er sich so oft von ihm ab? – Gebt Karten! Er dachte, dann werden sie doch etwas zu lachen haben, wenn sie gewinnen und ihre Gegner verlieren. Jetzt war an Abellino die Reihe, die Bank zu geben. Er begann zu verlieren. Ihm gegenüber sitzt Fennimore und gewinnt in einem fort, zuweilen läßt er seinen Satz zweifach und vierfach in der Bank, um ihn vierfach, achtfach herauszuziehen. Abellino fängt an, die Ruhe zu verlieren und schwindelt. Er giebt auf die Einsätze nicht acht, zieht Gewinste ein, und zahlt den Verlierenden aus. Seine Gedanken schweiften anderswo. Jetzt zog Fennimore eben wieder einen vierfachen Satz ein. – Ha, ha! er konnte sich nicht mehr enthalten, triumphierend zu lachen: Karpáthi, das Sprichwort wendet sich jetzt gegen dich, du bist unglücklich in der Liebe und unglücklich im Spiel. Armer Abellino, wahrhaftig, ich beneide dich; du bist mir tausend Dukaten schuldig. – Ich? fragte Abellino gereizt. – Freilich, du! Du wirst doch nicht auch jetzt noch behaupten, daß du Fanny verführen werdest; jetzt ist sie reicher als du, dein Geld kann sie nicht mehr bethören und wenn sie sich einen Courmacher wählen will, so braucht sie nicht gerade dich, wir sind auch da. Du hast vielmehr Grund, dich zu hüten, daß sie sich nicht in dich verliebe, denn ein solches Abenteuer könnte dich um deine Erbschaft bringen. Das ist famos! Abellino flieht vor der Umarmung seiner schönen Tante, wie Joseph vor der Frau Potiphars. Er ist sogar genötigt, acht zu geben, daß sie sich nicht in einen andern hübschen, jungen Mann verliebe. Hahaha! Abellino als Tugendwächter! das ist prächtig. Das ist ein Stoff für ein Vaudeville. Jedes Wort ist ein giftiger Stachel und dringt ihm ins Herz. Abellino ist bleich vor Wut. Was Fennimore sagt, ist wahr. Er muß jetzt zittern, wenn dieses Weib jemanden liebt. Fluch, Fluch! Dabei verliert er in einem fort. Kaum sieht er mehr, was jeder einsetzt. Fennimore vervierfacht wieder seinen Einsatz, Abellino zahlt ihm aber nur den doppelten heraus. – Oho, Freund, das ist zu wenig, ich habe mehr eingesetzt. – Ich habe es nicht bemerkt. – Ah, das ist Filibusterie! ruft Fennimore im Bewußtsein seines Rechts. Auf dieses beleidigende Wort springt Abellino auf und wirft Fennimore alle Karten, die er in der Hand hatte, ins Gesicht. Dieser gerät in die höchste Wut, ergreift den Stuhl, auf welchem er gesessen und will damit auf Abellino losstürzen. Die anderen legen sich ins Mittel und halten Fennimore zurück. – Laßt mich, laßt mich über ihn! kreischt der empfindsame Jüngling mit ganz veränderter Stimme und schäumend vor Wut. Abellino spricht kein Wort, aber er keucht und seine Augen sind von Blut unterlaufen. Seine Kameraden halten ihn mit Mühe zurück. Auf diesen skandalösen Lärm stürzt Herr von Kecskerey herein und ruft mit affektiertem, imponierendem Blick den Streitenden zu: Achtet das Heiligtum meines Hauses! Diese Intervention bringt die Streitenden zu sich. Sie sehen ein, daß dies nicht der Ort sei, ihren Streit zu schlichten. Die Berufung auf das Heiligtum des Hauses hat manche heiter gestimmt, sie geben Fennimore und Abellino den Rat, nach Hause zu gehen. Diese entfernen sich auch sogleich und die Gesellschaft bleibt ungestört. Nach einigen Augenblicken weiß zwar schon jeder, daß Abellino und Fennimore beim Spiel in Streit geraten seien, aber jeder thut, als wüßte er nichts davon. Herr Johann von Karpáthi ruft den Hausherrn beiseite und bittet ihn insgeheim, er möge so gut sein, von ihm für die glänzende Anordnung der Soiree tausend Gulden anzunehmen und binnen einer Viertelstunde weiß jeder, der Held des Abends sei Herr Johann von Karpáthi, der seine schöne Frau in die Gesellschaft einführen wollte. Die Unterhaltung dauerte noch bis zwei Uhr nach Mitternacht; dann ging jeder nach Hause und begab sich mit allerlei Gedanken über den seltsamen Abend zur Ruhe und wenn einige aus der Gesellschaft heute unruhig schlafen, so sind es gewiß Abellino, Fennimore und Monsieur Griffard. 3. Das Duell. Herr Griffard reiste den andern Tag nach Paris zurück, natürlich ohne daß sich Abellino weiter um ihn gekümmert hätte. Infolge des Affronts bei Kecskerey hatten Abellino und Fennimore sich gefordert. Die Sekundanten schlugen als Waffen hierbei Degen vor. In so rabiaten Fallen, wie dieser, wählen die Zeugen gewöhnlich lieber die schwächere, als die stärkere Waffe. Das hat seinen Grund. Das Duell ist weder vom Gesetz erlaubt, noch zu rechtfertigen und dennoch ist es ein adoptierter Gebrauch. Es giebt Beleidigungen, gegen welche das Gesetz keinen Schutz verleiht; zum Beispiel, wenn jemand in einer Frage, die den Charakter betrifft, schwach genannt wird, in Liebeshändeln, wenn man einem von der Gegenpartei im geheimen verbreiteten falschen Gerücht entgegentreten will, wenn sich jemand in einer politischen Frage prostituiert fühlt, kurz, wenn die Parteien nicht aus Blutdurst, nicht aus Wut das Duell wünschen, sondern wenn sie dadurch angesichts des Todes ihre Charakterstärke an den Tag legen, bei ihrer Meinung beharren wollen. Bei solchen Gelegenheiten pflegen die Zeugen Pistolen zu wählen. Die Kämpfenden stehen kalten Blutes da und jeder setzt sich dem Schuß des andern aus. Das Duell geht in edler, männlicher Weise vor sich. Den Forderungen des Herkommens ist Genüge geleistet und die Streitfrage wird für immer begraben. Aber wenn thatsächliche Beleidigungen das Duell veranlassen, wenn die Parteien sich insultiert, beschimpft, sich thätlich aneinander vergriffen haben, dann fürchten die Sekundanten für ihre Haut und geben den Streitenden lieber eine Waffe in die Hand, mit der sie sich wahrscheinlich nicht töten werden. Fennimores Zeugen waren Livius und Kalácsi (derselbe, der in Paris immer behauptete, sein Vater, der Vicegespan, sei eine Excellenz), die Abellinos: Konrad und Kecskerey. Die Parteien wollten anfangs von Degen nichts hören, aber die Zeugen, besonders Konrad, verharrten dabei. Fennimore zauderte noch ein wenig, dann verlangte er einen Stoßdegen, weil er daran von Paris her gewohnt sei; aber auch das wurde ihm nicht bewilligt. Beide mußten mit krummen Degen fechten. Als Kampfplatz wurde ein geräumiger Saal im Gasthaus »Zum grünen Baum« gemietet, wo sie sich einschlossen und erst alles auf das Duell Bezügliche festsetzten. Von Aussöhnung, von um Vergebung bitten war keine Rede. Blut mußte fließen. Wenn sie sich binnen fünf Minuten keine Wunde beibringen, so wird das Duell als beendet betrachtet. Die Parteien haben beim Fechten die Hemdärmel aufgeschürzt. Kopf- und Bauchhiebe sind nicht erlaubt, nur Gesicht-, Arm-, Brust- und Fußhiebe. Finten nach den ausgenommenen Körperteilen sind nicht zugelassen. Gestochen darf durchaus nicht werden. An beiden Seiten jeder Partei stehen ihre Sekundanten; wer gegen die festgesetzten Regeln verstößt, dem wird der Degen aus der Hand geschlagen. – Meine Herren, so ist ja das Ganze nur ein Spaß, kreischte Fennimore. Sie haben uns ja nur zu einem Spiel hergerufen. Das ist ja kein Duell, sondern ein Kinderspiel. Dann ist es besser, Sie rufen einen Barbier her, daß er demjenigen von uns, den das Los trifft, zur Ader lasse. – Dein Reden ist vergebens, sagte Konrad, wir sind einmal über diese Punkte übereingekommen, wenn sie dir nicht gefallen, so kannst du allein fechten. – Gebt uns nur einmal die Degen in die Hand, sagte Abellino mit dumpfer Stimme, sprechen können wir nachher. Hierauf schwieg auch Fennimore; er hatte denselben Gedanken, wie Abellino. Wenn sie sich nur einmal, die Degen in der Hand, gegenüberstehen, so werden sie fechten, wie sie wollen. Die Zeugen begannen die Absichten der beiden Kämpfer zu erraten und flüsterten miteinander, ehe sie die Degen übergaben. Erst stellten sie sich selbst auf beiden Seiten mit den blanken Waffen auf; dann maßen sie die Fechtdegen und als sie diese von gleicher Lange fanden, überreichten sie dieselben den beiden Duellanten. Eins, zwei, drei. En garde ! Plötzlich stürzten sie, wie auf Verabredung, so nahe aufeinander los, daß sie sich gewiß nur lebensgefährliche Hiebe beibringen konnten. Die Degen blitzten, die Augen noch mehr. In einem Augenblick kreuzten alle vier Sekundanten ihre Degen zwischen beiden Kämpfenden. – Messieurs, das ist nicht erlaubt. Das soll kein Kampf auf Leben und Tod sein; was habt ihr nötig, so nahe aufeinander loszurennen? Haltet euch an die Ordnung. Das sagte Konrad, der mehr als die Kämpfenden selbst fürchtete, einer von ihnen werde fallen. Die Kämpfer stellten sich wieder gegenüber auf und jetzt fochten sie schon vorsichtiger; sie machten nicht viel Lärm, sie verschwendeten nicht viel Kraft auf die Hiebe und wollten einander durch Finten besiegen. Beide waren geübte Fechter, das Streben beider ging dahin, den Gegner im Gesicht zu zeichnen, aber keinem gelang es. Sie sahen einander fest ins Auge, sie machten mit den Armen keine großen Bewegungen, nur der dünne Stahl drehte sich in der Faust und wetzte sich an dem des Gegners, ohne das Klirren und Klappen, welches beim Fechten auf der Bühne gehört wird. Lange fochten sie so, ohne daß einer den andern zu verwunden vermochte; Fennimore fühlte seinen Arm schwächer werden und retirierte deshalb. Abellino stürzt ihm nach; wütend darüber, ermannt sich Fennimore wieder und führt einen kräftigen Hieb gegen Abellinos Kopf, den dieser mit Mühe parierte und sogleich erwiderte. – Schlagt ihnen die Degen aus der Hand! schrie Konrad. Das geschah sogleich und Fennimore schrie in grenzenloser Wut: Was habt ihr mit uns vor? Sollen wir vor euch Komödie spielen? Hättet ihr mir nur einen Stoßdegen gegeben, langst wäre alles aus; ich will ihn ins Herz stechen, mitten ins Herz, ich will ihn tot sehen. – Ruhig Freund, ruhig, mit Lärm kommen wir zu nichts; höchstens hört man uns dann auf die Gasse hinaus und wir werden arretiert. Ihr müßt fechten, wie wir es festgesetzt haben. Wenn ihr auf Tod und Leben fechten wollt, so geht nach Amerika und sperrt euch dort in einem finstern Zimmer ein und stecht und schießt im Finstern aufeinander los; so lange ihr aber in Europa seid, müßt ihr euch den europäischen Gebräuchen fügen. Die Kampfer stellten sich noch einmal einander gegenüber auf. Jetzt zitterte Fennimore schon vor Wut. Er warf sich mit großer Kraftverschwendung auf Abellino und bemühte sich, diesen mit dicht aufeinander folgenden, aber ungeschickten Hieben zu ermüden; er dachte nicht mehr an seine Verteidigung, sondern lief dem Gegner in den Degen, endlich kannte er sich schon nicht mehr vor Wut, kümmerte sich weder um die Regeln, noch um die Sekundanten und stach nach dem Gegner. – Nieder mit den Degen! Und jetzt wurde Fennimore der Degen aus der Hand geschlagen. – Du hast gegen die Regeln des Duells dreimal verstoßen, sagte Konrad, und hast kein Recht weiter zu fechten. Die Sache wird für beigelegt erachtet und wir erklären, daß Abellino seiner Pflicht als Kavalier Genüge geleistet hat. – Die beiden Gegner sollen die Degen niederlegen, sagte Kecskerey entschieden. Fennimore nahm auf diese Aufforderung eine Stellung an, als wollte er mit allen Fünf fechten, was um so sonderbarer erschien, da er keine besondere Leibeskraft besaß, er war vielmehr ziemlich schwächlicher Konstitution. – Also Abellino soll den Degen niederlegen, dann hat das Duell ein Ende, riefen die Sekundanten und umringten ihn. Abellino war schon geneigt, ihnen nachzugeben und wandte sich um, um den Degen in eine Ecke zu lehnen. In diesem Augenblick stand niemand zwischen ihm und Fennimore. Nur der höchste Grad von Wut macht es erklärlich, daß Fennimore diesen Augenblick benutzte, sich selbst und alle Ritterlichkeit vergaß und seinen Gegner im Rücken überfiel. Er traf Abellino zum Glück nur an der Schulter, sonst wäre sein Degen diesem durch den Leib gegangen. – Meuchelmörder! schrie Abellino schmerzlich getroffen und sich umwendend hielt er seinen Degen Fennimore entgegen. Dieser sah und hörte nichts mehr vor Wut und wollte seinem Gegner noch einen Stoß versetzen. Sein Degen glitt jedoch über Abellinos Schulter und er selbst rannte mit Heftigkeit in dessen Degen, sodaß dieser ihm ganz, bis an den Griff durch den Leib fuhr. So standen sie sich einen Augenblick gegenüber, bis Fennimore, der durchs Herz getroffen war, tot zusammensank. Wer die neueren Annalen des ungarischen Adels durchblättert, wird finden, daß dieses Duell keine Ausgeburt der Phantasie ist. Abellino lag einen Monat krank an seiner Wunde, dann gaben ihm gute Freunde den Rat, sich aus dem Staube zu machen und zwar nicht in ein Land zu fliehen, wo man ihn auch wegen seiner Schulden verhaften wurde, sondern etwa nach dem Orient. Das that er auch und reiste nach Jerusalem; wie die öffentliche Meinung spöttisch behauptete, wollte er am heiligen Grabe seine Sünden abbüßen. Wir wollen ihm dahin nicht folgen; wenn er zurückkehrt, so werden wir seine Erlebnisse schon durch ihn selbst erfahren. Herr Johann von Karpáthi aber, der glückliche, überglückliche Nabob, reiste mit seiner schönen Gattin nach Karpáthalva. Bald werden wir sie wiedersehen oder von ihnen hören. 4. Eins vaterländische Institution. Der Landtag war zu Ende. Die Stände (Mitglieder des Unterhauses) und die Magnaten (Mitglieder des Oberhauses), die Juraten (die in Begleitung der Deputierten beim Landtag anwesenden Rechtskandidaten) mit ihren schwarzen Attilaröcken und klirrenden Säbeln, die Väter des Vaterlandes mit ihren goldbeschnürten und reichverbrämten Mentes, die prächtigen Equipagen mit den darinsitzenden Modedamen verschwanden plötzlich aus den Gassen Preßburgs; an den Hausthoren hingen die traurigen Anzeigen: »Wohnung zu vermieten«, die Kaufleute packten ihre kostbaren Modewaren wieder ein, die Kaffeehäuser waren leer und die paar übriggebliebenen Stammgäste glichen den wenigen Blättern, die im Spätherbste noch an den Bäumen hängen; man konnte bequem auf den Gassen gehen, ohne fürchten zu müssen, daß man niedergefahren werde; Nachts wurde man nicht von dem Gesang der unruhigen Jugend geweckt; auf die jungen Mädchen brauchte man nicht mehr so ängstlich acht zu geben, sie sahen auch nicht mehr so häufig aus den Fenstern auf die Straße; man brauchte nicht mehr zu zittern, die Landtagsjugend werde bei Gelegenheit einer Serenade mit Fackelbeleuchtung die Stadt anzünden, kurz: Preßburg erhielt sein früheres ruhiges und friedliches Ansehen wieder und die dortigen Studenten waren nicht mehr in den Hintergrund gedrängt. Johann von Karpáthi reiste auch mit seiner Frau nach Hause. Die Preßburger Kaufleute sprachen noch lange von ihm; erstens , weil er von allem, was nur dem Auge auffällt, von Kleidern, Putzsachen, Geschmeiden, das Beste und Schönste für seine schöne, junge Frau kaufte, die er überall mitnahm und nie vom Arm lassen wollte, um mit ihr zu paradieren, wie ein Kind, das ein neues Kleid bekommen hat, dieses gar nicht wieder ausziehen und darin sogar schlafen möchte; zweitens , weil Karpáthi die Eigenheit hatte, wenn er kaufte, nur ungarisch zu sprechen; der Ladendiener hatte einen großen Vorteil, der mit ihm ungarisch sprechen konnte und sogar die Chefs bemühten sich, den großmütigen Nabob mit » alásszolgája « anstatt mit »gehorsamer Diener« zu grüßen. Karpáthi hatte sich sogar vorgenommen, eine Gesellschaft zu gründen, deren Mitglieder es sich zum Grundsatz machen sollten, beim Einkaufen nie anders als ungarisch zu sprechen, sodaß die Kaufleute genötigt werden, ungarisch zu lernen; sie selbst könnten ja zu Hause doch deutsch und lateinisch sprechen, zwei Sprachen, die damals in den ungarischen adeligen Kreisen am üblichsten waren. Dieses Vorhaben übrigens auf später aufschiebend, reiste Karpáthi, wie gesagt, mit seiner geliebten Gattin nach Karpáthsalva zurück. Fanny schied von ihren beiden lieben Alten mit einem Gefühl, als sollte sie dieselben nie wieder sehen. Diese bemühten sich auch, beim Abschied so ruhig als möglich zu sein, aber sie konnten das Weinen kaum unterdrücken; doch das hätte sich nicht geschickt, sie mußten sich ja vielmehr freuen, denn das Mädchen hatte ein großes Glück gemacht. Fanny drückte der Abschied das Herz ab; sie fiel ihrer Tante um den Hals und konnte kaum die Worte stammeln; Lieben Sie mich immer! – Ich habe dich ja immer geliebt, sagte Therese, und ihre Augen waren rot von den zurückgehaltenen Thränen. Aber sie durfte ja nicht weinen; Fannys Mann stand dabei, was hätte er dazu gesagt? – Na, Meister Boltay, sagte der Nabob, ihm die Hand schüttelnd, ich hoffe, wir werden uns noch sehen. Sie sind mir einen Besuch schuldig. Ich bin schon auf Ihrem Landgut gewesen, jetzt müssen Sie mich in Karpáthfalva besuchen. Der Handwerker errötete. Der Nabob wußte nicht, daß dieser Mann mit den von der Arbeit schwieligen Händen auch seinen Stolz habe. – Ich danke, mein Herr, antwortete er; ich kann nicht fort, ich habe zu viel zu thun. – Sie haben ja einen wackern Gesellen, ich habe mit ihm gesprochen, ein kluger Junge, dem können Sie alles anvertrauen. Wie heißt er? Mit von Rührung erstickter Stimme sprach Boltay den Namen: Barna Sándor; wider seinen Willen traten ihm bei diesem Wort Thränen in die Augen und rollten ihm über die Wangen hinab. Als Therese das sah, begann auch sie zu weinen und Fanny wurde blaß. – Also im Winter einmal, guter Boltay, fuhr Karpáthi fort; wenn Sie wollen, so komme ich herauf und hole Sie ab. Lieben Sie die Jagd? – Nein, mein Herr, ich habe mit den Tieren zu viel Mitleid. – Nun Sie, gute Therese, Sie werden doch Ihre Nichte gern einmal sehen wollen? Kommen Sie nachzuschauen, ob ihr nichts fehle, wie sie mit ihrem Schicksal zufrieden sei. Sie soll sich einmal vor Ihnen ausweinen, wenigstens werde ich ihr dann erträglicher sein. Auf diesen Scherz antwortete Therese nicht und Fanny war es so weh ums Herz, daß sie kaum zu atmen vermochte, als sie sich endlich in den Wagen setzen mußte und dieser davon rollte. Kaum waren zwei Wochen vergangen, so erhielt schon Therese einen Brief von Fanny. Die junge Frau bemühte sich, mit guter Laune zu schreiben; sie beschrieb die unterhaltenden Menschen, von welchen sie umgeben war, den schelmischen Horhi Miska, der alles mögliche ersinnt, um sie zum Lachen zu bringen, Kis Miska, den feurigen guten Burschen, der täglich vier Meilen weit reitet, um sie zu sehen, den alten Güterdirektor mit dem Zopf, der sich mit großer Ausdauer bemüht, sie mit allen Zweigen der Wirtschaft bekannt zu machen, den alten Heiducken, den alten Narren und den unterhaltendsten, den Herrn Johann selber, die sich alle zusammen verschworen haben, die junge Frau zu amüsieren, ihr gute Laune, Freude, Zerstreuung zu verschaffen, was ihnen denn auch ziemlich gelang. (Gute Laune, Freude, Zerstreuung! – von Liebe, Glückseligkeit war keine Rede in dem Briefe.) Jetzt beginnt indes ein neuer Gegenstand dem Leben Johanns Interesse zu verleihen. Seitdem er auf dem Landtag war, besonders aber seit den Qualen jenes entscheidenden Tages, welche sein Neffe ihm bereitet, hatte er sich es in den Kopf gesetzt, dem Vaterland zu nützen. Er stiftet Fundationen für die Mittelschulen, oft fährt er zu dem in der Nachbarschaft wohnenden Grafen Szentirmay, der ein ganz besonderer Mann sein muß, weil er von jedem so sehr gelobt wird, der immer darüber nachsinnt, wie er die Bauern vom Urbarium befreien könne, der mit andern ihm gleichgesinnten Männern Beratungen hält über Dampfschiffe, Fabriken, Theißregulierung, Errichtung von Dämmen, über eine Gelehrtengesellschaft, ein Theater und Wettrennen, der den größten Teil des Jahres in Pest zubringt und die andern Magnaten beredet, im Winter gleichfalls in Pest zu wohnen. Auch den Herrn Johann habe er schon dazu bewogen, in der Hauptstadt ein großartiges Palais zu bauen; wenn er auch dort nicht wohnen will, so wird er dadurch die Stadt verschönern. Jeder der Herren, die bei diesem Grafen zusammenkommen, macht irgendeinen neuen Vorschlag; einer von ihnen soll sich sogar angeboten haben, sein Einkommen von einem ganzen Jahr, sechzigtausend Gulden zu opfern, damit eine Akademie zustande komme und als man ihn fragte, wovon er leben werde, sagte er, er werde schon bei einem oder dem andern Freunde mitessen. Diese Gesellschaften besuche Herr János oft und seitdem trage er dem Güterdirektor auf, sich von den Verwaltern pünktliche Rechnungen ablegen zu lassen, denn er werde jetzt für die öffentlichen Angelegenheiten viel Geld brauchen. Endlich habe auch er einen Vorschlag ersonnen, den alle, welchen er ihn mitgeteilt, so gemeinnützig fanden, daß sie aus Freude darüber den Herrn Johann lobten und priesen. Dieser Vorschlag betrifft die Gründung einer Gesellschaft zur Zucht von Windhunden. Sie, schrieb Fanny weiter, verstehe zwar nicht, von welchem Nutzen diese Gesellschaft sein könne, sie verstehe das so wenig wie die andern Vorschläge, welche Dampfschiffe, Dämme, die Akademie und die Wettrennen betreffen; aber sie merke, daß alle, die von dieser Idee sprechen, davon außerordentlich begeistert sind und sie glaube die Windhunde haben eine glückliche Zukunft und einen glänzenden Beruf zu erwarten. Im kommenden Monat werde im Kastell zu Karpáthfalva die erste Generalversammlung abgehalten werden. Den Brief schloß Fanny mit allen Zeichen der Liebe und mit herzlichen Grüßen von Seite ihres Gemahls. Vom eigentlichen Lebensglück, von der Freude des Herzens, vom Glück der Liebe war kein Wort in ihrem Brief. Arme Frau! dachten die Empfänger, sie hat niemanden, vor dem sie ihr Herz ausschütten kann. Als Fanny nach Karpáthfalva kam, fand sie außer den paar lustigen Leuten, die sie beschrieb, nichts von den früheren Narrheiten vor. Herr Johann von Karpáthi hatte seinem Güterdirektor noch aus Preßburg geschrieben, er werde eine junge Frau mitbringen, es müsse daher alles aus dem Schloß beseitigt werden, was die junge Dame skandalisieren könnte, auch müsse ein Flügel des Schlosses für die neue Herrin eingerichtet werden. Der Güterdirektor erhielt Vollmacht zu allen nötigen Anordnungen. Der wackere alte Mann reformierte binnen einer Woche, nachdem er die Vollmacht erhalten, die ganze Einrichtung des Schlosses so sehr vom Grund aus, daß es nicht mehr zu erkennen war. Die Bauerndirnen, deren Verrichtungen völlig unbestimmt waren, wurden nach Hause, Dienstboten, die sich durch Fluchen und einen ungewaschenen Mund auszeichneten, auf die Pußta geschickt. Den Beamten wurde eingeschärft, die gnädige Frau mit der größten Ehrerbietigkeit zu empfangen und sich im Schloß keinerlei Freiheit mehr herauszunehmen; dem Fiskal wurde bedeutet, er müsse sauber und nett erscheinen, sonst werde man ihn gleich in den Ruhestand versetzen. Der ehemalige Pfingstkönig wurde samt seinem Weibchen ins Schloß beordert, wo er als Kutscher und sie als Kammerdienerin der gnädigen Frau angestellt wurden. Der Güterdirektor selbst ging nach Pest und kaufte mit einem Geschmack, der seinem Zopf weit voraus war, die Einrichtung für den Flügel des Schlosses, welchen die junge Frau bewohnen sollte und welcher an der Front die Aussicht nach dem Gebirge und durch die Seitenfenster die Aussicht in den Park bot. Alle frivolen Bilder, die im Schloß waren, wurden aus den Rahmen genommen und dafür hübsche Landschaften und andere gute Bilder hineingethan. Vieles andere, kurz alles, was an das frühere frivole Leben des Schloßherrn erinnern konnte, wurde aus dem Schloße beseitigt und von den vielen Lustigmachern wurde nur der Zigeuner Vidra wegen seiner Anhänglichkeit im Schloß behalten und auch ihm wurde bedeutet, daß er sich von nun an vernünftig zu benehmen habe. Als sich in der Umgegend das Gerücht verbreitete, Herr Jancsi habe geheiratet, kamen von allen Seiten, von den bekannten originellen Käuzen Gratulationen in Versen und Prosa an. Der Güterdirektor vernichtete sie aber alle, damit sie der jungen Frau nicht in die Hände gerieten, denn sie waren nicht minder cynisch und frivol als die fortgeschafften Bilder. Besonders zeichnete sich darunter ein schmutziges Pasquill aus, das von dem Poeten Gyárfás herrührte, welcher jetzt bei Kutyfalvi Bandi Kost und Wohnung hatte. In dieses Pasquill wickelte der zuweilen auch witzige alte Güterdirektor ein Stück schimmeligen Käse und in Asche getunktes Brot (mit welchen die Bauern die Hunde kurieren, die im ersten Stadium der Tollwut sind), that dies alles in ein zweites Couvert und schickte es dem Herrn Kutyfalvi zurück, auf dessen Veranlassung das Pasquill gewiß entstanden war. Mit der Sendung wurde Marczi betraut und wurde ihm aufgetragen, auf dem besten Renner hinzureiten und bei der Übergabe des Pakets gar nicht abzusteigen. Als Kutyfalvi das Paket öffnete und den Inhalt sah, wollte er vor Zorn aus der Haut fahren und befahl den Dreschern, die eben im Hofe waren, das Thor zuzusperren und Marczi nicht fortzulassen; aber der ehemalige Pfingstkönig setzte mit seinem guten Pferd über die Bretterumzäunung des Hofes und kam mit der Nachricht nach Hause, daß Kutyfalvi ihn samt seinen Knechten bis zum Saume des Waldes verfolgt habe. Herr Johann selber war aufs freudigste überrascht, als er, nach Hause kommend, nichts von dem allen vorfand, was er gefürchtet hatte. Wo er hinsah, erwartete ihn eine neue Überraschung, aus der ganzen Narrenburg war ein Aufenthalt geworden, wie er sich für ernsthafte, fein gebildete Menschen schickt; alle Leute im Schloß betrugen sich schicklich und die höheren Bediensteten begegneten der gnädigen Frau mit so gutem Anstande, daß sie alle die Narrenpossen, die man ihr in Preßburg so oft von Johann von Karpáthi erzählte, für boshafte Erfindungen hielt. Die ehemaligen Gesellen Janesis kamen auch jetzt zu ihm auf Besuch und gaben sich anfangs Mühe, sich dem neuen Geist des Hauses zu fügen; aber nach und nach kehrten sie die alte Natur hervor und wollten in Jancsis Schloß ihre früheren Streiche ausführen. Allein Herr Johann von Karpáthi erfand ein eigentümliches, wirksames Mittel, sich sie nacheinander vom Halse zu schaffen. Ein neues Leben regte sich damals in der ungarischen Nation; allenthalben entstanden Vereine zur Gründung oder Beförderung nationaler, humaner, wissenschaftlicher und landwirtschaftlicher Anstalten, Karpáthi nahm teil an allen diesen Vereinen und sah es gern, wenn man ihn hier und da zum Ehrenpräsidenten, zum Protektor wählte und ihn mit Subskriptionsbogen beehrte. So oft sich nun einer seiner ehemaligen Zechgenossen blicken ließ, präsentierte er ihnen einen Subskriptionsbogen, auf welchen bereits er und seine Frau beträchtliche Summen gezeichnet hatten; der Besucher mußte, ob es ihm nun lieb war oder nicht, auch unterschreiben, hütete sich aber sobald wieder zu kommen. Herr von Karpáthi brachte es endlich gar so weit, daß ihm seine ehemaligen lustigen Gesellen, wenn sie ihm unvermutet irgendwo begegneten, behutsam auswichen und sein altes, lustiges Schloß bei ihnen in Verruf kam, wie etwa eine Räuberkneipe. Zuweilen gelang es ihm aber dennoch einen oder den andern von ihnen in die Sitzungen zu locken, welche bei dem Grafen Szentirmay gehalten wurden und in welchen man sich über allerlei gemeinnützige Gegenstände unterhielt. Da pflegten ernste, wissenschaftlich gebildete Männer zusammen zu kommen, in deren Nähe sich die lustigen, guten Burschen unheimlich fühlten; sie zitterten vor dem Gedanken, der Graf werde sie einmal seiner Gemahlin vorstellen, die, wie man sagt, eine hochgebildete Frau ist – und es giebt Männer, welchen die Nähe solcher Damen höchst peinlich wird. Was die Frau von Karpáthi betrifft, so ist das ganz was anderes. Von dieser weiß man, daß sie nicht aus einer vornehmen Familie stammt, man braucht in ihrer Anwesenheit nicht einmal die Worte zu wählen, denn zu Hause mag sie Dummheiten genug gehört haben und sie kann einen derben Ausdruck, der einem in guter Laune entschlüpft, nicht verübeln; während man in Gegenwart der Gräfin Szentirmay weder zu reden, noch sich zu rühren wagt, denn sie ist in England erzogen worden, von dessen Damen man sagt, daß sie gleich aufstehen und fortgehen, wenn man in ihrer Anwesenheit das Wort »Strumpf« der »Hemd« ausspricht, oder wenn man sich nur die Handschuhe auszieht. Wie bereits erwähnt, sollte unter dem Vorsitz des Herrn Johann von Karpáthi eine von ihm angeregte Anstalt gegründet werden, die sich schon im voraus des allgemeinen Beifalls erfreute, eine Anstalt, die wie mit Zaubermacht alle politischen Parteien einigte, weil sie die Interessen keiner derselben verletzte, nämlich ein Verein zur Zucht der Windhunde. Sollte übrigens diese Idee unseren Lesern nicht für wichtig erscheinen, so mögen sie uns dennoch glauben, wenn wir versichern, daß sich alle Teilnehmer des im Entstehen begriffenen Vereins lebhaft dafür interessierten, wenn auch nicht wegen der Sache, über welche man beraten sollte, sondern wegen der Beratungen selber. Parlamentarisches Thun und Treiben zu großen oder kleinen Zwecken, in großen oder kleinen Sälen war damals die Lieblingsbeschäftigung in allen Abstufungen des ungarischen Adels; zudem hatte die alte, liebenswürdige, ungarische Gastfreundschaft in den Beratungen eine neue Gelegenheit gefunden, sich zu bethätigen. Doch für uns hat die bevorstehende Zusammenkunft, die den Windhundverein förmlich ins Leben rufen sollte, jedenfalls ein großes Interesse, denn sie nimmt das arme, junge Herz Fannys, das wir zur Liebe erwachen gesehen haben, lebhaft in Anspruch. Ihr Herz? Sollten sich doch in dem Schloß, in welchem sie jetzt wohnte, dessen Herrin sie jetzt war, viele, sehr viele adelige Herren versammeln, selbst die ernsteren, gefeierten Männer; denn sie haben alle eine Vorliebe für Karpáthi, der trotz seiner Narrheiten und bizarren Einfälle doch auch so viel Empfänglichkeit für das wahrhaft Gute und Ernste befaß, auf dessen Bereitwilligkeit man trotz seines spaßigen Unternehmens, auch bei großen, edlen Unternehmungen zählen konnte. Bei dieser Gelegenheit lud Herr Johann von Karpáthi zum erstenmal Damen zu sich ein; war er doch verheiratet. Fanny dachte zitternd daran, daß vielleicht auch die vornehmem Damen der Gegend kommen werden. Werden diese sie ihrer Beachtung würdigen? Werden diese Damen, die nicht bloß aus alten, sondern auch aus tadellosen Familien stammten, ihr den hohen Rang zuerkennen, auf welchen die Laune Karpáthis sie erhoben hat? Die vornehmen Herren der Gegend werden gewiß kommen, berühmte, im ganzen Lande geachtete Männer. Das Fest wird mehrere Tage dauern. Am ersten Tage wird die Sitzung gehalten werden; rings um den langen Tisch werden die Männer sitzen, innerhalb einer Seitengalerie werden die Damen die geistreichen Reden mit anhören. Hierauf wird ein Bankett folgen, bei welchem sie die Honneurs machen wird; – wer wird da auf ihre Gesundheit trinken? Am folgenden Tage wird ein Windhundrennen folgen. Damen und Herren werden reitend den Fuchs jagen. Auch sie wird an der Hetzjagd teilnehmen; – wer wird ihr Ritter sein? Abends wird derjenige, der mit seinen Windhunden die meiste Beute in der kühnsten Weise gemacht hat, aus ihrer Hand eine von ihr selbst gestickte, mit Gold und Perlen ausgelegte Schabracke erhalten, – wer wird diesen Preis gewinnen? Am dritten Tage wird das Fest mit einem glänzenden Ball beschlossen werden; welch ein schöner, prächtiger Anblick wird das sein; – wer wird sie am liebsten zum Tanz auffordern? Immer und immer schwebte ihr ihr Ideal vor Augen, der blasse Mann, den sie einmal im Magnatensaal in Preßburg gesehen hat. Ihn sah sie im Geist bei dem Bankett aufstehen, ihn hörte sie mit wohlklingender Stimme einen Toast auf sie ausbringen und dabei dachte sie, wie schön es wäre, wenn der Becher, mit dem sie an den seinen anstößt, mit Gift gefüllt wäre, wie möchte sie ihn austrinken bis zum letzten Tropfen und sterben. Ihn sah sie neben sich zur Jagd reiten, schnell und wild und sie dachte, wie schön es wäre, wenn das Pferd mit ihr stürzte, daß sie im Anblicke des geliebten Mannes stürbe. Ihn sah sie überall, an ihn dachte sie immer, fortwährend stand das schöne Bild des Unbekannten vor ihren Augen und immer dachte sie, wie gut es für sie wäre, zu sterben. 5. Arme Frau! Arme Frau! Wir meinen die Frau von Karpáthi. Mit ihrem Manne war sie zugleich zu ungeheurem Reichtum und zu einem großen Namen gelangt. Beide sind für sie eher eine Last, als ein Segen. Geht doch für den Reichen die Sonne nicht zweimal des Tages auf, kann er sich doch für all sein Geld keine Befriedigung, kein glückliches Herz, keine Liebe, keine Ruhe, kein süßes Selbstbewußtsein erkaufen. Und ihr vornehmer Name? Die ganze Welt weiß, wie sie zu diesem gelangt ist. Ein für verrückt gehaltener alter Mann heiratet, um sich an seinem Neffen zu rächen, ein Mädchen aus einer übelberüchtigten Familie, das ohne ihn vielleicht von dem Neffen verführt worden wäre. Der alte Herr war entweder großmütig oder ein Narr; das Mädchen war ganz gewiß eitel und hochmütig. Jeder hält sie für einen Aufdringling. Sie möge nur einmal in den hohen Kreisen erscheinen, in die sie sich gedrängt hat! Die Damenwelt zählt im voraus auf die Unterhaltung, zu welcher ihre Ungeschicklichkeiten, ihre Mißgriffe, vielleicht auch bald ihre Abenteuer Anlaß geben werden; die Kavaliere denken: dieses Weib ist jung, leidenschaftlich, eitel, voll Verlangen, nichts wird leichter sein, als sie zum Falle zu bringen. Niemand ist da, von dem sie ein aufrichtiges Wort erwarten kann, den sie um Rat bitten, dem sie sich anschließen dürfte, der ihre Partei nimmt, sie leitet. Ihr Gemahl ist dazu am wenigsten geeignet. Er glaubt alle seine Pflichten gegen sie zu erfüllen, wenn er für ihre Gemächlichkeit sorgt, wenn er aus allen Teilen der Welt zusammenträgt, woran die Frauen Vergnügen zu finden pflegen, von den Putzgegenständen angefangen, bis zu den Anbetern. Ja, bis zu den Anbetern. Denn sobald die früheren lustigen Brüder von Karpáthfalva wegbleiben, mit dem Aufhören der alten Gelage, beginnt dort ein neues Leben, neue Menschen erscheinen dort – nicht mehr von dem guten Wein des Nabobs und von seinen Späßen angelockt, sondern von seiner schönen, jungen Gemahlin, die ihnen doppelten Anlaß giebt, zu Hoffnungen nämlich, weil sie einen alten Mann hat und weil sie aus übelberüchtigter Familie stammt. Man ist ihr um einen Schritt näher, als jeder andern Dame. Fast täglich sind die bedeutendsten Modelöwen der Umgegend in Karpáthfalva zu sehen: Der junge Darvay, den man für den Führer der liberalen Partei des Komitats hält, weil er einen langen Bart trägt, das damalige Abzeichen der Liberalen. Der schöne Csendey, der es sehr gern hört, wenn man ihn schön nennt. Er hat ein glattes Gesicht, sorgfältig gescheiteltes und gekräuseltes Haar, kann aber nicht zwei vernünftige Worte sprechen. Der gefeierte Csepcsi, der privilegierte Vortänzer auf allen Bällen; er erinnert sich nicht, je einer Dame begegnet zu sein, die sich nicht in ihn verliebt hätte, noch einen Mann zu kennen, der besser tanzt als er. Ein klafterlanger Graf, der selber gesteht, er kenne keinen häßlicheren Mann, als er ist, aber dennoch versichert, daß er überall seine Nebenbuhler verdränge. Ein blasser junger Mann, der im Verdacht steht, unter einem Pseudonym Gedichte zu veröffentlichen. Man thut ihm aber sehr unrecht, da es im Zweifel steht, ob er überhaupt schreiben kann. Ferner noch eine Menge anderer, von welchen zwölf auf ein Dutzend gehen und die ebenfalls die schöne, junge Dame umschwärmen. Arme Frau! Wie oft möchte sie sich aus dieser erdrückenden, traurigen, langweiligen Umgebung retten! Aber wohin, zu wem? Da ist kein Herz, das sie verstünde, Herr von Karpáthi glaubt, sie sich zu verbinden, wenn er ihr erlaubt, sich in dieser Gesellschaft bis zur Verzweiflung zu amüsieren. Wie zwerghaft, dumm, geschmacklos, welche Hanswürste sind diese alle gegen das Ideal, das sie im Herzen trägt. Wie selbstsüchtig, leer und unnütz sind diese alle mit dem Manne verglichen, dessen Bild sie im Heiligtum ihrer Seele bewahrt. Warum ist nicht wenigstens eine Freundin in der Nähe, der sie ihr Herz erschließen könnte! Das bevorstehende Vereinsfest war schon nahe. Herr von Karpáthi lud eine große Menge Leute ein und schickte die lange Namensliste derselben durch den Güterdirektor, Herrn Varga, seiner Gemahlin; sie möge nachsehen, ob nicht jemand vergessen worden wäre, dessen Anwesenheit sie etwa wünscht. Diese zarte Aufmerksamkeit beweist, wie zuvorkommend Herr von Karpáthi gegen seine Gattin war. Herr Varga klopfte, seinen Ansichten von Höflichkeit gemäß, an die Thüren aller Zimmer, auch derjenigen, in welchen sich niemand befand, bis er in das Heiligtum kam, in welchem sich die gnädige Frau aufhielt. Da blieb er schüchtern auf der Schwelle stehen und wünschte sich in der Angst seines Herzens eine so lange Hand, daß er die Schrift überreichen könne, ohne einen Schritt vorwärts gehen zu müssen. Fanny fühlte sich zu diesem Alten besonders hingezogen. Manche Menschen haben die glückliche Eigenschaft, daß ihnen ihre ehrliche Seele auf die Stirne geschrieben ist, sodaß man auf den ersten Anblick Vertrauen zu ihnen hat. Fanny wartete nicht, bis Herr Varga es wagte, sich ihr zu nähern; sie ging zu ihm hin, faßte ihn an der Hand und zog ihn trotz seines Bestrebens, bei jedem Schritt stehen zu bleiben und seine Verbeugung zu machen, vorwärts; dann nötigte sie ihn, sich niederzusetzen und hielt ihn eine Weile an beiden Händen, damit er nicht sogleich aufstehen könne. Natürlich war er sogleich wieder auf den Beinen, sobald Fanny ihn losgelassen hatte. – Lieber Freund Varga, bleiben Sie doch sitzen, sonst stehe ich auch auf. – Ich wäre dieser außerordentlichen Ehre nicht würdig, stammelte der Alte und ließ sich langsam auf den Sitz nieder, wie um Vergebung bittend, daß er es wage, in Gegenwart der gnädigen Frau zu sitzen. – Also was haben Sie mir gebracht, lieber Varga? fragte Frau Fanny lächelnd. Wenn Sie mir nichts gebracht haben, dann ist es um so besser, denn dann kommen Sie bloß um mich zu besuchen. Gehen Sie, ich freue mich so sehr, wenn ich Sie sehe. Herr Varga stammelte, er begreife nicht, wodurch er diese Ehre verdiene; zugleich beeilte er sich, ihr die Liste zu überreichen und seinen Auftrag auszurichten und dann wollte er sich sogleich wieder entfernen. Aber Fanny, die seine Absicht merkte, kam ihm zuvor und sagte: Ich bitte, bleiben Sie noch, ich werde Sie manches zu fragen haben. Das war für ihn ein Befehl, er mußte sich wieder setzen; aber so unwohl hatte er sich als Student bei keiner Prüfung gefühlt, Wie jetzt. Was wird die gnädige Frau ihn fragen? O säße doch jemand anderer an seinem Platz! Fanny nahm die Liste in die Hand und durchlas sie, Ihr Herz zog sich zusammen. Wie viele fremde Namen sah sie da, von welchen sie nichts wußte, als daß sie lauter vornehmen Menschen, hochgestellten Männern und tadellosen Damen angehören! Keine einzige dieser Damen ist ihr bekannt, sie vermag nicht zu ahnen, zu welcher sie sich hingezogen fühlen werde, zu welcher nicht. Ihr Mann, der überall bizarr ist, dachte sich auch hier, es wäre zu langweilig, sie bei allen Damen der Umgegend einzuführen und fand dafür den Ausweg, sie alle einzuladen, damit seine Gemahlin mit allen auf einmal bekannt werde. Freundinnen kann sie sich dann nach lieber Lust auswählen. Er dachte, die Frau, die in der Soiree der »feinen Welt« mit so viel Selbstvertrauen, mit solchem Triumph aufzutreten verstand, werde sich auch hier leicht zurechtfinden und die Rolle spielen, zu welcher ihre Schönheit und ihre Stellung sie berechtigen. Aber die Situation war eine so ganz andere. Dort wußte sie wohl, daß sie ihren Feinden entgegentrat, sie wußte, daß sie sie beschämen werde, daß niemand da sei, vor dem sie aus welchem Grund immer die Augen niederzuschlagen brauchte; während sie hier in der Gesellschaft ernster, tugendstolzer Damen erscheinen soll. Tritt sie ihnen kühn und sicher entgegen, so werden sie sie demütigen, erniedrigt sie sich selbst, so werden sie sie verspotten, an ihre Tugend nicht glauben, sie um ihrer Schönheit willen verdächtigen, wie freundlich man immer mit ihr sprechen wird, so werden hinter den süßen Worten doch Anspielungen, berechnete Verletzung stecken, Weh ihr, wenn sie diese nicht versteht und das nicht verbergen kann, weh ihr, wenn sie die Beleidigung nicht zurückgiebt und weh ihr, wenn sie dieses thut. Arme Frau! Sie liest alle vor ihr stehenden Namen. Sie ahnt deutlich, daß es darunter manche gutherzige, sanftmütige Matrone gebe, die sie wie ihre Mutter (nicht ihre wirkliche, sondern eine ideale Mutter) betrachten konnte und gefühlvolle, sympathische junge Damen, die sie wie ihre Schwestern (wieder nicht wie ihre wirtlichen Schwestern) lieben konnte. Aber wie soll sie dieselben erkennen, wie sich ihnen nähern, wodurch soll sie ihr Herz, ihr Vertrauen gewinnen? Wie, wenn sie ihr Herz gerade denjenigen erschließt, die mit ihrem Vertrauen Spott treiben werden, wenn sie einem kalten zurückweisenden Blick begegnet, wo sie ein warmes teilnehmendes Herz zu finden hoffte? Aufs neue durchlas sie die Liste und wollte aus dem Klang der Namen auf den Charakter der Personen schließen; aber bald legte sie das Papier nieder und sah den Güterdirektor mit bittenden Blicken an. – Lieber Freund Varga, sagte sie, vergeben Sie, wenn ich Sie mit einer Bitte belästige. Herr Varga beeilte sich, unterthänigst zu bitten, sie möge befehlen. – Aber es ist eine große, sehr große Bitte. Herr Varga versicherte, er sei zu allein bereit, er wolle zum Fenster hinausspringen, wenn sie es befiehlt. – Ich möchte eine Frage an Sie richten, auf die ich aber eine aufrichtige Antwort erwarte. Herr Varga war zu allein bereit. – Aber Sie müssen gegen mich sehr aufrichtig sein, nehmen Sie die Frage so, als wären Sie mein Vater und hätten mir, Ihrer Tochter einen Rat zu erteilen, bevor ich in die Welt trete. Diese Worte waren mit so herzlichem Ton gesprochen, daß Herr Varga nicht umhin konnte, sein großblumiges, buntes Sacktuch herauszunehmen und sich damit eine Thräne abzutrocknen. Fanny rückte ihren Stuhl näher zu ihm hin und breitete die Liste vor ihm aus. – Sehen Sie, lieber Freund, sagte Fanny und legte ihren schönen, runden Arm mit unbeschreiblicher Liebenswürdigkeit auf seine Schulter, diese Namen sind mir alle fremd, ich kenne keinen einzigen davon. Ich weiß nicht, vor wem ich mich fürchten, wem ich mich anschließen, wen ich Freund oder Freundin nennen, oder vor wem ich mich hüten soll. Ich weiß, daß ich von Ihnen einen schweren Dienst verlange, aber Sie müssen doch alle diese Leute kennen, Sie müssen am besten wissen, was ich will. – – – Herr Varga wußte das recht gut; und wieder nahm er sein Sacktuch heraus, aber jetzt mußte er sich damit den Schweiß von der Stirne wischen. – Sie befehlen? fragte er äußerst zaghaft. – Ich bitte Sie inständigst, mir die Namen, die hier aufgezeichnet sind, der Reihe nach vorzulesen und mir bei jedem zu sagen, was Sie von der betreffenden Person halten und was die Welt von ihr hält, wen sie für liebenswürdig halten, wen nicht. Herr Varga hatte noch niemals ein solches Rigorosum zu bestehen gehabt. Wenn Frau von Karpáthi von ihm verlangt hätte, er solle fünf oder sechs von denen, deren Namen hier aufgeschrieben waren, zum Duell herausfordern, oder er solle zu allen der Reihe nach zu Fuß herum laufen und ihnen Posten ausrichten, oder er solle ihr von allen die Genealogie erzählen, so wäre das alles eine Kleinigkeit gewesen gegen das, was sie voll ihm verlangte. Er, der demütigste, artigste Mensch, der mit solcher Ehrfurcht erfüllt ist gegen jeden, der den höheren Kreisen angehört, der sich unglücklich fühlte, wenn er den Namen eines Vornehmen nicht mit allen möglichen dazu gehörigen Titeln aussprechen würde, er soll jetzt über so viele Herrschaften eine Meinung, ein Urteil aussprechen! Herr Varga rieb sich verzweifelt die Stirne mit seinem bunten Sacktuch. Er litt heute sehr stark am Husten und fing an zu wünschen, eine wohlthätige Fee möge ihn mit jemand austauschen und ihn in der Kornkammer so gut verbergen, daß niemand ihn finden könnte. Auf dem Höhepunkt seiner Verzweiflung schien es ihm endlich, Frau von Karpáthi hätte jetzt etwas gesagt. – Sie befehlen? – Ich habe ja nicht gesprochen, lieber Freund, sagte Fanny und blickte den ehrlichen Alten lächelnd an. Dieser sah ein, daß er sich doch endlich an die Lösung seiner Aufgabe machen müsse, nahm die Liste in die Hand, hielt sich dieselbe bald nahe an die Augen, bald weit weg davon und schmeichelte sich mit der Hoffnung, er werde indes das Lesen völlig vergessen haben. Fanny merkte die Verlegenheit des Alten und wandte sich wieder mit ermunternder Freundlichkeit an ihn. – Lieber Freund, sehen Sie mich so an, als wären Sie mein Vater, der allein mir in dieser fremden Welt raten könnte. Ich kann nicht dafür, daß ich Sie wie meinen Vater betrachte; warum waren Sie immer so gut, so freundlich gegen mich? Durch diese tiefgefühlten Worte fühlte der Alte sein Herz gestärkt, mit einem entschlossenen Anlauf warf er seine Zaghaftigkeit von sich und antwortete: Gnädige Frau, Ihre grenzenlose Gnade ehrt mich über Verdienst und ich halte mich für unaussprechlich glücklich, wenn ich Ihnen einen geringen Dienst erweisen kann. Obwohl es für einen Menschen, wie meine geringe Person, höchst peinlich ist, über die vornehmen Herren und Damen, deren Namen hier verzeichnet sind, eine Meinung auszusprechen, so will ich doch aus Liebe – ich will sagen aus Achtung für Eure Gnaden – – – Sagen Sie nur aus Liebe. – Ja so ist's; ich habe gesprochen, wie ich es fühle. Auch ich habe eine Tochter gehabt. Es ist schon lange her. Sie war gerade in Ihrem Alter, zwar nicht so schön, aber sie war gut. Sie ist sehr jung gestorben. Ach, sie hat mich sehr geliebt; ich bitte um Vergebung, daß ich von ihr zu sprechen wage. – O wir wollen noch viel von ihr sprechen; nicht wahr, es ist ihr Porträt, welches in Ihrem Zimmer über Ihrem Schreibtisch hängt? – Wie, Sie waren so gnädig gewesen, meine arme Wohnung zu betreten? – Ach, ich habe mich verraten. Kommen wir auf unsern Gegenstand zurück! – Nein, nein, gnädige Frau, vergeben Sie mir; aber ich muß Ihnen erst meinen heißen Dank ausdrücken. Jetzt wird es mir klar; als ich neulich schwer an: Fieber darniederlag, kam es mir vor, meine längst verstorbene Tochter stehe an meinem Bett und jetzt weiß ich, daß Sie es gewesen sind, daß Sie so gnädig waren, mich während meiner Krankheit zu besuchen; o wo finde ich Worte, um Ihnen meinen Dank auszudrücken? – Kommen wir auf unsern Gegenstand zurück, alter Freund! sagte Fanny, befürchtend, der Alte werde jetzt anfangen, sie mit Lob und Dank zu überschütten. – Also gnädige Frau, ich will es versuchen, Ihnen auf Ihre Frage mit aller Aufrichtigkeit, mit dem besten Willen zu antworten. Ich halte es nicht für notwendig, vor allein von jenen Personen zu sprechen, welchen – wie soll ich mich ausdrücken – Eure Gnaden nicht mit vollem Vertrauen entgegen zu kommen brauchen; denn obwohl mich Gott bewahren möge, daß ich in dem Leben so hoher Herren und Damen etwas Tadelnswertes zu finden wagte, so kann es doch Gründe geben, die es wünschenswert machen, daß Eure Gnaden sich ihnen nicht vertraulich anschließen. Hingegen werde ich diejenigen Personen hervorheben, die imstande sind, Ihre Güte mit gleicher Güte zu vergelten. Die ich dann unterthänigst verschweigen werde, über diese mögen Eure Gnaden die Beruhigung hinnehmen, daß ich in den geschätzten Personen derselben bei allen ihren guten Eigenschaften nichts gefunden habe, was ihre Freundschaft für Eure Gnaden wünschenswert macht. – Richtig, sehr richtig, lieber Freund. Sie lehren mich mir diejenigen kennen, die ich lieben muß, von den übrigen schwelgen Sie, O, Sie müssen die Welt gut kennen, Ihr Rat ist weise. Herr Varga wandte sich mit einem bittenden Blick an Fanny, als ob er sie ersuchte, sie möge ihn nicht so sehr loben, denn sonst komme er wieder in Verlegenheit und vergesse, was er sagen wollte. Dann nahm er die lange Liste vor und begann mit dem Finger neben den Namen hinzufahren, bei Leibe nicht über dieselben, damit er die hohen Eigentümer nicht durch seine gemeine Berührung verletze. Hm, hm! er räusperte sich und scharrte mit dem Fuße, denn er fand viele Namen nacheinander, über welche er es für besser hielt zu schweigen. Hm, hm! manchmal blieb der Finger bei einem Namen stehen. Herr Varga blickte auf und schickte sich an zu sprechen, aber während er sich räusperte und auf den Namen zurückblickte, neben welchem er den Finger hielt, überlegte er sich's wieder und schob den Namen zu denjenigen, deren anerkannte, gute Eigenschaften er nicht für genug wünschenswert hielt. Wir bemerken jedoch, daß er beinahe schon am Ende der Liste ist und er selbst bemerkt erschrocken, wie viele er schon mit Schweigen übergangen habe. Seine Stirne bedeckt sich mit Schweiß, wie er immer wieder auf neue Namen stößt, gegen deren Eigentümer er zwar mit unbegrenzter Ehrfurcht erfüllt ist, die er aber seiner Tochter dennoch nicht empfehlen könnte. Und er betrachte jetzt Fanny als seine Tochter. Die gnädige Frau hat es doch selbst gewünscht und als er fieberkrank war, bildete er sich ein, sie sei sein liebes Kind. Er war genötigt, seinem väterlichen Herzen diese Illusion zu erlauben. Ah! endlich glättete sich sein Gesicht. Seine Hand zittert auf dem Papier, sobald er zu dem Namen gelangt. Endlich findet er jemanden, den er nennen, den er mit Lobeserhebungen überhäufen kann, den er dem Vertrauen seiner Tochter – der gnädigen Frau empfehlen darf. – Da, gnädige Frau, sagte er, ihr die Liste hinreichend. Diese wackere Dame ist gewiß eine von denjenigen, denen Eure Gnaden mit Liebe und Vertrauen entgegenkommen dürfen. Fanny las den Namen, den er ihr zeigte. – Flora, Gräfin von Szentirmay , geborene von Eßéki . Sie erinnerte sich, daß sie schon vorher beim Lesen dieses Namens von freundlicher Ahnung ergriffen worden sei. – Was ist das für eine Name? fragte sie den guten Alten. – Ich bedürfte wirklich einer großen Beredsamkeit, um sie ihrer würdig beschreiben zu können. Sie ist reich an allen Tugenden, die man bei einer Dame suchen darf. Sanftmut ist bei ihr mit Klugheit gepaart; jeder Bedürftige, jeder Leidende findet in ihr eine Wohlthäterin, sie verheimlicht zwar ihre Wohlthaten, aber wer kann den Dankbaren wehren, sie zu nennen? Sie läßt nicht nur diejenigen die Güte ihres Herzens fühlen, die es hungert und friert, die an allem Mangel leiden; nicht nur verwendet sie sich oft für unglücklich Verurteilte, sie pflegt auch Kranke, welche die Welt verdammt hat, gefallene arme Mädchen, die von Verführern unglücklich gemacht wurden, Frauen, die ein schweres Hauskreuz tragen, kurz alle, denen ihr Leiden im Herzen sitzt, finden in ihr eine Trösterin. Ich bitte um Vergebung, daß ich sie so sehr erhebe, obwohl auch andere vornehme Personen recht viel Gutes thun! aber diese lindern nur körperliche Leiden, wahrend sie auch in leidende Herzen Balsam träufelt. Sie findet ihre Trostbedürftigen nicht nur in den Hütten der Armen, sondern auch in den Palästen der Vornehmen. Ich bitte tausendmal um Vergebung, daß ich es wage, so zu sprechen. – Fahren Sie nur fort, sprach Frau von Karpáthi mit lebhaftem Interesse. Und in der That kennt jedermann sie von dieser Seite. Beliebe es Ihnen nur, andere zu fragen, alle werden mit Mund und Herzen bestätigen, daß diese Dame Glück und Zufriedenheit um sich verbreitet und Segen in jedes Haus bringt, das sie betritt, denn sie macht da häusliches Glück und Tugenden heimisch, zu welchen sie selber das Beispiel giebt. Ich kenne wirklich nur eine einzige Dame, die mit ihr verglichen werden dürfte und es wäre meine größte Freude, wenn ich diese beiden Freundschaft schließen sähe. Die Rührung in Fannys Gesicht bewies, daß sie die zarte Anspielung des Alten verstand. – Ich bitte tausendmal um Vergebung für meine Worte, aber ich konnte mich nicht enthalten, so zu sprechen. – Ist diese Dame jung? – Sie ist eben in Ihrem Alter. – Und ist ihre Ehe glücklich? sagte sie mehr für sich, als daß sie fragte. – Das ist sie, antwortete Varga. Weit und breit könnte man kein so passendes Paar finden, wie sie und den Grafen Rudolf von Szentirmay. O, der ist ein großer Mann; jedermann bewundert seinen Verstand, seinen Geist, im ganzen Land spricht man mit Lob von ihm. Er hat im Ausland große Reisen gemacht und seine Gemahlin auf einer derselben kennen gelernt. Er war, wie man sagt, des Lebens überdrüssig und soll sich um sein Vaterland wenig gekümmert haben, aber sobald er seine Gemahlin, die damalige Comtesse Flora von Eßéki kennen lernte, ging plötzlich eine große Veränderung mit ihm vor; er kam mit ihr nach Ungarn zurück und nächst dem Grafen Stephan Széchényi, dem Gott in allen seinen Bestrebungen beistehen möge, giebt es kaum noch einen Mann in Ungarn, der so viel Gutes und Nützliches stiftet. Aber Gott hat ihn dafür auch belohnt, denn er genießt des größten Glückes auf Erden, des häuslichen in solchem Maße, daß er beinahe zum tröstenden Sprichwort geworden ist und wenn jemand ihn und seine Gemahlin beisammen sieht, so ist man geneigt zu glauben, daß für sie die himmlische Seligkeit schon auf Erden begonnen habe. Unwillkürlich entwand sich ein Seufzer aus Fannys Brust. In diesem Augenblick wurde im Hof Kutschengerassel gehört. Mitten durch das Laufen und Lärmen, das hierauf auf der Flur entstanden war, hörte man die Stentorstimme des Herrn von Karpáthi, der jemanden mit großer Freude zu begrüßen schien. Gleich darauf trat bei der Frau von Karpáthi ein Diener ein und meldete: Die Frau Gräfin Flora von Szentirmay. Zitternd vor Freude und Überraschung erwartet Fanny den gemeldeten Gast. Als hätte die gepriesene junge Gräfin nur auf das Losungswort gewartet, gerade als Fanny mit freudigem Herzen deren Lob hörte, langte sie an. Wie mag sie aussehen? Wie pochte der armen jungen Frau das Herz, als die Schritte näher kamen, als sie hörte, wie Karpáthi mit jemandem lebhaft sprach. Jetzt wird die Thüre geöffnet und hereintritt – nicht das Gesicht, die Gestalt, die Fanny sich vorstellte, sondern eine hohe, dürre Dame von unbestimmtem Alter, mit falschen Haaren, falschem Teint, falschen Zähnen und ganz nach der neuesten Mode herausgeputzt. Ihr ungeheurer Hut mit großem Blumenaufputz benimmt einem die Aussicht auf alles, was hinter ihr ist. Ihr Mantel ist ihr halb von der Schulter geglitten, was ihr einen amazonenhaften Ausdruck verleiht; diese Wirkung wird von dem tief ausgeschnittenen Kleide vermehrt, das ihre zum Erschrecken dürren Schultern und das stark hervortretende Schlüsselbein sehen laßt. Sie lächelt und läßt nicht bloß die obere Reihe ihrer Zahne (Atelier: Paris, Rue Vivienne, Nr. 11, Doktor Legrieux), sondern auch das ganze Zahnfleisch sehen. Einen Augenblick erschrak Fanny, die auf eine liebenswürdige, angenehme Gestalt vorbereitet war, die zu umarmen und zu küssen sie sich schon im voraus freute. Wie ganz anders aber war diejenige, die sie vor sich erblickte! Hinter dieser, die als Gardedame voraus marschierte, kam die gemeldete Dame mit Karpáthi schäkernd. – Fräulein Marion von Szentirmay, Gräfin Szentirmay – meine Gemahlin! – sagte Karpáthi, sich beeilend, die Damen einander vorzustellen. Fräulein Marion Szentirmay begrüßte die Hausfrau mit einem über jeden Tadel erhabenen Knix und erwartete dabei, wie letztere den Knix erwidern werde. Aber diese wußte kaum, was sie sagen sollte; sie war so verlegen, so befangen, so sehr war sie ins Anstaunen des alten Fräuleins versunken, daß sie kaum Zeit gewann, Flora zu sehen. Indes war es nicht nötig, daß sie oder jemand anderer nach Worten suchte; Fräulein Marion hatte deren in solcher Fülle, daß sie eine ganze belebte Gesellschaft damit versorgen konnte. Dem vortrefflichen Fräulein muß auch das noch zugestanden werden, daß nichts, was sie sagte, leeres Geschwätz war, sondern aus lauter wohl berechneten Anspielungen bestand. Und was das Beißen betrifft, so gleicht das ehrenwerte Fräulein nur insofern nicht der Nessel, daß diese nur diejenigen verletzt, die ihr nahe kommen, während sie die Menschen aufsucht und sie durch jede Hülle hindurch bis ins Herz trifft. – Nehmen Sie Platz, meine verehrten Damen. Frau Gräfin, ich bitte Sie, nehmen Sie neben meiner Frau Platz; Fräulein Marion, ich bitte tausendmal um Vergebung, – – Ein Blick auf das Gesicht dieser Dame überzeugte den Herrn von Karpáthi, daß sie viel zu gut wisse, welcher Platz ihr gebühre, als daß man es ihr erst zu sagen brauchte. Sie ließ sich in das Fauteuil nieder, von welchem Herr Varga soeben auf unmerkliche Weise verschwunden war. – Vergeben Sie, liebe Nachbarin, sagte Fräulein Marion mit spitzer Stimme, vergeben Sie, chère voisine , denn wir wohnen in der nächsten Nähe des Karpáthischen Familiengutes (das heißt, das ist nicht dein Gut, es gehört auch nicht deinem Manne, sondern der Familie), daß wir so frei waren, Sie in Ihren Beschäftigungen zu stören (womit könntest du dich beschäftigen?). Obwohl wir hätten warten sollen, bis Herr Johann von Karpáthi uns seine liebenswürdige Gemahlin vorstellt, denn das ist so üblich (du weißt nicht einmal, was sich schickt, woher solltest du's auch wissen), so kommen wir doch her, da uns unser Weg gerade vorüber führt (also glaube nicht, daß wir uns direkt deinetwegen herbemühten); eigentlich kommen wir, weil ich mit dem Herrn von Karpáthi einen alten Prozeß habe (also mir und meinem Prozeß verdankst du es, daß du uns siehst, nicht der Güte der Frau Gräfin, wie du glaubst); der Prozeß ist schon sehr alt, ich war noch sehr jung, ich war noch ein Kind, als er begonnen wurde. Man hatte uns geraten, dem Prozeß dadurch ein Ende zu machen, daß wir uns heirateten, aber ich war damals noch jung, beinahe noch ein Kind und konnte mich nicht dazu entschließen; ich habe gefehlt, wie reich wäre ich jetzt – eine gute Partie, aber Sie sind ein glücklicher Schelm, Herr von Karpáthi, Sie können sich nicht beklagen. Eine so liebenswürdige Gemahlin, wie die Ihrige, ist ein Schatz, den Sie niemals verdient haben. Hier hielt das gesprächige Fräulein zum Glück inne, wodurch Flora Gelegenheit erhielt, sich zu Fanny hinzubeugen und ihr mit zartem, ermunterndem Ton ins Ohr zu flüstern: Ich habe schon längst gewünscht, mit Ihnen zusammen zu kommen und war jeden Tag bereit, herüber zu fahren. Fanny drückte ihr dankbar die Hand. Ein wohlthätiger Anfall des Katarrhs verhinderte Fräulein Marion das Gespräch wieder aufzunehmen und Herr von Karpáthi gewann dadurch Zeit zu sagen: Wie sehr es mich freut, meine schöne kleine Nachbarin bei mir zu sehen, ebenso betrübt es mich, daß ich Sie allem, ohne Rudolf sehen muß. Das ist, glaube ich, ein so außerordentlicher Fall, wie wir ihn noch gar nicht erlebt haben; mein Freund Rudolf muß durch etwas ganz Ungewöhnliches zurückgehalten sein, daß wir sein Weibchen ohne ihn sehen; man muß ihn entweder eingesperrt, oder in einem Duell verwundet haben. Flora lachte herzlich über diesen schmeichelhaften Verdacht und bemühte sich, ihn mit ihrer lieben, wohlklingenden Stimme zu widerlegen. – Von dem allen ist nichts wahr; er hat plötzlich nach Wien reisen müssen. – Ah, ich habe mir's gleich gedacht, daß er weit von hier sein muß; aber ich bedaure das sehr, denn er hat mir versprochen, uns bei Gelegenheit unseres Festes mit seiner Anwesenheit zu beehren. – O, bis dahin wird er zurück sein, er hat mir sein Wort darauf gegeben. – Nun, dann kommt er gewiß; es ist ja unmöglich, ein schönen Damen gegebenes Wort nicht zu halten. Fräulein Marion hatte sich indes von ihrem Husten erholt und ergriff nun wieder das Steuer der Konversation. – Das muß man wirklich zugeben, daß es in der ganzen Welt keinen so zartfühlenden, gebildeten, liebenswürdigen Mann giebt, wie Rudolf. Um Vergebung, lieber Nachbar, ich weiß daß ich Sie verletze, wenn ich so was sage, aber es ist wahr; Sie sind gewiß auch ein zuvorkommender Mann, aber Rudolf hat seinesgleichen nicht, er ist ein wahrhafter Engel, er behütet seine Gemahlin wie ein Cherub, nicht wie ein Mann; so einer kommt in einem Jahrhundert nur einmal zur Welt. Flora konnte nicht umhin, dem Gespräch eine andere Richtung zu geben. – Wo immer ich in der letzten Zeit war, hoffte ich Ihnen zu begegnen; wir Frauen der Umgegend leben in ziemlich gutem Einvernehmen und wir freuten uns schon lange, daß sich unsere Gesellschaft um ein Mitglied vermehrt hat, aber wir sahen Sie hier nirgends; indes haben wir uns verschworen, Ihnen das Leben hier angenehm zu machen. Fräulein Marion beeilte sich, die gute Wirkung dieser Worte mit ihren stechenden Bemerkungen zu vereiteln. – Freilich, Herr von Karpáthi verbirgt seine schone Gemahlin, er versteckt sie, damit niemand sie sehen könne. (Der alte Narr ist eifersüchtig, er hat auch Ursache dazu.) – O mein Gemahl ist sehr zuvorkommend, beeilte sich Fanny ihn zu entschuldigen, aber ich muß gestehen, ich fühlte einige Zurückhaltung, einige Furcht, in so hohen Kreisen zu erscheinen. Ich bin sehr einfach erzogen worden und bin Ihnen für Ihre Freundlichkeit zu großem Dank verbunden, denn sie macht mir Mut. Das nützte ihr nichts. Vergebens sprach sie so demütigen Tones, vergebens bemühte sie sich zu behaupten, sie sei dankbar, wo sie eigentlich keinen Dank schuldig war; sie hatte es mit einem geschickten Fechter zu thun, der die Blößen des Gegners leicht auffindet. – Freilich, freilich, entgegnete Fräulein Marion, das kann auch nicht anders sein. Eine junge Frau hat die schwierigste Stellung, wenn sie das erste Mal in die Welt tritt, besonders wenn sie die notwendigste, die sicherste Stütze, nämlich den mütterlichen Rat, die mütterliche Leitung entbehren muß; die Sorgfalt einer Mutter ist für eine junge Frau ein unschätzbares Gut. Fanny glühte vor Scham. O, es war der schrecklichste Schmerz, die beschämendste Verletzung, die größte Grausamkeit, wenn man vor ihr von der Mutter sprach. Flora drückte der jungen Frau krampfhaft die Hand und sagte: Das ist wahr; eine Mutter kann niemand ersetzen. In den dunkeln auf sie gehefteten Augen konnte Fräulein Marion deutlich lesen, daß der Hieb stark war und jetzt ließ sie ihr Geschütz direkt gegen Flora spielen. – O da haben Sie recht, liebe Flora! Besonders eine so gute, sanfte Mutter, wie die selige Eßéki war, vermag niemand zu ersetzen. Niemand, niemand. Ich gestehe, daß auch ich es nicht vermag. O in mir ist viele grausame Strenge; den Müttern steht die Nachgiebigkeit gut, sie ziert sie, aber die Tanten sind auf eine unangenehmere, undankbarere Rolle angewiesen. Sie müssen fortwährend Prozeß führen, achtgeben, zur Last fallen. Es ist umsonst, das ist einmal unser Los. Sie haben recht, liebe Flora. Das sagte sie mit einem Ton, als hätte sie recht oft Veranlassung, mit Flora Prozeß zu führen. – Weil Sie gerade von Prozessen sprechen, redete Herr von Karpáthi drein, der selbst die Verlegenheit seiner Frau bemerkte. Sie beliebten mein Haus Ihres Prozesses wegen zu beehren; wollen Sie vielleicht die jungen Damen mit unseren Alten bekannt machen? – O nein, nein! Ich verstehe, lassen wir sie allein. Sie werden miteinander viel zu reden haben. Junge Damen haben sich immer viel zu sagen. Wenn es Ihnen beliebt, Herr von Karpáthi, so können wir uns in Ihrem Archiv miteinander besprechen. Ich hoffe, Frau von Karpáthi, Sie werden meinethalben auf Ihren Gemahl nicht eifersüchtig sein. Herr von Karpáthi reichte der Amazone seinen Arm und führte sie ins Archiv, wo der Fiskal und Herr Varga bereits in ehrfurchtsvoller Stellung warteten. Letzterer dachte, als er Fräulein Marion betrachtete, daß auch sie zu denjenigen Personen gehöre, die er trotz all ihrer guten Eigenschaften seiner Herrin nicht empfehlen konnte. Die beiden jungen Damen waren nun allein. Kaum hatte Fräulein Marion die Thüre hinter sich zugemacht, als Fanny mit beiden Händen und voll leidenschaftlicher Glut Floras Hand erfaßte, um sie, bevor jene es verhindern konnte, mit Küssen zu bedecken. – Ach, mein Gott, was thun Sie? sprach Flora, und umarmte Fanny und küßte sie. So schon waren die beiden jungen Damen, als sie sich umarmt hielten, so legendenhaft schön! Die eine weinte vor Freuden, weil die andere lächelte und diese lächelte, weil sie im Auge der andern Freudenthränen sah. – Sagen Sie, sprach Fanny mit vor Entzücken bebender Stimme, sagen Sie mir's: nicht wahr, keine alte Gerichtsangelegenheit hat Sie in dieses Haus hergeführt, sondern Sie wußten, daß da eine arme, verlassene Frau trauert, die in einigen Tagen unbekannt und ohne Stütze in der großen Welt dastehen wird; Sie dachten sich, gehen wir zu der Armen, geben wir ihr ein gutes Wort, ermuntern wir sie. – O, mein Gott! – Flora wußte nicht, was sie antworten sollte, Fanny sprach ja die Wahrheit. – O ich weiß es wohl, Sie sind der Schutzengel der Gegend. Eben als Sie ankamen, hörte ich von Ihnen sprechen und nach dem, was ich von Ihnen hörte, machte ich mir sogleich eine Vorstellung von Ihnen. Sie ahnten wohl, daß Sie auch an mir eine Arme finden, an der Sie Ihre Wohlthaten ausüben können; die Größe dieser Wohlthat kann nur ich ermessen. Die Aufregung machte diese Frau, die sonst so melancholisch und schweigsam war, gesprächig. – Sagen Sie nicht, daß dem nicht so sei, lassen Sie mir diesen Glauben, der mich glücklich macht, erlauben Sie mir Sie zu lieben, rauben Sie mir nicht die Überzeugung, daß es ein Wesen giebt, welches an mich gedacht, mich bemitleidet und glücklich gemacht hat. – O Fanny! rief Flora mit sanfter bebender Stimme aus. Sie bemitleidete dieses Weib wirklich. – So, so! nennen Sie mich nur so! sagte Fanny, Floras Hand an ihr Herz drückend, die sie nicht losließ, als ob sie fürchtete, die liebe Erscheinung werde ihr sonst wieder verschwinden. Flora drückte ihre Lippen auf Fannys Stirne. Es war ein Siegel zur Bestätigung der Freundschaft, die sie ihr zusagte. Fannys Herz vermochte die Last der Freude kaum zu ertragen. Zum erstenmal in ihrem Leben fand sie, wonach sie sich immer gesehnt hatte, ein Herz, das sie verstand, eine aufrichtige, schlackenlose Seele, wie die ihrige; o, eine noch bessere, reinere Seele, als die ihrige. Wie wohl that ihr diese Berührung in ihrer Verlassenheit; sie hatte ein Vorgefühl himmlischer Seligkeit. – Möge der Himmel Sie so glücklich machen, wie Sie mich gemacht haben. – Liebe Fanny, ich spreche Sie schon mit Ihrem Namen an, sprechen Sie mich ebenfalls mit meinem Namen – Flora an. Nur durch die größte Vorsicht gelang es der Frau von Szentirmay zu verhindern, daß ihr Fanny nicht zu Füßen falle; als diese daran verhindert wurde, fiel sie Flora um den Hals und weinte vor Seligkeit. Flora aber lächelte und freute sich über die Freudenthränen dieses armen Weibes. – Jetzt, liebe Fanny, haben wir das hinter uns. Wenn du mir versprichst, davon nicht mehr zu sprechen, so bleibe ich bei dir – eine ganze Woche. Dadurch war Fanny wieder genötigt, Freudenthränen zu vergießen. – Dann helfe ich dir bei den Vorbereitungen zu dem Fest, welches dein Mann geben will. O du hattest ohnedies so viel zu thun, daß du allein es nicht erzwingen könntest, außerdem würdest du dieser Sachen überdrüssig werden; wenn wir aber beisammen sind, dann werden wir uns schon amüsieren. Fanny wollte eine sentimentale Bemerkung machen, aber sie kam nicht dazu, wenn sie das heitere Gesicht ihrer Freundin sah. – Glaube nicht, sagte diese, daß ich das nicht aus Eigennutz thue; es ist der berechneteste Egoismus. Mein Mann ist jetzt zum Vicegespan ernannt worden; in zwei Monaten wird er das Amt antreten und dann mußt du mir wieder bei unserem Fest behilflich sein. Siehst du, wie berechnend, wie schlau ich bin? Fanny war noch nie so glücklich gewesen. Sie lachte und weinte und bewunderte dabei ihre Freundin, diesen schalkhaften Engel, der sie lachen und weinen zugleich und dabei so glücklich machte. Fanny nahm erst jetzt Flora Hut und Mantel und alle möglichen Pfänder ab, die man lieben Gästen wegzunehmen pflegt. Als Fanny ihr den Hut abnahm, bewunderte sie natürlich das schöne Haar und die geschmackvolle Frisur der Freundin. So kamen sie auf die gewöhnlichen Gesprächsgegenstände der Damen, Toilette, Schmuck, Handarbeiten und dergleichen, sodaß, als Fräulein Marion mit Herrn von Karpáthi aus dem Archiv zurückkam, an den beiden jungen Damen keine Spur mehr ihrer früheren leidenschaftlichen Scene zu sehen war. Sie sprachen miteinander, wie gute alte Bekannte. – Ah, ah! sagte Fräulein Marion, ihren Kopf in die Höhe Werfend, als sie Flora ohne Hut und Mantel sah; Sie haben sich es ja ganz bequem gemacht. – Ja, Tantchen, ich bleibe noch eine Weile bei Fanny, Fräulein Marion blickte überrascht umher, in die Ecken des Zimmers, dann auf den Plafond, als ob sie nicht wüßte, wer diese Fanny sei. – Ah, mille pardon, Madame ! jetzt fällt es mir erst ein, daß dies ihr Taufname ist; ich bin ganz konfus von den vielen Namen, mit welchen man mir soeben im Archiv die Ohren vollgelesen hat; wahrhaftig, diese Karpáthische Familie hat außerordentlich zahlreiche Verbindungen, sie ist auf der weiblichen Seite mit allen vornehmen Familien verschwägert; ich glaube, man findet in ihr alle Kalendernamen. Diese bissigen Worte verfehlten jetzt die Wirkung. Flora sagte lachend: Jetzt befindet sich auch schon der Name »Fanny« im Karpáthischen Kalender. Nun mußten auch Fanny und der Herr von Karpáthi lachen und Fräulein Marion stand, den Sonnenschirm mit langem Stiele in der langen Hand und langem Gesicht da und begriff nicht, wie diese Leute guter Laune sein konnten, während sie sich so bemühte, sie zu ärgern. – Und wie lange wird diese Weile noch dauern? fragte sie mit pikantem Tone. – Bagatelle, Tantchen! nur eine Woche! – Eine Woche! wiederholte Fräulein Marion schaudernd, eine Woche! – Versteht sich, wenn man mich so lange duldet! sagte Flora scherzend; worauf Fanny sie zärtlich umarmte, als ob sie sie ewig hier behalten möchte. – Ah so? sagte Fräulein Marion, die Nase rümpfend; bei jungen Damen ist die Freundschaft schnell fertig. Na, gut. Ich freue mich, daß Sie sich so schnell ineinander verliebt haben, das beweist, daß Ihre Naturen zu einander Passen, das ist sehr erfreulich. Meine Nichte wird mir indes doch wohl erlauben, nach Szentirma zurückzureisen? – Obwohl Fanny es für ein großes Glück halten würde, sich Ihrer Anwesenheit noch ferner zu erfreuen – – O bitte, bitte! ich habe zu diesem außerordentlichen Glück gar keinen Anlaß gegeben. – Sie eilen so sehr von uns weg! sagte Fanny; warten Sie, wenn wir nach Szentirma kommen, so werden wir es auch so machen. Auf diese Worte bewaffnete sich Fräulein Marion mit einem ihrer würdevollsten Blicke; dieser sollte beweisen, sie merke, daß gewisse Leute mit ihr zu vertraut würden. Statt aller Antwort zog sie ihr Gesicht in sehr ernste Falten, deren sie übrigens in ihrem Antlitz genug hatte und sagte zu Herrn von Karpáthi: Ich hoffe, Sie haben mir nicht meine Räder herausgenommen, wie Sie es sonst Ihren Gästen zu thun pflegen. – Euer Gnaden Räder? rief er, Gott bewahre! – Ich pflege nur die Räder von meinen Wagen wegzunehmen; aber es ist noch nicht der Fall gewesen, daß ich mich so weit an meinen Gästen vergriffen hätte. Hahaha! hahaha! Herr von Karpáthi konnte über diesen Einfall lachen, bis ihm die Thränen in die Augen traten; als er wieder Ruhe hatte aufzublicken, war Fräulein Marion bereits auf dem Weg zur Thüre, ohne sich nur umzusehen; die beiden jungen Damen begleiteten sie Arm in Arm, hatten aber Mühe, ihre Gesichter in ernster Ruhe zu erhalten. Herrn von Karpáthi fiel es schnell genug ein, welche große Unschicklichkeit er begangen habe; er eilte dem sich entfernenden Fräulein nach und es gelang ihm, sie zum Stehen zu bringen, freilich nur dadurch, daß er ihr auf die Schleppe trat. Erschrocken bat er nun für die gehäufte Schuld um Vergebung. – Macht nichts, sagte das Fräulein, auf ihre Worte bedeutsamen Nachdruck legend, so kleine leichtsinnige Streiche müssen wir den – jungen Eheleuten schon verzeihen. Und hiermit ließ sie sich, mit würdevoller Haltung vorwärts schreitend, über die Treppe hinabbegleiten; und da sie es unter ihrer Würde hielt, auf den Boden hinabzublicken, so trat sie einem im ebenerdigen Flur liegenden Windhund so heftig auf den Schwanz, daß er heulend davonsprang. Fräulein Marion erschrak selber; wie aber die Schlange auch noch in ihrem Schreck nicht vergißt zu zischen, so wandte sie sich zu Herrn von Karpáthi. – Vergebung, daß ich unwillkürlich an einem Ihrer Protegés Revanche genommen habe. Ich wollte die von Ihnen so geschätzte Person nicht beleidigen. Wissen Sie, daß auf dem großen Windhundekongreß, der unter Ihrem Vorsitz stattfinden soll, ein geistreicher Mann den Vorschlag machen wird, die Windhunde nicht mehr zu den Hunden zu zählen? Das wird eine wahrhafte Emancipation der Windhunde sein. Ich empfehle sie ferner Ihrem sorgsamen Schutz. Ich trete doch nicht wieder auf einen Ihrer Lieblinge? Jetzt hatte sie nur noch einen Schritt bis zum Kutschenschlag. Aber es war noch viel zu thun; die Schleppe mußte noch so placiert und drapiert werden, daß beim Einsteigen nicht irgendein neues Unglück geschehe; dann schwebte sie von allen Anwesenden unterstützt in den Wagen. Zur Freude aller saß sie schon da, aber sie hielt es doch noch für gut, den Zurückbleibenden noch etwas Liebes zu sagen. – Ich hoffe, daß ich meine Nichte unter gutem Schutz lasse, obwohl ich nicht weiß, ob nicht Szentirmays Eifersucht dem Karpáthischen Kastell noch Unglück bringen wird. Adieu, lieber Nachbar, chère voisine, adieu! chère niece, adieu ! – Kutscher, gieb acht, daß du nicht irgendeinen Windhund niederfahrest. Endlich fährt sie ab. Herr von Karpáthi steht noch immer da und verneigt sich vor der sich Entfernenden und diese winkt mit ihrem langen Sonnenschirm und bedauert, daß ihre Opfer schon außerhalb ihres Bereiches sind. Die beiden jungen Damen aber fassen, nachdem der Alp sich entfernt hat, voll guter Laune, den Herrn von Karpáthi an beiden Armen und führen ihn tänzelnd und singend über die Treppen hinauf. Er lacht, sein Gesicht strahlt vor Freude; er denkt, wie prächtig es wäre, wenn diese beiden Damen seine Töchter wären und wenn sie ihn Vater nennen könnten. Die großen Säle wiederhallen von dem Jubel der beiden jungen heiteren Damen. Der alte Herr Varga hört ihren Gesang bis ins Archiv und er geht so freudig auf und ab und reibt sich die Hände, daß er tanzen möchte, wenn er wüßte, mit wem; es fällt ihm nur schwer, daß er niemandem die Ursache seiner Freude mitteilen kann. Dem Fiskal kann er es nicht sagen; dieser ist noch immer voll Ärger, weil er sich täglich waschen muß. 6. Die Freundin. Frau Szentirmay hatte ihren Zweck erreicht. Durch ihren einwöchentlichen Aufenthalt im Kastell gelang es ihr, Fannys Stellung der Welt gegenüber völlig zu verändern. Jedes Vorurteil wurde der Frau günstig, welche die Szentirmay ihrer Freundschaft würdigte. Die stolzen Damen, die bis jetzt sehr herablassend zu sein dachten, wenn sie auf einem Fest erscheinen, bei welchem eine Bürgerliche die Honneurs machen wird, begannen jetzt weniger an Herablassung zu denken; tugendstrenge Damen, die noch zweifelten, ob sie ihre Töchter in das Karpáthische Kastell, diesen Tempel faunischer Mysterien, mitnehmen sollten, rüsteten jetzt sich und ihre Töchter ohne Bedenken zu dem Besuch aus. Die Anwesenheit der Szentirmay war die sicherste Garantie für Schicklichkeit und Anstand und so trat die Angelegenheit des Windhundvereines überhaupt in eine neue bessere Phase. Herr von Karpáthi schien erst jetzt zu begreifen, was er an seiner Gemahlin besitze; er hielt sie für hundertmal schöner, besser und liebenswürdiger, seit sie vom Nimbus dieser Dame bestrahlt wurde. Den ganzen Tag konnte man die beiden Freundinnen beisammen und sich mit schwerer Arbeit beschäftigen sehen. Ja mit schwerer Arbeit. Dem Manne ist es leicht zu sagen, ich gebe Morgen oder in einem Monat ein Fest, geladen ist die ganze Gegend, Leute, die ich kenne und die ich nicht kenne. Das übrige ist die Sorge der Frau. Sie muß an alles denken, was nötig ist, um jeden zu befriedigen; sie muß die tausenderlei Ansprüche, Wünsche und Launen ihrer Gaste kennen, sie muß wissen, wodurch der oder jener sich übersehen, verletzt finden könnte, was jeder liebt und was er nicht liebt. Es wäre kein Wunder, wenn eine junge Frau, die in ihrem Hause selbst noch ein Neuling ist, die Anordnung eines solchen Festes gar nicht zu leiten wüßte. Unter Floras Aufsicht ging alles in bester Ordnung vor sich. Sie war in solchen Dingen schon bewandert, sie erinnerte sich an alles und wenn sie etwas zur Ausführung brachte, so hatte es immer den Anschein, als ob sie sich dabei von Fanny leiten ließe; sie fragte immer: nicht wahr, jetzt muß das und das geschehen? Nicht wahr, heute thun wir dies und das? So daß Fanny, wenn sie nicht Takt genug gehabt hätte, Floras zartes Benehmen zu verstehen, sicher geglaubt hätte, sie sei es, die alles nm besten versteht; wenigstens lebte Herr von Karpáthi der Überzeugung, daß seine Gemahlin in allen diesen Sachen so zu Hause sei, als wäre sie als Gräfin erzogen worden. Und wenn der Abend kam und sie sich zusammen niedersetzten, um zu plaudern, wie viel Schönes hörte da Fanny von ihrer Freundin. Sie hörte nur zu und sah auf diese schönen gesprächigen Lippen, diese leuchtenden Augen, von welchen sie allmählich glücklich zu sein lernte. Dann schickten sie die Kammerdienerinnen hinaus, halfen sich bei der Abendtoilette gegenseitig und plauderten heiter von den Thorheiten der Welt. Einmal nahmen sie die Liste hervor, welche Herrn Varga so viel Angstschweiß erpreßt hatte. Fanny konnte dabei nicht verschweigen, daß dieser Alte es gewesen, von welchem sie so viel Schönes über ihre jetzige Freundin gehört habe. – Aha! ihr habt eure Gaste die Revue passieren lassen. – Ich wollte es, aber der gute Alte kam mit mir überein, mich nur mit denjenigen bekannt zu machen, die ich lieben werde; bis zu deinem Namen fand er nur lauter solche, welchen von allen guten Eigenschaften nur die eine fehlt, daß sie nicht liebenswürdig sind. Die Szentirmay lachte herzlich. – Na, so komm her, ich will dir die übrigen schildern. Und jetzt nahm Flora die Liste vor, um sie kritisch durchzunehmen. Es giebt wohl einen Unterschied zwischen Verleumdung und Verleumdung. Über jemanden falsche Gerüchte verbreiten, seine verborgenen Fehler ausstöbern und weiter erzählen, bei den Bekannten seinen guten Ruf untergraben, das ist die unedle, häßliche Verleumdung; aber die Schwächen der Welt kennen, sie mit unschuldigen Scherzen bezeichnen, einen Unerfahrenen auf die schlüpfrigen Stellen des Weges aufmerksam machen, das ist die edle Verleumdung , wenn es auch paradox scheint, die Worte » edel « und » Verleumdung « zu verbinden. Doch fangen wir mit dieser edlen Verleumdung an. Zuerst kommen die Männer daran. Natürlich, denn jetzt haben ja die Damen das Wort. – Diese hier, die obenan stehen, begann Flora, sind lauter hochgeborene Menschen. Sie sind weit schwerer zu studieren, als gewöhnliche Menschen. Nehmen wir gleich den ersten; wenn er nicht so hoch stünde, so würde man sagen: das ist ein ungezogener Mensch, er denkt von jeder Frau schlecht, ausgenommen von der seinigen, denn er kümmert sich gar nicht um sie, außerdem ist er heftig und leidenschaftlich; wenn er heftig wird, so wählt er die Worte nicht und kümmert sich nicht, ob Herren oder Damen anwesend sind; mögen noch so viele junge Mädchen zugegen sein, so erzählt er Anekdoten, über welche selbst empfindlichere Männer erröten; aber er ist ein Patriot, sein Name ist bekannt und wird bewundert, deshalb muß man ihn achten und darf ihn nicht so behandeln, wie die andern Menschen. Doch diese Achtung ist die beste Waffe gegen ihn, er benimmt sich ganz anständig, sobald man ihn wegen seiner politischen Tugenden lobt. Ich habe das Mittel schon erprobt. – Wie heißt er denn? fragte Fanny, ihren Bleistift spitzend. – Graf Emerich Szépkiesdy. Zu diesem Namen schrieb Fanny: Ein großer und verehrungswürdiger Mann. Die Situation ist amüsant; diese Damen benehmen sich als geheime Polizei und schreiben die Charakteristiken zu den Namen, um später zu wissen, mit wem sie es zu thun haben. – Hier kommt der zweite Hochgeborene. Ohne diesen Titel wüßte ich ihm sonst gar kein Beiwort zu geben, obwohl ich jeden Monat einmal die Ehre habe, ihn zu sehen. Doch eines habe ich mir von ihm gemerkt: er ist im Besitz eines vortrefflichen Appetits und beklagt sich immer, daß er nicht essen kann. Er ist ein sehr angenehmer Mann; vor Tisch klagt er, er habe keinen Appetit und nach Tisch, er habe sich den Magen überladen; wenn du ihn fortwährend zum Essen nötigst, so schmollt er und bleibt hungrig. Der macht dir am wenigsten zu schaffen. Schreibe: Baron Georges Málnai, ein angenehmer Mann. – Hier kommt ein lieber Narr, Graf Gregor Erdey. Der angenehmste Junge unter allen; er ist imstande, mit seinen spaßigen Einfällen eine ganze Gesellschaft zu unterhalten. Er karikiert alle Nationen der Welt und produziert mit einem bloßen Ruck an seinem Hut einen Engländer, Franzosen, Spanier, Juden u. s. w. Er ist am wenigsten gefährlich, aber weil er ein so lieber Narr ist, weil ihn alle liebenswürdig finden, so verliebt sich niemand in ihn. Er wäre nicht imstande, ein unerfahrenes, sechzehnjähriges Mädchen zu verführen; sein ganzer Ehrgeiz geht dahin, die Leute lachen zu machen. Er ist so unschuldig wie ein Kind, sodaß man ihn kühn mit jungen Mädchen als Garde des Dames auf einen Ball schicken kann. Niemand würde sich darüber aufhalten. Er hat die Lacher immer auf seiner Seite. – Graf Gregor Erdey, notierte Fanny, ein lieber Narr. – Gehn wir weiter. Graf Louis Karvay. Man kann sich ihn gar nicht mit ungarischem Namen denken, sondern nur als »Louis«. Er ist eine vollständige Salongestalt aus der Zeit Talleyrands. Er achtet auf jeden und verlangt, daß jeder auf ihn achte, er richtet bloß deshalb eine Frage an dich, um zu sehen, wie du ihm wirst antworten können; er ist so empfindlich, daß du niemals wissen kannst, womit du ihn beleidigt hast. Er kann einem jahrelang zürnen und sagt niemals warum; eine Briefadresse, in welcher er anstatt Louis Ludwig genannt wird, macht, daß er monatelang schmollt; wenn er bei dir ist und jemand kommt zu dir, der niedrigeren Ranges ist als er, so darfst du nicht aufstehen, noch weniger darfst du letzterem entgegen gehen, nur verneigen darfst du dich, sonst fühlt er sich beleidigt. Speist er bei dir, so ist es eine große Frage, wen du neben ihm, wen ihm gegenüber sitzen läßt; denn möglich, daß er auf einen von diesen böse ist und dann meint er, das sei eine berechnete Malice und wird ein Feind deines Mannes, Er giebt aber niemandem eine Aufklärung darüber, was ihm gefällig sei oder nicht. Andere müssen sich den Kopf darüber zerbrechen, um seine Laune zu erraten. – Zu dessen Namen schreiben wir: ein dornenvoller Gentleman. – Der folgende ist der Obergespan, Graf Sárosdy. Ein guter Mensch, aber ein schrecklicher Aristokrat. Bauern und armen Leuten thut er sehr gern Gutes, aber er hält sie nicht für Menschen. Seine Unterthanen sind gewiß besser daran, als alle andern in Ungarn, aber einen Unadeligen nimmt er nicht einmal gern als Schreiber auf. Dieser wird sich dir gegenüber ein bißchen steif benehmen, aber zum Glück ist sein Herz gut und zu einem guten Herzen findet sich leicht ein Schlüssel. Es wäre kein verachtenswertes Unternehmen, ihn zu liberaleren Ideen zu belehren und Wenn wir uns gegen ihn verschwören, so ist uns der Sieg, denke ich, gewiß. Hier begannen die Damen ein wenig darüber zu streiten, welche von beiden besser imstande sein werde, ihn zu bekehren und nachdem eine jede sich bemüht hatte, den Vorzug der andern einzuräumen, blieb der Sieg unentschieden. Dann folgten noch eine Menge anderer hochgeborener Herren, welche die Aufmerksamkeit der Gräfin Szentirmay mehr oder weniger in Anspruch nahmen; übrigens waren es lauter Leute, die man bald, nachdem man sie gesehen, wieder vergißt. Jetzt kamen die Herren zweiten Ranges an die Reihe. Diese waren in Ungarn immer die erträglichste Klasse der Gesellschaft. Sie pflegten sich niemals darüber die Köpfe zu zerbrechen, wenn sie über die Unterlassung einer Etikettenregel zu zürnen hätten. Es sind wackere redliche Leute, die jedem zuhören, jedem recht geben, die niemandes Titel vergessen und mit dem übrigen zufrieden sind, die einen Scherz verstehen und gern erwidern, die kein trauriges Gesicht machen, wenn andere lustig sind; an welchen seit dreißig Jahren die Tagespresse ihre Waffen wetzt, indem sie sich über ihren Konservatismus und über ihren hartnäckigen Stillstand lustig macht, die kein ungarischer Romanschriftsteller zu karikieren vergißt, wenn er sein Wert mit einem Element würzen will, das heiter und ungarisch zugleich sei; und diese Bücher laufen eben nur dieselben guten Herren, über welche man sich darin lustig macht, denn wenn sie nicht wären, so brauchte sich kein Ungar mit Romanschreiben abzugeben. – Jetzt kommt die Reihe an die originellen Käuze, sagte Flora. O, diese kenne ich schon besser, als du; ich weiß von ihnen mehr, als ich wissen sollte. – Endlich die feinen Kavaliere; die Modelöwen, diese mußt du doch auch kennen. Fanny konnte sich nicht enthalten zu gähnen. – War das eine Antwort auf meine Frage? fragte die Gräfin lachend. – Nur die Rückerinnerung an die paar Stunden, die ich mit ihnen verbracht habe. Jetzt war die Revue der Männer beendet. Fanny wurde plötzlich ernst. Ihr Ideal schwebte ihr wieder vor der Seele. Also ist er nirgends? Wird sie ihn in ihrem ganzen Leben nicht wiedersehen? Oder ist er vielleicht doch auch in der Liste ausgeschrieben? sollte er zu denjenigen gehören, von welchen Flora weder was Gutes noch was Schlechtes zu sagen weiß? Das ist nicht möglich; sein edles Gesicht zeigt von einer edlen Seele; ist doch jeder seiner Züge der Ausdruck der Tugend und eines edlen Geistes. – Und – hast du niemanden ausgelassen? – Jawohl! sagte Flora lachend, nahm noch einmal die Liste und lächelte wie ein Liebesengel. Ich habe einen Namen ausgelassen, einen sehr interessanten Namen. Du errätst ihn nicht? – Nein! sagte Fanny erblassend. – Ach, welch eine Närrin bist du! das ist ein prächtiger, schöner, edelherziger Mann, Wenigstens halte ich ihn für den schönsten Mann der ganzen Welt und ich kenne keinen, der ihm an Adel und Liebenswürdigkeit gleichkäme. Ich habe fortwährend sein Gesicht und seine Seele vor Augen und beide bete ich an. Erkennst du ihn noch nicht? Fanny schüttelte den Kopf. Aber doch erkannte sie jemanden in dieser begeisternden Schilderung, Nur war dieser ihr namenloses Ideal, der Mann, den sie auch für den schönsten und edelsten von der Welt hielt; an ihn dachte sie in diesem Augenblick. – Also verlangst du wirklich, daß ich dir ihn nenne? fragte Flora mit scherzhaftem Ton. – Ja, ja, flüsterte Fanny und bemühte sich in das Papier zu blicken, das ihre Freundin ihr neckend entzog und woraus diese mit pathetischem Ernst las: – Dieser vortreffliche, liebenswürdige Mann ist Graf Rudolf Szentirmay. Ach! seufzte Fanny, und ihr Gesicht glühte. Jetzt erst verstand sie den Scherz und schämte sich, nicht erraten zu haben, daß Flora keinen andern nennenswerten Namen mit Stillschweigen übergehen konnte, als den ihres eigenen Gemahls. Flora umarmte und küßte jetzt ihre Freundin; das Ideal trat wieder in den Hintergrund und Fanny entsagte der Hoffnung, den geliebten Unbekannten je wieder zu sehen; sie bemühte sich, Floras heitere Laune zu teilen und lachte dann selber über ihre Zerstreutheit. – Jetzt wollen wir von den Damen sprechen. – Gut, thun wir das. – Das ist ohnedies nur Vergeltung. – Jawohl; wir werden auch nur Wahres von ihnen sagen. – Wir können es uns auch erlauben, es bleibt ja unter uns. – Es ist so, als ob wir gar nicht sprächen, sondern nur dächten. – An der Spitze aller steht der Name der Obergespanin. Ich weiß zwar nicht, ob der gute Nachbar diesen Namen aus Vorliebe obenan gestellt hat. Vielleicht mehr aus Furcht. Das ist eine unzufriedene, verhätschelte Dame, die öfter in Ohnmacht fällt, als eine andere seufzt. Wer vor ihr steht, steht auf glühenden Kohlen, denn er weiß, daß, was er auch sprechen und thun möge, selbst was er denkt, ihr mißfällt. Wenn sie sieht, daß jemand die Beine kreuzt, so fällt sie in Ohnmacht, wenn sich eine Katze ins Zimmer verirrt, so bekommt sie Krämpfe; wenn das Messer über die Gabel gelegt ist, so setzt sie sich nicht zu Tisch; wenn Blumen im Zimmer sind, so wird sie ohnmächtig. An dem Tisch, an welchem sie sitzt, darfst du niemandem seinen Platz anweisen, der etwas Blaues anhat, denn wenn sie diese Farbe sieht, so bekommt sie Krämpfe. Du mußt dich überhaupt hüten, mit ihr zu sprechen, denn du weißt nicht, ob sie nicht über eines deiner Worte in Ohnmacht sinkt; das geringste alteriert sie. Hüte dich übrigens, sie, wenn sie in Ohnmacht liegt, mit kaltem Wasser zu sich zu bringen, halte ihr irgendein Fläschchen vor die Nase, ob was darin ist, oder nicht, sie kommt zu sich. – Die kennen wir; schreiben wir sie: Seifenblase, sie zerplatzt bei der geringsten Berührung. – Ah, da kommt die Gräfin Kereßthy. Das ist eine treffliche Frau. Sie ist eine hohe männliche Gestalt mit dichten Augenbrauen; sie spricht nie leiser, als ob sie ein Bataillon kommandierte; »was? wann? wie?« mit diesen Worten unterbricht sie jeden, der spricht, unzähligemal, sodaß mancher leicht verwirrt wird und wenn sie lacht, so widerhallt das Haus. Sie kommandiert die ganze Gesellschaft und für den, auf welchen sie böse ist, wäre es besser, wenn er nie geboren worden wäre. Die jungen Menschen, die nicht mannhaften Mut besitzen, zittern schon, wenn sie sie sehen, denn sie fährt sie an, Wie der strengste Professor, dabei spricht sie fortwährend lateinisch, sie kennt die Gesetzbücher, treibt den feinsten Advokaten mit ihrem Disputieren in die Enge, kann trinken wie ein Mann und raucht gern; sie pflegt zwar nicht selbst zu kutschieren, aber wenn der Kutscher seine Sache nicht gut versteht, so nimmt sie ihm die Peitsche aus der Hand, schlägt ihn mit dem Stiel und kutschiert dann selber. Übrigens hat sie das beste Herz von der Welt und man kann ihre Gnade leicht erhalten. Küsse ihr die Hand und nenne sie liebe Frau Tante, dann brauchst du sie nicht zu fürchten; sie wird dich lieben und wenn man dich hinter deinem Rücken vor ihr verleumdet, so verteidigt sie dich und macht einen Lärm, daß die Leute vor Furcht auseinander laufen. Fanny gewann diese Frau im voraus lieb. – Diese brauchen wir nicht zu bezeichnen, sie wird ohnedies leicht zu erkennen sein. – Ferner ist da die gnädige Frau von Körtvélyi. Von dieser kenne ich eine Schwäche: Sie hat ein liebes Söhnchen, das liebe Kind wird etwa zwanzig oder einundzwanzig Jahre alt sein. Sie spricht immer nur von ihm. Das ist eine ehrenwerte Leidenschaft. Du mußt dich nach dem Söhnchen erkundigen; sie wird dir von ihm unendlich viel erzählen und wenn du ihr geduldig zuhörst, so wird sie dich für die liebenswürdigste Dame im ganzen Lande halten. Das brauchst du freilich nicht zu wissen, daß ihr Söhnchen der nichtsnutzigste Junge von der Welt ist. – Ach Flora, wie schlau bist du. – Nicht wahr? Ich verderbe dich noch! – Daran thust du wohl; aber ich werde nichts erlernen, ich könnte mir das alles nicht merken. – Werde nur so alt wie ich. Darüber lachten natürlich beide. – Nun, liebes Mütterchen, wen sollen wir denn noch kennen lernen? – Da ist noch der Name der Frau von Szépkiesdy. Das ist eine stille, schweigsame Frau, die man mit nichts beleidigen kann, ihr Mann ist schon gewöhnt daran, daß ihr nichts weh thut; aber man kann ihr auch keine Freude machen. Sie sieht so aus, als ob sie wünschte gestorben zu sein. – Arme Frau! – Aber einen Schmerz hat sie doch, einen Schmerz, den ihr jede hübsche Frau unwillkürlich verursachen kann, denn ihr Mann macht in ihrer Gegenwart jeder Dame die Cour. Sie soll einmal schön gewesen sein, ist aber aus Gram vor der Zeit alt geworden. – Arme Frau! seufzte Fanny. – Ich will dir noch die Frau von Málnay vorführen. Sie schmeichelt dir fortwährend, aber nur um dir ein Geheimnis, ein unüberlegtes Wort zu entlocken. Sie ist ein wahrhafter Mephisto in weiblicher Gestalt. Sie ist jedem feind, den sie kennt, aber wenn sie mit dir zusammenkommt, so küßt und umarmt sie dich, als ob sie in dich verliebt wäre; es ist vergebens, ihr offene Feindschaft zu zeigen, morgen thut sie, als ob nichts vorgefallen wäre, sie umarmt und küßt dich und ist von dir entzückt. Am besten ist's, wenn du dich daran nicht kehrst. Empfange sie kalt und zurückweisend. Dafür wird sie dich hinter deinem Rücken grob und ungezogen nennen. Aber das ist noch die erträglichste Verleumdung, die sich von ihr erwarten läßt. Fanny drückte ihrer Freundin dankbar die Hand. Wie viele Mißgriffe hätte sie sich ohne diese zu Schulden kommen lassen! wie oft hätte sie durch Schaden müssen klug werden oder leiden und wäre doch nicht klüger geworden, denn sie hatte ja nicht solche Beobachtungsgabe. Ihre Seele war sehr wenig an Selbständigkeit gewöhnt. – Ist noch jemand zu erwähnen? – Fräulein Marion. – In der That. – Sie ist so, wie du sie gesehen hast. So ist sie immer. – Wer noch? – Dann ist da noch eine maliziöse Frau, welche die geheimsten Fehler der Menschen aufdeckt; du brauchst sie aber nicht zu fürchten, denn sie liebt dich aufrichtig und wird dich niemals verleumden oder beleidigen. Errätst du, wer diese ist? Halb lachend, halb weinend fiel Fanny ihrer Freundin um den Hals; dann lachten sie noch lange miteinander darüber, daß sie jetzt die Welt durchgehechelt hatten. 7. Das Fest. Eine Kutsche nach der andern rollte in den Hof des Karpáthfalver Schlosses, alle Arten und Gattungen der vierräderigen Gefährte standen innerhalb der Thore des Kastells; bauchige, gelbangestrichene Kutschen auf hohen Federn, deren sich der Eigentümer wahrscheinlich zur Abbüßung seiner Sünden bediente; ungeheure Batards mit doppeltem Stehbock, auf beiden Seiten mit Wappen bemalt und mit einer großen Verschwendung von Silber ausgestattet; alte abgewetzte Kasten, in welchen Pastoren mit ihren Ehehälften ankamen; Bauernwagen, die mittels einer daraufgesetzten Chaise in einen höheren Rang erhoben wurden; seltsame englische Fuhrwerke, die nur zwei Sitze haben, einen für den Kutscher und einen für den Bedienten, sodaß ein gewöhnlicher Mensch in Verlegenheit kommt, wenn er erraten soll, wo der Herr sitzt; auch Bauernwagen konnte man sehen, die mit fünf schellenklingelnden Pferden bespannt die originellen Käuze brachten, die in bunt ausgenähten Bauernmänteln ankamen; selbst ein ungeheurer Frachtwagen, mit acht Ochsen bespannt, war da, auf welchem Horhi Miska mit sechs Windhunden angekommen war, auf einem andern Wagen ließ er sich von sechs Zigeunern begleiten, die ihm während der Fahrt fortwährend aufspielen mußten. Der chemische Prozeß der Gesellschaft selbst ist noch nicht vollendet, die männlichen Gäste sind noch von den weiblichen getrennt, die Fremden sind miteinander noch nicht bekannt geworden. Man ist in einer Gesellschaft gegen die Leute, die man nicht kennt, so ärgerlich; wie glücklich hingegen ist die Hausfrau, sie kennt schon alle ihre Gäste, deren Tugenden und Fehler, deren schwache und starke Seiten und richtet ihr Benehmen darnach ein. Den Grafen Szépkiesdy, den verehrungswürdigen Patrioten, empfängt sie mit der größten Ehrerbietung und versichert ihm, daß sie ihn schon lange als großen Redner und edelsinnigen Mann bewundere. Der Graf ärgert sich im stillen, daß ihn wieder jemand für einen großen Mann halte und daß er sich deshalb darnach benehmen muß. – Den Grafen Gregor Erdey begrüßt sie lächelnd, was dieser damit erwidert, daß er nicht nur den Hut, sondern auch die Perücke tief vor ihr abzieht, was die Schar der Gäste mit großem Gelächter aufnimmt; der närrische Junge hat sich die Haare abrasieren lassen, damit sie ihm besser wachsen und produziert jetzt seinen künstlichen Kahlkopf. Vor dem Obergespan, Grafen Sárosdy und dessen Gemahlin macht sie, ehrfurchtsvoll schweigend eine tiefe Verbeugung, was dem Aristokraten sehr gut gefällt. Er giebt zu, daß auch die Bürgermadchen hübsche Frauen werden, wenn sie in eine adelige Familie erhoben würden; außerdem treibt Fanny ihre sämtliche Dienerschaft an, sich fortwährend nach dem Befehle der gnädigen Frau Gräfin zu erkundigen, was das Herz derselben rührt, denn sie hat an den zwei Kammermädchen, die sie mitgenommen, nicht genug. Sobald die Gräfin Kereßthy ankommt, eilt Fanny ihr mit aufrichtiger Freude entgegen und küßt derselben, bevor sie es verhindern kann, die Hand; die trügerische Dame erfaßt sie darauf mit beiden Fäusten, zieht ihre dunkeln Augenbrauen zusammen, hält die schöne kleine Hausfrau weit vor sich hin, blickt sie scharf an, als wollte sie diese mit ihren Blicken durchbohren und sagt: »Wir gefallen einander, Brüderchen, wir gefallen uns!« Frau von Karpáthi hatte gleich in der ersten Stunde die Herzen ihrer Gäste gewonnen, die der Herren durch ihre Schönheit, die der Damen durch ihr Benehmen; nur das Gabelfrühstück fehlte noch, um ihren Sieg zu vollenden. Pracht, Geschmack und Anordnung entzückten jeden, es herrschte kein Zwang und niemand hatte Grund sich zu beklagen; Louis Karvay erhielt seinen Platz neben zwei jungen Damen, vor denen er seine französischen Hofmanieren konnte strahlen lassen. Die originellen Kauze erhielten einen besondern Tisch in einem besondern Zimmer, was sie unaussprechlich befriedigte, überhaupt beteten sie die Hausfrau dafür an, daß sie sie so wenig belästigte. Georges Málnay kam nicht zu Atem, so oft wurde er zum Essen genötigt; er schwor Stein und Bein, er werde heute nicht zu Mittag essen können, er möchte den Menschen sehen, der imstande wäre, heute noch einen Bissen zu essen und wäre es auch lauter Ambrosia; aber was immer noch auf den Tisch gebracht wurde, so sagte er doch immer: »Na, das wollen wir noch versuchen.« Nach allen Pasteten und Gebäcken, durch welche sich dieser Herr mit schwachem Magen schon hindurch gearbeitet hatte, kamen noch einige gebratene Kartoffeln für einen Landgeistlichen, der sie gern aß. »Was ist das? rief Málnay, Kartoffeln? – Na, die wollen wir auch noch versuchen.« Auf diese Weise in angenehme Stimmung gebracht, verfügte sich die Gesellschaft in den Saal zum Beginn der Beratungen, Es ist in der That kein übler Gedanke vom gedeckten Tisch zu dem grünen Tisch überzugehen; man spricht und schweigt dann leichter. Zu diesem Zweck wurde der Ehrensaal der Familie Karpáthi geöffnet, der lange Saal mit der Galerie, der seit der Insurrektion (1809) jetzt zum erstenmal wieder dem menschlichen Auge erschlossen wurde. Rings herum hingen Ahnenbilder. Waffen, Fahnen und andere Trophäen, welche von ein paar Landjunkern sehr bewundert wurden, die noch nicht Verstand genug hatten, lieber die, die Galerie einnehmende schöne Damenwelt zu bewundern. Da hätten sie aber gewiß ihre Augen werden können; zwischen so vielen Schönheiten saßen die beiden jungen Damen, die Frau von Karpáthi und die Gräfin Szentirmay beisammen, zwei Edelsteine in goldener Fassung. Man kann es deshalb dem Grafen Gregor durchaus nicht übel nehmen, daß er, bevor noch jemand das Wort ergriffen hatte, den Antrag stellte, man möge vor allem den versammelten Schönheiten eine Huldigung votieren; der Antrag wurde auch einstimmig angenommen und dann nach alter Form als Paragraph und Statut ins Protokoll aufgenommen. Hieraus erst kam man auf den Gegenstand der Beratung selbst, auf die Windhunde, die im Versammlungssaale in großer Anzahl anwesend waren; was natürlich niemand für sonderbar halten wird, der den Grundsatz: nihil de nobis sine nobis (ohne uns nichts von uns) in Ehren hält. Es war doch von ihnen die Rede, es schickte sich demnach, daß auch sie zuhören und sich gelegentlich äußern. Welch ein großer Vorzug einer Versammlung es ist, wenn auch Damen zugegen sind, das begreift die lebende Generation leicht, welche derlei Versammlungen oft genug beigewohnt hat. Es verleiht den Beratungen der ernsten Männer einen ganz andern Geschmack, einen ganz andern Glanz, jeder ist bemüht schön und geistreich zu sprechen, wenn er sich von schönen Augen beobachtet weiß und unter dem Einfluß derselben schönen Augen sind die herbe Leidenschaft und der langweilige Redner zu schweigen genötigt. Jetzt wurde die ernste Einleitung der Beratung begonnen. Herr Johann von Karpáthi als Präsident erzielte mit seiner Eröffnungsrede eine große Wirkung; besondern Beifall erhielten folgende Stellen: »Giebt es noch eine edlere und des Namens würdigere Beschäftigung, als die Hetzjagd, die unsere Herzen mit edlem Selbstvertrauen erfüllt, die unsern Geist strebsamer und uns mit den zeitgemäßen Ideen des Fortschritts bekannt macht? (Richtig! Éljen!) Meine Herren, hochgeborene, verehrungswürdige, ansehnliche Herren, die Idee verdient gewürdigt zu werden (hört! hört!); giebt es jemanden unter uns, der nicht einen Windhund hätte? (niemand!), kennen wir wohl ein bedeutenderes ungarisches Haus, darin diese edlen Tiere nicht heimisch wären? und bisher ist es niemandem eingefallen, die Interessen dieser auf so viele Millionen Köpfe sich erstreckenden Klasse, die in unsern Zimmern schläft, mit uns an einem Tische ißt und in Stunden der Langeweile mit uns freundschaftlich gähnt, zu würdigen. (Hier begannen zwei Mitglieder der in Rede stehenden Klassen zu knurren und zu bellen; worauf Graf Gregor von seinem Sitze aus rief »Die Zuhörerschaft wird ersucht sich ruhig zu Verhalten; solch Äußerungen verbittet man sich hier.«) Meine Herren, hochgeborene, hochzuverehrende und hochansehnliche Herren, unsere Zeit ist die Zeit des Fortschritts. Überall entstehen Vereine im Vaterlande, wie außerhalb desselben: es giebt solche, die sich die Bewahrung der kleinen Kinder zur Aufgabe gemacht haben, andere, welche wohlfeile Bücher verbreiten, wieder andere die sich mit der Pflege der Kranken beschäftigen, andere, welche die Schafe in ihren Schutz genommen haben, es giebt sogar Vereine, die sich um die Zucht der Seidenwürmer bemühen und ich halte alle diese Vereine für vollberechtigt und nehme selbst an allen teil; ich möchte meine geringen Fähigkeiten weder den kleinen Kindern noch den Gelehrten, den Schafen den Kranken, selbst jenem ekeln Gewürm nicht entziehen, das die Seide von sich giebt, aber ich frage zugleich, ich frage noch einmal, was sollte mich zurückhalten, wenn zu Gunsten aller Arten von Menschen und Bestien Vereine bestehen, meinen Schutz derjenigen Klasse zuzuwenden, die zahlreicher vorhanden ist, als alle jene Gegenstände der öffentlichen Vereinswirksamkeit? Wer kann leugnen, daß wir mehr Windhunde besitzen als Kinder, Gelehrte und alle die andern Individuen, die der öffentlichen Fürsorge bedürfen? was sollte mich zurückhalten, den Windhunden meinen Schutz zu verleihen? Da niemand hierzu einen Grund anzugeben wußte, so fuhr der Nabob fort: Meine Herren, ich glaube, daß ich es Ihnen nicht weiter auseinander zu setzen brauche, ich glaube, daß jeder von Ihnen ein Herz hat und einsieht, daß die Treue und Anhänglichkeit der Tiere, von welchen hier die Rede ist, jede Erwartung übertrifft. Oder weiß jemand einen Fall, daß ein Windhund seinen Herrn treulos verlassen, betrogen, bestohlen habe? Ist das schauderhafte Verbrechen des Verrats unter den Windhunden bekannt? hat je einer von ihnen, der rachsüchtigen Katze gleich, seinen Herrn im Schlafe erdrosselt? Ist es nicht vielmehr eine psychologische Wahrheit, daß ein Windhund, wie streng er auch soeben von seinem Herrn gezüchtigt wurde, die Partei eben dieses Herrn ergreift, wenn dieser von einem Fremden angegriffen wird? Weiß man nicht aus dem praktischen Leben, daß der verkaufte Windhund, möge er es bei seinem neuen Herrn noch so gut haben, zu seinem frühern Herrn zurückläuft und sollte er auch einen meilenlangen Weg zurückzulegen haben? Wem von uns wäre dieser rührende Fall nicht passiert? Auf diese Aufforderung entstand ein allgemeiner Lärm, jeder wollte sich an ähnliche Fälle erinnern und dergleichen erzählen, aber Berti siegte über alle; er erzählte, man habe ihm einen Windhund entwendet und diesen in einem Sack nach Kroatien gebracht, jedoch das treue Tier kam über die Drau, die Donau, die Theiß und über alle drei Körösflüsse zu ihm zurück. – Endlich meine Herren, sei mir noch erlaubt, daran zu erinnern, was der treue Hund thut, wenn sein Herr gestorben ist. Er verliert den Appetit, es interessiert ihn nichts mehr, er läuft auf das Grab seines Herrn, legt sich nieder, ißt und trinkt nichts mehr und binnen einer Woche (hier rieb sich Herr Jancsi die Stirne, er wußte nicht, ob er »stirbt« oder »krepiert« sagen solle) und binnen einer Woche folgt er dem Herrn. Viele lachten. – Meine Herren, ich will keinen frivolen Scherz machen. Ich spreche aus eigener trauriger Erfahrung; als ich todkrank darnieder lag, da verließen mich meine Diener und meine Freunde, ich lag verlassen da, wie ein dem Tode geweihtes Opfer, dem man schon im voraus den Sarg überschickte, nur einige treue Freunde und meine Hunde hielten treu bei mir aus. Diese kamen zur Thüre des Zimmers, in welchem ich lag, kratzten und heulten und wenn es ihnen gelang, herein zu kommen, so konnte man sie nicht unter dem Bett hervor prügeln, die andern standen im Hof und heulten jämmerlich. – Herr, sprechen Sie nicht weiter, rief Fräulein Marion von der Galerie herab; die Frau Obergespanin wird ohnmächtig. Schnell angewandte Parfüms verhinderten die Krampfanfälle der hochgeborenen Frau, deren Nerven von der Schilderung der Hundetreue sehr angegriffen waren. Herr von Karpáthi entsagte auch seinem Pathos und ging zur Formulierung seines Antrags über. – Demzufolge wage ich es, den Windhundfreunden Ungarns und Siebenbürgens den Vorschlag zu machen, sie mögen sich zur Verbesserung des Loses dieser Tierklasse vereinigen, wozu ich folgende Punkte beantrage: 1) Die Gesellschaft möge sich als konstituiert erklären, einen Ausschuß erwählen, der die Statuten ausarbeitet und diese wieder einem permanenten, aus sechzig Mitgliedern bestehenden Komitee zur Revision und Bestätigung vorlegen; 2) soll der Preis der Aktien bestimmt werden; ich mache mich anheischig tausend Aktien zu nehmen; 3) mögen den Geldkräften des Institutes gemäß folgende Institute errichtet werden: Eine Windhundschule, zu welcher ich Grund und Bau auf einem meiner Güter unentgeltlich hergebe (langes éljen rufen), dort sollen die Windhunde durch sachkundige Lehrer dressiert werden; ferner möge eine Vereinszeitung gegründet werden, welche die Fortschritte der Windhunddressur verfolgen und zugleich die Interessen des Vereins der Öffentlichkeit gegenüber vertreten soll (schwacher Beifall); es sollen Preise auf die besten Schriften über die Dressur der Windhunde ausgeschrieben werden (vielfacher Ausdruck der Unzufriedenheit: Wir haben uns zu Gunsten der Windhunde und nicht der Skribler vereinigt!); endlich schlage ich vor, daß jedes Jahr eine Generalversammlung und ein Hunderennen stattfinde, wobei der Sieger einen goldenen Becher erhält. Wenn die Vereinskasse nicht ausreicht, so werde ich das übrige vorschießen.« Unter allgemeinen éljen rufen setzte sich Herr von Karpáthi aus seinen Platz nieder. Wie gewöhnlich bildete sich gleich eine Opposition gegen ihn; die originellen Käuze protestierten gegen jede Zahlung; einige Besitzer murrten, weil die Schule auf Karpáthis Gütern und nicht auf den ihrigen errichtet werden sollte; die Absicht irgend etwas drucken zu lassen begegnete großer Antipathie; obwohl Herr von Karpáthi die Kosten hiervon selbst übernehmen wollte, so ging dieser Teil seines Antrags dennoch nicht durch, Graf Szépkiesdy sagte dagegen: Lassen Eure Gnaden alle die litterarische Lärmmacherei aus dem Spiel, es ist genug Unglück, daß sie auch in die politische Welt eingedrungen ist; lassen wir das Zeitungswesen nicht auch im Jagdwesen grassieren, wir haben ihm ohnedies zu verdanken, daß der Nationalcharakter dadurch gewaltsam verändert wird; die Zeitungen verderben uns die Sprache, sodaß wir uns bald nicht mehr verstehen werden; wenn ich nicht Rücksicht darauf zu nehmen hätte, daß sich auch Graf Rudolf Szentirmay so weit erniedrigt, Bücher und Zeitungsartikel zu schreiben, wenn ich ihn nicht aus Verehrung gegen seine anwesende liebenswürdige Gemahlin schonen wollte, so würde ich sagen, ich verachte und hasse das ganze hungerige Schriftstellervolk; aber unsere Windhunde soll es nicht anrühren. Glühend vor Zorn wandte Flora ihr Gesicht von dem Sprecher ab, ihre schamroten Wangen hinter dem Fächer verbergend, sagte sie zu Fanny: Wäre nur Rudolf da, er würde ihm schon antworten. Herr Johann von Karpáthi zog sich mit schlecht verhehltem Ärger in den Hintergrund zurück, als man die letzte Rede mit allgemeinen éljen begrüßte. Die Diskussion wäre indes eine sehr heftige geworden, wenn nicht zwei Windhunde das Gastrecht so weit verletzt hätten, unter sich einen Streit anzuheben, der bald alle anwesenden Windhunde in zwei feindliche Lager trennte; sie heulten, bissen und zerrten sich herum, gerieten den beratenden Herren zwischen die Beine und der Lärm wurde nicht eher beschwichtigt, als bis die Hundejungen kamen und mit ihren Hetzpeitschen die Ruhe wieder herstellten. Da gab es ein Lärmen und Fluchen und der Streit der Hunde hätte das Ansehen der Versammlung sehr leicht kompromittiert, wenn nicht der Spaßmacher, Graf Gregor, mit würdevollem Ernst den Hunden zugerufen hätte: Meine Herren, beliebe es Ihnen, sich hinaus zu verfügen, damit wir in Ruhe weiter sprechen können. Auf diese Zurechtweisung wurde die heitere Stimmung der Versammlung wieder hergestellt, die ungelegene Zuhörerschaft ward hinausgetrieben und der Antrag wurde mit Ausnahme der fraglichen Punkte angenommen; Herr von Karpáti wurde mit allgemeinem Zuruf zum Präsidenten und der große Patriot zum Vicepräsidenten erwählt; außerdem ernannte man einen Vereinssekretär, einen Vicesekretär, einen Vereinsanwalt und einen Vereinsarzt, sechzig Komiteemitglieder und zwölf Mitglieder des Ausschusses, der die Statuten zu entwerfen hatte und das alles wurde der Ordnung gemäß zu Protokoll genommen. Der Grundstein war gelegt, der große, bedeutungsvolle Verein gebildet und uns bleibt nichts anders übrig, als zu wünschen, die Herren Mitglieder möchten auch bei andern Gelegenheiten einen gleichen Eifer an den Tag legen. Man verfügte sich aus dem Ahnensaal in den Konversationssaal, wo man die Beratungen bis vier Uhr Nachmittags fortsetzte und Georges Mánay sagte jedem, der ihm nahe kam, er begreife nicht, wie er heute noch einen Bissen werde essen können. Die beiden jungen Damen gingen Arm in Arm auf und ab; jeder, der sie sah, gestand, es wäre schwer zu entscheiden, welche von beiden schöner sei. Die sonst so strengen Frauen überhäuften die Hausfrau, die Bürgerliche, mit Komplimenten, und sie empfand es in dieser Stunde am besten, wie gesegnet sie sei durch ihre edle Freundin, die sie mit ihrem Nimbus umgab und sie in Mode brachte. Die eleganten jungen Herren, die Löwen des Salons, schwärmten Planeten gleich um diese beiden Sonnen der Gesellschaft; selbst Graf Szépkiesdy schien sie mit den Augen zu suchen und obwohl er recht gut sah, daß Flora immer ärgerlich ihr Gesicht von ihm abwandte, so fühlte er sich dennoch veranlaßt; ihr den Hof zu machen. – Wissen Sie, Graf, sagte Flora zu ihm, als er ihr und ihrer Freundin in den Weg trat, daß ich Ihnen zürne? sehr ernsthaft zürne? – Darüber kann ich mich freuen, antwortete der große Mann voll Selbstvertrauen, denn ein Mann, auf den die Frauen böse sind, kann gewiß sein, daß sie ihn lieben werden. – Sie haben sehr unrichtige Begriffe vom Zorn der Frauen; wenn wir uns gegen Sie verschwören, so stürzen wir Sie und Sie verlieren ihre Popularität. Dieser naive Scherz klang von den Lippen der kleinen, lebhaften, lächelnden Frau gar nicht übel und jeder andere würde sie darauf, ihr die Hand küssend, gebeten haben, sie möge das strenge Urteil zurücknehmen; der große Mann fand es aber besser, mit Keulen drein zu schlagen. Mit einem Gesicht und einer Haltung, als säße er im Beratungssaale, erwiderte er, die Phrase, ehe er sie aussprach, überdenkend: Gnädige Frau! das haben schon andere versucht; ich tändle mit den Frauen, ich besiege sie, aber ich lasse mich mit ihnen in keinen Kampf ein und fürchte mich nicht vor ihnen. Nach solchen Reden hatte der große Mann die Gewohnheit, sich abzuwenden und weiter zu gehen, als hielte er den Gegner gar nicht für fähig, ihm treffend zu antworten. Ein paar eifrige Bewunderer des wackern Patrioten notierten sich sogleich seinen Ausspruch. Fanny war ganz erstaunt, Flora aber lachte. – Von dem sind wir für immer befreit. Ich habe seine schwache Seite getroffen und das verzeiht er nimmer. Die Popularität ist sein goldenes Kalb und wer zu behaupten wagt, daß sie jemals erschüttert werden könne, der ist für immer gegen seine Freundlichkeit gesichert. Bald wurde zum Diner geläutet; die Gesellschaft nahm mit großem Geräusch und mit Heiterkeit die Tische ein, mit deren Beschreibung ich mich wohlweislich nicht abgeben will, denn sie sind mir in der Wirklichkeit amüsant, nicht wenn man sie beschreibt. Reichtum, Pracht, Glanz, Verschwendung entsprachen dem Ruf des Nabobs; von den Erzeugnissen der ungarischen Küche bis zu den Kunstwerken des französischen Kochs war da alles zu haben und in Weinen war eine eben so große Auswahl geboten. Das Diner dauerte bis in die späte Nacht und die Gesellschaft fing an sehr laut zu werden. Der große Patriot produzierte seiner Gewohnheit gemäß seine schlüpfrigen Anekdoten, ohne sich um die anwesenden Damen zu kümmern; er sagte: »Dem Reinen ist alles rein«; wer schon weiß, worüber man erröten muß, an dem ist ohnedies nichts mehr zu verderben. Die Dänen aber thaten, als hörten sie ihn nicht, plauderten mit ihren Nachbarn und kehrten sich nicht daran, wenn die originellen Käuze jene Anekdoten mit ihren, obligaten, stürmischen Applaus aufnahmen. Wer war glücklicher als der Nabob? Es fiel ihm ein, welch einen schrecklichen Anblick er vor kaum einem Jahre an demselben Tisch hatte, an welchem er jetzt saß und jetzt sah er die schöne, reizende Frau neben sich, eine lebhafte, lachende Gesellschaft rings um sich. Bald erscholl im Vorsaal Biharis Musik, lustig und melancholisch; ein und der andere originelle Kauz stieß seinen Stuhl um und ging hinaus zu den Zigeunern und tanzte; die beredteren Gäste brachten indes einen Toast nach dem andern aus, auf den Hausherrn und auf die Hausfrau, auf die Gäste, auf abstrakte Gegenstände, Vereine, Komitate, Kollegien, auf die Ausführung dieser oder jener zeitgemäßen Idee. Graf Széptiesdy hielt eine lange Rede, in welche er geschickt alle mit Beifall aufgenommenen Phrasen einflocht, die er seit einem Jahre in seinen öffentlichen Reden hatte hören lassen; es waren Gäste da, welche diese Rede schon viermal gehört hatten, einmal auf dem Landtag, das zweite Mal bei Gelegenheit der Installation des Obergespans, das dritte Mal in einer Komitatsversammlung und endlich jetzt bei der Einweihung des Windhundvereins, was indes die guten Leute nicht verhinderte, ihm donnernde Éljens zuzurufen. Man kann das Gute nicht oft genug hören, Herr von Karpáthi selbst war unerschöpflich an Toasten und wenn wir nicht ans Galanterie einer Dame, der Gräfin Kereßthy den Vorrang einräumen müßten, so wurden wir sagen, daß er heute der witzigste und wackerste Trinker war. Indes müssen wir ihn doch dafür loben, daß es ihm unter so vielen Trinkern zuerst einfiel, den Becher für zwei nicht anwesende Männer zu erheben, nämlich für den Grafen Stephan und für Rudolf; ihre Verdienste preisend, leerte er auf ihre Gesundheit den Becher, wodurch er eine solche Begeisterung anfachte, daß selbst die Damen die Becher ergriffen und anstießen. In diesem Augenblick strahlender Freude trat ein Diener zu der Gräfin Szentirmay und übergab ihr einen Brief, welchen ein Eilbote von Szentirma gebracht hatte. Mit hochklopfendem Herzen erkannte Flora an der Adresse die Schrift ihres Gemahls; außerdem war es zu jener Zeit gebräuchlich, die Adresse mit der möglichsten Bestimmtheit zu schreiben, so stand in diesem Falle auf dem Couvert: »Meiner lieben Frau, mit der größten Liebe«, Also er schrieb! der Brief war von Pest datiert, Frau Szentirmay bat um Entschuldigung und zog sich zurück, um den Brief zu lesen. Ihr Aufstehen war für die ganze Gesellschaft das Signal den Tisch zu verlassen und in bunten Gruppen strömten die Gäste in die Nebensäle. Flora und Fanny zogen sich verstohlen in ihr Schlafgemach zurück, um da den Brief in aller Ruhe und ungestört lesen zu können. Natürlich mußte auch Fanny wissen, was darin stand. Mit zitternder Hand erbrach jene das Siegel, nachdem sie den Brief noch einmal an ihr Herz gepreßt hatte und las darin in wenigen Zeilen die Meldung, daß ihr Mann morgen in Karpáthfalva sein werde. Welch eine Freude hatte die gute Frau; sie las die paar Worte immer und immer wieder, als ob sie sich den Inhalt nicht ganz gemerkt hätte und küßte den Brief unzähligemal. Auch Fanny teilte die Freude ihrer Freundin, die Freude ist so ansteckend. Morgen wird Rudolf kommen und wie heiter wird dann Flora sein. Sie wird die größte Seligkeit, die sich ein liebevolles Herz vorstellen kann, leibhaft vor Augen sehen und keinen Neid fühlen. Sie wird sich über die Freude einer andern freuen, über die Glückseligkeit ihrer besten Freundin. Mit freudestrahlenden Gesichtern kehrten die beiden Damen zu der Gesellschaft zurück, die sich noch bis Mitternacht unterhielt, wonach sich alles in die Schlafzimmer begab. Herr von Karpáthi ließ seine Gäste mit Musik zur Ruhe begleiten, dann schickte er noch die Zigeuner von Fenster zu Fenster und ließ sie eine einschläfernde Weise spielen. Der letzte Bogenstrich verklang und alles schlief und träumte schöne Dinge, die Jäger von Füchsen, die Redner von Versammlungen, Herr Málny von Pasteten und Fanny von dem schönen, blassen Mann, an den sie so viel dachte, der in ihrem Traume sie mit seinen blauen Augen so sanft anblickte und so süße Worte zu ihr sprach. – – – – – – – – – – – – – – – Also morgen! Vierter Teil. 1. Die Jagd. Frühmorgens am andern Tage weckten Jagdhörner die Gäste; viele, die mit dein Gedanken an die Jagd eingeschlafen waren, sprangen, sobald sie die süßen Klänge hörten, schnell aus den Betten, andere, die nach gern ein halbes Stündchen geschlafen hatten, waren von dem noch stets wachsenden Lärm genötigt, den Schlaf von den schweren Augenlidern zu schütteln; im Flur hört man Leute kommen und gehen, bekannte Stimmen schreien, im Hof bellen die Hunde, wiehern die Pferde und das Knallen der Peitschen vermehrt den Lärm. Wer möchte von Jägern Diskretion erwarten? Der feinste Salonmensch legt, wenn er auf die Jagd geht, andere Kleider an und dann glaubt er, ein anderer Mensch zu sein, fester auftreten und lauter schreien zu müssen als sonst. Das war noch nicht genug; wenn jemand seine Thüre noch nicht geöffnet hatte, so weckte man ihn mit Gesang auf und damit nicht etwa dennoch ein Schläfer zurückbleibe, wurden im Hofe einige Gewehre abgefeuert. Die Leidenschaft der Jagd ist übrigens ansteckend und kaum giebt es einen Menschen, der eine Antipathie dagegen hätte. Kaum war der Morgen angebrochen, so kamen die Gäste angekleidet auf den Flur, um sich zu zeigen und nach dem Wetter zu sehen. Die originellen Käuze mit weit wallenden Handärmeln, Reiherfedern auf der Mütze und in engen ungarischen Westen mit zahlreichen kleinen, silbernen Knöpfen; in engen Dolmánys und elegante Jägerhüte auf dem Kopfe, die eleganten jungen Herren; nur der spaßige Graf Gregor hatte einen roten Frack mit kurzen Schösen an und bat alle, den Hunden zu erklären, er sei kein Fuchs. Die meisten Damen hatten Jagdkleider an; schön schmiegte sich die Amazonentracht an ihre schlanken Leiber und die langen Röcke hielten sie mit den Händen erhoben, damit ihnen die bespornten Ritter nicht darauf treten. Und wer wäre jetzt schöner gewesen, als unsere beiden Heldinnen? Flora wollte schön sein, sehr schön, denn sie erwartete ihren Rudolf; ihre schöne Büste umhüllte ein ins Grüne spielendes rottaffetnes Leibchen, das vorn offen mit Spitzen garniert war; der Rock von gleicher Farbe war jetzt mit einer smaragdenen Spange heraufgehalten und ließ den Saum eines weißen Unterrockes sehen; ihre Taille, die mit den Händen umspannt werden konnte, war von einem golddurchwirkten Shawl umschlungen, dessen Enden vorn in den Schoß hinabfielen; auf dem Kopf trug sie einen silberweißen runden Hut mit runder Marabutfeder; die Spitzengarnitur des Leibchens war mit drei Rubinknöpfen zusammengehalten. Fanny war einfach gekleidet. Ihr Rock und Leibchen waren aus schwarzer morierter Seide; das Leibchen war bis an den Hals geschlossen und dieser von einem Spitzenkragen, darüber mit einem Band umgeben, das vorn mit einer Diamamtenschnalle zusammengehalten wurde; ihren Kopf bedeckte ein glänzender schwarzer Hut, unter welchem ihre langen schwarzen Locken hervorquollen, halb bedeckt von dem niederwallenden Schleier. Wie viel neue Reize verleiht ein solches ritterliches Kostüm den Damen. Jetzt wurde die Glocke geläutet, welche die Gäste zum Frühstück rief. Niemand zauderte bei dem Jägerfrühstück zuzugreifen, waren sie doch heute alle Jäger; selbst die Damen konnten ihren Bewunderern den Genuß nicht versagen, ihnen zu zeigen, wie sie ihre Rosenlippen mit einigen Tropfen Rostopschin oder dreißigjährigen Zwetschengeistes benetzten Heute ist alles erlaubt, heute heißt es starkherzig sein. Jeder hat heute seinen Ton geändert; selbst die altern Namen begleiten die Jäger in Wagen und sogar auch die Frau Obergespanin bleibt nicht zurück, obwohl sie gut weiß, daß sie heute noch oft in Ohnmacht fallen wird; wenn nur jemand vom Pferd stürzte, damit sie zeigen könne, wie schön sie in Ohnmacht fällt. Indes stürzte niemand vom Pferde. Es war ein schöner Sommermorgen, als der prächtige Zug vom Kastell aufbrach; voran die Damen, die schönen, schlanken Amazonen auf stolzen Pferden, umschwärmt von mutigen jungen Männern, die ihre Pferde sich bäumen ließen; hinter diesen die originellen Käuze auf kräftigen Bauernpferden; endlich die altern Damen und Herren zu Wagen. Herr von Karpáthi selbst saß heute zu Pferde und zeigte, daß er nicht der letzte im Reiten sei und so oft er auf seine Gemahlin blickte, verjüngte er sich; sein Gesicht strahlte bei dem Gedanken, daß dieses schöne Weib seine Gemahlin sei. Der närrische Graf Gregor imitierte indes allerlei ungeschickte Reiter, natürlich war er einer der geübtesten. Er produzierte den Ladendiener, der am Sonntag im Prater reitet, mit weit auseinander gespreizten Beinen und dem Ausdruck der Angst, wenn er über ein Stückchen Holz setzen soll; den deutschen Bauer, wie er sich im Sattel hin- und herwirft und die Knie heraufzieht; den Lord, wie er sich an den Hals des Pferdes klammert, wenn es sich bäumt; endlich den jüdischen Roßhändler, mit dem das probierte Pferd fortrennt mitten in die Roßherde. Da erregte Gregor allgemeines Gelächter, denn er ritt mitten unter die originellen Käuze und stieß den Horhi Miska beinahe vom Pferde. Drei Preise waren auf die besten Windhunde ausgesetzt. Der erste war die von Fanny gestickte Satteldecke, der zweite ein goldener und der dritte ein silberner Becher. Die Hunde werden zu zweien an der Leine geführt, die Lieblingshunde befinden sich im Wagen, damit sie nicht etwa von einem Pferde gestoßen werden. Während die Gesellschaft durch die lange Pappelallee zieht, bemerkt sie einen Reiter, der ihr durch dieselbe entgegenkommt. Schon von weitem erkennt man ihn an seiner Art zu reiten und wie ein Lauffeuer verbreitet es sich in der ganzen Gesellschaft: endlich ist er doch gekommen! – Wer ist gekommen? Nun, wer anders als der kühnste Reiter, der kühnste Courmacher, der kommt, sieht und siegt! – Kis Miska! Der Pfingstkönig! Binnen einem Augenblick ist er bei der Gesellschaft und beeilt sich, sich bei den Damen wegen seines späten Kommens zu entschuldigen; durch leichte Anspielungen läßt er vermuten, daß ihn ernste Angelegenheiten zurückgehalten haben, wahrscheinlich ein Duell; dann entschuldigt er sich bei den Männern und läßt durchblicken, daß ihn zarte Angelegenheiten zurückgehalten haben, wahrscheinlich ein Stelldichein. Seit wir ihn nicht gesehen, haben sich seine Züge beträchtlich gerundet, wie bei einem Menschen, dem nie etwas weh thut, weder am Körper noch an der Seele. Nachdem er alle Hunde beim Namen gerufen und alle Mitglieder der Gesellschaft, hier die Hand küssend, dort eine Hand drückend, begrüßt hat, nähert er sich den beiden nebeneinander reitenden Damen und mit besonderer Geschicklichkeit gelingt es ihm von der Seite der Frau von Karpáthi alle Reiter wegzudrängen, um neben ihr zu reiten; ohne Zaudern nennt er sie eine Göttin, einen Engel. Zu seinem Unglück mißversteht ihn Fanny gewöhnlich, hält alles, was er spricht, für kapitale Narrheiten und lacht, mehr als seine Reden es verdienen. – Herr von Karpáthi, Herr von Karpáthi ruft Fräulein Marion mit spitzer Stimme dem in der Nähe ihres Wagens Reitenden zu, ich möchte mir keinen Hausfreund halten, der im Ruf der Unwiderstehlichkeit ist. – Ich bin nicht eifersüchtig, gnädiges Fräulein. Dieses Rad fehlt aus der Maschinerie meiner Seele; wahrscheinlich hat mir es jemand entwendet. – Dann würde ich, wenn ich wie Sie wäre, keine Parforcejagd mitmachen; ich würde mich fürchten, daß meine Hunde mich für Altäon halten. – Habe ich Ihnen dazu Veranlassung gegeben, daß Sie sich gegen mich als eine Diana betragen? Fräulein Marion wandte, den Mund verziehend, ihr Gesicht ab. Dieser Mensch ist so dumm, daß er gar nichts versteht, Womit man ihn ärgern will. Fanny lachte herzlich über die Reden des Pfingstkönigs. Wenn sie wüßte, daß man das den Hof machen nennt, so würde sie nicht lachen. Aber ihre neben ihr reitende Freundin konversiert ja ebenso heiter mit dem Grafen Gregor und heute will man sich ja unterhalten, da darf die gute Laune ein bißchen lauter sein als sonst. Miska fühlt sich am wohlsten, wenn er Gelegenheit hat, von seiner Kunst zu sprechen; aufmerksam betrachtet er, wie sich Fanny aus dem Pferde hält. Das giebt ihm Gelegenheit zu bemerken, daß sie ihren Leib zu wenig vorwärts halte, der Sattel muß verschoben sein, weil das rechte Knie zu tief unten ist, nein, nein, nicht das ist die Ursache, der Bügel ist zu lang, sodaß sie ihn mit dem linken Füßchen kaum erreichen kann, Sie muß das Pferd anhalten! Es könnte ein Unfall daraus entstehen, wenn er nicht den Bügel für die gnädige Frau höher schnallt. Fünf, sechs sprangen auf einmal von den Pferden, um ihr diesen Dienst zu leisten. Der erste war der Pfingstkönig. Errötend wandte Fanny ihr Pferd, um die dienstbereiten Geladons von dem Bügel fern zu halten. – Es ist schon so gut, sagte sie. In diesem Augenblick war Herr Varga an Fannys Seite und bot sich mit herzlicher Bereitwilligkeit an, ihr den Sattel etwas zu richten, wenn es notwendig sei. Mit freundlichem Lächeln dankte sie dem alten Beamten welcher sie der Verlegenheit entzog, sich einen der jungen Männer zu nahe kommen zu lassen, der Alte stieg vom Pferde, bat seine Herrin indes ihre Hand auf seine Schulter zu legen und schnallte den Bügelriemen höher. – Ich danke Ihnen, lieber Freund, sagte sie mit freundlichem Ton und drückte dem Alten die Hand, wahrend Kis Miska Lust gehabt hätte, eine Rauferei zu beginnen. Der Alte verschwand wieder unbemerkt, in seines Nichts durchbohrendem Gefühle. Die Gesellschaft trabte lustig weiter. Der Zug hielt draußen vor einem Lusthause, wo später die Preise verteilt werden sollten. Die Damen und Herren die in Wagen gekommen waren, stiegen hier ab und begaben sich ans eine hohe, turmartige Terrasse, die sich von der Mitte des Hauses erhob und von welcher aus man die ganze Ebene überschauen konnte, diese war nur hier und da von einem Fleck Waldes unterbrochen, übrigens sah man nur Schilf- und Riedgrasflächen und Ginsterbüsche, ein wahres Land der Füchse. Von der Terrasse aus konnte man das ganze Rennen gut sehen und waren da zu diesem Zweck vortreffliche Fernrohre angebracht. Ein ganzes Heer von Windhunden war den Jägern gefolgt. Prächtig war es zu sehen, wie die klugen Tiere auf die bekannten Pfiffe ihrer Herren um diese sich gruppierten; auch die Lieblingshunde wurden jetzt von den Wagen genommen und sprangen freudig um ihre Herren, ihnen die Hände leckend. Herr von Karpáthi wählte von den übrigen zwei schneeweisse Windhunde aus und führte sie zu seiner Gemahlin. – Das sind die zwei schönsten und besten Tiere aus der ganzen Koppel. – Ich kenne sie schon, der eine heißt Czizke und der andere Rajsó. Sobald die beiden Hunde ihre Namen hörten, sprangen sie lustig neben dem Pferde in die Höhe und haschten nach der Hand der Herrin. Herrn von Karpáthi überraschte es sehr angenehm, daß seine Gemahlin die Hunde mit Namen kannte, auch freute er sich, daß diese ihre Herrin erkannten; sie gewinnt doch alles für sich, Menschen und Hunde. – Wo ist denn der Mattyi? fragte Fanny umherblickend. – Diesen werde ich selbst führen. – Wie? du willst mitrennen? Thue das nicht. – Warum denn nicht? Hältst du mich nicht für einen guten Reiter? – Aber thue es mir zu Liebe, nimm an dem Jagdrennen nicht teil. – Dir zu Liebe? Gleich steige ich vom Pferde. Flora flüsterte dem neben ihr befindlichen Grafen Gregor zu: Ich möchte wissen, wie viele von den anwesenden Männern ihren Frauen zu Liebe von der Jagd wegbleiben möchten. Fräulein Marion flüsterte der neben ihr folgenden Gräfin Kereßthy ebenfalls etwas ins Ohr: Das junge Weibchen fürchtet für ihren Alten, sagte sie. Die Mitbesitzerin eines solchen Majorats hat Grund genug, für das Leben ihres Mannes zu fürchten; es giebt Fälle, in welchen es besser ist, eine Frau zu sein, als eine Witwe. – Jedenfalls ist es besser, als eine alte Jungfer zu sein; antwortete die Kereßthy so grob und giftig, daß Fräulein Marion beinahe umsank vor Entsetzen. Daß Herr von Karpáthi einem Vergnügen, auf welches er sich monatelang gefreut hatte, seiner Frau zu Liebe entsagte, bewies so viel Zärtlichkeit, daß Fanny ihm gerührt die Hand drückte. – Nicht wahr, du zürnst mir nicht, daß ich so für dich fürchte? Er drückte die dargebotene Hand an seine Lippen und fragte: Und soll ich nicht auch für dich fürchten? Fanny blickte unwillkürlich auf ihre Freundin, als ob sie diese fragen wollte, ob sie nicht auch von der Jagd zurückbleiben solle. Herr von Karpáthi verstand diesen Blick. – Nein, nein, ich wünsche nicht, daß du zurückbleibest. Geh mit und unterhalte dich, aber gieb acht. Ihr Jungen, gebt mir auf meine Frau acht, wie auf euer Leben. – O wir werden schon acht geben, antwortete Kis Miska, sich den Schnurrbart drehend. – Ich werde schon acht geben auf sie, sagte Flora, auf das Ich einen großen Nachdruck legend, als sie merkte, daß Fanny nicht wußte, was sie zu thun habe. Hörner und Peitschenknallen gaben jetzt das Signal zum Aufbruch. Die Pferde und Hunde begannen unruhig zu springen; die Gesellschaft löst sich in drei Gruppen, die wie Kriegsheere als rechter und linker Flügel und Centrum gegen die listigen Füchse ziehen; die im Zug und auf der Terrasse Befindlichen winken einander mit Tüchern und Hüten zu wie zum Abschied, dann lösen sich die Gruppen auf, die Reiter fliegen nach allen Richtungen hin, hier und da verschwinden sie im Gebüsch, dort sieht man nur den Kopf eines Reiters aus dem Gesträuch hervorragen, jedoch überall sieht man die wallenden Schleier der beiden Heldinnen nebeneinander, aller Augen folgen nur ihnen und ergötzen sich an deren Anblick. Jetzt gelangen sie zu einem Graben. Flora setzt kühn hinüber, einen Augenblick später folgt ihr auch Fanny, ihnen nach der Graf Gregor, der Pfingstkönig und einige andere Reiter. Die auf der Terrasse applaudieren. Nur Karpáthy ist unruhig. Er hat nirgends Ruhe zu bleiben. Er geht zu seinen Dienern hinab und sagt zu dem alten Pál: Ich habe so große Furcht, daß Fanny sich beschädige, ist das Pferd nicht scheu? – Es ist ein frommes Tier, es wäre aber vielleicht doch besser, ihr nachzureiten. – Du hast recht, nimm mein eigenes Pferd. Gieb acht, daß sie sich nicht zum Sumpf verirren. Pál setzte sich sogleich auf das Pferd seines Herrn und dieser ging wieder auf die Terrasse hinauf, um zu sehen, ob der Alte sie einhole. Mit Windeseile ritt die Gesellschaft fort. Die Hunde hatten schon einen Fuchs aufgespürt, aber sie waren noch zu fern und aus der Richtung des Schwarmes konnte man ersehen, daß das listige Tier sich bemühte den Verfolgern seine Spur zu entziehen. Der Fuchs schlüpft zwischen die Sandhügel und läßt die Reiter neben sich fortrennen, dann flieht er wieder seitwärts. Aber vergebens ist seine List, er begegnet einem neuen Feind, vergebens flieht er nach einer andern Richtung, da ist kein Entkommen, dichtes Peitschenknallen verkündet ihm von allen Seiten, daß sein Geschlecht mit gänzlicher Vernichtung bedroht sei; er springt auf den nächsten Hügel, bleibt einen Augenblick stehen, blickt umher, von welcher Seite der Feind komme und wirft sich wieder ins Riedgras. – Dort ist der Fuchs! rufen die Verfolger, sobald sie ihn auf dem Hügel erblicken. Im nächsten Augenblick verschwindet er wieder. Aber sie hatten ihn doch lange genug gesehen, um zu wissen, daß es ein prächtiges Tier war. Er muß schon alt sein, er wird den Hunden viel zu schaffen geben. Ihm nach! Die Jäger fliegen hinter den Windhunden drein, das Gesicht der beiden jungen Damen glüht von der leidenschaftlichen Freude der Jagd; Fanny erinnert sich in diesem Augenblick an ihre früheren Träumereien, sie dachte, wie schön es wäre, wenn jetzt ihr namenloses Ideal neben ihr ritte, wenn sie vom Pferde stürzte und niemand ahnte, mit welchem letzten Gedanken sie gestorben sei. Flora aber wünschte, daß Rudolf ihr plötzlich entgegenkomme. Jetzt kam der Fuchs auf die Wiese hinaus; die Jäger sahen eine Fläche von mehreren tausend Joch vor sich, auf welcher noch die Heuhaufen standen. Hier begann das eigentliche Interesse der Jagd. Der Fuchs war ein schönes Exemplar, so hoch wie ein junger Wolf, und etwas länger; sein großer zottiger Schwanz hing ihm wie ein Besen herab; er trabte ziemlich langsam vorwärts, nicht etwa, weil er nicht schneller zu laufen vermochte, sondern um seine Kräfte zu schonen. Oft blickte er nach seinen Verfolgern zurück, denen er um etwa hundert Schritte voraus war und als diese Entfernung geringer zu werden begann, rannte er wieder so schnell, daß er ihnen weit voraus war. Aber die besten Windhunde des Herrn von Karpáthi, die beiden schneeweißen, Cziczke und Rajkó, ferner Mattyi, der große wolfgraue Hund, Kis Miskas »Schwalbe« und Graf Gregors Armida waren ihm auf der Spur, die übrigen gar nicht zu rechnen. Der Fuchs blieb von Zeit zu Zeit stehen. Er schien sehnsüchtig sich nach dem Busch umzusehen, aus welchem er vertrieben worden war und rannte auf einen Heuhaufen los, als hoffte er sich da verbergen zu können, dann lief er wieder nach einer andern Richtung fort; man konnte aus der Ferne sehen, wie er gegen seine Feinde die Zähne bleckte, so oft er zurückschaute. Es war schlimm für ihn, daß er auf diese Ebene hinausgedrängt wurde, wo es weder einen Schlupfwinkel noch einen Fluß gab, der ihn vor seinen Verfolgern retten konnte. Nicht weit von hier befand sich wohl eine Krümmung des Berettyóflusses, den er von seinen Krebsfängen her als ziemlich tiefes Wasser kannte. Wie gut wäre es, wenn dieser Fluß jetzt zwischen ihm und den Windhunden wäre, denn diese schwimmen nicht gern; aber bis dahin fängt man ihn und zieht ihm den Pelz ab. Schon in der Mitte der Wiese bemerkt man, daß der Fuchs langsamer zu rennen anfängt, bald wird man ihn haben. Von allen Seiten trieb man die Hunde mit Rufen an. Mit angestrengtem Lauf stürzten diese dem verfolgten Tiere nach. Die beiden weißen Hunde waren ihm am nächsten; wie der Wind fliegen sie ihm nach, ihre schlanken Hälse sind vorwärts gestreckt, jeder nähert sich auf einer andern Seite und in einigen Augenblicken haben sie ihn. Der Fuchs steht still, zieht den Schweif zwischen die Beine und die Zähne aneinander schlagend, erwartet er die Hunde. Diese stehen still, knurren und peitschen mit ihren Schweifen die Luft. Diesen Augenblick benutzt das Tier, macht einen Seitensprung und versucht so zu entkommen. Wieder rennen die Hunde ihm nach und jetzt ist ihm Graf Gregors Armida am nächsten. – Bravo Armida! Der Hund springt vorwärts, der Fuchs legt sich platt nieder und jener setzt über ihn hinweg und erst zwanzig Schritte weiter bemerkt er, daß der Fuchs zurückgeblieben. Dieser wendet sich wieder rechts. – Los Fecske! ruft Kis Miska. Und Fecske fängt wirklich den Fuchs, aber dieser beißt ihn so heftig in die Schnauze, daß er ihn wieder loslassen muß. Jetzt rannte das Tier aus vollen Kräften der Berettyó zu und wieder gelang es ihm, einen Seitenausgang zu finden. Die Hunde blieben hinter ihm weit zurück. Nun kommt der große wolfgraue Matthi in den Vordergrund, der sich bisher nicht viel angestrengt hatte. An diesem fand der Fuchs einen wohlerprobten Gegner, alle seine Ränke waren vergebens und als er sich wieder platt niederlegte, sprang Matthi nicht über ihn hinweg, sondern faßte ihn schnell, schleuderte ihn in die Luft, zerzauste ihm das Fell, wenn er wieder niederfiel und schleuderte ihn wieder empor, der Hund war seines Sieges gewiß und ließ den zerfetzten Schelm wieder ein wenig laufen; aber jetzt kamen sie einer Herde Rinder entgegen und der Fuchs rannte mitten unter das Vieh. Die Jäger mußten hier über einen ziemlich hohen Zaun setzen und unsere beiden Heldinnen hatten wieder Gelegenheit, ihren Mut zu erproben und kamen glücklich hinüber. In diesem Augenblicke sahen beide einen Reiter von der Landstraße her ihnen entgegenkommen, dessen Herannahen sie bisher teils wegen der Gebüsche, teils weil sie ihre Aufmerksamkeit einem andern Gegenstand zugewendet hatten, nicht bemerken konnten. Das ist er! Floras Gesicht wurde in diesem Augenblick noch röter, Fanny wurde leichenblaß. Das ist er! Beide erkennen ihn; er ist der Gemahl der einen und das angebetete Ideal der andern. Freudig jauchzend stürzt ihm Flora entgegen. Rudolf, Rudolf! Verzweiflungsvoll wandte Fanny ihr Pferd und ritt zurück. – Um des Himmels willen, ruft Rudolf, das Pferd ist mit jener Dame durchgegangen. – Das ist Frau von Karpáthi! ruft Flora erschrocken und ritt zurück, um sie einzuholen. Über Stock und Stein flog Fanny hin, jedermann glaubte, ihr Pferd sei scheu geworden, Flora, der alte Pál, Kis Miska, Graf Gregor reiten ihr vergebens nach, nur Rudolf holt sie ein. Jetzt war ihr Pferd auf einen schmalen Damm gesprungen und rennt da fort, dicht daneben ist die Berettyó mit sechs Klafter tiefem Wasser. Ein Sturz und sie ist verloren. Aber Rudolf, der beste Reiter unter allen, ist schon dicht neben ihr. Zum erstenmal in seinem Leben sieht er dieses Weib, obwohl sie ihn schon in Preßburg gesehen halte. Ihr Pferd schäumt, ihr Gesicht ist so blaß, ihr Busen wogt. Jetzt ist der geträumte Augenblick da, der Jüngling reitet neben ihr, ihr Atem berührt ihn, ihre fliegenden Locken berühren seine Wangen und sie hat nun hundertfachen Grund zu wünschen, daß sie jetzt sterben möge, denn der Angebetete ist der Mann des schönsten, edelsten Weibes, ihrer Freundin. Rudolf ist gezwungen auf das Einfangen des wild gewordenen Pferdes zu verzichten; Fanny stürzte schwindelnd, ohnmächtig rücklings aus dem Sattel, aber Rudolf fängt sie mit kräftigem Arm schnell auf und hebt sie zu sich in den Sattel. Ihr Pferd rannte scheu davon. 2. Qualen. Fanny war nach diesem Vorfall lange krank, man bezweifelte schon ihr Aufkommen. Die besten Ärzte ans Nah und Fern ließ Karpáthi kommen, sie bemühten sich, sie zu heilen, aber niemand konnte ihre Krankheit erraten. Es ist doch jammerschade, daß die Medizin die Herzen nicht heilen kann. Sie war lange bewußtlos, sprach unverständlich, wie Kranke, deren erhitztes Gehirn von Traumbildern erfüllt ist. Wer wird auf solche Reden achten? Ein solcher Kranker sieht überall Schreckbilder, Bekannte erkennt er nicht, er hat einen ganz andern Charakter, der Starkherzige wird furchtsam, der Schüchterne spricht Schreckliches; wer wird solche Worte aufzeichnen? »Geh fort von mir, laß mich zu Grunde gehn.« Wer soll wissen, was das bedeutet? »Ich sitze auf dem Pferd des Todes, komme mir nicht zu nahe.« Was soll das bedeuten? »Wenn du nicht glücklich wärest, so wäre ich nicht unglücklich.« Eine weiche, glatte Hand streichelt ihr die glühende Stirne. Es ist Flora, die an ihrem Krankenbett wacht. Nacht für Nacht versagt sie sich den Schlaf und bleibt da trotz der Warnungen des Fräuleins Marion, welche behauptet, daß Fanny die Blattern habe. Wie gut wäre es, wenn die arme Frau an keinem andern Übel litte. Endlich siegt die Natur Ihre jugendliche Konstitution besiegte den Tod. Als sie zum erstenmal mit klarem Bewußtsein ausblickte, sah sie zwei gelobte Wesen neben sich sitzen, Flora und Therese. Wozu nichts sie hatte bewegen können, nämlich die Frau von Karpáthi zu besuchen, dazu bewog Therese die Nachricht von der Krankheit derselben. Sie kam eben an dem Tage an, an welchem Fannys Zustand sich zu bessern anfing und sie löste jetzt Flora in der Pflege der Kranken ab. Indes wollte diese sich nicht eher entfernen, als bis sie ihre Freundin außer Gefahr wußte und nahm sich vor, noch einige Tage da zu bleiben. Fanny war zum Leben, zum Bewußtsein zurückgekehrt, sie sprach nicht mehr unverständliche Dinge, sie beruhigte sich und wurde gesund – wie die Ärzte sagten. Wer weiß, was eine größere Qual sei? Die Gedanken, die in einem glühenden Gehirn toben, oder die, welche der Stille, Schweigsame in die Tiefe seines Herzens verschließt? Leidet jener mehr, welcher tobt und rast, den man binden muß, der die Zähne fletscht und in schwerem Kampf Blut schwitzt, oder derjenige, welcher schweigt und lächelt und den Gedanken mit sich herumträgt, der ihn wahnsinnig machen könnte? Jetzt konnte sie ruhig über ihr Leben nachdenken. Was war sie ehedem, was ist jetzt ans ihr geworden und was wird noch mit ihr geschehen? Sie ist der Sprößling einer unglücklichen Familie, die sich ihres Rufes schämen muß, deren Mitglieder bereit waren, einander zu verleugnen, sich zu verlaufen, die gern wieder jung werden mochten, um ihre Jugend besser zu verwerten. Fromme Hände haben das Schicksal dieser Familie von ihr gewendet, sie behütet und beschützt gegen jede Gefahr, ihr Frieden und einen Zufluchtsort verschafft, wo sie hatte leben können, wie ein Waldvogel im verborgenen Nest. Diesen Zufluchtsort hat sie verlassen, um einem Traumbild nachzujagen in einer Welt, die für sie so viel Abschreckendes hatte. Sie hat ein weibliches Herz gesucht, das sie verstehe und einen Mann, der ihr Ideal war. Und sie fand beide. Die edelherzige Freundin, die gegen sie besser und freundlicher war, als sie zu hoffen wagte und den angebeteten Jüngling, von dem die Welt mehr Gutes erzählte, als selbst sie sich vorgestellt hatte. Und gerade diese Frau und dieser Mann waren die glücklichsten Eheleute. Was soll nun aus ihr werden? Soll sie die stumme Zeugin dieses Glückes sein? Soll sie täglich das glückliche Gesicht dieser Freundin sehen, von ihr die süßen Geheimnisse hören, die sich Frauen in traulichen Stunden anzuvertrauen pflegen? Soll sie den Namen des Gepriesenen hören, das Gesicht des Jünglings sehen, den sie nicht anbeten darf und nicht wagen von ihm zu sprechen, damit die Glut ihres Gesichtes, das Beben ihrer Stimme nicht verrate, was niemand erfahren darf? Oder sie muß eine Verräterin werden gegen diejenige, die voll Liebe zu ihr war, die ihr die Hand gereicht hat, um sie zu leiten und zu stützen, sie muß ihr als Hausdieb ihr häusliches Glück stehlen, gegen sie Pläne schmieden und schlechter werden, als ihre Schwestern und alle, welche diesen gleichen, denn sie haschen ja nur nach fremdem Geld und nicht nach fremdem Glück. Und wollte sie das nicht, was würde sie erreichen? Wenn sie das Verbrechen auch schon begehen wollte, das ihre Leidenschaft verlangte, würde sie etwas anderes ernten, als Verachtung? Kann sie sich in was immer für einer Beziehung mit dem Weibe vergleichen, das an der Seite des angebeteten Mannes das größte Glück kennen gelernt hat? Wenn sie dieses Weib betrügen, um ihr Glück bestehlen wollte, wäre das nicht ein tollkühnes Wagnis, da jene so schön, so gut, so klug ist? Nur auf die Launen des menschlichen Herzens könnte sie eine Hoffnung gründen, wenn sie glauben könnte, daß Rudolf auch nicht anders sei, als die andern flatterhaften Männer, daß er das reizendste, liebenswürdigste Weib wegen einer andern, die nicht den hundertsten Teil von den Reizen derselben besitzt, aus keinem andern Grunde, als um der Abwechselung willen hintergehen könnte; dann könnte sie vielleicht Liebe hoffen, aber welche Liebe! Müßte sie dieselbe nicht selbst verachten? Das ist zum Verzweifeln, zum Verzweifeln! Dabei mußte sie noch die beiden Frauen an ihrem Krankenbette voll so zärtlicher Teilnahme sitzen sehen und denken, daß sie diese Teilnahme gar nicht verdiene. Wie würden sie ihre Hände zurückziehen, wenn sie wüßten, welche verbrecherische Gedanken sie jetzt hegt. Wie glücklich wäre sie jetzt, wenn diese Leidenschaft niemals in ihr entstanden wäre, wenn sie ihre Seele nimmer den unerfüllbaren Wünschen erschlossen hätte; sie würde jetzt in ihrer stillen Landwohnung sitzen und sich um nichts als um ihre Blumen kümmern. Das alles ist aus, für immer aus! Sie kann weder vorwärts noch zurückgehen. Sie muß nur leben, leben, einen Tag nach dem andern, und so oft ein neuer anbricht, muß sie seufzen, wieder ein Tag!... Und ihr Mann, der gute Alte? Karpáthi fühlte erst jetzt, wie sehr er dieses Weib liebe. Wenn sie jetzt stürbe, so könnte er sie vielleicht nicht überleben. Jede Stunde mußte man ihn über ihr Befinden in Kenntnis setzen und so lange ihr Aufkommen zweifelhaft war, empfing er niemanden. Zuweilen erlaubten ihm die Ärzte, seine Frau zu besuchen, dann stand er mit thränenfeuchten Augen am Bett der Schwerkranken, küßte ihre glühende, feuchte Hand und weinte wie ein Kind. Endlich hatte sie die Gefahr überstanden. Flora nahm Abschied und band es Karpáthi ans Herz, daß er auf Fanny gut acht gebe, daß er sie nicht zu früh aufstehen lasse, vor jeder Aufregung bewahre und sie die Anordnungen der Ärzte streng beobachten lasse; lesen wird sie noch lange nicht dürfen, wenn schönes Wetter ist, so kann sie auf eine halbe Stunde ausfahren und auch dann soll sie sich warm ankleiden und mehr dergleichen, was die Frauen am besten zu wissen pflegen. Unter vielen Segnungen entließ Karpáthi die liebenswürdige Nachbarin und nahm ihr das Versprechen ab, je früher je lieber wieder zu kommen. – Die Reihe mich zu besuchen ist jetzt an euch beiden, nach einem Monat wird Fanny wohl schon imstande sein ihr Versprechen einzulösen und mir bei den Festvorbereitungen zu der Installation meines Mannes als Obergespan helfen. Übrigens weiß sie gar nicht, daß ich jetzt abreise, ich wollte sie durch den Abschied nicht aufregen; es wird gut sein, wenn Sie sie von meiner Abreise in Kenntnis setzen. Karáthi versprach ihr alles und nachdem er Therese gefragt hatte, ob Fanny wach sei und ob er ihr nicht lästig fallen werde, ging er leise auf den Fußspitzen hinein, trat zu ihrem Bett, streichelte ihr den Kopf, erfaßte ihre Hand und fragte sie, wie sie sich befinde. – Sehr gut, antwortete die Kranke und bemühte sich zu lächeln. Dies gelang ihr schlecht, aber schon das Bestreben that Karpáthi wohl. – Frau von Szentirmay grüßt dich, sie ist soeben abgereist. Fanny sagte kein Wort. Sie fuhr sich nur mit der Hand über die Stirne, als wollte sie den Gedanken verscheuchen, der jetzt darin entstanden war, Karpáthi dachte, seine Hand werde vielleicht kühler sein, als die ihrige und fuhr ihr damit über die Stirne. Fanny ergriff seine Hand mit ihren beiden Händen und küßte sie. Karpáthi fühlte sich in diesem Augenblick so glücklich! Er wandte sich ab, um seine Thränen zu verbergen. Fanny glaubte, er wolle sich von ihr entfernen und zog ihn noch näher zu sich. – Geh nicht weg von nur, bleibe da, plaudern wir ein wenig. O, das war eine größere Freude als er zu hoffen gewagt hatte. Sein Weib wünscht, daß er bei ihr bleibe und mit ihr plaudere! Diese Engelsgüte! – Sieh, ich habe mich schon ganz erholt. Ich werde bald aufstehen können. Wirst du nur nicht zürnen, wenn ich etwas von dir verlange? – O tausend Bitten will ich dir erfüllen, nicht eine! rief Karpáthi aus, sich freuend, daß sie endlich etwas von ihm verlangen werde! – Ach die Kranken haben doch nichts anderes zu thun, als ihren Pflegern lästig zu sein. – Verlange was du willst, sei versichert, daß mir nichts eine größere Freude machen kann, als dir Freude zu der schaffen. – Nicht wahr, dein neues Palais in Pest ist schon fertig geworden? – Willst du vielleicht dort wohnen? beeilte sich Karpáthi, ihren Gedanken weiter auszuführen, jeden Augenblick kannst du es beziehen und wenn es dir nicht gefällt und du ein schöneres verlangst, so lasse ich dir gleich ein anderes bauen. – Ich danke, ich werde damit zufrieden sein. Sieh, ich habe nur gedacht, welches neue Leben wir dort beginnen können. – Ja, wir werden heitere Gesellschaften laden, glänzende Soireen – – – Das meine ich nicht, ich denke jetzt an ernste, wohlthätige Zwecke. Wir haben so viele Pflichten, deren Erfüllung die Menschheit, die öffentlichen Angelegenheiten, die Leidenden von uns erwarten! Arme Frau, wie bemüht sie sich, sich vor der Glut ihres Herzens in höhere Ideen zu flüchten. – Wie du wünschest. Mögest du deine Freude im Trocknen der Thränen finden. Sei glücklich durch die Segnungen, mit welchen die Dankbaren dich überhäufen werden. – Versprichst du mir es also? – Ich bin glücklich, wenn ich dir einen Wunsch erfüllen kann. – Sei nicht so nachgiebig, denn sonst wirst du mich zu anspruchsvoll machen. – Sprich, sprich! hätten deine Wünsche nur kein Ende. Glaube mir, daß ich nur dann unglücklich bin, wenn ich sehe, daß du dich über nichts freust; wenn du traurig bist, wenn du nach nichts Verlangen hast, dann bin ich sehr unglücklich. – Künftigen Sommer möchte ich ins Bad reisen. – Wohin? Befiehl und wir gehen hin, wo es dir am besten gefallen wird. Fanny dachte nach. Wohin immer! Nur weit, weit von hier! Fort aus der Nähe der Szentirmays, um niemals wieder zurückzukehren. – Mehadia, denke ich, wird für mich nm besten sein, (Sie dachte sich, das sei schon das allerfernste Bad.) – Heute noch schreibe ich hin, um dir dort die schönste Wohnung zu mieten; dieser Badeort ist wirklich sehr angenehm. – Dann bitte ich noch um etwas. Karpáthi konnte sich vor Entzücken kaum halten. – Ich bitte, daß du überall mit mir bist und mich niemals verlassest. Das war mehr als ein menschliches Herz ertragen kann. Der närrische Alte fiel auf die Knie neben dem Bett seiner Frau und bedeckte ihre Hand mit Küssen und mit Thränen. – Wodurch habe ich diese Freude, diese Güte verdient? Sie lächelte traurig und ließ lange, lange seine Hand nicht los. Den halben Tag verbrachte Karpáthi an ihrem Bett mit freundlichem Plaudern, hörte ihre kleinen Wünsche und war glücklich, daß er ihr die Arznei reichen konnte. Was ist das? fragte sich Therese, welche diese Scene mit Aufmerksamkeit beobachtete; und sie begann die Ursache zu ahnen. Nach einigen Tagen wurde es Fanny schon erlaubt, das Bett zu verlassen und sie promenierte auf den Arm ihres Mannes gestützt im Zimmer. Den ganzen Tag verbrachte sie in seiner Nähe; als sie schon lesen und sticken durfte, nahm sie ihr Buch oder den Rahmen in sein Zimmer, wenn sie Klavier spielte, so rief sie ihn zu sich. Sie sehnte sich nach seiner Gesellschaft und wenn sie ausfuhr, so fuhr sie nur mit ihrem Manne. Dem Diener gab sie Auftrag, den Besuchern zu sagen, sie könne noch niemanden empfangen; aber während dessen saß sie bei ihrem alten Manne und zwang sich, ihn glücklich zu machen, ihm Freude zu bereiten. Was ist das? Nichts anderes, als Liebe heucheln, lieben aus Pflicht. Selbst mit Theresen beschäftigte sie sich wenig. Die gute Tante nahm bald Abschied und Fanny trennte sich von ihr ohne Thränen, ohne Klage. Aber Therese blickte ihr in die Seele. Als sie ihr die stummen Lippen geküßt hatte und sich ans den Wagen setzte, seufzte sie unwillkürlich: Armes Mädchen ! 3. Der Spion. Wir befinden uns in der Wohnung des Herrn von Kecskerey. Wir würden sehr fehlen, wenn wir ihn nicht weiter erwähnen wollten; eine solche Persönlichkeit kann man nicht leicht vergessen, sobald man sie einmal kennen gelernt hat. Jetzt wohnt er in Pest, hält eine prächtige, elegante Wohnung, sein Ruf ist der alte, je lebhafter die Geselligkeit zu dieser Zeit geworden, ein desto wesentlicherer Faktor der Gesellschaft ist er; er amalgamiert die verschiedenartigen Elemente derselben. Es ist noch früh Morgens und der würdige Herr ist noch nicht angekleidet; wenn wir sagen, daß er noch nicht angekleidet ist, so muß man das im buchstäblichen Sinne des Wortes nehmen. Er sitzt in der Mitte des Zimmers auf einer prächtigen, mit purpurrotem Zeug überzogenen Ottomane, bläst aus einer türkischen Pfeife große Rauchwolken und besieht sich in einem gegenüberstehenden Spiegel. Er hat aber durchaus nicht Ursache, an sich Gefallen zu finden; er hätte einen sehr schlechten Erwerb, wenn er in Ateliers Modell sitzen wollte, ausgenommen zum Zweck der Karikaturzeichnung. Am untersten Ende der Ottomane sitzt in gleich verlockender Stellung ein Affe, der beinahe so groß ist, wie er und der wie sein Herr sich ebenfalls im Spiegel besteht; er spielt sogar auch mit einer Pfeife. Ringsumher liegen duftige Billet-Doux, zertretene Gedichte, Noten und andere ähnliche vergängliche Dinge; an den Wänden hängen verschiedene Bilder, die, wie schamlos sie auch sind, sich dennoch schämen würden, wenn sie einander sehen könnten, auf dein Tisch liegen in einer echten Bronzevase aus Herkulanum Visitenkarten, alle von in der Gesellschaft berühmten Herren und Damen. Alle Teppiche sind die Arbeiten zarter Frauenhände und ihre Stickereien stellen Jäger, Hunde und Pferde vor. Die Tapetenwände lassen geheime Thüren ahnen und alle Fenster sind mit doppelten Vorhängen bedeckt. Im Vorzimmer kratzt sich der Groom, ein kleiner Mohr, ans Langeweile den Kopf; er hat den Auftrag, bis Mittag keinen Mann vorzulassen. Damit hat der Herr zugleich die kühne Idee ausgesprochen, daß ihn um diese Zeit nur Damen besuchen. Trotz diesem Verbot ergiebt es sich, das Jussuf auf das entschlossene Klingeln einen Mann einläßt, der mit ihm in seiner eigenen Negersprache spricht. – Wer ist draußen? Jussuf! ruft Herr von Kecskerey mit so gellender Stimme, daß der Affe neben ihm vor Schrecken zu kreischen beginnt. Anstatt der Antwort stürzt der Angekommene selbst zur Thüre herein. Die privilegierten guten Freunde sind doch impertinent, murmelt Herr von Kecskerey, als er den Gast an der Thür erblickt und mit großer Befriedigung sieht er, wie dieser vor seinem Negligé zurückschrickt. Aber er kennt ihn sogleich und ruft mit ungestümer Heiterkeit, ihm die lange, dürre Hand entgegenstreckend: – Ah Abellino! du bist es? Welcher Wind hat dich hergebracht Wir haben schon geglaubt, du hättest dich in Indien naturalisieren lassen. Komm, setz dich her. Hast du nur die famosen Pillen gebracht, welche du in deinen genialen Briefen erwähnt hast? – Hole dich der Teufel mit samt deinem Affen, fluchte der Ankömmling, ich habe nicht gewußt, welcher von euch der Hausherr sei, so ähnlich seht ihr euch. – Ist das die neueste Art der Höflichkeit in Ägypten? Übrigens ist dir mein Affe für das Kompliment verbunden. Joko, zeige, daß du gut erzogen bist und gieb dem Herrn eine Pfeife. Joko nahm diejenige, mit welcher er eben spielte und versetzte dem Gast einen solchen Hieb mit dem Rohr, daß dieser sich die Aufmerksamkeit lieber verbeten hätte. – Der Samum über deinen schmutzigen Vetter da! von nun an komme ich nicht ohne Stock zu dir. In Asien bin ich auch unter Affen geraten, aber dort trägt man Pistolen bei sich und man schießt eine so häßliche Bestie gleich nieder. – Ah, lasse das, lieber Freund, die Menschen haben sich aus Affen entwickelt. Ich behaupte, daß der Mensch ursprünglich ein Affe war. Wir müssen gegen unsere Ahnen mehr Ehrfurcht haben. Kecskerey ist ein Mensch, dem man alle möglichen Grobheiten sagen kann, er antwortet aber auch mit Grobheiten. – Komm, setze dich her zu mir und mache dir's bequem. Jussuf, stopfe dem Herrn eine Pfeife. Ich bedaure, daß ich dir nicht mit einer Nargila dienen kann. – Also was hat dich wieder ins Reich zurückgebracht, mein Held? fragte Kecskerey; gewiß Liebesabenteuer, wichtige Affairen; ich möchte wetten, daß du eine indische Vestalin entführt hast. – Zuerst antworte mir! spricht man hier noch von meiner früheren Affaire? Herr von Kecskerey machte ein ernstes Gesicht. – Lieber Freund, du bildest dir zu viel ein. Du prätendierst, daß man ein ganzes Jahr lang von nichts anderem spreche, als von deinem lumpigen Duell. Das fällt niemandem ein. Man hat dich so gründlich vergessen, als ob du niemals existiert hättest. Du hast Fennimore getötet und dem Bruder desselben zum Majorat verholfen. Unlängst hat man diesen gefragt, warum er den Prozeß gegen dich nicht betreibe. Was fällt euch ein, sagte er, soll ich meinen Wohlthäter verfolgen? Heute Abend kannst du ihn hier treffen, er ist ein weit klügerer Junge, als sein Bruder war; er wird sich sehr freuen, dich zu sehen. – Das Glück ist meinerseits. Sprechen wir von etwas anderem. Es scheint, daß Pest das Stelldichein unserer eleganten Welt wird; ich vermute das, weil du dich hier etabliert hast. Was treibt ihr denn hier? – Wir verbreiten die Civilisation. Es ist eine etwas fadere Unterhaltung, als die Saison in Paris zuzubringen; aber einige ungarische Magnaten haben sich es in den Kopf gesetzt, von nun an in Pest zu wohnen und ihnen zu Liebe siedeln sich immer mehr und mehr elegante Leute in der lieben Stadt an, in welcher so viel Staub ist, wie in London Nebel. – Unter anderem, was weißt du von Karpáthis? Kecskerey warf sich stolz in die Brust und sprach mit gehobenem Ton: Wofür hältst du mich? Bin ich etwa dein Spion? Soll ich mich in Familien einschleichen und ihre Geheimnisse verraten? Welche Voraussetzung! Abellino warf ruhig die ihm in die Hand geratenen Visitekarten dem Affen an den Kopf, er kannte seinen Mann. Kecskerey pflegte jeden entehrenden Antrag mit der größten Entrüstung zurückzuweisen, führte ihn aber doch immer ans. – Was kümmert's mich auch, sagte er, was Karpáthis machen! Meinethalben mag die Welt reden, daß Frau von Karpáthi jeden Tag ihre Liebhaber wechselt, daß sie heute mit dem Grafen Erdey, morgen mit Kis Misla ein Verhältnis hat, daß der alte Jancsi ihr selber die Hausfreunde zuführt und sich freut, wenn sie diese liebenswürdig findet, daß er sie mit Kis Miska unzähligemal allein in die benachbarten Dörfer Ausflüge machen laßt! Was geht das alles mich an? Ich kümmere mich darum so wenig, als um die Träume meines Affen. Abellino ließ die Visitenkarten in Ruhe und hörte mit Interesse zu. Kecskercy aber that, als ob er das alles nur so ohnehin sagte und rief dann seinen Groom. – Sie befehlen, Herr! – Meine Kleider! Wer kleine Junge brachte die Morgenkleider seines Herrn und half ihm sie anlegen. Abellino machte sich indes das Vergnügen dem kleinen Groom mit seiner Reitpeitsche einen Hieb auf die Beine zu versetzen, überhaupt hätte er heute große Lust gehabt, Menschen und Dinge seinen Unmut fühlen zu lassen, er vergnügte sich damit, daß er die Tabakasche in den glänzenden Fußboden trat und ruhte nicht eher, als bis er eine Schere, die ihm in die Hand geraten war, zerbrochen hatte. – Na, lieber Freund, sagte Kecskerch, als er mit seiner leichten Morgentoilette fertig war, du bist also aus Indien zurückgekommen! Ich zweifle nicht, daß du nun bleibend unter uns deinen Aufenthalt nehmen und meine Soireen mit deiner Gegenwart beglücken wirst. – Ich danke dir; aber ich bin jetzt nicht mehr reich genug, um an deinen Soireen teilzunehmen. Griffard hat mir den Kredit aufgekündigt und ich muß jetzt wirtschaften lernen, wie der erste beste Philister. – Ach, es wäre schade um dich, das paßt für dich nicht. Besser wäre es, wenn du dich mit deinem Onkel aussöhntest. – O, ich will noch lieber ein Bandit sein, als ein Bettler. – Gut gesprochen. Du bist jetzt schön in der Klemme. – So arg, wie man sich's nur denken mag. – Bist du noch immer verliebt in die Frau deines Onkels? – Das nicht, aber ich fürchte, daß jemand anderer in sie verliebt ist. – Das wäre seltsam. – Was wäre seltsam? – Dieser alte Herr hat sich ganz verändert. Er scheint um zwanzig Jahre jünger geworden zu sein, man erkennt ihn gar nicht mehr; er führt ein ordentliches Leben und hat vielleicht sehr geschickte Arzte. Außerdem seid ihr ein dauerhaftes Geschlecht, die Männer aus eurer Familie werden gewöhnlich bis ins hohe Alter von den Frauen für liebenswürdig gehalten. Unlängst begegnete ich deiner Frau Tante in Szolnok und sie sah sehr glücklich, sehr zufrieden aus. – Hölle und Teufel! rief Abellino wütend und entzog dem Herrn von Kecskerey, mit welchem er bisher im Zimmer auf und ab gegangen war, seinen Arm. Wer kann schuld daran sein, daß dieses Weib glücklich und zufrieden ist? Denn das ist nicht möglich, daß ihr Mann imstande ist, das zu bewirken, das ist Lüge, Betrug! – Kann sein, Freundchen, daß es Lug und Trug ist, sagte Kecskerey, und schaukelte sich, die Kniee zwischen den Händen, auf einem Schaukelstuhl. – Wenn ich beweisen könnte, daß dieses Weib in jemanden verliebt ist, wenn ich auf eklatante Weise an den Tag bringen könnte, daß sie mit jemandem in einem verbotenen Verhältnis steht! – Freilich wäre das für dich ein unschätzbarer Fall. – Sie betrügen mich um meine Erbschaft! – Ja, das ist leicht möglich. Der Alte ist imstande seiner Frau die Untreue nachzusehen, nur um dich deiner Erbschaftsansprüche zu berauben. – Das ist unmöglich, das kann nicht sein. Unsere Gesetze geben eine solche Schmach nicht zu. Kecskerey lachte hell auf. – Freund, wenn unsere Gesetze gewissenhafte Nachforschungen darüber anstellen wollten, ob die Legitimität der Sprößlinge in unseren Familien überall in Ordnung sei, dann würden im Anfertigen der Stammbäume kuriose Konfusionen entstehen. – Aber das werden sie doch nicht zugeben, daß eine elende Bettlerin sich in eine vornehme Familie dränge und durch einen ehrlosen Lebenswandel an der Seite ihres altersschwachen Mannes die gesetzlichen Erben verdränge! Darüber lachte Kecskerey noch heftiger. – Seit wir uns nicht gesehen haben, bist du ein sehr moralischer Mensch geworden. – Scherz bei Seite, Freund; du siehst, daß ich ein ruinierter Mensch bin, durch höllische Intriguen ruiniert. Wenn das geschieht, wovor ich zittere, so jage ich mir eine Kugel durch den Kopf. Ich muß um jeden Preis etwas erfahren, wodurch die Karpáthi vor dem Gesetz kompromittiert wird und wenn es nicht so ist, so muß etwas herbeigeschafft werden. Kecskerey legte sein Gesicht in ernste Falten. – Lieber Freund, ich begreife nicht, wozu du mir das sagst. Sehe ich aus wie einer, der dir in solchen Dingen einen Rat geben wird? Das bitte ich nur in allem Ernst aus. Was geht das mich an? Thue, was du willst; im Winter werden Karpáthis hier wohnen. Thue was du willst, bestich ihre Diener, hetze deine Kreaturen gegen sie, damit sie die Frau zum Falle bringen und es dann verraten, umgieb sie mit Spionen, laß alle ihre Schritte beobachten und lege die Sache in die Hand rabbulistischer Advokaten; aber mich laß aus dem Spiel, ich bin ein Gentleman und werde weder ein Spion, noch ein gemieteter Cicisbeo sein. Der würdige Gentleman beeilte sich, sich von dem Schatten eines solchen Verdachts zu befreien, aber deshalb hat er Abellino dennoch die Anweisung gegeben. Er verwahrte sich dagegen, daß Abellino ihn in dieser Sache um Rat bitte und bemühte sich dennoch eine erschöpfende Antwort zu erteilen. Abellino war vollkommen befriedigt; neue Pläne entstanden in seinem Gehirn; er nahm seinen Hut und verabschiedete sich von seinen! Freund aufs freundschaftlichste, Sie gaben sich das Wort, daß sie sich je früher desto lieber wieder sehen wollten. 4. Außen Fracht, innen Nacht. Es mußte geschehen ... Fanny hatte ihrer Freundin versprochen, ihr bei Gelegenheit der Installation ihres Mannes einen Teil der Hausfrausorgen abzunehmen, so wie Flora ihr bei der Versammlung des Windhundvereines geholfen hatte. Zwei peinliche Wochen hindurch hatte sie sich gequält, einen Vorwand ausfindig zu machen, der sie von der Einlösung ihres Versprechens befreien könnte. Sie fand keinen, der triftig genug gewesen wäre. Zu ihrem Unglück war sie so gesund, daß sie sich gar nicht beklagen konnte. Sie mußte sich entschließen. Sie mußte sich entschließen, in das Haus des Mannes zu treten, dem sie lieber so weit hätte ausweichen sollen, daß Meere sie von ihm trennten. Sie mußte die Qual erdulden, ihn auf dem Gipfel seines Ruhmes und Glanzes, als Patrioten gefeiert, von aller Welt bewundert und geliebt zu sehen; sie mußte ihr Herz der Dornenkrone preisgeben, die ihrer wartete, wenn sie diesem Manne und seinem Weibe gegenüberstehen wird, mit blutendem Herzen wird sie deren trauliches Gekose mit anhören und die zarten Aufmerksamkeiten hinnehmen müssen, mit welchen dieselben sie überhäufen werden, und bei dem allen wird sie der Welt ein lächelndes Gesicht zeigen ihre Thränen unterdrücken und ihr Herz verbluten lassen müssen, sie wird sich hüten müssen zu seufzen oder zu erröten, damit niemand ahne, was sie fühlt. O, welch schwerere Last ist die Liebe als der Haß, um wie viel schwerer läßt sich jene verheimlichen als dieser. Was sie fürchtete, wovor sie zitterte, das geschah. Flora vergaß ihr Versprechen nicht, bereits zwei Wochen vor dem Fest schrieb sie ihrer Freundin, sie müsse bei ihr eine Woche zubringen. Also eine ganze Woche sollte sie in der qualvollsten Lage, eine ganze Woche zwischen verheimlichter Leidenschaft und Entsagung zubringen. Welch eine große Sünde muß doch die Liebe sein, wenn die Strafe so groß ist. An demselben Tage, an welchem Frau von Karpáthi nach Szentirma kam, ließ Fräulein Marion einpacken und rüstete sich zur Reise. Rudolf fragte sie, wohin sie gehe. – Ich reise nach meinem Köhalmer Gütchen und will nur dort ein paar angenehme Tage machen. – Warum entfernst du dich von unserem Fest? – Lieber Freund, man fragt oft manches, worauf man die Antwort nicht gern hört. Diese Frage ist von solcher Art. Für uns drei, nein für uns vier, wird es besser sein, wenn ich schweige. Unter der vierten Person verstand sie ohne Zweifel die Frau von Karpáthi. Rudolf fragte nicht weiter, aber man sah es ihm an, daß ihm Marions Entfernung nicht lieb war Flora empfing ihre Freundin mit großer Freude, in ihrem offenen schönen Gesicht zeigte sich unverkennbar die glücklichste Stimmung, als sie Fanny mit ihren Armen umschlang Auch Rudolf benahm sich gegen sie höflich, aber er überstieg diese Grenzen nicht. Mit Freuden sah er die schöne Nachbarin in seinem Hause und gab sich Mühe für ihre Bequemlichkeit zu sorgen, aber er zeigte nicht im geringsten ein ungewöhnliches Interesse. Fanny begann ihre Tage weit weniger gefährlich zu finden, als sie sich vorgestellt hatte. Die männlichen Ideale verlieren in ihrem häuslichen Kreise viel von dem Nimbus, der sie außerhalb des Hauses umgiebt. Man hört sie pfeifen, mit den Dienern zanken, man sieht sie sich mit häuslichen Angelegenheiten und allerlei Kleinigkeiten abgeben; man sieht sie essen, trinken und sich langweilen, man sieht sie oft in nicht vollkommener Toilette, zuweilen mit beschmutzten Stiefeln, wenn sie eben ihre Pferde besichtigt haben; man macht die Erfahrung, daß auch die Ideale mit den kleinen Bedürfnissen des Lebens zu kämpfen haben, und daß sie sich nicht immer in der künstlerischen Positur halten, die man an ihren Porträts sieht. Bei Frauen ist das ganz anders. Die Frau ist dazu geschaffen, um auch im häuslichen Kreise schön zu sein, sie ist immer reizend, immer geschmückt, auch wenn sie in Negligé ist; aber der Mann ist zu Hause am wenigsten schön. Und wenn ein Mann sich es in den Kopf gesetzt hat, ein guter Mann zu sein, so macht er andern Frauen nicht den Hof. Endlich kamen zu allen Stunden so vielerlei politische Patrioten, von Tabak duftende Anführer der Wähler, Stuhlrichter, Notare, Geschworene und Fiskale zu Rudolf, daß man ihn nie anders sehen und hören konnte, als von diesen Politikern umgeben und von trockenen politischen Angelegenheiten sprechend. Kurz Fanny fühlte die Gefahr weit weniger, als sie sich in Rudolfs Nähe befand; sie sah ihn weit ruhiger in der Nähe mit den Augen, als in der Ferne mit der Seele. Menschen, deren Gefühl ein echtes ist, pflegen es gewöhnlich sehr wenig zu zeigen, die gefeiertesten Staatsmänner, die berühmtesten Dichter verraten im täglichen Leben wenig von ihren idealen Gedanken; das war auch bei Rudolf der Fall. Er liebte es, zu Hause als ein ganz gewöhnlicher Mensch zu erscheinen, an dem nichts Außerordentliches ist und das war für Fanny eine große Wohlthat. Diese ganze Woche verstrich ihr so schmerzlos, wie sie es nie gehofft hätte. Frau von Szentirmay war zu zartfühlend, um ihren Gatten vor der Freundin viel zu loben. Das ist die Gewohnheit sehr schwacher oder sehr prahlerischer Gemüter. Ein richtig fühlendes Weib kann es wohl einmal sagen, wie sehr sie ihren Mann anbete, aber weiter hält sie es nicht für nötig, das zu versichern. Sich der Verdienste des Mannes fortwährend rühmen, ihn unaufhörlich preisen, das ist eine Schwachheit, die selten gut aufgenommen wird. So war denn die Zeit, welche Fanny im Schloß zu Szentirma zubrachte, für sie nicht so peinlich. Dazu kam noch, daß Rudolf in den letzten Tagen sich nach dem Hauptort des Komitats begeben mußte, von wo er erst einen Tag vor der Installation zurückkehrte. Die beiden Damen trafen indes die Vorbereitungen zum Fest mit der größten Sorgfalt. Was die eine zufällig vergaß, fiel der andern ein. Fanny fand ihre Lage von Tag zu Tag natürlicher; macht doch das praktische Leben so vieles möglich und begreiflich, was man sich als unmöglich vorgestellt hat. Wir werden es sehen. Am Tage der Installation fuhren die beiden Frauen nach dem Hauptort des Komitats, wo in der Nähe des Komitathauses für Rudolf die Obergespanswohnung hergerichtet war. Szentirmay hätte zwar gewünscht, daß seine Installation mit so wenig Pomp als möglich vor sich gehe, denn es schien ihm doch etwas zu orientalisch, daß die vermögliche Klasse für öffentliche Anstalten so wenig opferte, während sie auf einen pompösen Einzug Tausende, viele Tausende, verschwendete; indes boten die Banderien der Adeligen mit ihren Parteifahnen, von den Stuhlrichtern angeführt, die zwölf adeligen Jünglinge, die in prächtiger altungarischer Tracht neben dem Wagen des Obergespans ritten, die ungeheure Volksmenge, welche die Gassen und die Dächer der Häuser bedeckte, die lange Reihe prächtiger Kutschen, in welchen goldstrahlende Magnaten saßen, einen genug prachtvollen Anblick. Die vornehmsten Damen sahen vom Erker des Komitathauses den unten vorüberziehenden Zug mit an; unter ihnen befand sich auch Frau von Karpáthi. Kaum erkannte sie die in den Kutschen in feierlicher Haltung sitzenden Männer, so verändert sahen sie aus durch die orientalisch prächtige Kleidung und durch ihren orientalischen Ernst. Mehrere der jungen Reiter grüßten sie mit ihren Degen. Endlich kam auch die Kutsche des Obergespans an, umgeben von den zwölf reitenden Jünglingen; er saß barhaupt in der offenen Kutsche und in seinem Gesicht zeigte sich Rührung, Schritt für Schritt wurde er mit lautem Éljenrufen begrüßt. Jedermann kannte ihn seinem guten Rufe nach. Alles freute sich, daß der beste Patriot, der gerechteste Mann zum obersten Beamten des Komitats erwählt wurde. Wer ihn noch nie gesehen hatte, mußte ihn an seinem edlen Gesicht erkennen. Er war das Muster einer antiken Heldengestalt; so stellen wir uns jene Kriegshelden vor, die von siegreichen Schlachten heimkehrend, sich niedersetzten, um Gesetze zu geben, welche die Furcht des Feindes, der Schutz des Volkes und die Liebe der Gattin waren. Frau von Karpáthi sah zitternd auf ihn. O, es wäre besser gewesen, wenn sie ihn jetzt nicht gesehen hätte. Der Zug ging durch das Thor des Komitathauses und nach einer halben Stunde steht Rudolf im großen Beratungssaale und erfüllt die Herzen der Zuhörer durch seine Rede mit Begeisterung. Frau von Karpáthi hört ihn von der Galerie aus. O, es wäre besser, wenn sie ihn nicht hörte. Jetzt liebt sie ihn nicht nur, jetzt betet sie ihn an. Indes bemerkt sie, daß jemand unten im Saale ihr mit Kopf und Händen winkt und sich endlich auf einen Stuhl stellt, um von ihr besser gesehen zu werden. Anfangs erkannte sie den Mann nicht, aber mitten in einem Wust unangenehmer Erinnerungen fand sie dieses Gesicht wieder. – Es war Herr von Kecslerey. Was mag den würdigen Herrn hergebracht haben? Ohne Ursache pflegt er sich nirgends hin zu bemühen. Der Anblick dieses Mannes machte auf Fanny eine so peinliche Wirkung, daß es ihre Nerven affizierte und so oft sie hinunter sah, begegnete sie seinen stechenden Blicken. Nach Beendigung der Ceremonien folgte das übliche Bankett und von hier verfügten sich die Gäste in den Beratungssaal, der mit zauberischer Schnelligkeit in einen Tanzsaal verwandelt wurde. Was in der Umgegend schön und vornehm war, war hier versammelt. Die berühmtesten Männer und die schönsten Damen waren da. Rudolf eröffnete den Tanz mit der Fürstin ** und dann tanzte er der Reihe nach mit den übrigen Damen. Fanny zitterte, ihr Herz pochte, als sie ihn sich nähern sah. Sie saß allein, weil sich Frau von Szentirmay eben mit einem jungen Manne zum Tanz entfernt hatte. Rudolf näherte sich ihr höflich und forderte sie mit einer ritterlichen Verbeugung zum Tanze auf. O, wie schön war er! Fanny wagte nicht, ihn anzublicken. Sich zu ihr neigend, reichte ihr Rudolf die Hand. Armes Weib! Kaum war sie imstande die paar Worte hervorzubringen: Ich darf nicht tanzen, mein Herr. Ich bin sehr krank gewesen ... Er mußte es ihr glauben, war sie doch in diesem Augenblick so blaß, als ob man sie gleich ins Grab legen sollte. Rudolf drückte mit einigen höflichen Worten sein Bedauern aus und zog sich zurück. Fanny wagte es lange nicht, ihre Augen aufzuschlagen, als ob sie fürchtete, daß er noch vor ihr stehe. Endlich blickte sie auf und sie sah Herrn von Kecskerey vor sich stehen. – Sie sind rührend schön wie eine Madonna! sprach der wackere Chevalier, seinen Chapeau-bas schwenkend, und trat dreist zu ihr hin. Fanny sammelte sich schnell, als ob sie ahnte, daß sie vor diesem Menschen ihre Seele verbergen müsse; sie erwiderte seinen Gruß mit frostigem Lächeln und that, als ob sie sich vor ihm gar nicht fürchtete. – So groß der Verlust für die Gesellschaft ist, das Eure Gnaden nicht tanzen, ebenso groß ist der Gewinn für mich, da ich ebenfalls nicht tanze, sagte der Chevalier mit impertinenter Schmeichelei, nahm mit dreister Zuversicht neben der Frau von Karpáthi Platz und schlug die Beine übereinander. Wird es Eure Gnaden nicht lästig sein, wenn wir ein wenig plaudern? – Ich werde zuhören. – Dieser Tage wurde die Hauptstadt durch eine freudige Nachricht elektrisiert, die jeden glücklich machte, der sie hörte. – Und die ist? – Daß Eure Gnaden den nächsten Winter in unserer Hauptstadt zubringen werden. – Das ist noch nicht gewiß. – Dieses Wort bringt mich in Verzweiflung. Mein Freund Karpáthi sollte so unhöflich sein und sich nicht beeilen, den Wunsch seiner liebenswürdigen Gemahlin zu erfüllen? – Ich habe niemandem gesagt, daß ich in Pest zu wohnen wünsche. (Diese Frau hat Geheimnisse, dachte Kecskerey; ihr Palais in Pest wird doch schon eingerichtet. Wir werden es gleich herausbringen.) – Diesen Winter werden die Salons in Pest sehr interessant sein, wir werden dort einen sehr eleganten Zirkel bilden. Szépkiesdys, Graf Gregor mit seiner Mutter, der junge Darvay, das Idol der Liberalen, der ritterliche Csendey, der geniale Abenteurer Kis Miska und viele andere werden da sein. Fanny spielte gleichgültig mit dem Fächer; keiner von diesen interessierte sie. (Von allen diesen kann sie wissen, daß sie dort sein werden, darum ist sie nicht überrascht. Nennen wir jemanden, von dem wir selbst noch nicht wissen, ob er dort sein werde.) – Ich weiß sogar auch das gewiß, daß unser gefeierter Freund, Rudolf, den Winter mit seiner schönen Gemahlin in Pest zubringen wird. Ha! Ließ sie die Wirkung merken? Vermochte sie den stechenden Schmerz zu verbergen, den sie in diesem Augenblick fühlte? Nein, sie verriet sich nicht, Sie sagte nur: Ich glaube nicht, daß wir nach Pest gehen. Hiermit stand sie auf. Der Tanz war zu Ende und sie promenierte, Arm in Arm mit Flora, die eben herbeigeeilt war, im Saale. Kecskerey blieb gemütlich auf dem Diwan sitzen und dachte: Warum atmete sie so schwer, als sie sagte: »Ich glaube nicht, daß wir nach Pest gehen?« Kecskerey ergriff die nächste Gelegenheit, sich Rudolf zu nähern, nahm dessen Arm und ging mit ihm, als wäre er sein bester Freund, im glänzenden Saal auf und ab. Wir halten es für gut, daran zu erinnern, daß Kecskerey für eine Persönlichkeit von beachtenswertem Renommee gehalten wurde, und daß man es für schicklich hielt, mit ihm in irgendeiner Beziehung zu stehen. Kecskerey führte Rudolf unter einen Luster, ich weiß nicht ob aus dem Grunde, daß er gesehen werde oder damit Rudolf besser sehe. Die beiden jungen Damen, die Königinnen des Balles, gingen Arm in Arm vor ihnen vorüber; wie schön waren beide! Wenn sie sich einander anlächelten, so fragte man sich unwillkürlich: Wozu braucht eine Sonne die andere zu beleuchten? – Welche zwei Frauen! sprach Kecskerey hingerissen. Welcher von beiden würde wohl der arme Paris jetzt den Erisapfel geben? Sie gehen Arm in Arm; das ist eine wahre belle alliance ! Jede allein könnte schon die Welt besiegen, wozu haben sie es nötig, sich zu verbinden. Freund, hüte dich vor diesem gefährlichen Bündnis; die Karpáthi ist eine wahre Perle! – Meine Frau ist schöner, antwortete Rudolf mit glücklicher Zufriedenheit. – Ich bete dich an für dieses Wort, Rudolf, du Perle der Männer. Deine Frau ist wahrhaftig ein Engel. Die Karpáthi verschwindet neben ihr, Sie ist übrigens nicht eine solche Schönheit, die einen geistreichen Mann interessieren kann; sie ist auch sehr empfindlich. – Na, na, ich wünsche nicht, daß du sie um meiner Frau willen verleumdest, ich gebe sogar zu, daß die Karpáthi eine sehr schöne Frau ist und für manchen Geschmack kann sie das Ideal einer Schönheit sein. – Das ist wahr; der arme Abellino hätte es sich zum Beispiel von niemandem bestreiten lassen, daß seit der Helena oder der Ninon de l'Enclos ein schöneres Weib geboren worden sei, als sie. Er war ganz vernarrt in sie, er hätte sich für sie ruiniert und wollte ihrethalben sechzigtausend Gulden ausgeben. – Wie verstehst du das? fragte Rudolf betroffen. Kecslerey lachte gemütlich. – Ma foi , deine Frage ist naiv, Rudolf; als ob du nicht wüßtest, daß man für junge Damen etwas auszugeben Pflegt. – Aber ich weiß auch, was Abellino passiert ist, als er dem Mädchen sechshundert Gulden in die Hände schieben wollte; sie sind ihm in einer Weise zurückgestellt worden, die zwischen Brüdern so viel wert ist, wie eine Ohrfeige. Ich erinnere mich noch sehr wohl daran, denn es ist ein Duell daraus entstanden, wobei ich der Sekundant von Abellinos Gegner war. – Ja, das ist wahr. Es kommt oft vor, daß man dem Gegner lumpige sechshundert Gulden ins Gesicht wirft, was man aber mit sechzigtausend Gulden nicht thut. Ich sage das nicht, um der Karpáthi etwa schaden zu wollen; denn es ist zwischen ihr und Abellino zu nichts gekommen. Zwar hatte sie seinen Antrag schon angenommen und ihrer Mutter, der braven Frau Mayer versprochen, Abellinos Worten, nämlich seinen sechzigtausend Gulden, günstiges Gehör zu verleihen; da gab es ein glücklicher Zufall dem alten Jankó ein, ihre Hand zu begehren und das Mädchen wußte zwischen beiden Anträgen den vorteilhaftern zu wählen. Aber nicht um die Welt möchte ich hiermit etwas Böses gesagt haben; sie ist eine Dame von tadellosem Ruf, aber ich sehe nicht ein, warum nicht einer oder der andere sein Glück probieren sollte. Jetzt kamen mehrere Bekannte zu Rudolf, wegen welcher er sich von Kecskerey losmachte. Aber von diesem Augenblick an bemächtigte sich seiner eine gewisse Unruhe und so oft er seiner Frau begegnete, die mit der Karpáthi konversierte, überkam ihn ein unangenehmes Gefühl und immer dachte er: Diese Frau wäre für sechzigtausend Gulden käuflich gewesen. Und dann dachte er, daß Kecskerey heute Abend diese schöne Geschichte noch wenigstens fünfzig anderen erzählen werde; binnen einer Stunde wird es die ganze Gesellschaft wissen und dann wird man seine Frau mit diesem Weibe vertraulich promenieren sehen. Was kümmerte ihn die Karpáthi; seinethalben hätte sie noch einmal so schön sein können! aber er besorgte, daß sie auf seine Frau, auf seine geliebte, angebetete Frau einen Schatten werfen werde und dieser Gedanke machte ihn unruhig. Warum hat er nur zugegeben, daß sie mit diesem Weibe Bekanntschaft mache! Freilich war Flora so gutherzig, daß sie aus Barmherzigkeit dieses Weib zu sich erheben wollte, ohne zu bedenken, daß sie sich durch die Erinnerungen, welche sich an Fannys Vergangenheit knüpften, beflecken könnte. Er wußte zwar, daß Kecskerey gewohnt war, die Menschen zu verleumden, aber er wußte auch, daß an diesen Verleumdungen immer etwas Wahres sei. Er konnte das Ende des Balles kaum erwarten und eilte dann seine Frau aufzusuchen. Die Diener sagten ihm, sie habe sich schon in ihr Schlafzimmer begeben. Er klopfte an und sie ließ ihn ein. Flora war noch angekleidet und das Kammermädchen war eben damit beschäftigt, ihr die Haare aufzulösen. – Darf ich auf ein Wort hineinkommen? fragte Rudolf scherzhaft, auf der Schwelle stehen bleibend. Das liebenswürdigste Lächeln versicherte ihn der Erlaubnis. Das Kammermädchen war eben mit dem Auflösen des knappen Kleiderleibs beschäftigt. – Könnte ich dieses Geschäft nicht auch verrichten? fragte Rudolf. Flora lächelte und winkte dem Kammermädchen, daß sie sich entferne. Wie hätte es Rudolf bei der angenehmen Beschäftigung, die er jetzt erhielt, nicht einfallen sollen, diesen schlanken Leib mit seinen Armen zu umfassen und wie hatte er dann dem Verlangen widerstehen können, auf ihr rosiges Gesicht einen glühenden Kuß zu drücken? – Ah, halt, sagte Flora Plötzlich, sich seinen Armen entwindend, weißt du, daß ich auf dich böse bin? Es war jedenfalls liebenswürdig von ihr, daß sie sich erst von ihm küssen ließ und sich erst dann erinnerte, daß sie böse sei. – Darf ich wissen, was ich verbrochen habe? – Du warst heute sehr unhöflich gegen mich: den ganzen Abend hast du mich nicht gewürdigt, mit mir ein Wort zu sprechen; ich bin immer dorthin gegangen, wo Rudolf stand, ich bin wohl zehnmal vor ihm vorübergegangen, wer mich aber nicht einmal ansah, das war Rudolf. Rudolf gelang es indes, das kleine drohende Händchen zu erfassen, das er erst an seine Lippen und dann an seine Brust drückte; hierauf nötigte er das liebenswürdige Weib, sich neben ihm niederzusetzen. – Weißt du, daß ich genötigt war, auf dich sehr viele Witze zu machen? – Ich kann mir vorstellen, daß sie alle recht treffend waren. Darf ich einige davon hören? – Ich sagte: seit Rudolf Obergespan geworden ist, will er auch vor seiner Frau sein Ansehen bewahren. Aber das wird er dennoch nicht erreichen, nein, nein! wir werden ihm schon zeigen, daß wir uns vor ihm nicht ein bißchen fürchten, daß wir ihn gerade so nehmen, wie früher. Hiermit warf sie sich ihm mit staunenswerter Kühnheit au die Brust, umfaßte ihn mit ihren runden Armen, küßte ihn unzähligemal die Wangen, die Lippen, die Augen und zeigte, daß er sich vergebens ein Ansehen geben will, daß sie sich nicht ein bißchen vor ihm fürchtet. Nein, nein, nicht ein bißchen und jedes Nein besiegelte sie mit einem neuen Kuß. Rudolf vergaß völlig, weshalb er gekommen sei und seinethalben hatte sie gar nicht aufhören mögen, ihm ihre liebenswürdigen Vorwürfe zu machen. – Doch ohne Scherz, Rudolf, sagte Flora, indem sie sich die Locken aus dem Gesicht streifte und sich bemühte, ganz ernst zu sprechen. – Also war das nur Scherz? fragte er, sie näher zu sich ziehend. – Du mußt mir Rede stehen, warum du heute schlechter Laune warst. – Lassen wir das auf morgen. – Nein, nein, du mußt mir es noch heute lagen; du siehst, daß ich böse bin und es heißt, daß man sich mit dem Zorn nicht zu Bett legen soll. Es wäre nicht schön von dir, wenn du mich nicht versöhnen möchtest. – So laß mich denn mein Verbrechen wieder gut machen; drei Stunden war ich nicht in deiner Nähe, drei Tage will ich dir nicht von der Seite gehen; obwohl ich weiß, daß das für dich, anstatt für mich eine Strafe sein wird. – Ach, Rudolf, mache keine schlechten Witze und das war einer. Aber auch ein guter Witz würde dir nichts nützen, du mußt mir schlechterdings dein heutiges Benehmen erklären. Warum warst du schlechter Laune? – In der Empfangsrede ist etwas vorgekommen, das mich unangenehm berührte. – Ach, das geht nicht Freund, mich betrügst du nicht; du willst lügen? Mit diesem aufrichtigen Gesicht willst du lügen? und vor mir, die ich dir in der Seele lese? das geht nicht, sage mir die Wahrheit. Rudolf wurde ernst und begann nachzudenken, aber dann antwortete er dennoch nur: Sprechen wir davon heute nicht mehr. – Warum nicht? – Es könnte zu lange dauern. – Ach, Rudolf ist schläfrig! der arme Rudolf fürchtet sich, die Rede werde zu lange dauern. Na, gute Nacht, lieber Rudolf. Wenn du schlafen gehst, so schicke mir mein Kammermädchen herein. – Rudolf stand auf, verbeugte sich und that im Ernst so, als ob er gehen wollte. Dann war natürlich an der Frau die Reihe, nachgiebig zu werden. – So bleibe doch, ich habe ja nur gescherzt, sagte sie mit schmeichelndem Ton und stellte sich ihm in den Weg. Siehst du, du bist auch jetzt noch zu böser Laune geneigt, man kann mit dir nicht einmal scherzen. – Du hast mich vielmehr deshalb fortschicken wollen, weil ich dir zu wenig ernst war. – Sei es so; sei du ernst und ich werde heiter sein; aber nicht umgekehrt, antworte mir nicht schelmisch. Wenn ich dich etwas fragen werde. Komm her, wir wollen ein Rätselspiel beginnen. Wetten wir, daß ich errate, was dir fehlt. – Nun gut, Wir wollen sehen, sagte Rudolf, sich zurecht setzend und legte seinen Kopf in Floras Schoß. – Du hast eine Plauscherei gehört. – So was. – Über wen? – O, wenn ich dir das sage, so hast du weiter nichts zu erraten. Errate es. – Über mich? – Der müßte eine lebhafte Phantasie haben, wer etwas ersinnen wollte, um dich zu verleumden. Für dieses Kompliment mußte sie ihm die Stirne küssen. – Also über wen denn? – Du sollst dich nicht weiter quälen, ich will dir es sagen; ich bin auch bloß in der Absicht gekommen, um es dir zu sagen. Aber dann fürchtete ich, dir weh zu thun und du mußt mir bezeugen, daß ich erst nach einer strengen Inquisition mit der Sprache herausrücke. Mir gefällt es nicht, es beunruhigt mich, daß du der Karpáthi so große Freundschaft bezeugst. Ah! Flora konnte vor Erstaunen nicht gleich antworten; sie hätte alles andere erwartet, nur das nicht. Das ist in der That überraschend. Ein anderer Mann ist auf Männer eifersüchtig, du bist der erste, der auch auf eine Frau eifersüchtig ist. – Du weißt, daß ich dich liebe! Was ich für dich fühle, ist Vergötterung, Anbetung und ich will, daß jeder, der dich sieht, der dich kennt, dich ebenso achte, wie ich, selbst nicht im Gedanken soll man gegen dich freveln. – Und gebe ich zum Gegenteil Anlaß? – Du nicht, aber deine Umgebung. Diese Karpáthi ist eine Frau von sehr zweifelhaftem Ruf. – Rudolf, guter Rudolf, warum beleidigst du diese arme Frau? Wenn du sie kenntest, so würdest du sagen, daß es in der ganzen Welt kein bemitleidenswerteres Weib giebt, als sie. – Ich weiß es, und du hast ihr aus Mitleid dein Herz geschenkt. Vor dir selbst gereicht das deinem Herzen nur zur Ehre, aber nicht vor der Welt. Man hält sie für ein sehr leichtsinniges Weib. – Die Welt ist ungerecht. – Vielleicht nicht ganz. In der Vergangenheit dieser Frau ist vieles, wodurch das Urteil gerechtfertigt wird. – Aber in ihrer Gegenwart ist noch mehr, wodurch es widerlegt wird. Sie besitzt einen achtungswerten Charakter. Rudolf streichelte seiner Gemahlin freundlich den Kopf. – Liebe Flora, du bist ein Kind, du verstehst vieles nicht und wirst es nicht verstehn. Es giebt in der Welt Gedanken, häßliche, außerordentliche Gedanken, welche deine reine Seele niemals begreifen kann. – O halte mich nicht für so einfältig. Ich weiß alles; ich weiß, daß Fannys Schwestern schlechte, charakterlose Frauenzimmer sind, und daß sie selbst vor einem gleichen Verderben nur von ihren edleren Verwandten gerettet worden ist. Ich weiß, daß das alles einen Schatten auf sie wirft, aber ich weiß auch, daß, so lange ich ihre Hand in der meinen halte, niemand es wagen wird, sie zu verurteilen. Und das macht mich stolz, selbstzufrieden. – Und wenn man dich mit ihr vermengt? – Das verstehe ich nicht. – Wenn man von dir dasselbe sagt, was man von ihr sagt, daß du ein leichtsinniges, schwaches Weib bist? – Ohne Grund? – Nicht ohne Grund. Sie lebt in der Umgebung eines Schwarmes von seelenlosen Menschen, welche dem Ruf einer Dame gewiß nichts nützen. Und du kommst durch die Karpáthi mit denselben Leuten täglich in Berührung. – Es ist mir, als ob ich Fräulein Marion sprechen hörte. – Es ist aber mein eigener Gedanke; du wirst deiner Freundschaft mit der Karpáthi zu verdanken haben, daß man auch dich für ein leichtsinniges, schwaches Weib halten wird. – Mich? Mich für ein leichtsinniges, schwaches Weib? wiederholte Flora mit sichtlich verletztem Selbstgefühl und zuckte hierauf die Achseln. Meinetwegen; lieber soll die ganze Welt gegen mich, als ich gegen einen Menschen ungerecht sein. Was kümmert mich übrigens die Welt! Du bist meine ganze Welt, Meinethalben möge mich alles wegen der Karpáthi für leichtsinnig halten, wenn du mich nur nicht dafür hältst. – Und wenn auch ich dich dafür halten würde? Flora erhob sich befremdet von Rudolfs Seite. – Du Rudolf? Du könntest mich für leichtsinnig halten? Bedenke, was du gesagt hast; meinst du es im Ernst? – Im Ernst. Flora bedachte sich einen Augenblick, dann sagte sie entschlossen: Gut, Rudolf. Ich will dir beweisen, daß ich weder leichtsinnig noch schwach bin, nicht einmal dir gegenüber . Hiermit schritt sie zur Glockenschnur und riß dreimal heftig daran. Das Kammermädchen kam herein. – Netti, Sie werden heute bei mir bleiben. Rudolf blickte erstaunt auf seine Gattin. – Heißt das Verbannung? – Ja. – Wird sie lange dauern? – So lange, bis du dein Wort zurücknimmst. Rudolf küßte ihr lächelnd die Hand und entfernte sich. Er hörte, wie das Schlafzimmer seiner Frau von innen verschlossen wurde und verwünschte die ganze Karpáthische Sippschaft, welcher er den schlechten Spaß zu verdanken hatte. Er legte sich unmutig zu Bett und konnte lange nicht einschlafen. Die Liebe flüsterte ihm öfter ein, er möge zurückkehren und sie um Vergebung bitten; aber das männliche Selbstgefühl hielt ihn zurück. Er durfte sich nicht so schnell ergeben. Er muß beweisen, daß er, wenn seine Frau Kraft zu entsagen hat, dieselbe Kraft nicht minder besitzt. Morgen wird sie gewiß die erste sein, welche nachgiebt. Solche Vorfälle kommen im Leben der liebevollsten, gemütlichsten Eheleute vor, aber sie werden dadurch nicht klüger. Mit seinem energischen Vorsatz schlief Rudolf ein und hatte noch den Ärger, daß er im Traum immer der Frau von Karpáthi begegnete, er sprach, promenierte und tanzte mit ihr im Traum! – Wie ärgerte er sich, als er erwachte. Wer weiß aber, ob es nicht die irrende Seele der schwärmerischen Frau war, die ihn aufsuchte, um ihn im Traum zu umschweben und ihm zu sagen: du hassest und verachtest mich, ich aber liebe dich schon so lange und so sehr! 5. Gefährliches Experiment. Am andern Tag kam Rudolf erst beim Mittagmahl in Gegenwart einer zahlreichen Gesellschaft mit seiner Gattin zusammen. Im Gesicht der schönen Dame war keine Spur von Verdruß, sie war reizend wie immer und gegen ihren Mann voll unerschöpflicher Herzlichkeit und Zuvorkommenheit. Rudolf dachte sich: Ich habe es ja gleich gewußt, daß sie ihren Zorn ausschlafen wird! Und er lächelte vergnügt. Als sich die Gäste am späten Abend zerstreut hatten, blieben die beiden wieder allein. Sie war noch schöner und liebenswürdiger, als je. Nie war ihr Gespräch so voll Witz und Schmeichelei, wie in dieser Stunde und was von diesen Lippen mehr wert ist, als Schmeichelei, ihre Küsse waren nie glühender, leidenschaftlicher gewesen, nie hatte ein solcher Freudenrausch aus ihren Augen gestrahlt. Rudolf dachte dankbar an das Sprichwort: was sich neckt, das liebt sich. Er glaubte den Sieg des gestern begonnenen Streites vollkommen zu genießen und war großmütig genug, sich jetzt dieses Sieges zu rühmen. Als er endlich freudetrunken Flora mit seinen Armen umschlungen hielt, als ob er sie ewig nicht loslassen wollte, entwand sie sich sanft seinen Armen und flüsterte auf seine Schultern gelehnt, ihm ins Ohr: Nun, lieber Rudolf, behüte dich Gott. Wünschen wir uns gute Nacht. Rudolf staunte. – Du siehst, daß ich nicht so leichtsinnig bin, wie du denkst, ich bin nicht schwach, selbst dir gegenüber nicht, aber ich liebe dich und niemand verwehrt mir's dich zu lieben. Hiermit warf sie ihm eine Kußhand zu und entfernte sich in ihr Schlafzimmer; Rudolf hörte, wie sie zweimal den Schlüssel umdrehte. Das war denn doch zu viel, wenigstens genug, um ihn zu ärgern. Rudolf riß sich vor Arger vielleicht zehn Knöpfe ab, als er sich auskleidete und nahm dann, um sich zu zerstreuen, das Corpus juris vor; aber ärgerlich schleuderte er es zur Erde, er verstand kein Wort davon, seine Gedanken schweiften anderswo. Den andern Tag wiederholten sich die heutigen Scenen. Flora war unerschöpflich an Liebenswürdigkeit. Gleich einer verlockenden Sirene umspann sie ihren Mann mit reizenden Schmeicheleien, sie war die Güte und Sanftmut selbst. Und als sie sich nachts in ihr Schlafzimmer begab, schloß sie sich wieder allein darin ein. Das ist die grausamste Folter, die man sich vorstellen kann. Mit diesem liebenswürdigen Weibchen verglichen, ist ein Caligula oder ein Nero ein wahrhafter Philanthrop. – Wie lange wird diese Kontumaz dauern? fragte Rudolf eines Tages. – So lange, bis du dein erniedrigendes Urteil zurücknimmst. Das hätte er mit einem Wort abmachen können; aber dieses eine Wort kommt dem männlichen Stolz teuer zu stehen. Das Weiberjoch kann auch einem wahrhaften Manne angenehm sein und warum sollte er seinen Nacken nicht darunter beugen, wenn es ihm so gefällt, wenn er es freiwillig thut, warum sollte er der liebenswürdigsten Tyrannin nicht huldigen? Aber gezwungen, besiegt, wird er es nie thun! Dieses Wort, mit welchem er um Vergebung bitten sollte, dieses Wort der Huldigung würde er nur dann aussprechen können, wenn alles verloren wäre. Er wird seine Gattin zum Nachgeben zwingen; in den einsamen, schlaflosen Nächten hat er Zeit genug gehabt, einen dazu gehörigen Plan zu ersinnen. Er wird sich auf eine Woche vom Hause entfernen und seiner Gattin nicht sagen, wohin er gehe. Karpáthis sind jetzt in ihrem Kastell zu Nagykunmadaras. Diese Woche wird er dort zubringen. Es ist unmöglich, daß die junge Frau ihn nicht gern sehe, er wird ihr den Hof machen. Des Erfolges ist er gewiß. Er hat früher schon über sprödere Frauen triumphiert, wenn er sich es einmal in den Kopf gesetzt hatte, sie zu besiegen. Der alte Karpáthi wird sich darum nicht kümmern und sich noch freuen, wenn seine Frau sich unterhält. Es wird keiner großen Zauberei bedürfen, um die genußsüchtige Frau zu bewegen, daß sie ihn mit irgendeinem Zeichen ihrer Gunst beschenke. Mehr braucht er dann nicht. Wenn er nur einmal einen Beweis von der Schwäche dieses Weibes in Händen hat und sagen kann: »Schau, das ist die Dame, für deren Tugend du gutgestanden bist, um derentwillen du deinem Manne gram sein und ihn von deinem Herzen, dem größten Schatz, den Gott ihm gegeben, verstoßen konntest. Sieh, es bedurfte nur noch eines Wortes und eines Blickes und dieses Weib, welchem du der Warnung deines Mannes zum Trotz dein Herz geschenkt hast, wäre fähig, dir das Herz deines Mannes zu rauben. Nicht wahr, dieses Weib ist schwach?« Mit diesem Plane, mit dieser Absicht rüstete er sich am folgenden Tag zur Abreise. Mit dem freundlichsten Gesicht, den zärtlichsten Ausdrücken und dem liebevollsten Herzen nahm Flora von ihm Abschied. Das war nicht geheuchelte Liebe, sondern ein Sieg über ihre glühendsten Gefühle. Rudolf flüsterte ihr zärtlich ins Ohr: Ist der Krieg zwischen uns beiden auch jetzt noch nicht zu Ende? – Ich fordere unbedingte Ergebung, sprach Flora mit unerbittlichem Lächeln. – Gut; er wird zu Ende sein, sobald ich zurückkomme. Aber dann werde ich die Friedensbedingungen diktieren. Flora schüttelte zweifelnd ihr schönes Köpfchen und küßte ihren Mann einmal über das andere und als er schon im Wagen saß, sprang sie hinauf zu ihm, um ihn noch einmal zu küssen; dann ging sie auf den Erker hinaus und sie winkten sich noch, sie mit dem Tuch, er mit dem Hut Lebewohl zu. So reist der ehrliche Mann vom Hause weg, mit der Absicht, die Gattin eines andern zu verführen, bloß damit er dadurch seine eigene Frau versöhne. Wenn er wüßte, was er thut! ... * Karpáthis hielten sich seit der Installation in ihrem Kastell zu Madaras auf; der alte Karpáthi hatte hierdurch dem Verlangen seiner Gemahlin nachgegeben, die ihn bat, dort mit ihr einige Zeit zu verweilen, obwohl dieses Kastell ihr lange nicht ein so angenehmer Aufenthaltsort war, als dasjenige zu Karpáthfalva. Fanny wollte nur fern von Szentirma sein, und in Pest zu wohnen, verlangte sie nicht zu sehr, seit sie von Kecskerey gehört hatte, daß Szentirmays dort den Winter zubringen werden. Bis die an Karpáthfalva gewöhnten Besucher nach Madaras kamen, verflossen ihr die Tage in ziemlicher Einsamkeit. Sie war mit dieser Einsamkeit zufrieden und wenn wir sagen, daß sie den ganzen Tag in der Nähe Karpáthis zubrachte, so können wir kühn behaupten, daß auch er sich nach keiner andern Gesellschaft sehnte. Eben promenierte er mit seiner Frau im englischen Garten. Die sanften Rehe, die hier herumliefen, kannten schon die Herrin, sie hatte immer Zuckermandeln in der Tasche; sie liefen zu ihr hin, aßen ihr das süße Geschenk aus der Hand und folgten ihr überall nach. Plötzlich hört sie Kutschengerassel auf der Straße und Karpáthi, der über die Umzäunung blickte, rief: Sieh da, das sind ja Szentirmays Pferde. Fanny fuhr zusammen, Karpáthi, der sie am Arm hielt, fühlte es. – Wärst du da nicht bald gefallen? – Ich bin auf eine Schnecke getreten, sagte sie, und erblaßte. – Du Närrchen, wie du erschrocken bist. Ich wußte es, daß Flora dich hier aufsuchen wird; o, diese Frau liebt dich sehr. Aber wer sollte dich nicht lieben? Fanny bemerkte von weitem, daß in der Kutsche, die sich näherte, nicht eine Dame, sondern ein Mann saß. Karpáthi hatte schon schwache Augen. Die Pferde konnte er wohl erkennen, aber nicht den, der im Wagen saß. – Komm', gehen wir ihr entgegen; sagte er zu seiner Frau, als der Wagen in den Park einbog. Fanny blieb wie eingewurzelt stehen. Vielleicht wäre es für sie besser gewesen, wenn sie auf der Stelle in eine Trauerweide verwandelt worden wäre, in deren niederhängenden Zweigen es so melancholisch säuselt und flüstert. – Nun, so komme doch deiner Freundin entgegen, drängte der Alte. – Das ist ja nicht Flora, stammelte sie zitternd. – Also wer denn? fragte Karpáthi. Jeden andern hätte das ungewöhnliche Benehmen seiner Frau jetzt überrascht, aber er war weit entfernt von jedem Verdacht. – Also wer kommt denn? – Das ist Floras Gemahl, sagte Fanny und zog ihre Hand aus Karpáthis Arm. – Was du für ein Närrchen bist; du mußt ihn ja empfangen, du bist ja die Frau vom Hause. Auf dieses Wort kam ihr die Besinnung wieder; sie war aber schon nahe daran gewesen, sie zu verlieren. Sie sprach kein Wort mehr; verhärtete ihr Herz, zwang ihr Gesicht zu einem ruhigen Ausdruck und eilte dem Ankommenden am Arm ihres Mannes entgegen. Was ist die Angst des zum Tode verurteilten Verbrechers gegen die Gefühle, die jetzt in Fannys Herzen tobten. In ihrer eigenen Wohnung mußte sie den empfangen, den sie bis zum Wahnsinn liebte, ihn allein mußte sie empfangen, ohne daß seine Frau zugegen war. Sie muß ihm freundlich begegnen, denn die Pflicht, der Anstand gebieten es. Vielleicht muß sie ihn auch unterhalten – unterhalten! Sie gelangten eben in dem Augenblick in die Vorhalle des Kastells, als Rudolfs Wagen vorfuhr. Kaum erblickte sie der junge Magnat, so eilte er zu ihnen hin. Karpáthi reichte ihm schon von weitem die Hand entgegen, welche Rudolf freundschaftlich schüttelte. – Na, gieb ihm doch auch die Hand, sagte Karpáthi zu seiner Frau; er ist ja der Mann deiner Freundin, du blickst ihn gerade so an, als hättest du ihn niemals gesehen. Fanny glaubte, der Boden bebe unter ihr, der alte Palast mit seinen Säulen und steinernen Figuren tanze um sie. Sie fühlte, daß eine warme Hand die ihrige berühre und unwillkürlich legte sie ihren schwindelnden Kopf auf ihres Mannes Schulter. Rudolf betrachtete sie aufmerksam und hatte sonderbare Begriffe von dieser Frau; er hielt dieses Senken des Kopfes, diesen umschleierten Blick für berechnete Koketterie und dachte, er werde leichte Arbeit haben. Als sie die Treppe hinaufgingen, sagte er dem Alten, weshalb er gekommen sei. Er hatte eine Grenzstreitigkeit zwischen zwei Komitaten in Ordnung zu bringen und dieses Geschäft werde ihn nötigen, einige Tage hindurch hier zu verweilen. Die Qual wird also nicht nur groß sein, sondern auch lange dauern. Die Vormittagsstunden brachten die beiden Männer zusammen zu und nur beim Diner kam Fanny mit ihnen zusammen. Natürlich sprach man nur von gleichgültigen Dingen, Rudolf hatte wenig Gelegenheit, seine Worte direkt an Frau von Karpáthi zu richten und einer Dame in Gegenwart ihres Mannes Komplimente machen, ging nicht an. Nach dem Diner pflegte Karpáthi zu schlafen und das war bei ihm eine so unumgängliche Gewohnheit, daß er sie keinem Gast zuliebe einmal aufgegeben hatte. – Unterhalte dich, während ich schlafe, nach Belieben, geh zu meiner Frau hinüber und plaudere mit ihr, sagte er zu Rudolf, oder wenn es dir lieber ist, so benutze indes meine Bibliothek. Die Wahl war nicht schwer. Gleich nach der Mahlzeit hatte sich Fanny entfernt, um in den Garten zu gehen. Wie flehte sie diese düstern Bäume, diese farbenprächtigen Blumen an, sie möchten ihr die Sorgen abnehmen und ihr andere Gedanken geben; sie dachte, ihre Lieblingsblumen würden ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, hinter den Lieblingsgesträuchen werde sie sich vor ihrer eigenen Seele verbergen können. So wandelt sie mutterseelenallein auf den gekrümmten Pfaden, ohne etwas zu sehen, oder zu denken, unter der schweren Last eines nicht eingestandenen, nicht gesuchten Gedankens, als sie Schritte hörte, die immer näher kamen – und wie sie aufblickte, sieht sie Rudolf näherkommen. Wenn ein aus seinem Käfig entsprungener Tiger plötzlich vor ihr erschienen wäre, so wäre sie weniger erschrocken. Nirgends konnte sie sich vor ihm verbergen. Wenn sie ihn wenigstens früher erblickt hätte, damit sie hätte fliehen können, fliehen, so weit sie es vermocht hätte. Jetzt stehen sie sich einander gegenüber. Freundlich grüßend tritt der junge Mann ihr näher und das Gespräch beginnt mit den allgemeinen Eingangsformeln; dann sagte er, wie wunderschön diese Blumen seien, als ob sie die Nähe ihrer Herrin fühlten und mit ihr wetteifern wollten. – Ich liebe die Blumen, stammelte Fanny, da sie doch etwas antworten mußte. – Erst wenn Sie mit ihnen genauer bekannt wären! Fanny blickte ihn fragend an. – Ja, wenn Sie die Blumen nicht allein dem Namen nach, sondern auch die ganze Traumwelt kennten, die mit dem Leben der Blumen verknüpft ist. Jede Blume hat ebenso gut ihr Leben, ihre Wünsche, ihre Neigungen, ihren Schmerz und ihre Freuden, ihr Sehnen und ihre Liebe, wie wir. Die Phantasie der Dichter hat einer jeden ihre Bedeutung gegeben, an jede ein Märchen geknüpft und viele dieser Märchen sind sehr schön. Im Geistesleben der Blumen findet man in der That recht viel Interessantes. Hiermit pflückte Rudolf eine Iris ab. – Das ist eine glückliche Familie. Drei Männer und drei Frauen, jeder Mann ist hier dicht neben seiner Frau; zusammen erschließen sie sich, zusammen welken sie dahin. Das ist das Glück der Blumen. Das sind lauter glücklich Liebende. Hiermit warf er die Iris weg und brach eine Amaranthe ab. – Das sind Aristokraten. Der Mann befindet sich im obern Stockwerk und die Frau im untern; das ist vornehmes Familienleben. Indes zeigt das samtartige Aussehen der Blume, daß sie ein glückliches Leben führt. Jetzt zerrieb Rudolf die Amaranthe und zahllose kleine schwarze Samenkörner fielen ihm daraus auf die Hand. – Das sind schwarze Perlen, sagte Rudolf. – Jawohl Perlen, stammelte Fanny und fand es ganz natürlich, daß er ihr die Körner in die Hand schüttete, denn es wäre schade gewesen, eines davon verloren gehen zu lassen. Sie hätte diese schwarzen Körner für keine indische Perle hingegeben. Rudolf wirft die Amaranthe weg. Fanny blickte der weggeworfenen Blume nach, als wollte sie sich merken, wohin sie fällt. – Belieben Sie jetzt die beiden Ahornbäume anzusehen. Welche prächtigen Exemplare. Der eine scheint heller grün zu sein, als der andere, der hellere ist die Frau. Auch diese beiden sind glücklich Liebende. Aber blicken Sie dorthin, dort steht ein einsamer Ahornbaum. Wie gelb ist sein Laub, der arme! Er findet keine Liebe, der grausame Gärtner hat ihn neben einen Nußbaum gepflanzt, aber der ist nicht seinesgleichen; wie blaß, wie gelb ist der arme! O, wenn er wüßte, wie schreckliche Qualen er der armen Frau verursacht, indem er diese scherzhaften Märchen erzählt. – Das ist die unglückliche Liebe. – Aber mein Gott! Sie sind so blaß, Sie sind unwohl. – Nichts, nichts, mein Herr, sagte Fanny, ich leide nur zuweilen am Schwindel und hiermit hielt sie sich mit beiden Händen an seinem Arm. Rudolf glaubte sie zu verstehen, aber er verstand sie nicht. Es war die Verzweiflung, welche das Schoßhündchen veranlaßte, mit dem Löwen zu spielen. Sie schmiegte sich an ihn und legte ihren Arm in den seinigen; möge ihr jetzt das Herz brechen. So entsteht in einem Menschen, der von einem hohen Turme hinabsieht, der wahnsinnige Wunsch hinabzuspringen und sich zu zerschmettern. Bald gelangten sie zu dem reich ausgestatteten Glashaus, in welchem sich eben eine schneeweiße Dalie mit rosigem Anflug im Kelch erschloß. Sie gehörte damals noch zu den Seltenheiten in Europa. Rudolf fand das Exemplar sehr schön und versicherte, daß er bisher nur in Schönbrunn ein schöneres Exemplar gesehen habe. Sie sprachen wieder von gleichgültigen Sachen und spazierten im Garten auf und ab, Rudolf glaubte, er habe das Weib schon gewonnen und sie glaubte, sie habe schon so viel gesündigt, um auf ewig verdammt zu sein. Vor wem? Vor der Welt? Nein. Auch weder vor ihrem Manne noch vor Rudolfs Gattin; aber vor sich selbst. Sie ist ja nur Arm in Arm mit Rudolf eine ganze Stunde aus und ab gegangen und sie haben von unbedeutenden, gleichgültigen oder scherzhaften Dingen gesprochen. Aber dennoch fühlte sie während dieser Zeit das verbrecherische Glück im Herzen, Und was nützt es ihr, daß niemand es weiß; wenn sie nur selbst weiß, daß dieses Glück ein gestohlener Schatz ist! Was nützt es ihr, wenn derjenige, der bestohlen wurde, den Wert dieses Glückes nicht kennt, aber um so schwerer lastet es ihr auf dem Herzen. Endlich gingen sie ins Kastell hinauf. Fanny ließ den Gast einen Augenblick mit ihrem Manne allein. Dann blieb sie mit ihnen bis zum späten Abend beisammen. Als Rudolf schlafen ging, fand er im Vorzimmer seines Schlafgemachs einen prächtigen Blumenstrauß auf dem Tisch in einer schönen chinesischen Blumenvase, in welcher er zugleich die von ihm bewunderte Dalie sah. Er glaubte, sie zu verstehen. Am andern Tag waren die beiden Männer wieder bis Mittag mit amtlichen Angelegenheiten beschäftigt. Sie machten Pläne, stritten über Landesinstitute, langweilten sich einander mit politischen Diskussionen; wer hätte dabei an die Frau gedacht? Nachmittag stellte sich Regenwetter ein, woraus das zweifache Übel folgte, daß Karpáthi noch einmal so schläfrig war als sonst und Fanny sich nicht in den Garten flüchten konnte, wo sie der Schutz des freien Himmels vor der gefürchteten Gefahr besser bewahrte. Ein Fieber durchglühte ihren ganzen Körper. Sie bemerkte, sie wußte, daß dieser Mann, den sie bis zum Wahnsinn liebte, von ihr geliebt sein wollte. Spielt er mit ihr, so ist dies ein schreckliches Spiel, meint er es aber im Ernst, dann ist es noch schrecklicher. Man klopft an ihre Thüre; kaum wagt sie es, herein zu sagen, als Rudolf auch schon eintrat. Fanny ist jetzt nicht blaß; ihre Wangen glühen, wie sie Rudolf erblickt, sie springt aus ihrer ruhenden Lage auf und bittet um Vergebung, daß sie sich auf einen Augenblick entfernt; er möge indes Platz nehme. Sie wollte ihre Gesellschafterin rufen. Sie eilt durch drei, vier Zimmer, nirgends findet sie jemanden. Gott weiß, wo alle hingekommen sind; nicht einmal ein Diener ist zu sehen. Mit diesem beunruhigenden Bewußtsein ist sie genötigt zurückzukehren. In dem Augenblick, in welchem sie sich entfernte, legte sie ein Buch auf die Seite, in welchem sie eben gelesen hatte und legte ein Sacktuch darauf, damit Rudolf es nicht sehe. Er bemerkte dies. Rudolf interessierte es, einen tiefern Blick in den Charakter dieses Weibes zu werfen; er mußte wissen, was das für ein Buch sei, das sie sich zu verbergen bemühte. Diese modernen Weiber, dachte er, lesen die moderne jeunesse und die nouvelle Messaline und wollen dabei für sittenstreng gehalten werden. Er hob das Taschentuch vom Buch und öffnete dieses; es war ein Gebetbuch. Das Buch öffnete sich leicht an zwei Seiten; zwei gepreßte Blumen lagen darin, die Iris und die Amaranthe. Rudolf wurde plötzlich ernst. Sein Herz zog sich zusammen. Erst jetzt fiel es ihm ein, welch ein gefährliches Spiel er begonnen habe. Die beiden Blumen verwirrten ihn so sehr und nahmen seine Aufmerksamkeit derart in Anspruch, daß er die Dame erst gewahrte, als sie fieberhaft zitternd vor ihm stand. Beide schauderten zurück. Das Geheimnis war verraten. Sprachlos blickten sie sich beide an: sie war so zauberhaft schön in ihrem stummen Schmerz, als sie langsam, wie unbewußt die Hände faltete und an die Brust drückte, wie um den ausbrechenden Schmerz gewaltsam zurückzuhalten. Rudolf vergaß seine Rolle und stammelte gerührt: Mein Gott! Jetzt erst verstand er alles. Auf diesen Ton des Mitleids brach Fannys Kraft, mit welcher sie ihre Thränen bisher zurückgehalten hatte; stromweis flossen ihr die Thränen über die Wangen und sie selbst sank in einem Lehnstuhl zurück. Rudolf sagte mit gerührter Stimme, indem er ihre Hand zärtlich erfaßte: Warum weinen Sie? Aber er wußte, warum sie weinte. – Warum sind Sie hergekommen? fragte sie mit von Leidenschaft bebender Stimme. Ich habe täglich zu Gott gebetet, er möge mich Sie nie mehr sehen lassen, ich habe den Ort vermieden, wo ich Ihnen begegnen könnte und Sie kommen her! Ich bin verloren, denn Gott hat mich verlassen. Nie habe ich das Bild eines andern Mannes im Herzen getragen, als Ihres. Aber es war begraben. Warum wecken Sie es wieder? Haben Sie nicht bemerkt, daß ich überall vor Ihnen geflohen bin? Haben nicht Ihre Arme mich zurückgehalten, als ich mich vor Ihnen in den Tod stürzen wollte? O, damals hatte ich schon viel gelitten Ihretwegen. Warum mußten Sie herkommen und meine Verzweiflung, mein Elend sehen? Und sie verbarg ihr Gesicht in ihren Händen und weinte. Rudolf bereute seine That sehr. Nach einer Weile trocknete sich Fanny die Thränen ab und sprach mit festem Ton: Was haben Sie jetzt davon, daß ein unvernünftiges Weib mit der Verzweiflung kämpft, indem sie an Sie denkt? Werden Sie jetzt glücklicher sein? Ich bin unglücklicher geworden, denn jetzt muß ich auch vor dem Gedanken zittern, der mir Sie vor die Seele bringt. Wie that es ihm in der Seele weh, daß er ein so schönes Herz verwunden mußte. Was hätte er ihr zum Troste sagen können? Konnte er etwas anderes thun, als ihr die Hand reichen und sie nicht hindern, als sie dieselbe mit ihren Küssen und Thränen bedeckte? In der Verzweiflung der Leidenschaft sank sie ihm an die Brust und schluchzte, von Qual und unaussprechlicher Seligkeit erfüllt. Und als sie sich an seiner Brust ausgeweint hatte, beruhigte sie sich, hörte auf zu schluchzen und sprach mit festem Ton: Ich schwöre Ihnen jetzt vor Gott, der mich für meine Sünden verdammen wird, daß ich in derselben Stunde sterbe, in welcher ich Sie wieder sehe. Darum meiden Sie mich, wenn Sie mit mir Mitleid haben. Ich flehe Sie nicht um Liebe, sondern nur um Mitleid an. Ich werde schon irgendwie meinen Tod finden. Rudolfs schöne Augen füllten sich mit Thränen. Arme Frau, sie hätte verdient, glücklich zu sein. Nur einen Augenblick in ihrem Leben war sie glücklich – als sie schluchzend an seinem Halse hing. Rudolf verließ sie und kaum erwartend, bis Karpáthi erwachte, nahm er Abschied und fuhr nach Szentirma zurück. Er war während der Fahrt sehr traurig. Immer fühlte er die heißen Thränen der armen Frau an seinen Händen, an seinem Gesicht, in seinem Herzen, immer klang ihm ihr Schluchzen in der Seele. Zu Hause eilte ihm die heitere, lebhafte, liebe Frau entgegen und küßte ihm die Spuren von Fannys Thränen ab. – Ach, du bist in Madaras gewesen, sprach sie mit neckischem Plaudern; mein kleiner Finger hat mir es gesagt, daß du dort spioniert hast. Na, was hast du erfahren? – Du hast recht, sagte er ernst, die Frauen sind nicht schwach. – Nun, dann ist der Friede zwischen uns hergestellt. Was laßt Fanny mir sagen? – Sei dieser Frau gut, denn sie ist sehr unglücklich. Floras Freude war grenzenlos und die kleine Wolke, die sie an der Stirne ihres Mannes bemerkte, verscheuchte sie bald mit ihrer freudigen Stimmung. Rudolf schwamm in Seligkeit; aber selbst mitten in der Freude der glücklichsten Stunde glaubte er jene brennenden Thränen zu fühlen und die Worte der Unglücklichen zu hören, die er nimmer vergessen konnte. Ob die kluge Frau etwas ahnte? Wenigstens ließ sie es nicht merken. 6. Unangenehme Entdeckungen. Wir überspringen einige Monate. Die Badesaison ist eben zu Ende; die vornehmen und reichen Familien kehren von allen Seiten nach ihren Winterwohnungen zurück. Mehrere beginnen sich schon in Pest zu versammeln und bilden hier zum großen Vorteil der Stadt Zirkel. Auch Szentirmays sind bereits angelangt und die schöne Dame und ihr wackerer Gemahl find die Ideale der höheren Kreise. Jeder strebt nach ihrer Bekanntschaft; und es giebt Damen und Ritter genug, die nach ihm oder ihr schmachten, natürlich vergebens. Den meisten Lärm machte Kecstereys Ankunft. Wo war er bis jetzt gewesen? Er hatte im Lande eine Kunstreise gemacht. Die Zeitungen haben davon viel Aufhebens gemacht; sie haben erzählt, wo er überall war, bei wem und was er gegessen und getrunken habe und wie er aufgenommen wurde. Seine Rundreise war eine siegreiche Expedition. Er hat jedermann bezaubert, hingerissen, sein Andenken wird in allen Orten unvergeßlich bleiben, die er mit seiner Anwesenheit beglückt hat. So erzählten die Zeitungen und erteilten zugleich den Damen und Fräulein obligates Lob, die ihn freundlich empfangen hatten. Endlich war er angelangt! Ohne ihn wäre die ganze Wintersaison langweilig gewesen. Man sprach gar nicht von Bällen und Soireen, so lange er noch nicht in Pest war. Zu derartigen Arrangements gehört eine besondere Fähigkeit, ein eigener Beruf und Freund Kecsterey besaß beides in vollem Maße. Das erste, was man that, war, einen Klub gewählter Gentlemen zu vereinen, der sich nach sorgfältiger Auswahl der Mitglieder als ein solider Körper erweist, wo nur ausgezeichnete Kavaliere zusammenkommen werden. Ist doch schon Herr von Kecsterey allein eine höchst interessante Gestalt, der, er sich es einmal vorgenommen hat, liebenswürdig zu sein, von seiner Kunstreise so viele beißende Anekdoten zu erzählen weiß, daß die Herren sogar das Billard verlassen, um seinen geistreichen Vortrag zu hören, nach welchem es dem würdigen Gentleman nicht zu wünschen wäre, daß er sich wieder bei jenen geist- und gemütreichen Familien sehen lasse, von denen er die Anekdoten erzählte. Eben jetzt hat er wieder etwas vor; er ermahnt seine Bekannten, wenn sie ihn mit Abellino werden sprechen sehen, sich um ihn zu versammeln, denn es werde eine interessante Scene geben. – Was mag Abellino zugestoßen sein, daß unser Freund Kecskerey so leichtfertig von ihm spricht, fragte Livius, sich an Rudolf wendend; denn sonst pflegt er den künftigen Erben des Kárpathischen Majorats mit mehr Respekt zu behandeln. Rudolf zuckte die Achseln. Abellino kümmerte ihn zu wenig. Eben tritt er ein. Auch jetzt charakterisiert ihn der hochmütige Gang, der stolze, herausfordernde Blick, als ob die ganze Welt nur aus seinen Bedienten bestünde, auch jetzt ist er noch so abstoßend schön; seine Züge sind wohl hübsch, aber nichtssagend. – Guten Abend, Bela! guten Abend! schreit ihm Kecsterey schon von weitem entgegen, ohne sich von seinem Stuhl zu rühren, auf den er zusammengekauert sitzt, seine Füße mit den Armen umschlingend. Abellino geht auf ihn zu und schreibt es seiner eigenen Anziehungskraft zu, wenn ihm ein ganzer Schwarm von Kavalieren folgt, die ihre Whistpartien und die Billards verlassen, um sich rings um ihn zu versammeln. – Ich gratuliere! ruft Kecsterey mit spitzer Nasenstimme, ihm seine langen Hände entgegenstreckend. – Was gratulierst du mir, du Eicheldaus? fragte Abellino seinen Freund Kecsterey, der in der That zusammengekauert, wie er saß, der berühmten Kartenfigur glich. Abellino hatte für jetzt die Lacher auf seiner Seite. – Du weißt, daß ich von deinem Onkel komme, mein Lieber. – Ah, das ist was anderes, sagte Abellino sich sanfter stimmend; er hielt es jetzt für gut, Kecsterey freundlicher zu behandeln, denn dieser war ja in seiner Angelegenheit bei dem alten Karpáthi gewesen und bringt gewiß gute Nachrichten. – Nun, was macht denn mein lieber guter Alter? – Deshalb gratuliere ich dir ja eben. Alle lassen dich grüßen und küssen. Der alte Herr ist gesund und frisch, wie ein frisch abgepflückter Apfel. Du brauchst dir seinetwegen nicht die geringste Sorge zu machen. Onkelchen befindet sich ganz wohl. Aber die Tante ist krank, sehr krank und wird gewiß noch schlimmer werden. – Arme Tante, sagte Abellino, der sich dachte, das sei wahrscheinlich die gute Nachricht, wegen welcher ihm gratuliert wurde. Das wäre in der That eine gute Nachricht, denn vielleicht wird sie gar sterben. – Nun, was fehlt ihr? – Ach, ihr Übel ist sehr gefährlich. Ihr Aussehen hat sich so verändert, daß du sie gar nicht mehr erkennen würdest. Das schone, rosige Gesichtchen, die schlanke Gestalt, alles ist hin! (Geschieht ihr recht, dachte sich Abellino, sie muß zu Grunde gehen wegen ihrer unnatürlichen Verbindung mit einem alten Manne; es geschieht ihr recht.) – Wahrhaftig Freund, fuhr Kecsterey fort, als ich sie zum letztenmal sah, da verboten ihr die Arzte schon das Reiten und Fahren. Abellino hätte auch jetzt noch nicht das richtige erraten, wenn nicht einige andere es gethan hätten, die hergekommen waren, um zu lachen; sie brachen in helles Gelächter aus und da ging ihm plötzlich ein Licht auf. – Hölle und Teufel! Ist das wahr, was du sagst? Abellinos Gesicht verriet die Wut, die bei diesem Worte in seinem Innern tobte. – Hätte ich dir sonst gratuliert? sprach Kecsterey lachend. – Ah! das ist infam! rief Abellino, außer sich vor Wut. Die Umstehenden begannen ihn zu bemitleiden und die Weichherzigeren entfernten sich. Es ist doch schauderhaft zu denken, daß dieser Mensch, den man bei seinem Eintritt für den künftigen Herrn von Millionen, der sich selbst dafür hielt, jetzt plötzlich zum Bettler geworden war. Nur Kecskerey hatte lein Mitleid für ihn; er bemitleidete keinen Unglücklichen; ihn gingen nur die glücklichen Menschen was an. – So bleibt mir denn nichts anderes zu thun übrig, murmelte Abellino zwischen den Zähnen, als entweder mich oder dieses Weib umzubringen. – Freund, wenn du schon morden willst, so lies den Pitaval! da findest du alle Arten von Vergiftungen mit mineralischen Wässern oder Pflanzengift, alle Arten von Ermordung mit Messern oder Beilen, mit Pistolen oder Dolchen, wie das Corpus deliciti auf die Seite geschafft, wie es vergraben, zerstückt, ins Wasser versenkt, verbrannt wurde. Das Ganze ist eine kleine Bibliothek von zwölf Bänden; wer es durchliest, glaubt am Ende selbst ein Mörder zu sein. Ich empfehle dir das Werk, hahaha! Abellino achtete auf das alles nicht. – Wer mag der sein, den dieses Weib liebt? – Schau um dich, Freund und greife jemanden heraus. – Ich möchte ihn kennen und ihn ermorden. – Ich weiß ganz gut, wen sie liebt, sagte Kecsterey. – Wen? fragte Abellino mit leuchtenden Augen. Kecskerey machte sich den Spaß und fuhr achselzuckend fort. – Ich habe es sehr oft mit angesehen, wie sie ihn umarmte, ihm um den Hals fiel und ihn küßte. – Wer ist das? Wer ist das? rief Abellino, Kecskerey am Arm fassend. – Möchtest du es wissen? – Ich will es wissen. – Nun denn – es ist ihr Mann! – Dumme Spötterei! sagte Abellino, sich ganz vergessend. Das wird niemand glauben. Dieses Weib liebt jemanden, sie hat sich jemandem schändlicherweise ergeben. Und dieser alte Schurke weiß es und duldet es, bloß um sich an mir zu rächen. Aber ich werde es erfahren, wen sie liebt, ich werde es herausbringen und sei es auch der Teufel und dem Weib einen skandalösen Prozeß machen, wie noch nie einer vorgekommen ist. Mehrere unter denjenigen, die in seiner Nähe standen, begannen sich scherzhafterweise zu verwahren, er möge auf sie leinen Verdacht werfen, sie seien in der ganzen Sache unschuldig, sie könnten sich der Neigung der Frau von Karpáthi nicht rühmen. In diesem Augenblick ließ sich eine kräftige Männerstimme hören, Rudolf sprach: Meine Herren, Sie merken nicht, daß Sie auf eine unwürdige Weise mit dem Namen einer Dame scherzen, die zu beleidigen niemand auf der Welt einen Grund oder ein Recht hat. – Was ist das, Rudolf? Was geht das dich an? fragte Kecskerey verwundert. – Ich bin ein Mann und gebe nicht zu, daß man in meiner Gegenwart eine Dame verleumde, welche ich achte . Das war ein großes Wort. Darauf mußte man schweigen. Nicht bloß deshalb, weil Rudolf recht hatte und weil man geneigt war, ihm zu glauben, sondern auch deshalb, weil er der beste Fechter und Schütze und dazu kaltblütig und glücklich war. Der Name der Frau von Karpáthi wurde im Klub nicht wieder vorgebracht. Flora aber erfuhr diesen Vorfall und bedeckte ihren Mann vor Freude mit Küssen. 7. Karpáthi Zoltán. Wovor Abellino zittern mußte, das geschah. Frau von Karpáthi wurde Mutter und brachte einen Knaben zur Welt. Eines Tages wurde der Nabob von seinem Hausarzt mit der Freudennachricht überrascht: »Ihre Frau hat Ihnen einen Sohn geboren.« Wer würde es wagen, Karpáthis Freude zu schildern. Sein kühnster, heißester Wunsch, den er nur zu deuten gewagt hatte, ist in Erfüllung gegangen, seine Frau ist eines Knaben genesen! Er hat nun einen Sohn, der seinen Namen erben und fortpflanzen wird, der in einer glücklicheren Zeit geboren, die Fehler seines Vaters gut machen, der mit seinen Tugenden bezahlen wird, was die Familie Karpáthi dem Vaterland und der Menschheit schuldig geblieben ist. Was kann dieser Knabe durch eine edlere Erziehung, als seinen Vorfahren zu teil geworden ist, werden! Wie viel Glück, welche Größe wartet seiner! Wie werden Millionen Menschen seinen Namen einst segnen! Wenn er nur noch so lange lebte, bis er den Knaben sprechen hört, damit er dem süßen Lallen horchen, das Kind Wörter lehren könne! Wie soll der Knabe heißen? er soll den Namen eines jener Fürsten erhalten, welche mit dem ersten Ahnherrn der Karpáthis in Hunniens Gauen áldomás (Bundestrunk) tranken, er soll Zoltán heißen! Karpáthi Zoltán! Wie schön wird das klingen. Bald brachte man ihm den neuen Weltbürger und legte ihn ihm auf die Arme, damit er ihn küsse; Freudenthränen strömten ihm aus den Augen, sodaß er kaum sehen konnte, was zu sehen er so sehr wünschte. Zitternd sah er das Kind an. Es war ein schöner, kräftiger Junge, ein kleiner, rotwangiger Engel mit blauen Augen und rundem Gesichtchen. Er weinte nicht, er lag ganz ernst da, als ob er schon jetzt wüßte, welche Schande die Schwäche sei. Nur als Karpáthi, hingerissen vor Freude, das Kind zu seinen Lippen erhob und es mit seinem borstigen Schnurrbart küßte, schrie es ein paarmal. – Sprich, meine Seele, stammelte der Alte, sprich nur weiter, wir verstehen dich schon, sprich nur noch einmal. Das Geschrei, welches der Alte für das erste Gespräch des Kindes hielt, wurde vom Arzt und den Hebammen dahin gedeutet, daß es nach der Mutter verlange. Sie nahmen daher den Säugling aus Karpáthis Händen und trugen ihn zu der Mutter hinein, worauf der Alte nichts anderes thun konnte, als ins Vorzimmer schleichen und horchen, ob das Kind nicht weine. Jeden, der herauskam, fragte er, was Mutter und Kind machten, durch jeden, der hineinging, ließ er etwas sagen. Wer vermöchte zu beschreiben, wie er sich freute, wenn er das Kind lustig schreien hörte? wenn er es nur einmal wieder in die Hand bekäme, er würde es gewiß nicht wieder loslassen. Gegen Mittag kam der Arzt wieder heraus und bat ihn, mit ins andere Zimmer zu gehen. – Warum? Ich will dableiben. Wenigstens höre ich manchmal, was drinnen gesprochen wird. – Das ist richtig, aber ich will nicht, daß man drinnen höre, was wir da sprechen. Karpáthi erstarrte; er fühlte sich durch den kalten Blick des Arztes unwohl werden und maschinenmäßig folgte er ihm in das nächste Zimmer. – Nun, Herr, was haben Sie mir zu sagen, das die anderen nicht hören sollen? – Gnädiger Herr, heute ist große Freude in Ihr Haus gekommen. – Das weiß, das fühle ich und ich preise Gott dafür. – Gott hat Ihnen große Freude beschert, aber er hat es auch für gut gefunden, Sie durch Schmerz auf die Probe zu stellen. – Was wollen Sie sagen? schrie Karpáthi erschrocken und erblaßte. – Sehen Sie, gnädiger Herr, das war es, was ich fürchtete, und deshalb habe ich Sie ans dem Nebenzimmer fortgerufen; seien Sie ein Christ und ertragen Sie Gottes Hand. – Peinigen Sie mich nicht, sagen Sie mir, was vorgeht – Ihre Gemahlin wird sterben. Karpáthi blieb starr und sprachlos stehen. – Wenn es für sie noch eine Hilfe gäbe, so würde ich sagen, es ist noch Hoffnung; aber es ist meine Pflicht, Ihnen zu sagen, daß Sie nur noch Stunden, Minuten zu leben hat; daher, gnädiger Herr, thun Sie sich Gewalt an und kommen Sie hinein, um von ihr Abschied zu nehmen, denn sie wird nur wenig sprechen können. Karpáti ließ sich in das Zimmer der Sterbenden führen. Er sah nichts und hörte nichts, nur sie sah er blaß und starr daliegen, den Todesschweiß auf ihren schönen Wangen, die Todesblässe auf ihren lieblichen Lippen, mit dem gebrochenen Glanze des Todes in den Augen. Er stellte sich zu ihrem Bette hin und sprach kein Wort. In seinen Augen war keine Thräne. Das Zimmer war voll von dienstthuenden Frauen. Hier und da hört man ersticktes Schluchzen. Er sieht und hört nichts, nur auf die Sterbende sieht er stumm und starr. Am Bette sitzen zwei bekannte Frauen: Therese und Flora. Die gute alte Tante betet mit gefalteten Händen, ihr Gesicht in den Kissen verbergend, Flora hält das kleine Kind, das in ihrem Schoß eingeschlafen ist. Die Kranke erhebt den gebrochenen Blick zu ihrem Mann, sie streckt ihre zitternde heiße Hand aus und führt damit die ihres Mannes an ihre trockenen Lippen. – Denke an mich, lispelt sie. Er hört sie kaum und hält nur ihre Hand mit seinen beiden Händen, als ob er dadurch ihr Leben zurückhalten könnte. Das Ächzen der Sterbenden wird immer schwerer, ihre Brust wogt fieberhaft, sie vermag ihren Kopf nicht ruhig zu halten. Sie stammelt nur mit schwerer Mühe einige unverständliche Worte. O wie schwer ist der Abschied wenn sich Körper und Seele voneinander trennen müssen! Sie spricht im Delirium: »Die Iris – die Amaranthe – der gelbe Ahorn – pflanzt ihn anderswohin – kommst du zu mir, wenn ich sterbe? Wenn ich sterben werde, dann darfst du zu mir kommen.« – – – – – Karpáthi fühlt an dem Zucken ihrer Hand, welche Qual sie leiden müsse während sie diese Worte spricht. Nach einem einstündigen, schweren Kampf beruhigt sich die Kranke, ihre Pulsadern schlagen nicht mehr so heftig, ihre Hand ist nicht mehr so heiß, ihr Atem wird leichter. Sie beginnt wieder zu sehen und erkennt jeden. Mit ruhiger, sanfter Stimme spricht sie zu den Umstehenden, der Todesschweiß verschwindet von ihrem Gesicht. »Mein Mann, mein lieber Mann,« spricht sie, einen gerührten Blick auf Karpáthi werfend. Er freut sich und denkt, das sei ein Zeichen, daß sie sich wieder erhole, der Arzt aber senkt den Kopf. Dann wendet sich die Kranke zu Flora. Die Freundin versteht ihren bittenden Blick und hält ihr den Säugling an die Lippen Wie drückt und küßt sie das schlafende Kind! dann giebt sie es Flora wieder zurück drückt dieser die Hand und flüstert: Sei meinem Kinde eine Mutter. Flora vermag nicht zu antworten, sie nickt nur mit dem Kopfe. Kein Laut kommt über ihre Lippen und sie wendet den Kopf ab, damit die Sterbende nicht ihre Thränen sehe. Dann zieht Fanny ihre Hände zurück, faltet sie über der Brust und spricht das einfache Gebet, welches sie in ihrem Kindesalter gelernt hatte: – Gott, mein Gott, sei barmherzig mit deiner armen Tochter, jetzt und immerdar. Amen. – – – Dann schließt sie ruhig die Augen und entschläft. – Sie ist eingeschlafen, flüstert der Alte. – Sie ist gestorben, sagt der Arzt mit wehmütigem Blick. Und der gute alte Nabob fällt neben dem Bett auf die Kniee, sein Gesicht in den Kissen verbergend und weint und schluchzt bitterlich. Sie schläft und ihr Schlaf ist der ewige. Auf ihrem Gesicht liegt der Widerschein des Jenseits. Jetzt kann sie träumen von glücklicher Liebe bis zur Auferstehung. Niemand wird sie mehr erwecken. 8. Heimliche Besucher. Nicht lange darauf folgte der Winter: frühzeitig stellte sich kaltes Frostwetter und Schneegestöber ein. Weiße Wälder, weiße Felder erblickte man von allen Seiten auf der Ebene des Unterlandes und schon um vier Uhr nachmittags fing den Horizont der dunkle Dunstkreis zu umziehen an, welcher von Minute zu Minute höher steigt, bis er endlich am Himmel anlangt und es Nacht wird. Nur der glatte blendendweiße Schnee verbreitet einiges Licht über die Gegend. Blasse, fahle Bänder glänzen auf dem großen Schneeteppich, welche die kommenden und gehenden Schlitten von einem Dorf bis zum andern gezogen haben. Düster und melancholisch ragt das Karpáthfalvaer Schloß über die einförmige und unansehnliche Landschaft empor. Ehedem glänzten schon von ferne die Fenster am Abend und lustige Jägergruppen tummelten sich in dem vollreichen Hofe herum; setzt brennt kaum in zwei, drei Fenstern Licht und nur der blaue Rauch der Schornsteine zeigt, daß es noch bewohnt sei. Auf einem der fahlen Wege sieht man beim Hereinbrechen der langen Mitternacht einen schellenlosen Bauernschlitten einhergleiten, welcher sich durch das Halbdunkel der endlosen Ebene Karpáthfalva immer mehr und mehr nähert. Im Innern des Schlittens sitzt ein Mann in einen einfachen Mantel gehüllt, voran treibt ein Bauer in einen Schafpelz gehüllt die beiden magern Pferde. Der hinten Sitzende stellt sich oft auf und schaut, als ob er etwas suchte, in der Gegend herum. Schon dunkeln die Wälder des Karpáthfalvaer Tiergartens vor ihm und als sie auf eine Brücke kommen, erblickte der Ankömmling, was er gesucht. – Sind das nicht Tannenbäume dort? fragte er seinen Kutscher. – Ja, Herr. Man kann sie leicht erkennen, weil sie auch dann grün bleiben, wenn alle anderen Baume ihre Blätter haben fallen lassen. Sie wurden alle von Herrn Johann gepflanzt. – Hier, Gevatter, werden wir stehen bleiben. Kehrt indes in das Wirtshaus ein, welches an der Straße liegt. Ich werde diesen Weg einschlagen und längstens eine Stunde ausbleiben. – Wäre es nicht gut, Herr, wenn ich Sie begleiten würde, wenn Sie irgendwohin zu gehen haben? Es pflegen auch Wölfe hier herum zu streifen. – Nicht notwendig, guter Freund, ich fürchte mich nicht. Somit stieg er aus dem Schlitten, nahm seinen Fokos in die Hand und schlug durch das Schneefeld den Weg dahin ein, wo die Tannen stehen. Was befindet sich unter den Tannen? Der Begräbnisort der Familie Karpáthi – und der Ankömmling, der in dieser Stunde ihn besucht, ist – Alexander Varna. Der junge Handwerker hatte von der heimkehrenden Therese erfahren, daß Fanny gestorben sei, daß die hochgeborne Frau ebenso in das Grab steigen mußte, wie die Frau des ärmsten Handwerkers – und ihr Grab war vielleicht verlassener als das der letzteren. Alexander machte die Alten mit seinem Entschluß bekannt. Er mußte hinwandern zu dem Grab der ihm so Teuren, die er im Leben so sehr angebetet, und welcher er, da sie unter der Erde liegt, bekennen kann, daß er sie geliebt, daß er auf ihr ausgekühltes Herz nun dieselben Rechte wie jeder andere auf Erden hat. Die beiden Alten suchten ihn nicht zurückzuhalten. Möge er hingehen, sagten sie, möge er seinen Kummer dort vergessen, vielleicht wird er froheren Sinnes werden, wenn er sich dort ausgeweint haben wird. Also nach kurzer Beratung reiste der junge Mann ab und nach der Beschreibung, welche er von Theresen erhalten hatte, erkannte er bald das Tannenwäldchen, welches Johann Karpáthi um die Familiengruft gepflanzt hatte, damit es dort noch grün sei, wenn sonst alles schon erstorben und weiß ist. Er verließ den Schlitten und ging querfeldein, der Kutscher kehrte in dem Wirtshause an der Straße ein. Währenddessen sehen wir auf einem andern Wege zwei Reiter einher kommen. Einer, der hinter dem andern etwas zurückbleibt, führt vier starke Windspiele an einer langen Leine. Ich sehe Fuchsspuren, Martin, sagte der vordere Reiter, indem er sich gegen den Nachkommenden wendet, wir können sie im frischen Schnee sehr leicht verfolgen, wenn wir aufmerksam sind und sie fangen, bevor wir nach Karpáthfalva kommen. Der Reitknecht scheint die Behauptung des Herrn zu bestätigen. – Folge du der Spur geradeaus und gieb mir zwei von den Windspielen, ich treibe sie indes vom Walde auf. Hiermit übernahm der Sprechende die zwei Hunde und indem er seinen Begleiter vorausgehen ließ, bog er seitwärts ein, langsamen Schrittes in den Schnee trabend. Als er jedoch seinen Begleiter aus den Augen verlor, veränderte er plötzlich seine Richtung und ritt mit scharfem Trab auf den Tannenwald zu. Dort angelangt, stieg er vor dem den Wald umgebenden Graben ab, band sein Pferd an einen Strauch, die Windspiele an den Sattelknopf und kroch über den schmalen Graben. Beim Mondlicht schritt er sicher ans das gesuchte Ziel hin. Ein großes Denkmal von weißem Marmor erhebt sich an der Seite eines grünen Hügels, darauf der trauernde Engel des Todes mit umgekehrter Fackel. Der nächtliche Reiter hielt gerade vor dem Denkmal an. Dieser Besucher ist Rudolf. So sind also alle beide gekommen und das Schicksal wollte es, daß sie hier zusammentreffen, Rudolf eilte gerade zum weißen Denkmal hin und blieb erschrocken stehen, als er an dessen Fuße eine zusammengesunkene Gestalt in knieender Stellung sah. Aber auch diese erschrak vor ihm. Keiner kannte den andern. – Was suchen Sie hier, mein Herr? fragte Rudolf, der seine Kaltblütigkeit bald zurückgewann und dem Knieenden nähertrat. Alexander erkannte die Stimme, er wußte, daß es Rudolf sei und konnte nicht begreifen, warum er hierher komme und zu dieser Stunde. – Herr Graf Gzentirmay, sagte er gelassen: ich bin jener Handwerker, dem Sie einst so viel Güte zu teil werden ließen; üben Sie auch jetzt Ihre Großmut dadurch aus , daß Sie mich hier allein lassen und mich um gar nichts befragen. Rudolf erkannte staunend den Jüngling. Jetzt tauchte es in seinem Gedächtnisse auf, daß dasselbe Weib, bevor sie Karpáthis Gattin geworden, mit einem armen jungen Handwerker verlobt wurde, welcher für sie so tapfer, mit so ritterlicher Kühnheit sein Leben dem Tode preisgab. Nun verstand er alles. Er ergriff die Hand des jungen Mannes und drückte sie. – Sie haben dieses Weib geliebt; sind Sie gekommen, um an ihrem Grabe zu weinen? – Ja, mein Herr, Es giebt niemanden, den ich damit kompromittieren konnte. Die Gestorbene darf man lieben. Ich habe diese Frau geliebt, ich liebe sie jetzt noch und werde niemals eine andere lieben. Sie war also mit ihm verlobt, dachte Rudolf bei sich. – – – – – – – Wie glücklich wäre sie geworden, wenn sie außer diesem Jüngling niemanden gekannt hätte; sie lebte noch jetzt und wäre glücklich. Welchen Edelmut, welche uneigennützige Liebe hätte sie in dem Herzen dieses Jünglings gefunden, von dem sie sich so weit losreißen ließ, daß er sie nur an ihrem Grabe wieder besuchen kann. Und der Handwerker fragte den Magnaten nicht: Was bringt Sie her zu solcher Stunde, was suchen Sie hier bei der Toten? Er war mit etwas anderem beschäftigt. Er dachte an das fröhliche Kind, welches in einfacher bürgerlicher Kleidung dort neben ihm in der Jasminlaube saß und voll kindlicher Freude mit ihm besprach, welche gute Hausfrau sie einst sein werde! – – – – – Und als er seine Stirne an den kalten Marmor anlehnte, dünkte es ihm, daß sein Haupt an ihrer glatten Schulter ruhe. Rudolf fühlte Mitleid mit dem jungen Manne. – Bleiben Sie hier, ich lasse Sie allein. Außer dem Friedhofe werde ich Sie erwarten; wenn ich Ihnen mit etwas dienen kann, so verfügen Sie über mich. – Ich danke, mein Herr, ich gehe ebenfalls; ich habe das schon beendigt, um deswillen ich herkommen mußte. Sehen Sie, ich hätte nicht leben können, der Gedanke, daß sie gestorben ist, ohne daß ich ihr nahe war, hätte mich getötet, hätte mich elend gemacht. Ich mußte herkommen, um zu sehen, ob das herzinnige Gefühl einen tötet? Jetzt weiß ich schon, daß es nicht tötet und ich will probieren, auf welche Weise ich ferner werde leben können. Auf dem Leichensteine war der Name der teuren Verstorbenen mit goldenen Buchstaben eingegraben. Im Mondlicht glänzten die Buchstaben: » Frau Fanny von Karpáthia , geborene Mayer .« Der junge Handwerker nahm seine Kopfbedeckung ab und küßte mit Inbrunst und Ehrfurcht, wie man die Lippen eines Toten zu berühren pflegt, alle Buchstaben des Namens »Fanny«. – Vor Ihnen schäme ich mich dieser Schwachheit nicht, sagte er, indem er aufstand, zu Rudolf; Sie haben ein edles Herz und werden mich nicht verspotten. Rudolf antwortete nichts, aber er wendete sein Gesicht ab. Gott weiß es, warum er nicht wollte, daß ihm der junge Mann jetzt ins Gesicht sehe. – Jetzt können wir schon gehen, mein Herr. – Wo wollen Sie denn die Nacht zubringen? kommen Sie mit mir nach Szentirma. – Ich danke, mein Herr. Sie sind sehr gütig gegen mich. Aber ich kehre sogleich zurück. Der Mond wird bald aufgehen, der Weg ist licht genug. Ich muß eilen, weil ich sonst viel Arbeit versäume. Es war nicht möglich, weiter in ihn zu dringen, der Schmerz des Mannes will keinen Trost. Rudolf begleitete ihn zu Pferde bis zu dem am Wege befindlichen Wirtshause, wo der Schlitten bereits auf ihn wartete; er konnte es nicht unterlassen, ihm innig die Hand zu drücken und ihn zu umarmen. Alexander konnte nicht begreifen, weshalb dieser hohe Herr so freundlich war. Der Schlitten verschwand bald im nächtlichen Dunkel aus dem Weg, welchen er hergekommen war. Rudolf lehrte wieder zu den Tannen zurück. – Er suchte das weiße Denkmal wieder auf. Dort stand er und dachte an das Weib, welches so viel gelitten, welches vielleicht auch hier unten an ihn denkt. Im Geiste sah er jetzt, wie sie den weggeworfenen Amaranthen nachschaute, wie sie auf unbändigem Pferde vor ihm hersprengte, wie sie mit vor Liebe verzweifeltem Gesichte an seine Brust sank, damit sie dort zwischen süßer Pein und schmerzlicher Wonne ihren Schmerz ausweine, welchen sie jahrelang verborgen trug. Und indem er an dies alles dachte, füllten sich seine schönen Augen mit Thränen. Die Spuren, welche die Kniee des bereits entfernten jungen Mannes zurückgelassen hatten, waren noch in dem Schnee sichtbar, welcher das Fußgestell der Denksäule bedeckte. Rudolf dachte: hat dieses Weib, welches gelitten und geliebt hat, von mir nicht dasselbe verdient? Und auch er beugte seine Kniee vor dem Denkmale. Und er las den Namen... Wie Geisterruf zogen ihn die fünf Buchstaben »Fanny« an. Lange kämpfte es in ihm. Er dachte... und dachte wieder nach ... Zuletzt neigte er sich hin und küßte der Reihe nach die fünf Buchstaben, so wie es der andere gethan hatte. Sodann warf er sich aufs Pferd. Sein Reitknecht, welcher seinen Herrn nicht finden konnte, blies schon ungeduldig am Rande des Waldes ins Horn. Er erreichte ihn bald und nach einer halben Stunde waren sie im Hofe Karpáthis angelangt, welcher Rudolf noch in dieser Nacht eiligst hatte rufen lassen. 9. Das Testament. Rudolf wurde im Schlosse schon erwartet. Als er vom Pferde sprang, führte ihn der in der Vorhalle wartende Paul sogleich zu Karpáthi hinauf. Die ganze Dienerschaft hatte, seitdem die Herrin begraben wurde, schwarze Kleider bekommen und die Spiegel und Wappen waren wie am Begräbnistage mit Trauerfloren umzogen. Karpáthi wartete in seinem Zimmer auf Rudolf; als er ihn eintreten sah, stand er von seinem Sitze auf, ging ihm eilends entgegen und schüttelte ihm kräftig die Hand. – Ich danke dir Rudolf, ich danke dir, daß du gekommen bist. Du verzeihst, daß ich zu solcher Stunde und mit solcher Eile um dich geschickt habe. Sei willkommen. Ich danke dir sehr, daß du gekommen bist. Rudolf, ich befinde mich so sonderbar. Seit drei Tagen durchdringt ein so ungewöhnlich angenehmes Gefühl meine Glieder, daß es mich bei Nacht aus dem Schlafe erweckt; ich finde nirgends Ruhe wegen der seltsamen Freude, oder wie ich dieses Gefühl nennen soll. Ich fühle meinen Tod sich nähern. Ich bitte dich, sprich nichts dagegen. Ich fürchte mich nicht vor ihm; ich sehne mich nach ihm. Manchmal saust ein scharfer Zug an meinem Ohr vorüber, wie wenn etwas neben mir schnell vorüberflöge. Weiß ich, was das bedeutet? Zweimal habe ich einen solchen Windhauch verspürt: Ich glaube, es wird jetzt der letzte sein. Mit Freuden denke ich an den Tod und habe nicht die mindeste Furcht vor ihm, darum habe ich nach dir geschickt, damit ich noch bei klarem Verstand und ruhigem Blute mein Testament machen könne, zu dessen Vollstreckung ich dich aufzufordern wünschte. Übernimmst du diesen Auftrag? Rudolf gab schweigend seine Einwilligung zu verstehen. – Komm also in das Archiv mit mir, die andern Zeugen warten schon alle dort. Es sind lauter ehrliche Leute, die ich eilends zusammenbrachte. Während sie drei, vier Zimmer durchschritten, hielt Johann Rudolf oft an, indem er zu ihm sprach: »Siehe, hier in diesem Zimmer habe ich sie zum letztenmale lachen gehört – dort auf jenem Stuhl vergaß sie ihren Shawl, er liegt noch dort – auf diesem Tisch sind die Handschuhe, welche sie zuletzt getragen; hier las sie – hier zeichnete sie, dort ist ihr Klavier noch jetzt offen, die Phantasie, die sie zuletzt gespielt, ist noch aufgeschlagen. Hierauf öffnete er ein Zimmer, in welchem Rudolf, als es erleuchtet wurde, zusammenschrak. – Wir gehen nicht den rechten Weg, Alter, du hast dich in deinem eigenen Hause verirrt, das ist das Schlafzimmer deiner Gattin. – Ich weiß es. Aber ich kann nie an demselben vorübergehen, ohne hinein zu treten; heute sehe ich es ohnedies zum letztenmal, denn morgen lasse ich's vermauern. Siehst du, alles ist so, wie sie es gelassen, stehen geblieben. Nicht in diesem Zimmer starb sie, erschrick daher nicht davor. (O, Rudolf hatte eine ganz andere Ursache an diesem Orte Schrecken zu fühlen.) Jenes geht nach dem Garten. Sieh, alles ist noch am alten Platze: die Lampe, bei der sie zu schreiben pflegte, auf dem Tische ein halbvollendeter Brief, welchen niemand gelesen hat. Hundertmal habe ich seitdem diese Zimmer betreten und habe doch nie einen Buchstaben davon gelesen. Es ist ein Heiligtum in meinen Augen. Vor dem Bette stehen noch die gestickten Pantoffeln, so groß, als wenn sie für ein Kind verfertigt worden wären. Auf dem Tisch liegt ein aufgeschlagenes Gebetbuch, zwischen dessen offenen Blättern eine Irisblume, eine Amaranthe und ein Ahornblatt liegen. Sie liebte diese Blumen sehr. – Gehen wir weg von hier, gehen wir, drängte Rudolf; was du sprichst, thut mir weh. – Mir thut es aber wohl. Ganze Tage habe ich an diesen Orten zugebracht und mir jedes Wort, das sie gesprochen, ins Gedächtnis zurückgerufen. Ich sah sie überall vor mir, wachend, schlafend, lächelnd und traurig. – Ich sah sie, wie sie sich über die halbfertige Stickerei beugte, ich sah sie, wie sie ihren schönen Kopf an die Polster lehnte; ich sah sie schlafen und sterben ... – O, gehen wir, gehen wir weg von hier. – Wir gehen Rudolf. Nun komme ich nie wieder hierher zurück. Morgen wird an der Stelle der Thüre eine glatte Wand sein und an die Fenster werden Eisenplatten kommen. Ich fühle, daß ich sie nicht mehr hier werde aufsuchen können. Anderswo, anderswo werde ich sie wieder aufsuchen, in einem andern Zimmer werden wir wieder zusammen wohnen. Gehen wir nun, gehen wir. Und thränenlos lächelnd wie einer, der sich auf seine Hochzeit vorbereitet, verließ er das Zimmer, von der Thüre aus noch einen letzten Blick mit dem Auge und einen stummen Kuß mit der Hand in die Finsternis werfend, als ob er ein nur von ihm und keinem andern gesehenes Wesen zum letztenmale grüßte. – Gehen wir, gehen wir. In dem großen Archivsaale warteten schon die Zeugen. Es waren ihrer vier: der Ortsnotar, ein junger Mann mit vollem Gesicht, der sich mit dem Rücken an den warmen Ofen lehnte; der Güterdirektor, der menschenfreundliche Peter Varga, der sich die Gnade ausgebeten hatte, wie die übrige Dienerschaft schwarze Kleider tragen zu dürfen und der jetzt nur selten ein Wort spricht und dessen Rede, mit wem er auch spricht, stets mit den Worten endigt: »Alles was gut und schön ist, muß früher sterben und nur wir – wir alte Sünder leben so lange. Der dritte Zeuge war der Geistliche, der vierte war Kis Miska. Der gute Mensch hatte die glänzenden Salons, deren gefeierter Held er war, verlassen, um die traurigsten Tage seines alten Freundes zu erheitern. In der That war das eine große Wohlthat, Auch der Fiskal befindet sich dort und schneidet für alle Federn, die er dann bis zur Hälfte in die Tintenfässer taucht, welche auf dem runden Tische in Bereitschaft stehen; da keiner von den hochadeligen und hochehrwürdigen Bekannten des Nabob zugegen war, so läßt sich's leicht denken, wie sehr derselbe mit der Anordnung seines letzten Willens eilte. Als Karpáthi und Rudolf eintraten, begrüßten die Versammelten mit ernster Feierlichkeit die Ankommenden, wie es bei solchen Gelegenheiten der Brauch ist, wenn ein Lebender verfügt, was nach seinem Tode zu geschehen hat. Herr Johann winkte allen sich niederzusetzen, ließ Rudolf zu seiner Rechten und Kis zu seiner Linken Platz nehmen und setzte sich gegenüber dem Fiskal, damit derselbe verstehe, was gesprochen wird. An das äußerste Ende des Tisches setzte sich Herr Varga, der alle Lichter vor sich hinstellte. Er weiß, warum. – Meine Mitmenschen und Freunde! begann der Nabob, wahrend alle in tiefem Schweigen verharrten: Gott hat meine Tage gezählt und wird mein vergängliches Leben in ein rühmlicheres verwandeln, daher seien Sie meine Zeugen, daß ich alles, was ich in dieser Stunde spreche, mit gesundem Verstande spreche. Von jenen irdischen Gütern, welche die heilige Majestät Gottes meinen Händen anvertraut hat, kann ich über mehr als eine Million an barem Gelde verfügen, das ich selbst erworben habe. Gebe Gott, daß mehr Segen darauf ruhe, als in meinen Händen darauf geruht hat. Ich beginne meine Anordnungen mit derjenigen Person, die mir auf dieser Welt die Teuerste war und die nun im Grabe ruht. Dieses Grab sei der Anfang und das Ende meiner irdischen Verfügungen, sowie es mein erster Gedanke ist, wenn ich erwache und mein letzter, wenn ich mich niederlege und auch mein ewiger Gedanke sein wird, wenn ich einst nicht mehr erwache. Mein erstes Legat von fünfzehntausend Gulden vermache ich dem Herrschaftsgärtner, der dafür verpflichtet sein soll, vom frühen Frühling bis zum späten Herbste Jasmin und Amaranthen, welche »Sie« so sehr geliebt, zu ziehen und mit diesen das Grab meines unvergeßlichen Weibes zu bepflanzen. Desgleichen vermache ich zehntaufend Gulden den Madaraser Schloßgärtnern, deren, sowie ihrer Kinder und Kindeskinder Schuldigkeit es sein soll, den dem Glashause nahestehenden Baum, unter welchem sich eine weiße Bank befindet, zu pflegen ... Dies war ihr Lieblingsort; – Johann sprach hier zu sich selbst ... Dort saß sie ganze Nachmittage hindurch... der Gärtner soll neben denselben noch einen andern Ahornbaum pflanzen, damit er nicht allein stehe. Wenn der Baum einst absterben, oder wenn ein ehrloser Nachkomme denselben niederhauen lassen sollte, so soll das ganze Kapital den Armen zufallen. Rudolf saß mit kaltem, unbeweglichem Gesichte neben dem Sprechenden. Niemand konnte den Eindruck wahrnehmen, welche diese Worte auf ihn machten. Wie thöricht war dieser Alte noch in seinen letzten Tagen, werden die Nachkommen sagen, wenn sie einst diese Bestimmungen lesen werden; alles hat er für Gras und Bäume vermacht, werden sie spöttisch sagen. – Ferner, fuhr Karpáthi fort, bestimme ich fünfzehntausend Gulden zu dem Zwecke, daß von den Interessen dieses Kapitals arme wohlgesittete Mädchen ausgeheiratet werden. Jährlich an demselben Tage, an welchem ich mit meinem unvergeßlichen Weibe getraut wurde, sollen sich in der Kirche sämtliche Mädchen der Herrschaft versammeln und für die Verstorbene beten, dann überreiche man dreien von den versammelten Jungfrauen vor den Augen der Gemeinde den Jungfernkranz und die entfallende Summe. Diese sollen sodann zu »ihrem« Grabe gehen und Blumen darauf streuen und beten, daß sie Gott in der andern Welt glücklicher mache, als sie es auf dieser Erde gewesen ist. Hier hielt er inne, damit der Advokat seinen Worten auf dem Papier nachkommen könne. Eine schmerzliche Stille herrschte indes in dem Saale, welche nur durch das Kritzeln der eilenden Feder unterbrochen wurde. Als der Advokat, um anzuzeigen, daß er fertig sei, vom Papiere aufblickte, seufzte Karpáthi auf und ließ sein Haupt niedersinken. – Wenn Gott jene Stunde über mich kommen lassen wird, in welcher ich mein vergängliches Leben verlassen werde, fuhr er mit eifriger klarer Stimme fort (alle seine Worte hallten so im Zimmer, wie wenn dasselbe ganz leer gewesen wäre, zurück), wenn ich sterben werde, so wünsche ich, daß man mir dieselben Kleider anlege, welche ich an meinem Hochzeitstage getragen habe; mein treuer Diener Paul wird dieselben noch kennen. Der Sarg, in den man mich legen soll, steht schon fertig in meinem Schlafzimmer; ich habe mich oft in denselben hineingelegt und daran gedacht, wie gut es sein wird, wenn ich nicht mehr heraus zu steigen brauchen werde. Derselbe ist ganz so wie der »ihrige« verfertigt, nur mit dem Unterschiede, daß alles, was weiß an ihrem Sarge, an dem meinigen schwarz ist. Auch der Name ist mit silbernen Buchstaben ausgeschrieben, nur die Jahreszahl ist noch hinzuzufügen. Ich will in demselben Zimmer, in welchem sie aufgebahrt war, ausgestellt werden und derselbe Geistliche soll für mich die Gebete sprechen, welcher für sie gebetet hat. – Mein Herr, unterbrach ihn der Geistliche, wer hat in dem Buche des Todes und des Lebens gelesen, wer länger von uns beiden leben wird? Karpáthi winkte ihm, er möge beruhigt sein, er wisse dies besser. – Ich wünsche, daß bis dahin alle Trauerflöre in den Zimmern bleiben sollen, und daß alles so bleibe, wie es bei ihrem Begräbnisse war. Man soll dieselben Chorstudenten von Debrezin kommen lassen und sie sollen dieselben Trauerchöre singen, keine anderen. Mir haben diese Gesänge so wohl gethan, als man sie ihr nachsang. – Herr, sagte der Geistliche, diese Jünglinge können bis dahin schon Männer sein. Karpáthi schüttelte den Kopf und fuhr fort: Und wenn man die Gruft öffnet, so soll man die Scheidewand, welche die beiden Gräber trennt, durchbrechen, damit zwischen meinem und ihrem Sarge gar kein Unterschied sei, auf daß ich mit dem glücklichen Gedanken ins Grab steige, daß ich neben ihr bis zum glücklichen Auferstehungstage schlafen werde, welchen Gott seinen Gläubigen verleihen möge. Amen. Und die ernsten Männer um den Tisch herum weinten alle; keiner schämte sich vor dem andern; selbst der kaltblütige Advokat zerschnitt seine Federn und sah die Worte nicht, welche er niederschrieb ... Nur auf Karpáthis Gesicht war keine Traurigkeit; er sprach wie einer, der seine Hochzeit anordnet. – Nach meinem Begräbnisse soll man meinen Grabstein, welcher ebenfalls fertig in meinem Museum steht, neben den ihrigen stellen. Auf demselben steht mein Name und darunter die Worte: »Er lebte nur ein Jahr und schlief in den übrigen.« Ich will, daß man außer der Jahreszeit nichts mehr hinzuschreibe und daß er so bleibe, wie er gegenwärtig ist. So viel von uns, von den Verstorbenen . Ich habe einen Schatz, der unter der Erde ist, mit dem ich bald vereinigt sein werde und einen andern Schatz, meine Freude, die Hoffnung meiner Seele, welcher hier bleibt. Dieser ist mein Sohn. Bei diesen Worten glänzte die erste Thräne in dem Auge Karpáthis, er trocknete sie, es war eine Freudenthräne. – Er soll mir in nichts ähnlich werden, er werde besser, klüger, als sein Vater war. Schreiben Sie diese Worte, Herr Advokat. Vor wem sollte ich etwas verheimlichen? Ich stehe vor Gottes Thron: Ich will, daß mein Sohn besser werde, als ich es war. Vielleicht wird Gott, wird das Vaterland für seine Tugenden verzeihen, was wir – ich, meine Voreltern und alle diejenigen die ein dem meinigen gleiches Leben geführt, gegen dasselbe verbrochen haben. Er soll durch sein Leben zeigen, wie wir hätten sein sollen. Der Reichtum soll nicht sein Herz verderben, damit er in seinem Alter nicht seine Jugend bereuen müsse. Wäre man meiner so bedacht gewesen! hätte mein Vater für die eine Hälfte seiner Schätze mir einen Mann, einen Führer verschafft, der mich gelehrt hätte, die andere Hälfte nützlich anzuwenden! Ich will, daß mein Sohn glücklich werde. Was ist Glück? Geld? Besitztum? Macht? Keines von diesen. Ich habe alles besessen und war nicht glücklich. Nur Seelenreinheit ist das wahre Glück, darum soll er vernünftig, ehrlich, mutig, ein guter Bürger, ein guter Patriot werden und soll seinen Adel nicht bloß im Wappen, sondern auch im Herzen tragen. Bei diesen Worten ward das Antlitz des alten Mannes so erhaben und nahm einen solchen ehrfurchtgebietenden Ausdruck an, daß allen, die ihn ansahen, unwillkürlich jene längst verblichenen Helden in den Sinn kamen, welche, nachdem Streitaxt und Armbrust ihren Händen entfallen war, den horchenden Sprößlingen Rat erteilten. – Ich weiß wohl, fuhr Karpáthi fort, daß, wenn die Vormundschaft meines einzigen Sohnes auf seine nächsten Verwandten käme, oder wenn irregeführte Richter selbstsüchtige, schmeichelnde Vormunde für ihn ernennen würden, diese sein Herz verderben und ihn, weil die Laster der Reichen den Eigennützigen gewöhnlich mehr Nutzen bringen, als deren Tugenden, zu einem leichtsinnigen, unverständigen Menschen erziehen und seine Seele geflissentlich dem Verderben preisgeben möchten. Ich will daher zum Heile meines Kindes auch meine Anordnungen treffen, denn ich schaudere vor dem Gedanken zurück, es unter dem verderblichen Einflusse meines Neffen oder eines solchen Führers zu wissen, wie mein Neffe Bela ist! Lassen Sie nichts aus von diesen Worten, Herr Fiskal! Ich klage ihn vor dem Richterstuhle Gottes an, daß er ein schlechter Mensch, ein schlechter Verwandter, ein schlechter Patriot ist; vielleicht kann nur seine Thorheit, seine Schlechtigkeit ihn entschuldigen. Nein! Er soll das Herz meines Sohnes nicht verderben. Ich will ihn in eine solche Hand geben, wo jedes Gefühl in ihm sich in Tugend verwandeln wird, in eine Hand, welche ihn auf dem Weg der Ehre und des vaterländischen Ruhmes leiten, welche ihn besser beschützen und verteidigen wird, als wenn ich meine Hand aus dem Grabe für ihn ausstrecken könnte; ich will ihn den Händen eines Mannes anvertrauen, der ihm ein besserer Vater, als ich es hätte sein können, sein wird, und der, wenn er ihn auch nicht so innig wie ich wird lieben können, ihn doch weiser lieben wird ... ... Dieser Mann, welchen ich zum gesetzlichen Vormund meines Kindes ernenne, ist: Graf Rudolf Szentirmay. Bei diesen Worten reichte der gute Alte Rudolf die Hand. Dieser sprang von seinem Sitze auf, fiel ihm um den Hals und umarmte ihn. So hielten sie sich lange umschlungen; währenddessen sprach niemand ein Wort. Dann setzte sich Rudolf nieder und sprach mit gedämpfter Stimme, daß er die Vormundschaft annehme. – »Sie« hat es auch so gewünscht, sprach der Nabob. In ihrer letzten Stunde, als sie ihren Sohn in die Hände deines teuren Weibes legte, sprach sie die Worte: »Sei meinem Kinde Mutter.« Ich habe dies nicht vergessen; und jetzt spreche ich zu dir wieder: »Sei meinem Kinde Vater!« Glückliches Kind! Welchen guten Vater, welche gute Mutter lassen wir dir zum Erbe! Der gute Alte konnte lange Zeit nicht wieder zu Worte kommen, als er diesen Teil seiner Beschlüsse anführte. Das starke Gefühl übermannte ihn so, daß er sich kaum beherrschen konnte und es dauerte einige Zeit, bis er wieder zu Kräften kam und seine Rede fortzusetzen imstande war. – Nun will ich von demjenigen sprechen, welcher die bittersten Stunden meines Lebens verursacht hat, von meinem Neffen nämlich, der Bela getauft wurde und sich Abellino nannte. Ich will nicht seine Sünden, welche er gegen Gott – gegen mich und das Vaterland begangen hat, aufzählen! Möge ihm Gott und das Vaterland ebenso verzeihen, wie ich ihm verzeihe; aber ich wäre ein Heuchler, ein Litauer, wenn ich in dieser Stunde sagen würde, daß ich ihn liebe. Ich bin so kalt gegen ihn, wie gegen einen Fremden, den ich nie gesehen habe; und halte es für eine Strafe Gottes, die über ihn gekommen, daß er mein Vermögen, nachdem er das seinige auf thörichte Nichtigkeiten im Auslande verschwendet hat, nicht erben kann. Hätte er mir an meinem Namenstage statt der Aussöhnung nicht einen Sarg geschickt. Wäre er in seinen Ränken nicht damit umgegangen, das Seelenheil einer unschuldigen Jungfrau zu untergraben, so würde ich nie der Gemahl dieser Jungfrau geworden sein, welcher Gott in der Erde ihre Ruhe geben und die er im Himmel verherrlichen wolle – ich hätte dann keinen Sohn bekommen und er wäre mein alleiniger Erbe geworden. Gott wollte es so und er hat selbst das Unheil über sich gebracht. Nun ist er an den Bettelstab gekommen, denn er hat mehr Schulden als Haare am Kopfe; was wird nun aus ihm werden? Arbeiten kann er nicht, da er nichts versteht und nichts gelernt hat, was ihm wieder aufhelfen könnte. Er wird sich nicht umbringen, denn Wollüstlinge können nicht Selbstmörder werden. Ich will auch nicht, daß er einer werde, sondern daß er lebe, damit ihm Zeit zur Besserung bleibe; ich wünsche nicht, daß er darbe und auf das Mitleid anderer Leute angewiesen sei, sondern ich verordne, daß ihm jeden Tag ein Dukaten bei meinem Rechtsanwalt in Pest ausgezahlt werde, was, wie ich glaube, hinreichen wird, ihn vor völliger Not zu schützen. Dieser Dukaten muß täglich von ihm selbst erhoben werden, er darf niemandem außer ihm übergeben und darf nicht als Schuldablösung für ihn ausgezahlt werden; desgleichen darf er diesen Dukaten für keinen Tag voraus erheben und an dem Tage, an welchem er ihn abzuholen unterlassen hat, verbleibt derselbe dem Advokaten als Eigentum. Wenn jedoch der Tag von Johannis Enthauptung kommt, so soll man ihm, damit er sich von Jahr zu Jahr auf diesen Tag freue und sich dessen erinnern könne, jedesmal hundert Dukaten auszahlen. Mit ihm habe ich meine Geschäfte auf Erden beendigt; andere Verwandte, deren ich mich erinnern könnte, habe ich keine mehr. Meine Freunde kann ich leicht herzählen, ich kenne bloß drei, welche ich wirklich nicht nur aus bloßem Herkommen so nennen kann. Der erste ist Rudolf; ihm habe ich mein Kind anvertraut. Der zweite ist Kis, der mich stets geliebt, und der, wenn mich ein Unglück traf, immer an meiner Seite war; ihm vermache ich meine Lieblings-Reitpferde und Windspiele, da ich weiß, daß ich ihm kein schöneres Andenken und den Tieren keinen bessern Herrn geben könnte. Mein dritter wahrer Freund ist Peter Varga, mein Güterdirektor. – O, mein Herr ..., stammelte der Alte, aber seine Zunge wollte sich nicht bewegen. – Ihm vermache ich meinen alten Diener Paul und den alten Vidra, meinen Hausnarren; dazu die Lapájer Pußta, welche ich selbst erworben habe; er soll mit meinen treuen Dienern glücklich leben. Alle jene, welche gegenwärtig auf meinen Gütern angestellt sind, sollen ihre Bezahlung beibehalten und sollen auch dann, wenn sie wegen Verkrüppelung oder Altersschwäche dienstuntauglich werden, ihren Gehalt ausgezahlt bekommen. Was noch überdies an verfügbarem Vermögen übrigbleibt, soll nach der weisen Einsicht des anwesenden Testamentsvollstreckers, des Grafen Szentirmay, zu solchen gemeinnützigen, vaterländischen Zwecken, welche zur Hebung des Nationalsinnes beitragen, verwendet werden. Ich bitte Gott, daß das Vaterland, in dessen Boden meine Ahnen ruhen und in welchem ich ebenfalls bald ruhen werde, ewig glücklich sein und fortblühen möge, daß der Stamm, dessen Mitglied mir Gott zu sein erlaubte, unter den besseren und weiseren Nachkommen einen würdigen Platz unter allen gebildeten Nationen einnehme und daß die Fremden seinen Namen schätzen lernen sollen. Mich haben finstere Zeiten geboren und das neue glücklichere, edlere und verständigere Zeitalter bedarf meiner nicht mehr; ich kann nur so viel Gutes thun, daß ich den Bessern meinen Platz überlasse. Und indem ich meine Seele dem Herrn und meinen Leib der Erde empfehle, erwarte ich ruhig meine Auflösung und harre mit auf Gott gesetztem Vertrauen der Stunde entgegen, wo ich in Staub verwandelt werde. Die letzten Worte wurden ebenfalls niedergeschrieben. Sodann verlas der Advokat das Testament, welches sowohl von Karpáthi als auch von den anwesenden Zeugen unterschrieben und mit ihren Siegeln versehen wurde; noch in derselben Nacht wurde ein zweites gleichlautendes Exemplar ausgefertigt, welches Rudolf als Komitatsvorstand erhielt. Dann sprach Karpáthi zum Geistlichen, daß er den Küster hereinrufe. Dieser erschien und stellte einen goldenen Becher mit Wein und einen goldenen Teller, in welchem längliche Brotschnitte lagen, auf den kleinen, ebenholzenen Tisch. Es war des Herrn heiliges Abendmahl, das letzte, welches man dem Todeskranken reicht. Der Geistliche trat zu dem Tisch, auf welchem der Wein und das Brot sich befand, hin und Karpáthi näherte sich mit christlicher Demut den heiligen Symbolen; die andern standen stumm um ihn her. Der Geistliche reichte das gebrochene Brot: »Jesus der Erlöser nehme dich in die Wunden seines Leibes auf.« Und er reichte ihm den Becher: »Sein Blut wasche deine Sünden ab.« Johann betete mit Inbrunst nach der einfachen Ceremonie und sagte dann mit frommer Ruhe zu dem Geistlichen: Bald werde ich jene glücklichere Welt sehen können; wenn ihr hört, daß ich krank bin, so haltet für meine Genesung keine Gebete ab, es wäre umsonst, sondern betet für mein neues Leben. Und nun kommt zu meinem Sohne. O, welches Gefühl, welche Wonne liegt in dem einen Worte: »mein Sohn.« Alle Anwesenden gingen hin und stellten sich um die Wiege des Kindes, welches so ernst auf die Gesichter der schweigsamen Männer blickte, als ob es auch einer von ihnen wäre und als Karpáthi es auf seinen Armen emporhob, schien es ihn mit großen Augen zu betrachten und drückte, als der Alte es herzlich küßte, stets aufs neue seine kleinen Lippen an. Nachdem ging es der Reihe nach auf die Arme aller Anwesenden über, auf alle blickte das Kind so ernsthaft, als ob es wüßte, daß es lauter ehrenwerte Männer vor sich habe, als es aber zu Rudolf kam, fing es zu lächeln und zu hüpfen an, schlug die kleinen Händchen zusammen und streichelte ihn, wie es Kinder in ihrer Freude zu thun pflegen; wer weiß warum? Rudolf küßte dem Kinde die Stirne und Karpáthi sagte: »Wie es sich freut, als ob es wüßte, daß du ihm künftig Vater sein wirst ...« Bald darauf saß die ganze Gesellschaft beim Abendmahle. Es fiel auf, daß Herr Karpáthi weder Speise noch Trank anrührte. Er sagte, daß er nach dem heiligen Brot und Wein keine gewöhnliche Speise zu sich nehmen wolle, und daß er bis morgen nichts essen werde. Sein alter Diener aber, der auftrug, flüsterte Rudolf zu, daß sein Herr seit gestern Abend keinen Bissen zu sich genommen habe. 10. Abschied. Alles im Schlosse hatte sich frühzeitig niedergelegt, nur Rudolf wachte noch lange. Im Kamine brannte ein freundliches Feuer, dort saß er neben demselben, über Vergangenes und Zukünftiges nachdenkend. Diese Gedanken aufzudecken, wäre Verrat; es giebt Geheimnisse, für welche es am besten ist, wenn sie im Grunde des Herzens bleiben. Nach Mitternacht entstand ein Kommen und Gehen im Schlosse und Diener liefen auf dem Korridor hin und her. Rudolf, welcher noch halb angekleidet war, trat hinaus in den Hausflur; dort traf er mit Paul zusammen. – Was giebt's? fragte er ihn. Der alte Diener wollte sprechen, aber seine Lippen waren geschlossen, sein Kinn zitterte krampfhaft wie bei einem, der sprechen will und nicht kann. Endlich brachte er doch ein Wort hervor und sprach unter Thränen schluchzend: Er ist gestorben ... – Unmöglich! rief Rudolf aus und eilte in Johanns Schlafgemach. Dort lag der Nabob mit geschlossenen Augen, die Hände auf der Brust gefaltet, vor ihm das Bild seiner Gemahlin, damit sein letzter Blick noch auf sie falle und sein Antlitz war ehrfurchtgebietend, weil der Tod es von allen irdischen Leidensspuren gereinigt hatte und nur der reine ursprüngliche Gesichtsausdruck in allen seinen Zügen geblieben war. Er starb so ruhig, daß sein alter Diener, der bei ihm im Zimmer schlief, es nicht wahrnahm; nur die vollständige Geräuschlosigkeit war ihm verdächtig und als er zu seinem Herrn hintrat, fand er ihn tot. Er hatte also richtig seine letzte Stunde geahnt und jene namenlose Freude, jenes unerklärliche Wohlgefühl war die Annäherung des Todes. Rudolf schickte eiligst um den Arzt, obwohl ein Blick auf dies Angesicht ihn überzeugen konnte, daß hier kein Arzt mehr notwendig sei. Als dieser ankam, war bereits alles zu Ende, man brauchte nur noch den Sarg. Alles war schon im Schlafzimmer zur Ausstellung der Leiche vorbereitet worden. Sarg, Leichentuch, Wappen und Fackeln. Karpáthi hatte sich jetzt weniger, als damals an seinem Namenstage, vor dem Sarge gefürchtet. Es geschah alles so, wie er es angeordnet hatte. Man stellte in demselben Zimmer den Katafalk auf, in welchem seine Frau gelegen hatte. Man legte ihm dieselben Kleider an, in welchen er mit ihr getraut wurde und that ihn so in den Sarg. Man berief auch dieselben Sängerknaben, welche seiner Frau so schöne und ergreifende Grablieder nachgesungen hatten und dieselben Gesänge wurden auch bei seinem Sarge angestimmt. Die Nachricht von seinem Tode verbreitete sich schnell in der ganzen Gegend und wie an jenem Freudentage war der Karpáthfalvaer Hof von allerlei Volk gefüllt. Aber anstatt der freudigen Gesichter waren bloß Traurige gekommen. Niemand von den alten Bekannten war ausgeblieben, alles eilte, ihn noch einmal zu sehen und jeder, der ihn sah, sagte, daß er sich so verändert habe, daß er nicht mehr zu erkennen sei; selbst diejenigen sagten dies, die ihn im Leben sich verändern sahen. Eine große Menge Volk folgte ihm bis zur Gruft; die angesehensten Männer trugen die Fackeln und die ehrenwertesten Damen gingen hinterdrein. Die Sitte brachte es mit sich, daß der Haupterbe, der einzige Sohn, den Sarg seines Vaters begleite; da dieser erst ein halbes Jahr alt war, so mußte er nachgetragen werden und Madame Szentirmay trug ihn auf den Armen. Jeder, der sie sah, behauptete, daß sie mit dem Kinde so zart umzugehen wisse, als wenn sie seine wahrhafte Mutter wäre. Glückliches Kind! Bei den schwersten Schlägen, beim Verlust des Vaters und der Mutter, kommt es ohne Schmerzen durch und gewinnt einen neuen Vater, eine neue Mutter an deren Stelle. Derselbe Geistliche, dessen Worte über dem Sarge der Frau des guten alten Nabobs so tröstend erklangen, hielt auch jetzt die Leichenrede. Viele weinten, aber am meisten der Geistliche selbst, welcher die andern trösten sollte; er kam erst dann wieder zu sich, als er alle Bekannten des Verstorbenen herzählen mußte; diese lange Liste befreite ihn von aller Rührung. So viele gnädige, hochwohlgeborene, hochgeborene, ehrwürdige, hochansehnliche und ansehnliche Personen sind es, von welchen der Staub gewordene, selige Herr Johann von Karpáthi hiermit Abschied nahm. Dann trugen sie ihn in jenes stille Gemach hinab, in welchem die Verstorbenen ruhen und bereiteten ihm sein Ruhebett neben seiner verstorbenen Gemahlin . So traurig klang der Chor in die Gruft hinab, daß selbst die Totengräber sich beeilten, heraufzukommen. Dann wurde die schwere eiserne Thüre zugeschlagen. Jetzt ist er für immer glücklich! 11. Das Urteil der Welt. Eines der reichsten Familienhäupter Ungarns war seinem Weibe in das Grab gefolgt und hatte einen einzigen Sohn zurückgelassen, welcher zu einer Zeit geboren wurde, als ihn niemand mehr erwartete und mit seiner Geburt in der Rechnung vieler eine große Verwirrung anrichtete. Abellino, der vermeintliche Erbe, welcher schon Millionen auf Rechnung seines Onkels aufgenommen hatte, war dadurch auf einmal zum Bettler geworden und sein Fall wurde bis zur Ile de Jerusalem verspürt. Bei dem so viel hin und her besprochenen Fall wurde auch das Urteil der Welt rege, welcher der Tod des Nabob hinreichenden Stoff zur Unterhaltung auf einige Wochen gab; und wenn wir die vielen Reden über diesen Gegenstand sammeln wollen, so können wir so manches erfahren, was der Wahrheit so wenig nahe kommt. Kehren wir zuerst zu Herrn Kecskerey zurück, heute ist große Tanzunterhaltung bei ihm. Wie ich glaube auf Kosten des Grafen Szépkiesdy, der an irgendeiner schönen Sängerin Gefallen gefunden und mit dieser sich dort zu unterhalten wünscht. Unter unsern alten Bekannten werden wir hier auch andere Leute finden; hier befinden sich auch Livius, Konrad, der schnurrige Erdey, der seinen Appetit bekämpfende Georges Molnay, der freizüngige Darvay, der schöne Csendey, der Sonderling Baron Berky, der Vortänzer Csepesy und wer könnte sich noch aller übrigen erinnern, welche selbst ihr eigener Vater zu vergessen imstande wäre. Es ist Tanzpause; die Männer versammeln sich in dem Rauchkabinett. Eine emanzipierte Dame hat sich ebenfalls zu ihnen gesellt, welche zierlich ihre weiße Papiercigarette raucht und sich gemächlich in einem Schaukelstuhl schaukelt. Unser Freund Kecskerey hat, um höher zu sitzen, sich drei Diwanpolster untergelegt und unterhält von da aus die Gesellschaft mit seinen witzigen Einfällen. Sie lachen. Man bespricht eben das Begräbnis des alten Karpáthi. Unser Freund Kecskerey begleitet das Testament mit passenden Kommentaren und Travestien. – Es war doch in der That eine schöne Schwachheit von dem Alten, daß er die Irisblumen so bevorzugt hat. Man sagt, daß er auch den Schnittern den Auftrag hinterlassen hat, jede Irisblume, die sie auf dem Felde finden, zu verschonen und bei Strafe von fünfundzwanzig Prügeln keine abzumähen. Das emanzipierte Fräulein machte hierauf die Bemerkung, daß sie die Blumen nicht ausstehen könne, weil dies alles reine Affektation sei. – Das Abhauen der Ahornbäume hat er als wahrhaften Mord verpönt und diese dürfen in keinem seiner Wälder angerührt werden. – Was hat denn diesen Alten zu solchen Thorheiten gebracht? fragte jemand. – Kann man auch wissen, warum er etwas gethan hat? dies zeigt ebenfalls, daß er ein großer Narr war. Jetzt bleibt dem Abellino nichts anderes übrig, als anzugeben, daß sein Onkel verrückt war, als er heiratete und dann ist weder die Heirat, noch der aus derselben hervorgegangene Sohn gültig. Ein riesiges Gelächter folgte auf diesen Einfall. Der freisinnige Darvay fand es für gut, mit ernstem Gesichte hierauf einzuwenden, daß er dieses Projekt kaum für ausführbar halte. – Ich glaube es auch nicht, sagte Kecskerey lachend. – Aber was wird in diesem Falle aus Abellino werden? wollte ein anderer wissen. – Man braucht seinetwegen nicht besorgt zu sein, der alte Herr hat ihn bedacht, antwortete Kecskerey, indem er den Kopf zurückwarf; – jeden Tag erhält er in Natura einen Dukaten, welchen er in eigener Person und zwar in vollständigem Bettlerkostüm: mit zerlumptem Mantel, zerrissenen Stiefeln, fettfleckigem Hut, mit aus Tuchenden gemachtem Tornister und eisenbeschlagenem Stock, von seinem, im Marokanerhause wohnenden Rechtsanwalt abholen muß. Auf diese Weise muß er sich, um seinen Dukaten abzuholen, jeden Tag einstellen, wenn er nicht Hungers sterben will. Ein schallendes Gelächter nahm diese geistreiche Illustration auf. Wie wir sehen, giebt es in diesem Augenblick leinen lächerlicheren Menschen als Abellino. Niemand hielt es mehr der Mühe wert, von Abellino zu sprechen. Das reiche Majorat war ihm ausgeblieben und er wird auf die paar tausend Gulden, welche ihm sein Onkel als Gnadengehalt ausgesetzt hat, beschränkt sein. Jedenfalls die größte Sünde, die er je hätte begehen können. Hätte er noch so viele Menschen im leichtsinnigen Duell umgebracht, halte er in leichtfertiger Liebe noch so viele Frauen unglücklich gemacht, die Welt würde ihm verziehen haben; dies alles ist keine Sünde in ihren Augen und läßt einen Mann nur um so interessanter erscheinen. Daß er aber um seine größten Aussichten betrogen wurde, daß er zum Bettler geworden, dies konnte man ihm nicht verzeihen; von diesem Augenblicke kann er nur ein Gegenstand des Gelächters werden. Was wird er auch anfangen? – Am besten wäre es, wenn er sich als Instruktor zu seinem Vetter verdingen möchte, sagte jemand. – Herr Johann hat ja schon den Rudolf dazu erwählt, sagte Kecskerey ... damit er den Knaben nichts mehr als Rauchen und Reiten lernen lasse. Ich kann mir vorstellen, wie sich Rudolfs Frau freuen muß, daß sie so leicht zu Familie gekommen ist! Dieser Witz war so treffend, daß sich die emanzipierte Dame Lachen so stark über den Sessel gebogen hatte, daß man sie kaum wieder aufrichten konnte. Der freisinnige Darvay wollte nur noch wissen: ob der Alte in seinen letzten Stunden zu der Fahne seiner Gegner zurückgekehrt sei. – Er hat keine andere Sorge gehabt! sprach Kecskerey lachend; er ist mit ganz anderen Gedanken verschieden. Neben seinem Bette hatte er eine Zigeunerbande, welche ihm immer Bauernmelodien aufspielen mußte und er umgab sich ganz mit Tokayer-Gläsern, damit er auch in die andere Welt nicht nüchtern komme. In seinem Testamente bestimmte er, daß man einen Weinlaubkranz auf seinen Sarg lege und daß die Zigeuner, wenn man ihn zum Friedhof trägt, das Lied »Das Leben schwindet wie ein Schatten« aufspielen sollen, welches zwar mit einer schönen Trauermelodie anfängt, jedoch mit einem Allegro, dessen Text »Nun reiche mir die volle Flasche« ist, endigt. Zweien Zigeunerbanden hat er em Kapital angelegt, daß sie dafür täglich seine Lieblingsmelodien, eine Morgens, die andere Abends, an seinem Grabe aufspielen, und seinen lustigen Zechbrüdern hat er unter sonstiger Androhung seines Fluchs den Auftrag hinterlassen, sich jährlich an seinem Todestage an seinem Grabe zu versammeln und dort auf seine Gesundheit zu trinken, desgleichen hat er noch für jene drei Jungfrauen eine Belohnung ausgesetzt, welche die meisten Liebhaber in einem Jahr gehabt haben Das übrige Vermögen hat er den Zigeunern vermacht. – Schade unterbrach hier Graf Gregor mit einem sardonischen Lächeln den gemütlichen Verleumder, das; er denjenigen, welche sein Andenken in gesuchten Anekdoten ehren werden, nichts hinterlassen hat, bemühen wir uns also nicht umsonst! * Wir haben Kecskerey zugehört, hören wir jetzt die lustigen Zechbrüder des Verstorbenen. Sie sind heute bei Kutyfalvy versammelt. Der alte Becher geht von Hand zu Hand. Sie sind in ihrem Elemente, das heißt, ihr Element, nämlich der Wein ist in ihnen. Sie lachen laut auf und derjenige ist der glücklichste, welcher die größte Thorheit sagen kann. – Der Alte hat sich bekehrt in seinen lebten Tagen, sagte Horhi, indem er ein langst angesponnenes Gespräch fortsetzte: den ganzen Tag hat er Psalmen gesungen und lernte noch Franzosisch und Deutsch in letzter Zeit, damit er, wenn die Engel in der andern Welt kein Ungarisch verstehen, doch mit ihnen sprechen könne. – Hahaha! Französisch und Deutsch! – Am letzten Tag hat er seine Kellerthüre vermauern lassen, ich habe selbst mit dem Maurer, welcher bei ihm gearbeitet hat, gesprochen, damit niemand seinetwegen in die Sünde der Trunkenheit verfalle und auf allen seinen Gütern hat er den Weinschank verboten; nur in den Apotheken hat er Wein zu verkaufen erlaubt. – Hahaha! in Arzneiflaschen! – Und er befahl auch, daß niemand, der auf seinen Gütern wohnt, auf die Frau eines andern zu, schauen wage, daß man jede flatterhafte Frau in das Halseisen stelle und jedes Schulmädchen, welches mit einem Schulknaben spielt, soll Kirchenbuße thun. – Hahaha! in der Kirchenthüre! – Seinen Neffen aber hat er beinahe zu verleugnen gewagt und ihm eine jährliche Rente ausgesetzt; er fürchtete sich, daß er ihn noch in der andern Welt verfluchen werde. – Vielleicht schämte er sich, daß ein Karpáthi nichts zu essen haben solle. – Der arme Alte fürchtete sich sehr vor dem Tode, darum hatte er sich so verändert; er fiel in Ohnmacht, wenn man vor ihm einen Sarg erwähnte und als er den Tod sich nähern fühlte, ließ er acht Pfaffen um sich herum stellen, alle Glocken läuten und sie mußten an seiner Seite so viel beten, daß sie, damit er nur nicht sterbe, fast die Engel bei den Füßen vom Himmel herabzogen. Sein ganzes Vermögen fast hat er der Kirche vermacht. – Seinen Sohn ausgenommen, den hat er Szentirmay vermacht. – Hätte nur das Weibchen länger gelebt und wäre ich dann einmal ins Haus gekommen, sprach Kutyfalvy mit spöttischem frechem Gesichte, ich wette, er hätte noch etwas zu vermachen gehabt. – Das glaube ich auch von mir! sprach Csenkö Laczi, ihm beistimmend. – Ich auch, ich auch! schrien alle. Und niemand ist da, der ihnen sein Glas an den Kopf wirft. So lange diese Frau gelebt hat, wagten sie kaum vor sie hinzutreten und konnten nicht ein kluges Wort mit ihr wechseln – und jetzt nach ihrem Tode erfrechen sie sich, sie zu verleumden. Das ist auch ein Zug, welcher zu ihrem Charakter gehört. Überlassen wir diese Leute sich selbst. Es sind Kranke, die keine Arznei heilen könnte. * Werfen wir jetzt einen Blick in den Klub auf dem Boulevard des Italiens . Die bekannten Seigneurs und Lords besprechen auch jetzt die Welt in ihren: Salon und wenn sie mit den Nahestehenden fertig sind, so kommen die Entfernten an die Reihe. Zugegen sind: der originelle Lord, der nordische Herzog, Marquis Debry und andere, die uns gar nichts angehen. Eben jetzt tritt der Bankier Monsieur Griffard ein, mit demselben glatten lächelnden Gesicht, das wir gewöhnt sind, an ihm zu sehen. – Ah, Herr Griffard wird es am besten wissen, da er ihn am genauesten gekannt hat; rief ihn: der lustige Marquis entgegen, (Wahrscheinlich war man über eine interessante Frage, die einer Lösung bedurfte, in Zweifel.) Sagen Sie doch, Monsieur, ist es wahr, daß dem Onkel Abellinos ein Sohn geboren wurde? – Vollkommen wahr, sprach Mr. Griffard, indem er seinen Wintershawl ablegte. – Jedenfalls ein großes Übel für Abellino! – Um so mehr, da er nicht beweisen kann, daß der fragliche Erbe ein untergeschobener sei. – Das läßt sich nicht beweisen, sprach Griffard mit ganzer Sicherheit. – Auch das nicht, daß die Frau seines Onkels in einem sträflichen Verhältnisse mit jemandem gelebt hätte? – Das Weib war ein Tugendmuster, entgegnete Mr. Griffard. – Hm, also eine sehr schlechte Situation für Abellino. – Noch eine schlechtere für seine Gläubiger, bemerkte Lord Burlington. – Ich glaube, daß seine Gläubiger, die ihm im Vertrauen auf diese Erbschaft Geld geliehen haben, jetzt schiefe Gesichter ziehen werden. – Ohne Zweifel, sprach Mr. Griffard mit heiterer, lächelnder Miene. Kein Zug, keine Falte auf seiner Stirne verriet, daß auch er durch den neuen fatalen Erben ein paar Millionen verliere. Um alles in der Welt möchte er nicht, daß man je erfahre, ein barbarischer Tálabiró habe ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. * Wenn jemand mit Madame Mayer zusammentraf und sie fragte, um wen sie Trauer trage, so antwortete sie: Um meine unvergeßliche Tochter, um meine herrliche Fanny, die Gattin des gnädigen Herrn von Karpáthi, um mein mir vom Herzen gerissenes Kind. Und dann vergoß sie Ströme von Thränen. Die Mayerschen Mädchen gingen ebenfalls in Trauer; die schwarzen Kleider heben die Schönheit hervor. Wenn aber doch jemand so leichtgläubig war, die dunkle Kleidung noch etwas anderem als der erwähnten Ursache zuzuschreiben und sich darnach erkundigte, so weinten sie, um die schönen Augen nicht zu verderben, nicht zu sehr, sondern sprachen: Unsere Schwester ist gestorben: die reiche Frau von Karpáthi und obwohl sie uns nichts hinterlassen hat – die Geizige, so trauern wir doch um sie. Eines Tages brachte Madame Mayer das mütterliche Gefühl so weit, daß sie an Rudolf einen Brief schrieb, in welchem sie ihm unter »bitteren Thränen« erzählte, wie es ihrem mütterlichen Herzen so weh thue, von ihrer einzigen unvergeßlichen Tochter, von ihrer herrlichen Fanny, der Gemahlin des gnädigen Herrn von Karpáthi nicht einmal ein Schuhband als Andenken zu besitzen, wodurch sie sich an dieselbe erinnern, welches sie am Herzen tragen, täglich hundertmal hervorziehen und küssen könnte, Sie hoffe daher, daß Rudolf gegen eine arme, unglückliche, vom Schicksal so hart heimgesuchte Mutter nicht so unbarmherzig sein werde, ihr ein Andenken von ihrer angebeteten Tochter zu versagen, sondern nachsehen werde, ob sich nicht ein Handschuh oder sonst etwas Wertloses von ihrer ewig beweinten Tochter für sie vorfinde; denn etwas Wertvolles würde sie nicht einmal annehmen u.s.w. Rudolf verstand den Wunsch der guten Frau und schickte ihr zehntausend Gulden – zum Andenken. Und Madame Mayer war so gütig, das Geld – nicht zurückzuschicken. Später schrieb diese gefühlvolle Mutter, respektive Großmutter wieder an Flora einen Brief, in welchem sie ihr, unter bitteren Thränen ihr zu Füßen fallend, erzählte, wie schwer es für das Herz einer Großmutter sei, wenn sie ihren einzigen Enkel nicht einmal sehen könne, ja nicht einmal zu träumen von ihm imstande fei. Wenn sie einst sterben werde, so habe sie selbst nicht die Hoffnung, ihn in der andern Welt zu sehen, da sie ihn auch dort nicht erkennen würde! – Sie bittet daher die gnädige Frau, welcher sie die Hände und Füße küßt, unterthänigst, ihr zu wissen zu thun, wie und auf welche Art sie ihr einziges Enkelchen, von dem sie höre, daß es so schön, so lieb und so vernünftig sei, sehen könnte. Frau von Szentirmay erschrak wahrhaft vor diesem Antrage. Wahrlich dies fehlte noch den bösen Zungen, daß Madame Mayer zu ihr komme, um die gefühlvolle Mutter gegen ihr Kind zu spielen. Was war zu thun? Zu schreiben war nicht ratsam, weil sie mit ihrem Briefe zu prahlen imstande Ware und Frau von Szentirmay nicht wollte, daß ihre Handschrift in einem solchen Hause wie das Mayersche jedermann gezeigt werde. Frau von Szentirmay war eine kluge Frau, sie fand daher bald das Mittel, welches diesen unangenehmen Besuch für immer von ihrem Hause fernhielt. Sie schrieb an Therese. Sic forderte in dem verbindlichen einschmeichelnden Tone, welcher nur ihr möglich war, das würdige Fräulein auf, Preßburg zu verlassen und aus Liebe zu ihrer verstorbenen Freundin einige Wochen bei ihr zuzubringen. Therese konnte dieser herzlichen Einladung um so weniger widerstehen, da sie es für ihre Pflicht hielt, Frau von Szentirmay bei der Erziehung des Kindes, welches Fanny zurückgelassen, Beistand zu leisten. Als sie von Preßburg abreiste, nahm sie von ihren einzigen Freunden Boltay und Alexander einen Abschied, wie einer, der gewiß weiß, daß er dort, wo er hinreist, verbleiben werde. So geschah es auch. Flora ließ sie nie wieder von sich und Therese hatte sich nicht zu beklagen, daß sie zu wenig geschätzt bei ihr werde. Alles betrachtete sie wie eine nächste Anverwandte des Hauses. Ihre Gegenwart hielt natürlich die teuere Großmutter für immer fern, welche niemand auf der ganzen Erde außer Therese fürchtete. Selbst aus dem Paradiese hätte sie der Gedanke vertreiben können, daß Therese mit dem kalten, leidensvollen Gesichte, mit den bis auf den Grund des Herzens blickenden Augen, vor welchen keine Verstellung nützt, dort sei. Aber noch jemanden schreckte die Gegenwart Theresens vom Hause ab. Dies war Fräulein Marion. Den Tag, an welchem Therese anlangte, benutzte sie, um einen Ausflug nach ihrem Gute Köhalom zu unternehmen, wo sie für einige Wochen, welche der neue Gast im Hause verweilen werde, ihren Aufenthalt nehmen wollte. Da aus einigen Wochen aber einige Jahre wurden, so entschloß sie sich endlich in Köhalom zu bleiben und die Franen ihrer Beamten zu nergeln. Und so verging ein Jahr nach dem andern. Therese blieb immer im Hause; Marion hingegen zog sich ganz davon zurück und ließ sich nur dann von Zeit zu Zeit wieder blicken, wenn sich das Gift so stark in ihr angesammelt hatte, daß sie es ausgießen mußte. Flora fand für Therese um diese Zeit regelmäßig eine Beschäftigung, oder sie schickte sie nach Karpáthfalva hinüber, daß Marion nie Gelegenheit finden konnte die friedliche Jungfrau anzufeinden. Oft sprach Therese mit Flora von Fannys Jugendzeit und schilderte ihre damaligen Widerwärtigkeiten und die Gefahren, welchen das Mädchen ausgesetzt war. Wie sehr sie um ihrer heimlichen Liebe willen gelitten! Wie viel sie aufgeopfert hatte! daß sie einen Jüngling geliebt, aber niemandem seinen Namen gesagt habe, und daß dies Geheimnis mit ihr ins Grab gestiegen sei. Flora erzählte wieder in gewissen Stunden diese traurigen Dinge Rudolf; Fanny habe von Kindheit auf unglücklich geliebt, sie liebe vielleicht in der andern Welt und forderte oft ihren Gemahl auf, daß er mit ihr zu dem Tannenwald gehe, um den Grabstein zu sehen, dessen Buchstaben wie ein in Thränen lächelndes Auge glänzen! Einst, an einem schönen sonnigen Nachmittag ging Flora, ein kleines plauderndes dreijähriges Kind an der Hand führend, im Parke spazieren. Das Kind nannte sie Mutter und stellte hunderterlei Fragen an sie, die alle zu beantworten wohl jedem zu schaffen gegeben hätte. Im Schlosse war indessen Fräulein Marion angelangt. Als sie horte, daß Flora im Parke spazieren gehe, eilte sie zu ihr hinunter. – Guten Abend, guten Abend, teure Gräfin! Ist noch jemand bei Ihnen? Gehorsame Dienerin, gnädiger Herr von Karpáthi, ergebene Dienerin. Wenn ich vor zwanzig Jahren Ihren Herrn Papa erhört hätte, so wären Sie jetzt schon ein großer Junge. – Ah, welche prächtige Mutter Sie sind, Flora! Wie schön Sie dieses Kind führen; es ist doch schade, daß Sie kein Kind haben. (Eines der schmerzlichsten Gefühle wird bei einer jungen Frau angeregt, wenn ihr vorgehalten wird, daß sie nicht Mutter sei.) – Nun Sie haben doch ein Kind, wenn Sie es auch nur in der Einbildung das Ihrige nennen können und noch dazu ein schönes Kind. Man sieht, daß seine Eltern sich einander geliebt haben. Und damit die Täuschung um so größer für Sie sei, sind seine Augen fast bis zum Sprechen denen Rudolfs ähnlich. – Wirklich, sprach Flora überrascht, selbst die Bewegung des Mundes gleicht ganz der seinigen und sogleich nahm sie das Kind in die Arme und küßte es auf die Augen und den Mund. Dieses Weib ist ein Schwachkopf, dachte Marion bei sich, indem sie zornig – obwohl sie im Schatten waren – ihren Sonnenschirm aufspannte; man kann sie nicht einmal eifersüchtig machen. Sie glaubte ihr einen Abscheu vor dem Kinde einzuflößen, wenn sie den Verdacht in ihr rege machen würde. Allein sie kannte Floras Herz nicht, welches so rein, so unschuldig wie das Herz eines Kindes war und dem selbst der Begriff für solche Leidenschaften fehlte, welche Marion jetzt in ihr erwecken wollte. Und von dem Tage an wurde Floras Liebe zu dem Kinde noch größer. Wenn wir ihr in einigen Jahren wieder begegnen werden, so sehen wir sie als glückliche Mutter von engelschönen und frommen Kindern umgeben, von denen jeder meint, daß Zoltán ihr Bruder und Therese ihre Tante sei, Flora ist die Zärtlichkeit selbst gegen alle, während Rudolf gleich strenge gegen jedes ist. Und doch – als einst Flora, damit sie den von der Residenz heimkehrenden Gemahl überrasche, mit dem kleinen Zoltán ihm entgegenritt – sie auf einem frommen Schimmel und Zoltán auf einem kleinen, lebendigen tartarischen Pferdchen – konnte sich Rudolf nicht enthalten, das Kind zu küssen. Der Knabe war kaum sechs Jahre alt, als ihn einst Flora mit sich in den Versammlungssaal nahm, wo Rudolf eben eine glänzende, geistreiche Rede hielt; das Kind hörte aufmerksam bis ans Ende zu und als man es nach Hause brachte, versammelte er die Kinder Rudolfs und andere kleine Kinder in der Kinderstube um sich und spielte ebenfalls Komitatsversammlung mit ihnen. Hier sagte er die einmal gehörte Rede mit solchem ernsten Gesichte und kindlicher Begeisterung seinen Zuhörern vor, daß die hinzukommende Flora ganz entzückt zuhörte. Was wird aus diesem Knaben werden, wenn er aufwächst? * Aus denjenigen zwei Jünglingen edlen Geschlechts welche wir unter den Namen Stephan und Nikolaus kennen lernten, sind seitdem zwei Matadore unserer vaterländischen Geschichte geworden. Wenn Gott mir das Leben schenkt, so will ich die Hauptmomente ihrer Größe ausführlich beleuchten. * Von unsern übrigen Bekannten haben wir nur wenig mehr zu sagen. Abellino lebt heute noch. Nichts ist wahr an ihm. Er betrügt die Welt und sich selbst mit falschen Haaren, falschen Zähnen und falschem Wuchs. Bart und Schnurrbart färbt er sich, sein Gesicht wäscht er mit Prinzessenwasser. Auf einem Ohr hört er seit jenem denkwürdigen Duell noch heute schwer und muß sich eines Hörrohrs bedienen. Ein zusammengeflicktes Gespenst aus schönern Zeiten geht er in der Welt herum, in der einen Hand den Krückstock, der seine gichtigen Füße unterstützt, in der andern das Hörrohr. Er glaubt aber dennoch voll unwiderstehlicher Liebenswürdigkeit zu sein, allen schönen Damen und jungen Mädchen macht er auch jetzt noch auf Tod und Leben den Hof und glaubt sie lachen vor Freude, während sie ihn auslachen. Jeden Tag verbraucht er den Dukaten, wegen dessen er sich nicht von Pest entfernen kann, nur am Johannis-Enthauptungstage macht er mit seinen hundert Dukaten einen Ausflug und kehrt so lange nicht zurück, als sie ausreichen; aber dennoch spricht er auch jetzt noch so, wie damals, als er Millionen verschwendete. Er preist, wie damals, alles Ausländische und verhöhnt, was nicht vom Ausland kommt. Er nimmt jedoch damit fürlieb – faute de mieux ; aber sein Herz leidet an Heimweh , er sehnt sich nach Paris. Jedermann hält ihn für eine komische Figur und in den höheren Kreisen duldet man ihn nur, weil man über ihn lachen kann. Armer Mensch! Andere Menschen pflegt man in ihrem Alter zu achten, sein Alter hingegen dient in den Kreisen, in welchen er sonst der Tonangeber war, zum Gespötte.   Ende.