Karl May Die Liebe des Ulanen – Teil 4 Original-Roman aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges. Fortsetzung 70 Das ernste, blasse Gesicht Marions war sich während dieser Rede vollständig gleich geblieben. Noch stand sie an der Thür. Sie hatte auf ihre Absicht, einen Sessel zu nehmen, verzichtet. Auf ihre Stiefmutter hatte sie nicht einen einzigen Blick geworfen. Dem Alten aber blickte sie voll, fest und offen in die Augen und auch ihre Stimme klang fest und sicher, als sie jetzt fragte: »Du meinst, daß ich den Obersten Rallion heirathen soll?« »Ja.« »Welche Gründe hast Du dazu?« »Viele Gründe habe ich, verstanden? Und was ich habe, das geht Dich nichts an. Du hast nichts darnach zu fragen!« Sie nickte leise vor sich hin und fragte: »Aber was ich habe, das geht Dich etwas an! Nicht?« »Ja! Natürlich!« »Und Du hast darnach zu fragen?« »Ja!« »Nun, so will ich die kurze Unterhaltung nicht unnützer Weise in die Länge ziehen und Dir sagen, daß ich Zweierlei habe.« Das war doch ein ganz und gar eigenthümliches Verhalten! Es zuckte über sein Gesicht wie Wetterleuchten; dann fragte er: »Nun, was ist es, was Du meinst?« Seine Stimme hatte einen wegwerfenden, beleidigenden Ton. »Zweierlei, woran Du gar nicht zu denken scheinst,« antwortete sie; »nämlich meine Menschenrechte und meinen persönlichen Willen!« Da zog sich sein Bart drohend empor. Er fragte: »Was soll das heißen?« »Daß ich den mir von Dir anbefohlenen Bräutigam zurückweise. Ich werde den Obersten Rallion nie heirathen!« »Ah! Das ist lustig!« lachte er. »Wie willst Du das anfangen, Marion?« »Frage Dich vielmehr, wie Du es anfangen willst, mich zur Frau eines Mannes zu machen, den ich verabscheue!« »Das kannst Du Dir denken! Ich werde Dich zwingen!« Sie zuckte die Achsel, und dieses charactervolle, feste Achselzucken stand ihr gar prächtig zu dem ernsten, bleichen Gesichte. »Auch das begreife ich nicht, wie Du mich zwingen willst,« antwortete sie. »Ich bin kein Kind. Die Obrigkeit gewährt mir ihren Schutz. Wenn ich einem Mann gehöre, so wird es nur derjenige sein, den ich mir selbst wähle. Ich räume in dieser Angelegenheit weder Dir noch einem anderen Menschen einen Einfluß oder gar ein Recht über mich ein!« Das war dem Alten zu viel. Er trat einen Schritt auf sie zu und donnerte: »Das wagst Du mir zu sagen, mir, mir?« »Ja, Dir!« antwortete sie kalt. »Du ahnst nicht, welche Mittel ich habe, Dich zu zwingen!« »Du kannst nicht ein einziges haben!« »Du bist ruinirt, wenn Du nicht gehorchst!« »Wohl! Ich werde das zu tragen wissen!« »Deine Familie ist ebenso ruinirt!« Da schüttelte sie mit einer wahrhaft königlichen Bewegung den Kopf und antwortete, indem sich ein geringschätziges Lächeln um ihre Lippen zeigte: »Ich bitte Dich dringend, solche verbrauchte Theatercoups zu vermeiden! In Romanen und auf der Bühne kommt es vor, daß eine Tochter, welche ihre Familie liebt, um diese vor dem Untergange zu retten, ihre Hand einem ihr verhaßten Manne giebt. Hier aber spielen wir nicht Theater, und sodann habe ich auch keine Veranlassung, meiner Familie ein solches Opfer zu bringen!« »Ungerathene Person! Weißt Du, daß wir Dich aus dem Hause stoßen können?« »Thut es! Dann bin ich frei! Das ist es ja, was ich wünsche!« »Ah!« knirrschte er. »Frei! Frei will sie sein. Du giebst mir da gerade das Mittel, Dich zu zähmen, in die Hand. Ich werde Dich einsperren, bis Du Dich fügst!« »Das darfst Du nicht. Das Gesetz bestraft die unerlaubte Freiheitsberaubung.« »Was frage ich nach dem Gesetze. Hier gilt einzig und allein mein Wille. Den Deinigen werde ich zu brechen wissen. Du hast mir sofort zu sagen, daß Du mir gehorchen willst.« Die Baronin hatte eine Art Widerstreben erwartet, aber keinen Widerstand. Sie erhob sich, besorgt über die Scene, welche sich jetzt entwickeln werde. Der Alte hatte sich bei den letzten Worten Marion noch um einen Schritt genähert. Sie zeigte dennoch keine Spur von Furcht, sondern sie antwortete ohne die mindeste Scheu: »Es bleibt bei dem, was ich gesagt habe.« »So kommen die Folgen über Dich! Zeig her, Mädchen!« Er wollte mit beiden Händen nach ihr fassen, fuhr aber mit einem lauten Schreckensruf zurück. Auch die Baronin sprang in die äußerste Ecke des Zimmers. Marion hatte die rechte Hand in der Tasche gehabt. Als der Alte sie erfassen wollte, zog sie dieselbe hervor: eine große Brillenschlange fuhr ihm mit weit geöffnetem Rachen entgegen. »Was ist denn das!« rief er. »Woher ist diese Bestie?« »Ein Gruß aus Algerien ist es,« antwortete sie. »Fasse mich an, wenn Du den Muth dazu hast.« »Ah! Du hast mit Abu Hassan, dem Zauberer, gesprochen?« »Ja,« antwortete sie. »Wo ist er hin?« »Suche ihn! Und nun zwinge mich, den Obersten zu heirathen.« Sie drehte sich um und verließ das Zimmer. Jetzt erst athmete die Baronin wieder auf. »Mein Gott,« sagte sie. »Welch ein Auftritt. Welch ein Affront. Dieses Mädchen wagt es, ein so giftiges, scheußliches Thier anzurühren.« Der Alte wendete sich zu ihr und sagte: »Jammern Sie nicht. Dieses Mädchen hat mich überrumpelt. Es ist das erste Mal in meinem Leben, daß es geschehen ist. Die Schlange ist nicht giftig; die Zähne sind ihr genommen; sie würde zunächst ihre Trägerin beißen und tödten.« »Warum flohen Sie denn?« »Die Ueberraschung. Aber es soll ihr nichts nützen. Wann und wo hat sie mit diesem Abu Hassan gesprochen? Was hat er ihr erzählt? Das muß ich wissen; das muß ich erfahren.« »Kennen Sie diesen Menschen?« Jetzt erst merkte er, daß er sich eine Blöße gegeben hatte. Darum fuhr er sie zornig an: »Was geht Ihnen das an! Gehen Sie! Gehen Sie zu der Dirne, und sagen Sie ihr, daß ich ganz bestimmt erwarte, daß sie bis zur Dämmerung des heutigen Tages ihren Entschluß ändere. Thut sie das nicht, so wird sie einsehen müssen, daß ich viel mächtiger bin, als sie.« Er schob die Baronin zur Thür hinaus und verschloß die Letztere hinter sich. Niemand wußte, was er jetzt vornahm. Und selbst, als nach einiger Zeit der Graf klopfte, wurde nicht geöffnet, sondern es ertönte nur die Frage: »Wer ist draußen?« »Ich, Graf Rallion.« »Was wollen Sie?« »Antwort.« »Warten Sie bis zur Dämmerung. Ich habe jetzt keine Zeit.« Der Graf mußte ohne Resultat zurückkehren. Als Marion in ihr Zimmer kam, fand sie dort Nanon ihrer harrend. Diese hatte natürlich den Befehl des Alten vernommen und ahnte, daß die Freundin des Trostes bedürfen werde. »Mein Gott, wie bleich Du bist!« rief sie ihr entgegen. »Was ist geschehen?« »Was ich längst erwartete.« »Oberst Rallion?« »Ja, liebe Freundin.« »Dein Großvater verlangte es?« »Ja.« »Was hast Du geantwortet?« »Das, was ich mir vorgenommen hatte: Ich werde nie Gräfin Rallion sein.« Sie setzte sich neben Nanon auf das Sopha. Die Freundin brannte vor Begierde, über die stattgefundene Scene unterrichtet zu werden, sagte aber doch vorher: »Weißt Du, was Du über den Obersten sagtest, als Du ihn zum ersten Male gesehen hattest?« »Nun?« »Er sei nicht übel.« »Weiter nichts?« »Er erscheine galant, ja chevaleresk. Und nun?« »Das war nicht ein Urtheil von mir, sondern ich hatte nur die Absicht, den ersten Eindruck zu bezeichnen, den er auf mich machte.« »Und dieser Eindruck hat sich verwischt?« »Vollständig. Der Oberst ist ein Laffe, und nicht nur das, sondern er erscheint mir noch schlimmer, ein herz- und gewissenloser Mensch. Und sein Vater macht einen Eindruck auf mich, der mich zum Fürchten bringt. Denke an das Verhalten des Obersten gegen diesen armen, braven Doctor Müller.« Nanon nickte. »Ihm sein Gebrechen vorzuwerfen, an welchem er doch so schuldlos ist!« »Müller hat die Beleidigungen nur aus Rücksicht für mich so ruhig hingenommen. Er ist ein außerordentlicher Mensch. Er zwingt mir, trotzdem er blos Lehrer ist, die allergrößte Achtung ab.« »Du bist ja ganz begeistert!« bemerkte Nanon lächelnd. »Fast.« »Den Grund denke ich zu kennen.« »Welchen?« »Seine sonderbare Aehnlichkeit mit – mit Deinem Ideale.« »Es mag sein, daß dieses Naturspiel einen ganz unwillkürlichen Eindruck äußert; aber auch davon abgesehen ist dieser Müller ein Mann, den man achten und vielleicht sogar – lieben könnte, wenn –« »Nun, wenn?« »Wenn er nicht – nicht – –« »Wenn er nicht nur Lehrer und noch dazu buckelig wäre?« »Das allerdings. Er hat einen ganz eigenartigen Eindruck auf mich gemacht. Es ist mir oft, als wenn ich ihn umarmen müsse. Dir als meiner innigsten Freundin darf ich das sagen. Ich könnte ihm mein Leben, meine Seele anvertrauen.« »O weh! Und das Ideal?« Marion blickte trüb vor sich hin. »Es wird mir unerreichbar bleiben,« sagte sie. »Wo ist er, den ich damals gesehen habe? Wo ist es? Ist er Mann, ist er Jüngling? Es ist eine Thorheit, sein Herz an ein Phantom zu hängen. Ich bin getheilt. Ich bestehe jetzt aus zwei Einzelwesen, welche ich Beide nicht begreife. Die Wirklichkeit wird mich leider bald zur Selbsterkenntniß bringen. Ich fürchte, daß ich einer trüben Zeit entgegengehe.« Da legte Nanon den Arm um die Freundin und sagte: »Ich werde mit Dir dulden; ich werde Dich nicht verlassen.« »Ja, Du Liebe, Du Gute, das wirst Du. Ich muß leider annehmen, daß der Großvater auf Schlimmes sinnt. Er ist höchst rücksichtslos und gewaltthätig. Er wollte mich einsperren.« »Einsperren? Mein Gott, wie bist Du dem entgangen?« »Ich habe ihm gedroht.« »Womit?« »Mit dem Gesetze.« Das war allerdings wahr, aber die volle Wahrheit wollte sie doch nicht sagen. Der Besitz der Schlange war der Freundin bisher noch Geheimniß geblieben. »Dieses Gesetz wird Dich schützen,« sagte Nanon. »Wenn ich Gelegenheit habe, es anzurufen. Wenn man sich meiner aber plötzlich bemächtigt, wie will ich da Zuflucht zu dem Richter finden?« »Ich würde Anzeige machen.« »Wer weiß, ob es fruchten würde. Wie waren wir vor kurzer Zeit noch so glücklich. Und jetzt? Weißt Du, wie Müller mit mir ins Wasser sprang?« »Und der Andere mit mir,« fügte Nanon schnell hinzu. »Jetzt ist es mir, als ob mir ein ganz ähnliches Unwetter, eine ganz gleiche Gefahr nahe sei. Und wenn ich während des Unterrichtes bei dem Bruder sitze und Müllers Augen ruhen so forschend auf mir, so ist es mir, als ob ich mich ihm auch in dieser Gefahr anvertrauen könne und müsse.« »Ist das nicht phantastisch, liebe Marion?« »Was nennst Du phantastisch? Gehören Gefühle in das Reich der Wirklichkeit oder Phantasie? Willst Du mich belächeln, daß ein einfacher Hauslehrer einen solchen Eindruck auf mich macht, daß ich stets und immer an ihn denken muß?« »Nein. Er ist ja Dein Lebensretter; er hat auch Deinen Bruder gerettet.« »Und sodann, wenn er so still an der Tafel sitzt, oder wenn er sich so sicher mitten unter uns bewegt, so ist es mir, als ob er alles beherrsche und als ob selbst der Großvater Furcht vor ihm haben müsse. Ich begreife mich eben nicht – ich, und er, ein Lehrer.« Da legte Nanon das Köpfchen an ihre Schulter und sagte halblaut, fast im Tone der Verschämtheit: »Wenn Du Dich nicht begreifst, ich begreife Dich, Marion.« »Du? Bist Du so plötzlich eine so große Menschenkennerin geworden?« »Ja, eine sehr große. Mein Beispiel erklärt mir nämlich das Deinige.« »Du sprichst von einem Beispiele?« »Ja. Auch ich habe Jemand, an den ich immer denken muß.« »Du? Du?« fragte Marion überrascht. »Ja, ich.« Da schob Marion die Gesellschafterin sanft von sich fort, um ihr in das erglühende Gesichtchen blicken zu können und fragte, während aus ihrem Tone fast eine Art Entzücken klang: »Du? Du? Kleine Nanon, Du liebst?« Die Gefragte senkte die Augen und antwortete: »Ich weiß es nicht.« »Aber Du denkst an ihn?« »Oft; sehr oft.« »Und gern?« »Mit Freuden. Und dann, wenn ich ihn treffe und mit ihm spreche, so – –« »Ah, Du triffst ihn, Du sprichst sogar mit ihm?« »Ja, zuweilen.« »Wo?« »Denke Dir, im Walde.« »Im Walde? Das ist ja ganz und gar romantisch. Du hast einen Geliebten, ohne daß ich es weiß.« »Ich kann ja selbst nicht sagen, daß ich ihn liebe.« »Das mußt Du doch wissen.« »Ich weiß nur, daß ich ihm gut bin, herzlich gut.« »Nun, dann liebst Du ihn auch. Darf ich vielleicht wissen, wer er ist? Oder muß es Geheimniß bleiben?« »Vielleicht ist es besser, daß ich es verschweige.« »Warum?« »Du würdest Dich wundern, Du würdest mich schelten, oder gar mich auslachen.« »Denke das ja nicht. Warum sollte ich denn das thun?« »Weil es kein vornehmer Herr ist, den ich meine.« »Dann irrst Du sehr. Der, für welchen ich mich in neuerer Zeit so sehr interessire, ist ja auch nur ein Lehrer.« »Aber der meinige ist – –« »Nun, ist?« »Ist noch viel weniger.« »So sage es doch.« Da drängte sich Nanon ganz an die Freundin heran, verbarg das Gesicht ganz an deren Brust und sagte: »Denke Dir, er ist nur ein Kräutersammler.« Marion machte eine Bewegung des Erstaunens. Sie fragte: »Ein Kräutersammler? Wohl gar Dein Lebensretter?« »Ja.« »Du triffst ihn im Walde?« »Ja, ganz unwillkürlich.« »Wie wunderbar. Aber doch wie leicht erklärlich! Derjenige, dem man das Leben verdankt, hat jedenfalls das Recht, daß man oft und gern an ihn denkt. Weiß er, daß Du ihn liebst?« »Er bemerkt jedenfalls, daß ich ihn gut leiden kann. Und, meine liebe Marion, ich muß Dir etwas gestehen!« »Was?« »Aber wirst Du mich nicht auslachen, wirklich nicht auslachen?« »Nein, meine Liebe, ganz gewiß nicht. Das sind so ernste Sachen, daß ich ans Lachen gar nicht denken werde.« »Nun, so will ich Dir gestehen, daß – daß ich ihn – daß ich ihn bereits geküßt habe!« »Wirklich? Wirklich? Ist das möglich!« »Ja,« antwortete Nanon, bis in den Nacken erglühend. »Er hat Dich geküßt, willst Du wohl sagen?« »Nein, sondern ich ihn!« »Das ist ja, unbegreiflich! Wie ist denn das gekommen?« »Ich muß es Dir erzählen. Wir trafen uns im Walde, zufällig, wirklich ganz zufällig. Ich hatte mich verirrt und rief aus Angst laut um Hilfe. Da kam er.« »Und rettete Dich abermals!« lächelte Marion. »Ja, er kam. Ich war müde und setzte mich, und er ließ sich neben mich nieder. Hast Du ihn genau betrachtet?« »Nein.« »Nun, als er so vor mir im Moose lag, da fiel es mir auf, was für eine prächtige Gestalt er hat, so stark, so kräftig und doch so proportionirt. Seine Hände und Füße sind so klein wie bei einem Aristokraten und gar nicht wie bei einem Pflanzensammler.« »So genau hast Du ihn betrachtet?« »Ja; aber geh! Du lachst doch! Und sein Gesicht, so lieb und gut, seine Augen so treu und ehrlich! Wir sprachen viel; wir kamen auch darauf, daß er mich aus dem Wasser gerettet hatte, und da redete ich von Dankbarkeit, die ich gar nimmer abtragen könne. Da sagte er, daß ich mit einem Male die ganze Schuld bezahlen könne, und zwar so, daß nun er mein Schuldner werde.« »Was verlangte er? Ich ahne es! Einen Kuß?« »Nein. Er ist gut und bescheiden! Er bat mich um die Erlaubniß, meine Hand küssen zu dürfen.« »Das erlaubtest Du ihm natürlich!« »Nein. Ich weiß gar nicht, wie mir wurde und was mich da überkam. Es war eine große, gewaltige Rührung. Ich hätte weinen mögen, ob vor Freude oder vor Schmerz, das weiß ich nicht. Es war mir, als sei es geradezu eine Beleidigung, eine Herabsetzung, wenn ich ihm meine Hand zum Kusse gäbe, und da – da hielt ich ihm lieber den Mund hin.« »Ich kann mirs denken; das war wie Inspiration. Du konntest nicht anders?« »Ja, so ist es. Hast Du so eine Eingebung auch an Dir erfahren?« »Ja.« »Wann?« »Oft; aber ich habe ihr nicht Folge geleistet.« »Warum nicht?« »Dieser – dieser – o bitte, laß das sein! Wenn ich so seine Gestalt betrachte und seine Züge, so ist es mir, als ob ich ihn gleich küssen möge; aber dann fällt mein Auge auf – auf – auf den –« »Ich verstehe! Du meinst den Doctor Müller?« »Ja. Also er küßte Dich auf den Mund?« »Ja und auch nein; denn diese Berührung war so zaghaft, so vorsichtig, so zart! Und dann war er so glücklich und sagte, daß er nun niemals wieder küssen werde, denn der Mund, der mich geküßt hätte, dürfe keine anderen Lippen wieder berühren. Das klang so lieb und wahr und aufrichtig. Und dabei wurden seine Augen feucht. Ich sah, daß er mich anbetete und sich doch nicht getraute, mich lieb zu haben.« »Wie herzig!« »Ja. Und da ging mir abermals das Herz auf. Ich weiß nicht, wie es kam und geschah, aber ich faßte ihn ganz herzhaft beim Kopfe und küßte ihn nun selbst auf den Mund, ich glaube gar, dreimal!« »Nanon, ich glaube das ist Liebe, wirkliche Liebe!« »Meinst Du?« »Ja. Und Du hast ihn dann wiedergesehen?« »Einige Male.« »Nur zufällig?« »Ganz zufällig! Aber es ist mir, als spräche eine innere Stimme zu mir: Jetzt mußt Du in den Wald; denn er ist dort.« »Und dann findest Du ihn auch wirklich?« »Jedes Mal.« »Ich möchte das beinahe begreifen. Aber, liebste Nanon, wir wollen einmal recht aufrichtig und ernst sein! Was soll aus dieser Liebe werden?« »Weiß ich es?« »Ein Kräutersammler!« »Ah, das meinst Du? Du glaubst, ich stehe zu hoch für ihn? Da täuschest Du Dich! Jetzt, ja jetzt ist er ein gewöhnlicher Arbeiter; aber – doch, da hätte ich beinahe mein Wort gebrochen!« »Welches Wort?« »Zu schweigen. Ich soll auch nicht das Mindeste davon erzählen.« »Wovon denn? Das klingt ja ganz außerordentlich geheimnißvoll!« »Das ist es auch. Nicht einmal zu Dir darf ich davon sprechen. Ich habe es meiner Schwester geschrieben, aber darüber ist er beinahe zornig geworden. Es ist so rührend, wenn er zornig werden möchte und doch nicht kann!« »So handelt es sich also wirklich um ein Geheimniß?« »Und sogar um ein ganz außerordentliches! Sobald ich wieder mit ihm spreche, werde ich fragen, ob ich es Dir sagen darf.« »Thue das! Wann triffst Du ihn wieder?« »Morgen Mittag.« »Ich denke, da verreisest Du!« »Ja freilich! Aber er fährt ja mit!« Da schlug Marion die Hände zusammen und sagte: »Nun seht mir einer diese Nanon! Sie bestellt den Geliebten, um sie auf der Bahn zu begleiten!« »Geh! Das ist anders, als Du denkst! Er ist gar nicht so wie andere Männer. Ihm darf man sich gern anvertrauen!« Eben wollte Marion eine weitere Bemerkung machen, da klopfte es an die Thür und dann trat die Baronin ein. »Fast hätte ich es vergessen,« sagte sie. »Mich sendet der Herr Capitän.« Marion erhob sich, blieb aber in reservirter Haltung stehen. »Da ist der Bote Dessen würdig, der ihn sendet.« Die Baronin that, als ob sie diese Beleidigung, denn eine solche war es, nicht vernommen hätte und fuhr fort: »Er giebt Dir bis zur Dämmerung Zeit zum Ueberlegen.« »Danke!« »Gehorchst Du dann noch nicht, so hast Du Dir selbst die Folgen zuzuschreiben!« »Ich werde sie nicht mir, sondern Euch zuschreiben. Hoffentlich ist diese Angelegenheit nun erledigt!« »Ja, bis zur Dämmerung!« »Nein, für immer!« Die Baronin verließ das Zimmer. Marion trat an das Fenster und blickte hinaus. Sie konnte nicht sagen, welche Gefühle sie bewegten. Sie hatte ja vorhin selbst gestanden, daß sie jetzt aus zwei Wesen bestehe, die sie Beide nicht begreifen könne. »So hat man Dir also noch eine Frist gegeben!« sagte Nanon. »Eine sehr unnöthige Frist, denn ich werde meinen Entschluß auf keinen Fall ändern.« »Aber was wird dann geschehen!« »Das mag Gott bestimmen. Mir ist so eigenthümlich zu Muthe. Ich muß denken, muß mir klar werden. Ich werde einen Spaziergang unternehmen.« »Wohin? Darf ich Dich begleiten?« »Ich setze mir kein Ziel. Willst Du recht freundlich sein, so laß mich allein gehen. Es giebt Zeiten, in denen man nur mit sich selbst zu Rathe gehen darf.« »Aber dann bitte ich, daß Du Dich sogleich nach Deiner Rückkehr bei mir sehen lässest!« Sie verabschiedete sich und ging. Erst jetzt griff Marion in die Tasche und zog die Schlange hervor. Damen hegen gewöhnlich eine unüberwindliche Abneigung gegen Reptilien. Es war wunderbar, daß das schöne Mädchen keinen Abscheu fühlte. »Er hat Recht gehabt; Du hast mich geschützt!« sagte sie. »Komm, ich werde Dich wieder verbergen.« Sie trat zu ihrer kleinen Bibliothek und versteckte das Thier hinter die Bücher, wo sie von weicher Watte ein Lager bereitet hatte. Dann kleidete sie sich zum Ausgehen an und verließ das Schloß, ohne am Spaziergange gehindert zu werden. Ihr Weg führte sie in den Wald, zum alten Thurme, an das Grab der Mutter. Dort im Thurme, auf den Stufen, hatte sie neben Müller gesessen, an jenem Gewittertage! Wie kam es doch nur, daß sie immer und immer an den Erzieher denken mußte? Machte die Art und Weise seines Unterrichtes einen solchen Eindruck auf sie? Gab es gewisse sympathische Beziehungen, die ja kein Mensch begreifen kann? Sie gab sich diesen Regungen hin, ohne sich über dieselben Rechenschaft zu geben. Sie kniete dort am Grabe und betete. Sie ahnte nicht, daß es geöffnet worden war. Während des Gebetes fiel ihr Blick auf die eingefallene Zinne des Thurmes, und es war ihr, als müsse jene geheimnißvolle Gestalt erscheinen, welche damals das islamitische Gebet hinaus in Wind und Wetter gerufen hatte. Es war darauf heller Sonnenschein geworden. »Giebt es auch Gebete, welche die Stürme des Herzens und des Lebens beschwichtigen können?« Fast war es so; denn als sie sich jetzt erhob, war eine wunderbare Ruhe über sie gekommen. Sie schritt weiter, aus dem Walde hinaus, über das freie Feld. Der Weg senkte sich, und dann stand sie unten im Steinbruche, dessen Wände senkrecht in die Höhe stiegen. Sie maß mit ihrem Auge den jähen Absturz. Da oben auf diese fürchterliche Kante war ihr Bruder zugeflogen. Sie schauderte. Müller hatte ihn gerettet! Wieder dieser Müller! Warum doch? Ein großer Stein lag in der Nähe. Sie ließ sich auf denselben nieder. Sie hatte dasselbe Täschchen am Gürtel hängen wie damals auf dem Dampfschiffe. Sie öffnete es und langte hinein. War es unwillkürlich oder mit Absicht? Sie zog die Photographie hervor, welche sie in Berlin – erbeutet hatte. Das Bild hatte selbst im Wasser der Mosel nicht gelitten, da der Verschluß ein dichter war. Sie richtete ihr Auge auf die Photographie. Wie oft, wie unzählige Male war dies in letzter Zeit geschehen! Und dann war es nicht jener glänzende Reiter gewesen, an den sie dachte, sondern Müller, der unscheinbare Erzieher. Da hörte sie nahende Schritte. Schnell steckte sie die Photographie wieder ein und wendete sich um, dem Mann entgegen, welcher soeben um die Ecke trat. Es war – Müller. Sie erhob sich. Eine tiefe Röthe verbreitete sich über ihr Gesicht. Er war überrascht, aber nicht verlegen, als er sie erblickte. Er zog den Hut, grüßte und sagte: »Sie hier, gnädiges Fräulein? Verzeihung! Gestatten Sie mir, mich zurückzuziehen.« Sie schüttelte leise mit dem Kopf und antwortete: »Sie verursachen mir keine Störung, Monsieur Müller!« »Und doch ist die Einsamkeit ein Heiligthum, welches man nicht entweihen soll, Fräulein!« »Suchten vielleicht Sie, allein zu sein?« »Nein. Mein Weg führte zufällig hier vorüber, und da trat ich in den Bruch, um –« »Um den Schauplatz einer kühnen That wieder zu sehen!« fiel sie ihm in die Rede. »Ich sehe erst jetzt, was wir Ihnen zu danken haben. Wissen Sie, daß Sie ein verwegener Mann sind, Monsieur Müller?« Er verbeugte sich und antwortete höflich ablehnend: »Man handelt im Drange des Augenblickes!« »Ja, ein jeder Mensch thut das. Aber der Eine kämpft und der Andere flieht im Drange dieses Momentes. Und hierbei fällt mir ein, daß ich Sie um Verzeihung zu bitten habe.« Er blickte sie fragend an, und sie fügte hinzu: »Erinnern Sie sich meiner Verwunderung darüber, daß Sie die Beleidigung des Obersten Rallion so ruhig hinnahmen?« »Es ist mir gegenwärtig,« antwortete er. »Was ich damals für Mangel an Muth hielt, war Heldenthum: Sie siegten über sich selbst.« Da trat eine freudige Röthe in sein Gesicht; seine Augen blitzten auf und er sagte im Tone herzlicher Freude: »Nehmen Sie meinen Dank, Mademoiselle! Sie bieten mir da eine Gabe, welche für mich vom höchsten Werthe ist!« »Und Sie brachten mir ein Opfer, welches Ihnen große Ueberwindung kostete, ohne mir eine Freude zu machen!« »Wie? Sollte es Ihnen lieber gewesen sein, wenn ich den Obersten niedergeschlagen hätte?« »Ich hätte Ihnen nicht gezürnt.« Er blickte sie forschend an. Tief, tief hinten in seinem blauen Auge funkelte Etwas, als ob die helle Sonne durch dunkle Wolken brechen möchte und doch nicht dürfe. »Das konnte ich nicht denken!« sagte er. »Es wurde mir gesagt, daß der Oberst im Begriff stehe, zu Ihrer Familie in eine Beziehung zu treten –« »Die niemals existiren wird!« unterbrach sie ihn. »Bitte, setzen Sie sich hier neben mich, Monsieur! Ich möchte eine Frage an Sie richten! Er gehorchte ihrem Befehle. Der Stein war von keinem bedeutenden Umfange; er mußte ganz dicht bei ihr Platz nehmen. Sie langte in die Tasche und zog ein Papier hervor, aber nicht nur dieses, sondern auch die Photographie mit, welche zur Erde fiel. Sie hatte dies gar nicht bemerkt; er aber sah es und bückte sich nieder, um sie aufzuheben. Sein Blick fiel auf das Bild. Was war denn das? Ein gewaltiger Schlag durchzuckte ihn, aber nicht ein schmerzender, sondern es war, als ob die Seligkeit eines ganzen Himmels ihn durchfluthe. Sein Bild! Wie kam sie in den Besitz desselben! Jetzt erst bemerkte sie es. Sie erglühte, wurde aber nicht verlegen. Sie streckte die Hand aus und sagte: »Ah, da ist mir die Photographie mit in die Hand gekommen! Ich danke! Bitte, betrachten Sie sich dieses Bild!« Er that, als habe er noch keinen Blick darauf geworfen und musterte sein eigenes Conterfei. »Wie finden Sie es?« fragte sie. »Hm! Ein preußischer Offizier!« sagte er. »Höchst wahrscheinlich! Ich kenne ihn nicht. Halten Sie das für möglich?« »Wenn Sie es sagen, so ist es wahr.« »Ich ließ mich in Berlin photographiren. Der Photograph hat mir aus Versehen das Portrait dieses Offiziers mit unter meine Abzüge gesteckt.« Es war ein feines Lächeln, welches um die Lippen Müllers spielte. Eine Photographie, welche man nur dem Zufalle verdankt, trägt man nicht beständig mit sich herum. »Bemerken Sie nichts Auffallendes an dem Bilde?« fragte sie. Er forschte nach dem, was sie meinte, schien es aber nicht finden, oder vielmehr es sich nicht denken zu können. »Ich gestehe meine Insolvenz ein,« lächelte er. »Das ist wunderbar. Finden Sie nicht die größte Aehnlichkeit?« »Mit dem Originale? Wie sollte ich diesen Offizier kennen.« »Nein, mit Ihnen, mit Ihnen selbst. Bemerken Sie das wirklich nicht?« Er betrachtete die Photographie jetzt scheinbar aufmerksamer, als vorher und sagte dann: »Es giebt allerdings einige Züge, welche Aehnlichkeit besitzen. Die Natur treibt oft ein ähnliches Spiel.« »Einige Züge? Das ist zu wenig gesagt. Es ist ganz genau ihr Gesicht. Nur Ihr Haar ist ein anderes, und Ihr Teint ist dunkler, auch tragen Sie keinen Bart, während dieser Offizier einen solchen von seltener Schönheit besitzt. Aber nicht dieses Bild ist es, über welches ich mit Ihnen sprechen wollte, sondern dieses Papier. Bitte, wollen Sie es sich einmal ansehen.« Es war nicht ein einfaches Papier, sondern es waren zwei zusammengefaltete und vollgeschriebene Bogen. »Kennen Sie diese fremde Schrift?« »Ja, es ist Arabisch.« »Verstehen Sie diese Sprache?« »So weit, daß ich diese Zeilen lesen kann, ja.« Ihr Auge ruhte mit einem bewundernden Blicke auf ihm. »Monsieur Müller, ich erstaune,« sagte sie. »Bis jetzt habe ich nichts, was Sie nicht kennen und verstehen. Sogar also auch Arabisch. Wie kommen Sie zur Kenntniß dieser Sprache?« »Mein Vater ist in der Sahara gereist. Der Sohn pflegt von den Kenntnissen des Vaters zu profitiren.« »Das ist richtig. Ich muß Ihnen zunächst sagen, daß diese Zeilen ein Geheimniß enthalten, welches, das weiß ich selbst nicht. Ich will es kennen lernen; ich habe Veranlassungen dazu. Kennen lernen aber kann ich es nur durch Sie. Werden Sie es bewahren?« »Mademoiselle!« rief er. »Ich bitte dringend, nicht an meiner Verschwiegenheit zu zweifeln!« »Gut. Ich vertraue Ihnen. Wollen Sie einmal lesen?« »Gern. Doch erlauben Sie mir zuvor, diese Zeilen einmal zu überfliegen.« Sie nickte ihm zu und er las. Unterdessen ruhte ihr Auge auf ihm. Hätte er sich nicht mit Wallnußabkochung einen falschen Teint gemacht, so hätte sie bemerken müssen, daß er tief, tief erbleichte. Aber auch so glaubte sie zu gewahren, daß die Schrift einen ungewöhnlichen Eindruck auf ihn machte. Sie fragte: »Verstehen Sie die Worte?« »Sehr, nur zu sehr, Mademoiselle,« antwortete er, indem er tief Athem holte. »Und was enthalten sie? Bitte, übersetzen Sie es mir!« Er schüttelte langsam den Kopf, las noch bis zu Ende, faltete dann das Papier zusammen und fragte: »Haben Sie eine Ahnung von der Wichtigkeit, welche dieses Document für Sie hat?« »Daß es wichtig ist, wurde mir gesagt, in welchem Grade aber, das ist mir nicht bekannt.« »Von wem haben Sie es?« Sie machte eine abwehrende Handbewegung und antwortete: »Ich glaube nicht, dies sagen zu dürfen.« »So glaube ich aber auch nicht, es übersetzen zu dürfen.« »Ah! Sie wollen sich weigern?« »Ja,« antwortete er einfach. »Aus welchem Grunde?« »Wenn Sie kein Vertrauen zu mir haben, so darf auch ich Ihnen keins schenken!« Da nahmen ihre Züge eine Strenge an, welche man diesem engelschönen Gesichte wohl schwerlich zugetraut hätte. Sie sagte: »Monsieur, was soll ich von Ihnen denken. Ist das Höflichkeit? Heißt das, Wort halten? Ich sehe, daß ich mich in Ihnen geirrt habe. Geben Sie mir das Papier zurück!« Er erhob sich und verbeugte sich. »Hier, Mademoiselle!« sagte er. »Sie haben sich keineswegs in mir geirrt. Der Inhalt dieser Zeilen ist für mich vielleicht von größerer Wichtigkeit als für Sie. Indem ich sie Ihnen zurückgebe, bringe ich Ihnen ein Opfer, von dessen Größe Sie gar keine Ahnung haben. Adieu!« Er drehte sich zum Gehen. Sie blickte ihm bestürzt nach, ließ ihn einige Schritte thun und rief aber dann: »Monsieur! Halt!« Er hielt an und wendete sich ihr wieder zu. »Sie befehlen?« »Kommen Sie wieder her.« Er gehorchte ihr. »Sollte wirklich das Wunder stattfinden, daß diese Schrift auch für Sie von Wichtigkeit ist?« »Ganz gewiß.« »In wiefern?« »Das darf ich nicht sagen, da auch Sie kein Vertrauen zeigen.« »Mein Gott! Ist es denn so schwer, an mich zu glauben?« Er hätte ihr zu Füßen sinken mögen, so schön und hoheitsvoll stand sie vor ihm. Er antwortete: »Ich glaube Ihnen, und ich vertraue Ihnen, Mademoiselle. Ich bin bereit, Ihnen alle, alle meine Geheimnisse anzuvertrauen, aber ich darf es doch nicht thun.« »Sie glauben an mich, Sie vertrauen mir, und dürfen mir dieses Vertrauen doch nicht schenken? Das verstehe ich nicht, ganz und gar nicht.« »Und doch ist es sehr leicht erklärlich. Diese Geheimnisse sind nämlich nicht allein mein Eigenthum.« »Das lasse ich gelten.« »Und sodann würde Ihnen die Enthüllung Schmerzen bereiten, gnädiges Fräulein.« »Wirklich?« »Ja, gewiß!« »Nun, so bitte ich um so dringender um diese Enthüllung. Ich bin keineswegs ungewohnt, Schmerzen zu tragen!« Da nahm er sie bei der Hand, führte sie zu dem Steine und sagte in bittendem Tone: »Nehmen Sie wieder Platz, Mademoiselle, und haben Sie die Güte, mir einige Fragen zu beantworten!« Sie gehorchte seiner Bitte und sagte: »Fragen Sie, Monsieur! Sie werden jede Antwort erhalten, die mir möglich ist.« »Dann muß ich Ihnen zuvor eine Bemerkung machen, welche Ihren höchsten Zorn auf mich laden wird; aber ich kann nicht anders; ich muß sprechen.« »Ich glaube schwerlich, daß ich Ihnen zornig werde. Ich habe Sie als einen Mann kennen gelernt, der nichts ohne gute Gründe thut.« »Und dennoch wird es so sein. Mademoiselle, erschrecken Sie nicht, wenn ich Ihnen sage, daß es einen Menschen giebt, der Sie liebt, wie wohl noch selten ein Mensch geliebt hat. Sie sind sein Abgott, sein Leben, seine Seligkeit. Er ist bereit, für Sie Alles, Alles, aber auch Alles zum Opfer zu bringen, aber nur seine Ehre nicht. Er würde gern tausend, ja millionen Schmerzen erdulden, nur um Ihnen eine kleine Freude zu machen. Er sollte von seiner Liebe nicht sprechen, denn sie ist unbeschreiblich. Dieser Mann bin ich.« Er hielt inne. Sie war bleich, sehr bleich geworden. Sie blickte ihn mit großen Augen an und sagte kein Wort. Er nahm dies für die Erlaubniß, fortfahren zu dürfen. »Dies mußte ich voraussenden, Mademoiselle,« sagte er. »Ein Mann, der keinen anderen Gedanken hat, als nur Sie, Sie allein, wird es ehrlich mit Ihnen meinen. Wenn ich frage, so habe ich die triftigsten Gründe dazu, selbst, wenn ich dieselben noch nicht angeben darf. Bitte, von wem haben Sie die Schrift erhalten? Von Abu Hassan, dem Zauberer?« »Ja.« »Hat er Ihnen gesagt, in welcher Beziehung er zu dem Inhalte dieser Zeilen steht?« »Nein.« »Und zu Ihrer Familie?« »Nein,« antwortete sie, ihn erstaunt anblickend. »Wann sprachen Sie mit ihm?« »Am Abende des zweiten Tages nach jener unglücklichen Vorstellung in Thionville.« »Wo trafen Sie ihn?« »Im Garten von Ortry. Er hatte mich da abgelauert.« »Darf ich das Gespräch erfahren, welches er mit Ihnen führte?« »Ich befand mich allein im Garten, da trat er zu mir. Ich erschrak, aber er bat mich, mich nicht zu fürchten.« »Er erwähnte Liama, Ihre Mutter?« »Ja. Er sagte mir, ihr Geist sende ihn zu mir, mich zu beschützen.« »Er meint es gut mit Ihnen, er ist ein braver, ein ehrlicher Mann. Bitte, weiter!« »Er sagte mir auch, daß mir vom Capitän Unheil drohe.« »Da hatte er Recht.« »Um dieses Unheil abzuwenden, vertraute er mir zwei Talismane an.« »Welche?« »Diese Schrift und eine Schlange.« »Ah! Eine von seinen Brillenschlangen?« »Ja. Er sagte mir, wenn der Capitän mich zu Etwas zwingen wolle, was gegen mein Glück sei, so solle ich mich mit dieser Schlange vertheidigen. Ihr bloßer Anblick sei geeignet, einen Angriff zurück zu weisen. Sie sei zwar nicht mehr giftig, aber ihr Mund sei doch mit Zähnen besetzt, welche Wunden verursachen, die nur sehr schwer heilen.« »Sie haben die Schlange wirklich in Empfang genommen?« »Ja.« »Ohne sich vor ihr zu fürchten?« »Dieser Mann flößte mir ein großes unbeschreibliches Vertrauen ein.« »Er hat es verdient. Haben Sie die Schlange noch?« »Ja. Ich habe ihr ein verborgenes Nestchen hergestellt. Sie ist bereits ganz und gar an mich gewöhnt.« »Und Niemand hat sie gesehen?« »O doch! Der Capitän und die Baronin haben sie heute nach Tische gesehen. Ich ahnte, daß mir Gefahr drohe und nahm das Thier mit mir.« »Und diese Gefahr trat auch wirklich ein?« »Leider. Der Capitän wollte mich zwingen, mich dem Oberst Rallion zu verloben. Ich widerstand; der Capitän wollte mich, wie es schien, der Freiheit berauben. Er streckte die Hände nach mir aus, um sich meiner zu bemächtigen; da hielt ich ihm die Schlange entgegen und er ließ ab von mir.« Fortsetzung 71 Wie wohl, wie unendlich wohl that ihm diese Nachricht und diese Aufrichtigkeit. Er sagte: »Ich danke Ihnen für das Vertrauen, welches sich in dieser Mittheilung ausspricht. Aber werden Sie nicht auch noch weiterhin des Schutzes bedürfen?« »Ich habe Grund, dies zu vermuthen, denn man hat mir nur eine Bedenkzeit bis heute zur Dämmerung gestellt.« »Ah! Dann wird die Schlange Ihnen nichts mehr nützen. Der Capitän wird sich denken, daß sie nicht giftig ist.« »Sogreife ich zum zweiten Talisman.« »In welcher Weise soll er helfen?« »Abu Hassan sagte, wenn ich in eine sehr große Gefahr käme, solle ich die Schrift der Obrigkeit übergeben.« »Er ist Orientale, also mehr oder weniger Phantast. Er kennt die hiesigen Verhältnisse nicht. Die Zeilen sind nicht im Stande, als Deus ex machina zu Ihren Gunsten zu wirken.« »Er versprach es mir aber!« »Das glaube ich gern. Aber wie nun, wenn der Capitän Sie einsperrt, so daß Sie die Schrift gar nicht an die Obrigkeit gelangen lassen können? Wie nun, wenn er sie Ihnen abnimmt und sie vernichtet?« »Ah, daran dachte ich nicht!« »Abu Hassan hat ebenso wenig daran gedacht. Und selbst wenn diese Zeilen in die Hände des Anklägers oder Richters gelangen, sind sie vollständig werthlos. Es ist da eine Geschichte erzählt, aber es fehlt vollständig die Garantie der Wahrheit derselben. Ich glaube, ein Rath von mir ist Ihnen nützlicher als diese beiden Talismane. Erwarten Sie heute einen abermaligen Angriff?« »Mit voller Bestimmtheit.« »Dann giebt es ein prächtiges Mittel, den Angreifer sofort niederzuschmettern. Aber bitte, erlauben Sie mir die Frage, ob Sie den Alten lieben?« »Nein.« »Sie hassen ihn?« »Auch nicht. Ich fürchte ihn auch nicht; aber mir graut vor ihm. Ich berühre die Brillenschlange lieber, als die Hand dieses Mannes. Und doch ist er mein Verwandter.« »Vielleicht täuschen Sie sich da! Lieben Sie vielleicht die Baronin?« »Nein, ich verachte sie.« »So haben Sie auch keine innere Veranlassung, diese Beiden zu schonen. Hören Sie also meinen Rath. Wenn heute der Capitän einen Zwang auf Sie äußern will, so fragen Sie ihn, ob er folgende Personen gekannt habe: den Hadschi Omanah, den Sohn desselben, den Fruchthändler Malek Omar und den Gefährten desselben, welcher sich Ben Ali nannte. Haben Sie sich diese Namen gemerkt, Mademoiselle?« »Ja. Hadschi Omanah, seinen Sohn, den Fruchthändler Malek Omar und dann Ben Ali, seinen Gefährten.« »Gut. Die beiden Ersteren wurden eines Abends von den beiden Letzteren ermordet, gewisser Papiere willen, welche die Mörder an sich nahmen.« »Mein Gott! Steht der Capitän vielleicht in einer Beziehung zu diesem Morde?« Der Gefragte wiegte den Kopf hin und her und erkundigte sich anstatt der directen Antwort: »Halten Sie ihn eines Mordes fähig?« »Ich weiß es nicht zu sagen.« »So lassen wir es einstweilen dahingestellt sein, warum ich Ihnen diese Namen nenne. Kennen Sie die Vergangenheit des Capitäns?« »Ja. Er ist pensionirter Offizier der alten Kaisergarde.« »Hm! Haben Sie einmal den Namen Goldberg gehört?« »Nein.« »Oder Königsau?« »Ja. Ich entsinne mich, daß dieses Wort von dem Grafen Rallion ausgesprochen wurde und daß der Capitän darauf in eine entsetzliche Aufregung gerieth.« »Hat der Capitän Geschwister gehabt?« »Ich weiß es nicht.« »Hat Ihr Papa, der Baron, in Deutschland vielleicht Verwandte?« »Auch das ist mir völlig unbekannt.« »Das ungefähr sind die Fragen, die ich an Sie zu richten hatte. Ich habe mich orientirt, so weit dies nothwendig war und ich möchte nur noch wissen, wohin der Zauberer gegangen ist.« »Nach der Sahara, sagte er.« »Wird er wiederkommen?« »Ja. Er sprach von Beweisen, welche er bringen wolle.« »Wofür oder wozu?« »Das verschwieg er mir.« »So will ich Ihnen ein großes Geheimniß mittheilen. Erinnern Sie sich des Gewitters, während dessen wir uns im alten Thurm befanden?« »Noch sehr genau,« antwortete sie. Sie hatte doch erst noch vorhin an dieses Ereigniß gedacht. »Wir sahen da die Gestalt, welche an uns vorüberging und die Thurmtreppe bestieg?« »Den Geist meiner Mutter,« nickte Marion, indem ein leiser, wie geistiger Schimmer ihr Gesicht überflog. »So dachten Sie; ich aber theilte Ihnen mit, daß ich nicht an die überirdische Natur dieser Erscheinung glaube. Ich wollte die Gestalt verfolgen, aber Sie hielten mich zurück.« »Ich weiß dies noch sehr genau. Alle Welt erzählt sich, daß meine arme Mutter im Grabe keine Ruhe habe, weil sie nicht die Anhängerin des allein selig machenden Glaubens gewesen sei.« »Und alle Welt täuscht sich; denn Ihre arme Mutter ist gar nicht gestorben. Und ist sie ja gestorben, so hat sie ihre Ruhestätte in einer anderen Gegend gefunden. Wahrscheinlicher aber ist mir der erstere Fall. Ich möchte wetten, daß Liama, die Tochter der Beni Hassan, noch am Leben ist.« Marion hatte ihm zugehört, die groß geöffneten Augen starr auf ihn gerichtet. »Großer Gott!« sagte sie jetzt. »Haben Sie vielleicht Gründe zu dieser Vermuthung?« »Sogar sehr triftige. Ich will Ihnen aufrichtig gestehen, daß ich der Verbündete des Zauberers war. Er kam von Afrika, um Liama, die Tochter seines Scheiks, zu suchen. Er hörte, daß sie todt sei und er wollte sich überzeugen, ob man ihre Ueberreste wirklich bestattet habe. Wir haben des Nachts ihr Grab geöffnet.« Marion stand da, selbst starr wie eine Todte. Ihre Lippen bebten und erst nach längerer Pause stieß sie hervor: »Das, das haben Sie gethan?« »Ja.« »Und was haben Sie gefunden?« »Einen Sarg, welcher mit Steinen gefüllt; eine Leiche aber hat nie darinnen gelegen.« »Mein Heiland! Das ist ja entsetzlich! Sollte sie anderswo begraben sein?« »Das glaube ich nicht. Welchen Grund hätte man dann gehabt, dieses Grab als das ihrige anzugeben?« »Ja. Ich war ja als Kind selbst dabei, als man ihren Sarg hier in die Erde senkte. Es geschah das ohne Sang und Klang, ohne Predigt und Segen, weil sie ja eine »Heidin« gewesen war. Sie ist nirgends anderswo begraben.« »So bleibt nur die Annahme, daß sie damals gar nicht gestorben ist.« »Sie lebt also noch! Aber wo? Wo, Monsieur Müller?« Das schöne Mädchen befand sich in einer unbeschreiblichen Aufregung, er legte ihr beruhigend die Hand auf den Arm und antwortete: »Ich vermuthe, daß Liama ihre Zustimmung zu dem Coup gegeben hat, welcher da aufgeführt worden ist. Welche Gründe sie dabei gehabt hat, das werden wir jedenfalls noch erfahren.« »Und mein Vater weiß es auch?« »Vielleicht. Ich mochte behaupten, daß sein gegenwärtiger Geisteszustand zu diesem Geheimnisse in inniger Beziehung steht. Man hat Ihre arme Mutter veranlaßt, zu verschwinden, damit die jetzige Baronin ihre Stelle einnehmen könne. Warum, das werden wir vielleicht noch entdecken.« »Aus Alledem ersehe ich, daß ich die Verhältnisse meiner eigenen Familie nicht kenne, und daß ich von Geheimnissen und von – Verbrechen umgeben bin.« »Wahrscheinlich vermuthen Sie da das Richtige.« »Gott, mein Gott! An wen soll ich mich denn da halten?« »An den, den Sie da soeben genannt haben, nämlich an Gott. Und wenn es Ihnen möglich sein sollte, zu mir ein wenig Vertrauen zu fassen, so stelle ich mich Ihnen mit Leib und Leben, mit Allem, was ich habe und bin, zur Disposition.« Da streckte sie ihm ihre beiden Hände entgegen und sagte: »Ich danke Ihnen von ganzem Herzen. Ich habe die Meinigen nie lieben und achten und mich nie in der Heimath wohl fühlen können. Ich bin mir vorgekommen, wie ohne Halt und Wurzel im Leben. Es hat in mir gelegen wie eine Ahnung, daß Alles um mich her eine einzige große Lüge sei. Und nun geben Sie mir Gewißheit und die Hoffnung, daß alles Dunkel klar werden könne. Ja, ich habe Vertrauen zu Ihnen. Sie selbst kommen mir vor wie ein Räthsel, welches ich noch zu lösen habe, aber Sie werden mir die Lösung an die Hand geben.« Er trat zurück, ohne die ihm dargebotenen Hände zu ergreifen und antwortete: »Sie haben in allen Ihren Vermuthungen Recht. Aber wenn sogar auch ich Ihnen ein Räthsel bin, so werde ich Sie doch wenigstens überzeugen, daß Sie mir vertrauen können.« »Ich bedarf keines Beweises,« fiel sie ein. »Nun, so möge das, was ich sage, als einfache Bemerkung gesprochen sein. Ich habe Ihnen anvertraut, wie theuer Sie mir sind; dieses Geständniß, welches mir nur durch die augenblickliche Situation entlockt werden konnte, hat nicht im Mindesten den Zweck, mir gegenüber die Freiheit Ihres Fühlens und Handelns zu beschränken.« »Wie verstehen Sie das?« »Ich weiß, daß meine Liebe eine hoffnungslose ist, ja, eine hoffnungslose sein muß; nur daher konnte ich von ihr sprechen, ohne lächerlich zu werden. Sie sind der Gedanke meiner Tage und der Traum meiner Nächte; ich bete zu Ihnen wie zu einer Heiligen, aber wie zu einer Heiligen, zu der man nicht gelangen kann. Sie sind die Sonne, welche den fernen Planeten erwärmt und erleuchtet; das ist Alles, was er sich wünscht; in ihre Nähe wird er nie gelangen. Mein aufrichtiges Geständniß wird nur die Folge haben, daß ich mich noch mehr zurückziehe; aber sobald Sie meiner bedürfen, dann werde ich mit Freuden, ja mit Entzücken Alles thun, was meinen Kräften möglich ist. Das mag unser Packt sein, den wir schließen.« Sie zauderte eine Weile. Dann ging ein eigenthümliches Leuchten über ihr Gesicht; sie streckte ihm abermals die Hände entgegen und sagte: »Nun gut! Ganz wie Sie wollen! Sie erlauben mir also, Sie für meinen Freund zu halten?« »Ich bitte inständig, dies zu thun!« »Ein solcher Vertrag muß aber bekräftigt werden, wenigstens durch einen Handschlag. Wollen Sie mir wirklich Ihre Hand verweigern?« »Gegen Ihre Befehle kann ich nicht! Hier ist die Hand. Verfügen Sie über mich, so viel und weit Sie wollen!« »Zunächst muß ich mich für heute Abend rüsten. Glauben Sie wirklich, daß die Namen, welche Sie mir nannten, geeignet sind, den Capitän zurückzuweisen?« »Ich hoffe es, ja, ich bin überzeugt davon!« »Und diese arabische Handschrift. Darf ich nicht erfahren, was sie enthält?« »Für jetzt liegt es in Ihrem eigenen Interesse, daß ich Ihnen die Uebersetzung vorenthalte. Auch möchte ich das Document nicht sofort in ihre Hand gelangen lassen.« »Warum?« »Weil es mir da nicht sicher scheint.« »Sie meinen, die Schlacht, welche ich dem Capitän zu liefern habe, könne einen für mich unglücklichen Ausgang nehmen?« »Heute werden Sie siegen, was aber dann geschieht, ist bei dem Charakter dieses Mannes nicht vorauszusehen.« »Ich werde tapfer sein!« »Aber Vorsicht ist ebenso nöthig wie Tapferkeit. Uebrigens dürfen Sie überzeugt sein, daß ich über Sie wachen werde. Also, darf ich dieses Schriftstück behalten?« »Ja,« nickte sie; »behalten Sie es! Ich vertraue mich Ihnen an, wie ich mich Ihnen anvertraute, als Sie mit mir ins Wasser gingen. Leben Sie wohl, mein Freund! Sie reichte ihm das schöne Händchen, welches er an seine Lippen zog. Als sie sich entfernte, blickte er ihr nach, so lange er nur konnte. Dann legte er beide Hände auf das Herz und jauchzte: »Sie liebt mich! Sie liebt mich! Sie hat meine Photographie! Aber woher hat sie sie?« »Vom Photographen gemaust!« erklang es hinter ihm. Rasch und betroffen drehte er sich um. Fritz kam hinter einem Felsenstücke hervorgekrochen. Diese Ueberraschung in diesem Augenblicke war seinem Herrn denn doch nicht sehr willkommen. »Donnerwetter!« sagte er. »Mensch, Du hast gehorcht!« »Ja,« nickte Fritz ganz unverfroren. »Hallunke!« »Danke!« »Warum bist Du mir nachgeschlichen?« »Ich Ihnen nachgeschlichen? Habe keine Idee davon!« »Aber wie kommst Du denn nach dem Steinbruche?« »Um die Linie zu suchen.« »Sprich nicht in Räthseln! Welche Linie meinst Du?« »Die, welche von hier aus über die nächste Waldesecke nach dem Trou du bois führt.« »Ah, Du kennst die Richtung nach dem Waldloche?« »Sehr genau.« »Von wem hast Du es erfahren?« »Vom Wirthe. Herr Doctor, dieser Kerl ist ein Erzschlingel. Ich bin überzeugt, daß er in der Franctireursgeschichte keine gewöhnliche Rolle spielt. Er wollte mich ausfragen; ich aber habe mich so dumm und albern gestellt, daß ihm vor Vergnügen das Herz überlief. Er kam in's Reden und beschrieb mir die Lage des Loches.« »Das ist prächtig! Ich habe mich noch nicht darnach erkundigen können. Wo finden wir das Trou? « »Auf der geraden Linie von hier nach der Waldesecke hat man gegen dreiviertel Stunden zu gehen, bis man es erreicht.« »Du wolltest es aufsuchen?« »Ja. Ich wollte heute Abend au fait sein. Ich eilte durch Dick und Dünn und war eher da als Sie. Eben als ich mich zwischen diesem Steingewirr durchwinden wollte, kam die Dame. Ich wollte mich nicht sehen lassen und steckte mich hinter den Felsen. Dann kamen Sie, und so war ich gezwungen, Alles anzuhören.« »Ein anderes Mal jedoch wirst Du ein anderes Arrangement treffen, hoffe ich!« »Ich hoffe es auch!« rief Fritz mit gewisser Betonung. »Wieso?« »Ich werde dann die Sache so arrangiren, daß ich bei der Dame bin und Sie gucken zu, Herr Doctor!« »Kerl!« »Na, ich meine ja meine Dame und nicht die Ihrige! Aber, mit Verlaub, Herr Doctor, ein Prachtfrauenzimmer ist sie! Sie hat so etwas Fremdländisches an sich. Ich glaube, man kann fürchterlichen Staat mit ihr machen!« »Mit Dir weniger, Luftikus! Also, wir wollen aufbrechen! Steigen wir zur Höhe empor!« Sie klommen an der Seite des Bruches hinauf, grad wie Müller damals, als er Alexander rettete, und sahen die betreffende Ecke des Waldes in der Ferne. Sie hielten grad auf dieselbe zu und folgten auch dann noch ganz derselben Richtung, als sie sich im Walde befanden. So mochten sie wohl eine halbe Stunde durch Büsche und Sträucher gestrichen sein, als Müller sagte: »Nach Deinem Rapporte müssen wir in der Nähe sein.« »Ich denke es. Von der Richtung sind wir nicht abgekommen.« »So laß uns jetzt größere Vorsicht anwenden! Ein Ort, der zu heimlichen Versammlungen dient, ist wichtig genug, um bewacht zu werden. Wir müssen immer annehmen, daß irgend Jemand hier steckt, vor dem wir uns nicht sehen lassen dürfen.« »Wollen wir uns nicht lieber theilen?« »Du meinst trennen? Ja. Aber verlieren dürfen wir uns trotzdem nicht. Wer das Loch zuerst findet, der giebt dem Andern ein Zeichen.« »Welches?« »Kannst Du Vogelstimmen nachmachen?« »Nur den Kukuk.« »Das genügt. Also wer das Trou zuerst findet, der schreit Kukuk. Sie trennten sich und schlichen sich nun so vorsichtig wie möglich weiter. Die Bäume traten dichter zusammen und zwischen den Stämmen wucherte üppiges Unterholz. Nach einer Weile ertönte der Ruf des Kukuks. Müller wandte sich nach der Seite zu, wo er erschollen war, und stieß bald auf Fritz, welcher vor einem Gebüsche stand, dessen Zweige er auseinander geschoben hatte. »Hast Du es?« fragte Müller. »Ja. Das muß es sein!« Sie standen vor einer ziemlich tiefen, trichterförmigen Bodensenkung, welche einen Durchmesser von wenigstens sechzig Metern hatte. Der Rand derselben war von Strauchwerk eingefaßt, und selbst bis auf den tiefsten Punkt hinab standen Baum an Baum, und zwischen den Bäumen wucherten Brombeerranken und Farrenkräuter. Hier und da war ein großer, mit grünem Moose bedeckter Stein zu sehen. Das Ganze hatte das Aussehen, als sei vor Jahrhunderten hier das Mundloch eines Schachtes zugefüllt worden und dann nach und nach immer weiter eingesunken. »Ja, er ist's! Wir sind an Ort und Stelle,« sagte Müller. »Nicht übel als Versammlungsort!« »Ja; er liegt tief und faßt mehrere hundert Menschen, die von oben von Einem, der nichts ahnt, gar nicht bemerkt werden.« »Und wie prächtig läßt es da sich lauschen! Man steckt sich einfach in das Gebüsch –« »Und wird erwischt und tüchtig durchgeprügelt!« fiel Fritz ein. »Da müßte man es dumm anfangen!« »Ob man gut herankommen kann? Diese Leute werden wohl klug genug sein, Wachen auszustellen!« »So sputet man sich, eher hier anzukommen als sie.« »Hm! Da wäre es ja am Besten, wir blieben gleich da!« »Allerdings. Aber leider muß ich heim, da man von meinen nächtlichen Excursionen keine Ahnung haben darf.« »Mich erwartet kein Mensch; ich kann also bleiben!« »Recht so! Es ist jedenfalls besser, den Ort gleich von jetzt an im Auge zu behalten, damit uns nichts zu entgehen vermag. Vorher aber laß uns genau nachsehen, ob wir auch wirklich die einzigen Menschen sind, welche sich hier befinden.« Sie suchten erst die Umgebung ab, konnten aber nichts Verdächtiges bemerken. Dann stiegen sie in die Vertiefung hinunter und auch hier war keine Spur zu finden, daß sich Jemand vielleicht versteckt habe. »Ob man hier öfters wohl Versammlungen abhält?« fragte Fritz. »Wohl nicht!« »Warum nicht?« »Sonst müßte das Moos und das Gerank mehr niedergetreten sein.« »Das ist richtig. Aber schau! Siehst Du, wie regelmäßig hier auf dieser Seite Alles wächst und wie jedes Blättchen liegt, als ob es grad so und nicht anders stehen dürfe?« »Wahrhaftig! Es ist, als ob man Alles mit der Hand geordnet habe.« »Nun, mit der Hand wohl nicht, aber mit einem Rechen.« »Das ist wahr, Herr Doctor! Hier wird sehr oft gerecht, das sieht man ganz genau!« »Diese Entdeckung ist sehr wichtig. Erstens läßt sich daraus schließen, daß derartige Versammlungen häufiger vorkommen, als wir erst dachten und sodann geht man dabei so vorsichtig um, das niedergetretene Gepflänz mit dem Rechen wieder aufzurichten.« »Aber warum nur auf dieser Seite und nicht auch anderswo? Die Rechenspur ist nur hier zu bemerken und auch sie ist nur kaum zwei Ellen breit. Da kommt sie von dem Rande des Loches herab und hier hört sie schon auf.« »Das bringt mich auf den Gedanken, daß es hier einen Weg giebt, der nach dem Gebrauche stets wieder maskirt wird. Das kann uns heute Abend von Nutzen sein. Jetzt aber wird es unter den Bäumen bereits dunkel. Ich muß aufbrechen.« Als sie jetzt aus dem Loche gestiegen waren, fragte Fritz: »Aber wo treffen wir uns am Abende?« »Das läßt sich nicht auf die Elle bestimmen. Stelle Dich hier an den Rand und blicke gerade nach der Blutbuche hinüber. Auf dieser geraden Linie werde ich mich anschleichen. Ich hoffe, daß ich halb elf Uhr an der Buche sein werde. Finde ich Dich nicht da, so bin ich überzeugt, daß Du Dich auf der angegebenen Linie dem Loche genähert hast, ich werde dann folgen, bis ich Dich finde.« »Und ein besonderes Erkennungszeichen?« »Brauchen wir nicht. Es könnte uns gefährlich werden. Hast Du Waffen bei Dir?« »Genug.« »Und Etwas gegen den Hunger?« »Das habe ich vergessen.« »So werde ich Dir Etwas mitbringen. Also, halte gute Wacht, aber laß Dich ja nicht erblicken!« Sie trennten sich. Fritz suchte sich ein möglichst gutes Versteck unter den Sträuchern und Müller wanderte raschen Schrittes dem Schlosse zu. Die Dämmerung war angebrochen und als er die Freitreppe emporgestiegen war, sah er Marion aus der Thür ihres Zimmers treten. Indem sie an ihm vorüberschritt, raunte sie ihm zu: »Zum Capitän befohlen!« »Nur Muth!« Dann begab er sich hinauf in sein Zimmer, ließ aber die Thür offen, um hören zu können, wenn Marion den Alten wieder verließ. Als das muthige Mädchen bei dem Letzteren eintrat, befand sich, wie gerade vor Tische, die Baronin bei ihm. Er zeigte eine wo möglich noch finsterere Miene und sagte in zornigem Tone: »Weißt Du, was nach unserer Unterredung zwischen Dir und der Baronin in Deinem Zimmer gesprochen worden ist?« »Ja, sehr genau.« »Und zwar in Gegenwart Deiner Gesellschafterin!« »Nanon war allerdings bei mir.« »Du hast gesagt, daß wir Beide einander werth seien?« »So war es.« »Wie hast Du das gemeint?« »Genau so, wie ich es gesagt habe!« »Diese Worte sind höchst zweideutig. Wüßte ich, daß Du die weniger gute Bedeutung beabsichtigt hättest, so würdest Du Deiner Strafe nicht entgehen.« »Ich überlasse es Euch Beiden, die Bedeutung heraus zu lesen!« »Du hast gehört, daß ich Dir nur bis zu dem gegenwärtigen Augenblick Zeit zur Entscheidung gegeben habe.« »Das war überflüssig.« »Ich werde Dir das Gegentheil beweisen! Also, was hast Du beschlossen?« »Ich habe meinen Entschluß nicht geändert.« »So werde ich ihn zu ändern wissen.« Sie wendete sich nach der Thür und fragte: »Hast Du noch Etwas zu bemerken?« »Jawohl!« donnerte er sie an. »Ich habe Dir nämlich zu bemerken, daß ich Dich heute Abend mit dem Obersten Rallion in aller Form und Giltigkeit verloben werde!« Da zuckte sie ganz stolz und kalt die Achseln und sagte: »Ich möchte doch wissen, wie Du das fertig bringen wolltest.« »Ich werde es Dir beweisen.« »Pah! Ich will Dich nicht in Verlegenheit bringen. Ich würde »Nein« sagen und dann wollte ich den Frechen doch sehen, der es wagte, mich als seine Verlobte zu bezeichnen!« »Ich werde Dich sogar zwingen, mich in diese Verlegenheit zu bringen. Du bleibst jetzt hier bei mir, bis ich Dich selbst in den Salon bringe. Setze Dich.« Da klang ein kurzes, silbernes Lachen von ihren Lippen. »Mache Dich nicht lächerlich,« sagte sie. »Heute Mittag war es mir nicht vergönnt, Platz nehmen zu dürfen und jetzt beliebt es Dir, mich zum Sitzen zu befehlen. Wann wirst Du nur endlich einmal einsehen, daß ich nicht mehr buchstabiren gehe! Solche Fehler sollst Du unterlassen!« »Das ist stark! Das ist zu stark!« rief die Baronin zitternd vor erkünstelter Empörung. Der Alte stand starr und steif mitten im Zimmer. So Etwas war ihm noch nicht passirt. So Etwas wagte man ihm in seinem eigenen Zimmer zu sagen. Die Haare seines Schnurrbartes sträubten sich empor, wie die Mähnenborsten einer Hyäne, seine Zähne knirrschten auf einander, und dann stieß er mit vor Grimm heiserer Stimme hervor: »Das wagst Du mir, mir, mir zu sagen, Mädchen! Auf der Stelle kniest Du nieder, um mir Abbitte zu thun!« Er deutete mit der Hand auf den Boden, gerade vor sich hin. Er zitterte am ganzen Körper vor Wuth. »Ich kniee blos vor Gott,« antwortete sie, »nie aber vor einem Menschen, am Allerwenigsten vor Dir.« Da stieß er einen geradezu thierischen Laut aus, faßte sie am Arme und schrie: »Gut, nicht hier, nicht hier! Ganz wie Du willst! Aber unten, unten sollst Du knieend Abbitte leisten, öffentlich vor den Gästen und vor aller Dienerschaft. Du sollst gezwungen werden, laut zu erzählen von – –« Mit einem kräftigen Rucke zog sie den Arm aus seiner Hand und fiel mit lauter, drohender Stimme ein: »Gezwungen werden? Ich brauche zum Erzählen nicht gezwungen werden. Ich werde freiwillig erzählen, laut und öffentlich, ganz so, wie Du es hier verlangt hast, so laut, daß Jedermann es hören kann, von dem Fruchthändler Malek Omar – –« Sie machte hier mit Bedacht eine Kunstpause. Die Baronin blickte erstaunt auf. Der Alte aber fuhr erschrocken zurück. »Von Ben Ali, seinem Gefährten,« fuhr sie fort. »Was weißt Du von Malek Omar!« rief er. »Gerade so viel, wie von Hadschi Omanah, der mit seinem Sohne ermordet wurde!« Da fuhr er sich mit beiden Händen nach dem Kopfe. Die Haare, so wenige er ihrer hatte, wollten ihm schier in die Höhe stehen. Es wurde ihm blau und roth vor den Augen, es summte und brummte ihm um die Ohren, und er griff nach dem Tische, um nur einen Halt zu finden. Aber seine eiserne Constitution war des Anfalles bald Herr geworden. Er wendete sich zur Baronin: »Bitte, verlassen Sie uns. Es ist nicht nöthig, daß Sie Zeuge der Züchtigung sind, welche ich dieser Person ertheilen werde.« Das war der Baronin genug. Marion gezüchtigt! Vielleicht gar körperlich! Welch eine Genugthuung für die Frau, welche so eifersüchtig auf die Schönheit ihrer Stieftochter war. Sie erhob sich von ihrem Stuhle, warf einen schneidend höhnenden Blick auf das Mädchen und sagte: »Verdient hat sie die schärfste der Strafen. Nachsicht wäre hier Sünde.« Damit rauschte sie zur Thür hinaus. Der Alte wartete wortlos, bis ihre Schritte verklungen waren; sodann kreuzte er die Arme über die Brust und fragte in einem Tone, der fast pfeifend aus der Kehle drang: »Jetzt heraus! Was weißt Du von Hadschi Omanah!« »Daß er ermordet wurde, er und sein Sohn!« »Ah! Von wem? Von wem?« »Von Malek Omar und Ben Ali«.« »Das ist Lüge, dreifache, zehnfache Lüge!« »Das ist Wahrheit, die lautere Wahrheit.« »Welchen Grund sollten sie gehabt haben, ihn zu ermorden?« »Der Documente wegen, welche sie ihm abnehmen wollten.« Er holte tief und ängstlich Athem. »Woher weißt Du das?« fragte er. »Wer hat es Dir gesagt?« »Das ist mein Geheimniß!« »Oho! Ich muß es wissen!« »Du? Du weißt mehr, als ich Dir zu sagen brauche. Aber sprich noch einmal von meiner Verlobung oder gar von einer Züchtigung, so wird auch der Richter Alles erfahren. Du hast niemals Erbarmen gehabt, nun erwarte auch keines von mir!« Bei diesen Worten drehte sie sich um und verließ das Zimmer. Die Thür der Baronin war geöffnet, sie hatte hören wollen, welcher Art die angedrohte Züchtigung sein werde. Sie fand gar nicht Zeit zurückzutreten, als Marion vorüberging, von der sie keinen einzigen Blick erhielt. Sie begann zu ahnen, daß der Alte dieses Mal unterlegen sei. Auch jetzt fand Marion die Freundin ihrer wartend. Nanon hatte jedenfalls mehr Angst ausgestanden, als Marion. »Nun, wie ist es abgelaufen?« fragte sie. »Sehr gut! Ganz zur Zufriedenheit!« antwortete Marion. »Das war ja kaum zu denken, da Du beschlossen hattest, Dich nicht zu fügen.« »Ich habe mich nicht gefügt und dennoch gesiegt.« »In Folge des guten Gedankens, von dem Du vorhin sagtest, daß er Dir während des Spazierganges gekommen sei?« »Ja.« »Welcher Gedanke war das?« »Doctor Müller.« »Ah! Du hast ihn getroffen?« »Im Steinbruche.« »Und der Gedanke kam von ihm?« »Ja. Er hat mir einen Rath gegeben, ich befolgte ihn und habe alle Ursache, mit der Wirkung zufrieden zu sein.« »Wenn er Dir einen Rath gegeben hat, so mußt Du ihn doch um einen solchen gebeten haben?« »Allerdings.« »Du hast ihm doch von der geplanten Verlobung erzählt?« »Ja.« »Das scheint mir aber sehr vertraulich, sehr intim zu sein!« »Vielleicht auch nicht. Er ist der Mann, dem man ganz unwillkürlich mehr erzählt, als jedem Anderen. Ich wiederhole es: Man muß ihn nicht nur achten, sondern man könnte ihn sogar lieben.« »Lieben und – küssen, wie Du heut sagtest!« »O, gerade jetzt könnte ich ihm einen Kuß geben, einen wirklich herzlichen Kuß für den Rath, mit dem er mich aus dieser schweren Verlegenheit befreit hat.« Aber droben ging der Alte zähneknirschend in seiner Stube auf und ab. Er ballte die Fäuste, stieß halb laute, deutliche und undeutliche Flüche aus und murmelte dabei: »Sie ist mir entgangen, aber nur für heute, höchstens noch für morgen! Wer hat ihr zu diesem Schachzuge verholfen? Wer weiß von jener Nacht am Auresgebirge? Kein Mensch! Kein Mensch war dabei. Sollte er selbst geplaudert haben, der Baron, der Verrückte? Ich glaube es nicht. Er verräth nie Etwas, nie, selbst in seinen schwächsten Stunden nicht. Aber sie wird beichten müssen, und dann wehe ihr! Ich werde sie doch einsperren, um sie unschädlich zu machen, und dann wird sie nur als Gräfin Rallion ihre Freiheit wieder erlangen!« Unterdessen lag Fritz im Walde und wartete der Dinge, die da kommen sollten. Es war dunkel geworden. Zeit um Zeit verrann; es mochte gegen zehn Uhr sein, da ließ sich ein Rascheln hören, und nahende Schritte waren zu vernehmen. Zwei Männer kamen, gingen an Fritz vorüber und blieben dann am Rande der Schlucht stehen. Der Eine stieß einen ziemlich lauten Pfiff aus. Als keine Antwort erfolgte, meinte er zu dem Andern: »Wir kommen zeitig; es ist noch kein Mensch da.« »Das ist gut, denn so können wir vorher mit unserer Angelegenheit fertig werden.« »Also, Du stimmst bei?« »Wie viel pro Mann?« »Fünftausend Franken.« »Das ist wenig. Der Kerl soll ja Millionen bei sich haben!« »Aber das Geld kommt ja alles in unsere Kasse!« »Und gefährlich ist es!« »Schwachkopf! Welche Gefahr bringt es denn, einem Verwundeten in die Tasche zu greifen, um ihm das Portefeuille wegzunehmen!« »Mag sein! Wie viele sind wir?« »Drei Personen; das ist genug.« »Das genügt allerdings. Doch wißt Ihr auch genau, mit welchem Zuge er kommt?« »Mit dem Mittagszug von Trier aus. Er kommt aus New-Orleans, hat einen englischen Namen und heißt, glaube ich, Deephill.« »Wunderlicher Name!« »Na, also, machst Du mit? Oder soll ich einen Anderen engagiren?« »Hm! Fünftausend Franken sind auch ein schönes Geld!« »Das versteht sich. Es ist ein großer Unterschied, sie zu haben oder nicht. Entschließe Dich kurz, ehe die Anderen kommen.« »Also der Alte will es haben?« »Er hat es sogar befohlen.« »Na, da mag es denn gewagt sein. Ich werde mich betheiligen.« »Endlich bist Du klug. Na, so komm hinab. Ich glaube, ich höre bereits wieder Schritte.« Sie stiegen miteinander in das Loch hinab. Jetzt kamen nach und nach Mehrere. Fritz hatte bereits über zwanzig gezählt, als er plötzlich am Arme gezupft wurde. Er lag am Rande des Loches unter dem Gebüsch. »Fritz?« flüsterte es. »Herr Doctor?« »Bereits Viele hier?« »Vierundzwanzig.« »Man hört sie doch nicht reden.« »Ja, das weiß der Teufel. Sobald sie da hinunter sind, merkt man gar nichts mehr von ihnen.« »Vielleicht verhalten sie sich still, bis Alle beisammen sind!« »Das ist möglich. Dann aber können wir wohl lauschen.« »Von welcher Seite kommen sie?« »Von dieser. Alle hier hart an mir vorüber.« »Ah, wo der abgerechte Weg hinunterführt! Donner! Hast Du das jetzt gesehen?« »Was?« »Ein Lichtschein.« »Man wird eine Laterne anbrennen.« »Nein. Das kam wie aus der Erde. Wenn ich es mir so recht überlege, daß ein richtiger Weg hinunterführt und man doch im ganzen Loche keine Spuren findet, so komme ich auf den Gedanken, daß es da eine Höhle oder irgend ein Versteck geben muß.« »Der Gedanke ist nicht schlecht. Dann aber stäken jetzt Alle in der Höhle, während wir denken, sie sitzen unten zwischen den Bäumen.« »Freilich. Wir müssen uns überzeugen, es ist keine Zeit zu versäumen. Ich krieche leise hinab.« »Ich auch?« »Ja, komm. Aber vorsichtig, damit wir nicht bemerkt werden. Das kleinste Steinchen kann uns verrathen.« »Und wenn sie uns doch bemerken, was thun wir denn da?« »Fliehen und wehren. Ergreifen laß ich mich auf keinen Fall. Eher schieße ich Einige nieder.« »Ich Einige und Mehrere, je nachdem sie es haben wollen.« Sie legten sich auf den Bauch und krochen nach Indianerart an der Seite des Loches hinab, nach jedem Fußbreit, welchen sie zurücklegten, wartend und lauschend, ob sie sich weiter wagen könnten. So hatten sie beinahe den tiefsten Punkt erreicht, als sie Beide erschrocken anhielten. Ein rascher, aber scharfer Lichtstrahl war über sie hinweggeglitten. »Sapperment! Woher kam er?« flüsterte Fritz. »Da, gerade vor uns! Halten wir weiter links, damit er uns nicht trifft. Schau!« Wirklich fiel jetzt aus der Erde heraus ein ziemlich greller Blitz gerade auf die Stelle, an welcher sie sich eben jetzt befunden hatten. »Ob man uns bemerkt hat?« fragte Fritz. »Nein. Daß uns das Licht berührte, war sicherlich nur Zufall. Aber da haben wir es: Hier ist eine Höhle. Der Eingang ist nur für einen Mann zu passiren und wird durch diesen Stein verschlossen.« »Aber auf welche Weise?« »Irgend welche Mechanik giebt es, das ist sicher. Ich werde morgen hergehen und untersuchen.« »Schade, daß ich nicht dabei sein kann. Uebrigens finde ich vielleicht auch Gelegenheit, ein Abenteuer zu erleben.« »Wo?« »Auf dem Bahnhof zu Diedenhofen. Es kommt nämlich ein Verwundeter, der Millionen bei sich führt, dem soll dieses Geld abgenommen werden.« »Von wem?« »Von drei von diesen Burschen hier. Zwei belauschte ich. Es soll jeder fünftausend Franken von dem Raube erhalten. Der Verwundete ist aus New-Orleans und heißt Deephill.« »Das hast Du Alles ganz deutlich gehört?« »Ja. Der Alte hat es anbefohlen.« »Der Alte? Das wäre ja der Capitän. Ich wollte bereits sagen, daß Du die Polizei requiriren mögest. Hat jedoch der Alte seine Hand im Spiele, so lassen wir die unserige davon weg. Höchstens kannst Du Dich auf dem Bahnhofe nach diesem Mann aus New-Orleans erkundigen und ihn privatim und unbemerkt warnen. Horch! Hörst Du reden? Sie scheinen Alle beisammen zu sein, denn es kommt Keiner mehr, und nun hat die Verhandlung begonnen.« Man hörte durch die Oeffnung, aus welcher das Licht fiel, ein dumpfes Stimmengewirr. Dann plötzlich verschwand der Lichtschein und es war gar nichts mehr zu hören. »Man hat den Eingang verschlossen,« flüsterte Müller. »Es war ein Geräusch zu vernehmen, als ob Steine an einander gestoßen würden.« »Es befindet sich kein Mensch im Freien,« antwortete Fritz. »Nicht einmal eine Wache hat man hier ausgestellt.« »Desto leichter wird es uns sein, zu untersuchen, in welcher Weise der Verschluß stattfindet.« »Man wird es innen doch nicht etwa bemerken?« »Wie sollte man es? Wir vermeiden jedes Geräusch. Und selbst wenn dieses Letztere nicht ganz zu umgehen wäre, würde man es kaum gewahren, da ja laut gesprochen wird. Komm.« Sie schlichen sich zu der Stelle hin, an welcher der Schein aus der Erde gedrungen war. Dort befand sich einer jener mit Moos bewachsenen Steine, welchen sie bereits am Tage bemerkt hatten. »Dieser Stein scheint die Thüre zu sein,« sagte Müller, indem er das Felsstück vorsichtig mit den Fingern betastete. Auch Fritz that dasselbe und bemerkte dabei ganz leise: »Der Stein steht nicht frei, sondern er blickt nur mit der einen Seite aus der Wand des Loches hervor. Man muß also annehmen, daß er beweglich ist und also mit seiner Umgebung nicht fest verbunden sein kann.« »Ist er wirklich beweglich, was man allerdings glauben muß, so ist er nicht nach Außen, sondern nach Innen fortzunehmen.« »Natürlich. Würde er herausgezogen, so wäre ja eine Spur davon zu bemerken. Er würde mit seiner Schwere das Moos zerdrücken. Aber wie bewegt man ihn? Wollen wir es einmal versuchen?« »Ja, aber höchst vorsichtig. Wir dürfen ihn nur ein ganz klein Wenig von seiner Stelle rücken. Komm, stemme an und laß uns schieben.« Sie knieten nieder, legten die Achseln an und schoben; aber der Stein bewegte sich nicht im Mindesten. »Es muß inwendig einen Verschluß geben,« meinte Müller. »Es bleibt uns nichts übrig, als den Schluß der Versammlung ruhig abzuwarten. Vielleicht hören wir dann, wenn die Leute gehen, Etwas, was uns auf die Spur bringt.« »Oder sehen wir es sogar. Wir müssen uns nur so nahe wie möglich verbergen. Etwa hier hinter die Büsche?« »Ja. Sie stehen kaum eine Elle entfernt und sind so dicht, daß man uns wohl schwerlich bemerken wird.« »Ich hätte nicht gedacht, daß diese Franzosen gar so dumm sind!« »Wieso dumm?« »Daß sie keine Wache stellen. Bei so geheimen Zusammenkünften ist das unumgänglich nothwendig. Nicht einmal auf den Gedanken sind sie gekommen, einen Hund mitzubringen!« »Der könnte Alles verrathen.« »Es müßte nur der richtige sein. Sie brauchten ihn ja gar nicht hier außen zu lassen. Sie könnten ihn mit hineinnehmen und dann, wenn sie gehen, würde er uns ganz sicher entdecken.« »Hm, ja! Wünschen wir, daß auch im Kriegsfalle von den Soldaten der großen Nation kein größerer Scharfsinn entwickelt wird. Komm, verstecken wir uns! Sie krochen mit einander unter die erwähnten Büsche. Das Versteck war so gut, daß man nichts von ihnen bemerkt hätte, selbst wenn es nicht so ganz und gar dunkel gewesen wäre wie am heutigen Abende. Eine Stunde verging, vielleicht auch eine etwas längere Zeit. Da ließ sich ein leises, knirrschendes Geräusch vernehmen. Die Beiden stießen einander an. »Jetzt! Paß genau auf!« raunte Müller seinem Diener zu. Wirklich erschien im nächsten Augenblicke der Lichtschein wieder. Man gewahrte ganz genau, daß der Stein weg war, und zwar war er nach innen verschwunden. Der Ausgang verdunkelte sich in kurzen Zwischenräumen. Die Leute kamen, Einer nach dem Andern, herausgekrochen und entfernten sich dann. Da sie mit den Köpfen zuerst erschienen, so konnten die zwei Lauscher nicht ein einziges der Gesichter erkennen. Zwei nur waren stehen geblieben. Zuletzt kam noch Einer hervorgekrochen und trat, nachdem er sich aufgerichtet hatte, zu ihnen. »Nun,« sagte er vernehmlich; »glaubt Ihr nicht, daß Alles so richtig arrangirt ist?« »Der alte Capitän!« flüsterte Müller seinem Nachbar zu. »Ganz gewiß,« antwortete der Eine. »Die Leute brauchen keine große Uebung, und Waffen sind nebst Munition ja mehr als reichlich vorhanden.« »Sobald Etwas passirt und ich Euch brauche, werde ich Euch das Zeichen geben. Wir kommen von heute an stets nur hier zusammen.« »Ich wollte, es ginge bald los!« »Man hat leider noch keinen Grund zur Kriegserklärung gefunden!« »Sollte das so schwierig sein?« »Hm!« brummte der Alte. »Ich halte es nicht für sehr schwer, und so wird ja auch der Kaiser bald finden, was er sucht. Er will den Krieg; die Kaiserin wünscht ihn noch viel mehr. Gramont steht an der Spitze der auswärtigen Angelegenheiten; er ist ein ausgemachter Feind der Deutschen; er haßt sie und thut alles Mögliche, um das Feuer zu schüren. Daher haben wir allen Grund, zu erwarten, daß unsere Hoffnungen sich baldigst erfüllen werden.« »Und dann! Sacré bleu! Dann marschieren wir nach Deutschland!« »Nicht wir zuerst. Die glorreiche Armee geht voran; wir folgen ihr. Die Armee hat die internationalen Gesetze der Kriegsführung zu respectiren; der Franctireur aber ist ein freier Mann. Wir werden thun, was uns beliebt!« »Donnerwetter! Wir werden reiche Leute!« »Hoffentlich machen wir unser Geschäft. Wir haben bisher nur Ausgaben gehabt, und zwar höchst bedeutende. Der Deutsche wird bezahlen müssen, und zwar nicht nur mit hundert Prozent! Ich wollte, daß in diesem verdammten Germanien nicht ein Stein auf dem andern bliebe! Ich habe allen Grund, diese Rasse zu hassen!« »Aber man sagt, daß Preußen jetzt sehr stark sei!« »Wer das sagt, ist ein Dummkopf!« »Aber die Ulanen!« »Die Ulanen? Pah! Die haben wir nun erst ganz und gar nicht zu fürchten! Der Preuße hat sie von den Russen geborgt.« »Wieso?« »Die Ulanen sind die Nachkommen von den asiatischen Reitern, welche sich Anno Vierzehn und Fünfzehn bis an die Seine wagen konnten, weil das Glück zufälliger Weise den großen Kaiser verlassen hatte. Ihr habt doch von ihnen gehört?« »Ja. Es sind kleine Kerls mit großen Bärten.« Der Andere, welcher bisher geschwiegen hatte, wollte auch Etwas sagen; er ließ also sein Licht leuchten, indem er hinzufügte: »Sie haben kleine Pferde mit großen Mähnen und Schwänzen.« »Sie stinken nach Talg und stecken voll Ungeziefer!« »Sie fressen Pfeffer und saufen Schwefelsäure!« »Ihre Hosen und Röcke sind von Schweinsleder!« »Ihre Lanzen gebrauchen sie nur, um Kinder damit aufzuspießen und in das kochende Wasser zu halten!« »Ja, es ist ein grausames, gottvergessenes Volk; aber es ist dem Aussterben nahe. Das Lazarethfieber hat die Meisten hinweggerafft; im Kriege von Schleswig-Holstein sind sie massenhaft erfroren, und Anno Sechsundsechzig haben die Oesterreicher jämmerlich unter ihnen aufgeräumt.« »So hätten wir sie ja gar nicht zu fürchten!« »Nicht im Geringsten! Es sind ihrer blos noch einige Hundert vorhanden, die in Zeit von einigen Minuten von unseren Mitrailleusen niedergeschmettert werden. Es ist geradezu lächerlich von dem Könige von Preußen, sich auf dieses Gezücht zu verlassen!« »Aber tüchtige Artillerie soll er haben!« »Pah! Eine einzige Mitrailleuse bringt drei oder vier ganze Batterien zum Schweigen!« »Und die Zündnadel!« »Die ist zum Todtlachen! Hat man bereits gehört, daß man mit Nadeln Krieg führt?« »Das ist wahr!« »Und unser Chassepot! Dem ist kein Gewehr gewachsen!« »Aber ich las da vor Kurzem in der Zeitung, daß der König von Preußen große Generäle habe!« »So? Wen denn zum Beispiel?« fragte der Capitän im verächtlichsten Tone. »Steinmetz!« »Der ist altersschwach geworden. Er ist bereits achtundneunzig Jahre alt und kann nur noch mittelst Ziegenmilch am Leben erhalten werden.« »Sodann Seidlitz!« »Seidlitz ist ein noch ganz junger, unerfahrener Oberst der Artillerie. Mit dem schießt jeder französische Kanonier um die Wette!« »Und Ziethen?« »Ziethen! Was Ihr Euch einbildet! Sollen wir uns vor Ziethen fürchten! Ihr wißt wohl gar nicht, was er ist?« »Nun, ein berühmter Husarengeneral. Er soll bereits sehr alt sein und bei dem Könige von Preußen in großer Gunst stehen. Er hat sogar die Erlaubniß erhalten, an der königlichen Tafel zu schlafen.« »Das ist wahr; das steht in allen Büchern. Aber ein Husarengeneral ist er nicht, obgleich man es Euch weiß gemacht hat. Er stammt aus Roßbach und ist Marinelieutenant. Weiter hat er es trotz seines Alters nicht gebracht. Ueberhaupt braucht man nur zu hören, daß preußische Offiziere an der Tafel schlafen dürfen, so weiß man sofort, was man von der ganzen Armee zu halten hat. Wie soll das während eines Feldzugs werden, wo es ja noch größere Anstrengungen giebt als Essen und Trinken.« »Aber Moreau soll sehr berühmt und tapfer sein!« »Das ist er auch. Er ist ein geborener Franzose; aber er ist abtrünnig geworden und zu den Preußen übergegangen. Die Oesterreicher haben ihm bei Königsgrätz die beiden Beine weggeschossen. Nun könnt Ihr Euch denken, ob wir diesen Krüppel zu fürchten haben.« »Und der Generalstabs-Chef der Preußen!« »Moltke? Der ist ein Phantast und Träumer. Er soll nicht einmal einen Bart haben! Der ist am allerwenigsten schuld, daß die Oesterreicher in der Schlacht an der Alma geschlagen worden sind. Daß die Oesterreicher verloren, daran waren nur die Russen schuld, welche es nicht litten, daß die Oesterreicher durch Rußland in Preußen einfielen.« »Und sodann sagt man, daß wir es nicht mit Preußen allein zu thun haben werden!« »Mit wem noch?« »Sachsen, Bayern –« »Unsinn!« fiel der Alte ein. »Das kenne ich besser! Die Sachsen sind stets unsere Verbündeten gewesen: sie sind durch Verträge an uns gebunden, denn Napoleon hat Anno Dreizehn und Vierzehn ihr Land fast um das Zehnfache vergrößert. Bayern, Würtemberg und Baden wagen es nicht, gegen uns zu sein, weil wir dort zuerst einfallen würden. Wer soll sonst noch der Verbündete von Preußen sein?« »Hessen.« »Das haben wir nicht zu fürchten. Es liegt ganz gegen Rußland hin. Ehe der erste Hesse erscheint, haben wir längst die entscheidenden Schlachten gewonnen und den Feind vor uns hergetrieben.« »Dann giebt es ein Land, Waldeck genannt!« »Das liegt ja in England!« »Reuß!« »Das gehört zu Norwegen!« »Und Lippe!« »Was Ihr für Geographen seid! Lippe ist ein Canton in der Schweiz. Es liegt gegen Italien hinunter! Lassen wir das! Wir werden siegen und brauchen darüber gar kein Wort zu verlieren! Bleiben wir lieber bei der Gegenwart! Ihr Beide habt morgen einen Coup auszuführen, welcher wichtiger ist, als so unbegründete Bedenken. Habt Ihr meine Anordnungen capirt?« »Vollständig!« »Also brecht recht zeitig auf, daß Ihr ja nicht etwa den Zug versäumt!« »Das versteht sich ja ganz von selbst!« »Lefleur wird bereits vor Euch da sein, um seine Pflicht zu thun. Die Hauptsache ist, daß er sich schnell zurückzieht und daß Ihr dafür sorgt, daß kein Verdacht auf Euch fällt.« »Dafür lassen Sie uns sorgen, Herr Capitän! Wir werden den Bahnwärter aufsuchen.« »Ah! Warum? Das wäre unvorsichtig!« »Grad das Gegentheil! Es ist das gewiß eine Schlauheit. Wir werden mit ihm sprechen.« »Aus welchem Grunde?« »Wenn wir uns mit ihm unterhalten, wird Lefleur desto ungestörter seine Schuldigkeit thun können.« »Ah, das ist richtig!« »Und der Bahnwärter kann bezeugen, daß wir bei ihm gewesen sind. Dadurch würde aller Verdacht von uns gelenkt werden.« »Nun, ich will zugeben, daß Ihr Euch das gut überlegt habt. Ihr haltet Euch aber nicht unnöthig auf!« »Wir kommen sofort nach Ortry!« »Ich werde Euch erwarten. Macht Ihr Eure Sache gut, so könnt Ihr auf eine Extragratification rechnen. Ihr wißt, daß ich nicht knausere, wenn ich sehe, daß meine Leute ihre Pflicht erfüllen. Jetzt will ich mich zurückziehen. Gute Nacht!« »Gute Nacht, Herr Capitän!« »Zieht den Keil richtig an, damit der Stein gut schließt!« »Keine Sorge!« Fortsetzung 72 Der Alte bückte sich nieder und kroch in das Loch zurück, welches sich dann hinter ihm schloß. Einer der beiden Männer kauerte sich nieder und machte sich mit dem Steine zu schaffen. Als er sich wieder erhoben hatte, sagte der Andere, indem er viel leiser redete als bisher gesprochen worden war: »Also eine Extragratification.« »Ja. Er ist doch zuweilen splendid.« »Pah! Das kann er auch! Was bekommen wir? Welchen Theil des Ganzen wird er uns auszahlen? Gieb Dir einmal die Mühe, es auszurechnen.« »Ich habe auch bereits daran gedacht.« »Wir holen die Kastanien aus dem Feuer!« »Und wagen dabei Freiheit, Ehre und Leben.« »Er bleibt auf dem Sopha sitzen und wartet ruhig, bis wir ihm die Millionen bringen.« »Verdammt! Man müßte sich eigentlich ganz gewaltig darüber ärgern.« »Aergern? O nein! Ich freue mich im Gegentheile.« »Wieso? Warum?« »Ahnest Du das denn nicht? Das heißt, ich freue mich, weil ich voraussetze, daß Du doch kein Dummkopf sein wirst!« »Habe ich Dir jemals Gelegenheit oder Veranlassung gegeben, mich für einen solchen zu halten?« »Allerdings nicht. Und darum denke ich auch, daß Du mit mir einverstanden sein wirst.« »Das klingt ja gerade, als ob Du mir einen Vorschlag zu machen hättest.« »So ist es auch! Einen Vorschlag! Und zwar was für einen.« »So laß hören.« »Hm! Eigentlich ist es gefährlich, sich einem Andern mitzutheilen, von dessen Zustimmung man noch nicht überzeugt ist!« »Traust Du mir etwa nicht?« »Du weißt bereits, daß ich Dir mehr traue, als einem jeden Anderen; aber die Sache ist wirklich mit einer ganz außergewöhnlichen Gefahr verbunden.« »So solltest Du auch nicht hier an diesem Orte, im offenen Walde, von ihr sprechen.« »O, hier sind wir sicherer als sonst irgendwo! Oder denkst Du etwa, daß der Alte hier mit uns gesprochen hätte, wenn er nicht vollständig überzeugt gewesen wäre, daß es keinen Lauscher giebt?« »Es kann Einer zurückgeblieben sein.« »Das wagt Keiner. Sie haben alle einen viel zu großen Respect vor dem Capitän.« »Wir aber doch nicht. Da konnte es auch Anderen einfallen, sich ein Wenig zu emancipiren.« »Ich sage Dir, daß Keiner dies wagen wird. Bei uns Beiden ist dies etwas Anderes. Uns läßt er zuweilen einen Blick in seine Karten thun; das schadet dem Respecte. Ich denke wirklich, daß es keinen besseren Ort giebt, von einem Geheimnisse zu sprechen, als dieses Loch.« »Und wenn der Alte noch anwesend wäre?« »Er kann uns nicht hören. Der Eingang ist verschlossen.« »Na, meinetwegen. Also, was hast Du vor?« »Zunächst noch Nichts. Ich denke nur daran, daß der Alte Alles bekommen soll und wir Nichts.« »Wenigstens fast so viel wie Nichts.« »Wäre es nicht sehr prächtig, wenn er gar Nichts erhielte?« »Hm! Wer soll es denn erhalten?« »Wir!« »Donnerwetter! Welcher Gedanke!« »Ist er etwa schlecht?« »Nein, famos, sogar höchst famos.« »Was sagst Du dazu?« »Ich muß mir Zeit nehmen. Der Gedanke ist so großartig, daß man sich nicht sofort an ihn gewöhnen kann.« »Nun, so beeile Dich möglichst.« »Es sind Millionen.« »Der Alte sagte dies allerdings!« »Bedenke! Millionen! Herrgott! Und jetzt sind wir solche arme Teufel, daß hundert Francs ein Vermögen für uns bilden.« »Das wird sich schnell ändern!« »Was fangen wir mit dem Gelde an?« »Eine unnütze, sogar sehr alberne Frage!« »Wieso?« »Weil wir das Geld noch gar nicht haben.« »Aber wir können es erhalten.« »Wenn wir wollen, ja. Es kommt ganz allein auf uns selbst an.« »Aber gefährlich ist es, verteufelt gefährlich.« »Hm!« »Zunächst die Art und Weise, wie wir in den Besitz desselben gelangen.« »Wir haben es da ganz mit derselben Gefahr zu thun. Ob wir das Geld für uns nehmen oder für den Alten, das bleibt sich in dieser Beziehung ganz gleich.« »Das ist wahr. Aber dann die Folgen.« »Ich kenne andere Folgen nicht, als daß wir sehr reich sein werden und das Leben genießen können. Sage mir überhaupt, weshalb Du denn unter die Franctireurs gehen willst?« »Nun, der Beute wegen.« »Richtig! Ich auch! Warum aber willst Du bis später warten, wenn Du gleich jetzt eine Beute in Aussicht hast, wie Dir eine zweite gar nicht geboten werden kann?« »Ich gebe Dir ja ganz Recht; aber der Alte, der Alte!« »Nun, was ist mit ihm?« »Er wird uns tödten.« »Pah! Dagegen können wir uns sichern. Haben wir das Geld, wer hindert uns, fortzugehen? Nach Amerika oder sonst wohin, wo er uns gar nicht erreichen kann.« »Der? Nicht erreichen? Ah, er wäre im Stande, uns nachzukommen und zur Rede zu stellen.« »Das verbieten wir ihm.« »Er wird von uns Befehle annehmen. Glaube nur das nicht.« »Er muß sie wohl annehmen! Es kommt dabei nur darauf an, wie er sie erhält.« »Nun, wie denn?« »Durch ein Messer oder eine Kugel.« »Verdammt. Du würdest ihn tödten?« »Warum nicht? Er selbst wird sich keinen Augenblick bedenken, uns eine Kugel durch den Kopf zu jagen, falls er zu der Ansicht käme, daß es ihm vielleicht Nutzen bringt.« »Aber wir haben ihm Treue geschworen.« »Dummkopf! Ist dieser alte Capitän berechtigt, uns einen Schwur abzufordern? Unser Eid hat weder vor Gericht noch vor sonst wem die geringste Giltigkeit. Aber ich sehe, daß Du Dich fürchtest. Lassen wir den Gedanken also fallen. Du bist ein Hasenfuß. Wirf dem Alten die Millionen an den Kopf. Du wirst dafür tausend Jahre vom Fegefeuer erlassen bekommen.« Er that, als ob er gehen wollte. Der Andere ergriff ihn beim Arme und sagte schnell: »Halt, halt! Ich habe mich ja noch nicht dagegen entschieden. Ich habe nur ein Bedenken.« »Welches denn?« »Daß er uns vielleicht beobachten und beaufsichtigen läßt.« »Durch wen?« »Durch Lefleur.« »Pah! Dem geben wir einen Schlag auf den Kopf, so sind wir die Aufsicht los. Ueberhaupt habe ich gar nicht beabsichtigt, mit Dir jetzt einen vollständigen Plan zu spinnen. Ich wollte nur wissen, ob Du unter Umständen geneigt sein würdest, auf meine Absicht einzugehen.« »Nun, abgeneigt bin ich nicht.« »Das ist es, was ich hören will. Das Weitere können wir unterwegs oder auch erst morgen früh besprechen. Es ist dazu sogar noch Zeit, wenn wir das Geld bereits in den Händen haben. Ich glaube, daß Du in diesem Falle ganz gerne geneigt sein wirst, es zu behalten.« »Wollen sehen! Aber, ob dieser – dieser – wie war doch der fremde Name?« »Dieser Deep-hill.« »Ja, ob dieser Deep-hill auch wirklich kommen wird, wollte ich sagen.« »Sicher. Der Capitän hat es gesagt, und der ist stets ganz genau unterrichtet. Man muß ihm eingestehen, daß in Allem, was er vornimmt, eine genaue und untrügliche Berechnung vorhanden ist.« »Aber wie erkennen wir ihn?« »Das wird nicht schwer sein. Ein Amerikaner ist sehr leicht zu erkennen oder zu erfragen.« »Aber nehmen wir an, daß er noch Leben hat.« »Nun, so thut ein Messerstich, ein Griff an die Gurgel das Uebrige. Lassen wir für jetzt solche unnütze Fragen. Wenn der Augenblick des Handelns gekommen ist, so wird sich Alles ganz von selbst ergeben.« »Gehen wir also?« »Ja. Komm!« Sie entfernten sich. Erst als ihre Schritte bereits seit Minuten nicht mehr zu hören waren, flüsterte Müller Fritz zu: »Komm. Jetzt können wir von der Stelle.« Sie krochen unter den Büschen hervor und dehnten ihre Glieder, welche sich in einer so unbequemen Lage befunden hatten. »Zwei schöne Kerls,« flüsterte Fritz dabei. »Galgenvögel.« »Eigentlich wäre es unsere Pflicht gewesen, sie unschädlich zu machen.« »Wie wolltest Du das anfangen, ohne uns zu verrathen?« »Sie einfach niederschlagen.« »Dadurch wäre es doch herausgekommen, daß sich Lauscher hier befunden haben. Nein. Wir mußten sie unbedingt laufen lassen.« »Vielleicht kann ich sie doch fassen. Was sie eigentlich doch nur beabsichtigen?« »Nun, einen Mordversuch auf diesen Amerikaner Deep-hill.« »Das versteht sich ganz von selbst, Herr Doctor. Aber wann und wie soll er ausgeführt werden?« »Hm! Das ist eben die Frage. Er kommt mit dem Mittagszuge in Thionville an?« »Ja, das habe ich genau gehört.« »Auf dem Bahnhofe können sie ihn doch nicht überfallen.« »Ganz unmöglich. Aber dann unterwegs.« »Wie es scheint, wird er sich nach Ortry zum Capitän begeben.« »Sicher. Und bis dahin will man ihn überfallen. Man muß das auf alle Fälle verhindern.« »Natürlich! Das wirst Du thun.« »Es wird schwer gehen. Ich fahre ja mit demselben Zuge weiter und habe also eigentlich keine Zeit.« »Es ist leichter, als Du denkst. Du fährst ja mit dem Frühzuge nach Trier. Dabei meldest Du die Angelegenheit der Bahnpolizei. Die wird den Amerikaner bei seiner Ankunft ausfindig zu machen wissen und ihn warnen. Uebrigens ist es ja leicht möglich, daß Du ihn während der Fahrt erfragen und dann sogar selbst unterrichten kannst.« »Wollen sehen. Aber, hm!« »Was hast Du noch für Bedenken?« »Ich muß dieser lieben Nanon mein Wort halten; ich muß mit ihr fahren; aber ich kann sehr leicht daran verhindert werden.« »Wieso?« »Es ist möglich, daß die Polizei mich zurückhält, wenn ich anzeige, was geschehen soll.« »Wohl schwerlich!« »Man wird mich ausfragen, auf welche Weise ich von dem Mordanschlage erfahren habe. Wie soll ich da antworten?« »Nun, die Polizei weiß, daß Du Kräutersammler bist. Da kann es ja gar nicht auffallen, wenn Du berichtest, daß Du Dich heute nach Hereinbruch der Dunkelheit noch im Walde befunden hast. Dort hast Du zwei Männer belauscht.« »Schön! Ich kannte sie nicht und ich getraute mich auch nicht, etwas gegen sie zu unternehmen, da sie bewaffnet waren, ich aber nicht. Jedoch, soll ich den Capitän erwähnen?« »Nein. Wer weiß, ob man Dir vielleicht glauben würde.« »Schön! So ist das also abgemacht! Gehen wir jetzt?« »Nein. Es kann mir gar nicht einfallen, diesen Ort zu verlassen, ohne mich ein wenig umgesehen zu haben. Wer weiß, wozu es gut ist, wenn ich mich orientire. Wollen einmal nach dem Eingange sehen.« »Ah, nach dem Keile, von dem der Alte sprach?« »Ja. Aus seinen Worten schließe ich, daß das Loch nur mittelst eines Keiles verschlossen und geöffnet werden kann. Dieser Keil muß sich also wohl in einer Ecke des Steines befinden. Suchen wir darnach.« Sie traten an das Felsstück, der Eine rechts und der Andere links und betasteten die Kanten desselben mit möglichster Genauigkeit. »Sapperlot! Hier muß es sein!« sagte nach kurzer Zeit Fritz. »Wo?« »Da unten in der Ecke. Ich drückte und da gab es nach.« »Laß sehen.« Müller untersuchte die Stelle, an welche Fritz ihm die Hand leitete und fand allerdings, daß Etwas dem Drucke seines Fingers nachgab. »Das ist's!« sagte er. »Das ist ein Keil, den man zurückschieben kann. Es ist ein Schnurende an ihn befestigt, um ihn wieder heranziehen zu können. So! Jetzt habe ich ihn hineingeschoben. Und nun wollen wir sehen, ob auch der Stein zu bewegen ist.« Er schob an dem Felsstücke und es ließ sich durch einen ganz leichten Druck aus seiner Lage bringen, es wich zurück. »Auf!« flüsterte Müller. »Jetzt können wir hinein. Komm, Fritz! Das Sesam ist geöffnet!« »Aber vorsichtig, Herr Doctor!« meinte der treue Diener. »Nehmen Sie den Revolver heraus!« »Habe ihn schon bei der Hand! Ich krieche voran und Du folgst hinter mir.« Die Oeffnung war groß genug, um einen Mann einzulassen. Das Loch ging nur kaum drei Fuß tief hinein und dann fühlte Müller, daß er sich erheben könne. Einige Augenblicke später stand Fritz neben ihm. »Haben Sie Ihre Laterne mit?« flüsterte er. »Natürlich! Aber wir müssen uns erst überzeugen, ob wir Licht machen dürfen.« »Es scheint Niemand hier zu sein!« »Wir wissen ja gar nicht, wo wir uns befinden! Es kann ein tief fortreichender Raum, ein Gang, ein Stollen sein. Machen wir hier Licht, so kann es im Hintergrunde bemerkt werden. Untersuchen wir also vorher den Raum im Finstern. Ich rechts und Du links. Aber leise und auch mit aller Vorsicht, damit wir nicht irgendwie verunglücken.« Er tastete sich fort, fühlte eine steinerne Wand, kam an eine Ecke, glitt über dieselbe hinweg und traf dann mit Fritz zusammen. »Du schon hier!« sagte er. »Wir befinden uns also in einem viereckigen Keller, wie es scheint. Nicht?« »Ganz sicher. Haben Sie eine Thür bemerkt?« »Nein.« »Ich auch nicht.« »Aber es muß dennoch eine solche da sein. Der Capitän kann doch nicht durch die Mauer verschwinden. Brennen wir an!« Er zog die Blendlaterne aus der Tasche und machte Licht. Jetzt sahen sie, daß ihre Vermuthungen richtig gewesen waren. Sie befanden sich in einem viereckigen Raume; die Mauern bestanden aus hartem, gut zusammen gekitteten Gestein. Eine Thür war nicht zu sehen. »Wollen wir sie suchen?« fragte Fritz. »Natürlich!« »Wo mag sie sich befinden?« »Das ist nicht schwer zu sagen. In der Decke natürlich nicht.« »Richtig!« lachte Fritz. »Also auf dem Fußboden?« »Schwerlich! Es muß einen Gang hier geben. Dieser führt in der einzig möglichen Richtung, also geradeaus fort. Folglich kann die verborgene Thür sich nur in der Rückwand befinden, dem Loche gegenüber, durch welches wir hereingekommen sind.« »So werden wir sie wohl auch finden!« »Hoffentlich! Vorher aber wollen wir den Stein zurückschieben und den Keil ins Loch stecken. Verschließen wir das Loch, so können wir von draußen nicht beobachtet werden.« Dies wurde gethan. Es ließ sich ganz leicht ausführen. Dann untersuchten sie den Fußboden mit den Absätzen ihrer Stiefel und sogar auch mit den Händen. »Der Boden ist wirklich massiv,« sagte Fritz. »Es giebt keine leere Stelle, und eine Fallthüre ist also nicht vorhanden. Nun aber die hintere Mauer!« Er trat hinzu und begann zu klopfen. »Halt!« sagte da Müller rasch. »Nicht klopfen! Wir wissen ja gar nicht, was sich hinter dieser Mauer befindet!« »Aber wie wollen wir dann entdecken, wo eine hohle Stelle ist, Herr Doctor?« »Denke nur nach, lieber Fritz! Du hast hier Stein und überall Stein. Eine Thüre im gewöhnlichen Sinne kann es also gar nicht geben. Ich vermuthe vielmehr, daß der Eingang, den wir suchen, grad so in einem Loche besteht, wie das ist, durch welches wir hereingekrochen sind.« »Hm! Ein Stein zum Zurückschieben?« »Ja,« »Und ein Keil dabei?« »Vermuthlich. Ein Keil mit einer Schnur daran, um sich seiner auch dann noch bemächtigen zu können, wenn er zurückgezogen ist. Suchen wir.« »Also unten am Boden.« »Und so ziemlich gewiß in der Mitte der Mauerbreite.« Er leuchtete in der angedeuteten Richtung bis nahe an die Erde herab und sofort rief Fritz: »Sapperlot! Das nenne ich Scharfsinn!« »Siehst Du etwas?« »Ja. Hier giebt es eine Schnur. Bitte, halten Sie das Licht näher heran!« Müller that dies und bemerkte nun allerdings die dünne Schnur, welche da befestigt war. »Siehst Du!« sagte er erfreut. »Das ist der Keil. Und hier dieser Mauerstein bildet die Thür. Er geht jedenfalls auch auf einer Rolle wie der andere Eingang. Versuchen wir, ob sich Beides bewegen läßt!« Der Versuch gelang. Sie standen jetzt vor einer Oeffnung, welche fast genau derjenigen glich, durch welche sie gekommen waren. »Kriechen wir hindurch?« fragte Fritz. »Natürlich! Doch will ich vorher die Laterne verbergen. Man weiß ja nicht, ob es da drüben offene Augen giebt.« Er verschloß das Laternchen, dessen Licht jedoch fortbrannte und kroch voran. Fritz folgte ihm. Drüben fühlten Beide, daß sie sich in einem schmalen Gange befanden. »Wohin wird er führen?« flüsterte Fritz. »Wir müssen es zu erfahren suchen. Dazu brauchen wir die Laterne, müssen aber erst wissen, ob ich das Licht zeigen darf. Horchen wir einmal!« Erst nachdem sie sich einige Minuten ganz lautlos verhalten und trotzdem nichts Beunruhigendes gehört hatten, zog Müller die Laterne hervor und ließ das Licht derselben vor sich hinfallen. »Man sieht kein Ende,« sagte Fritz im leisesten Tone. »Der Gang führt grad aus. Folgen wir ihm; aber ganz leise. Und vorher machen wir hier dieses Loch zu.« Der Stein wurde zurückgeschoben und dann schritten sie vorwärts, aber so leise, daß kaum sie selbst das Geräusch vernahmen, welches sie verursachten. Nach einiger Zeit bemerkten sie rechts eine Thür, welche aus starkem, hartem Holze gefertigt war, dann zur linken Hand eine zweite, später eine dritte und vierte. Diese Thüren waren mit Eisen beschlagen und mit sehr festen Schlössern versehen. »Was mag dahinter stecken?« flüsterte Fritz. »Das interessirt mich auch. Wir müssen es erfahren, wenn auch nicht sogleich heut. Für jetzt ist mir die Hauptsache, zu sehen, wo dieser Gang mündet.« Sie setzten ihren Weg fort. Dabei gebrauchte aber Müller die Vorsicht, nur zuweilen einen blitzartigen Lichtstrahl vor sich hin zu werfen. Er mußte ja immer den Fall annehmen, daß sich vor ihnen Menschen befinden könnten. So waren sie eine ganz beträchtliche Strecke vorwärts gekommen, als Müller plötzlich stehen blieb und, nach rückwärts greifend, Fritzens Hand erfaßte. »Pst!« wisperte er. »Was ist das?« Sie waren abermals an einer Thüre angelangt. Diese war nicht verschlossen, sondern geöffnet und angelehnt. Müller steckte schnell die Laterne in die Tasche und zog die Thür ein Wenig zurück. Er erblickte Nichts; es befand sich tiefes Dunkel vor ihm. Er öffnete die Thür noch etwas weiter und trat ein. Fritz folgte ihm auf dem Fuße. »Still!« flüsterte Müller und lauschte. Wieder verging eine Weile, dann bemerkte Fritz: »Da hinten links wird gesprochen.« »Ja. Ich höre es auch.« »Ob das ein Zimmer ist oder wieder ein Gang?« »Ein Gang wohl nicht; ich fühle keine Seitenwände. Aber doch! Nein, das ist keine Mauer; das sind Kisten, welche über einander stehen.« »Hier rechts bei mir auch.« »Wagen wir es einmal!« Er zog die Laterne hervor und ließ einen schnellen Schein vor sich hinfallen. »Hast Du gesehen?« fragte er. »Ja. Es muß ein großes Gewölbe sein. Kisten stehen bis zur Decke empor. Es geht gerade vorwärts zwischen ihnen hindurch.« »Ja. Und dann scheint es sich nach links zu biegen, nach der Richtung, in welcher gesprochen wird.« »Wollen wir es wagen, Herr Doctor?« »Ja. Komm!« Die auf einander geschichteten Kisten bildeten einen Gang, den die Beiden verfolgten, unhörbar natürlich. Dieser Gang bog plötzlich links ab. Und als sie dort anlangten, gewahrten sie, ziemlich weit entfernt von sich, eine erleuchtete Stelle. »Auch das wird gewagt,« entschied Müller. »Ich muß wissen, was hier getrieben wird! Sie schritten leise, leise weiter. Sie näherten sich der hellen Stelle mehr und mehr und nun drangen auch die Stimmen immer deutlicher an ihr Ohr. Noch konnten sie keinen Menschen sehen, aber Müller raunte doch seinem Gefährten zu: »Der alte Capitän und der alte Graf Rallion. Ich erkenne sie an ihren Stimmen. Bleib hier stehen!« »Um Gotteswillen! Wollen Sie allein vorwärts?« »Ja. Es giebt keine Gefahr. Sollte ich aber rufen, so kommst Du sofort nach!« Er setzte den Weg Schritt um Schritt fort, bis er bemerkte, daß sich zwischen dem Kistenlager ein Viereck öffnete. Dort saßen auf einer Truhe die beiden Genannten. Auf einem Brette vor ihnen stand Wein und die brennende Laterne. Sie rauchten Cigarren und unterhielten sich in ziemlich lautem Tone. Sie ahnten ja gar nicht, daß sie sich nicht allein befanden. Sie hätten das ja gar nicht für möglich gehalten. Müller hörte, daß der Graf sagte: »Und dadurch wollen Sie das Mädchen wirklich zwingen?« »Sicher!« »Sie wird, befürchte ich, nur obstinater werden!« »Das treibe ich ihr aus. Finsterniß, Durst und Hunger brechen auch den stärksten Willen. Sie muß Ja sagen.« »Vielleicht thut sie das, wird aber ihr Versprechen wohl nicht halten!« »Da kennen Sie ihren Character nicht. Was sie einmal verspricht, das hält sie auch, und sollte es zu ihrem größten Unglücke sein.« »Und wann soll es geschehen?« »Sobald es paßt. Heute, morgen, übermorgen!« »Und wenn sie sich dennoch nicht entschließt?« Da deutete der Alte mit dem Daumen über seine Achsel nach rückwärts und sagte, höhnisch lachend: »Da drinnen? Sich nicht entschließen? Sie wird mir noch gute Worte geben, mir meinen Willen thun zu dürfen. Darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Aber lassen wir das. Ich bin meiner Sache sicher, und Sie können ruhig abreisen.« »Leider muß ich! Wer weiß, wann wir uns Wiedersehen werden! Jeder Tag kann jetzt das Erwartete und auch das Unerwartete bringen.« »Nun, wir sind gerüstet, wie Sie sehen. Alle diese Gewölbe sind voller Waffen und Munition; ich wollte, es ginge bereits morgen los!« »Man wird nicht ermangeln, sich zu beeilen. Man fängt keinen Krieg im Dezember an, und jetzt haben wir bereits den Sommer vor der Thür.« »Nun, Sie können melden, daß wir hier so ziemlich gerüstet sind. Ich bin bereit, die Rechnung mit Deutschland, welche so lange unberichtigt geblieben ist, einzufordern. Nun aber trinken wir aus, und gehen wir. Es gab heute viel zu schaffen, viel Aerger und Verdruß. Ich bin müde.« »Ja, gehen wir. Schließen Sie aber die Lieferbücher und den Wein hier vorher in den Kasten.« »Natürlich! Ah, wo habe ich denn nur die Schlüssel!« Müller hatte genug gehört. Er kehrte, so eilig dies möglich war, zu Fritz zurück und zog denselben mit sich fort. »Rasch! Sie gehen!« Als sie um die Ecke gebogen waren und sich der Thür näherten, konnte Müller es wagen, einen Schein aus der Laterne fallen zu lassen, um den Weg ohne Anstoß finden zu können. Da flüsterte Fritz: »Sapperment! Zwei Schlüssel!« »Wo?« »Hier auf dem Kistenrande, welcher hervorragt.« »Her damit!« Müller griff zu, nahm die Schlüssel an sich und trat durch die Thür, welche sie offen gelassen hatten, in den Gang hinaus. Fritz lehnte sie wieder an, so wie sie sie gefunden hatten. »Jetzt schnell zurück!« gebot Müller. Er ließ jetzt die Laterne voll auf den Weg scheinen. Sie eilten den Weg zurück, den sie gekommen waren, aber nur bis zur nächsten Thür, an welcher sie vorhin vorüber passirt waren. Dort zog Müller die Schlüssel hervor. »Sie wollen doch nicht gar hier hinein?« fragte Fritz. »Natürlich! Ob er schließen wird?« Er probirte in fieberhafter Eile. Welch ein Glück! Der eine der Schlüssel öffnete das Schloß. Müller zog die Thür auf und den Schlüssel ab, trat mit Fritz in den Raum, der ihnen finster entgegen gähnte und schloß die Thür von innen wieder zu. »Was wollen wir denn hier?« fragte Fritz. »Der Capitän suchte die Schlüssels, und wir haben sie. Es ist möglich, daß er glaubt, sie verlegt zu haben; aber ebenso möglich ist es auch, daß er Verdacht schöpft. In diesem Falle kehrt er sicher zurück, um zu sehen, ob sich eine Spur davon finden läßt, daß ein Unberufener hier gewesen ist. Dann muß ich möglichst wissen, was er denkt, und darum verstecke ich mich hier! Wenn wir sofort fliehen, weiß ich doch nicht, welche Ansicht er über das Verschwinden der Schlüssel hat.« »Aber wir spielen ein gewagtes Spiel.« »Nicht so sehr, wie Du denkst. Hier herein kann er nicht und übrigens sind wir bewaffnet.« »Na, ich fürchte mich auch nicht etwa. Aber, Herr Doctor, Sie hatten es so eilig; ich dachte, die beiden Kerls wären hart hinter ihnen her und nun hört man nichts von ihnen.« »Sie werden eben nach den Schlüsseln suchen! Horch!« Er drehte den Schlüssel im Schlosse um und öffnete die Thür ein Wenig. Durch diese Lücke bemerkte er, in den Gang hinaus lugend, den Grafen und den Capitän, welche jetzt in den Gang hinausgetreten waren. Sie sprachen laut miteinander, jedenfalls ein gutes Zeichen für Müller. Hätten sie Verdacht gehabt, so wäre ihre Unterhaltung jedenfalls eine leisere gewesen. Die beiden Thüren waren vielleicht fünfzig Fuß von einander entfernt. Diesem Umstande war es zu danken, daß Müller hörte, was gesprochen wurde. »Nein,« sagte der Capitän; »ich habe sie nicht hierher gelegt. Ich habe sie mit hinter genommen. Ich mußte doch die Zelle und auch die Truhe aufschließen.« »Ja. Aber dann gingen wir vor nach der Thür, um die Kisten zu zählen.« »Da hätte ich die Schlüssel mitgehabt?« »Sie haben sie da auf eine der Kisten gelegt, wie ich glaube.« »Dann müßten sie noch da liegen.« »Hm! Befinden wir uns wirklich ganz allein hier?« »Ohne allen Zweifel.« »Nun, Sie müssen am Besten wissen, ob Jemand Zutritt hat. Ich glaube mich in Beziehung der Schlüssel nicht zu irren.« »Und doch irren Sie sich. Ich habe sie mit ganz hinten gehabt. Sie sind mir jedenfalls zwischen zwei Kisten hinabgefallen. Es ist mir unangenehm, aber ich habe keine Zeit zu suchen und Alles umzustürzen.« »Aber was wird hier mit der Thüre?« »Die bleibt einstweilen angelehnt. Ich muß wieder zurück, um sie zu verschließen.« »Haben Sie denn noch andere Schlüssel?« »Gewiß. Ein Schlüssel geht leicht verloren, ich befinde mich darum im Besitze doppelter Hauptschlüssel.« »Donnerwetter. Hauptschlüssel waren es? Ist das nicht ziemlich unvorsichtig von Ihnen?« Die Frage mochte den Alten wohl ärgern. Er antwortete: »Lassen Sie mich in Ruhe. Ich bin kein Schulknabe, sondern alt genug, um zu wissen was ich thue. Wenn sich unser Lager leert, werden sich die verlorenen Schlüssel ganz sicher wiederfinden. Pasta! Gehen wir.« Fortsetzung 73 Der Alte zog den Grafen mit sich fort. Auch Fritz hatte diese Unterredung mit angehört. Jetzt sagte er leise: »Gratulire, Herr Doctor! Hauptschlüssel! Donnerwetter!« »Ja, das ist ein Zufall, dem wir vielleicht sehr viel zu verdanken haben werden. Wie gut, daß Du sie bemerktest.« »Und wie ebenso gut, daß Sie gerade dort die Laterne aufmachten. Ich hätte übrigens den Alten für klüger gehalten. Er ist wirklich leichtsinnig.« »Das denke ich nicht. Er kann es wirklich nicht für möglich halten, daß Jemand in seiner Gegenwart in diesen unterirdischen Raum eindringt, um ihm seine Hauptschlüssel zu stehlen.« »Nun können wir Alles genau durchsuchen.« »Für heute werden wir das unterlassen.« »Ah! Wie schade. Warum?« »Hast Du nicht gehört, daß der Alte zurückkehren wird? Ich werde mich sehr hüten, mich von ihm überraschen zu lassen.« »Wir müssen nur vorsichtig sein.« »Aber wir wissen nicht, ob diese Vorsicht hinreichend sein wird. Die beste Vorsicht ist jedenfalls, für heute auf alles Weitere zu verzichten. Wir kennen die Räumlichkeiten nicht. Es ist sehr leicht geschehen, daß man in eine Falle geräth, von der man keine Ahnung hatte.« »So gehen wir also?« »Nein, wir bleiben.« »Sapperment! Diese Beiden sind ja fort.« »Ganz richtig. Aber ich bleibe dennoch, bis der Alte wieder da gewesen ist. Ich muß sehen, ob er zuschließt und dann beruhigt ist. Es kommt für mich viel darauf an, zu wissen, ob er Unruhe oder gar Bedenken hegt.« »Schön! So können wir uns einstweilen hier umsehen!« Müller schloß die Thür wieder zu und öffnete dann die Laterne vollständig. Auch hier befanden sie sich in einem großen Gewölbe, welches bis an die Decke mit Kisten und Fässern angefüllt war. »Jedenfalls Waffen und Pulver,« meinte Fritz. »Donnerwetter! Ein einziges Lichtfünkchen in eines dieser Fässer und die ganze Prosit die Mahlzeit flöge in die Luft. So eine Güte möchte ich mir thun.« »Und mit in die Luft fliegen.« »Oho! Ich würde mich bei Zeiten salviren. Man müßte eine Zündschnur legen, welche lang genug wäre, so, daß man sich bis zum Augenblicke der Explosion in Sicherheit befände.« »Es wäre jammerschade um diese reichen Vorräthe.« »Jawohl. Welch eine Beute für uns.« »Und doch kann, selbst wenn wir Sieger wären, sehr leicht der Fall eintreten, daß uns diese Beute verloren geht.« »Wieso? Lieber würde ich sie in die Luft sprengen als zugeben, daß sich die Franctireurs mit diesen Gewehren gegen uns bewaffnen.« »Eben diesen Fall meine ich ja.« »Also doch in die Luft. Hm. Wir müssen auf alle Fälle sehen, aus was diese Vorräthe bestehen.« »Ja, wir werden diese Gänge und Gewölbe genau untersuchen. Freilich gehört dazu viel Zeit.« »Und dabei werden wir von dem Alten überrumppelt.« »Ich dachte eben auch daran. Man müßte ein Mittel finden, ihn abzuhalten, herunter zu kommen.« »Welches Mittel meinen Sie?« »Man müßte darüber nachdenken.« »Warum erst viel nachdenken? Ein solches Mittel ist sehr leicht gefunden.« »Bist Du wirklich so außerordentlich scharfsinnig?« »Ja. Ich habe bereits eins.« »Das geht ja außerordentlich schnell.« »Schnell denken und gut denken, das ist ein Vorzug, den der Soldat haben muß.« »Nun, so sage Dein Mittel.« »Man macht den Alten krank und bettlägerig, so daß er sein Zimmer nicht zu verlassen vermag.« »Der Gedanke ist nicht schlecht. Aber wie willst Du eine Krankheit hervorbringen?« »Sie vergessen, daß ich Kräutersucher bin.« »Ja, und außerordentlicher Pflanzenkenner. Aber ich weiß denn doch nicht, ob man sich auf Dich verlassen könnte. Du wirst Deine Studien wohl schwerlich weiter gemacht haben als bis zum Wegebreit und zur Brennnessel.« »Oho! Ich kenne meine Mittel! Ich würde dem Alten ein Tuch voll Stechapfel geben.« »Nicht übel!« »Oder eine Schürze voll Tollkirschen.« »Das wirkt.« »Einen Tragkorb voll Taumellolch.« »Immer besser.« »Oder einen Sack voll Bovist und Fliegenschwamm.« »Dann wären wir den Capitän ganz und gar los. Nein, eines solchen Radicalmittels wollen wir uns ja nicht bedienen.« »Nun, so weiß ich etwas Besseres.« »Was?« »Doctor Bertrand.« »Der? Was ist mit ihm?« »Ich wende mich an ihn und bitte ihn um ein Mittel, durch welches der Mensch absolut unfähig wird, das Bett zu verlassen.« »Das ist zu gefährlich.« »O nein. Das Mittel soll nur auf einige Tage wirken.« »Gewiß. Ich würde vor der Anwendung eines solchen Medicamentes auch gar nicht zurückschrecken. Aber ich meine, daß es für uns gefährlich ist.« »Wir nehmen die Medicin doch nicht ein.« »Nein. Ich weiß nicht, ob ich mich dem Doctor anzuvertrauen gedächte.« »O, der ist verschwiegen. Ihm können Sie Ihr ganzes Vertrauen schenken.« »Möglich. Aber er gehört jetzt zur hiesigen Bevölkerung, und da ist es jedenfalls besser, daß man sich gar nicht an ihn zu wenden braucht. Aber horch! Man kommt!« Er öffnete leise die Thür. Er hatte sich nicht geirrt, denn er sah den Capitän zurückkehren. Dieser trug eine Laterne in der Hand und einen Schlüssel in der anderen. Er schloß die betreffende Thür zu und entfernte sich dann. »Ob er wirklich ganz ohne allen Verdacht ist?« fragte Fritz. »Ganz und gar. Er hat ganz das Aussehen und Thun eines Mannes, welcher nicht die geringste Ursache zur kleinsten Befürchtung hegt.« »Nun, dann segne ihn der Himmel für dieses Vertrauen. Wir werden uns alle Mühe geben, es zu täuschen! Gehen wir nun?« »Warten wir einige Augenblicke. Ich muß, ehe ich von hier aufbreche, erst überzeugt sein, daß er sich vollständig zurückgezogen hat.« »Und wann untersuchen wir diese Räume?« »So bald wie möglich!« »Das ist mir unangenehm, da ich morgen und übermorgen nicht anwesend bin.« »Nun, es ist mir auch lieber, Dich dabei zu haben. Wenn also nicht ein Grund zur Eile eintritt, so werde ich warten, bis Du zurückgekehrt bist.« »Ich danke! Wissen Sie, welche Ansicht ich über den Gang da draußen hege?« »Nun?« »Daß er in kerzengerader Richtung nach Schloß Ortry führt!« »Das ist auch meine Meinung. Das Schloß und das Waldloch liegen gerade in derselben Richtung auseinander, welche der Gang einschlägt. Meine Vermuthung geht sogar noch weiter als die Deinige.« »Daß der Gang noch weiter als bis zum Schlosse führt?« »Nein, weiter nicht. Ich meine aber, daß er zwei Seitengänge in sich aufnimmt!« »Ah! Woher oder wohin?« »Rechts nach dem alten Thurme und links nach der Ruine, in der Du beinahe ergriffen worden wärst.« »Sapperlot! Das ist sehr leicht möglich. Es hat früher eine Ritterburg hier gegeben, und man weiß ja, daß sich unter diesen Raubnestern gewöhnlich viele Gänge, Gewölbe und Verließe befanden. Wie gut, daß wir die Schlüssel haben!« »Die werden uns hierbei nur wenig nützen, wenn mich meine Vermuthung nicht täuscht.« »Es sind ja Hauptschlüssel, die Alles schließen!« »Doch nur Thüren.« »Nun ja, das ist's ja, was ich meine.« »Ich aber denke, daß die Gänge gerade so durch einen Stein verschlossen werden, wie derjenige, in dem wir uns gegenwärtig befinden.« »Das kann allerdings zutreffen. Uebrigens ist uns das so ziemlich gleich. Wir kennen ja das Geheimniß.« »Und werden es auszunützen wissen. Halte Dich nur nicht zu lange bei dem Begräbnisse auf. Man weiß nicht, was passiren kann, und in unserer Lage kann jede einzelne Minute kostbar sein.« »Das weiß ich. An dem Begräbnisse liegt mir eigentlich gar nichts. Viel lieber säße ich mit Nanon im Walde beisammen.« »Auf dem Kräutersacke!« »Ja, Herr Doctor. Jedenfalls ist mir dies doch noch angenehmer, als mit ihr bei Sturm, Regen, Blitz und Donner durch die Mosel zu schwimmen.« »Glaubs, lieber Fritz! Nun aber wird der Alte völlig verschwunden sein. Wir wollen also gehen.« Sie brachen auf. Müller verschloß die Thür und steckte die Schlüssel ein. Auf dem Rückwege bediente er sich ganz ohne Scheu der Laterne; er war überzeugt, daß jetzt ein Grund zu weit getriebener Vorsicht nicht vorhanden sei. Sie gelangten, nachdem sie den beiden Zugangssteinen ihre Lage wieder gegeben hatten, in das Freie und traten den Heimweg an. An dem Orte, wo dies schon einige Male geschehen war, trennten Sie sich. Dabei wurden nicht viele Worte gemacht, da alles Nöthige bereits besprochen worden war. Müller gelangte auf seinem gewöhnlichen Wege, nämlich dem Blitzableiter, in sein Zimmer, wo er sich zur Ruhe legte. Fritz hatte einen weiteren Weg. Er ging mit sich über sehr Verschiedenes zu Rathe. Besonders ging ihm der Gedanke an das Mittel, den alten Capitän krank zu machen, im Kopfe herum und als er bei der Heimkehr noch Licht in der Studierstube des Doctor Bertrand bemerkte, klopfte er leise an die Thür desselben und trat ein. Der Arzt wunderte sich nicht wenig, noch mitten in der Nacht diesen Besuch zu erhalten. »Monsieur, Sie?« fragte er. »Es muß etwas sehr Nothwendiges sein, was Sie zu mir führt. Ist Jemand krank?« »Nein, Herr Doctor,« lächelte der Wachtmeister. »Es ist vielmehr sogar Jemand ganz todt und eine andere Person soll erst krank werden.« »Ganz todt? Ah! Eine Leichenschau? Und krank werden? Das verstehe ich nicht.« »So muß ich mich verständlicher machen.« »Ich bitte Sie darum. Setzen Sie sich, und stecken Sie sich hier eine von diesen Cigarren an.« »Mit Vergnügen, denn Sie pflegen nichts Schlechtes zu rauchen.« Fritz wußte ganz genau, wie er mit dem Arzte hielt. Dieser hatte ihm genug Andeutungen gegeben, daß er sich gegebenen Falles auf ihn verlassen könne. Der Wachtmeister brannte sich ganz ungenirt eine Cigarre an, nahm Platz und sagte: »Ich bin Ihr Diener, Herr Doctor, Ihr Kräutermann, also Ihr Untergebener und da – –« »Ah pah, lieber Herr,« fiel da der Doctor schnell ein. »Sie beginnen mit vollständig falschen Prämissen. Ich bin nicht Ihr Herr, Ihr Prinzipal, sondern Ihr Freund und stelle mich Ihnen zur Verfügung.« »Danke bestens! Würden Sie mir einen Urlaub von zwei Tagen geben?« »Gern. So lange Sie wollen. Sie wissen ja eben so gut wie ich selbst, daß Sie nicht von mir abhängig sind. Sie wollen reisen?« »Ja.« »Wohin?« »Zu dem Todten,von welchem ich sprach und den Sie glücklicher Weise nicht beschauen brauchen. Er wird nicht wieder lebendig. Er ist ein Verwandter von Mademoiselle Nanon, nämlich ihr Pflegevater. Sie will beim Begräbnisse gegenwärtig sein, und da hat sie mich gebeten – –« »Sie zu begleiten?« fiel der Arzt ein. »Ja, so ist es.« Bertrand lächelte vielsagend, verbeugte sich und meinte: »Gratulire,« »Zu der Leiche? Ah, das ist nicht gebräuchlich.« »Nein, sondern zu der Eroberung.« »Hm. Das ist eine zweifelhafte Geschichte. Nicht ich habe sie, sondern sie hat mich erobert.« »Es ist ganz das gleiche Glück. Wie ich Mademoiselle Nanon kenne, so würde ich sie selbst heirathen, wenn – –« »Wenn ich es mir gefallen ließe, Herr Doctor. Da ich es mir aber auf keinen Fall gefallen lasse, so – – verstanden?« »Verstanden,« lachte Bertrand. »Also über das Eine sind wir uns klar. Wie nun das Andere?« »Der, welcher krank werden soll?« »Ja.« »Na! Hm! Das ist eine eigenthümliche Sache. Ich quäle mich umsonst, dazu die richtige Einleitung zu finden.« »So bitte, sprechen Sie ohne Introduction.« »Gut! Schön! Ich kenne nämlich einen Menschen, einen schlechten Kerl, um den es gar nicht schade wäre, wenn ihn der Teufel holte.« »Das ist sehr unchristlich gedacht.« »Sehr christlich sogar, denn das Christenthum lehrt ja von einem Teufel, welcher umhergeht und die Menschen verschlingt. Uebrigens war dieses »Teufel holen« nur ein bildlicher Ausdruck. Ich meinte den Tod anstatt den Teufel und wollte sagen, daß es nicht schade wäre, wenn dieser Mensch zu seinen Ahnen versammelt würde.« »So, so. Weiter.« »Dennoch will ich ihn nicht ganz und gar todt machen.« »Sehr mild und liebenswürdig.« »Ja; ich finde das auch. Er soll nämlich nur für kurze Zeit krank werden.« »Das ist ein ganz eigenthümlicher Vorsatz, lieber Herr.« »Ich habe nämlich alle Gründe dazu.« »Und ich errathe, warum Sie zu mir kommen, um es mir zu sagen.« »Das ist mir lieb. Ich wünsche nichts Unbilliges; ich verlange und beabsichtige nichts, was verbrecherisch wäre. Der Mann, von welchem ich spreche, hat nämlich gewisse Absichten, welche ich nicht zu Stande kommen lassen darf. Ich kann sie aber nur dann verhindern, wenn es mir möglich ist, ihn für einige Tage an das Zimmer, an das Bett zu fesseln.« »Hm! Er ist es also, der krank werden soll?« »Ja.« »Ich will nicht fragen, von wem Sie sprechen. Ich kenne Sie und vertraue Ihnen. Aber Eins muß ich fragen: Weiß der Herr Doctor Müller von der Sache?« »Ja.« »Billigt er sie?« »Ganz und gar.« »Hat er gesagt, daß Sie sich in dieser Angelegenheit an Jemand, an mich wenden sollen?« »Nein. Ich selbst habe ihm diese Proposition gemacht.« »Und er hat seine Genehmigung ertheilt?« »Er hat sie mir nicht gerade verweigert; er hat das Gespräch abgebrochen.« »Ich verstehe das. Er hat gewußt, daß ich Ihnen nicht zu Diensten stehen darf.« Er machte bei diesen Worten eine so eigenthümliche Miene, daß Fritz ein geistig wenig begabter Mensch gewesen wäre, wenn er ihn nicht sofort verstanden hätte. Er sagte darum: »Das weiß auch ich. Es war auch gar nicht meine Absicht, eine Bitte an Sie zu richten. Aber die Sache begann, mich zu interessiren, und da ich noch Licht bemerkte, glaubte ich, Sie für einen Augenblick stören zu dürfen. Giebt es wirklich Mittel, Krankheiten hervorzurufen?« »Gewiß!« »Aber diese Mittel sind gefährlich?« »In der Hand des Laien, ja. Der Arzt ist öfterer in der Lage, sie anzuwenden.« »Sapperlot! Der Arzt macht also öfters seine Patienten krank?« »Ja, und zwar, um Schlimmeres abzuwenden. Ich werde Ihnen dies an einem Beispiele erklären. Ich impfe eine Person, das heißt, ich bringe einige vorübergehende unschädliche Pusteln hervor, damit diese Person vor der oft lebensgefährlichen Blatternkrankheit bewahrt bleibe.« »Das ist leicht einzusehen. Ich bin ebenso. Ich habe im Kriege als Soldat einem Feinde mit dem Säbel Eins in den Arm versetzt, damit ich ihm nicht den Kopf entzwei zu hauen brauchte. Auch mein Mittel ist, wie Sie zugeben werden, in der Hand des Laien gefährlich. Ihre Mittel sind nur in der Apotheke zu haben?« »Eigentlich! Doch giebt es auch Aerzte, welche eine eigene Hausapotheke besitzen.« »Das ist bequem.« »Und zuweilen auch nothwendig. Es giebt mitunter Patienten, denen man den Gang in die Apotheke oder die Ausgabe des Geldes ersparen will oder ersparen kann. Kommt zuweilen Jemand zu mir, den der Zahn schmerzt, warum soll ich ihn erst in die Apotheke schicken, wenn ich ein Mittel selbst habe, welches fast augenblicklich hilft?« »Sapperlot! Das ist gut! Das freut mich!« »Wieso?« »Weil auch ich fürchterliche Zahnschmerzen habe.« »Seit wann?« »Seit drei Tagen.« »Wo?« »Rechts im Schneidezahn und links in den zwei hintersten Backzähnen.« »O weh! Wollen Sie einmal zeigen?« »Ja. Hier!« Er trat mit der ernsthaftesten Miene vor den Arzt hin und öffnete den Mund so weit er konnte. Bertrand nahm mit ebenso ernster Miene das Licht zur Hand, leuchtete in die Mundhöhle, führte den Finger ein und fragte: »Ist das der betreffende Schneidezahn?« »Ja.« »Und sind dies die beiden Backzähne?« »Ja, sie sind es.« »Nun, dann haben Sie die Güte, einen Augenblick zu warten. Ich werde Sie sofort bedienen. Zahnschmerz ist ein böses Ding. Man kann ihn nicht schnell genug los werden.« »Das ist wahr. Ich will Vivat rufen, wenn er endlich einmal vorüber ist!«. »Das wird in zwei Minuten der Fall sein.« Der Arzt hatte, als er in die Mundhöhle leuchtete, zwei glänzende Reihen der prachtvollsten, gesundesten Zähne gesehen. Dennoch brachte er jetzt einen Kasten herbei, welcher ein sehr verhängnißvolles Aeußere hatte. Er öffnete ihn, und Fritz erblickte eine Sammlung jener allerliebsten Instrumente, Schlüssel und Geisfüße, bei deren bloßen Anblick der Schmerz zu verschwinden pflegt. »Was ist das?« fragte er, einigermaßen bestürzt. »Das sind meine Zahnbrecher.« »Alle Teufel! Sind denn die bei mir nothwendig?« »Leider sehr.« »O weh! Das ist eine verdammte Geschichte!« Es war dem Wachtmeister jetzt zu Muthe, als ob ihn alle zweiunddreißig Zähne schmerzten. »Es muß aber überstanden werden,« meinte Bertrand. »Der Schneidezahn wird wohl noch zu retten sein; aber die beiden Backzähne sind unwiederruflich hin und verloren. Sie müssen heraus.« »Das brauchten sie mir aber nicht anzuthun, nachdem sie bereits so lange Zeit mit mir zusammen gelebt haben.« »Sie sind ganz angefressen.« »Das ist eigenthümlich. Wer soll sie angefressen haben, da sie es doch sind, deren größte Leidenschaft das Fressen war? Giebt es denn nicht eine friedlichere Auskunft? So eine Art freiwillige Vereinbarung?« »Die giebt es allerdings.« »So möchte ich bitten!« »Ich muß Ihnen aber sagen, daß Ihnen damit nicht gedient sein kann!« »Warum?« »Diese Vereinbarung hat keinen langen Bestand. Der Zahnnerv läßt sich vorübergehend betäuben, fängt aber bald wieder an.« »Aber es ist doch humaner, menschlicher gehandelt, wenn ich diesen Nerv nicht sofort tödte, sondern ihm vor der Hand einen kleinen Klapps gebe, damit er gewarnt ist.« »Das ist Ihre Ansicht, aber die meinige nicht. Also, wollen wir?« Er zog den größten seiner Schlüssel hervor und machte eine Bewegung, als gälte es, einem Elephanten den Stoßzahn aus dem Kopfe zu drehen. »Danke bestens!« wehrte Fritz ab. »Lassen Sie die Zange wo sie ist, und versuchen wir es lieber einmal mit einigen Tropfen. Haben Sie nicht Zimmttinktur oder Odoatine?« »Ich habe Beides, kann Ihnen aber den Schmerz nicht lindern. Ein ganz neues Mittel giebt es allerdings, welches den Zahnschmerz augenblicklich und für immer stillt; aber ich kann dieses Mittel nur genauen Bekannten geben.« »Warum?« »Es hat eine gefährliche Seite. Ein Tropfen auf den Zahn stillt alles Weh; eine größere Quantität aber in das Essen oder Trinken macht den, der es genießt, für Tage lang zum Patienten, der das Bett nicht verlassen kann.« »Das ist heimtückisch!« »Ja. Und wie leicht kommt eine Verwechslung vor!« »In das Essen, anstatt auf den Zahn!« nickte Fritz verständnißinnig. »Und vierzig Tropfen, anstatt eines einzigen.« »Ja; man verzählt sich zuweilen. Man müßte also mit diesem Mittel sehr vorsichtig sein. Riecht es stark?« »Nein, gar nicht.« »Welche Farbe hat es?« »Es ist hell wie Wasser.« »Schmeckt es schlecht?« »Es hat gar keinen Geschmack. Gerade darum ist es so außerordentlich gefährlich, weil es von Dem, der es genießt, also gar nicht bemerkt wird.« »Sind die Nachwehen schlimm?« »Die giebt es nicht. Das ist wieder eine gute Seite dieses Mittels.« »So ist es mir doch noch lieber als alle Ihre Zangen und Bohrer. Darf ich es versuchen?« »Ja. Hier haben Sie das Fläschchen. Also einen einzigen Tropfen, nicht aber vierzig!« »Sapperlot! Wenn ich mich nun verzähle und gar achtzig nehme?« »Das ist unmöglich, es enthält wohl nicht mehr als vierzig Tropfen.« »Wie gescheidt. Da bin ich beruhigt. Und die Rechnung?« »Ich nehme nichts, stelle aber die Bedingung, daß ich Ihnen die beiden Backzähne ziehen darf, wenn diese Tropfen nicht helfen sollten.« »In diesem Falle helfen Sie sicher. Gute Nacht, mein bester Herr Doctor!« »Gute Nacht, und glückliche Reise, mein Lieber!« Als Fritz sich in dem Stübchen befand, welches er bewohnte, warf er einen Blick auf die farblose Flüssigkeit, welche sich in dem Fläschchen befand. »Gewonnen,« sagte er. »Man muß das Eisen schmieden, so lange es heiß ist. Dieser gute Doctor ist doch ein braver Kerl. Der alte Capitän wird doch dran glauben müssen. Nun lege ich mir den Reiseanzug bereit und schlafe noch ein Stündchen.« Er that dies, ohne zu besorgen, daß er die Zeit verschlafen werde. Er war Soldat und hatte die Gewohnheit, stets dann zu erwachen, wenn es nothwendig war. Während er sich ankleidete, unterhielt er sich mit sich selbst. »Und nun soll ich bei der Polizei Anzeige machen. Es ist vielleicht besser, ich unterlasse es. Ich muß wirklich gewärtig sein, man hält mich fest. Vielleicht treffe ich diesen Amerikaner unterwegs. Und ist dies nicht der Fall, so gebe ich, wenn ich in Thionville auf dem Bahnhofe eintreffe, einen Zettel mit der Warnung ab. Ehe sie mich da festhalten, bin ich wieder fort. Ja, so und nicht anders wird es gemacht. Der Herr Rittmeister wird es mir wohl verzeihen, wenn ich dieses Mal nicht ganz genau nach Ordre handle.« Fortsetzung 74 Jetzt war Fritz reisefertig. Er hatte einen neuen Anzug angelegt und machte eine sehr gute Figur, dieser Wachtmeister Fritz. Er begab sich nach dem Bahnhofe und lößte sich ein Retourbillet zweiter Classe. Er konnte sich dies bieten. In Trier angekommen, hatte er so viel Zeit, daß es ihm nicht einfallen konnte, auf dem Bahnhofe zu warten. Er machte also einen Rundgang durch die Stadt und begab sich dann in das erste Hotel derselben, wo er sich eine Flasche Wein geben ließ. Außer ihm befand sich nur noch ein einziger Gast im Zimmer. Dieser war ein Mann von entschieden fremdländischem Aussehen. Sein Teint war dunkel und sein Haar kraus. Ein prachtvoller Schnurrbart zierte seine Oberlippe. Er machte einen hocharistokratischen Eindruck und war ein wirklich schöner Mann. Sein Auge war feurig, und seine Bewegungen zeugten von Kraft und Gewandtheit. Seine Kleidung und Wäsche war die eines reichen Mannes, der sich zu tragen weiß. Er mochte vierzig oder sehr wenig mehr zählen, hätte aber, um das Herz einer Dame zu erobern, getrost mit einem Jüngling in die Schranken treten können. Er las die Zeitung, langweilte sich aber offenbar, denn er legte das Blatt von Zeit zu Zeit fort und warf einen ungeduldigen Blick zum Fenster hinaus. Während einer solchen Lesepause musterte er Fritz. Dieser schien einen befriedigenden Eindruck auf ihn zu machen, denn er erhob sich, schritt einige Male im Zimmer auf und ab und wendete sich dann mit der Frage an den Wachtmeister: »Entschuldigung, Monsieur, auch Sie scheinen hier nicht eingeboren zu sein.« »Nein. Ich bin hier fremd,« erwiderte Fritz sehr höflich. »Sind Sie aus dem Süden oder dem Norden?« »Aus dem Süden, Monsieur.« »Weit von hier?« »Nicht sehr.« »Dann sind Sie zu beneiden. Das Reisen ist zuweilen eine viel größere Anstrengung für den Geist als für den Körper. Die Einförmigkeit der Fahrt, die Gleichheit des Hôtellebens ist geradezu schrecklich. Da sitze ich und warte, bis der Zug nach Metz abgeht. Welche Langeweile. Was thut man dagegen.« Seine rasche Sprache, seine ungeduldigen Bewegungen, das reiche, interessante, Spiel seiner Mienen, Alles dies zeigte den Südländer an. »Sie reisen nach Metz?« fragte Fritz. »Nicht ganz. Ich steige in Thionville aus.« »Dorthin gehe ich zunächst auch. Ich bin aus Thionville, obgleich ich heute weiter fahre.« »Aus Thionville, Monsieur? Ah, erlauben Sie, daß ich mich zu Ihnen placire?« »Gewiß! Man ennuyirt sich zu Zweien weniger.« »Mit welchem Zuge fahren Sie?« »Halb zwölf.« »Ich ebenso. Ist Ihnen die Umgegend von Thionville bekannt?« »Einigermaßen.« »Kennen Sie den Namen Ortry?« »Ja. Es ist ein Schloß in der Nähe der Stadt.« »Wem gehört es?« »Einem Baron de Sainte-Marie.« »Wohnt dort nicht auch ein alter Herr, welcher Capitän der Garde des ersten Kaiserreiches gewesen ist?« »Jedenfalls meinen Sie Capitän Richemonte?« »Ja, diesen.« »Er wohnt allerdings auf Schloß Ortry.« »Ist er jetzt dort anwesend?« »Ja. Ich habe ihn erst gestern gesehen.« »Das ist mir lieb. Ich muß zu ihm. Sind Sie ihm vielleicht persönlich bekannt?« »Nein. Wir stehen einander ziemlich fern.« »Aber seine Verhältnisse kennen Sie?« »Nur von Hören-Sagen.« »Ist er reich?« »Darüber wage ich nicht, ein Urtheil zu fällen.« »Er soll ein großer Patriot sein?« »Das ist wahr; vornehmlich ein Feind der Deutschen.« »Das hörte ich. Man sagt, daß er sogar mit Personen des kaiserlichen Hofes in Verbindung stehe?« »Haben Sie dabei einen gewissen Namen im Sinne?« »Graf Rallion?« »Ja. Sie kennen sich. Der Graf war jetzt einige Tage hier, wird aber heute abgereist sein.« »Wie schade.« »Sein Sohn, der Oberst ist noch anwesend.« »Das beruhigt mich. Es wurde mir erzählt, daß der alte Capitän Richemonte den Mittelpunkt gewisser Agitationen bilde?« Bei dieser Frage blickte er Fritz durchdringend an. »Ja. Er versammelt Alle um sich, welche sich auf einen Krieg mit Deutschland freuen.« »Sind Sie auch bei diesen Versammelten?« »Nein.« »Warum nicht?« »Weil ich nicht zu denen gehöre, welche sich überhaupt über einen Krieg freuen können, Monsieur.« »Aber man ist doch Patriot.« »Und kann dabei die schönsten Hiebe erhalten.« »Pah! Frankreich wird siegen!« »Möglich.« Fritz sagte das, indem er so gleichgiltig mit der Achsel zuckte, als ob ihm das Alles ganz und gar nichts angehe. »Möglich, sagen Sie?« fuhr der Fremde fort. »Wahrscheinlich, ja sogar gewiß ist es, daß Frankreich siegt. Wer das Gegentheil sagt, der kennt die Franzosen nicht!« »Und die Deutschen wahrscheinlich noch weniger.« Der Fremde fuhr ganz erschrocken auf. »Was!« rief er. »Meinen Sie etwa, daß die Preußen den Franzosen überlegen seien?« »Was läßt sich da sagen? Sie haben sich noch nicht gemessen. Der Preuße hat sich mit dem Dänen, dem Oesterreicher, dem Bayer, Würtemberger und Badenser gemessen und hat gesiegt. Der Franzose hat sich dem Oesterreicher, dem Russen, dem Mauren, dem Chinesen und Mexikaner als überlegen gezeigt. Nun aber lassen wir diese Beiden wirklich an einander gerathen, so wird sich zeigen, wer den Anderen niederringt.« »Monsieur, Sie sind ein schlechter Patriot.« »Wir befinden uns hier auf deutschem Boden. Man muß vorsichtig sein.« »Pah! Wir sprechen unter uns und Niemand weiter ist zugegen. Ich bin so überzeugt von dem Kriege zwischen Frankreich und Preußen und von unserm Siege, daß ich von sehr weit herkomme, um dem Vaterlande meine Kräfte anzubieten.« »Vielleicht bringen Sie da ein Opfer, welches Sie später bereuen werden.« »Ich werde es nicht bereuen. Ich bin stolz auf mein Vaterland, obgleich ich in demselben sehr unglücklich gewesen bin. Ich hasse die Deutschen, ich hasse sie.« Sein schönes, großes dunkles Auge schleuderte dabei einen Blitz, vor welchem man hätte erschrecken können. Dann fragte er: »Sie sind wohl ein Freund der Deutschen?« Fritz streckte behaglich seine starke, kräftige Gestalt, zog die Achseln empor und antwortete: »Ich lasse alle Nationalitäten gelten. Ich bin kein Menschenfresser. Jedes Individuum und so auch jedes Volk hat die Berechtigung zu existiren. Man verkehrt, wenn man ein gebildeter Mann ist, mit jedem Menschen höflich; in ganz derselben Weise so auch die Völker unter einander verkehren.« »Was Sie da sagen, klingt ganz gut, ganz schön, ganz vortrefflich. Aber dazu gehört ein Blut, welches sehr, sehr langsam durch die Adern rollt. Sie sind nicht im Süden geboren?« »Nein.« »Nun, dann haben Sie keine Ahnung von der Frequenz und der Gluth unseres Pulsschlages. Wir Südländer lieben mit Feuer und hassen mit verzehrenden Flammen. Haben Sie einmal geliebt?« »Hm! Ja!« »Sind Sie verheirathet gewesen oder noch verheirathet?« »Nein.« »Haben Sie Kinder gehabt, schöne, liebe, herzige Kinder, die Ihre Abgötter gewesen sind?« »Folglich auch nein!« »Nun, dann dürfen Sie auch nichts sagen, dann müssen Sie schweigen; dann können Sie zwischen Frankreich und Deutschland nicht unterscheiden.« Er war aufgesprungen und schritt erregt im Zimmer auf und ab. Er war der ächte Typus des Südländers: schön, rasch, glühend, muthig, sogar herausfordernd, aufrichtig, unmittelbar, sich ohne Rückhalt und Bedenken gebend. Fritz dagegen ließ ein breites, behagliches Lächeln sehen und fragte: »Welchen Unterschied giebt es denn eigentlich zwischen diesen Beiden? Ist das Eine verheirathet und das Andere nicht? Hat das Eine schöne, liebe, herzige Kinder, die man wie Abgötter liebt und das Andere dumme, häßliche Krethins und Wechselbälge, welche nicht werth sind, daß man sie erblickt?« »Sie übertreiben! Sie verstehen mich falsch! Wissen Sie, ich hatte eine Frau, ein Weib; sie war eine Deutsche. Ist damit nicht Alles gesagt?« »Ja. Man sagt, daß die deutsche Frau ein Muster der Treue, Häuslichkeit, Sparsamkeit und Unbescholtenheit sei, eine zärtliche Frau und eine liebevolle, verständige Mutter, die sich allerdings keine Abgötter erzieht.« »Monsieur, da haben Sie mit schlechten Pferden gepflügt. Die, welche mein Weib wurde, trug allerdings einen französischen Namen, war aber trotzdem eine Deutsche. Ich liebte sie abgöttisch und – –« »Ah, wieder ein Abgott!« lächelte Fritz. »Ja, sie war mein Idol, meine Göttin. Ich sollte meinem Vater eine Andere bringen; ich gehorchte ihm nicht, da ich diese Deutsche liebte und wurde verstoßen.« »Blos deshalb, weil sie eine Deutsche war?« »Ja.« »Da möchte ich ein Wörtchen mit Ihrem Vater sprechen, aber im Vertrauen, so unter vier Augen, ohne Zeugen, damit man später nicht in Ungelegenheiten kommt.« »Herr, er hatte Recht.« »Wieso?« »Sie schenkte mir zwei Töchter, wahre Bilder, sonnige, liebliche Töchter – –« »Nun, das war ja sehr schön und lobenswerth von ihr!« »Hören Sie weiter. Eines Tages mußte ich verreisen. Ich blieb lange Zeit abwesend, Monate lang, fast ein ganzes Jahr.« »Das ist freilich unangenehm, wenn man die Seinen lieb hat; das kann ich mir denken.« »Als ich zurückkehrte, war meine Frau verschwunden.« »Donnerwetter!« »Und die Kinder mit!« »Himmeldonnerwetter! Wohin?« »Weiß ich es?« »Haben Sie nicht gesucht und geforscht?« »Monate lang, Jahre lang, Tag und Nacht!« »Und Nichts gefunden?« »Keine Spur!« »Da haben Sie jedenfalls nicht richtig gesucht. Eine Frau und zwei Kinder verschwinden nicht, ohne so eine Art von kleiner Fährte zurückzulassen.« »Sie hatte alle Ursache, jede Spur zu verbergen und zu vertilgen.« »Wieso?« »Sie ging mit einem Anderen durch.« »Alle Teufel!« »Ja. Sie war eben eine Deutsche!« »Hören Sie, Monsieur, haben Sie etwa die Ansicht, daß alle deutsche Frauen ihren Männern durchgehen?« »So ziemlich.« »Dann sind Sie es freilich werth, daß Ihnen die Ihrige durchgebrannt ist.« »Monsieur!« rief der Fremde drohend. »Ach was, Monsieur hier und Monsieur dort! Sie sagen, was Sie denken und ich sage, was mir beliebt, damit sind wir fertig. Haben Sie denn übrigens Beweise, daß Ihre Frau mit einem Anderen durchgegangen ist?« »Ja.« »Welche?« »Mein Vater und Andere sagten und bewiesen es mir!« »Ihr Vater? Der Sie wegen ihr verstieß? Ah, das ist ja recht interessant. Wer war denn der Hallunke, der sie Ihnen entführte?« »Ein Unbekannter.« »Sehr schön! Also der berühmte Unbekannte, der Alles thut, was dann Anderen aufgebürdet wird. Und die Kinder nahm sie mit?« »Ja, beide.« »Hören Sie, Monsieur, ich glaube, daß da Ihre südliche Natur Ihnen mit dem Verstande fortgelaufen ist. Haben Sie denn Alles reiflich und weislich geprüft?« »Alles, Alles!« »Na, dann werde der Teufel daraus klug. Ich will mich fressen lassen, wenn eine Deutsche so leicht durchbrennt, wie eine Südländerin! Mir würde meine Frau nun erst gar nicht abhanden kommen. Sodann ist Ihr Vater Ihr Zeuge und Gewährsmann, Ihr Vater, der nicht gewollt hat, daß Sie diese Deutsche heirathen sollten? Das ist wenigstens bedenklich. Und endlich hat Ihre Frau die Kinder mitgenommen? Eine leichtsinnige Frau, die ihrem Manne davonfliegt, pflegt ihm die Kinder zurück zu lassen.« »Sie hat sie eben lieb gehabt.« »Schön! Sie hat also Herz besessen. Sie ist eine gute Mutter gewesen. Eine brave Frau aber nimmt einem guten Manne seine Kinder nicht weg, zumal wenn sie eine Deutsche ist. Geht sie mit den Kindern von ihm fort, so hat sie ihre Gründe dazu und thut es sicherlich mit blutendem Herzen. Hat Sie Ihnen denn Nichts, gar nichts zurückgelassen?« »Einen Brief, ein elendes, kaltes, nichtssagendes Schreiben.« »Das haben Sie sich natürlich heilig aufgehoben?« »Wozu? Das ist mir ganz und gar nicht eingefallen. Ich habe ihr Portrait und ihren Brief meinem Vater zum Vernichten zurückgelassen und bin ausgezogen, meine Kinder zu suchen.« »Ohne sie zu finden.« »Wie ich bereits sagte!« »Verzeihung! Wie alt waren Sie, als Sie heiratheten?« »Zwanzig Jahre.« »Und als Ihre Frau Sie verließ?« »Zweiundzwanzig.« »Und Ihre Frau war noch jünger?« »Zwei Jahre.« »Ja, so Etwas kann, wie es scheint, einem Südländer recht gut passiren. Er verliebt sich mit achtzehn Jahren, macht seinem Mädchen Wunder was vor, heirathet mit zwanzig gegen den Willen des Vaters, verreist mit einundzwanzig auf ein Jahr, läßt die arme Frau mit zwei Kindern während dieser langen Zeit schutzlos zurück, allen Angriffen und Intriguen preisgegeben, findet sie dann verschwunden, glaubt den Schwindel, den man ihm vormacht, und schimpft nun auf Deutschland, daß es pufft! Hören Sie, Monsieur, ich bin jedenfalls ein anderer Kerl, als Sie damals waren, aber solche Dummheiten sind mir denn doch nicht eingefallen.« »Monsieur!« rief der Fremde abermals drohend. »Ach was. Wollen Sie mich wirklich fressen, so wünsche ich Ihnen gesegneten Appetit. Etwas unverdaulich bin ich aber, das muß ich Ihnen bemerken. Wohin sind Sie denn gelaufen um Ihre Kinder zu suchen?« »Durch ganz Frankreich, durch England und Amerika.« »Ohne allen Anhalt? Ohne den Namen des sogenannten Verführers zu kennen?« »Wie sollte ich ihn erfahren haben?« »Hm! Die reine Flamme, der reine Wind und das reine Wasser! Wenn das zusammenkommt, so kocht und zischt und sprudelt es über den Rand und Deckel hinweg, und wenn dann die Suppe fertig ist, so ist sie angebrannt und man verdirbt sich den Magen. Und nachher? Was hatten Sie dann angefangen?« »Interessirt Sie das?« fragte der Fremde, der es nicht leiden mochte, daß Fritz sein Verhalten in dieser Art und Weise beleuchtete. »Hm, ganz und gar nicht,« antwortete dieser. »Warum fragen Sie da?« »Weil Sie selbst mit diesem Gespräche begonnen haben. Habe ich Sie etwa aufgefordert, mir die Geheimnisse Ihres Herzens und Lebens mitzutheilen? Sie haben das Gespräch angefangen. Sie haben mich nach allem Möglichen gefragt, und nun ich aus reiner Höflichkeit an der Unterhaltung festhalte, thun Sie piquirt und beleidigt! Ist das im Süden so gebräuchlich?« »Monsieur, sparen Sie Ihre Fragen.« »Gut, so brauchen Sie nicht zu antworten. Gehen Sie zu Ihrer Zeitung zurück, und lassen Sie mich in Ruhe!« »Sie werden grob?« »Ja; das ist so meine Gewohnheit! Wenn ich mich über einen Menschen freue, so werde ich grob; aber nämlich da bin ich es allemal selbst, über den ich mich freue.« »Gut! Brechen wir ab! Sie sind mit den Regeln des Anstandes und der Höflichkeit noch nicht bekannt.« »Das ist Ihr Glück, denn sonst würde ich mich versucht fühlen, Ihnen diese Regeln beizubringen.« Er wendete sich kaltblütig ab. Der Fremde aber konnte nicht zu Ruhe kommen. Er ging im Zimmer auf und ab; seine Brust arbeitete und seine Augen sprühten Blitze. Endlich setzte er sich doch wieder zu seiner Zeitung nieder. Fritz trank langsam seine Flasche aus, rief den Kellner, um zu zahlen und ging fort, ohne dem Andern einen Gruß zu gönnen. Er begab sich auf den Bahnhof, um die Ankunft des Zuges zu erwarten. Einige Zeit, nachdem er es sich im Wartezimmer bequem gemacht hatte, kam auch der Südländer. Beide nahmen keine Notiz von einander. Das Zeichen ertönte; der Zug nahte und die Glocke läutete zum ersten Male. Alles eilte nach dem Perron. Fritz nahm sich Zeit. Er wußte, daß der Bedächtige und dabei Umsichtige immer am ersten kommt. Der Zug fuhr vor und die Coupees wurden geöffnet. »Fünf Minuten Aufenthalt!« riefen die Schaffner. Eben wollte Fritz auf den Perron treten, als ein Anderer durch die Thür geschossen kam. Es war ein kleiner, sehr dicker Kerl mit einem riesigen Calabreserhut auf dem Kopfe. Er hatte es so eilig, daß er sich gar keine Zeit nahm, Fritz zu bemerken. Darum rannte er mit aller Gewalt gegen diesen an, taumelte zurück, glitt aus, stürzte zur Erde und setzte sich dabei auf seinen goldenen Klemmer, der ihm bei der Carambolage von der Nase gerutscht war. »Himmeldonnerwetter!« fluchte er. »Was stehen Sie denn da, wie ein Oelgötze! Können Sie nicht Platz machen?« »Männchen, Männchen,« antwortete der Oberwachtmeister lachend. »Stehen Sie auf, gehen Sie heim, und sündigen Sie hinfort nicht mehr, sonst wird Ihnen etwas noch viel Aergeres widerfahren. Dieses Mal ist nur Ihr Klemmer zum Teufel gegangen.« Der Dicke blickte nieder, erhob sich einen Zoll und zog das optische Instrument unter sich hervor. »Himmelelement!« rief er. »Beide Gläser in Stücke! Da muß der Teufel drinnen sitzen! Sie alter, großer Urian sind an dem ganzen Unglücke schuld!« »Das ist wahr, denn wenn ich nicht dagestanden hätte, so wären Sie so gütig gewesen, an einen Anderen zu rennen. Welchen Namen darf ich denn eigentlich beim heutigen Datum in mein Stammbuch schreiben?« »Ich heiße Hieronymus Aurelius Schneffke; das ist doch klar wie Pudding! Ich bin – Herrjesses, ich soll ja einen kleinen Imbiß für die Damen bestellen. Es läutet bereits zum zweiten Male! Er raffte sich, so schnell als es ging vom Boden auf und eilte in gerader Richtung weiter, auf die nächste Thür zu. Er öffnete und rief hinein: »Zwei kalte, deutsche Beafsteaks mit Zubehör! Aber schnell! Es hat Eile! »Wollen Sie das telegraphiren, mein Lieber? Wohin denn?« so fragte eine Stimme. Er blickte auf und sah zu seinem Schreck, daß er in das Telegraphenbureau gerathen war. »Heiliges Pech! Rechtsumkehrt!« rief er und warf die Thüre zu. »Aber wo ist denn – – –? Ah, hier! Da steht es: Re – re – – ja ja, das muß die Restauration sein! Schon vier Minuten vergangen!« Er riß diese andere Thüre auf und befahl, indem er eintrat: »Zwei deutsche Beafsteaks nebst Zubehör! Aber fürchterlich schnell! Es hat die höchste Eile!« Dabei zog er sein Portemonnaie hervor, öffnete es und erkundigte sich, indem er sich gleich mit der bloßen Hand den Schweiß von der Stirn wischte: »Was kosten beide?« Keine Antwort. »Was sie kosten?« Er vernahm kein Wort. Nun strengte er seine Aeuglein, welche er nicht mit Gläsern bewaffnet hatte, weil diese zerbrochen waren, an und sah zu seinem Schreck, daß sich kein einziger Mensch in dem Raume befand. Er fuhr also wieder hinaus und versuchte, die Schrift zu enträthseln. »Re – re – reser – serviertes Zimmer,« las er. »Da hört doch Alles und Verschiedenes auf! Denke ich da, weil es mit Re anfängt, muß es Restauration heißen! Nun aber eiligst, eiligst!« Unterdessen war Fritz auf den Perron getreten und hatte sich nach den Waggons erster und zweiter Classe umgesehen. Er schritt auf dieselben zu. Ein Coupee stand offen; er warf einen Blick hinein und erkannte – Madelon. Ja, das war sie, an der Seite einer anderen, aber verschleierten Dame. Rasch stieg er ein. »Ihr Diener, Fräulein Köhler!« grüßte er. »Ihr – – Herr Wachtmeister!« rief sie. »Ist's möglich! Was thun Sie hier in Trier?« »Fritz, Fritz!« rief da die Andere, indem sie schnell den Schleier zurückwarf. »Gnädiges Fräulein! Wie, Sie hier! O, das ist eine Ueberraschung! Aber, wie ich sehe, sind Sie nicht allein? Hier befindet sich ein fremder Handkoffer.« »Ein kleiner Maler reist mit ans. Er will uns mit kalten Beafsteaks ergötzen.« »Ah, der Dicke, der mit mir zusammenrannte, zu Boden stürzte und seinen Klemmer zerquetschte?« »Ist er wieder gestürzt?« »Ja.« »Von Berlin aus das achte Mal! Aber, Fritz, ist Ihre Anwesenheit eine zufällige?« »Nein. Ich habe von Mademoiselle Nanon den Befehl, Fräulein Madelon zu empfangen und – ah, da kommt noch ein Passagier! Unterwegs das Weitere! Erlauben Sie mir, mich Ihnen gegenüber zu setzen, Fräulein Köhler!« Der, welcher jetzt in das Coupe stieg, war der Fremde, welcher mit Fritz im Hotel die Unterredung gehabt hatte. Er grüßte artig und nahm Platz. Der dicke Maler hatte während dieser Zeit endlich glücklich die Worte: »Wartezimmer zweiter Classe« gefunden. Eben wollte er die Thür öffnen, da läutete es zum dritten Male und die Maschine ließ einen gellenden Pfiff hören. »Donner und Doria, jetzt pressirt's bedeutend!« rief er und stürzte in das Zimmer. Er riß einen Stuhl um und segelte in größter Angst und Eile auf das Buffet zu. »Zwei deutsche Beafsteaks mit Zubehör! Aber schnell, schnell! Es ist keine Secunde zu verlieren!« »Warm oder kalt?« fragte man. »Donnerwetter! Kalt natürlich! Was kosten sie?« »Zwölf Groschen Beide.« »Hier!« Er warf das Geld auf den Tisch. »Das langt nicht, Verehrtester!« »Nicht? Wieso?« »Das ist kein Achtgroschenstück, sondern ein Dreier.« »Der Kukuk hole alle Dreier und Achtgroschenstücke!« Er verbesserte den Fehler und griff nach den Tellern. »Adieu!« rief er und sprang davon. »Halt! Sollen die Beafsteaks in's Coupe?« »Ja!« brüllte er zurück. Seine Stimme klang vor Angst und Wuth wie diejenige eines angeschossenen Löwen. »So lassen Sie das Porzellan und Messer und Gabeln hier, mein Herr!« »Habe keine Zeit! Damit war er zur Thür hinaus. Ein Kellner lief ihm nach. Sämmtliche Coupe's waren bereits geschlossen, und der Zug setzte sich eben in Bewegung. Die beiden Damen hatten dem Schaffner gemeldet, daß ein Passagier fehle; er hatte auch so lange wie möglich gewartet, aber nun war es nicht länger gegangen. Den Mädchen that der eigenthümliche, aber doch herzensgute Reisegefährte leid. Sie standen am Fenster. Da kam er aus der Thür gesprungen, mit gleichen Beinen, und in jeder Hand einen Teller. »Halt! Halt! Die Beafsteaks!« brüllte er mit Riesenstimme. »Ich muß auch noch mit!« Alle Köpfe fuhren neugierig an die Fenster. »Zurück!« rief der Inspector. »Es ist zu spät!« »Unsinn! Ich habe bezahlt!« Er stürzte vorwärts. »Die Teller her, die Teller!« rief es hinter ihm. Der Kellner war es, der ihn einzuholen trachtete. Herr Hieronymus Aurelius Schneffke blickte sich wüthend um; das war die Ursache, daß ihn sein Verhängniß abermals ereilte. Der pflichteifrige Schaffner hatte nämlich, als der Maler nicht erschien und es die höchste Zeit gewesen war, den Koffer des Säumenden noch aus dem Coupee gerissen und ihn auf den Perron gestellt. Gerade als Hieronymus Angesichts seiner beiden Damen den bereits sich bewegenden Wagen erreichte, blickte er sich nach dem Schaffner um; er sah den Koffer nicht und stolperte über denselben weg. Hut, Teller, Messer und Gabeln, Senf Büchse und Beafsteaks flogen fort; er selbst aber kollerte eine ganze Strecke auf dem Boden hin. Als er endlich fest auf dem Bauche lag, kam ihm die oft bewährte Geistesgegenwart. Er richtete sich halb empor und rief, indem er den Blick auf das offene Fenster seines verlorenen Paradieses richtete: »Meine verehrtesten Damen, ich ergreife mit Freuden die Gelegenheit, mich Ihrem geneigten –« Die übrigen Worte konnte man nicht hören. Sie verhallten im Kreischen der Räder und im Gelächter der zahlreichen Zeugen seiner spaßhaften Niederlage. »Zum neunten Male!« sagte Emma, indem sie wieder Platz nahm. Ihr gegenüber saß der Fremde, während Fritz bei Madelon Platz genommen hatte. Diese Letztere konnte sich noch immer nicht das Wunder seiner Anwesenheit erklären, während er nicht wußte, wie er es sich zu deuten habe, daß Fräulein von Königsau mitgekommen war. »Sie sagen, daß Nanon Sie geschickt habe?« fragte ihn Madelon in gedämpftem Tone. »Ja, so ist es, Fräulein,« antwortete er. »Kennen Sie sie denn?« »Ja, sehr gut.« »Sind Sie etwa in Ortry gewesen?« »Vorüber gegangen bin ich. Werden Sie hingehen?« »Auf der Rückreise, ja.« »Dann bin ich gezwungen, Ihnen ein Geheimniß mitzutheilen. Wollen Sie mir Ihr Ehrenwort geben, es zu verschweigen?« »Gern!« »Herr Rittmeister von Königsau ist dort.« »Ich weiß es bereits.« »Wirklich? Wer hat es Ihnen gesagt?« »Fräulein Emma.« »Wissen Sie auch die Gründe seiner Anwesenheit dort?« »So ziemlich.« »Um Gotteswillen!« »Haben Sie keine Sorge! Ich halte es mit Deutschland, lieber Herr Wachtmeister!« »Pst! Ich bin nicht Wachtmeister sondern Pflanzensammler! Die Hauptsache ist, daß Mademoiselle Nanon keine Ahnung haben darf, wer ich bin und wer der Herr Rittmeister ist!« »Darf sie auch nicht wissen, daß wir uns kennen?« »Auf keinen Fall!« »Ich habe sie nach dem Bahnhofe von Thionville bestellt.« »Sie wird Sie dort erwarten.« »Und gleich mitfahren?« »Ja. Ich werde das Vergnügen haben, Sie zu begleiten.« »Ah! Schön! Aber wie kommt das?« »Mademoiselle Nanon war so gütig, sich meinem Schutze anzuvertrauen.« »Das sind Räthsel, auf deren Lösung ich gespannt bin.« »Ich hoffe, daß die Lösung nicht übermäßig lange auf sich warten lassen wird. Aber bitte, sagen Sie mir, was die Gegenwart des gnädigen Fräuleins zu bedeuten hat.« »Das ist ein Räthsel für Sie, auf dessen Lösung Sie ebenso warten müssen wie wir.« »Schön! Ich füge mich. Aber, will sie nach Ortry?« »Ich glaube.« »Sapperment! Das ist gefährlich. Weiß der Herr Rittmeister, daß sie kommt?« »Kein Wort!« »So ist das – verzeihen Sie mir – eine Unvorsichtigkeit. Ah, dieser Kerl macht sich an sie?« »Wer ist er?« »Ein Südländer, der die Deutschen haßt, weil seine Frau eine Deutsche war und ihm mit zwei Kindern davongelaufen ist.« »O weh! Der Arme!« Sie warf dabei einen mitleidigen Blick zu Dem hinüber, von welchem die Rede war, was dem guten Fritz nicht gar sehr gefallen wollte. Der Fremde hatte bisher Emma gemustert. Ihre Erscheinung machte einen augenblicklichen, unmittelbaren und tiefen Eindruck auf ihn. Sie war schön. Sie glich ganz der Figur eines Germaniabildes. Sie saß da so rein, so mild und doch so selbstbewußt und kräftig. Er konnte das Auge nicht von ihr wenden. Und ihr erging es mit ihm fast ebenso. Dieses Eigenartige in seiner Erscheinung frappirte sie. Er hatte etwas Leidendes und doch auch wieder Trotziges an sich und war dabei ein selten schöner Mann. Auf sein Alter hin taxirte sie ihn gar nicht. Ein Mann fragt sich beim Anblicke einer Dame fast stets, wie alt sie ist. Eine Dame thut dies einem Herrn gegenüber nicht, wenigstens nicht sogleich. Sie läßt das Wesen und nicht das Alter auf sich einwirken. Ein junger Backfisch kann sich sterblich in einen silberhaarigen Mann verlieben. So trafen und begegneten sich ihre Blicke, bis Emma sich an Madelon mit der Frage wendete: »Wie heißt die nächste Station?« »Wellen, mein Fräulein,« antwortete schnell der Fremde. »Ueber Karthaus sind wir bereits hinweg.« »Ich danke Ihnen, Monsieur!« Sie verneigte sich bei diesen Worten leicht. Er zog sogleich sein Täschchen und reichte ihr eine Visitenkarte. Sie las den Namen »Benoit Deep-hill, New Orleans.« Auch sie griff in ihr Täschchen. Aber durfte sie ihren wirklichen Namen merken lassen? Es war leicht möglich, daß dieser Herr nach Thionville ging oder gar mit Ortry in Beziehung stand. Sie hatte noch die Karte einer Freundin, einer Engländerin, bei sich und reichte ihm diese hin. Er las: »Miß Harriet de Lissa, London.« »Ah, Sie sind Engländerin, Mademoiselle?« fragte er, sichtlich erfreut über diese Entdeckung. »Ja,« antwortete sie, indem sie leicht erröthete. »Das weckt sehr liebe Erinnerungen in mir. So oft ich in London war, habe ich mich der wahrhaft großartigen Gastfreundschaft Ihrer Landsleute zu erfreuen gehabt. Das thut so wohl, wenn man ein Fremdling ist allüberall.« Das klang so traurig, und sein Auge nahm dabei einen so trüben Ausdruck an. Sie fühlte, daß dieser Mann sehr viel gelitten haben müsse. »Sollte Ihnen die Heimath verloren gegangen sein, Monsieur?« fragte sie. »Leider! Die Heimath und die Familie.« »Dann beklage ich Sie! Wer dieses Beides missen muß, dem ist das Edelste und Beste versagt. Doch kann man Verlorenes ja wiederfinden und Eingestürztes von Neuem errichten!« »Wer baut gern auf Trümmern! Ein Glück ist da nicht mehr zu erwarten.« Er wendete sich halb ab und richtete den Blick durch das Fenster. So konnte sie sein Profil bewundern. Was war es doch, das an diesem Manne einen solchen Eindruck auf sie machte? Sie bemerkte, daß auch Madelon den Blick kaum von ihm wendete. Sie spielte mit seiner Karte; dabei entglitt dieselbe ihrer Hand, ohne daß er es bemerkte. Fritz sah es und bückte sich rasch, um sie diensteifrig aufzuheben. Dabei fiel sein Auge auf den Namen. Er machte eine Bewegung der Verwunderung und gab die Karte dann zurück. Der Fremde war nun doch aufmerksam geworden; er bemerkte den Blick, welchen Fritz auf ihn warf, und zuckte, aber kaum bemerkbar, die Achsel. Das konnte der ehrliche Wachtmeister nicht auf sich sitzen lassen. »Entschuldigung!« sagte er. »Ist das Ihre Karte, Monsieur?« »Wessen sonst?« antwortete der Gefragte rauh. »Sie heißen wirklich Deep-hill?« »Ja.« »Sie kommen aus New-Orleans?« »Ja. Aber was berechtigt Sie zu diesen Fragen, nachdem wir uns bereits zur Uebergenüge ausgesprochen haben?« »Sie werden mir schon erlauben müssen, mich für Sie zu interessiren! »Ich kann Sie nicht hindern, aber verbieten kann ich es Ihnen, mir dieses Interesse zu zeigen.« »Verbieten können Sie es; ich werde mich aber nach diesem Wunsche ganz und gar nicht richten.« »Monsieur!« »Pah! Gerathen wir nicht wieder an einander! Ich habe Sie gesucht, und jedenfalls ist es ein Glück für Sie, daß ich Sie gefunden habe.« Der Amerikaner konnte sein Erstaunen nicht verbergen. »Ein Glück für mich?« »Ja.« »Daß ich Sie treffe?« »Allerdings.« »Das ist ja interessant! Sie haben meine Karte gelesen. Darf ich wissen, wer Sie sind, Monsieur?« »Eine Karte kann ich Ihnen nicht geben. Mein Stand rechnet solche Dinge zu den Luxussachen; aber sagen kann ich Ihnen, daß ich als Kräutersammler bei Doctor Bertrand in Thionville engagirt bin.« Das Erstaunen des Fremden verdoppelte sich. Sein südliches Wesen, welches gewohnt war, sich rücksichtslos ganz so zu geben, wie es war, konnte auch hier nicht widerstehen. »Glückliches Land, wo die Kräutersammler erster und zweiter Classe fahren können und dürfen,« sagte er. »Das gebe ich zu. In anderen Ländern fahren flüchtige Bankdirectoren und ruinirte Oelprinzen erster Classe, Monsieur. Uebrigens ist zwischen einem Pflanzensammler und einem Dollarssammler kein gar so großer Unterschied. Es muß eben jeder Mensch das Recht haben, seine eigenen Liebhabereien derjenigen anderer Leute vorzuziehen. Meine Passion ist nun einmal das Pflanzensuchen und das ist ein großes Glück für Sie.« »Aber Sie glauben wohl, daß ich das nicht begreife?« »Ich glaube es und fordere daraus für mich das Recht und die Pflicht, mich Ihnen zu erklären. Nicht wahr, Sie werden in Ortry erwartet?« »Ja.« »Von dem Capitän Richemonte?« »Ja.« »Sie kommen im Interesse Frankreichs?« »Monsieur, eine solche Frage darf ich Ihnen nicht gestatten, zumal Sie kein guter Franzose zu sein scheinen.« »Ich sympathisire mit allen braven Franzosen, mein Herr! Sie tragen Millionen bei sich?« Der Amerikaner fuhr überrascht zurück. »Wer sagt das?« fragte er. »Ich weiß es. Wollen Sie es bestreiten?« »Ich kann es zugeben und dennoch bestreiten. Warum beschäftigen Sie sich mit dieser Thatsache?« »Weil dieselbe für Sie verhängnißvoll werden kann; denn sie kann Ihnen das Leben kosten.« »Herr, Sie scherzen!« »Ich spreche im vollsten Ernste.« »Wie kommen Sie zu Ihrer Behauptung?« »Ich weiß ganz genau, daß man Sie tödten will, um Ihnen Ihr Geld abzunehmen.« »Ah! Das sollte Einem doch schwer werden.« »Auch Zweien oder Dreien?« »Ich bin bewaffnet!« »Was hilft Ihnen ein Revolver gegen die List und bei einem plötzlichen, unerwarteten Ueberfall?« »Das ist wahr. Aber wer ist es, der mich tödten will?« »Vielleicht könnte ich Ihnen antworten, aber ich ziehe es vor, Thatsachen sprechen zu lassen. Ich glaube nicht, daß Sie Ortry lebendig erreichen würden, wenn ich Sie nicht getroffen hätte. Ich bin Ihnen ja entgegen gereist, um Sie zu treffen und zu warnen.« Die beiden Damen wußten nicht, was sie dazu sagen sollten. Sie schwiegen. Der Amerikaner wurde bedenklicher und fragte: »Aber wie haben Sie von dem Anschlage erfahren?« »Ich befand mich gestern Abend im Walde. Ich hatte mich verspätet und belauschte zufällig das Gespräch zweier Männer, welche in meine Nähe kamen. Sie sprachen davon, daß ein Master Deep-hill aus New-Orleans heute mit dem Mittagszug in Thionville eintreffen werde und Millionen bei sich trage. Sie redeten von einem Messerstiche, einem Griffe an die Kehle. Der Raub sollte getheilt werden. Sie sprachen ferner von einem Dritten, der bereits vor ihnen an Ort und Stelle sein sollte.« »An welcher Stelle?« »Das weiß ich leider nicht. Das Gespräch bewegte sich meist in Ausdrücken, welche mich vermuthen ließen, daß der Plan bereits bis in's Einzelne vorher besprochen worden war.« »Haben Sie nicht sofort die Polizei benachrichtet?« »Nein.« »Warum nicht?« »Konnte sie mehr thun, als das, was ich gethan habe, nämlich Ihnen entgegen zu fahren, um Sie zu warnen?« »Aber man konnte die Kerls ergreifen.« »Das können wir jetzt wohl auch noch.« »Mir ist es ein Räthsel, wie diese Strolche erfahren haben können, daß ich mit Millionen komme. Nur zwei Personen haben davon gewußt.« »Ich kenne diese Beiden.« »Wirklich? Wer sind sie?« »Der alte Capitän und Graf Rallion.« »Monsieur, wenn Sie das wissen, so sind Sie ganz sicher Einer der Unserigen!« »Darüber habe ich mich nicht zu äußern,« antwortete Fritz zurückhaltend. »Und sind vielleicht noch mehr eingeweiht, als der Capitän selbst.« »Ich habe keinen Grund, Ihnen zu widersprechen oder Ihre Vermuthung zu bestätigen; aber ich nehme an, daß Sie nicht vergessen werden, daß ich meine Angelegenheit zu der Ihrigen gemacht habe.« »Sicherlich nicht! Aber wie haben die Leute, von denen Sie sprachen, von mir erfahren können? Richemonte und Rallion sind Beide verschwiegene Charakter!« »Vielleicht sind sie belauscht worden!« »Das ist das Wahrscheinliche.« »Ich denke es auch.« »Aber der Ort, der Ort, an welchem ich überfallen werden soll! Das wäre die Hauptsache! Haben Sie darüber gar keinen Wink aufgefangen?« »Hm! Man sprach von einem Bahnwärter.« »Bahnwärter giebt es auf der Strecke, nicht aber auf dem Bahnhofe. Giebt es zwischen Thionville und Ortry dergleichen Beamte?« »Nein. Es giebt da keine Bahn.« »Sonderbar! In welcher Weise wurde dieses Bahnwärters Erwähnung gethan?« »Die Beiden wollten zu ihm gehen und sich mit ihm unterhalten, um dann beweisen zu können, daß nicht sie die That begangen hätten.« »Und doch wollten sie mich berauben.« »Es schien ganz so, als ob vor der Beraubung etwas zu geschehen habe. Die beiden Männer schienen anzunehmen, Sie bereits in einem Zustande zu finden, welcher die Beraubung erleichtert! Für den Fall, daß Sie noch lebten, wurde der Messerstich und der Griff an die Gurgel erwähnt.« Da erbleichte der Amerikaner. »Herrgott!« rief er entsetzt. »Jetzt wird es licht; ich beginne zu ahnen! Aber das wäre ja fürchterlich!« »Was, was, was?« fragten die Drei wie aus einem Munde. »Sollte der Dritte, von dem Sie sprechen, den Zug entgleisen lassen wollen?« Da fuhr Fritz auf, daß er mit dem Kopfe an die Decke stieß und rief: »Das ist's, das ist's! Er will Steine auf die Schienen legen. Die beiden Andern kommen wie ganz zufällig hinzu. Wagen werden zertrümmert, Menschen verwundet und getödtet. In der dabei entstehenden entsetzlichen Verwirrung ist es nicht schwer, den Amerikaner herauszufinden. Man nimmt ihm die Brieftasche aus dem Rocke. Ist er todt, so geht das sehr leicht; ist er nur verwundet, so genügt ein Druck auf die Gurgel, ihn vollends kalt zu machen!« Die Damen waren sprachlos vor Schreck gewesen. Jetzt aber rief Emma: »Jetzt gilt es zu handeln! Man darf um Gotteswillen keine Zeit verlieren. Wo befinden wir uns?« Fritz riß sein Fenster hüben und der Amerikaner das seinige drüben auf. »Königsmachern ist schon vorüber!« rief der Erstere. »Wie viele Stationen haben wir noch?« »Königsmachern ist die letzte vor Thionville. Wenn Etwas geschieht, so geschieht es hier, bald, gleich. Wo ist die Nothleine? Wir müssen ein Zeichen geben!« Er langte hinaus, Deep-hill drüben. Sie fanden die Leine nicht. »Auf mit den Coupees!« sagte Fritz. »Ich laufe auf dem Trittbrett hin.« Er langte zum Fenster hinaus und öffnete die Thür. Der Amerikaner that auf seiner Seite ganz dasselbe. Sie traten auf die Trittbretter hinaus, und ganz in demselben Augenblicke ertönte von der Maschine das schrille, bekannte und entsetzliche Nothund Warnungssignal. Der Zug passirte eine Curve. Fritz befand sich an der inneren Seite derselben und konnte in Folge dessen einen Theil der Bahnstrecke, welche vor der Maschine lag, übersehen. »Herrgott, Steine, große Steine auf den Schienen!« rief er. »Der Zug kann bis dahin nicht halten. Es giebt ein entsetzliches Unglück. Monsieur, hinaus mit den Damen! Abspringen und sofort zur Seite eilen!« Er langte in das Coupee, erfaßte Madelon und riß sie hinaus. Er war stark und sie schmächtig und nicht schwer. Er that einen Satz vorwärts. Er gelang. Noch einige Sprünge, und er rutschte mit dem Mädchen die hohe Böschung hinab. Der Amerikaner war ebenso geistesgegenwärtig und entschlossen wie der Deutsche. »Heraus, Miß!« rief er. Emma erkannte, daß es keine andere Rettung gäbe und überließ sich seinem Arme. Er war nicht von riesenhaftem Körperbaue, aber er entwickelte in diesem Augenblicke eine Riesenkraft. Die Maschine heulte; die Bremsen kreischten; die Räder brüllten. In den Coupees ertönten vielstimmige Rufe des Entsetzens. Deep-hill umfaßte Emma mit seiner Linken, hielt sich mit der Rechten an der Griffstange fest, holte aus und that den entscheidenden Sprung. Er kam auf die Füße, knickte zwar unter seiner Last zusammen, raffte sich aber sofort wieder empor und schoß mit ihr die hohe Böschung des Dammes hinab. Es geschah dies keine Sekunde zu früh! Ein Krach, ein fürchterlicher, entsetzlicher Krach, als seien Berge von Erz und Stein zusammengebrochen, ertönte. Ein rasendes Rollen, Pfeifen, Heulen, Wogen, Dröhnen und Stampfen folgte. – Das Entsetzliche war geschehen: Der Zug war entgleist und krachte, sich überstürzend, den Damm hinab. Was nun geschah, läßt sich unmöglich beschreiben. Ein ganzer Berg von Trümmern bedeckte die Stelle. Die Wagen hatten sich geschlagen, waren in einander gerannt, lagen auf der Seite, auf dem Rücken oder standen hinten oder vorn in die Höhe. Von Menschenstimmen war wohl eine Minute lang gar nichts zu hören. Dann aber begann ein Wimmern, Stöhnen, Rufen, Schreien, Heulen, Beten und Brüllen, welches einer jeden Schilderung spottet. Hart hinter der Unglücksstelle waren zwei Paare zu sehen, das eine auf der rechten und das andere auf der linken Seite des Dammes. Emma lag ohnmächtig im Grase und der Amerikaner kniete bei ihr. Hat sie Schaden genommen? fragte er sich. Er hoffte jedoch, diese Frage mit Nein beantworten zu können. Er öffnete ihr das Kleid, damit die Lunge freiere Bewegung erhalten möge. Dabei sah er, von welcher Schönheit dieses reizende Mädchen war. »Herrlich, herrlich!« flüsterte er. »So vollkommen, so tadellos kann nur eben eine Engländerin sein! Was war Amély dagegen, der kleine Kolibri! Könnte ich die Liebe dieser Göttin erringen!« Und auf der anderen Seite kniete Fritz bei Madelon. Auch sie hatte die Augen geschlossen, öffnete sie aber jetzt und blickte verwirrt um sich. »Lebe ich noch?« fragte sie. »Ja, Sie leben, Fräulein,« antwortete Fritz. »Wir sind der Gefahr noch im letzten Momente entronnen. Gott sei Dank für diese Rettung!« »Und wo ist Fräulein Emma?« »Drüben auf der anderen Seite jedenfalls.« »Ist auch sie gerettet?« »Ich hoffe es.« »Sie hoffen es nur? Sie wissen es nicht genau?« »Nein. Ich konnte ja noch nicht hinüber! Der Zug ist da drüben hinabgestürzt. Gott! Er wird sie doch nicht dennoch gepackt und zerschmettert haben!« »Wir müssen sehen! Hinüber, hinüber!« Sie hatte im Momente alle Spannkraft zurückerhalten. Sie klimmte mit einer Eile den Damm hinan, als ob sie nicht soeben den fürchterlichsten Schreck erlebt habe, den man sich nur denken kann. Fritz vermochte kaum, ihr zu folgen, hielt sich aber doch an ihrer Seite. Droben angekommen, erblickten sie die beiden Anderen. Emma lag noch immer bewußtlos. »Sie ist todt!« rief Madelon erschreckt. »Nein,« antwortete der Amerikaner laut; »sie lebt; sie athmet! Kommen Sie!« Jetzt ging es schnell hinab. Madelon kniete nieder, beschäftigte sich eine Minute mit der Freundin und sagte dann: »Es scheint nur eine Ohnmacht zu sein. Lassen Sie uns allein, Messieurs. Ihre Hilfe wird auch anderweit gebraucht.« »Das ist wahr. Kommen Sie!« sagte Fritz. Sie eilten der Schreckensstelle zu. Es war ein Anblick zum Grauen. Die Locomotive hatte sich tief in die Erde gewühlt. Sie zischte, dampfte und ächzte noch jetzt, wie ein sterbender Drache, der seine Wuth gefesselt fühlt. Die Körpertheile des Heizers und Maschinisten lagen in der Nähe, fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Auch in und bei den Waggons sah es fürchterlich aus. Die Geretteten und nur leicht Verwundeten hatten sich unter den Trümmern mühsam hervorgearbeitet; die Uebrigen aber waren noch von den Lasten gebannt, die auf ihnen lagen. Die Un- und die Leichtverletzten begannen nun die Nachforschung nach den Armen, welche weniger glücklich gewesen waren. Fritz arbeitete mit dem Amerikaner Allen voran. Da blickte er zufällig auf. Von weiter vorn kamen drei Männer gerannt, einer in der Uniform eines Bahnwärters, die beiden Anderen in Civil. »Monsieur,« raunte er dem Amerikaner zu, »jedenfalls sind das die Beiden!« »Ja, sie müssen es sein. Wir nehmen sie fest!« »Aber auf frischer That.« »Wieso? Die That ist vorüber und wird ihnen wohl kaum bewiesen werden können, wenn Sie sie nicht genau zu recognosciren vermögen.« »Ihre Gesichtszüge habe ich nicht gesehen; aber dennoch werden wir sie überführen.« »Auf welche Weise?« »Haben Sie den Muth, den Todten zu spielen?« »Das wäre nicht schwer; aber der Messerstich, der Griff an die Gurgel!« »Pah! Ich werde sie scharf überwachen!« »Gut! Dann habe ich Ihren Plan verstanden und bin bereit, ihn mit auszuführen.« »Nehmen Sie vorher die Werthpapiere aus der Brieftasche.« »Das ist nicht nöthig. Diese teuflischen Schufte haben sich getäuscht. Meine Papiere haben nur in meinen eigenen Händen Werth. Selbst wenn ihnen der Coup gelungen wäre, hätten sie keine Centime erhalten.« »Dann also rasch! Sie sind vorn bei der Locomotive, Sie aber, Monsieur, dürfen von ihnen vorher nicht bemerkt werden.« »Wohin aber?« »Hier in dieses Coupee erster Classe. Es ist ziemlich demolirt. Ich bedecke den Körper mit den Trümmern; so bemerkt man nicht, daß Sie unverletzt sind. Durch das Lampenloch von oben beobachte ich die Kerls. Thut Einer etwas nur im Geringsten Bedrohliche für Sie, so schieße ich ihn mit dem Revolver über den Haufen. Also hinein!« Der Amerikaner kroch in das arg beschädigte Coupee, und Fritz bedeckte ihn mit den Trümmern, so daß nur der Kopf und ein Theil des Oberkörpers zu sehen war. »So! Warten Sie,« sagte er dann. »Jetzt hole ich vorerst noch einen Zeugen.« Der Oberschaffner war unbeschädigt geblieben. Er leitete jetzt die Rettungsarbeit, während man die Hilfe erwartete, nach welcher gesendet worden war. Fritz näherte sich ihm und gab ihm einen Wink, abseits hinter einen umgestürzten Waggon zu kommen, wo sie von den beiden zukünftigen Franctireurs nicht beobachtet werden konnten. »Was wünschen Sie?« fragte der Beamte. »Wollen Sie die Verbrecher haben, welche diesen Unfall hervorbrachten?« »Herr, wenn Sie die mir verschaffen könnten!« »Sie sind hier.« »Hier? Unmöglich?« »Und doch! Es ist keine Zeit zu langen Auseinandersetzungen; hören Sie nur kurz Folgendes: Ich belauschte gestern im Walde zwei Männer, welche davon sprachen, daß mit diesem Zuge ein Amerikaner komme, welcher ein Vermögen in seiner Brieftasche trage. Sie wollten ihn ermorden – nach seiner Ankunft in Thionville, wie ich vermuthete. Ich fuhr ihm entgegen, um ihn zu warnen. Ich traf ihn. Aber diese Schurken hatten einen anderen Plan, als ich errathen konnte. Sie ließen den Zug entgleisen und sind jetzt gekommen, scheinbar, um Hilfe zu leisten, in Wirklichkeit aber, um den Amerikaner zu suchen und ihm noch rechtzeitig die Brieftasche abzunehmen!« »Ah, wir werden sie bedienen! Wo ist der Herr?« »Er hat sich dort in das Coupee erster Classe gesteckt, um den Todten zu spielen.« »Ich muß ihn sehen.« Der Beamte trat zu dem Amerikaner und bat, das Taschenbuch sehen zu dürfen. Deep-hill zog es hervor und reichte es ihm hin. »Gut,« meinte der Oberschaffner. »Jetzt kenne ich es. Wollen sehen, ob sie die Probe bestehen!« »Aber warten Sie noch einen Augenblick,« bat Fritz. »Ich muß auf den Wagen, um zu verhindern, daß sie ihn tödten.« »Das ist vorsichtig und löblich gehandelt. Da liegt ein Fetzen Wachsleinwand. Werfen wir ihn hinauf, damit Sie sich darunter verstecken können. Ich werde es bewerkstelligen, daß die Schufte hierherkommen. Das Weitere wird sich dann finden.« Fortsetzung 75 Der Oberschaffner entfernte sich. Fritz kroch auf den Wagen, unter das Glanzleinen, und zog den Revolver. Er konnte durch das Laternenloch Alles genau beobachten. Der Amerikaner lag wirklich wie eine Leiche unter den Trümmern. Sein Rock war vorn geöffnet, so daß man sehr leicht zur Tasche gelangen konnte. Der Beamte war an seinen früheren Standort zurückgekehrt, um seines Amtes weiter zu walten. Er beobachtete die beiden Männer, welche sich scheinbar eifrig bei der Rettungsarbeit betheiligten, sich aber nur wenige Augenblicke an einer und derselben Stelle verweilten. Jetzt, da er aufmerksam gemacht worden war, mußte er bemerken und überzeugt sein, daß sie nach einem Gegenstande suchten. Er trat ihnen näher, sagte einige belobende Worte und fügte dann hinzu: »Da hinten giebt es auch noch Arbeit, Leute. In der zweiten Classe saßen einige Weinreisende, und in der ersten Classe fuhr ein Amerikaner. Man hat noch nichts von ihnen erblickt.« Er sah ganz deutlich, wie sie sich erfreut ansahen. Sie wurden da gerade auf das, was sie suchten, hingewiesen; darum ließen sie sich den Befehl nicht zum zweiten Male geben. Der Beamte wendete sich ab und that gar nicht so, als ob er sie beobachte. »Das trifft sich gut!« flüsterte der Eine dem Andern zu. »Also in der ersten Classe liegt er! Ich brenne vor Begierde, ob er das Geld bei sich hat!« »Das wird sich sofort zeigen. Komm!« Sie traten an das Coupee und blickten hinein. »Donnerwetter! Der muß ganz zerquetscht sein!« sagte der Eine. »Man sieht es, daß er todt ist!« Die meisterhaft vertheilten Trümmer täuschten sie. »Oben ist er noch gut erhalten. Also, zugegriffen!« Der Sprecher fuhr nach der Rocktasche und zog das Buch hervor. Er öffnete es und sagte, beinahe zu laut für die Lage, in der sie sich auch ohne Beobachtung befunden hätten: »Alle tausend Teufel! Sieh, diese Zahlen! Lauter Zehn-, Zwanzig- und Fünfzigtausend!« »Rasch weg damit!« »Schön! Da hab ich's nun in meiner Tasche! Aber was nun? Gehen wir?« »Nicht gleich. Das würde auffallen. Sehen wir erst in die zweite Classe. Man hat nach Thionville und Königsmachern Nachricht gegeben. Es kann jeden Augenblick Hilfe kommen. Sobald diese eingetroffen ist, machen wir uns davon.« »Bleibt es bei unserem Plane?« »Ja. Der Alte bekommt keinen Heller.« »Und Lefleur?« »Der mag im Buchsbaum jetzt auf uns warten. Was geht er uns an? Wir haben nichts gefunden.« »Dann vorwärts also!« Sie entfernten sich und machten sich an anderen Wagen zu schaffen. Dabei gelang es Fritz, unbemerkt von dem seinigen herabzukommen und wieder zu dem Oberschaffner zu gelangen. »Haben sie es?« fragte dieser. »Ja.« »Das paßt! Hören Sie! Man sendet von Thionville Hilfe. Ich höre das Rasseln der Räder. Warten wir, bis diese da ist, und dann nehmen wir die Teufels fest!« »Auch sie wollen nur das Nahen der Hilfe abwarten, um sich dann sogleich zu entfernen.« »So ist es nothwendig, sie zu bewachen. Wollen Sie das thun?« »Gern.« »Sie haben einen Revolver, wie ich bemerkte, Monsieur?« »Ja.« »So schießen Sie, ehe Sie einen der Kerls entkommen lassen, ihn lieber kaput! Ah, da kommt eine Maschine mit Waggons! Gott sei Dank! Diese Hilfe ist sehr nöthig!« Er eilte fort. Fritz aber machte sich an die beiden Männer und that, als ob er sie bei ihrer Arbeit unterstützen wolle. Auf die Nachricht von dem Eisenbahnunfalle war von Thionville sofort ein Zug abgelassen worden. Er enthielt Beamte, Militair und einige Aerzte. Diese Passagiere sprangen sofort aus den Waggons, als die Maschine vor der Unglücksstelle hielt. Der Oberschaffner eilte sofort auf den Offizier zu, welcher die Truppen anführte, und sagte: »Mein Capitän, ich ersuche Sie dringend, zunächst dafür zu sorgen, daß von den Personen, welche bisher hier gegenwärtig gewesen sind, keine den Ort verlassen darf!« »Warum dies?« fragte der Hauptmann. »Die Urheber des Unglückes befinden sich unter ihnen.« » Sacré bleu! Ist denn dieser gräßliche Sturz des Zuges vom Damme beabsichtigt worden?« »Ja. Man hat Steine auf die Schienen gelegt.« »Und Sie kennen die Thäter?« »Ja. Ich werde sie Ihnen nachher bezeichnen.« »Gut, mein Lieber! Diese Kerls werden ihren Lohn finden!« Die Maschine hatte ausgehängt und ging nach Thionville zurück, um die Wagen, welche man dort schleunigst von der Richtung nach Metz her requirirt hatte, nachzuholen. Die Soldaten, welche ausgestiegen waren, erhielten den gegebenen Befehl so laut, daß es Jedermann hören konnte, Jeden niederzuschießen, welcher ohne Erlaubniß ihres Kommandanten versuchen sollte, den Platz zu verlassen. Sie vertheilten sich in Folge dessen so, daß sie das ganze Terrain vollständig beherrschten. Die beiden Kerls, welche den Amerikaner ausgeraubt hatten, waren gerade jetzt beschäftigt, einen Todten unter den Trümmern eines Wagens hervorzuziehen. Fritz stand an der anderen Seite dieser Trümmer, um zu versuchen, dieselben ein Wenig emporzuheben. Er konnte also gerade in diesem Augenblicke nicht hören, was sie sprachen. »Tausend Donner!« fluchte der Eine halblaut. »Hast Du es gehört?« »Den Befehl des Capitäns?« »Ja.« »Natürlich! Der Kerl schreit ja laut genug! Was sagst Du dazu?« »Verdammt unangenehm!« »Sie müssen der Ansicht sein, daß das Unglück mit Absicht hervorgebracht worden ist.« »Ja, und daß die Thäter sich noch hier befinden.« »Was ist da zu machen?« »Pah! Sie können nichts, gar nichts wissen!« »Aber wenn sie die Brieftasche bei uns finden!« »Wie könnten sie denn wohl auf die Idee kommen, uns zu durchsuchen! Das ist unmöglich!« »Sehr möglich sogar ist es! Es giebt hier unter den zerstreut herumliegenden Gegenständen Manches, was zum Einstecken reizt. Wie nun, wenn man den Gedanken faßt, Alle, welche mit helfen, dann zu durchsuchen?« »Das wird man nicht thun. Das wäre eine Schande, eine Beleidigung, ein monströser Undank gegen Diejenigen, welche herbeigeeilt sind, um zu retten und zu helfen!« »Meinetwegen! Aber besser ist besser! Ich werde doch lieber versuchen, mich davonzumachen!« »Das ist allerdings das Sicherste. Aber wie wollen wir es bewerkstelligen, ohne daß es auffällt?« »Sehr einfach: Wir tragen einen der Verwundeten nach den Waggons, welche droben auf dem Damme stehen. Jenseits desselben gleiten wir hinab und schleichen uns davon.« »Sollte da oben nicht auch ein Wächter stehen?« »Bis jetzt noch nicht.« »Gut! Komm! Der Kerl hier ist todt. Unsere Bemühung um ihn ist völlig nutzlos. Heda, Kamerad!« Dieser Ruf war an Fritz gerichtet. Dieser hatte sie nicht aus den Augen gelassen. Wenn er auch zwar ihre Worte nicht zu verstehen vermochte, so konnte er doch zwischen den Trümmerstücken hindurch ihre Gestalten bemerken und sich also von ihrer Anwesenheit überzeugen. Er antwortete: »Was giebt es? Zieht doch! Bringt Ihr ihn nicht heraus?« »Nein. Uebrigens ist er todt. Gehen wir also dahin, wo unsere Hilfe nöthiger ist!« Sie entfernten sich, indem sie gedachten, von ihm fortzukommen. Aber im nächsten Augenblick stand er bei ihnen und sagte: »Recht habt Ihr. Da vorn sind wir nothwendiger. Also kommt!« »Verdammter Kerl!« fluchte der Eine, sah sich aber doch gezwungen, gute Miene zum bösen Spiele zu machen. Unterdessen hatte Emma von Königsau ihre Besinnung wieder erlangt. Es war ein wahres Wunder, daß es den Rettern der beiden Mädchen geglückt war, den gefährlichen Sprung vom Trittbrete herab ohne Schaden zu vollführen. Dies war nur dem Umstande zu verdanken, daß die Bremsen bereits gegriffen hatten und die Wagen also bereits langsamer gegangen waren. Als sie die Augen aufschlug, erblickte sie Madelon. Ein zweiter Blick zeigte ihr nach vorwärts die gräßliche Verwüstung und sofort war ihr das letzte Erlebniß wieder gegenwärtig. »Gott, mein Gott!« rief sie. »Du bist gerettet!« »Und Du auch!« jubelte die Freundin. »Dem Allmächtigen sei Dank! Kannst Du Dich erheben?« Emma versuchte, sich aus ihrer liegenden Stellung empor zu richten. Es gelang. Zwar war es bei dem blitzesschnellen Herabgleiten vom Bahndamme nicht sanft hergegangen und sie fühlte an mehreren Stellen ihres Körpers Schmerzen, doch waren dieselben nicht bedeutend und sie erkannte, daß sie sich im vollständigen Gebrauche ihrer Glieder befand. »Ja, es geht; dem Himmel sei Dank!« antwortete sie, indem sie ihre Gelenke prüfend bewegte. »Aber, wo ist er?« »Wer?« »Der Fremde, welcher mit mir vom Wagen sprang. Ist auch er gerettet?« Es lag im Tone ihrer Frage und ihrem schönen, jetzt so bleichen Gesichte ein Ausdruck von Besorgniß, wie man sie fremden, gleichgiltigen Personen gegenüber nicht zu hegen pflegt. »Ja, er ist gerettet,« antwortete Madelon. »Und Fritz?« »Der Brave, Kühne! Auch er ist ohne Schaden davon gekommen.« »Aber die anderen armen Menschen! Hilf Himmel, wie sieht es dort aus! Schrecklich! Entsetzlich!« »Man wird dort weiblicher Hilfe recht sehr bedürfen.« »So müssen wir eilen! Komm schnell, liebe Madelon.« »Gern, gern! Vorher aber wollen wir uns über Dich erst klar werden. Das ist nothwendig.« »Wieso klar werden?« »Du hast dem Amerikaner nicht Deine richtige Karte gegeben, wie ich bemerkte?« »Nein. Ich glaubte, vorsichtig sein zu müssen.« »Welche denn? Ich muß wissen, wie ich Dich zu nennen habe.« »Es stand auf dem Kärtchen: Harriet de Lissa, London.« »Gut, so bist Du also eine Engländerin und wir haben uns ganz zufälliger Weise im Coupee getroffen. Aber, weiß Fritz auch davon?« »Nein. Unterrichte ihn, wenn Du eher mit ihm sprechen solltest, als ich!« Sie verwendeten noch einen kurzen Augenblick dazu, ihr Reisegewand, welches beschädigt worden war, in Ordnung zu bringen, dann begaben sie sich nach den Trümmern des verunglückten Zuges, wo ihrer ein allerdings nicht für Jedermann zu ertragender Anblick wartete. Nanon hatte sich nach Thionville fahren lassen, um dort ihre Schwester zu erwarten und zu ihr gleich in dasselbe Coupee zu steigen. Der Zug war signalisirt worden, aber die bestimmte Zeit verging, ohne daß er eintraf. Es mußte unbedingt Etwas geschehen sein und zwar in nicht großer Entfernung von der Stadt. Da plötzlich hörte sie laute Rufe, die sich wiederholten und im Tone des Schreckens beantwortet wurden: »Der Zug ist verunglückt! Zwischen hier und Königsmachern!« Diese Worte konnte sie verstehen. Das Bewußtsein schwand ihr. Als sie es wieder erlangte, sah sie einige Personen um sich beschäftigt, von denen eine jetzt die Frage aussprach: »Sie erwarteten wohl Bekannte?« »Ja, meine Schwester,« hauchte sie. »Gerade mit diesem Zuge?« »Ja. Und ich hörte, er sei verunglückt.« »Das ist allerdings wahr. Es soll entsetzlich sein.« »Gott, mein Gott. Ich muß hin.« Sie wollte fort, aber sie zitterte an allen Gliedern und sank wieder auf ihren Sitz nieder. »Fassen Sie sich, Mademoiselle!« sagte der Mann in beruhigendem Tone. »Jedenfalls sind nicht alle verletzt und man darf hoffen, daß Ihre Schwester sich unter den Letzteren befindet.« Das gab ihr einigen Trost und auch die verlorene Kraft. »Ich danke, Monsieur!« sagte sie. »Aber ich muß fort; ich muß hin und zwar sogleich.« Sie erhob sich, um fort zu eilen, er aber hielt sie mit sanfter Gewalt zurück und sagte: »Warten Sie, Mademoiselle. Man hat bereits nach Hilfe geschickt. Es wird Militär kommen, auch Aerzte werden gesucht. Glücklicher Weise ist eine geheizte Maschine vorhanden. In einigen Minuten werden einige Wagen nach der Unglücksstätte gehen.« »Aber wird man mich mitnehmen?« »Eigentlich würde man dies wohl kaum thun; aber ich werde dafür sorgen, daß Sie einen Platz finden.« Der Mann war Bahnhofsbeamter und hielt Wort. Er selbst brachte Nanon in ein Coupee. So kam es, daß sie mit dem Militär zugleich an dem Schreckensorte ankam. Als sie die dortige Verwüstung erblickte, brach sie in die Kniee, und es dauerte einige Zeit, ehe sie wieder so viel Kraft gewann, die Böschung herunter zu klettern. Sie hätte laut jammern mögen; da aber erblickte sie Einen, den sie hier nicht erwartet hätte, zumal sie auf dem Bahnhofe vergeblich nach ihm gesucht hatte, obgleich er von ihr dorthin bestellt worden war – Fritz Schneeberg, der Pflanzensammler. Das gab ihr ihre ganze Beweglichkeit zurück. Im Nu stand sie bei ihm. Er kniete mit zwei Männern bei einem Verwundeten an der Erde. Sie ergriff ihn beim Arme und sagte: »Monsieur Schneeberg! Sie hier? Gott sei Dank! Wo ist meine Schwester?« Er erhob sich mit vor Freude glänzendem Gesichte, deutete den Damm entlang und antwortete: »Keine Sorge, Mademoiselle Nanon! Dort kommt sie eben!« Sie stieß einen Schrei des Entzückens aus und eilte mit weit geöffneten Armen der Geretteten entgegen, welche mit Emma soeben sich näherte. »Madelon, Madelon! Meine Schwester! Du bist gerettet!« Die Angerufene warf einen scharfen Blick auf die so eilig Herbeifliegende, breitete ebenso wie diese ihre Arme aus und jauchzte: »Nanon! Du hier! Gott, welch ein Wiedersehen!« Sie lagen sich in den Armen; sie herzten und küßten sich; sie streichelten einander liebkosend die Wangen und schluchzten dabei vor Freude und Glück. »Ich glaubte Dich todt und verloren,« sagte Nanon. »Gott sei Dank! Ich bin gerettet.« »Ohne mit zerschellt zu werden! Welch ein Wunder.« »Ja, es war ein Wunder, welches nur die Kühnheit vollbringen konnte.« »Die Kühnheit? So ist es nicht ein Zufall, daß ich Dich so unversehrt vor mir sehe?« »Nein. Der Zug war noch im Gehen und die Maschine gab das Nothsignal, da ergriff mich einer der Passagiere, riß mich aus dem Wagen und sprang mit mir vom Trittbrete herab.« »Welch eine Verwegenheit! Und welch eine Geistesgegenwart. Ist dieser Held ebenso unverletzt wie Du?« »Ja, und ich danke Gott und allen Heiligen dafür.« »Ich ebenso. Vor allen Dingen aber gehört auch dem muthigen Manne unser Dank. Wo ist er?« Ueber Madelons Gesicht breitete sich ein fröhliches, erwartungsvolles Lächeln, als sie, vorwärts deutend, antwortete: »Der hohe, kräftige Herr, welcher dort bei den Verwundeten beschäftigt ist.« Nanon blickte nach der bezeichneten Stelle und fragte: »Der? Wirklich der?« »Ja, freilich.« Da schlug sie in höchster Ueberraschung und Freude die Händchen zusammen und rief: »Das ist ja Monsieur Schneeberg, mein Freund und Bekannter.« »Allerdings, liebe Nanon!« »Und der hat Dich gerettet, Der? Das ist ja gar nicht möglich!« »Warum sollte es nicht möglich sein?« »War er denn im Zuge? War er mit in Deinem Coupee?« »Ja. Er stieg in Trier zu uns ein.« »Das begreife ich nicht. Ich hatte ihn doch nach dem Bahnhofe in Thionville bestellt! Ich muß hin zu ihm, sofort, um ihm zu danken!« »Ja, thue das; aber laß Dir vorher diese Dame vorstellen. Meine Schwester Nanon – Miß de Lissa aus London, welche auf ganz dieselbe Weise gerettet worden ist wie ich!« Fragen und Antworten waren einander so schnell gefolgt, daß vom ersten bis zum letzten Worte nur Secunden vergangen waren. Erst jetzt nahm Nanon Notiz von Emma von Königsau. Sie verbeugte sich vor ihr und fragte: »Auch Sie sind durch Schneeberg gerettet worden, Miß?« »Wenn auch nicht direct, aber doch mittelbar,« antwortete die Gefragte. »Wäre er nicht in unser Coupee gestiegen, so lägen auch wir Beide zerschmettert unter den Wagen.« »Der brave gute Mensch! Ich muß wirklich sogleich hin zu ihm!« Sie eilte fort, und die beiden Anderen folgten ihr. Fritz war eben beschäftigt, bei dem Verbande eines Verunglückten mit Hand anzulegen, als Nanon seinen Arm ergriff. »Monsieur, Sie sind es gewesen, der Madelon gerettet hat?« sagte sie. »Das werde ich Ihnen nie, niemals vergessen.« Er nickte ihr freundlich zu und antwortete: »Es war kein Verdienst von mir, sondern der reine Zufall, Mademoiselle! Sprechen wir später davon! Jetzt müssen wir diesen armen, beklagenswerthen Leuten unsere ganze Aufmerksamkeit zuwenden.« »Ja, ja, Sie haben Recht! Jetzt ist der Schreck vorüber und ich kann helfen.« Die drei Mädchen wendeten sich an die beiden Aerzte, welche mit dem Zuge gekommen waren, und baten sich deren Befehle aus. Die beiden Franktireurs befanden sich noch bei Fritz, oder vielmehr, dieser befand sich noch bei ihnen; er war ihnen nicht von der Seite gewichen. Jetzt hatten sie den Verwundeten ergriffen, um ihn nach dem Coupee zu tragen. Fritz wollte jetzt mit angreifen, allein der Eine sagte abwehrend: »Das ist nicht nöthig! Wir bringen ihn allein fort!« »Den steilen Damm hinauf?« »Ja. Wir sind keine Schwächlinge!« »Aber nicht in das Coupee hinein! Dazu gehören Drei!« Bei diesen Worten faßte er mit an. Es fiel ihm gar nicht ein, zurückzubleiben, und die beiden Anderen konnten nichts dagegen thun, obgleich sie ihn innerlich verwünschten. Aber sie verständigten sich gegenseitig durch einen kurzen Blick, daß jetzt die geeignetste oder wohl gar die höchste Zeit zu ihrer Entfernung gekommen sei. Sie glaubten ganz und gar nicht, daß Fritz Alles wisse. Er aber hatte auch diesen Blick aufgefangen und fühlte sich Mannes genug, ihre Flucht zu vereiteln. Als sie langsam mit dem Verwundeten die Böschung emporstiegen, trat der Oberschaffner, der erst jetzt Zeit dazu fand, zu dem Offizier. »Capitän,« sagte er; »die beiden Männer dort sind es, welche ich meine.« Dabei deutete er nach den Dreien. »Ah! Der hohe, starke Mensch nicht, der mit bei ihnen ist?« »Nein. Ihm vielmehr haben wir ihre Entdeckung zu verdanken. Er hält sich zu ihnen, um sie zu beobachten.« »Schön! Sie werden den Blessirten in's Coupee schaffen. Dabei könnten sie aber Gelegenheit zum Entkommen suchen. Ich werde das verhindern.« Er winkte Zweien seiner Untergebenen und gab ihnen einen leisen Befehl. Sofort machten sie ihre Gewehre schußfertig. »Aber nur dann, wenn sie auf meinen Zuruf nicht achten,« fügte er hinzu. »Sucht dann, sie nur zu blessiren, nicht aber zu tödten. Wir müssen sie lebendig haben!« Die Drei waren beim Coupee angekommen. Einer der beiden Männer sagte zu Fritz: »Es kann nur Einer voran. Sie sind der Stärkste von uns, wie es scheint. Steigen Sie ein, indem Sie den Verwundeten bei den Schultern nehmen.« »Hm!« dachte Fritz. »Wartet, Ihr Burschen! Mich betrügt Ihr schon lange nicht! Ich will Euch zum Spaße den Willen thun; das wird eine Falle, in die Ihr selbst springt!« Er faßte den Blessirten an und stieg langsam und vorsichtig, um ihm keine Schmerzen zu verursachen, rückwärts hinauf in das Coupee. Die beiden Anderen hoben und schoben nach. Aber als der Verunglückte nun noch nicht ganz auf der Bank lag, flüsterte der Eine: »Jetzt oder nie! Vorwärts!« Er wendete sich um und schritt langsam und sich ganz unbefangen stellend, den Waggons entlang, um dann um den letzten derselben herum zu biegen und auf die andere, unbewachte Seite zu kommen. Der Offizier aber bemerkte es. »Halt, Ihr Beiden, da oben!« rief er. »Bleibt stehen!« Sie thaten, als ob sie den Ruf gar nicht gehört hätten, und schritten weiter. »Halt! Steht, oder es giebt Feuer!« Da blickte der Eine rückwärts und raunte dem Anderen zu: »Donnerwetter! Sie haben uns im Verdacht! Da sind wir verloren, wenn wir gehorchen! Die Kerls mögen nur zielen! Zwei oder drei schnelle Sprünge, so sind wir um die Wagen herum und den Damm drüben hinab. Vorwärts!« Im nächsten Augenblicke flogen sie am letzten Wagen vorüber! »Feuer!« kommandirte der Capitän. Fritz hatte, im Coupee noch mit dem Verwundeten beschäftigt, das Verschwinden der Beiden sofort bemerkt. Rasch warf er zur offenen Thür hinaus ihnen einen Blick nach. »Richtig!« brummte er vergnügt. »Sie wollen auf die andere Seite. Wartet! Dort werde ich Euch »guten Tag« sagen.« Er öffnete die jenseitige Thür, sprang hinaus, zog den Revolver und eilte bis zur Ecke des letzten Wagens. In demselben Augenblicke hörte er das letzte Commando des Capitäns. Die Schüsse krachten, aber die Kugeln schlugen durch die beiden Wagenwände, ohne zu treffen, und dann kamen die Flüchtigen um die Ecke gesprungen. »Willkommen!« rief Fritz ihnen entgegen. »Habt Ihr es so eilig? Halt! Stehen bleiben!« Die Beiden erkannten die Gefahr, in welcher sie schwebten. Der Vordere holte aus, um Fritz den Revolver aus der Hand zu schlagen, empfing aber noch eher einen solchen Fausthieb, daß er zu Boden stürzte und für einige Augenblicke seine Beweglichkeit verlor. Der Andere riß sein Messer heraus und stürzte sich auf Fritz; aber der tapfere Ulanenwachtmeister empfing ihn mit einem Fußtritte an den Unterleib, so daß auch er niederstürzte und das Messer fallen ließ. Im Nu hatte Fritz seinen Revolver in die Tasche gesteckt und kniete auf den Beiden, ihnen mit seinen kraftvollen Fäusten die Kehlen zusammenpressend. In diesem Augenblicke kamen mehrere Soldaten und auch der Capitän um die Wagenecke gerannt. »Ah!« rief dieser Letztere ganz außer Athem. »Da sind sie ja.« »Ja, da liegen sie!« lachte Fritz. »Die Arbeit ist bereits gethan. Am Besten ist's, Sie lassen sie binden!« Dieser bestimmte Ton mißfiel dem Offizier. »Ich denke, daß ich es bin, der zu bestimmen hat, was hier geschehen soll.« »Ich habe nichts dagegen,« antwortete Fritz, indem er die Hände von den Gefangenen nahm, seinen Hut, der ihm entfallen war, wieder aufsetzte und sich erhob. »Aber bitte, keine Unvorsichtigkeit wieder, Herr Capitän!« »Was meinen Sie mit Ihrer Unvorsichtigkeit?« fragte dieser in zornigem Tone. »Die beiden Kugeln, welche diese Männer treffen sollten, sind durch den Wagen gegangen. Wie nun, wenn ich getroffen worden wäre?« »Pah! Sie selbst wären schuld gewesen! Wußten wir, daß Sie hinter dem Waggon steckten? Wer hat Ihnen überhaupt geheißen, nach dieser Seite zu gehen?« »Ich, Herr Capitän! Hätte ich das nicht gethan, so wären die beiden Schurken entkommen. Ehe Ihre Leute erschienen wären, hätten diese Kerls da unten im Gebüsch Deckung gefunden.« »Das fragt sich sehr, Monsieur!« »Und überdies liegen in dem Waggon, durch den die Kugeln gegangen sind, Verwundete, welche sehr leicht getroffen werden konnten. Das hätte man sich überlegen sollen!« »Ah, wer sind Sie, daß Sie es unternehmen, einen solchen Ton anzuschlagen?« »Das thut hier nichts zur Sache! Die Hauptsache ist vielmehr, daß Sie sich dieser zwei Männer versichern, sonst gehen sie abermals durch!« Er nickte dem Officier grüßend zu und kletterte wieder den Damm hinab. Der Letztere aber gab sich Mühe, seinen Aerger zu verbeißen und ließ die Gefangenen binden und in ein leeres Coupee bringen, vor welches er eine Wache stellte. Die beiden Franctireurs meinten, daß sie sich nur durch die größte Dreistigkeit zu retten vermöchten. »Herr Capitän,« fragte der Eine. »Was haben wir gethan, daß Sie auf uns schießen und uns dann ergreifen und fesseln lassen? Wir sind uns keines Unrechtes bewußt!« Aber in diesem Augenblicke brachte Fritz den Oberschaffner und den Amerikaner herbei. »Fragt diese Herren!« antwortete der Officier. Als sie den Amerikaner sahen, war es ihnen, als ob sie einen Geist erblickten. »Ihr habt diesen Herrn bestohlen,« sagte der Oberschaffner, indem er auf Deep-hill deutete. »Wir wissen nichts davon!« »Oho!« meinte Fritz. »Gerade Der, welcher Dies behauptet, hat die Brieftasche dort auf der Brust stecken!« Er stieg in das Coupee und zog sie ihm heraus. »Hier ist sie, Monsieur Deep-hill. Sehen Sie nach, ob Etwas fehlt. Diese beiden Spitzbuben sprachen von hohen Banknoten.« Deep-hill öffnete das Portefeuille, zählte nach und antwortete lächelnd: »Es fehlt nichts. Uebrigens hätten die Räuber sich wohl sehr geirrt. Das hier sind keine Banknoten, sondern Anweisungen an meinen Cassirer, die ich erst noch zu unterschreiben hätte, ehe sie honorirt würden. Jetzt sind sie keinen Sou werth.« »Das vermindert aber nicht die Schuld dieser Menschen,« bemerkte der Oberschaffner. »Sie haben Steine auf die Schienen gelegt, um den Zug entgleisen zu lassen und dann diese Tasche zu stehlen. Sie sind schuld an dem Tode und der Verwundung so vieler Menschen. Sie sind ohne Gnade dem Tode verfallen!« »Man beweise uns das!« rief der Eine. »Wir können unser Alibi bringen. Wir haben beim Bahnwärter gestanden, als das Unglück geschah!« »Das wissen wir bereits! Aber Euer Kamerad legte die Steine, während Ihr um das Alibi besorgt waret. Ihr werdet uns nicht entgehen. Wo ist dieser Kamerad?« »Wir haben keinen!« »Schön! Man wird Euch schon zum Geständnisse bringen! Mein Capitän, bitte, sorgen Sie dafür, daß diese Menschen nicht abermals einen Fluchtversuch unternehmen können.« »Das sollen sie wohl bleiben lassen!« Sie begaben sich Alle wieder hinab zu den Wagentrümmern, wo es noch so Vieles zu thun gab; vorher aber postirte der Officier einen Soldaten an das offene Coupeefenster. Dieser Posten mußte sich auf das Trittbret stellen, um die Verbrecher unausgesetzt im Auge zu haben, und erhielt den strengen Befehl, sofort auf sie Feuer zu geben, wenn sie die geringste verdächtige Bewegung machen sollten. Hören aber konnte er doch nicht, was sie leise, ganz leise einander zuraunten: »Du, wir sind verloren!« »Der Teufel hole den Hund, der uns angehalten hat! Wer mag er sein?« »Ich kenne ihn nicht!« »Ich auch nicht! Es wäre gelungen! Nun aber ist's aus!« »Man scheint Alles zu wissen!« »Auch von Lefleur, der im »Buchsbaum« jetzt auf uns wartet. Wie mag man das erfahren haben?« »Es giebt nur eine Möglichkeit: Wir sind belauscht worden!« »Aber von wem?« »Das werden wir vor dem Gerichte erfahren.« »Hölle und Teufel! Sind wir einmal dort, so giebt es keine Rettung mehr!« »Hier auch nicht!« »Oho!« »Ah! Hast Du einen Gedanken?« »Ja; aber leiser, viel leiser! Wir dürfen die Lippen gar nicht bewegen, sonst merkt dieser vermaledeiete Posten, daß wir uns unterhalten!« »Na, die da unten machen genug Lärm, so daß unser Flüstern unhörbar wird. Also, welchen Gedanken hast Du? Strenge Dich an! Wir gehen einem schauderhaften Tod entgegen.« »Hm! Bisher scheint uns Niemand erkannt zu haben.« »Nein.« »Wenn wir entkämen, wüchs mit der Zeit Gras über die Geschichte. Wir müßten auf einige Jahre verschwinden.« »Natürlich! Aber wie hier hinaus und fort?« »Wir werden nur auf der einen Seite bewacht, da auf der andern aber nicht – – –« »Was nützt uns das?« »Wenn wir öffnen könnten!« »Der Kerl wendet doch kein Auge von uns!« »Man müßte ihm Veranlassung dazu geben!« »Das wäre zwar eine Möglichkeit; aber wir sind gefesselt. Wie wollen wir das Coupeefenster niederlassen, um die Thür aufzubekommen!« »Das ist wahr. Und selbst wenn wir hinaus könnten, zu entkommen wär doch nicht möglich, da wir mit diesen gefesselten Händen nicht rasch genug laufen könnten.« »Hölle! Hätten wir ein Messer!« »Das ist's ja! Das meinige ist mir entfallen. Laß uns nachdenken! Jetzt ist die einzige, die letzte Zeit zur Rettung!« »Du! Ah, da fällt mir Etwas ein!« »Wirklich? Was?« »Denkst Du, daß uns der Alte im Stiche lassen wird?« »Der Capitän? Meinst Du ihn?« »Ja, natürlich!« »Hm! Eigentlich sollte man denken, daß ihm an unserer Befreiung eben so viel liegen sollte als uns selbst.« »Freilich! Aber dieser Kerl ist unberechenbar.« »Er muß sich doch sagen, daß wir ihn verrathen werden, wenn er uns aufgiebt!« »Es fragt sich, ob er sich Etwas daraus macht. Er hat zu viele Mittel in den Händen, sich rauszureden!« »Still!« gebot jetzt der Posten, der nun doch bemerkt haben mußte, daß die Beiden mit einander sprachen. »Wir reden ja nicht!« erhielt er grob zur Antwort. »Ich habe es gesehen und gehört! Sprecht Ihr noch einmal, so erhaltet Ihr einen Knebel in den Mund!« Sie warfen ihm wutherfüllte Blicke zu, mußten aber seinem Befehle Gehorsam leisten. – Die Frau Baronin de Sainte-Marie hatte sich gestern sehr geärgert. Sie hatte sich darauf gefreut gehabt, daß ihre Stieftochter sich dem Willen des alten Capitäns werde fügen müssen. Hierin war sie getäuscht worden, und nun hatte sie Migraine. Sie hatte deshalb einen Boten nach Thionville zu Doctor Bertrand gesandt, um diesen zu sich zu rufen. Bertrand als Hausarzt auf Schloß Ortry hatte diesem Rufe Folge geleistet. Er befand sich noch da, als ein Mann auf schäumendem Pferde in den Hof sprengte und nach dem Doctor fragte; zu ihm geführt, berichtete er: »Herr Doctor, Sie sollen sofort kommen. Es werden alle Aerzte gebraucht. Es ist ein Zug entgleist.« Man hatte sich gerade beim zweiten Frühstücke befunden; darum waren Alle zugegen außer der Baronin, welche sich ja angegriffen fühlte. Jedermann erschrak. Auch der alte Capitän erhob den Kopf und blickte den Boten mit gespannter Erwartung an. »Ein Zug entgleist?« fragte der Arzt. »Wo?« »Kurz vor der Stadt, hinter Königsmachern. Es hat Jemand Steine auf die Schienen gelegt.« »Herrgott! Welch ein Verbrechen! Ist das Unglück groß?« »Es sollen nur wenige Menschen davongekommen sein.« »So muß ich fort, augenblicklich! Herr Capitän, Sie werden entschuldigen, daß ich mich so sans façon entferne.« In den Augen des Alten glühte ein eigenthümliches Flackern. Man wußte bereits, daß das Unglück ein beabsichtigtes sei. Hatten diese Kerls ihre Sache nicht klug gemacht? Dann stand sehr, sehr viel auf dem Spiele. Er mußte sich selbst überzeugen, ob der Anschlag geglückt sei oder nicht. »Gehen Sie immerhin!« antwortete er. »Sie bedürfen keiner Entschuldigung. Ihr Pferd steht noch im Stalle?« »Ja,« antwortete der Gefragte, sich nach der Thür wendend. »So können Sie noch einen Augenblick verziehen. Ich reite mit. Bei einem solchen Falle können nicht Helfer genug sein. Wir reiten gleich quer Feld ein, nicht nach der Stadt, sondern gleich auf die Unglücksstätte zu!« Er öffnete das Fenster und rief den Befehl hinab, sein Pferd schleunigst zu satteln. Marion de Sainte-Marie war tödtlich erschrocken. »Mein Gott!« sagte sie jetzt. »Das ist ja der Zug, mit welchem Madelon kommt!« »Madelon? Wer ist das?« fragte der Alte scharf. »Nanons Schwester.« »Ah! Die Germanisirte? Die deutsche Gouvernante? Um sie ist es nicht schade, wenn sie verunglückt ist!« Da stand Marion vom Stuhle auf und antwortete: »So sollte nur ein Teufel sprechen!« »Schweig, Mädchen,« drohte er. Sie aber schob ihren Stuhl kräftig bei Seite und entgegnete: »Hier kann ich nicht schweigen! Madelon ist in Gefahr. Auch ich eile nach der Bahn. Man wird mir satteln.« »Du bleibst!« gebot er. »Ich reite!« beharrte sie in festem Tone. »Du weißt, was ich Dir gestern gesagt habe! Herr Doctor, begleiten Sie mich?« Müller verbeugte sich und antwortete: »Ich stehe zur Verfügung, gnädiges Fräulein!« Da wendete der Alte sich ihm drohend zu: »Wenn ich es Ihnen nun verbiete?« »Wollen Sie die gnädige Comtesse ohne Begleitung nach einem solchen Orte gehen lassen, Herr Capitän?« Der Alte griff an den Schnurrbart, zupfte heftig an den Spitzen desselben und antwortete dann: »Gut! Es mag sein! Läßt sie sich nicht halten, so ist es allerdings besser, Sie reiten mit. Aber in Zukunft werde ich mir besseren Gehorsam zu verschaffen wissen. Kommen Sie, Doctor!« Zwei Minuten später ritten sie im Galopp davon. Sie schlugen einen Feldweg ein, der sie viel schneller zur Bahn brachte als die Straße, welcher sie durch die ganze Stadt hätten folgen müssen. Sie erreichten den Damm an der Unglücksstätte, sprangen von den Pferden, ließen diese unten stehen und stiegen hinauf und drüben wieder hinab, wo sie empfangen wurden, der alte Capitän von dem Officier, der ihn natürlich kannte, und der Doctor von seinen beiden Collegen, welche sich freuten, an ihm eine so bewährte und höchst nothwendige Hilfe zu finden. Bertrand hatte sein Besteck stets bei sich, so auch jetzt. Er griff sofort mit zu. Vor einem Manne, dem das Bein schauderhaft zerquetscht war, knieete die Gestalt eines schönen Mädchens. Er trat hinzu und ließ sich neben ihr nieder. »Der Aermste,« sagte sie. »Er ist vor Schmerz besinnungslos.« »Wohl ihm!« antwortete Bertrand. »Lassen wir ihn! Hier können wir ihm nicht helfen. Das Bein muß ambutirt werden.« Er erhob sich wieder, und sie that dasselbe. Jetzt erst konnte er ihr voll in das Gesicht blicken. »Ist es möglich!« sagte er im Tone höchster Ueberraschung. »Das kann keine bloße Aehnlichkeit sein. Sie sind – –« Er stockte, blickte sich vorsichtig um, ob seine Worte gehört werden könnten und fuhr dann leise fort: »Sie sind Fräulein von Königsau?« »Ja,« nickte sie lächelnd. »Und Sie sind Herr Doctor Bertrand, der im unglücklichen Jahre Sechsundsechzig –« »Von Ihrem Herrn Bruder gerettet wurde und dann auch die Ehre hatte, Sie zu sehen. Aber, um Gotteswillen, dürfen Sie wagen, nach hier zu kommen?« »Ich muß es wagen und habe, offen gestanden, dabei auch ein Wenig auf Sie gerechnet.« »Ich stelle mich Ihnen ganz und gar zur Verfügung!« »Ich wollte zu Ihnen nach Thionville, litt aber hier leider diesen entsetzlichen Schiffbruch, dessen Folgen –« »Wie?« unterbrach er sie erschrocken. »Sie waren mit in dem verunglückten Zuge?« »Allerdings, Herr Doctor. Aber ziehen wir meine persönlichen Angelegenheiten nicht diesen Unglücklichen vor, welche unserer Hilfe so sehr bedürfen! Darf ich um eine kurze Gastfreundschaft in Ihrem Hause bitten?« »O, gewiß, mein gnädiges Fräulein.« »So wissen Sie zunächst, daß ich eine Engländerin aus London bin und Harriet de Lissa heiße.« »Weiß Ihr Herr Bruder, daß Sie kommen?« »Kein Wort.« »Und sein Diener, mein Kräutersammler, den ich dort sehe?« »Mit ihm habe ich mich bereits verständigt. Nun aber zunächst zu unseren Hilfsbedürftigen.« Nach diesen kurzen Unterhaltungsworten, welche allerdings höchst nothwendig gewesen waren, nahmen sie ihre erstere Beschäftigung wieder auf. Der Officier hatte dem Alten die Hand entgegengestreckt und nach dem gewöhnlichen Gruße die Frage ausgesprochen: »Auch Sie haben bereits von dem Unfalle gehört?« »Ja. Leider ist es nicht nur ein Unfall zu nennen. Die Bezeichnung, welche hier die richtige wäre, kann gar nicht gefunden werden.« Dabei blickte er sich um und that, als ob er sich eines Schauderns gar nicht erwehren könne. »Leider!« antwortete der Officier. »Diese Leichen und diese Verstümmelungen! Es ist schauderhaft!« »Wer hat das Unglück verschuldet? Das Zugpersonal?« »Nicht im Geringsten! Man hat Steine auf die Schienen gelegt, eine ganze Anzahl großer Steine.« »Entsetzlich! Gewiß nur Buben, welche ihre teuflische Freude an solchen Zerstörungen haben. Und da mußte es einen Personenzug treffen!« »Das war ja beabsichtigt!« »Beabsichtigt?« fragte der Alte im Tone des Erstaunens. »Ja. Der Zug sollte verunglücken, damit man einen geplanten Raub ausführen könne.« »Ist so etwas möglich?« »Ja, es giebt solche Teufels! Aber wir haben die Kerls glücklicher Weise gefangen.« Die Augenwinkel des Capitäns zogen sich für einen kurzen Augenblick zusammen, aber eben nur für einen ganz kurzen Augenblick; dann sagte er: »Das wäre recht! Aber sind es die Richtigen?« »Ja. Wir haben ihnen den Raub wieder abgenommen.« »Kennen Sie sie?« »Sie sind keinem Menschen bekannt.« »Ah! Darf man sie einmal sehen? Vielleicht könnte es mir gelingen, Ihnen Auskunft zu geben.« »Sollte mich freuen, ganz außerordentlich freuen.« »Wo befinden sie sich?« »Im hintersten Coupee des vorletzten Wagens. Ich stehe sofort zur Disposition, Herr Capitän! Habe nur da drüben vorher eine Kleinigkeit zu ordnen.« Er entfernte sich für eine kurze Zeit. Der Alte warf einen scharf forschenden Blick nach dem bezeichneten Coupee. Er sah die Wache auf dem Trittbrette, und da er, tiefer stehend, unter dem Wagen hindurchblicken konnte, bemerkte er, daß drüben auf der anderen Seite sich kein Posten befand. Sofort war sein Plan gemacht. Und ebenso resolut ging er an die Ausführung desselben. Er griff in die Tasche seines Ueberrockes. Dort steckte ein kleines Einschlagemesser. Er öffnete es und hielt es so in der rechten Hand, daß es von dem Aermelaufschlage vollständig verdeckt wurde. Ein Blick nach dem Officiere zeigte ihm, daß dieser in einiger Entfernung mit einem Sergeanten sprach. Er stieg langsam die Böschung hinan, als ob ihm die Rückkehr des Commandanten zu lang dauerte. Aber anstatt dann zu dem Posten zu treten, ging er um den letzten Wagen herum, indem er denselben betrachtete, als ob er sich von der Festigkeit der Transportmittel überzeugen wolle. Drüben war kein Mensch. Ein rascher Umblick überzeugte ihn, daß er unbeobachtet sei. Er trat an die verschlossene Thür des Coupees, in welchem sich die Gefangenen befanden und öffnete es schnell, aber leise und nur so, daß ein Stoß von Innen nöthig war, um die Thür aus ihrer Lage zu bringen. Dann schritt er weiter und kehrte auf die andere Seite zurück, immer mit der Miene eines Mannes, welcher die Festigkeit der Wagen prüfen will. Kein Mensch hatte sein Thun beachtet, und das Oeffnen des Schlosses war so leise geschehen, daß auch der Posten nicht im Stande gewesen war, es zu bemerken. Aber die beiden im Coupee Sitzenden hatten das Geräusch doch hören können. Fortsetzung 76 »Du, was war das?« flüsterte der Eine, dem Posten ganz und gar unvernehmbar. Und da er sich dabei die größte Mühe gab, die halb geöffneten Lippen nicht zu bewegen, so merkte auch das der Soldat nicht. »Die Thür ist auf,« antwortete der Andere. »Donnerwetter! Wirklich?« »Ja. Ich sehe die ganz schmale Spalte, die sich gebildet hat.« »Wer mag das gewesen sein?« »Wer weiß es.« »Jedenfalls zu unserer Rettung.« »Möglich! Passen wir auf! Ich denke, es geschieht bald Etwas!« In diesem Augenblicke näherte der Alte sich dem Coupee nun von diesseits. Der Posten bemerkte ihn und machte das Honneur. »Kennen Sie mich?« fragte Richemonte. »Zu Befehl, Herr Capitän.« »Lassen Sie einmal die Gefangenen sehen, ob ich sie kenne!« Der Posten sprang vom Trittbrette herunter und der Alte trat hinauf. Als ob er sich mit derselben festhalten müsse, langte er mit seiner rechten Hand zum geöffneten Fenster hinein und rückte dann so nahe heran, daß sein Oberkörper die ganze Oeffnung erfüllte. »Also diese Hallunken sind es, welche dieses Unheil angerichtet haben,« sagte er laut. »Die sollten mit glühenden Zangen gezwickt werden.« Während dieser Worte hatte er mit einem Rucke seiner Hand, welche von Außen gar nicht bemerkt werden konnte, das Messer auf den Schooß des einen der Gefangenen geworfen. Dann sprang er wieder ab. Im nächsten Augenblicke nahm der Posten wieder den Platz ein, hielt es aber für eine Pflicht militärischer Aufmerksamkeit, seine Augen auch mit auf den einstigen Offizier der Kaisergarde gerichtet zu halten. Dies gab den beiden Verbrechern Spielraum zu einem abermaligen Gedankenaustausche. »Der Alte,« flüsterte der Eine. »Das konnten wir uns denken.« »Wir sind gerettet.« »Hast Du das Messer?« »Ja. Wie gut, daß sie uns die Hände nur vorn, aber nicht auf den Rücken gefesselt haben.« »So kannst Du erst meinen Strick durchschneiden und ich dann den Deinigen.« »Dann aber hinaus! Wenn nur der verteufelte Soldat auf zwei Augenblicke verschwinden wollte.« »Keine Sorge! Der Alte ist klug. Er wird es machen, daß dies geschieht. Da kennen wir ihn.« Jetzt kam auch der Offizier die Böschung des Dammes heraufgestiegen. »Nun, Herr Capitän,« fragte er. »Haben Sie sich diese Kerls betrachtet?« »Nur einen kurzen Augenblick lang.« »Kennen Sie sie?« »Ich glaube nicht.« »Aber vielleicht sind Sie von ihnen gekannt. Will sie einmal fragen. Vielleicht fangen sie sich.« Er schob den Posten auf die Seite und nahm auf dem Trittbrette Platz. »Hört, Kerls,« meinte er; »kennt Ihr den Herrn, der jetzt zum Fenster hereingesehen hat?« Keiner antwortete. »Wenn Ihr nicht reden lernt, werde ich Euch die Zunge lösen. Hier giebt es Haselsträucher! Ich frage Euch, ob Ihr den erwähnten Herrn kennt?« »Nein,« wurde jetzt geantwortet. »So seid Ihr wohl nicht aus der hiesigen Gegend?« »Nein.« »Woher denn?« Ehe er eine Antwort vernehmen konnte, ertönte ein lautes Rollen und der Alte rief warnend: »Herr Capitän, der Zug.« Der Offizier blickte sich um. Die vorhin wieder abgegangene Locomotive kehrte mit mehreren Wagen zurück. »Pah! Ich stehe fest!« antwortete der Commandant. Er hatte die Verbrecher zum Sprechen gebracht, und so wollte er diese gute Gelegenheit nicht unbenützt vorübergehen lassen. Er wendete sich also in das Innere des Wagens zurück. »Also, woher Ihr seid? frage ich.« »Aus der Gegend von Verdun.« »Ihr habt Complicen?« »Nein.« »Lügt nicht.« »Wie können wir Complicen haben, wenn wir unschuldig sind!« »Man wird Euren Mitschuldigen zu finden wissen! Wo ist er?« »Wir haben keinen. Wir haben Nichts gethan!« In diesem Augenblicke schob die Maschine die neu angekommenen Wagen an die bereits anwesenden an. Dies geschah allerdings in der gewöhnlichen vorsichtigen Weise, gab aber doch einen Stoß, dem der Offizier, der das nicht gewöhnt war, nicht widerstehen konnte. Er sprang ab und lief, da die Wagen sich eine kurze Strecke weit bewegten, neben dem Coupee her. »Jetzt!« sagte drin der Eine zum Anderen. »Her, Deine Hände mit dem Stricke.« »Hier! So! Und nun die Deinigen!« Abermals ein Schnitt und die Beiden konnten ihre Arme und Hände gebrauchen. »Ist Jemand hüben auf dieser Seite?« Der, welcher an der jenseitigen Thüre saß, öffnete ein Wenig und blickte hinaus. Er sah Niemanden. »Kein Mensch,« antwortete er. »Komm! Schnell!« Er sprang hinaus und der Andere folgte ihm. Dieser Letztere schlug, da die Wagen jetzt wieder in's Stehen kamen, wobei die Räder und Bremsen kreischten, die Thür zu, ohne daß dies gehört wurde. Dann flogen Beide den Bahndamm hinab und unten zwischen die Büsche hinein. Gerade in diesem Augenblicke referirte der Offizier dem Alten: »Aus der Gegend von Verdun wollen sie sein. Glauben Sie das?« »Möglich ist es. Aber bitte, fragen Sie doch weiter, Herr Kamerad! Die Kerls scheinen einmal im Sprechen zu sein.« Dabei zuckten seine Schnurrbartspitzen eigenthümlich auf und nieder. Der Andere antwortete: »Sie haben Recht. Man muß das Eisen schmieden, so lange es heiß ist. Ich werde dem Untersuchungsrichter vorarbeiten.« Er stieg wieder auf das Trittbrett. Zwischen jetzt und vorhin waren kaum einige Secunden vergangen. »Hört, Ihr Hallunken, Ihr sollt mir – – Heiliges – –!« Er hielt inne und man konnte sogar von Außen bemerken, daß er jetzt ein Raub der größten Bestürzung sei. »Nun?« fragte der Alte. »Was giebt es?« »Fort,« antwortete der Gefragte, noch immer unbeweglich in das Innere des Coupees starrend. »Fort? Wer denn?« »Die beiden Kerls.« »Unmöglich.« Erst jetzt drehte der Offizier sich um. Sein Gesicht war kreideweiß geworden. Er blickte den Alten mit weit geöffneten Augen an und fragte: »Können Sie das begreifen?« »Daß sie fort sind? Nein. Das kann ich gar nicht glauben!« »Aber sie sind doch fort!« »Zeigen Sie.« Der Alte schob ihn fort, stellte sich hinauf und blickte in das Coupee. »Unmöglich!« rief er. »Ich glaube, die Kerls haben sich unter die Sitze verkrochen.« »Unter die Sitze?« fragte der Andere, dem bei diesen hoffnungsreichen Worten das Leben in die Wangen zurückkehrte. »Jedenfalls,« antwortete Richemonte. Er gab sich Mühe, die Scene zu verlängern, damit die beiden Flüchtlinge Zeit zu einem genügenden Vorsprung finden möchten. »Weshalb aber?« »Das ist doch leicht einzusehen. Sie denken, wir sollen glauben, daß sie fort sind. Während wir nun auf der einen Seite suchen, würden sie auf der anderen ausreißen.« »Ah! So dumm sind wir nicht! Holen wir sie unter den Sitzen hervor!« »Ja, machen wir auf.« Sie öffneten die Thür und der Commandant blickte unter die Bänke. Als er den Kopf wieder hervorzog, war sein Gesicht abermals blaß geworden. »Vergebens! Sie sind fort,« sagte er. »Donnerwetter! Sie können sich doch nicht unsichtbar machen!« »Das scheinen sie allerdings gekonnt zu haben.« »Ist denn das Fenster drüben offen? Doch nicht?« »Nein; es ist zu.« »Oder wohl gar die Thüre?« »Werde sehen.« Er stieg in das Coupee und untersuchte die Thür. »Sie ist noch gerade so verschlossen wie vorher,« sagte er. »Daraus werde der Teufel klug. Oder können Sie sie da drüben vielleicht laufen sehen?« Der Andere ließ das Fenster herab, blickte hinaus und antwortete: »Nein. Es ist kein Mensch zu sehen.« »So stehen wir vor einem blauen Wunder. Wer kann es erklären?« »Ich nicht, Herr Capitän,« antwortete der Andere, indem er aus dem leeren Coupee sprang. »Na, ich auch nicht. Geht mich überhaupt gar nichts an!« »Aber mich desto mehr,« antwortete der Andere, vor Verlegenheit schwitzend. »Man hat mir die Gefangenen zur Bewachung anvertraut.« »Sie haben Sie ja auch bewachen lassen und sodann gar selbst bewacht!« »Und gerade da, als ich sie unter meinen Augen hatte, sind sie spurlos verschwunden! Das muß während der zwei Augenblicke geschehen sein, in denen ich neben dem Wagen herging, weil er in Bewegung war.« »Aber drüben sind sie nicht hinaus! Es ist ja Alles noch gerade so verschlossen wie vorher!« »Hüben können sie aber noch viel weniger entkommen sein. Da standen ja wir!« »Durch die Decke oder den Boden oder die Seitenwand?« »Ist Alles fest und unverletzt!« »Nun, ich zerbreche mir den Kopf nicht!« Er wollte sich abwenden, wurde aber daran verhindert. Mit den neuen Wagen war nämlich nebst einem zahlreichen Helferpersonale auch die Gerichtscommission gekommen, welche die Pflicht hatte, den Thatbefund aufzunehmen. Die Herren hatten sich sofort nach der Unglücksstätte verfügt; da sie dort aber hörten, daß die Thäter entdeckt worden und da im Coupee eingesperrt worden seien, kamen sie zurück, und zwar gerade in dem Augenblicke, als der Alte sich entfernen wollte. Er hatte sie vorher gar wohl gesehen, aber gar nicht gethan, als ob er sie bemerkt habe. Jetzt zog er höflich grüßend den Hut. »Ah, Herr Procurator, Sie!« sagte er. »Ja, ich, Herr Capitän. Eine der traurigsten Pflichten hat mich herbei gerufen. Ergebener Diener, Herr Capitän!« grüßte er auch den jüngeren Offizier. »Man hat die fürchterlichen Frevler bereits ergriffen?« »Allerdings, Herr Procurator,« antwortete der Gefragte indem er das Tuch zog, um sich den Schweiß abzuwischen. »Sie sind Ihrer Obhut anvertraut worden?« »Ja – leider – gewiß!« stotterte der Arme. »Leider?« fragte der Procurator verwundert. »Allerdings, leider!« »Wieso? Warum?« »Ich habe sie nicht mehr.« »Ah! Sie haben sie einem anderen Schutze anvertraut?« »Nein.« »Ich verstehe Sie nicht. Sie haben sie nicht mehr und haben sie doch auch keinem Anderen zur Bewachung übergeben?« »So ist es. Nämlich, sie – sie – sie sind – fort,« stotterte er in höchster Verlegenheit. »Fort? Bereits abgeführt also?« »Nein, sondern entflohen,« fiel der Alte ein. »Entflohen?« fragte der Procurator. »Meine Herren, ich hoffe, daß dies auf einem Irrthume beruht! Oder sollte ich gar etwa annehmen, daß bei dem Jammer da unten hier oben ein Scherz –« »Kein Scherz! Sie sind in Wirklichkeit entflohen!« »Herr Capitän!« »Ja, es ist so!« nickte der Alte in seiner sicheren bestimmten Weise. »Lassen Sie sich erzählen!« Da zog der Procurator die Stirn in Falten und sagte in einem hörbar strengen Tone: »Ich sehe mich da allerdings genöthigt, um Auskunft zu ersuchen!« »Nun,« fuhr der Alte fort, »ich hörte von dem Unglück und ritt herüber, weil ich einen Herrn mit diesem Zuge erwartete. Die Angst und Sorge trieb mich her. Hier angekommen, erfuhr ich, daß man die Thäter gefangen habe. Der Herr Capitän war so gütig, sie mir zu zeigen. Sie saßen bei verschlossenen Thüren hier in diesem Coupee, an beiden Händen gefesselt und von diesem Posten bewacht. Der Herr Capitän legte ihnen einige Fragen vor, mußte aber abspringen, weil gerade an diesem Augenblicke die Wagen zusammenprallten. Als er nach einer Viertelminute wieder aufstieg, waren sie fort.« »Wohin? »Das wissen wir nicht.« »Sie müssen doch wissen, wie sie entkommen sind?« »Eben das ist uns unbegreiflich. Drüben war zu; hüben standen wir, und dennoch sind sie fort!« »Die Flucht ist ihnen nur drüben möglich gewesen!« »Aber Thür und Fenster waren verschlossen! »Vielleicht die Thür nicht hinlänglich.« »O doch! Ich selbst habe mich davon überzeugt!« suchte sich der Commandant zu vertheidigen. »Nun, es wird wohl ein Licht für dieses Dunkel geben. Die Verbrecher sind fort; das ist Thatsache. Herr Capitän, haben Sie die Güte, in der Umgegend, besonders auf der anderen Seite nach Spuren suchen zu lassen. Ich begebe mich zunächst wieder an die Stätte des Grauens hinab.« Er hatte diese Worte im strengsten Tone gesprochen. Es war ja klar, daß ein Fehler vorgefallen war. Die Herren wendeten sich ab und ließen die beiden Offiziere stehen. Der Commandant eilte fort, um der erhaltenen Weisung zu gehorchen, und der alte Capitän stieg zu den Trümmern hinieder, um seinen weiteren Zweck zu verfolgen. Da unten erblickte er Nanon, welche bei einem Verwundeten beschäftigt war. Er trat zu ihr und fragte: »Nun, ist Ihre Schwester auch todt?« »Nein. Sie lebt. Dank sei den Heiligen!« »Pah, die Heiligen! Wissen Sie nicht, ob sich ein Herr aus Amerika bei dem Zuge befunden hat?« »Ja, ein Herr Deep-hill.« »Das ist er, den ich meine. Ist er noch da?« »Ja.« »Wo?« »Dort neben der Engländerin steht er eben im Begriff einen der Verwundeten zu verbinden.« »Ah, jener schwarzlockige Herr?« »Ja.« Emma von Königsau hatte den Reiseüberwurf abgelegt. Da sie sich nun im bloßen Kleide bewegte, trat die Schönheit ihrer Formen um so deutlicher hervor. Der Alte erblickte sie. Er war auch ein Bewunderer weiblicher Schönheit gewesen und noch heute ein Kenner derselben. »Eine Engländerin?« fragte er, indem er sein Auge musternd auf der Genannten haften ließ. »Ja.« »War sie mit in dem Zuge?« »Sie hat mit meiner Schwester in einem Coupee gesessen.« »Ah! Und Beide sind gerettet worden! Das Unglück ist galant gewesen, indem es die Schönheit verschont hat.« Er bewegte sich auf die Gruppe zu. Dort angekommen zog er den Hut und sagte in höflichem Tone: »Man sagt mir, daß ein Monsieur Deep-hill hier zu finden sei. Darf ich vielleicht fragen, ob man mich recht berichtet hat?« Der Amerikaner erhob sich, entblößte ebenso höflich seinen Kopf und antwortete: »Allerdings, Monsieur. Der Name, den Sie nannten, ist der meinige.« »Sie sind aus New-Orleans?« »Ja.« »Und an einen Capitän Richemonte adressirt?« »So ist es.« »Nun, so sind Sie am Ziele angelangt. Mein Name ist Richemonte. Ich wußte den Zug, der Sie bringen sollte; ich hörte vor wenigen Minuten, daß er verunglückt sei, und ich eilte natürlich sofort herbei, um zu erfahren, ob man auch Ihren Verlust zu beklagen habe. Zu meiner unendlichen Freude aber höre ich, daß Sie gerettet sind. Lassen Sie sich aus vollstem Herzen gratuliren!« Er reichte dem Amerikaner die Hand entgegen, derselbe ergriff sie, verbeugte sich und sagte: »Herr Capitän, Ihre Besorgniß um mich ist mir eine sehr hoch geschätzte Ehre. Darf ich bitten, Ihnen heute oder morgen einen Besuch machen zu dürfen?« »Einen Besuch? Ah, nicht nur das, sondern mein Gast werden Sie sein. Ich hoffe natürlich, daß Sie meine Einladung auf Schloß Ortry annehmen werden.« »Wie Sie befehlen! Ich stehe ganz zu Ihrer Disposition.« »Ich kam, Sie abzuholen und Sie zu geleiten. Wann dürfen wir aufbrechen?« »Für jetzt werde ich wohl noch um Urlaub bitten müssen!« Dabei fiel sein Auge unwillkürlich auf Emma. Diese hatte bei dem Namen Richemonte aufgehorcht und einen raschen Blick in das Gesicht des Alten geworfen, sich dann aber wieder ausschließlich mit dem Verwundeten beschäftigt. Der Alte merkte den Blick, welcher auf sie gefallen war. Er deutete ihn nach seiner Weise und sagte: »Ah, die Schönheit hat doch stets ihre Fesseln!« Emma erröthete, that aber nicht, als ob sie diese etwas dreisten Worte auf sich bezöge. Der Amerikaner zog die Augenbrauen zusammen und antwortete in einem Tone, welcher beinahe verweisend klang: »Wollen Sie hier von Schönheit sprechen, hier, unter Todten, Verwundeten und Trümmern? Das Unglück hat stärckere Fesseln als das Glück. Es hält mich hier zurück. Ich kann unmöglich diesen Ort eher verlassen, als bis ich überzeugt bin, gegen diese Unglücklichen meine Pflicht gethan zu haben.« Der Alte zuckte die Achsel und meinte kühl: »Es sind genug andere Retter da!« »Das ist kein Grund, mich zurückzuziehen. Je mehr Hände, desto eher werden die Schmerzen gestillt!« »Sie mögen Recht haben. Aber, ich muß vermuthen, daß diese Dame zu Ihnen gehört. Wollen Sie die Güte haben, mich ihr vorzustellen?« »Wir sahen uns zuerst im Coupee, Herr Capitän. Diese Dame ist Miß de Lissa aus London.« »Ah, eine Engländerin!« Er zog den Hut und verbeugte sich tief. Emma hatte sich natürlich erhoben und zu ihm gewendet. Jetzt stand sie Auge in Auge mit dem langjährigen Todfeinde ihrer Familie; aber ihrem Gesichte war keine Spur der Gefühle anzusehen, die sie gegen ihn hegte. Sie sah ihm voll, groß und forschend in das Angesicht, als ob sie sich die Züge desselben fürs ganze Leben einprägen wolle, verneigte sich unter einem feinen, verbindlichen Lächeln und sagte: »Es bereitet mir eine wirkliche Genugthuung, den Herrn kennen zu lernen, von dem ich so oft sprechen hörte!« Es war ihr nämlich in diesem Augenblicke ein Gedanke gekommen, ein Gedanke gleich einer Eingebung, der sie sofort und unbedingt Folge leisten müsse. Er aber blickte ihr überrascht in das schöne Angesicht und sagte im Tone des Zweifels: »Von mir hörten Sie sprechen, Miß?« »Ja.« »Sollte das nicht eine Verwechselung sein? Der Name Richemonte scheint nicht selten vorzukommen.« »Ich meine Capitän Albin Richemonte auf Schloß Ortry.« »Nun, der bin ich allerdings. Darf ich fragen, bei welcher Gelegenheit, oder wo mein Name Ihnen genannt wurde?« »Darüber später einmal, falls wir uns wiedersehen sollten. Ich bin Mitglied des Clubbs der Barmherzigen.« Das Auge des Alten leuchtete auf. »Ah!« sagte er. »Reisen Sie vielleicht im Interesse dieses Clubbs, Miß de Lissa?« »Allerdings.« »Das ist mir freilich interessant, höchst interessant! Darf ich nach dem Ziele Ihrer Reise fragen?« »Thionville,« »Sapper – Entschuldigung! Thionville! Sind Sie da vielleicht an eine bestimmte Adresse gebunden?« »Nein; ich besitze meine völlige Selbstbestimmung, werde aber bei Herrn Doctor Bertrand absteigen.« »Steht Ihre Familie in Beziehung zu ihm?« »Nein. Er wurde mir empfohlen.« »Sind Sie ihm avisirt?« »Ja.« »Er befindet sich hier; jetzt steht er da oben auf dem Damme bei den Wagen.« Er deutete nach der betreffenden Stelle. Sie nickte ihm freundlich zu und antwortete: »Ich weiß es, Herr Capitän. Ich habe bereits mit ihm gesprochen.« Der Alte konnte seine Augen kaum von ihren schönen Zügen wenden. Es wurde ihm ganz eigenthümlich zu Muthe. »Verzeihung, daß ich so viele Fragen an Sie richtete,« bat er. »Es ist in Ihren Zügen, in Ihrer Gestalt, in Ihrer Sprache, in Ihrem ganzen Wesen ein Etwas, was mich zu dem Gedanken zwingt, als hätten wir uns bereits gesehen, oder als müßten wir zu einander in Beziehung treten, und zwar in eine freundliche. Waren Sie bereits einmal in Frankreich?« »Noch nie.« »So irre ich mich. Aber vielleicht habe ich das Glück, Ihnen wieder zu begegnen. Verweilen Sie längere Zeit in Thionville?« »Das ist unbestimmt. Jedenfalls aber reise ich erst dann ab, wenn der Zweck meiner Abwesenheit erreicht ist.« »Ah, Sie haben einen besonderen Zweck?« »Allerdings.« »Vielleicht geschäftlich?« »So ähnlich könnte man es nennen. Jetzt aber bitte ich um die Erlaubniß, zu meiner Pflicht zurückkehren zu dürfen.« Sie machte dem Alten eine wahrhaft königliche Verbeugung und wendete sich dann dem Verwundeten wieder zu. Der Capitän trat mit dem Amerikaner einige Schritte abseits und fragte: »Sie haben die Worte dieser Dame gehört?« »Natürlich, Capitän!« »Sie kommen allerdings in politischen Beziehungen zu mir?« »Gewiß.« »Fast scheint es, als ob diese Engländerin aus ähnlichen Gründen nach Frankreich gekommen sei!« »Man möchte es beinahe vermuthen.« »Sie haben sich jedenfalls im Coupee mit ihr unterhalten. Gab es da keinen Anhaltepunkt, um bestimmen zu können, ob diese meine Vermuthung die richtige sei?« »Nein, gar nicht.« »So werde ich sie in Thionville wiederfinden müssen. Aber ich dächte, daß selbst die kürzeste Unterhaltung einen Punkt bietet, welcher geeignet ist, auf Anderes schließen zu lassen.« »Wir haben von ihr gar nicht gesprochen. Ich stellte mich ihr vor, und dann kam die Rede sofort auf die Entgleisung, welche wir zu erwarten hatten.« Der Alte horchte erstaunt auf. »Zu erwarten hatten?« fragte er. »Das klingt ja gerade, als ob Sie gewußt hätten, daß der Zug entgleisen werde!« »So ist es auch.« »Aber, bitte, das ist ja unmöglich.« »Ich habe es aus Verschiedenem geschlossen, kam aber allerdings mit meinem Schlusse erst dann zu Stande, als wir uns dem Orte bereits so nahe befanden, daß das Unglück nicht mehr zu verhüten war.« Des Alten bemächtigte sich eine Aufregung, welche zu verbergen, er seine ganze Selbstbeherrschung anwenden mußte. »Darf ich wissen,« fragte er, »welche Prämissen Sie hatten, um diesen Schluß zu ziehen?« Der Amerikaner zögerte mit der Antwort. Er blickte ein kurzes Weilchen lang hinaus in's Weite. Seine Züge hatten einen Ausdruck der Starrheit angenommen, wenn man überhaupt von einem solchen sprechen kann. Er ging mit sich zu Rathe, was er beantworten solle. Endlich sagte er: »Man hatte es bei dieser Entgleisung nicht auf den Zug, sondern auf mich abgesehen.« Der Capitän erschrak, versuchte aber, dies zu verbergen. »Auf Sie?« sagte er. »Unmöglich!« »Sogar ganz gewiß.« »Das ist nicht denkbar!« »O, im Gegentheile leicht erklärlich! Man wußte, daß ich mit diesem Zuge kommen werde und daß ich sehr bedeutende Summen bei mir trage.« »Nun? Weiter!« »Man beschloß, den Zug entgleisen zu lassen, um dann bei meiner Leiche die volle Brieftasche zu finden.« Jetzt mußte der Alte sich auf 's Aeußerste anstrengen, um sich nicht zu verrathen. Er räusperte sich; er zog an den Spitzen seines Schnurrbartes. Endlich stieß er hervor: »Das klingt wie Wahnsinn!« »Ist aber die nackte, wahre Wirklichkeit!« »Beweise!« »Man hat mich ja bereits für todt gehalten und mir, während ich im umgestürzten Coupee lag, die Brieftasche abgenommen!« »Alle Teufel!« »Ja, so ist es!« »Aber das beweist ja noch nichts.« »Wieso?« »Man hat die Brieftasche zufällig bei Ihnen gefunden.« »Hm!« Er zögerte, mehr zu sagen. Die Physiognomie des Alten gefiel ihm ganz und gar nicht. Dieser aber meinte nun im zuversichtlichen Tone: »Sie sehen also, daß Ihre Vermuthung hinfällig ist.« »Möglich. Uebrigens hätte ich mir nicht erklären können, wie man von einer Brieftasche erfahren konnte.« »Es wissen ja nur Zwei, daß Sie erwartet werden, nämlich Graf Rallion und ich.« »Und Sie Beide werden sich jedenfalls hüten unser Geheimniß auszuplaudern!« »Gewiß. Aber, Sapperment, wie steht es denn da mit Ihrem Portefeuille? Es ist fort?« »Es war fort. Ich habe es wieder.« »Ah! Man hat es dem Diebe abgenommen?« »Den Dieben. Es waren zwei.« »Ah! Dieselben, welche entkommen sind?« Der Amerikaner blickte erstaunt auf. Er war in Gesellschaft von Emma von Königsau so sehr mit Hilfeleistungen beschäftigt gewesen, daß er auf die anderen Vorgänge gar nicht geachtet hatte. »Entkommen?« fragte er. »Ja.« »Die Beiden da oben im Coupee?« »Ja. Der Offizier hat sie entkommen lassen. Jetzt steht man im Begriffe, ihnen nachzujagen.« »Welch eine unbegreifliche Unvorsichtigkeit! Das ist – –« er hielt inne und blickte nachdenklich vor sich hin; dann fuhr er weiter fort: »Doch, ich hoffe, daß man sie wieder ergreift!« »Jedenfalls, Monsieur! Also, Sie sind mein Gast. Leider habe ich nicht Zeit mich länger hier zu verweilen. In welcher Weise werden Sie diesen Ort verlassen?« »Jedenfalls in einem der Bahnwagen da oben.« »Schön! Werden Sie mir erlauben, Ihnen meinen Kutscher nach dem Bahnhofe zu senden?« »Ich werde diese Aufmerksamkeit zu würdigen wissen.« »Dann Adieu für jetzt!« Sie reichten sich höflicher Weise die Hände, und dann entfernte sich der Alte, um zu seinem Pferde zurückzukehren, welches jenseits des Dammes ruhig graste. Als sich die Nachricht verbreitete, daß die Gefangenen verschwunden seien und eine Anzahl Soldaten abgeschickt wurden, ihre Spur zu suchen, schloß Fritz sich ihnen an. Er fühlte sich in einer geradzu wüthenden Stimmung über diesen Streich, mußte aber bald einsehen, daß er zur Wiederhabhaftwerdung der Entsprungenen nichts beizutragen vermöge. Er hatte keine Zeit, nach ihnen in der Gegend herum zu laufen. Er kehrte also nach der Unglücksstätte zurück. Gerade als er zwischen den Büschen hervortreten wollte, erblickte er den alten Capitän, welcher vom Damme herabkam, um zu seinem Pferde zu gehen. Zu gleicher Zeit sah man einen Reiter und eine Reiterin quer über die Wiese herbeigesprengt kommen. Es war Doctor Müller mit Marion. Der Alte bemerkte diese Beiden und blieb stehen, um sie zu erwarten. Sie hielten vor ihm, und Müller sprang ab, um der schönen Baronesse beim Absteigen behilflich zu sein. »Lassen Sie das, wenn ich selbst da bin!« herrschte ihm der Alte zu. Er half seiner Enkelin ab und gab ihr den Arm, um sie den Damm hinauf zu führen. Sie that gar nicht, als ob es vorher zwischen ihm und ihr eine Scene gegeben hätte. »Da oben ist's?« fragte sie ihn im Emporsteigen. »Jenseits unten! Du hast Deinen Willen durchgesetzt; aber wirst Du auch stark genug sein, den Anblick zu ertragen?« »Ich denke es!« »So komm!« Oben angelangt, blieb er halten, um ihr einen Ueberblick zu lassen. Sie schauderte zusammen. Er fühlte es. »Nun, jetzt kommt die Ohnmacht?« höhnte er. »Wohl nicht,« antwortete sie. »Es gehört jedenfalls ein ganz und gar gefühlloses und entmenschtes Herz dazu, hier nicht zu erschrecken!« »Schön! Ich verstehe Dich: ein solches Herz habe ich!« »Wie es scheint!« »Pah! Ich befinde mich wohl dabei. Was aber nun?« »Was nun? Was ist da noch zu fragen? Ich werde mit helfen Verbände anzulegen.« »Du?« fragte er zornig. »Die Baronesse de Sainte-Marie?« »Ja, ich! Eine Baronesse hat dieselben Menschenpflichten wie ein jedes andere Weib.« »Das klingt ganz nach Socialdemokratie und Commune! Aber, hm, ich will nichts dagegen haben, stelle jedoch eine Bedingung.« »Bei der Erfüllung meiner Pflicht lasse ich mir natürlich keine Bedingung stellen!« »Teufel! Du bist seit einigen Tagen ganz außerordentlich emancipirt. Ich werde Sorge tragen, daß Dir die Flügel etwas mehr beschnitten werden.« »So werden diese Flügel mich fortgetragen haben, ehe die Scheere sie berührt!« »Werden sehen! Da Du keine Bedingung eingehen willst, gebe ich Dir einen Befehl. Verstanden!« »Ja. Dieser Befehl imponirt mir nicht, und Dir wird er nicht viel nützen.« »Oho! Ich werde ihm Nachdruck zu geben wissen!« »Das ist entweder unnöthig oder erfolglos. Verlangst Du Etwas, was ich nicht thun kann, so werde ich es eben unterlassen; ist es aber Etwas, was sich mit meinen Anschauungen vereinbaren läßt, so wäre gar kein Befehl nöthig; eine Bitte, ein Wunsch würde genügen!« »Sapperment! Befehlen darf ich also nicht mehr. Nur Bitten oder Wünsche darf ich dem gnädigen Fräulein unterbreiten!« »So ist es allerdings. Höflichkeit ist das erste Gesetz des geselligen und also noch vielmehr des familiären Lebens. Das solltest Du endlich einmal wissen. Alt genug bist Du dazu!« Da schleuderte er ihren Arm aus dem seinigen, drehte sich ihr gerade entgegen und wollte losdonnern. Sie aber machte eine so hoheitsvolle und gebieterische Handbewegung, daß ihm das Wort auf den Lippen erstarb. »Still!« sagte sie. »Hier giebt es Leute, welche nicht zu ahnen brauchen, welcher Tyrann Du bist! Also, was ist es, was Du von mir verlangst?« Er würgte seinen Zorn mit aller Gewalt hinab und antwortete: »Blicke einmal gerade von uns hinab. Siehst Du den Herrn und die Dame, welche soeben einen gebrochenen Arm in die Binde legen?« »Ja.« »Der Herr ist ein Amerikaner Namens Deep-hill. Er wird bei uns wohnen und ich hoffe, daß Du Dich ihm gegenüber eines freundlicheren Verhaltens befleißigen wirst, als gegen mich.« »Das wird auf ihn ankommen. Grobheit kann nie Liebe und Höflichkeit ernten.« »Schön! Doch laß das Philosophiren. Die Dame neben ihm ist eine Engländerin.« »Verheirathet?« »Nein, da sie sich Miß nennen läßt.« »Vom Stande?« »Jedenfalls, denn ihr Name ist de Lissa. Sie wird bei Doctor Bertrand wohnen. Ich habe allen Grund zu der Vermuthung, daß sie in diplomatischen Aufträgen hier ist.« »Eine Dame?« »Hat es noch keine Diplomatinnen gegeben?« »In Thionville und auf Ortry nicht!« »Da war auch kein Capitän Richemonte vorhanden. Ich wünsche nun« – und dieses Wort »wünschen« betonte er jetzt ganz besonders – »also ich wünsche nun, daß Du ihre Bekanntschaft zu machen suchst – –« »Ah, ich soll auch Diplomatin sein?« »Hast Du etwa kein Geschick, die Bekanntschaft einer Dame zu machen?« »Nein, nämlich wenn sie mir nicht gefällt!« »Diese wird Dir gefallen. Sie ist eine große Schönheit.« »Wollen sehen.« »Also Du machst ihre Bekanntschaft und versuchst, sie auszuhorchen. Verstanden?« »Sehr gut. Aber gehorchen werde ich nicht.« »Teufel! Warum?« »Wenn Dein Wunsch mich zum Horchen und Aushorchen veranlassen soll. So werde ich nicht gehorchen. Das ist dreimal Horchen. Dazu habe ich entschieden kein Talent.« »Ich werde dafür sorgen, daß Du Talent bekommst! Jetzt verlasse ich Dich. Ich hoffe, bei Deiner Heimkehr zu hören, daß Du mit dieser Dame gesprochen hast. Adieu!« Er ging. Als er unten beim Pferde ankam, war Doctor Müller verschwunden, das kümmerte ihn aber nicht. Er stieg auf sein Pferd, ließ dasjenige Doctor Bertrands weiter grasen und ritt davon. Vorher, als der Alte mit Marion die Böschung emporgestiegen war, hatte Müller folgen wollen. Er hatte also die beiden Pferde an die Sträucher geführt, um sie mittelst der Zügel an einen der Bäume zu befestigen. Noch war er damit beschäftigt, da horchte er auf. »Pst!« hatte es geklungen. Er trat zwischen das Gebüsch hinein und erblickte Fritz, welcher hier stehen geblieben war. »Du hier?« fragte er. »Es ist Dir also nicht gelungen, das Unheil zu verhüten?« »Nein. Wer hätte an eine Entgleisung des Zuges gedacht.« »Das ist richtig. Bist Du mit den Hilfswagen gekommen?« »Nein, sondern mit dem Zuge selbst.« »Was? Wie? Mit dem Zuge, der verunglückt ist?« »Ja. Ich bin nämlich heute früh nach Trier gefahren, um Madelon eher zu treffen als ihre Schwester.« »Das war gut.« »Zugleich dachte ich mir, daß ich in einem der Wagen diesen Deep-hill finden könne.« »Das war nicht schwer, falls er sich wirklich in dem Zuge befand.« »Ich traf ihn aber zufälliger Weise in einem Hôtel in Trier.« »Da benachrichtigtest Du ihn von der Gefahr, die ihm drohte?« »Nein, sondern ich zankte mich im Gegentheile sehr gehörig mit ihm, da er sich als Deutschenfresser entpuppte. Ich kannte seinen Namen nicht. Ich erfuhr diesen erst dann, als wir im Coupee zusammentrafen.« »So seid Ihr also mit einander gefahren?« »Ja. Wir Beide und zwei Damen.« »War Madelon dabei?« »Ja, sie war eine dieser Damen.« »Und die Andere?« »Eine Engländerin Namens Miß de Lissa aus London.« »Weiter.« »Er stellte sich dieser Engländerin vor. Dabei las ich den Namen Deep-hill auf seiner Karte und wußte nun, daß er mein Mann sei. Ich machte ihn sofort mit der ihm drohenden Gefahr bekannt.« »Glaubte er es?« »Nein. Aber als ich seine Brieftasche und seine Millionen erwähnte, besonders als ich den Alten und Graf Rallion nannte, da war er überzeugt.« »Und dann?« »Ich sagte ihm einige Worte über das Erlauschte und da kam er auf den Gedanken, daß man den Zug entgleisen lassen wollte, um zu seinem Gelde zu gelangen.« »Herrgott,« sagte Müller, »jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen!« »Mir ging es ebenso.« »Mir wird wirklich bange! Schnell, schnell! Was thatet Ihr?« »Wir befanden uns bereits hier in der Nähe. Sollte wirklich eine Entgleisung vorgenommen werden, so geschah sie noch ganz sicher vor Thionville.« »Natürlich, natürlich! Weiter!« »Wir hatten also keinen Augenblick Zeit zu verlieren. Wir stießen die beiden Thüren auf und traten auf das Trittbret, er drüben und ich hüben. Wir wollten ein Zeichen geben, da wir nicht zu der Signalleine gelangen konnten. Aber es war bereits zu spät. Das Nothsignal erscholl bereits. Auf den Schienen lag ein ganzer Haufen von Steinen.« »Gott, was wird nun geschehen!« »Wir konnten die beiden Damen unmöglich zerschmettern lassen. Ich riß also die Madelon aus dem Coupee und er die Engländerin. Dann sprangen wir Beide von den Trittbrettern herab, Jeder mit seiner Last natürlich und gerade zur rechten Zeit, um nicht mit in die Tiefe gerissen zu werden.« »Gott sei Dank! Wie wird es dort drüben aussehen!« Dabei deutete er an dem Damm empor. »Schrecklich, schrecklich!« antwortete Fritz. »Sind viele verletzt?« »Sehr Viele; aber doch giebt es noch mehr Todte. Nur außerordentlich Wenige sind leidlich weggekommen.« »Aber, wenn das so geplant gewesen ist, so muß ich vermuthen, daß die beiden Kerls gekommen sind, um nach dem Amerikaner zu suchen!« »So war es auch!« »Ah! Wirklich, sie kamen?« »Ja. Der Amerikaner stellte sich todt. Sie nahmen ihm die Brieftasche, und dann, gerade als sie entfliehen wollten, hielt ich sie fest. Sie wurden gebunden und in ein Coupee da oben gesteckt.« »Gott sei Dank, daß sie ergriffen wurden.« »Prosit die Mahlzeit! Man hat sie zwar ergriffen, aber man hat sie leider nicht mehr!« »Nicht mehr? Du willst doch nicht etwa sagen, daß – –?« »Daß sie entflohen sind?« »Ja.« »Gerade das will ich sagen. Soeben komme ich von ihrer Verfolgung zurück. Es ist keine Spur von ihnen zu sehen.« »Aber, wie gelang es ihnen denn, zu entkommen? Es muß da oben und drüben doch so viele Menschen geben, daß eine solche Flucht ganz unmöglich erscheint!« »Massenhaft sind die Menschen da, und zu Hunderten strömen sie noch, die Neugierigen aus den umliegenden Ortschaften. Freilich darf nicht ein Jeder herantreten. Aber denken Sie sich: Man setzte die beiden Kerls in ein Coupee und stellte auf der belebten Seite desselben einen Posten auf, auf der andern Seite aber, hier nach uns zu, wo sich kein Mensch befand, da ließ man sie ohne Wache.« »Schrecklich dumm!« »Ja. So Etwas bringt nur so ein glorioser Franzose fertig! Und Der diese Vorsichtsmaßregel traf, war sogar ein Capitän!« »Also Hauptmann!« »Bei uns daheim hat jeder Gänsejunge mehr Grütze im Kopfe. Na, freue Dich, Frankreich, auf Deine Siege! Ich denke mir immer, Deine Heldensöhne werden ganz gewaltige Keile kriegen!« »Nicht so laut, nicht so laut, Fritz! Du bist nicht daheim im Thiergarten oder in Deinem Stalle.« »Ja, die Galle läuft einem doch einmal über, wenn man nichts als Dummheit sieht.« »Also bist Du der Retter der schönen Madelon?« »Ja. Und der Amerikaner ist der Retter der Engländerin!« »Das gönne ich ihm und ihr, es interessirt mich aber weniger.« Fritz machte ein höchst erstauntes Gesicht und fragte: »Weniger?« »Ja. Das ist nicht unmenschlich. Ich kenne Beide nicht.« »Das möchte ich doch bezweifeln!« »Wieso?« »Hm! Diese Engländerin reist nämlich incognito.« »Unter falschem Namen?« »Ja.« »Aber eine Engländerin ist sie trotzdem wohl?« »Nein, obgleich sie das Englische spricht wie die feinste Lady. Denken Sie sich, sie ist aus –« »Nun, aus –?« »Aus Berlin!« »Aus Berlin? Und reist als Engländerin? Da muß sie ganz eigenthümliche Gründe haben.« »Sicher! Wenn man diese Gründe doch nur erfahren könnte.« »Nun, sollte ich mit ihr bekannt sein?« »Das ist sehr leicht möglich. In Berlin sehen sich die Leute.« »Anderwärts auch, lieber Fritz! Aber sie kann mich in der Hauptstadt gesehen haben; jetzt erblickt sie mich – ich kann auf der Stelle verrathen sein!« »Wohl schwerlich. Es giebt gute Gründe dagegen.« »Welche?« »Ihr Buckel.« »Pah, auf den fallen die Augen nicht sogleich.« »Ihre dunkle Gesichtsfarbe und Ihr schwarzes Haar.« »Auch darüber kann man im Augenblicke des Erkennens hinwegsehen. Die Züge sind die Hauptsache. Also Dir kommt sie bekannt vor?« »Ja.« »Wie ist sie? Häßlich?« »Schön, sehr schön!« »Sapperlot! Schwarz oder hell?« »Blond, gerade wie Sie, Herr Doctor, wenn Sie diese Perrücke –« »Pst, pst! Man braucht selbst unter vier Augen das nicht zu erwähnen. Ihren Namen – na, den kennst Du natürlich nicht!« »Ihren Vornamen habe ich erfahren.« »Wie lautet er?« »Emma.« »Wie meine Schwester.« »Sie ist von Adel. Und ihr eigentlicher Familienname klingt ganz wie Herzogswiese.« »Herzogswiese. Eine adelige Familie dieses Namens giebt es ja gar nicht!« »So verwechsele ich die Ausdrücke. Vielleicht soll es nicht Herzogs- sondern Fürstenwiese heißen.« »Auch diesen Namen kenne ich nicht.« »Dann wohl Königswiese.« »Hm! Auch unbekannt!« »Sapperment! Ich dachte, Sie sollten den Namen kennen! Vielleicht ist das mit der Wiese auch eine Verwechselung. Wie sagt doch gleich der Dichter anstatt Wiese?« »Gefilde?« »Dann hieße es Königsgefilde? Nein!« »Welches Wort sollte es sonst sein?« »Ich muß nachdenken. Wie war doch nur der schöne Reim, in dem die Wiese und die Frau vorkam! Ah, da fällt er mir ein! Er heißt: »Ich flieg mit meiner ersten Frau Und dreizehn Kindern durch die Au'.« Ja, das ist der Reim, und das ist auch das Wort. Nicht Wiese oder Gefilde darf es heißen, sondern Au.« Müller machte ein etwas betroffenes Gesicht. »Verstehe ich recht, was Du meinst?« fragte er. »Nicht Königswiese soll es heißen, sondern Au', also Königsau?« »Ja, ja; so war es!« meinte Fritz. »Mensch, was fällt Dir ein! Aus Berlin ist sie?« »Ja.« »Und Emma heißt sie?« »Jaja!« »Und mit dieser Madelon saß sie in einem Coupee?« »Jajaja!« Das Gesicht Fritzens wurde bei jedem Augenblicke sonniger und heller. »Das wäre ja meine Schwester!« »Donnerwetter!« fluchte Fritz. »Jetzt hab ich's also heraus! Darum also kam sie mir so bekannt vor!« »Mensch, Fritz, Kräutermann! Bist Du verrückt?« »Fällt mir gar nicht ein!« »So sei ernst und laß den Witz! Sag aufrichtig: Wer ist die Dame, von der Du sprichst?« »Nun, es bleibt doch dabei, wie ich gesagt habe: Es ist das liebe, gnädige Fräulein Schwester.« »Emma, meine Emma?« Bei dieser Frage machte Müller ein Gesicht, welches keineswegs außerordentlich intelligent genannt werden konnte. Fortsetzung 77 Fritz weidete sich an der Verlegenheit Müllers und antwortete ruhig: »Ja, Fräulein Emma von Königsau.« »Herrgott! Was will denn die hier?« »Ich weiß es nicht.« »Hast Du auch keine Ahnung?« »Nein, nicht die mindeste.« »Ich könnte mir keine andere Erklärung machen, als daß sie ihre Freundin zum Begräbnisse begleitet. Aber Großvater –!« »Der gnädige Großpapa würde dem gnädigen Fräulein wegen eines Trauerfalles bei einer Gouvernante, obgleich dieselbe Freundin wäre, keine so weite Reise gestatten.« »Das ist sehr richtig. Es muß also einen anderen Grund geben.« »Ich denke, daß wir ihn erfahren werden!« »Das ist sicher. Aber wenn ich ihr jetzt begegne, wird sie sich durch ihre Ueberraschung verrathen!« »Ganz gewiß nicht. Sie wird vielmehr befürchten, daß der Herr Doctor Müller sich aus Ueberraschung verrathen könne.« »Dem hast Du vorgebeugt. Aber, welchen Schaden konnten wir haben, wenn wir uns ganz unvorbereitet in Gegenwart Anderer trafen! Ich muß hinüber zu ihr. Ich muß erfahren, was sie zu dieser Reise bewogen hat!« Er wollte gehen. Fritz hielt ihn zurück. »Vorher erst noch Eins, Herr Doctor!« »Wir haben dann auch noch Zeit.« »Für das, was ich meine, vielleicht Zeit, aber keine Gelegenheit. Man muß es unter vier Augen besprechen.« »Nun, so laß es mich wissen!« »Ich hatte heute Nacht schreckliche Zahnschmerzen –« »Bei Deinem kerngesunden Gebiß?« »Thut nichts! Kurz und gut, ich hatte fürchterliches Zahnreißen. Darum ging ich zu Doctor Bertrand, der noch auf war und bei den Büchern saß. Erst wollte er mir drei Zähne ziehen –« »Unsinn. Dir und Zähne ziehen.« »Das dachte ich auch. Darum bat ich ihn um eine Tinctur oder Mixtur, welche gegen das Zahnweh hilft. Er gab mir dieses Fläschchen. Hier ist es.« Er gab Müllern die kleine Phiole. Dieser betrachtete sie und sagte: »Aber das Fläschchen ist doch voll, Fritz?« »Allerdings.« »So hast Du die Tropfen gar nicht gebraucht?« »Werde mich hüten! Sie sind zu gefährlich.« »Wieso?« »Fünf Tropfen helfen gegen das Zahnweh; nimmt man aber aus Versehen mehr, so ungefähr vierzig, da – –« »Oho! Wer fünf Tropfen nehmen soll, wird sich doch nicht so sehr verzählen, daß er vierzig nimmt!« »Hören Sie nur, Herr Doctor. Man könnte ja die schönste Veranlassung bekommen, sich zu verzählen. Also wer vierzig nimmt, der wird krank.« »Krank? Wie meinst Du das?« »Nun, der wird so krank, daß er für mehrere Tage das Bett gar nicht verlassen kann.« Jetzt erst fiel Müllern der Gegenstand seiner gestrigen Unterhaltung mit Fritz ein. Ueber sein Gesicht ging ein Lächeln befriedigenden Einverständnisses. »Schlauberger!« sagte er. »Schön. Den Namen lasse ich gelten.« »Von Doctor Bertrand hast Du es?« »Ja.« »Kennt er den Zweck?« »Natürlich. Es soll Einer für mehrere Tage an das Bett gefesselt werden.« »Ich meine, ob er weiß, wer die Tropfen erhalten wird?« »Ja.« »Daß der alte Capitän es ist?« »Gewiß weiß er das!« »Und er hat Dir das Mittel sofort gegeben?« »Sogar sehr gern. Natürlich hat er sich dabei sehr in Reserve gehalten.« »Wieso?« »Nun, er hat mir das Mittel für mein Zahnweh gegeben, mir aber die Wirkung der vierzig Tropfen mitgetheilt.« »Weiß er, daß auch ich davon weiß?« »Ja.« »So glaubt er wohl, daß ich Dich zu ihm geschickt habe?« »Nein. Er ist der festen Ueberzeugung, daß ich aus eigenem Entschlusse zu ihm gekommen bin.« »Dann mag es gehen. Wir sind diesem Herrn sehr großen Dank schuldig. Vielleicht kommt die Zeit, in welcher es uns möglich ist, diese Schuld abzutragen!« »Das ist sehr einfach und leicht: Wir hauen ganz Frankreich in die Pfanne und lassen nur Doctor Bertrand leben!« »Pah! Du würdest der Erste sein, der sich dagegen sträubte.« »Gewißlich nicht!« »Wie stände es denn da mit Nanon?« »Alle Wetter! Ja, das wäre dumm! Ebenso mit einer gewissen Marion, die den jungen Rallion partout heirathen mag.« »So ist es, mein Lieber! Also, um zu Ende zu kommen, das Unglück hat den Zug aufgehalten. Jedenfalls fahrt ihr erst mit dem nächsten?« »Ja, nach vier Uhr.« »So bin ich neugierig, ob meine Schwester noch weiter mit fährt. Ich muß zu ihr. Uns Beide, lieber Fritz, braucht man nicht beisammen zu sehen. Laß mich vorangehen!« Er stieg die Böschung empor. Oben wollte man ihn zurückweisen, da jetzt der Volksandrang zu groß geworden war; als er aber sagte, daß er der Erzieher auf Schloß Ortry sei, ließ man ihn passiren. Er hatte Schlachten mitgemacht. Der Anblick, der sich ihm hier bot, war ihm also nichts Neues. Sein Auge suchte nach Marion. Er sah sie neben einer hellen, blonden Frauengestalt knieen. Beide waren mit der Leiche eines Kindes beschäftigt. Er trat näher. Als sie seine Schritte hörten, drehten sie sich um. Ja, die Blonde war seine Schwester. Sie that aber nicht im Mindesten, als ob sie ihn kenne. Beider Augen standen voller Thränen. »Sehen Sie, Herr Doctor!« schluchzte Marion, indem sie auf die Leiche deutete. »Der arme Knabe!« sagte er im Tone herzlichen Mitgefühles. »So schön, so blond und lieblich!« fügte sie hinzu. »Es hat ihm die kleine Brust eingedrückt!« »Wer mögen seine Eltern sein?« fragte Emma. »Die sind jedenfalls mit verunglückt,« bemerkte Müller. »Mein Gott! Woher vermuthen Sie dies?« »Vater oder Mutter würde, wenn Eins von Beiden mit dem Leben entkommen wäre, nach dem Kinde suchen und fragen, bis die kleine Leiche gefunden wäre.« »Das ist richtig,« meinte Marion. »So lange noch Leben im Elternherzen ist, bleibt es demselben unmöglich, das Kind zu verlassen oder zu vergessen!« Müller warf einen theilnehmenden Blick auf die Sprecherin. Was sie da sagte, das wurde ihr von ihrem eignen Herzen eingegeben; an sich selbst erfahren hatte sie es nicht. Wie viel Vater und Mutterliebe hatte sie denn kennen gelernt! »Wenn sich Niemand des Knaben annimmt, werde ich ihn zur letzten Ruhe legen!« sagte sie. »Ja,« fügte Emma hinzu; »dem Knaben sollen nicht die Blumen am Hügel fehlen. Sie erlauben mir, liebe Baronesse, mit Ihnen zugleich seine Mutter zu sein!« Da streckte Marion ihr das schöne Händchen entgegen und antwortete: »Gewiß, meine liebe Miß Harriet! Wie viel besser wäre es, wenn wir für ihn im Leben sorgen könnten anstatt nun im Tode! Wie doch das Leid und das Mitgefühl die Herzen schnell verbindet! Wir haben uns kaum eine halbe Stunde gesehen, so – so – – so – –« Sie stockte. Emma verstand sie. Sie ergriff die Hand der verlegenen Sprecherin und fuhr an deren Stelle fort: »So haben wir uns doch schon recht herzlich lieb gewonnen, wollen Sie sagen? Nicht?« »Ja, das wollte ich sagen. Auf Friedhöfen blühen die Blumen oft am Schönsten, und hier auf dem Acker des Jammers ist es, als ob die innigen Gefühle sich am Schnellsten entwickeln wollten.« »Lassen wir dieser Entwickelung Raum, liebe Baronesse! Oder erlauben Sie mir nicht gern, Ihre Freundin zu sein?« »O, wie sehr gern!« Sie legten die Arme um einander und küßten sich. Es giebt Seelen, welche für einander bestimmt zu sein scheinen. Sie erfassen sich sofort, sobald sie sich finden, während Andere Jahre lang einander sehen können, ehe sie ein Bedürfniß der Annäherung empfinden. Müller stand einige Schritte rückwärts. Er betrachtete mit Rührung das schöne Paar, welches da vor ihm kniete. Beide von gleicher Schönheit, hatte doch Jede ihre eigene Art. Da fiel der Blick Marions rückwärts auf ihn. Sie erröthete ein Wenig und erhob sich. »Verzeihung, Herr Doctor, daß ich meine Pflicht versäumte! Herr Doctor Müller, Erzieher meines Bruders – Miß Harriet de Lissa aus London.« Beide verneigten sich vor einander, ganz so, als ob sie sich noch gar nicht gesehen hätten. Emma wußte für den ersten Augenblick wirklich nicht, was für eine Bemerkung sie machen solle; aber Müller, der geistesgegenwärtige Offizier, war sofort mit der Frage bei der Hand: »Ich vernahm, daß die Damen für diese kleine Leiche sorgen wollen. Es giebt aber dabei behördliche Schritte und dergleichen zu thun, welche für eine Dame nicht immer angenehm sind. Darf ich vielleicht bitten, mich mit diesen Arrangements zu betrauen?« »Gern, sehr gern, lieber Herr Doctor,« antwortete Marion. »Wir verstehen von solchen Dingen nichts und lassen sie darum sehr gern Ihnen über. Ah, dort kommt einer der Retter. Ich muß ihm Dank sagen, daß er der Schwester meiner Nanon einen so außerordentlichen Dienst erwiesen hat!« Sie ging Fritz entgegen, welcher schräg vorübergehen wollte. Müller blieb allein mit Emma zurück. »Emma!« sagte er. »Ich war im höchsten Grade erstaunt, als ich hörte, daß Du hier seist. Ich darf Dich leider nicht umarmen.« »Wer hat Dich auf meine Anwesenheit vorbereitet?« »Fritz.« »Zürnest Du?« »Noch kenne ich den Grund Deiner Reise nicht. Hat Großpapa Dir die Erlaubniß gegeben?« »Natürlich!« »Wie sollte ich denn da Grund haben, Dir zu zürnen!« »Ich habe zwei Veranlassungen.« »Welche?« »Erstens Fritz und zweitens Marion.« »Weshalb Fritz?« »Er hat den Löwenzahn.« »Ich weiß es.« »Himmel! Du weißt es und hast es uns noch nicht geschrieben!« »Durfte ich Euch in Unruhe versetzen? Kennst Du den Zusammenhang?« »So ziemlich.« »Durch wen?« »Nanon hat ihrer Schwester davon geschrieben.« »Auch von dem Seiltänzer?« »Ja.« »Nun, ich wollte erst den Bajazzo auffinden und ihn zum Geständnisse bringen. Dann war es die richtige Zeit mit unserer Entdeckung hervorzutreten.« »Haben Deine Nachforschungen Erfolg gehabt?« »Noch nicht. Nun aber auch der zweite Grund Deiner Anwesenheit. Der soll in Marion bestehen?« »Ja, lieber Richardt.« »In wiefern?« »Du mußt verzeihen! Ich habe nämlich an Großpapa geplaudert.« »Von Blasewitz?« »Ja.« »O weh! Was sagte er?« »Er duldet keine Französin als Großschwiegertochter!« Müller nickte lächelnd vor sich hin und sagte: »Ich habe, so lange als ich lebe, eine Französin als Großmutter dulden müssen. Mama war und Tante ist auch eine Französin.« »Das habe ich ihm auch gesagt.« »Was antwortete er?« »In Frankreich seien die Frauen mehr werth als die Männer, in Deutschland aber die Männer mehr als die Weiber.« »Ja, das klingt ganz wie Großpapa Königsau. Uebrigens habe ich gar keine Sorge. Er mag Marion kennen lernen!« »O, gerade deshalb bin ich eben hier!« »Sapperlot! So, so ist die Sache! Guckt der Vogel da heraus? Spionin, die Du bist! Aber, hast Du Dir auch überlegt; welche Störung Du mir bereiten kannst?« »Gewiß! Uebrigens kannst Du ohne Sorge sein; ich werde mich sehr in Acht nehmen und überhaupt gar nicht lange hier bleiben.« »Ah, Du gedenkst in Thionville abzusteigen?« »Ja. Wo sonst?« »Ich dachte, der Zweck Deiner Reise sei, Madelon zu begleiten.« »Das hätte Großpapa nicht zugegeben.« »Aber wo wirst Du wohnen?« »Bei Doctor Bertrand.« »Ah, warum bei ihm? Ich bin ihm bereits zu sehr verpflichtet.« »Es geht nicht mehr zu redressiren, Er hat mich eingeladen, und ich habe angenommen. Aber, lieber Richardt, wenn wir uns nicht an einem so schrecklichen Ort befänden, ich würde endlos über Dich lachen müssen.« »Wieso? »Dieser Buckel.« »O, der kleidet mich gut!« »Und dieses Zigeunergesicht!« »Das macht mich männlich.« »Dieses falsche Haar!« »Die Damen mögen sich an ihrem eigenen Haar zupfen.« »Du bist nicht gut zu sprechen!« »Meine körperlichen Vorzüge lasse ich mir nicht mit Ironie behandeln; das ist eine schwache Seite von mir. Ich werde versuchen, Dich bei Doctor Bertrand sprechen zu können.« »O, nicht nöthig!« meinte sie mit großer Entschiedenheit. »Nicht?« »Nein. Wir werden uns auf Ortry sprechen.« »Nein; das nicht! Das ist zu gefährlich! Wenn Dich der Alte erblickt und die Familienähnlichkeit erkennt!« »Keine Gefahr! Er hat bereits mit mir gesprochen.« »Wirklich? Welches Wagniß!« »Erhält mich für ein Mitglied des Frauenclubbs der Barmherzigen in London.« »Ah, vielleicht denkt er, daß Du eine Abgesandte dieses Clubbs bist, um Dir Klarheit über die Kriegsabsichten zu holen!« »So Etwas scheint er anzunehmen.« »Wie verhielt er sich?« »Ich habe Eindruck auf ihn gemacht. Er sprach die Hoffnung aus, mich wiederzusehen. Und nun, da ich mit Marion bekannt bin, werde ich ganz sicher nach Ortry eingeladen.« »Dann habe aber die Güte, die allergrößte Vorsicht zu beachten!« »Das versteht sich ganz von selbst!« »Sei nicht so siegesgewiß! In Ortry giebt es Gefahren, welche Du noch nicht kennst, die ich Dir erst erklären muß. Doch, da kommt Marion. Wir werden nicht mehr lange bleiben können. Soeben giebt die Maschine das Zeichen zum Einsteigen.« Er hatte richtig gesagt. Die Coupees waren gefüllt; der Interimszug ging in kurzer Zeit ab, um nochmals zurückzukehren und die Uebriggebliebenen nachzuholen – Lebende, Verwundete und Todte. Man arbeitete an den Trümmern fort, um Gepäckstücke zu klären, und während dieser Zeit wurden die zerstörten Dammtheile wenigstens so weit wieder hergestellt, daß ein Geleise zu befahren war. Als Emma mit Nanon und Madelon einstieg, ahnte Marion de Sainte-Marie nicht, daß die Erstere und die Dritte Freundinnen seien. Sie nahm von Emma herzlichen Abschied und stellte ihr einen sehr baldigen Besuch bei Doctor Bertrand in Aussicht. Dann ritt sie mit Müller nach Ortry zurück. Als sie dort ankam, trat ihr der Capitän entgegen. »Hast Du den Amerikaner gesehen?« fragte er. »Ja.« »Der Wagen wird ihn baldigst bringen. Die Engländerin?« »Ist eine feine Dame von hoher Bildung.« »Ah, Sie gefällt Dir? Schön! Gut!« »Sie wohnt bei Doctor Bertrand. Ich werde sie vielleicht morgen schon besuchen.« »Das rathe ich Dir!« »Und wenn Du es erlaubst, so bitte ich sie um einen Gegenbesuch bei mir.« »Natürlich! Ich habe auch ganz und gar nichts dagegen, wenn Du sie einladest, unser Gast zu sein. Weshalb soll sie beim Doctor wohnen? Wir haben Zimmer genug!« – Als Herr Hieronymus Aurelius Schneffke auf dem Bahnhofe zu Trier mit seinen beiden deutschen Beafsteaks hinstürzte, blieb er ruhig liegen, bis der Zug vorüber war. Um ihn herum lagen die Scherben des Porzellanzeuges. Da ertönte hinter ihm eine Stimme: »So stehen Sie doch endlich auf!« Er blickte sich um und erkannte den Kellner, der ihm so nachgelaufen war. Dieser Mensch war eigentlich Schuld an dem verhängnißvollen Sturze. »Auf sollen Sie stehen, Sie Esel!« wiederholte der Mann. Da aber flog Hieronymus zehnmal schneller empor, als man es seiner kurzen, dicken Gestalt zugetraut hätte. »Was war das?« fragte er. »Esel?« »Ja,« bestätigte der erboste Kellner. »Da, dummer Junge!« In demselben Augenblicke explodirte auf der Wange des Kellners eine solche Ohrfeige, daß dieser zu gleicher Gestalt auf das Pflaster fiel. »So!« meinte Herr Hieronymus Aurelius Schneffke. »Nun lese die Scherben zusammen! Dazu bist Du da!« Er ging nach der Restauration, um das zerbrochene Geschirr zu bezahlen; dann begab er sich in die Stadt, um sich einen neuen Klemmer zu kaufen und ein Glas Bier zu trinken, welches dazu dienen sollte, den Aerger über das verlorene Coupee hinabzuspülen. Als er nach dem Bahnhofe zurückkehrte, war es bereits über drei Uhr. Da erst fiel ihm ein, daß er ja seine Mappe im Coupee zurückgelassen habe. Er begab sich in das Telegraphenbureau und fragte um Auskunft. Er erhielt den Bescheid und telegraphirte nun nach Thionville: »Mittagszug Wagen Nummer 125 eine Malermappe zurückgelassen. Werde sie 4 Uhr 31 abholen. Hieronymus Aurelius Schneffke, Kunstmaler aus Berlin.« Als der nächste Zug angekündigt wurde, traf zugleich von Süden her die telegraphische Nachricht ein, daß der vorige verunglückt sei und daß man die meisten Passagiere todt oder verwundet unter den Trümmern hervorgezogen habe. Das versetzte den guten Hieronymus in die größte Aufregung. Er schritt auf dem Perron hin und her, gesticulirte wie ein Wüthender und sagte immer: »Die Gouvernante! Die Gouvernante! Wie haben sie die herausgezogen? Todt, halbtodt, verwundet, ohnmächtig, lebendig oder gesund? Dieser verdammte Zug will immer noch nicht kommen! Wenn die Gouvernante todt ist, sprenge ich sämmtliche französische Bahnen in die Luft!« Endlich kam der Zug. Er rannte gegen das geöffnete Coupee, daß er beinahe einen Purzelbaum hineinschlug, und freute sich dann, daß er es allein behalten durfte. Seine Angst ließ ihm keine Ruhe. Er schritt in dem engen Raume hin und her wie ein Menageriethier im Käfige. »Verdammter Bummelzug!« fluchte er ein über das andere Mal. »Ich laufe zehnmal schneller!« Karthaus, Wellen, Wincheringen, Nennig, Sierck wurden mit der Zeit passirt, und endlich auch Königsmachern. Da öffnete er das Fenster und blickte hinaus. Der Zug begann noch langsamer zu fahren als bisher. Er hatte das kaum wieder hergestellte eine Gleise erreicht. Unten am Damme standen Menschen Kopf an Kopf, oben auf dem Damme die noch immer beschäftigten Bahnarbeiter. »Heda!« rief der Maler bereits von Weitem diesen Letzteren zu. »Was denn?« brüllte einer. »Eine Gouvernante zerquetscht?« »Ja, sogar gleich fünfe!« »Gouvernanten?« »Ja, drei alte und zwei Junge!« »Heiliges Pech!« rief er, den Kopf wieder hereinziehend, da der Zug während dieser Zurufe vorüber gerollt war. »Fünf Gouvernanten! Da ist sie ganz sicher dabei! Und ich darf nicht in Thionville bleiben, sondern ich muß noch heut nach Metz! Aber ich werde die Geschichte so kurz wie möglich machen und dann eilig nach zurück dampfen. Sehen muß ich sie noch, ehe sie begraben wird.« Und jetzt setzte er sich wieder, stemmte den Kopf in die Hände und summte vor sich hin: »Wenn sich zwei Herzen scheiden,     Die sich dereinst geliebt, Das ist ein großes Leiden.     Wie's größer keines giebt!« Da hörte er eine Perronglocke zweimal läuten; die Maschine pfiff; die Räder kreischten – der Zug hielt in Thionville. »Thionville! Eine Minute Aufenthalt! Schnell einsteigen!« wurde commandirt. Der Maler hörte nur das erste Wort. Das Andere ging ihm nichts an. Er mußte auch nach seiner Mappe fragen. Er sprang heraus, als geöffnet wurde. »Herr, es ist nur eine einzige Min –« rief der Schaffner. Schneffke beachtete es gar nicht. Er eilte in den Flur des Bahngebäudes. Dort stand ein Mann mit weißen Tressen an der Mütze. »Sind Sie der Portier?« fragte er. »Ja, mein Herr.« »Meine Mappe!« »Welche Mappe?« »Ich habe sie im vorigen Zug liegen lassen.« »Ach so! Sie hatten sich verspätet und haben dann nach hier telegraphirt?« »Ja.« »Dort ist das Bureau!« Er trat ein und grüßte. »Ist meine Mappe da?« Der anwesende Herr blickte ihn forschend an, griff nach einem Papiere, blickte darauf und fragte dann: »Sind Sie Herr Hieronymus Aurelius Schneffke –« »Kunstmaler aus Berlin, von Trier aus telegraphirt,« fiel der Gefragte ein. »Schön! Die Mappe ist gerettet worden. Hier ist sie!« Er griff in einen Kasten und zog Etwas hervor, was ungefähr aussah wie Schnitzel von Papier und Pappe, die mit einem alten Strick umwunden sind. Schneffke griff zu, starrte das Ding mit weit geöffneten Augen an, öffnete den Mund noch weiter und fragte dann: »Wa – wa – was ist das?« »Ihre Mappe, Herr Schneffke!« »Mei – mei – meine Ma – ma – mappe?« »Ja.« »Aber das ist ja gar keine Mappe!« »O doch. Sie ist freilich ein ganz klein Wenig beschädigt, weil sie mit verunglückt ist; aber Sie müssen froh sein, daß wir sie noch gerettet haben.« »Na, das ist eine schöne Christbescheerung. Hören Sie einmal, Herr, Herr – Herr –« »Halt, mein bester Herr Schneffke, keine Expectorationen. Bleiben Sie in Thionville, oder wollen Sie weiter?« »Weiter!« »Wann?« »Nun, jetzt, mit diesem Zuge.« »O weh! Der Zugführer hat ja bereits das Signal gegeben. Eilen Sie ja gleich zu dieser Thür hinaus!« Schneffke ließ vor Eile den Hut liegen und sprang hinaus. Kein Coupee war mehr offen, und alle Räder in Bewegung. »Halt! Halt!« brüllte er. »Ich gehöre noch mit dazu.« »Zurück!« rief ihm der Stationschef zu. »Es ist zu spät!« »Herr Schneffke!« hörte er da eine laute, weibliche Stimme rufen. Er blickte hin und erkannte Madelon, welche am Fenster stand und ihm ein Taschentuch heraus warf. Er that einige fürchterliche Sätze, um in ihre Nähe zu kommen und fragte: »Ist sie mit unter den fünf Zerquetschten?« »Wer?« »Die Gouvernante.« Da antwortete sie lachend: »Sie ist nicht zerquetscht. Sie lebt. Sie wohnt in Thionville bei Herrn –« Das Uebrige wurde von dem Rollen der Räder verschlungen, da der Zug sich gerade jetzt in schnellere Bewegung setzte. Schneffke blieb stehen und holte Athem. »Gott sei Dank. Sie lebt!« sagte er. »Sie ist mir nicht verloren. Eine Schickung Gottes vielleicht, daß ich diesen Zug auch noch versäumt habe.« Er sah sein Taschentuch liegen, ging hin und hob es auf. Es war ihm von dem Springen heiß geworden. Er wollte sich die Stirn abwischen; darum griff er nach dem Kopfe, um den Hut abzunehmen. Er hatte keinen. »Sapperment, wo ist mein Kalabreser?« Er blickte sich um. Keine Spur von einem Hute! »Ah! Der ist beim Telegraphisten liegen geblieben!« Er trat bei dem Letzteren abermals ein. »Was wollen Sie?« fragte der Mann. »Verzeihung! Ich vergaß, meinen Hut mitzunehmen!« »Dort liegt er. Sie haben also doch den Zug versäumt?« »Ja.« »Seien Sie froh, denn wenn Sie mit fortgekommen wären, hätten Sie wegen dem Hute abermals telegraphiren müssen.« »Das ist allerdings wahr. Wann geht der nächste Zug nach Metz ab?« »Neun Uhr dreizehn Minuten, also in beinahe fünf Stunden. Sie können sich die Stadt mit Bequemlichkeit betrachten.« »Das werde ich thun. Würden Sie die Güte haben, eine kleine Gratification dafür anzunehmen, daß ich Sie gleich zweimal belästige?« Das Gesicht des Beamten erheiterte sich zusehends. »Eigentlich thue ich das nicht,« sagte er; »aber um nicht unhöflich zu erscheinen, will ich mich bewegen lassen.« »Sehr verbunden! Ich erlaube mir also, Ihnen die Ueberreste meiner selig heimgegangenen Mappe in aller Ehrfurcht zu verehren. Wenn Sie die Fetzen richtig zusammenkleben und von einem guten Maler sich dann Etwas draufmalen lassen, erwarten Sie Kunstgenüsse, von denen Sie jetzt gar keine Ahnung haben. Leben Sie wohl!« Er hatte dem Telegraphisten das unglückselige Paquet unter den Arm geschoben und beeilte sich, zur Thür hinaus zu kommen. Der Beamte stand ganz steif und blickte nach der Stelle, hinter welcher der Wohlthäter verschwunden war. Dann schleuderte er die einstige Mappe in den entferntesten Winkel und fluchte: »Verdammter Kerl! Komme mir nicht etwa einmal wieder herein! Sonst sollst Du sehen, daß ich Dich mit dem Stocke bearbeite, und zwar mit keinem selig heimgegangenen!« Schneffke beschloß nun, die fünf Stunden zu Nachforschungen nach seiner »Gouvernante« zu benutzen. Er durchlief Straße auf Straße; er kehrte in allen Kneipen ein; er ging hinaus nach der Unglücksstelle, wo es noch Menschen in Masse gab – es gelang ihm nicht, von einer Gouvernante ein einziges Wörtchen zu erfahren. So nahte die Zeit des Zuges. Es war bereits neun Uhr, und er hatte nur noch dreizehn Minuten. Er lenkte nach dem Bahnhofe ein und gelangte dabei in die Straße, in welcher Fritz Schneeberg wohnte. Zwei Damen kamen ihm entgegen. Er blieb stehen. Wahrhaftig! Die Eine war seine Gouvernante. Er eilte auf sie zu, zog den Hut und sagte: »Tausendelement, Fräulein, Sie leben noch? Ich hörte, Sie wären zerquetscht, und da bin ich vor Schmerz –« Er hielt inne. Sie hatte einen kleinen Blick auf ihn geworfen, mit der Achsel gezuckt und war dann mit ihrer Begleiterin in das nächste Haus getreten. Dieses Haus hatte zwei Thüren: den eigentlichen Eingang und dann noch eine Glasthür, über welcher das Wort »Apotheke« stand. Diese Glasthür war offen, und unter ihr lehnte ein halbwüchsiger Bursche, welcher den Vorgang mit beobachtet hatte. Schneffke trat zu ihm, grüßte herablassend und sagte: »Haben Sie die beiden Damen gekannt, mein Lieber?« »Ja,« antwortete der Gefragte, indem er den Dicken neugierig musterte. »Wer waren sie?« »Hm!« brummte der Mensch, indem er sich den Rücken an der Thürpfoste rieb. »Nun, ich denke, Sie haben sie gekannt?« »Allerdings. Aber – wollen Sie vielleicht Etwas kaufen?« »Nein. Ich brauche nichts.« »Nun, dann gute Nacht!« Er trat zur Thür hinein und wollte dieselbe zumachen. Schneffke aber griff schnell zu. Er sah ein, daß es besser sei, eine Kleinigkeit zu kaufen, als ohne Auskunft fort zu müssen. »Halt!« sagte er. »Da fällt mir ein, daß ich doch ein Bedürfniß habe.« Dabei trat er in den Laden. »Womit kann ich dienen?« »Mit rothrussischem Seifenpflaster und nebenbei mit der erbetenen Auskunft.« »Für wie viel?« »Fünf Sous.« »Schön!« Während nun der Provisor das Pflaster einpackte, fragte der Maler: »Wer wohnt hier?« »Herr Doctor Bertrand.« »Wer noch?« »Ich und der Pflanzensammler Schneeberg.« »Also Sie kennen jene beiden Damen wirklich?« »Ja. Hier haben Sie! Ist auf Papier zu streichen, auf die kranke Stelle zu legen und nicht wegzunehmen. Wenn Besserung eintritt, fällt es von selbst herab.« »Schön! Wer war die blonde Dame?« »Brauchen Sie noch Etwas?« »Für heute nicht.« »Dann empfehle ich mich Ihnen. Gute Nacht, Monsieur!« »Halt! Ich will mir noch ein Viertelpfund gelben Zug mitnehmen.« »Sehr wohl.« »Also diese blonde Dame?« »Ist bei uns auf Besuch.« »Wie heißt sie?« »Miß de Lissa.« »Das ist unmöglich!« »Ich weiß es nicht anders. Hier ist der gelbe Zug. Wird am Besten auf Schafleder gestrichen. Sobald es wirkt und das Loch groß genug ist, zieht man den Eiterstock mittelst eines geeigneten Instrumentes heraus.« »Das kenne ich bereits. Wo ist die Dame?« »Brauchen Sie noch Etwas?« »Donnerwetter! Meinen Sie, daß ich die ganze Apotheke auskaufen soll?« »Nein. Aber ich darf mit den Herrschaften nur dann verkehren, wenn sie geschäftlich hier sind.« »Nun gut! Geben Sie mir eine Düte Wurmhütchen! Aber sagen Sie mir dabei gefälligst, was die Dame ist?« »Eine Engländerin.« »Auch das ist unmöglich! Wer war die andere Dame?« »Die Frau Doctor Bertrand.« »Ist die Blonde heute mit dem Zuge verunglückt?« »Ja. Hier sind die Hütchen, Monsieur. Drei auf einmal. Besser aber ist es, Sie nehmen vorher eine Obertasse Ricinusöl und nachher eine tüchtige Abkochung von Aloe und Sennesblättern.« »Wenn ich dies Beides nehme, brauche ich jedenfalls Ihre Hütchen nicht. Wie lange wird diese Dame hier bleiben?« »Ich weiß es nicht. Brauchen Sie noch Etwas?« »Nun wirklich nicht mehr.« »Macht zwei Franken achtzig Centimes.« »Sakkerment! Theure Erkundigungen! Ich brauche ja diese Medicamente eigentlich gar nicht!« Dabei legte er das Geld hin. Der Provisor griff zu und sagte dann gleichmüthig: »Warum haben Sie sie denn da verlangt?« »Um nur mit Ihnen sprechen zu können.« »Gut! Wenn Sie die Waaren nicht brauchen, so will ich sie Ihnen für fünfzig Centimes wieder abnehmen.« Schneffke riß den Mund auf, starrte den Sprecher eine Weile an und sagte dann: »Kerl, Dich sollte man vergolden! Auf Ehre und Pudding! Wenn ich wüßte, daß Du Dich dieser Pflaster und der Hütchen gleich selbst bedientest, würde ich auf Deinen Vorschlag eingehen; aber vielleicht kann ich diese schönen Sachen selbst noch brauchen. Gute Nacht!« Er ging, und das war sein Glück, denn er kam gerade noch zur rechten Zeit, in das Coupee zu springen. Keine halbe Minute später setzte sich der Zug in Bewegung. Auch jetzt hatte er das Glück ganz allein zu sein. Er streckte sich lang aus und schlief, bis der Zug in Metz hielt. Dort begab er sich in den nächsten Gasthof, wo er übernachtete. Früh fragte er nach der Gelegenheit nach Etain. Die Post war bereits abgegangen, und der Hausknecht meinte, daß es am Besten sei, von hier bis Etain zu laufen, da es eine sehr kurze Tagestour sei und man die herrliche Gegend genießen könne. Schneffke ließ sich verleiten. Er kaufte sich eine neue, kleinere Mappe zum Umhängen und einen Feldstuhl. Mit Beiden ausgerüstet, machte er sich auf die Wanderung. Abends spät kam er in Etain an, so sehr ermüdet, daß er sich sofort ein Zimmer anweisen ließ, wo er sich zur Ruhe legte. Er hat niemals einem Menschen von dieser Parthie erzählt. Vielleicht war sie so kostbar, daß er selbst den Nachgenuß durch die Schilderung Niemandem gegönnt. – Fritz hatte auf der Unglücksstätte der Gerichtscommission seine Aussage zu Protokoll geben müssen, und dann war er mit den beiden Schwestern und Emma nach der Stadt gefahren. Auf dem Bahnhofe hatte sich die Letztere von den Anderen getrennt, um sich zu Doctor Bertrand zu begeben, welcher seine Frau durch einen Boten von dem Eintreffen eines Gastes benachrichtigt hatte. Fritz erwartete mit Nanon und Madelon, bis der Zug aus Trier anlangte. Sie stiegen in das nächste offen stehende Coupee zweiter Classe. Da lag ein gelb und roth carrirtes seidenes Taschentuch. »Dieses Tuch kenne ich!« sagte Madelon. »Das wird jedenfalls einen Spaß geben.« »Wem gehört es?« »Herrn Hieronymus Schneffke, von dem ich Euch erzählt habe. Er ist mit diesem Zuge nachgekommen und hier ausgestiegen. Hoffentlich versäumt er die Gelegenheit nicht abermals.« Aber diese Hoffnung wurde doch zu Schanden. Madelon mußte ihm das Tuch hinauswerfen. »Den Mann muß ich mir betrachten,« meinte Fritz, indem er einen Blick über die Schultern des Mädchens hinausgleiten ließ. »Ah, den kenne ich!« sagte er. »Wirklich? Nicht wahr, der ist köstlich?« »Ja. Aber ich kann Ihnen sagen, daß er ganz und gar nicht so befangen ist, wie er scheint. Er liebt es, sich für dumm halten zu lassen, ist es aber nicht.« »Wo haben Sie ihn kennen gelernt?« fragte Nanon. Diese durfte noch nicht wissen, was und woher Fritz eigentlich war; daher brachte diese Frage ihn einigermaßen in Verlegenheit; doch zog er sich schnell aus derselben durch die Antwort: »Ich habe ihn während meiner Wanderjahre getroffen. Er war damals auf Studienreisen unterwegs.« Der Umstand, daß die beiden Schwestern nicht offen über Fritzens Verhältnisse verkehren konnten, war ein Hemmniß der Unterhaltung. Die drei jungen Leute legten sich in die Ecken zurück und warfen einander nur hier und da eine Bemerkung zu. Aber immer wieder suchte Nanons schönes, mildes Auge den Ulanenwachtmeister. Er hatte heute ein fast nobles Aussehen. Er saß da gerade wie ein vornehmer Herr, so leger und selbstbewußt. Sie hatte ihn noch nicht in so feiner Kleidung gesehen; es wurde ihr fast schwer, den Blick von ihm abzuwenden. Fortsetzung 78 Madelon bemerkte die Aufmerksamkeit Nanons dem Ulanenwachtmeister gegenüber und mit dem feinen Instinkte, der den Frauen eigen zu sein pflegt, errieth sie, daß das Verhältniß dieser Beiden kein alltägliches sein könne. Sie erreichten Metz gegen sechs Uhr. Hier sorgte Fritz sofort für ein Privatfuhrwerk, welches sie nach Etain bringen sollte. Da die beiden Mädchen immerhin einiges Gepäck bei sich hatten, so sah der Pflanzensammler sich genöthigt, auf dem Bocke neben dem Kutscher Platz zu nehmen. Die Pferde waren frisch, griffen gut aus, und so gelangten sie noch vor Mitternacht an das Ziel ihrer heutigen Reise. Sie stiegen im besten Gasthofe des Ortes ab, wo Fritz zwei Zimmer bestellte, eines für sich und das andere für die beiden Schwestern. In diesem Letzteren wurde das Abendbrot eingenommen, dann zog sich Fritz in das Seinige zurück. »Endlich sind wir seit unserem heutigen Zusammentreffen zum ersten Male allein!« sagte Madelon. »Und nun können wir ungestört mit einander sprechen.« »O,« meinte Nanon; »vor Herrn Schneeberg brauchen wir kein Geheimniß zu haben.« »Meinst Du? Du schenkst ihm also Dein volles Vertrauen?« »Ja.« »Also auch Deine Theilnahme?« Nanon erröthete ein Wenig, antwortete aber doch: »Ja. Und diese verdient er auch im vollsten Maße.« »Wer ist er denn eigentlich?« »Ein Waisenknabe, gerade so, wie auch wir Beide Waisen sind. Ich habe Dir einiges über ihn geschrieben, was ich nun heute vervollständigen kann.« Sie erzählte nun ausführlich, was sie von ihm wußte und wie sie mit ihm zusammengetroffen war. Doch war sie mit ihrer Schwester nicht ganz so aufrichtig wie mit ihrer Freundin Marion de Sainte-Marie. »Eigenthümlich!« sagte Madelon. »Ich habe vor einigen Tagen einen Menschen kennen gelernt, der ihm ganz außerordentlich ähnlich sieht.« »Ich auch. Welch ein Zusammentreffen.« »Wer war das?« »Ein Maler, Namens Haller, der für einen Tag bei uns auf Ortry war.« Madelon nickte leise vor sich hin und fragte: »Hat Dir dieser Mann gefallen?« »Warum nicht?« »Es ist derselbe den ich meine.« »Wie? Derselbe? Dieser Haller ist jetzt in Berlin?« »Ja. Wüßte ich, daß Du verschwiegen sein könntest, so würde ich Dir ein Geheimniß mittheilen.« »Madelon! Willst Du mich beleidigen? Glaubst Du, daß ich das, was mir die Schwester anvertraut, nicht aufzubewahren verstehe? Wir sind durch alles Unglück des Lebens mit einander gegangen; unsere Herzen haben sich nie entzweit, sondern sind stets Eins gewesen. Wollen wir jetzt beginnen, Mißtrauen zu hegen?« »Nein, nein, meine liebe Nanon. Dieser Haller ist nämlich kein Maler, sondern ein französischer Officier.« »Was Du sagst!« rief Nanon überrascht. »Ja, ein Officier und Spion. Frankreich will Krieg mit Deutschland beginnen; darum sendet es solche Leute zu uns, welche die Aufgabe haben, unser Land und unsere Verhältnisse zu erkunden.« »Das hätte ich ihm nicht zugetraut.« »Mir hat es ganz besonders leid gethan. Er wohnt mit mir in demselben Hause.« »Was Du sagst.« »Ich habe ihn freundlich und mit Vertrauen empfangen; und denke Dir, unsere Verhältnisse scheinen ihm nicht ganz unbekannt zu sein.« »Das wäre wunderbar.« »Er sprach von Aufklärungen, die er mir nach meiner Rückkehr geben will.« »Glaubst Du daran?« »Ich weiß allerdings nicht, was ich denken soll. Man muß es geduldig abwarten. Ich habe einige Hoffnung auf den morgenden Tag gesetzt.« »Ich gar keine.« »Warum? Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, daß der Pflegevater doch gewußt hat, wer wir sind. Er wird nicht gestorben sein, ohne es seinem Sohne mitgetheilt zu haben. Das ist so meine Meinung.« »Und Du denkst, daß dieser uns das Geheimniß offenbart? »Ja.« »Das wird er nicht thun. Diesen Charles Berteu kenne ich besser als Du.« »Er war zwar immer ein eigenwilliger, sprachfauler Knabe; aber wirklich zu Leide gethan hat er uns mit Absicht wohl nichts Bedeutendes.« »Bis zu unserer Trennung, ja. Du gingst eher in Stellung als ich. Ich blieb auf Schloß Malineau zurück. Kannst Du Dich erinnern, daß er mich immer auszeichnete?« »Das weiß ich allerdings noch sehr genau.« »Nun, nach Deiner Entfernung trat das noch viel bestimmter hervor. Er machte mir – Liebesanträge.« »Liebesanträge?« fragte Madelon erstaunt. »Er, der Pflegebruder.« »Ja. Ich wieß ihn natürlich zurück. Ich war übrigens noch sehr jung. Das nahm er mir übel und warf einen Haß auf mich. Auch später noch verfolgte er mich. Er hat mir nach Ortry oft geschrieben, immer nur von Liebe und Seligkeit, von Lust und Glück, von Himmel und Hölle. Ich habe ihm einmal geantwortet, um ihn zum Schweigen zu bewegen, dann aber nicht wieder, weil es vergeblich war.« »Das hätte ich von diesem Pflegebruder Charles nicht geahnt!« »O, noch viel mehr! Er ist nach Ortry gekommen und hat mich während meiner Spaziergänge abgelauert. Es ist mir nur mit äußerster Anstrengung gelungen, ihm zu entfliehen.« »Der Schändliche!« »Dann ging ich mit Marion auf Reisen. Kurz nach meiner Rückkehr bekam ich abermals einen Brief, der mich benachrichtigte, daß er nächstens kommen werde, um mündlich mit mir zu sprechen. Ich würde nicht wagen, einen Schritt vor die Thür zu thun; aber ich habe einen Schutz, auf den ich mich verlassen kann.« »Wer ist das?« »Fritz Schneeberg, der Kräutersammler.« »Ah, dieser!« »Ich weiß ganz genau, daß er stets in meiner Nähe ist, wenn ich ausgehe. Wir haben nicht etwa eine Vereinbarung getroffen, o nein; aber es ist, als ob dieser treue Mensch allwissend wäre. Sobald ich spazieren gehe, sehe ich ihn. Ich würde ganz gewiß nicht wagen, zum Begräbnisse zu kommen, wenn ich diesen Schutz nicht hätte.« »Denkst Du, daß Charles seine Angriffe erneuern wird?« »Ich befürchte es!« »Und daß Herr Schneeberg Dich beschützen kann?« »Das hoffe ich!« »Wie soll er das anfangen?« »Ich weiß es nicht.« »Willst Du ihn mit in das Schloß nehmen?« »Das wird nicht gehen.« »Nein, das geht nicht. Wie also soll er Dich beschützen?« »Ich muß es ihm überlassen. Es ist am Besten, ich spreche ganz aufrichtig mit ihm, und zwar noch heute Abend.« »Heute Abend noch? Wo denkst Du hin!« »Warum nicht?« »Nach Mitternacht! Ein junges Mädchen zu einem einzelnen Herrn im Gasthofe!« »Liebe Madelon, bei Euch in Berlin muß es doch recht schlimme Menschen geben!« »Warum?« »Weil Du so wenig Vertrauen hast. Dieser Herr Schneeberg ist so gut, so ehrlich und bescheiden. Er wird nicht ein Wort sagen, was mir unangenehm sein könnte!« Madelon konnte natürlich nicht sagen, daß gerade dieser gute, bescheidene und ehrliche Herr Schneeberg aus Berlin sei, noch dazu von den Ulanen! Sie meinte also nur: »Thue, was Dir recht und klug erscheint. Du kennst ihn ja besser als ich!« »So gehe ich zu ihm. Wer weiß, ob ich morgen Zeit finde, unter vier Augen und vertraulich mit ihm zu sprechen.« »Dann säume nicht, bis es zu spät wird! Ich gehe schlafen. Ich bin so sehr müde. Ich habe von Berlin bis hierher kein Auge schließen können.« Nanon verließ das Zimmer und begab sich einige Thüren weiter hin. Dort saß Fritz am offenen Fenster und blickte in die milde Nacht hinaus. Er hatte während der vorigen Nacht nicht schlafen können; aber er fühlte trotzdem keine Müdigkeit. Sein Licht war verlöscht, und nun blickte er nach den Sternen des Himmels, welche alle er nicht vertauscht hätte gegen den Stern, welcher ihm seit Kurzem hier unten aufgegangen war. Da klopfte es leise, leise an seine Thür. Er fuhr erstaunt herum und gebot: »Herein.« Die Thür wurde ein wenig geöffnet und er hörte: »Sind Sie noch munter – – o nein, Sie haben ja kein Licht!« Er kannte diese Stimme. Er sprang wie electrisirt auf und antwortete: »Ich bin noch nicht zur Ruhe, Mademoiselle Nanon! Ich werde gleich Licht anbrennen! Bitte, kommen Sie!« Er zündete das Streichholz an, und als dann die Lampe brannte, sah er sie lauschend unter der halb geöffneten Thür stehen, gerade wie zur Flucht bereit. »Fürchten Sie sich vor mir, Mademoiselle?« fragte er. »O nein! Aber es ist so spät; da macht man keine Besuche. Bei Ihnen war es dunkel, und übrigens wußte ich nicht genau, ob ich auch die richtige Thür getroffen hatte.« »Nun, es ist die richtige. Bitte, setzen Sie sich auf das Sopha! Ich nehme hier auf dem Stuhle Platz!« Das war so bescheiden und Vertrauen erweckend. Der Stuhl, von dem er sprach, stand fast in der entgegengesetzten Ecke des Zimmers. Sie setzte sich also auf das Sopha. Er schloß das Fenster und nahm dann auch Platz. Sie blickte ihm mit mildem, freundlichen Lächeln entgegen und fragte: »Sie hatten kein Licht. Wird Ihnen da die Zeit nicht lang?« »Ganz und gar nicht.« »Was thaten Sie denn in dieser Dunkelheit?« Eine leise Röthe flog über sein Gesicht, als er antwortete: »O, ich that etwas sehr Leichtes und Ungefährliches. Ich guckte die Sterne an.« »Die Sterne? Ei, ei, Monsieur Schneeberg. So sind Sie wohl gar ein Dichter?« »O, nichts weniger als das. Ich habe im ganzen Leben noch keinen Reim gemacht.« »Oder ein Astronom?« »Das noch weniger. Astronomen müssen große Rechner sein, und bei langen Zahlen vergesse ich stets das kleine Einmaleins, um wie viel mehr das große!« »Wissen Sie denn, daß man ein Dichter sein kann, ohne Reime zu machen? Eine brave Frau, welche ihr Heim mit der Harmonie des Glücks und des Friedens ausstattet, ist vielleicht eine bessere Dichterin als eine Andere, welche ganze Bände von Liedern schreibt.« »Sie haben Recht. So eine Frau ist mehr werth als alle Schätze der Erde.« »Und ebenso kann man Astronom sein, ohne viel rechnen zu können!« »Daß dies wahr ist, habe ich an mir erfahren.« »Ah! Wieso?« »Nun, ich richte mein Augenmerk nur auf einen einzigen Stern; dem aber widme ich mein ganzes Leben.« »Welcher wäre das?« »Es ist weder der Morgen- noch der Abendstern, obgleich ich des Morgens und des Abends an ihn denke. Sie dürfen ihn nicht da draußen am Himmel suchen. Er ist mir näher, viel, viel näher, Mademoiselle Nanon.« Sie erglühte; denn sein Auge ruhte mit einem tief innigen, fast anbetenden Ausdrucke auf ihr. Aber ihr Vertrauen zu ihm war so groß und unerschütterlich, daß es ihr nicht als eine Gefahr erschien, das Thema fortzusetzen: »Also Astronom sind Sie. Das ist mir lieb, denn wenn Sie weder Dichter noch Astronom wären und dennoch die Sterne anguckten, so bliebe nur noch ein Drittes möglich.« »Was wäre das?« »Wissen Sie das nicht?« »Nein.« »Nun, man sagt, daß Verliebte den Himmel anlächeln.« »Wirklich? Das muß eine eigenthümliche Liebe sein. Ich würde mein Lächeln lieber der Dame widmen, der ich mein Herz geschenkt habe.« »Ja, das würden Sie, denn Sie sind kein Schwärmer. Sie sind so praktisch, so sicher, so entschlossen, obgleich ich gefunden habe, daß Ihr Gemüth eigentlich recht weich und zart ist.« »Ich danke Ihnen, Mademoiselle. Scheint Ihnen das ein Widerspruch zu sein?« »O nein. Ein reines, gutes, weiches Gemüth ist eine große Gnadengabe Gottes; dabei aber kann der Wille doch ein fester und energischer sein. Dieses Beides, nämlich ein tiefes Gemüth und einen starken Character, denke ich mir an dem Manne, der ein Mädchen glücklich machen kann. Sie haben heute wieder eine Probe Ihrer Energie und Entschlossenheit gegeben, indem Sie Nanon vom Tode erretteten. Wie sollen wir Ihnen dies vergelten, Monsieur Schneeberg!« Er sah fast beschämt vor sich nieder. Dann gestand er: »Mademoiselle Nanon, ich wollte, ich könnte Ihnen täglich solche und noch viel gefährlichere Dienste leisten. Ich höre nie gern von Dank sprechen; aber ich fühle mich so glücklich, wenn Ihr Auge mir sagt, daß Sie mit mir zufrieden sind.« »So viele Dienste? Und doch kam ich zu Ihnen, um Sie wieder um eine Gefälligkeit zu bitten, die Ihnen jedenfalls unangenehm sein muß.« »Unangenehm? O nein. Jede Gefälligkeit, die ich Ihnen erzeigen kann, ist mir hochwillkommen!« »Wenigstens wird sie Ihnen Störung und Unbequemlichkeiten bereiten.« »Das achte ich nicht, wenn ich Ihnen nützlich sein kann.« »Nun gut, lieber Monsieur Schneeberg; ich werde einmal recht aufrichtig mit Ihnen sein. Es giebt nämlich einen Menschen, den ich nicht leiden kann und der mich nämlich zwingen will, seine Frau zu werden.« Das offene Gesicht Fritz's verfinsterte sich. »Der soll sich sehr in Acht nehmen, Mademoiselle Nanon. In dieser Hinsicht verstehe ich keinen Scherz!« sagte er. »Und leider,« fuhr sie fort, »ist dies grad Derjenige, bei welchem ich morgen sein werde!« »Darf ich erfahren, wer es ist, Mademoiselle?« »Der Sohn des Todten.« »Also Ihr Pflegebruder?« »Ja.« Sie erzählte ihm nun von den Briefen, die sie erhalten hatte, und auch, daß er einige Male gewaltthätig hatte werden wollen. »Das ist auch in Ortry geschehen?« fragte Fritz. »Leider!« »Ein Glück für ihn, daß ich nicht dazugekommen bin.« »O, da waren Sie noch gar nicht in Ortry.« »Ah, so!« »Aber er hat mir gedroht, nächstens zu kommen.« »Das soll er lieber bleiben lassen.« »O, er ist ein sehr starker Mensch!« Fritz warf einen Blick an sich selbst hinab, verzog seinen Mund zu einem leisen, mitleidigen Lächeln und sagte dann: »Ich wollte es, nämlich, daß er sehr stark wäre!« »Warum?« fragte sie verwundert. »Daß ich nur einmal einen Menschen fände, mit welchem anzubinden es sich in Wirklichkeit verlohnte. Was ich bisher gehabt habe, war nur Spielerei. Man will sich doch gern einmal kennen lernen.« Sie blickte lächelnd zu ihm hinüber und meinte: »Ja, Sie müssen eine fürchterliche Körperkraft besitzen!« »Ich kenne sie noch nicht, kann also auch nicht urtheilen.« »Wissen Sie, daß ich mich gefürchtet habe, als Sie mir zum ersten Male Ihre Hand reichten?« »Gefürchtet? Herrgott, sich gefürchtet!« »Ja, wirklich. Ich dachte, es würde um meine Hand geschehen sein, Monsieur Schneeberg.« »Wie könnte ich Ihnen auch nur im Entferntesten wehe thun.« »Ja, als Sie dann meine Hand so leise in die Ihrige nahmen, so vorsichtig und leise, als ob ich aus lauter Flaumfedern bestände, da merkte ich allerdings, daß ich mich geirrt hatte.« »Man darf nicht immer nach der Gestalt gehen. Ich kenne einen Herrn, einen Ulanenofficier, mit dem ich nicht in die Schranken treten möchte.« Er meinte damit seinen Rittmeister und fuhr fort: »Ist Ihr Pflegebruder auch so lang und stark?« »Nicht so lang, aber sehr breit und stark. Das sollen ja die Gefährlichsten sein. Nun denken Sie sich, daß ich morgen den ganzen Tag bei ihm sein muß!« »Wann ist die Begräbnißfeierlichkeit?« »Um drei Uhr Nachmittags.« »So ist es ja Zeit, wenn Sie kurz vorher erscheinen.« »Als Pflegetochter? O nein, da muß man eher kommen. Die Leute würden erfahren, daß wir zögerten, obgleich wir anwesend waren.« »Es sind doch jedenfalls andere Trauergäste auch vorhanden?« »Sehr viele jedenfalls.« »So brauchen Sie ja nichts zu fürchten.« »Meinen Sie das nicht. Er wird ganz gewiß die Gelegenheit ergreifen, mich allein zu sprechen.« »Und das fürchten Sie?« »Am Tage nicht.« »Sie bleiben auch des Abends dort?« »Ja, wenn auch nicht bis zur Nacht. Es wird ein Trauermahl gegeben, und wir dürfen nicht eher gehen, als bis dieses beendet ist.« »Hm! Ich verstehe, Mademoiselle Nanon. Wie weit ist es von hier bis nach Schloß Malineau?« »Noch anderthalbe Stunde.« »Steht dieses Gebäude ganz allein?« »Zehn Minuten davon steht eine alte Pulvermühle einsam im Walde, und auf der andern Seite, ebenso weit vom Schlosse, liegt das Dörfchen, welches zum Schlosse gehört.« »Wie heißt dasselbe?« »Auch Malineau. Man kommt hindurch, wenn man von hier nach dem Schlosse will.« »Giebt es einen Gasthof dort?« »Nein, aber eine Schänke.« »Mit Ausspannung?« »Ja.« »Wie wollen Sie morgen von hier nach dem Schlosse gelangen?« »Zu Fuße. Irgend Jemand könnte uns unser kleines Gepäck, dessen wir bedürfen, nachbringen.« »Ich bitte Sie, das anders zu machen!« »Es wird wohl kaum anders gehen.« »O doch. Sie nehmen von hier eine Kutsche für den ganzen Tag und fahren mit derselben direct nach dem Schlosse. Wenn Sie ausgestiegen sind, kehrt der Kutscher in der Schänke ein und wartet bis zum Abende, wo Sie ihm einen Boten schicken, daß er Sie wieder abholen und nach Etain zurückbringen soll.« »Und Sie fahren mit?« »Nein.« »Warum nicht? Gerade weil ich nicht auf Ihren Schutz verzichten wollte, kam ich heute so spät noch zu Ihnen.« »Haben Sie keine Sorge. Ich werde viel eher als Sie an Ihrem Ziele sein, wenn auch mich Niemand bemerken sollte, und Sie werden den ganzen Tag unter meinem Schutze stehen.« »Wirklich? Versprechen Sie mir das?« »Ja. Hier meine Hand.« »So bin ich beruhigt in Beziehung auf mich, nicht aber in Beziehung auf Sie, mein lieber Monsieur Schneeberg.« »Haben Sie um mich keine Sorge. Ich bin überzeugt, daß wir den morgenden Tag ebenso friedlich beschließen werden wie den heutigen!« »Das gebe Gott! Und da Sie so gut und freundlich gegen uns sind, will ich Ihnen auch eine Hoffnung mittheilen, welche wir für morgen hegen.« »Möge sie in Erfüllung gehen.« »Wir denken nämlich, daß unser Pflegevater von unserer Abstammung unterrichtet gewesen ist, und daß er es vor seinem Tode seinem Sohne mitgetheilt hat.« »Und Sie meinen, daß dieser es Ihnen nun seinerseits morgen offenbaren wird?« »Ja. Madelon gegenüber habe ich allerdings einige Zweifel geäußert, damit sie nicht allzusehr enttäuscht wird, wenn sich unsere Hoffnung nicht erfüllen sollte. Was denken Sie davon?« »Ich will Ihnen keine Unwahrheit sagen: Sie werden Nichts erfahren.« »Aber was kann ihm das Geheimniß nützen?« »Viel, sehr viel!« »Ich sehe es nicht ein!« »Weil Sie eben das Geheimniß nicht kennen, Mademoiselle. Eins aber ist sicher: Es bildet in seiner Hand eine Waffe gegen Sie, sogar eine sehr gefährliche Waffe.« »Gott! Wollen Sie mir bange machen?« »Nein. Ich meine nicht eine Waffe, welche Ihnen körperlich gefährlich werden kann, sondern ich denke, daß er sie in Anwendung bringen wird, um Ihren Widerstand gegen seine bisher erfolglose Werbung zu besiegen.« »Es wird ihm nicht gelingen!« »Das kann man nicht wissen. Wie nun, wenn er Ihnen Reichthümer verspricht?« »Er ist nicht reich!« »Oder Ehren?« »Die Ehre, welche er besitzt, ist nichts werth.« »O, ich spreche nicht von seinem Reichthum und seiner Ehre, sondern ich meine damit das, was Ihnen gehört. Ihr Vater kann ein Edelmann gewesen sein.« »Meinen Sie?« »Es ist sehr leicht möglich. Wenn ich Sie so ansehe, Mademoiselle, so ist es mir, als ob Sie nur die Tochter einer ausgezeichneten Familie sein könnten. An Ihnen ist Alles so fein, so schön, so hell, so licht. Sie sind wie ein Stern, dessen Strahl einem Jeden, den er trifft, doppeltes Leben geben muß.« Sie legte die Hände ineinander, blickte ihn so treu und gut an und sagte: »Monsieur, Sie lassen da Ihr gutes Herz Dinge sagen, welche Sie ihm eigentlich verbieten sollten.« »Nun gut! Wie nun aber, wenn Ihr Vater reich gewesen wäre?« »Das ist allerdings möglich, denn Mutter hat so viele werthvolle Sachen gehabt, welche sie nach und nach verkaufen mußte.« »So sehen Sie! Nun fordert dieser Charles Berteu Ihre Liebe oder wenigstens Ihre Hand. Sagen Sie »Ja«, so enthüllt er Ihre Abstammung und Sie werden reich; sagen Sie aber »Nein«, so theilt er Ihnen Nichts mit, Sie bleiben arm.« »Ich bleibe lieber arm!« »Und Mademoiselle Madelon? Müssen Sie nicht auch auf diese Rücksicht nehmen?« Sie blickte nachdenklich vor sich nieder und antwortete dann: »Madelon wird lieber arm bleiben als mich unglücklich sehen wollen!« »Gott segne Sie Beide! Noch Eins. Wo wohnt dieser Charles Berteu? Im Schlosse selbst?« »Nein, sondern in einem Nebengebäude, welches für den Verwalter bestimmt ist.« »Kennen Sie dieses Gebäude?« »Sehr gut, denn wir sind ja in demselben erzogen worden.« »Ist es bedeutend?« »Neun Fenster in der Front und vier Fenster in der Tiefe.« »Hoch?« »Parterre und ein Stockwerk.« »Hat es Läden?« »Nur im Parterre.« »Blitzableiter?« »Ja.« »Balkon?« »Nein, aber eine Veranda, welche um das ganze Gebäude führt und mit Wein bepflanzt ist.« »Ah, diese Veranda reicht bis an das Stockwerk?« »Ja.« »Das Haus steht also frei und hat keinen Garten?« »So ist es. Warum fragen Sie nach diesen Dingen?« »Nur aus Vorsicht, nicht nach einem bestimmten, fertigen Plane. Man muß sich bei solchen Veranlassungen Alles zu vergegenwärtigen suchen. Wie viel Uhr beabsichtigen Sie morgen aufzubrechen?« »Um die Hälfte des Vormittages.« »So werde ich Ihnen einen Wagen besorgen.« »Ich wußte es, daß Sie sich unserer noch weit mehr annehmen würden, als wir höflicher Weise verlangen dürfen. Wir wachsen von Stunde zu Stunde in Ihrer Schuld, mein lieber Monsieur Schneeberg.« »Ich würde ganz glücklich sein, wenn diese Schuld so groß werden könnte, daß Sie sich fürchteten, von ihr zu sprechen.« »Aber was kann ich Ihnen dafür bieten!« Er schüttelte den Kopf, machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung und sagte: »Man sagt, daß es Geschöpfe giebt, welche ihre Kraft gar nicht kennen. So ist es auch mit den Menschen. Es giebt Menschen, welche unendliche Reichthümer besitzen, ohne daß sie es ahnen. Ich kenne eine junge Dame, welche so reich ist, daß jeder freundliche Blick ihres Auges aus lauter Diamanten zusammengesetzt ist. Soll mir ein solcher Blick nicht tausendmal mehr werth sein als Das, was Sie mein Guthaben nennen?« Da ließ sie ein leises, goldenes Lachen hören und antwortete: »Darf ich wissen wer diese junge Dame ist?« »Ja. Sie selbst sind es, Mademoiselle Nanon.« »So werde ich Sie von nun an nur mit diamantenen Blicken bezahlen.« »Thun Sie das, und ich werde nicht wünschen, seliger zu sein!« Da stand sie vom Sopha auf, und auch er erhob sich von seinem Stuhle. Sie reichte ihm die beiden kleinen, weißen Händchen dar, welche er vorsichtig und leise ergriff. »Wissen Sie, was Sie sind, Monsieur Schneeberg?« fragte sie. »Ich möchte es von Ihnen hören!« »Ein Kind sind Sie, ein kleines, allerliebstes, folgsames und zufriedenes Kind, welches man immer und immer wieder küssen und herzen möchte.« »Gott, wäre es doch so!« antwortete er, indem seine breite Brust sich unter einem tiefen Seufzer dehnte. »Und wissen Sie, was Sie noch sind?« »Noch Etwas?« »Ja. Ein Mann sind Sie, ein stolzer, starker, muthiger und treuer Mann, ohne Fehl und Falschheit, ein Mann, dem man den Kopf an das Herz legen möchte, um ihn immer und ewig dort liegen zu lassen. Das sage ich Ihnen, weil ich Sie kenne. Ein Anderer würde mich nun gleich in seine Arme nehmen und liebkosen: aber Sie thun das nicht; Sie machen da trotz Ihrer Einfachheit viel höhere Ansprüche. Sie wollen mit der Seele, mit dem Gemüthe genießen. Sie wollen mit dem Herzen liebkosen und küssen. Monsieur Schneeberg; ich bin ein armes, dummes Mädchen; ich weiß nicht, was eine Andere an meiner Stelle thun würde, aber ich wollte, Sie würden einmal recht sehr glücklich, unendlich glücklich! Und heute will ich noch eine letzte, große Bitte aussprechen. Wollen Sie sie mir erfüllen?« »Kann ich denn, Mademoiselle?« »Ja.« »Nun, so ist's als hätte ich sie schon erfüllt!« »Gut! Denken Sie einmal, daß ich jetzt Ihr kleines gutes Weibchen wäre, nicht?« »O Gott, wie gern!« »Nun will ich einmal meinen Kopf an Ihr Herz legen. So! Nicht wahr, ich darf?« »Tausend und tausend Mal!« »Nun legen Sie mir Ihre rechte Hand auf den Kopf. Bitte, lieber Monsieur Schneeberg!« »So?« fragte er, indem er ihren Wunsch erfüllte. Es war ihm als ob ihm das Herz vor Seligkeit zerspringen wolle. »Ja, so,« antwortete sie. »Nun beugen Sie sich ein Wenig herab zu mir und sagen mir ganz genau die Worte nach, welche ich Ihnen vorsagen werde! Wollen Sie das?« »Ich muß ja; ich habe versprochen, Ihren Wunsch zu erfüllen.« »Ja, Sie müssen gehorchen,« sagte sie unter einem glückseligen Lächeln, »Sie, der große, starke Mann mir, dem kleinen Mädchen! Also, nun sagen Sie:« Und leise und langsam, sehr langsam sprach sie ihm die Worte vor: »Meine liebe, liebe, gute Nanon!« Es traten ihm die Thränen in die Augen. Er hätte am Liebsten vor Glück und Seligkeit laut aufweinen mögen; aber er bezwang sich und sagte es nach: »Meine liebe, liebe, gute Nanon!« Und nun plötzlich ergriff sie seinen Kopf, zog ihn noch ein Stück niederwärts und preßte ihre Lippen nur einmal zwar, aber so recht warm und innig auf seinen Mund. »Gute Nacht, mein lieber, lieber, guter Fritz!« Das hörte er noch, dann war sie plötzlich zur Thür hinaus. Er blieb stehen, als ob er kein Glied bewegen könnte, und erst nach einer längeren Pause wendete er sich ab. »Welch ein Mädchen!« flüsterte er. »Rein wie ein Engel des Himmels! Und welch ein Glück! Es wäre für einen Fürsten zu köstlich und zu groß! Und da fällt es mir zu, mir, dem Waisenknaben, dem Ulanenwachtmeister, der keine andere Zukunft hat, als die gar nicht glanzvolle Anwartschaft auf eine Anstellung als Gensd'arm oder Steueraufseher!« – – – Schloß Malineau war gegen Ende des vorigen Jahrhunderts niedergebrannt und wurde von dem damaligen Besitzer im Style französischer Renaissance schöner und größer wieder aufgebaut, als es vorher gewesen war. Derselbe, ein stolzer Aristokrat, hatte nicht gewollt, daß ein Untergebener mit ihm unter demselben Dache wohne, und darum die Wohnung des Inspectors oder Verwalters von dem Hauptcomplexe abgezweigt. Diese Letztere war ganz so, wie Nanon sie beschrieben hatte; höchstens muß noch hinzugefügt werden, daß sie ein glattes Dach besaß, gerade wie das Schloß selbst auch. In dieser Wohnung herrschte heute ein Geruch, welcher lebhaft an Firniß oder Kienöl erinnerte. Es war jener Geruch, welcher neuen Särgen zu entströmen pflegt. In einer zweifenstrigen Stube des Stockwerkes saß ein junger Mensch, der vielleicht sechsundzwanzig Jahre zählen mochte. Seine Gestalt war nicht hoch, aber außerordentlich breit und kräftig gebaut. Ein dicker Kopf, ein Stiernacken und kleine, starre Augen machten zwar den Eindruck des körperlich Kräftigen, aber des geistig niedrig Stehenden. Er hatte ein Buch vor sich liegen. In demselben standen Ziffern, mit denen er sich beschäftigte. Dieser junge Mensch war Charles Berteu, der Sohn des verstorbenen Verwalters, welch Letzterer heute beerdigt werden sollte. Er schien sehr übler Laune zu sein. Da öffnete sich die Thür und eine Frau in Trauer trat ein. Sie war klein, aber starkknochig, hatte keine Zähne mehr – aber eine lederartige, gelbe Haut, welche ihr Gesicht sehr unangenehm machte. »Nun, Charles,« sagte sie. »Wie viel Wein?« »Schon wieder dieser verdammte Wein!« fuhr er auf. »Wir selbst haben keine einzige Flasche!« »Aber drüben im herrschaftlichen Keller!« »Nun, ich rechne ja bereits seit einer Stunde, wieviel wir nehmen könnten und wie viel Dreien aus Fünfen zu machen wären; aber es ist verteufelt schwierig.« »So berechne es später! Heute ist keine Zeit dazu.« »Aber wenn uns nun die Herrschaft plötzlich überfällt, und die Bücher sind nicht in Ordnung!« »Man kommt nicht sogleich!« »Oho! Der General hat geschrieben, daß er in vier Wochen kommen werde. Das wäre ja gut und schön. Aber nun haben wir den Tod des Vaters melden müssen, und da steht zu erwarten, daß er viel eher eintreffen wird, um die Bücher und Bestände zu untersuchen.« »Auch das würde uns nicht in Verlegenheit bringen. Der General ahnt doch nicht im Entferntesten, daß Vater zweierlei Buchführung eingeführt hatte, eine für sich und eine für den gnädigen Herrn.« »Das ist's ja eben, was mir Schmerzen macht! Vater war äußerst bewandert in solchen Finessen; da er mir aber stets nur halben Einblick verstattete, so ist mir jetzt die Sache fast zu schwierig. So viel habe ich herausgefunden, daß wir Ersparnisse nicht gemacht haben.« Die Frau stieß einen Seufzer aus. »Reich sind wir nicht!« sagte sie. »Ganz und gar nicht. Ehe der General kommt, müssen neunhundert Franken in die Casse. Woher aber nehmen?« »Ich denke, der alte Capitän – – –?« »Nun ja, diese Pulverbestellung wird Geld bringen, doch ist das auch nur ein größeres Loch, welches man gräbt, um ein kleines auszufüllen.« »Ich hatte mir das ganz anders gedacht. Wir hätten beim Tode des Vaters unsere Wolle trocken haben können.« »Das war ja stets seine Absicht auch – aber diese verdammten Geburtsscheine und Taufzeugnisse! Wo in aller Welt sie nur stecken müssen.« »Wir finden sie nicht, nachdem wir bereits Alles umgestürzt haben.« »Sie waren aber da, wirklich da?« »Ja. Die Mutter der beiden Mädchen hat sie selbst aufbewahrt, und zwar an einem sicheren Orte.« »Vater hat diesen Ort gewußt?« »Natürlich.« »Wußte er auch, welches der wirkliche Name der beiden Mädchen ist?« »Er wußte Alles.« »Desto ärgerlicher, daß er so schnell sterben mußte, ohne noch ein Wort sprechen oder schreiben zu können.« »Was könnten wir für die Documente bekommen! Gewiß große, sehr große Summen!« sagte die Frau. »Dummheit!« antwortete der Sohn. »Du würdest wohl wirklich die Documente an die beiden Mädchens verkaufen! Das fehlte noch! Ich will Alles haben, Alles!« »Und nun hast Du nichts!« »Unsinn! Die Schriftstücke werden sich früher oder später doch noch finden; die Hauptsache sind die Mädchens. Ich heirathe Nanon; dann bin ich des Erbes sicher!« »Seit wann hast Du sie denn eigentlich heirathen wollen, ohne daß sie Ja gesagt hat?« »Halte den Mund! Sie wird mich doch noch nehmen müssen!« »Pah!« »Ich werde es Dir beweisen. Wäre Vater nicht gestorben, so hätte ich mich jetzt zu ihr nach Ortry auf den Weg gemacht, da wir so wie so den Pulvertransport haben. Der Alte hätte mir geholfen, denn es kann ihm nur lieb sein, daß die Nanon von der Baronesse wegkommt, die in ihr eine Stütze hat. Da jedoch der Todesfall eingetreten ist, kann ich es anders anfangen. Geht es nicht im Guten, so geht es im Bösen. Heut aber muß es sich entscheiden. Heut wird sie mein, freiwillig oder mit Gewalt!« »Nur Vorsicht, Charles!« »Pah! Wer zum Anführer der Franctireurs mit gewählt wurde, kann kein unebener Kerl sein!« »Aber wenn sie nun nicht kommt?« »Sie kommt. Sie hat nicht gewußt, was der Vater war, und darum sehr viel auf ihn gehalten.« »Und wenn sie nun Deine Frau ist – was dann?« »So wird das ganze Haus umgerissen, um die Documente zu finden.« »Dann erbt aber die Madelon die Hälfte!« »Keine Centime; dafür laß mich sorgen! Mein Plan ist bereits gemacht. Uebrigens sage ich Dir offen, daß ich die Nanon nicht nur des Geldes wegen haben will. Sie ist ein verdammt maulrechtes Mädchen, ein Bissen, wie man feiner keinen bekommen kann. Ich lecke alle Finger nach ihr. Horch!« Man hörte von unten her das Rollen eines Wagens und das Getrappel von Pferden. »Wer mag das sein?« fragte die Mutter. »Gehe hinab, und siehe nach!« »Wenn sie es nun ist, willst Du sie da nicht selbst empfangen?« »Nein. Das paßt nicht in meine Hausrolle. Sie ist das Ziehkind, und ich bin der richtige Sohn. Sie hat zu mir zu kommen, um mich zu begrüßen.« Die Frau ging; dann hörte man unten jugendliche Mädchenstimmen erschallen. Nach einer Weile nahten Schritte. Die Mutter machte die Thür auf und sagte: »Hier hast Du eine Ueberraschung – alle Beide!« Er drehte sich rasch um; er erblickte Nanon und Madelon. Seine Stirn wurde kraus. Das war nicht nach seinem Sinne. Madelon war ihm im Wege. Er stand auf, reichte Beiden die Hände entgegen und sagte: »Es ist ein Trauerhaus, in dem Ihr seid; aber trotzdem will ich Euch willkommen heißen. Auf Nanon hatte ich gerechnet, aber auf Dich nicht, Madelon. Wie kommst Du aus Deutschland, von Berlin hierher?« Die beiden Mädchen waren sehr ernst. Man sah es ihnen an, daß sie sich in der Nähe dieses Menschen nicht wohl befanden. »Nanon hat mir telegraphirt, und ich bin sofort auf die Bahn gestiegen,« antwortete die Gefragte. »Das konntet Ihr Beide bleiben lassen, nämlich Du das Telegraphiren und Du das Reisen!« Da antwortete Nanon herzhaft: »Deinetwegen ist es auch nicht geschehen. Wir selbst wollten uns gern einmal einander sehen.« »Schau, welches Mundwerk Du Dir angeschafft hast! Na, geht hinunter; ich habe nothwendig, und unten giebt es Arbeit für Euch. Mutter wird Euch anstellen!« Sie wendeten sich bereits zum Gehen; da aber rief er noch: »Halt! Ihr seid mit Fuhrwerk gekommen?« »Ja,« antwortete Nanon. »Wem gehört es?« »Einem Kutscher aus Etain.« »Er fährt doch sogleich wieder fort?« »Nein. Er wartet bis heute Abend in der Schänke.« »Sapperlot! Wollt Ihr heute Abend wieder fort?« »Ja.« »Daraus wird Nichts. Ihr bleibt länger da.« »Das geht nicht. Unser Urlaub ist so kurz, daß wir schon heute wieder fort müssen.« »So. Der Kutscher bleibt also wirklich in der Schänke?« »Ja.« »Wer bezahlt ihn?« »Wir.« »Gut. Ihr könnt gehen.« Sie gehorchten diesem Gebote, und er schrieb und rechnete weiter. Nach längerer Zeit kam seine Mutter, um nach Etwas zu fragen. Er gab ihr Auskunft und sagte ihr dann, daß sie Nanon zu ihm schicken solle. »Du willst sie jetzt um ihre Einwilligung fragen?« »Ja.« »Sie wird sich weigern.« »Das werde ich abwarten.« »Sie scheint ein ganz anderes Mädchen geworden zu sein, viel fester, sicherer und selbstständiger.« »So bin auch ich ein anderer Kerl geworden. Wollen doch sehen, wer da Herr bleiben wird.« Sie ging, und gleich darauf trat Nanon ein. Sie wußte natürlich sofort, um was es sich handelte, doch zeigte sie nicht die geringste Spur von Verlegenheit, oder gar von Furcht. Er hatte auf dem Sopha Platz genommen; er zeigte neben sich hin und sagte: »Da bist Du ja. Schau, so gefällt es mir. Den Weisungen des Hausoberhauptes muß augenblicklich gefolgt werden. Komm, setze Dich her zu mir.« »Danke!« antwortete sie. »Ich mache leichte, schnell zu erledigende Angelegenheiten gern im Stehen ab.« »Du denkst, es handelt sich um eine so leichte Sache? Da irrst Du Dich. Es ist vielmehr eine sehr ernste und wichtige Angelegenheit, welche ich mit Dir zu besprechen habe. Setze Dich also nieder!« »Gut, so nehme ich Platz.« Sie setzte sich auf einen Stuhl, welcher fern von ihm stand. Er zog die Stirn in Falten und musterte ihre Gestalt vom Kopfe bis zu den Füßen herab. »Das muß man sagen,« begann er dann, »ein sauberes Mädchen bist Du geworden. Meinst Du nicht auch?« In ihren Augen leuchtete es auf. Was sie sonst nie gethan hätte, heut und ihm gegenüber that sie es: Sie antwortete: »Ja, das meine ich allerdings.« Er war ganz frappirt von dieser Antwort, die er gar nicht erwartet hatte. »Donnerwetter!« stieß er hervor. »Wirklich? Du weißt, daß Du so schön bist? Da bist Du wohl von Deinem Werthe ganz außerordentlich überzeugt?« »Ganz ebenso wie Du von dem Deinigen.« »Gut, so passen wir zusammen. Zwei sehr werthvolle Personen. Wollen wir uns zusammenthun?« »Danke!« antwortete sie schnippisch. »Nicht? Warum nicht?« »Du meinst mit dem nicht sehr ästhetischen Ausdrucke »Zusammenthun« doch das, was man gewöhnlich verehelichen, verheirathen, vermählen nennt?« »Ja, natürlich.« »So ist es zu verwundern, daß Du anstatt eines edlen Ausdruckes gerade den dümmsten und gemeinsten wählst! Nicht daß sich jeder Theil selbst für werthvoll hält, giebt eine glückliche Ehe, sondern daß jeder Theil von dem Werthe des Andern überzeugt ist. Uebrigens habe ich noch gar nicht an meine Vermählung gedacht; von einem Zusammenthun aber kann überhaupt keine Rede sein; das versteht sich ja wohl ganz von selbst.« »Du sprichst wie ein Buch! Also gegenseitige Werthschätzung. Wie hoch schätzest Du da wohl meinen Werth?« »Ich habe an Dir noch keinen Werth bemerkt, konnte also auch keine Schätzung vornehmen.« »Nun, Du wirst meinen Werth selbst noch erkennen. Die höchsten Werthe sind die verborgenen. Zu Tage liegt nur das taube Gestein; nach Diamanten aber muß man graben. Ich werde Dir Gelegenheit geben, bei mir nachzugraben, und Du sollst Dich wundern über die Schätze, welche Du finden wirst.« »Zum Graben habe ich keine Lust. Es werden Einem Steine genug angetragen, die bereits geschliffen sind.« »So meinst Du, daß ich ungeschliffen bin?« »Nein, denn ich weiß ja überhaupt nicht, ob bei Dir ein Stein gefunden werden könnte, der sich des Schleifens verlohnte.« »Hölle und Teufel! Du bist wahrhaftig eine Katze, welche es versteht, ihre Krällchen zu gebrauchen!« »Sie sind ja da, um zur Wehr zu dienen.« »Schön! Machen wir also nicht unnütze Worte; sie führen doch zu nichts! Behandeln wir die Sache also vollständig kalt, objectiv und geschäftsmäßig! Ich habe nämlich Lust, Dich zu heirathen!« »Ich glaube es. Zu verdenken ist es Dir nicht. Ich aber habe keine Lust.« »Das ist sehr offen. Ich hoffe, daß Du auch ferner so aufrichtig bleibst. Dann kommen wir schneller zur Klarheit. Hast Du etwa bereits einen Bräutigam?« »Nein. Zwar bin ich Dir keineswegs eine Antwort schuldig, aber ich will sie dennoch geben, damit wir früher zum Ende kommen.« »Warum also magst Du mich nicht?« »Weil Du nicht nach meinem Geschmacke bist!« »Ah. Du heirathest nach Geschmack?« »Ich halte Dich überhaupt nicht für den Mann, bei dem ich glücklich sein kann.« »Pah! Man täuscht sich! Weißt Du, was mein Vater an Euch Beiden gethan hat?« »Es ist uns so oft vorgerechnet worden, daß diese Frage sehr überflüssig ist. Ich weiß Alles auswendig.« »Du solltest dankbar sein.« »Ich sehe keinen Grund dazu. Mutter hat ihre Juwelen und Alles verkauft, um Euch zu bezahlen. Ich hege sogar die Vermuthung, daß sie irgend eine Summe bei Euch deponirt hat, die aber unterschlagen worden ist.« »Donnerwetter! Das nenne ich ebenso kühn, wie aufrichtig!« »Ich habe keinen Grund zur Furcht; Dich aber brauche ich am Allerwenigsten zu scheuen.« »Lassen wir das! Also Du heirathest mich weder aus Liebe, noch aus Dankbarkeit. Wie steht es denn mit der Klugheit? So eine recht schlau angelegte Verbindung muß doch eine sehr glückliche sein!« »Danke.« »Ihr kennt Euren Namen nicht –« »Kennst Du ihn?« fragte sie schnell. »Hm.« »Gieb eine bestimmte, deutliche Antwort.« »Gut. Wenn Du meine Frau wirst, gebe ich Euch Euren Namen, Euere Legitimationen und somit die Ansprüche auf die Erbschaft, die Ihr zu erheben habt.« »Ah, Du willst durch mich erben?« »Natürlich. Das leugne ich gar nicht.« »Beweise mir erst, daß Du im Besitze unserer Dokumente bist.« »Ah. Du glaubst mir nicht?« »Nein. Ich kenne Dich als Lügner.« »Dich werde ich nie betrügen.« »Spare diese Versicherungen. Zeige die Documente her!« »Fällt mir nicht ein.« »Nun, so sind wir fertig!« Sie erhob sich, um zu gehen. Er sprang auf und sagte: »Also Du magst mich nicht?« »Nein.« »Selbst wenn ich die Documente besitze?« »Beweise, daß Du sie hast, und dann will ich mit Dir verhandeln, eher aber nicht!« »Zeigen kann ich sie nicht.« »Brechen wir also ab.« Da flammte eine wilde, begehrliche Gluth in seinen Augen auf. Er trat herzu, faßte sie beim Arme und sagte: »Ich will Dich aber haben, und werde Dich haben, so oder so. Verstehst Du mich?« »Wenn Du eine einzige Drohung ausstößest, verlasse ich augenblicklich das Haus.« »Nun, so will ich mir wenigstens den Kuß nehmen, den die Schwester dem Bruder zu geben hat!« Er öffnete die Arme, um sie zu umschlingen; aber noch bevor ihm dies gelang, erhielt er einen Schlag in's Gesicht, daß er mit einem Schrei zurücktaumelte. Auf dem Tische, Nanon gleich zur Hand, hatte ein Teller gestanden. Sie hatte ihn blitzschnell ergriffen und dem Zudringlichen in das Gesicht geschlagen, so daß er in Scherben zu Boden fiel. Im nächsten Augenblicke hatte sie das Zimmer verlassen. Er ballte die Fäuste drohend und knirrschte: »Das sollst Du mir entgelten! Ich liebe sie rasend! Mein muß sie werden, aus Berechnung, aus Liebe und auch zur Strafe!« Von hier an verging der Tag wie jeder Trauertag. Verwandte und Bekannte kamen, um an dem Leichenconducte Theil zu nehmen, und als der Sarg in die Grube gesenkt worden war, kehrte man in das Trauerhaus zurück, um sich zur Tafel zu setzen. Als Pflegekinder des Verstorbenen fiel Nanon und Madelon die Verpflichtung zu, die Gäste zu bedienen. Kurz nach der Rückkehr vom Kirchhofe hatte Charles Berteu den Kutscher aufgesucht, welcher seine Stube in einem nur zum Gebrauche des Verwalters errichteten Stallgebäude hatte. Dieser Kutscher war ganz gleichen Schlages mit seinem Herrn; sie hatten bereits schon manchen Streich mit einander ausgeführt. »Hast Du den fremden Kutscher gesehen, welcher die beiden Schwestern gebracht hat?« fragte Berteu. »Nein.« »Auch Geschirr und Pferde nicht?« »Ebenso wenig.« »So gehe zur Schänke, wo er ausgespannt hat, und siehe Dir Alles an – die Pferde, das Geschirr, den Kerl, seine Kleidung, kurz Alles!« »Wozu? Giebt es einen lustigen Streich?« »Ja, einen Streich und zwanzig Franken für Dich!« »Alle Wetter! Da bin ich sehr gern dabei!« »Es liegt mir nämlich daran, zu erfahren, ob Abends in der Dunkelheit Du für diesen Kutscher gelten könntest, unser Wagen mit dem seinigen und so weiter.« »Also eine Komödie der Verwechselungen? Das wird drollig! Ich gehe; ich gehe. Aber, Monsieur, einige Franken pränumerando! Ich muß in der Schänke einkehren. Sie werden Einsicht haben!« »Hier!« Der Kutscher steckte das Draufgeld schmunzelnd ein und entfernte sich, um nach der Schänke zu gehen. Dort saß unter den wenigen anwesenden Gästen – Fritz. Er war zu Fuße hergekommen, hatte das Schloß umschlichen und wollte nun, nachdem er einen Labetrunk zu sich genommen hatte, die Pulvermühle aufsuchen, von welcher Nanon gesprochen hatte. Er bemerkte, daß der Eingetretene den Etainer Kutscher ganz auffällig musterte, dann sich längere Zeit im Stalle verweilte und endlich auch den vor der Thür stehenden Wagen genau betrachtete. Das fiel ihm natürlich auf. Als der Mann dann wieder Platz genommen hatte, trank er ihm zu und zog ihn in ein Gespräch, während dessen er hörte, daß er der Kutscher von Charles Berteu sei. Nun schöpfte er Verdacht. Hier war höchst wahrscheinlich Etwas in Vorbereitung, ein Streich, welcher das Kutschgeschirr betraf. Er glaubte, der Kutscher würde bald nach dem Schlosse zurückkehren; dies war aber nicht der Fall, vielmehr setzte er sich zu den anderen Gästen, um ein Kartenspiel mit ihnen zu machen. Die Sache war langweilig, und so brach Fritz auf, um sich noch ein Wenig in der Gegend umzusehen. Es war sicher, daß, wenn Etwas gegen die Schwestern geschehen sollte, dieses erst Abends vorgenommen werden würde. Er entdeckte die Pulvermühle mitten im Walde. Es war eine Walzmühle, und ein ziemlich breiter Fahrweg verband sie mit dem Schlosse. Das Werk stand heute still. Am Tage der Beerdigung des Verwalters wurde nicht gearbeitet. Nun begann es dunkel zu werden, und er kehrte nach der Schänke zurück. Dort saß der Kutscher noch immer, blieb aber nicht lange mehr. Als er fort war, folgte ihm Fritz bis nach dem Schlosse. Er hatte sich mit einigen Instrumenten versehen, für den Fall, daß er sie bei seinem Lauscher- und Wächterwerke brauchen sollte. Der Kutscher ging in sein Stallzimmer, und Fritz begab sich auf Recognition. Es war jetzt so finster, daß man schon etwas wagen konnte. Er kletterte an den Stangen der Veranda, welche sich um das ganze Gebäude zog, empor, und befand sich nun auf einer mit Zinkblech gedeckten Plattform, von welcher aus man in jedes Fenster des Stockwerkes zu blicken vermochte. Er schlich sich von einem Fenster zum andern, rund herum. Er sah und zählte die Trauergäste und auch die beiden Mädchen, von denen dieselben bedient wurden; er betrachtete sich alle erleuchteten Zimmer genau, und er erkannte auch sofort, welches von den Letzteren dasjenige von Charles Berteu sei. Dieser saß bei seinen Gästen. So lange er sich dort befand, stand nichts zu befürchten; darum hielt Fritz ihn von draußen aus scharf im Auge. Erst nach langer Zeit erhob sich Berteu und ging zur Thür hinaus. Fritz bückte sich nieder und kroch auf der Veranda leise nach der Gegend hin, in welcher sich das Zimmer befand, welches er für dasjenige Berteus gehalten hatte. Er hatte diesen Punkt noch nicht erreicht, als aus dem geöffneten Fenster ein Ruf erschallte: »Mathieu!« »Ja, Herr!« Diese Antwort kam von der Kutscherwohnung herauf. »Schnell zu mir!« Fritz blieb vorsichtig liegen. Unten hörte man die Schritte des Kutschers. Als diese im Innern des Hauses verklungen waren, kroch er weiter und gelangte an das Fenster, welches der warmen Abendluft wegen geöffnet war. Er bemerkte, daß Berteu, eine Cigarre rauchend, an dem offenen Fenster saß. Der Kutscher trat ein. Fritz konnte von dem nun folgenden Gespräch jedes Wort verstehen. »Nun, hast Du die Augen aufgethan?« fragte Berteu. »Und wie! Je besser man bezahlt wird, desto besser und schärfer kann man sehen!« »War das Geschirr fein?« »Na, Mittelsorte, so ungefähr wie das unserige.« »Die Pferde?« »Zwei Braune, grad so wie wir auch haben.« »Der Kutscher?« »Von meiner Statur, lang und stark.« »So glaubst Du also, daß es beim Dunkel der Nacht möglich ist, unser Gespann mit dem Fremden zu verwechseln?« »Ganz sicher. Nur müßte man sich vor Beleuchtung hüten.« »Das versteht sich ganz von selbst! Kannst Du Dir vielleicht denken, um wen es sich handelt?« Der Kutscher zog eine schlaue Grimmasse und antwortete: »Natürlich um Diejenigen, welche mit dem fremden Geschirr gekommen sind. Wenn es anders wäre, müßte ich mich außerordentlich irren.« »Du hast allerdings ganz richtig gerathen, alter Schlaukopf. Es handelt sich um einen Streich, den ich meinen Pflegeschwestern spielen will, von dem aber Niemand Etwas ahnen und erfahren darf. Wir wollen ihn berathen. Deine Rechnung wirst Du, wie Du ja weißt, dabei finden.« Fortsetzung 79 Der Kutscher knurrte Etwas, was der Lauscher nicht verstehen konnte. Jedenfalls aber sollte es Etwas wie eine Zustimmung bedeuten. Charles Berteu fuhr fort: »Ich muß Dir nämlich sagen, daß ich Etwas von den beiden Mädchen erfahren will, was sie mir nicht freiwillig mittheilen wollen. Ich muß sie also dazu zwingen. Dies kann aber nur dadurch geschehen, daß ich sie in Furcht jage, natürlich ohne ihnen wirklich ein Leid widerfahren zu lassen. Solchen Mädchen öffnet die Furcht den Mund am Leichtesten. Dabei nun sollst Du mir behilflich sein.« »Gern, wenn ich nämlich keinen Schaden davon habe,« antwortete der Kutscher. »Schaden ganz und gar nicht. Du sollst ja nicht einmal wissen, welchen Scherz ich mit ihnen vornehmen will.« »Das ist mir lieb, denn Ihre Scherze pflegen zuweilen nicht sehr spaßhaft zu sein.« »Soll das ein Vorwurf sein, oder vielleicht selbst ein Scherz?« »Keins von Beiden. Was ich sagte, sollte nichts sein als eine einfache Bemerkung, welche mir von der Erfahrung in die Hand gegeben wurde.« »Ich will nicht untersuchen, wie weit Du als mein Diener zu einer solchen Bemerkung berechtigt bist. Heute handelt es sich um einen wirklichen Scherz, nämlich um so eine Art von Entführung.« »Donnerwetter. Ist das nicht gefährlich?« »Nein. Die beiden Mädchen kommen ja sofort wieder frei.« »Das lasse ich eher gelten. So einen Spaß kann sich ein Bruder mit seinen Schwestern schon erlauben.« »Gut! Wir sind also ganz einerlei Meinung. Nämlich die Schwestern wollen heute bereits abreisen. Ich habe sie gebeten, länger zu bleiben; sie aber wollen nicht. Sie werden ihren Wagen kommen lassen und abreisen. Da ist nun mein Plan, daß sie nicht nach der Stadt gefahren werden, sondern an einen Ort, von welchem aus sie dann gezwungen sind, wieder nach hier zurück zu kehren. Auf diese Weise setze ich meinen Willen durch, sie länger hier bei mir in der Heimath zu behalten.« »Da sehe ich aber doch nicht ein, was ich dabei thun könnte. Sie werden ihren Kutscher kommen lassen, und dieser fährt sie natürlich dahin, wohin sie wollen.« »Dummkopf! Siehst Du denn nicht ein, weshalb ich Dich in die Schänke geschickt habe?« »Nun, um zu sehen, welche Aehnlichkeit zwischen ihrem Geschirr und dem unsrigen ist!« »Und weshalb habe ich mich über diese Aehnlichkeit unterrichten wollen?« »Das weiß ich nicht.« »Und kannst es auch nicht errathen?« »Das Rathen ist niemals meine starke Seite gewesen.« »Nun, so muß ich Dir allerdings zu Hilfe kommen. Nämlich Du sollst sie an Stelle ihres Kutschers fahren.« »Sapperlot! Das wird schwer gehen!« »Sogar sehr leicht! Nämlich, sobald ich merke, daß sie abreisen wollen, lasse ich es Dich wissen. Dann spannst Du ein und bringst Dein Geschirr an einen Ort, den wir verabreden werden. Hast Du das verstanden?« »Sehr gut sogar.« »Die Schwestern werden dann in das Dorf nach ihrem Geschirr senden. Der Bote aber geht nicht in das Dorf, sondern zu Dir.« »Ah, jetzt beginne ich zu begreifen.« »Nun?« »Ich fahre hier vor. Sie müssen denken, ich sei ihr Kutscher.« »So ist es. Darum muß Alles ähnlich sein.« »Gut. Ich werde also meinen alten Mantel umnehmen müssen, da ihr Kutscher auch einen solchen hat.« »Ja. Du nimmst natürlich den Kragen hoch. Wenn Du dann so verfährst, daß Dich der Schein der Thürlaterne nicht treffen kann, so werden sie sich leicht täuschen lassen.« »Wo aber fahre ich sie hin?« Berteu that, als ob sein Plan noch nicht ganz fertig sei, als ob er selbst sich erst einen passenden Ort erdenken müsse. »Wohin?« fragte er sinnend. »Hm, das ist eben die Frage. In das Dorf natürlich nicht; da könntest Du ihrem Kutscher in die Hände gerathen. Es muß eben ein Ort sein, an welchem sie diese Nacht nicht bleiben können, so daß sie gezwungen sind, wieder nach hier zurück zu kehren.« »Das stimmt. Aber außerhalb des Dorfes giebt es ja keinen solchen Ort, kein Haus, wo man anhalten und sagen könnte, daß man in die Irre gefahren ist. Finster genug dazu ist es heute.« »Hm! Sollte sich denn gar nichts finden lassen!« »Freilich wohl; aber das liegt zu nahe. Man könnte nicht sagen, daß man sich verirrt hat.« »So macht man einen Umweg hin. Welchen Ort meinst Du denn?« »Die Pulvermühle.« Das war es, was Berteu haben wollte. Er sagte im nachdenklichen Tone: »Die Pulvermühle. Ja, das ginge. Meinst Du nicht auch?« »Es wäre das Beste. Aber es ist ja heute kein Mensch dort.« »So geht man hin. Wenn die Schwestern einsteigen, nehme ich von ihnen Abschied und begebe mich sodann schnell nach der Mühle. Ich nehme Freund Ribeau mit, damit es nicht so sehr einsam ist. Wenn Du dann nach einem Umwege dort ankommst, sind wir bereits dort.« »Ah, gut! Ich werde so thun, als ob ich gar nicht wüßte, wo ich mich befinde. Ich klopfe also an, und Sie öffnen.« »Ja. Wir öffnen Dir die Durchfahrt. Du fährst herein, und hinter Dir schließen wir wieder zu, so daß uns die Mädchen nicht entwischen können. Wir haben natürlich kein Licht, während wir Euch öffnen. Wir führen die Beiden nach meiner Schreibstube, in welcher Licht brennt. Sie erkennen mich, und die Ueberraschung, die es dabei geben wird, kannst Du Dir denken.« »Und ich?« »Nun, Du wartest eine Weile, bis ich Dich benachrichtige, ob wir mit Dir nach Hause fahren oder ob wir gehen. Im letzteren Falle fährst Du natürlich eher zurück, denn wir werden den Scherz mit einigen Flaschen Wein begießen, welche wir mitnehmen.« »So handelt es sich nur noch um den Ort, an welchem ich mit dem Geschirr zu warten habe.« »Nun, auf dem Wege nach der Pulvermühle. Da sieht Dich kein Mensch. Es kommt Niemand hin, und sodann ist ja rechts und links der hohe, dunkle Wald, so daß Dich Einer, der zufälliger Weise hinkäme, gar nicht erkennen könnte.« »Na, mir recht! Meine Instruction habe ich. Ich möchte nur die Gesichter der beiden Damen sehen, wenn sie denken, sich an ein einsames Waldhaus verirrt zu haben, und dann ihren Bruder erkennen!« »Ja, es wird jedenfalls köstlich! Also mache Deine Sache gut! Auf keinen Fall aber darfst Du die Mädchen aussteigen lassen, bevor Du die Mühle erreicht hast. Es ist ja möglich, daß sie Verdacht schöpfen. Da mußt Du klug sein!« »Keine Sorge. Ein Frauenzimmer steigt so leicht nicht aus, so lange die Kutsche in Bewegung ist!« Er ging fort, und Berteu begab sich zu der Gesellschaft zurück. Fritz hatte jedes Wort verstanden. Er errieth die Absicht dieses Franzosen. War der Kutscher wirklich so dumm, den Plan seines Herrn nicht zu durchschauen, oder stellte er sich nur so? Fritz sagte sich, daß Berteu heute jedenfalls die Gelegenheit ergriffen habe, Nanon seine Liebesanträge zu erneuern; höchst wahrscheinlich aber war er abgewiesen worden, und nun wollte er Nanon mit List nach der Mühle bringen lassen, um sie dort in seine Gewalt zu bekommen. Freilich, Nanon allein konnte er nicht haben; Madelon war dabei. Daher nahm er einen jedenfalls gleich gesinnten Freund mit. Wehe den Mädchen, wenn sie wirklich in die Hände dieser beiden gewissenlosen Schurken fallen sollten! Fritz hatte genug gehört; er brauchte nicht mehr zu lauschen. Daher kletterte er an dem Spaliere wieder hinab und entfernte sich so vorsichtig, daß ihn Niemand bemerkte. Dann blieb er überlegend stehen. »Hm!« sagte er sich. »Ich könnte den Streich vereiteln, ohne die beiden Damen in Gefahr zu bringen. Ich brauchte ihnen denselben einfach nur zu verrathen. Wenn ich jetzt zu ihnen gehe und ihnen erzähle, was ich gehört habe, so werden sie das Schloß sofort mit mir verlassen. Wir gehen in das Dorf, steigen in den Wagen und fahren nach Etain. Berteu hat dann den Aerger und das Nachsehen. Aber soll er wirklich so billig davonkommen? Eine kräftigere Lehre ist ihm recht gut zu gönnen, und die möchte ich ihm herzlich gern geben. Uebrigens spricht mich diese alte Mühle außerordentlich an. Es ist mir, als ob dort Etwas zu holen sei. Und der Kutscher hat auch einen anderen Lohn verdient, als er sich einbildet.« Der brave Fritz war ein verwegener Character, aber doch nicht unvorsichtig. Er legte sich alle Gründe für und wider zurecht und kam endlich zu dem Entschlusse: »Gut, es wird gewagt! Zwei Revolver und zwei kräftige Fäuste sind genug, um mit diesem Berteu und seinem Freunde Ribeau fertig zu werden, den Spaß, den ich mir persönlich machen werde, gar nicht mit in Rechnung gebracht!« Er begab sich in das Dorf und da in die Schänke. Dort versah er sich mit einem Lichte und sagte dem wartenden Kutscher, daß er ein Bote der beiden Damen sei, die ihn ersuchen ließen, von jetzt an in einer Stunde mit dem eingespannten Geschirr auf sie zu warten. Es war das eine Vorsichtsmaßregel, welche er für etwaige Eventualitäten traf. Sein Plan konnte ja auch anders ausfallen, als er dachte. Nun begab er sich nach dem Schlosse zurück und bog da in den Fahrweg ein, welcher nach der Pulvermühle führte und wo der Kutscher warten sollte. Der Letztere war noch nicht da, doch dauerte es gar nicht sehr lange, so hörte Fritz Pferdegetrappel und das leise, langsame Rollen von Rädern. Er war im Stalle der Schänke gewesen und hatte da noch einige kurze Stricke gesucht, die er zu sich gesteckt hatte. Er befand sich an einer etwas breiten Stelle der Straße, weil er sich gesagt hatte, daß hier der Kutscher jedenfalls umlenken und dann warten werde. Das geschah auch. Der Mann stieg vom Bocke, befestigte die Zügel und öffnete den Kutschenschlag, um hinein zu steigen und es sich dort bequem zu machen. Das war der geeignete Augenblick. Fritz huschte unhörbar unter dem Baume, hinter dem er sich versteckt gehabt hatte, hervor und legte dem Kutscher die beiden Hände so fest um die Kehle, daß der so unerwartet Ueberfallene keinen Laut ausstoßen konnte. Der Mann war vor Schreck ganz steif und bewegungslos, und als Fritz seine Finger noch fester zusammenschloß, stieß der Franzose ein tiefes Röcheln aus und sank zur Erde. Er war beinahe erwürgt und hatte die Besinnung verloren. Fritz nahm ihm den Mantel und den breitkrämpigen Hut ab, legte Beides einstweilen zur Seite, faßte den Mann dann und schleifte ihn eine ziemliche Strecke in den Wald hinein. Dort band er ihn mit Hilfe seiner Stricke an einen Baum und band ihm sein eigenes Taschentuch vor den Mund, damit er, zur Besinnung zurückgekehrt, sich nicht durch Rufen Hilfe verschaffen könne. Dann kehrte er zu dem Wagen zurück, nahm den Mantel um, vertauschte den breitkrämpigen Hut mit dem seinigen, den er einstweilen in den Sitzkasten versteckte, machte die Zügel los, griff zur Peitsche und stieg auf den Bock. Nun war er bereit und wartete auf den Boten, der ihn holen sollte. Dieser kam nach vielleicht einer Viertelstunde. »Pst!« sagte er, als er die Kutsche erreicht hatte. »Ja,« antwortete Fritz halblaut. »Ist's Zeit?« »Ja, aber nicht zu schnell, denn vom Dorfe ist es weiter hin als von hier.« Die Pferde zogen an. Nach kurzer Zeit hielt Fritz vor der Thür, aber so, daß ihn das Licht nicht treffen konnte. Er hatte den Kragen aufgeschlagen und die Hutkrämpe ziemlich weit herunter gebogen, so daß man sein Gesicht gar nicht erkennen konnte. Nanon und Madelon traten aus der Thür, von Berteu, seiner Mutter und einigen Gästen begleitet. Sie nahmen Abschied und stiegen ein. Berteu näherte sich den Pferden und flüsterte dem Kutscher zu: »Umweg wenigstens eine halbe Stunde.« Fritz nickte mit dem Kopfe und fuhr dann ab, natürlich in der Richtung nach dem Dorfe zu. Die beiden Damen hatten wirklich Nichts gemerkt und waren ganz ohne Ahnung der Gefahr, welche ihnen gedroht hatte. Eine kurze Strecke vor dem Dorfe hielt der Wagen, und sie bemerkten, daß der Kutscher vom Bocke stieg. Nanon öffnete das Fenster und fragte: »Was giebt es? Warum halten Sie?« »Weil ich mit Ihnen zu sprechen habe?« Sofort wurde es den Beiden angst. Was konnte dieser Mensch hier mit ihnen zu sprechen haben? »Steigen Sie nur wieder auf!« gebot Madelon. »Im Dorfe ist es auch noch Zeit, uns Ihre Mittheilungen zu machen!« »Nein, Mademoiselle Madelon,« antwortete er, näher tretend, mit seiner richtigen Stimme. »Mein Gott!« rief Nanon. »Das ist ja nicht der Kutscher! Diese Stimme kenne ich! Das ist ein Anderer!« »Nun, wer bin ich, Mademoiselle Nanon?« »Sie sind – – ah, Monsieur Schneeberg, sind Sie es?« »Ja, kein Anderer. Fürchten Sie sich nicht.« »Gott sei Dank! Mir begann bereits angst zu werden. Aber, Monsieur, wo ist denn unser Kutscher?« »Im Dorfe wartet er auf Sie mit seinem Wagen.« »Ah! Ist denn dieser nicht der seinige?« »Nein. Dieser Wagen nebst Pferden gehört Ihrem lieben Bruder Charles Berteu.« »Gott, was hat das zu bedeuten? Der Wagen des Bruders! Laß uns sofort aussteigen, Madelon!« »O bitte, warten Sie noch!« bat Fritz. »Aber das geht nicht mit rechten Dingen zu.« »Allerdings nicht. Sie sollten entführt werden.« »Entführt!« riefen Beide. »Ja. Aber ich hatte Ihnen doch versprochen, über Sie zu wachen.« »Ich danke Ihnen, Monsieur. Aber inwiefern sollten wir denn entführt werden?« »Sie sollten nach der Pulvermühle geschafft werden, wo Sie von Berteu und Ribeau erwartet werden.« »Ribeau, dessen ich mich kaum erwehren konnte!« sagte Madelon. Fritz erzählte ihnen Alles, bis der Plan ihres Bruders klar vor ihren Augen lag. Sie schauderten. »Welche Schlechtigkeit!« meinte Nanon. »Ich hätte diesen Tag nicht überlebt.« »Ich auch nicht!« fügte Madelon hinzu. »Herr Schneeberg, Sie haben uns das Leben gerettet. Fahren wir eilig nach dem Dorfe!« »Fürchten Sie sich wirklich so sehr vor diesen beiden Menschen?« fragte er. »Nun Sie bei uns sind, haben wir keine Angst mehr.« »Das ist mir sehr lieb; denn das giebt mir den Muth, eine recht große Bitte auszusprechen.« »Reden Sie, lieber Monsieur Schneeberg!« sagte Nanon. »Ich möchte am Liebsten nicht nach dem Dorfe.« »Wohin sonst?« »Ich möchte Sie lieber nach der Mühle fahren.« »Mein Gott! Zu diesen beiden Menschen?« »Ja.« »Warum? Ich begreife das nicht!« »Um sie vor Ihren Augen zu bestrafen. Und außerdem habe ich noch einen besonderen Grund, mir das Innere dieser Mühle einmal anzusehen.« »Aber, Monsieur, welche Gefahr für uns!« »Nicht die mindeste! Oder haben Sie kein Vertrauen zu mir?« »Gewiß vertrauen wir Ihnen. Sie sind stark, muthig und treu!« »Und vorsichtig!« fügte er hinzu. »Ich werde Sie ganz gewiß nicht einer Gefahr aussetzen, welche ich nicht zu beherrschen vermag!« »Davon sind wir überzeugt. Aber die einsame Mühle. Und diese beiden Menschen dort.« »Sollen sie nicht bestraft werden?« »Eigentlich, ja! Was sagst Du dazu, Madelon?« »Ich würde ihnen eine Strafe gönnen.« »Du hast also Muth, mit hinzufahren?« »Ja, da Herr Schneeberg uns versichert, daß er uns schützen werde.« »Aber was wird dort geschehen? Was haben wir zu thun?« »Ich werde,« antwortete Fritz, »die Rolle des instruirten Kutschers spielen. Ich fahre bei der Mühle vor und thue so, als ob wir uns verirrt haben. Man wird uns im Dunkeln öffnen und dann hinter uns die Thür verschließen.« »Dann sind wir gefangen!« »Das ist mir lieb. Man wird Sie sodann nach der Schreibstube Ihres Bruders bringen.« »Uns allein? Ohne Sie?« »Allerdings; aber Sie stehen trotzdem unter meinem Schutze. Haben Sie bereits einmal einen Revolver in der Hand gehabt?« »Ja,« antworteten Beide. »Hier sind zwei. Stecken Sie dieselben zu sich, um sie im Nothfalle zu gebrauchen. Schießen Sie in Gottes Namen Jeden nieder, der Sie nicht mit Achtung behandelt. Ich werde die Folgen auf mich nehmen!« »Einen Menschen erschießen!« sagte Madelon schaudernd. »O, so weit wird es gar nicht kommen. Wenn diese beiden Kerls die Waffen sehen, werden sie den Muth verlieren. Diese Sorte von Menschen pflegen Feiglinge zu sein. Wo liegt die Schreibstube? Sie haben ja hier gewohnt. Sie werden es wissen.« »Am entgegengesetzten Ende von der Durchfahrt, wo Sie sich befinden werden. Sie werden also nicht in unserer Nähe sein.« »Haben Sie keine Sorge! Ich werde auf jeden Fall bei Ihnen sein, sobald Sie meiner bedürfen. Also, wollen Sie sich mir anvertrauen?« Sie zögerten mit der Antwort. Dann fragte Nanon: »Also Sie geben uns Ihr Wort, daß sie uns beschützen werden?« »Mein festes Wort! Es soll Ihnen kein Mensch ein Haar krümmen.« »Nun, so fahre ich sogar gern mit, um diesen beiden Menschen sagen zu können, wie sehr ich sie verachte. Die Gefahr scheint mir allerdings nicht sehr groß, seit wir die Revolver haben. Brechen wir also auf, Monsieur Schneeberg.« Fritz stieg wieder auf, lenkte um, kehrte auf der Dorfstraße zurück und lenkte dann in den nach der Mühle führenden Fahrweg ein. Er war am Tage hier gewesen und hatte sich bei dieser Gelegenheit genugsam orientirt. Als er das Gebäude erreichte, so daß die Pferde mit ihren Köpfen beinahe an das Thor stießen, klatschte er einige Male mit der Peitsche. »Heda! Holla! Wohnt hier Jemand?« rief er dann. Erst als er diesen Ruf, natürlich mit verstellter Stimme, wiederholt hatte, ließ sich im Innern des Gebäudes eine Bewegung vernehmen. Dann wurde das Thor ein Wenig geöffnet und man fragte: »Wer ist denn hier draußen?« »Verirrte. Wo befinden wir uns hier?« »Alle Teufel! Verirrte! Und zwar mit einer Equipage! Wo wollen Sie denn hin?« »Nach Etain.« »Und wo kommen Sie her?« »Von Schloß Malineau.« »Da sind Sie allerdings bedeutend abseits gerathen. Wenn Sie für eine Viertelstunde absteigen wollen, werde ich mich nachher gern auf den Bock setzen, um Sie auf den richtigen Weg zu bringen.« »Das werden wir thun. Die Damen werden es erlauben!« »Ah, Damen sind es? Um so mehr ist der kleine Unfall zu bedauern. Bitte, fahren Sie herein. Wir haben leider hier kein Licht; aber wir werden die Damen führen, nachdem sie ausgestiegen sind.« Diese Verhandlung zwischen Ribeau und Fritz, denn jene waren die Sprecher, war natürlich beiderseits mit verstellter Stimme geführt worden. Jetzt wurde das Thor weit geöffnet und dann aber, als Fritz eingefahren war, sogleich hinter dem Wagen wieder verschlossen. Die beiden Damen stiegen aus, jedenfalls jetzt mit dem innigen Wunsche, daß sie sich doch lieber nicht in diese Gefahr begeben haben mochten. Jede von ihnen fühlte sich bei der Hand ergriffen und durch eine Thür gezogen. Fritz blieb scheinbar auf dem Bocke sitzen. Aber als er die Schritte der sich Entfernenden nicht mehr hörte, stieg er ab, schleifte die Zügel fest und zog dann das Licht hervor, um es anzubrennen. Beim Scheine desselben bemerkte er, daß das Thor durch einen langen, hölzernen Riegel verschlossen war, den er leicht entfernen konnte. Nun trat er durch die Thür, durch welche die Damen geführt worden waren. Es war der eigentliche Mühlenraum, in welchem er sich befand. Er durchschritt denselben der Länge nach und vernahm sehr laute männliche und weibliche Stimmen, welche auf einen sehr ernsten Wortwechsel deuteten. Als er die Thür erreichte, hinter welcher sich die sprechenden Personen befanden, verlöschte er sein Licht und begann, zu lauschen. Als vorhin nach der Unterredung Berteu's mit seinem Kutscher der Letztere sich entfernt hatte, war der Erstere zu seinen Gästen zurückgekehrt. Unter diesen befand sich ein junger Mann, der sich eigentlich durch seine Figur und die Regelmäßigkeit seiner Gesichtszüge ausgezeichnet hätte, wenn in den Letzteren nicht die verheerenden Spuren schlimmer Leidenschaften zu finden gewesen wären. Er hatte sich etwas abseits der übrigen Anwesenden gehalten, um – Madelon beobachten zu können, welche seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Sie hatte diese Aufmerksamkeit gar wohl bemerkt, aber doch so gethan, als ob sie von derselben nicht die geringste Notiz nähme. Sie hatte es auch so eingerichtet, daß er stets von Nanon bedient wurde; einmal aber konnte sie es doch nicht vermeiden, daß er ihr sein leeres Glas entgegenhielt, um es sich von ihr füllen zu lassen. Dieser junge Mann war Ribeau, von dem Berteu zu seinem Kutscher gesprochen hatte. »Mademoiselle,« sagte er, indem sie ihm den Wein eingoß, »wissen Sie, daß Sie ein reizendes Wesen sind?« »Soll das ein Compliment sein?« fragte sie frostig. »Nein, es ist die reine Wahrheit. Werden Sie länger hier bleiben?« »Ich reise bereits heute wieder ab.« »Wie schade!« »Wie gut!« Sie hätte sich entfernen können, aber es drängte sie, ihn für seine auffällige Beachtung zu bestrafen; darum blieb sie diese kleine Weile bei ihm stehen. »Wie gut, sagen Sie!« fuhr er fort. »Haben Sie mit Ihrer Heimath gebrochen? Gefällt es Ihnen nicht hier?« »Allerdings nicht!« »Aber Schloß Malineau ist doch schön!« »Das ist wahr. Aber die Menschen hier sind mir nicht sympathisch.« »Darf man die Gründe davon wissen?« »Gewiß. Es giebt nur einen einzigen: Man weiß hier nicht die Augen zu beherrschen. Auch Blicke können unhöflich und beleidigend sein. Haben Sie das nicht gewußt?« »Ah! Sie sind eine kleine, allerliebste Schlange! Aber Ihr Gift tödtet nicht; es wirkt vielmehr nur berauschend.« »Nun, so nehmen Sie sich vor dem Katzenjammer in Acht!« Jetzt ging sie von ihm fort und das war gerade der Augenblick, an welchem Berteu zurückkehrte und auf ihn zugeschritten kam. »Was hast Du?« fragte der Letztere. »Du siehst ein Wenig echauffirt aus.« »Ich bin es auch. Ich hatte ein kleines Intermezzo, welches mich erregt hat.« »Mit wem?« »Mit Deiner Schwester Madelon.« »Ah! Einen galanten Wortwechsel?« »Von meiner Seite, ja; sie aber war weniger höflich, das muß ich aufrichtig gestehen.« »Du darfst es ihr nicht übel nehmen. Sie wohnt ja in Deutschland!« »Allerdings! Im Lande der Bären und Ochsen! Wie kann man da Umgangsform erwarten. Aber ein schönes Mädchen ist sie doch!« Er folgte ihr auch jetzt noch mit begierigem Blicke. Berteu bemerkte das mit innerer Befriedigung. »Sie gefällt Dir?« fragte er. »Ausnehmend! Alle Teufel! Du kennst mich. Sie ist zwar Deine Schwester, aber eigentlich geht sie Dich doch nichts an, und so glaube ich, sagen zu dürfen, daß – – –« »O bitte, genire Dich nicht. Wir sind Freunde. Diese beiden Schwestern sind mir fremd. Uebrigens kann ich Dir sagen, daß mir Nanon ebenso sehr gefällt, wie Dir die Andere.« »Ah! Könnte sich nicht ein kleines Abenteuer entwickeln lassen?« »Wie wir es gewohnt sind? Hm!« »Nicht? Ja? Nein?« »Vielleicht doch; aber es handelt sich dabei um die allergrößte Verschwiegenheit.« »Pah, Alter! Ich dächte, daß Du mich genugsam kennen gelernt hättest! Uebrigens höre ich, daß die beiden Mädchen heute schon wieder abreisen wollen?« »Das haben sie sich allerdings vorgenommen.« Ribeau sah seinen Freund mit einem fragenden, gespannten Ausdruck an. »Du sagst das mit so eigenthümlicher Betonung!« meinte er. »Du bist in Nanon verliebt; heute noch will sie fort und dennoch sprichst Du von der Möglichkeit eines Abenteuers? Alter, ich beginne, Etwas zu ahnen.« »Was?« fragte Berteu lächelnd. »Daß das Abenteuer bereits eingeleitet ist, sich vielleicht bereits im Gange befindet?« »Schlaukopf!« Da sprang Ribeau von seinem Stuhle auf und sagte: »Du, Freund, aufrichtig! Bezieht sich Dein Abenteuer nur auf Nanon?« »Nein, sondern auf Beide.« »Donnerwetter! So hast Du bereits einen Gefährten? Ein Anderer ist mir zuvorgekommen?« »Nein; ich habe noch keinen Zweiten engagirt.« »So engagire mich!« »Ich dachte allerdings an Dich!« »Prächtig! Also heraus! Um was handelt es sich?« »Um ein Liebesquartett unter acht Augen.« »Zwei Paare also?« »In der Pulvermühle.« »Bist Du toll? In diesem alten Neste?« »Nirgends anders.« »Und heut Abend noch?« »Gewiß. Wann sonst?« »Aber, sie reisen doch ab!« »Ich sehe, daß ich Dir mein Project erklären muß. So höre!« Er detaillirte seinen Plan. Ribeau hörte aufmerksam zu. Am Ende sagte er: »Höre Charles, wir haben manchen Streich ausgeführt, der heutige aber macht Deiner Erfindung alle Ehre.« »So bist Du mit dabei?« »Das versteht sich ganz von selbst! Aber, ich verlange diese kleine Schlange Madelon für mich!« »Sie ist Dein, notabene, falls Du es verstehst, ihr Interesse zu erregen!« »Keine Sorge. Sie ist grob gegen mich gewesen. Das ist ein sicherer Beweis, daß sie sich für mich interessirt. Mit einem gleichgiltigen Menschen ist man nicht grob; mit ihm spricht man gar nicht.« Damit war das Abenteuer besprochen. Und als dann später die Schwestern erklärten, daß sie aufbrechen wollten, war Ribeau überzeugt, zu seinen vielen Siegen einen neuen verzeichnen zu können. Als die Kutsche mit Nanon und Madelon abgegangen war, erklärte Berteu seiner Mutter, daß er sich für einige Zeit entfernen wolle. Sie solle ihn entschuldigen. »Aber wenn man nach Dir verlangt?« fragte sie. »So sage, ich sei unwohl!« »Und wenn man zu Dir will?« »Das verbitte ich mir!« »Wenigstens mir wirst Du sagen, wohin Du gehst!« »Warum nicht? Ich gehe, um mir meine Frau zu holen.« Sie richtete einen ganz und gar verständnißlosen Blick auf ihn. »Ich begreife Dich nicht!« sagte sie. »Ich kann einfach nur wiederholen, was ich bereits sagte: Ich gehe, mir eine Frau zu holen.« »Wohin?« »Nach der Pulvermühle.« »Dort?« fragte sie besorgt. »Wieder eins Deiner Abenteuer! Am Begräbnißtage Deines Vaters.« »Nicht ein Abenteuer, sondern ein glänzendes Geschäft ist es, was ich dort suche. Ich treffe Nanon dort.« »Nanon?« fragte sie erstaunt. »Die ist ja fort!« »Ja, und zwar nach der Pulvermühle, wo sie mich erwartet, um mir ihr Jawort zu geben.« Die Frau hatte die ganz richtige Ahnung, daß ihr Sohn im Begriffe stehe, einen dummen Streich zu unternehmen; aber sie wußte, daß sie keinen Einfluß auf ihn besitze. Darum bat sie nur: »Keine Unvorsichtigkeit, Charles!« »Ganz und gar nicht. In kurzer Zeit werde ich Dir Nanon als meine Braut vorstellen.« »Sie sagt freiwillig Ja?« »Sie sagt Ja; das ist genug. Der Grund ist hier Nebensache.« Er steckte einige Flaschen Wein nebst vier Gläser zu sich und machte sich mit Ribeau auf den Weg. Indem sie neben einander durch das nächtliche Dunkel schritten, war es Berteu, als ob er einen eigenthümlichen, menschlichen Laut vernommen habe. »Horch!« sagte er. »Was?« »War das nicht wie ein Stöhnen hier links im Walde?« »Pah! Der Wind geht durch die Aeste.« Sie setzten ihren Weg fort. Das Stöhnen aber hatte der gefesselte Kutscher verursacht, welcher mit Anwendung seiner ganzen Kraft daran arbeitete, sich aus seiner Lage zu befreien. In der Pulvermühle angekommen, zu welcher Berteu den Schlüssel bei sich führte, begaben sie sich sogleich nach der Schreibstube, wo sie die dort vorhandene Lampe anzündeten und sodann die Flaschen und Gläser auf den Tisch stellten. Der Raum war nicht groß und recht behaglich eingerichtet. »Nicht übel hier,« meinte Ribeau mit einem cynischen Lächeln. »Zwei solche Zimmer aber wären besser!« »Wegen Trennung der Paare?« »Gewiß! Nicht?« »Pah! Zwei Freunde und zwei Schwestern! Laß uns zunächst eine Cigarre anbrennen!« »In einer Pulvermühle!« »Es ist jetzt keine Gefahr vorhanden. Die Vorräthe sind in dem Keller gut aufbewahrt, und in den oberen Räumen giebt es keine gefährlichen Stoffe.« Er öffnete das Schreibpult, in welchem sich auch die Cigarren befanden, und nachdem sie sich je eine angesteckt hatten, nahmen sie neben einander Platz. »Ich bin wirklich ungeheuer gespannt auf die erstaunten und betroffenen Gesichter, welche wir sehen werden,« meinte Berteu. »Wir müssen den ersten Schreck benutzen. Der Schreck lähmt den Widerstand. Ich wette, daß Madelon von mir zehn Küsse erhalten hat, ehe sie nur zu Worte kommt!« »Vielleicht geht es anders, als Du denkst!« »Wie anders soll es gehen? Sie werden erst zürnen, dann bitten und zuletzt die liebevollsten Damen sein. Horch!« »Das ist der Kutscher mit der Peitsche.« »Gehen wir!« Sie begaben sich nach der Einfahrt, wo Ribeau die Unterredung mit dem Kutscher führte. Als die Schwestern ausgestiegen waren, geleiteten sie dieselben durch den dunklen Mühlenraum nach der Schreibstube. Berteu öffnete dieselbe, und die beiden Damen traten ein, die Männer hinter ihnen. Die Letzteren hatten sich eingebildet, nun die verworrensten Ausrufe des Schreckes und der Angst zu hören: darum waren sie nicht wenig erstaunt, als die Mädchen wortlos nach dem kleinen Sopha schritten und sich neben einander auf demselben niederließen. Dies war eine gute Berechnung. Sie hatten da die eine Wand im Rücken, die andere an der Seite und den Tisch vor sich. Berteu blickte Ribeau an und Ribeau Berteu, Einer gerade so verwundert wie der Andere. Sie vergaßen ganz, sich den beiden Damen zu nähern. Endlich sagte Berteu: »Donnerwetter, Ihr seid es? Wer hätte das gedacht! Aber sagt doch nur, wie Ihr Euch verirren konntet?« »Und zwar nach rückwärts verirren!« fügte Ribeau hinzu. »Die Schuld liegt jedenfalls am Kutscher!« antwortete Nanon. »So habt Ihr Euch einen sehr dummen Menschen gemiethet!« »Oder Du hast uns einen sehr verschlagenen Kerl auf den Bock gesetzt!« Er lachte laut auf. »Denkst Du?« fragte er. »Ja, das denke ich! Entweder sehr verschlagen oder sehr stupid!« »Jedenfalls das Erstere!« »Ich denke vielmehr das Letztere!« »Was kann das Leugnen nützen! Wäre er stupid, so hätte er meine Befehle nicht so gut ausgeführt. Wir wollten Euch für einige Stunden hier bei uns sehen. Nun können wir es Euch erzählen, wie wir das angefangen haben. Natürlich aber nehmen wir bei Euch Platz. Ich hoffe, daß Ihr Nichts dagegen habt!« Er schickte sich an, den Tisch zur Seite zu schieben. »Nein,« antwortete Nanon, »vorausgesetzt, daß Ihr auch Nichts hiergegen habt!« Sie zog dabei ihren Revolver hervor, und Madelon that dasselbe. »Alle Teufel!« rief Berteu. »Sie sind bewaffnet!« »Das habt Ihr nicht erwartet, nicht wahr? Ich sage Euch, daß wir den, der uns anzurühren wagt, niederschießen werden!« »Unsinn! Wo habt Ihr diese Waffen her? Ihr hattet sie doch am Tage nicht!« »Leuten Eures Schlages gegenüber muß man stets bewaffnet sein!« »Aber,« bemerkte Ribeau, »man muß auch verstehen, mit den Waffen umzugehen!« Er schien ein gewandter Turner zu sein. Ein rascher Schritt um den Tisch, und sich schnell über denselben hinüber biegend, hatte er mit einem kühnen Griffe seiner Hände die beiden Revolver gepackt und den schwachen Frauenhänden entrissen. Ein zweistimmiger Schreckensschrei erscholl. Die beiden Männer lachten. »So,« sagte Ribeau, »jetzt sind wir nun die Herren der Situation; und wir werden unsere Gesetze vorschreiben!« »Noch nicht!« Diese beiden Worte wurden hinter ihm gesprochen. Er wollte sich umdrehen, kam aber nicht dazu, denn ein gewaltiger Faustschlag saußte auf seinen Kopf herab, so daß er wie ein Klotz zu Boden fiel. Berteu fuhr zurück, er glaubte, seinen eigenen Kutscher vor sich zu haben. »Mensch! Schurke!« rief er. »Was fällt Dir ein? Ich jage Dich auf der Stelle aus –« Er sprach nicht weiter, denn ein eben solcher Faustschlag hatte ihn getroffen, so daß er nun neben seinem Cumpan auf der Diele lag. Jetzt erst legte Fritz den Hut und den Mantel ab. »So!« sagte er. »Diese beiden Messieurs werden einige Zeit lang kein Wort mehr reden. Ich kenne meinen Hieb. Zunächst wollen wir einmal von dieser Sorte kosten! Er öffnete eine der Flaschen, goß sich ein Glas voll ein und trank es aus. Dann hob er die beiden Revolver auf, welche Ribeau entfallen waren. »Wie gut, daß Sie kamen!« sagte Nanon. »Wir waren nun ohne Waffen. Was thun wir jetzt? Am Besten wird es sein, daß wir uns sofort entfernen! »Ich bitte, doch noch ein Wenig zu warten,« sagte Fritz dann. Er öffnete das Pult und blickte hinein. Zunächst zog er ein Packet starken Bindfaden hervor, mit welchem er die beiden besinnungslosen Franzosen band. Dann legte er sie so, daß sie, selbst wenn sie erwachen würden, nicht sehen konnten, was im Zimmer vorging. Nun untersuchte er den Inhalt des Pultes sorgfältig. Dabei nahm sein Gesicht den Ausdruck steigender Genugthuung an. Madelon wußte, daß er preußischer Wachtmeister war; sie kannte also auch den Grund, weshalb er diese Bücher und Papiere so genau durchsuchte. Nanon hatte aber keine Ahnung davon. Sie war ganz erstaunt über das Interesse, welches er für diese Scripturen zeigte. »Interessiren Sie sich so sehr für die Pulverfabrikation?« fragte sie. »Nein, aber desto mehr für die Handschriften, welche ich hier finde. Ist Ihnen diese Unterschrift bekannt?« Er legte ihr einige Briefe hin. »Ah, der alte Capitän!« sagte sie. »Und hier?« »Graf Rallion.« »Diese Sachen interessiren mich so, daß ich wünsche, eine Abschrift von ihnen zu haben. Ich werde Ihre Geduld nicht lange auf die Probe stellen.« Er nahm Tinte, Feder und von dem vorhandenen Papiere, und begann zu schreiben. Nanon verwunderte sich schier über die Gewandtheit, welche dieser Pflanzensammler im Umgange mit der Feder besaß. Es war eine eigenthümliche Situation: Dort die beiden Gefesselten, deren Besinnung noch nicht zurückgekehrt war; hier die beiden Mädchen, soeben aus einer großen Gefahr errettet und an diesem gräulichen Orte dem schreibenden Kräutermanne mit einer Ruhe zusehend, als wenn sie sich in bester und bequemster Sicherheit befänden. »So!« sagte er nach einiger Zeit. »Jetzt bin ich fertig, und wir können aufbrechen.« Er steckte die Abschriften zu sich und brachte die Originale wieder an Ort und Stelle. Eben wollte er sein Licht anstecken, um dann die Lampe verlöschen zu können, als er aufhorchte. »Man klopft!« sagte Nanon. »Das ist kein Klopfen,« meinte Fritz. »Man hämmert förmlich gegen die Thür. Und da, dieses Rufen! Ich glaube gar, man belagert uns. Sollte es dem Kutscher gelungen sein, sich zu befreien und die Gäste zu alarmiren?« »Das kann uns nichts schaden!« meinte Nanon. »Oeffnen wir!« Aber Madelon verstand die Situation besser. Fritz befand sich in größter Gefahr. »Nein, nicht öffnen!« sagte sie. »Aber, warum nicht?« »Davon später!« Fritz nickte ihr beistimmend zu. »Sie Beide befinden sich wohl weniger in Gefahr,« sagte er. »Aber wenn man sich meiner bemächtigt, so erwartet mich nichts Gutes. Ich habe den Kutscher gefesselt und diese beiden Messieurs niedergeschlagen.« »Das ist schlimm, sehr schlimm!« sagte Madelon. »Was ist da zu thun? Man klopft und ruft immer stärker! »Kommen Sie!« meinte Fritz. »Man muß sehen, was sie wollen.« Er ließ Hut und Mantel des Kutschers liegen. Die Revolver hatte er zu sich gesteckt. Er nahm die beiden Damen bei den Händen und führte sie im Dunkeln fort bis vor, wo die Pferde mit dem Wagen standen. Es waren draußen viele Menschen beschäftigt, das Thor aufzusprengen. »Hätten Sie doch Ihr Gepäck nicht mit im Wagen!« flüsterte er. »Lassen wir es im Stich!« antwortete Nanon. »Nein. Man wird doch sehen, ob diese Messieurs es fertig bringen werden, uns festzuhalten. Ein Glück, daß dieser Raum hier groß genug ist, um den Wagen umlenken zu können. Bitte, steigen Sie ein!« »Herrgott!« sagte Nanon. »Es wird wohl gefährlich?« »Für Sie nicht!« »Aber für Sie?« »Auch das befürchte ich nicht. So! Jetzt sitzen Sie fest. Jetzt wollen wir ein Wort mit diesen Leuten reden.« »Wer ist draußen?« fragte er laut. »Ich, ich, ich, wir, wir!« antworteten viele Stimmen. »Was wollt Ihr denn eigentlich?« »Wo ist Monsieur Berteu?« »Im Schreibzimmer.« »Und Monsieur Ribeau?« »Auch dort.« »Und der Fremde, der mich gewürgt und gebunden hat?« »Das war der Kutscher.« »Der bin ich.« »Also auf! auf! auf!« »Sogleich! Im Augenblick!« Er hatte den Wagen umgelenkt und die Zügel fest in der Hand. Das Thor ging nach auswärts auf; daher gelang es den Leuten nicht, es mit Gewalt zu öffnen. Während sie erfolglos pochten und hämmerten, konnten sie nicht hören, daß er den Holzriegel zurückschob. Im nächsten Augenblicke saß er auf dem Bocke, die Peitsche in der Rechten, die Zügel und den einen Revolver in der Linken. Ein Hieb mit der Peitsche, und die Pferde zogen an; das Thor prallte auf und riß mehrere der draußen Stehenden über den Haufen. »Zurück! Platz gemacht!« kommandirte er. Sechs Revolverschüsse krachten; die erschrockenen Pferde bäumten sich; aber er hatte sie fest im Zügel. Noch einige Peitschenhiebe, und die Kutsche flog zum Thore hinaus und im Galoppe auf dem Waldwege dahin. Hinter ihr ertönten Flüche. »Nach, nur immer nach!« hörte man rufen. Fritz lachte laut und fröhlich auf. Seine Pferde konnte kein Fußgänger einholen. Er lenkte im Galoppe aus dem Waldwege heraus und in die Straße ein, welche nach dem Dorfe führte. In kaum fünf Minuten war das Letztere erreicht. Vor der Schänke hielt der Kutscher. »Ist die Zeche bezahlt?« fragte Fritz. »Alles!« »Schnell umsteigen, und dann fort!« In kaum einer Minute saß er mit den beiden Schwestern im andern Wagen, der sich in rascheste Bewegung setzte. Berteu's Kutsche aber blieb stehen, nachdem vorher Fritz seinen Hut wieder an sich genommen hatte. Es war nicht gerathen, heute Nacht in Etain zu bleiben. Darum beschlossen sie, als sie dort ankamen, sofort wieder abzureisen. Der Kutscher aus Metz, mit dem sie gekommen waren, mußte sofort anspannen. Das ging nicht ohne einiges Geräusch ab. Eben wurde das Gepäck aufgeladen; Fritz stand mit den Damen am Wagen, beleuchtet von der Hauslaterne. Da wurde über ihnen ein Fenster geöffnet, und ein Kopf erschien, um herunter zu blicken. Madelon war im Begriffe, einzusteigen. »Halt! Heda! Halt!« rief es da oben. Fritz blickte empor, um zu sehen, ob der Zuruf ihnen gelte. »Halt! Heda! Warten!« wiederholte es. Dann verschwand der Kopf. »Es scheint doch, daß wir gemeint waren,« sagte Nanon. »Wahrscheinlich. Warten wir also!« Die Hausflur war sehr hell erleuchtet und die Treppe ebenso. Die Stufen der Letzteren kam eine kurze, dicke Gestalt herabgeeilt, in eine rothe Tischdecke gewickelt und einen riesigen Kalabreserhut auf dem Kopfe. In der Eile verwickelte sich der Mann mit den Füßen in die Decke; er verlor die Balance und fiel die letzten Treppenstufen herab. Bei dieser Gelegenheit flog die Tischdecke auseinander, und man sah, daß der Mann nur Unterhose und Hemde trug. Sogar barfuß war er. Er raffte sich schnell wieder empor, stülpte den Hut wieder auf den Kopf, schlang die rothe Decke wieder um seine umfangreiche Gestalt und rief: »Halt! Warten! Nur einen Augenblick!« Nun kam er herbei. »Meinen Sie uns, Monsieur?« fragte Fritz. »Natürlich!« »Wer sind Sie?« »Ich bin Hieronymus Aurelius Schneffke, Kunstmaler. Ich – – –« »Ah, kenne Sie bereits sehr gut!« lachte Fritz. »Wie? Sie kennen mich?« »Ja, per Renommée und per Distance.« »Freut mich, freut mich! Gehören Sie zu diesen Damen?« »Ja.« »Erlauben Sie mir vielleicht, mit der Einen ein Wort zu sprechen?« »Gern, sobald es der Dame selbst genehm ist.« Hieronymus trat an den Wagenschlag zu Madelon. »O, bitte, Fräulein, ich möchte mir gern eine Erkundigung gestatten!« »Ich stehe zu Diensten!« »Ist sie wirklich eine Engländerin?« »Wer?« »Nun, die Gouvernante!« »Ach so!« lachte sie. »Ja, sie ist eine Engländerin.« Sie sah sich durch die Verhältnisse zu einer Unwahrheit gezwungen. »O weh! Das ist so dumm wie Pudding! Und sie heißt auch wirklich Miß de Lissa?« »Allerdings.« »Dann hole der Teufel sämmtliche Gouvernanten!« Er drehte sich zornig ab, um in sein Zimmer zurückzukehren, kam aber doch noch einmal zurück und fragte: »Darf ich fragen, wo Sie jetzt gewesen sind?« Das war allerdings eine etwas zudringliche Frage; aber sie hatte den eigenthümlichen Menschen beinahe lieb gewonnen. Darum antwortete sie bereitwillig: »In Schloß Malineau.« »Alle Wetter! Wer hätte das gedacht!« »Kennen Sie diesen Ort?« »Ich will ja hin!« »Ah! Haben Sie die lange Reise nur um dieses Zieles willen unternommen?« Er besann sich doch, ob er die Wahrheit sagen dürfe. Er hatte seinem Auftraggeber versprochen, sehr vorsichtig zu sein; darum antwortete er: »Nein. Ich will das Schloß abzeichnen, da ich einmal in dieser Gegend bin. Wohnt nicht dort ein Monsieur Berteu?« »Was soll er sein?« »Schloßverwalter.« »Der ist gestorben und heute begraben worden.« »Hm, hm! Waren Sie mit bei diesem Begräbnisse?« »Ja. Ich habe die Reise nur deshalb unternommen.« Es war ein eigenthümlicher, verständnißinniger Blick, den er auf sie warf. Dann sagte er: »Sie waren wohl mit Monsieur Berteu verwandt?« »Er war unser Pflegevater. Hier ist meine Schwester.« »Und wohin reisen Sie jetzt?« »Wieder zurück. Vorher aber gehe ich mit meiner Schwester nach Schloß Ortry bei Thionville.« »Ortry, hm! Mademoiselle, nehmen Sie einmal hier meine Hand! Ich mag Ihnen unbequem geworden sein; ich bitte Sie um Verzeihung. Es ist mir, als ob wir uns wiedersehen müßten, und zwar unter Verhältnissen, welche für Sie erfreuliche sein werden. Gute Nacht, und gute Reise!« Er kehrte in sein Zimmer zurück und sah durch das geöffnete Fenster den Wagen fortfahren. Dann entfernte er die Spuren der Zerstörung, welche er angerichtet hatte! Er war nämlich trotz seiner Müdigkeit vom Bette aufgestanden, um zu sehen, was es mit dem drunten stehenden Wagen für eine Bewandtniß habe, und dabei hatte er Madelon erkannt. Sie wollte abreisen, das hatte er gesehen; sprechen wollte er vorher mit ihr, und da er keine Zeit fand, sich anzukleiden, so hatte er schnell den Calabreser aufgestülpt und die Decke vom Tische gerissen, um sie als Nachtmantel um sich zu schlagen. Dabei aber hatte er Alles, was auf dem Tische stand, heruntergerissen. Als er dann am folgenden Morgen sein Portemonnaie suchte, fand er es in Gesellschaft mit dem goldenen Klemmer in demjenigen Geschirr, aus welchem man weder zu essen noch zu trinken pflegt. Er hatte Beides mit vom Tische herabgerissen. Fortsetzung 80 Es war ein schöner Tag geworden, und Herr Hieronymus Aurelius Schneffke benutzte gleich den Vormittag, um zu Fuße nach Schloß Malineau zu wandern. Da er sich Zeit nahm, kam er erst um die Mittagszeit dort an. Er war sich einer Art von diplomatischer Sendung bewußt, und da Diplomaten schweigsame Leute sein sollen, so ließ er sich, als er in der Schänke sein Mahl einnahm, mit dem Wirthe in kein Gespräch ein, obgleich dieser sich Mühe gab, sich über die Naturgeschichte des dicken Männchens Aufklärung zu verschaffen. Nach Tische nahm er Mappe und Feldstuhl und spazierte nach dem Schlosse. Es fiel ihm gar nicht ein, dasselbe zu betreten und seine Erkundigungen zu beginnen. Nach seiner Ansicht mußte man mit ihm selbst anfangen und damit hatte er Recht. Er suchte sich also einen passenden Punkt, plazirte sich dort auf den Feldstuhl, öffnete die Mappe und begann, zu zeichnen. Es dauerte nicht lange, so kam ein junger Mann gegangen. Er näherte sich, grüßte und trat nach rückwärts, um einen Blick auf das beginnende Conterfei zu werfen. »Ah, Sie sind Maler, Monsieur?« fragte er. »Ja,« nickte Schneffke. »Darf ich fragen, welches Genre? Landschaft?« »Alles!« »Sind Sie Franzose?« Sollte er sagen, daß er ein Deutscher sei? Nein, das fiel ihm gar nicht ein. »Pole.« »Ihr Name?« »Schneffka.« »Nehmen Sie das Schloß in irgend einem Auftrage auf?« »Nein. Ich male nur zum Vergnügen.« »Verzeihen Sie, daß ich so zudringlich frage. Mein Vater ist gestern beerdigt worden und hat uns einige kleine Gemälde hinterlassen, deren Werth wir nicht kennen. Ein wirklicher Künstler hat sich hier noch niemals sehen lassen. Darum wäre es mir lieb, wenn Sie mir erlaubten, Ihnen die Bilder einmal zu zeigen.« »Wo befinden sie sich?« »Im Arbeitszimmer meines Vaters. Mein Name ist Berteu. Würden Sie sich vielleicht einmal in meine Wohnung bemühen?« »Gern.« Er klappte seine Mappe zu, griff zum Feldstuhle und folgte dem Voranschreitenden nach der Verwalterswohnung. Er that, als sei ihm an der Incommodation gar nicht viel gelegen, freute sich aber doch im Stillen über dieselbe. Charles Berteu führte ihn in das Zimmer, in welchem er gestern über den Rechnungsbüchern gesessen, dann die Schwestern empfangen und endlich auch die Unterredung mit dem Kutscher gehabt hatte. Es hingen da drei kleine Landschaften, von Anfängern gemalt. Sie waren fast gar nichts werth, aber Hieronymus nahm doch eine Miene an, als ob es sich um nichts Unbedeutendes handle. Es war ihm darum zu thun, einen Tag oder einige Tage hier verweilen zu dürfen. »Nun?« fragte Berteu. »Schade! Sehr schade.« »Wieso?« »Ich taxire das Stück auf durchschnittlich fünfhundert Franks.« »Alle Wetter! Wirklich?« »Das haben sie jedenfalls gekostet, vielleicht noch mehr. Man hat es aber nicht verstanden, sie zu behandeln. Sie haben sehr gelitten.« »O weh!« »Ja, leider! Jetzt sind sie zusammen kaum zehn Franken werth, könnten aber leicht auf ihren früheren Werth und auch höher kommen, wenn sie gereinigt und renovirt würden. Das muß aber von einem guten Meister geschehen.« »Ist das theuer?« »Gewiß. Doch giebt es Maler, welche eine gewisse Leidenschaft für dergleichen Arbeiten haben. Sie arbeiten dann oft ohne Honorar.« »Ah, so Einer sollte sich hier einfinden!« Schneffke nickte leise vor sich hin, that aber, als ob er die Andeutung gar nicht verstanden habe, sondern beschäftigte sich noch weiter mit den Bildern. »Renoviren Sie auch?« fragte Berteu. »Nur aus Liebhaberei, und dann auch nur Landschaften.« »Das hier sind ja Landschaften.« »Allerdings.« »Sagen Sie, Monsieur, ob Sie diese Gegend vielleicht bald wieder verlassen!« »Ich bin Herr meiner Zeit; ich kann kommen und gehen ganz wie es mir gefällt und beliebt.« »So würde ich wünschen, daß es Ihnen hier bei uns gefallen möchte. Vielleicht würden Sie sich entschließen, sich ein Wenig mit diesen drei Landschaften zu beschäftigen.« »Das wäre möglich. Nur glaube ich nicht, daß ich länger als einen Tag hier bleibe.« »Darf ich den Grund wissen?« »Sagen Sie selbst, ob ein Künstler in Ihrer Schänke Wohnung nehmen kann!« »O, wenn es das ist, so wäre ja ganz leicht geholfen. Ich würde Ihnen hier bei mir ein helles, freundliches Zimmer anbieten. Und wenn Sie mich mit dem Honorar nicht zu sehr anstrengen, so – ich gehöre nämlich nicht zu den reichen Leuten!« »Na, wollen einmal sehen! Zeigen Sie mir das Zimmer!« Berteu führte ihn nach dem besten Raume, der ihm zur Verfügung stand, und worin es dem guten Hieronymus ganz gut gefiel. »Nun, Monsieur, wie werden Sie sich entscheiden?« »Ich will Ihnen sagen, Monsieur, eigentlich macht man so Etwas nicht; man vergeudet seine Zeit und seine Kraft; aber Sie selbst gefallen mir, und Ihre drei Bildchen sind wirklich nicht übel; ich werde hier bleiben und sie Ihnen renoviren, ohne Bezahlung von Ihnen zu nehmen, vorausgesetzt, daß Sie mich nicht geradezu verhungern oder verdursten lassen.« »Topp, Monsieur! Das soll ein Wort sein!« Sie schlugen ein. Charles Berteu freute sich bei dem Gedanken, werthvolle Bilder zu erhalten. Er nahm sich natürlich vor, sie sofort zu verkaufen. Der dicke Maler hatte mit einem Schlage seine ganze Zuneigung gewonnen. Er mußte gleich da bleiben. Schneffke begann auch bereits an diesem ersten Tage, an den Bildern zu arbeiten; doch nahm er sich vor, sich nicht etwa zu beeilen. Er wollte hier so viel wie möglich für seinen alten Herrn Untersberg erfahren, der ihm ja ein so reichliches Reisegeld gezahlt hatte. Uebrigens hatte sich seine Gouvernante ganz plötzlich in eine Engländerin verwandelt. Das mußte verschmerzt werden, und das vergißt sich ja bekanntlich am Leichtesten und Schnellsten entweder bei fleißiger Arbeit oder regem gesellschaftlichen Verkehr. Am andern Morgen saß er an der Staffelei, welche er sich improvisirt hatte, als Frau Berteu bei ihm eintrat um ihm das Frühstück zu bringen. Er hatte eins ihrer drei Bilder vorliegen, und da er gerade darüber war, das Gras noch grüner, den Himmel noch blauer und die Sonne noch gelber zu machen, so war sie ganz entzückt von der prächtigen Aquisition, die ihr in diesem großen Künstler geradezu in das Haus gelaufen war. Er hatte das Fenster offen, und vor seinem Auge lag die wunderbar entworfene Seitenfaçade des Schlosses. »Madame,« fragte er, »wem gehört eigentlich dieses Schloß?« »Dem Herrn General Graf von Latreau.« »Das muß ein sehr reicher Herr sein!« »Steinreich.« »Wo wohnt er?« »In Paris.« »Solche reiche Herren von Adel pflegen sehr oft Freunde der Kunst zu sein. Befinden sich hier im Schlosse Gemälde?« »Einige.« »Ah, die möchte ich mir einmal ansehen! Würden Sie nicht die Gewogenheit haben, mir die Erlaubniß dazu zu ertheilen?« Ihr Gesicht nahm sofort einen ganz anderen, abstoßenden Ausdruck an. »Dazu habe ich nicht das Recht,« sagte sie. »Wer sonst?« »Der Beschließer.« »Es giebt also außer dem Verwalter hier noch extra einen Beschließer, selbst wenn die Herrschaft sich nicht hier befindet?« »Ja.« »Wo wohnt der Mann?« »Drüben im Parterre des rechten Flügels.« »Und wie heißt er?« »Melac.« »Pfui Teufel!« Sie blickte ihn erstaunt an. »Was war Ihnen da?« fragte sie. »Ich kann diesen Namen nicht leiden.« »Und ich die Personen nicht.« »Die Person des Beschließers?« »Ja, die seinige und auch die andern.« »So hat er Familie?« »Ja; aber bitte, wir hier sprechen niemals von diesen Leuten!« »Aber ich müßte doch zu ihnen gehen, wenn ich die Bilder einmal sehen wollte!« »Allerdings; aber ich rathe Ihnen, es doch lieber zu unterlassen; Sie würden die Erlaubniß dazu doch nicht bekommen. Wir wohnen hier auf dieser Seite, und die Leute bleiben stets drüben auf der andern. Wir haben nichts, gar nichts mit einander zu thun.« Damit ging sie fort. Sie hatte zuletzt in einem beinahe rücksichtslosen, ja groben Tone gesprochen; doch kümmerte ihn das nicht. Was gingen ihm solche Familienzwistigkeiten an! Nach Tische steckte er sein Skizzenbuch zu sich und ging in den Park, welcher zu dem Schlosse gehörte, spazieren. Er war, wie jeder echte Künstler, ein Freund und Kenner der Natur. Er konnte bei einem Baum, einem Strauche stehen bleiben, um seine Eigenart, seine Individualität zu studiren. Daher kam es, daß er gar nicht auf die Richtung achtete, welcher er zuletzt folgte, bis er plötzlich, aus einem Buschwerk tretend, überrascht stehen blieb. Ihm gegenüber, am andern Saume der kleinen Lichtung stand eine Bank, und auf derselben saß ein Greis, wie so schön der Maler noch keinen gesehen hatte. Diese hohe Stirn, dieser ideale Schnitt des Gesichtes, dieser prachtvolle, schneeweiße Bart, welcher ihm weit über die Brust herabfloß! Im Nu saß Schneffke hinter einem verbergenden Strauchwerk, im Nu war das Skizzenbuch geöffnet, und der Stift arbeitete an dem Porträt dieses edlen Greisenangesichtes. Und als dann des Tages Arbeit vollbracht war, saß er am Abende noch wach, die angefangene Skizze zu vollenden. Er sagte sich selbst, daß sie zum Besten gehöre, was er je gezeichnet hatte. Am frühen Morgen des andern Tages zog es ihn wieder hinaus in den Park, und ganz unwillkürlich suchte er den Ort, an welchem er gestern den Greis bemerkt hatte. Die Bank war leer, und er setzte sich darauf. Nicht lange aber war das geschehen, so hörte er eine volle, frische Mädchenstimme singen: »Der Mensch soll nicht stolz sein     Auf Gut und auf Geld; Es lenkt halt verschieden     Das Schicksal die Welt. Dem Einen sind die Gaben,     Die gold'nen, bescheert; Der Andre muß sie graben     Tief unter der Erd'!« Ein Lied in deutscher Sprache, hier in Frankreich, mitten unter einer französischen Bevölkerung. Das war seltsam. Er mußte die Sängerin sehen. Er stand also von der Bank auf und schritt der Gegend zu, aus welcher das Lied erschollen war. Dort gab es auch eine Bank, und auf derselben saß die Sängerin, ein Mädchen im Alter von Etwas über zwanzig Jahren vielleicht. Sie war sehr einfach gekleidet – weißen Rock und weißes Jäckchen. Sie war nicht hoch und schlank, sondern von kleiner Statur, aber ihre Formen waren voll und versprachen, mit der Zeit noch an Fülle zuzunehmen. Sie hatte blondes Haar und ein allerliebstes rundes, herziges Gesichtchen, blaue Augen, ein kleines Näschen und einen Mund, der wie zum Küssen gemacht war. Ihr Schooß lag voller Blumen, aus welchen sie bemüht war, ein Bouquet zu formen. Dazu sang sie jetzt: »Auf d' Alma geh i aufi;     Es brummelt scho die Kuh. Und wann der Bu zum Dirndl geht,     Da singt er au dazu. Auf d' Alma is ka Polizei,     Da is die schönste Ruh. Nur wann der Bu zum Dirndl geht,     Da singt er au dazu!« Und nun trillerte sie einen Jodler hinaus so hell, so goldrein, daß sie von einer Lerche hätte beneidet werden können. »Bravo! Bravissimo!« So mußte Schneffke rufen; er konnte seinen Enthusiasmus nicht zurückhalten und schritt auf das Mädchen zu. Sie erröthete, zeigte aber keine Verlegenheit, sondern sah mit hellen Augen seinem Kommen entgegen. »Verzeihung, Mademoiselle, daß ich Sie störe!« bat er. »Aber wenn ich so fröhlich singen höre, so geht mir das Herz auf, und ich möchte auch gern mit fröhlich sein.« Er hatte, jetzt an das Französische gewöhnt, ganz unwillkürlich auch diese Worte in derselben Sprache gesprochen. Sie antwortete ebenso: »Und Sie kommen herbei, weil Sie meinen, daß man zu Zweien fröhlicher sein kann als allein?« »Ja, so scheint es mir. Sie wenigstens, Mademoiselle, haben ganz das Aussehen, als ob man in Ihrer Nähe niemals traurig sein könne.« Sie strich mit den kleinen, quatschigen Händchen die Blumen, welche sich zerstreuen wollten, zusammen, lachte, daß ihre perlenweißen Zähne erglänzten, und antwortete: »Sie mögen Recht haben; es ist das eine Gottesgabe. Der Eine ist glücklich, wenn er weint, und der Andere, wenn er lacht. Gehören Sie zu den Ersteren oder zu den Letzteren?« »Zu den Letzteren, also zu Ihnen, Mademoiselle!« »Wirklich? So setzen Sie sich her. Hier, ich mache Platz!« Sie rückte zu, daß auch für ihn noch Platz wurde. Das geschah so ungesucht, so einfach, so selbstverständlich, so ohne Absicht und Coquetterie, daß ihr der gute Hieronymus am Liebsten gleich einen Kuß gegeben hätte. »Danke!« sagte er. »Nun sollte ich Ihnen helfen können; aber ich habe wohl gar kein Geschick dazu.« »Das brauchts gar nicht, denn ich werde sogleich fertig sein. Es ist das eigentlich kein Geburtstagsstrauß; aber Großvater liebt die Feld- und Waldblumen mehr als alle anderen.« »Heute ist der Geburtstag Ihres Großvaters?« »Ja, heut!« nickte sie. »Sie wohnen wohl nicht weit von hier?« »Nein, gar nicht weit.« »Vielleicht sehen wir uns da noch einmal wieder, ehe ich wieder fortgehe.« »Fortgehen? Sind Sie nicht von hier?« »Nein.« »Und doch sprechen Sie so gut den Dialect dieser Gegend!« »Und Sie sind Französin und singen deutsche Lieder.« »Großvater hat die Deutschen gern.« »So ist er wohl ein Deutscher?« »Nein. Das sagt bereits unser Name.« »Ah, wenn ich den doch hören dürfte!« »Warum nicht? Wir heißen Melac.« »Pfui Teufel!« entfuhr es ihm, gerade so wie gestern. Und wunderbar, sie nahm ihm das nicht übel; sie zuckte mit keiner Wimper, sondern sie sah ihm offen in das Angesicht und fragte: »Nicht wahr, Sie denken an den Pfalzverwüster?« »Ja. Nach ihm nennt man sogar die bissigsten Bluthunde Melac.« »Wir stammen von ihm ab; er ist unser Ahne und gerade darum hält Großvater so viel auf die Deutschen. Er denkt, er soll wenigstens mit dem Herzen die Sünden des Ahnen gut machen, da er sie anders doch nicht sühnen kann.« »Dann ist Ihr Großpapa ein sehr braver Mann.« »Ja, das ist er. Ich habe ihn sehr lieb und bin ganz stolz auf ihn. Der gnädige Herr General ist ihm auch gewogen.« »So ist Ihr Großpapa Beschließer des Schlosses?« »Ja.« »Und Ihr Vater?« »Ich habe nicht Vater und Mutter, darum bin ich bei den Großeltern.« »Ich wohne bei dem Verwalter Berteu.« »Der ist todt.« »Sind Sie mit der Familie befreundet?« »Sie fliehen uns, und doch haben wir ihnen nichts gethan. Ich habe Großvater nach der Ursache gefragt, doch der wußte es mir auch nicht zu sagen.« Das war ein gutes Zeugniß für die Familie Melac und ein schlechtes für die Familie Berteu. Die Melac's waren nicht gewöhnt, ihren Nebenmenschen Böses nachzusagen. »Von wem haben Sie Ihre deutschen Lieder gelernt?« fragte Schneffke. »Von den Großeltern. Beide sprechen deutsch. Wie lange werden Sie hier wohnen bleiben?« »Nur einige Tage.« »Wie schade! Wenn ich mit Ihnen spreche, so ist es als rede ich mit mir selbst.« »Wahrhaftig, so ist es!« stimmte der Maler ein. »Wenn ich hier wohnen bliebe, würde ich um die Erlaubniß bitten, Ihre Großeltern kennen zu lernen.« »Das können Sie ohnedem. Großvater spricht gern mit Leuten, welche über Andere gerecht und billig denken. Haben Sie ihn noch nicht gesehen?« »Ich bin heute erst zum zweiten Male hier.« »Nun, wenn Sie einen alten Herrn sehen mit langem, weißen Barte, der ist es. Sie können getrost eine Unterhaltung mit ihm beginnen; er liebt es sehr, seine Gedanken gegen andere umzutauschen. Leider fehlt ihm hier die Gelegenheit dazu. Er schläft des Morgens länger als Großmama und ich. Nun aber wird er bald erwachen, und da muß ich mit den Blumen bei ihm sein.« Sie erhob sich, um zu gehen. Man bemerkte, daß sie nicht recht wußte, in welcher Weise sie sich verabschieden sollte. Er war auch aufgestanden und sagte: »Ich hätte Ihnen gern einige Blüthen mit gepflückt für den guten Papa; dazu bin ich jedoch zu spät gekommen. Eins aber könnte ich zu diesem Strauße fügen, wenn ich wußte, daß es ihm Freude bereitete.« Sie blickte ihn erwartungsvoll an. Eine directe Bitte oder Frage wollte sie nicht aussprechen. . »Ich bin nämlich gestern ein Dieb gewesen. Ich sah gestern einen alten, ehrwürdigen Herrn, welcher nach Ihrer Beschreibung Ihr Großpapa war. Ihm habe ich etwas geraubt. Hier ist es. Geben Sie es ihm heute zu seinem Geburtstage zurück, und bitten Sie ihn, es mir zu verzeihen!« Er öffnete das Skizzenbuch und übergab ihr die gestern begonnene und auch vollendete Zeichnung. Als ihr Auge auf dieselbe fiel, stieß sie einen Ruf des Erstaunens aus. »Sein Bild! Sein Bild! Wie ähnlich! Welch eine Ueberraschung! Sind Sie denn Künstler, Maler, Monsieur?« »Ich male, ja.« »Das ist ein Meisterstück, ein großes Meisterstück! Ich bitte Sie dringend, Großpapa zu besuchen, damit auch er dieses Portrait einmal zu sehen bekomme!« »Ich habe Sie bereits gebeten, es ihm zu überreichen.« »Es ihm zu zeigen, wollen Sie sagen!« »Nein; es soll sein Eigenthum sein, ein Geburtstagsgeschenk von seiner guten, liebenswürdigen Enkeltochter.« Er sah es ihr an, daß es ihr schwer wurde, an die Wahrheit einer so großen Gabe zu glauben. »Wirklich, Monsieur?« fragte sie. »Sie sprechen im Ernste?« »Gewiß. Das Bild gehört Ihnen.« Da ging ein Strahl unendlichen, kindlichen Glückes über ihr vor Freude und Entzücken geröthetes Angesicht. »Monsieur, Monsieur, so Etwas hätte ich nicht für möglich gehalten. Die Freude, welche Ihr Geschenk bereitet, wird eine unbeschreibliche sein! Wie soll ich Ihnen danken!« »Wenn ich dürfte, wollte ich Ihnen sagen, wie Sie mir am besten danken können.« »O, bitte, sagen Sie es! Sagen Sie es!« Sie hatte eine einfache Federnelke an ihre Brust befestigt. Er deutete auf dieselbe und sagte: »Gewähren Sie mir diese Blume, Mademoiselle! Ich werde sie als Erinnerungszeichen dieser Stunde so lange ich lebe treu bewahren.« Sie erglühte; aber sie nahm die Nelke und reichte sie ihm hin. »Es ist so wenig, so sehr wenig,« sagte sie. »Ich wollte ich könnte Ihnen noch besser dankbar sein! Aber, bitte, erlauben Sie auch Großpapa, Ihnen Dank zu sagen! Darf er hoffen, Sie heut bei sich zu sehen?« »Falls mir der Zutritt gestattet ist, ja.« »Sie werden sehr willkommen sein! Adieu, Monsieur!« Sie ging, und er blickte ihr nach, so lange er sie sehen konnte. »Welch ein Mädchen!« sagte er zu sich selbst. »Das ist so eine Sorte – unverdorben, gesund, gemüthvoll und lieber ein Bischen dicker als zu dürr. Ich glaube, die wird einmal ganz meine Figur bekommen. Alle Wetter, was für ein respectables Paar würde das geben! Ich mag wirklich von keiner Gouvernante Etwas wissen. Sie halten nicht Stich; sie verändern sich zu oft; sie werden zu schnell englisch und bekommen andere Namen. Dann läuft man ihnen nach und versäumt da Eisenbahnzüge. So ein Naturkind aber wie dieses Mädchen hier, ist etwas ganz Anderes. Das hat Kern und Leben; da drin steckt Saft und Kraft! Diese Parkblume von Schloß Malineau muß meine Frau werden, sonst bleibe ich ledig!« Nachmittags, zur üblichen Visitenzeit, begab er sich in das Parterre des rechten Schloßflügels. Er sah den Namen Melac an einer der Thüren stehen und klopfte. Es wurde ihm von der »Parkblume« geöffnet, welche ihn bat, einzutreten. Sie verrieth eine große Freude über seinen Besuch und führte ihn in das Nebenzimmer. Dort saß der alte, ehrwürdige Herr, dessen Portrait er aufgenommen hatte, neben ihm eine Dame wohl desselben Alters und von einer mehr als glücklichen Wohlbeleibtheit. Sie besaß eine große Aehnlichkeit mit ihrer Tochter, und es stand zu erwarten, daß diese Letztere einst ganz denselben Körperumfang wie ihre Mutter erreichen werde. »Das ist der Herr, den ich heute früh im Parke traf,« sagte das Mädchen, »und welcher die Güte hatte, mir Dein Portrait zu schenken, lieber Vater.« Die beiden ehrwürdigen Leute erhoben sich und begrüßten den Maler freundlich und herzlich wie einen alten Bekannten. Sie machten den besten Eindruck auf ihn. Er nannte seinen Namen, nämlich Schneffka, wie er sich ja auch Berteu gegenüber genannt hatte, und fühlte sich sehr bald in ein recht animirtes Gespräch gezogen. Auf dem Tische stand Wein und eine bereits angeschnittene Torte, jedenfalls dem Geburtstage zu Ehren. Er erhielt ein Stück des Kuchens und ein Glas Wein, und die drei Leute schienen sich darüber zu freuen, daß er sich dies ohne alle Complimente gefallen ließ. An der Wand hing ein ziemlich großes Bild, ein Portrait in Pastell. Es stellte einen jungen Mann vor, dessen Gesichtszüge den Südländer verriethen, hatte aber, obgleich es durch eine darüber gezogene Glastafel geschützt war, von seiner ursprünglichen Frische sehr viel verloren. Die Pastellgemälde sind die vergänglichsten, weil bei ihnen die Farben nur wie zarter Staub auf der Fläche kleben. Sie müssen besonders vor der Einwirkung der Luft und der Feuchtigkeit, sowie auch vor Staub und Erschütterungen bewahrt werden. Das Auge des Malers kehrte während der Unterhaltung immer wieder nach diesem Portrait zurück. Er erkannte, daß es von einem Meister gefertigt sein müsse. Wie kam so ein Kunstwerk, so ein theures Stück in die Wohnung eines einfachen Beschließers? So fragte er sich im Stillen. Melac bemerkte die Anziehungskraft, welche das Bild auf seinen Besuch ausübte, und fragte daher: »Sie interessiren sich für dieses Portrait, Monsieur?« »Allerdings. Es scheint ein Meisterwerk zu sein.« »Wirklich? Ich verstehe nichts davon.« »Wer hat es gemalt?« »Das weiß ich leider nicht.« »Ist nicht der Name des Künstlers, ein Facsimile, oder irgend ein Zeichen zu sehen?« »Nein, auch das nicht.« »Aber Sie wissen wenigstens, wer der Herr ist, welchen das Portrait vorstellt?« »Auch das ist uns unbekannt. Das Bild ist nämlich ein Geschenk, oder vielleicht darf ich auch das nicht sagen, da ich noch unsicher bin, ob ich mich den Besitzer desselben nennen darf.« »Das klingt ja recht geheimnißvoll!« »Ist es wohl auch.« »Ah, das liebe ich. Dem Maler ist nichts so interessant wie ein Bild, mit welchem irgend ein Geheimniß verknüpft ist.« »Leider bin ich aber nicht im Stande, dieses Geheimniß zu durchdringen. Ich erhielt das Bild von einer Sterbenden, oder doch wenigstens von einer Kranken, welche am nächsten Tage starb.« »Und Sie wissen nicht, auf welche Weise sie in den Besitz desselben gekommen war?« »Nein. Die Dame wohnte hier. Sie hieß Charbonnier und hatte zwei Töchter – – –« »Charbonnier?« unterbrach ihn der Maler. Er mußte sofort an Madelon Köhler denken, Charbonnier heißt ja Köhler im Deutschen. »Ja, Charbonnier,« antwortete der Gefragte. »Sie wohnte beim Verwalter und schien bessere Tage gesehen zu haben. Sie sprach niemals von ihrer Vergangenheit, obgleich sie täglich hier bei uns war. Sie schloß sich nämlich mehr an uns an als an die Familie des Verwalters. Als sie dann krank wurde, ließ sie sich von einer Frau pflegen. Wir dachten keineswegs, daß die Krankheit zum Tode sei. Sie schickte mir durch eine Frau das Bild und ließ mir sagen, daß sie mit mir darüber zu sprechen habe. Am anderen Tage aber war sie todt.« »Ohne Ihnen eine Aufklärung über das Bild gegeben zu haben?« »Leider. Sie hat in ihren letzten Augenblicken davon sprechen wollen, aber doch nur stammeln können. Meine Frau ist nicht im Stande gewesen, ein Wort zu verstehen.« »Hm! Sie wissen also ganz und gar nichts über die Vergangenheit der Dame?« »Nein. Sie ist eines schönen Tages nach Schloß Malineau gekommen und hat sich beim Verwalter ein Stübchen gemiethet. Dann, als sie starb, hat dieser sich der Kinder angenommen. Die beiden Mädchen sind Erzieherinnen geworden.« Schneffke konnte nicht verrathen, wie ganz außerordentlich er sich für diese Angelegenheit interessirte. Er sagte: »Ein eigenthümlicher Fall. Ich habe eine gewisse Leidenschaft für dergleichen geheimnißvolle Geschichten. Vielleicht könnte der Verwalter Auskunft geben. Mit ihm ist die Dame jedenfalls offen gewesen.« »Möglich, obgleich ich es nicht glaube. Uebrigens wird er keine Auskunft ertheilen können, denn er ist todt.« »Vielleicht hat er seinen Sohn eingeweiht.« »Das ist sehr unwahrscheinlich. Ich glaube, daß der junge Berteu nicht das Mindeste weiß.« Das war es ja, was Schneffke erfahren und erkundschaften sollte! »Sie haben den todten Verwalter mit zu Grabe geleitet?« fragte er, damit das Gespräch nicht in's Stocken gerathe. »Nein. Ich hätte das nicht wagen dürfen, da wir mit den Berteu's entzweit sind. Sie wohnen bei ihnen; haben Sie nichts davon bemerkt?« »Ich habe es ahnen können.« »Wir sind nicht schuld daran. Der junge Berteu ist ein roher, rücksichtsloser Patron. Er stellte unserer Tochter nach, und zwar in einer Weise, daß Marie um meinen Schutz bitten mußte. Ich wies den Menschen zurecht, und seit jener Zeit leben wir in Feindschaft. Der Haß wird von unserer Seite keineswegs gepflegt, obgleich uns sehr oft Gelegenheit geboten wird, ärgerlich zu werden. Die Berteus haben sogar gewagt, dieses Bild von uns zu fordern, natürlich aber ohne allen Erfolg.« »Aber Berteu hat doch kein Recht daran!« »Nicht das mindeste. Der verstorbene Verwalter ist ja zugegen gewesen, als Frau Charbonnier meine Frau gebeten hat, das Bild mitzunehmen; aber er hat auch stets behauptet, daß es uns nicht ausdrücklich geschenkt worden sei.« »So hat er es wohl für die beiden Mädchen reclamirt?« »Ja, scheinbar, in Wirklichkeit aber jedenfalls für sich.« »Vielleicht hat er geahnt, daß es irgend eine Bewandtniß mit dem Bilde hat.« »Es wird wohl so sein.« »Würden Sie mir erlauben, es einmal zu betrachten?« »Sehr gern! Marie, nimm es einmal herab!« Das Mädchen stellte sich einen Stuhl an die Wand, konnte aber das Gemälde noch nicht gut erreichen; darum nahm Schneffke einen zweiten Stuhl, um ihr zu helfen. So standen sie neben einander auf den Stühlen, und gerade als es ihnen gelungen war, das Bild vom Nagel zu nehmen, wackelte Mariens Stuhl. Schneffke glaubte, sie würde fallen und bog sich zu ihr hinüber, um sie zu halten. Dadurch verlor er das Gleichgewicht und – – stürzte selbst herab. Er hielt selbst im Fallen das Bild noch fest. Marie ließ auch nicht los, da sie das Glas nicht zerbrechen lassen wollte, und so kam es, daß auch sie die Balance verlor und im nächsten Augenblicke auf den dicken Maler fiel. »Mein Gott!« rief der Beschließer. »Welch ein Unglück!« Er kam herbei geeilt. »Es ist doch nichts zerbrochen?« fragte die Beschließerin voller Angst. »Nein,« antwortete Schneffke, am Boden liegend. »Das Glas ist noch ganz, es ist nicht zerbrochen.« »Das meine ich nicht; aber Sie, Monsieur; sind Sie noch ganz?« »Ich werde nachsehen.« Marie hatte sich schnell aufgerafft. Ihr hübsches Gesichtchen glühte vor Verlegenheit. Schneffke stand langsam auf, betastete sich, streckte die Arme aus, hob ein Bein nach dem andern in die Höhe und sagte dann lachend: »Unbeschädigt! Ich bin auch nicht entzwei.« »Welch ein Glück!« meinte die Frau. »Das sah wirklich ganz gefährlich aus!« Der Maler schüttelte den Kopf, strich sich mit beiden Händen denjenigen Theil seines Körpers, auf welchem er damals in Tharandts heiligen Hallen die Schlittenparthie gemacht hatte, und antwortete gutmüthig: »Es war nicht so schlimm, wie Sie gedacht hatten, Madame: Ich falle sehr weich.« »Das scheint wahr zu sein,« lachte der Beschließer. »Ich glaube, Marie ist schuld gewesen.« »Nein,« meinte Schneffke. »Die Schuld liegt an mir. Nur gut, daß wir nicht das Bild zerbrochen haben. Lassen Sie es mich betrachten.« Er trug es in die Nähe des Fensters und untersuchte das Gemälde. »Sehen Sie,« sagte er nach einiger Zeit. »Hier unten in der Ecke steht ein M mit einem Strich hindurch. Es ist allerdings kaum noch zu erkennen. Das ist das Facsimile des berühmten Porzellanmalers Merlin in Marseille, der allerdings seit längerer Zeit todt ist. Das Portrait ist ein Meisterstück, hat aber sehr gelitten, da es weit transportirt worden ist. Die Farbe ist ausgestaubt.« »Geht das nicht auszubessern?« »O doch! Soll ich es machen?« »Ah, wären Sie bereit dazu?« »Gewiß! Sie brauchen mich das Gemälde mitnehmen zu lassen. In zwei Tagen bin ich fertig.« »Mit hinüber zu Berteu? Das möchte ich unter allen Verhältnissen nicht wagen.« »Warum nicht?« »Wer weiß, ob ich es wieder bekäme.« »Sapperlot! Mißtrauen Sie mir?« »O nein. Aber Berteu ist gewaltthätig. Er würde Sie vielleicht hindern, mir das Bild zurück zu geben.« »Hm! Was ist da zu machen?« »Vielleicht könnten Sie sich entschließen, die Reparatur hier bei uns vorzunehmen.« Das war dem guten Schneffke sehr willkommen. Auf diese Weise fand er ja Veranlassung, in der Nähe der hübschen Marie zu verweilen. »Ich bin gern bereit dazu,« sagte er, »fürchte aber, Ihnen lästig zu fallen.« »Keineswegs! Sie sind uns herzlich willkommen. Aber einen Punkt müßten wir vorher besprechen – –!« »Ah! Sie meinen das Honorar?« »Ja.« »Sorgen Sie sich nicht. Ich unternehme diese Arbeit zu meinem Vergnügen. Ich lerne dabei; ich übe mich. Meinen Sie, daß ich mich dafür auch noch bezahlen lassen soll?« »Sie sind sehr nachsichtig, Monsieur. Wann dürfen wir Sie da erwarten?« »Kann ich morgen Vormittag beginnen?« »Zu jeder Zeit, und ganz nach Ihrem Belieben! Aber Monsieur, weiß Berteu von Ihrem gegenwärtigen Besuche?« »Nein.« »Er wird erfahren, daß Sie zu uns gehen?« »Jedenfalls.« »Sie werden dadurch in Ungelegenheiten kommen.« »Das schadet nichts. Ich bin nämlich ein großer Freund von Ungelegenheiten, zumal von solchen. Jetzt aber erlauben Sie mir, mich Ihnen zu empfehlen.« Er reichte Marien die Hand. Sie befand sich noch immer in Verlegenheit. Er lachte fröhlich auf und sagte: »Thut es Ihnen leid, daß wir mit einander gefallen sind, Mademoiselle?« »Es war ungeschickt von mir!« antwortete sie. »Nein; es war im Gegentheile sehr geschickt. Sie glauben gar nicht, wie gern ich falle, zumal mit Ihnen. Und wissen Sie vielleicht warum?« »Nein.« »Nun, es giebt einen alten Glauben. Wenn ein Herr und eine Dame, welche Beide unverheirathet sind, gemeinschaftlich fallen; so – so – hm, so giebt es bald eine fröhliche Hochzeit!« »Monsieur!« Sie sprach dieses Wort in einem Tone aus, der allerdings einigermaßen verwahrend genannt werden konnte, aber doch nicht im Mindesten zornig klang. Ein liebliches Roth lag auf ihren Wangen, und ihre Augen blickten keineswegs grimmig auf den Sprecher. »Na,« meinte ihr Vater, »der Herr macht ja nur einen Scherz! Ah, man klopft! Wer mag kommen?« Der Maler wollte sich schnell empfehlen, aber der Beschließer winkte ihm, zu bleiben, und sagte: »Bitte, Sie stören gar nicht. Es ist jedenfalls eine ganz unbedeutende Angelegenheit.« Er ging, um zu öffnen. Ein elegant gekleideter junger Mann trat ein. Er grüßte höflich und sagte: »Entschuldigung, meine Herrschaften! Ich heiße Martin und bin aus Roussillon. Ich reise für ein bedeutendes Weinhaus. Darf ich vielleicht fragen, ob Sie Bedarf haben?« »Ah! Sapperment!« erklang es da von der Seite her, auf welcher Schneffke stand. Er hielt die Augen wie in starrer Verwunderung auf den Eingetretenen gerichtet. Dieser drehte sich zu ihm, und auch sein Blick glänzte eigenthümlich auf, zeigte aber bereits im nächsten Augenblicke keine Spur mehr davon. »Danke!« sagte Melac. »Ich bin nur Beschließer dieses Schlosses. Meine Mittel erlauben mir nicht, Wein in den Keller zu legen.« »Aber der Besitzer? Vielleicht –?« »Er ist nicht anwesend.« »Wohl verreist?« »Nein. Er lebt in Paris. Es ist Seine Excellenz, der Herr General Graf von Latreau.« »General Graf von Latreau?« fragte der Weinreisende im Tone großer Verwunderung. »Ah, bei diesem Herrn bin ich in den letzten Tagen oft gewesen, bei ihm und Comtesse Ella, seiner Enkelin.« »Wie, Sie kennen den gnädigen Herrn?« »Ja. Haben Sie nicht gehört, was sich mit dem gnädigen Fräulein ereignet hat?« »O doch! Es stand ja in allen Zeitungen. Heute Vormittage las ich, daß sie errettet worden ist. Ich bin fürchterlich erschrocken gewesen und danke mit den Meinen Gott, daß dieser fürchterliche Anschlag zu nichte wurde. Es soll ein Weinreisender gewesen sein, welcher –« Er hielt inne, blickte den Fremden betroffen an und fuhr dann fort: »Ah, Sie sagten, daß Sie in den letzten Tagen bei dem General gewesen seien?« »Ja.« »Und Sie sind Weinreisender! Monsieur, Sie sind doch nicht etwa ganz derselbe?« »Wer?« fragte der Andere lächelnd. »Der das gnädige Fräulein gerettet hat?« »Nein; das war mein Herr, nämlich Monsieur Belmonte, aber ich war dabei und habe mit geholfen.« »Wirklich? Wirklich? Welch ein Zufall, daß Sie nun nach Malineau kommen. Monsieur, bitte, gehen Sie noch nicht fort! Haben Sie die Güte, uns von diesem Ereignisse zu erzählen!« »Gern, wenn Sie sich so dafür interessiren, obgleich ich eigentlich meine Zeit dem Geschäfte zu widmen habe.« »Das werden Sie nachholen. Haben Sie diese Gegend bereits einmal bereist?« »Nein.« »Nun, so werde ich Ihnen die Namen Aller nennen, welche Wein kaufen; auf diese Weise kann ich Ihnen erkenntlich sein, und Sie holen das Versäumte nach. Monsieur Schneffka, auch Sie dürfen jetzt nicht gehen. Sie müssen die Erzählung dieses merkwürdigen Ereignisses mit anhören. Bitte, setzen Sie sich, meine Herren!« Man nahm am Tische Platz; die Gläser wurden gefüllt und der Reisende begann zu erzählen. Eine Stunde später war die sehr angeregte Unterhaltung zu Ende, und er empfahl sich, von dem Danke des Beschließers begleitet. Auch der Maler ging, mit ihm zu gleicher Zeit. Als sie sich im Freien befanden und sich unbeobachtet wußten, fuhr es dem Maler heraus: »Donnerwetter! Ich dachte, nicht recht zu sehen!« »Und ich traute meinen Augen nicht!« »Du hier in Malineau!« »Und Du auch!« »Du ein Weinreisender aus Roussillon, Namens Martin!« »Martin ist mein Vorname! Aber Du als Monsieur Schneffka, als ein Pole! Was soll das heißen?« »Hm! Was soll Dein Weinreisender heißen. Ein Berliner Telegraphist als Weinreisender!« »Ja, ja! Es kommen wunderbare Dinge vor in der Welt, mein lieber Hieronymus Aurelius Schneffke. Ich glaube, zu errathen, weshalb Du hier bist.« »Nun, weshalb?« »Um Thierstudien zu machen, jedenfalls nicht!« »Nein.« »Also anthropologische Angelegenheiten: Menschenstudien?« »Ja.« »Diese kleine, allerliebste, dicke Marie Melac?« »Hm! Ja!« »Wird sie anbeißen?« »Ich denke es!« »Ich nicht.« »Warum nicht?« »Weil ich Dein berühmtes Pech kenne!« »Unsinn! Ich lernte kürzlich sogar eine Gouvernante kennen, mit welcher ich nach Frankreich fuhr.« »Du warst natürlich sofort Feuer und Flamme!« »Ja, es wurde mir allerdings ein Bischen heiß; aber – –« »Na, was für ein Aber ist es?« »Als wir nach Thionville kamen, war aus der Gouvernante die Tochter eines englischen Lords geworden.« »Allerdings verteufeltes Pech. Die Sache ist also, daß Du eine vornehme Engländerin für eine Gouvernante gehalten hast, nicht wahr?« »So ungefähr!« »Das kann Herrn Hieronymus Schneffke leicht passiren. Und nun bist Du bereits wieder getröstet, wie ich sehe!« »Ganz und gar. Ich habe schon das Glück gehabt, mit dieser allerliebsten Marie in die Stube zu purzeln.« »Hahahaha. Ein gutes Omen!« »Welches auf Hochzeit deutet!« »Hoffentlich! Aber, nun einmal ernsthaft! Was thust Du hier in Frankreich?« »Es war eine Studienreise, während welcher ich zufälliger Weise nach hier kam. Und Du? Du warst also in Paris?« »Ja.« »Und die Geschichte, welche Du erzähltest, ist wirklich passirt?« »Ganz genau so.« »Wer aber ist denn dieser Belmonte?« »Der Rittmeister von Hohenthal.« »Donnerwetter! Sollte ich das Richtige ahnen?« »Nun, was ahnst Du?« »Hm. Ich bin doch auch Soldat.« »Landwehrmann!« »Landwehrunteroffizier, willst Du wohl sagen.« »Gut! Also weiter!« Der dicke Maler machte ein sehr gescheidtes Gesicht und fuhr fort: »Man munkelt von Krieg!« »Man munkelt das sogar sehr deutlich.« »Zwischen Preußen und Frankreich!« »Natürlich nicht zwischen Preußen und Honolulu!« »Da werden sogenannte Eclaireurs geschickt!« »Vermuthlich.« »So einer ist Dein Rittmeister!« »Vielleicht.« »Und Du auch?« »Ich bestreite es Dir gegenüber nicht, da ich Dich als einen verschwiegenen Jungen kenne.« »Keine Sorge! Denkt Ihr wirklich, daß es losgeht?« »Ja, und zwar bald.« »Sapperment! Da kann ich machen, daß ich nach Hause komme!« »Ja, trolle Dich heim! Man wird Dich brauchen.« »Einige Tage muß ich noch hier bleiben, wenigstens zwei.« »Wegen der Marie?« »Wegen eines Bildes, welches ich auszubessern habe.« »Ach so! Dann ist Deine Studienreise zu Ende, und Du fährst direct nach Berlin?« »Nicht direct. Ich nehme unterwegs Absteigequartier.« »Wo?« »Bei Thionville. Es giebt da ein Schloß, welches Ortry heißt.« Martin Tannert wurde aufmerksam. »Ortry?« fragte er. »Ah! Was willst Du dort?« »Das weiß ich noch nicht.« »Wie? Das ist doch unmöglich!« »Ich werde Jemand dort treffen.« »Wohl auch eine Dame, he?« »Natürlich!« »Unverbesserlicher Mädchenjäger! Aber Du, nimm Dich dort in Acht, damit Du keinen Fehler begehst!« »Wieso?« »Es sind dort zwei Eclaireurs. Solltest Du zufällig Einen erkennen, so verrathe Dich nicht.« »Wer sind sie?« »Der Ulanenrittmeister Königsau.« »Sapperment! Ein tüchtiger Officier!« »Und sein Wachtmeister Schneeberg.« »Kenne ihn nicht. Woher weißt Du das?« »Wir haben es erst gestern erfahren.« »Wo ist Herr von Hohenthal?« »In Metz. Wir müssen uns diesen Waffenplatz ein Wenig genau betrachten.« »Aber warum kamst Du da nach Malineau?« »Hm! Die Umgegend von Metz ist doch auch von einiger Wichtigkeit. Wo wohnst Du hier?« »Da drüben beim Verwalter, dessen Bilder ich reparire. Willst Du mit?« »Danke!« »Oder trinken wir ein Glas Wein in der Schänke?« »Meinetwegen! Aber nimm Dich in Acht, daß kein Mensch einen Verdacht faßt!« »Pah! Ich bin kein Esel. Komm!« Am andern Morgen befand Schneffke sich wieder bei dem Beschließer Melac. Er hatte Pastellstifte mitgenommen und erhielt einen schönen Platz am Fenster. Er mußte natürlich das Glas entfernen und das Bild aus dem Rahmen nehmen. Als er das that, sahen Marie und ihre Eltern zu. Er trennte zunächst die Rückwand los. Kaum war dies geschehen, so fiel sein Auge auf ein großformatiges Briefcouvert, welches zwischen der Wand und dem Bilde steckte. »Ein Brief,« sagte er erstaunt. »An wen?« Er las die Adresse: »Herrn Beschließer Melac.« »An mich?« fragte der Genannte. »Mein Gott, sollte es sich um das Geheimniß handeln, von welchem wir gestern gesprochen haben, Monsieur?« »Vielleicht. Hier, nehmen Sie!« Die vier Personen befanden sich natürlich in allergrößter Spannung. Melac öffnete das Couvert. Es enthielt mehrere Papiere, welche er auseinander schlug. »Das Geburtszeugniß eines Kindes, eines Mädchens, Namens Nanon de Bas-Montagne.« »Himmel!« sagte seine Frau. »Das gilt unserer Nanon!« »Und hier ein zweites auf den Namen Madelon de Bas-Montagne. Ja, es gilt den beiden Schwestern! Und hier ist der Trauschein der Eltern: Baron Guston de Bas-Montagne und Amély, geborene Rénard.« Die Beschließerin schlug die Hände zusammen und rief: »Das ist es, wovon die Sterbende mit Dir sprechen wollte!« »Ja. Hier ist eine Quittung über 15000 Franks, welche sie dem Verwalter Berteu geborgt hat. Ah, ich habe mir gedacht, daß die beiden Mädchen nicht ohne Geld sein würden. Ihre Mutter mußte doch von Etwas leben. Das Geld ist nicht zurückgezahlt worden, denn hier ist die Schuldverschreibung. Das werde ich zu ordnen haben.« »Fünfzehntausend Franks!« sagte seine Frau. »Der Berteu kann nicht fünfzehnhundert zurückgeben.« »Wir werden sehen! Und hier zuletzt ein Brief, welcher an mich adressirt ist.« Dieser Brief, welchen er erst für sich durchflog und dann laut vorlas, hatte folgenden Inhalt: »Mein guter Herr Melac. »Wenn diese Zeilen in Ihre Hand gelangen, bin ich nicht mehr. Ich habe dann dieses Land verlassen, in welchem ich zuerst so große Liebe und dann so bittere Täuschung fand. Ich übergebe Ihnen meine beiden Töchter. Seien Sie ihnen Vormund, Freund und Vater. Beide wissen nicht, wer ihre Eltern eigentlich sind. Ob sie es einst erfahren sollen, stelle ich ganz Ihrer Klugheit und Einsicht anheim. »Die documentalen Unterlagen erhalten Sie hiermit; aber vielleicht ist es besser, sie erfahren nie, daß ihr Vater ein Baron ist. Lassen Sie sich von dem Verwalter das Geld geben, damit es die Kinder bekommen. Von den Zinsen habe ich bisher leben müssen. »Was soll ich noch sagen! Sie sind ein Ehrenmann und mein Freund. Sie werden thun und beschließen, was zum Besten meiner Kinder ist, deren Vater und Großvater verschollen und nicht mehr vorhanden sind. »Ich segne Nanon und Madelon. Mein letzter Gedanke wird ihnen gelten, und dann, wenn ich bei Gott bin, der die Liebe ist, werde ich ohne Aufhören für sie beten und auch für Sie, dem ich ja anders nicht mehr zu danken vermag. Amély de Bas-Montagne.« Als diese Zeilen vorgelesen waren, entstand eine minutenlange Pause. Die vier Personen waren tief ergriffen. Endlich nahm der Schließer das Wort: »Also Vormund sollte ich sein, ich, aber nicht der Verwalter. Warum blieb ihr nicht Zeit, uns zu sagen, wohin Sie diese Documente gesteckt hatte!« »Ja, nun ist Alles so ganz anders gekommen,« meinte seine Frau, welcher die Thränen in den Augen standen. »Wirst Du den beiden Mädchen sagen, was sie eigentlich sind?« »Das muß man überlegen.« »Und hier,« sagte da der Maler, welcher die Rückseite des Bildes betrachtet hatte, »hier steht der Name »Baron Guston de Bas-Montagne.« Sollte er es sein?« »Natürlich ist es das Bild des Vaters der beiden Mädchen,« meinte der Beschließer. »Ihre Mutter hat es mit sich genommen. Warum aber ist sie von ihm fortgegangen?« »Ihr Schwiegervater hat sie gezwungen.« Da blickte der Beschließer den Maler erstaunt an. »Der Schwiegervater?« fragte er. »Gezwungen?« »Ja.« »Woher wollen Sie denn das wissen? Sie sind ja hier fremd. Sie haben die arme Dame nie gekannt und gesehen.« »Das ist wahr. Aber ich habe diesen Schwiegervater gesehen.« »Ah! Das wäre!« »Und ich kenne ihn vielleicht heute noch.« »Dann glaube ich noch an Wunder.« »Ja, der liebe Gott hat die Schicksale seiner Menschenkinder in seiner Hand. Ich will Ihnen sagen, daß ich dieser Angelegenheit wegen nach Malineau gekommen bin.« Dieses Geständniß brachte eine große Wirkung hervor. »Dieser Angelegenheit wegen?« fragte Melac. »So war sie Ihnen bekannt?« »Nein, sondern im Gegentheile sehr unbekannt.« »Sie widersprechen sich.« »Auch das nicht. Nach dem, was ich über Sie weiß, bin ich überzeugt, daß ich mich Ihnen anvertrauen kann. In Berlin lebt ein alter, reicher Sonderling, welcher sich Untersberg nennt. Sie sprechen und verstehen Deutsch. Wie würden Sie diesen Namen in das Französische übersetzen?« »Ich würde sagen – Unters – – Bas-Montagne; ah, was ist das? Sollte zwischen diesem Untersberg und der Familie Bas-Montagne irgend eine Beziehung obwalten?« »Ganz gewiß. Ich kenne diesen Herrn. Der junge Berteu hat ihm telegraphirt, daß sein Vater gestorben sei.« »So stand er mit Berteu in Verkehr?« »Wie es scheint. Er ist alt und schwach; er kann also nicht selbst reisen. Ich bin der Einzige, mit dem er verkehrt und er gab mir den Auftrag, nach Malineau zu gehen.« »Um beim Begräbnisse zu sein!« »Nein, sondern um auszukundschaften, ob der alte Berteu vor seinem Tode seinem Sohne ein Geheimniß mitgetheilt habe.« »Welches Geheimniß?« »Das wußte ich nicht; nun aber haben wir es ja erfahren. Das Geheimniß, wer die beiden Mädchen sind.« »Ich begreife immer noch nicht –« »Nun, dieser Untersberg ist der Großvater der Mädchen.« »Ah! Mag er denn nichts von ihnen wissen?« »Nein. Sie sollen nie erfahren, wer sie sind. Ihre Mutter war eine Deutsche, eine Bürgerliche, keine Katholikin. Sein Sohn sollte sie nicht heirathen und als er dies trotzdem that, wußte der Alte es so weit zu bringen, daß sie ihre Kinder nahm und verschwand.« »Mein Gott. Das ist ja ein ganzer Roman!« »Aber ein sehr trauriger.« »Sie hat also ihren Mann verlassen und ist hier zu uns gekommen!« »So ist es!« »Aber dieser, ihr Mann, hat er das geduldet?« »Sie ging heimlich, als er verreist war. Als er zurückkehrte, war sie verschwunden.« »Hat er denn nicht gesucht?« »O ja! Aber sein Vater hat ihn belogen, ihm gesagt, daß sie untreu geworden und mit einem Andern davongegangen sei.« »Welch eine Schlechtigkeit!« »Er hat dann nach ihr gesucht und ist ebenso verschwunden, wie sie. Sein Vater hat Frankreich verlassen und seinen Namen verändert. Weshalb, das kann ich nicht sagen.« »Aber woher wissen Sie das Alles?« »Ich vermuthe das Meiste; Einiges aber weiß ich ganz genau.« Er glaubte, das von den Kolibribildern und was damit zusammenhing, noch verschweigen zu müssen. »Aber Sie wissen genau, daß jener alte Untersberg der Großvater der Mädchen ist?« »Ich würde es beschwören.« »So muß er sie anerkennen!« »Das wird er nicht thun.« »Ich zwinge ihn!« »Wie wollen Sie das anfangen?« »Ich lege diese Documente vor.« »Damit erreichen Sie doch nichts.« »Beweisen Sie etwa nicht, daß er der Großvater von Nanon und Madelon ist?« »Nein.« »Sie behaupten das aber ja selbst.« »Das Gericht verlangt Beweise; Behauptungen genügen nicht.« »Nun, wird es denn nicht möglich sein, ihm zu beweisen, daß er der Baron de Bas-Montagne ist?« »Vielleicht gelingt das mir.« »Gut! So haben wir gewonnen.« »Noch gar nichts! Beweisen Sie mir, daß diese Frau Charbonnier wirklich die Baronin de Bas-Montagne war.« »Warum sollte sie es nicht sein?« »Und daß Nanon und Madelon wirklich die Kinder des Baron Guston sind!« »Aber ich begreife Sie nicht.« »Und außerdem giebt es noch weitere Lücken, welche ausgefüllt werden müßten. Man darf da nicht so sehr sanguinisch sein!« »So sagen Sie uns, was wir thun sollen.« »Ueberzeugen wir uns zunächst, ob wir selbst Recht haben oder Unrecht! Sehen wir einmal, ob die Frau Charbonnier die Baronin de Bas-Montagne ist.« »Wie wollen wir das anfangen?« »Sehr einfach. Sie haben Madame Charbonnier gekannt?« »Ja, natürlich!« »Bitte, sie mir zu beschreiben.« »Es war eine sehr schöne Dame, klein, schmächtig, mit Prachtaugen und herrlichem Haar.« »Hm! Ich habe das Bildniß der Baronin gesehen. Wollen doch einmal vergleichen!« Er hatte seine Mappe mit. Er nahm aus derselben ein Blatt Zeichenpapier und griff zum Bleistift. Er schloß die Augen, um sich die Züge jenes Portraits zu vergegenwärtigen, welches er hinter dem Colibribilde gefunden hatte, und als ihm dies gelungen war, warf er den Kopf mit bewundernswerther Leichtigkeit auf das Papier. »So,« sagte er; »sehen Sie her! Ist sie es?« Die beiden Alten stießen einen Ruf des Erstaunens aus. »Das ist sie; ja das ist sie!« betheuerten sie. »Gut, sehr gut! Ich bin meiner Sache nun schon gewiß. Diese Mädchen haben eine ungemeine Aehnlichkeit mit ihrer Mutter. Aber man muß dennoch bedächtig verfahren. Ich denke, Sie verschweigen ihnen zunächst noch, wer sie sind.« »Aber Etwas muß man doch thun?« »Gewiß! Ich gehe von hier nach Ortry.« »Zu Nanon?« »Ja, Madelon befindet sich bei ihr. Mit dieser kehre ich nach Berlin zurück. Wer weiß, was unterwegs sich findet und herausstellt. In Berlin gehe ich sofort zu dem Alten.« »Um ihn zu zwingen, die Wahrheit zu bekennen?« »Das kann ich noch nicht sagen. Ich werde Ihnen schreiben. Wir müssen Hand in Hand gehen.« »Das versteht sich! Monsieur Schneffka, wie gut ist es, daß wir Sie kennen gelernt haben! Und wunderbar, Sie, ein Pole, kommen her zu uns und – – –« Er stockte. Es kam ihm ein Gedanke. Dann fuhr er fort: »Monsieur, seien Sie aufrichtig! Sie sind kein Pole!« »Was soll ich sonst sein? Ein Buschneger?« »Ein Deutscher.« »Hm!« »Gestehen Sie es!« Da trat Marie näher, legte die Hand an seinen Arm und sagte: »Wirklich? Sollten Sie ein Deutscher sein?« »Mademoiselle, Sie hassen ja die Deutschen!« »Was denken Sie! Ich habe Ihnen ja im Gegentheile gesagt, daß wir uns sehr für Deutschland interessiren!« »Nun gut! So will ich es gestehen, daß ich ein Deutscher bin.« Da streckten ihm alle drei die Hände entgegen, und Melac fragte: »Warum haben Sie das verschwiegen?« »Aus Vorsicht. Die hiesige Bevölkerung spricht von einem Kriege zwischen Frankreich und Deutschland.« »Glauben Sie an dieses Gerücht?« »So ziemlich!« »So wünsche ich von ganzem Herzen Deutschland den Sieg. Möge Preußen kommen und Elsaß und Lothringen nehmen, damit das Unrecht früherer Zeiten gesühnt werde. Herr, nun sind Sie mir doppelt willkommen! Ihr Name wird nun wohl auch anders lauten?« »Nicht viel anders: Schneffke anstatt Schneffka, Hieronymus Aurelius Schneffke; das ist so sicher wie Pudding!« »Aber lassen Sie das Berteu ja nicht wissen!« »Fällt mir ganz und gar nicht ein! Also Sie meinen, daß er von seinem Vater nichts erfahren hat?« »Wenigstens kurz vor dem Tode nicht, da der Verwalter ganz plötzlich gestorben ist.« »So könnte er von früher her wissen!« »Ja, und das scheint mir sogar sehr wahrscheinlich zu sein.« »Wieso?« »Es hat sich am Begräbnißtage seines Vaters Etwas ereignet, was mir zu denken giebt.« »Erzählen Sie es mir, damit ich mit denken kann.« »Er hat die Schwestern Abends in die Pulvermühle gelockt, um Nanon in seine Gewalt zu bekommen.« »Liebt er sie denn?« »Wer weiß das?« »Will er sie heirathen?« »Man sagt es. Er weiß, daß das Mädchen wohl eine Zukunft hat. Er will an der Letzteren theilnehmen, indem er Nanon zu seiner Frau macht.« »Aber sie will nicht?« »Um keinen Preis. Daher hat er sie in die Falle gelockt.« »Ein gottloser Mensch! Donnerwetter! Der sollte mir vor die Zündnadel kommen, wenn ich im Falle eines Krieges 'mal nach Malineau käme! Dann würde – – – Sapperment!« Er bemerkte erst jetzt, daß er unvorsichtig gewesen sei. Melac aber beruhigte ihn, indem er sagte: »Erschrecken Sie nicht! Sie sind nicht bei schlechten Menschen! Aber, wie ich höre, sind Sie also auch Soldat?« »Landwehrsoldat.« Da trat ein Lächeln auf die ernsten Züge des ehrwürdigen Mannes. Er sah den Maler vom Kopfe bis zum Fuße herab an und fragte dann: »Sind die preußischen Landwehrleute alle so wohl gepflegt wie Sie, Monsieur?« »Alle! Das Kommisbrod wirkt Wunder. Sie sehen ein: Kommt ein Bataillon solcher Kerls ins Laufen, so rennt es eine ganze französische Armee über den Haufen. Lassen Sie es also in Gottes Namen losgehen. Sie werden Ihr blaues Wunder sehen! Nun aber wollen wir das Porträt vornehmen, sonst wird es nicht fertig.« Fortsetzung 81 Der Maler begann nun an dem Bilde zu arbeiten. Die Drei sahen zu und konnten sich nicht genug über seine Kunstfertigkeit wundern. Dabei wurde die Unterhaltung keineswegs ausgesetzt, und so kam es, daß, als er Abends Abschied nahm, sie einander so nahe gerückt waren, als ob er bereits seit Jahren in dieser Familie verkehrt habe. Berteu behandelte ihn mit finsterer Miene. »Ich habe Sie während des ganzen Tages nicht gesehen!« sagte er. »Ich war nicht daheim.« »Darf ich fragen, wo Sie gewesen sind?« »Drüben im Schlosse.« »Im Schlosse? Da wohnt doch nur der Beschließer.« »Allerdings.« »Sind Sie etwa bei dem gewesen?« »Ja.« »Monsieur, was fällt Ihnen ein?« Der Dicke machte ein sehr erstauntes Gesicht und sagte: »Was ist das für ein Ton? Wie kommen Sie mir vor?« »Können Sie sich das nicht selbst erklären? Wissen Sie nicht, daß Sie mein Gast sind?« »Das weiß ich sehr wohl!« »Dann dürfen Sie auch nichts thun, was gegen meinen Willen ist.« »Oho! Was ist denn gegen Ihren Willen?« »Ihr Besuch bei diesen Melacs.« »Pah! Ich bin Ihr Gast aber nicht Ihr Sclave. Uebrigens arbeite ich für Sie. Es ist eine Ehre für Sie, einen Künstler bei sich zu haben. Verstehen Sie wohl. Und auch handelt es sich gar nicht um einen Besuch bei Melacs, sondern um eine Arbeit, welche ich da vorzunehmen hatte.« »Gearbeitet haben Sie drüben?« »Ja.« »Das soll doch heißen, gemalt?« »Allerdings.« »Haben Sie vielleicht portraitirt?« »Ja.« Man sah es diesem Berteu an, daß er ganz erregt war. Er vergaß alle Höflichkeit und fragte zudringlich weiter: »Wen? Den Alten?« »Nein.« »Die Frau?« »Nein.« »Das Mädchen?« »Auch nicht.« »Donnerwetter! Wen denn? Es giebt da ja nur diese einzigen drei Personen!« »Wenn ich sage, daß ich portraitirt habe, so ist das richtig, denn ich habe an einem Portrait gearbeitet, aber allerdings an einem bereits vorhandenen.« »Es giebt da nur ein Bild, welches Sie da meinen können: ein Pastellbild.« »Das war es allerdings.« »Es stellt einen jungen Mann dar?« »Ja.« »Wer mag das sein?« »Ich weiß es nicht.« »Sie haben das Bild natürlich geöffnet?« »Das versteht sich ganz von selbst.« »Hat sich nichts dabei ereignet?« »O doch.« »Was denn! Was?« fragte Berteu schnell. »Es fiel ein Nagel herunter, so daß Mademoiselle Marie gezwungen war, ihn aufzuheben.« »Monsieur!!!« »Was?« »Denken Sie etwa, mich zum Narren machen zu wollen?« »Pah! Ich antworte Ihnen. Kann denn ich dafür, daß Sie Alles, selbst bis auf solche Kleinigkeiten wissen wollen!« »Nach dem Nagel habe ich Sie nicht gefragt. Aber, Sie sind Kenner. Ist das Bild werthvoll?« »Ja.« »Wie hoch schätzen Sie es?« »Es kann sechstausend Franken gekostet haben.« »Sechst – – Alle Teufel! Und jetzt? Hat es auch noch denselben Werth?« »Ja.« »Also doch! Welch ein Fehler von meinem Vater!« »Ein Fehler? Was meinen Sie?« »Wissen Sie denn nicht, wie das Bild in die Hände der Melacs gekommen ist?« »Ich hörte, daß es ein Geschenk sei.« »Nein, das ist nicht wahr. Sie haben es nur zur Aufbewahrung erhalten. Es gehört meinen Stiefschwestern. Vater hätte darauf bestehen sollen, es zurück zu erhalten. Haben Sie die Renovation vollendet?« »Nein. Ich habe morgen noch einige Zeit daran zu arbeiten.« »Und meine Gemälde werden dabei vernachlässigt.« »Haben Sie keine Sorge! Ehe ich fortgehe, werde ich auch mit den Ihrigen fertig.« Es war noch nicht spät, und so hatte der Maler noch nicht Lust, schlafen zu gehen. Er befand sich in einer ganz eigenthümlichen Stimmung. Es war ihm, als ob er das große Loos gewonnen hätte. Er hatte sehr viele Mädchen gesehen und keine war ohne Eindruck auf ihn gewesen; er hatte sie alle haben wollen; aber diese Marie – das war doch etwas ganz Anderes. Er hatte das Gefühl, als ob er sich verloren gehabt und nun wiedergefunden habe. Es wurde ihm in der Stube zu eng. Er brannte eine Cigarre an und begab sich in das Freie. Natürlich ging er in den Park. Es verstand sich das ganz von selbst, daß er sich nach Kurzem gerade vor der Bank sah, auf welcher er mit Marie gesessen hatte. Er setzte sich nieder. Er hatte nicht etwa erwartet, sie hier zu treffen, o nein. Aber er blieb doch eine längere Zeit, als ob er meine, daß Jemand kommen solle. Und da – da hörte er Schritte. Er horchte auf. Die Schritte näherten sich. Es waren die Schritte zweier Personen. Er wollte nicht gesehen werden; darum stand er auf und trat zwischen die Büsche, vor denen die Bank stand. Es waren zwei Männer, welche kamen. Als sie die Bank erreichten, blieben sie stehen. »Setzen wir uns ein Wenig?« fragte der Eine, in welchem der Maler seinen Wirth Berteu erkannte. »Meinetwegen!« »Du bist heute sehr kurz angebunden.« »Habe auch Veranlassung dazu!« »Wegen den Mädels?« »Weswegen sonst.« »Pah! Es war ein Scherz, der uns leider mißlungen ist!« »Der mich aber um allen Credit gebracht hat.« »Unsinn, Ribeau. Kein Mensch weiß genau, was geschehen ist, kein Mensch!« »Aber man hat uns doch in der Pulvermühle gefunden, gebunden und geknebelt und zwar der Mädels wegen!« »Mich kränkt das nicht im Mindesten! Das heißt dem Volke gegenüber. Daß mir aber die Nanon entgangen ist, darüber könnte ich verrückt werden vor Wuth. Könnte man nur eine Ahnung haben, wer der Kerl gewesen ist.« »Lang und stark war er, baumstark.« »Blond. Bist Du in Etain gewesen?« »Ja.« »Hast nichts erfahren?« »Na, ich will Dich nicht auf die Folter stellen. Meine Erkundigungen sind von Erfolg gewesen.« »Das wäre prächtig! Also, heraus damit!« »Am Abende vor dem Begräbnisse sind sie angekommen.« »Wer?« »Nun, Mademoiselle Nanon Charbonnier aus Ortry und Mademoiselle Madelon Charbonnier aus Berlin. Sie sind im Gasthofe Napoleon abgestiegen. Sie haben eine Kutsche gehabt, welche sie in Metz gemiethet hatten.« »Das Alles ist mir verteufelt gleichgiltig. Der Kerl, der Kerl! Wer war der?« »Als sie angekommen sind, hat ein langer starker Kerl auf dem Bocke neben dem Kutscher gesessen.« »Ah! Der war es also!« »Auch er hat seinen Namen in das Fremdenbuch eingetragen.« »Wie heißt er?« »Fritz Schneeberg aus Thionville.« »Fritz Schneeberg? Ein deutscher Name! Hole ihn der Teufel. Was ist er denn?« »Pflanzensammler.« »Sapperment! Das ist ja etwas verdammt Vornehmes! Das stand mit im Fremdenbuche?« »Ja.« »Das ist nun Alles, was Du erfahren hast?« »O nein. Ich weiß sogar, daß dieser Mensch der Geliebte Deiner hübschen Nanon ist.« »Unsinn! Die, und einen Pflanzensammler.« »Und doch!« »Wieso? Sprich!« »Nun, der Kellner hat ein kleines Verhältniß mit dem Zimmermädchen. Diese Beiden haben im dunklen Corridore gestanden, um sich ein Wenig beim Kopfe zu nehmen, da ist Nanon gekommen und hat diesen Schneeberg in seinem Zimmer aufgesucht.« »Alle Wetter! Den Kerl vergifte ich! War es denn auch wirklich Nanon und nicht die Andere?« »Es handelt sich um ein Liebesverhältniß. Da versteht es sich ja ganz von selbst, daß Nanon seine Geliebte sein muß, nicht aber Madelon, die er gar nicht kennen kann.« »Gut, gut! Ich komme übermorgen nach Thionville. Ich werde mich einmal nach diesem Herrn erkundigen. Was weißt Du weiter?« »Die beiden Mädchen sind am anderen Morgen mit dem Lohnkutscher nach Malineau gefahren; der Kerl ist ihnen zu Fuße gefolgt. Er hat die ganze Gegend auskundschaftet.« »Woher weißt Du das?« »Man hat ihn überall gesehen. Auch in der Dorfschänke ist er gewesen und hat mit dem Kutscher gesprochen.« »So geht mir ein Licht auf. Er hat mich auf irgend eine Weise belauscht« »Jedenfalls. Des Abends spät ist er mit den Mädchen nach Etain zurückgekehrt und sofort aufgebrochen.« »Wohin?« »Nach Metz zurück.« »Woher weiß man das?« »Sie haben ja das Metzer Geschirr benutzt. Der Urian ist natürlich auch mit. Vorher aber hat es noch ein komisches Intermezzo gegeben. Nämlich, es hat da ein kleiner, dicker Kerl da logirt, ein Maler – –« »Ah! Weißt Du den Namen?« »Schneffka, Maler aus Polen, hat im Buche gestanden.« »Donnerwetter! Das ist ja mein Maler!« »Der Deinige? Was soll das heißen?« »Er wohnt bei mir und bessert meine Gemälde aus.« »So wird Dich das Ding doppelt interessiren. Nämlich, eben, als die beiden Schwestern in den Wagen steigen wollen, kommt dieser Mensch zur Treppe herab, barfuß und im Hemde, nur eine rothe Tischdecke um sich geschlungen und einen riesigen Künstlerhut auf dem Kopfe.« »Verrückt! Was hat er gewollt?« »Er hat mit den beiden Schwestern gesprochen und ist dann wieder in sein Zimmer gegangen.« »Was hat er mit ihnen zu sprechen gehabt?« »Das konnte ich nicht erfahren, denn Niemand hat so nahe gestanden, daß es zu hören gewesen wäre. Verdächtig ist aber doch, daß dieser Kerl die Mädchens kennt und nun bei Dir wohnt.« »Das ist wahr! Sollte er mit ihnen unter einer Decke stecken? Sollte er, der Dicke, Kleine, der Verbündete dieses langen, starken Flegels sein, dem wir es zu verdanken haben, daß uns die beiden Mädchen entgangen sind?« »Ich denke es. Ja, ich bin sogar überzeugt davon.« »Dann soll den Kerl der Teufel holen.« »Pah, der Teufel! Wir selbst werden es sein, die ihn holen!« »Allerdings. Denn in diesem Falle ist er ein gefährlicher Kerl, der noch ganz andere Absichten hat, als wir jetzt denken.« »Welche Absichten sollten das sein?« »Nun, wo wohnt der Kräutermann?« »In Thionville.« »Also in der Nähe von Ortry. Und wo wohnt diese Nanon?« »In Ortry.« »Gut! Und in Ortry haben wir nicht nur unsere Niederlagen, sondern dort laufen auch alle Fäden unserer geheimen Verbindungen zusammen. Hast Du denn noch nichts von der Vermuthung gehört, daß geheime Emissäre diese Gegend durchstreifen?« »Man spricht allerdings davon.« »Nun, dann möchte man fast denken, daß dieser Kräutersammler ein solcher deutscher Spion ist.« »Donnerwetter! Wenn das wäre.« »Dann läg auch die Vermuthung nahe, daß der kleine Maler zu ihm gehört.« »Höre, Du kannst Recht haben! Man muß diesem Kerl sehr scharf auf die Finger sehen.« »Das werde ich bereits morgen thun. Ist er ein Spion, so gehört er nicht zur gewöhnlichen Volksklasse.« »Nein, sondern er ist entweder ein Officier oder ein Diplomat.« »Dieser Schluß ist sehr richtig. Nur scheint er mir das Zeug zu einem Diplomaten nicht zu haben.« »Zu einem Officier freilich noch weniger. Wer nackt und nur mit einem Tischtuche umwickelt mit Damen spricht, der handelt ganz und gar nicht als Kavalier.« »Allerdings. Kurz und gut, der Kerl ist mir ein Räthsel und dieses Räthsel werde ich lösen. Er wird mir gleich morgen Rede stehen müssen.« »Das mußt Du aber schlau anfangen.« »Keine Angst! Ich werde mich natürlich hüten, mit der Thür in das Haus zu fallen.« »Und morgen müssen wir Gewißheit haben.« »Warum bereits morgen?« »Narr, weil wir übermorgen nicht mehr hier sind.« »Ah richtig! Wegen des Pulvertransportes!« »Es würde da gut sein, wenn wir dem alten Capitän gleich etwas Positives melden könnten. Irre ich mich nicht, so, haben wir das Pulver dieses Mal im Steinbruche abzuliefern?« »Ja. Es ist das der sicherste Ort.« »Können wir mit dem Wagen hin?« »Ja. Es geht von der Stadt ein Fahrweg hin. Dieser ist zwar alt und seit langer Zeit nicht mehr benutzt, bietet aber Dem, der ihn kennt, keine allzu großen Schwierigkeiten. Es ist der einzige Steinbruch der ganzen Umgegend.« »Wann müssen wir dort eintreffen?« »Punkt zwölf Uhr.« »Wie aber die Fässer in die Niederlage bringen?« »Dummkopf! Das ist die Sache des Capitäns. Ich vermuthe, daß es auch dort einen geheimen Gang giebt, welcher mit den unterirdischen Gewölben zusammenhängt.« »Warst Du bereits einmal drin?« »Nein. Aber nach dem, was man davon im Stillen sagt und erzählt, müssen bereits fürchterliche Vorräthe von Waffen und Munition vorhanden sein. Sollten die Deutschen wirklich mit uns anfangen, so sind sie verloren.« »Sie werden anfangen!« »Dann sind sie dumm genug!« »Sie werden dazu gezwungen. Der Kaiser ist der größte Diplomat der Gegenwart. Er will den Krieg und da er die Schuld desselben nicht auf sich laden wollen wird, so findet er ganz sicher eine Gelegenheit, die Deutschen zu veranlassen, den Krieg zu erklären.« »Das wäre ein famoser Kniff! Wir sind vorbereitet, sie aber jedenfalls nicht.« »Nun, wir werden einen Spaziergang nach Berlin machen und unterwegs viel, sehr viel finden, was mitzunehmen ist.« »Das ist die Hauptsache! Ich freue mich auf den Augenblick, an welchem uns der Alte die Ordre schickt. Denke Dir, Officier der Franctireurs!« »Ich ja auch! Und das Beste dabei ist, daß wir nicht mit in die Schlachtlinie gezogen werden. Wir bleiben hinter den Activen, um – um – um – –« »Nun, um?« »Um die Verbindung mit Frankreich zu unterhalten.« »Ja, und um auf Ordnung zu sehen.« »Hahahaha! Ordnung! Man schweift rechts und links ab und sucht, was zu finden ist! Also nimm zunächst gleich morgen den Maler gehörig vor und sorge, wenn er Dir wirklich verdächtig vorkommt, dafür, daß er uns nicht entwischen kann.« »Habe keine Sorge! Wen ich einmal anfasse, der entgeht mir nicht. Verdächtig hat er sich bereits dadurch gemacht, daß er mit dem Beschließer verkehrt.« »Hältst Du den wirklich für einen Deutschenfreund?« »Das ist er auf alle Fälle. Weil er ein Nachkomme Melacs ist, hält er es für seine Pflicht, das zu bereuen, was sein Ahne großes gethan hat. Aber komm; wir müssen ausruhen, da wir morgen bereits mit der Dämmerung aufzuladen haben, um dann übermorgen zur angegebenen Zeit in dem Steinbruche bei Ortry einzutreffen.« Sie gingen. Erst als ihre Schritte verklungen waren, trat der Dicke hinter seinem Versteck hervor. »Donnerwetter!« brummte er. »Das war eine wichtige Unterredung! Da hätte mein Freund Tannert, der Telegraphist und Husarenwachtmeister mit dabei sein sollen! Ich und ein deutscher Spion! Hahaha!« Er setzte sich auf die Bank und dachte über das Gehörte nach. »Na,« fuhr er fort, »eine Art von Spion bin ich allerdings, da ich ja gekommen bin, diesen Berteu auszuhorchen; aber ein wirklicher – so was man Eclaireur nennt, das bin ich nun freilich nicht. Ich stehe mich leider mit unserem Moltke nicht so familiär, daß er wissen könnte, was für ein gescheidter Kerl ich bin! Also aushorchen will er mich, ob ich Officier und Diplomat bin! Schön! Horche nur zu, Bursche! Nach einer Weile lachte er leise vor sich hin und sagte für sich: »Vielleicht drehen wir den Spieß um, und ich horche Euch aus, anstatt Ihr mich! Pulver und Waffen in unterirdischen Gewölben in oder bei Ortry! Sapperment! Das ist ja so gefährlich wie Pudding, wenn er mit Dynamit gefüllt ist. Franctireurs, also Freischaaren sollen gebildet werden? Von dem alten Capitain? Wart, Ihr Kerls, Euch werde ich belauschen! Und was ich erfahre, das sage ich meinem Freunde Martin Tannert, der – – ah, sagte er denn nicht, daß auch in Ortry bereits Einer ist, nämlich der Rittmeister von Königsau? Und dann der Wachtmeister Fritz Schneeberg? Sollte das der Kräutermann sein, von dem diese Beiden gesprochen haben? Sehr wahrscheinlich! An ihn oder Königsau kann ich mich doch auch wenden, wenn Gefahr im Verzuge ist! Wart, Ihr Burschen, der Hieronymus Aurelius Schneffke wird Euch einen dicken Strich durch Eure Rechnung machen! Uebermorgen bin ich in Thionville und Ortry und suche den Steinbruch auf! Pulverlieferung! Unterirdische Gewölbe! Geheime Gänge! Vorrath an Waffen und Munition! Hinter diese Schliche und Geheimnisse muß ich kommen! Man wird dafür sorgen, daß Euch Euer Spaziergang nach Berlin nicht allzu gut bekommen soll! Er wanderte langsam seiner Wohnung, dem Verwaltershause zu. Die Thür war bereits verschlossen, und er sah sich also gezwungen, zu klopfen. Charles Berteu öffnete ihm. Er machte ein sehr erstauntes Gesicht, als er ihn erblickte. »Sie?« fragte er. »Ja, ich,« antwortete der Maler. »So spät!« »Ich finde es nicht sehr spät.« »Nicht? Nun, dann haben wir wohl auch noch Zeit, ein Glas Wein zu trinken?« Schneffke sah ein, daß der Wein nur als Vorwand diente. Die eigentliche Absicht des Franzosen war natürlich, ihn bereits jetzt in das Verhör zu nehmen. »Ein Glas Wein?« sagte er gleichmüthig. »Den verschmähe ich zu keiner Zeit. Da können Sie mich sogar mitten in der Nacht vom Schlafe aufwecken!« »So kommen Sie!« »Aber gut muß er sein! Fusel trinkt kein Künstler so kurz vor dem Schlafengehen!« »Haben Sie bei mir bereits etwas Schlechtes getrunken?« »Nein.« »Also! Folgen Sie mir!« Er führte ihn in sein Zimmer und ging dann, Wein zu holen. Er kam nach kurzer Zeit zurück und schenkte ein. »So, nehmen Sie, Monsieur!« sagte er. »Auf das Wohl unseres schönen Frankreich!« Dabei bohrte er seinen Blick in das Gesicht des Deutschen. »Frankreich soll leben!« antwortete derselbe, indem er mit ihm anstieß. »Und auf das Wohl und den Ruhm unseres großen Kaisers!« »Hoch Napoleon!« »Trinken Sie doch aus!« »Hab schon! Sehen Sie her! Wenn es sich um den Ruhm Frankreichs und seines Kaisers handelt, da lasse ich keinen Tropfen im Glase.« Der Franzose goß die Gläser wieder voll und sagte: »Wie ich sehe, sympathisiren Sie mit Frankreich?« »O, sehr!« »Warum?« »Na, weil mir das Land gefällt, das Land, das Volk und auch der Kaiser!« »In Wirklichkeit?« »Natürlich!« »Aber Sie müssen doch Gründe dieses Wohlgefallens haben!« »Pah! Warum gefällt Ihnen ein Hund?« »Welcher Vergleich, Monsieur!« »Oder eine Blume?« »Hm!« »Oder ein Mädchen?« »Das ist Geschmackssache!« »Nun gut, Ihr Kaiser ist auch nach meinem Geschmacke!« »Warum?« »Donnerwetter! Warum ist das Mädchen nach Ihrem Geschmacke?« »Wir drehen uns im Kreise herum!« »Und das ist eine Dummheit! Bleiben Sie also ruhig sitzen! Uebrigens wissen Sie wohl, daß Polen stets mit Frankreich sympathisirt. Wäre es nach dem Willen des großen Napoleon gegangen, so wäre Polen frei!« »Allerdings! Also, Sie sind ein Pole?« »Natürlich!« »Wohl ein Deutschpole?« »Welche Frage! Giebt es wohl französische Kirgisen, oder giebt es Deutschkalmucken? Pole ist Pole! Verstanden?« »Sie sprechen sehr kräftig!« »Ja, wenn man mir Polen anrührt, so kann ich sehr leicht in Affect gerathen.« »Und doch sehen Sie gar nicht aus wie ein Pole!« »Warum?« »Ihr Bäuchlein, Monsieur – – –!« »Mein Gott! Welch eine Vorstellung haben Sie denn eigentlich von uns. Glauben Sie, wir Polen seien Hungerleider?« »Das gerade nicht.« »Zaunslatten oder Hopfenstangen?« »Auch das nicht. Aber ich stelle mir jeden Polen schlank und wohl proportionirt vor.« »Da sollte doch der Teufel drein schlagen, Monsieur!« sagte Schneffke zornig. »Bin ich etwa nicht wohl proportionirt?« »Nun, eigentlich doch nicht so ganz!« »Also schlecht proportionirt?« »Das nun freilich nicht gerade!« »Aber, was meinen Sie denn eigentlich mit Ihrem proportionirt?« Die Verhältnisse des Körpers.« Da stand Schneffke vom Stuhle auf, stellte sich breitspurig vor den Franzosen hin und sagte: »Die Körperverhältnisse! Also gut! Sehen Sie mich doch gefälligst einmal an! Na, sehen Sie mich überhaupt?« »Ja.« »Gut! Einen Körper habe ich also, da Sie mich sehen. Nun kommt es darauf an, welche Verhältnisse dieser Körper hat!« »Verhältnisse hat er auf alle Fälle.« »Ob aber gute oder schlechte! Fangen wir beim Bauche an, da der am meisten in die Augen springt. Können etwa Sie so etwas Ausgebildetes, ich möchte beinahe sagen Vollendetes, aufzeigen?« »Nein!« lachte der Franzose. »Sie sind mehr als wohlbeleibt; Sie sind dick!« »Schön! Die Beine. Sind diese etwa dünn?« »Nein.« »Die Arme?« »Auch dick.« »Der Hals?« »Dick.« »Die Wangen?« »Dick.« »Und nun gar die Taille?« »Außerordentlich dick.« »Also wie ist Alles an mir, Monsieur?« »Dick, dick und abermals dick.« »Und das nennen Sie nicht wohl proportionirt?« »Ah! Meinen Sie es so?« »Natürlich! Habe ich etwa einen aufgequollenen Leib und dazu fadenschwache Beine?« »Nein.« »Oder einen krummen Rücken und gerade Lenden?« »Nein.« »Oder kleine Augen und eine große Nase?« »Auch nicht.« »Nun wohl! Sie sehen also, daß kein Mensch besser proportionirt sein kann als ich. Ich will mich zwar nicht geradezu einen Adonis nennen, denn unter die Götter gehöre ich nicht, aber das Menschenmögliche in Beziehung auf Schönheit und Wohlgestalt, das leiste ich. Verstanden? Glauben Sie nun endlich, daß ich ein Pole bin?« »Ja. Aber Ihre Sprache – –! »Sprache? Was denn? Natürlich habe ich mit Ihnen französisch gesprochen. Wollte ich polnisch anfangen, so glaube ich, würde es Ihnen hinter der Stirn mehr oder weniger polnisch werden.« »Das ist's nicht, was ich meine. Ich wollte nur sagen, daß Sie kein polnisches Französisch sprechen.« »Davor soll mich auch der liebe Gott behüten.« »Polen pflegen eine andere Aussprache zu haben!« »So? Haben Sie bereits einmal Polen französisch sprechen hören?« »Ja.« »Wo denn?« »In Paris!« »Das ist auch eine schöne Sorte von Polen gewesen, Monsieur! Sie sind ja gar nicht im Stande, einen Polen zu verstehen, wenn er französisch spricht. Das weiß ich besser, als Sie!« Diese drastische Zurechtweisung verfehlte ihre Wirkung nicht. Die Wahrheit war, daß Berteu noch gar keinen Polen gesehen, viel weniger aber gesprochen hatte. Er antwortete: »Sie mögen Recht haben! Aber, Monsieur, da fällt mir ein, Sie sind Maler?« »Welche Frage! Natürlich bin ich Maler! »Blos Maler?« »Freilich!« »Weiter nichts?« »Ist das etwa nicht genug? Wollen Sie mich beleidigen?« »So meine ich es nicht. Ich wollte nur fragen ob Sie nicht noch einen anderen Beruf haben.« »Natürlich habe ich den.« »Ah! Jetzt kommt es! Welchen Beruf haben Sie noch?« »Nicht einen, sondern vier.« »Gar vier! Welche?« »Ich bin erstens Mensch, zweitens Christ, drittens Bürger und viertens steht zu erwarten, daß ich auch einmal noch Familienvater sein werde.« Der Franzose fühlte sich sehr enttäuscht. Er hatte erwartet, das zu hören, was er hören wollte. Er bemerkte gar nicht, daß der Maler mit ihm spielte. » Mille tonnerres! « fluchte er. »Das nenne ich doch keine eigentliche Berufsarten!« »Und doch sind sie es.« »Nun, sagen wir also Erwerbsarten.« »Das ist etwas Anderes!« »Also, haben Sie außer Ihrer Kunst noch einen anderen, zweiten Erwerb?« »Nein.« »Und doch dachte ich – –« »Warum?« »Es kommt oft vor, daß man nur zum Vergnügen malt.« »Das ist bei mir nicht der Fall.« »Sie malen also zum Erwerb und nehmen doch von mir kein Honorar!« »Weil ich die Franzosen liebe, und Sie sind ein Franzose.« »Sehr verbunden, Monsieur! Aber gerade weil Sie sich nicht bezahlen ließen, glaubte ich, daß Sie wohl eigentlich auf eine andere Erwerbsthätigkeit angewiesen seien.« »Ich male, um zu leben und ich lebe, um zu malen! Welchen Beruf sollte ich denn außerdem noch haben?« »Hm! Vielleicht Jurist.« »Pah! Die Gesetze sind mir zu trocken. Meine Oelfarben kleben viel besser.« »Oder Geistlicher!« »Dazu bin ich zu sündhaft.« »Oder Arzt.« »Ich bin gesund.« »Oder – oder Diplomat!« »Unsinn! Wäre ich Diplomat, so setzte ich mich nicht zu Ihnen, um mich wie ein Schulknabe ausfragen zu lassen.« »Oder Officier!« »Off – Off – – hahahaha – Officier! Sind Sie verrückt! Wäre ich Officier, so hätte ich Sie bereits zehnmal auf Pistolen gefordert, da Ihre Fragen eine ganze Reihe von Beleidigungen enthalten. Das sehen Sie doch ein.« »Ich beleidige Sie doch nicht!« »Nicht? Ist es etwa keine Beleidigung, wenn Sie nicht glauben, daß ich das bin, wofür ich mich ausgebe?« »Sie nehmen es zu scharf. Ich bitte Sie um Verzeihung! Eigentlich hatte ich freilich einen Grund, Sie mit einem Anfluge von Mißtrauen zu betrachten.« »Warum?« »Ist Ihnen der Name Nanon bekannt?« »Ja.« »Und Madelon?« »Ja.« »Auch Charbonnier?« »Ja.« »Nun sehen Sie. Sie kennen diese beiden Damen?« »Damen? Zwei Damen? Habe keine Ahnung.« »Und doch sagten Sie es soeben!« »Ich? Ist mir ganz und gar nicht eingefallen.« »Mein Herr! Sie sagten, daß Ihnen diese drei Namen bekannt seien.« »Das sind sie allerdings. Es sind drei französische Namen, die ich kenne, weil ich sie oft gehört habe. Es giebt Personen, welche Nanon, Madelon und Charbonnier heißen.« Monsieur, es scheint beinahe, als ob Sie sich über mich lustig machen wollten.« »Pah! Ich bin ein sehr ernsthafter Mensch! Sie haben mich gefragt, ob ich die Nanon, nicht aber ob ich die Personen kenne.« »Also zwei Damen dieses Namens sind Ihnen nicht bekannt?« »Nein.« »Und dennoch haben Sie mit ihnen gesprochen.« »Das ist sehr leicht möglich. Man kann mit Personen sprechen, ohne sie zu kennen oder zu wissen, wie sie heißen.« »Aber Ihre Unterhaltung hat in einer Weise stattgefunden, welche eine nähere Bekanntschaft vermuthen läßt.« »Wieso?« »Spricht man mit unbekannten Damen nackt?« »Nein, nicht einmal mit bekannten.« »Und doch haben Sie das gethan!« »Ich? Donnerwetter! Nackt? Daß ich nicht wüßte.« »Wenigstens barfuß!« »Kaum möglich!« »Mit einer rothen Tischdecke um den Leib gewunden.« »Ah, mir geht ein Licht auf!« »Und Ihren Kalabreserhut auf dem Kopfe.« »Ja, ja, ich besinne mich!« »Nun, was hatten Sie mit diesen Damen?« »Fragen Sie doch lieber, was diese Damen mit mir hatten!« »Was denn?« »Monsieur!« Der Dicke sagte dieses Wort sehr laut und in strengem Tone. »Was wollen Sie?« fragte Berteu. »Ich möchte wissen, was Sie wollen. Seit einer halben Stunde fragen Sie mich aus, als ob ich Ihnen über jede Kleinigkeit Rechenschaft schuldig sei.« »Ich habe Veranlassung dazu!« »Wieso?« »Diese Damen sind meine Schwestern.« »Ach so! Ich finde aber keine Familienähnlichkeit.« »Das thut nichts zur Sache. Die beiden Mädchen haben sich unter sehr eigenthümlichen, ja geradezu gravirenden Umständen von hier entfernt.« »Haben sie gestohlen?« »Nein. Sie sind ohne meine Erlaubniß gegangen.« »Das geht mich nichts an.« »Aber Sie haben mit ihnen gesprochen!« »Auch das geht mich nichts an!« »Es ist ein Herr bei ihnen gewesen, der sie entführt hat, eine lange, starke, breitschulterige Persönlichkeit. Auch mit diesem Menschen haben Sie gesprochen.« »Geht mich wieder nichts an!« »Monsieur, es scheint, daß Alles, was mich interessirt, Sie nichts angeht.« »Allerdings! Und ich wünsche, daß Sie es umgekehrt ebenso auch mit Allem halten, wofür ich mich interessire.« »Soll das eine Grobheit sein?« »Nein. Sie sind grob!« »Ich wünsche nur zu wissen, was ich wissen muß. Sie haben mit meinen entflohenen Schwestern gesprochen und sind dann zu mir gekommen. Das ist auffällig.« »Noch auffälliger würde es sein, wenn ich erst zu Ihnen gekommen und dann mit ihren Schwestern entflohen wäre. Ich habe gar nicht die Absicht gehabt, bei Ihnen zu wohnen. Sie selbst haben mich zu sich eingeladen.« »Dann haben Sie als mein Gast jedenfalls die Verpflichtung, aufrichtig gegen mich zu sein.« »Das will ich auch; aber examiniren lasse ich mich nicht wie einen Verbrecher, welcher vor seinem Richter steht.« »Gut! Ich mag zu hastig verfahren sein. Verzeihen Sie. Also, Sie kennen meine Schwestern nicht?« »Nein.« »Wie aber kommt es dann, daß Sie sich mit ihnen in dieser auffälligen Weise unterhalten haben?« »Ich hatte sie verkannt.« »Ah!« »Ich erwarte in Etain meine Braut, welche mir nachkommen wollte. Ich lag bereits im Bette; ich hörte einen Wagen, ich blickte durch das Fenster. Beim unbestimmten Scheine der Laterne verwechselte ich die eine Dame mit meiner Braut, welche einige Aehnlichkeit mit ihr haben mag. Ich raffte in Eile um mich, was ich fand, und eilte hinab. Da bemerkte ich nun allerdings, daß ich mich getäuscht hatte.« »Ach so! Wer ist Ihre Braut?« »Auch eine Polin, welche aus Paris kommen will.« »Hm! Er glaubte dem Sprecher doch noch nicht; er fixirte ihn scharf vom Kopfe bis zu den Füßen und fragte dann: »Und den Menschen, welcher bei meinen Schwestern war, haben Sie auch nicht gekannt?« »Ich habe ihn noch nie gesehen.« »Gut, ich bin gezwungen, es zu glauben!« »Glauben Sie es oder nicht; das ist mir egal! Uebrigens hätte ich wohl mehr Veranlassung, Ihnen zu mißtrauen als Sie mir!« »Wieso?« »Sie heißen Berteu.« »Ja.« »Sie nannten die Damen Nanon und Madelon Charbonnier?« »Ja.« »So verschiedene Namen! Und dennoch wollen Sie der Bruder der Beiden sein?« »Wir sind Pflegegeschwister.« »Müßte das der Fall sein! Geht mich aber auch nichts an. Sie sehen aber wohl ein, daß ich mich durch Ihre ebenso auffälligen wie zudringlichen Fragen keineswegs erbaut fühlen kann. Ich bin Künstler, aber kein Vagabond; ich werde also morgen früh Ihr Haus verlassen, da es heute doch zu spät dazu ist! Das lag nun allerdings nicht in Berteu's Absicht. Er wollte seine Gemälde vollendet haben und den Maler auch noch weiter bewachen. Darum sagte er: »Ich habe Sie ja bereits um Verzeihung gebeten. Sie sehen ein, daß der Bruder erregt sein muß, wenn seine Schwestern, ohne sich seiner Zustimmung zu versichern, mit einem fremden Menschen das väterliche Haus verlassen.« »Hm, ja! Mich könnte das sehr in die Wolle bringen. Ich würde es nicht dulden.« »Was würden Sie thun?« »Ich würde diesem fremden Menschen nachreisen, um ihm die Schwestern abzujagen.« »Das beabsichtige ich allerdings, hatte aber bisher keine Zeit dazu. Morgen aber werde ich die Verfolgung antreten. Darf ich hoffen, Sie bei meiner Rückkehr hier noch anwesend zu finden?« »Eigentlich nicht!« »Also Sie wollen wirklich nicht verzeihen? Hier, Monsieur, stoßen wir an! Schließen wir Frieden!« Er hielt dem Maler das Glas entgegen. Dieser that, als werde es ihm nicht leicht, so schnell sein Bedenken zu überwinden, stieß aber doch mit ihm an. »Na, da mag es also sein. Bleiben wir einig!« sagte er. »Und Sie warten meine Rückkehr ab?« »Ja, wenn auch nicht hier, so doch in Etain, wo ich, wie ich bereits sagte, mit meiner Braut zusammentreffe.« Sie saßen noch einige Zeit beisammen, sich von gleichgiltigen Dingen unterhaltend; dann trennten sie sich. Als der Maler gegangen war, sagte Berteu zu sich: »Er thut so unschuldig. Soll ich ihm trauen? Er sieht ganz und gar nicht pfiffig aus, aber dennoch kommt er mir vor wie Einer, der es faustdick hinter den Ohren sitzen hat. Ich werde doch scharfe Augen auf ihn haben müssen! Und als Schneffke in seinem Zimmer angekommen war, brummte er vor sich hin: »Ein wunderbar schlechter Kerl, und dabei zehnmal dümmer, als er aussieht! Der, und mich ausfragen! Da müssen doch ganz Andere kommen! Uebermorgen um Mitternacht bin ich in dem Steinbruche bei Ortry!« Als er am anderen Morgen aufgestanden war und sein Frühstück erhielt, hörte er, daß Berteu bereits ausgegangen sei. Er machte sich zunächst mit den alten Bildern des Verwalters zu schaffen und begab sich sodann hinüber in das Schloß zur Familie Melac. Er wunderte sich, als er bemerkte, daß man sämmtliche Fenster geöffnet und die Gardinen zurückgeschlagen habe. Als er eintrat, empfing ihn der alte Schließer mit dem freudigen Ausrufe: »Monsieur, wenn Sie wüßten, was für eine gute Botschaft wir gestern Abend spät noch erhalten haben!« »Ich errathe es,« antwortete er. »Nun?« »Sie bekommen Besuch.« »Richtig! Aber wer kommt?« »Sie lüften das ganze Schloß, folglich kommt der Besitzer.« »Errathen, errathen. Fast gegen Mitternacht erhielten wir noch diese Depesche.« Er zeigte dem Maler die Depesche. Sie lautete: »Morgen kommen wir. Graf Latreau.« »Was sagen Sie dazu?« fragte er dann. »Daß Sie Ihre Herrschaft sehr lieb haben müssen. Das sehe ich an Ihrer Freude, welche Sie über die Ankunft derselben empfinden. Und ferner sage ich dazu, daß ich nun nur gleich wieder gehen kann.« »Gehen? Warum?« »Sie werden keine Zeit haben, sich mit einem so fremden Manne zu beschäftigen.« »O, wir haben die ganze Nacht gearbeitet. Mutter und Marie sind droben bei den Gardinen. Wollen Sie einmal mit?« »Gern, sehr gern.« Der Beschließer führte den Maler hinauf in die gräflichen Gemächer, wo Mutter und Tochter beschäftigt waren. Er wurde von Beiden herzlich willkommen geheißen. Er wußte gar nicht, wie es kam, aber bald stand er selbst auf der Gardinenleiter, und die alte, brave Beschließerin schlug immer die Hände zusammen und rief: »Vater, siehst Du es denn auch?« »Was denn? »Dieser Unterschied.« »Zwischen den alten Gardinen und neuwaschenen?« »O weh! So ein Mann! Ich meine, in welcher Art und Weise Monsieur seine Arrangements trifft. Das hat Chic und Schmiß. Man merkt es, daß er ein Künstler ist.« Der kleine, dicke Hieronymus bewegte sich in wahrhaft halsbrecherischer Weise auf seiner Leiter; heute kam es ihm kein einzig Mal in den Sinn, zu stolpern oder gar herab zu fallen. Gegen Mittag war die Arbeit gethan. Die Wohnung stand zum Empfange der Herrschaft bereit. Schneffke wurde zum Essen eingeladen und machte sich dann an das Pastellbild, an welchem er noch einige vollendende Striche vorzunehmen hatte. Vater und Mutter befanden sich in den herrschaftlichen Zimmern; nur Marie saß bei ihm, mit einer Häkelarbeit beschäftigt, wobei sie von Zeit zu Zeit einen bewundernden Blick auf das Portrait warf und auf den Maler, welcher keine Secunde und kein Wort für sie übrig zu haben schien. Endlich legte er den Pastellstift weg, trat vom Bilde zurück und betrachtete es. »Fertig?« fragte sie. »Ja,« nickte er. Da kam sie zu ihm, stellte sich an seine Seite und ließ ihre guten Augen auch auf dem Gemälde ruhen. »Es ist doch wunderbar, so Etwas fertig zu bringen,« sagte sie. »Wie macht man so ein Lächeln, so einen Blick, der sich doch eigentlich gar nicht beschreiben läßt?« Er sah ihr in die Augen und antwortete: »Wie bringen Sie das Lächeln fertig, welches jetzt, so eben um Ihre Lippen spielt?« Sie erröthete. »Und wie bringen Sie diesen tiefen, feuchten und doch so reinen Blick fertig, welcher jetzt aus Ihrem Auge fällt?« fuhr er fort. »Wissen Sie, daß Sie ein Auge haben, ein Auge, hm, ich finde den rechten Ausdruck nicht; aber wenn man Ihnen in dieses Auge blickt, so – so – so –« Er stockte. Sie sah ihn fragend an und darum fügte er hinzu, aber im vorsichtigsten Tone: »So möchte man – – hm! Darf ich es sagen?« Sie nickte nur. »Aber Sie werden mir bös werden.« »Nein; nie!« »Ah! Wirklich nie, Mademoiselle?« »Ich kann mir nicht denken, daß es etwas giebt, weshalb ich Ihnen zürnen könnte,« antwortete sie freundlich. »Aber das, was ich Ihnen sagen wollte, das ist doch etwas, worüber Sie zornig werden könnten.« »Versuchen Sie es einmal!« »Nun, ich wollte sagen: Wenn man Ihnen in diese guten, lieben Augen blickt, da möchte man Sie – – – küssen!« Er mußte das letztere Wort fast mit Gewalt herausstoßen. Ueber ihr Gesicht flog eine dunkle Gluth und es war, als ob sie sich von ihm abwenden wolle. »Sehen Sie, Mademoiselle,« sagte er, »daß Sie mir zürnen! Sie gehen fort!« Da wendete sie sich schnell wieder um. Ihr Gesicht war unbefangen und ein helles Lachen tönte von ihren Lippen. »Sind denn meine Augen gar so lieb und gut?« fragte sie. »Ganz und gar!« »Und so ein Kuß ist wohl etwas sehr Werthvolles?« »Ungeheuer,« nickte er. »Hm! Das habe ich bisher noch gar nicht gewußt.« »Herr von Mannheim! Wenn ich es Ihnen doch einmal beweisen könnte!« »Wozu? Ich müßte es bereits längst schon wissen.« Er fuhr doch ein Wenig zurück. »Bereits wissen? Wieso? Haben Sie einen Schatz?« »Nein.« »Aber gehabt?« »Auch nicht, wie ich Ihnen bereits gesagt habe.« »Aber wie können Sie da sagen, daß Sie es längst wissen müßten, daß ein Kuß so kostbar ist?« »Weil ich schon geküßt habe.« »Alle Wetter! Keinen Geliebten und doch geküßt?« »Ja.« »Aber wen denn, in aller Welt?« »Na, den Vater und die Mutter!« Er holte tief Athem, schlug die Hände zusammen und sagte: »Ich Esel! Das konnte ich mir doch gleich denken. Aber, Mademoiselle, das ist nichts; das ist ganz und gar nichts. Was man dem Vater oder der Mutter, dem Bruder oder der Schwester giebt, das ist niemals ein Kuß zu nennen.« »Nicht? Wie soll man es denn nennen?« »Hm! Es heißt auch ein Kuß; aber es ist keiner.« »Das begreife ich nicht.« »Wenn ich es Ihnen nur begreiflich machen könnte. Aber mit Worten geht das nicht.« »Auch nicht mit dem Pastellstifte?« »Nein.« »Oder dem Pinsel?« »Vollends gar nicht.« »So werde ich wohl darauf verzichten müssen.« »Das ist schade, jammerschade.« Er warf dabei einen so sehnsüchtigen Blick auf ihre vollen, rothen Lippen, daß sie sich dieses Mal wirklich von ihm abwendete. Sie setzte sich; er zog sich einen Stuhl in ihre Nähe und betrachtete sie, wie ihre kleinen, dicken Fingerchen so gewandt mit Häkelnadel umgingen. Es kamen ihm da allerlei Gedanken, welche aber alle auf nur Eins hinausliefen. Und da entfuhr es ihm ganz unwillkürlich: »Es müßte herrlich sein!« Sie hatte es doch gehört. Sie erhob das Köpfchen und fragte: »Was müßte herrlich sein?« Er erröthete wie ein Knabe, den man auf einer unrechten That ertappt hat. Es dauerte eine ganze Weile, ehe er antwortete: »Hm! Es entfuhr mir nur so.« »Aber an Etwas haben Sie doch dabei gedacht.« »Gewiß.« »Nun, was war denn das Herrliche?« »Na, Mademoiselle, ich dachte mir eine Stube –« »So, so,« lachte sie. »Ja, das wäre nun ganz und gar weiter nichts. Aber in dieser Stube stand ich – –« »Standen Sie,« wiederholte sie, als er abermals zögernd innehielt. »An der Staffelei. Ich malte.« »Was denn?« »Hm! So einen allerliebsten, quatschigen, kleinen Buben, der in der Wiege lag.« »Mit dem Zulp im Munde?« fragte sie lachend. »Nein,« antwortete er. »Einen Zulp würde ich als Vater niemals erlauben.« »Ach so! Sie waren der Vater des kleinen, quatschigen Buben?« »Ja.« »Malten Sie weiter nichts?« »O doch, nämlich die Mutter.« »Auch ohne Zulp?« Er machte eine Bewegung der Ungeduld und sagte: »Machen Sie mich nicht irre, Mademoiselle. Das Bild war so schön und wenn Sie mir einen Witz darüber werfen, dann male ich es gar nicht zu Ende.« »Gut. Malen Sie weiter.« »Also die Mutter. Sie saß auf dem Stuhle und – – und – – rathen Sie, was sie machte?« »Sie strickte?« »Nein, sie häkelte, gerade so wie Sie.« »Das ist interessant.« »Soll ich sie Ihnen beschreiben?« »Ja. Ich möchte die Dame doch zu gern kennen lernen, welche die Mutter eines Wesens ist, der Ihr kleiner, quatschiger Bube genannt wird.« »Sie ist blond.« »Ah! Blond?« »Gerade wie Sie. Nicht hoch und nicht schlank.« »Also kurz und beleibt?« »Ja, gerade wie Sie. Sie hat ein paar Wangen, gerade wie die Aepfel.« »Borsdorfer oder Reinetten?« »Ein paar Augen wie Himmel und Karfunkel.« »Ah, sie muß sehr schön sein.« »Nein. Eine Schönheit ist sie nicht, aber häßlich sieht sie auch nicht aus und gut ist sie, seelensgut. Und Lippen hat sie, Sapperment, Lippen. Die möchte man –« »Nun, was denn?« »Küssen natürlich.« »Sie haben heute, wie es scheint, eine wirkliche Passion gerade für das Küssen.« »Allerdings. Es ist das um so eigenthümlicher, als ich sonst gar nicht dafür eingenommen bin.« »Wirklich?« »Gewiß!« Sie erhob den Finger drohend und sagte: »Monsieur, Monsieur! Wer so eine Frau und so einen quatschigen Buben hat, der hat gewiß schon sehr viel geküßt!« »Ich habe sie Beide noch nicht.« »Nicht? Ich denke, Sie malen sie bereits?« »Ja, aus der Vogelschau oder vielmehr aus der Gedankenperspective. Ich muß sie Beide erst finden, die Frau und den Jungen. Und eigenthümlich. Dieser kleine dicke Bube sieht nicht nur mir allein ähnlich.« »Wem noch?« »Ihnen.« »Ah! Wunderbar! Wie käme das?« »Weil auch die Mutter Ihnen ähnlich sieht, und zwar ganz und gar wie aus den Augen geschnitten.« »Vielleicht ist sie verwandt mit mir.« »Nein, nein. Ich glaube vielmehr, Sie sind es selbst. Ja, an dieses Bild dachte ich und da entfuhr es mir: Es müßte herrlich sein. Denken Sie, daß ich da Unrecht habe?« »Ich gebe niemals Jemand Unrecht, bevor ich nicht überzeugt bin, daß er sich wirklich irrt.« »Nun, ich irre mich sicherlich nicht. Schade nur, daß es ein Bild bleiben muß und keine Wirklichkeit werden kann.« Ihre Züge hatten jetzt einen ungewöhnlich ernsten Ausdruck angenommen. Sie richtete das Auge träumerisch durch das Fenster. Er wartete, ohne weiter zu sprechen. Da wendete sie sich wieder ihm zu und fragte: »Ist es nicht zuweilen ein Glück, wenn uns ein Traum nicht in Erfüllung geht?« »Gewiß haben Sie Recht; aber die Erfüllung dieses Traumes könnte nie ein Unglück sein!« »Der Mensch darf nicht so bestimmt urtheilen.« »Pah! Wenn das Herz urtheilt, so glaube ich, was es sagt. Das gerade macht ja unser Glück aus, daß wir unserem Herzen Glauben schenken dürfen. Um so weher thut es, wenn man von einer Ueberzeugung lassen muß, nur deshalb, weil – weil – – weil – – –« »Weil?« fragte sie lächelnd. »Sapperment! Weil ich heute schon abreisen muß.« »Heute schon?« Ihre rothen Wangen waren Etwas bleicher geworden. »Ja, heute schon, Mademoiselle.« »Muß das denn sein?« »Leider. Es ist unaufschiebbar.« »Aber gestern sprachen Sie doch nicht in so bestimmter Weise von Ihrer Abreise!« »Es hat sich Etwas ereignet, was mich zur beschleunigten Abreise veranlaßt.« »O weh! Sollten vielleicht wir Ihnen – – –« »O nein, nein,« fiel er schnell ein. »Der Grund ist ein ganz anderer, Ihnen fremder.« »Und kommen Sie wohl wieder in diese Gegend?« »Wer weiß das. Bin ich einmal fort, so giebt es wohl keinen Grund, nach hier zurückzukehren.« »Ich glaubte, einen zu wissen.« »Welchen?« »Unsere Angelegenheit in Beziehung auf Nanon und Madelon von Bas-Montagne.« »Wer weiß, welche Wendung diese Angelegenheit nimmt. Meine Person gehört da auf alle Fälle in den Hintergrund. Möglich ist es zwar, daß ich sehr bald nach Frankreich zurückkehre, aber – als Ihr Feind.« »Niemals. Mein und unser Feind werden Sie nicht sein.« »Selbst im Falle eines Krieges nicht?« »Nein. Sie kennen ja unsere Gesinnung. Aber, glauben Sie denn an diesen Fall?« »Ja. Frankreich drängt und treibt zum Kriege.« »Wie thöricht. Mein Gott! Wenn ich an dieses Unglück denke. Die Kanonen brüllen; die Kugeln saußen; die Schwerdter klirren. Und mitten darin sind – –« Sie hielt erröthend inne. »Weiter! Weiter,« bat er schnell. »Und mitten darinnen Sie – – der doch nicht die mindeste Schuld daran trägt.« Sein Gesicht glänzte vor Glück und Freude. »An mich denken Sie dabei? An mich?« fragte er. »Ja. Ich habe sonst keinen Menschen, der durch den Krieg so direct bedroht würde.« »Wenn ich nun fiele? Wenn Sie eines Tages die Nachricht erhielten, daß man mich in ein Massengrab gelegt und – – –« »Bitte, schweigen Sie,« wehrte sie ab. »Das wäre doch gar, gar zu traurig.« Sie legte die Hand über die Augen, als ob sie etwas Schreckliches vor sich sähe. Er trat zu ihr, zog ihr die Hand weg und sagte: »Mademoiselle! Marie! Werden Sie mich vergessen, wenn ich heute abgereist bin?« »Nein,« antwortete sie leise. »Werden Sie vielmehr an mich denken?« »Ja.« »Und zwar oft, sehr oft?« Da glitt ein schnelles, schalkhaftes Lächeln über ihr Gesicht und sie fragte: »Soll ich denn?« »Ja, ja. Es ist mein höchster Wunsch, daß Sie recht viel an mich denken.« »Dann muß ich mich an diesen Ihren Wunsch recht oft erinnern.« »Thun Sie das, Mademoiselle.« Er legte leise und wie versuchend den Arm um ihre Taille. Sie wiederstrebte nicht, sondern erkundigte sich neckisch: »Aber was habe ich davon, Monsieur?« »Daß Sie an mich denken?« »Ja.« »Nun, ich erinnere mich dann ebenso oft und ebenso gern an Sie. Oder soll ich nicht?« »O doch! Wir wollen denken, daß unsere Gedanken zu einander fliegen und sich unterwegs treffen.« »Unsere Gedanken blos?« »Was noch?« »Nicht auch unsere Liebe?« Da legte sie die Hände zusammen und flüsterte: »Liebe! Liebe! Soll das wahr sein?« »Ja, ja, und tausendmal ja! Marie, willst Du mir glauben, daß ich Dich lieb habe?« »Sie, mich? Der Maler, der Künstler, das arme, einfache Mädchen?« »Ja, Marie! Ich habe Dich lieb, recht herzlich, herzlich lieb. Und Du? Willst Du mir eine Antwort geben?« Da blickte sie ihm ernsthaft in die Augen und antwortete: »Nein.« »Wie? Nicht? Du willst mir keine Antwort geben?« »Geben nicht; aber nimm sie Dir.« Sie hielt ihm die Lippen entgegen, nach denen er sich vorhin vergebens gesehnt hatte. »Donnerwetter!« rief er. »Das lasse ich mir gefallen! Das ist freilich die aller-, allerbeste Antwort, die es nur geben kann. Komm her!« Er zog sie an sich und küßte sie wohl volle fünf Minuten lang ohne Aufhören. Dann stieß er einen Jauchzer aus und rief: »Das sollte er wissen! Sapperment!« »Wer?« »Der Haller.« »Wer ist das?« »Ein College von mir, ein Maler. Er hat die berühmte Rutschparthie mitgemacht von wegen der Gouver –« Er hielt erschrocken inne. Er stand ja im Begriff, sein Liebesabenteuer zu verrathen. »Gouver – – – weiter!« bat sie. »Gouvernante wollte ich sagen.« »Eine Rutschparthie wegen einer Gouvernante? Wie war denn das?« »Hm! Das war eigentlich sehr einfach.« »Bitte, erzähle es doch.« »Nun, es war einmal eine Gouvernante – – –« »Ach so fängt die Geschichte an! Das ist ja recht ungewöhnlich.« »Sie endet aber desto gewöhnlicher.« »Das wäre Schade! Also weiter.« »Es war also einmal eine Gouvernante, und es war auch einmal ein Maler. Diesen Maler traf ich im Tharandter Wald.« »Wo ist das?« »Bei Dresden. Man geht dorthin wegen der Pilze und der Brunnenkresse, die man dort massenhaft findet.« »Die Maler gingen wegen der Brunnenkresse?« »Ja.« »Die Gouvernante natürlich auch?« »Errathen.« »Ah, jetzt kommt der Roman.« »Ja, jetzt kommt er. Der Maler nämlich wollte die Gouvernante küssen; sie aber litt es nicht.« »Der, welcher sie küssen wollte, das warst natürlich Du!« »Ist mir bei Gott nicht eingefallen!« betheuerte er. »Also doch der Andere?« »Ja, Haller wollte sie partout küssen.« »Sie litt es nicht?« »Nein. Sie wehrte sich vielmehr aus allen Kräften.« »Und Du sahst ruhig zu?« Fortsetzung 82 Schneffke beantwortete die Frage Marien's nicht sogleich sondern blickte ihr freundlich in's Auge. »Nun?« drängte sie, schelmisch lächelnd. Endlich antwortete er mit ernster Miene: »Gott bewahre. Ich weiß, was sich schickt und gehört. Man ist ja Künstler und Cavalier. Ich versuchte, sie in Güte aus einander zu bringen, vergebens; Haller hielt zu fest. Endlich zog und zerrte ich zu sehr. Das gab einen fürchterlichen Riß. Ich hatte die Gouvernante in den Händen; Haller aber flog und rutschte und kugelte den Berg hinab, zerriß sich die Hosen, stürzte in das Wasser, mußte halb ersaufen und ließ sich nicht wieder sehen.« »Das ist die Rutschparthie?« »Ja.« »Und Du? Du hattest nun die Gouvernante?« »Ja.« »War sie hübsch?« »Sehr!« »Weiter! Weiter!« »Sie bedankte sich bei mir. Sie sagte mir sogar, daß sie mir einen Kuß gegeben hätte, aber nur diesem Haller nicht. Sie bot mir sogar einen Kuß an.« »O weh!« »Ja, wirklich.« »Was thatest Du?« »Ich schüttelte den Kopf.« »Weiter nichts?« »Was soll ich sonst noch schütteln, außer dem Kopfe?« »Ich meine, ob Du sonst weiter nichts gethan hast?« »Nein. Ich war zunächst ganz perplex, so daß es mir unmöglich war, etwas zu sagen.« »Dann aber kam Dir doch die Sprache wieder?« »Ja, aber erst nach ungefähr fünf Minuten.« »Und was sagtest Du da zu ihr?« »Ich danke, Fräulein! Ich mag keinen Kuß, denn ich habe sehr gute Grundsätze!« »Solltest Du dies wirklich gesagt haben?« »Bitte, erkundige Dich bei ihr!« »Das muß sie aber doch außerordentlich geärgert haben!« »O nein. Sie verneigte sich und sagte: Mein Herr, das thut mir leid. Ich bin Gouvernante und Schriftstellerin. Ich schreibe gerade jetzt ein Buch über das Küssen – –« »Ist das möglich?« »Natürlich! Man kann über Alles ein Buch schreiben, also auch über das Küssen. Natürlich aber muß man Das, worüber man schreibt, aus dem Fundamente verstehen, also gut gelernt und geübt haben. Gerade eben darum sagte sie weiter: Ich habe mich natürlich im Küssen üben müssen. Ich habe geküßt Arme und Reiche, Große und Kleine, Dicke und Dünne, Hohe und Niedere, Künstler und Essenkehrer, Minister und Weichensteller; aber so ein küßlicher Mund, wie der Ihrige ist, ist mir doch noch nicht vorgekommen. Daher bat ich Sie um einen Kuß. Aber, was nicht ist, das ist nicht. Behüt Dich Gott, es wär' so schön gewesen; behüt Dich Gott, es hat nicht sollen sein!« »Ein sonderbares Frauenzimmer!« »O, Schriftstellerinnen und Gouvernanten sind alle höchst sonderbar; ist nun einmal eine Dame zufälligerweise alles Beides, so ist sie zehnfach sonderbar.« »Was that sie dann?« »Sie bat mich, sie aus dem Walde zu bringen.« »Und?« »Nun und? Ich mußte es thun. Draußen wurde sie von ihrer Herrschaft erwartet, einer Generalin. Es war eine ganze Gesellschaft dabei. Sie waren zu Pferde. Ich bekam auch ein Pferd, einen Schimmel aus Arabien, ein verteufelt wildes Thier.« »Gott, wenn Du gestürzt wärst!« »Ich? Stürzen? Keine Möglichkeit! Eher stürzt das Pferd als ich! Wir sind dann im Galopp heimgeritten. Als ich nach Dresden kam, sah ich mich nach der Gesellschaft um – – kein Mensch war bei mir. Ich war Allen vorangekommen und brachte das Pferd erst dann zum Stehen, als ich bereits wieder über Dresden hinaus war.« »Welch ein verwegener Mensch! Das wirst Du später mir zu Liebe unterbleiben lassen. Nicht?« »Dir zu Liebe? Ha! Ich bin ein leidenschaftlicher Reiter. Nichts geht mir über dieses Vergnügen. Aber Dir zu Liebe werde ich allerdings – – – ah, wer ist da?« Draußen ließ sich Wagenrollen und lautes Peitschenknallen hören. Eine herrschaftliche Equipage mit noch drei Kutschen und einem Küchenwagen kam angefahren. »Der Herr! Der gnädige Herr!« rief Marie. »Ich muß hinaus!« Im nächsten Augenblicke stand Hieronymus allein im Zimmer. »Das war aufgeschnitten!« brummte er wohlgefällig vor sich hin. »Sie wird meine Frau, und da ist es gut, wenn sie schon bei Zeiten gehörigen Respect bekommt!« Die Equipage hielt. Zwei Diener sprangen ab und öffneten. Ein alter Herr stieg aus. »Jedenfalls der General selbst,« sagte der Maler. »Ein prächtiger Greis! Schön, stolz, mild, prachtvoll militärische Haltung.« Nach ihm stieg seine Enkelin, Ella von Latreau, aus. »Himmelelement!« sagte der Maler drin am Fenster. »Ein Engel! Eine Houri aus Muhameds Himmel! Eine Kleopatra! Wer da noch?« Die jetzt ausstieg, war – Alice, die Schwester des Secretärs des Grafen von Rallion, die Geliebte des Telegraphisten Martin Tannert. Man wird sich erinnern, daß Ella von Latreau versprochen hatte, sie unter ihren Schutz zu nehmen. »Ein allerliebstes Kind!« sagte der Maler. »Hübsch, kräftig, doch mild und lieblich wie Brustkanaster, Mittelsorte.« Aus den andern Wagen stieg das Dienstpersonal. An dem Thore stand der Schließer mit Frau und Tochter, um den Herrn zu bewillkommnen, Sie küßten ihm und Ella die Hände und führten sie hinauf in den Salon. Die Herrschaft war geliebt und verdiente diese Liebe. Es dauerte einige Zeit, bis man so leidlich in Ordnung war. Dann zog Ella sich mit Alice in ihre Gemächer zurück und ließ dem Großpapa Zeit, an die Geschäfte zu denken. Hieronymus Aurelius Schneffke hatte mit seinem Scharfblicke erkannt, daß nicht alle Kutschen dem Grafen gehören würden. Er ging daher hinaus und machte sich an einen der Wagenführer. »Sind Sie im Dienste des Generals?« fragte er. »Nein, Monsieur.« »Woher sonst?« »Aus Metz.« »Ah, der Graf ist in Metz ausgestiegen, nämlich aus der Bahn, und hat Sie für den Weg nach hier gemiethet?« »Ja.« »Wann kehren Sie zurück?« »Noch heute, nachdem ich in Etain gefüttert und den Pferden einige Ruhe gegönnt habe.« »Wollen Sie mich mit nach Metz nehmen?« »Gern. Dann bitte ich aber, Ihre Angelegenheiten zu beschleunigen. In einer halben Stunde geht es fort.« Der Maler besprach noch den Lohn und eilte dann nach seiner Wohnung im Verwalterhause. Er hatte dort nur Kleinigkeiten, welche er zu sich stecken konnte. Er nahm sich gar nicht die Mühe, Abschied zu nehmen oder ein Wort über seine Absicht fallen zu lassen. Es war ihm sogar lieb, wenn Berteu heute noch nicht erfuhr, daß er fort sei. Dann kehrte er nach dem Schlosse zurück, wo er seine Mappe und den Feldstuhl gelassen hatte. Beides wurde in den Wagen gethan, und dann wollte er sich verabschieden. Aber von wem? Kein Mensch war in der Stube. Der Schließer befand sich beim Grafen, und seine Frau und Tochter waren bei dessen Enkelin. Er machte es wie stets: Er that ganz das, was ihm in den Sinn kam. Er stieg die Treppe empor. Droben stand ein Livreediener. »Wer sind Sie?« fragte dieser. »Künstler. Ich suche Monsieur Melac.« »Der ist nicht zu sprechen. Befindet sich bei Excellenz.« »Madame Melac?« »Beim gnädigen Fräulein.« »Mademoiselle Melac?« »Auch beim gnädigen Fräulein.« »Donnerwetter! Ich habe keine Zeit! Ich muß Abschied nehmen. Der Kutscher wartet nicht.« Der Diener musterte ihn und sagte dann lächelnd: »Monsieur, ist es wirklich so eilig?« »Sehr.« »Herr Melac kann nicht, Frau Melac wohl auch nicht. Genügt es Ihnen vielleicht, wenn ich Fräulein Melac Ihnen sende?« »Ja, ja; das genügt vollständig!« beeilte sich Hieronymus, zu antworten. »Wohin soll ich sie Ihnen senden?« »Hinunter in die Wohnung.« »Schön! Verlassen Sie sich darauf, daß es gleich besorgt wird!« Der Maler begab sich hinunter nach der Wohnung des Beschließers, und der Diener ging in das Vorzimmer des Fräuleins. Dort war eine Zofe beschäftigt, Servietten zu legen. »Wer ist bei der gnädigen Comtesse?« fragte er. »Madame und Mademoiselle Melac.« »Kann ich Madame einmal haben?« Die Zofe ging hinein und brachte Frau Melac heraus. »Madame, es war ein Herr hier, welcher Sie sehr nothwendig zu sprechen hat,« meldete der Diener. »Mich?« »Ja. Wenigstens glaube ich richtig verstanden zu haben.« »Wer war es?« »Er nannte sich einen Künstler.« »Ah, ein kleiner, wohl beleibter Herr?« »Ja, ja, das war er.« »Wo ist er?« »In Ihrer Wohnung.« Sie ging hinab, und der Diener entfernte sich, ein lustiges Lächeln auf seinen Lippen. Herr Hieronymus Aurelius Schneffke stand unten vor dem Spiegel und betrachtete sein dickes Conterfei, welches von der Glasscheibe in sprechender Aehnlichkeit zurückgeworfen wurde. »Ein übler Kerl bin ich nicht,« meinte er. »Wer mich umarmt, der oder die hat etwas in den Händen! Donnerwetter, ich passe doch ganz prächtig zu dieser famosen Marie. Die Länge, die Breite, die Tiefe, das Gewicht, der Umfang, der Kubikinhalt, Alles, Alles klappt aufs Beste. Darum ist ein Kuß von ihren Lippen so hübsch bequem. Man braucht nicht in die Höhe zu springen, so daß man sich die Waden dehnt, und man braucht auch nicht sich zu bücken, so daß man sich das Kreuz verstaucht. Jetzt kommt der Abschied! Der soll – – ah, ich höre sie! Das sind Frauenschritte! Sie kommt. Ich werde sie sofort umfangen!« Er stellte sich neben den Eingang. Die Thür ging auf. »Marie, meine liebe, süße – – himmelheiliges schock – – – Sakkerment – welch' ein Heidenpech! Er sprang zurück. Er hatte die Mutter der Erwarteten an sein sehnsüchtiges Herz gedrückt. Frau Melac war erstaunt, sogar mehr als erstaunt. »Monsieur!« rief sie. »Madame,« antwortete er, da ihm in diesem Augenblicke nichts Anderes einfiel. »Sie umarmen mich?« »Ja, leider!« stieß er hervor. »Leider! Das soll also heißen, daß ich nicht eigentlich zum Umarmen geeignet bin?« Er schwitzte bereits vor Angst. »Jetzt wohl nicht mehr!« antwortete er. Erst als diese Worte heraus waren, bemerkte er, was für eine Unhöflichkeit er begangen hatte. Sie sah seine Verlegenheit; sie hielt ihn für einen guten Menschen. Ein Lächeln trat auf ihre Lippen. »Jetzt also nicht mehr!« meinte sie. »Bin ich denn gar so abschreckend häßlich?« »Nein. Daß Sie so ein Monstrum sind, das habe ich doch nicht gemeint!« »Gut! Ihre Umarmung hat jedenfalls einer Andern gegolten?« »Ja.« »Diese Andere heißt Marie? Wenigstens glaube ich, diesen Namen gehört zu haben.« »Ich kann es nicht leugnen!« »Meinen Sie meine Tochter?« »Ja,« nickte er zustimmend. »So, so! Also diese wollten Sie umarmen?« »Das war allerdings mein Wunsch.« »Warum schickten Sie aber da zu mir?« »Zu Ihnen?« fragte er erstaunt. »Ja. Der Diener ließ mich rufen.« »Ah! Hätte ich den Kerl hier!« »Er wird Sie falsch verstanden haben.« »Unmöglich! Ich bin nicht stumm und er ist hoffentlich nicht taub. Ich habe sehr deutlich gesprochen. Ich glaube, der Kerl hat sich einen Spaß machen wollen!« »Wenn das der Fall ist, so ist ihm derselbe allerdings auch ganz prächtig gelungen.« »Aber mir nicht! Ich verbitte mir solche Bedientenscherze!« »Ich mir eigentlich auch. Da aber die Sache nun einmal nicht zu ändern ist, so wollen wir darüber hinweg zur Tagesordnung übergehen.« »Hm!« brummte er, indem er sie prüfend anblickte. »Was verstehen Sie unter Tagesordnung?« »Das, was nun jetzt an der Ordnung ist. Oder sollten Sie sich das nicht selbst sagen können?« Er hatte bereits nach seinem Hute gegriffen, um sich schleunigst zurückzuziehen, falls der Fall für ihn ein schlimmes Aussehen annehmen werde. Da aber Frau Melac sich ruhig niederließ und ein keineswegs unfreundliches Gesicht zeigte, so legte er den Calabreser wieder fort und sagte: »Es ist wahr, Madame; ich habe Sie zunächst herzlich um Verzeihung zu bitten.« »Ich verzeihe Ihnen,« antwortete sie lächelnd. »Es giebt nicht leicht eine ältere Dame, welche eine Umarmung unverzeihlich findet. Und übrigens haben Sie mir ja die freundliche Versicherung gegeben, daß ich wenigstens nicht geradezu ein Monstrum von Häßlichkeit bin.« »Nein, das sind Sie nicht; denn sonst hätten Sie auch nicht die mindeste Aehnlichkeit mit Mademoiselle Marie.« »Das ist's, worauf wir kommen müssen! Also Marie war es, welche Sie umarmen wollten?« »Ja.« »Aber wissen Sie, welche Personen man umarmt?« »Jedenfalls nur diejenigen, welche man lieb hat.« »Damit wollen Sie sagen –?« »Daß ich Marie lieb habe? Ja.« »Aber Monsieur, kennen Sie Marie schon längst?« »Nein.« »Erst seit gestern?« »Ja.« »Das ist aber doch ganz ungewöhnlich schnell gegangen?« »Ja, ich kam; ich sah, und ich siegte!« Frau Melac lachte belustigt auf und antwortete: »Oder vielmehr: Sie kamen; Sie sahen, und Marie siegte. Ist's nicht so?« »Auch so, ja. Wir haben einander gesehen und besiegt. Wir haben vor einander die Segel und die Flaggen gestrichen; wir werden uns Bord an Bord legen, um als einträchtige Doppelfregatte über das Meer des irdischen Lebens zu stampfen und zu dampfen.« »Sie verstehen es, sich außerordentlich poetisch auszudrücken, mein Lieber!« »Ja, man hat das Seinige gelernt,« lachte er. Sie stimmte in seine Lustigkeit ein, was ihm all seinen Muth wieder gab, und sagte dann: »Wie es scheint, haben Sie bereits mit Marie gesprochen?« »Ja, sehr sogar!« »Wann?« »Vorhin, vor der Ankunft des Grafen, der mir höchst ungelegen kam. Er konnte zehn Minuten später eintreffen.« »Hat Marie Ihnen ihr Wort gegeben?« »Nein, aber einen Kuß.« »Einen Kuß? Ah!« »Ja, so ungefähr.« Er umarmte sie, ehe sie ihn abwehren konnte und gab ihr einen herzhaften Kuß auf den Mund. »Sachte, sachte!« mahnte sie, ihn von sich schiebend. »Sie sind ja ein echter Alexander der Große im Erobern.« »Das ist angeborene Gottesgabe,« antwortete er lachend. »Und dennoch kann ich diese Schnelligkeit nicht begreifen, mit welcher Sie mit Marie Eins geworden sind.« »Ja, es kam auch über mich ein Wenig rasch. Aber während der Eine fünfzehn Jahre braucht, um nur zu erfahren, daß man lebt, um zu heirathen, hat der Andere bereits die sechste Frau zu Tode geärgert. Die Liebe kommt bei dem Einen wie eine Schnecke und bei dem Anderen wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Das geht Puff auf Puff und Knall auf Knall. Es leuchtet, ein Donnerschlag und man ist getroffen und erschlagen für die ganze Lebenszeit.« Frau Melac mußte herzlich lachen. Sie meinte: »Ich wiederhole, daß Sie Ihre Bilder vortrefflich zu wählen verstehen. An Ihnen ist ein zarter lyrischer Dichter verdorben. Nicht?« »Vielleicht drücke ich mich in späteren Jahren kräftiger aus. Jetzt ist man jung und zart besaidet. Wenn Einen später das Leben in die Schule nimmt, so wird man mürrisch, bekommt das Podagra und dichtet nur noch tragische Lebensscenen.« »So wünsche ich, daß Sie möglichst lange jung bleiben.« »Da gebe ich Ihnen ohne alle Abstimmung meine Zustimmung. Aber nun einmal ohne Scherz, Madame! Hier meine Hand. Sind Sie mir bös, daß mein Herz mich getrieben hat, zu Marie von Liebe zu sprechen?« »Ich kann Ihnen nicht zürnen. Kein Mensch kann die Stimme seines Herzens zum Schweigen bringen. Nur hat man die Pflicht, auch den Verstand sprechen zu lassen.« »O, das thue ich ja.« »Und glauben Sie, daß die Stimme der Vernunft in diesem Falle mit derjenigen des Herzens im Einklange stehen werde?« »Ich bin überzeugt davon.« »Aber wir wohnen in Frankreich, und Sie wohnen im Auslande. Wollen Sie uns das einzige Kind so weit fort entführen?« Er schüttelte den Kopf und antwortete: »Tragen Sie keine Sorge. Ich bin frei. Der Maler ist an keinen Ort gebunden. Ueberhaupt ist es mir auch noch gar nicht beigekommen, Ihnen oder Marien ein bindendes Wort abzufordern.« »Ah! Wie habe ich das zu verstehen?« »Ich habe Marien gesagt, daß ich sie liebe, und sie hat mir das Gleiche erwidert. Dann kam der Graf und jetzt muß ich fort. Wir haben also über unsere Zukunft noch kein Wort sprechen können.« »Ich glaubte, das sei in Ordnung gebracht?« »Nein. Ich allerdings werde mich für gebunden betrachten. Komme ich wieder und Marie ist noch frei, dann werde ich mir Mühe geben, Ihnen zu beweisen, daß ich Ihres Kindes nicht ganz unwerth bin. Sagen Sie dann Ja, so werden Sie mich glücklich machen.« »Das ist ehrenwerth, Monsieur. Meine Sympathie haben Sie. Weiß mein Mann davon?« »Nein.« »Soll er erfahren?« »Das überlasse ich am Besten Ihnen.« »Werden Sie noch vor Ihrer Abreise mit ihm sprechen?« »Ich muß fort und weiß nicht, ob er Zeit hat.« »Ich glaube allerdings kaum, daß er eine Minute für Sie erübrigen kann. Er ist beim gnädigen Herrn und kann nicht um Entlassung bitten.« »So muß es genügen, Sie von unserer Herzensangelegenheit unterrichtet zu haben. Werden Sie mir erlauben, Marien zuweilen eine Zeile zu senden?« »Gern, Monsieur. Hoffentlich sehen wir Sie bald wieder?« »Ich wünsche es. Schreiben muß ich Ihnen auf alle Fälle, da ich Sie ja über die Familie Bas-Montagne unterrichten muß. Jetzt darf ich Sie nicht länger zurückhalten. Bitte, nehmen Sie eine Hand des Dankes und des Abschiedes. Seien Sie überzeugt, daß ich ein ehrlicher Mann bin und daß Sie mir das Glück Ihres Kindes anvertrauen können.« »Ich glaube es. Leben Sie wohl, Monsieur.« Sie hatte sich erhoben und reichte ihm ihre Hand, die er an seine Lippen drückte. Er wollte gehen; sie aber sagte: »Warten Sie noch einen Augenblick. So viel kann der Fuhrmann schon noch ersparen.« Sie ging. »Sakkerment, jetzt wird sie mir den Alten auf den Hals schicken,« brummte Schneffke. »Na, mir auch recht! Es ist ganz in der Ordnung auch mit dem Vater zu sprechen, nachdem man mit der Tochter und der Mutter gesprochen hat.« Er mußte ein Weilchen warten; dann trat – Marie ein. Das war eine frohe Ueberraschung. »Marie!« rief er. »Mutter hat also bedeutend mehr Verstand als dieser Lakai, mit dem ich noch einige Worte im Vertrauen sprechen möchte.« »Zweifelst Du daran?« »Nein, nach Dem, was ich mit ihr gesprochen habe. Sie hat Dich geschickt?« »Ja.« »Haben es die Anderen gehört?« »Ja; aber sie wußten nicht, was ich hier soll. So schnell willst Du fort?« »Ja. Draußen warten bereits die Pferde.« »Aber Du wirst schreiben?« Da zog er sie an sich und fragte: »An wen, mein Engel? An den Vater?« »Doch wohl auch an mich.« »Ja, wenn ich gewiß wußte, daß Du meine Zeilen auch lesen wirst.« »Gern, herzlich gern. Ich werde täglich einen Brief erwarten.« »Kind, das ist zu viel verlangt! Sagen wir monatlich!« »Das ist zu wenig.« »Wöchentlich?« »Das mag eher gehen.« »Und Du antwortest mir auch?« »Ja, obgleich ich diese Art von Briefen noch nicht geschrieben habe.« »O, das lernt sich leicht. Uebrigens will ich Dir einen kleinen Fingerzeig geben: Du schickst mir allemal einen tüchtigen Kuß mit.« »Wie macht man das?« »Man macht mit der Feder einen Kreis auf das Papier, gerade so groß, daß man den Mund, wenn man ihn spitzt, hinein bringt. Dann schreibt man in diesen Kreis das Wort »ein Kuß,« und wenn es trocken geworden ist, setzt man den Kuß auch wirklich hinein.« »Bleibt er drin?« »Wenn das Couvert gut ist, ja.« »Und was wird dann später mit ihm?« »Ich nehme mir ihn weg.« »Womit? Mit den Fingern?« »Nein, sondern mit der Beißzange, Du kleiner, lieber Spaßvogel Du!« »Glaubst Du, daß meine Küsse aus einem so harten, festen Material bestehen?« »Das wollen wir sogleich einmal probiren.« Und sie probirten so lange, bis draußen der Fuhrmann durch ein lautes Peitschenknallen seine Ungeduld zu erkennen gab. »Hörst Du,« meinte der Maler. »Dieser Mensch ist ganz sicher höchst unglücklich verheirathet, sonst würde er uns diese paar Minuten gönnen. Also, lebe wohl, mein Leben.« »Lebe wohl und – bleibe mir treu.« Eine Minute später rollte der Wagen mit dem glücklichen Hieronymus von dannen. Charles Berteu hatte sich während des ganzen Tages nicht zu Hause sehen lassen. Erst am Spätnachmittage kehrte er zurück. Seine Mutter kam ihm ängstlich entgegen. »Wo bleibst Du so lange?« fragte sie. »Ich habe mit größter Ungeduld auf Dich gewartet.« »Warum?« antwortete er rasch. »Das weißt Du noch nicht?« »Was soll ich wissen? Ich hatte in der Pulvermühle zu thun. Da war ich bis jetzt.« »Ohne es mir zu sagen. Hätte ich es gewußt, so konnte ich zu Dir schicken, um Dich holen zu lassen.« »War es so nothwendig?« »Hast Du denn nicht gesehen, daß sämmtliche Vorhänge des Schlosses emporgezogen sind?« »Die Rouleaux? Das habe ich gesehen. Jedenfalls stäubt man die Zimmer aus.« »Nein. Der General ist angekommen.« Er stand starr. »Der General?« fragte er. »Allein?« »Nein, sondern mit dem Fräulein und sämmtlicher Dienerschaft.« »So bleibt er hier?« »Wie es scheint.« »Alle Teufel! Sein Kommen war, da der Vater gestorben ist, zu erwarten; aber so bald!« »Er hat nach Dir geschickt.« »Auch das noch.« »Du sollst die Bücher mitbringen und das Verzeichniß der Vorräthe. Er will abschließen.« »Himmeldonnerwetter! Da geht es dem Vater noch im Grabe schlecht.« »Er ist zu unvorsichtig gewesen. Er konnte und mußte es viel klüger anfangen. Jetzt geht es auch uns an den Kragen.« »Uns? Uns kann kein Mensch Etwas thun.« »Aber die Stelle.« »Die wäre ja auf alle Fälle verloren. Oder glaubst Du etwa, daß der General mich als Verwalter angestellt hätte?« »Nein. Aber jetzt sei nun aufrichtig! Haben wir Etwas vor uns gebracht?« »Nein. Es ist Alles verbraucht worden.« »Dummkopf!« »Wer? Ich?« »Nein, der Todte.« »Ach so! Na, fort müssen wir auf alle Fälle. Jetzt werde ich mich dieser Nanon versichern. Ich denke, daß uns dann geholfen ist.« »Die bekommst Du nicht!« »Pah! Es giebt ein Mittel. Ich kenne einen Mann, der sie mir in die Hand geben wird.« »Wer ist das?« »Das ist nichts für Dich! Jetzt will ich zum General!« Er begab sich, eine Menge Bücher tragend, nach dem Schlosse, von wo er erst nach längerer Zeit zurückkehrte. Sein Gesicht war finster. »Wie ist es gegangen?« fragte seine Mutter. »Schlecht.« »So hat er es bereits berechnet?« »Nein. Den Verlust wird er erst später finden. Aber er empfing mich bereits in einer Weise, aus welcher ich ersah, daß es auch ohne dieses Deficits für uns aus sein würde. Ich mache, daß ich fortkomme.« »Um Gotteswillen! Und mich lässest Du da?« »Nein. In einigen Tagen bin ich zurück, um Dich abzuholen.« »Wohin gehst Du?« »Nach Ortry.« »Ah, zum Capitän? Der muß sich unserer annehmen.« »Muß? Der ist unberechenbar!« »Er hat dem Vater viel zu verdanken!« »Glaubst Du, daß dieser Mann dankbar ist?« »Er ist es eigentlich gewesen, der den Vater auf Abwege gebracht hat. Er darf uns nicht fallen lassen.« »Moralisch zwingen läßt der Alte sich nicht. Aber ich habe Geheimnisse von ihm in der Hand, die er mir abkaufen muß. Er muß sie mir bezahlen, entweder baar oder mit – – Nanon; darauf kannst Du Dich verlassen!« Am Nachmittage des Eisenbahnunglückes saß Doctor Müller im Garten von Ortry auf einer Bank, in tiefes Sinnen versunken, aus welchem er erst erwachte, als er Schritte vernahm, welche sich von der Seite her näherten. Er blickte auf und erkannte Deep-hill, den Amerikaner. Er erhob sich höflich und verbeugte sich, um ihn vorüber zu lassen; dieser aber blieb stehen. »Wir sahen uns bereits heute?« fragte er, indem er den Hut zog. »Ja, Monsieur.« »Auf dem Unglücksplatze?« »Ja. Ich hatte die Ehre, die Aufopferung zu bewundern, mit welcher Sie für die Verunglückten thätig waren. Ich heiße Müller und bin Erzieher des jungen Barons.« »Meinen Namen kennen Sie?« »Ja, Monsieur.« »Erlauben Sie, für einige Augenblicke bei Ihnen Platz zu nehmen?« Nichts konnte dem Erzieher lieber sein. Er verbeugte sich und antwortete: »Sie haben zu befehlen!« »O nein,« lächelte der Andere. »Die continentale Anschauung, daß der Erzieher gesellschaftlich unter Demjenigen steht, der ihn engagirt hat, ist uns Amerikanern nicht geläufig.« »Amerika ist zu beneiden. Es ist ein Land, welches mit den schädlichsten und lächerlichsten Vorurtheilen aufgeräumt hat.« »Und ein Vorurtheil ist das betreffende. Ein Mann, dem ich die Erziehung, also das Glück und die Zukunft meiner Kinder anvertraue, entweder weil ich keine Zeit zu dieser Erziehung habe, oder weil mir die Fähigkeiten dazu mangeln, dieser Mann kann doch unmöglich unter mir stehen.« »Wollte Gott, auch Andere vermöchten sich zu dieser richtigen Anschauung zu erheben!« »Dieser Seufzer ließ mich vermuthen, daß Sie in Ihrer Stellung hier sich nicht ganz glücklich fühlen?« »Ich bin zufrieden,« antwortete Müller zurückhaltend. »Was nennen Sie zufrieden? Zufrieden ist gar nichts; Zufriedenheit ist ein Mittelding, weder warm noch kalt, weder jung noch alt, weder arm noch reich!« »Und doch trachten Millionen darnach, nur zufrieden sein zu können.« »Sie werden es niemals sein, weil sie es niemals sein können, weil die Ansprüche des Menschen mit seinen Erfolgen wachsen.« »Sie sprechen von Ehrgeizigen.« »O nein!« »Und von Ungenügsamen.« »Sie scheinen genügsam!« »Mein Lebensweg ist mir vorgeschrieben. Ich thue meine Pflicht und vertraue auf Gott.« Der Amerikaner blickte ihm forschend in das Auge. »Herr, ist das Ihr Ernst?« fragte er. »Warum nicht?« »So sind Sie – – ah, ja, Sie nannten sich Müller?« »So ist mein Name.« »So sind Sie ein Deutscher?« »Ja.« »Nur ein Deutscher kann so sprechen wie Sie. Nur ein Deutscher thut seine Pflicht und vertraut auf Gott. Was macht Gott aus Ihnen, wenn Sie sich nicht selbst rühren?« »Ihr rühre mich ja, wenn ich meine Pflicht thue!« »Sie rühren sich, aber Sie streben nicht. Sie sind Erzieher; Sie werden unter Umständen Erzieher bleiben, obgleich Sie vielleicht das Zeug haben, Professor zu werden.« Müller lächelte leise vor sich hin und antwortete: »Haben Sie keine Sorge um uns Deutsche. Wir streben auch.« »Wornach aber? Nach Idealen?« »Das Ideale macht oft glücklicher als das Materielle!« »Und doch – – ja, nehmen Sie mir es nicht übel – – ich hasse diese idealen Deutschen!« »Alle?« »Alle! Sie haben mich um mein Ideal gebracht. Wohin werden Sie gelangen? Wohin trachten Sie? Wissen Sie es? Können Sie es mir sagen?« »Von welchem Felde sprechen Sie?« »Zunächst von der Politik.« »Davon verstehe ich nichts.« »Das dachte ich mir. Diese Herren Erzieher sind überall zu Hause, nur in der Politik nicht, während jeder Angehörige einer andern Nationalität es sich angelegen sein läßt, in dieser Beziehung etwas zu leisten.« »Hm! Es ist auch darnach!« Die Augen des Amerikaners blitzten. »Herr, wollen Sie mich beleidigen?« fragte er. Es war ein eigenthümlicher, übermächtiger Blick, welchen der Erzieher ihm zuwarf. »Beleidigen?« fragte Müller. »Wie kommen Sie zu dieser eigenthümlichen Ansicht?« »Weil Sie mir widersprechen.« »Ist ein einfacher Widerspruch eine Beleidigung?« »Es klang so!« »Monsieur, Sie sind kein Amerikaner.« »Was sonst?« »Ein Franzose.« »Ah!« »Und zwar ein Südfranzose, wohl gar ein Korse.« »Wie kommen Sie zu dieser Vermuthung?« »In Folge Ihrer Gesichtszüge und Ihres hitzigen Temperamentes. Sie erklären es für eine Beleidigung, daß ich mir erlaube, eine andere Ansicht als die Ihrige zu hegen und hatten mich doch selbst bereits vorher auf das Empfindlichste, auf das Tiefste beleidigt.« »Donner! Wieso?« »Indem Sie mir, dem Deutschen, in das Gesicht sagten, daß Sie die Deutschen hassen, Alle, ohne Ausnahme.« »Man darf die Wahrheit sagen.« »Wenn sie nicht beleidigend ist, im anderen Falle verschweigt man sie und wäre es auch nur aus reiner Höflichkeit oder aus wohl angebrachter Vorsicht.« »Vorsicht? Meinen Sie, daß eine Offenheit wie die meinige Schaden bringen könnte?« »Gewiß!« »Wer will mir schaden?« »Jeder Mann, den Sie sich zum Feinde machen, kann Ihnen schaden. Ein einziger, kleiner Feind kann Ihnen mehr schaden, als alle Ihre bedeutenden und einflußreichen Freunde Ihnen Nutzen bringen können.« »Ah! Ist das nicht ein deutsches Spruchwort?« »Jawohl.« Um die Lippen des Amerikaners spielte ein eigenthümliches, stolzes, selbstbewußtes Lächeln. Er musterte Müller einige Augenblicke lang und sagte dann: »Gut! Ziehen wir einen Vergleich! Ich bin reich.« »Ich glaube es.« »Unabhängig.« »Höchst wahrscheinlich.« »Einflußreich.« »Ich gebe es zu.« »Und Sie?« »Hm! Ich bin das gerade Gegentheil: Arm, gebunden und ohne allen Einfluß.« »Ich glaube Ihnen, wie Sie mir geglaubt haben. Also, ich setze den Fall, daß ich Sie beleidige. Wie wollen Sie mir schaden?« Müller zuckte die Achsel. »Gar nicht, weil ich nicht rachsüchtig bin. Ich weiß meine Ehre zu vertheidigen, im Uebrigen aber bin ich Mensch und Christ.« »Dann sind Sie ein seltenes Exemplar des Genus Homo. Aber so war es ja gar nicht gemeint. Setzen wir vielmehr den Fall, daß Sie rachsüchtig wären. In welcher Weise wollten Sie mir schaden?« Da hoben sich Müllers Lider langsam empor; seine Augen ruhten eine ganze Weile still, fest und ernst in denen seines Nachbars; dann zuckte er kurz die Achsel und antwortete: »Ich würde mich dadurch rächen, daß ich mich ganz und gar nicht mit Ihnen beschäftige.« Diese Worte wurden in einem Tone gesprochen, aus welchem eine gewisse Bedeutung klang, welche der Amerikaner nicht zu überhören vermochte. Er fragte: »Ich verstehe Sie nicht. Wie meinen Sie das? Sie würden mich verachten?« »Nein.« »Nun denn, ich würde für Sie gar nicht existiren?« »So meine ich es.« »Und dadurch würden Sie mir schaden?« »Ja.« »Das ist mir ein Räthsel.« »Und doch ist es so deutlich und verständlich. Wenn ich Ihnen schade, indem ich Sie nicht beachte, bringe ich Ihnen – – –« »Jetzt verstehe ich,« fiel der Amerikaner rasch ein. »Sie meinen, daß es ein Vortheil für mich sein würde, daß Sie sich mit mir beschäftigen?« »Ja.« Man sah es Deep-hill an, daß er sich von dem Verhalten und den Worten Müllers frappirt fühlte. »Sprechen Sie noch im Beispiele, oder bewegen Sie sich bereits in der Wirklichkeit?« fragte er. »Dies zu beurtheilen muß ich Ihnen überlassen.« »Gut! Das ist genug! Sie haben Etwas. Sie haben ein Geheimniß. Sie können mir nützen, indem Sie es mir mittheilen und schaden, wenn Sie es verschweigen.« Müller zuckte die Achsel und antwortete: »Man merkt allerdings, daß Sie eine Art Diplomat sind. Diese Herren sehen hinter jedem Worte ein Geheimniß.« »Hier aber handelt es sich in Wahrheit um ein solches.« »Vielleicht sind Sie selbst dieses Geheimniß,« antwortete Müller. »Oder Sie?« Er fixirte den Erzieher abermals und fuhr dann fort: »Mir ist, als ob ich Sie bereits gesehen hätte.« »Ich war nie in Amerika.« »Da nicht.« »Auch nie in Südfrankreich.« »Ich meine nicht, daß ich Sie, Ihre wirkliche Person gesehen habe, sondern ich finde in Ihren Zügen Etwas, so etwas, wie nenne ich es nur? So etwas Bekanntes, Anheimelndes.« »Anheimelnd? Der Deutsche, den Sie hassen!« »Dennoch! Ich möchte allerdings in diesem Augenblicke sagen, daß ich doch nicht alle Deutschen hasse! Sie haben gewisse Züge, die mir entweder bereits lieb sind oder lieb werden könnten, ich weiß nur nicht – ah, da fällt es mir ein.« Er faßte Müller beim Arme und drehte ihn so, daß er sein Profil vor sich hatte. »Ja,« sagte er; »so ist es! Es ist kein Irrthum. Es sind dieselben Grundzüge, nur schärfer, ausgeprägter, mit einem Worte, männlicher! Waren Sie in England?« »Nein.« »Haben Sie Verwandte dort?« »Auch nicht.« Müller ahnte, was kommen werde. Er war zu scharfsinnig, um es nicht sofort zu vermuthen, behielt aber seine ganz und gar unbefangene Miene bei und fragte: »Es giebt wohl irgend eine zufällige Aehnlichkeit?« »Ja.« »Darf ich fragen, mit wem?« »Mit einer Dame.« »Ihrer Bekanntschaft?« »Eigentlich nicht, obgleich ich sie gesehen und gesprochen habe.« »Fast möchte ich neugierig werden.« »Auch Sie haben sie gesehen. Erinnern Sie sich Miß de Lissa's, jener Engländerin, welche heute die Verwundeten mit verband?« »Ja. Sie war meist in Gesellschaft unserer gnädigen Baronesse Marion?« »Ja, ich bin mit ihr von Trier aus gefahren und hatte das Glück, sie zu retten. Mit dieser Dame haben Sie eine Aehnlichkeit. Jetzt weiß ich es ganz genau.« »So ist es eben nur ein Zufall, wie so oft.« »Gewiß. Diese Dame hat einen eigenthümlichen, ich möchte sogar sagen, einen tiefen Eindruck auf mich gemacht, und jedenfalls trägt diese Aehnlichkeit die Schuld, daß ich in Ihnen nicht den Deutschen vor mir habe.« »So bin ich dieser Dame zum großen Dank verpflichtet.« »Das soll heißen, daß Sie auch gegen mich keine Idiosynkrasie empfinden?« »Ja, das wollte ich sagen.« »Gut, mein Lieber! Lassen Sie uns, wenn auch nicht Freunde, aber doch auch keine Feinde sein.« »Gern, gern. Und wunderbar! Was mich zu Ihnen zieht, scheint auch eine Aehnlichkeit zu sein.« »Ah! Das wäre allerdings ungewöhnlich.« »Es ist wirklich so. Ich kenne eine Dame – –« »Eine Dame?« fiel der Amerikaner lachend ein. »Bin auch ich einer Dame ähnlich?« »Ja.« »Für welche Sie Sympathie hegen?« »Gewiß.« »Das ist lustig, Monsieur Müller. Wer ist diese Dame?« »Die Gesellschafterin der Baronesse.« »Sie wohnt also hier auf Ortry?« »Ja, ist aber gegenwärtig verreist.« »So bin ich neugierig, sie zu sehen. Wann kehrt sie zurück?« »Vielleicht übermorgen. Sie ging, ihren Vater zu begraben.« »Wie heißt sie?« »Nanon Charbonnier.« »Nanon! Welch ein Name. Ich hatte einst – – ah, das gehört ja nicht hierher. Also ihr sehe ich ähnlich?« »Ja.« »Das ist ebenfalls Zufall.« »Ich bezweifle es nicht. Aber die Dame, welcher ich ähnlich sehe, muß ich mir doch einmal genauer betrachten. Kennen Sie ihren vollständigen Namen?« »Miß Harriet de Lissa aus London.« »Wo wohnt sie?« »Bei einem Doctor Bertrand in Thionville.« »Hm! Man müßte einmal Patient sein.« »Das ist nicht nöthig. Ich bin überzeugt, daß Sie diese Dame hier auf Ortry sehen werden.« »Wirklich?« »Ja. Baronesse Marion scheint Freundschaft mit ihr geschlossen zu haben und sprach davon, sie einzuladen. Es war das heute beim Nachtische, als Sie sich bereits von der Tafel entfernt hatten.« »Diese Einladung ist nicht so leicht. Sie hängt von dem Willen des Capitäns ab, welcher hier ein sehr strenges Regiment zu führen gewohnt ist.« »Pah! Gastfreundschaft wird doch gepflegt?« »Auf Ortry nicht. Der Capitän ist nicht gesellig.« »Das habe ich bemerkt. Ich bin an ihn adressirt; ich wurde nach Ortry eingeladen; der Capitän hat mich an der Bahn gesehen und mir die Weisung gegeben, auf das Schloß zu kommen, und dennoch habe ich ihn hier noch nicht gesehen.« »Daß er sein Zimmer noch nicht verlassen hat, weiß ich; aber ich dachte, er hätte Sie zu sich rufen lassen.« »Das ist nicht geschehen.« Müller nickte leise vor sich hin. »Diese Vernachlässigung scheint unbegreiflich; er ist aber ein vollständig unberechenbarer Character.« »Seine Zurückgezogenheit muß mir um so mehr auffallen, als er begründete Ursache hat, sich darüber zu freuen, daß nicht auch ich zu den Opfern der heutigen Katastrophe gehöre. Meine Rettung bringt ihm Gewinn.« Um Müllers Lippen flog ein fast unbemerkbares Zucken, doch ging er auf dieses Thema gar nicht ein, sondern sagte: »Wie ich hörte, haben Sie Ihre Rettung einem Bürger aus Thionville zu verdanken?« »Ich zweifle, daß er da Bürger ist. Ich saß mit ihm in einem Coupee. Er unterließ es, sich genau vorzustellen. Er sagte, daß er Pflanzensammler sei.« »Ah! Bei Doctor Bertrand?« »Ja, wo die Engländerin wohnt. Kennen Sie vielleicht diesen Kräutermann?« »Ich bin ihm im Walde begegnet.« »Er scheint mehr zu sein, als Das, wofür er sich ausgiebt.« »Hm! Möglich.« Der Amerikaner fixirte Müllern abermals. Er sagte: »Sie sprechen diese Worte mit einer so eigenthümlichen Betonung aus! Steckt vielleicht irgend ein verborgener Sinn hinter ihnen?« »Ja.« »Welcher?« »Das zu erklären, bitte ich, mir zu erlassen.« »Wetter noch einmal! Sie spielen den Geheimnißvollen?« »Gerade so wie Sie!« »Monsieur! Ich begreife Sie wieder nicht!« »Aber ich Sie. Sie werden diesen Pflanzensammler für seine That belohnen?« »Ganz gewiß werde ich das!« »Sie werden ihn also aufsuchen?« »Ja.« »Oder ihn nach Ortry kommen lassen?« »Jedenfalls. Ich muß doch unsern Retter dem Capitän vorstellen. Er hat ja auch die Schwester dieser Gesellschafterin gerettet.« »Und doch werden Sie das nicht thun.« »Nicht? Ihn nicht kommen lassen?« »Nein.« »Nicht aufsuchen?« »Nein.« »Und auch nicht belohnen?« »Auch nicht. Er würde nichts von Ihnen annehmen.« »Sie kennen ihn also genauer, als Sie vorhin ahnen ließen?« »Ja.« »Monsieur Müller, so habe ich mich in Ihnen getäuscht. Sie sind nicht wirklich ein Deutscher!« »Warum nicht?« »Weil Sie ein Freund dieses sogenannten Pflanzensammlers sind. Habe ich Recht?« »Ich bin allerdings sein Freund. Ich nenne ihn sogar Du, wenn wir uns unter vier Augen befinden.« »Nun gut, so sind Sie auch kein Deutscher. Der Capitän wird niemals einen Deutschen anstellen, und ein Deutscher wird, wenn er Ehre besitzt, nicht gegen sein Vaterland conspiriren.« »Ah, ich conspirire gegen Deutschland?« »Ja. Der Pflanzensammler ist ein Eingeweihter, und Sie als sein Freund können nicht weniger sein.« »Ja, er ist eingeweiht, und ich bin noch unterrichteter als er, sogar unterrichteter als der Capitän.« Der Amerikaner machte doch ein sehr verwundertes Gesicht. Das hatte er nicht erwartet. »Noch mehr als der Capitän?« fragte er. »Ja, sogar noch unterrichteter als Graf Rallion.« »Donnerwetter! Sie wissen Alles?« »Alles. Zunächst erwarte ich, daß Sie ein Ehrenmann sind!« »Zweifeln Sie etwa daran?« brauste der Andere auf. »Nein. Es liegt in Ihrem Interesse, daß Sie mir Vertrauen schenken. Ich habe eine Bitte, versichere Ihnen aber, daß ich nichts verlangen werde, was gegen Ihre Ehre oder auch nur gegen Ihren Vortheil sein würde.« »Was wünschen Sie?« »Ihr Ehrenwort, über Alles, was wir jetzt gesprochen haben und noch sprechen werden, zu schweigen.« Der Amerikaner blickte nachdenklich auf die Hand, welche Müller ihm entgegenstreckte, sagte dann aber doch: »Sie sind eingeweiht; Sie machen auf mich einen guten Eindruck, den Eindruck, daß ich Ihnen vertrauen kann; gut, hier meine Hand! Ich werde schweigen, so lange Sie es wünschen.« Sie schlugen ein. Dann sagte Müller: »Ich bin nicht Der, welcher ich scheine – –« »Das habe ich mir bald gesagt,« fiel Deep-hill ein. »Ich halte Fäden in der Hand, von denen Rallion und Richemonte keine Ahnung haben. Sie selbst, Monsieur, wissen noch weniger als diese Beiden.« »Das ist richtig. Ich hoffe aber, Genügendes zu erfahren.« »Das werden Sie. Sie sind gekommen, um Frankreich mit Geld zu unterstützen?« »Frankreich eigentlich nicht, sondern die Arrangeurs des Freischaarenwesens.« »Als solche sind Ihnen nur Rallion und Richemonte bekannt, wenn ich mich nicht irre?« »Allerdings.« »Man wußte, mit welchem Zuge Sie kamen?« »Ganz genau.« »Und daß Sie das Geld bei sich hatten?« »Auch das.« »Man wollte sich in den Besitz dieser Summen setzen, ohne sich Ihnen zu verpflichten – –« »Mich berauben? Meinen Sie?« »Ja.« »Und tödten?« »Ja.« »Durch die Entgleisung der Eisenbahn?« »Ja.« »Ich glaube es, denn das ist nunmehr nachgewiesen. Nur Eins ist mir da unbegreiflich!« »Sie werden es wohl bald begreifen.« »Ich meine nämlich, daß die Mörder diese Umstände so genau wissen konnten!« »Darüber bin ich mir sehr im Klaren.« »Aber Rallion und Richemonte waren ja ganz allein im Geheimnisse!« »Das eben beweist, wer die Mörder sind!« Der Amerikaner öffnete die Augen weit und blickte Müller erschrocken an. »Alle tausend Teufel!« sagte er. »Sie meinen doch nicht etwa gar, daß – –« »Nun was? Aber sprechen Sie leise!« »Daß Rallion – –?« fuhr der Amerikaner fort. Müller nickte blos. »Und der Capitän?« »Jawohl.« »Die Mörder gedungen haben?« »Gerade das und nichts Anderes meine ich!« »Das wäre ja fürchterlich!« »O, diese Beiden haben noch ganz Anderes vollbracht! Hören Sie, was ich Ihnen sagen werde! Der Capitän hat sich heute vor Ihnen noch nicht sehen lassen, um nicht gezwungen zu sein, mit Ihnen über den Fall zu sprechen.« »Er ließ sich mit Unwohlsein entschuldigen.« »Welches Zimmer bewohnen Sie?« »Da oben die drei Fenster.« Er deutete empor. Es war dieselbe Wohnung, in welcher der Fabrikdirector ermordet worden war. Müller nickte, er hatte bereits seine Beobachtungen gemacht. »Gut,« sagte er. »Denken Sie einmal, daß ich allwissend bin. Der Capitän hat heute ein Gift präparirt – –« »Donnerwetter! Doch nicht etwa für mich?« »Für Sie.« »Ich danke sehr!« »Keine Sorge! Sie sollen nicht sterben, wenigstens jetzt noch nicht, sondern nur fest schlafen.« »Wozu?« »Jedenfalls will er Ihre Brieftasche untersuchen, in welcher Weise Ihre Werthpapiere Werth auch für ihn haben.« »Ohne meine Unterschrift gar keinen!« »Weiß er das?« »Ich denke.« »Trotzdem wird er kommen. Ich habe ihn beobachtet. Er hat den Eintritt bei Ihnen ganz genau untersucht und dann sich von dem Gifte in eine Phiole gegossen; also handelt es sich um Sie.« »Ich schieße ihn nieder!« »Das werden Sie nicht thun, denn gegenwärtig befindet sich in dieser Phiole und auch in der Flasche, aus welcher sie gefüllt wurde, nur Wasser. Ich habe heimlich Zutritt bei ihm genommen und die Umtauschung bewerkstelligt. Nun steht zu erwarten, daß er Ihnen den Inhalt der Phiole heimlich beibringt.« »Den Teufel werde ich trinken!« »Nein, gerade Alles werden Sie trinken, was man Ihnen vorsetzt. Der Alte wird dann überzeugt sein, daß das Gift bei Ihnen wirkt, und in Ihr Zimmer kommen, um Ihre Brieftasche zu untersuchen.« »Woher wissen Sie das Alles?« »Ich weiß es nicht, sondern ich vermuthe es; ich combinire es mir. Es ist aber eben so gewiß, als ob ich es genau weiß.« »Ich bewundre Sie! Was aber soll ich thun? Was Sie mir da rathen, ist zu gefährlich.« »Nein. Ich garantire Ihnen mit meinem Ehrenworte, daß Sie keinen Schaden leiden werden!« »Ihr Ehrenwort? Hm! Ja! Ich kenne Sie nicht. Sie sind der Hauslehrer Müller. Kann man einem solchen Manne so mir nichts dir nichts das Leben und Vermögen anvertrauen?« Da kam dem Erzieher ein Gedanke. Er ließ ein überlegenes Lächeln sehen und sagte: »Gut, Sie sollen mich kennen lernen und Vertrauen zu mir haben. Ich mußte Ihnen die Wahrheit verschweigen, weil ich Ihrer noch nicht sicher war. Ich bin in England gewesen.« Der Amerikaner horchte auf. »Wirklich?« »Ja. Ich bin sogar ein Engländer.« »Alle Wetter! Und diese Aehnlichkeit – –!« »Ich heiße de Lissa.« »Welche Ueberraschung! Jene Dame ist Ihre Verwandte?« »Ja, meine Schwester. Jetzt bin ich aufrichtig mit Ihnen gewesen. Werden Sie sich mir nun anvertrauen?« Da streckte ihm der Amerikaner die Hand entgegen und sagte: »Hier meine Hand! Ich bin der Ihrige ganz und gar, so weit Sie nur über mich verfügen wollen!« »Gut! Sagen muß ich Ihnen, daß der Capitän Sie heimlich beobachten wird. Er vermag Ihr ganzes Zimmer zu überblicken.« »Wieso?« »Das kann ich Ihnen nicht beschreiben, werde es Ihnen aber baldigst zeigen. Was Sie nur immer in Ihrem Zimmer thun, das thun Sie ganz in der Voraussetzung, daß der Alte Sie beobachtet. Sie werden also genießen, was man Ihnen bietet?« »Ja, da Sie es wollen!« »Sie beschäftigen sich vor dem Schlafengehen mit Ihren Werthpapieren, damit der heimliche Beobachter sieht, wo Sie dieselben hinlegen.« »Sie sind schlau!« »Dann stellen Sie sich tief schlafend und bewegen sich auch nicht, so lange er sich in Ihrem Zimmer befindet. Das Licht verlöschen Sie natürlich, sobald Sie sich zur Ruhe legen.« »Aber wenn er mir an das Leben will?« »Das thut er nicht; bevor Sie die Papiere nicht mit Ihrer Unterschrift versehen haben, wird er Sie schonen. Uebrigens können Sie, wenn Sie das Licht verlöscht haben, wieder aufstehen, um sich eine Waffe, ein Messer mit in das Bett zu nehmen. Später komme ich, um mich zu überzeugen, ob meine Vermuthungen in Erfüllung gegangen sind.« »So soll ich meine Zimmerthür nicht verschließen?« »Verschließen Sie dieselbe fest; ich komme trotzdem zu Ihnen, ebenso wie der Alte.« »So giebt es einen geheimen Eingang in mein Zimmer?« »Ja.« »Nun, Monsieur, ich danke für so ein gastfreundliches Haus, in welchem man seines Lebens keinen Augenblick sicher sein kann!« »Ich wache über Sie. Jetzt sind wir fertig und können uns trennen. Adieu, Monsieur!« Er erhob sich von der Bank. Der Amerikaner that dasselbe, faßte ihn aber bei der Hand und hielt ihn zurück. »Halt, Mylord,« sagte er, »ich will – – –« »Pst!« fiel Müller ein. »Nicht dieses englische Wort, selbst nicht, wenn Sie denken, mit mir unter vier Augen zu sein. In diesem Hause hat Alles Ohren.« »Gut, Monsieur Müller. Noch Eins, ehe wir uns trennen. Ich bin reich – –« Müller nickte nur. Er ahnte, was nun kommen werde. »Und unabhängig, eigentlich auch von altem, gutem, makellosem Adel. Ich habe Ihre Schwester gesehen. Wollen Sie als Ehrenmann mir eine Frage beantworten?« »Gern.« »Ist das Herz dieser Dame noch frei?« »Ich glaube es. Ich bin überzeugt, daß sie mir, falls das Gegentheil stattfände, sofort ihr Vertrauen geschenkt hätte.« »Haben Sie oder hat Ihre Familie vielleicht irgend welche Berechnungen auf die Hand dieser Dame gegründet?« »Nein. Sie hat das Recht, ihr Herz wählen zu lassen.« »Würden Sie mir erlauben, mich ihr zu nähern?« »Ja, wenn Sie wirklich der Ehrenmann sind, für den ich Sie halte.« »Zweifeln Sie ja nicht daran! Sie haben recht gerathen. Ich bin Franzose; ich stamme aus dem schönen Süden Frankreichs. Traurige Verhältnisse, an denen ich nicht schuld war und welche nicht den geringsten Makel auf meine Ehre werfen, trieben mich in die Ferne. Ich kann an jedem Augenblicke meinen wahren Namen wieder tragen. Sollte es mir gelingen, das Herz dieser Dame zu erringen, so dürfen Sie versichert sein, in mir einen ehrenwerthen Freund und Verwandten zu finden!« Müller zeigte sich keineswegs begeistert; er antwortete kalt aber freundlich: »Versuchen Sie Ihr Heil! Vielleicht sind Sie glücklicher als Andre. Meine Schwester ist ein ernster Charakter. Sie ist nicht leicht zu erringen.« »Desto größeren Werth hat dann der Sieg. Und, Monsieur, ich darf doch erwarten, daß sie kein Wort von unserer Unterhaltung ahnen wird?« »Gewiß. Unser gegenseitiges Ehrenwort legt uns ja das tiefste Schweigen auf. Adieu! Auf Wiedersehen heute in der Nacht!« Er ging. Der Amerikaner blickte ihm nach und murmelte: »Wer hätte das gedacht! Dieser Mann ist ein ganzer Mann, ein Diplomat wie selten einer. Ich bin überzeugt, daß ich ihn auch jetzt noch nicht zum kleinsten Theile durchschaue. Eine wahre Hühnengestalt! Wie schade um diese häßliche Verkrümmung! Eigenthümlich, daß gerade Buckelige meist so einen scharfen Geist besitzen! Ich werde ihm vertrauen, seinetwegen und seiner Schwester wegen!« Fortsetzung 83 Der heutige Eisenbahnunfall hatte die Bevölkerung der ganzen Umgegend in Aufruhr gebracht und auch die Tagesordnung auf Schloß Ortry gestört. Es gab keinen Unterricht. Alexander hatte sich mit einem Reitknechte nach der Unglücksstelle begeben; so war Müller also frei. Er that, als ob er nach dem Park spaziere, bog aber bald seitwärts ein, um auf schmalen Feldwegen die Stadt zu erreichen. Dort angekommen, begab er sich zu Doctor Bertrand, welcher ihm entgegenkam. »Ah, Herr Doctor Müller!« sagte er. »Beabsichtigen Sie vielleicht eine Audienz bei Miß de Lissa nachzusuchen?« »Ja. Ist sie zu sprechen?« »Sie ist ganz allein in ihrem Zimmer. Soll ich Sie anmelden, oder – –« »Bitte, anmelden!« Der Arzt öffnete die Thür und sagte hinein: »Herr Doctor Müller aus Ortry. Ist es erlaubt?« »Ja. Herein!« Als Müller eintrat, hatte Emma sich von ihrem Sitze erhoben. Sie wartete, bis er die Thüre zugemacht hatte, dann eilte sie auf ihn zu und fiel ihm um den Hals. »Richard, lieber Richard!« sagte sie, ihn herzlich küssend. »Endlich! Da draußen an der Bahn durfte ich ja gar nicht merken lassen, daß ich Dich kenne!« »Meine liebe, gute Emma! Wer hätte gedacht, daß ich Dich hier sehen würde!« »Kannst Du mir verzeihen?« »Nun, einen ziemlichen Strich durch die Rechnung macht mir Dein Kommen!« »Schadet es sehr?« »Vielleicht nicht; aber wenn man Dich erkennt!« »Wer sollte mich erkennen?« »Der alte Capitän!« »O, der soll mich gar nicht sehr zu sehen bekommen!« »Und dann unsere große Aehnlichkeit!« »Aehnlichkeit? O weh! Bin ich Dir auch jetzt noch ähnlich? Ich danke! Dieses Haar!« »Falsche Perrücke!« »Der prachtvolle Bart fort!« »Er mußte weichen.« »Dieser Zigeunerteint!« »Abgekochte Wallnußschaale! Sogar hier an den Händen!« »Und dann dieser – dieser – schauderhaftes Wort! Dieser fürchterliche Buckel!« »Wurde für nothwendig gehalten!« »Aber ich schäme mich in Deine Seele hinein!« »Pah! Die Metamorphose wird nicht auf sich warten lassen!« »Hoffentlich! Also setze Dich und beichte! Wie steht es mit dem Kriege?« »Er ist vor der Thür.« »Und aber mit dem Siege?« »Den erhalten wir!« »Gott sei Dank! Nun will ich herzlich beten, daß Du nicht verwundet wirst! Der Maler ist bei Großpapa.« »Ah, doch!« »Großpapa wird ihn an der Nase führen. Schreibe nur gleich mehrere Berichte, die wir ihm in die Hände spielen.« »Das soll heute Nacht geschehen. Aber nun ausführlich! Wie kommst Du auf den Gedanken, mich zu überraschen?« »Aufrichtig gestanden, zunächst aus weiblicher Neugierde.« »Wegen Marion?« »Ja.« »Nun, wie gefällt sie Dir?« Da wurde Emma ganz begeistert. »Ein wunderbar schönes, ganz und gar eigenartig schönes Mädchen!« sagte sie. »Orientalisch, nicht?« »Ja, aber keineswegs jüdisch!« »O nein!« »Und dieser Geist, dieses Gemüth! Richard, ich bin in sie verliebt, ganz und gar verliebt, mehr als Du selbst!« »Das macht mich glücklich! Denkst Du, daß Großpapa ihr gut sein kann?« »Sofort, obgleich er ganz dagegen ist, daß Du eine Französin heimführst.« »Es scheint also, Du hast ihm mein Geheimniß verrathen?« »Es ging nicht anders!« »Plaudertasche! Und Du? Aufrichtig! Möchtest Du nicht auch so glücklich sein, wie ich?« »Wie gern! Aber ich bin nun einmal ein großes, dummes Kind; ich warte auf irgend einen Prinzen. Der, den ich liebe, darf kein gewöhnliches Menschenkind sein.« »Was sonst? Ein Engel? Ein Halbgott?« »Nein, nein; das nicht. Ich kann nicht das rechte Wort finden, es zu beschreiben. Ich habe eine ganze Fülle von Liebesbedürfniß in mir; ich befürchte, daß meine Zärtlichkeiten nicht meinen Mann erdrücken möchten. Daher passe ich wohl für Einen, der vorher viel gelitten hat.« »Ein armer Ritter!« »Aber nicht von der traurigen Gestalt! Schön muß er auf alle Fälle sein!« »Reich auch!« »Nein!« »Vornehm!« »Nein, aber edel und gut. Wenn ich so nachdenke, so meine ich, daß er dunkel sein müßte.« »O weh!« »Lockenköpfig! Südliches Profil!« »O noch weher!« »Wieso?« »Ich habe keine Sympathie für Südländer. Sie sind wie Strohfeuer. Ein nördlicher Jüngling mit semmelblondem Scheitel und Lieutenantspatent, das wäre mein Ideal, wenn ich eine junge Dame wäre.« »Dann könntest Du jeden guten Pommer heirathen. Die passen alle in diesen Rahmen. Hast Du heute den Amerikaner gesehen, welcher mit beim Zuge war?« »Wegen dem das Unglück überhaupt passirt ist?« »Ja.« »Natürlich sah ich ihn. Was ist mit ihm?« »Das war ein schöner Mann!« »Pah! Ein Sclavenbaron!« »Das glaube ich nicht.« »Nun, dann ein Oelprinz oder Baumwollengraf. Oder er pflanzt Mais und Tabak.« Sie wendete sich ab und meinte schmollend: »Weißt Du, daß ich ihm das Leben zu verdanken habe?« »Allerdings, Du wirst Dich bedanken müssen.« »Er ist auf Ortry?« »Ja.« »Wenn er wissen dürfte, daß Du mein Bruder bist, so – –« »Er weiß es bereits,« fiel Müller ein. Rasch drehte sie sich ihm wieder zu. »Wirklich? Ist das nicht außerordentlich gewagt? Es darf doch hier kein Mensch hören, daß wir Königsau heißen.« »Das weiß er auch nicht. Ich lebe incognito als Doctor Müller auf Ortry, heiße aber eigentlich de Lissa und bin ein Engländer.« »Ah! Wie bist Du auf diese Idee gekommen?« »Auf eigenthümliche Weise. Du hast gehört, daß er eine Menge Goldes mitgebracht hat?« »Ja.« »Auch zu welchem Zweck?« »Auch das.« »Nun, er sollte doch getödtet werden. »Ist das wirklich wahr!« »Ja. Ich und Fritz, wir haben gestern die Kerls belauscht. Die That ist nicht gelungen. Nun will ihm der alte Capitän an's Leben.« »Um Gottes willen! Kannst Du ihn nicht warnen, ihn retten?« fragte sie voller Angst. »Ich habe ihn bereits gewarnt und hoffe, in ihm einen Verbündeten zu gewinnen. Dann entgeht den Franzosen seine Hilfe. Natürlich aber hält er mich für einen Freund Frankreichs, wenn auch für einen Feind des Capitäns.« »Es wird ihm doch nichts geschehen?« »Nein. Ich wache über ihn!« »Thue das! Du weißt; ich schulde ihm mein Leben,« sagte sie, indem sie in sichtlicher Angst seine Hand erfaßte. »Wird er Deiner Warnung Gehör schenken?« »Gewiß. Er hat es mir versprochen. Es ist möglich, daß Du ihm begegnest. Sei dann vorsichtig. Laß' Dich nicht über die Verhältnisse der Familie de Lissa ausfragen. Wir könnten uns widersprechen.« »Ich glaube, Marion wird mich einladen.« »O weh!« »Hast Du wirklich solche Sorge vor dem alten Capitän?« »Der Mensch ist wirklich gefährlich scharfsinnig.« »Ich werde mich in Acht nehmen. Ich möchte ihn doch zu gern einmal sehen.« »Emma, Du spielst mit dem Feuer!« »Also soll ich absagen, wenn Marion mich bittet?« »Na, versuche es! Wir wollen es wagen! Aber nun die weiteren Gründe Deiner Reise?« »Schneeberg.« »Das hättet Ihr mir überlassen können.« »Du weißt Alles?« »Ja.« »Hältst Du ihn für einen der verlorenen Knaben?« »Der Löwenzahn ist echt.« »Das ist die Hauptsache.« »O nein. Dazu gehört der Beweis, daß der Zahn niemals in unrechte Hände gekommen ist. Dieser Beweis muß erst noch erbracht werden.« »Wer aber soll ihn führen?« »Ich!« »Du? In wiefern? Besitzest Du die Unterlagen?« »Noch nicht; ich werde sie aber besitzen. Ich muß nur erst den Aufenthalt dieses Bajazzo ausfindig machen.« »Das soll Dir schwer fallen!« »Leider! Dann aber habe ich, wenn ich mich nicht irre, noch eine weitere zweite Spur, über welche Du Dich nicht nur wundern, sondern geradezu erstaunen wirst.« »Du machst mich neugierig!« »Haller!« »Der Maler?« »Ja.« »Mein Gott, wieso? Er hat allerdings eine ganz ungemeine Aehnlichkeit mit Fritz Schneeberg!« »Das fiel mir auch sofort auf, als ich ihn hier in Ortry zum ersten Male erblickte. Er heißt eigentlich Bernard Lemarch und ist Chef d'Escadron, also Rittmeister. Sein Vater ist ein Graf Lemarch in Paris.« »So kann er doch kein Findelkind sein!« »Warum nicht? Bei solchen Aehnlichkeiten glaube ich an keinen Zufall; ich glaube vielmehr, daß diese Beiden Brüder sind. Ich habe auch bereits meine Maßregeln getroffen und an die Gesandtschaft nach Paris geschrieben. Ich werde bald erfahren, ob dieser alias Haller ein echter Sohn des Grafen Lemarch ist. Sollte dies nicht der Fall sein, so haben wir bereits sehr viel gewonnen.« »Möchten wir nicht Onkel Goldberg doch eine Mittheilung machen? Vielleicht wäre es besser.« »O nein. Regen wir ihn jetzt nicht auf. Wir müssen unbedingt schweigen, bis wir uns auf breiterer Fährte befinden. Und das soll hoffentlich der Fall sein.« Damit waren die Hauptsachen besprochen. Sie unterhielten sich noch einige Zeit von Anderem, gaben einander Auskunft, besprachen Verschiedenes, und dann entfernte sich Müller, um nach Ortry zurückzukehren. Er ging jetzt nicht den Feldweg, sondern die Straße. Da lag an derselben eine Schänke, deren Wirth zugleich das Recht der Ausspannung besaß. Kurz bevor er dieselbe erreichte, lag ein junger Mann jenseits des Straßengrabens im Grase. Er war beinahe elegant gekleidet und hatte zum Schutze gegen die schrägfallenden Strahlen der untergehenden Sonne den Hut auf das Gesicht gelegt. So war es unmöglich, das Letztere zu erkennen, während hingegen er unter dem Hute hervor Alles genau sehen konnte. Müller hatte nur einen kurzen Blick auf ihn geworfen und wollte vorüber; da aber machte der im Grase Liegende eine Bewegung, doch ohne den Hut ganz vom Gesichte hinweg zu nehmen. »Alle Teufel! Sehe ich recht?« rief er aus. Müller blieb stehen. Es befand sich kein Mensch in der Nähe, folglich mußten diese Worte ihm gelten. »Meinen Sie mich?« fragte er. Der Fremde hatte französisch gesprochen; jetzt antwortete er in deutscher Sprache: »Natürlich! Wen denn sonst!« Müller erschrak. Sollte er von irgend einem beliebigen Menschen erkannt worden sein? Fatal! Er behielt also die französische Sprache bei: »Wer sind Sie denn?« »Kennt mich der Mensch nicht!« »Nehmen Sie den Hut vom Gesichte weg!« »Komm her, und nimm ihn selber weg! Es ist nur der Ueberraschung wegen.« »Hole Sie der Teufel! Ich weiß nicht, was Sie wollen!« Er wollte weiter gehen, da aber rief der Andere, doch ohne den Hut noch zu entfernen: »Richard, alter Junge! Das wirst Du doch gerade mir nicht anthun! Komm her! Mach mir den Spaß, und nimm den verteufelten Hut weg, damit sich meine Seele an Deinem Gesichte weiden kann!« Er zögerte. Ein Bekannter mußte es sein; darüber gab es gar keinen Zweifel. Er sprang also über den Straßengraben, bückte sich über den noch immer in dem Grase Liegenden und schob den Hut zur Seite. Sein Erstaunen war allerdings ebenso groß wie freudig. »Hohenthal! Arthur! Wer hätte das vermuthet!« »Ich dachte auch nicht, Dich gleich hier zu treffen,« antwortete der angebliche Weinhändler, indem er endlich aufsprang. »Du hier im Grase! So unverhofft!« »Und Du hier hinter dem Buckel! Mensch, Kameel oder vielmehr, Dromedar, denn Du hast ja nur einen Höcker! Wie siehst Du aus!« »Sehr distinguirt! Nicht wahr?« »Ja. Dieses Haar, diese Farbe! Man könnte sich todtlachen, wenn man nicht da in der Nähe Franzosen wußte!« »Aber doch scheint meine Verkleidung höchst unzureichend zu sein.« »Warum?« »Weil Du mich sofort erkannt hast.« »Das bilde Dir nicht ein! Ich wußte, daß Du auf Schloß Ortry hausest; ich wollte Dich besuchen. Daher kam es, daß ich Dich erkannte, sonst aber nicht.« »Mich besuchen?« »Ja, natürlich.« »Du kommst aus Paris?« »Ueber Metz.« »Wo hast Du Station?« »An letzterem Orte.« »Welche Geschäfte?« »Sehr gute. Und Du?« »Auch nicht schlecht.« »Ich komme, um Dir einige Mittheilungen zu machen, welche für Dich von allergrößter Wichtigkeit sind. Hast Du Zeit?« »Für solche Angelegenheiten und für Deine Person natürlich stets, lieber Arthur.« »Gut! Aber wollen wir unsere Conferenz gleich hier abmachen? Giebt es keinen besseren Ort?« »Hm!« antwortete Müller, sich umblickend. »Wir müssen unbeobachtet sein!« »Wenigstens unbelauscht!« »Na, da an der Schänke ist eine Laube. Nicht?« »Ja, ein Glas Wein oder Bier käme mir recht. Ich bin durstig gelaufen.« »So komme! Sie schritten auf die Schänke zu. Da kam eine Equipage daher gerollt. Marion saß ganz allein in derselben. Müller blieb stehen und grüßte höflich. Hohenthal that infolge dessen dasselbe. »Himmelelement!« sagte er, als der Wagen vorüber war. »Das war eine Schönheit!« »Nicht wahr?« »Piekfein! Wer das haben könnte!« Er schnalzte mit der Zunge, wie ein Weinkenner, welcher einen guten Tropfen geschmeckt hat. »Du hast doch stets Appetit!« lachte Müller. »Du nicht auch? Nein, Du lebst nur für den Dienst des Königs, nicht aber für den viel süßeren der Frauen. Wer übrigens war diese Fee?« »Die Baronesse von Sainte-Marie.« »Auf Ortry etwa?« »Ja.« »Deine junge Herrin also?« »Nein, sondern die Schwester meines Zöglings.« »Sapperlot! Unverheirathet?« »Ja.« »Verlobt?« »Nein.« »Verliebt?« »Nein.« »Du, Kamerad, zeige mir einmal Deine Hand!« »Hier! Warum?« »Den Puls!« »Ach so! Brennt es?« Hohenthal fühlte mit ernster Miene den Puls und sagte dann in kläglichem Tone: »Aus Dir wird kein Mensch gescheidt. Ich wollte, ich hätte meinen Martin da; der versteht es besser.« »Allerdings ein gelungener Kerl!« Sie hatten jetzt die Laube erreicht und traten ein. Der Wirth fragte nach ihrem Wunsche, erfüllte denselben und entfernte sich dann. Hohenthal that einen tiefen Zug und fragte nachher in scherzhaftem Ernste: »Die war wirklich wunderbar schön. Aufrichtig, lieber Junge! Hast Du auch hier nicht angebissen?« Müller blickte ernst vor sich nieder und antwortete: »Aufrichtig? Ja.« »Halleluja! Endlich, endlich! Natürlich sofort?« »Sofort, als ich sie zum ersten Male sah. Und das war in Dresden.« »In Dresden? Nicht hier? Mensch, Richard, ich wittere einen Roman oder wenigstens eine Novelle! Erzähle!« »Unsinn! Hier! Wir haben andere Dinge zu sprechen. Und übrigens ist mir diese Sache zu ernst, zu heilig.« »Ja, Du hast die Gabe, Alles von der heiligsten Seite zu betrachten. Aber, Liebster, vertraue mir nur Eins!« »Was?« »Hat auch sie angebissen?« Müller zuckte die Achsel und antwortete: »Woran soll sie beißen? Etwa an diesen Buckel?« »Pah! Dein Gesicht ist nicht das eines vergebens nach Liebe jammernden. Sobald der Buckel fort ist, ist sie Dein. Nicht?« »Ich hoffe es. Ich sage das zu Deiner besonderen Beruhigung, sonst bist Du nicht von diesem Gegenstande fortzubringen!« »Das rechnest Du mir doch nicht etwa als Fehler an? Gründlichkeit ist stets eine Tugend, besonders aber in so hochwichtigen Dingen. Nun aber zur Sache! Zunächst muß ich Dir sagen, daß ich Monsieur Belmonte heiße und der Vertreter eines Weinhauses im Süden bin.« »Ah! Verkaufst Du viel?« »Massenhaft! Jetzt liefere ich nach Metz. Hoffentlich finde ich den Wein noch dort, wenn wir da einziehen, natürlich mit klingendem Spiele und fliegenden Fahnen.« »Brrr! Das kostet ein Geld! Natürlich giebst Du den Wein auf Credit?« »Freilich. Sechs Monate Ziel.« »Wer bezahlt ihn?« »Das schöne Frankreich.« »Also Du bist mit Deinen Erfolgen zufrieden?« »Ich kann es ganz gern sein. Ein großer Antheil davon fällt auf meinen Wachtmeister.« »Gerade so wie bei mir. Schneeberg ist ein braver Kerl.« »Martin nicht minder. Ohne ihn stände ich nicht in dieser Weise da.« »Aber, Arthur, was suchst Du in Ortry?« »Dich natürlich, Richard!« »Doch nicht blos Besuch?« »Wo denkst Du hin! Wie dürfte ich mir so einen Abstecher erlauben, wenn ich Dir nichts Wichtiges mitzutheilen hätte!« »Ah! Etwas Wichtiges? Da sollst Du mir hoch willkommen sein, lieber Kamerad. Lege Dich aus!« »Da auf Ortry wohnt ein alter Capitän?« »Ja.« »Der Richemonte heißt?« »Gerade so.« »Du, nimm den auf's Korn!« »Warum?« »Er läßt in Paris Franctireurs werben.« »Ah! Wirklich?« »Ja. Ich habe es mit eigenen Ohren gehört.« »Wer es glaubt!« »Und die Kerls mit eigenen Augen gesehen. Verstanden, ungläubiger Thomas! Ich bin eigens gekommen, um Dich auf die Spur dieses Kerls zu bringen.« »Danke sehr!« Hohenthal blickte ganz erstaunt auf Müller, den diese große Neuigkeit gar nicht zu tangiren schien. »Mensch!« sagte er. »Wie kommst Du mir vor? Ich würde für einen solchen Wink gut und gern tausend Thaler zahlen!« »Ich werfe kein Geld zum Fenster hinaus!« »Was? Du glaubst nicht, was ich Dir sage?« »Gerade weil ich es glaube, bezahle ich nicht!« »Dann begreife Dich Dieser und Jener, aber ich nicht!« »Ich glaube es, weil ich diesen alten Capitän bereits fest habe!« »Ach – so –! Das ist etwas Anderes! Du kennst also die Verhältnisse bereits?« »Vollständig. Ortry ist der Heerd der Freischärleragitation. Der Capitän ist ein wahrer Teufel. Er hat unterirdische Magazine angelegt, in denen colossale Vorräthe von Waffen und Munition liegen.« »Kennst Du diese Magazine?« »Ja.« »Glückskind! So komme ich also zu spät?« »Ja. Aber trotzdem bin ich Dir herzlich dankbar!« »Bitte, bitte! So kann ich also mit einer anderen Nachricht vorreiten!« »Ja. Noch eine?« »Und zwar eine nicht ganz unwichtige. Bei Euch in Ortry hielt sich nämlich ein Officier auf, in Beziehung dessen ich Dir rathen würde, ein scharfes Auge auf ihn zu haben.« »Wirklich? Das ist mir neu.« »Ah, treffe ich da Etwas, was Du also doch noch nicht kennst?« »Ich denke, Du wirst Dich wundern.« »Wohl nicht. Er müßte incognito da sein.« »Möglich. Ich erfuhr es beim General Latreau und dann an anderer Stelle.« »Wie heißt der Herr?« »Lemarch.« »Lemarch? Ah!« »Nicht wahr, der Name ist Dir unbekannt? Es ist der Sohn des Grafen Lemarch in Paris.« »Er ist nicht in Ortry.« »O doch. Gewiß.« »Nein.« »So müßte sich mein Gewährsmann sehr geirrt haben.« »Geirrt hat er sich allerdings nicht. Lemarch war in Ortry, ist aber jetzt fort.« »Fort? Du hast ihn gesehen?« »Ja.« »Beschreibe mir ihn. Er ist nämlich der Jugendverlobte einer Dame, für welche ich mich außerordentlich interessire.« »Hm! Auch angebissen?« »Für's ganze Leben.« »An eine Verlobte?« »Kann nichts dafür. Uebrigens hoffe ich, daß diese Verlobung sich nicht zur Verheirathung entwickeln wird. Also bitte, beschreibe mir diesen Lemarch. Ist er ein hübscher Kerl?« »Ja.« »Donnerwetter! Fällt er mehr in die Augen, als Unsereins?« »Freilich. Er ist länger und breiter als Du, wunderbar proportionirt, wie gesagt, ein hübscher Kerl.« »Hole ihn der Teufel! Wo steckt er jetzt?« »Bei Königsau's.« »Bei Königsaus? Wo denn?« »In Berlin.« »Das seid ja Ihr!« »Allerdings, mein Lieber.« »Mensch, erkläre Dich!« »Nun, Graf Rallion hat ihn nach Berlin geschickt, um über unsere kriegerischen Krankheiten nach Paris zu berichten. Er ist incognito dort, als ein Maler Haller aus Stuttgart.« »So spricht er deutsch?« »Sehr gut.« »Hast Du wohl selbst mit ihm gesprochen?« »Ja. Er hatte großes Vertrauen zu mir und fragte mich nach dem Ulanenrittmeister Richard von Königsau.« »Also nach Dir selbst?« »Ja.« »Das ist classisch.« »Mir kam es mehr modern vor. Rallion scheint nämlich zu wissen, daß man mir ein gewisses Vertrauen schenkt und daß man bei mir verschiedenes Secrete erfahren könnte, wenn ich plaudern wollte. Darum hat er diesen Lemarch direct an mich adressirt.« »Und im Falle Du nicht plauderst?« »Soll er sich an meine Schwester wenden.« »An Emma? Da kommt er ganz und gar an die Rechte.« »Dieser gute Maler aus Halle fragte in Folge dessen, ob meine Schwester hübsch sei.« »Alle Teufel! Er will ihr den Hof machen?« »Er denkt, sie werde aus Liebe plaudern.« »Wenn diese Herren Franzosen auf solche Luftziegel bauen, wird die Geschichte bald zusammenstürzen. Also Lemarch ist jetzt bei Euch?« »Zwar nicht als Gast; aber er geht als Hausfreund da ein und aus. Unterdessen schicke ich gewisse fingirte Gutachten, Pläne und andere Arbeiten hin, welche ihn Großpapa als wirkliche Secreta lesen läßt.« »O weh! Da wird Napoleon eine gute Meinung von uns bekommen.« »Das soll er auch. Er mag nur lachen. Später lachen wir!« »Und Emma? Thut sie schön mit dem Maler?« »Fällt ihr nicht ein! Sie ist sofort verreist, als er ankam und sich vorstellte.« »Das ist brav. Ein deutsches Mädchen ist viel zu gut, selbst zum Besten des Vaterlandes einem Franzosen gegenüber die Rolle der Gefallsüchtigen zu spielen! Also das war wieder nichts. Ich dachte, Dir wenigstens in Nummero Zwei etwas wirklich Neues zu bieten; nun aber hast Du es bereits besser ausgebeutet, als ich es bereits für möglich hielt. Ich habe zwar noch ein Drittes, werde es aber doch lieber für mich behalten.« »Heraus damit.« »Nein! Ich will mich mit meinen alten Neuigkeiten nicht länger blamiren.« »Vielleicht taugt es doch Etwas.« »Wohl schwerlich. Unsere Aufgabe berührt es übrigens ganz und gar nicht. Es handelt sich um eine Privatperson, für welche Du gar kein Interesse haben kannst.« »Warum nicht, wenn sie Dich interessirt?« »Nein. Ich traf den Kerl unter eigenen Verhältnissen; sein Aeußeres hat sich mir eingeprägt. Letzter Tage wurde ich an ihn erinnert, indem ich von einer That hörte, die er ganz sicher verübt hat; es soll hier in Thionville geschehen sein. Ich dachte nur eben daran.« »In Thionville? Was für eine That ist es?« »Ein Mord.« »Wer war der Kerl?« »Er wurde der Bajazzo genannt.« Da sprang Müller auf. »Mensch! Hohenthal! Arthur! Ist es möglich? Diesen Kerl suche ich.« »Willst Du eine Seiltänzergesellschaft etabliren?« »Keinen Scherz! Die Sache ist von allergrößter Wichtigkeit. Erinnerst Du Dich, daß Onkel Goldberg seine beiden Knaben abhanden gekommen sind?« »Natürlich! Alle Welt weiß das.« »Nun, dieser Bajazzo ist es, der sie geraubt hat.« »Donnerwetter! Wirklich?« »Ganz zweifellos!« »Herrgott! Das hätte ich wissen sollen.« »Du hast ihn gesehen?« »Sogar mit ihm verkehrt und mit ihm gesprochen und auch – Himmelschwerebrett – auch mit ihm getrunken!« »Wo denn?« »In Paris.« »Das kann ich mir denken. Aber an welchem Orte?« »Es nützt Dir nichts, den Ort zu hören, er ist von der Polizei zerstört worden. Es war in der Spitzbubenkneipe des Vaters Main. Ich ging als Incognitogauner hin, um meine Studien zu machen und zu horchen. Da verkehrte er.« »Und jetzt?« »Fort, weg.« »Wohin?« »Das weiß der Teufel! Herrgott, ich könnte mich beohrfeigen zehn Stunden lang! Das hätte ich wissen sollen. Was hat er denn hier in Thionville verbrochen?« Müller erzählte den Mord der Seiltänzerin möglichst gedrungen, aber doch ausführlich genug und daran schloß Hohenthal den Bericht seiner Erlebnisse in Paris. Er war noch im Erzählen, da kehrte Marion de Sainte-Marie aus der Stadt zurück. Neben ihr im Wagen saß – Emma von Königsau. Marion hatte nicht mit Bitten nachgelassen, bis die so schnell und herzlich lieb gewonnene Freundin eingewilligt hatte, den Abend mit auf dem Schlosse zuzubringen. Sie konnten im Vorüberfahren nicht in die grünumrankte Laube blicken, während die beiden Männer deutlich sahen, wer im Wagen saß. Hohenthal sprang auf. »Sieh, Richard, sieh!« rief er ernsthaft aus. »Was denn?« fragte Müller trocken. »Das war die Baronesse wieder.« »Nun ja! Du bist ja ganz und gar in Extase.« »Hast Du denn die Andere gesehen?« »Ja.« »Kanntest Du sie?« »Du etwa?« »Natürlich! Mensch, das war ja Deine Schwester.« »Allerdings.« Hohenthal machte ein Gesicht, als ob er befürchte, daß der Freund verrückt geworden sei. »Allerdings,« ahmte er ihm ganz verblüfft nach. »Das sagst Du so ruhig.« »Allerdings,« wiederholte Müller gleichmüthig. »Die Gazelle in der Höhle des Löwen.« »Sie stehen unter meinem Schutze.« »Kerl, Du mußt bedeutend an Macht und Selbstvertrauen gewachsen sein.« »Ja, man wächst.« »So wachse Du und der Teufel!« rief Hohenthal ärgerlich. »Sagt mir dieser buckliche Erzieher vorhin, daß seine Schwester verreist sei, aber wohin, das hat er verschwiegen.« »Wozu die überflüssigen Worte? Ich ahnte, daß Marion Emma holen werde und so verstand es sich ganz von selbst, daß Du sie sehen mußtest.« »Marion? So also heißt sie?« »Ja, zu dienen.« »Bist Du schon so weit mit ihr, daß Du sie bei ihrem Vornamen rufst?« »Ja.« »Herrgott! Macht dieser Mensch riesenhafte Fortschritte!« »Es ist nicht so schlimm! Ich nenne sie beim Vornamen, aber nur ausnahmsweise, nämlich wenn sie nicht dabei ist und es also nicht hört.« »Das kann ich mit meiner Ella auch, alter Schwede.« »So thue es; ich habe nichts dagegen!« »Wollte mir es auch verbeten haben! Aber ich kann es noch gar nicht begreifen, daß Deine Schwester in Ortry sein soll!« »Schwester! Hm! Sie ist eine Engländerin.« »Ah! Wieso?« »Heißt Miß Harriet de Lissa und ist aus London.« »Also auch incognito?« »Auch.« »Jetzt steht mir der Verstand still! Was will sie denn?« »Ihre zukünftige Schwägerin kennen lernen.« »Deine Marion?« »Ja. Du hast ja gesehen, daß sie schon ganz dicke Freundinnen sind! Aber Du hast Dich ganz aus der Fassung bringen lassen und den Faden Deiner Erzählung verloren!« »Es ist auch darnach! Du weißt doch, daß ich Deiner Schwester seiner Zeit den Hof machte!« »Und riesig!« »Ich liebte sie!« »Unendlich!« »Ich betete sie an.« »Als wäre sie eine Göttin und Du ein armer Paria.« »Ich dichtete sogar Lieder auf sie!« »Ja, Sonnette!« »Hymnen und Oden.« »Die Schrift war nicht übel; aber die Gedichte taugten den Teufel. Sie wanderten alle in den Ofen.« »Wirklich?« »Gewiß!« »Ihr Barbaren! Welch ein Undank! Ich ging ganz in Deine Schwester auf.« »Und ans Billard!« »Ich schickte ihr täglich einen Strauß.« »Die Ziege unseres Wirthes bekam ihn zu fressen.« »Dann stellte sich leider heraus, daß ihr Herz zu klein für mich sei!« »Weil das Deinige zu groß für sie war. Es wohnten stets ein Dutzend Andere darin!« »So ging die Sache futsch.« »Gott sei Lob und Dank!« »Aber dennoch halte ich noch große Stücke auf sie.« »Schneide Dir nach Belieben kleine Stückchen davon herunter.« »Du bist herzlos!« »Desto entwickelter ist das Deinige.« Beide lachten herzlich über einander, und dann nahmen sie wieder Platz, damit Hohenthal in seiner Erzählung fortfahren möge. So saßen sie, bis das Dunkel des Abends hereinbrach, ihre Gedanken, Meinungen und Erlebnisse austauschend. Sie lernten von einander, und als sie sich endlich erhoben, um zu scheiden, sagte Müller: »Wie leid thut es mir, Dich nicht zu mir einladen zu können, aber es geht ja nicht!« »Nein; das dürfen wir nicht wagen, lieber Freund! Wir müssen vorsichtig sein. Ich fahre mit dem letzten Zuge nach Metz; da bin ich daheim.« »Was hättest Du gethan, wenn ich nicht hier vorüber gegangen wäre?« »Ich hätte bis zum Dunkel gewartet und es dann auf irgend eine Art bewerkstelligt, zu Dir zu kommen.« »Ein anderes Mal gehst Du zu Doctor Bertrand und fragst nach dem Kräutersammler Schneeberg.« »Werde es mir merken. Aber höre, Richard, ist es nicht eigen, daß wir zwei kleine Rittmeisterchen hier in Feindes Land stehen mit dem stolzen Bewußtsein, daß im Kriegsfalle das Gelingen zum nicht geringsten Theile mit von unserer jetzigen Thätigkeit abhängt?« »Es mag so sein. Darum wollen wir die Augen offen halten und nicht müde werden in der Erfüllung unserer Pflicht! Gute Nacht, lieber Arthur!« »Gute Nacht, lieber Richard! Frohes Wiedersehen!« Als Müller nach Ortry kam, fand er das Speisezimmer erleuchtet. Seit er sich seinen Platz am Tische erzwungen hatte, hatte er dort Zutritt, und er säumte heute nicht, sich hinzubegeben. Er fand Marion, Emma, den Amerikaner und die Baronin. Letztere war so früh vor Tische von der Neugierde herbeigetrieben worden, die Engländerin kennen zu lernen. Emma spielte ihre Rolle ausgezeichnet und mit wunderbarer Ungezwungenheit. Sie wäre von jeder Engländerin für eine Landsmännin gehalten worden. Müller wurde, außer der Baronin, von Allen höflich empfangen und als vollständig ebenbürtig behandelt. Er nahm sehr wenig am Gespräch theil und zog es vor, der Unterhaltung zu lauschen und seine Betrachtungen anzustellen. Marion und Emma nannten sich bereits Du. Der Blick des Amerikaners hing bewundernd an der Letzteren. Er war ein hockbegabter und fein gebildeter, kenntnißreicher Mann und bemühte sich, Emma Gelegenheit zu geben, die Vorzüge ihres Geistes zur Geltung zu bringen. Wenn Müller ja einmal in hochachtungsvoller Weise, wie es ihm als Erzieher zukam, sein Wort an Emma richtete und sie ihm dann in jener freundlich auszeichnenden und doch sichtlich herablassenden Weise antwortete, wie der wirklich gebildete Patricier es einem verdienten Bürgerlichen gegenüber zu thun pflegt, dann glänzten die Augen des Amerikaners vor Freuden über die Meisterschaft, mit welcher diese Beiden ihre Rolle spielten. Während dieser angeregten Unterhaltung öffnete sich leise die eine Thür, welche im Schatten lag, und – – der Baron trat ein, in jetziger Zeit eine Seltenheit, man hatte wohl vergessen, ihn in seinem Zimmer einzuschließen. Niemand bemerkte ihn. Er trat leise, unhörbar näher, bis dahin, wo der volle Strahl des Lichtes auf den Kopf Emmas fiel. Er stieß einen schrillen Schrei des Entsetzens aus, so daß alle erschrocken aufsprangen. »Das ist sein Gesicht; aber er ist es nicht ganz!« schrie er, die Arme abwehrend vor sich streckend und die weit aufgerissenen Augen starr auf Emma gerichtet. »Ich kann ihm ja nichts thun! Er ist wieder lebendig geworden! Er wohnt da unten im Keller des Mittelpunktes!« Diese unerwartete Scene brachte natürlich einen sehr peinigenden Eindruck hervor. Auf Marion's Gesicht spiegelte sich das tiefste Mitleiden ab. Der Amerikaner blickte ganz erstaunt auf den Mann, von dessen Vorhandensein er keine Ahnung hatte; Müller und Emma wechselten zwei schnelle, unbeobachtete Blicke. Das Gesicht des Ersteren war leichenblaß geworden. »Es ist der Verrückte!« sagte die Baronin kalt. »Schaffe ihn fort, und schließe ihn ein, Marion!« Marion nahm den Kranken am Arme. »Komm, Vater!« sagte sie in mildem Tone. Er ließ sich von ihr leiten; aber noch unter der Thür drehte er sich einmal um und klagte: »Ich bin nicht schuld! Er lebt ja noch! Die Kriegskasse, o die Kriegskasse!« Die Thür schloß sich hinter ihm; aber man hörte ihn draußen noch fortwimmern, bis er sein fernes Zimmer betreten hatte und dort eingeschlossen worden war. Die Unterhaltung war gestört worden und kam auch nicht wieder in den rechten Fluß, bis die Tafel gedeckt wurde. Der Capitän, welcher davon benachrichtigt wurde, ließ sagen, daß man beginnen solle; er werde später kommen. Jetzt kam auch Alexander, so daß sechs Personen soupirten. Der Amerikaner saß neben Emma und suchte ihr auf alle Weise seine Aufmerksamkeit zu erweisen. Müller hatte die Baronin und Marion zu bedienen. Die Erstere nahm dies hochmüthig als etwas ganz Selbstverständliches hin; die Letztere aber fühlte sich öfters bewogen, den Erzieher durch einen freundlichen Blick zu belohnen. Da, fast am Schlusse des Mahles, trat der Capitän ein. Er wußte nichts von Emmas Anwesenheit und kam näher. Er stand gerade hinter ihr als Alle sich zum Gruße erhoben. Sie drehte sich um. Er blickte ihr in das Gesicht, fuhr entsetzt zurück und rief: »Margot! Schwester! Hölle und Teufel!« Alle schwiegen vor Schreck; nur Zwei blieben sich gleich: Müller und Alexander. Der Erstere hatte so Etwas erwartet, und der Knabe sagte, halb lachend: »Du irrst, Großpapa! Diese Dame ist ja Miß de Lissa aus London, welche mit verunglückt ist!« Wohl nie in seinem ganzen Leben hatte der Alte sich in einer solchen Verlegenheit befunden, wie gerade jetzt. Er verbeugte sich tief und stammelte: »Miß de Lissa?« »Ja, meine Freundin,« fügte Marion hinzu. »Aus London? Wirklich aus London?« »Ja.« »Verzeihung, Miß! Ich bin alt und ich bin gerade jetzt so leidend. Ich sah heute die Unglücksstelle an der Bahn und kann den schrecklichen Gedanken nicht wieder los werden. Ich bin nervös. Ich werde mich wohl bald wieder zurückziehen müssen!« Er aß sehr wenig. Auf dem Tische stand nur ein leichter, weißer Moselwein. »Der Rothe wird mich vielleicht stärken!« Mit diesen Worten erhob sich der Alte und trat an das Büffet, welches an der Wand stand. Müller ließ ein leises Räuspern hören; der Amerikaner blickte zu ihm herüber, erhielt einen Wink und verstand denselben. Beide beobachteten den Alten scharf, ohne daß es den Andern auffallen konnte. Er schenkte sich ein Glas Wein ein, dabei drehte er den Anwesenden den Rücken zu. Dabei zog er mit der Linken etwas aus der Tasche. Was er that, war nicht zu sehen; aber aus seinen Bewegungen ließ sich vermuthen, daß er etwas – jedenfalls eine Flüssigkeit – in eines der dort stehenden leeren Gläser fallen ließ. Dann führte er die Hand zur Westentasche zurück und setzte sich wieder an seinen Platz. Müller ließ ein leises Lächeln sehen, welches nur von dem Amerikaner bemerkt wurde. Dieser senkte bejahend den Kopf. Er erwartete das neue Commando. Der Alte hatte ausgetrunken. Er trat abermals zum Tische und goß sich sein Glas voll, dann ein zweites, welches er dem Amerikaner präsentirte. »Sie müssen heute verzeihen, Monsieur Deep-hill,« sagte er. »Morgen werde ich wieder au fait sein. Damit ich aber die Pflicht der Gastlichkeit nicht ganz und gar verletze, will ich mir erlauben, mit Ihnen auf ein herzliches Willkommen anzustoßen. Lassen Sie uns austrinken!« Er trank aus. Der Amerikaner warf einen fragenden Blick auf Müller; dieser nickte heimlich und aufmunternd, und so hob auch er sein Glas zum Munde und leerte es mit einem einzigen Zuge. Nun nahm der Alte gute Nacht und ging. Man musicirte noch ein wenig, wobei Emma einige englische Lieder vortrug. Hier nahm Deep-hill Gelegenheit, an Müller heranzutreten und zu flüstern: »Er hatte erst etwas in's Glas gegossen!« »Ich sah es auch.« »Aber wenn es nun wirklich Gift gewesen wäre!« »Haben Sie keine Sorge; es ist Wasser!« »Was nun?« »Lassen Sie Alles ruhig über sich ergehen. Ich wache! Während er bei Ihnen ist, stehe ich zu Ihrer Hilfe bereit. Ist es möglich, so zeige ich mich Ihnen sogar. Blicken Sie zwischen den Lidern hindurch!« Nach einiger Zeit verabschiedete sich Emma. Sie wurde nach der Stadt gefahren. Der Amerikaner wollte sie begleiten, doch sie lehnte dankend ab und erbat sich die Begleitung Müllers. Das hatte ganz den Anschein, als treffe sie diese Wahl nur darum, weil Deep-hill der höher Stehende und Müller doch eigentlich der Bedienstete war, doch der Erstere wußte wohl, daß die beiden Geschwister jedenfalls miteinander zu sprechen hatten, und nahm daher die Zurückweisung, welche übrigens gar keine war, nicht im mindesten übel. Es war sehr dunkel geworden. Die Geschwister konnten halblaut miteinander sprechen, ohne von dem Kutscher gehört zu werden. »Ich bebe jetzt noch,« sagte Emma. »Der Capitän hält mich für die Großmama Margot!« »Ich hatte mir fast so etwas gedacht, obgleich ich nicht geglaubt habe, daß Du ihr in diesem Grade ähnlich bist, zumal Du blond bist, während sie schwarzes Haar hatte!« »Was wird er denken?« »Das ist mir zunächst sehr gleich. Mich interessirt jetzt nur das Verhalten des Wahnsinnigen.« »Das war der Baron de Sainte-Marie?« »Ja.« »Was wollte er? Er sprach von der Kriegskasse.« »Er phantasirt.« »Und auch von Einem, dem ich ähnlich sein muß.« »Ich werde Dir später meine Vermuthungen mittheilen; für heute habe ich nicht Zeit dazu.« Aber sein Schweigen hatte einen ganz andern Grund. Er wollte der Schwester keine Herzensqual bereiten, welche zu heben er jetzt doch nicht im Stande war. Er hätte darauf schwören mögen, daß sein Vater, Gebhardt von Königsau, noch lebe und da unten in den Gewölben gefangen gehalten werde, weil der Capitän glaubte, von ihm erfahren zu können, wo die so oft erwähnte Kriegskasse vergraben sei. Als er mit dem Wagen zurückgekehrt war, begab er sich in sein Zimmer, schnallte den Buckel ab, steckte Laterne, Messer und Revolver ein, verriegelte die Thür von innen und stieg zunächst durch das Fenster auf das Dach hinaus und dann an dem Blitzableiter in den Hof hinab. Dabei sah er, daß der Alte sich noch in seinem Zimmer befand, wo er lang ausgestreckt auf dem Sopha lag. Nun begab er sich nach dem bekannten Gartenhäuschen, hinter welchem er sich niedersetzte, um zu warten. Es war längst Mitternacht vorüber, als er leise Schritte hörte. Der alte Capitän kam und trat in das Häuschen, in dessem Innern ein schneller Lichtschein aufzuckte, um dann gleich wieder zu verschwinden. Müller wartete, bis das Geräusch der Schritte nach unten hin verklungen war, und folgte dann ganz in derselben Weise, wie er es bereits früher gethan hatte. Unten im Gange, welcher nach dem Schlosse führte, hatte er den Alten mit der Laterne vor sich, konnte und mußte also die seinige in der Tasche stecken lassen. So ging es bis an die Stelle, in welcher die vielen geheimen Waldgänge zusammenliefen, und dann empor, gerade wie in jener Nacht, in welcher der Fabrikdirector ermordet wurde. Es handelte sich heute sogar auch um ganz dasselbe Zimmer, in welchem nach minutenlangem Horchen der Alte auch heute verschwand. Müller tappte sich unhörbar näher und erreichte die offene Tafelthür. Drin im Zimmer war es noch dunkel. Jedenfalls befühlte der Alte den Amerikaner, um sich zu überzeugen, daß der Trank gewirkt habe. Dann wurde es plötzlich hell. Müller steckte den Kopf vor und sah, daß der Capitän eine Blendlaterne geöffnet hatte, jedoch nur so weit, daß der Schein des Lichtes nicht weiter als blos auf das Gesicht des Amerikaners fiel. Dieser lag mit geschlossenen Augen, unbeweglich, wie im Schlafe. Er hatte die Hände unter der Bettdecke. Jedenfalls hielt er da nach Müllers Rath irgend eine Waffe verborgen. Der Alte betrachtete das Gesicht genau und schien befriedigt zu sein, denn er wendete sich nun von dem Bette ab, um die im Zimmer befindlichen Gegenstände zu untersuchen. Sein Blick fiel auf den Tisch, auf welchem die Brieftasche lag. Rasch, aber leise trat er hinzu und öffnete dieselbe, um ihren Inhalt in Augenschein zu nehmen. Dabei setzte er die Laterne auf den Tisch. Ihr Schein fiel auch mit in die Ecke, in welcher sich der geheime Eingang befand. Der Alte stand von dieser Ecke abgewendet. Diesen Augenblick benützte Müller. Er war überzeugt, daß der Amerikaner, welcher im Schatten lag, die Augen geöffnet habe. Er wollte ihm zeigen, daß er gegenwärtig sei, und trat also in das Zimmer, in den Lichtkreis hinein. Es war dies ein Wagniß, er war ganz hell beleuchtet, und wenn der Capitän jetzt nur den Kopf gewendet hätte, so wäre Müllers Anwesenheit verrathen gewesen. Glücklicherweise aber war der Alte zu sehr mit den in dem Portefeuille befindlichen Papieren beschäftigt; er sah sich nicht um. Da zog der Amerikaner den Arm unter der Decke hervor und hob ihn empor, zum Zeichen, daß er Müller gesehen habe. Dieser hatte seinen Zweck erreicht und trat wieder zurück. Nach einiger Zeit machte der Alte die Brieftasche zu, ohne etwas aus derselben genommen zu haben. Er legte sie auf den Tisch zurück und griff zur Laterne. Er ließ den Schein derselben wieder auf das Gesicht des Amerikaners gleiten, welcher seine vorherige Stellung eingenommen hatte, und verließ dann das Zimmer auf demselben geheimen Wege, auf dem er gekommen war. Müller war, als er bemerkte, daß der Capitän die Brieftasche schloß, sofort und eilig die schmalen Stufen wieder hinunter gestiegen. Unten angekommen, stellte er sich auf die Seite, um den Alten vorüber zu lassen. Er fand hinter einem Pfeiler ein gutes, sicheres Versteck. Richemonte kam langsam herabgestiegen. Er schien sehr nachdenklich zu sein. In der Nähe von Müllers Versteck blieb er stehen und brummte vor sich hin: »Verdammt! Dieser Deep-hill ist ein vorsichtiger Kerl! Was können mir die Anweisungen nützen, wenn die Unterschrift der Firma fehlt! Diese Amerikaner sind höchst penibele Geschäftsleute. Aber, unterschreiben wird er doch!« Er schritt an der Säule, hinter welcher Müller stand, vorüber, als wolle er das Gartenhäuschen aufsuchen, blieb aber nach zwei Schritten bereits wieder stehen. »Ob ich Rallion aufsuche?« fragte er sich. Er blickte eine Weile überlegend vor sich nieder und fuhr dann fort: »Diese Marion muß gezähmt werden, und zwar baldigst! Ich werde doch mit ihm sprechen, wenn er auch erschrecken wird darüber, mich so unerwartet vor seinem Bette zu sehen.« Er machte eine halbe Wendung, so daß Müller sich genöthigt sah, dieser Wendung, um nicht entdeckt zu werden, um die Säule zu folgen, und stieg dann eine andere Stufenreihe empor. Auch diese Stufen führten zwischen zwei engen Mauern nach oben, die Wände standen so eng zusammen, daß ein Mensch nur bei schiefer Körperhaltung Platz finden konnte. Oben gab es wieder ein niedriges, schmales, thürähnliches Loch, welches durch Täfelwerk verschlossen war. Richemonte schob dasselbe, nachdem er einige Augenblicke gelauscht hatte, zur Seite und trat, indem er sich niederbückte, durch die entstandene Oeffnung. Er befand sich im Schlafzimmer des jungen Rallion. Er trat an das Bett und leuchtete dem Schläfer, der nichts gehört hatte, in das Gesicht. Dieses Letztere war durch ein Heftpflaster entstellt, in Folge von Fritz Schneebergs Messerschnitt. Der Alte schüttelte den Grafen leise. »Herr Oberst!« sagte er. Rallion drehte sich herum und machte die Augen auf. Er sah Licht und erblickte den Alten. »Donnerwetter!« meinte er, indem er empor fuhr. »Capitän! Wie kommen Sie in dieses Zimmer?« »Zu Fuße natürlich!« antwortete lachend der Alte. »Die Thüren sind doch verriegelt!« »Das kann für mich kein Hinderniß sein. Aber bitte, sprechen Sie ein Wenig leiser! Es ist nicht nothwendig, daß wir uns mit Aufbietung aller unserer Lungenkräfte unterhalten. Es kann das mehr piano geschehen.« »Unterhalten? Ah, mir scheint, daß Sie eine eigenthümliche Zeit zu dieser Conversation gewählt haben!« »Es ist die beste; ich kann es Ihnen versichern!« »Gut! Sie müssen das besser beurtheilen können als ich. Aber die Veranlassung kann keine gewöhnliche sein!« »Vielleicht ist sie für Sie ungewöhnlich; für mich ist sie es aber nicht. Es handelt sich nämlich um Marion.« »Um Marion? Ah! Da könnten Sie mich zu jeder Nachtzeit wecken! Warten Sie; ich werde aufstehen!« »Ist nicht nothwendig!« »Aber, soll ich denn im Bette – – –« »Pah! Wir brauchen unter vier Augen uns ganz und gar nicht um die Dehors zu bekümmern. Bleiben Sie liegen!« »Gut! Aber wie sind Sie herein gekommen?« »Das geht Sie zunächst Nichts an!« »Meinetwegen! Also was ist's mit Marion?« »Dieses Mädchen zeigt sich höchst obstinat.« »Leider, leider!« »Sie haben es nicht verstanden, sich ihre Theilnahme zu erwerben!« »Alle Teufel! Wer kann sich mit einem so bepflasterten Gesichte, wie das meinige ist, die Anbetung einer Dame erringen.« »Damen pflegen Leidenden gegenüber doch immer mehr oder weniger Sympathie zu hegen.« »Heftpflaster gegenüber? Hm!« »Wer das Mitleid eines Mädchens besitzt, wird auch sehr bald die Liebe desselben besitzen.« »Das ist Theorie. Die Praxis zeigt sich mir ganz anders!« »Daran tragen Sie Schuld!« »Wieso? Ich möchte das bewiesen sehen!« »Der Beweis ist sehr leicht. Trugen Sie das Heftpflaster bereits, als Marion Sie zum ersten Male sah?« »Nein.« »Sie dürfen also dem Pflaster nichts vorwerfen. Sie hätten die Bekanntschaft Marions in einer Weise machen sollen, welche Ihnen ihre Liebe sicherte.« »Wollen Sie die Güte haben, mich über diese Art und Weise aufzuklären?« »Wenn ich Sie aufklären soll, so brauche ich mich über Ihren Mißerfolg allerdings gar nicht zu wundern. Ein junger Mann muß ganz von selbst wissen, wie er sich eine Frau erwirbt.« »Meinen Sie etwa, ich hätte Süßholz raspeln sollen?« »Ein Wenig, ja.« »Nun, das habe ich gethan.« »Das war aber nicht genug!« »Was noch?« »Sie hätten sich als Helden zeigen sollen.« »Auf dem Schiffe?« »Ja. Sie hatten die beste Gelegenheit dazu.« »Donnerwetter! Haben Sie etwa die Ansicht, daß ich Marion hätte retten sollen?« »Das ist allerdings meine Ansicht! Sie hatten ja den Kahn.« »Es gab aber keine Zeit, die Dame zu holen.« »Sie hätten diese Zeit haben können, wenn Sie sich beeilt hätten.« »O nein! Ehe ich Marion aus der Cajüte gebracht hätte, wäre der Kahn bereits von Anderen weggenommen worden.« »Nun, dann gab es immer noch einen Rettungsweg.« »Noch einen? Welchen?« »Das Schwimmen!« »Brrr! Das macht naß!« »Ich denke, Sie haben das Schwimmen gelernt?« »Allerdings! Aber mit einer solchen Last – bei solchem Wetter – bei diesem Aufruhr aller Elemente – kein Mensch hätte das fertig gebracht.« Fortsetzung 84 Der Alte zog eine etwas verächtliche Miene bei der Entschuldigung Rallion's, die dessen Feigheit bemänteln sollte. »Pah!« sagte Ersterer. »Es hat es doch Einer fertig gebracht!« »Sie meinen diesen Menschen, diesen Schulmeister Müller? Bei ihm ist das etwas Anderes. Er ist buckelig, er hat den Sicherheitsapparat auf dem Rücken; dieses Subject kann ja niemals untergehen.« »Sie vergessen, daß noch ein Anderer mit Nanon in die Fluth gesprungen ist. Er hat sie gerettet, ohne buckelig zu sein.« Der Graf machte eine ungeduldige Handbewegung und antwortete: »Sind Sie etwa gekommen, um mich mit diesen Beispielen des Heldenmuthes zu langweilen?« »Nein. Ich wollte Ihnen nur beweisen, daß Sie es selbst versäumt haben, sich Marion zu gewinnen.« »Es handelte sich um Leben und Tod. Ein Kahn war in diesen Augenblicken der Gefahr mehr werth als das schönste Mädchen der ganzen Welt.« »Ich denke, Sie lieben Marion.« »Zweifeln Sie daran?« »Fast möchte ich.« »Unsinn! Sie ist eine Schönheit allerersten Ranges. Und außerdem hat sie etwas an sich, was Einen vor Liebe verrückt machen könnte. Sie muß meine Frau werden.« »Und doch war Ihnen ein Kahn lieber als sie.« »Hören Sie, Capitän: das Leben geht noch über die Liebe. Ich glaube nicht, daß Sie mir da Unrecht geben werden.« »Die kalte Berechnung sagt allerdings, daß Sie da Recht haben; aber es giebt auch Charactere, welche für ihre Liebe in den Tod gehen können.« »Zu diesen Leuten gehöre ich nicht. Ich bin weder ein Dichter noch sonst ein Schwärmer. Es mag romantisch sein, für die Geliebte zu sterben; für sie zu leben, ist aber jedenfalls vernünftiger und vortheilhafter.« »Vorausgesetzt, daß die Geliebte einwilligt. Aber gerade das thut Marion nicht.« »Das läßt mich kalt. Auf ihre Einwilligung kommt ja nicht das Geringste an.« »Sie meinen, daß mein Befehl ausreichend ist?« »Ich hoffe es!« »Aber sie weigert sich, mir zu gehorchen.« »Wirklich? Das ist fatal, aber mehr für Sie, als für mich. Sie haben uns Ihr Wort gegeben, und Sie müssen es halten.« »Das versteht sich ganz von selbst. Aber lieber wäre es mir gewesen, Marion hätte freiwillig eingewilligt. Ich glaube, sie hält Sie für feig.« »Donnerwetter. Ich feig?« fragte Rallion. »Ja,« antwortete der Alte ruhig. Rallion fuhr sich mit der Hand nach dem blessirten Gesichte und sagte: »Feig? Mit dieser Wunde?« »Meinen Sie, daß Ihre gegenwärtige Verwundung ein Beweis Ihres Muthes ist?« »Ganz gewiß!« »Sie haben den Schnitt nicht im offenen, kühnen Kampfe bekommen.« »Aber doch im Kampfe. Ich habe den Menschen, welcher sich eingeschlichen hatte, festhalten wollen. Haben Sie etwa die Absicht, dies eine Feigheit zu nennen?« »Eine außerordentliche Verwegenheit gehörte nicht dazu. Uebrigens dürfen wir nicht vergessen, was Marion über Ihre Wunde denken muß!« »Nun, was?« »Daß sie von einer Sense herrührt, auf welche sie in der Dunkelheit getreten sind.« »Verdammte Sense! Hätte es denn keine bessere Erklärung oder Ausrede gegeben?« »Nein. Junge Mädchen schwärmen gern für Helden. Hätten Sie sich mit Marion in das Wasser gestürzt, so wäre sie in diesem Augenblicke die Ihrige.« »Oder wir wären Beide elend ertrunken.« »Andere sind auch nicht ertrunken.« »Sie reden verteufelt eigenthümlich. Also Marion wäre heute mein, wenn ich Sie gerettet hätte?« »Ich bin davon überzeugt.« »Alle Teufel. Dann müßte sie ja diesen buckeligen Schulmeister lieben!« »Unsinn!« »Er hat sie ja gerettet!« »Und abermals Unsinn! Marion ist ein hocharistokratischer Character. Sie – und ein Hauslehrer; sie, eine Französin vom reinsten Wasser – und er, ein Deutscher!« »Gut! Sie sehen also, daß Ihre Prämissen sehr falsch sind! Und außerdem beweist dieser Müller, daß es keineswegs ein Zeichen von Muth ist, wenn man sich gedankenlos in's Wasser stürzt.« »Was sonst?« »Pah! Halten Sie diesen Menschen etwa für muthig?« »Ja.« »Sapperment! Warum?« »Er hat es mir im Fechten und Reiten bewiesen, vielleicht auch noch in anderer Weise.« Er dachte dabei mit stillem Grimme an die Festigkeit, mit welcher Müller ihm in Beziehung auf den ermordeten Fabrikdirector entgegengetreten war. »Das will nichts sagen,« entgegnete Rallion. »Mir gegenüber ist er so feig gewesen, wie man feiger gar nicht sein kann.« »Wieso?« »Erinnern Sie sich nicht, was ich ihm sagte, als er mir bei meiner Ankunft hier begegnete?« »Er schwieg aus Rücksicht gegen uns.« »Das ist sehr falsch geurtheilt! Bei einer solchen Beleidigung kennt ein Mann keine andere Rücksicht, als diejenige, welche er seiner Ehre schuldet. Doch streiten wir uns nicht wegen dieses mir höchst gleichgiltigen Menschen! Wir wollen von Marion reden. Haben Sie deutlich mit ihr gesprochen?« »So deutlich, daß es deutlicher gar nicht geschehen kann.« »Was antwortete sie?« »Ein festes Nein.« »Aus welchem Grunde?« »Sie will ihre Hand nur einem Manne geben, dem es gelingt, sowohl ihre Liebe als auch ihre Achtung zu erwerben.« »Donnerwetter! Das heißt, ich besitze ihre Liebe nicht?« »So ist es.« »Und ihre Achtung?« »Auch nicht.« Da richtete Rallion seinen Oberkörper im Bette empor. »Mich, einen Obersten der Garde, einen kaiserlichen Offizier nicht achten? Das ist stark! Welche Gründe hat sie, mir sogar auch ihre Achtung zu versagen?« »Fragen Sie sich selbst!« »Sie haben nicht gefragt?« »Ich pflege nicht, Fragen zu thun, von denen ich voraussetzen muß, daß sie mir nicht beantwortet werden.« »Sie behandeln diese Dame mit unverzeihlicher Milde. Sie können befehlen. Sie können Sie zwingen!« »Wohl! Das werde ich auch!« »Nun, so thun Sie es doch!« »Ich bedarf dabei Ihrer Unterstützung.« »Sie können derselben versichert sein!« »Ich bin deshalb hier. Ich habe einen Plan. Wir werden Marion zwingen, Ihnen zu gehören, Ihre Frau zu werden.« »Schön! Theilen Sie mir diesen Plan mit! »Wir müssen ihren Widerstand besiegen.« »Womit?« »Durch Zwang.« »Das brauchen Sie mir nicht zu wiederholen, nachdem Sie mir bereits gesagt haben, daß sie nicht freiwillig ihre Zustimmung giebt. Welche Art des Zwanges meinen Sie, Herr Capitän?« »Es giebt nur Eine: Freiheitsentziehung!« »Ah! Gefangenschaft?« »Ja.« »Sollte nichts Anderes vorzuziehen sein?« »Ich habe bereits Alles Andere versucht.« »Das ist fatal, höchst fatal! Widerrechtliche Freiheitsentziehung kann gefährlich werden!« »In diesem Falle nicht. Ich habe erlaubte Gründe, diese obstinate Person einzusperren.« »Nun gut, so thun Sie es! Wenn wirklich nichts Anderes helfen kann, so sind wir ja gezwungen, dieses letzte Mittel in Anwendung zu bringen. Wohin soll sie gesperrt werden?« »In eins von unseren Gewölben.« » Fi donc! Ein häßlicher Aufenthalt!« »Desto besser! Das wird sie mürbe machen!« »Wohl gar bei Wasser und Brod?« »Bei nichts. Sie wird weder Speise noch Trank bekommen. Sie soll Hunger und Durst leiden, bis sie sich fügt!« »Hm! Eigentlich höchst deprimirend für mich!« »Wieso?« »Ein Mädchen muß durch Hunger und Durst gezwungen werden, Gräfin Rallion zu werden!« »Machen Sie es anders!« »Was werden aber Andere dazu sagen?« »Wer?« »Die Baronin?« »Diese wird unser Verfahren gut heißen. Sie haßt Marion; sie wird uns sogar behilflich sein.« »Der Baron?« »Der Verrückte? Er zählt ja nicht!« »Alexander?« »Der Knabe? Er erfährt nichts!« »Nanon, die Gesellschafterin, und alle die Anderen?« »Auch sie werden nichts erfahren.« »Aber sie werden doch Marion vermissen!« »Nein. Marion wird verreist sein.« »Wie wollen Sie dies anstellen?« »Das ist einfach. Davon nachher. Nicht so einfach ist die Art und Weise, in welcher wir Marion nach dem Gewölbe bringen. Ich muß dabei auf Ihre Hilfe rechnen.« »Ich sage Ihnen meine Mitwirkung natürlich zu, vorausgesetzt, daß für mich daraus keine Gefahr erwächst.« »Nicht das Mindeste. Man kann von Ihrer Mitwirkung gar nichts ahnen. Man wird Sie hier in Ihrem Bette vermuthen, während wir Marion nach unten schaffen.« »Sie wird sich sträuben!« »Nein.« »Sie wird Lärm machen, um Hilfe rufen!« »Sie wird nicht den geringsten Laut ausstoßen; denn ich werde sie vorher chloroformiren.« »Chloroformiren?« fragte Rallion. »Vortrefflich! Haben Sie Chloroform?« »Natürlich!« »Es soll des Nachts geschehen?« »Das versteht sich ganz von selbst.« »Wie wollen Sie da zu ihr kommen? Sie wird sich vermuthlich eingeschlossen haben.« »Hatten Sie sich heute nicht auch eingeschlossen?« »Allerdings.« »Und dennoch stehe ich hier vor Ihnen. Auf dieselbe geheimnißvolle Weise werden wir auch in Marion's Schlafzimmer Eingang finden. Freilich habe ich Sie da in bauliche Verhältnisse des Schlosses einzuweihen, von denen bisher kein Mensch wußte. Ich hoffe, daß ich Ihrer Verschwiegenheit sicher bin.« »Sie erhalten mein Ehrenwort, daß ich nicht plaudere.« »Also wir treten heimlich und leise bei ihr ein – sie schläft – sie hört uns nicht – ich lege ihr ein mit Chloroform getränktes Tuch über das Gesicht – zwei Minuten genügen, und dann tragen wir sie auf Wegen, welche Sie dann kennen lernen werden, hinab in das Gewölbe.« »Schön, sehr schön! Und dann?« »Das Folgende versteht sich ganz von selbst!« »Wohl nicht!« »Sie hungert, bis sie einwilligt!« »Und wenn sie lieber verhungert?« »Unsinn! Hunger thut weh!« »Man hat aber doch Beispiele – –!« »Nun, dann thut der Durst noch viel weher. Oder zweifeln Sie auch da noch?« »Es ist immerhin gefährlich!« »Das sehe ich nicht ein.« »Sie wird scheinbar einwilligen, dann aber Alles verrathen.« »Nein. Wir werden sie nicht eher frei lassen, als bis sie uns ihr Wort gegeben hat, fürs ganze Leben zu schweigen.« »Pah! Ein solches erzwungenes Wort pflegt keine Geltung zu haben.« »Bei Marion doch. Sie ist ein Character.« »Gut! Wollen wir annehmen, daß sie ihr Wort halten werde. Wie aber nun, wenn sie uns einen Streich spielt, indem sie – –« Er hielt inne. Der Alte fragte: »Nun? Was? Indem sie – –« »Indem sie es so einrichtet, daß sie uns ihr Wort gar nicht zu geben braucht.« »Wie wollte sie das fertig bringen? Sie wird auf alle Fälle gezwungen sein, uns Stillschweigen zu versprechen.« »Einen Fall giebt es doch, an den Sie nicht zu denken scheinen.« »Welcher wäre das? Ich habe Alles überlegt.« »Der Fall, daß Sie – – daß sie sich ein Leid anthut.« Der Alte fuhr zurück. »Alle Teufel!« sagte er. »Das wäre ihr zuzutrauen!« »Nicht wahr? Sie nannten sie ja obstinat!« »Ja; das ist sie. Sie wäre wirklich im Stande, uns auf diese Weise einen Strich durch die Rechnung zu machen« »Wir dürfen also auf keinen Fall die Saiten zu sehr anspannen!« »Nun, dann giebt es ein Mittel, sie dennoch und auf alle Fälle zur Einwilligung zu zwingen.« »Ich bin neugierig, es zu erfahren.« »Wir lassen sie erst einige Tage hungern, und dann – –« Es fiel ihm doch nicht ganz leicht, seine Gedanken auszusprechen. Er stockte, fuhr aber dann fort: »Und dann – nun, dann schließe ich Sie einige Stunden bei ihr ein.« Der Graf horchte auf. »Wetter!« sagte er. »Mich mit ihr allein?« »Ja.« »Im Dunkeln natürlich?« »Ja.« »Und Sie denken, daß Marion dann – –?« »Das Weitere ist Ihre Sache. Sie sind doch kein Kind! Wenn ich wieder aufschließe, werden Sie als Mann und Frau das Gewölbe verlassen.« »Capitän, dieser Gedanke ist schön aber – teuflisch!« »Sind Sie ein Engel? Ah – –? Hörten Sie etwas?« »Hm! Es war wie ein Seufzer!« »Ja. Also Sie hörten es auch. Ich dachte, ich hätte mich getäuscht. Es wird doch nicht – –« Er zog seinen Revolver aus der Tasche, griff zur Laterne und begab sich nach dem geheimen Eingange, welcher offen stand. Er sah nichts Verdächtiges. Er trat hinaus und leuchtete die Treppe hinab – es war nichts, gar nichts zu bemerken. Er schritt schnell sämmtliche Stufen hinunter und leuchtete in alle Winkel und Ecken. Er konnte nichts Beunruhigendes bemerken und kehrte also zurück. Als er wieder in Rallion's Schlafstube trat, war dieser aufgestanden, hatte ein Licht angebrannt und den offenstehenden Eingang untersucht. »Ah! So also ist es!« meinte er, mit dem Kopfe nickend. »Hier giebt es verborgene Thüren?« »Die wir sehr gut gebrauchen können,« antwortete der Alte. »Aber warum sind Sie aufgestanden?« »Weil man nicht wissen konnte, was passirt. Haben Sie etwas gesehen?« »Nein. Entweder haben wir uns getäuscht – –« »Nein; ich hörte es deutlich.« »So ist es ein Luftzug gewesen. Es hat kein Mensch eine Ahnung von diesen Treppen und Gängen. Es muß die Luft gewesen sein. Dennoch aber wollen wir aus Vorsicht den Eingang schließen.« Er schob das Getäfel zu; dann fuhren sie in ihrer heimlichen Unterhaltung fort, indem er fragte: »Also Sie halten meinen Vorschlag für teuflisch?« »Ein wenig, ja.« »Aber praktisch?« »Praktisch und – interessant.« »Sie wird gezwungen sein, Ja zu sagen, denn ich hoffe doch, daß Sie Ihrer Aufgabe gewachsen sind!« Rallion stieß ein häßliches Lachen aus und sagte: »Daran dürfen Sie allerdings nicht zweifeln, obgleich Sie mich nicht für einen muthigen Menschen zu halten scheinen.« »Pah! Dazu gehört kein Muth! Dann, wenn sie ihren Widerstand aufgegeben hat, wird sie von ihrer angeblichen Reise zurückkehren dürfen.« »Wie aber wollen Sie diese Reise glaubhaft machen?« »Nichts leichter als das! Man spannt des Nachts an und bringt Marion nach dem Bahnhofe.« Rallion blickte ihn fragend an und sagte: »Ich verstehe Sie nicht.« »Nun, nicht Marion, sondern eine Andere steigt ein.« »Ah, ich vermuthe!« »Nun, wer?« »Die Baronin?« »Ja.« »Sie wird also mit im Geheimnisse sein?« »So weit es nothwendig ist, sie einzuweihen.« »Aber man wird die Täuschung bemerken.« »Wohl nicht. Es ist dunkel.« »Der Kutscher – –« »Ich brauche keinen Kutscher. Ich nehme das kleine Coupee und fahre selbst.« »Aber der Diener ist dabei, wenn die Baronin einsteigt!« »Das werde ich zu vermeiden wissen.« »Und Sie kommen mit der Baronin zurück!« »Nein. Ich bringe Marion zum Bahnhofe und kehre allein zurück.« »Wie wollen Sie das anfangen?« »Sehr einfach: Ich lasse die Baronin aussteigen, sobald wir aus dem Schlosse sind, und sie kehrt im Dunkel heimlich in dasselbe zurück.« »Schlaukopf, der Sie sind! Ja, so muß es arrangirt werden! Aber, wann soll das geschehen?« »So bald wie möglich. Es ist Gefahr im Verzuge. Das Rencontre, welches ich mit Marion gehabt habe, läßt mich befürchten, daß ich ihr in keiner Weise zu trauen habe.« »Also am Besten noch heute? In dieser Nacht?« »Dazu ist es zu spät. Ich muß doch vorher mit der Baronin darüber sprechen.« »Also morgen?« »Ja, morgen ganz bestimmt.« »Wie viel Uhr?« »Das läßt sich jetzt noch nicht sagen. Ich werde Sie abholen.« »Hier?« »Natürlich.« »Auf demselben Wege?« »Ja.« »Schön! Darf ich mir diesen Weg unterdessen einmal näher betrachten, Herr Capitän?« Der Gefragte zog die Augenbrauen in die Höhe, machte ein sehr eigenthümliches Gesicht und fragte: »Sie meinen den Eingang, durch welchen ich gekommen bin?« »Ja:« »Es wird besser sein, Sie warten, bis ich Ihnen diese Geheimnisse selbst enthülle.« »Schön! Ganz wie Sie wollen.« Dabei hatte er aber doch im Stillen den Vorsatz, nach der Entfernung des Alten nachzuforschen. Dieser Letztere gab ihm die Hand und sagte: »So mag es also für heute genug sein. Oder haben Sie vielleicht noch eine Frage auszusprechen?« »Ich wüßte nicht.« »Und mir fällt auch nichts ein, was ich vergessen hätte. Sagen wir uns also eine gute Nacht!« »Gute Nacht! Der Capitän schob das Getäfel zur Seite und trat durch das Loch. Draußen schob er das Erstere wieder vor und lauschte. »Er ist neugierig?« flüsterte er lächelnd in sich hinein. »Er wartet nicht, sondern er wird die Sache untersuchen wollen. Aber, mein Bursche, das wird Dir nicht gelingen!« Da wo das Holzwerk an die Mauer stieß, gab es zu beiden Seiten einen Riegel. Der Alte schob ganz leise beide vor und nickte dann: »So! Jetzt mag er sich Mühe geben!« Er stieg langsam die schmalen Stufen hinab. Er hatte ganz richtig vermuthet, denn drinnen in der Schlafstube lauschte Rallion, indem er das Ohr hart an das Getäfel hielt. »Jetzt geht er!« dachte er. »Wer hätte geahnt, daß hier ein heimlicher Eingang sei! Dieses Schloß ist wirklich ein ganz und gar geheimnißvolles Nest. Der, welcher es gebaut hat, ist kein dummer Kerl gewesen.« Er legte die nothwendigsten Kleidungsstücke an und trat dann an die geheime Thür. »Nach links hat er das Holzfach geschoben; ich habe es deutlich gesehen,« sagte er zu sich. »Wollen einmal sehen, ob wir es ebenso bringen!« Aber er konnte machen, was er wollte, es gelang ihm nicht die Thür aufzubringen. »Ein schlauer Patron!« brummte er verdrießlich. »Es giebt jedenfalls draußen einen Verschluß. Na, morgen wird es ja Gelegenheit geben, das Ding zu untersuchen!« – Müller war, als der Alte oben vorhin verschwunden war, ihm leise, ganz leise nachgestiegen. Er mußte sich sagen, daß er ein Wagniß unternehme. »Wegen Marion!« dachte er. »Wegen ihr geht er zu Rallion! Da muß ich unbedingt hören, was es giebt!« Er stieg also die Stufen empor; die Laterne hatte er in die Tasche gesteckt. Oben angekommen, erblickte er vor sich einen helleren Schein. Vorher aber fühlte er, daß die Stufen noch weiter in die Höhe führten. »Da geht es nach der zweiten Etage,« dachte er. »Das giebt eine günstige Rückzugslinie, falls eine rasche Flucht nöthig sein sollte. Werde mir das merken!« Er schlich näher und erreichte die von dem Capitän nicht wieder verschlossene Oeffnung. Er horchte. Er hörte sprechen. Er erkannte Richemonte's und Rallion's Stimme. Soeben sagte der Erstere: »Vielleicht ist sie für Sie ungewöhnlich; für mich ist sie es aber nicht! Es handelt sich nämlich um Marion.« Müller kauerte sich nieder, um das Ohr ganz an die Oeffnung zu bringen, und verstand nun jedes Wort, welches die beiden Männer sprachen. Er erfuhr also den gegen Marion geplanten Anschlag. Er hätte hinein springen mögen, um ihnen die Fäuste an die Köpfe zu schlagen, mußte aber seinen Abscheu niederkämpfen, um kein von ihnen gesprochenes Wort zu verlieren. So hörte er auch den Anschlag, daß Rallion zu Marion eingeschlossen werden solle. Das war für sein ehrliches Gewissen doch zu viel. Seine Hand, mit welcher er die Laterne in der Tasche hielt, zuckte unwillkürlich. Das Licht in der Laterne brannte. Er kam der Blechhaube zu nahe und brannte sich. Augenblicklich entfuhr ihm jener nicht ganz zu unterdrückender Schmerzenslaut, welcher gerade so klingt, wie wenn man die Luft in den Mund zieht, indem man die oberen Zähne fest auf die untere Lippe drückt. Es klingt das wie ein scharfes F. Das war es, was die Beiden drinnen gehört hatten. Müller vernahm die Worte: »Ah! Hörten Sie Etwas?« »Hm! Es war wie ein Seufzer!« antwortete Rallion. Jetzt war ein schleuniger Rückzug nothwendig. So eilig, wie es nur möglich war, ohne laut zu werden, suchte Müller die Treppe auf; aber anstatt dieselbe hinab zu steigen, floh er nach dem oberen Stockwerke empor – und das war sein Glück. Denn kaum hatte er sechs oder acht Stufen hinter sich, so kam der Alte und leuchtete erst hinab, ging aber dann auch hinunter, um unten umher zu leuchten. Das gab Müller Zeit, vollends empor zu kommen und droben seine Laterne hervor zu ziehen, um zu recognosciren. Er sah, daß er nicht weiter konnte. Die Stufen hatten hier ein Ende. »Gut!« dachte er, die Laterne wieder in die Tasche steckend. »Nun gilt es! Nun ist Alles egal! Kommt der Capitän auch nach hier oben, so sieht er mich, und dann werden wir mit einander zu rechnen haben.« Er zog seinen Revolver hervor, bemerkte aber bald zu seiner Beruhigung, daß er die Waffe nicht brauchen werde, denn der Alte kehrte zurück und begab sich zu Rallion, ohne daran zu denken, seine Untersuchung nach oben fortzusetzen. »Gott sei Dank!« dachte Müller, indem er einen Seufzer der Erleichterung ausstieß. »Ich will die Gefahr nicht geradezu bei den Hörnern packen. Ich habe genug gehört. Wolle nur Gott, daß mir noch Zeit genug bleibt, Marion zu warnen! Er schlich sich die beiden Treppen hinab bis in den Gang, welcher nach dem Gartenhäuschen führte. Dort blieb er stehen und zog die Laterne wieder hervor. Von dort aus führten ja die verschiedenen heimlichen Treppen nach allen Seiten des Gebäudes empor. »Bei Marion giebt es also auch einen solchen Eingang!« flüsterte er. »Das ist aus den Worten des Alten zu entnehmen. Durch den Garten nach meiner Stube zurückkehren und dann zu Marion gehen, um sie zu wecken und zu warnen, das wäre zu auffällig und zu zeitraubend. Bis dahin wären diese beiden Menschen längst bei ihr. Ich bin gezwungen, die geheime Thür zu benutzen. Aber wie sie finden?« Er leuchtete umher und dachte nach. »Hier diese vierte Treppe muß die richtige sein!« dachte er. »Sie führt nach der Richtung, in welcher Marions Wohnung liegt. Ich werde es versuchen.« Mit Hilfe der Laterne gelang es ihm, rasch vorwärts zu kommen. Er hatte den weiteren Verlauf des Gespräches nicht abwarten können und glaubte in Folge dessen, daß Marion bereits heute, in dieser Nacht heimlich eingesperrt werden solle. Im ersten Stockwerke angekommen, bemerkte er ein ganz eben solches Loch, wie dasjenige war, welches zu Rallions Schlafzimmer führte. Auch hier gab es zwei Riegel; aber sie waren nicht vor- sondern zurückgeschoben. Er steckte die Laterne in die Tasche und horchte. Drinnen regte sich nicht das Mindeste. Er schob das Fachwerk langsam auf. Es ließ sich bewegen, ohne daß das geringste Geräusch verursacht wurde. Er steckte den Kopf in die Oeffnung und bemerkte, daß er sich vor einem ganz dunklen Raume befand. Er trat in gebückter Haltung ein, zog die Laterne hervor, öffnete sie ein Lückchen und leuchtete vorsichtig umher. »Gott sei Dank!« flüsterte er befriedigt. »Marions Wohnzimmer! Ich habe es getroffen. Nebenan schläft sie!« Er schob das Getäfel wieder zu und fühlte sein Herz erleichtert. Nun er sich bei der Baronesse befand, konnte dieser Nichts geschehen. Jetzt öffnete er die Laterne vollständig und blickte sich um. Sein Auge fiel auf einen seidenen Sonnenschirm, welcher an der Toilette hing. »Das paßt!« dachte er. »Sie werden ihr Kommen verrathen.« Er nahm den Schirm und lehnte denselben so gegen das Tafelwerk, daß er umfallen mußte, wenn dasselbe geöffnet werden sollte. Dadurch entstand ein Geräusch, welches die Ankunft der Beiden verkündigen mußte. »Jetzt nun zu ihr!« Mit diesen Gedanken näherte er sich dem Eingange zum Schlafzimmer. Dieses war vom Wohnzimmer nur durch Portieren getrennt. Die Thür hatte man für die warme Sommerszeit ausgehoben. Bereits stand er an der Portiere, da kam ihm ein Gedanke: »O weh! Ich habe doch den Buckel abgeschnallt! So wie ich jetzt bin, darf sie mich ja gar nicht sehen!« Er blickte sich um. Auf einem Stuhle lag Etwas, irgend ein Wäsche- oder Kleidungsstück. Er untersuchte gar nicht erst, was es war, sondern stopfte es sich unter die Weste am Rücken empor. Dann schlug er die Portieren auseinander und trat leise ein. Da lag sie, die Heißgeliebte, die Angebetete, im Schlafe! Ihr Köpfchen stak in einem Spitzenhäubchen, unter welchem sich zwei lange, volle, dunkle Haarflechten hervorgedrängt hatten. Sie athmete ruhig. Die Wangen waren leicht geröthet. Die seidene Schleife des Schlafnegligés war aufgegangen – er wendete den Blick ab, um dieses Heiligthum einer schönen, reinen Jungfräulichkeit nicht zu entweihen, trat aber doch an das Bette heran. Indem er sich nach der anderen Seite drehte, faßte er die seidene Steppdecke, um leise zu zupfen. »Baronesse!« Sie regte sich nicht. »Gnädiges Fräulein!« Auch das hatte keinen Erfolg. »Fräulein! Marion!« Er zupfte stärker. Da bewegte sie sich. Er wendete unwillkürlich, ganz gegen seinen Willen, den Blick zu ihr. Ein schöner, voller Arm hatte sich unverhüllt unter der Decke hervorgeschoben, wie von der Hand eines Meisters aus dem reinsten, glänzendsten Alabaster geformt. Es war ihm, als müsse er sich niederbeugen, um seine Lippen auf diesen Arm zu drücken. »Sie hört es nicht!« dachte er. »Wie wird sie erschrecken! Aber wenn ich das Licht entferne, erschrickt sie noch mehr!« Er näherte sich ihrem Kopfe, ergriff die Decke und zog sie leise, leise über Arm und Busen der Schläferin hinweg. Und nun erst, da nur der Kopf zu sehen war, bog er seinen Mund zu ihrem Ohre nieder und flüsterte: »Baronesse Marion!« Da schlug sie langsam die Augen auf, hielt sie einen Moment lang auf ihn gerichtet und schloß sie dann wieder. Er bemerkte keine Spur von Schreck, im Gegentheil, es glitt ein leises, glückliches Lächeln über ihr schönes Angesicht. Dachte sie etwa, daß sie nur träume? Jedenfalls. »Gnädiges Fräulein. Bitte, wachen Sie auf.« Da, erst jetzt zuckte sie zusammen. Ihre Lider öffneten sich – ein großer, erschrockener Blick, der sich voll auf ihn richtete, aber kein Schrei, kein einziger Laut, dann zog sie die Decke bis über das Kinn herauf. Sie war vollständig erwacht und hatte ihn erkannt. »Verzeihung, Baronesse,« flüsterte er ihr hastig zu. »Sie befinden sich in einer großen, fürchterlichen Gefahr, und ich mußte kommen, Sie zu warnen.« »Monsieur Müller!« stieß sie hervor, aber nicht laut, sondern ebenso leise, wie er gesprochen hatte. »Ja, ich bin es! Bitte, verzeihen Sie!« »Gott! Ich begreife nicht! Gehen Sie!« »Nein, nein! Ich muß bleiben! Es geht nicht anders! Man will sich an Ihnen vergreifen!« Erst jetzt schien sie die Situation erfaßt zu haben. »Bitte, das Licht weg!« bat sie hastig. Er schloß die Laterne und steckte sie in die Tasche. »Jetzt setzen Sie einen Stuhl nahe, und sprechen Sie!« gebot sie. Er zog den Sessel ganz an das Bett heran, um so leise wie möglich sprechen zu können, setzte sich nieder und sagte: »Gott sei Dank, daß es mir gelungen ist, noch zur rechten Zeit zu kommen! Man will Sie gefangen nehmen!« »Gefangen? Wer?« »Der Capitän und Rallion!« »Weshalb?« »Um Sie zu zwingen, dem Letzteren Ihr Jawort zu geben!« »Wer sagt es?« »Ich habe sie belauscht.« »Mein Gott! Sich meiner bemächtigen! Etwa heimlich?« »Ja.« »Ah! Sie können nicht herein! Die Thür ist verriegelt.« »Bin ich nicht auch herein gekommen?« »Ah! Ja! Monsieur Müller, wie ist Ihnen das gelungen?« »Ihr Zimmer hat einen heimlichen Eingang.« »Das ist doch nicht möglich!« »Meine Gegenwart beweist das zur Genüge. Wie hätte ich Zutritt finden können, da die Thür verschlossen ist!« »Das ist wahr! Welch ein Ort! Welch eine Wohnung! Aber, wann will man mich gefangen nehmen?« »In dieser Nacht noch, baldigst, jetzt! Vielleicht sind sie bereits so nahe, daß sie uns hören würden, wenn wir ein Wenig lauter sprächen.« »Mein Heiland! Was werde ich thun!« »Nichts! Bitte, bleiben Sie liegen! Ich bin hier, Sie zu beschützen!« »Ah, nun ich gewarnt bin, fürchte ich sie nicht. Haben Sie vielleicht Waffen bei sich?« »Ja, einen Revolver.« »Gut! Aber was werden sie sagen, wenn sie Sie bei mir finden, Monsieur Müller?« »Nichts, gar nichts! Sie können nur sagen, daß ich gekommen bin, Sie zu warnen.« »O nein, nein! Sie werden – – –« Sie stockte. Wäre es hell gewesen, so hätte er die glühende Röthe bemerkt, welche ihr Gesicht bedeckte. Doch errieth er, was sie sagen wollte. Darum fiel er rasch ein: »Nein, gnädiges Fräulein! Ich werde ihnen beweisen, daß ich erst seit zwei Augenblicken hier bin. Ich werde ihnen beweisen, daß ich nicht durch die Thür, sondern durch den geheimen Gang hierher kam. Ich werde ihnen beweisen, daß ich sie belauscht habe, also auch nur in der Absicht, Sie zu warnen, hier sein kann.« Das schien sie zu beruhigen. »Sie können das beweisen?« fragte sie. »Ja.« »Gut! Das ist genug! Wo ist der geheime Eingang?« »Im Wohnzimmer, zwischen dem Kamine und dem Divan.« »Ich danke! Bitte, rücken Sie ein Wenig fort!« Er gehorchte und hörte dann, daß sie sich erhob, um das Bett zu verlassen. Er vernahm ihre leisen Schritte und das Rauschen und Knittern von Zeug und Falten. Dann stand sie wieder in seiner Nähe. »Sie wollen mich überraschen, diese beiden Menschen,« flüsterte sie; »aber sie selbst werden es sein, welche überrascht werden. Daher darf ich kein Licht anbrennen. Aber, sah ich nicht vorhin eine Blendlaterne in Ihrer Hand?« »Ja.« »Sie können dieselbe augenblicklich öffnen, so daß es hier im Zimmer hell wird?« »Sofort.« »Das ist gut. Bleiben wir aber jetzt im Dunkeln. Zu wünschen wäre nur, daß wir es bemerkten, wenn sie durch den Eingang kommen!« »Wir werden es hören. Ich habe Ihren Sonnenschirm so gelegt, daß sie ihn umwerfen müssen. Das werden wir auf alle Falle hören, gnädiges Fräulein.« »So bin ich befriedigt. Ich weiß nun Alles, was für den ersten Augenblick nothwendig war, und wir können nun in Ruhe weiter sprechen. Bitte, kommen Sie mit herüber auf das Sopha.« Er folgte ihr. Das Sopha war klein, nur für kaum zwei Personen bestimmt. Er drückte sich bescheiden ganz in die Ecke, um sie ja nicht zu berühren; da aber sagte sie: »Wollen Sie nicht näher rücken, Monsieur Müller? Wir dürfen ja nur äußerst leise sprechen, und das ist nicht möglich, wenn Sie sich so sehr entfernen.« Er gehorchte, so weit es die Bescheidenheit ihm erlaubte. »Noch näher!« Er fühlte ihre Hand, welche nach der seinigen suchte. Sie bog sich ganz zu ihm hinan und sagte: »Noch näher! In einer Lage, wie die gegenwärtige ist, darf man nicht auf die schroffen Regeln der Dehors achten. So, jetzt sitzen wir nahe genug und können unser Flüstern gegenseitig verstehen!« Die Berührung ihres warmen weichen Händchens durchzuckte ihn electrisch. Er fühlte, während sie, mit dem Kopfe zu ihm geneigt, redete, den Hauch ihres Mundes. Welch' ein Vertrauen! Sie wußte, daß er sie liebte; er hatte es ihr ja gestanden; und dennoch bat sie ihn, so nahe bei ihr zu sein! Er fühlte sich glücklich wie noch nie in seinem Leben. Sie hatte ihre Hand wieder von der seinigen genommen. Jetzt erkundigte sie sich: »Und nun, bitte, wie sind Sie hinter das Geheimniß gekommen, Monsieur Müller?« »Ich habe sie belauscht.« »Das sagten Sie bereits. Aber wo?« »Im Zimmer Rallions.« »Wie kamen Sie dorthin?« Er zögerte einige Augenblicke. Darum fragte sie: »Ist das Geheimniß?« »Ich kann das nicht leugnen. Es ist sogar ein höchst wichtiges Geheimniß.« »Welches Sie mir nicht mittheilen können?« Obgleich sie nur ganz leise sprach, klang es doch wie ein Vorwurf von ihren Lippen. »Ich wollte, ich dürfte Ihnen Alles, Alles mittheilen!« antwortete er. »Sie dürfen also nicht?« »Nein.« »Und dennoch müssen Sie sich sagen, daß ich Ihnen in diesem Augenblicke ein Vertrauen entgegenbringe, wie es größer wohl kaum gedacht werden kann!« »Baronesse, ich gestehe, daß ich mich tief beschämt fühle! Aber meine Geheimnisse sind nicht mein ausschließliches Eigenthum!« »Das ist allerdings ein Grund. Also sagen Sie mir wenigstens so viel, wie Sie sagen dürfen!« »Ich will das Höchste thun, was ich darf, indem ich Ihnen erkläre, daß ich nicht nur in der Absicht, Ihren Bruder zu unterrichten, nach Schloß Ortry kam.« »Das ist mir allerdings eine große Ueberraschung. Sie verfolgen also noch andere Absichten?« »Nur eine einzige noch: die Beobachtung des Capitäns.« »Ah! Sie kamen, ihn zu beobachten! Das läßt mich vermuthen, daß Sie eigentlich nicht Erzieher sind, sondern etwas Anderes.« Diese Wendung war ihm höchst unangenehm. Er beschloß, lieber eine Unwahrheit zu sagen, als sich in eine schiefe Lage zu bringen. Darum fragte er: »Was sollte ich da wohl sein?« »Polizist vielleicht,« antwortete sie zögernd. »Nein, Polizist bin ich nicht, gnädiges Fräulein. Ich bin wirklich Der, als den Sie mich kennen. Aber ich habe einen Freund, welcher, als er von meinem Engagement erfuhr, mich bat, mich nach gewissen Verhältnissen zu erkundigen.« »Darf ich diese Verhältnisse kennen lernen?« »Sie beziehen sich auf eine Familie, über welche der Capitän einst sehr großes Unglück gebracht hat. Diese Familie leidet jetzt noch darunter, und mein Auftrag geht dahin, zu erfahren, ob nicht eine Aenderung, eine Besserung möglich ist.« »Dann sehe ich allerdings ein, daß Sie nicht alleiniger Besitzer Ihres Geheimnisses sind. Sie müssen discret sein, und ich darf nicht in Sie dringen.« »Ich danke aus vollstem Herzen, gnädiges Fräulein! Muß ich nun aber befürchten, daß Ihr Vertrauen, welches mich so sehr beglückte, erschüttert worden ist?« »Nein. Ich vertraue Ihnen, wie ich Ihnen bisher vertraute. Hier, meine Hand darauf!« Sie streckte ihm ihre Hand entgegen. Er führte dieselbe an seine Lippen und küßte sie. Dann fuhr er fort: »Der Capitän ist ein gefährlicher Mann. Ich merkte, daß er Böses sann gegen eine Person, für welche ich mich interessiren muß; daher beobachtete ich jeden seiner Schritte. So kam ich zu der Kenntniß, daß es hier im Schlosse geheime Treppen und Thüren giebt.« »Davon habe ich keine Ahnung gehabt!« »Ich ahnte es gleich in der ersten Stunde meines Hierseins. Und es dauerte nicht lange, so kannte ich diese Geheimnisse. Heut nun hatte ich Veranlassung, den Capitän auf einem seiner Schleichwege zu beobachten. Er ging zu Rallion.« »Auch durch eine geheime Thür?« »Ja.« »So kennt auch Rallion diese Geheimnisse?« »Zum Theile, ja.« »Gott, so ist man hier ja bei Tag und Nacht von tausend Gefahren, welche man gar nicht kennt, umgeben!« »Es giebt Augen, welche über Sie wachen!« »Die Ihrigen! Ja, ich weiß das, und das beruhigt mich! Aber, darf ich vielleicht erfahren, wer die Person ist, für welche Sie sich so interessiren?« »Master Deep-hill, der Amerikaner.« »Dieser? Kennen Sie ihn?« »Erst seit hier und jetzt.« »Früher nicht?« »Nein.« »Aber wie können Sie ihm dann eine Theilnahme schenken, welche Sie sogar veranlaßt, den Capitän zu beobachten?« »Ich habe erfahren, daß der Capitän den Amerikaner ermorden will.« »Ermorden? Herr, mein Gott! Sprechen Sie im Ernste?« »Gewiß. Wenn ich nicht war, so wäre Deep-hill bereits gestern eine Leiche gewesen.« »Sie meinen das Eisenbahnunglück?« »Ja.« »Jesus! Ahne ich recht? Sie meinen doch nicht etwa, daß der Capitän dabei seine Hand im Spiele hat?« »Leider ist es so. Ich gab Ihnen ja bereits einige Andeutungen. Der Capitän ist Ihr Verwandter; leider aber kann mich das nicht abhalten, Ihnen zu sagen, daß er der größte Schurke und Bösewicht ist, den es nur geben kann.« »Ich habe Ihnen ja bereits gesagt, daß auch ich ihn fürchte und verabscheue. Ihre Aufrichtigkeit beleidigt mich also keineswegs! Darf ich erfahren, ob der Amerikaner ahnt, daß er von dem Capitän nichts Gutes zu erwarten hat?« »Ich habe ihn gewarnt.« »So haben Sie ihm ja mittheilen müssen, daß Sie den Letzteren heimlich beobachten!« »Ich habe natürlich nicht offen mit ihm gesprochen, sondern ihm nur Andeutungen gegeben.« »Die Anwesenheit dieses Monsieur Deep-hill ist mir überhaupt unverständlich. Ich habe nie von ihm gehört; ich habe nicht einmal seinen Namen gekannt. Was mag er hier in Ortry wollen?« »Das kann ich Ihnen erklären. Man erwartet nämlich einen Krieg mit Deutschland – – –« »Also wirklich? Ist es wahr, was man so sagen hört?« »Ja. Frankreich, das heißt, Napoleon will den Krieg, und so wird also Krieg. Man will Freicorps bilden, Franctireurs. Der Capitän spielt dabei eine hervorragende Rolle. Nur weiß ich nicht, in wie weit dabei das Privatinteresse betheiligt sein kann oder darf; aber das weiß ich, daß man großer Summen bedarf, um diese Aufgabe zu lösen. Der Capitän ist zu diesem Zwecke mit dem Amerikaner in Verbindung getreten.« »Dieser soll die Summen liefern?« »Ja. Er hat sich dazu bereit erklärt. Er ist gekommen, um Zahlung zu leisten. Der Capitän war von seiner Ankunft unterrichtet; er kannte sogar den Zug, mit welchem er kommen sollte. Es handelt sich um Millionen. Natürlich beabsichtigt Deep-hill, ein Geschäft dabei zu machen. Er erwartet seiner Zeit das Capital nebst guten Zinsen zurück. Wie aber nun, wenn man ihm weder die Zinsen noch auch das Capital zurückzugeben brauchte?« »Mein Gott! Sie meinen doch nicht etwa – – –!« »Ich meine, daß es sehr vortheilhaft wäre, wenn man sich in den Besitz dieser Millionen setzen könnte, ohne einen Contract, oder sonst ein Document unterschreiben zu müssen.« »Das könnte nur dann der Fall sein, wenn – –« Sie zögerte, fortzufahren. Der Gedanke war ihr zu gräßlich, als daß sie ihn leicht hätte aussprechen können. »Nun? Was wollten Sie sagen, gnädiges Fräulein?« »Ich kann es nicht sagen. Es wäre fürchterlich!« »Und doch ist es wahr. Man kannte, wie bereits gesagt, den Zug, in welchem sich der Amerikaner befand. Dieser Zug sollte zum Entgleisen gebracht werden.« »Gott! Das ist ja auch geschehen.« »Leider! Man hoffte, daß der Amerikaner dabei getödtet werde. In diesem Falle war es sehr leicht, der Leiche desselben die Brieftasche zu rauben.« »Gott sei Dank, daß dies nicht gelungen ist!« »Der Plan ging von dem Capitän aus. Drei seiner Leute, spätere Franctireurs, sollten ihn ausführen.« »Wissen Sie das genau?« »Ich habe zwei dieser Leute belauscht. Leider hörte ich nicht genug, um mir über ihre Absichten klar zu werden. Ich erfuhr nur, daß der Amerikaner beraubt und ermordet werden solle. Von einer Entgleisung aber ahnte ich nichts, bis das Unglück mir die Augen öffnete.« »Schrecklich! Schrecklich! Sie werden natürlich den Capitän zur Anzeige bringen?« »Würde Ihnen dies erwünscht sein?« »Müssen Sie denn nicht?« »Eigentlich, ja. Aber soll ich Ihre Familie – – –! Und ich habe außerdem noch andere Gründe, zu warten. Seiner Strafe aber wird er auf keinen Fall entgehen können.« Sie schwieg. Was sie hörte, war so schrecklich, daß sie einer Zeit bedurfte, um es zu überwinden. Dann sagte sie: »Aber Deep-hill befindet sich folglich hier in der allergrößten Gefahr!« »Er ist gewarnt!« »Der Capitän wird ihn tödten, um ihm das Geld abzunehmen!« »Das ist nicht so schnell geschehen. Der Amerikaner hat die Summen nicht baar bei sich. Er beabsichtigte, sie in Anweisungen zu zahlen, welche noch nicht unterschrieben sind. Ohne seine Unterschrift haben sie keine Geltung, und so lange er nicht unterschreibt, befindet er sich also außer Gefahr.« »Weiß er das?« »Ich wiederhole, daß er gewarnt ist. Wenn er meine Warnung beachtet, kann ihm nichts geschehen. Also in dieser Angelegenheit war es, daß ich den Capitän nicht aus den Augen ließ. Ich bemerkte heute Abend, daß er von den unterirdischen Gängen Gebrauch machte, und folgte ihm.« »In diese Gänge?« »Ja.« »Mein Gott! Dürfen Sie sich in solche Gefahr begeben?« Er fühlte, daß sie ihre Hand auf seinen Arm legte. Diese Besorgniß erfüllte ihn mit glücklicher Genugthuung. »Das Wagniß ist für mich nicht so groß, wie Sie vielleicht denken,« antwortete er. »Aber, wenn er Sie bemerkt!« »So bin ich ge- und auch bewaffnet. Ich fürchte ihn nicht! Also, indem ich ihm folgte, bemerkte ich, daß er zu Rallion ging. Ich belauschte einen Theil der Unterredung, welche er mit diesem hatte.« »Diese Unterredung bezog sich auf mich?« »Ja.« »Was wurde gesprochen?« »Der Capitän berichtete, daß Sie sich weigern, auf die beabsichtigte – – Verzeihung, gnädiges Fräulein! aber ich muß es doch erwähnen – – auf die beabsichtigte Verbindung mit Rallion einzugehen.« »Ja, das thue ich allerdings! Man will mich an diesen Rallion ketten. Weshalb, das weiß ich nicht. Man will mich sogar zwingen. Aber ich werde widerstehen.« »Man will diesen Widerstand brechen.« »Dadurch, daß man mich meiner Freiheit beraubt?« »Ja. Man will sich hier bei Ihnen, während Sie schlafen, einschleichen und Sie mit Chloroform betäuben.« »Schrecklich!« sagte sie, sich leise schüttelnd. »Dann können Sie nicht sprechen, nicht um Hilfe rufen, sich nicht wehren. In diesem Zustande bringt man Sie in das Gefängniß.« »Kennen Sie diesen Ort?« »Ich vermuthe es.« »Und ich sage Ihnen, daß sie ihren Zweck doch nicht erreichen würden. Ich gehe auf ihre Absichten auf keinen Fall ein!« »Man läßt Sie hungern und dürsten!« »So verhungere ich.« »Davon wurde allerdings gesprochen. Aber für diesen Fall beriethen sie ein Mittel, welches – – –« Er hielt ein. Sie fragte: »Welches Mittel?« »Es ist nicht nur eine Gottlosigkeit, sondern noch schlimmer. Ich sehe mich gezwungen, Ihnen auch das noch mitzutheilen. Im Falle selbst Hunger und Durst ohne Erfolg sein sollten, wollte der Capitän seinen Complicen Rallion bei Ihnen einschließen.« Es entstand eine Pause. Sie schwieg; sie antwortete nicht. Er hörte einen tiefen, tiefen Seufzer, und erst nach einer längeren Zeit flüsterte sie: »Wer hätte das glauben können! Wie schrecklich! Kann es wirklich Menschen geben, welche solcher Infamheiten fähig sind! Monsieur Müller, welchen Dank, welchen großen Dank bin ich Ihnen schuldig!« Sie suchte im Dunkel seine Hand und druckte dieselbe herzlich. Er hätte am liebsten seinen Arm um sie schlingen mögen; doch beherrschte er sich und sagte einfach: »Hier ist der Dank bereits in der That enthalten, gnädiges Fräulein. Ich bin ganz glücklich, Ihnen dienen zu dürfen!« »Aber welche Dienste leisten Sie mir, welche großen, großen Dienste! Mein Gott, wie fürchterlich, wie entsetzlich, wenn es diesen beiden Menschen gelungen wäre, ihre Absicht auszuführen! Aber man mußte doch bemerken, daß ich verschwunden bin.« »Der Capitän wollte sagen, Sie seien verreist.« »Ah, wie raffinirt! Ja, er ist zu Allem fähig! Und Sie meinen, daß sie jetzt kommen werden?« »Ja. Was ich hörte, läßt mich dies vermuthen.« »So mögen sie kommen! Horch! Hörten Sie Etwas?« »Nein.« »Es war wie ein Geräusch im Wohnzimmer.« Sie lauschten, doch ließ sich nichts hören. »Es ist Nichts gewesen,« flüsterte er. »Sie können nicht in das Zimmer, ohne den Schirm umzuwerfen.« »Wie werden sie erschrecken, mich gerüstet zu finden! Aber, Monsieur, Sie müssen sich zeigen, und dann wird es um Ihre Stellung geschehen sein!« »Das befürchte ich nicht. Gerade der Umstand, daß ich Mitwisser seiner Geheimnisse bin, giebt den Capitän in meine Hand.« »Aber er wird Sie zu entfernen suchen.« »Das gelingt ihm nicht. Ich gehe nur dann, wenn ich selbst will.« »Dann befinden Sie sich aber in steter Gefahr!« »Ich fürchte dieselbe nicht. Ich habe meine Vorkehrungen getroffen. Der Alte wird sich hüten, mir nach dem Leben zu trachten.« »Sind Sie dessen sicher?« »Ja. Ich wollte nicht davon sprechen; aber um Sie in Beziehung auf mich zu beruhigen, will ich Ihnen sagen, daß der Capitän den Fabrikdirector erschossen hat.« »Herrgott! Ist es wahr?« »Ja!« »Das ist ja unmöglich! Der Director war Selbstmörder!« »O nein. Ich bin Zeuge. Ich war dabei.« »O Himmel! Es ist zu viel, zu viel, was ich heute erfahre! Fast möchte ich denken, daß ich träume! Erzählen Sie!« Er berichtete ihr den Mord, so weit er es für nöthig fand. Sie war tief ergriffen; sie schauderte. »Es ist eine Hölle, in der ich mich befinde!« sagte sie. »Und Sie machten nicht Anzeige?« »Der Todte wäre dadurch nicht wieder lebendig geworden.« »Aber der Mörder hätte seine Strafe gefunden!« »Er findet sie sicher. Ich habe Gründe, noch nicht offen gegen ihn aufzutreten.« »Er weiß also, daß Sie Mitwisser des Mordes sind?« »Ja.« »Das bringt Sie aber doch erst recht in Gefahr!« »Nein. Ich habe seine Unterschrift. Geschieht mir hier Etwas, so wird diese Unterschrift präsentirt, und er ist verloren. Das weiß er, und darum wird er sich hüten, irgend Etwas gegen mich zu unternehmen.« »Aber es giebt heimliche Gifte!« »Ich bin vorsichtig!« »Er kann sich Ihrer Person bemächtigen und Sie ebenso einsperren, wie er es mit mir zu thun beabsichtigt!« »Das ist allerdings wahr; aber ich bin auf meiner Hut und werde, so weit dies noch nicht geschehen ist, meine Vorkehrungen treffen, um selbst für den Fall, daß es ihm gelänge, mich einzusperren, meine Freiheit sofort wieder zu erlangen!« »Wie wollen Sie das anfangen?« »Es giebt Einen, welcher mich befreien würde.« »Wirklich? Dieser Eine müßte auch wissen, wo sich Ihr Gefängniß befindet!« »Allerdings.« »Müßte also auch die unterirdischen Gänge und Gewölbe kennen.« »Das ist der Fall.« »Wie? Sie haben einen Vertrauten?« »Ja. Wünschen Sie zu wissen, wer er ist?« »Ja, freilich! Kennen ich ihn?« »Sie kennen ihn. Es ist Doctor Bertrands Pflanzensammler.« Marion war außerordentlich überrascht. »Dieser! Ah, dieser!« sagte sie. »Der, welcher meine Nanon aus dem Wasser gerettet hat!« »Derselbe.« »So sind Sie mit ihm bekannt?« »Gewiß. Wir waren ja zusammen auf dem Schiffe. Ich traf ihn dann hier im Walde, und ihm habe ich es zu verdanken, daß ich in die Geheimnisse des Capitäns eingedrungen bin.« »Wunderbar, wunderbar!« »Sollte ich ja verschwinden, so würde er Alles aufbieten, um mich zu retten.« »So können Sie ihm vertrauen?« »Ich kann mich vollständig auf ihn verlassen.« »Eigenthümlich! Auch Nanon hat ihn im Walde getroffen; auch sie scheint ein ungewöhnliches Vertrauen in ihn zu setzen. Wissen Sie, wo er sich jetzt befindet?« »Ja.« »O, Sie können das wohl schwerlich wissen!« Wäre es hell gewesen, so hätte sie ihn lächeln sehen. Er sagte: »Er ist mit Nanon nach Schloß Malineau.« »Wahrhaftig, Sie wissen es!« »Er selbst hat es mir mitgetheilt.« »So sind Sie allerdings mehr als nur bekannt mit ihm!« »Wir sind geradezu Verbündete. Ich sagte Ihnen bereits, daß ich das Grab Ihrer Mutter geöffnet habe. Er war dabei.« »Dieser Monsieur Schneeberg?« »Ja. Er hat dann auch Ihre Mutter gesehen.« »Wirklich? Ah! Wann?« »Sie erschien uns, um uns zu drohen.« »Es war ihr Geist!« »Nein. Gnädiges Fräulein, ich wiederhole Ihnen, daß ich fest überzeugt bin, daß Ihre Mutter noch am Leben ist.« »Sie meinen, daß sie da unten eingesperrt wurde?« »Ja.« »Schrecklich! Entsetzlich! Aber wir sahen sie im Thurme. Sie sahen sie dann wieder. Sie hätte da ja Gelegenheit gehabt, ihre Freiheit wieder zu erlangen.« »Hm! Ich vermuthe, daß sie nicht frei sein will.« »Nicht will? Das ist ja gar nicht denkbar!« »Ich vermuthe sogar, daß sie ganz freiwillig in die Gefangenschaft gegangen ist.« »Das kann doch nicht möglich sein!« »O doch! Es giebt Mittel, ein solches Wesen zu zwingen, der Welt und Allem zu entsagen.« »Ich kenne kein solches Mittel!« »Es giebt welche, zum Beispiel die Mutterliebe.« »Wieso?« »Es wird der Mutter gesagt, daß ihr Kind getödtet werden soll, daß sie es nur dadurch retten kann, daß sie selbst in den scheinbaren Tod geht.« »Das wäre schrecklich! Aber warum nicht in den wirklichen Tod? Warum läßt man sie leben?« »Es muß doch Gründe geben, wenn es mir auch jetzt noch unmöglich ist, mir darüber klar zu werden.« »Monsieur Müller, je länger ich Sie höre, desto mehr muß ich mir denken, daß Sie Recht haben können. Aber der Gedanke, daß meine Mutter noch lebt, ist so ungeheuerlich, daß es mir doch beinahe unmöglich wird, ihn zu fassen.« »Mir ist es nicht nur ein Gedanke, sondern geradezu Gewißheit.« »Dann wäre der Capitän geradezu ein Teufel!« »Das ist er. Ich habe zum Beispiel die Ahnung, daß da unten Gefangene stecken, welche bereits lange, lange Jahre das Licht der Sonne nicht mehr gesehen haben.« »Fürchterlich! Aber, Monsieur, wenn es wahr ist, daß meine Mutter noch lebt, so ist es meine heiligste Pflicht, sie aus den Banden zu befreien, in denen sie schmachtet!« »Ich habe mir bereits diese Aufgabe gestellt.« »Ich danke Ihnen! Sie sind ein ungewöhnlicher, außerordentlicher Mann. Glauben Sie, Erfolg zu haben?« »Ich hoffe es.« »Und dennoch darf ich diese Aufgabe nicht allein in Ihren Händen lassen. Wollen Sie mir erlauben, mit zu wirken?« »O, gern!« »Nun gut, seien wir Verbündete und Vertraute! Hier ist meine Hand. Verschwören wir uns gegen den Capitän! Bitte, schlagen Sie ein!« »Topp, gnädiges Fräulein! Ihre Hilfe wird mir jedenfalls von großem Vortheile sein.« »Ich wünsche und hoffe es. Zunächst gilt es, zu erfahren, ob jene Erscheinung im alten Thurme ein Geist oder ein körperliches Wesen ist.« »Ich bin bereits überzeugt, daß sie das Letztere ist.« »Aber auch ich will diese Ueberzeugung haben!« »Sie hätten sie bereits, wenn Sie mir nach jenem Gewitter erlaubt hätten, dem vermeintlichen Geiste nachzugehen.« »Ja, ich habe diesen Fehler begangen; aber ich wußte da noch nicht, was ich jetzt weiß. Er muß gut gemacht werden. Aber, in welcher Weise soll das geschehen?« »Es ist nur Eins möglich: Wir müssen diesen Geist aufsuchen.« »Gewiß! Wir müssen in jene unterirdischen Gänge eindringen, und zwar baldigst.« »Das wird geschehen, sobald der Pflanzensammler wieder zurückgekehrt ist.« »Warum das?« »Ich habe ihm versprochen, so lange zu warten.« »Hätten Sie das doch nicht gethan! Nun ich einmal denken muß, daß meine Mutter noch lebt, möchte ich keinen einzigen Augenblick unnütz verschwinden lassen.« »Ich muß Sie dennoch um Geduld bitten. Ich bedarf der Hilfe meines Verbündeten. Er ist stark und muthig. Ohne ihn darf ich es nicht wagen, in jene Gewölbe einzudringen. Es giebt da Gefahren, von denen man vorher keine Ahnung haben kann. Ein Einzelner kann verloren sein, während die Anwesenheit eines Zweiten ihn zu retten vermag.« »Gut! Ich muß mich fügen, denn ich erkenne Ihre Gründe an. Aber, was veranlaßt denn eigentlich diesen Monsieur Schneeberg, sich für Schloß Ortry so zu interessiren, daß er sich selbst in solche Gefahren wagt?« »Vielleicht die Freundschaft zu mir, vielleicht auch die Feindschaft gegen Rallion.« »Gegen Rallion? Was hat er mit diesem?« »Er hatte bereits ein Rencontre mit den beiden Grafen, in Folge dessen Beide verwundet wurden.« »Verwundet? Geschah das nicht durch eine Sense?« »Nein, es geschah durch Schneebergs Messer.« »Wieder ein neues Geheimniß!« »Ja, meine Gnädige, es giebt hier Geheimnisse ohne Ende; aber wir werden seiner Zeit die Räthsel alle lösen. Doch, es wundert mich, daß der Capitän noch nicht erschienen ist. Seit ich ihn belauschte, ist bereits über eine Stunde verflossen.« »Vielleicht haben Sie sich getäuscht?« »Schwerlich.« »Man hat etwas ganz Anderes gemeint!« »Nein, nein! Ich habe Wort für Wort verstanden. Es könnte höchstens der Fall sein, daß ich mich in der Zeit getäuscht hätte.« »Wieso?« »Daß man Sie erst morgen und nicht bereits heute überfallen will.« »Meinen Sie? Dann also würden wir uns heute ohne allen Grund geängstigt haben.« »Ich möchte allerdings nun annehmen, daß das Vorhaben auf morgen verschoben worden ist. Die beiden Männer müßten nun bereits da sein. Ich werde mich überzeugen.« Er wollte sich erheben. Sie hielt ihn zurück und fragte: »Wie wollen Sie dies anfangen?« »Ich gehe nach dem Schlafzimmer Rallions.« »Auf dem heimlichen Wege?« »Ja.« »Aber wenn sie Ihnen begegnen! Das ist doppelt gefährlich!« »Nein. Sie würden Licht haben, welches ich von Weitem sehen müßte. Ich könnte mich also rechtzeitig zurückziehen. Also bitte, mir zu erlauben!« »Sie kommen aber wieder zurück?« »Jedenfalls.« »Gut! Also gehen Sie – – oder, ah, ich bin nun doch Ihre Verbündete; darf ich mit?« Er besann sich einen Augenblick und antwortete dann: »Das ist gefährlich. Sie würden sich nicht so schnell zurückziehen können, wie es nöthig ist« »Was schadet das? Ob wir sie hier empfangen, oder ob wir ihnen unterwegs entgegentreten, das bleibt sich gleich. Ich erbitte mir als ein Zeichen Ihres Vertrauens die Erlaubniß, Sie begleiten zu dürfen! Wollen Sie mir diese erste Bitte abschlagen?« »Wenn Sie Ihrem Wunsche diese Form geben, so kann ich Ihnen die Erfüllung desselben allerdings nicht vorenthalten.« »Ich danke! Also, machen wir uns auf den Weg!« Sie erhob sich und er auch. »Aber vorsichtig sein!« sagte er. »Wollen erst lauschen. Aber, gnädige Baronesse, ich werde von meiner Laterne Gebrauch machen müssen!« »Thun Sie das! Mich incommodirt es nicht.« »Begeben wir uns also in das Wohnzimmer.« Er nahm die Laterne aus der Tasche, öffnete sie und leuchtete. Der Baronesse voranschreitend, trat er in das Wohnzimmer. Dort lehnte der Sonnenschirm noch an seiner Stelle. »Hier ist der geheime Eingang,« sagte er, nach der Stelle zeigend und sich dabei rückwärts wendend. Jetzt sah er Marion beim Scheine der Laterne. Wie schön, wie wunderbar schön war sie! Sie hatte vorhin im Dunkel ihr Morgennegligée angelegt. So hatte er sie noch nicht gesehen. Noch immer hatte sie das Häubchen auf, unter welchem sich das herrliche Haar gewaltig hervordrängte. »Also hier dieses Täfelwerk!« sagte sie. »Wer hätte das geahnt! Wie öffnet man?« »So!« Er entfernte den Schirm und schob dann leise das Getäfel zur Seite. Sie bückte sich und griff nach der Laterne. »Leuchten wir hinaus!« sagte sie. »O bitte, nein!« entgegnete er. »Erst muß ich mich vergewissern, daß wir nicht überrascht werden.« Er schloß die Laterne und kroch hinaus. Draußen lauschte er. Es war kein verdächtiger Laut zu hören. Er stieg im Finstern die Stufen hinab, immer weiter, bis er in den Hauptgang gelangte. Als er auch da nichts Verdächtiges bemerkte, war er überzeugt, daß er es wagen könne, Marion mitzunehmen. Er kehrte also zurück. Sie war unterdessen unruhig geworden. »Wie lange Sie sind!« sagte sie. »Ich begann bereits, sehr besorgt um Sie zu werden.« »Ich wollte mich überzeugen, ob wir auf eine Begegnung gefaßt sein müssen.« »Ist das der Fall?« »Wenigstens jetzt noch nicht. Der Capitän ist entweder bei Rallion, oder er hat das Unternehmen für morgen festgesetzt und befindet sich bereits in seinem Zimmer.« »Also gehen wir.« Sie folgte ihm muthig hinaus auf den engen Gang. Sie begannen ihre Wanderung. Damit sie den Weg deutlich erkennen möge, ging er, ihr leuchtend, nach ihr. Er hatte sie vor Augen. Sie kam ihm vor, wie ein Wesen aus einer anderen Welt. Sie gelangten hinunter in den Gang. Dort blieb er stehen, ließ das Licht der Laterne im Kreise gehen und sagte: »Sie sehen diese Anzahl heimlicher Treppen! Die Wände dieses Hauses sind doppelt und zwischen ihnen führen Stufen nach allen Zimmern. Hier rechts, diese Treppe geht nach der Wohnung des Amerikaners, dieselbe, in welcher der Director ermordet wurde.« »Da sind Sie damals hinaufgestiegen?« »Ja.« Ihr Auge glitt aus dem Dunkel in den Lichtkreis zurück. Sie schauderte zusammen. »Ein Mord! Gott, ich fürchte mich.« Fortsetzung 85 Marion stand neben Müller; sie schmiegte sich unter dem Einflusse des Gefühles, welches sie überkam, eng an ihn, so daß er ihre weichen, warmen Formen deutlich fühlte. »Wollen wir zurückkehren?« fragte er. »Nein,« antwortete sie. »Es muß zwar schrecklich sein, in diesen finsteren Gängen überrascht und überfallen zu werden; aber ich will mich nicht fürchten; Sie sind ja bei mir! Was thun wir jetzt?« »Das Sicherste ist, das Zimmer des Capitäns aufzusuchen.« »Um zu sehen, ob er dort ist?« »Ja.« »Gut! Gehen wir! Wissen Sie, wo es ist?« »Ja. Bitte, hier links hinauf! Sie stiegen empor, leise und langsam, er voran leuchtend, und sie, ihm folgend. Als er endlich stehen blieb, legte er den Finger auf den Mund, zum Zeichen, daß sie nicht sprechen solle. Am Boden erblickte Marion ein Fachwerk, gerade wie bei ihrer eigenen Wohnung. Mehrere Stufen höher gab es ein kleines, rundes Loch in der Mauer. Da hinauf stieg Müller. Nach wenigen Augenblicken kam er herab und raunte ihr in das Ohr: »Bitte, blicken Sie durch dieses Loch! Aber, um Gottes Willen, ja nicht das mindeste Geräusch.« Sie stieg die Stufen empor. Vor dem Loche war eine Glastafel, in welche Figuren gemalt waren. Diese Tafel war in die Tapetenborde eingesetzt, so daß man sie im Zimmer nicht von der Letzteren unterscheiden konnte. Zwischen den Figuren hindurch konnte man den Raum überblicken. Es war die Stube des Capitäns. Marion sah ihn schreibend am Tische sitzen. Sie stieg wieder herab. »Er ist zurückgekehrt,« flüsterte sie. »Ich habe also heute den Ueberfall wohl nicht zu erwarten?« »Nun nicht. Bitte, gehen wir! Sie kehrten auf demselben Wege wieder nach Marion's Wohnung zurück. Nachdem Müller das Getäfel verschlossen hatte, sagte sie: »Jetzt darf ich Licht anbrennen, und dann wollen wir berathen, was für morgen zu thun ist.« Er löschte seine Laterne aus. Sie brannte die Lampe an, und dann nahmen sie am Tische Platz. »Es ist doch eine entsetzliche Raffinerie, solche Gänge und Gucklöcher herzustellen,« sagte sie. »Giebt es auch an meiner Wohnung ein solches Loch, Monsieur?« »Ja,« antwortete er. »Haben Sie es vorhin nicht beachtet?« »Nein. Aber, so hat mich der Capitän zu jeder Zeit beobachten können?« »Gewiß!« »Und ich habe nichts gewußt! Wie schrecklich! Wo ist es?« »Da oben über der Uhr.« »Nicht im Schlafzimmer?« »Nein. Dort giebt es kein solches verrätherisches Loch.« »Das beruhigt mich. Von jetzt an also werde ich mich so einzurichten haben, daß ich stets ohne Schaden beobachtet werden kann. So hört man wohl auch, was gesprochen wird?« »Jedes Wort.« »Das ist noch schlimmer. Nun erst begreife ich, wie der Capitän Alles, Alles wissen konnte, so daß er fast allwissend zu sein schien. Giebt es auch bei Ihnen einen Eingang?« »Nein, aber ein Beobachtungsloch.« »Wie haben Sie es entdeckt?« »Gleich am ersten Tage meiner Anwesenheit. Ich befand mich ruhig in meinem Zimmer und hörte an der Wand ein Geräusch. Das hat den Capitän verrathen.« »So müssen also auch Sie stets auf der Hut sein.« »Gewiß, zumal er mir nicht traut. Doch, wir wollten ja von morgen sprechen.« »Ja. Sie meinen also, daß die Beiden morgen kommen werden?« »Ich glaube nicht, daß sie länger warten werden.« »Was soll ich thun? Wie soll ich sie empfangen?« »Hm! Sie werden erschrecken, entdeckt zu sein, aber sie werden sich sofort fassen und irgend ein Märchen ersinnen, um ihr Erscheinen plausibel zu machen.« »Sie meinen, Monsieur, daß man sich nicht an mir vergreifen wird?« »Das wird man unterlassen. Der Streich kann ja nur dann gelingen, wenn man Sie im Schlafe betrifft, so daß man Sie betäuben kann, ohne daß Sie um Hilfe rufen.« »Ah! So werden sie ihre Absicht nicht eingestehen.« »Keinesfalls.« »Das glaube ich auch. Sie werden eine Ausrede erfinden. Und das genügt mir nicht. Ich möchte sie auf der That ertappen, so daß ich ihnen ihre Schlechtigkeit beweisen kann.« »Das ist das Beste, auch meiner Ansicht nach.« »Aber, wie soll man das anfangen?« »Es hat allerdings seine Schwierigkeit,« sagte er. Und nach einer Pause des Nachsinnens fuhr er fort: »Sie kommen mit Licht, aber sie dürfen das nicht mit in Ihr Zimmer nehmen. Sie werden also ihr Werk im Dunkeln ausführen. »Wahrscheinlich.« »Das bringt mich auf einen Gedanken. Ihre Zofe hat ungefähr dieselbe Figur wie Sie, gnädiges Fräulein –« »Ah! Sie meinen?« fiel sie schnell ein. »Wenn diese Zofe an Ihrer Stelle – –!« Marion nickte ihm zustimmend zu. »Gewiß, gewiß!« sagte sie. »Das könnte gehen.« »Das Schwierige dabei ist, einen Grund zu finden, daß die Zofe in Ihrem Zimmer schlafen soll.« »O, einen Vorwand werde ich sicher finden und wenn ich sagen sollte, daß es sich um einen Scherz handle.« »Wohl! So wird man also dieses Mädchen chloroformiren und fortschaffen.« »Man wird sie jedenfalls gleich wiederbringen, da man beim ersten Lichtstrahl, welcher auf sie fällt, den Irrthum doch sofort bemerken muß.« »Gewiß. Und wenn sie die Zofe wiederbringen, so ist das der richtige Augenblick, ihnen zu sagen, daß sie durchschaut sind. Sie können dann ihre Absicht nicht leugnen.« »Ja, ich werde beide niederschmettern und an dieser Genugthuung, die ich nur Ihnen verdanke, sollen Sie auch Theil nehmen.« »Ich soll zugegen sein?« »Ja.« »Das wird wohl kaum zu bewerkstelligen sein.« »Warum?« »Weil nur die Zofe allein sich hier befinden darf.« »Ich verstehe. Aber, bitte, kommen Sie einmal.« Sie ergriff das Licht und führte ihn nach dem Schlafgemache. Es gab da eine schmale Glasthür, deren Fenster mit einer Gardine verhangen war. »Sehen Sie diese Thür?« fragte sie. »Gewiß!« lächelte er. »Das ist mein Garderoberaum. Wir verbergen uns darin, Sie und ich.« »Hm! Wenn sie nun hineinblicken.« »Wir verschließen von innen.« »Das könnte auffallen!« »O nein. Warum sollte das Verdacht erregen?« »Auch würde die Zofe nicht einschlafen, wenn sie wußte, daß wir uns in der Garderobe befinden.« »Sie wird nichts davon erfahren. Wir verbergen uns hier, bevor sie schlafen geht.« »Dann ist allerdings das Gelingen möglich. Wo aber treffen wir uns, gnädiges Fräulein?« »Sie thun, als ob Sie schlafen gehen, kommen aber kurz nach zehn Uhr hierher zu mir, natürlich heimlich. Das Uebrige aber überlassen Sie mir. Ich werde das Arrangement schon zu treffen wissen.« »Gut, ich werde Ihnen gehorchen. Natürlich verhalten wir uns tagsüber so, als ob wir gar nichts ahnten.« »Das ist unumgänglich nothwendig. Also Sie denken nicht, daß ich heute einen Besuch zu erwarten habe?« »Auf keinen Fall. Ich werde für Sie wachen.« »Und ich sehe ein, daß meine Schuld Ihnen gegenüber immer größer wird. Welch ein Unglück für mich, wenn Sie nicht nach Ortry gekommen wären.« Sie reichte ihm beide Hände entgegen. Er ergriff dieselben. In seinen Augen glänzte es feucht. »Gnädiges Fräulein, befehlen Sie, so gehe ich für Sie in den Tod!« sagte er mit vor Rührung zitternder Stimme. »Nein, mein Lieber, nicht in den Tod!« antwortete sie. »Sie sind ein seltener Mann. Man sollte gar nicht meinen, daß Sie ein Gelehrter sind. Sie müssen leben, leben und glücklich sein!« Ihr Busen hob sich unter einem tiefen Athemzuge. Es war ihm, als ob er sie jetzt erringen könne, wenn er ein Wort zu ihr sage; aber wäre es edel gewesen, ihre Dankbarkeit in dieser Weise auszubeuten? Nein! Er schüttelte leise den Kopf und antwortete: »Dank, gnädiges Fräulein! Ihre Worte sind mir mehr werth, als alle Reichthümer der Welt. Wollte Gott, ich könnte noch viel mehr für Sie thun, als was ich bisher für Sie thun durfte! Halten wir also treue Kameradschaft! Und gelingt es mir, die Ihnen drohende Gefahr abzuwenden, so bin ich mehr als reich belohnt.« Sie hatte sich halb abgewendet gehabt; jetzt drehte sie sich ihm wieder zu und sagte: »Ja, Sie sind ebenso edel wie uneigennützig. Ich blicke Ihnen bis in die Tiefe Ihres Herzens hinab. Also treue Kameradschaft. Gut, verlassen wir einander nicht! Aber jetzt, jetzt können wir uns wohl gute Nacht sagen?« »Gewiß. Sie haben nichts zu befürchten.« »Gut! Schlafen Sie wohl, mein lieber Kamerad! Suchen auch Sie Ruhe, denn morgen werden wir wohl auf den Schlaf verzichten müssen!« Sie reichte ihm die Hand. »Noch Eins!« bat er. »Darf ich einen Wunsch aussprechen?« »Gewiß! Reden Sie! »Bitte, wagen Sie sich jetzt noch nicht ohne meine Begleitung in die geheimen Gänge! Sie werden die Gründe begreifen, welche mich zu dieser Bitte veranlassen.« »Sie haben Recht. Ich verspreche Ihnen, nichts zu thun, ohne es Ihnen vorher gemeldet zu haben.« »Das beruhigt mich! Gute Nacht, gnädige Baronesse!« »Gute Nacht, Monsieur!« Er ging. Draußen, als er den Eingang verschlossen hatte, blieb er überlegend stehen. »Hm!« dachte er. »Gewiß ist gewiß! Ich werde die Riegel vorschieben. Ah, ich hätte das ja so auch thun müssen, denn ich habe sie ja vorgeschoben vorgefunden.« Nun begab er sich zunächst nochmals an das Zimmer des Capitäns. Er kam gerade recht, um zu sehen, daß dieser sich zum Schlafengehen entkleidete. »Schön!« dachte er. »So brauche ich nicht zu wachen. Es ist nun ganz sicher, daß heute gegen Marion nichts unternommen wird.« Jetzt nun suchte er die Treppe wieder auf, welche in das Gemach des Amerikaners führte. Dieser saß, als er bei ihm eintrat, am Tische. Er hatte das Licht brennen. »Endlich!« sagte Deep-hill. »Wie lange habe ich auf Sie warten müssen!« »Ich konnte nicht eher!« »Ich dachte bereits, daß Sie nicht kommen würden.« »O, ich pflege Wort zu halten, hatte aber leide eine Abhaltung, die ich nicht vorhersehen konnte.« »Bitte, nehmen Sie Platz! Hier sind Cigarren!« Müller steckte sich eine an. Der Amerikaner sah ihm dabei zu und sagte dann: »Wissen Sie, was Sie sind?« »Nun?« »Erstens mir ein Räthsel.« »Und zweitens?« »Und zweitens ein außerordentlicher Mann.« »Danke, Master Deep-hill!« »Was Sie voraussahen, ist eingetroffen.« »Ich wußte es.« »Aber, erklären Sie mir, wie Sie das eben wissen konnten!« »Ich hatte es einfach berechnet.« »Aber doch nur auf Grund gewisser Beobachtungen und Erfahrungen, welche Sie hier bereits gemacht haben?« »Allerdings.« »Ich möchte einmal ein Wenig unbescheiden sein.« »Versuchen Sie es!« »Darf ich fragen, welche Erfahrungen es sind, die Sie in den Stand setzen, so genaue Berechnungen zu machen?« »Ich möchte Ihnen antworten, Monsieur, darf aber nicht.« »Sie haben kein Vertrauen zu mir?« »Vorsicht ist nicht immer gleichbedeutend mit Mangel an Vertrauen.« »Ich gebe das zu und muß mich also in Ihre Weigerung fügen. Es kommt mir hier Verschiedenes unbegreiflich vor, Eins aber ist mir sehr begreiflich, nämlich daß Sie es mit mir aufrichtig gemeint haben.« »Das ist allerdings der Fall. Sie glauben also nun meiner Warnung?« »Vollständig! Ich halte diesen alten Capitän Richemonte für einen Schurken.« »Damit werden Sie wohl keinen Irrthum begehen.« »Ich glaube ferner, daß er bei der Entgleisung des Zuges die Hand mit im Spiele hat.« »Ich habe keine Veranlassung, das zu bestreiten.« »Ja, gewiß! Sie wissen jedenfalls weit mehr, als Sie sagen wollen. Aber wie kann man es dem Capitän beweisen?« »Das muß ich Ihnen überlassen.« »Die Thäter sind entkommen, sonst würde man sie zum Geständniß zwingen.« »Vielleicht ergreift man sie noch.« »Darauf möchte ich nicht warten. Es giebt noch einen anderen Weg, die Urheberschaft Richemonte's zu beweisen.« »Ich wäre neugierig, dies zu erfahren.« »Ich wurde gerettet durch einen Herrn, der sich mit in meinem Coupé befand – –« »Ah, der Pflanzensammler?« »Ja. Kennen Sie ihn?« »Alle Welt kennt ihn.« »Er hat die Thäter im Walde belauscht.« »Auch den Capitän?« »Nein. Aber aus dem, was er gehört hat, geht vielleicht die Mitschuld des Alten hervor.« »Nun, so fragen Sie ihn.« »Der Mann ist leider nicht zu haben. Wie ich erfuhr, hat er den nächsten Zug zu einer Reise benutzt.« »Jedenfalls kommt er wieder.« »Ich hoffe es und bin also gezwungen, auf ihn zu warten. Bis dahin aber werde ich Sie ersuchen, mir Ihre Theilnahme nicht zu entziehen.« »Ich stelle mich Ihnen zur Verfügung und bin Ihnen, so weit es in meinen Kräften steht, zu Diensten bereit.« »So sagen Sie mir aufrichtig, was ich von dem Capitän zu befürchten habe!« »Ich ziehe vor, Ihre eigene Meinung zu hören,« antwortete Müller vorsichtig. »Nun, ich bin jetzt überzeugt, daß er sich in den Besitz meines Geldes setzen will.« »Das glaube ich ebenfalls.« »Und zwar durch ein Verbrechen!« »Vermuthlich!« »Einen Mord?« »Ich widerstreite Ihnen nicht.« »So wäre es eigentlich am Besten, ich entfernte mich einfach!« »Einen besseren Rath kann auch ich Ihnen nicht geben.« »Aber das widerstreitet meinem Character. Dieser alte Bösewicht soll sich in seiner eigenen Schlinge fangen.« »Ich möchte Sie sehr zur Vorsicht mahnen.« »Pah! Nun ich gewarnt bin, habe ich nichts mehr zu fürchten. Ich werde den Unbefangenen spielen.« »Bis Sie der Gefangene werden!« »Keine Sorge! Ich bin empört über ihn. Ich komme über die See herüber, um seiner Sache zu dienen und aus Erkenntlichkeit dafür will er mich morden! Wenn dies keine Strafe verdient, dann braucht überhaupt nichts bestraft zu werden. Noch habe ich keinen Beweis gegen ihn in den Händen; ich werde mir aber solche Beweise verschaffen, selbst wenn ich dabei auf fremde Hilfe verzichten müßte.« »Wie wollen Sie das beginnen?« »Indem ich ihm scheinbar vertraue.« »Glauben Sie wirklich, ihn täuschen zu können?« »Ich kenne mich; ich werde es fertig bringen.« »O, er ist ein schlauer Fuchs! »Selbst der Fuchs geht in's Eisen! Ich werde ganz so thun, als ob ich auf seine Absichten eingehe.« »So sind Sie verloren.« »O nein! Ich brauche nur meine Anweisungen nicht zu unterschreiben, so bin ich sicher, daß mir nichts geschieht.« »Das scheint so; ich denke es auch; aber der Alte ist beinahe unberechenbar.« »Sie berechnen ihn doch auch und zwar mit Erfolg.« Müller zuckte die Achsel und antwortete: »Es hat ein Jeder seine eigene Weise im Rechnen; daher gelingt dem Einen sehr leicht, worüber sich ein Anderer vergebens den Kopf zerbricht.« Der Amerikaner zog die Brauen zusammen. »Halten Sie mich vielleicht für einen Ignoranten?« fragte er. »Nein, aber für einen heißblütigen Character. Es ist das ein Vorzug, kann aber auch leicht zum Schaden ausschlagen.« »Nun, zunächst bin ich noch im Vortheile: Ich habe meinen Verdacht, wovon der Alte gar nichts ahnt, ich habe ferner Ihre Warnung, welche Sie nicht ohne triftigen Grund ausgesprochen haben werden und ich bin schließlich im Besitze des Geheimnisses, daß es hier verborgene Oertlichkeiten giebt.« »Dieser Besitz wird Ihnen nicht viel helfen.« »Ah pah! Ich werde den geheimen Gang, durch welchen der Alte zu mir kam, und durch welchen auch Sie gekommen sind, untersuchen!« »Ich rathe Ihnen sehr, dies zu unterlassen. Verlassen Sie das Schloß. Sie sind überall in Sicherheit, nur hier nicht!« »Sie mögen Recht haben; aber ich fühle mich gereizt, den Kampf mit diesem alten Spitzbuben unmittelbar zu führen. Können Sie mich über den verborgenen Gang aufklären?« »Ich kenne diese Heimlichkeit selbst noch nicht vollständig.« »Ah, Sie bleiben zurückhaltend! Das thut mir leid. Ich sagte Ihnen bereits, welche Theilnahme ich Ihnen widme!« »Ich bin Ihnen dankbar, Monsieur. Ich habe Ihnen bewiesen, daß diese Theilnahme eine gegenseitige ist.« »Gewiß! Aber wenn Sie ein Wenig aufrichtiger sein wollten, würde ich mich viel glücklicher schätzen.« »Vielleicht ist mir dies später möglich. Sie wissen, daß ich nicht das bin, was ich zu sein scheine. Sie wissen, daß ich den Capitän genau kenne, daß ich ihn beaufsichtige. Ich bitte Sie, auf meine Warnung zu hören und das Schloß baldigst zu verlassen.« »Das kann mir keinen Nutzen bringen. Sie wissen, daß ich an diese Gegend gebunden bin – –« »Das begreife ich nicht. Sie kommen, um mit dem Capitän ein Geschäft abzuschließen; Sie sehen, daß er Sie betrügt, ja, daß er das Schlimmste sinnt – was ist es, was Sie an ihn binden könnte?« »Ah, ihn meine ich nicht. Es giebt eine ganz andere Person, welche mich veranlaßt, in dieser Gegend zu bleiben. Ich nehme an, daß Sie errathen, wen ich meine. Habe ich nun einmal die Absicht, in dieser Gegend zu bleiben, warum denn nicht auch hier im Schlosse?« »Weil dies für Sie der gefährlichste Ort ist.« »O nein! In der Höhle des Löwen ist man oft sicherer, als außerhalb derselben. Der Capitän kann mich finden, ob ich hier wohne oder in Thionville.« Müller erhob sich von seinem Sitze und sagte: »Ich kann mir ein Recht, auf Ihre Entschlüsse und Bestimmungen einzuwirken, nicht anmaßen; ich habe es gut gemeint.« »Das sehe ich auch ein. Ich weiß, daß unsere Bekanntschaft zu jung ist, als daß Sie mir Alles mittheilen können; ich strebe also darnach, mir Ihr Vertrauen zu erwerben, und dies wird mir leichter, wenn ich da wohne, wo auch Sie sich befinden – abermals ein Grund, in Ortry zu bleiben.« »Nun, so habe ich für jetzt nur eine Bitte.« »Sie ist Ihnen gewährt. Sprechen Sie!« »Lassen Sie keinem Menschen ahnen, daß Sie von mir gewarnt worden sind.« »Ich werde schweigen.« »Und was auch passiren möge, verrathen Sie nicht, daß ich den heimlichen Gang kenne und Sie mit Benutzung desselben hier besucht habe!« »Auch das verspreche ich Ihnen, möchte aber allerdings gern eine Gegenbitte aussprechen.« »Lassen Sie hören!« »Ich bemerke, daß Sie in einem Tone mit mir verkehren, wie es zwischen Personen gebräuchlich, welche sich Höflichkeit schulden, aber auch nichts weiter als Höflichkeit. Sie äußern zwar Theilnahme für mich, aber eine Theilnahme, wie man sie für einen jeden Menschen hat, der sich die Freundlichkeit seiner Mitbrüder nicht verscherzt hat. Ich sage Ihnen aufrichtig, daß mir dies nicht genügen kann.« Ueber Müllers Gesicht glitt ein sehr bezeichnendes Lächeln. »Das klingt ja außerordentlich dictatorisch!« sagte er. »Sehen Sie, bitte, von dem äußeren Klange ab! Ich strebe nach Ihrer Freundschaft; ich sehe ein, daß diese nicht im Sturme erobert werden kann, aber ebenso deutlich erkenne ich, daß irgend Etwas zwischen uns liegt, was ich leider nicht zu bestimmen vermag. Es ist irgend etwas Unwägbares, irgend etwas nicht mit den Händen zu Greifendes, was aber trotzdem da ist und auch trotzdem seine Wirkung äußert. Ich würde Ihnen zum größten Dank verpflichtet sein, wenn Sie mir offen und ehrlich sagen wollten, was dieses unbestimmbare Hinderniß eigentlich ist!« »Ja, ja,« nickte Müller bedächtig; »ich halte Sie für einen Südländer und ich habe damit jedenfalls das Richtige getroffen. Man will über den Fluß hinüber und so springt man mit beiden Beinen zugleich in das Wasser, ohne nur vorher zu überlegen, ob man schwimmen gelernt hat oder nicht!« »Kann ich gegen meine Natur, gegen mein Temperament?« »Nein, aber moderiren kann man dieses Temperament! Doch, rechten wir nicht.« »Wollen Sie sagen, daß ich nicht Recht habe?« »Das behaupte ich nicht.« »Sie geben also zu, daß irgend Etwas zwischen uns liegt, was eine herzliche Annäherung verhindert?« »Ja, ich gebe es aufrichtig zu.« »Gott sei Dank! Darf ich nun aber auch dieses so fatale Hemmniß kennen lernen?« »Sie werden es kennen lernen, seiner Zeit; jetzt ist mir noch nicht erlaubt, es zu sagen.« »Liegt es in meiner Person?« »Nein; diese wäre mir ja ganz und gar sympathisch, wie ich Ihnen offen gestehe.« »Oder in meinen Verhältnissen?« »Nein, denn diese Verhältnisse sind mir unbekannt.« »Worin dann sonst? Vielleicht in meinen Anschauungen und Intentionen?« »Ja, das ist das Richtige.« »Dann wird es mir nicht schwer werden, das, was Sie mir noch nicht mittheilen dürfen, zu errathen. Also es handelt sich um meine Anschauungen! Etwa um die religiösen?« »Nein.« »Die politischen?« Müller ließ ein leises Pfeifen hören, wiegte den Kopf hin und her und antwortete dann: »Mein verehrtester Master Deep-hill, Sie sehen doch ein, daß ich Ihnen Ihre Fragen nicht weiterhin beantworten kann.« »Warum nicht?« »Sehr einfach: Wenn ich Ihnen Etwas nicht mittheilen darf, so ist es mir jedenfalls auch verboten, es Ihnen errathen zu lassen. Das Eine wäre dann ganz genau so wie das Andere.« »Gut, ich verstehe! Ich glaube aber, bereits beim Errathen zu sein, versichere Ihnen aber, über Ihre Worte nachzudenken.« »Thun Sie das. Ein gutes Nachdenken ist in keiner Lage überflüssig. Es sollte mich freuen, wenn unsere Bekanntschaft eine gewinnreiche für Sie werden könnte!« »Das ist ja mein Wünschen und Sehnen. Ich habe gelitten, was Tausende nicht zu tragen vermöchten. Ich habe mich elend gefühlt, elend und verlassen, wie selten Einer. Ich hatte ein Glück verloren, wie es größer keines geben konnte, und ich wanderte rast- und ruhelos, um es wiederzufinden. Jetzt ist es, als wolle mir nach langer Finsterniß eine neue Morgenröthe leuchten. Soll es eine Täuschung sein? Soll es für mich allein kein Sternchen geben, wo doch über dem Allerärmsten die Sonne Gottes leuchtet?« Er hatte aus dem tiefsten Innern herausgesprochen. Sein Blick hing fast wie mit Angst an Müllers Auge. Dieser war selbst tief gerührt. Er streckte ihm die Hand entgegen und antwortete: »Warum sollten Sie verzagen? Ich bin gewiß, daß es auch für Sie noch einen Strahl des Lichtes giebt. Aber wenn Sie so sehr und so viel bitten, so sagen Sie mir, in welchem Lande Ihr Weh seinen Anfang nahm!« »Hier, in Frankreich.« »Warum kehren Sie zurück? Warum werfen Sie sich mit Gewalt der bösen Erinnerung in die Arme? Warum bringen Sie einem Lande Opfer, dem Sie bereits das größte Opfer, Ihr Lebensglück, gebracht haben?« Deep-hill blickte sinnend vor sich nieder. »Es liegt in Ihrer Frage etwas mir Unverständliches,« sagte er; »aber obgleich ich es nicht verstehe, fühle ich doch, daß es ein Fingerzeig für mich sein soll, eine Mahnung, eine Warnung, der ich gern gehorchen möchte.« »Sie rathen ganz richtig, Monsieur! Ich meine, Sie haben ein Herzensglück verloren. Suchen Sie sich jetzt ein solches, warum werfen Sie sich denn äußeren Eventualitäten in die Arme, von denen Sie ein Glück niemals zu erwarten haben? Wenn sich jetzt Könige Schach bieten, so haben doch nicht Sie nöthig, auch va banque zu spielen. Sie erfahren es an dem alten Capitän, daß Sie dabei doch nur zu Grunde gehen! Hier meine Hand! Ich fühle, daß ich Sie lieb haben könnte! Denken Sie über meine Worte nach, und finden Sie das Richtige, so wird es sicherlich zu Ihrem Glücke sein! Jetzt gute Nacht!« »Gute Nacht!« wiederholte der Amerikaner mechanisch. Sein Blick folgte Müllern, wie dieser sich durch den geheimen Eingang entfernte und dann das Getäfel wieder in die rechte Lage brachte. So stand er eine ganze Weile. Endlich ging ein helles Leuchten über sein Gesicht. »Es wird sicherlich zu Ihrem Glücke sein!« wiederholte er. »Ah, sie liebt mich! Er hat mit ihr gesprochen. Sie liebt mich; er hat es erfahren. Ich werde glücklich sein – – aber nur dann, wenn ich das Richtige finde! Was aber ist das? Was hat er damit gemeint? Ich muß mir ein jedes seiner Worte wiederholen. Er hat mit ganzer Ueberlegung gesprochen, und ein jedes seiner Worte hat Bedeutung. Er ist ein ganzer Mann, und ich muß erfahren, was er gemeint hat!« – Der nächste Tag verging ohne besondere Ereignisse. Müller hatte sich mit seinem Schüler zu beschäftigen, und am Nachmittage fuhr Marion nach Thionville, um ihre neue Freundin, Miß de Lissa, zu besuchen. Der alte Capitän hatte sich nur während des Mittagsessens sehen lassen und kam auch während des Abendmahles nur für wenige Augenblicke in den Speisesaal. Rallion, der Jüngere, hütete das Zimmer; sein Vater war abgereist. So nahte die Zeit, in welcher man zur Ruhe zu gehen pflegt. Müller verschloß seine Wohnung und schlich sich nach derjenigen Marions. Das schöne Mädchen hatte bereits auf ihn gewartet. »Willkommen!« sagte sie. »Sind Sie mit Allem versehen?« »Ja.« »Die Laterne?« »Ich habe sie mit.« »Waffen?« »Zwei Revolver, also mehr als genug.« »So wollen wir uns auf unseren Beobachtungsposten zurückziehen. Kommen Sie!« Sie verlöschte das Licht und führte ihn in die Garderobe, in welcher eine Kerze brannte. Sie verschloß die Thür hinter sich. Man konnte von hier aus durch die dünnen Gardinen Alles bemerken, was im Schlafzimmer vor sich ging. »So, setzen wir uns!« sagte Marion. »Ich habe diese beiden Sessels selbst heimlich herbei geschafft.« In der Nähe der Thür standen zwei Polstersessel neben einander, auf denen die Beiden Platz nahmen. »So! Nun kann es beginnen,« meinte die Baronesse, nachdem sie das Licht ausgeblasen hatte. »Wird die Zofe hier schlafen?« »Ja. Ich habe freilich ein – ein gewisses Opfer bringen müssen.« »Das bedaure ich sehr!« »Es ging nicht anders; es gab keinen stichhaltigen Grund als nur diesen einzigen.« Sie sprach nicht weiter. Müller hätte diesen Grund sehr gern kennen gelernt, unterließ aber jede Frage, da dies als zudringlich erschienen wäre. Doch sie fuhr freiwillig fort: »Sie müssen nämlich wissen, daß ich ein sehr romantisch gestimmtes Wesen bin!« »Davon habe ich noch Nichts bemerkt!« »O doch!« lachte sie leise vor sich hin. »Denken Sie sich: Ich habe über mein Herz verfügt!« »O wehe!« »Ich bin in dem glücklichen Besitze eines heimlich Angebeteten!« »Der Beneidenswerthe!« »Es ist mir aber verboten worden, ihm zu gehören!« »Das ist sehr traurig.« »Darum sehen wir uns nur heimlich!« »Wie rührend, aber unvorsichtig!« »Auch heute erwartet er mich!« »Der Ritter Toggenburg!« »Ich fliege zu ihm!« »Glückliche Schwalbe!« »Aber die Baronin hat eine Ahnung. Sie könnte sich überzeugen wollen, daß ich anwesend bin, daß ich schlafe.« »Der Knoten lößt sich mehr und mehr.« »So muß also die Zofe an meiner Stelle schlafen.« »Haben Sie ihr das Alles gerade so gesagt?« »O nein! Das würde mir eine Unmöglichkeit gewesen sein. Ich habe sehr, sehr wenig gesagt, ihr aber sehr viel errathen lassen. Hat sie ihre Phantasie zu sehr in Thätigkeit gesetzt, so ist das nun nicht meine Schuld.« »Sie wird übrigens sehr bald in Erfahrung bringen, weshalb sie veranlaßt wurde, Ihre Stelle einzunehmen. Ah! Sehen Sie? Die Zofe kommt!« Die Genannte trat ein, mit einem Lichte in der Hand. Sie sah sich um, verschloß die Thür des Wohnzimmers und machte es sich dann im Schlafzimmer bequem. Sie nahm einige Bücher aus dem Schranke und blätterte nach Bildern, bis sie müde zu werden schien. Dann entkleidete sie sich, verlöschte das Licht und legte sich schlafen. Während der letzten zehn Minuten hatte Müller sich vom Stuhle erhoben und war an das Fenster getreten. Als das Licht verlöschte, kehrte er zu seinem Sitze zurück. »Es ist bereits halb Zwölf,« flüsterte Marion. »Wann denken Sie, daß sie kommen?« »Wer weiß es! Jedenfalls kommen sie nicht eher, als bis sie denken, daß Sie fest schlafen, gnädiges Fräulein.« »Das ist eine kleine Geduldsprobe für uns.« »Bitte, ruhen Sie immerhin. Ich werde wachen.« »O, meinen Sie, daß ich schlafen könnte? Nein. Ich bin in so gespannter Erwartung, daß es mir unmöglich wäre, auch nur zwei Augenblicke zu schlafen.« Von nun an schwiegen Beide. Es verging Viertelstunde um Viertelstunde, bis die erste Stunde nahe war. Man hörte die Zofe leise schnarchen. Da zuckte Marion zusammen. »Hören Sie?« flüsterte sie. »Ja. Sie kommen. Sie haben an einen Stuhl gestoßen.« Beide lauschten mit angehaltenem Athem. Während der Zeit von einigen Minuten war nichts zu hören; dann aber vernahmen sie ein Geräusch, wie wenn Federbetten bewegt werden. Nachher waren Schritte zu vernehmen, auf welche jetzt nicht mehr die vorige Sorgfalt verwendet wurde. Dann wurde es wieder still. »Es ist geschehen,« sagte Marion leise. »Sie werden ihren Irrthum bemerken und bald wiederkommen.« »Gott! Erst jetzt fühle ich so deutlich, welcher Gefahr ich entgangen bin. Monsieur, wie sehr, sehr danke ich Ihnen!« Er fühlte seine Hand ergriffen. Er faßte ihr Händchen und wagte es, dasselbe an seine Lippen zu ziehen. Sie duldete es. Er küßte diese schöne, warme Hand wieder und immer wieder, und sie entzog sie ihm nicht. Er gab die Hand nicht wieder frei; er hielt sie fest zwischen seinen Händen, und sie widerstrebte auch jetzt noch nicht. Ja, nach einiger Zeit fühlte er eine Berührung seiner Schulter. Eine wahrhaft himmlische Wonne durchströmte seinen ganzen Körper. Ihr Köpfchen war auf seine Achsel niedergesunken und da ließ sie es ruhig und vertrauensvoll liegen. War sie ermüdet? War sie doch noch eingeschlafen? Er fragte sich es gar nicht. Er hatte gar keinen Raum für diese Frage; er war ja ganz erfüllt von der Wonne, die ihn durchfluthete. So saßen sie nun abermals Viertelstunde um Viertelstunde, ohne zu sprechen, ja sogar ohne sich zu bewegen, bis sich dann unten vom Hofe herauf Pferdegetrappel hören ließ. Die Baronin hatte sich nämlich gerade angeschickt, Nachttoilette zu machen, als sich der Capitän bei ihr anmelden ließ. Erstaunt über einen so ungewöhnlichen Besuch, hatte sie ihn empfangen. »Sind wir allein und unbelauscht?« »Sie sehen, daß wir allein sind,« antwortete sie. »Zu lauschen wagt bei mir kein Mensch.« »Dann habe ich Ihnen eine wichtige Neuigkeit mitzutheilen.« Sie war seine Freundin nicht; sie haßte ihn und nur in ihrem Hasse gegen Andere waren sie einig. Darum vermuthete sie auch jetzt nichts Gutes. »Eine Neuigkeit?« fragte sie. »Ich glaube nicht, daß sie mich erfreuen wird!« »Sie irren. Es ist eine sehr gute Botschaft. Sie werden nämlich verreisen, Frau Baronin.« »Ich? Verreisen? Wann?« »Noch während dieser Nacht.« »Was fällt Ihnen ein! Wohin?« »Bis vor das Schloßthor.« Sie begann zornig zu werden. »Herr Capitän!« rief sie. Er musterte sie mit überlegenem Blicke und fragte: »Was beliebt?« »Soll ich etwa annehmen, daß ich der Gegenstand irgend eines Ihrer schlechten Witze sein soll?« »Nein, obgleich es ein außerordentlich guter Spaß ist, den ich heute entriren werde. Sie sollen nämlich an Stelle Marion's verreisen.« »Ich verstehe Sie nicht!« »Ich bin es leider längst gewöhnt, bei Ihnen kein Verständniß zu finden. Dieses Mal aber wird es Ihnen hoffentlich nicht schwer werden, mich zu begreifen. Sie wissen, daß Marion sich weigert, dem Obersten Rallion ihre Hand zu geben – – –« »Ich habe ihr leider nichts zu befehlen, würde ihren Widerstand aber schon zu brechen wissen.« »Wirklich? Was würden Sie thun?« »Sie zwingen! Sehr einfach!« Der Alte ließ ein kurzes, verächtliches Lachen hören und fragte: »Darf ich wohl erfahren, welcher Art der Zwang sein würde, den Sie in Anwendung zu bringen gedächten?« »Ich habe jetzt noch nicht an etwas Spezielles gedacht, bin aber sicher, daß ich ein passendes Mittel finden würde.« »Nun, während Sie noch gar nicht nachdenken, bin ich bereits beim Handeln. Ich werde Marion so lange bei Wasser und Brod einsperren, bis sie gefügig wird.« Diese Nachricht war der Baronin hoch willkommen. »Das wäre allerdings das Klügste,« sagte sie, »aber ich glaube nicht, daß Sie diesen guten Vorsatz auch wirklich in Ausführung bringen!« »Sie irren abermals! Heute Nacht wird Marion eingesperrt.« »Wohin?« »Das ist meine Sache. So viel ist aber gewiß, daß kein Mensch den Ort entdecken wird. Sie erhält ihre Freiheit nur als Rallions Verlobte wieder.« »Recht so! Aber, man wird sie vermissen!« »Daß dies nicht geschehen wird, dafür haben eben Sie zu sorgen! Marion wird verreisen. Es ist eine Nachricht gekommen. Es wird angespannt, und ich bringe sie nach dem Bahnhofe, ich selbst, nicht der Kutscher. An ihrer Statt aber steigen Sie ein. Man wird diese Verwechselung gar nicht bemerken, da es finster ist. Es genügt, daß eine Dame einsteigt. Sie nehmen den großen Schlüssel mit. Draußen lasse ich Sie absteigen und Sie kehren mit Hilfe des Schlüssels möglichst unbemerkt in Ihre Wohnung zurück. Später komme ich natürlich ohne Marion vom Bahnhofe.« Sie nickte ihm beistimmend zu. »Gut ausgedacht!« sagte sie. »Aber wird Marion sich gutwillig einsperren lassen?« »Das ist abermals meine Sache. Hat sie sich in meinen Befehl gefügt, so werde ich dafür sorgen, daß sie von ihrer Reise zurückkehrt. Sind Sie bereit, zu helfen?« »Gewiß! Wann werden Sie anspannen lassen?« »Der Zug geht kurz nach vier Uhr. Sie werden drei Viertelstunde vorher bereit sein müssen.« »Schön! Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung.« Man sah ihr die Freude an, welche sie über diesen Streich fühlte, der ihrer verhaßten Stieftochter gespielt werden sollte. Der Capitän machte ihr eine ironisch-achtungsvolle Verbeugung und sagte: »Ich bin Ihnen sehr verbunden, würde mich aber glücklich fühlen, wenn die Frau Baronin die Güte haben wollte, auch in anderen Angelegenheiten von so harmonischer Gesinnung mit mir zu sein!« Er ging und wartete bei sich, bis Alles zur Ruhe war; sodann begab er sich durch den geheimen Gang zu Rallion, der ihn bereits mit Ungeduld erwartete. Der Gedanke, nun mit Sicherheit auf Marion's Besitz rechnen zu können, ließ ihn das Verwerfliche der geplanten That vollständig übersehen. »Endlich!« sagte er. »Ich dachte, Sie würden viel früher kommen, Herr Capitän.« »Wir haben noch nichts versäumt. Vielleicht kommen wir sogar noch zu früh. Hier, nehmen Sie!« Er gab dem Grafen ein paar Filzschuhe, wie er selbst auch welche angezogen hatte. »Wozu das?« fragte Rallion verwundert. »Um das Geräusch unserer Schritte zu dämpfen. Es darf uns natürlich Niemand hören. Ziehen Sie die Schuhe an und dann wollen wir gehen.« Der Graf kam dieser Aufforderung nach und folgte dann dem Alten durch die geheime Thür hinaus nach den verborgenen Treppengängen. So gelangten sie beim Scheine der Laterne, welche der Alte trug, nach dem Wohnzimmer Marion's. Vor der Täfelung blieb der Alte halten, schloß die Blendlaterne und steckte sie ein. »Jetzt nicht das geringste Geräusch!« sagte er. »Ich werde erst nachsehen, ob sie vielleicht noch wach ist.« »Wo befinden wir uns?« fragte der Oberst. »Vor dem Wohnzimmer. Aus diesem geht es durch Portièren nach der Schlafstube. Warten Sie.« Er schob die Täfelung ganz leise zurück. Der Raum, in den er blickte, war vollständig dunkel. Er trat ein und schlich sich nach der Portière. Auch das Schlafzimmer war ohne Licht. Er huschte lautlos nach dem Bette und horchte. Die leisen, regelmäßigen Athemzüge, welche er deutlich hörte, bewiesen ihm, daß der Schlaf seines Opfers ein fester sei. Er brachte das Chloroform in Anwendung. Dies nahm eine ziemliche Zeit in Anspruch, so daß der Graf ungeduldig wurde. Er sah und hörte nichts und so lag ihm der Gedanke nahe, daß irgend etwas nicht in Ordnung sei. Endlich hörte er das leise Heranschleichen des Alten. »Wo haben Sie nur gesteckt?« flüsterte er diesem zu. »Bei Marion natürlich! Denken Sie etwa, das Chloroform wirke bereits nach einigen Secunden?« »Nein, aber mir scheint, es sind mehrere Viertelstunden vergangen. Ich dachte bereits, daß Ihnen Etwas geschehen sei.« »Pah! Mir geschieht Nichts!« »So ist Alles in Ordnung?« »Alles.« »Dann will ich mit hinein in's Zimmer.« »Halt, warten Sie noch! Wir müssen uns erst sagen, auf welche Weise wir das Mädchen fortschaffen.« »Nun, tragen müssen wir es natürlich!« »Das versteht sich ganz von selbst! Die Anwendung des Chloroformes ist nicht ganz ungefährlich. Darum habe ich mit der Dosis gespart. Es ist möglich, daß Marion unterwegs erwacht.« »Das schadet nichts!« »Mir nicht, aber Ihnen.« »Wieso?« »Wollen Sie etwa, daß sie bemerkt, wer es ist, dem sie ihre Gefangenschaft zu verdanken hat?« »Hm! Sie haben Recht. Sie soll wenigstens nicht wissen, daß ich auch bei dieser Ortsveränderung mitgewirkt habe.« »Ja. Wir müssen Ihnen vorerst die Chance offen halten, als ihr Retter aufzutreten. Darum dürfen wir während der kurzen Zeit kein Licht brennen.« »Aber ich kenne die Oertlichkeit gar nicht und es ist ja so finster, daß ich unbedingt Licht brauche.« »Sie brauchen keins. Ich werde Ihnen genau sagen, wie wir zu gehen haben.« »Aber Marion ist doch – – hm!« »Nun, was ist sie denn?« »Entkleidet!« »Das kann uns nicht stören. Die Kleider liegen auf dem Sopha; die nehmen Sie, während ich das Mädchen nehme. Ich binde Marion ganz einfach in das Betttuch. Vorerst kann ich sie allein tragen. Später werden Sie freilich mit zuzugreifen haben. Jetzt vorwärts! Sie schlichen sich nach dem Schlafzimmer, wo der Graf bald die zurückgelassenen Kleidungsstücke der Zofe fand. Er brauchte nicht lange zu warten, so raunte der Alte ihm zu: »Fort! Ich habe sie.« Von der Möglichkeit, belauscht zu werden, hatten sie keine Ahnung. Draußen angekommen, schob der Alte die Täfelung mit dem Fuße zu und dann stiegen sie langsam die Treppe hinab. Es war das keinesweges leicht, da der Raum außerordentlich schmal war. Aber der Capitän besaß trotz seines Alters so viel Körperkraft, daß ihm die Last, welche er trug, nicht übermäßig schwer wurde. Sie gelangten hinunter in den Hauptgang, da, wo die verborgenen Treppen ihren Ausgang nahmen. »So,« sagte der Alte. »Hier muß ich ein wenig ausruhen.« »Wohin denn?« »Es geht jetzt stets zu ebener Erde fort. Gehen Sie hinter mir, und nehmen Sie ein wenig Fühlung, dann können Sie keinen einzigen Fehltritt thun.« Sie begannen nun die Wanderung, immer in das tiefe Dunkel hinein. Es wurden einige Thüren geöffnet. Später fühlte der Graf hölzerne Wände wie von auf einander stehenden Kisten zu seiner Rechten und Linken. Dann blieb der Alte halten. »Am Ziele!« sagte er. »Schön! Das war ein verdammtes Avanciren. Wo befinden wir uns jetzt?« »Das werden Sie nachher sehen.« »Ist Marion noch betäubt?« »Ja. Sie hat sich noch nicht bewegt.« Er legte seine Last zu Boden und öffnete dann eine Thür. Sie drehte sich laut kreischend in den verrosteten Angeln. »Das ist die Einzelhaftzelle,« sagte er. »Fühlen Sie den Eingang?« »Ja.« »Werfen Sie die Kleider hinein. Ich werde unsere Gefangene darauf betten.« Der Graf gehorchte diesem Gebote. Die Angeln kreischten wieder; mehrere Riegel wurden vorgeschoben und dann nahm der Alte die Laterne heraus. »So, jetzt sollen Sie sehen, wo Sie sich befinden,« sagte er, indem er das Licht auf die Umgebung fallen ließ. Es war ganz dasselbe Gewölbe, in welchem Müller sich des Schlüssels bemächtigt hatte. Dem Grafen war doch ein Wenig bange um Marion geworden. »Sie wird doch nicht etwa erstickt sein,« sagte er. »Nein. Sie athmete. Ich bin überzeugt, daß sie in kurzer Zeit zu sich kommen wird.« »Ich möchte doch sehen, wie sie sich benimmt!« »Das ist unmöglich. Uebrigens können Sie sich leicht denken, wie freudig überrascht sie sein wird, sich in so sicherer Verwahrung zu befinden.« »Hat sie Essen und Trinken?« »Nein. Das würde ja ganz und gar gegen unsere Absichten sein.« »Und wann gehe ich zu ihr?« »Nicht vor morgen Abend. Sie soll ihre jetzige Lage wenigstens vierundzwanzig Stunden lang empfinden. Ich werde übrigens dabei sein, wenn ich mich auch nicht sehen lasse. Kommen Sie jetzt, wir kehren zurück.« Er führte Rallion denselben Weg zurück, auf welchem sie gekommen waren, und verriegelte dann die Täfelung von außen, um seinem Verbündeten die Möglichkeit eines selbstständigen Handelns abzuschneiden. In seinem Zimmer angekommen, war er mit sich selbst sehr zufrieden. »So!« sagte er zu sich. »Was wird sie denken, wenn sie beim Erwachen bemerkt, wo sie sich befindet? Sie wird natürlich sofort ahnen, wer ihr diesen Streich gespielt hat. Das ist der Anfang der Strafe für den Widerstand, den sie mir zu leisten wagte.« Jetzt nun endlich wechselte er den Anzug und begab sich zum Kutscher hinab, welchen er natürlich zu wecken hatte. »Das Coupé heraus!« sagte er. »Die gnädige Baronesse wird verreisen.« Der Mann war einigermaßen verwundert und erkundigte sich: »Nach dem Bahnhofe, gnädiger Herr?« »Ja. Ich fahre selbst. Du wirst schon hören, wenn ich zurückkehre.« Der Kutscher führte den Befehl aus. Er schirrte die Pferde ein, spannte sie an und brannte auch die Wagenlaternen an. Der Alte brachte die Dame geführt. Sie war verschleiert. Der Kutscher zweifelte nicht im Mindesten daran, daß es die Baronesse Marion sei. Er schloß das Thor auf und verschloß es dann hinter den Fortfahrenden wieder. Dann kehrte er in seine Kammer zurück und brannte sich eine Pfeife an. Er konnte den nach Thionville führenden Weg von hier aus beobachten und mußte also an den Wagenlaternen die Wiederkehr des Alten bemerken. Davon aber, daß nach einiger Zeit die im Thore befindliche kleine Pforte leise geöffnet wurde, bemerkte er nichts. Die Baronin kehrte heimlich in ihre Wohnung zurück. Am anderen Morgen sprach es sich sehr schnell herum, daß Baronesse Marion plötzlich habe verreisen müssen. Der Capitän hielt es für ein Gebot der Klugheit, am Frühstückstische zu erscheinen, um die Anwesenden mit der Abreise seiner Verwandten bekannt zu machen. Müller nahm die darauf bezügliche Bemerkung schweigend hin, konnte aber doch nicht umhin, einen erwartungsvollen Blick nach der Thür zu werfen. Diese öffnete sich, als man soeben mit dem Frühstücke begonnen hatte – Marion trat ein und grüßte ganz in herkömmlicher Weise. Der Alte sprang bei ihrem Anblicke vom Stuhle auf und starrte mit weit aufgerissenen Augen das Mädchen an. »Marion! Alle Teufel!« entfuhr es ihm. Sie schritt in ruhiger Haltung nach ihrem gewöhnlichen Platz und fragte verwundert: »Was ist's? Ist mein Erscheinen heute etwas so Auffälliges?« »Ich denke – ah! Unbegreiflich!« »Was ist unbegreiflich?« Da nahm Müller das Wort: »Der Herr Capitän sagte uns soeben, daß Sie während der vergangenen Nacht ganz unerwartet zu einer plötzlichen Abreise gezwungen worden seien.« Sie schüttelte den Kopf und sagte im unbefangensten Tone: »Da hat sich der Herr Capitän sehr geirrt. Ich wußte nicht, was mich jetzt zu einer Reise veranlassen könnte.« Der Capitän vermochte sich das Erscheinen Marion's nicht zu erklären. Ihr Verhalten zeigte auch keineswegs etwas Feindseliges. Er beschloß also, einstweilen zu schweigen. Aber als er nach eingenommenem Frühstücke für kurze Zeit am Fenster stand und Marion unter einem Vorwande sich ihm näherte, richtete er seine Augen stechenden Blickes auf ihr Gesicht und sagte: »Was ist das für ein Räthsel? Man sagte mir, daß Du nach dem Bahnhofe gebracht worden seist!« »Von wem?« »Darnach habe ich nicht gefragt. Auch erfuhr ich, daß Du Dich während der Nacht nicht in Deinem Zimmer befunden habest.« »Wer sagte das?« »Deine Zofe.« »Sie hatte Recht. Ich war allerdings nicht in meiner Wohnung.« Der Capitän öffnete die Augen wo möglich noch weiter und fragte: »Wo denn?« »Interessirt Dich das so sehr?« »Natürlich! Man sagt mir, Du seist verreist; Du kommst trotzdem zum Frühstücke; da muß ich allerdings sehr wißbegierig sein, wie das zusammenhängt.« »Das möchte ich selbst gern wissen. Ich bin nicht auf den Gedanken gekommen, zu verreisen.« »Aber wo befandest Du Dich?« »In Sicherheit, Herr Capitän.« Diese Antwort war scheinbar ganz leichthin gegeben, aber es traf ihn dabei ein Blick, welcher ihm sagte, daß diese Worte eine tiefere Bedeutung hätten. »In Sicherheit?« fragte er. »Ich begreife nicht, was Du mit diesen Worten sagen willst. Ich denke, daß ein Jeder hier in Ortry sich in Sicherheit befinde!« »Vielleicht sind Andere nicht ganz derselben Meinung.« Sie wendete sich von ihm ab und verließ den Speisesaal. Darauf hatte die Baronin gewartet. Sie trat sofort zu dem Alten heran und fragte: »Können Sie mir das erklären?« »Nein,« antwortete er. Es war ihm anzusehen, daß er sich in außerordentlicher Verlegenheit befand. »Sie haben aber doch mit ihr gesprochen! Sie haben sich natürlich erkundigen müssen!« »Freilich, freilich that ich das!« »Was antwortete sie?« »Sie wich mir aus.« Die Baronin räusperte sich, ließ ein Lächeln sehen, welches so ziemlich impertinent genannt werden konnte und sagte: »Verehrtester Herr Capitän, ich beginne zu ahnen, daß Sie heute Nacht einen Streich begangen haben, welcher keine große Bewunderung verdient!« »Danke für dieses Compliment!« stieß er hervor. »Es war jedenfalls ein verdientes. Sie haben sich überhaupt gestern nicht sehr lobenswerth benommen!« Er wußte, daß sie ihn haßte, aber in dieser Weise hatte sie noch nicht mit ihm zu sprechen gewagt. Die anderen Anwesenden hatten sich entfernt; er befand sich mit der Baronin jetzt allein, darum brauchte er nicht übermäßig leise zu sprechen. Er richtete sich möglichst stolz empor und sagte: »Welche Sprache erlauben Sie sich, gnädige Frau!« »Eine sehr deutliche!« »Das aber verbitte ich mir! Was wollen Sie mit diesem »nicht sehr lobenswerth benommen« bezeichnen?« »Ihr gestriges Verhalten zu der Engländerin.« »Darf ich Sie bitten, deutlicher zu sein?« »Sie waren beim Anblicke dieser Dame vollständig consternirt.« »Nur überrascht.« »O, ich dächte, es wäre etwas mehr gewesen, als eine bloße Ueberraschung. Sie waren nicht überrascht, erstaunt oder betreten, sondern förmlich erschrocken.« Er ließ ein überlegenes, spöttisches Lachen hören, musterte sie mit einem höhnischen Blicke und antwortete: »Sie sprechen wie ein Gelehrter. Das hätte ich einer Schäfers- oder Hirtentochter keineswegs zugetraut!« »Wohl ebenso wenig, wie ich Ihnen einen solchen Mangel an Selbstbeherrschung zugetraut hätte! Die Engländerin scheint eine Aehnlichkeit mit einer Ihnen sehr bekannten Persönlichkeit zu besitzen.« »Allerdings.« »Und das brachte Sie so aus aller Fassung.« »Pah! Es war nur mir auffallend.« »Ich hörte aber, daß Sie mit dieser Dame bereits in der Nähe des verunglückten Zuges gesprochen haben.« »Allerdings.« »Ohne daß ihnen bereits da diese Aehnlichkeit aufgefallen ist?« »Ich muß das freilich zugestehen. Es mag dies daran liegen, das es Zweierlei ist, eine Person am Tage oder bei täuschendem Lampenlichte zu erblicken.« »Mir aber dennoch unbegreiflich. Sie hielten sie für eine gewisse Margot. Trug nicht Ihre Schwester diesen Namen?« »Ja. Aber was bezwecken Sie mit diesen Erkundigungen? Ich habe Ihnen noch niemals die Erlaubniß gegeben, mich in dieser Weise in's Verhör zu nehmen.« »Sie vergessen, daß wir jetzt Verbündete sind.« Er zuckte die Achsel, warf ihr einen Blick nur so von der Seite her zu und fragte: »Glauben Sie das wirklich?« »Natürlich! Nach Dem, was ich gestern auf Ihren Antrieb thun mußte, habe ich jedenfalls Veranlassung, mich Ihre Verbündete zu nennen.« »Das waren Sie gestern, heute aber nicht mehr.« »Und dennoch bin ich es. Oder soll ich nicht fragen dürfen, wie Marion's Erscheinen mit ihrer angeblichen Abreise ungefähr zusammenhängt?« »Das weiß ich ja selbst nicht.« »Ich denke, Sie ist Ihre Gefangene!« »Ich dachte es auch; ich war überzeugt davon.« »Sie hat sich also selbst befreit?« »Das habe ich bisher für ein Ding der Unmöglichkeit gehalten. Ich werde mir schleunigst Klarheit verschaffen.« Er ging, aber nicht nach seiner Wohnung, sondern nach derjenigen des Grafen Rallion. Er fand denselben im Bette liegend. »Ah, Herr Capitän!« meinte Rallion. »Das ist ein sehr unerwarteter Besuch.« »Wohl auch ein unwillkommener?« Er warf dabei einen höchst mißtrauischen Blick auf den Grafen. »Unwillkommen?« fragte dieser. »Was denken Sie? Zwar liege ich noch im Bette, aber Sie erlauben mir, mich zu erheben. Ich wollte die heute Nacht geopferte Ruhe nachholen.« »Wann gingen Sie schlafen?« »Sofort nach unserer Verabschiedung.« »Sie haben geschlafen bis jetzt?« »Ja.« »Das Bett nicht verlassen?« »Keinen Augenblick. Aber warum diese Fragen? Sie kommen mir einigermaßen eigenthümlich vor!« »Das glaube ich Ihnen. Sie scheinen ja ganz fieberhaft erpicht auf Ihre Rolle zu sein!« »Ich verstehe Sie nicht. Welche Rolle meinen Sie?« »Die des Retters bei Marion.« »Da haben Sie nicht Unrecht. Ich kann den Abend kaum erwarten.« »Sie haben ihn nicht erwartet; ich weiß das bereits.« »Ich verstehe Sie nicht, mein bester Freund!« »O bitte! Wir wollen das Wort Freund nicht in Anwendung bringen. Ich mag es nicht zur Beziehung eines Mannes gebrauchen, auf den ich mich nicht verlassen kann.« »Donnerwetter! Sie werden immer mystischer.« »Und Sie zeigen eine Verstellungskunst, welche ich bei Ihnen bisher nicht gesucht habe.« Da richtete sich der Graf empor. »Herr Capitän,« sagte er, »spielen Sie nicht Theater. Ich bemerke zu meinem Erstaunen, daß Sie irgend Etwas gegen mich haben, obgleich ich mir keines Fehlers bewußt bin. Sagen Sie, was Sie mir vorzuwerfen haben.« »Daß Sie meinen Befehl übertreten haben.« »Befehl? Ah, ich möchte wissen, wer auf Ortry der Mann sein könnte, einem Grafen Rallion Befehle zu ertheilen!« »Ich!« »Ah pah! Eine Weisung können Sie mir ertheilen, aber keinen Befehl. Doch, streiten wir uns nicht! Machen Sie es kurz! Was habe ich verbrochen?« »Sie haben dort den geheimen Ausgang forcirt.« »Forcirt? Ich?« »Ja, trotzdem ich die Täfelung verriegelt hatte.« »So, also das habe ich gethan?« »Ja, aber noch mehr!« »Noch mehr? Darf ich das erfahren?« »Sie haben sich in die geheimen Gänge begeben.« »Wirklich?« »Gewiß!« »Darf ich fragen, zu welchem Zwecke?« »Um Marion zu befreien.« »So so! Also das habe ich gethan? Wirklich?« »Wollen Sie es etwa leugnen?« »Gewiß leugne ich es!« »Ich beweise es Ihnen aber!« »Das wird Ihnen wohl schwerlich gelingen.« »Sofort! Ich habe mit Marion gesprochen!« »In dem Gefängnisse?« »Nein, sondern im Speisesaale, beim Frühstücke!« Jetzt sprang der Graf aus dem Bette, fuhr mit den Füßen in die Pantoffel, griff zum Schlafrocke und sagte: »Da muß ich aufstehen; da kann ich freilich nicht liegen bleiben. Sie spielen ein Wenig Komödie mit mir!« »Das fällt mir gar nicht ein. Sie haben mir da einen Streich gespielt, der unseren ganzen Bau über den Haufen wirft.« »Nun ist's genug! Jetzt darf ich nicht länger zuhören! Also Sie haben Marion wirklich gesehen?« »Ja.« »Mit ihr gesprochen?« »Ja.« »Am Frühstückstische?« »Ja.« »Das ist ja unmöglich, vollständig unmöglich!« »Das ist sogar eine Wirklichkeit, welche Sie am Allerbesten zu erklären vermögen.« »Sie machen mir also alle die Vorwürfe wirklich im Ernste?« »Wollen Sie etwa glauben, daß ich zum Scherz aufgelegt bin, nachdem ich durch das Erscheinen Marion's so blamirt wurde?« Da faßte Rallion ihn bei der Schulter und rief: »Capitän, ich muß fast glauben, daß Ihr Kopf auf einem falschen Platze steht. Wer hat den Schlüssel zu den sämmtlichen Thüren, durch welche wir heute Nacht kamen?« »Ich.« »Und ich soll dann diese Thüren geöffnet haben?« »Ja.« »Womit?« »Natürlich auch mit Schlüssels!« »Woher soll ich diese haben?« Da stieß der Alte ein höhnisches Lachen aus und antwortete: »Halten Sie mich denn wirklich für so einen Schwachkopf? Ich glaubte bis vorhin allerdings, die verlorenen Schlüssel hinter den Kisten suchen zu müssen, jetzt aber weiß ich, daß sie in Ihre Hände gelangt sind.« »Aber Capitän, Mensch, Freund. Sind Sie denn ganz und gar des Teufels? Ich habe keine Schlüssels!« »Wirklich nicht?« »Bei meiner Ehre. Und wenn ich sie hätte, was würden sie mir nützen? Ich kann doch nicht da hinaus!« Er deutete dabei nach dem geheimen Ausgange hin. »Sie sind nicht da hinaus?« »Nein. Sie haben doch verriegelt.« »Schön! Wollen sehen.« Er trat zur Täfelung und untersuchte dieselbe. Er hatte vielleicht in seinem ganzen Leben kein so verblüfftes Gesicht sehen lassen, wie er jetzt zeigte. »Donnerwetter!« sagte er. »Es ist Alles in Ordnung hier.« »Nun, was weiter?« »Ich dachte, Sie hätten die Täfelung aufgesprengt.« »Wie könnte ich mir so Etwas beikommen lassen.« »Dann ist mir die Geschichte geradezu unbegreiflich.« »Ich kann nicht nur die Geschichte, sondern auch Sie nicht begreifen, mein Lieber!« Da schlug der Alte mit der Faust auf den Tisch und sagte: »Soll ich dann etwa gar annehmen, daß ich geträumt habe? Sie waren ja dabei. Waren wir nicht heute Nacht in Marion's Zimmer?« »Natürlich!« »Und haben sie nach dem Gewölbe gebracht?« »Freilich!« »Und dort eingeriegelt?« »Gewiß.« »Da denken Sie sich nun meinen Schreck, als ich sie vorhin in das Speisezimmer eintreten sah!« »Verdammt! Wir sind doch nicht verhext!« »Das keinesfalls!« »Aber wie kam sie frei?« »Das weiß der Teufel!« »Haben Sie sie denn nicht gefragt?« »Konnte ich das? Sie verhielt sich ganz unbefangen, ganz so, als ob sie gar nichts wisse. Ein einziges Wort, welches sie sagte, könnte mich vermuthen lassen, daß sie Comödie spielte.« »Vermuthungen können uns nichts nützen. Wir müssen Gewißheit haben. Wir können Beide beschwören, daß wir Marion geholt und da unten eingesperrt haben. Auf welche Weise sie entkommen ist, können wir nur erfahren, wenn wir ihr Gefängniß untersuchen.« »Ja. Ziehen Sie sich schnell an, und kommen Sie! Ich habe Sie wirklich im Verdachte gehabt.« »Ich bin sehr unschuldig, mein Lieber; aber wir werden den Schuldigen entdecken.« »Ich hoffe es und wehe ihm! Wer unsere Gefangene befreit hat, der muß in unsere Geheimnisse eingedrungen sein. Er wird auf alle Fälle unschädlich gemacht! Also, legen Sie Ihre Kleider an. Ich werde sogleich wieder hier sein.« Er ging, öffnete aber bereits nach einigen Minuten von außen die Täfelung. Der Graf war eben mit seinem Anzuge fertig geworden. Der Capitän hatte die brennende Laterne bei sich. Sie begaben sich in den Gang hinab und eilten dann nach dem Orte, von welchem ihrer Meinung nach Marion entwichen war. Sie fanden unterwegs nicht die leiseste Spur, daß ein menschliches Wesen hier gewesen sei. Als der Capitän das Gewölbe öffnete, in dessen hinterem Theile sich das Gefängniß befand, war es ihm, als ob er ein Geräusch vernehme. Er blieb stehen, ergriff den Grafen beim Arme und fragte: »Hören Sie Etwas?« »Ja. Man klopft!« »Das ist da hinten, wo wir Marion eingesperrt hatten.« »Es scheint so.« »Donnerwetter! Da kommt mir ein Gedanke, ein ganz und gar miserabler Gedanke.« »Mir auch.« »Ihnen auch? Ah, was denken Sie?« »Wir haben eine Falsche eingesteckt.« »Es hat den Anschein ganz darnach. Aber wie könnte das möglich gewesen sein?« »Das frage ich auch.« »Wir waren ja in Marion's Zimmer!« »Es war natürlich auch Marion's Bett?« »Ohne allen Zweifel!« »Wer sollte denn in diesem Zimmer und in diesem Bette geschlafen haben? Wer anders als eben Marion.« »Natürlich!« Sie sahen einander ganz rathlos an. Hinten ließ das Pochen nicht nach. Der Capitän meinte endlich: »Es ist und wird nicht anders: Wir haben eine Unrechte erwischt und hier eingeriegelt.« »Aber wie war das möglich?« »Das wird sich sofort aufklären, sobald wir sehen, wer diese Unrechte eigentlich ist.« »Ich bin verteufelt begierig, das zu erfahren.« »Das wird sogleich geschehen. Wir müssen so thun, als ob wir von gar nichts wissen. Kommen Sie.« Je weiter sie nach hinten kamen, desto lauter wurde das Klopfen. Endlich hörten sie eine rufende Stimme. Während einer Pause, welche die Zofe machte, hörte sie die Schritte der beiden Männer. »Macht auf!« rief sie. »Laßt mich heraus!« »Gleich, gleich!« antwortete der Capitän. Fortsetzung 86 Der Capitän schob die Riegel zurück und öffnete. Die so unfreiwillig Gefangene trat ihnen entgegen. Sie hatte ihre Kleider angelegt. Ihr Gesicht war leichenblaß; man sah ihr die Angst, welche sie ausgestanden hatte, deutlich an. Der Alte leuchtete ihr in das Gesicht. »Sakkerment, Sie sind es?« fragte er. »Wie kommen Sie denn in diesen Keller?« »Mein Gott, ich weiß es nicht!« antwortete sie. »Sie wissen es nicht? Das klingt ja fabelhaft! Sie müssen doch wissen, wann und wie Sie hierher gekommen sind?« »Ich habe keine Ahnung davon, Herr Capitän. O Gott, welche Angst ich ausgestanden habe!« »Sie sind also nicht freiwillig hier?« »Nein, nein! Ganz und gar nicht!« »Das verstehe der Teufel, aber ich nicht! Was haben Sie denn eigentlich hier unten zu suchen? Wer hat Ihnen erlaubt, hier einzudringen?« Sie schlug ganz bestürzt die Hände zusammen und antwortete: »Herr Capitän, ich bin unschuldig, vollkommen unschuldig!« »Das kann kein Mensch glauben! Wer hat Sie denn hierher begleitet?« »Ich weiß es nicht.« »Hören Sie, wenn Sie nicht ein freiwilliges Geständniß ablegen, werde ich Mittel finden, Sie zum Sprechen zu bringen!« Die arme Zofe zitterte vor Aufregung und Furcht. »Ich schwöre Ihnen bei allen Heiligen, daß ich nicht einmal weiß, wo ich bin!« betheuerte sie. »Aber erklären Sie mir doch Ihre Anwesenheit!« »Das bin ich ja selbst nicht im Stande! Ich ging gestern Abend schlafen, und als ich erwachte, befand ich mich hier.« »Das klingt ganz wie ein Märchen, welches Sie sich ausgesonnen haben. Wo legten Sie sich denn schlafen?« »Beim gnädigen Fräulein.« »Bei Baronesse Marion? Im Zimmer derselben?« »Ja.« »Was! Sie haben im Bette des gnädigen Fräuleins geschlafen?« »Ja.« »Und wo befand Marion sich inzwischen?« »Das weiß ich nicht.« »Hat sie selbst Ihnen erlaubt, in ihrem Zimmer zu schlafen?« »Sie hat es mir sogar befohlen.« »Weshalb?« »Das weiß ich nicht.« »Sie muß doch einen Grund angegeben haben!« Die Zofe wollte Das, was Marion mit ihr gesprochen hatte, nicht verrathen, darum antwortete sie: »Ich bin die Dienerin und habe zu gehorchen, ohne nach Gründen zu fragen.« »Hm! So sind Sie das Opfer irgend eines dummen Spaßes geworden. Ich werde die Sache untersuchen und den Schuldigen sehr streng bestrafen. Also Sie wissen nicht, wo Sie sich befinden?« »Nein. Ich habe keine Ahnung davon.« »Nun, so wollen wir sehen, wie sich die Sache arrangiren läßt. Können Sie schweigen?« »O, ich will gern kein Wort sagen, wenn ich nur wieder frei sein kann.« »Das Letztere soll geschehen. Aber wenn ich erfahre, daß Sie einem einzigen Menschen erzählen, was geschehen ist, so haben Sie es mit mir zu thun! Verstanden?« »Ich kann die heiligsten Eide geben, daß ich schweigen werde.« »Auch gegen die Baronesse?« »Auch gegen diese.« »Aber Sie sind jedenfalls von ihr vermißt worden. Auf welche Weise werden Sie sich entschuldigen?« »Das weiß ich noch nicht.« »Hm! Nicht wahr, Sie haben im nahen Dorfe Ihre Eltern?« »Ja.« »Nun, Sie haben heute früh gehört, daß Ihr Vater oder Ihre Mutter krank geworden sei, und sind hingegangen. Sie kehren erst jetzt zurück. Verstanden?« »Ja, das werde ich sagen.« »Und mir werden Sie Alles wieder sagen, was Marion spricht – jedes Wort?« »Sehr gern!« »Nun, ich will es glauben. Kommen Sie einmal her!« Er zog sein Taschentuch hervor und verband ihr die Augen. »Haben Sie keine Angst, es geschieht Ihnen nichts,« sagte er dabei. »Sie brauchen nicht zu sehen, welchen Weg wir gehen. Das ist die einzige Ursache, daß ich Ihnen die Augen verbinde. Kommen Sie jetzt! Ich führe Sie.« Er verriegelte die Thür und faßte sie dann bei der Hand. Sein Weg führte ihn jetzt nach dem Gartenhäuschen, aus welchem er sie in das Freie brachte. Dort führte er sie zwischen den Büschen einige Male im Kreise und nahm ihr dann das Tuch wieder von den Augen weg. »So,« sagte er. »Jetzt sind Sie frei. Gehen Sie an Ihre Arbeit und schweigen Sie.« Sie entfernte sich, so schnell es nur möglich war. Der Graf war natürlich mit ihnen gegangen. An ihn wendete sich der alte Capitän: »Was sagen Sie dazu?« »Eine Dummheit von uns, sogar eine sehr große.« »Wieso?« »Wir hätten uns überzeugen sollen, ob wir auch wirklich Marion hatten. Aber Sie bestanden ja darauf, kein Licht sehen zu lassen. Ich bin nicht schuld.« »Ich auch nicht. Wer konnte ahnen, daß Marion auf die ganz und gar ungewöhnliche Idee kommt, die Zofe in ihrem Zimmer schlafen zu lassen!« »Mir auch eine ganz unbegreifliche Idee.« »O, nicht nur unbegreiflich, sondern sogar verdächtig.« »Verdächtig? Wieso?« »Hm! Eine Baronesse pflegt ihr Lager nicht ohne besondere Gründe ihrer Dienerin zu überlassen.« »So ist es unsere Aufgabe, diese Gründe zu erfahren.« »Das werden wir. Für jetzt freilich können wir nichts als nur Vermuthungen hegen.« »Ich habe keine Ahnung. Oder, sollte Marion vielleicht eine Ahnung gehabt haben?« »Wovon?« »Von unserem Vorhaben.« »Wie wäre das erklärlich?« »Das weiß ich freilich nicht. Es wird Ihre Sache sein, das zu erfahren, lieber Capitän.« »Ich werde mich sofort erkundigen. Kommen Sie!« »Wohin? Nach dem Schlosse?« »Ja. Natürlich!« »Danke bestens! Ich habe keine Lust, mein zerfetztes Gesicht öffentlich sehen zu lassen, bevor es wenigstens einigermaßen wieder heil geworden ist.« »Sie denken, wir kehren durch den unterirdischen Gang zurück?« »Ja; ich bitte darum.« »Gut; der Umweg ist ja nicht so groß.« Sie verschwanden mit einander wieder im Gartenhäuschen. Marion befand sich auf ihrem Zimmer, als die Zofe zurückkehrte. Als sie das Mädchen erblickte, wußte sie sofort, daß der alte Capitän sich nach dem Gewölbe begeben hatte, um Erklärung zu suchen. »Ich habe nach Dir geklingelt und Dich gesucht,« sagte sie im Tone des Vorwurfes. »Verzeihung,« antwortete die Zofe. »Ich erhielt kurz nach meinem Erwachen die Nachricht, daß meine Mutter unwohl sei.« »So bist Du jetzt zu Hause gewesen?« »Ja.« »Bis wann hast Du hier geschlafen?« »Bis ungefähr nach fünf Uhr.« »Es ist gut. Du hast Deine Pflicht als Kind thun müssen.« Das Mädchen war außerordentlich froh, glimpflich davon gekommen zu sein. Marion aber war weit entfernt, an die vorgebrachte Entschuldigung zu glauben. Nur befand sie sich über das einzuschlagende Verfahren im Unklaren. Daher begab sie sich nach Müllers Wohnung. Es gelang ihr, unbemerkt dorthin zu gelangen. Müller saß an seinem Tische und arbeitete. Er schrieb an einem fingirten militärischen Gutachten, welches er mit Hilfe seines Großvaters in die Hände des vermeintlichen Malers Haller zu spielen gedachte. Als Marion bei ihm eintrat, erhob er sich in sichtlicher Ueberraschung vom Stuhle. »Sie, mein Fräulein?« fragte er. »Ja, ich. Ich muß mir Verhaltungsmaßregeln holen.« »Wegen unsers Erlebnisses?« »Ja.« »Das ist gefährlich. Der Capitän kann uns hier beobachten.« »Kann er auch hören, was wir sprechen?« »Deutlich vielleicht nicht.« »Nun, so denke ich, daß wir es wagen können.« »Wollen es versuchen. Bitte, sich zu placiren! Wir nehmen ein Buch in die Hand und geben uns den Anschein, als ob wir uns über den Inhalt desselben unterhalten.« Er griff nach einem Buche, öffnete dasselbe und fragte, ohne das Auge von den Zeilen zu verwenden: »Welche Verhaltungsmaßregeln meinten Sie, gnädiges Fräulein?« »Betreffs der Zofe, welche soeben zurückgekehrt ist.« »Ah, er hat sie befreit?« »Das war leicht zu denken.« »Was sagte sie?« »Sie gab vor, bis nach fünf Uhr geschlafen zu haben. Dann hat sie die Nachricht erhalten, daß ihre Mutter, welche im nahen Dorfe wohnt, erkrankt sei. Dorthin sei sie gegangen.« »Diese Aussage ist ihr vom Capitän eingegeben worden.« »Ganz gewiß.« »Was haben Sie dazu gesagt?« »Ich habe gethan, als glaube ich es.« »Das war vielleicht das Richtige.« »Sie meinen also nicht, daß ich merken lasse, daß ich weiß, wo sie sich befunden hat?« »Man möchte allerdings gern erfahren, welcher Art ihre Unterhaltung mit dem Capitän gewesen ist; aber es ist jedenfalls für uns vortheilhafter, so zu thun, als ob wir gar nichts wissen.« »Auch wenn der Capitän mich wieder fragt?« »Er hat Sie bereits gefragt?« »Ja. Er verlangte, zu wissen, wo ich mich während dieser Nacht befunden habe.« »Welche Auskunft gaben Sie?« »Ich antwortete: In Sicherheit.« »Das war ein Wenig zweideutig. Es erlaubt ihm, zu ahnen, daß Sie von seinem Plane gewußt haben.« »So war es wohl ein Fehler?« »Nein. Er befindet sich doch im Zweifel, und das ist gut für uns. Ein Mensch, der nicht weiß, woran er ist, wird auch nicht wissen, wie er sich zu verhalten hat. Uebrigens war der Augenblick, an welchem Sie eintraten, für mich ein geradezu unbezahlbarer.« »Für mich ebenso. Aber, nun befinde ich mich doch wohl ganz noch in derselben Gefahr!« »Für heute, morgen und übermorgen nicht; dafür werde ich Sorge tragen, gnädiges Fräulein. Ich hoffe, daß Sie dieser meiner Versicherung Glauben schenken.« »Ganz gern, Monsieur. Ich habe Sie als einen Mann kennen gelernt, welcher weiß, was er spricht. Jetzt aber muß ich mich zurückziehen. Ich möchte nicht weniger vorsichtig sein als Sie es sind.« Sie reichte ihm die Hand, welche er an seine Lippen führte; dann entfernte sie sich. Das geschah gerade zur richtigen Zeit; denn kaum hatte sie ihr Zimmer erreicht, so trat der Capitän bei ihr ein. Das war um so auffälliger, als es außerordentlich selten zu geschehen pflegte, daß er sich persönlich zu ihr bemühte. Sein Blick flog scharf und forschend im Zimmer umher. Dann setzte er sich nieder und fixirte sie mit finsterem, unfreundlichem Blicke. Sie blieb stehen und hielt seinen Blick ruhig aus, ohne mit der Wimper zu zucken. »Du wunderst Dich, mich hier zu sehen?« begann er. »Beinahe,« antwortete sie. »Es ist allerdings kein gutes Zeichen, wenn man gezwungen ist, Denjenigen, welche zu gehorchen haben, nachzulaufen.« »O, ich denke, daß ich zu jeder Zeit zur Verfügung stehe!« »Ganz das Gegentheil! Warum gingst Du so schnell, als ich im Speisesaal mit Dir zu sprechen hatte?« »Weil ich glaubte, daß unsere Unterredung zu Ende sei.« »Sie sollte erst beginnen.« »Davon hatte ich freilich keine Ahnung. Der Gegenstand schien erschöpft zu sein.« »Mit nichten. Ich wollte wissen, wo Du Dich während dieser Nacht befunden hast.« »Wer sagt Dir, daß ich nicht bei mir gewesen bin?« »Ich habe erfahren, daß Deine Zofe bei Dir geschlafen hat!« »Ah, Du fragst die Zofe nach der Herrin aus? Das ist ein Verhalten, welches ich rügen muß. Nur im Bauernstande pflegt es vorzukommen, daß die Herrschaft sich auf diese Weise mit dem Gesinde in's Einvernehmen setzt.« Seine Brauen zogen sich zusammen, und die Spitzen seines Schnurrbartes stiegen empor. Er zeigte die langen, gelben Zähne und stieß dann hervor: »Was? Rügen? Rügen willst Du mein Verhalten? Du?« »Allerdings!« »Mädchen, was fällt Dir ein! Du überschätzest Dich bedeutend. Du weißt nicht, mit wem Du sprichst!« »Ich kenne Dich lange genug, um dies wissen zu können!« »Und dennoch irrst Du Dich gewaltig. Du schlägst seit einiger Zeit einen Ton an, den ich mir sehr streng verbitten muß!« »Weil Du stets gewohnt warst, diesen Ton allein für Dich als Monopol in Anspruch zu nehmen. Du sagst, daß ich mich überschätze? Vielleicht ist das bei Dir in noch viel höherem Grade der Fall. Was hast Du mir noch zu sagen?« »Zunächst will ich wissen, wo Du während der verflossenen Nacht gewesen bist.« »Darüber bin ich Dir nicht Rechenschaft schuldig!« Da sprang er von seinem Sessel auf und rief: »Donnerwetter! Das bietest Du mir?« »Ja,« antwortete sie ruhig. »So? Ah! Schön! Weißt Du, wer hier Herr und Meister ist?« »Der Baron de Sainte-Marie, nicht aber der Capitän Richemonte.« »Ich bin der Vater des Barons, Dein Großvater!« »Beweise mir diese Verwandtschaft!« Er war beinahe starr vor Erstaunen. »Mädchen,« knirrschte er, »bist Du verrückt?« Sie wendete sich mit einer unbeschreiblichen Handbewegung ab und sagte: »Brechen wir ab! Ich sehe, daß Du nicht einmal weißt, in welcher Weise man mit einer Dame zu verkehren hat. Du gefällst Dir seit einiger Zeit ganz in dem Betragen eines Plebejers, den man nur bemitleiden kann.« Da ergriff er sie beim Arme und sagte in einem Tone, welcher beinahe pfeifend erklang: »Ja, ja, Du bist verrückt, sonst könntest Du so Etwas nicht wagen. Aber ich bin der Mann, Dich zu zähmen! Also Du sagst nicht, wo Du gewesen bist?« »Nein! »Dein Bräutigam will es wissen!« »Ich habe keinen Bräutigam. Nimm Deine Hand von meinem Arme!« »O nicht doch! Ich werde Dich festhalten und sogar züchtigen, wenn Du bei diesem Tone bleibst!« »Gut! Schlagen wir einen anderen Ton an! Ehe er es zu verhindern vermochte, ergriff sie den Glockenzug und läutete, daß man es fast durch alle Corridore zu hören vermochte. Man hörte sofort Thüren öffnen. »Ah, dieses Mal gelingt Dir es noch!« sagte er. »Ich will den Eclat vermeiden; darum gehe ich; das nächste Mal aber bin ich der Sieger! Richte Dich darauf ein!« Er ging. »Es ist Nichts! Packt Euch zum Teufel!« herrschte er der durch das Läuten herbeigerufenen Dienerschaft entgegen. Dann begab er sich nach seinem Zimmer, in einer Aufregung, welche er kaum zu bemeistern vermochte. Unterdessen hatte Müller seine Arbeit beendet. Er war noch über dem Einsiegeln derselben, als sein Blick zufällig durch das Fenster fiel. Er gewahrte draußen an der Linde das mit dem Wachtmeister verabredete Zeichen. »Fritz wieder da!« sagte er erfreut. »Er hat mit mir zu sprechen. Das ist schön. Er kann mir gleich diese Arbeit nach der Post bringen.« Sein Auge glitt von der Linde nach dem Schlosse zurück. Da gewahrte er einen Wagen, welcher sich dem Thore näherte. In demselben saßen Madelon und Nanon, die beiden Schwestern. »Da kommen sie,« dachte er. »Die Gegenwart von dieser Madelon kann mir von Nachtheil sein. Ich werde mich vorerst gar nicht von ihr sehen lassen.« Er wartete, bis die Beiden ausgestiegen und in das Gebäude getreten waren; dann begab er sich durch den Park in den Wald. An der verabredeten Stelle trat ihm Fritz entgegen. »Grüß Gott, Herr Doctor!« sagte er. »Ich komme, meine Wiederkehr pflichtschuldigst zu melden.« »Schön! Ich dachte, Du würdest länger bleiben. Wie ist es Dir ergangen?« »Sehr gut mit Abenteuern.« »Abenteuer? Das klingt verheißungsvoll. Komm, und erzähle mir.« Sie schritten mit einander tiefer in den Wald hinein und Fritz berichtete seine Erlebnisse. Am Schlusse langte er in die Tasche und zog einige Papiere hervor. »Hier sind die Notizen, welche ich mir in der Pulvermühle bei Schloß Malineau gemacht habe.« »Danke! Du denkst also, daß sie für uns wichtig sind?« »Jedenfalls. Ich habe zum Beispiele daraus ersehen, daß es die letzte Pulverladung ist, welche der Capitän empfängt.« »Das beweist, daß er mit seinem Arrangement fast zu Ende ist. Wir müssen uns also sputen!« »Gewiß! Ist er gesund?« Der Sprecher blinzelte bei dieser Frage sehr bezeichnend mit den Augen. »Ich habe nicht gehört, daß er sich unwohl fühlt.« »Dann haben Sie Ihr Versprechen gehalten.« »Natürlich! Ich wollte diese unterirdischen Gänge nicht vor Deiner Rückkehr untersuchen. Nun aber werde ich nicht länger zögern. Der Alte soll schon heute die Tropfen erhalten.« »Ist das nicht schwierig?« »Nein. Er pflegt sich nach Tische ein Glas Absynth kommen zu lassen. Er erhält dabei immer ganz dasselbe Glas, welches auf dem Büffet steht. Die Tropfen sind ihm also gewiß.« »Ob sie wohl heute noch wirken werden?« »Das werden wir erfahren. Komme nach elf Uhr wieder hierher an diese Stelle. Du wirst mich treffen.« Er kehrte nach dem Schlosse zurück. Dort erfuhr er, daß der Capitän heute, wie so oft, in seinem Zimmer speisen werde. Als er sich zur Tafel nach dem Speisesaal begab, that er das um einige Minuten früher als gewöhnlich. Nanon und Madelon befanden sich bereits dort. Die Erstere kam ihm freudig entgegen und sagte: »Sie sehen, daß ich wieder eingetroffen bin, Herr Doctor. Hier meine Schwester, die Sie ja an der Unglücksstelle bereits gesehen haben.« Er und Madelon verbeugten sich sehr förmlich vor einander, ganz so, als ob sie sich im Leben noch nie begegnet seien. Aber im Laufe der Unterhaltung erhaschte sie einen passenden Augenblick und raunte ihm zu: »Keine Sorge! Sie haben Nichts zu befürchten!« Das beruhigte ihn. Nach der Tafel, während man sich noch unterhielt, befand er sich stets in der Nähe des Büffets. Er nahm sich ein Glas Wein und benutzte diese Gelegenheit, die vierzig Tropfen in das Glas des Alten fallen zu lassen. Als dann der Diener eintrat, mit einem kleinen Präsentirteller in der Hand, wußte er, was dieser wollte. Er schenkte sich selbst einen Absynth ein und fragte dann wie so nebenbei: »Ein Glas auch für den Herrn Capitän?« »Ja, Herr Doctor!« »Hier!« Der Diener nahm das Glas und entfernte sich mit demselben. Nun begann eine Zeit des Wartens für Müller. Er hörte, daß Marion nach Thionville sei, um ihre neue Freundin Harriet de Lissa zu besuchen. Auch der Amerikaner hatte das Schloß verlassen, vielleicht zu demselben Zwecke. Der Abend war nahe; da entstand ein sehr bemerkbares Hin- und Herlaufen in den Corridoren, und dann verließ ein Reitknecht das Schloß, um im Galopp auf der Straße nach Thionville hinzufegen. Müller verließ sein Zimmer und erkundigte sich, was das zu bedeuten habe. »Der Herr Capitän ist plötzlich erkrankt,« antwortete der Diener, an den er sich gewendet hatte. »Was fehlt ihm?« »Er hat einen Krampfanfall.« »Heftig?« »O nein. Aber er scheint nicht sprechen und sich auch kaum bewegen zu können.« »O weh! Das klingt ja ganz und gar gefährlich!« Da räusperte sich der Mann und sagte leise: »Hm! Ich wollte, daß es gefährlich wäre!« »Pst! Um Gotteswillen!« »O, Sie werden mich nicht verrathen, Herr Doctor. Aber an dem Alten würden wir doch nur unseren Peiniger verlieren.« Nach angemessener Zeit kehrte der Diener zurück. Doctor Bertrand kam mit ihm und begab sich sogleich zu dem Patienten. Er untersuchte den Letzteren und erklärte den Anfall für zwar heftig, aber keineswegs für gefährlich. Er blieb zum Abendessen da. Als er im Speisesaal erschien, wurde er mit Fragen bestürmt. »Haben Sie keine Sorge,« antwortete er. »Es handelt sich um eine Krampfesart, welche keineswegs gefährlich ist.« »Aber er kann bereits nicht mehr sprechen,« sagte die Baronin, welche es für angezeigt hielt, eine Besorgniß zu zeigen, welche sie aber keineswegs auch wirklich empfand. »Er wird die Sprache wiederfinden.« »Und die Bewegung hat er verloren.« »Er wird lernen, sich wieder zu bewegen. Ich kenne diese Krankheit sehr genau und kann Sie vollständig beruhigen. Der Herr Capitän wird zwei Tage und zwei Nächte lang unbeweglich liegen und dann wie aus einem tiefen Schlafe erwachen. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf.« Er warf dabei auf Müller einen Blick, der diesem sagte, daß diese Worte besonders an ihn gerichtet seien, um ihn zu benachrichtigen, daß er von jetzt an zwei Tage lang freie Hand habe, nach Belieben zu schalten und zu walten. Daher begab sich der Erzieher zu der angegebenen Zeit in den Wald, wo Fritz seiner bereits wartete. »Guten Abend!« sagte der Letztere. »Er hat die Tropfen!« »Ja.« »Und sie haben sehr gut gewirkt!« »Woher weißt Du das?« »Der Arzt wurde geholt; das genügt, um zu wissen, woran man ist. Wie steht es, Herr Doctor? Wann beginnen wir unsere Entdeckungsreise?« »Sogleich.« »Ah, das ist gut! Haben Sie Alles mit?« »Natürlich. Wir steigen in dem Gartenhäuschen ein.« Das geschah. Sie gelangten unter das Häuschen, da wo rechts sich der Gang nach dem Schlosse zog und links eine verschlossene und verriegelte Thür zu sehen war. Sie hatten die Laternen angebrannt und Fritz blickte neugierig in den dunklen Gang hinein. »Hier muß es nach dem Schlosse gehen! Nicht?« fragte er. »Ja.« »Schlagen wir diese Richtung ein?« »Nein. Ich habe diesen Theil der Geheimnisse bereits studirt. Jetzt muß ich wissen, was sich hinter dieser Thür verbirgt.« »Werden wir öffnen können?« »Ich hoffe es. Wir haben ja die Hauptschlüssel.« Er probirte und wirklich, es ging. Sie sahen, nachdem sie geöffnet hatten, einen Gang vor sich, welcher ganz dieselbe Beschaffenheit mit demjenigen hatte, der nach dem Schlosse führte. Sie schlossen die Thür hinter sich wieder zu und schritten dann langsam vorwärts. Nach einiger Zeit bemerkten sie zur Seite eine Thür und dann wieder eine. »Was mag da drin stecken?« fragte Fritz. »Das werden wir später erfahren.« »Warum nicht jetzt?« »Ich will mich vorerst nicht bei Details aufhalten. Ich muß vielmehr vor allen Dingen mich über die Lage, Natur und Richtung der Gänge unterrichten. Komm weiter!« Sie erblickten mehrere Thüren, ohne aber eine derselben zu öffnen. Nach einiger Zeit erreichten sie einen großen viereckigen Raum, in welchem der Gang durch einen zweiten rechtwinklig durchkreuzt wurde. »Das ist's, was ich suche!« sagte Müller. »Wie es scheint, hat mich meine Ahnung nicht getäuscht.« »Wegen der Richtung dieser Gänge?« »Ja. Gerade aus kommen wir jedenfalls nach dem Waldloche, welches wir bereits kennen, rechts nach der Ruine, in welcher Du fast ergriffen worden wärst und links nach dem alten Thurme, wo der Geist der todten Baronin sein Wesen treibt.« »Wie gehen wir da?« »Zunächst gerade aus.« Sie thaten das, konnten aber bereits nach kurzer Zeit stehen bleiben. Müller beleuchtete eine der hier befindlichen Thüren und sagte: »Die kommt mir bekannt vor. Hinter dieser Thür haben wir die Schlüssels gefunden oder vielmehr annectirt. Laß uns einmal sehen.« Er schloß auf und sie traten ein. Sie schritten zwischen den Kisten hindurch nach dem Hintergrunde, wo Müller die dort befindliche Thür aufriegelte. »Ja, ich irre mich nicht,« sagte er. »Hier liegen leere Säcke.« »Sie sind leer? Wozu liegen sie dann hier?« »Um Marion als Lager zu dienen.« »Mademoiselle Marion? Sollte die hier liegen?« »Ja. Der Capitän wollte an ihr eine Gewaltthat begehen, die ich aber verhindert habe. Ich werde Dir noch davon erzählen. Wir wollen jetzt nach dem Kreuzgang zurückkehren.« Als sie diesen erreichten, wendeten sie sich links. Auch dieser Gang war ganz genau wie der vorige – rechts und links Thüren, welche sie aber jetzt noch nicht öffneten. Endlich standen sie vor einer Thür, welche ihnen gerade entgegen stand. Auch hier paßte einer der Schlüssel. Als sie eintraten, sah Fritz sich um und sagte sogleich: »Ja, Sie haben Recht. Hier ist die Ruine.« »Kennst Du Dich aus?« »Es ist der Saal, in welchem ich beinahe erwischt worden wäre. Ich irre mich nicht.« »So können wir zunächst wieder umkehren, um den vierten Gang zu untersuchen, welcher meines Erachtens nach dem alten Thurme führt.« Als sie diesen Gang erreichten, fanden sie vorerst nichts, was ihn von den anderen unterschieden hätte. Bald aber zweigte sich nach rechts ein zweiter Stollen ab. »Gehen wir da hinein?« fragte Fritz. »Ja. Wenn mich meine Berechnung nicht täuscht, führt er nach der Richtung, in welcher der Steinbruch liegt. Wollen einmal sehen.« Sie hatten eine ziemliche Strecke zurückzulegen, ohne daß sie eine Thür bemerkten; dann war der Gang plötzlich verschüttet. »Ah, das ist schade!« sagte Fritz. »Nun können wir nicht weiter.« »Ich möchte doch behaupten, daß wir uns gar nicht weit entfernt vom Steinbruche befinden. Doch laß uns nun den Hauptgang wieder verfolgen.« Sie kehrten zurück und schritten weiter in denselben hinein. Hier gab es wieder Thüren rechts und links. Plötzlich blieb Fritz stehen, ergriff seinen Herrn am Arme und hielt ihn fest. »Pst!« warnte er. Sofort verschwand die Laterne in Müllers Tasche, so daß es vollständig dunkel war. »Was giebt es?« fragte der Letztere. »Mir war es, als wenn Jemand gesprochen hätte.« »Wo?« »Da vorn, vor uns.« »Ich habe nichts gehört.« »Ich kann mich getäuscht haben, aber horchen wir!« Sie verhielten sich vollständig ruhig und bewegungslos. Wirklich, nach kurzer Zeit drangen Töne an ihr Ohr, welche nur von einer menschlichen Stimme hervorgebracht werden konnten und die von einem taktmäßigen Klopfen begleitet wurden. »Hören Sie jetzt?« fragte Fritz. »Ja. Sogar ganz deutlich. Laß uns vorsichtig weiter schleichen!« Je weiter sie kamen, desto vernehmlicher wurde die Stimme. Zuletzt erblickten sie einen schmalen Lichtstreifen, welcher aus einer nicht ganz zugemachten Thür zu kommen schien. »Das ist kein Mann, sondern ein weibliches Wesen,« bemerkte Fritz. »Du hast Recht; ich höre es auch. Kannst Du ahnen, wer es vielleicht ist?« »Nein.« »Wir befinden uns jedenfalls in der Nähe des alten Thurmes.« »Ganz gewiß.« »Nun, welches weibliche Wesen giebt es dort?« »Sapperment! Liama?« »Ich vermuthe, daß sie es ist.« »Wenn das wäre! So hätten wir endlich den Geist greifbar in den Händen!« »Laß uns weiter gehen! Aber mache ja kein Geräusch.« Sie erreichten die Thürspalte. Müller blickte hinein. Er stand am Eingange eines ziemlich großen Gemaches, in welchem sich ein Bett, ein Tisch und ein Stuhl befand. Eine sehr einfache Oellampe hing an einem Drahte von der Decke herab und beleuchtete eine weiß gekleidete weibliche Gestalt, welche am Boden saß und damit beschäftigt war, Maiskörner auf einem Steine zu zerklopfen. Dieses Klopfen geschah im Takte und dazu erklangen aus dem Munde dieser Gestalt die Worte: »Im Namen Gottes, des Allbarmherzigen! – Der Klopfende! Wer ist der Klopfende? Wer lehrt Dich begreifen, was der Klopfende ist? An jenem Tage werden die Menschen sein, wie umhergestreute Motten und die Berge wie verschiedenfarbige gekämmte Wolle. Der nun, dessen Wagschale mit guten Werken schwer beladen ist, der wird ein Leben in Vergnügen führen, und der, dessen Wagschale zu leicht befunden wird, dessen Wohnung wird der Abgrund der Hölle sein. Wer aber lehrt Dich begreifen, was der Abgrund der Hölle ist? Es ist das glühendste Feuer!« Diese Worte waren die einhundertunderste Sure des Kuran, welche die muhammedanischen Frauen beim Klopfen der Fruchtkörner abzusingen pflegen. Auch Fritz betrachtete die Arbeitende. »Kennst Du sie?« fragte Müller. »Ganz genau.« »Nun?« »Es ist dieselbe, welche uns erschien, als wir das Grab geöffnet hatten.« »Also Liama. Auch ich erkenne sie wieder.« »Welch eigenthümliche Kleidung.« »Es ist diejenige der Beduinenfrauen.« »Dieses Weib muß einst schön, sehr schön gewesen sein.« »Ja. Sie besitzt die Züge Marion's, ihrer Tochter.« »Was thun wir? Treten wir ein?« »Wir erschrecken sie.« »Hm! Aber unbenutzt können wir diese Entdeckung doch nicht lassen.« »Keineswegs. Gehen wir eine Strecke zurück. Dann kommen wir mit lauten Schritten näher.« Sie thaten das. Sobald ihre Schritte hörbar wurden, öffnete sich die Thür und Liama erschien unter derselben. »Kommst Du heute schon wieder?« fragte sie. »Laß mich doch ruhig weinen und in Frieden beten.« »Sallam aaleikum – Friede sei mit Dir!« antwortete Müller. »Aaleikum sallam – mit Dir sei Friede!« entgegnete sie. »Aber wessen Stimme ist das? Ich habe sie noch nie gehört.« »Es ist die Stimme Deines Erretters, welcher Dich der Freiheit und dem Lichte der Sonne wiedergeben will.« »Tritt näher.« Sie trat in das erleuchtete Gemach zurück, und Müller folgte ihr. Fritz blieb noch draußen im Gange stehen. Sie betrachtete ihn aufmerksam und sagte dann: »Deine Augen sind die Augen der Güte, und in Deinem Gesichte steht geschrieben das Wort von der Wahrheit. Dein Herz kennt nicht die Täuschung, und Dein Mund redet keine Lüge. Was bringst Du mir?« »Die Freiheit.« »Behalte sie für Dich!« »Das Glück.« »Liama kann nie wieder glücklich sein.« »Die Seligkeit.« »Die Seligkeit wird Liama nicht hier auf Erden finden, sondern erst nach dem Tode. Bist Du von ihm gesandt?« »Wen meinst Du?« »Den alten Weißbart, dem Alle gehorchen müssen.« »Nein, er ist es nicht, der mich sendet.« »Weiß er, daß Du Dich hier befindest?« »Nein.« »So fliehe eilends fort von hier, sonst bist Du verloren. Er ist voller Macht und Grausamkeit!« »Ich fürchte ihn nicht!« »Und ich ermahne Dich, ihn zu fürchten, sonst wird er Dich verschlingen, wie der Panther das unschuldige Lamm verschlingt!« Sie winkte ihm, fortzugehen. Er aber trat näher und sagte: »Du bist Liama, die Tochter der Beni Hassan?« »Ich bin nicht Liama sondern ihr Geist.« »Dein Vater war Menalec, der Scheik Eures Stammes?« »Er war es.« »Hast Du gekannt Saadi, den Liebling Allahs und seines Propheten?« Da richtete sie sich auf und antwortete: »Ob ich ihn gekannt habe! Er war meine Seligkeit, und ich ging in die Hölle, um ihn zu retten.« »Er ist todt!« »Nein, er lebt. Saadi kann nicht sterben.« »Und kennst Du Marion, die Enkelin der Beni Hassan?« »Marion? Ja, ich kenne sie!« Sie faltete die Hände, blickte flehend zu Müller herüber und fragte: »Hast Du sie gesehen?« »Ja, ich sehe sie täglich.« »Spricht sie auch mit Dir?« »Wir sprechen oft, sehr oft mit einander.« »Kennt sie noch den Namen ihrer Mutter?« »Sie kennt ihn und spricht ihn stündlich aus.« »Allah segne sie! Sie sollte sterben. Um sie zu retten, ist Liama ein Geist geworden. Liama lebt nicht mehr; sie ist todt. Aber ihre Tochter lebt und wird glücklich sein.« »Deine Tochter weiß, daß Du nicht gestorben bist!« »Um Allah's willen, sie darf es nicht erfahren!« »Sie weiß es bereits.« »So soll sie es keinem Menschen sagen.« »Sie hat große Sehnsucht, Dich zu sehen und mit Dir zu sprechen.« »Ich darf nicht mit ihr sprechen. Ich habe geschworen beim höchsten Himmel und bei der tiefsten Hölle, meine Tochter nicht zu sprechen, nie wieder im ganzen Leben.« »Wem hast Du es geschworen?« »Malek Omar.« »Dem Manne mit dem grauen Barte?« »Ja. Er hat das Leben meiner Tochter in seiner Hand. Sie soll nicht sterben, sondern leben bleiben. Er kommt und bringt mir Speise und Trank.« »Kommen auch andere Männer zu Dir?« »Es kommen ihrer viele, und ich beschütze sie.« »Kennst Du auch Abu Hassan, den Zauberer?« »Ich kenne ihn. Er ist alt und grau geworden; ich habe ihn gesehen an meinem Grabe.« Liama war jedenfalls ihrer Geisteskräfte nicht mehr vollständig Herr. Was Müller jetzt von ihr erfuhr, das gab ihm eine furchtbare Waffe gegen Richemonte in die Hand. »Wie bist Du in diese Höhle gekommen?« fragte er. »Ich habe sie mir selbst gewählt.« »Man hat Dich nicht gezwungen?« »Nein. Ich bin todt und wohne unter meinem Grabe.« »Willst Du nicht leben, leben und glücklich sein?« »Ich bin todt. Ich bin glücklich, wenn mein Kind lebt.« »Darf ich mir Deine Wohnung betrachten?« Er bemerkte nämlich eine Thür, welche weiter führte. Seine Frage brachte einen ganz unerwarteten Eindruck hervor. Sie sprang an die Thür, stellte sich vor dieselbe und rief: »Zurück! Zurück! Wer diesen Eingang erzwingen will, der muß eines fürchterlichen Todes sterben und ich mit ihm!« Müller ahnte, daß diese Thür die Verbindung mit dem Grabe und dem Thurme herstellte. Er hätte gar zu gern das Geheimniß kennen gelernt, aber er hütete sich, dem armen Weibe zu schaden. Darum sagte er in beruhigendem Tone: »Ich will ihn nicht erzwingen. Ich fragte Dich nur.« »Frage auch nicht! Ich darf Dir nicht antworten, denn ich habe es geschworen. Verlaß mich! Ich will allein sein.« »Darf ich nicht wiederkommen?« »Nein, jetzt nicht.« »Auch nicht später?« »Vielleicht. Sage mir dann, was meine Tochter mit Dir vom Geiste ihrer Mutter spricht.« »Ich werde Dir Alles mittheilen.« »Aber laß es Dem mit dem grauen Barte nicht wissen!« »Nein. Wirst Du es ihm sagen, daß ich hier gewesen bin?« »Nein, denn sonst würde er Dich erwürgen. Nun aber gehe! Allah sei mit Dir!« Sie schob ihn zur Thür hinaus und verriegelte sie dann von innen. Fritz war von ihr gar nicht gesehen worden. Die beiden Männer tappten sich im Dunkeln fort und Müller zog erst dann die Laterne hervor, als sie den Kreuzgang erreicht hatten. Auch hier erst begann er zu sprechen. »Hast Du Alles gehört?« fragte er. »Alles!« »Welch eine Entdeckung! Welche Waffe gegen den Capitän giebt sie mir in die Hand.« »Er ist verloren, sobald Sie wollen.« »Ja, aber ich darf noch nicht wollen.« »Warum nicht? Solches Ungeziefer muß man sofort vertilgen. Es leben zu lassen, ist Sünde.« »Und dennoch darf ich nicht – meines Vaters wegen.« »Ihres Vaters wegen?« fragte Fritz ganz erstaunt. »Ja.« »Der ist wohl jedenfalls todt.« »Nein; er lebt.« »Himmel! Wo sollte er sein?« »Hier in diesen Gewölben.« Der gute Fritz machte ein Gesicht, als ob er überzeugt sei, daß er jetzt seinen Verstand verlieren werde. »Hier in diesen Gewölben? Kreuzmillionendonnerwetter! So muß er heraus und zwar sofort! Wo steckt er denn? Die Schlüssels haben wir!« »Noch kann ich das nicht sagen. Daß er hier ist, vermuthe ich überhaupt; gewiß ist es noch nicht. Und befindet er sich hier, so sind wir ihm gerade in diesem Augenblicke jedenfalls sehr nahe. Laß uns hier an diesem Orte einmal suchen, ob wir ein verborgenes Gefängniß zu entdecken vermögen!« Er erinnerte sich genau der Worte, welche der kranke Baron im Speisesaale gesprochen hatte. Hier dieser Kreuzgang war der Mittelpunkt aller Gewölbe; hier mußte sich der Gesuchte finden, wenn er überhaupt sich hier befand. Die Beiden forschten und boten allen ihren Scharfsinn auf, allein vergebens. Es war nichts zu entdecken. »Wir haben ja noch keine einzige der vielen Thüren geöffnet,« sagte Fritz. »Vielleicht ist er da irgendwo versteckt!« »Das glaube ich nicht. Aber wissen müssen wir freilich, was sich hinter diesen Thüren befindet. So wollen wir also einmal nachforschen.« Sie gingen von Gang zu Gang, von Thür zu Thür. Diese Letzteren waren alle mittelst der Schlüssel zu öffnen. Es gab da Raum an Raum, und alle die Räume waren mit Waffen und Munition angefüllt. Das machte auf die beiden Eindringlinge einen beinahe bewältigenden Eindruck. Wie viele Menschenleben sollten durch diese Vorräthe zu Grunde gehen! Nein, das durfte nicht geschehen! »Ehe ich zugebe, daß die Franzosen sich dieser Waffen bedienen können, würde ich den ganzen Kram in die Luft sprengen,« sagte Fritz. »Das ist auch meine Ansicht. So viel an mir liegt, sollen diese Gewehre und Munitionen keinem einzigen Deutschen Schaden machen. Aber weißt Du, daß der Tag gleich anbrechen wird? Es ist Zeit, Schicht zu machen. Wir haben noch einen ganzen Tag, bevor der Alte wieder gesund sein wird.« »Er sollte liegen bleiben, liegen bleiben und tausendfache Schmerzen erdulden! Warum zeigen Sie ihn nicht an?« »Weil ich meinen Vater suche, welcher vielleicht elend verhungern und verschmachten müßte, wenn der Capitän gefänglich eingezogen würde.« »Ah so! Das begreife ich. Aber Liama? Was wird mit dieser?« »Hm! Ich werde sie einstweilen lassen müssen, wo sie ist.« »Und auch Niemandem Etwas von ihr sagen?« »Keinem Menschen.« »Aber doch wenigstens ihrer Tochter?« »Auch dieser nicht. Ich würde voraussichtlich ihr und der Mutter schaden. Ehe ich handle, muß ich sämmtliche Geheimnisse dieser unterirdischen Gewölbe kennen. Dann wird der ganze Bau des Alten in einem einzigen Augenblicke zusammenbrechen. Wehe ihm, wenn ich einmal mit ihm abzurechnen beginne!« Es vergingen einige Tage. Die Voraussage des Arztes zeigte sich als wohl begründet. Nach zwei Tagen erwachte der Capitän, fühlte sich doch aber so angegriffen, daß er sich noch gar nicht sehen ließ. Das äußere Leben ging seinen ruhigen Gang, scheinbar ohne eine Aenderung hervor zu bringen. Aber die tiefer liegenden Pulse klopften heimlich und da gab es denn stille Entwickelungen, von denen Niemand Etwas zu bemerken schien. Marion verkehrte täglich mit Harriet de Lissa, und – der Amerikaner suchte ebenso gern das Haus des Arztes auf. Er wurde mit unwiderstehlicher Gewalt von der vermeintlichen Engländerin angezogen und es wollte ihm vorkommen, als ob sie seine Nähe nicht ungern empfinde. So war er auch heute gekommen, sie zu sehen. Er hörte, daß sie sich im Garten befinde und begab sich dorthin. Er fand sie in einer offenen Weinlaube sitzen, welche ganz nahe an dem Zaune stand und erhielt die Erlaubniß, neben ihr Platz zu nehmen. Er fühlte sich so glücklich in der Nähe des schönen Wesen. Er dachte gar nicht daran, von seiner Liebe zu sprechen, denn es war ihm ganz so, als ob sie das auch ohne Worte bereits erfahren habe. Da kam ein kurzes, sehr dickes Männchen hinter den Gartenzäunen langsam daher. Er trug einen riesigen Calabreser auf dem Kopfe und in den Händen eine Mappe und einen Feldstuhl. Er schritt auf einem Rasenwege und so mochte es kommen, daß man ihn nicht hörte. Es war der gute Herr Hieronymus Aurelius Schneffke, welcher soeben von Metz gekommen war. Indem er so, halb in Gedanken versunken, dahinschritt, zuckte er plötzlich zusammen und blieb stehen. Er hatte ein halblautes, wohltönendes Lachen gehört. »Donnerwetter!« flüsterte er. »Dieses Lachen kenne ich.« Er horchte. Ja, jetzt hörte er auch eine weibliche Stimme sprechen. »Die Gouvernante ist's, die Gouvernante! Das ist so fest und gewiß wie Pudding! Aber wo ist sie?« Er trat hart an den Gartenzaun und blickte durch das Stacket. »Bei Gott! Dort sitzt sie in der Laube, so frisch und so schön wie Blüthe und Sonnenschein. Und bei ihr sitzt – – Mohrenelement! Wer ist das?« Er betrachtete sich den Amerikaner genau und sagte dann: »Ja, es stimmt; es stimmt ganz genau! So ein characteristisches Gesicht kann es nicht zweimal geben. Das ist das Original des Porträts in Schloß Malineau, nur älter als das Bild. Das ist der Herr von Bas-Montagne wie er leibt und lebt! Ich werde – –« Er wollte sich am Zaune ein Wenig emporziehen, um besser sehen zu können; aber er war zu schwer. Es krachte – die beiden Latten, welche er mit den Händen gefaßt hatte, brachen ab, und der gute Hieronymus stürzte zur Erde nieder. Der Amerikaner hatte das Prasseln gehört. Er eilte herbei, um den Uebelthäter wo möglich zu erwischen. Er kam gerade zur rechten Zeit, um zu bemerken, daß Schneffke sich wieder vom Boden erhob. »Herr, was suchen Sie hier?« fuhr er ihn an. »Zaunlattenspitzen,« antwortete Schneffke. »Und die brechen Sie sich ab?« »Ja.« »Zu welchem Zwecke denn?« »Um auf die Erde zu fallen. Das sehen Sie ja.« »Mann, Sie scheinen mir so eine Art von Strolch zu sein.« »Freilich! Und zwar von der allerschlechtesten Sorte.« »Donnerwetter! Wollen Sie sich über mich lustig machen?« »Nicht übermäßig viel, denn Sie sehen mir wirklich gar nicht sehr lustig aus. Wie heißen Sie denn eigentlich?« »Ah, das ist stark! Dieser Mensch kommt her, um Zaunlatten abzureißen und fragt mich nach meinem Namen! Wie ist denn der Ihrige, he?« »Der meinige ist einigermaßen selten. Ich bin der Thiermaler Hieronymus Aurelius Schneffke aus Berlin.« »Schön! Was haben Sie als Maler denn hier am Zaune zu schaffen?« »Das habe ich Ihnen ja bereits gesagt. Aber nun bitte ich, auch Ihren Namen erfahren zu dürfen.« »Das finde ich nicht für nöthig. Ich gebe meine Karte nur ganz anständigen Menschen.« »Und ich bin kein solcher?« »Jedenfalls nicht! Sie haben mehr das Aussehen eines Bummlers als eines Malers und daher ziehe ich es vor, meinen Namen als mein ausschließliches Eigenthum zu betrachten.« »Daran thun Sie sehr recht, da Ihr Name nicht viel werth zu sein scheint. Wer einen guten Namen hat, braucht ihn nicht zu verschweigen.« Das war eine sehr kräftige Zurechtweisung. Ihre Spitze traf den Amerikaner wie ein Dolchstoß. »Herr, das wagen Sie, mir zu sagen!« rief er. »Soll ich etwa – –« Er hielt inne; ein warmes, weiches Händchen legte sich auf seine Schulter. Die Engländerin war herbei gekommen. »Wen haben Sie da, Monsieur?« fragte sie. »O, einen Menschen, der es gar nicht verdient, daß man – –« Und abermals konnte er nicht ausreden, denn sie unterbrach ihn: »Wen sehe ich da! Das ist ja unser guter Herr Schneffke aus Berlin!« Der Maler zog den Hut, machte eine ehrerbietige Verbeugung und sagte im höflichsten Tone: »Ja, ich bin es noch, meine Gnädige.« Er betonte dabei das Wörtchen »noch« so sehr, daß es auffallen mußte. »Noch?« fragte sie. »Wie meinen Sie das?« »Es giebt Leute, welche das heute nicht mehr sind, was sie gestern waren.« Sie lächelte und fragte: »Ja, die Verhältnisse verändern sich oft plötzlich.« »So daß aus Gouvernanten reiche Damen werden.« »Warum nicht! Aber, Herr Schneffke, lassen Sie sich gratulieren, daß Sie jenen Unglückszug versäumten.« »Ich danke! Bei dem Pech, welches ich habe, befände ich mich heute jedenfalls unter den ewig Seligen.« »Haben Sie Ihr Ziel glücklich erreicht?« »Ja, danke. Ich habe dort sogar ein Glück gefunden, welches ich kurz vorher anderwärts vergebens suchte.« Sie ahnte sofort, was er meinte. Darum fragte sie: »Verstehe ich Sie recht, so darf ich nochmals gratulieren?« »Hm! Was meinen Sie, meine Gnädige?« »Sie sind – verlobt?« »Donnerwetter! Ja, Sie haben es errathen.« »Ah, schön! Wie heißt sie?« »Marie.« »Ein hübscher, poetischer und auch frommer Name!« »Ja, hübsch ist sie, poetisch ebenso und fromm auch. Sie hat so ziemlich meine Statur. Wir passen ausgezeichnet zu einander.« Da stieß der Amerikaner, der sich nicht zu halten vermochte, ein lautes Lachen aus. »Und das nennen Sie hübsch?« »Ja; warum nicht?« fragte Schneffke. »Nun, betrachten Sie sich doch einmal genauer!« Die Dame glaubte, daß sich der kleine Maler in Wirklichkeit beleidigt fühlen werde, darum sagte sie in bittendem Tone: »Monsieur Deep-hill!« Da horchte Schneffke auf. »Was?« fragte er. »Deep-hill heißt dieser Herr?« »Ja.« »Er hat mir seinen Namen verschwiegen. Es wäre jedenfalls klüger gewesen, ihn mir zu nennen; das werde ich ihm doch noch beweisen. Leben Sie wohl, gnädiges Fräulein!« Er ging, ohne sich umzusehen. Aber als er dann um die Ecke gebogen war, blieb er einen Augenblick stehen und murmelte: »Wunderbar! Höchst wunderbar! Diese Aehnlichkeit! Sollte er es wirklich sein? Das wäre ein Zufall oder eine Gottesschickung, wie es besser keine geben könnte! Deep-hill heißt auf Französisch Bas-Montagne und auf Deutsch Untersberg. Hier werde ich einmal den Herrgott spielen und diesen Leuten zeigen, was Herr Hieronymus Aurelius Schneffke eigentlich für ein Kerl ist.« Fortsetzung 88 Anmerkung der Redaktion: Was war geschehen? Durch eine Verkettung privater Lebensumstände war es Karl May nicht möglich, pünktlich Manuskript zu liefern. Dies kündigte sich schemenhaft in Lieferung 86 an. Über ihr plötzliches Verschwinden legt Karl May einer Zofe folgende Ausrede in den Mund: »Ich erhielt kurz nach meinem Erwachen die Nachricht, daß meine Mutter unwohl sei.« (S. 1362) Und Marion berichtet später: »Sie gab vor, bis nach fünf Uhr geschlafen zu haben. Dann hat sie die Nachricht erhalten, daß ihre Mutter, welche im nahen Dorfe wohnt, erkrankt sei. Dorthin sei sie gegangen.« (S. 1363) Tatsächlich war Mays Mutter erkrankt, als er diese Zeilen Anfang April 1885 für seinen Ulanen -Roman schrieb. Danach war er bei seiner Mutter in Ernstthal. Am 15. April starb sie. Nach der Beerdigung am 18. April schrieb Karl May zunächst am verlornen Sohn weiter. Noch unter dem Einfluß der Trauer erreichte ihn die nächste Hiobsbotschaft –: sein Vater hatte einen Schlaganfall erlitten ... Als Notlösung greift May zum Sohn -Manuskript und fügt es in den laufenden Ulanen -Roman ab Lieferung 88 ein. Ab Lieferung 91 ist May in der Lage, den eigentlichen Roman fortzuführen. Der eingefügte Text Ulane und Zouave bleibt Fragment. Wer diesen Text übergehen möchte, kann mit seiner Lektüre in Lieferung 91 fortfahren. Die ersten Zeilen auf Seite 1441 gehören noch zum Fragment. Diese Zeilen wurden der Fortsetzung 86 angefügt. Re. 10. Ulane und Zouave. Es war Mittag, die Stunde, in welcher der gewöhnliche Bürger seine Hauptmahlzeit einzunehmen pflegt. Darum zeigten sich die sonst so belebten Straßen der Stadt ziemlich menschenleer, und selbst auf dem Marktplatze erblickte man nur einen einzigen Menschen, welcher auf ein Haus zuschritt, dessen Aeußeres darauf schließen ließ, daß die Bewohner zu den sogenannten besseren Ständen zu rechnen seien. Er hob sein Auge zur ersten Etage empor, und sein Gesicht erhellte sich zusehens, als er eine Person bemerkte, welche an einem der mit feinen Gardinen versehenen Fenster stand. »Endlich,« murmelte er. »Endlich treffe ich ihn einmal daheim! Nun werde ich wohl auch endlich einmal zu meinem Gelde kommen oder doch wenigstens eine feste, bestimmte Antwort erhalten!« Er hatte nicht bemerkt, daß die Person, als sie ihn erblickte, sofort vom Fenster zurückwich, ganz wie Jemand, der sich nicht sehen lassen will. Der Flur des Hauses machte einen höchst vornehmen Eindruck. Er zeigte eine von korinthischen Säulen getragene, reich mit Stuccatur verzierte Decke und öffnete sich rechts auf eine breite Treppe, deren polirre Geländervasen große, glanzblätterige exotische Gewächse trugen. Oben, dem Ankömmling entgegen, war an der Doppelthür auf einem glänzenden Messingschilde in gothischen Buchstaben der Name »Franz von Wilden, Premierlieutenant,« zu lesen. Er drückte an den Porzellanknopf des electrischen Läutewerkes, und hinter der Thür erklang der feine, silberne Ton einer Glocke. Es war, fast möchte man den Ausdruck gebrauchen, ein Miniaturtönchen, ein Liliputzeichen, nicht als ob dasselbe einem Angehörigen des kriegerischen Standes gelte, sondern viel eher einer niedlichen, zart besaiteten Dame, für deren Gehörsnerven der Klang eines kräftigeren Tones beleidigend sein würde. Die Thür sprang in Folge einer mechanischen Vorrichtung auf und schloß sich hinter dem Eintretenden auf dieselbe Weise wieder, ohne daß es dazu die Hilfe seiner Hände bedurft hätte. Der Vorsaal, in welchem er sich jetzt befand, war mit feinen Kupferstichen versehen, welche Liebesscenen aus der griechischen Mythologie darstellten, während man in der Wohnung eines Offiziers viel eher Maneuvre-, Kriegs- und Schlachtenbilder erwartet hätte. Zwei Blumentische standen voll blühender Pflanzen, welche einen feinen aber durchdringenden Duft verbreiteten. Ein Marmorschwan, welcher auf seinen schneeweißen, ausgebreiteten Flügeln eine bronzirte Muschel trug, war bereit, Visitenkarten in der Letzteren aufzunehmen, und auf mehreren niedlichen Tischchen und Consölchen erblickte man eine ganze Sammlung jener bunten Nippes, welche irgend einer barocken Idee ihr Dasein verdanken und nur als Souvenirs an gewisse Personen oder Ereignisse eine Art von Bedeutung erlangen können. Neben dem Schwane befand sich die Thür, welche in das Vorzimmer führte. Dieses, jetzt allerdings noch nicht geöffnet, hätte viel eher für das Wohnzimmer einer Dame gehalten werden können! Die Fenster wurden verhüllt von englischen Tüllgardinen, welche sich unten noch mehrere Fuß breit auf den Smyrnateppich legten, der den ganzen Zimmerboden bedeckte. Sämmtliche Meubles waren in auffallender Zierlichkeit gehalten. Zahlreiche Toilettegegenstände bedeckten den Spiegeltisch, und auf den beiden anderen Tischen sah man nichts als aufgeschlagene Photographie-Albums, in denen man eine Heerschau über alle bedeutenden und unbedeutenden Künstler und Künstlerinnen der Gegenwart und letzten Vergangenheit halten konnte. Eine einzige Ausnahme machte ein Kistchen voll Cigarretten, in welches soeben der in diesem Vorzimmer jetzt Anwesende griff, um sich eine derselben anzubrennen. Dieser Mann saß, bequem zurückgelehnt, in den weichen Polstern einer mit grünem Plüsch überzogenen Causeuse. Seine gegenwärtige nonchalante Haltung glich ganz derjenigen eines Mannes, welcher sich in den besten Verhältnissen weiß und gewohnt ist, an das Leben hohe Forderungen zu machen. Und doch trug er nur die Livree eines Dieners. Diese Letztere war mäusegrau mit amaranthfarbenem Aufschlage und Vorstoß. Die schwarzen Sammethosen, welche in graue Gamaschen verliefen, waren mit breiten Silberhäfteln versehen, und silbern waren auch die Rock- und Westenknöpfe, auf denen man, rund um das freiherrliche Wappen herum, in erhabener Schrift die Devise »Noblesse éternellement« lesen konnte. Die schmale, weit zurücktretende Stirn dieses Mannes verlief, obgleich er wohl noch nicht dreißig Jahre zählte, in eine große glänzende Glatze; die Ohren waren groß, ein Umstand, welcher durch den Mangel an Kopfhaar sehr hervorgehoben wurde. Desto dichter aber standen die Haare der oberhalb der Nasenwurzel ineinander laufenden Brauen, welche man recht gut mit dem Ausdrucke Borsten bezeichnen konnte. Die Nase war lang, schmal und scharf geformt, und ihre Flügel zeigten jene hervorstehende, aufgeblasene Bildung, welche man vorzugsweise bei leicht erregbaren Personen zu beobachten pflegt. Die Oberlippe war im Verhältnisse zu dem Gesichte viel zu breit und das Kinn ebensoviel zu kurz, dafür aber von jener widerlichen, unschönen Form, welche nur bei stark entwickelten Kauwerkzeugen vorkommt und auf Sinnlichkeit, Genußsucht, vielleicht sogar auf Rücksichts- und Gefühlslosigkeit schließen läßt. Die Augen dieses Mannes waren klein und schienen etwas schief zu stehen, fast wie beim mongolischen Typus. Vielleicht aber erhielt man diesen Eindruck in Folge eines leichten Schielens, welches aber nur dann zu beobachten war, wenn der scharfe, stechende Blick dieser Augen sich auf einen bestimmten Punkt fixirte. Dies zeigte sich, als draußen das Zeichen der Glocke erscholl. Der Diener hatte geraucht und nahm, ohne sich zu erheben, eine neue Cigarrette. Erst als er diese langsam und bedächtig in Brand gesteckt und dann einige lichte, duftende Wölkchen von sich geblasen hatte, ließ er ein halblautes aber gebieterisches »Herein!« hören. Dabei richteten sich seine Augen mit einem Ausdrucke nach der Thür, in welchem sich die Summa aller möglichen negativen Charaktereigenschaften zu erkennen gab, ohne daß man das Recht gehabt hätte, das Dasein einer einzelnen derselben psychologisch zu beweisen. Es war der Blick eines Menschen, vor welchem man sich zu hüten hat. Ganz dasselbe mochte auch der Eintretende empfinden, welcher den Diener mit einer Verbeugung begrüßte, die beinahe ängstlich zu nennen war. Der Lakai blies ganz in der Haltung eines vornehmen Mannes eine abermalige Rauchwolke von sich und fragte dann: »Was wollen Sie?« »Darf ich fragen, ob der Herr Oberlieutenant zu sprechen sind?« lautete die Antwort. »Ja, fragen dürfen Sie allerdings. Leider aber sind der gnädige Herr nicht zu Hause.« »Ich glaube aber doch, ihn am Fenster bemerkt zu haben!« »Da haben Sie sich geirrt.« »Ich möchte überzeugt sein, richtig gesehen zu haben. Wollen Sie nicht die Güte haben, sich zu überzeugen, ob der gnädige Herr vielleicht nach Hause gekommen sind, ohne daß Sie es bemerkt haben!« »Das ist überflüssig. Der Herr Oberlieutenant können doch nicht ohne mein Wissen durch dieses Zimmer gekommen sein, in welchem ich mich stets befunden habe. Was wollen Sie übrigens?« »Ich wollte mir gestatten, ihm meine Rechnung zu präsentiren.« »Legen Sie dieselbe her. Ich werde sie ihm bei seiner Rückkehr sofort überreichen.« »Das ist schon sehr oft geschehen, ohne – ohne – ohne – –« Er stockte. Der Lakai richtete sich jetzt doch ein Wenig empor und fragte: »Nun, ohne – –? Was wollten Sie sagen?« »Ohne daß ich Zahlung erhalten habe!« »Ach so, so so! Geld wollen Sie haben? Brauchen Sie das so nothwendig?« »Allerdings. Bedenken Sie, daß ich bereits über vier Jahre die Uniformen des Herrn Oberlieutenants, welcher, nebenbei bemerkt, sehr anspruchsvoll ist, fertige, ohne bisher einen Pfennig erhalten zu haben! Der gnädige Herr sind niemals zu Hause zu treffen.« »Das ist Ihre Schuld. Wir können doch nicht wissen, wann Sie kommen. Und selbst wenn wir es wüßten, werden Sie doch nicht verlangen, daß wir gerade zur Zeit, in der Sie belieben, zu Hause sind.« Der Schneider wurde über diese Worte zornig und das gab ihm den Muth, etwas kräftiger zu antworten, als es sonst geschehen wäre: »Das habe ich auch nicht verlangt. Was ich aber verlangen kann, ist, vorgelassen zu werden, wenn ich komme, falls der Herr Oberlieutenant anwesend ist!« »Das wird auch geschehen!« »Nun, so melden Sie mich! Ich habe Ihren Herrn am Fenster stehen sehen.« Da legte der Lakai die Cigarrette weg, kam hinter dem Tische hervor und trat auf ihn zu. »Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß Sie sich irren,« meinte er scharf, indem er einen giftigen Blick auf den Handwerker schoß; »der gnädige Herr sind nicht zu Hause; dabei muß es sein Bewenden haben!« »Nun, so bin ich gezwungen, die Rechnung abermals in Ihre Hände zu legen. Aber wenn der Herr Oberlieutenant sich fortgesetzt vor mir verleugnen läßt, so darf es ihn auch nicht Wunder nehmen, wenn ich einen ungewöhnlichen Weg einschlage.« »Was wollen Sie damit sagen?« »Wenn die Rechnung bis morgen früh nicht beglichen ist, sende ich sie unverzüglich an die Regimentscommandantur ein. Kann ich den Herrn Lieutenant niemals sprechen, so wird es der Herr Oberst wohl besser verstehen, ihn anzutreffen und vorgelassen zu werden.« Der Diener machte eine Armbewegung, als ob er dem Sprecher einen Schlag versetzen wolle; er besann sich jedoch und antwortete: »Mensch, das ist eine Frechheit ohne Gleichen! Glauben Sie etwa, daß wir kein Geld haben, Sie zu bezahlen?« »Wir wollen dahingestellt sein lassen, was frech ist, meine Rede oder Ihre Behauptung, daß Ihr Herr nicht zu Hause sei. Und was ich glaube? Nun, ich glaube vor allen Dingen, daß ich Wort halten werde. Adieu!« Er drehte sich nach der Thür, um zu gehen. Der Diener aber hielt ihn am Arme zurück und sagte: »Mann, das werden Sie nicht wagen.« »Ich wage dabei nicht das Mindeste und gebe Ihnen hiermit mein Ehrenwort, daß ich es thun werde!« Da stieß der Lakai ein höhnisches Lachen aus und antwortete: »Was fällt Ihnen ein! Ihr Ehrenwort! Ein Schneider und Ehrenwort! Unendlich lächerlich! Thun Sie übrigens was Ihnen beliebt. Damit Sie sehen, daß wir Geld haben, will ich Ihnen für Ihren Weg ein Trinkgeld geben.« Er griff langsam in die Tasche und zog einige Münzen hervor. »Ein Trinkgeld?« meinte der Andre. »Ich danke! Bezahlen Sie vor allen Dingen die Rechnung!« »Es wird geschehen! Hier haben Sie! Aber, können Sie mir herausgeben? Sie sollen einen Thaler erhalten, und ich habe nur Zwanzigfrankenstücke.« Der Schneider bewegte abwehrend die Hand und meinte lächelnd: »Lassen Sie! Ihre Zwanzigfrankenstücke kennen wir. Ich bin ein einfacher Mann, aber doch nicht so dumm, auf einen solchen französischen Mumpitz einzugehen. Uebrigens bin ich als Meister nicht gewöhnt, Trinkgelder anzunehmen; das ist nur die Angewohnheit von Dienstpersonen, wie Sie eine sind. Ich verzichte also auf Ihren Thaler, selbst wenn Sie wirklich im Besitze eines Zwanzigfrankenstückes sein sollten. Also, morgen Mittag Bezahlung, oder die Rechnung geht auf die Commandantur! Adieu!« Er verließ nach dieser Drohung das Zimmer so rasch, daß dem Lakai gar keine Zeit blieb, noch ein Wort zu sagen. Der Letztere schien ganz perplex zu sein über diese »Frechheit«, wie er es genannt hatte und nur unwillkürlich, aus reiner Gewohnheit drückte er an den Knopf, welcher sich hier im Vorzimmer befand und mit dem Mechanismus zum Oeffnen der vorderen Thür in Verbindung stand. So entkam der Schneider, ohne daß sich das Donnerwetter, welches er vielleicht erwartet hatte, über ihn entlud. Der Lakai stand noch eine ganze Weile auf derselben Stelle und starrte nach der Thür, hinter welcher der unwillkommene Besuch verschwunden war, dann murmelte er grimmig vor sich hin: »Ich glaube gar, daß dieser Kerl Wort hält! Was da machen? Woher Geld nehmen? Wir haben ja keins! Verdammt! Daß er »wir« sagte, also in der ersten Person der Mehrzahl sprach, ließ auf ein eigenthümliches, vielleicht gar intimes Verhältniß zwischen dem Herrn und dem Diener schließen. Dieser, Letzterer, schritt einige Male im Zimmer auf und ab und fuhr nach einigen Augenblicken des Nachdenkens in seinem Selbstgespräche fort: »Dieser verdammte Zwirnheld muß bezahlt werden! Aber wie? Wo giebt es noch eine Quelle, aus welcher wir noch schöpfen könnten? Wer borgt uns Geld? Es ist nicht angenehm, der Diener eines Herrn zu sein, welcher fort und fort mit solchen Fatalitäten zu kämpfen hat. Aber – hm! – sind diese Verlegenheiten nicht mein Werk? Ist das nicht die Rache für die Bertha, welche er mir weggeschnappt und verführt hat, so daß sie nun als Kindesmörderin seit sechs Jahren im Zuchthaus sitzt? Ja, rächen, rächen werde ich mich! Schlau, fein, raffinirt, wie es kein Zweiter fertig bringen würde.« Da ertönte das Glöckchen abermals. Er drückte an den Knopf und dann klopfte es an die Vorzimmerthür. »Herein!« gebot er. Derjenige, welcher diesem Ruf folgte, war auch ein herrschaftlicher Diener, wie man auf den ersten Blick erkannte. Er trug eine Livree von hellblauer Farbe mit ponceau Kragen, Aufschlägen und Batten, verziert mit starken, goldenen Brust- und Achselschnüren. Seine Gestalt war knochig und breit, sein Gesicht eckig, unschön und von tiefen Blatternarben verunziert. Sein dichtes rothes Haar stand, weil kurzgeschoren, stoppelartig gerade in die Höhe. Seine Nase, mehr noch als die Wangen, von den Blattern zerrissen, strebte mit ihrer breiten Spitze ebenso nach aufwärts, so daß sie seinen dicken, wulstigen Lippen jede physiognome Beschattung entzog. Und doch war dieses unschöne Gesicht nicht häßlich. Es hatte einen vertrauenerweckenden Ausdruck, und wer in die blauen, offenen Augen sah, mußte überzeugt werden, daß dieser Mann ein braver Kerl, ein biederer, ehrlicher Charakter sei, obgleich sein Aeußeres nicht für eine so farbenreiche Livree geeignet sei. »Gut'n Tag, Herr Kuno!« grüßte er ihn höflich vertraulicher Weise. »Wie gehts, wie stehts? Is der Herr Lieutenant daheeme?« Der Lakai warf sich in eine vornehme Haltung und antwortete kühl: »Willkommen, Monsieur Heinrich! Uns geht es natürlich gut, wie immer, und der Herr Lieutenant befinden sich in seinem Zimmer. Sie wollen zu ihm?« »Is nich grad nothwendig. Sie könnens ja ooch besorgen. Ich bringe nämlich nix weiter, als nur eenen Brief für ihn.« Das Gesicht des Lakaien nahm einen höchst freundlichen Ausdruck an. »Einen Brief?« fragte er. »Von Ihrem Herrn oder vom Fräulein?« »Vom Herrn, nämlich vom gnädigen Herrn, aber nick vom Fräulein, nämlich gnädigen Fräulein! Oder denken Se etwa, daß meine Herrschaft nich grade so gnädig is wie die Ihrige?« Kuno zuckte die Achsel und antwortete, ziemlich hochmüthig lächelnd: »Unsere Ahnen gehen bis zur Zeit Kaiser Karls des Großen hinauf, mein bester Monsieur Heinrich. Wie weit aber wohl die Ihrigen?« Heinrich lachte fröhlich vor sich hin und antwortete: »Die Unsrigen? Hm, die loofen nich hin bis zum großen Karl; das fällt ihnen ganz und gar nich ein, sondern se bleiben hübsch derheeme. Dafür aber haben mer Geld, riesiges Geld, schauderhaftes Geld!« »Pah, wir wenigstens ebenso! Wir haben Adel, Geld und Geschmack! »So? Wir etwa wohl nich?« »Hm! Sehen Sie Ihre Livree an! Welche schreienden Farben! Hellblau mit Klatschrosenroth! Ist das geschmackvoll? Wir hätten anders gewählt.« »Mein lieber Herr Kuno, diese Farbe is ponysooh, aber nicht Klatschrose. Ich bin der Heinrich Knofel aus Stützengrün bei Rodewisch und meines Zeechens een Bürstenbinder gewesen; ich habe manchen Pinsel gemacht und muß mich also doch off Farben verstehen. Hellblau mit Ponysooh is der Ausdruck eener vornehmen Familchenverwandtschaft, verbunden mit eleganter Gesinnung, nebst Reichthum und feiner Behandlung der Dienstboten und des Stallpersonals. Sie aber, Herr Kuno, welche Farben haben denn Sie dagegen?« »Grau und Amaranth. Das sind gedämpfte, noble Farben. Grau ist das Vornehmste, was es giebt, und die Amaranthpflanze gilt als Symbol der Ewigkeit und Unsterblichkeit. Paßt das nicht ganz genau auf unsere Devise, Noblesse éternellement ?« »Hm! Was Ihre Noblesse zu bedeuten hat, das kann ich mir ja denken; aber was das Eternellemang bedeutet, das weeßich nich. Aber das weeß ich ganz genau, daß Sie nich grau sind, sondern mäusegrau, und vor den Mäusen habe ich die Ratten, nämlich Rattengift, weil sie ganz gewaltig mausen. Und auf diese Amaranthfarbe, die in's Violette spielt, da verstehe ich mich als eenstmaliger Pinselmacher sehr genau. Sie wird aus Alaun, Gummi, Soda und Ferlebuckholz gemacht, was in Wasser gekocht wird, und auf Alaun, Gummi und Soda nebst Ferlebuck braucht keen Mensch nich übermäßig stolz zu sein. Ihre schwarzen Hosen sehen ganz nach Geestlichkeet, also nach Hochzeit und Kindtaufe; das möchte sein, aber daß Gamaschen darüber sind, das ist doch nur deshalb, daß die Hochzeit und die Kindtaufe nich gar zu staubig ausfallen sollen. Ich an Ihrer Stelle thäte mir auf diese Livree nich soviel einbilden, mein lieber Herr Kuno!« Der Lakai zuckte verächtlich die Achseln. »Was verstehen Sie?« meinte er. »Sie gehören zum jungen Adel, zur neugeborenen Haute-volée und haben noch gar keine Erfahrung. Ihr Haar muß sich im Dienste weit anders gefärbt haben, ehe Sie über solche Dinge mitsprechen können. Merken Sie sich das.« »Da habe ich doch wenigstens Hoffnung; bei Ihnen ist sie aber schon längst vorüber, denn Sie haben schon gar keene Haare mehr. Ich bin nämlich der Heinrich Knofel aus Stützengrün bei Rodewisch und verstehe mich auf Haare sehr genau; das weeß ich also ooch sehr genau, daß Sie nich 'mal Talent besitzen, ooch nur een leidlicher Pinsel zu werden. Hier is der Brief. Geben Sie ihn ab, aber machen Sie ihn nich schmutzig, damit es nich heeßt, daß ichs gewesen sei. Leben Sie wohl, Herr Kuno und schöne Adieu! Er drückte selbst auf den Knopf, so daß die vordere Thür aufsprang und war im nächsten Augenblicke verschwunden. Der ehrliche Stützengrüner war nicht so dumm wie ihn der Lakai hatte nehmen wollen. Dieser stand mit tief gerunzelter Stirn da und blickte zornig auf den Brief, welchen er empfangen hatte. »Ein malitiöser Kerl!« brummte er. »Ich werde es ihm anstreichen! Man sagt, daß er seinem Herrn einmal einen großen Dienst erwiesen habe und daß dieser ihn aus diesem Grunde engagirt habe und große Stücke auf ihn halte, obgleich dieser gewesene Bürstenbinder sich eher zum Borstenwisch, als zum Diener einer feinen Herrschaft eigne. Nicht einmal Hochdeutsch spricht er! Aber ich werde ihn ausstechen. Sobald sein Fräulein von meinem Herrn gekapert ist, wird mein Einfluß schon hinreichen, den Grobian aus dem Hause zu bringen. Jetzt aber muß ich den Brief abgeben. Ich bin neugierig, was er enthält.« Er öffnete eine Thür, schritt durch ein zweites, leeres Zimmer und trat dann in ein drittes, in welchem sich der Premierlieutenant befand. Dieses war – würde man sagen – ganz à la Marquard ausgestattet, üppig, weich und sinnlich, wie das Boudoir einer Balleteuse, welcher das heiße Blut prickelnd durch die Adern pulsirt. Der Lieutenant lag lang ausgestreckt auf einer seidenen Chaise longue. Der Schlafrock von feinstem Sammet, welcher ihn umhüllte, ließ nicht ahnen, daß man sich in der Wohnung eines Offiziers befinde, dessen Vater mit dem Range eines Generalmajors bekleidet war. Er hatte einen Band von Paul de Kock in der Hand, schien aber in dem Buche wenig oder gar nicht gelesen, sondern dasselbe pour passer le temps ergriffen zu haben. Er wendete sich halb nach dem Diener um und fragte gähnend: »Was wollte der Kerl schon wieder?« »Er brachte die Rechnung.« »Mag warten! »Er will nicht länger warten.« »Was denn?« »Wenn morgen Mittag die Rechnung nicht beglichen ist, so will er sie an die Commandantur einsenden.« Jetzt drehte sich der Offizier vollends herum und sprang von der Chaise longue auf, so daß man ihn genau betrachten konnte. Er mochte ungefähr sechsundzwanzig Jahre zählen. Seine Gestalt war mittelgroß und schlank; sein Gesicht gehörte zu denen, welche man in der Jugend hübsch, aber niemals männlich finden kann. Es hatte bereits etwas Blasirtes, Ueberdrüssiges an sich und zeigte eine Blässe, welche man krankhaft glänzend hätte nennen mögen. Trotz des Schnurrbartes, welcher die Oberlippe bedeckte, bemerkte man seinem Munde doch jenen eigenwilligen Schnitt und jene eigenartige Lippenfülle an, welche später auf einen grausamen und sinnlichen Character schließen lassen. Die grauen, kalten, herzlosen Augen schienen weiter als gewöhnlich aus einander zu stehen, was dem Gesichte einen nach beiden Seiten oder hinten lauernden Ausdruck gab. Die Nasenwurzel lag tief eingedrückt unter dem Stirnrande und sandte nach den unteren Augenlidern jene bläulichen Depressionen hinüber, die man nur bei Personen, welche schnell und viel gelebt haben, zu beobachten pflegt. Wenn trotz alledem das Gesicht hübsch zu nennen war, so konnte das ja nur einfache Geschmackssache sein. Hundert Andere hätten es vielleicht für gewöhnlich, ja für unsympathisch gehalten. Alles in Allem lag ein Ausdruck darin, als ob es sich noch von Innen heraus, wo ja verborgene und unberechenbare Kräfte walten, zu entwickeln habe. »An die Commandantur einsenden?« rief er aus. »Ist der Mensch verrückt?« »Wohl nicht,« antwortete der Lakai gleichmüthig. »Er denkt, daß dann der gnädige Herr gezwungen sein werde, zu bezahlen.« »Aber er wird mich dadurch ruiniren.« »Jedenfalls. Er muß also bezahlt werden!« »Womit? Hast Du Geld?« Der Lakai trat unter gut gespieltem Erschrecken einen Schritt zurück. »Ich?« fragte er. »Geld? Wie soll ich Geld haben? Der Herr Lieutenant hat ja seit bereits zwei Jahren nicht die Güte gehabt, mir mein Salair auszuzahlen.« »Spitzbube! Und dennoch hast Du Mittel genug, um es gegenwärtig mit mir aufnehmen zu können! Sind Dir nicht alle Deine kleinen außergewöhnlichen Dienstleistungen so gut, ja so übermäßig nobel bezahlt worden, daß Du Dir ein kleines Vermögen gesammelt haben mußt?« »O weh! Mit diesem Vermögen ist es schlecht! Meine vielen Verwandten sind alle arm und der Herr Premierlieutenant wissen, daß ich ein gutes, mildthätiges Herz besitze.« Der Offizier stieß ein kurzes, ironisches Lachen aus. »Ja, Du bist gut wie der Habicht und mildthätig wie der Fuchs. Aber, denkst Du, daß dieser Schneider seine Drohung wirklich ausführen werde?« »Ich bin sogar überzeugt davon.« »Alle Teufel! Was ist da zu machen!« »Hm! Ich weiß keinen Rath!« »Zunächst ist es mir auch noch gar nicht eingefallen, einen solchen von Dir zu verlangen, Bursche! Aber, was hast Du da?« »Einen Brief, welchen der Diener des Herrn von Ociului brachte.« »Der Heinrich? Zeig her!« Diese Worte waren mit sehr bemerkbarer Hast gesprochen. Er zog den Brief dem Lakaien förmlich aus der Hand, schnitt das Couvert mit einem Messerchen auf und las: »Den Herrn Premierlieutenant Baron Franz von Wilden für morgen Abend neun Uhr zur Geburtstagsfeier seiner Tochter Elma ergebenst einzuladen, erlaubt sich                  Illo von Flakehpa-Ociului.« Das vorher so finstere Gesicht des Lieutenants erheiterte sich. »Ich werde für morgen Abend zum Geburtstagsfeste eingeladen,« sagte er. Das Gesicht des Dieners nahm einen pfiffigen Ausdruck an, hinter welchem aber noch etwas Lauerndes steckte, was Wilden nicht bemerkte. »Wie schade, daß dieses Fest nicht schon heute gefeiert wird!« sagte der Lakai. »Wie so?« »Weil der Schneider bis morgen Mittag bezahlt sein will. Herr von Ociului ist steinreich. Es bedürfte bei ihm nur eines Wortes, »Schweig!« herrschte ihn der Lieutenant an. »Wie könnte es mir einfallen, mich an ihn zu wenden!« »Aber bis zu Ihrem Herrn Papa ist es zu weit, als daß wir bis morgen – – oder wollen wir an ihn telegraphiren?« »Behalte Deine Vorschläge für Dich! Bringe mir lieber die Uniform! Es ist Zeit, die Posten zu inspiciren.« Der Ton, in welchem diese Worte gesprochen wurden, war bei Weitem nicht derjenige, welchen ein anderer Herr angeschlagen hätte, einen anmaßenden Diener zurecht zu weisen. Der Lakai mußte doch wissen, daß er sich schon Etwas erlauben dürfe. Es war überhaupt ungewöhnlich, daß ein Lieutenant sich einen gallonirten Lakaien hielt, anstatt sich von einem Soldaten seiner Compagnie bedienen zu lassen. Kuno gehorchte und trat bald mit den Uniformstücken ein, welche er seinem Herrn anlegte. Dieser war gewohnt, sich wie ein Kind ankleiden zu lassen. Er hielt es nicht für seinem hohen Stande angemessen, dabei selbst Hand anzulegen. Nach kurzer Zeit schritt der Premierlieutenant über den Markt hinweg und dem äußeren, nördlichen Theile der Stadt entgegen. Dort lag ein mehrere Stockwerke hohes, aus starken Quadersteinen aufgeführtes Gebäude, oder genauer gesagt, ein Gebäudecomplex, welcher einige finstere Höfe umschloß und von einem Garten umgeben wurde, welchen eine Mauer von der Außenwelt trennte. Diese Mauer war über zehn Fuß hoch und mit scharfen eisernen Spitzen gekrönt. Im Garten blühte keine Blume; es wurden da nur nüchterne Küchengewächse gebaut. Sämmtliche Fenster des ernsten Bauwerkes – ein Schloß aus alter, alter Zeit – waren mit starken, festen Gittern, viele auch noch obendrein mit blechernen Kästen versehen, welche sich nur nach oben öffneten und also einem spärlichen Lichtstrahl den Eingang erlaubten, und Demjenigen, welcher hinter dem Fenster stand, in Folge dessen nicht gestatteten, etwas Anderes zu sehen, als einige Quadratzoll des Himmels, der für ihn nur Gerechtigkeit aber kein Erbarmen zu zeigen schien. Dieses alte, finstere Schloß diente als Wohnung Solcher, welche gegen die bestehenden Gesetze gesündigt hatten – es war das Zuchthaus zu Grollenburg. Dieser Name hatte sich in den Sprachgebrauch des Landes so eingebürgert, daß »nach Grollenburg kommen« ebenso viel hieß wie Insasse des Zuchthauses werden. Die Mauer, welche das Letztere umgab, hatte nur ein einziges Thor, einen dunklen, tunnelähnlichen Eingang. Wie viele Tausende hatten ihn betreten! Und mit welchen Gefühlen war dies geschehen! Der Eine war gekommen, völlig zerschmettert von der Wucht des Schicksales, welches über ihn hereingebrochen war, der Andere betäubt und gelähmt, so daß es ihm noch nicht möglich war, den ganzen Umfang seines Geschickes zu ermessen. Ein Dritter hatte die Thür hinter sich zuschlagen hören und war gleichgiltig gewesen gegen den dumpfen Klang dieses Geräusches. Ein Vierter hatte am ersten Tage seiner Gefangenschaft bereits an den letzten gedacht, während ein Fünfter die Gewißheit mit sich gebracht hatte, daß er die Mauern, welche ihn jetzt umschlossen, lebend nie wieder verlasse. Er wußte, daß man einst nur seine Leiche hinaustragen werde in einem engen, zierlosen Sarge nach dem Winkel der Verachteten im Friedhofe, oder in einem eisenbeschlagenen Kasten nach der Anatomie der nahen Universitätsstadt. Sie Alle, nur Wenige ausgenommen, ließen in der hinter ihnen verschlossenen Freiheit Verwandte zurück, denen ihre Liebe gehörte und welche von dem gewaltigen Schlage unschuldig mitgetroffen wurden. Das war eine Strafschärfung, welche kein Richter mit in mildernde Berechnung gezogen hatte. Nach diesem Thore lenkte Premierlieutenant von Wilden seine Schritte. Es öffnete sich ihm ohne vorherigen Befehl, denn der Militärposten, welcher dahinter stand, hatte durch ein kleines Guckloch das Nahen seines Vorgesetzten bemerkt. Er salutirte, als derselbe eintrat und, den militärischen Gruß kaum erwidernd, an ihm vorüberschritt. Alle Höfe und Gänge des Detentionshauses waren mit Posten besetzt, welche der Lieutenant jetzt zu inspiziren hatte. Einzelne Gefangene schritten geschäftig an ihm vorüber und rissen ehrfurchtsvoll die häßlichen Mützen vom Kopfe. Er bemerkte es gar nicht. Diese Geschöpfe waren für ihn keine Menschen mehr. Es wäre eine Schande für ihn gewesen, sie zu sehen. In einem der Höfe schritten weibliche Gefangene im Gänsemarsche, Eine hinter der Andern, langsam im Kreise herum. Sie durften weder rechts noch links abweichen, nicht mit einander sprechen, sich nicht irgend welches Zeichen geben und mußten die Reihenfolge, in welcher sie marschirten, genau einhalten. Sie hatten ihre halbe Erholungsstunde; sie hielten ihren Spaziergang, täglich dreißig Minuten, wenn das Wetter und die Arbeit es erlaubte. Sie erblickten den glänzenden Offizier und senkten erbleichend oder erröthend die Augen. Eine Jede dachte, ein Blick seines Auges könnte sie treffen – welche Verlegenheit, welche schmerzliche Scham dann! Aber sie konnten ruhig sein. Er schritt an ihnen vorüber, ohne eine Einzige nur mit dem Blicke zu streifen. Aber er zog sein Taschentuch, um sich damit das Gesicht zu fächeln, als ob er einen Pesthauch bemerke, den er von sich abzuwehren habe. Als er seinen Rundgang beendet hatte, begab er sich zum Anstaltsdirector, um ihn zu fragen, ob er auch zur morgigen Feier geladen sei und dabei noch einige dienstliche Obliegenheiten zu erledigen. Der Beamte befand sich in seinem Expeditionszimmer. Vor der Thür desselben waren einige Zuchthäuserinnen aufgestellt, welche der Reihe nach eingelassen werden sollten, da der Director mit ihnen zu sprechen hatte. Die Eine wollte um die Erlaubniß bitten, ihren Eltern zu schreiben; die Andere glaubte, sich über irgend Etwas beschweren zu müssen; die Dritte hatte sich eines Versehens schuldig gemacht und sollte nun ihre Disciplinarstrafe dictirt erhalten. Für sie Alle aber war es ein Schweres, vor dem strengen Beamten zu erscheinen. Sie hatten hier keine individuellen Berechtigungen, sie waren dem socialen Verbande ausgeschieden worden und trugen Nummern. Diese Nummern waren auf ihre Kleidungsstücke genäht; diese Nummern standen in den Actenstücken, Listen und Arbeitsbüchern und mit ihrer Nummer wurde auch eine Jede gerufen. Sie Alle hatten ihre Namen für die Zeit ihrer Gefangenschaft verloren. Aufrichtig gestanden, war ihre Furcht vor dem Director unbegründet. Er war ein verdienter, rauher, aber biederer Offizier, welchem man nach seiner Verabschiedung diesen ernsten Posten anvertraut hatte. Er stammte aus bürgerlicher Familie, hatte ein menschenfreundliches Herz und folgte der Stimme desselben, so oft es nöthig war. Natürlich hatte er zu berücksichtigen, daß er ein Beamter des Strafvollzuges sei, und wenn er auch geneigt war, seine Pfleglinge für nichts Anderes, als für moralisch Kranke zu halten, so mußte er doch der Strenge des Gesetzes volle Rechnung tragen. Bei ihm trat der Premierlieutenant ein und wurde von ihm kameradschaftlich freundlich empfangen. Er wollte sich, im Falle er störe, entschuldigen, doch fiel ihm der Director schnell in die Rede: »O bitte, bitte, Herr Oberlieutenant! Ich habe meine Sprechstunde, die ich allerdings nicht unterbrechen möchte; doch bin ich fast zu Ende; dann stehe ich zur Verfügung. Sie dürfen hören, was hier verhandelt wird. Staatsgeheimnisse sind es ja nicht. Bitte, nehmen Sie für einige kurze Minuten Platz!« »Ganz wie Sie befehlen, Herr Major.« Wilden gab dem Director diesen Titel, da derselbe als Major verabschiedet worden war. Es war ihm gar nicht lieb, hier warten zu müssen, in dieser dunklen Stube mit den vergitterten Fenstern, er der Zweig eines berühmten Stammbaumes bei moralisch verkommenen Subjecten, bei Diebinnen und Mörderinnen! Er schob den Stuhl bei Seite und nahm auf demselben in der Weise Platz, daß er mit dem Gesichte nach dem Fenster saß und keine der Eintretenden anzusehen brauchte. Der Director setzte seine Beschäftigung fort. Es wurde eine der Gefangenen nach der Anderen vorgelassen. Die Reihenfolge richtete sich nach der Nummer, welche sie trugen, und wurde von einer Aufseherin, welche draußen stand, bestimmt. Eine Jede erhielt ihren Bescheid, streng oder mild, je nach der Veranlassung, welche sie herbeigeführt hatte. Dem Lieutenant wurde die Zeit ungeheuer lang. Er fühlte sich im höchsten Grade ennuyirt von dem Zwange, hier mit Leuten, welche er zum Auswurfe der Menschheit rechnete, in einem Raume beisammen zu sein, ihre Reden anhören und dieselbe Luft wie sie athmen zu müssen. Da öffnete sich die Thür und die Aufseherin meldete: »Nummer Zweiundsiebzig, die Letzte, Herr Major!« »Ah, zweiundsiebzig! Herein mit ihr!« Der Ton, in welchem er diese Worte sprach, war ein sehr freundlicher. Dem Oberlieutenant fiel auf, daß die Gefangene, welche er eintreten hörte, nicht laut grüßte, wie die Anderen es gethan hatten. Der Major begann: »Ich habe Dich rufen lassen, um Dir eine erfreuliche Nachricht mitzutheilen. Du hast nach den ersten zwölf Monaten Deiner Gefangenschaft Dein erstes Gnadengesuch gemacht, und es wurde, wie vorauszusehen war, abschlägig beschieden. Eine Kindesmörderin läßt man nicht bereits nach einem Jahre gehen. Jetzt hast Du die Hälfte Deiner Strafzeit hinter Dir, und da Deine Führung eine vorzügliche gewesen ist, so habe ich ein zweites Gesuch abgesandt, ohne Dich davon zu benachrichtigen. Die Resolution ist jetzt eingegangen, Seine Majestät hat sich veranlaßt gesehen, in Anbetracht der großen Jugend, in welcher Du sündigtest, und in Folge Deines Wohlverhaltens Dir die zweite Hälfte der Strafe zu erlassen. Du bist begnadigt.« Ein lauter Aufschrei erfolgte. Der Lieutenant rückte auf seinem Sitze hin und her. Er dachte, daß diese Kindesmörderin viel anständiger hätte antworten sollen als durch so einen dummen, unhöflichen Schrei. Und ebenso ärgerte er sich über die Freundlichkeit des Directors. Einem Frauenzimmer, welches ihr Kind umgebracht hat, sagt doch kein vernünftiger Mensch, daß er mit ihrer Führung zufrieden ist! Die Gefangene war bleichen Gesichtes eingetreten, hatte sich gegen den Director stumm verneigt, aber nicht gewagt, ihn oder den Oberlieutenant anzusehen. Doch war ihre Blässe nicht diejenige der Angst und Furcht. Sie zitterte leise, und um ihren Mund zuckte es wie eine tiefe, mühsam niedergekämpfte Bewegung. Auf ihrer schönen, weißen Stirn glänzte es feucht. Sie hatte ganz das Aussehen eines Mädchens, welches sich unter dem Einflusse einer gewaltigen Scham befindet. Sie trug, wie alle weiblichen Gefangenen, einen Rock von grobem Zeuge, eine Jacke von demselben Stoffe, eine Zwillichschürze und eine häßliche Haube, welche den Kopf so bedeckte, daß nur das Gesicht frei blieb. Diese Kleidungsstücke hatten einen so unschönen, garstigen Schnitt, daß es unmöglich war, die Linien, welche der Körper bildete, zu erkennen. Dennoch aber umgab diese Gefangene ein eigenthümliches Etwas, dem zu Folge man sich sagen mußte, daß sie in einem andern Anzuge ungewöhnlich schön sein müsse. Als der Director zu sprechen begonnen hatte, hatte sie für einen Augenblick ihre Augen aufgeschlagen, große, himmelblaue Augen von seltener Reinheit, in denen es gelegen hatte wie ein stilles, nagendes Leid, welches an dem Leben zehrt. Bei der Nachricht, daß sie begnadigt worden sei, hatte sie die Hände zusammengeschlagen, jenen Schrei ausgestoßen und sich dann, matt vor Ergriffenheit, an den Thürpfosten gelehnt. »Du kannst nach der Ordnung des Hauses zwar erst morgen früh entlassen werden,« fuhr der Director fort; »da es mir aber nicht möglich ist, Dich noch einmal vorzulassen, so will ich das, was ich Dir zu sagen habe, gleich jetzt bemerken.« Er räusperte sich und fuhr dann fort: »In Folge Deines guten Verhaltens ist Dir die Polizeiaufsicht erlassen; dennoch aber wirst Du, wie jeder andere Abgehende, über das Weichbild der Stadt gebracht und hast Dich geradewegs in Deine Heimath zu begeben und Dich dort zu melden. Wer das nicht thut und sich kurz nach seiner Entlassung hier etwa noch sehen läßt, wird polizeilich streng bestraft. Hast Du Verwandte daheim?« »Ja, Herr Major,« antwortete sie leise, als ob sie sich scheue, ihre Stimme hören zu lassen. »Was für welche?« »Den Vater und einen Bruder.« »Hier habe ich Deine Haus- und Einlieferungsacten, aus denen ich ersehe, daß Dein Vater Brand heißt und Forstwärter ist. Als solcher wird er wohl schwerlich die Mittel besitzen, Dich – – –« Er wurde durch einen Ruf unterbrochen, welchen der Lieutenant ausstieß. Dieser hatte sich nämlich, als er die beiden Worte Brand und Forstwärter hörte, umgedreht, und zwar mit einer Schnelligkeit, welche verrieth, daß ein sehr reges Interesse der Grund zu dieser unwillkürlichen und unbeherrschten Bewegung sein müsse. Er erblickte die Gefangene, sprang auf und rief: »Donnerwetter! Du bist es, Bertha?« Da erhob das Mädchen ihre beiden Hände und hielt sie ihm entgegen, als ob sie ihm abwehren wolle. Eine dunkle Röthe bedeckte ihr Gesicht. Sie rief unter einem gewaltig hervorbrechenden Schluchzen: »Herr Lieutenant! O mein Gott, ich dachte, Sie sollten mich nicht erkennen!« Der Director sah den Offizier erstaunt an und fragte: »Wie, Sie kennen sich?« Da warf der Gefragte den Kopf hochmüthig zurück. Er zürnte sich selbst, daß er sich hatte vom Augenblicke fortreißen lassen. Das mußte wieder gut gemacht werden. Darum antwortete er unter einer Geberde der tiefsten Verachtung und in eiseskaltem Tone: »Pah! Dieses Subject diente bei meinen Eltern, bevor sie des Mordes wegen arretirt wurde. Das ist die ganze berühmte Bekanntschaft. Nur zu meiner allergrößten Verwunderung höre ich, daß sie begnadigt worden ist. Eine solche Milde ist mir geradezu unbegreiflich!« Der alte Director schüttelte ernst den Kopf und sagte: »Mir will scheinen, als ob wir nicht die Erlaubniß hätten, den König zu kritisiren, wenn er von seinem schönsten Vorrechte, Gnade zu üben, Gebrauch macht!« »Es kann mir auch nicht einfallen, der Krone das Begnadigungsrecht abzusprechen,« entgegnete der Lieutenant frostig; »ich wollte nur sagen, daß es mich höchst unangenehm berührt, es in diesem Falle ausgeübt zu sehen. Eine Kindesmörderin verdient keine Gnade, sondern halbe Kost und täglich die Peitsche!« Die Gefangene fuhr sich mit der Hand nach dem Herzen; es war, als ob sie dort einen scharfen, gewaltigen Schmerz gefühlt habe. Ihre Augen öffneten sich groß und weit, als ob sie eine gespensterhafte Erscheinung vor sich sehe. Dann aber zuckte ein sprühender Blitz aus ihnen hervor; sie that einen raschen, energischen Schritt vorwärts und sagte, vor Erregung bebend: »Herr Major, Herr Director, ich bin sechs lange, ewig lange Jahre gefangen gewesen; ich habe meine Strafe verdient und sie in Demuth und Ergebung getragen; hier aber ist mir diese Ergebung eine Unmöglichkeit. Ich bin nicht allein Schuld; ich bin verführt worden, mit allen Kniffen und Künsten, mit Versprechungen und Betheuerungen, denen ich in meiner Unerfahrenheit Vertrauen schenkte, verführt und dann verlassen worden. Ich habe damals meinen Verführer nicht genannt; ich liebte ihn noch und liebte ihn bis zum gegenwärtigen Augenblicke. Ich wollte ihm die Schande ersparen, seinen Namen in den Untersuchungsacten einer Mörderin verzeichnet zu sehen. Jetzt aber hat er gezeigt, daß er eines solchen Opfers nicht werth ist, und ich will Ihnen seinen Namen nennen. Hier steht er, der Herr Baron von Wilden, der meinen Sinn bethörte, meinen Verstand umstrickte, meinen Widerstand mit Gewalt besiegte und mich dann in den Abgrund der Schande und Entehrung stürzte. Ich hatte später eingesehen, daß er mir seine glänzenden Versprechungen nicht halten könne; aber es wäre ihm leicht gewesen, als ich von seinen Eltern hinausgeworfen wurde, als Niemand mich bei sich aufnehmen wollte und ich mich fürchtete, meinem armen, braven Vater vor die Augen zu treten, mich wenigstens für kurze Zeit vor dem Hunger zu bewahren. Er entzog mir seine Hilfe. Ich war ohne Obdach und Nahrung: die Schmerzen der Geburt raubten mir die Ueberlegung; der innere Jammer und die äußere Qual, sie leiteten meine Hände zum verhängnißvollen Griffe – das unschuldige Kind lag erwürgt vor meinen Füßen. Was ich dann gethan habe, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß ich später mich nach der Polizei schleppte, um mich selbst anzuzeigen. Ich habe bereut und gebüßt. In mehr als zweitausend Nächten habe ich auf meinem harten Lager mit dem Bewußtsein meiner Schuld gekämpft, welches mich immer und immer wieder in die fürchterliche Versuchung führte, auch meinem Leben ein Ende zu machen. Der Gedanke an Gott und meinen alten Vater hat mich davon abgehalten. Und während ich hinter den Mauern und Eisengittern dieses Hauses als Nummer zweiundsiebzig mit solchen finstern Gedanken und Geistern kämpfte und solche seelische Martern erduldete, was geschah mit meinem Verführer? Was that und fühlte er? Ein König hat Gnade geübt; aber Der, welcher die eigentliche Schuld trägt an dem, was ich verbrach, er, der vor Gott ebenso der Mörder seines Kindes ist, wie ich die Mörderin bin, er sagt, daß ich nicht Gnade verdiene, sondern Hungerkost und täglich die Peitsche! Ich habe ihn geliebt, und ich habe ihn geschont; Gott aber ist gerecht; er kennt seine Schuld und wird ihn richten!« Fortsetzung 89 Ihre Rede und die Art und Weise, wie dieselbe vorgetragen wurde, hatte den Director so ergriffen, daß der Gedanke, sie zu unterbrechen, ihm gar nicht gekommen war. Wilden stand dabei, mit sich ballender Faust und halb erhobenem Fuße, als ob er sich auf sie stürzen wolle. Er hatte die Absicht, ihr in die Rede zu fallen; aber er fand vor Grimm die rechten Worte nicht. Jetzt jedoch, als sie geendet hatte, stampfte er mit dem Fuße und rief: »Welch' eine Unverschämtheit! Welch' eine Frechheit! Herr Major, ich verlange eine exemplarische Bestrafung dieses verwegenen Frauenzimmers!« Der alte Beamte blickte ernst zu ihm hinüber und antwortete: »Lassen Sie mich fragen, ob dieses Mädchen mit der Behauptung, daß Sie der Vater ihres Kindes gewesen seien, die Wahrheit gesagt hat?« »Ich denke, daß dies hier ganz und gar nicht zu erörtern ist. Sie hat mich einen Verführer genannt; sie hat gesagt, daß ich ebenso schuldig sei, wie sie selbst!« »Sie ist durch Sie gereizt worden, Herr Premier-Lieutenant!« »Sie ist Gefangene; sie hat zu schweigen! Sie muß wissen, daß die Disciplin dieses Hauses eine strenge ist und für ein so beleidigendes Verhalten gegen einen Vorgesetzten die schärfsten Strafen zur Verfügung hat!« Da erhob sich der Major von seinem Sitze. Er blickte mitleidig auf die Gefangene, welche leise aber bitterlich vor sich hin weinte, und wendete sich dann an den Lieutenant: »Auch der Gefangene ist ein Mensch, Herr von Wilden. Nachdem er sein Vergehen abgebüßt hat, ist er vor den Augen eines jeden human Denkenden so rein und schuldlos wie zuvor. Die Strafe sühnt Alles; Verbrecher bleibt nur Der, dessen Schuld keine Pönitenz findet. Ich darf mir kein Umheil über frühere und mir fernstehende Verhältnisse anmaßen; aber ich habe als Leiter dieser Anstalt die Pflicht, zu erklären, daß die Herren des hiesigen Wachtkommandos nicht Vorgesetzte der Gefangenen sind, obgleich die Letzteren den Ersteren ehrerbietig zu begegnen haben. Von einer Beleidigung eines Vorgesetzten – so sagten Sie ja – ist hier also nicht die Rede.« »Gut!« erwiderte Wilden in zornigem Tone. »Wir wollen nicht über Worte und Begriffe streiten! Sie werden aber doch zugeben, Herr Major, daß diese Person sich gegen die Disciplin vergangen und also eine Disciplinarstrafe verdient hat.« »Ich kann dieses Mädchen, welches übrigens meine vollste Theilnahme besitzt, nicht bestrafen, selbst wenn es wahr wäre, daß hier ein Vergehen gegen die Gesetze und Ordnungen des Hauses vorliege.« »Ah! Warum nicht?« »Seit ich Bertha Brand erklärt habe, daß sie begnadigt worden sei, ist sie keine Gefangene mehr. Es sind nur noch gewisse Formalitäten zu erledigen; bis dahin wohnt sie zwar noch hier, ist aber nicht mehr als Zuchthäuslerin zu betrachten.« Wilden machte eine Bewegung zornigen Erstaunens und fragte: »Sie meinen also, daß die an mir begangene Frechheit unbestraft bleiben soll?« »Ich meine nur, daß nicht ich es bin, der hier Richter sein kann. Fühlen Sie sich beleidigt, so steht es Ihnen ja frei, durch einen Advocaten wegen Beleidigung einen Strafantrag stellen zu lassen oder dies auch selbst zu thun.« »Ah, ist es so! Wenn sich ein Offizier hier der Gefahr aussetzt, vom ersten besten Zuchthäusler maltraitirt zu werden und sich dann mit ihm auf dem Gerichtsamte herumzuschlagen, so werde ich schleunigst um meine Versetzung von hier einkommen. »Das ist lediglich nur Ihre eigene Angelegenheit, Herr von Wilden.« Und sich an das Mädchen wendend, fuhr er fort: »Ich erkläre Ihnen gern, daß ich Sie hiermit von Ihrer Nummer und von dem »Du« befreie, mit welchem Sie bisher angeredet wurden. Ich entlasse Sie in der Ueberzeugung, daß wir uns in den gleichen Verhältnissen niemals wieder sehen werden, und gebe Ihnen meine besten Wünsche mit auf Ihren nunmehrigen Lebensweg. Gehen Sie mit Gott! Wenn Sie morgen früh durch das Thor hinaus in die Freiheit treten, erwartet Sie ein Kampf mit der Armuth und mit dem leider so ungerechten und schädlichen Vorurtheile, welches man entlassenen Gefangenen entgegenzubringen pflegt. Aber verlieren Sie den Muth nicht! Ein ehrliches Streben findet sicherlich Anerkennung! Hier meine Hand als Zeichen, daß Sie wieder gleichberechtigt in die Gesellschaft treten. Höre ich einmal, daß es Ihnen wohl gehe, so soll es mich herzlich freuen! Leben Sie wohl!« Sie ergriff die Hand des braven Mannes, küßte dieselbe unter Thränen und verließ, ohne ein Wort sagen zu können, laut schluchzend das Gemach, in welchem zum letzten Male gewesen zu sein sie glaubte. Auch Wilden blieb nur noch wenige Minuten. Es war ihm unmöglich, seinen Zorn gegen den Director zu verleugnen. Er entledigte sich gegen diesen seiner dienstlichen Angelegenheiten so kalt und finster wie möglich, sagte ihm, daß er zunächst sofort Urlaub nehmen und dann um seine Versetzung bitten werde, und ging dann mit der Versicherung, daß er nie im Leben wieder dieses Haus betreten werde. Der Mensch ist stets geneigt, gern nur dem gegenwärtigen Augenblick zu glauben. – In einem der engen Winkelgäßchen der Stadt stand ein altes, drei Stock hohes Haus, welches nur drei Fenster Front hatte. An den Mittelfenstern des ersten und zweiten Stockes waren hölzerne Balkons angebracht, deren Betreten lebensgefährlich zu sein schien. Die Balken, von denen sie getragen wurden, begannen zu zerbröckeln, und die geschnitzten Holzverzierungen hingen in Fetzen herab. Man sah allerdings auch nie, daß Jemand auf diesen Altanen Platz nahm, um frische Luft zu genießen. Nur zuweilen erschien eine hagere männliche oder weibliche Gestalt, um irgend ein moderndes Wäsche- und Kleidungsstück oder Gerümpel dort zum »Sonnen« aufzustellen oder aufzuhängen. Die Fenster des Hauses waren alle erblindet, und die Läden hingen in zerbrochenen Angeln, welche der Rost zerfressen hatte. Das Gebäude machte den Eindruck der tiefsten Armuth und zugleich der größten Unordnung, der höchsten Unsauberkeit. Ein neben der Thür angebrachtes Blechstück, dessen Inschrift kaum noch zu enträthseln war, benachrichtigte den Leser, daß hier der Handelsmann Baruch Silberglanz wohne und sich mit dem Ein- und Verkauf von Wäsche, Betten, Hadern, Knochen und altem Eisen beschäftige und nebenbei auch noch ein Pfandleihgeschäft betreibe. Die Bewohner des Hauses waren außerhalb desselben höchst selten zu sehen. Der alte Baruch konnte es gar nicht mehr verlassen, wie es hieß; Sulamith, sein Weib, steckte nur zuweilen die Spitze ihrer Habichtnase durch die Thürlücke, um von einer Hausiererin für einige Pfennige halb verdorbenes Gemüse zu kaufen und dabei viertelstundenlang zankend zu handeln und zu feilschen; und wenn die dritte und letzte Person, welche dieses Haus bewohnte, nämlich Gamaliel, der Sohn der beiden Alten, einmal auf die Gasse trat, so geschah dies meist am Abende. Es geschah dies, um die nöthigen Wirthschaftsbesorgungen zu machen und die eingehandelten Gegenstände in den langen, breiten Schößen seines Rockes heimzutragen. Bei diesem einsiedlerischen Leben dieser Familie war es nicht zu verwundern, daß Niemand viel sich um sie bekümmerte. Man glaubte, daß sie ihr Leben nothdürftig von dem Ertrage ihres Althandels friste, und fand es nicht für nöthig, ihnen weitere Aufmerksamkeit zu schenken. Das Haus hatte keinen Flur, sondern man trat durch die Thür sofort in den Laden, welcher mit allen möglichen und unmöglichen Sachen ausgefüllt war. Die meisten hier vorhandenen Gegenstände schienen so alt, verletzt und werthlos zu sein, daß es geradezu unbegreiflich war, sie hier zum Verkaufe aufbewahrt zu sehen. Hinter diesem Laden befand sich das Wohnzimmer, in welchem man einige wackelige Möbels sah und eine Anzahl besserer Gegenstände, welche man nicht im Laden untergebracht hatte. Aus dieser Stube führte eine Treppe in das erste Stockwerk empor. Diese Treppe bestand nur aus einer schmalen Stiege, auf welcher man förmlich hinaufklettern mußte, und der Eingang zum Stockwerke bestand aus einer schweren Fallthür, durch welche eingedrungen zu sein, sich Niemand rühmen konnte außer etwa dem Schornsteinfeger oder irgend einer anderen »amtlichen« Persönlichkeit. Auch hier gab es zwei Zimmer. Das nach vorn liegende schien die »gute Stube« zu sein und die in dem hinteren stehenden Betten ließen errathen, daß es als Schlafstube benutzt werde. Aus dem Letzteren führte eine Treppe nebst abermaliger Fallthür nach dem zweiten Stockwerke. Die an dieser Thür angebrachten Vorlegeschlösser gaben Anlaß zu der Vermuthung, daß da oben sich das Sanctuarium der Silberglanz'schen Familie befinde. Es war am Abende. In der »guten Stube« brannte eine uralte eiserne Ampel, welche an drei Ketten an der Decke hing. Der Geruch des ranzigen Oeles verpestete die Luft, welche überhaupt schon dumpfig war und jene widerliche Eigenschaft besaß, welche der gewöhnliche Mann mit dem Ausdrucke »es riecht nach Herberge« zu bezeichnen pflegt. Auf einem ungewöhnlich langen Sopha, welches bei jeder Bewegung des darauf Befindlichen in allen Fugen krachte, lag eine Gestalt, welche Einen zum Fürchten hätte bringen können. Es war ein Mann, fast noch länger als das Sopha selbst. Er war nur mit einem schmutzigen Hemde, einer noch schmutzigeren Unterhose und einem kattunenen Kaftan bekleidet, welcher seit Dezennien als Hand- und Wischtuch gedient zu haben schien. Aller Schmutz und jede Fertigkeit, mit welcher die Finger seines Besitzers jemals in Berührung gekommen waren, war an ihm abgestrichen und auf ihn abgelagert worden. Dieser auf dem Sopha liegende Mann konnte den Glauben erwecken, daß er zu den gebräuchlichen Abbildungen des Todes Modell gesessen habe. Sein glänzend nackter Schädel zeigte nicht die Spur eines Haares. Unter seiner weit hervorstehenden Stirn lagen die Augen in tiefen Höhlen, in welche das Licht der Ampel jetzt nicht dringen konnte. Wangen waren nicht mehr vorhanden; die Haut legte sich lederartig an die Backenknochen fest und sank dann gänzlich in die Mundhöhle ein, um sich an den zahnlosen Kinnladen wieder zu erheben und da zwei Lippen zu bilden, aus denen jede Farbe längst verschwunden war. Der Hals war lang und so dürr, daß man seine einzelnen Theile deutlich sehen konnte. Die Brust welche aus dem Hemdenschlitz hervorblickte, zeigte die ganze Häßlichkeit eines Gerippes. Auch die Hände und die bloßen Füße, welche unbekleidet auf der unteren Sophakante lagen, glichen ganz den Extremitäten eines Verstorbenen, einer Leiche. Nur Eins war es, was nicht zum Modell des Sensenmannes paßte, die Nase. Diese stach nämlich so lang, scharf und spitz aus dem eingefallenen Gesicht hervor, daß man darüber hätte erschrecken können. Dieser Mann war der Althändler und Pfandleiher Baruch Silberglanz. Obgleich er mosaischen Glaubens und also ein Sohn desjenigen Stammes war, dessen Angehörigen gern den vollen Bart zu tragen pflegen, hielt er sein Gesicht stets vollständig glatt rasirt. Er hatte seinen ebenso triftigen wie geheimnißvollen Grund dazu. An dem Tische, welcher vor dem Sopha stand, saßen zwei Personen, Sulamith, seine Frau, und Gamaliel, sein Sohn. Die Erstere zeigte die Häßlichkeit in höchster Potenz, und der Letztere war, die schwarze Behaarung des Schädels ausgenommen, das verjüngte Ebenbild seines Vaters. »Habe ich nicht Recht, Sulamithleben? Habe ich nicht Recht, Gamaliel, mein Sohn?« meinte der Alte, ein begonnenes Thema fortsetzend. »Sind wir nicht das auserwählte Volk des Herrn? Hat unser Gott nicht Abraham verheißen: »Ich will Dich zum großen Volke machen und Dir einen großen Namen geben. Ich will segnen, die Dich segnen und fluchen denen, die Dich verfluchen?« Wir sind ein großes Volk geworden und haben besiegt die Völker des Gebirges und die Könige aus dem Osten. Wir haben erbaut dem Herrn einen Tempel zu Jerusalem und sind mächtig gewesen über die ganze Erde. Da aber kamen Die, welche Jesum und Muhammed anbeten und traten uns in den Staub. Wir wurden verachtet, verfolgt und getödtet. Unser Blut floß in Strömen, und unsere Stätten der Anbetung waren verborgene Orte, das Dickicht des Waldes, das Dunkel der Höhlen und die Tiefen der Grüfte. Wir waren kein Volk mehr; wir hatten kein Vaterland, keine Heimath, kein Recht. Da gedachten wir des Gesetzes, welches sagt »Auge um Auge, Zahn um Zahn!« Es ist das Gesetz der Rache!« »Das Gesetz der Rache! Ja, wir rächen uns!« stimmte sein Sohn bei. »Das Licht des Tages war uns verboten,« fuhr der Alte fort; »darum arbeiteten wir im Dunkel der Nacht. Wir durften nicht Bürger werden; wir durften kein Haus, kein Feld, kein Stückchen Landes kaufen, welches so groß ist, wie der Teller meiner Hand. Da blieb uns nur der Handel offen und so handelten wir. Wir handelten erst mit dem, was Andere fortwarfen, mit Schmutz, Staub und Abfall; wir hungerten, aber wir arbeiteten und sparten. Dann griffen wir zu Besserem, bis wir zum Golde gelangten. Man sperrte uns in besondere Gassen, uns, den Abschaum der Gesellschaft; wir aber hatten in unseren Truhen Gold und Silber in Menge und in unseren Schränken blitzten kostbare Steine im Geschmeide. Wenn unsere Bedrücker in Noth waren, kamen sie zu den Verachteten. Wir zahlten ungeheure Steuern, aber wir nahmen noch größere Zinsen. Wir rochen nach Unrath und Knoblauch, aber wir besaßen die Macht des Reichthums. Fürsten, Könige und Kaiser kamen, um sich von uns retten zu lassen. Wir retteten sie und steckten den Preis in unsere Taschen. Die Macht des Goldes erzwang uns endlich Gleichberechtigung, und nun konnten wir den offenen Kampf beginnen. Man gab uns den Adel; man machte uns zu Freiherren und Räthen; aber wir vergaßen nicht, was man uns gethan hatte und was wir leiden mußten. Wir hatten gedient; wir waren gezwungen gewesen, im Staube zu kriechen. Nun wollten wir herrschen.« »Ja, wir wollen herrschen und werden herrschen!« meinte Gamaliel, indem er mit der hagern aber sehnigen Faust auf den Tisch schlug. »Schlage nicht auf die Platte des Tisches, mein Sohn!« warnte der Alte ängstlich. »Ich habe ihn einer Wittwe für neun Groschen abgepfändet, und Du könntest ihn zerbrechen. Dann müßte ich geben dem Tischler zwei oder drei Groschen, und doch bekomme ich dafür höchstens zwei Thaler fünf Silbergroschen. – Ja, wir werden herrschen. Wir haben feine, schöne Töchter; wir vermählen sie an Offiziere und hohe Herrschaften. Wir haben Orden und Sterne. Wir haben Eisenbahnen, Bergwerke und Monopole. Wir haben Actien, Kuxe und Patente. Man hat uns gezwungen, zu handeln, und wir beherrschen den Handel. Wir sind die Könige des Marktes für Gold, Silber und Papiergeld. Wir gebieten an der Börse, und man gehorcht uns. Wir bestimmen die Preise und Kurse und machen arm und reich, wen wir wollen, am reichsten aber uns selbst.« Da schlug die Alte ihre fleischlosen Hände zusammen und sagte unter einem grinsenden Lachen: »Ja, reich sind wir, Baruchleben, sehr reich! Wir erhalten Schmuck und goldenes Geschirr zu Pfand. Wenn es verfällt, gehört es uns, und wir nehmen solche Zinsen, daß es verfallen muß. Und was man uns nicht bringt, das holen wir uns. Mein Baruch und mein Gamaliel sind schlaue und muthige Männer. Sie stellen sich krank und schwach, aber sie sind gesund und stark. Sie machen sich andere Gesichter und gehen auf Reisen. Sie finden des Nachts was sie suchen, und wenn sie heimkehren, so sind wir reicher als zuvor. Niemand kann ein Schloß so gut öffnen, wie mein Baruchleben und – – –« Da fuhr der alte Händler rasch empor und herrschte ihr zu: »Weib, schweig! Was sprichst Du so laut von Dem, was wir thun! Kann nicht Einer steigen an das Fenster oder in den Schornstein, um zu belauschen Das, was wir reden? Unser Volk war arm und elend; wir rächen uns und werden reich. Man nahm uns Alles, was uns gehörte; jetzt holen wir es uns wieder, am Tage durch List, des Nachts durch Gewalt. Warum aber sollen wir davon reden! Wir können uns freuen im Stillen. Haben wir doch Alles erreicht, was wir erreichen wollten. Unsere Leut gehen sogar auf die Universitäten, um zu studiren Klugheit und Wissenschaft. Sie sitzen dann in den Zimmern der Zeitungen und Journale und schreiben von dem Krieg und dem Frieden, von der Verwaltung und der Politik. Wir sind die Herren des Geistes und des Geldes. Der Sclave ist ein Fürst geworden, und Die, welche ihn verachteten, werden seine Sclaven sein.« Da ließ sich unter ihnen im Gewölbe der Ton einer heiseren Glocke hören. Baruch erhob sich, trat zum Fenster, öffnete dasselbe und schob den Kopf zur Hälfte hinaus. »Wer kommt so spät zu mir?« fragte er halblaut hinab. »Mache auf, Baruch!« antwortete es ebenso. »Wer ist es, dem ich öffnen soll?« »Ein Offizier!« »Gleich, gleich werde ich kommen!« Er gab diese Antwort schnell und eifrig, und als er das Fenster wieder geschlossen hatte und sich umdrehte, leuchteten seine dunklen Augen freudig aus den tiefen Höhlen hervor. »Ein Offizier ist es,« sagte er; »ein vornehmer Herr, welcher kommen wird, um von dem armen Baruch Silberglanz sich zu leihen Geld auf hohe Zinsen. Es ist einer von unsern Sclaven, welche vor uns im Staube kriechen werden.« »Welcher ist es?« fragte Sulamith. »Ich weiß es nicht; er hat nicht genannt seinen Namen. Ich werde mit hinunternehmen Geld und das Conto der Offiziere.« Er öffnete einen alten Schrank, nahm aus demselben ein Foliobuch und aus einem noch extra verschlossenen Fache ein versiegeltes Päckchen, in welchem Banknoten zu sein schienen, und verschloß dann den Schrank sorgfältig wieder. Dann ging er zur Fallthür. Sie war verschlossen, und in höchst übermäßiger Vorsicht hatte man außerdem ein schweres Bleigewicht darauf gestellt. Dieses Gewicht war sicher einen Centner schwer. Baruch faßte es und hob es mit einer Leichtigkeit hinweg, welche ganz erstaunlich war. Dieses lebendige Gerippe besaß eine Körperkraft, welche man ihm unmöglich zugetraut hätte. Nun öffnete er die Thür und stieg hinab. Vorher aber gebot er: »Gamaliel, mein Sohn, mach die Thür über mir gleich wieder zu, denn selbst einem Offizier ist nicht zu trauen!« Diesem Befehle wurde Folge geleistet. Unten war es dunkel. Er brannte eine zinnerne Oellampe an, welche bereit stand, und ging dann, um die Thür zu öffnen. Der Mann, welcher eintrat, trug Civilkleidung und war, jedenfalls um auf der Straße nicht erkannt zu werden, tief in einen Regenmantel gehüllt. Baruch verschloß zunächst die Thür sorgfältig und leuchtete dann dem Angekommenen in das Gesicht. »Gott der Herr, welche Freude, zu sehen den Herrn Premierlieutenant von Wilden!« meinte er. »Kommen Sie nach dem Zimmer, welches liegt hinten, und wo man nicht horchen kann an den Läden, um zu hören, was gesprochen wird.« Wilden folgte ihm und nahm ohne Umstände auf einem Stuhle Platz. Baruch stellte die Lampe auf den Tisch, auf welchem auch bereits das Contobuch lag. »Du freust Dich also wirklich, mich zu sehen?« fragte Wilden. »Ich habe nicht geglaubt, daß Du so große Stücke auf mich hältst.« »Warum soll ich mich nicht freuen? Weiß ich doch, daß Sie mir bringen mein Geld, welches ich so nothwendig brauche grad morgen am Vormittage.« Der Lieutenant stieß ein heiter sein sollendes Lachen aus, welches aber doch sehr deutlich nach Verlegenheit klang, und antwortete: »Geld bringen? Mann Gottes, da irrst Du Dich! Ich komme vielmehr, um Geld zu holen.« Der Jude machte eine Geherde des Erschreckens und fragte: »Geld holen wollen der Herr Oberlieutenant? Woher soll ich nehmen Geld, um es ihm zu geben? Habe ich Ihnen nicht erst gegeben vor einer Woche siebenhundertundfünfzig Thaler baar hier an diesem Tische?« »Das ist wahr. Aber ich habe dafür tausend Thaler unterschreiben müssen!« »Habe ich das verlangt? Habe ich Ihnen überhaupt wollen geben das Geld?« »Pah! Verstelle Dich nicht! Mir darfst Du mit solchen Albernheiten nicht kommen! Du hast Deine Rolle gut gespielt. Du hast mir die Summe nur deshalb verweigert, daß ich Dir so hohe Zinsen bieten solle. Ich habe es gethan, weil ich das Geld nothwendig brauchte. Aber jetzt ist es alle. Ich habe im Spiele ganz riesiges Pech gehabt; es giebt einige Rechnungen zu bezahlen; kurz und gut, Baruch, ich brauche abermals Geld, und Du wirst es schaffen!« »Wie kann ich es schaffen, wenn ich keins habe!« »Keine Comödie, alter Fuchs! Mir machst Du doch nichts weiß! Wenn Du wirklich kein Geld hast, so gehe ich zu einem andern. Du kennst mich. Ich bin resolut und kurz entschlossen. Hast Du welches oder nicht?« Baruch kannte allerdings seinen Mann; er wußte auch; ihn zu nehmen, und so antwortete er: »Ich habe zwar Einiges daliegen, aber es ist bereits bestimmt für einen anderen Zweck.« »Unsinn! Machen wir es kurz! Kann ich es bekommen?« »Gott Abrahams, sind der Herr Premierlieutenant eilig! Muß ich doch erst fragen, welche Sicherheit ich haben kann.« »Mein Ehrenwort!« »Ihr Ehrenschein ist bereits verpfändet. Ich muß haben reelle Sicherheit.« »Mensch! Ist meine Ehre nicht noch eine Kleinigkeit mehr werth?« »Die Ehre eines Herrn Offiziers ist viel werth, sehr viel; aber was thue ich damit? Kann ich sie verspeisen? Kann ich sie anlegen zu Zinsen? Kann ich mir damit kaufen Papiere? Wie viel brauchen der Herr Oberlieutenant noch?« »Tausend Thaler.« Der Jude fuhr zurück und spreizte, sich erschrocken stellend, die Arme weit aus, so daß sich sein Kaftan öffnete und seine ganze, häßliche Hagerkeit bemerken ließ. »Tausend Thaler! Das sind hundert mal Zehn! Herr Premierlieutenant, Sie werden die Gnade haben, mich nicht falsch zu verstehen; aber ich habe nebst Ihrem Ehrenscheine bereits Wechsel über zwölf tausend Thaler in den Händen. Sie lauten auf Sicht. Wie will ich kommen zu diesem Gelde, da ich doch nie darf präsentiren ein einziges dieser Papiere!« »Ich habe Dir ja ungeheure Zinsen dafür zu bezahlen!« »Was sind Zinsen! Sind sie das Capital, welches ich könnte noch viel besser anwenden bei Anderen?« Wilden machte eine ungeduldige Bewegung und sagte dann: »Willst Du sie mir geben, die tausend Thaler, oder nicht?« »Wieder nur auf Wechsel?« »Ja.« »Ich kann nicht!« »Du weißt aber doch, daß mein Vater reich ist und Alles bezahlen wird!« Ueber das Gesicht des Alten ging ein eigenthümliches Zucken, dessen Bedeutung der Lieutenant aber nicht zu verstehen schien. Dann antwortete er achselzuckend: »Ja, ich weiß, daß der Herr General von Wilden für sehr reich gilt, aber ich weiß auch, daß Sie nicht der einzige Erbe sind. Das Vermögen wird getheilt werden, da Ihre Stiefmutter Sie mit einem Brüderchen beschenkt hat.« Da legte sich die Stirn Wildens in düstere Falten. »Schweig von dieser Mutter und diesem Knaben!« brauste er auf. »Ich mag von Beiden nichts wissen. Mein Vater konnte Besseres thun, als eine arme Professorstochter an Stelle meiner Mutter zu setzen. Es war das ein Eingriff in meine Rechte, ein Raub an meinem Eigenthum! Uebrigens, wenn Du partout Sicherheit verlangst, kann ich Dir sagen, daß mir nächstens reiche Quellen zur Verfügung stehen werden. Es ist mir dann ein Leichtes, Dich zu bezahlen.« »Ich will dem Herrn Premierlieutenant alle Quellen gönnen, welche er sich nur wünschen kann! Darf ich diesen Brunnen kennen lernen?« »Hm!« brummte Wilden. »Kennst Du Herrn von Flakehpa-Ociului?« Abermals ging ein schnelles Zucken über das Leichengesicht des Alten; aber es war so schnell verschwunden, daß Wilden es gar nicht bemerkte. »Ja, ich kenne ihn,« lautete die Antwort. »Kennst Du auch seine Verhältnisse?« »Er hat Eisenbahnen und große Fabriken gebaut; er hat Millionen verdient.« »Nun, ich werde seine Tochter heirathen.« Da sprang der Jude einen Schritt zurück und rief in höchster Verwunderung: »Seine Tochter, Fräulein Elma?« Fast war es, als ob ein Gefühl des Triumphes sein Gesicht verkläre. »Ja,« antwortete Wilden. »Sind Sie bereits verlobt?« »Nein.« »Aber Sie haben mit ihr und ihrem Vater gesprochen?« »Nein. Die Erklärung wird erst morgen erfolgen.« »Sie wird angenommen werden!« »Meinst Du?« »Ja. Elma von Ociului wird stolz sein, die Schwiegertochter des Herrn Generals von Wilden zu werden.« »Nun, so siehst Du doch ein, daß Dein Geld bei mir sehr sicher steht.« »Der Herr Premierlieutenant müssen mir dennoch verzeihen. Noch ist die Hochzeit nicht vorüber und noch weiß ich nicht, ob Herr von Ociului Ihre Schulden bezahlen wird.« Da sprang Wilden ärgerlich auf. »Verdammter Geizhals!« rief er. »Würde Dir eine Bürgschaft meines Vaters genügen?« Der Alte blickte einige Augenblicke wie nachrechnend zu Boden und antwortete dann: »Welcher Art ist diese Bürgschaft?« »Ein Wechsel auf drei Monate, ausgestellt von mir und acceptirt von meinem Vater.« »Haben Sie diesen Wechsel bei sich?« »Ja. Er lautet aber auf zweitausend Thaler.« Er zog das Portefeuille und reichte es dem Juden hin. Dieser nahm eine Brille aus der Tasche seines Kaftans, wischte sie an den fettigen Schößen des Letzteren hin und her, so daß sie nur noch mehr beschmiert wurde und setzte sie dann auf die Nase, um den Wechsel zu prüfen. Diese Prüfung nahm eine ungewöhnlich lange Zeit in Anspruch. Die Stirn des Lieutenants begann sich zu röthen; ob vor Zorn oder aus einem anderen Grunde, das war nicht leicht zu sagen. Er konnte nicht sehen, auf welchen Punkt des Documentes die Augen des Juden gerichtet waren, da die fettige Brille dies verhinderte. Endlich gab der Alte den Wechsel zurück, nickte dem Offizier unbefangen entgegen und sagte: »Dieses Papier ist gut, Herr Premierlieutenant.« »Wollen Sie es discontiren?« »Warum nicht? Wie viel verlangen Sie?« »Es lautet, wie Sie sehen, auf zweitausend Thaler.« »Das ist Nebensache. Hauptsache ist, wie viel Sie verlangen.« »Ich biete Ihnen hundert Thaler Disconto.« Der Alte griff sich an das Kinn und schritt einige Male nachdenklich hin und her. Dann blieb er am Tische stehen. Sein Blick fiel auf die Hand des Lieutenants, welcher den Wechsel in derselben hielt. An dem einen Finger derselben blitzten farbige Funken. Er trug an diesem Finger einen dünnen Goldreifen, wie ihn Damen zu tragen pflegen. An diesem Reif saß ein Diamant, nicht groß, nicht schwer, aber vom reinsten Wasser. »Wollen der Herr Premierlieutenant mir sagen, ob dieser Ring ein Familienstück ist?« fragte er. »Warum?« »Er gefällt mir.« »Er ist ein Geschenk von einer Dame.« »Gut! Ich zahle Ihnen neunzehnhundert Thaler und Sie geben mir den Wechsel und den Ring.« Wilden machte ein sehr verwundertes Gesicht. »Baruch, alter Geizhals!« meinte er. »Woher diese Noblesse? Ich war darauf gefaßt, nur fünfzehnhundert zu bekommen. Der Ring ist nicht viel mehr als fünfzig Thaler werth.« »Gott der Herr! Hat meine Sulamith mich gebeten, ihr zu schenken zum Tage ihrer Geburt einen Ring mit einem Brillanten. Sie will erhöhen ihre Schönheit mit den Strahlen eines edlen Gesteines.« Da stieß der Lieutenant ein lautes Gelächter aus und rief: »Donnerwetter! Deine Sulamith ist jedenfalls noch weit schöner, als ihre Namensschwester, in welche Salomo sich verliebte. Sie braucht keine Brillanten zur Erhöhung ihrer Vorzüge; sie kommt weit bequemer und billiger weg, wenn sie sich mit der Oellampe hier beleuchtet. Aber weil Du so ausnahmsweise billig bist, so sollst Du auch mich nicht rücksichtslos finden. Hier ist der Ring. Schmücke Deine Sulamith nach Herzenslust. Die, von der ich den Ring habe, ist nicht werth, daß ich ihn trage.« Er zog den Reif vom Finger und gab ihn dem Alten. Dieser steckte ihn bedächtig in die Tasche und zog dann aus derselben jenes versiegelte Päckchen hervor. In Zeit von zehn Minuten war das Geschäft beendet. Wilden entfernte sich mit seinem Gelde. Der Jude nahm sein Contobuch, löschte das Licht aus und stieg wieder nach oben. Sein Sohn öffnete ihm und sagte dabei: »Ich hab erkannt den Lieutenant von Wilden an der Stimme. Ist er gekommen, um einzulösen eins der Papiere, welche wir von ihm haben?« »Nein. Er hat geholt noch mehr Geld.« Der Alte erzählte in kurzen Worten, was unten gesprochen worden war. Sein Sohn schien sich über ihn zu wundern. Er sagte: »Wie hast Du machen können zwei Fehler auf einmal! Zu geben zu viel für einen Wechsel auf drei Monate, und zu geben Geld für ein Papier des Generals von Wilden. Ist dieser Mann nicht fast ruinirt? Ist er nicht schuldig große Summen Deinem Sohn, meinem Bruder, Elias Silberglanz, welcher ist Agent in der Residenz?« Es war ein unbeschreiblich stolzes, selbstbewußtes Lächeln, welches das Gesicht des Alten in die Breite zog. »Mein Sohn Gamaliel kennt seinen Vater noch nicht,« sagte er. »Mein Sohn denkt, sein Vater könne noch machen Fehler im Geschäfte! Hier, siehe den Wechsel an; und wenn Du klüger bist als ich, so sage mir, warum ich ihn hab gekauft für so vieles Geld.« Gamaliel nahm das Papier in die Hand und betrachtete es. »Was ist daran Ungewöhnliches?« fragte er. »Es ist ein Accept des Generals von Wilden über zweitausend Thaler, zahlbar in drei Monaten.« »Gott Zebaoth! Mein Sohn Gamaliel will klüger sein, als sein Vater und kann doch nicht beurtheilen die Handschrift eines Menschen! Haben wir nicht von meinem zweiten Sohne Elias Papiere in der Hand gehabt, welche sind unterzeichnet gewesen von dem General? Ist es da nicht leicht, zu sehen, daß diesen Wechsel nicht hat acceptirt der General? Ich habe gegeben so viel Geld, weil das Papier ist gefälscht von dem Premierlieutenant auf den Namen seines Vaters. Nun habe ich den Sohn in den Händen; nun ist er noch mehr unser Sclave als vorher.« Diese Worte brachten einen ungeheuren Eindruck auf die Frau und den Sohn des Juden hervor. Der Wechsel wurde sorgfältig geprüft und wirklich für gefälscht befunden. Der Lieutenant hatte, um Geld zu bekommen, die Handschrift seines Vaters nachgeahmt. Großer Jubel erhob sich darüber in der Judenfamilie. Die Alte fragte: »Weiß der Lieutenant, daß sein Vater ihm nicht helfen kann, weil er selbst hat fast gar nichts mehr, um Geld damit zu machen?« »Er weiß es nicht.« »Warum hast Du es ihm nicht gesagt?« »Weil ich bin ein kluger Mann des Geschäftes und will stürzen Die, welche stolz da oben sitzen, plötzlich und unerwartet. Er will heirathen die Tochter des Herrn von Ociului.« Bei dieser Nachricht stießen die beiden Anderen einen Ruf des Erstaunens aus. »Warum will er heirathen die Walachin?« fragte Gamaliel. »Ist er verliebt in sie?« »Vielleicht, denn sie ist sehr schön. Aber er will sie heirathen auch, um zu bekommen von ihrem Vater das Geld für seine Schulden.« Bei diesen Worten ließen die Drei ein höhnisches Lachen hören. »Wie wird er erschrecken, wenn er sieht, daß er sich hat verrechnet!« rief die Alte. »Haben wir doch im Stillen gemacht zu Schanden den steinreichen Herrn von Ociului! Weiß er doch selbst nicht, woher er soll nehmen Geld, um noch weiter zu scheinen so reich wie bisher! Liegt doch bei uns sein goldenes und silbernes Tafelgeschirr, welches er kann nicht einlösen, weil ihm dazu fehlen die Monneten!« »Ja, wir haben uns an ihm gerächt,« nickte der Alte selbstgefällig. »Er hat gebaut seine Bahnen und expropriirt die Grundstücke, auf denen wir hatten liegen unsere Gelder auf Hypothek. Er hat uns gemacht einen großen Schaden und soll nun tragen die Strafe. Er wird verheirathen seine Tochter an den Premierlieutenant, weil er denkt, die Familie Wilden ist reich. Und der Wilden wird heirathen das Mädchen, weil er denkt, die Familie Ociului ist reich. Dann werden sie merken, daß sie Beide haben keinen Heller und daß der Jude Baruch Silberglanz im Sacke hat ihr ganzes Geld!« »Und dann wird die Elma Ociului vor Hunger weinen und fluchen!« jubelte die Alte. »Sie denkt, daß sie sei das schönste Mädchen der Welt; aber sie ist eine Hexe. Sie hat den bösen Blick. Haben wir nicht auch gewohnt in der Walachei? Ist uns nicht auch bekannt die Sprache des Landes dort? Warum hat die Familie geheißen Flakehpa-Ociului, was auf Deutsch bedeutet die Augenflamme? Alle Weiber dieser Familie haben gehabt den bösen Blick; sie sind gewesen Vampyre und haben getrunken das Blut aus den Adern der Lebendigen. Wenn sie gestorben waren, diese Weiber, dann hat man ihnen noch stoßen müssen einen spitzen Pfahl durch den Leib, und sie haben dann vor Schmerz geheult, obgleich sie Leichen gewesen sind. Wenn aber wir sterben, so wird ein großes Klagen sein im Volke Israel, und man wird sagen, daß die Gerechten eingegangen sind zu Abraham. Heb heilig auf den Wechsel, Baruchleben! Der Lieutenant wird thun müssen Alles was wir wollen, oder er muß wandern in das Zuchthaus, nicht als Commandant der Wache, sondern als Sträfling.« »Weib, trage keine Sorge! Ich werde ihn aufheben. Ich habe mit diesem Wechsel gemacht ein gutes Geschäft, aber es ist noch besser, als Ihr ahnt. Seht Euch einmal den Ring an, den er mir gegeben hat.« Sulamith nahm den Reif und ließ den Stein im Lichte spielen. Dann nahm ihn ihr Sohn in die Hand und betrachtete ihn aufmerksam. Plötzlich aber stieß er einen lauten Freudenschrei aus. »Mutterleben!« sagte er. »Weißt Du, welchen Ring wir haben? Weißt Du, wem er gehört und welchen Werth er hat, weil nur durch ihn allein ein großes, großes Geheimniß gelöst werden kann?« »Ich weiß es nicht,« antwortete sie, fast athemlos vor Neugierde. »Was für ein Geheimniß ist es, von welchem Du redest?« »Dieser Ring, welchen Vaterleben glücklicher Weise sofort erkannt hat, war einst das Eigenthum von – –« Er wurde unterbrochen, denn die Ladenklingel ertönte abermals. Der Alte öffnete das Fenster und erkundigte sich, wer unten sei. »Machen Se nur immer auf!« antwortete es. »Ich bin es selber. Ich bringe nämlich eenen geheemen Brief von meinem Herrn.« Baruch schloß das Fenster und sagte zu den Seinen: »Der Diener Heinrich von Ociului's. Ich will hinunter.« Er stieg zum zweiten Male zur Fallthür hinab, zündete unten die Lampe an und ließ dann den draußen Stehenden herein. »Guten Abend, Herr Silberglanz!« grüßte dieser. »Hier is der Brief. Ich soll auf Antwort warten.« Der Jude öffnete und las den Brief. Als er fertig war, meinte er: »Ihr Herr schreibt mir, daß Sie morgen Geburtstagsfeier haben und daß er sich dazu das Tafelgeschirr ausbittet, welches er mir verpfändet hat.« »So is es, Herr Silberglanz,« bestätigte der Diener. »Haben Sie den Revers nebst dem Verzeichnisse und auch das Geld?« »Ich habe Alles mit, ooch die dreißig Thaler. Wann darf ich die Sachen holen?« »Es soll es doch Niemand sehen?« »Nein. Ich bin ja überhaupt der Eenzige, der es weeß, daß das Tafelgeschirr bei Ihnen versetzt worden is. Ich muß es im Geheemen fortschaffen und wiederbringen.« »So kommen Sie in einer Stunde wieder!« »Gut! Hier is der Revers, das Verzeichniß und das Geld! Aber, Herr Silberglanz, nich wahr, Sie stammen ooch aus der Walachei?« »Ja.« »Sie sind dort Schreiber beim Vater meines Herrn gewesen?« »Ja. Warum?« »Und Sie sind mit der Familie hierher gekommen und een wohlhabender Mann geworden. Das haben Se doch eegentlich nur den Ociului's zu verdanken, und da is es nich recht von Ihnen, daß Se allemal dreißig Thaler verlangen, wenn wir of eenige Stunden das Geschirr brauchen.« Der Alte runzelte die Stirn und antwortete: »Das geht Sie nichts an! Wer groß thut und auf Gold und Silber speisen will, der muß auch Geld haben. Verstehen Sie?« »Hm, das verstehe ich sehr gut. Ich bin nämlich der Heinrich Knofel aus Stützengrün bei Rodewisch. Das liegt im voigtländischen Erzgebirge mit die Silber- und Goldbergwerke. Wir Erzgebirgischen und Stützengrüner haben also diese Adern von Gold und Silber unter unsern Füßen; wir stehen, gehen und liegen auf Gold; wir essen und schlafen auf Gold. Aber wenn wir unser Gebirge ja eenmal bei Ihnen versetzen sollten, und müssen es uns vielleicht of eenige Stunden zurückborgen, da bilden Se sich nur um Gotteswillen nich ein, daß Se da noch dreißig Thaler dafür kriegen. Verstehen Se mich? In eener Stunde komme ich wieder, alter Urian. Grüßen Se mer Ihre Hannebackedusel und sagen Se ihr, daß in Prag een Professor wohnt, der gern eene Mumie koofen will. Ich gloobe, er zahlt nich schlecht!« – Oberlieutenant von Wilden war von Baruch weg nach seinem Clubb gegangen, hatte dort sein tägliches Spiel gemacht und war sehr spät nach Hause gekommen. Darum stand er auch zu später Morgenstunde auf. Er hatte am Abend mit dem Hauptmanne gesprochen und sich für heute entschuldigt. Jetzt nun, nachdem er seinen Morgenkaffe zu sich genommen hatte, setzte er sich an den Schreibtisch, um sein Urlaubsgesuch abzufertigen. Diesem sollte später die Bitte um Versetzung folgen. Er war überzeugt, daß man auf Beide gewährend antworten werde, die Stellung und der große Einfluß seines Vaters gaben ihm Garantie dafür. Ehe er jedoch diese schriftliche Arbeit begann, gab er seinem Diener das nöthige Geld mit der Weisung, den Schneider zu bezahlen. Der Lakay war ganz erstaunt, zu sehen, daß sein Herr heute so bei Mitteln sei, doch glaubte er, daß Wilden die Summe gestern im Spiele gewonnen habe. Kuno setzte sich eben den mit einer silbernen Tresse versehenen Hut auf das beglatzte Haupt, um zu dem Schneider zu gehen, als das electrische Glöckchen ertönte. Er drückte an den Knopf, um den vorderen Eingang zu öffnen, und da nicht angeklopft wurde, so stieß er dann die Vorzimmerthür auf, um zu sehen, wer draußen sei. Er erblickte ein junges Mädchen, deren Gesicht er für den Augenblick nicht genau betrachtete. Er war ein Weiberfreund, und da er glaubte, es mit einer hübschen Wäscherin oder Plätterin zu thun zu haben, so sagte er freundlich: »Treten Sie ein, mein liebes Kind! Was wünschen Sie?« Er schritt voran und sie folgte ihm in das Vorzimmer. Dabei antwortete sie: »Darf ich fragen, ob Herr von Wilden zu sprechen ist?« Beim Klange dieser Stimme drehte er sich schnell um, sah sie schärfer an und rief: »Bertha! Bertha Brand, die Zuchthäuslerin! Donnerwetter! Was wollen Sie hier bei uns? Sind Sie denn frei?« »Ich bin begnadigt worden,« antwortete sie. Fortsetzung 90 Bertha hatte die Sträflingstracht abgelegt und trug jetzt ihre eigenen Kleider. Da machte sie noch einen ganz anderen Eindruck als in der ersteren. Sie war ein schönes, sogar ein sehr schönes Mädchen. Zwar waren die inneren Leiden und äußeren Entbehrungen der Gefangenschaft nicht spurlos an ihr vorüber gegangen, aber sie hatten ihrem Wesen einen Ausdruck der Ergebung mitgetheilt, welcher unsagbar rührend war. »Begnadigt?« sagte der Lakai. »Da haben Sie weiß Gott mehr Glück als Verstand. An mir haben Sie das nicht verdient. Ja, ja, die kleine Bertha war stolz und eingebildet. Sie wollte Frau von Wilden werden. Aber es ist schon dafür gesorgt, daß die Kirchthürme nicht in den Himmel wachsen! Aus der zukünftigen Frau Baronin wurde eine Kindesmörderin, welche in das Zuchthaus wandern mußte. Hatten Sie nicht zwölf Jahre? Sechs sind vorüber, also hat man Ihnen die Hälfte geschenkt! Aber ich begreife nicht, was Sie wollen und wie Sie es wagen können, nach dem Herrn Premierlieutenant zu fragen.« »Ich habe mit ihm zu sprechen.« »Worüber?« »Ueber einen Gegenstand, der Sie jedenfalls nicht interessirt!« Ihr Auftreten war nicht hochmüthig, aber bestimmt. Ihre Antwort verdroß den Lakaien; daher entgegnete er: »Ich interessire mich für Alles, was Sie betrifft. Wie lange Zeit gedenken Sie frei zu bleiben, Fräulein Bertha? Ich denke, ein so langer Aufenthalt muß eine lebenslängliche Anhänglichkeit an so ein Haus entwickeln.« Das war geradezu eine Rohheit von diesem Menschen. Sie that, als ob sie von derselben gar nicht berührt werde, und sagte ruhig: »Ich bitte Sie, mich zu melden!« »Nicht eher, als bis ich weiß, was Sie bei meinem Herrn wollen.« »Ich habe kein Recht, davon zu sprechen. Vielleicht erzählt er es Ihnen selbst.« »Oho! Sie sind ja ungeheuer kurz angebunden. Wenn Sie sich nicht nachgiebiger und bescheidener zeigen, werde ich Sie gar nicht vorlassen.« »So werde ich unangemeldet eintreten.« Bei diesen Worten hatte sie auch schon die Thür zum nächsten Zimmer geöffnet. Er ergriff ihren Arm, um sie zurückzuhalten. Dabei fielen einige laute Worte, welche Wilden hörte. Er stand von seinem Stuhle auf und öffnete seine Thür, um nach der Ursache des lauten Wortwechsels zu forschen. Er traute seinen Augen kaum, als er erkannte, wen er vor sich hatte. »Wie! Was!« rief er. »Freches Geschöpf, Du wagst es, hier einzutreten? Hinaus mit Dir!« »Ich habe nur zwei Worte mit Ihnen zu sprechen; dann werde ich gehen.« Sie sprach so fest und bestimmt, daß der Lakai den Arm wieder sinken ließ, welchen er erhoben hatte, um sie hinaus zu schaffen. Der Lieutenant wollte erst in erhöhtem Zorne antworten; aber da schien ihm ein plötzlicher Gedanke zu kommen. Er nickte mit dem Kopfe und sagte kalt: »Tretet Beide näher!« Der Lakai trat mit dem Mädchen ein. Wilden ging an den Tisch, schrieb auf ein Blättchen die Worte: »Hole schnell die Polizei!« und gab dies dem Diener mit dem Befehle: »Also, das ist zu besorgen.« Als Kuno sich entfernt hatte, wendete der Lieutenant sich an Bertha: »Also zwei Worte nur? Gut! Aber kein drittes dazu!« Er hatte dies im höhnischen Tone gesprochen. Er war überzeugt, daß sie zu ihm betteln komme; das konnte nicht in zwei Worten geschehen. Sie sah ihm voll und furchtlos in die Augen und antwortete: »Meinen Ring!« Er erschrak. Das hatte er nicht erwartet. Diesen Ring hatte er ja gestern dem Juden Baruch Silberglanz gegeben! Er faßte sich schnell, zuckte wie verwundert die Achsel und meinte: »Ich verstehe Sie nicht. Erklären Sie sich deutlicher!« »Ich denke, ich darf nur zwei Worte sagen.« »Keine Kindereien! Reden Sie!« »Ich trug einen dünnen Goldreif mit einem Diamanten; der Ring war von sehr großer Bedeutung für mich. In einer Stunde, der Sie sich wohl noch besinnen werden, zogen Sie ihn mir vom Finger und steckten ihn spielend an den Ihrigen. Ich habe ihn nicht zurück erhalten.« »Sie träumen wohl? Oder reden Sie irre?« Sie blickte ihm zornig in die Augen und antwortete: »Verstellen Sie sich nicht! Ich bin ebenso arm und hilfsbedürftig wie damals, als Sie mich verließen, obgleich Sie mich retten konnten. Außer daß der Ring für mich eine besondere Bedeutung besitzt, hat er auch einen realen Werth, in Folge dessen ich mir meine Lage erleichtern kann. Mein Vater ist arm und so alt, daß er vielleicht erwerbsunfähig ist; ich bin gezwungen, mich an ihn zu wenden, da ich als entlassene Gefangene nach meiner Heimath muß und mag dem lieben, guten Mann nicht zur Last fallen.« Er schüttelte den Kopf, als ob er im höchsten Grade betroffen sei. Dann sagte er: »Ich könnte Ihr Verhalten gar nicht begreifen, wenn Sie nicht direct aus dem Zuchthause kämen! Wollen Sie mich etwa zum Spitzbuben machen! Wie kommt ein Dienstmädchen, die Tochter eines Forstläufers, zu einem Diamantringe? Wenn Sie sich das Märchen ersonnen haben, um mich zu einer Gabe zu bewegen, so haben Sie sich verrechnet!« Da bedeckte eine glühende Röthe ihr Gesicht. »Herr von Wilden,« sagte sie erregt, »ich bitte Sie um Gotteswillen, nur dieses eine Mal ehrlich mit mir zu sein! Sie wissen am Allerbesten, daß ich Ihnen kein Märchen erzähle und ehe ich zu Ihnen betteln käme, würde ich lieber sterben. Sie haben mich unglücklich gemacht; ich bin durch Sie zur Mörderin, zur Zuchthäuslerin geworden; aber dennoch will ich Ihnen Alles verzeihen, nur geben Sie mir den Ring zurück!« Er stieß ein hartes, höhnisches Lachen aus. »Sie sollten Schauspielerin werden!« meinte er. »Sie scheinen kein geringes Talent dazu zu haben. Sie sind entweder wahnsinnig oder eine Schwindlerin, welche verdient, sofort in das Zuchthaus zurückgebracht zu werden. Wissen Sie übrigens noch, welchen Befehl Ihnen gestern der Director gab? Sie haben sich direct von hier nach Ihrer Heimath zu verfügen; darum sind Sie durch einen Anstaltsaufseher über die Stadtgrenze gebracht worden. Und dennoch haben Sie es gewagt, umzukehren!« »Ich muß meinen Ring haben!« antwortete sie. »Herr Premierlieutenant, Sie haben mir einst hundertmal gesagt, daß Sie mich lieb hätten; es ist nicht wahr gewesen, aber so sehr hassen und verfolgen können Sie mich doch unmöglich, daß Sie mir mein Eigenthum rauben und mich abermals in Noth und Sorge stürzen! Geben Sie mir den Ring, dann gehe ich, und Sie sollen mich niemals wieder sehen.« »Mädchen! Lügnerin! Nun reißt mir die Geduld!« rief er. »Weißt Du, daß ich blos zur Polizei zu schicken brauche, so wirst Du arretirt und verfällst in Strafe?« »Das werden Sie nicht thun! Das wäre geradezu teuflisch und Sie sind doch ein Mensch.« Da wurde die Thür geöffnet; der Lakai steckte den Kopf herein und meldete: »Sie sind da. Soll ich sie eintreten lassen, Herr Premierlieutenant?« »Ich spreche selbst mit ihnen. Gehe Du einstweilen zum Schneider!« Wilden begab sich nach dem Vorzimmer, in welchem zwei Polizisten standen. »Sie wissen, um was es sich handelt?« fragte er. »Oberflächlich, Herr Oberlieutenant,« antwortete der Eine. »Nun, eine Zuchthäuslerin, welche Kindesmörderin war, ist begnadigt und heute entlassen worden. Man hat sie, wie es Usus ist, über das Weichbild der Stadt gebracht; sie aber ist zurückgekehrt, um zu betteln und allerlei Schwindeleien zu treiben. Auch bei mir hat sie es versucht. Sie befindet sich im hinteren Zimmer; arretiren Sie das Subject. Um allen Unfug zu vermeiden, werde ich einstweilen zur Seite gehen, bis Sie fort sind, aber dann sogleich nachkommen, um meine Aussage zu Protokoll zu geben.« Natürlich gehorchten die Polizisten. Bertha war allein im Zimmer zurückgeblieben, um die Rückkehr Wildens zu erwarten. Sie erschrak bis aufs Blut, als statt seiner die beiden Sicherheitsbeamten eintraten. Es wurde ihr mit einem Male klar, was auf dem Zettel gestanden hatte. Sie hätte vor Zorn, Scham und Schreck in die Erde sinken mögen. »Sie sind heute früh aus der Strafanstalt entlassen worden?« fragte Einer. »Ja,« antwortete sie, todesbleich vor Aufregung. »Warum sind Sie nach der Stadt zurückgekehrt? Was wollen Sie hier?« »Ich hatte mit Herrn von Wilden eine Privatangelegenheit zu erledigen.« »Ah, so! Derartige Privatangelegenheiten kennen wir! Sie sind arretirt! Ich hoffe, daß Sie uns gutwillig folgen!« Sie schlug die Hände vor das Gesicht, sank auf einen Stuhl und schluchzte, daß ihr ganzer Körper bebte. Die Beamten standen ein Weilchen schweigend neben ihr. Dieses Mädchen kam ihnen gar nicht vor wie eine so raffinirte Schwindlerin. »Ja, wir können Ihnen nicht helfen,« meinte der Eine in einem Anfluge von Mitleid. »Sie haben nun einmal den Fehler gemacht, wieder in die Stadt zurückzukehren.« Da erhob sie sich und versuchte, ihre Thränen zu trocknen. »Ja, Sie können mir nicht helfen; das weiß ich wohl,« sagte sie; »so möge denn Gott mir helfen. Kommen Sie! Ich gehe mit!« Sie wurde durch die Stadt, welche sie vorher mit so frohen Gefühlen verlassen hatte, nach dem Polizeihause geführt und in eine Zelle geschlossen. Der Oberlieutenant war da, noch bevor sie in das Verhör genommen wurde. Als sie später geholt und vorgeführt wurde, erzählte sie dem Beamten Alles aufrichtig. Er blickte ihr forschend in das bleiche Gesicht und sagte dann: »Das ist ein ganz eigenthümlicher Fall. Ist es so, wie Sie erzählen, so verdienen Sie meine Theilnahme. Sie haben nicht das Aussehen einer Betrügerin, und Ihre Thränen scheinen aufrichtig zu sein. Aber wie wollen Sie die Wahrheit Dessen, was Sie erzählen, beweisen? Sie haben früher aus einem vielleicht in ihren Gefühlen begründeten Zartsinn geschwiegen und daher kommt es, daß man jetzt an ihren Worten zweifelt. Von wem haben Sie den Ring erhalten?« »Das kann ich nicht sagen. Ich habe versprochen, zu schweigen.« »Ich bedaure das um Ihretwillen. Sie können oder wollen nicht beweisen, daß Sie im Besitze eines solchen Ringes gewesen sind; in Folge dessen können Sie auch nicht beweisen, daß er in die Hände des Herrn von Wilden übergegangen ist. Ihr Besuch bei ihm könnte sehr leicht als Erpressung gedeutet werden, und das brächte Sie abermals in das Zuchthaus zurück. Der genannte Herr hat glücklicher Weise die Güte gehabt, dem Vorgange nicht diese Deutung zu geben, sonst müßte ich Sie criminaliter behandeln; aber eine Polizeistrafe für Ihre unbefugte Rückkehr in die Stadt können wir ganz unmöglich umgehen.« Am folgenden Morgen war in dem in Grollenburg erscheinenden Provinzialblatte Folgendes zu lesen: »Obgleich wir unserer umsichtigen Behörde die Vorsichtsmaßregeln verdanken, daß jeder aus der Strafanstalt entlassene Gefangene unter Begleitung eines Beamten aus der Stadt gebracht wird, so giebt es doch Individuen, welche in dieselbe zurückkehren, um sofort nach ihrer Entlassung ihr früheres Verbrecherleben von Neuem zu beginnen. Gestern wurde eine solche Person ergriffen, welche, wie es scheint, in die Stadt zurückgekehrt war, um durch gewisse Vorspiegelungen sich in den Besitz einigen Reisegeldes zu setzen. Der Herr, auf den es abgesehen war, ist so nachsichtig gewesen, den Thatbestand so mild wie möglich hinzustellen, und so wird die betreffende Person mit einer Haftstrafe im Polizeigefängnisse davonkommen. Es steht leider zu befürchten, daß diese kurze Haft von keiner Wirkung sein werde, da durch eine lange und viel schwerere Zuchthausstrafe keine Besserung erzielt wurde.« – Herr von Flakehpa-Ociului trug einen in der Großindustrie wohlbekannten Namen. Er hatte sich um Handel und Verkehr bedeutende Verdienste erworben und war in Folge dessen geadelt worden; nur wußte man es nicht so recht genau, von welcher Regierung das Diplom ausgefertigt worden war. Seit längerer Zeit hatte er sich von den Geschäften zurückgezogen und nur der Börse seine Anhänglichkeit bewahrt. Ob er glücklich oder unglücklich spiele, darüber waren die Stimmen getheilt. Aber er machte ein großes, glänzendes Haus, und das genügte. Er hatte sich vom mittelmäßig situirten Kaufmann emporgeschwungen und war in Beziehung auf seine Person anspruchslos geblieben. Anders aber war es mit seiner Tochter. Diese war sein einziges Kind. Sie hatte früh die Mutter verloren und war vom Vater vollständig verzogen worden. Von allem Luxus umgeben, hatte sie nicht die geringste Kleinigkeit des Lebens zu entbehren gebraucht. Sie war selbstsüchtig, hart und rücksichtlos geworden; sie konnte sogar grausam sein. Ueberhaupt gab es keinen Menschen, der ihren Charakter genau kannte. Selbst ihr Vater fand Augenblicke und Situationen, in denen sie wie ein düsteres Räthsel vor ihm stand. Reich und von einer eigenartigen, unbeschreiblichen Schönheit, war sie die Königin aller Feste. Man wußte, daß ihr Herz noch frei sei, und man war begierig, zu sehen, wem es gelingen werde, diese prächtige orientalische Perle in seinen Besitz zu bringen. Sie wurde natürlich von der männlichen Jugend umschwärmt und angebetet. Unter dieser Schaar zeichnete sich Wilden durch ganz besondere Leidenschaftlichkeit aus. Er war entweder zu schwach oder zu selbstbewußt, als daß er den gewaltigen Eindruck, welchen Elma auf ihn gemacht hatte, hätte verleugnen können oder verbergen wollen. Heute hatte das schöne Mädchen eine geheime Unterredung mit ihrem Vater gehabt, in deren Verlaufe sie höchst ernst und nachdenklich geworden war. Am Schlusse derselben hatte er gesagt: »Also bedenke, daß ich ruinirt und zu alt bin, um von Neuem anzufangen. Vielleicht ist es mir unmöglich, auch nur die kleinste Summe zu retten. Wilden betet Dich an. Er ist bereits nicht ohne Verdienst, besitzt Connexionen und wird sicherlich Carriere machen. Sein Adel ist alt und seine Familie sehr reich. Es ist Zeit, die Mädchenträume aufzugeben. Ich will Dich zu nichts zwingen; aber ich muß Dir aufrichtig sagen, daß Du Dir jetzt, wo man mich noch für reich hält, Deine Zukunft leichter und besser schaffen und gestalten kannst als später.« Elma hatte die Arme über die Brust verschränkt, wie es nur Frauen machen, welche einen starken, männlichen Willen und Character besitzen, und einige Augenblicke nachgedacht. Dann hatte sie gesagt: »Was Du mir mittheilst, habe ich längst geahnt, Vater. Ich werde also diesen Wilden heirathen.« »Liebst Du ihn denn?« fragte Ociului, ganz erstaunt über diesen so unerwartet schnellen Entschluß. »Lieben? Pah! Einen Mann liebt man nicht; aber gerade deshalb heirathet man ihn! Das wirst Du nicht verstehen, aber ich verstehe es!« Nach diesen Worten war sie stolz zur Thüre hinausgerauscht. Heute Abend nun war sie, da ihr Geburtstag gefeiert wurde, die Hauptperson des Festes. Die Räume waren reich geschmückt, und die Damen überboten sich im Reichthume ihrer Toiletten. Wer erwartet hatte, daß Elma, wie gewöhnlich, an Geschmeidepracht und Diamantenflimmer Alle verdunkeln werde, der hatte sich getäuscht. Sie war in einem einfachen Kleide von weißem Atlas erschienen, und doch, wie herrlich stand ihr gerade diese Einfachheit! Von den Damen beglückwünscht und von den Herren umschwärmt, saß sie in ihrem Fauteuil, aus dessen rothdunklem Polster sich ihre lichte Gestalt feenhaft hervorhob. Dieses Mädchen hatte ein Haar, wie es so lang und stark nur äußerst selten anzutreffen ist. Seine dunkle, rabenschwarze Fülle schien gar nicht bewältigt werden zu können. Wie eine Krone auf dem Kopfe befestigt, fluthete es dennoch in langen, weichen Locken über den schneeigen Nacken hinab. Wie man es bei den Walachinnen gewohnt ist, so war auch Elma eine hohe, üppig volle Gestalt, deren Formen mehr an Juno als an Hebe erinnerten. Wer sie stolz und aufrecht unter den anderen Damen stehen sah, der mußte unwillkürlich an Katharina die Zweite denken, nur daß hier Teint und Haar von anderem Ton und anderer Farbe waren. Ihre Stirn war nicht zu hoch und nicht zu breit, echt frauenhaft gebildet, ihr Näschen klein und doch wie nach einem bestimmten Gedanken geschnitten, ihr Mund voll, doch nicht zu groß, und hinter diesen Lippen, welche zum Küssen förmlich drängten, glänzten die Zahnperlen von jenem bläulichreinen Schmelze, welcher für die größte Schönheit gilt. Das Wunderbarste aber waren die Augen. Wer konnte sagen, von welcher Farbe sie seien? Kein Mensch! Ihr Vater nicht und auch sie selbst nicht. Zeigten diese Augensterne jetzt ein ruhiges, tiefes Schwarz, so konnte im nächsten Augenblicke die leiseste Regung sie dunkelblau färben. Man hatte diese wunderbaren Augen schon hellblau, grünlich und grau gesehen; ja, es gab Herren, welche behaupteten, bemerkt zu haben, daß im Zorne oder einer anderen ungewöhnlichen Seelenbewegung die Färbung dieser Augen vom Sammetschwarz durch alle Töne bis auf ein sogar gelblich schillerndes Grün gelaufen sei. Und auf wen ihre Strahlen mit Absicht gerichtet waren, der vermochte es nicht, den Blick von ihnen zu wenden. Es lag ein Magnetismus in ihnen, welcher keinen Widerstand fand. Solche Augen sind gefährlich. Sie ziehen an; sie reißen hin; sie verführen und überwältigen. Ihre Macht ist bethörend und berückend; sie kann gefährlich werden. Der Italiener hat ein Wort, mit welchem er die fascinirende Macht solcher Augen bezeichnet, das Wort Jettatura. Elma war eine Jettaturia; das sagte sich ein Jeder, welcher einen bewußten Blick von ihr empfing. Das sagte sie sich aber selbst auch. Sie hatte die Macht ihres Blickes studirt, und sie verstand, dieselbe anzuwenden. Als im Musikzimmer der Tanz begann, zog Lieutenant von Wilden sich in eine Fensternische zurück, um ungestört die Herrliche beobachten zu können. Ihr Anblick hatte ganz dieselbe Wirkung auf ihn, als ob er Opium rauche oder einen starken, ungewohnten Wein trinke – er fühlte sich berauscht. Er hatte sie um keinen Tanz gebeten; an einer bedeutungslosen Unterhaltung während desselben war ihm nichts gelegen. Da, als sie nach einer beendeten Tour nach ihrem Sessel zurückgekehrt war, sah er, daß ihr Blick sich nach dem Fenster richtete, an welchem er stand. Sie neigte das Köpfchen leise und – hatte er recht gesehen? Hatte sie ihm wirklich mit dem Fächer gewinkt, vorsichtig zwar aber doch verständlich? Er begab sich, einen Umweg machend, um wie von ungefähr herbeikommend, zu ihr hin und wurde mit einem vollen Lächeln empfangen. »Sie spielen den Einsiedler, Herr von Wilden?« fragte sie. »Haben Sie einen Grund dazu?« »Ja, Fräulein. Der Einsiedler widmet sich ganz der Andacht und dem Gebete.« »Ah!« lachte sie. »Waren Sie jetzt so fromm?« »Sehr, aber als Heide. Meine Andacht galt Ihnen.« »So haben Sie eine eigenthümliche, mir bisher unbekannte Religion.« »Ich wollte, ich dürfte Sie in derselben unterrichten,« antwortete er leise, sich zu ihr niederbeugend. Sie blickte zu ihm auf. Es traf ihn ein Blick, so voll, so glühend, so verheißend und gewährend, und dabei war ihr Auge azurblau, wie der Himmel, wenn er seine ganze Liebe auf die Erde niederstrahlt. Aber das währte nur einen Augenblick; dann sagte sie ruhig: »Zu diesem Unterrichte gehört Einsamkeit, ich müßte also auch Einsiedlerin werden.« »Und das wollen Sie nicht? Das fällt Ihnen so schwer?« sagte er. Ein Sturm von Gefühlen hatte sich seines Innern bemächtigt. Er hätte trotz der zahlreichen Versammlung ihr augenblicklich zu Füßen fallen können. Sie sah oder errieth das. Ein neuer Tanz begann. Sie erhob sich, um ihren Tänzer zu empfangen, hatte aber vorher noch so viel Zeit, dem Lieutenant zuzuflüstern: »Ich will es versuchen. Nach der Tafel hinter dem Gewächshause.« Sie schwebte fort. Ihm wurde es ganz wunderbar zu Muthe. Es war ihm, als ob ein Schwindel ihn erfasse, der ihn umzustürzen drohe. Er begab sich zum Büffet und stürzte ein Glas Eiswasser hinunter. Wilden wußte kaum, was er von jetzt an that. Er war für die Gesellschaft vollständig ungenießbar. Er dachte nur an sie; er sah nur sie; und wenn ihr Auge für einen Augenblick auf ihm ruhen blieb, dann war es ihm, als ob er von einer electrischen Strömung ergriffen und zu ihr hingerissen werde. Endlich war die Tafel beendet. Die Jugend begann wieder zu tanzen, während die Aelteren zu ihrem Spiele zurückkehrten. Wenn Elma jetzt sich von der Gesellschaft losreißen könnte; würde es ihr möglich sein? Herr von Wilden hielt den Blick, verstohlen und unauffällig zwar, aber erwartungsvoll auf sie gerichtet. Ein Zusammentreffen mit ihr – unter vier Augen! Er befand sich in einer Spannung, wie noch selten in seinem Leben. Seine Pulse klopften, und seine Stirn war heiß. Er fühlte sich wie im Fieber. Da suchte ihn ihr Blick. Ihre Augen trafen die seinigen. Ein leises Neigen ihres Hauptes gab ihm das Zeichen. Und nun brach er auf. Er wußte, daß sie ihm bald folgen werde. Er begab sich möglichst unbemerkt nach dem Gewächshause, in welchem sich gegenwärtig kein Mensch befand, und erwartete mit beseligenden Empfindungen das Erscheinen des herrlichen Wesens. – – –