Willy Seidel Der neue Daniel Ausschnitt aus dem Dasein eines Deutschen 1921 Erster Teil Die Kluft Die Menschenpumpe Erwin und Mildred heirateten in New York und verbrachten ihre Flitterwochen am oberen Hudson. Den darauffolgenden Winter verlebten sie wieder in der Stadt; und als das Frühjahr des Jahres neunzehnhundertsechzehn kam, hatten sie sich noch immer nicht von ihrem Erstaunen erholt darüber, daß der Krieg noch keineswegs zu Ende war, sondern sich in Europa zu einer schauerlichen Angewohnheit auszuwachsen schien. Aus ihrem früheren Optimismus (was die Dauer des Krieges anging), verbunden mit der herzlichen Antipathie, die sie der Bevölkerung ihres Zwangsexils entgegenbrachten, erklärt es sich auch, daß sie sich nicht die geringste Mühe gaben, sich einen festen Freundeskreis zu bilden, auf den sie hätten zurückgreifen können. Erwin hätte immerhin noch Winkel gefunden, warme Ecken, wo er sich an einem Schatten von Verständnis dürftig hätte anwärmen können; sie aber mit ihrer englischen Abneigung gegen überstürzte Herzlichkeit hatte ihn mehrfach verhindert, mit gewissen Menschen in Kontakt zu bleiben; hatte ein paar für Europa sehr nützliche, aber für den jetzigen oberflächlichen Allerweltsbetrieb unangebrachte Vorurteile mitgebracht, an denen sie vielleicht selbst litt, deren sie aber ohne Verlust an Selbstachtung nicht entraten durfte. Sie machte auch ihn reserviert. Was jedoch einem anderen gut gestanden, was ihm die Wege geebnet hätte, schadete Erwin, da er ein zu einladendes Äußeres besaß. Der schlichte Durchschnittsamerikaner ging selten an ihm vorüber, ohne die Verlockung zu spüren, ihm auf die Schulter zu klopfen oder ihm eine Zigarre anzubieten. So wurde er frühzeitig schon von seinem natürlichen Instinkt, der Menschen nötig hatte, künstlich abgelenkt und gleichsam zwischen Tisch und Stuhl gewiesen... Andererseits ersetzte ihm die amüsante Persönlichkeit seiner Gefährtin viel von dem, was er zuweilen halb schmerzlich vermißte. Nach dem Gefühlssturm der ersten gemeinsamen Wochen, in denen sich ihre inkongruenten Naturen abschliffen und ihre Liebe ihm plötzlich vollerblüht in den Schoß fiel – (nachdem er fast geglaubt, ihr fürderes Verhältnis würde sich auf Kameradschaftlichkeit und freundschaftliche Rücksichtnahme beschränken müssen) – geschah es, daß sie einander völlig unentbehrlich wurden und daß die durch nationale Verschiedenheiten gestörte Harmonie ihr ruhiges Strombett fand. Trotz der festen Erwartung eines Heimes, wie es ihnen ein baldiges Ende des Krieges lockend vor Augen stellte – (und der Krieg mußte doch einmal ein Ende haben!) – spürten sie nach gelegentlichen Ausflügen in die Stadt, nach wirbelndem Wechsel von Gesichtern, nach Vorstellungen oder Lichtbildern, voll von zuckender Handlung in stechend heller Bestrahlung, eine ungeheure Leere um sich herum... Diese Leere wuchs überall hervor. Sie hing in den Profilreihen, die sich ihnen beim Eintritt in die Untergrundbahn leicht verblüfft entgegendrehten. Sie grinste aus den maskenhaften Gesichtern gleichgültiger Kellner. Sie dröhnte, taub an ihnen zerplatzend, aus den gellenden Rufen der Zeitungsjungen. Sie stieg aus jeder Straßenschlucht und kreischte metallen aus den Achsen der L-Züge, die sich eine Viertelmeile von ihren Fenstern entfernt scharf um eine Kurve quälten; ja, sie schwebte sogar als ein böser Geist in deutsch aufgeputzten Lokalen, wo alles darauf berechnet war, mit Holzvertäfelung, neckischen Zinnkrügen, heimatlichen Städtebildern und deutschen Speisebenennungen stimmungsvoll zu wirken. Oft schien Europa ihnen zum Greifen nahe, und doch war es nur ein gestohlenes Flittergewand, das man an die Dinge gehängt hatte und das vor einem durch die Nase gesprochenen Laut, vor einem kaltglitzernden Blick, vor dem gehetzten, von Fusel verseuchten Atemstoß eines Trunksüchtigen herabglitt und zur Schimäre wurde. Das nackte Amerika, die kalte, wuchtige und erbarmungslose Maschine, sprang enthüllt hervor. Es wurde nichts aus der Anheimelung. Sie fühlten sich hilflos im Bereich der großen Fangarme, die täglich Millionen ausgeleerter, nach Geld fiebernder Menschen an sich rafften und täglich wieder in ihre dürftigen, phantasielosen Behausungen zurückpreßten. Stets konnten sie das Pochen des Herzens fühlen, das in diesem Moloch arbeitete, das Geräusch einer großen Pumpe, die Kontrakte, ephemere Schwindelunternehmungen, Grundstücksspekulationen, Kriegsbestellungen in sich hineinsog und sie als einen Strom von Geld, eine trübe Fontäne fragwürdig erraffter Dollarscheine wieder hervorspie. Nirgends war man sicher vor Geld; Gedanken und Handlungen rochen danach, und was sie beide bis dahin als Schönheit empfunden, schien aus dem Leben gestrichen. Wohl gab es noch süßes Himmelsblau, schlanke, bezaubernde Kinder, Hafengeschäftigkeit gleitender Mäste im Morgennebel und täglich halberspähte Menschlichkeiten, die das Herz flüchtig rühren konnten; aber all dieses befruchtende Stimmungsgold schien verschwendet an Menschen, die nur in Masse dachten, nur in Masse existieren konnten und unter dem Stempel einer selbstgewollten Zwecksklaverei ärmlich dahinvegetierten. Ja, wimmelnden Insekten glichen sie auf einem unerschöpflichen, von Gott in milder Güte ihnen gespendeten Nahrungsklumpen; auf einem großen, von ungeheuren Möglichkeiten trächtigen Stück dieser Welt, in dem sie nach Herzenslust schürften; das nie genug hergeben konnte, nur damit die Insekten ihr sinnlos wirres Hasten nicht abzudämpfen hätten... Und selbst nachts – (es schienen ähnliche Sterne wie über Sussex oder über Thüringen) – kam die große Pumpe nicht zur Ruhe. Sie schien etwas leiser zu arbeiten, aber es war, als ob ihre Arbeit unterirdisch zitternd weiterwühlte, wenn an verschiedenen Plätzen und Straßenquadraten Manhattans die Luft plötzlich zerrissen wurde von dumpfen Explosionen. Die Insekten gruben weiter durch den Felsen hindurch. Sie spürten neue Verkehrskanäle auf, sie wühlten selbst unter dem Wasser Wege. Sie ließen sich nicht genügen an ihren staunenswerten Verkettungen zwischen Himmel und Erde, an gigantischen Netzen aus Stahl, unter denen große Verkehrsdampfer hindurchzugleiten vermochten ohne ihre Schornsteine umzulegen; nein, sie eroberten sich den Felsen selbst und machten ihn porös, auf daß die Menschenpumpe nicht zu rasten brauche. Kaum erschütterten diese Explosionen ein Fenster, geschweige denn, daß sie ein leichtes Vibrieren in die Last von Beton gebracht hätten, die mit oft zwanzig oder dreißig Stockwerken über ihnen getürmt hing. Aber man hörte sie, hörte sie durch die schwächeren Nachtgeräusche hindurch, die immer noch laut genug brausten, um einer kleinen europäischen Residenz das Gepräge einer entfesselten Weltstadt zu geben. Erwin und Mildred fuhren in ihren Betten auf, denn sie wußten, es war etwas da : eine halbe Erdumdrehung entfernt lastete etwas, rumorte etwas aus tausend speienden Metallschlünden hervor, das nicht wegzudenken war, das wie ein Alpdruck, wie eine schwere Bürde auf einem gesunden Organ dieser Welt lag und sich dort spitz und grausam, Entzündungen verbreitend, eingrub und weitergrub, Tag für Tag. Und die dumpfen Böllerschüsse der Dynamitsprengungen unter ihnen, wenn sie auch ein Friedensgeräusch waren, schienen ihnen wie ein unerwarteter, peinigender Warnruf, wie ein schwacher Versuch, jene entfernte Hölle nachzuäffen. Die ganze Nacht hindurch stand vor den Fenstern, selbst wenn sie geschlossen waren, ein kompakter Körper von wiehernden, aufgestörten Lauten, der keine Pause kannte und um die frühesten Morgenstunden mit grausamem Rhythmus anschwoll, bis er in das große Tagesgeschrei hineinwuchs. Das war damals Amerika für sie. Beider Ohren waren noch empfindlich, noch keine Haut war ihnen über das Trommelfell gewachsen. Sie blicken frisch und interessiert in das Leben, das ihnen noch bunt erschien, wo seine Farben anderen längst zu Grau zerlaufen waren. Sie sprachen mit vielen Leuten; doch ihre nette Ironie wurde verkannt und mit Plattheiten vergolten; ihre kleinen Gefühlsausbrüche mit nichtssagendem Syrup bestätigt und entwertet zurückerstattet. Ihre Interessen wurden zu Marotten und ihre Kenntnisse zu bloßem Gedächtniskram, entbehrlich darum, weil er sich auf den ersten Blick nicht in Geld umdenken ließ... Der Mann mit den toten Augen Um diese Zeit wehte ihnen ein Prospekt ins Haus, auf dem wörtlich folgendes vermerkt stand: »Die leichte Erreichbarkeit von Lakewood, die abwechslungsreiche Bequemlichkeit seiner Unterhaltungen, die gesunde Atmosphäre seines balsamischen Klimas und seine trockene Erde, vereint mit den Naturschönheiten seiner tiefen, duftenden Fichtenwaldungen und Seen sind seit langem von jedem Kenner unserer Erholungsorte freimütigst zugestanden worden.« Nach dieser schwungvollen Einleitung erfolgte eine längere Schilderung, die sich nicht genugtun konnte an bunter Ausmalung der Lage, der landschaftlichen Reize, der Privatschulen samt Betätigungen von Kirche und gesellschaftlichem Leben, das von einer großen Ansiedelung gepflegt werde. Ja, diese Schilderung überbot sich selbst, als sie die Vorteile des Country-Klubs, die Reize der Gegend, des Ruderns, Reitens und Motorfahrens erschöpfte; auch streifte sie mit ernstem Seitenblick die Verdienste um Gemüt und künstlerische Bedürfnisse, deren Lakewood sich erfreute, erwähnte den Nachmittagstee in den Hotels, nannte ihn mit Entdeckerfreude eine scharmante englische Volkssitte und verweilte des längeren auf den erstklassigen Lichtbild-Theatern. »Der herrliche Park des Mr. Gould ist dem Publikum weit geöffnet, und eine große Tribüne bietet Tausenden Sitzgelegenheit, die das Pferde-Polo genießen wollen ...« Der Artikel schloß mit einem Loblied auf die Zentral-Bahn von New Jersey und mit kordialer Einladung, sich, falls man noch nicht ganz überzeugt sei, brieflich über all diese Vorzüge zu vergewissern. Erwin fühlte auf diese Annonce hin eine gewisse Wehmut. Irgend etwas Europäisches in ihm geriet in Versuchung, der Idee näher zu treten. Das las sich ja genau wie eine Schweizer Hotelreklame; wie? ein Duft von Lugano oder sonst einem paradiesischen Fleck der Alten Welt war darin ... Dieser aus kindlicher Reise-Frühe stammende Duft machte ihm zu schaffen ... Rest eines Märchenglaubens an verschollene Prospekte ... Der Kontrast zwischen dem gegenwärtigen Dasein und dieser kaum fünfzig Meilen entfernten landschaftlichen Perle war ungeheuer; wie hätte er den Mut gefunden, zu glauben, die ganze Schilderung sei nur der Geschäftsphantasie eines Grundstückvermittlers entsprungen? So setzte er sich auf die Bahn und fuhr nach Lakewood hinaus. Mit den Fichtenwäldern hatte der Prospekt recht, wenn sie auch nicht das Augenfälligste waren, was ihm zunächst begegnete. Etwas sumpfiges Land, gesprenkelt mit Birkenbeständen, Erlengestrüpp, Weiden und von wildem Wein pittoresk verhängten Platanen und Pappeln waren bei der Einfahrt in den kleinen Bahnhof bemerkbar. Der Bahnhof war äußerst neuzeitlich, sehr appetitlich aus Zement, roten Backsteinen und weißgestrichenen Fensterverschalungen errichtet; das Personal von einer blühenden, dunkelblauen Sauberkeit und patriarchalischer Würde. Ernste Gepäckträger gaben ihm Audienz, und einer von ihnen ließ sich sogar herab, seine Handtasche schlenkernden Schrittes über die sandige Straße nach einem kleinen Wohnungs-Vermittlungsbureau zu bringen, wobei nichts in der Welt ihm ferner lag, als sich um den Herrn des Gepäcks, den leicht transpirierenden, überflüssig erregten Fremden zu kümmern... In dem Vermittlungsämtchen, einer reinlichen Stube in mäßigstem Format mit einem Mahagonizahltisch, auf dem illustrierte Broschüren Lakewood von allen Seiten und in jeder Beleuchtung zeigten, stellte der pompöse Träger das Gepäck auf den Boden und verließ ihn mit einem schläfrigen Grunzlaut, nachdem er leicht sinnend auf das Fünfzigcentstück geblickt, das er sozusagen nur aus Gewohnheit in seine Tasche schlüpfen ließ. Während Erwin auf Bedienung wartete, verfinsterte sich der asphaltierte Raum; ein paar Donnerschläge erschütterten die Fenster und harte Tropfen klatschten auf die staubige Straße, um sich nach weiteren zehn Minuten zu einem Landregen zu entwickeln, der solide Dauer versprach. Erwin hatte sich, bevor er eingetreten war, noch ein wenig umgeblickt, hatte ein paar enorme Hotels wahrgenommen, hübsche, flache, sechsstöckige, in einer Art von Schweizer Stil errichtete Gebäude, abgezirkelte Wege, von samtenen Grasflächen gezierte Gärten und einige Privatpaläste, die offenbar sehr reichen Leuten gehören mußten, denn niemand schien darin zu wohnen, und sie waren augenscheinlich nur für einen späteren Saisonbetrieb in eine halbe Bereitschaft gesetzt. Jetzt aber, als er sich noch näher über das Städtchen durch das Fenster hindurch orientieren wollte, löschte der gleichmäßig graue Regen alles aus und versperrte ihm die Welt. Nur die dunklen Klumpen einiger strotzender Laubbäume und die blutenden Farben pyramidenförmig angelegter Beete schimmerten noch hervor. »Sehr reizend,« dachte er, »vielleicht gerade das, was man sich wünscht. Natürlich, im Ort selbst wird man nicht wohnen können. Die vielen Garagen deuten auf einen entfesselten Motorbetrieb. Auch wenn diese Hotels alle gefüllt sind, wird man sich wohl einander lästig fallen und nicht gut zur Ruhe kommen. Scheint mir so eine Art amerikanisches Homburg zu sein, aber die Landschaft gefällt mir, und es wird ja auch ringsumher, von den Straßen entfernt, idyllischere Plätzchen geben. Sehen wir zu, was dieser Jüngling uns vorzuschlagen hat.« Damit richtete er einen fragenden Blick auf eine in sorgfältig gebügeltes weißes Flanell gekleidete Figur unbestimmten Alters, die irgendwie lautlos aus dem Hintergrunde auftauchte und mit zuckenden Bewegungen magerer Finger den Haufen Prospekte auf dem Tisch zu ordnen begann. Mit kurzen Worten wies Erwin auf sein Begehren hin, nämlich ein gemütliches, gut möbliertes Häuschen in der Nähe oder etwa ganz auf dem Lande, wonach der Jüngling, ihn tot ansehend, hervorstieß: » Yes Sir; very well, Sir! « – und dann von irgendeinem Regal ein Bündel Photographien raffte, das er Erwin vorwarf, so zwar, daß diese Bilder irgendwie bereits zauberhaft geordnet vor dem Verblüfften zu liegen kamen. Hierauf begann er zu erklären. Sein nasales Englisch haspelte sich in rasender Geschwindigkeit durch ein Loch seiner gummiartig verzogenen Lippen. Zwischendurch grinste er, erwartete Anerkennung, beinahe Komplimente; stürzte sich auf ein neues Bild und war mit zehn von diesen Ködern bereits fertig, ehe Erwin auch nur daran denken konnte, sich irgendwelche Begriffe zu bilden. So schien es eine Art Lotteriespiel, als der Kunde auf gut Glück seine Faust auf ein Bild legte, das ihm anmutiger erschien als die anderen. »Ich möchte mir das da gern einmal ansehen.« »Nummer dreiundsiebzig. Jawohl, mein Herr,« knarrte der Jüngling, um im selben Tonfall, nur mit erhöhter Stimme, anzuordnen: »Bringt sie heraus von hinten!« Wer diese »sie« war, erklärte sich sofort, als ein ziemlich mitgenommener Ford-Viersitzer von außen um das Bureau herumwankte und sich mit schnarrendem Getöse vor die Tür schob. Das Wesen im weißen Flanell machte einen Satz über den Zahltisch und sprang, noch von der Schwelle, auf den Chauffeurplatz, der von einem flachshaarigen Knaben freigegeben wurde. Mit äußerster Zeitersparnis wurde auch Erwin in den Wagen genötigt, und er hatte erst Gelegenheit, die Türe zuzuklappen, als das Gefährt sich mit weitem Satz, der die Lachen spritzend zerpflügte, auf eine wilde Wanderschaft in die Regendämmerung hinaus begab. Der Jüngling fuhr so sicher, schien die Gegend derart unheimlich zu kennen, daß er, halb von seinem Steuerrad zurückgewandt, Zeit und Muße fand, Erwin weiterhin mit großen Salven von Nasaltönen zu bedenken. Sein Redefluß ähnelte im Tempo dem des entfesselten brüchigen Motors, an dem er das Äußerste an Leistungsfähigkeit herausholte. Mit europäischer Höflichkeit, leicht vorgebeugt, nach Verständnis der Bemerkungen ringend, die ihm im Telegrammstil zugefeuert wurden, versäumte Erwin, sich die Gegend zu betrachten, durch die man fuhr. Nur unklar kam ihm zum Bewußtsein, daß die letzten zehn Minuten hindurch eine gleichmäßige, wie eine Hecke geschnittene Wand von Grün an seiner Seite entlang glitt. Es war kein Wunder, daß der Jüngling des Weges nicht achtzuhaben brauchte, da es sich um eine schnurgerade Straße handelte, an der rechts und links, unklar erkennbar, anscheinend hübsch gebaute und mit Veranden versehene Sommerhäuschen lagen. Als er gerade Luft schöpfte und sich umsehen wollte, fuhr ihm eine Tropfengarbe ins Gesicht; im gleichen Moment machte der Wagen eine abrupte Drehung, noch eine ebenso plötzliche Wendung, stolperte ein wenig, fauchte röchelnd auf und hielt vor einer kleinen Villa inmitten von Fichten und kleinen Laubbäumen, welche die Einfahrt schmückten. »Hier ist Ihr Haus,« sagte der Jüngling mit schöner Überzeugung und mit einer Gebärde, als habe er den ganzen Staat New Jersey zu verschenken. »Nehmen Sie sich Zeit, ich werde Sie begleiten.« Er zog einen Schlüssel hervor, öffnete die Haustüre und ließ Erwin eintreten. Vorläufig hielt man sich im Erdgeschoß auf, und der Jüngling wies Erwin einen gepolsterten Stuhl zu, während er sich selbst auf die Fensterbrüstung setzte. » Yes Sir! « sagte er. »Wenn Sie sich hier umsehen, dann werden Sie bemerken, daß dies das Haus eines gebildeten Mannes ist, eines Mannes, der studiert hat. Ja, er ist auch einmal in Europa gewesen,« und er wies auf eine Reihe von Photographien aus Italien und Griechenland, die die Wand oberhalb des Bücherbrettes verschönten. »Er ist ein Seelsorger, ein sehr feiner Mann, und er betreibt Mission im Judenviertel von New York. Seine Frau ist krank. Die arme Dame muß in Kalifornien eine Kur gebrauchen und da Mr. Merryweather sie sehr lieb hat und nicht ohne sie leben kann, so vermag er es auch nicht, allein hier draußen zu leben, sondern schlägt der größeren Geselligkeit wegen doch lieber sein Quartier in New York auf. Alles steckt voll von Andenken an die arme Dame. Soweit ich Sie aber verstehe, kommen Sie mit Ihrer Frau und den Dienstboten her, das bringt Leben ins Haus, auch wenn es ursprünglich nur als Alterssitz gedacht war für ein behäbiges Ehepaar in reiferen Jahren... Der Prospekt wird Sie darüber aufgeklärt haben, mit wie offenen Armen man hier in Lakewood Fremde aufnimmt, so daß Sie sich fast als Ortseingesessener vorkommen und ungern – ich sage sogar, beinahe schmerzlich – den Moment empfinden werden, wo der Kontrakt abläuft...« »Wie ist die Lage des Hauses?« fragte Erwin. »Ist ein bischen einsam hier, wie?« »Aber bester Herr,« rief der Jüngling enthusiastisch und begann mit wilden Schritten den Raum zu durchqueren, »verehrter Herr, sind wir nicht im Handumdrehen hier gewesen? Ein paar Schritte quer durch den Wald bringen Sie auf die Hauptstraße und ein paar weitere Schritte ins Herz des Städtchens. Wieder verweise ich auf den Prospekt. Ist nicht der herrlichste Fichtenwald kostenfrei zu Ihrer Verfügung? Haben Sie nicht sogar Schwimmgelegenheit im See Carasaljo? Stört man Sie hier etwa, wenn Sie geistig arbeiten wollen? Wird Ihnen nicht alles ins Haus gebracht, was Sie an Nahrungsmitteln bedürfen? Das Telephon, es ist wahr, ist nicht in Ordnung, das kann neu gelegt werden und das macht man in zwanzig Minuten – nicht länger – so wahr ein Gott im Himmel lebt und die Worte in meinem Munde zählt!« (Hier überzeugte sich Erwin, daß er es mit einem Irländer zu tun hatte.) »Ich kann Ihnen gratulieren, nur herzlich gratulieren. Sie haben es gut getroffen, Sie sind ein Glückspilz. Ich habe mir im Bureau schon gedacht, wie Sie die Faust, ohne nachzudenken, fest auf das Bild dieses Hauses legten: Der Mann hat Geschmack, der Mann weiß was Gutes zu schätzen. Greifen Sie zu. Ich rate Ihnen nicht bloß als Geschäftsmann, sondern als Freund, der die Gefühle eines Fremden zu würdigen vermag.« Nach diesem Erguß sah er Erwin mit toten Augen an, in die diesmal etwas wie ein gespensterhaftes Licht trat. Breitbeinig stand er da, die Hände in den Hosentaschen, ein Bild schlichter Überzeugungskraft. Und Erwin schlug vor, das Haus noch gründlich zu betrachten. Zunächst ging man in den Keller, wo eine elektrische Pumpe neuesten Fabrikates in Betrieb gesetzt wurde, dann sah man sich die Küche an, dann die oberen Räumlichkeiten; alles war nett, sauber, gute Holzarbeit, solide Möbel, voll von verzeihlichen, vertrauenerweckenden, altmodischen Kinkerlitzchen; es gab sogar Makartsträuße und ein aus Perlmutter verzwickt gefertigtes Bild, das »Seeleute in Not« oder die Insel Capri vorstellen konnte; kurzum, es fehlte nichts, was zu einem gedeihlichen Landaufenthalt an städtischen Bequemlichkeiten nötig war. Sogar Mückennetze waren vor den Fenstern, wie er sich unlieb überzeugen mußte, als er den Kopf herausstecken wollte und mit der Stirn ein Dreieck in das Drahtgeflecht stieß. Das Badezimmer war ein Traum aus weißen Kacheln, Steingut und fehlerfrei lackiertem Blech; das laufende Wasser funktionierte auf den leisesten Druck mit starkem Strahl, der mit dem taktmäßigen Geräusch der Pumpe unten harmonierte. Es war eiskalt trotz der Glut. Er fand auch gar nichts, worauf er seinen Finger legen konnte und sprechen: »Hier, verehrter Freund, straft die Wirklichkeit Sie Lügen.« Und nachdem er das ganze Cottage eingehend geprüft hatte, ging er hinten herum, fand alles zu einer gedeihlichen Hühnerzucht Notwendige, einen Holzstall und einen zur Not brauchbaren Automobilschuppen, sogar ein Hundehaus, das ebenso neu und brauchbar schien wie der ganze übrige Besitz. Zudem kam die Sonne während seiner Inspektion hervor und erfüllte die ganze Gegend mit Duft und Heiterkeit. Freilich, als sie sich wieder in den Wagen setzten, brach der Regen von neuem aus. Sie sausten im gleichen Tempo zurück, wie sie gekommen waren. So konnte Erwin mit bestem Willen von der Hauptsache, nämlich von dem Distrikt, in dem das Haus lag, keinen festen Begriff gewinnen. Er tröstete sich aber mit dem Gedanken, daß man ein kleines Juwel wie dieses Haus kaum in eine ganz reizlose Gegend gebaut hätte, ohne gröblich gegen alles Stilgefühl zu verstoßen. Er war schuldlos ... Einzug Nachdem zwei rothaarige Irländerinnen, beide wenig erfreulich, der jungen Frau »Audienz gegeben« und sich dahin entschieden hatten, daß die neue Herrschaft ihnen nicht ganz entsprach, erschien Madleen. Zunächst machte sie den Eindruck, als könne man sie nur mit der Feuerzange anfassen. Ihre Haut war schmutzigbraun mit speckigem Glanz darüber, der aber, wie sich später herausstellte, ein Naturphänomen war und nichts mit Unappetitlichkeit zu tun hatte. Sie wog etwa zweieinhalb Zentner und war in strahlend weißes, gestärktes Leinen gekleidet, das pittoresk von ihr abstand, wenn sie sich einmal setzte; doch trotz ihres Gewichtes setzte sie sich selten und nahm ihre Aufgabe mit großem Temperament, in Angriff. Ihr Haar war nicht wollig, sondern deutete durch strähnige Qualität kubanische Herkunft an, wenn sie sich auch sonst wenig von den Negern unterschied, die man an der Ostseite etwa der hundertundzehnten Straße bemerken kann. Mildred versuchte sofort, ihr englische Disziplin geläufig zu machen, indem sie ihr ein weißes Häubchen vorschlug und einen Wechsel in der Erscheinung von sechs Uhr abends an: Bedingungen, die sie sofort annahm, da sie über ein neues Schwarzseidenes verfüge. Doch immerhin geriet sie zunächst in einige Nervosität, weil sie es ihrer neuen Herrschaft gleich von Anfang an recht machen wollte und mehrmals in das richtige Tempo zurückgedämmt werden mußte. Ihre Sprache war ein sanftes, sehr gutturales Schnattern, ganz aus der Kehle. Sie lachte häufig und entblößte einen Kranz von starken Zähnen dabei. Es gefiel ihr, daß sie aufs Land kam. Ihre Begriffe von Land hatte sie aus dem Süden. Es schwebte ihr ein wuchernder Horizont dabei vor aus Mais, viel strotzendem Mais, von bunten Kopftüchern gesprenkelt, und Singsang-Abende bei Feuern, die man mit trockenen Kolben nährt. Sie träumte davon, aus dem Vollen wirtschaften zu können. Ihre Seele witterte einen seit noch wenig Generationen verschollenen Erdgeruch. Sie übernahm von vornherein die Führung des heimatlosen Paares, und da sie äußerste Bedürfnislosigkeit verriet, wurde Mildreds umschattetes Auge etwas weniger kritisch, während sie diese Ausstellung von Naturinstinkten betrachtete; ihre feingeschnittene leicht gebogene Nase gewöhnte sich an den typischen Dunst, in den das Negerweib gehüllt war. Dieser Dunst glich der Erinnerung an einen Stall, in dem reinrassige Tiere gezüchtet werden; und Mildred hatte ein Auge für Rasse, wo und wie sie sich auch äußerte. Weniger Glück hatte in ihren Augen der »junge Mann« im weißen Flanell, der sich bereits auf dem Bahnhof einfand. Was es war, das seinen toten Augen wiederum jenes gespenstische, kurze Licht gab, ließ sich nicht genau erkennen. Auf alle Fälle fiel es auch Erwin auf, daß der Blick des Mannes etwas Lauernd-Gläsernes, fast Starres hatte. Vielleicht war dies erklärlich durch Schrumpfung der Pupillen nach starker Inanspruchnahme eines Narkotikums. Auch fiel Erwin diesmal eine Note im Wesen des Vermittlers auf, die ihm auf einmal nahelegte, er könne sich leicht in der Altersabschätzung des »Jünglings« um einige fünfzehn Jahre vergriffen haben. »Ich habe alles in prächtigster Bereitschaft für Sie«, knarrte die eilige Begrüßung. »Das Haus funktioniert vom Dach bis zum Keller. Auch die Mistreß wird sich prächtig einleben. Dies ist ein ruhiger Ort, so ruhig, wie ein Mann, der mit dem Hirn arbeitet, sich nur wünschen kann. Es ist eine ideale Ruhe. Hehe! Und die Nachbarschaft –« (hier saßen sie schon selbviert im Auto und der Sprecher am Lenkrad) – »die Nachbarschaft ist sehr originell. Ein Studium wert! Alles freundliche Leute, zuvorkommende Leute, die auch die Ruhe über alles schätzen«. »Der Kerl gefällt mir nicht«, flüsterte Mildred kurz und bündig Erwin zu, während Madleen etwas verschüchtert ihre öligen Augen in der Gegend umherrollte. Das Auto war bereits in einen so sausenden Takt geraten, daß nur noch Fetzen des Gespräches von vorn verständlich waren: »Balsamisches Klima« – »Tausende gesund geworden« – »Leute kommen als Ruinen und scheiden als Stiere« – »Fichtenduft« – »Ozon« – »prächtige Verbindung« – »Golfplatz« – In diesem Moment machte das Gefährt die frühere schlenkernde Kurve, bohrte sich im rechten Winkel in den Wald und hielt wie damals mit atemraubendem Ruck vor der Einfahrt zum Häuschen. Der »Jüngling« gab noch eine kleine Probe großer Lebendigkeit, indem er über die geschlossene Klapptüre sprang, die Schlüssel dem neuen Hausherrn fast schelmisch zuwarf und sich in überflüssiger Weise um die Herausbeförderung der dicken Negerin bemühte. Man ging ins Haus und in einer Sekunde lag der Kontrakt, reif für die Unterschrift, auf dem Tisch. »So, mein Herr, jetzt fehlt nur noch Ihre und Ihrer Frau kleine Signatur und dann kann man Ihnen endgültig gratulieren. Sie bekommen es billig«, und mit einem fast bedauernden Schnalzen wiegte er den Kopf. Erwin setzte nach kurzer Überlegung seinen Namen darunter. Indem er Mildred die Feder reichte, bat er sie, das Dokument vollgültig zu machen. Es gibt Momente, in denen man auf einen flüchtigen, unkontrollierbaren Verdacht kommt, irgend etwas Wichtiges werde versäumt, etwas nie wieder Gutzumachendes bettle um Rücksichtnahme, ohne daß man klar verstünde, was diese lautlose, äußerst dringliche Frage bezwecke... Ja, alle Dinge ringsum bebten von dieser Frage, und eine kurze Lähmung schien herabzufallen wie ein Hauch, der die Politur einer Platte huschend erblinden macht. Mildred saß mit der Feder in der Hand da. Auf einmal warf sie sie hin und ging auf die Veranda hinaus, zitternd von der Anstrengung, sich zu vergegenwärtigen, was eigentlich an der Unternehmung sie so schmerzhaft störe. Draußen traf ihr Blick in Grün. Zwei hübsch angelegte Beete, etwas verwildert, waren dem sandigen Boden entwunden worden; halbentblätterte, violette Azaleen und ein Tulpenbaum, dessen verdorrte Blütenhülsen von früherer, prangender Entfaltung zeugten, standen im Zentrum. Es war eine ausgedehnte Lichtung vor dem Haus. Sie sah die Straße blinken und die Nähe der Straße schien ihr plötzlich Mut zu geben, als habe sie, wie ein erstickender Taucher, plötzlich das Ventil gefunden, durch das sie atmen konnte. Die schnelle Bedrückung war vorüber, es war nur noch eine leise Angst vor irgend einer dunklen Verantwortung zurückgeblieben, die sie sich nicht zu enträtseln vermochte. Alles was sie sagen konnte, als sie zögernd zurückkam, war: »Es scheint mir ein wenig still hier zu sein.« Und sie schnitt dem Vermittler, der gerade zu einer neuen Suada ausholen wollte, das Wort kurz ab, indem sie hinzusetzte: »Aber das Haus ist ja ganz und gar, was ich mir wünschte.« Ja, innerhalb des Hauses schien plötzlich alles sehr traulich und einschmeichelnd zu ihr zu reden. Waren die Linien der Fenster nicht die breiten, niederen, ausladenden der Landhäuser in Sussex? War diese Vertäfelung nicht anheimelnd? Diese erinnerungsbelasteten, starkgebauten Möbel, diese klassische Bibliothek, dieser Kamin und die gewundene Holztreppe, die ein weiteres Asyl eröffnete in eine Reihe kleiner, engumgrenzter, handlicher Gemächer? Kurz war das ganze Haus nicht, als habe sie es selbst erfunden, um sich über diesen Teil der Welt, der sie nicht losließ, der ihr wie ein Kerker schien, mit einem Kindheitstraum hinwegzutäuschen? »Es ist ja nicht für die Ewigkeit«, sagte sie sich noch einmal und grub die Schneidezähne leicht in die volle Unterlippe. Es wird vorübergehen, so oder so. Sie hörte bereits den wuchtigen Schritt des Negerweibes von oben und ihr gurrendes Selbstgespräch ... Ja, dieses Geschöpf war überall zu Hause und setzte sich in jeder Umgebung breit zurecht, wie es ihren ursprünglichen Instinkten entsprach. Warum sind wir so anspruchsvoll? Und kurz entschlossen setzte sie sich nieder und fügte ihren Namen bei. Eine kleine Unbehaglichkeit verursachte ihr noch die diebische Bewegung, mit der der Vermittler das Dokument in seine Tasche zauberte; er war aber sonst eitel Kordialität, sein Gemüt schien beruhigt, seine Augen wieder vollständig ausdruckslos, Knöpfen gleich, die einen Regenhimmel spiegeln. »Ich empfehle mich Ihnen! Viel Vergnügen in Ihrem neuen Heim!« sagte er mit eingelernter Betonung, als sei die Phrase ihm dauernd geläufig. »Wenn Sie meine Dienste beanspruchen, so stehe ich jederzeit zur Verfügung.« Mit diesen Worten war er bereits draußen. Der Motor schnurrte ruckweise keuchend und fand dann sein gleichmäßiges Geräusch, das schnell hinter der nächsten Wegbiegung sickernd erlosch. Die Beiden saßen sich noch am Tisch eine Weile gegenüber. »So da wären wir jetzt«, sagte Erwin. »Ich finde es erträglich hier.« »Ja, das Haus ist hübsch«, meinte sie. »Und mit der Umgebung – sie hat ja vielleicht auch ihre Reize, und wir werden uns ja daran gewöhnen. Morgen früh wollen wir gleich einen kleinen Spaziergang machen nach dort draußen«, und sie wies nach der Straße hin, »wo man mehr von der ›Aussicht‹ hat. Dann bekommt man wenigstens einen Begriff von der Landschaft.« »Fühlst du dich etwa hier eingesperrt?« fragte Erwin. Eine Pause entstand. Dann kam die Antwort... Sie war ein halb tonloses: »Ja – Irgend wie – Ich weiß nicht recht....« Man richtete sich ein und war für Stunden beschäftigt. So war man ziemlich müde, als man ins Bett ging. Doch trotz der großen Müdigkeit schliefen sie nicht so schnell ein, als sie vorhatten. ›Es ist die ungewohnte Stille nach dem Stadtlärm‹, dachten sie. Verschiedene Geräusche wurden hörbar. Aus der Kammer unter dem Dach kam zuweilen ein asthmatisches Schnaufen und das Krachen des Bettgestells, in dem Madleen sich umdrehte. Aus dem Keller drang das Ticken der abtropfenden Pumpe. Diese Laute standen seltsam vergrößert in einer unnatürlichen Schwärze, in die kein Stern blinkte. Aber der Wind war geschäftig und bewegte die Blätter, deren Geräusch die Verwandtschaft mit dem Lebendigen wieder zu besiegeln schien. Der Hügel Sie erwachten beide fast gleichzeitig, ungewohnt früh. Eine Schwarzwälder Uhr, die der Vermittler während der gestrigen Inspektion aufgezogen, rief ihr eiliges, etwas heiseres »Kuckuck« herauf. Gleichzeitig schwammen von draußen Wellen von Hahnengeschrei herein, ungleichmäßig durcheinanderwogend, so daß die einzelnen spitzen Trompetenstöße nur als verworrene Masse zur Geltung kamen. Eine Unmenge Hähne schien in wütenden Wetteifer verfallen. Vollkommen wagrechtes, hellgoldenes Licht stahl sich ins Zimmer. Doch die übliche Morgenbegrüßung der Singvögel, wie man sie wenigstens vereinzelt an den Hügeln des Hudson zu hören bekommt, blieb vollkommen aus. Die ganze Gegend schien von Hähnen gepachtet. Die Treppenstufen erzitterten jetzt, als werde ein schwerer Sack mühsam hinuntergestoßen. Das war Madleen, die zur Arbeit ging. Seltsamerweise hörte man kein Geräusch von Küchengeräten, kein Poltern oder Klirren, sondern nur die dumpfen Erschütterungen des Hauses, die ihre Schritte begleiteten. Wieder wunderten sie sich über die fast groteske Lautlosigkeit der schweren Person. Das Frühstück stand bereit, als sie herunterkamen. Alles blitzte morgenfrisch und heiter. Nachdem die »Times« genossen war, die Erwin sich aus dem Postkasten an der Straße geholt, erinnerten sie sich ihrer Absicht, eine Entdeckerfahrt zu machen. Sie wurden diesmal verschont von jenen flüchtigen Bedrückungsgefühlen, mit denen sie am vorigen Tag zu kämpfen gehabt. Der Fichtenwald, der das Haus umgab, öffnete sich in einer längeren Einfahrt, die von großblättrigen Ahornen und drei oder vier verschiedenen Eichensorten gesäumt war. Ungefähr hundert Schritte brachten sie auf die Straße, die gelb durch die Bäume schimmerte. Auf der gegenüberliegenden Seite lagen einige schmuck gebaute, etwas verwahrloste Holzhäuser von villenartigem Charakter mit breiten Veranden, auf denen jetzt schon in dieser frühen Morgenstunde – es war kurz nach sieben – verschiedentliches Leben sich rührte. Verwaschene Blusen bewegten sich rhythmisch hinter dunkleren Holzgittern: die Damen der Spruce-Street waren bereits wach. Sie waren nicht nur wach, sondern sie schienen sich auch schon von etwa getaner Arbeit auf Schaukelstühlen auszuruhen. Hinter einem Hause näher der Überlandstraße zu schoß mit eilfertigem Geknatter ein Ford-Wagen heraus und verschwand in einer durchsichtigen Staubwolke. Der Geschäftsbetrieb des nahen Ortes streckte einen einzelnen Fangarm also auch hierher aus. Sie waren einen Moment unentschlossen, dann machten sie sich auf, um in entgegengesetzter Richtung die Landschaft zu erforschen, die hinter der nächsten leichten Kurve der Spruce-Street sichtbar zu werden versprach. Erwartungsvoll schritten sie darauf zu. Nach fünf Minuten erkannten sie, daß es sich um keine Kurve handelte, sondern nur um eine kleine Schlingung der sonst schnurgeraden Straße. Und die Landschaft?– – – Wie ein gelber Pfeil bohrte sich diese schlichte Straße vor ihnen durch den Wald. Den Seiten entlang rann eine gleichmäßig ermüdende Wand von Fichtenstämmen, und es war kein Wechsel in diesen Stämmen. Sie waren alle jung, und einer sah aus wie der andere. Da war kein knorriger Ast, der drohend herübergewuchtet hätte; keine Wurzel, die von Kraftdrang entstellt und sich bäumend, in den Weg gekrochen wäre. Da gab es keine turmhohen Fichten, Väter eines Wäldchens etwa, segnend über kleinerem Gewimmel schwebend ... Nein, was sie sahen, war eine große Schonung, eine mathematisch abgezirkelte kompakte Masse von Jungholz, die in ihrer trostlosen Einförmigkeit tief bestürzte ... Ganz weit oben schien die Straße sich zu heben: ha! es gab dort etwas! Es gab dort die Erlösung! Mit halbem Seufzer bauten sie Schlösser von Hoffnung auf diesen fernen Hügel...! Die Straße war sandig. Bei jedem Schritt sank der Fuß zur Hälfte ein. Die Sonne, aus hellblauem Himmel, stach. Sie gingen tapfer vorwärts, beflügelt von der Sehnsucht nach dem Hügel. »Du wirst sehen,« meinte Erwin, »dort ändert sich das ganze Bild. Irgendwo muß doch die Landschaft stecken.« Er sah auf die Uhr, es war halb acht. Sie gingen und gingen. Mildred war verstummt. Das fröhliche Pläneschmieden, womit sie die morgendliche Frühstückszeit ausgefüllt, war versiegt. Sie blickte mit ihren grauen Augen streng in die Richtung des Hügels wie jemand, der ein Wunder erwartet, von dem er sich kaum eine baldige Erfüllung verspricht. So schritt sie vor ihm her, zäh mit ihren tapferen schlanken Beinen, und ihre weiße Gestalt auf der gelben funkelnden Fläche hatte etwas Einsames. Die Häuser waren zurückgetreten; das letzte lag bereits eine halbe Meile hinter ihnen. Und der Hügel? – Die ganze Zeit über war er von ihnen wie eine Fata morgana hinweggerückt; jetzt deutete sich eine gewisse Abwechslung an durch ein sehr weitläufig gebautes, beinahe prächtiges einstöckiges Haus, das aus einem Klumpen von Laubbäumen trat. Auf einmal, wie durch eine Laune der Akustik, schlug ihnen der entfesselte Strom desselben Hahnengebrülls entgegen, das ihren Morgentraum durchklungen. Ein mißfarbener, zottiger Hund stürzte hervor, in tiefstem Hasse bellend; blieb wie angenagelt, mit gespreizten Beinen vor ihnen stehen und schritt dann, mit mürrischem Achselzucken gleichsam, zögernd zurück. Etwa fünfzig langgestreckte Kästen aus Fichtenholz wurden sichtbar, zwischen ihnen wimmelte es weiß durcheinander: Eine Hühnerfarm ... Zwar keine Zucht, wie man sie in Europa kennt, von drei oder vier Dutzend bunter, gemächlicher Hennen oder schläfrig umherprunkender Hähne: nein – es war eine Masse von weißen, mageren »Leghorns«, die nach Abertausenden zählten, und über denen ein stechend-süßlicher Geruch von hellgrünem Kot stand, der, von rohen Maiskörnern untermengt, wie eine Guanoschicht den Boden verpestete. In diesem Element wateten sie mit ihren gelben, eintönigen Beinen, ermüdend gleichförmig anzusehen, und pickten wie Maschinen, jedes denselben Fraß. »Sie sind im Kleinen« schoß es Erwin durch den Kopf –: »wie ein Bild der Bevölkerung hier. Sie waten in den Bodenschätzen umher; wenn eines eine Feder von abstechender Farbe besäße und damit kokettierte, es wäre seines Lebens nicht sicher. Nur dadurch, daß sie alle weiß sind und in Masse handeln und fressen, existieren sie. Ihre Eier müssen unsagbar fad schmecken...« Ein vierschrötiger Mann mit semmelblonden Stoppelhaaren und hervortretenden Augen erschien in der Entfernung mit einer Harke bewaffnet. Einen Moment schob er seinen breitrandigen Strohhut aus der Stirn und starrte mit wasserblauen Augen herüber. Dann, als Erwin ihm zurief: »Ein schöner Morgen, wie?« grunzte er etwas Unartikuliertes und begann die Ställe zu reinigen. Er begann mit Nr. I und war bereits bei Nr. 3, als sie weitergingen. »Wenn der Mann das jeden Morgen macht, vielmehr tagtäglich von morgens bis abends, muß er jede Menschenähnlichkeit verlieren,« dachte Erwin. »Aus diesem Nachbarn wird nicht viel herauszuholen sein.« Nach weiteren zehn Minuten schienen sie auf halber Höhe des Hügels zu sein. Da ereignete sich etwas Erstaunliches: die breite Straße hörte plötzlich auf. Sie war einfach wie weggeblasen, ganz und gar zu Ende. Das plötzliche Gefühl, in eine Sackgasse geraten zu sein, wirkte mehr als beklemmend. Es war, als ob die Fichten eine plötzliche Verschwörung eingingen, sie einzufangen und nicht mehr herauszulassen... Da, wie eine Erleichterung nach kurzem Asthma, öffnete sich ein kleiner Seitenpfad. Wie erlöst schritten sie darauf zu. Es hatte den Anschein, als ob er auf die Spitze des Hügels führen müsse. Sie stiegen. Sie sahen verstreuten weißen Schimmer, als ob dort ein Steinbruch sei. Auf einmal jedoch sprang ihnen die Bedeutung dieser Steine plump ins Gesicht: – es war ein Friedhof. Grob gehauene Kreuze traten hervor, poliert, aus Rosengranit oder Marmor. Die Gräber waren wie nach der Schnur gerichtet, quadratisch zerteilt von sandigen Wegen. Eine einzige Trauerweide, ganz auf der Spitze, deutete den hilflosen Versuch zu gärtnerischem Schmuck an. Mildreds Gesicht bekam etwas Maskenhaftes. »Mir schwante so etwas«, sprach sie leise, als sie sich unter der Weide niederließen. »Es mußte so kommen, Erwin, es ist grausig. Soll dieser Friedhof und diese Hühner nun unsere Welt sein? Mir ist, als müßten nun all unsere hübschen Zukunftspläne in diesem sandigen Friedhofs-Stumpfsinn enden...« Das nach Aussicht dürstende Auge schweifte umher. Es traf auf Fichten, Millionen von jungen Fichten; auf einen Horizont von Fichten. Der Hügel nahm sich aus wie das Krähennest eines Schiffes in uferloser See. Die Fichten hatten etwas Einkerkerndes, in ihrer Masse grausam Bedrohendes. Das ganze Becken des südlichen New Jersey lag in flammendem Dunst vor ihnen, in fahlgrüner Monotonie unter einem bleiern blauen Himmel, der farblos mit dem farblosen Horizont verschmolz. Dort blitzte zuweilen ein kleiner, weißer, wandernder Funke auf: das war das Meer, in das dieser Strom von halbtoter Vegetation hineinmündete. Das Einzige, was die schnurgerade, von spitzen Wipfeln zerstochene Linie unterbrach, war ein enormer Fabrikschornstein, dessen schwarzer Qualmfaden senkrecht im Himmel hing. Sonst schien es, als habe eine ungeheure, erbarmungslose Handfläche alles Leben aus der Natur herausgepreßt; als habe eine Walze alles niedergequetscht, so daß nur ein dürftiges Gemengsel saftlos-struppiger Reiser zurückblieb, über dem nicht einmal Vögel ihre Kreise zogen. Hier unter den Emblemen des Todes hauchte ein weiterer Tod sie an, ein größerer, zeitloserer, zwischen dessen zerbröckelnden Kiefern sie sich sitzen sahen voll dumpfen Erschreckens. Zuweilen strich eine Brise über das Wipfelmeer. Sie merkten es daran, daß dunkle Fächer darauf zerliefen. Sonst war nichts hörbar als Hahnengeschrei, eine Fabriksirene, traumhafter Takt eines Zuges, eine fern aufgellende Hupe von unsichtbarer Straße her und das gewaltige Sieden und Summen der Insekten. Mildred stand plötzlich auf und rannte den Hügel wieder hinunter. »Es ist zu scheußlich hier«, rief sie zurück. »Ich bekomme Zwangsideen, wenn ich hier länger sitzen bleibe.« Sie gewannen die Straße wieder, seltsam ermattet vom Ausflug. Erwin meinte begütigend: »Vielleicht finden wir die Landschaft doch auf der anderen Seite...« Doch sie hatte den Ausdruck sinnender Resignation und war ziemlich wortkarg, bis sie das Haus wieder erreichten. Schon von weitem bemerkten sie eine dunkle Masse auf der Veranda, die sich als Madleen entpuppte. Wie ein Hund, der lange gewartet hat, eilfertig-wedelnde Zeichen von Freude gibt, geriet sie in ganz unverhältnismäßiges Entzücken, als sie ihrer Herrschaft ansichtig wurde. Hierauf zog sie sich mit der kryptischen Bemerkung: » It´s right in de woods allright ... « zurück, um die durch Angst unterbrochene Betätigung wieder aufzunehmen. Erwin bemerkte jedoch noch, daß ihre bestürzten Augen schnell nach rechts herüberrollten, wo ein zweites Haus stand, halb zwischen den Stämmen versteckt (eine unauffällige Bretterbude, die einem Stall glich). Wohnten da auch menschliche Wesen? Die elegantesten von ihren Nachbarn waren es auf keinen Fall. Noch kurz machte er sich Gedanken über die Bestürzung, die er auf dem Gesicht der Negerin gelesen hatte... Die Straße der Verstörten Eine erste Anknüpfung ergab sich mit der Nachbarschaft, als die elektrische Pumpe, die bis dahin wie ein Uhrwerk gearbeitet, plötzlich ohne ersichtlichen Grund versagte. Erwin machte sich auf, da er kein Elektrotechniker war, um Hilfe zu holen. Als er die Straße in der dem Hügel entgegengesetzten Richtung zwischen den Häusern hinunterschritt, konnte er bemerken, daß wiederum jede Veranda zwei oder drei Insassen hatte, die ihm nachblickten, ohne einen Laut von sich zu geben. Es schienen durchwegs ältere Leute zu sein, und die Damen (wenn man sie so nennen wollte), hatten den scharfen Ausdruck, den spät und widerwillig bestattete Hoffnungen verleihen. Es waren zweifellos auch Familienmütter darunter, was er daraus schloß, daß ihm zuweilen barfüßige Kinder begegneten, nackt unter weißen Hängekleidern, die ihr schnatterndes Gespräch jäh unterbrachen, wenn sie seiner ansichtig wurden und sich, wie zurückgescheucht, halb von der Straße zurückgezogen, um ihn von den Büschen aus starr zu betrachten. Die einzige Bewegung, die an den Verandaleuten bemerkbar war, war ein langsames Drehen der Köpfe, wie bei Gruppen angeketteter Eulen, an denen man vorübergeht. Kein Grußwort klang, und Zorn entstand in ihm. »Der Krieg ist doch weiß Gott noch nicht so alt oder so aktuell in dieser abgeschiedenen Gegend, daß die Leute jemanden, der deutsch aussieht, wie ein Jahrmarkts-Monstrum anzustarren brauchen,« dachte er. Er vergegenwärtigte sich sein eigenes Äußeres mit einem Gefühl wachsender Unbehaglichkeit, da er nichts entdecken konnte, was irgendwie aus dem Rahmen fiel. Der Schnitt seines Hemdes und seiner Hose war durchaus amerikanisch, und sein Gesicht hätte ebensogut das eines New Yorkers skandinavischer Herkunft sein können, der sich Ferien macht. Er sah sich nach jemandem um, der ihm bei der Pumpe helfen könnte, und geriet ganz zum Schluß in der Nähe der Überlandstraße auf einen solid aussehenden Mann, der hinter seine Zeitung verschanzt in seinen Pyjamas auf der Veranda saß und eine goldene Brille trug. Erwin erklärte ihm sein Anliegen, und der Mann mit wortkarger Bereitwilligkeit kam sofort herunter und begleitete ihn. »Sie sind neu hier?« war alles, was er sagte. »Welches Haus haben Sie bezogen?« »Das Haus des Pastors Merryweather.« »Nun ja,« sagte der Mann, nahm seine Brille ab, putzte sie und setzte sie wieder auf: »Wir hätten nicht erwartet, ein so junges Ehepaar...« (das Wort ›Ehepaar‹ sprach er eigentümlich gedehnt) »... als Nachbarn zu bekommen. Der Pastor ist gut über sechzig, desgleichen seine Frau, und alte Leute leben sich hier wohl besser ein in dieser Stille.« Er kniff die Lippen zusammen und verlor kein Wort mehr, bis er die Pumpe besichtigt und sie mit ein paar Handgriffen in Ordnung gebracht hatte. Mit freundlichem Abschied empfahl er sich; und doch blieb Erwin von seinem Wesen irgendeine unbequeme Vorstellung zurück, so als habe ihm der Mann Wichtiges verschwiegen. »Eine seltsame Gesellschaft,« dachte er. »Es ist doch gewöhnlich nicht der Fall, daß die Leute sich hier reserviert benehmen. In Europa, wo jeder sich hinter seinen vier Wänden verschanzt, fällt das ja nicht auf. Man kann jahrelang in einer englischen Stadt wohnen, ohne daß eine Katze sich um einen kümmert; hier aber setzen sie sich fast auf die Straße, schon am frühen Morgen, als ob es weiß Gott was zu sehen gäbe, und scheinen darauf zu lauern, daß ein Opfer sich in ihren Bereich verirrt. Wenn ein harmloser Fremdling einherkommt, bereiten sie eine tückische Augenattacke auf ihn vor.« Es war nicht bloß Kritik gewesen, was ihm entgegengestarrt – das fühlte er – es schien, als habe eine Art subtiler Böswilligkeit in dem Ausdruck der erloschenen Gesichter gezittert... Doppelt seltsam schien dies Benehmen am Rand eines eleganten Kurortes, der zwar jetzt noch nicht in vollem Betrieb war, aber doch auch den Sommer über Spuren vorherbstlicher Regsamkeit hätte zeigen müssen. Er erzählte Mildred von seinen Eindrücken. Doch diese hatte ihren Optimismus inzwischen wieder gefunden. »Ach Gott,« meinte sie, »in dieser Gegend passiert so wenig, daß die Leute mit der Zeit ja wohl etwas stumpfsinnig und verschlossen werden. Übrigens wirst du ja arbeiten, und dich mit deinen Büchern beschäftigen, und wir zwei genügen uns ja vorläufig, was Verkehr anlangt. Zudem können wir ja auch in Lakewood selber Bekanntschaften machen, wenn wir uns ein wenig Mühe geben.« Als sie nachmittags beim Kaffee auf der Veranda saßen, kam Madleen im Wald zum Vorschein von der Richtung jenes halbversteckten schäbigen Hauses her mit allen Anzeichen tiefinnerlicher Erregung; ja Aufgewühltheit. ›Ein Ehepaar, das eine kleine Gemüsefarm besitze, hause dort in zwei Zimmern. Trotz bescheidener Viehzucht rührten sie, als fanatische Anhänger der › Christian Science ‹ kein Fleisch an. Sie trieben diesen Fanatismus so weit, daß sie ihre Tochter, die an einer Hasenscharte leide, nicht hätten operieren lassen, so daß jenes Kind mit der üblen Entstellung, die es seinen Altersgenossen zum Spott mache, allein dort hause und es im Betonen von Wörtern nicht über ein langgezogenes Quäken hinausgebracht habe ... Dieses Quäken habe sie, Madleen, schon am Mittag gehört, und sie wäre fast vom Stuhl gefallen, als das Kind lautlos erschienen sei und mit unirdisch-hohem, fast zaubrischem Zetern (sie kopierte es hier) – etwas Unverständliches verlangt habe... Nun aber wisse sie Bescheid und habe sich darüber beruhigt, wenn sie sich auch vor dem Kinde grause, das ihr sicher im Traum wieder begegnen werde‹. Erwin lachte sie aus, aber die Negerin, mit wütend-beteuerndem Kopfschütteln (wobei die Furcht das ganze Email ihrer Augäpfel hervorlockte) – verschwor sich, sie ließe sich auf nichts ein mit jener Familie. Man habe ihr dort auch Eier umsonst angeboten, aber sie wolle von Leuten, denen die Bleichsucht aus den Gesichtern schimmere, nichts geschenkt bekommen... Das Erlebnis mit diesen Nachbarn beschäftigte sie noch den ganzen Tag, man hörte sie murmeln oder sah sie beim Holzholen rundäugig um die Ecke spähen, als ob sie auf dem Sprung sei, bei einem plötzlichen Wiederauftauchen des bresthaften Kindes die Flucht zu ergreifen. In der Tat hörte Erwin, als er später in seinem Zimmer Bücher und Schriften ordnete, seltsam klagende Rufe aus dem Walde dringen wie die eines herrenlosen Tieres. – – – Der »Kurort« Für die ersten Tage des Aufenthaltes hatten sie genug Lebensmittel im Hause gehabt. Nun aber schien es nötig, dauernde Verbindungen mit den Händlern im Ort anzuknüpfen, um sie regelmäßig geliefert zu bekommen. Erwin machte sich daher am nächsten Morgen auf den Weg. Er beschloß, den abschneidenden Fußpfad durch den Wald nach der Überlandstraße zu benutzen. Er war etwa zwanzig Schritt weit gegangen, als ihn etwas, das man vielleicht noch ein Gesicht nennen konnte, aus den Büschen von der Seite her anstarrte. Es zog sich blitzschnell zurück und ein Rascheln verklang, wie das einer plumpen Eidechse. Erwin hatte einen kurzen eisigen Schreck verspürt, und der eigne Schreck machte ihm die Angst der Negerin begreiflich. Es war das Gesicht eines Frosches gewesen an einem menschlichen Hals; das Antlitz eines Geschöpfes, das die Züge einer frühen Embryonalstufe beibehalten und grotesk entwickelt hatte. Könnte man nicht, dachte er, diesem Gesicht menschliche Form verleihen, wenn ein Arzt die Sache in die Hand nähme? ... Doch – sinnierte er – ist es der Mühe wert, hier einzugreifen? – Das quäkt, ißt, schläft, und hat sein reptilhaftes Wesen hier im Walde; wer weiß, ob wir es jetzt besser haben! – – Er kam durch spärliche Lichtungen, doch immer, wohin er trat, verfolgte ihn der mulmige Sand. Die Vegetation war reich an Bodengewächsen, doch hatten die Blätter alle etwas Blankes, Erstarrtes, als ob nie ein Windhauch sie getroffen hätte. Tierspuren bemerkte er kaum, nur die einzige Kuh der Sektierer hatte ihre Andenken hier und da zurückgelassen, die von Schmeißfliegen in allen Farben schillerten. Endlich kam er auf eine kleine Böschung und trat auf die Straße heraus. Es war die große Überlandstraße nach Atlantic City. Sie war sehr breit und die Automobile hatten sie platt gefahren und stellenweise mit Öl bespritzt. So machte sie einen gewissermaßen wohnlicheren Eindruck wie die Spruce-Street, obschon sie bereits um diese Zeit ziemlich belebt war, nicht von Menschen, aber von Maschinen. Bei der nächsten Parallelstraße bemerkte er mit Erstaunen, daß eine Negerkolonie sich dort befand. »So kommt wohl Madleen auf ihre Rechnung, vorausgesetzt, daß sie sich als Kubanerin nicht als etwas Besseres vorkommt als diese schlichten Schwarzen hier,« dachte er. »Auf alle Fälle, wenn sie an Angstzuständen leidet, ist ihr Volk zur Hand. – – Oder,« grübelte er, »sollte auch in einer Negerseele eine Art Vereinsamung Platz greifen, die entfernt mit Individualität in unserem Sinne Ähnlichkeit haben könnte?« Die Sorte von Negern, die hier wohnte, war allem Anschein nach arm. Sie zogen das Wenige, was sie brauchten, mühsam aus dem Sandboden und hatten sich ihrer Weise nach relativ häuslich eingerichtet; aber aus all den bretternen Bungalows grinste ein staubdürrer Zerfall, den müde Hände nur zuweilen verzögerten, um dann schlaff in die Schöße zurückzusinken. Eine fette, schmatzende, dumpfe Genügsamkeit erfüllte dieses schweigsame Viertel, zuweilen von gurrenden Lauten und dem Geklapper von Blechtöpfen durchtönt, und von grellen Farbflecken ausgehängter Wäsche durchblitzt. Ein paar ältere Neger in zerfransten Hosen und zerschossenen Leinenjacken rieben ihre grauen Wollköpfe an den Verandastufen und die Sonne lockte metallenen Glanz aus den Amuletten, die sie im Kraushaar ihrer ausgemergelten Rippen trugen. Das Ganze glich einer riesigen Zigeunerniederlassung um die Mittagszeit, wenn die erfinderischen Männer des Stammes alle auf Beute ausgezogen sind, und die anderen ihnen mit träger Hoffnung entgegenbrüten. Erwin zerbrach sich den Kopf, wieso es möglich gewesen sei, daß er diese Negerkolonie nicht schon früher bemerkt habe. Unter keinen Umständen hätte er sich in diesem Falle hier niedergelassen ... Deswegen, – erkannte er jetzt – war der Mann mit den stechenden Augen so redselig und hatte es so eilig, als er mich herausbrachte. Der Regen half ihm noch dabei, die Gegend effektiv zu verhängen... Der Weg zu Fuß dauerte, wie Erwin sich ausgerechnet, bis in den Kurort dreiviertel Stunden und eine halbe Stunde war er unterwegs, als er das Bahngeleis der New Jersey-Central überschritt und mit kurzem Herzklopfen einige Sekunden darauf den Zug vorübertosen spürte in greifbarer Nähe und so blitzartig, daß die Pullman-Wagen trotz ihrer Länge vom Wald aufgesogen wurden, als seien sie gewichtslos wie Erbsen, die ein Knabe aus dem Rohr bläst. Das Tosen verjüngte sich stracks zu leisem Poltern, das abrupt von der Stille zerquetscht ward und nurmehr ein traumhaftes Pulsieren in der Luft zurückließ. Nichts war mehr da, als das Gleißen der Schienen und Telegraphendrähte. Entfernungen, dachte Erwin, gibt es nicht für dies faule Volk. Sie bauen sich mächtige Maschinen, blitzblanke Kolosse voll wiehernder Pferdekräfte und brechen damit durch Länder von der Größe europäischer Fürstentümer, die an ihren Schiebefenstern vorüberflitzen wie bei uns die Kilometersteine. Nach dem Schienenstrang hörte der Wald auf; und er hatte noch eine sonnige Strecke vor sich. Er war so in Gedanken versunken gewesen, daß das unaufhörliche Knattern der Motore auf der Straße ihm nicht mehr aufgefallen war, als ein stehendes Geräusch, dessen man sich nur erinnert, wenn es aufhört. Links öffnete sich eine Bucht von stagnierendem Wasser, das sich bald als breite, bald engere Mulde im Holz verlor. Es war kein Jungholz mehr, es waren ältere Tannen, die ein Waldbrand, der vor 15 Jahren diese ganze Gegend verwüstet, verschont hatte, wie denn überhaupt der ganze Baumbestand freundlichere, vielseitigere Formen anzunehmen begann, je mehr er sich dem Kurort näherte. Das Wasser war der See Carasaljo, dessen Name ihnen damals wie Musik in die Ohren geklungen. Nun, etwas Besonderes war er keinesfalls. Es war zwar ein Natursee, aber er sah nach einem Gelegenheitsgewässer aus, wie es Fabrik-Staudämme erzeugen. Er hatte etwas Künstliches, trotzdem sich auf den Prospekten Berufsphotographen fleißig damit beschäftigten, ihn in allen Beleuchtungen und von seinen liebenswürdigsten Seiten zu zeigen. Das französisch abgestufte Dach eines pompösen Landhauses schaute von der anderen Seite über die Wipfel; neue Häuser traten hervor, schmiedeeisern umgitterte Beete blitzten auf, und wie eine seltsame Offenbarung, wie eine Perle in der Wüste, trat auf einmal aus der deprimierenden Kümmerlichkeit der Gegend verwirrender Luxus hervor. Erwin war bald im »Dorf«. Das erste, was er tat, war zu der Kraftstation zu gehen, um die Erneuerung des Telephons nach seinem Häuschen zu beantragen. Man versprach ihm, es sobald wie möglich zu legen, freilich, über die Zeit, die es dauern könne, erlaubte man sich ein leichtes Achselzucken. Ja, es gäbe viel zu tun; verschiedene neue Herrschaften von New York hätten sich niedergelassen ... So müßten sich Leute, die in Spruce-Street... (hier huschte ein schnelles Lächeln über die hölzernen Gesichter) ...wohnten, ein wenig gedulden. Als Erwin ging, fühlte er sämtliche Augen des Bureaus auf seinen Rücken geklebt. Er ging nun noch zum Fleischer, zum Kolonialwarenhändler, zu einigen anderen Leuten und erwirkte es nach einiger Überredung, daß man ihn zweimal wöchentlich mit Material versorge. Er müsse jedoch einen Aufschlag entrichten, meinte man, denn in die Gegend, wo er wohne, schickten sie selten ihre Buggies. Zum Schluß hielt er sich noch etwa eine halbe Stunde in der Ortschaft auf... Sie war, wie alles in den Vereinigten Staaten, quadratisch angelegt; jeder Block hatte eine oder zwei rote nüchterne Methodistenkirchen an den Ecken. Da war die allbeliebte Drogerie mit ihrer blitzblanken Bar, wo es Fruchteis mit Soda gab; hier war ein aus Majolika errichtetes Häuschen, wo die Standard Oil Comp. gegen Einwurf von Fünfzigcentstücken Benzin automatisch verabfolgte. Dort waren die langweiligen, korrekt gekleideten Männer, deren Kinnbacken Tabak oder Gummi zerkleinerten. Da waren die üblichen Matronen mit ihren Waschblusen und verwaschenen Gesichtern, die sich unter schrillem Näseln vor ihren Haustüren unterhielten; waren flachshaarige, nacktbeinige Kinder, ihren Erzeugern wie aus dem Gesicht geschnitten und mit der Ausdruckslosigkeit von Generationen in sommerfleckigen Gesichtern; – kleine Mädchen oder pumphosige Knaben, die mit storchähnlichen Schritten die Tretmühle zwischen Kirche, Haus und Schule durchmaßen; kurz, es war die Ureinwohnerschaft, das dürftige Skelett Lakewoods, wenn man den Zauber, den der Name »Kurort« verlieh, wegblies. Es war die kleine Bahnstation und weiter nichts. Die großen Gebäude, wie das Laurel House mit seinen sechs Stockwerken, das einen ganzen Block bedeckte und mit seiner Unzahl von grünverschalten Fenstern etwas von einem erblindeten Koloß hatte, sowie die prächtigen Sandsteinvillen schienen nur durch Zufall hierhergebaut; es war, als ob ein Knabe zwei Spielzeugkästen durcheinandergeworfen habe... Das geistige Leben Lakewoods schien sich in Lichtbildtheatern zu erschöpfen, deren es eine erkleckliche Menge gab und die jedenfalls abends eine marktschreierische Reklame mit bunten Glühlämpchen zustande brachten. Jetzt aber gemahnten die nackten Gestelle mit den farbigen verstaubten Gläsern an einen ländlichen Jahrmarkt nach einer Feuersbrunst. Zusehends bekam Erwin diesen Ort zum Erbrechen satt und machte sich auf den Heimweg. Eine flüchtige Erinnerung an Wiesbaden oder Homburg schwirrte ihm durch den Sinn. Sanftes Schluchzen entstand im Hintergrund seines Gedächtnisses wie vor Zeiten, wenn es zu regnen begann; wenn eine europäische Kurpromenade sich plötzlich vom Leben entleerte und all die bunten Schirme wie durch Zauber grausam verschwanden. Wie im Rhythmus desselben Schluchzens zogen weiche deutsche Hügel an seinem inneren Auge vorbei; sanft einladende Wellenlinien voll traumhaft schöner Wege... › Paradise-Park ‹ Er hatte die Augen halb geschlossen. Nun riß er sie auf und blickte in die weiße Glut der Straße, die er mechanisch schon wieder bis zur Hälfte zurückgelegt. Nach Überholung der Negerkolonie überlegte er sich, ob er wiederum den Seitenpfad benutzen solle, um zu seinem Haus zu kommen; aber der Gedanke an eine abermalige Begegnung mit dem froschähnlichen Geschöpf hielt ihn ab. An der Ecke der Spruce-Street blickte er nochmals zurück und gewahrte einen großen Wegweiser, der in schreienden Buchstaben auf einen Park hinwies, der sich offenbar in der Nähe befand. Er hieß › Paradise-Park ‹ und zwei mächtige Zeigefinger, peinlich ausgemalt mit spitzen Nägeln und faltiger Haut (wobei dem Künstler offenbar eine Farmershand vorgeschwebt), ließen keinen Zweifel über die Richtung. »Paradiespark,« dachte Erwin. Es war wie eine kurze Erlösung, das Wort genießen zu dürfen. Vielleicht haben sie sich irgendwo Mühe gegeben, daß Quadratische dieser Gegend durch eine Rundung zu verklären; denn es wäre ein starkes Stück, das Wort »Paradies« zu mißbrauchen... Gehen wir morgen doch einmal hin, beschloß er; denn eine Rettung muß es doch geben jenseits dieser Straße... Zum erstenmal war ihm wieder der entfesselte Verkehr klar, der hier eine Bresche quer durch diesen meilenlangen Wald geschlagen. Fasziniert, halb betäubt stand er noch eine Weile still. Mit der Regelmäßigkeit eines großen Uhrwerks, dessen schwingenden Pendel man sich hoch im wabernden Blau aufgehängt vorstellen mochte, – von wo aus er mit seinem Ende die Straße in scheußlicher Regelmäßigkeit streifte, – tauchten Staubfäden auf, die sich qualmend verdickten, abplatteten und wieder zurücksanken. In diesen aufwirbelnden Staubbänken stak ein schwarzer Kern, wie ein dunkler Komet, der einen Schwanz mit sich riß von Benzingestank und umherspritzenden Steinen; und jeder dieser schwarzen Kerne war ein Automobil, auf Höchstleistung eingestellt und schnurrend wie eine große Bremse. Da kamen »Ford«-Wagen mit ihrem blechernem billig-ratterndem Takt; kamen Limousinen mit wehenden Gesichtsschleiern wie mit Fahnen annonciert; klobige, stumpffunkelnde Dinger, die mit leichtem Zirpen, unter dem ein gedämpftes Donnern stand, Meilen fraßen; »Hudson Super Six's,« »Cadillac's,« »Maitland's,« »White's« und wie sie sonst hießen... Er kannte sie heraus an ihrem charakteristischen Geräusch. Es war eine dämonische Hetzjagd, die sich abspindelte; etwas unpersönlich Verwüstendes lag in der Verachtung von Raum, in diesem Schlemmen in Entfernungen. So war das Leben hier, daß jeder Mensch, der durch diesen eintönigen Bereich glitt, nicht einmal ein Erinnerungsbild mitnahm. Der Einsame, der in menschliche Gesichter, vielleicht in die nach Farbe und Buntheit dürstenden Gesichter abgehetzter Großstädter spähen wollte (eines halb tragischen Einverständnisses sicher), vermochte nicht einmal die Profile zu erhaschen; erhielt nicht einmal den Eindruck, daß Menschen in diesen wirbelnden Maschinen saßen. Selbst die Hupen brüllten nicht. Kein schmetternder Dreiklang ertönte mit lieblichem Trompetensignal, kein tiefes kräftiges Gebell, kein Sirenengeheul. Nein, mit aufpeitschender Lautlosigkeit, die nur vom Gezitter entfesselter Motore vibrierte, vollzogen sich die Begegnungen in selbstverständlicher, geölter Routine, die kein Mißverständnis, keinen falschen Griff am Lenkrad zu erlauben schien. Das war ja auch kein Wunder, da die Straße auch einem Schlafwandelnden in ihrer pfeilgeraden Unendlichkeit geläufig sein mußte. Erwin ging müde bis zur Einfahrt seines Hauses. Dort stand ein blecherner Postkasten, den er mechanisch öffnete. Er blitzte ihm leer entgegen. Nur in der Ecke saß eine gefangene Heuschrecke, die im Übermaß der Anstrengung sich zu befreien, einen ihrer Sprungschenkel verloren hatte. »Wenn man sie auf den Boden setzt,« dachte er, »so hüpft sie immer im Kreis herum. Sechs Monate liegen vor uns. Werden wir es auch so machen? Aber, weiß Gott: der Kontrakt ist ja nicht mit Blut unterschrieben. Wenn das so weiter geht, wird er zerrissen und in die Winde gestreut.« Er fühlte sich mit einemmal jung, gesund, und bereit, alle Widrigkeiten niederzulächeln mit dem animalischen Wagemut eines blutvollen Körpers, eines überlegenen Hirns. »Wir werden uns einrichten trotz Negern, alten Weibern und Automobilen, denn wir sind in uns viel zu reich, als daß uns das Außen etwas anhaben könnte.« Er hatte noch keine zwei Schritte nach seinem Hause zu zurückgelegt, als er hinter sich seinen Namen rufen hörte. Erstaunt fuhr er herum und sah eine alte Dame auf der Straße stehen. Graue Zottellocken hingen ihr, jugendlich gedreht, in die eingefallenen Wangen und um die Schultern gewickelt trug sie einen rohseidenen Schal, dessen Fransen fast den Boden berührten. Sie schritt mit Grandezza auf ihn zu und spähte hinter einem Zwicker hervor mit verblaßten Augen in sein Gesicht, wobei sich unter ihrer falkenartigen Nase die ledernen Lippen zu einem breiten Lächeln auseinanderzogen. Dieses Lächeln entblößte gelbe überlange Zähne. »Wenn ein Pferd lächeln könnte,« dachte Erwin, »so würde es ähnlich aussehen; nur daß ein Pferd sich vielleicht mehr dabei denken würde, wie diese alte Person.« Sie streckte ihm eine von Gichtknoten verzierte gelbe Hand entgegen, an der ein verstaubt aussehender Silberring saß, und sagte atemlos und etwas überstürzt: » I am Miß Palmer. – Let me shake hands with my new neighbour! « Die zögernd gereichte Hand Erwins ergriff sie darauf; – es war ein Gefühl von kühlen, tastendumklammernden Krallen... Sie ließ ihn nicht leichten Kaufes davon. »Sie müssen kommen«, sang sie zwitschernd »– und eine Tasse Tee bei mir trinken. Ich kannte den Besitzer Ihres Hauses sehr gut. Wir haben manch' eine von Gott erfüllte Gesprächsstunde miteinander verplaudert. Ich weiß, wie schwer es junge Frauen haben. Trauen Sie Ihrer Negerin nicht, sie wird Sie bestehlen, wenn nicht gar ermorden. Sie wird Sie vielleicht vergiften. Trauen Sie ihr nicht. Sie sind alle schwarz inwendig und auswendig; der Herr hat sie verworfen. Grüßen Sie mir Ihre liebe junge Frau. Gott schenke Ihnen reichen Segen und Befriedigung. Es kann nie an etwas fehlen, wenn man nur auf Gott vertraut.« Nach dieser salbungsvollen Ansprache zog sie ihren Schal fester um die spitzen Schultern und blickte ihm nach, noch die Lippen bewegend, als habe sie viel mehr zu sagen, was mit Gottvertrauen und Negern zu tun habe, unterdrücke es aber bis auf ein nächstes Mal. Dann kniff sie die Augen zusammen und schritt mit derselben Grandezza wieder über die Straße zurück, wo sie sich auf ihrer Veranda im Schaukelstuhl niederließ und er ihren grau gelockten Kopf noch ermüdend gleichmäßig hin- und herschwanken sah, während sie einen leisen, einem Hymnus ähnelnden Singsang von sich gab. Die hölzerne Grabkammer Die nächsten Tage waren ereignislos. Die Eindrücke der ersten Zeit wiederholten sich. Wieder nach Lakewood zu gehen hatte Erwin keine Lust und Mildred begann sich mit der Bibliothek des Hauses zu befassen und fischte sich diesen oder jenen Autor heraus, den sie noch unvollständig kannte, wie Merriman oder Hichens. Schon nach zwei Tagen kam es ihnen zum Bewußtsein, daß man sich inmitten der Zivilisation ohne Telephon einsamer als Robinson fühlen könne, der doch immerhin noch seine schmucke Insel hatte, die ihm Abwechslung verschaffte. Die Lieferanten schickten ihre Waren zweimal in der Woche, und die Ankunft des Buggys, die sich einmal mit einem erstorbenen Zittergreis auf dem Bock vollzog, das andere Mal mit einem weißblonden halbnackten Knaben, dem die Fähigkeit zu denken durch den stets geöffneten Mund entwichen zu sein schien, – stellte keine wellenschlagende Verbindung mit der brausenden Außenwelt her. Es kam ihnen fast so vor, als seien sie auf den Rand eines großen Zinntellers geraten, von dem hinunter ins Bodenlose zu purzeln eine Kleinigkeit sein müsse. Fast jeder Dampfer hatte zurzeit seine Antennen, die vom Murmeln aus allen Ecken der Welt erzitterten. Besonders jetzt hingen solche Drähte in einer schicksalsschwangeren Atmosphäre, in der jedes der Luft anvertraute Flüsterwort ein schwebendes Gas entzünden konnte. Die Beiden aber in ihrem nach bequemer Neuzeit duftenden Landhäuschen waren einsam wie im Boot auf uferloser See, einer See von jungen Fichten. Es wohnten ja Menschen um sie herum, aber diese Menschen schienen ihnen unerreichbar, wie hinweggerückt und in ihren Gebärden seltsam verzerrt wie hinter konvexen Fenstern, die zuweilen Hand oder Profil anschwellen oder sinnlos schrumpfen lassen und jeden Laut hermetisch absperren ... Es schien, als müßte erst das Kryptogramm gefunden werden, das auf die Empfängerstation der halb eingeschlafenen oder seltsam verzwickt denkenden Gehirne ringsum wirken konnte. In diesen toten Tagen geschah es auch, daß die Hitze ständig wuchs. Man näherte sich der Mitte des Juli und für diese Jahreszeit waren, selbst für die trockene Gegend von Lakewood, zu wenig Niederschläge gekommen. Erwin und Mildred jedoch hatten sich in der Zeit ihres bisherigen Aufenthaltes eine gewisse Unempfindlichkeit gegen Hitze angewöhnt noch dazu war es ja trockne Hitze, die viel weniger ermüdet als tropische. Er erinnerte sich der zerarbeiteten Farmershand auf dem Wegweiser, der nach dem › Paradise-Park ‹ wies. »Ich glaube«, meinte er, »wenn wir uns vornehmen, nicht zu ermüden, bis wir irgendwo hinkommen, wo es wenigstens Laubbäume gibt, so kommen wir doch noch auf unsere Kosten.« – Seitlich jenes Wegweisers, hatte er bemerkt, schlängelte sich ein Pfad in den Wald hinein. Sie schöpften einige Hoffnung, daß dieser Weg nicht gerade war, sondern anscheinend wahllos auf dem Grund eines früheren Trapper- oder Indianerpfades entstanden. Kurz entschlossen bogen sie ein und fingen an schweigsam und zäh zu marschieren. Nach einer halben Stunde hatten sie Fichten um sich, nach einer weiteren halben Stunde mehr Fichten und nach zwei Stunden, als sie sich aufseufzend auf den trocknen, von Nadeln spärlich bedeckten Boden niederließen, eine geradezu unermeßliche Masse von Fichten. Es waren immer diese jungen, bleistiftähnlichen Stämme, die einen dürftigen Ausblick ließen von vielleicht einer halben Meile nach allen Seiten in den Wald hinein. Kein Wässerlein sprudelte, kein Fuchs huschte vorüber; keines Rehes feine Schnauze schob sich witternd zwischen Zweigen hervor; kein aufgeschrecktes Haselhuhn brach polternd aus dem Unterholz. Nein, was sie aufscheuchten, waren Stechfliegen oder Laufkäfer, die grün und golden aufblitzend vor ihnen aus dem Boden stiegen, eine kurze Strecke geradeaus schwirrten, immer vor ihren Füßen, und dann wie durch Zufall neben den Weg gerieten. Nur als sie sich wieder auf den Rückweg machten, sahen sie einen huschenden weißbraunen Schatten zwischen den Stämmen verschwinden und trösteten sich mit dem Gedanken, daß dies doch vielleicht ein Stück Wild gewesen sein könne–: bis sie auf klobige Spuren im Sand trafen, deren einzige Lösung nur einen Hund bedeuten konnte. Der Moment, wo sie sich umdrehten, ohne irgendetwas erreicht zu haben, war wiederum von jenem unerträglichen inneren Stöhnen des Gefangenen begleitet, der eine Lücke zu öffnen sich müht. Denn ein Seitenschritt in den Wald von dem schwach erkennbaren Wege abseits hätte sie unfehlbar dem grauenhaftesten Irrgang ausgeliefert. Das Gefühl, daß neben ihnen irgend eine spottende Gewalt herschritt, stets bereit sie am Kleid zu zupfen und sie einzuladen, sich doch einmal abseits umzusehen, – (um sie dann erbarmungslos in einer Falle von Sand und Stämmen sitzen zu lassen,) – stieß ihnen wie mit einer Faust in den Rücken. Irgend eine gegenstandslose Angst ballte sich hinter ihnen auf und rollte mit dem Summen der dem Sande entbrüteten Insekten hinter ihnen drein... Diese Angst, zunächst wie eine kleine Beunruhigung, wuchs, sich lawinenhaft aus allen Bereichen dieser hölzernen Totenkammer ihre wachsende Wucht entsaugend. Die Sonne stand schon schräg. Schon malten ihre Strahlen die Schatten der Einsamen riesengroß in das Gitter der Stämme. In einer halben Stunde würde ein graues Zwielicht herrschen; die spärlichen Merkmale des Weges würden sich ganz verwischen und nur ein Sternkundiger hätte die Richtung beibehalten. So beeilten sie sich. Mildreds Gesicht, wieder mit diesem Erwin äußerst besorgenden und befremdenden maskenhaften Ausdruck schimmerte weiß wie ihre Bluse. Er hörte ihre hastigen, trockenen Atemstöße. Sie holten aus, als ginge es ums Leben. Dabei waren sie sich darüber klar, daß nicht der geringste Grund zur Beunruhigung mehr vorliege. Eine kurze Strecke würde sie wenigstens in Hörweite der Überlandstraße bringen, und damit war ja schon alles gerettet. Oder sie brauchten dem schweifenden Hunde nur zu folgen, dessen Schatten wie ein irrender Geist dieser Einsamkeit, eine Ausgeburt oder ein Spuk, vor ihnen herglitt. Erwin pfiff. Der Hund stand einen Moment still, dann, mit einer merkwürdigen Plötzlichkeit, und allen Anzeichen von Bestürzung, wich er seitwärts durch das Unterholz und verschwand. Jetzt hörten sie schon vereinzeltes Hahnengeschrei und wußten, daß ihr Irrgang ein Ende hatte. Es war kein erfrischender Spaziergang gewesen; es war, wie Mildred sich ausdrückte, als ginge man an einer endlosen Reihe von vergitterten Zellen vorüber, hinter denen die Seelen halb Erloschener ein planloses Wesen trieben. Ein anderes Mal versuchten sie die scheinbare Fortsetzung des Weges bei der Hühnerfarm nach der anderen Seite zu verfolgen, was ja in diesem, dem Orte nähergelegenen Teile des Waldes kein solches Wagnis bedeutete. Wiederum trug der Weg zunächst denselben Charakter, dann aber gerieten sie auf Lichtungen, wo stagnierendes Wasser üppigere Vegetation erzeugte und hübsche Bilder halb tropischer Sumpflandschaften vor ihnen aufrollte. Wenn auch alles schweigsam und brütend war, so war es doch wenigstens wie die Erinnerung an ein Glashaus, wie es Erwins Vater vor Zeiten gepflegt und in das man mit gebücktem Kopf eintreten mußte. Feuchte Stengel kitzelten den Nacken dabei... Aber auch dieses Stück des Weges wollte ihnen übel, denn es war Triebsand entstanden, der sie plötzlich bei einem unbedachten Schritt bis zu den Knien einsog; es war, als griffe der Dämon, der sie im Walde nicht äffen konnte, von unten nach ihnen; als walte etwas Zerstörerisches ob, das sich in vielen Formen zu äußern mühte und es zögernd bei halbem Gelingen beließ. Sie trafen dann auf einen Reitweg, so vom Winde geschützt, daß die Hufabdrücke der Vorfrühlingssaison noch halb sichtbar waren. Dieser Reitweg führte in der Nähe ihres Hauses vorbei, das sich am schnellsten erreichen ließ, wenn man sich seitwärts eine Bresche durch das Gestrüpp bahnte. Hier schien der Boden überhaupt mehr Wasser zu enthalten, wie eine Unmenge großblätteriger Farne ihnen zeigte, die in ganzen Gruppen ihre grünen, mächtigen Fiedern über den Weg spreizten. Aufatmend langten sie an und sahen, wie sich das Gesicht der Negerin, das mit fast angstvollem Ausdruck aus dem kleinen Küchenfenster wie aus einem Rahmen starrte, plötzlich verklärte. Sie erwarteten ihr Abendmahl, das sie sehr früh, zwischen sechs und sieben Uhr zu nehmen gewohnt waren. Madleen fühlte sich überhaupt nur wohl, wenn ihre Herrschaft im Hause war. Man hatte sie schon mehrmals in seltsamen Stellungen betroffen, wenn man unvermutet zurückkehrte. Einmal hatte sie im Walde gehockt, anscheinend Reiser sammelnd, aber bei näherer Betrachtung mit irgendwelchen Gebetsprozeduren beschäftigt, als wolle sie sich Geister vom Halse halten. Das andere Mal im Keller, wo sie die Pumpe eigenmächtig in Betrieb setzte und behauptete, das Geräusch sei eine so schöne Gesellschaft für sie. Das dritte Mal unter ihrer Bettdecke vergraben in ihrer Kammer. Jedesmal hatte sie sich äußerst erschrocken wieder in ihr normales Wesen zurückgerettet, öfters auch fand man sie mit einer grotesk geschmückten billigen Kinderpuppe, oder mit einem zugelaufenen Kaninchen, an dessen Adresse sie dunkle Strophen in weichem Jargon sandte, was auf das Tier einen einschläfernden Einfluß hatte, als fühle es sich von der Urmutter alles Wesens gewiegt. Es legte die Ohren flach, und seine offenen Augen erblindeten vor Frieden. Madleen und Mildred, die Tierliebende, schienen für es nur zwei Erscheinungsformen dieser größeren Mutter zu sein. Viel Stoff zum Lachen gab Madleen, wenn sie alles, was in ihren Bereich trat, treuherzig personifizierte. Von einem Milchtopf, den sie zerbrach, äußerte sie sich: » It was hard to keep up wid .« (»Es war schwer mit ihm zu verkehren«); und als ein Muttergottesbildchen, auf Email gemalt, verschwunden war und Mildred es aus Madleens geräumigem Brustausschnitt zog, (wo es sich, da sie mit ihrem Schwarzseidenen gepanzert war, unglücklicherweise deutlich abzeichnete) lief sie in die Küche und wimmerte gekränkt: » Shame; I´s been tricked!! ... « (»schändlich; man hat mich überlistet!...«) – Bisweilen auch erzählte sie absurde Geschichten von ihrer Familie; doch über ihren Bruder, den es nicht mehr gab, machte sie nur vage Andeutungen, um später einmal, nachdem ihre Phantasie durch die Umstände ins Kraut geschossen war, sich ausgiebig und blutdürstig über ihn zu verbreiten. Bisweilen merkte man ihr eine abrupte Unmut im Wesen an, besonders wenn sie sich, wie es ihre Obliegenheit war, zum abendlichen Servieren umzuziehen hatte. Mildred bestand aber nicht mehr darauf, da eine gewisse Gleichgültigkeit in ihr Platz gegriffen hatte. Lektüre Abends setzten sie sich in den Salon, um zu lesen oder Briefe zu schreiben. Sie steckten eine Öllampe an, die ihnen trauter und heimatlicher dünkte als das grelle elektrische Licht, und spielten, wie es ihre Gewohnheit geworden, eine oder zwei Partien »Halma«. Die Luft war still, die Fenster geöffnet und die breitgestreckten Flächen wurden nur von Mückennetzen verdeckt. Durch diese Vierecke von Draht kam mattes Geräusch von Blättern. Eine tiefe Schwärze stand dahinter wie die bodenlosen Eingänge von Höhlen. Dann kamen die nächtlichen Besucher, die Einlaß begehrten: Hunderte von heranschwirrenden Faltern, die sich mit einem Geräusch, wie wenn große Regentropfen auf ein Blechdach fallen, gegen den Draht warfen, mit glühenden Augen eine Zeitlang einen Veitstanz vollführten, weiß oder hellgrün aufblitzend, und sich dann wieder von der Schwärze verschlingen ließen. Dazwischen kamen Augenblicke, wo dieser Regen von leichten Körpern einer Salve von Hagelschloßen glich, nämlich wenn hartgepanzerte Käfer, die jetzt im Juli immer häufiger auftraten, dazwischen fuhren, sich rasselnd an der Mauer besannen und ihr endloses, ermüdendes Gehämmer immer wieder aufnahmen, solange der gelbe Lampenstrahl dadrinnen blühte. Diese Insektengeräusche wuchsen ins Riesenhafte, da die Stille so vollkommen war, daß man eine Nadel hätte fallen hören. Um diese Stille zu vertreiben, die höchstens durch den schlaflosen Hymnus der alten Palmer oder ein quäkendes Bedürfnis des entstellten Kindes aus dem Walde zerbrochen wurde, verfielen sie darauf, sich vorzulesen. Mildred zeigte seltsamerweise kein Bedürfnis mehr nach philosophischer Lektüre, der sie sich sonst so gern hingab. Emerson verschwand wieder im Glasschrank und Poe eroberte sich eine grüblerische Andacht, wie sie ihm selbst bei Lebzeiten selten beschieden gewesen ... Erwin wunderte sich, daß Mildred ein seltsames, fast krankhaftes Verlangen nach erregender Lektüre zeigte. Es schien, als wolle sie dann den Teufel mit Belzebub austreiben; als wolle sie sich dadurch, daß sie ihren Kopf mit unheimlichen Vorstellungen füllte, wappnen gegen die Stimmung der Umgebung; als wolle sie die Ausgeburten dieser Stille übertrumpfen und dadurch zurückscheuchen. »Ich fürchte mich weniger vor dieser Stille,« meinte sie »wenn du etwas Unheimliches vorgelesen hast. Dann kommt mir alles hier wiederum rechteckig, traulich und natürlich vor, nach dem wirren Traum, der zu Ende ist, wenn man das Buch zuklappt. Man hat es ja jederzeit in der Hand, das Buch zu schließen; nur Wirklichkeitsträume setzen sich manchmal so fest, daß der Alp seinen Stempel auf alle Gegenstände drückt und kein klarer Gedanke imstande ist, die Verzauberung wegzuwischen. Buchträume aber kann man zunichte lächeln, wenn man will, denn man ist nicht allein, und man kennt sich zu gut dazu. Ich habe immer noch dein materielles deutsches Hirn zur Hand, um mich davon zu erholen.« Erwin ging es anders. Die Beschäftigung mit den mystischen Irrgängen des großen Dichters lenkte seinen Geist wieder in jene gefährlichen Winkel, in denen er nie gern weilte und denen er sich, er wußte nicht warum, fast zu nahe wußte, seit er dieses Haus betreten. Immerhin vermochte er es noch, sich durch geistige Beschäftigung der Gegenwart gänzlich zu entrücken. Ruskin, den er entdeckte, öffnete ihm eine neue Welt. Er spekulierte abstrakten Verknüpfungen nach, dem Geist im Kristall... halbentfaltete, seiner deutschen Jugend entstammende Keime drängten aufzubrechen; Gedankengange, halbverwirrt nun, die sich auf edle und heikle Stoffe bezogen, ketteten sich an, schienen danach zu verlangen, daß er sie zu schönem Gewebe füge. Er fühlte sich reif und trächtig von entstehenden Werken; ihm war, als habe er eine Metallader angeschürft und er meinte, es sei nur ein wenig System nötig, um sie voll aus dem Boden zu heben. Das Milieu, in dem er sich befand, dieses Haus, jedes Säulchen des Treppengeländers, jeder Laut der Pumpe dort unten und das Gebühren und Gespräch der seltenen Menschen, die kamen und gingen: – dies alles schien ihm so seltsam entrückt, schier traumhaft, so daß er zwischen diesen Möbeln, die doch noch von Menschennähe warm waren, umherging, als sei er ihnen stofflich gar nicht verwandt. Ihm war, als sei all dies nur ein Übergangsbegriff, der jederzeit über Bord geworfen werden könne; als trete alles rein unpersönlich in den Hintergrund und als benütze er es nur als Gast aus fremden Sphären, dessen schwache Spur ebensoschnell wieder erlöschen müsse. Denn nicht bloß dieses Haus schien ihm fremd selbst bei täglicher Benutzung: – all dieses sehr Gegenständliche und Grelle war ihm unverwandt, fremdartig bis in die kleinste Erscheinungsform hinein, ebenso wie dieser ganze kolossale Kontinent, den er wohl in seinen Lebensäußerungen verstand und objektiv richtig abschätzte, der ihm aber nichts zu sagen hatte, gleich wie er, Erwin, nichts in ihn hineinzutragen vermochte. Das war vielleicht ein Zustand und eine Empfindung, die keine Berechtigung hatte; aber seit seiner ersten Ankunft in der Neuen Welt war er sich dieses unpersönlichen Verhältnisses drückend bewußt gewesen. Die einzige Rettung schien ihm, die Umgebung als bloße Photographie, fast als Film zu betrachten, der sich vor ihm abrollte, vor ihm, der nichts sehnlicher wünschte, als wiederum ein Stück der verwitterten, aber geistig unendlich mehr befruchtenden Atmosphäre der Alten Welt zu sein. Mildred dachte primitiver. Sie hatte eine schlichte Tatsachenerkenntnis. Sie stellte ihre Gewohnheiten neben die fremden, verglich sie zu Ungunsten der fremden, und beruhigte sich dabei. Das Land beeinflußte sie nicht, ebensowenig wie es Erwin zu irgendwelcher Nachahmung verlockte. Noch rann die Fremde an ihnen ab, wie Tropfen von den Flügeln eines Wasservogels, noch waren sie voll heiterer Ironie ihrer Tradition behaglich ergeben. Sie hatten sich einen Modus zurechtgelegt, mit dem sie eine halbe Auskömmlichkeit mit dem Volk erzielten, und somit war es gut. Übrigens wäre alle Lebensphilosophie ja verschwendet gewesen, denn gegen ihren Willen saßen sie ohnehin isoliert da, aller Ansprüche an Menschen enthoben und spürten das fast noch als willkommene Gelegenheit, sich einmal über sich selbst klar zu werden... Er liebte ihre grauen, etwas strengen Augen unter den dunklen Brauen, die sich fast über der leicht gebogenen Nasenwurzel zusammenfanden; ihr schmales, helles Gesicht, ihr über den Ohren gestutztes Haar, das ihr im Verein mit den schmalen Hüften, der keuschen Knappheit der Brust und den energischen, kurzen Bewegungen etwas Knabenhaftes gab. Er liebte ihre klaren Gedankengänge, den unfehlbaren Instinkt, mit dem sie sein oft schweres und mühsames Empfinden zu formulieren und dadurch zu erledigen verstand. Er liebte die Unabhängigkeit ihres Wesens, diese heitere, selbstwillige Unabhängigkeit auf dem Hintergrund eines nationalen Gedankens, der ihm durch seine Vielfalt und Machtvollkommenheit in allen Ecken der Welt, in die er getragen wurde, imponierte; er liebte ihre etwas tiefe Stimme, die sich so selten zu Koseworten fügte; wenn sie aber eines aussprach, es aufschimmern ließ wie einen schlau versteckten Edelstein. Denn ihre Ausdrücke waren sehr praktisch, und der Sprachschatz, den sie benutzte, nicht besonders reich, da die echt englische Wortfaulheit sie dazu verführte, selbst kurze Wörter noch spielend zu beschneiden. Mildred hatte eine ausgesprochene Gleichgültigkeit, die sich launenhaft zur Abkehr zu vertiefen drohte, vor Deutschen. Sie sah an ihnen gewisse abstoßende Äußerlichkeiten. Sie wußte, daß dies Äußerlichkeiten waren, aber man lebt doch, pflegte sie zu sagen, mit dem was man sieht, nicht mit dem, was etwa jemand denkt. Es war Rasse, die sie in ihm liebte, ebenso, wie er das an ihr schätzte. Sie hatte Blick dafür, und wenn er nur deutsch gewesen wäre, so hätte das keine Offenbarung für sie bedeutet. Daß er aber so über die Maßen typisch deutsch, urgermanisch und teutonisch war, das gefiel ihr an ihm, denn er machte so absolut kein Hehl daraus. Er hatte auch nicht die Sorte Schwerfälligkeit, die bisweilen, wie es bei vielen seiner Landsleute der Fall war, auf Gefühlen anderer herumtrat und sie mit Intellekt durchsiebte. Er hatte die entgegengesetzte Art der Schwerfälligkeit, nämlich er ging an eine Empfindungsform einer anderen Rasse wie etwa an ein seltsames Gewächs heran, das man nicht behutsam genug behandeln kann und erst mit unendlicher Gründlichkeit beobachten muß, ehe man es wagt, eigene Empfindungen gleichwertig daneben zu setzen. Sie hätte ihn oft bei den Schultern packen und hin und her schütteln können wegen der ungeheueren Behutsamkeit, mit der er ihr Seelenleben beobachtete; und wenn er zuweilen daneben griff, so verletzte es sie auch selten, sondern amüsierte sie höchstens. Denn seine Instinkte waren die richtigen, wenn auch die Familientradition beider ziemlich verschieden war. Sie entstammte einer Kaufmannsfamilie, die patrizierhafte Ideen seit Jahrhunderten weitergezüchtet hatte, während er seinen Stammbaum vom Ostseestrand herleitete. Manche Leute von nachdenklichen Berufen waren ihm vorausgegangen, weltfremd, mit etwas tiefliegenden Augen und zuweilen seltsam abenteuerlichen Gelüsten. Bei ihm selbst war dies uralte Gelüsten nach dem, was Kipling » the trail, that is always new « nennt, unwiderstehlich zum Durchbruch gekommen, und so hatte sich die Linie der Familie diesmal mit fremdem, freierem Blut verquickt. Er ließ es geschehen, daß sie vielleicht einen etwas absonderlichen Verlauf zu nehmen drohte, aus einer etwas selbstgefälligen Neugier heraus, was aus diesem Komplex von Veranlagungen wohl noch entstehen könne. Wenn wir je ein Kind haben, dachte er zuweilen, so wird es eine Mischung darstellen, die unserer langsamen Rasse bislang fremd war. Den biederen Wandersleuten, die sich eine Gegend sozusagen mit dem Knotenstock in der Hand betrachten, wird vielleicht einer folgen, dessen Flugzeug sich brausend durch ungewohnte Himmelsstriche tummelt, neuerer und seltsamerer Beseligungen gewärtig. Das Tor fällt zu Wenn Erwin auch einen halben Begriff vom eigenen Wesen hatte: vieles blickte ihn, wie er jetzt einsah, fremd und verschleiert an. Jetzt schien es, als sei ein Tor plötzlich zugefallen; und dieser harte Ton erzeuge eine große Stille, die ihn zum erstenmal zwinge, in sich hineinzulauschen. Noch hatte er, so dünkte ihn, den Klang des zufallenden Tores halb im Ohr; – dies war geschehen, als er hierherkam. Irgendwie schien sich ein Schicksal vorzubereiten, dem er mit angstvoller Spannung bald und bald mit trotziger Fassung, in der er seine ganze Persönlichkeit zusammenraffte, entgegenblickte. Was dies sein würde, darüber war er sich nicht klar. Aber ein vielleicht einschneidender Eingriff war da irgendwo geschehen, eine dunkle Trennung von Altgewohntem; eine Probe, die eine Feuerprobe zu werden drohte ... Mit dem Verstand betrachtet: was konnte ihnen geschehen? Wo es galt, Mildred zu helfen, da war er da. Nur mit dem gedanklichen, subtilen, unfaßbaren, umwälzenden Etwas sträubte er sich zu ringen, mit dem Ding, dem man nicht beikommen konnte. Das war die Kluft, deren Dasein er gewittert hatte, seit er in diesem Lande war. Diese Kluft ward ihrer umhüllenden Verschleierung, so schien es ihm, durch einen tückischen Windstoß nun beraubt und klaffte vor ihm auf... Es war die Kluft, die, nach allen Seiten hin verästelt, in der Gedankenwelt der Menschheit aufbrach und sich immer weiter auftat, Rassen, Völker, Individuen voneinander sondernd und isolierend; die Kluft, die die unendliche ???Emsenarbeit der internationalen Verständigung zunichte machte und die von klareren Hirnen da und dort geschlagenen Begriffsbrücken zertrümmerte. Und nun, da er hier die Fremde sich doppelt entfremdet wußte, da er sich eingeengt sah von einem gedankenarmen Stumpfsinn, in den doch nur ein trächtiger Funke der wachsenden Zeitungshetze zu fallen brauchte, um ihn in fauchende Feindschaft zu verwandeln – nun schien es ihm wie nie zuvor nötig, sich einen Panzer zu schaffen für sein Eigenstes... Keinen Panzer, gewebt aus Liebenswürdigkeit, aus elastischer Nachgiebigkeit, aus billigen kleinen Kompromissen. Er mußte einen reichen, festen Stoff haben, ihn zu schmieden; – Stoff aus dem angehäuften Persönlichkeitsgut stets lebendiger früherer Jahre... Und er müßte weit genug sein, um auch Mildred Schutz zu geben. Eine große Verständigungsmöglichkeit war rettungslos in die Brüche gegangen. Desto inniger mußte die Beziehung sein, die ihn an dieses Wesen fesselte. Eines Abends senkte er seinen Blick in ihre grauen Augen, die ihn ruhevoll anblickten. Während er das tat, zerfloß dies weiße, schmale Gesicht etwas vor seiner irrenden Pupille; der pagenhafte Kopf mit den widerspenstigen, goldenen, leichtgekräuselten Haaren verblaßte wie in einer kurzen Gloriole und rückte, so schien es ihm, fast hinweg. Die Bluse, der Rock verdämmerte, um den Umriß ihrer Gestalt, den eines geschlechtslosen, duldenden und tapferen Engels schemenhaft hervortreten zu lassen wie einen aus matten, sanftblühenden Farben gebildeten Traum. Wenn sie ihm gegenüber saß, lächelnd; die Schneidezähne halb in die volle Unterlippe vergraben und mit leichten Grübchen auf den Wangen, so erfüllte ihn ein Gefühl unerhört süßer Zugehörigkeit. Er mußte diese Wange berühren, die wie die Haut eines Pfirsichs auf der blasseren Seite war. Er sagte: »Vielleicht werden wir hier noch manches durchzumachen haben.« »Was kann das ausmachen,« meinte sie, »ich habe mich schon euren Torpedos ausgesetzt, als ich herkam, um einen ›Hunnen‹ zu heiraten ... Es ist ja nicht schön, daß du die Dummheit gemacht hast, dieses Haus so überstürzt zu mieten, ohne dir über die Gegend klar geworden zu sein. Das ist wieder ein Zeichen, wie sehr du in den Wolken schwebst. Wir hätten anderswo sicher etwas Hübscheres finden können. Aber mein Gott, es ist ja ganz gleich, wo man in diesem verdammten Land lebt, solange man nur das Gefühl hat, die Zeit geht herum. Und jeder Tag, der vergeht, macht den Krieg kürzer. Vielleicht sind sie mit dem Wahnsinn schon zu Ende, wenn wir hier weggehen. Dann haben wir eine beschauliche Zeit hinter uns und sind wenigstens hier draußen nicht angepöbelt worden...« Die Kuckucksuhr, die schnarrend und heiser elf Uhr verkündete, machte diesem Gespräch ein Ende. Mildreds lichte Worte hatten einen Druck von Erwin genommen. Sie schwebten noch silbern in der Luft, die klaren, nüchternen Klänge, wie nach einem Windhauch, der Nebel zerteilt, die sich anzusammeln drohen... Später hörte er drei verschiedene rhythmische Geräusche im Hause: oben das schwere Schnaufen Madleens, seinen eigenen, leicht singenden, von Erinnerungsklängen an verschollene Fieber durchsetzten Odem und den hohen leichten Mildreds, die in mattleuchtender Nacktheit und schlank wie ein Bild auf herabgestreifter Decke, den Kopf in die Achselhöhle geschmiegt, in dem dumpfen, halbhellen Zimmer ruhte. Erwin saß in seinem Studierzimmer, das oberhalb des Wohnraumes gelegen war und nach zwei Seiten hin Ausblick auf große Ahornblätter bot, die von der Sonne grell durchleuchtet einen grünen Widerschein in das Zimmer warfen. Er war gerade damit beschäftigt, noch einige Briefe für Europa fertigzustellen. Als er sie versiegelte, kam ihm zum Bewußtsein, daß es vielleicht ein unnützes Bemühen sei, daß diese Briefe in die Kluft hinabflattern würden auf Nimmerwiedersehen. Die Vorstellung, daß etwas da war, das sich jetzt grausam und aktuell zwischen ihn und die ihm am nächsten standen, schob, wie ein eiserner Vorhang vor die Zelle eines Sträflings, nahm ihm fast den Atem und veranlaßte ihn, plötzlich aufzustehen und das Zimmer mit wilden Schritten, wie ein Tier im Käfig, zu durchqueren. Denn man nahm ihm damit etwas, man beraubte ihn grausam, man wies ihn auf sich selbst an und er war zurzeit nicht ganz sicher, ob die Inanspruchnahme seiner selbst, zwangsweise, durch ungewisse Monate hindurch fortgesetzt, ihm nicht Wahn- oder Verfolgungsideen erzeugen müsse. Er schloß die Augen und hörte ein Sieden in den Ohren, das mit einem plötzlichen feinen Platzen erlosch, wie wenn man auf eine ferne Explosion lauscht. Das war das Tor, das zugefallene ... Das war das Echo jenes fern abklingenden Krachens; und im Gefolg des brutalen Lautes entstand das Nichts, das isolierende, schwingende, zermürbende Nichts, dem er sich hilflos gegenübersah. Es sickerte in seine Gehörgänge ein und legte sich betäubend auf die Ideenwelt, die sich in seinem Hirn regte; auf die bunten Pläne, die nach Erfüllung drängten. Mit Herzklopfen fühlte er sich innerlich plötzlich erlahmen, und gedachte im selben Atemzuge Mildreds, die er unabweislich in den Taumel, der ihm bevorstand, mit hineinreißen mußte. Aber zu zweit war es vielleicht doch leichter, dies gräßliche Gefühl roh zerhackter Fäden, diese betäubende Abgeschnittenheit zu ertragen. Jede Lust an einer munteren Produktion war auf einmal wie weggeblasen. Bücher, in die er blickte, erschienen ihm nichtssagend wie graues Löschpapier, und aus Gelesenem, mechanisch aufgenommen, blühten keine unvergeßlichen Bilder mehr hervor, bildeten sich keine gebärdenstarke Charaktere, sondern es war, als ob der Hauch der Schöpferkraft, die solche Satzgruppen geformt, mehr: – als ob die gestaltende Liebe auf eine schauderhafte Weise entkleidet und entwertet sei, so daß nichts Neues mehr hervorklang, sondern das Ganze anmutete als ein wahlloses, falschempfundenes Phrasengemengsel, das man einmal mit Kunst verwechselt habe. Er hörte Mildreds Stimme unten im Hause trällern, das Liedchen vom Sixpence; hörte ihren leichten Schritt; und eine seltsame Rührung erfaßte ihn vor dieser unbeugsamen Lebensbejahung, die er sich zur Seite wußte. Gleichzeitig aber kam eine schwere Melancholie herauf, weil er sich sagte, daß, wenn die große Welle von Leere, die das zuschlagende Tor hatte entstehen lassen, einmal Mildred überschwemmte, auch ihr frohes Vogel-Gemüt erschauern und verstummen müsse; daß es alsdann an ihm sei, die Kruste von Eis wieder mit der Wärme der Hand aufzutauen. »Es ist nicht das Heute oder Morgen, was uns bevorsteht,« dachte er. »Es ist vielleicht eine lähmende Kette, die man an uns bindet, von Monaten, oder Gott verhüte es: Jahren ... Das ständige Gerassel dieser Kette wird uns zum Wahnsinn treiben, wenn nicht einer dem anderen in die Ohren schreit: Es hat einmal ein Ende, – damn it !! – Auch dieses.« Noch hatten sie ihr Telephon nicht. Sie warteten darauf mit täglicher Spannung, mit halb humoristischer, halb resignierter Erwartung. Unwichtiges nahm für sie fast die Form von Lebensfragen an. Es war ja im Grunde gleich, wann sie das Telephon bekamen. Aber es konnte ihnen ja etwas zustoßen; irgendeine Katastrophe (sie sprachen das Wort: »Katastrophe« nur insgeheim aus; aber die seltsame Nervosität, mit der sie auf etwas warteten, mußte über kurz oder lang dieses Etwas auf sie herabbeschwören). Sie konnten sich des Gefühls nicht erwehren, daß ein Schicksal sie eingekreist habe und lautlose Pfeile gegen sie abschieße von weiten Entfernungen her; daß Hiobsposten, stumme, unerkannte, sich in der Luft gewitterartig verdichteten, ohne daß man wußte, was sie bargen. Jeder Vorgang nahm die Bedeutung eines unheimlichen Symbols für etwas Kommendes an. Das ferne Klirren Es hatte seit zwei Wochen nicht geregnet. Tagsüber sammelte sich über dem breiten Becken des Meergebietes eine brütende Hitze an. Seit einiger Zeit waren auch die spärlichen Brisen ausgeblieben, die sich etwa um 7 Uhr eingestellt und die halbe Nacht hindurch gedauert hatten. Das Wasser blieb, da es immer tief aus dem Grund geholt wurde, eiskalt und so mangelte diese Erfrischung nicht. Lag man aber dann nackt auf den eisernen Betten, so fühlte man förmlich, wie die spärliche Kühle aufdampfte und die Haut sich mit einer leichten Schweißschicht überzog; und es tat weh, die Augen auf etwas zu konzentrieren. Müdigkeit, die sich in halbe Apathie steigerte, bemächtigte sich auch tagsüber dauernd ihrer Körper. Es geschah um diese Zeit, daß die Moskitos sich vermehrten und die Jagd nach den wenigen, die sich durch das von Erwin gestoßene Dreieck in dem einen Mückennetz hindurch in das Haus verirrt, gab einen Teil der Abendbeschäftigung ab. Von zehn Uhr ab waren sie vollzählig. Zuweilen schickten sie kleine Vorposten voraus, die spitz vor den Fenstern lärmten und ihren stechenden Gesang wie ein schrilles Ultimatum zur Übergabe zu zweit oder dritt vollführten. Dann kamen sie auf einmal wie eine Wolke aus den Waldgründen heraufgezogen und das Geräusch ihrer glasfeinen Flügel verschmolz zu einem schwebenden Ton, der dem der heftig gestrichenen E-Saite auf einer Violine glich, wobei man, wenn man die Lampe an das Netz heranhielt, mit dem Licht das grünlichgraue, tanzende Gewimmel kaum zu durchdringen vermochte. Was geschehen würde, wenn durch einen Zufall eines dieser Netze herausfiele und die mörderische Wolke entfesselt sei, war kaum auszudenken. So aber stand der Feind vor dem Fenster und man fühlte sich wie in einer Burg, auf der die Besatzung stets gewärtigen mußte, daß durch eine Bresche herein schier unsichtbare vergiftete Waffen dringen könnten. Trotz ihrer Vorsicht und trotzdem sie das Haus vom Dach bis zum Keller durchsuchten, geschah es öfters, daß in einen von übelwollenden Bildern erfüllten Traum hinein ein schrill aufjagendes Trompetensignal erscholl, wenn ein einzelner Moskito dicht an ihrem Trommelfell vorübersummte. Dies war eine Plage, aber es war eine Plage der Nacht, denn tagsüber schienen die Tiere sich unter den Blättern oder im Unterholz zu verstecken. Eines Tages – es war gegen Ende Juli – als sie auf der Veranda saßen, erhielten sie einen plötzlichen Besuch. Er kündigte sich durch Geraschel im Wald an, und ein Hund erschien auf der Lichtung, der pfeilgerade und ohne Zögern auf sie zukam. Das weißbraune, gefleckte Fell erinnerte sie sofort daran, daß es sich nur um den Hund handeln könne, den sie damals im Walde erblickt. Er kam zögernd heran, setzte sich vor sie hin und schaute sie an. Es war ein Beagle von zweifelhafter Rassenreinheit; so waren, was Mildred sofort bemerkte, seine Beine zu kurz. Müde mit dem Schwanz gegen den Verandaboden klopfend, saß er da. Er war ganz appetitlich, jedoch von abschreckender Magerkeit. Was besonders an ihm auffiel, waren seine kreisrunden, blutig geränderten, von schlehenblauen Pupillen fast erfüllten Augen. Es schien, als seien sie beim Anblick kummervollster Dinge halb erblindet; doch als halte nervöse Melancholie sie gewaltsam und ständig offen ... Es war ein bettelnder, hilfloser, verhetzter Hundeblick. Etwas nie wieder Gutzumachendes war ihm geschehen ... Nun suchte er sich seine Gesellschaft dort, wo es anderen ähnlich zu gehen schien. Er ließ sich nicht vertreiben. Er ging wohl ein paar Mal um das Haus herum und begnügte sich mit einem Knochen, den er ohne Appetit abnagte; dann kam er wieder zum Vorschein und behauptete seinen Verandaplatz, als ob das der ihm von Gott zugedachte Ort sei, um seine letzten Tage zu verbringen. Obwohl er noch jung schien, hatte er etwas unendlich Altes und Unlustiges an sich. Bei Mildred überwog das Mitleid sofort den Abscheu; und Erwin, der mit dem Hunde stumme Augenzwiesprache hielt, faßte gleichfalls sofort ein halb kameradschaftliches Gefühl für ihn. Ihm war, als trage dieser Hund irgend eine Warnung zu ihnen, die er nicht enträtseln könne; als läge in diesem blutunterlaufenen Blick die ganze Atmosphäre der trostlosen Gegend verdichtet. »Ich will ihn herausfüttern,« dachte Erwin, »ihn waschen, pflegen und das Schicksal dadurch korrigieren. Vielleicht, wenn ich ihn mit neuer Lebenslust in die Welt schicke, geht es mir später besser. Auch auf diesem Hund sitzt der Stempel, mit dem dies rohe Volk hier alles Lebende belastet und verfolgt. Von den Menschen kann ich den Stempel nicht nehmen, der sitzt zu tief. Aber ein Hund ist vielleicht elastischer.« Zudem war ihm der Gedanke, Bewachung für das Haus zu haben, nicht unangenehm. Jedesmal, wenn sich unvermutet jemand näherte, belebte sich das frühalte Geschöpf; schattenhafte Instinkte erwachten in ihm und rauhes, asthmatisches Gebell brach aus seiner Kehle. – Dies Gebell zur Nachtzeit wurde ihnen allmählich ein vertrauter Laut, selbst wenn es sie weckte... Doch irgendwie wurde Erwin von der Ankunft des Hundes verstimmt. Er sagte sich zwar, daß Ursache und Wirkung oft kindlich verwechselt würden; aber seit dem Erscheinen des Gastes, der so viel Unaussprechliches mit sich herumzuschleppen schien, war sein Hirn auf Omina eingestellt. – Er konnte mit der größten Willensanstrengung das Gefühl nicht verwinden, daß ihnen Beiden eine baldige Gefahr drohe, deren Wesen er nicht erkannte. So wußte er am nächsten Tage, als er die kleine Einfahrtsallee bis zum Postkasten hinunterschritt, schon auf dem halben Wege, daß er keine Briefe und keine Zeitungen vorfinden würde. Siehe da, der Postkasten war leer. Die Zeitung erschien zwar nach einigen Tagen wieder und war nur durch ein Versehen ausgeblieben. Aber mit der übertriebenen Hitze, mit der sich seine Phantasie sofort auf Kleines stürzte, um es zu verzerren, bemächtigte er sich auch dieses Vorfalls, um Gedanken daran zu spinnen. Er hatte noch immer eine Art Fühlung mit der Außenwelt– (wenn sie auch ganz unpersönlich war) – durch die Zeitung empfunden. Als ihm plötzlich auch dieses Bindeglied zerhackt schien, erkannte er, mit betäubendem Schrecken, den Wert dieser kümmerlichen Abhängigkeit... Sollte er von jetzt ab jeden Morgen seine entnervende Selbstzerfaserung wieder betreiben müssen?? Mit einem toten Blick in den leeren Postkasten ging er den Weg halb zurück und setzte sich mit tödlich resignierter Bewegung auf den Boden zwischen Brombeersträucher; unfähig für einen Moment, das Haus wieder zu betreten. Er blickte wie ein gehetztes Tier umher, ob nicht irgendwo ein Ausweg sei... Drüben bewegte sich der graugelockte Kopf der Miß Palmer wie immer rhythmisch hinter dem Verandageländer hin und her. Die gelbe Straße spann sich schnurgerade zwischen den Fichten weiter. Der Himmel flammte. Er schloß die Augen und eine große Stille entstand in ihm. Ihm schien, als sitze er als einzig fühlendes Wesen inmitten einer Wüste, die keine Zungen hatte. Ferne, fühlte er, gab es einen großen Ring, einen unsichtbaren Ring und dieser war in weitem Umkreis um ihn geschlossen. Zuweilen durchlief ein Klirren diesen Ring: traumhaftes Zwiegespräch von Metall. Poltern geschah, stufenweise abklingend. Die Erde war verödet, unterwühlt, dem Metall und dem starren Klirren ausgeliefert: Schwingungen aus murrenden Schlünden, in denen Menschen zu Millionen verkamen wie Geschmeiß. Sie durchbebten den Umkreis, und sein Herz schien stillzustehn. Ihm schien, als ob dies alles sich erbarmungslos, mit gräßlicher Zielbewußtheit um ihn zusammenziehe, in entsetzlich langsamen, lähmenden Pausen; als ob das ferne Klirren es auf ihn abgesehen habe; als ob er als letztes Opfer, als letzte freie Intelligenz sich bäumen müsse gegen den Tod unter unabwendbarer Walze... Das war die Wand, die sich herzuschob; die aus Fanatismus, Hetze, Verlogenheit und widrigem Nichtverstehenwollen zusammengetragene Wand, in deren Bereich alles Lebendige, harmlos Produktive, Unverseuchte zerstampft wurde wie mit riesigen Hämmern. Das Langsame in der Entfaltung der Gewalt war das Furchtbare. Wäre sie gekommen als befreiendes Gewitter, er hätte sie begrüßt. So aber fühlte er ihre zähen, gewaltigen Kräfte und Maße ausbalanziert. Sie schwankten träge gegeneinander und vermochten sich doch nicht von ihren granitnen Sockeln zu stürzen. Sie lauerten einander die fortschreitende Zersetzung ab... Ein befreiender Stoß schien undenkbar ... »Warum lese ich überhaupt noch Zeitungen«, dachte er. Kopftitel amerikanischer Blätter, mit fetten Buchstaben in sein Hirn gebrannt, traten in glühenden Gruppen hervor. Und was meldeten sie? Woran mästeten sie sich seit Wochen? – –: Geplänkel aus Schützengräben. Attacken der Russen in Wolhynien, im Rigasektor; halb ermattetes Erstarrtsein, nervöser Niederbruch der Italiener; Stellungskämpfe bei Verdun, an der Somme, wo der große Vorstoß der Alliierten » The Big Push «, im Blut erstickte... All dieses bildete eine mächtige Atempause, die eines schweißbedcckten Giganten in der Arena. Halb hat er seinen Gegner mit sich gerissen; nun hockt er am Boden und pumpt sich die Lunge wieder voll, ehe er ihn in die entscheidende Position herumreißen kann ... Während dieser Atempause hüpft der Unparteiische, der mit dem Spitzbart und den blanken Semitenaugen, um das keuchende Paar herum und zählt. Das war der Journalismus der Welt; die Zeitungsmacht, die mit der Uhr in der Hand und dem Daumen am Pulsschlag der Telegraphen die Wochen zählte; die Monate zählte: ... bis diese gräßliche Vergeudung von Kräften durch eine Entscheidung vielleicht so etwas wie einen Sinn erhielt... Erwin riß die Augen wieder auf. Tödliche Einförmigkeit schloß sich über ihm. »Ich muß lesen«, dachte er. »Ich muß dieses verdammte Weltgeschehen, das mit mir Spielball treiben will, ignorieren können. Hätten diese Tausende hier den Mut, es zu ignorieren, eine Stimmung würde geschaffen, in der es sich noch zu atmen verlohnte.« Er beschloß, sich aus der Leihbibliothek in Lakewood eine Liste von Autoren zusammenzustellen und sich mit Gewalt in eine andere Welt zu versetzen, in die heitere menschenwürdige Welt einer Friedenskultur, der man so unverantwortlich gewaltsam entrückt war. »Ich will mir alle Sensationen meiner Knabenträume, den bunten Schimmer einer einst so greifbaren Zukunft mit Gewalt zurück zwingen... Ich will dies alles nicht sehen. Ich will hier mit dem Körper existieren, aber mein Geist soll zeitlos, gewichtslos sein, an keinen Ort gebunden.« Seltsam getröstet betrat er das Haus und traf Mildred einsam, mit nichts beschäftigt und vor sich hinstarrend im Wohnzimmer an. Sie nickte kurz, als ob der Gedanke ihr selbstverständlich sei. »Wenn du es fertig bringst, wo anders hinzureisen, dann nimm mich mit.« Sie beschlossen dieselben Bücher zu lesen und in der nächsten Woche vermochten sie unbefangen in der Welt großer Persönlichkeiten zu Gaste zu gehn, heiter und beschenkt aus einem Gartentor in ein anderes schlüpfend. So lebten sie in einem Scheinparadies, bis auf einmal die schützenden Zäune zusammenstürzten und die Wirklichkeit ihnen nüchtern-nackt entgegen drohte; öde gleich dem Ersten Ring des Inferno. Fluchtversuch Es war abends und Mildred saß Erwin wie gewöhnlich gegenüber, in ein Buch von Blackwood vertieft. Es war einer jener halbmystischen Versuche des Schotten, die Natur zu personifizieren; diesmal verblüffte er durch die große Kunst, mit der er ein gewagtes und ganz unkörperliches Problem handhabte... Mildred legte das Buch mit abrupter Bewegung weg und sah ihn starr aus ihren meerfarbenen Augen an. Er hatte diesen Ausdruck in letzter Zeit zu oft bemerkt, um ihn nicht sofort deuten zu können. Es war der Ausdruck aus der hölzernen Grabkammer dort draußen; ein gehetztes Licht war darin, als sei sie – wie damals körperlich, so diesmal seelisch, – in eine plötzliche Sackgasse geraten. Draußen stand die Schwärze wie Eingänge von Höhlen vor den Mückenfenstern. Einsilbiges Geräusch der großen lederartigzähen Ahornblätter ward hörbar. Ein Kauz klagte; tiefer im Wald hörte man das unverständliche Plärren des entstellten Kindes, als fahre es aus dem Schlaf und schreie kurz nach Licht. Man konnte sich in diese Schwärze nichts hineindenken als Kerkerstangen ... Ja horch! – wieder war es da, jenes feine peinigende Geräusch, das irgendwie mit den mächtigen Entfesselungen von Metall in weiter Ferne verwandt schien als winziges Echo, das gleichwohl schon Anschluß gefunden, und das sie mit übler Warnung verfolgte. Der triefäugige Hund draußen murrte kurz auf und keuchte; dann schlug wieder die Stille über ihnen zusammen, durch nichts zerbrochen als durch das leise Sieden des Öls in der Lampe und Mildreds beschleunigte Atemzüge. In ihren Pupillen dämmerte eine plötzlich so starke Angst vor dem Nichts auf, Ratlosigkeit vor einer Mauer , daß er sich sofort sagte: ›irgend ein Entschluß muß gefaßt werden‹. Endlich kam es schier tonlos, mit einem Zischen, aus ihrer Brust: »Es geht nicht so weiter; wir müssen weg, oder ich werde verrückt und beschließe meine Tage in der Spruce-Street... Wenn du aber noch etwas von mir retten willst, was dich an früher erinnert, so nimm mich schleunigst weg, wenn auch nur auf kurze Zeit, vielleicht eine Woche...« »Gut,« sagte er einfach, ohne sich im geringsten zu sträuben, »auch mir wird sie schier ein bißchen zu viel, die beneidenswerte Ruhe, von der Mr. Bradshaw sprach... Man kann auch zuviel davon bekommen.« – Hinter seinen Worten versteckte sich ein plötzliches unaussprechliches Grauen, das Grauen eines, der halb unbewußt auf trügerischer Sumpfdecke gewandert ist und sich im plötzlich aufgurgelnden Wasser zur Rückkehr wendet. – Auf einem weißlackierten Raddampfer fuhren sie den Hudson hinauf, dessen Ufer-Monotonie, ganz von Fabriken besät, bald welligeren Linien, von grobbestandenem Laubwald bedeckten Hügeln wich. Wie zartes Spinnennetz hing die Eisenbahnbrücke von Poughkeepsie in der Luft; sie schrumpfte hinter ihnen zusammen; und von jetzt ab schien das rein mechanische Getriebe der Riesenstadt wie hinter einem Tor zu verdämmern, das zu größeren Freiheiten führte. Stinkende Qualm-Fetzen verräucherter Schlote verflogen vor einer Bergbrise. Gehämmer und Dröhnen verklang; leiseres Brodeln zerrann im Rauschen keuscherer Wellen. Summen von Sirenen, das den ganzen mächtigen Fluß von der Werft bis nah an die Brücke gesäumt, ging in einsamerem, innig begrüßtem Mövenschrei auf. Erwin und Mildred saßen auf dem Vorderdeck, auf kleine Klappstühle gezwängt, eingekeilt zwischen junges Publikum, das diesen Ausflug mit der stoischen Temperamentlosigkeit des Landes gleichsam nur als Geldausgabe hinnahm, die man sich schuldet. Es war gut angezogene Mittelklasse: Buchhalter, Bankangestellte, Verkäuferinnen, Agenten, die von kleinen Firmen ein Salair bezogen, das gerade mit einem winzigen Bruchteil über ihre kärglichen Bedürfnisse hinausging. Derlei unbekümmerte, phantasielose Leutchen gab es mehr; sie biederten sich mit einer den beiden Europäern fremden Selbstverständlichkeit miteinander an, spieen über das Geländer oder befaßten sich auf trockene Art mit der Weiblichkeit, die es nicht anders von ihnen zu erwarten schien. Sie saßen mit diesen appetitlichen Mädchen zusammen, ohne etwas anderes zu tun, als die Kinnbacken in wählender Bewegung zu erhalten und überließen es den Damen, den dünnen Faden sehr materieller Gespräche bis zur äußersten Unscheinbarkeit zu strecken. Dies gegenseitige Anöden, diese äußerste Harmlosigkeit war ein Element, das man mit einer einzigen Bemerkung in ein hilfloses Chaos hätte verwandeln können, hätten die Leutchen Ironie genug besessen, um den Charakter einer solchen Störung wenigstens zu ahnen. So aber rann das mundfaule Gewäsch dieser ausgeleerten, doch nie ausfüllbedürftigen Menschen wie ein schleimiger Strom über das ganze Schiff. Hie und da gab es prustendes Gelächter über ein läppisches Nichts; man sagte sich handfeste Wahrheiten, man begutachtete einander, man plätscherte in Zahlen, in sportlichen Ereignissen der letzten Abendausgabe; und wenn es vorkam, gab man eine Meinung ab über dieses oder jenes Filmdrama, nach dessen Genuß man etwa noch auf einem Dachgarten einen Icecream-Soda zu sich genommen habe ... Äußerlich betrachtet waren es alles gut gebaute, hübsche Menschen. Man sah weiße Zähne blitzen, sah gebräunte Gesichter, gut und knapp geschnittene Hemden und Blusen. Wo sich das jugendliche Blut Bahn brach, so geschah es in primitiver Weise, so daß man an die Ausbrüche von jungen Hunden gemahnt ward, die halb toll vor dumpfem Betätigungsdrang an ihren Leinen zerren. Doch die Leinen, an denen diese Menschenpuppen hingen, waren grausamer als die junger Hunde. Es war ein System von Stahldrähten, an denen sie zupften und die ab und zu in der Faust eines seelenlosen Kolosses – der dort hinten mit Millionen von Bureaufenstern wie mit halbblinden Augen nach ihnen starrte und sie gierig hypnotisierte – leicht gelockert wurden, um sich dann um so schneidender wieder zusammenzuziehen. Amerikanische Jugend, wie seltsam führst du irre! Gibt es Kinder? Ja, Kinder sind da; schön gewachsene, du siehst blendende Glieder, schimmernde Augen, kindlich lechzende Lippen in erhobenem Antlitz dieselbe Luft schlürfend, die um die bronzene Fackel weht hoch dort, wo die Hand der Freiheitsgöttin sie gebieterisch und pompös emporstößt ... Man verwöhnt dich; man kleidet dich vorbildlich; man nährt dich mit den unermeßlich aufgespeicherten Schätzen des Kontinents; man setzt dir leuchtende Vorbilder ins Hirn, jenen sanften Lincoln und stürmenden Washington; man erzählt dir, du seiest Erobererrasse; du habest Neuland vor dir für Leib und Seele... Man erzieht deinen Geist in großzügigem Drill, der nichts mit Kaserne zu tun zu haben wähnt; man stachelt deinen Ehrgeiz an, deinem Körper sein Recht zu geben durch athletische und muskelbildende Spiele... Und dann: was tut man?!... Auf das ganze erhebende, der Alten Welt so fremde Programm prägt man einen Stempel, der es grausam entwertet!! Die Entwertung heißt: »Mache Geld.« Die Entwertung heißt: »Du bist nicht Vollmensch, eh' du nicht Konkurrent bist.« Und die ermüdende, stets auf der Lauer liegende, erkältende Idee der Konkurrenz wächst neben diesen Geschöpfen auf, gleichzeitig mit dem unbekümmerten Wachstum der schönen Pflanze, wie ein grotesker Giftpilz, in dessen Sporenregen die Blüten verkümmern. Die amerikanische Stadt saugt die Jugend an und macht sie zur Maschine. Man ließ ihren Körper streng harmonisch gedeihen, nur um sein Verwelken zu bemänteln, zu verzögern; nur um sein Erstarren im »Geschäft« in die Länge zu ziehn ... Wo gibt es ein Kind, das sich mit zwanzig Jahren selbst entdeckt mit unheimlicher Freude und süß beklemmendem Erschrecken vor ungenutzten Möglichkeiten? Wo ist die ahnungsvolle Seele; wo das Tasten, das rührend-hilflose; wo die tiefere Inbrunst geistiger Erfolge? Da stehst du, spreizbeinig, amerikanischer Knabe! sehr tüchtig bist du; brauchbar und praktisch. Du gehst der Welt zu Leibe; aber du weißt nichts von der Welt. Du mordest die Natur mit einem Augenblinzeln. Du erledigst Gefühle mit blankem Lächeln. Dies Lächeln stand dir gut, als du dich mit vierzehn erhaben dünktest; es ward zur Maske, als du mit zwanzig die Welt in die Tasche stecktest, und es ward vollends zu aufreizendem Grinsen, als du geistig verbraucht, erfolgreich und satt deinen eigenen Sprößling »smart« fandest, denselben, den wir jetzt vor uns sehn mit zähen Schenkeln und gesunden Zähnen... Und das Mädchen beschließt ihr Leben mit dem frühen Moment, wo es sich ein »Heim« schafft; ihr geistiges Niveau, auch wenn es Entwicklung versprach, sinkt langsam bei Inangriffnahme tausend unendlich belangloser »praktischer« Fragen; sinkt zu den Kindern herab, die sie unmutig gebiert und deren Wachstum sie wiederum in Rückentwicklung begleitet... So gibt es Tausende, denen das häusliche Leben der Frau und das Geschäftsleben des Mannes nichts als einförmig maschinelle Funktion bedeutet... Die Wenigen, die Geld als Mittel und nicht Zweck des Lebens betrachten..: ach diese Wenigen von echterem Geiste, du siehst sie kaum! Und wenn du sie siehst, so begegnest du ihnen in einer Sphäre entrückter Überlegenheit; sie verschmelzen die Daseinsführung ihres Mutterlandes mit der Europas; sie schlagen feine, noch sehr fragwürdige Brücken über die Kluft, vom trägen, ideenschwangeren Osten herüber zu dem Ameisenhaufen im Schutz des Sternenbanners ... Das Gros aber dieser hundert Millionen ist unfruchtbar in höherem Sinn. Dies waren Gedanken, die Erwin schon öfter gestreift, halb unbewußt; in diesem Augenblick wurde ihm die Fremdheit mit dem völkischen Lebensgedanken in verschärfter Weise deutlich. Er witterte Opposition zu seinem eigensten Wesen, die er zu normalen Zeiten wohl nicht so heftig verspürt hätte. Gegensätzliche Stellungnahme ist selten mit Wohlwollen verquickt. Es müßte ja sehr schön sein, dachte er, sich von diesem Strom der Harmlosigkeit treiben zu lassen; wir haben es mit unserem europäischen Denken wahrhaftig nicht leicht; und Ameisen sind beneidenswert. Er sah nicht streng aus, sondern in seinem Blick war eher etwas Suchendes, das die blanken Augen ringsum zu einem flüchtig verblüfften Verweilen zwingen mochte. Aber dies Verweilen schlug keine Fäden zu ihm herüber, sondern stellte, so dünkte ihn, deutlich erkennbare Scheidewände auf. Mildred ihrerseits war in der Haltung, wie sie saß, in dieser zusammengerafften Kurve des sitzenden Körpers der übergeschlagenen Beine, die verkörperte Opposition; und wenn Erwins Blick etwas mutig Fragendes zu tragen schien, so war der ihre kälter und ablehnender denn je. Dies beunruhigte ihn dunkel. Zur Erleichterung der Verständigung trug es nicht bei. Eine Weile waren sie an Grün vorbeigeglitten, an hervorblitzenden Landhäusern im Kolonialstil, die ihre weiten Prunkwiesen bis zum Ufer hernieder schickten. Auf einmal sprang das Gesicht des Landes wieder grell hervor mit Backsteinhäusern, die von Fabrikgebäuden durchsetzt in zackigen Klumpen die Ufer schändeten. Jede Haltestelle entließ einen Strom gleichgültiger Menschen und schickte einen neuen ebenso gleichgültiger dafür an Bord. Sie waren acht Stunden unterwegs; und Erwin hatte noch keine Gäste bemerkt, die ihm aufgefallen wäre; keinen Ausdruck, der ihn flüchtig interessiert hätte ... Der Abend dämmerte, als sie in Catskill eintrafen, um sich bei einem Chauffeur nach einem ruhig gelegenen ländlichen ›Boardinghouse‹ zu erkundigen. Sie hatten das Gefühl, daß mit dem Herausgreifen des nächsten Besten das Schicksal beeinflußt werden könne, denn alles, was sie bisher bewußt getan, war ihnen zur Enttäuschung gediehen. So überließen sie sich der Maschine, die sie langsam über das holprige, grell erleuchtete Pflaster des Landstädtchens schleppte und sich dann mit ihnen in die Nacht hinein vergrub. Nach halbstündiger Fahrt über welliges Terrain, das an tiefen Tälern vorüberführte, blitzte eine Laterne auf und beschien grell ein Plakat, auf dem zu lesen stand: » The Glencliff. – Stop right here. « Die Kluft Eine Woche war vergangen und eine bleierne Hitze lag auf den Hügeln von Catskill. Erwin saß auf einem Stuhl auf der Wiese vor dem verwahrlosten Bretterhäuschen, der »Dependence des Hauses«, in dem man ihnen zwei schlecht möblierte Zimmer gegen ein Sündengeld vermietet hatte. Er blickte starr vor sich hin. Um ihn breitete sich ein Bestand von Obstbäumen, der sich auf einem nahen Hügel verlor. Eine üppige Vegetation schnitt die Aussicht in das gegenüberliegende Tal wie eine Mauer ab, und auf der anderen Seite der Straße ackerte ein alter Farmer mit einem müden Gaul den steinigen Boden seines Besitztums um. Die Landschaft lud zur Beschaulichkeit ein; man hätte wohl wähnen können, daß Erwin sich dieser Ruhe zu einem genußreichen Schläfchen bediene ... Dem war jedoch nicht so! Maßlose Irritation, die ihn fast zur Bewegung, zum Denken unfähig machte, besaß ihn. Denn die Veranda des Hauptgebäudes war nicht wegzudenken; sie war da und sie hätte ihn verfolgt, hätte er sich irgendwo in den Wald gesetzt oder auf Wanderschaft begeben ... Es war Amerika , das ihn in seinen Klauen hatte und ihn nie frei ließ. So machte es für ihn keinen Unterschied, ob er sich der Meduse Blick in Blick gegenübersetzte oder sich vortäuschte, sie sei nicht da. »Friedliche Sommergeräusche« bestanden hier nur im Unterbewußtsein so wie kürzlich, als auf der sonneglühenden Straße nach Lakewood die Vision von Thüringer Hügeln und Kurpromenaden ihn befiel. Es gelang ihm nicht mehr derartig ferne Bilder plastisch festzuhalten; breite Wellen von vernichtendem Geschwätz, vom Knarren unablässig bewegter Schaukelstühle, vom Dröhnen stets dazwischenfahrender Hupen, die an dieser Kurve laut aufbrüllten, lasteten darüber und vernichteten, vergifteten alle Freuden ringsum... Woher kam solche Empfindlichkeit? Wo war Humor geblieben, der treue Freund? Mildred schlenderte über die Wiese und setzte sich im Hocksitz auf das Gras, ihr etwas schärfer gewordenes Profil halb zu ihm emporgewandt. Es war etwas kaum Greifbares, das die Beiden von jener unbefangenen Gesellschaft dort auf der Veranda trennte und sie hier allen zur Beobachtung, auf der Wiese vor ihrer »Dependence« isolierte ... Sie nahmen ihre Mahlzeiten pünktlich dort drüben ein. Sie lachten, scherzten mit den Leuten; und dann, mit erlöstem Aufatmen, retteten sie sich wie mit einem Sprung vor etwa dargebotenen Vertraulichkeiten, vor einem »Entgegenkommen«, das auf rätselhaft-plötzliche Art entstand und grundlos versickerte ... Mildred sah zu Erwin empor, denn sie litt mit ihm und fand es unvergeßlich, daß er am ersten Tage von der »Table d'hôte« aufgestanden war und sich mit höflicher Verbeugung vom Tisch verabschiedet... Verständnislose, halb belustigte Blicke hatten ihn schon während des Essens gestreift; als nun gar der korrekten Begrüßung eine ebenso überflüssige Abschiedsverneigung folgte, da starrten sie halb entgeistert noch nach der Tür, als verdichte sich in ihren Hirnen langsam der Satz: › That fellow must be crazy ‹. »Man verbeugt sich hier nicht,« sagte Mildred. »Man schubst die Leute beiseite, setzt sich, rafft an sich, was man kriegen kann, und wenn es einem paßt, geht man wieder und erwartet gar nicht, daß jemand davon Notiz nimmt.« Hunderterlei kleine Gebärden; Antworten von seiner Seite; Gesprächsthemen, die er anzuschneiden versuchte, – all' das wirkte wie eine Serie von Erschütterungen auf dies Volk. Irgendwie freilich versuchten sie ihn hinzunehmen, (das merkte er) und sich in ihrer bequemen Weise mit den verworrenen Gedankengängen abzufinden, die ihnen der Fremde zum besten gab; zunächst, weiß Gott, sah er ja auch wie ein halbwegs erfahrener Geschäftsmann aus ... wenigstens verriet das seine Kleidung und die Selbstverständlichkeit, mit der er heißes Wasser oder sonst eine Unmöglichkeit einfach verlangte... Bald kamen sie dahinter, daß seine Mittel gerade reichten, um ihn eine Zeitlang bescheiden fortzufristen; das stimmte sie um einen Schatten toleranter, wenn sie es ihn auch nicht merken ließen. Kurzum, sie duldeten ihn, weil sie sich keiner Verpflichtung bewußt wurden; und so landfremd er auch wirkte, er schien sich einzufügen und gab sich augenscheinlich Mühe... Heftigen Anstoß jedoch erregte die herbe, unerträglich eingebildete Engländerin, der man sich doch mit offenen Armen zu begegnen mühte... Man fühlte sich ihr doch jetzt schon sozusagen »alliiert«! – ›Ein kurioses Paar‹, beschloß man, machte sich zwei Sekunden lang konfuse Gedanken und kam zu keinem Resultat. Die Neugier erlahmte schließlich in der animalischen Sommerfaulheit, der sich diese abgehetzten Menschen auf Schaukelstühlen oder in Automobilen hingaben. Wen gab es, dort auf der Veranda, denn eigentlich?! – Auf der kleinen Bühne, der kümmerlich verkürzten Schein-Welt; der Zielscheibe zweier einsamer Augenpaare? – Dort stand wie immer der alte Duffy, der ergraute, beleibte Ire mit stilvollem Steingesicht, der stets am Tisch präsidierte und selten redete, dafür aber erstaunlicher Weise beim Essen Worcestersauce mit Wasser in sich hineinzupumpen pflegte. Man erzählte sich, daß sich auf seinem Zimmer die leeren Whiskyflaschen im Schrank aneinander reihten und daß er die Dauer seines Aufenthaltes an ihnen nachzählte. Er stand stundenlang und starrte, an einer Zigarre kauend, ins Leere. Zuweilen auch machte er das horizontal ab, indem er sich in eine Hängematte unter das Dach eines Pavillons legte und sich vom Wind das erhitzte Gesicht fächeln ließ. Dieser alte Grundstücksspekulant wurde »Uncle« genannt, und seine Haupttugend bestand in einer guten Hand beim Poker. Sonst gestattete er, daß eine kleine, schwindsüchtige Jüdin, die sich Belladonna in die Augen tat und für Skandalverbreitung sorgte, zuweilen auf seinem Schoß umherwippte, so wie etwa ein Gassenjunge sich auf den Pranken einer Sphinx vergnügen mag ... Man hatte das Gefühl, daß Mr. Duffy eines Tages von einem Schlaganfall gefällt werden würde wie ein mächtiger, unterhöhlter Baum, den ein Blitz zu Boden knirschen läßt ohne Aufhebens, ohne Zeitverlust und im selben rechten Winkel, der ihm seit Alters so behagt... Dort war eine Frau, die in versteckten Winkeln oder auf ihrem Zimmer stark rauchte (was ihre braunen Zähne und Fingernägel der Sonne kundgaben). Sie sprach unablässig von ihrem verstorbenen Mann und nährte träge Rachegelüste gegen die Herbergsmutter, der sie denn auch ihre kleine Bulldogge vergiftete (soweit man dem Gerücht Glauben schenken durfte). Sie war sehr affektiert und mannstoll, trug einen aschblonden Seitenscheitel und malte sich die Wimpern über großen grauen Augen schwarz. Eine Eigenheit von ihr war die Pietät, mit der sie an dem unausgelüfteten Schlafrock ihres Verewigten hing; sie schleppte diese Hülle überall mit sich herum und legte sie sogar in empfindsamen Momenten selbst an... Weiter gab es noch drei typische Amerikanerinnen; Frauen ausgemergelter Bureauvorstände. Diese Gatten machten zuweilen eilige Visiten, redeten die Damen aber von ihren Männern, – (was sie selten der Mühe für wert hielten; vielleicht nur dann, wenn das halbe Salair der tristen Arbeitstiere ihnen anheim gefallen –) – so gebrauchten sie den Ausdruck »Daddy« und erschienen flüchtig gerührt von solch' gespensterhaftem Anschein von Familienfreuden... Kinder versagten sie sich, da ein Schaukelstuhldasein, bei dem man nichts tut wie überreiche Verdauung zu regulieren, viel mehr Kraft und Ausdauer erfordert als Gebär- und Erziehungstätigkeit. Es gab auch einen ältlichen Impresario für Kabarettsänger, der Privatengagements vermittelte; klein, gut gekleidet, rasselos und leidlich amüsant, weshalb er auch oft in den Verdacht kam, von Europa angekränkelt zu sein und halb zu Unrecht in eine Kategorie mit Erwin und Mildred verwiesen wurde. Dieser Mann, trotz lebemannhafter Munterkeit, die vom Pflaster der 44. Straße stammte, litt, und hatte seine Last zu schleppen, seinen Stempel: in Gestalt einer sabbelnden, unappetitlichen, rabiat antideutschen Frau, die nur während eines Gewitters etwa weich genug wurde, um sich seiner Hilfe und seines moralischen Beistandes flüchtig zu bedienen; sonst quälte sie ihn wie ein Alpdruck. Ein Mann war da, aus Profession stark, mit kleinen Füßen und Händen und einer Herzerweiterung. Er bereiste mit einer Varietétruppe den Hudson; und wenn man die Bilder betrachtete, die er bei Gelegenheit für einen Dollar das Stück absetzte, so merkte man dem Athleten das melancholische Bedürfnis an, mit Kunst in Kontakt zu kommen. Etwa dadurch, daß er auf diesen Bildern weißgetüncht »klassische« Akte auf schwarzem Hintergrunde schuf ... Hier jedoch in der grellen Verandabeleuchtung, unter diesen Sommergästen, wirkte er nichts weniger als klassisch. Außer diesen fielen noch einige junge Weiber auf: » Chickens «; (die landesübliche Bezeichnung machte Mildred sich sofort zu eigen) – die samt und sonders von Kleiderfirmen gemietet waren, um Reklame für Modeneuheiten zu machen. Sie waren fast alle nahe an sechs Fuß, langschenklig, täppisch und mit dem Hirn und Denkvermögen ungezogener Kinder. All' diese Menschen boten den Anblick von Pflanzen, die halb entfaltet in vernachlässigtem Glashaus unter einem gewissenlosen Gärtner verrotteten; etwas Behindertes war an ihnen: etwas Unausgefülltes; unter einem Stempel Halbzerdrücktes ... Ja, ein Stempel, der diese Gesellschaft auf einer Stufe versammelte, war auch hier; eisern, der Willkür des Individuums spottend! – Unsichtbare Zwangsjacken waren verteilt, an denen man halb entsagungsvoll zerrte, die man wegzulächeln und wegzuschwatzen sich mühte. All' diese Berufe oder Halbberufe, die in Europa zum Aufstieg oder Niedergang, aber jedenfalls zu irgendeiner Erfüllung geführt hätten, bekamen etwas Dreistes, Fragwürdiges, Verlogenes; sie suchten sich in das System der anerkannten puritanischen Zellwände einzupressen, um die quadratische Offenkundigkeit der allgemeinen Lebensauffassung bei Leibe nicht durch eine verblüffende Kurve zu stören... Die Erscheinungen wechselten, während Erwin und Mildred am Platze weilten; der Moment, wo Erwin auf der Wiese vor dem Nebenhäuschen saß und hinüberstarrte, traf gerade mit einem solchen Wechsel zusammen. Mehrere schnurrende Automobile hielten und eine größere Ladung voll fragwürdiger Vögel entschwand und setzte andere farblosere Kreaturen an ihre Stelle, die alles wiederum Grau in Grau zu setzen drohten. Nur der alte Duffy stand noch wie ein Turm mit seiner reglosen Zigarre, die nie brannte, auf der Einfahrt; war er nicht noch ein schwacher Trost für das Kommende? »Wie toll ist es doch,« dachte Erwin, »daß ich so absolut außerstande bin, Menschliches zu finden und mich daran zu freuen. Kleine Menschlichkeiten werden mir doch auch hier überall über den Weg gestreut!« Er blickte auf den breiten Rücken des Iren... Plötzlich gab ihm dieser abweisende Rücken den Gedanken ein, daß es vielleicht bei diesem und den andern die instinktive Ablehnung gegen Deutsches sei, was ihn nicht näher kommen ließ... Es war noch nie eine direkte Andeutung gefallen; mißdeutete Erwin aber das gelegentliche Zaudern in Antworten, die oft übergroße Höflichkeit, die allzukarge Kürze, mit dieser Idee? – Auf einmal entstand zwischen seinem Stuhl und der Veranda, auf einem Raum von dreißig Schritten, die Kluft. Sie gähnte ihn an wie ein aufklaffender Rachen ohne Zähne; wie ein saugendes Loch. Bienenübersummte Wiese war das doch, was er wahrnahm, vom Schatten der Obstbäume gesprenkelt; aber doch sah er, wie durch Schleier hindurch, das unfaßbare Nichts, das ihn von denen dort am anderen Ufer trennte. Mildred, die inzwischen ins Hauptgebäude gegangen, kam soeben zurück. Kurzer Schreck befiel ihn; ihm war, als müsse sie nach drei weiteren Schritten spurlos versinken, hinabflattern wie die Briefe, die ihre Bestimmung nie erreichen sollten. Doch tapfer stieg sie herüber, mit den schlanken Beinen ihm wie entgegenwatend. Sie hatte vielleicht Verständigungen gefunden, von denen er sich nichts träumen ließ und die doch in ihrem kühlen englischen Lächeln schlummerten. Es schien die Verwandtschaft zu sein; die klare Eindeutigkeit des Angelsächsischen von ihrer Seite, und der verderbte, verwässerte und durch viele darauf gepfropfte Rassen halbentstellte Kern im Wesen der anderen, die sich noch irgendwie zu erkennen schienen, trotz äußerlich steifsten Mißtrauens –: des Hasses von Bastardgeschwistern gegen den Erben... Sie stieg über die Kluft. Die Kluft hatte ihr nichts an. Sie brachte ihm Grüße herüber und konnte sie nicht äußern. Sie hockte sich wieder mit dem Buch neben ihn auf den Rasen, und er blickte auf ihr gekürztes Haar herab, das ihr wie immer in seidener Hartnäckigkeit vom Nacken wegstand; blickte auf ihre schlanken Schultern und die kräftigen weißen Arme, die so viel Besitzergreifendes und doch gegen ihn so Nachgiebiges hatten. »Sie kommt zu mir,« dachte er. »Sie isoliert sich um meinetwillen.« Eine kurze Welle mystischer Dankbarkeit gegen das Fremde, das sich ihm schenkte, durchfloß ihn... »Die Bestimmung will es so, daß wir zusammenbleiben; das Schicksal, das hinter uns steht, uns vorwärts schiebt wie Schachfiguren auf dem Brett dieser trügerischen, von Fallen wimmelnden Zeit.« Diese Anheimgabe an das Schicksal zwang ihn zu ihr, mußte sie beide zwingen, der unerkannten Kraft zu gehorchen, die sie entweder zermalmen oder erhöhen sollte... Da, – mit einem Male, sah er das Gebot vor sich: Kehre zurück! Es ist eitel, Seitensprünge zu versuchen auf diesem ungeheuren Zinnteller, der überall rund ist und überall das gleiche grausam eingravierte Muster trägt! – – Und ihm war, als riefe das Haus in Lakewood nach ihm. Mit seltsamer Eindeutigkeit rief jeder Gegenstand ... Die Möbel gruppierten sich vor seinem inneren Blick; das sonnendurchleuchtete kleine Zimmer mit dem grünen Blätterschatten vor den Fenstern, starr umgrenzt, und doch füllbar wie ein Becher mit einsamem Innenleben, trat hervor. Die winzige Zimmerflucht und das Treppengeländer: all dies lockte auf einmal wie ein Hafen, wie ein geschützter Winkel, in dem er sich selbst zu finden berufen war; und die Furcht versank; die Furcht: »Wenn ich dorthin zurückkehre, so schlage ich die Tür endgültig hinter mir zu; so kann mich das Schicksal dort stellen und ich bin wehrlos in meiner Ecke wie eine gegen die Wand getriebene Ratte!« – – Still! Still! – Ist es nicht trotzdem gut, sein eigenes Reich zu haben, in dem man despotisch über sich und einiges wenige Gegenständliche verfügt? Denn nur in so erhabener Konzentration vollzieht sich die Erkenntnis! Es ist nötiger, über sich selbst klar zu werden, als sich bequem und billig zu verzetteln, wenn man es auch besser hätte! »Indem ich das kleine Haus wieder betrete für Monate vielleicht; indem ich die Bürde eines halb erschlichenen Kontraktes freiwillig auf mich nehme, biete ich mich als Opfer an für die Gewalt, die uns eingekreist hat und der wir doch nicht entrinnen können.« – Mit diesem äußersten Fatalismus beschloß er, von Catskill zu scheiden. Mildred, mit seltsamer Bereitwilligkeit, folgte ihm .... Er wußte nicht, was sie für Vorahnungen hatte. Sie brachte nur das Argument vor, daß ein längeres Verweilen finanzielle Schwierigkeiten bringen würde, da sie nicht in der Lage seien, die Miete doppelt zu bezahlen. So schieden sie von dem Städtchen, zeigten sich noch auf dem Weg zum Anlegeplatz den blinden Neger, der Nüsse verkaufte; den alten Polizisten und den halbnackten Hirtenjungen im schönen Schaffellmantel, der ihnen bei einem Besuch des Landjahrmarktes in »Cairo« begegnet und aufgefallen war ... Kleine flüchtige Rührungen kamen sie an, wie man sich an etwas klammert, was selbst hier noch Abwechslung bedeuten konnte. Sie erinnerten sich daran, wie sie in einer Minute gänzlicher Hingabe aneinander von einer in ihr Zimmer brechenden Negerin gestört wurden, und an die brutale Komik dieser Szene; an den kleinen Bergfluß, der von pittoresken Felsen bestreut sich durch das Tal schlängelte; an die große Copperheadschlange, die unter der Bank zwischen ihren Füßen hindurchkroch, so daß sie still wie verzaubert hatten sitzen müssen, damit das Reptil keinen Verdacht schöpfe; an das Nest des Kolibris im Apfelbaum: all diese Erinnerungen, wie sie zehn müßig verbrachte Tage zusammentragen, schossen ihnen noch durch den Kopf und wurden mit einer resignierten Bewegung weggeschoben, während sich schon das Stahlgespinst der Brücke näherte... Der Tag war heiß, als sie abfuhren. Erwin, da die Erfrischungen auf dem Schiff nicht gleich gereicht wurden, trank ein Glas abgestandenen Eiswassers, wo er es gerade vorfand. Da schoß Mildreds Hand herüber und wollte das Glas zurückdrängen. Er sah sie erstaunt an; und sie sagte heftig: »Trinke das nicht, wer weiß, wie lang es schon hier steht!« Doch es war geschehen. Onkel Samuel meldet sich Als sie beim Eingang ihres Häuschens vorfuhren, fand Erwin den Postkasten vollgepfropft mit Sendungen. Seine aufzuckende Freude wurde jedoch im Keim erstickt durch die Erkenntnis, daß es sich um Briefe und Artikel für deutsche Zeitschriften handelte, die er vor Monaten abgesandt und die nun, anstatt über Holland ihre Bestimmung zu erreichen, über Washington wieder an ihn zurückgelangten. Er betrachtete die Kinder seines Geistes mit dem Gefühl eines Schäfers, der seine kleine Herde wieder um sich versammelt sieht – halb ungläubig noch, daß sie dem Abgrund entronnen sei... Während beide sich unangemeldet der Veranda näherten, sahen sie diese schon von fern dicht besetzt. Eine ganze Gruppe von schwarzen Köpfen zeigte sich über dem Geländerrand. Zwischen den Stäben blitzte es rosa und weiß von billigen Kattunkleidern und weißen Strümpfen, vermischt mit nacktem, schwarzbraunem Fleisch. Sie gingen nach seitwärts durch den Wald, um sich unauffällig zu nähern und erkannten Madleen, die mächtig und rund mitten in diesem Kreise hockte und sich mit einem Rohrfächer so heftig kühlte, daß man das Knarren des Stieles weithin hören konnte. Zuweilen auch setzte sie den Schaukelstuhl mit nervösen Stößen ihrer schwammigen Schenkel in rasende Pendelbewegung. Man überströmte sie mit weichen Lauten, mit beruhigend-gurrender Zusprache; es schien, als habe man sie auf unverantwortlicher Tat ertappt und führe nun den verstörten Geist in gemäßigte Bahnen zurück. Madleens ölige Augen rollten im Kreis umher mit hündischem Ausdruck halb sich fest saugend an anderen ruhigeren Tieraugen, die ihr zublinzelten; bald aber auch nervös die Treppe herabschweifend in das flammende Grün. Wovon die Rede war, konnte man nicht verstehen; doch als Erwin sichtbar ward, drehte die Gesellschaft in Gemütsruhe die Köpfe nach ihm. Ein Laut halber Überraschung geschah; dann standen sie gemächlich auf: ein älterer Mann mit blauem Leinenanzug, ein Bahnarbeiter, zwei Jünglinge, sehr kokett in graues Flanell gekleidet und mit schreienden Schlipsen verziert, und fünf Frauenzimmer, von denen sich zwei in Segeltuchschuhen von ungeheurer Größe gefielen. Sie waren nacktbeinig und zwischen den Fetzen zerrissener Blusen, die sie mit nachlässiger Bewegung zusammenballten, quollen strotzend die starken Brüste hervor. Sie kamen in Prozession die kurze Treppe herab, grüßten höflich und verkrümelten sich im Wald. Eines der Weiber trat an Mildred heran, deutete mit den Fingern an die niedere Stirn und sagte, wobei ein weißes Grinsen ihr Gesicht fast bis zu den Ohren spaltete: » Dat old girl ain´t by herself. « Offenbar hatte Madleen Anfälle visionärer Natur erlitten. Ihre Stammesgenossen in der 2. Straße dort hinten hatten gefühlt, daß sie in Not sei, wie denn auch hochentwickelte Herdentiere sich telepathisch verständigen. Sie blieb noch eine Weile schnaufend sitzen, als habe das Sturzbad von Sympathie sie in ihren seelischen Grundfesten erschüttert. Dann befreite sie sich in Eile aus dem zu engen Schaukelstuhl und kam anscheinend friedlich und erlöst ihrer Herrschaft entgegen. »Sie sei so allein gewesen,« sagte sie, »daß sie fast nicht gewußt habe, was mit sich zu machen. Jetzt aber sei alles wieder in Ordnung.« Darauf verfügte sie sich in die Küche und die Tatsache, daß sie jetzt auf einmal Arbeit hatte, schob die dunklen Gewalten, die sich ihrer bemächtigt, energisch in den Hintergrund. Sie kochte, sang, scheuerte und machte überraschend viel Geräusch; ja, sie warf sogar einen Teller hin, dessen fröhliches Zersplittern einen Laut von Leben und Tätigkeit in die Stille brachte. Man aß zu Abend mit dem Gefühl »zu Hause« zu sein, denn die schützenden Dinge, die Erwin vermißt: ja, das ganze Milieu wuchs ihm gleichsam wieder entgegen. Jede Quaste des Vorhangs schien sich ihm anfreunden zu wollen; jedes Bild; jedes Buch. Es wurde Abend. Zum erstenmal empfanden sie eine Art hoffnungsfroher Stimmung. Die Lampe blinkte traulich und es schien, als sei eine Last von diesem Hause gehoben. Diese Stimmung dauerte durch Stunden, und auch noch, als sie zu Bett gingen und einschliefen... Der nächste Tag war ein Sonntag. Mildred setzte es sich aus einer Laune heraus in den Kopf, in die Kirche zu gehen. Sie verließ das Haus um sieben Uhr und wandelte allein nach Lakewood. Die Hitze begann früh; und nach einem zwanzigmaligen Durchqueren eines gewissen Teiles der Straße (wobei ihn Gedanken produktiver Art beschäftigten;) dachte Erwin, seinem Körper sei Genüge getan, und er begab sich in die Glasveranda zurück. Flüchtig durchlas er die Zeitungen, wo ihm ein kleiner Artikel von einem entsprungenen Kalb in Chicago auffiel, das in den Mittagsbetrieb des Geschäftsviertels eine flüchtige Stockung gebracht: – die schlichte Tatsache war mit einigen witzigen Äußerungen des Reporters ausgeschmückt. Dann warf er die Zeitung, die vom Kriegsschauplatz nichts neues zu berichten wußte, als das alte halb erstarrte Schwanken der Kräfte, bei Seite – und sah die zurückgelangten Manuskripte durch. Er hatte sie vor Monaten als Korrespondent verschiedener deutscher Zeitungen geschrieben, und sie dünkten ihn damals gut und warm empfunden. Es waren Stimmungsbilder; Versuche, das Land zu charakterisieren; sie schienen ihm nicht schlecht. »Schade, daß sie verschollen bleiben werden«, dachte er. »In der Zukunft, wo diese Sachen gedruckt werden können, sind sie kaum mehr wahr. So ändert sich das Gesicht der Welt und – meines.« Am Rand entdeckte er plötzlich kleine Bleistiftglossen des amerikanischen Zensors, kleine höhnische Ausrufe wie: » Is that so ?!« – oder: » You don't say !« und noch verschiedenes andere, was ihm zeigte, daß der Mann ihn in seiner Macht habe und ein knabenhaftes Vergnügen aus den tastenden Ansichten dieses Europäers gesogen .... Erwin sah sie vor sich: diese an den Profiten einer roh geübten, käuflichen Bürokratie gemästeten Männer, von primitivem Humor erschüttert, die seine Ironie für bare Münze nahmen; Komik da fanden, wo schneidender Ernst ihm die Feder geführt; und in sein Gedankengebäude einbrachen wie Stiere in den Porzellanladen .... »Ist es nicht, als dächten sie kreuzweise durch meine Gedanken hindurch? – Wenn ich mich auf den Kopf stellen würde, so wäre meine Welt vielleicht wahr für diese Herrschaften.« – Ein prickelndes Mißbehagen überkam ihn vor der Indiskretion dieser »neutralen« Maschine, die private Sendungen besudeln durfte. Er warf die Blätter in die Ecke und lehnte sich halb liegend auf die Strohcouchette. Breites Sonnenfunkeln, von Staub durchtanzt, füllte die Glasveranda. Auf einmal kehrte sein Geist zu dem kleinen Artikel von dem Kalbe zurück und spann ihn aus. Die Notiz war kurz gewesen, kaum zehn Zeilen lang; aber das Geschehnis erweiterte sich und er vertiefte es grüblerisch. Aus einer Sendung Schlachtvieh, die drei vollgepackte Frachtzüge füllte, war das Tier entkommen; dort offenbar, wo die Privatgeleise der Schlachtpaläste von der Hauptstrecke abzweigen. An dieser Kurve hatte sich vielleicht eine Schiebetür gelockert und das Kalb war unter dem Seile hervorgerutscht, herabgeschleudert worden und hinter einen Kohlenhaufen gelangt. Daß man es nicht bemerkte, war ein Wunder. Es ging auf seinen törichten Stelzbeinen geradeaus, entdeckte eine Seitentür, wo noch niemand es sah und plötzlich, – als es um eine Ecke bog, trippelnd und impulsiv, – befand es sich mitten im regsten Geschäftsviertel und verursachte Konfusion. Drei Trambahnen, grell klingend, stauten sich in wenigen Sekunden hinter ihm an. Gellende Hupen umbrüllten es von allen Seiten. Wie ein summender Bienenschwarm formten sich Menschenströme in dem Loch, das die Fuhrwerke aufrissen. Stöße, Flüche, Scherze hagelten von allen Seiten ... Doch gleich einem Monument der Unschuld, störrisch, spreizbeinig, eckig stand es mitten auf der Schienenkreuzung, und in seinen Augen, die erregte Gebärden und Maschinen hätten spiegeln sollen, schwammen sanfte Wiesenfarben ... Ein Schutzmann, sechs Fuß hoch, erschien und zerrte es weg. Ein Farmer, der sein leeres Gemüsebuggy vorbeibugsierte, verfrachtete es und nahm es mit aufs Land. Ein Besitzer meldete sich nicht und das Kalb erfüllte seine Bestimmung. So wurde es zum produktiven Stier im Schmuck selbstherrlicher Muskeln und diente einem zweckvollen Kreislauf. Wie aber erging es inzwischen den Tausenden, in deren Gesellschaft es angekommen? – – Sie wurden niedergemetzelt. Kettenweise wurden sie durch Holzverschläge getrieben. Einen Moment lang gerieten ihre Köpfe in ein Loch, wo ein elektrischer Hammer rhythmisch herabsauste; dann glitten sie eine kurze Bahn hinunter und wurden aufgeschaufelt von den Zinken eines mächtigen Rades, das die Leichen hochzerrte und in die Enthäutung- und die Zerwirkungsräume schleuderte. Dort blitzten Kreissägen, Schaufeln, Messer, Haken; und nach kurzer Zeit (die man mit der Uhr in der Hand bemessen konnte –) hingen die Reihen dort. »Das sieht aus wie ein blutroter Garderoberaum von sterblichen Hüllen,« dachte Erwin – »peinlich sortiert von der Decke hängend; riesige Kühlkeller strecken sich, deren glatte Marmorwände das Bogenlicht von Blutspritzern gedämpft zurückstrahlen ... Vormittage lang kann man durch Mausoleen wandern, durch Gänge von klaffenden Leibern hindurch; und das Auge findet keinen Gegengruß als bläulich erloschene, hervorquellende Kugeln, Milch und Gallerte, – in denen eine verblüffte, eine entsetzte Frage zu Eis geronnen scheint .... Doch diesem Schicksal ist das Kalb entgangen und während es gerettet wird, werden die anderen Tausende, denen dieselbe Erfüllung hätte blühen sollen, grob verkürzt und geschädigt, mit verzwickten Instrumenten gepeinigt und umgebracht, gevierteilt und ins Mausoleum gehängt. Es kommt nur darauf an, wie man eine Sache betrachtet.« Mit einemmale fröstelte es Erwin und die Hitze, die von draußen hereinstrahlte, schien entwertet wie das Licht eines kalten Gestirns. Er versuchte, sich plötzlich aufzurichten; doch eine seltsame Lähmung hatte ihn ergriffen. Blut, Marmor und Metall waren in seinem Kopf und eine kleine Übelkeit saß ihm dicht unterhalb des Herzens. Das Gefühl der Verlassenheit sog an ihm wie ein riesiger Trichter, in dem sich die Bilder der Umgebung, die Glasscheiben, Wände und Vorhänge wie ein langsamer Kreisel drehten. »Ha!«, dachte er wirr; »von Rechts wegen sollte jedes Kalb auf eine hübsche Farm geraten und dort als produktives Agens fortbestehn. Doch geschieht es nicht auch, daß man einen jungen Stier in der Vollkraft seiner Zeugungslust in eine Arena schleppt, in einen flachen Ring aufgetürmter Gesichter, die reihenweise herabglotzen; die ihn vorführen lassen, sich zur Belustigung; ihn, – einsam auf sich gestellt in schimmernd kraftvollem Ichgefühl? – Die ihn dann mit kalten Vernichtungswünschen bombardieren ... und seine Ausmerzung vollzieht sich qualvoll vor dieser gierigen Masse?? – Keine Individuen sinds, die ihm ans Leben wollen. Es ist die von plattem Gefühl zusammengeschlossene Menge, die dasselbe denkt und diesen einen Wunsch in schauderhafter Intimität gegen das trotzig-bewußte Ich schleudert, das sich ihnen einzeln entgegenstemmt... So, ach! – vergeudet sich die Kraft, verpufft die schöne Produktivität; verspritzt sie ihr Eigenstes wie Blut in dürrem Sand; und endlich verzückt und verröchelt der Jungstier, weil er nichts Greifbares vor sich hat, nur jenes unbeugsame Etwas, das ihn haßt. Denn will er seine Hörner hineinstoßen, so ist es, als ob er im Wasser pflüge. Er ist irritiert, er schnaubt, er tobt an gegen diese lüsterne Mordsucht, die sich gleich Schleiern zwischen seine trotzige Stirn und die Wirklichkeit hängt. Doch am Schluß endet er wie in einer Falle gegen Gegner, die er nicht greifen kann; gegen bunte Pfeile, die aus dem Wesenlosen schwirren; gegen Omina, die er auf Schritt und Tritt aus dem Boden wachsen sieht. So etwas gibt es, und ein Tod in solcher Arena ist nichts Schönes. Geschlossene Kraft, um gegen den Ring anzubranden, durch den das aufreizende, geschlossene, metallische Klirren zittert, das wäre das einzige –: Führerstelle einzunehmen und andere Kräfte um sein Ich zu ziehn wie man Gewänder wechselt, die von vertrauten Händen gereicht werden; Waffengefolgschaft hinter sich, die immer neue Panzer herbeischleppt. Doch allein! Welch absurde Idee. Wie wenige Wellen schlägt man, wenn man seiner Rasse entrissen ist! Und ich soll Europa hier vertreten?! – – Die Übelkeit war immer noch da. Sie saß wie ein lähmendes Tier auf seiner Brust, wie ein kleiner Vampir. Auch die Bewegung des großen Trichters bestand weiter. Er hörte, wie in weiter Ferne, Madleen rumoren. Dann, vor sich hinstarrend, erblickte er farbige Konturen an den Dingen, vorüberhuschende Verdoppelungen, die er zu träge war sich zu erklären. Ihm war, als drücke ein Gewicht ihn auf die Couchette zurück, und die Zeit verlor für ihn ihre Bedeutung. Seltsam verschwommene Bilder wuchsen auf, die sich bei schärferem Fixieren in nichts auflösten. Endlich näherte sich ein Schritt von draußen, ein schneller, leichter Schritt. Die Türe klirrte; Mildred war da. »Nie«, so verschwor sie sich, »werde sie wieder einem amerikanischen Gottesdienst beiwohnen. Es sei natürlich ein Ire gewesen und er habe von Indiskretionen geradezu getrieft. Diese Pfaffen seien hier befugt, in das Privatleben jedes einzelnen hineinzugreifen und machten ausgiebigsten Gebrauch davon in fürchterlichstem Slang. Die Gemeinde verlange auch offenbar die intimste Duzgemeinschaft; ehe sie, Mildred, es aber zulasse, daß ein ordinärer Ire mit schmutzigen Fingern in ihrem Seelenleben herumbohre, müsse es sehr weit mit ihrer Akklimatisierung gekommen sein... Vorläufig habe sie genug davon.« Erwin suchte interessiert auszusehen und die Augenlider ganz aufzureißen. Im selben Moment verstummte sie, eilte schnell zu ihm hin und blickte ihm forschend ins Gesicht. »Fehlt dir etwas?« fragte sie. Er zuckte die Achseln. Schnell wie der Blitz hatte sie die Finger an seinem Puls. »Du hast ja Fieber!« rief sie. »Mach', daß du ins Bett kommst!« Sie zerrte ihn an der Schulter empor. Er erhob sich und vermochte die Treppe hinaufzusteigen, wobei er jedoch das Gefühl hatte, als sänken die einzelnen Stufen unter ihm weg. Oben angelangt, entkleidete er sich, zog seine Pyjamas an und legte sich ins Bett. Sie indessen eilte hinunter, mit etwas rastlosen Schritten hin- und herhuschend; dann kam sie wieder, brachte ihm einen kalten Umschlag, und man begann zu beratschlagen, was zu tun sei. Ein kurzes Gespräch in der Küche war vorangegangen, das durch einen entsetzten Aufschrei Madleens unterbrochen wurde. »Sie ist jetzt fort,« sagte Mildred, »um einen Arzt zu holen. Es soll hier in der Nähe einer wohnen.« Erwin nahm dies alles mit vollständiger Gleichgültigkeit entgegen. Ihm war, als schwebe er im Raum, als könne er sich mit süßer Anheimgabe der Geschäftigkeit anvertrauen, die sich um ihn herum entwickelte. Das kalte Tuch auf der Brust tat ihm wohl, und er verlor allmählich in einem Schlafe das Bewußtsein. Als er wieder erwachte, war ein Mann im Zimmer. Dieser drehte sich um und beugte sich mit gelbledernem Gesicht über ihn. Neben einer gebogenen Nase saßen zwei graue, kalte Augen, die sich forschend in seine zu senken mühten. Am Kinn hing ein spitzes Bärtchen, bleich und mit Tabak gefärbt, so, wie es die Farmer im Westen zu tragen pflegen. Auf einmal blitzte es Erwin mit Siedehitze durch den Kopf: das war ja gar kein Arzt, das war ja » Uncle Sam « selber, der sich da über ihn beugte: diese rechteckigen breiten Schultern, diese hagere Brust, dieser Adamsapfel und dieser Raubvogelkopf, dessen Hals sich mit ruckweisen Bewegungen am niederen Kragen wetzte!! – – Für einen Moment hatte er auch noch eine Vision von gestreiften Hosen und einem mit Sternchen geschmückten Biedermannsrock, der mit Vatermördern bis unter die Jochbeine der Augen wuchs ... Bei schärferem Blinzeln verblaßte das Kostüm. Ein einfacher, recht unsympathischer Landdoktor saß dort und stellte mit knarrender Stimme, wobei er gelbe Zähne zeigte, einige Fragen an ihn. Erwins Bauch wurde von harter Hand befühlt; seine Zunge inspiziert; und hierauf entnahm der Doktor einem Täschchen, mit dem er sich längere Zeit beschäftigte, ein Glasröhrchen mit grünen Pillen und sprach: »Die grünen hier sind gegen das Fieber; ich habe auch noch gelbe, rote und blaue, doch die grünen werden genügen.« »Er will mir übel,« sann Erwin. »Es ist alles wie ein Spuk. Hat man je davon gehört, daß es farbige Krankheiten gibt?« Er verlor wieder halb das Bewußtsein, wobei es ihm vorkam, als mache der Mann, der Uncle Sam glich, eine schattenhafte Attacke auf ihn und entferne sich, eines besseren sich besinnend, mit gleichgültigem Achselzucken. Das letzte, was Erwin dachte, war: »Er kann mich nicht unterkriegen. Es fällt mir nicht ein, mich zu naturalisieren!! Ich bleibe, was ich bin!« Das murmelnde Gespräch, das der Arzt noch im Hinuntergehen mit Mildred führte, verlosch. Ein einziges Mal stieg noch ein silberner Schrei darauf aus, den Erwin sich nicht erklären konnte. Ein Automobil ratterte traumhaft fern und entschwand. Er erwachte, als die Sonne wiederum wagrechte hellgoldene Strahlen ins Zimmer schickte. Es schien Morgen zu sein. Mildred saß an seinem Bett. Die bläulichen Schatten unter ihren Augen hatten sich vertieft; ihr Gesicht hatte etwas Gespanntes. Sie war nur mit einem leichten Kimono bekleidet. »Mein lieber Freund,« sagte sie, »du hast Typhus; aber es ist auch möglich, daß er sich irrt. Auf alle Fälle hat er dein Blut ins Laboratorium geschickt, und wir müssen äußerst vorsichtig sein.« »So so,« meinte Erwin. (Sein Fieber war gesunken, doch die Schwäche war zurückgeblieben.) »Das ist also Typhus! Wie gut, daß ich hier bin, ganz bei dir und nur dich um mich herum zu sehen bekomme. Wie scheußlich, wenn mir das in Catskill passiert wäre.« Mit einem Gefühl halber Erlösung: »Da haben wir es ja; das war es ja, was mir bevorstand. Ist das nun die erste Stufe oder ist dies alles?« Plötzlich fragte er ganz unvermittelt: »Ist der Hund noch da?« Mildred schüttelte den Kopf. »Er ist weggelaufen, seit gestern.« »Seltsam.« – »Du mußt dich jetzt ruhig verhalten, und wenn du mich brauchst, so klingele.« Sie entschwand wieder. Zu Mittag wurde ihm etwas flüssige Nahrung gebracht und Milch. Er genoß es mit Appetit. Er saß aufrecht im Bett und wartete der Dinge, die da kommen sollten. Als sie nachmittags oben an seinem Bette ihr gewohntes Halma spielten, zitterte seine Hand nicht einmal. Doch sie brach mitten im Spiel ab und legte ihr Gesicht schluchzend in die Hände, so daß die Figuren hinunterrollten. »Ach was, es ist bald vorüber; es läuft ganz programmäßig ab,« meinte er, um sie zu beruhigen. Ihr Schluchzen, schnell erstickt und mit einem straffen Aufrichten ihres kräftigen Rückens beendet, hatte gerade in seiner beherrschten Kürze etwas Rührendes. »Ja,« sagte sie. »Aber das Telephon ist ja noch nicht einmal da. Wie soll ich mich verständigen, wenn es schlimmer wird?« – »Kommt der Arzt denn nicht zweimal täglich?« »Ja; aber welch' ein Gefühl, daß man meilenweit nichts als – – sie suchte nach dem Wort – – freaks , – Mißgeburten, oder wie du es nennen willst um sich herum hat! – Nun, man muß eben noch einmal energisch werden.« Auch ihn packte ein Grauen vor dieser Perspektive. »Und wie soll man die Sachen schnell beschaffen, die du nötig hast? Du müßtest ins Hospital kommen; denn ich allein, weiß Gott, mit Madleen zusammen könnte es nicht machen. Sie ist schon halb verstört!« Beide starrten sich an. »Vorläufig weiß man ja noch nicht bestimmt, was mir fehlt,« beruhigte er sie endlich; sie ward ihrer Angst allmählich Herr und spielte die Partie zu Ende. Sie trank Tee bei ihm. Sie vollführte diesen Teegenuß mit der Andacht einer Zeremonie. Sie betonte förmlich dadurch, daß sie sich nicht von ihren Gewohnheiten trenne, auch wenn die Welt in Stücke ginge. Alles stand appetitlich vor ihr aufgebaut, was sie benötigte: das Silber, die Kuchenschale, die Zuckerzange, und während sie aß, beobachtete er sie und freute sich an dem echten Bild. Sie gebärdete sich, als sei sie allein in ihrem Hause in Sussex. Ihre Umgebung war nicht da, doch sie erschuf sie sich neu: kretonnebezogene Chesterfieldmöbel, einen dunklen Mahagonitisch, flache Fensterreihen und ähnliches mehr. Mitten drin saß sie schlank, blond und herb, gewissermaßen unerreichbar und in vielen Bedürfnissen trotz pikanter Fremdheit ihm tief verschwistert. Die Übelkeit glitt von seiner Brust, als rette er sich bei drückender Hitze hinter die grüne Mauer eines Wasserfalles, dessen Wirbel in bedecktem Winkel köstlich kühle Luftströmung erzeuge. Etwas von dieser Klarheit schien in ihrem kristallenen Wesen verkörpert. Dann allmählich, als es gegen sechs Uhr zuging, verschwand das Gefühl. Die Kühle war irgendwie verdrängt, als öffne man Türen, die zu heißen Räumen führen. Sein Wesen trat wieder langsam in die Schwüle des Fiebers zurück. »Das hat nichts zu bedeuten,« sagte Mildred. Innerlich wußte sie genau, daß die periodische Wiederkehr der Temperatur die Diagnose des Arztes zu bekräftigen schien. Am selben Abend schon glitt Erwin wieder in einen traumlosen Schlaf zurück und was sich während dieser Zeit abspielte, davon wußte und sah er nichts. Mildreds Nacht Mildreds Schlafzimmer war durch einen kleinen Vorplatz von dem Erwins getrennt. Wenn man die Tür offen ließ, so konnte man die Atemzüge von allen Personen hören, die in diesem ersten Stock schliefen. Diese Nacht – – nie vergaß sie später diese Nacht – – entkleidete sie sich und blieb, nur von einem halb durchsichtigen Überwurf bedeckt, absichtlich wach. Mehr noch, nicht nur Absicht war es, was sie wach erhielt, sondern ein derartiger Schwall von Gedanken, wie sie ihn seit ihrer Kindheit nicht mehr gespürt zu haben glaubte. Sie drehte die elektrische Nachtlampe an, die auf der Kommode stand und einen schwarzen trichterförmigen Schirm trug. Ein begrenzter Lichtkegel fiel in das kleine Gemach. Nach zwei Seiten hin waren die Fenster offen und nur von den Drahtgittern bedeckt. Die Läden waren herausgenommen. Die offene Tür fügte ein drittes schwarzes Loch hinzu, durch das das Außen hereinhauchen konnte. Kindheitsbilder durchflogen sie schreckhaft, jenes unerklärliche Angstgefühl vor Abgründen. Doch sie hatte sich ja auf eine Insel von Licht gerettet, die der eigenen Hand und dem eigenen Leib wieder Berechtigung gab. Ein schmaler Wandspiegel ließ ihr bleiches Gesicht zurückschimmern. Zunächst tat sie folgendes: sie vergewisserte sich, daß ein schußbereiter Revolver in der Schublade des Nachttischchens lag. Hierauf entkorkte sie eine Flasche alten Kognaks und nippte ein Gläschen davon. Ihre Augen waren weiter aufgerissen als je im Tageslicht; aufgerissen von der Bereitschaft vor etwas Namenlosem, was sie aus diesen drei Mündungen der Dunkelheit aus anspringen würde; das sie nur durch ein äußerstes Wachsein im Schach halten könne. Dann setzte sie sich auf das Bett im Hocksitz, die schlanken Beine ins Kreuz geschlagen, wie eine Buddhafigur. Ihr feines, scharfes Profil über dem lauernden Hals war der dunklen Tür zugedreht; denn durch die Schwärze dort, die wie eine zweite unheimlichere Wand den Korridor verstellte, drang der Atem dessen, den sie zu lieben glaubte. Es war ein leichter Atem, der des Fiebernden, ganz oben am Halse entstehend und vergehend. Zuweilen ächzte die Federung jenes Bettes mit leichtem Metallton auf, wenn er eine unbewußte Abwehrbewegung gegen die Hitze vollführte, die brütend über ihm lagerte. Kein Geräusch durfte ihr entgehen, und wenn er nach der Glocke tasten würde, die neben seinem Bett auf dem Stuhle stand, so würde sie fast im selben Moment, wo er sie berühre, zur Stelle sein. Mit dem leisen Feuer der kleinen Dosis Alkohol in den Gliedern würde sie wach bis zum Äußersten bleiben; denn hier lag etwas vor, wofür zu kämpfen sich verlohnte. Es war nicht der stumpfe, halb hoffnungslose Kampf gegen die Umgebung. Es war ein privat geführter Einzelkampf, und wenn sie ihn verlieren würde trotz des bewußten Willens, der ihren jungen zähen Körper straffte, so würde sie mit der Waffe auch für sich einen Abschluß finden. Not schärft das Gehör. So war es nicht erstaunlich, daß ihr keiner der Atemzüge entging und sie am Fallen und Steigen die Temperatur zu messen vermochte. Seit mehreren Nächten hatten die großen Baumzikaden dieser Gegend das Wort. Die Fenster wurden von den Ästen verschiedener Ahorne fast gestreift; so saß das unheimliche Geziefer davor und zersägte das Gehörfeld mit schrill-monotonem, unsagbar scharf rasselndem Wetzen. Das war Puls der Schwüle; gehetzter Puls totmatt erliegenden Willens zum Leben, zum Entfalten; von schleichender Glut überwältigt; von Hoffnungslosigkeit erdrosselt ... War es nicht, als sei dies Zikadengeräusch ein Echo vom Wellenschlag jener Naphtaseen, jener Einöden von Bimsstein, atemstockenden Schauders voll, wie er durch Dantes Rhythmen zittert? – – Zuweilen rasselten sie schriller, in einer Kurve aufwärtsbohrend, hinauf und höher einer von feinstem Entsetzen trächtigen messerscharfen Spitze zu ... Dann, lindernd, traten tiefere Lagen hinzu, die das Gleichgewicht der scheußlichen Musik in Schwebe hielten; und das Geräusch ward so allgemein, daß es alles im Umkreis auffraß und zunichte machte. Andere Klänge kamen darin um wie in Triebsand. Nur Mildreds Gehör, von Not geschärft, stieg noch darunter. Sie entdeckte die Stille; jene Stille, in der der Atem des Geliebten schwoll und sank. ›Wer bin ich denn!‹ dachte sie und sah sich, ernst, von dem schmalen Spiegel zurückgeworfen, in dessen Tiefe sich jetzt nicht nur ihr Gesicht, sondern ihr Körper licht abhob. – Ja; – wer war sie. Mildred Mc Donald? – Wie kam sie hierher? In welch eine fragwürdige, seltsame, von unerhörten Verkettungen schwangere Lage war sie gebracht worden? – Hatte das Kind es sich je träumen lassen? Das gebräunte langgliedrige Kind, das von der Brüstung der Werft in Bombay herab, mit den Beinen pendelnd, die Schiffe zählte, die aus dem bleiernen Glast des Meeres heraufwuchsen? War sie das, die in Biarritz neunjährig die Sandburgen mit dem Fuß zerstampfte, auf denen sie die papierne Trikolore fand? – – Die im Morgengrauen über die bleichen Heidehügel von Sussex ritt? – Der die Diamantgruben von Kimberley so lang gehörten, als sie durch eine Gasse durch Staub blinzelnder, ekstatisch grinsender Kaffern schritt; – der ein Minenverwalter ein kleines Stück trüben Kristalls in die Hand drückte (wie man es in schottischen Bächen findet) – und dieses Stück »Quarz« war drei Reisen um die Welt wert? War sie es noch, die von der Gesandtenloge aus die schwankende Sänfte erblickte, die einen kranken Greis unter Pfauwedeln zur größten Messe seines Lebens trug? War sie das, die in der Oper in London den Hals kaum wandte und nur mit fröstelndem Aufzucken die spröden weißen Schultern aus dem schwarzen Sammet emporzog, wenn von drüben, – unter agraffenblitzenden Turbanen hervor – dunkle verzehrende Blicke sie behutsam streiften? Blicke, die im Eise ihrer meerfarbenen klaren Pupillen schmolzen? War sie das noch, deren eindeutige Haltung, aufleuchtende Regung der Arme, beherrschte Atmung flaumjunger fester Brüste jenen dort drüben, im Brennpunkt des weitgeschweiften Proszeniums, entgegenwarf...: »Ihr alle kennt mich! – Ich bin die Idee, die in euren Köpfen spukt und an sechs Enden der Welt zugleich –: die Idee der weißesten Frau ?!« – Welch' ein nationaler Gedanke! Welche Vielfalt, und doch: welch' buntgescheckte Einheit! – – – Doch wo blieb nun der Zauber solchen Kaleidoskops? – War es erloschen? – Hatte eine intimere, rein persönliche Gewalt jetzt Besitzrecht über sie?! – Sie war nicht unverwundbar. Etwas Gewaltsames riß sie aus ihrer klaren, unantastbaren Pose. Und doch lag in dieser Vergewaltigung ein süß lähmendes Gift, dem sich ihr abweisender Kopf demutsvoll neigte; ein Gift (und Arznei zugleich) – dem sie, die Spröde, ihre Lebenslinie opfern sollte! Sie stand auf, ging im Zimmer umher und stellte sich vor den länglichen Schrankspiegel, der ihr den Umriß ihrer hochbeinigen, von schlanken Muskeln federnden Gestalt mild zurückwarf. Sie stemmte die Hände in die weiche Verjüngung der Hüften, bog das Gesicht vor und setzte die Zähne, wie sie es in Momenten äußerster Willensanspannung tat, fest in die volle Unterlippe. »Ich lasse ihn hier nicht verfallen«, flüsterte sie sich zu. – »Wenn ich ihn schleppen müßte, ich würde es tun... ohne Bedenken... Hier sitzt die Kraft...« Sie reckte sich auf; mit fernem Gefallen an sich selbst und an den wundervoll gleitenden Kurven ihres gestrafften Körpers. – Da war Blut ihres Vaters, der mit seiner »Arethusa« die Nord-Ost-Passage erobert, als sie noch, von Sehnsüchten geplagt, an einem Meere hockte, das ihr Hitze und Lähmung entgegenhauchte... Ein sachter Ton der Glocke erscholl. In ein paar gleitenden Sprüngen war sie drüben und drehte ihm das Kissen um, seinen fieberheißen, schweren Kopf in gekrümmtem Arme stützend. Die Minuten fielen für ihn klirrend mit dem metallnen Puls der Zikaden ins Nichts. Sie kehrte zurück. Diese Nacht war lang und schwarz; von Vorahnungen und Zukunftsdrohungen schwangerer als alle zuvor. Was verband sie mit diesem Manne? Wer war er? Wie war es möglich, daß sein Bild sich dem Mosaik ihres Lebens harmonisch einfügen wollte trotz aller Kanten und Widersprüche? Sechsmal hatten sie sich in Deutschland gesehn. Er war etwas unbeholfen, mäßig gut gekleidet, meistens auch in reizbarer Laune und unverbindlich gewesen. Doch es war, als ob von seiner starken Stirn eine zögernde, aber unentrinnbare Knechtung und Umkettung ihres Wesens vor sich gegangen sei. Sie hatte die Möglichkeiten in ihm gespürt. Es war damals noch die Zeit der heiteren Durchwürflung, der zwanglosen Mischung der Nationen in den Salons der Alten Welt, völkische Gegensätze wurden durch menschliche Gemeinsamkeiten dicht verschleiert; man reichte sich noch die Hand, wo edleres Blut zusammentraf. Trotz Sprachverschiedenheit fanden Herz und Takt richtige Worte. Dann kam dieser dämonische Wirrwarr zustande, diese entsetzliche um sich fressende Entwertung aller Beziehungen ... Trotz allem drang ihr Bild so fest in sein Wesen, und gab das seine ein so solides Relief des ihren, daß die Brücke zwischen ihnen nie zerstört erschien und er es wagen konnte, sie zu bitten, ihr Leben mit dem seinen zu verbinden; es wagen durfte in einem Moment, wo der tolle, schrille Aufschrei verblendeter Rasseninstinkte, aufgepeitschter Vorurteile wie eine Lohe gen Himmel stieg. Durch all dies hindurch hatte seine ruhige Stimme den Weg übers Meer gefunden. Diese selbstverständliche Betonung ihrer Zusammengehörigkeit war ihr so unerhört fremdartig, so keck, so geniehaft erschienen, daß sie ihm zögernd den Vorzug gab. Seinen Vorschlag, bis zum Ende des Krieges zu warten, wies sie ab. Seine Kühnheit reizte sie, ihm mit der gleichen Kühnheit zu begegnen; und so kam sie zu ihm herüber; – zwei Wochen nach der Torpedierung der Lusitania... Da stand er auf der Werft von Hoboken; vor einem fremden Hintergrund; einsam vor einer fremden, ihm so entgegengesetzten Folie; mißmutiger offenbar denn je, blassen Gesichtes, in seiner etwas zu stämmigen Gestalt. War das ein Nervenzucken, was seine Kopfhaut zuweilen grundlos zerknitterte? – War es fassungslose Freude? – Und diese Kopfhaut unter kühler Hand zu glätten; die gigantischen Mißverständnisse der Welt im kleinen aufzulösen in die persönliche Harmonie des Zusammenseins –: dies reizte sie seltsamerweise nun noch mehr als seine fordernden Briefe. Bei ihrem Anblick war eine Veränderung über ihn gekommen, die ihn gleichsam kleiner machte, ihn wie unter der Last einer Dankesschuld plötzlich sinken ließ ... Wußte er, was er getan? Stand da ein Fordernder? – Oder war es einer, der Hilfe brauchte und sie sich, seltsam genug, gerade von der scheinbar abweisendsten Seite holte?... Daß er sie damit in die fragwürdigste Situation ihres Lebens brachte; – sie Verwicklungen aussetzte, die ihr unerhört gedünkt; – daß sie sich seinetwegen mit ihren englischen Verwandten fast entzweit und jahrelange Freundschaften abrupt geopfert; daß sie Mißtrauen, Erstaunen, ja Verachtung geerntet, das zählte für diesen seltsamen Seelenräuber nicht mit, das steckte er ruhig in die Tasche... ja wußte er es denn überhaupt? – War er es wert? – – Die Zikaden feilten draußen, so dünkte ihr, immer toller, immer entfesselter, und peinigten ihr schmerzendes Hirn. Nun lag er dort und riß sie mit sich in den trüben Strudel seiner Not hinein. Nun sperrte er sie mit in den Kerker, in dem er saß; nun konnte sie die Welt nur durch Gitterstäbe hindurch genießen und seine Kette würde auch an ihrem Fußknöchel rasseln. Nun zog er sie mit in den Bereich des Unflats, mit dem man alle Deutschen bewarf und brandmarkte. Nun setzte sie sich, angelsächsisch selbst, dem Zähneblecken desselben Puritanertums aus, dessen Schoß sie entsprungen. War er das wert? Auf einmal rief er ihren Namen. Sie eilte hinüber. Er träumte. – Ein mildes Delirium schleppte ihr Bild wohl im purpurnen Fluß, der ihn umspülte, mit vorüber. Er hatte sie vielleicht entgleiten sehen und suchte sie vom Ufer aus zu bannen. Sie saß an seinem Bett und wiederum überkam sie jener süße, unheimliche Zwang des Animalischen; Verwandtschaft von Haut und Haar, der sie stärker umgarnte als Klänge und Stimmen von sieben Meeren. Je geächteter er, desto Schutzes werter durch sie. Doch wie, wenn noch viele solcher Nächte kämen? – Wenn sie wieder allein, in lauernder Hockstellung auf ihrem Bette sitzen müßte und Abwehrgedanken aus ihrem Spiegelbild schöpfen; – Gedanken, die sie beluden; die an ihr rissen wie entspreizte Schwungfedern? Wie, wenn ein leiser Widerwillen sie wieder fassen würde gegen den Angehörigen einer Rasse, die (und sie dachte der Dinge, die sie lesen mußte Tag für Tag), – das Metall zum Fetisch erhob und sich von brutalen Herdenführern vergewaltigen ließ, statt die Freiheit des Einzelnen vor die Freiheit der Massen zu setzen? – – – Des Grübelns und schmerzhaften Tastens nach einer Erlösung aus dem Labyrinth, darin sie sich versponnen, ward kein Ende, bis die Frühe graute. Doch schien eine Stufe gewonnen; und eine Nacht wie diese mußte die folgenden leichter machen. Amulette Erwin saß, Kissen hinter den Rücken gestopft, halb aufrecht im Bett und folgte mit müden Blicken den Bewegungen Mildreds, die sich um ihn bemühte. Es war schon hoher Vormittag und der Doktor wurde in Bälde erwartet. Das Fieber hatte ein wenig nachgelassen. Es ging in einer gleichmäßigen Abwärts-Kurve von der Nacht in den Morgen hinein, um am Abend wiederum zu schwellen. Nachdem ihm Mildred etwas Tee und Zwieback verabreicht, ging sie, von einer qualvoll drängenden Unruhe getrieben, in das Erdgeschoß hinunter. Halb ohne es zu wissen, las sie die Kopfinschriften der »Times«. Siehe da, statt der üblichen Schützengraben-Fanfare, gewahrte sie, in schreienden Lettern, das Wort » Infantile Paralysis «. Sie vertiefte sich unmutig in das Nähere und erkannte, daß die Seuche, die schon seit einer Woche in den versteckteren Spalten der Zeitung gespukt, sich nunmehr einen Hauptplatz auf der Titelseite erobert. Es ward hier natürlich keine Gelegenheit verabsäumt, um das Unglück auszuschlachten, ihm breiteste, mit Reporter-Wollust gewürzte Öffentlichkeit zu gewähren. Vielleicht war es nötig, in irgend einer Weise zu warnen; aber wieviele hysterische Mütter, wieviele abgehetzte Väter hatten diesen Brandalarm in hochgetürmter Druckerschwärze heute verschlungen! Welche Axtschläge waren das am Asyl stumpfen Bürgerglücks! – Und die Sensations-Hausierer setzten die doppelte Auflage ab. Hatte man nicht etwas erbeutet, womit man Wesens treiben konnte?! – Kinder starben wie die Fliegen. Manche fieberten, zuckten ein wenig und lagen mit Schaum vor dem Mund. Und die davonkamen, humpelten halb gelähmt durchs Leben ... Steinreiche Eltern versteckten ihre Augenweide in luxuriösen Landhäusern. Es half nichts; die Bazillen krochen aus allen Ecken und erbeuteten sich junge Leiber ohne Respekt vor den Wällen aus Mammon, die man zitternd zusammentrug... Die Seuche war in diesem heißen Sommer launisch wie ein Tornado. Wie ein kreiselförmiger Wirbelwind über Landschaften hüpft und wo er den Boden berührt, alles aussaugt, so daß Häuser, Bäume und Menschen wahllos emporspritzen, so grassierte die Seuche im Ostviertel, übersprang dann Dutzende von Straßen, in denen kein einziges Kind erkrankte, nistete sich wiederum in der Nähe des Broadway ein, schlug sich eine Bresche durchs Millionenviertel und gleichsam, wie um zu zeigen, was sie könne, riß sie sich zuweilen auch erwachsene Kinder heraus. Ohne Übergang dann tummelte sie sich in entlegenen ländlichen Distrikten und verschmähte auch die sandige Gegend von New Jersey nicht, um ihre ahnungslosen Opfer anzufallen. Man zergrübelte sich, hieß es, in Fachkreisen den Kopf, woher die Übertragung stamme. Insekten konnten kaum schuld sein, da man von so sporadischen Wanderungen der Keimträger nie gehört. Der Tod, so schlossen die Berichterstatter, feiere in diesem Sommer privatim sein kleines Fest. Es scheine dies eine Angelegenheit ganz für sein persönlichstes Vergnügen. Es sei als wäre in Europa eine erzwungene Atempause für ihn eingetreten, damit er sich zwischendurch hier ein wenig schadlos halten könne. Aufatmend legte Mildred das Blatt weg. Sie hatte kein Kind zu verlieren und Erwin war zu alt. Der Arzt, der jetzt erschien, war seiner Aussage nach überbürdet. Er hatte jedoch das Attest über den Blutbefund Erwins dabei und erklärte ohne Rücksicht, daß seine Diagnose ihn nicht getäuscht habe; es sei ein leichter Fall von Typhus. Er sagte das so nebenhin, halb mit sich selbst zufrieden; doch ein Herzschlag Mildreds setzte aus, so daß ihr Gesicht für Sekunden schneeweiß wurde und sie sich an die Stuhllehne klammerte. Der Doktor bemerkte dies Taumeln nicht, da sie im selben Moment ihre Haltung zurückfand. Wie ein Damokles-Schwert endlich herniedersaust auf Schultern, die halb bereit waren, sich ihm entgegenzustemmen und nun doch von der Wucht schmerzhaft zusammenzucken, so fiel diese Eröffnung auf Mildred herab. Doch nun das Gewicht auf ihr lag, konnte sie ihre Muskeln einstellen, sie langsam zurechtrückend zu sprödem Widerstand gegen die Zukunft ... Von den bunten Pillen sah der Doktor diesmal ab. Er förderte sogar eine schattenhafte Sachlichkeit zu Tage, die mit seinem sonstigen schnellfertigen Wesen in erfrischendem Gegensatze stand. Daß er unbedingtes Vertrauen in Mildred erweckte, davon war natürlich keine Rede, aber er gab sich Mühe, das sah sie, und so verzieh sie ihm den ersten Eindruck. Er stellte ein festes Programm auf: kaltes Bad um sechs Uhr, um das Fieber herabzudrücken, flüssige Nahrung in bescheidenen Quantitäten und keine Bewegung. Das war doch wenigstens etwas, woran man sich halten konnte. Das Herz Erwins sei nicht schlecht, meinte er, Hauptsache sei: Vermeiden jeder Überanstrengung. Drei Wochen lang dauere die Hauptattacke; eine halbe Woche sei herum, also bis in kurzem werde man ja schon wissen, wie er durchkomme. Mehr zu tun sei unmöglich, unter den Umständen auch nicht angebracht. Mildred hörte die knarrende Stimme wie aus weiter Ferne. Kaum war er aus dem Hause, als Madleen zum Vorschein kam, ihm nachspähte und erst, als sein Motor hinter der Ecke verschwand, den Mund auftat. Sie redete mit leiser bedeutungsschwangerer Stimme. »Der Mann dort,« sagte sie, »ist sehr verdächtig; man sollte ihn nicht zu Rate ziehen; er wird Mr. Notacker unfehlbar umbringen. Besonders mit seinen Pillen hat er schon große Verwüstung angerichtet!« »Diese Pillen seien des Teufels,« fuhr sie leise fort; »ein sehr böser Zauber stecke darin. Man habe ihr erzählt, daß neulich ein Knabe in einen Graben gefallen sei und sich das Sitzbein verstaucht habe. Er sei ganz gesund und munter gewesen, dieser Knabe; doch dann sei der Doktor mit seinen Pillen gekommen; habe behauptet, es sei ein Fall von Infantile Paralysis und habe ihm mit den Pillen in einer Viertelstunde den Garaus gemacht. Es seien grüne gewesen; sie warne Mildred schwer davor, Erwin mit grünen Pillen traktieren zu lassen. Ob die blauen oder roten so schlimm seien, könne sie nicht sagen; aber die grünen seien das schnell wirkendste Gift, das man je erlebt habe.« Mildred, trotz ihrer trostlosen Lage, wurde auf diese Erzählung hin von unverhältnismäßiger Heiterkeit gepackt; von seltsam gewaltsamem Humor, der sich an der Grenzscheide klaren Denkens hielt und bald in kurzes Schluchzen überkippte. »Wie hätten wir dies doch genossen,« dachte sie dabei, »wenn Erwin gesund wäre.« Allein die Idee dieses Pillen-Doktors und seiner Pferdekuren ist Goldes wert heutzutage. Madleen bemerkte sofort, daß ihre Erzählung eine seltsame Wirkung hatte. Sie blickte ratlos auf die junge Frau; rollte ihre Augen dann hilfesuchend umher, daß man das Weiße sah, schüttelte den Kopf mit blitzartiger Drehbewegung des feisten Halses und ging, sich mehrmals nach Mildred umsehend (als bereite diese eine Attacke auf ihren Rücken vor) – aus dem Zimmer heraus.– Daß man lachen konnte, wo solche Dinge im Schwang seien, ging gänzlich über ihr Begriffsvermögen. Was da aus Mildred lachte, war ein böser Geist, vor dem man sich am besten verriegelte. In der Türe besann sie sich und kam zurück. Mildred merkte an dieser Wiederkehr – die mit gewisser Wucht und Bedeutsamkeit in Szene gesetzt ward – daß Madleen etwas zu sagen hatte; einen Trumpf darauf zu setzen habe, der ihr kleines einsames Gelächter zerquetschen sollte wie die Maus unter dem Ziegelstein. »Sie lachen, junge Frau,« sagte Madleen, und ihre Augen blickten starr und kugelrund geradeaus. »Da gibt es nichts zu lachen. Aber ich weiß, der Böse lacht aus Ihnen. So ist es auch meinem Bruder gegangen, als er nach dem Osten kam. Schon in New Orleans war er als Trambahnführer gefürchtet, weil er die Kurven zu schnell nahm. Man verpflanzte ihn und er bekam als Kellner Stellung. Da fiel es schon auf, daß er mit Tellern um sich warf, wenn ihn was ärgerte. Seinen Boß, den griff er mit dem Messer an, als der ihm einen Dollar vom Lohn abzog, und er mußte in Sing-Sing Holz spalten und Hobelarbeit machen. Dort bekam er es nun zum erstenmal mit Instrumenten zu tun, und kaum war er draußen, wurde er Messerschmeißer und starb an einem epileptischen Anfall. – Ja, junge Frau, das ist der böse Geist, der in Ihnen sitzt. Meinen Bruder hat er unter die Erde gebracht. Sie wird er auch noch unter die Erde bringen. Sie und Ihren Mann, klaftertief. Es ist nicht gut, daß Menschen im Walde leben ganz für sich. Das habe ich mir gleich gedacht, wie ich herkam!« – Sie stand da, die Fäuste unter die ungeheuren Brüste gestemmt; und ihr pockennarbiges, schwammiges, dunkles Gesicht glich in diesem Moment einer Maske, so als habe jemand alle dicken Wülste herausgeplättet; all die Wülste, die sich sonst auf ihrer Stirn bildeten und ihr etwas Kindliches gaben. Nur oben unter dem verfilzten Kräuselhaar zuckte eine Hautpartie wie bei einem Pferd, das eine hartnäckige Bremse abschütteln will... Doch die Bremse, die an Madleens armem Kopf saß, war unverscheuchbar. Sie stach und sog den Rest an Logik, die sich noch in dem konfusen Negerhirn finden mochte, heraus. Wie lange wird es dauern, bis dies Geschöpf des Schlußvermögens gänzlich verlustig geht? – Bis es sich kreischender Triebhaftigkeit unter dem Einfluß der Kinder- und Negerdämonen überläßt? – Mildred stand plötzlich auf. Sie wuchs förmlich vor Madleen in die Höhe, wuchs in gestrafften Hüften; weiß, schlank, gebieterisch, und sandte einen stahlgrauen Blick durch sie hindurch. Vor diesem plötzlichen Inkrafttreten der Herrenrasse zuckte das Urwaldkind zusammen. Die Fäuste lockerten sich; die kugelrunden Augen schweiften wieder beiseite. »Halte den Mund, Madleen, und schwatze keinen Unsinn«, sagte Mildred mit scharfer Stimme. »Du gehörst überhaupt in die Küche.« Wiederum, nur etwas schwächer diesmal, schüttelte Madleen den Kopf; dann ging sie mit zögernden Schritten hinaus. Etwas Unausgesprochenes verblieb hinter ihr und Mildred sann ihr unmutig nach, ihr Taschentuch zerknitternd. Es war noch feucht von Lachtränen; oder waren es echte gewesen? Sie wußte es selbst nicht mehr genau. Nur eins kam ihr lähmend zu Bewußtsein: – »Das Telephon ist immer noch nicht instand gesetzt.« – Ratlos ging sie in den zwei unteren Räumen für die nächsten Stunden hin und her. Das Haus zu verlassen, wagte sie nicht. Der dort droben durfte keinen Augenblick allein gelassen werden. Von Fenster zu Fenster ging sie und starrte sich die Augen fast blind am flammenden Grün, kaum eines Gedankens fähig. Ihre Not wuchs, je länger der Nachmittag vorschritt. »Geh' ins Dorf, Madleen,« schrie sie der Negerin zu, plötzlich in die Küche brechend und mit dem Fuße stampfend: »Geh' ins Dorf und sage der verfluchten Gesellschaft, sie müßten noch heute kommen; noch heute! Verstehst du?« Madleen hatte hinter ungewaschenen Tellern gesessen und mit den Zeigefingern Figuren im verschütteten Kaffee auf die Wachsleinwand gezeichnet. Sie fuhr zusammen, blickte ihre Herrin hündisch an, wich zurück und sagte eilig plappernd: »Jawohl, jawohl, ich gehe sofort, ich schicke sie her.« Halb beruhigt sah Mildred noch kurze Zeit ihren eiligen Aufbruchsanstalten zu: wie sie sich die Schürze mit fettigen Fingern abnestelte und verschiedenes noch in halbe Ordnung setzte. Dann hörte sie sie dröhnend in ihre Kammer hinaufstapfen. Mildred ging in das Wohnzimmer zurück, hörte Madleen herabkommen mit tierischem Schnaufen und mit einem Geräusch, als werde ein Sack voll Kartoffeln ruckweise hinuntergestoßen. Die Tür fiel hinten ins Schloß und sie wußte: »Gott sei Dank: sie ist unterwegs«. Die Zeit verrann. Es war nur noch eine Stunde vor der Dämmerung, als sich das Knirschen eines Wagens an der Ecke zur Einfahrt erhob. Von zwei müden und fliegenumschwirrten Gäulen gezogen, schwankte ein Leiterwagen durch den mulmigen Sand. Er fuhr einmal ums Haus herum und kam dann vor dem Wohnzimmerfenster zum Stillstand. In diesem Leiterwagen hockten sechs Arbeiter, in blaue Leinenanzüge aus einem Stück gekleidet. Sie saßen Rücken an Rücken, kauten Gummi und hängten die Beine durch die Stäbe heraus. Auf dem Bock saß niemand; es schien, als habe der Gaul von selbst den Weg gefunden. Vorläufig blieben die Herren hocken und vergewisserten sich weiterkauend über das Terrain und die Lage des Hauses. Dann, mit jener fast katzenhaft lautlosen Selbstverständlichkeit, die amerikanische Mechaniker an sich haben, warfen sie die Werkzeuge einander zu (fingen sie sozusagen aus der Luft), und mit größter Ersparnis an Muskelkraft wurde ein wenig geraschelt und gehämmert. Selbst das Hämmern klang so rücksichtsvoll, daß man es kaum vernahm! Mildred hatte noch das Bild des ankommenden Wagen mit diesem trägen Bündel von Beinen frisch im Gedächtnis, als sich derselbe Wagen schon wieder, – die Gesellschaft in gleicher Stellung wie vorhin zu fauler Gruppe vereinigt – in Bewegung setzte und im selben Tempo hinter der Wegbiegung verschwand. Die Leute hatten genau zwölf Minuten »gearbeitet«; und das Wunder war geschehen! Sie ging ins Eßzimmer; – das Telephon war da. Sie ging ums Haus herum: – der neue Leitungsdraht zur Isolierung der alten Telegraphenstange hinter dem Hause war gehängt und blitzte kupfern. Das Ganze glich einer Zauberei. – Und darauf , dachte sie voll Ingrimm, hat man nun vier Wochen gewartet!! – Ein Haß gegen die rohe Launenhaftigkeit dieses Landes stieg verstörend in ihr auf. Dann kam ein Trost-Gefühl: »Jetzt wenigstens sind wir nicht mehr allein«. Dies Gefühl der Lösung war so stark, daß der halbhumoristische Vorgang sie diesmal zu stillem Lächeln reizte. Es wurde allmählich dunkel. Madleen war noch immer nicht zurück. Von rechts wegen hätte sie auf dem Leiterwagen mit den Arbeitern kommen müssen. Aber vielleicht hatte sie noch einen Besuch bei ihren Volksgenossen vor? – Als es schon spät am Abend war, ging Mildred in Madleens Kammer hinauf. Die Kammer war leer. Der Handkoffer fehlte, alles war ausgeräumt. Madleen war auf Nimmerwiedersehn verschwunden. Was Mildred in der nächsten Zeit leistete, grenzte ans Übermenschliche. Sie besorgte die Arbeiten, die das Haus ihr auferlegte und wich dabei doch selten für länger aus der Nähe des Kranken. Jeden Nachmittag schleppte sie ihn – denn ein Gehen konnte man seine haltlos torkelnde Bewegung nicht nennen – nach dem Badezimmer hinüber und half ihm in die Wanne. Der eisige Chok des Wassers drückte jedesmal die Temperatur um einige Grade hinunter; gerade tief genug, um das Fieber in Schach zu halten. Gleichwohl blieb es andauernd nicht allzufern der Grenze, wo eine Erschlaffung droht. Die Straße der Verstörten verhielt sich während dieser Woche lautlos, obwohl sich Erwins Krankheit herumgesprochen haben mußte. Die Leute schienen, aus der Ferne beobachtend, zu lauern, was wohl aus dem einsamen Paar werden, wie es ihnen gelingen würde, sich allein durchzuhelfen. Dieses Schweigen und der Mangel jeder menschlichen Anteilnahme waren so ostentativ, daß sie auf der Gegenseite, nämlich Mildreds, dieselbe Empfindung verstärkt hervorriefen. Sie floh jetzt geradezu vor Menschen; denn alles, was sie gewärtigen konnte, waren ein paar langweilige oder unaufrichtige Redensarten; und die waren ihr verhaßter noch als offenes Ignorieren. Einmal läutete es an und siehe da: die zwitschernde Stimme der Miß Palmer war vom anderen Ende der Leitung hörbar: » How's the hospital? « Ob es Hohn war oder Teilnahme, war nicht festzustellen. Vielleicht sollte es eine kostenlose, humoristisch gemeinte Aufmunterung sein zum Durchhalten. Doch Mildreds gereizter Zustand vertrug keine Zweideutigkeit mehr, und sie erledigte diese zwitschernde Stimme kurzerhand dadurch, daß sie das Hörrohr über den Haken zurückschlug, in der Hoffnung, die alte Jungfer werde am Geräusch dieses Abschlusses erkennen, wie sehr sie sich verrechnet habe. Erstaunlich blieb, daß diese gottgefällige Dame, die doch auf der anderen Seite der Straße wohnte, die paar Schritte scheute, um sich persönlich zu erkundigen. Ihr Hymnus klang wie immer in der Dämmerung auf. Sie beanspruchte den lieben Gott offenbar so ausschließlich für sich, daß sie kaum auf den Gedanken kam, sie könne eine karge Portion des himmlischen Wohlwollens auch anderen gönnen. Mit dem Egoismus der halb Irren raffte sie Gnadenbeweise an sich und setzte sich darauf; vielleicht war sie auch der Meinung, daß mit diesen Privatandachten eine Fernwirkung erzielt werde – (was ja auch von ihrem Gesichtspunkt aus bequemer und praktischer schien). Es hatte noch kein einziges Mal seit jenen Tagen geregnet. Plötzlich, ganz unvermutet, erschien eine etwa dreizehnjährige Negerin mit der Bemerkung, Madleen habe sie geschickt. Madleen, die inzwischen wohl wieder nach New Port an die Ostseite gelangt war und dort Schauergeschichten über ihr sommerliches Abenteuer berichtete, hatte vielleicht eine Anwandlung von Reue verspürt und für einen Ersatz gesorgt. Das Mädchen wohnte in der Negerkolonie und schlief auch dort. Somit riskierte sie nicht viel; denn sobald es dunkel war, verschwand sie wieder, um das von Geistern umwitterte Cottage zu solcher Stunde zu meiden. »Sie könne alles,« behauptete sie schlicht. Sie war trotz ihrer Jugend bereits voll entwickelt, mit straffen Brüsten, Hüften, von deren geschmeidigem Muskelspiel das dünne, kurze Röckchen nicht viel verbarg, und kraftstrotzenden Armen. Sie packte ihre Arbeit an wie ein Raubtier, das sich auf Beute stürzt; war blitzschnell damit fertig und saß in den Pausen hinter dem Haus in der Sonne, Blätter durch die Zähne ziehend oder mit dem Frisieren ihres pudelartigen Haarwustes beschäftigt, den sie mit grobem Kamme unablässig strählte und mit Zitronensaft behandelte, um die Kräuselung zu verhindern. So, – hoffte sie, – würde man sie für eine Kubanerin halten. Sie war etwas hellfarbiger als Madleen und konnte wohl Anspruch auf besseres Blut machen. Eine Gesellschaft oder gar eine Aussprache für Mildred bedeutete sie natürlich nicht. Aber sie erfüllte die Funktionen des gutdressierten Haustiers, gab bei jeder Gelegenheit, oft auch unvermittelt, platzende Lachsalven von sich; hatte ein albernes Gemüt und brachte auf diese Weise etwas Stimmung ins Haus. Oft ließ sie sich auch ohne Bedenken beanspruchen, wenn sie grade mit dem Waschen ihrer Bluse – (der einzigen, die sie besaß) – beschäftigt war; und Mildred war zu tolerant gestimmt durch den Druck dieser Tage, zu abwechslungsbedürftig auch, um an der fröhlichen, gottgewollten Schamlosigkeit des halb nackten Naturkindes Anstoß zu nehmen... Im Gegenteil: dieser braune, biegsame, unkindlich starke Körper war fast eine Erholung für das Auge in einem Teil der Welt, der den Körper für Tabu erklärt. Wenn Lia vor einem weißen Vorhang mit der dunklen Linie ihres Rückens oder der scharfen Silhouette eines hervorgleitenden Schenkels sich umherbewegte, so war es ein Stück Natur, was da neben ihr waltete und dem sie sich innerlich näher fühlte als den Leuten, mit denen das Schicksal sie zusammenwarf... Zuweilen ließ Lia sich auch überreden, die Nacht hindurch dazubleiben. Sie hockte auf einem Kissen in der Nähe Mildreds, die sich der Anwesenheit des schwarzen Pudelkopfes zuweilen mit einem Blick versicherte. Dort war ja Hilfe und animalische Unterwerfung. Sie ging auf die primitiven Bedürfnisse des Menschenkindes ein und erntete die Anhänglichkeit eines zugelaufenen Hundes dafür... »Es gibt ein böses Wetter, Ma'm,« sagte Lia eines Morgens plötzlich. Um ganz im Dunkeln zu sein, trat sie halb in das Kämmerlein zurück, worin man Küchengerätschaften aufbewahrte. Dabei kämmte sie sich heftig das Haar. »Sehen Sie nur her!« Ein leichter violetter Schein glitt jedesmal über den knisternden Schopf. Die kugelrunden flüssigen Antilopenaugen darunter waren etwas weiter aufgerissen wie gewöhnlich, und Lias stete Heiterkeit gedämpfter. »Es wäre mir lieb, wenn du hier bliebst, wenn es ein Gewitter gibt,« sagte Mildred. Lia versprach es sehr zögernd ... Die Sonne verkroch sich in einer Stunde hinter eine kleine Wolke. Ein Licht wie um vier Uhr morgens herrschte, eine Art Dämmerung, in der die Dinge ihre Seele verloren. Die Ahornblätter schwebten starr in der Luft, wie nach dem Niederfallen eines Bannes ... Reglosigkeit fraß um sich und etwas geschah, was man sonst nie am Tage vernommen, oder was das Ohr nie deutlich empfunden: – die Baumzikaden begannen so heftig aufzuschrillen, daß man geschlossnen Auges wähnen konnte, es sei Nacht... Grauer Dunst kroch über den Himmel; keine konturenklaren Wolken waren das, sondern farbloser Rauch durch flammenden Himmel verteilt wie Pulver oder wie Schwaden von Qualm unter einem Gewölbe. Aus diesem Hellgrau schwärte eitriges Gelb. – Dabei verblieb unverändert jene reglose Erwartung; jene hochgradige nervenreizend-schwebende Spannung... »Du brauchst keine Angst zu haben, Lia,« sagte Mildred. »Wir sind zu dritt hier, und mein Mann spürt ja nichts davon.« Lia riß die Bluse auf und förderte ein Amulett zu Tage. Es war eine kleine silberne Kapsel, mit dem Harz eines Baumes gefüllt. Was es für ein Baum sei, darüber schwieg sie sich aus; jedenfalls hatte er nichts mit Christentum zu tun und stand irgendwo in einer versteckten Gegend von Westindien, wo sich afrikanische Riten erhalten haben mochten. Sie rieb die Kapsel, hauchte darauf, scheuerte sie an Nase und Mund und versenkte sie wieder zwischen den Brüsten. Dann entwickelte sie eine wütende Geschäftigkeit... Als dieser Anfall, dieser Versuch, ihr tierhaftes Schutzbedürfnis vor sich selbst zu verleugnen, vorüber war, kroch sie in eine Ecke der Küche, schlang die muskulösen Arme um die heraufgezogenen Knie, zwischen die sie das Gesicht steckte, und begann, eine Art Gebet zu intonieren, das Mildred nicht verstand. Jesus und die Muttergottes und eine Menge obskurer Heiligen tauchten darin auf wie Schwemmholz bei einem Dammbruch. Um ihr eine Richtung zu geben, beschloß Mildred, die Bibel zu holen. Sie ging und suchte sie aus der Bibliothek heraus. Es war ein dicker Lederband mit kupfernen Schließen und wog gut an fünf Pfund. Sie legte das Ungetüm vor Lia hin, die es eilig aufschlug und den ersten Text, den sie fand, dankbar in ihr Gebet hineinbezog. Sie schien jetzt beruhigt, gleichsam hinter einer sicheren Mauer verschanzt. Sie betrachtete dies aufgeschlagene Buch ganz naiv, vom Standpunkt eines Wilden aus, als schützendes Amulett, ähnlich dem an ihrer Brust. Sie faßte es von Zeit zu Zeit an und strich über die Seiten; und als Mildred später noch einmal hineinsah, hatte sie sich halb darauf gesetzt und war nun scheinbar überzeugt, daß ihr nichts geschehen könne –: wie ein Mensch, dem es gelungen ist, einen Zauberkreis um sich zu ziehen, dessen schützende Ätherwände die bösen Mächte nicht zu durchstoßen vermögen. Daniel Die Luft über dem Fichtengebiet glich einem reglosen Tümpel; und zuweilen schien es, als schleudere ein ferner Riese hart aufplumpende Steine hinein. Wellenringe entstanden mit maßlosem Aufschrillen der Zikaden; sie brandeten an die Fenster und verebbten. Erwin hatte den Kopf mit geschlossenen Augen in die Kissen zurückgelegt. »Habe ich nicht einmal«, dachte er, »von einer Mauer aus Stahl geträumt? – Ha! Jetzt kommt sie heran; jetzt ist sie in Hörweite! – Jener leise Laut, den ich oft gehört –; jener winzige Klang wie von Metall an Porzellan –: der schwindet nun dahin. Sein Ursprung wächst dunkel heran, aus Schlünden gröhlend, die uns verschlingen wollen... Noch kann man sich zurechtlegen dafür–: bereit für den Feueratem.« Ihm war, als höre er Trommeln; wirre, erstickt verklingende Schreie; wie unter Eisenfüßen erlöschend, die in dumpfen Pausen stampften. Doch in der purpurnen Verstecktheit seines Fiebers wuchs sein Mut und seine Bereitschaft.– – Sein Gesicht durchdrang noch einmal das Nächste: er spürte Mildred sich zur Seite ... Dann lief er gewichtslos um das Haus; prahlte furchtlos als heller Geist umher. Er schritt die Einfahrtsallee herab; verachtete den Postkasten so, daß er nach ihm spie, und sah scharf nach allen Richtungen, Auslug haltend als einzige klare Intelligenz unter all den irrwischhaft verstümmelten Seelen, die der nahende Weltuntergang beschwor... Hinter jedem Strauch hockten Gruppen von Kindern, die böse und starr aus umränderten Augen in verschwommenen Gesichtern nach ihm spähten, oder magere Glieder in Verzückungen spreizten wie unter der Wirkung erregender Gifte. – – »Die Kinderkrankheit« – dachte er, fast befriedigt, dem Übel Aug' in Auge zu stehn. – – Die Straße der Verstörten lag in fahlem Licht. Bis auf das Sterbegezeter der Kinder schien sie lautlos. Die Veranden standen leer; von Stühlen besät, die ohne den Antrieb eines Windes schaukelten, so als seien sie eben verlassen worden. In einem saß Miß Palmer; doch es war wohl nur ein Schal oder ein Bündel von Kleidern, von einer wackelnden Perücke gekrönt. Der Himmel blieb stechend gelb. – – Erwin wiegte sich eine Zeitlang in dem Bewußtsein, die Straße, ja die ganze Gegend gehöre ihm ... Dann begab er sich, einem dunklen Antrieb folgend, wieder in sein purpurnes Verließ zurück. »Die Mauer, die Walze, oder wie man das europäische Unding nennt,« dachte er, »ist gut konstruiert; sie läuft auf Rollen. Man drückt auf einen Knopf, und tausend Kanonen von jedem Kaliber gehn auf einmal los. Sie ist eigentlich ein einziges Maschinengewehr von der Größe eines Gebirgszugs; man kann Länder damit bestreichen... Jetzt werden sie ausgetilgt, einer nach dem andern von diesen vierundzwanzig Staaten!! Das hat sein Gutes! Man räumt mit diesem Kontinent auf; mit dieser Selbstzufriedenheit; man läßt die aufgeblasenen Nullen ins Gras beißen und ersäuft sie in Hekto-Tonnen von Blut wie mit einer Gartenspritze. – Sehr gut ausgedacht; das ist deutsche Gründlichkeit... Uns bringen sie auch dabei um; mitgegangen – – mitgehangen.« – – Knattern erscholl. Violette Brände umhuschten den roten Vorhang vor seinem Hirn wie Strahlenbündel von Scheinwerfern, die in Höhlen fallen und sie sekundenlang entblößen. Dann trieb er eine Zeitlang ruhig fort, bis auf einmal folgendes eintrat: Er spürte, daß die Luft ihm fortblieb. – Im selben stockenden Atemzug geschah ein stechender Strahl. Durch sein Hirn fiel mit blechernem Getöse ein Klumpen Erz. Es hörte sich an, als stürze alles nach innen gestülpt zusammen. Die Luft sott; der Umkreis wankte hinter durchsichtiger Flamme. – – Das Echo der Detonation hing noch, Nachschmerz einer klaffenden Wunde, an derselben Stelle. In diese offne Wunde hinein, in dies Loch in der Luft, drang ein kindlicher, angstvoller Schrei. »Nun ist es so weit,« dachte Erwin fast befriedigt. – »Jetzt werden wir ausgerottet. Da gibt es noch ein Reptil, das sich wehrt.« Sein Geist huschte zwischen die traumhaft entstellten Büsche der Einfahrt und er hörte einen Strudel quäkender Worte von der Richtung der Sektiererhütte her. – »Die haben –« und er ergrimmte, – »neun Leben wie Katzen. Nicht einmal so ein Krach genügt, um sie zu erschlagen.« Er spähte; – da stand statt der Hütte ein Hühnerbrutofen aus weißen Kacheln; es stank nach Karbol; ein formloses Gesicht, wie aus Erde, sah ihn von unten an; er erschrak heftig. Ihm wurde übel. Jemand schrie ihm ins Ohr. Mildred schüttelte ihn an der Schulter; er war in seinem Bett. Sein heißer Blick liebkoste ihre blassen Knabenzüge, und als setze er ein Zwiegespräch fort, sagte er: – »Diesmal wäre es beinahe schief gegangen, alter Junge.« » Hurry up! « zischte sie. – »Du mußt herunterkommen. Es hat gerade im Korridor eingeschlagen. Die Brandspur geht bis in den Keller; die Pumpe scheint kaput zu sein ... Sehr angenehm ... Hoffentlich ist das Wasser von heute früh noch da... Komm, ich helfe dir.« »Wer singt denn da?« »Lia. – Sie betet.« – Ein nervöses kleines Lachen. – – »Komm, – halte dich auf der Treppe an mich.« Er erhob sich und schlang den Arm um ihren Nacken; so tastete er sich das Treppchen herab. Im Wohnzimmer setzte er sich nahe dem Kamin in den tiefen abgenutzten Ledersessel vor dem ovalen Mahagonitisch. Mildred deckte ihn zu und setzte sich ihm gegenüber. »Scheint ja ein ziemlich starkes Gewitter zu sein!« meinte er nach einer Pause. »– scheint!! – –« echote sie spottend. Ihr Gesicht fand wieder dies halbe blasse Lächeln... – »Seit vier Stunden donnert und blitzt es ununterbrochen. Dabei kein Windstoß und kein Tropfen Regen... Wie Lia vorhin schrie, horchte ich an der Küchentür; dachte natürlich, sie würde weglaufen... Weißt du, was sie tut? Sie hat sich so klein gemacht, wie es nur geht, Kopf zwischen die Knie gesteckt, – und dabei deklamiert sie ein paar Verse aus dem Alten Testament, die sie zufällig erwischt hat... Von Daniel in der Grube oder sonst einem Propheten ...« »Daniel –?–!« »Ich glaube ja. – – Setz dich jetzt auf; wir wollen Halma spielen.« – – – Um das Haus rührte sich nichts. – Kaum ein leises Schwanken durchlief die Ahornblätter. Bald knatternd, bald gedämpft, in kleinen quälenden Pausen, ward die Atmosphäre zersplittert. Das glich Peitschenschlägen oder dem bösartigen Geräusch einer höllischen Kinderknarre, die ein Netzwerk von knisternden Strömen erzeugte. Das schwüle Gelbgrau des Himmels lastete schiefern und stumm. Zuweilen sprang im Wald mit tückischem Knall ein junger Fichtenstamm auseinander; brenzliche Gerüche zogen umher. – – – Ein leiser Choral drang dazwischen: – näselnde, krächzende Stimmen; verschwommen hörbar. – Irgendwo draußen an der Straße hatten sich einige Gemüter zusammengefunden und stellten sich, unter dem Vorsitz der Miß Palmer, in zäher Andacht unter Gottes Schutz. – – – Erwin und Mildred begannen Halma zu spielen. Er vertiefte sich so in die kleinen Quadrate, daß er von dem Unwesen eine Zeitlang nichts spürte. Mit innigem Wohlbehagen nahm er die weiße, im Gelenk so energisch gestraffte Hand wahr, die die Figuren tastend setzte; sah nur ihren geneigten Scheitel, von dem die Haare ungebärdiger denn je wegstanden – so, als zögen Kräfte, die sich ob ihnen angesammelt, die seidene Kappe gleich einem Kranz spitzfingrig auseinander. Sein Blick tauchte an ihrem Kinn herab in den Ausschnitt ihrer Bluse, in die Grube zwischen ihren spröden jungen Brüsten ... Sonst hätte ihn dieser Einblick wie eine immerbereite Verheißung entzückt; heute sah er hinüber auf dies Spiel leichter Schultermuskeln wie auf etwas Totes und Mechanisches, auf eine bloße Krücke für seine trübe Hilflosigkeit... Die Vertiefung unterhalb der Kehle dort füllte sich in schneller Folge mit weicher Glätte oder sank schattig ein; seine Nasenflügel zitterten von heftigem Atem; die Lippen des herben Mundes standen trocken und halbgeöffnet. Auf einmal hob sich das schmale Gesicht mit gespanntem Ausdruck und die Augen sahen ihn an –: nicht mehr streng und meerfarben, sondern halbblind, verschleiert und von nie erblickten Äderchen gerötet. Es war ein Ausdruck unbedingter, seufzender Anheimgabe, als habe ein grausamer Schlag den schlanken Nacken matt und gefügig gemacht. Wäre sein Blick nicht gleich dem ihren getrübt gewesen, so hätte er bemerkt, daß in ihre Stirn Falten krochen und daß ihre dunklen Brauen, von Zucken durchlaufen nach der Schlaflosigkeit dreier Nächte, in Schwebe zitterten. Es war, als balanciere Mildred, wie ein durch Überstunden geschwächter junger Artist, auf kurzem Stab eine Glaskugel, die sie nicht aus den Augen lassen dürfe, deren Fall ihr Ende bedeuten würde. – – – Noch eines hätte er bemerkt –: das hektische Rot, das zuweilen wie eine zarte Wolke ihre Wange durchschimmerte; der Puls, den er unter ihrem Ohr hüpfen sah; die Unruhe der schlanken Knie; die Geschwindigkeit der allzuleicht hingeworfenen Worte: – dies alles nahm seinen Ursprung von dem feinen Rand weißen Pulvers, der kaum sichtbar ihre Nüstern säumte. Der Körper versagte; doch jähe Sorge sog neue Kraft aus Giften ... In Mildreds schwirrendem Ideentumult wechselte Erwins Bild, je nachdem halbgefälschte, balsamische Fröhlichkeit oder schwarze Gedankenschärfe es erschuf. Sie hielt geheime Zwiesprache mit Dem, der ihn wegreißen wollte. Sie sagte etwa: »Du bringst es nicht fertig,« – und lächelte tragisch-mokant dabei. »Er ist zu schwer. Auch ich habe Mühe, ihn über den Korridor in sein Bad zu schleppen. Er ist zu solid; sein Körper ist zu stark; seine Brust zu breit.« – – Und dann – mit ungeheurem Schluchzen tief innen, bei dem sie keinen Laut von sich gab, bei dem ihr nur die Ohren brausten: – »Würdest Du ihn doch wollen? Wozu? Habe ich die Hindernisse nicht genommen? Habe ich mich nicht ganz meiner selbst entäußert, um seinetwillen, nur um seinetwillen? – – Wo wäre da ein Sinn? Hätten wir uns trotz schauerlicher Verhetzung gefunden und zusammengeschlossen, wenn es umsonst gewesen sein sollte?? Wenn diese Erkenntnis des Blutes, diese mühsam erzwungene Harmonie entwertet sein sollte durch ein wenig verpestenden Schmutz? – – Denn was ist Krankheit anderes??« Sie dachte des Windes, der in fauchender Reinheit über die Heidehügel von Sussex fährt, und ihr Körper sträubte sich. Sie blühte gliederrein, keck und klar; sie, Feindin allen Schmutzes. Nur um den Schlaf wegzuhalten, hatte sie sich dem Gift genähert und es mit starkem Griff bewußt gebraucht. – – »Ich darf ihm«, dachte sie dabei, »halbwegs auf dem unreinen Pfade folgen, den er gehen muß. Mein Schlaf wäre sein Ende. Das darf nicht sein.« Sie sah ihn plötzlich in die Lehne zurücksinken. Schatten lagen unter seinen kaum gespaltenen Lidern, durch die fiebertrockenes lebloses Email matter Augäpfel schimmerte wie ein bläulicher Strich. Seine starkknochige, nun so kindermatte Hand fegte mit resignierter Bewegung die Figuren zu Boden. Sie unterdrückte den Impuls, aufzuspringen; Angst flammte auf. Ein Krach folgte; ein Geräusch vor dem Fenster wie das Zerreißen von Seide. Gemarterte Luft zuckte nach ... Einen Moment war ihr gewesen, als sinke Erwin mit zerstörten Konturen ins Polster zurück und trete entweichend hinter den Stuhl. Doch als das kurze Aufächzen der Natur vorüber war, sah sie ihn wieder am alten Platz, halb schlafend, wie ihr schien. »Es wird gut sein, ich bring ihn ins Bett, solang er noch halbwach ist,« dachte sie. Sie rüttelte an seiner Schulter; er stand mühsam auf und ging tappend, wie zuvor, in die Kammer hinauf; ins Bett. Sie ordnete seine Kissen und legte ihm die Klingel nahe; er sah dies alles und dachte: »Ich stelle mich am besten müde; dann hat sie für ein paar Stunden Ruhe.« Kaum war sie jedoch aus der Kammer, als seine heißen Augen sich öffneten und groß und glanzlos zur Decke hinaufstarrten... Mildred blickte beim Hinuntergehn kurz in die Küche und bemerkte, daß Lia noch in gleicher Stellung in der Ecke saß. Einen Anruf erwiderte sie nicht. Sie befand sich offenbar in der Trance, die äußerste Angst erzeugt. Zuweilen durchlief ein Zittern die nackten Schultern, von denen die Bluse zerfetzt herabhing. Mildred strich ihr mit der Hand über den Rücken; es war, als berühre sie lebloses Holz. Achselzuckend ging sie zum Wohnzimmerkamin zurück. Hier setzte sie sich, die Hände ums übergeschlagene Knie geschlungen. Sie legte den Kopf an die Lehne und schloß die Augen. Doch der Schlaf mied sie. Sie fuhr fort, alles zu hören, was um sie vorging. Sie saß wie in einem Bann; unfähig, ein Glied zu rühren. Sie war tödlich erschöpft. Das Gewitter hatte für den Augenblick an Kraft eingebüßt; es donnerte ferner und blitzte seltener. Doch das war nur eine Pause... Das Unwesen hatte sich zurückgezogen, um sich aus einem Klumpen schwangerer Wolken, die der unersättliche Horizont inzwischen geboren, neu zu speisen. Dort entwarf es frischen Kriegsplan in murmelnder Zwiesprache. Jetzt, da sich die neuen mit den alten Massen trafen, gab es knirschende Reibung. Verschmolzen quollen sie wieder herzu. Das Knirschen wuchs; ungeheurer Schall schlug dröhnend in den Raum; wiederum erblühten die Risse an gelbgrauer Kuppel. Wie eine erstickende Last von Wolle hing die Atmosphäre über den Fichten; kein Wipfel zitterte, kein Blatt schwankte. Es kehrte der Dunst zurück, jener dauernde Fieberschmerz des Himmels ohne den lindernden Balsam eines einzigen Tropfens ... Mildred riß die Augen auf. Es hatte im Kamin gepoltert; – – wie in den dunklen Schacht ihrer eignen halbirren Seele war eine weiße Flammengarbe herabgefahren und zischend verloschen, Schwärme von Funken verspritzend wie ein Feuerwerk. Der Nachhall eines wüsten Geschehnisses bebte noch um sie her wie das Echo von Schreien. Hatte sie geschlafen?? – – Ihr Herz pochte wild. Es war ganz dunkel geworden. Sollte sie die Lampe entfachen? Die Rechtecke der Fenster waren schwarz. Doch da – –: in zuckender Lebendigkeit hervorgezaubert und tückisch ausgetilgt, sprangen sie violett aus der nächtlichen Wand. Haarfein erglomm jedes Drähtchen. Unaufhörliches Knattern umstand das Haus. Ströme verästelter Entladungen rannen verwebt zu einem Vorhang von Phosphor an den Rahmen herab. Mildred ließ sich kraftlos in eine bequeme Lage gleiten. In all dem Tumult sank sie zurück und ballte die Hände auf den Knöpfen der Seitenlehnen. Ihre Beine streckten sich eng zusammengeschmiegt; ihr Körper wurde starr vom Willen, dies alles zunichte zu machen dadurch, daß sie die Augen schloß und nicht daran dachte. Frachtzüge, über Brücken, rumpelten vorüber. Stahlgerüste stürzten ein und zersprangen auf Dächern von Blech ... Mildreds weißes Gesicht, bei jedem Blitz kalkfarben aufschimmernd, ruhte gespannt, mit senkrechter Brauenfalte, auf der Polsterung. Ihre kurze, feingebogene Nase stand spitz in die Höhe, und ihr entfuhr ein tief heraufgeholter, gewaltsam erzwungener Atem: ein Keuchen wie im Kampf, – und dann ein ermattetes, halbsingendes Saugen in eine langsam beruhigte Brust. Erwin indessen blieb oben wach. Er zählte die Blitze; dann gab er es auf. Sein Kopf ward seltsam leicht und klar ... In den Kreis seiner Vorstellungen, die alle etwas Mildes hatten, trat plötzlich Lia... Ob sie noch unten sitzt und betet? – Oder ob sie zur Salzsäule erstarrt ist wie jene andere, die hinter sich sah, da es Pech und Schwefel regnete? – – Womit hat sie sich gewappnet? Mit welchem Text? – – Ah... richtig... mit dem »Propheten Daniel«... Was hat es doch für eine Bewandtnis mit diesem Daniel – ?? – – – Erwin grübelte. Auf einmal, ohne daß er sich des genauen Textes erinnerte, traten Bilder hervor; scharf wie aus leiblich erlebtem Gedächtnis; – Bruchstücke wie dieses: »Er betete dreimal täglich zu seinem Gott« – oder: »Er hatte aber an seinem Hause offene Fenster gen Jerusalem.« Er übertrat – das wußte Erwin genau – das Gebot der Meder und Perser. Dafür warf ihn der König zu den Löwen in die Grube; – doch die Löwen rührten ihn nicht an... Wie sah doch diese Grube aus? – – Ha, jetzt weiß ich es!! Sie ist ein Zwinger am Fuß der Stadtmauer, die senkrecht ansteigt. Tagsüber wird sie ob ihren Zinnen und Wachtürmen vom brennend blauen Himmel gesäumt. Bei Nacht schneidet sie, schwarz und doppelt mächtig, quer durch Gruppen von Sternen hindurch. Der Zwinger, aus massiven Quadern, macht ein Entkommen undenkbar. Ringsum droht glatte Wand; die Hand kann nur seine Ritzen ertasten, wo die Steine ineinandergefügt für die Ewigkeit gefesselt lasten. Daniel geht hin und her, tastet, späht aus tiefliegenden Augen. Es ist Dämmerung. Wohin er greift, ist glatter Stein. Er ist verstoßen und mager; schmutzig und ein Kind trüben Dunkels. Mit allen Sinnen ist er eines unsagbar Grauenhaften gewärtig, das kommen muß; seine Versuche, zu fliehen, sind nur halb beherzt. Er lehnt sich an die Mauer und steht reglos. Sein scharfes Gesicht – das Gesicht eines Raubvogels – sinkt nach vorn. Denn er hat ein Geräusch gehört, das er mit den eigenen Sandalen nicht vollführen konnte; ein Schleppen oder Kratzen ... Und während seine Blicke die Dämmerung durchbohren, sieht er es fahl aufschimmern, dort in der anderen Ecke ... den schwachen Doppelstrahl von verwestem Grün. Plötzlich heben sich Konturen ab, langgestreckte, gleitende, unheimlich veränderliche... Ein fließender Ring von schweigenden Silhouetten dreht sich um ihn. Er erkennt sie deutlicher. Gelblicher Schimmer sich regender Pranken huscht über den Boden. Zuweilen streift ihn ein Hauch wie Kloakendunst: – Ausgemergelter Mägen gierige Leere stinkt aus blauschwarzen Schlünden. Es seufzt rasselnd; Luft aus schwülebeladenen Lungen wird entlassen; im Krampf zurückgeschlürft. Klauen schlagen auf, fächerartig aus weichen Ballen entfaltet. Und an den Schnauzen, die ihm entgegenbeben, entstehen Faltenkränze wie halbirres Grinsen. Unablässig geschieht der stumme Tanz, der Tumult weichwogender Rücken... Und Daniel – – ? Er sitzt jetzt am Boden und verschlingt die Hände über den spitzen Knien, deren Haut, vom Wüstensand zerschürft, dem Leder seiner Sandalen gleicht. Seine Augen drehn sich brennend nach den Schatten. – – Sein Kiefer knackt im Gelenk, während wilde Willensanspannung seines Halses Muskeln strafft, seine Stirnhaut herabzieht. – – »Ihr kommt mir nicht nahe...«, denkt er dabei. – »Ihr kommt mir nicht nahe...« – – Irgend etwas, fühlt er, feit ihn gegen die Tiere. – Und er blickt empor. Dort, über dem Rand der Kluft, hängt jemand mit vorgebeugtem Leib. Ihm ist, als höre er das Geräusch schwingender Halsketten, die an den Stein schlagen, von schweren Atemzügen bewegt. Es ist ein leise klirrender Rhythmus. – Er schließt die Augen – : – »Es ist Nacht. – – Sonst würde es bunt dort blitzen.« ... Die ganze Zeit über, fühlt er jetzt, hat jener droben gehockt und gelauscht, gelauscht ...: – »Wann bersten die Knochen des Starren in der Grube – ? – ? ... Wann empfinden meine Nüstern den Blutdunst zerschlitzten Fleisches??« ... Zuweilen rascheln die Falten weiter Ärmel. Ein scharfes Profil hebt sich bis ins halberblaßte Sternenlicht. Der Schattenriß eines langen, steifen, kunstvoll gekräuselten Bartes steigt zuckend auf und ab. – – Und wieder vermeint Daniel die Worte zu hören, die er schon einmal als Gezisch vernommen aus diesem selben gesalbten Barte hervor: »– – Dein Gott – dem du ohne Unterlaß dienst – der helfe dir!!« »Ohne Unterlaß!! – Ohne Unterlaß...« – – – Er strafft sich; er steht auf. Er senkt seinen Blick in die grünen, von fließendem Opalglanz molkig durchwallten Lichterpaare, die ihn umkreisen. Er sieht sich von diesen schillernden Katzenaugen selbst gespiegelt: – als verschwommenes weißes Kreuz in der Dunkelheit. Und er greift in den Stein. Seine eiseren Finger tauchen in den Granit; die Handteller sind nach innen gedreht und fiebern danach, sich zu füllen. – – Denn er fühlt eine unerkannte Gegenwart, – ein lichtes Etwas –, – einen Freund in der Mauer... denselben, dessen Kleid die Morgensonne bläht, wenn sie durch die offenen Fenster seines Sommerhauses funkelt. »Man kann mich nicht –« denkt er wütend, »– zur Andacht vor Götzen zwingen, deren Wesen mir fremd ist!! – – Ich grabe dich aus der Mauer, o Freund, o Siegel, o Wort!!« Und siehe: Die dunkle Gestalt dort droben auf der Brüstung seufzt heftig auf. Die herabhängenden Edelsteinketten werden emporgezogen; die Ärmel schwanken zurück und entschwinden. Er aber, Daniel, fühlt sich von hinten umfangen. Er hört ein Flüstern: die Kraft, die er aus der Mauer gegraben, steht hinter ihm –: – eine stumme, Macht aussondernde Vielfalt seiner selbst, ein sanftleuchtender Dämon, geschlechtslos und riesenhaft; – – mit leidendem, mit unantastbarem Lächeln, und groß wie ein Turm. Die grünen Lichter schrumpfen zusammen. Sie glimmen aus der Ecke, aus einem trägen Haufen aufeinandergeballter Schatten: Irrwische, die ein Morgen verscheucht – – Und fern, fern, verklingt das Klirren der Gewappneten in den Höfen ...! Erwin schrak auf. Die obere Glasverkleidung der Fenster zitterte noch nach von verhaltenem Donner. Aufrauschendes Rascheln geschah ... Träge Windstöße schleppten leise Linderung herbei. – – – »Wenn es doch endlich, endlich regnen würde!!« Er rührte die Glocke; doch drunten, im Wohnzimmer, blieb es still. Angst ergriff ihn; er versuchte aufzustehn, war aber zu schwach. Er klingelte heftiger; endlich regte es sich. Sein Gehör folgte, schmerzhaft gespannt, leichten Schritten. Auf einmal stand sie, Mildred, wie ein Schatten in der Tür – – den einen Arm tastend an der Wand, den andern gestreckt und die Klinke erfassend. – – Sie fragte: – »Brauchst du mich..?« Und in ihrer Haltung glich sie (er konnte sich nicht erklären, wie er auf den seltsamen Gedanken kam) einem verschwommenen weißen Kreuz . Zweiter Teil Der Fall des Leutnants Zuckschwerdt Er führt sich ein Erwin stand vor dem kleinen Tunnel unter den Zweigmassen des großen Wacholderbaums. Hier hatte er sich einen Tisch und eine Bank aufgestellt und nannte es seine Arbeitshöhle. Aufgeschlagene Bücher lagen dort, Hebbels Tagebuch und einige Manuskriptblätter... Das Laub war so dicht, daß es kaum einen Regentropfen, geschweige denn einen Sonnenstrahl durchgelassen hätte. Grüne Dämmerung herrschte, und die einsame Bekennerstimme des kranken Titanen Hebbel schien eingefangen wie der Ruf des Meeres in der Muschel. War es nicht, als schwebten noch einzelne Seufzer aus einer zeitlich und räumlich so fernen deutschen Leidensgruft umher? – Kostbarer Geist, hier bist du unverständlich; nur in verstecktestem Winkel vermagst du Schattenflügel zu regen! – Übermannshohe Wiesengewächse verdeckten die Aussicht in das Tal. Das Haus, das Erwin jetzt bewohnte, stand auf dem Abhang eines Hügels mitten in Ohio, in der Gegend Cincinnatis auf dem Lande, unfern einer kleinen Bahnstation namens Tower-Hill; doch hätte es ebensogut auf der Luftlinie aller Radien stehn können, die von ihm ausstrahlten über den Kontinent; und nirgends hätte es Befremden erregt. Es war eine zweistöckige Villa: zusammengenagelte Latten auf einem Backsteinfundament mit einer gaisblattumwucherten Veranda. Nichts erinnerte in dieser Gegend daran, daß die amerikanische Kriegserklärung bereits drei Monate alt war. Der Hochsommer des Jahres siebzehn trug hier das Gesicht der früheren. Der »Kleine Miami« schlängelte sein silbriges Lehmgrau durch Gruppen kompakter Erlen oder an einzelnen turmhoch ragenden Pappeln vorbei, die wie Stümpfe eines Riesenhains der Vorwelt die Landschaft sprenkelten. Die Hügel trugen gelichtete jüngere Waldbestände. Ein breiter blendender Glanz erfüllte den Umkreis. Eine durch kochende, schier tropische Glut hervorgelockte Fruchtbarkeit zwängte sich in alle von Menschenhand gehackten Lücken und überspann sie neu: Unendliche Einfälle Gottes; zitternder Formenreichtum. Die Luft über der abfallenden Wiese schwang wie hinter blasser Flamme, durchbraust vom Sieden der Pflanzensäfte und vom Geschwirr schönfarbiger Wespen. Nichts tat Erwin lieber, als diese Wiese langsam zu durchqueren; mit zärtlich wachsamem Knie durch das Dickicht neue Gänge zu stoßen, die sich aufschnellend hinter ihm schlossen. Er war stärker geworden, behäbiger wohl auch: die Behäbigkeit einer stumpf harrenden Resignation ohne unmittelbarste Brotsorge ... Sein Gesicht war farblos, wenn auch nicht ungesund. Doch sein Blick bekam etwas Entgleitendes, sobald er fernere Gegenstände zu fixieren suchte. Mr. Bye, der Farmer auf dem Nebengrundstück – der gerade in die Beschäftigung vertieft war, Maishülsen zu rupfen – warf einen Blick hinüber und deutete sich murmelnd an die Stirn. Was wohl dieser beschäftigungslose Dutchman da wieder in der Wiese machte! – Er war ja freundlich; es war kein schlechtes Auskommen mit ihm. Aber Mr. Bye hatte sich längst berichten lassen, daß jener ein Deutscher war. Man hatte ihm geraten, ein halbes Auge auf die Bewegungen des Fremden zu halten; – hatte er, Mr. Bye, der semmelblonde lattendürre Farmer-Zimmermann, das aber nötig! – He! – Er wußte nur zu gut, daß seiner eigenen Verschmitztheit nichts entgehen könne; daß jener zu korpulent war und zu durchsichtig zugleich, um jemals auch nur den kleinen Finger für Spionage oder sonstige tiefkriminelle Unternehmungen zu rühren ... Außerdem wußte der Farmer, daß es außer dem seinen noch mehr halbe Augen gab, die sich in regelmäßigen Zeiträumen der kompletten Ungefährlichkeit des Fremden versicherten. Seine Bauernbedenklichkeit wäre auch nie erwacht, hätte er Phantasie genug besessen, zu begreifen, was Erwin tat. Aber er begriff es nie! Erwin hatte Momente, wo er jung und klein war und sich in einem Garten im Herzen Mitteleuropas beschaulich fühlte. Mit zerschrammten Knien saß er auf dem Boden und erlebte atembeklemmende Andachten vor dem Wunder eines Schmetterlings, der ruckweise unter der Hutkrempe enthüllt ward; dessen Zappeln man dämpfen mußte, um ihn zwischen spitzen Fingern betrachten zu können ... Erwachsene Menschen in Amerika, selbst wenn sie solche Momente haben, vermeiden es, in den Verdacht zu kommen, kurzhosig zu sein, das heißt: zu träumen. Es gibt dort keine Wunderdinge, die man mit Hüten aus der Luft holt. Jetzt stand der Deutsche wieder auf und wurde dadurch um zwanzig Jahre älter. Er schützte seine Augen und blickte umher, während Mr. Bye sich murmelnd wieder seinen Maishülsen zuwandte. Erwin genoß sein tägliches Panorama: die Schwalbenschwänze dieses Himmelsstrichs. Da war der Turnus, der in Gruppen auf den Dolden saß unter eitlem Beben leuchtend-zitronengelber Schwingen. Da schoß es schwarzblau vorüber: der Ajax mit bräutlicher Schleppe; wie ein getigerter Pfeil. Erwin kannte sie alle; sie waren seine Freunde, seine Geschöpfe. Sie waren eine stumme Gemeinschaft unbefangen flatternder, ihm innigst verwandter Wesen. Sie wußten nichts von den anschwellenden Energiekrämpfen der Menschenhirne nach zwölf Monaten tagtäglicher Peitschenhiebe; tagtäglicher Mißhandlung und Irreführung! – Die Türglocke unten erscholl. Erwin fuhr auf und ging weiter. Dort am Fuß des Hügels, auf der pulverweißen Straße stand ein kleines Automobil; und schon sah er Mildred um das Haus herum kommen in Begleitung eines Mannes. Was an diesem Mann sofort auffiel, war eine eigentümliche Art zu gehen. Es war als trete er die Luft vor sich nieder. »Besuch«, dachte Erwin. »Aber wer in aller Welt kann das sein?« Mildred stieg ihm allein entgegen. Der Mann machte Halt und stellte sich auf bescheidene und doch selbstbewußte Weise in den Hintergrund. Mildred schien erregt. »Du, ein Deutscher; er hätte von dir gehört. Heißt... Sökswert... oder so ähnlich; wünscht dir vorgestellt zu sein.« Erwin kam langsam näher, worauf der Besucher ihm ein gerötetes Gesicht zuwandte. Transpiration gab seinem Lächeln noch eine besonders erschöpft hingebende Note. Auch lächelte ein buntes Hemd aus einer blauen Jacke hervor; und weiße Flanellhosen entblößten, diskret und doch deutlich, bei jedem Schritt Seidensocken über lederbekappten Segelschuhen. Der Herr, nach abwartender Abschätzung der richtigen Entfernung, begann mit leicht zuckenden Verbeugungen bei selbsttätigem Oberkörper. Die Beine schlossen sich zum starren Sockel. Die Bewegungen waren durchaus unamerikanisch. Der Herr nannte mehrmals seinen Namen, der zunächst nur einem schnalzenden Zischlaut glich, und erklärte den beschmutzten Zustand seiner Hände mit einem Hinweis auf den Kraftwagen. »Viel Dreck, verstehen Sie ... Pardon! ... meine Fett; Benzin, und solche Sachen!« »Lassen Sie das nur gut sein. Mein Frau gibt Ihnen Seife und dann sehn wir uns beim Essen.« Der Gast war einverstanden. Abkühlung sei heute nötig, he he! – Etwas gedämpfter zu Erwin: »Er schwitze wie eine Braut im Juni!« Seine Augen blitzten. Etwas Forsches, zu Mildred geäußert, die neben ihm um die Ecke des Hauses zurückging, verschmolz sonor mit den verschiedenen Sommer- und Küchengeräuschen. Da scholl das aufquietschende, aus der Ratlosigkeit leerer Verdauungsschläuche steigende Gebrüll der schwarzbehaarten Säue im Verschlag; da schoß Rascheln zusammen; – da gackerten die Plymouthhühner; da tönte die schrille Lockstimme der Frau Sniggers. Und durch alles hindurch klang die Stimme des Besuchers, lauter noch als das töricht-schnappende Gebell des Jagdhundes Smutty, der, noch immer erstaunt über den Besuch, Monologe hielt und auf der abfallenden Wiese erregt über die eigenen jungen Pfoten stolperte. Der Tisch war gedeckt. Erwin fragte Mildred: »Was will er und was ist er?« – – »Er würde das erklären, wenn er dich spricht. Ich glaube, ich sehe ihm zu englisch aus; bei dir taut er auf. Still, da kommt er.« Man hörte das Kracken von Treppenstufen. Hatte der Herr vorhin einen etwas beanspruchten Eindruck gemacht, so sah er jetzt aus, wie aus dem Ei gepellt. Er bediente sich geschickt und kräftig mit einem Stuhl, und saß. Hierauf lächelte er freundlich und hob, während er mit der Gabel ohne hinzusehen aus der kalten Platte das Wesentliche herausstach, zu einer kleinen Selbsteinführung an. – Zunächst stellte er sich noch einmal und diesmal deutlicher vor: »Zuckschwerdt; Oberleutnant in der Pionierabteilung des 22. Artillerieregiments, Dinklage.« – – Das Ganze gelang ihm, indem er einmal kurz ausatmete. – »Momentan bin ich Maschineningenieur. Hörte, daß hier deutsche Herrschaften wohnen. Da sagte ich mir: »Zuckschwerdt, sieh dich mal um nach diesen Herrschaften. Landsleute müssen heutzutage zusammenhalten!« – – Werden auch nicht viel Verkehr haben, was?« »Danke, es geht,« meinte Mildred. Eine kleine Pause begann, die durch das Kauen des Gastes ausgefüllt wurde. Mildred war zu neugierig, um zu essen. Ihre geschwungene Lippe war leicht geschürzt; ihr Kopf stand aufrechter als sonst auf gestrafftem Hals. – Da war nun endlich einmal einer, der keine Umstände machte!... Doch auf der anderen Seite: es war auch wieder nicht die englische Art, sich bei fremden Leuten zu Hause zu fühlen. Es war ein Ansichraffen von Bekanntschaft; eine Adoptierung ihrer selbst und Erwins, was der Leutnant betrieb ... Dies war der erste deutsche Krieger, den sie kennen lernte. Er wollte wohl als solcher betrachtet werden; denn sonst hätte er sich nicht als Oberleutnant eingeführt. Sie sah (und so ähnlich hatte sie sich die Kaste aus der Nähe vorgestellt) – gewisse unverwischbare Merkmale. Der runde Kopf hatte jeder Amerikanisierung widerstanden; vielleicht gegen den Willen des Besitzers. Aus dem Gesicht, roh und gut geschnitten, sprang eine Nase wie ein stumpfer Schnabel. Der Mund, der in Momenten, wo Zuckschwerdt an nichts Bestimmtes dachte – (und solche Momente sollten sich noch häufig zeigen!) – leicht offen stand, war lang, animalisch feucht und etwas wulstig. Über die Kiefergegend, die aggressiven Muskelknoten unterm Ohr, fühlte man sich getröstet, wenn Zuckschwerdt lächelte. Dann produzierte er seltsam weiche, geradezu anheimelnde Grübchen in der gesunden rostroten Wangenhaut. Das Haar behandelte er auf landesfremde Art. Er scheitelte es seitwärts und kittete es an. Es war nicht lang; und so hatte es einer großen Menge des Bindemittels bedurft, um es in der gewünschten Form zu erhalten. Die Augen waren, was Mildred bei sich »Dachaugen« nannte: Stirnkämme wie ein Strich, und darunter hingen sie metallisch hellbraun, sperbermäßig kalt, und vom Glanz einer Säbelscheide. Sonst war er auf eine fröhlich legère Art gewandet. Weit geschnittene Kleidung bedeckte seine Energie atmende Person. Nur hie und da hatte er, um ja kein Faltengewimmel, keine disziplinlosen Wülste entstehen zu lassen, Plättungen oder Stärkungen gebraucht; – so bei den Hosen, deren Bügelfalten mit der Schärfe einer Messerschneide über die Knie krochen. Die Kau-Pause war vergangen. Der Leutnant hatte heruntergeschluckt, was auf seinem Teller war, und blickte nun stramm über den Tisch. Mildred war zufrieden. Die Vorstellung, die sie bislang von einem deutschen Krieger gehegt, bestätigte sich durchaus. So und nicht anders mußte sich diese Menschenart benehmen. Der da hatte einen Dunst von sprungbereiter Männlichkeit an sich. Er ging im Stechschritt auf sein Ziel los. Seine dicke Epidermis schützte ihn hier. Überall würde er dieselbe Rolle spielen; – unsympathisch zwar, aber doch als Typus halbwegs harmonisch ... Als Zuckschwerdts Blicke sie jetzt blitzend trafen, verschleierten sich plötzlich seine Pupillen. Mildred war fast erstaunt, als das Burschikose seines Wesens zauberhaft hinweggeblasen schien und er mit der sanftesten Stimme der Welt die Zügel eines korrekten Tischgespräches aufnahm. So behutsam tat er das, als warte er nur auf eine Gelegenheit, um sie der Wirtin zu überlassen. »Er komme nicht etwa aus dem Blauen geschneit,« sagte er. »Er wisse genau, daß es unlieb vermerkt werde, wenn man Leuten unangemeldet ins Haus falle. Er bringe Empfehlungen von der Familie Kielwasser.« – Hier nannte er ein auch Erwin bekanntes deutsches Pastorenehepaar. – »Reizende Leute seien das, Kielwassers. Bißchen wenig Schwung bringe der Mann ja in seinen Kirchenbetrieb. Kürzlich habe er sich ins Bockshorn jagen lassen, als einige reiche Gemeindemitglieder bei Predigten auf englischen Text gedrungen hätten. Aber sonst sei der Pastor eitel Herzensgüte, sehr gebildet. Und die Frau, wie eine Mutter sei sie; und koche fabelhaft. Mit der hohen Bildung des Pastors hänge es auch zusammen, daß er ihn, Zuckschwerdt, auf Herrn Notacker verwiesen habe.« Erwin verbeugte sich leicht. »Da sei ein Mann,« habe jener gesagt, »den habe ein widriges Schicksal während des Krieges in Amerika festgehalten; ein feiner Gelehrter, der sich einsam fühle, ohne Gedankenaustausch sei und fern von der Heimat. Gehen Sie zu ihm, Herr Leutnant, und versuchen Sie, ihn aufzuheitern!« – »Das habe ich mir natürlich schleunigst gemerkt und deswegen bin ich hier.« »Sind Sie schon lange in Amerika?« fragte Erwin. ... Man schritt zum Kaffee und Zuckschwerdt bemäntelte die Tatsache, daß er sich anscheinend die Frage überlegte, mit allerlei kleinen Höflichkeitsbezeugungen. Er konzentrierte sich mit blitzendem Auge auf Mildred und wich der Wucht von Erwins Nachforschung gleichsam dadurch aus. »Kaffee sei sein Lieblingsgetränk,« sagte er. »Es erinnere ihn immer an zu Hause, von schöner Damenhand das köstliche, stets erfrischende Gebräu entgegennehmen zu dürfen. Mäßigkeit sei überhaupt in diesem Breitengrade nur gesundheitsfördernd.« Es war, als ob ein unsichtbarer Geist ihm dabei über den Scheitel streiche, ihn kindlich und gefügig mache. Er schlürfte dankbar, seine Augen verschleierten sich, dann runzelte die geglättete Stirn sich wieder und er sprach, wieder Erwin zugewandt: »In Amerika, ach ja, hin und wieder früher schon; und jetzt hat mich der Krieg hier festgehalten. Wir fahren im gleichen Boot. Gern bin ich nicht hier, das können Sie glauben. Das Leben hier ist wie eine Walze, die alles aus einem herausquetscht, was man noch so an europäischem Feingefühl besitzt. Ein Restchen behält man sich trotzdem noch vor; das reserviert man für liebe Freunde und Landsleute.« »Haben Sie hier irgendeine dauernde Beschäftigung?« »Mehr als das, mein verehrter Herr. Ich weiß oft gar nicht, wo mir der Kopf steht. Aber Zähne zusammen gebissen und die Sache scharf ins Auge ???gefasst, dann erledigt man die Schwierigkeiten. Muß mir mit dem Ellenbogen Bahn brechen. Das Gesindel hier versucht einem fortwährend ein Bein zu stellen. Aber wissen Sie, der Zuckschwerdt riecht immer rechtzeitig, wenn die Sache faul ist. Momentan bin ich Ingenieur; das können Sie auf meiner Karte lesen. Hab' die Karte auf dem Vorplatz gelassen. Freut mich riesig, Interesse zu erwecken.« »Sie kommen in einem seltsamen Augenblick,« sagte Mildred plötzlich, wobei sie Erwin halb schmollend, halb belustigt ansah. »Wir sind nämlich heute drei Jahre verheiratet. Mein verehrter Gatte hat das natürlich vergessen. Er treibt sich immer unter den Bäumen herum, fängt Insekten und läßt sie wieder laufen. Manchmal schreibt er auch eine Zeile, und im allgemeinen ist der arme Mann recht schlimm dran. Ein bißchen Aufmunterung, gemeinschaftliche Interessen könnten ihm gar nichts schaden.« Man sah es Erwin an, wie aufrichtig ihn die Mitteilung erschreckte. »Unser Hochzeitstag,« sagte er stockend vor sich hin, und trotzdem auch sein Gesicht von der Hitze rosa gefärbt war, schien es doch, als erblasse er flüchtig. Seine Augen vergrößerten sich, es war, als blicke er durch die gegenüberliegende Wand hindurch und sähe dort etwas Erschütterndes, was zu sehen er sich mit allen Fibern innerlich sträubte. Mildreds Gesicht, nach einer schnellen Strenge, die darüber gehuscht war, lächelte ihm zu. Auf den Leutnant hatte die Mitteilung eine geradezu elektrisierende Wirkung. Wie ein Mann, der eine große Geschäftsgelegenheit in Reichweite sieht und sich mit Sammlung seiner ganzen Energie darauf stürzt, stand er auf, so daß die Tassen klirrten, und brüllte: »Hurra, das nenne ich einen Fund! Das trifft sich ganz famos! Man feiert selten Feste hier. Und ich soll gerade dazukommen, wo Sie einen von Ihren wenigen schönen Momenten hier haben? Da sind Sie bei Zuckschwerdt an den Richtigen gekommen!« »Kein Grund zur Aufregung,« sagte Mildred besänftigend. »Ein Tag ist hier wie der andere, mir ist schon beinah, als wäre ich mein Leben lang hier gesessen. Das Panorama und die Menschen, –: es ist alles so jämmerlich egal. Wir vegetieren nebeneinander hin und könnten ebenso gut auf einem anderen Planeten zufällig zusammengeraten sein.« Zuckschwerdts Miene nahm den Ausdruck tiefster Verständnisinnigkeit an; was ihm etwas drollig stand. Seine begeisterte Haltung verlor sich, er wurde zahm, sah etwas betrübt und leer drein und murmelte dann: »O ja, natürlich, diese Zeiten; und dann so abgesperrt sein. Wollen nicht gern dran erinnert werden, verstehe das, gnädige Frau. Aber trotzdem – – (und hier zwinkerte er vergnügt mit dem einen Auge) – – wie wär's, wenn ich Sie einladen dürfte, eine kleine Landpartie zu machen? Ich habe einen Sechssitzer draußen stehn, hat 7000 Dollar gekostet, ganz neu von der Fabrik, läuft wie Butter, da wollen wir uns einmal ein wenig Wind um die Ohren wehen lassen. Eine Flasche Kentucky erwischen wir unterwegs, und die Welt ist ja immer schön, wenn man nur schnell genug darin herumsaust.« Mildred fuhr freudig in die Höhe. »Das machen wir sofort!« rief sie, und Erwin sah ihr erstaunt nach, mit welch ungewohnter Hast sie zur Tür hinausflog, die Treppe in ein paar Sprüngen nahm und sich gleich darauf oben mit schnellen Schritten hörbar machte, als stände etwas Unerhörtes vor der Türe, das größte Fixigkeit erheische. Jetzt kam ihm plötzlich zum Bewußtsein, wie schwer ihm die Zeit an den Händen gehangen. Wie ein großes Amphibium am Rande eines Sumpfes war er hier gesessen, hatte träge Gedanken gesponnen und keine Wellen geschlagen. Er hatte dies leichte Geschöpf belastet mit einer grüblerischen Gegenwart. Qualvolle Ernüchterung hatte ihn gleichsam gedunsen und fett gemacht. Lebensstürme waren fern vorübergerauscht. Kaum hatte er geblinzelt, so tief vergraben war er gesessen im Schacht seiner selbst. Er richtete einen vollen sinnenden Blick auf diesen Mann. »Primitiv ist er ja«, dachte er, »aber du lieber Gott, er kann einem nützen.« »Wo hab ich dich doch schon drüben gesehen? Warst du nicht einer von denen, die hoch zu Roß vorüberklirrten, um die man einen kleinen Bogen machte, wenn sie einem auf der Straße begegneten? Die immer in Gruppen standen, immer alles arrangierten, immer schmiedeten, geschäftig die Kulissen rückten, immer einen Hintergrund mit breiten Farbklexen darauf für uns graue Existenzen stellten? Früher war das Aktivität von einer üblen und überflüssigen Sorte; jetzt hat das auf einmal einen Schein von Berechtigung, scheint mir... Wo sich alles in der Welt die Köpfe blutig schlägt, kann sich ein Muskelmensch austoben, wenn er auch nur an der Peripherie gedeihen darf.« Laut sagte er: »Ich glaube auch, daß Sie in diesem Moment ein Himmelsgeschenk sind, Herr Zuckschwerdt. Wissen Sie, wir sind beide ein wenig verkommen hier. Da tut es wohl, wenn uns eine kräftige Hand einmal herausreißt und uns spazieren fährt.« »Ha,« sprach der Leutnant und reckte sich, daß die Nähte an seinem bunten Hemde krachten, »man soll nie verzagen. Der Zuckschwerdt kommt oft im richtigen Moment. Betrieb ist doch die Hauptsache. Über Ihren Büchern müssen Sie ja auch verblöden.« »Verblöden ist vielleicht zuviel gesagt,« fügte Erwin vorsichtig ein. Ihm war, als sei ein großer Stein in den Sumpf gefallen, ein Meteor vielleicht, der habe aufgezischt und ihn von oben bis unten mit kaltem Wasser bespritzt. »Welch entzückend unbewußte Unverschämtheit,« dachte er. »Verblöden,« sprach er laut weiter, »gibt es wohl nicht für jemand, der in dieser historischen Epoche lebt. Aber eine gewisse Erblindung gegen Tatsächliches befällt einen, wenn man Tag für Tag mit den größten Ungeheuerlichkeiten überschüttet wird. Das stumpft genau so ab, wie wenn Sie sich neben eine Fabriksirene stellen. Man vergißt dann, daß es noch feinere Klänge gibt.« Hier hörte man Mildred wieder herunterkommen und Zuckschwerdt platzte fröhlich heraus: »Es ist gut, daß wir jetzt losziehn; denn philosophieren, das gibt es nicht!« Hochzeitsfeier mit Landpartie Man ging die Wiese hinunter und als man des Gefährtes, das ihrer harrte, ansichtig ward, brach Zuckschwerdt in ein brüllendes, doch sonores Gelächter aus. »Da ist mein Sechssitzer,« schrie er vergnügt, »Marke Ford, echtes Blech und alle Bequemlichkeiten der Neuzeit.« In der Tat, es war ein trauriges Vehikel; klein, schwarz, halbverrostet, mit zersprungenen Polstern und verbogenen Schutzblechen. »Nur immer herein, meine Herrschaften; Genügsamkeit ist auch was Schönes und man hat seinen Lohn davon.« Mildred sprang hinein, Erwin folgte etwas zögernd nach. Die Klapptür schloß nicht. »Klammern sich die Herrschaften nur an die Türen«, rief Zuckschwerdt, der bereits am Lenkrad saß. »Sonst fliegen sie auf und wir schlagen die Alleebäume kaput.« Er drücke wütend, doch der Selbstzünder versagte. »Schlamperei...«, grollte er, holte ein vorsintflutliches Kurbeleisen hervor und arbeitete vorn am Kasten, als gelte es das Leben. Der Motor brauste auf. Zuckschwerdt war mit einem Satz wieder am Steuer und mit unbeschreiblichen Klängen (so als würden mehrere quietschende Türen aufgerissen) setzte sich der Apparat in Bewegung. Die Straße war vorerst noch glatt und unter ruckweisen Stößen beschleunigte der Leutnant das Tempo. Endlich hatte er den Hebel auf Höchstleistung eingestellt und man ratterte dahin. Die atembeklemmenden Zwischenfälle der Maschine wurden seltener. Das Ding war einmal in Schuß und man kam vom Fleck. Immerhin hatte man noch das Gefühl, in einem Kajak zu sitzen, das einige Stromschnellen durch glücklichen Zufall überwunden hat, sich nun aber erst Katarakten nähert, die zerbrochene Knochen versprechen. Die Landschaft wirbelte vorbei. Es war eine wüste Entdeckungsfahrt und Zuckschwerdt war entschlossen, sich nicht verblüffen zu lassen. Er nahm Kurven, bei denen die armselige Zinnbüchse mit dem Hinterende erschreckend schlingerte, wie ein Rennfahrer, auf den hoch gewettet wird. Seine Dachaugen hypnotisierten gleichsam jede Überraschung, die der Weg bieten mußte, im vornherein. Sein eiserner Wille lief voraus und räumte Hindernisse auf die Seite. Schotterhaufen machten sich bemerkbar, doch der kleine Ford ließ kindskopfgroße Steine auseinanderspritzen wie Sand. Zuweilen gab es ein Heben und ein Senken, daß man sich zwischen Himmel und Hölle umhergerissen fühlte; man erhielt Stöße und Püffe, daß man nach Luft rang; – aber breit zurückgelehnt, die schwarze Zigarre halb zerkaut zwischen seinen gesunden Zähnen, blieb der Leutnant hocken und er würde, so schien es, noch in derselben Pose hocken bleiben, wenn unter ihm auch alles aus dem Leim ginge ... Ein Städtchen näherte sich. Man mußte das Tempo mäßigen. Die Maschine wackelte halbbetrunken durch kerzengrade Alleen; schläfrige Landbevölkerung spuckte auf die Randsteine; höhnische oder scherzhafte Zurufe quollen aus den Gärten; halbverwilderte Hunde tanzten wütend neben ihnen her – –: doch wie ein Fürst, der in der Galakutsche vorüberfährt, mit halbzugekniffenem Auge, würdigte Zuckschwerdt das Publikum keines Blickes. Allerhand andere Kraftwagen kreuzten ihren Weg, bremsten erschrocken, wichen zögernd aus; elegante und schäbige, vollgepackt mit Ausflüglern; aber den Rekord der Schäbigkeit schlug entschieden Zuckschwerdts kleine Maschine, was ihn mit einem gewissen trotzigen Stolz zu erfüllen schien. »Wir werden jetzt etwas langsamer fahren«, meinte er an seiner Zigarre vorbei. »Ich habe Ihnen gezeigt, was für ein Leben noch in diesem Kasten steckt, wenn man ihn energisch anpackt. Wissen Sie: Zäune und Schotterhaufen sind noch lange kein Hindernis für meine kleine Lizzie. Ich habe sie für hundert Dollars geschenkt bekommen, und gern geschenkt!« Er lachte krachend. »Aber die Philosophie habe ich Ihnen wohl aus dem Leibe geschüttelt, Herr Notacker.« Nach Luft ringend gab Erwin ihm recht. – Während sie weiterfuhren, erkundigte er sich ein wenig über seinen seltsamen Gast. »Beruf? – Ja, er wäre jetzt sozusagen Allerweltsgehilfe. Der militärische Beruf, das sei für ihn das Wahre gewesen. Habe weg müssen, so um 12 herum. Teufelskerl wie er trete ab und zu mal in so 'ne kleine Verwicklung hinein. – Wissen Sie, die kleinen Mädchen ... Der alte Herr habe sich geweigert, für Sektrechnungen aufzukommen. Eines schönen Tages habe er ihn mit 'nem Notpfennig an die Luft gesetzt. Da habe er's mal mit dem Land der unmöglichen Begrenztheiten versucht... (Dieser Witz gefiel ihm wieder so, daß es ihn ehrlich schüttelte.) Wie das früher so gewesen wäre, das könne Erwin ja aus diesen Bildern sehen.« Er reichte ihnen einige Photographien, die er aus seiner Jackentasche zog. »Das wäre seine Familie, Stammbürger von Dinklage; der Herr mit dem Couleurband, der wäre sein Bruder, und hier die Damen mit dem Jungen, das wären seine Schwestern. Gut verheiratet beide, anspruchslose, aber liebe Geschöpfe. Er trage die Bilder immer bei sich. Ein Blick darauf genüge und er fühle sich zu Hause. Nun aber käme die Hauptsache.« – Es war inzwischen Abend geworden und die Schwüle hatte kaum nachgelassen. Sie fing sich unter den breiten Blättern der Tabakspflanzungen, durch die man jetzt fuhr. Das scheidende Licht der Sonne genügte jedoch gerade noch, um die Hauptsache, von der Zuckschwerdt sprach, erkenntlich zu machen. Es war die zur Pyramide aufgebaute Mannschaft seines Pionierbataillons und daneben das Porträt eines Divisionskommandeurs in Gala. Es war ein weihevoller Moment und Zuckschwerdt dämpfte die Schnelligkeit und kroch wie eine Schnecke. »Den müssen Sie sich genau betrachten; aus dem sauge ich mir sozusagen neue Kraft. Wenn er so unsere Kompagnie abritt und ich stramm stehen mußte und Bericht erstatten, – dann hatte er eine Art, Worte zu hacken, die einem ins Mark ging. Feiner Kerl das, wußte mich zu schätzen. Beim Liebesmahl, da war ich oft dabei. Oft hat er mich angeblinzelt, so von oben herab; man wußte nie, wohin er eigentlich guckte, weil er so mächtige Tränensäcke unter den Augen trug. Aber er sah alles, der alte Schuft. Da gab es keine Bewegung, die ihm entging.« Zuckschwerdts Stimme bebte vor Erregung. »Ja – und was er mir immer sagte, das habe ich mir gemerkt: »Widerwärtigkeiten gibt es nicht, ins Auge fassen und erledigen, dann sind sie weg«.« Er nahm das Bild ehrfurchtsvoll zurück und bettete es sorgsam wieder in seine Tasche. »Das ist mir ein Talisman«, beschloß er. »Mir können die Hunde hier nichts anhaben, sie probieren es immer; aber der Zuckschwerdt ist nicht unterzukriegen.« In einer weiten Kurve fuhr man zurück. Es wurde dunkler, aber das Maschinchen ertastete sich, treu und blechern rasselnd, mühevoll seinen Weg durch die Dunkelheit. »Mit dem Tempo ist es jetzt zu Ende. Ich glaube, das Gas geht ihr aus«, fuhr der Unerschütterliche fort. »Es ist noch gerade genug da, um zu Ihnen zu kommen.« Man hielt vor einer schwach erleuchteten Wirtschaft. Zuckschwerdt verschwand hinter dem Hause und kehrte zurück. »Nehmen Sie das da gut unter den Sitz«, und er reichte zwei Flaschen herein. »Ich habe meine Quelle.« Es ging weiter und, wie um einen Epilog daran zu fügen, wurde er noch einmal gesprächig. Mit gutbezahlten Stellungen habe man ihn geradezu bombardiert ... bekannte er in schöner Bescheidenheit. Aber die Leute hätten keine Ahnung von deutscher Arbeitsweise. Kein Wunder, daß man ihn schätze. Stramm und gründlich, das sei seine Devise. Er habe hier Probleme unter der Hand, die ein Schuljunge in Deutschland verachten würde. Fabrikerweiterungen, wo man ein Stockwerk auf das andere pappe, Ausnutzung von Nutzland zwischen Schienensträngen, Arbeiterwohnungen und solchen Zimt. Er mache immer bloß Skizzen, sonst genüge es, wenn man dabei sei und die Nigger anbrülle, daß sie Blut schwitzten. Das sei seine Methode. Er und sein Boß, das seien die dicksten Freunde. Amerikaner liebten das Praktische, und so, wie er es ihnen auftrage, hätten sie es doch noch nicht bekommen. – Organisation von den Pionieren her, verstehen Sie. Alles läuft von selber. Hauptsache ist, daß man immer eine Rolle in der Tasche hat. – Spekulant sei er keiner; aber er arbeite wie ein Pferd. Wenn er mal ein paar tausend Dollars in die Dinklager Klitsche stecken könne, damit er seinem alten Herrn einen Gefallen tue, sei er ganz zufrieden. Der arme Mann beiße sich die Zähne noch aus an den Methoden von anno 50. Reklame kenne er nicht. Was so die vorsichtigen Bürger von drüben seien – die hätten ja überhaupt keine Ahnung, was Zeit ist. Machten Vorarbeiten wie geduldige Sklaven; ärgerten sich grün über läppische Nichtigkeiten und die Amerikaner, von denen er selbst mächtig profitiere, nähmen die Sache dann in die Hand und machten Geld daraus. Vielleicht seien in Dinklage zehn Patente entstanden, die hier bereits im Schwung seien wie das tägliche Brot. Aber den Leuten sei nicht zu raten. Er erzählte noch dies und jenes über sich, malte atemraubende Zahlen in die Dunkelheit; er blitzte von Theorien, Plänen, ungenutzten Möglichkeiten; ein großer Energiestrom hatte sich gleichsam in ihm gefangen und strahlte verästelt von ihm aus. Und jede dieser Verästelungen, so konnte man sich vorstellen, erzeugte hochgetürmte Druckerschwärze; nicht bloß in Ohio, sondern überall im Kontinent. Zeitungsköpfe, wie etwa: »Zuckschwerdts Zeitersparnis, Großer Fund Der Letzten Monate«, oder: »Unbekannter Maschineningenieur Stellt Ganze Betriebe Auf Neue Basis«, oder: »Neue Methode, Häuserblöcke In Zwanzig Stunden gebrauchsfähig Zu Bauen« – zogen in wuchtigen Zeilen an Erwins innerem Auge vorüber. Man hielt vor einem kleinen Benzinautomaten. Das Maschinchen wurde frisch genährt und nach einer halben Stunde, die relativ schweigsam verlief, kam man wieder vor dem Hause an. Man trank noch einige Wiskysodas auf der Veranda, bei denen Zuckschwerdt sich das Sodawasser sparte. Seine Rede, die das im Auto angeschlagene Thema behaglich weiterspann, verriet nach einiger Zeit durch gewisse Schwankungen und Stockungen, daß seine Gedankengänge irgendeiner Beeinflussung unterlagen, der er nicht gewachsen war. Zwar versuchte er durch Verstärkung seiner Töne dem Mangel, der durch das Versickern des Geistes entstand, aufzuhelfen; doch gelang es ihm nicht zur vollen Zufriedenheit, Überzeugendes hinzuzufügen. – – – Mit gutem Anstand gelang es ihm schließlich, sich zu verabschieden. Man sah ihn die Wiese hinuntergehn, wobei ihm die durchgedrückten Knie diesmal nicht behilflich waren. Wenn man sich in einer schiefen Ebene fortbewegt, so kommt man, übt man Stechschritt, vielleicht schneller am Ziel an, aber auf eine Weise, die man nicht beabsichtigt. Es passierte nämlich dem Leutnant – und das war in der Dunkelheit gerade noch zu erkennen –, daß die Nacht ihn in ihren Mutterarm nahm, nachdem unkontrollierbare Kräfte ihn die Wiese hinuntergerollt. Man hörte ihn noch an seinem Auto basteln und schwere Befürchtungen erweckte der Start, dessen Gelingen man nur vermuten konnte. Immerhin, das Geräusch des Motors verklang taktfest in der Dunkelheit. Die Maske taut Es war ein sonniger Gottesmorgen wie viele frühere, ein Morgen voll vom Gebrüll der Sau im Verschlag, dem Singsang der Eisenbahnarbeiter hinter dem Eichenhain, fern vorüberrasselnden Frachtzügen, fernen Flüchen eines Farmers und der Stimme der Frau Sniggers, die unten ihre Hennen zusammenlockte, – ja, ein solcher Morgen war es, der sich von keinem unterschied, – als Erwin etwas früher als gewöhnlich erwachte und sich vor den Rasierspiegel stellte, wie es seine tägliche Gewohnheit war. Während er sich schabte, kam ihm zum Bewußtsein, daß die nächste Zukunft nicht so ganz ereignislos sein würde wie bisher. Etwas war beschäftigt, ihn zu zerstreuen, und er hatte es nötig. Aus dem Spiegel sah ihn ein Gesicht an, das einer Maske glich. Unter seinen Augen deuteten sich Säcke an, seine Wangen waren schlaff, seine Hautfarbe von ungesunder Röte, keiner Sonnenröte, sondern der Farbe eines, der sich zu wenig bewegt, zu träge lebt und dessen Genüsse vom Leben sich mehr auf die animalischen beschränken. Seine Augen, in denen doch früher – das wußte er – eine sinnierende Wärme geruht, waren glanzlos und halbblind, und im geheimen, während er sich so betrachtete und abschätzte, fühlte er mit einer gewissen Entsagung, daß der Zustand, in dem er sich sah, ihm die einzige Möglichkeit biete, Sensationen (– die ihn vernichten würden, wenn er sie bei vollem Bewußtsein empfinge –) wie stumpfe Pfeile von sich abprallen zu lassen. Er hatte sich so an diesen Panzer von Gleichgültigkeit gewöhnt, daß er nicht einmal mehr Beschämung darüber empfand. »Lebte ich dies alles mit, wie es gelebt sein will,« erkannte er dumpf, »so wäre ich ein Nervenbündel; so hätte ich mit diesen Händen Mord und Totschlag verübt, wäre von Seifenkisten heruntergerissen worden, ohne stammelnde Reden an die Menschheit beenden zu dürfen... In Ketten hätte man mich gelegt; fanatisch wäre ich, mager, zynisch; – Märtyrer. Dies alles hätte mich in ein paar Monaten um die Ecke gebracht. Ein paar Zeitungsüberschriften voll berechneter Verlogenheit, voll widerlicher Klugheit, voll fabelhaft schneidender Handhabung der Massenhypnose hätten mich zu Erwiderungen gereizt... Ich hätte auf den Markt gehen müssen und brüllen: »Glaubt doch diesen Irrsinn nicht! Macht kein Base-Ball aus diesem Krieg, fallt nicht als zweiundzwanzigste Nation im Schlepptau der anderen über ein mürbes halbverhungertes Volk her, das längst geneigt ist, jede Medizin an demokratischen Begriffen zu nehmen, die ihr verabfolgen wollt... Der Begriff »Demokratie« ist drüben ja noch ein Säugling, das stimmt. Wozu braucht man aber mit dem Schüreisen zu kommen, um ihn aufzuheizen mit dem, was ihr nahrhaft, was ihr lebenstüchtige Ideen nennt?! – Er wird allein wachsen. Laßt ihn nur in Ruhe und macht männliche Kompromisse, anstatt wie eine Herde von Rindern, der eine Wetterpanik droht, die Zäune niederzureißen. Ihr zertrampelt mehr, als ihr gutmachen könnt; werft nur euer Gold auf den verwesten Zipfel von Asien, der Europa heißt; ihr seid nicht die Gesundung. Die Quellen sprudeln auch dort an Stellen, die ihr nie ausmerzen könnt. Um Irrtümer zu berichtigen, um Geistesrichtungen umzudrehn, wenn sie schädlich werden, bedarf es keines Geschützes und keines endlos verspritzten Blutes!« Dies alles, fühlte Erwin, hätte er ihnen in die Ohren geschrien; aber es hing wie Blei an seinen Gliedern. Der Krieg war keine Fanfare und kein schmetternder Alarm, der ein Schlachtroß aufzucken und davonstieben ließ, – der Krieg war ein Druck, der langsam zerquetschte, der alle Energie der Seele und alle Produktivität wie langsam wirkendes Gift zersetzte. Verschiedentlich, wenn er sich gebäumt in diesen letzten endlosen Monaten; wenn er gefühlt hatte: »ich werde verrückt, wenn ich diese Ketten noch rasseln höre«,– war Mildred gekommen mit ihren meergrauen Augen und hatte ihn mit einem Strich ihrer kühlen Hand beruhigt, mit den Worten: »Tu, was du nicht lassen kannst; aber ich habe soviel geopfert, wie ich herkam, daß du mich nicht in einer Falle sitzen lassen darfst, und es geht zu Ende, jetzt schneller denn je. Dies ist die letzte Phase. Die Maschine, die hier aufgehetzte Menschen, die aus dem Vollen schöpfen, wohin sie greifen, aufgetürmt und losgelassen haben, – diese Maschine ist im Rollen. Es geht euch drüben nicht gut; aber ihr werdet einen Ausweg finden, selbst wenn man euch ausplündert. Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.« War das eine Beruhigung? – O dies kühle englische Lächeln, mit dem sie Trost spendete; o diese Worte, die wegnahmen, was der Ausdruck des Mundes schenkte! – Sie war neutral, nicht im politischen Sinne, aber menschlich. Sie vermittelte; sie spottete über sich und über das Britische; sie schrak zurück, sie haßte vielleicht das Brutale im Deutschen; aber sie verachtete es nicht. Kann man Kraft verachten, selbst wenn sie mißleitet wird? Erwin fühlte sich geborgen hinter dem Panzer, den er sich selbst geschaffen. Wenn er ging, so sahen sich die Leute nach ihm um. Er schlafwandelte am hellen Tage. Er war wie einer, den der Blitz getroffen und der noch ein Scheinleben weiterführt, gewohnte Tagesfunktionen mechanisch ausübt, ißt, trinkt und schläft; denn das, was ihn hätte beschäftigen können –: Wirkung auf Zuhörer, auf Leser durch klug gesetztes Wort–: Zusammenhang mit anderen Gehirnen... das fehlte ihm hier. Wo er es versuchte, nahm man es ihm mit kalter Gebärde weg. Amerikaner, mit denen er redete, verstummten, sobald ein politisches Wort fiel, und ein ruhiges Gespräch, was er wohl führen konnte mit einfachen Leuten, wurde plötzlich zerschnitten und ihm im Munde vergiftet durch ein Wort, das die Leute wie gangbare Münze unter sich zirkulierten, das Wort: »Hunne«, das sie mit einem Krächzlaut der Kehle hervorstießen, bei dem sie sich nichts mehr dachten, das ihnen geläufig war, als ob sie von Ratten oder Stechfliegen redeten. Sie meinten es nicht schlimm damit. Es war der Feind, der Feind war gemeint; selbstverständlich! – ein Tier, ein ekles Gezücht, das man zerquetschen mußte. Daß Erwin dieser kaum als menschlich empfundenen Rasse angehörte, vergaßen die Biederen, sobald sie mit ihm sprachen; denn er redete geläufiges Englisch, sogar ein wenig durch die Nase, und wo das Volk hundert Wörter kannte und bequem damit auskam, pflegte er zuweilen Buchausdrücke zu verwenden, die ihnen dunkel von der Schule her als gewählt und stilvoll erschienen. Er übertrumpfte sie mit ein paar ungeahnten verblüffenden Argumenten, ohne sich etwas dabei zu denken, dann merkte er, wie ringsum sich die Lippen zusammenzogen wie Öffnungen von Tabaksbeuteln, deren Inhalt trocken bleiben muß; – merkte Achselzucken, abirrende Blicke, wurde unsicher und bereute es, ein Wort gesprochen zu haben. Er breitete kleinen Geschäftsleuten die Schätze seines Wissens hin, ohne es zu wollen und machte sie mißtrauisch wie einer, der eine Ware allzu sehr anpreist, um über ihre Qualität zu täuschen. Er hatte nichts Polterndes an sich; ihm war es nicht gegeben, Schulterklapse zu verteilen und in Zahlen zu denken. Die Perspektiven, die er unwissentlich eröffnete, enthielten keine Zahlen; und der erfolgreiche, gutgekleidete, scharfäugige Ire oder Angelsachse da vor ihm, mit den Händen in den Hosentaschen und stramm hingepflanzt auf seinen runden Schuhen, dachte sich sein schlichtes Teil über Erwin etwa so: »Dieser drollige Kauz mag ja hingehen als etwas, das der Herrgott so nebenbei nach dem zweiten Frühstück erzeugt. In unser System, in unser klares, herrliches, logisches, viereckiges System paßt er nicht hinein und er täte besser, sich zu drücken.« Und vielleicht spürte dieser selbe Amerikaner noch eine Anwandlung, ihm ein paar Dollars für die Rückreise vorzustrecken, um ihn in sein von unnützem Menschenkehricht überfülltes eingeklemmtes Land zurückzuschaffen. Großzügig kam er sich dabei noch vor... »Nein,« – dachte Erwin, nachdem er sich angekleidet hatte und im Begriff war, zum Frühstück hinunterzugehen: »Lieber das Schneckenhaus, und in den Winterschlaf hinein, bis dieser Wahnsinn zu Ende ist. Streiche ich diese Monate, ja diese Jahre aus meinem Leben einfach heraus. Es wird das beste sein. Irgendwo gibt es dann ein Loch, über das ich mir keine Rechenschaft geben kann; und vielleicht werde ich zwischen das Jetzt und meine Jugend eine Scheidewand stellen, hinter der ich mich, wie ich war, nur ganz verschwommen werde erkennen können. Was tut's: wenn ich mich später einmal anbohre, sprudelt es wieder. Ich bin durchgeackert. Nun bin ich brach und voller Steine. Dann kommt eine neumodische Erfindung, die das unterste zu oberst kehrt. Vielleicht Republik, Gleichheit der Menschen oder nur der Geister... Das wäre schon etwas. Einstweilen laßt mich in Ruhe.« Als er sich zum Frühstück setzte, lachte Mildred silberhell, so wie sie es selten in der letzten Zeit getan und erklärte ihm, es hätte heute früh ein telephonischer Anruf stattgefunden. Zuckschwerdt komme in etwa einer Stunde herauf und wolle mit Erwin zum Baden gehn. Schon der bloße Gedanke an den Leutnant schien sie zu amüsieren. Sie hatte seit dem Besuch des Tüchtigen eine größere Lebhaftigkeit. Ihr Humor war wieder geweckt, ihre Aussicht aufs Leben irgendwie rosiger gefärbt. »Zuckschwerdt«, murmelte Erwin, und Mildred war erstaunt, als er, statt sich gutmütig auf die neue kleine Komödie zu freuen, schier erbost vor sich hinstarrte. Woher kam diese Erbosung? Ach, es war die Unterbrechung der Routine. Da war ja der Störenfried, der mit einem Hammer an das Schneckenhaus klopfte, bis das nervöse Weichtier nackt in den scharfen Wind hinauskroch und fröstelte. »Der Mann ärgert mich bloß,« dachte Erwin, »er macht mich für ein paar Stunden vergnügt, aber er stört wieder Bedürfnisse auf, die ich in mir vergraben will. Seht doch diese muntre Karikatur des Mitteleuropäers, seht doch das Püppchen des Militarismus auf diesem Hintergrund! Was will der Kerl? Will er mir von drüben erzählen, will er sich selbst in Szene setzen, hat er dumpfes Anschlußbedürfnis? Alles, was wir zusammen treiben könnten, ist Selbstzerfaserung von meiner Seite und lehrhaftes Patronisieren von der seinen. Ich habe es satt, mich von solchen Augen anblitzen zu lassen. Ich will nicht strammstehen, was mache ich mit der rohgezimmerten Seele?« Und doch, und doch, er fühlte, er könne dem Ansturm der Vitalität des Leutnants nicht widerstehn, wolle auch im innersten Grunde nicht widerstehn, so wie man sich einer schmerzhaften Massage durch athletische Badediener überläßt, die eine sanft glühende Nachwirkung am Körper erzeugt, ein Gefühl wie von Champagner. – »Dazu«, fühlte Erwin im Innersten: »ist mir unser neuer Freund gut genug. Lassen wir ihn nun an mir herumarbeiten und sehen, ob er auf seine Kosten kommt. Wird er's müde, so setze ich ihm keine weiteren Verlockungen entgegen. Macht er mich nervös, so werde ich grob. Verträgt er meine Grobheit, um so besser für ihn. Es wird eine Art Kampf geben mit geistigen Mitteln gegen Metall. Sehen wir zu, wer den anderen unterbekommt. Im heutigen Weltbild passiert ja dasselbe. Spielen wir uns hier ein kleines Kriegspanorama vor.« Der Gedanke an diese ihn zunächst etwas läppisch dünkende Konkurrenz begann ihn irgendwie zu befeuern, so daß sein erboster Blick sich milderte und sich freundlich auf Mildred kehrte. Der erfrischende Gedanke streifte ihn: »Vielleicht ist sie meiner eine Weile satt geworden; Abwechslung gönne ich ihr ja. Wir sind uns gegenseitig zu nahe gesessen die ganze Zeit über. Ich muß wie Blei an ihrer Natur gezerrt haben. Sie hat es ja vertragen; aber Kettenringe hinterlassen Einschnitte, die manchmal schwer verheilen. Ein Gegengewicht wird sie vielleicht entlasten. Und wenn dieser Zuckschwerdt es fertig bringt, mich selber zu verändern, so wird es gut sein für sie. Sie wird mich in anderem Lichte sehn. Auf in den Kampf denn!« Episoden im Wasser Mit großem Geknatter hielt der kleine Ford wieder an der Eingangsstelle. Der Leutnant löste sich vom Führersitz und kam den Hügel herauf. »Feiner Tag, was,« rief er, noch bevor er die Veranda überschritten. »Famose Idee das von mir mit dem Baden, wie? Ziehe mich gleich in Ihrem Schlafzimmer aus, wenn Sie gestatten, habe einen Regenmantel dabei für meine Anatomie. Nur runter mit Ihren Kleidern, Herr Notacker, das wird ein köstliches Plätschern werden.« Badehosen waren zur Stelle und in Mänteln und Tennisschuhen trat man den Gang zum Kleinen Miami an. Erwin hatte bislang jeden Morgen dort gebadet, heute aber schien der Fluß neu und strategischen Gesichtspunkten unterworfen, die er bis jetzt nicht entdeckt. Zuckschwerdt erblickte hinter dem nächsten Katarakt mit seinem Adlerblick sofort ein geschütztes Plätzchen, eine Art Wirbelloch, in dem sich das Wasser bis zu anderthalb Metern Tiefe verfing, und steuerte mit kräftigen Schwimmstößen darauf los. Bald saßen sie beide darin. Die Ränder des Bassins waren etwas flacher, voll von runden glatten Steinen. Man konnte sich darauf legen und sich den Leib angenehm bespülen lassen. Zuckschwerdt verschränkte die Arme hinter dem Kopf, und mit einem Zweig im Mund, an dem er kaute, blickte er ins Himmelsblau. Sein Profil, grob gehauen und energisch, stand mit der geschwungenen Nase, deren Nüstern scharf umrissen und breit die Sommerluft schlürften, knapp aus dem Wasser und spiegelte sich darin. Es war rot gefleckt; doch sein Körper war weiß wie Papier. Erwin forschte, ob man an diesem Körper die Ursache jener steifen Gangart entdecken könne, und hatte bald herausbekommen, daß des Leutnants obere Partie wie bei anderen Sterblichen gebildet war, die Beine hingegen muskelarm und steif von ihm wegstanden mit den häßlichsten Füßen, die er je erblickt: mit spitz zustrebenden verkrümmten Zehen, und vollkommen platt, ohne die Andeutung eines Spannes. Ja, das war der Schönheitsfehler; und seine Ursache lag wohl im Drill. Der Mann hatte seine Beine mißbraucht. Sie funktionierten selbständig unter ihm; er beherrschte sie nicht. Er hatte sie durch jahrelange Gewohnheit entstellt, und sich die Füße auf Paradegründen plattgetreten. Es waren keine Läuferfüße, keine Kriegerfüße aus den Zeiten, wo Heere elastisch ausschwärmten, sich in Individuen zersplitterten und dann wieder zusammenzogen, – nein, diese Füße gehörten dem Takt an, dem Marschtempo der letzten vierundzwanzig Jahre. Wie seltsam doch selbst kurze Tradition ihren Stempel auf Menschen drückt! Zuckschwerdt empfand nichts von der stummen Beobachtung. Er sonnte sich; er hatte diesen Fluß gepachtet, und die Wellen parierten ihm. Nach einer Weile spie er den Zweig von sich, tat den Mund auf und redete. »Habe viel über Sie nachdenken müssen, Herr Notacker. Bin zu keinem Resultat gekommen. Waren politisch tätig?« »Auf meine Weise,« erwiderte Erwin. »Meine politische Tätigkeit beginnt, sobald ich wieder in der Heimat bin. Vorerst sammle ich Material und das ist kein Vergnügen. Das ist eher eine stumpfsinnige Arbeit, alle diese widrigen Einzelheiten zusammenzuschleppen, wo man mit der Faust dreinschlagen möchte. Da hat man nun so einen Haufen nachher, den man sondern muß, und das ganze nennt man dann: »Tagebuchblätter eines Auslands-Deutschen«.« »Gut gesagt,« pflichtete der Leutnant begeistert bei und plättete sich mit dem Daumennagel ein Hühnerauge. »Das haben Sie erfaßt. Was ein gebildeter Mensch ist, der ist hier kaltgestellt. Bin ja auch aus besten Kreisen, habe aber den Buchkram über Bord geschmissen. Selbst ist der Mann hier. Auf solche weiche Natur wie Sie muß das ja alles scheußlich wirken. Aber der Zuckschwerdt hat noch immer Püffe gut vertragen.« »Was haben Sie denn früher hier gemacht?« erkundigte sich Erwin. »Ja, mein Gott: was man so macht, wenn man herkommt! – Der Blick fürs Praktische ist gleich da. Nur immer ran an die Widerwärtigkeiten und sie scharf ins Auge gefaßt! Das war mein Prinzip! – Das deutsche Element hier, diese traurigen Schuster, habe ich zusammengetrommelt und alles mögliche gegründet. War 'ne Zeitlang Buchhalter in 'nem Hotel, stand auch mal hinter einem Bartisch, habe dann alle Staaten abgeklappert von New Jersey bis nach Illinois, 'ne Farm habe ich auch gehabt, die glänzend pleite ging, weil mir das Vieh verreckte. Schuhfabrik dann; bin für 'ne neue Wichse gereist; und das letzte, was ich machte, waren Kaffeemaschinen in Detroit. Ich kriegte Kapital für ein Patent, was ich mir ausgeknobelt hatte, wollte aber an Material sparen, und die Sache ging schief. Drei Schaufenster hatte ich schon ausverkauft, als Klagen einliefen. Es wäre nichts, die Dinger funktionierten nicht... Na, gut, ich hängte das Risiko an den Geldgeber, der die billige Herstellung veranlaßt hatte; mußte dann aber weg von dort und besann mich darauf, daß ich 'ne ganze Menge vom Maschinenbau verstand. Mein alter Herr – verstehen Sie – das ist so eine Kraftnatur; der hat zu Hause zwei Hochöfen und fabriziert Nickelwaren von allen Sorten; lebt noch; schreibe ihm aber nicht; – er war immer knauserig, und wie ich Leutnant bei den Pionieren war, hat er mich kurz gehalten. Imponierte mir aber immer, weil er den Betrieb stramm hielt und immer selber nach dem Rechten sah. Überall steckte er sein gelbes Gesicht hinein. So 'n kurzer Mann, wissen Sie, breitschultrig, mit 'ner Stirn wie 'n Stier. Wenn mal ein paar Pfennige zu wenig verrechnet waren, war er imstande und legte das ganze Schwungrad auf Pause, bis der arme Sklave sich aus der Enge herausdividiert hatte. Manchmal schmiß er auch Leute raus. Napoleon, na, wenn die Bezeichnung auf jemand paßt, so ist das mein alter Herr, aber übel anzufassen. Wissen Sie – und wenn Zuckschwerdt junior und senior aneinandergerieten, das hörte man. Ich habe ja auch meinen Kopf, bin aber immer noch 'ne stillere Natur.« Seine Stimme hatte etwas Träumerisches. »Ja,... ich war also Maschineningenieur, und besann mich auf einmal darauf, daß hier Geld damit zu machen wäre. Die Kaffeemaschinen, das war so 'ne Rufus Wallingford-Geschichte. Ich wollte schnell reich werden und wäre dann wieder ins Heer eingetreten; aber habe gleich beschlossen, daß mir das Solidere doch mehr liegt. Als ich meine erste Fabrikanstellung hier hatte, da lauschte die Gegend auf, das können Sie glauben. Diese Gummikauer haben ja keine Ahnung von Trigonometrie. Da ist der Boß, der versteht was davon und da sind so und so viele Lohnsklaven, die alle ihre kleine Spezialität abschustern. Aber einer, der den großen Blick hat, der fehlt gewöhnlich, und den hatte der Zuckschwerdt. Wenn er auch das Tifteln nicht verstand, Ideen waren die Hauptsache. Ein paar Zigarren zusammen mit dem Boß im Kontor, und die Sache war gemacht. »Sie sind ein Genie, Sökswert,« sagte er mir. Ich hatte die Pläne, und die anderen bissen sich die Zähne daran aus; aber ich habe doch manches auf die Beine gestellt.« »Ja,« meinte Erwin, »aber haben Sie nicht dadurch indirekt Ihrem Vaterlande geschadet?« Zuckschwerdt drehte ihm das Gesicht zu und setzte sich halb auf. »Wollen wir doch nicht so anfangen, Herr Notacker,« meinte er, halb schamhaft, halb überlegen. »Ein aktiver Mensch, was ich bin, kann sich nicht auf die faule Haut legen. Ist ja möglich, daß sie hie und da kleine Vorteile durch mich für ihren Großbetrieb bezogen haben. Aber – (und hier wurde er seltsam bescheiden, schrumpfte fast zusammen und bog die Zehen nach innen) – ich bin ja doch nur eine kleine Nummer, die nicht mitrechnet. Hier ist ja jeder numeriert, und wäre ich nicht gewesen, irgendwie hätten sie schon noch einen Passenden aufgetrieben, wenn's auch schwer gewesen wäre.« Das Problem war schwer verdaulich. Beide schwiegen. Erwin war es mit seiner Frage nur halbernst gewesen, denn er war geneigt. Dreiviertel von dem, was der Leutnant verkündete, in Gedanken wegzustreichen. Aber die seltsam verkorkste Moral machte ihm zu schaffen. »Es ist genau so heikel und so widersinnig, wie alles in diesem Kriege,« dachte er bei sich. »Hier sitzt einer, der drüben vielleicht einen netten kleinen Sturmangriff geleitet hätte. Sie hätten ihn vielleicht nach sechs Monaten abgeschossen; aber er wäre ein Rädchen in der anderen Maschine gewesen; und damit muß man ihm recht geben: auf die faule Haut kann sich so ein Mensch nicht legen. Entweder man schlägt ihn tot oder man läßt ihn aktiv sein.« »Würde Sie ermüden, Herr Notacker,« fuhr Zuckschwerdt fort und legte sich wieder zurück, »wenn ich Ihnen meine weitere Karriere auftischen wollte. Glänzend bezahlte Offerten hat man haufenweise hinter mir hergeworfen. Stehe mich jetzt ganz anständig mit dreihundert im Monat bei der Union-Copper-Company. Bin auf Cincinnati verfallen, weil es hier in Menge Deutsche gibt. Ich habe mir sagen lassen, daß denen so ein bißchen Aufmunterung nichts schadet. Aber das Echte ist auch mit der Lupe zu suchen. Finden hier viele »Fifty-fifty«-Menschen, lauwarme Brüder, die Bier saufen, stramme Monarchisten, und dabei das Sternenbanner feste um die Front geknüpft. Oder Sie finden behagliche verfettete Philister, die nach außen wie deutsche Professoren wirken, innen aber so kümmerlich anglisiert sind, daß sie nicht mal mehr Frakturschrift lesen können. Und da gibt es ein Lokal in der Vinestreet, Engelbrecht heißt der Kunde, das ist »echt deutsch«, wie man so sagt, und da versammeln sie sich und das wäre geradezu köstlich und erfrischend, hat man mir gesagt... Da bin ich hingegangen und fand eine Versammlung von den traurigsten vorsintflutlichen Knackern vor; Leute, die nach achtundvierzig herübergekommen waren, ihre Anschauungen noch von anno 70 hatten und vom alldeutschen Militärgeist und von unseren Bedürfnissen keinen blassen Dunst hatten. Quatsch redeten sie, daß es mir grauste. Na, ich habe ihnen denn auch ein Bild vom jetzigen Deutschland vorgelegt, daß sie ganz erschrocken zusammenfuhren, sich an den Kopf griffen und sagten: »Ja, da muß sich aber doch inzwischen verschiedenes verändert haben!« – »Kinder,« rief ich, »wir sind jetzt nicht mehr weltfremde Philister. Die Kleinstädterei hat aufgehört. Wir sind die Zentrale und wir machen jetzt den ganzen Kitt.« – Und dann machte ich ihnen noch was klar über den Drang nach Osten und hieb ihnen Berlin und Bagdad um die Ohren und steckte die halben englischen Kolonien in die Tasche. Da hätten Sie mal sehen sollen, wie sonderbar sie sich benahmen. Die einen fingen an, wässerige Augen zu kriegen, dann gröhlten sie mit Zitterstimmen Burschenschaftsgesänge, und nur ein paar von den ganz Verwaschenen holten sich ihre amerikanischen Fähnchen aus der Westentasche und verließen unter Protest das Lokal. War ja auch toll von mir, drei Monate nach der Kriegserklärung hier so was in Szene zu setzen. Aber der Zuckschwerdt fürchtet weder Tod noch Teufel, und läßt sich nicht das Maul verbinden. Kommt freilich darauf an, wo ich bin. Überall mache ich das nicht.« Nach dieser Rede schloß der Leutnant befriedigt die Augen und versank ganz in seinem Sonnenbad. Welch eine Wirkung seine prächtige Erklärung auf Erwin gemacht, darüber holte er sich nicht einmal Aufschluß. Er klappte einfach die Lider zu. Er ließ sich weiterwirken wie ein Naturereignis. »Er hat es erfaßt,« dachte Erwin, nachdem er sich von seiner Verblüffung erholt. »Es scheint doch, daß man mit Bluff hier alles machen kann. Welch Gottessegen ist doch so eine dicke Haut.« Ganz im Hintergrunde seines Bewußtseins entstand eine leise unbehagliche Erwartung. Er hatte das Gefühl, daß eine kaltberechnede Macht, deren Wesen der Gute nicht einmal ahnte, ihn schon eingekreist habe und mit kaltem Blick nach seiner Achillesferse forsche. Da würde sie ihn treffen und blitzartiger erledigen, als der von seinem Selbstbewußtsein Umfriedete es sich ausmalen konnte. Sie würde ihn auslöschen, wie nur je ein Individuum ausgelöscht war. Nach dem Bade lud sich Zuckschwerdt selbstverständlich zum Mittagessen ein. Die Rede kam auf Musik, und Mildred, die die Ausübung dieser Kunst lange vermißt, war erfreut zu hören, daß der Leutnant, wie er behauptete, eines ausgebildeten Tenores mächtig sei. Man beschloß, gelegentlich Schubertlieder vorzutragen; besonders lieb, erklärte Zuckschwerdt, sei ihm jenes, das den Titel trage: »Der Tod und das Mädel.« – »So ähnlich hieß es,« bemerkte er schneidend. Das Ehepaar geriet in Heiterkeit, deren Grund der Leutnant nicht erkannte. Hernach, während man ein Verdauungsstündchen folgen ließ, rief ihn die frische Energie, die er aus dem Bade geholt, dazu, Verbesserungen in der Umgebung des Hauses vorzunehmen. Ein kleines Bächlein rann die Wiese von Mr. Byes Besitztum herab. Hier fand sich die Notwendigkeit vor, unverzüglich einen kleinen Fischweiher anzulegen. Er beschaffte sich Schaufel und Hacke und arbeitete zwei Stunden lang wie eine Maschine. Man konnte ihn vom Fenster aus betrachten, wie er mit gebeugtem Rücken trotz weißer Flanellhosen in der Erde stand und seine Muskeln sich unablässig rührten. Nach Fertigstellung eines beträchtlichen Loches stieg er transpirierend heraus und erklärte seinem Tatendrang als zur Not Genüge getan. Er verbesserte noch den Hühnerschuppen, reparierte den Zaun, wütete korrigierend umher zum großen Erstaunen der Haushälterin, die, den schmerzenden Kopf von einem weißen Handtuch verhüllt, unwillig aus dem stumpfen Zustand ihrer Migräne erwachte und ihn mit langen Salven von ländlichem Englisch verfolgte. Zuckschwerdt entwickelte eine Gewandtheit, ihr in Slang alles zurückzugeben, was sie zu bemerken hatte. Sie verdrehte die Augen und zog sich wieder in den Hintergrund der Küche zurück. Als sie sich von den Vorteilen des kostenlosen Arbeiters überzeugt, milderte sie ihre Gesinnung und bot ihm ein Gläschen Wein an, der aus Löwenzahn gebraut war. Da jeder Alkohol in Zuckschwerdt ein Echo fand, so blieb es nicht bei dem Gläschen und der Löwenzahnschnaps vereinte die Gemüter alsbald auf demokratischer Basis. Man fand ihn zum Schluß auf dem Küchentisch sitzend und mit den Beinen baumelnd und Mrs. Sniggers tiefbefriedigt und schnurrend gleich den fünf schwarzen Katzen, mit denen sie sich umgab. Das Gespräch drehte sich, wie Erwin, der jetzt herunterkam, sofort erfaßte, um eben diese Katzen, und die Frau hatte sich beklagt darüber, daß niemand den Mut finde, die Tiere aus der Welt zu schaffen. Sie bringe es nicht übers Herz; aber was die zusammenfräßen, sei enorm und mache sie arm und frühalt vor Sorge. Dabei senkte sie schwermütige Augen auf die mageren, zum Teil mit Krätze bedeckten Tiere. »Ich hasse sie eigentlich,« bemerkte sie, »will sie los sein; aber man hat ein gutes Herz. Alle Tiere kommen von der Vorsehung; aber was die jungen Hühner sind, die leben nicht lange mit ihnen zusammen, ohne daß ihnen etwas passiert.« »Warum«, rief Zuckschwerdt fröhlich, »vertrauen Sie mir nicht? – Ich werde Sie von dem Übel erlösen. Kann ich nicht ein wenig Vorsehung spielen?« Die fünfzigjährige verbissene Frau blickte scharf auf und bemerkte: »Ich finde hier in der Gegend keinen Mann, der das fertig brächte. Das wäre ja Mord. Aber wenn die Katzen eines Tages nicht mehr da sind, so will ich gern glauben, daß man sie gestohlen hat oder daß sie ausgekniffen sind.« »Einen Mann suchen Sie,« erwiderte Zuckschwerdt heftig und stellte sich spreizbeinig mitten in die Küche. »Hier haben Sie einen, der tötet das Viehzeug.« »Nicht töten,« rief sie schrill, »nicht töten, wegschaffen, verjagen.« »Na gut,« sagte Zuckschwerdt. »Ich nehme sie alle mit im Automobil; stecken Sie sie nur in einen Sack und dann setze ich sie irgendeinem Nachbarn, den Sie besonders lieben, auf die Pelle.« Sie verklärte sich. »O ja, dort in Tower-Hill, dem Trödelladenbesitzer; der betrügt mich schon lange und ich kann ihm's nicht nachrechnen. Den versorgen Sie nur mit den Katzen.« Der Wunsch von Mrs. Sniggers wurde erfüllt. Allerdings blieb der Ladenbesitzer unbehelligt. Aber die Katzen verschwanden wie Tautropfen in der Sonne. Wenn jemals etwas spurlos vertilgt worden ist, so daß nicht das kleinste Gedächtnis seines Daseins zurückbleiben konnte, so waren es diese Katzen. Erwin wohnte, von Zuckschwerdt veranlaßt, der Exekution bei und beschrieb sie Mildred mit folgenden Worten: »Er hatte einen alten Kohlensack gefunden und das erste, was er natürlich tat, war, Jagd auf die Tiere zu machen. Nun waren sie halb räudig und traurig anzusehen. Es war keine leichte Arbeit, sie, wenn man sie einmal am Schwanze hatte, in das Loch im Sack hineinhängen zu lassen, ohne daß sie mit den gespreizten Pfoten anstießen. Fangen ließen sie sich ohne weiteres, direkt aufnehmen, da sie einer rohen Behandlung nicht gewärtig waren; und Zuckschwerdt war strategisch genug, sie nicht durch große Alarmtrommeln einzuschüchtern. Gern faßte er sie nicht an; aber ich glaube, das erstemal, wo er in seinem Leben zärtlich mit einem Geschöpf Gottes umging, so war es hier trotz der Krätze, – weil er den dunklen Plan im Hintergrund hatte. Als er die vier Trauergestalten – – du erinnerst dich, sie waren alle schwarz und ein kleines war auch darunter) – in den Sack steckte, merkten sie etwas und wogten darin auf und ab. Doch Zuckschwerdt hatte mit eiserner Faust die Schnur oben zugebunden und lud sich das Bündel auf die Schulter. »Wird ne saubere Arbeit, Herr Notacker,« äußerte er sich dabei noch zu mir. »Habe die Viecher schon das erstemal gehaßt, wie ich sie sah. Das muß ausgerottet werden, sonst macht das Leben keinen Spaß.« Was ihm die Katzen tatsächlich zugefügt hatten, darüber schwieg er sich aus. Er hatte sie nicht einmal übel vermerkt, schien mir; doch mit Tötungen beauftragt, nahm er die Sache ernst und suchte sie auch noch zu motivieren. Wir gingen an das Ufer des Miami hinunter und suchten uns ein paar sehr schwere Steine heraus, um sie an den Sack zu binden. Zuckschwerdt dirigierte wie ein Feldherr, während ich dies letzte Werk der Barmherzigkeit vollführte. Der Sack war ungefähr zwei Meter von uns in den niedrigen Fluß gesunken, aber trotz der Beschwerung kamen noch hier und da Fühler, die er ausstreckte wie eine große Amöbe, an die Oberfläche. Hier wußte Zuckschwerdt geschickt einzugreifen, indem er solche naseweisen Anschwellungen kunstgerecht mit Steinen abplättete. Es entstanden dann noch drei oder vier große Luftblasen, in denen die Seelen der Katzen durch das Wasser nach oben stiegen; und dann beruhigte sich der Sack. – – »Können das nicht dadrin liegen lassen,« meinte er, nachdem sein Adlerauge eine Zeitlang starr auf der Stelle geruht. Und er angelte ohne Schuhe und Strümpfe danach und zog das Gebilde wieder an Land. »Müssen das Zeug hier vergraben, hier im Schlamm; sonst kommt die Gesundheitspolizei.« Das letzte Wort sprach er etwas leise aus. Es war die Anerkennung einer kleinen, zwar belanglosen, aber immerhin neben ihm noch existierenden Autorität. Als wir das Loch im Schlamm gebuddelt hatten und der Sack gerade reif war, hineinzukommen, bekam ich einen solchen Schreck wie in meinem Leben noch nicht, und auch Zuckschwerdt machte ein äußerst düsteres Gesicht, indem er einen scharfen Blick auf die Stelle dieses Lautes richtete; – denn aus dem Sack ertönte ein leiser wimmernder Schrei. »Das sollte denn doch mit dem Teufel zugehen,« meinte er. »Eins von den Viechern ist noch nicht erledigt, wollen mal sehen, was los ist.« Wir schüttelten die Leichen aus dem Sack. Zuerst kamen die drei großen schwarzen. Sie waren stocksteif. Die Augen standen aus dem angeklebten dürftigen schwarzen Fell heraus wie giftig grüne Beeren, mit kaum einem Schlitz darin. Abscheulich sieht eine tote Katze aus, das kannst du glauben. Tierleichen sind ja immer noch erträglicher als Menschenleichen, weil sie für unsere Begriffe etwas Toteres – entschuldige das Wort –, etwas Gegenständlicheres haben. Nur Katzen machen eine Ausnahme, weil sie etwas Menschliches bekommen. Sie haben etwas qualvoll Verkrümmtes, als seien ihnen die neun Leben, die sie besitzen, wie ebenso viele Widerhaken aus dem Leibe gerissen worden. Das Maul steht auf; die hölzerne Figur ist wie Krampf gewordener Protest. Dreien also hatten wir den Rest gegeben; und nun purzelte noch das Junge hinterher. Sie hatten es offenbar so zwischen sich eingeschlossen, daß das Wasser nicht daran konnte. Nun wimmerte es und anstatt – –« – In diesem Moment sprang Mildred auf und rief: »Gott sei Dank, daß aus diesem Massenmord noch eines gerettet ist, wo ist das arme Kleine?« – »Hör nur weiter,« sagte Erwin, »ich dachte ja, wir stecken es in die Tasche und nehmen es wieder mit, weil es noch zu jung ist, Schaden anzurichten. Zuckschwerdt ließ mir keine Zeit zur Überlegung. Er betrachtete die Zählebigkeit dieses einen als persönlichen Affront. Kannst du dir denken, sein Ehrgeiz war verletzt. Ja ich möchte fast sagen, seine Eitelkeit war erschüttert. »Donnerwetter,« sagte er. »Im Katzenersäufen habe ich doch immer einige Routine gehabt, und länger als zehn Minuten hat es noch nie eine ausgehalten ohne Luft. – Du Luder,« schrie er das Kätzchen an, »du bildest dir wohl ein, du kannst dem Zuckschwerdt einen Streich spielen. Sollst mal sehen, was Gründlichkeit bedeutet.« Nahm einen Stein und ehe ich diesen Energieausbruch verhindern konnte, hatte der Stein rotes Mus aus dem Objekt gemacht. Die absolute Sicherheit, daß das Werk nun erledigt sei, machte ihn wieder humoristisch. Wir schaufelten unsere Opfer in das Loch und traten es mit Lehm fest. Zuckschwerdt machte noch auf dem Heimweg Bemerkungen, so könne man ihm nicht kommen und übers Ohr ließe er sich nicht hauen. »Ich glaube, daß er unter Umständen mit Menschen genau so...« Hier brach Erwin ab; denn Mildreds Benehmen machte ihm Bedenken. Sie war ganz blaß geworden und wie kraftlos in den Stuhl gesunken. Ihre Lippen hauchten ein Wort gerade noch laut genug flüsternd, wie als sei sie einer Erkenntnis auf die Spur gekommen, an die sie nicht hatte glauben wollen; und auch Erwin erstarrte, erstarrte in schweigendem entsetztem Protest; denn es war dasselbe Wort, das ihm ringsum jedes Gespräch vergiftet, ihm aus jedem Zeitungstitel, ja fast schon aus den Schaufenstern entgegenfletschte: Das Wort hieß: »Der Hunne!« Der Passus im Internationalen Recht Nicht als ob sich irgend etwas im Benehmen der Drei zueinander geändert hätte. Der Schreck Mildreds über den Mord an der kleinen Katze war einer Unvorsichtigkeit Erwins zu verdanken gewesen und war vielleicht gerade deswegen nicht weiter folgenschwer, weil Mildred sah, daß Erwin gerade dadurch, daß er Zuckschwerdt so objektiv schilderte, eine große innere Distanz von diesem besitze; daß es somit verschiedene Sorten von Hunnen gab, die nicht über einen Kamm geschoren werden durften. Zuckschwerdt merkte natürlich nichts. Seine reizende, farbige Eitelkeit blühte munter weiter. Mit so viel kleinen, unfreiwillig komischen Momenten wußte er sich zu geben, daß er wieder etwas liebenswürdig Kindliches, fast etwas von einem Knaben bekam, der mit dem Säbel eines älteren Bruders renommiert; – der den Gebrauch des Dinges schon halb kennt, und nur abgehalten werden soll, Unheil damit anzurichten, sonst aber damit spielen darf, wenn der ältere Bruder nichts dagegen hat. Freilich, wenn man's so betrachtete, so war die Rolle des Kontrollierenden schwer ausfüllbar; denn Erwin hatte natürlich keine Lust, sich in ernstere Konflikte mit diesem Stück Militarismus einzulassen, und die höhere Instanz, das Kaiserliche Hauptquartier, wirkte hier doch nur als Mythe. Kurz und gut, Zuckschwerdt lebte den Eindruck, wie der ortsübliche Ausdruck hieß, durchaus nieder. Seine Energie äußerte sich wie die junger Hunde nach harmlosen und vergnüglicheren Richtungen hin, und das war auch eine Art, sie loszuwerden. Zuweilen duftete er stark nach Weingeist, aber er hatte sich trotz solchen Befindens immer genug in der Hand, um eine gewisse Haltung zu wahren. »Wie lang wird er's noch so weitertreiben«, dachte Erwin manchmal und war tief erstaunt. »Trüge er Uniform, so wäre er hier nicht auffallender.« Er fragte Zuckschwerdt: »Sagen Sie, wie machen Sie es nur, daß man Sie nicht lyncht?« »Mich!?« hob sich die Kriegerbrust. – »Da kennen Sie mich schlecht. Offenheit ist, was der Bande hier imponiert. Ich laufe herum als Deutscher und mache kein Hehl daraus, woher ich stamme. – Wissen Sie, nur die Verkniffenen, die Schleicher, gegen die sind sie scharf. Hier bin ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen! Das zieht. – Der Amerikaner ist ein verdächtiger Bursche; aber wo man ihm mit offenen Karten kommt, wird er bekömmlich.« »So so,« sagte Erwin, in tiefes Sinnen verloren. »Ich bin ja auch immer offen gewesen und habe nie ein Hehl aus meiner Herkunft gemacht. Aber daß die Herren bekömmlicher geworden wären, habe ich nicht bemerkt: im Gegenteil: die Ruppigkeit gegen mich ist so im Wachsen, daß ich mich überhaupt noch wundere, mit einigen Leuten hier auf Grüßfuß zu stehen. Wie ich herkam, wurde ich ja auch in verschiedenen Häusern vor Stockamerikanern als leidlich kultiviertes Exemplar eines Mitteleuropäers herumgezeigt. Doch dann hatte man eine Art, sich so subtil, so von hinten herum meiner Bekanntschaft wieder zu entledigen, daß es mir Überwindung kosten würde, diese von Vorurteilen wie von Läusen geplagte Gesellschaft eines Wortes zu würdigen.« »Ha, ha!« lachte Zuckschwerdt hier und schlug sich schallend auf die Schenkel. »Das machen Sie verkehrt, verehrtester Herr Notacker! Mich, und rausschmeißen, – mich und ignorieren, – das sollten die mal probiert haben!! – Nachgelaufen sind sie mir, weil ich ihnen Fußtritte gab. »Geboosted« haben sie mich, weil ich ihren Geschmack kenne. »Toller Kerl«, haben sie sich gesagt, »ist nicht unterzukriegen«. – Freilich, 'ne feine Gelehrtennatur wie Sie, die tritt ja zurück und die Leute treiben Schindluder mit Ihnen. Auf Geist, da können Sie Gift drauf nehmen, trampelt man hier herum. – Das gibt es nicht.« »Was für ein unbewußtes pyramidales Kompliment,« dachte Erwin, »was für eine erstaunliche Erkenntnis. – Woher hat er das?« »Ich muß Sie überhaupt ein wenig in mein Schlepptau nehmen,« fuhr Zuckschwerdt fort, noch immer im Schwung seiner Heiterkeit. »Das geht nicht mit Ihnen so weiter. Sie hängen sich ja wie ein Bleiklotz an die Ereignisse hier. Der Amerikaner ist kein solcher ???Tüdckebold, wie Sie ihn sich vorstellen. Ein bißchen Psychologie und die Sache macht sich. Nur ein bißchen Psychologie! Der Krieg ist hier ein Sport; drüben eine blutige Auseinandersetzung. Aber es passiert selten, daß sich bei einem Base-Ball-Spiel die Zuschauerschaft wegen Sympathien persönlich in die Haare geraten. Der eine brüllt das, und der andre das; aber die Hauptsache ist das Feld da hinten, wo die Farben wechseln. Das ist die Tribüne, wo der Unparteiische sitzt. Jeder wird auf seine eigene Weise verrückt. Das wäre noch schöner, wenn sich Sitznachbarn auch noch verholzen wollten. Was hätten die Leute für ein Interesse daran, mir ein Bein zu stellen? Ich stelle doch meine Energie sozusagen in den Dienst dieses verdammten Landes. Das wissen die Schufte ganz genau und richten sich danach. Außerdem, wissen Sie, ich reibe ihnen nicht gerade unter die Nase, was für Kerle wir da drüben sind. Macht böses Blut. Heule mit den Wölfen, sage: »Ja ja, ihr werdet's schon machen. Die Sache sieht nicht unbedenklich aus für Deutschland. Da werden sich die noch verschiedene Zähne auszubeißen haben; denn praktisch seid ihr, daß muß man euch lassen und ihr wißt auch, was ihr wollt«. »Jeder bildet sich ein, er hat recht«, sage ich, »und der liebe Gott wird ja entscheiden, wer's hat«. – Im geheimen, Herr Notacker, denke ich mir aber dabei: »Ihr traurigen Figuren, ihr werdet ja verdroschen, ihr klappriges Gesindel, ihr kniekrummes; ihr habt ja noch keine Ahnung, wie es tut, wenn die dicke Berta spuckt«. – – So mache ich das. Und Sie halten sich nur an mich, nur immer an mich, dann geht die Sache schon, und keine falsche Scham!« Es mochte nicht lange nach diesem Gespräch gewesen sein, als Zuckschwerdt eines Morgens sehr früh mit allen Anzeichen hochgradiger Erregung nach Tower-Hill herausgefahren kam und Erwin aus dem Bett holte. »Mensch,« schrie er, »ich habe was gelesen. Es gibt einen Passus im Internationalen Recht.« »Wovon reden Sie, Zuckschwerdt! – Vom Internationalen Recht?« »Nun ja, wissen Sie, ist ja 'ne Farce geworden; aber da ist es heute in der Zeitung gestanden und ich will's glauben, weil ich die Motive von der Bande kenne. Nämlich nach der Kriegserklärung können alle feindlichen Zivilisten in ihre Heimat zurück und hier scheint es, daß man Sie mit Handkuß loswerden will. Rausschmeißen kann man Sie nicht; aber wenn einer ein wenig bohrt, muß er gehen. Sie sind ein stiller Gelehrter, spielen sich als Forschungsreisender auf und sagen, Sie wollten Ihre eigene Heimreise riskieren und selber bezahlen; dann können Sie Gift darauf nehmen, man schickt Ihnen noch eine Abschiedskapelle nach Hoboken.« »Ach,« sagte Erwin, »selbst wenn ich das könnte, wie stellen Sie sich das vor? Und meine Frau, die jetzt noch dazu guter Hoffnung ist!« »Nehmen Sie mit, nehmen Sie mit,« schrie Zuckschwerdt aufgeräumt. »Fahren nach Vigo, Handelsdampfer; werden eskortiert; du lieber Gott, ein Torpedo braucht ja nicht gerade für Sie parat zu liegen.« Erwin wurde mit äußerster Zeitersparnis in das Ford-Auto genötigt und Zuckschwerdt warf äußerste Schnelligkeit an. Man ratterte traumhaft schnell der Stadt entgegen. In der Madison-Avenue fiel es ihm noch nicht ein, sein Tempo zu dämpfen. Seine kümmerliche Maschine bohrte sich wie ein Pfeil in den geregelten Verkehr schmucker Privatkraftwagen oder kleiner elektrischer Vehikel, die sich blank poliert, luxuriös, mit leisem gesetzten Zirpen auf ihre morgendlichen Besorgungsrunden begaben. Er schoß vorwärts von plebejischem Geräusch begleitet wie ein Stinktier, das sich unter vornehme Rassehunde mischt. Immerhin hielt er die Schnelligkeit beim Anblick eines Polizisten, der den Verkehr an den Ecken regelte, in Gesetzesgrenzen; denn wenn sein Adlerauge auch keine Autorität anerkannte, diese fünfeinhalb bis sechs Fuß hohen Irländer mit ihren wirbelnden Hartholzstöckchen und schläfrigen Augen, die unter den breiten Schirmmützen hervor alles bemerkten, übten doch eine gewisse Dämpfung auf sein schwellendes Kraftbewußtsein aus. Das blaue Tuch, in das diese Wachtürme gehüllt waren, erzeugte ihm vielleicht Reminiszenzen an Uniformen; und das mochte ihn beeinflussen. Sobald er jedoch freie Bahn vor sich sah, marterte er die Maschine wieder mit kaltem Griff. Wenn sie über Pflaster strich, so schien es, als müsse sie ächzend aus allen Fugen gehen, und daß sie es nicht tat, war ein Wunder der Technik. Hatte sich nicht ein Mann, der nicht einmal orthographisch schreiben konnte, mit diesen rohen Motoren, mit diesen billigen Hartblechkonstruktionen zu einem der wenigen Krösusse hier gemacht, die das Schicksal von Hunderttausenden in der Hand hielten?! – Das Maschinchen ging nicht aus dem Leim, weil er und Zuckschwerdt es so wollten. – Man näherte sich den Milchglaslampen des Bahnübergangs, und schnurrte etwas langsamer durch den schmutzigen Geschäftsdistrikt, wo ein Klumpen rußgeschwärzter Backsteinstrukturen über den anderen hinüberwuchtete. Hier existierten Dreck und Fäulnis nur, weil höchstgespannte Betriebsamkeit es keinem der hastenden, scheu blickenden Kreaturen zu erlauben schien, auch nur einen Moment den Fuß zu benutzen, um etwa einen verwesenden Kohlstrunk vom Trottoir zu schleudern. Zuweilen kamen, erstaunlicherweise, saubere Strecken. Man sah Gruppen gut, ja luxuriös gekleideter Menschen, die Zeit zu haben schienen. Sie standen in harmlose Gespräche versunken vor Zigarrenläden oder hielten Zeitungen entfaltet in der Hand. Man täusche sich jedoch nicht! – Das waren keine Unterhaltungen, die menschenwürdig im europäischen Sinne gewesen wären! Man lauerte sich die Börsenschwankungen von den Gesichtern ab. Man flüsterte sich eine Ziffer zu, die man etwa nebenbei aus den Privatleitungen benachbarter Bureaus gemolken. Von kleinen Bestechungen begünstigt, rafften tausend Privatinteressen ihre Nahrung aus den Hauptströmen der Kriegsnachrichten, die von Rechts wegen in die Zeitungsstenographenkammern hätten münden sollen. Der Krieg war aktiv, aktuell, war ein großes Geschäft, ein von Möglichkeiten unerhört strotzender Hintergrund für jeden einzelnen, bedeutete die Bereicherung des Individuums; und gewisse tönende Phrasen übersalbten den schmierigen Tumult all der kleinen Instinkte, so daß das Ganze duftete und aussah wie das gut geschnittene Kleid eines Hochstaplers, der sich höchstens durch rastlose Finger oder unruhige Augen verrät. In Momenten auch, wo der fanatische Schulmeister in Washington eine besonders tönende Phrase gebrauchte, bekam der Krieg etwas Katholisches, wie die Prunk-Stola, mit der sich ein Jesuit Wirkungen stiehlt. Der Verkehr verdichtete sich und der große Strom der Fuhrwerke, der Gemüsekarren, Autos, Kohlenwagen, Lastfuhren, Reklamevehikel, vollbepackter Trambahnen wälzte sich unablässig die absteigende Straße dem Ohio-River und den großen Güterschuppen zu. Der Krieg saugte Betrieb aus allen Winkeln. Die Luft fieberte von Bestellungen. Ein Frachtzug löste dort den andern ab. Dies war ein Zeitpunkt, wo sich im Kleinen zeigte, was im Großen vor sich ging; wo alle Staaten Amerikas ihr Eisenbahnnetz mit Produkten aller Art belasteten, um das größte Stapellager, was die Welt je gesehen hat, in Philadelphia und New York anzuhäufen; um den großen Nährberg zu schaffen als Hintergrund für die anderthalb Millionen ungewitzter Kakhihelden, die noch im Verlauf dieser großen Reklamedemonstration für die Neue Welt hinübergeschafft werden sollten. Erwin wußte das nicht. Er fühlte nur dumpf den großen Puls, der heftig in dieser Stadt zu schlagen begann, einer Stadt, die ihm irgendwie idyllischer erschienen war als die großen Metropolen, die er bis jetzt gesehen. Wie er hergekommen war, war das Lebenstempo dieser durch Inzucht halb verkommenen oder mit indianischem oder jüdischem Blut buntdurchsetzten Bevölkerung sehr viel besinnlicher gewesen. Jetzt schien es, als seien sie alle mit einem Serum geimpft, das sie doppelt schnell agieren ließ. Ihm schwante Ungeheuerliches; ihm schwante, daß der Moment kommen müsse, wo diese langsam sich aufpeitschende Masse einen Grad von Hysterie erreichen werde, der sie zu Tieren mache. Während er dies dachte, blickte er Zuckschwerdt an, der, die Zigarre zwischen feuchten Lippen kauend, schläfrig fast in seiner unerschütterlichen Ruhe wie eine Sphynx oder ein unantastbarer Geschäftsmann (der alles bereits in der Tasche hatte, dem man nichts neues mehr bieten konnte) neben ihm am Lenkrad hockte. Er bewunderte ihn. Er sagte sich, »Bin ich nervös? Bin ich vielleicht überspannt? Spielt meine Phantasie mir unnötige Streiche? Denkt nicht dieser hier viel praktischer? Vielleicht hat er recht, wenn er sagt, ich soll mich von ihm ins Schlepptau nehmen lassen! – Vielleicht ist er doch imstande, mir eine Bresche zu schlagen, daß ich mit all meinen Hemmungen noch leidlich vorwärts komme, ohne mich an allen weichen Stellen blutig zu stoßen!« Zuckschwerdt gebrauchte die Hupe mit gröhlender Rücksichtslosigkeit. Er sprengte die Menschen auseinander. Sie starrten nach ihm wie aufgescheuchte Raubtiere. »Tierbändiger«, mußte Erwin denken. Zuckschwerdt hatte eine Hupe an seinem traurigen Beförderungsmittel, die diesem einen Dunst unfreiwilligen Respektes schuf. Er drückte sie kurz mit eisernem Daumen, und sie knarrte und kläffte. Nichts dunkel Langgezogenes hatte der Ton, nein: etwas an den Hals Springendes, Luftraubendes. »Ein Mensch, der so einen Lärm macht, kann kein Landesfeind sein«, war seine Berechnung offenbar, und die Ansicht auch der Passanten. Hatte man je so einen Bluff gesehen? Erwin war stumm und weich vor Erstaunen. Der kleine Greis Endlich landete man auf dem Fountain-Square. Hier war das große Rathaus, das in seinen oberen Stockwerken das »Home Department« barg. Zuckschwerdt hielt mit Aplomb und ließ das Vehikel stehen, wo es stand, ohne Sicherung. »Wird mir keiner stehlen,« sagte er, »das ist der Vorteil davon. Jetzt passen Sie auf, nehmen noch ein paar Instruktionen. – Ich kenne den Marshall Attorney nicht selbst, habe aber gehört, daß er ein ganz patenter alter Kerl sein soll. Nun und was so diese versoffenen Beamten sind, die kann man um den Finger wickeln, wenn man sie richtig anpackt. Schmieren ihm ein wenig Honig ums Maul, das genügt und er frißt aus der Hand. Lassen Sie mich nur reden, ich deichsle den Kitt schon. Machen Sie die Klappe nicht auf, – Pardon, ich meine, äußern Sie keine Zwischenbemerkungen, bis ich mit meiner Erklärung fertig bin. Ich will mir den Mann beaugenscheinigen, will ihm die Würmer erst aus der Nase ziehen und dann, wenn ich Ihnen so mit den Augen zwinkere, dann legen Sie los und erzählen ihm von Ihrem Pech, daß Sie militäruntauglich wären, Atteste bringen könnten, Ihr Herz wäre kaput oder Ihre Nieren oder Sie hätten Plattfüße oder irgend etwas derartiges. Für die Atteste sorge ich dann schon. Spielen sich als Forschungsreisenden auf, von x-woher verschlagen, schrieben friedliche wissenschaftliche Sachen und brauchten Literatur, die Sie hier nicht kriegen könnten. Ihre Devise sei kurz: friedliche Kultur fortführen, das imponiert. Krieg ist für Sie 'ne Hirnverranntheit, sind blonder Pazifist, harmloser Bürger oder was Sie gerade sagen wollen. Wie gesagt, wirken Sie auf das Gemüt. Solche Gemütskisten ziehen hier, wenn man an den Richtigen kommt. Habe mir sagen lassen, der Alte ist Irländer. Da kann man schon von vornherein 'ne gewisse Deutschfreundlichkeit voraussetzen. Also auf in den Kampf und bleiben Sie politisch. Richten Sie sich nach mir, beobachten Sie uns beide, und Sie werden sehen, Sie kriegen Ihre Reisepapierchen, müßte doch mit dem Teufel zugehen. Reiben Sie ihm nur das Internationale Recht fest unter die Nase. Die Leute wissen nicht, daß es das gibt, aber Sie wissen's; Sie haben das genau nachgelesen, und Sie sagen, Sie können's ihm beweisen und dann geniert er sich, daß er Marshall Attorney ist und noch nichts davon gehört hat.« Mit einem leichten aufmunternden Klaps schob er Erwin voran. Man stieg die breite Steintreppe hinauf. Zuerst kam man in einen Raum in dem nur einige mißgelaunt aussehende Männer an großen Bureautischen vorhanden waren. Nachdem Zuckschwerdt in fast unverständlich hervorgeschnaubtem, sehr nasalem Englisch erklärt hatte, wen er sprechen wolle, wies der eine von den Männern mit dem Daumen nach links, wo eine weitere Tür war. Man ging dort hinüber und kam in ein ebensolches Zimmer, wo wiederum einige Herrschaften hinter Bureautischen vorhanden waren, diesmal jedoch nicht so schläfrig, sondern mit sehr lebhaften Augen, die mit zwei schnellen Drehungen schwarzer Pupillen eine erschöpfende Charakteristik der beiden Besucher in sich aufnahmen und dann hinter herabsinkenden Lidern formulierten und verdauten. Man sah in diesen Augen die Gewohnheit, Menschen nach kleinen äußerlichen Merkmalen erschöpfend abzuschätzen, wenigstens so weit sie für gewisse Zwecke in Betracht kamen. Da waren zwei mäßig feiste Beamte; der eine diktierte mit Schnellzugsgeschwindigkeit vor sich hin und unterhielt eine Schreibmaschine in der anderen Ecke dadurch in wirbelnder Tätigkeit; der andere brannte mit seiner Zigarre ein Loch durch seine Zeitung und beobachtete, wie die Funken liefen, so als ob er in Gottes weiter Welt nichts besseres zu tun fände. Hinten war ein verdächtig aussehender Aufbau bemerkbar, der einem der Käfige glich, in denen Händler, die für zoologische Gärten sammeln, ihre lebenden Waren zu verschicken pflegen; in diesem Aufbau befand sich ein Stühlchen. Die nackte Bedeutsamkeit des Arrangements hatte einen Effekt auf Erwin, als schiebe man ihm eine längst erkaltete Wärmflasche, die er noch heiß geglaubt, plötzlich auf den Magen. »Hier machen,« erklärte Zuckschwerdt ihm laut auf deutsch (was eine tolle Waghalsigkeit bedeutete), »hier machen die Kerle ihre Verhöre. Da steckt man ein armes Luder in den Drahtkäfig und feuert von allen Seiten Fragen in sein Trommelfell, bis er ganz dumm ist. Die Finger kann er nicht in die Ohren stecken, weil er solche kleinen Schmuckstücke trägt.« Und er wies auf ein paar Knöcheleisen aus blankem Nickel, die auf dem Fensterbrett lagen. »Heute ist zufällig niemand da. Deswegen brennt auch dieser Herr seine Zeitung kaput.« Ein fortwährendes Gehen und Kommen herrschte in einer Ecke. Aufgeweckt aussehende Herren, die Hutkrempen etwas im Gesicht, erschienen und nahmen beschriebene Papierchen mit oder legten solche auf ein Pult zurück, wo sie der diktierende Beamte schläfrig musterte und zerknüllte. Zuweilen streckte auch nur jemand seinen Kopf herein, wie etwa ein Fuchs in den Gänsestall, machte rätselhafte Zuckbewegungen des Halses, die irgendwelche Bedeutung hatten, schnippte mit den Fingern oder übte ähnliche Zeichensprache.... Dabei schien es, als kümmere sich im ganzen Bureau kein Mensch darum, was für private Scherze diese kleine fixe Gestalt für sich vollführe. Um Zuckschwerdt und seinen Begleiter kümmerte sich noch niemand. »Detektive«, murmelte Zuckschwerdt. »Nun aber wird's Ernst. Jetzt nur das beste Englisch.« Er hatte seine Karte in der Hand, diejenige nämlich, auf der er sich als Maschineningenieur legitimierte, und legte sie, stramm und doch bescheiden vortretend, auf den Tisch. Der Mann mit der mißbrauchten Zigarre blickte schnell auf, als ob er ihn das erstemal bemerke, und wies ein Maschinenfräulein, das zauberhaft schnell auf einen Klingeldruck erschien, mit knarrender Stimme an, die Beiden vor den Allgewaltigen zu bringen. Das Fräulein schlüpfte mit der Karte voran; nach einer Weile öffnete sich die Tür und sie winkte ihnen, hereinzukommen. Der dritte Raum, den sie jetzt betraten, war der größte. Man sah durch gotisch zugespitzte Fenster auf den Platz hinunter. Hinten in der Ecke in einem Ledersessel, über dessen eine niedrige Lehne er das linke Bein pendelnd geschwungen hatte, saß in sich zusammengesunken ein kleiner Greis. »Greis« war vielleicht zuviel gesagt für ihn; immerhin war er ergraut und machte einen zusammengeschrumpften Eindruck. Er befand sich augenscheinlich in einer Art Träumerei, spielte mit einem Füllfederhalter und blickte apathisch vor sich hin. Als die beiden eintraten, standen sie noch eine Weile ratlos da. Dann nahm das Wesen hinten in der Ecke Notiz. Das Bein zog sich zurück, der Füllfederhalter rollte aus den Fingern und Haltung kam in diese uninteressierte Figur bis zu dem Grade, daß er sich halb erhob und mit einem Blick auf die Karte Zuckschwerdts in unverkennbarem Brogue äußerte: »Nehmen Sie Platz, Mr. Söckswert, mit Ihrem Freunde. Was kann ich für Sie tun?« Er sank zurück, gleich wie ein Bündel abgelegter Kleider, und zeigte eine abwartende Miene. Erwin und Zuckschwerdt nahmen auf zwei Stühlen Platz, die so gestellt waren, daß das volle Fensterlicht auf sie fiel, während der kleine Greis es vorzog, sich mehr im Schatten der Ecke zu halten. Während Zuckschwerdt begann, blickte Erwin sich um. Die Wände waren ölig grau, mit Photographien behängt. Woodrow Wilson blickte, etwas verschwommen vergrößert, aber immer noch in scharfen Konturen, von einer mit einem riesenhaften Sternenbanner umwickelten Tribüne herab. Hinter seinem Kopf und seinen Achseln hervor schimmerte, etwas weiter entfernt, eine Unmenge von kleineren Sternenbannern bis zu dem Miniaturfähnchen, das ihm aus dem Knopfloch seines korrekten Gehrockes blühte. Seine etwas töricht wirkenden Kinnladen waren herabgesunken, was auch dem Mund eine gerundete Öffnung gab, aus der Bedeutsames quoll. Die eine Hand war mit leichtgebogenem Arm auf die Tribüne gestützt mit jener Geste, die er vor dem Kongreß einzunehmen pflegte, wenn er begann: »My fellow citizens...« – Der andere Arm stand rechteckig in der Luft und die behandschuhte Rechte drohte mit unwirschem Zeigefinger. Der Marshall Attorney hatte sich offenbar eine Freiluftrede des Präsidenten zu seiner Privatandacht vergrößern lassen. Es schien eine Ansprache an die Studenten einer Universität, was aus der offiziellen Art der Bekleidung und dem weichen breitkrempigen Hut, der vor ihm auf der Tribüne lag, zu schließen war. Die andere Photographie zeigte den Marshall Attorney selbst bei einer festlichen Gelegenheit, seiner Amtseinsetzung, inmitten gutmütiger, bullenbeißerhafter Gestalten, die ihn im Kreise umringt hielten wie einen Edelstein, der in einer Gesteinsdruse sitzt. Einige etwas magere, aber unternehmungslustig dreinblickende Jünglinge in Kakhiuniform zeigten sich in weiteren Bildern; und direkt über dem Schreibtisch schwebte wiederum der Gewaltige selbst im Kreise seiner Familie – Damen jeden Alters in wohlgefüllten Blusen, die ihn in ihrer waschleinenen Vehemenz in Schatten stellten. Er wirkte in diesem Bilde auch mehr als danebengesetzt und nicht als Mittelpunkt. Von dem Fountain Square herauf kam als dumpfes Getöse das Gebrüll der Zeitungsjungen. Durch das beschmutzte Glas hindurch sah Erwin, in der wabernden Hitze des Asphalts, ein Gewimmel zertretener Zeitungspapiere, die zuweilen ein kleiner staubiger Wirbelwind eine Strecke weit träg vom Platze drehte. Er sah die mächtig starrenden Geschäfteauslagen, zwölf bis fünfzehn Stock hoch, mit ungleichen Dächern in den lodernden Himmel getürmt ... Wo die Sonne durchbrach, glich sie einer Wand von Licht, die scharf durch den Platz hindurchschnitt und den europäischen Zierbrunnen darauf, der sich so lächerlich wie möglich ausnahm inmitten dieser Umgebung, sowie die mannshohen Firmenbuchstaben in gleißendes Licht setzte. Von dem Gefunkel der schreienden Reklame schmerzten ihm die Augen. Er unterließ weitere Beobachtungen und wandte seine Aufmerksamkeit dem Gespräch zwischen dem Attorney und Zuckschwerdt zu. Hin- und Herrede waren voll subtiler Höflichkeit. Zuckschwerdt saß auf der Kante des Stuhles und wippte rhythmisch mit dem Oberkörper, was teils ein Unterstreichen des Gesagten, teils eine kleine jeweilige Verbeugung gegen den Machthaber bedeuten sollte. Er redete viel und mit dem knarrenden Akzent, den er nicht ohne Geschick der Bevölkerung abgelauscht. Er bemühte sich, Silben durch ein Loch in der Ecke seines Mundes entkommen zu lassen oder in der Nasenhöhle aufzufangen, wie es die bequemen jungen Leute hierzulande machten, die ihre Rede auf ein paar gehackte Ausdrücke beschränkten. Devanney ließ sich kein Erstaunen anmerken. Er unterbrach den Redestrom Zuckschwerdts nur zuweilen mit einem leise gegrunzten »I see«. Es war ein freundlicher alter Mann; er saß so nett, so lieb und komplett in seinem hartgepolsterten Lehnstuhl. Güte umwitterte seine kleinen, farblos grauen Äuglein. Häufig strich er sich den grauen Schnauzbart vom Mund, um diesen in lächelnder Form zu zeigen. Oder er kratzte sich mit einem tabakgelben Fingernagel verständnisvoll sinnend am mangelhaft rasierten Kinn. Seine Haut war pergamentgelb, sein Kopf klein. Die Nase trug ein feines Netzwerk violetter Äderchen. Man sah diesen etwas verdächtigen Schmuck jedoch nur bei schärferem Hinschauen. Auf der Schädelwölbung trug er eine noch bemerkenswert üppige Kappe eisengrauer Haare, die in der Mitte gescheitelt war. Unauffällig saß er da. Sein Anzug hatte die Farbe der Wand. Es war, als schmiege er sich voll verschmitzter Mimikry in die Umgebung hinein. Sein faltiger Hals stieg aus einem niedrigen Kragen. Auf dem grauen Homespun seiner Weste prangte eine silberne Uhrkette, die von einer Seitentasche in die andere hinüberwanderte. Seine Hände waren klein, faltig, kurzfingrig und rastlos, wenn er sich auch sonst in Ruhe befand. Man bemerkte vielleicht noch, daß die Kniegegend seiner Hosen blankgescheuert war. Ob das von seiner Angewohnheit kam, sich die Knie ständig mit der Faust zu polieren, blieb dahingestellt. Zuckschwerdt sagte eben mit einer gewissen Emphase: »Und so möchte ich als guter alter Freund dieses Herrn befürworten, daß dieses Bureau sein möglichstes tut, um ihn der stillen Arbeit in seiner Heimat wieder zuzuführen. Das Internationale Recht besteht darauf, daß man Zivilisten, die militäruntauglich sind, bei Kriegsausbruch wieder in ihr Land entläßt, ja in manchen Fällen sogar mit einer Entschädigung.« »Militäruntauglich?« fragte Devanney und musterte Erwin. Er fragte es mit einem gewissen Bedauern, als ob er sagen wolle: »Wie schade für den prächtigen jungen Mann!« – mit Kondolenz in der Stimme, gleichsam. »Schwer herzleidend,« fuhr Zuckschwerdt fort und blitzte das Männchen mit scharfem Ausdruck an. »Wie er vorhin die Treppe raufkam, schlug sein Herz schon einen Trommelwirbel. Der arme Mensch hat auch deutsche Bäder nötig. Hier sind sie ihm zu teuer.« »I see,« sagte Devanney und wiegte nachdenklich den Kopf. Dann sich zu Erwin wendend: »Haben Sie ein Papier von der deutschen Militärbehörde dabei?« Erwin wies einen Landsturmschein vor. Devanney blickte die Karte schief an, wußte offenbar nichts mit dem winzig gedruckten Dokument anzufangen und legte es beiseite. »Das behalte ich hier; denn – –« (er lächelte fast erschrocken und entschuldigend) – – »ich bin ein ungebildeter alter Kerl, der nicht einmal deutsch versteht; habe aber einen Mann hier, der es vielleicht übersetzen kann«. Hier regte sich Zuckschwerdt. »Macht nichts, macht nichts, Mr. Marshall!« Dadurch, daß er die unmögliche Anrede »Mr.« gebrauchte, suchte er sich gleichsam gegen eine eventuelle falsche Auffassung seines lärmenden Wohlwollens sicher zu stellen. »Verlangt ja auch niemand von Ihnen. Was brauchen wir uns hier in Amerika auch mit fremden Sprachen zu plagen.« Devanney sagte leise: »Ja und doch, es hat seine Vorteile, wenn man deutsch kann.« Auf einmal zog er die buschigen Brauen leicht in die Höhe und fragte unvermittelt und freundlich interessiert: »Sind Sie Amerikaner?« »Selbstverständlich!!« dröhnte Zuckschwerdt, schlug sich auf den Schenkel und lachte geräuschvoll. Die Brandung dieses Gelächters schwemmte das farblose Geschöpf in der Ecke gleichsam um eine kleine Distanz weiter hinweg. »Was haben Sie denn geglaubt, Mr. Marshall? – Amerikaner mit Leib und Seele!! Seit Jahren naturalisiert! Habe die Papiere zwar gerade nicht dabei ... Wer denkt denn auch immer an so was! Das käme mir gerade so vor, als ob ein Indianer von Oklahama riskieren müßte, nach seinen Papieren befragt zu werden. Auf den Gedanken war ich gar nicht gekommen; by love!« Und er erhob sich und verneigte sich gegen das Bild des Präsidenten Wilson, der unwirsch mit dem Finger in den Raum herabdrohte. Devanney bemerkte all dieses mit mehr als freundlichem Interesse. »Sie brauchen gar nichts zu betonen, Mr. Söckswert,« sagte er galant. »Selbstverständlich war die Frage nur Routine und soll nicht irgendwelche Zweifel ausdrücken. Daß Sie Amerikaner sind, sieht man ja aus jeder Bewegung.« Er war rötlich im Gesicht, schien sich einen Moment zu verschlucken, schneuzte sich umständlich in ein kolossales Taschentuch und zog dann aus der Außentasche seiner Jacke, wohin er auch seinen Füllfederhalter plaziert, eine kleine Handvoll Zigarren heraus, drei an der Zahl. »Nehmen Sie eine... als Friedenspfeife!« Erwin und Zuckschwerdt bedienten sich. »Eine Friedenspfeife ist zwar nicht nötig!« Zuckschwerdt beschränkte sich darauf, sich mehrmals zuckend zu verbeugen und dankbar das Kraut zu entzünden, aus dem er große Wolken sog und sie paffend in die Ecke gegen den Spender schickte. »Nun, um auf Ihr Anliegen zurückzukommen, so werde ich für Ihren jungen Freund hier eine Eingabe nach Washington machen, und ich hoffe aufrichtig, daß sie von Erfolg begleitet ist. Kommen Sie in vierzehn Tagen wieder, bis dahin ist die Antwort da. Es freut mich, daß ich etwas für Sie tun kann.« »Sehr nett, sehr nett von Ihnen,« sagte Zuckschwerdt an der Zigarre vorbei. Hier merkte er, daß das Interview ein Ende erreicht hatte. Er schnellte vom Stuhle und schüttelte die dargereichte kleine faltige Hand mit eisernem Griff. Hierauf zog er sich, mit dem Rücken gegen die Türe, zurück, während Erwin sich nur stumm verbeugte und mit der Brust voran dieselbe Rückzugsbewegung vollführte, was ein etwas unharmonisches Bild gab. Draußen angelangt, verfiel Zuckschwerdt in Stechschritt und stieß den Stock taktmäßig und vergnügt auf die Platten des Korridors, so als schreite er eine Kompagnie ab. Schon auf der Treppe fing er an: »Sehen Sie, Herr Notacker, das ist die Art und Weise, die Bande hier zu behandeln. Ein bißchen Honig um den Mund geschmiert und mit den Wölfen geheult. Das habe ich Ihnen schon neulich gesagt. Gut, daß Sie mich reden ließen. Macht immer einen guten Eindruck. Sie sind landfremd, des Englischen nicht mächtig, pardon, ich meine, Sie können die Zungenverdrehungen hier, die man englisch nennt, noch nicht täuschend genug machen. Sie sitzen da, sind stumm und dankbar und lassen Ihre Freunde für sich arbeiten ... Das wirkt. – Als er mich nach meinen Papieren fragte, Donnerwetter ja, da wurde mir etwas schwül, weil ich noch nicht einmal die ersten herausgenommen habe. Aber im Grunde sind die Leute ja froh, wenn sie einem nicht auf den Zahn zu fühlen brauchen, besonders wenn man Haare drauf wachsen hat.« Dieser Witz beseligte ihn für eine Weile. »Haben Sie bemerkt, was für ein oller Schlappschwanz dieser sogenannte Attorney ist. So'n Kerl heißt hier nun Beamter. Im Vorzimmer lümmeln sich beschäftigungslose Kreaturen herum, die sich Detektive nennen, dumme Jungens, die bei uns zu Hause nicht einmal hinter den Ladentisch paßten. Der eine brennt 'ne Zeitung mit seiner Zigarre kaput, der andere kaut Gummi und döst vor sich hin. Das nennt man hier Regierung. Hu, da ist doch bei uns in Dinklage schon ein ganz anderer Betrieb. Ein preußischer Assessor selbst ein Dreierjurist würde da in fünf Minuten 'ne ganz andere Note hineingebracht haben. Na ja, so ein demokratisches Getriebe hat ja auch seine angenehmen Seiten. Jeder ist wie der andere, man haut sich auf die Schultern, trinkt 'nen Whisky zusammen und nimmt einander nicht weiter tragisch. So Stellungen, wie sie dieser Alte einnimmt, sind ja doch nur durch Gaunerei und Bestechung zu haben. Dieser hier ist der Strohmann für ein paar Saloonpolitiker, die eigentlichen Drahtzieher sitzen ganz wo anders; aber auf alle Fälle schadet es nichts, wenn er seinen Namen unter die Bittschrift kleckst.« Erwin schwieg. Ihm war, als könne er den Optimismus Zuckschwerdts wie auch dessen fröhliche Lebensauffassung nicht recht teilen. Er wollte dies zwar gern, aber im Hintergrunde seiner Gedanken saß etwas Übles, noch Hinwegzuräumendes, mit dem er eine Auseinandersetzung dunkel scheute. Wie Zuckschwerdt ganz richtig vorausgesehen, stand das Auto noch vorm Eingang, von ein paar Bummlern umringt, die ihre Kritik daran übten. Abwartend und treu stand es da im Schutze seiner Schäbigkeit. Zuckschwerdt kurbelte an und zur großen Heiterkeit des Publikums gelang es ihm diesmal erst nach dem vierten Versuch. Doch man kam weg. Man hatte die Mission beendet. Was sich freilich droben im Bureau nach ihrem Weggang abspielte, davon wußten sie nichts. Eine Weile noch saß Devanney wie eine Spinne in der Ecke, deren Hunger man nur an dem leisen Vibrieren ihrer Freßwerkzeuge erkennen kann. Dann verfiel er darauf, ganz leise vor sich hin zu lachen. Seine kleinen Augen verkrochen sich und seine Faust polierte das Knie mit einer rasenden Gründlichkeit. Er sah sie noch beide vor sich, diese beiden Deutschen. Der eine schien ja ziemlich harmlos; doch der andere, dieser Söckswert... Guter Amerikaner, was?! Strammstehen vor dem Präsidenten Wilson?! Ha! – Der Freund, ja, über den konnte man noch nichts sagen. Unsympathisch war er ihm nicht gewesen, nein, im Gegenteil. Es gab in seinem irischen Herzen einen Fleck, der sich für den schweigsamen, etwas unbehilflichen Mann mit den müden Augen fast erwärmte. Er drückte auf eine Klingel und das Fräulein erschien. »Rufen Sie Rolly,« befahl er. Einer von den fuchsartigen Herren war auf einmal lautlos zugegen. Devanneys Augen hatten einen Glanz wie Zinn. »Ist Ihnen jemand aufgefallen?« fragte er schnappend und kurz. Rolly grinste und machte eine Kopfbewegung nach der Tür. »Den nehmen Sie unter die Lupe. Nach einer Woche erstatten Sie Bericht.«– Nichts weiter. Wenn er sagte, »nach einer Woche,« so meinte er (wenn es dem Fuchs um seine Krippe zu tun war) spätestens: »bis morgen Nachmittag«. – Zuckschwerdt wird aggressiv Es war rührend zu sehen, wie Mildred sich freute. »Zuckschwerdt mag ja seine unangenehmen Eigenschaften haben,« sagte sie, »und eigentlich ist mir seine Forschheit unsympathisch; aber eins hat er, was du nicht genügend hast« – – und sie schlug ihm mit der Hand auf den Rücken) – – »selbst ist der Mann. Es scheint, daß er mit seinen Eigenschaften hier doch gut durchkommt, und wenn er wirklich etwas ausgerichtet hat, dann verzeihe ich ihm vielleicht sogar den Katzenmord. Stelle dir vor, du kannst weg!« – Sie lachte und gleichzeitig kam eine verräterische Träne zum Vorschein. Sie schüttelte ihn an der Brust und rief: »Stelle dir das nur vor, du kannst weg, weg von hier!!« »Vorläufig muß man das abwarten.« »Abwarten«, echote sie, »immer nur abwarten, wie sie mir zum Hals heraushängt, diese Warterei.« Er lenkte schnell ein. »Ja ja, es sieht diesmal wahrhaftig so aus, als ob etwas passieren könne.« Sie setzte sich, denn sie war etwas unbehilflich geworden. Doch sie trug ihre beginnende Mutterschaft mit einer aufrechten Grazie, die selbst jetzt noch imstande war, flüchtige Beobachter zu täuschen. Er wußte, was in ihr vorging. In beider Ohren brauste es wie ein herabgewürgter Schmerz, der halbtot gelegen, wie aufschrillendes Zikadengetöse unter blanken Ahornblättern, auf die kein Tropfen fiel. Wie ein purpurner Vorhang quoll es vorüber, in dem Hitze und tödliche Angst sich vorübergehend blähten. Das war etwas Niewiedergutzumachendes, das war vorüber und doch noch lebendig; das regte, zehnmal zertreten, immer wieder einen Stachel und schickte lähmendes Gift in sein Blut. Aber das gab es ja nicht! Das war ja Einbildung und Phantasterei! Das mußte man zähneknirschend verleugnen, unbedingt verleugnen, jetzt, da es schien, als falle ein ganz schüchterner Strahl von Freiheit durch eine Ritze des metallenen Tores hindurch!! Sie standen, wie von einem trotzigen Gedanken beseelt, beide auf und umfingen sich. Schloß sie der Krieg noch ein? Ja, die Mauer war unverrückt. Das wußten sie und der Massenmord forderte neue Ströme von Energie, die in zweckloser Vernichtung ihre Wollust fand. Aber sie fühlten sich irgendwie gefeit durch eine Feuerprobe, die sie einmal an die Grenze des Erträglichen gebracht, und wußten: »Was wir damals erlitten, kann durch nichts übertrumpft werden!« In den nächsten Tagen ereignete sich nichts Bedeutsames. Plötzlich erschien Zuckschwerdt wieder wie ein Wirbelwind, voll von kleinen Unternehmungsgelüsten. Er riß sie, ob sie wollten oder nicht, aus ihrer wiedereinsetzenden Lethargie heraus. Er schleppte sie in ein Kabarett in der Walnutstraße, in der Nähe des Rathauses; ja, in allernächster Nähe dieses grauen, finsteren Gebäudes schien er sich besonders wohl zu fühlen. »Treten Sie dem Löwen nicht so heftig auf den Schwanz,« meinte Erwin, als er sich über die Lage vergewisserte. »Es lauern hier immer ein paar Kerle herum, die es darauf anlegen, uns etwas anzuhängen.« Zuckschwerdt lachte. »Was wollen die denn,« meinte er geringschätzig. »Natürlich reden wir nicht über Politik. Das, gebe ich zu, würde uns eventuell gefährlich sein. Aber wenn wir biedere Leute vorstellen, die ohne viel Aufsehens sich ein wenig Vergnügen leisten wollen, ein wenig Erholung, dann kümmert sich kein Mensch um uns.« Erwin dachte: Wenn du das Prinzip der Unauffälligkeit etwas befolgen würdest, so wäre uns ja geholfen. Aber du bist ein Plakat, du bist wie eine Reklame an einer Brandmauer. Jede Bewegung kennzeichnet dich ja. Du ziehst deine Uniform nie aus. Er sagte es nicht. Er trabte gewissenhaft mit. Er ließ sich kleine Püffe versetzen von der Vitalität des Leutnants. Dieser raffte einen Tisch an sich, den besten, den er im Lokal erwischte, im Zentrum gelegen, allen Blicken ausgesetzt. »Mit dem Schwanz des Löwen hat es nichts weiter auf sich,« erklärte er und Grübchen entstanden auf seinen rostroten Wangen. »Mein lieber Herr Notacker, dieser Löwe hat nicht mehr Schwung in sich wie ein Bettvorleger. Dem können Sie getrost auch einmal gegen den Strich fahren.« Hierauf verlangte er nach dem Kellner. Er gebrauchte zwar den Ausdruck »Waiter«, aber die Betonung war dieselbe, als ob er »Ober« gerufen hätte. Ganz erschrocken stürzte der leichtbeschuhte dienstbare Geist heran in der Meinung, ein Unglücksfall sei zu verhüten; erstarrte aber dann zu etwas angewiderter Korrektheit, als er, wie er meinte, einen Scherz mit sich treiben sah. Zuckschwerdt bestellte lärmend. Er verlangte kalifornischen Wein. Er gab Details an über die Qualität des Beefsteaks. »Möglichst blutig,« bemerkte er und seine Augen rollten. Er schickte den Kellner weg beladen mit Aufträgen, die dieser unterwegs mit innerem Kopfschütteln über Bord warf. Man erhielt, was man erhalten sollte; aber die kleinen Extrasachen, die gab es nicht. Einige gutgewachsene Mädchen belebten jetzt die kleine Bühne mit zuckenden Tanzschritten nach der gedämpften synkopierten Musik, die eine Gruppe rotbefrackter Neger im Hintergrunde vollführte. Zuckschwerdt unterließ es nicht, den Kenner zu zeigen. Er verteilte seine Aufmerksamkeit zwischen dem Beefsteak und dem opalschimmernden Fleisch, das sich dort oben leuchtend regte. Er lobte und tadelte mit großer Vehemenz und häufigem Gebrauch gewisser Kraftausdrücke, deren deutsche Herkunft schon im bloßen Tonfall ersichtlich war. »In Dinklage,« belehrte er seinen eigenen Tisch und jeden, der sich noch Mühe gab, zuzuhören, »in Dinklage hätte sich das niemand bieten lassen. So was Kümmerliches. Na ja, diese Anspruchslosigkeit! Hier verträgt man ja auch nichts Besseres.« Das Publikum, das die Tische rings umher allmählich gefüllt, war gut angezogene Kaufmannsklasse. Verblüffte Augen schweiften zu Zuckschwerdt herüber. Man redete gedämpft und suchte sich klar zu werden über Wesen und Gehaben dieser drei. Auch hatten sich in der Nähe (wie Erwin, der Zuckschwerdts Redefluß kaum durch eine Bemerkung unterstützte, mit halbem Blick bemerkte) einige verwaschene, unauffällige Herren mit scharfgezackten Profilen niedergelassen, die das kleine Aufsehen, das von dem munteren Lebemann dort ausging, ostentativ übersahen und es offenbar vorzogen, sich mit abgewendetem Rücken in ihre eigenen Angelegenheiten zu vertiefen. Aber Erwin bemerkte zuweilen ein kaltglitzerndes Auge, das tastend herüberkroch, um sich gleich darauf wieder zwischen schläfrige Deckel zu verkriechen. Die Gleichgültigkeit jener Abgesonderten gegen das, was auf der Bühne vor sich ging, war irgendwie bemerkenswert. Mit einem Male wußte Erwin – – (und es überlief ihn kalt, als sei er halbblind in die Nähe eines ungeheuren stummlauernden Tieres geraten, dessen Konturen ihm nur verschwommen erkenntlich waren...): »Du spielst mit dem Feuer, mein Guter.« Er blickte besinnlich auf Zuckschwerdt. »Du weißt nicht, wem du hier lästig fällst. Und der kleine Greis dort gegenüber im Rathaus, ist auch keiner von denen, die auf den Kopf gefallen sind. Da sitzest du hier in deiner geräuschvollen Harmlosigkeit und reißt uns unfehlbar mit und wir sind dumm genug, dich zu dulden und dich sogar noch amüsant zu finden!« Ein plötzlicher Widerwille gegen Zuckschwerdt stieg in ihm auf. »Sie mögen ja recht haben,« sagte er plötzlich, »aber tun Sie mir den Gefallen und fügen Sie sich etwas in den Rahmen ein. Wir sind doch schließlich in Feindesland und brauchen uns nicht direkt zu annoncieren.« Zuckschwerdts Gelächter war wie mit einem Zauberschlag vertilgt. Sein Ausdruck war zu Tode verblüfft, wie etwa der eines verwöhnten Diktators, dem eine Kreatur, die er halb aus Gutmütigkeit unter seine Fittiche genommen, plötzlich mit unerhörter Selbständigkeit ins Gesicht springt. Dann aber, da auch Mildred eine gewisse Schärfe im Ausdruck trug, die Erwins Bemerkung unterstrich, wurde er plötzlich sanft und sagte unterwürfig: »Natürlich, freilich, ich für meinen Teil kann mir das ja leisten; aber es ist möglich, daß Sie Unannehmlichkeiten haben. Verzeihen Sie.« Von jetzt ab redete er gedämpfter; aber es gelang ihm nicht mehr, das Interesse zu verwischen, das er auf sich gelenkt hatte. Er war eine Weile stumm und trank vier Gläser des kalifornischen Weines mit halbergrimmtem Ausdruck herunter. Dann begann er leise über den Wein zu schimpfen, nannte ihn Essig, erklärte, »die Stimmung sei ihm verdorben und man müsse schon entschuldigen. Überarbeitung habe ihn etwas nervös gemacht,« – und was dergleichen mehr vorzubringen war. Als Erwin alles ins Geleise gebracht glaubte, leistete sich Zuckschwerdt jedoch plötzlich noch etwas, was den ganzen Eindruck des mühsam aufgebauten Kartenhauses wie ein Sturmwind umwarf. Er wollte gehen, und er drehte sich um und rief mit heller sonorer Stimme das deutsche Wort: »zahlen!« in den vollen Raum hinein. Wie ein elektrischer Schlag durchfuhr es die Menge. Es gab wenige, die deutsch konnten; aber soviel hörte man, daß es nicht italienisch oder französisch gewesen, was Zuckschwerdt gerufen. Es meldete sich niemand. Der Aufseher, ein etwas aufgeschwemmter, schwarzhaariger Charakterkopf hinten im Saal hob das Kinn und kratzte sich mit leichter Verlegenheit hinter dem Ohr, wobei der große Brillantring an seinem Finger blitzte. Die zwei in ihr Geschäftsgespräch vertieften unauffälligen Herren, schon am Ausgang angelangt, fuhren herum wie von der Tarantel gestochen. Es war, als witterten sie eine plötzliche Attacke, gegen die alle Verstellung nutzlos sei. Natürlich glätteten sie sich sofort wieder zur früheren Unscheinbarkeit. Aber vier stechende Augen hinterließen eine Atmosphäre, die von anderen Beobachtern kaum mißdeutet werden konnte. Erwins Herzschlag hatte für einen Moment ausgesetzt. Auch Mildred hatte sich nicht versagen können, ihre Faust zu krampfen, daß ihr die Nägel fast ins Fleisch drangen, und herüberzuzischen: » You fool! « Zuckschwerdt blickte eine Weile, wie aus dem Schlaf erwachend, um sich; dann zwinkerte er und sagte ganz gemütlich: »Ja Pardon, ich hatte im Moment vergessen, wo ich war.« Er erwartete einen Scherz, doch der Scherz blieb aus. Er blickte in das Gesicht Erwins, doch es war nicht mehr Erwins Gesicht, es war etwas Maskenhaftes, was er dort bemerkte; eine große Abkehr; eine Fremdheit, die ihn wie mit eisiger Welle überschwemmte. Man zahlte und ging. »Wenn Sie so etwas noch einmal machen,« belehrte Erwin die kleiner gewordene Figur, die neben ihnen herschritt, »so ist es mit unserer Freundschaft ein für allemal aus.« »Sie nehmen das zu tragisch,« setzte der Leutnant dagegen. »Hin und her,« erwiderte Erwin, »setzen Sie sich doch endlich einmal in den Kopf, daß es Rücksichten gibt.« Zuckschwerdt brummte Unartikuliertes. Man kam, bevor man die Trambahn erreichte, durch eine öde Seitenstraße. Hier war eine Mauer mit Plakaten verklebt und das Licht einer einsamen Bogenflamme hob eines dieser Kunstwerke grell hervor. Es war »Uncle Sam« in Lebensgröße, der mit einem mächtigen Zeigefinger aus dem Bild heraus auf Zuckschwerdt deutete und über dessen geschweiftem Hutgebäude dick und deutlich der Ausruf prangte: » I WANT YOU «. Zuckschwerdt ward bei diesem Anblick von Heiterkeit gepackt, trotz seiner Verstimmung. Er gab ein kleines glucksendes Lachen von sich. »Mich willst du, alter Schuft!« meckerte er und erhob den Stock, »mich willst du in deine Kakhimannschaft einreihen? – Das könnte dir passen! Nein, mein Lieber, daraus wird nichts, dazu bin ich zu gut,« und er nahm seinen Stock und zerfetzte den Onkel Samuel von oben bis unten. Erwin und Mildred gingen, ohne ein Wort zu sprechen, weiter. Noch immer meckernd an den Pfosten der Lampe gelehnt, hielt Zuckschwerdt Zwiesprache mit der erstaunlichen Erscheinung, die ihn so ohne weiteres beanspruchen wollte. Er versuchte zwar noch nachzukommen; aber es gelang ihm nicht ganz. Sein Stechschritt führte ihn diesmal nach Richtungen, die er nicht beabsichtigte, und so gelangte er auf eine leidlich friedliche Weise um eine andere Ecke herum. Ob ihm weitere Schicksale erspart blieben, war für diesen Augenblick unklar; doch es schien, daß er trotzdem Aussicht hatte, für diesmal unbehelligt nach Hause zu kommen. Der Brief Zuckschwerdt entschuldigte sich. Er tat es telephonisch. Er telephonierte noch mehrmals; aber er ließ sich nicht sehen. Offenbar schämte er sich vor Mildred. Erwin schrieb ihm ein Briefchen, worin er ihm mitteilte: »Wir müssen nicht mehr so oft zusammenkommen; denn wenn uns irgendwelche Späher gesehen haben, so werde ich mit Ihnen unter einen Hut getan, und da ich nicht die Absicht habe, mich naturalisieren zu lassen wie Sie, da ich kein – verzeihen Sie den harten Ausdruck – künftiger Bindestrich-Amerikaner bin, würde die ganze Vergeltung auf mir landen und Sie würden frei davonkommen, und das wäre doch in Anbetracht unseres verschiedenartigen Temperaments ein grausamer Mißgriff.« Auf diesen Brief antwortete Zuckschwerdt nicht. Vielleicht verstimmte ihn die Tatsache, daß man ihn in eine andere Kategorie schob, da er so lärmend Eindeutigkeit zu verkörpern suchte. Doch aus weiteren Telephongesprächen ward ersichtlich, daß Zuckschwerdt das Schreiben nicht erhalten hatte. Nach etwa zwölf Tagen bekam Erwin eine Vorladung in das Rathaus. Er ging allein hin. Devanney saß wieder in der Ecke, bat ihn Platz zu nehmen mit derselben Lichtverteilung wie sonst, war sehr höflich, sehr gemütlich und überreichte ihm ein Schreiben, das oben den Vermerk trug: »Department of Foreign Interests«, und, wie Erwin sofort erfaßte, einen abschlägigen Bescheid enthielt. Der Beginn der Mitteilung lautete: »Es liegt nicht im Sinne der jetzigen Politik der Vereinigten Staaten, Sie ihre Heimreise antreten zu lassen.« Wie zart ausgedrückt, dachte Erwin. Man behandelt mich schlecht; aber wieviel berechnende kleine Schmeichelei liegt doch in der Tatsache, daß die Politik der Vereinigten Staaten und meine Person irgendwelche Beziehung zueinander haben sollten. Worin beruht eigentlich meine Schädlichkeit für dieses Land? Wie könnte ich diesen in Bewegung gebrachten Massen irgendeine heimtückische kleine Behinderung bedeuten? Das wäre ja geradeso, wie wenn man versuchte, mit einer Kaffeebohne ein Schwungrad aus dem Takt zu bringen. Etwas wie Stolz überkam ihn darüber, daß offenbar jeder, der irgendwie seiner Rasse angehörte, von vornherein als gefährlich galt; daß man einem solchen ohne weiteres Talente zutraute, irgendeine verschmitzte Spionage phantasievoller, als ihre eigene am Materiellen klebende Phantasie es gestattete, in Szene zu setzen. Dies schoß ihm blitzschnell durch das Hirn, während er das Schreiben von Washington in Augenschein nahm. »Es tut mir leid,« sagte Devanney, der ihn inzwischen von unten herauf beobachtet hatte. Er kaute an einer Zigarre und seine Augen schlichen dabei an Erwin auf und nieder. »Die Zeit wird ja wohl nicht fern sein, wo Sie Ihrem Vaterlande wieder geschenkt werden.« »Wenn es nur auf mich ankäme,« meinte Erwin, »so müßte ich freilich wünschen daß diese Zeit nicht so bald kommt. Aber die Dinge liegen jetzt so, daß vorläufig keine Aussicht auf Schluß ist und je länger es sich hinzieht, desto eher scheint die Möglichkeit eines Vergleiches gegeben.« Hier hörte er plötzlich, wie das Mundende der Zigarre mit knisterndem Geräusch zermahlen wurde und die Stimme des Marshalls, wie die eines Hofhundes, der nach Fliegen schnappt, etwas heiser hervorstieß: » Wir wollen keinen Vergleich. « Erwin schrak auf. – Der da im Lehnstuhl saß, war ja der Feind und sah in ihm den Feind. Er hatte sich verleiten lassen, irgendeine kleine menschliche Brücke bauen zu wollen und das große konturenlose Raubtier zu streicheln. Nun hatte er es schnappen hören; nun war er auf der Hut. Der Marshall jedoch war fast im selben Augenblick wieder verwandelt. Er spuckte den Tabak diskret in den Napf, brannte sich seine Ricoro frisch an und strahlte vor Leutseligkeit. »Es wird sich alles machen, mein lieber Herr Notacker«, sagte er sanft, fast vertraulich. »Nicht war, wir bilden uns ein, daß wir recht haben und Sie da drüben haben vielleicht von Ihrem Standpunkt auch nicht unrecht; und so entscheidet sich's eben. Der Mann, der die dickste Haut hat und am längsten warten kann, hat am Schlusse recht. Recht haben ist ja nur eine Zeitfrage. Einstweilen tragen wir unseren Teil dazu bei, Ruhe in der Welt zu schaffen. »Ihre Auffassung bietet Beruhigung!«, sagte Erwin. Der Marshall fuhr fort: »Sie sind auch kein Mann, der mit militärischen Kraftleistungen und überhaupt mit Drill irgend etwas zu tun hat. Leute wie Sie führen keinen Krieg, und auch ich bin eine friedliche Natur, trotzdem ich manchmal gewissen Leuten, die wir so nächtlicherweise in den Saloons abfangen, unbequem werden kann. Trage mein Teilchen dazu bei, Ordnung zu schaffen in gewissen Distrikten und darin besteht mein ganzer Militarismus. Sie schreiben Ihre Bücher und widmen sich Ihrer Familie und dann werden Sie in Ruhe gelassen; und ich erfülle meine kleinen Obliegenheiten, und man läßt mich dann auch in Ruhe. Es wird mich freuen. Sie wiederzusehen.« Erwin verbeugte sich und ging. Der Marshall blickte ihm nach und in seinen Augen war ein Glanz wie von Zinn. Die Eröffnung, daß es doch nichts mit der Abreise sei, wurde von Mildred ziemlich stoisch aufgenommen. »Ich hatte mir auch inzwischen überlegt,« sagte sie, »daß es nicht so schnell gehen würde, besonders weil du dich mit einem Mann wie Zuckschwerdt hinbegeben hattest. Zuerst dachte ich ja, er hätte die richtige Methode; nun aber wird es mir doch klar, daß er nicht der Mann ist, der auf du und du mit den hiesigen Gewalthabern steht. Es sollte mich nicht wundern, wenn der Marshall so ein kordiales Benehmen innerlich schlecht vermerkt hat. Dich mag er ganz gern, das schließe ich daraus, daß er mit dir plaudert und sich sogar wegen des Krieges entschuldigt. Das ist eine reizende kleine irische Verlogenheit, denn er weiß, daß das Heil für Irland einmal irgendwie von euch kommen muß.« Mit ihrer nüchternen Denkungsart hatte sie wieder den psychologischen Kernpunkt der Frage erfaßt. Denn das nächste Mal, da Erwin den Marshall sah, erhielt er die Bestätigung. Es war ein Edikt herausgekommen, daß sämtlichen nichtbeheimateten Deutschen auferlegte, sich für jeden Gang, den sie von ihrer Wohnung aus in die Stadt unternahmen, einen Erlaubnisschein, oder einen stehenden Freipaß für die kürzeste Strecke zwischen ihrer Wohnung und dem Ort, wo sie beschäftigt waren, zu erwirken. Erwin besuchte regelmäßig seinen Buchhändler, so daß man wohl von einer dauernden Verbindung sprechen konnte. So kam er wieder in das Bureau. – In den Vorzimmern wurde er diesmal aufmerksamer betrachtet als sonst. »Wie machen Sie es nur,« fragte ihn einer der Beamten dort mit schlauem Lächeln, »daß der Marshall Sie so ohne weiteres zu sich kommen läßt? Was knobeln Sie da drinnen miteinander aus? Sie müssen ein schlauer Fuchs sein!« und er zwinkerte mit dem Augendeckel. »Ich weiß nicht, worauf Sie anspielen,« erwiderte Erwin in schöner Gelassenheit. »Wenn Mr. Devanney so liebenswürdig ist, Interesse an meiner harmlosen Person zu nehmen, so hat das nichts mit irgendwelcher Absicht von meiner Seite zu tun.« Der Beamte fuhr fort mit dem Auge zu zwinkern und begab sich mit skeptischem Laut durch die Nase an seinen Platz zurück. Wie müssen sie den kleinen Alten dort hinten fürchten, dachte Erwin. Er sah eine Reihe von Deutschen, die sich an den Schaltern anstellten und angeschnauzt wurden, daß es schallte. Es waren meistens schlichte Leute, des Englischen nicht ganz mächtig, die mit einer gewissen Schadenfreude von diesen untergeordneten Schaltertyrannen in Ratlosigkeit hineingehetzt, zum Teil roh und sarkastisch behandelt wurden. Er selbst ging anscheinend frei aus und ein. »Es scheint, ich stehe mit Onkel Samuel auf sehr intimem Fuß«, dachte er. »Käme es auf dieses Bureau an und auf diese Deputies hier, so säße ich vielleicht schon morgen im Gefängnis oder Internierungslager.« Der Marshall empfing ihn fast noch freundlicher als sonst und gab ihm die Erlaubnis, zwischen seinem Hause und dem Buchladen hin- und herzufahren, ohne weitere Schwierigkeiten. Dann sagte er: »Ich möchte noch eins bemerken. Setzen Sie sich.« Alle Augenblicke platzten Leute zur Tür herein. Schreibmaschinendamen kamen mit Kopien, die seine Unterschrift erheischten. Er hackte sie mit kratzender Feder darunter. Detektive kamen und erstatteten Bericht. Er hörte mit halbem Ohr hin und machte sich zwei, drei Notizen. Das Telephon schrillte. Er bellte seinen Dialekt hinein, kurze vernichtende Ordres, und schlug dann das Hörrohr abrupt wieder an. Zwischen all diesen Beschäftigungen, die er nebenhin abwickelte, unterhielt er sich mit Erwin, so als ob dies alles in einer Zelle seines Gehirns existiere, die er nach Belieben aus- und einschalten könne, ohne die Funktionen des übrigen Denkapparats zu beanspruchen. »Wie geht es Ihrem Freunde Söckswert?« fragte er, und seine noch gut erhaltenen gelblichen Zähne entblößten sich in flüchtigem Lächeln. »Ein energischer Mann, wie? Viel unterwegs gewesen? Kennen Sie ihn schon lange?« Erwin raffte seine ganze Geistesgegenwart zusammen. »Beträchtliche Zeit«, erwiderte er zögernd. »So richtig kennen gelernt habe ich ihn noch nicht; aber ich habe den Eindruck, daß er ein sehr anständiger Mensch ist.« »Wundert mich, daß Sie sich vertragen,« meinte Devanney sinnend. »Er ist doch so verschieden von Ihnen.« »Ja, ich führe ein zurückgezogenes Leben, und da hat er eine gewisse Abwechslung für mich bedeutet.« »So, kommt er jetzt noch häufig zu Ihnen?« »Nein, er hat anscheinend viel zu tun und wir haben uns nur zuweilen telephonisch unterhalten. Er hätte vielleicht wissen können, daß es mit meiner Heimreise ja nur eine hübsche Phantasie war; aber ich wollte es doch versuchen, weil er mir so zuredete.« »Er hat Ihnen stark zugeredet? Sie sollten wohl Grüße an seine ... Eltern überbringen?« Devanneys Augen drehten sich zur Decke. »Ich sollte gar keine Grüße überbringen. Es war reine Sympathie von seiner Seite. Er dachte sich in seiner schlichten Art, daß mir drüben viel mehr Stoff für meine Bücher zufließen würde als hier.« Das Telephon schrillte. Devanney lauschte, dann bellte er hinein: »Zu Donagan, alle sechs, dritter Grad.« »Dritter Grad?«, fragte sich Erwin. Eine eiskalte Hand griff ihn ans Herz. »Sind wir im Mittelalter?« – Bedeutete dieser Ausdruck nicht das Äußerste an moralischer Folter, das die Polizei bei verdächtigen Leuten hier anwandte? Man setzte sie zwischen drei Männer, die starke Stimmen hatten; diese brüllten ihnen abwechselnd Fragen ins Ohr, schlaue peinlich suggestive Fragen, die mit schauerlicher Intensität wiederholt wurden, immer schneidender, immer anklagender, bis dem armen Teufel der Kopf zersprang und er sich zu allem bekannte, was man von ihm hören wollte. Und dieser gemütliche Greis hier, der so reizend, so teilnahmsvoll mit ihm sprach, war ein Advokat des fünfzehnten Jahrhunderts?! Hier, wo alles nach den Methoden von übermorgen geregelt war? – Wo gewisse Ansätze der äußeren Lebensführung schon ins einundzwanzigste Jahrhundert hinüberreichten? – Wo Puritanismus und blitzblanke Hygiene das Leben und die Moral desinfizierten, auf das Kindlichste zurechtstutzten, treuherzig und viereckig machten? – Hier »Dritter Grad?« »Dritter Grad?« Wie kamen die wölfischen Urbedürfnisse des Menschen aus der reinlichen Verpackung wieder hervor! Ihm schauderte. Devanney schmunzelte. »Wir haben da ein paar Leute deutscher Abkunft (muß ich leider sagen), die spionageverdächtig sind, und wer sich einmal der Bequemlichkeiten dieses Landes bedient, der hat gewisse Verpflichtungen gegen uns, finden Sie nicht? Es ist nicht schön, uns nur auszunützen und uns dann, wenn wir in einen unbequemen Krieg verwickelt sind, entgegenzuarbeiten. Wir müssen da leider auf Rücksichtnahme verzichten. – Übrigens«, fuhr er fort, »nehmen Sie eine Zigarre und machen Sie sich's noch ein Weilchen hier gemütlich. Dieses Land verlangt Loyalität. Da gab es einmal einen zehnjährigen Tunichtgut in County Kerry; der brannte nach Dublin durch und kam als schmutzbespritzter Heizer vor sechzig Jahren nach Hoboken. Ein kleiner Sinn-Feiner mit dem viereckigsten Schädel, den Sie sich vorstellen können. Er wurde herumgeknufft, aber er biß sich überall fest; denn gute Zähne hatte er. Dies Land kennt keine Kompromisse. Energie besaß er und eine natürliche Politik trieb er auch. Er machte die Augen auf und es gefiel ihm hier. Jeder nach seinem Verdienst, heißt es hier. Wir sind Demokraten. Wo einer hingehört, da wird er hingestellt und der kleine irische Straßenjunge, derselbe, der ohne ein Cent in der Tasche an Land trieb« – (und der Marshall erhob sich und riß den Aufschlag seiner Jacke zurück, so daß der große Messingstern seiner Amtswürde, der ihm an die Weste geheftet war, in voller Pracht hervorblitzte) – »derselbe sitzt hier vor Ihnen und ist Marshall Attorney von Cincinnati. Wenn ich will, passiert hier allerlei, das können Sie glauben. Ich habe mehr zu sagen wie der Mayor oder der Chief of Police. Selbst der Gouverneur faßt mich mit Handschuhen an. Hier in dieser Schublade liegen die dicken Befugnisse, die ich vom Staatsdepartement bekommen habe. Sie können sich gratulieren, daß ich Sie gern habe. Mit Leuten, die wir nicht mögen, gehen wir manchmal sehr ungemütlich um; aber wenn Sie klug sind, werden Sie sich uns warm halten, und so denke ich, scheiden wir für diesmal als gute Freunde.« Erwin verabschiedete sich und ging bis zur Tür. »Nur noch einen Moment«, rief ihm der Marshall nach. »– ? –« »Sagen Sie, Herr Notacker, wie ist doch der Vorname Ihres Freundes – (wie heißt er doch?) – Söckswert?« Als Erwin gegangen war, machte der Marshall ein Schublädchen seines Schreibtisches auf und entnahm demselben den Brief, der in Erwins Handschrift an Zuckschwerdt gerichtet war. Beigefügt, auf Seidenpapier, lag eine zierliche englische Übersetzung. Schmunzelnd überlas der Marshall noch einmal dieses Briefchen und dann murmelte er vor sich hin: »Woher er nur den Instinkt hat? – Wer von den beiden ist nun der Dumme?« Die Katastrophe Erwin war sich vollständig klar, als er zu Hause angelangt war, daß Gewitterwolken über dem Haupte des Leutnants hingen. Er fühlte die Verpflichtung, ihn telephonisch zu warnen und ihn von seinem letzten Interview mit dem Marshall in Kenntnis zu setzen. »Es wäre das beste, wenn wir uns überhaupt nicht mehr sähen,« meinte er, »denn ich schade Ihnen und Sie schaden mir und der alte Kerl sucht jetzt nach einem Anlaß, um Ihnen ein Bein zu stellen. Das habe ich neulich gemerkt. Das beste wäre, Sie verschwänden unauffällig von der Bildfläche und tauchten in einer ruhigen anderen Ausgabe irgendwo in New York oder sonstwo wieder auf.« »Fällt mir gar nicht ein,« dröhnte die Stimme durchs Telephon. »Der Zuckschwerdt macht immer noch, was er will. Bluff ist das, was Sie da zu hören gekriegt haben, nichts als Bluff. Mich und einschüchtern?! – Gibt es gar nicht. Im übrigen, wenn man mich fragt, wer von uns beiden der Schlappere...« Erwin hing das Hörrohr an und schloß innerlich mit der Bekanntschaft ab. Doch sie wirkte weiter. Er zog sich fast einen ganzen Tag lang in sein Schneckenhaus zurück, um über Zuckschwerdt nachzudenken und sich darüber klar zu werden, warum er einen wachsenden und unverhältnismäßigen Haß gegen ihn spürte. An sich betrachtet (das war er sich klar), würde diese Figur in Mitteleuropa oder an der Front nicht im geringsten aus dem Rahmen gefallen sein. Aber war es nur der wesensfremde Hintergrund, der sie so scharf hervorhob und ihre unangenehmen Seiten in so grelles Einzellicht setzte? Hatte dieser Mann nicht auch eine Menge liebenswürdiger Eigenschaften? War er kein netter Plauderer? Hatte er nicht durch viele kleine Galanterien versucht, sich das Herz Mildreds zu erobern, ohne auf irgendwelche Gegenleistung zu rechnen? Nein, die Wurzeln dieser tiefen, ihn fast unglücklich machenden Antipathie mußten tiefer liegen. Es war der Haß gegen das Symbol. Ich habe ja auch diese Eigenschaften an mir, dachte Erwin. Ich habe meine primitiven Momente, wo sie geweckt werden. Aber ich halte vielleicht solche Teile meiner selbst besser in Schach, besser im Zusammenhang mit den anderen, die ein gewisses Gegengewicht sind; – mit Produktivität, einer, wenn man will, Wechselwirkungen erzeugenden Geistigkeit. Dieser Mann aber besteht aus einer einseitigen Ausbildung von purer animalischer Kraft. Er ist der Draufgänger, er ist die Konkurrenz und der offene Verzicht auf höhere Werte. Sollte der fanatische Schulmeister in Washington doch den Finger auf einen Punkt gelegt haben, der uns nottut? Wenn man diesen Deutschen sieht, so glaubt man fast, daß Wilson recht hat. Nimm deinen Finger aus der Wunde, deinen runzligen steifen Finger, Professor! Bist du wirklich ein Prophet? Er suchte ein paar der letzten Reden hervor und verschlang sie noch einmal mit dem Auge. In einer peinlichen Folgerichtigkeit ketteten sich die wundervoll gebauten Sätze aneinander. Scholastisches Englisch, prunkend von wirkungsvollen Archaismen, in einer eindringlichen, nimmermatt gehäuften Tautologie... Wie berauscht sich doch dieser Bilderstürmer an seiner Utopie! Wäre es denkbar, wäre es wirklich denkbar – (und seine Hand zerkrampfte das ciceronianische Prunkstück der »Predigt vom Mount Vernon«) –, daß es dieser Hörsaalfigur, diesem steifen Bakelschwinger über Nationen, diesem Pfaffen der Demokratie, der völkische Vorurteile mit einem Strich roter Tinte auszumerzen sich erkühnte, – daß es diesem Manne wirklich gegeben wäre, das Tor zu einer neuen unerhörten Epoche aufzureißen? Freilich neben seinen abstrakten und unendlich berauschenden Gedankengängen nimmt sich der Haufe von erbosten Stacheltieren, die da drüben ganze Länder zerschnüffeln, ein wenig wie Chaos oder dumpfe Urzeit aus. Hier ist eine klare Posaune, dort ein Durcheinanderschmettern verstimmter Instrumente. Gebe Gott, daß der Tubenstoß das Blutorchester einmal zum Schweigen bringt! Ist es wirklich denkbar, daß eine Auslösung schrankensprengenden Hasses hier nur ein Mittel zu höherem Zweck sein könnte? Daß der Teufel mit Beelzebub bekämpft wird, damit der Erzengel wahrer Demokratie sich licht herablassen kann auf den Dämon des Metalls, wenn er erdrosselt daliegt wie Unflat in der Morgensonne? – Ist es denkbar, daß Prinzipien, die so sonor, in solch sinnfälligen Akkorden, mit so höherer Logik an das Menschlichste appellieren, Wurzel fassen, Echo finden und eine Völkerfamilie auf ihrer klaren Basis dereinst zusammenschmieden?! – – – Erwin fieberte. Der Meteorstein war in den Sumpf gefallen und hatte aufgezischt. Ganz übersprüht war er von neuen Ideen. Eine gewisse Unruhe, die mit geheimem Besserwissen zusammenzuhängen schien, beflügelte seine Gedankenwelt. Es war irgendwie, als ob das Lächerliche jener Photographie, der hölzernen dozierenden Figur dort oben im Bureau des fragwürdigen Stadttyrannen verblasse. Der törichte eckige Unterkiefer des echt englischen Kopfes verschwand. Die Pose auf der Tribüne bekam etwas Rührendes, als ob eine unbeholfene Seele, lodernd in reiner Absicht, sich gegen einen Tumult unreiner, selbstischer Interessen stemme. Der primitive Glaube an die Grundidee eines zusammengeschweißten Staatenwesens, das Erwin früher künstlich erschienen, brachte das brodelnde Rassengemisch unter den Schutz und die Verschmelzung einer flammenden Flagge, die im Glanz eindeutiger Berechtigung, allen zur Erkenntnis, hochgeschraubt hing. »Wieviel muß ich hinunterwürgen,« dachte Erwin, »wieviel Tradition muß ich noch aus meinem System reißen?« Das waren Urschmerzen, die ihn befielen. »Es geht nicht ohne Qual ab, ein Weltbild auszumerzen und ein anderes dafür hineinzusetzen. Mir war einmal, als ob eine Scheidewand zwischen meine Jugend und meine Zukunft geschoben würde. Bis jetzt war sie noch durchsichtig; bis jetzt sah ich noch holde Gebärden aus meiner Kindheit und ein Deutschland aus Hügeln, Kirchtürmen und selbstgenügsamem, innerem Reichtum. Da kam eine Figur mir in die Quere wie Zuckschwerdt. Auch ein Deutschland, aber eines, das ich zu übersehen liebte, das Entstellung jenes anderen bedeutet. Es ist gut, wenn die Wand, die durchsichtige, sich verdunkelt. Ich will nichts sehen von dem früheren Panorama. Lassen wir die neue Idee hier betriebsam sein und schließen wir die Tür endgültig hinter uns zu.« Es kam ihm seltsam vor, als ob die Kluft, die er vor zwei Jahren so deutlich gewittert, sich nunmehr so vergrößert, so trostlos gespalten habe, daß er nicht mehr imstande sei, Stimmen vom anderen Ufer zu hören. Der Mensch ist nicht vollkommen, beruhigte er sich dabei, wenn er nicht einmal bis über die Ohren in einer ihm sonst wesensfremden Idee gesteckt hat. Erst dann findet er die Distanz. Es mag charakterlos sein, daß ich mich so treiben lasse, aber ich will einmal über mich verfügen lassen, um zu sehen, welch neue Quellen ich in mir entdecke. Man kann nicht immer am Knochen der Tradition herumkauen, ohne daß er den Geschmack verliert. Hier reicht man mir wieder Fleisch und Blut. Sehen wir zu, wie ich die neue Zubereitung vertrage. Er ging herab und versuchte Mildred zu erklären, was ihn so intensiv beschäftigte. »Ich habe auch darüber nachgedacht,« sagte sie. »Aber man kennt die Sache ja hier auch nur von der einen Seite. Wilson kann reden. Ich habe noch nie einen Redner gesehen, der ein solch geläufiges Repertoir hätte. Father Vaughan stammelt, an ihm gemessen. Doch du mußt bedenken, vielleicht ist viel Eitelkeit dabei und im Grunde genommen, was weiß er von dem Deutschland, das du bist? Er weiß nur etwas von Zuckschwerdt, und das auch sehr von hinten herum, vermute ich. Die Fama vergrößert. Der Mann hat in Oxford studiert und war kaum auf dem Kontinent. Ich vermute, er hat keine Ahnung von Europa. Er macht es sich sehr bequem. Das alles liegt doch nicht so auf der Hand, wie er sich vorstellt. Mit diesem Volk hier kann er umspringen. Was ist das auch weiter als ein großer Schmelztopf und er rührt darin herum! Wenn einer einen Strohhut aufsetzt, setzt alles einen Strohhut auf; wenn einer eine Idee hat und sie recht geschickt annonciert, daß sie einem auf jeder Zeitung entgegenbrüllt, so hat jeder Einzelne in einer Woche dieselbe Idee. Nichts ist leichter als Propaganda mit Amerikanern zu machen. Dem größten Schreier laufen sie nach und vorläufig kommt mir der Erfolg Wilsons nicht anders vor als der von Billy Sunday.« – »Ach«, beschloß sie wegwerfend und straffte den Nacken... »Ich mag überhaupt diesen Puritaner nicht. Europäer sind keine Engel, aber auch keine Herde von Schulkindern ... Am Schluß kommt es doch darauf an, wer den andern unterbekommt; und der alte Devanney hat recht: Dadurch ändert sich an menschlichen Eigenschaften kein Jota. Ob ihr nun unterliegt oder nicht, macht für mich keinen Unterschied, macht auf die vernünftigen Menschen jeder Rasse keinen Unterschied. Ihr habt bewiesen, daß ihr eine kolossale Energie habt. Ihr seid taktlos, das stimmt; und macht die größten Dummheiten. Eure Diplomaten sind von köstlicher Unbefangenheit. Ihr seid überhaupt zu logisch. Darin beruht eure Schwäche und man stellt euch ein Bein. Im Verkehr zwischen Diplomaten oder in der Beurteilung von Stimmungen gibt es keine Logik. Man fühlt nach und ist Opportunist. Sieh dir doch Downingstreet an! Welche Opportunisten! Wie vergeßlich im richtigen Moment! Wie fix und fertig mit kleinen Verschleierungen und Verschweigungen!! Und dann halte daneben diese rührende Offenheit eures Auswärtigen Amtes! Ich war einmal in Chile bei einer Freundin zu Besuch, deren Vater sich große Ulmer Doggen hielt. Wer da unbefugt in den Garten kam, riskierte sein Leben. Ein Rotto kam nicht heil wieder heraus; aber auch ein Freund des Hauses fühlte sein Blut gefrieren; denn er wußte noch nicht, daß die großen kindlichen Hunde ein paar Zentimeter vor seiner Gurgel innehalten und sich wedelnd auf die Pfoten niederlassen würden. So seid ihr! Ihr seid gereizt. Man behandelt euch schlecht, überall erklärt man Krieg gegen euch. Natürlich macht euch das schlechter Laune. Aber ihr tut so, als wolltet ihr aller Welt an die Gurgel springen. Warum nicht einmal bellen?! Und das törichteste ist, daß, wenn ihr bellt oder wedelt, ihr es am falschen Flecke macht.« »Du verabreichst uns kräftige Pillen«, lachte Erwin. »Natürlich hast du recht von deinem Standpunkte aus, und ich wünschte nur, ich wäre innerlich nicht so zerrissen und konfus. Dieser Zuckschwerdt hat Gedankengänge in mir angeregt, die besser nicht geweckt wären...« Die Einrichtung der »Schlaraffia« ist weltbekannt. Überall wo sich Deutsche vor dem Kriege im Ausland in größerer Zahl zusammenfanden, bildeten sie eine Zweigstelle. Man setzte sich farbige Mützen auf aus Papier, trank Bier und huldigte dem Gesang und der Poesie. Der Zufall fügte es nun, daß Zuckschwerdt sich gerade bei einer solchen Zusammenkunft befand, als die Spürhunde von Onkel Samuel mit den Ohren an den Schlüssellöchern klebten. Man sang gerade ein beherztes Lied zu der Melodie des amerikanischen Sammy-Marschliedes, welches beginnt: » Over there «. Und hier taten sich die Türen auf und die harmlose Versammlung mußte sich legitimieren. Wer amerikanischer Bürger war, durfte nach Hause gehen. Die übrigen wurden sofort in das Federal-Building geleitet, um die Entscheidung abzuwarten. Es stellte sich heraus, daß Zuckschwerdt seine Papiere noch nicht herausgenommen hatte; daß er somit nicht einmal einen Bindestrich-Amerikaner vorstelle, recht eigentlich auf der riskanten Grenzlinie sich bewege und mit mehr als einem Fuß innerhalb der deutschen Grenzpfähle stehe... Somit wurde er als eindeutiger Hunne bewertet und dementsprechend behandelt. Er kam, wie Erwin später erfuhr, zunächst mit einigen Raubmördern zusammen in das Gefängnis in Dayton, wo er zwei Monate in einer kleinen Zelle saß, und wurde dann nach Oglethorpe verfrachtet, in Georgia, hinter Stacheldrähte. Der kleine Greis im Rathaus schien trotz der Gründlichkeit dieser Erledigung Zuckschwerdts noch immer nicht befriedigt. Er äußerte sich Erwin gegenüber in einer Gereiztheit, die in seinen Mundwinkeln und in seinem grauen Schnauzbart nachvibrierte. »Leute wie Sie machen ja Mißgriffe«, sagte er. »Aber Sie sind ein vernünftiger Mann und haben meine Andeutung frühzeitig genug in Ihre Pfeife gesteckt. Unser Prinzip ist: We watch'em, ... we watch'em ... and suddenly: – we grab'em !! und das ist auch mit Ihrem Freund passiert. Wir nehmen jetzt wenig Rücksicht mehr. Ich kann meine Untergebenen kaum im Zaum halten. Die Welt dreht sich ja und dies alles wird einmal wieder abflauen; aber wenn wir einmal ein Geschäft unternehmen, so sind wir mit Leib und Seele dabei. Schnell und gründlich, denn die Gründlichkeit« – (hier lächelte er fast entschuldigend) – »ist nicht bloß in Ihrem Vaterlande zu Hause. Auch wir sind gründlich auf unsere Weise. Wo Uncle Sam seine Finger drin hat, zieht er sie nicht vorzeitig heraus, es sei denn, daß er sich verbrenne. Der Brei wird umgerührt, der Quirl ist da. Aber wir beide bleiben die besten Freunde; wie?« »O heiliges Irland«, dachte Erwin. »Sie werden den alten Mann, der so umspringt, nicht mögen; aber« – (und hier entblößte er wieder mit rhetorischer Geste sein Amtszeichen, daß es kupfern aufblitzte) – »mich haben sie hier zum Marshall Attorney gemacht, mich haben sie in die Höhe kommen lassen und ich halte loyal zu diesen Einrichtungen, loyal durch dick und dünn. Wie Ihr Freund das aufnahm, als wir ihn entfernten? – Er erwartete es nicht und dabei hatte er eine Mütze auf dem Kopfe, die die republikanischen Farben trug und sang ein Lied, das unsern Patriotismus verspottete. Aber natürlich,« – (und hier schnaufte der Greis) – »wir haben ja keinen Patriotismus. Macht es euch nur bequem hier und ersäuft unsere Bürger wie junge Katzen, ohne Warnung und Stoßgebet. Gehen Sie jetzt und bleiben Sie ruhig. Es wird Ihnen nichts geschehen. Dafür sorge ich. Sie sind nicht der Typus, auf den wir heftig zu sprechen sind. Noch einmal: Die Welt dreht sich und wir können nicht wissen, wer von uns beiden recht hat. Nächstes oder übernächstes Jahr kann wieder alles auf den Kopf gestellt sein und ich bin töricht und bin siebzig Jahre alt. Einstweilen haben wir mit dem Augenblick zu rechnen! –« So schloß der Fall des Leutnants Zuckschwerdt. Aber ganz abgeschlossen war er nicht, fühlte Erwin insgeheim. Es war da noch viel, viel zu erklären, richtigzustellen, gutzumachen, aus dem Wege zu räumen. Ausklang Der neue Daniel Spießruten Der »Hunne von Pleasant Ridge,« seiner Geburt, seiner Denkungsweise und seines Zeichens nach Deutscher, lag angekleidet auf seinem Bett in der geräumigen Dachstube, die zu dem von ihm gemieteten oberen Stockwerk einer Villa gehörte und blickte durch das quadratisch abgeteilte Fenster, in dessen Rahmen nur der Wipfel eines mächtigen Baumes im Tal und Himmelsblau zu sehen war. Er hatte ein aufgeschlagenes Buch neben sich, doch las er kaum darin, sondern starrte entweder durch das Fenster oder an die Decke. Jetzt stand er auf, füllte sich mit trägen Bewegungen ein kleines Standglas mit einer goldigen Flüssigkeit, die aus einer dickbauchigen Flasche stammte. Es war Susquehanna-Whisky und er hatte in letzter Zeit mehr als ihm gut war daran Geschmack gefunden. Schläfrig war er nicht, aber vollkommen apathisch; ja es schien, als ob der Alkohol absolut keine Wirkung mehr auf seinen trägen Körper habe. Es war im Hochsommer des Jahres achtzehn. Die große Offensive war im vollsten Schwung: jener letzte knirschende Befreiungsversuch des gefesselten Riesen, des Gullivers, den ein Gewimmel kluger und zäher Zwerge in Stahlmaschen verstrickt, so daß seine schwellenden Muskeln an allen Stellen gelähmt waren, wo er sie noch vernichtend hätte brauchen können. Sie hatten seinen Mund mit Zeitungspapier zugedeckt, so daß man das Flüstern, das sich ohne Draht durch die Luft fortzupflanzen mühte, nicht mehr über die Meere hörte. Sie hatten seine Ohren damit verstopft und seine Augen damit geblendet. Und seine Wendungen in den Fesseln, seine Drehungen genügten noch, um sie im Umkreis fortzuscheuchen. Aber sie rotteten sich wieder zusammen und attackierten ihn dort, wo sie seine Ohnmacht witterten. Es war kurz vor dem Zusammenbruch. Schon ging sein Atem mühsam, schon schien es, als höre man Rasseln aus der mächtigen Lunge, das Selbstauflösung und Rückzug prophezeite; – aber noch waren sie nicht sicher, die Zwerge; – aus vierundzwanzig buntgescheckten Stellen der Welt schickten sie neue Kräfte herzu, verschmolzen ihre Farben und waren trotz Wunden und Verstümmelungen doch immer wieder eins, wie ein Rattenkönig, der im Akkord pfeift und lieber eines von seinen Häuptern selbst vernichtet, als daß er seinen unnatürlichen Zusammenhang selbst zerrisse. Zwölf Monate hatten an Erwin genagt, ihn mit immer neuen Hoffnungen geplagt, ihn in immer tiefere Verzweiflungen gestoßen, so daß am Schlusse diese maßlose und unverhältnismäßige Apathie ihn ergreifen konnte. Daß er sein Haus nicht mehr verließ, daran war ein neues Edikt des Marshalls schuld, das ihn auf seine eigene Straße beschränkte, wenn er sich Bewegung machen wolle. Sie war eine hübsche Allee auf dem Kamm eines Hügels und ein schmuckes Haus folgte dem anderen. Keines unterschied sich im Bauprinzip von seinem Nachbarn; denn alle hatten die Veranden nach vorn, einen Ziergarten davor mit englischem Rasen und hinten die weißgestrichene Garage. Warum ging er nicht hinaus und machte sich Bewegung? Auch die Aussicht war hübsch! Ein von Mais- und Weizenfeldern, kleinen Hainen und Kuhgeländen gesprenkeltes Tal eröffnete sich und verschwand dort unten im blauen Dunst des Fabrikenkranzes, in den Cincinnati gebettet liegt. Nach einer Seite hin glich dies wellige Terrain zuweilen dem Meer; denn es gab tief purpurne Sonnenuntergänge, die parallele Wolkenbänke beleuchteten, und in schönen Nächten trat der Mond dort, ohne durch Höhen verzögert zu werden, prächtig rötlich und oval hervor. Die Natur war üppig hier. Winde strichen, freiheitliche Winde aus allen Ecken des Himmels. Es war eine Gegend für Vögel und doch war sie ein Gefängnis, schlimmer als eine Zelle. So oft er heraustrat auf den betonierten Weg, wurde der Haß lebendig, als trete er in ein Hornissennest. Daß Steine an seinem Kopf vorüberschwirrten, merkte er schon gar nicht mehr. Es waren keine schweren Steine, die Verletzungen hervorrufen konnten, und sie prallten auch manchmal harmlos von seinem herabgezogenen Panamahut ab; denn Pleasant-Ridge wußte genau, daß in diesem Staate der Union etwaige Lynchjustiz peinlich auffallen werde und brüstete sich mit einer gewissen »traditionellen« Kultur. Auch verletzt man eine Sehenswürdigkeit, auf die man sich fast etwas zugute tat, nicht unnötigerweise. Dies war ihr Hunne und sie neckten ihn. Er lief Spießruten und das machte ihnen Spaß. Besonders das weibliche Element der liebenswürdigen Kolonie, das große politische Debatten, die die Gegend mit Gekreisch erfüllten, zu den Abendstunden auf Schaukelstühlen abhielt, wollte den Augenschmaus nicht vermissen; und es war eine fast schmerzliche Enttäuschung, als man bemerkte, daß Erwin es vorzog, eine Weile sein Haus nicht mehr zu verlassen. So konnte man sich wenigstens Mutmaßungen hingeben, was er drinnen treibe. Das bedauernswerte Geschöpf von einer Frau, die er da an sich gefesselt, diese so tief gesunkene Engländerin, die mit ihm hauste und für die bestgemeinte Sympathie so wenig Verständnis zeigte, die ließ man in Ruhe oder schickte höchstens mitleidige Schnalzlaute hinter ihr her. Sie hatte ja auch viel zu tun, das arme Geschöpf. Was in aller Welt konnte sie aber auch dazu bewegen, sich freiwillig in eine solche Situation zu begeben? Sie war selbst daran schuld gewissermaßen. Die Väter, die ringsum mit ihren halbwüchsigen Söhnen über den Landkarten jenes kuriosen Weltwinkels »Europa« brüteten, waren dankbar gegen das Schicksal, daß sie ihren Sprößlingen einen Hunnen in persona vorführen durften. Wenn etwa die Vorstellungsgabe der Knaben versagte, so wies man mit dem Finger durch das Fenster und sagte: »Stellt euch so etwas vor, zu hunderttausenden, dann habt ihr den Gegner. So sieht er aus. Ihr könnt ihm zu Leibe gehen, wenn der Krieg, was Gott verhüte, noch lang genug dauert; und wißt, was für eine Abart von Mensch euch entgegentritt.« Die Knaben dachten sich nicht »was Gott verhüte«, sondern: »Was Gott gebe.« – Denn das mußte ein milder und amüsanter Sport sein, solch schwerfällige und untrainierte Kreaturen, wie diesen Deutschen hier, zu Paaren zu treiben. Einstweilen konnte man sich ja schon darin üben, indem man ihn belästigte. Wenn man abends vor der Haustüre den dicken Fausthandschuh anzog und sich den Hartgummiball zuschleuderte, so war es ein guter Scherz, wenn man die Richtung des Balles auch einmal so lenkte, daß er Erwin an den Rücken flog, und im Chor schrie: »We beg your pardon« und mit frechen und kalten Gesichtern heranstob, um sich zu erkundigen, ob er mitspielen oder noch ein Weilchen stehenbleiben wolle, um zu verhindern, daß der Ball ins Tal hinunterfliege. Es waren harmlose blonde stupsnasige Jungen voll guter Instinkte, und Erwin mochte sie leiden. Aber wenn er sich früher auch in ein kleines Gespräch eingelassen und dafür ein scheues halbverlegenes Lächeln geerntet, er unterließ es jetzt; und sein müder glanzloser Blick sah durch sie hindurch wie durch Glas. Zuweilen kamen Briefchen ins Haus ohne Unterschrift; törichte kleine Frechheiten oder dumme Bedrohungen, die er ostentativ auf dem Balkon zerriß und in die Gegend streute. Wenn er mit den zwei oder drei Bekannten telephonierte, die in der Stadt halb aus Notwendigkeit oder weil sie nichts zu riskieren hatten, zu ihm hielten, so geschah es fast regelmäßig, daß er während der Unterhaltung ein verdächtiges kleines Geräusch hörte, das ihm zeigte, daß irgendwo ein neugieriges Ohr sich an den Draht angeschmiegt; daß irgendein von »Patriotismus« fieberndes altes Weib im Dienste der Regierung seine natürliche Neugier offiziell befriedigte. Er schloß ein solches Gespräch dann gewöhnlich mit einer ziemlich groben Bemerkung ab, die auf den Lauscher gemünzt war, und sorgte so dafür, daß neue Rachegefühle gegen ihn entstanden. Ihn freute das. Er saß ja leidlich sicher verschanzt; und das wenige Gift, das er auszuscheiden in der Lage war, kam so an die richtige Adresse. Mit Mildred unterdessen stand es so: Um acht Uhr erhob sie sich und nährte das Kind. Es war ein dunkelblonder Knabe, nun acht Monate alt. Er gehörte ihr allein. Sie ließ niemanden an ihn heran. Er war die Frucht tiefer Qual. Das Frühstück, das in eine Tageszeit verlegt wurde, wo man es mit dem Mittagessen verbinden konnte, half Erwin ihr zubereiten. Sie tischten es sich gegenseitig auf ohne viel Zeremonie, in vollster Apathie, auf je einen Teller. Manchmal beschränkten sie sich sogar auf die Küche, um sich nicht gegenseitig unnötige Arbeit zu machen. Denn sie hatten das Gefühl, daß sie sich gegenseitig in Ruhe lassen mußten. Zuweilen in Momenten, wo irgend etwas halbwegs Neuartiges sich ereignete, konnten sie sich wohl auch einen Kaffee brauen oder ihr altgewohntes Halma spielen; aber selbst diese beschaulichen Gewohnheiten versickerten im Triebsand tödlichsten Stumpfsinns. Selbst das Erwin sich noch vollständig anzog, war fast ein Wunder zu nennen; Mildred beschränkte sich darauf, ein waschleinenes Kleid aus einem Stück zu tragen, und ihn konnte man wohl auch tagelang in seinen Pyjamas beobachten. Mildred lebte wie ein Uhrwerk. Sie stand auf, verrichtete die Obliegenheiten des täglichen Daseins, die sie auf das geringste Maß zusammenstrich, mit Unlust, ging früh ins Bett und stand mit derselben Unlust wieder auf. Das einzige, was ihrem Dasein noch eine Art Inhalt zu geben schien, war das Kind. Bei dem leisesten Schrei erhob sie sich und sah nach seinen Bedürfnissen. Sie redete selten und lachte nie. Ihr Gesicht war wie gefroren, ihre Augen stets halb geschlossen, ihr Kopf hing vornüber und aus ihrer Figur war jene Straffheit gewichen, die Erwin früher so an ihr geliebt; jene selbstbewußte Inangriffnahme des Lebens, in welcher Form es auch kommen wollte. Sie war versteinert. Zuweilen mit einer rührenden Bewegung legte sie ihm die Hand auf die Schultern und ließ ihren Arm wie ein Stück Holz auf dem seinen ruhen. Er strahlte keine Wärme mehr aus, dieser Arm. An ihren Mundwinkeln saßen zwei scharfe Falten und ihr Blick hob sich ihm nicht mehr licht, frei und verheißungsvoll entgegen wie früher, da sie ihm sagte: »Hab nur Geduld, der Wahnsinn muß ja doch einmal zu Ende gehen.« Nein, sie drehte ihre Pupillen fast mit Mühe in die Höhe, wenn er ihr Kinn hob und wenn sie sich ansahen, so war es, als stelle man zwei halbverwaschene Bilder einander gegenüber. Die Zeitungen häuften sich dick in der Ecke auf. Man würdigte sie keines Blickes mehr. Druckerschwärze prahlte wild wie früher, doch diese blechernen Alarmklänge wirkten nicht mehr, vermochten nicht einmal mehr schwachen Ekel zu erzeugen. Was Erwin von den Vorgängen erfuhr, bezog er zum Teil von Mildred, und es gelang ihm, sie für Momente gesprächig zu machen, wenn er ihr nahelegte, ein Glas der Flüssigkeit, die sie ihm jetzt halb verzieh, zu sich zu nehmen. Wenn das Kind schlief und sie fühlte die sanfte Wärme des Alkohols in den erschlafften Gliedern, dann gab sie Erwin zuweilen kurze dramatische Schilderungen. Widerwillig gab sie sie, doch mit einer Plastik und einem Darstellungsvermögen, die ihn bezaubern konnten, da er die so tief und schändlich vergewaltigten Talente wiederum witterte, die in diesem Wesen vergebens nach Ausdruck rangen. Der Vierminuten-Mann Die Hetze war in vollstem Schwang. Es war eine Massensuggestion, die in ihrer Schärfe und ihrer Vollkommenheit an eine akut um sich fressende und Orgien feiernde Gemütsseuche gemahnte. Wenn Mildred in die Stadt fuhr, was sie zweimal wöchentlich tat, um sich Proviant für ihr Eremitendasein zu holen, so ging sie zuweilen in ein Lichtspieltheater, nachdem sie sich vergewissert hatte, daß das Programm zum Teil wenigstens etwas Ablenkendes bot. Hier aber, wenn sie sich in einen Landschaftsfilm oder in die Bilderromantik mexikanischer oder westlicher Abenteuer vertieft und ihr Geist dadurch halb abgelenkt war, scheu Erinnerungen aus einer so unendlichen Kindheit blitzartig hingegeben, trat der Vierminuten-Mann dazwischen. Der Vorhang fiel vor der flimmernden Welt und der Mann der Stunde trat hervor. Wer war dieser Mann? Es war immer dieselbe Kreatur, die immer dieselben Worte sprach. Er war in vierzigtausend Exemplaren über das Land verstreut. Er sah vielleicht jedesmal verschieden aus, aber der Dunst von Wichtigkeit und die amerikanische Flagge, die er im Knopfloch trug, waren immer dasselbe. Er stellte sich hin, die Hände in den Hosentaschen, und bellte vier Minuten lang wie ein gereizter Hund, wie ein gut gekleidetes, gut genährtes und gut dressiertes Tier. Die Regierung stand hinter ihm, er wurde bezahlt, zu Hetzen und er machte es gut. Der Speichel fuhr ihm aus dem Mund. Er peitschte halb entschlummerte Instinkte mit einer Nilpferdpeitsche wieder ins Leben, so daß die nackte Seele der halbgebildeten Menschen, die dort in Haufen vor ihm hockten, auffuhr voll blutiger Striemen. Er schnippte mit den Fingern, er pfiff auf einer Pfeife, er schwoll an von einer so kolossalen Renommisterei, daß die ganze Welt gegen ihn verblaßte, daß die Alliierten, jene rückständigen Völkerschaften in lächerlichen kleinen Ländern und Weltzipfeln, sich ausnahmen wie eine Rotte von inkompetenten Handlangern, denen man erst halb unwirsch zu zeigen hatte, worum sich das ganze Geschäft eigentlich drehe. Er pries den Sammy, diese ahnungslose Figur, die man vorgestern in Kakhi gesteckt und der man erst gestern gelehrt hatte, einen Schützengraben zu bauen. Er zeigte ihn als wetterfesten Krieger, als den mit schlichter Wahrhaftigkeit gepanzerten Exponenten der besten, einzigen und allein zukunftsreichen Rasse. Er ließ eine riesige Landkarte auf der Leinwand entstehen und verteilte schon ganz heiser vor Entrüstung die nach Erlösung wimmernde Beute, die der Aasgeier mit der Pickelhaube an sich gerissen, wieder zurück. Er verschenkte die Welt, zauberte mit einer Zickzackbewegung seines Stabes neue Grenzen hervor und war der gerechte Henker auf dem Schafott im Schirm des größten Propheten, den es je gegeben, im Schutz und Abglanz des Mannes, der die Sterne und Streifen, um den demokratischen Zylinder drapiert, bis in die Wolken schob. »Was die Engländer nicht fertig bringen,« brüllte er kurz vor Ablauf der vierten Minute, »woran sich die Franzosen die Zähne ausbeißen, woran der russische Bär krankt mit seinem roten Pfahl im Fleisch, das ist uns vorbehalten, zu vollenden! Wir machen es! Wir zeigen ihnen, was Krieg heißt! Wir stopfen ihnen, die Kraft an Kraft messen wollen, soviel von dieser Medizin in den Rachen, bis sie um Gnade schluchzen!! Wir können Kraft verschwenden, wir haben die grenzenlose Gewalt! Wir haben die Hälfte des Goldes, das es auf der Welt gibt! Wir haben Schiffe, wir haben Petroleum und vor allem« – – (und hier schnappte seine Stimme über, daß nur noch ein zitterndes Fauchen im erstarrten Proszenium zu hören war) – – »wir haben hinter uns den Gedanken von Lincoln; die freiwillige Überzeugung des Individuums und die gerechte Sache, für die wir kämpfen!« Wenn er abtrat, stieg die Nationalhymne empor mit krachendem Tusch; so blitzte etwa noch eine Zeichnung auf, die Karikatur eines Popanzes mit rechteckigem Schnurrbart, himmelbedrohender Helmspitze und wagenradgroßen Sporen, der, in einen allzuweiten Offiziersmantel gehüllt, vor dem Ansturm von überlebensgroßen Gesellen in Cowboy-Hüten und Gamaschen in die Ecke des Bildes flüchtete, wo er erbsenklein wurde und verschwand. Oder man erblickte eine durch Explosion oder Feuer verwüstete Fabrikruine, die alle Merkmale amerikanischer Heimat an sich trug, und darin ein paar pittoresk arrangierte Leichen unter der flammenden Überschrift: »Der Pfad der Bestie im nördlichen Frankreich«. Soviel über die Lichtspieltheater. »Es sei überall dasselbe,« berichtete Mildred, »und es sei kein Vergnügen, diese Orgien von Borniertheit mitzumachen. Es gebe tatsächlich die vernünftigsten, praktischsten und gutmütigsten Charaktere, die um sie herum in Veitstanz verfallen wären und sich wie Kinder benommen hätten, denen man das Märchen vom Blaubart auftischt. Es läge eine gewisse Raffiniertheit in der Steigerung der Effekte. Die bezahlten Marktschreier und Agitatoren verteilten ihre Wirkungen sinnreich auf die vier Minuten, die ihnen die Regierung vorschreibe. Die erste Minute sei sachlich und halbwegs vom Standpunkt des kriegführenden zivilisierten Volkes aus berechtigt; bei der zweiten Minute werde er persönlich und das deutsche Volk müsse daran glauben; bei der dritten Minute ziehe er über Potsdam her, diese Pestbeule; und bei der vierten nehme er einen großen Drillbohrer und bohre auf dem nackten Nerv des Publikums herum; kriege die Gemüter zu fassen und knete sie nach Noten; führe Themen wie Mutterschaft und Jungfräulichkeit und auf dem Spieß geröstete Babies ins Treffen; und es liege eine satanische Geschicklichkeit in der Steigerung eines solchen Sadismus. Denn bloße Gemeinheit sei ja leicht lächerlich zu machen. Aber eine Gemeinheit, die als Mittel zum Zweck für skrupellose Geschäftstüchtigkeit, von der Regierung finanziert, erscheine, habe etwas so Primitives, daß der Ekel dafür nicht einmal Worte finden könne, daß man sie wirken lassen müsse wie einen Zugzusammenstoß, und machtlos danebenstehe.« Während in Europa ein geknebelter Löwe an seinen Stäben rasselte, so war hier eine Hyäne und trieb ihre Spiele in vollster Freiheit; die Urhyäne, der die Fetzen stinkender Vorurteile aus den von Gefräßigkeit halb gelähmten Kiefern hingen; ein mit Druckerschwärze besudeltes, unmäßig aufgeschwollenes Tier, dessen üble Spuren einen überall hin verfolgten; dessen Gebelfer, wohin man kam, als Echo von den Wänden sprang. Häuser wurden ihrer privaten Bestimmung entrissen und mit schreienden Plakaten beklebt. Sie wiederholten sich periodisch an jeder Ecke, so daß das Auge, ihrer kaum entwöhnt, sie wieder gewahren mußte. Sie waren nicht schlecht gezeichnet. Geschickte Künstler hatten sich hergegeben, sie anzufertigen. Auch darin zeigte sich Geschäftstüchtigkeit in höchster Form. Ein kolossaler Kanonenstiefel, von dessen Sporen und Absatz Blut troff, trat in die Mitte von Amerika hinein. Ein Gorilla in Feldgrau lugte tückisch hinter dem Woolworth-Building hervor oder hockte wie ein Albdruck über einer salatähnlichen Aufhäufung von Zivilistenleichen. Ein paar Kinder schlüpften aus den Ecken eines anderen Plakates heraus und ein Handgranaten schleudernder Unhold belächelte breit im Hintergrunde seinen guten Witz. Auch andere Bildchen gab es, die die Columbia, die edle Matrone, in einer segnenden Gebärde zeigten; vor der die mit Alliiertenfarben geschmückten Bittsteller sich zusammendrängten, jeder sein kleines Spruchband im Mund, mit der stilvollen Überschrift: »Lasset die Kindlein zu mir kommen.« Sogar der Mann von Nazareth wurde mißbraucht, um eine Art bengalischen Lichtes auf die geschmackvolle Szene zu werfen. In allen Kirchenkanzeln tobten die Hetzer. Sonst ganz humoristische Irländer geiferten im Dienste Gottes und entstellten ihre gemütvolle Suada durch die undelikatesten Rinnstein-Metaphern. An jedem öffentlichen Platz standen mehrere umgestülpte Seifenkisten, von denen herab patriotische Bürger in einer Ekstase der Begeisterung Hetzpfeffer in die Menge streuten. War dies nicht auch der große Moment ihres stumpfsinnigen Daseins, des Daseins von Bureausklaven? Zog ihr Hennenvolk zu Hause, dem sie bis dahin schweigend gefront, sie nicht zärtlich alsdann dafür an die waschleinene Brust? »Hetze herrscht ja überall in der Welt,« sagte Mildred, »aber so unappetitlich wie hier äußert sie sich sicher nirgends. Franzosen haben wenigstens eine Art kalten Witz dabei, wenn sie auch Sadisten sind. Engländer machen es nicht so öffentlich. Italiener sind komisch. Aber dieser Plebs hier bringt es doch fertig, seine Rasselosigkeit im schönsten Licht zu zeigen.« Sie gebrauchte noch Ausdrücke, die an den Ausspruch des reisenden Japaners erinnerten, der Amerika mit dem schönen Namen belegte: »That Irish-Dutch-Nigger-Jew-mess ...« und dann versank sie in ihre Apathie zurück. Zuckschwerdt redivivus In dieser Zeit traf es sich, daß etwas passierte; ja eine leise Verschiebung ging vor sich, eine folgenschwangere Verschiebung, deren Wesen Erwin zunächst noch nicht erkannte, die aber in ihm wachsen sollte zur Umkehr alles bisher Gedachten oder Erlebten. Und sie begann damit, daß Mildred auf einem Gang in die Stadt den Pastor Kielwasser traf. Sie unterhielt sich eine Weile mit ihm, und was der sanfte Mann zu berichten wußte, teilte sie Erwin bald darauf mit. Er sagte: »Kannten Sie nicht einen Herrn Zuckschwerdt? Ich habe einen Brief bekommen, daß der Ärmste im Internierungslager – ich muß leider wohl sagen – absichtlich zugrunde gegangen ist. Man gab ihm ja wohl genug zu essen, aber er bekam es mit der Stacheldrahtkrankheit und das ist, wie Sie wissen, eine Sache, die nur durch geistlichen Zuspruch zu lindern gewesen wäre. Er fühle sich wohl, schreibt der Bedauernswerte noch; er verlange nichts weiter, als daß man sich seiner wohlwollend erinnere, und so mag es wohl ein Gemütsleiden gewesen sein, das ihm das Leben vergällt. Von anderen Leuten hörte ich, daß er sehr sanft und umgänglich gewesen sei; ein guter Kamerad, will mir scheinen. Seine letzten Worte waren: Er sehe, daß nun drüben alles verloren sei, und da er nicht im aktiven Dienst stehe, so komme es ihm vor, als müsse er in der nahen Katastrophe sich selbst als Opfer darbringen. Irgendwie sei dadurch vielleicht anderen moralisch geholfen.« Erwin erschrak. Er hatte Zuckschwerdt schier vergessen. Der Mann war über die Bühne seines Lebens geschritten und hinter der Kulisse verschwunden, wie ihn dünkte, ohne irgendwelche Spuren in seinem Gedächtnis zurückzulassen, höchstens ein paar nachklingende Unlustgefühle, mit denen er sich schnell genug abgefunden. Jetzt aber kam ihn ein leises Staunen an. Der Leutnant trat wieder hinter der Kulisse hervor und kam im Stechschritt bis vorn an die Rampe. Er trug noch das bunte Hemd. Er blitzte mit seinen Dachaugen zu ihm herüber. Eckig stand er da und es fiel ihm nicht ein, Kompromisse zu schließen. Er war auch ein Vierminuten-Mann, aber keiner von der Sorte, wie man sie hier kannte. Kein Beifallsklatschen aus dem Weißen Haus scholl hinter ihm und gab ihm Kontur. Kein Massenbetrieb, von Frachtzügen zusammengeschleppt und mechanisch in alle Winde verteilt aus unerschöpflichem Born wickelte sich hinter ihm ab. Kein Mann in Zylinder betrachtete ihn aus der Ferne mit warnendem Zeigefinger. Nein, was hinter ihm stand, war ein Koloß, der keine Form hatte; vielleicht ein zersprengtes Standbild aus Granit, aus dunklen Quadern getürmt, das dennoch seine edle Urform nicht verleugnete: – etwas sphynxhaft Schweigendes, Ursprüngliches, tief von orphischen Formeln Umrauschtes, das zu enträtseln sehr schwierig war und menschenleben-lange Andachten erfordern mußte. Wie seltsam nahm sich doch des Leutnants Figur vor so neuem Hintergrunde aus! Keine im Massendrill vorüber stampfende Kolonne, von eitlen Farben blitzend oder von schimmerndem Lack und Ordenssternen durchsetzt, zog hinter ihm vorbei. Kein Mann im Dreispitz tänzelte da auf einem Schimmel vorüber. Da war kein Prunk von Schabracken, kein Blitzen von Knöpfen an den Schoßwesten verschollener Epochen; kein Gefunkel von Zierdegen, keine Bühne für einen halbspielerischen, halb brutalen Militarismus mehr –: sondern da gab es nur eine formenarme Menschenmasse, die, von einer dunkeln Notwendigkeit getrieben, um die zerborstenen Quadern sich mühte, um sie wieder aufzubauen, und die keinem Sklavenhalter folgte, sondern deren jeder aus dumpfem Drang heraus still und geschäftig schuf. Zuweilen machten sie eine Pause, und Erwin glaubte, viele Gesichter zu bemerken: – keine geduckten Köpfe mehr, sondern auf aufrechten Nacken getragene, deren Ausdruck in einem seltsamen Besserwissen erglänzte, einer Art trotziger Überzeugung; und es klang murmelnd, aber deutlich genug durch den noch unharmonischen Stimmentumult: »Das frühere konnten wir; – aber das jetzige können wir auch !« Zuckschwerdt blitzte noch eine Weile in den leeren Zuschauerraum von Erwins Brust hinein. Ich muß mich selbst mit Publikum füllen, erkannte Erwin, um diesen stummen und ungelenken Schauspieler zu würdigen; denn für mich allein ist er zu problematisch. Ist er nicht brutal? Ist er nicht eine vernichtungswerte Ausgeburt von früher? Nein, es scheint doch, daß er Reserven hat. Er kontrolliert einen größeren Apparat, als ich dachte: Er macht das neue auch. Man brauchte ihn früher und so tat er mit. Er war treu denen, die ihn falsch gebrauchten und wird denen treu sein, die seine Energie in die richtigen Kanäle leiten. Heil dir, mein Guter! Du warst unerquicklich, du fielst nicht bloß mir auf die Nerven, du arbeitetest dich ab auf dem wesensfremden Hintergrunde hier; eine Karikatur warst du, ein schlechtangebrachtes versprengtes Stück aus dem geometrisch reizlosen Mosaik fern dort drüben, das man mit Stahl und Zement zusammengekittet: – demselben Zement, aus dem man in blutigem Schweiß, in keuchender und am Ende verröchelnder Kraftentfaltung, die schlimmen Termitenbauten dieses Krieges schuf. – Welch ein Schicksal! Der Trieb war in dir, der Sache zu dienen, und mit welcher Folgerichtigkeit rang sich der Dämon Pflicht in dir müde! Du warst konsequent, und diese Konsequenz mußte dich vernichten. Ja, triebst du nicht eigentlich Selbstvernichtung? War es etwa alles bewußt , was du hier vollführtest? Mit einem Male, mit einem tieferen inneren Schrecken glaubte Erwin zu erkennen, was das Wesen des Belächelten und offen Verachteten im Grunde genommen bedeutet hatte. Ja, Zuckschwerdt hatte (darüber durfte er sich keinem Zweifel hingeben) bewußt Selbstvernichtung getrieben. Er war intelligent genug gewesen, um zu erkennen, wie er sich schadete. Aber es schien, als habe er mit einer wahren Wollust sich an den Kanten blutig gerissen, die das Leben hier im Lande fanatischer Ideenfremdheit ihm auf Schritt und Tritt entgegenschob. Je mehr er diese Fremdheit, den demokratischen Gedanken, gegen den seine ganze Tradition sich mit jeder Fiber sträubte, gegen sich anschwellen fühlte, desto bewußter, desto eckiger hatte er seinen Geist, den Geist der letzten vierundvierzig Jahre, dagegen ausgespielt. Er war geschmacklos, er war töricht; aber er war echt. Die innere Unruhe ließ ihn nicht müde werden. Es mußte ihm fast eine Erlösung gewesen sein, als die Kraft, die er bekämpfte, ihn im Nacken packte; als diese schleichende, lächelnde Verlogenheit, die er nicht durchschauen konnte der Charakter dieser Rasse hier, – die ihre Selbstbeherrschung und ihr Rückgrat an so ganz anderen Stellen zeigte, wo er sie seinem eigenen Wesen nach vermuten konnte – plötzlich und brutal die Zähne zeigte. Er wollte dieses wie ein Aal ihm entgleitende Tier mit der Panzerhand packen und reizen. Er hatte es erreicht. Hinter dem Stacheldraht fand er Frieden; den Draht konnte er nicht mit den bloßen Händen zerfetzen. Er hatte genug gekämpft. Sein Kampf war ein stillerer als der an der Front. Es war ein fanatischer Kampf des Individuums gegen die Idee, des Stieres in der Arena, der mit den Hörnern im Sand pflügt und fast irrsinnig vor Wut darüber wird, daß die Widerstände, die er wittert, nie zu finden, nie zu zerschmettern sind. Aller Haß gegen den Mann ging in Erwin zur Ruhe. »Wenn ich die Wahl hätte,« dachte er, »ein Weltbild neu aus mir zu erschaffen und es irgend woher mit dem Material fruchtbarer Ideen zu füllen, so wüßte ich, daß ich mich nicht mehr vergreifen würde. Dieser Zuckschwerdt wurde produktiv, als er hinter dem Stacheldraht saß, produktiv auf seine eigene Weise. Wie sagte doch der Pastor? – »Er wurde sanft, gesellig und ein guter Kamerad.« Sanfte Geselligkeit, das ist etwas Schöneres als »Respekt«; Anhänglichkeit etwas Besseres als Strammstehen. Übereinkommen der Geister, aus sich selbst herauswachsende, freudig anerkannte Autorität, – ja werden wir einmal so weit kommen? Dann schaffen wir etwas Größeres wie diese billige Demokratie hier, diese käufliche »Selbstverwaltung«, diese Scheinfreiheit, diese Sklaverei dummer puritanischer Konventionen, diese Massenverblödung durch »ungeschriebene Gesetze«. Aber es ist wohl so, daß es nicht jedem geschenkt sein kann, konsequent zu sein. War ich es etwa, habe ich nicht hier gesessen und mich von Einflüssen umspielen lassen? War ich nicht der große Lurch am Sumpfe, der auf den Meteor wartete? Vielleicht bin ich charakterlos. Ja, ich lege sogar meine Hand ins Feuer darauf, daß ich es bin. Aber es gibt gewisse Entschuldigungen. Ich wäre nicht so stilvoll erledigt gewesen, wie dieser Leutnant. Mein Geist, der nur auf die künstlerische Gestaltung von Sinneseindrücken gerichtet ist, mein Körper, der Handfesseln und Gefängniszellen als mittelalterliche Marter empfunden hätte,... sie beide hätten revoltiert und mich umnachtet. Ich wäre nicht »sanft und gesellig« geworden. Ich wäre auch kein Idiot geworden, sondern ein geiferndes Tier in der Zwangsjacke, dunkelsten Instinkten ausgeliefert und auf sinnlose Zerstörung erpicht. Man hätte das nicht mit mir machen dürfen. Der alte Mann am Fountain-Square ist klug. Er überspannte den Bogen nicht. Er wußte, daß es auch unter Deutschen Nuancen gibt. Aber es ist nicht hinwegzuphilosophieren, daß ich charakterlos bin. Vielleicht jetzt in diesem Moment erst, mit dieser ersten Erkenntnis des wahren Sachverhalts, zeige ich zum erstenmal eine Art Charakter und eine Spur von dem Rückgrat, das ich abhanden gekommen wähnte. Ich bin nicht tot; noch habe ich Kräfte in mir und diese Kräfte streben auf ein bestimmtes Ziel hin. Ich muß sie sammeln, muß sie wieder pflegen und in den Dienst eines Zweckes stellen. Und dieser Zweck, was läge näher, als ihn zu nennen: »Verteidigung des Leutnants Zuckschwerdt, eine kleine Schrift zur Erleuchtung an sich zweifelnder Mitteleuropäer?« – Ich würde etwa sagen: »Er ist nicht so schlimm, wie ihr ihn jetzt ausmalt, und war nie so prachtvoll, wie eure geblendeten Augen einstmals glaubten. Er ist ein Mensch wie wir alle. Aber man hatte ihm gewisse Ideen ins Hirn gesetzt, die man einseitig begoß und wuchern ließ unter dem Treibhaus einer Sonne, an der noch mehr Platz war, wie man sich gelegentlich einzureden liebte. Nehmt ihn so wie er ist, zieht ihm den Panzer herunter, aber zieht ihm keinen Gehrock dafür an, um Gottes Willen keinen Gehrock!« Als der letzte ersterbende Schlag drüben fiel, dieser bewunderungswürdige letzte Auftakt, da hat der Prophet – (und wie glaubhaft hat er es uns Außenstehenden doch noch kürzlich zu machen verstanden!) – das Wort gesprochen: »Das Ding, das wir uns auszusprechen scheuen, zeigt uns wiederum sein häßliches Gesicht.« O du sanfte Professorenseele! Ja, häßlich ist dies Gesicht. Schön ist es nicht im akademischen Sinn. Es hat eine Nase wie einen stumpfen Schnabel und feuchte, strotzende Lippen; es blickt scharf unter Brauen hervor, die wie ein Strich sind, und hat einen Nacken wie ein Stier. Schön ist es nicht, oh Woodrow; aber seine Konturen werden dauernder sein als deine blasse Schreibtischmiene. Dieses »Dinges« Augen werden noch Blitze schießen, wenn deine geblendeten Lider sich halb gelähmt geschlossen. Wir haben noch mehr auf der Palette als deine hübsche Utopie. Was du vorzubringen weißt, steht auch in unserem Programm. Wir haben es einmal auf eine Weise probiert, und nun werden wir es einmal anders versuchen. Voraussichtlich wirst du zusehen und dir deine kalten Finger streicheln, wenn du deine vierzehn kleinen Arrangements deinen Freunden entwickelt hast und sie sich mit halbem Lächeln damit befassen werden. Vielleicht erreichst du es sogar, daß sie dich ernst nehmen. Selbst Leute wie ich sind ja auf dich hereingefallen! Deine Askese gibt dir eine gewisse Größe. Deine Selbstgefälligkeit, von dem ungeheuersten Blasebalg angefacht, den die Welt je erschaffen, war imstande, sich erstickend und blendend über fünf Jahre hinüberzublähen. Aber wenn dies Gebilde einmal platzt, so wird sich verschiedenes hier in den Köpfen verschieben; und auch die still Gewordenen in Deutschland, die dann erst anfangen, sich gründlich mit deiner Echtheit zu befassen, werden die Köpfe schütteln und etwas Wertvolleres erschaffen haben. Es wird ein Gemurmel durch alle Ecken von Europa gehen, und dies Gemurmel wird heißen: »Geprüft, gewogen und zu leicht befunden!« Damit, meditierte Erwin weiter, soll nicht gesagt sein, daß nicht auch du deinem Dämon folgtest. Du meintest, was du sagtest, im Augenblick, wo Du es sagtest. Sehen wir zu, was du erreichst. Vielleicht gelingt es dir mit deinen angelsächsischen Kinnbacken, dich nicht von den schlauen Opportunisten, dich nicht von der europäischen Seele umgarnen zu lassen. Hoffnungen schwimmen in deinem Kielwasser geknechteter oder mißleiteter Massen, wie sie noch nie auf einen einzelnen Mann getürmt worden sind. Du weißt das alles und du drückst es zierlich aus. Du triffst mit zehn Worten auf zehn Nägelköpfe. Aber warten wir ab, ob deine Posaune die Türme von Jericho wirklich ins Wanken bringt! An verschiedenen Stellen hast du schon Löcher geblasen, aber noch stehen Basteien; – blase weiter! Oder baust du dir vielleicht ein trojanisches Pferd, um dich in das Herz der Heimat deines Freundes Zuckschwerdt schleifen zu lassen, lächelnd herauszusteigen, den Zylinder lüftend und zu sagen: »Verzeihen Sie, meine Herrschaften: eine kleine, im Internationalen Recht erlaubte Finte?!« Nein, dazu bist du doch zu gut; denn du bist schließlich auch echt in deiner Art. Es gibt verschiedene Typen von Menschheitsbeglückern. Hoffen wir, daß du unter die Handelnden und nicht unter die Schwätzer fällst. Mildred hörte von Zuckschwerdts Tod. Drei Tage lang sagte sie nichts und am vierten endlich mit einem leichten Zurückwerfen ihres Kopfes: »Er hat ja die kleine Katze umgebracht; aber die Schwätzer in der Welt haben mehr Morde begangen als er. Wilsons Rekord zu brechen wäre ihm selbst hinter einem Maschinengewehr nicht gelungen. Er hatte Rasse. Das sehe ich jetzt ein, und darum entschuldige ich ihn.« Der Funke von Unruhe, den die Nachricht des Pastors in Erwins Blut geworfen, schwelte weiter. Ihm war, als ob dieser Vorgang nur symbolisch sei für etwas Größeres, Kommendes. Doch ward er sich dieser Unrast nur in vereinzelten Momenten bewußt; im allgemeinen hielt die grenzenlose, alles niederhaltende Nüchternheit ihres Lebens ihre Faust auf ihm. Das einzig Positive, was die Nachricht zurückließ, war eine Melancholie, wie er sie noch nicht gekannt, die mit Resignation oder Stumpfsinn nichts zu tun hatte. Irgend etwas Bewußtes stand dahinter. Der Knabe im Spiegel Die Hitze war zwar durch die erhöhte Lage des Hauses etwas gemildert, da der langgestreckte Hügelkamm von stetigen Winden bestrichen wurde, aber auf Erwin drückte sie. Er konnte von der Gewohnheit nicht lassen, sich in seiner Dachstube aufzuhalten. So hatte er wenigstens die melancholische Beruhigung, Wände um sich zu haben und sich einzubilden, er sitze in einer gesicherten Zelle, die er sich freiwillig erwählt. Was waren es auch schließlich anderes als Zellenwände, was ihn umgab? Abgesehen von einer Bibliothek von hauptsächlich englischen Werken, die er sich im Laufe der Zeit gesammelt, von ein paar Buntdrucken, die er sich gelegentlich aus den Beilagen der Hearstblätter ausgeschnitten, lebte keine Vertraulichkeit darin und sprach nichts zu seiner Seele. Das erhitzte Dachgestühl schickte Wärme nach unten und belastete ihn. Aber hätte er auch im ersten Stock gesessen, so hätte ihn der Anblick Mildreds, die blaß und mechanisch mit toten Augen umherblickend geschäftig war, zu sehr gereizt. Es war vorgekommen, daß sie einen kleinen Streit vom Zaune brachen, nur um dieses gefährlich lähmende Gefühl der Abgeschlossenheit durch die Erregung über eine noch so läppische Kleinigkeit abzulenken. Er hatte jähzornige Momente gehabt, wo er eine Tasse mit der Hand zerdrückte oder einen Stuhl sinnlos beschädigte ... Sie war kurzen Weinkrämpfen unterworfen, die ihn ernüchterten, so als ziehe man ihm den Boden unter den Füßen weg. Das Gefühl der vollständigen Hilflosigkeit vor dieser Mißhandelten, die Ohnmacht, ihr zu helfen, rieben ihn fast noch mehr auf, wie ein solcher Anfall selbst. Die Nerven der beiden waren so gespannt, daß die kleinste Reibung genügt hätte, um sie schrill zum Zerreißen zu bringen. Deshalb hielt der dumpfe Selbsterhaltungstrieb sie von Zeit zu Zeit voneinander fern. Er scheute Szenen, scheute die Beschämung, die solchen Auftritten unmittelbar darauf folgte und die Liebkosungen, die ihren Anlaß aus so nichtigem Zwange heraus schöpften. Es war im August und er hatte sich wieder angekleidet auf das Bett gelegt, und seine leicht im Wasser schwimmenden Augen grasten die blanke Decke ab. Es hatte ihn heute – und er wußte nicht warum – eine besondere lähmende Mattigkeit von Herz und Hirn ergriffen. Wenn man mich eingraben könnte wie einen Fakir und mich nach Jahren wieder ans Licht bringen, so wäre mir vielleicht geholfen. Ich hätte dann vielleicht noch eine kleine warme Stelle am Scheitel, in der der letzte Rest des Lebens wachgeblieben wäre; sonst wäre ich kalt, empfindungslos und wachte auf in eine vielleicht menschenwürdigere Welt hinein. Aber man muß ja atmen, leben, existieren, von Fratzen umgeben. Man muß unter der Presse dieses Alpdruckes mühsam weiteratmen, bis vielleicht das Herz von selbst aufhört zu schlagen. Warum kreist dieser Blutstrom noch durch meinen Körper? Er lag still. Er erstarrte im Liegen. Er versuchte sich selbst zu hypnotisieren, in den Hochschlaf hinein. Es gelang ihm, indem er die Augen in das stammende Fenster richtete und sich mit aller Energie dazu zwang, an nichts zu denken. Die leisen Unbehaglichkeiten, die ihm noch wie Ameisen über den Körper wimmelten, verloschen allgemach. Ihm schien, als schwebe er gewichtslos im Raum. Sein Geist belauerte die träge Masse, die statt seiner auf dem Bett lag, und kroch langsam, langsam hinter die Schwelle des Unterbewußtseins zurück. Auf einmal, aus den purpurnen Gründen seines Gedächtnisses, tauchte folgendes auf: – – – Eine Stube umschloß ihn mit halbdurchleuchteten Fensterrolläden; ferner leises Musizieren drang an sein Ohr. Türen klappten auf und zu, und das Räderrasseln und verklingende Hufgetrappel einer verschollenen Zeit, einer kleinen deutschen Residenz, sickerte in seinen Gehörgang und webte darin weiter wie ein holder Traum. Kam der Vater schon aus der Klinik zurück? Ich habe Fieber und male mir abenteuerliche Begebnisse aus, die zwischen den Tapetenblumen sich vollziehen. Ich fahre mit einer Hand, die noch weiche Gruben statt der Knöchel trägt, an den Ornamenten entlang; oder ich baue mir Luftschlösser und Gebirge, die ich erobere, im kühlen weißen Linnenbezug des Plumeaus. Ich stehe auf und hole mir barfüßig, was mir streng untersagt ist, die Porzellantiere aus dem Schrank ins Bett. Es fröstelt mich leicht dabei, obwohl es sehr warm ist und ich mache, daß ich zurückkomme. Dann liege ich wieder still, nur etwas mit den Zähnen klappernd, aber ich schlafe halb und gleite weiter, wunschlos, selig, und doch ein wenig unruhig. Ob nicht noch eine kleine Abenteuerlichkeit für mich in Bereitschaft liegt, der gegenüber ich mein Knabenherz wappnen muß? Erwin sah in die tiefe Zimmerflucht einer deutschen Wohnung hinein mit schweren Möbeln, die mit ihm flüsterten und Mitwisser waren seiner Leiden und Freuden. Keime von bunter Zukunft formten sich in den Sonnenstreifen, die durch eine Markise drangen, gebaren sich aus dem Tanz der aufblitzenden Stäubchen, die auf unendliche Wanderschaften gingen; Pläne, kindlich, harmonisch und riesenhaft, wuchteten über ihm wie ein Baldachin, unter dem ein sanftes Dämmerlicht webte ... Der Schrankspiegel warf ihm ein rundes helles Gesicht entgegen, einen schlanken Körper, der sich des Anhauchs übergroßer Wärme träumend erwehrte und entblößte; dem er Kräfte zutraute, die ihn befähigten, verwunschene Wälder kühn zu durchbrechen. Er kreuzte die Hände unter dem blonden Kopf und sah sich aufmerksam im Spiegel an wie einen Zweiten, dem er Glück auf die Reise wünschte und über dessen Wiederkunft er sich insgeheim freuen würde. Es werde viel zu berichten sein von solchen Ausflügen. – Und dann sank er in den purpurnen Schlaf zurück. Jetzt auf einmal, während Erwin seinem Odem lauschte, den er langsam durch die Nüstern sog, entstand ein ganz leicht singender Ton, der mit dem Singsang jener verschollenen Fieber aus der Kindheit tief verwandt war. Aber auch ein Laut war darin, den er noch, so kam ihm vor, vor kurzem gehört, und er riß die Augen auf. Heftig atmend starrte er um sich: wild, entsetzt. War er hier noch im verwunschenen Wald? Waren das die giftgrünen Ahornblätter vor den Fenstern? Hatte ihn nicht wiederum ein metallenes Zikadengeräusch überflutet; klang es nicht schrill nach in seinem Hirn?! – Für einen Moment sah er die Kammer von Lakewood um sich und Fichten, nichts als Fichten! Wie befreit aufstöhnend gelang es ihm endlich, die Gegenstände zu gruppieren. Er war nicht mehr dort. Jene Hölle war überwunden. Aber die akute Qual hatte sich in eine langsame, unauffälligere, entlegenere verwandelt, die einen nicht minder schmerzhaften Ring um sein Dasein zog. Jenes wäre ein gewaltsames Sterben gewesen; dieses war ein langsames, durch Freiwilligkeit versüßtes .... Er legte sich wieder zurück und ein Bild trat hervor, das ihn damals, von scharfen Fiebervisionen durchpulst, wie körperliches Erlebnis bedrängt hatte: das Bild der Grube und darin der Einsame an der Mauer, der sich der Löwen erwehrt. Dieses Bild war damals eine bloße Schöpfung der Phantasie gewesen, die er nach Belieben hervorrief oder auslöschte. Er hatte die Kulissen gestellt und niedergerissen. Jetzt aber ward mehr, ward üppige Wirklichkeit daraus, wie ihn dünkte. Er war es auf einmal selbst, war Daniel , griff um sich, ertastete Steine und sah auch, was er erwartet hatte: die hungrigen Bestien gleich Schatten vor ihm durcheinanderwogen. »Das bist du,« schrie ihm jemand ins Ohr. Und er glaubte es, glaubte es so stark, daß die erträumten Ängste ihn wie Fühlbares und Lebendiges überfielen. Und ihm war, als geschehe folgendes: Als die murrende Wut der Bestien wuchs, da erfaßte ihn Daniel, wieder die ungeheure Kraft der Gewißheit, daß er einen Freund in der Mauer hinter sich im Rücken habe, einen, den er mit den Händen herausgraben müsse. Und er wandte sich und krallte die Finger in die Fugen der Wand. Schweiß brach ihm aus und seine Seele lechzte danach, ihn zu schauen, diesmal ganz zu schauen. Aber noch geschah nichts, noch war um ihn herum fühllose Kälte. Und wie er sich wieder umwandte, hatte sich die Grube erweitert. Das Murren war geblieben; die Augen der Raubtiere starr auf ihn gerichtet, aber es schien, als seien diese selbst verwandelt, als glichen diese Leuten, wie er sie kannte und verabscheute, wie er sie stündlich um sich hatte und die auf einmal trotz ihres sonst gewohnten Anblicks etwas Verändertes zur Schau trugen, etwas dämonisch Bösartiges, das er sich nicht erklären konnte. Sie glichen alle einander; waren ähnlich gekleidet, hatten ähnliche Gesichter; aber in ihrer Masse hatten sie etwas Bedrohendes und schnaubten ihm ihre Vertilgungslust entgegen als Strom von schmutzigen Worten, in dem schön gefügte Phrasen zerbrochen umhertrieben: – Große Wörter, die, einzeln genommen, sinnlos waren; die nur zuweilen Satzgruppen bildeten und in ihrer Neuartigkeit verführten oder bezauberten. Jedoch der dunkle Schwall der Schmutzrede verschlang sie oder zerfetzte sie bis zur Unverständlichkeit. Was man von ihm heischte, wußte er nicht. Nur schien es, als kämen Argumente, die er sich nie erträumt, wie Pfeile aus dem Finsteren gefahren und prallten neben ihm an die Mauer; oder er spürte schmerzhaftes Zucken in der Brust bei einer besonders sorgfältig gezielten Phrase, die glatt an seinem Lebensnerv vorbeitraf. Sein Gewissen, sein deutsches Gewissen, war ungeschickt. Die Pfeile prallten nicht alle davon ab. Viele blieben zitternd stecken und brannten. Er hatte ihnen nichts entgegenzusetzen als die schwerfällige Kraft, die sich wohl der Argumente annehmen wollte, aber das Zurückschlagen war nicht möglich. Es waren ihrer zu viele und er brauchte noch einen Schild, um dahinter zu grübeln und das Schlagwort zu finden, das diese Pfeile entgiften und machtlos machen sollte. Wer bot ihm den Schild? Der Ansturm ward größer; das Getöse lauter. Er schritt hin und her, doch überallhin folgten ihm die weisen Sentenzen, diese hämisch nach oben gedrehten, an Fragezeichen wie an Peitschenschnüren durch die Luft geknallten Sätze. Und er fühlte, daß sein Geist genug an einer dumpfen und reichen Logik barg, um sie zu widerlegen, so wie er damals die Löwen in die Ecke gescheucht. Nur mußte man ihm helfen. In diesem Moment äußerster Willensanspannung geschah folgendes: Er spürte, wie sein Ich eine Wandlung erfuhr; wie sich etwas in ihm zu gleichen Teilen trennte, wie Öl vom Wasser sich trennt. Er tat nichts dazu. Nur blickte er mit Staunen auf. Er hatte gesehen, wie die Meute zögernd zurückwich, und das Geschwirr der Fragen und Anklagen schwoll gedämpfter. Zu seiner Rechten stand schimmernd ein etwa zwölfjähriger Knabe. Er sah ihn an. Es war jener blonde Knabe, den er soeben noch im Spiegel erblickt. Zu seiner Linken stand ein Mann, der genauer betrachtet einem glich, den er unlängst gekannt. Er hatte ein scharfes Profil und über seinem Haupte dämmerte der Umriß eines eisernen Helmes. Diese Zwei, so wesensfremd sie einander waren, schienen wie Klänge eines Akkordes, die man einzeln anschlägt, auseinanderzutreten und sich doch im Geheimen tief verwandt zu bleiben. Zwei Naturen waren das: – dieser besinnliche Knabe, in dessen blaugrauen Augen, leicht gebuckelter Stirn und weichem Munde künftige schrankenlose Schöpfertätigkeit keimte; den seine kräftigen Beine mit den sonnenbraunen Knien durch die Welt tragen würden im dumpfen Wagemut gestaltender Phantasie: – und der Andere, die kaltberechnende Kraft, die stählerne Energie, die den Weicheren schützt und ihn vor Unbill und Erniedrigung bewahrt. Diese beiden waren vereint denkbar. Doch der Knabe war der Größere, er war der Erste, der aus der Mauer getreten. Der Mann hatte einen Schild und überreichte ihn Daniel. Dann stellte sich der Krieger spreizbeinig, mit unbewaffneter Brust, vor die Meute hin; und Daniel fühlte den Regen der Pfeile verstärkt auf dem Schilde. An diesem vorbei sah er, wie der Krieger langsam mit steifem Gang in die Dunkelheit hineinschritt; wie eine formlose dunkle Masse sich auf ihn stürzte und wie er nach einer heroischen Abwehrbewegung wie in einer Wolke darin unterging – – ein Antlitz zurückwendend, das die Maske eines rätselhaften Leidensübermaßes trug. Und es überkam Daniel Furcht: Nun jener entschwunden war, schien er schutzlos. Der Spiegelknabe, der von frühen Träumen trächtige, mußte ihn nun allein schützen. Dieser setzte die runde Stirn gegen das frisch herandrängende Gezücht; setzte die verworrenen Laute, die Farben einer köstlichen Jugend dagegen: das Räderrasseln hinter dumpf bestrahlter Markise und den Tanz der Sonnenstäubchen, die er wie Weltensysteme durchdrang. Und wieder trat das verschollene Zimmer aus tiefster Frühe, aus der Nachbarschaft der Quelle hervor, und entfaltete, halb verschleiert durch heimwehkranke Zärtlichkeit, stumme Ecken, schweigende Möbelgruppen, geöffnete Türen, hinter denen geheimnisreiche Welten verdämmerten ... der Knabe war Fürst eines orangefarbenen Herzogtums, das im Wolkenprunk der Sonnenuntergänge jener Zeit erglänzte und versank ...! Daniel schob ihn vor sich her. Er sah mit langsam kälter werdendem Herzen, wie trotz anfänglichen Zurückbebens vor der stillen Waffe dieses Jüngeren die Meute wieder vordrang und auch ihn mit dem Pfeilhagel von Argumenten beschüttete. O du Herz vom Herzen Europas – – was wankst du? Und während alle die Phrasen, all die entnervenden Bruchstücke Großer Worte die Luft doppelt verfinsterten; – – während Daniel den Knaben an sich schließend seinen Widerstand verrinnen fühlte in einer Agonie, die der Qual des Nazareners schier vergleichbar schien – – während dies alles sich begab und jede Hoffnung versank auf Verständigung mit der konturenlosen, stets dunkler emporschnellenden Bestie – – da geschah drüben ein Wunder, trat eine Gestalt hervor. Sie löste sich zögernd, unnahbar und fern aus dem dunklen Hintergrunde. Sie stand eine Zeitlang bewegungslos wie ein Bild aus Stein, von abweisendster Fremdheit umwittert. Ihre Augen glichen Edelsteinen: – farblose Leere war darin wie die eines Meeres vor der Dämmerung. Dann kam sie langsam auf Daniel zu. Ihr Blick war streng und er vermeinte sie flüstern zu hören: »Ich habe viel geopfert ... um Deinetwillen.« Er erschrak vor der Größe solchen Opfers. Das Opfer schimmerte von ihren Fingerspitzen, vom Silber ihres Kleides, von ihrem herbgespaltenen Mund, von ihrem gestrafften Hals. Dann lächelte sie mit den Schatten eines Lächelns. Sie schritt näher herzu ... und siehe: der Knabe trat in sie hinein wie in ein Tor. Entschwindend verschmolz er mit ihr. Und als Daniel aufblickte, war keine Grube mehr und waren keine Mauern um ihn, wo er stand. Und fern auf einem Hügel vor einem dunkeln Blau, das erster sanfter Lichtkern stufenweis erhellte, stand sein Sommerhaus – und die Fenster ob dem Söller klafften weitgeöffnet. Indem er noch starrte, blitzte es golden auf über den Treppen. Ihm war, als höre er Gesang herüberbringen wie von Chören. Finale Die Chöre werden zerrissen. Es dröhnt. Das einzige Wort: »Du!!« Erwin zuckt zusammen und fährt auf. Er sieht eine Zeitung vor sich knisternd in zitternder weißer Faust hin- und herschwanken und seine halb schlaftrunkenen Augen starren auf eine Prozession von Buchstaben, die schwarz und gewaltig groß über die ganze Breite des Blattes marschieren. Die Worte heißen: »Germany accepts Wilson's terms. Offers armistice.« Er reibt sich die Augen und setzt sich schwer auf. Das Blatt gleitet zerknittert auf den Boden und Mildred kniet darauf. Ihr Hals zuckt, sie lacht und schluchzt und sie stößt kleine Sätze hervor ganz außer sich, mit einer hohen Stimme, die er noch nie an ihr gehört – wie die Stimme einer Amsel aus einem Dickicht des Unterholzes, wenn ein Maigewitter sich verzieht. »Wir können weg, Erwin, begreifst du das! Wir können wirklich und wahrhaftig weg! Heraus aus diesem fürchterlichen Gefängnis, unter Menschen zurück! Wir kommen wieder zu Menschen ! Wieder menschenwürdig leben, o Gott! Nach Europa! Erwin, begreifst du! Warum sagst du nichts! Warum bist du so stumm! Es hätte nicht länger dauern dürfen! Ich war am Ende meiner Kraft! Und wenn ich noch neben dir vegetierte, es war Verstellung, Verstellung!« Er greift schnell zu. Sie ist zusammengesunken. Ihre abgemagerten Arme fallen kraftlos in stumpfen Winkeln von der Bettkante. Ihre Lippen sind weiß. Er bettet sie sorgsam hin und flößt ihr etwas Whisky ein. Sie atmet schwach, als ob sie sich in Ruhe dehnen und sich wunschlos strecken könne zum erstenmal. Sie wird unendlich kindlich dabei; unendlicher Pflege bedürftig; und die Brauenfalte, die sich früher nur in größtem Affekt auf ihrer Stirn gezeigt, sitzt nun quer darin, wie ein Schnitt, nicht hinwegzuglätten; wie ein grausamer kurzer Schnitt. Die Fabriksirenen des achten November summen. Es geht gegen Abend. In North-Norwood hat es begonnen mit einem schrillen Pfiff einer einzelnen Alarmpfeife, deren Ton ganz hoch hinaufklettert und wie feines Singen eines Kessels über den Höhen hängt. Der Pfiff aus jener Gegend verdoppelt sich. Es ist kein Zirpen mehr, sondern es ist eine Quinte, eine freche nervenrüttelnde Quinte. Dann fährt ein Bienensummen drein von Madisonville und gestaltet sie um zu einer dreifach wütenden Disharmonie. Die große Hummel brummt, andere Hummeln folgen der Führung. Von Walnut-Hills treten Töne herzu; und ein höllischer Schwarm tobt entfesselt. Mit ohrenbetäubendem Blasen öffnen sich auch die Ventile von Pleasant-Ridge. Die Fabriksirenen der ganzen Gegend speien kreischenden Dampf in die Höhe. Es ist wie eine mächtige zweite Welt, in der man lebt; ein erhöhtes Lebensgefühl, das mit brutalen Schwingungen die Gegend verwüstet und die Hirne in einen großen Wirbel zwingt. Man hörte Akkorde heraus. Man kann die wüsten Ströme sondern. Es ist eine große Symphonie elementarer, befriedigter Instinkte. Die große konturenlose Bestie gröhlt, gröhlt ihren Triumphgesang. Aus ihrem Rachen wogt, in endloser Kette, dumpfsurrender Urton, von brausenden Pfiffen begleitet. Dazwischen fährt das laute Gebelfer, das blecherne Freudengetöse einer hysterischen Menge, aufgestört und wimmelnd zwischen fernen Straßenschluchten. Es wird dunkel. Grüne Scheinwerfer zerpeitschen mit ihren Lichtbalken die blaue Schwärze. Das Tier hat seit vier Stunden gegröhlt ... es singt weiter, ekstatisch und brutal. – Dann endlich schnappt ein einzelner Ton ab. Andere schwingen weiter. Surren bleibt zurück wie das eines höllischen Cellos, daß ein trunkener Riese mißhandelt, dessen Saiten er lallend schabt und zum Platzen zwingt. Nun ist es vorüber. Das Surren versinkt, so scheint es, im Schrillen ferner vereinzelter Zikaden. – Auch dies verklingt: – doch ein dumpfer Ton bleibt zurück. Ist es der Wind, der spröde Baumkronen bewegt, lederharte Blätter; der sie aufrauschend in langgezogener Welle durcheilt? ... Nein; – das klingt wie Echo weltenweiten, ausatmenden Stöhnens. Die Himmelsgruft gähnt wie ein Keller und haucht Kälte aus. Die Sterne blitzen nicht sommerlich mehr, sondern klar und grell –: ein ungeheures Schicksal hat sich vollendet. Ein Schicksal, zurückgedämmt Jahre hindurch in Schweiß, in Fieber, Mühe und Blut. – Ein Volk liegt erdrosselt. – Es hat ausgekämpft. Erwin steht einsam an das Geländer des Balkons gelehnt. Er steht regungslos und der kalte Wind bewegt sein Haar. Es ist, als ob der letzte Hauch äußerster Schwäche, und doch auch der Befreiung aus tödlicher Agonie von Millionen mit ersterbender Zartheit an seine Stirne rühre ... gleich dem Flüstern eines ihm tief verbrüderten Freundes, voll von Botschaft und bedeutungsvollem Befehl. Ende