Karl May Die Liebe des Ulanen – Teil 3 Original-Roman aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges. Fortsetzung 45 7. Verarmt. Seit den letzterzählten Ereignissen war eine Reihe von Jahren vergangen. Noch lebte Hugo von Königsau, der einstige Liebling des alten Feldmarschalls »Vorwärts«, in stiller Zurückgezogenheit auf seinen beiden, nebeneinander liegenden Gütern. Er genoß an der Seite seiner treuen Margot ein Glück, wie es nur wenigen Irdischen beschieden ist. Ein einziges Mal wurde dasselbe getrübt, als Margots Mutter, Frau Richemonte, starb. Wäre außerdem eine Trübung desselben möglich gewesen, so hätte das nur dadurch sein können, daß er sich noch immer mit jener leeren, dunklen Stelle beschäftigte, welche in Folge des empfangenen Hiebes in seinem Gedächtnisse zurückgeblieben war. Fast so alt geworden wie der treue Kutscher Florian Rupprechtsberger, der ihm aus Jeanette nach Preußen gefolgt war, saß er mit diesem stundenlang beisammen, um über diesen unaufgeklärten Punkt zu verhandeln; aber vergebens: denn es war und blieb ihm unmöglich, sich auf den Ort zu besinnen, an welchem er die Kriegskasse vergraben hatte. Wenn dann Margot dazu kam, so ahnte sie stets, welches der Gegenstand des Gespräches gewesen war. Sie legte ihm den Arm um den Nacken und meinte dann gewöhnlich in bittendem Tone: »Ich vermuthe, daß Du wieder über diese böse Kriegskasse nachgedacht hast. Ist es nicht so, lieber Hugo?« »Leider ja!« pflegte er dann entweder trübe oder ärgerlich zu antworten. »Laß das doch endlich auf sich beruhen! Wie oft habe ich Dich schon darum gebeten, und doch willst Du mir nicht diesen einzigen Gefallen thun!« »Ich möchte wohl gern, das darfst Du mir glauben; aber wenn der Gedanke kommt, so habe ich doch nicht die Macht ihn von mir zu weisen.« »Es ist aber überflüssig und vergeblich. Selbst wenn Du Dich auf den Ort besinnen könntest, dürftest Du den Schatz ja doch nicht haben.« »Warum nicht, meine Liebe?« »Weil die Kriegskasse eine französische ist. Ihre Aneignung würde ja ein Diebstahl sein. Anders wäre es allerdings, wenn sie deutsches, oder überhaupt Eigenthum der Verbündeten gewesen wäre.« »Ich kann Dir nicht Unrecht geben. Aber wenn wieder einmal ein Krieg zwischen den Deutschen und Franzosen ausbrechen würde, wenn wir jene Gegend occupirten, dann hätten wir das Recht, uns der Beute, welche uns damals entgangen ist, zu bemächtigen.« »Hoffen wir nicht, daß sich jene Zeit des Blutvergießens wiederhole.« »Ich stimme Dir bei. Aber auch unter den gegenwärtigen Verhältnissen würde es vortheilhaft für mich sein, wenn ich mich auf den Ort besinnen könnte. Ich könnte eine bedeutende Gratification von Frankreich erlangen, wenn ich anzugeben vermöchte, wo eine solche Summe zu finden ist.« »Laß das gut sein, lieber Hugo! Wir sind ja nicht in der bedrängten Lage, eine Gratification zu bedürfen.« Auf diese Bemerkung pflegte der alte Rittmeister nicht zu antworten; er that, als sei er beruhigt, aber im Stillen sann und grübelte er weiter. Margot hatte sehr Recht, wenn sie sagte, daß sie sich nicht in einer bedrängten Lage befänden. Ihre beiden Güter brachten ihnen ein, was sie brauchten. Uebrigens hatten sie ja den großen Meierhof Jeanette von der verstorbenen Baronin de Sainte-Marie geerbt. Diesen Besitz hatten sie im Laufe der Jahre sehr verbessert und dann einem tüchtigen Pächter übergeben. Er stand jetzt viel höher im Werthe als vorher, obgleich sie dort, da der Hof ja in Frankreich lag, sich nur äußerst selten sehen ließen. Ihr Sohn Gebhardt war glücklich aus Afrika zurückgekehrt. Er hatte seine Forschungen veröffentlicht und sich dadurch einen ehrenvollen Ruf erworben. Das veranlaßte ihn, auf diesem Felde weiter zu arbeiten. Er nahm zunächst Urlaub, um sich an weiteren Expeditionen zu betheiligen, welche ihm neue Ehren einbrachten. Darum kam er endlich um seinen Abschied ein. Da nicht die mindeste Aussicht auf einen Krieg war, so konnte er dies, ohne sich eine Blöße zu geben oder einen unwürdigen Verdacht auf sich zu laden. Er erhielt ihn sofort, da man gar wohl wußte, daß er dem Allgemeinen durch seine jetzige Thätigkeit weit mehr Nutzen bringe, als wenn man ihn auf eine enge Garnison beschränke. Und so war er von da an im Dienste der Wissenschaft oft lange Zeit von seinem Vaterlande abwesend. Ida de Rallion war seine Frau geworden. Sie liebten sich von ganzem Herzen und fanden in ihrer Ehe ganz dasselbe Glück, welches Gebhardts Eltern in ihrer Vereinigung gefunden hatten. Freilich sah Ida es nicht gern, daß Gebhardt so oft und lang von der Heimath entfernt war; aber sie freute sich seines Ruhmes und fühlte doppelte Seligkeit, wenn er einmal zu ihr zurückkehrte. Während er in fernen Zonen weilte, fand sie ja Trost bei den geliebten Schwiegereltern, und als sie nun gar die Wonne hatte, erst einen Sohn und dann später auch eine Töchter zu haben, so pflegte ihr die Zeit des Wartens nicht mehr so lang zu werden wie früher. Ihr Sohn war Richardt genannt worden. Vater und Mutter hingen in vereinter Liebe an ihm und dem kleinen Schwesterchen, und doch schien es beinahe, als ob ihre Zärtlichkeit von derjenigen der Großeltern fast noch überboten werde. Natürlich erhielt der Knabe die Bestimmung, einst Officier zu werden, und seine Erziehung erhielt eine streng nach diesem Ziele visirte Richtung. Bei der reichen Begabung, durch welche er sich auszeichnete, brachten die Bemühungen seiner Großeltern, Eltern und Lehrer überreichliche Früchte, und es ließ sich hoffen und erwarten, daß er einst dem Stande, für welchen man ihn bestimmt hatte, alle Ehre machen werde. – Während so die Familie Königsau sich eines reinen und beinahe ungetrübten Glückes erfreute, zog sich im Südwesten von ihnen eine schwere Wetterwolke gegen sie zusammen. Napoleon der Dritte war erst Präsident und dann Kaiser von Frankreich geworden. Dieses Ereigniß kam Zweien sehr gelegen, welche bisher vergeblich auf eine Erfolg versprechende Gelegenheit gewartet hatten, ihre Pläne in Ausführung zu bringen: Capitän Richemonte und sein Verwandter und Adoptivsohn, welcher sich in Afrika Ben Ali genannt hatte. Sobald der Neffe des Onkels Kaiser geworden war, ließ sich annehmen, daß für alle Diejenigen, welche an den Traditionen des ersten Kaiserreiches festgehalten hatten und Anhänger des Kaisers gewesen waren, nun endlich die längst ersehnte Zeit gekommen sei, sich geltend zu machen. Und sie hatten Recht. Der Neffe, welcher keineswegs den gewaltigen Geist des Onkels hatte, suchte doch, ein Portrait desselben zu sein. Er schmeichelte sich in seine Fußtapfen treten zu können, und war doch nichts als ein Nachäffer der äußeren Eigenthümlichkeiten und Gepflogenheiten des großen Corsen. Aber der Stand der Dinge in Europa war ihm günstig. Das Flittergold seiner Krone schien echtes Metall zu sein, und die Glasflimmer, mit denen er sich schmückte, warfen einen Glanz, welchen man für die Brillanz echter Diamanten hielt. Hatte der Onkel durch die Gewalt seines Genies sich zum Schiedsrichter der halben Welt gemacht, so gelang es dem Neffen, durch verschlagene Taschenspielerstückchen die Völker und sogenannten Diplomaten zu täuschen. Man staunte, man war verblüfft; man bewunderte ihn sodann, und das war es ja, was er beabsichtigte; denn vom Angestaunt- und Bewundertwerden bis zur wirklichen Herrschaft ist ja nur ein kleiner Schritt, und diesen Schritt zu thun, säumte er nicht. Hatte Napoleon es verstanden, das Genie zu sich emporzuziehen, selbst wenn er es in der niedersten Klasse des Volkes zu suchen hatte, so äffte ihm auch hier der Neffe nach, indem er es nicht versäumte, sich Kreaturen zu schaffen, welche er für geeignet hielt, zu dem falschen Glanze seines Thrones einen kleinen Strahl hinzu zu fügen. Welchen Werth diese Männer hatten, zeigte sich erst, als dieser Thron zusammenbrach. Und vielleicht gab es nur zwei Männer, welche diesen Werth oder vielmehr Unwerth erkannt hatten und richtig zu beurtheilen verstanden – Bismarck und Moltke, welche es ja waren, unter deren Fausthieben der ganze Kartenbau des Kaiserreiches später zusammenfiel. Seit einiger Zeit gehörte zu jenen Günstlingen des Kaisers und der Kaiserin ein Mann, der uns bereits begegnet ist, nämlich Graf Jules Rallion, welcher zu wenig Ehre besessen hatte, auf die Forderung Gebhardts von Königsau mit der Waffe in der Hand zu antworten. Er war damals feig entflohen, hatte sich aber nach Gebhardt's Entfernung sofort wieder eingefunden, um seine Bewerbung um seine Cousine Ida fortzusetzen. Er war aber mit Verachtung zurück- und zurechtgewiesen worden und hatte mit Grimm sehen müssen, daß der Deutsche seine schöne Verwandte als Frau in sein Vaterland führte. Seit jener Zeit haßte er Königsau noch mehr als früher, und dieser Haß erstreckte sich auch auf Kunz von Goldberg, welcher es verstanden hatte, die zweite Cousine und ebenso auch die alte, strenge Tante zu gewinnen. Wie gern hätte er sich an diesen beiden Deutschen gerächt! Aber leider fand sich keine Gelegenheit dazu. Und eine solche herbeizuführen, dazu war er weder muthig noch erfinderisch genug. Obgleich ihm diese beiden Eigenschaften entgingen, gelang es ihm dennoch, sich bei Hofe einzubürgern. Eine Grafenkrone giebt Relief genug, um die Blicke von Schwächen abzuziehen, welche nicht geeignet waren, den Träger dieser Krone zu Ehren zu bringen. In Folge seines unterthänigen Wesens und anderer negativen Eigenschaften, welche aber von einem glanzsüchtigen Fürsten lieber bemerkt werden als positive Vorzüge, wußte er sich besonders in die Gunst der Kaiserin einzuschmeicheln, und bald war es allgemein bekannt, daß die Stimme des Grafen Rallion das beste Mittel sei, sich das Kaiserpaar geneigt zu machen. Capitän Richemonte hörte davon. Schlau und rücksichtslos, wie er war, fand er bald Gelegenheit, sich dem Grafen auf eine verbindende Weise nützlich zu machen. Er erhielt Zutritt in dessen Gemächer, und seiner diabolischen Natur wurde es nicht schwer, bald einen gewissen Einfluß auf den schwachen Günstling zu gewinnen. Nun erzählte er ihm von dem Baron de Sainte-Marie, welcher als Marabut gestorben sei und einen Sohn hinterlassen habe, welcher im Besitze der nöthigen Papiere sei, sich als den rechtmäßigen Besitzer des Meierhofes Jeanette auszuweisen. Der Graf nahm diese Erzählung mit Verwunderung entgegen. Als aber Richemonte erzählte, daß Bonaparte eine Nacht auf jener Besitzung zugebracht und dabei sein Herz verloren habe, fragte er schnell: »An wen, lieber Capitän?« »An meine Schwester.« »Wie? Sie haben eine Schwester?« »Ja, gnädiger Herr.« »Eine Schwester, welche von Bonaparte geliebt wurde? Und Sie haben mir dieselbe noch nicht vorgestellt? Das muß ich sehr übel vermerken, Capitän. Eine Dame, welche die Zuneigung des großen Kaisers besessen hat, würde persona grata am hiesigen Hofe sein. Sie haben da eine Unterlassungssünde begangen, welche ich Ihnen fast gar nicht verzeihen darf.« »Ich hätte das, was Sie eine Unterlassungssünde nennen, sicherlich nicht begangen, Verehrtester, wenn es mir überhaupt möglich gewesen wäre, die Schwester Ihnen vorzustellen. Sie lebt nicht in Frankreich, sondern in Deutschland.« Rallion blickte den Capitän erstaunt an. »In Deutschland?« fragte er. »Wie kommt es, daß sie es sich bei den Feinden ihres kaiserlichen Geliebten gefallen läßt?« »Sie würde sich die Anwendung des zärtlichen Wortes, welches Sie soeben in Anwendung brachten, wohl verbitten. Sie ist der Zuneigung des Kaisers nicht werth gewesen; sie hat sich ablehnend verhalten und ihm einen deutschen Lieutenant vorgezogen, dessen Frau sie geworden ist.« »Ah, sie ist in Deutschland verheirathet?« »Ja, leider!« »Welch ein Unsinn! Welch eine Dummheit! Welch ein Verrath an dem Lande, in welchem sie geboren wurde!« rief der Graf. »Aber ich habe freilich auch andere Mädchen gekannt, von denen diese ungeleckten deutschen Barbaren uns vorgezogen wurden. Man sollte diese Art von Frauenzimmern mehr als mit bloßer Verachtung strafen. Ich sage dies, obgleich Diejenige, von welcher soeben die Rede war, Ihre Schwester ist. Dem Patriotismus dürfen Sie das nicht übel nehmen!« »Daran denke ich nicht im Entferntesten! Diese Abtrünnigkeit der Schwester ist es ja gewesen, welche veranlaßt hat, daß ich mich von der Letzteren vollständig losgesagt habe.« »Ah! Sie verkehren gar nicht mit ihr?« »Nein. Ich denke aber, jetzt wenigstens aus der Ferne und durch den Advocaten mit meinem Herrn Schwager in Verhandlung zu treten; denn diese verhaßte Familie ist es ja, welche sich unrechtmäßiger Weise in den Besitz jenes Meierhofes Jeanette gesetzt hat, dessen rechtmäßiger Eigenthümer eigentlich der Baron de Sainte-Marie ist, von welchem ich Ihnen erzählte.« Der Graf machte eine Bewegung der Ueberraschung und sagte: »Ah, wirklich? Ist es so? Das wäre ein Umstand, welcher hier sehr in Betracht zu ziehen sein dürfte. Wie heißt jener Schwager?« »Königsau.« Der Graf trat unter allen Zeichen der höchsten Ueberraschung einen Schritt zurück und rief: »Königsau? Wäre das möglich?« »Ist Ihnen der Name bekannt?« fragte der Capitän, jetzt ebenso überrascht, wie vorher, der Graf. »O, mehr als bekannt!« antwortete dieser. »Wie ist der Vorname jenes Königsau?« »Hugo.« Der Graf sann einen Augenblick nach und meinte dann: »Ich lernte einst bei meiner Tante einen Lieutenant von Königsau kennen, welcher erzählte, daß sein Vater viel mit diesem alten Barbaren, dem Marschall Blücher, verkehrt habe.« »So hat er Hugo von Königsau gemeint und ist sein Sohn gewesen.« »Er nannte sich Gebhardt.« »Das stimmt. Ich bin zwar jetzt nicht in Deutschland gewesen, aber ich habe Erkundigungen über die Familie eingezogen. Hugo von Königsau hat einen Sohn, welcher Gebhardt heißt.« »Und jetzt besinne ich mich, bei meiner Tante gehört zu haben, daß Königsau, der Vater, eine gewisse Margot Richemonte geheirathet habe.« »Das eben war meine Schwester. Sein Sohn, jener Gebhardt, hat eine Dame Ihres Namens, welche Französin ist, eine gewisse Ida de Rallion, zur Frau genommen.« Das Gesicht des Grafen verfinsterte sich. Es war darin der Ausdruck eines tiefen, unversöhnlichen Hasses zu erkennen. »Diese Ida de Rallion war meine Cousine,« sagte er. Der Capitän warf einen forschenden Blick auf den Grafen. Seinem Scharfsinne fiel es nicht schwer, das Richtige zu errathen. Ein solcher Haß konnte nur entweder ein verlorenes Erbtheil oder verschmähte Liebe, vielleicht auch Beides zugleich, zum Grunde haben. »Ich hoffe nicht, daß Sie diese Cousine, welche nun ich eine Abtrünnige zu nennen mir erlaube, vermißt haben?« fragte er schlau. Der Graf ballte die Faust und antwortete: »Wir waren so viel wie versprochen mit einander,« sagte er. »Aber wenn Ihre Schwester einen deutschen Lieutenant dem Kaiser vorgezogen hat, so darf ich mich nicht wundern, wenn es meiner Cousine eingefallen ist, mich gegen einen eben solchen Menschen zurückzusetzen. O, wie hasse ich diese Deutschen! Und wie erst hasse ich Alles was Königsau heißt und mit dieser Sippe in Verbindung steht!« Der Capitän nickte mit dem Kopfe. Er ließ jenes Fletschen der Zähne sehen, welches bei ihm in Augenblicken des Aergers, des Grimmes zu bemerken war. Doch dabei spielte ein Zug um seinen Mund, welcher es einem aufmerksameren Beobachter, als der Graf war, leicht hätte errathen lassen, daß ihm der Zorn desselben ganz willkommen sei. »Mein Haß begegnet sich mit dem Ihrigen,« sagte er, Rallion mit verstecktem Blicke beobachtend. »Ich gäbe viel darum, wenn ich ein Mittel wüßte, diese ganze Brut zu verderben!« Der Graf ging sofort in die Falle, indem er eifrig zustimmte: »Das ist ja auch mein Wunsch! Leider reicht mein Einfluß nicht weit genug. Man darf eine Faust in der Tasche machen, weiter nichts.« »Und doch hätten wir gerade jetzt die beste Gelegenheit, diesen Königsaus einen prächtigen Streich zu spielen,« meinte er nachdenklich. »Wieso?« »Indem wir sie zwingen, Jeanette herauszugeben.« »Ah, wirklich! Das ist ja wahr!! Aber dann müßte Ihr Schützling vorher als Baron de Sainte-Marie anerkannt sein!« »Dem steht nichts im Wege. Wir haben ja die klarsten Beweise in den Händen.« »Darf ich dieselben sehen?« »Wenn Sie erlauben, werde ich sie Ihnen vorlegen und Ihnen dabei auch Den vorstellen, welchen Sie meinen Schützling nennen.« »Ich bitte Sie darum! Es wird mir nicht schwer werden, den Kaiser für ihn zu interessiren. Ja, ich hoffe sogar, daß dieser mit ihm und Ihnen zu sprechen verlangen wird. Er wird sofort auch für Sie Theilnahme empfinden, wenn ich ihm erzähle, daß Ihre Schwester schön und interessant genug war, die Augen Bonaparte's auf sich zu ziehen. Um dies zu können, muß ich aber besser unterrichtet sein, als dies jetzt der Fall ist. Wollen Sie mir nicht erzählen, auf welche Weise Ihre Schwester dem Kaiser begegnete?« Richemonte folgte dieser Aufforderung. Seinem Berichte lag jener Ueberfall im Walde und der Aufenthalt Napoleons auf dem Meierhofe Jeanette zu Grunde. Dies war aber auch das einzige Wahre daran. Er fügte Ausschmückungen und Episoden hinzu, welche nur zu dem Zwecke erfunden waren, ihn selbst in einem günstigen Lichte, die Königsaus aber in einem desto gehässigeren erscheinen zu lassen. Als er geendet hatte, meinte der Graf: »So also ist es gewesen! Interessant, höchst interessant! Ich will Ihnen gestehen, lieber Capitän, daß Sie mir gleich im Augenblicke unserer ersten Begegnung eine warme Sympathie eingeflößt haben. Jetzt verstehen wir einander noch besser, und ich denke, daß eine Gelegenheit kommen werde, den Gefühlen, welche wir gleicherseits hegen, einen Ausdruck zu geben, welcher dieser deutschen Familie nicht angenehm sein wird. Ich bin nicht der Mann, der eines Menschen Verderben will, aber einem Königsau werde ich niemals verzeihen können, daß er diesen Namen trägt. Reichen wir uns die Hand zu dem Uebereinkommen, uns gegenseitig zu unterstützen, wenn es gilt, denen, welche uns auf eine solche Weise beleidigten, zu zeigen, daß ein Franzose sich wenigstens von einem Deutschen nie ungeahndet beleidigen läßt!« Nichts konnte dem Capitän willkommener sein als diese Aufforderung. Er schlug sofort in die dargebotene Hand des Grafen und sagte: »Ich bin von ganzem Herzen bereit, auf ein solches Bündnis einzugehen. Es liegt ja in der menschlichen Natur, ja, es ist sogar die heiligste Pflicht eines Jeden, der sich einen Mann nennt, keine Beleidigung ungerächt zu lassen. Wir erfüllen also nur diese Pflicht, indem wir die Absicht, welche Sie andeuteten, zur Wirklichkeit werden lassen.« »Sie haben Recht. Ich bin heute zur Kaiserin befohlen und werde nicht versäumen, die Angelegenheit des Barons de Sainte-Marie zum Vortrag zu bringen. Daß Baron Alban de Sainte-Marie der Mörder seiner Frau gewesen ist, darf der Sohn nicht entgelten. Und daß dieser Letztere zugleich der Sohn eines Mädchens ist, welches nicht zum Adel gehörte, kann auch kein Hinderniß sein, die Rechte, welche sein Vater beanspruchen durfte, auf ihn übergehen zu lassen. Bringen Sie ihn sofort unverweilt zu mir, und dann werde ich Ihnen morgen am Vormittage mittheilen, welche Hoffnungen wir hegen dürfen!« Diese für den nächsten Morgen angekündigte Unterhaltung fand statt, und es stellte sich heraus, daß Richemonte allerdings große Hoffnungen hegen durfte, seinen Plan in Erfüllung gehen zu sehen. Der Kaiser hatte verlangt, ihn in einer Privataudienz zu empfangen, bei welcher auch die Kaiserin zugegen sein sollte. Diese Letztere, die einstige Dame des im höchsten Grade schlüpfrigen spanischen Hofes, gutirte gewisse Dinge, welche sonst nicht vor das Ohr einer Dame zu gehören pflegen. Sie war neugierig, Etwas über die letzte Liebe Napoleons zu erfahren, und interessirte sich daher schon im Voraus lebhaft für den Mann, welcher ihr diesen Genuß bereiten sollte. Die Audienz fand statt. Richemonte verstand es, diese Gelegenheit zu benutzen. Er stellte seine damaligen Erlebnisse und Thaten in ein möglichst vortheilhaftes Licht, gab sich so zu sagen als Märtyrer, und als er entlassen wurde, ging er mit der Gewißheit von dannen, daß er, der einst aus der Armee Gestoßene, rehabilitirt werde. Und was den angeblichen Sohn des in Afrika verstorbenen Barons de Sainte-Marie betrifft, so hatte Napoleon der Dritte sich alle auf ihn bezüglichen Legitimationen und Documente vorlegen lassen und dann nach Durchsicht derselben sich befriedigt erklärt und das Versprechen gegeben, diese Angelegenheit sofort in die besten Hände niederzulegen. Um diese Zeit befand Gebhardt von Königsau sich in der Heimath, und so war es die vollzählige Familie, welche von der amtlichen Mittheilung getroffen wurde, daß ein Sohn des einst verschwundenen Sainte-Marie erschienen sei und die Rückgabe des ihm rechtmäßiger Weise zukommenden Erbes verlange. Es wurde sofort der Rath eines tüchtigen Juristen eingeholt; er bestand in einem Achselzucken. Die Achseln anderer Sachverständigen wurden ebenso gezuckt. Darauf ging die Nachricht ein, daß die betreffende Person sich vollständig als der Sohn des Barones ausgewiesen habe und selbst vom Kaiser als derselbe anerkannt worden sei. Sollte man einen langwierigen Actenkampf beginnen, dessen Ende gar nicht abzusehen sei? Nein! Königsau, Vater und Sohn, entschlossen sich, den Meierhof abzutreten, und in Wahrheit mußten sie noch froh sein, daß ihnen nicht auch noch zugemuthet wurde, für die Zeit, während welcher derselbe in ihrem Besitze gewesen war, Entschädigung zu zahlen. Es war das kein geringer Verlust, welcher sie traf; aber sie verschmerzten ihn doch bei dem Gedanken, daß sie durch ihn noch lange nicht verarmt seien. Besaßen sie doch ihre zwei Güter, welche ihnen Niemand nehmen konnte. Niemand? Wie leicht ist oft etwas möglich, was unmöglich scheint! Der erste Blitz, welchen die im Südwesten aufgegangene Gewitterwolke entsendete, hatte getroffen, wenn auch nicht zerstörend gewirkt. War aber dadurch die electrische Spannung ausgeglichen worden? Der falsche Baron de Sainte-Marie hatte den Besitz der Meierei angetreten, aber nicht selbstständig, sondern unter der heimlichen Bevormundung des alten Capitäns. Dieser hatte ein doppeltes Ziel erreicht. Er war, wenn auch nicht der nominelle, aber doch der thatsächliche Gebieter von Jeanette geworden und hatte sich zugleich an seinem Todfeinde gerächt. Der Baron spielte in jeder Beziehung eine jämmerliche Rolle, freilich ohne sich derselben zu schämen. Ein einziges Mal hatte er es gewagt, dem Capitän Widerstand leisten zu wollen, war aber auf das Energischeste zurückgewiesen worden. Der Capitän hatte ihm erklärt, daß er hier auf dem Meierhof nichts zu sagen habe. »Aber wer ist der Herr?« hatte der Baron gefragt. »Du oder ich?« »Ich!« hatte die feste und bestimmte Antwort gelautet. »So? Ah! Und wer ist der Baron? Du oder bin ich es?« »Du bist es; aber durch einen Mord. Du hast den Sohn des Einsiedlers erschossen und Dich an seine Stelle gesetzt. Ich will Dir ein für alle Male sagen, daß Du mir nicht dominiren kannst. Hüte Dich, mich zu reizen! Der Versuch dazu würde Dich Deine Baronie kosten.« »Willst Du etwa damit sagen, daß Du mich als Mörder anzeigen willst?« »Ja, nichts Anderes.« »Du hast mir dabei geholfen!« »Beweise es!« »So beweise, daß ich der Mörder war, ohne daß Du dabei gezwungen sein wirst, Deine Mitthäterschaft einzugestehen!« »Rede nicht kindisch! Ich werde es Dir natürlich nicht sagen, wie ich es anfangen würde, Dich unschädlich zu machen. Du weißt ganz genau, daß Du mir nicht gewachsen bist, und das ist genug. Sei froh, daß Du, der einstige Spion, Baron de Sainte-Marie genannt wirst und ein behagliches, ruhiges und sorgenfreies Leben führen kannst, und sei ferner froh, daß ich Dir Deinen glühendsten Wunsch erfüllt habe, das schönste Weib der Erde zu besitzen!« »Du meinst Liama?« »Wen sonst?« »Die ist ja nicht mein Weib!« »Das ist nicht meine Sache, sondern die Deinige. Bist Du so dumm, sie nicht factisch als Frau zu besitzen, so ist das Deine eigne Schuld.« »Ich bin ja nicht mir ihr getraut. Sie ist Muhammedanerin geblieben.« »Das braucht kein Mensch zu wissen!« »Und sie läßt sich von mir nicht berühren.« »So handelst Du eben geradezu lächerlich. Du bist in sie verliebt noch weiter als bis zu den Ohren; Du girrst um sie wie ein Tauber um sein Täubchen; sie befindet sich vollständig in Deiner Gewalt, und doch wagst Du es nicht, sie anzurühren. Das verstehe, wer es verstehen kann; ich aber vermag nicht, es zu begreifen!« Und doch war es sehr leicht zu begreifen. Einer reinen keuschen Weiblichkeit gegenüber fühlt ein muthloser Bösewicht sich ohne Macht. Das konnte der Capitän, welcher doch ein Menschenkenner war, sich leicht sagen. Diese beiden Menschen hatten Liama aus ihrer Heimath durch einen gräßlichen Betrug hinweggelockt. Sie hatte ihnen vertraut und war ihnen in der Ueberzeugung gefolgt, dadurch ihren Vater und den geliebten Mann zu retten. Später hatte sie Gelegenheit gehabt, ihr Thun und Treiben zu beobachten, und war sie mißtrauisch geworden. Es war ihr der Zweifel gekommen, ob das ihr gegebene Versprechen erfüllt worden sei. Sie hatte nach Beweisen verlangt, daß ihr Mann und Vater am Leben geblieben seien, und diese Beweise waren ihr aber nicht geliefert worden. Hatte sie die beiden bereits früher gehaßt, so haßte sie dieselben jetzt noch viel mehr. Es kam ihr der Gedanke an Flucht; aber wie sollte sie diese bewerkstelligen? Sie verstand kein Wort Französisch; sie wurde in Jeanette fast wie eine Gefangene gehalten und bemerkte, daß sie keinen einzigen Augenblick ohne Aufsicht gelassen wurde. Der Capitän war von allem Anfange an gegen die wahnwitzige Liebe seines Verwandten gewesen; er hatte dennoch Gründe gehabt, derselben zu willfahren; aber er sah gar wohl ein, in welcher Gefahr er Liama gegenüber sich stetig befand, und so war es kein Wunder, daß er ihr feindlich gesinnt blieb und sie fest im Auge behielt. Dennoch aber hätte das arme, betrogene Weib ihren Entschluß, zu fliehen, ausgeführt, wenn nicht ein Ereigniß eingetreten wäre, welches sie zwang, noch auszuhalten. Sie wurde nämlich Mutter und gab einem Mädchen das Leben, in dessen lieben Gesichte sie die Züge ihres Saadi wiederzusehen glaubte. Dieser ihr von dem Kadi angetraute Mann war der Vater des lieblichen Kindes. Alle ihre Liebe, welche sie dem Ersteren nicht mehr zu widmen vermochte, concentrirte sich auf das Letztere. Sie vergaß ihr Elend und lebte nur in dem Wesen, welchem sie das Leben gegeben hatte. Diese Liebe war es auch, welche ihr die Kraft und Ausdauer verlieh, sich den Ansprüchen und Liebkosungen des Barons zu widersetzen. Er besuchte sie täglich wiederholt in den Räumen, welche ihr ausschließlich angewiesen waren und welche sie nicht verlassen durfte. Er knüpfte an die Erhörung seiner Wünsche die Erlaubniß zu einer freieren Bewegung; aber mit dem Scharfsinne des Naturkindes erkannte sie seine Schwäche und errieth, daß er dem Capitän gegenüber vollständig machtlos war, während dieser Letztere es eigentlich war, in dessen Händen sie sich befand. Je länger und fester sie widerstand, desto mehr steigerte sich die Gier des Barones. Es gab Augenblicke, in denen er sich fast sinnlos geberdete. Dazu kamen Bilder aus der Vergangenheit, welche ihn des Nachts beängstigten. Finstere, drohende Schatten bewegten sich in seinen Träumen; Schüsse knallten, blutige Tropfen umspritzten ihn, und wenn er dann erwachte, war es ihm, als ob er mit wirklichen Gestalten zu kämpfen gehabt hatte; er stöhnte und wimmerte leise vor sich hin, und es gab nur Einen, der ihn zum Schweigen brachte – der alte Capitän, welcher erst zu Drohungen, dann aber zu Thätlichkeiten griff, um die Geister zu bannen, die sich des Barons bemächtigt hatten. Diese Anfälle traten je länger desto öfterer ein. Es kam vor, daß der Baron selbst durch die angegebenen Mittel nicht zur Ruhe und zum Schweigen gebracht werden konnte. In diesem Zustande der Angst, Furcht und Verzweiflung verlangte er nach Liama, und der alte Richemonte war klug genug, sich diesem Wunsche nicht zu widersetzen. Liama, die Betrogene, wurde die Trösterin des Betrügers. Ihr bloßer Anblick genügte, ihn zu beruhigen und ihm den Gebrauch seiner Sinne zurückzugeben. Dies rettete ihr vielleicht das Leben. Der Capitän kannte ihren glühenden Wunsch nach Befreiung aus ihren Fesseln. Ihr Entkommen aber wäre sein Verderben gewesen, und da ihre immerwährende und unausgesetzte Bewachung keine leichte war, so ließ sich bei seiner Rücksichts- und Gewissenslosigkeit wohl vermuthen, daß er zu dem Entschlusse kommen könne, sich durch eine Gewaltthat seine Sicherheit wiederzugeben. Aber ebenso gefährlich war ihm der Wahnwitz des Barons, und da die Ausbrüche desselben nur durch Liama gemildert und beruhigt werden konnten, so war es nothwendig, sie leben zu lassen. Das Kind der Baronin, von welchem der Baron wohl wußte, daß es nicht das seinige sei, wurde schweigend von ihm anerkannt und auf den Namen Marion getauft. Sein junges Leben bildete die Kette, durch welche die unglückliche Mutter in ihrer Gefangenschaft festgehalten wurde. Es wäre ihr niemals in den Sinn gekommen, ohne dasselbe zu fliehen; das erkannte der Capitän, und daher bewachte er die kleine Marion noch sorgfältiger als ihre Mutter, und bedeutete die Letztere übrigens noch, daß der geringste Ungehorsam gegen ihn dem Mädchen das Leben kosten werde. Das war mehr als genug, jeden Fluchtgedanken von Liama fern zu halten. Was die Bevölkerung der Umgegend betrifft, so war derselben wohl bekannt geworden, daß der Baron verheirathet sei; das Weitere ging ja keinem Menschen etwas an. Zwar gelang es zuweilen zufälliger Weise einem Auge, die schöne, geheimnißvolle Frau zu erblicken; aber warum dieselbe sich in so außerordentlicher Verborgenheit halte, das versuchte man gar nicht, zu ergründen. Vornehme Herrschaften haben ja ihre Schrullen. Selbst wenn Graf Rallion, welcher hier und da einmal nach Jeanette kam, zugegen war, wurde Liama nicht zur Gesellschaft gezogen. Ein kleiner Umstand hätte ja leicht Alles verrathen können. Daß der Graf einmal energisch nach der Baronin verlangen könne, stand gar nicht zu erwarten. Er erkundigte sich in zwar höflicher aber gleichgiltiger Weise nach ihr, wenn er kam; er ließ sich ihr dann empfehlen, wenn er wieder abreiste; das war Alles, was er that. Dieses Verhalten war zwar seltsam, aber dennoch leicht zu erklären. Die Beiden, er und der Capitän, hatten sich nach und nach einander immer besser kennen gelernt. Jeder erblickte ein höchst brauchbares Werkzeug in dem Andern. War der Graf feig und gewissenlos, so war der Capitän feig und rücksichtslos. Der Erstere hielt es am Liebsten mit der weniger gefährlichen Hinterlist, während der Letztere vor keiner Gefahr, vor keiner That zurückbebte, wenn es galt, seinen Zweck zu erreichen. So ergänzten sich Beide, sobald ihre Zwecke dieselben waren, und dieser Fall kam nicht sehr selten vor. Wenn sie bei einander saßen, kam die Rede stets auch auf die Familie Königsau. Beide fühlten sich sehr befriedigt darüber, daß es ihnen gelungen war, ihr den Meierhof Jeanette zu entreißen; aber noch weit größere Freude hätten sie empfunden, wenn ihnen die Mittel geworden wären, diese verhaßte Familie ganz und vollständig zu verderben. So befanden sie sich einst bei einer abermaligen Anwesenheit des Grafen in dem Zimmer des Capitäns und unterhielten sich über dieses Thema. Sie suchten mit wahrhaft diabolischem Scharfsinne nach einem Wege, auf welchem es möglich sei, eine vollständige Rache auszuüben, aber all ihr Sinnen und Forschen führte zu keinem befriedigenden Resultate. Darum gingen sie mißmuthig auseinander, um sich schlafen zu legen. Der Capitän hatte die Gewohnheit, stets, bevor er sich zur Ruhe begab, seine geschäftlichen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Er hatte heute von einem Getreidehändler eine größere Summe Geldes geschickt bekommen, welche von ihm noch nicht gebucht und nachgezählt worden war. Darum schloß er den Laden, setzte sich an den Schreibtisch und zog das Geld hervor. Die leichte Arbeit war bald gethan, und eben hatte er das Geld wieder verschlossen und den Schlüssel zu sich gesteckt, als es ihm war, als ob er draußen auf dem Gange leise Schritte vernehme. Er lauschte. Ja, wirklich! Da draußen schlich sich Jemand näher, und hielt vor seiner Thüre an. Wer war das? Was wollte man? Kam ein Diener, um ihm noch etwas Nothwendiges mitzutheilen? Das war sehr unwahrscheinlich. Er hatte Geld gezählt; der Gedanke an einen Dieb lag ihm daher nahe. Rasch entschlossen, wie er stets war, löschte er sein Licht aus, nahm das Terzerol, welches stets geladen neben seinem Bette hing, und legte sich in das Bett. Er deckte sich so zu, daß nur sein Kopf zu sehen war, so, daß man nicht bemerken konnte, daß er noch angekleidet sei. Das Terzerol schußbereit haltend, wartete er still und bewegungslos der Dinge, die da kommen sollten. Er brauchte nicht lange zu warten. Er bemerkte, daß fast unhörbar, wie von der Hand eines Fachkundigen, von Außen ein Schlüssel angesteckt wurde. Er hatte den seinigen von Innen abgezogen und dann den Nachtriegel vorgeschoben. Nach seiner Ansicht war es also unmöglich, in das Zimmer zu gelangen, da der Nachtriegel ja nicht mittelst eines Schlüssels zurückgeschoben werden konnte. Aber er täuschte sich. Zu seinem Erstaunen hörte er, daß der Riegel leise, ganz leise sich bewegte, und ein kühler Luftzug, welcher hereindrang, verrieth ihm trotz der Dunkelheit, daß die Thür geöffnet worden sei. Er lauschte in athemloser Spannung. Eine ganze Weile lang war nicht der Hauch eines Geräusches zu vernehmen. Es stand fest, daß Derjenige, welcher geöffnet hatte, unter der Thüre stand und horchte, um zu hören, ob der Capitän fest schlafe. Dieser ließ daher jetzt die ruhigen, gleichmäßigen Athemzüge eines Schläfers hören, welcher im ersten Schlummer liegt. Diese Manipulation war von Erfolg. Fast unhörbare Schritte nahten sich langsam bis in die Nähe des Bettes. Abermals wurde gelauscht, und dann erhellte ein plötzlicher Lichtstrahl das ganze Zimmer. Der Capitän hielt das eine Auge fest geschlossen; das Lid des anderen aber, welches mehr im Schatten war, öffnete er ein ganz klein wenig und gewahrte so einen Mann, welcher ungefähr drei Fuß vor seinem Bette stand und den Schein einer rasch geöffneten Blendlaterne auf das Letztere fallen ließ. Eine Waffe war nicht zu sehen. Er hatte eine Maske vor das Gesicht gebunden und beobachtete den Capitän, ob derselbe wirklich fest im Schlafe liege. Richemonte setzte sein ruhiges Athmen fort, war aber bereit, bei der geringsten, gefährlich erscheinenden Bewegung des Eingedrungenen die Hand mit dem Terzerole unter der Bettdecke hervorzustrecken. Der Verlarvte schien befriedigt zu sein. Er wendete sich ab und trat völlig unhörbar zum Schreibtische. Dabei fiel der Schein der Laterne auf die Thür, und der Capitän bemerkte, daß dieselbe zugeklinkt worden sei. Der Dieb schien in seinem Handwerke außerordentlich gewandt und erfahren zu sein. Er griff in eine Tasche und zog einen Schlüssel hervor. Es zeigte sich, daß derselbe ganz genau in das Schloß jenes Faches passe, in welchem das Geld lag. Der Mann öffnete, zog den Kasten auf und steckte das Geld zu sich, und zwar mit einer Sicherheit, als ob er von den Verhältnissen auf das Genaueste unterrichtet sei. Dann schloß er das Fach wieder zu, steckte den Schlüssel ein und schickte sich an, sich ebenso leise zu entfernen, wie er gekommen war. Ihm dies zu gestatten, lag aber ganz und gar nicht in der Absicht des Capitäns. Dieser war schlau genug, einzusehen, daß er sich vor allen Dingen der brennenden Laterne bemächtigen müsse, wenn es ihm gelingen solle, sich des Diebes zu bemächtigen und einen jedenfalls gefährlichen Kampf im Finstern zu vermeiden. Er fuhr daher in dem Augenblicke, an welchem der Mann sich vom Schreibtische abwendete, aus dem Bette empor und mit einem raschen Sprunge an dem Diebe vorüber, welchem er dabei die Laterne entriß. Sich zwischen ihn und die Thür stellend, ließ er den Schein des Lichtes auf ihn fallen und hielt ihm zugleich das Terzerol entgegen. »Halt!« gebot er ihm in nicht zu lautem aber doch befehlendem Tone. Der Mann war so überrascht, so erschrocken, daß er einige Augenblicke lang wie erstarrt stehen blieb. Dann aber drehte er sich, da ihm die Flucht durch die Thür unmöglich schien, nach dem Fenster um. »Abermals halt!« gebot der Capitän. »Auch dort lasse ich Dich nicht durch, mein Bursche!« Da zog der Mensch ein langes Messer aus der Tasche und machte Miene, sich den Ausgang mit demselben zu erzwingen. »Stecke das Messer ein, Kerl, sonst drücke ich los!« Dieser Befehl war in einem so nachdrücklichen Tone gegeben worden, daß der Dieb die Hand mit dem Messer sinken ließ. »Weg das Messer, sage ich; sonst schieße ich!« wiederholte Richemonte. »Eins – zwei – – dr – – –!« Er kam nicht dazu, die »Drei« auszusprechen. Der Dieb mochte immerhin ein verwegener Kerl sein, aber er mußte doch einsehen, daß eine Kugel schneller ist als eine Messerklinge. Er steckte also das Messer langsam wieder zu sich. »Lege das Geld wieder hin auf den Schreibtisch!« Der Mann schien zögern zu wollen, als aber Richemonte ihm mit dem erhobenen Terzerole drohend einen Schritt näher trat, wendete er sich nach dem Tische, zog die Beutel, in denen sich die Summe befand, hervor und legte sie an den angegebenen Ort. »Nun die Maske ab!« befahl der Capitän. »Das thue ich nicht!« Das waren die ersten Worte, welche er hören ließ. Bei dem Tone dieser Stimme zuckte der Capitän zusammen. »Alle Teufel! Höre ich recht?« fragte er. »Du willst Dein Gesicht also nicht sehen lassen, mein Bursche?« »Nein!« »So weiß ich gar wohl, warum!« Der Mann schwieg; darum fuhr Richemonte fort: »Du schämst Dich, Dein Gesicht zu enthüllen, weil es jedenfalls schmachvoller ist, seinen Herrn zu bestehlen als einen Fremden. Habe ich Recht, Henry?« Er erhielt keine Antwort. »Nun,« meinte der Capitän, »wenn Du weder sprechen, noch Dich demaskiren willst, so ist das um so schlimmer für Dich. Ich werde Leute herbeirufen, während ich im andern Falle vielleicht geneigt sein dürfte, diese Angelegenheit unter vier Augen mit Dir in Ordnung zu bringen.« Er war sonst ganz und gar nicht der Mann, eine solche Milde walten zu lassen; aber es war ihm im gegenwärtigen Augenblicke ein Gedanke gekommen, welcher mehr werth war, als die Genugthuung, einen Dieb bestraft zu sehen. »Ist das wahr?« fragte jetzt der Mann. »Ja.« »So versprechen Sie es mir mit Ihrem Ehrenworte!« »Unsinn! Einem Spitzbuben giebt man kein Ehrenwort. Das merke Dir! Ich habe ja noch gar nicht gesagt, daß unter dem Ordnen unter vier Augen eine Straflosigkeit gemeint sei; aber es ist dennoch möglich, daß dieser Fall eintritt, wenn Du mir nämlich unbedingt gehorchst. Versprechen aber werde ich nichts.« »Nun ich bin ja doch in Ihrer Hand. Diese verdammte Pistole hatte ich in meinem Programme nicht mit aufgeführt. Ich muß mich also auf Gnade oder Ungnade ergeben.« »Gut! Also fort mit der Larve!« Jetzt gehorchte der Mann. Er nahm die Larve ab, und nun kam ein Gesicht zum Vorscheine, welches einem vielleicht noch nicht ganz dreißig Jahre alten Manne gehörte. Dieses Gesicht hätte keineswegs den Verdacht erregt, einem Spitzbuben anzugehören. Die Züge waren regelmäßig und beinahe hübsch zu nennen. Freilich weiß man ja, daß gerade solche Gesichter am Meisten täuschen. »Henry!« sagte der Capitän. »Also habe ich mich doch nicht getäuscht, als ich glaubte, Dich an der Stimme zu erkennen. Mein eigener Diener bricht bei mir ein!« Es mochte in dem Tone, oder aber in dem Gesichte des Alten etwas für den Dieb Beruhigendes liegen, denn die Züge des Letzteren nahmen einen frivolen Ausdruck an, indem er antwortete: »Aber er wird dabei erwischt!« »Ja, Mensch! Das Erwischen ist schlimmer als das Einbrechen. Ich wenigstens rechne Dir das Erstere viel mehr an, als das Letztere. Du hast Dich da ganz schauderhaft blamirt!« »O, Herr Capitän, ich werde es nicht wieder thun!« »Was? Das Einbrechen oder das Erwischenlassen?« »Das weiß ich nicht genau!« Der Alte bemühte sich, ein grimmiges Gesicht zu ziehen, und doch vermochte er es nicht, ein befriedigtes Zucken zu verbergen. Das grimmige Zähnefletschen, welches man jetzt hätte erwarten sollen, war ganz und gar nicht zu bemerken. »Bist Du toll!« meinte er. »Ist das die Stimme eines Spitzbuben, welcher auf der That ertappt worden ist?« »Nein,« lachte der Mann. »Es sind vielmehr die Worte eines ehrlichen Menschen, welcher offen sagt, was er denkt.« »Du weißt also wirklich noch nicht genau, ob Du nach der Lehre, welche Du gegenwärtig empfängst, das Einbrechen lassen wirst?« »Nein, ich weiß es nicht.« »Donnerwetter! Kerl! Mensch! Was soll ich da von Dir denken? Hast Du nicht bereits in der Schule gelehrt bekommen, daß nur die wahre Reue Rücksicht und Begnadigung verdient?« »Ja; aber ich glaube nicht daran.« »Henry, Du bist wirklich ein ganz und gar schlechter Kerl!« »Das ist vielleicht recht gut für mich. Ich habe sehr oft gesehen und erfahren, daß es den schlechtesten Menschen am Besten geht, während die Guten elend und unglücklich sind.« »Das ist aber nicht der regelrechte Verlauf der Dinge, und eine Ausnahme darf man sich doch nicht zur Richtschnur dienen lassen!« »O doch! Die Ausnahme, welche ich mir zum Vorbilde genommen habe, werden Sie jedenfalls gelten lassen!« »Ah! Welche wäre das?« »Sie selbst!« »Ich? Tausend Donner! Mensch, werde um Gotteswillen nicht frech! Das könnte Dir bei mir sehr üble Früchte bringen.« Fortsetzung 46 Der Dieb, welcher als der Diener Henry erkannt worden, ließ sich keineswegs irre machen. War er im Augenblicke des Ertapptwerdens erschrocken gewesen, so schien er sich jetzt vollständig beruhigt zu fühlen. Er zeigte ein cynisch sicheres Lächeln und antwortete achselzuckend: »Wollen Sie mich wirklich zum Fürchten machen, Herr Capitän?« »Glaubst Du etwa, daß ich scherze?« »Ja, gerade das glaube ich!« »Das wäre toll! Ich sage Dir, daß ich ganz und gar nicht mehr geneigt bin, auf den Gedanken zurückzukommen, Nachsicht walten zu lassen.« Der Mann verneigte sich tief und fast ironisch und antwortete: »Herr Capitän, Sie werden diesen Gedanken dennoch festhalten. Ich kenne ein Mittel, Sie dazu zu bewegen.« »Wirklich? So bin ich neugierig, ob Du es wagen wirst, es in Anwendung zu bringen.« Der Dieb warf den Kopf leicht und sorglos zur Seite und meinte: »Es ist ganz und gar kein Wagniß dabei. Ich schlage vor, Herr Capitän, unsere gegenwärtige Lage in Ruhe zu besprechen. Die Augen des Alten wurden vor Erstaunen größer und weiter. Er schüttelte langsam den Kopf und sagte: »Fast scheint es, als ob Du glaubest, mir hier mein Verhalten vorschreiben zu können.« »So ist es auch.« »Schurke!« »Pah! Vielleicht können Sie mich gerade darum am Besten gebrauchen, weil ich ein Schurke bin. Sie entsinnen sich doch, daß ich zuerst bei dem Grafen Rallion conditionirte?« »Wozu diese Frage? Die Empfehlung des Grafen war es ja, welche mich bewog, Dich in meine Dienste zu nehmen.« Der Diener zuckte lächelnd die Achseln und sagte dann: »Glauben Sie nicht etwa, daß Sie dem Grafen für diese Empfehlung Dank schuldig sind. Er war im Gegentheile sehr froh, mich los zu werden.« Dem Alten wäre vor Erstaunen über eine solche Frechheit beinahe das Terzerol entfallen. Er machte ein Gesicht wie ein Mensch, welcher absolut nicht weiß, was er denken soll, und rief: »Kerl! Ich werde an Deinem Verstande irre.« »Ich nicht, Herr Capitän! Der Graf benutzte mich zu allerlei Dingen, zu welchen sich nicht jeder Andere eignet. Ich gewann dadurch Einsicht in Verhältnisse, in welche man nicht gern fremde Augen blicken läßt, und der Graf mochte bemerken, daß meine Hochachtung vor ihm je tiefer sank, desto mehr er mich in jene Verhältnisse eindringen ließ. Er sah sich genöthigt, mich mit guter Miene zu entlassen, und da Sie um dieselbe Zeit ihm sagten, daß Sie in der Lage seien, sich einen zuverlässigen und verschwiegenen Diener zu suchen, so wurde ich Ihnen von ihm sehr warm empfohlen. Dadurch wurde er mich auf gute Art los, ohne gewisse Rachegedanken in mir zu erregen.« »Wenn das wirklich die Wahrheit ist, so schulde ich ihm allerdings sehr wenig Dankbarkeit!« »Es ist wahr. Ich trat bei Ihnen ein und machte ganz dieselbe Erfahrung wie bei dem Grafen, und zwar eine, die mir nicht angenehm sein konnte.« »Welche Erfahrung meinst Du, Spitzbube?« »Ich wurde zu außerordentlichen Diensten verwendet, ohne aber auch ebenso außerordentlich honorirt zu werden.« »Mensch, ich erwürge Dich!« rief der Alte vor Zorn. »O, was das betrifft, so soll das Erwürgen eine der angenehmsten Todesarten sein! Ich hatte da zum Beispiel bei Ihnen den Wächter der Baronin und der kleinen Marion zu machen. Das erforderte einen Tag und eine Nacht angestrengte Aufmerksamkeit; aber eine Gratification wollte sich, ärgerlicher Weise für mich, nicht einstellen – – –« »Mensch, Du hast die beste Anlage zum Galgenfutter!« »Mag sein! Ich habe immer Unglück gehabt. Mein Ziel war, so viel zu verdienen, daß ich einmal sorgenfrei von meinem Einkommen leben könne; aber es rückte in immer weitere Ferne, bis ich auf den Gedanken kam, dem Glücke ein Wenig nachzuhelfen. Ich sah heute, welche Summe Sie empfingen. Einen Schlüssel zu Ihrem Schreibtische hatte ich schon längst bereit – – –« »Ah! So ist es!« dehnte der Capitän. »Wer hat den Schlüssel gefertigt?« »Ich selbst. Sie müssen nämlich wissen, daß ich ursprünglich Kunstschlosser bin. Ich wußte, daß Sie stets den Nachtriegel vorzuschieben pflegen; daher machte ich mich während Ihrer Abwesenheit an Ihr Thürschloß, um demselben eine solche Einrichtung zu geben, daß beim Aufschließen von draußen auch der Riegel mit zurückgeschoben werde.« »So hattest Du auch einen Schlüssel zur Thür?« »Natürlich! Heute nun wollte ich mir die erwartete Gratification von Ihnen holen. Es war Alles so schön vorbereitet; daß es mißlingen konnte, vermag ich nicht zu begreifen, und ich möchte Sie ersuchen, mir zu sagen, in welcher Weise Ihr Verdacht, daß Ihr Geld in Gefahr stehe, abgeholt zu werden, entstanden ist.« Das war eine mehr als ungewöhnliche Unterredung zwischen Herrn und Diener. Der Capitän, welcher doch selbst ein Bösewicht war, konnte dennoch nicht begreifen, wie der Diener es wagen könne, mit solcher Frechheit und Unverschämtheit zu sprechen. Er glaubte, seinen Ohren nicht trauen zu dürfen und fragte daher: »Schuft! Habe ich recht gehört? Du verlangst von mir noch gar die Mittheilung, was meinen Verdacht erregt habe?« »Ich habe sie nicht verlangt, sondern nur darum gebeten.« »Der Teufel wird Dir antworten, aber nicht ich! Ich hatte es erst mit Dir anders vor. Nun ich aber sehe, welch ein galgenreifer Patron Du bist, werde ich mich hüten, Milde walten zu lassen.« »O, Sie werden sicherlich nichts unternehmen, was Ihnen Schaden bringen könnte. Dazu sind Sie zu klug.« »Welchen Schaden könnte es mir bringen, wenn man Dich einige Jahre lang hinter Schloß und Riegel steckt?« »Den Schaden, daß ich Schloß und Riegel von meinem Munde nehmen würde.« Die Augen des Alten flammten grimmig auf. Es war, als ob er den Diener mit seinem Blicke versengen und verbrennen wolle. »Tod und Teufel!« rief er. »Willst Du mir etwa drohen?« »Ja!« antwortete Henry, indem er seine Gestalt hoch und zuversichtlich aufrichtete. »Halten Sie das für unmöglich? Ich gebe zu, daß der Einbruch, welchen ich unternahm, etwas unvorsichtig ausgeführt wurde; ich bin in solchen Sachen sonst niemals leichtsinnig gewesen; hier aber sagte ich mir, daß ich selbst im Falle, daß ich von Ihnen erwischt werde, nichts zu fürchten habe. Und daß ich einen Augenblick erstarrt schien, war nicht eine Folge der Angst oder Furcht, sondern nur der momentanen Ueberraschung.« Dem Capitän war es, als ob er diesen Menschen sofort zermalmen müsse. Er setzte die Hähne seines Terzerols in Ruhe, warf die Waffe auf den Tisch und ballte die Fäuste, als ob er bereit sei, zum Angriffe vorzugehen. Henry aber zeigte nicht die mindeste Besorgniß; er trat vielmehr einen Schritt näher und sagte im Tone größter Kaltblütigkeit und Seelenruhe: »Ich will nicht hoffen, daß Sie sich mit mir messen wollen. Ich bin nicht unerfahren im Handgemenge, da ich Soldat gewesen bin.« »Was? Soldat warst Du?« knirrschte der Alte. »Macht man auch Diebe zu Soldaten?« »Jawohl. Diebe, Räuber und Mörder. Man macht sie nicht blos zu Soldaten, sondern sogar zu Officieren. Es ist möglich, daß es der größte Spitzbube bis zum Capitän und Ehrenlegionär, vielleicht noch höher bringen kann.« Jetzt endlich zeigte sich jenes gefährliche Zähnefletschen, welches dem Alten in Augenblicken des höchsten Zornes eigen war. »Wie meinst Du das, oder wen meinst Du?« fragte er. »Wen? Hm. Das ist vielleicht nicht ganz gleichgiltig. Ich will nur erwähnen, daß ich die angedeutete Erfahrung in Afrika, in Algerien gemacht habe.« Der Schnurrbart des Alten sank augenblicklich herab, und das Fletschen der Zähne war verschwunden. »Wie? Was?« fragte er. »In Afrika, in Algerien warst Du? Dort hast Du gestanden?« »Ja.« »Als was?« »Nur als Chasseur d'Afrique,« lachte der Diener. Da entfärbte sich der Capitän. Sein Gesicht war leichenblaß geworden. Er begann zu ahnen, daß Henry ihn selbst gemeint habe, als er sagte, daß der größte Spitzbube es bis zum Capitän und Ehrenlegionär bringen könne. »Mensch, warum hast Du mir das nicht früher gesagt!« rief er. Der Diener zuckte die Achseln und antwortete: »Weil ich nicht glaubte, daß es Sie interessiren würde.« »Wie lange warst Du dort?« »Lange genug, um ein Wenig Arabisch verstehen zu lernen.« Der Alte fuhr zurück. Erst bei diesen Worten Henry's begann er das Richtige zu ahnen. »Ah!« fragte er in tief grollendem Tone. »Du verstehst Arabisch?« »So ziemlich!« »Du hast die Baronin bewachen sollen, und sie hat Arabisch gesprochen?« »Ja,« lachte der Diener. »Mit Dir?« »Nein, kein Wort.« »Mit wem sonst?« »Mit der kleinen Comtesse Marion.« »Lüge nicht.« »Warum sollte ich lügen? Ich ersehe keinen Grund dazu!« »Wie könnte sie mit dem Kinde sprechen, welches ja kaum zu lallen versteht!« »Hm! Haben Sie noch keine Mutter beobachtet? Haben Sie noch nie gesehen oder gehört, daß eine Mutter bereits mit ihrem Neugeborenen spricht, um ihm süße Namen zu geben und ihm Allerlei mitzutheilen, was eben ein Mutterherz sagt und versteht?« »Unsinn. Kinderei!« »Nein, kein Unsinn. Das Mutterherz quillt über von Glück und Liebe; es will sich mittheilen, und daher spricht die Mutter mit dem Kinde, obgleich sie weiß, daß dasselbe kein Wort versteht. Aber wenn die Augen des Kindes offen und lächelnd auf die Mutter gerichtet sind, so versteht sich die Letztere in die süße Täuschung, von dem kleinen Lieblinge verstanden worden zu sein.« »Nichts als Schwätzerei!« »Wohl nicht. Was da gesprochen wird, ist nicht immer unsinniges Zeug. Und wenn eine Frau, welcher es an Umgang und Gesellschaft keineswegs mangelt, mit ihrem Kinde redet, was wird dann eine Andere, welche arm, einsam und gefangen, wie die Frau Baronin gehalten wird, erst recht thun? Mit ihrem Kinde reden. Und was wird sie mit ihm sprechen? Was wird sie ihm erzählen?« Das Auge des einstigen Chasseurs d'Afrique und jetzigen Einbrechers war scharf und triumphirend auf den Alten gerichtet. »Nun, was?« fragte dieser stockend. »Sie wird ihm erzählen, warum sie so arm, so elend ist. Sie wird ihm erzählen von der Wüste, von den hingemordeten Stämmen der Beni Hassan, von Saadi, dem richtigen Vater des Kindes – – –« »Tausend Donner.« »Von dem Fakihadschi Malek Omar,« fuhr der Diener unbeirrt fort, »und von dessen Sohne oder Gefährten Ben Ali, der aber gar nicht sein Sohn sein kann.« »Mensch, Du faselst.« »Ich wiederhole nur Das, was ich gehört habe.« »Du träumst oder hast geträumt!« »O, ich war im Gegentheile sehr wach und munter. Aber in diesem Augenblicke ist Alles ja gleichgiltig; es würde seine Bedeutung erst vor dem Richter erhalten. Für jetzt frage ich Sie blos, ob Sie geneigt sind, mich als Einbrecher anzuzeigen.« Der Alte steckte die Hände in die Tasche, als ob, wenn er ihnen die Bewegung raube, auch sein Inneres zur Ruhe kommen müsse. »Setze Dich!« gebot er. Er schritt, als Henry gehorcht hatte, mehrere Male im Zimmer auf und ab, trat dann zur Thür, schob den Riegel vor und wendete sich dann mit weit gedämpfterer Stimme als vorher an den Anderen: »Es ist also wahr, daß Du die Baronin in ihrem Arabisch belauscht hast?« »Ja, Herr Capitän.« »Und sie hat wirklich Das gesagt, was Du vorhin erwähntest?« »Wüßte ich sonst davon?« »Wovon hat sie sonst gesprochen?« Das Gesicht des Dieners nahm einen unbeschreiblich schlauen, aber ebenso zurückhaltenden und berechnenden Ausdruck an. Wäre ein Zeichner zugegen gewesen, so hätte er diesen Menschen als die Personification der größten Verschlagenheit in die Mappe bringen können. »Von sehr Vielem noch,« antwortete er. »Ich will das hören! Verstehst Du? Ich muß es wissen!« »Hm! Ich kann es nicht sagen.« »Warum nicht?« »Weil es mir nicht augenblicklich einfällt.« »So besinne Dich. Denke nach.« »Das geht nicht so schnell und auf Commando, wie Sie es wünschen und verlangen. Es können Tage, ja Wochen vergehen, ehe ich mich klar und deutlich erinnern kann.« »Ich verstehe Dich, Hallunke. Aber glaube ja nicht, daß die dunklen Andeutungen, welche Du doch nur gehört haben kannst, im Stande sein werden, mich in Verlegenheit zu bringen.« »O, es waren mehr als dunkele Andeutungen! Warum erhält übrigens die Frau Baronin keine Gelegenheit, Französisch zu lernen? Warum darf Niemand mit ihr sprechen?« »Das geht Dich den Teufel an! Du hast mir zu antworten, nicht aber mich zu fragen! Also gestehe, ob Du mit der Baronin gesprochen hast!« »Kein Wort!« »Das lügst Du! Ich glaube Dir nicht!« »Dann halten Sie mich leider für dümmer, als ich bin. Es lag mir natürlich daran, so viel wie möglich zu hören und zu erlauschen; darum mußte ich so thun, als ob ich kein einziges Wort verstehe. Hätte die Baronin das Gegentheil gemerkt, so hätte ich wohl vergebens gewartet, meine Neugierde befriedigt zu sehen.« »Du hattest nicht zu lauschen und nicht hinzuhören!« »Sollte ich mir die Ohren verbinden?« Der Capitän war für den Gegenstand ihres Gespräches so außerordentlich interessirt, daß er es gar nicht beachtete, welch ein Spiel sein Diener mit ihm trieb und in welchen Ausdrücken dieser sich bewegte. Er drohte nur: »Ich werde mich bei meiner Schwiegertochter erkundigen, und ich befinde mich im Besitze der nöthigen Mittel, sie zum Geständnisse zu bringen, ob Du mit ihr gesprochen hast.« »Thun Sie das! Ich kann ruhig sein.« »Ich hoffe es. Aber nun sage mir, was Du gethan hättest, wenn Dir der jetzige Raub geglückt wäre?« »Was hätte ich thun sollen? Ich hätte das Geld einstweilen vergraben.« »Aber der Verdacht hätte auf Dich kommen können!« »Das glaube ich nicht!« »Der Dieb konnte nur im Hause sein!« »Pah! Man hätte keine Spur entdeckt. Es war kein Schloß verletzt. Sie hatten Ihr Geld gezählt und sich dann eingeriegelt. Der Diebstahl wäre vollständig unerklärlich geblieben und auch niemals aufgeklärt worden. Das Geld hätte ich wie gesagt, an einem sicheren Orte einstweilen vergraben.« »Aber man hätte die Nachschlüssel bei Dir finden können. Ich hätte natürlich Haussuchung halten lassen.« »Man hätte nichts gefunden. Auch sie wären vergraben worden.« »Aber der Zufall und der Teufel treiben oft ihr Spiel. Am sichersten für Dich wäre doch die Flucht gewesen!« Bei diesen Worten hielt er sein Auge forschend auf Henry gerichtet. Dieser bemerkte diesen lauernden Blick und antwortete: »Halten Sie mich für unzurechnungsfähig! Ich hätte ja grade durch diese Flucht den Verdacht auf mich gelenkt!« »Hm! Ich sehe, daß ich mich vielleicht in Dir getäuscht habe. Da Du Dich erwischen ließest, so hatte ich keine große Meinung von Deiner Umsicht und Geschicklichkeit.« »Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich überzeugt war, im Falle des Mißlingens straffrei auszugehen. Bei anderer Gelegenheit würde ich sicherlich nicht ergriffen werden.« »Bist Du so überzeugt davon?« »Vollständig! Ein tüchtiger Einbrecher schlägt lieber zehn Angreifer todt, als daß er sich ergreifen läßt.« »Mensch, ich beginne zu glauben, daß Du ein höchst gefährliches Subjekt bist!« »Möglich!« nickte Henry kaltblütig. »Du sprichst vom Einbrechen ganz in der Weise, als ob Du Aehnliches bereits begangen hättest.« »Ich leugne es auch gar nicht.« »Und als ob Du bereit seist, ganz dasselbe wieder zu thun?« »Hier wenigstens nicht, Sie werden schon dafür sorgen, daß Ihre Kasse von jetzt an sicher ist.« »Aber anderwärts?« Henry blickte seinen Herrn ziemlich lange von der Seite an; dann meinte er langsam und mit Betonung: »Das wird ganz allein von der Lage abhängen, in welche Sie mich versetzen. Jagen Sie mich ohne Zeugniß fort, so erhalte ich keine Stelle wieder und muß sehen, was ich thue.« »Wie nun, wenn ich Dich nicht fortjage?« »Wollen Sie den Fuchs im Stalle behalten?« »Nein. Aber ich will ein anderes Thier zum Vergleiche heranziehen. Der Leopard raubt und mordet, aber sobald man klug ist, kann man sich seiner zur Jagd bedienen.« Der Diener nickte leise vor sich hin. »Das oder so etwas Aehnliches habe ich mir gedacht,« sagte er. »Das lag auch mit in meiner Calculation, ehe ich mich daran machte, den Schlüssel in Ihr Schloß zu stecken.« Der Alte, welcher noch immer auf und ab schritt, blieb jetzt vor ihm halten und sagte: »Henry, wenn das wahr ist, so bist Du allerdings ein Kopf der zu gebrauchen ist. Ich habe wirklich Lust, Dich zu begnadigen!« »Damit Sie mich als Jagdleopard gebrauchen können?« lachte der Diener. »Ja.« »Versuchen Sie es einmal, Herr Capitän!« »Wärst Du bereit dazu?« »Warum nicht? Aber man muß seine gute Rechnung dabei finden.« »Ich würde dafür sorgen, daß dies der Fall ist. Aber hier gilt es Verwegenheit, Verschlagenheit und Verschwiegenheit.« »Mit diesen drei Gerichten kann ich Ihnen aufwarten! Sagen Sie mir nur, was ich zu thun habe!« »Geduld! Geduld! Ich muß vor allen Dingen Deiner sicher sein.« »Sind Sie das etwa nicht?« »Du verlangst doch nicht etwa, daß ich Dir ganz plötzlich vertraue, nachdem ich Dich wenige Minuten vorher beim Einbruche ertappt habe.« »Habe ich Ihnen nicht gerade durch diesen Einbruch bewiesen, daß Sie mir Aehnliches sorgenlos anvertrauen können?« »Vielleicht. Aber – hm, es geht doch nicht! Es fehlt Dir Etwas, was jedenfalls unumgänglich nothwendig vorhanden sein muß.« »Was?« »Hm! Du verstehst nicht Deutsch!« Da stand Henry vom Stuhle auf und antwortete lächelnd: »Wer hat Ihnen diese Lüge aufgebunden?« »Alle Wetter! Verständest Du es?« »Leidlich, vielleicht sogar besser als leidlich.« »Wo hast Du es gelernt?« »Von meiner Gouvernante.« Richemonte nahm an, daß diese Antwort ein Scherz sein solle, aber als er sah, welch ernstes Gesicht der Diener dabei zeigte, fragte er: »Eine Gouvernante hast Du gehabt, Kerl?« »Eine ganze Reihe vielmehr. Es konnte es keine bei mir aushalten, denn ich war ein verdammt wilder Bube. Meine Eltern ließen mir Alles zu. Ich weiß ihnen das jetzt keinen Dank, denn sie allein sind schuld, daß ich das geworden bin, was ich bin.« »Wer war Dein Vater?« Der Einbrecher starrte fast eine ganze Minute lang in das Licht der Laterne, ohne zu antworten. Was zuckte nur jetzt über sein nicht unschönes Gesicht? Waren es Schatten, von der Laterne darüber hingeworfen, oder waren es die Zeichen einer plötzlich über ihn gekommenen Rührung, einer milden, reuigen Regung, wie sie ja auch der ärgste Verbrecher nicht immer von sich zu weisen vermag? Dann aber fuhr er mit der Hand durch die Luft und antwortete, indem seine Stimme einen halb heiseren Klang hatte: »Pah! Man soll nicht an Vergangenes denken, sondern es lieber ruhen lassen! Ich sitze auf der Lawine, und sie rollt bergab. Vielleicht begräbt sie mich unter sich, vielleicht auch rettet mich ein kühner Sprung im rechten Augenblicke.« »Nun also, was war Dein Vater?« »Erlassen Sie mir die Antwort. Sie kann nichts nützen und es hätte ja auch keinen Zweck, wenn ich Ihnen eine Unwahrheit aufladen wollte. Es mag genug sein, daß mir mein jetziges Schicksal nicht an der Wiege gesungen und prophezeit wurde. Was ich war, das geht mich nichts mehr an; ich will es vergessen; ich will nichts mehr davon sagen und hören. Und was ich jetzt bin, das will ich aber auch ganz sein!« Da streckte ihm der Capitän die Hand entgegen und sagte: »So ist es recht! Ich sehe ein, daß ich mich auf Dich werde verlassen können. Hat Dir das Geschwätz dieser dummen Baronin wirklich erlaubt, einen kleinen, kurzen Blick in verborgene Sachen zu werfen, so wirst Du erkannt haben, daß auch mein Schicksal kein erfreuliches gewesen ist. Aber ich habe gerade wie Du gesagt: Die Vergangenheit vergessen, die Gegenwart ergreifen und für die Zukunft sorgen. So ist es mir gelungen, und ich bin überzeugt, daß es auch Dir gelingen wird, Herr Deines Geschickes zu werden. Der Mensch ringt dem Schicksal kein Jota mehr ab, als was sein eigener Werth beträgt. Kann ich mich auf Dich verlassen?« Henry schlug in die dargebotene Hand ein und antwortete: »Ich denke es und werde es Ihnen beweisen.« »So laß uns aufrichtig sprechen! Schreckst Du vor einem Diebstahle zurück, wenn er Dir reichlich belohnt wird?« »Nein.« »Auch wenn es ein schwerer, ein Einbruch sein würde?« »Nein.« »Aber wenn man Dich dabei überraschte und Dich ergreifen wollte?« »Pah! Ich würde gut bewaffnet sein!« »Das heißt, Du würdest von den Waffen entschlossenen Gebrauch machen und Dich vertheidigen?« »Ja. Wer mich angreifen wollte, müßte daran glauben!« »Welche Belohnung würdest Du fordern?« »Das käme auf die Schwierigkeit des Unternehmens und auf den Werth des Objectes an, Monsieur Capitän.« »Beides ist bis jetzt noch nicht zu bestimmen. Aber erkläre mir noch einen Widerspruch. Erst sagtest Du, daß Du eigentlich Kunstschlosser seist, und dann ließest Du ahnen, daß Deine Wiege nicht an einer gewöhnlichen Stelle gestanden habe.« »Beides ist richtig. Ich stürzte von der Stelle hinab, auf welcher ich geboren wurde. Ich wurde zunächst ein Glücksritter und später etwas noch weniger Gutes, und dabei war es nothwendig, sich zuweilen mit gewissen Schlosserarbeiten zu beschäftigen. Einer meiner Collegen hatte dieses Handwerk, oder, wie es hier genannt werden muß, diese Kunst gelernt, und zu ihm ging ich in die Lehre.« »Das befriedigt mich. Für heute mag es genug sein. Vielleicht ist es zu Deinem Glücke, daß Du heute Deine Kunst an meiner Kasse versuchtest. Ich hoffe, Du bist überzeugt, daß Du von mir nichts zu befürchten hast?« »Ich befürchte nicht das Mindeste!« »Nun, solltest Du dennoch einen kleinen Zweifel hegen, so will ich denselben hiermit zerstreuen. Da, nimm!« Er öffnete den einen der noch auf dem Tische liegenden Beutel, welcher lauter Gold enthielt, nahm eine Hand voll heraus und gab es ihm. »Danke, Monsieur!« meinte Henry, indem er das reiche Geschenk in seine Tasche verschwinden ließ. »Wenn ich von der Höhe dieses unerwarteten Geschenkes auf das schließen soll, wobei es sich um den erwähnten weiteren Einbruch handelt, so darf ich es mir nicht als einen Pappenstiel denken.« »Es wird sich allerdings nicht um eine Kleinigkeit handeln.« »Sie sollen mit mir zufrieden sein!« »Ich hoffe es! Das Nähere vielleicht bald. Alles Uebrige, das heißt, Deine jetzige Arbeit und so weiter, bleibt beim Alten. Gute Nacht!« »Gute Nacht!« Er ging und begab sich leise nach demjenigen Theile des Schlosses, in welchem die Dienerschaft schlief. In seinem kleinen Zimmerchen angekommen, öffnete er die Laterne und warf sich in einen Stuhl. Er stemmte den Kopf in die Hand und begann zu grübeln. Das Licht beleuchtete sein Gesicht, und wenn es einmal aufflackerte, so huschten gespenstige Schatten durch den Raum. Er bemerkte es nicht. Woran mochte er denken? An die Eltern, denen er vorhin die Schuld aufgebürdet hatte, ihn zu Dem gemacht zu haben, der er war – zum kühnen und verschlagenen Verbrecher? Wer kann das wissen! Wußte doch er selbst es kaum. Er gab sich seinen Gedanken widerstandslos hin, ohne Rechenschaft von sich zu fordern. Das Licht brannte herab: es flackerte einige Male kurz auf und verlöschte dann. Erst jetzt erwachte er aus seinem Grübeln. »Finster,« murmelte er. »So geht es auch mit dem Lichte der Jugend, des Glückes und des Lebens. Aber sorgen wir dafür, daß ein neues vorhanden sei, um angezündet zu werden, wenn das alte verlöschen will! Was nutzt das Grübeln und Sorgen! Ich sehe, daß ich richtig gerechnet und mich in dem Kapitän nicht getäuscht habe. Er meint mir überlegen zu sein; er denkt, in mir ein gutwilliges, dankbares und einträgliches Werkzeug gefunden zu haben; er wird entschlossen sein, mich auszunutzen, bis er mich nicht mehr braucht. Aber er irrt sich. Ich werde ihm dienen um meines eigenen Vortheiles willen, aber mich zu betrügen, das soll ihm nicht gelingen!« Als am anderen Morgen der Capitän erschien, um sich mit dem Grafen zum Frühstücke, welches sie allein einnahmen, niederzusetzen, zeigte sein sonst so strenges Gesicht einen Ausdruck von Heiterkeit, welcher Rallion sofort auffallen mußte. Dieser fragte daher: »Ueber welches Glück sind Sie denn bereits heute am frühen Tage hinweggestürzt, daß ich Sie bei so vortheilhafter Laune sehe?« »Heute nicht, sondern bereits am gestrigen Abende, gleich nachdem wir uns getrennt hatten,« antwortete der Gefragte. »Und zwar ist es ein Glück, welches Sie ebenso nahe angeht, wie mich selbst.« »Sie machen mich um so neugieriger. Darf man dieses Glück, von welchem ich mir also auch einen Theil erhoffe, kennen lernen?« »Ja. Erinnern Sie sich des Gegenstandes, über welchen wir vor unserer Trennung sprachen?« »Natürlich! Wir sprachen über Königsau.« »Und fanden keine Handhabe, sehr fataler Weise. Aber ich bin sehr erfreut, Ihnen sagen zu können, daß mir ein außerordentlich glücklicher Gedanke gekommen ist.« »Ist er wirklich glücklich und auch ausführbar, so ist er mehr als Goldes werth. Ich hoffe, daß ich ihn erfahren werde.« »Das versteht sich. Vorher will ich Ihnen aber von einem anderen Glücke berichten, welches ich gestern Abend noch gehabt habe. Es wurde nämlich bei mir eingebrochen.« Der Graf öffnete erstaunt den Mund und sah den Alten erwartungsvoll an. »Eingebrochen?« fragte er. »Ja.« »Hier im Schlosse?« »Ja, sogar in meinem Schlafzimmer.« »Himmel! Welch ein Wagniß! Eingebrochen in Ihrem Schlafzimmer! Und das nennen Sie ein Glück?« »Sogar ein sehr großes, ein sehr bedeutendes.« »Das begreife der Teufel! Ich halte einen Einbruch für einen sehr gewagten Streich von Seiten des Einbrechers und für ein großes Malheur für den Betroffenen.« »Hm. Ja. Von gewagten Streichen sind Sie ja überhaupt nie ein Freund gewesen!« Der Graf runzelte die Stirn und fragte in nicht sehr freundlichem Tone: »Zweifeln Sie etwa an meinem Muthe?« »O, ganz und gar nicht,« lachte der Alte. »Es giebt ja sehr verschiedene Arten von Muth.« »Das ist mir neu. Muth ist doch Muth!« »O nein. Es giebt Muth der Unbesonnenheit, den Muth der Liebe, den Muth der Entsagung, der Verzweiflung, ja, sogar den Muth der Feigheit.« »Der letztere ist ein Unding!« »Keineswegs. Aber jedenfalls war er Demjenigen fremd, welcher gestern Abend bei mir eingebrochen ist.« »Was hat er gestohlen?« »Nichts, gar nichts. Der Einbruch ist ihm nicht gelungen. Ist das nicht ein Glück für mich zu nennen, da ich über zwanzigtausend Franks im Kasten hatte, den er öffnete?« »Das wäre allerdings ein Glück!« »Und das nicht allein. Ich habe ihn sogar erwischt und festgehalten. Ist das kein Glück?« »Ein sehr großes. Festgenommen also haben Sie ihn? Sie allein?« »Ja.« Der Graf machte eine Bewegung des Schreckes und rief: »Unvorsichtiger! Wie können Sie so Etwas wagen! Einen Einbrecher festzunehmen! Ohne alle andere Hilfe! Wie nun, wenn er Sie massacrirt hätte? Das wäre ja leicht möglich.« »Er hat es aber doch nicht gethan.« »Er hatte also den Kasten offen?« »Ja, und das Geld bereits in der Tasche; aber ich zwang ihn, es wieder herauszugeben.« »Capitän, das ist wirklich entsetzlich! Das sind leichtsinnige Jugendstreiche von Ihnen. Ich rühme mich doch auch meiner gehörigen Portion von Muth und Verwegenheit, aber einem Einbrecher jage ich seinen Raub niemals wieder ab. So etwas kann höchst unglücklich ausfallen, wie sehr zahlreiche Beispiele beweisen. Aber, da fällt mir ja ein, daß man gar nichts gehört und bemerkt hat.« »Was sollte man denn hören?« »Hilferuf und Kampfgetümmel!« »Nichts weniger als das. Es ist vielmehr sehr ruhig dabei hergegangen.« »Das begreife ich nicht. Wo steckt denn der Kerl? Es war nur einer?« »Glücklicher Weise, ja.« »Sie haben ihn doch sofort in Eisen schmieden und forttransportiren lassen?« »Fällt mir gar nicht ein.« »Nicht? Was denn sonst?« »Ich habe ihn wieder freigelassen.« Da machte der Graf ein Gesicht, als ob er geradezu Ungeheuerliches vernommen habe. Er starrte den Capitän eine ganze, lange Weile sprachlos an und rief dann aus: »Freigelassen? Sie scherzen doch wohl nur?« »Nein, ich spreche im völligen Ernste.« »Welch eine Unverzeihlichkeit! Einen Dieb, einen Mörder, einen Einbrecher frei zu lassen, der nun bei Anderen abermals einbrechen wird.« »Das ist ja gerad der Grund, weshalb ich ihm die Freiheit schenkte!« »Daß er auch Andere nächtlich überfallen soll?« »Ja doch! Gerade dieses.« »Da hört denn doch Alles auf! Sind Sie denn verrückt, Capitän?« »Nicht die Spur. Ich handelte aus schlauer Berechnung, was bei Verrückten und Wahnsinnigen doch nicht vorzukommen pflegt.« »Aber wo ist der Mensch nun hin?« »Er ist hier im Schlosse.« Da zog der Graf die Beine erschrocken an sich, als ob er Sorge trage, daß der freigelassene Einbrecher sich unter dem Tische befinde. »Im Schlosse?« fragte er. »Ist das wirklich wahr? Höre ich recht?« »Ihr Gehör scheint ganz ausgezeichnet zu sein. Der Mann befindet sich hier im Schlosse; er gehört zu meiner Dienerschaft.« »Donnerwetter! Bedient er etwa auch mich mit?« »Ja, allerdings.« »War er bewaffnet, als er einbrach?« »Mit einen langen, scharfen und sehr spitzigen Messer.« Da schnellte der Graf von seinem Sessel empor, als ob er von einer Spannfeder in die Höhe getrieben worden sei, und rief entsetzt: »Das ist genug! Nein, nein, das ist sogar zu viel, mehr als zu viel! Capitän, wollen Sie mir einen großen Gefallen erweisen?« »Gern, wenn ich vermag.« »Sie vermögen es. Lassen Sie sofort und unverweilt anspannen. »Warum, lieber Graf?« »Weil ich abreisen will, schleunigst abreisen. Oder denken Sie etwa, daß es mir einfallen kann, hier zu bleiben und zu warten, bis der Kerl kommt, mit dem Messer in der Hand, um nun auch bei mir einzubrechen? Ich bin im glücklichen Besitze einer tüchtigen Portion Muth und Verwegenheit; ich bin sogar in meinem Leben schon sehr oft geradezu tollkühn gewesen, aber ein vorsichtiger Mann ist nur dann muthig, kühn und verwegen, wenn es sich nicht um Tod und Leben handelt. Ich habe keine Lust, mich erdolchen zu lassen.« Der Alte lachte kurz und leise auf, zog die Spitzen seines weißen Schnurrbartes breit und sagte unter einem nicht sehr bewundernden Blicke: »Ja, ja, tollkühn sind Sie sehr oft gewesen, dagegen läßt sich ja gar nicht streiten; aber dieses Mal werden Sie ja gar keine Gelegenheit haben, Ihre Verwegenheit zu bethätigen. Ich habe den Mann völlig unschädlich gemacht.« »Unschädlich? Völlig?« fragte der Graf, indem er tief Athem holte und sich langsam wieder auf seinen Sitz niederließ. »Ihn freigelassen und doch unschädlich gemacht? Wie haben Sie das angefangen?« »Ich habe mich mit ihm in aller Freundlichkeit noch eine ganze Weile unterhalten und ihn sogar wegen des Einbruchs belohnt.« »Belohnt?! Capitän, jetzt bemerke ich allerdings, daß Sie nur flunkern, ganz gewaltig flunkern. Sie wollen mir ein Märchen aufbinden, um zu sehen, ob ich wirklich Muth besitze, ob ich in Wirklichkeit kühn sein kann. Ich bitte Sie, mich heute und die nächsten Tage in dem betreffenden Zimmer schlafen zu lassen. Wenn es ihm einfallen sollte, den Einbruch abermals in Scene zu setzen, so will ich ihn empfangen. Ich werde ihm die Knochen so zusammenschütteln, wie ein Knabe die Steinchen und Gläser eines Kaleidoscopes zusammenwirft.« »Hm! Ja, das traue ich Ihnen zu,« lachte Richemonte. »Leider aber werden Sie keine Gelegenheit finden, diesen Muth zu bethätigen. Was ich Ihnen erzählte, ist zwar wörtlich wahr; aber der Mann wird nicht wieder als Einbrecher, sondern nur als mein Verbündeter das Zimmer betreten, von welchem Sie sprechen.« »Als Ihr Verbündeter? Alle Wetter! Das klingt ja ganz und gar, als ob Sie von jetzt an in Gemeinschaft mit ihm den Einbrecher machen wollten.« »So ist es auch.« »Diable. Ich vermag Sie nicht zu verstehen. Sie geben mir da Räthsel auf, welche ich nicht zu lösen vermag, obgleich ich mich rühmen kann, eine ganz gehörige Portion von Scharfsinn zu besitzen.« »Ich beabsichtige gar nicht, diesen mir so wohl bekannten Scharfsinn auf die Probe zu stellen: er ist mir bereits bekannt. Ich will Ihnen Alles kurz erklären, indem ich Ihnen sage, daß der gestrige Einbruch mich eben auf den Plan gebracht hat, mit dessen Hilfe wir den Königsaus eine Schlappe beibringen, welche sie nie verwinden werden.« Kaum waren diese Worte gesprochen, so rückte der Graf näher. »Ah. Wirklich?« fragte er schnell. »Sprechen Sie! Theilen Sie es mir mit.« »Dieser Einbrecher wird das Werkzeug sein, mit dessen Hilfe wir die Familie unserer Feinde ein für allemal ruiniren werden. So unwahrscheinlich das klingen mag, so wahr und sicher ist es doch. Hören Sie. Aber leise, damit kein zufälliger Lauscher ein Wort vernehmen kann.« Sie führten lange und in sichtlicher Erregung ein leise geflüstertes Gespräch. Die Augen des Alten glühten in tückischer Freude, und im Gesichte des Grafen war eine Spannung zu bemerken, welche nach und nach in den Ausdruck der Genugthuung überging. »Nun, was sagen Sie zu dem Plane?« fragte endlich der Capitän. »Daß er herrlich ist, geradezu genial erdacht.« »Er wird gelingen.« »Das ist das Allerbeste an ihm. Wir wagen nichts.« »Trotzdem wir bei Ihrer bekannten Tollkühnheit vor einem Wagnisse keineswegs zurückschrecken würden!« meinte der Alte im Tone versteckter Ironie. »Ganz und gar nicht!« stimmte der Graf eifrigst bei. »Aber der Geldpunkt? Wie regeln wir diesen?« »Wie Freunde dergleichen unter einander zu regeln pflegen.« »Das heißt, wir theilen?« »Ja.« »Mir ist das recht. Aber wer hat das Geld zu beschaffen?« »Beide, wenn auch Jeder nach seinen Kräften. Sie sind viel, viel reicher als ich; aber ich glaube doch, daß es mir möglich sein wird, baare hunderttausend Franks aufzubringen.« »Gut. Das Uebrige zahle ich. Wieviel wird es ungefähr betragen?« »Ich weiß das nicht. Wir werden, um uns eine Zurückweisung zu ersparen, natürlich sehr weit über den eigentlichen Werth bieten müssen; aber das bringt uns doch nicht den mindesten Schaden.« »Es gilt dabei zu bedenken, daß sie uns Beide kennen. Ich fürchte, daß sie von uns gar nichts werden wissen wollen.« »Wir werden doch nicht solche Thoren sein, das Geschäft in unseren Namen oder gar persönlich entriren zu wollen!« »Ah. Vielleicht einen Strohmann?« »Nichts Anderes. Wir schieben einen Strohmann vor, der uns für einige hundert Franks gern zu Diensten sein wird.« »Und wie wird es diesem famosen Diener Henry, diesem verteufelten Einbrecher, gelingen, seine Aufgabe zu erfüllen?« »Er sucht Zutritt in der Familie.« »Etwa als Diener, gerade wie er zu Ihnen gekommen ist? Weiß man denn, ob sie einen Diener gebrauchen können und engagiren werden?« »Von solchen Unwahrscheinlichkeiten dürfen wir das Gelingen unseres Vorhabens ganz und gar nicht abhängig machen. Ich habe während dieser ganzen Nacht mir Alles zurecht gelegt und auch einen sehr leichten Weg gefunden, Henry den Zutritt zu eröffnen.« »Er wird nach Berlin müssen.« »Noch weiter. Die Verhältnisse derjenigen Menschen, welche ich entweder liebe oder hasse, sind mir stets genau bekannt; nur um die Schicksale mir gleichgiltiger Leute bekümmere ich mich nicht. So lasse ich auch die Familie Königsau stets beobachten. Ich weiß, daß sie sich gegenwärtig auf Breitenheim befindet, jenem Gute, welches der alte Hugo auf Blücher's Bemühung hin geschenkt erhielt. Nur Einer fehlt dort, nämlich Gebhardt Königsau, welcher sich gegenwärtig im Oriente befindet. Dieser Umstand ist für uns von großem Werthe.« »Wieso?« »Weil er es uns möglich macht, Henry auf gute Weise einzuführen. Habe ich Ihnen erzählt, daß Henry als Chasseur d'Afrique in Algerien gestanden hat?« »Ja.« »Nun, Gebhardt Königsau ist ja auch dort gewesen.« Da schnippte der Graf mit den Fingern und rief bewundernd: »Ah, ich ahne. Genial, wahrhaft genial. Sie sind ein verdammt spitzer Kopf! Wenn Sie in Bezug auf Scharfsinn auch nicht gerade an Unsereinen reichen, so würden Sie doch einen ganz netten Diplomaten abgeben, Capitän!« »Meinen Sie?« fragte Richemonte ironisch. »Ja. Wenn ich das sage, so ist es wahr, denn ich bin ja Diplomat. Also Henry wird Gebhardt in Algerien getroffen haben. Wo liegt dieses Gut Breitenheim?« »Im preußischen Regierungsbezirke Gumbinnen, eine kleine Strecke hinter Nordenburg.« »Gumbinnen? Der Teufel hole diese deutschen oder preußischen Namen, bei denen man sich die Zunge verrenkt und verstaucht. Und wo liegt dieses Gumbinnen?« »Nach der russischen Grenze zu.« »So weit? Doch das ist egal. Also Henry hat Gebhardt von Königsau in Algerien getroffen; er befindet sich auf einer Reise nach Petersburg; kommt durch diese Gegend; da fällt ihm ein, daß sein Freund hier wohnt; er geht, ihn zu besuchen; er findet ihn nicht, bedauert das natürlich sehr, wird aber herzlich und gastfreundlich aufgenommen.« »Ja, so ist mein Plan,« stimmte der Alte bei. »Es ist wirklich genial; aber es giebt dabei doch einige Bedenken.« »Ich kenne kein einziges.« »Gebhardt wird nichts von diesem Freunde erzählt haben.« »Was schadet oder hindert das? Königsau wird während seiner Reise mehrere Bekanntschaften angeknüpft haben, ohne ausdrücklich von ihnen zu berichten.« »Gut! Aber Henry wird gefragt werden, wo und wie er den Deutschen in Algerien getroffen hat. Wird das, was er antwortet, mit den Erlebnissen Gebhardts stimmen?« »Ganz genau.« »Das bezweifle ich sehr.« »O, ich habe auch hier bereits gesorgt. Diese Deutschen haben nämlich, trotzdem sie die größten Ignoranten der Wissenschaft und Bildung sind, die famose Monomanie, über Alles, was sie sehen, hören oder denken, ein Buch zu schreiben –« »Mein Himmel, welch ein Blödsinn!« fiel der Graf ein. »Wer soll so ein Buch, so ein Schriftwerk, solches Makulatur kaufen?« »Es giebt genug Dumme, welche dies thun. Gebhards von Königsau hatte natürlich nach seiner Rückkehr aus Afrika auch nichts Eiligeres zu thun, als schleunigst ein Volumen zusammenzuschmieren.« »Welcher Unsinn! Was soll in dem Buche stehen?« »Seine Erlebnisse.« »Wer in Deutschland kann sich für Afrika interessiren? Kein einziger Mensch. Was weiß ein Deutscher überhaupt von Afrika. Es ist ja bekannt, daß die Deutschen die miserabelsten Geographen sind. Die Meisten werden den Namen Afrika noch gar nicht gehört haben. Sie wohnen ja viel zu weit nach Norden; Algerien aber, also Afrika, gehört uns. Wir Franzosen sind es, welche sich ausschließlich mit der Civilisation von Afrika abgeben, und so gebührt uns auch das ausschließliche Recht, Bücher über diesen Erdtheil zu schreiben. Daran mögen sich die Deutschen nur niemals wagen.« »Ich kann Ihnen nicht ganz Unrecht geben, trotzdem aber ist jenes Buch von Königsau geschrieben worden und sogar in einer französischen Uebersetzung erschienen. Hier erkennt man wieder einmal die selbstlose Großmuth unserer glorreichen Nation. Es hat sich ein mitleidiger französischer Verleger gefunden, um diesem beklagenswerthen Deutschen in Form des Honorares eine Almosengabe zukommen zu lassen. Da ich, wenigstens negativ, mich für Königsau interessiren muß, so habe ich mir diese Uebersetzung gekauft. Sie gleicht einem Tagebuche und giebt ganz genau an, was von Datum zu Datum erlebt wurde. Ich werde dem Henry dieses Buch zu lesen geben, und so wird er leicht wissen können, was er zu antworten hat.« – Wie dieser Punkt, so wurden auch noch andere Punkte eingehend besprochen, deren Erörterung zum Gelingen des Planes unumgänglich nothwendig war. Das Gewitter im Südwesten stand im Begriff, seinen zweiten Blitzstrahl zu versenden, von welchem anzunehmen war, daß er zerstörender wirken werde, als der erste. – Fortsetzung 47 Einige Wochen später fuhr eine Droschke erster Klasse an einem breiten Hauseingange einer der belebtesten Straßen Berlins vor. Der Insasse, ein langer, schmächtiger Herr in elegantem Reiseanzuge, aus dessen ganzem Aeußeren man den Franzosen vermuthen konnte, stieg aus und trat in den Flur. Dort gab es linker Hand eine Glasthür, an deren Scheibe dieselben Worte wie auf der über dem Thore angebrachten Firma zu lesen waren: »Samuel Cohn, Bank-Geschäft und Länderagentur.« Der Fremde öffnete diese Thür, trat ein und fragte den in diesem Raume befindlichen Commis in französischer Sprache: »Ist Monsieur Cohn zu sprechen?« »Ja, Monsieur; der Chef ist soeben gekommen,« antwortete der Commis mit einer sehr gewandten Verbeugung, aber in einem desto weniger gewandten Französisch. »Hier, mich melden!« Er gab dem Jünglinge die Karte. Kaum hatte dieser einen Blick auf dieselbe geworfen, so zog er, fast wie ein Kautschukmann eine abermalige Verbeugung, welche aber alle zweiunddreißig Richtungen der Windrose durchlief, und sprang dann mit einer Eilfertigkeit davon, als sei er in jeder dieser Richtungen von fünf Taranteln und zehn Scorpionen gezwickt und gebissen worden. Er durcheilte das nächste lange, aber schmale Zimmer, in welchem mehrere Commis an Stehpulten arbeiteten, riß dann eine Thür auf und schrie hinein: »Herr Cohn, Herr Cohn, Herr Samuel Cohn, beeilen Sie sich schleunigst zu beginnen sich zu erheben, um aufzustehen von dem Stuhle, auf welchem Sie doch nicht in sitzend ausruhender Stellung empfangen können den Herrn, welcher auf französische Manier präsentirt eine Karte mit der Krone eines Grafen und begehrt zu sprechen das Bankgeschäft und die Länderagentur des Herrn Samuel Cohn in Berlin.« Der Prinzipal riß dem Commis die Karte aus der Hand, betrachtete sie nur den fünfzigsten Theil einer Secunde und antwortete dann, dem Jüngling eine tiefe Verbeugung machend, welche eigentlich dem zu erwartenden Besuche galt: »Eine Krone, ein Graf! Seltene Ehre! Feines Geschäft jedenfalls! Mag eintreten!« Der Commis wollte zurück, rannte dabei im Umdrehen aber an den Fremden, welcher bereits hinter ihm stand, da er es nicht für opportun gehalten hatte, zu warten. »Monsieur Cohn?« fragte er in stolzem Tone. »Habe die Ehre, habe die große Ehre! Bin Cohn selbst, Samuel Cohn vom Bank- und Ländergeschäft!« Diese Worte stieß der Chef unter einem Dutzend seiner tiefsten Verbeugungen hervor und zog die Thür dabei hinter dem schnell eintretenden Fremden zu. Dieser ließ sich ohne Aufforderung und alle Umstände in den hier befindlichen Divan nieder, zog eine Cigarre hervor, setzte sie in Brand und sagte dann: »Ich bin Graf Jules Rallion – – –« Der Bankier wollte mit einer Fluth von Höflichkeiten antworten; aber der Franzose schnitt ihm dieselbe durch eine rasche Handbewegung ab und fuhr fort: »Keine überflüssigen Worte! Ich liebe im Geschäfte die Kürze. Ich will mit Ihnen ein Geschäft machen.« »Da wird Heil wiederfahren meinem – – –« »Lassen Sie das Heil fahren, wohin es will! Die Hauptsache ist das Geschäft. Ist Ihnen der Name Königsau bekannt?« »Königsau? Ja, ja! Guter Name, gute Zahler, feine Leute, pünktliche – – –« »Gut, gut! Wissen Sie, wo die Familie wohnt! Aber antworten Sie möglichst mit kurzen Worten.« »Ganz wie der Herr Graf befehlen! Diese Familie bewohnt das Gut Breitenheim in der Nähe von Nordenburg. Sie besitzt noch ein zweites Gut, welches an das erstere grenzt und – – –« »Schon gut! Ich weiß das! Wissen Sie vielleicht, ob diese beiden Güter verkauft werden?« Der Jude zog ein langes Gesicht und antwortete dann in verwundertem Tone: »Verkauft? Nein. Warum sollten werden die Güter verkauft? Hat doch die Familie nicht einen Heller Schulden, oder Hypothek auf ihnen.« »Das ist mir egal!« antwortete der Graf in zurechtweisendem Tone. »Ich will die Güter kaufen. Ich bin durch jene Gegend gekommen, und sie hat mir gefallen. Ich suche Ihre Vermittelung. Wenn Sie denken, daß Sie nichts thun können, so wende ich mich an einen anderen Agenten.« Der Jude erschrak. Er versuchte zwar noch einmal den Einwand: »Aber der Besitzer beabsichtigt ja gar nicht, zu verkaufen.« Doch da erhob sich der Graf von seinem Sitze und meinte: »Gut! Wenn Sie kein Geschick haben, den Besitzer zum verkaufen zu bewegen, so suche ich mir einen gewandteren Vermittler.« Da sprang ihm der Agent in den Weg und rief: »Bleiben Sie, erlauchter Graf! Gehen Sie nicht fort, durchlauchtigster Monsieur! Was ein Anderer kann, das bringt Samuel Cohn auch zu Stande. Sagen Sie mir nur, ob Sie die Güter partout haben wollen.« »Partout. »Das heißt, um jeden Preis?« »Um jeden Preis.« »Aber das wird Ihnen kosten ein großes und schweres Geld.« »Was geht das Sie an! Wissen Sie, welchen Werth sie haben?« »Nein. Wie viel wollen Sie an diesen Besitz wenden?« »Bieten Sie, bis man zuschlägt. Die Summe bezahle ich.« »Wann, und in welcher Weise, gnädigster Herr?« »Sofort und baar.« »Anweisung würde genügen.« »Ich bezahle baar; dabei bleibt es,« meinte Rallion hartnäckig. So ein Geschäft und so ein Mann war dem Bankier noch nicht vorgekommen. Dieser Franzose trat auf wie ein Engländer, der seine Guineen gar nicht zählen kann. »Gut! Schön!« meinte Cohn. »Ich werde sprechen in eigener Person mit Herrn von Königsau. Wann soll ich reisen?« »Sofort.« »Wohin soll ich geben die Nachricht von meinem Erfolge?« »Ich reise mit Ihnen bis Rastenburg. Dort erwarte ich Ihren persönlichen Bericht. Ihr Honorar können wir unterwegs besprechen. Vorher aber muß ich eine Bedingung machen. Mein Name darf nicht genannt werden. Der Besitzer darf nicht wissen, daß ich es bin, welcher die Güter kauft. Ist dies möglich zu machen?« »Es ist nicht leicht; aber Samuel Cohn verspricht, möglich zu machen, was möglich ist.« »Wohlan, so fahre ich nach dem Bahnhofe voraus; beeilen Sie sich nachzukommen! Ich bin nicht gewohnt, zu warten.« Er ging und ließ den Agenten in einem Seelenzustand zurück, welcher die größte Aehnlichkeit mit einem Rausche hatte. Trotz dieser Aufregung und trotz Allem, was in größter Eile noch zu besorgen war, gelang es dem Agenten, den Bahnhof noch vor Abgang des betreffenden Zuges zu erreichen. Er nahm die Beiden mit sich fort. Und einige Tage später rollte ein eleganter Miethswagen auf der Straße dahin, welche von Nordenburg nach Darkehmen führt. Diese Straße durchschneidet den zu dem Gute Breitenheim gehörigen Wald, wo links ein Fahrweg abgeht, auf welchem dasselbe zu erreichen ist. In diesen letzteren bog die Kutsche ein und fuhr nach ungefähr fünf Minuten in den offenen Hof der Besitzung. Ein junger, elegant gekleideter und wohlfrisirter Herr stieg aus. Zwei der auf dem Hofe befindlichen Knechte eilten herbei zu seinem Dienste. Er trat ihnen entgegen und fragte in einem ein wenig fremden Dialecte: »Dieses Gut gehört Herrn von Königsau?« »Ja, mein Herr,« antwortete der Eine der Beiden. »Ist dieser Herr zu Hause und zu sprechen?« »Er ist daheim und hoffentlich auch zu sprechen. Wollen Sie die Güte haben, mir zu folgen.« Er wurde über den sehr sauber gehaltenen Hof nach dem Herrenhause geführt und dann, in einem Vorzimmer angelangt, wo er seine Karte abgab, gebeten, einen Augenblick zu verziehen. Der Knecht, welcher in augenblicklicher Abwesenheit eines Dieners dessen Stelle vertrat, kehrte sehr rasch zurück und bat den Fremden, ihm zu folgen. Sie gelangten durch zwei Zimmer hindurch in ein drittes, welches augenscheinlich die Bibliothek des Besitzers war. Karten und Pläne lagen auf den Tischen und Stühlen, und an allen drei Wänden ragten Gestelle voller Bücher bis zur Decke empor. Hier war alles einfach; keine Spur von Luxus ließ sich sehen, und doch machte dieses Arbeitszimmer den Eindruck einer anspruchslosen und unbewußten Vornehmheit. An dem mittleren der drei hohen und breiten Bogenfenster stand ein bequemer Sorgenstuhl, in dessen Kissen eine männliche Gestalt ruhte, deren Eindruck man gleich auf den ersten Augenblick einen imponirenden nennen mußte. Schneeweißes aber kurz geschnittenes Haar ließ die Formen eines edel gewölbten Schädels deutlich erkennen; ein dichter Vollbart von eben derselben Farbe umrahmte ein leicht gebräuntes schönes Greisenangesicht, aus welchem ein Paar Augen blickten, so hell, so klar, wie man es bei so hohem Alter selten zu bemerken pflegt. Ueber diesem Angesichte lag es wie ein milder Seelenfrieden ausgebreitet, und doch konnte man bei näherer Betrachtung zwei kleine Fältchen nicht unbemerkt lassen, welche, obwohl von den Spitzen des Schnurrbartes leicht verdeckt, sich an den Mundwinkeln schräg vorüberzogen und eine leichte Störung dieses Seelenfriedens zu bedeuten schienen. Die Gestalt dieses Mannes, welcher ein geöffnetes Buch in der Hand hielt, in welchem er soeben mit noch unbewaffnetem Auge gelesen hatte, war hoch und breit. So und nicht anders mußten die Recken Carls des Großen gebaut gewesen sein, welche mit größter Leichtigkeit Rüstungen von solcher Schwere trugen, daß ein jeder Andere zur Erde niedergedrückt worden wäre. Seinem Stuhle gegenüber, an dem Pfeiler, an welchem ein hoher und breiter Spiegel befestigt war, stand ein zweites Ruhemöbel, halb Bette und halb Stuhl. In den darauf befindlichen Kissen erblickte man, halb sitzend und halb liegend, eine Frauengestalt, welche nicht weniger Interesse erregte als der vorher Beschriebene. Unter starken und langen schneeweißen Locken, welche jetzt zu einer Art Kranz geflochten waren, erblickte man einen unbeschreiblich schönen Matronenkopf. Zwar zeigte das Gesicht desselben eine krankhafte, fast wächserne Blässe; aber das milde Licht, welches aus den großen, dunklen Augen strahlte, der versöhnliche Ernst, welcher auf der trotz des Alters noch faltenfreien Stirn thronte, die fast noch jugendlich zu nennende Rundung der Wangen, das Kinn, welches weder zu voll noch zu spitz und scharf in den weißen Hals überging, sie bildeten zusammen eine löbliche Demonstration der Wahrheit, daß der Mensch nicht alt werden kann, so lange das Herz gesund bleibt. Nur die Lippen, einst jedenfalls voll, schön entworfen und zum Küssen einladend, waren dünner und bleicher geworden, und ihre etwas zusammengezogene Stellung gegen einander ließ vermuthen, daß diese Greisin in unbewachten und unbeobachteten Augenblicken den Mund heimlich zusammenpresse, um innere Schmerzen zu unterdrücken und zu verbergen, welche von den Ihrigen nicht geahnt und entdeckt werden sollten. Der untere Körper dieser Dame war bis über die Füße herab mit einer wollenen Decke verhüllt. Sollte diese Greisin, deren Auge noch so froh und jugendlich zu lächeln verstand, ein von ihr aus Liebe nicht eingestandenes Leiden in sich tragen, welches von den Füßen auf begonnen hatte, dem Körper die so nothwendige Lebenswärme zu entziehen? Diese Beiden, der Greis und die Matrone, wer waren sie? Hugo von Königsau, der einstige Liebling Blüchers, und Margot, seine Frau, welche das Glück an seiner Seite der Liebe eines Kaisers vorgezogen hatte. Aus dem ehrwürdigen Haare Hugo's lief ein rother, fingerbreiter Streif schräg bis über die Hälfte der Stirn herab. Das war die Narbe jenes verhängnißvollen Hiebes, welcher ihm fast das Leben gekostet und in sein Gedächtniß eine unausfüllbar scheinende Lücke gerissen hatte. Margot hielt die Hände wie zum Gebete gefaltet, aber nicht zu einem Gebete, welches sich in Worte kleidet, sondern zu jenem Gebete, welches unbewußt aus dem Auge blickt, von der Wange strahlt, um die Lippen lächelt und um den ganzen Menschen weht, wie der süße, reine Duft den Kelch der bescheidenen Resedablüthe umzittert. Ihr Auge war auf die Mitte des Zimmers gerichtet, wo ein Knabe auf Händen und Füßen hin und wieder trabte, um den englischen Zelter vorzustellen, auf welchem eine kleine allerliebste Reiterin saß und seinen Rücken mit den quatschigen Fäustchen tractirte, um den armen, bereits schwitzenden Gaul aus dem Trabe gar noch in den Galopp zu treiben. So ein kleines Tausendschönchen weiß eben auch bereits schon ganz genau, daß es sich ungestraft erlauben darf, das gutmüthige stärkere Geschlecht in Zaum und Zügel zu nehmen. Und daneben stand, diese Gruppe betrachtend, mit glückstrahlendem Auge eine liebe, milde Madonnengestalt, die Mutter dieser beiden schönen Kinder, und doch noch so jungfräulich angehaucht, als ob die Liebe noch gar nicht da gewesen sei, ihr Herz, Mund und Sinn zu erschließen – Ida von Rallion, die Frau Gebhardt von Königsaus, welcher leider jetzt in der Ferne weilte. Dieses Stilleben wurde durch den Knecht unterbrochen, welcher eintrat, um eine Karte zu überbringen und dabei zu melden, daß ein fremder Herr angekommen sei und nach Herrn von Königsau gefragt habe. Hugo nahm die Karte, warf einen Blick auf dieselbe und las laut: »Henry de Lormelle. Diesen Namen kenne ich nicht. Hast Du ihn vielleicht einmal gehört, beste Margot?« »Nie,« antwortete die Matrone. »Oder Du, liebe Ida?« »Ich auch nicht, Papa.« »Nun, wir werden ja gleich sehen. Ich bitte den Herrn, einzutreten. Diese Worte waren an den Knecht gerichtet, welcher sich entfernte, um den Fremden herbei zu bringen. Als derselbe eintrat, grüßte er stumm, aber mit einer Verbeugung, welche bewies, daß er gewohnt sei, sich in guter Gesellschaft zu bewegen. Er wurde nicht mit jenen kalten, neugierig oder gar zudringlich fragenden und taxirenden Blicken empfangen, mit denen in manchen Familien der zum ersten Male Zutritt Nehmende begafft, beleidigt oder gar verwundet wird, sondern Königsau legte sein Buch weg, erhob sich, ging ihm entgegen, reichte ihm die Hand und begrüßte ihn französisch, da er aus dem Namen schließen konnte, daß der Besuch ein Franzose sei. »Willkommen, Monsieur de Lormelle! Ich heiße Königsau, und diese Damen sind meine Frau und die Gattin meines Sohnes. Die Enkel spielen dort Cavallerie, was ich gütigst zu entschuldigen bitte. Ebenso mögen Sie verzeihen, daß meine Frau sich nicht erheben kann. Ihr Leiden verhindert sie, Sie anders als sitzend zu begrüßen.« Das klang so warm, so herzlich, als ob der Franzose bereits seit Jahren Bekannter der Familie sei. Er schritt auf Margot zu, küßte ihr die Hand und sagte: »Ich würde es sehr beklagen, wollten Sie sich meinetwegen auch nur eine Spur von Schmerz bereiten, Madame. Gott lasse Sie gesunden durch die Freude, welche Sie an diesem herzlichen Bild haben müssen, eine Freude an welcher die Mama dieser reitenden Cavallerie sicherlich theilnehmen wird!« Dabei deutete er mit der Linken auf die beiden Kinder und ergriff mit der Rechten auch die Hand Idas, um sie zum chevaleresken Gruße an seine Lippen zu ziehen. Das Alles geschah so gewandt, so ungesucht, daß es auf die Familie den besten Eindruck machte. »Nehmen Sie Platz!« meinte Königsau. »Und denken Sie, bei Freunden oder Bekannten zu sein.« Der Fremde verbeugte sich dankend und antwortete deutsch: »Unter Bekannten pflegt man sich der Sprache des Hauses zu bedienen. Gestatten Sie mir, in der Ihrigen zu sprechen und verzeihen Sie mir die Regelwidrigkeiten, welche zu unterlassen, ich nicht vermögen werde.« »Wir werden möglichst milde Richter sein,« meinte Margot, indem sie ihm mit einem freundlichen Lächeln zunickte. »Davon bin ich überzeugt,« antwortete er. »Ich werde ja bereits im ersten Augenblicke von der angenehmen Gewißheit berührt, mich einem Familienkreise genähert zu haben, in welchem Liebe, Güte und Milde das Scepter führen. Dies ist mir um so wohlthuender, als ich wirklich in der Ueberzeugung, hier einen Freund zu finden, um Erlaubniß zum Zutritt ersuchte.« »Einen Freund?« fragte Ida. »O, da ist es ja nicht anders möglich, als daß Sie meinen Gatten meinen.« »Gebhardt?« fragte die Matrone. »Solltest Du richtig rathen?« »Die gnädige Frau hat sich nicht geirrt,« sagte Henry. »Ich berührte auf meiner Reise nach Petersburg diese Gegend und erinnerte mich dabei der Heimath meines Freundes Gebhardt von Königsau, welchen ich in Algerien kennen gelernt habe.« »In Algerien?« fragte Hugo. »Herr de Lormelle, Sie bereiten uns da eine höchst angenehme Ueberraschung. Mein Sohn ist leider gegenwärtig von der Heimath abwesend, aber Sie sollen trotzdem in Ihrer Ueberzeugung, hier Freunde zu finden, nicht getäuscht werden. Ich heiße Sie nochmals und zwar von ganzem Herzen willkommen.« Er gab ihm die Hand zum zweiten Male und fuhr dann fort: »Sie lassen uns doch hoffen, daß Petersburg Sie nicht gar zu sehnlichst erwartet?« »Ich reise allerdings nur zum Vergnügen,« antwortete Henry, »werde aber in der Stadt an der Newa doch vielleicht bereits erwartet.« »O, was das betrifft, so hat man jenseits der Grenze genugsam gelernt, sich in Geduld zu üben. Eine kurze Ruhepause auf Breitenheim wird Ihnen wohl erlaubt sein. Nicht wahr, Richardt?« Diese letztere Frage war lächelnd an den Knaben gerichtet worden, welcher sein Schwesterchen abgeworfen hatte, um herbei zu treten und, die Hände auf den Rücken gelegt, mit komisch wirkender Kennermiene den Fremden zu betrachten. »Es wird sich gleich finden, ob ich es ihm erlaube, lieber Großpapa,« antwortete der Knabe wichtig. »So, so!« lachte der Großvater und Alle stimmten in sein Lachen ein. Der kleine Richardt aber blieb ernsthaft und fragte: »Sie haben meinen Papa gesehen, Monsieur?« »Ja,« antwortete Henry, sich zu gleichem Ernste zwingend. »Hat er Sie lieb gehabt?« »Ja, und ich ihn auch, wie ich gern gestehen will.« »Nun, das ist die Hauptsache, und so können Sie also hier bleiben. Gerade der gravitätische Ernst, mit welchem diese Worte ausgesprochen wurden, wirkte so Heiterkeit erregend, daß es gar nicht möglich war, an Worte wie »kindlich vorlaut« oder »von den Eltern verzogen« zu denken. Die ausdrücklich gegebene Genehmigung des Kindes, daß der Gast dableiben dürfe, bildete den Ausgangspunkt eines sehr animirten Gespräches, an welchem Alle gleich Antheil nahmen. Das kleine Enkelchen war in den Schooß der Mama geklettert; Richardt aber hatte sich in eine Ecke zurückgezogen und sich auf die unterste Stufe einer Treppenleiter gesetzt. Indem er dort eine Bildermappe durchstöberte, schien es, als ob er seine Aufmerksamkeit ganz allein auf diese richte; aber doch schweiften seine Augen häufig zu dem Gaste hinüber und blieben an dem Gesichte desselben hangen. Niemand bemerkte dies, als nur der allein, dem diese Blicke galten. Später wurden dem Franzosen zwei Zimmer angewiesen, wobei man ihn bat, sich zunächst von der unbequemen Fahrt auszuruhen. Als er sich dort allein und ungestört wußte, trat er an den Spiegel, um sein Ebenbild zu studiren. Fortsetzung 48 Der Gast der Familie Königsau schien in der Musterung seiner äußeren Erscheinung sehr zufrieden zu sein; denn ein siegesbewußtes Lächeln spielte um seine Lippen, als er sich vom Spiegel wandte. »Hm!« brummte er. »Ich finde gar nichts Auffälliges an mir. Ich bin vollständig überzeugt, bei Allen einen recht guten Eindruck hervorgebracht zu haben, und da man sagt, daß der erste Eindruck der richtige und maßgebende sei, so kann ich mit meinem hiesigen Debut sehr zufrieden sein. Warum aber brachte dieser Knabe die Augen gar nicht von mir weg? Ist es wahr, was man sagt, daß das Ahnen des Kindes in der Beurtheilung des Menschen glücklicher sei als oft der Scharfblick eines Menschenkenners? Der Junge scheint intelligent zu sein; er kann mich nicht leiden. In seiner Naivität erlaubte er mir nur aus dem Grunde dazubleiben, weil sein Vater mich lieb gehabt habe. Es ist klar: Er hat eine Antipathie gegen mich, und da es Eltern giebt, welche gern auf Regungen ihrer Kinder achten, ja sogar nach diesen Regungen handeln, so ist der Junge das einzige Glied dieser Familie Königsau, welches mir Besorgniß einflößen könnte. Ich werde ihm mehr Aufmerksamkeit schenken müssen als seinen Verwandten.« Nach diesem Selbstgespräch begann er, es sich bequem zu machen; doch war die Einsamkeit, in welcher er sich befand, von keiner langen Dauer, denn er wurde bereits nach kurzer Zeit zum Mahle gebeten, welches man des Gastes wegen auf eine andere Stunde verlegt hatte. Er war Diener vornehmer Häuser gewesen und hatte sich als solcher genug Gewandtheit und Lebensanschauung angeeignet, um die Rolle eines Mannes der vornehmen Gesellschaft spielen zu können. Es gelang ihm auch das Vertrauen der Familie zu gewinnen, mit alleiniger Ausnahme des Knaben, welcher sich zu seinen Liebkosungen und geschickt angebrachten Schmeicheleien sehr abweisend verhielt, fast in der Weise, wie verzogene Kinder sich zu Personen zu verhalten pflegen, denen es nicht gelungen ist, ihre Zuneigung zu gewinnen. Der Tag wurde im Familienkreise verbracht, da anzunehmen war, daß der Gast von der Reise ermüdet sei. Aber bereits am anderen Vormittage fragte Königsau ihn, ob es ihm genehm sei, einen kleinen Ritt mitzumachen, da er im Begriff stehe, die Feldarbeit zu inspiciren. Natürlich schloß der Franzose sich ihm an. Er hoffte, daß während des Rittes das Gespräch auf das Thema kommen werde, welches bisher noch nicht berührt worden war, obgleich Henry sehr viel daran lag, den Gegenstand zur Sprache gebracht zu sehen. Großvater Königsau erwies sich als ein, trotz seines Alters, noch sehr guter und sicherer Reiter. Der Franzose, welcher in dieser Kunst keine sehr große Uebung besaß, hatte Mühe, mit ihm gleichen Schritt zu halten und eine Blamage zu vermeiden. In einem kleinen Vorwerke wurde Halt gemacht und ein Imbiß genommen. Im Verlaufe des beinahe frugalen Dejeuners meinte Henry: »In der Bewirthschaftung größerer Complexe sind die Deutschen den Franzosen doch entschieden überlegen. Finden Sie das nicht auch, Herr von Königsau?« Der Gefragte antwortete langsam und bedächtig: »Ich möchte das nicht so ungeprüft gelten lassen, denn es entgehen mir die Erfahrungen, um hier einen entscheidenden Vergleich ziehen zu können. Wollte ich nach Ihren Worten gehen, so müßte ich schließen, daß die Franzosen uns in der Bewirthschaftung kleinerer Liegenschaften überlegen sind.« »Das ist es, was ich meine.« »Nun, das liegt doch wohl weniger in den individuellen Eigenschaften, oder gar in der Verschiedenheit des Nationalcharakters, sondern vielmehr an den wirthschaftlichen Zuständen der beiden Länder. Frankreich ist ein Wein bauendes Land, und bei dieser Art der Fruchtgewinnung ist der Parzellenbau ein einträglicherer.« »Sie mögen Recht haben; doch wenn ich denke, in welcher musterhaften Ordnung sich Ihre Besitzung befindet, so habe ich doch alle Lust, meine vorhergehende Behauptung aufrecht zu erhalten. Es muß eine wahre Lust sein, sich den Besitzer einer solchen Liegenschaft nennen zu können.« »Ach, mein lieber Herr de Lormelle, das klingt ja, als ob Sie sich nicht im Besitze eines Gutes befänden.« »Meine Familie ist nicht nur wohlhabend, sondern sogar reich, sehr reich; aber Sie wissen, wir Franzosen sind Genußmenschen, und wenn wir ja arbeiten, so beschäftigen wir uns lieber mit Kunst und Wissenschaft, mit Literatur und Politik, als mit der Zerkleinerung der Ackerscholle, welcher wir doch nichts weiter abzuringen vermögen als die höchst prosaische Frucht der Kartoffel, der Rübe oder des Kohles.« »Aber doch sind diese höchst prosaischen Früchte unbedingt nothwendig. Auch die Kunst und Wissenschaft, die Literatur und sogar in gewisser Beziehung die Politik beschäftigen sich mit ihnen.« »Ich gebe das gern zu, möchte aber doch lieber eine Gruppe dieser Früchte auf Leinwand malen, oder ein Buch über den materiellen Anbau der Kartoffel schreiben, als gezwungen sein, diese schmutzige Knolle aus der Erde zu wühlen.« »Wer ein solches Buch schreiben will, darf die Kartoffel nicht nur auf der Leinwand eines Malers gesehen haben. Das Leben des Landmannes ist ein vorzugsweise nüchternes und mühevolles, ich gebe das zu; aber es hat auch seine Lichtseiten. Es bewahrt vor Oberflächlichkeit und Zerstreuung, es macht den Menschen gewissenhaft und ernst; es giebt ihm Liebe zur Heimath und lenkt sein Denken und Sinnen auf den Schöpfer und Erhalter aller Dinge. Lasse ich das Korn meines selbst erbauten Roggens oder Weizens durch die Finger gleiten, so fühle ich dieselbe Genugthuung, welche den Künstler erfüllt, wenn ihm eine Frucht seiner Phantasie gerathen ist.« »Von dieser Seite aus habe ich die Landwirthschaft allerdings noch nicht betrachtet. Ich bin zufrieden, wenn meine Verwalter und Pächter ihre Gelder zahlen. Das Gold, welches dann durch meine Finger rinnt, ist mir werthvoller als das Gold der Aehren und Körner.« »Und doch ist es wahr, daß dieses eine Gold ohne das andere eine Chimäre sein würde. Das Metall ist nur ein Tauschmittel; die Landwirthschaft aber ist es, welche mit ihren Erträgnissen und Preisen die wahren, wirklichen Werthe bestimmt.« »Sie sind, wie ich höre, Nationalöconom, ich aber bin es nicht und darf mich also auf keine Controverse einlassen. Aber sollte es in Wahrheit sein, daß das Landleben die Liebe zur Scholle, also auch die Liebe zum Vaterlande, den Patriotismus groß zieht?« »Es ist so.« »Dann müßten Sie Ihre Besitzung außerordentlich lieb haben.« »Sie ist mir werth und theuer.« »So, daß Sie dieselbe nie veräußern würden?« »Ich würde mich nur sehr schwer von ihr trennen.« »Selbst wenn Ihnen bedeutende Vortheile geboten würden?« »Es käme darauf an, welche Bedeutungen diese Vortheile für mich hätten. Ich befinde mich gerade gegenwärtig in der Lage, über diesen Gegenstand reiflich nachzudenken.« Der Franzose sah sich nun auf dem Wege, welchen er hatte einschlagen wollen. »Ah!« meinte er. »Wieso, Herr von Königsau?« »Man will mir meine beiden Besitzungen abkaufen.« »Dann muß der Käufer reich sein.« »Er ist es.« »Jedenfalls ein Bewohner der Umgegend, welcher den Werth Ihres Eigenthums genau kennt?« »Nein, sondern ein Fremder, ein Russe.« »Was hat er für einen Grund, sich hier ansiedeln zu wollen?« »Ich weiß es nicht und habe auch kein Recht, darnach zu fragen. Ich habe erfahren, daß ihm die Gegend gefällt und daß er sich sehr eingehend nach dem Zustande meiner Besitzungen erkundigt hat.« »Ich bin überzeugt, daß er nur Vortheilhaftes erfahren konnte.« »Das ist allerdings der Fall. Er hat sich dann durch einen Berliner Agenten an mich gewendet.« »Durch einen Berliner? Ist das nicht vielleicht ein Umstand, welcher Veranlassung giebt, vorsichtig zu sein?« »Es giebt überall ehrliche und unehrliche Leute. Von diesem Agenten aber weiß ich, daß er sich in der Geschäftswelt keines ungünstigen Rufes erfreut.« »Ich wäre wirklich neugierig zu erfahren, ob dieser Russe geneigt ist, gut zuzahlen. Die Russen pflegen im Geldpunkte nicht immer anständig zu sein.« »Was das betrifft, so hat mir dieser Herr ein Gebot thun lassen, welches mich wirklich in Verlegenheit brachte.« »Wieso?« »Das Gebot beträgt über hunderttausend Thaler mehr, als meine Liegenschaften werth sind.« »Ah!« machte der Franzose im Tone des Erstaunens. »Ja, ich füge hinzu, als sie sogar unter Brüdern werth sind.« »Was gedenken Sie, zu thun?« »Ich habe nie daran gedacht, zu verkaufen. Ich bin mit meinem Besitze zu sehr verwachsen, als daß ich mich so leicht von ihm trennen könnte.« »Selbst bei Ihrem Alter? Sie entschuldigen die Frage!« »O, ich nehme sie Ihnen gar nicht übel, denn ich habe sie mir ja selbst bereits vorgelegt. Es ist wahr, ich habe jedenfalls kein Jahrzehnt mehr zu leben und muß mich also endlich doch von dem Acker trennen, den ich bebaute; aber ich überlasse ihn meinem Sohne. Das ist etwas ganz Anderes, als ihn in fremden Händen zu sehen.« »Im anderen Falle aber hinterlassen Sie Ihrem Sohne über hunderttausend Thaler mehr.« »Das fällt allerdings ins Gewicht. Dazu kommt der Umstand, daß ich gerade jetzt Gelegenheit hätte, eine Besitzung zu erwerben, welche ich baar bezahlen könnte, obgleich sie bedeutend mehr werth ist als die meinige.« »So würde ich zugreifen.« »Dieser Gedanke liegt allerdings sehr nahe, doch ist es mir unmöglich, auf eigene Faust zu handeln.« »Sie sind ja selbstständig.« »Ein Gatte und Vater ist niemals selbstständig. Ich kann das Erbe meines Sohnes nicht veräußern, ohne demselben Nachricht davon zu geben.« »Das müssen Sie allerdings schleunigst thun.« »Ich habe es auch bereits gethan, und zwar augenblicklich, nachdem ich dieses vortheilhafte Gebot entgegengenommen hatte.« »Ich befürchte, daß Sie diesen vortheilhaften Handel doch zurückweisen werden.« »Warum?« »Ihr Herr Sohn befindet sich ja im Oriente.« »Sie meinen, daß seine Entscheidung, seine Antwort zu spät eintreffen werde?« »Das ist es allerdings, was ich sagen wollte. Unsere Verbindungen, nämlich die postalischen, sind höchst mangelhaft.« »Zufälliger Weise befindet Gebhardt sich gegenwärtig an einem Orte, mit welchem man telegraphisch verkehren kann.« »So haben Sie also telegraphirt?« »Natürlich. »Und die Antwort bereits erhalten?« »Noch nicht, obgleich sie längst da sein könnte. Jedenfalls handelt es sich dabei um eine zufällige und kurze Abwesenheit meines Sohnes von diesem Orte, und ich erwarte alle Augenblicke, den Telegraphenboten zusehen.« »Bei dem regen Antheile, den ich an Ihnen und Ihrer lieben Familie nehme, bin ich wirklich neugierig, wie die Antwort meines Freundes Gebhardt lauten wird.« »Ich vermuthe, daß sie zustimmend lauten werde.« »Haben Sie einen Grund dazu?« »Ja. Es war ihm störend, so weit entfernt von der Hauptstadt wohnen zu müssen, so oft er sich in der Heimath befand. Seine wissenschaftliche Stellung bringt es mit sich, mit den Capacitäten, welche da weilen, in naher Berührung zu sein. Und sodann liegt die Besitzung, welche ich gerade jetzt so billig kaufen könnte, an der Bahn, nur wenige Stunden von Berlin entfernt, welches man also in kürzester Zeit erreichen könnte. »Das ist allerdings vortheilhaft. Jetzt bin ich beinahe überzeugt, daß die Antwort Gebhardts zustimmend lauten wird. Werden Sie in diesem Falle verkaufen?« »Ich würde, aber ich bin noch von anderer Seite gebunden. Hat mein Sohn, während Sie in Algier mit ihm verkehrten, Ihnen erzählt, wie ich in den Besitz des Gutes Breitenheim gekommen bin?« »Ich glaube, mich entsinnen zu können,« antwortete der Franzose nachdenklich. »Erhielten Sie es nicht von Marschall Blücher?« »Durch seine Vermittelung. Breitenheim ist ein Geschenk des damaligen Königs.« »Ah, ja! Sie hatten sich ausgezeichnet!« »Was man geschenkt erhält, darf man nicht veräußern. Ich habe die Verpflichtung, und zwar in moralischer Beziehung, Breitenheim festzuhalten.« »O weh! Sie müssen also den Ihnen gebotenen Vortheil von der Hand weisen?« »Vielleicht auch nicht. Es gilt allerdings eine Anfrage an der betreffenden Stelle, ob der Verkauf des Gutes dort ungnädig bemerkt werde.« »Haben Sie diese Anfrage thun lassen?« »Ja. Ich habe den Auftrag dazu brieflich ertheilt, und zwar noch bevor ich meinem Sohne telegraphirte.« »Müßte die Frage nicht von einer einflußreichen Person ausgesprochen werden?« »Allerdings. Ich habe einen Verwandten – – ah, Sie müssen ihn doch auch kennen. Haben Sie den Namen Goldberg gehört?« Henry war vorzüglich unterrichtet. Er antwortete sofort: »Natürlich. Gebhardt hat mir von einem Freunde erzählt, welcher diesen Namen trägt. Und dann später erzählte er mir in dem einzigen Briefe, welchen ich von ihm besitze, daß dieser Herr von Goldberg die Schwester Ihrer Frau Schwiegertochter heimgeführt habe.« »Ja, dieser Goldberg ist es, den meine ich. Er wohnt in Berlin und erscheint bei Hofe, wo er nicht ungern gesehen wird. Er ist die geeignetste Person, diese Angelegenheit in Ordnung zu bringen.« »Dann darf ich Ihnen bereits im Voraus gratuliren.« »O, thun Sie das nicht zu früh?« »Sie meinen, daß eine der beiden Antworten ablehnend ausfallen könne?« »Nein, obgleich die Möglichkeit dazu immerhin vorhanden ist. Ich weiß nicht, ob der Russe zahlen wird, was ich verlange.« »Donner und Wetter. Sie wollen noch mehr profitiren als hunderttausend Thaler?« Henry machte bei dieser Frage ein sehr erstauntes Gesicht. Ihm schien es ganz unmöglich, daß Jemand einen so hohen Gewinn von sich weisen könne. Und zugleich trat bei ihm die Besorgniß ein, daß aus dem Handel nichts werden könne. In diesem Falle war es ihm auch unmöglich, den Streich auszuführen, um dessen willen er nach Deutschland gekommen war. Er wollte nicht nur Königsau, sondern auch seine beiden Auftraggeber betrügen: Den alten Capitän und den Grafen Rallion. »Glauben Sie,« antwortete Königsau, »daß diese Hunderttausend ein hinreichendes Aequivalent sind für das, was ich aufgebe, wenn ich einen Ort verlasse, der mir und meiner Familie so lieb, so theuer geworden ist?« »Sie werden Ihre spätere Heimath ebenso lieb gewinnen.« Königsau schüttelte unter einem milden, trüben Lächeln den Kopf. »Nein, niemals!« antwortete er. »Ich bin zu alt, um mich anderswo noch mit meinem Herzen einleben zu können.« »So wollen Sie den Preis höher stellen?« »Ja.« »Wenn aber der Russe zurücktritt?« »So mag er es thun. Ich bin zum Verkaufe ja nicht gezwungen. Wenn er noch fünfzigtausend Thaler zulegt, werde ich auf den Handel eingehen, sonst aber nicht.« »Das scheint mir zu viel zu sein.« »Tragen Sie keine Sorge. Ein Mann, der es gerade auf mein Besitzthum abgesehen hat, wird geben, was ich verlange.« Henry wagte keine weitere Bemerkung. Ihm war es auch nicht unwahrscheinlich, daß Rallion und Richemonte auf die Forderung Königsau's eingehen würden. In diesem Falle war er selbst es, welcher die Summe in den Säckel strich. Jetzt wurde der Ritt, welcher den ganzen Vormittag in Anspruch nahm, fortgesetzt, ohne daß der Gegenstand des beendeten Gespräches wieder in Erwähnung kam. Dieses Letztere sollte aber schon sogleich bei ihrer Rückkehr geschehen; denn kaum waren sie eingetreten, so nickte Margot, die Großmama, ihrem Manne freundlich und verheißungsvoll zu und meinte: »Ich habe eine Ueberraschung für Dich, lieber Hugo.« »Eine gute?« fragte er. »Ja. Rathe.« »Ein Brief unsers Goldberg?« »Nein.« »Nun, so ist es eine Depesche von Gebhardt?« »Richtig gerathen!« stimmte sie bei. »Wo ist sie? Habt Ihr sie bereits gelesen?« »Nein. Oder hätte ich mir jemals erlaubt, mich Deiner Correspondenz zu bemächtigen? Die Depesche ist ja an Dich adressirt. Hier hast Du sie.« Sie zog sie unter der Decke hervor, mit welcher sie sich auch heute eingehüllt hatte. Es waren alle Glieder der Familie anwesend. Auch auf dem Gesichte Idas, der Schwiegertochter, war die neugierige Erwartung zu lesen, was ihr Mann antworten werde. Königsau öffnete das Papier und las. »Nun, was antwortet er?« fragte er die beiden Damen. »Lies vor, lies vor!« baten sie. »Gut! Hier steht kurz und bündig: »Verkaufe. Ich befinde mich wohl. Brief längst unterwegs. Grüße und Küsse von mir!« Er willigt also ein. Ist Dir dies lieb, Margot?« Sie strich sich mit der Rechten langsam über das Haar und antwortete dann beinahe leise, damit man ihrer Stimme die Bewegung nicht anhören möge: »Ihr wißt ja, daß ich da glücklich bin, wo Ihr es auch seid.« Hugo kannte sie aber zu gut. Er trat an sie heran, küßte sie auf ihre Lippen und sagte: »Ich weiß das, Margot. Bist Du mir doch aus dem Vaterlande in die Fremde gefolgt. Gehen wir auch fort von hier, so werden wir uns doch nicht verlassen. Billig aber verkaufe ich den Ort, an welchem wir so glücklich gewesen sind, auf keinen Fall.« Damit war der Gegenstand für jetzt erledigt. – Im besten Gasthofe des Städtchens Rastenburg wohnte Graf Rallion, welcher hier aber anders genannt wurde, weil er sich unter einem fremden Namen eingetragen hatte. Die Zeit des Wartens wurde ihm ungeheuer lang. Er gab sich zwar Mühe, sich mit der Lectüre des kleinen Stadtblättchens zu zerstreuen, aber er konnte dem Inhalte desselben kein Interesse abgewinnen. Eben stand er im Begriffe es mißmuthig fortzuwerfen, als von draußen an die Thür geklopft wurde. »Herein.« Zwei Männer traten ein. Der Eine war der Jude Samuel Cohn, den Andern hatte der Graf noch nicht gesehen. Der Inhaber des Bankgeschäftes und der Länderagentur grüßte mit einer demüthigen Verbeugung, welche sein Begleiter nachahmte und sagte dann: »Hier bin ich im Begriff, zu bringen dem Herrn Grafen Rallion den Herrn, welcher wird kaufen die Güter, um sie zu verkaufen sofort wieder dem Herrn Grafen, damit dieser werde Königlich preußischer Unterthan mit zwei Rittergütern, von denen das eine ist ein Andenken an den großmächtigen Marschall Blücher, welcher ist gemacht worden zum Fürsten von Wahlstadt, weil er – –« »Unsinn!« rief ihm der Graf ärgerlich entgegen, und wehrte seinen Wortschwall mit einer Geberde des Unwillens ab. »Keine unnöthigen Worte machen,« setzte er hinzu. »Wer sind Sie?« Mit dieser letzteren Frage wendete er sich an den Fremden. Dieser wiederholte seine tiefe Verbeugung von vorhin und antwortete: »Graf Smirnoff ist mein Name.« Rallion zog die Augenbrauen zusammen. Der Fremde trug zwar einen feinen Anzug, doch war es zu verwundern, daß sich ein Graf bereit finden ließ, ein Geschäft wie das in Rede stehende zu übernehmen. »Sie sind Russe?« fragte er ihn. »Nein, Pole.« »Exilirt?« »Ja.« »Können Sie sich legitimiren?« »Vollständig. Da es sich um einen Kauf handelt, habe ich mich mit den nöthigen Documenten versehen.« »Sind Sie bemittelt?« »Leider, nein.« »Herr Cohn hier hat Ihnen bereits mitgetheilt, um was es sich handelt?« »Ich bin vollständig informirt.« »Wie hoch schätzen Sie Ihre Beihilfe?« »Es sind mir zweitausend Thaler geboten worden.« »Sie werden diese Summe allerdings erhalten, aber nur dann, wenn das Geschäft wirklich zu Stande kommt. Welche Sicherheit aber gewähren Sie mir, daß Sie mir die beiden Güter factisch übergeben, nachdem sie von mir auf Ihren Namen bezahlt worden sind?« »Mein Ehrenwort.« Es war ein fast höhnisches Lächeln, welches der Graf jetzt sehen ließ; aber dennoch klang seine Stimme höflich, als er bemerkte: »Ich ziehe Ihr Ehrenwort auf keinerlei Weise in Zweifel; aber Sie werden zugeben, daß einer solchen Summe gegenüber schwere Garantieen erforderlich sind.« »Ich wußte keine andere, da ich nicht reich bin.« »Nun, so weiß ich eine. Sie erhalten, sobald der Handel abgeschlossen ist, die Kaufsumme gegen die Acceptation eines Wechsels auf Sicht und auf die gleiche Summe lautend. Sobald ich Ihnen das Object abgekauft habe, bezahle ich es mit diesem Wechsel und lege baare zweitausend Thaler zu. Sind Sie einverstanden?« »Jawohl.« »Sollten Sie zögern, so präsentire ich den Wechsel und pfände Ihnen die Güter ab. Die zweitausend Thaler büßen Sie dann ein!« Da ergriff der Jude das Wort: »O, der Herr Graf de Rallion kann sicher sein, daß ich mir einen Herrn ausgesucht habe, welchem Vertrauen zu schenken ein Jeder bereit sein kann auch ohne zu kennen die Verhältnisse, von denen der Herr Graf von Smirnoff ist gezwungen worden, einzugehen ein Geschäft, von dem er sich sagt, daß es ihm –« »Unsinn!« fiel ihm Rallion in die Rede. »Sie wissen, daß ich unnütze Reden nicht leiden kann. Wann sind Sie zu Königsau bestellt worden?« »Es wurde kein bestimmter Tag genannt. Er wollte eine Antwort aus Berlin erwarten.« »Kann er diese erhalten haben?« »Sie kann bei ihm sein.« »So ist es besser, abzureisen. Was haben Sie hier zu thun?« »Nichts. Nur den Grafen de Rallion wollte ich sprechen, um ihm vorzustellen den erlauchten Grafen von Smirnoff, damit zu Stande komme die Uebereinkunft wegen dem –« »Gut, gut! Wie ich höre, haben Sie hier nichts zu thun. Ich habe den Herrn Grafen Smirnoff kennen gelernt, und wir sind also fertig. Reisen Sie ab und benachrichtigen Sie mich sofort, wenn Sie das Geld brauchen.« »So möchte ich sagen, daß die Entfernung zu groß ist, um das Geschäft schnell zu Stande zu bringen. Möchten der Herr Graf nicht näher zu den Königsau's herankommen?« »Ich will mich nicht von ihnen sehen lassen.« »Wenn Sie mit nach Drengfurth gehen, so werden Sie nicht in die Gefahr kommen, gesehen zu werden. Es ist noch Platz in unserm Wagen.« Rallion machte eine abwehrende Handbewegung. »Geht eine Post von hier nach Drengfurth?« fragte er. »Jedenfalls.« »So fahre ich per Post. Sie können sofort abreisen.« Der Jude entfernte sich mit seinem Begleiter, nachdem vorher der Gasthof bestimmt worden war, in welchem man sich in dem angegebenen Orte treffen wollte. Dann erkundigte sich Rallion nach der Post und erfuhr, daß dieselbe erst am nächsten Morgen abgehen werde. Er entschloß sich, sie zu benutzen. Es war noch dunkel, als er sich einfand, um den Fahrschein zu lösen. Es währte nur noch kurze Zeit bis zum Abgange, und der Postillon saß bereits auf dem Bocke. Er erfuhr, daß nur noch ein einziger Passagier mitfahren werde. Als er sich zum Einsteigen anschickte, saß dieser Passagier bereits im Fond des Wagens. »Rücken Sie zu!« gebot der Graf in befehlendem Tone. Der Schein der Wagenlaterne fiel dabei auf sein Gesicht, so daß der Andere dasselbe deutlich erkennen konnte. »Wieso?« fragte er. »Ich bin nicht gewöhnt, verkehrt zu fahren!« »Ich auch nicht!« meinte der im Wagen Sitzende ruhig. »Ich habe meinen Schein gelöst und bezahlt.« »Ich auch.« »Herr, ich bin Edelmann.« »Herr, ich auch.« » Mille tonnerres! Ich werde mit dem Postillon sprechen.« »Ich nicht.« Der Graf trat zum Kutscher und befahl ihm: »Sorgen Sie dafür, daß ich den Platz erhalte, welcher mir gebührt.« Der Rosselenker streckte den Arm phlegmatisch aus und antwortete: »Her damit.« »Was?« fragte Rallion erstaunt. »Den Fahrschein.« »Ah, so! Hier!« Er reichte ihm das Papier hinauf. Der Kutscher hielt es an die Laterne und gab sich Mühe, den Inhalt zu entziffern. »Lautet auf Nummer Zwei. Das ist der Platz in der linken Ecke auf dem Hintersitze. Die rechte Ecke hat der andere Herr auf Nummer Eins, die er sich bereits gestern Abend gelöst hat. Wenn Ihnen Ihr Platz nicht paßt, können Sie sich auf den Rücksitz setzen, da blos zwei Personen da sind.« »Was fällt Ihnen denn ein! Ich bin – –« Da fiel ihm der Kutscher schnell in die Rede: »Was mir einfällt? Daß Sie Passagier Nummer Zwei sind, das fällt mir ein. Darum bekommen Sie den Platz Nummer Zwei. In einer halben Minute geht es fort. Wer da noch nicht eingestiegen ist, der bleibt stehen. Pasta.« Der Graf wäre am Liebsten zurückgeblieben, aber er hatte auch nicht Lust, noch einen Tag bis zur nächsten Post zu warten. Darum stieg er mit seinem Handköfferchen ein, welches die Summe enthielt, die er für den beabsichtigten Kauf zu brauchen gedachte. Aber sich schweigend zu fügen, dazu war er nicht der Mann. »Sie sagen, daß Sie Edelmann sind?« fragte er den andern Passagier, nachdem er diesem gegenüber Platz genommen hatte. »Ja,« antwortete er kurz. »Nun, ich bin sogar Graf!« »Ich sogar auch.« »Herr, ich werde Satisfaction von Ihnen verlangen.« Der Andere stieß ein höhnisches, kurzes Lachen aus als einzige Antwort, welche er gab. »Haben Sie es gehört?« fragte Rallion. »Sehr.« »Nun, Ihre Antwort.« »Haben Sie gehört: Ich lache.« »Herr!« knirrschte Rallion. »Wissen Sie, was man unter Satisfaction versteht?« »O, sehr genau.« »Daß Sie sich mit mir schlagen werden!« »Schön. Das sollte mir ein Gaudium sein. Aber ich befürchte nur, es wird nichts daraus.« »Dann sind Sie ein Feigling, ein Elender!« »Ich wohl nicht, aber Sie.« »Monsieur, Sie scheinen unzurechnungsfähig zu sein.« »Nein, sondern ich scheine nur zu wissen, mit wem ich es zu thun habe.« »Nun, mit wem?« »Mit einem Menschen, welcher beim Anblicke eines Degens in Ohnmacht fällt und, wenn er das Wort Pistole hört, davon läuft.« Der Graf fühlte sich frappirt. Aber er befand sich hier in der Fremde. Wer sollte ihn kennen. Er antwortete: »Ich wiederhole, daß Sie unzurechnungsfähig sind.« »Und ich sage Ihnen, daß ich keine Lust habe, mich mit Ihnen zu zanken. Ich bin müde und werde schlafen, bis der Tag anbricht. Dann werde ich mich Ihnen vorstellen, unser Gespräch fortzusetzen. Sagen Sie aber jetzt noch ein einziges Wort zu mir, so gebe ich Ihnen eine solche Ohrfeige, daß Ihr ganzer werther Corpus durch die Kutschwand hinaus auf die Straße fliegt.« Diese Worte waren in einem solchen Tone gesprochen, daß es Rallion angst und bange wurde. Es war ihm, als ob er trotz der im Wagen herrschenden Dunkelheit den Arm seines Gegenüber bereits in Bewegung sehe. Daher verzichtete er auf jedes weitere Wort und legte sich so bequem wie möglich auf seinen Sitz zurück. So verging die Zeit in völliger Schweigsamkeit. Die Räder mahlten im tiefen Sande, und zuweilen ließ sich ein kurzer Zuruf des Kutschers hören. Es war dem Grafen nicht ganz geheuer; aber die im Wagen herrschende Stille, verbunden mit dem eintönigen Geräusche der Bewegung übte eine einschläfernde Wirkung auf ihn aus. Er faßte sein Köfferchen mit den Händen, drückte es an sich und – – schloß die Augen. Als er sie wieder öffnete, war es hell geworden. Sein erster Blick galt natürlich dem Manne, welcher ihm gegenüber saß. Er konnte von demselben nichts erkennen als ein paar Stiefel, eine Reisemütze und einen weiten Mantel, welcher hoch emporgezogen war. Ganz oben, zwischen Mütze und Kragen, blickten zwei dunkle Augen hervor. Sobald aber der Inhaber dieser Augen jetzt bemerkte, daß der Graf seinen Schlummer unterbrochen habe, ließ er den Mantel herab und gab ein aristokratisch feines Gesicht zu sehen, welches von einem dichten, dunklen Vollbarte eingerahmt wurde. Rallion kam es vor, als ob er dieses Gesicht bereits einmal gesehen habe, aber er konnte sich nicht entsinnen, wo und wann dies geschehen sein solle. Jetzt zog der Andere ein Etui hervor und steckte sich, ohne um Erlaubniß zu fragen, eine Cigarre an. Dann ließ er das eine Wagenfenster herab und blickte hinaus, um zu sehen, wie weit man gekommen sei. Als er nach einer kurzen Weile den Kopf zurückzog, warf er einen halb höhnischen, halb feindseligen Blick auf den Grafen und sagte: »So, mein Herr, der Sie ein Graf sein wollen, jetzt können wir unser Gespräch fortsetzen. Vorher war es dunkel und ich liebe es, Demjenigen, der mich fordert, in das Gesicht zu sehen.« »Ich ebenso.« »Das bezweifle ich. Sie haben nur Muth, im Dunklen zu intriguiren. Sie sind ein Schuft, ein Schurke, ein Lump, bei dessen Anblicke es Einem ist, als ob man eine häßliche Spinne entdecke. Ich sage Ihnen das aufrichtig in das Gesicht, bin aber überzeugt, daß Sie mich nicht zur Rechenschaft ziehen, sondern vor mir ausreißen werden.« Das Gesicht des Grafen war todtesbleich geworden. Er ballte beide Fäuste und antwortete: »Hielte ich nicht meine bereits ausgesprochene Meinung, nämlich daß Sie unzurechnungsfähig sind, für die richtige, so sollten Sie erfahren, welche Antwort ich auf solche Worte gebe.« »Pah! Natürlich werden Sie diese Meinung aufrecht erhalten, damit Sie einen Grund haben, sich zurückzuziehen; aber ich lasse Ihnen die Flucht nicht gelingen. Daß Sie den besten Platz im Wagen beanspruchten, beweist, daß Sie weder Lebenserfahrung noch Höflichkeit besitzen. Daß Sie mich forderten, weil ich meinen Sitz behielt, brächte einen jeden Andern, nur mich nicht, auf den sehr berechtigten Gedanken, daß Sie entsprungener Irrenhäusler sind. Ich hätte Ihnen die Ohrfeige, welche ich Ihnen anbot, nicht nur angedroht, sondern auch wirklich gegeben, aber ich habe es nicht gethan aus Rücksicht auf den unglücklichen Umstand, daß Sie leider mein Verwandter sind.« Der Graf machte eine Bewegung der Ueberraschung. »Ich? Ihr Verwandter?« fragte er. »Sie träumen?« »Ich bin vielmehr sehr wach. Sie sind doch jedenfalls der brillante Graf Jules Rallion, nicht?« »Teufel. Woher wissen Sie das?« »Mein lieber, lieber Cousin, fragen Sie doch nicht so dumm. Gerade weil ich Sie so genau kenne, weiß ich auch, was Ihre Forderung, Ihr Verlangen nach Satisfaction zu bedeuten hat. Sobald ich mich bereit zeige, mich mit Ihnen zu schlagen, werden Sie hier durch das Fenster springen und querfeldein laufen, so lange, bis der Postwagen nicht mehr zu sehen ist.« »Ich werde Sie vom Gegentheile überzeugen, fordere aber vorher eine Erklärung, welcher Umstand Ihnen die Erlaubniß giebt, mich Ihren Verwandten zu nennen.« »Ah! Sollten Sie mich in der That nicht erkennen?« »Ich bin ganz ahnungslos.« »Nun, Sie sahen mich zum ersten Male bei einer Gelegenheit, die Veranlassung gab, vor einem Duell davonzulaufen. Sie wurden von Gebhardt von Königsau gefordert und gaben sich Mühe, schleunigst zu verschwinden.« Jetzt begann der Graf zu ahnen. »Teufel!« rief er. »Sie sind – Sie sind doch nicht etwa – – –« »Nun, wer?« »Graf Kunz von Goldberg--« »Der Gemahl Ihrer schönen Cousine Hedwig?« »Ja.« »Natürlich bin ich es, mein lieber, mein verehrtester Cousin. Ich bin sehr verwundert, Sie hier zu sehen. Bevor ich Sie aber frage, welchem freundlichen Umstande ich das Glück, Ihnen im Postwagen zu begegnen, verdanke, wollen wir unsere Satisfactionsangelegenheit in Ordnung bringen. Schwager Königsau wohnt gar nicht weit von hier, und so bietet sich die beste Gelegenheit, seine damalige Forderung zum Austrag zu bringen. Vorher aber werde ich so höflich sein, Ihnen die verlangte Genugthuung zu geben. Blicken Sie hinaus. Sehen Sie den Wald, da vorn, jenseits des Dorfes?« »Ja,« stieß der Graf hervor. »Nun, dort liegt ein Forsthaus, an welchem wir vorüberkommen. Ich kenne den Förster. Er hat prächtige Waffen und wird uns gern zwei gute Pistolen zur Verfügung stellen. Dann gehen wir in den Wald, aus welchem, darauf gebe ich Ihnen mein Wort, nur Einer lebendig zurückkehrt. Und dieser Eine werde ich sein. Einverstanden?« Er sah den Grafen mit Augen an, aus denen dieser nicht recht klug werden konnte. »Natürlich bin ich einverstanden!« antwortete Rallion. »Und ich glaube besser zu wissen, wer der Eine ist, welcher lebendig aus dem Walde zurückkehrt!« »O, was das betrifft, so bin ich vollständig überzeugt, daß Der, welchen Sie meinen, den Wald gar nicht erreichen wird!« »Das wird sich finden.« Damit war die Discussion beendet. Der Postwagen rollte nach kurzer Zeit in das Dorf und hielt vor dem Wirthshause, um die dort liegenden Briefschaften aufzunehmen. »Zehn Minuten Zeit, meine Herren!« meldete der Postillon. Rallion stieg aus und trat mit seinem Köfferchen in das Haus. Goldberg folgt ihm langsam. Um seine Lippen spielte ein eigenthümliches Lächeln. Als er die Gaststube erreichte, war dieselbe leer. Nur der Wirth befand sich da. »Ist kein Passagier hier eingetreten?« fragte Goldberg. »Nein, mein Herr.« Goldberg begab sich in den Hof und dann in den Garten. Dort fand er einen Knecht, welcher mit dem Spaten arbeitete. »War ein Fremder hier im Garten?« erkundigte er sich. »Ja,« lautete die Antwort. »Wohin ist er?« »Durch die Pforte in's Freie.« Goldberg trat zur Pforte und kam gerade noch zur rechten Zeit, die Gestalt des flüchtigen Franzosen hinter einem Gesträuch verschwinden zu sehen. Er lachte heimlich vor sich hin und kehrte in die Stube zurück. Es war mehr als eine halbe Stunde vergangen, als der Knecht Schritte hörte. Er blickte sich um und sah den Fremden, welcher durch die Pforte zurückkehrte, und schüttelte den Kopf. Rallion aber schritt stracks nach dem Gastzimmer, in welchem der Wirth saß, seine Pfeife rauchend. Als dieser den Eintretenden erblickte, sagte er: »Sapperlot! Sind Sie nicht vorhin mit der Post gekommen?« »Ja.« »Der Postillon hat Sie gesucht.« »Warum?« fragte Rallion unbefangen. »Na, weil er nicht länger warten konnte.« »Nicht länger warten?« klang es erstaunt. »Ich will doch nicht hoffen, daß die Post fort ist.« »Bereits seit zwanzig Minuten.« »Donnerwetter! Der Postillon sagte ja, daß er fünfzig Minuten hier zu warten habe.« »Da haben Sie gewaltig verkehrte Ohren gehabt! Hier wird zehn Minuten gehalten, keine Secunde länger.« »Er sagte fünfzig. Ich werde mich beschweren.« »Versuchen Sie es! Es wird Ihnen nichts helfen. Uebrigens meinte der andere Passagier, daß wir Sie nicht zu suchen brauchten.« »Ah! Wieso?« »Das weiß ich nicht. Wohin wollen Sie denn?« »Nach Drengfurth.« »Dahin giebt es jetzt keine Gelegenheit.« »Kann ich denn keinen Wagen bekommen?« »Nein. Kein Mensch im Dorfe hat einen Kutschwagen; aber am Nachmittage kommt ein Stehwagen durch, auf dem Sie einen Platz finden werden.« »So werde ich warten. Sagen Sie einmal, wie lange man fahren muß, um jenseits des Dorfes durch den Wald zu kommen.« »Wie lang? Das ist kein Wald, sondern nur ein kleines Eckchen Holz. In zwei Minuten ist man hindurch.« »Es giebt aber ein Forsthaus da?« »Nein.« »Wie? Auch keinen Förster?« »Fällt Niemand ein.« Jetzt sah Rallion ein, auf welch schmähliche Weise er sich blamirt hatte. Er biß die Zähne zusammen und wollte etwas sagen, um seine üble Laune an dem Wirthe abzuleiten, als draußen ein Kutschwagen im Trabe angerollt kam und vor der Thüre hielt. Der Kutscher klatschte mit der Peitsche und fragte, als der Wirth herbeieilte: »Ist die Post längst vorüber?« »Seit einer halben Stunde.« »Danke! Adieu!« Er wollte eben die Zügel annehmen, wurde aber daran verhindert. Der Kutschenschlag wurde nämlich geöffnet, und der Insasse sprang heraus. »Halten bleiben!« gebot er dem Kutscher. Dann wollte er eiligen Schrittes in das Haus treten; dort aber kam ihm Rallion bereits entgegen. »Capitän! Sie hier!« rief der Letztere. »Ja, ich!« antwortete Richemonte. »Ich sah Sie am Fenster stehen und stieg natürlich sofort aus.« »Welch ein Zusammentreffen! Aber sagen Sie, was Sie veranlaßt, in diese Gegend zu kommen.« »Was haben Sie hier im Koffer?« fragte statt der Antwort der Capitän, indem er auf das Köfferchen deutete, welches der Graf noch in der Hand hatte. »Geld.« »Ah so! Hinein damit in den Wagen! Uebrigens, da ich Sie hier treffe, so haben wir Zeit. Kommen Sie, um nicht gehört zu werden. Die Pferde mögen einige Minuten ruhen.« Er nahm den Arm des Grafen unter den seinigen und schritt mit ihm abseits. »Haben Sie wirklich geglaubt, lieber Graf,« fragte er dann, »daß ich mich um diese wichtige Angelegenheit nicht weiter kümmern werde? Wie weit sind Sie?« »Ich denke, daß die Sache heute oder morgen entschieden sein wird.« »Wieso?« Rallion unterrichtete den Capitän über den Stand der Dinge und meinte dann: »Aber Sie hier zu sehen, habe ich nicht erwartet!« »Nicht wahr?« lachte der Capitän. »Ich komme, um einen Fehler gut zu machen, welchen wir begangen hätten, und der uns großen Schaden bereiten müßte.« »Welchen?« »Denken Sie sich einmal, was wir beabsichtigen, was geschehen soll. Nachdem Henry verschwunden ist, erfährt dieser Königsau, daß Graf Rallion der eigentliche Käufer ist.« »Was weiter? Was kann das mir schaden?« »Ungeheuer viel! Graf Rallion ist sein Todfeind. Dieser Deutsche wird die That, welche ihn ruinirt, mit dieser Todfeindschaft in Verbindung bringen; er wird sich an die Polizei wenden; man wird nachforschen, und was wird man erfahren – – –?« »Nun?« »Daß Graf Rallion, der Käufer, mit diesem sogenannten Henry de Lormelle im Einvernehmen gestanden hat.« »Alle Teufel! Ich muß aber doch mit Henry im Einvernehmen bleiben.« »Nein! Das eben dürfen Sie nicht. Das eben ist mir nachträglich eingefallen, und daher komme ich Ihnen nach.« »Wie aber haben Sie mich gefunden?« »Ich wußte die Adresse des Juden. Dort erfuhr ich, daß Sie in Rastenburg seien, und da angekommen, wo Sie sich eines anderen Namens bedient hatten, erfragte ich dennoch, daß Sie mit der Post abgereist seien. Ich nahm ein Privat-Fuhrwerk, eilte Ihnen nach und – da bin ich.« »Ist mir lieb! Also Sie wollen den Henry auf sich nehmen?« »Ja. Sie müssen Ihr Alibi nachweisen können. Man wird erforschen, daß Sie sich zur Zeit der That in dieser Gegend befunden haben, aber man darf Ihnen nicht sagen können, daß Sie diesen Henry de Lormelle gesprochen oder auch nur ihn gesehen haben.« »Wie aber wollen Sie ihn treffen, ohne von Andern bemerkt zu werden?« »Dafür lassen Sie mich sorgen! Aber sagen Sie mir zunächst, was Sie so allein hier thun, und wohin die Postkutsche ist, welcher Sie sich anvertraut hatten.« »Ja, mein lieber Capitän, das ist eine ganz verteufelte Angelegenheit. Ich steige heute in den Wagen, und wer sitzt drin? Rathen Sie einmal!« »Einer von den Königsaus?« »Zwar kein Königsau, aber ebenso schlimm, ein Verwandter von ihnen, nämlich dieser Graf von Goldberg – – –« »Der Mann Ihrer Cousine?« »Ja.« »Ich denke, er befindet sich in Berlin! Was will er hier?« »Weiß ich es?« »Hat er Sie erkannt?« »Ich denke, nein,« antwortete Rallion zögernd. »Sobald ich ihn bei Tagesanbruch erkannte, bin ich hier ausgestiegen.« »Eine Vorsicht, welche ich loben muß. Aber sagten Sie mir nicht, daß Königsau, um sich entscheiden zu können, einen Brief aus Berlin erwarte?« »So ist es.« »Nun, dann ist Goldberg dieser Brief. Er kommt persönlich anstatt brieflich, und wir sind nun sicher, daß die Entscheidung vor der Thür steht. Kommen Sie, steigen wir ein.« »Bis wohin fahren wir?« »Sie bis Drengfurth, wo Sie aussteigen, ohne daß ich mich sehen lasse. Ich fahre dann irgend wohin, wo ich den Kutscher los werden kann, ohne Verdacht zu erregen. Wenn ich mit Ihnen zu sprechen habe, werde ich Sie zu finden wissen. Schlau wird das allerdings anzufangen sein, denn auch mich darf man mit Ihnen jetzt nicht zu sehen bekommen.« Fortsetzung 49 Kunz von Goldberg war mit der Post weiter gefahren und hatte über das Zusammentreffen mit Rallion ein innerliches Gaudium gefühlt. Welche Bedeutung diese Begegnung für die Familie Königsau haben sollte, davon hatte er keine Ahnung. Auf Breitenheim richtete sein Erscheinen große Freude an. Er eilte gleich nach dem Aussteigen in das ihm wohlbekannte Zimmer, in welchem sich die Familie zu befinden pflegte, und traf hier Margot und Ida, ihre Schwiegertochter. Er umarmte Beide herzlich und fragte dann nach Königsau. »Er befindet sich bei den Gästen,« antwortete Margot. »Ah, ich habe noch gar nicht gesagt, wen wir hier haben.« »Ich werde es wohl erfahren.« »Es ist der polnische Graf von Smirnoff, welcher sich als Käufer präsentirt, und ein Berliner Banquier, welcher seine finanzielle Beihilfe zu sein scheint. Mein Mann hat mit Sehnsucht auf Ihre Antwort gewartet, lieber Kunz.« »Ich habe es vorgezogen, sie persönlich zu bringen und Ihnen meinen Beirath anzubieten, da Gebhardt nicht anwesend ist.« »Wir sind Ihnen zu großem Dank verbunden. Welchen Bescheid aber bringen Sie uns?« »Einen guten. Man sieht nicht die Spur eines Grundes ein, einer rein geschäftlichen Entschließung Eurerseits hindernd in den Weg zu treten, sondern, was ich mir gleich dachte, man sagt sich, daß Ihr Herr Eures Besitzes seid und mit demselben thun könnt, was Euch beliebt.« »So befürchte ich, daß Hugo verkaufen wird!« »Sie befürchten es?« fragte Goldberg, das mittlere Wort betonend. »Warum befürchten?« »Glauben Sie nicht, daß man nur ungern von hier scheidet?« »Das glaube ich Ihnen ohne alle Versicherung. Aber bedenken Sie die Vortheilhaftigkeit des Handels, welcher Ihnen in Aussicht steht.« »Wiegt dieser pecuniäre Vortheil das auf, was wir nach unserm Wegzuge von hier vermissen werden?« »Ja, das bin ich überzeugt, liebe Tante. Ich habe gar wohl geahnt, daß Sie gegen diesen Verkauf sein werden, und darum bin ich ja gekommen, um mit Ihnen zu sprechen.« »Sie wollen mir zureden?« »Ja, das gestehe ich Ihnen offen. Ich möchte Sie bitten, nicht allein Ihre Gefühle zu berücksichtigen, sondern vor allen Dingen an Ihre Kinder zu denken. Ihr kleiner Richard soll Offizier werden; da ist eine Vergrößerung des Vermögens um hunderttausend Thaler, oder gar noch mehr, sehr mit in Rechnung zu ziehen.« »Das mag sein. Wir Frauen rechnen weniger nach Zahlen; unser Einmaleins ist das Gefühl, und das ist nicht immer untrüglich.« »Sie werden also nicht dagegen sein, liebe Tante?« »Nein,« antwortete sie mit einem milden Lächeln, in welchem sich fast eine Art Entsagung aussprach. »Was hat Gebhardt geantwortet?« »Auch er ist Ihrer Meinung. Wir sollen verkaufen.« »Sehen Sie! Ich bin überzeugt, daß Sie die mit dem Verkaufe in Verbindung stehende Ortsveränderung bald überwinden werden, und hoffe, daß Onkel Königsau mir beistimmt.« Er hatte richtig vermuthet. Königsau hatte fünfzigtausend Thaler mehr verlangt, und der Pole war mit der Bitte um eine kurze Ueberlegungsfrist hervorgetreten. Während derselben hatte er sich bei Rallion Instruction geholt und den Auftrag erhalten, die geforderte Summe zu zahlen. Rallion war ja überzeugt, nicht nur in den Besitz der beiden Güter zu gelangen, sondern die Kaufsumme auch wieder zu erhalten, welche er dann mit dem Capitän theilen wollte. Der Handel wurde abgeschlossen und unter Hinzuziehung giltiger Zeugen mit gerichtlicher Hilfe rechtskräftig gemacht. Dann zahlte Smirnoff die vollständige Kaufsumme vor allen Anwesenden in baarem Gelde auf. Der geringste Theil bestand in wohlgezählten Goldrollen, das Andere aber in gewichtigen Kassenscheinen. Das Geld wurde geprüft und für richtig erklärt. Diese hohe Summe hatte sich in dem Köfferchen befunden, welches Rallion bei sich geführt hatte. Auf die Frage nach der Rückgabe desselben hatte Smirnoff aus Höflichkeit erklärt, da er nun nicht mehr im Besitze des Geldes sei, so habe auch der Koffer keinen Werth mehr für ihn, und ihn dem Verkäufer geschenkt. Er ahnte gar nicht, wie schwer dieser Umstand in die Wagschale fallen werde. Hugo von Königsau hatte den Koffer eigenhändig in sein Zimmer getragen und dort eingeschlossen. Ganz wie zufällig war ihm dabei auf dem Corridore Henry begegnet und dann nach den beiden Zimmern gegangen, welche ihm zur Wohnung angewiesen worden waren. Dort öffnete Henry den großen Reisekoffer, welchen er mitgebracht hatte, räumte einige Wäschesachen zur Seite und zog zwei Gegenstände hervor. Der eine derselben war ein Köfferchen von ganz genau derselben Arbeit und Größe wie dasjenige, welches die Kaufsumme enthielt. »Steine darin!« murmelte der Franzose. »Was für Augen wird der Alte machen, wenn er sie anstatt des Geldes findet.« Dann nahm er den anderen Gegenstand in die Hand. Es war ein Bund mit zahlreichen Nachschlüsseln. »Ein Dietrich ist doch eine hübsche Erfindung,« flüsterte er leise vor sich hin. »Dieser Schlüssel öffnet die Zimmerthür und dieser andere hier den Schrank, in welchen der Alte allem Vermuthen nach den Koffer eingeschlossen hat. Jetzt nun gilt es, zur raschen That zu schreiten!« Er steckte die beiden Schlüssel ein; da hörte er, daß Sand gegen sein Fenster geworfen wurde. Er lauschte. Abermals Sand! Schnell versteckte er den kleinen Koffer wieder in den großen und verschloß den Letzteren. Dann trat er an das Fenster und öffnete es. »Pst!« hörte er es unten erklingen. »Wer ist da?« fragte er so leise wie möglich. »Sind Sie Herr de Lormelle?« »Ja.« »Können Sie einmal herunterkommen?« »Wozu?« »Das kann ich nicht so da hinauf rufen. Kommen Sie sogleich nach der großen Kastanie im Garten!« »Wer sind Sie?« »Das erfahren Sie nachher!« »Ist es so sehr nothwendig?« »Ja.« »Gut, ich komme.« Er verließ das Zimmer, verschloß es und ging nach dem Garten. Da der bei einem Kaufe gebräuchliche Schmauß gegeben wurde, so hatten sich die Bewohner des Schlosses mit den Gästen im Speisesaale versammelt, und die Diener waren so beschäftigt, daß Henry gar nicht beachtet wurde. Er gelangte ganz gut in den Garten und an die erwähnte Kastanie, unter welcher ihm eine lange, dunkle Gestalt entgegentrat. »Henry?« flüsterte dieselbe fragend. »Ja,« antwortete er. »Wer sind Sie?« »Ah, die Verkleidung scheint sehr gut zu sein, da Du mich nicht erkennst.« Diese Worte waren mit der natürlichen, unverstellten Stimme gesprochen worden. Der Diener trat bestürzt zurück. »Wie? Höre ich recht?« fragte er. »Jedenfalls!« »Sie sind es, Herr Capitän?« »Ja, ich.« »Aber was wollen Sie hier? Wenn man Sie erwischt und festhält, so ist Alles verrathen.« »Wieso? Erstens wird man mich nicht erwischen, festhalten aber gar nicht. Und selbst wenn dies geschähe, so wäre doch noch nicht das Mindeste verrathen. Ich vermuthe, daß das Geld soeben erst in den Besitz Königsaus gelangt ist?« »Vor einer Viertelstunde.« »Du hast es also noch nicht?« »Nein.« »Nun, was sollte denn da verrathen sein, wenn man mich erwischte! Uebrigens hat meine Anwesenheit einen wohl überlegten Zweck. Ich komme nämlich um Deines eigenen Vortheiles willen und bin froh, Dich getroffen zu haben.« »Darf ich fragen, in wiefern und weshalb?« »Natürlich! Es war verabredet, daß Du Dich mit dem Gelde sofort entfernen solltest.« »Das werde ich auch.« »Nein; das geht nicht.« »Warum nicht?« »Weil man sofort wissen würde, wer der Thäter ist.« »Das mag man immerhin wissen, wenn wir nur das Geld haben.« »Nein. So unvorsichtig wollen wir denn doch nicht sein! Man würde Dir sofort nachforschen und könnte leicht auf Deine Spur kommen. Dann bist Du verrathen und verloren, und wir sind es mit Dir. Nein, Du mußt bleiben.« »Da wird man auch bei mir suchen und das Geld finden. Das ist doch dumm und noch viel schlimmer als das Andere.« »Sei nicht blödsinnig! Das Geld bleibt nicht bei Dir liegen, sondern Du bringst es mir hierher, und ich schaffe es sofort in Sicherheit.« »Ah, nicht übel.« Wäre es Tag gewesen, so hätte der Capitän über das Gesicht, welches Henry dabei machte, erschrecken können. So aber meinte er: »Nicht wahr, nicht übel?« »Ja, allerdings.« »Man wird den Verlust bemerken und Alles aussuchen, aber nichts finden. Der Diebstahl wird in das tiefste Dunkel gehüllt bleiben, und Du reisest dann ruhig ab.« »Das wird mir nicht gut möglich sein.« »Wieso?« »Man wird, da ich hier fremd bin, nach meinen Verhältnissen forschen und da entdecken, daß ich gar nicht ein Herr de Lormelle bin. Dann bin ich verloren.« »Wie könnte man das entdecken? Die Papiere, welche Dir Graf Rallion gegeben hat, sind gut.« »Ja, aber wie nun, wenn man an Gebhardt von Königsau telegraphirt, ob es wahr ist, daß wir uns in Algier getroffen haben und daß ich sein Freund bin?« »Das wird man nicht!« »Man wird es, gerade wie man an ihn telegraphirt hat, ob er dem Verkaufe der Güter seine Beistimmung ertheilt.« »Du besitzest als sein Freund das Vertrauen der Seinigen.« »Aber nicht das Vertrauen der Polizei, welche jeden Schloßbewohner scharf in das Auge nehmen wird, mich also auch.« »Ich werde Dich benachrichtigen, sobald man telegraphirt.« Diese beiden Männer durchschauten sich einander; ein Jeder von ihnen wollte den Andern betrügen. Henry war heute der Klügere. Er beschloß, den Capitän sicher zu machen. »Werden Sie das erfahren?« fragte er. »Ja. Ich werde genau beobachten.« »Nun, wenn das ist, so denke ich allerdings, daß Ihre Ansicht die richtige ist. Ich lade keinen Verdacht auf mich, brauche nicht zu fliehen und kann jederzeit in mein Vaterland zurück.« »Gut, daß Du das einsiehst! Das sind Vortheile, welche man nicht genug berücksichtigen kann.« »Wo aber treffe ich Sie dann später?« »Es ist gar nicht nöthig, Dir einen Ort dazu anzugeben.« »Ah! Wieso?« »Graf Rallion kauft diesem Smirnoff Alles ab und tritt sodann als Besitzer auf. Du brauchst also gar nicht nach ihm und mir zu suchen. Verstanden?« »Das ist nun allerdings zu verstehen.« »Gut also! Wann bringst Du das Geld herunter?« »Das kann ich jetzt unmöglich wissen. Ich muß den geeigneten Augenblick abwarten.« »Wo ist der Koffer?« »Im Zimmer des Alten.« »Die Nachschlüssel hast Du jedenfalls probirt?« »Ja, sie passen. Aber sehen Sie da oben die beiden erleuchteten Eckfenster?« »Ich sehe sie. Was ist mit ihnen?« »Das ist das Zimmer des Alten. Die Kinder sind mit der Gouvernante darin, und ich muß warten, bis sie fort sind.« Das war eine Lüge. Das Zimmer Hugos lag auf der anderen Seite der Vorderfronte. »Das ist unangenehm,« meinte der Capitän. »Ich werde wohl lange warten müssen.« »Hoffentlich nicht so sehr lange. Uebrigens wenn es sich um eine solche Summe handelt, so ist es nicht zu viel verlangt, sich ein Wenig in Geduld zu fassen.« »Predige keine Moral, Spitzbube, sondern gehe jetzt. Ich lege mich hier in das Gras und bin bei Deiner Geschicklichkeit überzeugt, daß Alles gelingen wird. Gieb Dir Mühe.« »Das versteht sich ganz von selbst.« Henry ging. Der Capitän streckte sich auf den Boden nieder und vertrieb sich die Langeweile, welche allerdings nicht ohne Spannung war, damit, daß er an seinem Schnurrbart herumkaute. »Ein dummer Kerl, dieser Henry!« dachte er. »Er ahnt gar nicht, daß er von dem Gelde nicht einen Heller erhalten wird. Er muß froh sein, unerwischt davonzukommen. Habe ich erst den Koffer, so hat er auch etwas, nämlich das Nachsehen. Und diese guten Königsau sind dann ruinirt fürs ganze Leben. Da oben befindet sich meine liebe, gute Schwester Margot, die Liebe Napoleons. Wenn sie wüßte, daß ich hier unten liege und auf ihr Geld laure. Ihre Verwandten wissen nichts davon, aber ich habe doch erfahren, daß ihr Arzt von einem Leiden gesprochen hat, welches innerlich an ihr zehrt. Kommt der Schreck über den Verlust des ganzen Vermögens dazu, so ist es leicht möglich, daß sie den Tod davon trägt. Darüber wollte ich mich freuen! Das wäre eine Rache, wie ich sie mir besser und leichter gar nicht wünschen könnte. Ich würde sogar noch fürstlich dafür bezahlt sein!« Und Henry, welcher betrogen werden sollte, schlich sich vorsichtig nach dem Schlosse zurück und dachte dabei: »Der alte Schlaukopf will mich betrügen; aber das soll ihm nicht gelingen. Wie würde er lachen, wenn er das Geld hätte und mir nichts davon zu geben brauchte. Ich könnte kein Wort dagegen sagen, denn ich bin der Dieb, der Einbrecher und würde nur mich selbst in Strafe bringen. Dieser alte Capitän weiß gut zu rechnen; aber dieses Mal soll er sich doch getäuscht haben!« Er gelangte in sein Zimmer zurück und zog ein Fläschchen hervor, um die beiden Nachschlüssel einzuölen. Dabei schritt er nachdenklich in der Stube auf und ab. Plötzlich flog ein lustiges Lächeln über sein Gesicht. »Donnerwetter,« murmelte er; »da kommt mir ein famoser Gedanke! Ja, der wird ausgeführt! Alle Teufel! Ich möchte das Gesicht des Alten sehen, wenn er den Koffer öffnet und den Zettel zu sehen bekommt.« Er setzte sich an den Tisch, nahm ein Stück Papier und schrieb mit Dinte in großer Schrift darauf: »Seinem lieben Freunde und Collegen Richemonte zum Andenken an den Schatz, nach welchem ihm umsonst der Mund gewässert hat. Henry de Lormelle.« Nachdem die Schrift getrocknet war, legte er das Blatt zusammen und steckte es zu sich. Dann begab er sich nach dem Speisesaale, wo man ihn nicht vermißt zu haben schien. Hier blieb er eine ganze Weile, bis er die Ueberzeugung hegen durfte, daß jetzt Niemand den Saal verlassen werde. Dann kehrte er in sein Zimmer zurück, nahm eine sehr lange und feste Schnur und das kleine Köfferchen aus dem großen Koffer heraus. Aus dem Letzteren steckte er Alles zu sich, was beim Auffinden ihm hätte schädlich werden können, und dann verließ er das Zimmer. Er schloß die Thür zu und steckte den Schlüssel ein. Auf dieser Seite des Corridors war Alles still und ruhig. Der Speisesaal lag auf der anderen Seite des Hauses. Rasch und unhörbar huschte er bis an die Thür, welche in das Zimmer Königsaus führte. Ein leises Klirren, und sie war geöffnet. Er trat ein und verriegelte die Thür hinter sich. Er war auf diese Weise sicher, daß er nicht erwischt werden könne. Selbst wenn Jemand kam, konnte er die Flucht durch das offene Fenster ergreifen. Es brannte kein Licht in dem Raume. Ein Streichholz flackerte in seinen Fingern auf. Beim Scheine desselben bemerkte er, daß der gesuchte Koffer nicht zu sehen war und also eingeschlossen sein mußte. Er zog den zweiten Schlüssel hervor und öffnete mit demselben den bewußten Schrank. Richtig, er fühlte den gesuchten Gegenstand mit der Hand und nahm ihn heraus. Er stellte dafür den mitgebrachten kleinen Koffer hinein, welcher von derselben Schwere war. Dann verschloß er den Schrank wieder. Nun entwickelte er die mitgebrachte Leine, band den gestohlenen Koffer daran und ließ ihn zum Fenster hinab. Er hatte sich am Tage genau orientirt und wußte, daß der Raub auf diese Weise hinter ein kleines Nachtschattengesträuch zu liegen komme. Es war so finster, daß selbst Jemand, der sich in ganz unmittelbarer Nähe befand, nichts bemerkt hätte. Jetzt zog er den Thürriegel wieder zurück. Ein Blick durch die nur eine Spalte breit gemachte Thüröffnung belehrte ihn, daß Niemand zugegen sei, und so trat er heraus auf den Corridor, schloß zu, steckte den Schlüssel ein und begab sich hinab vor das Fenster. Der Raub war gelungen. Der Schlüssel steckte im Köfferchen. Er trug denselben nach dem hintersten Theile des Gartens, öffnete ihn, nahm den Inhalt heraus und steckte ihn sorgfältig in die Ecke der Mauer. Dort lagen mehrere Steine, welche von schadhaften Stellen der Mauer gefallen waren. Mit diesen und mit herumliegendem Laube füllte er den Koffer, that den Zettel dazu, welchen er geschrieben hatte, und verschloß ihn dann. Erst nun trug er ihn nach dem entgegengesetzten Theile des Gartens, wo unter der Castanie der Capitän auf ihn wartete. Dieser hörte ihn kommen und zog sich hinter den Stamm des Baumes zurück. Der Nahende konnte ja auch ein Anderer sein. »Pst!« machte Henry. Der Alte regte sich nicht. »Pst, Herr Capitän!« »Wer ist da?« fragte dieser leise. »Ich, Henry!« »Ah,« athmete Richemonte erleichtert auf. »Nun? Gelungen?« »Ja.« »Wo ist das Geld?« »Hier habe ich es!« »Zeig her.« Henry gab ihm den Koffer in die Hände. Als der Capitän denselben fühlte, mußte er sich Mühe geben, nicht laut aufzujubeln. »Donner!« meinte er. »Also wirklich gelungen.« »Wirklich und vollständig.« »Hat Niemand etwas bemerkt?« »Kein Mensch. Aber, Herr Capitän, ich werde das Versprochene doch auch wirklich erhalten?« »Natürlich! Oder traust Du mir etwa nicht?« »Warum sollte ich Ihnen nicht trauen? Es war nur so ein Gedanke, welcher mir plötzlich kam. Aber ich wünschte doch, ich könnte, da Sie so viel in den Händen haben, wenigstens einen kleinen Abschlag auch in meine Hand bekommen. Mein Geld ist fast alle; wer weiß, was passirt, und es wird immerhin einige Zeit vergehen, ehe ich zu Graf Rallion kommen kann.« Der Capitän fühlte ausnahmsweise auch einmal ein leichtes menschliches Rühren. Er wußte sich im Besitze des Reichthumes; es war, als sei eine Art von Rausch über ihn gekommen, und im Eindrucke desselben griff er in die Tasche, zog seine Börse hervor, gab sie Henry und sagte: »Da! Es sind einige Goldstücke drin; ich habe nicht mehr bei mir. Du wirst später desto zufriedener sein. Jetzt aber will ich mich schleunigst aus dem Staube machen. Ich habe sehr weit zu gehen und schwer zu tragen. Gute Nacht, lieber Henry.« »Gute Nacht, lieber Herr Capitän.« Richemonte verschwand im Dunkel der Nacht. Jenseits des Gartens angekommen blieb er aufathmend stehen. »Ich bin doch besser, als ich dachte,« brummte er. »Gegen fünfzig Thaler werden es sein, die ich ihm gegeben habe. Lieber Herr Capitän, sagte er. Was er wohl später sagen wird, wenn er merkt, daß er nichts weiter bekommt? Am Liebsten möchte ich Alles für mich behalten. Aber das geht nicht. Der Einfluß Rallions ist groß; ich kann durch ihn weit mehr Vortheile ziehen, als die Hälfte dieses Diebstahls beträgt. Gute Nacht, Königsau! Gute Nacht, Madame Margot. Ihr werdet an diesen Abend lebenslang gedenken.« Und Henry murmelte, zum Schlosse zurückkehrend, bei sich: »Dummkopf! Giebt mir auch noch eine Hand voll Goldstücke obendrein. Wie ihn das wurmen wird, wenn er die Christbescheerung erkennt! Es ist dem alten Spitzbuben recht! Nun aber muß ich machen, daß ich in Sicherheit komme.« Er kehrte in das Innere des Schlosses zurück und gab einem Diener den Auftrag, sobald nach ihm gefragt werde, zu sagen, daß ihn ein leichtes Unwohlsein befallen habe und er um Entschuldigung bitten lasse. Dann suchte er sein Zimmer auf. Dort warf er seinen Reisemantel und eine lederne Reisetasche, welche er bei seiner Ankunft getragen hatte, durch das Fenster und ließ sich selbst dann an der Leine hinab, welche er, als er den Boden erreicht hatte, hinter sich herzog. Dann schlich er sich nach der Gartenecke, wo er den Schatz versteckt hatte. Seine Taschen langten zu, Alles aufzunehmen, und nun sagte er dem Orte Ade, an welchem er so freundlich aufgenommen worden war. – Das Mahl hatte zu einer so späten Stunde geendet, daß die Theilnehmer es vorgezogen hatten, im Schlosse zu übernachten, anstatt noch während der Nacht abzureisen. Aber am frühen Morgen brachen Alle auf. Smirnoff und Samuel Cohn waren die Ersten, welche anspannen ließen, um nach Drengfurth zu Rallion zu fahren, welcher ganz sicher sehnlichst auf sie wartete. Sie fanden ihn in Reisekleidern, worüber sie sich wunderten. »Wie?« fragte der Pole. »Hat dies nicht den Anschein, als ob Sie den Ort verlassen wollten?« »Das beabsichtige ich allerdings. Ich habe nämlich ein Leiden, welches mich öfters ganz plötzlich überfällt. Gestern in der Dämmerung erlitt ich einen solchen Anfall, daß ich nach einer Wärterin schicken mußte, welche bis zum Morgen bei mir bleiben mußte. Auch der Wirth hat während der Nacht nicht schlafen können. Ich muß schleunigst nach Berlin, um einen bessern Arzt zu sprechen, als ich hier finde.« Er hatte Alles aus Berechnung gethan. Die Wärterin und das Hotelpersonal konnten beschwören, daß er sein Zimmer nicht verlassen hatte. Das bezweckte er. »Und wir?« fragte Smirnoff. »Nun, wie ist es gegangen?« »Nach Wunsch. Ich stelle mich Ihnen als den gerichtlich anerkannten Besitzer Ihres Eigenthumes vor.« »Zeigen Sie die Papiere.« »Hier! Kauf, Quittung, Alles ist vorhanden. Wo es sonst mehrerer Wochen bedarf, um mit den Herren vom Amte auf das Reine zu kommen, sind wir hier schnell fertig geworden. Geld ist eine Macht, und ich wünschte, daß ich mich im Besitze dieser Macht befände.« »Das wird bald der Fall sein. Wir werden den zweiten Theil unseres Geschäftes in Berlin zum Abschluß bringen; das ist dort ja ebenso gut möglich wie hier. Ich halte es überhaupt für besser und klüger, es dort zu thun als hier. Wir reisen zusammen. Sind wir fertig, erhalten Sie Beide Ihr Salair.« Dieses schnelle Abreisen war auch vorher zwischen ihm und dem Capitän, welcher schleunigst nachkommen wollte, verabredet. Sie hatten sogar ein Wirthshaus geringeren Ranges als Rendezvous bestimmt, obgleich Beide in besseren Hotels absteigen wollten. Nach diesem Gasthause begab sich Rallion bereits am zweiten Tage nach seiner Ankunft und erkundigte sich dort nach Richemonte, der hier natürlich einen anderen Namen trug. Er war angekommen. Rallion erhielt die Nummer des Zimmers genannt und begab sich zu ihm. »Endlich!« rief der Capitän. »Mir ist die Zeit bis zu Ihrem Eintreffen unendlich lang geworden.« »Wieso? Hatten Sie keine Beschäftigung?« »Ah pah! Was hätte ich thun sollen?« »Geld zählen!« »Fällt mir doch ganz und gar nicht ein!« »Warum nicht?« »Aus Vorsicht.« »Ah, so! Ich befürchtete bereits, zu hören, daß Sie kein Geld zählen könnten, weil keins vorhanden sei.« »Sie glaubten, der Coup sei nicht gelungen?« »Das war doch immerhin möglich. Also Henry hat seine Schuldigkeit gethan?« »Er hat Alles ausgezeichnet gemacht.« »Gut, aber bekommen wird er nichts. Das soll die Strafe sein für seine früheren Spitzbübereien. Sind Sie mit dem Koffer vorsichtig gewesen?« »Ja. Ich habe ihn in einen Korb gepackt und diesen als Behälter von Mineralienproben declarirt.« »Das ist klug gehandelt. Wo ist er?« »Hier.« Er zog den Korb unter dem Bette hervor, zerschnitt die Stricke und öffnete ihn. Er enthielt Steine und das kleine Köfferchen, welches von Beiden mit liebevollen Blicken beäugelt wurde. »Eine Mineralienprobe!« lachte der Graf. »Köstlicher Gedanke! Jedenfalls wird nach diesem Koffer bereits geforscht. Das Geld nehmen wir; die Mineralien aber füllen wir hinein und senden ihn dann der Polizei. Ueberhaupt ist der ganze Coup ein wahres Meisterstück Ihrer Spitzfindigkeit, Capitän. Zwei Rittergüter kaufen und baar bezahlen, das Geld aber sich sofort wieder zurückstehlen; das ist grandiös! Aber, öffnen Sie!« »Der Schlüssel fehlt leider.« »Warum?« »Henry hat ihn jedenfalls nicht vorgefunden. Königsau wird ihn zu sich gesteckt haben.« »So müssen wir uns nach Werkzeugen umsehen.« »Ich habe bereits Hammer und Meißel besorgt. Ich werde öffnen.« Das Köfferchen war nicht so außerordentlich durabel gemacht, daß es lange Widerstand hätte leisten können. Der Deckel sprang bereits nach einigen Schlägen auf. Die Augen der beiden Männer fielen neugierig auf den Inhalt. »Was ist das?« fragte der Graf. »Laub!« »Und ein Zettel darüber,« fügte der Capitän hinzu. »Dieser Königsau ist doch ein eigener Kauz, das Geld mit Laub zu bedecken. Diese Deutschen sind überhaupt alle halb verrückte Kerls. Was mag auf dem Zettel stehen?« »Jedenfalls hat er sich die Nummern der Werthpapiere aufgezeichnet und dieses Verzeichniß mit zum Gelde gelegt. Wie unsinnig! Nun ist das Geld mit sammt dem Verzeichnisse fort, und es wird ihm unmöglich sein, der Polizei die Nummern anzugeben. Wir brauchen uns mit der Ausgabe dieses Geldes gar nicht zu genieren.« Der Capitän hatte den Zettel ergriffen und warf einen Blick darauf. Seine Augen wurden weit und er ließ ein Schnaufen hören wie von einem Thiere, welches in Zorn gerathen ist. »Himmel und Hölle!« rief er. »Mir scheint allerdings, daß wir uns mit der Ausgabe ganz und gar nicht zu genieren brauchen!« »Nicht wahr?« »Ja, und zwar, weil wir es gar nicht ausgeben können.« »Nicht? Warum? Was haben Sie? Was ist mit Ihnen?« »Wir können es nicht ausgeben, weil wir es nicht haben.« Der Graf blickte ihn bestürzt an. »Wir haben es nicht? Das ist ja der Koffer, in welchem es sich befand,« meinte er. »Ja.« »Aber was steht da auf dem Zettel?« »Da, lesen Sie selbst.« Der Graf nahm den Zettel und las laut die Worte: »Seinem lieben Freunde und Collegen Richemonte zum Andenken an den Schatz, nach welchem ihm umsonst der Mund gewässert hat. Henry de Lormelle.« Er blickte den Capitän rathlos an. Dieser meinte: »Das ist sehr deutlich. Oder verstehen Sie es vielleicht nicht?« »Verstehen? Ah, der Schurke wird uns doch nicht betrogen haben!« »Was sonst? Was anders? Da, lassen Sie uns einmal nachsehen!« Sie besahen sich den Inhalt des Koffers; sie durchwühlten den Letzteren und warfen Alles heraus. »Alle Teufel! Steine und Laub!« rief der Graf. »Laub und Steine!« wiederholte der Capitän im grimmigsten Tone. »Er hat uns betrogen!« »Betrogen und bestohlen! Aber ich werde den Schurken suchen; ich werde ihn ganz sicher finden und zermalmen!« Sein Gesicht nahm einen schrecklichen Ausdruck an; sein Schnurrbart ging in die Höhe und ließ die langen, gelben Zähne sehen. »Oder handelt er im Einverständnisse mit Königsau?« bemerkte Graf Rallion. Richemonte fühlte sich von diesem Gedanken betroffen. »Donner!« meinte er. »Auch das ist möglich!« »Vielleicht hat er geahnt und errathen, daß er nichts bekommen sollte, und Königsau Alles mitgetheilt!« »Das ist mir doch nicht sehr wahrscheinlich. Er hätte sich ja als Spitzbuben hinstellen müssen!« »Das ist richtig!« »Ja, er hat uns betrogen; er hat das Geld an sich genommen und uns diese Steine dafür gegeben!« »Mineralienproben!« meinte der Graf mit einem bösen Fluche. »Brechen wir auf! Kehren wir sofort zurück, um ihn zu fangen!« »Pah! Wir bekommen ihn doch nicht! Er wird schon längst über alle Berge sein!« »Aber ich suche seine Spur! Ich finde sie und bringe ihn zur Anzeige. Ich werde der Polizei melden, daß er der Dieb ist!« Der Capitän ließ sich von seinem Grimme hinreißen. Der Graf zeigte sich besonnener. Er entgegnete: »Damit würden wir nur uns selbst schaden. Nimmt man ihn gefangen, so wird er Alles gestehen, und es geht dann uns ebenso wie ihm an den Kragen!« »Wir bestreiten Alles! Er ist ein Lügner!« »Man wird ihm dennoch glauben. Das Klügste ist, daß wir heimlich nach ihm forschen. Meine Geschäfte hier sind abgemacht. Ich habe den Kauf hier in den Händen. Vernichten wir den Koffer! Stecken wir ihn hier in den Ofen, um ihn zu verbrennen. Dann brechen wir auf. Die Güter sind mein; die Rache an Königsau ist gelungen; nur das ist verloren, was wir zu viel bezahlt haben. Und wenn wir es klug anfangen, wird es uns vielleicht doch gelingen, dieses Schurken habhaft zu werden und ihm seinen Raub wieder abzujagen.« Die beiden Männer erkannten, daß sie betrogen worden seien und in ihrem ehemaligen Diener ihren Meister gefunden hatten. Die Gier nach Rache überstieg noch den Grimm über den Betrug, welcher an ihnen verübt worden war. Sie verbrannten den Koffer und saßen einige Stunden später im Bahnwagen, um den gegen Königsau gerichteten Schlag auszuführen und zugleich nach Spuren Dessen zu suchen, der sie um ihren Raub gebracht hatte. Was Königsau betrifft, so hatte er am Morgen nach dem Kaufe Smirnoff und Samuel Cohn abfahren lassen, ohne eine Ahnung von dem schweren Verluste zu haben, welcher ihn betroffen hatte. Erst als beim Frühstücke der Gerichtsamtmann, welcher die actuelle Handlung geleitet hatte, die Bemerkung machte, daß vorsichtigermaßen ein Verzeichniß der Nummern der Staatspapiere anzulegen sei, öffnete er den Schrank und nahm den Koffer hervor. Der Schlüssel fehlte. Das fiel ihm auf, denn er wußte ganz genau, daß er denselben stecken gelassen hatte. Da er ihn trotz alles Suchens nicht fand, so wurde ihm ängstlich zu Muthe. Er ließ die noch anwesenden Herren rufen und theilte ihnen die beunruhigende Entdeckung mit, welche er gemacht hatte. Es wurde beschlossen, gar nicht erst auf die Ankunft eines Schlossers zu warten, sondern den Koffer sofort aufzubrechen. Das geschah. Der Schreck und die Aufregung, welche sich nun Aller bemächtigte, ist gar nicht zu beschreiben. Der Amtmann gab den Befehl, daß kein Mensch, welcher sich auf dem Schlosse befinde, dasselbe ohne Erlaubniß verlassen dürfe. Ein sicherer Bote wurde nach der Polizei geschickt, und dann begann eine allgemeine Aussuchung. Die gestohlene Summe war so bedeutend, daß an eine Schonung der Gefühle des Einzelnen gar nicht gedacht werden konnte. Diesem ersten Schlage folgte ein zweiter, noch größerer. Frau Margot hatte sich noch in ihrem Zimmer befunden, als die schlimme Entdeckung gemacht wurde. Sie war schon längere Zeit unfähig, allein zu gehen. Jetzt hörte sie ein Rennen und Rufen, ein Klagen und Fragen. Sie klingelte, sie rief nach Dienerschaft, aber vergeblich. Jetzt bemächtigte sich ihrer eine ungewöhnliche Angst, und diese Angst nahm zu, je lauter der Lärm wurde, und je weniger man sich um sie bekümmerte. Sie versuchte, sich von ihrem Stuhle zu erheben. Es gelang ihr, aber unter großen Schmerzen. Sie griff sich an der Wand und an den Möbeln hin bis an die Thür, öffnete dieselbe und schob sich hinaus. Einer der Diener kam gerannt und wollte vorüber, ohne sie zu beachten. »Wilhelm! Wilhelm!« rief sie. »Was giebt's? Was ist geschehen?« Erst jetzt bemerkte er sie. »O Gott, gnädige Frau,« rief er ganz außer sich; »man ist eingebrochen; man hat Sie bestohlen, fürchterlich bestohlen!« »Eingebrochen? Uns bestohlen? Um Gott, was ist es denn, was man gestohlen hat?« »Alles! Alles! Das ganze Vermögen!« Es war ihr, als ob sie einen Keulenschlag auf den Kopf erhielte. »Das ganze Vermögen?« ächzte sie. »Wo denn?« »Das Kaufgeld, die ganze Kaufsumme, aus dem Koffer, in welchem sie verschlossen war.« »O – Gott – Gott – – Gott – – – ver – verkauft – – ver – – verloren – meine – Ah – Ah – Ahn – – –!« »Ahnung!« wollte sie sagen, aber sie vermochte nicht, das Wort vollständig auszusprechen; sie brach zusammen. Der Diener rannte zu Königsau, welcher rath- und fast gedankenlos unter den Seinen stand. »Gnädiger Herr,« rief er. »Schnell, schnell! Die gnädige Frau ist in Ohnmacht gefallen!« Alles eilte mit ihm fort; aber Hugo vermochte nicht, ihm zu folgen. Hätten ihn nicht Zwei ergriffen und gehalten, so wäre er zu Boden gesunken. Auf diese gestützt, vermochte er erst nach einiger Zeit, fortzuwanken, um nach seiner Frau zu sehen. Man hatte sie auf das Ruhebette gebracht; sie schien todt zu sein; ihre Augen waren starr und offen, und vor ihrem Munde stand ein bräunlicher Schaum. Er brach mit einem lauten Aufschrei neben ihr zusammen. Der Amtmann schickte sofort einen reitenden Boten nach dem Arzte. Als dieser kam, untersuchte er die Beiden und erklärte, daß Frau Margot vom Schlage getroffen sei und nur noch einige Tage, vielleicht nur Stunden zu leben habe, bei Herrn Hugo aber sei ein hitziges Fieber im Anzuge, welches sein Leben in die größte Gefahr bringen könne; nur die sorgsamste Pflege werde ihn zu retten vermögen. In diesem Jammer zeigte es sich, was ein zartes Frauenherz vermag, wenn die Wolken des Unglücks sich zu entladen beginnen. Ida, die Schwiegertochter der beiden Kranken, hatte von dem Augenblicke an, an welchem sie die Kunde von dem Unglücke vernommen, kaum ein Wort gesprochen. Ihr ganzes Wesen schien in Thränen erstarrt zu sein, und doch war sie die Einzige, welche Ruhe und Fassung zeigte und durch entschiedene Winke erklärte, daß sie die Sorge um die Eltern nur allein auf sich nehme und einem jeden Andern verbiete, sich ihnen zu nahen. In all diesem Jammer und Wehklagen, in diesem Schrecke und dieser Angst war es keinem Menschen eingefallen, an den französischen Gast zu denken. Nur Einer dachte an ihn, und der war – ein Kind. Der kleine Richardt hatte noch in seinem Bettchen gelegen, als sich das Rennen und Rufen erhob. Er war, neugierig geworden, aufgestanden, hatte die Thür geöffnet und blickte auf das Durcheinander hin und her rennender Menschen, ohne zu wissen, was er davon halten solle. Da aber kam Einer weinend den Seitencorridor herauf, Einer, von welchem er wußte, daß dieser mit ihm sprechen werde. Es war der alte Kutscher Florian, welcher, vom Schreck auch fast gelähmt, herbeigewankt kam in der Haltung eines Menschen, welcher Mühe hat, seine Gedanken in Ordnung zu halten. »Florian, Florian!« rief der Knabe. »Komm her, Florian! Warum eilen diese Leute so?« Der Alte trat herbei, nahm den Kopf des Knaben zwischen seine Hände, beugte sich nieder, küßte ihn auf das weiche Haar und antwortete weinend: »Richard, lieber Richard, es ist Dir ein großes, sehr großes Unglück geschehen! Die Großmama und der Großpapa – – –« Er hielt inne; er besann sich, ob es denn auch klug und erlaubt sei, dem Kleinen Alles zu sagen. »Der Großpapa und die Großmama?« fragte Richard. »Was ist mit ihnen, lieber Florian?« »Nichts, o nichts! Sie schlafen. Aber man hat ihnen Geld gestohlen, viel Geld, alles Geld!« Da richtete der Kleine die klugen Augen auf den Sprecher und fragte: »Deshalb weinst Du wohl, Florian?« »Ja.« »Man wird das viele Geld wiederbringen müssen!« »O nein; der Dieb wird es behalten!« »Wer ist der Dieb?« »Wir wissen es nicht, aber wir suchen ihn.« »Wo hat sich das Geld befunden?« »In dem Zimmer Deines Großpapa.« Da schlug der Kleine vor Freude jauchzend die Hände zusammen und rief aus: »O, Florian, dann weiß ich, wer der Dieb ist!« Der alte Kutscher glaubte, daß es sich hier auch, wie so oft, um einen kindlichen Einfall handle, und antwortete: »Das wirst Du wohl nicht wissen, Richardt!« »Grad weiß ich es! Ich weiß es sehr genau!« »Nun, wer ist es?« »Herr de Lormelle.« »Um Gottes willen!« rief Florian, »Laß das ja Niemand hören!« »Warum denn nicht?« »Weil Herr de Lormelle ein vornehmer Herr ist und ein Freund Deines guten Papa, aber kein Dieb!« »Er ist ein vornehmer Herr, aber ich habe ihn nicht lieb. Er ist gestern Abend ganz allein im Zimmer des Großpapa gewesen.« Jetzt wurde der Diener aufmerksam. »Hast Du das gesehen?« fragte er. »Ja.« »Wann war es?« »Als die vielen Herren im Saale speisten und ich schlafen gehen mußte.« »So ist er mit dem Großpapa im Zimmer gewesen.« »Nein. Großpapa war mit den Herren im Saale. Ich konnte nicht schlafen; ich war so allein, denn das Schwesterchen schlief. Ich wollte auch mit speisen im Saale, und da stand ich auf und wollte Dich rufen. Du solltest mich ankleiden. Aber als ich die Thür öffnete, da sah ich Herrn de Lormelle kommen. Er trat so leise auf, als ob er mich fangen wolle, und da zog ich die Thür heran und ließ nur ein ganz, ganz kleines Lückchen.« Der alte Diener lauschte beinahe athemlos. »Und was sahst Du da?« »Ich sah, daß er einen Schlüssel aus der Tasche nahm und Großpapas Thür aufschloß; er trat ein und kam erst nach langer, langer Zeit wieder heraus.« »Hatte er Etwas in der Hand?« »Nein, lieber Florian; ich habe nichts gesehen.« »Merkwürdig, sehr merkwürdig! Würdest Du das auch Andern so erzählen, wie Du es mir erzählt hast?« »Wem denn?« »Dem Onkel Kunz.« »Ja, dem werde ich es erzählen.« »Auch wenn der Herr Gerichtsamtmann dabei ist, lieber Richardt?« »Auch dann.« »So warte einmal. Ich werde die Beiden sogleich holen.« Er ging und brachte Kunz von Goldberg nebst dem Amtmanne herbei, denen der Knabe seine Entdeckung in kindlich stolzer Weise mittheilte. Der Jurist folgte der Erzählung mit aller Aufmerksamkeit und fragte dann Herrn von Goldberg: »Haben Sie diesen Herrn de Lormelle heute bereits gesehen?« »Nein. Ich denke erst jetzt an ihn.« »Ich ebenso. Merkwürdig ist es, daß er sich bei diesem Lärm noch nicht hat sehen lassen. Gehen wir nach seinem Zimmer. Dort angekommen, fand man dasselbe verschlossen. Das war im höchsten Grade auffällig. Als auch auf wiederholtes Klopfen nicht geöffnet wurde, befahl der Amtmann, die Thür zu erbrechen. Dies geschah, und als man nun eintrat, fand man das Bette noch unberührt. Der Franzose mußte sich durch das Fenster entfernt haben, denn die Thür war von innen verschlossen gewesen. Das Fenster stand offen, und als man hinabblickte, bemerkte man die Leine, welche unten lag. Nun wurden zunächst die Habseligkeiten des Verdächtigen untersucht. Sein Koffer stand offen. Er enthielt etwas Wäsche und einige Kleidungsstücke, die aber weiter keinen Anhalt boten. Aber zwischen dem Koffer und der Wand lag – ein Gebund falscher Schlüssel. Henry hatte vergessen, gerade die Hauptsache mitzunehmen. »Er ist der Dieb,« rief der Amtmann. »Diese Nachschlüssel erklären Alles. Er hat mit einem derselben das Zimmer Herrn von Königsaus geöffnet und dann auch den Schrank, in welchem sich das Geld befand. Er hat das Köfferchen gerade so gut öffnen können wie der Besitzer, da dieser Letztere den Schlüssel stecken ließ. Mit dem Gelde in den Taschen hat er sich dann entfernt. Ich werde sofort seine Verfolgung veranlassen.« Die Combinationen des Beamten waren nicht vollständig richtig, aber der Schuldige war doch entdeckt. Es wurden schleunigst alle möglichen Maßregeln ergriffen, seiner habhaft zu werden, doch vergeblich. Er war und blieb für jetzt und lange Zeit verschollen. Fortsetzung 50 Die Vorhersage des Arztes ging in Erfüllung: Hugo von Königsau wurde von einem hochgradigen, hitzigen Fieber ergriffen, während dessen er nur von Gutsverkäufen, Einbrechern und Kriegskassen phantasirte. Bei seinem hohen Alter war wenig Hoffnung vorhanden, ihn genesen zu sehen. Frau Margot starb am vierten Tage, ohne wieder in Besitz ihrer Sinne gekommen zu sein. Es war in dem Hause langjährigen Glücks tiefe Trauer und großer Jammer eingekehrt; Armuth, Krankheit und Tod hatten jählings ihren Einzug gehalten, und Keiner machte sich solche Vorwürfe wie Kunz von Goldberg, welcher sich einbildete, daß aus dem Verkaufe nichts geworden wäre, wenn er sich nicht so warm dafür erklärt hätte. Man hatte natürlich sofort an Gebhardt telegraphirt, und die Antwort lautete, daß er schleunigst kommen werde, indessen keinen Freund Namens de Lormelle kenne. Goldberg ließ sich Urlaub geben, um der jetzt verwaisten Familie ein Helfer sein zu können. Auch Hedwig, seine Frau, rief er herbei. Aber ehe Beide eintrafen, nämlich Hedwig und der Urlaub, stellten sich zwei Andere ein. Am fünften Tage nach dem Unglücksfalle kam einer der Diener und meldete Kunz von Goldberg, daß zwei Fremde angekommen seien, welche mit Herrn Hugo von Königsau zu sprechen verlangt hätten. »Du sagtest doch, daß dieser krank sei und unfähig, Jemand zu empfangen?« »Allerdings. Darum wünschten sie, bei Ihnen eintreten zu dürfen.« »Ihre Namen?« »Sie wollten dieselben Ihnen selbst sagen.« »Eigenthümlich! Aber führe sie zu mir.« Nach einigen Augenblicken traten die Angemeldeten ein. Kaum hatte Kunz einen Blick auf sie geworfen, so sprang er von seinem Stuhle auf. Nicht Rallion war es, welcher seine Aufmerksamkeit hervorrief, sondern Richemonte, dessen Antlitz er mit seinem Blicke durchbohren zu wollen schien. Wer dieses Gesicht einmal gesehen hatte, der war nicht im Stande, es wieder zu vergessen. Und er hatte es gesehen, drüben in Africa, kurz nach der Löwenjagd. Die Beiden verbeugten sich, aber auf eine Weise, welche die Absicht erkennen ließ, das gerade Gegentheil von Höflichkeit erkennen zu lassen. »Sie sind Herr von Goldberg?« fragte Rallion. »Wie Sie wissen!« antwortete Kunz. »Sie kommen jedenfalls, um mir Ihr Verschwinden aus dem Postwagen zu erklären.« »O, ich werde Ihnen noch ganz andere Sachen zu erklären haben.« »Vielleicht werden Sie mir endlich auch Satisfaction geben wollen!« meinte Kunz in verächtlichem Tone. »Gewiß! Das ist ja gerade der Grund meiner Anwesenheit. Ich komme nämlich, um Ihnen mitzutheilen – – –« »O bitte, bitte!« unterbrach ihn Kunz. »Wollen Sie mir nicht vorher den andern Herrn vorstellen?« »Eigentlich wollte ich dies erst später thun, doch kann ich Ihnen den Namen meines Freundes sagen: Herr Capitän Albin Richemonte.« Goldberg fühlte sich einen Augenblick lang nicht im Stande, sich zu bewegen oder einen Laut von sich zu geben; aber er war ein vollendeter Charakter und beim Militär so gut geschult, daß er seine Züge zu beherrschen verstand. Also das war der Mensch, welcher der Teufel der Familie Königsau genannt werden müßte. Im Gesichte Goldbergs zuckte keine Miene. Sein Auge ruhte mit einem starren, fast todten Ausdrucke auf dem Capitän; dann meinte er zu Rallion: »Fahren Sie jetzt fort.« »Das wird sofort geschehen. Herr von Königsau hat seine bisherigen Besitzungen an den Grafen von Smirnoff verkauft?« »Ja.« »Unter der Bedingung, diese Besitzungen mit seinem Privateigenthum binnen einem Monate, vom Tage des Kaufabschlusses an gerechnet, zu verlassen?« »Ja.« »Nun, so theile ich Ihnen mit, daß ich in alle Rechte des Grafen Smirnoff getreten bin. Ich habe ihm die beiden Güter abgekauft.« Zwischen Goldbergs Zähnen drang ein zischendes Pfeifen hervor, der einzige Laut, welchen er während einer ganzen Weile hören ließ. Tausend Gedanken und Vermuthungen kreuzten sich in seinem Kopfe. »Ich hoffe, daß Sie gehört haben, was ich soeben sagte!« meinte Rallion. Goldberg nickte leise und antwortete sodann: »Ich habe Sie sehr wohl verstanden. Ich glaube sogar, daß Sie mir mehr, viel mehr mitgetheilt haben, als was Sie bezweckten. Ich ersuche Sie, mir in das Nebenzimmer zu folgen!« Er stieß eine Thür auf und ließ die Beiden vorangehen. Sie blieben wie gebannt am Eingange stehen. Das Gemach, in welchem sie sich befanden, war mit schwarzem Tuche ausgeschlagen; kein Tisch, kein Stuhl, kein Möbel war vorhanden. In der Mitte des Raumes aber erhob sich ein imposantes Castrum doloris , ein mit schwarzem Krepp und Sammet drapirter Katafalk, an dessen Seiten auf hohen Leuchtern eigenartig duftende Walrathskerzen brannten. Die Fenster waren verhangen, und das Licht der Kerzen fiel auf einen Sarg, welcher die Blicke der beiden Eingetretenen magnetisch auf sich zog. In demselben lag Margot, die einstige Liebe eines Kaisers, in helles, schimmerndes Weiß gekleidet. Der schöne Mund war scharf geschlossen, das herrliche Auge gebrochen, die glänzende Wange eingefallen. Auf der einst so elfenbeinernen Stirn spielten gelbgraue Töne, und das Grau des einst so herrlich blauschwarzen Haares hatte im Tode seinen Glanz verloren. Niemand schien bei der Leiche zu sein, aber unten am Katafalke hatte ein vom vielen Weinen bleicher und matter Knabe gesessen und immerfort geschluchzt: »Großmama, meine liebe, traute Großmama!« Aber als sich die Thür geöffnet hatte, da hatte er sich in die tiefen Falten des Sammets versteckt. Kunz von Goldberg stieg die Stufen empor und deutete mit der Rechten auf die Todte. »Kennen Sie Diese hier?« fragte er mit tiefer Stimme, welcher man nicht abnehmen konnte, ob sie vor Rührung oder vor Gram zitterte. »Ich sagte vorhin, daß Sie mir mehr mitgetheilt haben, als Sie eigentlich beabsichtigten. Sie haben mir eingestanden, daß Sie das Eigenthum dieser Hingemordeten durch einen Dritten kauften und den Kaufpreis durch einen Vierten rauben ließen, um ein Werk entsetzlicher Rache auszuüben. Die Hingegangene ist ein Opfer dieser Rache geworden, und auch Der, mit welchem sie im Leben verbunden war, ringt mit dem Tode. Ich lege meine Hand auf das erstarrte Herz der Todten und schwöre bei Gott und bei allen Mächten seines Himmels, daß ich nicht ruhen und rasten werde, bis Eure Thaten an das Licht gebracht sind und ihren Lohn gefunden haben. Graf Rallion, feiger Mörder, wagen Sie es, Ihrem Opfer in das Angesicht zu blicken? Capitän Richemonte, fühlen Sie beim Anblicke Ihrer Schwester nicht den Brand einer Hölle in Ihrem Herzen? Nein, Sie sind ein Teufel und haben diesen Brand nicht zu fürchten. Aber es wird der Tag kommen, an welchem wir im Namen der ewigen Gerechtigkeit mit Ihnen zusammenrechnen, und dann wird sich kein Engel finden, der um Erbarmen für Sie bittet. Gehen Sie, gehen Sie! Es ist hier nicht Raum für Sie und die Leiche dieser Reinen, deren Mörder Sie sind.« Er zeigte mit der Linken nach der Thür. Rallion fühlte ein unendliches Grauen in allen seinen Gliedern und wendete sich zum Gehen. Richemonte aber faßte ihn am Arme. »Warten Sie!« sagte er zu ihm. Dann ging er langsam näher, stieg die Stufen empor, trat ganz nahe zum Sarge hin, und nahm die Leiche mit einem kalt musternden Blicke in Augenschein. Es zeigte sich in seinem kalten Gesichte nicht die mindeste Spur einer Gefühlsregung. Dieser Mensch schien da, wo bei Anderen das Herz klopft, welches man ja als Sitz der Empfindungen zu bezeichnen pflegt, eine leere Stelle zu haben. Er hatte die Todte, welche seine Schwester gewesen war, verfolgt, so lange er sie kannte. Und nun sie als Leiche vor ihm lag, war bei ihm von Reue nicht die Rede. Er hatte kein Gewissen. Nachdem er sie betrachtet hatte, wie man eine Wachsfigur in Augenschein nimmt, wandte er sich ruhig ab, zuckte die Achsel und sagte: »Sie ist nicht zu bedauern. Sie hat trotz aller Mühe, welche ich mir mit ihr gegeben habe, nie erkannt, was zu ihrem Besten dient. Ich habe es nicht glauben wollen, aber es giebt wirklich Menschen, welche Alles wollen, Alles, nur ihr eigenes Glück nicht.« Das war eine Frechheit sonder Gleichen. Goldberg fühlte sich im tiefsten Innern darüber empört. »Schurke!« stieß er zornig hervor. Richemonte wendete sich an ihn und fragte: »Meinen Sie etwa mich, Monsieur?« »Ja, Sie! Keinen Anderen.« »Sie sind nicht zurechnungsfähig.« »Und Sie würde ich niederschlagen und dann aus dem Hause werfen lassen, wenn mich nicht ehrfürchtige Scheu vor dieser Todten abhielt, jetzt so Etwas zu thun.« Da ermannte sich auch Rallion wieder. »Herr von Goldberg,« sagte er, »nehmen Sie sich in Acht, daß nicht Sie es sind, welcher hier aus dem Hause geworfen wird!« »Feigling.« Dies war das einzige Wort, mit welchem Goldberg antwortete. »Feigling?« meinte Rallion. »Es hat ein jeder Mensch seine eigene Manier, zu kämpfen. Während Andere im Kugelregen fechten, thut der Minirer seine Pflicht unter der Erde, und er ist nicht weniger muthig als die Ersteren. Gebhardt von Königsau war einst so toll, mich zu fordern. Ich habe diese Aufforderung angenommen, aber ich verzichtete darauf, mit Waffen zu kämpfen, welche ihm als Officier geläufiger waren als mir. Die Parthie wäre ungleich gewesen, und die Entscheidung würde eine ungerechte geworden sein. Ich habe nach anderen Waffen gegriffen; ich habe mit ihm nicht um das Leben, sondern um seine Existenz gekämpft, und Sie sehen jetzt, daß ich Sieger bin.« Da trat Goldberg rasch einen Schritt vor und rief: »Ah, damit geben Sie zu, daß der Schlag, welcher die Familie Königsau getroffen hat, von Ihnen ausgeführt wurde.« »Pah. Denken und vermuthen Sie, was Sie wollen! Sollten Sie so sinnlos sein, anzunehmen, daß ich bei Ihnen eingestiegen bin und das Geld genommen habe, welches Ihnen abhanden gekommen ist, so habe ich nichts dawider. Ich begnüge mich damit, Herr der Besitzung zu sein, welche meinem Gegner gehörte. Wollen Sie den Kampf noch weiter treiben, so bin ich bereit, ihn wieder aufzunehmen. Ich theile Ihnen mit, daß ich hier nicht wohnen, sondern die Verwaltung der Besitzung einem Beamten anvertrauen werde. Glauben Sie vielleicht, irgend welchen Rechtstitel geltend machen zu können, so bedienen Sie sich meinetwegen der Ihnen zur Verfügung stehenden gesetzlichen Mittel: aber sorgen Sie dann dafür, daß mein Verwalter bei seinem Anzuge Niemand von denen vorfindet, welche zu lieben ich keine Veranlassung habe. Ich würde in diesem Falle in unnachsichtlicher und strengster Weise mein Hausrecht in Anwendung bringen! Adieu, Monsieur!« Er ging, und Richemonte folgte ihm. Der Schlag war gefallen, und er traf alle Betheiligten schwer. Wie gut, daß Margot von Königsau durch den Tod verhindert worden war, ihn mitzufühlen. Sie wurde begraben. Alle ihre einstigen Untergebenen betrauerten in ihr eine Herrin, welche wie eine Mutter für das Wohl Aller bedacht gewesen war. Hugo von Königsau hatte seine kräftige Natur bis in sein gegenwärtiges Alter bewahrt. Er war von dem Fieber zwar niedergeworfen worden; es hatte ihn dem Tode nahe gebracht, aber er starb nicht, sondern er genaß. Als er das erste Mal das Lager verlassen konnte, befand er sich bereits seit langer Zeit nicht mehr auf der verlorenen Besitzung, sondern in Berlin, wo Kunz von Goldberg ihm eine Wohnung gemiethet hatte. Seine Schwiegertochter und seine beiden Enkel waren bei ihm, aber er fühlte sich trotz ihrer Gegenwart einsam und fast verlassen. Ihm fehlte das treue Weib, Margot, die seine Seele gewesen war. Man hatte ihm ihren Verlust natürlich erst dann mittheilen können, als die Aerzte es gestatteten; aber dennoch war es als ob diese Schreckenskunde ihn wieder auf das Lager werfen wollte. Es bedurfte der ganzen Liebe und Anhänglichkeit der Seinigen, seine Gedanken von diesem Verluste, den er erlitten hatte, wenigstens zeitweilig abzulenken. Besser wurde dies, als Gebhardt endlich eintraf. Er war zwar von Allem unterrichtet worden; er wußte, daß seine Mutter todt und sein Vater schwer krank sei; er wußte auch, daß ihr Vermögen verloren sei und daß ihr Feind sich auf ihrem Eigenthume eingenistet habe. Er hatte darum seine Rückkehr nach Kräften beeilt, aber es war ihm nicht möglich gewesen, eher zu kommen. Jetzt nun nahm er das Werk in die Hand, an welchem bereits Goldberg und die Polizei vergeblich gearbeitet hatten, nämlich die Erforschung dessen, was damals geschehen war. Bei reiflicher Erwägung schien es fast sicher, daß zwischen jenem Diebstähle und dem Ankaufe der Güter durch Rallion ein Zusammenhang stattfinde; aber war die Lüftung des darüber ausgebreiteten Schleiers bisher eine Unmöglichkeit gewesen, so blieben auch alle weiteren Nachforschungen ohne Erfolg. Dieser Letztere war nur denkbar, wenn der Dieb, der sogenannte Henry de Lormelle, entdeckt und ergriffen wurde; aber es gelang nicht, auch nur die leiseste Spur von ihm aufzufinden. Inzwischen war zu dem bereits erlebten Unglück auch noch ein weiteres gekommen. Eines Tages nämlich traf ein schwarzgerändeter und ebenso schwarzgesiegelter Brief aus Paris bei Gebhardt von Königsau ein, welcher folgendermaßen lautete: »Mein Herr! Hierdurch wird Ihnen mitgetheilt, daß Ihre entfernte Verwandte, die hochselige Frau Gräfin Juliette de Rallion, in Folge eines plötzlichen Schlaganfalles mit dem Tode abgegangen ist und kein Testament hinterlassen hat. Aus diesem letzteren Grunde und ebenso zu Folge des Umstandes, daß Ihre Frau Gemahlin und deren Schwester, Frau Hedwig von Goldberg, an Ausländer verheirathet sind und auch über die gesetzlich hier einschlagende Frist im Auslande gewohnt haben, fällt das Ganze der Hinterlassenschaft dem einzigen männlichen Erben der Verstorbenen, dem Herrn Grafen Jules Rallion zu.   Ergebenst Erneste Vafot, Oeffentlicher Notar u. Nachlaßverwalter.« Die gute Tante Rallion war hochbetagt gewesen, und Gebhardt machte kein Hehl daraus, daß er gehofft habe, es werde ihm bei ihrem Ableben ein Theil ihres Nachlasses zufallen. Das wäre in seiner gegenwärtigen Lage eine große Hilfe für ihn gewesen. Nun war auch diese Hoffnung vernichtet. Ihr Feind, der Graf Jules Rallion, war auch hier vom Glücke begünstigt worden. Nun galt es, zu arbeiten und zu schaffen, damit die nackte Armuth nicht ihren Einzug halte. Zwar hatte Gebhardt an seinem Schwager Goldberg einen Freund, dessen ganzes Eigenthum ihm zur Verfügung gestanden hätte, aber er zog es vor, sich selbst allein das Dasein zu verdanken. Er versuchte, die Erfahrungen und Anschauungen, welche er sich auf seinen Reisen gesammelt hatte, zu verwerthen. Er schrieb Bücher, Berichte und Gutachten und hatte die Freude, seine Mühen anerkannt und belohnt zu sehen. Es gelang ihm, sich mit der Feder eine, wenn auch nicht glänzende, aber doch zufriedenstellende Existenz zu erobern. Aber die Zeit rückte vor, und mit ihr stiegen die Ansprüche, welche das Leben und die Sorge für die Seinen an ihn machten. Der kleine Richardt hatte das Alter erreicht, in welchem er als Cadet eintreten sollte; dazu waren Mittel erforderlich, welche Gebhardt leider nicht besaß. Zwar griff hier Kunz von Goldberg ein; aber es war vorauszusehen, daß die Ausgaben von Jahr zu Jahr steigen würden. Schwager Goldberg sollte nicht gewohnheitsmäßig in Anspruch genommen werden; man mußte daran, sich irgend eine Hilfsquelle zu öffnen. So saßen Großvater, Vater und Mutter oft sorgend beisammen, um zu berathen und Pläne zu entwerfen, welche sich aber stets als nicht wohl ausführbar erwiesen. Ein einziger unter diesen Plänen war es, welcher, so abenteuerlich er auch auf den ersten Blick erschien, doch eine kleine Hoffnung des Gelingens gab. Und stets war es Großvater Hugo, welcher die Rede auf ihn brachte. »Die Kriegskasse,« meinte er; »könnten wir doch die Kriegskasse finden!« »Sie gehört nicht unser; sie ist Eigenthum Frankreichs,« wendete Gebhardt ein. »Aber Frankreich muß dem Finder eine Gratification zahlen.« »Nun wohl! Aber wo soll man sie suchen?« »Ich kann mich leider nicht mehr besinnen; aber so weit meine Gedanken reichen, muß ich mir sagen, daß ich sie nicht gar sehr weit, und zwar südlich von dem Orte vergraben habe, wo sie erst lag. Die Zeichnung, welche ich damals fertigte, hat zwar Blücher erhalten, aber ich habe eine Copie genommen, welche wir noch jetzt besitzen.« Dieses Gespräch wiederholte sich so oft, daß Gebhardt von Königsau sich endlich an den Gedanken gewöhnte, der verlorenen Kriegskasse nachzuforschen. Im Stillen that auch Ida alles Mögliche, ihn in diesem Beschlusse zu bestärken. So saßen sie auch einstmals in dem kleinen Gärtchen, welches zu ihrer gegenwärtigen Wohnung gehörte, und sprachen über denselben Gegenstand. Da erwärmte sich Großpapa Hugo so sehr für denselben, daß er schließlich ausrief: »Nun gut, Gebhardt! Wenn Du nicht gehst, so gehe ich!« »Du?« fragte der Angeredete. »Das geht nicht!« »Warum nicht?« »Grad jetzt macht Dir Deine alte Wunde sehr viel zu schaffen. Du bedarfst der Ruhe und hast für Monate hinaus jede größere Anstrengung zu vermeiden.« »Die Reise ist keine Anstrengung!« »Sie kann sogar eine sehr große werden!« »Wieso?« »Es ist keine Erholung, dort im Gebirge herum zu klettern und nach einem Ort zu suchen, den man nicht kennt! Dazu kommt, daß es heimlich geschehen muß, so daß Niemand Etwas davon merkt. Das Wetter darf gar nicht berücksichtigt werden; im Gegentheile, je schlimmer es ist, desto sicherer ist man vor etwaigen Lauschern.« »Hm! Das mag sein! Also muß ich leider darauf verzichten; aber Du, lieber Gebhardt, könntest es doch versuchen!« »Wenn Ihr es denn so dringend wünscht, so will ich Euch den Willen thun. Aber, wie es anfangen?« Da ließ sich hinter ihm eine Stimme vernehmen: »Das ist nicht schwer!« Er drehte sich um. Da stand der alte, treue Kutscher Florian Rupprechtsberger, welcher damals mit Hugo nach Deutschland gekommen war und auch dann die Familie nicht verlassen hatte, als sie arm geworden war. »Nicht schwer? Wieso?« fragte Gebhardt. »Ich gehe mit!« »Du? Hm!« Florian war alt geworden. Gebhardt betrachtete seine Gestalt mit prüfendem Blicke, wie um zu taxiren, ob der brave Mann den Anstrengungen einer solchen Reise auch noch gewachsen sei. »Das ist wahr,« sagte der Großvater. »Da ich nicht mit darf, so ist unser Florian der Einzige, welcher jene Gegend kennt.« »Wird er sich ihrer auch erinnern können?« meinte Gebhardt. »Gewiß!« antwortete Florian. »Ich war ja mit in der Schlucht, wo das Geld erst vergraben war. Das war an dem Tage, an welchem wir verfolgt und angegriffen wurden, und an welchem der Capitän Richemonte den Baron de Reillac ermordete.« »Das hast Du schon oft erzählt; aber wirst Du diese Schlucht auch heute noch wiederfinden?« »Das versteht sich!« »Beschreibe den Weg!« befahl der Großvater. »Man geht durch Bouillon, an dem Wirthshause vorüber, in welchem Sie einmal eingekehrt waren, ein Stück am Wasser hin, und dann bei den Bäumen biegt man links ein, um den schmalen Weg zu verfolgen, welcher an der Köhlerhütte vorüberführt. Von da aus hat man nur einige Minuten weiter durch den Wald zu steigen; dann öffnet sich zur rechten Hand die Schlucht.« »Das ist sehr richtig,« meinte der Großvater. »Aber seit jener Zeit sind viele Jahre vergangen, und es wird Manches verändert sein, vielleicht so verändert, daß man das Terrain gar nicht mehr wieder erkennt.« »Den Berg haben sie doch nicht fortschaffen können, und die Schlucht ist also auch noch da.« »Wohl wahr! Aber wenn Ihr nun die Schlucht gefunden habt, was dann?« »Dann nehmen wir den Situationsplan in die Hand, den Sie damals gezeichnet haben, und suchen, indem wir uns von der Schlucht aus immer nach Süden halten.« »Glaubst Du denn, daß Du eine solche Reise noch mit unternehmen kannst?« »Ich?« fragte der treue Diener im zuversichtlichsten Tone. »Ich laufe mit um die Erde herum, wenn es gilt, Etwas zu thun, was Ihnen Freude macht!« »So habe ich nichts dagegen, daß Du mit Gebhardt reisest. Und da wir einmal diesen Entschluß gefaßt haben, so wollen wir auch nicht lange zögern, ihn in Ausführung zu bringen!« Der gute Florian zeigte eine außerordentliche Freude über die Erlaubniß, welche ihm geworden war. »Wie schön! Wie herrlich!« rief er aus. »Bei dieser Gelegenheit kann ich auch einmal meine Verwandten besuchen. Die Alten sind freilich gestorben, und die Jungen habe ich noch gar nicht gesehen; aber wir schreiben uns zuweilen. Und dann das schöne Geld, welches Sie erhalten werden! Vielleicht werden Sie dadurch wieder grad so reich, wie Sie gewesen sind!« Das erregte die Wißbegierde Idas. Sie fragte: »Den wievielten Theil des Ganzen würdet Ihr wohl erhalten?« Da antwortete Großvater Hugo lächelnd: »Ich bin mit dieser Frage, natürlich ohne mich zu verrathen, hier bei einem Advocaten gewesen. Er hat nachgeschlagen und gesagt, daß eine Kriegskasse, welche so lange Zeit vergraben liege, unter den Begriff des Schatzes falle. Und nun rathet, wieviel in Frankreich da der Finder erhält!« »Den zwanzigsten oder wohl gar den zehnten Theil?« rieth Frau Ida von Königsau. »Das wären fünf oder zehn Procent. Nein; er bekommt gerade die Hälfte, während die andere Hälfte dem Besitzer des Grundes und Bodens gehört, auf welchem der Schatz gefunden wird.« Diese Auskunft erweckte geradezu eine Art Begeisterung für das Unternehmen, und es wurde einstimmig beschlossen, die Vorbereitungen zur Abreise sofort zu treffen. – Unterdessen wohnte der Capitän Richemonte mit dem Baron und der Baronin Liama de Sainte-Marie noch auf Jeanette. An dem Zustande des Barons hatte sich nichts gebessert; er war vielmehr noch tiefsinniger geblieben. Der in der Sahara an den unschuldigen Arabern verübte Massenmord quälte sein Gewissen und der Gedanke an jene ruchlose That versetzte ihn zeitweilig in einen Zustand finstern, dumpfen Brütens. Später traten sogar Stunden ein, in denen er die Geister der Ermordeten zu sehen glaubte und mit ihnen kämpfte. Er durfte gar nicht mehr ohne Aufsicht gelassen werden, und diese Aufsicht mußte der Capitän selbst übernehmen. Wäre eine andere Person damit betraut worden, so stand ja zu befürchten, daß die ganze Vergangenheit verrathen werde. Schließlich aber mußte doch ein Arzt zu Rathe gezogen werden. Er erhielt so viel mitgetheilt, als möglich war, ohne gefährliche Vermuthungen in ihm zu erwecken, und rieth nach einiger Beobachtung des Kranken Zerstreuung und eine Ortsveränderung, welche in einer Reise bestehen könne. Diese Reise müsse aber möglichst anstrengend sein, da körperliche Anstrengung und Ermüdung einen heilsamen Einfluß auf den erkrankten Geist üben werde. Der Capitän fluchte im Stillen über den krankhaften Zustand seines Verwandten und Adoptivsohnes. Sich seiner zu entledigen, ihn aus der Welt zu schaffen, wäre nichts sein Gewissen Belästigendes gewesen, da er ja überhaupt gar kein Gewissen besaß; aber er überlegte es sich, daß dies nur heiße, einen sehr dummen Streich begehen. Starb der Baron de Sainte-Marie, so gab es keine anderen Erben als die Familie Königsau, welcher dann Jeanette wieder zufiel. Darum mußte der Kranke weiter leben. Richemonte beschloß, mit ihm eine Fußreise zu unternehmen, und zwar in das Gebirge, da eine Gebirgsreise ja angestrengter ist als jede andere. Er wollte nach den Argonnen hinauf und dann in den Ardenner Wald. Die Vorbereitungen machten nicht viele Umstände. Ein junger, starker Knecht wurde als Diener mitgenommen, um bei der Bewältigung des Kranken behilflich zu sein, wenn sich bei demselben ja ein Anfall von Tobsucht einstellen sollte. Dann ging es fort. Erst ging es mit der Post nach Chalons und dann in den Argonner Wald, welcher von Bar le Duc bis nach Launoy durchwandert wurde. Diese anstrengende Fußtour war von ganz ausgezeichneter Wirkung auf den Baron. Einige leichtere Anfälle in den ersten Tagen abgerechnet, war über ihn nicht zu klagen gewesen, und selbst sein Trübsinn, welcher ihn seit Jahren nicht verlassen hatte, schien nach und nach einer andern Stimmung Platz zu geben. Er wurde von Tag zu Tag heiterer und gesprächig und begann, sich für Alles, was er erblickte, immer lebhafter zu interessiren. Nur von der Vergangenheit zu sprechen, mußte Richemonte streng vermeiden. Selbst wenn der Kranke nur an dieselbe dachte, stellte sich sofort die frühere trübe Stimmung wieder ein. Zwischen Launoy und Siguy le Grand liegt ein allerliebstes kleines Dörfchen, in welchem lauter gut situirte Landleute wohnen. Es gab nur eine einzige Familie, welche wirklich arm genannt werden konnte, nämlich diejenige des Hirten, welcher Verdy hieß. Er bewohnte eine kleine Hütte, welche nur einen einzigen Raum bildete und Mensch und Vieh zu gleicher Zeit beherbergte. Er besaß Nichts, als was er auf dem Leibe trug, und da sein Einkommen ein außerordentlich spärliches war, so hätte er wohl Hunger leiden müssen, wenn seine Familie eine zahlreiche gewesen wäre. Glücklicher Weise aber bestand dieselbe nur aus drei Personen, aus ihm, seinem Weibe und einer Tochter. Diese Letztere war sein Augapfel, machte ihm aber fast mehr zu schaffen als der sämmtliche Thierbestand des Dorfes, über welchen er auf der Weide die Aufsicht zu führen hatte. Die Tochter führte den für ein Hirtenkind nicht ganz passenden Namen Adeline. Sie war als Kind von den Kindern der reichen Bauern verachtet und zurückgesetzt worden; darum hatte sie sich an die Einsamkeit gewöhnt. Aber sie wäre gar so gern auch reich gewesen und hätte sich eben so gern hübsch gekleidet wie die Andern. Sie war eitel. Je älter sie wurde, desto mehr wuchs diese Eitelkeit. Sie sah sich im Spiegel; sie verglich sich mit den andern Mädchen, und sie kam zu der Ueberzeugung, daß sie unter ihnen Allen die Schönste sei. Nun wollte sie sich putzen. Dazu fehlte ihr nicht mehr als Alles, und so sann sie nach, ob sie nicht Etwas verdienen könne. Als Magd vermiethen wollte sie sich nicht; sie wollte sich nicht von den Mädchen befehlen lassen, welche nicht so schön waren wie sie. Da kam ihr ein anderer Gedanke. Ihr Vater hatte einige Erfahrung in der Behandlung kranker Thiere. Sie hatte oft für ihn hinaus auf das Feld und in den Wald gehen müssen, um heilsame Pflanzen zu holen. Sie wußte, daß die Apotheker solche Kräuter brauchen und von Sammlern kaufen müssen. Darum begann sie, Theepflanzen zu holen und an die Apotheker zu verkaufen. Das war eine leichte, sogar hübsche Arbeit und brachte Geld ein, viel zwar nicht, aber doch immer so viel, wie sie für sich brauchte. Es dauerte nicht lange, so hatte sie Schuhe und Strümpfe, einen hübschen Rock und eine weiße Schürze. Einige Bänder und Schleifen kamen dazu, und nun begannen auch die Burschen, ihre Blicke auf sie zu richten. Aber sie wollte nichts von denen wissen, von welchen sie zuvor nicht beachtet worden war. Während ihres einsamen Aufenthaltes in Wald und Feld gab sie allerlei Gedanken Audienz, guten und schlimmen, und da sie verachtet worden war und sich darüber verbittert fühlte, so war es kein Wunder, daß sie mehr schlimme als gute Gedanken hatte. Vor allen Dingen wollte sie sich rächen. Aber wie? Sie sann lange Zeit darüber nach, bis ihr endlich die Ueberzeugung kam, daß die eclatanteste Rache darin bestehe, den Mädchen den vornehmsten Burschen des Dorfes wegzuangeln. Dies war natürlich der Sohn des Maire. Von diesem Augenblicke an begann sie, die Angeln nach ihm auszuwerfen. Die Andern merkten dies und verspotteten sie; aber der Bursche sah recht gut, daß sie die Hübscheste von Allen sei, und that sein Möglichstes, um gefangen zu werden. Zuerst trafen sie sich zufällig hier oder da; sodann geschah das Zusammentreffen weniger zufällig, aber stets da, wo sie mit einander nicht gesehen wurden. Und endlich wurden wirkliche Verabredungen getroffen. Sie war ein Naturkind, besaß aber eine gute Dosis angeborener Schlauheit. Sie erzwang von ihm die Einwilligung, auch einmal beim Tanz erscheinen zu dürfen. Sie hatte sich bisher dort nie sehen lassen, und so war es für sie ein unendlicher Triumph, als der Sohn des Maire sich mit ihr im Kreise drehte und auch nicht eine einzige Andere engagirte. Der Bursche war ihr wirklich gut. Er hatte ganz ehrliche Absichten, aber mit diesen stimmten nicht diejenigen seiner Eltern überein. Es kam zu Vorwürfen und Erklärungen, deren Resultat und Ende war, daß der Vater dem Sohne verbot, mit diesem Mädchen jemals wieder ein Wort zu sprechen. Der Befehl wurde zwar angehört, aber nicht befolgt. Die Beiden trafen sich nun im Stillen, hinter dem Rücken seiner Eltern. Jedermann aber weiß, daß solche verbotene Zusammenkünfte mit bedenklichen Gefahren verknüpft sind, und diesen Gefahren erlag die schöne Hirtentochter. Es kam die Stunde, in welcher sie weinend dem Geliebten gestand, daß sie sich unglücklich fühle, weil sie Etwas verheimlichen müsse, was später an den Tag kommen werde. Das gab dem Burschen seine Ueberlegung zurück. Es regte sich der reiche Bauernsohn in ihm. Er begann, zu überlegen, und kam ganz von selbst zu der Einsicht, daß die Tochter des armen Hirten keine Frau für ihn sei. In Folge dieser Erkenntniß begann er, sich von ihr zurückzuziehen. Sie bemerkte es und stellte ihn weinend zur Rede. Die Thränen der Geliebten fallen wie glühende Tropfen auf das Herz; es kann durch sie auch ein sonst willenskräftiger Mann besiegt werden. Aber die Thränen einer Person, welche man bereits nicht mehr so gut leiden kann wie früher, haben eine ganz andere Wirkung. Das Weinen ist dann etwas sehr Unschönes, ja Widerwärtiges und spült den noch vorhandenen Rest der Liebe vollends von dannen. So ging es auch hier. Die Vorwürfe und Thränen des Mädchens erkälteten den Burschen. Er nahm sich vor, gar nicht wieder mit ihm zu sprechen. Was sich so ein reicher Dorfprinz einmal vorgenommen hat, das pflegt er auch zu halten. Landleute haben einen harten Kopf. Es gab für das verlassene Mädchen fast gar keine Gelegenheit mehr, den Geliebten zu sehen, als den Tanz. Darum ging es hin. Aber es feierte keine Triumphe mehr, sondern es erlitt Niederlagen. Das kränkte Adeline erst ganz entsetzlich; dann ärgerte es sie, und endlich fühlte sie an Stelle der früheren Liebe nur den Wunsch, sich zu rächen. Aber wie sollte sie sich an ihm rächen, sie, das blutarme Mädchen an dem reichen Sohne des Dorfschulzen! Ja, wenn Einer gekommen wäre, der noch vornehmer wäre als er. Welch eine Rache wäre das gewesen! Mit diesem Gedanken ging sie schlafen, und mit ihm erwachte sie. Da, eines Sonntags Abends saß sie wieder im Saale. Alle waren lustig; nur sie blieb allein und unbeachtet. Keiner kam, um sie zum Tanze abzuholen. Da plötzlich richteten sich Aller Augen nach der Thür. Es waren zwei Männer eingetreten, zwei fremde Herren, welche dem Tanze zuschauten. Fremd mußten sie sein, denn es kannte sie Niemand, und Herren, vornehme Herren waren es; das sah man an der feinen Kleidung, welche sie trugen. Der Eine war ein alter Herr mit grauem Schnurrbarte. Er blickte gar grimmig drein, und es ließ sich vermuthen, daß mit ihm nicht gut Kirschen essen sei. Der Andere war jünger, viel jünger; er konnte wohl der Sohn des Ersteren sein. Er war zwar nicht mehr ganz jung, aber er war nicht häßlich und hatte einen so eigenthümlich leidenden Blick, so etwas Duldendes an sich, was bekannt große Anziehungskraft auf Frauen auszuüben pflegt. Nachdem sie eine Weile zugeschaut hatten, schien der Alte sich zu langweilen. Er ging. Der Andere aber blieb neben dem Eingange stehen und setzte seine Beobachtungen fort. Adeline sah, daß sein Blick von einem Mädchen zu dem andern ging, als ob er ihre Schönheit prüfen wolle, und jetzt, jetzt ruhte sein Auge auch auf ihr. Sie senkte den Blick und fühlte dabei, daß ihr das Blut in die Wangen stieg. Als sie nach einer Weile die Augen wieder aufschlug, sah er sie noch immer an, und dabei lag ein leises, freundliches Lächeln auf seinem Gesichte. »Ich habe ihm gefallen!« dachte sie. »Was mag er sein?« Sie beobachtete ihn heimlich und bemerkte, daß sein Auge wieder und immer wieder zu ihr zurückkehrte. Endlich nickte er ihr gar zu, leise zwar, daß kein Anderer es bemerken konnte, aber doch so, daß sie sah, daß er sie meine. Sie erglühte von Neuem. Hatte er bemerkt, daß auch sie ihn beobachtete? Da, jetzt fühlte sie, daß ihr das Herz laut unter dem Mieder zu klopfen begann. Er hatte seinen Platz verlassen und schritt langsam, wie promenirend, an der Seite des Saales entlang, wo die Mädchen saßen und die Burschen, welche ihm jetzt während der Pause im Wege standen, ihm ehrerbietig Platz machten. Er kam näher und näher. Jetzt war er da. Sie senkte die Augen. Sie fühlte eine peinigende Angst. Worüber? Ob er vorüber gehen, oder ob er sie anreden werde? Er war bei ihr stehen geblieben, denn jetzt hörte sie seine Stimme: »So allein und abgesondert von den Andern, Mademoiselle!« Sollte sie ihm antworten? Jedenfalls. Das Gegentheil wäre ja unhöflich gewesen. Sie war also gezwungen, den Blick zu erheben. Sie sah Aller Augen auf sich und ihn gerichtet. Sie sah die freundliche Miene, mit welcher er sie anblickte, und da antwortete sie: »Ich bin stets allein, Monsieur.« »Warum, mein Kind?« »Die Andern sind reich, ich aber bin arm!« »Was thut das! Sind die Andern denn so stolz?« »Ja, sehr stolz.« »Lächerlich! Worauf kann so ein Bauernknabe oder so eine Bauerndirne denn stolz sein? Auf Bildung und Kenntnisse etwa? Jedenfalls nicht!« Wie wohl thaten ihr diese Worte! Und wie schade, daß nur sie allein dieselben gehört hatte! Er fuhr fort: »So tanzen Sie wohl gar nicht?« »Nein. Das war ein Geständniß, welches ihr die Schamröthe in das Gesicht trieb. Er aber schien ihr die Zurücksetzung gar nicht entgelten zu lassen, denn er sagte: »Daran thun Sie recht! Aber Sie tanzen wohl gern?« »Ich habe noch nicht viel getanzt, aber ich tanze nicht ungern.« »Dürfen auch Fremde an diesem Vergnügen theilnehmen?« »Wer wollte es ihnen untersagen, Monsieur?« »Nun wohl! Werden Sie mir die Erlaubniß ertheilen, die nächste Tour mit Ihnen zu versuchen?« Das Herz wollte ihr vor Freude zerspringen. Sie mußte die Hand auf den vollen Busen legen, damit derselbe nicht so unruhig woge und vielleicht gar das Mieder zersprenge. »Sie scherzen!« hauchte sie. »O nein, ich scherze nicht! Auch ich tanze gern; aber ich war lange Zeit nicht in Frankreich, sondern in einem Lande, wo man nicht tanzt. Werden Sie mir die Erlaubniß verweigern?« »O nein!« »So bitte, kommen Sie! Die Musik beginnt!« Es wurde ein Walzer gespielt. Der Fremde legte den Arm um sie, ergriff mit der Linken ihre rechte Hand und begann. Sie war so glücklich. Sie ließ sich von ihm willenlos dirigiren. Sie hielt die Augen geschlossen, und darum bemerkte sie nicht, daß kein anderes Paar an diesem Tanze theilnahm. Man fürchtete, den fremden Herrn zu verletzen, wenn man ihm in den Weg tanze. Aber als er ruhend mit ihr stehen blieb, ergriffen einige Burschen ihre Mädchen und schwenkten in die Reihe. Noch zwei Mal kam an die Beiden die Reihenfolge, dann schwieg die Musik. Und während der augenblicklichen Stille, welche da eintrat, kam ein dritter Fremder in den Saal, schritt auf ihren Tänzer zu, und sagte laut, daß Alle es hörten: »Herr Baron, der Herr Capitän läßt fragen, ob Sie jetzt mit zu Abend speisen werden!« »Nein,« antwortete er. »Sage ihm, daß er nicht auf mich warten möge. Ich esse später.« Der Bote – es war der Diener, der Knecht aus Jeanette – kehrte nach der Gaststube zurück. »Nun?« fragte Richemonte, welcher bereits an dem einfach gedeckten Tische saß. »Der Herr Baron bittet, nicht auf ihn zu warten.« »Ah! Wie kommt das? Amüsirt er sich denn da oben?« »Er scheint,« meinte der Diener zögernd, »soeben einen Tanz versucht zu haben.« »Donnerwetter! Wirklich?« »Ja. Der Walzer war zu Ende, und der Herr Baron hatte noch sein Mädchen am Arme.« Das Gesicht Richemontes verzog sich zu einem ironischen Lachen, und dann sagte er: »Was war es denn für eine Nymphe? Hübsch oder häßlich, lang oder kurz, dick oder dünn?« »Sie war sehr hübsch.« »Hm. Wir sind hier nicht gekannt; da mag es gehen. Er mag also in seinem Spaße ungestört bleiben. Ich gehe nach dem Essen sofort schlafen; Du aber magst ihn dann bedienen!« Droben hatten die Worte des Dieners eine ungeheuere Wirkung hervorgebracht. Ein Capitän und ein Baron waren da, und der Letztere hatte mit der Tochter des Schäfers getanzt! Adeline schwamm in einem Meere von Wonne. Sie hätte die ganze Welt umarmen mögen. Ein Baron war er, ein Baron. Das war die Rache für den untreuen Geliebten, der jetzt dort in der Ecke stand und ein Gesicht machte, als ob er nicht genau wisse, ob er sich ärgern solle oder nicht. Der Baron hatte sie nicht wieder nach der Bank geführt, auf welcher sie gesessen hatte, sondern an einen Tisch. Das war viel feiner und anständiger. »Werden Sie mir erlauben, mich zu Ihnen zu setzen, Mademoiselle?« fragte er, und zwar mit einer Verbeugung. Das war ihr noch nie geschehen. Aber sie hatte sich bereits in das Ereigniß gefunden und ihre Verlegenheit überwunden. Sie antwortete: »Ich bin solche Ehren nicht gewohnt, Monsieur.« »Aber werth sind Sie solcher Ehren. Wissen Sie, daß Sie schön sind, sogar sehr schön, mein Kind?« Sie erröthete bis über den Nacken herab und schwieg. Er fuhr fort: »Ich wünsche, ich wäre der Sohn eines Bauern, wie diese hier.« Und als sie ihm abermals nicht antwortete, fügte er hinzu: »Können Sie sich nicht denken, weshalb ich diesen Wunsch hege?« »Nein.« Aber sie konnte es sich gar wohl denken, durfte es ihm aber nicht sagen. Er bog sich ein Wenig weiter zu ihr herüber und meinte: »So werde ich es Ihnen sagen. Wenn ich ein Bauernsohn wäre, so könnten Sie öfters meine Tänzerin sein!« »O, Monsieur, Sie würden sein wie die Anderen und eine Reiche vorziehen!« »Nein. Ich würde die vorziehen, welche mir gefällt, und das sind Sie. Haben Sie noch Eltern?« »Ja. Beide leben noch.« »Und was ist Ihr Vater?« »Er ist nur der Hirt des Dorfes.« »Nur! Warum gebrauchen Sie dieses Wort? Ein jeder Mann ist ein ganzer Mann, wenn er seinen Platz ausfüllt. Sie werden mich neugierig schelten und mir zornig werden. Aber ich möchte so gern erfahren, ob Sie einen Geliebten haben. Wollen Sie mir das sagen?« »Ich habe keinen,« antwortete sie erröthend. »Sagen Sie die Wahrheit?« »Gewiß, Monsieur.« »Aber Einen, den Sie lieb hatten, hat es bereits gegeben?« Sie blickte verlegen vor sich nieder und zögerte, zu antworten; darum sagte er nach einem Weilchen: »Ich sehe Sie heute zum ersten Male und bin Ihnen fremd; daher ist es unrecht von mir, Ihnen solche Fragen zu stellen.« Da blickte sie voll zu ihm auf und antwortete: »Und doch will ich Ihnen antworten, Monsieur. Ja, ich habe einen Geliebten gehabt; aber wir sprechen nicht mehr mit einander.« »Ah! Wirklich? Befindet er sich heut Abend hier?« »Ja, er ist hier.« »Wollen Sie mir ihn zeigen?« »Er steht jetzt ganz allein am Büffet und läßt sich Wein geben.« »Dieser ist es? Er hat keinen Geschmack, Mademoiselle, keinen Geschmack und kein Herz, und darum wären Sie nicht glücklich mit ihm gewesen. Sie haben mir auf meine so zudringliche Frage geantwortet; das giebt mir den Muth, noch zwei weitere Erkundigungen einzuziehen. Darf ich?« »Ich werde Ihnen antworten.« »Verstößt es gegen den Gebrauch dieser Gegend, wenn ich Sie einlade, heute Abend mit mir zu speisen?« »Nein. Aber es würde auffallen, wenn wir dies an einem andern Orte thäten, wo wir allein wären.« »Also müßte es hier geschehen?« »Ja, hier, wo man uns offen beobachten kann.« »Gut! So sagen Sie mir nur noch, ob es auffällig sein würde, wenn ich Sie nachher nach Hause begleitete.« »Ja; man würde sehr darüber sprechen, und ich dürfte mich nicht wieder sehen lassen.« »Und doch wäre ich so glücklich gewesen, wenn Sie mir die Erlaubniß dazu hätten ertheilen können!« Sie befand sich in einer großen Verlegenheit. Sie hatte geträumt von Einem, der vornehmer sein müsse, als der Sohn des Maire; dieser Traum war so wunderbar in Erfüllung gegangen. Sollte sie sich die Gunst des Schicksals dadurch verscherzen, daß sie diesem Baron seine Bitte versagte? Und doch wußte sie, daß sie sich einem bösen Gerede aussetze, wenn sie auf seinen Wunsch einging. Er sah, daß sie mit sich kämpfte, daß sie wohl nicht ganz abgeneigt war, ihm die erbetene Erlaubniß zu ertheilen. Daher fügte er weiter hinzu: »Könnten wir es nicht so einrichten, daß man es nicht bemerkt?« »Was würden Sie da von mir denken, Monsieur!« »Ich würde nur denken, daß Sie ein sehr verständiges Mädchen sind, Mademoiselle.« »Was veranlaßt Sie aber zu dem Wunsche, mich zu begleiten?« »Wenn Sie sich das nicht selbst sagen wollen, kann ich es Ihnen auch nicht erklären. Eine schöne Musik hört man gern so lange wie möglich, und ein schönes Gemälde betrachtet man, bis man seine Schönheiten alle aufgefunden und genossen hat. Das Glück, bei einer jungen, hübschen Dame sein zu dürfen, dehnt man aus demselben Grunde so weit wie möglich aus. Es wäre ja ganz leicht, daß ich vor Ihnen den Saal verlasse und Sie dann erwarte. Der Abend ist so schön. Wir könnten noch ein Wenig promeniren gehen.« »Dann würde es klüger sein, daß ich eher gehe und Sie erwarte.« »Warum?« »Weil es ungebräuchlich ist, daß die Dame den Herrn erwartet. Man wird also nicht so leicht auf den Gedanken kommen, daß ich dies thue, sondern glauben, daß ich nach Hause gegangen bin.« »Ah, Sie sind nicht blos schön, sondern auch klug! Also werde ich Sie begleiten dürfen?« »Ich weiß noch nicht. Um dies sagen zu können, müßte auch ich Ihnen eine Frage vorlegen dürfen.« »So fragen Sie!« »Aber diese Frage wird Sie vielleicht verletzen!« »Aus Ihrem Munde verletzt sie mich nicht.« »Nun wohlan! Sie sind verheirathet?« Er hatte gewußt, daß es diese Frage sei, und doch wußte er nicht sofort, was er antworten solle; erst nach einer kleinen Pause erklärte er ihr: »Nein. Ich war es, aber meine Frau ist gestorben.« »So sind Sie Wittwer?« »Ja.« »In diesem Falle ist es mir erlaubt, Ihre Begleitung anzunehmen. Wenn Sie nach mir den Saal verlassen, so gehen Sie rechter Hand des Dorfes hinaus. Es ist nur zwei Minuten bis zum letzten Hause; dort werde ich Sie erwarten.« Er nickte ihr dankbar zu. Er hätte ihr gern die Hand dafür gedrückt, oder ihr einen Kuß gegeben; aber das Erstere wäre aufgefallen, und das Letztere war gar unmöglich. Sie blieben für den Abend mit einander an dem Tische beisammen. Er tanzte noch öfters mit ihr, und so fiel es gar nicht auf, daß sie an seinem Mahle theilnehmen durfte. Höchstens fühlte man anstatt Mißtrauen, Mißgunst. Und als sie endlich Abschied nahm und von ihm höflich entlassen wurde, war allen Hintergedanken die Möglichkeit abgeschnitten. Er wartete noch einige Minuten und ging dann auch. Er suchte seinen Diener auf und befahl ihm, da er noch ein Wenig frische Luft schöpfen wolle, dafür zu sorgen, daß er bei seiner Rückkehr die Thür noch offen finde. Dann verließ er das Haus. Fortsetzung 51 Er fand die reizende Adeline an dem angegebenen Orte seiner wartend. Sie weigerte sich nicht, ihm ihren Arm zu geben, und dann spazierten sie mit einander unter den Bäumen dahin, welche die nach Meziéres führende Landstraße zu beiden Seiten einfaßte. Sie sprachen über Nichts und Vieles. Bei einem solchen Beisammensein gewinnt ja das Nichtssagendste eine Bedeutung. Er hatte bald den Arm um ihre Taille gelegt, was sie ihm nicht verwehrte, und endlich versuchte er, ihr einen Kuß zu geben, und fand einen Widerstand, der nicht schwer zu besiegen war. Doch machte Adeline ganz und gar nicht den Eindruck auf ihn, als ob sie gegen einen jeden Andern in gleicher Weise sich verhalten hätte. Auf dem Rückwege war ihre Umschlingung schon weit inniger geworden, und sie blieben von Zeit zu Zeit stehen, um ihre Lippen zu einem Kusse zu vereinigen. Als dann das Dorf wieder vor ihnen lag, sagte er im Tone des Bedauerns: »Wie schnell ist diese Stunde vergangen! Ich wünsche sehr, Sie näher kennen zu lernen.« »Ist das etwas so Schweres?« fragte sie. »Gut! Ich werde morgen noch hier bleiben!« »Werden Sie die Zustimmung Ihres Gefährten erlangen?« »Er wird zustimmen müssen. Aber wird es uns auch möglich sein, uns zu treffen und zu sprechen?« »Ja, wenn Sie es wünschen.« »Ich wünsche es sogar sehr. Bitte, geben Sie Zeit und Ort an!« Sie blieb stehen und deutete nach rechts hinüber. »Sehen Sie im Mondenscheine dort die Waldesecke?« fragte sie. »Ja.« »Am Tage werden Sie eine hohe Eiche bemerken, welche dort steht. An dieser Eiche treffen Sie mich Mittag punkt ein Uhr. Ich gehe Pflanzen sammeln.« »Ah! Köstlicher Gedanke! Ich werde Ihnen helfen!« »Wir werden fleißig sein. Jetzt gute Nacht, Monsieur.« »Gute Nacht.« Es erfolgte eine lange und innige Umarmung, begleitet von sich wiederholenden heißen Küssen. Es war ganz so, als ob sie sich bereits seit langer Zeit gekannt hätten. Dann schieden sie. Sie begab sich trauernd nach der Hütte ihrer Eltern, und er schritt nach dem Gasthause zu wie Einer, der sich einen Genuß verschafft hat, welcher ihm ganz und gar nicht verboten ist. Während seiner Abwesenheit hatte sich etwas nicht Unwichtiges ereignet, oder vielmehr schon bereits während er sich noch auf dem Saale befand. Gerade als der Capitän sein Abendbrod verzehrte, waren zwei neue Gäste angekommen, ein älterer und ein jüngerer Mann. Sie nahmen an einem nahen Tische Platz. Es war Richemonte ganz so, als ob er den älteren bereits gesehen habe, doch konnte er sich nicht besinnen. Beide bestellten sich Trank und Speise. Während dieses Letztere aufgetragen wurde, fragte der Aeltere: »Logiert nicht ein fremder Herr bei Ihnen, welcher seinen Namen Laroche eingetragen hat?« »Ja, Monsieur,« antwortete der Wirth. »Haben Sie noch Platz für uns Beide?« »Sind Sie die zwei Herren, welche Monsieur Laroche erwartet?« »Ja. Hat er von uns zu Ihnen gesprochen?« »Er hat mir gesagt, daß Sie sich hier treffen wollen. Er wird nicht schlafen gehen, sondern Sie auf seinem Zimmer erwarten.« »Welches Zimmer ist es?« »Nummer Drei.« »Gut! Geben Sie auch uns ein Zimmer!« Und zu seinem Gefährten gewendet, fragte er: »Wir brauchen doch nicht verschiedene Stuben?« »Nein, wir bleiben bei einander, Onkel Florian.« Bei dieser Antwort des Jüngeren ging es wie ein helles Licht durch Richemontes Gedächtniß. »Onkel Florian!« Ja, jetzt besann er sich. Diesen Menschen hatte er nicht nur irgendwo gesehen, nein, den kannte er sogar sehr genau. Es war Florian Rupprechtsberger, der einstige Kutscher von Jeanette. Was wollte dieser Mensch hier? Er wohnte in Berlin bei der Familie von Königsau! Wer war dieser sogenannte Herr Laroche, welcher ihn erwartete? Diese Fragen legte er sich vor. Er hatte Zimmer Nr. Zwei und lag also neben diesem Laroche. Er stand, kurz entschlossen auf und begab sich nach oben; ganz unhörbar schritt er auf die Thür seines Zimmers zu und öffnete ebenso leise mit dem Schlüssel. Sodann stellte er einen Sessel hart an die von seiner Seite aus verriegelte Verbindungsthür der beiden Zimmer, und nahm Platz darauf, um schweigend das Kommende abzuwarten. Er war überzeugt, sich äußerlich so verändert zu haben, daß Florian ihn nicht erkannt haben könne. Endlich, nach längerer Zeit hörte er Schritte. Man klopfte drüben. »Wer ist da?« fragte eine Stimme von innen. »Ich, Florian.« Es wurde geöffnet, und der Genannte trat ein. »Welche Unvorsichtigkeit, Deinen Namen draußen auf dem Corridor zu nennen!« hörte Richemonte. »Wir gehen hier unter fremden Namen und müssen dieselben beibehalten! Du kommst sehr spät. Ich dachte, daß es sich bei Nacht im Walde sehr schlecht suchen lasse.« »Ich denke, daß ich Ihre Verzeihung schon erlangen werde. Wie gut, daß wir uns trennten! Man bestreicht da in der gleichen Zeit eine größere Fläche.« »Wie?« fragte der Andere schnell und freudig. »Bist Du vielleicht glücklich gewesen?« »Oder Sie, gnädiger Herr?« »Ich wurde nicht vom Glücke begünstigt.« »Und ich denke, den Ort gefunden zu haben. Sie hatten zwar den Situationsplan bei sich, aber ich habe mir Alles ganz genau gemerkt. Die Bäume, welche auf dem Plane stehen, sind natürlich größer und stärker geworden; zwischen ihnen kann Gebüsch entstanden sein; aber es stimmte Alles: die Erhöhungen und Vertiefungen, die Bäume; nur der Baumstumpf fehlte, welcher mit angegeben ist.« »Er kann währenddem ausgefault sein. Hast Du nicht den Boden untersucht?« »Wir hatten keine Werkzeuge mit als unsere Stöcke und Messer, und eine Kriegskasse vergräbt man doch tiefer, als daß man sie mit dem Messer erreichen kann. Wir müssen uns morgen einen Spaten verschaffen und den Ort gemeinsam untersuchen.« »Natürlich! Für morgen genügt es nur, zu wissen, ob wir den richtigen Ort gefunden haben, und dann – – –« Da begann drüben die Tanzmusik wieder aufzuspielen, und Richemonte konnte kein Wort mehr verstehen. »Donnerwetter!« flüsterte er erregt. »Da taucht die Kriegskasse wieder auf! Sie suchen sie; sie haben sie vielleicht schon gefunden, wenigstens den Ort an welchem sie vergraben liegt. Dieser Laroche ist ganz sicher ein Königsau! Welch' ein Glück, daß wir hier eingekehrt sind! Aber diesesmal sollen sie mir nicht entkommen. Die Kasse wird mein, oder der Teufel ist mit ihnen im Bund!« Noch während die Musik spielte, hörte Richemonte drüben die Thüre gehen. Florian entfernte sich. Jetzt gab es nun nichts mehr zu erlauschen; darum entkleidete Richemonte sich leise und legte sich zu Bette. Aber der Schlaf floh von seinen Augen; die Gestalten der Vergangenheit wurden lebendig und traten vor seine Seele; all sein Zorn, sein Grimm, sein Haß wurde wieder wach gerufen. Er wälzte sich auf dem Lager hin und her und zog, als der Tag anbrach, es vor, auf den Schlaf nun zu verzichten. Er durfte sich jetzt unten nicht sehen lassen; aber er verließ leise sein Zimmer, um dem Diener einzuschärfen, wie er sich zu verhalten habe. Als er dann zurückgekehrt war, schloß er sich ein und zog sich leise an. Er mußte, wenn die Kriegskassensucher das Gasthaus verließen, bereit sein, ihnen zu folgen. Als dann das Leben sich im Hause zu regen begann, huschte er einmal hinab, um zu gebieten, daß Keinem, der etwa nach ihm und seinem Gefährten fragen würde, Auskunft ertheilt werden solle. Ein Baron und ein Capitän, das waren hier so seltene und so vornehme Leute, daß er überzeugt war, man werde genug Respect haben, sein Gebot zu befolgen. Nun stellte er sich auf die Lauer. Er bedauerte, daß er keine Waffen bei sich trug; doch hatte er ein Einschlagemesser bei sich, dessen eine Klinge so lang, scharf und spitz war, daß es sich immerhin als Vertheidigungs-; unter Umständen sogar auch als Angriffswaffe gebrauchen ließ. Endlich regte es sich in dem Zimmer neben ihm. Der Bewohner desselben hatte ausgeschlafen und begab sich nach kurzer Zeit hinab in die Gaststube. Eine halbe Stunde verging, und dann sah Richemonte, daß drei Personen aus dem Hause traten und sich langsam entfernten. Zwei waren der frühere Kutscher Florian und sein Verwandter, und das Gesicht des Dritten zeigte eine solche Familienähnlichkeit, daß der Capitän in ihm sofort einen Königsau erkannte. Jetzt verließ auch er sein Zimmer und begab sich eiligst zu dem Baron, den er noch im Bette fand. »Schon wach?« fragte Sainte Marie. »Wir sollen doch nicht etwa schon aufbrechen?« »Nein,« antwortete er. »Du kannst ruhig liegen bleiben. Wir werden heute noch nicht abreisen.« »Nicht?« rief der Baron, ebenso erfreut wie verwundert. »Aus welchem Grunde?« »Ich habe keine Zeit, Dir das jetzt auseinanderzusetzen. Ich muß schleunigst ausgehen und komme wohl erst am Abende nach Hause. Dann wirst Du erfahren, um was es sich handelt. Ich hoffe, daß Du Dir die Zeit nicht lang werden lässest.« Er hatte keine Ahnung von der Freude, welche er mit dieser Mittheilung seinem Verwandten machte, und verließ nun das Gasthaus mit dem festen Vorsatze, Königsau und seine beiden Begleiter nicht aus dem Auge zu lassen. Draußen vor dem Dorfe bekam er sie zu Gesicht. Sie waren von der Straße abgewichen und machten sich an einem Felde zu schaffen. Bei demselben stand nämlich ein Pflug, neben welchem eine Hacke und eine Schaufel lagen. Die beiden letzteren Instrumente waren ihnen ein sehr willkommener Fund. Sie nahmen dieselben auf und entfernten sich rasch, um nicht etwa mit dem Eigenthümer in Collision zu kommen. Richemonte folgte ihnen von Weitem. Das Terrain war ein sehr coupirtes, und so wurde es ihm nicht schwer, sie im Auge zu behalten, ohne von ihnen gesehen zu werden. Erst als sie den Wald erreichten, mußte er sich näher an sie heranmachen, um sie sich nicht entgehen zu lassen. Was den Baron betrifft, so dachte er mit Wohlgefallen an sein gestriges Abenteuer. Er befahl dem Diener, ihn im Gasthofe zu erwarten, und begab sich zu der verabredeten Zeit nach dem Rendezvous, welches sehr leicht zu finden war, da der betreffende Baum weit über seine Umgebung emporragte. Adeline hatte bereits auf ihn gewartet und duldete es ohne Widerstreben, daß er sie mit einem Kusse begrüßte. »Beinahe wäre es mir unmöglich gewesen, Wort zu halten,« sagte sie. »Warum?« »Weil mein Vater heute selbst geht, um Kräuter zu suchen, die ich noch nicht kenne. Er hat einige Patienten in seiner Heerde, für welche er die Pflanzensäfte braucht. Nun sollte ich mit der Mutter bei den Thieren bleiben, habe aber einen alten Gevatter zu ihnen gestellt.« »Das hast Du recht gemacht, mein liebes Kind. Wir werden nun mit einander durch Busch und Wald streifen und einige sehr schöne und glückliche Stunden genießen.« Das geschah. Sein Kopf war geschwächt; er dachte nicht an die Folgen, welche seine Begegnung mit der reizenden Adeline haben könne; er sagte ihr seinen Namen, nannte ihr seinen Wohnort und gab ihr schließlich in seiner Gedankenlosigkeit das Versprechen, sie zu heirathen. Was Adeline betrifft, so fühlte sie keine Leidenschaft für ihn. Seine Person war keine unangenehme; sie konnte ihn gut leiden. Die Hauptsache für sie bestand in seinem vornehmen Range, und als er ihr endlich gar das erwähnte Versprechen gab, da war für sie kein anderer Gedanke und keine andere Rücksicht vorhanden, als ihn bei diesem Versprechen fest zu halten. Baronin von Sainte-Marie zu werden, welch ein Gedanke! Um ihn zu verwirklichen, wäre sie zu Allem fähig gewesen, vielleicht selbst zu einem Verbrechen. So streiften sie durch den Wald, zuweilen sich zu einer kurzen Ruhe niedersetzend, um die Süßigkeiten der Liebe gegenseitig auszutauschen. Sie achteten dabei nicht auf die Richtung und den Weg; die Liebe war der einzige Gedanke, den sie hatten. Sie saßen jetzt abermals im duftenden Moose, sich liebkosend und von der glänzenden Zukunft sprechend, welche dem armen Hirtenmädchen bevorstand, als plötzlich gar nicht weit von ihnen ein lauter Schrei erschallte. Sie horchten auf, und Adeline sagte: »Mein Gott, das war kein gewöhnlicher Schrei! Es ist – – –« Sie hielt inne und fuhr erschrocken zusammen, denn es erscholl ein Hilferuf, laut und gräßlich, wie ihn nur Einer, welcher sich in Todesgefahr befindet, ausstoßen kann. »Was geschieht da!« stieß sie hervor. »Mein Vater ist im Walde! Komm!« Sie faßte den Baron bei der Hand, um ihn fortzuziehen. »Ja,« sagte er. »Es befindet sich Jemand in Todesgefahr. Komm! Wir müssen helfen!« Er rannte voran, und sie folgte ihm. Die beiden Rufe hatten ihnen die Richtung angegeben. Sie gelangten an eine Stelle, wo der Boden des Waldes sich zu einer Art von Schlucht niedersenkte. Da unten war der Schauplatz eines erbitterten Kampfes. Zwei Männer hatten einen Dritten gepackt; sie strengten sich an, denselben nieder zu ringen, während er sich mit einem Messer gegen sie wehrte. Nicht weit von ihnen lag ein Vierter auf der Erde; er schien todt zu sein. In kurzer Entfernung von der ringenden Gruppe sah man ein breites, frisch ausgegrabenes Loch, aus welchem die Stiele einer Hacke und einer Schaufel emporragten. Die beiden Ersteren waren Florian und sein Neffe; der Dritte mit dem Messer war Richemonte, und Der, welcher mit einer Stichwunde in der Brust an der Erde lag, war kein Anderer als Gebhardt von Königsau. Der Baron sah seinen Verwandten in offenbarer Lebensgefahr. Er wußte zwar nicht, um was es sich handele, aber er fühlte den Drang, Richemonte beizustehen. Er sprang die steile Böschung hinab, ohne von den Ringenden, welche nur mit sich selbst beschäftigt waren, bemerkt zu werden, ergriff die Hacke, holte aus und schlug mit solcher Gewalt auf Florian ein, daß der arme, treue Mensch mit vollständig zerschmettertem Kopfe zusammenbrach. Ein zweiter Hieb traf den Verwandten des einstigen Kutschers. Richemonte hielt ihn mit den Armen fest umschlossen. »Ah! Du!« rief er. »Welch ein Glück! Komm, schlage auch Den nieder! Ich halte ihn fest!« Der junge Mensch konnte sich nicht bewegen. Er sah die Hacke hoch erhoben, stieß einen fürchterlichen Angstschrei aus und lag im nächsten Momente neben seinem ermordeten Oheim. Richemonte schnaufte noch vor Anstrengung. Er hatte es mit kräftigen Gegnern zu thun gehabt. Fast athemlos fragte er: »Aber wie kommst Du hierher?« Der Baron stand wie eine Bildsäule vor ihm. Mit noch erhobener Hacke starrte er nach den Leichen der beiden Männer, welche er getödtet hatte. »Nun?« drängte Richemonte. Da sah ihn der Baron wie abwesend an und antwortete: »Was sagtest Du?« »Ich will wissen, wie Du an diesen Ort gekommen bist.« »Ich ging spazieren. Aber, mein Gott! Die Hacke ist voller Blut und Dein Messer auch.« Richemonte blickte es an, verzog den Mund zu einem grimmigen Lächeln und antwortete: »Natürlich ist es blutig! Ich habe ja diesen Menschen damit niedergestochen!« »Wer ist er? Warum griffen sie Dich an?« »Sie mich? Pah! Ich war es, welcher angriff!« »Du? Warum?« Seine Augen zeigten einen eigenthümlichen, irren Flimmer, und der Ton seiner Stimme war nicht mehr derjenige eines Menschen, welcher vollständig selbstbewußt redet und handelt. Der Anblick des Blutes hatte die alten Erinnerungen wachgerufen. »Du kennst diesen Menschen nicht,« antwortete Richemonte, auf Gebhardt deutend. »Er hat mit den beiden Andern hier dieses Loch gegraben. Kannst Du Dir denken, warum er von Deutschland bierhergekommen ist, um die Hacke in diesen Boden einzuschlagen?« »Nein.« »So will ich Dir sagen, daß hier die Kriegskasse vergraben liegt, welche wir so lange gesucht haben.« Da kehrte das Bewußtsein in den Blick des Barons zurück. Seine Augen leuchteten auf, und er rief: »Die Kriegskasse? Donnerwetter! Wir werden reicher!« »Ja, wir werden Millionen besitzen. Dieser Mensch ist Gebhardt von Königsau, welchen wir bereits in Algerien verfolgten. Er ist uns damals entgangen; jetzt aber habe ich meine Rechnung vollständig mit ihm abgeschlossen. Der Andere hier ist der Kutscher Florian, und der Dritte sein Verwandter, wie ich gestern erlauschte.« Der Baron war an den Rand des Loches getreten. Er blickte hinab, die Hacke noch immer in der Hand. Sein Gesicht hatte jenen Ausdruck wieder angenommen, welcher ein Vorbote eines jener Anfälle war, unter denen der geistig Gestörte zu leiden hatte. »Das Geld ist da unten! Der Schatz! Die Kriegskasse! Da muß man hacken, hacken! Heraus mit dem vielen Gelde, und hinein mit den Erschlagenen!« Während er diese Worte sprach, sprang er in das Loch hinab und begann zu hacken, ohne sich weiter um den alten Capitän zu bekümmern. Dieser hatte antworten und in seiner Erklärung fortfahren wollen, kam aber nicht dazu. Seine Augen waren erschrocken nach dem Rande der Schlucht gerichtet, von welchem zwei Personen langsam herabgestiegen waren. Während nämlich der Baron dem Capitän zu Hilfe gesprungen war, hatte Adeline vor Schreck über den Anblick der Kämpfenden ihre Schritte gehemmt. Sie war kein furchtsames Wesen, der erste Eindruck war rasch bekämpft, und schon wollte sie dem Geliebten folgen, als sie hinter sich das Geräusch von schnellen Schritten hörte. Sie drehte sich um und erblickte – ihren Vater, welcher, als er sie erkannte, erstaunt stehen blieb. Er hatte ein Messer mit sehr langer Klinge in der Hand. Es diente ihm zum Ausgraben der Wurzeln. »Du hier, Mädchen?« fragte er. »Ich denke, Du bist daheim! Wer hat gerufen? Wer befindet sich in Gefahr?« »Da, sieh!« antwortete sie, nach unten deutend. Er blickte hinab, grad an dem Augenblicke, an welchem der Baron den Zweiten niederschlug. »Ah! Mörder!« meinte er. »Ich muß hinab!« Sie faßte ihn am Arme und hielt ihn zurück. »Halt, halt!« raunte sie ihm zu. »Der Eine ist mein Geliebter, ein Baron. Wenn Du willst, daß ich eine Baronin werden soll, so sei still und menge Dich nicht eher in diese Sache, als bis ich es will!« Er machte ein höchst verblüfftes Gesicht. »Du, eine Baronin?« fragte er. »Ja; komm mit hinab! Richte Dich nur ganz genau nach meinem Verhalten!« Richemonte sah sie kommen. Der Schreck verzerrte für einen Augenblick seine Züge. Er nahm den Griff seines Messers fester in die Hand. Der Schäfer hielt aber das seinige auch noch gefaßt. Zwei Zeugen des Mordes! Sollte es nochmals zum Kampfe kommen? »Herr Capitän, befürchten Sie nichts!« rief ihm Adeline entgegen. »Wir kommen als Freunde!« »Wie! Sie kennen mich?« fragte er. »Ja. Ich habe dem Herrn Baron im Walde Gesellschaft geleistet, und da wurde natürlich auch von Ihnen gesprochen.« »Wer sind Sie?« fragte er finster. »Ich heiße Adeline Verdy. Mein Vater ist Schäfer in dem Orte, wo Sie heute übernachteten.« »Ah! So sind Sie wohl eine Tänzerin von gestern Abend?« »Ja.« »Sie hatten ein Stelldichein im Walde verabredet?« »So ist es!« antwortete sie offen, obgleich seine Miene eine höchst verächtliche war. »So sind Sie eine Courtisane?« »Ich weiß nicht, was dieses Wort bedeutet. Was ich bin, das werden Sie wohl noch erfahren.« »Schön, schön, meine Verehrteste! Sie haben gesehen, was hier geschehen ist?« »Natürlich!« »Auch gehört, was wir gesprochen haben?« »Jedes Wort!« »Hole Sie der Teufel! Wie können Sie meinen Gefährten verführen, mit Ihnen im Walde herum zu schleichen! Wie können Sie sich mit Angelegenheiten befassen, welche nicht die Ihrigen sind?« »Diese Angelegenheit ist gerade so gut die meinige wie die Ihrige; auch das werde ich Ihnen zu beweisen wissen. Hier ist ein Schatz vergraben, eine Kriegskasse. Diese drei Männer wollten sie holen und wurden dabei von Ihnen und dem Baron ermordet. Lassen Sie uns sehen, ob hier in Wirklichkeit Etwas vergraben liegt! Du aber, Vater, halte Dein Messer bereit. Dem Herrn Capitän ist nicht sehr zu trauen!« Sie trat an das Loch, um den Bemühungen des Barons zuzuschauen. Der Schäfer bog sich zu den Todten nieder, um sie genauer zu betrachten. Richemonte wußte gar nicht, wie er sich verhalten solle. Dieses Mädchen hatte ihm gegenüber eine Sicherheit entwickelt, welche ihn in Bestürzung versetzte. Sie mußte sich im Besitze einer Thatsache befinden, welche ihr Grund gab, sich nicht vor ihm zu fürchten. Er trat zu ihrem Vater und fragte: »Sie waren auch mit dem Baron im Walde?« »Das geht Sie nichts an!« brummte der Schäfer, welcher nicht wußte, ob er mit Ja oder Nein antworten solle. »Wir haben gesehen, daß Sie diese drei Männer ermordeten. Das Weitere wird sich finden.« »Ah! Sie wollen den Inhalt der Kasse wohl mit uns theilen?« »Was wir wollen, geht Sie jetzt noch nichts an! Sehen Sie zunächst zu, ob die Kasse wirklich zu finden ist!« Der Capitän zog die Lippe empor und entblößte seine langen, gelben Zähne. Er hätte den Schäfer und dessen Tochter am liebsten erstochen, fürchtete sich aber vor dem Messer des Ersteren und wollte auch erst abwarten, was die beiden Personen gegen ihn unternehmen würden. Darum beschloß er, ihre Gegenwart zunächst zu ignoriren und den Baron bei seiner Arbeit zu unterstützen. Er stieg in die Grube und nahm die Schaufel in die Hand. Der Baron arbeitete, ohne sich um irgend wen zu kümmern, wie ein Wahnsinniger, der er in diesem Augenblicke auch wirklich war. Das Loch wurde zusehends breiter und tiefer, aber es zeigte sich keine Spur eines Kastens oder sonstigen Gefäßes. Der Schäfer stand mit seiner Tochter am Rande der Grube. Es war ihm, als ob er träume. Seine Tochter wollte eine Baronin werden; man wollte hier eine Kriegskasse ausgraben. Beides war ja unglaublich! So verging eine halbe Stunde nach der andern, ohne daß man Etwas fand. Da sprang der Capitän aus der Grube und rief: »Nichts liegt da, gar nichts! Dieser Kerl, dieser Königsau, muß sich geirrt haben! Er hatte einen Zettel, einen Plan, nach dem er sich richtete. Wo muß er ihn haben? Wo ist dieses Papier hingekommen?« Er suchte überall, ohne das Gesuchte zu finden. Da meinte die Schäferstochter, welche eine Sicherheit entwickelte, als ob sie in alle Verhältnisse eingeweiht sei: »Hat er ihn vielleicht eingesteckt? Vater, suche den Todten dort einmal aus!« Der Zettel war allerdings jetzt unmöglich zu finden. Er war, als Königsau von dem Capitän rücklinks überfallen wurde, und den Messerstich erhielt, zur Erde gefallen. Während des nachfolgenden Ringens hatten die drei Männer ihn in das aus der Grube aufgeworfene Land so tief hineingetreten, daß er nicht mehr zu sehen war, und Richemonte hatte dann so viel Land darauf geschaufelt, daß alles Nachsuchen vergeblich sein mußte. Während der alte Schäfer in die Taschen Gebhardts griff und denselben hin und her wendete, begann aus der Wunde, welche nicht mehr geblutet hatte, das Blut von Neuem zu fließen. Zu gleicher Zeit bewegte der Todtscheinende die Arme. »Herrgott! Er lebt noch!« rief der Schäfer. »Wirklich? Ist es wahr?« fragte Richemonte, indem er schnell hinzutrat. »Ja; er bewegte die Arme. Ich werde ihn untersuchen.« Der Mann mochte einige chirurgische Kenntnisse besitzen. Er unterwarf den Deutschen einer eingehenden, möglichst genauen Untersuchung und meinte dann: »Er lebt wirklich. Er ist nicht todt.« »Wird er wieder zum Bewußtsein kommen?« fragte Richemonte. »Gleich wohl nicht. Die Verwundung ist eine schwere, eine lebensgefährliche. Er könnte bei guter Pflege wohl noch gerettet werden. Aber ehe er zum Bewußtsein gelangen könnte, wird ihn das Wundfieber gepackt haben.« »Verdammt! Wir haben ihn in unserer Gewalt. Wir könnten ihn zwingen, uns das Geheimniß mitzutheilen. Wenn er stirbt, geht es verloren; wenn er aber leben bleibt, so wird er uns gefährlich!« Er strich sich nachdenklich die Spitzen seines Bartes; dann wendete er sich mit einer raschen Bewegung an das Mädchen: »Mademoiselle, haben Sie gelernt, zu schweigen?« »Ja,« antwortete sie. »Kann man sich auch auf Ihren Vater verlassen?« »Gerade so, wie auf mich selbst.« »Und würden Sie Beide schweigen, wenn ich Ihnen verspreche, daß, falls wir die Kasse noch finden, Sie einen Theil der darin befindlichen Summe erhalten sollen?« »Ja,« antwortete sie bedenklich. »Ich setze aber voraus, daß dieser Theil nicht ein zu armseliger ist. Wieviel geben Sie?« »Den zehnten Theil.« »Das ist genug. Wir werden also schweigen.« Es war eigenthümlich, die Gesichter der Beiden jetzt zu beobachten. Der Capitän machte das Gesicht eines Fuchses, welcher mit der Henne einen ewigen Frieden schließt, um sie desto eher verspeisen zu können. Das Mädchen aber ließ ein Lächeln sehen, hinter welchem viel mehr verborgen lag, als der Alte ahnte. Der Letztere fuhr fort: »So sind wir also einig. Der Zufall hat uns zusammengeführt, und so wollen wir auch Verbündete bleiben. Es gilt, diesen Verwundeten heimlich so lange zu pflegen, bis er sprechen und uns sein Geheimniß mittheilen kann. Könnten Sie ihn nicht in Ihrer Wohnung aufnehmen?« »Es würde sich vielleicht ermöglichen lassen, Monsieur.« »Aber es dürfte kein Mensch Etwas merken!« »Das versteht sich ganz von selbst. Vorsicht und Verschwiegenheit liegen ja in unserm eigenen Interesse.« »Nun gut! So wollen wir ihn verbinden, damit er sich nicht verblutet. Sie halten mich für den Mörder dieser Leute?« »Ja,« antwortete sie, ihn furchtlos anblickend. »Sie irren sich. Ich werde Sie von den Verhältnissen unterrichten, und dann sollen Sie sehen, daß Ihre gegenwärtige Meinung eine falsche ist.« Sie nickte ihm freundlich zu und antwortete: »Und Sie sollen auch meine Verhältnisse kennen lernen. Dann werden Sie überzeugt sein, daß ich alle Ursache habe, nichts zu thun, was zu Ihrem Schaden ist.« »Ah! Wieso?« »Davon sprechen wir später. Jetzt haben wir mehr zu thun.« »Sie haben Recht. Den Verwundeten können wir erst dann, wenn es dunkel ist, nach Ihrer Wohnung bringen. Bis dahin haben wir zu thun. Das Loch muß wieder zugeschüttet werden.« »Und die Leichen?« »Legen wir mit hinein. Vorwärts! Komm heraus!« Diese letzten Worte galten dem Baron, welcher noch immer im Schweiße seines Angesichts an der Vergrößerung des Loches arbeitete. Der Capitän mußte ihn am Arme ergreifen und herausziehen. Er war von einem Ueberfalle seiner Krankheit ergriffen worden. Sein Blick fiel auf die zerschmetterten Köpfe der beiden Leichen. Sie sahen gräßlich aus. Seine Augen wurden noch stierer, als sie vorher gewesen waren; er fuhr sich mit beiden Händen in die sich sträubenden Haare und rief in jammerndem Tone: »Gott, ich habe sie gemordet! Ich bin ein Mörder! Wo ist die Kriegskasse? Wo ist sie?« »Still!« raunte ihm der Capitän zu. »Soll man uns etwa hören und erwischen!« »Erwischen? Nein, nein! Seid still, still! Sprecht leise, ganz leise! Aber der Mörder bin ich doch!« »Es giebt Stunden, in denen sein Geist krank ist,« erklärte Richemonte den beiden Andern. »Ich werde ihn gesund machen,« meinte Adeline. Sie trat zu dem Baron, legte den Arm um ihn, drückte ihn zärtlich an sich und sagte: »Sei ruhig! Sei still! Du bist doch kein Mörder!« Er blickte ihr forschend in das Angesicht, und dabei schien es in seinem Geiste ein wenig heller zu werden. »Kein Mörder?« fragte er. »Wer aber bist denn Du? Ah, Du bist meine Tänzerin, Adeline, die schöne Hirtentochter! Ja, ich bin kein Mörder. Du aber bist meine Braut, meine Geliebte. Komm, laß Dich küssen!« Er zog sie an sich und küßte sie auf den Mund. Sie litt es geduldig, als ob sich das von selbst verstehe. »Adeline!« meinte ihr Vater verwundert. »Donnerwetter!« bemerkte der Capitän. »Eure Bekanntschaft scheint eine sehr innige zu sein!« »Aber eine heilsame für den Kranken, wie Sie sehen,« antwortete Adeline. Sie führte den Baron, der sich willenlos von ihr leiten ließ, nach einer kleinen Bodenerhöhung, wo sie mit ihm wie auf einer Bank Platz nahm. Ihr Vater sah ihr verwundert zu. Sie schien ihm ein ganz anderes Wesen geworden zu sein. Der Capitän aber brummte in den Bart: »Alle Teufel! Da kommt mir eine Person in den Weg, welche mir sehr bequem, aber auch sehr unbequem werden kann. Welches von Beiden das Richtige ist, das wird sich ja wohl zeigen, und darnach habe ich mich dann zu richten.« Er forderte den Schäfer auf, ihm bei der Zuwerfung der Grube behilflich zu sein. Der Mann gehorchte. Er war, so lange er lebte, ein armer aber ehrlicher Kerl gewesen. Jetzt war er auf einmal Zeuge eines mehrfachen Mordes geworden; er fühlte sich betäubt; er arbeitete, ohne zu wissen, was er eigentlich that; er half, die beiden Leichen in das Loch legen; er schüttete das Land in dasselbe; er stampfte es fest und streute Laub und Reißignadeln auf die Stelle, welche nun bedeutend höher geworden war als vorher. Er that das fast ganz ohne Willen und Absicht, so ungefähr, wie ein Nachtwandler es gethan haben würde. Unterdessen hatten der Baron und Adeline sich leise flüsternd unterhalten. Der Erstere hatte unter fortwährenden Liebkosungen ihr Mittheilungen gemacht, welche von ungeheuerer Wichtigkeit für sie waren, wie ihre verstohlenen Blicke zeigten, welche sie von Zeit zu Zeit triumphirend auf Capitän Richemonte richtete. Endlich brach der Abend herein, und nun wurde der Verwundete auf eine bis dahin improvisirte Tragbare gelegt und von Richemonte und dem Schäfer nach dem Häuschen des Letzteren getragen. Der Baron und Adeline folgten Arm in Arm, als ob es sich ganz von selbst verstehe, daß sie so innig zusammen gehörten. Was an diesem Abende in der Hütte des Schäfers noch geschah und verhandelt wurde, das deckte der Schleier des Geheimnisses. Der Knecht aus Jeanette wunderte sich nicht wenig, daß seine beiden Herren so spät nach dem Gasthofe zurückkehrten. Geradezu bestürzt aber war er über den aufgeregten Zustand des Barons, welcher fast an Raserei grenzte. Das, was Sainte-Marie laut schrie und erzählte, war geradezu gefährlich. Der Capitän mußte ihn mit Hilfe des Dieners binden und knebeln. Unter diesen Umständen war von einem Hierbleiben keine Rede. Es wurde ein Wagen zur Stelle geschafft; man lud den Baron auf und verließ noch während der Nacht den so verhängnißvollen Ort. Das Ende der Reise, deren Erfolg erst ein so vortheilhafter gewesen war, zeigte sich als dem gerade entgegengesetzt. Der Baron war kaum zu bändigen. Er sah nur die Geister erschlagener Menschen und tief geöffnete Gruben mit Kriegskassen. Er bildete sich ein, während jeder Schlacht, bei Austerlitz, Magenta, Solferino und vielen anderen, Kriegskassen gestohlen zu haben. Er schrie einmal nach Liama und das andere Mal nach Adeline, um bei ihnen Rettung zu suchen vor den Gestalten, welche ihn verfolgten. Die Aerzte, welche zu Rathe gezogen wurden, riethen zu einer dauernden Ortsveränderung, und da sich gerade Gelegenheit bot, Jeanette mit einer anderen Besitzung zu vertauschen, so ging der Captitän auf diesen Handel ein. Er war im Grunde genommen ganz froh, von Jeanette fortzukommen, denn mit diesem Orte waren zu unangenehme Erinnerungen für ihn verknüpft, und außerdem hatte er die Erfahrung gemacht, daß die Bewohner desselben mehr von seinen Verhältnissen erfahren hatten, als ihm lieb und angenehm sein konnte. Der Ort, nach welchem er übersiedelte, war Ortry. Er hatte nur erst kurze Zeit da gewohnt, als ihm gemeldet wurde, daß eine junge Dame angekommen sei, welche ihn zu sprechen wünsche. Er erstaunte nicht wenig, in dieser Dame Adeline, die Schäferstochter, zu erkennen. Sie war ganz wie eine Dame von Stande gekleidet. Jedenfalls hatte sie dazu einen Theil der Summe verwendet, welche der Capitän ihrem Vater zurückgelassen hatte, um die zur Pflege Gebhardts nöthigen Ausgaben zu bestreiten. »Bringen Sie mir gute Nachricht?« fragte er sie. »Ja,« lautete die Antwort. »Der Verwundete ist so weit hergestellt, daß für sein Leben nichts mehr zu befürchten ist.« »Haben Sie über die Kriegskasse mit ihm gesprochen?« »Ja. Er verweigert jede Auskunft.« »Mir wird er sie nicht verweigern. Ich werde ihn zum Reden zu zwingen wissen! Noch heute fahren wir ab. Ich werde sogleich meine Reisevorkehrungen treffen.« »Sie meinen, daß ich mit Ihnen fahren soll?« »Natürlich!« »Kann ich nicht vorher den Herrn Baron sehen?« »Wozu?« »Nun, es versteht sich ja ganz von selbst, daß ich gern sehen möchte, wie er sich befindet.« »Das muß Ihnen gleichgiltig sein. Sie scheinen zu vergessen, daß er sich nur in einem Anfalle seiner Krankheit auf einige Augenblicke mit Ihnen beschäftigt hat. Zwischen einem Barone und einer Schäferstochter aber ist eine so große Kluft, daß Sie sich um das Befinden meines Sohnes gar nichts zu kümmern haben.« Da stand sie von dem Stuhle auf, auf welchem sie Platz genommen hatte. Indem ihre Augen zornig aufblitzten, antwortete sie: »Sie irren sehr, Herr Capitän! Der Unterschied zwischen einer ehrlichen Schäferstochter und Mördern, Dieben und gewesenen Spionen ist nicht so groß, wie Sie ihn hinstellen.« Er machte eine Bewegung des zornigsten Erstaunens und rief: »Wie meinen Sie das? Was wollen Sie damit sagen?« »Ich will damit sagen, daß der Herr Baron mir Alles erzählt hat. Während Sie die Grube zuwarfen, habe ich Ihre ganze Biographie von ihm erhalten. Ich weiß Alles, Alles, was Sie gethan und verbrochen haben; ich stehe Ihnen mehr als ebenbürtig gegenüber und werde Ihnen beweisen, daß es ein großer Fehler ist, mich zu verachten, weil ich die Tochter eines ehrlichen Hirten bin.« Da blitzte es heimtückisch in Richemontes Augen auf. »Ah!« sagte er. »Was mein Sohn gesprochen hat, ist ein Erzeugniß des Wahnsinns gewesen. Kommen Sie sofort mit zu ihm. Er wird Alles, Alles widerrufen.« »Ich danke!« antwortete sie, überlegen lächelnd. »Ich habe gehört, daß es in diesem Schlosse viele verborgene Winkel giebt, in denen ich nicht gern verschwinden möchte. Ich gehe. Am Bette des Deutschen, den Sie tödten wollten wie seine beiden Begleiter, werde ich mit Ihnen meinen Vertrag abschließen. Gehen Sie nicht auf denselben ein, so wird mein Vater sofort Anzeige des Geschehenen erstatten. Der, welcher verwundet in unserer Hütte liegt, ist der rechtmäßige Besitzer Ihres Eigenthums, denn der einzige Sainte-Marie, welchen es nach dem Tode des Marabut noch gab, ist von Euch erschlagen worden. Ich rathe Ihnen: Machen Sie Ihren Frieden mit mir, sonst sind Sie verloren!« Ehe er in seinem Grimme Worte zur Antwort fand, hatte sie das Zimmer verlassen, und nach einer Minute lag auch bereits Schloß Ortry hinter ihr – – –. 8. Ein Kundschafter. Der große Turenne sagte einstmals zum französischen Minister Louvois: »Ein unfriedfertiger Nachbar ist der schlimmste aller Feinde. Man ist gezwungen, ihm gegenüber stets auf dem »Qui vive« zu stehen, und dieses Mißtrauen ist ein ewiges Hinderniß aller friedlichen Bestrebungen. Sieger kann nur derjenige bleiben, welcher von Beiden der Verschlagenere und Rücksichtslosere ist.« Mag die augenblickliche Ursache dieses Ausspruches gewesen sein, welche sie wolle, der berühmte französische Feldherr hat mit diesen seinen Worten das Verhältniß Frankreichs zu Deutschland, wie es stets war und immer sein wird, ganz vortrefflich gezeichnet. Frankreich ist der unfriedfertige Nachbar, gegen welchen die deutsche Wachsamkeit stets auf dem Posten sein muß. Bald durch fränkische Hinterlist, bald durch offene Gewalt geschädigt, hat Deutschland durch Jahrhunderte fortgesetzt erfahren müssen, wie sehr wahr Marschall Turenne gesprochen habe. In Friedrich dem Großen war allerdings ein Deutscher erstanden, dessen Scharfsinn und politische Feinheit der französischen Verschlagenheit überlegen waren. Er, der kleine deutsche Fürst, verstand es ganz vortrefflich, aus den Intentionen des Erbfeindes für sich die vortrefflichsten Früchte zu ziehen, und seine diplomatische und kriegerische Wachsamkeit und Schlagfertigkeit führten zu Erfolgen, welche dem bösen Nachbar nur gezwungener Weise abgelockt werden konnten. Dann erhob der korsische Ländereroberer seine Riesenfaust gegen Deutschland. Er trat das Kaiserreich in Trümmer und spannte die Fürsten desselben an seinen Triumphwagen. Nur der unerbittlichen Gegnerschaft Englands und dem vereinigten Zusammengreifen Rußlands, Oesterreichs und Preußens gelang es schließlich, den Gewaltigen niederzuringen und ihn, wie einen zweiten Prometheus, an den fernen Felsen im einsamen Weltmeere festzuschmieden. Seit jenen Tagen herrschte in Frankreich die feste Ueberzeugung, daß es auch späterhin nur einer Vereinigung dieser Mächte möglich sei, die Fänge des französischen Adlers in Banden zu schlagen. Napoleon der Dritte ahmte als Neffe in allen Stücken seinem Onkel nach, und seine Erfolge in Italien und der Krim gaben seinem Eigendünkel Nahrung. Er hatte durch Palikao wehrlose Chinesen besiegt und sogar drüben in Mexico seine Adler fliegen lassen; das machte ihn so übermüthig, daß er schließlich glaubte, ein eben solcher Schlachtengott zu sein wie der Gründer des Thrones Buonaparte. Er hegte die Ansicht, daß es kein Reich der Erde gebe, welches ohne Verbündete es wagen könne, einen Krieg mit Frankreich zu planen. Er überschätzte seine Kräfte und unterschätzte diejenigen der anderen Nationen, besonders der Deutschen. Der Deutsche ist der Phlegmatiker in der europäischen Völkerfamilie. Unter seinem ruhigen, anspruchslosen, scheinbar gleichgiltigen und träumerischen Wesen verbirgt sich eine außerordentlich kraftvolle, widerstandsfähige Constitution. Seine sprichwörtlich gewordene Geduld giebt ihm den Anschein eines Menschen, den man ungestraft am Barte zausen könne; aber unter dieser äußeren Ruhe verbirgt sich ein reges Ehrgefühl, welches, wenn rücksichtslos beleidigt, sich plötzlich gewaltig emporbäumt, und dann pflegt der so falsch beurtheilte »deutsche Michel« ein ganz anderer Kerl zu werden. Er geht dann gerade auf seine Feinde los und schlägt mit dem Kolben so machtvoll drein, daß es »fluscht,« wie der alte Blücher zu sagen pflegte. In solchen Fällen pflegt der sonst so stäte Germane sogar eine Beweglichkeit zu entwickeln, gegen welche die sogenannte »affenartige Behendigkeit« der französischen Gamins nicht aufzukommen vermag. Nach den napoleonischen Kriegen hatte eine verhältnißmäßig lange Ruhe den Deutschen und besonders den Preußen innerlich kraftvoll erstarken lassen, ohne daß der oberflächlich urtheilende Franzose es bemerken oder zugeben wollte. Der verbesserte Volksunterricht und treffliche Kriegsschulen hatten die Aufgabe gehabt, ausgezeichnete Officiere und ein intelligentes Heer heranzubilden. Zöglinge dieser Kriegsschulen waren in entfernte Länder gesandt worden, um sich in den dortigen Kriegen an Erfahrungen und Anschauungen zu bereichern. Sie kehrten als tüchtige Strategen und Taktiker zurück, ohne daß dies von Anderen beobachtet wurde. Während Napoleon über Marschälle und Generale verfügte, welche sich in Afrika, Rußland, China, Italien und Mexiko einen berühmten, vielleicht aber auch berüchtigten Namen geholt hatten, besaß Preußen nur seinen Wrangel, welcher zu alt war, um eventuellen Falles eine Heerleitung zu übernehmen. Andere waren während des Schleswig-Holsteinischen Krieges zwar auch genannt worden, aber so oberflächlich, daß auswärts gar keine Notiz von ihnen genommen wurde. Daß sogar preußische Prinzen, wie zum Beispiel Friedrich Karl, strategische Werke verfaßt hatten, hielt man für Spielerei, und war ja einmal von einer Verbesserung oder Neuorganisation kriegerischer Institutionen die Rede, so verhallte die Kunde davon in dem Stimmengewirr von Ereignissen, welche von eclatanterer Wichtigkeit zu sein schienen. Der deutsche Michel besitzt eben einen guten Theil Mutterwitz und hatte es verstanden, im europäischen Spiele nicht ahnen zu lassen, welche Karten er habe und welche Trümpfe zuletzt aufzulegen er im Stande sei. Ihm das edle Schach anzubieten, hielt man ihn für zu ungebildet und befangen; man hatte ihm nur erlaubt, an einer ungeschickten Partie Schafkopf theil zu nehmen. Warf man ihm ja einen Stecher hin, so gab er klein zu. Man ahnte nicht, daß er schlauer Weise die Matadore in der Hand behielt, um am Schlusse die Gegner desto sicherer zu schlagen. War in Paris von Bismarck, von Moltke die Rede, so zuckte man die Achseln. Der Erstere war ein mittelmäßiger Staatsmann mit ungewandten Manieren und der Letztere ein Officier, weiter nichts. Mit solchen Männern brauchte man nur so zu rechnen, wie der Spieler mit gewöhnlichen Blättern rechnet:: sie gehören zur Karte, sind aber nichts weniger als entscheidend. Als Napoleon die mexikanische Schlappe erhalten hatte, ließ er sich im Gefühle der Blamage, an welcher er laborirte, allerdings herbei, mit diesem Bismarck in einen Notenwechsel zu treten. Er bot Preußen eine Gebietsvergrößerung um acht Millionen Einwohner an und verlangte dafür den preußischen, bayrischen und hessischen Landestheil, welcher zwischen dem Rhein und der Mosel liegt. Dieser Streich sollte das Ansehen, welches er bei seinem Volke verloren hatte, wieder herstellen. Wie ungeschickt, wie tölpelhaft, daß dieser Bismarck nicht auf denselben einging! Mit diesem sogenannten Lenker des preußischen Staatswesens war eben ganz und gar nicht anständig zu verkehren! Nun knüpfte Napoleon mit Wien ganz ähnliche Verhandlungen an. Oesterreich ging darauf ein, Venetien abzutreten und dafür preußisch Schlesien zu erhalten. Zu gleicher Zeit erklärte der Kaiser der Franzosen, daß den deutschen Mittel- und Kleinstaaten mehr Selbstständigkeit zu gewähren sei. Damit hatte er dem »ungeschickten« Bismarck den Rache- und Fehdehandschuh hingeworfen. Der ungelenke Deutsche bückte sich gleichmüthig und hob ihn auf. Napoleon hatte in Mexiko einen österreichischen Erzherzog in das Verderben und den Tod getrieben; jetzt trieb er das Vaterland des armen Max von Mexiko in das Unglück. Preußen marschirre. Die Namen seiner Feldherren waren fast unbekannt; Oesterreich konnte ihm berühmte Männer entgegenstellen. In Paris speculirte man auf eine rasche Niederwerfung Preußens oder, was man noch lieber sah, auf ein langwieriges, wechselvolles Ringen der beiden Gegner. Ein solches Ringen hätte Frankreich Gelegenheit zu hundert günstigen Schachzügen gegeben. Aber es kam anders. Preußen siegte; es warf seinen Gegner, der leider sein Bruder war, mit ungeahnter Schnelligkeit darnieder; dasselbe geschah mit den anderen deutschen Staaten. Auch jetzt noch unterschätzte Napoleon die Kräfte des Siegers. Er verlangte durch den Gesandten Benedetti die Grenze vom Jahre 1814. Dadurch wäre Rheinbayern und Rheinhessen nebst Mainz an Frankreich gekommen. Außerdem sollte Preußen auf das Besatzungsrecht in Luxemburg verzichten. Im Weigerungsfalle drohte der Neffe des Onkels mit Krieg gegen Preußen. Bismarck schloß, ohne Frankreich zu fragen, Frieden mit Oesterreich und antwortete dem Kaiser kurz entschlossen: »Gut, so machen Sie Krieg! Bekommen werden Sie nichts!« Nur auf Zurathen Anderer nahm Napoleon seine Kriegsandrohung zurück, wendete sich aber, um auch diese Schlappe zu verbergen, wegen Ankaufs von Luxemburg an den König von Holland. Er wollte den Franzosen auf alle Fälle eine Gebietserweiterung bringen. Der König von Holland war nicht abgeneigt; aber Bismarck erfuhr davon und erklärte öffentlich, daß er seine Einwilligung versage. Zugleich machte er die Bündnißverträge bekannt, welche er mit den süddeutschen Staaten abgeschlossen hatte, und so sah Napoleon sich abermals durch den Deutschen zurückgewiesen und besiegt. Diese wiederholten Niederlagen Napoleons gegen Bismarck wirkten sehr verhängnißvoll auf die inneren Verhältnisse Frankreichs zurück. Der Kaiserthron verlor immer mehr und mehr von seinem Glanze. Die Partheien begannen, an demselben zu rütteln. Man verlangte Rache an Deutschland, und die Kaiserin Eugenie that Alles, um den Kaiser zu einem Kriege zu bestimmen. Napoleon hörte nicht auf, Preußen durch Anerbietungen auf Kosten Deutschlands und Belgiens in Versuchung zu führen, mußte aber einsehen, daß alle diese Anträge an der eisernen Stirn Bismarcks abprallten. So wurde denn der Krieg beschlossen und die Vorbereitungen dazu heimlich begonnen. Napoleon sah ein, daß sein bereits wankender Thron stürzen werde, wenn es ihm nicht gelinge, Deutschland in den Staub zu treten. Er erklärte, um seine Absicht zu verbergen, daß die Aufrechterhaltung des Friedens zu keiner Zeit gesicherter gewesen sei als eben jetzt; aber Bismarck war nicht der Mann, sich durch eine so grobe List täuschen zu lassen. Dieser große Staatsmann war überzeugt, daß Frankreich nur nach einer Ursache suche, um den Krieg erklären zu können, und daß es schließlich den ersten besten Vorwand dazu vom Zaune brechen werde. Napoleon überschätzte die Vortheile der französischen Heeresverfassung. Er hatte bei General Leboeuf, dem Kriegsminister, angefragt und von diesem die Antwort erhalten: »Nous sommes archiprêt.« Das heißt zu Deutsch: »Wir sind erzbereit,« also im höchsten Grade bereit. Auch das hatte Bismarck erfahren, und es läßt sich denken, daß er seine Maßregeln darnach ergriff. – – – In jener Zeit lag in einer der engen Nebengassen, welche die Rue des Poissonniers mit der Chaussée de Clignancourt verbinden, eine jener unheimlichen Tabernen, deren Existenz nur darum von der Polizei geduldet wird, weil sie als Mausefallen benutzt werden. Solche Kneipen bleiben lange Zeit scheinbar unbeobachtet und unbeaufsichtigt; aber dann stellen sich plötzlich eines schönen Abends die Sicherheitsbeamten ganz unvermuthet ein, um einen reichen Fang zu machen. Der Wirth dieser Taberne, ein verschlagener und zugleich verwegener Mensch, machte den Dieb und Hehler zu gleicher Zeit; aber noch niemals war es der Polizei gelungen, ihn so zu fassen, daß man ihn hätte bestrafen können. Die bei ihm verkehrenden Gäste waren Leute, welche mit den Gesetzen mehr oder weniger in Conflict gerathen waren, und wurden von Kellnerinnen bedient, deren Charakter ein mehr als zweideutiger zu nennen war. Das Haus hatte eine sehr schmale Fronte, und nie zeigte dieselbe des Abends ein erleuchtetes Fenster. Es schien ganz unbewohnt zu sein, außer dem Keller, in welchem sich die betreffende Restauration befand und in welchen man von Außen auf einer Reihe von gebrechlichen Stufen hinabsteigen mußte. Dieser Keller war lang und schmal. Man hatte ihn in verschiedene Abtheilungen getheilt, deren vorderste die Gäste inne hatten. Nur Diejenigen, denen der Wirth ein besonderes Vertrauen schenkte, hatten die hinteren betreten dürfen, worüber sie aber gegen Andere kein Wort verloren. Heute saßen vielleicht ein Dutzend Männer an einer Tafel. Ein Jeder hatte ein großes Glas mit scharfem Schnaps neben sich stehen. Die Unterhaltung war eine höchst einsilbige. Den Wirth hatte heute noch Niemand gesehen. Das Aeußere der beiden Kellnerinnen, welche zugegen waren, das heißt ihr Aussehen und ihre beinahe freche Bekleidung, ließ auf ein vollständig destruirtes Ehrgefühl schließen. Die Eine saß mitten unter den Männern, hatte den Einen derselben beim Kopfe genommen und that von Zeit zu Zeit einen tüchtigen Zug aus seinem Glase. Die Andere saß allein in einer Ecke, hatte den Kopf in die Hand gestützt, so daß ihr Gesicht im Schatten lag, und schien nicht bei sehr guter Laune zu sein. Der ihr am Nächsten Sitzende wendete sich ihr zu und sagte: »Was ist denn mit der Sally? Sie sieht ja aus, als ob sie von Vater Main den Abschied bekommen hätte?« »Den Abschied?« lachte das andere Mädchen. »O, der ist ihr sicher genug! Vater Main ist nur ungehalten, weil sie seit letzter Zeit so ungeheuer zimperlich und spröde geworden ist.« »Spröde? Das war sie doch früher nicht. Man hat sich mit ihr stets sein Vergnügen machen können.« Das Mädchen zuckte die Achseln, warf den Mund auf und meinte: »Hm! Sie hat einen Anbeter.« »Einen Anbeter? Einen Geliebten? Donnerwetter! Wer ist der Kerl? Kenne ich ihn?« »Nein. Du bist ja längere Zeit nicht hier gewesen. Er ist ein Fremder, der erst seit einiger Zeit hier verkehrt!« »Dann ist Vater Main sehr unvorsichtig geworden!« »Wieso?« »Nun, einen Fremden läßt man doch nicht so schnell einheimisch werden, daß er den Stammgästen das Mädel wegschnappt.« »O, er schnappt noch Anderes weg.« »Was?« »Das Geld.« »Ah! Er spielt?« »Ja, und zwar sehr gut.« »Bei Euch? Da oben?« Dabei machte der Frager eine geheimnißvolle Fingerbewegung nach der Decke zu. »Natürlich da oben!« »Wagt man denn nicht zu viel, ihn da einzuweihen? Ist er einer der Unserigen?« »Er gehört zu uns. Es ist ein Changeur.« Dieses Wort bedeutet eigentlich einen Geldwechsler, war aber hier im Sinne eines Wechselfälschers gemeint. »Ein Changeur? Ja, diese Leute machen viel Geld; sie können spielen, und zwar hoch spielen. Zu diesem gefährlichen Geschäfte gehören feine und gescheidte Köpfe. Wie heißt er?« »Er sagt es nicht. Wir nennen ihn nur den Changeur. Er ist außerordentlich vorsichtig. Sally aber nennt ihn ihren Arthur.« »Wo ist er her?« »Er sagt, daß er aus den Pyrenäen stamme.« »Ob es wahr ist!« »Jedenfalls. Er spricht ganz den Dialect, welcher in Foix oder Roussillon gebräuchlich ist. Uebrigens ist er ein ganz charmanter Kerl, der keinen Spaß verdirbt und gewöhnlich Das, was er im Spiele gewinnt, wieder zum Besten giebt.« »Da ist er ein Mann! Das liebe ich. Ein gescheidter Mensch, welcher aus den Taschen der Reichen lebt, darf gegen seine armen Kameraden nicht knausern. Wird er heute kommen?« »Das ist unbestimmt. Er ist seit einigen Tagen nicht hier gewesen. Darum macht die Sally ein solches Gesicht. Das alberne Mädchen denkt, er ist ihr untreu geworden.« »Pah! Was wäre das weiter! Ist es Der nicht, so ist es Jener! Komm, Sally; trinke mit mir!« Die Angeredete machte eine abwehrende Bewegung. Darum wendete der Sprecher sich zu der Anderen: »Bei Gott, Du hast Recht! Sie ist spröde geworden. Der Teufel hole die Frauenzimmer!« »Mich auch mit?« fragte sie lachend. »Nein. Um Dich zu bekommen, soll er noch längere Zeit warten. Du bist immer ein gutwilliges Kind gewesen. Komm; trink, und gieb mir einen Kuß!« Sie erhob sich, trat zu ihm hin, trank sein Glas halb leer und küßte ihn dann in das hagere, abgelebte und abgeschminkte Gesicht. Es war ein häßlicher Anblick, die Zärtlichkeit zu sehen, welche dieses verworfene Mädchen dem alten Manne erwies. Die Anderen lachten. »Wohl bekomme es, Lermille!« rief einer der Gäste. »Du machst ja ein Gesicht, als habest Du eine Delicatesse genossen, welche Dir seit langer Zeit nicht zu Gute gekommen ist.« »Es ist auch so!« antwortete er, mit der Zunge schnalzend. »Das mache nur uns nicht weiß! Wir kennen Dich! Wir wissen Alle, daß Deine Stieftochter Deine Geliebte ist. Wo hast Du sie?« Der Alte erbleichte, und seine Augen erhielten einen eigenthümlichen ängstlichen Flimmer. Er antwortete: »Ich habe sie nicht mehr.« »Nicht mehr? Wo steckt sie denn?« »Sie ist todt.« »Todt? Unmöglich! Dieses kräftige, strotzende Mädchen, um die ich Dich und Andere oft beneidet haben, ist todt? An welcher Krankheit ist sie denn gestorben?« »Hm! An der Seilerkrankheit.« »Der Kukuk soll mich holen, wenn ich von dieser Krankheit jemals Etwas gehört habe!« »Ich meine, sie ist vom hohen Seile gestürzt.« »Donnerwetter! Ist das wahr?« »Natürlich! Ich bin ja dabei gewesen!« »Das ist ein ungeheures Pech für Dich. Die verdiente ein schönes Geld, und Du wärst gut mit ihr verkommen, wenn sie nicht die dumme Angewohnheit gehabt hätte, mit Andern mehr zu liebäugeln als mit Dir.« »Das ist ja auch ihr Tod gewesen.« »Wieso?« »Nun, sie hatte sich Einen angeschafft, einen armseligen Kräutersammler. Auf ihm hat sie die Augen gehabt und nicht auf dem Seile. Darum hat sie die Balance verloren und ist herunter gefallen.« »War sie gleich todt?« »Sofort. Das war noch ein Glück. Sie hatte alle Rippen und Glieder gebrochen.« »Wo ist das geschehen?« »In Thionville. Aber sprechen wir nicht weiter davon. Ich mag von dieser Angelegenheit nichts mehr hören.« »Warst Du da noch bei der Truppe des Abu Hassan?« »Ja.« »Warum hast Du sie verlassen? Er zahlte ja so gut.« »Ich mochte nichts mehr vom Geschäfte wissen, nachdem ich so elender Weise um das Mädchen gekommen war.« »Und was treibst Du nun? Wovon lebst Du jetzt?« »Was geht das Dich an! Kümmere Du Dich um Deine Angelegenheiten, aber nicht um die meinigen! Jetzt privatisire ich.« »Alter, das glaube ich nicht.« »Nicht? So! Warum nicht?« fragte der einstige Bajazzo, welcher der Mörder seiner Stieftocher war, im höhnischen Tone. »Weil zum Privatisiren Geld gehört.« »Nun, wer sagt Dir denn, daß ich keins habe?« Der Andere machte ein erstauntes Gesicht und antwortete: »Ah! Du hast welches? Das ist etwas Anderes! Aber wissen möchte ich doch, wie Du so plötzlich reich geworden bist. So lange ich Dich kenne, ist Alles, was Du verdientest, Dir durch die Gurgel gerollt. Erspart hast Du Dir keine Centime. Ich denke mir, Du hast irgend einen klugen Streich verübt.« »Wenn es so wäre, was gehet es Dich an.« »Richtig! Mich geht es ganz und gar nichts an. Aber komme einmal her, Alter! Ich muß Dir doch einmal in Dein versoffenes Spitzbubengesicht sehen.« Der Bajazzo sträubte sich, aber vergebens. Der Andere drehte seinen Kopf nach sich herum, betrachtete erst das Gesicht und dann auch den Anzug des Akrobaten und sagte dann: »Dieses Gesicht kenne ich, und diesen Anzug auch. Als Ihr in Remilly arbeitetet, trug ihn Dein College, welcher den Herkules machte. Dir sind Rock, Hose und Weste viel zu weit. Und von so einem Director, wie Abu Hassan, der Zauberer war, geht man als armer Bajazzo nicht einer bloßen Gefühlsregung wegen fort. Ich traue Dir überhaupt verteufelt wenig Gefühl und Gemüth zu. Du hast das Alles im Branntewein ersäuft. Ich glaube ganz richtig zu ahnen, wenn ich vermuthe, daß Du Deiner Gesellschaft mit der Kasse und in diesem fremden Anzuge durchgegangen bist.« »Unsinn!« »Pah! Gestehe es nur ein, Alter!« Da riß sich der Bajazzo los und meinte zornig: »Ich wiederhole Dir, daß Du Dich ganz und gar nicht um meine Angelegenheiten zu bekümmern hast, Du nicht und auch kein Anderer.« »Und ich wiederhole Dir, daß Du damit ganz recht gesprochen hast. Aber ich wollte Dir nur zeigen, daß ich Dich durchschaue. Uebrigens sind wir, die wir hier sitzen, überhaupt Alle, welche hier verkehren, gute Kameraden, von denen Keiner den Andern verräth. Was ich gesagt habe, kann Dir also nicht den geringsten Schaden machen. Und darum denke ich, daß Du Deinen Freunden einige Flaschen anbieten wirst, da Du jetzt so gut bei Mitteln bist.« »Das fällt mir gar nicht ein. Ich habe nicht so viel Geld, wie Du vielleicht denkst, und muß damit langen, bis ich wieder eine neue Stellung habe.« »Geizhals! Eigentlich hast Du, da Du so lange Zeit nicht hier gewesen bist, wieder Einstand zu zahlen, und so denke ich – – na, er soll Dir erlassen bleiben; denn da kommt Einer, der nicht so knaußerig ist wie Du.« Bei diesen Worten drehte er sich nach der Thür, durch welche ein neuer Ankömmling eingetreten war. Dieser war ein junger, vielleicht achtundzwanzigjähriger Mann mit angenehmen, sogar männlich schönen Gesichtszügen. Das ziemlich kurz verschnittene Haar war ebenso wie der volle Schnurrbart, welcher seine Oberlippe buchstäblich zierte, von tief schwarzer Farbe, gegen welche der helle Teint frappirend abstach. Seine Gestalt war nicht zu hoch, aber breit und kräftig gebaut. Er machte trotz des einfachen Anzuges, welchen er trug und dessen Haupttheil in einer blauen Leinwandblouse bestand, einen sehr angenehmen, fast möchte man sagen, an diesem Orte distinguirten Eindruck. »Das ist der Changeur!« rief der vorherige Sprecher. »Willkommen! Warum bist Du an den letzten Tagen nicht dagewesen?« Der Ankömmling bekam von Allen die Hände. Sally, die Kellnerin, war mit einem lauten Freudenschrei aufgesprungen und ließ ihm gar keinen Augenblick Zeit, auf Gruß und Frage zu antworten. »Endlich, endlich kommst Du!« rief sie, indem sie beide Arme um ihn schlang. »Wo bist Du während dieser langen Zeit gewesen?« »Lange Zeit?« fragte er unter einem seltsamen Lächeln, welches wohl freundlich sein sollte, aber einen mühsam niedergedrückten Widerwillen doch nicht ganz zu verbergen vermochte. »Es sind ja nur drei Tage!« »Aber dennoch eine Ewigkeit für meine Sehnsucht! Warum bist Du nicht gekommen?« »Geschäfte!« antwortete er unter einem leichten Achselzucken. »Sind sie Dir gelungen?« »Wie stets!« »Ja, Du bist ein kluger Kopf!« meinte sie stolz. »Du wirst Dich nie erwischen lassen. Komm! Du mußt mir erzählen!« Sie wollte ihn nach ihrem vorigen Sitze ziehen; er aber wehrte ab und antwortete: »Später, Sally! Ich darf die Kameraden nicht vernachlässigen; auch habe ich vor allen Dingen Durst. Gieb mir Wein; aber vom Guten. Verstanden? Und diesen Messieurs bringst Du drei Flaschen Absynth. Sie trinken dieses starke Zeug lieber als den Wein. Wenn man gute Geschäfte gemacht hat, muß man auch die Kameraden leben lassen.« »Siehst Du, Bajazzo, daß der Changeur nobel ist?« fragte der frühere Wortführer. »Er beginnt zu regaliren, nachdem er kaum hereingetreten ist!« Der Changeur nahm bei den Uebrigen Platz, während Sally sich schmollend über seine Weigerung, sich zu ihr zu setzen, entfernte, um das Verlangte herbei zu holen. »Bajazzo?« fragte er, den Alten betrachtend. »Ein neuer Kamerad?« »Ja. Ein alter Sünder, dem man Vertrauen schenken kann.« »In was arbeitet er?« »In Allem. Er nimmt mit, was er bekommen kann. Der Mann war nämlich bei der Truppe eines maurischen Gauklers, den man Abu Hassan, den Zauberer nennt. Dort ist seine Stieftochter, die Thurmseilkünstlerin, vom Seile gestürzt und hat den Hals gebrochen, und vor Schmerz darüber ist er der Gesellschaft mit der Kasse und diesem prachtvollen Anzuge durchgebrannt.« »Schuft!« rief der Bajazzo. »Schweig!« rief der Andere. »Deine Art und Weise kenne ich! Ah, da kommt der Wein und der Absynth. Laßt uns einschenken und anstoßen! Wer weiß, wie oft wir noch in dieser Weise beisammen sein können.« »Hast Du Sorge, daß man Dich erwischt und einsteckt?« fragte die Kellnerin, welche vorhin dem Bajazzo einen Kuß gegeben hatte. »Halte das Maul, Betty! Es handelt sich hier um ganz andere Dinge!« »Wichtige natürlich!« meinte sie schnippisch. »Ja, sehr wichtige!« Er schenkte sich und den Andern ein und erhob sich dann. »Stoßt an!« forderte er sie auf. »Der alte Capitän soll leben!« Sie stießen zwar mit an, waren aber über diesen unerwarteten Toast so erstaunt, daß sie zu trinken zögerten. »Der alte Capitän? Wer ist das, Levier?« fragte Einer von ihnen. Das französische Wort Levier bedeutet Brechwerkzeug, Brecheisen. Diesen Namen trug der Mann, eine deutliche Erklärung des Handwerkes, welches er betrieb. »Wer der alte Capitän ist?« meinte er. »Ich dachte, daß es doch wenigstens Einen unter Euch geben werde, der ihn kennt oder doch von ihm gehört hat. Ich habe ihn auch noch nicht gesehen; aber es steht zu erwarten, daß die Zeit bald kommt, in welcher wir ihn kennen lernen werden. Dann blüht unser Weizen; dann wird es viel, viel besser für uns, als es jetzt ist. Darauf könnt Ihr Euch verlassen.« »Wieso? Rede! Sprich!« erscholl es von allen Seiten. Auch Sally kam herbei, um die Sache mit anzuhören. Sie setzte sich neben den Changeur und legte ihm vertraulich die Hand auf die Schulter. Er zuckte bei dieser Berührung leicht zusammen, ließ es ihr aber weiter sonst nicht merken, ob diese Annäherung ihm angenehm sei oder nicht. »Nun,« begann Brecheisen seine Erklärung mit wichtiger Miene. »Ihr wißt doch, daß der Marschall Niel schon längst unserer Armee eine neue Organisation gegeben hat?« »Natürlich weiß ich das!« antwortete sein Nachbar. »Ja, Du vor allen Dingen mußt das wissen, Rossignol. Du warst ja ganze drei Monate Soldat, machtest dann aber lange Finger und mußtest dann am Schlusse der Strafzeit das Unglück haben, daß man Dich nicht mehr bei der Armee sehen wollte.« Rossignol heißt Nachtigall, aber auch Dietrich. Der also Genannte war also auch ein Einbrecher. Er lachte und sagte dann: »Ja; sie meinten, ich hätte keine Ehre mehr. Dummheit und Ehre! Ich kam auf diese Weise vom Militärdienste frei. Aber fahre doch fort, Brecheisen!« »Nun,« ließ der Andere sich weiter vernehmen, »schon als im Jahre Siebenundsechzig wegen der luxemburgischen Frage der Tanz beginnen sollte, bildeten sich Schützengesellschaften, welche den Namen Sociétés des Franc-tireurs erhielten. Die Sache schlief leider damals ein, denn dieser Bismarck wagte es, uns einen Strich durch die Rechnung zu machen. Jetzt aber ist alle Aussicht vorhanden, daß diese Gesellschaften Arbeit erhalten werden.« »Wieso denn?« »Das fragst Du noch? Weißt Du denn eigentlich, was man unter einem Franctireur versteht?« »Nun, einen bewaffneten Franzosen, welcher das Recht hat, jeden Feind seines Vaterlandes niederzuschießen.« »Das ist richtig und doch auch falsch. Schon jeder Soldat der Linie und der Mobilgarden wäre dann ja ein Franktireur. Man beabsichtigt allerdings, Gesellschaften von freien Schützen zu bilden und sie den verschiedenen Armeecorps beizufügen. Das sind dann Privatleute, welche vom Kaiser das Recht erhalten, ihr Vaterland zu vertheidigen. Kein Völkerrecht kann ihnen Etwas anhaben. Selbst wenn man sie ergreift, müssen Sie als einfache Kriegsgefangene behandelt werden, welche man ordentlich verpflegt und nach dem Friedensschlusse wieder frei läßt. Aber ich meine, es ist sehr gut, für das Vaterland zu kämpfen, noch besser und gescheidter aber ist es, für sich selbst ein wenig den Freischützen zu spielen. Ist das nicht wahr, Dietrich?« »Das denke ich auch!« antwortete der Gefragte. Fortsetzung 52 »Es wird noch Mehrere, noch Viele, Viele geben, welche ebenso denken. Diese werden nicht so dumm sein, sich der Armee anzuschließen, um für geringe Löhnung und elendes Kommisbrod sich todtschießen zu lassen, sondern sie werden eigene, freie Compagnien bilden und, ohne ihre Gesundheit, ihre Freiheit und ihr Leben zu riskiren, ihre nächste Pflicht erfüllen, nämlich vor allen Dingen auf ihren persönlichen Vortheil zu sehen.« »Das wäre gar nicht übel. Aber das geht ja nur dann, wenn man Krieg hat.« »Nun, den werden wir wohl haben!« »Mit wem?« »Donnerwetter! Mit wem anders, als mit diesen Deutschen, an denen wir Rache für Sadowa zu nehmen haben!« »Was geht uns Franzosen Sadowa an!« »Du bist ein Dummkopf! Stehen wir nicht an der Spitze der Civilisation oder – – –« »Ja,« unterbrach ihn der Andere lachend, »wir stehen an der Spitze der Civilisation, denn Du heißest Brecheisen, und mich nennt man den Dietrich!« »Mache keine albernen Witze! Selbst in unserm Handwerke sind wir den Deutschen weit überlegen. Der Deutsche ist ein Tölpel in jeder Beziehung. Er bekommt seine Weine und Moden, seine Seiden- und seine Leder-Waaren, seine Parfüms und Odeurs, seine ganze Bildung von uns. Wir sind seine Herren. Er aber hat es gewagt, mit Oesterreich Krieg zu führen und Frieden zu schließen, ohne uns zu fragen. Er hat seitdem unsere Politik auf jede mögliche Art und Weise durchkreuzt. Wir wollen Rache für Sadowa und er muß Haue haben! Ich sage Euch, daß so Etwas in der Luft liegt. Wohin man kommt, hört man von weiter nichts als von Depeschenwechsel und Krieg sprechen. Und macht man Augen und Ohren auf, so hört man nicht nur, sondern man sieht auch, daß überall eine gewisse Aufregung herrscht und daß allerlei heimliche Anstalten getroffen werden, welche sich nur auf den baldigen Ausbruch eines Krieges beziehen können.« »Und steht das mit Deinem alten Capitän in Beziehung?« »Natürlich. Er wird nämlich einer der höchsten Commandanten der Franctireurs sein.« »So muß man ihn kennen lernen. Wo wohnt er, und wie heißt er denn?« »Er wohnt in Schloß Ortry bei Thionville und heißt Albin Richemonte. Er soll bereits ein steinalter Herr sein und die Kriege und Siege des ersten Kaiserreichs mitgemacht haben. Er ist ein Held der Kaisergarde und steht mit den höchsten Herrschaften des Hofes in Verbindung. Daher hat man ihm diesen Posten anvertraut. Er sendet jetzt geheime Emissairs umher, und einer dieser Leute hat mich beauftragt, für ihn anzuwerben.« »Alle Donner! Das klingt ja recht ernsthaft!« rief Dietrich. »Ernsthaft ist es auch! Dieser alte Capitän soll irgendwo ein ungeheures Lager von Waffen und Munition aller Art haben, bereits seit Jahren angelegt, und von Tag zu Tag wird es immer mehr vervollständigt. Er hat in den nahen Departements bereits angeworben und nun, wie ich bereits sagte, seine Emissairs nach Paris geschickt, um weitere Theilnehmer zu engagiren. Jede Compagnie darf sich ihre Officiers und Unterofficiers selbst wählen, nur unter der Bedingung, daß das Obercommando respectirt werde. Machen wir mit, so können wir Officiers werden. Nach Stand und Vergangenheit wird nicht gefragt, auch nach dem Alter nicht; nur wird vorausgesetzt, daß sich allein tüchtige Kerls melden. Wenn Ihr wollt, so werde ich den Emissair morgen mitbringen.« »Bringe ihn mit! Bringe ihn mit!« lautete die Entscheidung Aller. Auch der Changeur stimmte begeistert mit ein. Er hatte der Auseinandersetzung mit allergrößter Aufmerksamkeit gelauscht, und bei der Erwähnung, daß man sich seine Chargen selbst wählen könne, schien sich auf seinem lachenden Gesichte die Gewißheit auszudrücken, daß er bei seinen körperlichen und geistigen Vorzügen ganz sicher eine Officiersstelle bekommen werde. Es wurde noch einige Zeit lang über dieses Thema, über die Gewißheit, daß man bald Krieg haben werde, gesprochen, dann trat der Wirth, Vater Main, aus dem hinteren Raume ein. Er setzte sich zu seinen Gästen und nahm einige Minuten lang an diesem Gespräche Theil, dann aber gab er Sally einen heimlichen Wink. Das Mädchen verstand ihn sofort, aber der Changeur hatte ihn auch bemerkt, that aber so, als ob er gar nicht hingesehen habe. Sally erhob sich und brachte ihrem Herrn ein Glas; dann nahm sie an dem Eckplatze, auf welchem sie sich vorher befunden hatte, ihren Sitz wieder ein. Der Changeur war überzeugt, daß dieses scheinbar ganz unabsichtliche Arrangement nur ihm allein gelte. Man wollte ihn vom Tische entfernen. Daß er richtig geahnt habe, zeigte sich in Kurzem. Sally gab ihm einen Wink, sich zu ihr zu setzen. Er berechnete, daß es am Klügsten sei, ihr zu folgen. Darum nahm er seinen Wein, verließ den Tisch und setzte sich zu ihr. Als er dabei einen heimlich forschenden Blick auf den Wirth warf, bemerkte er ein sehr befriedigtes Lächeln auf dem Gesichte desselben. Aber auch Brechstange hatte den ganzen Vorgang mit beobachtet und verstanden. Er neigte sich zu dem Wirthe herunter und fragte leise: »Warum soll der Changeur von dem Tische fort, Vater Main?« »Jetzt nicht,« antwortete der Gefragte. »Er merkt es sonst, daß wir von ihm sprechen.« Aber in diesem Augenblicke traten mehrere neue Gäste ein. Sie setzten sich an einen anderen Tisch, wurden da von Sally bedient und sprachen dabei so laut unter einander, daß der Wirth nicht mehr befürchtete, von dem Changeur gehört zu werden, darum sagte er, zwar leise, aber doch so, daß er von den bei ihm Sitzenden gehört werden konnte: »Ich traue ihm nicht.« »Warum denn nicht?« fragte der Dietrich. »Er ist mir zu nobel. Er hat etwas an sich, welches mir sagt, daß er nicht zu uns gehört.« »O, ich halte ihn im Gegentheile für ehrlich und sicher.« »Ich möchte darauf schwören, daß Du Dich täuschest.« »Er hat doch ganz aufrichtig zu verstehen gegeben, daß er Wechselfälscher ist! Und erst vorhin sagte er, daß er wieder sehr gute Geschäfte gemacht habe.« »Damit kann er Dich und Euch täuschen, mich aber nicht. Trinket meinetwegen mit ihm, so viel und so oft Ihr wollt; das kann mir ja ganz lieb sein, denn er macht tüchtige Zechen; aber laßt ihm ja niemals etwas von unsern Geschäften merken. Ich halte ihn für einen Geheimpolizisten.« »Unsinn! Daß er selbst die Polizei zu scheuen hat, weiß ich ganz sicher.« »Wieso?« »Habt Ihr Euch seinen Bart und seine Haare einmal genau angesehen?« »Wozu das?« »Nun, sie scheinen schwarz zu sein, sind es aber nicht. Ich habe sie heute wieder scharf geprüft. Zwischen dem Schwarzen und der Haut sind sie, allerdings kaum zu bemerken, von hellerer Farbe. Ich meine, daß Bart und Haar blond sind. Er hat sie seit einigen Tagen nicht nachgefärbt. Wäre diese Verstellung nöthig, wenn er mit der Polizei auf gutem Fuße stände?« »Das beweist noch nichts. Er kann das Haar gefärbt haben, um nicht zufällig von Einem der Unserigen, der ihn einmal gesehen hat, erkannt zu werden.« »Warum dann aber die Perrücke?« »Welche Perrücke?« fragte der Wirth erstaunt. »Sein Haar kann zwar gefärbt sein, ist aber jedenfalls sein eigenes.« »Und dennoch trägt er zuweilen Perrücke. Als er das vorletzte Mal hier war, wollte er sein Taschentuch nehmen, zog aber an Stelle desselben eine Perrücke aus der Tasche.« »Wie benahm er sich dabei?« »Er lachte ganz gleichmüthig.« »Er wurde also nicht verlegen?« »Nein. Er wußte ja, daß er bei Leuten war, welche auch zuweilen gezwungen sind, sich auf diese Weise unkenntlich zu machen.« Der Wirth wiegte den Kopf hin und her und sagte bedenklich: »Und auch das beweist noch nicht, daß er es ehrlich mit uns meint. Ein Geheimpolizist weiß auch falsche Haartouren zu gebrauchen. Hat der Changeur jemals aufrichtig gesagt, wo er ein Geschäft gemacht habe?« »Allerdings nicht. Er hat das auch nicht nöthig. Niemand wird ihm das abverlangen.« »Oder habt Ihr Etwas gehört oder gelesen, was darauf schließen läßt, daß er wirklich Changeur ist, das heißt, daß er nur von Wechselfälschung lebt? Solche Fälschungen kommen in Paris massenhaft vor; das ist ja wahr; aber stets ist der Thäter eine den Betheiligten bekannte Persönlichkeit. Daß es aber hier einen Menschen giebt, welcher sich nur auf dieses Fach legt und stets unentdeckt bleibt, darüber habe ich noch kein einziges Anzeichen bemerken können. Ihr seid noch jung und habt die Schule noch nicht durchgemacht, welche ich hinter mir habe. Mich täuscht und betrügt man nicht so leicht. Wißt Ihr denn etwa, wo er wohnt? Hat er Euch das gesagt?« »Ja,« antwortete Brecheisen. »Das sollte mich wundern. Nun, wo wohnt er denn?« »In der Rue de Paradis.« »Welche Nummer und wie viele Treppen?« »Wir haben so weit nicht gefragt. Wir wissen nur, daß er von hier nie weiter einkehrt, sondern stets nach Hause geht und dann allemal diese Richtung auch wirklich einschlägt.« »Wir müssen uns klar über ihn werden. Wir müssen ihn beobachten. Willst Du das übernehmen?« »Ja,« antwortete Brecheisen. »Ich bin aber überzeugt, daß wir nur bemerken werden, daß er uns nicht täuscht. Er hat ein nobles Aussehen und Auftreten, aber das gehört ja zu seinem Fache. Du meinst, Vater Main, daß ich ihm nachgehen soll?« »Ja. Wenn Du siehst, daß er wirklich in der Straße des Paradieses wohnt, so trittst Du eine Weile nach ihm ein und erkundigst Dich beim Portier nach ihm.« »Ich vermuthe, daß dieser Mann sich weigern wird, mir Auskunft zu ertheilen.« »Meinst Du wirklich?« sagte der Wirth im Tone der Verlegenheit. »Da kennst Du mich sehr schlecht. Was ich will, das führe ich auch aus; ich habe die Mittel dazu. Hat die Polizei ihre heimlichen Verbündeten unter uns, welche uns seiner Zeit verrathen, so habe ich meinen Verbündeten bei der Polizei, welcher mir zu Diensten steht. Daher kommt es, daß ich niemals zur Anzeige oder in Strafe komme. Ist etwas gegen mich oder meine Freunde im Werke, so werde ich sofort benachrichtigt.« »Donnerwetter! Wenn das wirklich so ist, so bist Du allerdings ein ungewöhnlicher Schlaukopf, Vater Main!« »Pah! Es kostet mich einiges Geld. Ihr könnt Euch natürlich denken, daß ich meinen Verbündeten gut besolden muß. Um keinen Verdacht zu erregen, lasse ich zuweilen irgend einen müßigen Bummler, welcher nicht zu uns gehört, bei mir abfangen. Das macht mir keinen Schaden, sondern es bringt mir nur Nutzen, weil ich damit den Herren des Sicherheitsdienstes Sand in die Augen streue. Daher will ich auch über diesen Changeur klar werden, um zu wissen, wie ich ihn zu behandeln habe. Verdient er mein Vertrauen nicht, so benachrichtige ich die Polizei, daß ein Mensch, den ich für einen Schwindler halte und der sich selbst für einen Fälscher ausgiebt, bei mir verkehrt. Er wird dann abgefangen.« »Du vergissest, Vater Main, daß er sich nicht direct und offen einen Changeur genannt hat. Er hat es uns nur ahnen lassen und duldet es nebenbei, daß wir ihn so benamsen.« »Das ist egal. Mein Freund bei der Polizei hat mich in den Besitz von einigen Marken gesetzt. Ich gebe Dir eine davon. Du wirst Dich bei dem Portier also als Geheimpolizist legitimiren können, und er ist in Folge dessen gezwungen, Dir Rede und Antwort zu stehen.« »Wie? Du hast Marken?« fragte der Einbrecher freudig erstaunt. »Welch ein Glück! Im Besitze einer solchen Medaille ist man ja sicher, niemals ergriffen zu werden.« »O doch! Und dann würde man entdecken, von wem die Marken stammen. Ich wende sie daher nur zu ungefährlichen Zwecken an. Du wirst also dem Changeur nachschleichen, dann aber sofort nach hier zurückkehren, um mir die Marke wieder zu überbringen.« »Wann soll das geschehen? Heute noch?« »Ja. Ich mag nicht länger im Unklaren über ihn sein.« »Aber wir haben ja heute mehr zu thun!« »Vielleicht sind wir fertig, wenn er geht. Wir haben noch anderthalbe Stunde bis zum Schlusse der Oper. Es ist also möglich, daß er sich bereits vorher entfernt. Er wird heute nämlich nicht spielen; denn ich habe dafür gesorgt, daß diejenigen, mit denen er oben sein Spiel zu machen pflegt, heute gar nicht kommen.« »Wieder schlau.« »O, ich mußte das nicht blos seinetwegen thun, sondern auch unsers Unternehmens wegen. Ich erleide dadurch, da mir das Spiel viel einbringt, allerdings eine Einbuße; aber wenn heute unser Coup gelingt, so werden wir ein horrendes Geld einnehmen.« »Ist der alte General wirklich so reich?« »Er besitzt Millionen. Die Dame ist seine einzige Verwandte, seine Enkelin. Er hat sie außerordentlich lieb und wird ganz in Verzweiflung sein, wenn er hört, daß sie verschwunden ist. Hunderttausend Franken wird er zahlen, um sie wieder zu bekommen.« »Eine ungeheure Summe!« meinte Dietrich, indem seine Augen begierig leuchteten. »Aber das Unternehmen ist auch gefahrvoll.« Der Bajazzo hatte bisher schweigend zugehört. Jetzt fragte er: »Alle Teufel! Ihr wollt doch nicht etwa die Enkelin eines Generales entführen?« »Warum nicht?« antwortete der Wirth. »Sprechen wir lieber nicht davon!« rieth Brecheisen. »Wer garantirt uns, daß dieser alte Bajazzo uns nicht verräth!« Der Wirth machte eine eigenthümliche Handbewegung und sagte in einem höchst selbstbewußten Tone: »Keine Sorge! Der Alte ist uns sicher. Ich garantire für ihn, ich selbst! Ist das genug?« »Diese Bürgschaft nehmen wir an, Vater Main. Aber bist Du seiner auch wirklich sicher?« »So sicher, wie meiner selbst. Nicht wahr, Hanswurst? Denkst Du noch an den Knaben mit dem Löwenzahn damals? Das kann uns auch noch ein schönes Geld einbringen.« Der Bajazzo antwortete schnell und mit ängstlicher Miene: »Still, still! Ich mag jetzt davon nichts hören! Wir sprechen später darüber. Ich bin deswegen nach Paris gekommen. Redet lieber von Eurer heutigen Angelegenheit. Das scheint mir wichtiger zu sein.« »Hast Recht, Alter!« nickte der Wirth. Und sich wieder zu den Andern wendend, fuhr er fort: »Ein Jeder von Euch hat seinen Posten, und ich habe mich überzeugt, daß sie wirklich nach der Oper fährt. Das ist eigentlich Alles, was zu sagen ist. Du, Brechstange, machst den Fiakerkutscher. Das Geschirr wird zur rechten Zeit bereit stehen. Die Nummer ist bereits aufgeklebt und wird dann wieder abgemacht. So wird die Polizei irre geführt. Haartouren und Bärte findet Ihr im hinteren Zimmer, und an der Mauer wird die Pforte zur rechten Zeit offen sein. Gelingt der Streich, so theilen wir; gelingt er aber nicht, so werdet Ihr erwischt, ich aber habe nichts riskirt, denn mir wird Niemand etwas nachweisen können. Es liegt also in Eurem eigenen Interesse, Euch Mühe zu geben. Jetzt genug davon!« Er erhob sich und trat zu den Gästen, welche zuletzt angekommen waren. Dabei warf er einen Blick nach dem Changeur. Er fühlte sich beruhigt, denn der Fälscher saß mit dem Rücken gegen den Tisch, an welchem er erst gesessen hatte, und war in das Damenspiel vertieft, mit welchem er sich die Zeit vertrieb. Er hatte also jedenfalls auf den Wirth und die Anderen gar nicht geachtet. Und doch täuschte sich Vater Main. Als der Changeur sich zu Sally gesetzt hatte, war diese herangerückt und hatte, ihm liebevoll in die Augen blickend, gesagt: »Endlich! Endlich habe ich Dich allein bei mir! Du Böser! Warum wolltest Du nicht gleich her zu mir kommen?« Sie war früher jedenfalls ein sehr schönes Mädchen gewesen. Sie war jetzt noch hübsch und verführerisch, allerdings nur für Einen, welcher sich über die Zeichen hinwegsetzt, welche ein unkeuscher Lebenswandel im Wesen einer jeden Gefallenen zurückläßt. Er schüttelte leise den Kopf und antwortete: »Was hast Du für ein Recht dazu, mich bei Dir zu haben?« »Das Recht der Liebe!« »Pah! Mir machst Du nicht weiß, daß Du mich liebst!« Sie zog erstaunt den Kopf zurück, sah ihn forschend an und sagte in vorwurfsvollem Tone: »Du glaubst nicht, daß ich Dich liebe? Hast Du Gründe dazu?« »Ja,« antwortete er kurz und ernst. »So sage sie!« »Vor allen Dingen einen: Du spielst mit Vater Main unter einer Decke!« »Pst! Nicht so laut! Er könnte es hören!« Da aber traten eben jene neuen Gäste ein, und die laute, lebhafte Unterhaltung, welche diese führten, gaben dem Changeur Gelegenheit, in dem Thema weiter fortzufahren: »Er hört es nicht. Also antworte mir.« »Ich stehe in seinem Dienste, also muß ich ihm gehorchen.« »Auch gegen mich?« »Gegen Dich, Arthur? Was habe ich gegen Dich gethan?« »Er wollte, daß ich dort fortgehen solle. Er winkte Dir, und Du riefst mich hierher. Du verbündest Dich also mit ihm gegen mich. Ist das nicht so?« »Nein.« »Was sonst?« »Es war das nur eine Geschäftsrücksicht. Er hat mit den Andern irgend ein Geschäft zu besprechen. Du solltest nichts davon hören. Das ist Alles.« »Was für ein Geschäft ist es?« »Ich weiß es nicht.« »Ah, Du bist zurückhaltend. Und da soll ich an Liebe glauben!« Sie liebte den schönen Mann mit der ganzen Gluth, welche Mädchen dieser Art fühlen, wenn sie einem ihnen moralisch überlegenen Menschen eine tiefere und dauerndere Theilnahme widmen. Sie sah sich in die Enge getrieben und sagte: »Arthur, ich habe Dich so lieb, daß ich für Dich sterben könnte. Das würde mir nicht schwer werden, denn dieses Leben ist mir doch zur Last. Es passirt allerdings sehr viel in diesem Hause, was Niemand wissen und erfahren darf; selbst ich weiß nicht Alles; aber das Wenige, was ich weiß, würde ich Dir nicht verschweigen, wenn ich sähe, daß ich Dir nicht zuwider wäre. Du aber kannst mich nicht leiden!« Sie hatte das im Tone so ehrlicher Aufrichtigkeit, so innigen Bedauerns gesprochen, daß er sich des Mitleides nicht erwehren konnte. »Warum denkst Du denn, daß ich Dich nicht leiden kann?« fragte er freundlicher, als er bisher mit ihr gewesen war. »Das fragst Du noch? Wie oft sind wir allein gewesen, und selbst, wenn das nicht der Fall ist, bekümmert sich kein Mensch um Das, was wir thun. Hast Du mir jemals vermuthen lassen, daß Du ein Interesse für mich hast? Du kommst herein und setzest Dich zu Andern, wenn Gäste da sind. Und bin ich allein, so suchst Du Dir einen fernen Stuhl. Berühre ich Dich ja mit der Hand, so zuckst Du zusammen, gerade wie vorhin. Hast Du mich jemals mit einem Finger berührt? Nein! Und als ich Dich kürzlich um einen Kuß bat, da wurdest Du so zornig, wie ich es Dir bei Deinem stillen Wesen gar nicht zugetraut hätte!« »Sally, ein Mädchen darf nicht um einen Kuß bitten!« »Aber wenn sie so sehnlichst einen wünscht und doch keinen erhält!« »So muß sie Geduld haben. Du kennst die Liebe nicht. Gerade wenn man sie überlaut ruft, zieht sie sich zurück.« Er hatte unwillkürlich ihre Hand ergriffen. Es war dies das erste Mal, daß es geschah, und bei dieser Berührung trieb ihr der Herzschlag das Blut empor, daß ihr Gesicht vor Glück erglühte. Dieses arme Mädchen war vielleicht ohne eigenes Verschulden durch die Verhältnisse von Stufe zu Stufe in die Tiefe getrieben worden. In einer Weltstadt steigt und fällt man leichter als anderswo, auch moralisch. »Sie zieht sich zurück?« fragte sie aufathmend. »Sie wäre also dennoch da und wollte blos sich nicht erblicken lassen?« Sie sah ihm dabei so warm, so innig, so sehnsüchtig in die Augen, daß er, ganz ohne es zu wollen, ihre Hand drückte. »O,« meinte er, »sie will sogar, daß man nicht einmal von ihr spricht, wenigstens so lange nicht, bis sie selbst das Wort ergreift. Sie schüttelte traurig den Kopf. »Ich verstehe Dich nicht ganz. Ich höre nur, daß ich schweigen soll, und ich werde schweigen. Aber als ich Dich stets so kalt sah, während Andere so viel anders sind, so dachte ich, daß mein Herr doch Recht haben könne.« »Recht? Worin?« »Er hält Dich für einen Polizisten. Er traut Dir nicht.« »Da ist er allerdings kein sehr scharfsinniger Mann. Er traut mir nicht! Also deshalb mußte ich den Tisch verlassen?« »Ja, deshalb.« »Er hätte mich ruhig und unbesorgt sitzen lassen können. So lange er mir nicht schadet, hat er auch von mir nichts Schlimmes zu erwarten. Aber neugierig bin ich doch, zu wissen, was es ist, weshalb man mich forttrieb.« »Ich weiß es auch nicht.« »Wirklich nicht?« »Nein,« antwortete sie im Tone der Aufrichtigkeit. »Ich kann Dir allerdings anvertrauen, daß er einer der berühmtesten Hehler der Hauptstadt ist, aber beweisen könnte selbst ich ihm nichts. Er duldet niemals, daß man ihn beobachtet. Um ein solches Geschäft scheint es sich auch heute zu handeln.« »So geht es mich allerdings nichts an. Schweigen wir also darüber!« »Daraus sehe ich, daß Du allerdings kein Detective bist, denn ein solcher würde mich so weit wie möglich ausfragen. Wenn Vater Main nämlich eine Sendung gestohlener Waaren erwartet, so ölt er stets zuvor die Angeln der alten Thür ein, welche sich hinten in der Mauer befindet.« »Das hat er heute also auch gethan?« »Ja. Ferner verbietet er uns, das Schänklokal zu verlassen. Erst wenn die Waare geborgen und der Hof wieder leer ist, meldet er, daß wir nun wieder hinaus dürfen.« »Dieses Verbot hat er auch heute ausgesprochen?« »Ja. Wir dürfen nicht einmal die Treppe empor. Er muß eine ungewöhnlich bedeutende Sendung erwarten, denn er hat ein Zimmer des dritten Stockes ausgeleert. Unbegreiflicher Weise aber hat er einige Möbels hineingesetzt.« »Ich befürchte, daß er zu viel wagt und trotz seiner List doch einmal erwischt wird. Es sollte mir sehr leid thun, wenn auch Du dann in Verdacht kämst!« »Thät es Dir wirklich leid?« fragte sie erfreut. »Natürlich würden auch wir arretirt, wenn man ihn ergreift. Aber man würde uns doch laufen lassen müssen!« »Ich würde lieber vorher laufen!« »Wohin? Wer nimmt mich weg? Wer nimmt mich auf? Von einem Mädchen meines Standes mag kein Mensch Etwas wissen. Wir sind verloren. Wer rettet uns!« »Giebt es nicht Rettungshäuser und Magdalenenstifte?« Sie sah in groß an. »Das sagst Du mir? Du?« fragte sie. »Soll ich in ein solches Haus gehen, um mich dort Parade führen zu lassen? Ist der Mensch ein Material, an welchem man Experimente macht? Habe ich mich dann einige Jahre gut geführt, so bekomme ich ein Zeugniß, daß ich eine gebesserte Sünderin bin, der man doch aus Mitleid Vertrauen schenken und irgend eine Arbeit geben möge. Nein! Entweder sterbe ich hier, oder ich steige aus diesem Elende empor an einen Ort, an welchem man mich nicht kennt, an welchem ich leben und arbeiten kann, ohne mich bis an das Ende meiner Tage schämen zu müssen!« Er fühlte, was sie sagen wollte; er begriff, daß sie nicht ganz Unrecht habe, obgleich sie ihren Gedanken nicht den gehörigen Ausdruck zu geben vermochte. Dieses Mädchen besaß doch vielleicht noch genug Kraft, sich aufzuraffen, und so sagte er, von Mitleid bewegt: »Wenn Du nun die Mittel hättest, ein anderes Leben zu beginnen, würdest Du niemals wieder Kellnerin eines solchen Ortes werden?« »Niemals, nie! Ich würde lieber arbeiten, daß mir die Haut von den Händen fiele. Aber woher soll ich diese Mittel nehmen? Ich habe Niemand, der sich mein erbarmt!« Die Thränen waren ihr in die Augen getreten. Er fühlte sich aufrichtig bewegt und meinte: »Hast Du nicht mich?« »Dich? O ja, an Dich würde ich glauben! Dir traue ich es zu, daß Du mir helfen möchtest! Aber es wäre ja Wahnsinn, zu glauben, daß Du mich zu Dir nehmen wolltest.« »Ich sehe, daß Du verständig bist, Sally. Du liebst mich, und ich hege eine innige Theilnahme für Dich; aber unsere Wege führen uns auseinander. Dennoch werde ich Dich bitten, eine Summe von mir anzunehmen, welche Dich in den Stand setzt, ein gutes Mädchen und dann vielleicht auch eine glückliche und geachtete Frau zu werden.« Sie war bleich geworden. Ihr Auge ruhte auf ihm mit einem Ausdrucke, den er nicht zu definiren vermochte. Was für Regungen kämpften jetzt in ihrem Innern mit einander? Hatte sie vielleicht doch einen Augenblick lang geglaubt, daß sie die Frau dieses Mannes werden könne, den sie ja doch auch nur für einen mit den Gesetzen Zerfallenen halten mußte? Endlich, endlich kehrte die Farbe wieder in ihr Gesicht zurück. Sie ergriff seine beiden Hände und fragte leise und mit bebenden Lippen: »Wolltest Du das wirklich thun, Arthur, wirklich?« »Ja,« antwortete er, »und zwar gern, sehr gern!« Da legte sie die Hände wie betend zusammen, blickte ihn mit rührender Dankbarkeit in das Gesicht und flüsterte: »O mein Gott, so könnte ich zu meinem Bruder gehen!« »Wie? Du hast einen Bruder?« »Ja. Wir waren Waisenkinder und wurden von einer alten Frau erzogen, mit welcher wir betteln gehen mußten. Mein Schicksal kennst Du. Mein Bruder war glücklicher. Er entfloh dem Weibe, weit fort von Paris, und wurde Knecht auf einem Gute. Das ist er noch. Vielleicht bringt er es so weit, daß ich dort einen Dienst finde!« »Das wollen wir uns überlegen. Morgen komme ich wieder und werde Dir Bescheid sagen. Jetzt wollen wir nach dieser Aufregung ein kurzes, beruhigendes Spielchen machen.« Er griff nach dem Damenbrete, welches auf dem nahen Fenster lag, und begann, die Steine zu ordnen. Er hatte zwei Gründe dazu. Einmal wollte er von dem jetzigen Thema ablenken, und sodann sagte er sich, daß es ihm während des Spieles vielleicht gelingen werde, Etwas von der leisen Unterhaltung zu hören, die hinter ihm geführt wurde. Sally spielte leidlich Dame. Sie war glücklich, bei dem Geliebten sitzen zu dürfen, und hatte nichts gegen seinen Vorschlag einzuwenden. Er war ein Meister und ihr weit, sehr weit überlegen; aber dennoch that er vor jedem Zuge, als ob er denselben reiflich überlegen müsse. Während dieser Augenblicke lauschte er aufmerksam hinter sich, und es gelang ihm wirklich, Einiges zu vernehmen. »Ist der alte General wirklich so reich?« hörte er fragen. »– – – – – hunderttausend Franken wird er bezahlen, um sie wieder zu bekommen,« lautete die Antwort, deren ersten Theil er nicht hatte verstehen können. »– – – eines Generales entführen?« klang es weiter. Jetzt mußte der Changeur einen Zug thun. Sally sprach einige kurze, bemerkende Worte, und erst dann hörte er hinter sich wieder die flüsternde Stimme des Wirthes: »– – – Fiakerkutscher – – – Nummer – – aufgeklebt – – – Haartouren und Bärte – – so theilen wir – – – mir wird Niemand Etwas nachweisen können.« Dies waren lauter Worte und Satztheile, welche für ihn keinen Zusammenhang hatten. Er konnte nicht entscheiden, ob etwas Vergangenes erzählt oder etwas Folgendes verabredet werde; aber doch machten die Worte den Eindruck auf ihn, daß sie werth seien, gemerkt zu werden. Der Wirth hatte sich erhoben, trat erst an den andern Tisch und nachher zu ihm mit der Bemerkung: »So recht, Changeur! Spiele mit der Sally. Nach dem Spielzimmer wirst Du heute ja doch nicht kommen.« »Warum nicht?« »Weil heute nicht gespielt wird. Die Kameraden haben abgesagt.« »Mir recht. Ich hatte überhaupt gar nicht die Absicht, lange hier zu bleiben. Ich gehe heim.« »O nein; bleib noch hier!« bat Sally. »Bis diese Partie zu Ende ist; dann gehe ich. Ich bin müde vom letzten Geschäfte und muß schlafen.« »Aber morgen kommst Du wieder? Ganz bestimmt?« »Ja.« Der Wirth war an das Büffet getreten. Niemand blickte jetzt her. Da ergriff sie seine Hand, drückte sie an ihre Lippen und flüsterte: »Diesen Kuß, diesen einzigen, mußt Du mir erlauben! Er ist besser als derjenige, den ich immer von Dir haben wollte.« Er bezahlte seine Zeche und ging. Kaum war er zur Thür hinaus, so trat der Wirth vom Büffet, wo er in einem Kästchen gesucht hatte, zu Brecheisen und sagte halblaut: »Hier ist die Polizeimarke. Schnell nach.« »Giebt es denn genug Zeit dazu?« »Vollständig! Nur spute Dich, daß Du ihn nicht aus den Augen verlierst!« Der Einbrecher steckte die Marke zu sich und eilte dem Davongegangenen nach. Der Changeur schritt ziemlich langsam die Straße entlang. Zwischen zwei Laternen angekommen, wo die Beleuchtung nur eine sehr spärliche war, da in diesem entlegenen Stadttheile die Lampen weiter aus einander waren als im Innern der französischen Metropole, warf er, ohne halten zu bleiben, einen raschen Blick zurück. Ungefähr fünfzig Schritte zurück bemerkte er einen Mann, mit einer Blouse bekleidet und einem breitkrämpigen Hut auf dem Kopf. Der Mann kam gerade an einer Laterne vorüber, deren Schein hell auf ihn fiel. »Das ist Levier, Brecheisen!« murmelte der Changeur. »Er wird mir folgen, um zu sehen, ob ich wirklich an dem Orte wohne, welchen ich angegeben habe.« Seinen Weg weiter verfolgend, machte er an den Ecken die Bemerkung, daß Brecheisen sich wirklich hinter ihm hielt. So gelangte er in die Rue de Paradis und an das Haus, in welchem er wohnte. Vor demselben brannte eine Laterne, und auch der Flur war von Gas erleuchtet. Er grüßte den Portier, welcher an seinem offenen Fensterchen saß, und begab sich dann nach dem Hofe. Im Hinterhause schritt er die beiden Treppen, welche auch erleuchtet waren, empor und stand nun vor zwei unweit neben einander liegenden Thüren. An beiden waren je eine Visitenkarte befestigt. Auf der einen stand »Arthur Valley, Schreiber«, und auf der andern war »Guillaume Fredoq, Statist« zu lesen. Er zog einen Schlüssel und öffnete die erstere Thür. Das Zimmer, in welches er trat, war finster, bald aber hatte er ein Licht angebrannt. Jetzt zog er den Schlüssel von außen ab und verriegelte die Thür von innen. Das Stübchen war nur spärlich möblirt. Aus demselben führte eine verschlossene Seitenthür nach dem zweiten Zimmer, an dessen Thür der andere Name gestanden hatte. Er öffnete diese Seitenthür und trat in den andern Raum. »So!« lächelte er vor sich hin. »Jetzt war ich der Schreiber Arthur Valley, und nun will ich der Statist Guillaume Fredoq werden. Niemand im Hause ahnt, daß diese beiden Personen ein und derselbe Kerl sind. Auf diese Weise führe ich jede Beobachtung irre.« Er öffnete einen Kleiderschrank, zog einen andern, höchst eleganten Anzug an, setzte eine schwarze Haartour auf und legte sich einen ebenso schwarzen Backenbart an. Eine Brille vollendete die Verwandlung. Nachdem er einen nach der neuesten Facon gearbeiteten Hut aufgesetzt und ein zierliches Stöckchen genommen hatte, nahm er vom Fensterbrette zwei kleine Kieselsteine und steckte sie sich in den Mund, den einen rechts und den andern links. Nun löschte er das Licht aus und verließ das Zimmer, dasjenige nämlich, an dessen Thür der Name Fredoq stand. Als er diese Letztere hinter sich verschlossen hatte, waren seit seinem Eintritte durch die erste Thür kaum fünf Minuten vergangen. Mit fast unnachahmlicher Nonchalance schaukelte er sich die Treppe hinab und über den Hof hinüber. Als er den Flur erreichte, stand Brecheisen noch am Fenster des Hausmannes. Der Einbrecher hatte nämlich erst einige Minuten verstreichen lassen, ehe er eingetreten war. Dann hatte er den Hausmann in dem selbstbewußt höflichen Tone, welcher der Polizei eigen zu sein pflegt, gegrüßt und die Frage ausgesprochen: »Ach, mein Lieber, kennen Sie vielleicht den jungen Mann, welcher vor drei Minuten von der Straße kam?« »Ja,« antwortete der Gefragte, indem er den Blousenmann mit nicht sehr großer Ehrfurcht musterte. »Warum sollte ich ihn nicht kennen? Er wohnt ja in diesem Hause.« »Im Vorderhause?« »Nein, sondern hinten.« »Wie ist sein Name?« »O, Monsieur, wollen Sie mir nicht vorher sagen, wer Sie sind? Ich habe die Pflicht, zu erfahren, wer sich nach den Bewohnern dieses Hauses erkundigt.« Brecheisen zog gravitätisch seine Marke hervor, hielt sie dem Hausmann vor das Gesicht und fragte: »Genügt Ihnen das?« Sofort verbeugte sich der Hüter des Einganges und antwortete in einem um Vieles höflicheren Tone als vorher: »Gewiß genügt das, gewiß, Monsieur! Ich bin natürlich zu jeder Auskunft, welche ich zu geben vermag, sehr gern bereit. Bitte, fragen Sie!« »Wie also heißt der junge Mann?« »Arthur Valley. So steht hier auf der Bewohnerliste.« »Was ist er?« »Schreiber.« »Seit wann wohnt er hier?« »Seit vielleicht zwei Wochen erst.« »Hat er viel Verkehr im Hause?« »Nein. Er erhält nie Besuch und hält sich stets allein.« »Aber er geht viel aus?« »Täglich einmal.« »Ist er des Nachts oft außer dem Hause?« »Nie. Er kommt um die jetzige Zeit oder noch früher, und geht erst am andern Tage zur Zeit der Dämmerung aus, ganz entgegengesetzt seinem lüderlichen Nachbar, diesem Statisten Fredoq, welcher um die gegenwärtige Zeit ausgeht und des andern Tages zur Dämmerzeit erst wiederkommt. Ich hoffe nicht, daß Sie einen unlieben Grund haben, sich nach dem höchst soliden jungen Manne zu erkundigen!« »O nein! Er ging an mir vorüber, und eine Aehnlichkeit verleitete mich, ihn mit einem Andern zu verwechseln.« In diesem Augenblicke tänzelte der Changeur an ihnen vorüber und zum Thore hinaus. Er pfiff ein Liedchen vor sich hin, schien sich gar nicht um sie zu bekümmern, kam aber nach zwei Augenblicken wieder bis an das Thor zurück und sagte: »Heda, Alter! Wenn Jemand nach mir fragen sollte, ich bin fort!« »Sehr wohl, Monsieur Fredoq!« Keiner hatte den Passirenden erkannt. Auch seine Stimme hatte in Folge der Kieselsteinchen anders geklungen. Als er verschwunden war, meinte der Hausmann zu dem scheinbaren Polizisten: »Das war der Statist. Heda, Alter, ruft er mich! Wie freundlich dagegen dieser brave Monsieur Valley grüßt!« »Nicht ein Jeder hat die gleiche Bildung, mein Lieber,« antwortete Brecheisen. »Nehmen Sie meinen Dank für Ihre freundliche Auskunft! Gute Nacht!« »Gute Nacht!« Der Einbrecher begab sich nach der Taverne zurück und setzte sich wieder bei seinen Genossen nieder. Der Wirth kam herbei, um seine Marke zurück zu bekommen, und fragte: »Nun, was hast Du erfahren?« »Daß wir ihm trauen können. Er kommt an jedem Abende regelmäßig nach Hause und geht erst zur Dämmerungszeit des nächsten Tages wieder aus. Das könnte er nicht, wenn er ein Polizist wäre. Er hält sich ganz einsam, und ich denke, daß er diese Abgeschiedenheit zur Anfertigung seiner gefälschten Dokumente benutzt.« »Wenn das so ist, so habe ich mich allerdings in ihm geirrt. Aber macht, daß Ihr mit Eurem Absynth fertig werdet. Es wird bald Zeit, Euch anzukleiden und Euch auf Eure Posten zu begeben!« Unterdessen war der Changeur bis nach dem nächsten Halteplatz der Fiaker gegangen. »Nach der großen Oper!« befahl er, in einen der Wagen steigend, der sich sofort mit ihm in Bewegung setzte. Er fuhr die Straße de Faubourg Sanct Denis hinab, bog dann rechts in die Boulevards Bonne Nouvelle, Poissonnière und Montmartre ein, und hielt nun vor der großen Oper, welche sich mit der andern Seite an die Straße Lepelletier lehnte und später, im October 1873 leider vom Feuer zerstört wurde. Sie fand ihre Auferstehung in prächtiger Form am Boulevard des Capucines. Als er ausgestiegen war, den Kutscher bezahlt hatte und nun in das berühmte Gebäude trat, hatte er eine ganz andere Haltung angenommen als vorher dem Hausmann gegenüber. Der Kutscher hatte gar nicht bemerkt, welch' eine Verwandlung mit seinem Fahrgaste vorgegangen war. Dieser hatte nämlich die Perrücke und den Vollbart wieder abgenommen. Welchen Eindruck machte er jetzt gegen vorher, da er in der Blouse bei der Kellnerin gesessen hatte! Das feine Habit stand ihm ausgezeichnet. Er glich in seinem gemessenen, vornehmen Wesen ganz einem Manne, der sich bewußt ist, den bevorzugten Kreisen der Aristokratie anzugehören. Im Innern des Musentempels angekommen, bemerkte er, daß Zwischenakt sei, und begab sich sogleich nach dem Foyer. Dieses machte einen blendenden Eindruck. Zwischen reich besetzten Büffets wandelten Herren und Damen oder standen in Gruppen beisammen, um mit einander zu plaudern. Sein Auge flog forschend umher, und dann flog ein Lächeln des Glückes und der Befriedigung über sein schönes Antlitz. Er hatte gefunden, was er suchte. Zwei Damen standen in einem lebhaften Gespräch beisammen, eine ältere und eine junge. Von der Ersteren war weiter nichts zu sagen, als daß sie ein sehr vornehmes Aussehen hatte; bei der Jüngeren aber mußte jeder Blick, der auf sie fiel, unwillkürlich verweilen. Sie war von Mittelgröße, eine ächte Französin, dunkelblond und von Eleganz umflossen. Das dunkel rosenfarbige Seidenkleid, in eine schwere Schleppe auslaufend, schmiegte sich so eng um die Taille, daß man, mit dem Auge von den runden, vollen Hüften abgleitend, eine so seltene Schlankheit geradezu bewundern mußte, zumal der Oberkörper sich dann zu einer beinahe üppigen, entzückenden Büste aufbaute. An Brust und Schultern ging der seidene Stoff in kostbare Spitzen über, deren durchbrochene Muster einen göttlichen Busen und einen schneeweißen Nacken hindurchschimmern ließen. Dieselben Spitzen drapirten sich in leichten Falten von der Achsel hernieder. Aus ihnen glänzten zwei Arme hervor, wie sie Canova nicht herrlicher hätte meiseln können. Fleischig voll und doch den Regeln der Schönheit über alle Beschreibung angemessen, zeigten sie am Ellbogen die seltene Zierde eines Grübchens, welches sinnberückend wirkte, und gingen dann zu zwei Händchen herab, welche einem Kinde anzugehören schienen. Das Haar wurde einfach getragen und war nur mit einer Rose geschmückt, wie ebenso eine dunkle, zum Aufbruche bereite Knospe an dem Busen duftete. Und doch war an dieser Dame das Gesicht das Allerschönste! Die geistvollen und doch kindlich frohen Augen, diese klare, reine, unschuldige Stirn, das feine Näschen, der schalkhaft geschnittene, süß lächelnde Mund, die zarte und doch volle Formung der leicht angehauchten Wangen, das Alles spottete jeder Beschreibung. Und während sie sprach, war jede Bewegung ihrer bezaubernden Gestalt, ihrer Arme und ihrer Hände so schön, so harmonisch, als hätte die Göttin der Anmuth ihre oft so schwer zu befolgenden Gesetze in diesem einzigen Wesen zur unwiderstehlichsten Incarnation gebracht. Sie schien gar nicht zu bemerken und zu wissen, daß Aller Augen sich an ihrer Schönheit weideten und mancher Blick begeistert und verlangend auf ihr haften blieb. Sie stand so unbefangen da, als ob es gar keine Herren in der Nähe gebe, deren Herzen einen lebendigen Pulsschlag in sich trugen. Aber doch, doch, zwei Augen hatte sie bemerkt, zwei Augen, welche sich mit einem großen, strahlenden Blick auf sie gerichtet hatten, und da, da schlug sie, leise erröthend, die langen, schweren, wie aus den Fäden glücklicher Träume gewebten Wimpern hernieder. Wer war es, dem diese Augen gehörten? Kein Anderer als der Changeur! Er schritt langsam auf sie zu und nahe an ihr vorüber. Kein Mensch hätte sagen können, daß er sie sähe und sie ihn. Er hatte ja mit diesem herrlichen Wesen noch kein einziges Wort gesprochen. Er hatte sie nur hier gesehen, hier und in der Loge des ersten Ranges, welche an die seinige stieß. Er nahm am Büffet eine kleine Erfrischung und sie eine Minute später auch. Ihre Blicke trafen sich nicht. Sie kannten einander ja nicht; sie waren einander ja vollständig fremd! Dann ertönte das Zeichen, daß in kurzer Zeit der neue Act beginnen werde. Sie ging, und er folgte ihr. Auf dem Corridore, welcher vom Foyer nach den Logen führte, sah er eine Knospe liegen. Es war diejenige, welche sie an ihrem Busen getragen hatte. Er bückte sich schleunigst und hob sie mit einer Hast auf, als sei er ein armer Diamantenwäscher und habe den größten Edelstein der Welt gefunden. Er drückte die Rose an seine Lippen; er sog ihren süßen, würzigen Duft ein, und es war ihm, als habe er damit einen Theil der Seele Derer eingeathmet, an deren Brust die Blüthe vorher geschimmert hatte. Er trat in seine Loge. Seine Nachbarin befand sich ganz allein in der ihrigen. Sie schien nicht zu ihm herüber zu blicken; er durfte sie ja auch gar nicht grüßen; aber warum flog gerade jetzt eine so tiefe, glühende Röthe ihr über Stirn, Wangen und Nacken, so daß sie das Battisttuch mit einer unwillkürlichen Bewegung zu ihrem Gesichtchen erhob? Hatte sie vielleicht dennoch bemerkt, daß ihre Rose jetzt einen Platz an seiner Brust gefunden hatte? Hatte sie diese Rose ohne ihr Wissen verloren, oder war ihre Hand der Bewegung ihres Herzens gefolgt, um, da sie ihn hinter sich wußte, ihm ein duftendes Zeichen zu geben, daß – – Da erhob der Dirigent den Tactstock, und der Act begann. Fortsetzung 53 Was die Musiker spielten und bliesen, was die Künstler und Künstlerinnen sangen, er hörte es nicht, er wußte es nicht. Wäre er später darnach gefragt worden, so hätte er nicht zu antworten vermocht. Er vernahm Musik; ja, er hörte die Töne von Instrumenten und menschlichen Stimmen; aber es war ihm, als ob er über den Wolken fliege, und hoch, hoch über ihm klinge wie ein himmlisches Märchen jene Harmonie dahin, welche man die Musik der Sphären nennt, welche das menschliche Ohr nie wahrnehmen, sondern die der menschliche Geist nur ahnen kann. Und neben ihm – – –! Er wagte es nicht, hinüber zu blicken, zu ihr, aber er fühlte und bemerkte jede, auch die leiseste ihrer Bewegungen, gerade als ob seine Nerven und Fibern mit denen ihres Körpers in einem magnetischen Rapporte ständen. Erst als ein stürmischer Applaus ihm sagte, daß die Vorstellung ihr Ende erreicht habe, gab er sich Mühe, den Seelenzustand von sich abzuwehren, für welchen er selbst gar keine Bezeichnung zu finden vermochte. Er erhob sich. Drüben in der Nachbarloge war ein galonnirter Diener eingetreten, welcher seiner jungen Herrin einen Umhang über die Schultern legte. Dann ging sie. Hatte sie vorher einen Blick herüber geworfen, einen kleinen, wenn auch ganz und gar kleinen und kurzen Blick? Er vermochte nicht, sich auf diese Frage eine bestimmte und sichere Antwort zu geben, und die Röthe, welche er sich in die Wangen steigen fühlte, konnte ja nicht als eine deutliche Erwiderung gelten. Als er hinaustrat, war sie bereits fort. Er ließ sich widerstandslos vom Gedränge des Publikums erfassen und die breiten Treppen hinunter auf die Straße treiben. Dort nahm er einen der bereit stehenden Fiaker, um sich nach seiner eigentlichen Wohnung, welche in der Rue Richelieu lag, bringen zu lassen. Diejenige, welche einen solchen Eindruck auf ihn gemacht hatte, war unten in die auf sie harrende Equipage gestiegen, und der Diener hatte sich hinten aufgestellt. Im Galopp fuhr der Kutscher von dannen. Er bemerkte gar nicht, daß ein Fiaker ihm fast auf dem Fuße folgte. Das Pferd desselben konnte kein gewöhnlicher Droschkengaul sein, sonst hätte es nicht eine solche Schnelligkeit entwickeln können. Zwei Straßen weiter, da wo es jetzt nur noch vereinzelte Passanten gab, standen vier Männer, zwei hüben und zwei drüben auf dem Trottoir. Sie hielten die beiden Enden eines dünnen aber festen Seiles, welches quer über die Straße reichte, in den Händen. Da hörten sie das laute Rasseln von zwei Wagen um die Ecke kommen, welche sich mit großer Geschwindigkeit näherten. »Aufgepaßt!« rief der Eine hinüber zu den beiden Anderen. »Werden sie es auch wirklich sein?« antwortete es herüber. »Ja. Horch, das Zeichen!« Der Lenker des Fiakers klatschte vier mal laut mit der Peitsche. Die vier Männer zogen das Seil fest. Die Pferde der Equipage kamen im schnellsten Tempo heran, rannten an das Seil, verfingen sich in demselben und stürzten zu Boden. Die Deichsel brach ab; der Wagen erlitt einen gewaltigen Stoß und blieb dann stehen. Der Kutscher war vom Bocke gerissen und der Diener hinten von seinem Tritte geschleudert worden. In den Doppelschrei, welchen sie ausstießen, mischte sich der laute Schreckensruf der Dame. In demselben Augenblicke hielt der Fiaker neben dem Gewirr von Equipage, Pferden, Kutscher und Diener, welche beide Letzteren noch gar nicht Zeit gefunden hatten, sich wieder aufzuraffen. »Herein!« rief der Lenker des Fiakers. Die Dame stieß einen zweiten Schrei aus; es war ein Hilferuf. Vier starke Arme hatten sie erfaßt. Sie wurde im Nu aus den Kissen ihres Wagens gerissen und hinüber in den Fiaker gezogen, in welchen die beiden Männer mit sprangen. »Fort!« gebot der Eine derselben. Der Wagen setzte sich in Bewegung und jagte rasenden Laufes davon. Die unglückliche Dame wollte abermals rufen; aber zwei harte, knochige Hände verschlossen ihr den Mund, in welchen ihr dann mit bewundernswerther Geschicklichkeit ein Knebel geschoben wurde. Sie wollte sich wehren, doch Arme und Beine wurden ihr zusammen gepreßt und dann mit Stricken gefesselt. Man hörte nur noch ein kurzes, durch den Knebel unterdrücktes Stöhnen; dann war es still. »Wie steht es?« fragte der Kutscher, sich rückwärts wendend, während er die Pferde unaufhaltsam ausgreifen ließ. »Gut!« wurde geantwortet. »Sie ist ohnmächtig.« »Das können wir uns nicht besser wünschen.« »Es hat überhaupt Alles prachtvoll geklappt. Die hunderttausend Franken sind so gut, wie verdient!« – Als die Ohnmächtige wieder zum Bewußtsein kam, vermochte sie noch immer nicht, ihre Arme und Füße zu bewegen. Sie waren ihr noch immer fest angebunden; aber sie befand sich nicht mehr in dem Wagen, sondern in einem kleinen Stübchen, in welchem außer den nackten, kahlen und schmutzigen Wänden nichts zu sehen war als ein elender Tisch und ein noch viel elenderer Stuhl. Auf dem Tische steckte in dem Halse einer Flasche ein stinkend brennendes Talglicht. Die Thür schien verschlossen zu sein. Gefesselt war die Gefangene an zwei eiserne Haken, welche unterhalb Knie- und Schulterhöhe in die Mauer eingetrieben waren. Sie mußte sich besinnen, was mit ihr geschehen war. Das Gedächtniß kehrte ihr erst langsam zurück. Sie dachte an die große Oper und an Den, welchen sie dort bereits einige Male in der Nachbarloge gesehen hatte. Sie kannte ihn nicht. Wer war er? Dann war sie nach Hause gefahren und unterwegs bei dem Unfalle, welcher ihr begegnet war, aus dem Wagen gerissen, in einen andern gebracht und dort gefesselt und geknebelt worden. Damit war sie beim vollen Bewußtsein angelangt. Was wollte man mit ihr? Wo befand sie sich? Wer waren die fürchterlichen Männer, welche sich ihrer bemächtigt hatten? Indem sie sich diese Fragen stellte, kam eine entsetzliche Angst über sie. Man hatte sie auf eine ebenso raffinirte wie gewaltsame Weise ergriffen und hierher gebracht. Es gehörte nicht viel Scharfsinn dazu, um einzusehen, daß der Sturz ihrer Pferde mit der Entführung im innigsten Zusammenhange stehe. Sie sann und sann, um sich einer Person ihrer Bekanntschaft zu erinnern, welche sie eines solchen Vergehens für fähig halten und welcher sie Veranlassung dazu gegeben haben könne. Vergebens; es fiel ihr Niemand ein. Sie hatte Anbeter gehabt; aber dieselben waren ja nicht beleidigt, sondern nur mit stillabweisender Gleichgiltigkeit von ihr behandelt worden. Einen wirklichen Feind, welcher Grund zu einem solchen Acte der Rachgier zu haben vermeinen könne, kannte sie nicht. Eine entsetzliche Angst erfaßte sie und diese Angst wuchs, je weniger sie eine Erklärung finden konnte, daß man sich in einer rohen Weise ihrer Person versichert hatte. Warum schloß man sie nicht einfach ein? Warum fesselte man sie an die Mauer? Sie hätte ja nicht zu entfliehen vermocht, denn die Thür war verschlossen, und das Zimmer hatte nicht ein einziges Fenster. Es glich einer alten Rumpelkammer, welche nur zu dem Zwecke angelegt war, allerlei altes, unbrauchbar gewordenes Geräth dort aufzubewahren. Sie war keineswegs ein von der Natur furchtsam angelegtes Menschenkind, aber ihre jetzige Lage flößte ihr doch ein Gefühl ein, für welches der Ausdruck Besorgniß zu schwach war. Daß sie in außerordentlich rohe, gewaltthätige und rücksichtslose Hände gerathen sei, hatte sie bereits erfahren. Beim Scheine des qualmenden Lichtes sah sie, daß man ihre kostbare Toilette in Fetzen gerissen habe. Was stand also zu erwarten? Mochte Das, was man mit ihr beabsichtigte, sein was es wolle, auf Schonung und Achtung durfte sie keineswegs rechnen. Sie mußte trotz der Angst, welche sie empfand, tief erröthen, wenn sie an sich herniederblickte und den Zustand sah, in welchem sich ihre Kleidung befand. Der Ueberwurf, welchen ihr der Diener in die Loge gebracht hatte, war gar nicht mehr vorhanden. Die feinen Brüsseler Spitzen, welche Brust und Nacken so entzückend transparent umhüllt hatten, waren zerrissen, so daß die Schönheit ihrer Büste den Blicken Derer, welche sie erwarten mußte, preisgegeben war, und der übrige Theil der seidenen Robe hing ihr ebenso in Stücken um den Leib. Es wurde ihr heiß und kalt zu gleicher Zeit. Sie hätte um Hilfe rufen mögen, aber sie sah ein, daß man sie jedenfalls an einen Ort gebracht habe, von welchem aus ein solcher Ruf nicht gehört werden könne. Da hörte sie draußen ein Geräusch. Es war an der Thür. Man nahm ein Vorlegeschloß ab; eine Eisenstange klirrte, und dann wurde die Thür geöffnet. Ein Mann trat ein. Man konnte seine Gestalt ebenso wenig wie sein Gesicht erkennen, denn die Erstere war in einen alten, abgetragenen Domino gehüllt, und vor dem Letzteren war eine ebenso ziemlich defecte Larve von Papiermaché befestigt. Es ließ sich annehmen, daß der Kerl auch den Ton seiner Stimme, welcher übrigens bereits durch die Larve ein anderer werden mußte, verbergen werde. Bei seinem Eintritte wollte sie unwillkürlich mit den Händen nach dem Busen fahren, um diesen den Blicken dieses Menschen schamvoll zu entziehen; aber es ging ja nicht. Ihre Arme waren in der Weise an die Mauer befestigt, daß die Ausführung einer solchen Bewegung eine Unmöglichkeit wurde. Er machte die Thüre hinter sich zu, betrachtete sie eine Weile wortlos und nahm dann auf dem Stuhle Platz. Sie wollte sprechen; sie wollte ihn mit einer ganzen Fluth von Fragen und Vorwürfen überschütten, aber sie brachte es nicht fertig. Die Luftröhre war ihr wie zugeschnürt; ihr Herz klopfte ungestüm; sie rang nach Athem, ihr Angesicht war so blaß wie dasjenige einer Leiche geworden. Da endlich begann er zu sprechen. Seine Stimme klang dumpf und drohend unter der Maske hervor. Die natürliche Klangfarbe derselben war unmöglich zu erkennen. »Ich warne Sie, ein Wort so laut auszustoßen, daß es weiter gehört werden kann als bis zu diesem Stuhle,« sagte er. »Auch warne ich Sie, irgend einen Vorwurf oder eine Schmähung auszustoßen. Es würde Ihnen nicht nur nichts helfen, sondern Ihre Lage nur verschlimmern.« Er griff unter den Domino und zog ein langes, spitzes Messer hervor. Er hielt ihr die blanke, glänzende Klinge entgegen und fuhr fort: »Sie sehen dieses Messer. Die Klinge desselben fährt Ihnen augenblicklich in das Herz, sobald Sie das Kleinste sagen oder thun, was mir nicht gefällt!« Jetzt endlich fand sie Athem und mit demselben die Fähigkeit zum Sprechen. Aber ihr erstes Wort hatte nicht den Inhalt, den er vermuthet haben mochte. »Giebt es ein Tuch in der Nähe?« fragte sie. »Nein. Aber ein Taschentuch habe ich bei mir.« »Binden Sie es mir vor! Ich friere!« Er sah ihre Blöße. Er hätte eigentlich Mitleid haben sollen; aber dieses Gefühl war ihm fremd. Er stieß ein höhnisches, widerliches Lachen aus und antwortete: »Frieren? Die Jahreszeit des Eises und der Schneeflocken ist vorüber. Lassen Sie immerhin sehen, daß Sie schön sind. Von mir haben Sie da nichts zu befürchten. Ich bin kein achtzehnjähriger Knabe, und wenn Sie mir gehorchen, so versichere ich Ihnen, daß Niemand als nur ich allein bei Ihnen eintreten wird und daß Ihr Aufenthalt hier nicht länger als nur zwei Tage in Anspruch nehmen soll.« Sie senkte das schöne Köpfchen. »Sie sind wohl kein Cavalier!« sagte sie. »Cavalier?« lachte er. »Nein, das fällt mir gar nicht ein. Zartheit und Aehnliches haben Sie von mir nicht zu erwarten. Wenn ich darauf verzichte, Sie auch nur mit einem Finger zu berühren, so macht es mir doch einen unendlichen Genuß, einmal eine vornehme Dame in dieser Weise zu sehen. Ich betrachte Sie, wie man ein Gemälde schöner Mädchen betrachtet. Man bewundert dessen Reize, aber man kann dieselben nur mit dem Auge genießen.« Sie hätte vor Scham in Ohnmacht sinken mögen; aber diese Wohlthat wurde ihr nicht zu theil. »Sie sind mehr als grausam!« murmelte sie erregt. »Hätten Sie mir nicht mit dem Messer gedroht, so würde ich Ihnen sagen, wie ein solcher Mann zu nennen ist. Nach dem aber, was man mit mir vorgenommen hat, kann ich gar nicht zweifeln, daß Sie auch im Stande sind, mich zu tödten. Ich bin in Ihrer Gewalt und muß mich fügen: aber die Strafe wird Sie ganz sicher ereilen!« »Das lassen Sie meine Sorge sein!« meinte er rauh. »Ihre Rache fürchte ich nicht. Sie werden niemals erfahren, wo und bei wem Sie sich gegenwärtig befinden.« »Nun, so sagen Sie wenigstens, was Sie von mir wollen und weshalb Sie sich meiner bemächtigt haben?« »Ja, das sollen Sie hören. Vorher aber muß ich wissen, ob man in Ihnen auch wirklich die Richtige ergriffen hat. Wer sind Sie?« »Mein Name ist Latreau.« »Sie sind die Comtesse Ella de Latreau? Nicht?« »Ja.« »Sie haben keine Eltern mehr?« »Nein.« »Nur einen Großvater?« »Ja.« »Dieser Großvater ist der pensionirte General de Latreau?« »Ja.« »Ist Ihr Großvater reich?« »Ja,« antwortete sie. Bei dieser Frage begann sie zu ahnen, daß die Ursache ihrer Gefangenschaft nur eine gewinnsüchtige sei. »Hat er stets Geld in seiner Wohnung liegen?« fragte er weiter. »Ich weiß es nicht. Großpapa hat mit mir noch niemals von Geschäften gesprochen.« »Aber er hat einen Banquier, bei dem seine Anweisung respectirt wird?« »Ich bin davon überzeugt.« »Nun wohl, so will ich Ihnen sagen, daß ich Sie nur um eines Geldgeschäftes willen zu mir habe bringen lassen. Warum ich dabei gerade auf Sie gekommen bin, das brauchen wir dabei ja gar nicht zu erörtern. Ich habe eine nicht ganz unbedeutende Summe Geldes nöthig; aber ich bin arm, und darum kann oder will mir Niemand so viel beschaffen, wie ich brauche. Es giebt reiche Leute, welche die Summe recht gut entbehren können, ohne den Verlust zu empfinden. Aber welcher Reiche verschenkt sein Geld freiwillig? Man muß ihn dazu zwingen.« Er hielt einen Augenblick inne. Nun sie wußte, um was es sich handelte, fühlte sie sich ziemlich beruhigt. Er fuhr wieder fort: »Ein Dieb und Einbrecher bin ich nicht. Man weiß da ja auch niemals, ob man auch so viel findet, als man braucht, und so habe ich mich entschlossen, irgend einen Reichen auf irgend eine möglichst für mich ungefährliche Weise zu zwingen, mir das zu geben, was ich nöthig habe.« »Wie viel bedürfen Sie?« fragte sie. »Warten Sie!« antwortete er. »Es muß Alles hübsch nach der Ordnung gesagt werden! Ganz zufällig erfuhr ich, daß Ihr Großvater steinreich ist, daß Sie nicht nur seine einzige Erbin, sondern auch sein Liebling sind. Ich bin stets kurz entschlossen; der Plan war fertig. Ich ließ Sie beobachten; ich erfuhr, daß Sie heute zur Oper gehen würden; meine Leute lauerten Ihren Wagen ab, überfielen Sie und brachten Sie hierher. Sie wissen nun, weshalb Sie hier sind, und was ich will.« »Gut! Also wie viel brauchen Sie?« wiederholte sie. Er schwieg ein kleines Weilchen und wiegte den maskirten Kopf hin und her. Dann antwortete er: »Apropos, Mademoiselle, wie viel denken Sie, daß Sie werth sind?« »Das ist hier Nebensache! Welche Summe wollen Sie haben?« »Nun gut! Ich sage Ihnen im Voraus, daß ich Ihnen die Summe nennen und mir nicht eine Centime davon abhandeln lassen werde. Ich muß rund hunderttausend Franken haben.« Sie erschrak doch ein Wenig. Eine solche Summe ist selbst für einen reichen Mann nicht eine Kleinigkeit zu nennen, zumal wenn er sie geben muß, um das Verbrechen anderer Leute zu honoriren. Sie zögerte also, zu antworten. Darum fragte er: »Nun, wie steht es? Was sagen Sie dazu?« »Sie fordern viel, sehr viel!« »Ich fordere es von einem Manne, der es bezahlen kann!« »Und wenn er es nicht geben will?« »So Sind Sie am dritten Tage eine Leiche!« Es lief ihr bei dieser Drohung eiskalt über den Rücken. »Unmensch!« seufzte sie. Da stieß er abermals ein höhnisches Lachen aus, welches unter der Maske hervor wie das Gelächter eines Teufels erklang und antwortete: »O, Mademoiselle, das ist noch nicht Alles! Ehe Sie sterben, werde ich erst meinen Leuten erlauben, sich ein Wenig mit Ihnen zu beschäftigen. Sie sind alle jung und Liebhaber des anderen Geschlechtes. Keiner von ihnen hat jemals das Glück gehabt, die Tochter eines Grafen und Generales umarmen zu können. Dieses Glück will ich ihnen gewähren, um sie dafür zu entschädigen, daß sie den Lohn nicht erhalten, den ich ihnen für Ihre Entführung versprochen habe.« »Sie sind ein Ungeheuer!« »O nein! Ich bin sogar ein sehr rücksichtsvoller Mann; das sehen Sie ja deutlich aus der Weise, in welcher ich für mein Personal besorgt bin. Also, geben Sie mir eine Antwort.« »Gut! Papa wird zahlen!« »Schön! Ich sehe, daß Sie nicht nur eine vornehme und schöne, sondern auch eine verständige Dame sind.« »Aber ich mache eine Bedingung,« fiel sie ein. »Welche?« »Sie binden mich los und gewähren mir, so lange ich noch gezwungen bin, bei Ihnen zu bleiben, eine menschenwürdige Gefangenschaft und Behandlung.« Er wiegte den Kopf nachdenklich hin und her und antwortete: »Das geht nicht! Ich kann Sie nicht losbinden, denn ich würde mich da in Gefahr setzen. Es kann einer Gräfin gar nichts schaden, einmal einen Tag oder zwei in einer unbequemen Stellung zuzubringen. Und sodann bin ich der Ueberzeugung, daß ich das Geld um so eher und leichter erhalten werde, je weniger es Ihnen bei mir gefällt.« »Das ist mehr, viel mehr als grausam! Geben Sie mir wenigstens ein Kleidungsstück!« »Ihre Toilette gefällt mir gerade so, wie sie ist, am Allerbesten. Lassen wir sie also, wie sie ist!« Sie war ein schwaches Weib, aber wenn sie sich jetzt hätte frei bewegen können, wahrlich, sie hätte den Versuch gemacht, diesen Unmenschen zu erwürgen. So aber konnte sie nur, bebend vor Zorn, rufen: »Ich bin hilflos in Ihrer Gewalt; aber Gott wird Sie strafen!« Da hielt er ihr das Messer vor und sagte: »Sprechen Sie leiser, und enthalten Sie sich solcher Reden, sonst mache ich die Drohung wahr, welche ich vorhin ausgesprochen habe! Regen wir uns überhaupt nicht auf! Wir stehen im Begriff, ein Geschäft abzuschließen, und da ist es gerathen, seine Kaltblütigkeit und Ueberlegung zu bewahren. Ihr Großvater muß benachrichtigt werden. Das muß auf eine Art geschehen, welche mich keiner Gefahr aussetzt; ebenso die Auszahlung des Geldes. Ist ihm Ihre Handschrift bekannt?« »Das versteht sich wohl ganz von selbst.« »Haben Sie einen Siegelring anstecken?« »Nein.« »Gut! Sie werden schreiben. Vorher aber muß ich Ihnen Einiges sagen. Sobald ich nämlich merke, daß Ihr Großvater die Polizei beauftragt, mir entgegen zu arbeiten, sind Sie verloren. Ich würde Sie dann selbst gegen Geld nicht frei geben.« »Aber die Polizei wird vielleicht bereits nach mir suchen!« »Dagegen habe ich nichts. Nur Ihr Verwandter soll sich davon fern halten. Meine Adresse wird natürlich nicht in Ihrem Briefe stehen. Ich werde das Geld da und so in Empfang nehmen, wo und wie ich keine Gefahr für mich zu befürchten habe. Sie schreiben also, daß der General keine Nachforschungen anstellen und sodann, daß er übermorgen Vormittags Punkt zehn Uhr sich zu Fuß und ohne Waffen auf der Straße von Passy nach Saint Germain einfinden soll. Er hat das Taschentuch in der linken Hand zu halten und wird einem Reiter begegnen, welcher ihm eine von Ihnen geschriebene Quittung giebt, und dafür dort auf offener Straße das Geld in Empfang zu nehmen. Dieses Letztere hat nur in Gold zu bestehen, und darf er dasselbe in einem Köfferchen mitbringen. Wird bemerkt, daß geheime Vorbereitungen getroffen sind, den Reiter zu fangen, so schießt derselbe Ihren Großvater nieder. Ist der Letztere aber ehrlich, so werden Sie des Abends freigelassen.« »Sie treffen da Vorsichtsmaßregeln, denen ich auch die meinigen entgegensetzen möchte,« bemerkte Ella von Latreau. »Sie? Vorsichtsmaßregeln?« fragte er verwundert. »Welche könnten das sein?« »Sie erhalten des Vormittags das Geld. Wer aber garantirt mir, daß ich dann des Abends auch wirklich auf freien Fuß gesetzt werde?« »Mein Wort.« »Ah! Das Wort eines Räubers!« »Mademoiselle,« sagte er drohend, »ich wiederhole, daß Sie sich solcher Ausdrücke zu enthalten haben! Sogar der raffinirteste Spitzbube hat ein Ehrenwort, welches er zu halten pflegt!« »Aber wer um Geldes willen eine Dame raubt, kann leicht auf den Gedanken kommen, noch mehr zu verlangen. Wie leicht ist es Ihnen gemacht, noch einmal die gleiche Summe zu fordern, wenn Sie die Hunderttausend empfangen und mich noch in Ihrer Gewalt haben!« »Ich habe eine bestimmte Summe gefordert und werde nicht weniger nehmen, aber auch nicht mehr verlangen!« »Ich habe bereits gesagt, daß ich mich in Ihrer Gewalt befinde; ich kann leider nichts Anderes thun als Das, was Sie bestimmen. Wann soll ich schreiben?« »Sogleich!« »In Fesseln?« »Ich werde Sie losbinden. Natürlich nur so lange, bis Sie mit dem Briefe fertig sind.« Er zog ein Fläschchen mit Tinte, eine Feder, Briefpapier und ein Couvert hervor, legte das Alles auf den Tisch und machte dann die Stricke los, mit denen Ella festgebunden war. Dabei sagte er: »Ich mache Sie aber darauf aufmerksam, daß ich mit dem Messer in der Hand bei Ihnen stehen werde. Der geringste Versuch zur Flucht oder die kleinste drohende Bewegung gegen mich kostet Ihnen das Leben!« – Gleich nach Schluß der Oper hatte der Changeur sich nach seiner in der Rue Richelieu liegenden Wohnung verfügt. Das Haus, in welchem er sich eingemiethet hatte, war ein ziemlich neues und glich mehr einem Palaste als einem Privatgebäude. Als er eintrat, grüßte der Portier ehrerbietig. Eine Treppe hoch stand auf einem an der Vorsaalthür angebrachten Porzellanschilde der Name »Arthur Belmonte«. Eine Bezeichnung des Standes war nicht zu lesen. Er zog die Glocke, und ein junger Mann von vielleicht dreiundzwanzig Jahren, in welchem man einen Diener vermuthen konnte, öffnete. Als der Changeur sein Zimmer erreicht hatte und die Thüren hinter ihm verschlossen waren, fragte er Den, der ihm geöffnet hatte: »Guten Abend, lieber Martin! War Jemand da?« »Nein, Herr Belmonte,« lautete die Antwort. »Keine Anfrage gehalten?« »Gar keine.« »Briefe?« »Ein einziger. Der Poststempel deutet auf Meudon.« »Meudon?« fragte Belmonte mit freudiger Miene. »Ah, vielleicht doch von dem Director der Geschützfabrik! Zeige her!« Martin brachte den Brief. Belmonte öffnete ihn und las. Während des Lesens erheiterte sich sein Gesicht zusehends. »Ja, er ist von ihm,« sagte er dann. »Unser Wein aus Roussillon thut Wunder.« »Wird er welchen kaufen?« »Wahrscheinlich. Zunächst soll ich ihn besuchen, um eine Probe durchzukosten. Morgen am Vormittage oder bereits früh reise ich nach Meudon.« »Donnerwetter! Vielleicht läßt er Ihnen die Fabrik sehen, Herr Belmonte!« »Ich hoffe es.« »Dann bekommen Sie auch die famosen Mitrailleusen zu Gesicht. Ich wollte, daß ich dabei sein könnte!« »Das laß mir allein über! Uebrigens muß Einer von uns Beiden zu Hause sein.« Belmonte hatte seinen südfranzösischen Dialect gesprochen, der Diener aber ein so reines Französisch, daß man hätte meinen sollen, er müsse unbedingt ein geborener Franzose sein. Sein Herr zog den Rock aus, legte dafür ein leichteres Hausjaquet an und sagte dann: »Du mußt heute Abend noch auf das Telegraphenbureau.« »So spät!« meinte Martin, indem sein hübsches Gesicht den Ausdruck der Enttäuschung annahm. Doch war dieser Ausdruck von dem des Mißmuthes weit entfernt. »Ja, ich habe nämlich Wichtiges erfahren, was ich sogleich benachrichten muß.« »Wohl in Beziehung des Krieges?« fragte Martin rasch. »Ja. Es handelt sich um die Bildung von Franctireurs-Corps und großen Waffenniederlagen.« Martin nahm schleunigst an dem Schreibtische Platz, zog einen Papierbogen hervor, griff zur Feder und fragte: »Sie werden mir die Depesche, wie gewöhnlich, dictiren?« »Allerdings. Brennen wir uns aber zuvor eine Cigarre an?« Es schien ein eigenthümlich freundliches Verhältniß zwischen diesen Beiden zu herrschen, ein Verhältniß, welches man nur aus ganz ungewöhnlichen Umständen herzuleiten vermochte. Die Vertraulichkeit zwischen ihnen hatte dabei ganz und gar nicht den Anstrich jener Familiarität, welche man zwischen langjährigen Dienern und deren Herren zu beobachten pflegt. Beide steckten sich eine Cigarre aus einem und demselben Kistchen an; Martin wartete schreibfertig, und Belmonte ging nachdenklich im Zimmer auf und ab. Dann begann das Dictat. Wer aber geglaubt hätte, dasselbe verstehen oder gar belauschen zu können, der hätte sich geirrt, denn das, was Belmonte dictirte, waren keine Worte, sondern – Ziffern, und sogar sehr viele, lange, lange Reihen von Ziffern. Die Adresse bestand aus einem einfachen, bürgerlichen Vor- und Zunahmen, lautend auf die Behrenstraße in Berlin. Als Belmonte geendet hatte, sprang der Diener auf. »Ah, also Capitän Richemonte heißt der Mann!« sagte er. »Waffenvorräthe legt er an? Das ist von großer, von der allergrößten Wichtigkeit für uns!« »Natürlich! Ich bin begierig, welche Instructionen ich erhalten werde. Eigentlich ist es jetzt gefährlich, von Paris in Chiffern nach Berlin zu telegraphiren. Man wird die Depesche scheinbar aufgeben, factisch sie aber erst dann befördern, wenn sie der Polizei zur Entzifferung vorgelegen hat. Doch da kann ich mich auf Dich verlassen. Du bist ja ein sehr geschickter Telegraphist, lieber Martin.« Der Diener machte ein überaus komisch pfiffiges Gesicht und antwortete: »Ja, es soll diesen Franzosen etwas schwer werden, mich zu meiern, denn ich weiß mich zu – – –« Er wurde von einer warnenden Geberde seines Herrn unterbrochen. Dieser hatte selbst den Namen seines Dieners nicht deutsch, sondern französisch, also Marteng ausgesprochen: Martin aber hatte sich bei seinen letzten Worten der deutschen Sprache bedient. »Pst! Pst! Nicht deutsch reden!« meinte Belmonte. »Du sprichst Dein gutes Französisch, und ich rede den südlichen Dialect. Ich bin Agent meines Weingrossohauses und verkaufe am liebsten den in meiner südlichen Heimath wachsenden Roussillon, und Du bist mein Diener, den ich während meiner Tour in Lyon engagirt habe. Dabei bleibt es. Französisch sprechen wir selbst dann, wenn wir unter vier Augen sind.« »Verzeihung, Monsieur Belmonte! Ich hatte sagen wollen, daß Sie sich in Beziehung auf die Depesche ganz auf mich verlassen können. Ein guter Telegraphist liest sogar von fern die Depesche: er kennt das Ticken des Apparates sehr genau und weiß ich, ohne bei demselben zu stehen, die Zeichen und Worte zusammenzusetzen. Ich werde eine Abschrift des Telegrammes nehmen.« »Wozu? Das ist gefährlich; wenn sie nun in falsche Hände kommt!« »Das steht bei mir nicht zu befürchten. Es ist immerhin möglich, daß ich die Abschrift brauche, um den Telegraphisten zu überführen.« »So nimm sie, aber vernichte sie sofort!« Martin setzte sich abermals nieder, um die Depesche zu copiren. Als er fertig war, sagte er, sich erhebend: »So, das ist gemacht. Vorher aber, ehe ich gehe, habe ich Ihnen Etwas mitzutheilen, Herr Belmonte.« »Etwas Wichtiges?« »Ja, wichtig, nämlich für einen gewissen Besucher der großen Oper in der Straße Lepelletier.« Belmonte erröthete ein wenig und gebot: »Nun, so sprich!« »Ich habe nämlich ganz genau erfahren, wer eine gewisse Dame ist, welche gewöhnlich in der Loge neben derjenigen dieses gewissen Herrn zu sitzen pflegt.« »Ah, wirklich? Ich gab Dir diesen Auftrag, weil ich Gründe habe, mich nicht selbst nach ihr zu erkundigen. Wer ist sie?« »Eine Gräfin, oder vielmehr eine Comtesse.« »O weh!« »Ja. Der gewisse Weinagent ist nur Baron!« lachte Martin. »Ihre Eltern?« »Hat keine!« »Geschwister?« »Auch keine! Sie hat nur einen einzigen Anverwandten, welcher ihr Großvater ist.« »Was ist er?« »General, aber pensionirter.« »O weh!« »Ja. Der gewisse Weinagent ist aber nur Husarenrittmeister!« »Wie ist der Name?« »Sie heißt Ella, Comtesse de Latreau. Ihre Wohnung wissen Sie ja bereits. Reich sind diese Leute, steinreich sogar. Aber einen Fehler, einen sehr großen Fehler hat diese Dame leider.« »Wirklich? Welcher Fehler wäre das?« »Sie ist verlobt.« Belmonte entfärbte sich. Man sah es ihm an, daß er bei dieser Nachricht mehr als oberflächlich erschrocken war. »Verlobt ist sie?« sagte er fast tonlos. »Weißt Du mit wem?« »Mit einem gewissen Bernard de Lemarch, Chef d'Escadron.« »Also ein Offizier! Weißt Du etwas Näheres über diese Sache?« »Nun, der alte General Graf von Latreau hat einen Schwager, den Grafen de Lemarch. Ferner hat der Erstere eine Tochter und der Letztere einen Sohn. Als Sohn und Tochter noch Kinder waren, spielten sie zusammen öfters Mann und Frau, sie waren ja Cousin und Cousine. Und das hat die Alten auf den Gedanken gebracht, sie später mit einander zu verheirathen. Man weiß es gar nicht anders, als daß sie Mann und Frau werden.« »Sind sie denn einverstanden?« »Hm! Von einer Verlobung im strengen Sinne des Wortes weiß man allerdings noch nichts; sie sind eben, wie es ja öfters vorzukommen pflegt, bereits in ihrer Jugend mit einander versprochen worden. In gewissem Sinne kann man das ja auch eine Verlobung nennen.« »Eine unangenehme, sehr unangenehme Geschichte!« »Unsinn, Monsieur Belmonte!« lachte Martin. »Verlieben und Verloben ist Zweierlei! Warten wir das Ding nur ganz ruhig ab.« »Wo steckt denn dieser Bernard Lemarch?« »Sie werden sich wundern, daß ich auf einmal so ziemlich allwissend geworden bin. Aber ich habe eine wunderhübsche Kneipe entdeckt, wo meist nur Bedienstete großer Herren zu verkehren pflegen. Da thut eine Flasche Wein die beste Wirkung. Da saß zum Beispiel der Leibdiener des alten Lemarch und erzählte mir in seiner Weinlaune, daß der junge Lemarch plötzlich zum Grafen Rallion nach Metz berufen worden sei. Und da saß ferner der Oberkoch des Grafen Rallion und erzählte mir, daß sein Herr nach Schloß Ortry gereist sei, also der junge Lemarch wohl mit ihm.« »Ortry? Das ist ja derselbe Name, welchen wir nach Berlin telegraphiren!« »Das fiel mir eben auch auf. Ferner erzählte mir dieser dicke Oberkoch, daß der Graf Rallion auf Befehl des Kaisers, welcher der Polizei nicht zu trauen scheint, in seinem Hotel ein Bureau für die Entzifferung aller zwischen Frankreich und Deutschland hin und her fliegenden Depeschen errichtet habe. Wird die unserige beanstandet, so geht sie in dieses Bureau, aber nicht nach der Polizei. Und sodann erzählte er mir, daß in der Hand Rallions, der ja ein erklärter Günstling des Kaisers ist, Fäden zusammenlaufen, von denen selbst die Minister keine Ahnung haben.« Belmonte machte ein ganz erstauntes, ja betretenes Gesicht. »Welch eine Nachricht!« rief er. »Wenn das wahr wäre.« »Es ist wahr!« »Sei nicht zu sicher! Was kann ein Koch wissen!« »Hm. Oft sehr viel. Vielleicht zuweilen mehr als der Herr selbst. Wenn der Herr ein Gourmand ist, so beeinflußt der Koch den Magen des Herrn, der Magen den Kopf und der Kopf die Gedanken und Handlungen. Das ist bei Graf Rallion und seinem Koche der Fall. Dieser Koch hat einen Neffen, und dieser Neffe hat wieder eine Schwester, ein großes Glück für uns.« »Wieso? Ich verstehe Dich nicht.« »Nun, der Neffe ist vor einigen Jahren in Folge des Einflusses seines Küchenonkels Geheimsecretär des Grafen geworden. Er kennt also Alles, was im Bureau des Grafen vorkommt. »Ah! Wir müssen die Bekanntschaft dieses Neffen machen.« »Wer von uns Beiden, Herr Belmonte? Sie oder ich?« »Du natürlich.« »Das thue ich nicht.« »Warum nicht?« fragte Belmonte, die Brauen ein wenig zusammenziehend. »Weil ich eine bessere Bekanntschaft vorgezogen habe.« Dabei machte Martin wiederum eines seiner verschmitzten Gesichter, daß Belmonte lachend sagte: »Kerl, Du hast jedenfalls wieder, wie so oft, Alles bereits in das beste Geleis gebracht, ehe ich Dir nur einen Wink gab!« »Möglich!« nickte Martin. »Ich sagte doch bereits, daß dieser Neffe eine Schwester habe?« »Allerdings.« »Nun, diese Schwester ist ein nettes, sauberes Mädchen, gradezu zum Anbeißen, mein verehrtester Monsieur Belmonte!« Dabei schnalzte er mit der Zunge, als ob er eben eine der feinsten Delicatessen verschlungen habe. Belmonte lachte, drohte ihm mit dem Finger und sagte: »Martin, Du bist ein sauberer Patron! Fast bereue ich, den Sohn meines alten, braven Gutsinspectors eine solche Laufbahn eröffnet zu haben, weil er einst mein Lern- und Spielkamerad war. Du treibst alle möglichen Sorten und Arten von Allotria, und ich beginne sogar zu vermuthen, daß Du jetzt zu allem Andern noch angefangen hast, den Mädels nachzulaufen!« »Hm. Einmal muß doch angefangen werden!« lachte Martin munter. »Ich habe ja leuchtende Beispiele vor mir. Meine Spielkameraden laufen ihren Schönheiten wegen in die große Oper; da ich aber nicht die Mittel besitze, mir eine theuere Loge zu miethen, so muß ich meiner Passion auf minder glänzende Weise Rechnung zu tragen suchen.« »Der Hieb war gut parirt! Ich constatire, daß ich mich getroffen fühle. Also Du hast mit der Schwester dieses Geheimsecretärs bereits Bekanntschaft angeknüpft?« »Ich mit ihr und sie mit mir. Es schien mir das vortheilhafter, als mich an ihn selbst zu machen. Er liebt den Wein, und da kommt es öfters vor, daß er sich einen Käfer, einen Aal, einen Spitz, oder sogar einen Affen holt.« »In solchen Zeiten ist man mittheilsam. Du hättest also doch vielleicht besser gethan, Dich mit ihm bekannt zu machen.« »Habe es versucht, aber mit dem vollständigsten Mißerfolge. Dieser Mensch wird nämlich, wenn die Geister des Weins über ihn kommen, nicht mittheilsam, sondern verschlossener, als er vorher schon war. Er spricht kein Wort und stiert nur so vor sich hin. Solche Menschen giebt es ja auch. Was ist da aus ihnen herauszuholen? Zudem brachte ich in Erfahrung, daß er sehr oft aus dem Bureau des Grafen Rallion Concepte, Pläne und dergleichen mit nach Hause nimmt, um sie während der Zeit außerhalb der Bureaustunden zu mundiren. Der Kaiser verlangt, daß alle Eingaben an ihn calligraphisch schön gefertigt sind, und da dachte ich, daß es wohl möglich sei, mit Hilfe der Schwester, aber natürlich ohne ihr Vorwissen, so Etwas einmal in die Hand zu bekommen.« »Schlauer Kerl. Dazu aber mußt Du ja Eintritt in die Wohnung haben!« »Hat ihm schon!« lachte Martin. »Sapperlot! Wirklich?« »Ja, ich war bereits einmal droben bei ihr, natürlich ohne Wissen des Bruders.« »Wie wohnen sie?« »Sie bewohnen vier Zimmer einer zweiten Etage. Im Hause giebt es keinen Portier und auch keinen Hausmann. Ein Dienstmädchen haben sie nicht, denn die gute Alice – so heißt sie nämlich – arbeitet und besorgt Alles selbst, die alte, gute Haut! Erst kommt sein Arbeitszimmer, dann sein Schlafzimmer, dann der Miniatursalon meines Schätzchens. Die Küche hat sich in eine Ecke des Corridors verkrochen. Sonst noch Etwas, Herr Belmonte?« »Danke, mein Lieber! In welchem Zimmer warst Du mit ihr?« »Sehr vornehm! Im Salon!« »Nicht in ihrer Schlafstube?« »Fällt ihr nicht ein, mir aber auch nicht, da meine Absichten nur auf die Zimmer ihres Bruders gerichtet sind.« »Wann sollst Du wiederkommen?« »Das ist ja eben die verteufelte Geschichte! Ich sollte heute Punkt Neun eintreffen. Ihr Bruder, der Geheimsecretair, wollte halb Neun Uhr ausgehen, und da ließ sich erwarten, daß er erst zu später Stunde nach Hause kommen werde. Nun aber ist es zu spät.« »Das thut mir wirklich leid! Bei Deiner Schlauheit und Gewandtheit hätte sich vermuthen lassen, daß Dein heutiger Besuch einigen Nutzen gehabt hätte.« »Vielleicht ist es doch noch Zeit!« »So spät?« »Ja. Wenn der Herr Secretair einmal in der Kneipe sitzt, so sitzt er ordentlich. Und hat er gar zu tief in's Glas geguckt, so sitzt er nicht blos, sondern er klebt.« »So versuche es! Ich werde selbst nach dem Telegraphenamte gehen.« »Bitte um Entschuldigung! Das mit der Depesche ist meine Sache. Ich bin Telegraphist, wenn ich auch jetzo diene, und so wird es den Beamten dort nicht leicht, mir ein X für ein U zu machen. Auf dem Rückwege kann ich ja doch einmal nach Alice sehen. Sie wohnt am Wege. Haben Sie vielleicht noch eine Verordnung für mich?« »Nein. Gehe immerhin! Ich weiß, daß ich Dich nicht zur Vorsicht zu ermahnen brauche!« »Uebel angebracht wäre es doch vielleicht nicht!« meinte Martin, indem er ein komisch ernstes Gesicht machte. »Also doch! Wieso?« »Weil ich glaube, sehr unvorsichtig gewesen zu sein.« »Ich will doch nicht hoffen, daß Du irgend einen Fehler begangen hast?« fragte Belmonte, indem er die Brauen emporzog. »Einen sehr großen sogar!« »Alle Teufel! Ich hoffe, daß er zu verbessern sein wird!« »Wohl schwerlich!« Belmonte schwieg, betreten, wie er doch ein wenig war. Martin bemerkte das und fuhr daher sogleich fort: »Der Fehler ist nämlich glücklicher Weise nur ein privater; aber trotzdem meine ich, daß Ihre Warnung zur Vorsicht gar nicht übel angebracht gewesen wäre. Ich lernte nämlich diese Alice nur kennen, um sie nach ihrem Bruder auszuforschen; ich wollte sie und ihn fangen; nun aber – habe ich meinen eigenen Angelhaken mit sammt der ganzen Köderfliege verschluckt. Ich selbst bin gefangen.« Da lachte Belmonte erleichtert auf. »So also ist es! Das meintest Du! Du bist wirklich verliebt?« »Ich denke es. Ist man verliebt, wenn man den Krampf, das Schneiden und Grimmen im Herzen hat statt im Magen? Ich habe da keine Erfahrung. Vielleicht können Sie mir bessere Auskunft geben, Monsieur Belmonte.« »Keine Anzüglichkeit! Frage Deine Alice nach Auskunft; ich lehne es ab, Rath zu ertheilen!« »Nun wohl, so will ich meine Krankheit sich entwickeln lassen, ob zu meinem Heile oder Unheile, das wird sich zeigen.« »Kerl! Du wirst doch nicht gar auf den Gedanken kommen, eine Französin zu heirathen?« »Warum nicht? Will man einmal in das Unglück hineintappeln, dann ist es ganz egal, ob es auf französische Manier oder auf deutsche Weise geschieht. Im Gegentheile! Heirathe ich eine Französin, welche nicht Deutsch versteht, so zanke ich deutsch, wenn ich wüthend werde, und verstehe französisch nicht, wenn sie in ihrer Muttersprache antwortet. Das giebt viel Sujets zu Lustspielen; ich verkaufe dieselben halb an deutsche und halb an französische Dichter, stecke die Fünfzigthaler- und Hundertfrankenscheine ein und werde dabei ein reicher Mann, ein glücklicher Gatte und ein fameuser Familienvater.« »Du bist unverbesserlich! Mach, daß Du fortkommst!« »Dachte es mir! Gehen Sie heut' noch aus?« »Nein; ich schlafe.« »So darf ich mir vielleicht Ihr kleines Laternchen einstecken; wenn Sie es nicht brauchen?« »Wozu?« »Das weiß ich noch nicht. Auf den Wegen, welche ich wandle, ist es oft vortheilhaft, seine Fußtapfen beim Scheine einer Leuchte in den Pefferkuchen zu drücken.« »Nimm sie, und »gute Nacht!« wenn wir uns nicht wiedersehen sollten.« »Gute Nacht, Monsieur Belmonte!« Fortsetzung 54 Der lustige Diener steckte die Depesche nebst der Abschrift zu sich, versah sich mit dem Laternchen und trat den Gang nach dem Bureau des Telegraphen an. Dasselbe war jetzt allerdings geschlossen, aber gegen eine unbedeutende Erhöhung der Gebühr mußte der Nachtbeamte zur Verfügung stehen. Dieser blickte verwundert über die Ziffern hin und meinte mürrisch: »Verdammte Arbeit! Können Sie nicht in Worten telegraphiren?« »O ja, das kann ich. Können Sie es?« antwortete Martin. Der Mann blickte ihn grimmig an und sagte: »Wie meinen Sie das, Monsieur?« »Sie erkundigten sich nach meiner Fertigkeit, und da glaubte ich das Recht zu haben, auch in Beziehung auf die Ihrige Nachfrage zu halten.« »Meine Fertigkeit steht über allen Zweifel erhaben, sonst hätte man mich nicht angestellt. Das lassen Sie sich gesagt sein! Uebrigens, wenn Sie sagen, daß Sie sich auch der Worte hätten bedienen können, warum haben Sie das nicht gethan?« »Weil es mir frei steht, mich sowohl der Worte wie auch der Ziffern zu bedienen. Und wenn ich irgend einem Bekannten zehntausend Gedankenstriche zusenden will, so müssen Sie dieselben auf den Apparat übertragen. Uebrigens habe ich mich für die Ziffern entschieden, weil nicht jeder Telegraphenbeamter zu wissen braucht, wie viel ich meinem Wichslieferanten schuldig bin!« »Sie führen eine hier sehr ungewöhnliche Sprache! Ich werde sofort die Gebühr berechnen und dann die Depesche abgehen lassen.« »Ich bitte um eine Bescheinigung, daß sie abgegangen ist!« »Die sollen Sie haben!« Das Formelle der Sache wurde abgemacht; Martin bezahlte und erhielt die Bescheinigung ausgestellt. Aber anstatt sich zu entfernen, blieb er ruhig stehen. Der Beamte blickte ihm zornig in das Gesicht und fragte: »Nun? Was stehen Sie noch? Warum gehen Sie nicht?« »Weil ich mir eine ergebene Frage gestatten muß!« »Sprechen Sie! Aber machen Sie es kurz. Ich habe für solche Querulanten keine Zeit übrig.« Martin that, als ob er das beleidigende Wort gar nicht vernommen habe. Er machte das ehrlichste, treuherzigste Gesicht, welches ihm möglich war, und fragte sehr freundlich: »Ist die Depesche schon abgegangen?« Da fuhr der Beamte zornig auf. »Herr, was denken Sie!« rief er. »Meinen Sie etwa, daß es nur der Uebergabe dieses Papieres bedarf, um den Inhalt desselben nach Berlin zu übermitteln? So weit haben wir es denn doch noch nicht gebracht!« »Ah, ich dachte, sie wäre bereits fort,« meinte Martin unbefangen. »Hier auf meiner Bescheinigung steht, daß die Depesche Elf Uhr vier Minuten hier aufgegeben worden sei. Ich glaubte also, ein Recht zu meiner Frage zu haben. Aber Sie geben doch zu, daß diese Bescheinigung eine Lüge enthält, wenn meine Correspondenz noch unerledigt sich in Ihren Händen befindet!« Der Beamte richtete seine Augen mit einem Ausdrucke auf ihn, aus welchem zu ersehen war, daß er sich in Ungewißheit darüber befinde, wie er ihn beurtheilen solle. Er sah die Depesche noch einmal durch und sagte dann barsch: »Warten Sie!« Nach diesen Worten entfernte er sich nachdenklich und trat in ein Nebenzimmer. Martin nickte lächelnd vor sich hin und flüsterte, indem er eine sehr zufriedene Miene machte: »Er wollte die Ziffern nach dem Bureau des Grafen Rallion zum Entziffern schicken, ehe er sie dem Apparate übergiebt. Nun erkundigt er sich bei irgend einem Vorgesetzten, was zu machen sei, da ich nicht von der Stelle gehe. Wie wird der Bescheid lauten? Natürlich wird man mich täuschen wollen und so thun, als ob man telegraphire. Schön! Das giebt mir Spaß!« Nach einiger Zeit trat der Telegraphist wieder ein und fragte: »Wer ist denn dieser Herr Walther, an welchen die Depesche gerichtet ist?« »Ich weiß es nicht, werde es aber schleunigst erfahren.« »Wieso? Sie telegraphiren an Jemand, den Sie gar nicht kennen? Das ist mir unbegreiflich!« »Mir nicht. Ich hörte vor einer Viertelstunde, daß in Berlin auf der Behrenstraße ein Mann wohnt, welcher Walther heißt. Ich habe niemals Etwas von diesem Herrn gehört; das machte mich wißbegierig. Und da ich ahnte, daß auch Sie neugierig würden, so beschloß ich, ihn zu fragen, was und wer er eigentlich sei. Ich hätte das mit viel weniger Kosten brieflich thun können; um aber Ihre Neugierde schleunigst zu befriedigen, zog ich es vor, zu telegraphiren. Nun werden Sie mich wohl begreifen!« Jetzt endlich sah der Beamte ein, daß er es mit einem überlegenen Kopfe zu thun habe. Er wollte in eine zornige Bemerkung ausbrechen, befürchtete aber eine nochmalige Zurechtweisung und sagte daher kurz nur: »Sie thäten weit besser, Ihre Gedanken bei sich zu behalten. Ich werde sofort telegraphiren.« »Ich bitte darum, da bereits zwanzig Minuten über die Zeit vergangen sind, welche Sie mir hier auf der Bescheinigung angegeben haben.« Der Beamte trat an den Apparat und setzte ihn in Bewegung. Das Ticken und Klappern begann und wurde einige Male durch das Glockenzeichen unterbrochen. Nach einer Weile hörte es auf. Der Telegraphist trat auf Martin zu und sagte in stolz verächtlichem Tone: »So, jetzt ist es gethan! Sie können sich entfernen!« »Ich muß mir noch eine Frage erlauben,« meinte Martin in dem gleichmüthigsten Tone der Welt. »Ich habe keine Zeit mehr für Sie! Gehen Sie!« »Ich bleibe. Wenn Sie für mich nicht zu sprechen sind, so werde ich unter Ihren Vorgesetzten doch einen finden, welcher Zeit für meine Beschwerde hat.« »Beschwerde? Was fällt Ihnen ein! Sie haben keine Veranlassung zur mindesten Beschwerde!« »O doch! Ich habe vielmehr Veranlassung zur größten Beschwerde. Ich werde anfragen, ob der Apparat dieser Station den Zweck hat, Lügnern und Fälschern als Mittel ihrer Unterschlagungen zu dienen.« »Herr!« braußte der Beamte auf. »Uebernehmen Sie sich nicht im Athmen. Sie haben meine Aufgabe gar nicht depeschirt!« »Wie können Sie das sagen!« »Sie haben nicht nach Berlin, sondern nach Epernay telegraphirt. Das ist die Station, bis zu welcher die Leitung augenblicklich offen war.« Der Telegraphist machte ein verlegenes Gesicht. Er konnte gar nicht begreifen, wie Martin das so genau wissen könne. Dennoch nahm er schnell eine strenge Miene an und entgegnete in drohendem Tone: »Monsieur, Sie beleidigen mich! Sie haben ferner vorhin von Lügnern und Fälschern, von Unterschlagung gesprochen. Ich habe das Recht, Sie sofort arretiren zu lassen!« »Thun Sie das!« antwortete Martin kalt. »Das würde der beste und kürzeste Weg für mich sein, Genugthuung für mich und Bestrafung für Sie zu erlangen. Ich will an Herrn Walther eine Depesche aufgeben, um ihm, der ein bedeutender Banquier ist, zu sagen, welche Papiere er morgen früh auf der Börse kaufen soll; es hängen Hunderttausende, ja vielleicht Millionen davon ab, daß er die Depesche frühestens erhält, und Sie weigern sich, sie aufzulegen. Sie sollen Ihren Willen meinetwegen haben, aber wir werden wissen, an welcher Stelle wir uns den Ersatz des Schadens, welchen wir erleiden, auszahlen lassen.« Jetzt wurde der Mann in Wirklichkeit verlegen, so verlegen, daß er es nicht verbergen konnte. »Aber, wie kommen Sie denn zu der wunderbaren Ansicht, daß Ihre Depesche nicht abgegangen ist?« fragte er. »Soll ich Ihnen etwa sagen, was Sie telegraphirt haben?« entgegnete Martin, sich zornig stellend. »Nun? Ich bin begierig, es zu hören!« »Ja, Sie sollen es hören! Zunächst haben Sie angefragt, ob die Strecke frei sei, und dann lauteten Ihre Worte »Lieber College. Hier steht Einer, welcher nach Berlin telegraphiren läßt und nicht eher fortgeht, als bis er mich in Thätigkeit gesehen hat. Seine Depesche ist chiffrirt, ich muß sie zum Entziffern einsenden. Um ihm nun glauben zu machen, daß sie abgeht, will ich mich mit Ihnen unterhalten.« Ah, Sie werden blaß. Ich brauche also nicht weiter fortzufahren!« Der Beamte stand da, als hätte ihn der Schlag gerührt. »Mein Gott, wie können Sie das wissen!« stammelte er. »Das ahnen Sie nicht?« »Nein.« »Sie dauern mich. Daß ich Ihre Worte dem Apparate abgelauscht habe, muß Ihnen doch sagen, daß ich selbst ein erfahrener Kenner des Telegraphen bin, vielleicht ein besserer Kenner als Sie! Ich frage Sie ernstlich, ob meine Depesche abgehen wird, oder ob ich mich augenblicklich an die Behörde wenden soll!« »Warten Sie!« Er wollte sich wieder in das Nebenzimmer begeben, aber Martin hielt ihn mit den Worten auf: »Halt. Sie wollen Erkundigungen einziehen. Sagen Sie bei dieser Gelegenheit, daß ich, während der Apparat in Thätigkeit ist, dabei stehen werde, um die Worte genau zu collationiren.« Der Mann zog es vor, keine Antwort zu geben und entfernte sich. Bereits nach kurzer Zeit trat er mit einem anderen Beamten ein. Dieser warf einen finsteren, forschenden Blick auf Martin und fragte dann: »Sie sind selbst bewandert im Telegraphiren?« »Ja.« lautete die Antwort. »Wer sind Sie?« »Monsieur, befinde ich mich gegenwärtig im Telegraphen oder im Polizeibureau?« »Im Ersteren natürlich. Ich wollte nur gern wissen, wer der Mann ist, welcher uns so viel Stoff zur Unterhaltung giebt. Handelt es sich wirklich um eine rein geschäftliche Depesche?« »Ich habe keine Veranlassung, mich abermals darüber zu äußern.« »Gut. Sie sollen Ihren Willen haben! Treten Sie näher und hören Sie. Ich werde die Depesche selbst abgehen lassen.« Martin zog seine Abschrift hervor und verglich aufmerksam, während der Apparat arbeitete. Als es zu Ende war, fragte der Beamte in ironischem Tone: »So. Sind Sie nun zufrieden?« »Ja.« »So werden Sie nun endlich gehen!« »Allerdings. Zuvor jedoch mache ich die Bemerkung, daß ich Ihre Bescheinigung, welche übrigens bereits jetzt nicht stimmt, sofort brieflich nach Berlin senden werde, um von dort aus Recherchen zu veranstalten, ob die soeben abgegangene Depesche vielleicht unterwegs noch, nachdem ich mich von hier entfernt habe, von Ihnen aufgehalten und cassirt wird. Ich warne Sie hiermit, dies zu thun! Gute Nacht!« Er ging. »Ein entsetzlicher Mensch!« hörte er hinter sich, noch bevor er die Thür wieder zugemacht hatte. Draußen stellte er sich gegenüber in den Schatten eines Thorweges, um aufzupassen. »Sie haben,« dachte er, »meine Depesche unentziffert absenden müssen; nun aber werden sie den Zettel schleunigst nach dem Bureau des Grafen Rallion bringen, um doch noch zu erfahren, um was es sich handelt. Haha, vergebliche Mühe! Unser Schlüssel ist so complicirt, daß selbst ein Meister der Dechiffrirkunst ihn nicht finden kann!« Er hatte noch nicht zwei Minuten gestanden, so kam ein Mann drüben heraus und lief eiligen Schrittes davon. »Ah, das ist der Bote, der den Zettel hat! Viel Glück, Ihr armen Leute! Ihr werdet Euch vergeblich die Köpfe zerbrechen!« Er ahnte nicht, wie bald er seine Schrift wieder vor die Augen bekommen werde, und wie wenig es Demjenigen, der sie hatte, einfiel, sich den Kopf darüber zu zerbrechen. Jetzt entfernte auch er sich. Beschleunigten Schrittes kam er durch zwei Straßen und blieb da auf dem Trottoir stehen. Seine Blicke suchten die Fenster der zweiten Etage eines Hauses, welchem er gegenüberstand. Da oben war noch ein Fenster erleuchtet; es stand offen, und ein weiblicher Kopf sah heraus. »Das ist Alice,« murmelte er. »Sie wird ihren Bruder erwarten. Oder sollte sie vielleicht meinen, daß ich doch noch kommen könne? Ich werde ihr zeigen, daß ich da bin.« Er trat auf die Mitte der Straße und hustete einige Male halblaut. Als er dies wiederholt hatte, bog sich der Kopf noch weiter heraus, und eine unterdrückte Stimme fragte: »Robert, bist Du es?« Das war der Name ihres Bruders. »Nein!« antwortete der Diener empor. »Monsieur Martin?« »Ja.« »Warten Sie!« Der Kopf verschwand. Martin trat zur Thüre. Nach kurzer Zeit wurde im Schlosse derselben leise ein Schlüssel herumgedreht; sie öffnete sich, und das Mädchen trat heraus. »Ah, Sie Böser!« flüsterte sie. »Ich habe so lange gewartet. Warum kamen Sie nicht?« Er ergriff ihre Hand, zog dieselbe an seine Lippen und antwortete ebenso leise, wie sie gesprochen hatte: »Und ich habe so lange, so sehr lange wie auf der Tortur gesessen. Ich freute mich auf Sie; ich sehnte mich so sehr nach Ihnen und konnte doch nicht fort!« »Wo waren Sie, was hielt Sie ab?« »Es gab Berichte nach Hause zu senden. Monsieur Belmonte dictirte, und ich mußte schreiben. Erst vor zwei Minuten sind wir fertig geworden.« »Dieser böse Belmonte!« »O, ich bin sonst sehr zufrieden mit ihm; heute konnte er selbst nicht anders. Werden Sie mir verzeihen?« »Ich muß wohl, da Sie nicht der Schuldige sind! Aber ich darf nicht hier stehen. Man könnte kommen und mich hier überraschen. Waren da oben noch viele Fenster erleuchtet?« »Nein, nur das Ihrige.« »So sind alle Bewohner zur Ruhe gegangen. Ich werde das auch thun, nun ich Sie wenigstens gesehen habe.« »O nein, nein, thun Sie das noch nicht! Wann ging Monsieur, Ihr Bruder fort?« »Er war noch gar nicht hier; er ist seit Mittag gar nicht nach Hause gekommen. Ich hätte Sie also gar nicht oben bei mir empfangen können.« »Auch jetzt nicht?« »Nein. Er kann an jedem Augenblicke nach Hause kommen.« »Das befürchte ich nicht. Er hat viel und nothwendig zu arbeiten gehabt, so daß er zum Abendessen doch zu spät gekommen wäre; daher hat er vorgezogen, das Souper in seiner Weinstube einzunehmen. Da befindet er sich noch. Und Sie kennen ihn ja: Ist er einmal dort, so bleibt er bis längere Zeit nach Mitternacht.« »Das ist leider wahr!« seufzte sie. »Darum bliebe uns immer ein Stündchen übrig, vielleicht auch zwei. Wollen Sie mich wirklich abweisen, nachdem ich mich so sehr nach Ihnen gesehnt habe?« Sie ging ein Weilchen mit sich zu Rathe; dann meinte sie: »Man kann doch unmöglich so spät noch einen Herrenbesuch empfangen!« »Es wird ja Niemand Etwas bemerken.« »Ich möchte nicht haben, daß Sie eine ungute Ansicht von mir erhalten, Monsieur Martin!« »O, wenn es nur das ist, so kann ich Sie sehr leicht beruhigen!« Er nahm auch ihre andere Hand in Beschlag und fuhr dann fort: »Sagen Sie mir einmal, Mademoiselle Alice, ob es Ihnen lieb sein würde, wenn wir wieder auseinander gehen müßten!« »Lieb? Wie könnte mir das lieb sein!« »Sie meinen also, daß es besser sei, wir lernen uns kennen?« »Ja,« flüsterte sie. »Nun wohl! Wie aber wollen wir das bewerkstelligen? Des Tages muß ich in dieser großen Stadt herumgehen, um für unser Geschäft thätig zu sein, also können wir uns doch nur allein des Abends sehen und sprechen.« »Aber nicht so spät!« »Wenn ich nun nicht eher kann?« »So müssen wir unsere Zusammenkünfte auf solche Abende verlegen, an denen Sie Muse dazu haben.« »So glauben Sie also, daß ich sehr lange hier bleiben werde?« »Ja. Ist es nicht so?« »Nein. Wir haben auch anderwärts sehr viel zu thun. Es kann bereits morgen für mich die Weisung eintreffen, Paris zu verlassen.« Sie erschrak; das fühlte er am Zucken ihrer Hände. »Das habe ich nicht gewußt,« meinte sie im bedauernden Tone. »Sie sehen also ein, daß mir ein jeder Augenblick, an welchem ich bei Ihnen sein kann, kostbar und theuer sein muß. Ich wünsche, daß Sie mich kennen lernen sollen, und Sie versagen es mir!« »O nein, Monsieur Martin, ich versage es Ihnen ja nicht!« »Aber Sie wollen mich ja fortschicken! Wie nun, wenn ich morgen abreisen muß!« »Es würde mir sehr, sehr leid thun! Aber Sie würden doch wohl wiederkommen?« »Wenn wir hier einmal fertig sind, können Jahre vergehen, ehe ich zurückkehre. Hätte ich eine Geliebte, eine Braut hier zurückgelassen, so würde ich gern die Erlaubniß erhalten, sie zu besuchen. Aber einer Dame wegen, welche ich nur flüchtig kennen gelernt habe, erhalte ich diese Erlaubniß nicht.« Sie schwieg nachdenklich, und erst nach einer Weile sagte sie: »Sie mögen Recht haben. Aber ist die Stunde nicht zu spät?« »Mißtrauen Sie mir etwa? Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß ich gegen Sie nicht anders sein werde, als ich sein würde, wenn Vater und Mutter sich dabei befänden.« »Glauben Sie nicht, daß ich Ihnen mißtraue, Monsieur Martin! Wäre das der Fall, so wäre ich jetzt nicht herunter gekommen. Ich befürchte jedoch, daß mein Bruder zurückkehren und uns überraschen könnte.« »Er würde mich nicht sehen.« »Wie wollten Sie das bewerkstelligen?« »O, diese kleine, allerliebste Alice würde wohl scharfsinnig genug sein, irgend eine Weise zu ersinnen, auf welche es mir möglich wäre, mich seinem Blicke zu entziehen. Vielleicht würde sie mir ein Zimmer oder die Küche anweisen, wo ich mich dann erst entfernte, wenn er zur Ruhe gegangen ist.« »Das ist immerhin bedenklich, Monsieur!« »Der Liebe fällt nichts zu schwer!« Da ließ sie ein leises, munteres Lachen hören und fragte: »Sie glauben also, daß ich Sie liebe?« Er legte den Arm um ihre Taille, zog sie an sich heran, strich ihr mit der Hand liebkosend über das weiche Haar und antwortete: »Ich möchte es glauben, meine theure Alice! Es ist der größte Wunsch meines Lebens, mein Bild recht tief, tief in Ihr gutes, reines Herzchen einzugraben, so daß Sie es nie und nimmer wieder vergessen können.« Sie lehnte ihr Köpfchen leise an ihn an und sagte: »Das sagt man oft als bloße Redensart.« »Bei mir aber ist es die reine, wirkliche Wahrheit!« »Ist das wahr, Monsieur?« »Ja; ich schwöre es Ihnen!« »So will ich es wagen, Sie heute nicht fortzuschicken, obgleich die Mitternacht bereits sehr nahe ist. Kommen Sie! Aber bitte, wir müssen sehr leise sein!« Er trat in den nur spärlich erleuchteten Flur. Sie verschloß die Thür hinter ihm, und dann stiegen sie geräuschlos die beiden Treppen empor. Die Wohnung, welche sie betraten, war nicht luxurios eingerichtet; aber es glänzte hier Alles von Sauberkeit. Man sah, daß hier ein Wesen waltete, welches bereits an der Wiege von dem Geiste der Häuslichkeit geküßt worden war. Sie führte ihn in den kleinen Salon. Dort nahm sie auf dem Sopha Platz und er auf einem Stuhle neben demselben. Jetzt beim Scheine der Lampe konnte man sehen, daß Martin nicht ohne Geschmack gewählt hatte. Alice war ein hübsches Mädchen. Alles an ihr war schmuck und nett; sie war wirklich zum Küssen. »Nun sagen Sie einmal, daß ich, um Ihnen gefällig zu sein, nichts wage,« meinte sie, ihn mit offenem Auge anblickend. »Ich wollte, ich könnte Ihnen beweisen, daß ich um Ihretwillen noch mehr wagen würde,« antwortete er. »Ich bin Ihnen herzlich dankbar für das kleine Wagniß. Vielleicht schickt es Gott, daß wir einst in einer ebenso traulichen Häuslichkeit bei einander sitzen, ohne Befürchtungen hegen zu müssen!« Sie erröthete leise. Ihre Fingerchen glitten irr über die kleine Stickerei, welche sie zur Hand genommen hatte; ihr Busen hob sich unter einem tiefen Athemzuge, und dann bemerkte sie: »Gott ist es allerdings allein, den man um ein solches Glück zu bitten hat.« Da ergriff er schnell ihr Händchen, zog es zu sich heran und fragte in innigem Tone: »Würden Sie es wirklich für ein Glück halten, mit mir ein liebes Heim Ihr Eigen nennen zu können?« Da schlug sie die Augen groß zu ihm auf und antwortete: »Monsieur Martin, ich habe keine Eltern mehr, und mein Bruder bekümmert sich um mich nicht sehr. Ich bin fast nur allein auf mich angewiesen und sehne mich doch nach Jemand, der gut zu mir ist, dem ich vertrauen kann und dem es eine liebe Beschäftigung wäre, sich ein wenig mit meinen kleinen Gedanken und Gefühlen zu bemühen. Das hat bisher noch Niemand gethan. Ich lebte einsam, bis Sie kamen und mir sagten, daß Sie gern an mich dächten. Ich habe mir dann vorgestellt, wie schön es sein würde, wenn Sie mir Vater, Mutter und Bruder sein wollten. Ich würde glücklich sein. Ich sage Ihnen das aufrichtig und bitte Sie von ganzem Herzen, ebenso ehrlich zu mir zu sein. Ich fürchte mich vor dem Unglücke des Lebens; aber an der Seite eines geliebten Mannes würde mich alles Leid und alle Sorge angstlos lassen. Ihm würde ich gehören, nur ihm allein; für ihn würde ich schaffen und arbeiten; mein Herz, meine Seele, mein ganzes Leben, mein Denken und Empfinden müßte wie ein Krystall sein, welchen er durchblicken könnte. Ich bin nicht schön; ich bin auch keine feine Dame; aber ich möchte stets so hübsch sein, daß er mich immer lieben möchte, und ich würde immer Mittel finden, mir sein Herz warm und offen zu erhalten. Würden Sie mit einer solchen Frau glücklich sein können, Monsieur Martin?« Das war die Sprache eines reinen Herzens, eines warmen Gemüthes. Martin fühlte sich davon so ergriffen, daß seine Augen feucht wurden. Er saß im nächsten Augenblicke neben ihr, er wußte gar nicht, wie es gekommen war. Er schlang seine beiden Arme um sie, zog ihr kleines Köpfchen an seine Brust und sagte: »Ja, mit einer solchen Frau würde ich sehr, sehr glücklich sein. Und dieses Glück werde ich nur bei Ihnen finden. Alice, sagen Sie, ob dieses kleine, gute, reine Herzchen mir gehören möchte!« Er legte ihr die Hand auf den leise sich bewegenden Busen, da wo unter demselben das Herz klopfte, von welchem er sprach. Sie duldete diese Berührung, schlug die Augen zu ihm auf und antwortete unter hervorquellenden Thränen: »Ja, es soll Ihnen gehören, Ihnen ganz allein, ganz allein! Wollen Sie es denn auch haben?« »Ob ich es haben will! Ein solches Herz ist ja kostbar, so werthvoll, daß es mit allen Schätzen der Erde nicht zu erkaufen ist. Ja, ja, und tausendmal ja, ich will es haben. Und wenn ich es nicht bekommen sollte, so würde ich Alles, Alles thun, um es endlich doch noch zu erlangen!« »So lieben Sie mich? Wirklich, wirklich?« »Wie sehr, o wie sehr!« Er legte ihr die Hand unter das zarte Kinn, hob ihr Gesichtchen zu sich empor und küßte sie auf die warmen Lippen, welche seinen Kuß leise und verschämt erwiderten. Dann aber legte sie plötzlich die Arme um seinen Nacken und sagte in bittendem Tone: »Martin, laß dies keinen bloßen Scherz sein. Viele tausend Männer giebt es, welche solche Worte sagen, um für kurze Zeit eine Unterhaltung zu haben. Ich würde sterben und vergehen, wenn ich Dir heute mein Herz und meine Seele schenkte und Du stießest sie dann wieder von Dir.« Da drückte er sie fest und innig an sich, so fest, daß Beide gegenseitig ihre Herzen schlagen fühlten, und betheuerte: »Alice, Du sollst mein Leben, meine Wonne sein, und eher will ich Alles meiden und Alles von mir geben, ehe ich Dir entsage. Willst Du das glauben, Geliebte?« »Ich glaube es!« flüsterte sie, indem ein strahlender Blick durch Thränen hindurch ihn traf. »Und wenn ich Paris verlassen muß und einige Zeit lang nicht wiederkommen kann, wirst Du da immer an mich denken und mir treu bleiben?« »Immer und immer! Ich werde nur an Dich denken und täglich und stündlich zu Gott beten, daß er Dich recht bald wieder zu mir bringen mag. Und dann –« Sie stockte, und bei dem Gedanken, was sie, hingerissen von der Aufrichtigkeit ihres Herzens, noch hatte hinzufügen wollen, trat eine tiefe Röthe in ihre Wangen. »Und dann – –?« fragte er. »Willst Du nicht weiter sprechen?« »Ich darf es nicht sagen!« antwortete sie in holder Scham. »Warum?« »Kein Mädchen soll das sagen dürfen.« »O doch! Versprachst Du mir nicht, stets wie ein Krystall zu sein, dessen Klarheit ich durchschauen könne?« »So meinst Du, daß ich es wirklich sagen soll?« fragte sie zagend. »Ja. Bitte, bitte! Und dann –?« »Und dann, wollte ich sagen, wenn Du zurückgekehrt bist, dann können wir wie die Schwalben sein, welche mit einander davon zwitschern, wohin sie ihr Nestchen bauen wollen.« Er war ganz hingerissen von dieser kindlichen, natürlichen Naivität. Er küßte und küßte sie entzückt auf Stirn, Mund und Wangen und antwortete: »Ja, meine Alice, mein Schwälbchen, dann sprechen wir von dem Nestchen, welches wir bauen wollen. Groß wird es allerdings nicht werden!« »O, groß soll es auch nicht sein, groß will ich es gar nicht haben. Es soll gerade so groß sein, daß zwei Vögel, welche sich lieben, Platz darin haben und lustig aus- und einfliegen können, um sich Mücken und allerlei andere Leckerbissen zu fangen. Und wie schön würde ich es einrichten! Und wie sehr, wie sehr würde ich mich freuen, wenn es Dir darin gefiele!« So sprachen und flüsterten sie weiter. Für die Liebe hat ja selbst das sonst Werthlose Bedeutung, wenn man nur die Stimme Dessen hört, den man liebt. Sie achteten nur auf sich; sie hatten vergessen, daß die Zeit für den Unglücklichen Schneckenfüße, für den Glücklichen aber Flügel hat, bis Alice plötzlich aufhorchte. Draußen an der Vorsaalthüre wurde ein Schlüssel umgedreht. Das Mädchen wurde vor Schreck leichenblaß; sie flog aus den Armen Martins fort, schlug die Hände angstvoll zusammen und flüsterte: »Gott, mein Bruder! Was thun wir?« »Ich verstecke mich!« »Wohin aber so schnell?« »Hier herein.« Er raffte seinen Hut vom Stuhle auf und öffnete die nächste Thür. »Um Gotteswillen, da nicht! Das ist ja seine Schlafstube!« Ihre Warnung kam bereits zu spät. Martin hatte die Thür schon hinter sich zugezogen. Der Raum war finster, aber beim Oeffnen der Thüre war ein Lichtstrahl hereingefallen, und der junge Mann hatte die hier stehenden Möbel ziemlich deutlich erkennen können. Es befand sich hier ein Bett, ein Waschtisch, ein Spiegel, ein Kleiderschrank und außer drei Stühlen noch ein Tisch, welcher in der Mitte stand. Martin meinte es ehrlich mit der Geliebten, er sagte sich also, daß er eigentlich keine Veranlassung habe, den Bruder derselben zu scheuen. Unter anderen Umständen wäre er demselben jedenfalls ruhig entgegengetreten, um ihm den Grund seiner Anwesenheit offen zu erklären. Hier aber war er nicht bloß der Geliebten wegen anwesend; er hatte sich nebenbei eine weitere Aufgabe noch gestellt. Er hätte leicht in das Schlafzimmer Alicens treten können, wohin zu kommen, ihrem Bruder wohl nicht eingefallen wäre, aber einestheils war ihm die Geliebte zu rein und heilig erschienen, als daß er selbst aus Angst vor einer Entdeckung ihr Sanctuarium hätte entweihen mögen, und sodann kam es ihm darauf an, Zutritt zu dem Zimmer des Secretärs zu finden. Daher hatte er es vorgezogen, in dasselbe zu treten. Er probirte den Kleiderschrank. Er war verschlossen, und der Schlüssel steckte nicht an. Ob er in der nächsten Stube, dem Arbeitszimmer des Secretärs, einen Zufluchtsort finden werde, war zweifelhaft; die Arbeitszimmer unverheiratheter Männer sind gewöhnlich mit Möbels nicht sehr überladen. Daher blieb ihm nur der Tisch und das Bett übrig. Sich unter dem Bette zu verbergen, das war eine ebenso unbequeme wie gefährliche Geschichte; aber auf dem Tische lag eine große Decke ausgebreitet, deren Ecken bis auf den Fußboden nieder reichten. Er hob also eine dieser Ecken auf, kroch hinunter und machte es sich in sitzender Stellung zwischen den vier Beinen so bequem wie möglich. Als ihr Bruder eintrat, hatte Alice ihren Schreck noch nicht vollständig bemeistert; aber er bemerkte es nicht. Sein Gang war wankend, und seine Augen zeigten einen trüben, gläsernen Glanz. Er befand sich jedenfalls in demjenigen Zustande, welchen Martin dem Changeur gegenüber mit Käfer, Aal und Affen bezeichnet hatte. Damit waren Steigerungen der Betrunkenheit bezeichnet. Welcher Ausdruck hier der treffende sei, ob der kleine Käfer oder der große Affe, das war sehr leicht zu erkennen: Der Secretär hatte einen riesigen Affen, einen Chimpansen, einen Oran-Utang oder gar einen riesenhaften und schrecklichen Gorilla. »Noch nicht schlafen?« brummte er. »Warum bist Du denn noch auf?« »Ich wollte Dich erwarten,« antwortete sie. »Du hast ja noch gar nicht zu Abend gespeist.« »Speist, Abend –« stotterte er. »Habe gegessen – Weinstube – fameuser Wein – vier Flaschen, ah!« Er taumelte auf die Thür seines Schlafzimmers zu, hinter welcher Martin verschwunden war. Alice bekam Angst, sie faßte ihn am Arme und sagte: »Nimm doch hier erst noch ein wenig Platz!« »Platz?« fragte er, sie erstaunt anstierend. »Hier – erst noch –? Warum? Oh!« »Ich habe mit Dir zu reden.« »Reden? Oh – – nein. Mag nicht – nicht reden. Kann nicht – – nicht mehr reden.« Er faßte die Klinke; aber sie ließ ihn nicht los. »Nur einen Augenblick setze Dich hier nieder!« bat sie. »Au – augenblick – blick? Unsinn, Blick! Mag nichts erblicken – nichts sehen. Aergere mich nicht, Mädchen. Habe mich – – schon – schon sehr – sehr genug geärgert – ärgert!« »Worüber denn?« fragte sie, indem sie den Versuch machte, ihn wenigstens durch das Gespräch noch eine kurze Zeit fest zu halten. Da stellte er sich kerzengerade auf, sah sie zornig an, fuchtelte mit dem Stocke, welchen er noch in der Hand hielt, wild um sich herum und antwortete: »Wo – rüber? Donnerwetter. Verdamm – – dammte Depesche – pesche. Kann der Teufel holen – holen.« »Welche Depesche denn?« »Hatte lange – lange gearbeitet – beitet. Sitze beim Glas Wein. Kommt der Kerl – Kerl, – Bureaudiener. Noch eine Depesche – pesche angekommen, zum Entziffern, – ziffern. Kein Mensch mehr dagewesen. Muß sie also – also mir bringen – bringen. Depesche nach – Berlin – lin. Gebracht worden von – – von einem Kerl – – frecher Kerl. Muß sie einmal, – – einmal ansehen – sehen.« Er öffnete die Thür, sie konnte es nicht mehr verhindern und folgte ihm mit der Lampe. Er setzte sich sofort auf einen der Stühle. Ihr Auge schweifte angstvoll im Zimmer umher. Es war keine Spur von Martin zu erblicken. Sie glaubte in Folge dessen, er müsse draußen in der Arbeitsstube seine Zuflucht gesucht haben. Nun galt es, den Bruder vom Betreten derselben abzuhalten. Dieser kramte gähnend in seinen Taschen herum. »Was suchst Du?« fragte sie. »Du? Du nicht. Ich suche!« meinte er, sich verbessernd. »Ja. Was aber denn?« »Die – die De die die De – Donnerwetter, die De De Diepesche – pesche!« »Hier wird sie sein.« Sie zog aus seiner Seitentasche ein Schriftstück hervor. Das war aber keine Depesche; dazu war es zu dick. »Depesche?« fragte er. »Unsinn. Das ist – ist der Feld – Feldzugsplan – plan, gegen die Preu – reußen.« Sie legte das Schriftstück auf den Tisch und meinte: »Ein Feldzugsplan gegen die Preußen?« »Ja,« nickte er. »Preu – reußen und Süddeut – deutschen.« »Mein Gott. Giebt es denn Krieg?« »Krieg, ja! Krieg – Sieg – Keu-keule und Revan-vanche! Aber pst! Still! Ruhig! Kein Mensch darf – darf es jetzt erfahren – fahren! Ich soll den Plan – – Plan auf's Reine schrei – schreiben. Famos! Bismarck kriegt tüchtige Prü-rügel. Die Preu-reußen die Bay-ayern, die Würtember-erger, die Westpha-phalen, die Sach-achsen und die Pom-pommer-pommeranzen. Alles kriegt Hie – Hiebe! Wo – wo – Donnerwetter, wo ist die De Die De Diepesche?« Sie half ihm suchen und brachte schließlich den Zettel, welchen Martin nach dem Telegraphenbureau getragen hatte, in einem höchst zerknitterten Zustande aus seiner Westentasche hervor. »Ist sie das?« fragte sie. »Ja – ja! Muß sie le-le-lesen, entziff-siff-schiff-schiffern.« Er klaubte den Zettel mühsam auseinander und rückte mit Lebensgefahr seinen Stuhl zum Tische. »Aber,« meinte seine Schwester, »Du wirst doch nicht noch lesen und arbeiten wollen!« »Wa-rum nicht? Muß – muß! Pflicht-licht! Muß morgen wissen – – was in der De-Depesche steht!« »Lege Dich doch lieber schlafen!« rieth sie ihm. Sie hatte die ganz richtige Ansicht, daß Martin desto eher entkommen könne, je früher ihr Bruder schlafen gehe. Dieser sagte: »Schla-lafen! Nein! Ich bin nicht schlä-läferig! Ich muß die de de Diepesche entziff – ziff – liff – liffern.« »Aber Du kannst ja kaum mehr lallen!« »Lall – –!« Er warf ihr einen zornigen Blick zu. »Lallen? Ich nicht – nicht mehr lall – –! Ich der Sec- secre – retär des Grafen Ralli – – lion! Mä – mädchen, packe Dich hina-naus!« Er stand vom Stuhle auf, packte sie an und schob sie trotz ihres Widerstrebens zu der noch offen stehenden Thüre hinaus. Und als sie sich den Eintritt wieder erzwingen wollte, rief er grimmig: »Mache mich nicht – – nicht zo-zornig! Hinaus mit Dir – Dir; ich muß arbei – bei – beiten.« Bei diesen Worten drehte er den Schlüssel um und schob sogar den Riegel vor. Er hatte sich und Martin eingeschlossen. »Wo – wo – ist die De – Depesche – pesche?« fragte er dann. Sie war ihm entfallen und lag am Boden. Er suchte eine Weile, fand sie aber nicht. Dies ermüdete ihn. Das mühsame und in seinem Zustande gefährliche Bücken hatte ihn drehend gemacht und die Geister des Weins in doppelte Aufregung versetzt. »Fort! – Weg!« meinte er. Werde morgen su-suchen und sie morgen entziff – liff – – liffern. Ah!« Er gähnte, wankte zum Bette und warf sich in voller Kleidung auf dasselbe nieder. Alice klopfte noch einige Male an die Thür, vergebens. Er antwortete gar nicht. Er drehte sich von einer Seite auf die andere und verfiel zuletzt in den tiefen Schlaf, welchen ein tüchtiger Rausch mit sich bringt. Fortsetzung 55 Martin hatte in seinem Verstecke Alles mit angehört. Er ahnte, daß von seiner eigenen Depesche die Rede sei, und als er den Zettel am Boden liegen sah, war er sogar davon überzeugt. Aber es war auch von Krieg und von einem Feldzugsplane die Rede. Was war damit gemeint? Bot sich ihm hier etwa gar ein Fund, welcher von Wichtigkeit sein konnte? Er lugte unter der Tischecke hervor. Der Schläfer regte sich nicht. Langsam und vorsichtig kroch Martin hervor und richtete sich auf. Da auf dem Tische lag das Schriftstück. Auf die Gefahr hin, ertappt zu werden, griff er darnach und schlug die erste Seite auf. Da stand in großer Fracturschrift zu lesen: »Entwurf des strategischen Aufmarsches der französischen Heere im Kriege gegen Preußen und Süddeutschland.« Es durchzuckte ihn, als ob er electrisirt worden sei. Er war noch jung, aber ebenso entschlossen und besonnen wie ein Alter. Diesen Entwurf durfte er nicht mitnehmen; aber wie nun, wenn es ihm gelang, eine Abschrift davon zu nehmen? Er klinkte leise an der Thür, welche nach dem Arbeitszimmer führte. Sie öffnete sich, ohne ein Geräusch zu verursachen. Er hatte sein Laternchen mit, aber das Licht derselben reichte nicht aus. Die Lampe konnte ihm gefährlich werden, wenn sie hier stehen blieb. Ihr Schein konnte den Schläfer wecken, welcher jedenfalls ruhig weiter schlief, wenn es im Zimmer dunkel war. Er ergriff sie und den Entwurf und schlich sich mit Beiden in das Arbeitszimmer. Hier gab es, wie er vermuthet hatte, nicht viel Möblement. Ein Schreibtisch, ein Büchergestell und einige Stühle, das war Alles, was er erblickte. Er setzte die Lampe auf den Tisch, auf welchem zehnmal mehr Papier lag, als er brauchte, und zog dann die Thür leise hinter sich zu, die er dann verriegelte, nachdem er aus Vorsicht den Schlüssel drüben abgezogen und hüben wieder angesteckt hatte. Auch Tinte und Feder waren vorhanden. Er setzte sich und begann zunächst zu lesen. Falls er ja erwischt wurde, war es gut, wenn er wenigstens den Inhalt kannte. Als er zu Ende war, verklärte sich sein Gesicht. »Welch ein Fund!« dachte er. »Diese Blätter sind Hunderttausende werth. Wie gut, daß ich Stenographie gelernt habe; da geht es schnell. O, Alice, verzeihe, daß ich diesen Raub begehe; aber Du bist es ja nicht, an Der ich mich versündige!« Einige Augenblicke flog die Feder mit ungewöhnlicher Geschwindigkeit über das Papier. Viertelstunden vergingen, eine Stunde und noch eine, und als er zu Ende war, zog er die Uhr. »Drei und eine Viertelstunde habe ich geschrieben!« murmelte er. »Das war eine Riesenarbeit; ich habe fast den Krampf in der Hand. Nun aber fort! Wo wird Alice sein? Sicher schläft sie nicht, sondern wartet auf mich!« Er faltete seine Abschrift zusammen und steckte sie mit dem Gefühle zu sich, als ob es lauter Tausendthalerscheine seien. Sonach brachte er auf dem Schreibtische Alles in die gehörige Ordnung. Dann löschte er die Lampe aus, riegelte die Thür leise auf, steckte den Schlüssel wieder an und lauschte. Der Betrunkene schlief noch und schnarchte leise. Martin setzte die Lampe auf den Tisch und legte den Entwurf daneben. Dann schloß und riegelte er die Thür auf, welche nach dem Salon führte und die der Secretär vor seiner Schwester verschlossen hatte. Als er hinausgetreten war und die Thüre wieder in die Klinke schob, hörte er ein leises: »Martin?« »Ja,« antwortete er ebenso leise. »Gott sei Dank!« Dabei fühlte er, daß sich zwei warme, weiche Arme um ihn legten. »Du hast auf mich gewartet?« fragte er. »Ja. O, was habe ich für eine Angst ausgestanden. Ich glaubte, er würde Dich entdecken.« »Das wäre nicht schlimm gewesen. Ich hätte ihm gesagt, daß wir uns lieben und daß Du mein Weibchen werden willst.« »Und wenn er dann gezankt hätte?« »Keine Sorge. Ich wäre schon mit ihm verkommen. Einmal muß er es doch erfahren.« »Wo hast Du gesteckt?« »Unter dem Tische in seiner Schlafstube.« »O weh, welch eine unbequeme Situation. Du armer, armer, lieber Martin.« Sie strich ihm mit dem kleinen Händchen liebkosend über die Wange. Er drückte sie an sich und flüsterte glücklich: »Für Dich würde ich noch viel schlimmere Situationen nicht scheuen; das darfst Du mir getrost glauben, mein gutes, süßes Schwalbenweibchen!« »Und ich war im Schlafzimmer und habe Dich nicht bemerkt! Warum kamst Du nicht eher?« Er sah sich gezwungen, eine Unwahrheit zu sagen: »Es war unmöglich. Er hatte den Zettel fallen lassen, wollte ihn aufheben und fiel nun selbst hin. Da blieb er an der Thür liegen, so daß ich sie nicht öffnen konnte. Schließlich kam ich auf den Gedanken, ihn durch leise Stöße nach und nach zu wecken. Es gelang. Er raffte sich auf und legte sich auf das Bett. Dann erst konnte ich fort.« »Mein Gott, was mußt Du denken! Er will es mir nie zur Liebe thun und weniger trinken. Kannst Du denn wirklich ein Mädchen lieb haben, dessen Bruder Du betrunken gesehen hast?« »Warum nicht? Kannst Du dafür?« »Er schläft also fest?« »Ja, sehr fest.« »So kannst Du Dich also entfernen, ohne daß er es hören wird?« »Wir sind vollständig sicher. Nun aber hast Du, Arme, auf den Schlaf verzichten müssen.« »Du ebenso. Aber wir werden es nachholen, und ich werde Dir sicher sagen können, daß ich von Dir geträumt habe.« Er zog sie an sich heran, küßte sie und fragte: »Hast Du mich denn wirklich so lieb, daß ich Dir sogar im Traume erscheinen darf?« »O,« gestand sie ihm. »Es wäre wohl nicht das erste Mal, daß dies geschieht.« »So hast Du bereits von mir geträumt? Ich von Dir noch nicht, leider; aber ich werde es jetzt thun, wenn ich nach Hause gekommen bin. Erlaubst Du mir, daß ich nun gehe?« »Ja. Ich werde Dich bis zur Thür begleiten.« Sie führte ihn hinunter bis zum Eingange des Hauses, den sie öffnete. Der Morgen begann bereits zu grauen. »Wann sehen wir uns wieder?« fragte sie. »Wann wünschest Du, liebes Kind?« »Ich würde mich freuen, wenn es heute möglich sein könnte.« »Wann geht heute Abend Dein Bruder aus?« »Das weiß ich nicht. Vielleicht bleibt er gar zu Hause, weil er dieses Mal so spät gekommen ist.« »So müssen wir also leider für den Abend verzichten.« »Am Nachmittage befindet er sich im Bureau. Da bin ich ganz allein daheim. Könntest Du da nicht vielleicht kommen?« »Nein. Monsieur Belmonte verreist, und da bin ich gezwungen, daheim zu bleiben. Wenn etwas eingeht, muß jemand vorhanden sein. Ah, da fällt mir etwas Schönes ein.« »Was?« »Ich bin also am Nachmittag zu Hause.« »So wie ich!« »Und zwar ganz allein. Gehest Du zuweilen aus?« »Nur um meine Einkäufe zu machen.« »Spazieren nicht?« »Höchst selten.« »Aber heute möchte doch einmal eine Ausnahme stattfinden.« »Warum?« »Da ich nicht zu Dir kommen kann, so könntest Du mir die Freude machen, zu mir zu kommen!« »Eine Dame auf Besuch zu einem Herrn? Das geht ja nicht!« »Nicht eine Dame zu einem Herrn, sondern ein Schwälbchen zu ihrer Schwalbe, ein gutes Mädchen zu ihrem Verlobten, der sie so herzlich liebt und so glücklich sein würde, wenn sie zu ihm käme.« »Ist das wahr?« fragte sie, glücklich lächelnd. »Du darfst ganz und gar nicht daran zweifeln.« »Und wenn ich komme, wer öffnet mir die Thür, wer wird mich ganz erstaunt mit grimmigen Augen anblicken?« »Nun, wer?« »Dein Monsieur Belmonte.« »Ich versichere Dir, daß er nicht zu Hause sein wird.« »So dürfte ich es vielleicht wagen, Dir zu Liebe natürlich, und weil ich bereits jetzt merke, daß ich große Sehnsucht nach Dir haben werde, wenn ich Dich von jetzt an bis zum Nachmittag nicht zu sehen bekomme.« »Du gutes, gutes Schwälbchen! Ja, meine Alice, wir wollen immer so lieb und brav gegen einander sein! Also ich darf Dich sicher bei mir erwarten?« »Ja, obgleich es gegen die Regel ist. Um wie viel Uhr?« »Wann Du Deiner Sehnsucht nicht mehr Herr werden kannst.« »O, da wird es sehr bei Zeiten werden. Aber ich weiß Deine Wohnung nicht genau.« »Rue de Richelieu 12 erste Etage. Sobald Du klingelst, werde ich gesprungen kommen, um Dir zu öffnen. Gute Nacht, meine Alice, mein Leben!« »Gute Nacht, mein Martin. Behalte mich treu und lieb.« »Das kannst Du glauben. Ich weiß, daß ich heute bei Dir ein Glück gefunden habe, wie es größer gar keins geben kann!« Er küßte sie innig auf die Lippen, welche sie ihm liebevoll entgegenhielt, und entfernte sich dann. Er hatte seine letzten Worte aus vollster Seele gesprochen. Der Fund, welchen er in dem Entwurfe gethan hatte, war von allerhöchstem Werthe, persönlich lieber noch aber war ihm der Schatz, welchen er so glücklich gewesen war, in dem Gemüthe dieses einfachen, unentweihten, reinen Mädchens zu entdecken. Als er seine Wohnung erreichte, war es bereits ziemlich hell geworden, und der Portier, welcher öffnen mußte, machte darüber ein erstauntes Gesicht. Er hatte noch nicht bemerkt, daß dieser Hausbewohner ein solcher Nachtschwärmer sei. Oben im Logis angekommen, begab er sich sofort nach dem Schlafcabinet seines Herrn. Dieser, welcher einen sehr leisen Schlaf besaß, erwachte, als er eintrat. »Martin, Du bist es?« fragte er. »Ja. Entschuldigung, daß ich Sie stören muß!« »Ich lasse mich sehr gern stören, denn daß Du mich weckst, giebt mir die Ueberzeugung, daß Du mir etwas Wichtiges und Gutes mitzutheilen hast.« »Sie haben es errathen. Nicht wahr, Sie können stenographiren?« »Spaßest Du schon wieder! Wir haben es ja Beide zusammen gelernt und dann mit einander geübt!« »Nun, so wollen wir diese Uebung fortsetzen!« »Muß das sogleich sein?« »Sogleich!« »Dann vermuthe ich, daß Du mir ein Stenogramm zu lesen bringst. Ist es so oder nicht?« »Es ist so. Ich will die Lampe anzünden. Es ist zwar bereits Tag, aber durch die dichten Vorhänge kann das Morgenlicht doch noch nicht herein.« Während er dieses vornahm, erhob sich Belmonte von seinem Lager. Ueber dem Ankleiden fragte der Letztere nach der Depesche, und Martin erzählte, was er da erlebt hatte. Beide mußten herzlich darüber lachen. »Aber woher kommst Du so spät?« fragte dann Belmonte, als er nach der Uhr gesehen hatte. »Das rathen Sie nicht? Sehen Sie mich doch einmal an!« Er stellte sich stramm vor seinen Herrn hin. Dieser blickte ihm in das lachende Gesicht, zuckte die Achsel und meinte: »Ich ersehe mir an Dir jetzt ebenso wenig wie sonst.« »Das möchte ich nicht glauben! Bin ich nicht auf einmal ein ganz anderer Kerl geworden? Sehe ich nicht gerade so aus wie das Männchen von einem glücklichen Schwalbenpärchen?« »Unsinn!« antwortete Belmonte. Dann aber, sich besinnend, lachte er laut auf und sagte: »Ich glaube gar, Du hast noch fester in die Angel gebissen, so daß Du die Fliege, von welcher Du gestern Abend sprachst, vollständig verschluckt hast!« »Getroffen!« stimmte Martin in das Lachen ein. »Du bist also der Liebste?« »Ja, und sie ist die Liebste!« »Ein Schwalbenpärchen habt Ihr Euch genannt?« »Freilich! Und diesen trefflichen Vergleich hat die Schwalbin zusammengebracht!« »Eine geistreiche Schwalbe! Gratulire! Das mag ein Gezwitscher und Gepipe gewesen sein!« »Zum Entzücken!« »Ich glaube es und hätte dabei sein mögen. Aber wo bleibt das Stenogramm? Wir vergessen es über diese Schwalbengeschichte sonst ganz und gar.« »Hier!« Er zog die zusammengefalzten Blätter aus der Tasche hervor und reichte sie ihm hin. Belmonte setzte sich zum Lesen nieder, öffnete und warf den Blick zunächst auf die Ueberschrift. Als er diese erblickte, warf er einen erstaunten Blick auf Martin. »Dieser Titel ist ja außerordentlich!« sagte er. »Das dachte ich auch, als ich ihn sah,« antwortete der Diener. »Aber ob der Inhalt ihn rechtfertigen wird!« »Vollständig! Bitte, lesen Sie nur, Monsieur Belmonte!« Der Changeur begann zu lesen. Je weiter er kam, desto aufmerksamer wurde er, desto mehr Ausrufe des Staunens und der Verwunderung ließen sich hören. Und als er zu Ende war, sprang er erregt vom Stuhle auf und rief: »Mensch, wo hast Du diesen Fund gemacht?« »Sie meinen, wo ich diesen Diebstahl begangen habe!« »Das ist mir einerlei! Antworte!« »Bei der Schwälbin.« »Wie? Bei diesem Mädchen? Ah, der Bruder ist ja Secretär des Grafen Rallion! Erzähle!« Martin berichtete nun von seinem Erlebnisse. Belmonte schritt dabei im Zimmer auf und ab. Dann, als der Diener zu Ende war, blieb er vor demselben stehen und sagte: »Kerl, Du bist ein Glückskind, ein wirklicher, wahrhaftiger Glückspilz! Dieser Fund wird Dir reiche Früchte bringen. Hier giebt es kein Säumen. Das Schriftstück muß abgeschrieben und sogleich nach Hause gesandt werden. Einer bringt zu lange zu; wir werden Beide sofort beginnen. Vorwärts, zur Feder!« Sie theilten sich in die Blätter, und bald waren Beide in die Arbeit so vertieft, daß sie für nichts Anderes Augen hatten. Selbst als die Zeitungen kamen, wurden dieselben unbeachtet bei Seite geworfen. Sie brachten bis weit in den Vormittag hinein zu; dann wurde die Currentschrift sorgfältig eingepackt, und Belmonte trug sie selbst fort, um sie derjenigen Person zu bringen, welche für solche Fälle in Bereitschaft stand. Das Schriftstück hatte einen zu hohen Werth, als daß man es der Post hätte anvertrauen können. Es mußte durch einen sichern, zuverlässigen Courir überbracht werden. Als Belmonte von diesem kurzen Gange zurückgekehrt war, bereitete er sich auf die Fahrt nach Meudon vor. Eben wollte er aufbrechen, als der Telegraphenbote eintrat. Er brachte bereits die Antwort auf das gestrige Telegramm. Dasselbe war in Mainz aufgegeben worden und lautete: »Herrn Arthur Belmonte, Paris, Rue Richelieu 12. Reichenberger Rothwein nicht gebraucht; bereits vortrefflich versorgt. Aber möglichst schnell Risparger Auslese und dann sofort Metzheimer Berg und Thal in bester Qualität. Albrecht. Weingroßhandlung.« Belmonte wußte, daß er dem braven Martin sein Vertrauen schenken könne. Er las ihm daher das Telegramm vor. Der Diener schüttelte den Kopf und meinte: »Und das soll die Antwort auf unser chiffrirtes Telegramm sein?« »Natürlich!« »Es kommt ja aus Mainz!« »Das ist sehr klug gehandelt. Es kommt aus Berlin, hat aber in Mainz Station gemacht, damit die hiesigen Beamten irre geleitet werden und nicht denken sollen, daß beide Depeschen im Zusammenbange stehen.« »Nun, das ist freilich zu begreifen; aus dem Inhalte aber werde der Teufel klug, ich nicht.« »So muß ich ihn Dir erklären. Von welcher Person handelte unser Telegramm?« »Von dem alten Capitän Richemonte.« »Wie würdest Du diesen Namen in's Deutsche übersetzen?« »In das Wort Reichenberg.« »Nun, hier steht, daß Reichenberger Rothwein nicht gebraucht werde und man bereits vortrefflich versehen sei.« »Donnerwetter! Ich beginne, zu begreifen!« »Was?« »Man kennt diesen Richemonte bereits und hat vortreffliche Maßregeln getroffen. Habe ich Recht?« »Ja. Aber nun weiter! Es wird möglichst schnell Risparger Auslese verlangt. Auslese bedeutet für uns natürlich eine Auswahl unserer Beobachtungen. Was aber soll das Wort Risparger?« »Da steht mein Verstand am Ende der Welt!« »So weit brauchst Du gar nicht zu gehen. Bleibe nur in Paris, wo wir uns befinden! Also Paris. Wie viel Silben?« »Zwei.« »Setze die erste hinter und die zweite vor!« »Rispar – ah, Risparger Auslese! Jetzt habe ich es endlich!« »Schön! Das dritte Wort wird Dir nicht so sehr viel zu schaffen machen wie die anderen.« »Metzheimer? Ich denke, daß hier nur die erste Silbe gilt.« »Das ist jedenfalls das Richtige: Metz. Und Berg und Thal, was soll das bedeuten?« »Nicht blos Stadt und Festung Metz, sondern auch Berg und Thal, die ganze Umgegend.« »Wie würdest Du also die ganze Antwort deuten?« »Wir sollen uns um diesen Richemonte nicht bekümmern, da man bereits vortrefflich dafür gesorgt hat, daß dieser Mann nicht mit der Nase in den Wolken hängen bleibt. Wir sollen möglichst schnell mittheilen, was wir über Paris wissen, und endlich sollen wir dann sofort nach Metz gehen, um uns dieser guten Festung nebst ihrer Umgebung liebevoll anzunehmen.« »Ja, das ist die Instruction, welche wir zu befolgen haben. Nur in einem Stücke werde ich ein Wenig abweichen.« »Ist diese Abweichung gefährlich?« »Gar nicht. Ich werde mich nämlich um diesen Richemonte doch ein Wenig bekümmern.« Martin nickte mehrere Male sehr eifrig und sagte lachend: »Ja, ja; ich verstehe!« »Was denn?« »Ein gewisser Weinagent möchte sich um diesen alten Capitän ein Wenig bekümmern, weil es gestern ruchbar geworden ist, daß sich bei dem Alten ein gewisser Bernard de Lemarch befindet, welcher verlobt ist mit einer gewissen dritten Person, der die Ehre geworden ist, in der großen Oper neben dem erwähnten Weinagenten zu sitzen.« »Schlingel!« »O, der Wahrheit muß man die Ehre stets geben!« »Ich leugne ja auch nicht.« »Sie wollen also doch einen Abstecher nach Ortry machen?« »Hm! Wenn wir von hier nach Metz reisen, ist es ja gar nicht so weit nach Ortry. Einige Stunden abseits werden uns in der Erfüllung unserer Pflichten nicht sehr hinderlich sein. Und sodann habe ich eine Vermuthung, der ich nachgehen möchte.« »Darf ich mitgehen?« »Natürlich!« »So ist es mir wohl auch erlaubt, diese Vermuthung kennen zu lernen?« »Ich kann sie Dir immerhin mittheilen. Da man uns sagt, daß in Betreffs Richemontes vortreffliche Fürsorge getroffen worden sei, so denke ich, daß sich ein Kamerad von uns bei ihm befindet, den man auf irgend eine feine Weise dort placirt hat. Stellt sich das als richtig heraus, so wäre es vielleicht ganz vortheilhaft, mit demselben Fühlung zu nehmen.« »Das leuchtet mir ein. Sehen wir also zu! Wann reisen wir von hier ab?« »In kürzester Zeit. Die Hauptsache hast Du gethan. Mit Erlangung des Entwurfes sind die Karten des Feindes verrathen. Ich will mir heute nur noch die Mitrailleusen ansehen; dann sind die Berichte in höchstens drei Tagen fertig zu stellen. Nachher reisen wir ab.« Martin schüttelte wehmüthig den Kopf, schlug die Augen gen Himmel, faltete die Hände und rief: »In drei Tagen schon! O Schwälbchen, o Schwälbchen, wie wirst Du die Flüglein hängen lassen! Dein Schwalben nimmt Abschied von Dir!« Belmonte machte ein ernstes, fast trübes Gesicht. Er zuckte die Achsel und sagte: »Heute zusammengefunden und in drei Tagen bereits wieder scheiden; das ist allerdings höchst bedauerlich. Und dennoch möchte ich Dich beneiden!« Da wurde auch Martin ernst und antwortete: »Ich glaube es Ihnen! So eine echte, richtige Liebe ist ein wunderbares Ding. Ich habe mein Schwälbchen. Wir sind Eins geworden, und wenn wir auch für ein Weilchen auseinander fliegen, so finden wir uns doch ganz sicher wieder zusammen. Wenn aber so ein Tauber nach einer Taube girrt, die er nur von Weitem gesehen hat und welche bereits für einen Andern bestimmt ist, so mag der Teufel dreinschlagen. Aber nur Muth! Die Hilfe ist bereits unterwegs!« »Ich weiß nichts davon!« »Nicht? So! Wird nicht vielleicht schon bald der Tag kommen, an welchem der hiesige Boden unter den Hufen unserer Pferde erzittern wird? Als Sieger und Rittmeister oder gar Major und Oberst sitzt es sich ganz anders in der großen Oper als obscurer Weinagent, der von Weitem zusehen muß, wie bereits in frühester Jugend die Paare zusammengekoppelt werden. Monsieur Belmonte, mich zuckt es; mir zuckt es bereits in den Gliedern, daß es bei unserer Schwadron Zwei geben wird, von denen Jeder bei der Heimkehr eine schmucke Französin vor sich auf dem Sattel sitzen hat. Die Chefs d'Escadron, welche uns daran verhindern wollen, werden einfach in die Pfanne gehauen! Hurrje, wenn meine Schwalbe wußte, daß sie Gräfin wird, nämlich Tele-Grafin! Ich wollte, es ginge lieber heute als morgen los!« Was der brave Mensch bezweckte, nämlich, den Trübsinn seines Herrn nicht aufkommen zu lassen, das erreichte er. Die Züge Belmontes heiterten sich auf und als er sich in den Wagen setzte, welcher ihn nach Meudon bringen sollte, hatte er das glücklichste Gesicht, welches es nur geben kann. Nun erst, nachdem die Arbeit vollendet und abgeschickt worden war und Belmonte sich entfernt hatte, fand Martin Zeit, nach den Journalen zu greifen. Er pflegte nur das Politische und Wissenschaftliche zu lesen, aber bereits als er das erste Blatt aufschlug, fiel ihm eine fett gedruckte Alinea auf, welche unter der Rubrik »Polizeibericht« zu lesen war. Sein Auge flog halb unachtsam darüber hin. Da aber traf es einen Namen, der ihn frappirte. »Gräfin Ella von Latreau?« sagte er vor sich hin. »Das ist ja die heimlich Angeschmachtete meines Ritt – – wollte sagen meines famosen Herrn Weinagenten! Was ist mit der? Das muß ich lesen!« Aber kaum hatte er die letzte Zeile verschlungen, so fuhr er empor, schlug mit der Faust auf den Tisch und rief: »Höllenteufelschockmillionenhagelwett – – ist das wahr, oder ist das nicht wahr? Hier mitten in dem großen Dorfe, welches sie die Metropole der Intelligenz nennen, wird eine Dame, eine Comtesse, eine Generalsenkelin, eine heimlich Geliebte von uns aus der Equipage gerissen, in eine Droschke geworfen, welche die Nummer 996 hat, und irgend wohin geschleppt, vielleicht gar in die Unterwelt? Und diese Polizei will der Herkules sein, der den Cerberus todtbeißt? Steht es denn auch in den anderen Journalen? Ich muß doch sofort nachsehen!« Er schlug nach und fand ganz denselben Bericht, nur dem Wortlaute nach verändert, in allen anderen Blättern. »Es ist wahr!« rief er. »Sie ist fort, sie ist futsch! Sie wird nicht mehr in der großen Oper zu sehen sein! Und diese Polizei, was hat sie herausgebracht? Daß die betreffende Droschke eine gefälschte Nummer gehabt hat; die richtige Nummer hat nachgewiesen, daß sie sich um die betreffende Zeit in einem ganz anderen Stadttheile mit dem Transporte von zwei alten Mamsellen abgewürgt hat. Der Diener der Equipage hat, als er von seinem Sitze herabgeschleudert worden war und an der Erde lag, die Nummer 996 ganz deutlich am Schlage des Fiakers gesehen. Ist das Alles? Ja! Die Polizei ist in allgemeiner Bewegung, heißt es. Das bedeutet, daß diese Herren entsetzlich lange Beine machen, durch alle Straßen jagen, an allen Ecken zusammenrennen und heute Abend schweißtriefend sich zu Bette legen werden. Und unterdessen geht die geraubte Gräfin zu Grunde oder sie wird zu einer Ehe mit irgend einem Menschen gezwungen oder auf irgend eine andere Weise abgemurkst. Der Teufel soll mich holen, wenn ich da ruhig zusehe! Da muß ich auch dabei sein! Ich muß meinen Senf auch mit dazubringen! Ich mache mich auch auf die Beine! Finde ich eine Spur, so reiße ich die Comtesse vom Himmel herunter, wenn man sie etwa da hinauf gehängt hat. Und finde ich nichts, so kann ich doch wenigstens mit der Polizei um die Wette rennen und zu meinem Herrn, wenn er von Meudon kommt, sagen, daß ich nicht die Beine müßig in den Schooß gelegt habe.« Er machte sich zum Ausgehen fertig, aber mitten in der Eile, mit welcher er das that, hielt er plötzlich inne und blickte nachdenklich vor sich nieder. »Aber die Alice, die Schwalb?« fragte er sich. »Die will doch kommen! Was wird sie denken, wenn ich nicht zu Hause bin! Vielleicht kommt sie in ihrer Angst gar auf die Idee, daß man mich auch in einer Droschke 996 fortgeschleppt hat! Da muß ich vorbeugen. Ich werde eine Karte in die Thürritze stecken, worauf geschrieben steht: Ich lebe, aber ich bin nicht da, oder: Ich bin einstweilen in die Wicken, aber ich komme bald wieder!« Trotz seiner Aufregung doch bei Humor, nahm er wirklich eine Karte und schrieb auf die Rückseite derselben die Worte: »Mein Schwälbchen, verzeihe! Ich konnte nicht warten, aber ich komme heute Abend zu Dir geflogen.« Diese Karte steckte er, als er ging, in die Thürritze, so, daß sie von Dem, welcher klingeln wollte, unbedingt bemerkt werden mußte. Dann eilte er von dannen. Der Vormittag verging, auch der Nachmittag zur Hälfte; da kam Alice. Sie klingelte, und als nicht geöffnet wurde, zog sie die Karte hervor, um zu sehen, was darauf geschrieben stand. Sie las die Worte und ging dann nachdenklich von dannen. Es dunkelte bereits, als Martin wiederkehrte. Er sah, daß die Karte verschwunden war und sagte zu sich: »Nun weiß sie wenigstens, woran sie ist. Ich will – ah, da kommt ein Wagen gerasselt. Er hält unten vor der Thür, sollte es mein Herr sein?« Er hatte richtig gerathen. Belmonte kam die Treppe herauf, sah ihn vor der Vorsaalthüre stehen und rief ihm bereits von Weitem zu: »Spät zurück! Nicht wahr? Aber es war dafür auch ein sehr glücklicher Ausflug.« Er sah ganz so aus, als ob er mit dem Ergebnisse seiner Tour ganz und gar zufrieden sei. Sie traten ein und nun erst, als sie im Zimmer standen, fragte Martin: »Haben Sie den Director angetroffen?« »Ja. Wir haben tüchtig geprobt und getrunken. Darüber ging ihm das Herz auf und ich kehre mit reicher Ausbeute zurück. Ich wollte heute wieder in die Oper, aber das muß ich bleiben lassen, da ich zu Papier bringen muß, was ich mir in Gegenwart Anderer nicht notiren durfte.« »Hm! Aus der Oper wäre auf keinen Fall etwas geworden.« »Wieso? Was für ein Gesicht machst Du? Du siehst ja aus, als ob ein Unglück geschehen sei!« »Das ist auch wirklich der Fall!« »Was denn? Was denn? So rede doch!« »Wissen Sie wirklich noch nichts?« »Nein.« »So lesen Sie hier!« Belmonte las. Er wurde bleich wie der Tod und fuhr sich mit beiden Armen nach den Schläfen. Dann schlug er sich vor die Stirn und schritt fieberhaft erregt hin und her. Endlich sagte er: »Hunderttausend Franken wird er bezahlen, um sie wieder zu bekommen – Fiakerkutscher – Nummer aufgeklebt!« Er wiederholte einen Theil dessen, was er gestern bei Vater Main von der heimlichen Unterredung erlauscht hatte. Martin dachte, er phantasire vor Schreck. »Monsieur Belmonte,« sagte er, »es ist wohl noch nicht Alles verloren! Zwar bin auch ich umsonst hin und her gerannt, um eine Spur oder einen guten Gedanken zu finden, aber – – –« »Unsinn!« unterbrach ihn sein Herr. »Lade unsere Revolver und mache Dich fertig zum Ausgehen! Ich weiß, wo die Comtesse steckt und werde sie befreien. Ich eile jetzt zum Generale, ihrem Großvater, mit dem ich vorher sprechen muß; dann werden wir sofort aufbrechen!« Er hatte bereits die Klinke in der Hand und war mit den letzten Worten zur Thüre hinaus. Martin aber stand inmitten des Zimmers und wußte nicht, was er denken solle. Woher konnte sein Herr wissen, wer die Dame geraubt und wohin man sie geschafft hatte? »Na, zerbrechen wir uns den Kopf nicht!« murmelte er. »Dieser sogenannte Weinagent Belmonte ist in allen Ecken und Winkeln von Paris herumgekrochen. Vielleicht kennt er Orte, an denen man so hübsche Vögels einzusperren und zu zähmen pflegt, und will nun da nach der Comtesse suchen. Alle Teufel! Die Revolver soll ich laden! Vier Stück haben wir, zwei Todtschläger auch. Er hat sie angeschafft, weil gewisse Kneipen, in denen wir aus- und eingehen, ganz allerliebst verrufen sind. Da ist so eine Waffe zuweilen ganz nützlich. Ich werde also die Revolver laden und auch die Todtschläger hervorsuchen. Ich muß sagen, daß es heute Abend hübsch zu werden scheint. Anstatt mein Schwälbchen beim Kopf nehmen zu können, habe ich vielleicht etwelche Spitzbuben bei der Parabel zu packen. Dieses Paris ist eine höchst sonderbare Gegend; aber da ich einmal Naturfreund bin, so muß ich sie genießen, wie sie eben ist.« Nach diesem Selbstgespräche machte er sich daran, die Waffen in Stand zu setzen. Der Changeur hatte unterdessen seinen Gang angetreten. Er schritt in höchster Eile der Straße zu, in welcher, wie er wußte, der alte General de Latreau wohnte. Das Hotel desselben war ein palastähnliches Gebäude; unter dem geöffneten Thore stand der Portier, den Stock mit dem üblichen großen, vergoldeten Knaufe in der Hand. »Ist Se. Excellenz, der Herr General daheim?« fragte er ihn. Der Portier musterte ihn mit mißtrauischen Blicken, doch schien das elegante Aeußere des Changeurs seine Besorgniß zu zerstreuen. Er antwortete durch die Gegenfrage: »Was wollen Sie?« »Ich habe mit ihm zu sprechen.« »Das wird schwer gehen. Nach dem Unglücke, welches unserem Hause widerfahren ist, sind wir gezwungen, in Beziehung der Annahme von Besuchen sehr vorsichtig zu sein.« »Ah! Halten Sie mich vielleicht für einen Straßenräuber?« »Nein. Wenigstens sehen Sie nicht wie ein solcher aus. Gehen Sie eine Treppe hoch und melden Sie sich durch den Kammerdiener!« Belmonte folgte dieser Aufforderung. Auch der Kammerdiener machte Schwierigkeiten; da jedoch der Changeur erklärte, daß die Ursache seines Besuches von höchster Wichtigkeit sei, so wurde die Karte, welche er überreichte, endlich angenommen. Der Diener las den Namen, zuckte die Achsel und meinte: »Ein Weinkauf ist niemals von solcher Wichtigkeit, wie Sie es darzustellen suchen.« »Es handelt sich nicht um Wein und Aehnliches. Ich habe auch keine Zeit, Ihnen eine lange Erklärung zu geben. Melden Sie mich, oder ich bin gezwungen, mir den Zutritt selbst zu suchen.« »Sie scheinen ein sehr energischer Mann zu sein. Ich werde versuchen, ob der Herr General geneigt ist, Sie zu empfangen.« Er ging und kehrte nach einiger Zeit mit der Weisung zurück, daß Belmonte eintreten könne. Er führte den Letzteren durch einige Zimmer und öffnete dann eine Thür. Sie führte in das Cabinet des Grafen. Dieser saß vor einem Tische, welcher fast ganz mit Geldrollen bedeckt war. Diese hatten jedenfalls die Bestimmung in ein offenes Köfferchen zu wandern, welches neben dem Tische stand. Der General war ein schöner Greis, dessen Züge allerdings durch das Ereigniß des gestrigen Abends verdüstert worden waren. Er musterte den Eintretenden, erwiderte die tiefe Verbeugung desselben mit einem einfachen Kopfnicken und fragte dann: »Sie sind Weinhändler, wie ich sehe. Was wünschen Sie, Monsieur?« Bellemonte wiederholte seine Verbeugung, allerdings etwas weniger tief als vorher, und antwortete dann: »Zunächst, Excellenz, habe ich meinen Dank auszusprechen für die Güte, mit welcher Sie geneigt gewesen sind, einen Unbekannten zu empfangen. Sodann beeile ich mich, zu erklären, daß mich nicht die Absicht, ein Geschäft mit Ihnen abzuschließen, zu meinem Besuche veranlaßt hat. Es ist vielmehr eine ungleich wichtigere Angelegenheit, welche mich zu Ihnen führt.« Der General zog die Brauen zusammen, ließ seinen Blick abermals sehr scharf an Belmonte herabgleiten, nickte dann langsam mit dem Kopfe und sagte: »Ich beginne, zu verstehen. Sprechen Sie, Monsieur!« »Sie haben gestern Ihr einziges Kind verloren –« »Allerdings. Doch hoffe ich nicht, für immer,« fiel der General schnell und beinahe in scharfem Tone ein. »Ich hoffe dies ebenso. Darf ich mir vielleicht die Frage gestatten, in welcher Weise Sie die gnädige Comtesse aus der Lage, in welcher sie sich befindet, befreien wollen?« Jetzt nahm das Gesicht des Grafen einen wirklich finsteren Ausdruck an. Er sagte: »Monsieur, eigentlich sollte ich Sie sofort festnehmen lassen; aber da ich meine Enkeltochter zu sehr liebe, um sie einer Verschlimmerung ihrer jedenfalls bereits genug unglückseligen Lage auszusetzen, so will ich mich doch zur Ruhe zwingen.« Jetzt kam Belmonte eine Ahnung, wie die Worte und das Benehmen des Grafen zu verstehen seien. Er machte eine energische Handbewegung und antwortete schnell und in abweisendem Tone: »Excellenz, Sie halten mich für einen der Thäter?« »Aufrichtig gestanden, ja.« »Der die Kühnheit oder vielmehr Frechheit besitzt, auf diese Weise erfahren zu wollen, welche Maßregeln zu ergreifen Sie beabsichtigen?« »Natürlich!« »Sie irren sich ganz und gar.« »Wirklich?« fragte der General, beinahe höhnisch. »Ja. Es ist eine Folge meiner Art des Geschäftsbetriebes, daß ich mich zuweilen auch in obscure Restaurationen, ja sogar Speluncen bemühe, um dort eine Quantität meiner Waare abzusetzen. Ich war gestern an einem solchen Orte. Es verkehrten vorzugsweise Verbrecher dort. Ich hatte Gelegenheit, abgerissene Worte einer sehr eigenthümlichen Unterhaltung zu erlauschen. Heute war ich von Paris entfernt. Soeben kehrte ich zurück und erfuhr, was gestern nach dem Schlusse der Oper geschehen ist. Das, was ich gestern erlauschte, stimmt so genau zu der ruchlosen That, daß ich überzeugt bin, den Ort zu kennen, an welchen man die Comtesse gebracht hat.« »Sie sprechen sehr gut, aber Sie erreichen Ihren Zweck doch nicht. Sie wollen mich prüfen, und ich gehe darauf ein, indem ich Ihnen erkläre, daß Sie unbesorgt sein können. Ich habe völlig davon abgesehen, die Hilfe der Polizei in Anspruch zu nehmen. Ich will nicht auch das Leben meines Kindes in Gefahr bringen. Sie sehen, hier steht bereits das Köfferchen, in welches ich soeben die hunderttausend Franken zählen werde.« »Hunderttausend Franken!« rief Belmonte. »Ein solches Lösegeld hat man von Ihnen verlangt?« »Pah! Sie wissen das ganz ebenso gut, wie ich! Ich werde mich in eigener Person zur bestimmten Zeit an dem Orte einstellen, welcher im Briefe angegeben ist.« »Ah! Einen Brief hat man Ihnen geschrieben!« »Monsieur, geben Sie sich keine Mühe, mich zu täuschen. Wollen wir denken, daß es sich einfach um ein Tauschgeschäft handelt, dessen Abschluß ich so bald wie möglich erreichen möchte. Bringen Sie mir mein Kind noch heute Abend und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort als Edelmann und Offizier, daß ich Ihnen noch fünftausend Franken über die stipulirte Summe auszahlen und dann in Zukunft Ihre Sicherheit niemals in irgend eine Gefahr bringen werde.« Da trat Belmonte einen Schritt näher und sagte: »Excellenz, ich bitte Sie um des Himmels willen, mir zu glauben, daß Ihre Ansicht über mich eine irrige ist. Ich habe erlauscht, daß eine Dame geraubt werden soll und daß man ein Lösegeld verlangen will; das ist Alles.« »Warum haben Sie nicht sofort Anzeige gemacht? Sie haben das unterlassen, ein Umstand, welcher nicht geeignet ist, Ihnen mein Vertrauen zu schenken.« »Die einzelnen, abgerissenen Worte, welche ich vernahm, waren so zusammenhangslos, daß ich ihren Sinn unmöglich erfassen konnte.« »Aber jetzt verstehen Sie diesen Sinn?« »Nachdem die That geschehen ist: erst da konnte er mir klar werden.« »Ich glaube Ihnen nicht!« »Und dennoch bitte ich Sie inständigst, mir Ihr Vertrauen nicht vorzuenthalten. Ich kenne die Personen, welche die Comtesse raubten, und ebenso ist mir der Ort bekannt, an welchem sie sich befindet. Es ist sehr wahrscheinlich, daß ich mich nicht irre.« Der General schüttelte den Kopf und fragte: »Und wenn ich nun bereit wäre, auf Ihre Intentionen einzugehen, was würden Sie mir da rathen?« »Geben Sie mir eine genügende Anzahl Polizeisergeanten mit, so hoffe ich, Ihr Kind Ihnen in Zeit von einer Stunde zurückbringen zu können.« »Diesen Vorschlag hatte ich erwartet. Ich kann nicht auf denselben eingehen, denn in ihm besteht ja eben die Prüfung, welcher Sie mich unterwerfen wollen.« »Ich schwöre Ihnen bei Gott und meiner Ehre zu, daß ich es aufrichtig mit Ihnen meine.« »Hat ein Verbrecher Ehre? Glaubt ein Verbrecher an Gott?« Das war eine harte Probe für die Geduld des Weinhändlers. Seine Augen leuchteten zornig auf, doch beherrschte er sich und fragte: »Darf ich fragen von wessen Hand der Brief geschrieben ist, welchen Sie bekommen haben?« »Meine Tochter hat ihn geschrieben. Das wissen Sie natürlich ganz genau.« »Ich weiß ganz und gar nichts. Ist es nicht möglich, ihn lesen zu dürfen?« »Sie haben ihn bereits gelesen und können es also auch zum zweiten Male thun. Hier ist er.« Der Brief lag bei den Geldrollen auf dem Tische. Er nahm ihn weg und gab ihn an Belmonte. Dieser las ihn. Das Schreiben war in herzzerreißenden, angstvollen Worten abgefaßt, und besonders bat Ella von Latreau ihren Großvater, ja nicht etwa eine Vergrößerung der Gefahr dadurch herbei zu führen, daß er die Hilfe der Polizei in Anwendung bringe. Der Changeur gab den Brief zurück und bemerkte: »Aus dem Inhalte dieses Schreibens läßt sich vermuthen, daß die Verfasserin wenigstens kein größeres körperliches Leid zu erdulden hatte. Das ist beruhigend. Aber man weiß nicht, was geschehen kann. Jede Minute ist von unendlicher Wichtigkeit. Glauben Sie überhaupt, daß man Ihnen die Dame wirklich zurückgeben wird?« »Ja, gegen die verlangte Summe natürlich.« »Ich glaube es nicht.« Der Graf erschrak. »Aus welchem Grunde?« fragte er. »Die Dame wird die Räuber kennen, und diese Letzteren werden sich nicht einer Gefahr aussetzen, indem sie die Geraubte wieder freigeben und von ihr früher oder später einmal gesehen und angezeigt werden.« »Man wird uns das Ehrenwort, für immer zu schweigen, abverlangen.« »Sie würden dieses Wort zwar geben und auch unter allen Umständen halten; aber der Verbrecher glaubt und traut einem solchen Versprechen niemals. Ich bin überzeugt, daß man unter dem Vorgeben, die Comtesse doch endlich frei zu lassen, eine Summe nach der andern von Ihnen fordern wird. Sie werden zahlen und wieder zahlen, aber Ihr Kind niemals wiedersehen.« Der General war todesbleich geworden; er sah ein, daß diese Darstellung keineswegs aller Gründe entbehre. »Das ist eine Eventualität,« meinte er, »welche man allerdings in das Auge fassen muß. Das, was Sie da sagen, erweckt den Schein, als ob Sie es ehrlich mit mir meinten. Wo haben Sie die Worte belauscht, von denen Sie sprachen?« »In einem Bier- und Weinkeller der Vorstadt La Chapelle.« »Wie heißt der Wirth?« »Man nennt ihn Vater Main.« »Das scheint ein Beiname zu sein. Den richtigen Namen kennen Sie nicht?« »Nein.« »Wer waren Diejenigen, welche Sie belauschten?« Belmonte erzählte so viel, als er erzählen konnte. Der Graf hörte ihm aufmerksam zu und meinte dann: »Sie können es ehrlich meinen, doch ist auch das Gegentheil denkbar. In beiden Fällen ist es gerathen, vorsichtig zu sein. Ich sehe einstweilen von allen Gewaltmaßregeln ab. Ich bin reich; zahle ich die hunderttausend Franken, so werde ich dadurch noch keineswegs arm. Warten wir also ab, wie der morgende Tag verläuft.« »Sie wünschen also, daß Ihr Kind noch eine zweite Nacht in einer Lage zubringe, welche eine geradezu fürchterliche genannt werden muß?« »Ist meine erste Ahnung die richtige, so könnten Sie das allerdings ändern, indem Sie mir Ella noch heute gegen die angegebene Mehrzahlung ausliefern.« »Ihre Ahnung ist grundfalsch.« »Nun, so muß ich mich eben bescheiden. Eine zweite Nacht in Gefangenschaft ist doch noch besser, als daß ich Gewaltmaßregeln gebrauche, welche sehr leicht verunglücken können.« »Ist Ihnen der Wortlaut des Briefes im Gedächtnisse? Haben Sie nicht gelesen, daß der gnädigen Comtesse noch weit Schlimmeres als nur der Tod angedroht worden ist? Ich wiederhole, eine jede Minute ist kostbar.« »Diese Gefahren sind ihr eben nur für den Fall angedroht, daß ich Polizei requirire. Sie sehen also, daß ich gerade im Interesse meines Kindes handle, wenn ich mich genau nach den Wünschen desselben richte, indem ich für heute auf die Hilfe der Polizei noch verzichte.« »Aber die Menschen, welche in dem betreffenden Hause verkehren, sind zu Allem fähig!« Da richtete sich der Graf hoch empor. Sein Gesicht nahm einen finster drohenden Ausdruck an. »Monsieur,« sagte er, indem er die geballte Hand schwer auf den Tisch legte, »bekomme ich mein Kind nicht wieder, oder nicht so rein, wie es mich verlassen hat, dann wehe diesen Schurken. Ich würde mich in diesem Falle nicht an die Gerechtigkeit der Gesetze wenden, sondern die Rache in meine eigene Hand nehmen.« »Und ich würde Ihnen helfen, wenn es mein Leben kosten sollte, Excellenz!« Diese Worte waren in einem so tiefen Brusttone gesprochen, sie kamen so grollend, ja knirschend zwischen den Zähnen hervor, daß der Graf den Sprecher überrascht anblickte. »Sie scheinen es doch ehrlich zu meinen!« sagte er. »Prüfen Sie mich!« antwortete Belmonte einfach. »Warum aber diese Theilnahme, welche sogar das Leben zu opfern im Stande ist, mit mir und meinem Kinde?« Konnte Belmonte die Wahrheit sagen? Nein. Er antwortete: »Excellenz, ich bin ein ehrlicher Kerl und hasse das Laster und das Verbrechen. Als Mitglied der menschlichen Gesellschaft habe ich die Pflicht, Beide zu bekämpfen.« »Das ist allerdings eine sehr lobenswerthe Gesinnung. Vielleicht nehme ich Sie beim Worte. Für heute aber kann ich keine andere als die bereits ausgesprochene Entscheidung treffen.« »Sie werden also die Summe wirklich bezahlen?« »Ja.« »Und wenn die Comtesse zurückkehrt?« »Werde ich schweigen.« »Wenn man Sie aber betrügt?« »So sehe ich ein, daß Sie es ehrlich gemeint haben, und Sie werden der Erste sein, an den ich mich wende. Auf Ihrer Karte fehlt die Angabe Ihrer Wohnung, Monsieur Belmonte. Wollen Sie das nachholen! Da steht Tinte.« Als der Changeur dieser Aufforderung nachgekommen war, fuhr Graf de Latreau fort: »Unsere Unterhaltung ist also so weit beendet, daß Sie mir nur noch ein Versprechen zu geben haben.« »Ich werde es geben, wenn ich es für zweckmäßig halte.« »Immer einen Vorbehalt! Sie geben mir die Hand darauf, daß Sie von Dem, was Sie wissen, der Polizei nicht eher Etwas sagen, als bis Sie einsehen, daß ich ohne dieselbe nichts erreichen kann.« Er hielt Belmonte die Hand entgegen. »Gut, das kann ich versprechen,« antwortete dieser, indem er einschlug. »Ich bin überzeugt, daß Ew. Excellenz mich in kurzer Zeit nicht mehr zu Denen rechnen werden, welche die Veranlassung sind, daß ein einfacher Weinagent es wagt in diesem Hause Zutritt zu suchen.« Fortsetzung 56 Der Changeur ging. Sein Plan war an dem Mißtrauen des Grafen gescheitert. Dennoch hatte der Letztere einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Was sollte er nun beginnen? Auf dem Rückwege nach seiner Wohnung dachte er an die Gefahren, welchen die heimlich Angebetete ausgesetzt war. In einem Hause, in dem Mädchen wie die beiden Kellnerinnen bedienten und fast nur der Abschaum der Menschheit verkehrte – was Alles konnte da bis morgen geschehen. »Nein!« sagte er zu sich. »Ich werde zwar das Wort halten, welches ich gegeben habe, aber doch auch thun, was ich vielleicht zu thun vermag. Wenn es in meiner Macht liegt, soll dieses herrliche Wesen keine Secunde zu lang sich in den Händen dieser Ungeheuer befinden. Martin ist schlau und muthig; er soll mir helfen.« Als er nach Hause zurückkehrte, hatte der Diener bereits längst mit großer Spannung auf ihn gewartet. »Nun, Monsieur Belmonte,« fragte er, »kann der Tanz endlich losgehen?« »Ja.« »Der General macht mit?« »Nein. Er mißtraute mir.« »Hole ihn der teuflische Satanas!« »Er glaubt nämlich, daß ich zu den Räubern gehöre und nur gekommen bin, um zu erfahren, ob er das Geld zahlen oder andere Maßregeln ergreifen will.« »Geld?« »Ah, Du weißt es ja ebenso wenig, wie ich es wußte. Ich muß Dir das Nähere erläutern.« Er erzählte nun, was ihm gestern in dem Branntweinkeller begegnet war, und fügte daran die Unterredung mit dem Grafen Latreau. Martin hörte aufmerksam zu und sagte dann: »Nach dem, was ich gehört habe, ist es dem Grafen gar nicht zu verargen, daß er Ihnen nicht traut. Aber, hunderttausend Franken! Kreuzmillionenschockdonnerwetter! Wieviele Schuhzwecken könnte man dafür kaufen, acht Stück für einen Pfennig, nämlich von der Mittelsorte! Wenn man sich diesen Sparpfennig verdienen könnte!« »Das geht nicht!« »Nein, aus reiner Ambition nicht! Aber gut, so machen wir es umsonst und heirathen dann das Mädchen. Dann sind die Hunderttausend doch noch unser!« »Martin, Martin!« »Schon gut, Monsieur Belmonte! Sie meinen, ich soll zwischen meine Ausdrücke einige Ellen Ehrerbietung mit einschieben? Das soll von jetzt an geschehen. Also, was haben Sie ehrerbietigst zu thun beschlossen?« »Du bist unverbesserlich! Ich werde sehen, ob es nicht möglich ist, die Dame auch ohne Hilfe der Polizei zu befreien.« »Warum soll das nicht ehrerbietigst möglich sein! Der Martin ist dabei, und wo der seine Hand im Spiele hat, da ist stets das ungeheuerste Glück in schuldigster Hochachtung und tiefster Unterthänigkeit vorhanden!« »Mensch, scherze jetzt nicht!« mahnte Belmonte unwillig. Die Hauptsache ist natürlich, daß sich meine Vermuthung bestätigt, ich meine, daß die Comtesse sich wirklich bei Vater Main befindet.« »Ich möchte gar nicht daran zweifeln.« »Ich auch nicht.« »So müssen wir einen Feldzugsplan entwerfen!« »Das ist unmöglich, da wir die Factoren ja gar nicht kennen, mit denen wir zu rechnen haben. Weißt Du die Kneipe?« »Ich kenne sie nur aus der Beschreibung, welche Sie mir von ihr gegeben haben.« »So wirst Du sie ohne mich finden.« »Wir gehen nicht mit einander?« »Nein. Wir dürfen uns gar nicht kennen, müssen aber in inniger Fühlung bleiben, um gegebenen Falls eingreifen zu können.« »Gut, ich greife hinein, mag es nun Tinte, Quark oder Syrup sein, aus dem wir die ehrerbietigste Comtesse herausziehen müssen.« »Mache es endlich zu Ende mit diesem Unsinn! – Wir dürfen uns auch nicht zu einander setzen.« »Woher soll da die Fühlung kommen?« »Die wird von Sally besorgt werden.« »Ah! Ist mir lieb! Solche Fühlung ist angenehmer als Tornister an Tornister, und die Ellbogen dazwischen. Sie glauben also, diesem Mädchen vertrauen zu dürfen?« »Ich hoffe es und werde sie noch ein Wenig bearbeiten.« »Mit Fühlung?« »Unsinn über Unsinn! Hast Du die Revolver geladen?« »Alle vier. Dort auf dem Tische liegen sie und daneben die beiden Todtschläger.« »Das ist gut, sehr gut. An sie habe ich gar nicht gedacht, obgleich sie viel praktischer sind als Schießwaffen. Mit ihnen läßt sich ganz unhörbar arbeiten, während die Revolver trotz des nicht sehr schrecklichen Geräusches, welches sie verursachen, uns doch verhängnißvoll werden können.« »Wahr, sehr wahr! Wir befinden uns heute zwar auf sehr guten, braven und lobenswerthen Wegen; aber dennoch ist es immer besser für uns, unbemerkt zu bleiben. Die Polizei würde uns zwar zu Hilfe kommen, uns vielleicht ein Verdienstdiplom ausfertigen lassen, aber sie könnte doch wohl auch einige unbequeme Fragen an uns thun, welche am Besten unausgesprochen bleiben.« »Was das betrifft, so brauchen wir solche Fragen ganz und gar nicht zu fürchten. Ich bin mit ausgezeichneten Legitimationen versehen und stehe unter sicherem Schutze.« »Das beruhigt mich. Also, ich bin in dieser Kellerkneipe noch niemals gewesen. Darf ich um eine Beschreibung der Räumlichkeiten bitten, damit ich weiß, woran ich bin.« »Sobald Du die Stufen hinabkommst, trittst Du in das eigentliche Schanklokal. Dort kann ein Jeder verkehren. Durch eine Thür kommt man dann in einen zweiten Raum, wo sich Stammgäste und andere Bevorzugte aufhalten dürfen. Daran stößt linker Hand ein kleines Seitenkabinet, in welches sich der Wirth mit seinen Vertrauten zurückzuziehen pflegt, wenn er mit ihnen eine wichtige, heimliche Besprechung vorzunehmen hat. Von da aus liegt weiter nach hinten ein Raum, in welchem allerhand Geräthschaften und leere Fässer aufbewahrt werden, und aus welchem eine steinerne Treppe nach dem Hofe und nach dem Innern des Hauses emporfährt. Hier führt nun auch eine starke, mit Eisen beschlagene Thür in den tiefen Hinterkeller hinab.« »Schön! Und das Innere des Hauses?« »Ist mir unbekannt. Ich kenne nur ein Zimmer des ersten Stockwerkes, welches nach dem Hofe hinaus liegt, und in dem wir zu spielen pflegen.« »Schön. Wir werden jedenfalls die Laterne mitnehmen müssen.« »Allerdings. Weiter läßt sich nichts vorbereiten. Wir müssen uns nach dem Augenblicke richten.« »Und wann brechen wir auf?« »Sofort.« »Theilen wir die Revolver?« »Natürlich! Jeder zwei.« »Ah! Da fällt mir ein, daß wir doch die Hauptsache vergessen haben. Wenn man mich nun fragt, wer ich bin?« »Wirklich, wirklich! Daran dachte ich nicht, das ist allerdings ein höchst kitzlicher Punkt. Für einen ehrlichen Kerl darfst Du Dich nicht ausgeben.« »Das ist mir Wurst wie Haut. Ich habe heut all mein Ehrgefühl verloren und will ein Spitzbube werden.« »Aber was für einer?« »Wie wäre es, wenn ich mütterlicher Seits ein Urenkel vom Schinderhans und väterlicher Seits ein Großenkel des bayrischen Hiesel wäre?« »Laß das Scherzen.« »Ein Paletotmarder?« »Ist nichts!« »Ein ausgewiesener Sozialdemokrat aus Sibirien?« »Unsinn! Du giebst Dir irgend welchen Namen und bist nach der Hauptstadt gekommen, weil Du – – –« »Weil – ah, da fällt mir es ein,« unterbrach ihn der Diener. »Sie erzählten ja, daß Franctireurs angeworben werden sollen! Ich bin also nach Paris gekommen, weil ich munkeln gehört habe, daß man hier Leute suche, welche zu diesem Geschäfte passen.« »Das mag gehen!« »Gut, so gehe ich auch! Adieu, Monsieur Belmonte!« Er ging zur Thür hinaus, wohlgemuth und trällernd, als ob es sich darum handle, eine Vergnügungsparthie anzutreten. Sein Herr folgte ihm bald. Er hatte die Revolver eingesteckt, den Todtschläger und das Laternchen ebenso. Er begab sich zunächst nach seiner zweiten Wohnung, in deren Nähe er die Haartour anlegte und den tänzelnden Schritt annahm. Als er stolz an dem Portier vorüberging, murmelte dieser ärgerlich in den Bart: »Dieser Mensch kann nicht grüßen! Gestern Abend fort und jetzt erst wieder zurück! Wo mag sich der Kerl herumtreiben. Da lobe ich mir seinen Nachbar, welcher seit gestern Abend noch nicht ausgegangen ist. Jetzt nun wird er wohl ein Wenig Luft schöpfen. Es ist ihm das zu gönnen.« Wirklich kam dieser scheinbare Nachbar in seiner Blouse gekleidet, bereits nach einigen Minuten herab. »Spazieren, Monsieur?« fragte der Portier freundlich. »Ja, mein Lieber. Aber nicht lange. Man hat zu arbeiten.« »Sie scheinen mit Ihrem Nachbar gar nicht zu sympathisiren?« »Wieso?« »Wenn er kommt, so gehen Sie und wenn Sie kommen, so geht er.« »Wir sprechen allerdings gar nicht mit einander. Auf Wiedersehn!« »Wiedersehn!« Als Belmonte – denn dieser war es wirklich – in den Schankkeller trat, saßen nur zwei Gäste in dem vorderen Raume. Er kannte sie nicht. Sollte Martin so zuversichtlich gewesen sein, sogleich in die nächste Abtheilung getreten zu sein, aus welcher ein wüstes Schreien und Lachen herausscholl? Eine Kellnerin war auch nicht vorhanden. Beide waren wohl augenblicklich beschäftigt. Bald aber trat Sally ein, welche sich außerordentlich freute, als sie ihn erblickte. Er hatte sich in die Ecke zurückgezogen, in welcher er gestern mit ihr gespielt hatte und verlangte eine Flasche Wein. Nachdem sie ihm dieselbe gebracht hatte, nahm sie an seiner Seite Platz. »Hast Du denn Zeit, heute hier zu sitzen?« fragte er. »Warum nicht?« »Weil darin viele Gäste zu sein scheinen. Da gilt es, aufmerksam zu bedienen.« »Gerade deshalb kann ich abkommen. Heute giebt es viel Trinkgeld; da sieht es Betty gern, wenn ich ihr allein die Gäste überlasse.« »Viel Trinkgeld? Was ist denn los?« »Es werden Rekruten für die Franctireurs gemacht. Man trinkt nur Wein.« »Giebt es denn Leute, welche sich anwerben lassen?« »Ja. Der Emissär des alten Capitäns ist tagsüber sehr thätig gewesen. Jetzt nun kommen sie nach und nach herbei. Der Letzte kam vor kaum einer Viertelstunde und sitzt nun auch bereits bei ihnen.« »Kennst Du ihn?« »Nein. Er wurde gefragt. Es ist ein relegirter Student der Weltweisheit aus Tours. Er hat bereits mit Allen Brüderschaft getrunken und zu diesem Zwecke ein ganzes Dutzend Wein gegeben. Bei jedem Schlucke singt er eine lateinische Strophe. Horch, da wieder!« Der Changeur lauschte und hörte die Worte: » Bos bos dicetur, terris ubicunque videtur. « »Was heißt das?« fragte das Mädchen. »Kommt ein Ochs in fremdes Land, wird er gleich als Rind erkannt.« »Sonderbar! Diese Studenten sind eigenthümliche Menschen. Er ist überhaupt ein hübscher, allerliebster Junge!« Der Changeur hatte die Stimme Martins erkannt. Dieser wollte ihm jedenfalls hören lassen, wo er sich eben befinde. »Gefällt er Dir?« »Nicht so, wie Du,« antwortete sie. »Schmeichelkätzchen! Wo ist der Wirth?« »In der Seitenstube. Brecheisen, Dietrich und noch Drei sitzen bei ihm. Sie trinken schweren Wein und scheinen über außerordentliche Geheimnisse zu verhandeln. Vater Main bedient selbst. Weder ich noch Betty darf hinein.« »Hat man gestern oben noch gespielt?« »Nein. Aber bemerkt habe ich, daß man irgend Etwas durch das Hofthor gebracht hat.« »Jedenfalls Waare?« »Hm!« brummte das Mädchen nachdenklich. »Nicht?« fragte er so unbefangen wie möglich. »Ich darf nichts sagen.« »Pah! Wer zwingt Dich zum Schweigen?« »Der Wirth.« »Ich denke, Du willst fort von hier?« »Kann ich denn, bei den Schulden, die ich vorher an Vater Main zu bezahlen hätte? Fortzukommen wär mir nur dann möglich, wenn Du es gestern ernst gemeint hättest.« »Ich habe es ernst gemeint, Sally. In solchen Sachen treibe ich niemals Scherz.« »Mein Gott! Wie glücklich würde ich sein!« flüsterte sie, indem ihre Augen aufleuchteten. »Bist Du denn wohlhabend?« »Hm, für eine gute Freundin habe ich immer einige Franken übrig.« »O, es ist mehr als nur einige Franken!« »Wieviel bist Du schuldig?« »Ueber dreihundert. Und wenn ich zu meinem Bruder will, brauche ich doch auch noch einiges Geld. Also vierhundert Franken. Hätte ich sie, so könnte ich ein braves, ehrliches Mädchen werden. Nun aber ist dies doch unmöglich.« »Man darf nicht verzweifeln. Vierhundert Franken würde ich wohl noch für Dich zusammenbringen.« Da fuhr sie schnell nach seiner Hand, faßte dieselbe und sagte: »Ist's wahr, ist's wahr? O, welch ein Glück! Ich wollte Tag und Nacht arbeiten, um Dir diese Summe einst zurückzahlen zu können.« »Ich schenke sie Dir – oder vielmehr, Du könntest unter Umständen noch mehr erhalten.« Sie blickte ihn ganz erstaunt an. »Noch mehr? Das ist doch nur Scherz. Sei aufrichtig mit mir, lieber Arthur.« Er ließ ihr seine Hand, rückte noch ein Wenig näher an sie heran und antwortete: »Ich will aufrichtig sein. Ich habe einen Freund, einen reichen, sehr reichen Mann, der sich freuen würde, wenn Du ein gutes Mädchen werden wolltest. Er würde Dir geben, was Du zum Eintritte in ein besseres Leben bedarfst, nur aber müßtest Du ihm beweisen, daß es Dir wirklicher, voller Ernst ist.« »Wie gern, wie gern würde ich ihm das beweisen. Aber wie soll ich dies anfangen?« »Das möchte ich Dir gern sagen, wenn ich nur wüßte ob ich mich auf Dich verlassen kann.« »Ist es etwas Unrechtes?« »O nein, sondern im Gegentheile etwas sehr Lobenswerthes.« »So werde ich es thun.« »Ich bezweifle es noch, obgleich es Dir vielleicht tausend Franken einbringen könnte.« Sie legte die Hände zusammen wie Jemand, dem man etwas Erstaunliches, Unbegreifliches gesagt hat. »Tausend Franken! Ist das wahr?« »Ja, gewiß!« »So sage mir schnell, was ich machen soll!« »Hast Du heute die Zeitung gelesen?« »Nein. Vater Main leidet das nicht.« »Hast Du auch nicht gehört, was in den Zeitungen gestanden hat?« »Nein.« »Nun, ich will Dir einmal mein ganzes Vertrauen schenken. Du brummtest vorhin so eigenthümlich, als ich fragte, ob es Waare sei, welche man gestern Abend durch das Hofthor gebracht habe. Was hat dieses Brummen zu bedeuten?« Da legte sie ihm die Hand auf die Schulter so, daß sie ihren Mund seinem Ohre nähern konnte und antwortete: »Auch ich will aufrichtig sein. Es war keine Waare.« »Was denn?« »Eine Person.« »Weißt Du das genau?« »Sehr genau. Ich weiß sogar, daß es ein Frauenzimmer ist.« Der Changeur konnte seine Freude kaum verbergen, doch zwang er sich zu einem möglichst gleichgiltigen Tone, in welchem er vor sich hinbrummte: »Eigenthümlich! Vater Main wird Besuch bekommen haben. Vielleicht eine Verwandte.« »O nein! Ich war neugierig und schlich mich hinauf, als er seinen Mittagsschlaf hielt. Ich lauschte an der Thür, die mit zwei starken Hängeschlössern verschlossen ist, und da hörte ich ein leises Weinen. Es war die Stimme eines Frauenzimmers.« »Hast Du nicht angeklopft und gefragt?« »Das darf ich nicht wagen. Ich bin ebenso leise fortgeschlichen, wie ich gekommen bin.« Da nahm er, ungesehen von den beiden anderen Gästen, einige Scheine aus der Tasche, zeigte sie ihr und sagte: »Siehe hier diese fünfhundert Franken! Die könntest Du sofort als Dein Eigenthum einstecken, wenn Du mir einen Gefallen thun wolltest.« Ihre Augen wurden größer. Es wurde ihr hier eine Summe geboten, wie sie eine solche noch niemals besessen hatte, und doch schob sie die Hand Belmontes zurück und sagte: »Mein lieber Arthur, ich bin ein ungutes Geschöpf geworden, halb mit, halb ohne mein Verschulden. Ich bin die Sklavin des Vaters Main; ich darf nicht auf die Gasse, nicht in den Hof; ich habe keinen Willen und kein Recht. Ich sehe, wie glücklich Andere sind und möchte es auch gern sein. Die Summe, welche Du mir bietest, könnte mich retten, denn wenn ich meine Schuld an den Wirth bezahle, bin ich frei. Aber ich habe nach unserer gestrigen Unterredung mir selbst das heilige Versprechen gegeben, nichts Unrechtes mehr zu thun. Dieses viele Geld kann man nur durch ein Unrecht so leicht und schnell verdienen. Ich bitte Dich, es zu behalten.« Er sah, welche Ueberwindung ihr dieser Entschluß verursachte und fühlte sich im Herzen tief gerührt. »Du irrst, liebe Sally,« antwortete er. »Ich verlange kein Unrecht von Dir. Es wäre ganz im Gegentheile eine Sünde oder gar ein Verbrechen, wenn Du mir meinen Wunsch nicht erfüllen wolltest. Ich bin Dir gut, wenn ich auch nicht von Liebe reden will, ich glaube Deiner Versicherung, daß Du gern ein anderes, besseres Leben beginnen möchtest; ich habe Vertrauen zu Dir und weiß, daß Du das, was ich von Dir erbitten möchte, auch ohne Bezahlung thun würdest. Ich biete Dir das Geld nur deshalb an, damit Du überzeugt sein kannst, daß Du, wenn Du das Gute beginnst, nicht wieder zum Bösen zurückzukehren brauchst.« »Ist das wahr? Ist das wahr?« fragte sie. »Ich will Dein Glück. Glaube es mir.« »Gut, ich will es glauben! Was soll ich thun, Arthur?« »So höre! Es ist gestern eine Dame geraubt worden, die Enkelin eines Grafen und Generales. Ich vermuthe, daß sie sich hier im Hause befindet. Die Polizei suchte bisher vergebens nach ihr, wird sie aber noch finden, und dann wird das Verderben auch Dich mit erfassen.« »Gott, ich weiß ja gar nichts davon! Warum hat man sie geraubt?« »Um ein Lösegeld zu erpressen.« »So haben es die Fünf gethan, welche jetzt bei dem Wirth draußen sitzen.« »Ja, sie sind es. Man muß ihnen ihr Opfer entreißen. Gelingt dies mit Deiner Hilfe, so darfst Du auf eine hohe Belohnung rechnen.« Sie blickte lange schweigend vor sich nieder. Er sah es ihr an, daß ihr Inneres sich in großer Aufregung befand. Endlich sagte sie leise: »Vater Main würde sich fürchterlich rächen.« »Das kann er nicht. Er wird unschädlich gemacht.« »Ich fürchte die Polizei.« »Diese soll ja gar nicht dabei sein.« »Wie soll man die Dame sonst aus dem Hause bringen?« »Das zu entwerfen wird Deine Aufgabe sein.« »Es geht nicht. Sobald der Wirth merkt, daß sie fort ist, würde es mir traurig ergehen.« »Du sollst ja dieses Haus mit ihr verlassen.« Da erhob sie schnell den Kopf und fragte: »Ihr wollt mich mitnehmen?« »Natürlich. »Und für mich sorgen? Ich meine, dafür sorgen, daß der Wirth sich nicht an mir rächen kann?« »Ja. Entschließe Dich. Die Zeit drängt.« »Arthur, ich möchte gern. Aber wenn wir ertappt werden!« »Ich bin bewaffnet und habe einen Gehilfen mit.« »Wer wäre das?« »Der relegirte Student da draußen. Er ist mein Diener.« »Dein Diener? Hast Du, der Changeur, einen Bedienten?« Er nickte ihr lächelnd zu und antwortete: »Ich bin kein Changeur, kein Verbrecher. Ich habe das nur gesagt, um hier ungestört sitzen zu können. Wenn Du thust, was ich von Dir erbitte, so stehst Du unter einem sichern Schutze, mein liebes Kind.« Da zog sie seine Hand an ihre Lippen, blickte ihn verklärten Auges an und fragte: »So bist Du wohl ein vornehmer Herr?« »Was ich bin, wirst Du sehr bald erfahren; hier aber ist zu solchen Mittheilungen nicht der richtige Ort. Aus meiner Aufrichtigkeit aber mußt Du sehen, welches Vertrauen ich zu Dir habe.« »Ja, ich sehe es. Und das macht mich glücklich. Sei wer Du immer seist. Ich liebe Dich und darum schmerzte es mich, Dich unter den Verbrechern zu wissen. Wenn ich von Dir träumte, erschienst Du mir als hoch und rein und nun ist dieser Traum zur Wirklichkeit geworden. Ja, Arthur, ja, ich bin bereit, zu thun, was Du von mir verlangst. Aber beantworte mir vorher eine Frage. Liebst Du die verschwundene Dame?« Er erschrak fast über diese Frage. Aber es widerstrebte ihm, ein Wesen, welches begonnen hatte sich aus dem Schmutze empor zu ringen, durch eine Unwahrheit wieder in denselben hinabzustoßen. Er wagte viel, aber er wagte es doch, indem er antwortete: »Ja, Sally, ich liebe sie.« »Weiß sie es?« »Nein.« Sie war bleich, sehr bleich geworden. Sogar aus ihren Lippen war die Farbe gewichen, und auch in ihren Augen schimmerte es feucht, als sie stockend sagte: »Ja, mich konntest Du nicht lieben. Aber daß Du mir Deine Liebe gestanden hast, ist der größte Beweis Deines Vertrauens. Eine Andere würde sich kränken und ärgern und vielleicht Schlimmes planen; aber Du hast vorhin gesagt, daß Du mir gut seist und das ist fast mehr, als ich verlangen darf. Ja, Arthur, ich werde Dir helfen. Ich werde sogar das Leben wagen, um Dir die heimlich Geliebte zu retten: aber ich thue es nicht für Geld; ich nehme nichts von Dir. Aber wenn es uns gelingt und Du wolltest mir dann für meine Beihilfe einen – einen Kuß, einen einzigen Kuß geben – Arthur, ich verlange ihn nicht, er soll nicht Bedingung sein; Du darfst ihn mir verweigern; aber dieser Kuß von Dir, der Du kein Verbrecher bist, o, es würde sein, als ob mir mit einem Male alle meine Sünden vergeben wären.« Er blickte hinüber zu zwei anderen Gästen. Der Eine schlief und der andere stierte betrunken in sein Glas. Sie beobachteten ihn und Sally gar nicht. Da legte er den Arm um sie, zog sie an sich heran und drückte seinen Mund ein, zwei, drei Mal auf ihre Lippen. Sie schloß die Augen und ließ die Arme nieder. So lag sie eine Weile an seinem Herzen. Dann aber öffnete sie die Lider, blickte ihm mit einem langen, unergründlichen Ausdrucke in die Augen und sagte, in ein leises, stilles Weinen ausbrechend: »Ich danke Dir. Ich komme bald wieder.« Sie erhob sich und verließ das Zimmer. Er hatte nicht das Gefühl, als ob er sich durch diesen Kuß entehrt hätte; es war ihm vielmehr zu Muthe wie einem Priester, welcher einem Reuigen die Absolution ertheilt hat. Er brauchte auf ihre Rückkehr gar nicht lange zu warten. Sie trat mit einer Hast ein, daß er sofort erkannte, daß etwas Wichtiges geschehen sei. »Was ists?« fragte er. »Um Gotteswillen, was soll da geschehen!« antwortete sie. »Ich sah, daß Vater Main einen Schlüssel von seinem Bunde los machte und Brecheisen und Dietrich gab. Diese Beiden sind die Treppe hinaufgegangen.« »Und der Wirth?« »Sitzt wieder am Tische bei den anderen Dreien.« »Was können sie oben wollen?« »Sie können nur zu der Dame sein.« »Alle Teufel! So muß ich ihnen nach!« »Das ist gefährlich!« »Darnach darf ich nicht fragen. Weiß der Wirth, daß ich hier bin?« »Noch nicht.« »Kann er mich sehen, wenn ich an der Thüre vorübergehe?« »Nein, sie ist zu. Sie haben sie zugemacht, damit Niemand hören soll, was gesprochen wird.« »Und die Anderen, welche draußen sitzen? Sind viele Bekannte dabei?« »Nur Einer, der Emissär nämlich, welcher Dich gestern gesehen hat.« »Er wird mich nicht beachten, wenn ich rasch an ihm vorübergehe. Der Bajazzo, welcher gestern bei uns saß, ist nicht hier?« »Nein. Er wollte aber noch kommen.« »Gut. So kann es noch glücken. Gieb dem Studenten einen Wink. Wenn ich zu lange oben bin, so ist Gefahr vorhanden. Er soll mir da zu Hilfe kommen.« »Aber Du hast kein Licht.« »Ich habe eine Laterne. Vorwärts!« Er wollte fort; sie hielt ihn noch für einen Augenblick zurück und fragte: »Und ich? Was soll ich thun?« »Das kann ich jetzt nicht wissen. Schicke nur den Student nach und suche dann, uns den Wirth und die Gäste fern zu halten. Wenn ich die Comtesse wirklich oben finde, so kann ich sie unmöglich durch diese Räume entfernen. Giebt es keinen anderen Weg?« »Hinten zum Hofthore hinaus. Aber da müßte man den Schlüssel haben. Die Mauer ist viel zu hoch.« »Wo ist der Schlüssel?« »Vater Main hat ihn am Bunde.« »Ich muß ihn haben und zwar um jeden Preis und möglichst schnell. Sage das dem Studenten.« Bei diesen Worten schob er sie von sich und trat in den zweiten Raum. Dort saßen gegen dreißig Personen, lauter Galgengesichter. Sie kannten ihn nicht und waren übrigens so sehr mit sich selbst beschäftigt, daß sie ihm nicht die mindeste Aufmerksamkeit schenkten. Er gelangte unaufgehalten an ihnen vorüber in den dritten Raum, von welchem aus die Treppe emporführte. Nur Martin allein hatte seinen Herrn scharf angesehen und im Vorbeipassiren von ihm einen Wink hin nach der Kellnerin erhalten, welche unter der geöffneten Thüre stand. Er erhob sich, näherte sich ihr, schob sie in die vordere Stube zurück und zog die Thüre hinter sich an. Er bemerkte sofort, daß er den Schläfer und den Betrunkenen gar nicht zu berücksichtigen brauche. »Haben Sie sich mit dem Herrn unterhalten, welcher soeben hier hinausging?« fragte er das Mädchen. »Ja,« antwortete sie schnell. »Sie sind doch sein Diener?« »Ah, er hat sich Ihnen anvertraut?« »Ich weiß Alles.« »Werden Sie uns helfen?« »Ganz gewiß. Ich glaube wirklich, daß die Dame oben steckt. Zwei der Räuber sind hinauf zu ihr, und Monsieur Arthur ist ihnen nach. Sie sollen schnell folgen und den Schlüsselbund mitbringen, welchen der Wirth am Schürzenbande trägt.« Martin stieß ein kurzes, leises Lachen aus und meinte: »So! Also den Schlüsselbund am Schürzenbande. An dieser Schürze aber hängt unglücklicher Weise eben der Wirth, der es sich nicht gefallen lassen wird, wenn ich ihn bitte, das Band aufknüpfen zu dürfen. Alle Wetter! Den Schlüsselbund am Schürzenbande! Als ob das so etwas ganz und gar Leichtes und Einfaches sei!« »Auch ich weiß da keinen Rath!« sagte sie ängstlich. »Auch Sie nicht?« fragte er nachdenklich. »Hm, da muß ich sehen, daß ich Rath bei mir selbst finde.« »Aber eilen Sie, eilen Sie!« »Warum? Wie viele sind hinauf?« »Zwei.« »O, dann hat es keine so sehr große Eile. Mit Zweien wird dieser verteufelte Monsieur Arthur schon fertig werden. Sagen Sie mir lieber, auf welche Weise die Dame aus dem Hause gebracht werden soll.« »Hinten zum Hofthore hinaus. Hier hindurch ist es unmöglich. Ich soll auch mitgehen.« »Sie auch? Das dachte ich mir. Der heutige Abend wird zu Ihrem Glücke sein. Lassen Sie uns also überlegen! Die Schürze hängt am Wirthe, das Band an der Schürze, der Bund am Bande und der Schlüssel zum Hofthore wohl am Bunde?« »Ja, freilich, Monsieur. Aber beeilen Sie sich doch, sonst könnte Ihrem Herrn ein Leid geschehen!« Er sah ihr ruhig in die angstvollen Züge und antwortete: »Ein Leid? Welche Sorte von Leid meinen Sie denn?« »Wenn sie ihn sehen, werden sie ihn ganz gewiß tödten!« »Tödten? Ah pah! Dieser Monsieur Arthur nimmt es schon mit diesen Banditen auf! Der Thorschlüssel hängt also am Schlüsselbunde, dieses am Schürzenbande, dieses an der Schürze und diese an dem Wirthe; also, wer den Schlüssel haben will, der muß vorher den Wirth haben. Nicht?« »Mein Gott,« klagte sie, »ich begreife Sie nicht! Mir ist es nicht wie Scherz zu Muthe!« »Mir auch nicht, denn ich habe mir zu überlegen, wie ich nun zum Wirthe komme. Ah, vielleicht habe ich's! Ihre Kollegin hat uns den Wein aus dem Keller gebracht. Giebt es denn da unten nicht eine Sorte, welche der Wirth unter seiner eigenen Aufsicht hat?« »Ja. Es ist der Champagner.« »Schön! Bestellen Sie mir ein halbes Dutzend von diesem Gemisch; aber schnell, weil Sie solche Eile haben.« »Was wollen Sie thun?« »Das werden Sie sehen. Passen Sie auf. Ich folge dem Wirth in den Keller. Wenn ich wieder heraufkomme, müssen Sie an der Treppe bereit stehen, mir nach oben zu folgen, natürlich mit einer Lampe. Nehmen Sie mit, was Sie hier haben und augenblicklich brauchen; denn Sie werden in diesem Paradiese hier nicht wieder Engel sein.« Er kehrte wieder in den andern Raum auf seinen Platz zurück. Sally zitterte vor Angst und Aufregung. Sie trat in das Seitengemach, in welchem der Wirth mit seinen drei Complicen saß und meldete, daß sechs Flaschen Champagner bestellt worden seien. Er erhob sich, um den Wein selbst zu holen. Kaum hatte er die dritte Abtheilung betreten, so folgte ihm Martin. Er sah ihn eben noch mit dem Lichte in der Tiefe des Kellers verschwinden. So leise und vorsichtig wie möglich folgte er ihm. Auf der Sohle des Kellers angekommen, sah er ihn in der hintersten Ecke kauern, um die Flaschen aufzunehmen. Er zog den Todtschläger hervor, schlich sich hinzu und versetzte dem nichts Ahnenden einen Hieb auf den Kopf, daß er sofort zusammenbrach. »So, lieber Papa Main,« murmelte er. »Todt bist Du nicht, aber eine Weile wirst Du doch suchen müssen, ehe Du den ersten Gedanken findest. Bis dahin leihe ich mir dieses Schlüsselbund. Später kannst Du es Dir vom Thore holen.« Er band die Schlüssel los, verlöschte das Licht und tappte sich wieder hinauf. Droben in der dritten Abtheilung, deren Thür nicht geöffnet war, erwartete ihn Sally mit einer Lampe in der Hand. Sie sah die Schlüssel und fragte bestürzt: »Wo aber ist der Wirth, Monsieur?« »Er studirt das große Einmaleins. Wenn er es auswendig kann, kommt er herauf. Jetzt vorwärts!« Droben, wo die Treppe in die Hausflur mündete und man von da aus in den Hof und nach den Stockwerken gelangen konnte, war eine Thür angebracht. »Kann man diese Thür verschließen?« fragte Martin leise. »Ja. Der Schlüssel dazu hängt auch am Bunde, welches Sie hier haben.« »So wollen wir zuschließen, damit uns die Rotte Korah, Dathan und Abiram da unten nicht zu folgen vermag. Dann aber rasch hinauf!« – Vorher war Belmonte dieselbe Treppe emporgestiegen. Im Flur angekommen, hatte er seine Laterne angebrannt und beim Scheine derselben sehr leicht die weiter empor führenden Stufen gefunden. Obgleich ihm die Augenblicke kostbar erschienen, schritt er doch nur langsam weiter. Das Haus war alt. Die Treppensteine bröckelten, und die Diele des Corridors bestand aus Brettern, welche aus den Fugen gegangen waren und sehr leicht ein kreischendes Geräusch verursachen konnten. Das mußte vermieden werden. Er gelangte an die zweite Treppe und es war ihm, als ob er da oben sprechen höre. Er steckte die Laterne ein, um sein Nahen nicht zu verrathen und tastete sich im Finstern empor. Ja, als er den oberen Corridor erreichte, erblickte er an der rechten Seite ein Lichtviereck, welches dadurch hervorgebracht wurde, daß in einem gegenüber liegenden Raume, welcher geöffnet war, eine Lampe brannte. Er war am Ziele angelangt. Leise, ganz leise, Schritt für Schritt bewegte er sich vorwärts, bis er hinter der offenen Thüre stand und zwischen dieser und dem Thürgewände hindurchblicken konnte. Da stand sie, oder vielmehr sie hing vor Ermattung in ihren Fesseln. Die Augen waren geschlossen, die Wangen bleich, ja fast weiß wie Gyps. Vor ihr standen Brecheisen und Dietrich, ihre Tabakspfeifen rauchend und die Schönheiten dieses nur halb verhüllten Körpers mit gierigen Augen verschlingend. Dabei warfen sie sich Bemerkungen zu, welche die Gefangene nicht zu verstehen schien, da ihr Aussehen vermuthen ließ, daß sie ohnmächtig sei. »Denkst Du wirklich, daß wir sie für hunderttausend Franks hingeben?« fragte Brecheisen. »Fällt keinem Menschen ein!« antwortete der Andere. »Der Alte muß bluten, bis wir sein ganzes Vermögen haben. Und dann –!« »Was dann –?« Er schnalzte mit der Zunge, schnippste mit dem Finger und sagte: »Dann wird sie unsere Frau.« »Dann erst? Warum nicht jetzt schon? Schau her; ich werde ihr einen Kuß geben, ich, einer Gräfin! Donnerwetter! Das ist auch noch nicht dagewesen!« Er trat ihr näher, um seine Absicht auszuführen. Da aber zeigte es sich, daß sie doch nicht besinnungslos gewesen war. Sie war schwach, todesmatt, und gegen die Blicke dieser Buben hatte sie kein anderes Mittel gehabt als dasjenige des kleinen Käfers, welcher sich todt stellt, sobald er sich in Gefahr befindet. Vertheidigen kann er sich ja nicht. Sie hatte also die Augen geschlossen, um die Blicke nicht zu fühlen und den Seelenschmerz, welchen dieselben hervorrufen mußten. Aber sie hörte, was gesprochen wurde; sie vernahm, daß sie geküßt werden solle, geküßt von einem solchen Ungeheuer. Das gab ihrem Körper für den Augenblick die verlorene Spannkraft zurück. Sie öffnete die Augen, erhob das Köpfchen und rief: »Zurück, Teufel! Dein – –« Sie sprach nicht weiter, denn hinter den Beiden tauchte eine Gestalt auf, welche einen Todtschläger in der Hand trug. Der Schein der Lampe fiel hell auf diesen Mann. Welch ein Gesicht! Sie kannte es. Sie hatte es gesehen, gesehen in der Oper und es dann nicht wieder aus ihrem Gedächtnisse und aus ihrem – – Herzen gebracht. Ihr Athem stockte, und ihre Pulse flogen. Sie wußte nicht, war es Schreck, fürchterlicher Schreck, oder ein unendliches Entzücken, in Folge dessen die Sprache ihr versagte. »Teufel?« lachte der Schurke höhnisch auf. »Nun, mit so einer Teufelin muß es schön sein, Teufel zu sein.« Er streckte die Arme aus. »Halt!« ertönte es hinter ihm. Die Beiden fuhren erschrocken herum. Belmonte hatte, sich anders besinnend, die Thüre herangezogen und die Hände in die Taschen gesteckt, so daß man den Todtschläger nicht sehen konnte. »Der Changeur!« rief Brecheisen. »Donnerwetter, der Changeur!« fluchte auch Dietrich. »Was willst Du hier? Wer hat Dir erlaubt, nach oben zu kommen?« »Ich selbst habe mir die Erlaubniß gegeben, um Euch zu sagen, daß in einer halben Minute hier zwei Leichen liegen werden.« »Ah! Wer?« »Ihr Beide!« »Mensch, was fällt Dir ein? Oder hast Du Dich etwa als Spion uns nachgeschlichen?« »Nicht als Spion, sondern als Euer Richter. Ihr sollt an der Herrlichkeit sterben, welche Eure Augen hier entheiligt haben. Fahrt zur Hölle, über welche Ihr vorhin gelacht habt!« Ein rascher Schritt zu ihnen hin, ein Aufschrei der Gefangenen und zwei fürchterliche, blitzschnelle Hiebe mit dem Todtschläger – Belmonte hatte sein Wort erfüllt; zwei Todte lagen mit total zerschmetterten Schädeln am Boden. Jetzt wendete er sich zu der Comtesse zurück. Das Letztere war zu viel für sie gewesen. Ihre Fesseln waren scharf angespannt, sie hing ohnmächtig an denselben. Er zog sein Messer hervor, öffnete die feine, scharfe Klinge und zerschnitt die Stricke. Die Gestalt der Besinnungslosen festhaltend, ließ er sie langsam niedergleiten. Erst jetzt sah er die Zerstörung ihres Anzuges in ihrer ganzen Vollständigkeit. Das Blut stieg ihm nach oben; er fühlte sein Herz laut klopfen beim Anblicke einer so unvergleichlichen Fülle von Schönheit; aber er wendete sich weg, trat hinaus und schob die Thür heran. Er nahm die Revolver zur Hand. Es war ihm zu Muthe, als ob er Englands Kronjuwelen, als ob er alle Schätze der Erde zu bewachen habe. War unten Alles nach Wunsch gegangen? Oder war der Anschlag verrathen worden? Leichte Schritte kamen zur Treppe herauf; der Schein eines Lichtes ging ihnen voran. Waren es Feinde, oder war es Martin? Der Changeur war entschlossen, die Comtesse im ersteren Falle bis zum letzten Blutstropfen zu vertheidigen. Da, da blickte Martins Kopf vorsichtig hinter der Treppenecke hervor. »Heda! Wer ist das dort?« fragte er, indem er zu gleicher Zeit die Hand mit dem gespannten Revolver zeigte. »Ich, Martin,« antwortete sein Herr, erleichtert aufathmend. »Sie selbst, Monsieur? O weh! Ich dachte, ein wenig in Bewegung kommen zu können! Sind die Beiden futsch?« »Ja.« »Vollständig?« »Sie wachen nicht wieder auf.« »Das ist unangenehm. Ich hätte so gern ein Bischen nachgeholfen.« »Ah, da kommt Sally mit! Wie steht es unten?« »Sehr gut. Der Wirth ist auch futsch, aber blos halb, und die Gäste sind eingeschlossen. Hier ist der Schlüsselbund, den ich Ihnen bringen sollte.« »Wie hast Du es angefangen, ihn zu bekommen?« »Davon später! Wie steht es mit der Comtesse?« »Sie ist ohnmächtig. Nach Wasser zu gehen, haben wir keine Zeit; wir dürfen keinen Augenblick länger als nöthig verweilen. Sally, wo ist Ihre Stube?« »Hier vorn, die erste Thür.« »Offen?« »Ja.« »Haben Sie vielleicht einen Mantel oder ein Tuch?« »Ein Umschlagetuch.« »Bringen Sie es schnell.« »Was soll ich noch mitnehmen?« »Gar nichts. Sie werden alle Ihre Sachen später gewiß erhalten.« Das Mädchen eilte fort, stolz darauf, daß er sie jetzt mit dem ehrbaren »Sie« angeredet hatte. Sally war zurückgekehrt. Er nahm ihr das Tuch aus der Hand, ging zu der Besinnungslosen hinein, hüllte sie in dasselbe und nahm sie auf seine Arme. »Sie leuchten, Sally, und Du öffnest mit dem Schlüssel!« gebot er. So gelangten sie hinunter in den Flur. Dort blieb der voranschreitende Martin stehen und lauschte. »Im Keller ist man noch nichts gewahr geworden, wie es scheint,« sagte er. »Wollen sehen, ob wir den Schlüssel zu dieser Hofthür auch mit haben.« Während er suchte und probirte und Sally ihm leuchtete, war es Belmonte, als ob die Comtesse sich bewegt hätte. Er näherte seinen Kopf dem ihrigen und sah, daß ihre Augen offen standen. Er hätte gern ein Wort zu ihr gesprochen, zog es aber doch vor, zu schweigen. Da endlich gelang es Martin, zu öffnen. Ein Lufthauch kam ihnen entgegen und verlöschte die Lampe. »Schadet nichts,« meinte Martin. »Werfen Sie den alten Gasometer weg, Sally. Ich gehe voran. Da vorn ist das Thor.« Die Andern folgten ihm. Sie hatten aber kaum einige Schritte gethan, so stieß Martin einen lauten Schrei aus. Man hörte einen Fall und dann ein tiefes, zorniges Knurren. »Mein Gott! Der Hund!« rief Sally. »Giebt es hier einen Hofhund?« fragte Belmonte. »Ja; ich habe gar nicht an ihn gedacht. Er ist eine fürchterliche Bestie.« »Locken Sie ihn an sich! Er wird Sie doch kennen.« »Er gehorcht mir so wenig wie jedem Fremden. Herr Jesus, er hat Monsieur Martin niedergerissen und gestellt.« Es war so, wie sie sagte. Martin lag an der Erde. Der Hund stand mit gefletschten Zähnen über ihm. »Rühren Sie sich nicht!« warnte Sally. »Er zerbeißt Ihnen sonst die Kehle!« »Das ist schlimm!« sagte Belmonte. »Wir können doch diese Kerls da drin im Keller nicht über uns kommen lassen.« Er ließ seine süße Last langsam zur Erde gleiten und bückte sich selbst auch möglichst weit nieder, um bei der im Hofe herrschenden Finsterniß den Hund erkennen zu können. »Sie wollen sich doch nicht etwa an den Hund wagen?« fragte die Kellnerin. Er antwortete nicht; aber einen Augenblick später hörte man ein böses Knirrschen, ein Krachen wie von Knochen und ein fürchterliches Heulen, welches aber rasch in ein ersterbendes Röcheln überging. »Jesus Maria!« klagte Sally. »Jetzt bringt er Beide um!« »Nein,« ertönte die Stimme Martins; »sondern wir Beide haben ihn umgebracht. Wo sind denn die Schlüssel? Ah, hier liegen sie. Nun aber rasch auf und hinaus!« Fortsetzung 57 Belmonte nahm die Gräfin wieder vom Boden auf. Er konnte nicht sehen, ob sie die Augen noch offen habe. Er fühlte aber, daß sie vollständig bewegungslos war. Da klirrten die Riegel; das Thor gab nach; es öffnete sich, und nun war nichts, gar nichts mehr zu befürchten. »Jetzt schnell zur nächsten Polizeistation, nachdem Du wieder zugeschlossen hast!« gebot Belmonte. »Erzähle, was geschehen ist, und laß Alle, welche sich im Keller befinden, aufheben.« »Wo treffe ich Sie dann?« fragte Martin. »Daheim.« »Schön! Ich werde eilen! Na, so ein Wiedersehn beim Weine!« Er sprang davon. Sein Herr schritt mit Sally und der Comtesse, Letztere natürlich auf seinen Armen, langsam durch das enge Gäßchen hinauf, an dessen Mündung sich eine Fiakerstation befand. Hier stiegen sie in einen Wagen, um nach dem Hotel des Generals zu fahren. Er mochte die Gräfin nicht der Kellnerin anvertrauen; er legte sie vorsichtig neben sich in die Kissen und hielt ihre beiden Hände in den seinigen. Nach einiger Zeit war es ihm, als ob er einen leisen, leisen Druck fühle. Er neigte sich ihr näher und fragte: »Sind Sie wieder bei sich, Comtesse?« »Ja,« hauchte sie. »Haben Sie Schmerzen?« »Nein. Ich bin matt, sehr, sehr matt!« Sie ließ ihre Hände nicht aus den seinigen, als ob sie bei ihrer Mattigkeit auf diese Stütze nicht verzichten könne. Nach einiger Zeit hielt der Wagen vor dem Portale, und Belmonte sprang heraus. »Bleiben Sie!« flüsterte er hinein. »Ich muß seine Excellenz erst vorbereiten.« Der Portier erkannte ihn wieder. »Abermals zum Herrn General?« fragte er ihn. »Ja. Der Herr Graf sind doch zu sprechen?« »Versuchen Sie es!« Belmonte schritt die Treppe empor und trat in das Vorzimmer ein. Dort war Niemand vorhanden; im nächsten auch nicht, und so klopfte er an die Thür, welche zum Cabinet des Generales führte. Ein lautes »Eintreten« ließ sich hören. Als er diesem Gebote folgte, sah er den Kammerdiener neben dem Generale stehen, welcher am Tische saß. Der alte Herr erhob sich überrascht, als er ihn erkannte. »Monsieur Belmonte!« sagte er. »Sie wieder? Und zwar unangemeldet! Ah! Ich verstehe! Sie wollen sich die Hunderttausend nebst der übrigen Summe holen.« »Sie irren von Neuem. Ich will mir nichts holen, sondern ich bringe Ihnen Etwas.« »So erklären Sie, was – – mein Gott, was ist das? Sie bluten ja ganz entsetzlich!« Fast erschrocken blickte Belmonte an sich nieder, und nun erst bemerkte er, daß das Blut in schweren, dicken Tropfen aus seinem linken Aermel zur Erde fiel. Er hatte bisher vor Aufregung nicht den mindesten Schmerz empfunden; aber in dem Augenblicke, an welchem er das Blut sah, fühlte er, daß er verwundet sei. »Entschuldigung, Excellenz!« sagte er. »Ich wußte nicht, daß ich blute; sonst wäre ich nicht hier eingedrungen. Der Hund wird mich in den Arm gebissen haben.« »Welcher Hund?« »Der mich verhindern wollte, Ihnen eine gute Nachricht zu bringen. Ich komme nämlich, Ihnen zu sagen, daß Sie die gnädige Comtesse vielleicht noch heute Abend wiedersehen werden.« »Wirklich? Wirklich? Wäre das möglich?« rief der Graf freudig. »Sind ihre Peiniger geneigt, sie bereits heute mir zurückzugeben?« »Ihre Peiniger? Ich glaube nicht – daß – – daß diese – – daß diese – – ah, wie wird – wird –!« Er konnte kein Wort mehr hervorbringen. Ein dicker Blutstrahl schoß ganz plötzlich aus seinem Aermel hervor. Er griff mit der Rechten nach der Lehne eines nahen Stuhles und verlor, von dem schnell herzutretenden Diener gehalten, die Besinnung. Nun war es ihm, als träume er, daß er verbunden wurde. Er hörte wie aus weiter Ferne laute Ausrufe und freudiges Schluchzen; dann verschwand diese Vision. Als er erwachte, lag er in einem prachtvoll ausgestatteten Zimmer auf einem Ruhebette. Er war angekleidet und trug den Arm, welcher ihn sehr schmerzte, in der Binde. Einige Augenblicke später war er wieder eingeschlafen. – Die Gäste des Vater Main hatten keine Ahnung von Dem gehabt, was unter ihnen im Flaschenkeller und sodann über ihnen vorgegangen war, bis endlich der Kellnerin Betty auffiel, daß Sally sich nicht sehen ließ und ebenso wenig der Student aus Tours. Auch wußte sie, daß ihr Herr in den Keller gegangen war, um Wein zu holen. Warum kam er nicht mit demselben? Befanden sich etwa alle Drei da unten beim Weine? Sie wurde von Minute zu Minute neugieriger und stieg endlich mit einem Lichte die Kellertreppe hinab. Da hörte sie ein leises Stöhnen. Sie erschrak und eilte zurück zu den Gästen. »Kommt schnell herab in den Keller; da ist Etwas passirt!« rief sie ihnen zu. Bei dieser Botschaft hörte natürlich die launige Unterhaltung sofort auf. Es wurden Lichter angebrannt, und dann begab man sich hinab. Da lag der Wirth, halb besinnungslos, hielt die Hand an den hinteren Theil des Kopfes und wimmerte. »Hier ist Etwas geschehen,« sagte der Emissär. »Er hat einen Hieb erhalten. Schafft ihn herauf und reibt ihm die Stelle mit Branntwein ein! Wer mag das gewesen sein?« »Sally fehlt,« meinte Betty. »Sally? Die wird ihn doch nicht überfallen haben!« »Auch der Student ist hinaus und noch nicht wieder zurück!« »Wer weiß, wo er steckt! Er wird in die Sally verliebt sein. Diese Beiden sind es nicht gewesen.« »Was wird es sein,« meinte Einer. »Vater Main ist ganz einfach zur Treppe hinabgestürzt.« »Zur Treppe hinab und so weit da hinter? Das ist ganz und gar unmöglich!« »Er hat sich da hinter geschleppt.« »Warten wir, bis er wieder zu sich kommt; dann werden wir es erfahren.« Die Einreibung auf dem Hinterkopfe, frisches Wasser in das Gesicht und eine tüchtige Prise Schnupftabak in die Nase brachte den Wirth bald zur Besinnung. Er blickte erst ganz erstaunt um sich her und fuhr sich mit der Hand tastend nach der schmerzenden Stelle. Da aber kehrte ihm das Gedächtniß zurück, und sofort stand er auf. »Donnerwetter, wo ist der Student?« fragte er. »Er ist mit der Sally zur Treppe hinauf, wohl in den Hof,« antwortete Betty. »Dort würde der Hund Beide zerreißen. Der Kerl hat mir einen Hieb gegeben. Ich war gerade im Umdrehen, als er zuschlug, und habe ihn erkannt. Suchen wir ihn!« Sie fanden die Treppenthür verschlossen, und erst nun merkte der Wirth, daß ihm die Schlüssel fehlten. Er nahm ein Licht und eilte in den Keller. Als er zurückkehrte, rief er: »Er hat mir die Schlüssel gestohlen; er hat irgend etwas Schlimmes vor. Schnell, schnell, daß wir ihn noch erwischen!« Er riß hinter den Fässern eine eiserne Brechstange hervor, mit deren Hilfe er die Treppenthüre aufsprengte. Draußen auf dem Hofe lag der Hund erwürgt; außerdem waren ihm mehrere Rippen zertreten oder mit dem Knie zerstemmt worden. Das Hofthor war verschlossen. Jetzt eilte Main nach oben; aber nur die Drei, welche an dem Mädchenraube theilgenommen hatten, durften ihm dorthin folgen. Dort fanden sie die beiden Leichen; die Gefangene aber war fort. »Donner und Doria, wie kommt dieser – horcht!« Auf diese Worte des Wirthes lauschten alle Vier nach unten. Da hörte man den Ruf: »Die Polizei, die Polizei. Hinten hinaus! Ueber die Mauer!« »Wir sind verloren!« stöhnte der Wirth. »Nur die Flucht kann uns retten. Schnell zum Dachfenster hinaus und beim Nachbar wieder hinein!« Martin nämlich hatte sich dem Gebote seines Herrn zufolge nach der nächstliegenden Polizeistation begeben. Dort war er mit großen Augen empfangen worden. Er hatte sich während des Ringens mit dem Hunde im Hofschmutze herumgewälzt und besaß in Folge dessen kein sehr empfehlendes Aeußere. »Was wünschen Sie?« fragte der Polizeiofficier. »Sie!« antwortete er. »Mich?« »Ja.« »Wozu? Sprechen Sie sich deutlicher aus.« »Das kann geschehen. Haben Sie vielleicht bereits gehört, daß die Comtesse von Latreau seit gestern Abend verschwunden ist?« »Närrische Frage. Natürlich wissen wir dies.« »Die Polizei sucht nach ihr?« »Natürlich.« »Haben Sie sie?« »Nein. Haben Sie etwa eine Spur von ihr?« »Nein.« »Nun, warum sprechen Sie dann über diese Angelegenheit?« »Weil ich mich ungeheuer für sie interessire. Wir haben nämlich keine Spur, sondern wir haben die Comtesse selbst.« Der Officier glaubte, es mit einem geistig gestörten Menschen zu thun zu haben; in dieser naiven Weise hatte noch Niemand mit ihm zu sprechen gewagt. »Wer sind Sie?« »Monsieur Arthur Belmonte ist mein Herr, und in Folge dessen bin ich sein Diener.« »Können Sie sich legitimieren?« »Ja, hier.« Er zog eine Karte hervor und zeigte sie dem Beamten hin. »Das reicht aus,« meinte dieser. »Aber ich bitte sehr, mir Ihr Anliegen in geordneter Weise vorzutragen.« »Wie sie wünschen, Monsieur. Ich werde also mein Anliegen in die beste Ordnung bringen, um es Ihnen vorzulegen. Da ich aber dazu wenigstens drei Tage brauche und jetzt die Zeit drängt, will ich Ihnen in aller Unordnung sagen, daß wir die Comtesse gefunden haben.« »Gefunden? Ah! Wieso?« »Gefunden und befreit.« »Wer sind diese Wir?« »Mein Herr und ich. Ist Ihnen die Boudique des sogenannten Vater Main bekannt?« »Natürlich. Dieser Mann wohnt ja in meinem Bezirke.« »Nun, bei ihm hat die Comtesse sich als Gefangene befunden. Wir haben sie soeben herausgeholt, und mein Herr schickte mich zu Ihnen, die in der Kneipe anwesende Versammlung zu arretiren.« »Können Sie mir beweisen, daß sich die Baronesse de Latreau wirklich dort befunden hat?« »Fragen Sie die Dame.« »Das erfordert so viel Zeit, daß uns bis dahin die Kerls entgehen würden.« »So lassen Sie sie ausreißen. Ich gehe auch.« Damit war er zur Thüre hinaus. Und als der Beamte ihm nachrief, that er gar nicht, als ob er es höre. Der Polizist war sich aber seiner Verantwortlichkeit bewußt. Er telegraphirte sofort an einige der nahe liegenden Bureaus nach Mannschaft, welche in Zeit von einer halben Stunde beisammen war. Aber ehe er mit diesen Leuten in den Keller eindrang, fanden die Hauptpersonen Zeit, sich in Sicherheit zu bringen. Die Festnehmung der Andern konnte zu Nichts führen. Martin hatte die Weisung erhalten, nach Hause zu gehen. Er konnte es sich aber doch nicht versagen, einen kleinen Umweg zu machen, um am Hotel des General's vorüber zu gehen. Er wollte wenigstens an der Zahl der erleuchteten Fenster sehen, welchen Eindruck die Rückkehr der Geretteten gemacht habe. Als er den Portier stehen sah, kam ihm der Appetit sich in dem Ruhme seiner Thaten zu sonnen. Er trat daher an ihn heran, grüßte sehr höflich und fragte: »Sie entschuldigen, Monsieur, gehört dieses Palais dem General, Grafen de Latreau?« Der Portier war überzeugt, eine untergeordnete Persönlichkeit vor sich zu haben; er warf sich in Aplomb und antwortete im gewichtigen Tone: »Ja, Monsieur, es gehört uns.« »Ist dies der General, dessen Tochter gestern Abend verführt worden ist?« »Verf – Sie wollen doch sagen, entführt?« »Höchst wahrscheinlich. Hat man sie noch nicht wieder?« »O ja, man hat sie wieder.« »Das ist sehr hübsch. Ist sie selbst wieder gekommen?« »Nein. Man hat sie gebracht.« »Gebracht? Hm! Da muß es ihr auswärts sehr gut gefallen haben!« »Hören Sie, Monsieur, ich wollte, das wäre bei Ihnen auch der Fall. Machen Sie wenigstens jetzt, daß Sie bald nach auswärts kommen.« »O, das hat noch gute Zeit. Ich stehe nämlich hier in Folge meines Amtes.« »Ah, so. Was sind Sie denn?« »Reporter.« »Für welches Blatt?« »Für eine türkische Zeitung in Constantinopel. Es wurde mir dorther gemeldet, daß der Sultan die Absicht habe, einige Pariserinnen mausen zu lassen. Als ich nun hörte, daß Ihnen die gnädige Comtesse abhanden gekommen ist, so dachte ich sogleich, der Sultan stäck dahinter. Nun sie aber wieder da ist, werde ich sogleich nach Constantinopel telegraphiren, daß er nicht dahinter steckt.« »Nein, der nicht. Es steckt vielmehr ein ganz obscurer Kneipenwirth dahinter. Er hat sie geraubt, um hunderttausend Franken Lösegeld zu erhalten. Das können Sie mit nach Constantinopel telegraphiren.« »Schön. Und was noch?« »Daß die Polizei zu dumm gewesen ist, sie zu finden.« »Die Polizei? Ist die hier in Paris auch dumm? Ich dachte, blos in Constantinopel. Das muß ich hintelegraphiren. Was aber noch?« »Daß ein Weinhändler die Gnädige errettet hat.« »Das ist hübsch von ihm! Das ist ein Beweis, daß es doch mitunter einen Weinhändler giebt, der ein Gefühl hat und ein menschliches Gemüth. Hat er es denn allein fertig gebracht?« »Nein. Er hat seinen Diener mitgebracht. Ohne Domestiken ist so ein Rettungswerk niemals zu vollbringen.« »Sie meinen, ohne Domestiken und Portiers. Wo stecken denn nun die beiden Retter?« »Der Diener hat sich verduftet –« »Sapperlot! Ist er so ätherisch? Das muß ich nach Constantinopel telegraphiren. Und der Herr?« »Der Herr liegt oben im Bette.« »Im Bette? Donnerwetter. Ist er so schläfrig?« »Krank.« »Krank? Was fehlt ihm?« »Ein Hund hat ihm den Arm zerbissen. Er hat viel Blut verloren, ohne es zu bemerken. Es muß ihm eine Ader, ein Arterium oder ein Ven – Ven –« »Sie meinen, daß ihm eine Krampfader in die unrechte Kehle gekommen ist?« »Ja ja, so wird man es wohl nennen. Er ist droben bei uns umgefallen, und man hat nach dem Arzt gesandt, der soeben bei ihm ist.« »Ist das Wahrheit oder auch so eine Krampfaderfistel?« »Wahrheit.« »So muß ich schleunigst hinauf.« Er wollte fort; aber der Portier faßte ihn und hielt ihn zurück. »Was wollen Sie oben? Sie gehören nicht hinauf!« meinte er. »Oh doch. Ich bin nämlich der verduftete Diener, ohne den so ein Rettungswerk gar nicht unternommen werden kann.« Damit riß er sich los und eilte die Treppe empor. Er kam gerade zur rechten Zeit, beim Anlegen des Verbandes mit zu helfen. Sodann wurde er zu dem General gerufen. Diesem war es lieb, zu hören, daß der Diener Belmonte's da sei. Von Martin konnte er Aufklärung über Alles erhalten; besonders auch über Sally, welche mit der Comtesse gekommen war, ohne daß man ihren Antheil an der rettenden That genau kannte. Martin erzählte Alles, so daß der General nun ganz genau unterrichtet war; dann begab er sich zu seinem Herrn, den er im tiefen Schlafe fand. Man bot ihm ein Zimmer an; er aber lehnte es ab. Er wußte seinen Herrn in guter Pflege und beschloß daher, nach Hause zu gehen und bei dieser Gelegenheit einmal bei seinem Schwälbchen vorüber zu gehen. Er bemerkte bereits von Weitem, daß ihre Wohnung erleuchtet sei. Das Fenster stand offen; sie selbst aber war nicht zu sehen. Er machte einen Versuch und klatschte in die Hände. Richtig, er hatte sich nicht verrechnet. Das kleine Köpfchen erschien oben im Rahmen des Fensters. »Pst!« machte er es hinauf. »Bruder?« fragte sie hinunter. »Nein, Martin!« »Ah! Ich komme.« Es dauerte nicht lange, so wurde die Hausthür geöffnet. »Endlich! Endlich!« flüsterte sie ihm entgegen. »Hast Du meine Karte gefunden?« »Ja. Galt sie denn mir?« »Freilich. Komm, sage mir guten Abend und laß Dich küssen!« Er wollte sie an sich ziehen; sie aber wehrte ab und sagte: »Halt! Noch nicht! Erst muß ich wissen, warum Du mir nicht Wort gehalten hast! Erst ladest Du mich ein, und dann, wenn ich komme, so bist Du ausgeflogen.« »Wie es die Schwalben zu machen pflegen.« »Aber doch nicht ohne Grund!« »Nein.« »Welches war der Deinige?« »Die Liebste war uns abhanden gekommen.« »Die Liebste? Uns? Wer ist denn da gemeint?« »Wir, nämlich ich und mein Herr.« »Ihr habt also eine Liebste mit einander?« »Na, so wörtlich doch nicht; aber mein Herz ist sein Herz und mein Rock ist sein Rock; bei uns ist Alles unser. Hast Du denn nicht von der Comtesse de Latreau gelesen?« »O, doch! Ich bedaure sie sehr. Man sagt, daß sie ebenso schön wie reich, und ebenso reich wie gut sei.« »Ja, gut scheint sie zu sein, sehr gut. Sie hat keinen einzigen Mux gethan, als mein Herr sie auf seine Arme nahm.« »Dein Herr? Auf seine Arme?« »Nun ja. Das mußte er doch thun, wenn wir sie retten wollten.« »Ihr habt sie gerettet, Ihr?« »Freilich! Eben darum war ich nicht zu Hause.« »Dann, o dann bist Du entschuldigt. Aber erzähle es schnell, wie es gekommen ist, daß gerade Ihr sie gerettet habt.« »Ich werde es Dir erzählen, droben auf dem Sopha, weißt Du, auf dem wir gestern saßen.« »Wollen wir uns abermals in solche Gefahr begeben?« »Ja. Wenn ich nur bei Dir sein darf, so krieche ich ganz gern unter den Tisch.« »So komm! Wollen es versuchen!« Droben angekommen, blickte Martin zunächst in das Arbeitszimmer des Secretärs. »Hier herein stecke ich mich nicht wieder,« meinte er. »Ah, dort liegt das Papier, welches er gestern mitbrachte.« »Nein,« antwortete sie. »Das gestrige war das falsche; er hatte es bereits einmal auf's Reine geschrieben. Heute früh merkte er es und hat sich dann am Mittag das Richtige mitgebracht.« »Darf ich es mir einmal ansehen?« »Warum nicht? Ganz gern.« Das Heftchen war lange nicht so voluminös wie das gestrige. Er schlug es auf und las den Titel: »Ueber die Anwendung der französischen Kriegsmarine bei dem Kampfe gegen Preußen und Süddeutschland.« Er setzte sich mit dem Hefte zu der Lampe und überflog den Inhalt. Sie verzog das Gesichtchen zu einem leichten Schmollen und sagte: »Sprachst Du nicht von einem Kusse? Und nun geht dieses Papier vor!« »Nein, der Kuß geht vor; Du gabst mir keinen. Sei mir nicht bös, liebes Kind. Ich finde hier gerade Etwas, was für mich von großem Werthe ist.« Da schlang sie die Arme um ihn, legte ihm ihr Köpfchen an die Schultern und fragte: »Was dürfte für Dich von größerem Werthe sein als ich?« »Nichts, gar nichts. Aber gewisse Werthe giebt es doch immerhin auch außer Dir.« »Nun, was denn zum Beispiel?« »Diese Ziffern hier, mein Kind.« »Ziffern? O weh! Wie können so häßliche Dinge für Dich so werthvoll sein!« »O, für Dich ebenso wie für mich.« »Wieso?« »Hätte ich diese Ziffern, so könntest Du mein Weibchen noch viel früher werden als ohne sie.« »Das begreife ich nicht.« »Darum muß ich es Dir erklären. Die Marineschiffe sollen nämlich nächstens verproviantirt werden. Zum Proviante und auch zu den Medicamenten nun gehört Wein. Unser Chef nun hat sich bei der ausgeschriebenen Concurrenz mit gemeldet. Keinen der Concurrenten ist es gesagt worden, um welche Vorräthe, um welches Quantum es sich eigentlich handelt. Dürfte ich mir diese Ziffern abschreiben, so wüßten wir das Quantum, könnten eine billige und genaue Veranschlagung aufstellen und würden ganz gewiß die Lieferung bekommen.« »Und das wäre auch ein Vortheil speziell für Dich?« »Natürlich. Der Chef kann diese Aufstellung nur durch diese meine Beihilfe machen. Eine Extragratification oder die Stipulation eines Prozentsatzes vom Gewinne würde mir sicher sein.« »Das wäre schön, sehr schön!« »Natürlich! Je eher die Schwalben ihr Baumaterial finden, desto eher wird ihr Nestchen fertig.« Sie nickte höchst einsichtsvoll mit dem Köpfchen, fragte aber doch: »Ist es denn erlaubt, solche Sachen abzuschreiben?« »Wem könnte es Etwas schaden?« »Aber meinem Bruder dürfte ich es dennoch nicht sagen.« »Warum?« »Er hat mir streng, sehr streng befohlen, seine Scripturen keinem Menschen zu zeigen.« »Das ist traurig!« »O, mit Dir werde ich doch eine Ausnahme machen, zumal da Du so großen Vortheil davon hast. Willst Du Papier haben?« »Ja. Aber wenn er inzwischen kommt?« »Ich riegle von innen zu. Bis ich ihm dann öffne, haben wir Alles in Ordnung gebracht.« »Gut, mein Herzchen! So werde ich sogleich beginnen. Ist man dann fertig, plaudert es sich desto besser.« – Am andern Morgen kam Martin nach dem Palais des Generales, um seinem Herrn einen anderen Anzug zu bringen. Bei dieser Gelegenheit legte er ihm die neu gewonnene Abschrift vor. Belmonte warf einen Blick auf dieselbe. Seine Wangen rötheten sich noch tiefer, wie es gewöhnlich bei freudigen Anlässen bei ihm zu geschehen pflegte. »Mensch, Du bist mir ein Räthsel!« rief er aus. »Woher hast Du nun wieder dieses hochwichtige Stück?« »Aus meiner Quelle, Monsieur Belmonte.« »Aus der Quelle, welche Alice heißt?« »Ja. Ihr Bruder hatte es da liegen.« »Welche Unvorsichtigkeit! Sie Alle sind werth, gehangen zu werden, dieser Secretär, dieser Graf Rallion und Alle, die bei und mit ihnen beschäftigt sind. Schreibe es sofort aufs Reine! Du bist ein wahrer Liebling des Glückes. Man wird gar nicht umhin können, seiner Zeit sich Deiner zu erinnern. Einige Zeit später ließ er anfragen, ob der General geneigt sei, ihn zur Morgenvisite zu empfangen, und erhielt sofort eine zustimmende Antwort. Er warf einen Blick in den Spiegel und durfte mit sich zufrieden sein. Daß er den linken Arm in der Binde trug, konnte ihm in den Augen des Generales doch nur Relief verleihen. Als er bei demselben eintrat, fand er seine Enkelin bei ihm. Sie war entzückend schön. Die körperlichen und seelischen Leiden des letzten Tages hatten sie angegriffen. Die Stricke, in denen sie fast ebenso sehr gehangen wie gestanden hatte, mochten ihr zartes Fleisch verletzt haben; aber der lebhafte Glanz ihres Auges bewies, daß sie sich bereits auf dem Wege der Erholung befinde. Ein dünnes, weißes Morgenkleid, von Rosaschleifen vorn zusammen gehalten, umhüllte ihren Körper. Sie lag wie ein Engel in dem bequemen Fauteuil. Arthur hätte vor ihr hinknieen können, um sie anzubeten. Der General erhob sich, sobald er ihn erblickte und kam ihm entgegen. Er gab ihm in offener Freundlichkeit die Hand und sagte: »Willkommen, Monsieur Belmonte. Verzeihen Sie Ella, daß sie sich nicht erhebt! Ich habe sie gebeten, sich zu schonen.« Arthur machte ihr eine Verbeugung, welche selbst eine Französin tadellos nennen mußte. Als er näher trat, reichte sie ihm ihr Händchen entgegen. »Mein Retter!« sagte sie, mehr flüsternd als sprechend. In diesem Augenblicke schien ihr schönes Gesicht nicht Fleisch und Blut, sondern nur ganz Seele, ganz Gemüth zu sein. Und doch lag eine tiefe, tiefe Röthe auf demselben, denn bei dem Worte Retter mußte sie natürlich zuerst an den Augenblick denken, an welchem er bei ihr eingetreten war, und an das Derangement, welches ihre Toilette dabei gezeigt hatte. Er beugte sich tief, sehr tief nieder, als ob sie eine Königin sei, ergriff das dargebotene Händchen, um es ehrfurchtsvoll an seine Lippen zu drücken, und antwortete: »Den tiefsten, den allertiefsten Dank, Comtesse!« Sie warf einen schnellen Blick zu ihm empor, als habe sie ihn nicht verstanden; aber sogleich wußte sie auch, was er meinte. Er bedankte sich, daß er hatte ihr Retter sein dürfen. Das war das größte Compliment, welches er ihr machen konnte. Die herzliche Dankbarkeit, welche Großvater und Enkelin beseelte, half gedankenschnell über das Formelle und Steife einer ersten Vorstellung hinweg. Er mußte erzählen, wie er zu der Ahnung gekommen sei, daß die Vermißte sich in der Spelunke befinde, die er nur aus geschäftlichen Rücksichten betreten haben konnte. Er berichtete dann weiter. Er that, als ob man ihm und Martin nicht den mindesten Dank schulde und suchte nur allein das, was die Kellnerin gethan hatte, in das rechte Licht zustellen. Sein Vortrag war fließend und von jenen ästhetischen Wellen getragen, welche nur dem Seelenleben eines hochgebildeten Geistes eigen sein können. Beide hörten ihm mit Spannung zu und blickten, als er geendet hatte, einander an, als wollten sie sich fragen: »Ist das wirklich ein Weinhändler? Man möchte Alles darauf wetten, daß er etwas Anderes, Besseres, weit Distinguirteres sei.« Der Graf nickte sodann leise vor sich nieder und sagte: »Sie sind nicht nur ein kühner, scharfsinniger und gewandter Mann, sondern, was bei mir noch mehr gilt, auch ein guter Mensch. Ihre Schilderung dieser Sally hat mich tief gerührt. Sie soll einstweilen bei mir bleiben, und dann werde ich reichlich für sie sorgen. Wie aber soll ich Ihnen dankbar sein?« Da schüttelte Ella das holde Köpfchen und sagte: »Das ist unmöglich, Papa. Er hat für mich sein Blut vergossen; er ist für mich zum Märtyrer geworden!« »Und ich habe ihm mit Undank gelohnt; ich habe ihn schwer beleidigt und gekränkt, indem ich ihm kein Vertrauen schenkte. Das ist eine Sünde, welche kaum vergeben werden kann. Ich darf Ihnen nur das Wort, aber nicht die That des Dankes anbieten. Und ich erhöhe meine Schuld, indem ich Sie dringend ersuche, sich meines Arztes und zwar in meinem Hause zu bedienen.« Fortsetzung 58 Arthur verbeugte sich abermals vor ihm und antwortete: »Excellenz, dieser Vorschlag ist ein Zeichen großer Herzensgüte und ehrt mich weit über mein geringes Verdienst. Dennoch würde ich, um richt undankbar zu erscheinen, denselben acceptiren, wenn ich nicht gezwungen wäre, bereits morgen Paris zu verlassen.« »Ah, Sie bleiben nicht hier! Aber macht nicht Ihre Wunde eine Verlängerung Ihres hiesigen Aufenthaltes nothwendig? Sie haben sie zu pflegen und zu erholen.« »Die Verwundung ist keineswegs gefährlich. Es war nur der Blutverlust und vielleicht die Verletzung eines hervorragenden Nerven, welche mir das Bewußtsein raubten.« »Ich ersuche Sie, diese Sache nicht leicht und meine aufrichtig gemeinte Einladung nicht für eine bloße Höflichkeit zu nehmen!« »Auch ich schließe meine Bitte Papa's Wünschen an,« sagte Ella, indem sie ihr schönes Auge mit freundlicher Sorge auf seinem Angesichte ruhen ließ. »Ich kann unmöglich zugeben, daß mein Retter einer erneuten Gefahr entgegen geht nur aus dem Grunde, weil er vielleicht denkt, daß unsere Einladung nur ein kaltes Ergebniß der gesellschaftlichen Sitte sei.« Diese Worte thaten ihm wohl, aber dennoch sah er sich gezwungen, abzulehnen. Er war nicht Herr seiner Zeit; er hatte dringende Aufgaben zu lösen und durfte einer nicht gefährlichen Verwundung wegen keine seiner Pflichten versäumen. Darum antwortete er: »Ich bin überzeugt, daß Ihre Güte ein Ausfluß Ihres aufrichtigen und wohlwollenden Herzens ist; aber ich bin leider nicht im Stande, frei über mich und meine Zeit zu verfügen. Ich bin von meinem Prinzipale mit dem Abschlusse sehr wichtiger geschäftlicher Verbindungen beauftragt, auf deren Zustandekommen die Versäumung weniger Stunden verhindernd einwirken kann. Meine Abreise war für morgen festgesetzt, und ich sehe mich wirklich und leider ganz außer Stande, eine Aenderung dieser Disposition aus eigenmächtigem Entschlusse eintreten zu lassen.« »Nun, wir haben kein Recht, in Sie zu dringen,« meinte der General; »doch, wenn wir jetzt auf Sie verzichten müssen, so hoffen wir doch, Sie baldigst wiederzusehen.« »Ich werde bei meiner Rückkehr nach Paris nicht versäumen, mir Ihre Befehle einzuholen, gnädiger Herr.« »Wir werden uns freuen, Sie bei uns zu sehen; doch muß ich Ihnen sagen, daß wir für die Sommermonate einen anderen Aufenthalt gewählt haben. Wir pflegen uns bereits seit Jahren um diese Zeit auf Gut Fleurelle bei Etain zurückzuziehen. Wohin werden Sie von hier aus gehen?« »Nach Metz.« »Ah, nach Metz! Sie beabsichtigen dort Verkäufe?« »Ich hoffe, dort einige größere Bestellungen zu erhalten.« »Haben Sie bereits Verbindungen dort?« »Noch nicht.« »Nun, so kann ich vielleicht, wenn Sie es gestatten, Ihnen behilflich sein. Welche Weine führen Sie?« »Meist die Sorten von Roussillon.« »Ich kenne sie nicht. Sind sie gut?« »Sehr! Besonders der weiße Maccabeo. Die rothen Sorten sind gedeckt, dick und von außerordentlich schöner Farbe.« »Eignen sie sich für medizinische und Verpflegungszwecke.« »Außerordentlich, Excellenz. Ich kann zum Beispiel für Reconvalescenten den Maccabeo dringend empfehlen.« »Das freut mich sehr. Ich habe einen Freund, den General Coffiniéres in Metz. Er ist zum Gouverneur dieser Festung ernannt worden. Man scheint Gründe zu haben, die dortigen Magazine zu füllen, und Sie wissen, daß zur Verproviantirung eines solchen Platzes auch das Anschaffen der nöthigen Weine gehört. Dürfte ich Ihnen eine Empfehlung an den General zur Verfügung stellen?« Dieses Anerbieten war von außerordentlichem Vortheile für Belmonte. Er verbeugte sich zustimmend und antwortete: »Wie könnte ich eine solche Güte von mir weisen! Ich bin entzückt, mir dadurch die Erfüllung meiner geschäftlichen Pflichten so bedeutend erleichtert zu sehen!« In diesem Augenblicke wurde das Gespräch unterbrochen. Ein Diener trat ein und überreichte dem Grafen eine Karte, auf welcher der Name »Mr. Nathanael Robinson, Reporter,« zu lesen war. »Ein englischer Reporter, welcher Nathanael Robinson heißt?« fragte er verwundert. »Ich kenne ihn nicht. Was will er?« »Ich versuchte, ihn abzuweisen,« erklärte der Diener; »er aber ging nicht von der Stelle. Er sagte, daß er augenblicklich und zwar sehr Wichtiges mit Ihnen zu sprechen habe.« »Wie ist seine äußere Erscheinung?« Der Diener zuckte beide Achseln und antwortete: »Er scheint durch und durch Engländer zu sein, gnädiger Herr!« »Ah, das giebt einen kleinen Scherz. Er mag eintreten!« Da erhob sich Belmonte, um zu gehen, aber der General hielt ihn mit den Worten zurück: »Bitte, bleiben Sie! Ein englischer Reporter ist nicht der Mann, dem der Retter meiner Enkelin auszuweichen hätte.« Da wurde die Thür geöffnet, und der Reporter trat ein. Er war lang und außerordentlich hager. Er trug, ganz entgegengesetzt dem englischen Carrée oder Lieblingsgrau, einen feinen schwarzen Salonanzug: Frack, Hose, weiße Weste und gelbe Cravatte: aber die Hosenbeine steckten in riesigen grauen Gamaschen; aus dem Fracke hing links der Zipfel eines roth baumwollenen Taschentuches, und rechts blickte unter dem langen Schößel eine lange Papierrolle hervor. Ueber dem Fracke trug er an einem Riemen das Futteral irgend eines optischen Instrumentes, vielleicht Fernrohr, Krimstecher oder Opernglas. Der Hals konnte, obgleich lang und dünn, nicht gesehen werden, weil zwei geradezu colossale Vatermörder ihn bedeckten. Ganz dieselbe Form wie diese Vatermörder hatte auch die Nase, welche wie ein schroffes, gefährliches Vorgebirge aus dem schmalen, scharfen Gesichte sprang. Zwei Bartcotteletten hingen beinahe bis auf die Brust herab, und auf dem jedenfalls ganz kahlen Kopfe trug er einen hohen Cylinderhut, so weit nach hinten geschoben, daß man zu befürchten hatte, er werde im nächsten Augenblicke herabstürzen. Der sonderbare Mann dachte gar nicht daran, diese balancierende Kopfbedeckung abzunehmen. Als er jetzt eintrat, trug er in der linken Hand ein offenes Notizbuch, in der Rechten einen Bleistift und unter dem Arme seine sehr umfangreiche Maschinerie, welche zunächst das Aussehen eines Regenschirmes, aber auch noch andere Bedeutung zu besitzen schien. » Good morning – guten Morgen!« grüßte er mit schnarrender Stimme und in einem höchst vertraulichen Tone. Es war, als ob er sich nicht bei einem General und Grafen, sondern bei unter ihm stehenden Leuten befinde. Dabei betrachtete er sich erst den Hausherrn, dann Belmonte und endlich auch die Comtesse in einer Weise, als ob er sich in einer Schaubude befinde, in welcher Menschenfresser zu sehen seien. »Guten Morgen!« antwortete der Graf, indem er sich Mühe gab, ein lautes Lachen zu unterdrücken. »Was wollen Sie?« » Are You the General von Latreau?« »Ja, der bin ich.« » I am the Master Nathanael Robinson. « »Schön! Was weiter, mein Verehrtester?« »Reporter.« »Welches Blattes?« » Of the Lloyds Weekly London Newspaper. « »Auf Lloyds Wochenzeitung in London? Viel Ehre, Master Robinson. Welche Absicht führt Sie zu mir?« » I am willing to interview. « »Ah, Sie wollen mich interviewen? In welcher Angelegenheit?« » You have a daughter – Sie haben eine Tochter?« »Ja.« »Well! Darf ich sie einmal sehen?« »Hier sitzt sie.« Bei diesen Worten deutete der Graf auf seine Enkelin. Der Engländer öffnete langsam sein Lederfutteral. Jetzt sah man, daß es ein längeres Fernrohr und einen Krimstecher enthielt. Er nahm diesen Letzteren hervor und führte ihn an die Augen, um Ella durch die Gläser zu betrachten. » Yes! « sagte er dann. »An immense beautiful and interesting girl – ja, ein ungeheuer schönes und interessantes Mädchen.« Er nickte zufrieden vor sich hin, steckte den Krimstecher wieder in das Futteral und fragte dann den Grafen weiter: »Sie ist geraubt worden?« »Ja.« »Des Lösegeldes wegen?« »Ja.« »Ein junger Mensch aber hat sie wieder befreit?« »So ist es.« »War es ein Liebhaber von ihr?« Eine tiefe Gluth bedeckte in diesem Augenblicke das Gesicht des reizenden Mädchens. Sie warf ihrem Großvater einen Blick zu, welcher ihm deutlich sagte, daß sie es nicht verstehen könne, warum der Engländer die Erlaubniß erhalten habe, hier in dieser Weise seine Erkundigungen einzuziehen. Der General fühlte den Vorwurf heraus; aber er war Soldat und als solcher der Freund eines Scherzes, der sich allerdings innerhalb gewisser Grenzen zu halten hatte. »Hier sitzt der Herr, welcher sie gerettet hat,« antwortete er auf Belmonte zeigend. Augenblicklich nahm der Englishman seinen Krimstecher wieder hervor, um sich den ihm Bezeichneten zu betrachten, und wendete sich dann direct an diesen mit der Frage: » Well! Was sind Sie?« »Reporter,« antwortete Belmonte, schnell gefaßt. » Zounds – Donnerwetter. Für welches Blatt?« »Für den Djeridei Havadis.« »Den kenne ich nicht.« »In Constantinopel.« »Oh, ah! Wie heißen Sie?« »Mulei-Ben-Hamsa-Spleen-John-Nathanael-Bull.« Der Engländer horchte auf. Er fixirte den Sprecher scharf, um zu ergründen, ob derselbe ernst geantwortet habe. Dann fragte er: »Sie werden den Raub auch in Ihrem Blatte berichten?« »Natürlich.« »Erzählen Sie mir Alles. Ich werde schreiben.« Er sah sich nach einem Stuhle um; da ihm aber keiner angeboten wurde und es ihm als Engländer gar nicht einfiel, einen Sitz zu benutzen, den man ihm nicht höflich angetragen hatte, so zog er die Maschinerie unter dem Arme hervor und sagte: » This is my umbrella-, musik- and smoking-chair! « Also ein Regenschirm-, Musik- und Rauchstuhl war das Instrument. Er legte es auseinander. Es kamen drei Beine und ein Sitz zum Vorschein, über welchem sich der Schirm ausspannte. Der Stock dieses Schirmes war hohl und diente als Pfeifenrohr, während unter dem Sitze sich der Kopf für den Tabak befand. Sobald der Engländer den Sitz berührte, ertönte neben diesem Kopfe die englische Nationalhymne unter dem Sitze hervor. Es war da eine Spieldose angebracht. Master Nathanael Robinson warf einen unendlich stolzen Blick auf die drei anwesenden Personen und bemerkte: »So Etwas ist nur in Old England zu bekommen! Also, ich werde jetzt schreiben. Erzählen Sie!« Er saß so ungenirt auf seinem Feldstuhle, als ob er sich draußen unter freiem Himmel befinde, hielt Bleistift und Notizbuch in den Händen und wartete auf Belmonte's Antwort, die ihm seiner Ansicht nach gar nicht vorenthalten werden konnte. Der Gefragte aber zuckte die Achsel und erklärte: »Sie werden Ihre Erkundigungen wohl an einem anderen Orte einziehen müssen, Master Robinson!« »An einem anderen Orte? Warum?« fragte der Engländer, indem er ganz erstaunt aufblickte. »Weil nicht anzunehmen ist, daß Excellenz, der Graf von Latreau, in seinem Salon ein Auskunftsbureau unterhält.« »Wer sagt das! Ich komme nur, um zu interviewen!« »Wenn alle Zeitungen ihre Reporter schicken wollten, nähme die lästige Störung gar kein Ende!« »Aber ich komme ja gar nicht im Auftrage aller Zeitungen! Ich schreibe nur für Lloyds Weekly London Newspapers! « »Excellenz verzichtet, an Reporter Auskunft zu ertheilen, und es kann da keine Ausnahme gemacht werden.« »Herr, ich bin Englishman!« »Das ändert nichts an der Sache. Begeben Sie sich nach dem Polizeibureau dieses Bezirkes, in welchem die Thäter wohnten. Dort werden Sie Alles erfahren.« »Wo liegt dieses Bureau?« »Ich glaube, in der Rue des Poissonièrs.« » Well! Ich werde gehen. Ich werde aber auch in meinem Blatte die Thatsache veröffentlichen, daß man hier einem Englishman die Auskunft verweigert hat!« »Thun Sie das immerhin! Diese Bemerkung verlängert Ihren Bericht und vergrößert also das Honorar, welches Sie zu fordern haben werden!« Der Engländer packte seinen Musikstuhl zusammen, steckte Notizbuch und Bleistift in die Tasche und meinte dann: »Ich werde doch noch Alles erfahren! Good b'ye – gehabt Euch wohl!« Er wollte gehen, drehte sich aber, als er bereits an der Thür angekommen war, noch einmal um und fragte: »Könnte ich denn nicht wenigstens die Photographieen der geraubten Dame und ihres Befreiers erhalten? Wir würden darnach Holzschnitte anfertigen lassen und die Bilder dann veröffentlichen.« »Danke, Mylord!« lachte der Graf. »Wir verzichten auf diese Ehre, in Old England so bekannt zu werden.« » Well! Ich werde die Portraits doch noch erhalten!« Er ging. Diese eigenthümliche oder vielmehr komische Scene hatte den drei Personen eine ganz andere Stimmung ertheilt. Der General lachte herzlich; Belmonte stimmte ein, und Ella mußte auch zugestehen, daß dieses Intermezzo mehr lächerlich als beleidigend zu nehmen sei. Die englische Nation, welche ihre Angehörigen so prätensiös zu erziehen pflegt, hatte keinen Grund, sich auf diesen Repräsentanten viel einzubilden! Belmonte dachte allerdings nicht, daß er diesen Mann noch öfters und zwar unter höchst ungewöhnlichen Umständen wiedersehen werde. Nach einer nur noch kurzen Unterhaltung verabschiedete sich Arthur. Er konnte nicht zurückgehalten werden, mußte aber fest versprechen, daß er vor seiner Abreise noch wiederkommen werde, um sich den Brief an den Gouverneur von Metz einhändigen zu lassen. Er wurde in der Equipage des Grafen nach seiner Wohnung gebracht. Dort angekommen, fand er seinen Martin noch bei der Arbeit, um die Reinschrift zu beenden. Dieser saß im vorderen Zimmer, er selbst begab sich in das seinige, um einige nothwendige Briefe abzufassen, welche noch heute zur Post gelangen sollten. Er war mit dieser Arbeit noch nicht zu Ende, als er einen Wagen unten an der Thür halten hörte; gleich darauf klingelte es draußen an der Vorsaalthüre. Nach wenigen Augenblicken trat Martin zu ihm herein und meldete: »Eine Dame will mit Ihnen sprechen, Herr Belmonte.« »Eine Dame? Ich wüßte keine Dame, welche Veranlassung hätte, mich zu besuchen!« »Ich auch nicht,« lachte der Diener naiv. »Ist sie alt oder jung?« »Weiß es nicht. Sie geht tief verschleiert.« »Wie heißt sie?« »Das hat sie nicht gesagt.« »Wie ist sie gekleidet?« »Fein, in Seide. Auch ihre Haltung, ihre Sprache zeigt, daß sie nichts ganz Gewöhnliches ist.« »Sapperlot, Martin, Du scheinst Erfahrung zu besitzen!« »Ja, man profitirt bei Ihnen viel, sehr viel. Soll ich sie einlassen?« »Natürlich! Eine Dame darf man nicht abweisen.« Martin öffnete mit einer tiefen Reverenz die Thür, ließ die Erwartete eintreten und entfernte sich dann. Sie machte Belmonte eine kleine aber höchst elegante Verbeugung. Er erwiderte dieselbe, und zwar unwillkürlich in ehrfurchtsvoller Weise. Er hatte sich erhoben und betrachtete diese wirklich distinguirte, vornehme Erscheinung. Sie trug ein schwarzes Seidenkleid von einfachem Schnitt; aber der Stoff dieses Kleides war schwer und jedenfalls ungewöhnlich theuer. Sie machte ganz den Eindruck, als ob sie eine Angehörige der höchsten Aristokratie sei. Er reichte ihr einen Stuhl, ohne aber das Gespräch zu beginnen. Sie nahm Platz, fixirte ihn durch den doppelt gelegten Schleier hindurch, welcher nicht gestattete, ihre Züge deutlich zu erkennen, und fragte dann mit einer Stimme, die einen ganz eigenen, fremdartigen Klang hatte: »Sie sind von meinem Besuch in Verlegenheit, Monsieur?« »Nein. Ich stehe überhaupt allein.« »Also keine Verwandten,« nickte sie befriedigt. »Aber vielleicht sind Sie verheirathet?« »Ich habe noch nicht dieses beneidenswerthe Unglück gehabt.« »Oder verlobt?« »Auch nicht.« »Ist Ihr Herz völlig frei?« Das war eine eigenthümliche Frage. Diese Dame war ihm völlig unbekannt; sie hatte ihm nicht einmal ihren Namen genannt, und er war so rücksichtsvoll gewesen, nicht nach demselben zu fragen. Und nun diese Erkundigung. Er lehnte sich mit dem Rücken an den Tisch, schlug die Arme über der Brust zusammen, blickte ihr voll und fest entgegen und antwortete: »Auch mein Herz ist noch nicht in Banden geschlagen. Sind diese sehr privaten Erkundigungen der Zweck Ihrer Gegenwart, Madame?« »Ja, sonst würde ich sie nicht ausgesprochen haben. Wie ich höre, sind Sie ein eifriger Besucher der großen Oper?« »Allerdings.« »Sie sind dort gesehen worden. Sie sind ein schöner Mann, und man hat Sie bemerkt; man ist aufmerksam auf Sie geworden.« Jetzt begann er nicht nur zu ahnen, sondern er wußte sogar bestimmt, um was es sich handle. Es galt ein Liebesabenteuer, jedenfalls mit einer verheiratheten Frau. Er nahm daher eine etwas reservirte Haltung an und verneigte sich, ohne zu antworten. »Man hat den Wunsch, Sie kennen zu lernen,« fuhr sie fort. Abermals stumme Verneigung. »Ja, man hat sogar den Entschluß gefaßt, Sie von diesem Wunsche zu unterrichten.« Sie hatte die letzte Bemerkung mit einer etwas erhobenen Stimme gemacht, wie um seine ganze Aufmerksamkeit auf dieselbe zu richten. Er hielt jetzt das männlich schöne Gesicht dem Fenster zugewendet. Er blickte nachdenklich hinaus. Er hielt die Augen ein ganz klein wenig zusammengekniffen, so wie man es macht, wenn man auf zweifelhafte Gedanken stößt. Sodann wendete er sich schnell um und fragte: »Wer ist es, der mich bemerkt hat?« »Eine Dame.« »Sie sind ihre Botin? Oder sind Sie es selbst?« Die Gefragte ließ ein leichtes Räuspern hören und antwortete: »Ich bin nur die Vermittlerin.« »Was haben Sie mir zu sagen? Was ist die Absicht dieser Dame?« »Sie wünscht Ihren Besuch. Sie wünscht Sie einmal bei sich zu sehen.« »Das ist sehr angenehm und ehrenvoll für mich; darf ich vielleicht den Namen erfahren, Madame?« »Jetzt allerdings noch nicht,« antwortete sie. Sie streifte, wie spielend, den Handschuh ab, und nun erblickte Arthur ein wunderbar schönes, zartes und doch volles Händchen, an dessen Fingern einige Steine im Werthe von Hunderttausenden blitzten. »Also auch die Adresse nicht?« »Nein.« »Ist sie verheirathet?« »Hierüber habe ich ebenso zu schweigen.« »Aber sie will mich kennen lernen! Auf welche Weise soll das geschehen, wenn ich weder ihren Namen noch ihre Wohnung zu erfahren vermag? Will etwa sie es sein, die mich besucht?« »Auch dies ist nicht der Fall. Zunächst habe ich nur zu fragen, ob Sie bereit sein werden, die persönliche Bekanntschaft dieser Dame zu machen?« »Wohl schwerlich, Madame. Ich muß danken!« »Ah, wirklich?« fragte sie im Tone der Ueberraschung. »Ja. Ich liebe Aufrichtigkeit und habe meine Bekanntschaften stets bei offenem Visire gemacht.« »Aber, Monsieur, das ist hier in diesem Falle ja gar nicht möglich.« »Eben darum thut es mir zwar unendlich leid, aber ich sehe mich nicht im Stande auf Ihre Offerte einzugehen.« »Mein Herr, die Dame ist reich, sehr reich.« »Das tangirt mich nicht.« »Sie ist sehr schön.« »Ist sie so schön wie Sie, Madame?« Er ergriff dabei das schöne Händchen und zog es an die Lippen. Sie ließ dies ruhig geschehen und antwortete: »Viel, viel schöner als ich, Monsieur.« »Das ist unmöglich.« »Wie können Sie das wissen? Sie haben mich noch gar nicht gesehen!« »O doch. Ich sehe dieses wunderbare, alabasterne Händchen; ich höre den Klang Ihrer Stimme; ich erkenne die Liebe athmenden Formen Ihrer reizenden Gestalt – – Sie sind schön.« »Aber dennoch muß ich zugeben, daß die Dame, welche mich sendet, noch schöner ist.« »Dann ist sie nicht ein Engel allein, sondern ein Seraph. Ueber den Stand, welchem sie angehört, haben Sie wohl das tiefste Schweigen zu bewahren?« »So ist es. Ich darf Ihnen nur verrathen, daß die Liebe, welche Sie zu erwarten haben, an keinem niedrigen Orte für Sie blüht.« Er schüttelte abermals nachdenklich den Kopf und sagte: »Und dennoch widerstrebt es meinem Charakter und aller meiner Lebensanschauung. Man verkehrt nur mit Personen, welche Einem offen gegenüber treten.« »Selbst wenn diese Personen Damen sind?« »Selbst dann.« »Fürchten Sie sich etwa? Besorgen Sie irgend eine Hinterlist?« Ihre Stimme hatte bei diesen Worten die allerdings kaum hörbare Spur eines malitiösen Klanges angenommen. »Sie irren!« antwortete er ruhig. »Von Furcht ist keine Rede.« »Und dennoch zögern Sie? Ja, man hat sich nach Ihnen erkundigt. Man hat in Erfahrung gebracht, daß Sie – Weinhändler sind. Das heißt doch, daß Sie Kaufmann sind – ein höchst prosaisches Gewerbe. Es ist da nicht zu verwundern, daß Sie rechnen und calculiren, während ein Anderer sein Glück schnell ergreifen würde. Wären Sie Officier, wozu Sie äußerlich das ganze Zeug zu haben scheinen, Sie würden eine schöne, reiche und vornehme Dame, welche Ihre Bekanntschaft machen will, nicht einen Augenblick warten lassen.« »Sie irren abermals,« antwortete er achselzuckend. »Ich bin Officier, trotzdem ich jetzt während meines zur Dispositionstehens die mir gehörige Zeit in prosaischer Weise, wie Sie sich auszudrücken belieben, zu verwerthen suche.« »Officier?« fragte sie rasch. »Ein Weinhändler, Officier?« »Ja, Madame. Sie denken nicht an den Umstand, daß in Frankreich jeder junge, zwanzigjährige Mann, wenn er gesund ist, in die Armee treten kann, und daß er dann die Officiersepauletten und den Marschallstab in der Tasche trägt!« »Ah, wo standen Sie?« »In Marseille.« »Bei welcher Truppengattung?« »Bei der Cavallerie. Ich bin sogar als Lieutenant Mitglied des Conseil de guerre gewesen.« »Und dennoch zögern Sie, galant gegen eine Dame zu sein.« »Ich habe für jede Dame die möglichste Aufmerksamkeit; aber kennen und sehen muß ich sie.« Und unter einem ausdrucksvollen Lächeln fügte er hinzu: »Wie nun, wenn ich käme und fände sie nicht nach der Beschreibung, welche Sie mir von ihr gemacht haben!« Fortsetzung 59 »Sie brauchen keine Sorge zu haben, Monsieur Belmonte. Ich garantire Ihnen dafür, daß meine Schilderung treffend ist,« versicherte die Fremde. »Und worin besteht diese Garantie, Madame?« Ihr Händchen zuckte durch die Perlfransen ihres Kleides, und es währte eine Weile, ehe sie sich näher um die verlangte Garantie erkundigte: »Wie denken Sie sich dieselbe?« »Recht kaufmännisch: Was ich nicht finden würde, müßte ich mir von Ihnen fordern.« »Gut. Darauf gehe ich ein. Hier meine Hand.« Sie reichte ihm die Hand, welche er in der seinigen festhielt. Es war ihm, als ob er einen warmen Druck dieses Händchens verspüre. »Also Sie stellen sich mir zur Disposition?« fragte sie dann. »Ja. Befehlen Sie über mich. Aber die Zeit?« »Heut Abend neun Uhr.« »Ich werde bereit sein.« »Ich selbst werde Sie im Wagen abholen. Von einem gewissen Punkte an aber müssen Sie es sich gefallen lassen, daß ich Ihnen die Augen verbinde.« »Ganz so, als ob wir in der Zeit der Inquisition lebten; doch ich liebe die Romantik und gehe die Bedingung ein.« Sie erhob sich, während er noch immer ihre Hand in der seinigen hielt. Sie machte auch jetzt noch nicht den Versuch, sie ihm zu entziehen. Er stand hart vor ihr und fragte: »Und was Ihre eigene Person betrifft, Madame, muß auch diese in ein so strenges Dunkel gehüllt sein?« »Ja, Monsieur. Sie dürfen nicht wissen, wer ich bin.« »Ich will auch auf dieses Eine verzichten, aber auf ein Zweites werde ich desto fester beharren.« Er sah sie dabei mit einem eigenthümlich forschenden Blicke an, den sie mit der in halblautem verheißungsvollem Tone ausgesprochenen Frage beantwortete: »Nun, und was ist dieses Zweite?« »Darf ich nicht wissen, wer sie sind, so will ich wenigstens Ihr Angesicht sehen und dabei erfahren, ob die Garantie, welche Sie mir geboten haben, eine süße und freiwillige ist.« Er legte den linken Arm um ihre Taille und erhob dabei blitzschnell die rechte Hand, um ihren Schleier zurück zu legen. Ein schönes, etwas erschrockenes Gesicht blickte ihm entgegen. »Monsieur, was thun Sie!« ertönte es aus ihrem allerliebsten, schwellenden Munde. »Ich bringe der Schönheit den Tribut, welchen ich ihr schuldig bin.« Dabei drückte er sie an sich und legte seine Lippen auf die ihrigen. »Nein, nein! Das dürfen Sie ja nicht!« wehrte sie sich. »Wenn ich das nicht darf, dann glaube ich auch nicht an die Aufrichtigkeit Ihrer Garantie.« »Sie ist aufrichtig!« betheuerte sie, indem sie sich noch immer bemühte, ihm ihren Mund zu entziehen. »Nein. So lange Sie mir den Beweis verwehren, glaube ich nicht an die Aufrichtigkeit Ihres Versprechens!« »Nun, was verlangen Sie denn von mir, Sie kühner, stürmischer Mann?« »Einen Kuß, einen freiwilligen Kuß.« »Und wenn ich Ihnen denselben verwehre?« Sie drohte ihm mit der Hand und sagte: »Sie stellen Bedingungen, während Sie froh sein sollten, daß Ihnen von so exquisiter Seite ein Stündchen der Liebe und Erhörung geboten wird? Sie sind höchst anspruchsvoll!« »Nun gut! Nennen wir es nicht eine Bedingung, welche ich stelle, sondern einen Tribut, welchen ich Ihnen bringe. Also bitte, meine Gnädige: einen Kuß.« »Ich sehe, daß ich nachgeben muß. Hier, nehmen Sie sich ihn. Sie reichte ihm den Mund entgegen: er aber schüttelte den Kopf und antwortete: »Nein, nicht so! Nicht nehmen, sondern empfangen will ich ihn.« »Sie fordern fast zu viel! Aber es ist wahr, ich habe Ihnen Garantie versprochen, und nun muß ich Ihnen beweisen, daß ich wirklich gesonnen bin, sie Ihnen zu gewähren. Kommen Sie.« Sie legte ihm die Arme um den Hals, zog ihn an sich und küßte ihn mit einer Innigkeit, welche man nur dem Geliebten, dem Bräutigam oder Manne gegenüber zu zeigen pflegt. Dann fragte sie: »So! Sind Sie nun zufrieden gestellt?« »Vollständig. Ich danke Ihnen, Madame.« »Sie werden also Wort halten und heute Abend mitkommen?« »Ja, gewiß!« »So sehen wir uns also um neun Uhr wieder. Wird es nöthig sein, daß ich Sie hier im Zimmer abhole?« »Nein. Sobald ich den Wagen halten sehe, werde ich kommen und einsteigen.« »Das ist mir angenehm. Also adieu, Monsieur.« »Adieu.« Sie reichte ihm die Hand, welche er an die Lippen führte. Dann legte sie den Schleier wieder vor das Gesicht und entfernte sich, von ihm bis an den Wagen begleitet. Er bemerkte, daß es nicht eine ihr gehörige, sondern jedenfalls nur eine gemiethete Equipage sei. Sie war vorsichtig gewesen. Als er nach oben zurückkehrte und in das Vorzimmer trat, ließ Martin ein halblautes, ironisches Husten hören. »Hm! Bist Du krank?« fragte Arthur. »Sehr!« »Was fehlt Dir?« »Ein Mittel gegen den Husten – etwas Süßes ungefähr.« »Lauf schnell in die Apotheke!« »Daß ich dumm wäre! Die Süßigkeit, welche mich retten kann, ist dort nicht zu finden. Oder soll ich etwa von dem Provisor einen – hm! – verlangen?« »Was denn – hm?« »Na, einen Kuß!« »Kerl, ich glaube gar, Du hast gehorcht!« »Fällt mir gar nicht ein! Ich brauchte eine Feder. Das Kästchen steht drin im Zimmer. Als ich dort eintrat, hörte ich, was Sie für einen sonderbaren Appetit hatten. Ich an Ihrer Stelle hätte das der Dame etwas weniger laut gesagt!« »Du bist ein großer Taugenichts! Doch weil es nicht mit Absicht geschehen ist, soll es Dir vergeben sein. Hast Du denn auch gehört, daß ich den Kuß wirklich erhalten habe?« »Nein. Als ich hörte, wonach Sie sich so außerordentlich sehnten, wurde es mir so schlimm zu Muthe, daß ich sofort ausgerissen bin. Ich hielt diese Dame für etwas Feines; nun aber sehe ich, daß ich mich geirrt habe. Wer dem ersten besten Weinagenten einen Kuß verabreicht, der – – hm!« »Und doch irrst Du! Diese Dame ist – – nun rathe einmal?« »Nun, was Anders als eine Grisette oder Lorette oder, wenn es sehr hoch kommt, eine Friseuse?« »Fehl geschossen! Diese Dame ist – eine Hofdame.« Martin sprang von seinem Stuhle empor und rief: »Eine Hofdame?« »Ja.« »Die sich ohne alle Vorbereitung und Einleitung küssen läßt?« »Nun, einige Einleitung hat es doch gekostet!« »Wenn zehnmal! Sie müssen sich irren! Kennen Sie sie?« »Ja. Ich habe sie in der Hofloge des Opernhauses gesehen.« »Donnerwetter, welch' ein Glück! Ich kann diese Loge beliebäugeln so oft und so lange ich will, es kommt Keine zu mir, um sich ihr Mäulchen an meinem Schnurrbarte abzuwischen! Das muß doch eine ganz eigene Bewandtniß haben!« »Allerdings! Es giebt ein Abenteuer, Martin, ein ganz ungewöhnliches Abenteuer. Und da Du dabei eine kleine Rolle zu spielen haben wirst, so muß ich Dir Alles mittheilen.« »Ein Abenteuer? Und ich eine Rolle dabei? Vielleicht soll ich auch einige Küsse erhalten? Ich brenne vor Neugierde!« »Erhalten wirst Du voraussichtlich nichts – – –« »O weh!« »Also diese Verschleierte kam zu mir, um mir mitzutheilen, daß eine andere Dame ein sehr großes Interesse an mir gefunden habe.« »Ein Interesse? Also verliebt? Hm! Ein Wunder ist das allerdings nicht, denn ein verdammt hübscher Kerl sind Sie; das ist wahr!« »Hübscher wie Du?« »Beinahe! Fragen Sie meine Schwalbe; die muß das wissen!« »Werden sehen! Also diese Dame wünscht mich heute Abend bei sich zu haben, und ich soll Punkt neun Uhr per Kutsche abgeholt werden.« »Alle Teufel! Könnte nicht auch Unsereinem einmal so ein marinirter Hering geboten werden!« »Dein Hering ist Deine Schwalbe! Ich soll nicht wissen, wer diese Dame ist – –« »Jedenfalls auch eine Hofdame!« »Voraussichtlich! Man will mir, damit sie incognito bleiben kann, unterwegs die Augen verbinden.« »Hm! Das gefällt mir nicht!« »Mir auch nicht.« »Wer weiß, was man beabsichtigt, mein bester Herr Belmonte. Man kann Sie in irgend eine gefährliche Lage locken wollen.« »Das sage ich mir auch. Es ist sehr leicht möglich, daß man ahnt, wer oder was ich bin, und daß man mir eine Falle stellen will. Ich werde also vorsichtig sein und Dich beauftragen, Acht zu geben, daß sich diese Falle nicht hinter mir verschließt.« »Schön! Ich bin bereit. Was habe ich zu thun?« »Du besorgst Dir ein Pferd und bringst es hinunter in den Hof. Sobald ich eingestiegen bin und die Kutsche sich in Bewegung setzt, besteigst Du den Gaul und reitest uns nach, um zu sehen, wo ich abgeladen werde. Das Uebrige ist dann Deine Sache.« »Schön! Ich werde eine volle Stunde warten. Sind Sie dann noch nicht zurück, so stürme ich die Festung, um Sie zu befreien.« »Eine Stunde ist zu wenig.« »Hm! Ja! Schäferstunden pflegen länger zu dauern als sechzig Minuten. Also wie lange denn?« »Diese Frage ist schwierig zu beantworten.« »Sehr wahr! Am Besten wird es sein, Sie geben sich mit der Geschichte gar nicht ab. Wer sich in Gefahr begiebt, der kommt darin um. Meinen Sie nicht?« »Das habe ich mir natürlich bereits selbst gesagt. Eines Liebesabenteuers wegen würde ich ein solches Wagniß gar nicht unternehmen. Aber es ist leicht möglich, für unsere Aufgabe dabei Etwas zu provitiren. Eine gewöhnliche Dame ist es auf keinen Fall, zu der man mich bringen will. Es ahnt mir, als ob dieses Abenteuer Vortheil bringen werde. Ich will es auf jeden Fall bestehen, lieber Martin.« »Na, wie Sie wollen. Nehmen Sie wenigstens eine Waffe mit.« »Ich werde einen Revolver und den Todtschläger einstecken. Vielleicht ist es auch gerathen, die Laterne mitzunehmen.« »Thun Sie das. Es ist ja möglich, daß Sie mir mit derselben ein Zeichen geben können.« »Richtig! Wir können das ja gleich bestimmen. Man wird mich in ein Zimmer bringen, welches jedenfalls ein Fenster hat. Ist es nicht erleuchtet, so gebe ich das Zeichen mit der Laterne, ist es aber erhellt, so gebe ich es mit der Lampe oder der Gasflamme.« »Und worin soll es bestehen?« »Ich lasse das Licht dreimal aufblitzen und wieder verschwinden. Das ist das Zeichen, daß Du keine Sorge zu haben brauchst.« »Gut. Wenn ich das Zeichen sehe, so brenne ich mir eine Cigarre an: das ist der Beweis, daß ich Sie richtig verstanden habe, daß etwas nicht zu befürchten ist.« »Gut.« »Aber wenn Sie das Zeichen nicht geben?« »So wartest Du bis zum Morgengrauen und thust dann, was Du für das Angemessenste hältst. Doch hoffe ich nicht, daß dieser Fall eintreten wird. Eine Hofdame erwartet ihren Seladon nicht an einem obscuren, gefährlichen Orte.« »Das sollte ich allerdings denken!« meinte Martin. Und unter einem verschlagenen Augenzwinkern fügte er hinzu: »Sobald ich bemerke, daß Sie sich in Gefahr befinden, werde ich schleunigst Succurs holen.« »Du meinst, Polizei?« »Nein; das fällt mir nicht ein!« »Wen denn?« »Eine gewisse Dame, welche Sie in der Hofoper kennen gelernt haben.« »Unsinn!« »Natürlich. Sie muß doch erfahren, daß andere Damen ganz denselben Geschmack besitzen wie sie und daß Sie ein – hm! -ein Freund und Bewunderer von Hofdamen sind. Uebrigens war es von Ihnen sehr klug, die Perrücke abzunehmen, als wir bei Vater Main den Coup ausführten. Comtesse de Latreau hätte sonst leicht hinter das Geheimniß kommen können, daß Sie mehrere Rollen spielen. Sie fielen in Ohnmacht, und der Arzt, welcher gerufen wurde, hätte bemerken müssen, daß Haar und Bart falsch seien. Haben Sie jetzt noch Etwas zu befehlen?« »Nein. Bist Du mit der Reinschrift zu Ende?« »In einer Viertelstunde.« »Dann bin ich auch mit meinen Briefen fertig. Horch! Man klingelt.« Martin begab sich in den Vorsaal und kehrte mit einem Polizeisergeanten zurück, welcher bemerkte, daß er vom General Latreau komme, und sich erkundigte, ob hier der Monsieur Belmonte sei. Arthur bejahte diese letztere Frage. »Sie sind der Herr, welcher die Comtesse befreit hat?« »Ja.« »So habe ich Ihnen diesen Zettel zu übergeben.« Der Zettel enthielt eine Vorladung auf das Stadthaus, wo Belmonte nebst Martin nach Verlauf von einer Stunde zu erscheinen hatten, um sich über ihr gestriges Erlebniß vernehmen zu lassen. Als der Sergeant sich entfernt hatte, meinte Martin: »Das ist unangenehm! Das hätte man uns ersparen sollen.« »Warum?« »Weil wir Unannehmlichkeiten haben werden.« »Pah! Ich habe gute Legitimationen.« »Das reicht nicht aus. Man wird fragen, was wir in der berüchtigten Taverne zu thun hatten.« »Ich als Weinhändler muß auch solche Orte besuchen.« »Man wird uns wiederholt bestellen!« »Ich werde sagen, daß wir morgen abreisen müssen.« »Ist das wirklich ernsthaft gemeint?« »Ja. Wir haben hier in Paris mehr erfahren, als wir zu erfahren möglich hielten. Ein längerer Aufenthalt könnte unserm Incognito gefährlich werden.« »Aber noch gestern sagten Sie, daß wir hier noch drei Tage zu arbeiten hätten, um unsere Beute zu Papier zu bringen.« »Das können wir auch in Metz thun. Ich glaube sehr gern, daß es Dir schwer wird, Dich von Deinem Schwälbchen zu trennen.« »Pah! Wie lange wird es dauern, so komme ich wieder geflogen! Aber Abschied zu nehmen, das werden Sie mir wohl erlauben.« »Das versteht sich ganz von selbst.« »Wann?« »Wann es Dir beliebt.« »Hm! Heut Abend paßt es nicht, weil ich da für Ihre Sicherheit zu sorgen habe. Wie wäre es nach dem Verhöre?« »Das wird das Beste sein. Sobald Du jetzt den Bericht fertig hast, besorge ich ihn zum Courier; dann treffen wir uns im Stadthause, und nachher suchst Du die Schwalbe auf. Ich wünsche Euch angenehme Schnäbelei.« »Danke. Mit Hofdamen läßt es sich wenigstens ebenso angenehm schnäbeln, obgleich ich nicht glaube, daß Ihre Unbekannte es an Liebenswürdigkeit mit Alice aufnehmen kann.« »Oho! Ist sie gar so hübsch?« »Gewiß!« nickte Martin. »Wollen Sie sich überzeugen?« »Danke: Ich will nicht stören.« »Das würde keine Störung sein. Ich bin im Gegentheile überzeugt, daß Alice sich sehr freuen und sich sehr geehrt fühlen würde, wenn ein gewisser Monsieur Belmonte die Güte haben wollte, einmal bei ihr vorzusprechen.« »Meinst Du wirklich?« »Gewiß. Wollen Sie?« »Gut! Ich werde kommen. Ich will auch gern gestehen, daß ich neugierig bin, den Fisch zu sehen, welcher den Angler in das Wasser hinabgezogen hat. Also arbeiten wir jetzt!« Nachdem Belmonte seine Briefe und Martin das Mundum angefertigt hatten, gingen sie Beide fort. Der Erstere besorgte die Scripturen zum Courier und auf die Post, und der Letztere trollte langsam durch die Straßen, um nach dem Stadthause zu gelangen. Er hatte noch Zeit, und so kam ihm der Gedanke, die Taverne des Vater Main aufzusuchen, um einmal zu sehen, welche Veränderung dort eingetreten sei. Er fand vor der Thür einen Polizisten, welcher Wache stand. »Was wollen Sie?« fragte dieser. »Ein Glas Wein trinken.« »Hier wird heute nicht geschänkt. Ah, haben wir uns nicht bereits gesehen, Monsieur?« »Möglich. Wo?« »Gestern Abend. Sie kamen, um die Anzeige zu machen, daß Sie die Comtesse de Latreau gerettet hätten.« »Richtig; das bin ich gewesen.« »Ah, so können Sie eintreten. Sie werden vielleicht die Güte haben, uns das Abenteuer zu erzählen. Wir wissen noch nicht das Mindeste über dasselbe.« Er öffnete die Thür, und nun bemerkte Martin, daß sich mehrere Männer in der Kneipe befanden, welche sich als verkleidete Polizisten entpuppten. Er erzählte ihnen den Hergang der Sache nach seiner Weise und erfuhr sodann von ihnen, daß man die beiden Leichen aufgehoben, von Denen, welche arretirt worden waren, aber gar nichts erfahren habe. Eben wollte er sich wieder entfernen, als die Thür aufgestoßen wurde. Es trat ein Mann ein, welcher in schwarzen Frack, Cylinder und graue Gamaschen gekleidet war und unter dem Arme ein Instrument trug, welches die Gestalt und das Aeußere eines riesigen Regenschirmes hatte. » Good day! « grüßte er. »Hat hier Vater Main gewohnt?« »Ja,« antwortete einer der Polizisten. »Was wollen Sie?« »Das Haus ansehen.« »Das ist jetzt nicht gestattet. Wer sind Sie?« »Ich bin Master Nathanael Robinson, Reporter of the Lloyds Weekly London Newspapers .« »Ah, ein Reporter. Sie wollen wohl einen Bericht des hier Geschehenen nach London senden?« »Yes.« »Gehen Sie nach dem Stadthause! Dort erfahren Sie das Nähere, und dort werden Sie auch die schriftliche Erlaubniß erhalten, sich dieses verrufene Haus anzusehen.« » Well! Habe sie schon.« »Wo?« »Hier!« Er langte in die Tasche und zog ein Papier hervor, welches er dem Polizisten zu lesen gab. »Es ist in Ordnung,« sagte dieser. »Sie können sich hier bewegen, wie es Ihnen beliebt.« »Beliebt? Schön! Werde mich setzen und fragen.« Er machte Miene, sich auf eine der Bänke niederzulassen, zog aber, als er den Schmutz derselben bemerkte, ein erschrockenes Gesicht und rief: » Heigh-ho , welch ein Dreck! Werde mich nicht darauf setzen.« Er nahm den Regenschirm unter dem Arme hervor. Martin hatte den sonderbaren Mann mit erstauntem Blicke gemustert. Jetzt, als derselbe gar die Absicht zu haben schien, im Zimmer seinen Regenschirm aufzuspannen, fragte er ihn: »Was ist das für ein Ding?« »Das ist mein Umbrella-, musik- and Smoking-chair ,« antwortete der Engländer, indem er das complicirte Ding aufspannte und sich dann auf dem Sitze niederließ. Sofort ließ sich die englische Nationalhymne hören. Master Robinson aber zog sein Notizbuch und den Bleistift hervor, wendete sein Gesicht dem Polizisten zu und sagte das eine Wort: »Erzählen!« Der Angeredete schüttelte lächelnd den Kopf und antwortete: »Sie wünschen zu wissen, was gestern hier geschehen ist?« »Yes.« »Das kann ich Ihnen nicht sagen.« »Warum?« »Weil ich nicht dabei gewesen bin. Dieser Monsieur aber hat die Dame gerettet. Er ist im Stande, Ihnen Alles mitzutheilen.« Da zog der Engländer seinen Krimstecher aus dem Futterale, hielt ihn an die Augen und betrachtete sich Martin mit der Sorgfalt eines Fleischbeschauers, welcher nach Trichinen sucht. »Dieser Mann hier?« fragte er. »Ah. Wunderbar!« Er nahm die Gläser von den Augen fort, schüttelte den Kopf und fragte dann Martin: »Wer seid Ihr, Master?« Es juckte den Telegraphisten in allen Gliedern. Er kam ganz auf denselben Gedanken, auf welchen auch sein Herr gekommen war. »Reporter,« antwortete er. »Reporter? Ah. O! Für welche Zeitung?« »Für eine brasilianische.« »Donnerwetter! Ihr sucht in Paris nach Neuigkeiten?« »Natürlich!« »Und Ihr wollt es sein, welcher die Dame gerettet hat?« »Ja.« »Das ist nicht wahr, Master.« »Oho! Wollen Sie mich beleidigen?« »Ja. Wer mich belügt, dem sage ich meine Meinung. Wollt Ihr Euch etwa mit mir boxen? Ich stehe zur Verfügung!« Er erhob sich in kampfbereite Stellung und hatte in Zeit von zwei Augenblicken den Frack ausgezogen. »Danke!« lachte Martin. »Sie sind nicht der Mann, dem ich den Hals brechen möchte. Sagen Sie mir lieber, warum Sie mich für einen Lügner halten?« »Ich habe den Retter bereits gesehen und mit ihm gesprochen.« »Wo?« »Beim General Latreau.« »Heut?« »Ja, am Vormittage.« »Das stimmt. Sie meinen doch den Weinagenten Belmonte?« »Nein. Ich meine den türkischen Reporter.« Da ging dem guten Martin ein Licht auf. Er ahnte, daß er mit seinem Herrn den gleichen Gedanken gehabt habe und antwortete: »Richtig. Jetzt weiß ich, daß Sie an der rechten Quelle gewesen sind. Und dennoch habe ich Ihnen keine Lüge gesagt. Ich und der Türke, wir Beide haben die Dame gerettet.« »Ihr und der Türke? Donnerwetter. Ist's wahr?« »Ja.« »Dachte es mir! Habe hier bei Euch nur auf den Strauch geschlagen. Der Kerl wollte nicht mit der Sprache heraus; bin aber klug genug das Richtige zu finden. Also, erzählt, Master Brasilianer.« »Das ist sehr leicht erzählt. Wir hörten, daß die Dame geraubt worden sei: wir wußten, daß sie sich in diesem Hause befand, und wir holten sie, um sie zu ihrem Vater zu bringen.« Der Engländer sperrte den Mund erstaunt auf und fragte: »Das ist Alles?« »Ja, Alles.« »Kein Abenteuer dabei?« »Nein.« »Kein Mord und Todtschlag, kein Kampf?« »Genug.« »So erzählet!« »Habe keine Zeit. Adieu, Master Nathanael Robinson.« Damit war Martin zur Thür hinaus. Der Engländer starrte diese Letztere an und sagte ärgerlich: »Verdammte Kerle! Keiner sagt ein Wort. Aber ich werde doch noch Alles erfahren, Alles.« Er klappte seinen »Schirm-, Musik- und Rauchstuhl« zusammen und stieg nun die Treppen auf und ab, um sich das Innere des Hauses anzusehen; dann entfernte er sich, nachdem er noch gehört hatte, daß der eigentliche Thäter, nämlich der Wirth, noch nicht ergriffen worden sei. Die Polizei hatte sich die äußerste Mühe gegeben, Vater Mains habhaft zu werden. An allen Bahnhöfen und Stadtausgängen waren Posten aufgestellt; in allen obscuren Wirthschaften und Winkeln wurde gesucht, doch vergeblich. Man hätte nicht in den Höhlen der Armuth suchen sollen. Auf der Rue de Nazaire nämlich stand ein hohes, palastähnliches Gebäude, dessen Besitzer Lemartel hieß, aber allgemein unter dem Namen Roi des chiffoniers , der Lumpenkönig bekannt war. Man erzählte sich von ihm, daß er als Knabe Lumpensammler gewesen sei und es durch Fleiß und Sparsamkeit, sowie später durch eine reiche Heirath, zum Besitze von Millionen gebracht habe. Er besaß mehrere große Papierfabriken und hatte in seinem Dienste viele Hunderte von armen Teufeln, welche Tag und Nacht Paris durchwanderten, um nach Lumpen und anderen Abfällen zu suchen. Hinter dem herrlichen Garten seines Palastes zog sich eine enge, schmutzige Gasse hin. In derselben lagen einige Häuser, welche ihm gehörten und ihm als Lagerräume für die angesammelten Abfälle verschiedener Art dienten. Seine Lumpensammler kannten ihn persönlich; sonst aber gab es wenige Menschen, welche sich rühmen konnten, mit ihm in nähere Berührung gekommen zu sein. Zwar fuhr er fast täglich in einer glänzenden Equipage spazieren; aber er hatte sich stets so weit in die Polster zurückgelegt, daß man sein Gesicht nur schwer zu erkennen vermochte. Dann saß allemal eine junge Dame von außerordentlicher Schönheit an seiner Seite, von welcher man sagte, daß sie seine leibliche Tochter sei. Ihre Mutter, seine Frau, sei gestorben. In der letzt vergangenen Nacht hatte in dem engen Lumpengäßchen, wie alle Nächte, ein reges Leben geherrscht. Der Lumpensammler von Paris arbeitet am Liebsten während der Nacht, beim Scheine seiner kleinen Laterne. Er ist da keinem Passanten im Wege; die Straßenkehrer haben, sobald die Hauptstadt sich zur Ruhe gelegt hat, ihr Werk begonnen, in Folge dessen in gewissen Entfernungen Kehrichthaufen liegen, die nun von den Lumpensammlern mit Gier durchsucht werden. Wer seinen Korb oder seine Bütte gefüllt hat, der eilt zur Niederlage, um den Vorrath abzugeben und die Arbeit von Neuem zu beginnen. Daher kommt es, daß in den abgelegenen Gäßchen, in denen die Lumpensammler zusammentreffen, ein mehr als gewöhnlicher Verkehr herrscht, während in anderen Stadttheilen das Wogen des Tages aufgehört hat. In einem der angegebenen Häuser saß im hintersten Winkel eines niedrigen und feuchten, gewölbeartigen Raumes, welcher ganz von allerlei Abfällen gefüllt war, an einem alten Pulte ein Mann, dessen Gesicht von zahlreichen Blatternarben bedeckt war. Er hatte ein großes aufgeschlagenes Buch vor sich liegen, in welches er lange Zahlenreihen eintrug. Durch die geöffnete Thür kamen und gingen Leute, welche ihre gefüllten Körbe ausschütteten und sich dann entfernten, ohne von diesem Manne beachtet zu werden oder ein Wort an ihn zu richten. Was sie zu reden hatten, das hatten sie bereits mit einem Beamten besprochen, welcher sich in einem Vorderraume aufhielt. Da trat ein Mann ein, welcher weder Korb noch Bütte auf dem Rücken trug. Er schritt langsam auf den Schreibenden zu und blieb dann in der Nähe desselben stehen, um zu warten, bis er angeredet werde. Er blieb längere Zeit unbemerkt, bis endlich der am Pulte sitzende ein Blatt umzuschlagen hatte und sein Blick dabei auf den Wartenden fiel. Seine Gedanken waren so von Zahlen erfüllt, daß er zwar die Gestalt bemerkte, aber die Züge des Gesichtes nicht unterschied, obgleich der Schein der Lampe auf den Angekommenen fiel. »Was giebt es?« fragte er kurz und mürrisch. »Monsieur Lemartel!« antwortete der Gefragte. »Nun ja; Monsieur Lemartel bin ich. Also, was giebt es?« »Wollen Sie mich wirklich nicht kennen?« Da richtete der Lumpenkönig seinen Blick schärfer auf den Andern. Seine Stirn zog sich in Falten. »Donnerwetter!« sagte er. »Lermille! Sie? Wie kommen Sie nach Paris?« »Aus alter Anhänglichkeit, Monsieur.« »Doch nicht etwa Anhänglichkeit gegen mich?« »Gewiß.« »Ich danke. Ich denke, Sie sind bei der Truppe des Zauberers Hassan angestellt.« »Ich war es. Meine Stieftochter starb, und da gefiel es mir nicht länger.« »Sie ist todt? Schade ist es nicht um sie. Sie war ein höchst unartiges Subject. Was aber wollen Sie nun in Paris?« »Ich befinde mich blos auf der Durchreise. Ich muß Ihnen sagen, daß mir leider die Mittel zur Weiterreise fehlen, und da dachte ich an unsere frühere Bekanntschaft.« Der Lumpenkönig räusperte sich und sagte: »Sie war, wie ich mich erinnere, sehr vorübergehend.« »Aber doch so intim, daß wir uns Du nannten, obgleich Sie mich jetzt mit dem ehrenvollen Sie beehren.« »Schon gut. Sie haben die verdammt üble Angewohnheit, sich stets dann, wenn Sie sich in Geldverlegenheit befinden, meiner zu erinnern. Sie können denken, daß mir das nicht sehr angenehm sein kann. Wenn Sie wünschen, daß ich Ihr Banqier sein möge, so ersuche ich Sie vor allen Dingen, eine Summe bei mir zu deponiren, über die Sie sodann verfügen können.« »Das habe ich ja gethan!« meinte der Bajazzo spitz. Der Lumpenmann warf einen erstaunten Blick auf ihn und fragte: »Wie? Wann denn, und welche Summe denn?« »Ich habe die Erinnerung bei Ihnen deponirt, und Sie werden zugeben, daß dieselbe nicht ganz werthlos ist.« »Ihr System ist das System des Raubes, der Bedrohung, der Nöthigung. Ich habe keine Lust, länger von Ihren Verlegenheiten gelangweilt zu werden. Wie viel brauchen Sie?« »Hm! So viel wie möglich!« »Ja, das glaube ich Ihnen. Ich werde Ihnen zum letzten Male aushelfen. Ich gebe Ihnen heute zweihundert Franken, und zwar mit der Bedingung, daß Sie nicht wiederkommen.« Der Bajazzo stieß ein kurzes Lachen aus und sagte: »Zweihundert Franken? Welch eine Lappalie! Geben Sie zweitausend, so verspreche ich Ihnen, daß Sie mich nicht wieder sehen werden.« Der Lumpenkönig drehte sich weiter zu ihm herum, warf ihm einen stechenden Blick zu und antwortete: »Zweihundert, nicht mehr.« »Monsieur Lemartel!« »Schon gut. Es ist das mein letztes Wort.« »Monsieur – – Lormelle!« Der Bajazzo sprach diesen Namen langsam und mit Nachdruck aus. Der Mann am Pulte fuhr erschrocken zusammen. »Was ist das für ein Name?« fragte er. »Wie kommen Sie dazu, mir denselben zu geben?« »Weil Sie ihn einst getragen haben. Sie hießen damals Henry de Lormelle. Ich entsinne mich dessen sehr genau.« »Unsinn. Was fällt Ihnen ein! Sie phantasiren!« »Soll ich Ihnen einen Zeugen bringen?« »Ah pah! Wen denn?« »Vater Main.« Der Mann am Pulte fuhr abermals erschrocken zusammen. »Vater Main?« fragte er. »Wer ist das? Wer trägt diesen Namen? Was wissen Sie von dem Manne?« Ein triumphirendes Lächeln fuhr über das versoffene Gesicht des Hanswurstes. Er näherte sich dem Pulte und flüsterte, so daß ja kein etwa unbemerkt Anwesender es hören könne: »Vater Main ist mein Freund.« »Wieso?« »Wir sind alte Freunde und Verbündete. Wir haben keine Geheimnisse vor einander. Ich war gestern bei ihm. Wollen Sie den Beweis? Hören Sie.« Er raunte dem Lumpenkönige einige Worte in das Ohr. Lemartel erblaßte. Er fuhr mit dem ganzen Oberkörper zurück, als ob er ein Gespenst vor sich sähe und zischte: »Still, still! Der Verräther! Was hat er von dieser Sache zu sprechen! Ich werde ihn zur Rede stellen.« »Thun Sie das meinetwegen. Was mich betrifft, so genügt es mir, zu erfahren, ob Sie mich wirklich mit nur lumpigen zweihundert Franken abspeisen wollen.« »Nichts, gar nichts werde ich Ihnen geben.« »Ah! Wirklich, Monsieur Henry de Lormelle? Wissen Sie, was ich in diesem Falle thun werde?« »Ihr Thun und Lassen ist mir vollständig gleichgiltig.« »Ah, wirklich? Wie nun, wenn ich zur Polizei gehe, um ihr eine interessante Mittheilung zu machen?« »Das werden Sie bleiben lassen!« »Doch wohl nicht. Ich werde vorher mit Vater Main sprechen, und dieser wird, als mein Freund, mich in den Stand – – –« Er hielt inne und fuhr erschrocken zurück. Auch der Lumpenkönig machte eine Bewegung des Erstaunens, denn gerade neben ihnen tauchte die Gestalt Dessen auf, von dem der Bajazzo soeben gesprochen hatte, die Gestalt Vater Mains. »Guten Abend, Monsieur Lemartel!« grüßte dieser. »Vater Main! Wo kommen Sie her?« fragte der, welchem der Gruß gegolten hatte. »Dort zur Thür herein. Sie Beide waren so sehr in Ihre Unterhaltung vertieft, daß Sie meine Schritte gar nicht gehört haben.« »Und was wollen Sie?« »Ihren Schutz, Monsieur.« »Meinen Schutz? Alle Teufel! Ich will doch nicht etwa hoffen, daß Sie irgend eine Dummheit begangen haben, in welche Sie mich mit verwickeln wollen.« »Von einer Dummheit kann keine Rede sein, sondern höchstens von einem Unglücke, von einem ganz verfluchten Unglücke, welches mir widerfahren ist. Ich hatte einen Streich vor, wie so klug ich noch niemals einen unternommen habe, und gerade dieser Geniestreich ist mißglückt. Die Polizei drang in mein Haus; ich mußte flüchten und bin nun gezwungen, mir ein Asyl zu suchen, wo ich für die nächsten Tage sicher bin.« Lemartel machte eine abwehrende Handbewegung und sagte: »Ich hoffe, daß Sie ein solches finden werden.« »Gewiß, Monsieur. Ich bin sogar überzeugt, es bereits gefunden zu haben.« »Meinen Sie etwa, hier bei mir?« »Gewiß!« »Sie irren sich. Lassen Sie mich vor allen Dingen den Geniestreich wissen, welcher Ihnen verunglückt ist.« »Das ist gar nicht nöthig. Sprechen wir nicht darüber.« Da ergriff der Bajazzo das Wort, indem er den Wirth fragte: »Du meinst wohl die Geschichte mit der Generalstochter?« »Ja, freilich!« »Alle Teufel! Der Coup ist nicht gelungen?« »Er war gelungen. Wir bekamen sie gestern Abend in unsere Gewalt: morgen Vormittag wollte ihr Vater hunderttausend Franken bezahlen; da aber kam heute ein Mensch, welcher im heimlichen Einvernehmen mit der Sally gesteckt hat. Sie lockten mich in den Keller, wo ich einen Schlag gegen den Kopf erhielt, welcher mich besinnungslos machte. Dann befreiten sie die Gefangene und tödteten dabei Brecheisen und Dietrich, welche sich bei ihr befanden. Als ich wieder zu mir kam, war die Polizei bereits so nahe, daß mir kaum die Zeit zur Flucht übrig blieb.« Der Lumpenkrösus hatte diesem Berichte mit allen Zeichen des Schreckens zugehört. Jetzt fragte er: »Was? Sie sind es gewesen? Sie haben den Raub ausgeführt, von welchem alle Journale erzählten?« »Ja, ich bin es gewesen,« antwortete Vater Main mit sichtbarem Stolze. »Um Gotteswillen! Dann habe ich keinen Theil an Ihnen!« »Das heißt, daß Sie mich von sich weisen?« »Ja.« »Das wäre eine Unvorsichtigkeit, welche ich Ihnen nicht zutraue. Ich brauche ein solches Versteck und Sie können mir ein solches gewähren. Zeigen Sie mir die Thür, so werde ich gefangen, und dann habe ich auch keine Verpflichtung, länger über Das zu schweigen, was ich von Ihnen weiß!« »Sie haben das Schweigen bereits gebrochen.« »Ich? Gegen wen?« »Gegen diesen Menschen hier. Er kam, um mir eine Summe Geldes abzupressen und glaubte, dies mit Hilfe des Geheimnisses zu erreichen, welches Sie ihm mitgetheilt haben.« »Der Bajazzo? Ah, der ist ein Freund von mir. Wir brauchen einander nichts zu verschweigen. Uebrigens darf ich in meiner gegenwärtigen Lage durch unnütze Unterhandlungen keine Zeit verlieren. Geben Sie mir ein Asyl oder nicht?« »Nein.« »Gut. So wird ein gewisses, kleines Kästchen noch heute in die Hände der Polizei gelangen.« Lemartel entfärbte sich, doch nahm er sich schnell zusammen und sagte im Tone des Unglaubens und der Ueberlegenheit: »Drohen Sie mir doch nicht mit Dingen, welche gar nicht geschehen können. Sie haben Hals über Kopf fliehen müssen. Es ist Ihnen doch nicht möglich gewesen, das Kästchen zu retten.« Da warf der Wirth einen Blick, welcher heimlich sein und als Wink gelten sollte, auf den Bajazzo und sagte: »Sie befinden sich sehr im Irrthum, wenn Sie glauben, daß das Kästchen sich in meinem Gewahrsam befindet. Ich habe es an einem viel sicheren Ort deponirt. Nicht wahr, Bajazzo?« »Ja; ich selbst war mit dabei,« antwortete der Gefragte. Aber Lemartel hatte den Wink recht gut bemerkt; er wußte so ziemlich sicher, daß man ihn täuschen wolle. Er beschloß, den Klugen zu spielen und scheinbar nachzugeben. Darum sagte er: »Welch eine Unvorsichtigkeit! Sie haben das Kästchen nicht mehr bei sich?« »Nein,« antwortete der Wirth, indem er dem Bajazzo einen befriedigten Blick zuwarf. »Wo aber befindet es sich jetzt?« »Das ist unser Geheimniß. Geben Sie mir für einige Tage ein Versteck, so sollen Sie als Belohnung das Kästchen zurückerhalten.« »Hm! Darf ich diesem Versprechen glauben?« »Ich schwöre es Ihnen zu.« »Gut, so werde ich Sie beherbergen, obgleich ich mich dadurch in die allergrößte Gefahr begebe. Aber, was wollen Sie denn beginnen? In Paris dürfen Sie sich nie wieder sehen lassen.« Der Wirth dachte einen Augenblick nach und antwortete dann: »Es ist bereits beschlossen, was ich thun werde; nämlich ich gehe unter die Franctireurs.« Dieser Gedanke frappirte den Lumpenkönig. »Unter die Franctireurs?« fragte er. »Ich habe zwar gehört, was auch Andere hören; ich weiß, daß man im Stillen Freicorps rüstet, aber ob Sie Annahme finden werden, das ist denn doch wohl zu bezweifeln. Man wird nach der Legitimation fragen.« »Das fällt dem alten Capitän sicherlich nicht ein.« »Dem alten Capitän? Wer ist dieser Mann?« »Haben Sie von ihm noch nichts gehört? Er scheint eine Hauptrolle in der Organisation der Franctireurs zu spielen. Er heißt Albin Richemonte, war Capitän der alten Kaisergarde und wohnt auf Schloß Ortry in der Nähe von Thionville. Zu ihm gehe ich.« Es war ein eigenthümlicher Ausdruck, welcher sich jetzt auf dem blatternarbigen Gesichte des Lumpenhändlers zeigte. Er war vorhin von dem Bajazzo Henry de Lormelle genannt worden und diesen Namen hatte ja jener Diener Richemonte's und des Grafen Rallion angenommen gehabt, welcher die Familie Königsaus um die Kaufsumme ihrer Besitzung beraubt hatte. Er beherrschte seine innere Aufregung und sagte: »Der Mann ist mir unbekannt. Wenn er Sie aufnehmen will, so mag es mir recht sein. Haben Sie denn Reisegeld?« »Leider nein. Ich denke, daß Sie mich mit einer kleinen Summe versehen werden.« »Gerade so wie mich,« fiel der Bajazzo ein. Der Lumpenkönig schien mürbe gemacht worden zu sein. Er meinte: »Gut, ich will einmal Rücksicht haben. Ich zahle zweitausend Franken, wenn ich das Kästchen erhalte.« »Sie erhalten es.« »Wann?« »In der Stunde, in welcher ich das Asyl verlasse, welches ich bei Ihnen finden werde, Monsieur Lemartel.« »Warum nicht eher?« »Weil ich gern sicher gehe. Ich will mich nicht der Gefahr aussetzen, daß Sie mir das Versteck kündigen, nachdem ich Ihnen das Kästchen zurückgegeben habe.« »Das ist ein sehr ungerechtfertigtes Mißtrauen. Ich habe noch nie mein Wort gebrochen. Also Sie, Vater Main, werden bei mir bleiben. Was aber thun Sie, Bajazzo?« »Ich bleibe auch,« antwortete der Gefragte. »Oho! Bedürfen auch Sie eines Versteckes?« »Vielleicht! Jedenfalls aber kann es mir nicht einfallen, über das Kästchen während meiner Abwesenheit verfügen zu lassen. Ich bleibe bei Vater Main, so lange er sich bei Ihnen befindet.« Lemartel that, als ob ihm das höchst unangenehm sei. Er machte eine sehr verdrießliche Miene und bemerkte: »Sie konnten bleiben, wo Sie waren, oder wenigstens doch jetzt sich wieder dorthin begeben, woher Sie gekommen sind. Aber ich will mich nicht noch weiter aufregen. Kommen Sie. Es ist dunkel und man wird Sie nicht sehen.« Neben dem Pulte befand sich eine Thür, welche nach einem kleinen Hofe führte. Sie traten hinaus. Dort öffnete Lemartel eine Pforte, welche sich in der Mauer befand. Durch dieselbe gelangten sie in den Garten, welcher zu seinem Palais gehörte. Es war hier allerdings so dunkel, daß man kaum drei Schritte weit zu sehen vermochte. Die Beiden folgten ihm auf dem Fuße, bis sie die hintere Fronte des Gebäudes erreichten. Er vermied den Haupteingang und öffnete eine Seitenthür. Von hieraus führte eine unerleuchtete Treppe nach oben. Sie stiegen dieselbe empor. Er öffnete eine Thür; sie befanden sich in einem Zimmer, vor dessen Fenster er zunächst die Jalousien zusammen zog, so daß kein Lichtschein nach Außen dringen konnte. Dann brannte er eine von der Decke herabhängende Lampe an. Das Zimmer war sehr hübsch möblirt; es schien dem Wirth zu gefallen, denn er fragte: »Hm. Ist das etwa mein Asyl?« »Ja. Ist's gut genug?« »Ich bin zufrieden.« »Und wo wohne ich?« fragte der Bajazzo. »Auch hier,« lautete die Antwort. »Zwei Zimmer kann ich nicht zur Verfügung stellen; das würde die Aufmerksamkeit der Dienerschaft erregen. Ich muß Sie übrigens ersuchen, sich so still wie möglich zu verhalten. Speise und Trank werde ich jetzt besorgen; um zu schlafen, haben Sie das Bett und das Sopha. Die Thüre werde ich natürlich verschließen und den Schlüssel bei mir tragen. Das geschieht zu Ihrer und auch meiner eignen Sicherheit.« Er entfernte sich und brachte nach kurzer Zeit einen Vorrath von Lebensmitteln. Dann schloß er sie ein. Er ging durch den Garten nach dem alten Hause zurück, in welchem er sich vorher befunden hatte. Bei seinem Pulte angekommen, stieß er einen Pfiff aus und sofort eilte der Mann herbei, welcher im vorderen Raume die ein- und auspassirenden Lumpensammler zu beaufsichtigen hatte. Er war klein und verwachsen, hatte aber recht treue und ehrliche Gesichtszüge. »Schläft Deine Tochter?« fragte sein Herr. »Nein. Sie ist noch wach,« war die Antwort. »Rufe sie. Ich habe mit ihr zu sprechen.« Der Mann entfernte sich, und nach einiger Zeit trat ein Mädchen ein, welches sich dem Pulte näherte und in wartender Stellung vor demselben stehen blieb. Sie war nicht schön, aber auch nicht häßlich. Ihre üppigen Formen waren von dem Nachtgewande nur nothdürftig verhüllt. »Ich habe Dich rufen lassen, um eine Frage an Dich zu richten,« sagte Lemartel. »Bist Du auf Vater Main noch bös?« Die Augen des Mädchens blitzten grimmig auf. »Diesen Menschen vergesse ich im ganzen Leben nicht,« sagte sie. »Wären Sie damals nicht gekommen, so hätte ich ihn ermordet. Ihnen verdanke ich das Leben, denn man hätte mir als Mörderin den Proceß gemacht.« »Das mag richtig sein. Er hatte Dich gemiethet; Du dachtest, eine gute Stelle zu bekommen und wurdest verführt. Na, das ist jetzt vorüber. Ich interessirte mich für Dich und gab auch Deinem Vater Stellung. Ich denke, daß Du mir ein wenig dankbar sein kannst.« »Monsieur Lemartel, ich würde alles Mögliche thun, um Ihnen zu zeigen, daß ich Ihnen danken will.« »Alles Mögliche? Und doch hast Du mir gerade Das, was ich am Meisten wünsche, abgeschlagen.« »Ah, das mit dem Verstecke?« »Ja.« »Das geht nicht; das darf ich nicht. Er zeigte mir einst, um mich zu verblenden, sein Geld und seine Kostbarkeiten; ich mußte schwören, niemals ein Wort davon einem Anderen mitzutheilen. Sie sehen ein, daß ich das Heil meiner Seele nicht verscherzen darf.« »Hm! Das sehe ich ein. Aber höre einmal, Du hast geschworen, nie davon zu sprechen?« »Ja.« »Hast Du auch geschworen, das Versteck nie Jemandem zu zeigen?« »Allerdings nicht. Es war ja nur vom Sprechen die Rede.« »Nun, so bringst Du Deine Seligkeit ja gar nicht in Gefahr, wenn Du den Ort Jemandem zeigst, wenn Du nur nicht dabei redest.« Sie dachte eine kleine Weile nach und sagte dann: »Das mag richtig sein, Monsieur, aber es nützt dennoch nichts.« »Warum?« »Weil ich das Versteck Niemandem zeigen kann, ich bin ja nicht dort.« »Wie nun, wenn ich Dich hinführte?« »O, Vater Main wird Sie doch nicht in den Keller lassen.« »Er muß es dulden, denn er ist heute gar nicht daheim.« »So sind die Kellnerinnen da und er hat den hinteren Keller jedenfalls verschlossen.« »Die Kellnerinnen werden uns gar nicht sehen. Ich kenne einen geheimen Weg, auf dem wir nach dem Keller kommen können. Ich will dem Vater Main nicht Etwas stehlen, sondern ich will nur sehen, ob er Etwas hat, was mir vor längerer Zeit gestohlen worden ist.« »Ah, ist es so. Er macht den Hehler. Warum wenden Sie sich nicht an die Polizei?« »Weiß die Polizei den Ort?« »Das ist wahr. Und ich darf ja nicht davon sprechen. Meinen Sie, daß es den Vater Main sehr ärgern würde, wenn Sie den Gegenstand finden, der Ihnen abhanden gekommen ist?« »Natürlich! Er würde sich ungeheuer ärgern, denn er müßte ihn mir natürlich wiedergeben.« »Dann hätte ich beinahe Lust, Ihnen den Ort zu verrathen, vorausgesetzt, daß ich es nicht durch Worte zu thun brauche.« »Wenn Du es thust, so werde ich Dich reichlich belohnen.« »Ist irgend eine Gefahr dabei?« »Nicht die geringste. Ich gebe Dir volle fünfhundert Francs. Sie schlug die Hände zusammen und sagte: »Fünfhundert Francs! Da kann ich ja das Schneidern oder das Putzmachen lernen! Ist das Ihr Ernst, Monsieur?« »Ich gebe Dir mein Wort, daß Du die Summe bekommst.« »Gut, so werde ich Ihnen den Willen thun.« »Das freut mich, auch um Deiner selbst willen. Aber vorher mußt Du mir schwören, den Weg, welchen wir gehen werden, keinem Menschen jemals zu verrathen, weder durch Worte noch auf eine andere Weise.« »Ich schwöre es Ihnen zu, Monsieur.« »Ich glaube Dir. Du bist ein ehrliches Mädchen, obgleich Du bei Vater Main in Dienst gestanden hast. Gehe jetzt hinauf in Eure Wohnung und lege einen alten Anzug Deines Vaters an.« »Warum das?« fragte sie, nicht wenig verwundert. »Weil der Weg, welchen wir einschlagen werden, in Frauenkleidern nicht gut zu passiren ist. Gehe gleich hier zu dieser Thür hinaus und komme auch da wieder herein, damit Dich kein Unberufener sieht.« Sie ging. Als sie nach einiger Zeit zurückkehrte, war sie als Mann gekleidet. Vater Main hatte gar keinen so üblen Geschmack gehabt, als er das Mädchen zur Bedienung seiner Gäste und vielleicht auch zu seiner eigenen Unterhaltung engagirte. Sie blickte einigermaßen verschämt zu Lemartel auf. »Hat Dich Jemand gesehen?« fragte er. »Kein Mensch; nicht einmal mein Vater.« »So komm!« Er führte sie nach einer andern Ecke der Niederlage, wo eine Thür in ein Seitengewölbe führte. Dort war es finster, als er die Thür hinter sich zugezogen hatte; aber er brannte eine Lampe an, welche auf einem Tische stand. Auch hier gab es Lumpen, nichts als Lumpen. In einem Winkel erblickte man eine Fallthür, welche nach abwärts führte. Ueber ihr war an der Mauer ein kleines Schränkchen befestigt. Er öffnete es und nahm zwei kleine Laternen und einen mehrfach zusammengefalteten Papierbogen heraus. An der Mauer lehnte ein alter Stockdegen. »Jetzt muß ich Dich zunächst fragen, ob Du Dich vielleicht vor Ratten fürchtest,« bemerkte er. »Ja, im Dunkeln und wenn ich allein bin.« »Nun, wir haben zwei Laternen und ich bin bei Dir.« »Giebt es denn diese Thiere auf dem Wege, welchen wir einschlagen werden, Monsieur Lemartel?« »Nicht nur wenige, sondern sogar in Masse. Hast Du vielleicht einmal davon gehört, daß es unter gewissen Stadttheilen von Paris Katakomben giebt?« »Das weiß ja jedes Kind!« »Nun, ein solcher Stadttheil ist der unserige. Diese Fallthür führt in das Labirinth der unterirdischen Gänge hinab. Sie sind so verzweigt und ineinander gewirrt, daß man sich darin verirren kann. Es hat sich schon Mancher nicht wieder herausgefunden. Später wurde sein Skelett entdeckt. Er war elend verhungert und vielleicht gar bei lebendigem Leibe von den Ratten aufgefressen worden.« »Herrgott!« sagte das Mädchen schaudernd. »Und da hinab wollen wir vielleicht steigen?« »Ja. Das Haus des Vater Main ist fünf Querstraßen weit von hier. Sein Keller liegt ebenso wie der meinige über den Katakomben und ich weiß, daß er auch so eine Fallthür besitzt.« »Das stimmt. Ich habe die Thür damals gesehen.« »Also richtig. Ich will offen sein und Dir sagen, daß ich Grund gehabt habe, den Wirth heimlich zu beobachten. Ich bin sehr oft, ohne daß er es ahnte, in seinem Keller gewesen. Nur das Versteck konnte ich nicht entdecken. Heute wirst Du es mir zeigen.« »Das würde ich gern thun, Monsieur, denn ich habe Ihnen ja sehr viel zu verdanken; aber wie nun, wenn wir den Weg nicht zurückfinden und dann auch verhungern!« »Ich kenne den Weg sehr genau, und übrigens habe ich für unvorhergesehene Fälle dieses Papier. Es ist der Plan der Katakomben, über denen wir wohnen. Willst Du Dich mir anvertrauen?« Sie zögerte eine Weile und antwortete dann in entschlossenem Tone: »Gut, ich gehe mit! Sie werden sich doch nicht selbst in eine Gefahr begeben, die Sie nicht kennen.« »Sicherlich nicht. Vorher aber noch eins! Ich befand mich nämlich in den Katakomben unter dem Keller, als Vater Main Dir sein Versteck zeigte, um Dich zu bethören. Ich hörte jedes Wort, welches zwischen Euch gesprochen wurde; aber es fiel kein einziges, aus dem ich hätte schließen können, welcher Ort das Versteck sei. Von dieser Stunde an war es beschlossen, Dich von ihm fortzunehmen, um mit Deiner Hilfe das Gesuchte zu finden. Jetzt weißt Du nun Alles und wir können den Weg antreten.« Er kehrte zur Thür zurück und verschloß sie, um nicht beobachtet zu werden. Dann brannte er die beiden Laternen an, von denen das Mädchen eine erhielt. Das Licht wurde verlöscht. Sodann öffnete er die Fallthür. Aus der schwarz empor gähnenden Oeffnung stieg ein moderiger Geruch empor und unten hörte man die Stimmen der Ratten, welche durch das Geräusch aufgeschreckt worden waren. Längs der Mauer hin lag eine Leiter. Er nahm dieselbe und ließ sie in das Loch hinab. »Jetzt werde ich voransteigen und Du folgst mir,« sagte er. »Du brauchst ganz und gar nicht bange zu sein. Es wird Dir nichts Böses geschehen.« Er zog den Degen aus dem Stocke, nahm ihn in die Rechte und die Laterne in die Linke und begann hinab zu steigen. Sie zögerte einige Augenblicke und folgte ihm dann vorsichtig. Unten angekommen, befanden sie sich in einem gewölbten Gange, von dessen Mauern das Wasser sickerte. Es sammelte sich am Boden, wo es durch unsichtbare Ritzen verschwand. Einzelne Ratten huschten an ihnen vorüber. Die Masse dieser Thiere hatte sich vor dem Scheine der Laternen geflüchtet. »Nun, findest Du es vielleicht zu grausig hier unten?« fragte er. »Nein,« antwortete sie. »Allein aber möchte ich auf keinen Fall und um keinen Preis hier sein.« »Weißt Du, wozu diese Katakomben früher gedient haben?« »Man sagt, daß die Todten da aufbewahrt worden sind.« »Das ist wahr. Wir werden an einigen Stellen vorüberkommen, wo Schädel und Knochen aufgespeichert liegen. Du brauchst Dich jedoch nicht zu fürchten. Komm, gieb mir Deinen Arm!« Er führte sie. Er fühlte, daß sie bebte. Sie war doch nicht so muthig, wie sie sich den Anschein gab. Und als sie, in mehrere Nebengänge einbiegend, immer ganze Schaaren von Ratten fliehen sahen und hörten, stieß sie zuweilen einen lauten Ruf des Schreckens aus. Nach einer Weile kamen sie durch ein breiteres Gewölbe, an dessen beiden Seiten zahlreiche Ueberreste von Leichen aufgestapelt waren. Da drängte sie sich furchtsam an ihren Führer und beeilte ihre Schritte, so daß er ihr kaum zu folgen vermochte. Endlich, endlich blieb er halten. Es waren in die Mauer Stufen gehauen und oben in der Decke erblickte man eine Fallthür, ganz ähnlich derjenigen, durch welche sie vorher herabgestiegen waren. »Wir sind am Ziele,« sagte er. »Ueber uns ist der Keller des Vater Main?« fragte sie. »Ja. Der Schlaukopf scheint auch zuweilen hier unten seine Entdeckungsfahrten unternommen zu haben; denn diese Stufen sind sicher nur von ihm in den Stein gehauen worden. Er kann da die Leiter entbehren. Ich werde einmal horchen, ob sich Jemand im Keller befindet. Hier hast Du den Stockdegen, um Dich der Ratten zu erwehren, wenn sie Dich belästigen sollten. Er stieg empor, bis sein Kopf an die Fallthür stieß und lauschte eine kurze Zeit. Dann hob er die Thür empor, hielt die Laterne in die Höhe und blickte in den Keller. Er konnte nach dem, was er erfahren hatte, sich denken, daß das Haus von der Polizei besetzt sei. Daher war Vorsicht geboten. Glücklicher Weise bemerkte er, daß in dieser hinteren Abtheilung von einem Menschen keine Spur zu sehen sei. »Es ist Niemand da,« flüsterte er ihr zu. »Komm herauf.« Er selbst stieg vollends empor und sie folgte ihm. »Nun, wo ist das Versteck?« fragte er. »Du kannst es mir zeigen, ohne ein Wort zu sprechen; dann hast Du Deinen Schwur gehalten.« Natürlich sprach er so leise wie möglich. Er war fieberhaft erregt, ließ es sich aber nicht merken. Das Mädchen trat einige Schritte vor, bückte sich dann fast bis zum Boden nieder und deutete auf einen Mauerstein, welcher ganz fest zwischen den andern zu stecken schien. Ein Eisenring war an ihm angebracht. Lemartel erfaßte den Ring und zog. Der Stein folgte dieser Anstrengung und nach ihm auch die rechts und links von ihm befindlichen. Dadurch wurde eine Oeffnung sichtbar, welche eine ziemliche Tiefe besaß. Der Lumpenkönig leuchtete in dieselbe hinein und mußte sich beherrschen, nicht einen lauten Ruf des Erstaunens auszustoßen. Er erblickte Geldrollen und Packete, welche jedenfalls Papiergeld enthielten, Ringe, Ketten, Armbänder und allerlei ähnliche Schmuckgegenstände. Und ganz hinten – ah, er langte hinter und zog ein kleines Kästchen hervor, welches er genau betrachtete. Es war verschlossen und kein Schlüssel steckte im Loche. »Das ist es!« sagte er, indem sein Auge aufleuchtete. »Dieses Kästchen wurde Ihnen gestohlen?« fragte sie. »Ja. Ich werde der Polizei Meldung machen.« »Warum denn, Monsieur?« »Damit ich es wieder bekomme.« »Dazu ist ja gar keine Meldung nöthig! Wenn es Ihnen gehört, so können Sie es ja behalten. Das ist keine Sünde und auch kein Verbrechen.« Natürlich hatte er sich nur den Anschein gegeben, als ob er Anzeige machen wolle. Er nahm eine nachdenkliche Miene an und meinte flüsternd: »Du hast eigentlich ganz Recht. Melde ich es der Polizei, so wird das Kästchen confiscirt, obgleich es mein Eigenthum ist, und ich kann Monate lang warten, ehe ich es erhalte. Also Du meinst, daß ich es mitnehmen soll?« »Ja. Was ist drin?« »Nichts gerade Werthvolles. Nur Scheine und Zeugnisse, welche ich vielleicht noch einmal gebrauchen werde. Die Diebe haben das Kästchen jedenfalls nur deshalb mitgenommen, weil die Elfenbeinarbeit daran eine werthvolle ist. Stecken wir die Steine wieder an ihren Platz!« Er verschloß das Versteck wieder, wie es erst gewesen war, und nahm das kleine Kästchen an sich. Dann stiegen sie wieder hinab, wobei er die Fallthür über sich niederließ. Unten im Gewölbe angekommen, sagte das Mädchen: »Nun sind Sie also vollständig zufriedengestellt, Monsieur?« »Ja.« »Das ist uns leichter geworden, als ich dachte. Ich werde darum die Belohnung, welche Sie mir versprochen haben, wohl gar nicht annehmen können.« »Du wirst sie erhalten und annehmen, denn Du hast sie verdient. Komm, laß uns zurückkehren.« Sie gelangten auf demselben Wege, den sie gekommen waren, und in ganz derselben Weise in die Lumpenniederlage Lemartels zurück. Dort öffnete er sein Pult und zahlte ihr die Summe aus. Sie konnte es gar nicht fassen, plötzlich so reich geworden zu sein, und zog im Uebermaße ihres Glückes seine Hand an ihre Lippen. Dann entfernte sie sich. Kaum aber war sie fort, so trat er den Gang zum zweiten Male an. Während er die Katakomben durchschritt, murmelte er vor sich hin: »Soll ich etwa den Schatz liegen lassen, den dieser Spitzbube da aufgespeichert hat! Ich würde der größte Thor der Erde sein. Habe ich mir kein Gewissen daraus gemacht, damals die Familie Königsau nebst Graf Rallion und den Capitän um ihr Geld zu betrügen, so brauche ich jetzt erst recht kein Bedenken zu hegen!« Unter der Fallthür angekommen, lauschte er. Er bemerkte, daß Jemand im Keller sei. Es wurde geklopft und gehämmert. »Donnerwetter!« dachte er. »Sollte man ahnen, daß der Alte hier ein heimliches Versteck hat, und nach demselben suchen? Das wäre fatal! Ich muß warten.« Er wartete lange Zeit; aber die Bewegung, welche im Keller herrschte, wollte nicht aufhören. Darum kehrte er endlich zurück und beschloß, den Weg am Tage nochmals zu unternehmen. Er kam erst gegen Mittag zur Ausführung dieses Vorhabens. Jetzt fand er den Keller des Wirthes leer. Er blickte sich um, konnte aber nichts bemerken, was ihm hätte als Fingerzeig dienen können, warum man in der Nacht hier so geklopft und gehämmert habe. Das Geräusch hatte wohl im vorderen Keller stattgefunden. Er zog die Steine heraus und fand den Schatz noch vor. Er raffte Alles in ein Tuch zusammen, welches er mitgebracht hatte, brachte die Steine wieder in ihre Lage und zog sich dann zurück, um eine Summe bereichert, deren Höhe er jetzt noch gar nicht zu bestimmen vermochte. Er hielt sich gar nicht in seiner Niederlage auf, sondern begab sich nach dem Palais, um den Raub dort in sicheren Gewahrsam zu bringen. Wer ihn jetzt hätte durch den Garten schreiten sehen, dem wäre es ganz gewiß nicht eingefallen, ihn für den Besitzer dieses Palastes zu halten. Er war nicht anders gekleidet als einer seiner Arbeiter. Nachdem er das gestohlene Gut versteckt hatte, begab er sich zu den beiden Männern, welche glaubten, sich in einem sicheren Asyl bei ihm zu befinden. »Endlich!« sagte Vater Main, als er bei ihnen eintrat. »Die Zeit wird Einem in dieser Einsamkeit verteufelt lang. Giebt es nichts Neues? Was erfährt man über unsere Affaire?« »Sehr viel und sehr wenig,« antwortete Lemartel. »Ich bringe Euch eine Botschaft, welche für Euch von größter Wichtigkeit ist.« »Erfreulich?« »Nein. Wenigstens ich glaube, daß sie Euch nicht sehr angenehm sein wird.« Aus dem Umstande, daß er Euch anstatt Ihnen sagte, hätten sie sehr leicht auf die Aenderung seiner Gesinnung schließen können. Sie beachteten das nicht. Der Bajazzo fragte: »Was ists? Heraus mit der Sprache.« »Hier nicht. Ich muß Euch erst an einen anderen Ort bringen. Kommt, und folgt mir!« »Wohin?« »Das werdet Ihr sehen!« Er öffnete die Thür und stieg, ihnen voran, die Treppe hinab. Sie sahen sich gezwungen, ihm zu folgen, wunderten sich aber nicht wenig, als sie bemerkten, daß er sie durch den Garten nach der Lumpenniederlage hinüber führte. Jenseits der Mauer angekommen, ließ er sie warten. Zur jetzigen Tageszeit war das Geschäft geschlossen. Er überzeugte sich dennoch, ob sich Jemand anwesend befinde und fühlte sich erst dann sicher, als er annehmen konnte, daß er völlig unbeobachtet sei. Nun brachte er die Beiden nach der Niederlage. Dieses Verhalten fiel doch den Beiden auf. »Ist das etwa der Ort, an den Sie uns bringen wollten?« fragte Vater Main. »Ja; er ist es.« »Alle Teufel. Und hier, gerade hier allein können Sie mit uns reden?« »Nur hier! Hier ist der einzige Ort für das, was ich Euch mitzutheilen habe.« »So bin ich wirklich neugierig, es zu hören.« »Ihr sollt es sofort erfahren, ich habe nämlich vernommen, daß man Euch an allen Ecken und Enden sucht. Findet man Euch, so seid Ihr verloren.« »Das wissen wir, ohne daß man es uns zu sagen braucht!« »Verloren ist aber auch Derjenige, bei dem man Euch findet, und darum muß ich Euch bitten, Euch ein anderes Asyl zu suchen!« Sie blickten ihn erstaunt und wortlos an. Vater Main fand die Sprache zuerst wieder. Er fragte: »Monsieur Lemartel, belieben Sie etwa zu scherzen?« »Nein; ich spreche im Ernste.« »Alle Teufel! Das kann ich kaum glauben. Gerade dadurch, daß Sie uns die Thür zeigen, würden Sie das Verderben über sich herauf beschwören.« »Das klingt sehr unglaublich. Ich kann Euch nicht gebrauchen!« »Aber wir Sie! Ich sage Ihnen: Wenn Sie uns wirklich die Thür zeigen, so befindet sich das bewußte Kästchen innerhalb einer Stunde in den Händen der Polizei.« »Daran glaube ich nicht. Wie wollen Sie in Ihr Haus zurück, um es zu holen. Sie würden der Polizei in die Hände gerathen!« »Ich habe Ihnen ja bereits mitgetheilt, daß ich es an einem anderen Orte deponirt habe.« »Das ist eine Lüge, das Kästchen befindet sich in Ihrem Keller.« Der Wirth riß die Augen auf. Er starrte den Sprecher erschrocken an, faßte sich aber rasch wieder und sagte: »Unsinn! Sie haben kein Geschick, auf den Strauch zu schlagen.« »Das beabsichtige ich gar nicht. Ich bin meiner Sache so sicher, daß ich Ihnen sogar sagen kann, daß das Kästchen sich in der hinteren Abtheilung Ihres Kellers befindet.« »Vermuthung! Nichts weiter!« »Hinter den drei Steinen, welche locker sind.« Da fuhr der Wirth zurück, als ob er vor einem Abgrunde stehe. Er stieß einen Ruf des Schreckens aus und fragte: »Hölle und Teufel! Was wissen Sie von drei Steinen? Was bringt Sie zu dieser unbegreiflichen Vermuthung?« »Es hat mir geträumt; das ist die einzige Erklärung, welche ich zu geben vermag. Wollt Ihr das Kästchen der Polizei übergeben, so habe ich ganz und gar nichts dagegen. Die Lust aber, mich wegen Euch in Gefahr zu begeben, ist mir vergangen.« Er näherte sich der Hausthür, welche von innen verschlossen war, und zog den Schlüssel hervor, um sie zu öffnen. Da trat der Bajazzo zu ihm heran und fragte: »Reden Sie irre, oder sprechen Sie im Ernste?« »Das Letztere ist der Fall, Monsieur Bajazzo.« »So wollen Sie also wirklich in Ihr Verderben rennen!« »Versuchen Sie es doch, mich zu verderben.« »Das Kästchen wird sicher abgegeben.« »Holt es Euch erst.« »Ich werde erklären, daß Sie der betreffende Henry de Lormelle sind, welcher damals – – Sie wissen ja!« »Nichts weiß ich, gar nichts! Bringt Beweise! Hier steht die Thür offen. Packt Euch hinaus.« Er hatte die Thür aufgestoßen und deutete hinaus auf die Gasse. Das steigerte den Grimm des Bajazzo. »Hund!« rief er. »Du sollst uns nicht umsonst hinauswerfen! Da, nimm das zum Lohne.« Er holte zum Schlage aus; aber der Lumpensammler war auf seiner Hut gewesen. Er sprang zurück und riß einen Revolver aus der Tasche, den er dem Bajazzo entgegenhielt: »Ah, vergreifen wollt Ihr Euch an mich?« fragte er. »Noch einen einzigen Schritt, und ich schieße Euch nieder. Wenn man Euch dann erkennt, wird man mich belohnen anstatt bestrafen. Ich sage ganz einfach, daß Ihr einen Raubanfall gegen mich unternommen habt. Also geht, oder ich schieße.« Der Bajazzo sah sich ihm machtlos gegenüber. Er schäumte vor Wuth. Vater Main fühlte nicht weniger Grimm, aber er besaß mehr Selbstbeherrschung. Er faßte ihn beim Arm und sagte: »Komm, Bajazzo; laß ihn! Er hat in diesem Augenblicke die Oberhand; aber er soll es büßen; dafür werden wir sorgen.« Er zog ihn mit sich fort, auf die Gasse hinaus. Draußen blickten sie sich vorsichtig um. Sie bemerkten nichts Verdächtiges und schritten weiter. »Diesem Hallunken will ich es gedenken!« sagte der Bajazzo. »Ich kenne eine Affaire aus seiner Vergangenheit, welche – – –« »Still jetzt!« unterbrach ihn der Vater Main. »Wir haben in diesem Augenblicke genugsam mit uns selbst zu thun. Es ist heller Tag. Man sucht mich jedenfalls durch ganz Paris. Ich muß auf meine Sicherheit bedacht sein.« »Wohin aber wenden wir uns?« »Zum alten Piccard.« »Ah, zum Trödler?« »Ja.« »Lebt er denn noch?« »Der stirbt niemals. Er scheint das ewige Leben zu haben. Er ist mir zu Dank verpflichtet, und ich bin überzeugt, daß er mir seine Hilfe nicht versagen wird. Vorwärts also!« Er begann, rascher als bisher auszuschreiten und der Bajazzo mußte das Gleiche thun. So kamen sie glücklich durch einige Gäßchen, ohne einem Polizisten zu begegnen und endlich traten sie in den Flur eines kleinen, armseligen Häuschens, in welchem allem Anscheine nach ein Althändler zu wohnen schien. Fortsetzung 60 Der Wirth hatte das Eintreten der beiden Fremden vernommen, er öffnete die Stubenthür. Der Raum war von der Diele bis zur Decke hinauf mit altem Gerümpel angefüllt. Auf einer Bank saß ein alter grauköpfiger Kerl, welcher noch vor Methusalem gelebt zu haben schien. Kaum war der Blick dieses Mannes auf Vater Main gefallen, so sprang er mit jugendlicher Beweglichkeit von seinem Sitze auf, riß die Beiden in die Stube hinein, verriegelte die Thüre und rief im Tone des Schreckens: »Mein Gott, ist es möglich! Vater Main! Du wagst es, Dich am hellen Tage auf der Straße zu zeigen! Weißt Du denn nicht, daß tausend Augen nach Dir forschen?« »Ich weiß es, alter Piccard. Wirst Du mich verrathen?« »Was denkst Du. Was fällt Dir ein.« »Ich wußte es. Du wirst mir doch aus der Schlappe helfen.« »Gern, wenn ich kann. Was verlangst Du von mir?« »Ich mußte fliehen in demselben Anzuge, in welchem ich im Keller steckte. Hast Du keinen anderen, welcher mich unkenntlich macht?« »Ich habe einen und werde ihn holen.« »Aber ich habe kein Geld.« »Das ist auch nicht nöthig. Du wirst mich bezahlen, sobald es Dir möglich ist. Und Du, Bajazzo, bist auch wieder hier? Sieht man Dir vielleicht auch auf die Finger?« »Hm,« antwortete der Gefragte, »auch ich habe gerade keine Veranlassung, mich viel sehen zu lassen.« »So macht Euch aus der Stadt hinaus. Draußen im Lande seid Ihr sicherer als hier.« Er suchte einen Anzug hervor und bald war der Wirth so ausstaffirt, daß man ihn, wenigstens von Weitem, nicht gut erkennen konnte. Der Trödler schob sie zur Thüre hinaus. Es war ihm doch angst, daß man sie bei ihm finden könne. Die Beiden suchten die einsamsten Wege aus und besprachen sich dabei über Das, was sie zu thun hatten. »Hast Du Geld, Bajazzo?« fragte der Wirth. »Verdammt wenig. Ich bin gestern Abend so dumm gewesen, zu spielen und habe da fast Alles verloren.« »Das ist dumm. Ohne Geld können wir nicht fort. Ich habe zwar genug zu Hause und so gut versteckt, daß man es nicht finden kann; aber kann ich es holen? Nein. Die Polizei hat jedenfalls das Haus und auch die ganze Umgegend besetzt.« »Hast Du keinen Bekannten, welcher Dir vielleicht borgen würde?« »Genug. Aber es fällt mir gar nicht ein, sie aufzusuchen. Jedem meiner Bekannten hockt ein Polizist auf dem Rücken, das ist sicher.« »Wie aber zu Geld kommen. Wir müssen welches haben.« »Du, Bajazzo, sei aufrichtig. Ist die Polizei wirklich auch hinter Dir her?« »Leider, und zwar ganz verteufelt.« »Weshalb?« »Ich spreche nicht darüber; aber wenn man mich erwischt, so kann es mir leicht an den Kragen gehen.« »So müssen wir alles versuchen, um uns salviren zu können. Geld muß und muß und muß geschafft werden. Weißt Du Rath?« »Nein.« »Gut, so weiß ich welchen. Werden wir mit zehntausend Franken ausreichen?« »Zehntausend? Bist Du verrückt? Woher sollen wir eine solche ungeheure Summe erhalten?« »Woher? Von wem anders, als von dem Grafen Rallion.« »Von Rallion? Ah! Mensch, das ist ein sehr guter Gedanke!« »Nicht wahr? Er muß Geld schaffen und zwar genug. Wir haben ihn in unseren Händen.« »Das ist richtig. Aber – hm.« »Was? Giebt es ein Bedenken?« »Ja, ein sehr schweres.« »In unserer Lage haben wir keine Wahl.« »Ja doch haben wir eine Wahl.« »Welche?« »Wer mit ihm reden soll, ob Du oder ich. Furcht habe ich nun wohl nicht; aber es ist doch nichts Angenehmes, so einem vornehmen Herrn entgegen zu treten.« »Du hast kein Geschick. Soll ich mit ihm reden?« »Ja. Ich lasse es am Liebsten Dir über.« »Gut. Hast Du noch genug Geld für einen Fiaker?« »Dazu reicht es aus. Du meinst, wir werden nicht so beobachtet, wenn wir fahren?« »Gewiß. Befinden wir uns erst in dem Stadttheile, wo der Graf wohnt, so sind wir dort nicht so sehr bekannt, wie hier. Also wollen wir unser Glück versuchen.« Sie nahmen eine Droschke und ließen sich bis in die Nähe des Hotels Rallion fahren. Dort stiegen sie aus und lohnten den Kutscher ab. Hier in diesem Stadtviertel fühlten sie sich sicherer als vorher. »Wo soll ich warten?« fragte der Bajazzo. »Geh dort in der Seitenstraße auf und ab. Ich denke, daß ich Dich nicht lange warten lassen werde.« Sie trennten sich. Der Bajazzo begab sich nach der Seitengasse, wo er langsam hin und her ging, sorgsam darauf achtend, daß er nicht zu auffällig werde. Bereits kaum nach fünf Minuten sah er den Wirth kommen. »Schon?« sagte er zu ihm. »Er war wohl nicht zu sprechen?« »Nein. Er ist verreist.« »Wohin?« »Das weiß der Teufel. Ich konnte es nicht erfahren. Dieser verdammte Portier schien mich nicht für voll anzusehen. Aber ich weiß, wo ich ganz genaue Auskunft erhalten werde.« »Wo?« »Beim Secretär des Grafen, welcher gar nicht weit von hier wohnt. Er wird zu Hause sein, denn es ist die Zeit zum Speisen.« Sie wanderten miteinander weiter, bis sie ihr Ziel erreichten. Hier mußte der Bajazzo abermals warten. Er trat in das Thor des gegenüber liegenden Hauses, von wo aus er Alles genau beobachten konnte. Der Wirth aber trat drüben ein und stieg die Treppe empor in der festen Ueberzeugung, den gegenwärtigen Aufenthalt des Grafen zu erfahren. – Belmonte war mit seinem Martin im Stadthause zusammengetroffen, wo man dann die Aussagen Beider zu Protokoll genommen hatte. Darnach wollte Martin die Geliebte aufsuchen. Er blickte, aus dem Stadthause tretend, seinen Herrn von der Seite an und sagte: »Jetzt also nun Abschied nehmen.« »Von der Schwalbe,« lächelte Belmonte. »Wollten Sie nicht mit, Monsieur?« »Gleich mit? Ist es nicht besser, ich lasse Euch erst ein Weilchen allein und komme dann nach?« »Hm! In solchen Angelegenheiten scheinen Sie denn doch nicht sehr bewandert zu sein.« »Wieso, mein Lieber?« »Beim Abschiednehmen ist jeder Dritte überflüssig.« »Ah so! Du meinst, ich soll lieber gleich jetzt mitkommen und Euch dann allein lassen?« »So denke ich allerdings.« »Gut; ich gehe mit.« Alice saß bei einer kleinen Handarbeit und dachte des Geliebten, als es draußen am Vorsaale klingelte. Sie ging hinaus, um zu öffnen. Sie erblickte einen höchst stattlichen Herrn, welcher den Hut ziehend, sich höflichst verbeugte und dann fragte: »Entschuldigung! Bin ich hier recht bei Demoiselle Alice?« »So heiße ich, mein Herr. Treten Sie näher.« Er trat in den Vorsaal, blieb aber so stehen, daß sie die Thür nicht schließen konnte und fuhr fort: »Ich suche einen Herrn bei Ihnen, welcher sich Monsieur Martin nennt.« Eine tiefe Röthe überflog ihr Gesicht. »Monsieur Martin?« fragte sie verlegen. »Ja, Mademoiselle. Es ist ganz derselbe Martin, welcher sich vorzugsweise gern unter die Tische versteckt, wenn er bei Damenbesuch gestört wird.« Sie wurde noch verlegener; dann aber leuchtete es plötzlich in ihrem hübschen Gesichtchen auf. »Ah, er hat geplaudert!« lachte sie. »Irre ich nicht, so sind Sie Monsieur Belmonte?« »Wie kommen Sie zu dieser Vermuthung?« »Weil Martin nur seinen Herrn in solche Staatsgeheimnisse einweihen wird.« Da ertönte draußen hinter der Thür ein fröhliches Lachen. Der Telegraphist drängte sich herein, nahm das Mädchen bei der Taille und sagte frohlockend: »Habe ich es nicht gesagt, daß mein Schwälbchen Sie verrathen wird, Monsieur Belmonte. Ja, man glaubt gar nicht, was so ein Vöglein für einen Scharfsinn besitzt. Alice, hier ist mein lieber Herr, welcher Dich gern einmal sehen wollte. Darf er mit eintreten?« Sie war überrascht, den Geliebten um diese Zeit bei sich zu sehen, aber sie fand sich rasch in die Lage. »Es wird mir eine große Ehre sein,« antwortete sie. »Bitte einzutreten, Monsieur.« Die trauliche, saubere Häuslichkeit heimelte Belmonte sofort an, und als er nun dem braven Mädchen in das liebe, vor Freude geröthete Angesicht blickte, da ging ihm das Herz auf. Er reichte ihr die Hand und sagte: »Ich werde Sie nicht lange belästigen, Mademoiselle; aber es war mir ein Bedürfniß, die Dame kennen zu lernen, welche das Herz meines guten Martin so schnell und vollständig erobert hat. Ich möchte eifersüchtig auf Sie sein. Er denkt jetzt kaum mehr an mich, sondern immer nur an Sie.« Sie wollte antworten, aber da ertönte die Klingel abermals. »Gott, das wird mein Bruder sein,« sagte sie. »Erschrecken Sie darüber nicht,« meinte Belmonte. »Martin hat keine Veranlassung, sich vor Monsieur, Ihrem Bruder, zu verbergen. Gehen Sie getrost, um zu öffnen.« Sie war doch ein wenig bleich geworden, aber sie folgte der an sie ergangenen Aufforderung. Die Beiden hörten, daß die Vorsaalthür aufgeschlossen wurde und dann fragte eine Stimme: »Wohnt hier der Secretär des Grafen Rallion?« »Ja, mein Herr,« antwortete Alice. »Ist er zu Hause?« »Nein.« »Wann wird er kommen?« »Er wird vielleicht bald zu sprechen sein.« »So erlauben Sie, daß ich eintrete.« Man hörte das Geräusch von Schritten, welche aber doch gleich wieder halten blieben. Alice schien sich dem Manne in den Weg gestellt zu haben. Belmonte hatte überrascht aufgehorcht. »Sapperlot,« flüsterte er. »Diese Stimme sollte ich kennen!« »Bitte, ziehen Sie es nicht vielleicht vor, in kurzer Zeit wieder zu kommen?« fragte das Mädchen draußen. »Nein,« wurde geantwortet. »Ich werde warten bis er kommt.« »Er ist's, er ist's!« sagte Belmonte. »Es ist wahrhaftig Vater Main, oder ich müßte mich außerordentlich täuschen! Rasch hier hinein. Mich kennt er nicht sofort wieder.« Er öffnete die Nebenthür und schob Martin hinein; dann trat er zu der Thür, welche nach dem Vorsaal führte, öffnete sie und sagte zu dem Ankömmling: »Bitte, treten Sie hier ein.« Der Angeredete folgte dieser Aufforderung. Es war wirklich der von der Polizei gesuchte Tavernenwirth. Er erkannte Belmonte nicht, da dieser anders gekleidet ging und auch nicht die falsche Haartour trug, welche er angelegt hatte, wenn er bei Vater Main erschien. »Ah,« sagte der Wirth, »man hat Sie verleugnen wollen?« »Wieso?« »Sie sind Monsieur, der Secretär?« »Nein, der bin ich allerdings nicht. Aber bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen, mein Herr?« Vater Main setzte sich auf einen Stuhl und Belmonte stellte sich so, daß er zwischen ihm und der Thür stand. Alice war mit eingetreten. Die Anwesenheit dieses Fremden war ihr im höchsten Grade fatal. Er bemerkte das an dem Blicke, den sie mißbilligend auf ihm ruhen ließ, und suchte sich zu entschuldigen: »Ich bin fremd in Paris, Mademoiselle, und wußte nicht, wo ich bis zur Ankunft des Herrn Secretärs besser warten sollte als hier.« »Sie haben sehr recht,« bemerkte Belmonte. »Auch mir ist es lieber, daß Sie hier eingetreten sind. Darf ich fragen, welcher Angelegenheit wir Ihre Anwesenheit verdanken?« »Ich wollte eine Erkundigung aussprechen.« »Nach wen oder was? Vielleicht bin auch ich im Stande, Ihnen Auskunft zu ertheilen.« »Ich möchte gern erfahren, wo sich gegenwärtig Graf Rallion befindet. Ist Ihnen der Ort bekannt?« »Ja. Was wünschen Sie von ihm?« »Ich habe in einer wichtigen Privatangelegenheit um eine Audienz zu ersuchen.« »Vielleicht in Damenangelegenheiten?« »Wieso? Woher diese Vermuthung?« »Weil Sie ein Herr zu sein scheinen, der sich vorzugsweise gern mit Damen beschäftigt.« »Sie scherzen. In meinen Jahren, Monsieur – hm.« »O, auch in Ihren Jahren kann man sich noch sehr für junge Damen interessiren, wenn auch weniger aus Gefühls- als vielmehr aus pecuniären Rücksichten.« »Ich verstehe Sie nicht.« »Das begreife ich nicht. Man hat Beispiele, daß sich ein Herr Ihres Alters für eine Dame interessirte, um zu einem Gewinne von hunderttausend Franken zu kommen.« Der Wirth wurde leichenblaß. Er antwortete stockend: »Er hat sich des Vermögens wegen mit ihr verlobt?« »Nein, er hat sie dieser Summe wegen geraubt.« »Ah, Sie sprechen von dem Falle, welcher die ganze Hauptstadt in Aufregung gebracht hat. Es steht sehr zu wünschen, daß der Thäter ergriffen werde. Ich aber werde doch vorziehen, später wieder zu kommen, da der Herr Secretär vielleicht erst spät hier eintrifft.« Er hatte sich erhoben; er fühlte sich von einer plötzlichen Unruhe ergriffen. Der Mann, welcher da vor ihm stand, kam ihm so eigenthümlich, so inquisitorisch vor. Er machte eine Verbeugung und wollte an Belmonte vorüber. Dieser aber wich nicht von seinem Platze, sondern sagte sehr höflich: »Bitte, zu bleiben, Monsieur. Warum wollen Sie sich entfernen, da Sie doch soeben gewünscht haben, daß der Thäter ergriffen werde.« »Ich verstehe Sie wahrhaftig nicht,« stotterte der Wirth. »Wie? Sie verstehen mich nicht? Sie kennen mich wohl auch nicht, mein Lieber?« »Nein, Monsieur.« »Und doch sind wir so gut mit einander bekannt.« »Ich kann mich wirklich nicht erinnern –« »So muß ich Ihr Gedächtniß unterstützen.« Er griff in die Tasche seines Rockes, zog die Haartour hervor und legte sie an. Der Wirth wich zurück. Seine Augen schienen aus ihren Höhlen treten zu wollen. »Tausend Teufel! Der Changeur!« rief er. »Ja, der Changeur! Und hier noch Einer!« ertönte es da durch die sich öffnende Seitenthür. Der Wirth wendete sich um und machte eine abermalige Geherde des heftigen Schreckens. »Der Student! Verdammt! Der Teufel hole alle Beide.« Er holte zum Sprunge aus, um Belmonte niederzurennen und dann zu entkommen, aber Martin, welcher ihm jetzt am Nächsten stand, ergriff ihn von hinten und schleuderte ihn auf das Sopha zurück. Zugleich zog Belmonte den Revolver und drohte: »Bleib ruhig sitzen, Kerl, sonst jage ich Dir eine Kugel durch den Kopf.« Die Brust des Wirthes arbeitete unter einem Entschlusse, welchen er fassen wollte, aber er kam nicht dazu; er sah ein, daß Widerstand hier vergeblich sein würde. »Ich bin verloren,« sagte er. »Hund von Changeur, so hatte ich also doch Recht, Du bist Polizeispion. Der Satan brate Dich dafür in alle Ewigkeit.« Er schien sich in sein Schicksal ergeben zu wollen; aber im nächsten Moment ermannte er sich wieder. »Aber noch habt Ihr mich nicht!« rief er. »Macht Platz!« Er schnellte sich auf die Thür zu, hatte sich aber in Belmonte verrechnet. Dieser packte ihn und schleuderte ihn zurück. Mit einem lauten Wuthschrei warf er sich zwar wieder auf den Changeur, aber da wurde er auch schon wieder von Martin gefaßt und die beiden Männer rangen ihn zu Boden nieder. »Mein Gott, mein Gott! Wer ist dieser Mensch?« rief Alice. »Es ist der Wirth, welcher die Comtesse de Latreau geraubt hat,« antwortete Martin. »Hast Du keine Stricke oder starke Schnuren da, ihn zu binden?« »Gleich, gleich,« antwortete sie. Sie wußte jetzt, wer er war. Dieser Mensch durfte nicht entkommen. Sie eilte in die Nebenstube und kehrte schnell mit dem gewünschten Materiale zurück. Der Wirth wurde gefesselt. »Jetzt zur nächsten Polizei, Martin,« gebot Belmonte, »damit der Kerl in Sicherheit kommt.« Martin gehorchte dieser Aufforderung und bald kamen mehrere Polizeisergeanten, um den Gefangenen in Empfang zu nehmen. Er wurde fortgeschafft. Was hatte dieser Mensch von Alicens Bruder gewollt? Keins von den Dreien wußte es zu sagen. Hatte er wirklich nur die Absicht gehabt, den Aufenthaltsort des Grafen Rallion zu erfahren? Stand er mit diesem Letzteren in irgend einer Beziehung? Belmonte gab sich keine Mühe, darüber nachzudenken. Er beschloß aber, sich nach der Polizei zu begeben, um seine Aussage in die Feder zu dictiren. Er verabschiedete sich von Alice, welche er mit dem Geliebten allein ließ. Als er unten aus der Thür trat, sah er gerade gegenüber einen Mann in sehr gedrückter Haltung unter dem Thorwege hervor kommen und davongehen. »Ah, der Bajazzo!« murmelte er. »Ist er mit dem Wirthe zusammen gewesen? Hat er den Aufpasser gemacht? Ah, pah! Was geht es mich an? Der Bajazzo ist bei dem Raube nicht betheiligt gewesen; ich will ihn laufen lassen!« Er ahnte jetzt nicht, daß er in ganz Kurzem es sehr bereuen werde, den Bajazzo jetzt nicht festgehalten zu haben. Droben hatte Martin der Geliebten Vieles zu erklären. Sie zitterte bei dem Gedanken, daß sie sehr leicht mit diesem gefährlichen Menschen hätte allein sein können. Und doch war sie auch stolz darauf, daß er von ihrem Geliebten und sogar in ihrer eigenen Wohnung festgenommen worden war. Das Alles aber war sofort vergessen, als sie dann hörte, daß Martin eigentlich gekommen sei, um Abschied von ihr zu nehmen. Sie fuhr bei dieser Eröffnung erschrocken zusammen, und in demselben Augenblicke standen ihre Augen bereits voller Thränen. »Mein Gott. Ist's möglich? Fort willst Du?« fragte sie, indem sie die Arme um ihn schlang. »Ja, mein gutes, liebes Mädchen. Es ist so gekommen, wie ich es Dir vorher gesagt habe: plötzlich, schnell und unerwartet. Noch gestern wußte ich gar nichts davon.« »So soll ich Dich von mir lassen, Dich verlieren!« klagte sie. Er zog sie an sich, strich ihr liebkosend mit der Hand über das weiche Haar und antwortete in beruhigendem Tone: »Von Dir lassen, ja, aber verlieren doch nicht! Vielleicht komme ich bald, sehr bald zurück.« »Wohin gehst Du von hier?« »Nach Metz. Darf ich Dir schreiben, meine Seele?« »Ja, ja! Schreib alle Tage, mein lieber Martin!« »Und Du antwortest mir!« »So oft und viel ich kann! O, was für eine Sorge macht mir Dein Scheiden. Vielleicht werde ich bald ganz einsam und allein hier wohnen!« »Wieso? Du hast doch Deinen Bruder hier.« »Es ist möglich, daß er mich verlassen muß. Er sprach heute Morgen davon, daß wir ganz gewiß bald Krieg haben werden. Dann muß er fort; Du bist auch nicht da, und ich bin ganz allein.« Sie weinte leise vor sich hin. Er wußte am Besten, wie Recht sie habe; er wollte sie trösten, und da kam ihm ein plötzlicher Gedanke, dem er sogleich in Worten Ausdruck gab: »Du wirst nicht allein sein, liebe Alice. Ich kenne eine junge Dame, welche sich sehr gern Deiner annehmen wird.« »Eine junge Dame? Wer könnte das sein?« »Comtesse Ella von Latreau.« »Die Comtesse?« fragte Alice, beinahe erschrocken. »Die Tochter eines Grafen und ich.« »Was wäre daran zu verwundern? Ist sie nicht von Deinem Bräutigam gerettet worden? Ist der Kerl, der sie geraubt hatte, nicht bei Dir und in Deiner Gegenwart ergriffen worden? Noch ist der Krieg nicht da; aber selbst, wenn er ausbricht, sollst Du doch nicht verlassen sein!« – Als Martin nach einiger Zeit nach Hause kam, befand auch Belmonte sich bereits daheim. Dieser nickte ihm lächelnd zu und fragte: »Zu Ende mit dem Abschiede?« »Gott sei Dank, ja! Das ist ein saueres Stück Arbeit. Wer es nicht kennt, der glaubt es gar nicht.« »Sapperlot! Ist das Dein Ernst? Das klingt ja gerade als ob Du ein Familienvater seist, der von Frau und zehn Kindern Abschied genommen hat.« »Es ist mir allerdings ganz und gar familienväterlich zu Muthe. Ich habe für Alice zu sorgen. Auf ihren Bruder kann sie sich nicht verlassen. Der Krieg bricht aus: Die Deutschen belagern Paris. Donnerwetter, was soll da aus meiner Schwalbe werden.« Belmonte nickte leise vor sich hin. »Recht hast Du,« sagte er. »Alice ist ein Prachtmädchen. Ich verdenke es Dir nicht, daß Du Dein Herz bei ihr gelassen hast. Der Krieg wird hier in diesem Babylon gar Manches und Vieles verändern. Die Franzosen sind ein unruhiges, unzuverlässiges Volk. Siegen sie, dann wehe uns. Siegen wir, dann doppelt Wehe. Aufruhr und Empörung sind dann die sicheren Folgen. Kein braver Kerl hat dann die Braut gern mitten im Heerde der Revolution. Hm. Ich habe eine Idee, Martin.« »Die möchte ich erfahren.« »Die Comtesse de Latreau geht von Paris fort.« »Alle Wetter! Heute sterben zwei Schneidergesellen!« »Wieso?« »Weil wir zweimal ganz den gleichen Gedanken gehabt haben, zuerst mit dem famosen englischen Reporter und sodann mit der Comtesse.« »Mit dem Reporter? Wieso?« »Nun, haben Sie sich nicht ihm gegenüber für einen türkischen Berichterstatter ausgegeben?« »Ja. Kennst Du ihn denn?« »Ich traf ihn bei Vater Main. Er wollte das Abenteuer erzählt haben, und ich sagte ihm da, daß ich ein Reporter aus Brasilien sei. Das ist der eine Schneidergeselle, welcher stirbt. Vorhin nun, als mir meine Schwalbe klagte, daß sie ganz einsam und verlassen sein werde, dachte ich an die Comtesse. Sie hat uns immerhin Einiges zu verdanken. Sie könnte sich, uns zu Liebe, meiner kleinen Verlassenen ein Wenig annehmen. So calculirte ich. Und jetzt bringen Sie ganz denselben Gedanken. Das ist der zweite Schneidergeselle, welcher sterben muß.« »Hm! Ja! Ich glaube, daß sich bei der Comtesse nicht schwer ein Plätzchen für Alice finden ließe.« »Aber wer soll es ihr vorstellen? Ich etwa?« »Nein, ich. Laß mir das über. Ich werde morgen beim General erwartet und werde da Gelegenheit nehmen, eine Bemerkung zu machen, lieber Martin.« »Aber eine kräftige, wenn ich bitten darf.« »Das versteht sich.« »Das könnte eine ganz allerliebste Commandite- oder vielmehr Recommanditegesellschaft werden.« »Wieso?« »Nun, wir Zwei und diese Zwei. Ich recommandire Ihnen die Comtesse, und die Alice recommandirt Sie der Comtesse. Auf diese Weise kann es am Schlusse des Krieges eine Doppelhochzeit geben, an welcher die Engel im Himmel ihre Freude haben, wir Beide aber noch mehr.« »Hm! So übel wäre das nun gerade nicht. Aber spielen wir jetzt nicht mit Seifenblasen, sondern denken wir an die Gegenwart. Hast Du Dich nach einem Pferde umgesehen?« »Wegen heut Abend? Dazu ist noch Zeit genug. Mich verlangt, zu wissen, wie diese Geschichte enden wird. Gott giebt dem Unverständigen Verstand und dem Verständigen Unverstand!« – Abends kurz vor neun Uhr ritt Martin ein Pferd in den Hof, und Belmonte stand am Fenster seines Zimmers, um die Equipage nicht auf sich warten zu lassen. Er hatte wirklich den Revolver, den Todtschläger und sein Laternchen zu sich gesteckt. Punkt zur angegebenen Stunde kam der Wagen herangerollt und hielt vor der Thür. Belmonte eilte hinab und stieg ein. Kaum hatten sich die Pferde in Bewegung gesetzt, so kam Martin aus dem Thore geritten, um der Equipage zu folgen. Fortsetzung 61 Als Belmonte den Schlag geöffnet hatte, um einzusteigen, war ihm die bekannte Stimme der unbekannten Dame entgegen geklungen: »Ah, Monsieur, da sind Sie! Guten Abend!« »Guten Abend, Madame,« antwortete er. »Befehlen Sie?« »Ich befehle nicht, sondern ich bitte, einzusteigen!« Sie saß im Fond des Wagens. Er wollte auf dem Rücksitze Platz nehmen; da aber meinte sie: »Nein, nicht so. Setzen Sie sich an meine Seite!« Er gehorchte. Sie hätte sich noch etwas mehr nach der Ecke zurückziehen können; aber sie that es nicht. In Folge dessen saß er so eng an ihr, daß er ihren Athem fühlte, welcher durch ihren Schleier hindurch über seine Wange strich. Der Wagen hatte sich natürlich sofort in Bewegung gesetzt. Er schaukelte in den Federn, so daß die Beiden von Augenblick zu Augenblick leise an einander stießen. Sie schien dies mit großem Behagen zu empfinden, da sie diese Berührungen länger auskostete, als es unbedingt nöthig war. »Ihre Gedanken werden heute mit wißbegierigen Fragen beschäftigt gewesen sein?« begann sie nach einer kurzen Weile. »Allerdings, Madame,« antwortete er. »Sie werden zu errathen gesucht haben, wohin ich Sie bringen werde?« »Ich kann es nicht in Abrede stellen.« »Da muß ich Sie sehr ersuchen, so diskret wie möglich zu sein. Es liegt ja nicht im Bereiche der Unmöglichkeit, daß Ihnen irgend ein kleiner, von uns unbeachteter Umstand ahnen läßt, bei wem Sie sich befinden werden. In diesem Falle rechnet man auf die strengste Verschwiegenheit!« »Ich bin nicht sehr plauderhaft!« »Ich hoffe das. Jetzt aber muß ich Sie ersuchen, sich gefälligst die Augen verbinden zu lassen.« Sie zog ihr Taschentuch hervor. »Kann mir das nicht erlassen werden, Madame?« fragte er. »Auf keinen Fall.« »Und wenn ich mich weigere?« »So sehe ich mich leider gezwungen, Sie aussteigen zu lassen. Doch hoffe ich, daß Sie nicht gegen unsere heutige Vereinbarung handeln werden.« »Gut; ich werde mich fügen. Also, bitte!« Er hielt ihr das Gesicht entgegen, und sie band ihm das Tuch so um die Augen, daß er gar nichts zu sehen vermochte. Und dann, ah, da fühlte er ihre Hände an seinen Schultern; sie zog ihn näher und küßte ihn auf den Mund. »So,« sagte sie. »Das soll die einstweilige Belohnung Ihrer Folgsamkeit sein. Ich verlange aber, daß Sie das Tuch nicht eigenmächtig entfernen!« »Ich werde gehorsam sein.« »Geben Sie mir Ihr Wort?« »Ja, Sie haben es, Madame.« Jetzt war der Wortaustausch zu Ende. Die Fahrt wurde noch eine kurze Weile fortgesetzt; dann hielt der Wagen. »Ich steige zuerst aus,« sagte sie. »Sie geben mir Ihre Hand; ich werde Sie führen.« Der Schlag wurde geöffnet, und sie stieg aus. Er folgte ihr, von ihrer Hand geleitet. Er hörte, daß eine Thür geöffnet wurde. Die Schritte erklangen, als ob man auf Steinfließen gehe. Dann kam eine Treppe. Als diese erstiegen war, blieb sie stehen. »So, jetzt werde ich das Tuch entfernen,« sagte sie. »Zeigen Sie her, und sprechen Sie von jetzt an nur leise.« Das Tuch wurde entfernt, und er sah nun, daß er sich auf einem schmalen Corridor befand, welcher mit weichen Teppichen belegt war, so daß man die Schritte kaum mehr zu vernehmen vermochte. Ein einziges Licht brannte in einer grünen Glaskugel, so daß der Schein gedämpft wurde. Rechts und Links gab es mehrere Thüren. Die Dame, welche noch immer verschleiert ging, öffnete eine derselben und verschloß sie, als sie mit einander eingetreten waren, von innen. Sie führte ihn durch einige sehr reich ausgestattete Zimmer in ein Cabinet, welches jedenfalls das Boudoir einer vornehmen Dame sein mußte. Die Vorhänge und Portieren waren von schwerer Seide, ebenso die Ueberzüge der Meubles. Einige kostbare, doch üppige Gemälde schmückten die Wände, und überall waren Nippes zerstreut, welche einen nicht gewöhnlichen Werth besaßen. Die Dame deutete auf ein Fauteuil und sagte: »Nehmen Sie Platz! Ich werde gehen, Sie anzumelden.« Sie verschwand durch eine entgegengesetzte Thür. Er warf einen forschenden Blick über seine Umgebung. »Hm!« flüsterte er. »Eine mehr als fürstliche Einrichtung! Jedenfalls befinde ich mich bei dem jungen Weibchen eines alten Millionärs oder Aristokraten. Nun, man muß es abwarten!« Er nahm in dem weichen Polster Platz und athmete den süßen Duft ein, welcher das reizende Gemach erfüllte. »Was ist das für ein Parfüm?« fragte er sich. »Das ist nicht Eau de milles fleurs , auch nicht coeur de Rose , oder sonst etwas mir Bekanntes. Pikant, außerordentlich pikant!« Da kehrte die Dame zurück. Sie sagte: »Monsieur, Sie werden einige Zeit Geduld haben müssen. Man hat ganz unerwarteten Besuch empfangen.« »Aber Sie werden mich nicht verlassen?« fragte er. »Meine Gegenwart ist allerdings noch anderwärts nöthig. Hier liegen Journale, welche Ihnen Unterhaltung bieten werden, bis man kommt. Ich ziehe mich zurück und bitte Sie, hinter mir den Innenriegel vorzuschieben, damit nicht etwa zufälliger Weise ein Unberufener Zutritt nimmt. Kehre ich zurück, so werde ich leise klopfen, erst ein-, dann zwei- und dann dreimal. Das ist das Zeichen, daß ich es bin.« »Ich werde gehorchen, Madame! Aber, kann man mich nicht durch die andere Thür überraschen?« »Nein. Da kann nur die Dame eintreten, welche Sie erwartet. Ich hoffe, daß Sie hier bleiben und nicht etwa aus Neugierde vorwärts dringen.« Sie drohte ihm mit dem Finger und verließ dann das Cabinet durch die Thür, durch welche sie eingetreten waren. Er schob den Riegel vor, setzte sich wieder nieder und langte nach den Journalen, welche auf dem Tische lagen. » La Mode universelle ,« sagte er, den Titel des Einen lesend. »Weiter: La Toilette de Paris und hier la Mode française . Ich befinde mich bei einer Dame, welche in diesem Fache gern au fait zu sein scheint. Wer mag sie sein? Ich bin wirklich außerordentlich gespannt! Wird sie mit verhülltem Gesichte erscheinen? Jedenfalls.« Er begann, mehr aus Aufregung als aus Langerweile in einem der Journale zu blättern. Im Umwenden fiel ihm ein großer, dicht beschriebener Briefbogen in die Augen. »Ein Brief!« dachte er. »Ah, vielleicht bringt er mich auf die Spur. Man sollte zwar eigentlich discret sein, aber in meiner Lage giebt es kein solches Bedenken. Sehen wir zu!« Der Bogen hatte keine Ueberschrift; er enthielt die Fortsetzung eines vorhergehenden Volumens; aber kaum hatte Belmonte einen Blick auf die Unterschrift geworfen, so fuhr er ganz erstaunt von seinem Sitze empor. »Oberst Stoffel!« sagte er. »Ist das denn auch wahr?« Er las noch einmal und überzeugte sich, daß er nicht geirrt habe. »Oberst Stoffel, der französische Militärbevollmächtigte am Berliner Hofe! Oberst Stoffel, welcher das deutsche Heerwesen genau studirt hat und in Folge dessen ganz und gar gegen einen Krieg Frankreichs mit uns ist? Was schreibt er?« Belmonte las. Seine Züge nahmen, je länger desto mehr, den Ausdruck einer ungeheuren Spannung an. Als er geendet hatte, steckte er den Bogen wieder in das Journal, strich sich mit der Hand über das Gesicht, holte tief Athem und flüsterte: »Welch ein Zufall! Ja, Frankreich will den Krieg, und der Oberst warnt aus allen Kräften vor demselben. Die Gründe, welche er angiebt, sind eigentlich unwiderlegbar; aber man wird verblendet genug sein, sie nicht gelten zu lassen. Hier treffe ich abermals auf eine Entdeckung, welche von ungeheurem Vortheile für mich ist. Aber, wo befinde ich mich? Wer kann es sein, an den der Oberst solche Berichte sendet?« Er schlich sich leise zur gegenüber liegenden Portiere und horchte eine Weile. »Alles still!« nickte er. »Da drinnen ist Niemand. Schauen wir!« Er schob die Vorhänge auseinander und erblickte ein Zimmer, welches fast noch luxuriöser ausgestattet war als das Cabinet, in welchem er sich befand. »Wirklich kein Mensch! Schleichen wir also weiter.« Er trat ein und glitt mit unhörbaren Schritten über den weichen persischen Teppich nach dem anderen Ausgange. Als er hier horchte, war es ihm, als ob er Stimmen vernehme. »Das muß im übernächsten Zimmer sein,« dachte er. »Wage ich es, oder nicht? Ah pah! Wenn man mich bemerkt, so bin ich nicht Schuld daran! Hätte man mich nicht kommen lassen!« Auch das nächste Zimmer war leer; aber in dem nun folgenden wurde gesprochen. Es war nicht nur durch eine Portiere, sondern auch durch eine Thür von demjenigen getrennt, in welchem Belmonte jetzt stand. »Jetzt stehe ich vielleicht vor der Lösung des Räthsels!« flüsterte er. »Soll ich horchen oder nicht? Frisch voran! Aber zur Sicherheit den Riegel vor, daß man mich nicht überraschen kann.« Er schlich zur Thür und schob den Riegel, welcher nicht das mindeste Geräusch machte, vor. Dann legte er das Ohr daran und hörte nun zwei Stimmen, welche sich sehr eifrig unterhielten. Es war eine männliche und eine weibliche. Die Erstere sprach in geradezu unterthänigem Tone; die Letztere hatte einen scharfen, pikirten, ärgerlichen Klang. »Sie sind höchst ungenau unterrichtet, Graf!« hörte Belmonte sagen. »Es wäre Ihre Pflicht gewesen, sich besser zu informiren!« »Ich wage es, mich für vollständig informirt zu halten. Der Deutsche ist uns überlegen.« »Das sagt auch dieser Oberst Stoffel. Aber er hat einen deutschen Namen und es fehlt ihm an Scharfsinn. Der Kriegsminister kennt unsere Schlagbereitschaft.« »Die Deutschen sind ebenso schlagbereit.« »Sie wollen vielleicht sagen, der Preuße!« »Ich schließe keineswegs die Süd- und Mitteldeutschen aus.« »Pah, man fürchtet sie doch nicht. Der Sachse pflegt die Traditionen, welche ihn mit dem Neffen des großen Kaisers verbinden. Man hofft, daß er neutral bleiben werde.« »Ich befürchte das Gegentheil.« »Bayern, Würtemberg und Baden trauen einander selbst nicht. Man trennt sie und besiegt sie.« »Sie werden aufstehen wie ein Mann.« »Graf, Sie sind ein Unglücksvogel! Uebrigens werden wir so schnell über die Gegner herfallen, daß sie vollständig verblüfft sein werden. Sie haben keine Ahnung davon, daß wir sie zu engagiren gedenken.« Belmonte hörte ein leichtes Räuspern, und dann antwortete der Graf: »Ich bin überzeugt, daß man in Deutschland ahnt oder vielleicht gar weiß, was wir beabsichtigen.« »Wie sollten sie es vermuthen?« »Dieser Bismarck ist – – –« »Bismarck?« fragte die weibliche Stimme schnell. »Dieser preußische Landjunker ist ein Bär, welcher wohl einmal vermöge seiner rohen Kraft, niemals aber in Folge einer Finessität Verlegenheit bereiten kann. Ich weiß genau, daß er sich mit den Süddeutschen verfeindet hat. Er ist im eigenen Lande so sehr beschäftigt, daß er gar keine Zeit hat, uns zu beobachten.« In diesem Augenblicke hörte man das Oeffnen einer Thür, und eine Stimme meldete: »Der Herzog Gramont und der Kriegsminister!« »Eintreten!« Es erklangen Schritte; eine wortlose Pause trat ein, welche jedenfalls von stummen Complimenten ausgefüllt war. Dann ließ sich die weibliche Stimme vernehmen: »Messieurs, der Graf Daru hat ganz unerwartet um eine Audienz gebeten. Er bringt mir Nachrichten, welche er für höchst wichtig hält, und ich habe Sie rufen lassen, damit Sie ihm das Gegentheil beweisen. Excellenz, sagen Sie, ob wir kriegsbereit sind oder nicht.« Diese Frage war jedenfalls an Leboeuf gerichtet. Er antwortete augenblicklich: »Wir können in jedem Augenblicke losschlagen.« »Graf Daru behauptet, die Deutschen seien uns überlegen.« »Dem muß ich entschieden widersprechen. Die tiefgehende Reform unserer Heeresverfassung hat uns ungemein gestärkt. Wir haben keinen Feind zu fürchten. Erklären wir heute den Krieg, so haben wir morgen die Rheinpfalz überschwemmt, sind übermorgen im Besitze Süddeutschlands und spazieren am nächsten Tage auf Berlin los.« »Hören Sie es, Graf. Und Sie, Herzog, sind Sie ebenso bereit und siegesgewiß?« »Unsere Diplomatie hat mit der Entwickelung des Heereswesens wenigstens gleichen Schritt gehalten. Schlagen wir schleunigst los, ehe es Preußen gelingt, sich der Süddeutschen zu versichern. Sachsen brauchen wir nicht zu fürchten.« Jetzt hörte Belmonte abermals das Oeffnen einer Thür. »Ah, mein Gemahl!« rief die weibliche Stimme. Zugleich aber war es dem Lauscher, als ob man auf die Klinke gedrückt habe. Er befand sich in einer leicht denkbaren Aufregung, sah aber auch zugleich ein, welche große Gefahr ihm drohte. Darum zog er den Riegel leise zurück und huschte, während drüben neue Stimmen erklangen, dahin zurück, woher er gekommen war. Dort hielt er an und holte Athem, als ob er eine ganz ungewöhnliche Anstrengung hinter sich habe. »Träume ich denn?« fragte er sich. »Das war Graf Daru, der gestürzte Minister, der Friedensmann. Das war ferner der Herzog von Gramont, sein Nachfolger, der den Krieg wünscht, und das war endlich Leboeuf, der Kriegsminister. Wer aber war die Dame? Und wer ist dieser »Gemahl«, welcher bei ihr eintrat?« Er schüttelte den Kopf und begann, in dem Cabinete hin und her zu schreiten, ganz so, als ob er sich bei sich befand. Dann aber blieb er plötzlich stehen, schlug sich mit der Hand vor den Kopf und sagte: »Sapperlot. Das Zeichen, welches ich Martin geben soll. Ich habe es ganz vergessen.« Er trat an das Fenster, zog die dasselbe verhüllenden Gardinen weg und blickte hinaus. Er sah einen viereckigen Hof unter sich, welcher von Gasflammen erleuchtet war. »Das ist unangenehm. Hier im Hofe hat der Wagen nicht gehalten; hier kann auch Martin sich nicht befinden. Es ist mir also unmöglich, ihm das Zeichen zu geben, außer ich wage es nach rückwärts –« Er hielt inne. Es klopfte leise, ein- zwei-, dann dreimal. Das war das verabredete Zeichen. Er öffnete. Die Dame trat ein. Sie war verschleiert. »Sie haben sich gelangweilt, Monsieur?« fragte sie. »Die Hoffnung, Sie wieder zu sehen, hat mir nicht Zeit dazu gelassen, Madame,« antwortete er. »Mich? Ich meine, daß Sie eine Andere erwartet haben!« »Allerdings. Doch wußte ich ja, daß auch Sie kommen würden.« »Nun, das ist eher geschehen, als ich dachte. Ich habe Sie um Verzeihung zu bitten, Monsieur. Die Dame, welche Sie zu sehen wünschte, ist plötzlich anderweit in Anspruch genommen worden –« »Jedenfalls von einem Herrn, welcher liebenswürdiger ist als ich,« scherzte er. »Davon ist keine Rede. Aber das beabsichtigte Rendezvous kann heute leider nicht stattfinden. Ich habe den Auftrag erhalten, Sie zurückzubringen.« »Und wenn ich nun zu bleiben wünschte?« lachte er. »Das wird Ihr Wunsch nicht sein. Sie werden als Cavalier den Befehl einer Dame respectiren.« »Das werde ich allerdings. Aber ich werde auch ein Zweites!« »Was?« »Sie an die Garantie erinnern, welche Sie mir geboten haben!« »Wie grausam. Ich bin nicht im Stande, Ihnen die Dame zu ersetzen, auf deren Anblick Sie nun für heute leider zu verzichten haben.« »Ich bin überzeugt, daß diese Dame die Verdienste nicht besitzt, welche ich an Ihnen bemerke. Wir haben von einem Schadenersatze gesprochen, und ich muß sehr darauf dringen, auf ihn nicht verzichten zu müssen.« Sie ergriff seine Hand, drückte dieselbe in der ihrigen und antwortete: »Ich will Ihnen gestehen, daß ich nicht ungern Wort halten würde, muß Sie aber doch abschlägig bescheiden. Auch ich bin plötzlich in einer Weise in Anspruch genommen, daß ich keine Minute für die Erfüllung meines Versprechens übrig habe. Es bleibt mir kaum Zeit, Sie zurück zu bringen.« »Nach meiner Wohnung?« »Nicht ganz so weit. Sie werden bereits vorher meinen Wagen verlassen. Aber sagen Sie, ob vielleicht der morgende Abend Ihnen gehört?« »Natürlich. Er ist mein Eigenthum.« »Darf ich Sie da abholen?« »Ja.« »Sie werden also mit mir kommen?« »Mit dem allergrößten Vergnügen, Madame.« »Nun gut; so folgen Sie mir jetzt!« Sie führte ihn nach dem engen Corridor zurück, wo sie ihm die Augen wieder verband. Einige Augenblicke später saß er neben ihr im Wagen, welcher sich sogleich in Bewegung setzte. Sie lehnte sich an ihn, sie schien wohl eine Liebkosung von ihm zu erwarten, doch verhielt er sich vollständig theilnahmlos gegen sie. Da nahm sie ihm das Tuch wieder von den Augen, indem sie sagte: »Jetzt dürfen Sie wieder sehend werden. Sagen Sie, ob Sie den Ort, an welchem Sie sich befunden haben, wiederfinden würden?« »Vielleicht, Madame.« »Ah! Sie ahnen, wo Sie gewesen sind?« »Ja.« »Nun, wo?« »Erlauben Sie, Ihre Frage unbeantwortet zu lassen. Dieses Schweigen wird Ihnen beweisen, daß ich würdig bin, morgen dahin zurückkehren zu dürfen, wo ich heut vergeblich die Erfüllung einer süßen Hoffnung erwartete.« »Sie haben Recht. Ich bin überzeugt, daß Sie nicht ahnen, wo Sie gewesen sind, aber es ist für alle Fälle besser, gar nicht davon zu sprechen. Also auf Wiedersehen für morgen Abend! Bitte steigen Sie hier aus.« Sie waren an einer Straßenecke angelangt. Sie zog an der Schnur; der Kutscher hielt, und Belmonte verließ den Wagen, nachdem er mit einem Handkusse von ihr Abschied genommen hatte. Er stand noch da und blickte der davon rollenden Equipage nach, als ihn Jemand auf die Schulter klopfte. Er drehte sich rasch um. »Ah, Martin!« rief er. »Du hier? Wie kommst Du an diese Straßenecke?« »Grad so wie Sie, Herr Weinagent.« »Wie denn?« »Nun, per Equipage.« »Du hast einen Wagen genommen?« »Sogar den Ihrigen.« »Komm. Man beginnt hier, aufmerksam auf uns zu werden.« Und vorwärts schreitend, erkundigte er sich weiter: »Ich glaube gar, Du hast hinten aufgesessen.« »So ist es allerdings. Lieber freilich wäre es mir gewesen, ich hätte darin gesteckt. Ich bin verteufelt geschüttelt worden.« »Aber wo hast Du das Pferd?« »Das Pferd? Hm. Denken Sie denn, daß ich so dumm sein werde, zu Pferde Wache zu halten? Als Sie mit der Dame hinter der Thür verschwanden, habe ich das Viehzeug durch einen Dienstmann zu seinem rechtmäßigen Eigenthümer bringen lassen. Das macht zwar eine Geldausgabe, aber ich denke, daß Sie mir wenigstens die Hälfte zurückerstatten werden.« »Unsinn; aber weißt Du nun, wohin man mich geschafft hat?« »Natürlich! »Nun?« »Ahnen Sie selbst es?« »Ja. Aus verschiedenen Anzeichen schließe ich, daß ich in den Tuillerien gewesen bin.« »Richtig! Der Wagen hielt an einer schmalen Nebenthür. Man schien mit Absicht dort einige Gasflammen verlöscht zu haben.« »Es gelang Dir also mir zu folgen?« »Natürlich. Das Pferd gab ich fort; ich selbst aber blieb zurück, trotzdem ich mir sagte, daß ich Ihnen wohl von keinem Nutzen sein könne. Die Tuillerien sind nicht der Ort, an dem ich Ihnen Rettung bringen konnte, wenn man es übel mit Ihnen meinte.« »Das ist wahr. Dann bist Du hinten aufgestiegen?« »Ja. Ich habe es gemacht wie ein echter Berliner Schusterjunge. Sie sehen, was ich für Sie unternehme. Nutzen freilich habe ich nicht davon. Die Küsse haben Sie erhalten.« »Da täuschest Du Dich gewaltig.« »Täuschen? Ist nichts gewesen?« »Nein. Es gab eine unerwartete Abhaltung, und ich mußte gehen, wie ich gekommen war.« »Das ist hübsch! Das kann mir gefallen. Da bin ich doch ein anderer Kerl. Ich bin anders gegangen als ich gekommen bin. Ich kam zu Pferde und ging per Equipage. So haben Sie Ihre Dame wohl gar nicht zu sehen bekommen?« »Nein. Aber das Versäumte soll morgen nachgeholt werden.« »Sakkerment! Ich denke, morgen sind wir über alle Berge.« »Das sind wir auch. Ich habe keine Zeit und auch keine Lust, dieses Abenteuer fortzusetzen.« »Schön. So retten wir unsere Haut. Aber, haben Sie denn nicht wenigstens eine Ahnung, wer die Dame sein mag?« »Hm! Davon will ich jetzt nicht sprechen, am Allerwenigsten aber hier auf der Straße. Laß uns eilen. Ich habe zu schreiben und Neues zu berichten. Hast Du von Deinem Schwälbchen vollständigen Abschied genommen?« »Was nennen Sie Abschied? Ich möchte am Liebsten gleich in diesem Augenblicke wieder hin zu ihr; aber was nicht sein muß, das braucht nicht zu sein. Sie schreiben, und ich packe ein. Dann sind wir mit dem Morgen fertig.« Am Vormittag begab sich Belmonte zum General Latreau. Er wurde von diesem allein empfangen und erhielt den versprochenen Brief an den Commandanten von Metz. Latreau theilte ihm mit, daß seine Tochter sich heute nicht wohl fühle und daher das Zimmer hüte, doch erwarte sie, daß er sich zu ihr verfügen möge, damit es ihr möglich sei, ihm nochmals Dank zu sagen. Belmonte verabschiedete sich also von dem Grafen und begab sich nach Ella's Zimmer, wo er sofort angemeldet wurde. Er hatte erwartet, sie als Patientin zu sehen. Aber sie stand, als er eintrat, vollständig angekleidet am Fenster, und ihr Aussehen war ein so gutes, als ob sie die letzten Tage vollständig überwunden habe. Ihre Augen glänzten ihm so warm entgegen. Sie reichte ihm das Händchen, welches er an seine Lippen zog und sagte: »Sie kommen, um zu gehen, Monsieur; aber ich hoffe, daß wir uns nicht für immer Adieu sagen!« »Ich würde glücklich sein, wenn das Geschick mir erlaubte, mich Ihnen noch einmal vorstellen zu können,« antwortete er in möglichst gleichgiltigem Tone. »Hoffen wir, daß uns diese Erlaubniß zu Theil werde. Und sollte es nicht sein, ich meine, nicht persönlich, so bitte ich doch wenigstens um die Erlaubniß, Ihnen diese andere Gelegenheit zu geben, mich zu sehen. Werden Sie die Güte haben, dies kleine Zeichen der Erinnerung von mir anzunehmen?« Sie löste eine Kette von ihrem Halse. An derselben hing ein kostbares, mit Diamanten besetztes Medaillon. Sie öffnete es und hielt es ihm entgegen. Er erblickte ihr Bild, wunderbar dem Original ähnlich, auf Elfenbein gemalt. Diese Gabe überraschte ihn so, daß er im ersten Augenblicke kein Wort fand, seinem Gefühle den rechten Ausdruck zu geben. »Gnädige Comtesse,« sagte er dann, »indem er einen Schritt zurücktrat. »Einer solchen Gnade bin ich nicht werth!« »Nicht? Sie, der Retter meines Lebens?« Ihr Auge hatte sich groß geöffnet. Sie stand vor ihm, nicht als ob sie es sei, die ihm die Gabe biete, sondern als Bittende. Er sah, daß seine Worte ihr wehe thaten. »Wollen Sie wirklich mir meine Bitte nicht erfüllen?« fragte sie, ihm Kette und Medaillon entgegenhaltend. »Das ist zu kostbar, viel zu kostbar.« »Dieser Steine wegen, Monsieur Belmonte? Pah! Doch, wie Sie wollen! Sprechen wir nicht mehr davon!« Wie gern hätte er ihr gesagt, daß die Diamanten ihm nichts, gar nichts werth seien gegen das Miniaturportrait! Sie hatte sich, halb betrübt und halb schmollend abgewendet. Es lag in diesem Augenblick Etwas in ihrem schönen Angesichte, was mehr, viel mehr als eine bloße Enttäuschung bedeutete. Es überkam ihn so wunderbar; er wußte nicht, woher er den Muth nahm, aber er griff in die Tasche, zog ein kleines, zierliches Portefeuille hervor und sagte: »Gnädige Comtesse, ich darf Sie nicht beleidigen; ich will Ihnen gehorchen; aber haben Sie die Gnade mir die Bedingung zu gewähren, daß auch mein Bild bei Ihnen bleiben darf.« Da zuckte es hell über ihr Gesicht. Sie wendete sich ihm schnell wieder zu und sagte: »Sie haben auch Ihr Bild? Eine Photographie? Gut, Monsieur, tauschen wir um!« Sie nahm die Visitenkarte aus seiner und er das Medaillon aus ihrer Hand. Er steckte das Letztere zu sich und sagte: »Ich wage es nur, weil Sie es befehlen, Mademoiselle. Macht diese reiche Gabe es mir doch fast unmöglich, eine Bitte vorzutragen, welche ich Ihnen zu Füßen legen wollte.« »Sie haben einen Wunsch? Schnell, lassen Sie mich denselben wissen.« »Er betrifft die Braut meines Dieners – – –« »Ah, dieser brave Mann hat eine Braut? Ist sie hier in Paris?« »Ja. Hier auf dieser Karte ist ihre Wohnung angegeben. Sie ist ein liebes, braves Mädchen und hat auf der Welt bisher Niemanden gehabt als einen Bruder, auf welchen sie sich nicht verlassen kann. Man spricht von Krieg; es ist ihr angst. Gnädige Comtesse, ich wage viel, aber ich möchte mir für Alice Ihren Schutz erflehen!« Sie nickte ihm freundlich zu und antwortete: »Gern, sehr gern! Sie soll ihn haben. Ich werde so bald wie möglich mit ihr zu sprechen suchen. Und bei dieser Gelegenheit will ich nicht versäumen, Ihnen eine Mittheilung zu machen, welche sich auf die Kellnerin Sally bezieht. Nicht wahr, sie war eine Art von Schützling Ihrerseits?« »Fast möchte man es so nennen. Ich bat sie um ihre Hilfe, als es galt, Sie den Händen des Wirthes zu entreißen, und versprach – – –« »Ich weiß, ich weiß! Papa hat dafür gesorgt, daß sie ihren Bruder aufsuchen kann, um ihm Gelegenheit zu einer Verbesserung seiner Existenz zu bieten.« »Ich danke von ganzem Herzen, gnädige Comtesse! So sind mir zwei Wünsche erfüllt anstatt nur des einen. Gott segne Sie! Gott segne Sie!« Er ergriff ihr kleines, wunderbar schönes Händchen und drückte dasselbe an seine Lippen. Sie entzog ihm die Hand nicht, obgleich der Kuß etwas längere Zeit in Anspruch nahm, als gewöhnlich gewährt zu werden pflegt. Dann ging er. Sie blickte ihm nach, als er über die Straße ging, und ein tiefer, tiefer Seufzer hob ihren Busen. Sie wußte selbst nicht, warum sie die Hand, in welcher sie seine Photographie noch hielt, so fest und beschwichtigend auf ihr Herz drückte. 9. Zum Kriege drängend. »Station Tharandt! Eine Minute Aufenthalt!« So riefen die Conducteurs, indem sie eilfertig die Thüren der Coupees öffneten. »Bier, Cognac, belegte Semmeln!« So rief der Kellner, welcher einen Korb mit gefüllten Gläsern längs des Zuges hin balancirte. Aus zwei neben einander liegenden aber getrennten Coupees stiegen zwei Reisende aus. Der Eine war hoch und kräftig gebaut, trug graue, sehr eng anliegende Hose, ein Sammetjaquet und einen sogenannten Künstlerhut. Der Andere war kurz und ungewöhnlich dick, trotzdem er, gerade so wie der Andere, kaum mehr als sechs- bis achtundzwanzig Jahre zählen mochte. Auf seinem Haupte saß ein riesiger Calabreserhut, dessen Krämpe hinreichte, eine ganze Familie gegen Regen oder Sonnenstich zu beschützen. Der Hohe drehte sich in das Coupee zurück und brachte aus demselben eine ziemlich große Mappe und einen Regenschirm zum Vorscheine. Der Dicke wendete sich ebenso, als seine Füße den Erdboden erreicht hatten, nach dem seinigen zurück und zog eine riesige Mappe und einen Regenschirm hervor. Beide drehten sich, da es in diesem Augenblicke zum dritten Male läutete, hastig um, und bei dieser Gelegenheit fuhr der Hohe dem Dicken mit dem Regenschirme in das Gesicht und der Dicke dem Hohen mit dem seinigen an den Leib. »Herr, nehmen Sie sich in Acht!« donnerte Der mit dem Künstlerhute. »Ich bin dreimal so dick wie Sie,« antwortete Der mit dem Calabreser; »ich bin also dreimal leichter zu bemerken wie Sie; folglich sind Sie es, der nicht Acht gegeben hat!« »Schweigen Sie! Sie sind ein Esel!« »Ja, ich ein dicker und Sie ein großer; das ist so klar wie Pudding.« Sie blickten einander grimmig in die Gesichter. Da stieß die Maschine ihren schrillsten Pfiff aus; die Wagen setzten sich in Bewegung; die beiden Fremden, welche sehr nahe am Zuge standen, sprangen erschrocken zurück und rissen, der Eine von rechts und der Andere von links, den Kellner um, welcher soeben beabsichtigt hatte, an ihnen vorüber zu eilen. Gläser, Flaschen, Teller, belegte Semmeln, Alles lag an der Erde, welche den Inhalt der Ersteren im Nu verzehrte, die Scherben aber verschmähte. Fortsetzung 62 Die beiden Reisenden waren zunächst sprachlos vor Schreck und Zorn; sie blickten einander wüthend unter die Hutkrämpen. Der Kellner raffte sich schnell auf und rief: »Meine Herren, dieses Malheur haben nur Sie angerichtet. Sechs Glas Lagerbier, fünf Cognacs, vier gestrichene Brödchen mit Schinken und Wiegebraten, nebst Flaschen und Gläser und Teller macht einen Thaler fünfundzwanzig Groschen und neun Pfennige.« Er streckte bei diesen in unfehlbarem Tone gesprochenen Worten beide Hände aus, um die Summe möglichst bald in Empfang zu nehmen. »Sechs Glas Lagerbier?« rief der Künstler. »Fünf Cognacs?!« schrie der Calabreser. »Vier Brödchen?!« »Nebst Schinken und Wiegebraten?!« »Jawohl, meine Herren!« antwortete der Kellner. »Die Herrschaften sind Zeugen, daß Sie mich umgerissen haben.« Er deutete dabei auf das Publicum, welches sich im Augenblicke an dem Unglücksorte versammelt hatte. Ein allgemeines Kopfnicken und Beifallsmurmeln gab ihm Recht. »Ich war es nicht!« sagte der Hohe. »Und ich noch viel weniger,« meinte der Dicke. »Mein Bauch hat keine Ecken, an denen Kellner hängen bleiben.« »Herr! Sie waren es!« »Herr! Sie sind's gewesen!« »Morbleu! Wissen Sie, wer und was ich bin?« »Hm! Viel wohl nicht.« Dabei warf der Calabreser dem Künstler einen höchst verächtlichen Blick zu. Dieser Letztere war darob im äußersten Grade erzürnt und rief: »Ich heiße Haller und bin Maler.« »Stubenmaler etwa?« »Nein, sondern Kunstmaler. Ich bin aus Stuttgart.« Da heiterte sich das glänzende Gesicht des kleinen Dicken auf. Er sagte, bereits viel weniger zornig: »Herr, ich bin auch Maler!« »Stubenmaler?« »Nein, sondern Kunstmaler. Mein Lieblingsgenre sind Viehportraits.« »Wo sind Sie her?« »Aus Berlin.« »Wie heißen Sie?« »Kennen Sie meinen Namen noch nicht? Ich heiße Hieronymus Aurelius Schneffke. Wir sind also Collegen, Herr!« Jetzt war aller Groll aus dem Gesichte des Dicken gewichen. Das schien den Langen zu rühren. »Ja, Collegen,« nickte er. »Was wollen Sie in Tharandt?« »Die heiligen Hallen sehen.« »Ich auch. Wollen wir uns an einander schließen, Herr College?« »Mir recht.« »Gut! So wollen wir auch diesen Pechvogel gemeinsam bezahlen!« »Ich mache mit.« »Das beträgt pro Mann siebenundzwanzig Groschen neun und einen halben Pfennig. Den Halben spielen wir auf dem Billard aus. Nicht?« »Einverstanden!« »Schön! Die Hand auf, Kellner! Hier ist Asche. Aber ein anderes Mal schwänzeln Sie nicht so nahe an uns vorüber, sintemalen man die Augen nicht auf dem Rücken hat; das ist doch so richtig wie Pudding. Kommen Sie, mein bester Herr College!« Der Dicke nahm Mappe und Regenschirm unter den linken, und der Lange nahm diese Gegenstände unter den rechten Arm. Die beiden freien Arme aber schlangen sie in einander und wanderten also vereint dem Orte zu, von einem fröhlichen Gelächter des Publikums begleitet. Haller hatte etwas Vornehmes, Aristokratisches an sich; aber sein Gesicht zeigte einen offenen, gutmüthigen Ausdruck. Er schien mit dem Dicken vollständig ausgesöhnt. »Also aus Berlin sind Sie?« fragte er diesen im Gehen. »Jawohl, Herr College.« »Sind Sie da bekannt?« »Sehr sogar!« »Kennen Sie eine Familie Königsau?« »Ja, sogar sehr gut. Bei diesen Leuten wohne ich ja.« »Ah, wirklich? Das trifft sich prächtig! Es ist ein Großvater da?« »Das stimmt!« »Und eine Tochter, ein sehr hübsches Mädchen?« »Hübsch ist sie; ja!« meinte der Calabreser, indem er mit der Zunge schnalzte. »Könnten Sie mich in der Familie einführen?« »Mit dem größten Vergnügen, verehrtester Herr College. Wann werden Sie nach Berlin kommen?« »Ich fahre bereits morgen Vormittag hin.« »Donnerwetter, ich auch! Wir passen zusammen! Uns hat das Schicksal für irgend einen großen, erhabenen Zweck zusammengeführt.« »Fast scheint es so.« »Fahren wir morgen zusammen!« »Gern!« »Heute genießen wir Tharandt's heilige Hallen in Gemeinschaft!« »Ist mir lieb.« »Und jetzt schwenken wir hier in diese Kneipe ein, um unsere Bekanntschaft mit etwas Nassem zu befeuchten!« »Ich schließe mich an.« Sie traten in die Restauration und ließen sich eine Flasche Wein geben. Der Kleine wollte das Vorrecht, sie zu bezahlen, für sich in Anspruch nehmen. Dieselbe Forderung aber erhob der Lange auch in Beziehung auf sich, und so kamen sie überein, Jeder die Hälfte zu entrichten. »Also, Sie wohnen wirklich bei Königsau?« fragte Haller, als das Gespräch in Fluß gerathen war. »Freilich! Bereits seit langer Zeit.« »Kommt Moltke zuweilen hin?« »Moltke?« fragte der Dicke verwundert. »Nein.« »Oder Bismarck?« »Nie. »Oder verkehren andere höhere Officiere und Diplomaten dort?« »Ich wußte nicht, was die da wollten und sollten. Solche Leute kaufen ihre Handschuhe im Großen und Ganzen und lassen Sie niemals färben.« »Ihre Handschuhe?« »Ja. Der Königsau ist Glacehandschuhfärber.« »Glace – – hand – – Schuh – – färber?« »Natürlich! Das ist so sicher wie Pudding!« »O weh! Ich meine eine ganz andere Familie Königsau. Das ist eine Officiersfamilie.« »Ah, so? Hm, die kenne ich nicht, so leid es mir thut!« »Na, sie wird wohl zu finden sein.« »Ganz gewiß. Wünschen Sie, dort eingeführt zu werden?« »Ja. Ist man in Berlin leicht zugänglich?« »Sehr leicht. Berlin ist nicht London, und der Preuße ist kein Engländer. Wir werden suchen. Vielleicht treffen wir diese Officiersfamilie einmal auf der Hasenhaide oder in Charlottenburg. Da macht sich die Bekanntschaft am Allerleichtesten. Man borgt sich von dem Andern das Taschentuch für einen Augenblick; das ist die ganze Einleitung. Essen wir erst, ehe wir nach den heiligen Hallen gehen?« »Ich habe bereits ein zweites Frühstück genommen.« »Ich mein Drittes. Mit dem Vierten kann ich ja noch warten bis ich in den Wald komme. Da giebt es Schafgarbe, Sauerampfer und Brunnenkresse, meine Leibcompots zum Schinkenbrod. Ich habe alle Taschen voll Bemmen stecken. Bei einem Kunstausfluge darf man ja nicht Noth leiden wollen.« »Sie wollen heute zeichnen?« »Ja, natürlich. Deshalb gehe ich ja in die heiligen Hallen.« »Ich denke, Sie sind Thiermaler?« »Das bin ich allerdings. Es wird sich wohl etwas Lebendiges sehen lassen, eine Blindschleiche, eine Kaulquappe, oder eine Touristenfamilie. Wollen wir aufbrechen?« »Einverstanden.« In Kurzem wanderten sie selbander den Weißeritzgrund hinauf. Haller gab sich gemüthlicher als er es gewöhnt war. Der kleine Dicke war ein äußerst guter Gesellschafter, und während der Unterhaltung sah Haller ein, daß er es keineswegs mit einem Minus-Manne, sondern mit einem ganz tüchtigen Künstler zu thun hatte. »Sie haben so etwas Militärisch-Soldatisches an sich,« meinte der Kleine in seiner humoristischen Ausdrucksweise zu ihm. »Man könnte Sie für einen Officier in Civil nehmen. Sind Sie Soldat gewesen?« »Ja.« »Ich auch.« »Sie?« fragte Haller, indem er die dicke Figur seines Begleiters erstaunt betrachtete. »Jawohl. Ich habe es sogar bis zum Unterofficier gebracht. Die Geschichte ist mir ungeheuer gut bekommen, wie Sie sehen. Meine Taille kann sich sehen lassen. Aber bitte, schlagen wir uns doch ein Bischen seitwärts in die Wälder. Vielleicht findet sich eine hübsche Baumgruppe oder so etwas Aehnliches für unsere Stifte. Etwas mitnehmen muß ich!« Er war, wie es sich zeigte, trotz seines ungewöhnlichen Leibesumfanges ein ganz guter Läufer und Steiger. Haller hatte einen recht ausgiebigen Schritt angenommen, aber der Kleine blieb ihm dennoch stets an der Seite. Es war ein wunderschöner Tag. Draußen im Freien brannte die Sonne beinahe heiß hernieder, obgleich die Jahreszeit noch nicht weit vorgeschritten war. Hier im Walde warf sie schimmernde Lichter durch die Zweige. Die Ränder des jungen Grüns färbten sich goldig. Waldesduft erquickte die Lungen; Vogelgesang ertönte von den Zweigen, und von fern her tönten laute fröhliche Menschenstimmen herüber. Nur von fern her? O nein! Die Beiden hielten unwillkürlich ihre Schritte an. Ganz in unmittelbarer Nähe, gerade vor ihnen ließ sich soeben eine Frauenstimme von ganz besonderem Wohllaute vernehmen. Die Stimmlage war im Alt, aber dieser Alt hatte eine eigenthümliche silberne Klangfarbe. »Horchen Sie!« flüsterte der Kleine. »Das ist entweder vorgelesen oder declamirt. Das sind Verse. Lassen Sie uns einmal sehen, wer es ist.« Sie wandten sich leise durch ein lichtes Buchengebüsch hindurch und standen nun am Rande eines kleinen Kessels. Unten auf der Sohle desselben lagen einige mit Moos bewachsene Steine, und da saßen zwei Frauengestalten, ganz und gar in ihre Beschäftigung vertieft. Die Eine war nicht mehr jung; aber man sah es ihr an, daß sie einst sehr schön gewesen sein müsse. Ihr Gesicht war bleich, von vornehmem Schnitte und zeigte jenen stabilen Hauch der Schwermuth, welcher stets die Folge eines still getragenen Leides ist. Die Toilette dieser Dame war, obgleich von touristenmäßigem Schnitte, doch reich zu nennen. Die andere war jung, eine wirkliche Schönheit, hoch und voll gebaut, blond von Haar und schneeig von Teint. Ihr Gewand war höchst einfach. Selbst an dem Hute, welchen sie vom Kopf genommen und neben sich hingelegt hatte, war weder Blume noch Schleife zu sehen. Sie hatte ein Buch in der Hand, aus welchem sie vorlas. »Eine Aristokratie vom reinsten Blute; das will ich wetten,« flüsterte der Kleine. »Und die Jüngere ist Gouvernante, Gesellschafterin, Vorleserin,« fügte der Lange hinzu. »Möglich. Eine schöne Gruppe! Wollen wir?« Er warf dabei einen bezeichnenden Blick auf seine Mappe. »Ich möchte wohl,« antwortete Haller; »aber hier können sie uns zu leicht bemerken.« »Kriechen wir da rechts hinüber. Dort hängt der Rand ein gutes Stück über; dahinter können wir uns verstecken.« Gesagt, gethan. Sie schlichen sich nach der angegebenen Stelle, machten es sich dort so bequem wie möglich, und begannen dann zu zeichnen. »Was mag es sein, was sie vorliest?« fragte Haller. »Ich glaube, das Buch sind Geroks Palmblätter,« antwortete der Berliner. »Ja, horchen Sie! Jetzt liest sie den Frühlingsglauben: »Und schau ich Gottes Welt im Frühlingslicht, Wenn junges Grün erglänzt auf allen Triften, Wenn Blüthenschnee aus dürren Aesten bricht, Und Lustgesang ertönt in blauen Lüften, Dann hoff ich wieder, und noch glaub ich nicht An die Erfüllung schon der letzten Schriften, Wo krachend unsere sündenmorsche Welt In Flammen des Gerichts zusammenfällt.« »Herrlich, herrlich!« flüsterte der Kleine. »Diese Betonung, diese Innigkeit des Ausdruckes! Sehen Sie, wie ihre Wangen sich geröthet haben und wie – – Mohrenschockelement! Da geht weiß Gott die Ruschel fort!« In seiner Begeisterung hatte er sich aufgerichtet und zu weit vor gewagt. Das lockere, überhängende Erdreich, auf welchem die Beiden saßen, konnte die ungewöhnliche Last des Dicken nicht mehr halten, es gab nach und rutschte niederwärts. »Hui! Hurre! Ich halte mich doch noch fest.« Bei diesen Worten streckte der Kleine den Arm aus und erfaßte, bereits im Abwärtsrutschen begriffen, das Bein seines langen Collegen. » Mille tonnerres! « rief dieser. »Sie reißen mich ja mit in die Lawine hinein! Halt, Dicker, halt! Brrrr! Eh!« Ja, leider gab es keinen Halt mehr, die Lawine fuhr zu Thal. Die beiden Damen hatten gar keine Ahnung davon gehabt, daß sie beobachtet seien. Der kleine Thalkessel war ihnen zur Kirche geworden, und das fromme Dichterwort zum Evangelium. Diese ihre Andacht wurde nun so gewaltsam gestört durch die lauten Rufe, welche über ihnen erschallten. Sie sprangen, im höchsten Grade erschrocken, von ihren improvisirten Sitzen auf und blickten empor. Was sie da sahen, war keineswegs erbaulich. Eine ganze Parthie von Erde, Sand und Geröll ergoß sich vom Rande der Schlucht nach unten, und mitten in diesem Chaos wälzte, rutschte, kugelte und kollerte der Dicke schreiend, pustend und stöhnend mit hernieder. An jedem Busche, an jeder Wurzel, an welchen er vorübersauste, wollte er sich festhalten, doch vergebens. Daher die verschiedenen, schnell aufeinander folgenden Ausrufungen des Schreckes, der Hoffnung, des Aergers. »Halt! Heh, hih, hoh! Jetzt hab ich's! Au waih! Es geht wieder weiter! Hurrjeh! Gott, vergieb mir meine Sünden! Hoppsa! Au! Pfui Teufel! Ah, da ist ein Stamm! Halt fest, Dicker! Etsch, da dampft er vorbei! Jemineh! Geht weg da unten, Ihr Weibsen! Jetzt komme ich! Links, Dicker, weiter links, sonst brichst Du Hals und Beine! So! Na, jetzt endlich nimmts ein Ende.« So kam er von oben herunter gefahren. Die Gewalt des Sturzes trieb ihn bis zu den beiden Damen hin, welche kaum wußten, ob sie fliehen oder bleiben sollten. Gerade vor ihnen blieb er beschmutzt und bestaubt, mit zerrissenen Hosen liegen, streckte alle Viere von sich und sagte: »Ergebenster Diener, verehrte Damen! Wünsche, wohl geruht zu haben. Stelle mich Ihnen vor: Ich bin Herr Hieronymus Aurelius Schneff – – Herrjesses, wer kommt denn da noch angesaust? Na, so ein Weihnachten! Hat's denn nicht bald ein Ende?« Haller hatte sich nämlich etwas länger zu halten vermocht, endlich aber doch dem verhängnißvollen Gesetze der Schwere nachgeben müssen. Jetzt kam er angestürmt und fuhr mit solcher Wucht gegen den Dicken an, daß dieser noch ein großes Stück fortkugelte und sich, bevor er liegen blieb, noch einige Male überkugelte. Der Lange raffte sich möglichst rasch auf und machte den Damen eine Verbeugung. Er wollte sich beinahe beleidigt fühlen, als er auf dem Gesichte der Jüngeren ein ziemlich spöttisches Lächeln bemerkte, da aber rief ihm der Kleine zu: »Reiß aus, Christlieb! Guck nur Deine Hosen an! Vorn bei den Knieen und hinten!« Die engen Beinkleider Hallers waren allerdings noch viel schlimmer zugerichtet, als diejenigen des Berliners. Er warf einen erschrockenen Blick nach unten, sah seine beiden Kniee durch zwei fürchterliche Risse gucken, wendete sich um und war im nächsten Augenblicke hinter den Büschen verschwunden. Jetzt raffte sich auch der Dicke empor. Er bot einen so komischen Anblick dar, daß die beiden Damen nur mit allergrößter Mühe ihr Lachen verbergen konnten. »Schneffke, wollte ich vorhin sagen, meine Damen, da aber kam dieser Hans Tapps angesaust und riß mir das Wort vom Munde weg. Hieronymus Aurelius Schneffke, Kunstmaler. Meine Visitenkarten werde ich wohl unterwegs verloren haben. Es ist eine heillose Geschichte. Sehen Sie sich nur meinen Regenschirm an, da liegt er! Der hat nur noch total zerbrochene Knochen, die Haut ist ganz und gar verschwunden.« Sein Skizzenbuch hatte die ganze Reise mitgemacht. Es lag am Boden, beschmutzt, zerrissen und zerzaust. Die jüngere Dame warf einen Blick darauf, bückte sich dann rasch und hob es auf, um das Blatt zu betrachten, welches gerade obenauf gewesen war. »Ah, sieh, Tantchen, das sind wir,« sagte sie. »Das Schicksal hat glücklicher Weise diesen Diebstahl auf das Schnellste bestraft. Komm, laß uns unsern Spaziergang fortsetzen.« Sie riß das Blatt, welches die Skizze enthielt, in kleine Stücke und streute die Letzteren umher; dann verließ sie mit der andern Dame den Thalkessel. »Donnerwetter!« brummte ihr der Dicke nach. »Stolz lobe ich mir die Spanierin! So eine Vorleserin! Aber, hat sie denn nicht Tante gesagt? Hm! Wohl nicht. Ich habe mich verhört. Mir brummt der Kopf wie eine Baßgeige. Wo muß nun dieser Herr College stecken? Ah, dort kommt er!« Haller hatte sich aus Scham vor den Damen zurückgezogen. jetzt kam er aus den Büschen heraus. »Verdammter Fall!« fluchte er. »Schauderhaftes Ereigniß! So ein Mädchen! So wunderbar schön! Mein Ideal gefunden, endlich gefunden! Und dabei zerplatzt mir die Hose.« »Das ist doch immer noch besser, als wenn Sie eine Hose gefunden hätten und dabei wäre das Ideal zerplatzt. Da oben liegt Ihr Schirm und Ihre Mappe. Sie sind viel besser weggekommen als ich. Bei mir ist Alles zum Teufel.« »Ja, das ist ein Trost. Ich habe die Skizze dieses herrlichen Kopfes, dieser köstlichen Figur erobert. Wissen Sie nicht, wer die Beiden waren?« »Nein. Daran sind ganz allein nur Sie schuld.« »Wieso?« »Ich hatte gerade begonnen, mich ihnen nach allen Regeln der Etikette und guten Lebensart vorzustellen, da kamen Sie geflogen und fackten mich aus dem Concept heraus. Die Damen wären verpflichtet gewesen, mir auch ihre Namen zu nennen.« »Es ist ja möglich, daß wir sie wiedersehen. Jetzt gilt es vor allen Dingen, uns zu restauriren. Es wird doch in Tharandt einen Schneider geben, der auf Lager hat, was wir brauchen?« »Ich hoffe es. Aber Sie können sich auch in Tharandt nicht sehen lassen. Warum tragen Sie so enge Hosen!« »So gehen wir jetzt einstweilen zu Zweien, und in der Nähe des Städtchens bleibe ich zurück und warte auf Sie.« So wurde es gemacht. Sie putzten sich, so gut es ging, den Schmutz aus den Kleidern und wanderten dann der Stadt zu. Haller blieb im Walde zurück und wurde dann von dem Dicken in den Stand gesetzt, sich wieder vor Menschen sehen lassen zu können. Aber die Freude am Ausfluge war ihnen verdorben. Sie beschlossen, mit dem nächsten Zuge nach Dresden zu fahren, von wo aus sie dann morgen nach Berlin dampfen wollten. Auf dem Bahnhofe waren Beide gezwungen, einige Zeit auf den Zug zu warten. »Welche Classe fahren wir, Verehrtester?« fragte Schneffke. »Ich werde die Billets sogleich besorgen.« Sie saßen in der Restauration und hatten sich Jeder ein Bier geben lassen. Haller ging und brachte dann zwei Billets erster Classe. »Verdammt!« sagte der Berliner. »Diese Noblesse ist mein Geldbeutel nicht gewöhnt.« »Aber der meinige! Sie haben gewünscht, daß wir uns bis Berlin an einander schließen – – –« »Auch in Berlin!« unterbrach ihn der Dicke. »Sie gefallen mir, obgleich Ihre Hosen sich nicht sehr durabel betragen haben, und da ist es mir lieb, wenn wir uns auch in Berlin nicht ganz aus den Augen verlieren.« »Das ist mir recht, obgleich auch Ihre Hosen bei der Rutschpartie bedeutend gelitten haben. Aber wollen wir beisammen bleiben, so sind Sie gezwungen, sich in meine Art und Weise zu fügen. Ich fahre nur erster Classe!« »Hm!« lachte der Dicke. »Welcher Classe sind Sie denn da draußen im Walde gefahren? Uebrigens bitte ich mir zu sagen, wo Sie in Dresden logiren.« »Das weiß ich nicht. Ich kam, gerade wie Sie, von Chemnitz her und nahm nur bis Tharandt Billet, um die berühmten heiligen Hallen in Augenschein zu nehmen. In Dresden bin ich noch gar nicht gewesen.« »Und ich kam aus dem Flöhathal, welches seiner landschaftlichen Schönheiten wegen bekannt ist. Ich stieg hier aus, um das seltene Vergnügen zu haben, einmal ohne Schnee auf ebener Erde Schlitten zu fahren. Ich werde im Trompeterschlößchen logiren.« »Ein Hotel?« »Nein, sondern ein Gasthof.« »Pah!« sagte Haller verächtlich. »Wer verkehrt da?« »Der Mittelstand.« »Der Künstler gehört nicht zum Mittelstande. Ist Ihnen nicht ein vornehmes Haus bekannt?« »Hotel de Saxe oder Stadt Rom am Neumarkte.« »So fahren wir nach Hotel de Saxe.« »Wie? Ich auch mit? Da soll mich Gott behüten!« »Warum?« »Weil leider mein Beutel zum Mittelstande gehört.« »Das ist kein Grund. Wir bleiben zusammen, und die Rechnung werde ich begleichen.« »Sapperlot, diese Ouverture ist famos componirt! Aber, bester Herr College, haben Sie denn wirklich Ihren Narren so an mir gefressen, daß Sie mir solche Opfer bringen?« »Diese geringe Ausgabe ist ja gar nicht der Rede werth; ich bin sehr reichlich mit Reisegeld versehen. Sie gefallen mir, und zudem bin ich noch nie in Berlin gewesen und sage mir daher, daß Sie mir dort vielleicht von Nutzen sein können.« »Soll ich Ihnen dort auch neue Hosen besorgen? Ich stelle mich sehr gern zur Verfügung. Dabei ist es ein wahres Glück, daß es dort keine heiligen Hallen giebt. Ich liebe es zwar, zuweilen ein kleines Abenteuer zu erleben, aber eine Omnibusfahrt ohne Omnibus ist denn doch nicht gerade angenehm, zumal wenn man sich dabei vor zwei solchen Damen blamirt. Die Alte war interessant. Ein höchst feines, geistreiches, aristokratisches Gesicht! Die Gesellschafterin aber war noch bei Weitem wünschenswerther. Hat sie Ihnen gefallen?« Haller blickte nachdenklich vor sich hin, als ob er sich ihr Bild noch einmal vergegenwärtigen wolle. Dann antwortete er: »Sie ist eine Schönheit ersten Ranges!« »Jawohl, jawohl! Allerersten Ranges! Donnerwetter! Wenn ich erstens wüßte, wer sie ist, und zweitens – – ah! Hm!« »Was zweitens?« »Ob – – na, ob sie bereits einen Liebsten hat oder nicht!« »Sacree! Sind Sie verliebt in sie?« Der Dicke fuhr sich mit beiden Händen über den Mund, schnalzte mit der Zunge und antwortete: »Verliebt, sagen Sie? Das ist ein verteufelt unpoetisches Wort. Ich an Ihrer Stelle würde mich etwas anders ausdrücken.« »Wie denn zum Beispiel?« »Nun, das kann ich augenblicklich auch nicht sofort sagen. Aber als ich da oben von der Höhe herabgesaußt kam und gerade vor ihren Füßen halten blieb, da überkam es mich gerade wie – wie – ja, jetzt habe ich es – gerade wie Schiller in seiner Glocke. Sie stand da vor mir herrlich, in der Jugend Prangen, wie ein Gebild aus Himmelshöhen; ich lag vor ihr auf jener menschlichen Gegend, auf welcher ungerathene Buben die meisten Prügel zu erhalten pflegen, und in diesem feierlichen Augenblicke hätte ich ausrufen mögen, gerade wie Schiller dort in der Glocke: O zarte Sehnsucht, süßes Hoffen,     Der ersten Liebe goldne Zeit! Ich lieg vor Dir, grad wie besoffen,     Und Du? Du lachst, wie nicht gescheidt!« Haller konnte sich bei dieser Auslassung nicht enthalten, auch zu lachen. Der Dicke war wirklich köstlich; er ließ den Gefährten auslachen und meinte dann mit der ernsthaftesten Miene von der Welt: »Was lachen Sie? Glauben Sie etwa, daß meine Verse ein empfängliches, sehnsuchtsvolles Mädchenherz nicht zu rühren vermögen! Ich bin in Berlin als einer der größten Don Juans bekannt!« Der Andere musterte ihn mit einem ungläubigen Blicke und fragte: »Sie? Ah! Wie viele Erfolge haben Sie zu verzeichnen?« »Sehr viele! Die Eine lacht mich aus; die Andere zuckt die Achsel; die Dritte läßt mich stehen und rauscht davon, und die Vierte, Donnerwetter, wer kann sich das Alles merken. Na, Sie werden mich schon noch kennen lernen. Aber diese Gouvernante, diese Gesellschafterin, zu deren Füßen ich vorhin niedergesäußelt bin, die hat mir's angethan. Sollte ich sie jemals wieder treffen, so lasse ich eine Liebeserklärung vom Stapel, die sich gewaschen hat!« »Viel Glück dabei, mein Lieber. Aber da ertönt das Zeichen. Lassen Sie uns aufbrechen; der Zug kommt.« Sie begaben sich nach dem Perron und stiegen, als der Train angekommen war, in ein Coupee erster Classe. Sie hatten gar nicht die beiden Damen bemerkt, welche ganz in ihrer Nähe das Einlaufen des Zuges beobachtet hatten. Es waren dieselben, mit denen sie im Walde auf eine so ungewöhnliche Weise zusammengetroffen waren. »Nehmen wir Frauencoupee?« fragte die Jüngere. »Nein, liebe Emma.« »Aber man weiß nicht, welche Gefährten man trifft.« »Ich bin Officiersfrau, und als solche darf ich mich nicht fürchten.« Sie sahen ein Coupee erster Classe offen stehen und stiegen ein, die Aeltere voran, die Jüngere dann. »Donnerwetter, Die sind's!« tönte es ihnen entgegen. Der Dicke war es, der aus Ueberraschung diesen Ruf ausgestoßen hatte. Die ältere Dame hörte es und erkannte ihn. Sie machte sofort Miene, wieder auszusteigen, aber ihre Gefährtin, welche weder Etwas gehört noch gesehen hatte, stand bereits auf dem Trittbrette, und der Schaffner rief: »Bitte schnell, meine Damen! Es läutet zum dritten Male!« Unter diesem Umständen gab es keine Wahl; man mußte bleiben. Der Schaffner warf die Thür zu, und der Zug setzte sich in Bewegung. Jetzt sah nun auch die Jüngere, in welche Gesellschaft sie gerathen war. Ein eigenthümliches, ironisches Lächeln zuckte um ihren Mund; dann ließ sie den Schleier nieder, wie um anzudeuten, daß sie für Niemand vorhanden sei. Die beiden Herren saßen an dem einen und die Damen an dem anderen Fenster. »Glückliches Omen!« flüsterte der Berliner. »Soll ich?« »Was?« flüsterte sein Gefährte zurück. »Na, die Liebeserklärung.« »Unsinn. Wollen Sie die Damen beleidigen?« »Keineswegs. Ich verstehe mich ganz gut auf solche Sachen.« Er setzte sich in Positur, drehte sich nach den Damen hin, zupfte sich die Weste, welche ein Wenig emporgerutscht war, zurecht, räusperte sich verheißungsvoll und sagte: »Darf ich Ihnen vielleicht meinen Platz anbieten, gnädige Frau? Sie fahren wohl nicht gern rückwärts.« Hätte sie angenommen, so wäre er vis-à-vis der Jüngeren zu sitzen gekommen. Seine Frage war in einem höflichen Tone gesprochen worden. Die Dame konnte also nicht umhin zu antworten. Sie neigte den Kopf ein Wenig und sagte: »Ich danke! Ich bin nicht nervös!« »O, ich auch nicht!« fügte er sehr geistreich hinzu, indem er einen triumphirenden Blick auf seinen Gefährten warf. »Das habe ich bemerkt,« antwortete sie, indem ein feines, satyrisches Lächeln über ihr Gesicht glitt. »Sehr freundlich. Wo haben Sie das bemerkt, gnädige Frau?« »Im Walde. Es ist Ihnen ganz gleich, auf welche Weise Sie fahren.« »Nicht wahr?« lachte er. »Ich brauche dazu weder Kutscher noch Pferde und Wagen, nicht einmal eine Locomotive. Ganz gewiß haben Sie unsere Fertigkeit bewundert. Ich muß allerdings annehmen, daß Ihnen das Vorkommniß ein wenig unerklärlich gewesen ist?« »Ich gestehe das allerdings ein.« »Darf ich Ihnen die Erklärung geben?« »Ich bitte darum.« Es hatte eigentlich gar nicht in ihrer Absicht gelegen, auf eine Unterhaltung einzugehen, aber ein Blick in das offene ehrliche und gutmüthige Gesicht des Dicken brachte sie zu dem Entschlusse, ihm nicht wehe zu thun. »Nun sehen Sie, gnädige Frau,« sagte er; »wir haben uns nämlich entschlossen, per Velociped zu fahren, haben aber die Maschinen noch nicht erhalten. Um nun keine Zeit zu verlieren, sind wir in den Wald gegangen, um uns einstweilen einzuüben. Der Mensch muß practisch sein. Wenn wir dann später die Velocipeds erhalten, besitzen wir bereits so viel Fertigkeit, daß wir uns sofort aufsetzen können. Ich hoffe, daß Sie das sehr zweckmäßig finden.« »Allerdings ebenso zweckmäßig wie außerordentlich!« lachte sie. »Das kann nicht auffallen; wir sind ja zwei außerordentliche Menschen. Wir sind Künstler. Wenn ich mich nicht irre, habe ich bereits im Walde die Ehre gehabt, mich Ihnen vorzustellen?« »Ja, mein Herr; aber Ihr Name ist ebenso außerordentlich wie Ihre Person; ich muß Ihnen daher gestehen, daß ich ihn leider nicht behalten habe.« »Sie haben ihn vergessen? Dieses Schicksal haben die meisten irdischen Größen zu erdulden; erst nach ihrem Tode setzt man ihnen Denkmäler. Ich werde mir aber erlauben, mein Andenken bereits jetzt zu Ehren zu bringen, indem ich Ihnen wiederhole, daß ich Hieronymus Aurelius Schneffke heiße.« »Ich danke.« Sie hielt die Sache für abgemacht; er aber blickte ihr so erwartungsvoll in das Gesicht, daß sie, innerlich im höchsten Grade belustigt, fortfuhr: »Mein Name ist Goldberg.« Das war ihm nicht genug; darum fragte er: »Auch Künstlerin? Vielleicht Malerin?« »Leider nicht. Mein Mann ist General.« Er fuhr zurück und rief dabei: »Sacristi. General von Goldberg etwa?« »Ja.« »Der ist ja Graf.« »So viel ich weiß, ja!« nickte sie. »Habe die Ehre, gnädige Frau Gräfin. Und wie es scheint, steht dieses Fräulein als Vorleserin und Gesellschafterin in Ihrem Dienste?« Ueber das fein gezeichnete Gesicht der Generalin glitt ein schalkhaftes Lächeln. Sie antwortete: »Sie haben es errathen. Fräulein Emma ist meine Vorleserin, meine liebste Gesellschafterin. Darf ich vielleicht fragen, welches Genre Sie als Maler bevorzugen?« Er nahm eine höchst wichtige Miene an und erklärte: »Ich bin zoologischer Künstler und habe mich ganz besonders für diejenigen Erscheinungen des Thierreiches entschieden, durch welche die Natur den Gedanken der höchsten Schönheit, der ästhetischen Vollkommenheit verkörpert.« »Ah, welche Thiere sind das?« »Die Krebse, Spinnen und Tausendfüße.« Sie warf einen Blick auf ihn, in welchem sich die deutliche Besorgniß aussprach, ob er bei Sinnen sei; er aber machte ein Gesicht, welchem sie anmerkte, daß es sich nur um einen Scherz handle. Bereits wollte sie antworten, aber da kam ihr die Gefährtin zuvor, denn hinter dem Schleier heraus erklang die Frage: »Gehörte Ihre heutige Leistung auch diesem Genre an?« »Welche, mein Fräulein?« Man sah ihm die Befriedigung an, sie zum Sprechen gebracht zu haben. Sie antwortete: »Als Sie vor mir parterre ausruhten, lag neben Ihnen das Portrait eines Wesens, von welchem es mich interessiren würde, zu erfahren, ob Sie dasselbe auch zu den Spinnen und Tausendfüßen rechnen, Herr – Herr Schneffke.« Er wußte, daß sie die Skizze ihrer eigenen Person meinte, doch brachte ihn das nicht im Mindesten in Verlegenheit. Er antwortete: »Das ist ein ganz anderes Genre, und nicht ich bin es, der dieses Portrait gezeichnet hat.« »Ah! Wer sonst?« »Ich habe meinem Herzen den Bleistift borgen müssen.« Da, endlich war sie heraus, die Liebeserklärung! Er strampelte vor Freude mit den dicken Beinen, faltete die Hände befriedigt über dem Bauche und warf seinem Gefährten einen höchst stolzen, siegreichen Blick zu. Ein kurzes, goldenes Lachen erscholl hinter dem Schleier. »Ihr Herz zeichnet auch Figuren?« fragte sie. »Wie es scheint,« antwortete er. »Ich habe allerdings bisher davon noch nichts gewußt. Sie sind die erste Figur, an welche es sich gewagt hat.« »Ich fühle mich ganz beglückt davon, Herr – – Schneffke! Nicht wahr, so hießen Sie doch wohl?« »Ja, Hieronymus Aurelius Schneffke. Das ist so gewiß und sicher wie Pudding. Sapperlot, das ist jammerschade!« Die Unterhaltung war nicht ungestört geführt, sondern oft durch das Geräusch der Räder und das Anhalten des Zuges an den kleinen Stationen unterbrochen worden. Jetzt nun waren sie auf dem böhmischen Bahnhofe in Dresden angelangt. Die Thür wurde geöffnet, und man stieg aus. Der Dicke wäre gern den Damen behilflich gewesen, saß aber leider auf der verkehrten Seite des Coupees. Doch sprang er, so rasch es ihm seine Corpulenz gestattete, ihnen nach und fragte, den Hut ziehend: »Befehlen die gnädige Frau vielleicht eine Droschke?« Sie wollte diese Höflichkeit, welche man vielleicht mit eben demselben Rechte eine Zudringlichkeit nennen konnte, zurückweisen, brachte dies aber bei den guten, treuen Augen, deren Blick er auf sie richtete, nicht fertig. »Mein Herr, ich darf Sie doch nicht bemühen!« meinte sie. »Warum nicht?« »Hm!« lächelte sie, indem sie ihn von Kopf bis zu den Füßen betrachtete. »Ihr Aeußeres ist zu einer solchen Anstrengung wohl schwerlich prädestinirt!« »Weil ich nicht ganz und gar hager bin? O, meine Taille genirt mich nicht im Mindesten. Einer, welcher im Walde so außerordentlich hurtige Velocipedistenübungen fertig bringt, wird wohl auch nach einer Droschke springen können. Sie sollen sehen, wie ich fliege!« Er eilte davon, und zwar mit einer Geschwindigkeit, die sie ihm gar nicht zugetraut hätte. Er ließ sich von dem Polizisten, welcher am Ausgange stand, eine Nummer geben und suchte dann nach der Droschke, welche diese Nummer führte. Dabei brummte er befriedigt vor sich hin: »Auf diese Weise erfahre ich, nach welchem Gasthofe oder Hotel sie fahren. Ein gescheidter Kerl darf kein dummer Esel sein; das ist so gewiß wie Pudding. Diese Gesellschafterin lasse ich mir auf keinen Fall entlaufen.« Die Generalin hatte ihm lächelnd nachgeblickt und dabei an ihre Begleiterin die Frage gerichtet: »Konnte ich es ihm abschlagen, liebe Emma?« »Nein, liebe Tante. Er ist ein guter Mensch, wenn auch ein sehr mittelmäßiger Geist.« »Du hast ihn erobert.« »So ist der heutige Tag der glücklichste meines Lebens,« scherzte Emma von Königsau. »Aber, was sagst Du zu dem Andern?« »Der erste Augenblick ist oft entscheidend, wenn es sich um die Beurtheilung eines Menschen handelt. Hier möchte ich diese Regel nicht gelten lassen. Er macht auf mich den Eindruck eines ungewöhnlichen Mannes.« »Diesen Eindruck hat er auf mich nicht hervorgebracht. Ich halte ihn im Gegentheile für einen sehr gewöhnlichen Menschen. Ist Dir Nichts an ihm aufgefallen?« »Was meinst Du?« »Seine Aehnlichkeit mit Fritz.« »Mit Fritz? Welchen Fritz meinst Du?« »Fritz Schneeberg, den Diener meines Bruders.« »Ich habe diesen Fritz nur einmal höchst vorübergehend gesehen. Es ist möglich, daß er öfters in meine Nähe gekommen ist, aber ich habe ihn nicht bemerkt oder nicht beachtet. Aus der Aehnlichkeit mit Fritz darfst Du aber doch noch nicht schließen, daß dieser Maler ein gewöhnlicher Charakter ist.« »Geist hat er nicht. Er hat ja nicht einmal ein Wort gefunden, sich wegen des Schreckes zu entschuldigen, den er uns bereitet hat. Dieser dicke Hieronymus hat doch wenigstens einige drollige Witze darüber gemacht.« »Und dennoch ist mir der Andere außerordentlich sympathisch. Vielleicht ist es deshalb, weil – ah, weißt Du, mein Mann fast ganz dasselbe Aeußere hatte, als er in diesen Jahren war?« »Wirklich? Nun, dann ist es erklärlich, daß Du ihn vertheidigst. Da ist die Droschke, liebe Tante!« Sie stiegen ein und bedankten sich bei dem Maler. »Hotel de Saxe!« befahl die Generalin. Fortsetzung 63 Hieronymus machte eine tiefe Verneigung und blickte dem Wagen ein Weilchen nachdenklich nach. »Ein famoses Mädchen!« brummte er. »Wie sie sich wohl als Frau Hieronymus Aurelius Schneffke ausnehmen würde? Emma heißt sie? Hm, kein übler Name! Emma heißt: die Emsige, die Fleißige. Sie könnte mir die Farben reiben.« Da erhielt er einen Schlag auf die Schulter. »Donnerwetter!« rief er. »Welcher Flegel ist denn – ah, Sie sind es, College! Holen Sie ein anderes Mal etwas weniger aus, wenn Sie mich liebkosen wollen!« »Und Sie, laufen Sie nicht jedem Lärvchen nach, wenn Sie in meiner Gesellschaft bleiben wollen!« erwiderte Haller. »Nennen Sie etwa dieses Fräulein Emma eine Larve?« »Wen ich meine, das ist gleichgiltig. Hier habe ich eine Droschkennummer. Lassen Sie uns nach dem Hotel de Saxe fahren.« »Das werden wir vielleicht bleiben lassen!« »Warum?« »Die beiden Damen wohnen dort.« »Ah! Fürchten Sie sich vor ihnen? Ich denke, Sie sind in die Vorleserin verliebt!« »Verliebt? Pfui Teufel, abermals dieser ungeeignete Ausdruck! Ihr Bild ist siegreich zu den Pforten meines Herzens eingezogen. So drücke ich mich aus. Ich möchte zwar höchst gern in ihrer beglückenden Nähe weilen, aber ich habe sehr triftige Gründe, sie einstweilen noch in zarter Schamhaftigkeit zu fliehen.« »So? Welche Gründe wären das?« »Erstens die Art und Weise, in welcher die Bekanntschaft angeknüpft wurde, und zweitens mein gegenwärtiger äußerer Adam. Sehen Sie mich einmal an!« »Nun, was ist an Ihnen zu ersehen?« »Diese verteufelte Rutschparthie hat meinen Anzug bedeutend mitgenommen, und ich habe augenblicklich nicht über Millionen zu verfügen, so daß ich mir einen neuen Gottfried kaufen könnte. Ich muß warten bis ich nach Berlin zu meinem Kleiderschrank komme. Bis dahin muß ich die Sehnsucht meines liebenden Herzens in die dickste Pappschachtel einstecken.« »Ich glaube, der Kleiderschrank wird Ihnen auch keine Station zum Glücke werden. Diese Emma sah mir gar nicht so aus, als ob sie sich von einem Krebs- und Spinnenmaler erobern ließe; hier ist unsere Nummer. Steigen wir ein. Wir fahren nach dem Hotel Stadt Rom.« Dort angekommen, ließen sie sich zwei nebeneinander liegende Zimmer geben. Haller hatte den Gedanken, in das Theater zu gehen und ließ sich zwei Billets holen. »Was wird gegeben?« fragte der Dicke. »Die Jungfrau von Orleans.« »Ich werde mitgehen, obgleich mir die Jungfrau von Tharandt bedeutend lieber ist. Uebrigens habe ich mich unterwegs im Coupee schauderhaft über Sie geärgert.« »Warum?« »Sie haben keinen Laut von sich gegeben. Was müssen die beiden Damen von mir denken!« »Von Ihnen? Wenn ich schweigsam bin, ist das doch meine, nicht aber Ihre Sache!« »O doch! Ein Künstler, welcher sich in der Gesellschaft eines Menschen befindet, welcher nicht reden kann, ist selbst auch blamirt.« »Pah! Sie hatten die Unterhaltung so geistreich eingeleitet, daß ich Ihnen auch den ganzen Ruhm und Genuß lassen wollte.« »Das läßt sich hören. Die Generalin ist ein Prachtfrauenzimmer. Ich bin überzeugt, daß meine Persönlichkeit einen bedeutenden Eindruck auf sie gemacht hat.« »Natürlich! Ihre Persönlichkeit wiegt ja schwer genug!« »Einen Zentner achtundneunzig Pfund. Das hat Nachdruck. Wenn nur diese Emma nicht verschleiert gewesen wäre! Ich bin aber doch so glücklich gewesen, zu bemerken, daß sie einige bewundernde Blicke auf mich geworfen hat. Wenn ich mich nicht getäuscht habe, so wird sie am längsten Vorleserin gewesen sein. Wissen Sie, was ich jetzt thun werde?« »Dummheiten werden Sie machen, wie es ja alle Verliebte zu thun pflegen!« »Oho, grad recht pfiffig werde ich sein. Ich gehe nämlich jetzt nach dem Hotel de Saxe und suche zu erfahren, wie lange die Damen noch da logiren.« »Dieser Gedanke ist allerdings nicht schlecht. Gehen Sie und fangen Sie es gescheidt an!« »So gescheidt wenigstens wie jeder Andere. Ein Trinkgeld thut ja Wunder.« Er ging. Haller trat an das Fenster und blickte nachdenklich hinab. Er sah Leute unten gehen und dennoch sah er sie nicht. Sein Geist war drüben im Hotel de Saxe. »Was ist's nur,« fragte er sich, »was mich gezwungen hat, mein Auge immer wieder auf die Generalin zu richten. Mir war es ganz, als ob ich sie kenne, als ob ich sie bereits sehr oft gesehen habe. Unbegreiflich! Es giebt Personen, welche man lieben muß vom ersten Augenblicke an. So geht es mir mit dieser Dame, für die ich viel, sehr viel thun könnte, um nur mit einem freundlichen Lächeln belohnt zu werden.« Er begann jetzt, nachdenklich im Zimmer auf und ab zu schreiten. »Und die Andere,« fuhr er fort, »ist wirklich werth, geliebt zu werden. Wäre sie nicht blos Vorleserin und wäre ich nicht bereits verlobt, so könnte sie mir gefährlich werden. Ich weiß wirklich nicht, ob Ella von Latreau schöner ist als sie.« Nach einer Weile kehrte der Dicke zurück. Er hatte den Portier im Flur des Hotels getroffen und die Unterhaltung mit einem Achtgroschenstücke eingeleitet. Der Portier hatte das Geldstück genau angesehen und dann gesagt: »Hm! Was soll ich damit?« »Es gehört Ihnen! Ich schenke es Ihnen!« »Daran liegt mir nicht sehr viel, mein Herr!« »Was? An einem Achtgroschenstücke liegt Ihnen nichts? So ein Portier ist mir doch in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen. Das ist so sicher wie Pudding!« »Aber mir sind desto mehr solcher Achtgroschenstücke vorgekommen. Sie gelten nichts.« »Nicht? Das wäre!« »Hier, sehen Sie es sich an. Das stammt noch von dazumal aus dem Kriege, wo man aus Noth mehr Kupfer als Silber zu dem Gelde nahm.« »Zeigen Sie einmal her! Wirklich, Sie haben recht. Na, das ist ein Versehen. Hier haben Sie ein anderes. Ich habe Sie nicht betrügen wollen.« Aber der Portier war nun doch mißtrauisch geworden. Er betrachtete sich den Dicken genau und fragte dann: »Danke. Womit also kann ich dienen?« »Mit einer Auskunft. Nicht wahr, es wohnt eine Generalin von Goldberg bei Ihnen?« »Ja.« »Mit ihrer Vorleserin?« »Vorleserin? Nicht daß ich wüßte!« »Aber ich weiß es sehr genau. Das Mädchen ist blond und hat eine bedeutende Figur.« »Hm! Ah! Gut!« lächelte der Mann. »Also das ist die Vorleserin? Ja, die ist mit hier.« »Ist noch Jemand dabei?« »Ein Diener.« »Der war aber heute ja nicht mit in Tharandt!« »Nein, er blieb zurück. Haben Sie die Damen in Tharandt getroffen?« »Ja. Ich hatte da die Ehre, ihnen in der schmeichelhaftesten Weise vorgestellt zu werden. Wissen Sie vielleicht, wie lange sie noch hier in Dresden bleiben?« »Sie reisen, so viel ich weiß, bereits morgen Vormittag ab.« »So, so! Weshalb sind sie nach Dresden gekommen?« »Wie soll ich das wissen? Glauben Sie, daß ich mir erlauben darf, hochgräfliche Herrschaften nach dem Zwecke ihres Hierseins auszufragen?« »Muß dieser Zweck nicht im Fremdenbuche bemerkt werden?« »Das Fremdenbuch ist nicht mein Ressort.« »So sind Sie vielleicht einmal mit der hübschen Vorleserin zu sprechen gekommen?« »Allerdings, sogar einige Male.« »Das ist schön, sehr schön! War sie freundlich mit Ihnen? Vielleicht sogar vertraulich?« Der Portier bekam eine Ahnung dessen, was der Dicke bezweckte. »Ziemlich vertraulich,« antwortete er. »Schön, schön! Wissen Sie vielleicht, wo sie her ist?« »Das weiß ich sogar sehr genau. Ich kenne sie bereits seit mehreren Jahren.« »Prächtig! Also woher ist sie?« »Aus Dresden.« »Donnerwetter! Hat sie einen Liebsten?« »Gehabt. Sie war verlobt.« »Hm! Mit wem denn?« »Mit einem pensionirten Seminardirector.« »Alle Teufel! Das muß doch ein sehr alter Kerl gewesen sein!« »Dreiundsiebzig Jahre.« »Was? Dreiundsiebzig? Und in den ist sie verliebt gewesen?« »Warum nicht? Frauen haben ihre Mucken. Die Eine will einen Jungen und die Andere einen Alten. Es giebt blutjunge Mädels, welche geradezu dafür schwärmen, einen Mann mit grauem Haar zu bekommen.« »Ja, ja, das habe ich auch erfahren. Ein volles, rothes, gesundes Gesicht mit grauem Haar ist pikant. Also sie hat ihn nicht mehr?« »Nein. Er ist ja todt!« »Nicht schade um den Mann! Pensionirte Seminardirectoren können abkommen, besonders wenn sie rüstigen und unpensionirten Leuten die hübschesten Mädchen vor der Nase wegschnappen wollen. Drum trauert sie!« »Sie hat auch alle Ursache dazu. Er muß ein sehr guter Kerl gewesen sein und sehr viel auf sie gehalten haben, denn er hat ihr sein ganzes Vermögen vermacht.« »Das wäre! Sie hat ihn beerbt?« »Sie ist seine Universalerbin. Er starb an den Masern.« »Gott hab ihn selig! Er ruhe mit seinen Masern ewig in Frieden. Wie viel hat sie denn geerbt?« »Sechzigtausend Thaler in Gold, Silber und Staatspapieren, ein Haus in der Zahnsgasse, eine Villa in Niederpoyritz und die Hälfte von einer Papierfabrik in der Nähe von Markneukirchen im Gebirge.« Der Dicke sperrte den Mund vor Erstaunen auf. »Alle Wetter!« sagte er. »Ist der Kerl reich gewesen! Seminardirectors sind doch gewöhnlich arme Teufels!« »Er soll das Alles in der Hamburger und Braunschweiger Lotterie gewonnen haben.« »Ja, dann läßt es sich erklären. Also das Alles, Alles hat sie geerbt? Das ist der schönste Pudding, den es giebt!« »Sie ist ja eben gerade dieser Erbschaft wegen von Berlin hierher gekommen. Die Generalin hat sie begleitet, weil sie viel auf sie hält. Gestern Vormittag ist das Geld ausgezahlt worden.« »Und morgen schleppen sie es wohl nach Berlin?« »Jedenfalls.« »Hat sie denn keine Verwandte?« »Weder Kind noch Kegel!« »Na, Kinder wollte ich mir verbitten, und Kegel sind auch nicht nothwendig. Wenn sie gar Niemand hat, so ist sie ja eine Parthie, nach der man sich die Finger lecken möchte!« »Lecken Sie vielleicht auch?« »An allen Zehnen!« »Das glaube ich. Wer sind Sie denn eigentlich?« »Sehen Sie mir denn das nicht an?« »Hm! Sie sehen ganz aus wie ein Schnapsdestillateur.« »Unsinn! Ich bin fürstlich reußischer Generalsuperintendent jüngerer Linie; derjenige von der älteren Linie ist etwas dünner als ich. Adieu, guter Freund!« Er ging. Der Portier blickte ihm kopfschüttelnd nach. »Der? Ein Generalsuperintendent? Der sieht mir ganz und gar nicht nach so etwas aus,« murmelte er. »Aber in dem Ländchen Reuß könnte es schon möglich sein. Vermeiert habe ich ihn ordentlich!« Und der Dicke dachte bei sich: »Ob das Alles wohl auch wirklich wahr ist? Der Kerl sah ganz so aus, als ob er flunkerte. Na, ich werde wohl Gelegenheit finden, dahinter zu kommen.« Und als ihn dann Haller nach dem Erfolge seiner Erkundigung fragte, antwortete er: »Morgen Vormittag fahren sie nach Berlin.« »Und wir auch? Hm, ich möchte es jetzt allerdings vermeiden, mit ihnen zusammen zu treffen. Unsere Schlittenparthie hat uns sehr blamirt. Am besten ist's, wir fahren bereits gleich mit dem ersten Frühzuge.« Da schüttelte der Berliner sehr energisch den Kopf und widersprach: »Das fällt mir gar nicht ein! Ich bin gewohnt, auszuschlafen. Bei dem zu frühen Aufstehen geht die Gesundheit flöten.« »Morgenstunde hat Gold im Munde!« »Was nützt es mir, wenn sie es blos im Maule hat und ich bekomme nichts davon in meinen Beutel!« »Aber wenn wir Vormittags fahren, riskiren wir, auf dem Bahnhofe und im Coupee mit ihnen zusammen zu treffen!« »So fahren wir am Nachmittage. Berlin läuft uns nicht fort; das ist so sicher wie Pudding!« »Das mag sein. Auf einige Stunden kommt es nun wohl auch nicht an. Aber womit vertreiben wir uns die Zeit?« »Wir gucken zum Fenster hinaus. Da wird auf dem Markte Gemüse und verschiedenes Andere verkauft.« »Danke. Machen wir lieber einen Ausflug.« »Wohin?« »Ich kenne die Umgebung Dresdens nicht.« »Vielleicht nach Blasewitz?« »Was ist da zu sehen?« »Da giebt es Käsekäulchen und das Schillerdenkmal.« »Schön. Theilen wir die Genüsse: Sie die Käulchen und ich das Denkmal!« »Schön. Mein Antheil ist jedenfalls leichter zu verdauen als der Ihrige. Uebrigens brauchen wir ja nicht zu laufen, sondern wir können per Droschke fahren.« »Das ist kein Vergnügen. Ich möchte am liebsten – hm, das geht nicht, da Sie dabei sind.« »Was?« »Ich bin seit einiger Zeit nicht im Sattel gewesen. Ich möchte am liebsten reiten; Sie aber können das nicht.« Der Dicke fühlte sich durch die letzten Worte stark beleidigt. Dieser College behauptete so ganz ohne Weiteres etwas, worüber er noch gar keine Kenntniß haben konnte. »Ich nicht reiten?« meinte Schneffke. »Wer hat Ihnen denn das weiß gemacht?« »Sie, bei Ihrer Figur!« »Oho! Meine Figur ist ganz genau diejenige eines tüchtigen Cavalleristen. Es haben bereits Dickere geritten!« »Wo haben Sie es denn gelernt?« »Schon als Kind auf dem Caroussel.« »Unsinn! Auf hölzernen Pferden! Wo denken Sie hin!« »Und dann war ich sehr oft in Berlin im Hippodrom.« »Das läßt sich schon eher hören. Sitzen Sie fest im Sattel?« »Eisenfest wie Pudding!« »Nun, so wollen wir es probiren. Ich werde dem Hausknecht Befehl geben, für zehn Uhr zwei Pferde zu besorgen.« »Schön. Das, welches am feurigsten ist, nehme ich. Sie sollen Ihre Freude und Verwunderung an mir haben.« »Darüber läßt sich wohl noch sprechen. Ich liebe es nicht, auf einem Fleischergaule zu sitzen. Ihre kurzen, quatschigen Beinchen scheinen mir nicht gemacht, einen gehörigen Schenkeldruck auszuüben.« »Das ist auch nicht nöthig. Müssen es denn gerade die Schenkel sein? Ich drücke mein Pferd, womit ich will!« Damit war diese Angelegenheit erledigt. Die Zeit bis zum Theater verging den Beiden sehr rasch. Sie hatten Billets zur ersten Rangloge und begaben sich kurz vor Beginn der Vorstellung in den Tempel der Kunst. Der Kleine betrachtete den Platz, welchen seine Nummer angab, unter einem Schütteln des Kopfes. »Na, na!« brummte er. »Da soll ich sitzen? Das wird fein, grad als ob ich in einer Kartoffelquetsche stäke.« Er zwängte sich so viel wie möglich zusammen und setzte sich nieder. »Geht's?« fragte Haller. »Gut nicht. Es ist mir zu Muthe, als ob man mich in die spanische Jungfrau gesteckt hätte. Ich muß mir von Zeit zu Zeit zu helfen suchen. Ich hoffe, daß wir keine Nachbarn bekommen. Wenn der Platz neben mir besetzt würde, so könnte ich mir gratuliren. Eine kräftige Taille ist unter Umständen ganz hübsch, zuweilen aber kann sie auch unangenehm werden, wie Figura zeigt.« Kaum hatte er das Wort gesprochen, so wurde die Thüre der Loge geöffnet und es traten drei Personen ein: zwei Damen und ein galonnirter Diener. Die Ersteren waren verschleiert, so daß man ihre Züge nicht sogleich zu erkennen vermochte. Als sie die beiden Männer bemerkten, blieben sie einige Augenblicke lang flüsternd stehen. »Teufel! Denen scheint es nicht zu passen, daß wir hier sitzen,« raunte Schneffke seinem Nachbar zu. Dieser antwortete erst, nachdem er einen scharfen, forschenden Blick auf die Damen geworfen hatte: »Kennen Sie die Beiden?« »Nein. Glauben Sie, daß ich jede Dresdner Aepfelfrau kennen muß, noch dazu, wenn sie verschleiert ist?« »So erschrecken Sie nachher nur nicht!« »Worüber denn?« »Das werden Sie selbst merken. Sie kommen.« »Hilf, Himmel! Ja, sie kommen her neben mich. Gott sei meiner armen Seele gnädig!« »Oder vielmehr Ihrem sterblichen Leichname, der jedenfalls mehr Platz einnimmt, als die Seele sammt dem ganzen Geiste, den Sie haben, bester Herr College.« Während der Diener im Hintergrunde der Loge Platz nahm, kamen die beiden Damen herbei und setzten sich auf die beiden Plätze, welche zur Linken des Berliners lagen. Zu seiner Rechten saß Haller. Der arme Hieronymus stieß einen qualvollen Seufzer aus und machte sich so schmal wie möglich, dennoch aber quoll er höchst ansehnlich zu den Seitenlehnen heraus und die linke Seite seines Unterkörpers wurde ganz von der Toilette der Dame, welche neben ihm saß, verdeckt. Sie hatte seinen Seufzer gehört und antwortete mit einem leichten Räuspern, welches ihm ziemlich schnippisch zu klingen schien. »Die macht sich gar noch über mein Elend lustig!« dachte er. »Jetzt geht es noch. Wie aber soll es später werden, wenn die Wärme steigt! Ich wollte, diese Person wäre eine alte Hypothenuse, damit ich nicht viel Federlesens mit ihr zu machen brauchte. Aber dieser Wunsch sollte ihm nicht in Erfüllung gehen; ob leider oder ob glücklicher Weise, das war noch nicht zu bestimmen. Als sich nämlich der Vorhang hob, zogen die beiden Nachbarinnen ihre Schleier zurück. Schneffke's Augen waren auf die Bühne gerichtet, aber als er den ersten Blick seitwärts warf, erkannte er – die Generalin von Goldberg und ihre schöne Vorleserin. Die Letztere saß neben ihm. Augenblicklich begann es ihm heiß zu werden, was er erst für später erwartet hatte. »Donnerwetter!« dachte er. »Ist das Glück oder Unglück? Meine Manschetten sind nicht die allerweißesten und der Kragen – Pfui Teufel, die Rutschparthie hat mich so ziemlich unscheinbar gemacht. Ich sehe aus, als ob ich in einer alten Kiste zwischen Chocoladenmehl und gemahlenem Kaffee gelegen hätte! Aber einen Trost giebt es doch: die Liebe ist blind. Wenn sie mir gut ist, so wird sie von dem allen nicht das Mindeste merken. Hätte ich doch wenigstens mich um Glacehandschuhe bekümmert! Ah! O! Da giebt es Rettung!« Haller hatte nämlich seine Glacehandschuhe zu unbequem gefunden und einen derselben ausgezogen und auf die Brüstung der Loge gelegt. Schneffke beobachtete seine Nachbarschaft und als er glaubte, nicht bemerkt zu werden, griff er zu und annectirte den Handschuh. Zwar nahm es die Dauer des ganzen ersten Actes in Anspruch, ehe es ihm gelang, seine fetten Finger hinein zu bringen, aber er brachte es doch fertig. Dann langte er mit einer möglichst graziösen Handbewegung nach dem Theaterzettel, welcher vor ihm lag. In demselben Augenblicke ging der Vorhang nieder; das Publikum applaudirte und er hielt es für angezeigt, den Kunstenthusiasten zu spielen und aus Leibeskräften zu klatschen. Da erklang es halblaut neben ihm: »Pst, Herr Schneffke! Er zerreißt ja! Er ist zu enge!« Er wendete sich erstaunt zu seiner Nachbarin und fragte: »Wer denn?« »Der da!« Dabei deutete sie auf seine Hand. Der Handschuh war bei dem Klatschen aus Rand und Band gegangen. Er hing fast ganz in Fetzen um die Finger. »Sapristi!« sagte er. »Man hat mir eine zu enge Nummer geschickt!« »Das ist beklagenswerth! Was aber wird Ihr Herr College sagen?« »Warum dieser?« »Er wird sich ärgern, daß er Ihnen den Handschuh nicht vorher erst gehörig ausgeweitet hat. Er konnte ihn noch einige Minuten länger an der Hand behalten.« Er fühlte, daß er blutroth im Gesichte wurde. Sie hatte also gesehen, daß er den Handschuh gespitzbubt hatte. »Fräulein, Sie sind ein kleiner Teufel!« flüsterte er. »Wird es Ihnen in meiner höllischen Nähe warm, Herr Tausendfußmaler?« Es war ihm wirklich so warm, als ob sein Körper jetzt aus lauter Wellfleisch bestehe. Er mußte ihre Gedanken von dem ominösen Handschuh ablenken und fragte darum: »Wie gefällt Ihnen die Jungfrau? Diese Pauline Ullrich spielt doch ausgezeichnet!« »Fast so ausgezeichnet, wie Sie eskamotiren. Fahren Sie auch mit dieser Handschuhnummer Velociped?« Fortsetzung 64 »Nein,« antwortete er grimmig, »da ziehe ich Faust- und Pelzhandschuhe an. Aber sagen Sie mir einmal, Fräulein, ob Sie in Niederpoyritz bekannt sind?« Sie blickte ihn verwundert an und fragte dann: »Wie kommen Sie zu dieser Erkundigung? Ich war noch nie an diesem Orte.« »Aber wohl in Markneukirchen im Erzgebirge?« »Niemals!« »Haben Sie hier in Dresden einen pensionirten Seminardirector gekannt, der jetzt gestorben ist?« »Nein.« »Dieser Schuft! Dieser Schurke!« »Wer? Der Seminardirector?« »O nein! Der ist jedenfalls ein seelensguter Kerl gewesen. Ich meine Den, der ihn heut an den Masern hat sterben lassen.« »Herr Schneffke, es wird Ihnen wohl immer heißer?« »So heiß wie einem Pudding!« Der zweite Act begann. Der Dicke sah fast gar Nichts davon. Er war von dem Portier dupirt worden; das ärgerte ihn. Noch mehr ärgerte ihn die Handschuhgeschichte. Und grad jetzt bemerkte Haller, daß ihm sein Handschuh fehlte. Er beugte sich über die Brüstung vor, da er dachte, der Glacee sei da hinabgefallen. Da machte die Vorleserin eine so auffällige Handbewegung, daß Haller sich zu ihr wenden mußte, und da deutete sie auf Schneffke's Hand, an welcher die Lederfetzen hingen. Der Dicke hätte in den Erdboden sinken mögen. Der Schweiß brach ihm aus allen Poren; es war ihm, als ob er in einem Dampfbade sei. Doch endlich, endlich ging auch dieser Act zu Ende. Haller benutzte das und flüsterte ihm zu: »Was in aller Welt geht Ihnen denn mein Handschuh an?« »Ein Versehen!« stammelte er. »Unsinn! Sie haben glänzen wollen. Diese Vorleserin hat Ihnen den Kopf verdreht, so daß Sie schließlich noch Filzschuhe an die Finger stecken.« »Halten Sie nur jetzt den Mund! Ich will – ach, Gott sei Dank, sie stehen auf! Sie gehen nach dem Foyer! Ich gehe auch!« Die Damen hatte sich erhoben und verließen die Loge. »Sie wollen ihnen nach?« fragte Haller. »Fällt mir gar nicht ein!« »Wohin denn sonst?« »Ich mache, daß ich fortkomme. Ich verschwinde; ich verdufte mich. Hier ist eine Hitze von sechsundzwanzig Grad Réaumur, und das ist für meine jugendliche Constitution zu viel. Bleiben Sie noch hier?« »Ja. Ich brauche nicht auszureißen; ich habe ein gutes Gewissen.« »Wohl Ihnen! Viel Vergnügen!« Er ging und kehrte in sein Hotel zurück, wo er sich schleunigst zu Bette legte, um Hallern bei dessen Heimkehr keine Gelegenheit zu irgend welchen unangenehmen Folgen und Bemerkungen zu geben. Dieser Letztere hatte, als die Damen vorhin in die Loge getreten waren, sich höflich verbeugt, dann aber scheinbar gar keine weitere Notiz von ihnen genommen, außer da, als Emma ihn auf den defecten Handschuh aufmerksam machte. Er blieb auch weiterhin scheinbar theilnahmlos gegen sie und beachtete sie erst am Schlusse der Vorstellung wieder mit einer Verbeugung. Als die Generalin mit der Nichte zu Hause angekommen war, sagte sie: »Weißt Du, daß Du ein kleiner Kobold bist? Oder denkst Du, daß ich die Handschuhaffaire nicht bemerkt habe?« »Ich interessire mich ganz außerordentlich für diesen Spinnenmaler, liebe Tante!« »Der sein Herz an Dich verloren hat!« »So daß er einen linken Handschuh borgt und ihn an die rechte Hand zieht. Er hält mich wirklich für Deine Vorleserin!« »Ich interessire mich weit mehr für den Andern. Er hat das Aeußere und das ganze Wesen eines Mannes aus vornehmen Kreisen.« »Auch als er von der Höhe herabrutschte und vor Verlegenheit die Flucht ergriff?« »Das war ein neckischer Vorfall, welcher ihm in meinen Augen gar nichts schadet. Die Beiden sind Maler. Sie haben uns bemerkt. Sie haben beschlossen, uns zu scizziren; das Erdreich, auf welchem sie saßen, hat nachgegeben, und sie sind herabgerutscht: Dabei ist gar nichts Ehrenrühriges zu finden.« »Aber sehr viel Lächerliches!« »Dieser Mann hat etwas in seinen Augen, was mich wunderbar berührt. Es ist mir, als ob ich seit Jahren mit ihm bekannt gewesen sei. Er gab sich heute den Anschein, uns gar nicht zu beachten, und doch habe ich bemerkt, daß er uns weit mehr Aufmerksamkeit schenkte als der Bühne.« »So haben wir Beide eine Eroberung gemacht, ich den Hieronymus und Du den – ach, wie mag er heißen?« »Vielleicht erfahren wir es noch.« »Du willst doch nicht sagen, daß Du Dich so für ihn interessirst, daß es Dich verlangt, seine Verhältnisse kennen zu lernen?« Die Generalin schwieg eine Weile und antwortete dann: »Ja, grad das will ich sagen. Ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der einen ähnlichen Eindruck auf mich gemacht hätte. Ich weiß nicht, was es ist, wodurch ich bei seinem Anblicke so tief ergriffen wurde. Eine innere Stimme sagt mir, daß ich ihn näher kennen lernen werde. Sein College ist ein Berliner; sie gehen nach Berlin; der Zufall wird es fügen, daß ich ihn dort wiedersehe. Er ist mir ein Geheimniß, ein Räthsel, von welchem ich fühle, daß ich es zu lösen haben werde.« »Ich begreife das nicht!« »Ich ebenso wenig. Begreift die Schwalbe den Drang, der sie zur Herbstzeit nach dem Süden zieht? Begreift der Mensch die Zuneigung, welche er für den Einen, und die Abneigung, welche er für den Anderen hegt, ohne daß diese Beiden etwas gethan haben, sich diese Sympathie und Antipathie zu verdienen? Ich verlasse morgen Dresden mit der Ueberzeugung, daß ich diesen Maler nicht zum letzten Male sehe.« »Wann reisen wir?« »Es war für früh bestimmt.« »Ist nicht ein kurzer Aufschub möglich, liebe Tante?« »Wozu? Hast Du noch etwas zu besorgen?« »Eigentlich nicht. Ich wünsche nur, einen Spaziergang zu machen.« »Wegen eines Spazierganges die Abreise verzögern? Jetzt bist Du es, die mir unerklärlich wird!« »Erlaube mir, Dir das Räthsel zu lösen. Es gilt dem Andenken meines Bruders.« »Das klingt nur noch räthselhafter!« »Weil Du nicht weißt, daß Richardt eine Liebe hat.« »Eine Liebe? Kind, das ist mir allerdings im höchsten Grade interessant! Richardt, der ernste Offizier, der Frauenfeind, der keine Gesellschaft besuchte und nur seinem Dienste und seinen Büchern zu leben schien? Der Heuchler!« »Verzeihe, liebe Tante. Es hat eine eigenthümliche Bewandtniß um diese Liebe. Du weißt doch, daß er einige Zeit in dienstlichen Angelegenheiten in Dresden war?« »Ja. Er hat ja den Auftrag zu dieser Reise von meinem Manne erhalten.« »Nun, auf einem Spazierritte nach Blasewitz ist ihm eine Dame begegnet – –« »In welche er sich augenblicklich verliebt hat?« fiel die Generalin ein. »Allerdings. Es ist kaum glaublich. Sie im Wagen und er zu Pferde, sind sie schnell, gedankenschnell an einander vorüberpassirt; er hat sie nur mit einem flüchtigen Blicke gestreift, und doch ist er seit diesem Momente nicht mehr Herr seines Herzens gewesen.« »Ja, ja, so ist die Liebe! So ging es auch mir, und so ging es auch Kunz, als wir uns in Paris zum ersten Male erblickten. So ist es auch meiner Schwester Ida und Deinem Vater ergangen. Die Liebe ist eine Macht, welcher Niemand zu widerstehen vermag. Sie bedarf nur eines Augenblickes, um zu siegen.« »Er hat natürlich nicht gewußt, wer sie ist,« fuhr Emma von Königsau fort; »aber sie ist ihm keinen Augenblick aus dem Sinn gekommen.« »Hat er nicht nach ihr geforscht?« »Es ist vergeblich gewesen. Aber jetzt, jetzt hat er sie gefunden, ganz plötzlich und unerwartet, wie er mir schreibt.« »Wo?« »Ja, liebes Tantchen, weißt Du denn eigentlich, wo er sich befindet?« »Nein.« »Und der Onkel hat es Dir auch nicht mitgetheilt?« »Er hat mir kein Wort gesagt. Ist Richardt in dienstlichen Angelegenheiten abwesend?« »Ja. Der Ort, an welchem er sich befindet, muß ein tiefes Geheimniß bleiben.« »So will ich Dich auch nicht fragen, denn ich weiß, daß Du doch nichts ausplaudern würdest. Aber was hat dies Alles mit Deinem Spaziergang nach Blasewitz zu schaffen?« »Sehr viel. Dieser Spaziergang ist ein Ort der Pietät, der schwesterlichen Theilnahme. Ich will einmal den Weg gehen, den er damals geritten ist. Ich will den Ort sehen, an welchem er sein Herz verloren hat.« »Ah, das ist es? Nun, da darf ich Dir nicht widerstreben. Gehen wir also nach Blasewitz; wir erreichen Berlin ja immer noch bei guter Tageszeit.« Der nächste Morgen war schön, so daß die beiden Damen beschlossen, den Weg zu Fuße zu machen. Einige Zeit darauf brachte ein Reitknecht zwei Pferde geführt, mit denen er bei dem Hotel der beiden Maler anhielt. Schneffke hatte bereits gewartet, und die Thiere in Folge dessen sofort bemerkt. Er kam eiligst zu Haller und rief bereits während des Thüröffnens: »Sie sind da, Herr College. Es kann losgehen!« »Wer ist da?« »Die Pferde!« »Ach so! Wie ich sehe, sind Sie bereit? Sapperlot, wo haben Sie denn diese fürchterlichen Sporen her?« Der Dicke hatte den unteren Theil der Hosen in die Stiefelschäfte gesteckt und ein Paar ungeheure Sporen angeschnallt. »Von dem Antiquar da drüben in der Frauenstraße. Sie gefielen mir. Natürlich habe ich sie mir blos geliehen. Zum Kaufen sind sie mir zu theuer. Es sind nämlich ächte mexikanische; der Antiquar sagte, daß sie einst dem Könige Quatemozin gehört hätten.« »Und das glauben Sie?« »Unsinn! Sie gefallen mir; das ist genug. Eine Peitsche habe ich auch. Sie liegt drüben in meinem Zimmer. Donnerwetter! Ich werde Ihnen etwas vorreiten! Die ganze hohe Schule nehme ich durch. Zuletzt ein wagehalsiges Ventre-à-terre . Und damit ich dabei den Hut nicht verliere, habe ich ihn mir mit der Schnur hier fest auf den Kopf gebunden.« Haller lachte ihm in das Gesicht und sagte: »Sie sind ein ganz verwegener Kerl, wie es scheint. Thun Sie mir nur den Gefallen, Ihren Hals und Ihre Beine in Acht zu nehmen! Na, so kommen Sie!« Er hatte hinter dem Rücken des guten Hieronymus Sorge getragen, daß diesem nicht etwa ein arabischer Hengst zur Verfügung gestellt werde. Als sie aus dem Thore traten, sahen Sie einen hübschen Braunen und daneben einen Schimmel, dem man die Sanftmuth und Geduld eine ganze Meile weit ansehen konnte. Schneffke trat in unternehmender Haltung zu dem Knechte und fragte diesen: »Welches ist das wildeste von den Beiden?« Der Gefragte deutete auf den Schimmel und antwortete: »Der da. Er ist oft kaum zu bändigen. Es gehört ein sehr erfahrener und gewandter Reiter dazu, im Sattel zu bleiben.« »Pah! Mich soll er nicht herunter bekommen. Herr College, ich kann nicht dulden, daß Sie sich in Gefahr begeben; ich nehme also den wilden Schimmel und lasse Ihnen den Braunen.« »Nicht doch!« antwortete Haller. »Der Schimmel hat den Teufel im Leibe. Der braucht Schenkeldruck.« Der Dicke stellte sich breitspurig vor ihn hin und sagte: »Schenkeldruck? Donnerwetter! Betrachten Sie sich einmal diese Schenkel! Sind das etwa Sperlingswaden? Ich bin ja der reine Koloß von Rodus! Wenn der Schimmel wirklich gedrückt sein will, so kann er es haben. Ich werde ihn quetschen, daß ihm die Seele knacken soll. Aufgestiegen, also!« Es kostete ihm Mühe, mit dem Fuße den Bügel zu erreichen; aber es gelang ihm doch, hinauf zu klettern, wo er sich dann ordentlich zurecht setzte. Der Schimmel war sehr gut genährt. Diese Beiden paßten ungemein für einander. Auch Haller war aufgestiegen und sagte: »Vorwärts jetzt, durch die Ramp'sche Straße!« Er setzte den Braunen in Bewegung. Der Dicke that dasselbe, zerrte aber an der verkehrten Seite. So kam es, daß der Schimmel sich erst einmal um seine eigene Achse drehte und dann in ganz entgegengesetzter Richtung forttrollen wollte. Haller blickte sich um und bemerkte das. Er rief: »Herr College, Herr College, wollen Sie etwa durch das Marktgäßchen reiten?« »Das Marktgäßchen? Fällt mir nicht ein! Ich dachte aber, das hier wäre die Rampische Straße. Komm, Schimmel, dreh' Dich um! Nach links, immer weiter links! So, und nun grad aus, hinter dem Braunen her.« Es war ihm gelungen, den Gaul richtig vor den Wind zu bringen; er erreichte Haller und ritt an dessen Seite weiter. Die Leute blieben stehen, um den Beiden nachzublicken. Es war dem Dicken unmöglich, die Beine in die gehörige Lage zu bringen; er steckte sie grad ab. Ein rascher Seitenschritt des Pferdes hätte ihn sofort aus dem Sattel gebracht. Er bemerkte, welche Aufmerksamkeit er erregte, daher sagte er in selbstgefälligem Tone zu Haller: »Wir müssen doch ein höchst stattliches Reiterpaar bilden, denn alle Leute staunen uns an!« »Mich weniger, als vielmehr Sie!« »Das ist auch meine Meinung. Aber sehen Sie nur, was für einen famosen Schenkeldruck ich habe!« »Ausgezeichnet!« nickte Haller ironisch. »Ohne diesen Druck wäre ich aber auch sofort zur Katze. Dieser Schimmel ist ein ganz verfluchtes Vieh. Er will mit mir immer durch, bald rechts oder links, bald rückwärts oder vorwärts. Soeben wollte er hinten ausschlagen, und jetzt, ah, ich ahnte es doch sogleich, jetzt wollte er vorn in die Höhe! Aber solche Unbotmäßigkeiten dulde ich absolut nicht. Das Vieh muß einsehen, daß es endlich einmal seinen Reiter gefunden hat!« So ging es durch die Pillnitzer Straße und quer über die alte Vogelwiese nach Blasewitz zu. Sie hatten die Forsthausstraße hinter sich, da deutete Haller nach vorn und sagte: »Teufel noch einmal! Kennen Sie die Beiden, die dort gehen?« »Die Frauenzimmer?« »Ja.« »Die gehen mich nichts an. Ich habe jetzt keine Zeit mit Damen zu liebäugeln. Ich darf den Schimmel nicht aus den Augen lassen.« »Aber einen Blick werden Sie doch wohl übrig haben, zumal für diese Beiden!« »Sind es denn gar so außerordentliche Personen?« »So sehen Sie doch nur hin!« Der Dicke gehorchte und rief dann erfreut: »Die Generalin und ihre Vorleserin! College, wollen wir ihnen einmal etwas vorreiten?« Der Gefragte schüttelte scheinbar besorgt mit dem Kopfe und antwortete: »Der Schimmel, der fatale Schimmel!« »Wieso?« »Na, wenn der einmal im Zuge ist, dann ist es aus.« »Unsinn! Ich gebe ihm Schenkeldruck. Also vorwärts. Trab oder Galopp?« »Trab!« »Schön! Die Gräfin soll einmal sehen, daß ein Spinnen- und Krebsmaler ebenso elegant zu Pferde sitzen kann, wie ein General!« Haller ließ sein Pferd in Trab fallen, und der gutwillige Schimmel folgte freiwillig. Der Dicke hoppste auf und nieder wie ein Mehlsack. Er rutschte bald vor oder hinter, bald nach rechts oder nach links, doch gelang es ihm noch, Sattel zu behalten. Jetzt waren sie den Damen nahe gekommen. »Galopp jetzt, Galopp!« gebot Schneffke. »Um Gotteswillen nicht!« »Pah! Ich fürchte mich vor dem Teufel nicht, viel weniger vor dem Schimmel! Da, da, da!« Bei den drei letzten Sylben holte er mit der Peitsche aus und gab dem Schimmel drei kräftige Hiebe über den Kopf. Grad in diesem Augenblicke wurden die Damen auf die Reiter aufmerksam; sie drehten sich um. Der Dicke wollte in eleganter Haltung an ihnen vorüber; aber – war der Schimmel die Schläge nicht gewöhnt, oder hatte einer der Hiebe sein Auge getroffen, kurz und gut, das dicke Pferd riskirte eine Lancade. »Mordio! Feurio! Hilfio!« brüllte Hieronymus, indem er die Peitsche fallen, die Zügel fahren ließ und alle Viere in die Lüfte streckte. Im nächsten Augenblicke beschrieb er einen Bogen vom Pferde herab und kam grad vor Emma auf denjenigen Theil seines Körpers zu sitzen, auf welchem er gestern auch die famose Rutschpartie gemacht hatte. Das gab zwar einen tüchtigen Plumps, und er fuhr mit den Händen angstvoll nach hinten, obgleich in jener Gegend keine Rippen zu brechen waren, doch fand er schnell die Geistesgegenwart wieder. Er legte die Hand militärisch an die Hutkrämpe und grüßte: »Ergebenster Diener, meine verehrtesten Damen. Der Gaul ist auf den Wink dressirt. Er hat mich zu Ihren Füßen niedergesetzt, damit es mir möglich sei, Ihnen meine Hochachtung zu beweisen. Nehmen Sie dieses reizende Intermezzo gütigst nur als das, was es wirklich ist: ein außergewöhnliches und darum um so werthvolleres Compliment, aus dem Sie ersehen sollen, wie sehr ich Sie verehre!« Er wollte als weiteren Beweis seiner Hochachtung den Hut abnehmen, da dieser aber angebunden war, so ließ er es sein und erhob sich, um sich nach dem Schimmel umzublicken. Wahrhaftig! Dieser war durchgegangen, allerdings auf eine nur kurze Strecke. Haller war ihm nachgeritten und hatte ihn beim Zügel ergriffen. Die beiden Damen hatten so gelacht, daß sie gar nicht antworten konnten. Er nickte ihnen noch einmal freundlich zu und trabte dann in größter Eile dem Kameraden und dem Schimmel nach. Da er den Damen dabei diejenige Stelle zukehrte, mit welcher er auf der Straße gelandet war und die sich voller Staub und Schmutz zeigte, so bot er ihnen einen ergötzlichen Anblick. »Was fällt Ihnen denn zum Donnerwetter ein, den Gaul über den Kopf zu hauen!« rief ihm Haller entgegen. »Was denn sonst? Soll ich etwa, wenn er nicht gehorcht, absteigen und mich mit ihm auf Pistolen schießen, oder per Rappier schlagen?« »Er ging doch ganz gut!« »Ja, aber ich wollte partout herunter!« »So, so! Das ist etwas Anderes. Wenn Sie es gewollt und beabsichtigt haben. Steigen Sie wieder auf?« »Natürlich! Zwar brummt mir die hintere Hemisphäre so, daß ich gar nicht fühlen werde, ob ich ein Pferd darunter habe, aber dafür will ich dem Gaule desto kräftiger beweisen, daß er einen vorzüglichen Reiter über sich hat.« Er kletterte wieder in den Sattel; der Ritt wurde fortgesetzt und nahm ein glückliches Ende, da Beide alle Vorsicht aufwendeten, daß nicht wieder etwas Regelwidriges geschehen könne. Am Nachmittag dampften sie nach Berlin. Im Zuge fanden sie keine Spur von den beiden Damen, da diese den vorhergehenden benutzt hatten. Als sie ausgestiegen waren, fragte Schneffke: »Was werden Sie beschließen? Ich hoffe, daß Sie mit meiner Bude fürlieb nehmen, bis sich eine Wohnung für Sie gefunden hat.« »Danke! Ich werde mir sofort eine miethen.« Er ging in die Restauration und ließ sich das Adreßbuch geben. Dort suchte er zunächst, doch ohne dem Dicken etwas davon merken zu lassen, den Namen Königsau auf, um dessen Wohnung zu erfahren. Dann nahm er die Zeitungen zur Hand, um die Wohnungsangebote zu lesen. Er fand gar bald, was ersuchte, nämlich ein meublirtes Logis in der Nähe der Wohnung der Familie Königsau. Die Vermiether konnten nicht ganz gewöhnliche Leute sein, da sie nur an einen feinen Mann vermiethen wollten. Jetzt trennten sich die beiden Maler, nachdem Haller sich die Wohnung seines dicken Freundes notirt hatte. Dann begab er sich per Droschke nach der in dem Blatte bezeichneten Wohnung. Sie gehörte der Wittwe eines Ministerialbeamten und genügte allen seinen Ansprüchen. Er miethete sofort ein und blieb auch sogleich hier. Er hörte, daß die Wittwe einen Sohn habe, der bald aus dem Bureau nach Hause kommen werde. Als dies geschehen war, wurde das Abendbrot genommen. Als Tischgenossin war ein reizendes, junges Mädchen mit Namen Madelon Köhler zugegen. Da kam ihm ein plötzlicher Gedanke. Er hatte ein Gesicht gesehen, welches dem ihrigen außerordentlich ähnlich war. »Sie haben eine Schwester, Fräulein?« fragte er. »Ja. Sie befindet sich als Freundin bei einer Baronesse von Sainte-Marie.« »Sie meinen die Baronesse Marion de Sainte-Marie?« »Ja,« antwortete die junge Dame überrascht. »Ist die Baronesse Ihnen bekannt?« »Sehr gut. Ich kenne auch Fräulein Nanon Köhler, Ihre Schwester.« »So sind Sie in Schloß Ortry gewesen?« »Ja, ich hatte ein Portrait des jungen Baron Alexander zu fertigen und war also geschäftlicher Weise zu einem Aufenthalte gezwungen.« »Ah, da werde ich Sie später ersuchen, mir Einiges zu erzählen. Wie schön, daß Sie die Schwester kennen! Ich habe heut' einen Brief von ihr erhalten. Ist Ihnen vielleicht ein Doctor Bertrand aus Thionville bekannt?« »Ich kann mich nicht entsinnen.« »Dieser Arzt hat einen Kräutersammler –?« »Auch diesen kenne ich nicht.« »So, so! Darf ich Sie auf ein wunderbares Spiel der Natur aufmerksam machen, mein Herr? Sie sind nämlich einem meiner Bekannten so ähnlich, daß man Sie auf das Leichteste mit einander verwechseln könnte.« »Wirklich? Wer ist es denn, dessen Conterfei zu sein, ich die Ehre habe?« »Es ist ein Soldat, ein einfacher Diener, nämlich der Bursche des Herrn Rittmeister Richards von Königsau.« Dieser Name electrisirte ihn sofort. »Königsau?« fragte er. »Kennen Sie diese Familie?« »Sehr gut, und zwar von doppelter Seite. Nämlich, der Sohn meiner gnädigen Dame, Rittmeister Arthur von Hohenthal, von den Husaren, ist ein Freund des Herrn von Königsau, welcher den Ersteren sehr oft besucht. Und sodann ist Fräulein Emma von Königsau so freundlich, mich zu ihren näheren Bekanntinnen zu rechnen.« »Dann können Sie mir wohl auch sagen, ob der Rittmeister von Königsau ein Freund der Geselligkeit ist?« »Ich bezweifle das. Er ist ein sehr ernster Character.« »So ist es wohl nicht leicht, Anschluß an ihn zu finden?« »Für einen Fremden halte ich es für schwierig. Er gehört zu den Characteren, welche Lebensbefriedigung mehr nach Innen als nach Außen suchen.« »Er befindet sich gegenwärtig in Berlin?« »Nein; er ist abwesend.« »Würde es unbescheiden sein, nach dem Orte zu fragen, an welchem er sich befindet? Ich erkundige mich nämlich nicht ganz und gar absichtslos.« »Wie mir seine Schwester erzählte, hat er sich in letzter Zeit zu sehr angestrengt und einen Urlaub zum Zwecke der Erholung erhalten. Er befindet sich auf dem Gute eines Verwandten in Posen oder Lithauen.« »Ich danke! Aber die Glieder seiner Familie befinden sich hier in Berlin?« »Ja. Zwar allerdings ist seine Schwester Emma abwesend, aber sie kehrt bereits heut' zurück.« »Ist es schwer, Zutritt zu der Familie zu erhalten?« »Sie öffnet ihre Thür nicht so leicht einem Jeden; aber –« dabei ließ sie ihr dunkles Auge freundlich forschend auf ihm ruhen – »haben Sie irgend ein Interesse an dem Namen Königsau?« »Ja, ein ziemlich bedeutendes, mein Fräulein. Ich darf noch nicht davon sprechen, und darum ersuche ich Sie dringend, gegen Ihre Freundin ja nichts zu verrathen. Aber es würde mir unendlich willkommen sein, diese mir rühmlichst geschilderten Personen kennen zu lernen.« Er befand sich als Spion in Berlin, aber sein ganzes Wesen war nicht dasjenige eines solchen. Sein Gesicht zeugte von Edelmuth und Biederkeit. Er war gezwungen, dem Befehle seines Vorgesetzten zu gehorchen; er that dies zwar, aber er that es mit innerem Widerstreben. Dieses leise, heimliche Schleichen paßte nicht zu seinem Naturell und ebenso wenig zu seinem Character. Madelon nickte ihm freundlich zu und sagte: »Künstler sind allüberall weniger unwillkommen als andere Menschenkinder. Vielleicht gelingt es mir, Ihnen den Eintritt in das Haus meiner Freundin zu öffnen.« »Wie dankbar würde ich Ihnen sein, mein Fräulein!« »Ich thue es gern, denn ich bin überzeugt, daß ich nichts zu verantworten haben werde. Vielleicht ist es möglich, Sie bereits morgen mit Emma bekannt zu machen. Sie ist auch in diesem Zimmer hier keine allzu seltene Erscheinung. Kehrt sie heute von der Reise zurück, so macht sie mir morgen ganz sicher ihren Besuch und wird auch nicht versäumen, hier auf eine Minute vorzusprechen. In diesem Falle, und wenn Sie anwesend sind, wird es ja sogar unsere Pflicht sein, Sie ihr vorzustellen.« Fortsetzung 65 »Ich werde auf alle Fälle zugegen sein, mein Fräulein, und wünsche mir recht baldigst eine Gelegenheit herbei, Ihnen dankbar sein zu können.« Damit war derjenige Theil der heutigen Abendunterhaltung, welcher ihn interessirte, erschöpft, und Haller zog sich nach Kurzem in sein Schlafzimmer zurück. Als er sich dort allein befand, überdachte er die Erlebnisse der letzten Tage, unter denen ihn seine heutige Begegnung mit der jungen, allerliebsten Französin am Meisten beschäftigte. Er sagte sich zwar, daß er für sie nur deshalb ein so reges Interesse hege, weil sie ihm versprochen hatte, seine Bekanntschaft mit der Familie Königsau zu vermitteln; allein er täuschte sich damit nur selbst. Ihre reizende Persönlichkeit nahm sein Denken in noch viel höherem Grade in Anspruch als ihr Versprechen, ihn in dem Hause einzuführen, an welches er von seinem Vorgesetzten adressirt worden war. Sie hatte einen Eindruck auf ihn gemacht, über welchen er sich noch nicht Rechenschaft geben konnte. Und doch traf er bereits einen Vergleich zwischen ihr und Derjenigen, welche ihm seit langer Zeit zur Gattin bestimmt war. Es war in seinem Herzen ein Zwiespalt entstanden, welcher einerseits ihn gegen sich selbst erzürnte, andererseits aber ihn freudig erregte, wenn er daran dachte, daß er Gelegenheit habe, die junge Dame öfterer zu sehen. »Warum gefällt mir diese Gesellschafterin doch nur weit besser als Ella von Latreau?« fragte er sich. »Es giebt Menschen, die man schon beim ersten Zusammentreffen lieb haben muß. Ella ist ein Grafenkind, unendlich reich und eine Schönheit ersten Ranges. Diese kleine, nette Madelon stammt jedenfalls aus einer armen, bürgerlichen Familie und kann eine eigentliche Schönheit nicht genannt werden. Aber doch – aber doch! Als ich diese prächtige Gouvernante im Walde sitzen sah, entzückte sie mich; diese Madelon entzückt mich auch. Und doch wie verschieden ist dieses Entzücken. Die Gouvernante entzückte meine Augen, mein Schönheitsgefühl, da ich Maler bin; die Französin aber macht einen Eindruck, welcher nicht nur auf das Auge wirkt; er geht tiefer hinab. Hm, ich glaube, dieser süße Kolibri könnte Einem gefährlich werden! Kolibri? Ja, bei Gott, das ist der richtige Ausdruck, um die Erscheinung dieses reizenden Mädchens zu kennzeichnen!« Aber mit diesem Selbstgespräch war das Thema noch nicht beendet. Noch als er bereits im Bette lag, dachte er an sie, und dann als er entschlafen war, erschien sie ihm im Traume mit goldig schillernden Flügeln, über duftigen Blüthen schwebend und von dem Honig nippend, der in den Kelchen lag. »Wahrhaftig, sie ist mir im Traume erschienen!« sagte er, als er erwachte. »Es giebt Leute, welche dem Traume im neuen Logis eine große Bedeutung beilegen. Wenn sie Recht haben, so darf ich vermuthen, daß dieser Kolibri mich noch länger umflattern wird.« Als er seinen Kaffee getrunken hatte, schickte er sich zu einem Morgenspaziergange an. Er mußte, um wirklich als Maler zu erscheinen, sich einige Requisiten beilegen, ohne welche die Künstler der Palette nun einmal nicht sein können. Eben als er die untere Treppe hinabsteigen wollte, kam Madelon die Stufen herauf. Sie hatte ein kleines, elegantes Körbchen am Arme und sah so frisch und munter aus wie der junge Morgen selbst. Er zog höflich grüßend den Hut und blieb stehen, um sie an sich vorüber zu lassen; aber sie hemmte ebenso ihre Schritte und sagte: »Guten Morgen, Herr Haller! Ich denke, wir können schon ein Wörtchen miteinander wechseln. Wir sind uns ja nicht ganz und gar fremd. Haben Sie eine angenehme Ruhe gehabt?« »Ich danke, ja, mein Fräulein.« »Das ist schön; das freut mich, denn es ist ein gutes Zeichen. Vielleicht haben Sie sogar geträumt?« Sie blickte ihm fröhlich in das Gesicht und zeigte ihm dabei ein so kindlich herziges Lächeln, daß er sie gleich auf der Stelle hätte küssen mögen. »Allerdings habe ich geträumt,« antwortete er. »Wirklich? Wissen Sie, daß es Leute giebt, welche sagen, daß der erste Traum in einer neuen Wohnung stets in Erfüllung gehe?« »Ich habe davon gehört.« »Aber Sie glauben natürlich nicht daran! Die Herren sind ja meistens große unverbesserliche Zweifler. War es etwas Angenehmes?« »Ja. Ich träumte von einem kleinen reizenden Kolibri, der mich immer umschwirrte und gar nicht von mir lassen wollte. Ihr liebes Gesichtchen nahm plötzlich einen ernsten Ausdruck an. Ihr dunkles Auge schien größer zu werden, als sie sagte: »Von einem Kolibri, einem becque-fleur , wie wir Franzosen den Vogel nennen? Dieses Wort hat eine nicht gewöhnliche Bedeutung für mich. Kolibri oder becque-fleur ist der Kosename meiner armen, verstorbenen Mutter gewesen. Mein kleiner, süßer Kolibri hat er sie genannt, wenn sein Auge liebevoll auf sie leuchtete. Sie ist nämlich auch so klein gewesen wie ich.« Er sah ihr freundlich in das ernste Gesicht und antwortete: »Vielleicht leuchtet einmal ein Auge ebenso auf Sie. Und vielleicht sagt dann auch eine liebevolle Stimme den Kosenamen becque-fleur zu Ihnen. Wissen Sie, Fräulein, daß der Kolibri, von welchem ich träumte, menschliche Gestalt hatte?« »Menschliche? Ja, der Gott des Traumes zeichnet mit phantastischen Stiften. Aber, Herr Haller, wollen wir hier vor der Treppe stehen bleiben? Haben Sie sehr nothwendig?« »Nein, gar nicht.« »Nun, ich möchte gern von meiner Schwester Etwas hören. Wenn Sie nichts versäumen, so bitte ich Sie, für einige Augenblicke bei mir einzutreten.« Sie sagte das so einfach, als sei es gar nicht gegen die Regeln der Gesellschaft, daß ein junges Mädchen einen Herrn, den sie noch dazu erst gestern kennen gelernt hat, bei sich empfängt. Dem Reinen ist Alles rein. Ihre Herrin war verreist. Madelon befand sich allein, aber dennoch fürchtete sie sich nicht, den Maler zu sich einzuladen. Es kam ihr ganz und gar nicht in den Sinn, dabei an eine Gefahr für ihren guten Ruf zu denken. »Ich stelle mich sehr gern zur Verfügung,« sagte er, innerlich erfreut über das Vertrauen, welches ihm das liebe Mädchen erwies. »So kommen Sie!« Sie öffnete ein Entré, und bald stand er in einem reich und vornehm ausgestatteten Salon. Sie winkte ihm, sich niederzulassen, und nahm selbst auf einem Divan Platz. »Jetzt sind wir einmal recht vornehme Leute,« sagte sie. »Ich empfange Sie in einem gräflichen Salon und gebe Ihnen Audienz, mit dem Gemüsekorb in der Hand. Ich bin jetzt allein und lebe als Garçon; da bin ich gezwungen, selbst für meine Küche zu sorgen. Gefällt Ihnen das Bild?« Sie bemerkte nämlich, daß er unter einem eigenthümlichen Ausdrucke seines Gesichtes ein Gemälde musterte, welches grad über ihr an der Wand hing. Es stellte einen jungen, bildschönen Mann in der Tracht eines Husarenoffiziers vor. »Das Bild muß mir seiner meisterhaften Ausführung wegen auffallen, weil ich selbst Maler bin,« antwortete er. »Natürlich ist es nicht Phantasiestück, sondern Portrait?« »Ja, es wurde vor kaum einem Jahre gefertigt.« »Wen stellt es vor?« »Den Herrn Rittmeister, den Sohn meiner Dame. Ah, ich muß ja den Namen sagen: Graf Arthur von Hohenthal.« »Hm!« sagte Haller nachdenklich. »Welche Aehnlichkeit!« »Nicht wahr? Der Herr Rittmeister ist außerordentlich gut getroffen! Aber, Sie finden das Bild ähnlich! Ich muß also annehmen, daß Sie den Grafen kennen?« »Nein; ich kenne ihn nicht, Fräulein. Ich habe ihn jedenfalls noch nie gesehen.« »Aber dann ist es ja zu verwundern, daß Sie von einer Aehnlichkeit sprechen!« »Ich meine eine andere. Ich habe vor kurzer Zeit einen Herrn gesehen, den man für das Original dieses Portraits halten könnte.« »Wo?« »In Paris, in der großen Oper. Ich begleitete zuweilen meine Ver – – Verwandte, nämlich eine Cousine, in die Vorstellung, und da saß regelmäßig in der Nachbarloge ein Herr, welcher eine gradezu frappirende Aehnlichkeit mit diesem Portrait hat. Fast hätte er sich versprochen und das Wort »Verlobte« gesagt. Er zog sich durch das Wort »Verwandte«, welches mit der gleichen Vorsylbe beginnt, noch rechtzeitig aus der Schlinge; aber seine Stimme hatte doch ein klein wenig gestockt, und sein Gesicht war, wenn auch nur für einen einzigen Moment, etwas röther geworden. Das war ihr zwar nicht entgangen, doch fiel es ihr ganz und gar nicht ein, dieser Kleinigkeit eine Bedeutung oder gar ein besonderes Gewicht beizulegen. Sie meinte unbefangen: »In Paris war es? So ist diese Aehnlichkeit eine ganz zufällige. Es soll ja Menschen geben, welche man verwechseln könnte, und die trotzdem in keiner Verbindung zu einander stehen.« »Welches ist die Garnison des Herrn Grafen?« »Potsdam.« »Dort befindet er sich?« »Augenblicklich nicht. Er begleitet seine Mama auf einer Erholungsreise.« »So kann er es doch gewesen sein. Es ist doch leicht möglich, daß ihn diese Reise mit der Gräfin nach Paris geführt hat.« »Nein. Sie befinden sich gegenwärtig in Wien. Ich habe erst vorgestern von dort her die Befehle meiner Gebieterin erhalten.« Madelon aber ahnte nicht, daß die Gräfin sich ganz allein in Wien befand. Während der Sohn derselben in geheimer Mission nach Paris gegangen war, mußten selbst seine nächsten Bekannten annehmen, daß er sich bei seiner Mutter befinde. »Also vor kurzer Zeit waren Sie in Paris?« fuhr Madelon fort. »Wie beneide ich Sie!« »Um diesen Aufenthalt in Paris beneiden Sie mich? Fühlen Sie sich hier in Berlin vielleicht unglücklich?« »O nein, nein!« antwortete sie rasch. »Die Worte, welche ich sprach, gaben nur dem längst gehegten Wunsche Ausdruck, einmal die Hauptstadt meines Vaterlandes wiederzusehen. Ich befinde mich hier so wohl, wie es unter den angegebenen Verhältnissen nur immer möglich ist.« »So ist die Frau Gräfin eine freundliche Dame?« »Sie ist mir viel mehr Mutter als Herrin. Ich bin ganz und gar wie ein Glied der gräflichen Familie. Und auch außerhalb derselben habe ich Freundinnen gefunden, welche es mich fast vergessen lassen, daß ich eine Waise bin.« »Sie armes Kind! So haben Sie also keine Eltern mehr?« »Daß ich keine Mutter habe, das weiß ich; möglich aber ist es, daß mein Vater noch lebt. Ich habe ihn nie gesehen.« »Das läßt ja auf ganz ungewöhnliche Verhältnisse schließen!« »Allerdings. Ich spreche nicht gern davon, denn es betrübt mich stets, an das Unglück meiner armen Mutter denken zu müssen. Aber Ihr Gesicht ist so offen und ehrlich, so Zutrauen erweckend, daß ich schon einmal das Schweigen brechen darf.« Diese Worte berührten ihn angenehm; sie bewiesen ihm von Neuem, daß die Sprecherin ihm ihr Vertrauen schenkte. »Es ist nämlich einmal ein Herr von altem Adel gewesen,« erzählte sie, »dessen Herz nichts Anderes gekannt hat als die Vorrechte seines Standes. Sein Sohn aber ist das Gegentheil des Vaters gewesen. Er hat gewußt, daß alle Menschen als Individuen gleichen Werth besitzen. Er hat sich also durch die Vorurtheile seines Standes nicht abhalten lassen, einer Bürgerlichen seine Liebe zu schenken.« »Ah, ich ahne: diese bürgerliche Dame ist Ihre Mutter.« »Ja, Sie haben richtig gerathen. Vater hat sie geheirathet und ist in Folge dessen verstoßen worden. Was nun gefolgt ist, weiß ich nicht. Kurz und gut, Mutter ist eines Tages mit mir und meiner Schwester bei unserm Pflegevater erschienen und hat um Aufnahme gebeten. Leider hat sie nicht lange mehr gelebt, dann ist sie gestorben.« »War der Pflegevater ein Verwandter von Ihnen?« »Nein. Sie hat sich als Fremde bei ihm eingemiethet. Als sie starb, hinterließ sie uns so viel, daß wir später ein Institut besuchen und uns auf unsern jetzigen Beruf vorbereiten konnten. Ich fand dann Stellung bei der Gräfin von Hohenthal und meine Schwester in der Familie Sainte-Marie. Wir haben keine Veranlassung gehabt, uns zu verändern.« »Sie wissen aber, wer Ihr Vater war?« »Nein.« »Ihre Mutter muß doch seinen Namen getragen und sehr oft von ihm gesprochen haben!« »Nein. Sie hat unter ihrem Mädchennamen gelebt, unter dem Namen Köhler, den wir auch jetzt noch führen, und niemals ist ein Wink gefallen, aus dem sich hätte vermuthen lassen, wer unser Vater ist.« »Aber sie hat Sie doch als ihre Kinder legitimiren müssen. Und das konnte nur durch Documente geschehen, in denen auch der Name ihres Mannes genannt war!« »Das scheint nicht der Fall gewesen zu sein. Warum sie sich von ihrem Gemahle getrennt hat, das kann ich mir denken, obgleich ich es nicht genau weiß; aber auf welche Weise es ihr gelungen ist, die Vergangenheit in vollständiges Dunkel zu hüllen, das kann ich nicht sagen.« »Woher aber wissen Sie, daß sowohl Ihr Vater als auch Ihr Großvater den Kreisen des Adels angehörten?« »Der Pflegevater hat es uns erzählt. Er hat es aus Verschiedenem geschlossen. Noch vor ihrem Tode hat die Mutter ihm Vieles erzählt; aber wie es scheint, hat er ihr schwören müssen, zu schweigen. Nun wissen wir weiter Nichts als das, was ich Ihnen bereits mitgetheilt habe.« »Das ist interessant, höchst interessant! So giebt es also keinen einzigen Punkt, welcher Ihnen bei dem Forschen nach Ihrem Vater und Großvater als Anhaltepunkt dienen könnte?« »Nichts, als daß der Vater mit seinem Rufnamen Guston geheißen hat. Höchstens könnten wir noch angeben; daß er einen Diener gehabt hat, welcher Flory gerufen wurde.« »Wenig, außerordentlich wenig! Haben Sie sich nie die Mühe gegeben, in dieses Dunkel einzudringen?« »Nein.« »Und Ihr Pflegevater hat Ihnen auch nie Mittheilung gemacht, irgend eine Andeutung gegeben oder Sie wenigstens auf irgend einen späteren Zeitpunkt vertröstet?« »Nie.« »So muß man sich bei ihm erkundigen.« »Vielleicht ist dies bereits zu spät. Wie Sie bereits wissen, erhielt ich einen Brief meiner Schwester. Sie schreibt mir, daß der Pflegevater todtkrank darnieder liege und daß die Aerzte keine Hoffnung geben.« »Er wird diese Hoffnungslosigkeit erkennen und dann vielleicht sein Schweigen brechen. Ein jeder vernünftige Mann bringt, wenn er den Tod nahe fühlt, seine irdischen Angelegenheiten in Ordnung, und zu diesen letzteren gehört betreffs Ihres Pflegevaters doch auch die Ihrige.« »Allerdings. Aber wenn er wirklich Stillschweigen schwören müßte, so ist es fraglich, ob er die Erlaubniß hat, vor seinem Tode das Schweigen zu brechen. Uebrigens werde ich, wenn er sterben sollte, bald erfahren, ob er noch gesprochen hat. Ich habe der Schwester telegraphirt, mich seinen Tod sofort durch eine Depesche wissen zu lassen, da ich ihn zu Grabe geleiten will.« »Ihre Schwester wird seinen Tod also eher erfahren als Sie?« »Ja. Sie wohnt ihm näher.« »Ah! Sie wohnt in Ortry. So lebt er in Frankreich?« »Ja. Es wird eine weite Reise sein, die ich dann plötzlich zu machen habe; aber er ist uns ein treuer Versorger gewesen, gerade so, als ob er unser wirklicher Vater gewesen wäre. Da ist es Pflicht der Dankbarkeit und Pietät, daß wir an seinem Grabe erscheinen. Auch Schwester Nanon wird auf alle Fälle kommen.« »Ist sein Wohnort in der Nähe von Ortry?« »Es ist in der Gegend von Etain.« Haller horchte auf. Er bemerkte rasch: »Dort bin ich bekannt. Darf ich nach dem Orte fragen?« »Der Pflegevater ist Verwalter auf Schloß Malineau.« »Malineau?« fragte Haller, indem er überrascht aufsprang. »Sein Name ist Berteu?« »Ja, ja! Kennen Sie ihn denn?« »Gut, sehr gut sogar. Er steht im Dienste des Generals Grafen von Latreau, dem das Schloß gehört.« »Ja, ja! Das ist richtig! Welch' ein Zufall, daß Sie ihn kennen!« »So kennen Sie wohl auch Ella von Latreau, die Tochter des Generals?« »Natürlich! Sie hat mit uns Schwester gespielt, wenn sie sich zur Sommerszeit mit ihrem Vater auf dem Schlosse befand.« »Das ist allerdings eigenthümlich! Ella von Latreau ist nämlich meine –« »Verlobte,« wollte er sagen; aber er bemerkte sofort, welchen Fehler er damit begehen würde, und hielt inne. Sie blickte ihn fragend an, und er erklärte, fast ein Wenig verlegen: »Sie ist meine Schülerin. Ich nahm vor einigen Jahren einen kurzen Aufenthalt in Paris, um die dortigen Kunstschätze zu studiren, und da hatte ich die Ehre, ihr einigen Unterricht im Aquarell zu geben.« »Das ist mir interessant. Ich habe sie seit mehreren Jahren nicht gesehen. Sie muß eine sehr schöne Dame geworden sein!« »Sie ist eine Schönheit ersten Ranges, ja, was noch mehr ist, eine ganz und gar eigenartige Schönheit.« »Verheirathet ist sie noch nicht?« »Nein.« »So viel ich weiß, war sie, was man verlobt nennen könnte. Haben Sie vielleicht in Paris im Hause des Generals einen jungen Grafen Bernard de Lemarch kennen gelernt?« Sein Gesicht nahm eine leichte Röthe an; er selbst war ja Der, nach dem sie fragte. Doch antwortete er unbefangen: »Lemarch? Nein. Ich bin ihm nicht vorgestellt worden.« Damit hatte er nun freilich keine Unwahrheit gesagt, denn er war ja niemals sich selbst vorgestellt worden. Madelon fuhr fort: »Dieser Offizier ist Ella's bestimmter Bräutigam. Die Väter sollen das bereits seit langer Zeit bestimmt haben.« »Haben Sie ihn gesehen?« fragte er gespannt. »Ein einziges Mal. Ich war damals noch ein Kind, und er besuchte bereits die Kriegsschule. Er war ein sehr hübscher, kräftiger Knabe. Er müßte sich jetzt eigentlich zu Ihrer Gestalt und Größe entwickelt haben. Ja, wenn ich Ihnen recht aufmerksam in das Gesicht blicke, so ist es mir, als ob Sie sogar einige Aehnlichkeit mit ihm hätten.« »Wieder Einer!« sagte er lächelnd. »Wieso?« fragte sie. »Gestern war ich dem Diener des Rittmeisters von Königsau ähnlich und heute, was mir allerdings schmeichelhafter ist, dem Grafen de Lemarch.« »Das ist wahr, wenigstens ist Ihre Aehnlichkeit mit dem guten Feldwebel oder Wachtmeister Fritz geradezu eclatant. Aber, entschuldigen Sie, bei welchem Thema haben wir vorhin an der Treppe unser Gespräch unterbrochen?« »Beim Kolibri.« »Richtig! Sie hatten von einem Kolibri geträumt.« »Der mich ruhelos umschwirrte und dabei Honig aus den Blüthen trank.« »Und der eine menschliche Gestalt hatte.« »Das erwähnte ich bereits. Und jetzt bin ich es, der von einer Aehnlichkeit zu reden hat. Wissen Sie, wem dieser kleine Kolibri so außerordentlich ähnlich sah?« »Nun?« »Sein Gesicht war ganz und gar das Ihrige, Fräulein.« Sie erröthete. Doch schlug sie leise die Hände zusammen und sagte: »Also von mir, von mir haben Sie geträumt? Wie spaßhaft!« »Finden Sie das wirklich nur spaßhaft?« »Ja, wie sonst?« »Nun, Sie selbst sagten ja vorhin, daß der erste Traum in der neuen Wohnung stets eine tiefe Bedeutung habe?« Jetzt erröthete sie tiefer als vorher. Sie wendete ihr hübsches Köpfchen ab und antwortete: »Das ist ja wirklich nur Scherz gewesen. Ich bin keineswegs abergläubisch. Was kann ein Traum für eine Bedeutung haben?« »O, eine doch!« sagte er langsam und mit hörbarer Betonung. »Er hat die Bedeutung eines Beweises.« »Was für eines Beweises?« »Daß der Träumende, bevor er entschlief, an den Gegenstand gedacht hat, von welchem er träumte.« »Sie wollen doch nicht etwa behaupten, daß Sie gestern Abend noch an mich gedacht haben?« »Ja, gerade das will ich sagen. Fräulein Madelon, erlauben Sie mir etwa nicht, an Sie zu denken?« Er stand bei diesen Worten auf, trat zu ihrem Sitze und ergriff ihr kleines, feines Händchen. Sie ließ es ihm und antwortete in völlig unbefangenem Tone: »Kann ich die Association der Ideen, das heißt, den Gedankengang eines Menschen, der mich gesehen hat und sich folgerichtig meiner erinnert, verhindern oder verbieten?« »Nein. Aber gleichgiltig kann es Ihnen nicht sein, was und wie er von Ihnen denkt.« »Vielleicht.« »Und ob er gern an Sie denkt?« »Ebenso vielleicht.« Er stand im Begriffe, dieses Thema weiter zu verfolgen, als die Klingel ertönte. Sie entfernte sich, indem sie sich entschuldigte. Als sie nach einigen Minuten zurückkehrte, hatte ihr Gesicht einen sehr ernsten, fast traurigen Ausdruck angenommen. »Wovon haben wir soeben gesprochen?« sagte sie. »Hier, mein Herr, lesen Sie!« Sie hielt ihm eine geöffnete Depesche entgegen. Er las: »Soeben telegraphirt man, daß der Pflegevater gestorben ist. Schnell! Damit Du noch zur rechten Zeit eintriffst!« »Ich condolire aus aufrichtigem Herzen, mein Fräulein!« sagte Haller. »Nun werden Sie schleunigst abreisen?« »Ja. Ich habe mich, den Todesfall erwartend, bereits nach dem vortheilhaftesten Zuge erkundigt. Ich packe sofort.« »Wird man Sie bald wiedersehen?« »Ich folge meiner Pflicht, werde dann aber gleich zurückkehren. Ich darf diese Wohnung nicht lange Zeit ohne Aufsicht lassen.« »Ich wollte, ich dürfte Sie begleiten. Für eine junge Dame ist es ein Wagniß, so eine weite Reise zu unternehmen.« »O,« lächelte sie, »ich fürchte mich nicht. Jetzt adieu, Herr Haller! Bevor ich abreise, sehen wir uns aber wohl noch einmal. Ich muß doch droben Abschied nehmen.« Er drückte ihr freundschaftlich das kleine Händchen und ging. »Ein herziges Wesen,« murmelte er, indem er die Treppe hinabstieg. »Gerade so fein, lieblich und zutraulich wie ein Kolibri, von dem man doch auch erzählt, daß er die Nähe der Menschen nicht fürchtet.« Er machte seine Einkäufe, und da er sich dann in der Nähe der Wohnung seines dicken neuen Bekannten befand, so suchte er diesen auf, um sich seine »Bude« anzusehen. Die Wohnung des guten Hieronymus zeigte das Bild einer echten, richtigen Junggesellenwirthschaft. Die Staffelei stand hinter dem Bette; auf dem Waschtische lag ein Stiefel und auf dem Ofen eine alte Geige. Es herrschte die schönste Unordnung, welche man sich nur denken kann. Der Kleine saß auf der Diele, hatte eine Menge alter Bilder um sich liegen und machte sich mit ihnen und einem riesigen Schwamme zu schaffen, den er abwechselnd in Wasser und andere Flüssigkeiten tauchte, um dann damit über die Gemälde zu wischen. Er blickte bestürzt auf, als Haller eintrat; sobald er aber diesen erkannte, sagte er: »Gott sei Dank! Ich dachte, es wäre jemand Anderes! Ich bin gerade nicht in meinem Paradeanzuge. Donnerwetter, wo sind meine Hosenträger!« Er war nämlich vom Boden aufgestanden und kam dabei in Gefahr seine Beinkleider zu verlieren. Haller warf einen raschen Blick umher, deutete dann nach dem Waschbecken und sagte: »Dort im Waschbecken im Wasser liegen sie!« »Dort? Wirklich? Alle Wetter, ja! Wie sind sie nur da hineingekommen! Na, lederne Hosenträger und in Wasser eingeweicht! Thut aber nichts! Und die Weste? Wo in aller Welt mag diese stecken!« »Guckt sie nicht dort aus dem Stiefelschaft heraus?« »Ja, richtig! Ich wußte wohl, daß ich sie sehr gut aufgehoben hatte! Na, während ich mich ankleide, lassen Sie sich nieder, mein lieber Herr College! Freut mich, daß Sie mich so bald besuchen. Haben Sie Logis gefunden?« »Ja, sogleich.« »Also das, was im Blatte angekündigt war?« »Dasselbe. Ich wohne bei einer Wittwe. Ihr verstorbener Mann war Ministerialbeamter.« »Aeußerer oder innerer?« »Innerer. Sein Sohn aber ist im äußern angestellt.« »Das bleibt sich Pudding! Minister ist Minister. Gefällt Ihnen die Wohnung?« »Ja. Die Leute scheinen anständig zu sein.« »Gut geschlafen?« »Ja.« »Geträumt?« »Sehr. Von einem hübschen jungen Mädchen, welches ich gestern Abend kennen gelernt habe.« Der Dicke hatte unterdessen die Weste und den Rock angezogen. Jetzt stellte er sich vor Haller hin und sagte: »Wunderbar! Ganz auch mein Fall! Habe auch von einer jungen Dame geträumt. Was ist die Ihrige?« »Gesellschafterin.« »Donnerwetter! Die Meinige ist Gouvernante.« »Doch nicht etwa die aus dem Tharandter Walde?« »Natürlich die! Welche denn sonst? Dieses Weibsen hat mir's angethan. Das Herz hängt mir wie ein gewaltiger Pudding zwischen den Rippen. Es schwillt auf; es wird von Minute zu Minute größer, als wenn ich für zwanzig Thaler Hefe verschlungen hätte. Habe gar nicht geglaubt, daß die Liebe grad so wie Hefe wirken kann.« »Poetischer Vergleich!« lachte Haller. »Und zutreffend, außerordentlich zutreffend! Wie gesagt, es treibt und bläst mich auf. Ich muß dieses Mädchen kriegen. Sie muß Frau Hieronymus Aurelius Schneffke werden, sonst falle ich wieder zusammen wie ein Dudelsack, der ein Loch bekommen hat!« Haller hatte die Kaffeemühle und das Rasierzeug vom Stuhle gestrichen und sich darauf gesetzt. Er warf jetzt einen forschenden Blick auf die Bilder und bemerkte dabei: »Vogelstudien? Interessant! Wie es scheint, lauter Kolibris.« »Ja, lauter Kolibris, Kolibris von allen Arten und in allen Stellungen.« »Wem gehören die Bilder?« Schneffke machte ein sehr erstauntes Gesicht und antwortete: »Wem? Ueberflüssige Frage! Dem Kolibri natürlich!« »Wer ist denn das?« »Ah, richtig! Sie sind hier fremd; Sie können das nicht wissen; Sie haben von ihm wohl noch nichts gehört! Ich habe nämlich einen Bekannten, eine Art Kunstmäcen; er ist ein geradezu unbegreiflicher Kerl. Ich kenne ihn bereits seit Jahren, aber ich weiß noch immer nicht, ob er arm ist oder reich, verrückt, oder bei Sinnen, ein Dummkopf oder ein gescheidter Kerl, ein Kunstkrösus oder ein armseliger Knicker.« »Das muß ein interessanter Mensch sein!« »Ja. Er wohnt auf dieser Straße vier Treppen hoch in einem Hinterhause, heißt Untersberg und hat die ganze Etage inne. Ich bin bereits viele hundert Male bei ihm gewesen, habe aber nur drei Zimmer betreten können. Das eine steckt voller alter Bücher, und die beiden anderen sind berühmt wegen der Menge Bilder, welche an den Wänden hängen; aber es sind lauter Kolibris. Darum sein Spitzname. Sobald nämlich ein Anfänger der edlen Farbenkunst auftaucht, taucht auch der Gedanke bei ihm auf, um sich einen Kolibri malen zu lassen.« »Possirlich! Zu welchem Zwecke?« »Das weiß ich leider nicht. Uebrigens ist er im höchsten Grade menschenscheu. Ich bin der Einzige, der offene Thüre bei ihm hat. Ich weiß wirklich nicht, welchen Narren er an mir frißt!« »Doch vielleicht Sie selbst!« »Danke bestens! Uebrigens hat er mich während meiner Abwesenheit sehr vermißt. Als ich nach Hause kam, fand ich von ihm die Botschaft vor, ihn sofort zu besuchen. Ich ging. Er lag bereits im Bette. Ich mußte mir diese Bilder mitnehmen, um sie zu reinigen. Er gab mir fünf Thaler und eine Flasche Wein. Das Geld steckte ich natürlich ein, und den Wein habe ich auch bereits gekostet. Wo steht denn die Flasche? Dunkler portugiesischer Tintio! Prachtvoll! Feurig und durchdringend wie glühendes Eisen. Ah, dort steht die Bulle. Sie müssen ihn kosten.« Er langte unter den Tisch und zog eine Flasche hervor. »Gläser habe ich leider nicht,« fuhr er fort, »aber eine Obertasse. Es ist die einzige, welche mir die eheliche Treue bewahrt hat. Doch, für zwei Künstler reicht sie aus. Prosit!« Er goß die Tasse voll und setzte an, um dem Collegen zuzutrinken. Er nahm einen tüchtigen Schluck; kaum aber war dieser hinab, so zog er ein Gesicht, als ob er die Hölle verschlungen hätte. »Pfui Teufel!« rief er. »Der schmeckt schlecht! Ich glaube, er verdirbt schnell. Die Flasche muß rasch geleert werden, wenn sie einmal angerissen ist. Hier, versuchen Sie es!« Er hielt Hallern die Tasse hin. Dieser warf einen vorsichtigen Blick in dieselbe und fragte: »Was ist denn das, College?« »Portugiesischer Tintio! Ich sagte es bereits!« »Hm! Den Tintio kenne ich; ich habe ihn oft getrunken; er verdirbt nicht so leicht. Das, was Sie hier in der Tasse haben, muß etwas ganz Anderes sein!« »Was soll es denn sein? Tintio ist es. Hier die Etiquette an der Flasche wird Ihnen beweisen, daß –« Erhielt mitten im Satze inne. Er hatte die Flasche empor gehalten, damit Haller den Namen des Weines lesen solle. Auf der Flasche aber stand: Feinste tief schwarze Kanzleitinte. »Heiliges Pech!« rief er nach einer Pause sprachlosen Entsetzens. »Da habe ich ja wirklich und wörtlich Tinte gesoffen! Das ist so klar wie Pudding! Drum also zog es mir den Schlund zusammen wie einen alten Tabaksbeutel! Na, Magen, ich gratulire Dir!« »Prosit Appetit!« lachte Haller. »Ja, lachen Sie nur!« zankte der Dicke. »Aber ich weiß ganz genau, daß ich die Weinflasche unter den Tisch gestellt habe. Ich glaube gar, meine Wirthin hat sich den Spaß gemacht, sie umzutauschen! Na, da soll sie der Kukuk reiten!« »Was guckt denn dort aus dem Muff hervor?« fragte Haller, indem er in das Bett deutete, unter dessen halb zurück geschlagener Decke der erwähnte Gegenstand zu erkennen war. »Aus dem Muff? Den habe ich mir von meiner Wirthin geborgt; ich hatte ein Bisamthier zu malen und wollte die Farbe des Felles studiren. Sapperlot! Ja, in diesem Muffe steckt die Flasche! Da hat also der portugiesische Tintio in seinem Pelzfutteral die ganze Nacht mit mir im Bette gelegen! Na, das schadet nichts! Getrunken wird er doch!« »Danke, Herr College! Trinken Sie Ihren Schlafkameraden selbst! Ich trinke nur frisch aus dem Keller, nicht aber frisch aus dem Bette!« »Schön! Ist mir desto lieber! Da komme ich um nichts!« Er zog die Flasche aus dem Muffe hervor, öffnete sie und that einen kräftigen Zug. »Oh!« rief er dann. »Zwischen Tintio und Tinte ist denn doch ein großer Unterschied. Ich wollte, ich könnte es Ihnen beweisen!« »Ich verbitte mir diesen Beweis! Uebrigens sind wir von unserem interessanten Thema abgekommen, nämlich vom Kolibri.« »Richtig! Also gestern habe ich mir diese Bilder, diese Trochilusabbildungen mitnehmen müssen, weil – hm, Herr College, sind Sie Ornithologe, Vogelkenner?« »Ein Wenig.« »Kennen Sie die lateinischen Namen der Vögel? Heißt Kolibri nicht Trochilus?« »Ja.« »Nun also, der Alte lag im Bette und sagte mir, ich solle mir die sechs eingerahmten Trochilus minimus mitnehmen. Oder sagte er Trochili minimus oder Trochilus minimi ? Ich weiß es nicht, ich habe von der Wand genommen, was mir in die Hände kam. Sind es die richtigen?« »Nein. Was ich da sehe, ist der Kragenkolibri, der Trochilus selasphorus .« »So, so! Na, schadet nichts! Wird auch abgewaschen! Also ich erzählte Ihnen bereits, daß der Alte, den wir Kolibri nennen, mir ein Räthsel ist. Warum er es einzig auf Kolibris abgesehen hat, kann ich mir nicht erklären!« »Haben Sie ihn nicht gefragt?« »Ein einziges Mal, aber ich habe es nicht wieder gethan. Er wurde toll; er schäumte fast vor Wuth. Er warf mich hinaus wie Pudding, und ich durfte mich lange Zeit nicht wieder sehen lassen. Jetzt aber sind wir ausgesöhnt; er scheint es vollständig vergessen zuhaben. Außer dieser Marotte hat er noch zwei. Er zeichnet nämlich Köpfe.« »Das nennen Sie eine Marotte?« »Ja, wie er es thut, ist es eine, vielleicht gar eine Monomanie. Er ist nämlich kein Zeichner; er hat nicht das mindeste Geschick, den Stift oder die Kreide zu führen, und dennoch zeichnet er ohne Unterlaß.« »Zu welchem Zwecke denn?« »Das will er jedenfalls nicht wissen lassen; aber er hat es mir einmal doch selbst verrathen. Während er nämlich zeichnet, spricht er mit sich selbst. Einst war ich bei ihm, um in den alten Büchern herumzustöbern. Er zeichnete und schien dabei vergessen zu haben, daß ich anwesend war. Ich belauschte sein Selbstgespräch. Er hat einen Sohn, der ihm abhanden gekommen ist, oder der ihn verlassen hat. Nun will er einen Aufruf erlassen, um ihn wiederzufinden, und diesem Aufrufe soll das Portrait des Verschollenen beigefügt werden.« »Er selbst will dieses Portrait fertig bringen?« »Ja. Er zeichnet einen Kopf nach dem anderen, bis er einen fertig bringt, der dem Sohne ähnlich ist.« »Diese Mühe wird vergeblich sein, wenn er nicht selbst ein Künstler ist.« »Natürlich! Ich halte es für Monomanie, für Verrücktheit. Und die dritte Marotte, welche er hat, ist ebenso eigenthümlich. Er sucht nämlich ohne Unterlaß in seinen Büchern nach einer Schrift, welche er in einem Buche aufbewahrt haben will. Ich habe Tage lang mit ihm in den alten Bänden herumgeblättert, aber nichts gefunden.« »Was für eine Schrift ist es?« »Er nennt es ein document du divorce , also ein Ehescheidungs-Document.« »Was? Sie sprechen französisch?« »Sogar ziemlich gut, wie ich Ihnen bald beweisen könnte. Aber da stehe ich und faullenze, während der Alte die Bilder bereits am Mittage wieder haben will. Sie erlauben, daß ich weiter wasche, während wir uns unterhalten.« Er setzte sich wieder auf die Diele nieder, spreizte die Beine auseinander und begann von Neuem, mit dem Schwamme zu kandieren. »Hier, dieser Kragenkolibri ist verteufelt schmutzig geworden,« sagte er. »Ich reibe beinahe die Farbe ab, und – ah, was ist das? Die Leinwand ist ja doppelt! Und dazwischen scheint Etwas zu stecken!« Er untersuchte das Bild und sagte dann: »Es ist wirklich so. Doppelte Leinwand. Sollte –? Hm! Ich werde diesen schmutzigen Kragenkolibri einmal aus dem Rahmen nehmen.« Er bog die an der hinteren Seite des Bildes angebrachten Stifte zurück und nahm das Bild aus dem Rahmen. Beide, er sowohl, wie auch Haller, stießen einen Ruf der Ueberraschung aus. Der Rahmen enthielt zwei Bilder. Unter dem Kolibri steckte ein zweites Gemälde, und zwischen beiden hatten sich einige Papiere befunden. Der Dicke warf den Kolibri bei Seite und hielt das andere Bild gegen das Licht. »Ein Portrait,« sagte er. »Das Portrait einer Dame, jedenfalls einer jungen Frau!« Haller war hinzugetreten und betrachtete den feinen Kopf mit den wunderlieblichen Gesichtszügen. »Ein Meisterstück,« bemerkte er. »Ja, ein Meisterstück des Malers, aber auch ein Meisterstück der Schöpfung! Das Original muß geradezu bezaubernd gewesen sein. Nicht?« »Gewiß! Aber geradezu auffallend ist diese Aehnlichkeit!« »Eine Aehnlichkeit? Mit wem?« »Mit der – ja, richtig; es ist kein Irrthum möglich; mit der Gesellschafterin, die ich kenne.« »Von der Sie geträumt haben?« »Ja, Fräulein Madelon.« »So! Hm! Madelon heißt sie also? Sie Glücklicher! Sie wissen den Namen! Von meiner Gouvernante weiß ich kein Sterbenswörtchen. Aber ich muß erfahren, wer sie ist, und sollte ich Stralsund vom Himmel herunterreißen wie einen Pudding vom Präsentirteller!« »Und was sind das hier für Papiere, welche zwischen den Bildern gesteckt haben?« »Wollen sehen!« Er schlug die zusammengefalteten Blätter auseinander und begann den Inhalt zu mustern. »Französisch!« sagte er. »Zwei Briefe und ein Document.« »Wirklich? Sollte es vielleicht gar das viel gesuchte document du divorce sein?« Schneffke las es durch und sagte dann: »Wirklich! In diesen Zeilen willigt eine Baronin Amély de Bas-Montagne in aller Form in die Scheidung von ihrem Manne. Es ist das Gesuchte.« »Und die Briefe?« »Ich werde sie einmal vorlesen.« Er las die in französischer Sprache abgefaßten Zeilen laut vor. Deutsch würden sie gelautet haben: »Mein bester, mein theuerster Guston! »Wenn Du von der Reise zurückkehrst, findest Du wohl diesen Brief, nicht aber Deine Amély, Deinen süßen Kolibri, vor. Mein Herz bricht, indem ich dieses schreibe; aber ich kann, ich darf nicht anders. Du hast mich geliebt, und ich fand den Himmel in Deinen Armen. Deine Liebe zu mir hat Dich von dem Vater getrennt, welcher unserer Verbindung fluchte. Du hast mir Alles, Alles geopfert, mir, dem armen, fremden, bürgerlichen Mädchen. Jetzt ist die Leidenschaft verschwunden, und Du beginnst zu denken und zu rechnen. Ich beobachte Dich im Stillen und sehe, daß ich Dir nicht mehr Alles bin. »Gott ist mein Zeuge, daß mein Leben nur Dir allein gehört! Indem ich von Dir scheide, gebe ich mir den Tod, denn ich kann ohne Dir nicht sein. Aber ich gebe Dich frei; ich gebe Dich Deinem Stande, Deinem Berufe, Deiner Ehre und Deinem Vater zurück. Ich lege meine, von dem Notar contrasignirte Einwilligung zur Scheidung bei. »Meine Hand zittert, mein Herze bebt und meine Augen stehen voller Thränen. Ich nehme nichts, gar nichts mit, als meine Kinder, meine süße Nanon und meine herzige Madelon. Du hast sie mir geschenkt, und sie sind mein Eigenthum. Forsche nicht nach uns, denn Du würdest uns doch nicht finden. »Dein Kolibri entweicht. Sein Gefieder wird den Glanz verlieren, und sein Flug wird sich bald zum Grabe senken. Aber noch im Sterben werde ich dem heißen Wunsche meinen letzten Athem widmen: Sei glücklich, glücklich, glücklich. Dein Weib, Deine Amély, Dein armer, unschuldiger Kolibri.« Es war gar nicht zu beschreiben, welchen Eindruck dieser Brief auf Haller machte. Seine Augen waren weit geöffnet, als wollte er den Vorleser mit ihren Blicken verschlingen. »Das steht da, wirklich da?« fragte er. »Natürlich!« »Die Schreiberin heißt wirklich Amély?« »Hm! Warum sollte Sie einen anderen Namen nennen? Ich kann natürlich nicht garantiren, ob sie einen Pseudonym gewählt hat oder nicht.« »Und der, an den sie schreibt, also ihr Mann, heißt Guston?« »Ja. So wenigstens steht es hier.« »Zeigen Sie her! Ich muß völlige Gewißheit haben!« Er riß dem Dicken den Brief aus der Hand, um ihn selbst zu lesen. Als er zu Ende war, rief er: »Seltsam, seltsam! Ja, geradezu wunderbar!« »Was denn?« fragte Schneffke, indem er verwundert zu ihm aufblickte. »Diese Namen! Der Kosename Kolibri!« »Ich will doch nicht befürchten, daß auch Sie in diese verteufelte Kolibrimanie verfallen!« »Nein. Ganz gewiß nicht.« »Na, es will mir aber ganz so vorkommen. Was haben denn gerade Sie mit diesem Guston, dieser Amély und dem Kosenamen, wie Sie es nennen, zu thun?« »Das werde ich Ihnen schon noch mittheilen. Jetzt aber bitte ich, auch den zweiten Brief zu lesen.« »Hm! Jetzt eben fällt mir ein: Sind wir nicht im Begriff, eine ganz unverzeihliche Indiscretion zu begehen?« »Ach was Indiscretion! Wo es sich um so viel handelt, giebt es keine Rücksicht!« »So? Und um was handelt es sich denn?« »Um – nun, um Etwas, wofür sich meine Gesellschafterin im höchsten Grade interessiren wird.« »Träumen Sie etwa fort? Ihre Gesellschafterin mag sich für Sie interessiren! Alles Andere ist überflüssig. Ich habe zwar vorhin Tinte gesoffen, aber von einem Kolibri lasse ich mich trotzdem nicht aus der Fassung bringen.« »Ich habe meine Fassung vollständig; aber Sie werden sie mir rauben, wenn Sie sich noch länger weigern, auch den anderen Brief zu lesen!« Der Dicke warf einen besorgten Blick auf den Collegen, schüttelte den Kopf und sagte dann: »Eigentlich sollte ich es wohl nicht thun, aber wir sind ja Kameraden und Leidensgefährten. Wir haben in Tharandt's heiligen Hallen mitsammen die berühmte Rutschparthie unternommen, so wollen wir auch hier Hand in Hand gehen. Also hören Sie!« Er las folgende Zeilen vor: »Dem Herrn Baron de Bas-Montagne. »Herr Baron. »Ihr Unterhändler ist bei mir gewesen. Sie sind ein harter, ein grausamer Mann. Ihre Forderungen zerreißen mir das Leben. Aber ich bin ein Weib; ich habe ein Herz; ich habe zwei Kinder. Ich fühle, was es heißen mag, ein Kind verlieren, einen Sohn aufgeben zu müssen. Es war nie meine Absicht, Ihnen Guston's Herz zu rauben; Sie haben es von sich gestoßen. Aber Sie haben ein älteres, vielleicht auch ein heiligeres Recht an Ihren Sohn. Ich trete zurück. Ich willige in die Scheidung unserer Ehe, obgleich ich weiß, daß ich damit mein Todesurtheil unterzeichne. Gott allein mag Richter sein zwischen Ihnen und Amély de Bas-Montagne, geb. Rénard.« Auch diesen Brief nahm Haller dem Leser aus der Hand, um die Zeilen mit eigenen Augen zu überfliegen. »Es ist so; es ist richtig; ich kann mich kaum irren!« sagte er dann, indem er eifrig vor sich hin nickte. »Was ist denn richtig?« fragte der Dicke. »Ihr Kopf etwa? Daran zweifle ich gegenwärtig sehr.« »Ich kann Ihnen nicht Alles sagen; ich weiß nicht, ob ich überhaupt zu Ihnen oder einem Anderen davon sprechen darf. Aber eine Andeutung will ich Ihnen geben. Nämlich die Gesellschafterin, von der ich sprach –« »Nein, von der Sie träumten!« fiel Hieronymus ein. »Meinetwegen! Dieses Mädchen nämlich ist eins von den beiden Kindern, von denen hier die Rede ist.« »Sapperment! Ist es die süße Nanon oder die herzige Madelon, verehrtester Herr College?« »Die Madelon.« »Also nicht süß, sondern herzig! Himmelsakkerment, und von meiner Gouvernante weiß ich nicht einmal, ob sie sauer oder bitter ist! Na, vielleicht erfahre ich es noch! Aber wie kommt denn diese herzige Gesellschafterin hier in den Rahmen?« »Vielleicht erkläre ich Ihnen das einmal. Jetzt habe ich keine Zeit. Jetzt sind nämlich die Augenblicke gezählt. Madelon wird in einigen Stunden, vielleicht gar bereits in einigen Minuten verreisen!« »Wohin denn?« »Nach Frankreich.« »Futsch also; die herzige Madelon geht futsch! Kommt sie denn nicht wieder?« »Auf alle Fälle.« »Nun, so ist sie ja gar nicht verloren, und wir haben also Zeit. Weiß Gott, diese Madelon hat es Ihnen gewaltig angethan. Sie sind verliebt bis über die Ohren! Sie stecken in der Liebe, wie die Fliege im Quark! Arbeiten Sie sich wieder heraus, College! Die Liebe bringt den stärksten Menschen um, und Sie sind noch nicht einmal der stärkste!« »Larifari! Fällt Ihnen denn bei der Ueberschrift des letzten Briefes gar nichts auf?« »An der Interpunction oder der Orthographie?« »Unsinn! Lassen Sie Ihre unzeitigen Witze! Wie heißt Ihr Sonderling, dem diese Bilder gehören?« »Herr Untersberg.« »Und wie heißt der Baron, an welchen dieser Brief gerichtet ist?« »Monsieur de Bas-Montagne.« »Uebersetzen Sie den Namen in das Deutsche.« »Hm! Niederberg oder Unter – – alle Teufel, Untersberg! Das ist ja höchst auffällig! Das stimmt ja ganz und gar! Fast möchte man annehmen, daß dieser Untersberg mit diesem französischen Barone identisch sei!« »Natürlich nehme ich das an!« »So wäre er ja der Schwiegervater des Kolibri?« »Ja.« »Und der Großvater Ihrer Gesellschafterin?« »Auch das meine ich!« »Donnerwetter! Und von meiner Gouvernante kenne ich weder den Groß- noch den Schwiegervater! Das nenne ich Pech! Aber ich werde mir Klarheit verschaffen! Ich laufe so lange in der Welt umher, bis ich auf die Gouvernante stoße, und da soll sie mir beichten, Alles, Alles. Sie muß sich legitimiren; sie muß mir Alles zeigen, das Dienstbuch, den Meldeschein, das Geburts- und das Taufzeugniß; sogar den Impfschein will ich sehen! Der Hieronymus Aurelius Schneffke läßt sich die Maus, wenn sie nochmals in die Falle gerathen sollte, sicherlich nicht wieder entgehen!« »Lieber riskiren Sie abermals eine Rutschparthie oder einen Salto mortale vom Pferde herab; nicht wahr?« »Ja. Alles riskire ich; aber heirathen will ich sie. Das ist so gewiß und fest wie Pudding!« »Schön! Meinen Segen und meine Hilfe sollen Sie dabei haben; nun aber hoffe ich, daß ich jetzt auch auf Ihre Unterstützung rechnen darf!« »Herzlich gern! Einen Collegen, der sich in Noth befindet, unterstütze ich gern! Wie viel wollen Sie gepumpt haben?« Er griff in die Tasche und zog den Beutel hervor. »Lassen Sie die schlechten Witze. Ich bin sehr ernsthaft gestimmt. Beantworten Sie mir lieber meine Fragen!« Hieronymus steckte den Beutel wieder ein und sagte: »Schön! Das ist ganz nach meinem Geschmacke. Antworten gebe ich immer noch lieber als Geld. Also fragen Sie!« »Hat Ihr Bekannter, der sich also Untersberg nennt, das Aeußere und das Benehmen eines Aristokraten?« »Er hat das Benehmen eines Barones, der alle zwei Jahre drei lichte Augenblicke hat, oder das Betragen eines Verrückten, der alle zwei Jahre dreimal Baron ist.« »Besitzt er Vermögen?« »Wahrscheinlich ist er wohlhabender als ich.« »Spricht er besser französisch als deutsch?« »Er brummt Beides gleich gut.« »Wie alt ist er?« »Einige sechzig Jahre, wie ich ihn schätze.« »Ich muß ihn sehen; ich muß mit ihm sprechen! Können Sie mich ihm vorstellen?« »Ja; aber er wird Sie hinauswerfen!« »Das sollte ihm schwer werden!« »Ah pah! Er hat einen Hund, eine riesige Dogge, mit der Sie es gewiß nicht aufnehmen.« »Er wird doch nicht den Hund auf mich hetzen!« »Er wird dies ganz sicher thun, falls Sie sich nicht sofort entfernen, wenn er Sie nicht bei sich sehen will.« »Es muß dennoch versucht werden.« »Meinetwegen! Ich werde mit ihm sprechen und Sie dann benachrichtigen, wenn Sie mitkommen dürfen.« »Meinen Sie? Wirklich? Ihn erst sprechen? Mich dann benachrichtigen? Denken Sie denn, daß ich so viel Zeit übrig habe? Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß die Gesellschafterin in kürzester Zeit abreisen wird? Bis dahin muß ich mit dem Verrückten gesprochen haben!« »Wo denken Sie hin! Das ist unmöglich!« »Es ist sehr möglich. Sie brauchen mich nur als Maler vorzustellen!« »Ich habe jetzt nichts bei ihm zu suchen!« »Sie haben ja seine Gemälde hier.« »Die müssen erst gereinigt werden.« »Gut; ich helfe Ihnen, sie zu reinigen! Vorwärts!« Er griff zu dem Schwamme und machte sich sehr eifrig über die Bilder her; aber die Sache war ganz und gar nicht nach dem Geschmacke des Dicken. Dieser kratzte sich sehr nachdrücklich hinter den Ohren und sagte: »Bei dieser Geschichte werde ich abermals sein Wohlwollen verlieren. Ich werde ihm nie wieder die Bude betreten dürfen.« »Das thut nichts. Ich entschädige Sie!« »Sapperment! Ist Ihre Kasse denn gar so voll und groß?« »Für Sie reicht es zu. Kommen Sie! Arbeiten wir!« »Na denn meinetwegen. So will ich in des Himmels Namen mit beiden Beinen in's Verderben springen. Trage ich meine Haut zu Markte, so wird's Ihrem Felle nicht viel besser ergehen.« Die Beiden wischten und polirten, putzten und pinselten jetzt an den Bildern herum, als ob jede Minute eine Million werth sei. In kurzer Zeit waren sie fertig. »Also vorwärts jetzt!« sagte Haller. »Ist's weit?« »Ein Stück die Straße hin, in Nummer sechszehn, Hinterhaus vier Treppen.« »Geben Sie das Frauenportrait und die Briefe her.« Er wollte bereits zulangen, aber der Dicke klopfte ihm auf die Hand und sagte: »Oho! Langsam. Diese Gegenstände gehören zunächst mir. Der Alte ist nicht immer zurechnungsfähig. Man darf nicht zu jeder Zeit und über Alles mit ihm sprechen. Ich muß erst sehen, ob er heute in der Stimmung ist, meine Mittheilung ohne Schaden entgegen zu nehmen!« »Er wird aber doch das Portrait und die Briefe sehen!« »Nein. Ich werde das Doppelbild gerade so wieder herstellen, wie es vorher war.« »Das ist unnöthig, da ich mit ihm gerade über das Bild zu sprechen habe!« »Das werden Sie bleiben lassen, Verehrtester. Ein geistig Kranker muß mit größter Vorsicht behandelt werden. Ich sehne mich nicht nach einer Wiederholung dessen, was ich damals erlebte, als ich zudringlich war. Ich will Ihnen zwar den Willen thun und Sie zu ihm führen; das Weitere aber haben Sie mir zu überlassen.« Fortsetzung 66 »Aber meine Zeit ist über alle Maßen kostbar,« erwiderte Haller. »Unsinn. Die Gesellschafterin kommt ja wieder zurück. Dann können Sie ihr auch noch mittheilen, was Sie ihr zu sagen haben. So! Das Bild ist fertig. Kommen Sie! Ah, wo ist mein Hut?« Er sah sich in der Stube um, ohne die gesuchte Kopfbedeckung zu erblicken. Haller kam ihm zu Hilfe, indem er fragte: »Steht nicht dort in der Ecke der Spucknapf drauf?« »Wetter noch einmal! Das ist ja wahr. Jetzt besinne ich mich, daß ich gestern Abend den Spucknapf auf den Hut gestellt habe, damit ihn der Luftzug nicht etwa fortführen soll, wenn zufälliger Weise Thür und Fenster zugleich geöffnet werden sollten. Praktisch muß der Mensch stets sein; das ist so wahr wie Pudding!« Er zog den Hut unter dem Napfe hervor, stülpte ihn auf den Kopf und belud sich dann mit den Bildern. »Also gehen wir nun!« sagte er. »Gern thue ich es aber nicht. Es liegt mir in allen Gliedern, daß dieser Gang mir nicht ganz Angenehmes bringen wird.« Sie traten den Weg an. Sie mußten an dem Hause vorüber, in welchem die Familie Königsau wohnte. Die Straße war sehr belebt, und auf dem Trottoir gingen viele Menschen. Kurz vor dem erwähnten Hause wollten sie an einem Thore vorüber, gerade als eine Equipage aus demselben kam. Der Dicke schritt voran. Er hatte alle die Bilder unter dem Arme. Er keuchte und schwitzte, nicht etwa, weil die Bilder zu schwer gewesen wären, sondern weil seine kurzen, dicken Arme sie nicht zu umspannen vermochten. Aller Augenblicke wollte das Eine oder Andere ihm entrutschen. Er sah die Pferde, welche im Begriffe standen, ihn umzureißen. Zurück konnte er nicht mehr; darum machte er einen gewaltigen Sprung vorwärts. Die Equipage fuhr hinter ihm vorüber – er war der ihm drohenden Gefahr glücklich entgangen, hatte sich aber in eine andere gestürzt, buchstäblich gestürzt. Seine kurze, dicke Gestalt eignete sich nämlich ganz und gar nicht zu einem solchen Riesensprunges er brauchte dabei unbedingt die Arme, um sich im Gleichgewichte zu erhalten. Daher streckte er dieselben während des Sprunges ganz unwillkürlich und naturgemäß weit aus einander, ohne daran zu denken, daß er die Bilder trug. Diese flogen mit ihm fort und fielen rechts, links und vor ihm zur Erde. Als seine Beine den Boden berührten, bekam er eins der Bilder zwischen die Füße, verlor dadurch das Gleichgewicht und stürzte, solang und dick er war, zu Boden. »Himmeldonnerwetter! Die verdammten Kolibri's!« fluchte er. Die Passanten, welche zugegen waren, blieben stehen und lachten laut über das komische Intermezzo. »Was giebt es da zu lachen, Ihr Esels!« rief er. Dabei blickte er, noch immer am Boden liegend, zornig empor. Wen sah er da gerade vor sich stehen, mit dem einen Fuße auf seinem Calabreser, der ihm vom Kopfe gefallen war? Emma von Königsau, die vermeintliche Gouvernante. Sie war im Begriffe, Madelon zu besuchen, um ihr zu sagen, daß sie gestern von der Reise zurückgekehrt sei. Mit schneller Geistesgegenwart sagte er im verbindlichsten Tone: »Entschuldigung, mein Fräulein, daß ich es gewagt habe, die Gelegenheit zu benutzen, mich Ihnen zum dritten Male zu Füßen zu legen. Es ist dies das allergrößte Glück, welches es für mich giebt!« »Darum benutzen Sie diese Gelegenheiten so eifrig!« lachte sie. Dieses Lachen klang so golden, so freundlich, daß er auch in ein lustiges Gelächter ausbrach. Er erhob sich von der Erde, wischte sich Rock und Hose ab und sagte: »Erlauben Sie mir gütigst meinen Hut. Es ist für ihn die größte Seligkeit, von diesem Füßchen berührt worden zu sein!« »Hat er ein so gefühlvolles Herz?« »Fast so empfänglich für die Schönheit wie das meinige!« »Nun, wenn ich ihn so glücklich mache, so habe ich mich nicht zu entschuldigen, daß ich ihn aus Versehen mit Füßen trat?« »Sapperment, ich wollte, ich würde ebenso getreten! Aber was stehen Sie da und halten Maulaffen feil, College! Ich habe mit dieser Dame zu sprechen. Es ist die bewußte Gouvernante. Heben Sie unterdessen die Bilder auf, damit wir die Colibri's nicht zum zweiten Male waschen müssen.« Haller hatte vor Emma seinen Hut gezogen. Jetzt zuckte er bei der nicht sehr freundlich ausgesprochenen Aufforderung des Kleinen die Achseln, gab einem nahe stehenden Dienstmanne einen Wink und schritt langsam weiter, um dann auf den Collegen zu warten. Dieser hatte seinen Hut aufgehoben, behielt ihn höflich in der Hand und sagte, während der Dienstmann sich mit den Bildern zu schaffen machte, zu der Dame: »Ja, ich habe mit Ihnen zu sprechen, und zwar sehr nothwendig.« Sie war bisher, festgehalten durch die Komik der Situation, stehen geblieben. Jetzt machte sie ein ernsthaftes Gesicht und antwortete: »Ich habe keine Ahnung, welche Veranlassung Sie zu einem Gespräche mit mir haben könnten!« Er blickte sich um. Die vorher stehen gebliebenen Passanten waren weiter gegangen. Es gab Niemanden, der hören konnte, was hier gesprochen wurde. Der Dicke machte ein sehr erstauntes Gesicht und sagte: »Das wissen Sie nicht? Das denken Sie sich nicht? Das ahnen Sie nicht einmal? Ein Herr, welcher sich dreimal, unter Gottes freiem Himmel sogar, einer Dame in aller Ehrfurcht und Ergebenheit zu Füßen wirft, kann doch nur ein einziges Thema haben, über welches zu sprechen ist.« Es zuckte ein schalkhaftes Lächeln über ihr Gesicht, als sie mit einem kleinen Nicken ihres Köpfchens antwortete: »Ah, ja; ich begreife! Ich errathe dieses Thema.« »Wirklich?« fragte er erfreut. »Nun, worüber kann ich denn beabsichtigen, mit Ihnen zu sprechen?« »Ueber Ihr Pech; über Ihr schauderhaftes Pech, welches Sie fataler Weise immer gerade dann zu haben scheinen, wenn Sie mir begegnen.« »Pech?« fragte er, indem er eine höchst enttäuschte Miene machte. »Pech soll das sein? O nein! Es ist im Gegentheile Glück, schauderhaftes Glück. Diese Episoden müssen Ihnen doch sagen und beweisen, wie gern ich lebenslang unter Ihren Füßen liegen möchte.« »Gerade wie Ihr Hut!« »Ja, gerade wie mein Calabreser, den ich außerordentlich beneide. Ein Tritt mit Ihren Füßen muß Einen mit himmlischer Seligkeit durchsäuseln. Von Ihnen gestoßen und getrampelt zu werden muß die beglückendste Tändelei der Erde sein!« »Ah, Sie sind Poet!« »Ich bin Hieronymus Aurelius Schneffke. Damit ist Alles gesagt. Ich habe mich Ihnen bereits vorgestellt; aber ich habe noch nicht das Glück gehabt, Ihren Namen zu erfahren.« »Sie haben ihn ja bereits im Coupee gehört!« »Den Vornamen nur. Ich entsinne mich, daß Sie von der Dame, bei welcher Sie sich befanden, Emma genannt wurden!« »Allerdings. Das ist mein Vorname.« »Und der andere, der Familienname?« »König,« antwortete sie zurückhaltend. »Genügt Ihnen das?« »Und ob! Warum sollte mir dieser Name nicht genügen! Er klingt ja ebenso poetisch wie der meinige, Schneffke, nur daß der Letztere noch germanischer, noch teutonischer ist. König! Nomen est omen! Könnte ich Ihr König sein und Sie meine Königin! Unser Reich würde ich nicht mit demjenigen des großen Moguls vertauschen. Aber, darf ich erfahren, wo Sie wohnen?« »Ist das nicht etwas neugierig gefragt?« »Nein, denn es gehört zur Sache. Wer war die Dame, mit welcher Sie in Tharandts heiligen Hallen saßen?« »Die Frau Gräfin von Goldberg. Das haben Sie wohl bereits gehört!« »Allerdings; aber ich habe mir den Namen der alten Dame nicht sehr genau gemerkt. Den Ihrigen hätte ich aber sicherlich nicht vergessen. Und Sie sind Gouvernante in ihrem Dienste?« »Wenn Sie es so nennen wollen, ja.« »Bei den Kindern der Gräfin?« »Nein, bei ihr selber. Adieu, Herr Hieronymus Aurelius Schneffke.« Sie wendete sich schnell um und setzte ihren Weg fort. »Adieu!« rief er hinter ihr her. »Wir sprechen uns schon wieder.« Und, indem nun auch er weiter ging, fügte er zu sich selbst hinzu: »Ein verdammtes Mädel. Schön, mit vornehmem Gethue, freundlich und dabei gerade wie ein Wenig herablassend und schnippisch. Das ist pikant wie russischer Sallat oder Ziegenkäse. Die muß ich kriegen, auf alle Fälle kriegen!« Er eilte dem Collegen nach, welcher, den die Bilder tragenden Dienstmann neben sich, auf ihn wartete. »Sind die Kolibris lädirt?« fragte er bereits von Weitem. »Nein; aber Sie etwa?« »Körperlich nicht, aber tiefer!« »Ah! Wo?« »Im Herzen. Diese Emma König ist ein Hauptgeschöpf. Der liebe Gott kann stolz darauf sein, sie geschaffen zu haben.« »Und Sie können sich ebenso viel darauf einbilden, sie bei einem jeden Zusammentreffen parterre angebetet zu haben.« »Ja, das scheint nun einmal meine Specialität zu sein!« »Und wie sie es aufnimmt.« Sie schritten während dieses Gespräches neben einander auf dem Trottoir dahin. »Wie sie es aufnimmt?« fragte der Dicke. »Gut, außerordentlich gut.« »Ja, vielleicht drollig!« »Unsinn! Eine Gouvernante, welche mit einem unverheiratheten Junggesellen auf der Straße stehen bleibt, um mit ihm vom großen Mogul zu sprechen, hat sich in ihn verschnappt, ist in ihn verliebt, riesig verliebt. Sie hat mir die eingehendste, ausführlichste Auskunft gegeben. Sie hat sich legitimirt. Habe ich also nicht Recht gehabt, als ich vorhin bei mir sagte, daß sie sich legitimiren müsse?« »Hm! Also König heißt sie?« »Ja.« »Ist sie wirklich Gouvernante bei der Generalin?« »Ja.« »Wo stammt sie her?« »Das weiß ich nicht.« »Was sind ihre Eltern?« »Das Alles geht mich jetzt nichts an! Sobald sie meine Frau ist, werde ich es erfahren.« »Gratulire.« »Danke. Die Sache ist so gut wie abgemacht. Aber hier ist die Nummer Sechszehn. Bezahlen Sie Ihren Dienstmann. Ich werde die Bilder selbst wieder nehmen.« »Und mit ihnen die vier Treppen hinauffallen!« »Na, wenn Sie so besorgt sind, so wollen wir theilen. Jeder trägt die Hälfte. Das wird Sie zugleich bei dem Alten empfehlen.« Der Dienstmann wurde abgelohnt. Sie begaben sich mit den Bildern nach dem Hinterhause und stiegen die vielen Stufen empor. Oben an einer Thür, an welcher kein Name zu lesen war, klingelte der Dicke. Es dauerte eine Weile, dann ließ sich ein Schlürfen vernehmen und die Thür wurde um ein Lückchen geöffnet, während die Sicherheitskette hängen blieb. »Wer ist draußen?« fragte eine halb laute, harte Stimme. »Ich, Hieronymus Schneffke!« »Gut, gut. Sie kommen wie gerufen.« Die Kette wurde abgenommen und die Thür völlig aufgestoßen. Vor ihnen stand ein hagerer, graubärtiger Mann. Er war in einen alten Schlafrock gekleidet und trug an den Füßen sehr zerfetzte Pantoffeln. Er hatte kein Haar mehr auf dem Kopfe. Sein Gesicht war eingefallen und in seinen tief liegenden Augen zuckten irre, unheimliche Lichter. Er erblickte Haller, griff sofort und schleunigst wieder nach der Sicherheitskette und rief mit völlig veränderter, heiserer Stimme: »Verrath, Verrath! Sie bringen einen Zweiten mit.« »Ich konnte doch die Bilder nicht allein tragen, mein verehrtester Herr Untersberg!« entschuldigte sich der Dicke. »Sie haben sie ja auch allein fortgetragen.« »Nein; ich mußte mir gestern einen Dienstmann nehmen. Macht fünf Silbergroschen!« »Die sollen Sie erhalten. Warum haben Sie denn heute nicht auch einen Dienstmann genommen?« »Weil dieser Herr zufällig bei mir war und mir seine Hilfe anbot. Wenn man fünf Silbergroschen sparen kann, soll man es thun. Das ist so gewiß und fest wie Pudding!« »Ich werde ihm das Geld geben, dann mag er sich entfernen!« »Das geht nicht. Er würde sich beleidigt fühlen.« »Wenn er Geld bekommt?« »Ja; er ist kein Dienstmann.« »Was denn?« »Ein Maler.« »Ah, das ist etwas Anderes! Er mag also einstweilen eintreten!« Untersberg trat zurück, und die Beiden folgten ihm. Sie befanden sich in einer Stube, an deren vier Wänden hohe mit Büchern gefüllte Stellagen aufgerichtet waren. Der Wirth schloß die Thür zu, legte die Kette vor und langte dann nach den Bildern. »Zeigen Sie her!« sagte er. Er betrachtete eins nach dem andern und sagte dann: »Ich bin zufrieden! Können Sie auch Kolibris malen?« Diese Frage war an Haller gerichtet. »Ja,« antwortete dieser. »So haben Sie sich bereits an Vögeln versucht?« »Sehr oft.« »Sehr oft? Ah! Mille tonnerres! So sind Sie also kein Anfänger?« »Nein!« lautete die Antwort, welche mit einem gewissen Selbstgefühle gegeben wurde. Da trat der Alte einen Schritt zurück. Sein vorher bleiches Gesicht röthete sich vor Zorn, und in seinen Augen leuchtete es unheimlich auf. »Haben Sie das gewußt?« fragte er den Dicken. »Nein. Er hat sich mir als Maler Haller vorgestellt und mir einige Zeichnungen sehen lassen. Da diese nicht viel taugten, habe ich angenommen, daß er ein Anfänger ist.« »Das ist Ihr Glück! Ich hätte Sie von meinem Hunde zerreißen lassen. Sie wissen, daß ich nur Anfänger protegire. Von Andern mag ich nichts wissen, absolut nichts! Wie heißt dieser Mann?« »Haller, aus Stuttgart.« »Schön! Herr Haller, ich ersuche Sie, mein Local zu verlassen!« »Aber, mein Herr,« versuchte Haller, ihn zu beruhigen; »ich komme in der besten Absicht der Welt und bin mir nicht bewußt – –« »Was Sie sich bewußt sind oder nicht, das ist mir ganz gleich,« fiel da der Alte ein. »Für mich ist das die Hauptsache, was ich weiß und will! Gehen Sie!« »Ich versichere Sie aber, daß – – –« »Gehen Sie, oder – – –!« »Aber so lassen Sie sich doch gefälligst sagen, daß ich – – –« »Tiger!« Er rief diesen Namen laut und gellend aus und ließ dann einen schrillen Pfiff hören. Sofort kam durch die offen stehende Thür des Nebenzimmers eine riesige Dogge herbei gesprungen. »Diesen da meine ich!« Als der Alte diese Worte sagte und dabei auf Haller zeigte, stellte sich das Thier zähnefletschend vor den Genannten hin. »Nun, werden Sie gehen oder nicht?« fragte Untersberg. »Mein Thürhüter hier weiß ganz genau, was er im letzteren Falle zu thun hat!« Haller erkannte, daß er es mit der Dogge nicht aufzunehmen vermöge. Selbst wenn er geglaubt hätte, den Hund bemeistern zu können, wäre es doch nicht gerathen gewesen, den Zorn des Alten, mit dem er schon noch bekannt zu werden hoffte, zu vergrößern. Darum antwortete er: »Ich versichere Sie, daß ich in der freundlichsten Absicht kam. Ich hörte von ihrer berühmten Kolibrisammlung und – –« »Was gehen Ihnen meine Kolibris an!« rief da der Alte voller Wuth. »Was wissen Sie, warum ich Kolibris malen lasse! Sehen Sie den Hund! Wenn Sie noch ein einziges Wort sagen, wird er sich auf Sie stürzen! Hinaus! Hinaus! Paß auf, Tiger!« Diese Worte waren in einem Zorne geschrieen, der nicht natürlich genannt werden konnte. Das Wort Kolibri hatte ihn mehr als aufgeregt; es hatte einen unheimlichen, einen geradezu diabolischen Eindruck auf ihn gemacht. Seine Stimme bebte; seine Gestalt zitterte, und seine Augen sprühten Blitze. Haller sah, daß hier jede Entgegnung vergebens sein werde. »Adieu!« sagte er und ging. »Adieu! Kommen Sie mir nicht wieder!« Bei diesen Worten schloß der Alte Thür und Kette wieder, welche Beide der Maler geöffnet hatte. Dann wendete er sich zu dem Dicken: »Warum bringen Sie diesen Menschen mit?« »Ganz ohne Absicht, Herr Untersberg,« antwortete der Gefragte in möglichst unbefangenem Tone. »Wirklich?« Sein Blick schien bei dieser Frage das Gesicht des Kleinen völlig durchbohren zu wollen. Dieser machte ein gleichgiltiges Gesicht und sagte: »Pah! Ich möchte wissen, welche Absicht ich hätte haben können!« »Das will ich hoffen! Ich hasse die Schleicher. Ich dulde keine Spione, welche nur kommen, um bei mir zu sehen und zu horchen. Sie sind ein lustiger Kauz, und lustige Leute sind niemals falsche oder gar heimtückische Katzen. Darum dulde ich Sie bei mir. Aber ich befehle Ihnen, mir niemals wieder einen Fremden zu bringen! Ich würde Sie selbst durch Tiger hinausbeißen lassen, und nie, niemals dürften Sie wieder zu mir kommen!« »Schön! Ich werde mir das merken!« »Ich hoffe und verlange es! Eigentlich wollte ich heute mit Ihnen nach dem Document du divorce suchen; auch habe ich die ganze Nacht an meinem Kopfe gezeichnet; aber ich habe etwas Anderes für Sie!« »Wenn sich das Document nun fände?« fragte der Maler. Der Alte zog den Kopf zurück, blickte den Fragenden mißtrauisch an und sagte heftig: »Warum fragen Sie? Was geht es Ihnen an, was ich thun will, wenn das Schreiben sich findet? Sollte ich mich doch irren? Sollten Sie doch ein Spion sein?« »Unsinn! Ich bin Ihr Freund und Diener! Weiter nichts!« »So fragen Sie auch nicht! An das Document denke ich jetzt nicht. Es mag verborgen bleiben; ja, es soll und darf gerade jetzt sich nicht finden. Es würde mich irre machen. Ich würde vielleicht Etwas thun, was ich nicht thun soll! Fragen Sie nicht darnach, sondern fragen Sie lieber, was das Andere ist, was ich für Sie zu thun habe!« »Nun, so will ich fragen!« »Können Sie reisen?« »Natürlich!« »Ja, ich entsinne mich. Sie sind bereits viel gereist.« »Ich bin ja erst gestern wieder von einem Ausfluge zurückgekommen!« Der Alte blickte ihn wie abwesend an, nickte langsam mit dem Kopfe und meinte: »Ja, mir ist so, als ob ich davon gehört hätte, daß Sie abwesend waren. Aber zum Reisen gehört zuweilen mehr, als man denkt. Es giebt Zufälle, Hindernisse und Störungen, auf welche man nicht vorbereitet ist. Da gilt es, stets und sogleich das Richtige zu thun und zu finden. Sind Sie erfahren?« »Ich denke es.« »Und geistesgegenwärtig?« »Das habe ich bei meinem letzten Ausfluge sogar dreimal höchst eclatant bewiesen.« »Das ist mir lieb! Ich brauche einen entschlossenen, geistesgegenwärtigen Mann, der zu reisen versteht. Aber noch Eins: Sind Sie vielleicht des Französischen mächtig?« »Ja. Wir haben uns doch in dieser Sprache sehr oft unterhalten.« »Möglich! Ich kann mich nicht darauf besinnen. Und nun die letzte Frage: Haben Sie jetzt Zeit?« »Eigentlich nicht.« »Was haben Sie vor?« »Ich habe nothwendige Skizzen auszuführen.« »Dazu ist später Zeit.« »Aber ich muß leben; ich muß essen und trinken, und wenn ich nicht arbeite, so verdiene ich nichts!« »Ich werde Sie bezahlen, sehr gut bezahlen!« »Es scheint sich um eine Reise zu handeln, welche ich für Sie unternehmen soll?« »Ja.« »Nach Frankreich?« »Ja.« »Da weiß ich doch nicht, ob ich Ihnen dienen kann!« »Warum nicht! Den Ausfall am Verdienste ersetze ich ja.« »O, ich habe noch Anderes vor als meine Skizzen!« »Was?« »Hm!« brummte der Dicke, einigermaßen verlegen. »Hm ist keine Antwort! Ich will wissen, was Sie vorhaben!« »Nun, ich habe gerade jetzt Veranlassung, mich mit einer jungen Dame zu beschäftigen.« »Was ist sie?« »Gouvernante.« Da sprühten die Blicke des Alten wieder auf. Er richtete das Auge forschend auf den Maler und fragte: »Eine Gouvernante? Eine Gesellschafterin vielleicht? Nur eine?« »Ja.« »Es sind nicht zwei?« »Nein.« »Sie befindet sich hier in Berlin!« »Ja.« »Auf welcher Straße?« »Auf der unserigen.« Da ballte der Irre die beiden Fäuste, trat hart an ihn heran und fragte in drohendem Tone: »Hat sie eine Schwester in Frankreich?« »Das weiß ich nicht.« »Das wissen Sie! Das müssen Sie wissen! Wie ist ihr Vorname?« »Emma.« »Emma? Ah! Nicht Madelon?« »Nein.« Bei dieser Frage des Alten wurde der Maler doch stutzig. Hallers Vermuthungen schienen also doch das Richtige zu treffen. »Dient sie in der Familie eines Officiers?« fragte Untersberg weiter. »Allerdings!« » Mille tonnerres! Wer ist dieser Officier? Etwa der Graf von Hohenthal, der ja in unserer Straße wohnt?« »Nein. Es ist der General von Goldberg.« Da ließ der Alte die bereits erhobenen Fäuste wieder sinken. Er stieß einen Seufzer der Erleichterung aus und sagte: »Ah! bereits glaubte ich, auch Ihnen nicht mehr trauen zu dürfen. Was haben Sie denn mit dem Mädchen, der Gouvernante?« »Was soll ich mit ihr haben! Ich liebe sie.« »Sie lieben sie? O weh! Und Sie wollen sie heirathen?« »Ja.« »Ist sie reich?« »Wohl nicht.« »Schön?« »Wie ein Engel!« »Und sie spricht, daß sie Ihre Liebe erwidert?« »Sie liebt mich geradezu zum Rasendwerden!« »Ja, das glaube ich. Ein jeder Mann, der das Unglück hat, von so einem Geschöpfe geliebt zu werden, wird später verrückt und rasend, oder er geht dem Vater davon, er geht durch, in die weite Welt, so daß er nicht wieder gefunden werden kann. Lassen Sie das Mädchen sein!« »Hm! Will es mir erst noch überlegen!« »Und wegen ihr glauben Sie, Berlin nicht verlassen zu dürfen?« »Freilich doch! Die Liebe muß man cultiviren und frequentiren, sonst geht sie aus dem Leime und wird zu Wasser.« »Lassen Sie sie getrost zu Wasser werden!« »Aber, die Liebe macht glücklich, macht selig! Die Liebe macht den Bettler zum König!« »Unsinn, nichts als Unsinn! Die Liebe macht die Könige zu Bettlern; sie macht elend und unglücklich! Hat diese Gouvernante eine feste, sichere Stellung?« »Ja.« »Nun, so wird sie Ihnen nicht davon laufen, wenn Sie sich für eine kurze Zeit entfernen.« »Wie lange würde ich abwesend sein?« »Vielleicht eine Woche.« »Na, das wäre grad keine Ewigkeit!« »Und ich gebe Ihnen fünfzehnhundert Franken Reisegeld.« »Alle Teufel! Das ist ein schöner Tropfen!« »Nicht wahr? Und was Sie übrig behalten, das gehört Ihnen.« »Das ist noch besser! Wohin soll ich denn? Etwa nach Paris?« »Nein. Vor einer halben Stunde empfing ich eine Depesche, welche mich eigentlich veranlaßt, die Reise selbst zu unternehmen. Aber ich bin alt und morsch; ich würde diese Anstrengung wohl nicht aushalten. Darum bin ich gezwungen, einen Stellvertreter zu senden. Sie sind der einzige Mensch, zu dem ich Vertrauen habe, und Sie sind es daher, den ich schicken will.« »Ich werde Ihr Vertrauen sicherlich nicht mißbrauchen!« »Das brauchen Sie mir gar nicht zu sagen,« meinte der Alte in bereits wieder heftigerem Tone. »Glauben Sie, daß ich dumm bin? Glauben Sie, daß ich mich täuschen und betrügen lasse? Glauben Sie, daß ich meinem Boten mehr mittheile als er unumgänglich wissen muß?« »Das steht natürlich ganz in Ihrem Belieben!« »Sie sollen mir nicht immer mit Worten kommen, welche mich doch noch an Ihnen zweifeln lassen. Hier, lesen Sie dieses Telegramm!« Er trat an den Tisch und nahm die Depesche zur Hand, welche er dem Dicken hinreichte. Dieser las: »Ich melde Ihnen, daß soeben mein Vater gestorben ist. Er befahl dies noch im Sterben. Charles Berteu.« »Nun?« fragte der Alte. »Was?« »Was sagen Sie dazu?« »Daß Einer gestorben ist.« »Wer aber?« »Der alte Berteu.« »Der alte Berteu, sagen Sie?« fragte der Irre rasch und mit wieder neu erwachendem Mißtrauen. »Sie kennen ihn etwa?« »Keine Spur!« »Aber es klang ja so! Wie können Sie vom alten Berteu sprechen, wenn Sie ihn nicht kennen?« »Es steht ja hier!« »Das ist nicht wahr!« »O doch! Wenn der Sohn meldet, daß der Vater todt sei, so ist ja wohl der Alte gestorben, nicht aber der Junge.« »Ach so! Ich wiederhole, Sie sollen nicht immer Worte bringen, welche mich an Ihnen zweifeln lassen! Ahnen Sie nun, was Ihre Aufgabe sein wird?« »Vielleicht soll ich den jungen Berteu aufsuchen?« »Ja. Weiter?« »Und fragen, woran sein Vater gestorben ist, ob an den Tuberkeln, oder an der Rachenbräune?« »Nein. Woran er gestorben ist, das ist mir ganz gleichgiltig. Mag er sich erhängt oder ersäuft haben, das geht mich ganz und gar nichts an. Haben Sie vielleicht einige Anlage zum Criminalisten?« »Ja.« »Zum Polizisten?« »Ungeheuer! Das wird allgemein anerkannt!« »So! Sie sind wohl etwa gar ein Heimlicher?« »Fällt mir gar nicht ein. Wie könnte meine Geschicklichkeit denn da allgemein, also öffentlich anerkannt werden!« »Ach so! Aber nach Ihren Worten zu schließen, haben Sie bereits Polizeidienste geleistet?« »Auch nicht.« »Aber woher diese Anerkennung?« »Sehen Sie, ich habe in gesellschaftlicher Beziehung so einen Pfiff, ein Chic, eine Tournure, einen Scharfsinn und Scharfblick, daß alle Welt sagt, daß eigentlich mein Fach das Polizeifach wäre. Das ist die Sache!« »Schön! Ich bin abermals beruhigt. Sie getrauen sich also, irgend eine verborgene Thatsache zu erforschen?« »Ich und die Sonne, wir Beide bringen Alles an den Tag!« »Sie sollen mir dieses verdammte Sprichwort nicht bringen! Was meinen Sie mit Ihrer Sonne? Denken Sie etwa, daß Sie auch bei mir Etwas an den Tag bringen werden?« »Ganz und gar nicht.« »So lassen Sie diese Redensarten. Ich werde Ihnen jetzt Ihre Instruction geben. Der verstorbene Berteu nämlich hatte zwei Pflegetöchter –« »Hübsche Mädels wohl?« »Unsinn. Niemand wußte, wer der Vater dieser Beiden war.« »Das kommt zuweilen vor. Na, wenn ihn nur die Mutter kennt!« »Die Eine heißt Nanon und die Andere Madelon.« »Werde mir's merken!« »Die Erstere ist blond und die Letztere schwarz.« »Eigenthümliches Naturspiel. Vielleicht hat die Erstere als Kind nur Milch und die Letztere nur Kaffee getrunken!« »Lassen Sie diese Scherze. Diese Mädchens sind Gesellschafterinnen geworden.« »Wo?« »Das geht Sie den Teufel an. Sie haben übrigens nicht zu fragen, sondern nur zuzuhören. Der Alte, nämlich der Pflegevater, hat natürlich das Geheimniß ihrer Abstammung gekannt. Nun will ich wissen, ob er es vor seinem Tode ausgeplaudert hat.« Der Maler merkte natürlich, um was es sich handelte. Dieser verrückte Mann war der Großvater der beiden Mädchen. Er hatte Unrecht an ihnen gehandelt, und nun fürchtete er sich. Sein Gewissen ließ ihm keine Ruhe. Aber erwähnen durfte der Dicke kein Wort; das sah er ein. Daher fragte er: »Ich soll also hin, um vom Sohne zu erfahren, ob sein Vater aus der Schule geschwatzt hat?« »Ja. Getrauen Sie sich dies?« »Natürlich. Ich bin überzeugt, daß es mir gelingen wird.« »Wieso?« »Man rühmt mir nach, daß ich ein großer Menschenkenner bin. Wenn ich den jungen Berteu sehe, werde ich sofort bemerken und wissen, wie ich ihn zu nehmen habe.« »Gut. Das ist das Einzige, das Richtige. Sie werden sich in sein Vertrauen einschleichen.« »Ja, ganz unbemerkt und leise.« »Und ihm Alles abfragen.« »Alles.« »Sie werden auch bei seiner Umgebung horchen.« »Ich werde alle Ohren spitzen!« »Unsinn. Sie haben deren nur zwei.« »Ich werde ihm aber keineswegs ahnen lassen, was ich beabsichtige. »Das wäre der größte Fehler, den Sie begehen können.« »Ich werde ihm nicht einmal meinen wirklichen Namen nennen.« »Gut. Ich sehe, daß Sie der Rechte sind.« »Auch daß ich aus Berlin bin, darf er nicht wissen.« »Ganz und gar nicht.« »Oder daß Sie mich gesandt haben.« »Wenn Sie das verrathen, so drehe ich Ihnen das Gesicht auf den Rücken.« »Donnerwetter. Dann wäre es mit dem Malen aus; Sie müßten denn auch gleich den Bauch mitsammt den Armen und Händen hinter drehen.« »Schweigen Sie! Was ich sage, das halte ich, wenn Sie nicht verschwiegen sind. Kennen Sie die Route, welche Sie einzuhalten haben?« »Nein. Ich weiß ja noch nicht einmal, wohin ich reisen soll.« »Nach Schloß Malineau.« »Das kenne ich nicht.« »Es liegt in der Gegend von Etain.« »Kenne es auch nicht.« »Zwischen Metz und – oder, das ist sicherer, im Nordosten von Verdun. Kennen Sie das?« »Ja.« »Gut. Ich habe nachgeschlagen und Ihnen die Route aufgezeichnet. Hier ist das Papier.« Er nahm einen Zettel von dem Tische und übergab ihm denselben. Der Maler las die Namen, nickte und sagte: »Schön. Wird Alles bestens besorgt.« »Sie reisen aber sofort.« »Ah. Heute schon?« »Natürlich. Die Sache eilt. Um ein Uhr geht der Zug.« »Mittags ein Uhr. Sapperlot. Da bin ich ja der reine Eilbote, der reine Schnellläufer.« »Es muß so sein.« »Welche Classe fahre ich?« »Das ist Ihre Sache. Ich empfehle Ihnen, zweite zu fahren, weil man in der dritten während einer so langen Reise zu sehr ermüdet. Ich wußte, daß Sie kommen würden und habe Alles vorbereitet. Auch das Geld ist bereits gezählt und eingepackt. Hier nehmen Sie.« Er nahm ein Portefeuille vom Tische und gab es ihm. Der Dicke schob es schleunigst in die Tasche und sagte: »Das ist das Nöthigste. Also fünfzehnhundert Franken!« »Ja; vielleicht noch Etwas darüber, zur Aufmunterung für Sie. Also ich darf mich auf Sie verlassen?« »Wie auf mich selbst.« »Auf mich, meinen Sie wohl.« »Wen ich meine, das ist ganz gleichgiltig. Wir Beide können uns einander trauen.« »Ich hoffe das! Sie werden aber jedenfalls nicht eher zurückkehren, als bis Sie den Auftrag ausgerichtet haben.« »Natürlich. Ich gehe nicht eher fort, als bis ich weiß, ob der Verstorbene das Geheimniß ausgeplaudert hat oder nicht. Haben Sie vielleicht noch Etwas zu bemerken?« »Nein. Sie können gehen!« »Leben Sie also wohl.« »Adieu. Und vergessen Sie nicht. Das Gesicht auf den Rücken.« »Und den Bauch dazu!« Der Alte schloß hinter ihm die Thüre wieder zu und setzte sich dann an den Tisch, um stundenlang das Telegramm anzustarren. Der Maler aber hatte kaum die Hausflur erreicht, so zog er das Portefeuille hervor und öffnete es. »Alle Wetter!« sagte er überrascht. »Fünfhundert Thaler. Juchhei. Das laß ich mir gefallen. Jetzt kaufe ich mir schnell einen feinen Anzug nebst dito Wäsche und einen Reisekoffer, dessen sich kein Graf zu schämen braucht. Die Welt sehen, nach Frankreich reisen, ohne daß es mich einen Pfennig kostet. Ah, ich durchschaue den alten Hallunken. Er hat zwar das Frauenportrait nebst den Scripturen wieder; da er aber nicht weiß, wo sie stecken, so sind sie mir sicher.« Emma von Königsau hatte bei Madelon vergebens geklingelt. Da sie annehmen durfte, daß die Gesuchte sich bei der Beamtenwittwe befinden werde, so ging sie eine Treppe höher, wo sie ihre Vermuthung auch bestätigt fand. Madelon ebenso wie die Wittwe hatten Freude, die Freundin wiederzusehen. Natürlich wurde Alles besprochen, was während der Trennung passirt war, und dabei bemerkte die Wittwe: »Wundern Sie sich nicht, wenn heut vielleicht ein Herr an unserer Unterhaltung mit theilnimmt.« »Sie meinen Ihren Herrn Sohn?« »Nein, sondern meinen neuen Zimmerherrn.« »Ah, so haben Sie vermiethet?« »Ja, seit gestern, und wie es scheint, recht glücklich.« »Was ist der Herr?« »Ein Künstler.« »Schauspieler, Schriftsteller?« »Nein, Maler.« »So, so! Ich liebe diese Klasse von Menschen gerade nicht sehr.« »O,« bemerkte Madelon, »Herr Haller scheint ein sehr anständiger, sogar feiner Herr zu sein!« »Auch auf mich hat er diesen Eindruck gemacht,« bestätigte die Wirthin eifrig. Emma horchte auf. »Haller heißt er?« fragte sie. »Ja.« »Woher ist er?« »Aus Stuttgart.« Ueber Emmas Gesicht zuckte ein eigenthümliches Leuchten. Sie fragte: »Also ein feiner Herr scheint er zu sein?« »Unbedingt!« antwortete Madelon. »Hat er nicht vielleicht etwas Militärisches an sich?« »Allerdings; das ist wahr. Er macht ganz den Eindruck eines Officiers in Civil. Aber, kennen Sie ihn denn?« »Nein. Aber ich habe stets die Erfahrung gemacht, daß ein Mann, den man gleich auf den ersten Blick für fein erklärt, immer etwas Militärisches an sich hat.« »Sie werden sich wundern, wie ähnlich er dem Wachtmeister Fritz sieht!« »Dem Wachtmeister?« fragte Emma, indem sich auf ihrer Stirn eine leichte Falte zeigte. »Wirklich!« Bei dem Namen Haller hatte sie natürlich an den Brief gedacht, welchen ihr der Bruder aus Ortry geschickt hatte um ihr die Ankunft eines französischen Spiones, welcher sich Haller nenne, anzuzeigen. Jetzt, da von der Aehnlichkeit gesprochen wurde, mußte sie an den Maler denken, der ihr nun dreimal begegnet war, und zwar allemal unter fast drastischen Verhältnissen. »Ja, zum Sprechen ähnlich sehen sich die Beiden,« betheuerte die Wirthin. »Nun, vielleicht werde ich ihn zu sehen bekommen. Vorher aber habe ich Ihnen Beiden da eine vertrauliche Mittheilung zu machen.« Sie machte dabei ein so ernstes Gesicht, daß Madelon sagte: »Sie thun ja ganz und gar feierlich!« »Wirklich?« »Ja, als ob es sich um etwas ungeheuer Wichtiges handele.« »Das ist es auch. Ich muß Ihnen Etwas anvertrauen, worüber gegen Andere kein Wort gesprochen werden darf.« Madelon klatschte in die Hände und sagte: »Ein Geheimniß! Ein Geheimniß! Wie schön, wie interessant!« »Ja, und sogar ein sehr wichtiges Geheimniß! Sie lieben Ihr Vaterland, nicht wahr, meine liebe Madelon?« »O, sehr!« »Mehr als Deutschland?« Das hübsche Mädchen wiegte leise das Köpfchen hin und her, zögerte eine Weile und sagte dann: »Wie soll ich da entscheiden! Frankreich ist mein Vaterland, aber Deutschland ist meine Heimath geworden. Ich liebe Beide, Frankreich patriotisch, Deutschland innig; das wird der Unterschied sein.« »Nun, dann darf ich wagen, zu sprechen, denn Sie werden nichts thun, was Ihrer jetzigen Heimath schädlich ist!« »Nein, niemals!« »So sagen Sie mir zunächst, ob Herr Haller sich bereits mit Ihnen unterhalten hat.« »Ja, hier, gestern Abend.« »Dabei hat er sich wohl nach meiner Familie erkundigt!« Die beiden Anderen blickten sich fragend an. Haller hatte ja gebeten, nichts davon zu sagen. »Aufrichtig!« gebot Emma. »Ich hoffe, daß Sie mir die Wahrheit sagen werden!« Die Wittwe war zuerst entschlossen. Sie sagte: »Nun wohl, ich will Ihnen gestehen, daß er sich angelegentlich nach der Familie Königsau erkundigt hat.« »Besonders nach meinem Bruder?« »Ja.« »Er fragte, wo sich dieser befindet?« »Ja.« »Ob der Zutritt zu uns schwer zu erlangen sei?« »Ganz recht!« »Dabei ist jedenfalls davon gesprochen worden, daß ich zuweilen hier zu sehen bin?« »Woher wissen Sie das Alles?« »Ich vermuthe es nur. Und meine gute Madelon hat wohl erwähnt, daß wir einander befreundet sind!« »Ich habe es gesagt, liebe Emma. War es ein Fehler?« »O nein! Aber ich vermuthe weiter, daß er Sie gebeten hat, ihm die Bekanntschaft mit mir und den Meinen zu erleichtern?« Madelon erröthete; doch antwortete sie aufrichtig: »Ja, das habe ich ihm auch versprochen.« »So ist er wohl ein angenehmer Gesellschafter?« »Gewiß.« »Hm! Hm! Ich glaube, daß es ihm nicht schwer fallen sollte, sich einzuführen. Wer so schnell die Sympathie meiner guten Madelon zu erringen weiß, den sollte man eigentlich einen recht gefährlichen Menschen nennen!« »O nein! Das ist er nicht!« »Sie sind eine beredte Vertheidigerin! Aber doch bleibe ich dabei, ihn gefährlich zu nennen.« Sie war dabei ganz ernst geworden. Die beiden Anderen blickten ihr besorgt in das schöne Angesicht, und die Wittwe fragte: »Haben Sie Gründe dazu, Fräulein von Königsau?« »Ja.« »So kennen Sie ihn also doch?« »Wenn es Der ist, den ich meine, ja. Doch lassen Sie uns erst sehen: Kommt er direct von Stuttgart?« »Er erzählte, daß er in Dresden gewesen ist.« »Und in Tharandt?« »Ja; das stimmt!« »War er allein dort?« »Nein. Er hat unterwegs einen Collegen getroffen, auch einen Maler, einen kurzen, dicken Kerl, der ein Original zu sein scheint.« »Hat er nicht erzählt, daß er auch mich getroffen hat?« »Nein. Sind Sie ihm denn begegnet?« »Allerdings. Denken Sie sich: Wir saßen im Tharandter Walde, damit meine Tante ihre angegriffene Brust mit der Waldesluft erquicken möge. Wir waren gerade über einem recht hübschen Thema; ich glaube, ich las aus Geroks Palmblättern vor. Da auf einmal hören wir einen Schrei und darauf ein lautes Krachen, Prasseln und Donnern. Wir springen erschrocken auf, drehen uns um, und was bemerken wir?« »Nun was? Schnell, schnell!« »Zwei Menschen, welche von der Höhe herabgerutscht kommen, umgeben von Schutt und Geröll, welches sich losgelöst hatte, und zwar mit lawinenartiger Geschwindigkeit!« »Gerutscht? Wie denn?« »Nun, so, wie man eben rutscht, meine Liebe! Soll ich es näher erklären? Soll ich die Stellungen der Beiden beschreiben? Denken Sie sich zwei Knaben auf Kinderschlitten, und dann denken Sie sich die Schlitten hinweg; so war es.« »O wehe!« »Der Eine war lang und stark gebaut; er sah dem Fritz meines Bruders außerordentlich ähnlich – – –« »Das ist er; ja, das ist er!« »Dieser hatte kaum die Tiefe der Schlucht, in welcher wir gesessen hatten, erreicht, so ergriff er die Flucht.« »Wie feige.« »O, die Situation war nicht gerade diejenige eines Helden. Und außerdem hatte die eigenartige Schlittenpartie seiner Kleidung in der Weise geschadet, daß er sich vor Damen gar nicht sehen lassen konnte.« »Der Andere aber?« »Dieser war klein und dick, fast wie eine Kugel. Er kam bis an meine Füße herangesaust. Dort machte er mir ein Compliment und stellte sich mir in aller Form als den Maler Hieronymus Aurelius Schneffke vor.« »Am Boden sitzend?« »Am Boden sitzend!« nickte die Gefragte. »Das muß lustig gewesen sein. Ja, das ist der wunderbare Name, den Herr Haller uns gestern Abend nannte. Und Sie haben diese Beiden wiedergesehen?« »Ja. Sie fuhren mit uns in einem Coupee erster Classe nach Dresden, und während der Fahrt machte mir der Kleine die allerschönste Liebeserklärung.« »Schrecklich.« »O nein. Es ist ganz das Gegentheil von schrecklich. Alles was er spricht und thut hat eine Art und Weise, welche es nicht duldet, daß man es ihm übel nehmen kann. Am andern Vormittag ging ich mit Tante nach Blasewitz spazieren. Auf einmal hören wir Pferdegetrappel hinter uns. Wir blicken uns um, und wen sehen wir?« »Den Maler Haller?« »Nebst seinem Sancho Pansa. Dieser Letztere will stolz an uns vorbei courbettiren, giebt seinem Pferde einen Hieb über den Kopf, wird abgeworfen und sitzt im nächsten Augenblicke gerade vor mir an der Erde.« »Lächerlich!« »Es war allerdings höchst spaßhaft. Wir mußten lachen.« »Er war natürlich im höchsten Grade verlegen?« »Das fiel ihm gar nicht ein. Ich glaube dieser Hieronymus ist durch Nichts in Verlegenheit zu bringen.« »Was that er denn?« »Er sprach mir seine Freude aus, daß er, mir zu Füßen liegend, mir seine hochachtungsvolle Ehrfurcht beweisen könne.« »Allerdings höchst originell. Und dann?« »Dann kugelte er in höchster Eile dem Gaule nach, welcher inzwischen durchgegangen war. Und heut, als ich – – –« »Wie?« wurde sie von Madelon unterbrochen. »Heut haben Sie Einen von ihnen auch bereits wiedergesehen?« »Alle Beide.« »Es ist wahr; Herr Haller ging aus. Aber wo?« »Ich stand im Begriff, zu Ihnen zu gehen. Ich wollte am Thore des Nachbarhauses vorüber, eben als eine Equipage aus demselben hervorrollte. Ich sah etwas Dickes durch die Luft fliegen; vor mir lagen eingerahmte Bilder an der Erde; ein mächtiger calabreser Hut rollte mir zwischen die Füße, und mitten unter den Bildern lag – nun wer an der Erde?« »Der kleine Dicke?« »Ja, er!« »Aber wie ist das denn gekommen?« »Er hat an den Pferden vorüber springen wollen und dabei sowohl die Balance als auch die Bilder und den Hut verloren.« »Der Allerärmste. Er raffte sich doch sofort empor?« »O nein! Er fluchte zunächst ein wenig, hob dann das ehrwürdige Haupt, nickte mir, noch immer an der Erde liegend, sehr freundlich zu, erklärte sich für den glücklichsten Menschen, daß es ihm abermals vergönnt sei, mir zu Füßen seine Huldigung darzubringen.« Die drei Damen, die Erzählerin mit inbegriffen, brachen in ein herzliches Lachen aus. »Aber nun stand er doch auf?« fragte Madelon, noch immer lachend. »Allerdings. Er gab Haller den strengen Befehl, die Bilder aufzulesen und –« »Wie, Haller war dabei?« »Natürlich. Diese Beiden scheinen unzertrennlich zu sein, wenn es sich um etwas Lustiges handelt. Aber das Beste war, daß Haller ging, der Kleine aber bei mir blieb und mir abermals eine Liebeserklärung machte.« »Auf offener Straße?« »Natürlich.« »Sie haben ihn doch stehen lassen?« »Nicht sogleich. Er verlangte von mir, daß ich mich legitimiren solle. Er wollte meinen Namen wissen, wo ich diene, was meine Eltern sind, und was weiß ich Alles!« »Das ist denn doch sehr stark, ja unverschämt!« »Nein. Sie müssen wissen, daß er mich für eine Gouvernante hält, für eine Erzieherin oder so Etwas!« »Mein Gott! Aus welchem Grunde denn?« »Weil ich im Walde einfach gekleidet war und der Tante aus dem Buche vorlas.« »Davon hat Herr Haller freilich kein Wort erzählt.« »Er wird sich hüten. Er wirft dadurch kein sehr empfehlendes Licht auf sich selbst. Also Sie haben sich vorgenommen, ihn mir vorzustellen, liebe Madelon?« »Ich habe es ihm sogar versprochen, wie ich Ihnen ja bereits erzählt habe.« »Wann soll das geschehen?« »Wenn er jetzt von seinem Ausgange zurückkehren und hier Zutritt nehmen sollte, müßte es ja doch geschehen.« »Das ist wahr. Wir werden da gleich bemerken, ob er wirklich ein feiner Mann ist.« »Wieso?« »Wird er verlegen, oder läßt er sich merken, daß er mich bereits gesehen hat, so stellt er sich in Beziehung seiner gesellschaftlichen Eigenschaften ein schlechtes Zeugniß aus.« »Das macht mich höchst neugierig. Ich wollte, daß er sogleich zurückkäme.« »Und ich wünsche ihm keine solche Eile, da ich Ihnen vorher eben die wichtige Mittheilung zu machen habe, von welcher ich vorhin sprach. Ich nannte ihn einen gefährlichen Menschen, und Sie wollten das nicht zugeben, liebe Madelon. »Ich bin auch jetzt noch meiner Ansicht.« »Nun, so will ich meinen Ausspruch steigern, indem ich ihn nicht nur für einen einfach gefährlichen, sondern sogar für einen gemeingefährlichen Menschen erkläre.« Fortsetzung 67 Madelon erblaßte. Sie kannte die Freundin genau; sie wußte, daß diese nicht ohne einen guten Grund sich solcher Ausdrücke bedienen werde. Sie faltete die Händchen zusammen und sagte: »So wäre er ja ein Verbrecher.« »Das ist er auch. Das war er thut, verdient Strafe.« »Und wir haben ihn für einen so feinen, anständigen Herrn gehalten. Wie man sich doch so sehr irren kann. Er hat so gute, treue Augen und so ehrliche Züge. Man könnte ihm gut sein, wenn man ihm nur in das Gesicht blickt.« »Das habe ich Alles auch bemerkt. Und doch ist er gemeingefährlich. Oder wie soll man es sonst nennen, wenn ein Mensch nicht nur einem Einzelnen, sondern dem ganzen Vaterlande, dem ganzen Deutschlande gefährlich wird?« »Dem ganzen Vaterlande? Das verstehe ich nicht. Ist er etwa ein verkleideter russischer Nihilist?« »Nein.« »Ein socialdemokratischer Führer?« »Auch nicht.« »Ein Dynamitverschwörer, ein Massenmörder à la Thomas?« »Das Alles nicht; aber er ist einfach – ein Spion.« Da sprang die Wittwe vom Stuhle auf. Sie hatte die Führung des Gespräches bisher den beiden Mädchen überlassen. Was sie hörte, das gab ihr zu denken. Aber, jetzt! Sie, die gute preußische Unterthanin, die loyale Berlinerin, beherbergte einen Spion bei sich. Das war ja entsetzlich! »Ein Spion?« schrie sie auf. »Ist das wahr?« »Ja, meine Liebe.« »Wissen Sie es genau?« »Ganz genau. Dieser Maler Haller ist mir avisirt worden. Ich habe ihn bereits erwartet; nur dachte ich nicht, daß er sich zufällig gerade bei Ihnen einlogiren werde.« »Von wem wurde er avisirt?« »Von meinem Bruder.« »Das genügt. Ihr Herr Bruder ist ein tüchtiger Mann. Was er sagt und behauptet, das ist wie ein Evangelium. Dieser Haller muß fort, fort, sogleich fort von hier. Ich sage es ihm, sobald er kommt. Ja, ich lasse ihn sogar arretiren.« »Das Alles werden Sie nicht thun.« »Nicht? Ah! Warum? Soll ich einen Spion bei mir dulden und dadurch mit der Behörde in Conflict gerathen?« »Sie werden weder ihn fortjagen noch ihn arretiren lassen, noch mit der Behörde in Conflict gerathen!« »So? Wirklich? Was werde ich denn thun?« »Sie werden ihn bei sich behalten, ihn gut bedienen und ihm gar nicht merken lassen, was Sie von ihm wissen.« »Das ist ja eine Unmöglichkeit.« »Nein; das ist sogar Ihre Pflicht und Schuldigkeit! Soll ich Ihnen das erklären?« »Ich bitte sehr darum, Fräulein von Königsau!« »Nun, so hören Sie. Ich kann, ohne auszuplaudern, Ihnen sagen, daß mein Bruder das Vertrauen der allerhöchsten militärischen Behörde genießt –« »Das ist nicht ausgeplaudert, denn das wissen wir ja Alle. Ihr Herr Bruder erfährt vielleicht Dinge, von denen selbst ein General nichts zu hören bekommt.« »Nun, so muß ich Ihnen sagen, daß ein baldiger Krieg mit Frankreich zu befürchten ist.« »Man spricht davon.« »Frankreich will vorsichtig sein und sich vorher überzeugen, ob seine Kräfte den unseren gewachsen sind. Auf öffentlichem Wege kann es diese Ueberzeugung aber nicht erlangen, und so greift es zu dem einzigen Mittel, welches es giebt: es überschwemmt Deutschland mit seinen Spionen.« »Und dieser Haller ist ein solcher?« »Ja.« »Er ist also ein Franzose?« »Natürlich!« »Und nicht aus Stuttgart?« »Keineswegs. Man weiß in Paris ebenso gut wie hier, daß mein Bruder das Vertrauen seiner Vorgesetzten genießt und daß man ihm Arbeiten aufträgt, welche eine bedeutende Einsicht in Deutschlands Verhältnisse mit Frankreich voraussetzen. Bei ihm ist also am Besten und – wie man denkt – am Leichtesten Etwas zu erfahren. Daher hat man diesem Haller den Auftrag gegeben, nach Berlin zu gehen und meinen Bruder auszuhorchen. Er soll sich in unsere Familie einführen lassen und soviel wie möglich zu erfahren suchen.« »Also darum fragte er so angelegentlich nach Ihnen!« »Ja, darum!« »Und ich soll ihn trotzdem bei mir wohnen lassen?« »Unbedingt. Ich selbst werde ihn zu uns einladen.« »Aber das ist ja gefährlich.« »Wieso?« »Er will ja spioniren!« »Sie sind kostbar, meine Liebe! Wir werden ihn spioniren lassen und ihm von Allem gerade das Gegentheil sagen. Verstehen Sie mich?« »Ah, jetzt begreife ich. Er wird dadurch getäuscht!« »Natürlich.« »Er wird nach Paris berichten und folglich auch Napoleon irre leiten.« »Das beabsichtigen wir. Auf diese Weise ringen wir ihm die Trümpfe aus der Karte und bekommen sie in unsere Hand.« »Aber die Behörde? Was wird sie von mir denken?« »Sie ist von Allem unterrichtet und wird, sobald er sich anmeldet, wissen, wo sie ihn zu suchen und zu überwachen hat. Das ist weit besser, als wenn er im Verborgenen arbeitet. Wenn Sie klug sind und ihn hier behalten, so wird man das gern anerkennen.« »Aber wenn er mich aushorcht.« »Sie können ihm ja nichts sagen!« »Das ist wahr. Aber Etwas muß ich doch sagen!« »Nun, so sagen Sie nur immer, daß wir Angst vor Frankreich haben, daß wir mit den Süddeutschen uneinig sind, daß der Russe und der Engländer uns hassen, und daß der Oesterreicher uns wegen Anno Sechsundsechzig auch nicht wohl will. Unsere Soldaten fürchten sich vor dem Kriege; unsere Offiziere sind ganz und gar gegen einen solchen; unser Pulver taugt nichts; die französischen Chassepots schießen sicherer und weiter als unsere Zündnadelgewehre, und gegen die Mitrailleuse giebt es nun ganz und gar kein Aufkommen. Ist das genug?« Die beiden Anderen sahen Emma verwundert an. »Das ist ja eine ganze, lange Litanei!« sagte die Wirthin. »Also Sie meinen wirklich, daß ich ihn behalten soll?« »Ja. Ich bin sogar überzeugt, daß sie von Seiten der Behörde einen Wink über Ihr Verhalten bekommen werden.« »Nun, so will ich es wagen, zumal Sie versichern, daß er in Ihre Familie Zutritt finden wird. Was Sie thun, darf ich auch wagen.« »Wagen Sie es immerhin. Er wird bei uns sogar als Hausfreund behandelt werden. Aber, meine liebe Madelon, jetzt erst fällt mir Ihre Kleidung auf. Sie sind ja wie zur Reise angekleidet!« »Ich verreise allerdings. Der Gegenstand unseres Gespräches war bisher so hoch interessant, daß ich noch gar nichts anderes sagen konnte.« »Wohin wollen Sie gehen? Doch nicht weit?« »Sogar sehr weit, nämlich nach Frankreich.« Emma machte eine Bewegung des Erstaunens und fragte: »Nach Frankreich? Und gerade jetzt? So plötzlich? Warum?« »Meine Schwester telegraphirt, daß unser Pflegevater gestorben ist. Ich habe die Pflicht, an seinem Grabe zu sein.« »Ihre Schwester in Ortry?« »Ja, sie ist mit Fräulein von Sainte-Marie von ihrer Reise dorthin zurückgekehrt.« »Wohnte Ihr Pflegevater nicht bei Etain?« »Ja, auf Schloß Malineau.« »Welch eine lange, weite Reise. Wer begleitet Sie?« »Niemand.« »Dann sind Sie höchst muthig. Weiß die Frau Gräfin Hohenthal davon?« »Ich habe es ihr natürlich brieflich gemeldet.« »Wie schade. Zunächst kondolire ich natürlich; sodann aber muß ich Ihre Abreise herzlich bedauern. Ich hatte mich so sehr darauf gefreut, Sie nach meiner Wiederkehr recht oft zu sehen!« »Meine Abwesenheit wird nicht lange dauern.« »Nun, so muß ich mich zu fassen suchen. Eins freut mich aber doch dabei, nämlich, daß Sie das Glück haben werden, Ihre Schwester zu sehen.« »Es sind allerdings Jahre, daß wir von einander schieden, und ihre Briefe sind so sehr kurz.« »Sie schreibt aber doch oft?« »Nicht zu sehr. Der letzte Brief war ausnahmsweise einmal hoch interessant. Er handelte von einem Menschen, dessen Schicksale ganz und gar den unserigen gleichen.« »Darf ich neugierig sein?« »Warum nicht. Es handelt sich nämlich um einen armen Kräutersammler aus Thionville.« Emma wurde aufmerksamer. Sie wußte ja, daß der brave Fritz als Kräutersammler engagirt war, und zwar gerade eben in Thionville. »Das beginnt sehr romantisch!« sagte sie. »Es ist auch wirklich romantisch. Der arme Teufel hat keine Eltern; er ist ein Findelkind. Er wurde als Knabe im Schnee gefunden und darum Schneeberg genannt.« Jetzt wußte Emma genau, daß von Fritz die Rede war. »Ihre Schwester scheint sich aus diesem Grunde für ihn zu interessiren?« »Sogar sehr. Sie ist ja selbst, ebenso wie ich, eine elternlose Waise! Kürzlich nun hat sie mit ihm gesprochen und von ihm gehört, daß er ein Erkennungszeichen bei sich trägt, durch welches es möglich wäre, seine Eltern zu finden.« »Eben dieser Schneeberg?« »Ja. Nanon nun hat einst in Paris von einer Dame gehört, welcher zwei Knaben, Zwillingsbrüder, geraubt worden sind, und die Knaben haben ganz dasselbe Zeichen an sich getragen, welches Schneeberg besitzt.« »Zwillingsbrüder? Wer war diese Dame?« »Nanon hat leider den Namen vergessen, und die Freundin in Paris, welche ihr Auskunft geben könnte, ist nach Italien gereist. Die Schwester glaubt sich zu besinnen, daß diese Dame eine Deutsche gewesen sei. In diesem Falle ließe sich vielleicht hier in Berlin Etwas erfahren. Darum schreibt mir Nanon, mich doch zu erkundigen, ob es hier nicht eine Familie gebe, welcher vor nun mehr als zwanzig Jahren ein Zwillingsknabenpaar gestohlen worden ist.« Mit dem Gesichte Emmas war eine außerordentliche Veränderung vor sich gegangen. Es hatte den Ausdruck der allergrößten Spannung angenommen. »Schreibt Nanon nichts weiter von der Dame?« fragte sie. »Nichts, als daß sie den schweren Verlust selbst nach so langer Zeit nicht verschmerzt habe, da sie stets in tiefer Trauer gehe.« »Gott. Und worin besteht das Erkennungszeichen?« »Aus einem Löwenzahn an einer feinen, goldnen Kette.« Da sprang Emma vom Stuhle auf und rief: »Weiter, weiter! Wie ist der Zahn beschaffen?« »Er ist hohl. Wenn man die Grafenkrone, welche am unteren Ende befestigt ist, abgeschraubt, kommen die Miniaturgemälde eines Herrn und einer Dame zum Vorschein.« »Er ist's! Er ist's! Es ist der Zahn!« rief Emma, indem sie im höchsten Entzücken die Hände zusammenschlug. Die beiden Anderen sahen sie erstaunt an. »Wissen Sie auch Etwas von diesem Zahne?« fragte Madelon. »Natürlich, natürlich. Mehr als Sie denken und ahnen. Habe ich Ihnen denn noch nicht von ihm erzählt?« »Kein Wort.« »Und von Tante Goldberg?« »Hierüber noch nichts.« »Daß Tante stets in Trauer geht?« »Das weiß ich; aber den Grund kenne ich nicht.« »Nun, sie hat vor mehr als zwanzig Jahren zwei Knaben, welche Zwillinge waren, verloren. Die Knaben waren verschwunden; und alle Nachforschungen sind vergebens gewesen; selbst hohe Belohnungen, welche der Onkel ausgeschrieben hat, haben nichts gefruchtet.« »Ist das wahr? Ist das wahr?« »Warum sollte ich es erfinden!« »Und Frau von Goldberg ist in Paris gewesen?« »Sogar sehr oft.« »So ist sie es; so ist sie es. Die Mutter ist gefunden. O, Emma, lassen Sie sich umarmen.« Sie flog in die geöffneten Arme der Freundin. Die beiden Mädchen küßten sich herzlich, und die Wittwe weinte vor Rührung. »Wie wird Nanon sich freuen, wenn ich ihr persönlich diese Kunde bringe!« rief Madelon jubelnd. »Und Sie, Sie müssen sofort zu Ihrer Tante eilen, um ihr die frohe Botschaft zu bringen. Ich gebe Ihnen den Brief meiner Schwester mit, damit sie ihn lesen kann. Ich laufe, ihn zu holen!« Das Mädchen war ganz Glück und Jubel. Sie wollte das Zimmer verlassen. Die ältere und bedachtsamere Emma aber hielt sie zurück. »Warten Sie noch!« bat sie. »Diese Sache ist zu wichtig, als daß man zu eilig handeln sollte. Die Trauer der Tante um die Verlorenen ist mit den Jahren eine ruhigere geworden. Wenn wir uns irrten, wenn hier eine Täuschung vorläge, denken Sie, wie wir ihrem Herzen schaden würden. Ueberlegen wir lieber vorher. Also Schneeberg ist wirklich Derjenige, welcher den Zahn besitzt?« »Ja.« »Wissen Sie, für wen er Kräuter sammelt?« »Warum fragen Sie?« »Weil ich meine Gründe habe. Bitte, antworten Sie!« »Er steht im Dienste eines Doctor Bertrand in Thionville.« »Mein Gott, welch ein Zusammentreffen! Wir haben ihn so lange gekannt, ohne zu ahnen, daß er im Besitze dieses Zahnes ist!« »Wie? Sie haben ihn gekannt?« »Sie auch!« »Was? Wie? Wirklich? Ich wußte nicht! Ich kenne keinen Menschen Namens Schneeberg! Wo soll ich ihn denn gesehen haben?« »Hier in Berlin. Er ist erst seit ganz kurzer Zeit in Thionville. Ein Wort von mir würde Sie sofort aufklären, aber ich darf dieses Wort nicht sprechen. Sagen Sie mir, ob Schneeberg zu Ihrer Schwester keinen Bruder erwähnt hat?« »Er hat nie einen Bruder gekannt.« »Ist es der rechte Zahn, oder der linke?« »Der rechte Reißzahn eines Löwen, schreibt mir Nanon.« »Sind denn keine Buchstaben vorhanden?« »Davon schreibt mir die Schwester leider kein Wort. Darum denke ich, daß es keine giebt.« »So will ich Ihnen sagen, daß Onkel Goldberg in Algerien einen Löwen geschossen hat. Nach arabischer Sitte hat er ihm die Reißzähne ausgebrochen und sie seinen beiden Zwillingsknaben später an einer Kette um den Hals gehängt. Diese Knaben wurden geraubt. Wir glaubten sie bisher todt; nun aber taucht neue Hoffnung auf.« »Mir ahnt, daß dieser Schneeberg einer der Knaben ist!« »Es könnte möglich sein. Aber ebenso ist es auch möglich, daß die Zähne in die Hände anderer Kinder gerathen sind. Wann reisen Sie ab?« »Mit dem Einuhrzuge.« »Da haben wir noch Zeit. Wollen Sie mit mir gehen, um dem Großpapa zu erzählen, was Sie mir berichtet haben?« »Gern, natürlich; sehr gern! Soll ich den Brief mitnehmen?« »Ich bitte Sie darum!« »So wollen wir ihn holen. Kommen Sie, kommen Sie schnell!« Sie standen schon im Begriff, sich eiligst von der Wittwe zu verabschieden, als die Thür sich öffnete und Haller eintrat. Er erblickte Emma; eine leise, feine Röthe trat ihm auf die Wange; sonst war aber kein Zeichen der Ueberraschung, der Verlegenheit, oder gar des Schreckes an ihm zu bemerken. »Ich habe mich Emma König genannt!« flüsterte Emma schnell und unbemerkt der Freundin zu. Diese verstand, daß sie nur die Hälfte ihres Namens genannt habe, und wendete sich mit freundlichster Miene zu dem Eingetretenen: »Bereits wieder zurück? Ich dachte Sie würden, um Berlin zu sehen, Ihrem Spaziergange eine längere Dauer geben.« »Die Stadt kann ich mir ja später betrachten,« antwortete er lächelnd; »von Ihnen aber hörte ich ja, daß Sie im Begriffe stehen, zu verreisen.« »So bin ich es etwa, welcher man Ihre schnelle Rückkehr zu verdanken hat?« fragte sie mit einer Betonung, welche doch ein Wenig Ironie anzudeuten schien. »Ich kam, um Gelegenheit zu finden, Ihnen eine gute Reise und glückliche Wiederkehr zu wünschen,« antwortete er ernst. Man hörte es ihm an, daß er die Ironie herausgehört habe und durch seinen Ernst zurückweisen wolle. Sie fuhr fort: »Das ist wirklich freundlich von Ihnen! Erlauben Sie mir, Sie einander vorzustellen! Herr Maler Haller – Emma König, meine Freundin!« Er verbeugte sich vor der Genannten mit der unbefangensten Miene von der Welt und sagte: »Ich beneide Sie in diesem Augenblicke, daß Sie eine Dame sind, Fräulein König!« »Glauben Sie, daß dieser zufällige Umstand ein triftiger Grund sei, mich zu beneiden?« fragte sie. »Gewiß! Wäre ich eine Dame, so hätte ich wohl auch die Erlaubniß, nach der Freundschaft von Fräulein Köhler zu streben.« »Halten Sie meine Freundschaft für so werthvoll?« fragte Madelon. »Gewiß!« »Darf ich nach dem Grunde fragen?« »Ich antworte Ihnen mit Heinrich Heines Worten: »Frag, was er strahle, den Karfunkelstein; Frag, was sie duften, Nachtviol' und Rosen!« Wer kann sagen, warum die Blüthe duftet? Wer kann erklären, warum man den Einen liebt und den Andern haßt!« »Das ist wahr!« lachte Madelon. »Auch mir ist der Haß, den ich gegen Sie hege, unerklärlich.« »Sie erschrecken mich!« »Sie zittern doch nicht!« »Nein, aber ich bin erstarrt!« »Sie sehen mir nicht so aus wie ein furchtsamer Mann. Ein Herr Ihres Gewerbes darf den Schreck nicht kennen!« Seine Wangen wurden doch ein Wenig bleicher als vorher. Was meinte sie? Sie konnte doch unmöglich wissen, welche Absicht ihn nach Berlin geführt hatte. Er antwortete: »Ich hege im Gegentheile die Ansicht, daß mein »Gewerbe« –« und dieses Wort, welches ihn verletzt hatte, betonte er deutlich – »mich fast nur mit den Lichtseiten des Lebens zusammenführt. Dadurch wird man verzogen; eine Uebung des Muthes giebt es da nicht.« »O, im Gegentheile! Der Künstler, also auch der Maler, ist, wenn er vielseitig werden will, gezwungen, auch in die Kloaken der Gesellschaft hinabzusteigen. Wo Licht ist, da ist auch Schatten. Sie haben Beides kunstgerecht zu vertheilen und müssen es also auch mit den Schatten des Lebens aufzunehmen verstehen.« »Ich höre, daß Sie über die Kunst nachgedacht haben, Fräulein, und das freut mich herzlich.« »So erlauben Sie mir, noch ein Wenig weiter nachzudenken!« Sie machte ihm eine Verbeugung und wollte sich mit Emma entfernen. Er aber trat ihr mit einem raschen Schritte in den Weg und sagte: »Verzeihung! Vorher noch eine Frage!« »Sprechen Sie sie aus!« »Ist es Ihnen nicht möglich, mir vor Ihrer Abreise noch fünf Minuten zu schenken?« »Wozu?« »Ich habe Ihnen eine Mittheilung zu machen, welche für Sie vielleicht von großer Wichtigkeit ist.« »Können Sie damit nicht vielleicht bis zu meiner Rückkehr warten, Herr Haller?« »Was mich betrifft, so würde dieser Aufschub mich weder schmerzen noch schädigen; aber im Hinblick auf Sie dürfte es besser sein, wenn Sie mich noch vor der Abreise hören wollten.« »Und doch wollen Sie mir erlauben, es bei der ersten Bestimmung zu lassen. Meine Zeit ist mir heute so kurz zugemessen, daß ich wohl kaum über fünf Minuten verfügen kann. »Selbst dann nicht, wenn ich Ihnen sage, daß der Gegenstand meiner Bitte in Beziehung zu Ihrer Familie steht?« Jetzt stutzte sie doch. Sie blickte ihn forschend an und fragte: »Zu meiner Familie? Ich habe doch keine!« Er zuckte die Achseln und antwortete leicht hin: »Vielleicht doch!« Sie war jetzt auf einmal so anders gegen ihn als vorher. Warum? Hatte diese Freundin Emma König vielleicht von ihrer mehrmaligen Begegnung mit ihm gesprochen? Das aber war doch unmöglich. Sie konnte ja gar nicht wissen, daß er hier wohnte. Aber für die Veränderung ihres Benehmens mußte Madelon bestraft werden; das stand bei ihm fest. Er war nicht der Mann, sich zum Gegenstande einer Laune machen zu lassen. »Vielleicht doch?« fragte sie, indem sie seine Worte wiederholte. »Ich und Nanon, wir sind Waisen; selbst der Pflegevater ist nun todt.« »Aber Ihr Vater kann noch leben, Ihr Großvater ebenso!« »Wozu diese Bemerkungen?« »Vielleicht habe ich einen Grund dazu. Nicht wahr, Ihr Vater trug den Vornamen Guston?« »Ja. Das sagte ich Ihnen bereits.« »Und Ihre Mutter hieß Amély?« »Auch das wissen Sie von mir!« »Ist Ihnen der Name Bas-Montagne bekannt?« »Bas-Montagne? Mein Gott, ja! Es ist mir, als ob ich ihn öfters gehört hätte, früh, sehr früh in meiner Jugend. Was ist's mit diesem Namen?« »Er steht in sehr enger Beziehung zu dem »süßen Kolibri«. Aber Sie haben ja keine Zeit.« »Sie sprechen in Räthseln! Bitte, so erklären Sie sich doch!« »Dazu hätte ich eine längere Zeit von Nöthen, als Sie mir heute widmen können. Sie hatten die Güte, mir vorhin Einiges über Ihre Jugendverhältnisse mitzutheilen. Fragen Sie Fräulein König. Sie ist zwei Personen begegnet, welche mehrere Abbildungen von Kolibris bei sich trugen. Vielleicht steht auch dieser Umstand in Beziehung zu dem Dunkel, welches Sie so gern durchdringen möchten.« »Sie sind garstig, höchst garstig!« rief Madelon ungeduldig. »Sie wissen Etwas; Sie haben Etwas erfahren und wollen mir es nicht sagen!« »Ich bin keineswegs garstig, Fräulein Köhler. Seit Sie von Ihren Schicksalen zu mir gesprochen haben, möchte ich das Meinige dazu beitragen, das Räthsel ihres Lebens zu lösen. Mir scheint, daß der Zufall so freundlich gewesen ist, mir einen kleinen Wink zu geben. Ich kann mich irren; aber ich glaube, eine Person getroffen zu haben, welche zu ihren Schicksalen in näherer Beziehung steht.« »Wer ist das?« »Lassen Sie mich darüber noch schweigen. Ich muß sondiren, forschen und überlegen. Die von mir gewünschte Unterredung sollte mir das Material dazu liefern; aber ich sehe selbst ein, daß kein Grund zu großer Eile vorhanden ist. Sie werden bald wieder zurückkehren, und dann können wir diesem Gegenstande mehr Zeit und Aufmerksamkeit widmen.« Das klang so zurückhaltend und frostig, daß sie ihm forschend in die Augen blickte. Seine Bemerkungen hatten ihr höchstes Interesse erregt; sie hätte ihm gern eine halbe Stunde geschenkt anstatt der erbetenen fünf Minuten; aber der Ton seiner letzten Worte erkältete sie. »Wie Sie wollen, Herr Haller,« sagte sie. »Ich gebe Ihnen ganz Recht, die Zeit abzuwarten, in welcher ich aufmerksamer sein kann als heute. Adieu!« Sie nickte ihm kurz zu und ging. Emma machte ihm eine hochfeine vornehme Verbeugung und folgte ihr. Er blickte noch einige Secunden lang nach der Thür, als diese sich hinter ihnen geschlossen hatte, strich sich nachdenklich über die Stirn und wendete sich dann an seine Wirthin: »Fräulein König hat Ihnen erzählt, daß wir einander begegnet sind?« »Ja,« antwortete sie, da sie unmöglich leugnen konnte. »Wir sahen uns wiederholt in eigenthümlicher Situation, doch war nicht ich der Urheber derselben. Wie aber konnte Fräulein König wissen, daß ihr Bekannter von Tharandt und Dresden aus es ist, der bei Ihnen wohnt?« »Derjenige, welcher auch an allem Andern die Schuld trägt, Ihr kleiner, dicker Herr College hat es verrathen.« »Wieso?« »Sie erzählten gestern Abend von ihm.« »Ich entsinne mich allerdings.« »Und Fräulein König erzählte von ihm. Die Beschreibung der Person stimmte ganz genau, und so mußten Sie es sein, der bei ihm gewesen war.« »Ja, so läßt es sich erklären. Aber dieser Fächer hier; wem gehört er? Vielleicht Fräulein Köhler?« »Nein. Ah, den hat ihre Freundin vergessen! Wie schade!« »Spricht sie hier öfters vor?« »Nein. Darum wird sie den Fächer vermissen.« »Sie kann noch nicht weit sein. Vielleicht gelingt es mir noch, sie zu ereilen.« Er nahm den Fächer und ging. Sie machte keinen Versuch, ihn zurückzuhalten. Als er aus dem Hause trat, konnte er die Gesuchte nicht erblicken; aber nachdem er eine Strecke rasch zurückgelegt hatte, sah er sie mit Madelon. Er verdoppelte seine Schritte. Sie gingen jetzt an dem Thorwege vorüber, an welchem der Dicke seine heutige Niederlage erlitten hatte, und traten dann in das nächste Haus. Als er nach einigen Augenblicken die Thür desselben erreichte, hörte er oben das Glockenzeichen geben. Sie befanden sich also jedenfalls noch auf dem Vorsaale. Er eilte rasch die Treppe hinauf; aber als er oben ankam, sah er bereits die Flügelthür aufstehen und die Damen im Begriff, einzutreten. Der Diener, welcher geöffnet hatte, blickte ihn fragend an; er aber sagte laut: »Fräulein König, Entschuldigung.« Sie hörte es und wandte sich zurück. Als sie ihn mit dem Fächer erblickte, glitt es wie ein rascher Entschluß über ihr Gesicht. Sie blieb im Vorzimmer stehen, winkte ihm mit der Hand näher und sagte: »Da habe ich meinen Fächer vergessen, und Sie sind so gütig, sich damit zu belästigen. Bitte, treten Sie näher!« Er dachte gar nicht daran, den Namen zu lesen, welcher mittelst eines Schildes an dem linken Thürflügel befestigt war. Er trat ein; der Diener verbeugte sich und zog die Thür hinter sich zu. Haller war gefangen, ohne zu ahnen, wo er sich befand. Er dachte, bei der Herrschaft der vermeintlichen Gouvernante zu sein. Emma nahm den Fächer aus seiner Hand, bedankte sich mit einem freundlichen Nicken und sagte dann: »Bitte, haben Sie die Güte näher zu treten!« Dabei hatte sie auch bereits den Drücker der nächsten Thür in der Hand. Er erschrak und beeilte sich, Einspruch zu erheben. »Unmöglich, Fräulein!« sagte er. »Erlauben Sie mir vielmehr, mich zurückzuziehen.« Jedenfalls wohnte hier Frau von Goldberg. Wie sollte er vor dieser erscheinen, die Zeugin der fatalen Rutschfahrt gewesen war! Auch hatte er den einfachen Straßenanzug an und kein solonfähiges Gewand. »Warum?« fragte sie, während ein Lächeln ihr Gesicht erhellte, welches er sich nicht zu deuten wußte. »Ich bin im Hause des Herrn Generals von Goldberg ein Fremder!« antwortete er. »Von Goldberg? Sie befinden sich ja gar nicht im Hause dieses Herrn, sondern bei mir, bei meinen Verwandten!« »So habe ich mich geirrt. Das ist etwas Anderes!« Bei den Verwandten einer Gouvernante, bei einer bürgerlichen Familie König brauchte er sich nicht zu geniren, meinte er. »So bitte. Treten Sie ein!« Sie öffnete die Thür. Rechts am Eingange stand sie, links Madelon. Als er, zwischen ihnen hindurchgehend, das nächste Zimmer betrat, fing er von Beiden einen höchst befremdenden Blick auf. Solche Augen beobachtet man auf der Bühne in Scenen, wenn  Intriguantinnen einen Sieg errungen haben. In dem Zimmer befand sich nur eine einzige Person. Ein alter Herr mit eisgrauem Haare und eben solchem Schnurr- und Backenbarte ruhte in einem weich gepolsterten Sorgenstuhle. Dieser Greis hatte das ehrwürdigste Gesicht, das Haller in seinem Leben gesehen hatte. Die kräftigen und doch fein geschnittenen Züge, das lebensvolle Auge, die hohe, breitschulterige Gestalt, Alles ließ vermuthen, daß dieser Mann in seiner Jugend ein Bild männlicher Schönheit gewesen sei! Dieser nun hoch betagte Herr war der Rittmeister Hugo von Königsau, der einstige Liebling des alten Blüchers. »Großpapa, erlaubst Du mir, Dir diesen Herrn vorzustellen?« fragte Emma. »Er war so freundlich, mir meinen Fächer zu bringen, den ich liegen gelassen hatte.« »Thue es, mein Kind!« Sie machte einen eigenthümlichen Knix, nickte dem Greise lächelnd zu und sagte: »Herr Haller, Maler aus Stuttgart.« Die Lider des alten Herrn sanken augenblicklich herab. War es, um nicht merken zu lassen, daß dieser Name ihn überraschte? Dann aber hoben sie sich wieder, und die Augen des Greises richteten sich mit einem großen, scharfen forschenden Blick auf den Vorgestellten. Dann nickte er ihm zu und sagte: »Willkommen, Herr Haller! Sie haben meinem lieben Enkelkinde einen großen Gefallen erwiesen. Nehmen Sie Platz! Willkommen auch, liebe Madelon. Der Herr kennt mich doch, Emma?« »Ich glaube schwerlich.« »So nenne mich ihm.« Haller winkte mit der Hand und sagte: »O bitte, es bedarf keiner Vorstellung. Die Dame nannte Sie ja Großpapa.« »Der bin ich ihr.« »Also wohl Herr König?« »König?« fragte der alte Rittmeister erstaunt. Und nach einem Blicke auf Emma, um deren Lippen ein verhaltenes Lachen zuckte, fuhr er, sich leise den gewaltigen Schnurrbart streichend, fort: »Gewiß wieder einer Deiner kleinen Streiche! Nicht? Sie wissen, Herr Haller, junge wilde Damen sind nicht leicht zu zähmen. Mein Name ist nicht König, sondern Königsau. Oder sollten Sie die letzte Sylbe vielleicht überhört haben?« Haller zuckte zusammen. »Königsau?« fragte er. Er deutete auf Emma und fuhr fort: »Fräulein Köhler hat mir diese Dame als Fräulein König vorgestellt.« »So handelt es sich also wirklich um einen jugendlichen Uebermuth! Emma, Emma! Wie soll ich Dich da strafen!« »Ich bitte um Gnade, bester Großpapa! Es war so wunderbar interessant, für eine Gouvernante gehalten zu werden!« »Für eine Gouvernante?« »Ja, nämlich für diejenige der Tante Goldberg.« »Wer hält Dich dafür?« »Dieser Herr und sein Freund, der Maler Hieronymus Aurelius Schneffke. Ich habe es Dir ja gestern erzählt!« Haller wurde roth bis hinter die Ohren. Das war ja eine ganz und gar fatale Lage, in welche er da gerathen war, er ein Officier der französischen Garde! Wenn sie das gewußt hätten! Er beeilte sich, zu entgegnen: »Entschuldigung, meine Herrschaften. Nicht ich war es, der die Dame für eine Gouvernante hielt, und ich habe auch keineswegs Veranlassung diesen Collegen für meinen Freund auszugeben. Mein Zusammentreffen mit ihm war ein rein zufälliges und wird auf jeden Fall auch nur ein vorübergehendes bleiben.« »Nicht Sie haben um Entschuldigung zu bitten, Herr Haller,« meinte der Greis. »Das ist vielmehr die Pflicht dieser überlustigen Damen. Ueber die Eine habe ich leider keine Macht; aber die Andere werde ich bestrafen. Sie soll sechs Tage Hausarrest erhalten, damit sie wenigstens für diese Zeit nicht im Stande ist, neue Streiche auszuführen.« »Großpapa! Bin ich denn wirklich ein so schlimmer Springinsfeld?« »Herr Haller mag entscheiden.« »Ich bitte um Gnade für die Dame!« sagte dieser, indem er sich gegen Beide höflich verbeugte. »Nun, so will ich von meinem Rechte, zu verzeihen, noch einmal Gebrauch machen, keineswegs aber aus Nachsicht für Dich, Du wilder Vogel, sondern aus Rücksicht für unseren Gast, dem ich doch seine Bitte nicht abschlagen darf. König anstatt Königsau! Wer sollte das denken!« »Gestatten Sie!« bat Haller. »Königsau oder von Königsau?« »Von, von, mein Herr. Ich bin pensionirter Rittmeister.« Ah, da befand er sich ja inmitten der Familie, an die er adressirt war. Welch ein glücklicher Zufall! Er hatte freilich gar keine Ahnung, daß er Allen bereits bekannt sei und daß das neckische Mädchen nur ihr Spiel mit ihm getrieben habe. Mit ihr und dem Alten hoffte er bald fertig zu werden. Ging er nur einigermaßen auf ihr munteres Naturell ein, und schmeichelte er den Alten dadurch, daß er dessen Kriegserlebnisse mit Begeisterung anhörte, so glaubte er leichtes Spiel zu haben. Er wußte freilich nicht, daß Emma ein sehr ernster Charakter war, daß sie von dem Großvater nur im Scherze als Spaßvogel bezeichnet worden war, und daß er auch dem Greise nicht beizukommen vermochte, weil dieser bereits wußte, welche Absicht ihn herbeigeführt hatte. »Rittmeister also!« sagte er. »So sind Sie wohl jener bekannte Herr von Königsau, welcher sich während der Befreiungskriege in der unmittelbaren Nähe des Marschall Vorwärts befand?« »Ja; ich hatte das Glück, seine Theilnahme zu besitzen. Wir haben es damals den Franzosen heiß gemacht.« »Und gehörig. Hoffen wir, daß sie es sich gemerkt haben.« »Hm. Der Mensch ist vergeßlich, und die Herren von jenseits des Rheins sind ja auch nur Menschen.« »Sie denken, daß sie auf Revanche sinnen?« »Wegen der Napoleonischen Kriege wohl schwerlich, noch vielleicht eher wegen Sadowa. Aber das wäre ein Unglück für Deutschland.« »Wieso?« »Weil uns der Franzose einfach in die Pfanne hauen würde.« »Ich als guter Deutscher möchte das denn doch bezweifeln!« »Meinen Sie, daß ich ein weniger guter Patriot bin als Sie, Herr Haller? Aber Sie sind Künstler, und ich bin Militär. Unsereiner sieht alles anders als Sie. Und selbst wenn ich mich nicht mehr mit den Verhältnissen der deutschen Armeen beschäftigen wollte, so bietet mir doch mein Enkel oft Gelegenheit, zu hören und zu urtheilen.« »Dieser Enkel ist Offizier?« »Er ist Ulanenrittmeister und beim Generalstabe angestellt. Leider ist er gegenwärtig verreist, auf Urlaub fort. Die Aufgaben, welche er zu lösen hatte, haben mir den Beweis geliefert, daß wir auf jeden Fall den Krieg mit Frankreich vermeiden müssen. Die Manuscripte liegen noch in seinem Arbeitszimmer. Ich würde mich mehr mit ihnen beschäftigen, aber meine Augen sind schwach geworden, und Emma besitzt nicht die nöthige Geduld, mir solche militärische Essays, Gutachten und so weiter vorzulesen. Man lebt zu einsam. Vielleicht haben Sie die Güte, sich zuweilen sehen zu lassen.« Das war es ja, was Haller ersehnt hatte. Eine Einladung. Vielleicht durfte er dem Alten die wichtigen Essays und Gutachten vorlesen. Er sagte darum schnell: »Herzlichen Dank, Herr Rittmeister! Ich bin hier fremd und also in der Lage, gesellschaftlich erst Fuß fassen zu müssen. Ihre freundlichen Worte erfüllen mich mit Dankbarkeit.« »Das freut mich. Sie sind willkommen, so oft und wann es Ihnen beliebt. Wir spielen ein Schach; wir lesen und plaudern. Hast Du heut Abend gewöhnliche Küche, Emma?« »Ich denke, daß wir nicht darben werden, Großpapa.« »Das ist schön. Wollen Sie Ihr Abendbrot bei uns einnehmen, Herr Haller? Wir müssen den Streich, der Ihnen gespielt worden ist, möglichst gut machen.« »Ich stehe gern zur Verfügung, Herr Rittmeister!« »Acht Uhr wollen wir sagen?« »Wie Sie befehlen.« Der Greis hatte sich erhoben, zum Zeichen, daß er die gegenwärtige Unterredung zu beendigen wünsche. Darum fügte Haller hinzu: »Für jetzt bitte ich um die Güte mich zu beurlauben! Ich empfehle mich den Damen. Nochmals innigen Dank, Herr von Königsau.« Er gab dem Rittmeister die Hand, küßte Emma die Fingerspitzen, nickte Madelon einen Abschied zu und ging. In seiner Freude gab er draußen dem Diener, der ihm den Hut reichte, einen Thaler Trinkgeld, und unten auf der Straße murmelte er leise vor sich hin: »Bei Gott, das ist ein Glückstag. Was hatte ich für Sorge, ob es mir gelingen werde, Zutritt zu erlangen! Nun aber geht Alles gut. Es hat sich so leicht, so glatt gemacht. Dieser alte Kriegsmann scheint außerordentlich umgänglich zu sein. Er hält mich für einen militärischen Ignoranten, vor dem er kein Geheimniß zu haben braucht. Er wird sicher plaudern, ganz ohne Rückhalt. Ich merke bereits jetzt, daß ich gewonnenes Spiel habe.« Was aber wurde über ihn für ein Urtheil gefällt? Als er sich entfernt hatte, sagte der Rittmeister: »Also das ist Deine Begegnung aus dem Tharandter Walde! Und Du hast wirklich keine Ahnung gehabt, was er war?« »Nicht die mindeste. Wie sollte ich auch?« »Und wie kommst Du denn jetzt mit ihm zusammen?« »Er wohnt ja bei Geheimraths in Madelons Hause, wo ich zuweilen bin. Ich war soeben dort und hatte meinen Fächer zurückgelassen.« Sie erzählte, wie Alles gekommen war. Er hörte zu und meinte dann: »Das hatte sich sehr leicht gemacht. Jetzt wollen wir ihm Auskunft geben, daß ihm vor Freuden der Aloe wie Zucker schmecken soll! Ich freue mich auf heute Abend. Mach Deine Sache gut in der Küche! Diese Herren Franzosen pflegen gewaltige Leckermäuler zu sein.« »Hm! Vielleicht bin ich heute Abend gar nicht da, mein lieber Großpapa.« »Wo denn?« »Verreist.« »Sapperlot! Wohin willst Du denn?« »Weit, sehr weit! Nach Frankreich hinein!« »Bist Du toll?« »Nein. Madelon reist auch.« »Nach Frankreich?«. »Ja, zu ihrem Pflegevater, der gestorben ist.« »Und Du gedenkst, sie zu begleiten?« »Ja.« »Daraus wird nichts, Kind, gar nichts. Madelon mag reisen. Der Mann hat sie erzogen; sie ist ihm die letzten Ehren schuldig. Aber was geht er Dich denn an?« »O, Du denkst, daß ich wegen ihm reisen will? Das ist spaßig. Nein, nein. Ich habe einen anderen, einen sehr gewichtigen Grund. Nicht wahr, liebe Madelon?« Die Gefragte warf ihr einen halb zweifelnden, halb frohen Blick zu und antwortete: »Aber zu mir hast Du von Deiner Absicht, zu reisen, ja noch kein einziges Wort gesagt.« »Das war nicht nöthig; ich wollte warten, bis wir hier sein würden. Ja, lieber Großvater, es ist vielleicht ganz und gar nöthig, daß ich reise. Denke Dir, es hat sich Einer mit dem Löwenzahne gefunden.« »Mit dem Löwenzahne? Ich verstehe Dich nicht!« »Lies hier diesen Brief.« Sie ließ sich von Madelon den Brief geben und reichte ihn dem Rittmeister hin. Dieser hatte keineswegs so schwache Augen, wie er Hallern glauben gemacht hatte. Sein Gesicht war ganz im Gegentheil noch ganz jugendlich scharf. Er faltete den Brief auseinander und begann zu lesen. Während der Lectüre nahm sein Gesicht den Ausdruck einer sich immer vergrößernden Spannung an. Als er fertig war, sagte er kein Wort, aber fuhr aus dem Stuhle empor und begann, mit großen, raschen Schritten das Zimmer zu messen. Das pflegte er stets zu thun, wenn irgend Etwas seine Gedanken oder Gefühle mehr als gewöhnlich in Anspruch nahm. Man durfte da nicht auf ihn sprechen; man mußte ihn gehen lassen. Hatte er dann Klarheit gewonnen und einen Entschluß gefaßt, so begann er dann schon selbst, sich darüber zu äußern. Darum schwiegen die beiden Damen jetzt und warteten, bis er selbst das Wort ergreifen werde. Da endlich blieb er vor ihnen stehen, schlug mit der Rechten auf den Brief, den er in der Linken hielt und sagte: »Ist das nicht wunderbar, liebe Emma, höchst wunderbar?« »Gott thut allerdings noch Wunder, Großpapa.« »Ja. Glaubst Du, daß er es ist?« »Die Buchstaben fehlen und die Jahreszahl.« »Das ist es ja eben. Aber wenn diese auch vorhanden wären, so läge doch noch immer die Möglichkeit vor, daß die Zähne in fremde Hände gekommen sind.« »Das sagte auch ich bereits.« »Hm. Wir suchen die Jungens, und einer von ihnen ist ganz in unserer Nähe gewesen. Habe ich nicht immer behauptet, daß der Fritz dem Generale ähnlich sieht?« »Stets.« »Und was nun fast noch wunderbarer ist: Hast Du Dir diesen Maler genau angesehen?« »Natürlich. Du meinst wegen seiner Aehnlichkeit mit Fritz?« »Ja. Die ist frappant. Sie gleichen einander wie ein Ei dem andern. Aber das ist jedenfalls bloßer Zufall, ein Naturspiel. Ich wüßte nicht, wie sonst dieser Franzose zu der Aehnlichkeit kommen sollte.« »Sogar seine Stimme klingt wie diejenige unseres Fritz.« »Hast Du das auch bemerkt? Ich habe es sofort herausgehört. Also den rechten Zahn hat der Wachtmeister. So wäre er also der Erstgeborene. Aber, können wir dem Generale oder der Generalin Etwas sagen?« »Unmöglich. »Nein! Die alten Wunden klaffen auf, und wir wissen nicht, ob wir im Stande sind, sie zu heilen. Man müßte den Zahn sehen und die Bilder, welche sich darin befinden!« »Darum muß Jemand hin.« »Richardt ist ja bereits dort. Wir schreiben ihm.« »Willst Du eine Sache von solcher Wichtigkeit brieflich arrangiren?« »Da hast Du wieder Recht. Eine verteufelte Geschichte! Mit dieser Nanon also hat der Fritz gesprochen. Hätte er doch zu Richardt ein Wort gesagt!« »Auch das würde noch nicht genügen. Es gilt, Zweierlei festzustellen, nämlich erstens ob der Zahn wirklich einer der beiden echten ist, und zweitens ob Fritz auch der Knabe ist, dem er zu Recht gehört.« »Richtig. Aber was steht denn da von der Seiltänzerin? Schade, jammerschade, daß sie verunglückt ist!« »Sie könnte Auskunft geben!« »Oder der Hanswurst, wenn es ihm nicht gelungen wäre, zu entkommen. Er muß unbedingt aufgesucht und gefunden werden. Es ist doch am Besten, wir schreiben Richardt!« »Nein. Am Besten ist's, es reist Jemand hin!« »Aber wer denn? Goldbergs dürfen nichts wissen; so bleibst nur Du und ich. Soll ich diese Tour unternehmen?« »Du nicht, aber ich!« »Mädchen, Du bist nicht bei Troste! So ein Vogel, der noch gar nicht flügge ist, will nach Frankreich flattern!« »Madelon flattert doch auch!« »Ja, den Beweis hast Du sofort bei der Hand! Aber bedenke die Gefahr!« »Wo sollte es eine Gefahr geben?« »Da und dort und überall! Wie ist es mir ergangen!« »Das war im Kriege!« »Auch während des Waffenstillstandes!« »Also doch während des Krieges!« »Und Dein armer Vater, mein guter Gebhardt, der nach diesem verdammten Frankreich ging und nicht wieder kam!« »Wir müssen immerhin sagen, daß das Unternehmen, welches er vorhatte, ein abenteuerliches und gefährliches war!« »Und der brave Florian Rupprechtsberger! Auch den hat der Teufel geholt!« »Aus demselben Grunde! Das aber, was wir jetzt vorhaben, ist weder abenteuerlich noch gefährlich.« »Das will mir nicht einleuchten!« »Man hat ja fast gar nichts zu thun, als nach Thionville zu fahren und mit Fritz zu sprechen.« »Und in der Mosel zu ersaufen, wie es Richardt beinahe ergangen wäre!« »Ich fahre nicht mit dem Schiffe!« »So entgleist der Zug, und Du bist futsch!« »Aber, Großpapa, bist Du denn wirklich einer von den berühmten Ziethenhusaren gewesen!« »Freilich! Und ich glaube, Mädel, in Dir spuckt auch das alte, verwegene Husarenblut!« Sie nickte ihm lächelnd zu und antwortete: »Ich bin die Tochter einer alten Soldatenfamilie!« »Das ist wahr. Ich will es gern glauben, daß Du Dich vor dieser Reise nicht fürchtest!« »Ich habe ja auch Madelon bei mir!« »Na, das ist die Richtige! Die kann viel zu Deinem Schutze thun! So ein Mädchen schreit laut auf, wenn eine Mücke summt!« »Und sodann, weißt Du, woran ich gedacht habe?« »Na, woran Ihr Mädels denkt, das weiß man ganz genau. Ich hab's erfahren.« »Nun, woran?« »An's Heirathen natürlich!« »Richtig! Das ist's, was ich sagen wollte.« »Sakkerment! Ich hoffe doch nicht, daß Du nach Frankreich machen willst, um Dir von dorther einen Mann zu holen?« »Warum nicht?« »Das geht nicht! Das leide ich nicht! Einen Franzosen dulde ich nicht in meiner Familie!« »Hast Du Dir nicht auch eine Französin geholt? Und Vater auch und der Onkel General auch?« »Ja, eine Frau! Das ist etwas Anderes! Aber einen Mann! In Frankreich haben nur die Weiber Verstand, bei uns in Deutschland aber die Männer!« »Danke für das Compliment! Aber ich will Dich beruhigen und Dir sagen, daß es mich gar nicht nach einem Manne gelüstet; doch mußt Du auch an Richardt denken!« »An den? Na, der ist ganz aus der Art geschlagen. Der hat noch kein Mädchen angeguckt! Ich glaube nicht, daß er jemals auf den Gedanken kommt, sich eine Frau zu nehmen!« »Meinst Du? Da kenne ich ihn besser!« »Grünschnabel!« »Oho!« lachte sie. »Ich verbitte mir allen Ernstes solche Blüchersche Ausdrücke!« »Und abermals Grünschnabel! Blücher hat deutsch gesprochen und deutsch zugehauen! Geht mir mit Eurem jetzigen Salonparlement! Also, was den Richardt betrifft, so willst Du anderer Meinung sein als ich?« »Ja, ganz anderer!« »Hast Du Gründe dazu?« »Vielleicht.« »Alle Wetter! So hast Du Etwas bemerkt? Sollte mich freuen!« »Bemerkt nicht, aber erfahren, und zwar aus dem sichersten Munde, nämlich von ihm selbst.« Fortsetzung 68 Der Rittmeister fuhr sich mit beiden Händen in den Schnurrbart, drehte die Spitzen weit hinaus und fragte: »Was? Er selbst sollte geplaudert haben?« »Er selbst!« »So hat er Dich zum Narren gehabt!« »Mich? Der Richardt? Sicherlich nicht! So Etwas hat er nie gethan!« »Und er soll gesagt haben, daß er eine Liebste hat?« »Wenigstens so ähnlich.« »Was soll ich darunter verstehen? Was ist denn einer Liebsten so ähnlich, he, Nesthäkchen?« »Nun schau, Großpapa; man kann nämlich eine Geliebte haben und doch keine Liebste.« »Gehe mir mit solchen Spitzfindigkeiten! Welche Unterscheidungsmerkmale willst denn Du da hervorsuchen, Weisheit?« »Wenn Einer ein Mädchen liebt, so ist sie seine Geliebte.« »Natürlich!« »Aber noch lange nicht seine Liebste!« »Warum nicht?« »Eine Liebste ist nur Die, die ihn wieder liebt.« »Mädel, hast Du etwa die Physiologie der Liebe studirt?« »Ja.« »Etwa an Dir selber?« »Noch nicht, Großpapa, aber an Andern.« »Zum Beispiele?« »Hier an unserer Madelon.« »Aha! Hat sie einen Geliebten oder einen Liebsten?« »Das muß ich erst noch weiter beobachten.« »So so! Wer ist denn der Kerl?« »Der Maler Haller.« »Alle Wetter! Der soeben hier war?« »Ja.« »Emma!« bat Madelon, welche ganz roth geworden war. »Ja, Großpapa, es ist dennoch wahr. Du hättest sie sehen sollen, als ich ihn einen gefährlichen Menschen nannte!« »Da sprang sie wohl für ihn ein?« »Sehr! Aber, um wieder auf Richardt zu kommen, so hat er mir einmal Etwas erzählt, worüber ich allerdings das tiefste Stillschweigen beobachten sollte.« »Du hast ihm auch Verschwiegenheit versprochen?« »Ja, wie das Grab!« »So schweige, Mädchen!« »O, jetzt liegen die Verhältnisse so, daß ich doch reden möchte.« »So sage mir vorher, ob Du nicht bereits geplaudert hast!« »Nur der Tante habe ich es erzählt.« »Da hat man's! Verschwiegenheit wie das Grab, und der Tante schwatzt sie es vor! Weißt Du denn nicht, daß man gerade den Tanten nichts sagen darf?« »O, sie hatte so große Freude darüber!« »Natürlich! Welches Weibsbild würde sich nicht freuen, Etwas zu hören, was Geheimniß bleiben soll!« »Sie hat sich sogar mit mir die betreffende Gegend angesehen.« »Nun werde mir Einer klug, was das Mädchen meint! Grab, Verschwiegenheit, Liebster, Richardt, Tante, Gegend! Wer soll sich daraus einen Vers machen?« »Du, alter Blücher! Ich meine nämlich die Gegend, in welcher Richardt sich verliebt hat.« »Ach so! Sakkerment, er hat sich also wirklich verliebt?« »Wirklich!« »Na, für so gescheidt hätte ich ihn nicht gehalten. Die Liebe ist nämlich der Senf für die Pfeffergurke des Lebens. Der Eine ist ohne das Andere nicht zu verdauen. Und davon hat er zu Dir gesprochen? Das hat er Dir erzählt? Ich glaube nicht daran!« »Es ist wahr, Großpapa!« betheuerte sie ernsthaft. Der sonst so stille und wortkarge Mann hatte heute seinen guten Tag. Er war ungewöhnlich gesprächig geworden und zeigte eine Laune, wie sie bei ihm seit Margots Tode und dem Verluste seines Sohnes höchst selten war. »So flunkerst Du also wirklich nicht?« fragte er. »Nicht im Geringsten!« »Das freut mich! Das läßt mich doch noch frohes Leben erhoffen. Komm her, Emma! Dafür sollst Du einen Kuß bekommen!« Er drückte sie herzlich an sich und küßte sie auf den Mund. Es war eine wirklich schöne Gruppe, dieser ehrwürdige, trotz seines Alters noch immer rüstige Greis und dieses blühende, lebensvolle Mädchen! »Soll ich Dir auch davon erzählen?« fragte sie. »Ich denke, Du sollst schweigen!« »Ich sagte ja bereits, daß ich es für nöthig halte, Dir eine Andeutung zu geben. Fangen wir also bei der Gegend an!« »Ja, bei der Gegend! Wo war es?« »Auf der Straße von Dresden nach Blasewitz.« »Sakkerment! Damals also ist es gewesen? Und auf offener Straße hat er sich verliebt?« »Du nicht auch?« »Hm! Ja! Daran habe ich nicht gedacht! Ich begegnete meiner guten Margot auch zuerst auf der Straße, damals, als ich sie gegen die Russen in Schutz nahm und dann nach Hause geleitete. Also, wie ist's gewesen?« »Er ist mit mehreren Officieren spazieren geritten, und sie ist ihm entgegen gefahren gekommen. Sie sind rasch, wie der Wind, an einander vorüber; aber er hat sie doch sogleich lieb gewonnen. »O weh, Kind! Rasch wie der Wind – sogleich lieb gewonnen – da wird aus der ganzen Geschichte wieder Wind!« »Da kennst Du Richardt schlecht!« »Aber, lieb gewinnen kann man doch nur eine Person, mit der man spricht, die man genau sieht!« »Nicht immer. Die Liebe soll ein wunderbares Wesen sein!« »Ein unbegreifliches Ding ist sie; das ist wahr. Nun aber, ist sie denn gar so schön gewesen?« »Außerordentlich!« »Hat er sie denn gesehen und gesprochen?« »Nein.« »Und hat dennoch am Angelhaken gehangen?« »Fest, sehr fest!« »So ist er ein Thor, ein Phantast, ein Schwärmer, den ich bedauern möchte!« Da schlug Emma ein fröhliches Gelächter auf und rief: »Richardt und ein Phantast und Schwärmer! Er ist nichts weniger als gerade das! Er hat nicht dafür gekonnt, aber er hat doch immer an diese Begegnung, an dieses Gesicht, an dieses Mädchen denken müssen!« »Was nützt ihm das? Wiedersehen muß er sie!« »Das ist dann später auch geschehen.« »Gott sei Dank! Jetzt endlich finden wir Grund und Boden! Aber er ist ja gar nicht wieder in Dresden gewesen!« »Das ist gar nicht nöthig. Die Liebe hat ihre eigenen Wege. In seinem ersten Briefe von Ortry aus schreibt er mir, daß er die heimlich und still Geliebte dort getroffen hat.« »In Ortry! O weh! Sollte sie dort wohnen?« »Vielleicht!« »Etwa gar zur Familie des alten Capitäns oder der Sainte-Maries gehören?« »Hm!« »Eine solche Dummheit traue ich dem Richardt doch nicht zu! Das giebt mir zu denken! Das macht mir Sorge!« »Siehst Du! Dachte ich es doch! Deshalb erzählte ich es ja!« »Was! Um mir Sorge zu bereiten?« »Ja!« »Unhold, der Du bist!« »Nun wirst Du mich wohl reisen lassen!« »Wieso?« »Ich muß sehen, wer die Dame ist. Ich muß mich des Bruders annehmen. Ich muß sie kennen lernen!« »Du? Zu was soll das helfen? Glaubst Du etwa, ein Unheil, welches daraus zu entstehen droht, abwenden zu können?« »Ja, viel eher und leichter als ein Mann. Glaube mir, in so zarten Angelegenheiten sieht ein Frauenauge schärfer als ein anderes, und ein mildes Frauenwort hat mehr Ein- und Nachdruck als das kräftigste Wort aus Mannesmund.« »Schau! Du sprichst da wie ein Buch!« »Und Du giebst mir Recht?« »Hm! Mit Dir Schmeichelkatze ist eben nichts anzufangen. Und wenn ich es mir recht überlege, so hat ein sanftes Wort meiner guten Margot allerdings mehr über mich vermocht als alles Andere.« »Ich darf also reisen, Großpapa?« »Bist Du denn wirklich gar so sehr darauf versessen?« »Ganz und gar!« »Hm!« Er brummte noch Einiges vor sich hin, was die beiden Mädchen nicht verstehen konnten, und begann dann seine Promenade durch das Zimmer von Neuem. Das dauerte eine ziemliche Weile; dann drehte er sich scharf auf dem Absatze herum, so recht nach alt gewohnter Husarenweise, und sagte: »Gut! Du sollst gehen!« Da flog sie ihm jubelnd an den Hals und küßte ihn viele, viele Male und streichelte ihm die Wangen. »Na gut! Schon gut!« schmunzelte er. »Du erdrückst mich ja und beißest mir den Schnurrwichs weg! Du hast wirklich ein Stück von meiner seligen Margot. Gerade so machte die es auch, wenn sie mich einmal herumgekriegt hatte!« Es war rührend, wie der alte Veteran bei jeder Gelegenheit an Diejenige dachte, welche das Licht und die Sonne seines Lebens gewesen war! »Aber klug mußt Du sein!« fügte er hinzu. »O, Du habe nur keine Angst!« »Willst Du nur nach Diedenhofen oder vielleicht gar nach Ortry?« »Das muß sich zeigen, Großpapa. Ich werde thun, was ich für nothwendig halte.« »So nimm Dich um Gotteswillen in Acht! In Ortry darf kein Mensch ahnen, daß Du eine Königsau bist!« »Ich weiß das ganz genau!« »Und den Richardt darfst Du nicht in Verlegenheit bringen. Eine Erkennungsscene könnte Alles verrathen, Euch Beide in die größte Gefahr bringen und sein ganzes Werk zu nichte machen. Darum sei vorsichtig!« »Keine Sorge! Aber das Reisegeld, Großpapa?« »Ja, wenn fährst Du denn?« »Um ein Uhr geht der Zug, den Madelon benutzen muß.« »Und da willst Du mit?« »Freilich!« »Schon! Das geht ja riesig schnell.« »Weißt Du nicht, daß wir seit der neuen Heeresverfassung in unserem Mobilisationsplan unübertrefflich sind?« »Hexe! Na, mir soll es recht sein. Auf diese Weise haben wir nicht mehrere Tage lang den gewöhnlichen Skandal, den bei Euch das Einpacken verursacht.« »O, ich bin augenblicklich fertig! Den Koffer her, einige Kleider und Weißzeuge hinein, in die Droschke und dann fort!« »Gut so! Pasta! Abgemacht, sagte Blücher!« Jetzt ging es sofort an's Einpacken, und auch Madelon eilte fort, um ihre Vorbereitungen noch zu vollenden. Kurz vor Abgang des Zuges trafen sie auf dem Bahnhofe zusammen. Sie freuten sich königlich, mit einander reisen zu können. »Nehmen wir Damencoupee?« fragte Madelon. »Nein, sondern nur Coupee für Nichtraucher. Bei so weiten Reisen ist es oft angenehm, sich das Rathes und der Hilfe eines erfahrenen Passagieres bedienen zu können.« Das Gepäck wurde aufgegeben; die Billets waren gelöst. Der alte Rittmeister, welcher seine Enkelin nach dem Bahnhofe begleitet hatte, brachte Beide in das Coupee. Es klingelte bereits zum zweiten Male, so wurde die schon geschlossene Thür abermals geöffnet, und man hörte die Stimme des Schaffners: »Coupee für Nichtraucher. Hier herein!« Der, welcher einstieg, war sehr kurz und sehr dick. Er trug einen feinen, hechtgrauen Reiseanzug und einen neuen riesigen Calabreser. Auf der Nase hatte er einen goldenen Klemmer und in der Hand eine ziemlich umfangreiche Mappe. »Ihr Diener, meine Damen!« grüßte er. »Bitte, nicht zusammenrücken. Ich brauche wenig Platz.« Emma ließ ein leises aber bezeichnendes Räuspern hören, wodurch Madelon aufmerksam gemacht wurde. »Kennen Sie ihn?« flüsterte die Letztere unter ihrem dichten Schleier hervor. »O, nur zu gut.« »Wer ist er?« »Herr Hieronymus Aurelius Schneffke.« »Mein Gott.« »Ich befürchte sehr, daß der Waggon zusammenbrechen wird, nur um dem Pechvogel Gelegenheit zu geben, mir parterre zum vierten Male seine Huldigung zu erweisen!« »Verlassen wir doch das Coupee!« »Nicht doch. Versuchen wir es eine Weile! Er ist zu drollig. Vielleicht fährt er nicht sehr weit mit.« Der Dicke hatte seine Mappe untergebracht und sich zurecht gesetzt. Da machte er plötzlich eine Bewegung des Schreckes. »Sapperlot! Mein Regenschirm!« sagte er. »Der liegt an der Casse. Das ist so sicher wie Pudding!« Erfuhr von seinem Sitze auf, langte durch das offene Fenster, öffnete die Thür und drängte seinen umfangreichen Leichnam hinaus. »Das Pech geht an!« lachte Emma. »Wir sind ihn los!« meinte Madelon. »Es läutet zum dritten Male. Er kommt nicht zur Zeit retour!« »Himmel, Pinsel und Palette!« rief es draußen. »Wer hält mich denn dahinten!« Herr Hieronymus war mit einer inneren Seitentasche seines Rockes hängen geblieben. Ein kräftiger Ruck, und sein gewichtiger Leib war frei; er plumpste auf die Erde nieder. Aber der rechte Schoß seines neuen Rockes hing oben über ihm. Er raffte sich auf, ohne den Verlust zu bemerken und wollte davon springen, um den Schirm zu holen. Da aber faßte ihn ein schneller Schaffner beim Arme und fragte: »Wohin denn noch?« »An die Casse! Ich habe meinen Schirm dort stehen lassen.« »Dazu ist keine Zeit. Es hat zum dritten Male geläutet!« »Aber ich muß ihn haben.« »So versäumen Sie den Zug!« »Heiliges Pech. Das ist der reine Pudding. Und da hängt weiß Gott mein Rockschoß.« »Also hinein oder nicht? Hören Sie? Die Maschine giebt bereits das Zeichen.« »Na, denn in Gottes Namen wieder hinein.« »Aber schnell, schnell!« So schnell allerdings, wie es wünschenswerth war, ging das bei dem dicken Maler nicht. Er drückte und quetschte sich vorwärts, und der Schaffner schob aus Leibeskräften. Der Zug kam bereits in's Rollen. Da endlich stand Hieronymus Aurelius wieder im Coupee, und die Thüre ward hinter ihm zugeworfen. Emma hatte, um diese amüsante Scene besser beobachten zu können, den Schleier aufgeschlagen. Der Maler erkannte sie jetzt. Ueber sein Gesicht zog ein breites, wonniges Lächeln: »Habe die Ehre, Fräulein König! Freut mich ungemein. Ihr ergebenster Diener – – Himmeldonnerwetter.« Er hatte ihr eine tiefe Verbeugung machen wollen, wurde jedoch höchst fataler Weise daran verhindert. Es hielt ihn abermals Jemand an der hinteren Fronte seines Körpers. Er versuchte, sich umzudrehen. Es gelang ihm nur sehr schwer, und da sah er denn zu seinem Entsetzen, daß der Schaffner ihm den zweiten Schooß seines neuen Rockes in der Eile zwischen die Thüre geklemmt hatte. »Na, nun hört mir aber Alles auf!« sagte er. »Die Reise fängt sich allerliebst an. Wo fahren die Damen hin?« Die Gefragten mußten sich die größte Mühe geben, ein lautes Lachen zu unterdrücken. Emma antwortete, um ihm gleich von vorn herein zu zeigen, daß die etwaige Hoffnung, bis zu Ende seiner jedenfalls kurzen Fahrt in ihrer Nähe zu verbleiben, eine vergebliche sei: »Nach Frankreich, mein Herr!« »Das ist prächtig. Ich auch, ich auch! Da bleiben wir natürlich zusammen!« Zunächst blieb er auch, nämlich stehen, um sich auf der nächsten Station aus seiner Gefangenschaft befreien zu lassen. – – – Es war ein wunderschöner Morgen über die Gegend von Ortry aufgegangen. Die Sonne hatte den Thau von den Blättern und Halmen geleckt, nur hier und da glänzte ein goldener Tropfen aus dem tiefen Kelche einer Blume hervor. Die frühen Stunden waren vorüber, und die Sonne machte bereits ihre Wirkung höher geltend. Da ging Nanon durch den Wald. Um diese Zeit pflegte Marion de Sainte-Marie dem Unterrichte beizuwohnen, welchen Doctor Müller ihrem Bruder Alexander gab. War es die Schwesterliebe oder das Interesse von den Lehrgegenständen, welches sie zu diesem Opfer veranlaßte? Sie wußte es sich vielleicht selbst nicht zu sagen. Nanon aber benutzte dann diese Zeit zu einem einsamen Spaziergange im Walde. Da war es freier, besser und schöner als im Zimmer bei den Büchern und – – da draußen gab es allerlei Kräuter und Gräser, und zuweilen kam Einer, um dieselben abzupflücken und in seinen großen Sack zu stecken. Ein Plätzchen gab es, wo sie gar zu gern verweilte. Es war der Ort, an welchem sie zum ersten Male mit Fritz ausgeruht hatte. Und wunderbar. So oft Fritz in den Wald kam, er streckte sich gewiß nicht eher in das Moos oder in die Halde nieder, als bis auch er dieses Fleckchen erreicht hatte. So strich sie leise und langsam zwischen den Bäumen dahin und trällerte, nicht ganz laut, aber auch nicht ganz halblaut, das Lied vor sich hin: »Fern im Süd', das schöne Spanien,     Spanien ist mein Heimathsland, Wo die schattigen Kastanien     Rauschen an des Ebro Strand, Wo die Mandeln röthlich blühen,     Wo die süße Traube winkt, Wo die Rosen schöner glühen     Und das Mondlicht goldner blinkt.« Sie blieb stehen und lauschte. Kein Echo! Es gab aber hier doch gar keinen Berg, keine Felswand, wodurch ein Echo erzeugt werden könnte! Und sie war doch eine so große Freundin des Echo; sie hörte es so gern. Sie setzte also ihren Weg fort und sang weiter: »Längst schon wandr' ich mit der Laute     Traurig hier von Haus zu Haus, Doch kein einzig Auge schaute     Freundlich noch zu mir heraus. Spärlich reicht man mir die Gaben;     Mürrisch heißet man mich gehn. Ach, mich armen, braunen Knaben     Will kein Einziger verstehn!« Sie hielt abermals inne, um zu lauschen. Ueber ihr allerliebstes Gesichtchen glitt ein glückliches Lächeln, denn jetzt, ja jetzt ließ sich ein Echo hören. Aber kam das von einem Berge oder von einer Felswand zurück? Wohl nicht, denn die Töne lagen um eine volle Octave tiefer, und die Worte waren auch ganz andere. Giebt es denn auch Echo's, welche nicht von Felswänden zurückgeworfen werden und die ihre eigenen Töne und Worte haben? Jedenfalls, denn das Echo, welches sich jetzt hören ließ, sang: »Als beim letzten Erntefeste     Man den großen Reigen hielt, Habe ich das Allerbeste     Meiner Lieder aufgespielt. Doch, als sich die Paare schwangen     In der Abendsonne Gold, Sind auf meine dunkle Wangen     Heiße Thränen hingerollt!« Es war eine volle, kräftige Baritonstimme, welche diese Verse sang. Nanon lauschte, und erst als das letzte Wort verklungen war, setzte sie sich wieder in Bewegung, aber schneller als vorher. Sie kam dem erwähnten Plätzchen immer näher, und als sie es erreichte, da – da lagen Zwei im Moose, nämlich der volle Kräutersack und Fritz, der jetzige Besitzer dieses medicinisch und offizinell höchst wichtigen Gegenstandes. Er hatte natürlich nicht die mindeste Ahnung, daß außer ihm noch irgend Wer im Walde sein könne; ebenso wenig hatte er Jemand singen gehört. Er lag eben da und blickte zum Himmel auf wie Einer, der sich auf der Erde sehr wohl befindet und dies Denen, die da oben wohnen, von ganzem Herzen auch wünscht. »Guten Morgen, Herr Schneeberg!« erklang es hinter ihm. Wäre es möglich, daß er sich getäuscht hätte? Befand sich außer ihm doch noch Jemand im Walde? Wunderbar? Er sprang auf und that, als ob er im höchsten Grade überrascht worden sei. »Ah, Sie sind es!« meinte er dann beruhigt. »Guten Morgen, Mademoiselle Nanon? Ich dachte, ich wäre ganz allein!« »Darum haben Sie auch so schön gesungen!« »Schön? Wohl kaum leidlich, denn ich habe niemals Gesangunterricht gehabt.« »Aber Ihre Stimme ist hübsch!« »Oh, wie eben die Stimme eines Kräutermannes sein kann!« »Sie sind sehr bescheiden! Und was Sie da sangen, das war mein Lieblingslied!« »Wirklich? Das hätte ich wissen sollen!« Und doch hatte er es gewußt, denn sie hatte es ihm bereits einige Male gesagt, ganz mit denselben Worten, wie jetzt. »Ich habe sogar, ehe ich Sie hörte, auch zwei Strophen desselben Liedes gesungen.« »Drum! Drum hörte ich so Etwas aus der Ferne! Gerade wie wenn es vom Himmel käme! Es war so schön!« »Gehen Sie! Sie schmeicheln!« Er legte die Hand auf das Herz und betheuerte eifrig: »Gewiß nicht! Ich sage die reine Wahrheit. Wenn Sie singen, so klingt es ganz anders als bei andern Leuten. Es muß bei Ihnen da drin ganz anders beschaffen sein! Viel zierlicher und accurater!« Dabei deutete er auf seine Brust. Sie war ihm jetzt ganz nahe gekommen und reichte ihm ihr kleines, weißes Händchen. »Wie weich und fein!« sagte er, indem er es leise und vorsichtig ergriff. »Gerade wie seidener Sammet, aber von der besten und allertheuersten Qualität. So ein Händchen ist doch etwas recht Wunderbares.« »Wieso, Herr Schneeberg?« »Es ist ein Meisterstück aus Gottes Hand und muß doch so viele irdische, dumme Arbeit vornehmen. Ein solches Händchen sollte immer ruhen dürfen. Es sollte nur da sein zum Entzücken Dessen, der ein Recht darauf hat. Meinen Sie nicht auch?« »Sie sprechen stets in einer Weise, daß es Einem leid thut, das Geringste dagegen zu sagen.« »Und Sie zeigen in Ihren nachsichtigen Worten eine Güte, über welche ich erröthen möchte!« Sie standen vor einander und blickten sich in die Augen, so offen, so treuherzig, so redlich, der hohe, starke Mann und sie, das liebliche, sonnige Mädchen. Sie sahen sich an, als ob sie sich noch gar nicht gesehen hätten. Sie lächelten und sagten Nichts dazu, bis Fritz endlich dachte, daß er nun doch wieder Etwas sagen müsse. Darum fragte er: »Sind Sie nicht ermüdet, Mademoiselle Nanon?« »Eigentlich nicht, aber ein Wenig doch!« »Wollen Sie nicht die Güte haben, Platz zu nehmen?« »Wieder auf den Kräutern? Ich werde Ihnen noch den Sack durchsitzen, und dann wird Ihr Doctor zanken!« »O, haben Sie keine Sorge! Der zankt nicht mit mir!« »Weil Sie so gut und treu sind!« »O nein, sondern weil er meint, daß Zanken doch nichts helfen und bessern würde. Kommen Sie! Es ist so weich, und ich habe ihn so gelegt, daß es bequem ist wie auf einem vornehmen Thronsessel!« Sie setzte sich auf den Kräutersack und meinte lächelnd: »Sie werden mich gewiß noch ganz und gar verwöhnen!« »Ich wollte, ich könnte das! Dann möchte ich den ganzen Tag und das ganze Jahr bei Ihnen sein, um Ihnen Alles so sanft und weich wie möglich zu machen!« »Ja, so sind Sie! Nur immer für Andere sind Sie besorgt! Und wir Andern mißbrauchen das nur zu sehr!« »O, mißbrauchen Sie das nur getrost!« lachte er ganz glücklich. »Ich wollte, ich könnte Ihnen noch weit mehr dienen, als ich es vermag!« »Wirklich? Meinen Sie das wirklich?« »Gewiß! Wollen Sie das etwa nicht glauben?« »Ich glaube es, denn ich weiß, daß Sie niemals die Unwahrheit sagen. Aber gerade weil Sie so gütig sind, habe ich gar nicht das Herz, eine Bitte auszusprechen, von der ich heute eigentlich reden wollte.« Er blickte ihr so selig entgegen; er nickte ihr aufmunternd zu und sagte: »Das ist es ja gerade, was ich wünsche! Ich wollte, Sie hätten alle Tage tausend Bitten, die ich gewähren könnte!« »Das ist es ja eben! Ich weiß nicht, ob Sie im Stande sind, mir die gegenwärtige zu gewähren.« »Ist's denn gar so schwer? Versuchen Sie es doch einmal!« »Schwer ist's nun gerade nicht; aber Zeit gehört dazu, und die wird Ihnen wohl nicht zur Verfügung stehen.« »Warum nicht? Zeit habe ich stets!« »Ja, für Ihr Geschäft, aber nicht für mich!« »Für Sie am Allermeisten. Doctor Bertrand läßt mich machen, was ich will. Also bitte, sagen Sie mir ja, womit ich Ihnen dienen kann!« »Nun, so will ich es wagen. Ich muß Ihnen nämlich sagen, daß mein Vater gestorben ist.« »Ihr Vater?« fragte er erschrocken. »Herrgott, das ist ja ganz und gar traurig!« »Allerdings, obgleich er nicht mein eigentlicher Vater, sondern nur mein Pflegevater, mein Vormund war.« »So haben Sie keine rechten Eltern mehr, Mademoiselle?« »Nein. Ich bin ein Waisenkind.« »Gerade so wie ich!« »Ja, gerade so wie Sie!« Da ergriff er ihr Händchen, streichelte es, aber vorsichtig, um ihr ja nicht wehe zu thun, oder etwas an der Herrlichkeit dieses »Meisterstückes« zu verändern und sagte: »Gott schütze Sie. Man sagt, daß ein jedes Kind einen Engel habe, ein Waisenkind aber drei, nämlich zwei an Stelle des Vaters und der Mutter.« »Das ist ein sehr lieber und schöner Glaube, aus dem man reichen Trost zu schöpfen vermag. Also mein Pflegevater ist gestorben und soll morgen beerdigt werden. Ich will hin, und auch meine Schwester kommt.« »Eine Schwester haben Sie, eine Schwester?« »Ja, ein gutes, heiteres herziges Wesen. Ich habe ihr telegraphirt, und sie wird morgen auf dem Bahnhofe sein. Dort empfange ich sie, und wir fahren weiter, nach Metz und von da nach Etain. Denken Sie sich, so weit wir Zwei!« »Ja, das ist nun freilich schlimm! Zwei Damen, so allein!« »Zwar fürchte ich keine Gefahr; aber man weiß doch niemals, was geschehen kann. Denken Sie, damals auf der Mosel.« »Ja, wer sollte meinen, daß man da Schiffbruch leiden könne!« »Und doch mußten Sie mich aus dem Wasser retten. Seit jener Zeit ist es mir, als ob ich nur dann sicher sein könne, wenn ich bei Ihnen bin. Darum kommt nun meine heutige Bitte, lieber Schneeberg – aber es fällt mir wirklich schwer, sie auszusprechen.« Er lächelte ihr freundlich entgegen und sagte: »Nun, da muß ich sie Ihnen leicht machen. Wissen Sie, was mich recht froh und glücklich machen könnte?« »Nun, was?« »Wenn ich Sie begleiten dürfte. Aber so eine Dame, wie Sie, wird sich mit so einem armen Kräutersammler nicht abgeben wollen. Nicht wahr?« »Wo denken Sie hin? Das war es ja gerade, um was ich Sie bitten wollte.« »Wirklich? Dann hätten sich unsere Wünsche ja recht schön begegnet!« »So wie immer! Aber, werden Sie denn auch Zeit haben?« »So viel, wie Sie wünschen! Ich werde es meinem Herrn melden, und dann wird Alles abgemacht sein.« »Gut! Werden Sie mit dem Vormittagszuge fahren können?« »Das versteht sich ganz von selbst!« »So treffen wir uns auf dem Bahnhofe! Wie freue ich mich, meine Schwester wieder zu sehen! Es sind Jahre vergangen, seit wir uns trennten. Wissen Sie, daß ich ihr von Ihnen geschrieben habe, von Ihnen und dem Löwenzahn? Ich dachte, sie könne sich erkundigen.« »Wo?« »Sie wohnt in Berlin.« Er horchte auf. »In Berlin?« fragte er. »Ist sie da verheirathet?« »O nein. Sie ist Gesellschafterin gerade wie ich. Es geht ihr sehr gut. Ihre Herrin ist eine Gräfin von Hohenthal.« »Von Hohen – Hohenthal?« fragte er, indem er Mühe hatte, seinen Schreck zu verbergen. »Ja. Ihr Sohn ist Husarenrittmeister.« »So, so! Darf ich ihren Namen wissen?« »Madelon heißt sie. Also Sie kommen gewiß?« »Ganz gewiß!« »So will ich wieder gehen. Marion wird mich erwarten.« Sie erhob sich und reichte ihm die Hand. »Sie wollen allein gehen?« fragte er. »Ja. Ich nehme morgen so viel von Ihrer Zeit in Anspruch, daß ich Sie heute nicht auch noch berauben will. Leben Sie wohl, mein bester Herr Schneeberg!« »Adieu, Fräulein Nanon!« Sie trennten sich. Sie ging, und er blieb zurück. Als sie sich entfernt hatte, schüttelte er den Kopf und sagte: »Na, na, was soll daraus werden! Hohenthals Madelon ist ihre Schwester! Die kennt mich ganz genau. Sie wird gleich ahnen, weshalb wir uns hier befinden. Was ist da zu thun? Es wird am Besten sein, ich frage den Herrn Rittmei- wollte sagen, den Herrn Doctor Müller. Was der sagt, das wird gemacht. Auf mich allein kann ich es nicht nehmen.« Er nahm seinen Sack auf die Achsel und schritt davon. Er war allerdings keineswegs wirklich verpflichtet, für Doctor Bertrand Pflanzen zu sammeln; oft aber, wenn es seine eigenartigen Geschäfte zuließen, brachte er officinelle Kräuter mit heim. Auch heute sagte er sich, daß er Muse zum Sammeln solcher Thee's habe, und so verweilte er noch längere Zeit in Wald und Feld. Es war bereits weit über Mittag, als er mit den Ergebnissen seines Botanisirens nach Thionville kam. Er begab sich, als er dieselben abgeliefert hatte, nach dem Gasthofe, in welchem damals die Seiltänzer logirt hatten und in dessen kleinem Zimmer er den Auftritt mit dem nachher verunglückten Mädchen erlebt hatte. Als er quer über die Straße hinüber schritt, erblickte er Müller, seinen Herrn, welcher langsam, mit den Schritten eines Spaziergängers, daher geschlendert kam. Ein kurzer Wink zwischen Beiden genügte zum Verständniß, daß Fritz mit dem jetzigen Erzieher zu sprechen habe. Der Erstere trat in den Gasthof ein. In dem Gastzimmer befand sich kein Mensch; dennoch aber begab er sich nach dem erwähnten kleinen Stübchen, um von etwa noch ankommenden Gästen ungestört zu sein. Müller war so vorsichtig, die Straße vollends hinauf zu gehen und durch zwei Nebengassen zurückzukehren. Auch er begab sich nach dem hintern Zimmerchen, da er in der vorderen Stube Niemanden erblickte. Gerade als er dort eintrat, erhielt Fritz seine Flasche Wein, welche er sich bestellt hatte. Er grüßte fremd, als ob er den Letzteren nicht kenne, und bestellte sich ebenso Wein. Als derselbe gebracht worden war und die Kellnerin sich entfernt hatte, fragte er in halb lautem Tone: »Du hast mir Etwas zu sagen?« »Ja, Herr Doctor.« »Etwas Wichtiges?« Fritz zuckte die Achsel, machte ein schelmisches Gesicht und antwortete: »Hm! Für mich vielleicht, für Sie aber wohl weniger. Es ist eine private Angelegenheit.« »So, so! Laß doch einmal hören!« »Ich brauche sehr nothwendig einen kurzen Urlaub.« »Weshalb?« »Na, weil der Pflegevater gestorben ist!« »Der Pflegevater?« fragte Müller erstaunt. »Doch wohl nicht der Deinige?« »Nein. Zweimal stirbt bekanntlich Keiner. Ich meine nämlich den Pflegevater von Mademoiselle Nanon.« »Ah! Das verstehe ich nicht.« »Nun, sie hat in der Gegend von Etain einen Pflegevater, welcher gestorben ist. Sie will ihn begraben helfen, und ich soll die Ehre haben, sie zu begleiten.« »Du, Du!« drohte Müller mit dem Finger. »Was soll ich davon denken? Ich will doch nicht hoffen, daß – – –!« Er hielt inne, und Fritz fiel schnell ein: »Daß ich etwa nicht der Kerl bin, eine Dame zu begleiten und zu beschützen?« »Eine alte, eine recht sehr alte, ja; aber eine so junge und zugleich hübsche? Nein!« »Donnerwetter! Ein königlich preußischer Ulanenwachtmei – – –« »Pst!« warnte Müller. »Ach so! Ich wollte sagen ein französischer Kräuterfex, der mit Blumen und Blüthen umzugehen weiß, wird wohl auch verstehen, eine junge Dame zart genug anzufassen!« »Also beim Anfassen bist Du schon?« »Warum nicht?« »Duldet sie das?« »Was will sie machen!« »Hm! Wie kommt sie denn gerade auf Dich?« »Da ist jedenfalls nur der Kräutersack schuld!« »Wieso?« »Weil der ihr stets als Kanapee dient.« »Ach so! Ich beginne, zu begreifen! Ihr trefft Euch zuweilen im Walde?« »Freilich!« »So ganz zufällig?« »Ganz und gar!« »Dann setzt Ihr Euch nieder und plaudert?« »Natürlich!« »Sie sitzt auf dem Sacke?« »Gewöhnlich.« »Und Du daneben?« »Zuweilen. Es kommt auch vor, daß ich liege. Wir haben nämlich bei unseren Conferenzen jede Etiquette verbannt.« »Das ist sehr praktisch. Und wovon unterhaltet Ihr Euch?« »Vom Wetter, von Frostballen, von Clarinetten und auch wohl von sauren Gurken und hölzernen Pantoffeln.« »Schlingel! Giebt es keinen bessern und interessanteren Unterhaltungsstoff?« »O doch!« »Nun?« »Wir gucken uns an. Das ist das Liebste und Interessanteste, was wir machen können.« »Fritz, Du bist verliebt!« »Donnerwetter, ja, das ist wahr!« »Und sie, die Nanon?« »Die wohl schwerlich. Leider! So ein kleines Mäuschen wird sich in so einen großen Bären vergaffen!« »Das ist richtig! Du hast übrigens auch ganz und gar Nichts an Dir, was geeignet sein könnte, das Herz eines jungen, hübschen Mädchens zu erobern!« »Ah! Wirklich? Ja, das kann wahr sein. Es fehlt mir das Haupterforderniß, um Liebe und Anbetung zu erwecken.« »Was?« »Der Buckel, den Sie haben.« »Du bist ein Galgenstrick! Aber lassen wir diese heikle Angelegenheit. Deine Bekanntschaft mit Nanon Köhler kann uns sehr nützlich werden. Wie lange soll der Urlaub währen?« »Das weiß ich nicht. Doch wohl nicht länger als bis übermorgen Abend oder den nächsten Vormittag.« »Wann fahrt Ihr ab?« »Morgen mit dem Mittagszuge.« »Nun gut! Du sollst den Urlaub haben, und hier auch das Reisegeld. Da, nimm!« Er zog die Börse und reichte dem Wachtmeister einige Goldstücke hin; dieser nahm sie mit lachender Miene in Empfang und sagte: »Großen Dank, Herr Doctor! Auf diese Weise kann ich nobel auftreten und mich sehen lassen. Das ist mir besonders deshalb lieb, weil eine alte, gute Bekannte mitfahren wird.« Müller horchte auf. »Eine Bekannte?« fragte er. »Von hier?« »Nein, sondern von Berlin.« »Das wäre?« frug Müller erstaunt. Fortsetzung 69 Fritz streckte behaglich die Beine aus, machte ein höchst wichtiges Gesicht und sagte: »Ja, mein verehrtester Herr Doctor, das ist eine ganz verteufelte Geschichte. Wir können gewaltig in die Käse fliegen. Wer hätte aber auch so Etwas denken können.« »Du machst mich besorgt. Was giebt es denn?« »Hm. Sie kennen doch die Familie des Herrn Husarenrittmeisters von Hohenthal?« »Natürlich! Ich bin ja mit dem Rittmeister innig befreundet. Wir besuchen uns sogar.« »Das weiß ich. Sie kennen also auch die Gesellschafterin seiner gnädigen Frau Mutter?« »Die kleine Madelon? Ja.« »Fällt Ihnen nicht auf, daß sie gerade Madelon heißt?« »Warum sollte mir das auffallen? Wohl weil dieser Vorname ein französischer ist?« »Ja. Nanon und Madelon, Madelon und Nanon. Ist Ihnen der Familienname dieser kleinen Dame bekannt?« »Hm. Ich glaube, ihn gehört zu haben. Ah, jetzt fällt er mir ein. Ich glaube, daß der Rittmeister »Fräulein Köhler« zu ihr sagte!« »So ist es! Und Nanon heißt auch Köhler. Daraus folgt, daß –« »Daß sie verwandt sind?« fiel Müller schnell ein. »Sogar daß sie Schwestern sind!« »Sapperment. Ist das wahr?« »Ja. Nanon hat es mir selbst gesagt.« »Und ich habe keine Ahnung davon gehabt. Wer hätte das denken können. Du willst doch nicht etwa sagen, daß diese Madelon kommen wird?« »Gerade das will ich sagen. Auch sie ist von dem betreffenden Pflegevater erzogen worden. Nanon hat ihr telegraphirt, und nun wird sie morgen mit dem Mittagszuge in Thionville eintreffen, um sich ihrer Schwester anzuschließen.« »Das ist unangenehm, höchst unangenehm!« »Allerdings.« »Du wirst Nanon nicht begleiten können.« »Das habe ich mir auch gesagt. Man dürfte sich eigentlich gar nicht sehen lassen; aber – hm – ich habe mir das Ding genau überlegt; ich habe es nach rechts und links gewendet und bin da zu der Ansicht gekommen, daß es doch wohl besser ist, wenn ich mich vor ihr zeige.« »Wieso?« »Nun, erstens habe ich Nanon mein Wort gegeben. Es ließe sich zwar eine Ausrede nicht schwer erfinden, aber es könnte auffallen und, aufrichtig gestanden, fahre ich doch gar zu gern mit.« »Deine persönlichen Gefühle müssen hier vor den Rücksichten der Klugheit zurücktreten.« »Das wäre richtig, wenn es richtig wäre. Aber die beiden Schwestern haben einander seit Jahren nicht gesehen. Madelon wird dieser kleinen Nanon einige Tage widmen; sie wird nach dem Begräbnisse ganz sicher mit nach Schloß Ortry kommen, und dann ist es ja gar nicht zu vermeiden, daß Sie von ihr bemerkt und gesehen werden.« »Das ist leider sehr richtig« »Das kann gefährlich werden; das kann Alles verrathen. Im Augenblicke des Erkennens hat man sich nicht so wie zu anderer Zeit in der Gewalt. Wie nun, wenn die kleine junge Dame vor Ueberraschung mit Ihrem wirklichen Namen herausplatzte!« »Das wäre verteufelt.« »Das meine ich auch, und darum ist es besser, daß ich mich vor ihr sehen lasse und sie vorbereite.« »Das mag sein. Aber womit wollen wir unsere Anwesenheit, unser Incognito begründen?« »Dies zu bestimmen, überlasse ich Ihnen. Die Wahrheit dürfen wir auf keinen Fall sagen.« »Natürlich nicht. Du kennst wohl Einiges aus der Vergangenheit meiner Familie?« »Ja, was ich so hier und da gehört und weggeschnappt habe.« »Der alte Capitän spielt da eine große Rolle –« »Ich weiß es. Sie meinen, daß ich ihr auf diese Weise unsere Anwesenheit erklären soll?« »Ja, es wird dies das Beste sein.« »Jedenfalls. Aber, was soll ich ihr da sagen?« »Das überlasse ich Dir. Du bist klug und vorsichtig genug, um das Richtige zu treffen und weder zu viel noch zu wenig zu sagen. Ich kann Dir keine Vorschriften machen, da ich ja nicht weiß, wie sich Euer Zusammentreffen gestalten wird.« »Und darf Nanon davon hören?« »Kein Wort!« antwortete Müller schnell. »Sie darf also gar nicht wissen, daß ihre Schwester mich kennt. Das erschwert die Sache.« »Ich halte diese Madelon für klug, verschwiegen und gewissenhaft.« »Ich auch. Ich hoffe, daß sie selbst gegen ihre Schwester nicht plaudern wird. Aber, hm, da macht mir eben der Augenblick des Zusammentreffens Sorge.« »Du hast Dich mit Nanon auf den Bahnhof bestellt?« »Freilich. Ihre Schwester weiß, daß sie dort von ihr erwartet wird. Da wird sich die Coupeethür öffnen; die beiden Schwestern fliegen sich in die Arme; ich stehe dabei wie ein Oelgötze, Madelon erkennt mich und schreit: Ei potz Blitz, bist Du nicht die Gustel von Blasewitz? Ich bin erkannt und entlarvt; die Butter fällt mir vom Brod; Nanon staunt mich an und fragt nach meinem Heimathsschein – es wird eine Scene, welche wir auf alle Fälle vermeiden müssen.« »Sehr richtig.« »Aber das Mittel. Es will mir augenblicklich nichts einfallen!« »Es giebt da nur ein einziges Mittel, vorzubeugen, daß wir nicht verrathen werden.« »Und das wäre?« »Du mußt ihr entgegenfahren.« »Alle Wetter. Das ist richtig. Und ich Dummkopf komme nicht selbst darauf. Aber wie weit fahre ich?« »Der Zug trifft nach zwölf Uhr hier ein. Auf einem kleinen Anhaltepunkt, wo es keinen Aufenthalt giebt, hast Du keine Zeit, ihr Coupee zu entdecken. Du mußt ihr unbedingt bis Trier entgegen fahren, und das ist nur mit dem Morgenzuge möglich.« »Gut. In Trier hält der Zug zehn Minuten; das genügt, um einen Passagier ausfindig zu machen, zumal ich annehmen kann, daß sie nicht in dritter Classe fahren wird.« »Du brauchst Dich nur an die Schaffner zu wenden. Du steigst bei ihr ein, und bis Du hier ankommst, ist die Angelegenheit in Ordnung gebracht. Ich weiß, daß ich keine Befürchtung zu hegen brauche, da ich mich auf Dich verlassen kann.« »Keine Sorge, Herr Doctor. Aber wie kommt es, daß Sie sich jetzt in der Stadt befinden?« »Ich kam, um beim Buchhändler einige Bücher zu kaufen. Horch! Es scheinen Gäste gekommen zu sein.« Die Kellnerin hatte die nach dem großen Zimmer führende Thür nicht fest zugemacht, sondern nur angelehnt. Die Beiden hörten Schritte, und eine Stimme fragte: »Ist der Wirth zu Hause?« »Ja,« antwortete das Mädchen. »Gieb mir einen Absynth und rufe ihn. Dich aber brauchen wir nicht dabei.« Das Mädchen ging. »Ah, eine heimliche Unterredung, wie es scheint!« flüsterte Müller. Er trat an die Thür, warf einen Blick durch die Spalte und gewahrte einen Mann, dessen Gesicht durch einen dunklen Vollbart verhüllt war. Er trug ganz gewöhnliche Kleidung, doch war der Eindruck, den er machte, ein martialischer. Er hatte sich auf einen Stuhl gesetzt und trank von dem Schnapse, den ihm das Mädchen gegeben hatte, ehe sie aus der Stube gegangen war. Müller und Fritz verhielten sich unwillkürlich ganz schweigsam. Es währte eine ziemliche Zeit, bis der Wirth eintrat. »Du lässest mich lange warten!« sagte der Mann zu ihm. »Und meine Zeit ist kurz bemessen.« »Kann ich dafür? Was giebts?« »Versammlung.« »Ach so. Dann hast Du allerdings gehörig zu laufen. Versammlung für Alle?« »Nein, nur die Anführer.« »Wann?« »Punkt elf Uhr.« »In den Ruinen?« »Nein; das ist nicht mehr möglich, seit wir damals belauscht worden sind. Möchte nur wissen, welchem Subjecte es gelungen ist, sich einzuschleichen. Einen Verdacht hat man.« »Ah. Wirklich? Wer?« »Es läuft ein fremder Kerl den ganzen Tag im Walde herum, um Kräuter zu sammeln. Man hat ihn auch bei den Ruinen gesehen. Vielleicht ist Der es gewesen.« Der Wirth schüttelte den Kopf und antwortete: »Der? Das fällt ihm gar nicht ein.« »Kennst Du ihn?« »Ja. Er ist der Pflanzensammler von Doctor Bertrand. Ich kenne ihn genau, da er bei mir viel verkehrt.« »Was ist es für ein Mensch?« »Der ist ebenso dumm, wie er lang und stark ist. Saufen kann er, wie ein Loch. Aber sonst ist ganz und gar nichts mit ihm. Er thut das Maul nicht auf, spielt weder Billard noch Karte; der hat für Nichts Sinn als für seinen Kräutersack!« »Das ist sein Glück. Wollte er seine Nase in unsere Angelegenheit stecken, so würde sie ihm bald breit gedrückt werden. Woher stammt er?« »Aus Genf, überhaupt aus der französischen Schweiz, glaube ich. Um den brauchen wir uns nicht zu grämen.« »Schön. Der Capitän hat ihm mißtraut und will ihn beobachten lassen. Ich werde ihn also beruhigen.« »Das kannst Du getrost thun. Also in den Ruinen kommen wir nicht zusammen? Folglich beim alten Thurme?« »Auch nicht. Wo denkst Du hin. Wie können wir so Etwas wagen! Hast Du denn die Kerls vergessen, welche damals das Grab geöffnet haben?« »Ah, richtig. Ihr hättet sie erschießen sollen.« »Pah. Du hast gut Reden. Der Capitän hatte den Klingeldraht falsch angebracht; es läutete zu spät. Wir waren nur drei Personen am Wachen, und als wir kamen, ging eben der Spectakel los, nämlich das Donnern und Blitzen.« »Diese Kerls mögen schön erschrocken sein.« »Und wie! Der Eine riß sofort aus. Er schrie Etwas in einer fremden Sprache, welche der Teufel vielleicht versteht, ich aber nicht.« »Habt Ihr Keinen erkannt?« »Nein. Es waren Drei. Also Einer riß aus, aber die beiden Anderen blieben furchtlos stehen. Natürlich kam der Capitän dazu, von dem Glockenzeichen herbeigerufen. Er befürchtete, daß diese Zwei bleiben würden, um zu lauschen, was nun von unserer Seite geschehen werde; darum mußten wir uns vollständig still verhalten. Und wirklich. Ein Rascheln, welches später zu hören war, überzeugte uns, daß sie sich zwar entfernt hatten, aber wiedergekommen seien.« »Schlauköpfe.« »Ja. Ich möchte wissen, wer es gewesen ist. Erst am Morgen entfernten sie sich, und von da an hatten wir Gelegenheit, das Loch wieder zuzuwerfen und die Zerstörung, welche sie angerichtet hatten, zu beseitigen.« »Hoffentlich aber ist der Alte so klug gewesen, das Arrangement verändern zu lassen!« »Jedenfalls. Er schweigt natürlich darüber; aber ich vermuthe, daß einige Kameraden, welche ich mehrere Tage lang nicht zu Gesichte bekam, heimlich bei ihm arbeiten mußten.« »So bleibt uns nur noch das Trou du bois , wo wir uns versammeln könnten?« »Jetzt, ja. Also heut Abend zehn Uhr im Trou du bois . Jetzt muß ich weiter.« »Ist Etwas mitzubringen?« »Nein. Wir werden einige Befehle erhalten; das ist Alles. In einer Viertelstunde ist's abgemacht. Adieu!« Er gab dem Wirthe die Hand und ging. Der Letztere begleitete ihn hinaus und kehrte nicht wieder zurück. Die beiden Lauscher blickten einander an. Dann nickte Fritz wohlgefällig vor sich hin und sagte mit gedämpfter Stimme: » Bon! Das war famos! Nicht?« »Sehr gut!« »Der Wirth muß von unserer Anwesenheit gar nichts wissen.« »Jedenfalls. Darum wollen wir die Thür zumachen, damit er, wenn er unsere Gegenwart bemerkt, nicht auf die Vermuthung kommt, daß wir Etwas hören konnten.« Fritz drückte die Thür in's Schloß, nahm wieder Platz und sagte: »Also auf mich haben diese Kerls Verdacht! Wie gut, daß ich dies weiß! Jetzt kann ich mich darnach verhalten.« »Und ich freue mich sehr, daß nicht ich es bin, auf den ihr Augenmerk gefallen ist. Seit mich der Capitän mit Dir in den Ruinen sah, war ich überzeugt, daß der Verdacht sich einzig gegen mich richten werde.« »Heut Abend wieder eine Zusammenkunft! Alle Wetter! Wenn man die belauschen könnte!« »Den Ort wüßten wir. Im Trou du bois .« »Das heißt auf Deutsch im Waldloche. Kennen Sie vielleicht diesen Ort, Herr Doctor?« »Nein; aber ich muß ihn zu erfahren suchen.« »Die Erkundigung könnte auffallen!« »Nein. Ich spreche auf dem Nachhausewege beim Förster vor.« »Wenn nun Der mit ihnen unter der Decke steckt?« »Ich halte mich an den Forstgehilfen. Dieser ist ein junger, unerfahrener Mensch, vor dem mir nicht bange zu sein braucht.« »Was werden Sie thun, wenn Sie erfahren, wo dieses Waldloch sich befindet?« »Das kann ich jetzt noch nicht sagen; ich muß die Umstände berücksichtigen.« »Vielleicht kommen Sie auf den Gedanken, die Versammlung zu belauschen?« »Möglich!« »Donnerwetter! Das ist gefährlich!« »Allerdings,« antwortete Müller, indem er die Achsel zuckte. »Es kann Ihnen an den Kragen gehen!« »Das kann mich nicht abhalten, meine Pflicht zu thun!« »Aber Sie haben sich vor allen Dingen zu erhalten, schon um Ihre Aufgabe zu erfüllen.« »Die erfülle ich ja eben, indem ich horche!« »Aber man jagt Ihnen unter Umständen eine Kugel durch den Kopf!« »Ich bin auch bewaffnet. Uebrigens wirst Du mir wohl die nöthige Vorsicht zutrauen.« »Man kann bei aller Klugheit und Vorsicht in die allerdickste Tinte gerathen!« »Ich danke Dir für die Besorgniß, welche Du für mich zeigst! Aber denke an Dich selbst! Hast Du etwa gezaudert, als Du damals des Nachts Dich bei der Ruine befandest?« »Nein. Ich habe allerdings meine Nase, die sie mir so gern breit schlagen möchten, sofort in die Ruine gesteckt.« »Und das Leben dabei gewagt!« »Pah! Man hat mir nichts gethan!« »Aber man hätte Dich beinahe ergriffen, und dann wäre es jedenfalls aus mit Dir gewesen!« »Ja, Matthäi am Letzten wäre es gewesen! Aber ich hätte mich doch vorher ganz gehörig meiner Haut gewehrt, und es ist doch auch ein Unterschied zwischen Ihnen und mir zu machen!« »Das sehe ich nicht ein!« »O! Ein Ritt- und ein Wachtmeister!« »Pst!« »Schön! Also ein Doctor der Philosophie und ein Kräutermann! Wenn sie mich wegputzen, so sind Sie immer noch Manns genug, Ihre Aufgabe zu lösen; dreht man aber Ihnen den Kopf auf den Rücken, so ist's aus mit der Laterne. Also, lieber Herr Doctor, schicken Sie lieber mich nach dem Trou du bois !« »Das geht nicht! Ich muß selbst da sein!« »So nehmen Sie mich wenigstens mit.« »Du mußt ausschlafen!« »Pah! Etwa der morgenden Reise wegen?« »Natürlich!« »Das fehlte noch! Ich bitte wirklich von ganzem Herzen, nicht ohne mich zu gehen!« Das klang so treu und dringend, daß Müller nicht zu widerstehen vermochte. Er antwortete: »Gut! Wenn ich Dir damit einen so großen Gefallen thue!« »Einen sehr großen! Wo treffen wir uns?« »Punkt zehn Uhr da, wo vom Schlosse aus der Fußweg in den Wald tritt.« »Werden Sie bis dahin wissen, wo das Waldloch zu suchen ist?« »Ich hoffe es. Natürlich bewaffnest Du Dich!« »Das versteht sich ganz von selbst! Befehlen Sie vielleicht, daß ich mich nun zurückziehe?« »Nein. Wir warten noch. Gehen wir jetzt, und der Wirth erblickt uns, so schöpft er Verdacht. Sieht er uns aber erst später, so meint er vielleicht, daß wir erst später gekommen sind. Apropos! Hast Du Abu Hassan wiedergesehen?« »Nein.« »Er ist seit jener Nacht spurlos verschwunden.« »Aber seine Requisiten befinden sich noch hier im Gasthofe.« »So kehrt er sicher zurück.« »Auf alle Falle. Er müßte sonst gewärtig sein, daß man ihn steckbrieflich verfolgt. Er hat ja vor Gericht seine Aussage über den Tod der Schauspielerin zu thun. Bleibt er damit im Rückstande, so wird er gesucht.« »Solltest Du ihn sehen, so benachrichtigst Du mich sofort!« »Sie haben mit ihm zu sprechen?« »Ja. Ich muß mir über Einiges klar werden. Ich bedaure jetzt, nicht aufrichtiger mit ihm gewesen zu sein. Uebrigens möchte ich jetzt am Schlusse ein aufrichtiges Wort mit Dir reden, Fritz!« »Ganz wie der Herr Doctor befehlen!« »Sage mir einmal ohne allen Rückhalt: Liebst Du diese Nanon wirklich?« Der Gefragte wurde roth. Er blickte eine Weile vor sich nieder, hob dann den Kopf, richtete seine treuherzigen, guten Augen auf Müller und antwortete: »Herr Doctor, das ist eine ganz und gar verdonnerte Frage! Man ist so manchem Gesichte gut gewesen; aber was Liebe ist, wirkliche, richtige Liebe, hm! Wenn Sie mir doch sagen könnten, was das ist?« »Nun,« antwortete Müller lächelnd, »in diesem Punkte bin ich gerade ebenso gescheidt wie Du. Auch ich bin nicht im Stande, eine Definition von diesem Worte zu geben.« »Nicht? Da will ich es doch einmal versuchen!« »Laß Dich hören!« »Ist das Liebe, wenn man ein Mädchen zum ersten Male sieht und sie doch gleich mit Haut und Haar fressen möchte?« »Nein; das ist vielmehr der Heißhunger eines Menschenfressers.« »So! Oder ist das Liebe, wenn man so ein Mädchen an das Herz nehmen und gar nicht wieder von sich lassen möchte?« »Vielleicht.« »Wenn man für sie durchs Feuer gehen und tausend Mal für sie sterben möchte, wenn das möglich wäre?« »Hm! Hübscher ist es doch jedenfalls, für die Geliebte zu leben als für sie zu sterben!« »Das leuchtet auch mir ein. Aber, Alles in Allem gerechnet, bin ich doch wohl auf der richtigen Fährte, wenn ich annehme, daß ich dieser Nanon von ganzem Herzen gut bin.« »Hast Du Dir aber auch überlegt, was daraus folgen kann?« »Ja.« »Nun, was?« »Eine Hochzeit oder ein alter Junggeselle.« »Unsinn!« »Herr Doctor, das ist kein Unsinn! Wenn dieses Mädchen meine Frau nicht werden will, so bleibe ich ledig!« »Das ist fester Entschluß?« »Ja!« »Und da thust Du noch zweifelhaft, ob Du sie wirklich liebst?« »Gut, so will ich den Zweifel zur Thür hinauswerfen!« »Dann bedenke, wer sie ist!« »Ein wunderbar gutes und liebes Mädchen!« »Eine Gesellschafterin, ohne Familie und Vermögen!« »Habe ich etwa Vermögen oder Familie?« »Fritz! Du weißt ja, daß ich daran arbeite, das Geheimniß Deiner Geburt zu enthüllen!« »Lassen Sie lieber den Vorhang drüber! Ich bin jetzt ein ganz und gar glücklicher Kerl. Ich habe Sie; ich habe meine Uniform – wollte sagen, meinen Kräutersack; ich kann zuweilen einige Augenblicke mit Nanon sprechen; ja, ich darf sogar morgen mit ihr verreisen! Das ist bereits mehr, als dazu gehört, zufrieden zu sein.« »Aber wenn Du doch der Sohn eines Grafen, eines Generals wärst?« »Dieses Glück wäre wohl nicht so groß wie dasjenige, der Mann dieser Nanon sein zu dürfen!« »Nun gut, sprechen wir jetzt nicht weiter darüber. Wenn es mir gelingt, diesen Bajazzo ausfindig zu machen, so – – –« »So werden Sie vielleicht erfahren,« fiel Fritz ein, »daß wir Spinnewebe gesponnen haben!« Da wurde die Thür geöffnet; der Wirth blickte herein. Er machte, als er die Beiden sah, ein finsteres Gesicht, trat näher und fragte, sich an Fritz wendend: »Sind Sie schon lange hier?« Fritz machte das dümmste Gesicht, welches er fertig zu bringen vermochte, und antwortete: »Sie wissen es ja.« »Ich? Ich sah Sie nicht kommen!« »O doch! Als ich zum ersten Male bei Ihnen einkehrte, standen Sie unter der Thür.« »Ah, wer fragt denn darnach! »Sie doch!« »Ist mir nicht eingefallen!« »Donnerwetter! Sie fragten mich doch, wie lange ich bereits hier bin, in Thionville!« »Da haben Sie mich falsch verstanden. Ich meine, wie lange Zeit Sie bereits hier sitzen, nämlich heute.« »Hm! Ich habe nicht nach der Uhr gesehen.« »War Jemand im vorderen Zimmer?« »Die Kellnerin.« »Kein Gast?« »Nein.« Jetzt schien der Wirth beruhigt zu sein. Er wendete sich an Müller und fragte diesen: »Sie waren noch nie bei mir, Monsieur. Darf ich fragen, wer Sie sind?« »Aus welchem Grunde fragen Sie? Muß man, um ein Glas Wein bei Ihnen zu trinken, sich legitimiren?« »Nein; das nicht; aber ich liebe es, die Herren zu kennen, welche bei mir verkehren. Sie wissen ja, Monsieur, es ist Pflicht eines Wirthes, Jeden nach seinen begründeten Ansprüchen zu behandeln.« »Möglich. Was mich betrifft, so sind meine Ansprüche nicht groß. Ich bin Erzieher.« »Wo?« »Auf Schloß Ortry.« Ein leises Zucken ging über das Gesicht des Wirthes. Er ließ sein Auge von dem Einen auf den Andern herüber und hinüber schweifen und fragte: »So sind Sie Herr Doctor Müller?« »Ja.« »Sie haben das gnädige Fräulein gerettet?« »Ja.« »Und dann auch den jungen Baron Alexander?« »Es gelang mir, ihn vor dem gefährlichen Sturze zu bewahren.« »Sie müssen ein sehr muthiger Mann sein!« Dabei musterte er ihn mit offenbar mißtrauischem Blicke. »Pah! Man thut seine Pflicht!« meinte Müller kalt. »Haben diese Herren sich zufällig getroffen?« »Zufällig,« nickte der verkleidete Officier, der damit ja auch die Wahrheit sagte. »Kennen Sie sich vielleicht?« Das war denn doch zu unverschämt. Müller stand auf, warf ein Geldstück auf den Tisch und antwortete: »Bringen Sie Ihre Fragen bei Schulknaben an, nicht aber bei Einem, der selbst gewohnt ist, Antworten zu hören. Hier die Bezahlung! Adieu!« Er ging. Der Wirth blickte ihm nach und sagte dann, zu Fritz gewendet: »Ein grober Mensch!« »Ja,« meinte der Kräutersammler kurz. »Finden Sie das nicht auch?« »Sogar sehr! Ich hätte ihn beinahe beohrfeigen mögen!« »Wieso?« »Er trat hier ein, als ich mich eben niedergesetzt hatte. Meinen Sie etwa, daß er grüßte?« »Nicht?« »Fiel ihm gar nicht ein! Ich wollte ein Gespräch beginnen – – –« »Er mochte nicht?« »Nein. Ich fing vom Wetter an; er aber gönnte mir nicht einmal einen Blick. Ich brachte Verschiedenes vor, lauter prächtige und intressante Sachen; wissen Sie, was er da zu mir sagte?« »Nun?« »Ich solle den Schnabel halten!« »Das ist allerdings sehr stark!« »Sehr! Mich wundert es, daß er es nicht auch zu Ihnen gesagt hat. Schnabel! Als ob man ein Staar oder eine Blaumeise wäre! Dieser Kerl wird dem jungen Baron eine schauderhafte Bildung beibringen!« »Ja, das scheint so! Aber, sagen Sie: Ist wirklich Niemand in der vorderen Stube gewesen?« »Nein.« »Sie haben nicht gehört, daß Jemand gesprochen hätte?« »Kein Wort!« »So ist's also doch gut! Ich erwarte nämlich den Briefträger; er ist aber, wie ich nun höre, noch nicht dagewesen. Waren Sie heute bereits nach Pflanzen aus?« »Ja. Allüberall, im Walde und im Felde.« »Wo sind da Ihre liebsten Stellen?« »Wie meinen Sie das?« »Ich meine, wo Sie sich am Allerliebsten aufhalten?« »Hm! Im Bette.« Fritz sagte das, indem seine Miene die größte Unbefangenheit zeigte. Der Wirth warf ihm einen zornig forschenden Blick zu und fragte: »Monsieur, wollen Sie mich etwa zum Narren haben?« Fritz sah erstaunt zu ihm auf und antwortete: »Wieso? Sie fragen mich, wo ich mich am Allerliebsten aufhalte, und ich sage es Ihnen. Was ist da weiter daran?« Der Wirth sah ein, daß er es mit einem Menschen zu thun habe, dem die Intelligenz nicht mit Scheffeln zugemessen worden sei. Er beruhigte sich also und erklärte: »Ich meine, ob Sie im Walde vielleicht ein Lieblingsplätzchen haben, an welchem Sie sich am Liebsten aufhalten.« »Ich gehe dahin, wo ich meine Pflanzen finde; andere Plätze können mich gar nicht interessiren.« »Sind Sie oft beim alten Thurme?« »Brrrr! Dort geht es ja um!« »Wer sagte Ihnen das?« »Alle Welt weiß es ja!« »Oder gehen Sie zuweilen nach der großen Ruine, welche mitten im Walde liegt?« »Was soll ich in Ruinen? Dort wächst Das, was ich suche, jedenfalls nicht.« »Oder halten Sie sich öfters am Trou du bois auf?« Fritz merkte natürlich, daß er ausgehorcht werden solle. Je mehr der Wirth in ihn drang, ein desto dümmeres Gesicht machte er. Jetzt freute er sich innerlich, daß der Ort erwähnt wurde, von dem er gern wissen wollte, wo er liege. Er fragte darum: »Am Trou du bois ? Was ist das?« »Ein Loch im Walde.« »Das heißt, ein Ort, an welchem sich keine Bäume befinden?« »Nein. Es ist ein großes Loch in der Erde.« »Es giebt viele Löcher im Walde, bei denen ich gewesen oder vorübergekommen bin.« »Es ist, wenn Sie von dem großen Steinbruche aus über die nächste Waldesecke eine gerade Linie ziehen.« »Was verstehe ich von dem Steinbruche, der Waldesecke und der Linie! Wer soll das begreifen!« »Ich meine, wenn Sie auf dieser Linie fortgehen, so gelangen Sie in Zeit einer guten halben Stunde nach dem Loche.« »Meinetwegen. Fällt mir gar nicht ein, eines alten Loches wegen, welches mir gar nichts angeht, eine Linie durch den Steinbruch und den Wald zu ziehen. So eine Heidenarbeit. Da habe ich mehr zu thun.« Der Wirth lachte laut auf. Er fühlte sich außerordentlich befriedigt und sagte, noch immer lachend: »Aber, Monsieur, ich habe doch auch gar nicht gemeint, daß Sie eine wirkliche Linie ziehen sollen.« »Na also! So lassen Sie mich auch mit dieser Linie in Ruhe. Warum reden Sie überhaupt von ihr, wenn Sie gar nicht verlangen, daß ich sie ziehen soll.« »Sie sind köstlich, wieder köstlich. Also Sie waren noch nicht an dem Loche. Sie kennen es nicht?« »Nein.« »Finden Sie nicht, daß der Wald, gerade dieser Wald sehr einsam ist?« »Wie jeder andere auch.« »O, es giebt doch Wälder, in denen viel Verkehr ist. Dieser Wald wird aber wohl nicht viel von Menschen besucht?« »Ich weiß nichts davon. Wenigstens habe ich nicht gefunden, daß dort so viele Menschen verkehren, daß sie geradezu mit den Köpfen zusammen rennen.« »Aber zuweilen trifft man Jemand?« »Ja.« »Wen denn zum Beispiel?« »Den Förster, einen Holzhauer oder einen Handwerksburschen.« »Sonst Niemanden?« »Ich kann doch nicht wissen, wer da herumläuft. Ich habe verteufelt wenig Personen gesehen.« »Aber man spricht davon, daß besonders zur Nachtzeit zuweilen viele Menschen dort zu treffen sind.« »Unsinn. Welcher vernünftige Kerl läuft des Nachts im finsteren Walde herum.« »O! Man redet Eigenthümliches.« »Dummheiten redet man! Gäbe es hier eine Grenze, die sich durch den Wald zieht, so wäre es möglich, daß sich Pascher an derselben herumtreiben. Wenn man aber da von Leuten redet, welche sich des Nachts im Walde herumtreiben, so befindet man sich gehörig auf dem Holzwege. Ich weiß das viel besser.« Der Wirth stutzte. Sollte dieser dumme Bursche dennoch vielleicht Etwas ahnen? Er fragte darum: »Nun, wer könnte es denn sonst sein, wenn es keine Leute sind, Monsieur?« »Hm! Ja! Davon darf man eigentlich nicht sprechen.« »Nicht? Warum nicht?« »Es ist gefährlich!« »Wieso gefährlich?« fragte der Wirth, dessen Mißtrauen wieder zu wachsen begann. »Weil sie Einem sonst erscheint, sogar wenn man gar nicht in den Wald geht, sondern im Bette liegt.« »Wer denn? So reden Sie doch.« »Na, leise darf man schon davon sprechen. Also wissen Sie, was sich des Nachts im Walde herumtreibt? Menschen sind es nicht.« »Nun, wer sonst?« »Kommen Sie her.« Der Wirth trat ihm näher. Fritz faßte ihn am Arme, zog seinen Kopf zu sich nieder und flüsterte ihm in das Ohr: »Die wilde Jagd.« Dann ließ er den Arm des Wirthes wieder los, schüttelte sich, als ob es ihn schaure, machte ein höchst ernstes Gesicht, nickte einige Male sehr bedeutungsvoll und fügte dann hinzu, indem er drei Kreuze schlug: »Ja, so ist es, wenn man auch nicht laut davon sprechen darf. Aber des Nachts brächte mich keine Macht der Erde in den Wald, selbst wenn man zehn Pferde vorspannte!« Jetzt fühlte sich der Wirth nun ganz und gar überzeugt, daß er es mit einem höchst unschädlichen und im Superlativ harmlosen Menschen zu thun habe. Er nickte, indem er innerlich sehr belustigt war, dem Pflanzensammler verständnißinnig zu und sagte: »Ja, so ist es! Ich habe auch bereits davon gehört!« »Wissen Sie auch, wer während der wilden Jagd in den Wald geht, dem dreht der wilde Jäger das Gesicht hinter auf den Rücken?« »Ich habe es gehört.« »Und dann muß er mit jagen und hetzen in alle Ewigkeit. Der Himmel behüte mich dafür.« »Ja, das ist schlimmer selbst als das Fegefeuer und die ewige Verdammniß. Es graut Einem, wenn man nur daran denkt. Ich will lieber an meine Arbeit gehen.« Er ging; aber als er sich in dem vorderen Zimmer befand und die Thüre hinter sich zugemacht hatte, drehte er sich um, schlug ein Schnippchen und brummte vergnügt: »O Du tausendfacher Dummkopf Du! Du bist im ganzen Leben nicht zu kuriren. Und diesen albernen Menschen haben wir für gefährlich gehalten. Sind wir da nicht noch viel dümmer gewesen als er?« Und drinnen im kleinen Zimmer lächelte Fritz leise vor sich hin und sagte zu sich selbst: »Jetzt wird er da draußen lachen und seine Glossen reißen. Dieser Franzmann ist doch ein unendlich gescheidter Kerl. Er hat die Güte gehabt, mir die allerbeste Auskunft zu geben. Nun weiß ich genau, woran ich bin. Diese Linie vom Steinbruch aus über die Ecke des Waldes ist ganz famos. Ich werde den Herrn Doctor erfreuen, wenn ich ihm heute Abend sagen kann, wo sich dieses Waldloch befindet. Ich breche sofort auf, um es mir anzusehen. Aber vorher muß ich nach Hause, erstens um beim Wirthe keinen Verdacht zu erregen, und zweitens um mir noch eine Waffe zu holen. Man weiß nicht, ob ich gleich draußen bleiben muß.« Er ging, um einen Revolver zu sich zu stecken, und verließ dann die Stadt, indem er die Richtung nach dem ihm sehr wohl bekannten Steinbruche einschlug. Müller war froh gewesen, vom Wirthe loszukommen. Er nahm sich vor, nicht direct nach Schloß Ortry zu gehen, sondern das Forsthaus aufzusuchen. Er lenkte also von der Straße ab und schlug eine Richtung ein, welche auch an dem erwähnten Steinbruch vorüberführte. – Unterdessen hatte sich auf dem Schlosse eine aufregende und etwas stürmische Scene ereignet. Noch befanden sich nämlich die beiden Rallions hier, Vater und Sohn. Die Wunde, welche Fritz bei seiner Flucht aus der Ruine dem Ersteren in die Hand beigebracht hatte, war als nicht bedeutend erkannt worden. Der Schnitt jedoch, welchen Fritz dem Sohne versetzt hatte, war fataler. Erstens verursachte er eine heftige Entzündung und große Schmerzen, und sodann entstellte er das Gesicht, auf welches der Oberst stets sehr eitel gewesen war. Es verstand sich ganz von selbst, daß die beiden Grafen sich nicht in der allerbesten Laune befanden. Ihre heimlichen Angelegenheiten befanden sich zwar scheinbar im besten Gange, aber in Beziehung der beabsichtigten Verbindung des Obersten mit Marion wollte sich kein erfreulicher Fortschritt zeigen. Darum war Rallion, der Vater, am Morgen, als Marion beim Unterrichte ihres Bruders zugegen war, zu dem alten Capitän gegangen. Er fand denselben über Briefen und Berechnungen sitzend. Der Alte reichte ihm die Hand und fragte ihn nach dem Grunde des unerwarteten Besuches. »Hier,« sagte Rallion, »lesen Sie die Zeilen, welche mir durch die Morgenpost zugegangen sind.« Der Capitän nahm das Papier. Es enthielt nur wenige Zeilen, welche also lauteten: »Dem Grafen Jules Rallion auf Ortry! Kommen Sie sofort. Ihre Gegenwart ist dringend nothwendig, um Gegenströmungen zu bekämpfen. Herzog von Gramont.« Der Befehl war also von dem Minister des Auswärtigen unterzeichnet, welcher, der Kaiserin zur Seite stehend, zu der Kriegspartei gehörte. »Was sagen Sie dazu?« fragte Rallion. »Daß Sie reisen müssen. Wer mag der Schöpfer dieser Gegenströmung sein?« »Das ist mir hinlänglich bekannt, interessirt mich aber augenblicklich gar nicht. Sie selbst sagen, daß ich reisen müsse. Aber denken Sie dabei auch an die Absichten, welche mich zu Ihnen führten?« »Natürlich.« »Sie sind unerfüllt geblieben.« Der Alte blickte verwundert auf. Er legte die Feder weg, zupfte an den Spitzen seines Schnurrbartes und sagte: »Daß ich nicht wüßte. Sie haben gesehen, daß unsere Organisation nahezu vollendet ist. Sie haben ferner die Vorräthe gesehen, welche sich täglich vergrößern und –« Rallion schnitt ihm mit einer raschen Handbewegung das Wort ab und fiel ein: »Das ist es nicht, was ich meine; ich denke vielmehr an unsere Privatangelegenheit.« »Nun, ist diese nicht in Ordnung?« »Was nennen Sie Ordnung, bester Capitän?« »Den gegenwärtigen Zustand der Dinge!« »Pah, ich finde ihn sehr unbefriedigend, also nicht in Ordnung.« Der Alte sah ihn groß an; auf seiner Stirn zeigte sich eine Falte des Unmuthes. »Mein lieber Graf,« sagte er, »wenn ich von Ordnung spreche, so weiß ich, was ich sage. Ich hoffe, Sie kennen mich.« »Ja, ich kenne Sie allerdings; aber selbst der sorgfältigste Rechner irrt sich einmal. Vielleicht nähern wir uns einem Facit, an welches wir nicht gedacht haben.« »Wieso? Es giebt Gründe, welche uns eine Verbindung unserer Kinder dringend wünschen lassen. Ich habe Ihnen gesagt, daß Marion die Gemahlin Ihres Sohnes wird. Beide haben sich hier eingefunden, um sich kennen zu lernen. Ist das nicht genug?« »Nein.« Da zog ein eigenthümliches Lächeln über das Gesicht des Alten. »Hm!« sagte er. »Sollten Sie so heißblütig sein, an eine sofortige Vermählung zu denken?« »Das kann mir nicht einfallen. Aber eine Sicherheit wünsche ich doch zu erhalten.« »Sie haben mein Wort. Genügt Ihnen das nicht?« »Nein.« Der Graf sagte das ruhig, konnte sich aber doch nicht enthalten, einen ängstlichen Blick auf den Capitän zu werfen. In den Augen desselben leuchtete es zornig auf. »Wie?« fragte er. »Was sagen Sie? Mein Wort, mein Versprechen, mein Ehrenwort genügt Ihnen nicht?« »Wie hoch Ihr Wort mir steht, das wissen Sie. Sie haben es oft und zur Genüge erfahren. Aber in diesem Falle kommt es in eben dem Grade, vielleicht noch mehr, auf das Wort noch einer anderen Person an.« »Wen meinen Sie? Den Baron? Oder die Baronin?« Der Graf kannte die Verhältnisse des Hauses genau. Er lachte verächtlich auf und sagte: »Pah! Nach dem Willen oder den Wünschen dieser Beiden fragen Sie doch auf keinen Fall!« »Allerdings. Sie können also nur Marion selbst meinen?« »Ja; sie ist es.« »Nun, da beruhigen Sie sich sehr. Marion wird gehorchen!« »Sie erlauben mir, das zu bezweifeln!« »Wieso? Haben Sie Gründe?« »Beobachten Sie doch die Dame, wie sie sich meinem Sohne gegenüber verhält!« »Nun, wie denn?« »Kalt abweisend, fast möchte ich sagen verächtlich.« »Ja, das Mädchen hat Temperament, und Ihr Sohn giebt sich keine Mühe, sich ihrem Ideale zu nähern. Denn ein Ideal, so ein lächerliches Phantom, schafft sich ja jedes junge Ding. Er mag versuchen sie zu gewinnen!« Der Graf schüttelte den Kopf. »Dazu habe ich keine Zeit. Ich bin gekommen, Sicherheit mit hinweg zu nehmen. Jetzt muß ich reisen. Was bieten Sie mir?« »Ah! Denken Sie vielleicht an eine Verlobung?« »Vielleicht!« »Bei dem Zustande Ihres Sohnes? Er hütet das Bett; er ist Patient; er ist entstellt!« »Nun, so mag mir die Zusage Marions genügen. Diese aber muß ich haben, wenn ich beruhigt abreisen soll.« »Sie ist nicht nöthig, Graf!« »Und dennoch verlange ich sie. Wie nun, wenn Marion bereits gewählt hätte?« Da zogen sich die Spitzen des weißen Schnurrbartes in die Höhe. Der Alte hatte jetzt jenes bissige Aussehen, welches man in den Augenblicken des Zornes an ihm zu beobachten pflegte. »Die?« fragte er in verächtlichem Tone. »Was hätte denn die zu wählen!« »Und wenn es nun doch so wäre!« »So bin doch ich Derjenige, dem sie zu gehorchen hat und dem sie gehorchen muß!« »Ueberzeugen Sie mich!« »Graf, Sie sind wirklich unbegreiflich! Aber aus alter Freundschaft will ich Ihnen den Willen thun. Ich werde mit Marion sprechen.« »Wann?« »Wann reisen Sie?« »Morgen früh.« »Ihr Sohn bleibt hier?« »Ja. Sein Zustand verträgt nicht, daß er seinen hiesigen Aufenthalt unterbricht.« »Nun gut, so werde ich nach der Tafel mit Marion reden, und dann können Sie ihre Zustimmung aus ihrem eigenen Munde vernehmen.« »Ich will es hoffen!« »Uebrigens habe ich Ihnen auch außer dieser Angelegenheit eine höchst erfreuliche Mittheilung zu machen. Ich erhielt, gerade wie Sie, heute Briefe; darunter befindet sich Einer, den wir längst mit Sehnsucht erwartet haben.« Der Graf horchte auf. »Doch nicht aus New-Orleans?« fragte er rasch. »Ja, doch.« »Gott sei Dank! Wie lautet er? Zustimmend?« »Ja. Die Firma sendet uns einen ihrer Beamten, einen Master Deephill, welcher den Auftrag hat, mit uns abzuschließen. Der Mann hat die Millionen bei sich und wird morgen mit dem Mittagszuge hier eintreffen.« »Von Trier oder Luxemburg aus?« »Auf der ersteren Linie.« »So haben wir gewonnen! Dies giebt mir die Hoffnung, daß auch die Privatangelegenheit sich glücklich ordnen lassen wird.« »Verlassen Sie sich auf mich!« Damit war diese Besprechung zu Ende. An der Mittagstafel ging es sehr einsilbig, fast möchte man sagen, düster her. Der Baron speiste wie ein Automat; er war geistesabwesend und sprach kein Wort. Der junge Graf konnte nicht erscheinen; sein Vater hatte keine Lust, ein Gespräch zu beginnen. Der alte Capitän konnte es noch immer nicht verwinden, daß er gezwungen worden war, den Erzieher mit an dem Tische zu sehen. Die Baronin, Marion und Nanon berücksichtigten diese Verhältnisse durch tiefes Schweigen, und wenn ja ein lautes Wort gehört wurde, so waren es nur Müller und Alexander, welche mit einander sprachen. Nach Tische, als sich Alle erhoben, beorderte der Capitän Marion und die Baronin auf sein Zimmer. Dies geschah in jenem harten, befehlenden Tone, welcher nie etwas Gutes verhieß. Der Alte ging langsam in dem Raume auf und ab. Die Baronin war die Erstere, welche erschien. »Wo ist Marion?« fragte er. »Ich weiß es nicht,« antwortete sie. »Ich hatte natürlich Grund, sie hier zu vermuthen.« Sein Schnurrbart zuckte, aber er sagte doch nichts. Die Baronin nahm Platz, und Beide warteten, bis endlich Marion in das Zimmer trat. Der Alte lehnte sich an seinen Schreibtisch, musterte sie eine Weile und begann dann: »Warum kommst Du nicht sofort?« Ihr Gesicht war bleich aber ruhig. Sie ahnte, welches der Gegenstand der Unterhaltung sein werde. Sie hob ihr Auge zu ihm auf und antwortete: »Ich mußte erst Papa nach seinem Zimmer bringen.« »Pah! Er kann selbst gehen! Du hast meinen Befehlen stets ohne alles Zaudern nachzukommen. Ich habe sehr Wichtiges mit Dir zu besprechen.« »So erlaube, daß ich mich setze!« Sie machte Miene, nach einem Sessel zu greifen; er aber hielt sie durch eine gebieterische Handbewegung davon ab. »Das ist nicht nöthig!« sagte er. »Was ich Dir zu sagen habe ist zwar wichtig, aber auch kurz. Du wirst gehorchen, und so ist die Unterredung in einer Minute beendet.« Er fuhr sich mit der Hand über die kahle glänzende Stirn, wendete sich an die Baronin und fragte: »Sie wissen, Madame, weshalb ich Marion heimgerufen habe?« »Ja, Herr Capitän,« antwortete sie. Auf ihrem Gesichte lag ein Lächeln nicht zurück zu haltender Befriedigung. Sie wußte, worüber jetzt gesprochen werden sollte. Sie haßte Marion, haßte sie von ganzer Seele, und so freute sie sich, sie los zu werden, und ebenso großes Vergnügen gewährte ihr der Gedanke, daß das schöne Mädchen einem Manne gehören werde, den sie nicht lieb hatte. »Und weshalb Graf Rallion mit seinem Sohne sich gegenwärtig auf Ortry befindet?« fragte er weiter. »Ja.« »Ich denke mir, daß dieses Arrangement nicht gegen Ihren Geschmack sein wird?« »Ich fühle mich vielmehr sehr befriedigt von demselben. Oberst Rallion hat eine Zukunft und ist überdies eine sehr interessante Persönlichkeit.« »Hörst Du, Marion! Der Brief, mittelst welchem ich Dich zurückrief, enthielt bereits einen ziemlich deutlichen Wink. Seit Deiner Rückkehr wirst Du die Güte und Zweckmäßigkeit meiner Absichten erkannt haben, und so bin ich überzeugt, daß Du dem Grafen eine freudige Antwort geben wirst, wenn er Dich jetzt besucht, um Dich zu fragen, ob er Dich von heute an als die Verlobte seines Sohnes betrachten darf?«