Ernst von Wolzogen Das Mädchen mit den Schwänen Drei Geschichten * Ullstein-Bücher Eine Sammlung zeitgenössischer Romane Ullstein \& Co / Berlin und Wien * Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. Amerikanisches Copyright 1906 by Ullstein \& Co, Berlin. Inhalt Das Mädchen mit den Schwänen   Die Sühne der großen Stunde   Die heilige Maske   Das Mädchen mit den Schwänen An einem grimmigen Novembertage des Weltkriegjahres 1914 um die Morgenstunde war es, als dem Schulzen des armseligen Dorfes Schlagedotten, irgendwo an den Masurischen Seen, der Befehl zuging, er habe dafür zu haften, daß binnen vierundzwanzig Stunden sämtliche Einwohner ihre Wohnstätten verlassen hätten, da das Dorf zu jeder Stunde in den Schußbereich der russischen Artillerie gelangen könne. Dem harten, schwerfälligen Manne rannen zwei dicke Tränen über die zerfurchten Wangen in den Stoppelbart. Seine zahlreiche Familie war um ihn versammelt, als der Meldereiter den Befehl überbrachte, und so hatte er nicht erst nötig, ihn durch den Dorfbüttel auschellen und am Schwarzen Brett anschlagen zu lassen. Seine Kinder, seine Leute hatten in weniger als zehn Minuten die Schreckensbotschaft verbreitet, und in jedem Hause, in jeder Hütte Schlagedottens wurde das letzte Mittagsmahl durch reichliche Tränen versalzen. Freilich waren die Leute darauf gefaßt gewesen, daß der Ausweisungsbefehl kommen mußte, denn der Kanonendonner, der ihnen nun schon wochenlang tagtäglich und allnächtlich von weither in die Ohren klang, war in den letzten Tagen merklich näher gekommen, und in der letzten Nacht hatten sie am anderen Ufer ihres Sees auch schon deutlich Flintengeknatter hören können. Lange Züge von Flüchtlingen aus den Ortschaften, die der russischen Grenze näher lagen, waren ebenfalls seit Wochen auf der Landstraße, die eine Viertelstunde Weges seitab von Schlagedotten zwischen den Seen hindurchführte, vorbeigezogen. Leiterwagen, vollgepackt mit Betten und dem notwendigsten Hausrat, Weiber, Kinder, alte Leute in dumpf verzweifeltem Schweigen darin hockend, Vieh hinten angebunden und zwischen den Wagen hergetrieben, alles durcheinander, Pferde, Kühe, Schafe, Schweine, Geflügel. Und was sich unterwegs verlor oder nicht Schritt halten konnte, das irrte auf den verschneiten Feldern umher und fand sich, vor Hunger kläglich brüllend, blökend, meckernd, in den verlassenen oder auch bewohnten Gehöften ein. Nun war auch an Schlagedotten die Reihe gekommen und es hieß die kurze Frist nach Möglichkeit auszunutzen, in aller Eile die notwendigsten Habseligkeiten aufzupacken, und was sich von dem Erntesegen des reichen Herbstes nicht mitschleppen ließ, vergraben, in fest verrammelten Kellern verstecken, oder zum mindesten im Freien zu Feimen aufstapeln, wo es immerhin noch sicherer war als in den Scheunen, wenn die Brandgranaten geflogen kamen. Und sie kamen geflogen. Schon am Abend dieses Tages. Am frühen Nachmittag nämlich war auf der Landstraße ein Regiment südwärts marschiert, und die russischen Flieger mußten seinen Vormarsch bemerkt haben. Um die Truppen beim Eingraben zu stören, hatte die feindliche Artillerie bei Einbruch der Dunkelheit ein paar Schrapnelle und Granaten tastend hinabgeworfen. Die erste dieser Granaten war weit über das Ziel hinausgeflogen, hatte vom Dache des wohlhabenden Bauern Starsinski ein großes Stück weggerissen und war im Hofe aufgeschlagen und krepiert. Starsinskis Schäferhund hatte dabei sein Leben lassen müssen. Alle späteren Geschosse von drüben schlugen weit vor dem Dorfe ein; aber der große Schrecken war nun einmal da. Kaum daß die Kinder in dieser Nacht Schlaf fanden: alle Erwachsenen schafften in fieberhafter Eile, die Weiber weinten, jammerten und beteten, und die wenigen Männer fluchten und schrien, weil sie ihnen überall im Wege waren und in ihrer kopflosen Angst das gänzlich Unnütze herbeischleppten und das Notwendige liegen ließen. Mit Tagesanbruch begann der Auszug, und als um elf Uhr vormittags eine Landwehrkompagnie Quartier machen kam, fand sie alle Häuser geräumt bis auf eins. Das war eine elende Hütte dicht am See; sie schien halb versunken in den moorigen Untergrund, das Gehöft verborgen unter der ungleich verteilten Last, und die Lehmwände zwischen dem Fachwerk vielfach geborsten, hier und da ganz herausgefallen. Der Schulze, der sich als letzter dem Zuge der flüchtenden Schlagedottener angeschlossen hatte, war dem Hauptmann der einrückenden Landwehrkompagnie noch unterwegs begegnet. »Herr Hauptmann,« hatte er ihn angeredet, »bei Gott, ich habe getan, was in meiner Macht stand; aber was soll man machen, wenn doch die Leute gar so dämlich sind? Da ist der Häusler Suberski – arme Leute im letzten Hause am See. Ich habe mich erbarmt über das arme Volk und habe ihm die Aufsicht über die Schwäne im See zugeteilt, daß ihm das sollte noch ein paar Dittchen eintragen. Der Mann ist ja so weit verständig; aber den haben sie fortgeholt zum Landsturm. Nu ist doch bloß der Großvater und die Frauensleute noch zu Hause, da müssen der Herr Hauptmann schon selber zusehen, was Sie ausrichten – ich habe die Gesellschaft nicht fortgekriegt.« Nachdem der Hauptmann seine Kompagnie untergebracht hatte, ließ er sich den Großvater Suberski kommen; doch der verstand kaum ein Wort Deutsch, es war nicht mit ihm zu reden. Mit der Großmutter noch weniger, die verstand gar kein Deutsch und war außerdem fast taub. Die Schwiegertochter war die einzige der Familie, mit der sich verhandeln ließ. Der Hauptmann legte dem kränklichen, blassen Weibe die Hand auf die Schulter und redete ihr mit milder Eindringlichkeit zu: »Was muß ich von Euch hören, Frau?! Ihr wollt nicht fort? Ja, das hilft nun nichts: Ihr müßt fort, so gut wie die anderen. Nehmt doch mal Vernunft an. Es geschieht doch zu Eurem Besten – der Schaden wird Euch ja doch ersetzt. Oder wollt Ihr lieber von den Russen totgeschossen werden? Ihr seid ja Eures Lebens keine Stunde mehr sicher. Also nun man fix, vorwärts! Meine Leute werden Euch helfen.« Mit angstweiten Augen und offenem Munde hatte das verhärmte Weib den Worten des Hauptmanns gelauscht; nun strich es sich das wirre Haar unter das wollene Kopftuch zurück und trat, tief knicksend, ganz nahe an ihn heran. Zaghaft streichelte ihre rauhe knochige Hand seinen Ärmel, und dann sagte sie, indem sie sich zu einem Lächeln zu zwingen suchte: »Nu ja, ja – wir wissen ja, wir müssen fort; da gibt's nichts weiter. Wir wollen ja auch, gnädiger Herr Offizier. Es ist ja auch bloß von wegen der Marjell.« »Was für eine Marjell?« »Nu was meine Tochter ist. Stasinka schreibt sie sich; wir sagen Stasinka dazu, getauft ist sie Anastasia. Sie ist ja wohl nicht ganz ... Ich weiß nicht recht, wie ich sagen soll. Das Köpfchen ist ja wohl nicht ganz richtig, gnädiger Herr Offizier. Was die Marjell ist, die will ja nicht fort. Sie hört ja nicht und hört ja nicht. Was soll man machen? Erbarmen Sie sich! Man kann doch nicht fortziehen und lassen sein Kind allein unter all die Masse Soldaten.« »Ja eben darum,« lachte der Hauptmann. »Also ich will Euch was sagen, Frau. Habt Ihr aufgepackt? Gut. Dann setzt Euch man eben drauf auf Euren Wagen und die Stasinka heben wir zu guter Letzt dazu. Da wird ihr kein Sträuben helfen. Wo steckt sie denn, die Stasinka?« »Im Schwanstall, gnädiger Herr.« »Was, im Schweinestall?« »Aber nein! Im Schwanstall, sag' ich. Was mein Mann ist, der hat doch die Schwäne im See zu versorgen, und nu haben wir doch der Marjell zwei junge Schwäne zum Aufziehen gegeben, und seit der Zeit ist die Stasinka wie verrückt mit das Viehzeug. Seit der See gefroren ist, hat sie doch ihre Schwäne im Stall, und da steckt sie den ganzen Tag dabei und erzählt sich mit ihnen, gerade, als ob's Menschen wären. Und nu hat sie sich eingeschlossen in den kalten Stall mit die beiden jungen Schwäne und geht nicht raus und sagt: sie will lieber sterben, als daß sie von die Schwäne fortgeht. Erbarmen Sie sich, Herr Offizier! Was soll man tun?« Der Hauptmann drehte seinen Schnurrbart und wußte nicht, was er sagen sollte. Er winkte den Feldwebel heran und befahl ihm kurz, die Sache mit möglichster Schonung zu erledigen. »Zu Befehl, Herr Hauptmann,« versetzte der stramme Soldat, indem er grinsend seine gesunden Zähne zeigte. »Ich will dem verrückten Frauenzimmer schon Beene machen. Schweinebraten haben wir ja nun hier zu Lande mehr wie reichlich genossen – wir können ja mal zur Abwechslung probieren, wie Schwanebraten schmeckt.« »Das lassen Sie gefälligst bleiben!« verwies der Hauptmann ihn stirnrunzelnd. »Sie dürfen nicht vergessen, daß wir hier doch nicht in Feindesland sind. Das Mädchen ist offenbar nicht ganz normal. Also schonen Sie ihre Empfindlichkeit. Verstanden?« »Zu Befehl, Herr Hauptmann,« sagte der Feldwebel und machte seinem Ärger über die empfangene Zurechtweisung dadurch Luft, daß er die Frau Suberski ziemlich unsanft beim Handgelenk nahm und ohne weiteres zur Türe hinausbugsierte. Er ließ sich von ihr den Weg nach dem schiefen Häusel am See zeigen und winkte unterwegs zwei Landwehrmänner heran: »Wittlowski und Kaczmarek, kommt mal mit! Ihr könnt doch Polnisch, ihr Oberschlesinger.« Gehorsam rafften sich die beiden Gerufenen auf, die ihre Tornister eben abgeschnallt und sich auf ein paar Baumstämme, die vor einer verlassenen Hofreite lagen, niedergelegt hatten, und trotteten schwerfällig hinter dem Feldwebel und der Suberska her. Alle drei Männer mußten sich bücken, so niedrig war die Türe der elenden Hütte, und in dem engen Vorraum, aus dem eine Holzstiege zum Speicher hinaufführte, war es so finster, daß sie die Löcher im Estrich nicht sehen konnten. Der Feldwebel kam darüber beinahe zu Fall und fluchte nicht wenig über die polnische Wirtschaft. Dann stieß die Suberska eine Türe auf und rief auf masurisch hinein, die Stasinka sollte herauskommen. Aber es kam niemand. Da gingen die drei Männer hinein und sahen sich suchend in dem niederen Stübchen um. Es war nichts mehr von Möbeln darin als eine wacklige, rot angestrichene Kommode und die Lagerstatt, für die der Name Bett eine lächerlich anmaßende Bezeichnung gewesen wäre: vier rohe Bretter, fest an die Wand und untereinander vernagelt, darin ein klaffender Strohsack und, unordentlich darüber gehäuft, schmutziges, zerrissenes Bettzeug und Lumpen von alten Frauenkleidern. Was aber am meisten an dem Zimmer auffiel, das war die Tapezierung der Wände mit Bildern aus illustrierten Blättern. Bis nahe unter die Decke, deren Kalkbewurf arg geborsten, verräuchert und mit Spinnweben behaftet war, reichten die wahllos nebeneinander geklebten Bildchen, und sonderbarerweise hatte der Simplizissimus weitaus am reichlichsten dazu beisteuern müssen. Die Sonne schien durch die vorhanglosen Fensterchen hinein, so daß die Eintretenden zunächst gar nicht gewahr wurden, welch eine grimmige Kälte in dem wunderlich ärmlichen Stübchen herrschte. Das eiserne Öfchen mit dem langen Abzugrohr war zwar noch vorhanden, sah aber nicht danach aus, als ob es noch zum Feuern tauglich wäre. »Was sollen wir denn hier? Das Frauenzimmer ist doch nicht da! In die Kommode kann sie sich doch nicht verkrochen haben,« schimpfte der Feldwebel. »Vorwärts los, Haussuchung! Ich werde am Eingang stehen bleiben, daß sie nicht raus kann. Wittlowski, durchsuchen Sie die Stube links. Was habt Ihr sonst noch für Räumlichkeiten, Mutter?« »Die Küche und den Boden. Sonst keine, Herr,« versetzte das vergrämte Weib. »Kaczmarek, in die Küche!« kommandierte der Feldwebel. Die Soldaten kehrten alsbald unverrichteter Dinge wieder zurück. Das Mädchen war unten nicht zu finden. Während Kaczmarek hinausgeschickt wurde, um noch einmal in den Schwanenstall und in den elenden Schuppen im Hof hinaufzuschauen, stieg Frau Suberski die Bodentreppe hinauf. Die beiden lauschenden Männer in dem dunklen Vorraum hörten den schlürfenden Schritt der Frau auf der oberen Treppe und dann das Klappen einer lockeren Holztüre. Gleich darauf ertönten, gleichzeitig aus zwei Kehlen, durchdringende, schrille Schreie. Der Feldwebel stutzte: »Das sind doch keine Weiber nicht?!« – »Sind sich Ganse,« sagte der Wasserpolack grinsend. »Grußmächtige Ganse.« Er hatte noch nicht ausgeredet, als die großmächtigen Gänse sich zum Speichereingang hinausdrängten und, gellende Klarinettentöne ausstoßend, über die Stiege hinunterflatterten. Ihre gewaltigen Schwingen schlugen im Vorbeistreifen dem Feldwebel den Helm vom Kopf, während Wittlowski durch rasches Ducken dem Schlage entwich. Die geängstigten Tiere hüpften zu Boden und watschelten, so schnell sie konnten, durch die offene Haustüre hinaus. Jetzt wurde auf dem Speicher die Stimme der Suberska laut: »Herr Feldwebel, was mach' ich? Hier ist die Marjell, aber sie will ja nicht mit!« »Los, ruff! Machen Sie ihr Beine,« grobte der Feldwebel den Landwehrmann an, während er im Finstern nach seinem Helm herumtappte. Wittlowski kletterte die gebrechliche Hühnersteige vorsichtig hinauf und schrie das widerspenstige Mädchen auf polnisch an. Inzwischen kam auch Kaczmarek wieder herbei und blieb neugierig horchend am Fuße der Treppe stehen. Auf dem Speicher rumorte es schlürfend, dumpf polternd herum, die Mutter weinte und jammerte, von dem Mädchen hörte man keinen Laut. Endlich wurde sie oben am Speichereingang sichtbar, die Stasinka. Der Landwehrmann hielt sie fest um die Oberarme gepackt und schob sie gewaltsam vor sich her. Sie schrie nicht; aber sie sträubte sich aus Leibeskräften. »So ist's recht!« rief der Feldwebel hinauf. »Man bloß nicht lange Komplimente gemacht. Geben Sie ihr doch 'n Tritt, daß sie ihren Schwänen nachfliegt, das blödsinnige Frauenzimmer. Wir werden's schon uffangen.« »Herr Feldwebel,« mischte sich Kaczmarek bescheiden ein: »ist sich doch nicht Stück Vieh, was man Tritt gibt.« Und er trat an den Fuß der Treppe, winkte zum Gruße mit der Hand hinauf und redete polnisch auf das Mädchen ein. Seine Stimme klang warm, begütigend. Da erweichten sich die von der wütenden Kraftanstrengung hart gespannten groben Züge in dem breiten unschönen Gesicht, und aus tränenlosen, hellblauen Augen blickte das verängstigte Geschöpf auf den Soldaten herunter, der so gut zu ihm sprach. Es schien sein Polnisch zu verstehen und ließ sich, nur noch schwach widerstrebend, die Treppe von Wittlowski hinunterschieben. Unten angekommen, ergriff Kaczmarek das Mädchen bei der Hand, und so gelang es ohne weitere Schwierigkeiten, es zum Hause hinauszubringen. Die Mutter wollte noch dies und jenes mitnehmen; aber der Feldwebel trieb zur Eile. Die Granaten könnten jeden Augenblick wieder geflogen kommen, und er hätte die Verantwortung dafür übernommen, daß die letzten Einwohner unversehrt ihre Wohnstätten verließen. Am Ausgang des Dorfes hielt als letztes noch das elende Wägelchen, auf dem die Suberskis ihr bißchen Habe geborgen hatten. Ein abgetriebener alter Klepper mit geschundenem Fell stand in der Deichsel mit krummen Knien und stieß seinen Kopf dösend herunterhängen. Oben auf einem Haufen Betten hockte der Großvater, ebenso stumpf in sein Schicksal ergeben wie sein Gaul. Die ältere Tochter hatte noch ein paar herrenlose Hühner erjagt, die sie an den Flügeln herbeigeschleppt brachte, und die Mutter Suberski folgte dem Soldaten, in deren Mitte die Stasinka ging, und ermunterte sie durch Scheltworte zu rascherem Ausschreiten. Wie sie aber beim Wagen angelangt waren, machte das Mädchen noch einem Versuch sich loszureißen. Vergeblich. Vier derbe Fäuste hielten sie fest an den Armen gepackt. Sie stemmte sich aus Leibeskräften und warf ihren Körper hin und her, bald den einen, bald den anderen mit den beiden Wasserpolacken gegen Schulter rammend. Der Feldwebel kommandierte: »Nu man kein Theater gemacht! Angepackt, ihr beiden: eins, zwei, drei – hoppla!« Die beiden Polen faßten sich gegenseitig bei der Hand, schoben so ihre Arme unter die Knie der Stasinka und packten sie mit den freien Händen unter den Achseln; mit einem Schwung beförderte sie sie über die Rückwand des niedrigen Wägelchens hinüber. Sie fiel mit einem Schrei vornüber in die Betten hinein. Die Männer lachten und halfen der Mutter nachklettern, damit sie unterwegs nicht wieder durchginge. Die ältere Tochter grinste schadenfroh, verstaute ihre Hühner zu den anderen in einen großen Korb, und dann weckte sie den schimmernden Gaul durch einen ganz unvermuteten Peitschenschlag. Erschrocken fuhr der alte Braune auf und zog an. In diesem Augenblicke rauschte es über den Köpfen der Leute daher, daß sie alle nach oben blickten. Ihre gellenden Klarinettentöne ausstoßend, kamen Stasinkas beide Schwäne vom See hergeflogen und begannen über dem langsam davonholpernden Wagen zu kreisen. Da richtete sich das Mädchen auf die Knie auf, reckte ihre Arme in die Luft wie eine Sonnenanbeterin und stieß einen milden Schrei aus, einen sonderbaren, langgezogenen Gellschrei, den sie sich als Lockruf für ihre Lieblinge angewöhnt haben mochte. Die drei Soldaten sahen einander verlegen lächelnd an. Selbst der Feldwebel fühlte sich beinahe gerührt durch das merkwürdige Schauspiel. »So was ist mir aber noch nicht vorgekommen,« sagte er, zu den beiden Polen gewendet: »Ich glaube gar, die Schwäne ziehen der Hexe nach. Na, um so besser, dann hat sie ja ihren Willen.« Kaczmarek aber setzte sich plötzlich in Laufschritt und holte in ein paar Sprüngen den Wagen ein. Er hielt sich an der Linstenstütze und redete zu der Stasinka hinauf: »Du, Mädel, sei nur ohne Sorge: wenn deine Schwäne wiederkommen, ich werde mich um sie annehmen, solange wir in eurem Dorfe sind, und wenn wir fortkommen, trage ich es einem Kameraden von der Ablösung auf. Behüt dich Gott! Laß dir's gut gehen in der Fremde, Mädel.« Da wendete die Stasinka ihm ihr Gesicht voll zu. Die hellblauen Augen standen ihr voll Tränen, und so starrte sie in höchster Verwunderung dem Landwehrmann in das gutmütige, breite Gesicht. Dann reckte sie ihre Hände, so weit sie konnte, über den Wagenrand und fuhr ihm streichelnd mit den Fingerspitzen über die Wange: »Du bist gut zu mir,« sagte sie leise: »Dank' dir recht schön.« Und dann zog sie in drolliger Verlegenheit den Arm zurück und deckte ihn über ihre Augen. Kaczmarek ließ los, winkte ihr noch ein Lebewohl zu, und dann machte er kehrt und trollte sich zu seinen Kameraden zurück. NACH dem Mittagessen waren der Kompagnie, bis auf die Posten und Patrouillen, ein paar Stunden Ruhe gegönnt, denn erst mit Einbruch der Dunkelheit war daran zu denken, mit dem Ausheben eines Schützengrabens vor dem Dorfe zu beginnen. Die müden Soldaten hatten in den leeren Häusern Quartier bezogen, reichlich Stroh zusammengeschleppt und in die Öfen hineingestopft, was sie irgend Brennbares erwischen konnten. Bald lagen sie alle in warmen Stuben in tiefem Schlafe und stärkten sich so für die schwere Nachtarbeit. Die beiden Polen waren zusammen in ein Quartier gekommen, in ein Haus, das der elenden Hütte der Suberskis gegenüber auf der anderen Seite der Dorfstraße lag. Wittlowski sägte schon lange an einem dicken Ast; aber Kaczmarek konnte keinen Schlaf finden, nicht, weil die Kameraden so gewaltig schnarchten, sondern weil ihm die Stasinka nicht aus dem Kopfe wollte. So leid tat ihm das arme Ding, und das breite Gesicht mit den slawischen Backenknochen, dem großen Munde und der flachen Nase sah er immer vor sich. Er konnte das Gesicht nicht häßlich finden, seit die wasserblauen Augen durch den Tränenschleier ihn so dankbar angeblickt hatten. Es war doch ein Mädchen, rund und weich und warm, und er war seit fast vier Monaten auf dem östlichen Kriegsschauplatze, fern von seiner Heimat und hatte so etwas nie wieder in seinen Armen gehabt. Er war seit kurzem Witwer; aber sein Weib war älter als er selber gewesen, lang und knochig, hatte den ganzen lieben Tag mit ihm herumgeschimpft und ihm kaum Sonntags sein Schnäpschen gegönnt. Er liebte seine Kinder; aber seine Alte vermißte er nicht, und nach dem Schwanenmädchen sehnte er sich. Und wie er die Kameraden alle so fest schlafen sah, erhob er sich und machte sich auf den Zehen hinaus. Er ging hinüber in die Fischerhütte und quartierte sich auf eigene Faust in dem Städtchen mit der Bildertapete ein. Torf fand er in der Küche; damit heizte er das elende Öfchen, bis es schier glühte, und dann brachte er das jämmerliche Bett einigermaßen in Ordnung, streckte sich lang darauf aus und deckte sich seinen dicken Mantel über. Da fand er endlich Schlaf. Bis er erwachte, war es bereits stockfinster. Erschrocken raffte er sich auf, zog seinen Mantel an und trat ins Freie. Er hatte keine Ahnung, wie spät es sein mochte. Die Kompagnie konnte ja schon abgerückt sein zum Schanzen, und wenn man ihn beim Appell vermißt hatte, wurde er womöglich gar bestraft. Er fand die Dorfstraße menschenleer; da ging er in sein Quartier zurück und sah Wittlowski und zwei andere Kameraden noch behaglich auf dem Stroh ausgestreckt. Er hatte Glück gehabt. Die Kompagnie sollte in Schichten abwechselnd am Schützengraben arbeiten, und er war unter denen, die erst um zehn Uhr abends an die Reihe kamen. Jetzt war es Acht; er hatte also noch zwei Stunden vor sich und konnte in aller Ruhe sein Abendbrot verzehren und noch mehrere Pfeifen rauchen. Die Kameraden fragten neugierig, wo er denn gesteckt habe; aber er verriet es ihnen nicht, um sich nicht ihrem Gespött auszusetzen. Er hatte vor ihrem wüsten Geschnarche nicht schlafen können, log er ihnen vor, und sei lieber draußen herumgebummelt. Während sie alle Kaffee tranken und ihr Kommißbrot mit Blockwurst dazu kauten, begann Wittlowski von dem Schwanenmädchen zu erzählen, denn die Kameraden konnten nicht genug von dem seltsamen Abenteuer hören. Derbe Witze flogen hin und her, und dann behauptete einer von den Soldaten, er habe die Schwäne gesehen, als er beim Abrücken der ersten Arbeitsschicht mit draußen auf der Straße gewesen sei. Hoch oben aus der Luft seien sie kreisend im Gleitflug heruntergekommen und hätten sich schreiend auf dem Dache der Jammerbaracke drüben niedergelassen. In der Dunkelheit hätten die Riesenvögel ganz grau ausgesehen, ordentlich unheimlich sei es ihnen allen zumute gewesen, denn es sei ihnen ja erst gar nicht bewußt gewesen, daß sie es mit Schwänen zu tun gehabt hätten. Und dann hätten sich die Tiere vom Dache hinunter in das Höfchen geschwungen und wären suchend darin hin und her gewatschelt. Er hatte sich herangemacht, um sie aus der Nähe zu sehen, da seien sie zischend auf ihn los mit ausgebreiteten Flügeln und hätten wild um sich geschlagen, so daß er sich schleunigst davongemacht habe, denn er habe sagen hören, so Schwäne könnten mit ihren Flügeln einen Menschen leicht den Armknochen kaputt schlagen. Kaczmarek lauschte aufmerksam der Erzählung, und wie just niemand seiner achtete, verließ er die warme Stube und schlich sich hinüber zur Fischerhütte. Wirklich fand er die Schwäne noch vor. In einer Ecke zwischen der Umfassungsmauer und dem Holzschuppen hockten sie eng aneinander gedrückt, und als er ihnen nahe kam, streckten sie die Hälse lang aus und zischten ihn mit aufgesperrten Schnäbeln an. Er fürchtete sich nicht, sondern redete ihnen mit leiser Stimme begütigend zu. Er grüßte sie von der Stasinka und sagte, er habe versprochen, für sie zu sorgen. Sein Polnisch mochte ihnen vertraut ins Ohr klingen, die Tiere schmiegten ihre Hälse auf ihren Rücken und stellten ihr feindliches Zischen ein. Mit Hilfe seiner elektrischen Taschenlampe fand Kaczmarek alsbald den Schwanenstall mit der Gattertüre, öffnete sie weit und lockte seine Schutzbefohlenen, wie man Gänse lockt; aber darauf gingen sie nicht ein. So machte er sich davon, auf die Suche nach etwas Eßbarem. In einem großen Bauernhause traf er ein paar Kameraden, die sich Kartoffeln in der Asche geröstet hatten. Sie gaben ihm bereitwillig von ihrem Überfluß ab, und als er mit seiner Beute zurückkehrte in die Suberskische Behausung, fand er die Schwäne im Stalle. Er brach ihnen die noch warmen Kartoffeln auseinander und warf sie ihnen vor. Gierig stürzten sich die hungrigen Tiere darauf. Er sah ihnen lächelnd zu, bis sie alles vertilgt hatten, und dann schloß er das Gattertor. Befriedigt gesellte er sich wieder zu seinen Kameraden und streckte sich noch eine Stunde aufs Stroh, bis er zur Arbeit hinausmußte. Aus tausend blinkenden Augen sah der wolkenlose Nachthimmel zu, wie sich die emsigen Menschlein in die Erde eingruben, um dem Feinde Trutz zu bieten, wenn er irgendwo in der Finsternis der mondlosen Nacht lauerte. Das leise Schlürfen und dumpfe Pochen der Spaten und Pickel war das einzige Geräusch, das die Todesruhe der eiligen Winternacht belebte. Auch die Anordnungen der Vorgesetzten wurden flüsternd gegeben, und nur zuweilen sprang ein heller Klang auf, wenn die Spitze eines Pickels wider einen Stein stieß. Dann hielten jedesmal die Arbeitenden instinktiv inne und lauschten einige Sekunden lang in die Nacht hinaus. Den Kaczmarek wollte es bei solcher Gelegenheit bedünken, als hörte er aus der Ferne, vom Vorgelände her, das gleiche leise Schlürfen und gelegentliche helle Klirren. War es ein Echo, war es eine Ohrentäuschung – oder gruben sich da vorne auf dem nächsten Hügelrücken die Russen gleichfalls ein? Da klang es plötzlich hell durch die Nacht: päng, päng, päng! Dreimal kurz hintereinander. Die sämtlichen Landwehrleute hielten mit ihrer Arbeit inne und reckten sich lauschend auf. »Was geht's euch an!« schalt leise der Leutnant: »Eine von unseren Patrouillen hat mit den Russen Fühlung bekommen. Nun werden wir ja bald hören, was es gibt. Nur fleißig zugeschanzt, daß wir bis Tagesanbruch fertig werden. Kaczmarek, was stehen Sie denn und träumen?« Eine Viertelstunde später kehrte eine Patrouille zurück und berichtete, daß sie etwa einen Kilometer weit vor der Stellung auf eine Windmühle gestoßen wären; wie sie sich da nahe herangemacht hätten, um sie zu untersuchen, hätten sie Feuer bekommen. Sie hätten es jedoch nicht erwidert, sondern sich eilig auf einem anderen Wege zurückbegeben. »Gut,« sagte der Leutnant: »Schlaft euch aus. Wir melden das nach hinten, da hat morgen früh unsere Artillerie ein Ziel. – Kaczmarek, Sie träumen ja mit offenen Augen. Warten Sie, ich werde Sie schon munter halten; Sie gehen mit der nächsten Patrouille nach der Windmühle, verstanden? Unteroffizier Plaschke, Sie haben ja Schneid! Ich gebe Ihnen sechs Mann mit; Schauen Sie zu, daß Sie sich unbemerkt heranschleichen und die Gesellschaft da drin überrumpeln können. Ein paar Gefangene wären uns jetzt sehr wichtig, und erinnern Sie mich daran, daß der Kaczmarek mitgeht. Von Zwölf bis Zwei können Sie noch schlafen, dann los in Gottes Namen.« ALS um zwölf Uhr die Ablösung erfolgt war, kehrte Kaczmarek mit den anderen Kameraden in sein Quartier zurück. Er konnte keinen Schlaf finden. Diesmal war es weder das Schnarchen der Landwehrleute noch auch das Bild des Schwanenmädchens, das ihn wach hielt. Die Erwartung des gefährlichen Abenteuers peitschte ihm die Nerven auf. Wohl hatte er schon zahlreiche Gefechte mitgemacht und war auch schon oft Patrouille gegangen; nie aber doch, wie heute, einer ganz bestimmten, bekannten Gefahr entgegen. Er war ein derber Kerl, dem es an Mut und Wagelust ebensowenig gebrach wie an Kraft und Selbstvertrauen. Was ihn jetzt bis zum Verzagen aufregte, das war der Gedanke, daß er vielleicht den Todesgang antreten mußte, bevor er dem seltsamen Geschöpfe, das ihm so wohlig warm gemacht hatte, sein Versprechen voll erfüllen konnte. Was wurde aus den Schwänen, wenn er nicht für sie sorgte? Es war ihm zumute wie einem, der im Augenblicke höchster Gefahr daran denkt, daß er kein Testament gemacht hat und sein Teuerstes unversorgt zurückläßt. An die anderthalb Stunden quälte er sich so schlummerlos auf seinem Stroh dahin, hilflos preisgegeben dem harten Wogenprall bitterer Ängste und schäumenden Lebensdranges. Er erhob sich von seinem Lager, schlich sich hinaus in die eisige Nacht und hinüber zur Hütte. Er wollte sich erst überzeugen, ob die Schwäne in ihrem Stall auch schliefen. »Diawu, was ist das?« entfuhr es ihm, und er bekreuzte sich unwillkürlich. Das Gatter stand auf und der Stall war leer! Und er wußte doch bestimmt, daß er den Stift durch die Löcher der Eisenklammern gesteckt hatte. Er hastete zur Haustüre und drückte auf die Klinke. Sie gab nicht nach. Verschlossen von innen? Er stand und lauschte unschlüssig, sein Herz pochte ungestüm. Hatten ihm die Kameraden einen Streich gespielt, oder war etwa wirklich das tolle Mädel heimgekehrt durch die finstre Nacht? Er entschloß sich endlich, leise ans Fenster zu klopfen. Nichts regte sich darin. Er klopfte stärker – er flüsterte zärtlich: »Stasinka, bist du drin? – Mach mir auf, du!« Immer noch regte sich nichts. Da leuchte er mit seiner Laterne zum unverhangenen Fenster hinein, und er sah im Hintergrunde des Stübchens, auf Stasinkas ärmlichen Bette, ein weißes Gewühl sich erheben: die Schwäne. Wahrhaftig, die Schwäne! Von dem plötzlichen Lichtschein erschreckt, fuhren sie aus ihrem Schlummer empor, reckten die Hälse und breiteten, wie zur Abwehr oder zur Flucht, ihre gewaltigen Schwingen aus. Und unter diesen Schwingen wurde das blasse Gesicht ihrer Herrin sichtbar. Zwei angstweite Augen starrten nach dem Fenster. Kaczmarek steckte die Taschenlampe ein und trommelte rücksichtslos gegen die Scheiben. Er dachte nicht daran, daß das Geräusch vielleicht einen Wachposten aufmerksam machen, Kameraden, die sich zur Ablösung richteten, herbeilocken könnte. Er dachte gar nichts. Sein Blut schoß ihm heiß ins Hirn und er wußte nur eins: da drin ist die Stasinka, lebendig, weich und warm – und du sollst in den Tod, armer junger Kerl. Reiße sie an dich! Da klirrte das Fensterlein und ein Flügel tat sich auf. Er griff in die Dunkelheit hinein und erhaschte einen bloßen Arm. Das Mädchen schrie leise auf. Da drückte er den Arm an seine heiße bärtige Wange und flüsterte ihr zu: »Hab' doch keine Angst, du! Ich bin's doch. Kaczmarek Joseph schreib' ich mich. Ich bin es, der dir versprochen hat, deine Tiere zu versorgen. Laß mich doch rein, Mädel. Es ist doch so elend kalt hier draußen.« In seiner Aufregung verstand er ihre fremde Mundart nicht; aber ihre Stimme klang nicht bös und abwehrend, nur angstvoll und traurig. »Versteh' dich nicht,« klagte er ungeduldig: »Sag's doch noch einmal. Willst du mich nicht zu dir lassen? Ich mein's doch gut mit dir. Wir müssen doch alles bereden, wie wir's anstellen, daß du hierbleiben kannst, ohne daß sie es merken und dich wieder mit Gewalt fortschleppen. Ich muß jetzt gleich Patrouille gehen; die Russen haben schon geschossen, sie werden mich auch schießen, ich komme vielleicht nicht wieder, und dann habe ich dich nicht gedrückt und geküßt. Armes Mädel, du, dann hast du niemand, der dich beschützt. Mach' auf, mach' auf! Laß mich herein!« Da bewegte sich die Stasinka ein wenig zum Fenster hinaus und sprach, so deutlich sie irgend konnte: »Ich kann dich doch nicht hereinlassen. Die Schwäne leiden's nicht. Ich gehe nicht fort von den Schwänen, und wer mir nahe kommt, den schlagen sie tot, die Schwäne.« Mit der Rechten hielt Kaczmarek des Mädchens Arm umklammert, mit der Linken griff er nach ihrer Schulter und schüttelte sie zornbebend. Seine Stimme war heiser vor Aufregung: »Zum Teufel, die Schwäne! Ich will nicht Patrouille gehen und totgeschossen werden! Ich will dich erst haben, Mädchen! Wenn ich soll denken, ich bin bald tot, und ein anderer soll dich haben, dann werde ich wütig! Ich habe doch so heißes Blut, mir ist alles eins. Ich fürchte mich doch vor dem Teufel nicht, wenn ich wütig bin!« Das Mädchen stöhnte vor Schmerz unter seinem harten Griff: »Ich kann doch nicht, ich kann doch nicht!« jammerte sie leise: »Sie leiden's nicht, meine Schwäne. Stärker sind sie als wilde Hunde! Weiße Wölfe sind sie, meine Geliebten!« In diesem Augenblicke wurde es auf der Straße lebendig. Schwere Soldatenschritte klangen durch die Nacht, und auch im Hause gegenüber, Kaczmareks Quartier, ward die Haustüre aufgetan und ein Lichtschein drang in die Nacht hinaus: die Ablösung trat an. Da riß Kaczmarek das Mädchen an sich und drückte seinen Kopf gegen ihre volle Brust. Einen kurzen Augenblick nur spürte er ihr warmes Leben, dann stieß sie ihn zurück und schloß das Fenster. Und er taumelte wie trunken, das Dunkel suchend, nach dem Hause gegenüber und machte sich zu seinem gefährlichen Nachtgang zurecht. Der Unteroffizier Plaschke war ein Teufelskerl. Er war einer der ersten in der Kompagnie, die sich für verwegene Patrouillengänge das Eiserne Kreuz erobert hatten. Auch heute wieder stürmte er dem gefährlichen Abenteuer mit wahrer Knabenlust entgegen. Im Schutze eines Hohlweges ging er mit seinen sechs Mann vor, bis die Höhe, auf der die Windmühle stand, erreicht war. Dann hieß er die Leute in weiten Abständen bäuchlings herankriechen, und zwar sollten die an den Flügeln sich rascher vorwärts arbeiten, so daß eine Einkreisung der Mühle ermöglicht wurde. Kaczmarek befand sich in der Hütte, in nächster Nähe des Unteroffiziers. Das war eine saure Arbeit, dieses Vorwärtskriechen über verschneiten Sturzacker, zumal da sie die Gewehre nicht auf den Rücken hängend trugen, sondern sie in der Hand nachschleiften, um gleich schußbereit zu sein, falls sie Feuer bekamen. Die Mitte der kleinen bogenförmigen Schützenlinie war bereits bis auf fünfzig Meter heran. Wenn der Auslugsposten in der Mühle nicht schlief, dann mußte er auf dem weißen Schnee unbedingt die herankriechenden Gestalten gewahr werden. Unteroffizier Plaschke befahl den nächsten Leuten durch ganz leisen Zuruf, haltzumachen, während die beiden Flügel bis zur völligen Umfassung weiterkriechen sollten. Die Stilliegenden begannen jetzt die Kälte ganz empfindlich zu spüren. In ihren bloßen Mänteln hatten sie bei der Anstrengung der kriechenden Fortbewegung über mindestens hundertfünfzig Meter Sturzacker nicht wenig Schweiß vergossen; jetzt aber spürten sie, wie ihnen die Kälte an Brust, Bauch und Knie kroch. Zudem hatte sich als Vorbote des Morgens ein eisiger Wind aufgemacht, der ihnen gerade ins Gesicht blies. Kaczmarek fror, daß es ihn nur so riß und die Zähne aufeinanderschlugen. »Kerl, du klapperst ja wie'n Storch!« flüsterte ihm Unteroffizier Plaschke heiser zu: »Halt deine Schnauze mit die Klauen zu, du bringst uns ja ins Unglück, Mensch!« Wirklich richtete sich Kaczmarek auf dem rechten Ellenbogen ein wenig auf, stützte sein Kinn in die hohle Hand und preßte den Oberkiefer mit den Fingern dagegen. Immer noch kein Schuß! Sonderbar. Der Unteroffizier gab durch ein leises Zischen das Signal zum Weiterkriechen. Und wirklich kamen alle die sieben Mann bis dicht vor die hölzerne Mühle unbehelligt heran. Der Unteroffizier richtete sich zuerst auf, und die anderen folgten seinem Beispiel. Sie hielten leise Rat; dann klingte Plaschke vorsichtig die Türe auf und ließ Kaczmarek und noch drei andere Leute über das Treppchen hinauf. Es war finster da drin und kein Laut zu vernehmen. Kaczmarek ließ seine Laterne aufleuchten, während seine drei Kameraden die Gewehre in Anschlag brachten. Das Nest war leer. »Kinder,« sagte Plaschke, sich hinter den Ohren kratzend: »Das hat was zu bedeuten, daß die Russen hier den Posten zurückgezogen haben. So unverrichteter Dinge dürfen wir nicht wiederkommen. Wenn ihr jetzt denkt, wir werden kehrtmachen und wieder in die warme Klappe kriechen, dann kennt ihr Plaschken schlecht. Ein Mann kann zurückgehen und melden. Zwei bleiben hier in die Mühle. Nach hinten raus sind ja zwei Luken; da könnt ihr rausgucken. Aber gut aufpassen, nicht schlafen! Ich mache mich mit den drei übrigen weiter ran, wenn's sein kann, bis an den russischen Schützengraben. Wenn wir Feuer kriegen und müssen laufen und werden verfolgt, dann pfeffert ihr zwei aus der Mühle feste raus. Wenn die Kugeln pfeifen hören, werden sie schon umdrehen, die Brüder. Na, Kaczmarek, wissen Sie, was Sie zu tun haben? Sie sind ja nicht auf den Kopf gefallen: übernehmen Sie mal hier die Leitung und machen Sie Ihre Sache gut.« »Jawohl, Herr Unteroffizier. Ich wünsche viel Glück auf den Weg.« »Danke, Polack. Nu man los mit Gott für König und Vaterland.« Von seinem Auslug sah Kaczmarek die vier grauen Gestalten aufrecht über die Schneefläche schreiten; aber schon nach kaum einer Minute waren sie seinen Blicken entschwunden. Die Nacht hatte sie verschlungen, oder aber das Gelände senkte sich schon dicht hinter der Mühle und entzog sie dadurch der Sicht. Kaczmarek besprach sich mit seinen Kameraden. Daran hatte der Unteroffizier nicht gedacht, daß sie hier schon einen toten Winkel so nahe vor sich haben könnten. Wenn es wirklich so kam, wie Plaschke annahm, daß die Patrouille vom russischen Schützengraben aus verfolgt wurde, dann konnten sie ihr mit dem wildesten Geschieße von der Mühle aus keinen Beistand leisten. Die beiden Kameraden öffneten die Fensterchen und lauschten angestrengt hinaus. Der kalte Südwestwind blies schneidend herein; aber das mußte ausgehalten werden, den sie waren einzig auf ihre Ohren angewiesen. Eine ganze Stunde verrann, ohne daß sie einen anderen Laut vernommen hätten als das leise Pfeifen des Windes um die Ecken und Flügel der Windmühle. Dreiviertel Vier war die Uhr bereits, und die Müdigkeit drohte die beiden Männer ungeachtet ihres Pflichteifers zu überwältigen, als einige Schüsse aus anscheinend nicht allzu weiter Entfernung sie aufschreckten. Kaczmarek schlug vor, die Mühle zu verlassen und so weit vorzugehen, bis sie die nächste Talmulde überschauen konnten. Sein Kamerad stimmte ihm bei. Kaum zwanzig Schritt brauchten sie zu gehen, als sich der Sturzacker bereits zu senken begann. Sie hockten sich nieder und suchten mit ihren Augen die Finsternis zu durchdringen. Vergeblich. Da unten in der Mulde war es noch pechdunkel, während oben auf der Höhe das erste Morgengrauen von Osten her einen schwachen Schimmer vorbereitete. »Hat sich kein Zweck,« wendete sich Kaczmarek an seinen Kameraden: »Wir machen sich retour in das Mühle und warten, bis heller wird.« Er richtete sich auf und der Kamerad folgte seinem Beispiel. Doch kaum hatten sie ein paar Schritte nach rückwärts getan, da pfiff es von unten herauf: piff, piff, piff! ihnen dicht um die Ohren. Erschrocken wendeten sie sich um und sahen im kurzen Aufblitzen zahlreicher Gewehrschüsse, daß vom Grund herauf mehr als nur eine Patrouille, vermutlich eine ganze Schützenlinie in Anmarsch sein müsse. »Marsch, marsch!« kommandierte Kaczmarek. Und sie liefen ums Leben. Noch ein paar Kugeln pfiffen ihnen nach, ohne zu treffen. Bald fiel der eine, bald der andere lang hin über die verdammten harten Schollen; aber nach wenigen Minuten hatten sie glücklich den Fahrweg erreicht, und bald darauf waren sie in sicherer Deckung. Keuchend stürmten sie vorwärts. In kaum einer Viertelstunde legten sie den Weg zurück, für den sie beim Ausmarsch fast eine ganze Stunde gebraucht hatten, und atemlos erstattete Kaczmarek dem Leutnant seine Meldung: »Feindliche Schützenlinie in Anmarsch, Herr Leitnampt!« »Na, da ist nur gut, daß ihr da seid. Unteroffizier Plaschke hatte schon Angst, ihr könntet abgeschnitten werden. Er ist auf der Straße zurück mit seiner Patrouille und hat schon gemeldet. Laßt sie nur kommen, wir wollen sie eklig empfangen.« Die ruhende Schicht der Schanzer war bereits alarmiert worden. Kaczmarek und sein Kamerad waren kaum wieder zu Atem gekommen, als sie anrückten und sich auf den Graben verteilten. Der war freilich kaum halb fertig und noch ohne Drahthindernis, doch immerhin hat er für kniende und liegende Schützen bereits ausreichend Deckung. Der Hauptmann schritt die ganze Linie ab und ermunterte die Leute, nicht zu schießen, bis die Russen so nahe heran wären, daß man ihre Gestalten in der kahlen Dämmerung deutlich erkennen könne. Er werde mit seinem Pfeifchen das Signal zur Eröffnung des Feuers geben. Eine halbe Stunde verrann in gespanntester Erwartung. Mit geöffneten Patronentaschen, ein Häuflein loser Patronenrahmen zur Rechten, lag die ganze Kompagnie in Anschlag und achtete in ihrer heißen Erregung weder der grimmigen Kälte noch der unbequemen Lage in dem unfertigen Graben. Der östliche Horizont begann sich bereits gelbrötlich zu säumen, doch nur ein paar Minuten lang leuchtete der helle Streifen weit hinten über den dunklen Wäldern, dann verblaßte er rasch, wie wenn ein dicker Schleier davorgezogen würde. Novembernebel begann zu brauen; der schändlich tückische Nebel, den der anrückende Feind sich wie eine Tarnkappe über den Kopf ziehen kann. Der Hauptmann sah nach der Uhr. Er ließ seine elektrische Taschenlampe aufblitzen, um das Zifferblatt zu beleuchten, und fast gleichzeitig pfiff ihm eine Kugel dicht am Kopf vorbei. Ehe er noch sein Pfeifchen an den Mund setzten konnte, hub von hüben und drüben ein tolles Schießen an. Der Feind mußte ganz nahe herangekommen sein. Aus dem Schützengraben sprangen von hier und da laute Rufe auf: »Ich sehe sie! Sie sind da!« – »Zwanzig Meter! – fünfzig Meter! – tief halten! – Schnellfeuer!« Es hätte der Befehle gar nicht bedurft. Wenn sie auch noch nie in einer solchen Lage gewesen waren, die kampferprobten Landwehrleute taten instinktiv, was die Not gebot. Der Angriff schien abgeschlagen. Das rasende Feuer wurde von den Russen nur schwach erwidert und die Kugeln gingen alle über die Köpfe weg. Da kam ein Mann auf allen vieren gekrochen und rief nach dem Hauptmann. Er hatte auf dem rechten Flügel Posten gestanden und meldete, daß eine dichte Schützenlinie von der rechten Flanke her im Anmarsch sei. Da entschloß sich der Hauptmann, um nicht flankiert zu werden, sich ins Dorf zurückzuziehen und sich in den äußersten Häusern zu verteidigen, so lange es anging, wenn irgend möglich, bis Hilfe kam. Er sandte einen Radfahrer zum Abschnittskommandanten mit der Bitte um schleunige Entsendung beträchtlicher Verstärkung, und dann ließ er den Befehl durch den Graben weitersagen, daß der rechte Flügelzug liegenbleiben und den Frontalangriff des Feindes aufhalten sollte, während der linke Flügelzug sich im Schutze des Nebels nach dem Dorfe zurückziehen und die äußersten Häuser besetzen sollte. Ob der Befehl wirklich den ganzen Schützengraben durchlief, oder ob er in dem tollen Lärm des Schnellfeuers und in der Aufregung halbwegs erstickte, das vermochte der Hauptmann nicht mehr festzustellen. Eine Menge Leute krochen aus dem Graben heraus; deren Führung übergab er dem Leutnant und hieß ihn, sie im Laufschritt nach dem Dorfe zurückzukehren. Er selbst kroch auf allen vieren nach der Mitte des Grabens zurück, um da Feuergefecht weiter zu leiten. Sein gutes Glas zeigte ihm auch nicht mehr, als seine unbewaffneten Augen aufnahmen: aufblitzende Schüsse in nächster Nähe, im Nebel sich bewegende undeutliche Gestalten. Er ließ das Feuer stopsen, um zu sehen, was die Russen dann unternehmen würden; und sobald Stille eintrat, hörte er nicht nur dicht vor sich, sondern auch vom rechten Flügel her in größerer Entfernung russische Kommandorufe. Nur wenige Sekunden währte die Pause; da stürmten die Russen mit lautem »Urri« vor. Er ließ sein Pfeifchen ertönen, und sofort feuerten seine Leute drauf los, daß die Schüsse rasselten wie ein Wirbel auf eiserner Trommel. Man sah im Nebel das Zurückfluten der Angreifer, man hörte die Hilfeschreie niedergebrochener Verwundeter. Ein paar tollkühne Gesellen waren aber doch unverwundet bis an den Graben gelangt, standen gespenstisch groß auf der ausgeworfenen Erdwelle der Brustwehr und schwangen ihre Gewehrkolben hoch durch die Luft. Doch die Landwehrmänner kamen ihnen zuvor; den einen Russen packten zwei von ihnen gleichzeitig um die Beine und brachten ihn dadurch zu Falle, ein paar andere wurden durch Kolbenschläge gegen den Leib taumelnd zurückgejagt, zwei andere gleichzeitig von mehreren starken Fäusten an der Brust und an den Armen gepackt und in den Graben hineingezerrt. Es blieb keine Zeit, sich des Sieges zu freuen, denn jetzt erhob sich von rechts her das grimmige »Urri« einer anstürmenden, anscheinend geschlossenen Truppe, und das rasche Getrappel der Stürmenden näherte sich mit einer Geschwindigkeit, daß keine Zeit zu langem Überlegen blieb. Der Hauptmann ließ das Kommando: »Raus aus dem Graben! Kehrt marsch, marsch nach dem Dorf zurück!« durchlaufen, und als er die Leute auf allen vieren herauskriechen sah, schrie er mit dem äußersten Aufgebot seiner Stimmkraft: »Auf, mir nach! Gefangene und Verwundete mitnehmen. Im Laufen alle zehn Schritt kehrtmachen und schießen! Daß sich keiner gefangennehmen läßt! Vorwärts Kinder: Sprung, marsch, marsch!« Offenbar war der Feind von der Front nicht gar so weit zurückgewichen, denn sobald die Landwehrleute den Rückzug antraten, setzte sein Verfolgungsfeuer ein. Der Hauptmann war einer von den ersten, die eine blindlings in den Nebel hineingejagte Kugel traf. Kaczmarek lief dicht hinter ihm. Er hörte ihn aufschreien und nach der Hüfte greifen, und unmittelbar darauf brach er zusammen und stürzte mit dem Gesicht lang in den Schnee. Kaczmarek und noch zwei Kameraden packten ihn unter den Armen und unter den Knien und schleppten den schweren Mann mit, so rasch es ging. Sie blieben beträchtlich hinter den anderen zurück und gerieten überdies in die Gefahr, von den Kugeln der Kameraden getroffen zu werden. Die hundert Meter, die sie noch etwa zu durchmessen hatten, bevor sie das erste schützende Haus von Schlagedotten erreichten, deuchten den vier Männern endlos. Die Verwundung des Hauptmanns schien eine schwere zu sein; durch seine Kleider hindurch sickerte das warme Blut den Leuten, die ihn auf ihren unter seinem Gesäß verschlungenen Händen trugen, über Ärmel und Handgelenk; aber er war noch bei Bewußtsein. »Danke euch, brave Jungens, danke euch,« stöhnte er matt: »Laßt mich nur nicht denen in die Hände fallen. Herr Leutnant soll sein Bestes tun, das Dorf zu halten, bis Verstärkung kommt. Au verdammt! – wenn bloß der verfluchte Nebel ... daß man wüßte, wie viele man vor sich hat. – O, mein Gott! Ich kann nicht mehr.« Als die Leute schweißtriefend, schwer keuchend ihren Hauptmann in einer Scheune weiter hinten im Dorf niederlegten, hatte er schon die Besinnung verloren. Glücklicherweise waren sie unterwegs auf den Sanitätsunteroffizier gestoßen, der ihm die böse Wunde alsbald kunstgerecht verband. Sobald Kaczmarek einigermaßen wieder zu Atem gekommen war, trat er auf die Dorfstraße hinaus und versuchte, sich über die Kampflage klar zu werden. Natürlich hatte er keine Ahnung, wo seine Gruppe hingekommen sein mochte. In diesem rückwärtigen Teil des Dorfes sah er keinen der Kameraden und keinen Feind. Es wollte ihn bedünken, als ob auch das Gewehrfeuer aus den Häusern am Rande des Dorfes bedenklich abgeflaut wäre. Er faßte sich entsetzt an den Kopf: Herrgott, sollte am Ende die Kompagnie nicht mehr zusammenzuhalten gewesen und, während sie um den Hauptmann beschäftigt waren, über Schlagedotten zurückgelaufen sein? – Er besprach sich mit seinen Kameraden und sie kamen dahin überein, daß sie in jedes Haus hineinschauen wollten, bis sie zu den vordersten durchkämen, oder aber auf den Feind stießen. Wo sie Kameraden träfen, da wollten sie bleiben; oder aber, wenn die schlimme Vermutung sich bestätigte, daß die ganze Kompagnie bereits über Schlagedotten hinausgeflutet sei, ein Wägelchen mit Stroh aufzutreiben suchen und ihren Hauptmann nachfahren. Sobald die Kameraden außer Sicht waren, sprang Kaczmarek in weiten Sätzen der Seespitze zu. Das Mädchen mit den Schwänen war ihm plötzlich wieder in den Sinn gekommen. Ganz gleich, was daraus wurde, er mußte sich die Zeit nehmen, sich nach ihr umzuschauen. Er konnte das arme Geschöpf unmöglich hilflos seinem Schicksal überlassen. Die Stasinka stand schon vor der Türe, als er die Fischerhütte erreichte. Sie steckte den Kopf zu dem Spalt heraus und lauschte mit weit aufgerissenen Augen auf das Schießen am anderen Ende des Dorfes. Kaczmarek ergriff sie beim Handgelenk und zerrte sie mit einem festen Ruck über die Schwelle. Heiser vor Aufregung herrschte er sie an: »Mädel, verrücktes, da bist du ja noch! Wirst du wohl machen, daß du fortkommst! Der Russe ist uns auf den Fersen. Lauf, Mädel! Lauf! Immer rückwärts den See entlang, bis du zu unseren Leuten kommst, da werden sie dir schon weiter helfen. Was ist denn? Was guckst du denn?« Sie hielt die Augen starr auf seine Hand gerichtet, mit der er immer noch ihren Arm fest umkrallt hielt. »Oh, ooh!« sagte sie in kindisch weinerlichem Ton: »Was hast du da? Bist du geschossen?« »Nein, ich nicht. Das ist unserem Hauptmann sein Blut. Was geht es dich an! Hör' doch, was ich sage: laufen sollst du, sonst packen dich die Russen. Die werden nicht lange fackeln; machen dich kaputt und fressen dich auf. Herrgott, verstehst du mich denn nicht?« Sie nickte und strich sich die Haare aus der Stirn. »Na, dann lauf doch!« knirschte Kaczmarek ingrimmig und gab ihr einen Stoß gegen die Schulter, daß sie ein paar Schritte vorwärts stolperte: »Ich kann nicht bei dir bleiben. Ich muß zu meinen Leuten: Russen totschießen.« Da wandte sie den Kopf nach ihm zurück über die Schulter und sagte dumpf ergeben: »Geh nur. Ich bleibe da, wo meine Schwäne sind.« Kaczmarek wußte nicht mehr aus und ein vor Verzweiflung. Er hielt dem Mädchen seine geballten Fäuste vors Gesicht und rief: »O, schwarze Mutter Gottes von Czenstochau! Den Bestien gehört der Hals umgedreht! Versteh doch, es ist dein Tod, Mädel, wenn du jetzt nicht laufst. Was haben die Schwäne davon, denn der Russe dich aufspießt! Nimm doch Vernunft an!« Statt aller Antwort drückte Stasinka ihre Hände vor die Augen und begann still zu weinen. Da versuchte es der arme Wasserpolack auf andere Art. Er nahm die Weinende in die Arme, drückte sie fest an sich und streichelte ihr mit ungefüger Zärtlichkeit über den blonden Scheitel: »Sollst's gut haben, Stasinka, wenn du vernünftig bist und mir folgst. Ich habe dich doch gern. Ich will dir alles zuliebe tun. Laß die Schwäne raus und lauf! Gestern sind sie dir ja auch nachgeflogen. – Horch, jetzt schießen sie wieder stärker. Ich muß fort. Mach', Mädel, mach'! Wir treffen uns schon wieder.« Er küßte sie gewaltsam auf den zuckenden Mund; dann lief er davon, ohne sich nach ihr umzusehen. Unterwegs stieß er auf zwei Männer, die mit Meldung zurückgeschickt waren. Die gaben ihm Bescheid, wo der Leutnant zu finden sei, und klärten ihn in aller Eile über das auffällige Abflauen des Feuers auf. Die Russen waren freilich nachgestürmt, aber dicht vor dem Dorfrand von so heftigem Schnellfeuer empfangen worden, daß sie abermals stutzten und in den Nebel zurückwichen. Sie fürchteten offenbar, daß das Dorf stärker besetzt sein könnte, als sie selber waren, und wollten lieber erst vorsichtig ihre Fühler ausstrecken, ehe sie einen Vorstoß durch die Dorfstraße wagten. Kaczmarek verfügte sich nunmehr eilends zum Leutnant und meldete ihm die schwere Verwundung des Hauptmanns. Der Leutnant befahl, daß zunächst einmal der Hauptmann und die übrigen Verwundeten, deren glücklicherweise nur sehr wenige waren, in Sicherheit gebracht werden sollten. Da die flüchtige Bevölkerung alle Wagen mitgenommen hatte, mußte dies mit Tragbahren bewerkstelligt werden. Der Russe hatte es offenbar mit seinen neuen Angriffsversuchen nicht so eilig, so wurde denn die willkommene Gefechtspause dazu benutzt, um in dem Waschkessel eines der größten Bauernhöfe Kaffee für die ganze Kompagnie zu kochen. Mit einem warmen Frühstück im Leibe ließ es sich den kommenden Dingen schon zuversichtlicher entgegenharren. Heiße Arbeit stand der Kompagnie sicher bevor, auch wenn die erbetene Verstärkung geschickt wurde. Das Schlimmste bei der ganzen Lage war eben der Umstand, daß es an Mitteln zur raschen Verständigung mit dem Regimentsstab fehlte, der mindestens anderthalb Marschstunden hinter Schlagedotten lag. Radfahrer waren freilich in der Kompagnie reichlich vorhanden; aber die kamen auf den ausgefahrenen, vereisten und verschneiten Feldwegen in dem hügeligen Gelände auch nicht rascher vorwärts als Fußgänger. Es war also nicht darauf zu rechnen, daß vor frühestens zwei Stunden Verstärkung eintraf. Inzwischen benutzte der nunmehrige Kompagnieführer den Nebel, um die Vorkehrungen zur Verteidigung in sämtlichen besetzten Häusern zu prüfen und die Zug- und Gruppenführer zu unterrichten, wie sie sich in den verschiedenen möglichen Kompagnien verhalten sollten. Stunde um Stunde verrann, ohne daß der Feind sich irgendwie bemerklich machte. Erst als die Sonne hoch genug am Himmel stand, um den Nebel aufsaugen zu können, erlangten die Auslugposten der Landwehrkompagnie die Gewißheit, daß das ganze Vorgelände von feindlichen Truppen wimmelte. Sämtliche Kämme der zahlreichen Bodenwellen schienen mit Schützenlinien besetzt, die braunen Mäntel der Russen hoben sich deutlich genug von dem weißen Schnee ab. Es war ja möglich, daß das nur weit auseinandergezogene Gruppen von Schützen waren, es konnte aber auch sein, daß in den der Sicht entzogenen Einsenkungen, in den kleineren Waldstücken und einzelnen Gehöften mehrere Kompagnien verborgen waren. Die nächste Schützenkette lag so nahe, daß man die Gesichter deutlich erkennen konnte. Es war schwer, der Versuchung zu widerstehen, ein wohlgezieltes Feuer auf sie zu eröffnen. Doch der Leutnant hatte streng verboten zu schießen, bevor die erbetene Verstärkung nahe genug herangekommen wäre. Seine Hauptsorge war jetzt, daß seine Leute sich etwa unvorsichtig an den Fenstern sehen lassen und dadurch den Feind zur Eröffnung des Feuers bewegen könnten. Er mußte sich jetzt sagen, daß er am klügsten getan hätte, sich mit der ganzen Kompagnie im Schutze des Nebels zurückzuziehen; aber es widerstrebte seinem Ehrgeiz, seine Kompagnieführerschaft mit einer solchen Betätigung ängstlicher Vorsicht einzuleiten. Sich jetzt, bei hellem Tageslicht, zum Rückzug zu entschließen, war unmöglich. Er mußte den Angriff der Russen abwarten und Haus für Haus verteidigen, bis die Verstärkung kam. Auf diese Weise konnte er wenigstens dem Feinde erhebliche Verluste zufügen, wenn auch schwerlich verhindern, daß er mit überlegenen Kräften das Dorf durchstieß und ihnen den Rückweg verlegte. Kaczmarek stand ganz in der Nähe des Leutnants, als er mit einem der Zugführer und etlichen Unteroffizieren die schwierige Lage besprach. Er konnte jedes Wort verstehen und begriff recht wohl die ganze Größe der Gefahr. Wenn einer von ihnen heute lebendig davonkam, so war das ein Wunder Gottes. Er betete inbrünstig zu seinem Lieblingsheiligen und gelobte ihm alle Kerzen, die in seinem Dorfe aufzutreiben waren. Dann fiel ihm wieder die arme Stasinka ein. Er faßte sich ein Herz und redete den Leutnant an: »Herr Leitnampt, ich bitte zu melden, hier im Ort ist sich noch ein Weibsperson, das wo gegen Befehl sich wieder retour ist gekommen. Suberska Stasinka schreibt sie sich. Will sich nicht fortmachen.« »Ach was! Laß mich mit dem Frauenzimmer zufrieden,« fuhr ihn der Offizier unwillig an: »Das ist das Schwanenmädchen, was? Wir haben jetzt mehr zu tun, als uns um verrückte Weibsbilder zu bekümmern.« In diesem Augenblicke ertönte das wohlbekannte heulende Sausen durch die Luft. Die erste Granate flog im Bogen heran und landete mit scharfem Krach kaum zwanzig Meter vor dem Haus. Hoch auf spritzten die braunen Erdschollen, und dann surrten die Geschoßsplitter wie große Insekten herum. Der Leutnant war gleich ans Fenster gesprungen: »Da haben wir die Bescherung!« knirschte er, mit dem Fuße aufstampfend. »Der Russe will Numero Sicher gehen und das Nest erst zusammenschießen, ehe er stürmt. Jetzt wird es ernst, Leute. Nur nicht nervös werden! Vielleicht bleibt er dabei und schießt weiter zu kurz. Was Besseres könnte uns nicht passieren, denn so lange er funkt, sind wir vorm Sturm sicher.« Aber diese Hoffnung sollte sich nicht erfüllen. Schon die nächste Granate flog fünfzig Meter weiter und in eine Scheune, in nächster Nähe des Hauses, das der Leutnant mit einem Halbzug besetzt hielt. Wenige Minuten später züngelte die Flamme aus dem Dache des getroffenen Gebäudes hervor. In immer kürzeren Abständen folgten sich die Granaten, untermischt mit Schrapnells, die über dem Dorfe platzten und ihren Kugelregen über Häuser und Gassen ausstreuten. Eine Viertelstunde noch hielten die wackeren Landwehrleute in ihren Verstecken aus, ohne sich zu rühren oder zu schießen; dann aber schlug ein Volltreffer in das nächste besetzte Gebäude jenseits der Dorfstraße. Es gab einen furchtbaren Krach von einstürzendem Balken- und Mauerwerk, einen dumpfen Knall, Wehegeschrei Verwundeter und Verschütteter, und dann kamen etliche Leute, taumelnd, über und über mit weißem Staube bedeckt, auf die Straße hinaus und, ob befohlen oder nicht, die Flinten gingen hüben und drüben los, und das Völkchen der Spitzkugeln mischte sich in das Heulen der schweren Geschosse und das wüste Krachen der Einschläge. Stürmen konnte der Feind nicht, ohne ins eigene Feuer hineinzulaufen; aber zu warten, bis die Kanonade aufhörte, wäre Wahnsinn gewesen, denn die konnte so viele Opfer fordern, daß eine Verteidigung gegen eine stürmende Übermacht erst recht aussichtslos gewesen wäre. Der Leutnant ließ also den Befehl weiter sagen, daß die Kompagnie sich nach Möglichkeit ungesehen hinter das Dorf zurückziehen solle. Das geschah in leidlicher Ordnung. In dem weiten Hofe des größten Anwesens, am rückwärtigen Ende des Dorfes sammelte sich die Kompagnie. Sie wies schon große Lücken auf. Leichtverwundete kamen nachgehumpelt, Schwerverletzte wurden von Kameraden gestützt und getragen, Namen wurden gerufen, von den Vorgesetzten, von einzelnen Männern, die ihren Nachbar im Gliede vermißten. Rufe, die keine Antwort fanden. Man gab den Verwundeten einen Vorsprung, bevor die übrige Kompagnie sich in Bewegung setzte; hinter einer Erdwelle wollte sie versuchen, ungesehen den zur Verteidigung geeigneten Geländeabschnitt zu erreichen. Auch Kaczmarek fehlte beim Aufruf seines Korporalschaftsführers; aber nicht etwa, weil er verwundet oder gar verschüttet war, sondern weil er es nicht übers Herz gebracht hatte, Schlagedotten zu verlassen, ohne sich noch einmal nach dem Schwanenmädchen umzutun. Das Häuschen der Suberskis hatte er noch unverletzt gefunden; aber dicht an der niedrigen Hofmauer war eine Granate krepiert, hatte ein großes Loch in die Mauer gerissen und durch die herumfliegenden Steine und Eisenstücke arge Verwüstung in der nächsten Umgebung angerichtet. Der Schuppen war halb zusammengebrochen, der Schwanenstall zerstört, die Fensterscheiben in Stasinkas Stübchen zertrümmert. Das Mädchen selbst fand Kaczmarek im Hofe, auf einem Strohbündel hockend und in ihren Schoß einen der Schwäne hingeschmiegt, während sein langer Hals wie eine Schlange ihr an der Brust hinaufkroch und der Kopf auf ihrer Schulter ruhte. Sie hielt mit den beiden Händen die Flügel auseinandergespreizt und starrte, mit verzweifelter Trauer in den Mienen, auf das rote Bächlein, das zäh quellend über das schneeweiße Rückengefieder des verwundeten Tieres rann. Der andere Schwan hatte sich, gleichfalls wie Hilfe suchend, von rückwärts an seine Herrin geschmiegt und seinen Hals auf dem Strohbündel lang vorgeschoben. »Heiliges Blut! Bist du immer noch da?« schrie Kaczmarek das hockende Mädchen an: »Sie schießen ja den ganzen Klumpatsch kaputt. Ist dir denn dein junges Leben schon so leid, dummes Ding? Ich laß dich nicht hier. Auf! Marsch! Jetzt mußt du fort! Verstanden?« Sie hatte gleich bei seinen ersten Worten den Kopf ihm zugewendet und mit dem Ausdruck angestrengten Lauschens zu ihm emporgeäugt. Statt aller Antwort bewegte sie nur verneinend den Kopf und wies dann durch die Richtung ihres Blickes auf die Wunde des Schwans. »Ach, was macht denn das!« schalt Kaczmarek ungeduldig: »Davon wird der große Vogel nicht gleich hin werden. Jag' das Viehzeug raus ins Freie, wird schon selber für sich sorgen. Sind sich alt genug. Warte, die Wunde kann ich ihm fix verbinden.« Er lehnte sein Gewehr an die Hauswand, holte aus der vorderen Schoßtasche seines Rockes ein Verbandpäckchen heraus, riß die Fadenverschnürung mit den Zähnen entzwei und wickelte den Verband vorschriftsmäßig auf. Dann hieß er das Mädchen mit allen zehn Fingern die Federn rings um die Wunde nach Möglichkeit beiseite schieben, drückte den präparierten Wattebausch fest darauf und wand die beiden Enden des Gazestreifens unter den Flügelansätzen hindurch, um den Körper des Schwanes herum, und band sie unterm Bauch so, daß sie an den Keulen einen Halt fanden, zu einem festen Knoten zusammen. Stasinka unterstützte ihn bei dem schwierigen Werke geschickt und vorsichtig, und der verwundete Vogel ließ in dankbarer Ergebenheit alles mit sich geschehen. Während Kaczmarek noch auf dem Boden kniete und sich überzeugte, daß der Verband unter den Flügeldecken festsaß, schlang plötzlich Stasinka ihre beiden Arme um seinen Hals und drückte ihre Wange an sein wildbärtiges Gesicht, immer noch ohne ein Wort dabei zu sprechen. »Nun also,« lachte der Polack zufrieden: »Glaubst du es jetzt, daß ich es gut mit dir meine? Dann sei auch vernünftig und komm' mit. Es ist keine Zeit mehr zu verlieren. Rums! da schlägt wieder so'n Luder ein.« Gegenüber in dem Haus, wo er die letzte Nacht sein Quartier gehabt hatte, fuhr das Geschoß in eine Ecke des Daches schräg hinein und im untersten Stockwerk zur Wand hinaus. In den gepflasterten Hof riß es noch ein großes Loch, und Steine, Balkensplitter, Lehmklumpen flogen bis über die Straße hinüber in das Suberskische Anwesen. Stasinka schrie auf vor Schrecken, beugte sich tief über den verwundeten Schwan hin und drückte ihre Arme schützend über ihren Kopf. »Verpucht! Jetzt habe ich genug von dem Getue,« schrie Kaczmarek: »Auf, du! Fort!« Damit packte er sie fest unter den Achseln und riß sie mit einem Ruck auf die Füße; aber sie wehrte sich mit allen ihren Kräften gegen seinen Versuch, sie fortzuziehen. Da bückte er sich rasch, verschlang seine Arme unter ihren Knien und hob sie auf. Keine drei Schritt kam er. Sie stemmte sich mit den Händen von seinen Schultern ab, so daß er das Gleichgewicht verlor. Er mußte die schwere Last auf das Stroh zurückfallen lassen, und die Schwäne richteten sich auf, spreizten die Flügel, reckten die Hälse vor und zischen ihn feindselig mit aufgesperrten Schnäbeln an. Kaczmarek keuchte vor Wut und Anstrengung: »Wenn du jetzt nicht gutwillig mitgehst, du Mehlsack, dann weiß ich, was du bist. Melden werde ich es, daß du es mit den Russen hältst. Dann werden sie dich totschießen. Weißt du, was du bist? Spion bist du! Spion, verfluchter!« Sie sah ihn verständnislos an: »Was ist das? Ich weiß nicht.« »Stell' dich nicht dumm, sonst bist du erst recht verdächtig. Also wir zwei haben ausgeredet. Ich werde mich wegen deiner lassen strafen. Sieh zu, wie du fertig wirst mit den Russen. Deine Schwäne werden sie dir abschlachten, und du wirst sie müssen braten.« Er war schon ein ganzes Stück den Feldweg am See hinunter, als er ihr das noch höhnisch zurief. Dann machte er sich ans Laufen, um die Kompagnie noch einzuholen, die er schon weit weg, in der Deckung einer lang gestreckten Bodenwelle, sich dahinschlängeln sah. NACH stundenlanger Beschießung erst hielten die Russen das Dorf für sturmreif. Sobald ihre Artillerie schwieg, rannten sie an, überschwemmten im Nu ganz Schlagedotten mit Hunderten und aber Hunderten von Menschen, drangen mit gefälltem Bajonett in die paar noch unversehrt gebliebenen Häuser ein und waren vermutlich herzlich froh, keine Gegner mehr darin zu finden. Ihr Tatendrang war mit dieser Eroberung erschöpft, denn sie dachten nicht daran, weiter vorzustoßen. Sie erbrachen alle Keller, Kisten, Kasten, Türen und Schlösser, um etwas Eßbares oder Stehlenswertes aufzutreiben, fanden aber zu ihrer wütenden Enttäuschung nichts außer Kartoffeln und einigen hungrig und verängstigt umherirrenden Ferkeln. Sie waren im besten Schmausen, oder auch in tiefem Schlafe auf dem Stroh, als ihre Vorposten am frühen Nachmittag das Vorrücken der Deutschen meldeten. Und der Meldung folgten auf dem Fuße die deutschen Granaten. Sie fanden ihren Weg nach dem unglücklichen Schlagedotten ebensogut wie am Morgen die russischen; aber sie machten es kürzer. Bereits nach halbstündiger Beschießung setzte sich ein ganzes Bataillon in Schützenlinie in Bewegung und arbeitete sich sprungweise vor. Und obwohl die Russen jetzt eine viel größere Front besetzt hielten als vorher die Deutschen, fügten sie den Angreifern doch nur verhältnismäßig geringe Verluste zu, weil sie, wie gewöhnlich, zu hoch schossen. Die frühe östliche Abenddämmerung begann schon hereinzubrechen, als die vorderste Schützenlinie in die Häuser eindrang. Mit wütender Erbitterung kämpfte Mann gegen Mann mit dem Bajonett, mit dem Kolben, mit Fäusten und Zähnen. Wildes Geschrei erfüllte die Luft, Türen zersplitterten, Fenster klirrten, Kugeln pfiffen den Fliehenden über die Straße nach, Kommandorufe, schrille Pfeifensignale und endlich ein vielhundertstimmiges Hurra zweier nachstoßener frischer Kompagnien. Die brachten die Entscheidung. Zahlreiche Tote, Verwundete und Gefangene zurücklassend, flohen die mongolischen Hilfsvölker des weißen Zaren einzeln und in kleinen Trupps ins graue, dämmernde Feld hinaus, von den siegestrunkenen Landwehrleuten mit dem gefällten Bajonett verfolgt. Kaczmareks Kompagnie hatte den ersten Sturm unternommen, die blutigste Arbeit und die größten Verluste gehabt. Zum Lohn dafür sollte sie jetzt aber auch ihre Ruhe haben und nach kurzer Rast in ein Dorf hinter der Verteidigungslinie in Quartier rücken. Der Wasserpolack hatte einen Kolbenschlag auf den Kopf bekommen. Sein steinharter Schädel hatte ihn ausgehalten; aber eine halbe Stunde hatte er doch bewußtlos dagelegen. Sobald er wieder zu sich kam, richtete er sich auf und stellte fest, daß seine Beine und Arme noch ihren Dienst taten und seine Haut heil davongekommen war. Bloß ein wenig übel und schwindlig fühlte er sich noch. Doch das hielt ihn nicht ab, sofort den Gang nach der Fischerhütte anzutreten. Das Herz klopfte ihm zum Zerspringen, und seine Kehle war ihm vor Aufregung so fest zugeschnürt, daß er nicht einmal die Stasinka beim Namen zu rufen vermochte. Er fand das Häuschen, wie er es verlassen hatte, von weiteren Einschlägen war es verschont geblieben; aber die Zimmer waren leer, die Küche und der Speicher gleichfalls. Da stolperte er durch den finsteren Vorplatz in den Hof hinaus und durchsuchte hart jeden Winkel. Schon wollte er es aufgeben, als sich ein lautes, durchdringendes Kreischen hoch über seinem Kopfe erhob. Er trat unter dem halb niedergebrochenen Schuppendach hervor und sah die beiden Schwäne über dem Häuschen der armen Herrin ihre Kreise ziehen. Da fand er seine Stimme wieder: »Seid ihr da?« rief er hinauf: »Wo ist sie, ihr da oben? Sagt mir's doch, ihr Schwäne und zeigt mir den Weg!« Als wollte er Botschaft bringen, senkte sich der niedriger fliegende Schwan mit matten Flügelschlägen herab. Er erreichte den Dachfirst, aber seine Schwimmfüße vermochten sich da nicht zu halten. Über den steifen Giebel glitt er hinab und sank mit ausgebreiteten Flügeln in den Hof herunter. Es war der verwundete Schwan. Sein Gefährte schwebte, laut kreischend, unermüdlich in kleinen Kreisen über dem Fischerhaus. Kaczmarek beugte sich über den matten Vogel und strich ihm schier zärtlich über die abwehrend gespreizten Schwingen; da fühlte er plötzlich eine Hand auf seiner Schulter. Er wandte sich rasch um und sah sich – Stasinka gegenüber. Fest umschlang er sie mit beiden Armen, schaute ihr nahe in das bleiche, zuckende Gesicht und sagte: »Bist du da, Mädel? Lebst du? Bist du heil? Herrgott, so sprich doch ein Wort! Wie ist es dir denn ergangen, du?« Sie näherte ihren Mund seinem Ohr und flüsterte kaum vernehmbar: »Nicht fragen. Bitte, bitte, nicht fragen. Da! Da!« Sie befreite sich aus seiner Umklammerung und wies mit ausgestreckter Hand auf einen offenstehenden Verschlag, der noch fast bis an das niedere Dach mit Heu vollgestopft schien. »Hast du dich dort versteckt gehabt?« Sie schüttelte verneinend den Kopf und dann nahm sie ihn bei der Hand, als wollte sie ihn nach der offenen Gattertüre hinziehen, deutete mit der Linken immer eindringlicher daraufhin und wiederholte nur immer das eine Wörtchen: »Da, da, da!« Kaczmarek glaubte sie zu verstehen; er brachte sein Gewehr in Anschlag und ging auf den Heuschuppen los. Drei Schritte nur noch war er von dem offenen Gattertor entfernt, als plötzlich ein großes Heubündel ihm entgegenflog, und unmittelbar hinter diesem Wurfgeschoß, das ihm die Augen voll Staub streute, stürzte ein brauner Kerl mit einer zottigen Fellmütze, anzuschauen wie ein Bär, breit und plump, auf ihn los und entriß ihm mit raschem Griff sein Gewehr. Kaczmarek sprang mit einem Fluch zurück, rieb sich den Staub aus den Augen und bückte sich suchend umher. Einen Stein, einen Kloben Holz, irgendeine Waffe oder ein Wurfgeschoß suchte er, um damit dem Russen zu Leibe zu gehen. Da krachte ein Schuß und Kaczmarek hielt – er wußte nicht wie ihm geschah – die Stasinka in seinen Armen. »Mädel! Mädel! Herrgott, Stasinka! Was ist denn das mit dir? Du blutest ja. Jesus Maria, links in der Brust! Mädel, liebes Mädel, hast du das für mich ... Hast du die Kugel aufgefangen?« Der schwere Körper wurde schlaff. Kaczmarek sank in die Knie und stützte im Niedersinken ihren Kopf und ihre Schultern. Auf seinen Schoß bettete er sie. Da traf ihn der letzte Blick ihrer brechenden Augen, und sie röchelte mit höchster Anstrengung: »Die Schwäne – meine Schwäne ...« Noch einmal reckte sich ihre blutüberströmte Brust empor, und dann sank sie mit einem tiefen Seufzer entseelt zusammen. Kaczmarek ließ die Tote zu Boden gleiten, raffte sich auf die Füße empor, ballte seine Fäuste und schrie in die Dämmerung hinein: »Hundeblut, russisches, verfluchtes! Du hast sie mir totgemacht! Jetzt geht dir's ans Leben!« Er stieg über die Leiche weg und rannte blindwütig durch das Hoftor auf die Straße hinaus. Der Russe war fort; aber auf der Dorfstraße, in allen Höfen und Häusern wimmelte es von deutschen Kameraden, und er hörte ihr wildes Geschrei: »Halt' ihn auf, halt' ihn!« Vereinzelte Schüsse fielen – der entging der Rache nicht. DER ganze westliche Himmel war in Purpurglanz getaucht, und an den Stämmen der Föhren, die den kleinen Hügel des Dorffriedhofes bestanden, rieselte der Widerschein der untergehenden Sonne wie rotes Gold hinab, als Kaczmarek mit ein paar Kameraden die tote Stasinka in das frische Grab bettete. Er konnte es nicht mitansehen, wie der arme junge Leib unter der hastig darübergeschaufelten Erde allmählich verschwand. Abgewendet stand er dabei, die immer noch schmerzende Stirn gegen einen Föhrenstamm gedrückt, und weinte bitterlich. Als die traurige Arbeit getan war, traten die Kameraden, einer nach dem anderen, zu ihm heran, ergriffen seine Rechte und drückten sie kräftig in stummem Mitgefühl. Als letzter kam der Feldwebel. Er legte ihm den Arm um die Schulter und sagte: »Kopf hoch, Mann! Auch das muß tapfer ausgehalten werden.« Und seine harte Stimme klang weich und väterlich. Kaczmarek wandte sich um und hielt beschämt sein tränenüberströmtes Gesicht auf die Brust geneigt: »Herr Feldwebel, bin ich ein armer Kerl, aber fester Kerl. Kann viel vertragen; aber das Mädel, die Stasinka ... hat es mir doch das Leben gerettet.« Der Feldwebel drückte ihm noch einmal ermunternd die Hand und sagte: »Ja, ja, ein braves Mädel. Wir wollen ihr Andenken in Ehren halten in der ganzen Kompagnie, und für die Schwäne wollen wir sorgen, solange wir in der Gegend bleiben. Vorwärts marsch, Kaczmarek: es ist Zeit zum Abrücken.« Mit raschen Schritten eilten die beiden Männer durch die Dämmerung davon, ohne sich noch einmal nach dem Grabe umzusehen. Und hoch über den blutenden Föhren kreisten in weitem Bogen Stasinkas Schwäne. Die Sühne der großen Stunde Am Freitag, dem 24. Juli 1914 kehrte der Kaufmann Hermann Merker zu ungewöhnlich früher Nachmittagsstunde in seine Wohnung in der Mommsenstraße zurück. Seine Gattin, die rothaarige Frau Ulla, hörte ihn aus dem Korridor in sein Arbeitszimmer treten und öffnete neugierig die Tür. Ihr kleines, überaus modern eingerichtetes Wohnzimmerchen lag neben dem des Gatten. »Was, schon zurück? Aufregende Nachrichten? Hat Serbien das österreichische Ultimatum beantwortet?« Hermann Merker, ein stramm aufrechter, hochgewachsener Mann von vierundsechzig Jahren, der seinen Bart noch nach der Weise des alten Kaisers Wilhelm trug, stand in der Mitte seines Zimmers und trocknete den Schweiß von seinem kahlen Haupte: »Ich weiß nicht,« erwiderte er, offenbar zerstreut: »Ich habe das Erscheinen des Telegramms nicht abgewartet.« »Mein Gott, worüber hast du dich denn so alteriert? Schlechte Nachrichten aus Rußland?« »Auch das, ja,« sagte der Gatte. Er steckte sein Taschentuch ein, und Frau Ulla sah, wie seine schmalen Lippen vor Aufregung bebten. Er trat dicht vor sie hin, und der Widerschein eines großen Schmerzes zuckte deutlich über sein gütiges Gesicht, als er gedämpften Tones die Frage an sie richtete: »Ist Fritz zu Hause?« »Nein, der ist in sein Café gegangen, soviel ich weiß. Was willst du von ihm?« Die überblasse und überschlanke kleine Dame schlug mit ängstlicher Frage ihre braunen Augen zu ihm auf. »So sag' doch nur um Gottes willen, was passiert ist.« »Daß ich solche Schande in meiner Familie erleben muß!« stöhnte der große Mann, indem er sich schwer in den Sessel vor seinem Schreibtisch fallen ließ. »Ich war heute nachmittag bei der Frau Oberstleutnant Lindner; du wirst dich erinnern, ich habe dir wohl davon erzählt, daß unsere Buchhalterin, die Herta Lindner, schon seit fünf Wochen wegen Krankheit beurlaubt ist.« »Ja, ja, was fehlt ihr denn?« »Das war mir eben auch nicht recht klar aus ihren Nachrichten, und deshalb ging ich heute hin, um selbst bei der Mutter nachzufragen. Die arme Frau wollte erst nicht mit der Sprache heraus; dann fing sie an zu weinen, und wie ich ihr zuredete, sie möchte sich mir doch anvertrauen, mir, dem alten Kriegskameraden ihres Mannes, der ihr doch immer bereitwillig in ihren schweren Prüfungen beigestanden habe, da kam die Wahrheit ans Licht: die Herta sieht ihrer Niederkunft entgegen.« Frau Ulla vermochte ein schadenfrohes Lächeln nicht ganz zu unterdrücken. »Sieh, sieh – der Tugendspiegel! Da zeigt sich deine Menschenkenntnis mal wieder ...« »Meine Menschenkenntnis hat mich durchaus nicht betrogen,« fuhr ihr der alte Herr erregt ins Wort. »Fällt mir gar nicht ein, dem armen Mädchen einen Vorwurf daraus zu machen, daß es sich von den Versprechungen eines Schuftes hat verlocken lassen. – Aber daß dieser Schuft unser Sohn ...« Die Aufregung erwürgte ihm das Wort in der Kehle. Er faßte seinen Kopf fest zwischen die geballten Fäuste. Frau Ulla war zusammengefahren. Sie begann erregt im Zimmer auf und ab zu gehen, und dabei machten sich ihre weißen Finger nervös an der koketten Frisur zu schaffen: »Eine nette Suppe hat er sich da eingebrockt, der dumme Junge,« sagte sie endlich stehenbleibend, ohne den Gatten anzuschauen. »Ich kann mir nicht denken, daß er ihr wirklich die Ehe versprochen haben sollte.« »Das steht fest,« sagte Merker, sich finster nach ihr umblickend. »Die Herta hat es ihrer Mutter anvertraut und sie noch beschworen, es uns gegenüber nicht zu verraten.« »Na ja, so sagt sie,« warf Frau Ulla achselzuckend hin. »Wir willen doch jedenfalls erst mal hören, was Fritz dazu zu sagen hat.« »Dem Fritz traue ich jede Lüge zu, der Herta Lindner nicht. Sie arbeitet seit zwei Jahren bei mir; ich kenne sie als absolut zuverlässiges Mädchen, und ich kenne vor allem die Lindners und ihre Art.« »Und ich kenne deine Art,« fuhr Frau Ulla scharf auf. »Deine geliebten Veteranen von Siebzig sind natürlich in deinen Augen eo ipso goldechte Ehrenmänner und färben auf ihre ganze Familie ab. Aber du hast mir doch selbst erzählt von den dummen Streichen des jungen Lindner, der damals nach Amerika abgeschoben wurde. Der Leichtsinn scheint also doch diesen Kindern im Blute zu sitzen.« »Mein Gott, wenn ein junger Leutnant in einer langweiligen Grenzgarnison leichtsinnige Schulden macht, deshalb braucht er noch lange kein schlechter Mensch zu sein.« Herr Merker sprang auf die Füße und begann nun seinerseits unwillig auf und ab zu schreiten. »So?« versetzte seine Frau, indem sie die vollen roten Lippen aufwarf, »aber deinen Sohn verurteilst du ungehört!« »Ich dächte, ich hätte Grund genug, dem Bengel nichts Gutes zuzutrauen,« entgegnete der alte Herr, dicht vor ihr stehenbleibend. »Was hat er denn bisher geleistet, unser Herr Fritz? Mit neunzehn Jahren zweimal durchs Einjährige gefallen?« Er lachte bitter auf. »Natürlich,« höhnte seine Gattin, »jetzt wird das Kapitel wieder aufgeschlagen! Als ob der geistige und der moralische Wert eines jungen Mannes von so einem dummen Examen abhinge! Du hast ja nie sehen wollen, was in Fritz steckt, weil er sich auf der Schule vernachlässigt hat, weil er zum Kaufmann keine Lust hatte, weil er dieses unmögliche Russisch nicht in seinen Kopf hinein brachte, darum ist er in deinen Augen ein Idiot und ein Taugenichts. Daß maßgebende Leute von feinstem ästhetischen Urteil in ihm eine ganz ungewöhnliche Begabung sehen, imponiert dir natürlich nicht!« »Nein,« versetzte Merker, sich zur Ruhe zwingend. »Das imponiert mir tatsächlich nicht, weil deine angeblich maßgebenden Leute lauter verstiegene Frauenzimmer und unreife Jünglinge sind.« »Und unter die verstiegenen Frauenzimmer rechnest du natürlich in erster Reihe auch mich.« Frau Ullas Nixenaugen funkelten den Gatten herausfordernd an. Er legte ihr im Vorbeigehen leicht die Hand auf die Schulter und sagte: »Liebes Kind, wir willen das alles jetzt beiseite lassen. Ich gönne dir den Stolz auf Fritzens Geschreibsel; ich verstehe es nicht – wahrscheinlich ist es zu hoch für mich. Wir wollen jetzt bei der Frage bleiben, wie Fritz sein Unrecht gutmachen soll.« Frau Ulla setzte sich in den nächsten Klubsessel, schlug die Beine übereinander und wippte aufgeregt mit dem zierlichen kleinen Fuß. Sie dachte ein Weilchen nach, und dann sagte sie ärgerlich: »Das wird dich eine Masse Geld kosten.« Der Gatte tat zwei heftige Schritte auf seine Frau zu und rief: »Was willst du damit ...?« Er hielt inne und schluckte seinen Zorn hinunter, bevor er ruhiger fortfuhr: »Ich weiß wohl, was du damit sagen willst. Du irrst dich in den Lindners – du irrst dich auch in mir. Fritz wird entweder seine Pflicht tun oder – ich jage ihn aus dem Hause.« »Hermann, bist du toll?« rief Frau Ulla, die Händchen zusammenschlagend. »Du denkst doch nicht im Ernst daran, daß Fritz dieses Mädchen heiraten sollte!« »Daran denke ich in vollstem Ernst, und es wäre geradezu ein Glück für ihn, wenn sie ihn nähme.« »Du bist ja ... Ein solches Mädchen, das nichts ist und nichts hat, aus einer heruntergekommenen Familie – außerdem noch älter als er! Sie ist doch mindestens fünfundzwanzig!« »Ach was, zwanzig ist sie; aber ein reifer, durchaus zuverlässiger Charakter. Wenn sie Einfluß über den Windbeutel gewinnt, kann sie vielleicht noch etwas aus ihm machen; an ihrer Familie ist so wenig auszusetzen wie an ihrer Person. Ihr leichtsinniger Bruder büßt in Amerika durch harte Arbeit redlich ab, was er hier gesündigt hat. Was würdest du denn sagen, wenn ein Mann sich weigern wollte, unsere Sonja zu heiraten, weil ihr Bruder ein fauler, nichtsnutziger Schlingel ist?« »Aber das ist ja doch alles Wahnsinn!« ereiferte sich Frau Ulla. »Ein neunzehnjähriger Ehemann – undenkbar!« Merker zuckte die Achseln: »Wenn er sich hier vor der Lächerlichkeit fürchtet, soll er sich irgendwo im Ausland verstecken und dort mit Hilfe seiner Frau was Ordentliches werden. Jedenfalls dulde ich nicht, daß mein Sohn ...« »Na ja, da wären wir ja wieder so weit!« rief Frau Ulla, indem sie auf die Füße sprang und erregt der Tür zuschritt. »Du duldest nicht! Die Tyrannenmiene wird aufgesetzt, an die Ehrenbrust wird geschlagen, daß die Orden und Medaillen von 70/71 klirren. Das ist die wahre Höhe! Damit wird jede Vernunft niedergedonnert!« Sie legte die Hand auf die Klinke, um sich den effektvollen Abgang zu sichern, ehe er ihr erwidern konnte. Doch bevor sie draußen war, ging die Tür nach dem Korridor auf und herein trat Fritz Merker. »Wißt ihr's schon?« rief der junge Mann, indem er die Tür hinter sich ins Schloß drückte: »Die Serben haben das Ultimatum Österreichs angeblich unbefriedigend beantwortet, der Kriegsfall ist gegeben und Mobilmachung befohlen. Eine Menge von Hurraschreiern demonstrierte bereits vor der österreichischen Botschaft.« Er warf sich in den Klubsessel, in dem eben noch seine Mutter gesessen hatte, und ließ ein ironisches Lächeln um seine Lippen spielen. Ein hübscher Bursche war der junge Merker; an Größe seinem Vater, an Zierlichkeit des Wuchses und in den Zügen seiner Mutter ähnlich. Sein dunkelblondes Haar hatte von ihr auch einen rötlichen Schimmer abbekommen, und durch die Erregung des raschen Laufes war auch die krankhafte Blässe seiner Haut nicht so auffallend wie gewöhnlich. Er trug einen sehr eleganten hellgrauen Sommeranzug mit weichem Kragen und hatte seinen jugendlichen Flaum sorgfältig rasiert, um vorschriftsmäßig amerikanisch auszusehen. Aber der ergrimmte Vater hatte jetzt kein Auge für diese äußeren Vorzüge. Er trat dicht vor ihn hin, sah ihn scharf an und sagte, sich mühsam zur Ruhe zwingend: »Du scheinst mir keine rechte Vorstellung von dem Ernst der Lage zu haben. Du weißt doch, was für Versprechungen der kürzlich verstorbene russische Gesandte der serbischen Regierung gemacht hat; wenn Rußland jetzt zu Serbien hält – und ich weiß von meinen russischen Geschäftsfreunden, daß es schon lange in der Stille rüstet –, dann ist für uns der Bündnisfall gegeben. Und wenn Rußland losschlägt, ist der Weltkrieg da. Und da du das Einjährige vor lauter Genialität zu machen verschmäht hast, so wirst du wohl als Gemeiner mitmüssen.« Die Drohung schien ihren Eindruck auf den jungen Mann gänzlich zu verfehlen. Er lachte ganz vergnügt und rief: »Nee, Vater, bangemachen gilt nicht! Es wird, wie gewöhnlich, alles wieder im Sand verlaufen. England und Frankreich werden diplomatisch eingreifen, und die rote Internationale wird es den betreffenden Staatsoberhäuptern schon begreiflich machen, daß sie nicht gekommen sei, einen Weltkrieg aus Rache für einen österreichischen Erzherzog zuzulassen.« »Jawohl,« höhnte der Vater scharf; »die Staatsoberhäupter werden gerade die Herren Genossen fragen, ob sie losschlagen dürfen oder nicht! Wenn du eine Ahnung hättest, was für Kräfte tatsächlich die Welt bewegen, so würdest du nicht solch dummes Zeug schwatzen. Wenn es jetzt zum Kriege kommt, so handelt es sich um den Neid sämtlicher Großmächte, die Deutschland sein wirtschaftliches Übergewicht nicht gönnen wollen. Es kommt einzig darauf an, ob unsere Neider sich kriegsbereit fühlen. Wenn ja, dann fliegen die Minen auf, die König Eduard rings um Deutschland gelegt hat. Übrigens bin ich gerade nicht in der Stimmung, dir politisches Verständnis beizubringen; ich habe eine ganz andere Rechnung mit dir zu begleichen ... Du kommst mir eben recht.« Fritz zuckte kaum merklich zusammen und richtete einen scheuen Blick auf seine Mutter, die weiter ins Zimmer hineingetreten war und, aufgeregt ihre Unterlippe mit den weißen Zähnen nagend, sich bereit machte, ihrem Liebling beizustehen. »Du weißt vermutlich, wie es mit Fräulein Lindner steht.« »Nee, keine Ahnung,« leugnete Fritz frech. »Ich war da, sooft du m ich hingeschickt hast, und ich habe dir doch gesagt, was ich für Auskunft bekommen habe. Was soll ich denn sonst noch wissen?« Wieder warf er einen verstohlenen Blick nach seiner Mutter hinüber, und da diese den Kopf schüttelte, merkte er wohl, daß ihm sein Leugnen nichts mehr helfen werde. Er wurde rot und duckte sich verlegen in seinem weichen Sessel zusammen. »Du lügst!« herrschte ihn der Vater gedämpften Tones an. »Du hast das Mädchen verführt, du hast ihr die Ehe versprochen – und ich werde dafür sorgen, daß du dein Wort hältst.« »Darüber wird wohl noch zu reden sein,« wollte sich Frau Ulla einmischen. Aber der alte Merker reckte sich straff empor und sagte in einem Ton, der jede Widerrede abschnitt: »Ich lasse in diesem Punkte nicht mit mir spaßen, ich lasse mir auch nichts abhandeln. Was ich gesagt habe, dabei bleibt's. Frage deine Mutter. Wenn du dich weigerst, deine Pflicht zu tun, sind wir geschiedene Leute.« Fritz Merker war der Schreck dermaßen in die Glieder gefahren, daß er kein Wort der Erwiderung fand. Seine Mutter trat zu ihm und strich ihm begütigend über den Scheitel. »Komm, mein Junge,« sagte sie, »dein Vater ist jetzt zu aufgeregt, als daß man ein vernünftiges Wort mit ihm sprechen könnte. Aber wir wollen in Ruhe überlegen.« Sie stützte ihn unter der Schulter, und er raffte sich, am ganzen Körper zitternd, aus dem Sessel empor und ließ sich von ihr fortziehen. Erst an der Tür ihres Zimmers schwang er sich dazu auf, seinem Vater ins Gesicht zu sehen und die verzweifelte Frage zu stammeln: »Hat sie dir das selbst gesagt?« »Nein,« erwiderte der alte Herr. »Ihre Mutter hat mir's gesagt.« »Aber es ist doch nicht wahr,« keuchte Fritz, die Hände gegen den Vater ringend. »Wie konnte die Mutter so etwas behaupten! Herta weiß doch, daß ich nicht ans Heiraten denken kann. So war's doch nicht gemeint. Wenn man jahraus, jahrein in einem Kontor zusammen arbeitet ... man wird eben allmählich intimer ... Herrgott, das ist doch kein Verbrechen! So ein Mädchen will doch auch was vom Leben haben! Wenn die Mutter jetzt so etwas behauptet, dann stecken die beiden unter einer Decke – dann haben sie es darauf abgesehen, mich hineinzulegen. Das ist eine Gemeinheit!« Der Vater trat dicht vor Fritz hin: »Eine Gemeinheit ist es, wenn du dich jetzt herauslügen willst. Also antworte klipp und klar auf Ehrenwort: Hast du ihr die Ehe versprochen oder nicht?« Fritz wandt sich unter dem strengen Blick des Vaters und stammelte verwirrt: »Weiß ich doch nicht! Was sagt man nicht alles im Rausch der Sinne. Sie weiß auch, daß ich abhängig bin, daß ich noch lange nicht ans Heiraten denken kann – ich denke auch nicht daran, fällt mir gar nicht ein! Sie ist doch keine dumme Gans; sie weiß doch auch, woran sie mit einem jungen Menschen wie mir ist. Das hat mir nur die Mutter eingebrockt!« »Das ist meine Meinung auch,« kam ihm Frau Ulla zu Hilfe. Und dann wendete sie sich in flammender Entrüstung gegen den Gatten: »Du kannst unmöglich so unverantwortlich gegen dein Kind handeln und dich mit diesen Leuten zu einer solch unsinnigen Gewalttat verbünden. Ein abgekartetes Spiel ist das, und auf dein Geld haben es diese Weiber abgesehen. Du scheinst wirklich nicht mehr zu wissen, wie es in der Welt zugeht.« Herr Merker nahm seine ganze Kraft zusammen, um nicht laut und grob zu werden. Mit einem schmerzlichen Lächeln versetzte er: »Jedenfalls weiß ich jetzt, wie es um euch beide und um eure Gesinnung steht. Laßt mich jetzt allein; für heute habe ich genug – Familienfreuden genossen.« Er wendete den beiden den Rücken, und Mutter und Sohn waren froh, seinem Grimme zu entkommen. DREI Tage später steckte Fritz Merker seinen Blondkopf zur Tür des Musikzimmers hinein, als gerade eine Pause in dem Geigenduett eintrat, das seine Schwester Sonja mit ihrem Lehrer, Stanislaus Morgitzky, spielte. »Darf man hinein?« fragte er, verschmitzt lächelnd. Seinem knabenhaften Gesicht merkte man nichts mehr an von dem großen Sturm, den er am 24. Juli auszustehen gehabt hatte. Das Gewitter schien für diesmal vorübergegangen zu sein, ohne einzuschlagen. Das elastische Fritzchen plätscherte wieder munter in seinem ästhetischen und sozialistischen Weltanschauungsgewässern herum, als ob nichts Besonderes vorgefallen wäre. »Haben Sie eine Papyros für mich, Stanislaus?« redete er den polnischen Geigenmeister freundschaftlich an, indem er ihm zur Begrüßung die Hand auf die Schulter legte. »Aber gewiß, mit Vergnügen,« entgegnete der Pole, legte sein Instrument beiseite und holte aus der Brusttasche sein schwer silbernes, mit einem goldenen Monogramm verziertes Zigarettenetui hervor. Er steckte sich bei der Gelegenheit gleichfalls eine russische Papyros an und auch Sonja war gerne zum Mittun bereit. »Na, wie weit seid ihr denn, ihr beiden?« begann Fritz die Unterhaltung, indem er listig ein Auge zukniff und seine Blicke zwischen seinem blonden Schwesterchen und dem schwarzen, elegant gewachsenen Polen hin und her spielen ließ, der zwar keineswegs eine männliche Schönheit war, aber mit seinen feurigen schwarzen Augen immerhin einen gefährlichen Spielkameraden für Frauen abgeben mochte. Sonja schlug mit dem Taschentuch nach dem Bruder, und der Geiger zog die dichten Brauen hoch und sagte mit einem zärtlichen Seitenblick auf das junge Mädchen: »Bitte, wie meinen Sie das, kleiner Schuft?« O, selbstverständlich meine ich nur, wie weit ihr in eurem – Studium seid.« »Ach so,« lachte der Pole. »Danke, es geht; sie macht Fortschritte, große Fortschritte, die liebe kleine Sonja.« Sonja errötete flüchtig. Siebzehn Jahre war das ganze Mädchen erst, aber ihr blasses, nervös bewegliches Charaktergesicht war bereits so wissend, so leidenschaftlich, das jeder Kenner der Berliner Weiblichkeit daraus ohne weiteres schließen konnte, daß an diesem überschlanken Kinde nur der äußere Wuchs unfertig sei. »Du bist nur gekommen, um dich nach meinen Fortschritten zu erkundigen?« sagte sie mit einem kampflustigen Zucken um das üppige Mündchen. »Wir haben keine Zeit zum Schwatzen, und allzu große Pausen fallen der Frau Mama regelmäßig auf. Sie wird gleich erscheinen. Also: Attacca, maestro! « »Brauchst keine Bange zu haben, Kleines,« sprach Fritz gönnerhaft. »Mama ist shopping gegangen, und der Alte hat auf der Bank zu tun. Darum erlaube ich mir, euer Duett zu stören. Wißt ihr, wo ich herkomme?« »Wo du immer herkommst,« sagte Sonja schnippisch: »aus dem Café.« »Doch nicht, ich komme geradeswegs von Frau Oberstleutnant Lindner und Fräulein Tochter. Papa hat mich zum Kontor aus hingeschleift.« Jetzt war Sonja ganz Neugier. »Au weh! Na, wie ist es denn ausgegangen?« Auch Morgitzky war offenbar eingeweiht in die peinliche Familienangelegenheit und setzte sich, ganz Ohr, zu den Geschwistern. »Nu, wie ich vorausgesehen hatte,« begann der junge Mann zu erzählen. »Die Herta ist ein Prachtmädel, hat mir Ehre gemacht. Was sie getan hätte, das hätte sie nur aus Liebe getan und sie wäre wohl nicht so eine, die sich aus Spekulation hingäbe. Die Mutter lamentierte natürlich gehörig, und der Alte redete seine beliebten großen Töne, aber Herta blieb fest: sie dankte dafür, par ordre de Moufti geheiratet zu werden. Feines Mädel, was? Beide Hände habe ich ihr geküßt. Der Alte hat sich natürlich mächtig gebost, daß er als blamierter Mitteleuropäer abziehen mußte. Sein Geld kostet's ja doch, denn als alter Kriegskamerad des Vaters Lindner wird er natürlich das Mädel nicht im Stiche lassen.« »Na, weißt du, Junge,« rief Sonja, indem sie den Bruder in die Seite stieß: »Du hast auch mehr Glück als Verstand!« »Sage das nicht,« lächelte Fritz überlegen. »Wenn ich nicht wenigstens mehr Verstand hätte als mein Herr Papa, so hätte ich mich ums Heiraten nicht gedrückt, denn die Herta ist wahrhaftig nicht ohne. Mit der kann sich ein besserer Herr schon sehen lassen, wenn sie auch nicht gerade literarische Bildung besitzt. In allem Praktischen währe sie jedenfalls eine großartige Frau, und außerdem ist sie eine wunderbare Geliebte. Sie führt doch eigentlich ein erbärmlich nüchternes, freudenarmes Dasein. Durch mich ist doch erst Blut und Farbe in ihr Leben gekommen, und das ist doch auch was wert. Na und für einen jungen Menschen wie mich ist es doch auch ein großes Glück, wenn er sich so in Schönheit ausleben darf, ohne sich wegzuwerfen. Deshalb brauche ich aber doch nicht so hirnverbrannt zu sein und meine ganze Zukunft aufs Spiel zu setzen, bloß um Vaters sogenannter Moral zu genügen. Habe ich nicht recht, Stanislaus?« Der Pole zog die Brauen hoch und trommelte mit den harten Geigerfingern auf der Stuhllehne, dann seufzte er und sprach: »Ihr reichen Jungs habt doch immer Vorzug, sogar in der Liebe, – hol' der Deubel!« »Na, wissen Sie, Stanisläuschen,« sagte Fritz und klopfte ihm aufs Knie; »in dem Punkte können Sie sich auch nicht behaupten. Sind sie sich übrigens schon darüber im klaren, was Sie jetzt angesichts der Weltlage zu tun gedenken?« »Wie meinen Sie?« »Na, es sieht doch verflucht brenzlig aus. Sie wissen doch so gut wie wir, daß Väterchen Zar mobilmacht. Papa hat es aus sicherster Quelle. Unsere russischen Geschäftsfreunde versuchen übrigens alle Bestellungen rückgängig zu machen – das ist die beste Beschäftigung. Wenn's wirklich losgehen sollte, wird Vater gehörig bluten müssen, auch ohne persönlich den Säbel zu ziehen gegen Rußland. In was für einen Militärverhältnis stehen Sie denn? Müssen Sie sich nicht stellen?« »Ich müßte allerdings,« knirschte Morgitzky ingrimmig: »aber ich will nicht; ich hasse Rußland; ich kämpfe nur für Polen. Und wenn Deutschland Polen befreien will, kämpfe ich mit Deutschland gegen verdammte Moskowiter.« Sonjas Augen leuchteten, und sie warf ihrem Meister einen bewundernden Blick zu. »Sie werden schwerlich in die Verlegenheit kommen,« meinte Fritz achselzuckend. »Es soll ja in Polen bedenklich gären. Heute wurde erzählt, in Warschau wäre die Zitadelle in die Luft gegangen, und in Petersburg machen die Arbeiter Revolution, wenn der Zar die Mobilmachung befiehlt. Japan wird selbstverständlich in die Mandschurei einfallen und die Türken mit den Persern und unzufriedenen Kaukasiern gemeinsame Sache machen. Die Finnen erheben sich, und wir blockieren die baltischen Häfen – was will da der arme Niki groß anfangen? Ihre edlen serbischen Brüder werden allein dran glauben müssen, und Sie werden sich darauf angewiesen sehen, mit dem Fiedelbogen Ihre Schlachten zu schlagen.« »Sie kennen Rußland nicht,« versetzte der Geiger unwillig. »Es gibt zu viel Leute dort, die bei Krieg gute Geschäfte zu machen hoffen. Sie werden noch etwas warten, vielleicht bis genug Stiefel da sind und Ernte verkauft – aber dann wird losgehen.« »Oder auch nicht,« lächelte Fritz überlegen und erhob sich von seinem Sessel. »Na, ich will die Herrschaften nicht weiter stören, ich räume der edlen Kunst das Feld. Tag, Stanislaus; Tag, Sonja. Keine zu langen Pausen, bitte!« Damit trollte er sich hinaus und begab sich auf sein Zimmer, um weiter an seinem lyrischen Zyklus »Der junge Eros« zu arbeiten. Er konnte das Geigenspiel ganz gut bis in sein Zimmer hören; doch es verstummte schon nach wenigen Minuten, ohne daß die Stunde abgelaufen gewesen wäre. Und der junge Mann lächelte wissend. Stanislaus und Sonja wollten die gute Gelegenheit zu einer ungestörten Aussprache nicht unbenützt lassen. Das junge Ding warf sich dem Geiger um den Hals, strich ihm die Stirnlocke aus dem Gesicht und sah ihm mit leidenschaftlicher Frage ein die dunklen Augen: Was hast du vor, Liebster? Sag' mir's doch endlich. Ich habe es dir ja angesehen: es wühlt etwas in dir – du willst mich verlassen.« »Aber nein, aber nein.« Er küßte sie zärtlich auf die Augen. »Ich habe an mein armes Vaterland gedacht und an den Krieg. Und wenn er kommt und ich dürfte kämpfen für mein Vaterland, so wäre ich glücklich, und wenn ich getötet werde, wäre ich noch glücklicher. Dieses Leben ist mir verhaßt.« Das Mädchen preßte seinen schlanken Körper leidenschaftlich an ihn. »Das würdest du nicht sagen, wenn du mich wirklich liebtest. Sprich dich doch aus, verschließ dich nicht so vor mir; ich weiß ja doch alles. Du kannst nicht los von ihr, ich fühl's. Jetzt, wo du vergleichen kannst, hat die reife Frau doch eine größere Macht über dich. Ich bin dir nichts, mit mir hast du nur zur Abwechslung gespielt.« Er verschloß ihr den Mund mit Küssen, und dann drückte er sie in den nächsten Sessel und streichelte ihr beruhigend über den üppigen blonden Schopf. »Was soll ich tun, Kleines, damit du mir glauben wirst? Wir gehören zusammen. Seit ich weiß, daß du mich liebst, ist mir das andere furchtbare Last. Ich begreife selbst nicht, wie ich nicht habe sehen können. Sie ist doch zwölf Jahre älter als ich. Die große Leidenschaft bei solchen Frauen ist sehr gefährlich für einen jungen Mann. Sie hat mir eitel gemacht und sie hat mir dankbar gemacht – ich bin armer Teufel, und sie hat mir aus der Not geholfen und geschenkt und geschenkt. Ich habe genommen, ich Hund; und wenn ich mir habe gemacht Vorwürfe, hat sie gelacht und geschworen, daß ihr ich gebe viel, viel mehr, als sie mit ihre kleine Cadeaux kann gutmachen. Wenn ich ihr gesagt habe, daß ich bin unglücklich, weil ich bin große Schurke, komme in ihr Haus und helfe betrügen, hat sie geweint, daß ich mich erbarmen mußte, weil sie neben dieser alte Mann muß leben. Es ist auch großes Unglück: fünfundzwanzig Jahre jünger – ich bitte dich – fünfundzwanzig Jahre! Und kein Verständnis, keine Wärme, kein Geist. So viel Temperament, so viel lebendige Sehnsucht angeschmiedet an eine gut konservierte Mumie aus der überwundenen Vergangenheit – soll ein junger Mensch sich nicht erbarmen?« »Sieh da, sieh da,« schmollte Sonja kindisch. »Du glühst ja vor Begeisterung! Ich weiß es ja, ich fühl' es ja, sie hat dich doch noch ganz und gar; sie kommt ja auch noch zu dir. Oder willst du das vielleicht leugnen?« »Nein, ich leugne es nicht, aber soll ich sie die Treppe hinunterwerfen?« brach der Pole heftig aus. »Ich bitte dich – sei doch gerecht. Das ist doch mein furchtbarer Schmerz! Jung und jung gehört zusammen. Und ich sehe jetzt alles ein – ich kann sie nicht mehr lieben und kann sie auch nicht fortstoßen, grausam und undankbar; wenn es noch eine andere Frau wäre – aber diese Frau – unmöglich!« Sonja sprang auf und legte ihm ihre bleiche Hand auf den Mund. »Nicht doch, sag' nichts mehr davon. Für mich ist es doch ebenso entsetzlich. Es gibt doch nur einen Ausweg, wenn du mich wirklich liebst: wir müssen fort alle beide. Es ist doch ganz gleich, wo wir leben. Ein Künstler, wie du, findet doch überall sein Brot. Wir verstecken uns irgendwo in der Welt, du nimmst einen anderen Namen an, daß sie uns nie wiederfinden. Wenn ich nur bei dir bin, ganz dein – alles andere ist mir ja so gleich!« Sie hörten Schritte im Nebenzimmer und fuhren bestürzt auseinander. Morgitzky griff zu seiner Geige und entlockte den Saiten eine leidenschaftliche schmelzende Melodie, während er dem verwirrten Mädchen zuflüsterte: »Hole dir morgen Brief an bewußter Stelle. Wir müssen uns treffen und aussprechen. Ich werde nachdenken.« AM 30. Juli, nachmittags, erschien im Privatkontor Hermann Merkers der russische Reisende des Hauses. Er kam unmittelbar vom Stettiner Bahnhof und brachte die Nachricht, daß die Mobilmachung in Rußland in vollem Gange sei. Der Krieg sei offenbar seit langem geplant, kein Russe der oberen Stände zweifle an seiner Unvermeidlichkeit. Der junge Mann hatte vergebens versucht, Außenstände einzutreiben – man hatte ihn verlegen, an einigen Stellen sogar höhnisch abgewiesen. Ein wohlmeinender Geschäftsfreund hatte ihm den Rat gegeben, mit einigen anderen deutschen Angestellten seines Hauses schleunigst abzureisen. Und es war ihm geglückt, in Libau einen Stettiner Dampfer zur Abfahrt bereit zu finden. Herr Merker rief seinen Sohn herein, damit er sich durch die Erzählung des Augenzeugen von seinen törichten Vorstellungen kurieren lasse. Als der Reisende sich verabschiedet hatte, sagte der alte Herr mit tiefernster Miene: »Jetzt werde ich mein Geschäft zumachen können. Wer kauft jetzt landwirtschaftliche Maschinen! Der russische Markt ist mir verlegt; wer weiß, ob ich von dort jemals mein Geld bekomme. Mit Schweden und Norwegen wird selbstverständlich die Schiffsverbindung gleich mit der Kriegserklärung aufgehoben werden. Damit ist das Haus Merker vorläufig erledigt. Für dich ist auch keine Arbeit mehr vorhanden. Überlege dir also, was du mit deiner Muße anfangen willst. Ich sehe voraus, daß du doch wohl den schweren Zeiten, denen wir entgegengehen, nicht untätig wirst zuschauen wollen.« Fritz stand beim Fenster, schaute in das Straßengewühl und dachte nach. Dann wendete er sich rasch um, schritt gerade auf seinen Vater zu und begann mit niedergeschlagenen Augen hastig zu sprechen: »Ich wüßte wohl eine Aufgabe für mich. Du darfst mir glauben, Vater, es ist für mich immer ein peinigendes Gefühl gewesen, daß ich hier bei dir im Geschäft eigentlich nur geduldet bin. Ich weiß, ich leiste dir nichts Rechtes, weil ich nicht mit der Seele dabei bin. Und du glaubst nicht an meinen Beruf zum geistigen Schaffen. Jetzt wäre die Gelegenheit, wo ich zeigen könnte, daß ich Talent besitze – ich spreche nicht von meinen dichterischen Versuchen – ich meine Talent zum Organisieren, zur geschäftlichen Leitung eines Unternehmens, das mit meinen künstlerischen Neigungen zusammenhängt. Ich dachte mir ... der Plan ist nicht neu ... meine Freunde haben mich schon immer dazu ermuntert.« »Nun, und?« »Also, die Sache ist die: unsere Gruppe plant die Herausgabe eines Organs zur Sammlung und zur Propaganda. Es sind noch andere Söhne wohlhabender Eltern dabei, die auch etwas beisteuern werden. Ich habe mir gedacht: wenn du vielleicht einige Tausende zuschießen möchtest – wir würden dann eine G.m.b.H gründen, und ich würde als Herausgeber eine anständig bezahlte Stellung finden.« Mit einem tiefen Seufzer blickte der alte Merker zur Decke hinauf: »Ist es denn zu glauben!« rief er wehmütig lächelnd. »Ausgerechnet diese Zeit, diese Schicksalsstunde des Deutschen Reiches hältst du für geeignet, um ein literarisches Cliquenblättchen zu gründen! Nimm's mir nicht übel – aber wie man mit neunzehn Jahren noch so – kindlich sein kann, das ist mir ... In vierundzwanzig Stunden können wir den Weltkrieg haben! Begreifst du denn wirklich nicht, daß in dem Moment alle eure ästhetischen Kaffeehausaufregungen zu einer lächerlichen Farce werden müssen? Ich habe nichts gegen die schönen Künste, und wenn ich von deiner Begabung überzeugende Beweise hätte, so würde ich mich in Friedenszeiten schließlich doch wohl bereit finden lassen, dir die Wege zu einer literarischen Karriere ebnen zu helfen. Aber jetzt, wo mein Geschäft lahmliegt, wo unser aller Existenz auf dem Spiele steht, jetzt kommst du mir mit einem solchen Ansinnen? Ich hatte ganz etwas anderes von dir erwartet.« Fritz wurde rot vor Ärger: »Ich soll mich wohl freiwillig als Gemeiner stellen?« »Allerdings,« versetzte der alte Herr und reckte sich straff empor. »Du bist jung, gesund und kräftig, es ist deine Ehrenpflicht, dich zu stellen, noch ehe man dich holt. Und da du zu faul und zu lasch warst, dein Examen zu machen, so mußt du eben als Gemeiner mit. Im Feldzug ist das sowieso ziemlich einerlei, ob Gemeiner oder Einjähriger. Setz' dich auf die Hosen, laß dich einpauken, vielleicht schlüpfst du bei einem Notexamen mit durch. Alles ist jetzt anständiger, männlicher als überflüssige Tintenvergeudung zur Speisung jugendlicher Eitelkeit. Siehst du das nicht ein?« Der junge Mann setzte seine hochmütigste Miene auf: »Ich sehe ein, daß ich dir gerade gut genug zum Kanonenfutter bin. Ich könnte mich ja auch als freiwilliger Flieger melden – beste Aussicht für zärtliche Eltern, unbequeme Söhne los zu werden.« »Fritz!« rief der Vater entsetzt. Er trat vor den jungen Mann hin, faßte seine beiden Schultern mit den starken Händen und schüttelte ihn. »Hast du denn keinen Tropfen von meinem Blut in deinen Adern? Ist das die Frucht von vierundvierzig gesegneten Friedensjahren? Ist das Endresultat unserer glänzenden Kulturentwicklung, dieser ruchlose Egoismus, der Vaterland und Pflicht und Treue und alles verlacht und verhöhnt? Seid ihr denn gar keines großen Gefühls mehr fähig? Du und deine Schwester – und deine Mutter auch, ihr habt euch verweichlicht im Wohlleben, euch verloren an jämmerliche Nichtigkeiten. Mich seht ihr als euren Feind an; mich verlacht ihr, weil ich an den Idealen meiner schlichten, harten Jugendzeit festhalte. Ich weiß wohl, daß man Kinder nicht anders erziehen kann als durch das gute Beispiel und dadurch, daß man sie zwingt, Widerstände überwinden zu lernen. Das Beispiel, das ich euch gab, hat euch keinen Eindruck gemacht – Gott sei's geklagt! – und am Zwange der strengen Zucht habe ich es fehlen lassen – aus Liebe zu eurer Mutter, die nun einmal als Kind der neuen Zeit für die Erziehung in Freiheit begeistert war. Jetzt ernte ich den Lohn für meine Schwäche. Meine Kinder ohne Verständnis für den furchtbaren Ernst der Zeit, ohne Gefühl für ihre heilige Pflicht – ohne einen Funken Liebe zu ihrem Vater ... das ist mein Dank!« Die letzten Worte erstarben in einem stöhnenden Gemurmel, und der starke Mann strebte mit unsicheren Schritten seinem Schreibtisch zu und ließ sich ermattet in den Sessel sinken. Fritz stand da wie ein gescholtener Schulbube und brauchte lange, bis er ein paar Worte der Erwiderung vorzubringen vermochte: »Es ist doch wohl nicht Lieblosigkeit unsererseits,« sagte er verlegen. »Wir verstehen uns nur nicht mehr – und das ist doch schließlich natürlich: zwei so verschiedene Zeiten mußten ja anders geartete ... Du kannst ja auch den Sozialismus nicht mehr verstehen, Vater, der doch die gewaltigste geistige Bewegung bedeutet und alle Ideen umgestaltet hat. Du wirst sehen, auch dieses wilde Kriegsgeschrei wird an dem bewußten Willen der wachgewordenen Massen ... Entschuldige, ich will doch mal auf die Straße, man ruft Extrablätter aus.« Und er machte, daß er davonkam, ohne die Erlaubnis des alten Herrn abzuwarten. FRITZ ließ sich nicht wieder sehen. Schon wenige Minuten, nachdem er das Zimmer verlassen hatte, kam der Prokurist mit der Nachricht zu seinem Chef herein, daß der Kriegszustand für das Deutsche Reich erklärt sei. Hermann Merker erhob sich stramm, drückte dem Prokuristen die Hand und sagte: »Also vielleicht nur noch wenige Tage, und wir haben Europa wider uns in Waffen.« »Herr Merker, halten Sie es wirklich für möglich?!« rief der jüngere Herr mit verstörter Miene. »Frankreich, ja, das muß wohl mit, aber England, das wäre doch ...« »England traue ich alles zu,« erwiderte der alte Herr bitter lächelnd. »Der gemeine Konkurrenzneid ist schlimmer als selbst die Leidenschaft der Revanche. Kopf hoch und ruhig Blut! Lassen Sie die Herren für heute nach Hause gehen; zu tun gibt es ja doch kaum mehr etwas für uns.« Er nahm seinen Hut und ging. Auf der Straße las er den Maueranschlag der kaiserlichen Verkündigung. Seine Seele war erfüllt von tiefer Bitterkeit. Er dachte zurück an jenen Juliabend 1870, als die Depesche von der Abfertigung des französischen Gesandten Benedetti durch König Wilhelm in Berlin bekannt wurde. In der Brust des Zwanzigjährigen war damals nur für ein einziges Gefühl Raum gewesen: Dein Vaterland wird unter einem schnöden Vorwand überfallen, du bist berufen, es verteidigen zu helfen. Vom Kontor weg war er zum Bezirkskommando gelaufen. Ein paar Wochen scharfer Drill, und dann stolz und bang und froh und ernst nach Frankreich hinein. Heute aber! ... Ein alter Mann, aber stramm aufrecht, durchaus fähig, mit den Jungen jung zu empfinden und sich von der großen Menge der Begeisterung zu Heldentaten des Opfersinns, des mutigen Aushalten in Not und härtester Prüfung emportragen zu lassen – und dennoch innerlich gebrochen, aufs tiefste verwundet, bevor noch der große Kampf entbrannt war – durch die Enttäuschung, die er an seinem eigenen Fleisch und Blut erleben mußte. Wenn das die Jugend von heute war, dann wehe dem armen Vaterlande! Die Frauen vertändelt, im Genußleben verweichlicht, im Gefühlsleben verwirrt, der Sohn an eitle Spielereien verloren, ohne irgendeinen Begriff von Pflicht, den Kopf umnebelt von den amoralischen Schlagworten der literarischen Tagesstunde und im innersten Herzen vielleicht gar darauf hoffend, daß der Vaterlandsverrat der Sozialdemokraten ein heldenhaftes Ringen Deutschlands mit Europa unmöglich machen und es kampflos der Willkür seiner übermächtigen Gegner ausliefern würde! MERKER saß in der elektrischen Untergrundbahn und verstand kein Wort von den erregten Gesprächen der dicht gedrängten Menschen. Schier gelähmt, taub und blind für alles, was um ihn her vorging, saß er da und empfand nichts als sein großes Herzeleid. Er stieg an einer falschen Station aus und mußte sich einen Wagen nehmen, um heimzukommen, denn seine Beine trugen ihn nicht mehr. Schwerfällig arbeitete der somit noch so elastische Mann sich die zwei Treppen zu seiner Wohnung hinauf, öffnete mit dem Drücker die Tür und taumelte, ohne Hut und Stock abzulegen, geradewegs in das Zimmer seiner Frau. Bei ihr Trost und Verständnis zu finden, war seine letzte Hoffnung, wenngleich ein Altersunterschied von fünfundzwanzig Jahren sie trennte und ihre Weltanschauungen weit auseinandergingen. Er liebte doch dies fremde Frau noch mit dem fast unverminderten Feuer des Vierzigers. Er huldigte ihrem körperlichen Reiz, ihrem sprühenden Temperament wie ein Verliebter und war um ihr Wohlergehen, ihren leichtherzigen Frohsinn besorgt wie ein ritterlicher Vater – dafür mußte sie ihm doch zum mindesten dankbar sein, in aller Aufrichtigkeit ergeben, wenn sie auch keine Zärtlichkeit, kein tiefer gehendes Verständnis für ihn aufzubringen vermochte. Wenn Ulla nur jetzt zu ihm hielt und sich der ernsten Stunde gewachsen zeigte, dann durfte er hoffen, wenigstens seine Fassung wiederzugewinnen. Sie war nicht da, aber er hatte ihren Hut, ihren seidenen Staubmantel im Vorplatz gesehen; ausgegangen war sie also schwerlich. Er wollte sie erwarten. Langsam begann es in dem mit üppigen Luxusmöbeln und tausend reizenden Überflüssigkeiten vollgestopften Zimmer auf und ab zu gehen, um sich zu überzeugen, wie er ihr von Fritzens unfaßbar kindischer Haltung Mitteilung machen sollte. Er kam an ihrem Schreibtisch vorbei. Ein angefangener Brief, eine hastig hingeworfene Feder, ein fertig adressierter Umschlag lagen auf der silberbeschlagenen Saffian-Schreibunterlage. Ganz ohne Neugier, ohne Absicht schweifte sein Blick über den Briefbogen. Da zuckte er plötzlich zusammen, griff sich mit der Rechten an den Kopf und stützte sich mit der Linken schwer gegen den leichten Schreibtisch. Er beugte sich dichter über das Papier, um sich zu vergewissern, ob seine guten Augen ihn betrogen oder ob seine schmerzliche Betäubung ihm einen phantastischen Streich gespielt habe. Nein, da stand es, deutlich in ihrer großen, mit Kraft kokettierenden Schrift zu lesen: »Mein Stani, mein Alles – ich höre von den Kindern, du willst fort. Und mir hast du nichts gesagt! Ich muß dich unbedingt sehen! Halte dich morgen nachmittag zu Hause; ich bin halb toll ...« Damit brach das Schreiben ab. Der Umschlag trug die Aufschrift: Herrn Stanislaus von Morgitzky. Er schrie nicht auf, er brach nicht zusammen, er stützte sich nur mit beiden Händen gegen die Platte des Schreibtisches und stierte auf diese großen festen, violetten Schriftzüge. Denken schien ausgeschaltet in dem plötzlichen Schreck grausamer Erkenntnis. Aber sein Herz schlug mit so gewaltigen Schlägen, daß er ein dumpfes Dröhnen in seinem Hirn verspürte. In diesem Augenblick huschte durch die Rebentür zum Musikzimmer Frau Ulla mit ihrem leichten, geschmeidigen Schritt herein. Wie angedonnert blieb sie bei der Tür stehen, griff mit beiden Händen Halt suchend hinter sich, und in ihren vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen blitzten die grünen Nixenlichter auf. Sie faßte sich erstaunlich schnell, stieß ein kleines hysterisches Gelächter aus und sprudelte hastig hervor: »Herrjemine, wie habe ich mich erschrocken! Zu dumm! Wo kommst du denn so plötzlich her – um diese Zeit? Ich habe doch die Korridortür gar nicht gehen hören?« Hermann Merker richtete sich mit Anstrengung auf, wendete ihr sein schmerzverzerrtes Gesicht zu, deutete auf den Brief und sagte heiser, mit schwerer Zunge: »Was hat das hier zu bedeuten?« Frau Ulla drückte erst die Tür hinter sich ins Schloß, bevor sie zum Schreibtisch trat. »Ei, da schau!« rief sie neckisch, ihm mit ihrem niedlichen Fingerchen drohend, »seit wann spionierst du denn in fremden Briefen herum?« Er sagte nichts. Mit einer herrlichen Gebärde hielt er ihr nur in der zitternden Rechten das Schreiben entgegen. Sie riß es ihm fort, warf einen Blick darauf und stellte sich peinlich überrascht. »Diese Kröte!« fauchte sie bös, und ihre Lippen wurden ganz blaß. »Stani – das ist natürlich der Fiedler mit den dämonischen Schmachtaugen. Daß Sonja mit ihm kokettiert, war mir schon aufgefallen, aber daß sie es so weit ...« Da entlud sich der furchtbare Schmerz des Gatten in einem Aufschrei: »Du lügst, es ist deine Schrift!« »Da irrst du dich,« hastete Frau Ulla todbleich vor Schreck hervor: »unsere Schrift ist kaum zu unterscheiden. Ich war seit Stunden nicht hier im Zimmer, ich habe der Anna beim Einkochen geholfen. Frage doch die Anna. Ich begreife nur nicht, wie Sonja die Frechheit haben konnte, meine Briefbogen ...« »Elende, mit einem Faustschlag könnte ich dich ...« Hochaufgerichtet stand er vor ihr, die Faust drohte fest geballt über ihrem roten Haaraufbau. Jetzt wußte sie, daß es kein Entrinnen mehr gab. Sie ließ sich in eine Ecke des kleinen Sofas fallen, bei dem sie eben stand, umfaßte ihr übergeschlagenes Knie mit beiden Händen und blickte, trotzig die Lippen übereinandergebissen, auf die Spitze ihres Schuhes nieder. Sie schwieg, offenbar, um Zeit zur Überlegung zu gewinnen. Merker sah ihrem Gebaren eine kurze Zeitlang zu, dann ging er nach der Tür zum Salon, schaute hinaus, ob kein Lauscher nebenan sei, und drehte dann innen den Schlüssel herum; ebenso machte er es mit der Tür nach dem Korridor. Und dann trat er dicht vor Frau Ulla hin und sagte ruhigeren Tones: »So, jetzt sind wir vor Störungen sicher. Willst du dich jetzt nicht vielleicht dazu bequemen, dein Geständnis ...« Sie fiel ihm, eine hochmütig empörte Miene aufsetzend, giftig ins Wort: »Diesen Ton muß ich mir von vornherein verbitten. Ich bin kein Verbrecher, der vor den Untersuchungsrichter steht. Wenn du die Türen geschlossen hast, um dich ungestört an der Mutter deiner Kinder zu vergreifen ... gut, tu, was du nicht lassen kannst; gegen deine Brutalität bin ich wehrlos. Mein Gott, mein Gott, diese furchtbare Enttäuschung – das ist das Vernichtende dabei!« Sie preßte ihre Händchen in die Augenhöhlen, als wollte sie gewaltsam Tränenströme zurückdrängen. Aber Hermann Merker ließ sich durch diesen Trick denn doch nicht fangen. »Ach so,« sagte er mit einem Anflug ironischer Heiterkeit: »du drehst den Spieß um – echt frauenzimmerliche Unverschämtheit. Willst du dich nicht dazu bequemen, zuzugeben, daß du mein Vertrauen schändlich betrogen hast? – Ulla, Ulla! Ist es denn möglich, nach einundzwanzig Jahren des glücklichsten Zusammenlebens! Habe ich dir den nicht jeden Wunsch erfüllt, den ich dir an den Augen ablesen konnte? Habe ich dir nicht durch meine Arbeit ein Leben nach deinem Geschmack ermöglicht? Bin ich in meiner zärtlichen Liebe jemals matt geworden? Habe ich mich dir gegenüber je alt, gleichgültig, kalt gezeigt? War ich etwa ein eifersüchtiger, greisenhaft egoistischer Tyrann, der deinem Temperament nicht über den Weg traute? – Und nun belohnst du mein Erstaunen und meine Liebe durch solch schnöden Betrug! Ich begreife dich nicht – wenn es noch ein reifer, bedeutender Mann wäre, der dich bis zur Selbstvergessenheit hingerissen hätte – aber daß du in deinem Alter mit einem solchen windigen jungen Menschen, mit dem Geigenlehrer deiner Tochter ...! Müßt ihr Frauen denn wirklich gleich alle Scham, allen guten Geschmack aufgeben, sobald ihr euch von euren Trieben überrumpeln laßt? So rede doch, bringe doch irgend etwas vor zu deiner Entschuldigung.« In zitternder Beschwörung hob er die Hände gegen sie empor. Sie zog nur die nachgemalten Brauen hoch und sagte trotzig und kalt: »Das hat wohl keinen Zweck, mich zu entschuldigen, du gefällst dir ja viel zu gut in der Rolle des sittlich entrüsteten Bußpredigers. Hast du jemals von unserem gefährlichen Alter gehört oder gelesen? – Na also: ich bin im gefährlichen Alter, das ist meine ganze Entschuldigung. Du wirst das natürlich als Mann nicht verstehen können und wollen, aber ich sage dir ganz einfach, wie es ist: unser Blut schreit nach der Jugend in diesem Alter. Wir werden krank oder verrückt, wenn keine Jugend da ist, unsere Sehnsucht zu stillen. Ich habe dir nichts entzogen, du hast nichts von mir verloren, da schwöre ich dir beim Heiligsten, was ich auf Erden kenne: beim Angedenken meines Vaters! Ich liebe dich heute noch, wie ich dich immer geliebt habe in aller schuldigen Dankbarkeit und Achtung für deinen Charakter. Es tut mir weh, daß dich die Entdeckung so erschüttert, aber wenn du nur eine Spur von Frauenkenntnis besäßest, so hättest du dir das schon an unserem Hochzeitstag sagen können, daß es einmal so kommen müßte. Du bist fünfundzwanzig Jahre älter als ich – nein, genau genommen noch viel mehr, denn ich bin längst nicht so alt wie mein Taufschein, ich bin so jung, wie ich empfinde, und so jung, wie ich aussehe – und ich habe die Jugend eines Mannes nie genossen. Wie gesagt, es tut mir herzlich leid, daß es dich so kränkt – aber bereuen kann ich es nicht. Wenn es nicht gestern geschehen wäre, so hätte es morgen so kommen müssen, und wenn es nicht dieser war, so wäre es ein anderer geworden – ganz gleichgültig, wer, nur irgendein Junger.« Hermann Merker schwieg eine ganze Weile, und man sah es seinem zuckenden Gesicht an, welchen Schmerz es ihm bereitete, diese Enthüllungen einer edlen Frauenseele in sich zu verarbeiten. Endlich sagte er in einem Tone, der gleichgültig, sachlich klingen sollte: »Hast du diese überaus bequeme Moral aus deiner Lektüre geschöpft? Hat dich das dein geistreicher Umgang und dein fleißiger Theaterbesuch gelehrt?« »Ich lasse mich nur vom Leben belehren,« erwiderte sie mit einem bedeutenden Augenaufschlag. »Ich habe meine innere Ruhe und Sicherheit durch die Erfahrung gefunden; wir können nichts wider unser Schicksal, wir werden geschoben, unser Wille vermag gegen die Befehle unseres Blutes nichts auszurichten.« »Also hältst du es auch nicht für nötig, irgend etwas zu tun, um deinen Ehebruch zu sühnen?« »Ehebruch!« fuhr sie lachend auf. »Verschone mich wenigstens mit dem unmöglichen Wort. Ich sage dir ja, ich habe unsere Ehe nicht gebrochen – innerlich nicht. Für meine Begriffe steht sie unerschüttert, fest begründet wie nur je. Was bedeutet überhaupt diese ganze – nennen wir's meinetwegen Verirrung? – Ein Zwischenspiel; für mich voll aufrüttelnder Entzückungen; für dich eine schmerzliche Überraschung; der Vorhang wird darüber fallen und die harmlose bürgerliche Komödie unserer Ehe ruhig weitergehen. Er wird vermutlich in sein Vaterland zurückkehren müssen – ich wollte Abschied von ihm nehmen – vielleicht auf ewig! Da hast du ja meine Entsagung – auch ohne daß du mir durch Drohungen Schwüre zu erpressen brauchst.« »Habe ich gedroht?« »Ich lese die Drohung in deinem Gesicht; ihn wiederzusehen – wie einen tollen Hund, pflegt man doch bei solchen Gelegenheiten zu sagen – Scheidung beantragen, mit Schimpf aus dem Hause jagen. Es ist furchtbar, daß ich diese grausame Enttäuschung an dir erleben muß. Ich war gefaßt auf diese Stunde – solche Dinge kommen immer heraus – es werden immer Briefe gefunden – das ist alles so unausweichlich banal! Aber ich hatte einen so hohen Begriff von dir, daß ich mich fest darauf verließ, du würdest in dieser Stunde der Entdeckung eine verstehende Güte und einen männlichen Edelsinn herrlich offenbaren und mich dadurch vor dir auf die Knie zwingen. Und wie stehst du nun da? Sie hob verächtlich die Oberlippe: »Ein Mann wie alle.« »Und wie hast du dir diesen Edelsinn gedacht, wenn ich fragen darf?« »Es ist traurig, daß du überhaupt noch fragen mußt.« »Dann will ich dir sagen, was du von mir erwartet hast.« Hermann Merker umklammerte mit festem Griff die Seitenlehnen seines Stuhles, beugte sich vor und sprach mit bebender Empörung: »Du hast geglaubt, ich würde als hilfloser Greis um meines häuslichen Friedens willen zu allem ja sagen, meine und deine Schande in mich verschließen und dein Verhältnis wissend dulden. Aber du hast dich verrechnet: ich bin nicht der hilflose Greis. Ich gedenke mich zu wehren. Ich werde tun, was ich meiner Ehre schuldig bin und was ich für meine Pflicht halte.« »Hermann!« Sie schnellte von ihrem Sitz empor, unfähig, ihren Schreck zu verbergen. »Was soll das heißen, was willst du tun? Ich bitte dich um Gottes willen, keinen unüberlegten Schritt! Was kann er denn dafür? Er ist ein so zart empfindender Mensch, ein Kind, eine Künstlerseele. Er leidet darunter, er verzehrt sich in Gewissensbissen. Ich flehe dich an, schone ihn! Wenn jemand schuldig ist ...« Er erhob sich gleichfalls und fiel ihr ins Wort: »Das weiß ich, daß ein junger Mensch Frauen deinen Alters nicht zu verführen braucht. Es wird schon so sein, daß du, um seine Skrupel zu betäuben, dich ihm als eine unglückliche, unverstandene Frau dargestellt hast, die unter der Tyrannei eines welken Greises seufzen muß! Pfui, pfui, pfui! So mein eingebildetes Glück, meine schönen Illusionen preiszugeben!« Da fiel sie vor ihm auf die Knie, ergriff seine Hand und küßte sie. »Hermann – verzeihe mir! Mein verfluchtes Blut! Mein unseliges Temperament!« Merker hieß sie aufstehen und verschränkte die Hände auf dem Rücken. »Was gedenkst du zu tun, um dir Verzeihung zu verdienen? Ich habe in dieser Stunde, in dieser schicksalsschweren Stunde vor dem Ausbruch des Weltkrieges, der vielleicht die Vernichtung des Vaterlandes, unser aller Untergang bedeuten kann – ich habe in dieser Stunde alles verloren, was mir das Leben noch wert machte. Daß ich vielleicht geschäftlich zugrunde gerichtet werde, will kaum etwas bedeuten gegenüber dieser plötzlichen Vereinsamung meines Gemüts. Ich habe dich verloren; ich muß den Sohn verachten – und deine Tochter, das weiß ich längst, hat ja in ihrer selbstgefälligen Nichtigkeit nie auch nur so viel für mich übrig gehabt. Es wir dir unter solchen Umständen wohl nicht ganz leicht fallen, mich wieder Glauben und Vertrauen zu lehren.« Die eine Träne, die Frau Ulla im ersten Schreck vergossen hatte, bahnte sich langsam ihren Weg durch den Puder der rechten Wange. Sie tupfte sie mit ihrem Tüchlein weg und sagte unsicher und doch schon wieder ein wenig trotzend: »Was verlangst du denn noch? Ich habe ja getan, was ich nie für möglich gehalten hätte; ich habe mich vor dir gedemütigt!« »Das war also schon deine Buße?« stöhnte er mit verzweifelter Bitterkeit auf. »Und du willst mir nicht versprechen, dieses schmachvolle Verhältnis abzubrechen, sofort und für immer?« Sie raffte sich zusammen und versuchte, ihm frei ins Auge zu sehen. Aber der Ausdruck furchtbaren Ernstes in seinen müden, schmerzverzerrten Zügen ängstigte sie. Sie senkte scheu die langbewimperten Lider: »Ich will's versuchen,« versetzte sie leise. »Aber ich bin ehrlich, Hermann; erpresse mir kein Versprechen – ich weiß nicht, ob ich es werde halten können. Laß mir Zeit.« Er griff nach Hut und Stock, schritt nach der Korridortür und drehte den Schlüssel herum. »Wo willst du hin?« rief Frau Ulla ängstlich und ging ihm ein paar Schritte nach. Da sprach er, mit der Hand schon auf der Klinke: »Ich bin der Meinung, daß wir keine Zeit mehr zu verlieren haben. Die kleinen Rechnungen unseres privaten Schuldkontos müssen heute noch beglichen werden, denn morgen schon beginnt vielleicht die große Abrechnung unter den Völkern. Und da heißt es, alles, was wir an Kräften besitzen, ohne Abzug dem Vaterlande zur Verfügung stellen.« Und er verließ festen Schrittes Zimmer und Wohnung. STANISLAUS Morgitzky hauste weit draußen im Südwesten, unweit des Kreuzberges, vier Treppen hoch bei einer Witwe Lublinski. Der alte Herr Merker brauchte fast eine Stunde, um von der Mommsenstraße bis dorthin zu gelangen, und eine weitere Viertelstunde, um die Treppen zu erklimmen. Die furchtbaren Aufregungen dieses Nachmittags hatten den Nerven des rüstigen Mannes so zugesetzt, daß er auf jedem Treppenabsatz haltmachen mußte, um wieder zu Atem zu kommen, und daß seine Knie drohten, ihm den Dienst zu versagen. Der Herr Professor – den Titel hatte ihm keineswegs der Staat beigelegt, sondern er war eine freiwillige Ehrenbezeigung seitens seiner Schüler, die er nur leutselig über sich ergehen ließ –, der Herr Professor war nicht daheim. Aber die polnische Witwe, die eine gute Deutsche war und kein Wort Polnisch verstand, sah wohl ein, daß sie dem alten Herrn nicht zumuten dürfe, noch einmal die vier Treppen zu steigen, und darum lud sie ihn freundlich ein, zu warten, denn Herr Morgitzky habe beim Fortgehen gesagt, daß er daheim Abendbrot essen wolle, er müsse also jeden Augenblick wiederkehren. Zwar hatte ihr Zimmerherr ihr streng verboten, fremde Leute in seiner Abwesenheit hereinzulassen, doch einem so vertrauenserweckenden, feinen alten Herrn gegenüber glaubte sie wohl, eine Ausnahme machen zu dürfen. Sie vermutete in ihm einen Vater, der wegen Violinstunden verhandeln wolle, und geleitete ihn selbst in Herrn Morgitzkys Zimmer hinein. Es war ein kleiner, aber freundlich heller, nett ausgestatteter Raum, der außer den üblichen Möbeln einer besseren Studentenbude ein Klavier und einen reichen Wandschmuck von gerahmten und ungerahmten Bildern aufwies, zumeist Bildnisse großer Musiker, Photographien mit persönlichen Widmungen, Reproduktionen berühmter moderner Gemälde, Kupferstiche, Heliogravüren, Farbendrucke. Auf dem Aufsatz des soliden alten Zylinderbureaus stand unter einer schweren geschliffenen Glasscheibe eine große Photographie von Frau Ulla. Sie zeigte nur den Kopf und den Hals bis zum Brustansatz ohne Bekleidung, und daneben zu beiden Seiten standen die Bilder anderer Damen, anscheinend Verwandte, Freundinnen, Schülerinnen, darunter auch die jüngste Photographie Sonja Merkers. Auf zwei gegeneinander gestellten Rohrstühlen lag offen ein halb gepackter Koffer. Als Frau Lublinski bemerkte, daß die Augen des fremden Herrn diesen Koffer streiften, stieß sie einen tiefen Seufzer aus. »Ach Gottchen, ja,« sagte sie wehleidig; »jetzt werden für unsereinen wohl auch schwere Zeiten kommen. Die jungen Leute rücken alle ins Feld, wenn der Krieg ausbricht. Herr Morgitzky macht sich auch schon reisefertig, wie Sie sehen. Die russischen Untertanen werden wohl alle ausgewiesen werden, sagte er. Glauben Sie auch daran, lieber Herr, daß es wirklich Krieg gibt, und daß die Engländer und die Franzosen uns auch über den Hals kommen werden?« »Unzweifelhaft,« nickte der alte Herr ernst. »Ach, Gottchen, ach Gotte doch, was soll denn dann aus unsereinem werden?« jammerte die Witwe. »Ich hab' doch meine beiden Stuben noch nie lange leer gehabt, weil sie so sauber und freundlich sind, und ich nehme mich auch wie eine Mutter an um die jungen Herren. Aber wenn die nun alle mit müssen ... Denken Sie, mein Ältester steht im Elsaß bei der Artillerie – die kommen dann doch gleich zuerst dran.« »Ja, liebe Frau, dagegen ist nichts zu machen,« sagte Merker ungeduldig. »Da heißt es eben für uns alle: Zähne zusammenbeißen und seine Pflicht tun. Wer fällt, der fällt für eine große und gerechte Sache, denn wir haben den Krieg nicht gesucht. Wenn die neidischen Nachbarn über uns herfallen, um unserem Glück den Garaus zu machen, so müssen wir uns eben unserer Haut wehren bis zum letzten Blutstropfen.« »Nu, das versteht sich,« bestätigte die Frau eifrig. »Mein seliger Mann war ja Pole aus Preuß'sch-Polen, und geschimpft hat er genug über die Regierung; aber Siebzig hat er stramm mitgemacht und das Eiserne Kreuz gekriegt, und er hat immer gesagt, wenns' wieder gegen die Franzosen ginge, dann machte er mit – aber noch lieber gegen die Russen –, weil er nämlich keine Verwandtschaft in Russisch-Polen hat. Und die haben's drüben noch viel schlechter, sagt er, und wären froh, wenn unsere Leute kämen und sie preuß'sch machten, sagt er. Und was mein Herr Morgitzky ist, der macht auch nicht mit gegen uns, sagt er. Wenn der Zar in die Luft fliegen möchte, tät er sich in Champagner besaufen, hat er gesagt.« Herr Merker hatte auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch Platz genommen und ließ mit mattem Lächeln den Redeschwall der Witwe über sich ergehen. Die merkte nun doch wohl, daß sie lästig falle, und machte sich mit einer Entschuldigung davon. Sobald sich Merker allein sah, beugte er sich vor und betrachtete mit verstörter Miene das große Bild seiner Frau. Es war ihm unbekannt – vermutlich eine Vergrößerung nach einer Liebhaberaufnahme. Er mußte schmerzlich auflachen, als das Wort in seinem wütend arbeitenden Hirn auftauchte. Was mochte der Liebhaber noch für Aufnahmen gemacht haben, wenn die rothaarige Nixe in diesem engen, sonnenwarmen Räumen bei ihm weilte! Und mit der Beschützerin solcher verbrecherischer Heimlichkeiten hatte er eben noch freundliche Worte gewechselt! Eine zitternde Wut rieselte von unten her an seinen Nerven hinauf und peitschte eine heiße Welle in sein Hirn. Er fühlte sich in Versuchung, das Bild mit beiden Händen zu packen und an irgendeiner scharfen Kante zu zerschmettern. Aber er zwang sich; es galt, seine Würde zu wahren. Allzu lange brauchte er nicht mehr zu warten. Bald nachdem er die nächste Turmuhr die siebente Stunde hatte schlagen hören, wurde draußen die Wohnungstür geräuschvoll ins Schloß geworfen und feste Schritte näherten sich dem Zimmer. Noch gab es einen kleinen Aufenthalt, denn die Vermieterin hielt den jungen Mann mit wortreichen Entschuldigungen auf wegen ihrer Eigenmächtigkeit, einen Fremden zu ihm hineingelassen zu haben. Von der Hitze des Tages und dem raschen Aufstieg waren seine Wangen gerötet, doch sobald er seines Gastes, der sich bei seinem Eintritt langsam erhob und zu seiner ganzen gebieterischen Höhe aufreckte, ansichtig wurde, erblaßte er plötzlich und zog die Tür mit einer Hast hinter sich ins Schloß, die noch deutlicher als dies Erblassen sein Entsetzen verriet. Doch seine Verwirrung währte nur wenige Sekunden. Dann verbeugte er sich mit einem krampfhaften Lächeln und stieß atemlos hervor: »Ah, Herr Merker! ... Pardon ... ich ... bin die Treppen etwas presto hinaufgesprungen. Aehm, was verschafft mir die Ehre? Bitte, behalten doch Platz, Herr Merker.« »Unser Geschäft läßt sich besser stehend erledigen,« begann der alte Herr mit unheimlicher Ruhe: »Sie haben ein Verhältnis mit meiner Frau.« »Herr Merker, ich muß bitten ...« »Ausflüchte helfen Ihnen nichts, den sie hat es mir selbst gestanden. Also antworten Sie! Wie lange bestehen Ihre Beziehungen?« Der junge Mann ergab sich in sein Schicksal. Er senkte den Kopf und antwortete mit knabenhaftem Trotz: »Seit zwei Jahren vielleicht.« »Meine Frau hat Sie hier besucht?« »Auch, zuweilen.« »Dann waren diese Beziehungen also intimer Natur?« Morgitzky schwieg. Wohl eine halbe Minute lang – eine fürchterlich gespannte Endlosigkeit dünkte sie den jungen Menschen – musterte der hünenhafte Gatte mit haßerfülltem Blick seinen Nebenbuhler von Kopf bis zu den Füßen. Er vermochte keine Schönheit an ihm zu entdecken, die ihm die tolle Begier seines Weibes gerade nach diesem Mannsbild hätte erklären können. Und das reizte seinen Grimm. Sein Atem ging hörbar aus und ein und sein gütiger Mund verzerrte sich seitwärts. Endlich fand er wieder Worte. Worte, gleich Peitschenhieben: »Sie haben wohl damit gerechnet, daß Sie es mit einem wehrlosen alten Manne zu tun hätten, der um seiner Ruhe willen gegen alles die Augen verschließt. Ich weiß, meine Frau steckt voll von Kenntnissen über solche Männer in unserem eigenen Familien- und Bekanntenkreise. Ich gehöre aber nicht dazu; ihr habt euch verrechnet. Ich gedenke dieser Sache ein Ende zu machen.« Morgitzky gab sich einen Ruck, warf den Kopf hoch und sah seinem Gegner ins Gesicht: »Bitte, Herr Merker, ich stehe Ihnen zu Diensten.« »Ach, Sie glauben wohl, ich würde mich mit Ihnen auf die Förmlichkeiten eines Duells einlassen, damit Sie mich unter dem Schutz des Gesetzes aus dem Wege räumen können? In solchen Dummheiten bin ich doch wohl zu alt. Körperlich getraue ich mir noch zu, Sie mit dem Stock zu züchtigen, auch wenn Sie sich wehren.« Er griff bei diesen Worten nach seinem Bambusrohr, das er auf den Mitteltisch, neben dem er gerade stand, gelegt hatte, und hob es drohend empor. Doch sein zitternder Arm strafte seine herausfordernde Behauptung Lügen. Der stämmige junge Mann wäre doch wohl leicht mit ihm fertig geworden. Er stand auch ganz ruhig da, der Geiger, ohne sich zu ducken, ohne auch nur den Arm zur Abwehr zu erheben. »O, Herr Merker,« sprach er, fast mitleidig mahnend: »Prügelei wäre häßliches Ende für diese unglückliche Geschichte.« Der alte Herr fühlte, daß er seiner Würde etwas vergeben habe, ließ die Hand mit dem Stock sinken und stützte sich fest darauf. Er besann sich eine kleine Weile und dann sprach er, seine Stimme dämpfend: »Sie werden sofort abreisen und mir Ihr Ehrenwort geben, meiner Frau niemals mehr in den Weg zu kommen ... auch brieflich nicht. Sollten Sie jedoch Ihr Ehrenwort brechen ...« »Das wird schwerlich geschehen,« unterbrach ihn der Pole, seine beiden dicken Brauen zusammenziehend; »denn von meiner Seite besteht das Verhältnis schon lange nicht mehr.« »Ach was, das sagen Sie jetzt, um mich los zu werden,« fuhr ihm Merker heftig an; »das sind Ausflüchte!« »Aber nein, ich werde beweisen.« »Wie wollen Sie das beweisen?« »Herr Merker, ich bitte Sie um die Hand Ihrer Tochter!« Der alte Herr stand sprachlos; mit offenem Munde da. Dann übergoß eine tiefe Röte sein gutes altes Kaisergesicht bis hinauf auf den kahlen Schädel, und er stammelte mit Anstrengung: »Das ist denn doch ... Herr!... Eine solche ... Unverfrorenheit ...« Die zitternden Knie trugen ihn nicht mehr, er mußte sich setzen. Und da trat der Pole dicht vor ihm hin und sagte mit erstaunlicher Geläufigkeit, wie auswendig gelernt: »Ich weiß, Herr Merker, es ist sehr unverschämt von mir, in diesem Moment, in eine solche Situation; aber was wollen Sie: ist es nicht Beweis? Ich habe Ihre Gattin gekannt, lange bevor ich für Geigenlektionen engagiert wurde. Ich hätte nie gewagt, Frau Gemahlin zu lieben ... Aber das ist peinlich, sprechen wir nicht davon. Ein junger Mann in meine armselige Verhältnisse ist dankbar ... aber, wenn die Liebe für ein junges Mädchen dazwischenkommt, so schämt er sich, und die Dankbarkeit wird ihm eine Qual. So war es mit mir. Fräulein Sonja liebt mich – ich weiß nicht warum, aber sie liebt mich. Gestern haben wir Rendezvous gehabt – nicht hier, bitte! – im Tiergarten, und sie hat mir gesagt, daß wir in den Ausland reisen wollen, ehe zu spät ist, und dort sich heiraten und verstecken unter fremder Name. Ich habe ihr gesagt: Liebes Kind, hab' ich gesagt: ich liebe dich, aber das ist unmöglich, denn wir werden den Krieg haben. Ich soll sofort abreisen und mir in Warschau zu Militär stellen. Aber das will ich nicht, ich hasse Rußland, und ich will nur kämpfen in ein Armee, das Rußland zerschmettern wird. Und das ist deitsche Armee.« »Was Sie sagen!« rief Merker ungläubig. »Ich muß bitten, ich sage nur Wahrheit. Ich bin heute ganzen Tag herumgelaufen, man hat mir von ein Platz zu die andern geschickt, weil ich nicht wußte, wo ich anmelden kann, daß ich will ein Deitscher werden. Man hat mir gesagt, daß ich noch nicht genug lange wohne in Deitschland, und daß Russen verdächtig sind, und ich soll sofort mein Paß visitieren lassen und abfahren. Aber das tu' ich nicht, das will ich nicht. Ich laufe bis zum Kaiser, wenn man mich nicht will gegen verfluchte Russen kämpfen lassen.« Morgitzky hatte sich in einen Eifer hineingeredet, der sein breites, unschönes Gesicht verklärte, und in seinen Augen lachte junghelle Begeisterung. Der alte Herr saß verlegen da, spielte mit dem Stock in seiner Hand und wußte nicht, was er zu alledem sagen sollte. Da ging draußen im Vorplatz die Tür. Die kurze Frage einer Männerstimme, Frau Lublinskis ängstliche Antwort, feste Tritte, und im nächsten Augenblick ging die Tür auf, und zwei stämmige Männer, ein korpulenter kleiner und ein schlanker von ansehnlicher Größe, traten ein, ohne anzuklopfen. Sie zogen beide gleichzeitig aus ihrer Brusttasche eine Blechmarke hervor, durch die sie sich als Kriminalschutzleute zu erkennen gaben, erklärten Herrn Stanislaus Morgitzky im Namen des Gesetzes für verhaftet und ersuchten ihn, gutwillig mit ihnen zu gehen. Sie hätten eine Droschke vor der Tür warten. Der Geiger war so erschrocken, daß er unwillkürlich sich an Herrn Merkers Seite schmiegte und dessen linken Oberarm mit beiden Händen umfaßte. »Was wollen Sie von mir?« rief er wütend, trotz seiner Angst. »Ich habe nichts getan.« »Das wird sich ja zeigen,« sagte der korpulente Schutzmann. »Geben Sie Ihre Schlüssel heraus, wir müssen Ihre Papiere beschlagnahmen. Wenn sich nichts Verdächtiges findet und Sie sich somit über ihren Umgang und so weiter ausweisen können, sind Sie morgen vielleicht schon frei.« Während die beiden Beamten den Sekretär und den offenen Koffer durchsuchten, erhob sich Hermann Merker schwerfällig, entnahm aus seiner Brieftasche eine Visitkarte und reichte sie dem größeren der beiden Schutzleute hin. Er räusperte sich, und dann sagte er hastig: »Ich glaube, ich kann mich für Herrn Morgitzky verbürgen, wenigstens insoweit, daß er kein russischer Spion ist. Nehmen Sie meine Adresse, falls Sie meine Zeugenschaft brauchen.« Da wendete sich der Geiger rasch nach ihm um und blickte leuchtenden Auges zu ihm auf. »O, Herr Merker!« sagte er nur. Der alte Herr griff nach seinem Hut, nickte dem Zerstörer seiner teuersten Illusionen väterlich zu und wollte wortlos das Zimmer verlassen. Morgitzky eilte ihm nach und bemächtigte sich gewaltsam seiner Hand. »Herr Merker,« flüsterte er leidenschaftlich: »wenn ich lebendig zurückkomme und wenn ich bewiesen habe, daß ich mit mein' Blut für Deitschland gut sein will, werden Sie mir dann ...« Des alten Herrn Auge ruhte ein paar Sekunden lang wehmütig auf dem jungen Mann, doch ein Versprechen ließ er sich nicht entreißen. Er erwiderte nur den Druck der feinen Geigerhand. Dann verließ er gebeugt, schleppenden Schrittes das Zimmer. Am Abend desselben Tages noch hatte Frau Ulla aus dem Munde ihres Gatten erfahren, daß Morgitzky die unerhörte Keckheit gewagt habe, ihn um Sonjas Hand zu bitten, und daß er verhaftet sei. Die erste Nachricht hatte auf Frau Ulla niederschmetternder gewirkt als die zweite, denn sie war überzeugt, daß Stanislaus es ihr nicht verschwiegen hätte, wenn er wirklich Mitglied einer russischen oder polnischen Umsturzpartei oder gar Spion im Dienste der russischen Regierung gewesen wäre. Eine kindliche Offenherzigkeit gehörte zu den guten Eigenschaften des leichtsinnigen Burschen, und vor der Neugier seiner berauschenden Geliebten war kein Geheimnis in seiner Brust sicher. Deshalb war sie überzeugt, daß man ihn bald freilassen müsse, wenn auch vielleicht nur, um ihn über die Grenze abzuschieben. Sonjas heimliche Liebe empfand sie dagegen als schmählichen Verrat, als einen heimtückischen Dolchstoß, im Schlafe gegen ihr Herz geführt. Sie hatte ihre Tochter als ein halbes Kind angesehen, als einen koketten Backfisch, wie sie sich abenteuerlustig auf der Tauentzinstraße in Massen herumtreiben. Und sie hatte sich schier behaglich aus dem Rocker alle seine Stelldicheins mit Gymnasiasten und Einjährigen beichten, seine harmlos törichten Liebesbriefe zeigen lassen und mit ihm gekichert über alle dies kindlichen Torheiten. Daß das Kind zur Leidenschaft reif geworden war, war ihr entgangen. Sie fand Sonja nicht einmal hübsch und ihre unentwickelten Formen noch gänzlich reizlos. Darum war sie auf den Gedanken gekommen, sie für Violinunterricht zu begeistern – natürlich nur zu dem Zweck, um ihren angebeteten Künstler häufiger sehen und mündlich mit ihm über Zusammenkünfte verabreden zu können. Und in diesem Nichts, in dieses unreife Gemüse konnte sich der siebenundzwanzigjährige Mann verlieben, nachdem er alle Entzückungen ausgekostet hatte, die ihre vollendete Liebeskunst, ihre immer noch siegessichere Schönheit ihm zu bieten vermochte! Es war noch ein Glück zu nennen, daß Sonja und Fritz an diesem Abend ausgebeten waren, denn in der gegenwärtigen Verwirrung aller ihrer Gefühle hätte sie das Mädchen nicht sehen können, ohne sich ihr gegenüber zu verraten, und Sonja durfte um keinen Preis erfahren, welche Nebenbuhlerin sie mit ihrer albernen Backfischkoketterie aus dem Felde geschlagen habe. Frau Ulla hielt es für ausgeschlossen, daß Sonja von ihren eigenen Beziehungen zu Stanislaus etwas wisse. Es schien ihr undenkbar, daß der Geliebte die Mutter dem Sohne der eigenen Tochter sollte ausgeliefert haben. Vielleicht war ihm der Gedanke, diese tolle Werbung um Sonja zu wagen, nur in der Verzweiflung gekommen, um Merkers Wut abzulenken. Ja, selbstverständlich, es konnte nicht anders sein. Tausendmal lieber wollte sie ihn, den Angebeteten, feige vor dem gerechten Zorn des betrogenen Gatten zurückweichen sehen, als ihn eines so nichtswürdigen Verrates an ihrer Liebe für fähig zu halten. Jedenfalls wollte sie sich Gewißheit verschaffen – gleich morgen. Wenn er noch nicht auf freiem Fuß gesetzt war, so wollte sie mit Hilfe der Polizei schon erfahren, wo er in Haft saß. O, sie wollte ihn zur Rede stellen! Ihr sollte er nicht durch Ausreden entwischen können! Sie besaß einen feinen kleinen Revolver aus Perlmutter, mit Gold tauschiert, das Stahlwerk fein vernickelt; den wollte sie auf alle Fälle zu sich stecken. Und wenn es sich zeigte, daß der Elende nichts Besseres als eine Kugel verdiente, so wollte sie ihn zu treffen wissen und ihrem eigenen geschändeten Dasein gleich mit ein Ende machen. Gegen ihre Gewohnheit verriegelte sie an diesem Abend ihre Schlafzimmertür und ließ sich von den ziemlich früh heimkehrenden Kindern nicht mehr sprechen. Und in der fürchterlichen, schlaflosen Nacht durchlebte sie erschütternde, wilde Auseinandersetzungen, blutige Katastrophen ... Aber immer nur zwischen sich und dem Geliebten oder der verhaßten Tochter, während der Gedanke an ihren Gatten nur ganz flüchtig durch ihre wüsten Ängste, durch ihre grimmigen Schmerzen huschte. Sie schlief erst gegen sechs Uhr morgens ein und erwachte um zehn Uhr des anderen Tages zerschlagen, verwüstet, mit heftigen Kopfschmerzen. Ihr Spiegel zeigte ihr eine alte Frau, und sie trug ängstlich Sorge, sich von niemand sehen zu lassen. Auch vor dem Dienstmädchen, das ihr das Frühstück brachte, verbarg sie ihr Gesicht in die Hände. Erst am späten Nachmittag stand sie auf und kleidete sich an. Sie brauchte zwei Stunden dazu, denn sie konnte mit ihrer Frisur nicht fertig werden, und im Schminken besaß sie nicht die nötige Geschicklichkeit, um sogleich eine Maske herzustellen, die die Sturmschäden dieser schrecklichen Nacht forschenden Blicken zu verhüllen imstande gewesen wäre. Als Ulla endlich zum Ausgehen bereit war und sich vergewissert hatte, daß keines der Ihrigen daheim sei, machte sie sich verschleiert auf den Weg und nahm ein Auto nach dem Kreuzberg hinaus. Auf der Straße wurden Extrablätter ausgeschrien. Es war der 1. August, die Kriegserklärung an Rußland, die Mobilmachung des deutschen Heeres waren soeben verkündet worden. Sie hörte die schicksalsschweren Worte tausendfach durch die Luft schwirren. Hurrarufende, die »Macht am »Rhein« singende Menschenmengen nötigten ihren Wagen zu langsamer Fahrt, ihr Schofför bestätigte ihr leuchtenden Auges die große Neuigkeit und erzählte ihr, daß er Vater von drei Kindern sei und sich schon morgen als Landwehrmann stellen müsse. Sie hörte kaum darauf, es ließ sie alles kalt. Ihr fieberndes Gehirn marterte sie nur mit dem einen Gedanken, wie sie es ihm sagen sollte. In der Nacht hatte sie flammende Worte der Empörung gefunden, Worte, die einen stählernen Sinn gezwungen hätten, in Tränen zu zerschmelzen. Und nun war alles ausgelöscht. Sie hatte den Anfang vergessen und fuhr dem Beginn der Tragödie entgegen, wie ein Schauspieler, den das Lampenfieber vor seiner ersten großen Rolle wahnsinnig gemacht hat. Sie ließ das Auto vorsichtshalber schon am Eckhaus einer Seitenstraße halten und ging zu Fuß weiter nach dem Haus, in dem Morgitzky wohnte. Sie jagte die vier Treppen hinauf und schellte. Frau Lublinski erschien alsbald mit tief bekümmertem Gesicht, und als sie die vornehme Dame erkannte, die so oft ihren Zimmerherrn heimgesucht hatte, zog sie sie ungestüm bei der Hand in die Wohnung und überfiel sie zungengeläufig mit ihren aufregenden Neuigkeiten. Ob sie denn schon wisse, daß Herr Morgitzky verhaftet sei. Ein würdiger alter Herr sei gestern dagewesen, und sie hätte ihn in ihrer dummen Vertrauensseligkeit ins Zimmer hineingestoßen. Der Mann sei sicher ein hoher Polizeibeamter gewesen; denn bald, nachdem ihr Mieter heimgekehrt sei, habe es eine heftige Auseinandersetzung zwischen den beiden gegeben, und dann seien zwei Kriminale in Zivil gekommen, hätten alles durchwühlt, alle Papiere beschlagnahmt und den jungen Herrn gleich mitgenommen. »Ich weiß, ich weiß alles,« sagte Fau Ulla matt. »Geben Sie mir ein Glas Wasser, lassen Sie mich ein bißchen ausruhen – ich kann nicht mehr.« Sie wankte in das Zimmer des Geliebten und warf sich auf den Diwan. Als Frau Lublinski das Wasser brachte, liefen ihr dicke Tränen über das zerknitterte, gutmütige Gesicht. »Ach Gottchen, ach Gottchen, liebe gnädige Frau!« jammerte die Witwe: »Ich konnte doch wahrhaftig nichts dazu. Was soll man denn machen, wenn ein hoher Polizeibeamter durchaus herein will in die Wohnung – nicht wahr? Sagen Sie doch man selber. Nee, nee, ich sage, man ist ja nicht mehr seines Lebens sicher in solche schreckliche Zeiten! Wissen Sie schon? Nu is richtig der Krieg erklärt, und ich komme noch in Verdacht, daß ich russische Spione bei mir zu wohnen habe.« Frau Ulla suchte die Aufgeregte zu beruhigen. Sie wisse bestimmt, daß Herr Morgitzky unschuldig sei, und sie werde sich sofort auf den Weg machen, um seine Freistellung zu beschleunigen. Allerdings ist es nicht ausgeschlossen, daß er trotzdem des Landes verwiesen werde. Aber sie, die Witwe Lublinski, solle dadurch keinen Schaden erleiden; sie würde ihr gern den Verlust ersetzen. Das war freilich ein Trost, der die Tränen der Witwe rasch zum Versiegen brachte. Sie erging sich in dankbaren Beteuerungen und strich die vortrefflichen Eigenschaften ihres Mieters nach Kräften heraus, um auch ihrerseits der verstörten Dame einigen Trost zu spenden. Frau Ulla hörte kaum auf das Geschwätz. Sie hatte sich den immer noch offen stehenden Schubkasten des Zylinderbureaus zugewendet und suchte mit nervöser Hast darin herum. Nach ihren Liebesbriefen suchte sie, von denen ein ansehnlicher Pack vorhanden gewesen sein mußte, wenn nicht Stanislaus so vorsichtig gewesen war, ihn schon vorher in Erwartung der drohenden Kriegesgefahr zu vernichten. Wenn sie auf der Polizei die Briefe gelesen hätten ...! Doch das war nun schon alles einerlei, wenn nur der Geliebte nicht Berlin verlassen mußte, ohne daß sie ihn vorher noch zu sprechen imstande war! Sie starrte, von dieser neuen Angst betäubt, in das durchwühlte Schubfach vor sich und quälte ihr schmerzendes Hirn vergeblich ab um einen Entschluß. Sie hatte schon wieder vergessen, daß sie nach dem Polizeipräsidium fahren wollte. Ohne recht zu wissen, was sie tat, nahm sie ihr eigenes Bildnis vom Aufsatz des Sekretärs herunter und suchte nach einem Papier, um es einzuschlagen, als draußen die schrille elektrische Klingel ertönte. Frau Lublinski eilte hinaus mit den Worten: »Das is er am Ende. Den Drücker hat er nicht bei sich, den hat er gestern in der Eile liegen lassen.« Frau Ulla ging der Witwe nach und blieb lauschend hinter dem offen gebliebenen Torflügel stehen. Die plötzliche Hoffnung ließ ihr Herz wie toll schlagen und sie preßte, als ob sie es dadurch beruhigen könnte, das schwere, kühle Kristallglas ihres Bildnisses fest gegen ihre Brust. Da vernahm sie draußen – Sonjas Stimme! Die Worte konnte sie nicht verstehen, das Blut brauste ihr in den Ohren. eine wahnsinnige Angst ließ ihr die Fingerspitzen erstarren. Sie vermochte die Tür nicht zu schließen, ohne in den offenen Türrahmen hinauszutreten. Und sie duckte sich in eine Ecke zwischen dem schrägstehenden Sekretär und der Fensterwand. Im nächsten Augenblick betrat Sonja das Zimmer. Sie hatte Frau Lublinski, die ihr den Eintritt verwehren wollte, beiseite geschoben und rief laut: »Es ist nicht wahr, es ist doch jemand im Zimmer, ich hab's ja gehört.« Und ihr Blick entdeckte sofort die Mutter in ihrem kindischen Versteck. Das Mädchen fuhr entsetzt zusammen, aber sie faßte sich rascher als die gänzlich verwirrte Frau. Sie griff der Mutter fest unter die Arme und zog sie aus ihrer geduckten Stellung in die Höhe. »Nimm dich doch zusammen, um Gottes willen!« flüsterte sie ihr rasch zu. »Laß nur die Frau nichts merken, ich bitte dich!« Und lächelnd wendete sie sich nach der neugierig bestürzten Witwe um und rief fast übermütig: »Na also, ich dachte mir's doch! Sehen Sie, wenn ich mich von Ihnen hätte einschüchtern lassen, dann hätte ich jetzt meine geliebte Tante nicht gefunden, und wir säßen alle noch in schrecklicher Angst um sie.« Und wieder zur Mutter gewendet fuhr sie fort: »Also komm schon, Tantchen, stütze dich nur auf mich. Wir nehmen ein Auto. Womit schleppst du dich denn da? Laß doch das Bild hier.« Aber Frau Ulla hielt nach wie vor die schwere Spiegelscheibe krampfhaft an ihre Brust gepreßt und sah mit irrem Blick an der Tochter vorbei. Da ergriff Sonja sie mit sanfter Gewalt unterm Arm und führte sie hinaus. Vor der Wohnungstür wendete sie sich noch einmal nach Frau Lublinski um und suchte ihr durch eine sprechende Miene begreiflich zu machen, daß die arme Tante nicht recht bei Verstand sei. Frau Ulla ließ sich ohne Widerstand die Treppen hinuntergeleiten und in das bereitstehende Auto helfen. In rascher Fahrt sauste der offene Kraftwagen durch die breiten, weniger belebten Straßen, die den Südwesten unter den Schienengleisen der Anhalter und Potsdamer Bahn hindurch mit den Westen verbinden. Und der frische Luftzug brachte Frau Ulla wieder zu sich. Sie befreite ihren Arm aus dem der Tochter, musterte sie mit einem feindseligen Blick und fragte, was sie denn in der Wohnung des Geigers zu suchen gehabt hätte. »Aber liebe Mama,« versetzte Sonja, indem sie die ausweichende Mutter begütigend zu streicheln versuchte. »Du kannst dir doch denken, daß ich alles weiß.« »Was heißt das? Was alles weißt du?« »Na, daß er verhaftet ist, und daß er gestern um mich angehalten hat. Vater hat es mir heute morgen beim Frühstück gesagt.« Frau Ullas Blick forschte mißtrauisch in dem geradeaus gewandten Antlitz der Tochter: »So, ist das wirklich alles?« fuhr sie zögernd fort. »Hat dir Vater nicht streng verboten, weiter mit ihm zu verkehren? Hat dir Vater nicht gesagt ...« Da neigte sich Sonja gegen der Mutter Schulter und sprach ihr ins Ohr: »Er hat mir gesagt, daß Stanislaus sich als Freiwilliger bei unseren Truppen stellen will gegen Rußland. Und wenn er heil zurückkomme, dann dürfte er wieder bei ihm anfragen. Das andere hat mir Vater nicht zu sagen gebraucht, ich wußte es ja längst, arme Mama, und Vaters verstörtem Gesicht merkte ich es deutlich genug an, daß er's entdeckt haben muß.« »Du hast es gewußt?« Wie ein erstickter Schrei würgten sich die Worte aus ihrer eingeschnürten Kehle hervor. Damit machte sie, sich halberhebend, eine verstörte Bewegung, nach der Tür hin, als wollte sie aus dem rasch fahrenden Wagen hinausspringen. Sonja klammerte sich fest an ihren Arm und zog sie auf den Sitz zurück. »Mama, Mama, sei doch gut! Beruhige dich doch! Ich bin doch auch ein Weib – für so was hat man doch Augen. Ich habe entsetzlich darunter gelitten, das kannst du mir glauben! Und wie ich dann merkte, daß Stanislaus sich stärker für mich zu interessieren begann, da war ich erst wütend – wahrhaftig Mama! Auf ihn und auf mich. Aber was kann man den ausrichten gegen die Leidenschaft? Es packte uns immer stärker – und schließlich gestanden wir es uns und wollten zusammen fliehen. Aber das ist ja nun alles gleichgültig – jetzt haben wir den Krieg, und da handelt es sich um ganz andere Dinge als um unsere Privatgefühle. Verzeih mir doch, bitte, bitte, liebe Mama, verzeih mir doch! Wir müssen doch jetzt alle zusammenhalten. Wenn du Vater heute morgen beim Frühstück gesehen hättest ... er leidet so furchtbar! Hab' doch Erbarmen mit ihm – auch wenn du mir nicht verzeihen kannst. Er liebt dich doch über alles – du mußt jetzt zu ihm halten – du mußt, Mama.« Das Mädchen hatte sich in einen glühenden Eifer hineingeredet. Sie packte die Mutter fest um die Schultern, schüttelte sie in ihrer Aufregung gewaltsam und wollte aus ihren Augen die Wirkung ihrer eindringlichen Rede abzulesen suchen. Aber die Augen waren fest geschlossen, das Gesicht aschfahl, soweit die Schminke die natürliche Hautfarbe erkennen ließ, die Glieder steif. Sie hielt eine Ohnmächtige in den Armen. In der Bülowstraße ließ sie vor einer Apotheke halten und schleppte mit Hilfe des Schofförs die Mutter hinein. Starkriechende Salze und eine kalte Kompresse auf die Herzgrube brachten sie wieder zum Bewußtsein. Ein Glas starken Weines tat das übrige, und nach einer Viertelstunde war sie wieder bewegungsfähig. Sie wollte nicht mehr fahren, sie wollte durchaus laufen, so sehr Sonja ihr auch zuredete, doch auf dem kürzesten Wege mit ihr heimzufahren. Sie riß sich von der Tochter los, als diese sie am Arme nach der Richtung der Tauentzienstraße führen wollte. Zur Potsdamer Straße strebte sie und lief so rasch, daß das Mädchen alle Mühe hatte, mit ihr gleichen Schritt zu halten. »Ich will nicht nach Hause,« wiederholte sie mehrmals in verstörtem Trotz. »Ich will euch alle nicht mehr sehen! Ihr haßt mich, und ich hasse euch! Fort, fort, fort! Nur fort mit mir! So geh doch nur, du! Was hängst du dich denn an mich? Ich bin doch eine Verbrecherin! Geh doch zu deinem Vater – geh doch zu deinem Liebsten!« Aber Sonja ließ sich nicht einschüchtern. Ein zäher Wille war in diesem gedankenlosen, schlaff-trägen Mädchen erwacht. Und die fest gefügte, weit stärkere Mutter vermochte sich nicht aus der Klammer der spielerischen Kinderhände zu befreien. Sie gerieten unter das aufgeregte Menschengewühl am Potsdamer Platz, und die Woge trug sie fort. Durch die Voß- und die Wilhelmstraße brachen sie durch, um Unter den Linden von einer neuen, noch viel gewaltigeren Flut erfaßt und bis vor das Kaiserschloß getragen zu werden. Das ganze Volk der Millionenstadt schien auf den Beinen, und die vaterländischen Lieder brausten in wild melodischem Sturm zum golden besternten Abendhimmel empor. Der Kaiser trat auf den Balkon des Schlosses hinaus und redete zu seinem Volke mit weithin schallender Stimme. Mit hunderttausenden, zwischen deren heißen Leibern sie eingekeilt waren, lauschten auch die beiden schuldverstrickten Frauen. Sie hielten den Atem an, um keines der kaiserlichen Worte zu verlieren. Doch sie standen zu weit entfernt. Es war unmöglich, den Sinn der Rede zu erfassen, aber seiner Stimme Klang drang doch durch zu ihnen, und sie sahen ihn seinen Arm grüßend gegen sein Volk schwenken, ihn, den obersten Kriegsherrn über Millionen und aber Millionen wafffenfreudiger, zum Siegen und zum Sterben bereiter Deutschen. Und sie stimmten mit ein in die gewaltige Fanfare von Hurras, die zu dem Kaiser emporbrauste. Sie schrien und lachten und weinten, wie alle die anderen, und ließen sich drücken und stoßen in dem wilden Gedränge, bis die zurückbebende Woge sie in die Charlottenstraße hineinspülte. Frau Ulla hatte die ganze Zeit über ihr Bild nicht von sich gelassen und Sonjas Erbieten, es abwechselnd mit ihr zu tragen, in heftigster Aufregung abgewehrt. Nun aber, als sie sich plötzlich nicht mehr von der zusammengeballten Masse gestützt und geschoben fühlte, versagten ihr die schier gelähmten Arme den Dienst. Sie ließ das Bild aufs Pflaster fallen und brach lautlos, ohnmächtig in die Knie. – – – Als Frau Ulla wieder zu sich kam, fand sie sich auf dem Diwan ihres Wohnzimmers und ihre Hand in der ihres Gatten. Sie sah sein gutes Gesicht mit dem Ausdruck tiefen Kummers über sich gebeugt und schloß vor seinem Blick ängstlich die Augen. »Warum hat man mich denn hierher gebracht?« war das erste, was sie zu sagen vermochte. »Ich wollte doch nie wieder ... ihr habt mich doch ... ihr verachtet mich doch ... ihr wäret ja alle froh, wenn ich nicht mehr ...« Da strich ihr eine gütige Hand das wirre rote Haar aus der bleichen Stirn, und eine ernst-freundliche Stimme sprach. »Laß das doch jetzt, liebes Kind. Für unseren Haß und unsere Verachtung haben wir jetzt draußen eine bessere Verwendung. Aber in unseren Häusern soll Friede sein. Die Stunde ist so groß; jetzt ist die rechte Zeit zur Sühne!« UND nun kamen diese herrlichen ereignisreichen Augusttage. Feierstunden schlugen unserem deutschen Volke, wie ihrer die Geschichte wenige von ähnlicher Bedeutung aufzuzählen hat. Michel, der Riese, sprang mit einem Satze von der friedlichen Ofenbank auf, reckte die Glieder, ohne zu gähnen, fuhr in die Stiefel und schlüpfte in sein feldgraues Kleid. Sechs Kriegserklärungen binnen vierzehn Tagen! Aber Michel lacht und schreibt mit Kreide an seine Haustür: »Hier werden noch Kriegserklärungen entgegengenommen.« Der Kaiser ruft zu den Fahnen – und genau so viel Männer, als in den Listen standen, meldeten sich an ihrem Gestellungsort und obendrein noch anderthalb Millionen Freiwilliger. Wo in der Welt ward solches je erlebt! Und auch die bange Sorge, die auch die tapfersten Herzen bedrückte, wurde wie der Rauch eines Kartoffelfeuers durch den herrlichen Sturm der Begeisterung für die gerechte Sache zum Teufel geweht. Das war, als der Kaiser bei jener ewig denkwürdigen Eröffnung des Reichstages am 3. August das Konzept seiner Rede hinter sich warf und seine Hand den Volksvertretern leidenschaftlich werbend entgegenstreckte. »Schlagt ein, alle, alle! Wer mein Feind war, dem sei verziehen, wer wider mich war, der muß nun für mich sein, denn es ist nicht meine Sache, für die ich werbe, es ist unser aller Sache, unser aller heiligste Sache. Es handelt sich um Sein oder Nichtsein des Vaterlandes! Wir müssen siegen oder untergehen – und darum werden wir siegen!« – Und sie hatten alle eingeschlagen in die werbende Kaiserhand. Das war vielleicht das Höchste, das Herrlichste in diesen wunderreichen Tagen gewesen. Dieselben Schreiberleute, die gestern noch für den Hurrapatriotismus nur Hohn und Spott übrig gehabt und für internationale Menschenverbrüderung, Abrüstung und sonstige freundliche Utopien geschwärmt hatten, sie erschienen heute in blanken Strahl geschnallt und anerkannten keine höhere Pflicht, keine edlere Leidenschaft, als für das Vaterland einzustehen mit Gut und Blut. Der wunderliche Traum der Sozialisten von der Brüderlichkeit und Gleichheit der Menschen schien über Nacht Wirklichkeit geworden. Es gab nicht Stand, nicht Rang, nicht Konfession noch Partei mehr, nur noch – Deutsche. Fritz Merker las in seines Vaters Arbeitszimmer die Zeitung mit dem Bericht über die Eröffnung des Reichstages, die Rede des Reichskanzlers und die ruhmreiche Abstimmung. Es riß an seinem jungen Herzen, es heulte ihm in den Adern und peitschte alle seine Nerven auf. Tränen stürzten ihm aus den Augen, ein Schluchzen erschütterte seinen schlanken Körper. Der Vater wendete sich nach ihm um. Sein Auge leuchtete unter den dichten weißen Brauen: »Junge, Junge!« rief er den Sohn an. »Packt es dich so? Was sagst du nun zu deinen Sozis?« Da warf Fritz die Zeitung beiseite, sprang vom Stuhl auf und drückte sein Taschentuch in die Augen. »Was ich sage? Ich – schäme mich, Vater. Ich habe mich benommen wie ein ... Das ist alles so groß, so überwältigend stolz und schön ... Ich weiß nicht, ob ich überhaupt wert bin ... Lieber Vater, verzeihe mir, wenn du kannst. Jetzt weiß ich, was ich zu tun habe.« FRITZ meldete sich noch am nächsten Tage als freiwilliger Flieger. Und als er dort angenommen war, ging er nicht gleich heim zu den Eltern, das Ereignis zu melden, sondern sprach erst noch bei Frau Oberstleutnant Lindner vor, um sie zu bitten, ihre Tochter darauf vorzubereiten, daß in den nächsten Tagen schon ihre Nottrauung stattfinden könne. Und die vergrämte Mutter lachte schier vor freudiger Überraschung und schalt den hübschen Jungen freundlich aus: »Ja, was gibt es denn da vorzubereiten? Gehen Sie nur hinein und sagen Sie es der Herta selber. Es ist noch kein Mädchen davon gestorben, daß man ihr sagte: \>Morgen sollst du deinen Liebsten heiraten.\<« ALS am Abend dieses selben Tages die Familie Merker beim Nachtessen beieinander saß, gab es lauter froh gerötete Gesichter. Frau Ulla allein sah blaß und in sich gelehrt auf ihrem Platz und vermochte weder für die knabenhaft frische Großsprecherei ihres zukünftigen Luftbeherrschers noch für den reizenden Eifer Sonjas, die heute ihre ersten Unterrichtsstunden im Roten-Kreuz-Kursus mitgemacht hatte, ein Lächeln aufzubringen. Das lebhafte Gespräch wurde ausschließlich zwischen dem Vater und den beiden großen Kindern geführt. Sie zogen aus Schonung die Mutter nicht mit hinein und bemühten sich doch, sie nicht merken zu lassen, daß sie sie schonen wollten. Bis nach Aufhebung der Tafel die beiden jungen Menschen auf ihre Zimmer gingen, um Briefe zu schreiben, blieb das Ehepaar allein im Eßzimmer zurück. Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander, jedes vom anderen erwartend, daß es ein erlösendes Wort finden werde. Hermann Merker zündete sich eine Zigarre an und wollte eben wieder die Abendzeitung zur Hand nehmen, als er sich eines anderen besann und nach kurzem, prüfenden Blick auf seine Frau leise zu sprechen begann: »Es ist doch wohl besser, wenn ich es dir sage, liebe Ulla. Die Kinder werden vielleicht Scheu tragen, daran zu rühren. Morgitzky hat an Fritz geschrieben; er ist frei, die Untersuchung hat nichts gegen ihn ergeben. Seine vielfachen Bekanntschaften mit einflußreichen Persönlichkeiten haben ihm sogar dazu verholfen, daß man seinem Wunsche, als Freiwilliger in unserem Heer den Krieg mitmachen zu dürfen, stattgegeben hat. Nur gegen Rußland traut man sich ihn, scheint es, vorläufig wenigstens, nicht marschieren zu lassen. Er ist zur Ausbildung in ein Ersatzregiment nach Mainz geschickt worden.« Nur ein leichtes Zucken um ihren vollen Mund deutete die Wirkung dieser Nachricht an. Sie neigte den Kopf und dankte ihrem Gatten für die Mitteilung. Er stellte sich, als wenn die Zeitung seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nähme, aber er merkte dennoch, daß sich in ihrer Seele ein schwerer Kampf abspielte. Nach einer kleinen Weile erhob sie sich und lenkte ihre Schritte nach der Tür zum Nebenzimmer. Aber sie gelangte nicht bis dahin. Ein väterliches Schluchzen ließ sich nicht mehr unterdrücken, und sie klammerte sich unterwegs an eine Stuhllehne an, um nicht umzusinken. Hermann Merker war sofort auf den Beinen und sprang ihr stützend bei. Er legte seinen rechten Arm um ihre Hüfte und führte sie in sein Arbeitszimmer. Dort ließ er sie in einen Klubsessel niedergleiten und sagte sanft: »Armes Kind, sie haben dich furchtbar mitgenommen, die starken Erschütterungen dieser Tage, sonst würdest du auch dieser traurigen Sache wohl ihre gute Seite abzugewinnen können. Es gibt doch kein besseres Heilmittel gegen solche Irrungen und Wirrungen der Leidenschaft als angestrengte Arbeit in Erfüllung einer heiligen Pflicht. Ich freue mich aufrichtig, daß der junge Mann das von selber erkannt hat. Der Drill als gemeiner Soldat – freilich eine bittere Medizin für eine freie Künstlerseele, aber verlaß dich darauf, sie wird ihm gut tun.« Sein Trost schien nicht zu verfangen, denn Frau Ulla brach in ein Schluchzen aus, das in einen Weinkrampf auszuarten drohte. Ratlos stand er da und wußte nicht, wie er der Verzweifelten helfen sollte. Doch als er sich zum Gehen wendete, um Sonja über das Mädchen zu Hilfe zu rufen, da nahm sich das gequälte Weib gewaltsam zusammen und stöhnte würgend auf: »Bleib, rufe nicht, ich – ich – komme schon wieder zu mir. Ich – wollte dir nur sagen, daß ich ... willst du mir deine Hand geben, Hermann?« Er reichte sie ihr rasch hin und wollte sie zu sich emporziehen, aber dem widerstrebte sie. Sie blieb sitzen, umklammerte seine Hand mit ihren beiden, und heiße Tränen tropften darauf. »Ich weiß, ich bin keiner Verzeihung wert,« fuhr sie fließender fort. »Es ist alles so verstört in mir, ich weiß nicht einmal, ob ich bereue – oder ob alles nur Scham und Wut ist. Schick' mich fort, Hermann, ich fühl's, ich bin hier nicht am Platze mehr; ihr weicht mir alle mit den Blicken aus. Ihr habt ja recht, ich bin die einzige, die nichts fürs Vaterland zu tun weiß. Gänzlich überflüssig drücke ich mich in dem Hause herum, das nicht mehr mein Heim ist. Das halte ich nicht aus. Da setzte sich der alte Herr ihr gegenüber in den anderen Klubsessel, bemächtigte sich ihrer beiden Hände, der süßen, feinen Kinderhände,. die ihn immer wieder in zärtliches Entzücken versetzten, so oft er damit spielen durfte, und sprach väterlich eindringlich: »Ulla, du redest ja Unsinn. Es liegt doch nur allein bei dir, ob du in meinem Hause dein Heim sehen willst oder nicht. Es kann doch überhaupt gar keine Frage sein, wo eine Frau in solchen todernsten Zeiten hingehört. Zu ihrem Mann, Ulla! Unter allen Umständen zu ihrem Manne ... und wäre er der Allerunwürdigste, wäre er selbst ein Schurke, ein Verbrecher! In solchen Zeiten der Entscheidung über das Schicksal der Gesamtheit gehören Mann und Frau zusammen.« »Aber du mußt mich doch verachten, und vor meinen eigenen Kindern muß ich mich vor Scham verstecken! Wer kann denn das ertragen?« »Liebes Kind, denke daran, was jeder einzelne von unseren Millionen Soldaten im Felde zu ertragen hat! Dagegen ist das alles nichts, was deinem Stolz so furchtbar hart dünkt. Und ich verachte dich auch nicht – nein, ich will ganz aufrichtig sein –, ich verachte dich nicht mehr, seit dieses Schicksal über unser Volk gekommen ist. Denn nun sind meine Gedanken und Gefühle auch alle in den herrlichen Wirbel der Begeisterung hineingezogen, und ich, der vor wenigen Tagen noch gern mein zerstörtes Leben von mir geworfen hätte, ich klammerte mich jetzt daran mit dem Lebensdurst eines Jünglings. Erst will ich wissen, was mit Deutschland wird, ehe ich daran denke, schlafen zu gehen. Ich komme mir einfach meines herrlichen Volkes unwert vor, wenn ich jetzt mich noch dazu erniedrigen könnte, die Frau zu verachten, mit der ich einundzwanzig Jahre glücklich gewesen bin. Und so mußt du es auch sehen und fühlen, meine arme Ulla. Zeige dich der großen Stunde wert und wirf deine Schwäche hinter dich.« Da fiel sie vor ihm auf die Knie und sagte tief erschüttert: »Du hast recht. Ich danke dir, mein lieber Mann; wenn du Geduld mit mir haben willst – ich will arbeiten, ich will dienen, schaffen, was in meinen Kräften steht ...« Tränen erstickten ihr wiederum die Stimme, sie brachte kein Wort mehr heraus. Da küßte er sie zärtlich auf das rote Hexenhaar und sagte glücklich bewegt: »Siehst du, siehst du, so ist's recht. Nun können wir froh und stark allem entgegensehen, was auch kommen mag, denn die große Stunde hat auch uns entsühnt.« Die heilige Maske In Mutter Duponts Estaminet » Au coq rouge « ging es laut her am 25. Juli 1914. Es verkehrten dort nur gesetzte Leute, wie die Goldschmiede aus den großen Ateliers der Frères Tissandier. Der Stammtisch der großen Juwelierfirma Tissandier hatte im Laufe der Jahre der kleinen Wirtschaft ein in seiner Art vornehmes Gepräge gegeben, so daß sich kaum noch ein gewöhnlicher Arbeiter in die Gesellschaft der feinen Kunsthandwerker, Steindrucker, Modelleute und Zeichner verirrte. Madame Dupont hatte nach dem Tode ihres Gatten den Ruf seiner guten Küche aufrechtzuerhalten gewußt, ihre Weine waren billig und unverfälscht und ihre Sauberkeit hohen Lobes wert. Mehr als zwanzig Gäste auf einmal fanden in den beiden Räumen zu ebener Erde, die das ganze Restaurant ausmachten, nicht Platz. Und so brachte es die wackre Witwe fertig, allein zu kochen und die ganze Bedienung durch ihre einzige Tochter Angèle und den Schankkellner besorgen zu lassen. Es ging ihr gewöhnlich selbst während des Déjeuner à la fourchette , wo meistens alle Plätze besetzt waren, recht still zu, weil die Herren Eile hatten und sich ihre beliebten politischen Auseinandersetzungen lieber auf die Stunden nach Feierabend versparten. Aber seit die Kriegserklärung Österreichs an Serbien erfolgt war, erfüllte auch um die Mittagszeit das laute Gewirr erregter Stimmen das große Vorderzimmer. Die Haltung Rußlands gegenüber der deutschen Drohung wurde lebhaft besprochen, und über die Ehrlichkeit des englischen Vermittlungsversuches gingen die Meinungen weit auseinander. Sie fühlten es alle, daß es diesmal Ernst damit würde; sie witterten die brennende Lunte an der europäischen Dynamitmine. Wohl alle waren sie Sozialisten oder radikale Republikaner; aber sie waren auch der Mehrzahl nach Familienväter und mit jener bescheidenen Sehnsucht nach Ruhe und Rente behaftet, die für den französischen Kleinbürger so bezeichnend ist. Die Durchschnittsköpfe unter ihnen machten sich zum lärmenden Echo der Pariser Straße, schleuderten mit stolzer Gebärde die Schlagworte der Sousblätter in die Debatte, während die selbständigen Geister je nach Temperament und Parteifarbe nach Rache für Siebzig dürsteten, oder aber den Krieg verfluchten, die Minister beschimpften und die Zeit für allgemeine Menschenverbrüderung und ewigen Frieden bereits gekommen erachteten. Übrigens war es auch den glühendsten Revanche-Patrioten weniger um Elsaß-Lothringen zu tun als um die deutsche Konkurrenz im eigenen Lande. Ihre kriegerische Stimmung hätte sich zur Genüge ausgetobt, wenn sie die Gelegenheit gefunden hätten, mit ihren eigenen Fäusten dabei zu sein, wenn die Bataillone deutscher Kellner, Arbeiter, Kaufleute, Lehrer, Gouvernanten und Kinderfräulein über die Grenze gejagt und ein paar Hunderte von ihren verdammten Spionen füsiliert wurden. Die Tür zu dem kleinen Hinterzimmer, in dem nur zwei Tische zu je vier Personen gedeckt standen, war ausgehoben, und es war nur einer von diesen Tischen besetzt von drei Männern im leinenen Arbeitskittel. Der Alte mit weißem Schnurr- und Knebelbart á la Henri IV , einer großen energischen Nase und immer noch feurig blitzenden schwarzen Augen unter buschigen Brauen war Herr Lepage, der Senior der Arbeiter der Firma Tissandier; der junge Mann neben ihm ein Russe, der zur Vervollkommnung seiner technischen Ausbildung seit zwei Jahren im Atelier Tissandier arbeitete, und der dritte ein überaus schlanker, hochgewachsener blonder Mann mit schmalen aristokratischen Händen und langen knochigen Fingern, dessen Alter schwer zu taxieren war. »Nun, Iwan Wassiljewitsch,« wandte sich der alte Lepage an den Russen: »Sind Sie sich jetzt klar darüber, was Sie tun wollen? Werden Sie mit Ihren Landsleuten marschieren oder bei uns bleiben?« Der junge Mann zuckte die Achseln, und über seine weichen Züge glitt ein verträumtes Lächeln. »Ich weiß noch nicht,« sagte er in scharf artikuliertem Französisch. »Wenn ich meine Einberufung erhalte und überhaupt noch eine Möglichkeit ist, nach Rußland durchzukommen, so wird mir wohl nichts anderes übrigbleiben. Es ist kein Vergnügen, in Rußland Soldat zu sein. – Es ist überhaupt kein Vergnügen, Russe zu sein; aber ich hasse diese Boches, ich hasse sie ärger als der beste Franzose. Sie sind schlimmer wie die Juden. Sie fressen uns auf. Sie sind überall. Sie schöpfen den Rahm ab von unserer Milch. Sie mästen sich von unserer Gutmütigkeit und Dummheit. Sie schmeicheln uns und verachten uns. Sie bestechen unsere elenden Beamten und schwätzen uns ihre Kultur auf, nur um ihr Absatzgebiet zu erweitern, nicht um uns glücklich zu machen. Der Teufel hole sie alle zusammen! Ob ich von Paris oder von Petersburg aus nach Berlin marschiere, kann mir im übrigen gleichgültig sein.« »Es wird einige Hindernisse auf dem Wege geben,« sagte der dürre Blonde trocken, indem er seine müden Augenlider mit der Serviette rieb. »Aber diesmal sind wir besser gerüstet!« warf Herr Lepage ein. »Wir packen sie von drei Seiten, denn die Engländer werden ihnen ihre Küsten bombardieren, ihre ganze Flotte zerstören und ihrem Welthandel die Kehle abschnüren. Passen Sie auf, was ich Ihnen sage: Die Engländer warten schon lange auf ihre Gelegenheit. Sie sind ebenso gerüstet wie wir. Die Generalstäbe der drei Mächte haben sich untereinander verständigt. Alle drei Armeen werden nach einem Plane operieren, und wir werden die Boches einfach zerdrücken.« Dabei packte er ein Stück weißer Brotkrume, rollte es zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger zu einer Nudel und quetschte es mit einem verächtlichen » comme-ça! « zu einem flachen Scheibchen zusammen, das er herausfordernd auf den Tisch warf. »Sind Sie etwa anderer Meinung, Monsieur Georges?« Der Blonde kaute erst bedächtig seinen Bissen auf, bevor er dem Alten erwiderte: »Ich will Ihnen was sagen, Monsieur Lepage: Sie wissen, ich kenne die Deutschen. Ich habe ihre Schulen besucht, ich bewundere ihre Kunst und ihre Wissenschaft und ich kenne ihren Geist und ihre Seele. Ihre Stärke liegt in der Organisation und im Gehorsam. Wenn man sie überzeugt, daß ihre Sache die Gerechte ist, so werden sie nicht so leicht zwischen drei Fingern zu zerdrücken sein.« »Den Gehorsam und die Organisation haben wir doch auch,« ereiferte sich der Weißbart. »Wir haben doch gelernt seit Siebzig. Wir werden doch nicht wie damals ins Verderben gejagt durch den Ehrgeiz eines eitlen Monarchen. Wir ziehen in den Krieg, um die wahre Zivilisation gegen die barbarische Anmaßung zu verteidigen. Oder meinen Sie nicht?« Herr Georges beschäftigte sich offenbar deswegen so angelegentlich mit seiner Frikadelle, um einer Antwort auf solch heikle Fragen auszuweichen. Im Buffetzimmer riefen mehrere Stimmen gleichzeitig nach Mademoiselle Angèle. Die Herren waren fertig und wollten zahlen. Im Vorübergehen streckte das hübsche dunkelhaarige Mädchen seinen Kopf zum Hinterzimmer hinein und rief mit einem freundlichen Gruß seiner braunen Augen: »Daß Sie mir nicht entwischen, Herr Georges. Ich muß Sie nachher was fragen.« »Sapristi!!« schnalzte der alte Lepage. »Um diese Eroberung beneide ich Sie ehrlich. Ein Schatz von einem Mädchen! Ein lieber Schalk sitzt ihr in den Augen, und ein gutes Hausmütterchen wird die auch abgeben. – Haben Sie eigentlich gedient, Georges?« Der Blonde schüttelte den Kopf: »Ich habe einen Herzfehler.« »Der Sie aber nicht hindert am lieben,« lachte der Alte. »Ein doppelt angenehmer Herzfehler in solch gefährlichen Zeiten. – Lassen Sie sich Zeit. Ich will Sie in Ihrer verliebten Zwiesprache nicht stören.« Auch der junge Russe beeilte sich, sein Mahl zu beenden. Er blickte kaum von seinem Teller auf, bevor er den letzten Bissen verschlungen hatte. Dann aber faßte er sein Gegenüber scharf ins Auge und überraschte ihn mit der plötzlichen Frage: ob er die russische Literatur kenne und ob er sie auch bewundere wie die deutsche. Herr Georges nickte zustimmend: »Allerdings bewundere ich sie; vielleicht noch mehr als die deutsche; aber sie ist mir unfaßlich fremd.« »Und was halten Ihre Deutschen davon?« »Vermutlich dasselbe wie ich. Jedenfalls haben sie sie am eifrigsten übersetzt und am feinsten analysiert.« »Diese Barbaren?« Der Russe blinzelte schlau über den Tisch hinüber. Herr Georges legte seine schmale, hohe Stirn in Falten und sagte milde abwehrend: »Unter gebildeten Menschen sollte man diesen populären Unfug nicht mitmachen. Wenn ein Kulturvolk das andere Barbaren schilt, beschimpft es sich selbst.« Der Russe besann sich noch auf eine Antwort, als ein elegant gekleideter Herr in mittleren Jahren über die Schwelle trat. Es war der jüngere der beiden Brüder Tissandier, der noch unvermählt war und zuweilen, wenn er stark beschäftigt war, den Roten Hahn aufsuchte, um eine eilige Mahlzeit einzunehmen. Er hängte seinen Strohhut an den nächsten Wandhaken und setzte sich an das freie Tischchen, nachdem er seine drei Angestellten flüchtig begrüßt hatte. Sehr bald darauf erhoben sich der alte Lepage und der Russe. Sie verließen das Zimmer, ohne Mademoiselle Angèle zu bemühen. Sie zahlten am Buffet. Sobald sie auf der Straße waren, faßte der Russe den alten Lepage am Arm und flüsterte ihm zu: »Wissen Sie, was ich glaube?« »Nun, was glauben Sie denn?« »Ich glaube, ich habe eine Entdeckung gemacht. Dieser Herr Armand Georges ist ein deutscher Spion!« Lepage lachte gemütlich: »Und Sie sind ein Narr, mein lieber Iwan Wassiljewitsch. Unser guter Georges ist ein Künstler und nebenbei ein Gelehrter. Ich weiß es, er schreibt Bücher, gute französische Bücher. Übrigens, wenn er spionieren sollte, würde er nicht in einem Goldschmiedeatelier, sondern in einer Kanonengießerei oder sonstwo arbeiten, wo es was zu spionieren gibt.« »Aber wissen Sie, wo er wohnt?« beharrte der Russe eigensinnig. »Ich fuhr gestern abend, ohne daß er mich bemerkte, mit ihm im Métropolitain. Er stieg in Bois aus, und dann folgte ich ihm nach, weil er mir schon lange verdächtig ist. Sie müssen doch zugeben, daß er aussieht wie ein Deutscher. Wissen Sie, wo er einkehrte?« »Es ist mir nicht bewußt,« erwiderte Lepage, »daß es im Bois de Boulogne Spionencafés gebe.« »Mir auch nicht,« brummte der Russe. »Aber was sagen Sie dazu, daß dieser Herr Georges im Hôtel Lusignan verschwand, ohne daß ihm ein Diener aufgemacht hätte. Er öffnete die Tür mit seinem eigenen Drücker.« »Was Sie sagen!« Der Alte blieb stehen und faßte seinen jugendlichen Genossen fest ins Auge. »Woher wissen Sie, daß es das Hôtel Lusignan war?« »Ich habe mich beim Briefträger erkundigt. Es ist eine bescheidene kleine Villa, die dem ausgestorbenen Geschlecht der Lusignan gehörte und daher noch den Namen trägt. Aber die alte Dame, die darin wohnt, ist – eine deutsche Prinzessin!« Der alte Lepage strich sich schmunzelnd seinen weißen Schnurrbart: »Und deshalb glauben Sie, daß unser Armand Georges ein deutscher Prinz sei? Wissen Sie, was ich glaube? Ich glaube, er ist ein scheinheiliger Filou. Es wird ein hübsches Kammerkätzchen sein, das ihm den Schlüssel des Hôtel Lusignan anvertraut hat. In der Rue de temple verdreht er der niedlichen Angèle den Kopf. Einen verrückten Geschmack haben die Weiber! Sie scheinen auf die Blonden versessen, und es geniert sie nicht, wenn so einer mager ist wie eine verhungerte Katze.« – – – Mittlerweile hatte im Restaurant Herr Tissandier jun. Herrn Georges an seinen Tisch gebeten und zu einem Likör eingeladen. Im Vorderzimmer war es inzwischen ziemlich leer geworden, und die beiden Männer mußten leise sprechen, um von der ab und zu gehenden Wirtstochter und dem Schankkellner nicht gehört zu werden. Es konnte wohl nicht gut der harmlose Anisette sein, der diese Röte auf die blasse hohe Stirn des Goldschmiedes jagte. Das Gespräch mit seinem Chef hatte ihn erregt, und seine bestürzte Frage kam lauter heraus, als er es wohl beabsichtigte: »Heißt das, daß Sie mir kündigen wollen, Herr Tissandier?« »Aber nein, aber nein, durchaus nicht, lieber Freund,« beruhigte ihn der Prinzipal. »Sie wissen, wie ich Sie schätze, vor allen Dingen Ihre Ideen. Ich bitte Sie, Ihre neuen Modelle mit dem Mistelmotiv haben ja geradezu Sensation erregt. Ich dachte im Gegenteil daran, Ihr Gehalt vom ersten Oktober ab ... Aber kann ich wissen, ob wir nicht überhaupt unsere Bude zumachen müssen? Wer kauft Schmuck in Kriegszeiten? Sie haben doch diesem Kriege selbst eine lange Dauer prophezeit. Ich wollte Sie nur darauf vorbereiten, daß Sie vielleicht von Ihrem Inkognito Unanehmlichkeiten haben könnten. Uns kann man es ja schließlich schwer nachweisen, daß wir wußten, wer Sie sind; aber Sie werden sich doch zur Musterung stellen müssen, und dann kommt es doch wahrscheinlich heraus, daß Sie Ihren deutschen Namen mit einem französischen vertauscht haben. Man wird Verdacht schöpfen, man wird fragen: wozu die Maske? Denn es ist doch schließlich keine Schande Goldschmied zu sein, zumal wenn man ein Künstler ist wie Sie.« Herr Georges rang seine langen dünnen Finger ineinander und nagte an seiner schmalen Unterlippe. Dann sagte er leise: »Sie wissen, daß es nicht frivole Beweggründe waren, die mich veranlaßten, diese Maske vorzubinden. Aber freilich, wenn Sie an meiner Ehrlichkeit zweifeln ... Es ist eine spezifisch französische Krankheit, in gespannten Zeiten überall Spione zu wittern. Sagen Sie mir selbst, wie ich ihnen beweisen soll, daß ich keiner bin.« »Erregen Sie sich doch nicht, bitte!« sagte Herr Tissandier mit verlegenem Lächeln. »Ich bin auf Ehrenwort der letzte, der daran denkt, Sie zu verdächtigen. – Es geschieht ja auch nur in Ihrem eigenen Interesse und in dem Ihrer verehrungswürdigen Frau Mutter, wenn ich Sie auf die möglichen Folgen Ihres Versteckspiels aufmerksam mache. Es ist doch Tatsache, daß der Name Armand Georges der Polizei unbekannt ist, nicht wahr? Wenn es nun, wovon übrigens bereits gemunkelt wird, zur Ausweisung aller Deutschen kommen sollte, so könnten Sie Ihres deutschen Namens wegen auch davon betroffen werden, denn mit dem allein werden Sie doch in den Registern geführt.« »Unmöglich!« versetzte Georges ärgerlich. »Meine Mutter ist Französin, und ich habe das französische Bürgerrecht bei Eintritt meiner Großjährigkeit erworben. Man kann doch nicht französische Bürger ausweisen!« »Das freilich nicht,« entgegnete Herr Tissandier: »Aber es ist doch keineswegs ausgeschlossen, daß man alle Träger deutscher Namen verdächtigt. Sie kennen uns ja, uns Franzosen: wenn die nationale Leidenschaft überkocht ...« »O, ich verstehe,« fiel ihm Georges ins Wort: »Sie wollen mir nahelegen, meinen wirklichen Namen abzulegen und den Decknamen dafür anzunehmen. Finden Sie nicht, daß das Feigheit wäre? Es ist doch ein ehrlicher, um nicht zu sagen ruhmreicher Name, dessen ich mich nicht zu schämen brauche. Meine Vorfahren väterlicherseits haben ebenso wie meine Vorfahren mütterlicherseits in den Kreuzzügen gekämpft. Ich habe mich im vollen Besitz meiner Verstandeskräfte und aus innerster Überzeugung für mein Franzosentum entschieden, ohne daß ich deswegen die deutsche Erbschaft in meinem Blute verächtlich beiseite schieben wollte. Wenn Ihnen dieses Bekenntnis nicht genügt ... Übrigens können Sie sich ja bei dem Herrn Präsidenten nach meiner Vertrauenswürdigkeit erkundigen, wenn ich Ihnen nicht sicher bin.« »Bei welchem Präsidenten?« »Bei dem Präsidenten der Republik. Herr Poincaré war so liebenswürdig, mich gestern abend zu empfangen. Ich habe ihm meinen eigenartigen Fall vorgetragen, und er hat mir die beruhigendsten Zusicherungen gegeben, auch für meine arme Mutter.« Herr Tissandier machte große Augen: »Was Sie sagen! Der Herr Präsident hat Sie persönlich ...? Ja, dann können Sie allerdings den Ereignissen mit Ruhe entgegensehen. Gestatten Sie mir, im Notfalle von dieser Mitteilung Gebrauch zu machen?« Herr Georges zuckte die Achseln: »Ich wüßte wirklich nicht, wie Sie einen solchen Notfall konstruieren wollten. Jedenfalls bitte ich Sie, die Mitteilung vorläufig als streng vertraulich zu betrachten.« Herr Tissandier beeilte sich, mit einer artigen Verbeugung die Zusicherung seiner Verschwiegenheit zu geben, und fügte noch überaus höflich hinzu: »Und ich bitte Sie meinerseits, unsere vielleicht übertriebene Ängstlichkeit nicht mißdeuten zu wollen. Wie gesagt, nur das lebhafte Interesse an Ihrer Person und die hohe Wertschätzung, die wir für Sie als ungemein wertvollen Mitarbeiter hegen ...« Herr Tissandier hatte sich erhoben und seinem Gegenüber die Hand zum Abschied hingestreckt. Da reckte sich auch Armand Georges zu seiner ganzen dürren Länge auf, schlug in die dargebotene Hand ein und murmelte die angebrachten höflichen Redensarten. Auf der Schwelle traf der junge Chef Angèle, zahlte seine Zeche und verließ mit einer artigen Verbeugung das Lokal. Sobald er hinaus war, trat Angèle zu ihrem blonden Freunde und sagte, ein niedliches Schmollmündchen ziehend: »Sind Sie endlich für mich zu sprechen, Armand?« »Ich kann nichts dafür,« erwiderte Georges. »Seinem Chef muß man standhalten. Das werden Sie einsehen. Dafür sind wir aber jetzt allein und ungestört. Laß uns die Gelegenheit ausnutzen. Komm, kleine Angèle, hebe dich auf die Zehenspitzen und gib mir einen Kuß!« Er breitete lächelnd die Arme nach ihr aus. »Ich trau' mich nicht!« sagte die hübsche Wirtstochter schelmisch. »Ich weiß ja nicht, ob ein so hoher Herr überhaupt für mich erreichbar ist!« »Dann steig auf einen Stuhl,« lachte er. »Nein, so mein ich's nicht. Ich meine bildlich gesprochen!« »Das heißt: in Rätseln gesprochen!« »Also antworte mir ja oder nein. Waren Sie gestern abend in der Loge des Präsidenten in der Großen Oper, Monsieur Georges?« »Ich? In der Loge des Präsidenten? Wer hat dir denn das aufgebunden?« So sehr sich Herr Georges bemühte, ganz unbefangen erstaunt zu erscheinen, vermochte er doch nicht zu verhindern, daß eine jähe Röte über seine hohe, blasse Stirn huschte. Und die Kleine nahm ihn scharf ins Auge, indem sie erwiderte. »Das hat mir niemand aufgebunden, das habe ich mit eigenen Augen gesehen. Sie wissen, Armand, meine Tante ist Ankleiderin bei den Solistinnen der Großen Oper. Sie schenkt mir zuweilen ein Billett. Ich saß im Parterre, und ich habe Sie ganz deutlich in der Loge des Präsidenten erkannt.« »Aber Kind, das ist doch unmöglich? Was bildest du dir für sonderbare Dinge ein?« »Aber nein,« beharrte die Kleine, ihn nicht aus dem Auge lassend. »Eine solche Ähnlichkeit ist doch gar nicht denkbar. Ich habe mir ein Glas von meiner Nachbarin geliehen und ich hörte, wie die Leute über Sie sprachen. Sie sagten: der blonde Riese wäre ein Herr von der Deutschen Gesandtschaft. Sie wollten es ganz bestimmt wissen. Ich glaube, ich habe gar nichts mehr von der Oper gehört. Ich habe mir den Hals nach Ihnen verrenkt, bis ich gewahr wurde, daß die Menschen hinter meinem Rücken Bemerkungen über mich zu machen anfingen.« Georges setzte sich auf den nächsten Stuhl und zog Angèle mit sanfter Gewalt auf seine Knie: »Also, mein liebes Närrchen,« sagte er lächelnd: »Ich schwöre dir, ich bin kein Herr von der Deutschen Botschaft, noch von irgendeiner anderen. Du mußt dich getäuscht haben. Hast du nie etwas von Doppelgängern gehört? Alle großen Leute haben einen Doppelgänger. Warum soll es in der Millionenstadt Paris nicht einen zweiten Herrn geben, der 1,89 m lang und dünn wie ein Lineal ist? Komm, gib mir einen süßen Kuß und jage diese sonderbare Einbildung aus deinem Köpfchen hinaus.« Er küßte sie zärtlich und drückte ihren Kopf, ihr über das volle dunkle Haar streichend, an seine Schulter. »Bist du nun zufrieden?« »Wenn du schwörst, muß ich dir wohl glauben,« sagte die Kleine ergeben und nestelte sich wohlig an ihn. Doch nach wenigen Sekunden zärtlicher Verlorenheit richtete sie sich wieder in die Höhe, packte ihn bei den Schultern und suchte mit ihrem forschenden Blick seine Augen: »Du hast aber doch ein Geheimnis vor mir,« begann sie leise. »Erinnerst du dich an den letzten Weihnachtsabend, wo du noch spät zu uns kamst, als eben die letzten Gäste aufbrachen? Du brachtest mir die reizende selbstgeschmiedete Brosche, und dann tranken wir eine Flasche von unserem ältesten Burgunder zusammen in unserem Wohnzimmerchen im ersten Stock. Mama saß in der Sofaecke und schlief über ihrer Handarbeit ein, und du erzähltest mir das Märchen von dem Prinzen. Weißt du noch: du nanntest ihn den Mann mit der heiligen Maske , weil er aus Liebe zu seiner Mutter in die Verbannung gehen und auf allen Glanz und Ruhm verzichten mußte. O, ich weiß fast noch jedes Wort, so rührend hast du mir das erzählt, wie der Prinz im Kittel des einfachen Arbeiters sein Brot verdienen und wie er seinen armen müden Kopf anstrengen mußte, damit seine geliebte Mutter nicht aus ihrem Traum erwachte, damit sie nicht merken sollte, daß ihr dürftiges Häuschen kein Fürstenschloß und ihre Aufwärterin keine Oberhofmeisterin und ihr Sodawasser kein Champagner sei. Und dein Prinz hatte ein kleines Mädchen aus dem Volke sehr lieb: aber er durfte es nicht heiraten, weil jeden Tag der große Umschwung kommen konnte, wo sein böser Bruder von der Revolution verjagt und er selber wieder in Pracht und Herrlichkeit auf den Thron gesetzt werden konnte, und dann hätte er seiner armen Geliebten sagen müssen: \>Geh du heim zu deinen Leuten, ich kann dich nicht mitnehmen, denn jetzt muß ich eine Prinzessin heiraten.\< Und er wußte doch, daß es ihr das Herz gebrochen hätte. Ich konnte mir das so gut vorstellen, wie dem armen Kinde zumute sein müßte, daß ich zu weinen anfing. Weißt du noch?« »Ja gewiß!« erwiderte Georges, indem er wieder ihren Kopf an sich drückte. »Wie gut du alles behalten hast! Aber es war doch eben nur ein Weihnachtsmärchen, und ich verstehe nicht, was das mit meinem Doppelgänger in der Präsidentenloge zu tun haben soll?« »O, das will ich dir sagen,« fuhr Angèle lebhaft fort. »Es ist mir die ganze Nacht im Kopf herumgegangen. Ich konnte gar nicht einschlafen. Du bist doch nun einmal so ganz anders wie alle die Männer aus den Werkstätten der Rue du Temple, die bei uns verkehren. Man braucht dich ja nur anzusehen – deine Hände besonders. Das sind doch keine Arbeiterhände! Und du hast mir ja auch selber gesagt, daß du zwei Leben führen müßtest und daß du nie daran denken dürftest, mich zu deiner kleinen Frau zu machen. Du hast mich doch auch nie aufgefordert, dich in deiner Wohnung zu besuchen.« »Ja, einfach weil sie öde und unfreundlich ist!« »Und es würde mir doch gerade solche Freude machen, dir deine Stube hübsch und behaglich herzurichten. Du hast doch selbst gesagt, daß ich dazu Talent besäße. Ich möchte dir so gern hübsche Sachen sticken und nähen, deine Fenster nett garnieren und dir Blumen bringen; aber du versteckst dich ordendlich ängstlich vor mir, du weichst auch meinen Fragen aus nach allen deinen Privatangelegenheiten, sogar nach deiner Mutter.« Armand seufzte und blickte an dem Mädchen vorbei zum Fenster hinaus. Er zog die Brauen zusammen, so daß sich eine dicke nachdenkliche Falte bildete, die sich auf seiner hohen weißen Stirn verlor. Angèle wollte ihm mit ihren Fingern diese Falte zärtlich glätten; da faßte er ihre Hand, nahm sie zwischen die seinen und sagte rasch entschlossen: »Also, liebes Kind, ich will dir die Wahrheit sagen. Sie wird dir schmerzlich sein – darum habe ich so lange damit gezögert. Also – ich wohne bei meiner Mutter. Nun wirst du verstehen, warum ich dich nicht zu mir einladen konnte. Meine gute Mama hat einmal bessere Tage gesehen; unsere Familie ist verarmt. Aber sie kann sich immer noch nicht an den Gedanken gewöhnen, daß wir nun auch in allen Stücken die Konsequenzen ziehen, das heißt, eben nach dem Zuschnitte armer Leute leben und sonstige Vorurteile abstreifen müßten. Sie lebt von Hoffnungen und Träumen, die alte Dame, und ich bringe es nicht übers Herz, sie immer wieder mit der rauhen Wirklichkeit zu erschrecken. Kalte Wassergüße sind nichts für alte Leute; sie glaubt immer noch an große Erbschaften und märchenhafte Überraschungen.« »Ach so! Jetzt verstehe ich,« sagte Angèle nach kurzem Schweigen tief betrübt: »Dann geschieht es auch wohl deiner Mutter zuliebe, daß du dich nicht verheiratest, wie du gern möchtest? Sie ha wohl große Pläne mit dir? Sie meint gewiß, für dich wäre eine Prinzessin noch gerade gut genug.« »Erraten,« versetzte Armand und drückte das Mädchen zart an sich. »Ich kann es ja deiner Mutter gar nicht einmal übelnehmen,« sagte Angèle mit einem bitteren Lächeln: »wenn es auch freilich für mich ...« Sie scheuchte den Gedanken mit einer Handbewegung fort und fuhr unvermittelt in einem ganz anderen Tone fort: »Du, ich muß dir was sagen: Dein russischer Kollege hat's auf mich abgesehen.« »Was? Iwan Wassiljewitsch?« Sie nickte: »Du kommst ja so selten des Abends zu uns, und das hat er sich zunutze gemacht. Seit Wochen schon nimmt er jeden Abend sein Dinner bei uns ein und bleibt hartnäckig sitzen, bis die letzten Gäste fortgegangen sind. Er machte mir Augen, so deutlich, daß es mir nicht entgehen konnte; aber ich tat doch, als merkte ich nichts, denn der Mann ist mir nicht besonders sympathisch. Immerhin – als Wirtstochter darf man gegen so gute Kunden nicht unhöflich sein. Ich konnte es also nicht gut vermeiden, ihm zuzuhören, als er dieser Tage zu reden anfing: er fühlte sich so schrecklich vereinsamt und wollte doch nicht in sein Vaterland zurück. Am liebsten möchte er ganz Franzose werden, wenn sich eine Französin fände ... Na, und so weiter. Ich versuchte auszuweichen; aber da fragte er mich schließlich geradezu, ob ich nicht selber diese Französin sein wollte, er könnte mich anständig ernähren, und Mutter sollte das Geschäft verkaufen und zu uns ziehen. Wenn ich nichts dawider hätte, wollte er gleich mit Mutter reden. Er war sehr aufgeregt, und seine traurigen Augen funkelten mich so flehend an, daß er mir leid tat. Da hielt ich es für das Richtige, ihm die Wahrheit zu sagen.« »Oh! Hast du ihm meinen Namen genannt?« »Ach nein, das war gar nicht nötig. Ich sagte bloß, daß mein Herz nicht mehr frei wäre, da wußte er schon Bescheid und begann auf dich zu schimpfen. Ich war ordentlich froh darüber, denn das machte es mir leicht, mich von ihm zurückzuziehen.« Zwischen Armands Brauen erschien wieder die dicke Falte. Er zog Angèle an sich und streichelte ihr dunkles Köpfchen: »Mein armes Kind! Du sollst aber nicht meinetwegen ... Du weißt, wie lieb ich dich habe; aber du sollst dir auch meinetwegen nichts zerstören, was vielleicht doch zu deinem Glück ausschlagen könnte. Du sollst dich nicht gebunden fühlen.« Da hob sie den Kopf und sah ihn mit wehmütigem Lächeln voll an: »Das kannst du mir doch nicht mehr verbieten. Jawohl, mein armer Armand, wenn du mir auch noch so finstere Stirn machst – ich verlege mich lieber aufs Warten, als daß ich mich um eine Versorgung umtue bei einem, den ich nicht mag.« Der Regulator im Nebenzimmer schlug Eins. Da preßte Armand sein liebes Mädchen heftig an sich und schob sie nach einem hastigen Kusse von sich fort: »Mein Gott, was bin ich für ein pflichtvergessener Mensch! Die Tissandiers werden mir kündigen. Adieu für heute.« Er griff nach seinem Hut und wollte davonlaufen, ohne sich noch einmal nach ihr umzusehen. Doch sie war mit ein paar raschen Schritten an seiner Seite und flüsterte ihm zu, während sie ihn bis zur Glastür begleitete: »Gelt, du läßt dir nichts merken gegen den Russen. Ich habe so Angst, er könnte Streit suchen oder dir sonst was antun wollen. Sieh dich vor, du!« WENIGE Tage später. Das Ultimatum Deutschlands an Rußland und die Erklärung der Kriegsbereitschaft durch den Deutschen Kaiser waren durch Extrablätter in Paris bekannt geworden. Man wußte, jetzt war der Krieg unvermeidlich. Kein Mensch glaubte an den Ernst der diplomatischen Vermittlungsversuche des englischen Ministerpräsidenten. Chanteclair, der gallische Hahn, saß auf dem Dachfirst von Notre-Dame, schlug mit den Flügeln, reckte den Hals und krähte mit höchster Anstrengung seinen alten Schlachtruf über sein liebes, aufgeregtes Paris hin: »Die Rache ist im Anmarsch! – La revanche est en marche! « Und eine zeitgemäße Losung gab er obendrein zum besten: » À bas les boches! « Die Gassenbuben griffen den Ruf auf, und die Camelots rannten damit durch die Straßen. Wie knatternde Wimpel im Sturm, so schlug der neue Schlachtruf den braven Bürgern um die Ohren, die neuigkeitslüstern vor den Caféhäusern saßen und auf den Boulevards ziellos herumspazierten. Auf dem Ostbahnhof drängten sich Scharen von Deutschen, die noch vor Toresschluß die Heimat erreichen wollten. Hier und da hatte es schon Krawalle mit derben Püffen und zerbrochenen Fensterscheiben gegeben; aber noch vermochte die Polizei den Apachen und sonstigen gewohnheitsmäßigen Lärmmachern das Handwerk zu legen und die groben Ausschreitungen vorzubeugen. Bis in die tiefe Nacht hinein herrschte auf den Straßen ein Gewimmel und Gewoge, wie sonst kaum zu den lebendigsten Tagesstunden, und zumal vor dem Kriegsministerium, dessen Fenster fast sämtlich erhellt waren, staute sich die Menge und drängte sich an die das Gebäude verlassenden Offiziere und Ordonnanzen heran, um von ihnen womöglich das Neuste zu erfahren. Unter denen, die sich bis nahe an den Haupteingang des Kriegsministeriums durchgedrängt hatten, war auch der Soldarbeiter Iwan Wassiljewitsch Tscherbischeff. Er war stundenlang auf den Beinen gewesen, um sich zu vergewissern, wie er sich als ungedienter Ausländer im militärpflichtigen Alter zu verhalten habe. Das Russische Generalkonsulat hatte ihn an die französischen Behörden verwiesen, und die hatten ihn von einer Amtsstelle zu der anderen geschickt. Das Ergebnis war, daß er so klug blieb wie zuvor, das heißt, daß er in Paris zu bleiben beschloß, bis die russische Militärbehörde ihm einen Stellungsbefehl zukommen ließ. Wenn ihn ein solcher überhaupt erreichte, war es immer noch fraglich, ob die Möglichkeit, ihm nachzukommen, vorhanden sein würde – wenn nicht etwa Russen und Franzosen sich in solcher Geschwindigkeit die Hand reichten, daß er nur von Paris nach Berlin zu fahren brauchte, um bei seinen Landsleuten zu sein. Iwan Wassiljewitsch hatte sich des öfteren stärken müssen, um den Strapazen der weiten Wanderung von Kanzlei zu Kanzlei gewachsen zu sein. Er hatte sich in verschiedenen besseren Lokalen mit freigebigen französischen Patrioten auf alkoholischer Unterlage verbrüdert und die Bande der Entente fester geschmiedet. Schließlich hatte er sich von dem Strom der schlaflosen Vaterlandsretter vor das Kriegsministerium tragen lassen. Eben war in den vordersten Reihen der Belagerer die Parole ausgegeben worden, doch lieber nach einem der großen Zeitungspaläste zu ziehen, weil man dort viel eher das Neueste erfahren könne als aus dem amtlich verschlossenen Munde der Offiziere und Ordonnanzen. Auch der junge Russe hatte genug davon, sich die Beine in den Leib zu stehen und wollte eben kehrtmachen, um sich den Abziehenden anzuschließen, als er aus dem Portal des Kriegsministeriums seinen Arbeitsgenossen Armand Georges heraustreten sah. Eine Täuschung schien ihm so gut wie ausgeschlossen, denn gerade unter dem elektrischen Kandelaber lüpfte der hagere blonde Herr seinen Zylinderhut grüßend vor einem ihn begleitenden Offizier, und seine charakteristischen Züge waren in dieser Beleuchtung einfach unverkennbar. In seiner Aufregung packte Iwan Wassiljewitsch seinen Nachbarn, einen eleganten jungen Menschen, der wie ein Verkäufer in einem feinen Geschäfte aussah, am Arm und raunte ihm ins Ohr: »Sie, mein Herr, schauen Sie sich den langen Blonden da genau an! Wollen Sie sich ein Verdienst erwerben um Ihr Vaterland, so helfen Sie mir den Menschen verfolgen. Wir dürfen seine Spur nicht verlieren; vielleicht gelingt es uns, einen Verräter zu entlarven.« »Ich bin dabei,« versetzte der junge Mann eifrig: »aber Sie müssen mir sagen, worum es sich handelt.« Und dicht am Ohr des Zufallsgenossen flüsterte der Russe: »Es ist ein deutscher Prinz, der sich unter falschem Namen schon jahrelang in Paris versteckt hält. Was hat der im Kriegsministerium zu suchen?« »Sapristi!« sagte der kleine Franzose. »Das ist kitzlig. Also los, los!« Und die beiden Verbündeten brachen sich rücksichtslos mit den Ellenbogen Bahn, um in die freie Gasse zu gelangen, die die Polizei für den Verkehr mit dem Kriegsministerium offen hielt. Doch ihre Rücksichtslosigkeit sollte sie nicht zum Ziele führen, denn sie hatten kaum die Menschenmauer im Rücken, als sie den verdächtigen Deutschen in Begleitung des Offiziers ein Dienstauto besteigen sahen. Sie hörten nur noch, wie im Wechsel höflicher Redensarten der Offizier Herrn Armand Georges »mein Prinz« anredete und ihm versicherte, daß ihm der kleine Umweg durchaus nichts ausmache. Dann fuhr das Auto davon, und ehe die beiden Verfolger sich noch darüber einig waren, ob sie die Kosten für ein Mietauto daran wenden wollten, war der verdächtige Prinz schon längst außer Sicht. WENIGE Minuten nach Mitternacht betrat Armand Georges das bescheidene Häuschen, das den stolzen Namen »Hôtel Lusignan« trug. Sobald er die Haustüre hinter sich geschlossen hatte, strich er ein Wachskerzchen an; und bei dessen schwachem, flackernden Lichte tauchten von den alten dunklen Gobelins, die alle vier Wände des weiten Vorraums von dem Holzpaneel bis zu der Plafondeinrahmung hinauf lückenlos verhüllten, die verblaßten bunten Gestalten der Schäfer und Schäferinnen, Kavaliere und Damen aus der galanten Zeit gespenstisch aus dem Schatten hervor. Eine schmale Treppe führte ohne Biegung in das erste Stockwerk hinauf, und Armand hatte eben erst deren unterste Stufe betreten, als eben eine Tür ging und gleich darauf eine kleine alte Dame in einem unansehnlichen Flanellschlafrock, eine Petroleumlampe emporhaltend, auf der obersten Stufe sichtbar wurde. »Aber liebe Mama!« schalt Armand mit rücksichtsvoll gedämpfter Stimme hinauf und blies sein Kerzchen aus: »Das ist doch wirklich unrecht von dir, so lange aufzubleiben.« Er eilte die Stufen hinauf, nahm der alten Dame die Lampe aus der Hand und berührte mit den Lippen ihr welkes Haar, das sie immer noch hoch toupiert à la princesse trug. Sie ergriff seine freie Hand und versetzte ihr einen zärtlichen Klaps: »Ja, glaubst du vielleicht, ich könnte ruhig schlafen,« sagte sie mit schwacher, gewohnheitsmäßig weinerlicher Stimme, »wenn ich weiß, daß vielleicht über deine Zukunft in diesen Stunden entschieden wird? Komm, Armand, komm schnell hinein und erzähle. Ich vergehe vor Ungeduld.« Armand leuchtete seiner Mutter ins Zimmer hinein, zog die Tür hinter sich zu und stellte die dürftige Lampe auf den runden Tisch vor dem Sofa. Es war ein mäßig großer, ziemlich hoher Raum, mit einem üppigen breiten Atelierfenster darin, das durch einen verschlossenen Zugvorhang von gelbem Satin verhüllt war. An den Wänden hingen große, stark nachgedunkelte Familienportraits, neben dem großen Marmorkamin stand ein billiges eisernes Öfchen, und die wenigen Polsterstühle sowie die Kommode und der Schreibtisch waren offenbar Überbleibsel aus der längst vergangenen Glanzzeit des Hauses, die aber dringend einer neuen Politur oder eines neuen Überzugs bedurften. Immerhin, das Alter und der gediegene Stil verlieh allen diesen wackligen, fadenscheinigen und selbst verschlissenen Möbelstücken so viel Würde, daß der ganze Raum doch einen vornehmen Eindruck machte. Die alte Prinzessin schmiegte sich in ihre Sofaecke und bedeutete mit einer ungeduldigen Geste ihrem Sohne, sich an ihre Seite zu setzen: »Also komm, sag' doch schnell! Was wollte das Kriegsministerium von dir?« Armand zog es vor, stehen zu bleiben. Er tupfte sich mit seinem Taschentuch Schweißperlen von der hohen Stirn, seufzte tief auf, und dann sagte er, beide Hände auf den Tisch legend und sich zu seiner Mutter hinüberbeugend: »Also, Mama, das war die peinlichste Erfahrung meines Lebens. Der Zusammenhang war sehr einfach. Der Präsident hat dem Kriegsminister meinen eigenartigen Fall erzählt, und das hat diesen genialen Herrn auf die Idee gebracht, meine unglücklich komplizierte Lage zu seinem Vorteil auszunutzen. Unsere Unterredung währte kaum zehn Minuten – nachdem ich vorher nahezu anderthalb Stunden hatte antichambrieren dürfen. Das mag allerdings unvermeidlich gewesen sein, gerade an einem so ereignisreichen Tage wie heute; aber die gute Lebensart hätte den Herrn Kriegsminister doch wenigstens ein paar Worte der Entschuldigung finden lassen sollen. Aber dieser Herr Kriegsminister in Zivil – er sieht übrigens ebenso unkriegerisch wie undiplomatisch aus – hielt es nicht einmal für nötig, sich zur Begrüßung vom Sessel zu erheben. Bei meinem Eintritt lachte er mir nur herablassend zu, und dann suchte er unter seinen Notizen, was er sich für die Audienz vorgemerkt hatte. \>Ich habe das Vergnügen mit äh ...? Ah, ganz recht: Prinz Ravensberg. Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, mein Prinz. Der Herr Präsident hat mir gesagt, daß Sie darauf brennen, der Republik den Beweis zu liefern, daß Sie dem Zwiespalt Ihrer Geburt zum Trotz mit Leib und Seele Franzose sind.\< Er las diesen schönen Satz fließend von seinem Notizblock ab, jedenfalls hatte er ihn sich als wirksame rhetorische Eröffnung aufstenographiert. – Ich murmelte eine Bestätigung, worauf der Herr Kriegsminister, ohne mich anzuschauen, im Tone eines Beamten, der Eile hat, einen Fall zu erledigen, mir den Vorschlag machte, nach Deutschland zu gehen, mich dort bei meiner Verwandtschaft anzubiedern und die hohen Beziehungen meiner Familie dazu benutzen, alle wichtigen Neuigkeiten über den militärischen Aufmarsch, Truppenverschiebungen usw. zu erfahren und an Mittelspersonen weiterzugeben, die sich bei mir durch einen Ausweis des Kriegsministeriums legitimieren würden.« »Soll das heißen, daß er dir nicht traut?« rief die Prinzessin, ihre müden Augen weit öffnend vor Entrüstung. »Allerdings, das auch nebenbei,« versetzte Armand grimmig. »Spionendienste mutet mir dieser Herr zu, und zwar in der allererniedrigendsten Form. Ich habe aus meiner Entrüstung kein Hehl gemacht. Ich glaube, ich bin sogar sehr deutlich gewesen. Da ließ sich der Herr Kriegsminister herab, mich dahin zu belehren, daß die Spionage, zumal in Kriegszeiten, ein nichts weniger als verächtlicher militärischer Dienstzweig sei, zu welchem nur die intelligentesten und unerschrockensten Leute verwendet würden.« »Aber das ist doch auch so!« sagte die kleine Dame, und in ihren Mienen zeigte sich deutlich die Anstrengung scharfen Denkens. Armand strich sich seufzend über die Stirn. »Gewiß ist das an sich ganz recht,« gab er zu: »aber du mußt mir doch nachfühlen können, Mama, daß in meinem besonderen Falle die Übernahme einer solchen Aufgabe eine glatte Gemeinheit wäre.« »Nein, das sehe ich nicht ein,« versetzte die Prinzessin eigensinnig. »Du bist doch diesen brutalen Deutschen nichts schuldig. Wie hat dein Vater an mir gehandelt und dein Bruder an dir?! Dein Vater hat mir das Leben verbittert, wie er nur konnte, und nicht einmal so viel Achtung vor meinen Gefühlen gehabt, daß er das unmäßige Trinken sich abgewöhnte – bis ich es nicht mehr aushalten konnte und ihn verließ. Und dein Bruder hat es durch seine Intrigen fertiggebracht, daß der Fürst dich enterbte und mich ohne jegliche Unterstützung dieser schmählichen Dürftigkeit überließ. Du hast es doch wirklich nicht nötig, ein Land zu schonen, dem solche schlechte Menschen angehören – oder bereust du es jetzt etwa, daß du damals mit mir gegangen und Franzose geworden bist?« Armand machte einen Gang durchs Zimmer, bevor er sich auf einen der wackligen Lehnsessel im Stile Ludwigs XVI. niederließ und sich zu einer Entgegnung sammelte. »So einfach liegt die Sache doch nicht, liebe Mama,« begann er nach einer kleinen Weile zu sprechen: »Ich bitte dich zu bedenken, daß ich zunächst einmal damals noch nicht in der Lage war, frei zwischen meinen beiden Vaterländern zu wählen. Ich war ein Kind, und du hast mich auf deine Flucht mitgenommen, ohne mich zu fragen. Bitte, das soll kein Vorwurf sein. Ich weiß, ich war ein zärtliches Kind und hing an dir viel mehr als am Vater. Ich hätte mich für dich entschieden, auch wenn ich die Wahl gehabt hätte. Daß ich dann im Laufe der Jahre allmählich in ein ganz echtes Franzosentum hineingewachsen bin, war eine natürliche Sache. Inzwischen bin ich aber doch ein denkender Mensch geworden und habe mir durch meine Studien ein eigenes Urteil erworben. Über dein Verhältnis zu meinem Vater darf ich mir allerdings kein Urteil erlauben, denn ich kenne ja nur deine Auffassung eures Verhältnisses und habe seine Verteidigung nie gehört. Auch von meinem Bruder weiß ich nichts anderes, als was du mir von ihm erzählt hast, denn er selber hat es ja bequemer gefunden, meine Annäherungsversuche nicht zu beachten.« »Ich dächte doch, daß meine Meinung über deinen Vater und Viktor dir genügen könnten,« warf die Prinzessin gekränkt ein. »Oder glaubst du vielleicht, daß ich dich belüge?« Armand hob abwehrend die Rechte: »Aber Mama! Ich achte selbstverständlich deine Gefühle und bin auch überzeugt, daß du von deinem Standpunkt aus ganz recht hast in deiner Beurteilung; aber es ist doch auch eine unbestreitbare Tatsache, daß es bei ehelichen Zerwürfnissen ein objektives Recht oder Unrecht überhaupt nicht gibt. Der Fürst wird eben nicht der Mann gewesen sein, mit dem du glücklich werden konntest. Vielleicht wäre eine andere Frau mit ihm sehr zufrieden gewesen, und umgekehrt er mit einer anderen. Jedenfalls habe ich die Frage nach Recht oder Unrecht nicht zu entscheiden. Und daß Viktor unter dem Einfluß des Vaters gegen uns beide eingenommen wurde, ist ebenso selbstverständlich, wie daß ich unter deinem Einfluß zum Franzosen wurde und mich über meinen Bruder entrüstete. Dagegen glaube ich über Fragen der Geschichte, der Politik, der Völkerkunde usw. allerdings einige Urteilsberechtigung zu besitzen. Und dieses unbefangene Urteil sagt mir, daß in diesem Kriege das gute Recht auf seiten Deutschlands ist.« »Aber Armand!« entsetzte sich die alte Dame. »Wie kannst du so was sagen! Bist du kein Lusignan? Wie darfst du mit diesen Pendulenräubern von 1870 sympathisieren, die uns Elsaß-Lothringen genommen haben, mit diesen brutalen, geschmacklosen Menschen, die sich in der ganzen Welt einnisten und uns Franzosen überall um unseren Einfluß und unsere Vorteile bringen wollen.« Hinter seiner vorgehaltenen Hand lächelte der Prinz über die Entrüstung seiner Frau Mutter. Dennoch machte er ganz ernsthaft den Versuch, sie davon zu überzeugen, daß Deutschland diesmal wenigstens nicht der grimmige Angreifer, sondern daß es vielmehr in der Hauptsache der Ärger der Engländer über die deutsche Handelskonkurrenz und deren Furcht vor dem Verlust ihrer unbedingten Überlegenheit zur See sei, was den Weltbrand entfachte und die im Grunde weniger interessanten Russen und Franzosen mit hineingerissen habe. »Du wirst es erleben, Mama,« schloß er seine Ausführungen, »daß noch alle Kulturvölker in diesen furchtbaren Krieg mit hineingezogen werden, und daß wir Franzosen neben soundso vielen anderen düpierten Völkern dazu verurteilt sein werden, für England die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Aber daß ich diese allgemeinen Zusammenhänge begreife, schließt durchaus noch nicht ein, daß ich, wie du meinst, in allen Stücken mit Deutschland sympathisiere oder daß ich gar ihm den Sieg über uns wünschen sollte.« Die alte Dame hatte während der langen Rede ihres Sohnes schon mehrmals ziemlich ungeniert gegähnt. Als er endlich schwieg, hob sie nur bedauernd die Schultern und sagte leichthin: »Von Politik mag ich ja wohl nichts verstehen. Ich halte mich an mein Gefühl – dafür bin ich eine Frau. Und mein Gefühl ist auf seiten meines Vaterlandes, trotzdem mir seine republikanischen Einrichtungen, seine Gottlosigkeit und noch so manches andere daran odiös sind. Wenn du ebenso mit deinem ganzen Gefühl bei Frankreich wärst, mein lieber Armand, so würdest du deine gelehrten Spekulationen jetzt ganz beiseite tun und dich rückhaltlos in den Dienst des Vaterlandes stellen. Hast du wirklich dem Kriegsminister eine glatte Absage gegeben?« »Er hat mir vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit bewilligt,« erwiderte Armand ruhig. »Aber ich weiß ganz genau, daß ich nach vierundzwanzig Stunden nicht anders denken werde wie jetzt. Für Schurkereien bin ich nicht zu haben.« Eine jähe Röte huschte über die bleiche Stirn der Prinzessin, und ihre welken Lippen arbeiteten aufgeregt. Sie erhob sich von ihrem Sofaplatz und nickte, während sie um den Tisch herum der Tür zuschritt, ihrem Sohne flüchtig zu. »Ich möchte jetzt schlafen gehen,« stieß sie mit verhaltener Erregung hervor. Er sprang auf die Füße, um ihr, wie er es von Kindheit auf gewöhnt war, die Hand zu küssen. Aber die alte Dame verbarg rasch ihre Rechte auf den Rücken und fuhr zornig auf: »Nur das eine möchte ich dir noch sagen, Armand: Du bist sehr bereit, Handlungen für schurkisch zu erklären, aus denen andere Männer sich eine Ehre machen würden – und zwar nicht die schlechtesten Männer. Du könntest ebensogut alle Diplomaten für Schurken erklären. Ich finde nur, es wäre besser, wenn du dich ebenso rasch entschlossen zeigtest, günstige Gelegenheiten zu ergreifen, um deiner armen Mutter und dir selbst zu einem menschenwürdigen Dasein zu verhelfen. Ich muß dir gestehen, es ist mir unfaßlich, wie ein Prinz Ravensberg, noch dazu mit dem Blute der Lusignans in den Adern, so weit zu imponieren, daß sie ihm eine Stellung einräumen müssen, die seinem Rang und seinen bedeutenden Fähigkeiten entspricht. Du hättest schon längst in der diplomatischen Laufbahn oder in der militärischen einen Rang erreichen müssen, der ...« »Du vergißt, Mama,« warf Armand leise seufzend ein, »dazu fehlt mir das Geld.« »Ach was!« erhitzte sich die Prinzessin. »Ich weiß nur, daß alles besser gewesen wäre als diese elende Handwerkerei mit der Feder und mit dem Modellierholz. Damit hast du dir nur deine Gesundheit ruiniert, und ich ...« »Mama!« »Ich weiß, was du sagen willst; undankbar willst du mich schelten. Ich will nicht undankbar sein, ich will zugeben, daß du der beste und aufopferndste Sohn bist; aber es fehlt dir an Entschlossenheit, die gute Gelegenheit beim Schopf zu fassen. Dein Bruder Viktor mag als Charakter noch so anfechtbar sein; das eine weiß ich: er besitzt die männliche Energie, die dir mangelt. Er hat es mit seinen vierzig Jahren bereits zum Regimentskommandeur gebracht, und ich bin überzeugt, er an deiner Stelle würde auch in Frankreich und ohne Geld eine Stellung zu erreichen gewußt haben, wie sie seinem Namen gebührt.« Die kleine Dame reckte sich auf und schaute herausfordernd zu ihrem großen Sohne empor; da aber Armand kein Wort zu einer Verteidigung hervorbrachte, hob sie ironisch ihre starken, immer noch schwarzen Brauen, streckte ihm die Hand entgegen und sagte seufzend: »Nun, ich mache dir ja keinen Vorwurf. Die Menschen sind eben, wie sie sind. Schlafe dich aus und versuche morgen über den Vorschlag des Ministers ruhig nachzudenken. Gute Nacht.« Wortlos, aber respektvoll wie immer, küßte der Prinz seiner Mutter die Hand und leuchtete ihr mit der Lampe bis in ihr Schlafzimmer. AM anderen Tage erfolgte die Erklärung der französischen Mobilmachung. An allen Straßenecken erschienen Anschläge mit den Bekanntmachungen über die Einberufung der verschiedenen Jahrgänge zu den Waffen, über die Sperrung des Fracht- und Personenverkehrs nach dem Auslande, über die Spionengefahr und das Verhalten der Bevölkerung in den wichtigsten wirtschaftlichen Fragen. Vor allen diesen Anschlägen drängte sich eine dichte Menge. Militärautos rasten durch die Straßen. Nach den Bahnhöfen ziehende Truppen wurden mit lauten Zurufen begrüßt und von zahllosen Menschen begleitet. Vor den Zeitungsredaktionen hatte die Polizei Mühe, in die dicht gedrängte Menschenmauer, die die Bekanntgabe der neuesten Depeschen erwartete, eine Gasse für den Verkehr offen zu halten, und in den überfüllten Cafés überbrüllten die Zeitungsausrufer selbst das Stimmengewirr der allgemeinen aufgeregten Hin- und Herrede. Ganz Paris war trunken; aber nicht vom Wein, sondern vom heimlichen Grauen der schicksalsschweren Stunde. Und die Temperamente äußerten sich in diesem seltsamen Rausch mit noch übertriebenerer Deutlichkeit, als wenn der Alkohol an den Schleiern und Masken der manierlichen Zurückhaltung gezerrt hätte. Die heimlichen Zweifler, die bedächtigen Wissenden suchten wenigstens für diese ersten Stunden des patriotischen Rausches die flüsternden Stimmen ihres Innern im tollen Lärm der Straße zu ersticken, und selbst die stumpfsten, schwerfälligsten Philister gaben sich alle Mühe, durch ihre Nüchternheit nicht aufzufallen. Sicherlich waren die bewußten Heuchler und die ungeschickten Affen der Begeisterung den ehrlichen Trunkenen gegenüber in recht erheblicher Minderheit. Französischer als irgendein Franzose gebärdete sich an diesem tollen Tage Iwan Wassiljewitsch Tscherbischeff. Er hatte seinen Rausch erst sehr spät verschlafen gehabt und, da die Eröffnungsstunde doch einmal versäumt war, es nicht mehr für der Mühe wert erachtet, sich überhaupt noch in das Atelier Tissandier zu begeben. Als Vertreter der großen verbündeten Nation hielt er es für seine Pflicht, an diesem weltgeschichtlichen 1. August keinen Katzenjammer aufkommen zu lassen, und bewirkte dies dadurch, daß er schon seinem ersten Frühstück einige Gläschen Kognak beigab, die denn auch ihren Zweck vollkommen erfüllten. Iwan Wassiljewitsch suchte das dichteste Gedränge und das lauteste Geschrei auf; und wenn er sich in die jauchzende Kinderschar mischte, die vor einem mit klingendem Spiel ausrückenden Regimente einhersprang, so marschierte er an der Spitze der Zivilisation; und wenn er sich an dem Bombardement eines deutschen Geschäftes oder der lauten Verhöhnung polizeilich abgeführter Deutscher beteiligte, so steifte er der lateinischen Rasse den Arm zum herkulischen Keulenschwung gegen die germanische Hydra. Immerhin hatte er in de Vormittagsstunden noch so viel Besinnung, um sich nicht nur zwecklos in den Straßen herumzutreiben, sondern auch mit Nachdruck sein Vorhaben zu fördern, den verhaßten Nebenbuhler als deutschen Spion zu entlarven. Er erkundigte sich zunächst im Polizeirevier des Templeviertels nach dem Goldarbeiter Armand Georges; und da ein solcher dort unbekannt war, sprach er beim Hauptmeldeamt vor. Zufällig befanden sich mehrere Personen jenes Namens in den Listen; aber ihr Alter und ihre Beschäftigung paßten nicht auf den langen blonden Arbeitsgenossen Iwans. Er ließ sich die Mühe und die Kosten nicht verdrießen, noch vor dem Mittagsmahl mit der Untergrundbahn nach dem Bois hinauszufahren und das Polizeirevier aufzusuchen, welches für das Hôtel Lusignan zuständig war. Dort war ihm die Auskunft zuteil geworden, daß im Hôtel Lusignan die geschiedene Gattin des deutschen Fürsten Ravensberg mit ihrem Sohne Georg Hermann und einer alten Dienerin wohne. Im Munde des französischen Beamten klangen die deutschen Namen ganz deutlich als »Georges Armand,« und der erhitzte Russe konnte sich nicht enthalten, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen und laut zu rufen: » Le voilà – da haben wir ihn ja: Georges 'Erman! Kehren Sie das um und sprechen Sie es noch etwas französischer aus, dann haben Sie den Goldarbeiter Armand Georges aus der Rue du Temple.« Alle drei in dem Raum arbeitenden Beamten drehten neugierig die Köpfe nach dem aufgeregten Schreier, und aus seinem Verschlage kam der Wachtmeister heraus und fragte rasch: »Was wollen Sie damit sagen, mein Herr?« »Damit will ich sagen, daß dieser deutsche Prinz ein verdammter Spion ist!« rief Iwan Wassiljewitsch, sich in die Brust werfend, mit funkelnden Augen. Der Wachtmeister winkte einem der Sergeanten, und die beiden Polizisten steckten flüsternd die Köpfe zusammen. Dann strich der Wachtmeister lächelnd seinen stattlichen Schnurrbart und wandte sich wieder an den Russen: »Entschuldigen Sie, mein Herr, Ihre Beschuldigung klingt sehr unwahrscheinlich, denn Seine Hoheit, der Prinz, ist unzweifelhaft ebenso wie seine Mutter französischer Bürger. Es ist der Polizei bekannt, daß er sich als Literat betätigt und sehr geschätzte französische Bücher schreibt, ferner, daß er sich in sehr dürftigen Verhältnissen befindet, weil er von seinen deutschen Verwandten vollständig im Stiche gelassen wurde, seit er, und zwar noch als Knabe, mit seiner Frau Mutter nach Paris übersiedelte. Übrigens verhindert die Herrschaften diese Dürftigkeit keineswegs, in den vornehmsten französischen Familien zu verkehren. Der Prinz geht sogar im Elysée aus und ein. Ich selbst habe ihn vor einigen Tagen, als ich Dienst in der Großen Oper hatte, in der Loge des Präsidenten bemerkt.« »Um so gefährlicher ist der Mensch!« beharrte der Russe mit glühendem Eifer. »Weshalb in Teufels Namen sollte er sich denn als Goldarbeiter verkleiden und einen falschen Namen annehmen, wenn er dieser Maske nicht zu heimlichen Zwecken bedürfte?« Der Wachtmeister lächelte immer noch: »Es würde nichts schaden, wenn Sie Ihre Stimme weniger anstrengen wollten, Herr ... Wollen Sie mir gefälligst Ihren Namen und Ihre Wohnung angeben.« Er notierte selber die Angaben Tscherbischeffs und fuhr dann mit einer höflichen Verbeugung fort: »Ah, Sie sind Russe, mein Herr, und Sie arbeiten auch im Atelier Tissandier. Nun, dann werden Sie uns ja eine Personalbeschreibung Ihres Arbeitsgenossen Armand Georges liefern können?« »Gewiß,« erwiderte Tscherbischeff. »Der sogenannte Armand Georges ist auffallend hager. Ich schätze seine Länge auf mindestens 1,80 m, Kopf schmal und hoch, besonders die Stirn; ziemlich große, schmale Nase, blondes, glattes, seitlich gescheiteltes Haar, blonder Schnurrbart nach englischer Mode. Von den Augen kann ich nicht gewiß sagen, ob sie blau oder grau sind. Als besondere Kennzeichen möchte ich seine langen dürren Hände und seine Manier, die Brauen zusammenzuziehen anführen, wobei sich auf der Stirn eine steile Querfalte bildet. Die sämtlichen Polizisten hatten mit Spannung zugehört und wechselten Blicke des Erstaunens mit ihrem Vorgesetzten. Der Wachtmeister machte plötzlich eine sehr ernste Miene und sagte etwas zögernd: »Hm! Die Beschreibung – allerdings ... da dürfte kaum noch ein Zweifel sein ... In der Tat, sehr merkwürdig. Um so merkwürdiger, als vor einer halben Stunde erst das Kriegsministerium antelegraphiert hat ...« »Ah, wahrhaftig?« unterbrach ihn der Russe triumphierend. »Gestern nacht habe ich mit eigenen Augen den Goldarbeiter Armand Georges das Gebäude des Kriegsministeriums verlassen und mit einem jungen Ordonnanzoffizier im Auto davonfahren sehen. Das dürfte zwischen halb und dreiviertel Zwölf gewesen sein.« Der Wachtmeister notierte auch diese Aussage und verabschiedete alsdann Herrn Tscherbischeff mit höflichem Danke für seinen bundesbrüderlichen Eifer, der Sache Frankreichs zu dienen. Er werde nicht verfehlen, gegebenenfalls den Herrn Kriegsminister auf seine Person aufmerksam zu machen. Stolz erhobenen Hauptes verließ Iwan Wassiljewitsch das Amtszimmer und fuhr wieder mit der Untergrundbahn nach dem Temple-Viertel zurück, um sein gewohntes Déjeuner im Coq rouge nicht zu versäumen. Als er in die Nähe des Restaurants kam, sah er die ganze Straße erfüllt von einem Menschenauflauf, der sich um eine schwer mit Großgepäck beladene Droschke herum gebildet hatte und mit wüstem Geschrei den Kutscher am Weiterfahren zu verhindern suchte. Tscherbischeff machte lange Beine und erkundigte sich bei einem der lautesten Schreier am Außenrande des Menschenknäuls, was es gebe. »Deutsche sind's! Ausrücken wollen sie!« versetzte der angeredete wüste Schlingel. Und im nächsten Augenblick warf er sich mit vorgebeugtem Kopf wie ein Stier gegen die Menschenmauer, um weiter nach vorn durchzudringen, indem er dabei aus Leibeskräften schrie: » Conspuez les boches! « Gelle Pfiffe sprangen wie helle Spritzer aus der drohenden Woge des allgemeinen Geschreis auf. Über den Köpfen der Menge sah man die Gestalt des Kutschers, der auf dem Bocke stehend auf sein Pferd lospeitschte und mit Flüchen die frechen Burschen bedrohte, die sich seinem Gaul ins Riemenzeug gehängt hatten. Im nächsten Augenblick erschallte ein allgemeines Gelächter und kreischende Beifallsrufe: ein Kerl war auf die Radnabe gestiegen und hatte den Kutscher von hinten am Rockkragen mit einem Ruck so plötzlich auf den Sitz gerissen, daß ihm der weiß lackierte Hut vom Kopfe fiel. Und dann gab es wieder ein allgemeines Bravo, als es den Burschen, die sich vorn um den Wagen drängten, gelang, die augenblickliche Hilflosigkeit des Kutschers zu benutzen und das Pferd abzusträngen. Jetzt schwang sich ein gewandter Turner dem Tier auf den Rücken, während zahlreiche Arme es aus der Gabel herauszerrten. In seiner Angst versuchte der friedliche Droschkengaul zu steigen, und da ihm das nicht gelang, feuerte er hinten aus, um sich des frechen Reiters zu entledigen. Dieses Schauspiel erregte neues Geschrei und Gelächter. An allen Fenstern erschienen neugierige Zuschauer, aus den Seitengassen strömte noch mehr aufgeregtes Volk zusammen – aber ein Sergeant de ville , ein Schutzmann, war weit und breit nicht zu sehen. Die Insassen des Wagens konnte Iwan Wassiljewitsch von seinem Standort nicht erkennen; wohl aber konnte er aus dem Menschenknäuel, der wie eine Pyramide über den offenen Wagen hinaufwuchs, und am ängstlichen Gekreisch von Frauenstimmen aus der Mitte dieser Menschenpyramide schließen, daß die Lage der Insassen gefährlich zu werden begann. Plötzlich brach die Pyramide in sich zusammen, und ein allgemeines Triumphgeschrei zeigte an, daß es dem Pöbel gelungen war, die armen Deutschen aus dem Wagen herauszuzerren. Schimpfworte flogen hageldicht, und bis in die äußerste Reihe des Menschenwalles reckten sich geballte Fäuste in die Luft, bereit, die glühende Vaterlandsliebe ihrer Inhaber auf dem Rücken der wehrlosen Opfer auszutoben. Wenige Sekunden später ging eine neue Bewegung durch die Menge, ein Schwanken von dem Kern nach außen, wie wenn gewaltsam ein Keil hineingetrieben worden wäre. In das Wehegeschrei der Gequetschten mischten sich laute Zurufe, denen sich wieder Verwünschungen und Drohungen entgegenbäumten. Für eine ganz kurze Spanne Zeit waren aber doch aus dem Mittelpunkt des Knäuels heraus einige mahnende Worte einer hohen angestrengten Stimme zu vernehmen. »Schämt euch doch, gegen wehrlose Frauen ...« Mehr vermochte der Russe nicht zu verstehen; aber die Stimme kam ihm bekannt vor. Es gelang ihm, dicht an die Mauer des Hauses gedrückt, das an den Coq rouge angrenzte, sich etwa zwanzig Schritte vorzuarbeiten und einen erhöhten Standpunkt auf der Querstange eines eisernen Schutzgeländers vor einem Schaufenster zu gewinnen, wobei er sich ungeniert auf die Schultern einer dicken Bürgerin stützte, die just vor ihm stand. Nun konnte der kleine Russe über die Köpfe hinwegsehen und erkannte in dem Gedränge und Geschiebe zwischen der angehaltenen Droschke und der Tür des Coq rouge deutlich seinen alten Arbeitsgenossen Herrn Lepage und seinen verhaßten Nebenbuhler Armand Georges. Die beiden Männer hatten eine Dame, der man den Hut vom Kopfe gerissen, sowie ein hübsches, blasses, blondes Mädchen und einen etwa zwölfjährigen zarten Knaben zwischen sich genommen und waren bemüht, mit ihren freien Ellenbogen ihnen eine Gasse zum Eingang des Estaminets zu bahnen. So aus nächster Nähe vermochte Iwan Wassiljewitsch auch einzelne Sätze aus dem leidenschaftlichen Stimmengewirr herauszuhören. Herr Lepage warnte vor Hausfriedensbruch und seinen schweren Folgen. Der Prinz schrie so laut er konnte: »Aber Madame ist doch Französin! Seid doch vernünftig!« während aus dem Gedränge der Nächststehenden der Ruf zu verstehen war: »Man hat sie Deutsch sprechen hören! Sie sollten interniert werden und wollten fliehen!« Nur noch zwei Schritte trennten die kleine Gruppe der Beschimpften und ihrer Beschützer von der Tür des Wirtshauses, als der Russe mit Aufgebot seiner ganzen Stimmkraft über die Köpfe hinwegrief: »Glaubt ihm nicht, Mitbürger! Ich kenne ihn, den langen Blonden! Er ist ein deutscher Spion!« Die dicke Bürgerin wandte sich so plötzlich nach dem Schreier hinter ihrem Rücken um, daß er seine Stütze verlor und ihr vornüber um den Hals fiel. Gelächter der Umstehende, brausende »Hört! hört«-Rufe von nah und fern – und ehe sich Tscherbischeff dessen versah, war er von ein paar kräftigen Armen gepackt und auf die Schultern zweier Männer in Arbeitskitteln gehoben worden. »Reden, reden!« rief man ihm von allen Seiten zu. »Wer ist ein Spion? Wo ist ein Spion?« »Da! Eben verschwindet er in der Tür! Der lange Blonde war's. Laßt ihn nicht entwischen! Ich komme eben von der Polizei; sie ist ihm schon auf der Spur. Er hat sich als Goldarbeiter bei Tissandier eingeschlichen; aber er ist ein deutscher Prinz! Das Kriegsministerium fahndet nach ihm. Drauf, Mitbürger! Drauf! Laßt euch nichts vorreden! Wer ihn faßt, kriegt eine hohe Belohnung!« Ein wildes Geheul war die Antwort. Besinnungslos drängte der tolle Haufe auf den Eingang des Wirtshauses zu, und im Nu war die von innen verriegelte Tür eingedrückt. Während draußen auf der Straße der Russe das Volk aufwiegelte, hatte drinnen in der großen Wirtsstube die arme beschimpfte Dame den neugierig zusammengeströmten Gästen mit fliegendem Atem erzählt, sie sei die Gattin eines bereits geflüchteten Deutschen und habe die behördliche Erlaubnis bekommen, mit ihrem Kinde zu ihren Verwandten nach der Touraine zu reisen. Das blonde Fräulein sei eine Verwandte ihres Mannes, die sich nicht habe entschließen können, ihre gute Pariser Stelle rechtzeitig aufzugeben; nun habe sie sie mit sich nehmen wollen. Unglücklicherweise habe das Fräulein beim Einsteigen in den Wagen mit ihrem Knaben Deutsch gesprochen, Vorübergehende hätten es gehört, und daraus sei der ganze gefährliche Krawall entstanden. Die Dame war noch kaum mit ihrem Bericht zu Ende, als schon Fußtritte gegen die Eingangstür dröhnten. Da rief Armand Georges der Wirtin, die hinter dem Schanktisch hervorgeeilt war, zu: »Schnell, schnell, Madame: verbergen Sie die Leute in ihrem Zimmer!« Aber die Gute Frau hatte vor Angst schon fast die Besinnung verloren. Sie hielt sich beide Hände vor die Ohren und jammerte: »O, mein Gott, mein Gott! Sie werden mir alles zertrümmern. Ich werde ruiniert. Helfen Sie mir doch! Lasen Sie niemanden herein!« »Telephonieren Sie lieber nach der Polizei!« schrie Herr Lepage sie an, während der Prinz Angèle herbeiwinkte und sie beschwor, ihm zuliebe die armen Verfolgten in den Oberstock hinaufzugeleiten und dort zu verstecken; alles übrige möge sie ihm überlassen. Wortlos nickte Angèle ihm zu, ergriff den Knaben bei der Hand und zog ihn eiligst mit sich fort in den Vorraum hinter der Schenke, von wo die Treppe in den ersten Stock hinaufführte. Die zerzauste Dame und das deutsche Fräulein hasteten hinter ihr drein. Und als die Tür der wütenden Bearbeitung von draußen nachgab, waren die drei bereits verschwunden. Da mit der jammernden Wirtin nichts anzufangen war, eilte der alte Lepage nach dem Fernsprecher, um die Polizei herbeizurufen, während etliche beherzte Männer unter den Gästen sich um Armand Georges scharten, um sich dem Ansturm der frechen Eindringlinge entgegenzustellen. Wüstes Geschrei, aus dem nichts außer dem Kampfruf »Deutscher Spion!« herauszuhören war, erfüllte den niedrigen Raum und drohte ihn auseinanderzusprengen. Eine Verständigung war nicht mehr möglich. Es kam zum Handgemenge, Stühle wurden hochgeschwungen, Flaschen und Gläser als Wurfgeschosse benutzt. Armand Georges verspürte einen schmerzhaften Anprall gegen seine Stirn, das heiße Blut rann ihm über die Augen, er griff nach einem Halt und verlor das Bewußtsein. ETWA zwei Stunden nach dem Auftritt im Roten Hahn öffnete im Hôtel Lusignan die alte Wirtschafterin der Prinzessin Ravensberg die Haustür und lugte mißtrauisch durch den engen Spalt hinaus, wer zu dieser sonst stillen Zeit, in der die Prinzessin zu schlummern pflegte, die alte Zugschelle in Bewegung gesetzt habe. Ein ihr unbekanntes junges Mädchen sah sie vor sich stehen, ein schlankes, zierlich gebautes Persönchen in einem hellen Waschkleid und einem mit Blumen garnierten Topfhütchen, unter dem üppig gewelltes schwarzes Haar hervorquoll. Die zarten Wangen waren vom raschen Lauf gerötet, und die großen dunklen Augen glänzten vor Erregung. Madame Guiche vergrößerte den Spalt ein wenig und fragte nach dem Begehren der jungen Dame. »Ich muß sogleich die Frau Prinzessin sprechen,« keuchte das Fräulein, indem sie ihre Hand gegen den Busen drückte, um ihr fliegendes Herz zu beruhigen. »Ja, ich weiß doch nicht,« zögerte Madame Guiche immer noch bedenklich, »es ist die Stunde, wo Frau Prinzessin zu ruhen pflegt.« Das Fräulein trat ungeduldig auf der Steinplatte hin und her und fuhr sich mit ihrem Tüchlein über die feuchte Stirn. »Das tut mir leid; aber ich muß Sie doch bitten, die Prinzessin zu wecken. Es handelt sich um einen Unglücksfall, der Herrn Armand Georges zugestoßen ist.« »Armand Georges?« wiederholte Madame Guiche, und ihr Faltengesicht war ganz mißtrauische Zurückweisung: »Wir kennen hier niemanden dieses Namens.« »Doch, doch! Die Frau Prinzessin wird ihn schon kennen. Der Rote-Kreuz-Wagen kann jede Minute hier vorfahren, und es ist ein Sergeant von der Polizei dabei. Ich bin mit der Untergrundbahn gekommen, um die Dame vorzubereiten, damit sie nicht zu sehr erschrickt.« Jetzt wuchs die Neugierde der alten Wirtschafterin dem Mißtrauen über den Kopf und indem sie die Tür so weit öffnete, daß das Fräulein eintreten konnte, fragte sie, wen sie melden solle. »Sagen Sie einfach,« erwiderte das Mädchen ungeduldig, »es sei jemand da mit einer eiligen Botschaft von ... mein Gott! aus dem Atelier Tissandier, Sie wissen doch.« »Tissandier?« Das alte Weiblein riß seine runden matten Hühneraugen entsetzt auf und starrte der Besucherin hilflos ins Gesicht. »Tissandier? Das ist, wo der Prinz zuweilen hingeht, um seine Modelle ausführen zu lassen. Großer Gott! Sie wollen doch nicht etwa sagen, mein Fräulein, daß unserem Prinzen etwas zugestoßen ist?« »Aber ja, das will ich sagen. Halten Sie mich doch bitte nicht auf. Übrigens brauchen Sie sich nicht aufzuregen – es hat keine Gefahr mehr. Melden Sie mich nur schnell und lassen Sie Ihre Aufregung nicht merken, Madame.« Der entschiedene Ton der jungen Dame bewog Madame Guiche endlich, sich in Bewegung zu setzen und die steile, schmale Treppe hinaufzusteigen, so rasch ihre zitternden Beine ihr das gestatteten. Aber sie hatte kaum die dritte Stufe hinter sich, als oben die Prinzessin selber sich über das Treppengeländer beugte und mit ängstlicher Kurzatmigkeit hinunterfragte, was es denn da zu flüstern gebe und ob jemand zu ihr wolle. Da lief das junge Mädchen mit jugendlicher Behendigkeit die Treppe hinauf und sagte, bevor Madame Guiche noch zu Worte gekommen war: »Die Frau Prinzessin wird mir verzeihen, daß ich zu dieser ungelegenen Stunde hier eindringe. Ich bin Angèle Dupont, die Tochter der Wirtin zum Roten Hahn, wo der Herr Prinz sein Gabelfrühstück einzunehmen pflegt. Frau Prinzessin haben vielleicht von mir gehört.« »Nicht daß ich wüßte, mein Fräulein,« erwiderte die alte Dame zerstreut, indem sie ihr Lorgnon vor die Augen hob, um das knicksende Mädchen zu mustern. »Sie wollten, soviel ich gehört habe, so freundlich sein, eine Botschaft von meinem Sohne ...« »Allerdings,« sagte Angèle, der einladenden Handbewegung der Prinzessin nach dem offenen Wohnzimmer Folge leistend. Sie machte jedoch von der Erlaubnis, Platz zu nehmen, keinen Gebrauch, sondern brachte ihre Sache stehenden Fußes vor, sobald die alte Dame die Tür hinter sich zugezogen hatte. »Es ist nämlich in unserem Lokal ein bedauernswerter Exzeß vorgekommen. Der Prinz hatte sich ritterlich der Familie eines geflüchteten Deutschen angenommen, und der Mob verfolgte ihn in unsere Wirtschaft. In dem Tumult ist er bös verwundet worden.« »Mein Gott! Was ist ihm geschehen?« rief die Prinzessin tonlos, in dem sie sich in den nächsten Sessel fallen ließ. »Bös verwundet? Sagen Sie mir die ganze Wahrheit.« »Das heißt, es sah anfangs sehr bös aus,« beeilte sich Angèle die arme Prinzessin zu beruhigen. Sie legte ihr dabei unwillkürlich die Hand auf die Schulter und streichelte sie leise. »Aber sobald die Polizei die Ruhe hergestellt und den Hauptkrakeeler verhaftet hatte, ließen wir den Arzt von der Unfallstation kommen, und der konnte glücklicherweise leicht feststellen, daß die Verwundung keine ernsten Folgen haben würde. Monsieur Georges, ich wollte sagen, der Herr Prinz ist auch inzwischen wieder zu sich gekommen.« »O Gott, o Gott! Um was für eine Wunde handelt es sich denn?« »Es ist ein großer Riß an der Stirn; aber keine Knochenverletzung, meint der Arzt. Die Blutung war nur so fürchterlich, weil eine Hauptader zerschnitten wurde. Aber jetzt brauchen sich Frau Prinzessin nicht mehr zu beunruhigen, die Blutung ist gestillt und der Verband angelegt. Der Ambulanzwagen kann jeden Augenblick hier vorfahren. Ich habe geglaubt, in Ihrem Sinne zu handeln, Frau Prinzessin, indem ich darauf drang, daß man den Verletzten nicht in das Krankenhaus, sondern zu seiner Frau Mutter bringen sollte, wo er doch wohl die beste Pflege fände. Ich habe mich der Polizei gegenüber für Ihren Herrn Sohn verbürgt. »Was hatte denn die Polizei dabei zu tun?« »Ach Gott! weil ihn doch ein böser Mensch als Spion denunziert hat.« »Meinen Sohn, den Prinzen? Ah, das ist doch ...« »Es ist lächerlich, nicht wahr, Frau Prinzessin?« fiel Angèle der entrüsteten alten Dame ins Wort. »Es war ein neidischer Kamerad bei Tissandiers; aber er wird seine Strafe schon bekommen. – Da, ein Wagen. Das könnte vielleicht schon die Ambulanz sein. Wenn Frau Prinzessin mir vielleicht gestatten möchten, hier zu bleiben und dem Doktor bei der kleinen Operation zu helfen ... o bitte, bitte, eine ganz leichte Operation, nur eine kleine Naht der Stirnhaut.« »Aber ja, liebe Kleine, gewiß, gewiß!« jammerte die Prinzessin kläglich. »Bleiben Sie nur bei uns; Sie werden mir eine rechte Hilfe sein ... Wie heißen Sie doch? ... Da, wahrhaftig! es hält ein Wagen vor der Tür. Ich bitte Sie, mein Kind, helfen Sie mir auf die Füße. Mein Gott, mein Gott! Diese Aufregung – ich kann nicht mehr. Vielen, vielen Dank meine liebe Kleine.« Und sie tappte mit der Hand nach Angèles Kopf und streichelte ihr zitternd über die Wange. Dann ließ sie sich von dem Mädchen aufhelfen und hinausbegleiten. Wenige Minuten später tappte der Verwundete schweren Schrittes, von zwei Sanitätsleuten gestützt, die Stufen hinauf, denn es hatte sich als unmöglich erwiesen, ihn auf der Tragbahre die schmale Treppe hinaufzubringen. Die alte Dame beugte sich über das Geländer und versuchte, ihn mit unbekümmerten Worten zu begrüßen; doch der Anblick seines verbundenen Kopfes, seines leichenblassen Gesichtes und des mühevollen Aufstieges überwältigten sie dermaßen, daß sie kein Wort hervorzubringen vermochte. Die Tränen stürzten ihr aus den Augen, und sie mußte sich auf die zuckenden Lippen beißen, um jeden Laut der Klage und des Schreckens zu unterdrücken. Als der Prinz vor seiner Mutter stand, streckte er ihr die Hand entgegen und sagte, sich zu einem schwachen Lächeln zwingend: »Es ist nichts, Mama, wirklich nichts.« Doch im Augenblick, als er die zitternde Hand der Mutter in der seinen fühlte, wurde ihm schwarz vor den Augen, und er sank ohnmächtig in die Arme seiner beiden Begleiter zurück. Die kleine Anstrengung des Treppensteigens war zu viel für ihn gewesen. Die Sanitätsleute schleppten ihn in sein Schlafzimmer und brachten ihn zu Bett, wobei ihnen Angèle flink und umsichtig zur Hand ging, denn Madame Guiche war ebenso kopflos vor Schreck wie die Prinzessin-Mutter selber. Die beiden alten Damen standen seufzend und weinend herum und vermochten sich nicht durch die kleinste Handreichung nützlich zu machen. Inzwischen war auch der Polizeiarzt mit seiner großen Handtasche hinzugekommen. Er fragte die Prinzessin, ob sie vielleicht vorziehe, die Operation von ihrem Hausarzt besorgen zu lassen, und als sie dies kopfschüttelnd ablehnte, streifte der Arzt sofort seinen Leinenkittel über und legte sich sein Operationsbesteck, Verbandgaze und Desinfektionslösungen zurecht. Der Anblick dieser Vorbereitungen entlockte den beiden alten Damen neue Tränenströme, Seufzer und jammernde Fragen, so daß der energische Doktor sie mit angemessenen Trostworten höflich hinauskomplimentierte: »Ich habe ja alles, was ich brauche,« sagt er. »Die Operation ist eine Kleinigkeit, und in ein paar Tagen spreche ich wieder vor, wenn Sie gestatten, um die Klammern aus der Narbe zu nehmen. Inzwischen werden Sie schwerlich einen Arzt brauchen, denn Fieber dürfte kaum eintreten. Aber es wäre gut, wenn das tapfere kleine Fräulein Dupont zur Pflege dabeibleiben könnte, bis der Herr sich von seinem starken Blutverlust erholt hat.« Sobald die beiden alten Frauen hinaus waren, machte sich der Arzt ans Werk, heftete die Wundränder mit Klammern zusammen, legte einen frischen Verband an und empfahl sich, nachdem er Angèle die nötigen Anweisungen zum Messen der Temperatur und für die zu beachtenden Vorsichtsmaßregeln gegeben hatte. In einer Viertelstunde war alles geschehen, und er fuhr mit dem Ambulanzwagen wieder davon. Es dämmerte bereits, als der Prinz aus langem erquickenden Schlaf aufwachte. Angèle, die auf einem Stuhle vor dem Bette saß, beugte sich über ihn. Er starrte sie groß an, schloß und öffnete mehrmals die Augen und versuchte sich aufzurichten. Sie drückte ihn an den Schultern leise in die Kissen zurück und sagte freundlich lächelnd: »Bleiben Sie ruhig liegen, Sie sollen sich nicht anstrengen. Haben Sie einen Wunsch?« »Wo bin ich eigentlich?« versetzte der Prinz mit schwacher Stimme, indem er seinen Blick flackernd herumschweifen ließ. »Zu Hause sind Sie; bei Ihrer Frau Mama.« »Aber mein Gott – das verstehe ich nicht! Das bist du doch, Angèle. Wie kommst du daher, liebe kleine Angèle?« Er duzte sie gegen seine Gewohnheit, und in seiner Stimme lag so viel Zärtlichkeit, daß Angèle am liebsten vor Freude geweint hätte. Sie legte geschwind den Finger auf den Mund und versuchte dem Liebsten durch eine Kopfbewegung über ihre Schulter hinweg anzudeuten, daß die Mutter im Zimmer sei. Die Prinzessin war in dem großen alten Polstersessel, in welchem sie das Erwachen ihres Sohnes hatte erwarten wollen, selbst ein wenig eingenickt, aber bei dem leisen Klang der Stimmen sofort munter geworden. Sie begab sich eilig an das Bett und beglückwünschte in einem Ton, der sorglos und heiter klingen sollte, ihren Sohn zu seinem langen Genesungsschlaf. Der Prinz führte die Hand seiner Mutter an die Lippen und sagte: »Guten Abend, Mama. Habe ich dir einen großen Schreck eingejagt? – Es war eine dumme Geschichte; aber ich konnte wirklich nicht anders handeln. Nun, Fräulein Dupont wird dir wahrscheinlich ausführlich berichtet haben. Sie muß mir auch berichten, was eigentlich mit mir vorgegangen ist, den ich weiß wahrhaftig gar nichts mehr. Vielleicht bin ich der erste französische Verwundete in diesem Kriege – und das Merkwürdige ist, daß mich – ein Russe zur Strecke gebracht hat. – Oder war es vielleicht nicht dieser bösartige Tscherbischeff?« wandte er sich an Angèle. »Das weiß ich auch nicht, mein Prinz,« sagte die Kleine verlegen, »ich kam ja erst dazu, als die Polizei schon da war und Herrn Tscherbischeff festgenommen hatte.« »Und die beiden Damen mit dem Knaben? Wissen Sie, ob sie in Sicherheit sind?« »Ich denke doch. Das heißt, um die Wahrheit zu sagen: ich fand Mama ohnmächtig vor Schreck hinter dem Buffet liegen und mußte die fremden Damen bitten, sich ihrer anzunehmen, ehe ich Ihnen auf die Unfallstation folgte. Gelt, Sie sind mir auch nicht böse, wenn ich Sie jetzt verlasse, mein Prinz; ich muß doch schauen, ob meine arme Mutter auch keinen Schaden davongetragen hat. Aber wenn ich Ihnen noch irgendeinen Dienst leisten kann ...?« »Nein, gehen Sie nur. Ich habe kein Recht, Sie hier länger festzuhalten. Eine Krankenmahlzeit kann mir Madame Guiche auch besorgen; ich habe nämlich furchtbaren Hunger.« »O, das ist gut, das ist so gut!« rief die Prinzessin eifrig »Dann wirst du wieder zu Kräften kommen, mein lieber Armand. Ich werde der Guiche sagen, sie soll dir gleich ein zartes Beefsteak braten.« Damit eilte sie geschäftig hinaus. Sobald die Tür hinter der Prinzessin ins Schloß gefallen war, richtete Armand sich empor und ergriff mit beiden Händen Angèles Arme. Matt zurücksinkend zog er sie an sich. Sie küßte ihn flüchtig und versuchte sich sanft aus seiner Umarmung zu befreien: »Nicht so stürmisch, mein Prinz,« schmollte sie zärtlich. »Mein Prinz?« wiederholte er mehrere Male und starrte sie ungläubig an. »Wie bist du hinter mein Geheimnis gekommen? Ich hätte nicht gedacht, daß meine liebe kleine Angèle mich jemals so anreden würde.« »Ich erzähle es Ihnen später,« flüsterte Angèle. »Sie sollen sich jetzt nicht erregen. Sie sollen essen, schlafen und folgsam sein, dann komme ich morgen wieder und schaue mich nach Ihrem Befinden um.« Er ließ ihre Arme nicht los: »Süße Angèle! Wenn du doch bei mir bleiben könntest. – Nun hast du mich noch mehr zu deinem Schuldner gemacht – und ich habe dir doch schon so viel abzubitten.« »Abzubitten?« »Ja. Weil ich dich doch belogen habe, oder vielmehr, weil ich ... Aber vielleicht verstehst du jetzt doch, warum ich mich nicht traute, vor dir meine Maske abzulegen.« Sie nickte ihm seufzend zu und suchte ihre überquellenden Augen seinem Blicke zu verbergen. »Du begreifst also,« sagte er gerührt. »Nicht wahr, ich konnte das meiner Mutter nicht zumuten – und dir vielleicht noch weniger: ein Prinz von Habenichts, ich bitte dich!« Sie richtete sich auf und befreite sich, indem sie seine Finger von ihren Armen löste. »Gute Nacht!« sagte sie zärtlich. »Ich komme morgen wieder und dann sind Sie frisch und stark und wir schwatzen nach Herzenslust.« Sie winkte ihm noch eine Kußhand zu und dann verließ sie leichten Schrittes das Schlafzimmer. AM nächsten Morgen erwachte Armand zur gewohnten frühen Stunde. Er fühlte sich so ausgeruht, daß er schon daran dachte, in sein Atelier hinauszufahren, denn die Schnittwunde war zwar noch recht unangenehm fühlbar, doch der Kopf dünkte ihn frei und seine Denkfähigkeit wieder völlig auf der Höhe. Aber schon beim Waschen überkam ihn wieder ein leichtes Schwindelgefühl, so daß ihm nichts übrigblieb, als sich wieder auf sein Bett auszustrecken und geduldig abzuwarten, bis es Madame Guiche gefällig sein würde, ihm den Morgenkaffee zu bringen. Aber die alte Guiche war, seitdem er die Kinderschuhe ausgezogen hatte, nicht mehr in seinem Schlafzimmer gewesen, wenn er zu Bett lag, und so mußte er sich bis um neun Uhr gedulden, zu welcher Zeit seine Mutter ihr Frühstück einzunehmen pflegte. Während der drei Stunden Wartezeit hatten sich seine Gedanken fast ausschließlich mit Angèle beschäftigt. Wie mußte ihn das Mädchen liebhaben, daß es imstande war, alles im Stiche zu lassen, um ihm zu helfen – und das in derselben Stunde, in der ihr die Erkenntnis aufging, daß er sie getäuscht habe und daß sie nicht mehr hoffen dürfe, jemals die Seine zu werden. Freilich konnte er sich sagen, daß er ihr niemals Versprechungen gemacht und andeutungsweise die Unmöglichkeit einer Heirat mindestens hatte ahnen lassen; aber er Stachel des Vorwurfs steckte in seinem Gewissen und schmerzte ihn mehr als die böse Stirnwunde. Seine Mutter brachte ihm das dürftige Frühstück selbst und war sichtlich enttäuscht, daß er ihr nicht gestattete, ihn wie ein kleines Kind zu füttern. Sie schalt ihn, weil er sich aufrecht setzte und gar nach dem Stuhle herüberbeugte, auf den sie das Geschirr gestellt hatte. »Du mutest dir zu viel zu, Armand,« sagte sie mit dem Finger drohend. »Das kleine Fräulein würde dir das vermutlich nicht gestatten. Von ihr hättest du dich wohl ohne Widerspruch füttern lassen. Wie hieß sie doch, die hübsche Kleine? – So, so, Angèle Dupont. Warum hast du mir nie von ihr gesprochen? Ist sie deine Geliebte?« Er ließ sich in die Kissen zurücksinken und dachte eine kleine Weile nach, bevor er der Mutter antwortete. »Meine Geliebte? Nein, das ist sie doch nicht. Nicht in dem Sinne wenigstens, wie du es meinst. Vielleicht habe ich sie zu lieb dazu – ich weiß selbst nicht, wie ich mir meine Gefühle erklären soll. Sie ist meine Freundin, mein Trost in meiner Einsamkeit, und sie wäre mir sogar gut genug zum Heiraten – wenn nicht eben meine unglückliche Doppelexistenz wäre mit ihrer gegenwärtigen Not und ihren ehrgeizigen Zukunftsträumen. Aber ich habe ihr keine unerfüllbaren Hoffnungen gemacht.« »O, du brauchst dich nicht zu entschuldigen,« sagte die Prinzessin mit einem wunderlichen Lächeln um ihre wehleidigen Lippen. »Glaubst du, daß ich dir eine Geliebte nicht gönnen würde? Das Mädchen hat mir einen sehr angenehmen Eindruck gemacht, und wenn sie wirklich so ganz uneigennützig ... sie wäre dann doch eine große Ausnahme, denn diese kleinen Grisetten pflegen doch sehr auf ihren Vorteil bedacht zu sein, wenn sie mit vornehmen jungen Männern Verhältnisse anfangen.« »Sie hat erst gestern erfahren, wer ich bin,«sagte Armand etwas peinlich berührt. Die Prinzessin riß ihre müden Augen weit auf: »Wirklich? Hm. Wie unangenehm, daß wir in dieser demütigenden Dürftigkeit existieren müssen. Man muß froh sein, wenn sich gar niemand um uns bekümmert. Es ist wahrhaftig schändlich, daß wir nicht einmal imstande sind, Liebesdienste, die uns erwiesen werden, entsprechend zu belohnen.« Der Prinz warf sich gequält herum. Die Wunde schmerzte ihn, weil ihm das Blut vor Ärger zu Kopfe gestiegen war, und er stöhnte leise: »Ich bitte dich, Mama, laß das Thema fallen. Wenn du Fräulein Dupont so mißverstehst, dann wird es besser sein, sie zu bitten, daß sie sich nicht mehr um mich bemühen möge. Es ist ja auch wahr: ich bedarf ja gar keiner Pflege. Ich bleibe einfach noch ein paar Tage zu Hause und dann gehe ich wieder meinem Geschäft nach.« »Nein, das erlaube ich dir auf keinen Fall,« ereiferte sich die Mutter. »Du darfst überhaupt nicht mehr zu diesen Tissandiers zurück, wo diese rohen Menschen sind. Denke bloß, wenn der Russe wieder mit dir Streit suchte!« »Liebe Mama,« versetzte der Prinz mit ernster Eindringlichkeit, »wir können beide Gott danken, wenn die Tissandiers mir nicht kündigen.« »Nein, nein, nein!« beharrte die alte Dame eigensinnig. »Ich dulde es auf keinen Fall mehr. Ich bestehe darauf, daß du deine Verbindungen mit dem Präsidenten und mit dem Kriegsminister ausnutzest, um eine Stellung zu erlangen, die deinem Rang und deinen Fähigkeiten entsprechend ist. Ich will jetzt nicht in dich dringen; aber – du wirst es dir schon noch überlegen.« »Wenn du die Zumutung, Spionendienste zu leisten, meinst – diese Sache ist erledigt. Nach unserer Unterredung vorgestern nacht konntest du doch nichts anderes von mir erwarten; Mama. Ich habe am anderen Morgen dem jungen Ordonnanzoffizier, der so freundlich gewesen war, mich in seinem Auto nach Hause zu fahren, die Gründe meiner Ablehnung kurz dargelegt.« Die Prinzessin schlug die Hände zusammen, machte ihr betrübtestes Gesicht und schüttelte seufzend den Kopf: »Aber, mein Sohn, ich begreife nicht – fehlt dir denn jeder Ehrgeiz?« »Durchaus nicht,« versetzte Armand, indem er an seiner Mutter vorbei nach dem hellen Fenster starrte. »Ich habe sogar einen brennenden Ehrgeiz; aber den würdest du nicht verstehen.« »Pah!« machte die Prinzessin und blähte beleidigt ihre welken Wangen. »Vermutlich bin ich zu dumm dazu, nicht wahr? Besteht dein brennender Ehrgeiz vielleicht darin, daß du eine eigene Boutique als Goldschmied aufmachen möchtest und die kleine Wirtstocher heiraten? Oder willst du vielleicht damit sagen, daß ich dir im Wege sei? Habe ich dir nicht immer gesagt, du solltest nicht deine Gesundheit ruinieren durch diese elende Tagelöhnerarbeit? Ich mache doch gar keine Ansprüche. Du kannst mir doch wirklich nicht vorwerfen, daß ich dir zuviel koste. Meine Zinsen haben doch immer noch so viel abgeworfen, daß ich davon das Haus erhalten und meine und Madame Guiches kleine Bedürfnisse bestreiten konnte.« Armand wandte mit einem tiefen Seufzen seinen Blick vom Fenster ab und der Mutter zu, die sich mit dem Taschentuch über die nassen Augen fuhr. »Das ist ein Irrtum, arme kleine Mama,« sagte er tonlos. »Es scheint mir leider nötig, dich darüber aufzuklären, denn man kann nicht wissen, was uns der Krieg noch für schwere Sorgen bringen wird, und da mußt du doch über deine Geldverhältnisse Bescheid wissen.« Die Prinzessin starrte ihren Sohn entsetzt an: »Du willst doch nicht etwa sagen, daß meine Papiere ...« »Deine Papiere sind schon seit drei Jahren so gut wie völlig wertlos. Das war der eigentliche Grund, der mich bewog, meine kunstgewerblichen Ideen zu verwerfen. Der Firma Tissandier verdanken wir drei unsere Existenz.« Wieder schlug die alte Dame stöhnend die Hände zusammen; aber weit entfernt, die Großtat opferwilliger Sohnesliebe anzuerkennen, rief sie mit jammernder Klage aus: »Und unter solchen Umständen weigerst du dich, die glänzende Gelegenheit zu ergreifen, die dir das Kriegsministerium angeboten hat?« Armands Gesicht verzerrte sich vor Schmerz und er griff sich unwillkürlich mit beiden Händen an den Kopf. »Du bist ungerecht, Mama,« sagte er gequält. »Das sind Dinge, die nur Männer verstehen. Reden wir nicht mehr davon.« In diesem Augenblick wurde an der Tür geklopft und auf das »Herein« der Prinzessin steckte Madame Guiche ihren Arm durch den Spalt und winkte mit einem blauen Stadttelegramm in der Hand. Die Prinzessin nahm es ihr ab und riß es ungeduldig auf. Sie wiegte den greisen Kopf hin und her: »Tetete! Welches Unglück! Es ist von dem kleinen Fräulein. Wird es dich auch nicht zu sehr aufregen, mein armer Armand?« Der Prinz verneinte mit einer ungeduldigen Handbewegung und seine Mutter las, ans Fenster tretend, ihm das Telegramm vor: »Kommen heute unmöglich. Mutter nach gestrigem Schreck Gehirnschlag. Lebensgefahr. Angèle.« Wortlos suchte Armand die Schreckensbotschaft in sich zu verarbeiten. Plötzlich fuhr er auf, richtete sich auf den Ellenbogen empor und rief laut nach Madame Guiche; aber die hörte nicht mehr. Und so bat er seine Mutter, sie möge doch ihre alte Haushälterin sofort nach dem Coq rouge schicken, um nähere Nachrichten einzuholen. »Aber liebes Kind,« erwiderte die Prinzessin, schier mitleidig lächelnd, »du weißt doch, die gute Guiche fährt nicht mit der Untergrundbahn. Sie hat es doch heilig verschworen seit dem großen Unglück, und ehe sie mit der Trambahn hin- und wieder zurückkommt, vergehen mehrere Stunden – vorausgesetzt, daß sie überhaupt bis zur Rue de Temple gelangt. Und wir können doch nicht wegen dieser Gastwirtin auf unser Diner verzichten.« Der Prinz seufzte gottergeben, und dann bat er die Mutter um Schreibzeug. Er wollte ein paar Trostworte an Angèle schreiben und sie beruhigen, daß er ihrer Pflege nicht bedürfe, da es ihm schon wieder ausgezeichnet gehe. Das war nun freilich eine dicke fromme Lüge, denn in Wahrheit hatte ihm dieses Gespräch mit der Mutter dermaßen aufgeregt, daß die Wunde heftig schmerzte und jener Schwindel aus Schwäche ihn bei dem bloßen Versuch aufrecht zu sitzen nötigte, das Briefschreiben vorläufig noch aufzuschieben. Es war gut, daß die Mutter sich wenigstens seinem Wunsche, eine Stunde allein gelassen zu werden, nicht widersetzte. DIE Stunde war noch nicht verstrichen, als Madame Guiche in höchster Aufregung die Treppe hinaufgekeucht kam und die Prinzessin in ihrem Wohnzimmer mit dem Schreckensruf überfiel: »Man will den Prinzen verhaften.« Der alten Dame fuhr das Entsetzen dermaßen in die Beine, daß sie nicht von ihrem Stuhle aufzustehen vermochte: »Bist du verrückt, Guiche! Welch eine Idee?« Aber die alte Guiche ereiferte sich und flüsterte mit weit aufgerissenen Augen so rasch sie konnte: »Doch, doch! Es hält ein Auto vor der Tür und auf dem Bock sitzt ein Soldat mit einem Gewehr. Der junge Offizier hat mich nach dem Prinzen gefragt. Ich habe ihm gesagt, er läge krank zu Bett; aber da hat mich der Offizier angefahren: das sei ihm ganz egal, er müsse den Prinzen dienstlich sprechen. Es gebe keine Ausflüchte. Er ist mir auf dem Fuß gefolgt. Draußen steht er. »Mein Gott, mein Gott! Was ist das nun wieder?« stöhnte die Prinzessin. Und dann winkte sie die Guiche herbei, ließ sich von ihr aufhelfen und verließ auf sie gestützt das Zimmer. Der Leutnant – es war derselbe, der den Prinzen unlängst in seinem Auto vom Kriegsministerium heimgefahren hatte – stand wirklich schon draußen im Gang. Er grüßte höflich und sagte: »Ich habe wohl die Ehre mit der Frau Prinzessin von Ravensberg. Ich bedaure unendlich, daß ich gezwungen bin, Madame so zu überfallen; aber ich habe mich eines dienstlichen Auftrags zu entledigen.« Die alte Dame versuchte sich Haltung und ihrer schwachen Stimme Festigkeit zu geben, indem sie erwiderte: »Tun Sie Ihre Pflicht, mein Herr; aber ich darf Sie wohl darauf aufmerksam machen, daß mein Sohn gestern einen schlimmen Unfall erlitten hat und noch sehr matt vom Blutverlust ist. Sie gestatten wohl, daß ich ihn vorbereite?« Mit höflicher Bestimmtheit versetzte der Offizier: »Wir sind bereits unterrichtet von dem Unfall im Coq rouge . Wir wissen auch, daß die Verletzung ungefährlicher Natur ist. Eine Vorbereitung kann ich zu meinem Bedauern nicht gestatten; aber Frau Prinzessin brauchen keine Sorge zu haben, ich werde mit möglichster Schonung verfahren.« Die Prinzessin biß sich auf die zuckenden Lippen und unterdrückte mühsam den entrüsteten Widerspruch, der ihr auf der Zunge lag. Sie wies nach der zunächstliegenden Tür und sagte: »Bitte, hier ist das Zimmer meines Sohnes.« Der Leutnant grüßte militärisch, klopfte an und verschwand auf das laute »Herein« von drinnen im Schlafzimmer des Prinzen, die Tür sofort hinter sich ins Schloß drückend. Madame Guiche schickte sich an, an der Tür zu horchen; aber die Prinzessin hatte bei einem zufälligen Blick nach unten bemerkt, daß am Fuß der Treppe wirklich ein Soldat mit Gewehr stand. Da zupfte sie ihre alte Haushälterin am Ärmel und zog sie mit sich fort in ihr Zimmer. Sie ließ aber die Tür offen und blieb mit Madame Guiche auf der Schwelle stehen. Armand hatte inzwischen den eintretenden Offizier mit den Worten empfangen: »Ah, sind Sie es wirklich, Herr Leutnant Gondinet? Ich glaubte Ihre Stimme zu erkennen. Was bringen Sie mir? Gibt sich der Herr Kriegsminister mit meiner Antwort nicht zufrieden? Bitte nehmen Sie doch Platz.« Der Offizier folgte der Aufforderung, indem er sich auf den Stuhl am Bett setzte. »Es tut mir sehr leid,« begann er, »daß ich Sie in Ihrer gegenwärtigen Verfassung belästigen muß; aber ich habe den Befehl erhalten, Sie sofort um einige notwendige Aufklärungen zu bitten.« »Meinen Sie etwa den überfall im Roten Hahn? Diese unsinnige Beschuldigung der Spionage? Hat man den Kriegsminister etwa damit behelligt?« »Allerdings. Die Polizei hat dem Kriegsministerium direkt Bericht erstattet. Es war ein merkwürdiges Zusammentreffen von ... ich will nicht sagen Verdachtsmomenten, denn ich bin natürlich weit entfernt davon ... Aber Sie werden einsehen, daß das Kriegsministerium nicht umhin konnte, den Anschuldigungen auf den Grund zu gehen. Uns wurde nämlich von der Polizei mitgeteilt, daß Sie, mein Prinz, unter dem Namen Armand Georges seit mehreren Jahren bereits in der Firma Tissandier als Goldschmied arbeiten, und da kam am selben Tage die Auslage des Russen Tscherbischeff hinzu, der Sie direkt der Spionage für Deutschland bezichtigte. Er stützte sich besonders auf seine Wahrnehmung, daß Sie im Kriegsministerium aus und ein gingen. Insofern war ja für uns selbstverständlich die Auflage hinfällig; aber die vielfach bezeugte Tatsache, daß Sie kurz vor dem Zusammenbruch in die Wirtschaft für eine deutsche Familie eingetreten sind ...« Der Prinz bekam einen roten Kopf und unterbrach den Sprecher unwillig: »Es wird einem rechtliebenden, anständigen Manne doch noch erlaubt sein, rohen Pöbelausschreitungen entgegenzutreten. Der Mob wollte sich an wehrlosen Frauen und einem Kinde vergreifen. Die Mutter war dazu noch Französin. Sie sehen, Herr Leutnant, meine Donquichotterie ist mir teuer genug zu stehen gekommen. Will man mir obendrein noch den Prozeß machen? Dann müßte man ja an der altberühmten französischen Ritterlichkeit zweifeln. Der junge Offizier lächelte verlegen: »O, das wäre ... Ich glaube nicht, daß Sie wegen dieser Geschichte irgendwelche Unannehmlichkeiten haben werden. Wenn Sie die Güte haben wollen, mir den Hergang in kurzen Worten zu erzählen, will ich es gern auf mich nehmen, diese Angelegenheit für Sie ins Reine zu bringen, ohne daß man Sie in Ihrem gegenwärtigen Zustand weiter behelligt.« Der junge Offizier zog ein Taschenbuch heraus und notierte sich die knappe klare Aussage des Prinzen, der ihm auch nicht verschwieg, daß sein russischer Arbeitsgenosse aus Eifersucht gehandelt habe. Wie Leutnant Gondinet mit seiner Niederschrift fertig war, verbeugte er sich dankend und sagte: »Ich glaube, das wird vollständig genügen. Im übrigen kann ich Ihnen ja sagen, daß wir auch bei den Gebrüdern Tissandier Auskunft eingeholt haben, die durchaus zu Ihren Gunsten lautete. Ich meine, wir können diesen Teil meines Auftrags als erledigt ansehen. – Unglücklicherweise ist aber da ein Brief in unsere Hände gekommen, der ...« Er griff in die Klappe seines Taschenbuches und zog ein Schreiben hervor, dessen Umschlag mehrere amtliche Stempel aufwies: »Sie werden unsere Berechtigung, die Post aus dem feindlichen Ausland zu beschlagnahmen, wohl nicht bestreiten. Dieser Brief hier wurde in Deutschland vielleicht nur um wenige Stunden zu spät aufgegeben, sonst wäre er noch uneröffnet in Ihre Hände gelangt. So hat sich die Beförderung um mehrere Tage verzögert, weil das Zensurpersonal nicht ausreichte, die ungeheure Anhäufung von Briefen an der Grenze rasch genug zu bewältigen.« Armand seufzte gequält. Sein Kopf schmerzte ihn und die lange Einleitung machte ihn ungeduldig. Er ließ sich in die Kissen zurücksinken und sagte in müdem, ruhigem Tone: »Also bitte: was hat es mit diesem Briefe auf sich. Mein Verkehr mit Deutschland ist ausschließlich literarischer Natur; ich übersetze viel und stehe daher mit mehreren Verlegern in Verbindung. Es kann also nur auf einem Mißverständnis beruhen, wenn man etwas Verdächtiges zu finden meint.« »Pardon,« versetzte Leutnant Gondinet höflich, »in diesem Fall ist der Irrtum doch auf Ihrer Seite, mein Prinz. Dieser Brief hier stammt nämlich nicht von einem Verleger, sondern von Ihrem – Herrn Bruder, dem Prinzen Viktor Ravensberg. Bitte wollen Sie sich überzeugen.« Armand griff hastig nach dem dargereichten Schreiben, entnahm es dem Umschlag und raffte sich wieder in sitzende Stellung empor. Nachdem er sich vergewissert hatte, daß die Anrede tatsächlich ihm galt und die Unterschrift die seines Bruders Viktor war, lachte er bitter auf: »Seit zehn Jahren das erste Lebenszeichen von diesem teuren Bruder! Ich versichre Sie, Leutnant Gondinet, die Brücke zwischen uns war vollständig abgebrochen, seit ich mich als Franzose naturalisieren ließ.« Der junge Offizier nickte zustimmend: »Ich weiß. Das geht aus diesem Brief unzweifelhaft hervor. Leider bin ich der deutschen Sprache nicht mächtig. Ich habe hier eine Übersetzung zur Hand, die in unserem Bureau angefertigt wurde. Wenn ich bitten darf, so übersetzen Sie mir den Text ins Französische, damit ich ihn mit unserer Übersetzung vergleichen kann. – O, ich fürchte, die Unterredung strengt Sie zu sehr an. Haben Sie Schmerzen?« »Ja, allerdings,« sagte der Prinz matt zurücksinkend. »Ich kann an diesen Bruder nicht denken, ohne mich aufzuregen. Aber es geht schon vorüber, wenn Sie mir nur ein paar Minuten ...« »O bitte, bitte sehr. Ruhen Sie sich nur aus, mein Prinz. Ich darf Sie leider nicht allein lassen, bevor ich meinen Auftrag erfüllt habe; aber kümmern Sie sich nicht um mich. Ich habe Zeit.« Kaum fünf Minuten lang lag Armand unbeweglich auf dem Rücken ausgestreckt, da schlug er die Augen mit einem Seufzer wieder auf, richtete sich in die Höhe und las den Brief durch. Als er damit zu Ende gekommen war, stützte er den Kopf schwer in die Hand und sann eine Weile mit gequältem Gesichtsausdruck nach. Er schien die Anwesenheit des jungen Offiziers ganz vergessen zu haben. Erst als dieser sich erhob und wieder seinen Platz auf dem Stuhle am Bett einnahm, schreckte er aus seiner Versunkenheit auf und erklärte sich bereit, den Brief Satz für Satz zu übersetzen. Prinz Viktor Ravensberg schrieb: Lieber Bruder! Wir erwarten täglich, ja stündlich die französische Kriegserklärung. Mir, als dem Haupt der Familie, ist es ein unerträglicher Gedanke, daß ein Ravensberg in diesem unzweifelhaft furchtbarsten Kriege, der jemals wider Deutschland heraufbeschworen wurde, auf der Seite unserer Feinde stehen sollte. Ich weiß nicht, wie du dich innerlich mit der Tatsache abgefunden hast, daß du durch Annahme der französischen Staatsangehörigkeit dich deines Erbrechts und aller mit dem Range eines Prinzen unseres Hauses verbundenen Vorrechte verlustig gemacht hast. Da du mir seit zehn Jahren nicht mehr geschrieben hast, muß ich wohl annehmen, daß du einen unversöhnlichen Groll gegen mich hegst und meine durch unser Hausgesetz gebotene Handlungsweise als eigennützig ansiehst. Ich gebe dir mein Ehrenwort, daß dem nicht so ist. Von unserer Mutter will ich schweigen. Sie hat nicht nur unseren Vater, sondern überhaupt allem deutschen Wesen immer so völlig verständnislos gegenübergestanden, daß auch die Jahre ihr schwerlich zu einer anderen Auffassung unseres Standpunktes verholfen haben werden. Dich aber, mein Bruder, der du doch deutsches Blut in den Adern hast und, wie ich höre, durch Übersetzung deutscher Bücher dich um das Verständnis für deutsches Wesen in Frankreich bemüht hast, dich kann ich unmöglich endgültig aufgeben. Ich beschwöre dich also bei dem Andenken unseres Vaters und bei deinem deutschen, fürstlichen Geblüt: kehre in dein Vaterland zurück, ehe es zu spät ist. Du sollst nicht nur in den Benutz deines dir zustehenden Vermögens kommen, sondern ich will auch meine Verbindungen ausnutzen, um dir eine deinen Neigungen und Talenten entsprechende Stellung zu verschaffen. Ich will dich keineswegs überreden, gegen dein Adoptivland die Waffen zu ergreifen; aber ich kann auch als Chef unseres Hauses nicht dulden, daß du etwa auf französischer Seite gegen uns kämpfen solltest. Ich habe die Ehre, Oberst eines preußischen Kavallerie-Regimentes zu sein (der X. Husaren). Denke dir die Möglichkeit aus, daß wir einander auf dem Schlachtfelde begegneten, daß du vielleicht gar von meinen Truppen getötet werden könntest! Ich beschwöre dich: komme dieser Möglichkeit zuvor, indem du sofort zurückkehrst. Ich hoffe zu Gott, daß noch kein Fahneneid dein Gewissen binden möge. Durch deine genaue Kenntnis Frankreichs, französischer Verhältnisse und französischen Wesens könntest du dich auch als Richtkombattant um dein eigentliches Vaterland verdient machen. Noch eins: wenn unsere Mutter nicht dazu zu bringen sein sollte, in einem Kloster oder sonstwo sichere Zuflucht in Frankreich zu suchen, so bringe sie in Gottes Namen mit. Wir werden unser möglichstes tun, um ihre Gefühle zu schonen. Sollte es schon zu spät sein, um mir eine direkte Benachrichtigung zugehen zu lassen, so mache von den hierunter angegebenen holländischen und schweizer Adressen Gebrauch. Nochmals: das Vaterland ruft! Tue deine Pflicht als Deutscher und Edelmann und sei versichert, daß dich herzlich willkommen heißen wird dein treu besorgter Bruder Viktor. Leutnant Gondinet steckte sein Manuskript wieder in die Tasche und verbeugte sich dankend: »Die Übersetzung stimmt so ziemlich,« sagte er sich erhebend. »Sie werden begreifen, mein Prinz, daß wir unsere Maßnahmen treffen müssen gegen die Möglichkeit Ihres Entweichens nach Deutschland, denn Ihr Herr Bruder hat vollkommen recht mit seiner Annahme, daß Sie sich drüben durch Ihre Kenntnis französischer Verhältnisse sehr nützlich machen könnten – ganz abgesehen von dem doch immerhin naheliegenden Verdachtsmoment, daß Ihre Maske als Goldschmied Spionagezwecken gedient haben könnte.« »Meine Maske?« versetzte Armand bitter lächelnd. »Sie trauen mir also immer noch nicht? Nun, dann lassen Sie sich sagen, daß ich diese Nebenexistenz als Armand Georges nur meiner Mutter zuliebe geführt habe. Sie hat bis heute in dem Wahn gelebt, daß sie die Bedürfnisse ihres Haushaltes von den Zinsen ihres Vermögens bestritten habe. Dieses Vermögen existiert nicht mehr. Ich fand den grausamen Mut nicht, ihr die Wahrheit zu sagen, und konnte ihr auf ihre alten Tage nicht zumuten, auf den letzten Rest von äußerlicher Vornehmheit zu verzichten, den sie als geborene Prinzessin Lusignan als ihr Lebenselement empfinden mußte. Die Verwertung meiner künstlerischen Begabung im Goldschmiedehandwerk bot mir die einzige Möglichkeit, das Notwendigste sicher und pünktlich herbeizuschaffen. Darum nahm ich die Stellung bei der Firma Tissandier an. Meine Mutter ließ ich in dem Glauben, daß ich an diese Herren nur zuweilen künstlerische Entwürfe für gutes Geld verkaufte und daß ich meine Tage mit literarischen Studien in den Bibliotheken verbrächte. Ich will kein Rühmens von den Nerven aufreibenden Anstrengungen machen, die es mich gekostet hat, alle diese Jahre hindurch die fromme Täuschung aufrechtzuerhalten und die Klagen meiner Mutter über die traurige Dürftigkeit unseres Lebens über mich ergehen zu lassen; aber ich darf die Maske, die ich so lange getragen habe, doch vielleicht eine heilige Maske nennen.« Der junge Offizier versuchte vergebens seine Bewegung zu verbergen. Er streckte dem Kranken seine Rechte entgegen und sagte mit leicht bebender Stimme: »Selbstverständlich schenke ich Ihren Worten unbedingten Glauben, mein Prinz; aber ich habe hier leider keine Entscheidungen zu treffen, sondern nur einem Befehle zu gehorchen.« »Heißt das, daß Sie mich verhaften sollen?« »Das gerade nicht,« sagte Leutnant Gondinet verlegen zur Seite blickend. »In Ihrem gegenwärtigen Zustande wäre es wohl das richtige , Sie in einem Militärlazarett bis zu Ihrer völligen Wiederherstellung unterzubringen. Unter Aufsicht müßten Sie allerdings bleiben, bis ...« »So!?« unterbrach ihn der Prinz lebhaft: »Unter Aufsicht muß ich bleiben? Auch wenn ich Ihnen hiermit auf Ehrenwort erkläre, daß ich nicht beabsichtige, dem Wunsche meines Bruders zu folgen?« Der Leutnant zuckte bedauernd die Achseln. »Dann will ich Ihnen was sagen: mein Entschluß ist gefaßt. Ich werde mich sofort zur Musterung stellen und als Rekrut in das Heer eintreten, gleichgültig wie und wo man mich verwenden will.« »Bravo, mein Prinz!« rief der Leutnant mit leuchtenden Augen. »Ich will den Herrn Minister von Ihrem Entschluß in Kenntnis setzen und man wird Ihnen sicher mit keinem häßlichen Verdacht mehr zu nahe treten. – Sind Sie imstande aufzustehen und mit mir sogleich im Auto nach dem Lazarett zu fahren?« Armand seufzte ergeben: »Wenn es sein muß, auch das. Ich fürchte nur, meine Mutter wird glauben, daß Sie mich als Arrestanten abführen.« »O, das läßt sich machen,« rief Leutnant Gondinet. »Ich schicke den Begleitmann einfach nach Hause. Das will ich ruhig auf meine Kappe nehmen. Wenn Sie mit mir allein fahren, wird jedes Aufsehen vermieden. Sie könnten vielleicht Ihrer Frau Mutter sagen: Sie zögen es vor, sich im Lazarett behandeln zu lassen. Soviel ich gesehen habe, sind nur die zwei alten Damen hier im Hause – da klingt das ja ganz vernünftig.« »Um so mehr, als das junge Mädchen, das meine Pflege übernehmen wollte, mir eben abgeschrieben hat,« stimmte Armand bei. Leutnant Gondinet berichtete der Prinzessin, was er mit ihrem Sohne vereinbart habe, und bemühte sich, sie durch liebenswürdige Redensarten zu beruhigen. Dann schickte er den Begleitmann weg und half selber dem Prinzen beim Anziehen. Eine Viertelstunde später rollte das Dienstauto davon und vom Fenster des ersten Stockes aus blickten die Prinzessin und Madame Guiche ihm nach und winkten mit ihren feuchten Tränentüchlein dem hinaufschauenden Armand ihr Lebewohl zu. GEGEN Ende September des Jahres 1914 erhielt das Pariser Reserveregiment, bei dem Prinz Georg Hermann Ravensberg unter seinem Decknamen Armand Georges als Rekrut eingestellt worden war, den Marschbefehl. Am frühen Morgen sollte die Verlobung auf dem Bahnhof St.-Lazare erfolgen, und am Nachmittag vorher bekamen die Mannschaften Stadturlaub zum Abschiednehmen. Bereits um sieben Uhr abends hatte der Gemeine Armand Georges alle seine Angelegenheiten erledigt. Seine Mutter hatte er schon am Anfang des Monats glücklich überredet, sich nach der Provence in ein ehemaliges Nonnenkloster zurückzuziehen, das seit der Säkularisierung als Damenstift fortbestand. Madame Guiche, die Unzertrennliche, war ihr dorthin gefolgt. Sie hatte das kleine Vermögen, das sie besaß, willig dazu hergegeben, um die Einkaufssumme für ihre Herrin vorzulegen. Außerdem hatte Armand von den wertvollen Altertümern, die sich noch im Hotel Lusignan befunden, zu Gelde gemacht, was irgend bedenklich war, dann hatte er das Haus abgeschlossen und ein Vermittlungsgeschäft beauftragt, einen Mieter dafür zu suchen. Im Falle ein solcher nicht gefunden werden könnte, sollte das Hotel für Lazarettzwecke zur Verfügung gestellt werden. Seine Bücher, Manuskripte, Bilder und künstlerischen Entwürfe hatte er seinem Verleger in Verwahrung gegeben und einen seiner literarischen Freunde gebeten, im Falle seines Todes die Herausgabe seines dichterischen Nachlasses zu besorgen. Auch von den wenigen, noch nicht eingezogenen Arbeitsgenossen in Atelier Tissandier hatte er sich verabschiedet und von den Inhabern der Firma die Zusicherung erhalten, daß er jederzeit wiedereintreten könne. Ein Gang nur noch, ein schwerer Gang war noch zu tun. Er aß in einem Restaurant, wo niemand ihn kannte, und wartete dort die Stunde ab, zu welcher der Coq rouge seine letzten Stammgäste zu entlassen pflegte. Er traf es gut, denn er fand nur noch ein kleines Häuflein stiller Trinker dort vor, welche von der neu eingestellten Kellnerin und dem Burschen bequem allein bedient werden konnten. Angèle ließ ihn nach ihrem Wohnzimmer voraufgehen und war schon nach wenigen Minuten bei ihm. Sie war in Schwarz und sah bleich und verhärmt aus. An einem der letzten Augusttage hatte sie die Mutter begraben, die den Folgen ihres Schlaganfalles erlegen war. Sie drehte das elektrische Licht an und dann sah sie mit ihrem anmutigen Lächeln, das schwarze Köpfchen leicht gegen die linke Schulter geneigt, zu ihrem langen Freunde hinauf. Er streckte ihr beide Hände entgegen, sie legte die ihrigen hinein und zog die schmale Stirn in kummervolle Falten. »Sie gefallen mir gar nicht, mein Prinz,« versuchte sie zu scherzen. »Wie darf man so blaß aussehen, wenn man den ganzen Tag Bewegung in frischer Luft hat?!« »Ich warte darauf, daß du mir ein Beispiel gibst,« versetzte Armand lächelnd. »Ich bin ja nur aus Rücksicht so blaß, weil ich meine bleiche kleine Freundin nicht durch unanständige Gesundheit ärgern will. Aber im Ernst gesprochen: was ich durch meine jahrelange Nachtarbeit an meiner Gesundheit gesündigt habe, das ist durch ein paar Wochen Exerzieren nicht wieder gutzumachen. Na, ich habe ja noch reichlich Zeit vor mir, mich zu einem robusten Soldaten zu entwickeln: morgen geht's hinaus. Ich in gekommen Abschied zu nehmen.« Angèles Hände zuckten in den seinen, ein kaum hörbarer Seufzer hob ihre Brust, und dann lag ihr Köpfchen plötzlich weinend an seiner Schulter. Er zog sie nach dem Sofa und küßte sie zärtlich: »Du mußt versuchen, tapfer und vernünftig zu sein,« sagte er, ihr üppiges Haar liebkosend. »Schau, es wird ja an unserem Verhältnis und an unseren Aussichten für die Zukunft nicht das geringste dadurch geändert, daß ich morgen ins Feld rücke. Es ist auch im Grunde gleichgültig, ob ich lebendig zurückkehre oder nicht, und ob der Krieg kurz oder lang dauert. Wir waren uns ja doch schon ganz klar darüber, was wir einander schuldig seien. Du wartest, bis du dein Geschäft günstig verkaufen kannst, und dann ziehst du hinaus aus Paris, bist ein wohlhabendes Mädchen und darfst darauf rechnen, die Auswahl unter zahlreichen Bewerbern zu haben. Meine erste Idee, dich darum zu bitten, bei meiner Mutter zu bleiben, war ganz töricht. Es wäre ja geradezu eine Strafe für dich gewesen. Es ist mir auch noch eine andere Idee durch den Kopf gegangen: wenn meine Mutter die Augen zumachen sollte – aber es ist nicht wahrscheinlich, denn die Lusignans werden alle sehr alt – dann würde mich nichts mehr hindern, meinen Rang und Titel abzulegen, der mir ja seiner deutschen Herkunft wegen hier in Frankreich nur hinderlich sein würde. Wenn ich nicht mehr für die Mutter zu sorgen und den Schein der vornehmen Lebensführung aufrecht zu halten hätte, dann könnte ich ja von meinem Verdienst recht gut leben und auch ans Heiraten denken; aber es wäre sündhaft, wenn ich dir zureden wollte, auf eine solche Möglichkeit hin zu warten, und außerdem ...« Er nahm ihren Kopf in beide Hände und sah ihr tief in die Augen: »Ich will dir zum Abschied noch ein Geständnis machen, meine liebe kleine Angèle. Ich habe alle die Jahre hindurch einen brennenden Ehrgeiz in meiner Seele versteckt gehalten, niemand hatte eine Ahnung davon, auch meine besten Freunde nicht. Und wenn sich meine Ahnung erfüllen sollte, wenn ich aus diesem Kriege gegen das Land meiner Geburt nicht lebendig heimkomme, dann hätte ich nur darum Ursache darüber zu trauern, weil mit mir eben auch mein Traum begraben würde: ich bilde mir nämlich ein, – ein Dichter zu sein. Da ich jede Stunde der Lohnarbeit zu widmen gezwungen war, fand ich niemals die nötige Muße, meine Gedanken zu gestalten. Ich hinterlasse nur Versuche aus meiner Jugendzeit. Aber wenn ich heimkommen dürfte und noch einmal in die Lage käme, mein eigenes Leben frei zu leben und meine Maske abzuwerfen – ich glaube, ich könnte der Welt beweisen, daß ich ein Künstler bin. Nun siehst du, alle Künstler sind schreckliche Egoisten und das Heiraten sollte ihnen überhaupt verboten sein. Wenn ich Anerkennung fände, Erfolge vielleicht gar, dann würde ich in einem Kreis von Menschen hineingeraten, in dem du dich schwerlich wohl fühlen würdest. Du würdest dir in der literarischen Welt sicherlich ebenso fremd vorkommen, ebenso gänzlich fehl am Platze wie ich, wenn ich etwa den Coq rouge als Wirt übernehmen sollte – aber nein, das ist vielleicht ein schlechtes Beispiel: sagen wir, so fremd, wie ich mir jetzt unter den Soldaten vorkomme. Ist es nicht merkwürdig? Im Leinenkittel des Goldarbeiters habe ich mich ganz wohl gefühlt – aber diese Uniform da empfinde ich immer noch als eine geschmacklose Maskerade.« Angèle mußte ihm recht geben. Er war schon des öfteren in Uniform zu ihr gekommen; aber er sah heute noch ebenso unmöglich darin aus wie in seinen ersten Rekrutentagen. Seine überschlanke, große Figur und sein erzgermanischer schmaler Blondkopf standen in einem grotesk wirkenden Verhältnis zu den weiten roten Pluderhosen und dem langen blauen Schoßrock. In jedem anderen Gewande, selbst im Arbeitskittel, hatte er die angeborene vornehme Haltung immer noch zur Geltung zu bringen vermocht, während er dem ausgesprochenen romantischen Stil dieser Piou-piou-Uniform gegenüber machtlos war. Sie unterstrich seine Bochehaftigkeit dermaßen, daß tatsächlich die Leute auf der Straße stehenblieben und ihm kopfschüttelnd nachsahen. Doch es war nicht allein die Uniform, die ihm sein bisheriges Soldatenleben verleidete, sondern weit mehr noch die unvermeidliche nahe Berührung mit den rohesten Elementen der untersten Volksschichten. Daß er wie jeder andere gemeine Soldat alle groben Arbeiten der Kasernenreinigung verrichten mußte, die nicht nur äußerlich Schmutzfinken waren, deren Rede von widerlichen Roheiten strotzte, das verursachte ihm noch schlimmere Pein als selbst die Qualen, die sein schwaches Herz ihm durch die Anstrengungen des gewaltsamen Drills bereitete. Armand hatte über alle diese seine bitteren Leiden seiner kleinen Freundin nie geklagt sondern nur in humoristischer Selbstverspottung darüber gerichtet. Jetzt erst, in der Abschiedsstunde, ging ihr eine Ahnung davon durch die schmerzliche Bitterkeit des Tones, in welchem er von seiner unwürdigen Maskerade sprach. »Armer Freund,« tröstete sie ihn lächelnd: »Du wirst ja nicht mehr lange als gemeiner Piou-piou herumzulaufen brauchen. Deine Vorgesetzten wissen doch, wer du bist, und wenn du erst Gelegenheit findest, dich draußen auszuzeichnen, so werden sie dich im Handumdrehen zum Offizier machen.« »Ja,« lachte Armand, »wenn wir die Großherzogin von Gerollstein zum Chef der Armee hätten, dann vielleicht – aber in unserer Republik!? Es scheint mir auch wenig wahrscheinlich, daß ich mich durch besondere Heldentaten hervortun sollte, denn ich habe bisher noch nicht die geringsten militärischen Talente in mir entdecken können. Eigentlich sonderbar, nicht wahr? Da doch meine sämtlichen Ahnherren Soldaten waren.« »O, das wird schon kommen,« versetzte Angèle, sich zu einem heiteren Tone zwingend. »Wenn du erst einmal im Feuer gestanden hast, wird sich das Blut deiner Ahnen in dir schon melden. Darüber bin ich ganz außer Sorge.« Armand zuckte die Achseln: »Hast du dich darauf gespitzt, Frau Korporal zu werden? So weit werde ich es vielleicht bringen. Meine Frau Mama behauptet ja immer, ich hätte keinen Ehrgeiz, und seit sie erfahren hat, daß mein deutscher Bruder Oberst ist und es für mich keine Möglichkeit gibt, anders denn als gemeiner Soldat dem Vaterland zu dienen, ist sie vollends mit der Republik zerfallen. Ihrer Meinung nach wäre man verpflichtet, einem Sprossen des Hauses Lusignan zum mindesten eine Kompagnie für den Anfang zu verleihen, wie das in den guten alten Zeiten üblich war.« Angèle wurde aus seinem spottenden Tone nicht recht klug. Sie sah ihn forschend an und dann wagte sie die Frage, ob er nicht wie alle vornehmen Herren im Grunde seines Herzens Legitimist sei. Er lächelte und dachte ein Weilchen nach, bevor er ihr antwortete: »Legitimist? Nein, doch wohl schwerlich. Das haben die alten französischen Monarchen doch wohl nicht verdient; aber eins will ich dir gestehen, wenn du versprichst, mich nicht zu verraten: Republikaner bin ich auch nicht, und wenn unsere Generäle versagen sollten – die parlamentarischen Maulaufreißer, die neunmal gescheiten Herren Advokaten werden das Vaterland schwerlich retten, wenn es militärisch unterliegen sollte.« »Hältst du das etwa für möglich – nach unserem großen Sieg an der Marne?« warf Angèle ängstlich ein. »Es kann auch wieder anders ...« Armand vollendete den Satz nicht. Er runzelte die Stirn, so daß die frische Narbe rot hervortrat und dann sagte er tief aufseufzend: »Das schlimmste ist, daß ich nicht mit der begeisterten Überzeugung, für eine große und gerechte Sache zu kämpfen, hinausziehen kann. – Ja, da schaust du mich erschrocken an; aber du darfst mir glauben: jeder Franzose, der sich nicht durch die klingenden Phrasen unserer Parlamentarier und die Lügen unserer Zeitungen dumm machen läßt, muß schließlich dahinter kommen, daß wir in diesem Krieg hineingehetzt worden sind, um für England die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Gewiß: wenn wir mit Englands und Rußlands Hilfe siegen sollten, so werden auch für uns schöne Vorteile abfallen, wenn wir aber unterliegen sollten, so haben wir uns keineswegs für irgendein französisches Ideal verblutet, sondern nur für die Eifersucht englischer Kaufleute und Fabrikanten auf die Deutschen.« Angèle sah ihn hilflos erschrocken an: »Mein Gott, das wäre so schrecklich! – Glaubst du etwa, daß die Deutschen besseren Grund haben, begeistert in den Krieg zu ziehen, als wir?« »Ja, mein Kind, das glaube ich,« versetzte er tief ernst. Dann erhob er sich rasch, denn der feine hohe Glockenton der alten Stutzuhr auf dem Kaminsims mahnte ihn daran, daß es hohe Zeit sei, zur Kaserne zurückzukehren. Er küßte die Tränen aus Angèles Augen und sagte mit bebender Innigkeit: »Du liebes Kind. Alles, was ich in meinem harten Leben von Süßigkeit und Wärme genossen habe, das hast du mir gegeben, und ich bin ein Bettler, der nichts hat, womit er dich dafür belohnen könnte. Nicht einmal meine Person gehört mir – so arm und unfrei bin ich. Und wenn mich eine tödliche Kugel trifft, dann hinterlasse ich dir nichts als die Erinnerung an eine Maske. Unser einziger Trost soll der sein, daß die Maske \>Armand Georges\< vielleicht noch das Beste an meiner verworrenen Existenz war. Gott behüte dich, mein liebstes Kind.« Angèle vermochte kein Wort der Erwiderung mehr hervorzubringen. Sie preßte ihre zuckenden Lippen auf die seinen, und dann gingen sie Hand in Hand die Treppe hinunter, bis an die Tür, die zum Schankzimmer führte. Dort drückte sie ihm zum letzten Male die Hand und wandte ihr Gesicht rasch ab, um die hervorstürzenden Tränen vor ihm zu verbergen. Sie hörte den Tritt seiner schweren Soldatenstiefel hinter der geschlossenen Tür verklingen, und dann war es mit ihrer Fassung zu Ende. Sie sank auf der Treppe zusammen, barg das Gesicht in beide Hände und schluchzte lange in sich hinein. Sie wußte bestimmt: ihr schöner Liebestraum war ausgeträumt; sie würde den Freund nicht wiedersehen. DER Infanterist Armand Georges hatte nur von weitem den deutschen Kanonendonner vernommen, deutsche Schrapnelle wochenlang über den Hügel verflattern sehen, den sein Regiment zu besetzen bestimmt war. Die ungewohnte Last des schweren Gepäcks und des Schanzzeuges hatte ihn nach dem zwanzigsten Kilometer des Anmarsches zu Boden gedrückt. Sein schwaches Herz verjagte bei dem letzten ziemlich steilen Anstieg. Man mußte ihn weit zurückschaffen, denn die nächsten Feldlazarette waren überfüllt von den Verwundeten der letzten Kämpfe. In dem Reservelazarett der große Provinzstadt, in das er gebracht worden war, befanden sich auch zahlreiche deutsche Verwundete. Da es bald von dem Pflegepersonal bemerkt wurde, daß er sich mit diesen fließend zu unterhalten vermochte, so kam der ihm wohlwollende Oberarzt auf den Gedanken, seine Verwendung als Dolmetscher zu befürworten. Dem Gesuch wurde stattgegeben, und er wurde nach einem großen Gefangenenlager weit im Innern versetzt. Er erfüllte seinen Dienst zur vollen Zufriedenheit seiner Vorgesetzten und erwarb sich sehr rasch das Vertrauen der deutschen Gefangenen. Mit dem sicheren Instinkt der unverbildeten Menschen fanden die deutschen Soldaten sehr bald heraus, daß in dieser schlechten, schlottrigen Uniform ein ungewöhnlicher, ein vornehmer Mann stecke. Und so kamen sie mit all ihren Anliegen, mit ihren Klagen und bangen Fragen zu ihm, nicht in dreister Zudringlichkeit, sondern mit achtungsvollem Vertrauen. Er verriet ihnen nie, daß er deutscher Abkunft sei, und sie kamen auch nicht von selber auf die Vermutung, weil er sein fließendes Deutsch mit unverkennbar französischem Akzent versah. Der Kommandant des Gefangenenlagers verlangte von ihm, daß er die deutschen Soldaten nach militärischen Dingen aushorchen und einen Bericht darüber schreiben sollte. Er führte den Befehl widerwillig aus, weil er sich dadurch schon zum Handlanger der Spionage erniedrigt vorkam, und es gereichte ihm zur ganz besonderen Befriedigung, als man ihm eröffnete, daß in seinem Bericht nichts enthalten gewesen sei, was die französische Heeresleitung nicht schon längst gewußt habe. Er hatte aber aus seinen Unterhaltungen mit den Deutschen doch etwas für ihn wenigstens Neues erfahren. Etwas, das er in seinen dienstlichen Aufzeichnungen freilich nicht erwähnte und was sein Kommandeur auch wohl gar nicht wissen wollte: nämlich, die auffallende Tatsache, daß alle diese Gefangenen, wes Standes oder Altersgrades sie auch sein mochten, die starke Vorstellung von den inneren Beweggründen des Weltkrieges besaßen und aufs tiefste durchdrungen waren von der Erkenntnis ihrer heiligen Pflicht, für den Daseinskampf des Vaterlandes jedes Opfer zu bringen, ihre religiösen Meinungen und Gefühle auszuschalten und sich in freudigem Gehorsam vertrauensvoll den Befehlen ihrer Führer zu fügen. Dieser kategorische Imperativ schien dem beschränktesten deutschen Bauernschädel nicht eingehämmert, sondern angeboren zu sein – als hätte die ganze Nation zu Füßen des Königsberger Professors Kant gesessen. Der Gemeine Armand Georges vermochte sich der Erkenntnis nicht zu verschließen, daß diese Gemeinsamkeit des sittlichen Bewußtseins von vornherein dem deutschen Heere ein Übergewicht über die Heere aller Ententemächte geben müsse, und mit Beschämung erkannte er, wie minderwertig dieser deutschen Kraftquelle gegenüber der künstlich aufgestachelte Haß und Rachedurst seiner Landsleute sei, und wie leicht sich die gepriesene französische Intelligenz und vaterländische Begeisterungsfähigkeit durch die tönende Phrase und selbst durch die plumpen Schwindel irreführen ließ. Es wurde ihm von Tag zu Tag klarer, daß die geistigen Führer Frankreichs entweder in naiver Unkenntnis oder in bewußter Bosheit diese Deutschen Barbaren schalten, alles deutsche Wesen schmählich entstellten und verleumdeten, und daß zumal die Presse den Kampf um Frankreichs Ehre mit den unwürdigsten Mitteln führe. Und je deutlicher ihm dies alles zu Bewußtsein kam, desto schwerer wurde es ihm, seinen Kameraden gegenüber seine Gefühle zu verbergen, desto unerschrockener und nachdrücklicher trat er seinen Vorgesetzten gegenüber für alle gerechten Beschwerden und billigen Wünsche seiner Gefangenen ein. Es konnte nicht ausbleiben, daß ihn dies alles den seichten Köpfen und blinden Patrioten in seiner Umgebung verdächtig machte. Er wurde beim Lagerkommandanten nicht nur durch anonyme Briefe, sondern auch offen angeklagt. Und eines Tages ließ ihn der General, ein cholerischer alter Haudegen, zu sich kommen und schnauzte ihn gleich bei seinem Eintritt grimmig an: »Sieh da, sind Sie das, der Gemeine Armand Georges, der mit diesen verfluchten Deutschen auf Bruder und Schwein lebt, he!? Ihr Verhalten fällt allgemein auf: Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften, sogar den Pflegerinnen im Lazarett. Wie kommen Sie dazu, den ganzen Tag mit diesen Leuten zusammenzuhocken, zu flüstern und zu debattieren?« Armand ließ sich durch den rauhen Ton nicht einschüchtern. Die Narbe auf seiner weißen Stirn hob sich rot ab und verkündete seinen Ärger über die Art der Behandlung; aber er erwiderte in ruhigem Tone: »Mein General, ich bin ein gebildeter Mensch von vielseitigen Interessen, ein Schriftsteller. Ich habe nur von der guten Gelegenheit Gebrauch gemacht, einen Einblick in die Seele dieser deutschen Soldaten zu gewinnen.« Der General lachte höhnisch auf: » Oh lala! Was geht Sie die Seele dieser Boches an! Sie sind hierher kommandiert, um zu übersetzen, was diese Gesellschaft in ihrer unmöglichen Sprache zischt und spuckt und gurgelt; aber nicht als Seelsorger, verstanden? Übrigens kenne ich keinen Schriftsteller Georges und weiß daher nicht, ob die französische Literatur aus Ihren sogenannten Studien einen besonderen Gewinn ziehen wird.« »Sie haben recht, mein General,« versetzte Armand, mühsam seine Fassung bewahrend. »Mein Soldatenname Armand Georges ist allerdings in der französischen Literatur unbekannt; aber wenn mein General über die literarischen Qualitäten des Prinzen Ravensberg bei meinem Verleger Erkundigungen einziehen will ...« »Holla! Was ist das?« fiel ihm der General aufhorchend ins Wort. »Ein deutscher Prinz in dieser Verkleidung? O, ich bitte tausendmal um Entschuldigung, mein Prinz. Eure Hoheit werden mir vielleicht gestatten, dero Personalbogen einzufordern und zuständigen Orts den Motiven Eurer Hoheit nachzuforschen.« Damit machte der General eine ironische Verbeugung und sein Blick wies nach der Tür mit deutlicher Aufforderung. Da machte Armand stramm kehrt und verließ das Zimmer. Schon wenige Tage später bekam er den Befehl, sofort zu seinem Regiment zurückzukehren, das irgendwo in den Argonnen im Schützengraben lag. ES dämmerte bereits, als Armand Georges im Stabsquartier seines Regiments eintraf. Er erhielt den Befehl, sofort mit der Feldküche zu seiner Kompagnie zu marschieren. Er bekam zu essen, und dann setzte sich die kleine Truppe in Marsch, der Küchenwagen und der Wagen mit der Feldpost. Man erlaubte ihm, seinen Tornister auf den Wagen zu laden, und so wurde ihm der anderthalb Stunden weite Marsch in der kühlen Abendluft nicht besonders beschwerlich. Schon seit den Mittagsstunden hatte er auf der Eisenbahn den Kanonendonner gehört; jetzt befand er sich mitten darin. Noch ward er nichts gewahr von dem Heranheulen und Einschlagen feindlicher Geschosse; aber das wilde Krachen der eigenen Batterien erschütterte den Boden, auf den er trat, und wirbelte, wie mit gewaltigen Keulenschlägen, die Luft durcheinander, die er atmete. Er bekam keins der Geschütze, die diesen Höllenlärm erzeugten, zu Gesicht, obwohl die Landstraße offenbar mitten durch die Stellung hindurch führte. Der Küchenunteroffizier belehrte ihn, daß die Batterien alle im Walde steckten, wohl verborgen gegen die Späheraugen der feindlichen Flieger, und daß sie über die vorliegenden Hügelketten hinweg die sechs oder mehr Kilometer entfernten Schützengräben bestrichen. »Ja, aber warum antworten denn die Deutschen nicht?« erkundigte sich Armand verwundert. »Selbstverständlich antworten sie,« lachte der Unteroffizier. »Kein Mensch kann den Deutschen nachsagen, daß sie faul wären. Man hört sie nur nicht im Lärm unserer eigenen Kanonen; aber wart's nur ab, mein Sohn, vorn an der Schwarmlinie plätschert es nur so von Granaten.« Armand sah den Unteroffizier groß an: »Aber, mein Korporal, wie sollen denn da die Leute zu ihrem Essen kommen, wenn es da vorne Eisen hagelt?« Der Korporal lachte: »Ach du armes neugeborenes Kind, du bist wohl noch gar nicht vorne gewesen? Na, da gratuliere ich dir. Da kommst du ja gerade zurecht. Wir sind eben dabei, die Stellung drüben sturmreif zu machen – verstehst du? Ehe zum Sturm angetreten wird, schlägt sich noch jeder Piou-piou einen guten warmen Löffel ins Gedärm, denn mit leerem Bauch gegen Stacheldrähte und Maschinengewehre anzulaufen, das ist ein minderwertiger Sport. Du sollst mal sehen, wie sie gerannt kommen, sobald sie die gute Suppe wittern, und vollends wenn sie wissen, daß die Feldpost dabei ist, hält sie kein Teufel ab, aus ihren Löchern hervorzukriechen.« Eine halbe Wegstunde weiter – und der kleine Trupp befand sich mitten im deutschen Geschützfeuer. Es ging durch Wald bergan, und nur mühselig brachten die braven Maultiere den schweren Küchenwagen vorwärts. Sie waren schon gewöhnt an die Schießerei, und es schien ihnen wenig auszumachen, das Heulen und Pfeifen in der Luft, das Ächzen und Krachen der splitternden Stämme und Äste, das Aufsteigen der braunen Erdfontänen und jedem Einschlage, das Brummen und Summen der herumfliegenden Schollen und Sprengstücke. Nur wenn eine Granate in nächster Nähe, im Umkreis von zehn bis zwanzig Metern krepierte, stiegen sie hoch und drängten erschrocken nach der der Einschlagstelle ferneren Straßenseite. Und einmal, dicht vor dem Ziel, geschah es, daß ein schweres Geschoß mitten in die Straße hineinschlug, kaum sechs Meter vor dem vorausfahrenden Postwagen. Armand schloß die Augen und warf sich, wie ihm gelehrt worden war, platt zu Boden. Ein paar Sekunden vergingen, dann gab es einen furchtbaren Krach und gleich darauf einen Regen von Schmutz und Steinen über den Rücken. Er schlug die Augen wieder auf und raffte sich empor. Und das war höchste Zeit gewesen, denn sonst wären vielleicht die Räder des schweren Küchenwagens über ihm hinweggegangen. Die Maultiere hatten in ihrer Angst versucht, kehrtzumachen, und nur dem raschen Zugreifen der beherzten Begleitmannschaft war es zu verdanken, daß nicht beide Fahrzeuge in den Straßengraben geworfen und zerschmettert wurden. Aber einer der beiden starken, jungen Gäule, die den Planwagen zogen, hatte eine furchtbare Wunde davongetragen. Ein Granatsplitter hatte ihm die Brust aufgerissen, und sein Genosse, das unverletzt gebliebene Sattelpferd, gebärdete sich vor Schreck halb toll, sprang über die Stränge und schmetterte mit den Hinterhufen gegen den Wagen. Nur mit größter Mühe gelang es der vereinten Kraftanstrengung von vier Männern, das rasende Tier zu bändigen und das schwer verwundete Pferd abzusträngen und beiseite zu schaffen. Der Korporal gab ihm mit seinem Revolver den Gnadenschuß. In einer breiten Blutlache verendete es an der Straßenseite. Der Postwagen mußte dem Küchenwagen angeseilt und das unverletzte Pferd vor die vier Maultiere des letzteren gespannt werden. Dann ging es endlich weiter. Es war ein Glück für Armand, daß er mit in die Speichen greifen und alle seine Kraft zum Schieben einsetzen mußte, um den schweren Zug in Bewegung zu bringen, denn nur dadurch kam er über den Schreck seiner Feuertaufe hinweg. Als nach einer Viertelstunde der kleine Zug in einer leidlich geschützten Lichtung des Waldes hielt, in welche die Laufgräben der Feuerlinie einmündeten, zitterten seine Knie von der ungewohnten Anstrengung. Er war in Schweiß gebadet und sein Herz klopfte zum Zerspringen. Er hatte Zeit genug, zu verschnaufen, während die zum Essen und Postholen kommandierten Mannschaften ihre Kochgeschirre aus dem heißen Kessel füllen ließen. Die Postordonnanz, den Briefsack auf dem Rücken, wurde ihm als Führer zu seiner Kompagnie beigegeben. Und nun ging es hinein in das Labyrinth der Laufgräben, die sich unter dem Wurzelwerk hindurch in völliger Finsternis zum Kamm des langgestreckten Hügels empor wanden, welcher durch eine lückenlose Schützenlinie zu einer kaum einnehmbaren Stellung hergerichtet war. Zehn Minuten später stand er vor seinem Hauptmann, der in seinem tief eingegrabenen Unterstand in Gesellschaft seiner Zugführer just sein Abendbrot in aller Gemütsruhe verzehrte, während die deutschen Geschosse vor und hinter dem Graben einschlugen, der harte Feldboden wie von vulkanischen Fäusten gerüttelt und aus der Luft die furchtbare Eisensaat über die Köpfe der auslugenden Schützen gestreut wurde. »Ah, das sind Sie also,« sagte der forsche junge Hauptmann, den langen blonden Rekruten, nachdem er seine Meldung gemacht hatte, von Kopf bis zu Fuß scharf musternd. »Ihre Ankunft ist mir bereits telegraphisch angezeigt worden. Sie sollen ja in ihrem Kommando eine auffallende Zärtlichkeit für diese verfluchten Boches an den Tag gelegt haben. Nun, mein Prinz, hier draußen werden Sie Gelegenheit finden, diese Herren von einer Seite kennenzulernen, die Ihnen weniger sympathisch sein dürfte. Mein Gott, Sie sind ja ganz blaß, Sie schwanken ja! Der Weg hier heraus war wohl etwas ungemütlich? Setzen Sie sich, trinken Sie ein Glas Wein mit uns und erzählen Sie uns etwas von daheim. Es wird vielleicht das letztemal sein, daß wir aus der Touraine Nachrichten hören, denn wir erwarten noch heute nacht den Befehl zum Sturm.« Während Armand auf die Fragen der Vorgesetzten Anwort gab, flaute das feindliche Geschützfeuer merklich ab, und als die neunte Abendstunde anbrach, verstummte es völlig. Der Hauptmann entließ ihn mit der Mahnung, sich sofort aufs Ohr zu legen, um sich Kraft anzuschlafen für die blutige Arbeit, zu der sie zweifellos ums Morgengrauen berufen werden würden. Zu seiner peinlichen Überraschung empfingen ihn die Kameraden im Unterstand auch mit der Anrede »mein Prinz« und bestürmten ihn mit neugierigen Fragen. Während seiner ganzen Ausbildungszeit hatte seines Wissens außer dem Regimentskommandeur niemand um sein Inkognito Bescheid gewußt; vermutlich hatten die Telephonisten, welche die Depesche jenes Generals aus dem Gefangenenlager hier draußen in Empfang genommen hatten, geplaudert. Er wehrte die lästigen Frage mit dem Hinweis auf seine große Müdigkeit ab und streckte sich aufs Stroh, während die Kameraden zum größten Teil noch bei dem Schein eines Kerzenstumpfes Karten spielten oder Abschiedsgrüße nach Hause schrieben. Seine Pritschennachbarn, die sich auch bereits mit den brennenden Pfeifen im Munde zur Ruhe hingestreckt hatten, waren zwei Pariser Handlungsgehilfen, eifrige Politiker, die auf die Minister, auf die Engländer, auf Gott und alle Welt schimpften. An Schlafen war unter solchen Umständen nicht zu denken, auch wenn die Luft in dem niedrigen Raume besser gewesen wäre. Armand wartete ab, bis die Leute sich sämtlich zur Ruhe begeben hatten und friedlich schnarchten. Dann erhob er sich möglichst geräuschlos und machte sich zur Tür hinaus. Mit tiefen Zügen sog er die von Nadelduft gewürzte Nachtluft ein. Auch die französischen Geschütze hatten mittlerweile ihre Tätigkeit eingestellt, und das funkelnde Sternendach spannte sich in wolkenloser Klarheit über Freund und Feind aus. Seine Länge erlaubte ihm, über Brustwehr und Sandblöcke hinwegzuschauen; aber er vermochte vom Vorgelände nichts zu erspähen als einen mäßig breiten Streifen des mit Gras bewachsenen und hier und da mit Buschwerk bestandenen Abhangs. Nach langem Hinschauen tauchte aus der verschwimmenden Dämmerung der arg zerschossene Stacheldrahtverhau auf. Darüber hinaus versank alles in undurchdringliche Finsternis. Es war kirchenstill in der weiten Runde, kam daß das lauschende Ohr den schlürfenden Schritt der Wachen auf der kiesigen Sohle des Schützengrabens zu vernehmen vermochte. Jetzt hörte Armand ein bedächtiges Tappen, das immer näher kam, und eine Gestalt löste sich von der Finsternis des Grabens los. Er wandte sein Gesicht dem Manne entgegen, und der blieb dicht vor ihm stehen, schaute ihn prüfend an und sagte: »Wer bist denn du, Kamerad? Dich kenne ich ja gar nicht.« »Ich war abkommandiert. Bin eben erst wieder zur Kompagnie zurückgekommen,« gab Armand Bescheid. »So, so,« sagte der Posten mit einem schadenfroh klingenden Auflachen. »Da hast du es ja gut getroffen: mit Tagesanbruch geht's los. Vor einer Viertelstunde ist der Befehl gekommen; ich hab es von der Ordonnanz. Hast du dein Testament gemacht, Kamerad?« Armand hob stumm die Achseln. In diesem Augenblicke ertönte aus nächster Nähe ein dumpfer Knall und gleich darauf schwebte, von einem Fallschirm getragen, eine Leuchtkugel langsam zu Tale. Der Posten gab Armand einen Rippenstoß und flüsterte ihm hastig zu: »Aufgepaßt! Leg' dich hier ans nächste Gewehr und luge scharf aus. Wenn du da vorne vor dem Drahtverhau etwas herankrabbeln siehst, hältst du fix drauf und knallst los.« Armand tat wie ihm geheißen, legte sich neben den Posten in Anschlag und lugte scharf durch die Schießscharte hinaus. Das grünlichweise Licht der Magnesiumleuchtkugel erhellte das ganze Tal, das sich zwischen den beiden Stellungen in einer Breite von drei- bis vierhundert Metern ausdehnte. »Da, da!« rief der Posten leise. »Links vorwärts! Standvisier!« Im Nu hatte er sein Patronensäckchen in die Kammer geschoben und losgedrückt; aber bevor Armand mit Laden fertig war, verlöschte die Leuchtkugel, ohne daß er etwas vom Feinde gesehen hätte. Der Hauptmann, in Begleitung eines der Zugführer, kam gleich darauf und erkundigte sich, worauf geschossen worden sei. Er selber hatte die Leuchtpistole abgefeuert. Der Posten meldete, daß er im Scheine der Rakete gerade noch gesehen habe, wie etwa fünfzig Meter vor dem Drahtverhau eine Schleichpatrouille sich ins Gras geduckt habe. Der Hauptmann erkannte Armand und fragte, ob er auch geschossen habe, und als Armand dies verneinte, knurrte ihn der Hauptmann unwillig an: »Ich bitte mir aus, daß Sie Ihre Gefühle für die Boches nicht etwa so weit treiben, daß Sie sie mit Ihrer Flinte verschonen. Passen Sie auf: ich werde Ihnen noch einmal leuchten und Sie werden schießen – vorausgesetzt, daß von der Patrouille noch etwas zu sehen ist.« Der Schuß krachte über Armands Kopf, und als das weiße Meteor über dem Tale schwebte, vermeinte er wirklich einen rasch bergab huschenden Schatten wahrzunehmen. Er zielte und gab rasch hintereinander zwei Schüsse ab. Von dem Schatten war nichts mehr zu sehen. Der Hauptmann klopfte ihm gutmütig lachend auf die Schulter und sagte: »Na, vorläufig bin ich beruhigt; aber warum schlafen Sie nicht, mein Prinz?« »Es ist mir unmöglich in der schlechten Luft des Unterstandes zu atmen.« »Mein Gott! Frische Luft verlangen Sie auch noch? Seien Sie froh, daß Sie eine Pritsche mit Stroh unter dem Rücken und ein bombensicheres Dach über dem Kopfe haben. Mehr kann ich Ihnen beim besten Willen nicht liefern. Jetzt befehle ich Ihnen, schlafen zu gehen.« Da blieb Armand nichts anderes übrig, als stramm kehrt zu machen und sich in seinem Unterstand zurückzuverfügen. Er ließ die Tür hinter sich offen und kroch wieder auf sein Stroh. IN der Frühe um einhalb Fünf wurden die Mannschaften geweckt, um zum Sturm anzutreten. Als alles fertig war, stiegen sie aus dem Graben heraus, durchschritten die mit spanischen Reitern verstellten Öffnungen des Drahtverhaus, und die Zugführer ordneten die Schwarmlinien. Die Sterne waren verblaßt, fahle Dämmerung ließ bereits den spärlichen, wüst zerschossenen Baumwuchs auf dem Kamm der vom Feinde besetzten Hügelkette erkennen, während die Talsohle noch wie ein schwarzes Riesengrab heraufgähnte. Geräuschlosigkeit beim Vorgehen war den angreifenden Mannschaften streng befohlen worden; aber es war nicht zu vermeiden, daß bei dem steilen Abwärtsstapfen Kochgeschirre, Blechbecher und Säbelscheiden klirrten. Die deutschen Posten mußten scharf ins Morgengrauen hinausgehorcht haben, denn die Sturmkolonne hatte noch nicht die Talsohle erreicht, als an mehreren Stellen Leuchtkugeln aufflammten. Jetzt hieß es alle Kraft einsetzen, um den Drahtverhau zu durchbrechen, bevor der Feind munter geworden und alle Mann an den Gewehren waren. Im Flüsterton feuerten Offiziere und Unteroffiziere die Schützenlinie an. In weiten Sprüngen ging es ins Tal hinab, über ein Bächlein weg, aber auch mitten hindurch, und dann im Marsch, marsch! die jenseitige ziemlich steile Anhöhe hinauf. Sie gelangten wirklich bis an den Drahtverhau, ohne daß von feindlicher Seite ein Schuß fiel. Armand hielt sich an einem Holzpflock fest, während sein Nebenmann mit der Drahtschere eine Gasse durch das verdammte Wirrsal von kreuz und quer verschlungenem Stacheldraht zu bahnen begann. Sein Herz klopfte, als wollte es ihm die Brust zersprengen, und er taumelte vor Erschöpfung. Da blitzte es plötzlich auf dort drüben auf der Höhe, und mit ihrem nichtswürdigen harten Geknatter haben die Maschinengewehre ihre grausige Arbeit an. Schmerzensschreie gellten auf. Der Mann mit der Drahtschere klammerte sich im Rückwärtssturz an Armands Rockschoß und röchelte: »Ich habe genug.« Mit einem wütenden Ruck riß Armand seinen Rock aus der Umkrallung los und drang in die Bresche des Drahtverhaues ein. Die Offiziere schrien: »Vorwärts Kinder, vorwärts! Es lebe die Republik!« Durch die ganze Sturmlinie pflanzte sich das heisere Wutgeschrei fort. Auch Armand brüllte so laut er konnte: » Vive la république! « und schwang das Gewehr über seinem Kopf, als stände er schon am Grabenrande und wollte den Kolben auf einen deutschen Schädel niederschmettern. Ratatatatat! trommelten die Maschinengewehre. Pui-pui-pui! pfefferten die ersten Flintenkugeln dazwischen. Armand sah seinen Hauptmann, mit einem lauten Aufschrei die Arme emporwerfend, hinschlagen wie vom Blitz gefällt und den Abhang hinunterkollern. » Vive la ...! « schrie er. Da spürte er einen derben Schlag irgendwo an seinem Körper. Er wußte nicht, wo es ihn getroffen habe, er fühlte auch keinen Schmerz. Er keuchte weiter aufwärts, auf allen vieren, krallte sich in den Grasbüscheln fest und lallte mit schwerer Zunge vor sich hin: » Vive la ... vive la ... vive la ...! « Es war ihm nicht möglich ,das » république zu formen. Da ward ihm plötzlich so, als ob ein Eisstück ihn am Rückgrat hinuntergleite. Er ließ die Flinte sinken und sein Gesicht sank ihm ins feuchte Gras. Dann wurde es Nacht vor seinen Augen. ES war einige Tage später, an einem strahlend hellen Oktobertage um die Mittagsstunde, als die Rote-Kreuz-Schwester des Feldlazaretts eilenden Schrittes die Treppe hinunter nach dem zu ebener Erde gelegenen Zimmer des Chefarztes lief. Der Doktor war gerade mit seiner blutigen Morgenarbeit fertig geworden und im Begriffe, das Schulhaus, in dem das Lazarett untergebracht war, zu verlassen, als ihn die Schwester anrief: »Herr Stabsarzt! Entschuldigen Sie bitte, daß ich Sie aufhalte. Der Prinz ist eben aufgewacht, er scheint bei Besinnung zu sein.« »Es ist gut,« erwiderte der Stabsarzt kopfnickend. »Ich will nur schnell nach dem Herrn Obersten telephonieren lassen.« Die Schwester stieg rasch wieder die Treppe hinauf und betrat ein nach der Sonnenseite gelegenes Schulzimmer. Da lag unter einer großen Anzahl Schwerverwundeter in seinem schmalen weißen Bett auch der französische Soldat Armand Georges. Er hatte die Augen weit offen, starrte nach den auf der weißen Wand aufgemalten Sprüchen und seine hastig beweglichen Lippen schienen die Worte an der Wand tonlos zu formen. Die Schwester trat an sein Lager, ergriff seine matt auf der Decke liegende Rechte und fühlte nach seinem Puls. Sie lächelte ihm freundlich zu und fragte auf französisch: »Haben Sie lange genug geschlafen? Haben Sie jetzt Lust, sich wieder ein bißchen im Leben umzusehen, mein Prinz?« Armand wandte der Fragerin sein bleiches Gesicht zu und starrte sie eine ganze Weile unverwandt an. Dann schloß er wieder, geblendet von dem hereinflutenden Sonnenschein, die Augen, zog schmerzlich die Stirn in Falten und ein Zittern lief durch seinen Körper: »Ich friere so sehr,« flüsterte er kaum vernehmbar. Die Schwester beugte sich über ihn und flüsterte ihm ins Ohr: »Sie müssen tüchtig essen, mein Prinz, daß Sie wieder zu Kräften kommen. Dann werden Sie nicht mehr frieren.« Und auf deutsch fügte sie hinzu: »Haben Sie denn keinen Hunger?« Da öffnete Armand rasch die Augen und wandte sich mit erschrockenem Ausdruck der Fragerin zu: »Wo bin ich denn?« stieß er etwas lauter hervor. Die Schwester antwortete wieder auf deutsch: »Sie brauchen sich nicht aufzuregen: Sie sind in deutscher Pflege und Sie sollen es bei uns ebenso gut haben – ja vielleicht noch besser als drüben.« Er sprach ihr das Wort nach: »Drüben?« Er lauschte dem matten Klang seiner Stimme und wiederholte noch ein paarmal: »Drüben – drüben?« Er schien es noch nicht zu fassen, was das bedeutete, daß er nun deutsche Laute um sich hörte und doch in einer französischen Schule lag, wo französische Tugendregeln auf die Wand gemalt waren. Wiederum schloß er die Augen und murmelte unverständlich vor sich hin. Der Stabsarzt trat herein, nahm der Schwester die Rechte des Verwundeten aus der Hand und zählte die Pulsschläge. Die Schwester suchte seinen Blick. Er zog die Brauen empor und zuckte die Achseln. Dann flüsterte er ihr zu: »Schauen Sie zu, daß Sie ein Glas Sekt erwischen und dann eine kräftige Suppe. Ich bleibe so lange hier.« Armand hatte die fremde Stimme gehört. Mit Anstrengung hub er die matten Lider und starrte wieder mit demselben hilflos erschrockenen Ausdruck die fremde Uniform an. »Morgen, Durchlaucht,« sagte der Arzt in kräftigem Tone. »Jetzt haben wir genug geschlafen, was? Jetzt wollen wir tüchtig essen, trinken und vergnügt sein. – Verstehen Sie mich? Ich nehme an, daß Sie doch noch Deutsch können?« Ob die Kopfbewegung, die Armand mit Anstrengung zustande brachte, ein zustimmendes Nicken darstellen sollte oder den gequälten Ausdruck des Nichtverstehens, das war nicht zu unterscheiden; aber der Arzt gab die Hoffnung, eine Äußerung des Verständnisses aus dem Kranken hervorzulocken, noch nicht auf. Er setzte sich auf den Rand des Bettes und dämpfte seine harte Stimme, so gut ihm dies möglich war. »Gelt, Sie wundern sich,« fuhr er munter fort, »woher wir wissen, wer Sie sind? Auf Ihrer Erkennungsmarke stand es nicht; aber in den Papieren, die wir bei Ihnen gefunden haben, und einer von Ihren Leidensgenossen hat es übrigens auch noch bestätigt, daß Sie ein Prinz Ravensberg sind. Ja, ja, wir wissen alles, denn das Husarenregiment Prinz Ravensberg gehört zu unserem Armeekorps, und da lag es doch nahe, daß wir sofort Ihren Herrn Bruder benachrichtigt haben. Sie können übrigens Ihrem Schöpfer danken, daß Sie so nahe vor unserer Stellung gefunden wurden, denn den Rücktransport nach den französischen Linien hätten Sie schwerlich überstanden. Na, na, was ist denn das? Sie hören mich wohl nicht mehr?« Die Schwester kam mit der Suppe. Der Stabsarzt ging ihr entgegen und winkte ihr schon von weitem zu: »Stellen Sie das Zeug warm, er ist schon wieder weg, unser Prinz. Ich fürchte, wir bringen ihn nicht durch. Er muß entsetzlich viel Blut verloren haben. – Wenn bloß die Durchlaucht nicht zu spät kommt.« ES war nachmittag gegen vier Uhr, als Armand abermals die Augen aufschlug. Man hatte mit starken Essenzen nachgeholfen, um ihn aus seiner tiefen Ohnmacht zu erwecken. Es gelang den vereinten Bemühungen der Schwester und einiger Sanitäter, den Todesmatten ein wenig aufzurichten und ihm ein Glas Sekt und einige Löffel Suppe beizubringen, aber diese Anstrengung warf ihn in eine neue Ohnmacht zurück. Diesmal kam er von selber wieder zu sich, als die Klänge einer auf dem Marktplatz konzertierenden Militärkapelle sanft gedämpft vernehmbar wurden. Da schlug Armand die Augen auf und lauschte mit seltsam verklärtem, fast kindlich dankbarem Ausdruck den Tonbildern aus »Lohengrin,« die die Kapelle eben zum Besten gab. Als das Stück zu Ende war, wandte er den Kopf langsam herum und betrachtete mit anscheinend wacher Teilnahme seine Umgebung. Er erkannte die freundliche Schwester und lächelte ihr zu, und dann heftete sich sein Blick an eine neue Gestalt, die am Fußende des Bettes stand und gespannt jede seiner Regungen verfolgte. Es war ein schlanker, nur mittelgroßer Offizier im grau verschnürten Rock mit dunklem Haar und englisch gestutztem schwarzen Schnurrbärtchen. Sobald der Offizier gewahr wurde, daß Armands Augen auf ihm ruhten, trat er mit ausgestreckten Händen einige Schritte vor, beugte sich über ihn und sagte leise in tiefer Bewegung: »Ja, schau mich nur an: ich bin dein Bruder Viktor. Und du bist Georges Hermann, nicht wahr? Siehst übrigens ganz aus wie ein echter Ravensberg. Der leibhaftige Vater – und ich bin klein und schwarz wie ein echter Lusignan. Komisch, was? Jetzt bleiben wir beisammen, lieber Bruder, und ich wette, es wird dir schon noch gefallen bei uns. – Verstehst du mich, oder soll ich Französisch reden?« Armand versuchte vergebens ein Wort hervorzubringen; aber er nickte deutlich Bejahung. Und aus seinem weit offenen blauen Augen rannen langsam schwere Tränen über die eingefallenen wachsbleichen Wangen. Eben setzte die Musik wieder ein. Einen flotten Armeemarsch voll jubelnder Lebensfreude und straffer stolzer Männlichkeit spielte sie auf. Da legte der blonde Ravensberg seine mageren Hände ineinander wie zum Gebet und horchte, seinen Bruder dabei unverwandt anschauend, mit mattem Lächeln den schmetternden Klängen, während ihm unaufhaltsam die Tränen weiterquollen. Und als das Stück zu Ende war, nahm sein Gesicht einen tiefernsten Ausdruck an, die gefalteten Hände machten eine winkende Bewegung, und Viktor Ravensberg beugte sich dicht über ihn. Georg Hermann nahm seine ganze Kraft zusammen und flüsterte deutlich vernehmbar: »Ihr seid stark – mein Bruder. Weißt du – was ich glaube? – Ich bin – doch – vielleicht – immer – ein Deutscher – gewesen. – Es war ... Es war – alles Maske . – Alles – alles Maske. – Ich bin froh ...« Seine Stimme wurde immer schwächer. Viktor mußte sein Ohr ganz nahe über seinen Mund bringen, um den verlöschenden Hauch noch wahrzunehmen. »Ich habe es nur getan – wegen Mama. – Ich bitte, sei gut zu Mama. – Ich – ich ...« Sein Haupt sank kraftlos zur Seite. Mit einem unheimlichen Röchellaut versuchte er noch einmal tief Atem zu holen – dann war es vorbei. – – – Als der Stabsarzt mit dem Obersten das Lazarett verließ, sagte er, sich verabschiedend: »Der Fall ist mir um so schmerzlicher, Durchlaucht, als wir gerade bei Lungenschüssen ganz wunderbare Erfolge gehabt haben; aber Ihr Herr Bruder freilich hatte keine Kräfte mehr zuzusetzen. Ein hartes Leben muß bös an seinen Nerven gezehrt haben.« Der Prinz drückte sein Taschentuch in die Augen und nagte die vollen Lippen. Dann nickte er dem Arzt flüchtig zu und sagte abgewendeten Blicks: »Ein hartes Leben. Ja, das hat er gehabt. Er hat sich geopfert, immer geopfert seit seinen Knabentagen – für seine Mutter und für seiner Mutter Land. Aber sein Heldengrab in deutscher Erde – das hat er sich redlich verdient.«