Ludwig Steub Alpenreisen Die Fremden kommen Ins bayerische Gebirge Das längst Befürchtete ist eingetroffen, der Schlag ist gefallen – das bayerische Hochland ist fashionabel geworden! In Schliers gibt es bereits Markgräfler mit Sodawasser und das Pfund Forellen um 1 fl. 30 kr.; in Tegernsee ringen fremde Prinzen, Wiener Equipagen und Pariser Toiletten wetteifernd um die Aufmerksamkeit eines auserlesenen Publikums. An den Table d'hôten findet sich allenthalben jene vornehme schweigsame Gesellschaft, die immer den Eindruck macht, als könne keines das andere ausstehen, als möchte jeder den Nachbar wenigstens nach Helgoland oder in die Pyrenäen verwünschen. * Vor allem wäre, wenn wir so viel Zeit hätten, das neue geräuschvolle, wimmelnde Leben zu schildern, das sich jetzt in unserm Gebirge auftut. Die Eisenbahn bringt nie gesehene Schwärme deutscher Ausländer herbei, Westfalen, Niedersachsen und Friesen, Holsteiner und Mecklenburger, Pommern, Märker usw., die alle freundlich aufgenommen werden, aber mitunter noch etwas ungemächliche Herberge finden. Ob dieser Strom fremder Landfahrer, der sich unaufhaltsam durch unsere keuschen Alpentäler ergießt, der Einfachheit der alten Sitten nicht etwa gefährlich werden könne, ist nur noch eine müßige Frage, da er anerkanntermaßen gar nicht mehr aufzuhalten ist. Die Vertreter der materiellen Interessen, die Posthalter und die Wirte, denken eher darüber nach, wie man den willkommenen Zuzug festhalten, ihn der verführerischen Schweiz, der schmeichelhaften Grafschaft Tirol entziehen und jene, die einmal gekommen, auch für die nächsten Jahre wieder herbannen könne. Daß wir Münchener, ehemals Tonangeber und Herrscher im Oberland, jetzt eigentlich expropriiert sind, daß uns die Gäste mit ihrer freigebigen Hand allenthalben zuvorkommen, daß wir statt der erwünschten Einsamkeit, in der wir nach Römer Art procul negotiis zu dämmern und Bürostunden, üble Launen der Vorgesetzten, Parteien und Klienten zu vergessen pflegten, jetzt allenthalben feine Geselligkeit, Gespräche über Literatur und Münchener Berufungen, hochschottisch aufgeputzte Kinder, zeichnende Fräulein mit grünen Augengläsern, fischende Jungen im Shawl, gelehrte Teetrinker und viele andere fremdartige Erscheinungen antreffen; daß wir, statt wie früher unsere alten Röcke sparsam auszutragen, jetzt mit eleganter neuer Gebirgstoilette erscheinen müssen, um nur noch gezählt zu werden, alles das sehen wir ein, ergeben uns ins Unvermeidliche und trösten uns nur damit, daß wir unsere Alpen auch noch in ihrer Reinheit und Jungfräulichkeit, in ihrer Stille und in ihrem Frieden gesehen haben. Von jetzt an, heißt es, ist's damit vorbei, und die wehmütigen Bergfreunde denken schon an neue Entdeckungsfahrten in ruhigere, auch wohlfeilere Länder, wie zum Beispiel in den bayerischen Wald jenseits der Donau und in andere Gegenden, die ich nicht verraten will, damit ihnen die neue Völkerwanderung nicht abermals nachsetze.   Nach Tirol Trotz unserer vorzüglichen Reisehandbücher mit ihren zwanzig und dreißig Auflagen dreht sich in den Alpen das ganze Touristenheer, namentlich wenn Gattinnen und Töchter mitkommen, um etliche vielbeschrieene Orte, die nun einmal das Prestige haben. Man stürzt dahin zu Hunderten, drängt sich, stößt sich, schläft unter dem Dache, zahlt überspannte Preise und zieht verstimmt nach Hause – weil man's nicht besser weiß. Anderswo spitzen ganze Täler nach den Silberlingen der edlen Germanen, da und dort blühen manche ganz treffliche Wirtshäuslein im Fichtenwalde oder auf der grünen Höhe; da und dort walten in Sittsamkeit die lieblichsten Kellnerinnen – aber sie brechen nicht hervor aus ihrer Dunkelheit – carent quia vate sacro . Das will nicht sagen, daß sie gerade ängstlich auf die Dichter warten, denn sie wären auch mit leidlichen Prosaikern zufrieden, wenn diese ihre Schönheiten in den Zeitungen nachdrücklich beschreiben wollten. Wären einst alle Örtlein bekannt, wo man sich still und ruhig seines Lebens freuen kann, so würden sich die Touristen mehr diluieren, mehr auseinanderlaufen, das ganze Alpenland wäre besetzt und vielleicht kein Ort überfüllt. Aber halt – diese Anschauung ist für die gewöhnliche Menschheit fast zu erhaben, zu großartig. Gibt es doch viele achtbare Männer, welche – gerade umgekehrt – behaupten, wer eine heimliche Stelle gefunden, der solle ja nicht darüber reden, noch weniger schreiben, weil sie sonst auch andere finden könnten. Werfen mir doch boshafte Freunde höhnend vor, ich hätte mich selbst aus dem lieblichen Brixlegg hinausgeschrieben, was denn doch sehr zweifelhaft, weil die Vorzüge dieses Örtleins auch ohne meine Zutat nicht mehr lange verborgen bleiben konnten. Einige sind sogar der Ansicht, man könnte ganze Länder unter den Scheffel stellen. »Nur nichts über Tirol schreiben!« sagte mir neulich mit warnendem Finger ein hochgebildeter, aber, wie es scheint, wenig belesener Tourist – »nur nichts über Tirol!« Gleichsam als wenn ich nicht schon mehrere, höchst lesenswerte Bücher darüber geschrieben hätte und als wenn das Land vergessen würde, wenn ein Autor weniger darüber schriebe. * Der Jahrtag, welchen der deutsche Alpenverein heuer nach Bludenz ausgeschrieben, lockte manchen Sommerfrischler aus seinem Standquartier. Das meinige war im Unterinntal aufgeschlagen, in dem einst so ländlich-duftigen und jetzt so städtisch-ledernen Brixlegg. ›Die ich rief, die Geister, werd' ich nun nicht los‹ – möchte ich mit bekannten Versen sagen, die jetzt fast zu häufig zitiert werden, aber gerade auf diesen Fall noch nicht angewandt worden sind. Ja, unser trefflicher Tambosi, unser Café national , Herr Ludwig Gampenrieder, überhaupt unsere vornehmsten Kaffee-, Bier- und Kuchengärten haben ihre besten Gäste, ihre schönsten Leute ausrücken lassen, um das liebliche Örtlein geistig zu bajuwarisieren. Was ich jeweils empfunden habe, wenn sie so Stück für Stück aus dem Eisenbahnwagen hüpften und von der heiligen Tiroler Erde Besitz ergriffen, das läßt sich eher nachfühlen als beschreiben. Nunmehr trippeln sie bereits durch alle Auen und krabbeln auch schon etliche Felsen hinan. Dabei sind sie so bergselig, so alpenfroh! Die Landschaft kann sich allerdings mit der Sendlinger Haide messen, und unter der Kramsacher Linde vergißt man sogar den Grünen Baum. Die Nahrung ist stellenweise ganz genießbar, und was Bedienung betrifft, so ist der Münchener nicht verwöhnt. Er kommt daher ohne Verdruß zur Einsicht, daß sie auch in Brixlegg nicht besser ist als bei ihm zu Hause. Obgleich die kleine Kolonie keineswegs in politischer Propaganda macht, so hat ihr magnetischer Einfluß doch schon bewirkt, daß Herr Hillepold, der Lebzelter, Wachszieher und Passionsvorstand, seinen neuen Pumpbrunnen blauweiß anstreichen ließ. Möge er aus diesem Born nur unsere lautern, konstitutionellen Grundsätze und in religiöser Beziehung jene aufgeklärten Ansichten pumpen, welche bei den bayerischen Wachsziehern von jeher gefunden wurden. So lebten denn die andern alle, die Herren und Damen vom Isarstrand und aus anderen Flußgebieten, in heiterer Anmut zusammen und pflogen feiner Geselligkeit, während mich allein eine sanfte Melancholie unaufhaltsam in die nahen Wälder trieb. Um aber der allgemeinen Heiterkeit nicht ganz teilnahmslos zuzusehen und sich selbst auch ein Vergnügen zu bereiten, erhöhten die Eingebornen so rasch als möglich die früher so angenehmen Preise, so daß jetzt selbst ein Berliner die Landschaft nicht mehr ›lächerlich billig‹ finden wird. Wenn das Örtlein nur kein tellurischer Luftkurort, kein Stelldichein für alle fünf Weltteile, keine Völkerrast wird, wie sie Herr Dr.\ Mazegger zu Meran gegründet hat. Das kleine benachbarte ›Badl‹ zu Mehren nennt sich allerdings bereits ›Universalbad‹, und neulich sah man auch als unheimliche Vorboten in der Bahnhofsrestauration zwei schwarze Engländerinnen sitzen, die eine Suppe begehrten. Die deutschgesinnte Schenkin, unsere Leni, welche in die Zukunft blickt, ließ sie aber drei Viertelstunden vergeblich warten, worauf sie schließlich verdrießlich abschwenkten, so daß das garstige Omen wieder verscheucht war. Für das vielverlangende und vielbezahlende Britannien die erhabene Schweiz mit ihren fürstlichen Hôtelen und deren widerlichem Kellnervolk, für uns anspruchslose Germanen das wunderbare Land Tirol mit seinen gemütlichen Wirtshäusern und deren lieblichen Kellnerinnen! Für mich selber gab es freilich schönere Zeiten, als ich hier allein noch alle fünf Weltteile repräsentierte und mit meiner kleinen Familie Völkerrast hielt. * Nun aber fort und das schöne Inntal hinauf, an Märkten, Dörfern, Schlössern, an verfallenen Burgen und neuen Landsitzen dahin, um in der alten Stadt Hall zu landen und zum Bognerwirt in Absam zu gehen. Dort traf ich im Garten zwei befreundete Seelen, welchen es in der Welt auch leicht zu voll wird, so daß sie sich mit glücklicher Wahl dieses Absam, wo auch eine wundertätige Muttergottes, als Herbstsitz ausersehen hatten. Das grüne Tal von Innsbruck und die Landeshauptstadt selbst und die Stubaier Ferner lagen im Abendschein so verklärt vor uns wie ein Stück aus dem verlorenen Paradies. O du edler Friede, der uns da umwob, o du hehre Einsamkeit, die uns da umzog! Man glaubt wenigstens hundert Stunden jenseits der bösen Welt zu sein. Um aber auch der Sehnsucht nach dem Überirdischen einen sichtbaren Ausdruck zu geben, hat Herr Bogner in seinem mächtigsten Birnbaum hoch über der Erde ein Belvedere eingerichtet, eine kleine Tenne mit Geländer und drei Stühlen, wo die Aussicht noch schöner als in dem Garten, wo der Mensch bei einem edlen Weine die irdischen Sorgen, Begierden und Leidenschaften noch leichter vergißt als unten. Wer den Sommer dort oben zubrächte, müßte ein edlerer Mensch werden. Ich meinte auf jener Tenne schon nach der ersten Viertelstunde selbst einige bessere Anwandlungen zu empfinden, wenigstens sagte ich im Geiste meinem alten Gönner, dem geheimen Rat in Berlin, der auch ein großer Verehrer der Einsamkeit, die Freundschaft auf, weil er mir's einmal als seinen Lieblingsgedanken anvertraut hatte: in Tirol ein altes Ritterschloß mit vier Ecktürmen zu erwerben, auf jedem Turm eine Kartaune aufzupflanzen und jeden Berliner niederzuschießen, der ihn etwa besuchen wollte. Münchner, Preußen, Sachsen usw. Wenn man nämlich die Städte und Flecken am Gebirge, vielmehr die Sommerfrischorte betrachtet, so zeigt sich, daß schon viele an andere Nationen übergegangen sind. Reichenhall gehört der Welt im allgemeinen, Tölz und Partenkirchen sind preußisch geworden, andre kleine Orte sind von andern kleineren Stämmen, den Hannoveranern, Mecklenburgern, Sachsen eingenommen, Tegernsee ist paritätisch, bayerisch, den Münchnern alleinig untertan, sind nur noch Starnberg und Miesbach. Da ist die Gesellschaft zwar noch ungemischt, nur aus vaterländischen Bestandteilen zusammengesetzt, aber man weiß schon, was ich davon halte. Neben einem Norddeutschen, zumal wenn er Land und Leute studieren will, können wir einen halben Tag lang sitzen, ehe er uns anredet; der Münchner fragt aber beim ersten Blick schon unwillkürlich: Wie kommen Sie daher?, oder: Was gibt's Neues in der Stadt? – auf welch letztere Frage ich aber die ›Neuesten Nachrichten‹ anzupreisen pflege, welche in der Regel viel besser unterrichtet sind als ich. Auch haben diese neugierigen Mitbürger sämtlich so bekannte Gesichter, und die Lieben, denen wir in der Stadt das ganze Jahr hindurch mit allen Listen auszuweichen strebten, die laufen einem hier ganz warm wie eine neugebackene Semmel und freundlich wie ein Gartenhäschen in die Hände, freuen sich ungeheuer, uns zu sehen, gehen gleich mit spazieren, wohin man will, und erörtern mit gereizter Teilnahme, warum, wie im letzten Regierungsblatt zu lesen, der Aktuar Mayer von Schöllkrippen nicht nach Immenstadt, wo doch seine Schwester an den Grenzkontrolleur verheiratet, sondern nach Mitterfels versetzt worden ist, wo er gar niemand kennt.   Am Miesenbach Wie niedlich und schön es am Miesenbach ist, will ich eigentlich gar nicht näher ausführen. Die schnöde Welt weiß noch lange nicht, wo dieser Bach sein Rinnsal hat, und ich mag's auch heute nicht verraten. Es ist immerhin ein Wunsch des zarten Gemüts, daß noch ein grüner Winkel gedacht werden könne, wo sie nicht alle hinlaufen mit Plaid und Krinoline, sondern nur diejenigen, ›die noch etwas haben, was die andern nicht verstehen‹. Bei dem Schweigen, das ich mir auferlegt, will ich auch nicht veröffentlichen, wie sich die stille kleine Herberge im Wiesengrund nennt, wo man mit wackerm Abendimbiß, Trunk und trefflichem Lager noch um vierzig Kreuzer über Nacht bleiben kann. »Frau Wirtin«, sagte ich andern Morgens, »ihr habt die himmlische Gabe der Billigkeit, und bei euch ist alles so proper und reinlich. Ihr solltet hier noch einen Gaden anbauen lassen mit fünfundzwanzig Gemächern, auf daß die Fremden kämen und ihr ein schönes Geld löstet.« »Ach, mein lieber Herr«, entgegnete die Wirtin, viel stoischer als ich, »was kümmert uns dieses lästige Landfahrervolk, das in der tiefen Nacht daherkommt, nach dem Bartscherer verlangt und seinen Tee haben will und ein Moorschlammbad, und um drei Uhr in der Früh seine frisch gebratenen Hühner und zu allen unrechten Zeiten das Unrechte und nur Zuckerwasser trinkt, beständig spöttelt, und dann doch um alles knickt und schachert!« – In diesen Worten liegt die Stärke und die Schwäche des oberbayerischen Wirtshauswesens. Wer die Landessitte einhält und nur das Herkömmliche zu den herkömmlichen Zeiten begehrt, ist gern gesehen und meistens befriedigend verpflegt – wer den Gastgeber und seine Gattin aus der Ordnung bringt und belästigt, den vermißt man gerne, und wenn er noch so gut bezahlt. ›Wenn er noch so gut bezahlt‹ – ist aber fast ein ironischer Beisatz, denn die Erfahrung lehrt, daß gerade nordische Geheimräte, pommerische Dichterinnen, Abkömmlinge alter Raubritter aus der Mark und anderes ungefüges Volk oft ebenso groß in seinen Prätentionen als verschwindend klein in seiner Erkenntlichkeit ist. In diesem Betreff ist mir auch aus der Umgebung von Tölz mancherlei Material angemeldet, was ich seinerzeit schon verarbeiten will. Damit soll aber keineswegs gesagt sein, daß sich unter den Fremdlingen aus Norddeutschland nicht auch sehr liebenswürdige Leute und Familien finden, eine Anerkennung, welche in diesem Buche immer als stillschweigend wiederholt zu gelten hat, wenn wir uns hin und wieder über unsere Gäste eine gutmütige Heiterkeit erlauben. Unsere Absicht ist niemal sie zu verletzen, sondern nur ihnen mit Sanftmut zu zeigen, daß sie ebensogut ihre Schwächen haben wie wir.   In Partenkirchen Sind auch manche Abgeschmackte und Hochnasige darunter, die unsere Gemütlichkeit keineswegs erhöht haben, so vernimmt man doch wieder sehr lobende Urteile über die Herren und Frauen aus Norddeutschland, über ihre zierlichen Manieren, über ihre gute Art, sich in dies und jenes zu schicken, auch über ihre Dankbarkeit gegen alle, welche sich um sie angenommen. Namentlich in Partenkirchen hörte ich viel Angenehmes über sie erzählen. Man erinnert sich gern an die Dagewesenen und freut sich, wenn sie wiederkommen.   In Reichenhall Im Kaffeegärtchen des Mauthäusels gerät der Wanderer, der von den Alpenweiden oder vom Froschsee und dem Miesenbach herabkommt, zum erstenmal wieder in Berührung mit der Kultur der deutschen Vornehmheit. Er sieht wieder deutsche Frauen, welche Fichtes Reden an unsere Nation gelesen, deutsche Frauen mit dem ungarischen Hütchen, der afrikanischen Zuavenjacke und dem französischen Reifrock. Für letzteren ist Reichenhall überhaupt ein sehr gedeihlicher Platz – mit der Großartigkeit der Natur wächst, wie es scheint, auch die Krinoline, und man wird daher eine Erweiterung des Trottoirs kaum mehr lange umgehen können. Die fremden Damen suchen es darin den einheimischen zuvorzutun, die schönen den garstigen, die vornehmen den geringen, die gelehrten den unwissenden. Wenn das ausländische schöne, vornehme und gelehrte Fräulein Sigelinde\ N. breit und mächtig wie ein fruchtbeladener Erntewagen die Gasse herunterschwankt, so möchte ich ihr gern, wenn man sich ihr nähern könnte, ins Ohr hineinflüstern: ›Wissen Sie denn nicht, o holde Unschuld, daß die große Kaiserin diese Tracht nur erfunden hat, um ihre interessanten Umstände zu verbergen?‹ * Reichenhall – dieser meiner Wanderung ersehntes Ziel –, wenn ich deine Salzquellen und deine Kuranstalt, deinen Staufen, deinen Untersberg und deine Unbequemlichkeit erwähnt, was bleibt noch viel zu sagen übrig? Daß ein Münchener auf der Promenade nach Kirchberg hinaus eine halbe Stunde zwischen lauter deutschen Ladies und Gentlemen lustwandeln kann, ohne seinesgleichen zu begegnen, ist vielleicht auch ein Vorzug. Kriegsnöte und Feuersbrünste haben dem biedern Städtchen so viel zugesetzt, daß es eigentlich nie zu rechtem Wohlstand gelangen konnte, obwohl seine Quellen gleichsam ein flüssiges Gold sind. Pfandhausleute, Beamte und etliche Gewerbsmänner teilten sich behaglich in die kleinen Häuser an den weiten Gassen, bis Herr Inspektor Rink seinen Zauberstab erhob, die Geister bis nach Skandinavien, ja bis zum äußersten Thule hin aufrüttelte und hieherbeschied, worauf dann plötzlich alles zu enge wurde. Wer hätte es vor zehn Jahren gedacht, daß jetzt in den Reichenhaller Gasthöfen die Fremden zu hundert, ja zu zweihundert an dem frugalen Tische sitzen und daß es der Neuangekommene oft nur der besondern Gefälligkeit des Oberkellners verdankt, wenn er noch einen Stuhl und Teller erhält? Um diese Table d'hôte weht eine europäische Atmosphäre, die ich für kurze Zeit gegen die vaterländische oft nicht ungern eintausche. Auf den Spazierwegen sieht man gekrönte Häupter und solche, die es zu werden wünschen, Damen von denkbar höchstem Rang, Erb- und vortrefflich erzogene Nebenprinzen verschiedener Art, nebst vielen anhänglichen Seelen, die sich in solchem Glanze sonnen wollen oder müssen. Auch sonst soll viele Distinktion vorhanden sein, Geheimräte und andere gelehrte Häuser, die schon mehrere Bücher herausgegeben, tapfre und berühmte Kriegsleute aus unserer langen Friedenszeit, siebenfache Ordensträger, deren Verdienste gar nicht zu erfragen sind, und so weiter. Am Tegernsee An düstern Regentagen, wenn die Münchner unbeschäftigt sind, zanken sie gern. Sie zanken sich dann, wo es schöner sei, zu Partenkirchen oder zu Berchtesgaden usw. Vielmehr die Partenkirchner Münchner räsonieren über die Garmischer Münchner, wie sie es da drüben aushalten können, und die Garmischer wissen das ganz in ähnlicher Weise anzufangen und stellen die Partenkirchner als Leute dar, denen entweder Kopf oder Herz am unrechten Flecke sitze. In Aibling-Rosenheim erlebt man dasselbe wie in Traunstein-Reichenhall und in Garmisch-Partenkirchen. Über keinen Ort wird aber der Streit von allen Seiten her mit solcher Erbitterung geführt als über Tegernsee. »Unausstehlich!« schreien die einen – »wunderschön!« rufen die andern. Der eine, der einfache, stille, sparsame Sommerfrischler findet alles zu städtisch, zu geziert, zu vornehm; der andre, dessen Wiege in einem Salon gestanden, freut sich über die feinen Handschuhe, die schönen Toiletten, die rauschenden Roben und die rollenden Karossen, über die fremden Sprachen, die sein deutsches Ohr aufschlürft, und über die höfischen Manieren, die ihm selbst so heimisch sind. Ach! 's ist schwer zu wissen, was man sagen soll. * Wenn man um diese Zeit durch Gmund fährt, sieht man nur die bekanntesten Münchener Köpfe zu den Fenstern herausschauen. Münchener Mütter wandeln auf den Altanen der Bauernhäuser; Münchener Fräulein jodeln aus den Dachluken; Münchener Kinder spielen den Franzosenkrieg auf den Gmunder Wiesen. Die Stadtwelt drängt jetzt furchtbar über ihre Mauern; jeder Torwart, jeder Milchmann geht aufs Land, und selbst die abgelegensten Berghöfe werden aufgesucht, um dort arkadisch zu leben und im Schatten der Holunderbüsche Trautmanns und anderer bayerischer Schriftsteller beliebteste Werke zu lesen. Also ist auch Gmund, das man früher nur teilnahmslos durchfuhr, an Ruhm und Ehre sehr ansehnlich in die Höhe gestiegen und hat selbst in der Ferne seine Verehrer, wie denn sogar August Lewald bereits zwei Sommerfrischen hier verbracht hat. Für viele gewinnt dieses Dörfchen schon dadurch einen großen Vorzug, daß es nicht Tegernsee ist, das städtische, vornehme Tegernsee, welches wegen seiner Üppigkeit von vielen ebenso gemieden als von manchen wegen seines wunderschönem Biers, seines bewegten Lebens und seiner herrlichen Landschaft gesucht wird – andere laben sich an unsrem Gmund, weil es den ersten reinen Vorschmack des Gebirges gewährt. Die Aussicht in die nahe Ebene ist durch einen grünen Hügelvorhang benommen – der See lächelt so reizend an schönen Sommertagen – rückwärts ansehnliche Berge – ringsum im kleinen traulichen Kreise freundlich winkende, zierliche Bauernhäuser – stattliche Kirche – reine Luft – das Dunkel des Waldes und das Rauschen der Mangfall – alles zusammen vereinigt sich zu einem sehr angenehmen, wenn auch nicht großartigen Ganzen. Daß es da mitunter hoch hergeht, mag man schon aus dem großen sauberen Wirtshaus mit seinem Küchensalon und seiner ungeheuren Zechstube abnehmen. Ein Scheibenschießen knallte hier an uns vorüber in der alten Munterkeit. Abends spielte die Gebirgsschützenmusik ihre schönsten Stücke zu ihrem eigenen Vergnügen. Da sah man kostbare Blasinstrumente von jeder Größe und blasende Talente von fünfzehn Jahren bis ans Greisenalter – lauter Bauern, Bauernsöhne, Hirten, Bergleute und dergleichen, welche ihre schönen Weisen tüchtig eingeübt hatten und sie ganz freudenselig in die Mondscheinnacht hinausbliesen. * Indessen, wer sich auf Reisen belehren will, darf nicht ewig in Gmund bleiben. Ein Ausflug nach Tegernsee ist gerade so nahe und so wichtig wie einer von Schwabing nach der Residenz. Es war an einem Sonntagmorgen, als ich alpenbedürftig vor der Post ankam. Ach, das sah aus wie ein Jahrmarkt, wo er am dichtesten ist! Ein halb Dutzend Stellwagen luden ihren mannigfaltigen Inhalt aus – verschiedene Equipagen rollten vor – etliche Sonntagsreiter mischten sich unter die Menge, die von einem Kranz von Schifferinnen, Wildbretschützen, Almerinnen und Landleuten aller Art malerisch umfangen war. Auch etliche Tirolerinnen machten ihre Aufwartung und waren mit Aprikosen wie andern Südfrüchten freundlich zur Hand. Die Kellner rannten, die Lakaien schwirrten, die Hausknechte brüllten. Viele Ankömmlinge standen ratlos in dem Wirrsal – ›kein Zimmer, kein Quartier, kein Bodenloch!‹ hieß es von allen Seiten. Desto sicherer drehte sich da um die eigene Achse ein unzerstörbarer Stock von wohlvermieteten Münchnern – lauter gute Leute, die zum Ausschiffen der Stellwagen herbeisputen wie die Kinder zur Wachtparade. Es ist so angenehm, sagt der alte Dichter, vom sichern Ufer aus dem Schiffbruch der andern zuzusehen. Diese Zuschauer gewährten auch in der Tat lauter angenehme Gesichter und schienen in der herrlichsten Sonntagslaune. Herr Oberleutenant, in der Stadt so vornehm, grüßte mich sogar. Viele andere gebildete Zivilpersonen von der Altane, von der Türstaffel herab taten desgleichen. Und wirklich, diese Blumenlese von lieben Bekannten, wer konnte sie nur im Traume ahnen! Sie ging weit über die kühnsten Wünsche. Hier der Herr Sekretär, dort der Herr Assessor, der Herr Bezirks-, der Herr Regierungs-, der Herr Appellations- und Oberappellationsrat, der Herr Staatsanwalt, der Herr Kommissär, der Herr Oberkommissär, der Herr Inspektor, der Herr Direktor, der Herr Konsistorialrat mit seinem christlich-germanischen Lächeln – auch der Herr Baron, der Herr Freiherr, der Herr Graf aus München waren da, alle in der Joppe und im ländlichsten Humor –, aber es war fast zu viel auf einmal, und wirklich überwältigend. ›Ach, lieber Gott‹, betete ich endlich, ›nur ein norddeutsches Gesicht, sei's ein Hannoveraner, ein Märker, ein Mecklenburger oder Pommer, nur einmal eine Abwechselung!‹ – Und übersättigt von der Süßigkeit taumelte ich fort an die Table d'hôte zu Guggemoos und kam unbewußt neben ein fremdartiges Hochzeitspaar aus Niedersachsen zu sitzen. Dieser günstige Zufall goß vorläufig Ruhe in mein beängstigtes Gemüt. So gibt's denn doch noch ein Fleckchen, dacht' ich mir, wo ihr nicht seid, ihr Lieben und Getreuen! Die junge Dame war schön und liebenswürdig, zum erstenmal im Gebirge und sonst auch ganz glücklich. Aus den reinen Augen lachte jene harmlose Seelengüte, die ich an den Frauen immer mehr schätzen lerne, je seltener ich sie in Wahrheit zu finden glaube. Hin und wieder sprachen wir etwas, hin und wieder auch nichts. Dieser geringe Verkehr stellte gleichwohl meine geistige Gesundheit wieder her. Als diese Tafel aufgehoben war, dachte ich mir: Noch einmal wag' ich's – und machte mich auf nach Egern. Das freundliche Egern ist nur durch eine kleine Meerenge von Tegernsee getrennt, doch behauptet man, zwischen den Städtern oder Sommerfrischgästen von Egern und denen von Tegernsee sei ein ungeheurer Unterschied der Denkungsart, der Sitten und der Tracht. Wer einmal in Tegernsee sich eingewöhnt, passe seiner Lebetage nicht mehr nach Egern – und umgekehrt. Ein andermal werden wir vielleicht diese kulturhistorischen Rätsel näher untersuchen; heute wollen wir nur bemerken, daß auf jenem Gestade, wo die Fähre abstößt, an diesem Nachmittag sich fast immer mehr Seelen zusammenfanden, die nach dem Jenseits begehrten, als weiland um Charons schier zu oft zitierten Nachen. Früher war den Wartenden gar kein Schirm vor Sonne oder Regen geboten, jetzt steht wenigstens ein hölzernes Vordach da, unter welchem wir den glühenden Strahlen auszuweichen suchten. Da mir heute gar nichts zu Dank war, so dachte ich ärgerlicher Weise: Wären wir jetzt im alten Griechenland, so stünde hier eine reizende Stoa mit korinthischen Säulen, und auf der Hinterwand hätte Zeuxis mit seinem famosen Pinsel ein mythologisch-historisches Gemälde hingehaucht, etwa wie die klassisch gebildeten Mönche von Tegernsee und ihre Braumeister sich mit Tritonen, Nereiden und Delphinen im Wasser tummeln – im Hintergrund der Hirschberg mit seinen Gemsen! Den Tegernseern wäre eine solche Pökile wohl auch schon genehm, wenn sie nur einen unentgeltlichen Zeuxis fänden. Ich war schon wieder unversehens unter lauter Lieben, so daß ich nur in der goldenen Sonne, der herrlichen Landschaft, dem Blick auf die grünen Almen und den blauen See noch einigen Trost fand. Ach, du weiland stilles, idyllisches Egern, wie bist du so eigen geworden! Im See staken ein halbes Dutzend Bader, vielmehr Badende, männlichen Geschlechts natürlich, nur mit den Häuptern sichtbar, welche wie abgeschnitten auf den Wässern schwankten. Fräulein Crudelis fuhr schiffend dem Gestade entlang, mutterseelenallein in einem bemalten Kähnchen. Die Zephire hatten – ich weiß nicht wie – den Weg in ihre weiße Krinoline gefunden, welche sich wie ein Segel blähte, so daß sie nur milde durch die Seerosen hin zu steuern brauchte, was sie mit himmlischem Lächeln tat. Derweilen schallen aus allen Fenstern die kunstreichsten Klavierkonzerte – die Chansons d'amour, der Marsch aus dem Sommernachtstraum. Eine Zither schlägt den Elfenchor aus Oberon; Fräulein Amara jodelt: ›Zu dir zieht's mich hin‹ usw. mit jugendlichem Ungestüm, als wenn sie gar nicht mehr aufzuhalten wäre. Hin und wieder ein Trompetenstoß aus dem Wirtsgarten wie ein Posaunenschall aus einer andern Welt, und von der nächsten Wiese die Musik des Rindviehs, welche wir weit oben im Bergwald aus sentimentaler Schwelgerei ›Alpengeläute‹ nennen, während uns hier die einfachen Instrumente derselben neben der Harmonie der Pianofortes doch auch nur vorkommen wie die gewöhnlichsten Kuhschellen. Im Wirtsgarten zu Egern saßen etliche Senate der beiden Münchener Bezirksgerichte beim braunen Bier, etliche Museumsfräulein bei ihrer Milch – mehrere würdige Matronen mit ihren keifigen Gesichtern lorgnettierten die ganze Welt. Da fand ich auch nicht, was ich im stillen begehrte – ich wollte nach Rottach hinüber, um das letzte zu versuchen. Rottach ist der Zwillingsbruder von Egern, beide sich so ähnlich, daß man sie selbst in der Nähe kaum unterscheiden kann. Viele gingen nach Rottach. Viele kamen daher – Männer und Frauen, diese verlockend geputzt mit den neuen Amazonenhütchen, auch schottisch verkleidete Münchener Kinder, welche unter sich französisch redeten, zum sprechenden Beweis, wie ›deutsch‹ unser Nachwuchs erzogen wird, und etliche Waadtländer Bonnen, welche ihre Sittlichkeit wenigstens durch Zeugnisse belegen können und ungemein geeignet sind, die zarte Jugend mit germanischem Gemeingefühl zu beseelen; ferner der Herr Juwelier aus der Weinstraße, der Herr Großhändler von der Kaufingergasse, die ›lange Waarenhandlung‹ vom Promenadenplatz, das Geschäftskomptoir bei den Theatinern – lauter Händedrücke, Begrüßungen und freundliche Erkundigungen. Wie man auf dem Maskenball fragt: »Bist auch da?«, so fragt man am Tegernsee: »Wie kommen Sie da her?«, obgleich jeder weiß, daß es da her eigentlich nur einen Weg gibt und daß alle nur die eine Sehnsucht treibt, die Stadt und die Städter loszuwerden. Ihren Umarmungen kaum entrissen, begegnet der Wanderer wieder einer andern Gefolgschaft – Dichtern, Malern, Professoren, Kunstschriftstellern, Politikern nebst verschiedenen Gattinnen und Töchtern. Wieder Patschhändchen und Freundlichkeiten ohne Zahl. Ich nahm den Dichter zur Seite und flüsterte wehmütig: »Lieber Dichterling, ich habe einen wirklichen Poeten in der Tasche, möchte gern in einsamem Waldesgrün etliche Idyllen lesen – ist vielleicht dort drüben ein stiller Ort unter einer Linde, oder wär' es auch unter einem Tannenbaum?« »Ach«, sagte der Poet, »dort drüben ist's noch viel ärger als hier. Hundert Münchener sitzen jetzt beim Kaffee, und hundert andere krabbeln an den Bergen herum und machen die ganze Gegend unsicher!« Eine alte Misanthropie, herber Täuschungen bitterer Sprößling – oft unterdrückt, nie ganz zu vertilgen –, brach nun unwiderstehlich los. Ihr lieben Freunde und Bekanntinnen, dachte ich, o wäret ihr doch jetzt nicht hier, sondern im Tivoli oder bei Reibel zu München, wo ich niemals hinkomme – und raschen Entschlusses flüchtete ich wieder über die Fähre und ganz verschüchtert, allenthalben ausweichend, am Tegernseer Schloß vorbei und hinaus, hinaus, bis ich einsam auf dem Wege stand, der da zieht von Tegernsee nach Gmund. Die Sonne war untergegangen – ein feuriges Abendrot lag über dem Flachland draußen – die Luft war ruhig – der See auch, so daß man bis von Kaltenbrunn herüber die Mädchen lachen hörte – die Berge standen schwarz und groß umher, und die Sterne stiegen über ihnen funkelnd auf – o du herrliche Einsamkeit! Oberbayerische Sommerfrische   Garmisch-Partenkirchen Dem schattenlosen Ufer der Partnach entlang geht ein Fußpfad nach Garmisch , dem Schwestermarkte, der etwas weiter rechts, im Winkel der Auen ruht. Abgelegen von der großen Heerstraße für Römerzüge, Güterverkehr und Kunstreisende hat er fast noch ein stilleres Leben geführt als Partenkirchen, ist aber neuerer Zeit mit demselben Schwunge in den Vordergrund alpenhafter Sommerfrischorte hereingestolpert wie dieses. Namentlich von Berlin und den Ostseehäfen kommt da jetzt viel Volk zusammen. Wer am meisten Ruf, Glanz und Vorteil daraus zieht, ist die Husarenwirtin, die wackere Frau, die manchmal an ihrem Tische vierzig und fünfzig Personen zu speisen hat. Den Namen hat ihr Gasthof daher empfangen, daß im oberen Stocke ein Husar und noch ein Militär des vorigen Jahrhunderts zum Fenster herausschauen, die Ankömmlinge gemütlich betrachtend, welche beide ein unbekannter Meister jener Zeit gewissermaßen als Wirtshausschild hier angemalt hat. Der Ort ist nicht, wie Partenkirchen, in einer Reihe an die Straße gestellt, sondern eine heitere, doch unregelmäßige Sammlung von größeren, kleineren, mitunter auch ärmlichen Häusern und von stattlichen Amtsgebäuden, die noch aus der Freisinger Bischofszeit herrühren. Auch ein gutes Bräuhaus findet sich hier mit einem schöngelegenen Sommerkeller.   Mittenwald Mittenwald , ein Markt, zwischen hohe Gebirge eingeklemmt, ohne besondere Reize der Umgebung, ist eigentlich in unsern Voralpen der einzige größere Ort, der keine Sommerfrischgäste anzieht. Die Nähe der Scharniz, des früher befestigten Passes, der öfter belagert und erstürmt wurde, hat dem Flecken in Kriegszeiten immer viel zu leiden gegeben. Auch Brandunglück, Viehseuchen und anderlei Mißgeschick kam oftmals über ihn. Es herrscht daher wenig Wohlstand, obgleich viel Fleiß und Betriebsamkeit. Die Mittenwalder haben sich nämlich, wie bekannt, schon lange der Fertigung der Geigen zugewendet und fördern deren jährlich viele Tausende zu Tage.   Jachenau Die Jachenauer, obwohl nicht weit von den schwäbischen und halbschwäbischen Lechrainern und Werdenfelsern entlegen, gehören doch zu dem reinsten und besterhaltenen Schlag der Bajuwaren. Sie sind schön und zierlich gebaut, dabei voller Beweglichkeit und Kraft. Auch die Mädchen zeigen sich in der ersten Jugendblüte recht hübsch und einnehmend, gehen aber später leicht ins Derbe und Breite über. Die Häuser werden sehr sauber gehalten und gewöhnlich mit Reimsprüchen geziert. Es herrscht viel Wohlstand in dem Tale, und namentlich die Wälder geben reichlichen Ertrag. Selten kommt es daher vor, daß der Jachenauer in die Fremde wandert. Noch weniger sehnen sich die Jachenauerinnen hinaus in das übrige Deutschland, ja manche soll, wie der Witz der Nachbarschaft behauptet, schon am Langeneck erschrocken umgekehrt sein, ganz laut ausrufend: »Ui, ischt ebber die Welt a Größ'n!«   Kochel Jetzt ist Kochel ein beliebter Sommerplatz, für Bergsteiger höchlich empfohlen wegen der Nachbarschaft besonders schöner Voralpen, die mit herrlicher Fernsicht in die Ebene hinaus und ins Gebirge hinein begabt sind. Dicht ober Kochel liegt nämlich die Benediktenwand (5500'), die auch von hier aus auf der gangbaren Rückseite am leichtesten zu ersteigen ist, und die Jocheralm, weiter gegen Westen aber der Herzogstand (5380') und der Heimgarten (5480'). Diese vier Alpengipfel möchten unter den bayerischen wohl diejenigen sein, die am öftesten erklettert werden. Der Benediktenwand zumal sagt man rühmend nach, daß von ihrer Höhe aus sieben namhafte Seen zu erblicken seien.   Bayrischzell Bayrischzell, obwohl achthundert Fuß höher als die Hauptstadt München gelegen, wird doch von Obstbäumen fast verdeckt, und nur der Spitzturm der Kirche steigt kräftig über das Laubdach hinaus. Das Dorf ist eigentlich klein und nicht volkreich, aber nach der verbreiteten Meinung immerhin ein Urhort alpenhaften Trachtens, Treibens, Dichtens und Singens. Das alte Zeller-Wirtshaus mit seinen alten, jetzt verbleichenden Erinnerungen von reizenden Alpenmädchen und schönen Treulosen, von Liebe und Eifersucht, von Kampf und Streit und blutigen Turneien, und der alte dicke Wirt, von dessen Grobheit die Reisenden noch in fernsten Ländern sprachen, sie sind jetzt allerdings dahin. Das Haus ist umgebaut und hat einen schmucken Tanzsaal sowie verschiedene wohnliche Gemächer erhalten, welche allerlei Bilder zieren (sämtlich von L. Wenzel in Wissembourg). Eine alte Merkwürdigkeit, ja eigentlich ein Wahrzeichen, ist damit freilich vergangen. Wenn nämlich früher Tanzmusik war zu Bayrischzell und die Gäste herankamen das Tal herauf, so sahen sie schon von ferne, wie aus einer Dachlücke heraus eine gespenstische blitzschnelle Hand immer an einem undeutlichen Gegenstand auf- und niederfuhr. Auf nervöse Naturen wirkte diese Erscheinung unheimlich und machte sie zucken. Wer dann näher kam, entdeckte, daß der undeutliche Gegenstand der Hals einer Baßgeige, und wer gar auf den Tanzplatz stieg, bemerkte, daß dieser unter dem Dache aufgeschlagen war und daß der Kontrebassist, in die Enge getrieben durch die Beschränktheit des Raums, sich ein paar Ziegelplatten ausgehoben und durch dies Ventil den Hals seines Instrumentes hinausgestreckt hatte, so daß er die Töne oben griff in der freien Alpenluft, während er unten auf dem qualmigen Tanzboden seinen Bogen führte.   Frauenchiemsee Die Insel Frauenwörth haben schon manche gute Schriftsteller geschildert. In der Tat, dieses Eiland, gestaltet wie ein Fisch, und der grüne Busch von uralten mächtigen Linden darauf, einst die Dingstätte des Eilands, und das stille, strengverschlossene Frauenkloster, aus welchem nur der Nonnen Gesang erschallt, und die niedlichen Fischerhäuschen und die reizenden Gärtchen mit ihren Lilien und Rosen und Nelken und den Reben, die sich über die Fenster hinaufwinden, und das ruhige Wirtshäuslein und die wunderschöne Aussicht gegen Mittag über die spiegelnde Flut auf die Berge des Chiemgaues mit ihren Nachbarn links und rechts – dazu der leidstillende Gottesfriede, der über diesem Erdenflecken liegt –, sie haben nicht allein die Dichter und Maler, sondern auch die Prosaisten schon lange begeistert. Das Jugendalter der Insel fällt übrigens kurz vor die dreißiger Jahre, als sie, früher den Münchnern fast unbekannt, durch fahrende Landschafter aufgeschlossen, behaglich gefunden und mehreren vertrauten Seelen ihre heimliche Lage und Beschaffenheit mitgeteilt worden war. Da hob bald im stillen ein großes Reisen an nach dem Eiland des Friedens, und die Eingeweihten feierten da die fröhlichen Tage, ja selbst Polterabende, Hochzeiten und Beilager. Unser Haushofer, der da, wie auch Direktor Ruben, sein häusliches Glück gefunden, fing damals den Chiemsee zu malen an und hat ihn seit diesem Anfang wohl dreißig oder vierzig Male gemalt – 's ist immer der alte Chiemsee, aber immer in neuer Auffassung und mit neuen Reizen. Das Gedächtnis jener Zeiten zu erhalten, legte Friedrich Lentner im Jahre 1841, also gerade vor zwanzig Jahren, die Chronik an. Diese ist ein heiterer, fast schnurriger, mit gotischen Randmalereien verzierter Bericht über die Entdeckung der Insel und die Begebenheiten, die seitdem da vorgefallen. Solche, die später kamen, Dichter, Maler und sonstige Naturfreunde, setzten dann das begonnene Werk gar fleißig fort, dichteten Elegien, zeichneten Landschaftsbilder, Porträts, auch etliche schätzbare Karikaturen hinein. So ist das Buch ein Kleinod geworden, das mit Sorgfalt erhalten und aufbewahrt, aber den Eilandsgästen, die darnach fragen, gerne gezeigt wird. Gar viele haben darüber schon eine angeregte Stunde zugebracht. Das Inselchen aber erfreut sich noch immer einer großen Beliebtheit, und es fehlt nicht an elegischen Pilgern, welche seine Einsamkeit suchen und gern etliche Tage oder Wochen da verleben. Für Leute, die viel Zerstreuung und Lustbarkeit begehren, ist es aber kaum mehr geschaffen – denn die lustigen Zeiten sind lange dahin. Still ist es noch immer, das grüne Eiland, aber es mangeln die fröhlichen Gesellen und Gesellinnen, welche einst diese Stille kurzweilig machten. Viele davon ruhen schon lang in der kühlen Erde.   Seebruck Unter diesen oder anderen Betrachtungen fuhren wir an dem Steg zu Seebruck an, alle des Willens, den bestellten Wagen zu besteigen und mit Kind und Kegel nach dem Ort zu fahren, welchem wir das ganze vierte Kapitel in schuldiger Aufmerksamkeit widmen werden. Auch sah ich schon von ferne über den langen, schwanken Steg meinen Gönner hereinschimmern, den freundlichen Hausmeister von Seon nämlich, den ich mir eigens gekommen dachte, um uns mit einer glückwünschenden Festrede zu empfangen, das Gepäck zu übernehmen und die Gesellschaft an den Wagenschlag zu geleiten. Jeder Schritt brachte uns näher und näher, und endlich waren wir dicht beisammen. Unser freundlicher Hausmeister, mit dem ich schon manche Viertelstunde unter der Kellerlinde gesessen – er schien mir zwar so kurz und rund wie immer, aber liebenswürdiger als je und sagte verbindlichst: die Bestellung sei nicht auszurichten gewesen; ganz Seon strotze von den anhänglichsten Familien, die um die besten Worte nicht weiterziehen wollten; der Wagen sei also auch nicht da, und er selbst nur gekommen, um die kaiserliche Abtei und Badeverwaltung ergebenst zu entschuldigen und für ein andermal zu empfehlen. Welch garstige Äffung! Manche Stirne runzelte sich, manches Auge zuckte, aber das weiseste schien gleichwohl zu fragen: Was nun? Unser Gönner riet, mit dem Dampfboot wieder umzukehren, nach Frauenchiemsee, nach Prien zu schiffen, kurz auf- und davonzugehen, je weiter, desto besser. »Aber wie ist's denn hier im Dorfe?« »Nicht Raum genug für so viele Leute« (wir waren nämlich, groß und klein ineinandergerechnet, unser neune), »vielleicht wenig Bequemlichkeit.« »Vielleicht mehr als in Seon«, rief da mit lauter Stimme ein dabeistehender Landjüngling von Seebruck, der die Ehre seiner Heimat ungern herabgewürdigt sah – »geht nur hinein zum Wirt und schaut!« Dies schien sehr nahezuliegen und wurde auch gleich versucht. Herr Isaak Wellkammer, der Gastgeber, in dessen christlicher Familie der seltene Taufname von jeher in Übung ist, empfing uns mit der ihm eigenen Freundlichkeit, sprach sehr hochdeutsch, als wenn wir nicht recht bayerisch verstünden, zeigte uns seine heiteren Zimmer, seine guten Matratzen, und nach schnellem Umsehen fühlten wir uns ganz glücklich, nicht wieder in der Abendkühle auf die treulose Flut zu müssen und eine Stelle gefunden zu haben, wo wir unser müdes Haupt zur Ruhe legen konnten. Und so nahmen wir also Herberge in dem großen und guten Wirtshaus des kleinen Seebruck, auf der Stelle der alten Römerstadt Bedajum, welche noch durch unterirdische Gewölbe und unverständliches Gemäuer, durch Kaisermünzen, die vor siebzehnhundert Jahren verloren wurden und jetzt wiedergefunden werden, ihr längst verschollenes Dasein zu bezeugen sucht.   Berchtesgaden und Königssee In der Tat ist das Ländchen äußerst schmuckreich – im bayerischen Gebirge mit keinem andern, auch nicht mit der Umgebung von Partenkirchen zu vergleichen, welcher Ort sonst in seinem Wettersteingebirge den einzigen ebenbürtigen Doppelgänger des Watzmanns aufzuweisen hat. Partenkirchen und Garmisch, sein Schwestermarkt, liegen nämlich in einem glatten offenen Wiesental, Berchtesgaden dagegen auf schluchtigen, buckeligen Halden, deren immer wechselnde Gestaltung das Auge stets von neuem fesselt. Die Häuser, welche den verschiedensten Geschmacksarten angehören, kauern malerisch auf den Höhen oder verbergen sich geschämig in den Tiefen. Die Berghänge außerhalb des Marktes, welcher selbst schon der Landschaft zur Zierde gereicht, sind mit saftigen Wiesen belegt, mit reinlichen Bauernhöfen besetzt, von allerlei Bäumen, Kastanien, Linden, Trauerweiden, Silberpappeln beschattet, von rauschenden Bächen und Flüssen durchströmt, von Pfaden, Promenaden und Landstraßen durchschnitten, auf welchen sich emsiges Volk, beschauliche Alpengäste, Lastkarren und Equipagen farbenreich hin und her bewegen. Hiezu kommen nun die ragenden Hochwächter rings in der Runde, teils als schauerliche Wände entgegendräuend, teils bis zum Gipfel hinauf begrünt und bewaldet, und im Hintergrunde wie die Tiara eines Hohenpriesters die herrlichen Hörner des Watzmanns. Da diese Schönheiten außerhalb des Landes ebenfalls schon hinlänglich bekannt und berühmt sind, so braucht auch nichts zu geschehen, um die Gäste herzulocken. Die drei kleinen Gasthöfe, welche hier zu finden, erfreuen sich keines sehr günstigen Rufes. Molkenkur, Fluß-, Wellen-, Sturz-, Douche- und Sol-Bäder, überhaupt eine Kaltwasseranstalt und dergleichen würde wohl hie und da an einem sonniger Plätzlein oder in einer warmen Bergschrunde sich noch anklammern können; indessen hat bajuwarische Erfindungsgabe für die leidende Menschheit an Rand der Alpen schon so viel geleistet, daß wir ihr eine weitere Anstrengung nicht zumuten wollen. Zu Berchtesgaden ruft auch niemand darnach. ›Die meisten Bewohner des Städtchens sind Beamte und Bergleute mit fixen Besoldungen, die von einer Erhöhung der Preise, welche ein starker Zufluß von Fremden notwendig mit sich führt, nicht gewinnen, sondern nur verlieren können.‹ Damit hängt es auch zusammen, daß der Wohnungen, die dem Fremden sich gastlich öffnen, sehr wenige sind, denn was Licht, Luft und Aussicht hat, ist eben von diesen Honoratioren für Sommer und Winter in Miete genommen, und wenn sonst ein schnell ausgeräumtes Mägdestübchen oder Apfelkämmerlein zu hohen Preisen angeboten wird, so findet sich gewöhnlich nichts darinnen als ein übler Geruch und etlich morsches Gerümpel aus der Zeit der gefürsteten Propstei. Eigene Häuser mit Rücksicht auf den Fremdenbesuch oder gar schweizerische Pensionen herzustellen, ist hier noch niemandem eingefallen. Ebenso fehlt es auch an irgendeinem größeren Lokal, welches den Fremden bei Regenwetter zur Zusammenkunft oder überhaupt der Geselligkeit dienen möchte, obgleich im Neuhaus ein Leseverein besteht, welcher ein halbes Dutzend Zeitungen gewährt. Niemand geht von Berchtesgaden, ohne den Königssee betrachtet, vielmehr beschifft zu haben. Infolgedessen ist er wohl auch der bekannteste unter allen Seen der Erde, den Deutschen wenigstens bekannter als der Genfersee und der Lago Maggiore. Ich setze das gerne voraus, weil ich ihn nicht beschreiben mag in seiner dämonischen Wildheit, die doch so schön ist. Übrigens gefällt er mir auch nicht mehr so sehr wie vor dreißig Jahren. Damals erinnere ich mich noch gut, wie wir als ein paar Musensöhne einen ganzen Tag auf dem See und zu Barthelmä und an der Eiskapelle und am Obersee uns herumtrieben, ohne daß uns ein Mensch im Wege umging. Jetzt kann man kaum mehr einen Tritt tun, ohne einer reisenden Familie mit Hofmeister und Gouvernante ausweichen zu müssen. Ich liebe die Menschen unendlich, aber wenn so die unbekannten Touristenseelen aus allen fünf Weltteilen in dichten Haufen auf dem erhabenen See daherschiffen und zu Barthelmä ins Wirtshaus drängen und sich da breit und vornehm und gebieterisch an die Tische setzen und alle Salmlinge wegessen, so daß dem bescheidenen Inländer von dieser Lokalzelebrität etwa gar nichts überbleibt, dann möchte er leichtlich seufzen: »Ach, vor dreißig Jahren war's doch schöner!« Lind- und Tatzelwürmer Hinten am Miesenbach in der stillen Herberge, und zwar beim Abendtrunk, kam die Rede auch wieder auf den fabelhaften Tatzelwurm; der Wirt ist ja eine der Hauptquellen über dieses Tier, da er einmal ein solches erschlagen haben will. Auch war ein junger Liebhaber zur Hand, der sich mit der Naturgeschichte desselben schon viel beschäftigt hatte und mir manche beachtenswerte Winke darüber zusteckte. Der Tatzelwurm ist unter verschiedenen Namen allenthalben im Gebirge bekannt und eigentlich eine Art Krokodil oder Lindwurm, dessen Hauch und Anpfiff giftig sind, so daß sich jedermann entsetzt, der ihm begegnet. Franz von Kobell hat in seinem Wildanger die Aufmerksamkeit der wißbegierigen Welt neuerdings auf dieses Untier gelenkt und auch jene merkwürdige Tafel mitgeteilt, welche auf einem Bildstöcklein bei Unken sich findet und darzustellen sucht, wie ein Bauer, von zwei Tatzelwürmern verfolgt, dem Tod verfällt. Dies ist fast einem urkundlichen Beweis über das Dasein des seltsamen Wurms gleichzuachten, und die ältern Zeugnisse glaubwürdiger Männer sind nebenbei auch nicht ganz zu übersehen. Aber freilich den Preis von fünfzig Dukaten, welchen Erzherzog Johann für Beibringung eines solchen Tiers ausgesetzt, ihn hat noch niemand eingelöst. Gleichwohl will ich nicht verschweigen, daß auch ein hochbetagter Forstmeister zu Reichenhall erzählt: es habe vor vielen Jahren ein ihm bekannter Jäger den Tatzelwurm erschossen, da er eben jenseits eines tiefen Grabens mit seinen Jungen spielte. Der Jäger habe seine Beute nach St. Peter zu Salzburg getragen und dort einen guten Freund getroffen, der ihm versprochen: er wolle ihm das Wundertier nach Wien versenden, wo es sicher fürstlich bezahlt werde. Allein der gute Freund habe sich später immerdar entschuldigt, daß er von Wien keine Antwort kriege, und so wisse man seitdem nicht, was aus der Sache geworden. Auch in der forellenreichen Einöde von Seehaus trifft man einen tapfern, im traurigen Krieg mit den Wildschützen erprobten Waidmann, der erst vor zwölf Jahren dem grausen Phänomen gegenüberstand. Er schlenderte im Juli durch die nahe Urschlau, als er plötzlich etwas neben sich rascheln hörte. Es war ein Tatzelwurm, der sich um einen Baumstamm schmiegte und ihn mit giftigen Augen anstarrte. Der Waidmann fuhr überrascht zurück und ging, sorgsam umschauend, in den lichtern Wald hinaus, wo er bald einen Rehbock schoß. Dieses Glück erkräftigte ihn, und mit neuem Mut schritt er nun wieder nach dem alten Platz, um den Kampf mit dem Drachen aufzunehmen, allein dieser hatte sich mittlerweile in seine Häuslichkeit zurückgezogen und war nicht mehr zu finden. Übrigens sei er vierthalb Fuß lang, schwarz und eidechsenartig gewesen, in der Dicke ungefähr ›wie ein Bierkrügel‹. Füße habe er sechs gehabt, während ihm die gewöhnliche Meinung deren vier oder gar nur zwei beilegt. Man sieht aus allem diesem, daß der Tatzelwurm jetzt durch verlässige Zeugnisse schon dermaßen umgarnt und in die Enge getrieben ist, daß man ihn nur noch zu fangen braucht, um von seinem Dasein vollkommen überzeugt zu sein. Jüngere Naturforscher, die oft tatenlos und ruhmesdurstig in den Kneipen herumliegen, könnten sich durch solchen Fang ein neues Verdienst um die deutsche Wissenschaft erwerben. Moderne Baukunst Die Neubauten, welche in Tirol und Vorarlberg während der ersten Hälfte des Jahrhunderts entstanden, sind alle ganz mißraten und traurig anzusehen. Diese Baumeister – ich kenne ihre Namen nicht und möchte ihnen auch nichts Übles nachreden, aber man hätte vielleicht schon den allerersten zum Besten der Kunst an seinem ersten Turmspitz aufspießen sollen.   In Schlehdorf Dieser Ort ist am 17. Oktober 1846 unter eines Orkanes Brausen abgebrannt und darauf ganz neu wieder auferstanden. Ehemals war es ein malerisches Hochlandsdörfchen, aus niedlichen, im Alpenstile erbauten Bauernhäusern, Blumen- und Obstgärten, Brunnen und Misthaufen bestehend – aber nach dem Brande nahm ein gebildeter Stadtarchitekt die Sache energisch in die Hand, erklärte jene idyllische Traumwelt für einen überwundenen Standpunkt und überließ sich ganz den Eingebungen des neuesten Geschmacks. So erhielten denn die guten Schlehdorfer lauter sehr logisch-abstrakte Häuschen, eines wie das andere, wie wenn sie alle in der Fabrik gefertigt wären, säuberlich in Reih und Glied gestellt und mit genau bemessenem Abstande, so daß sie von der Ferne aussehen wie ein kleines numidisches Zeltlager oder nach Meinung andrer wie eine Sammlung von Hundshütten. Als nun aber die sentimentalen Sommerfrischler, welche die Philosophie dieser Anlage nicht zu würdigen wußten, wiederkamen, schlugen sie die Hände über dem Kopf zusammen und riefen: »Ja, wo ist denn unser altes reizendes Schlehdorf? Wer ist denn dieser – Künstler?« Der Jammer ging in die öffentlichen Blätter über, der Architekt suchte zu beweisen, daß seine Tadler von der Baukunst der Zukunft nichts verständen und daß er sich um die Meinung der Unverständigen nicht zu kümmern brauche und so fort, bis endlich die Regierung, was man sehr lobenswert fand, den Ausspruch tat, daß man bis auf weiteres im Gebirge den Gebirgsstil zu schonen und beizubehalten habe.   In Audorf Sollte man aber glauben, daß jene idyllischen Wohnstätten, die auf den Alpenweiden vielleicht ihr Traumleben schon geführt, ehe noch Romulus sein Rom gegründet – sollte man glauben, daß jetzt auch sie ihrer Wandelung und ihrem allmählichen Untergang entgegengehen? Diese Frage stellt man sich namentlich zu Audorf, dem anmutigen Örtlein am Inn nicht weit von der Tiroler Grenze, zu Füßen des Auerbergs, auf welchem noch jetzt ein schwarzes Mauertrumm an die ehemals wehrhafte, aber längst zerstörte Grenzfeste erinnert. Vor vier Jahren ist dieses Dorf zum Teil in Asche gesunken, und da es an Geld und Gut nicht fehlte, so erwarten die Freunde des Schönen, daß die Häuser, die der Brand vernichtet, in neuer Zierlichkeit, in einem verklärten Alpenstil wiederauferstehen würden. Aber es kam ganz anders – die flachen Dächer wurden aufgegeben und dafür spitze Giebel mit Zementziegeln errichtet, die Vorsprünge der Bedachung zogen sich ins Unscheinbare zurück, die Laube lebt nur als verkümmerte Altane fort, die, wie ein Tränensäckchen, um das verweinte Auge der obern Glastür hängt. So sind die Häuser zum Teil wohl groß und teuer, aber ungeschlacht und geschmacklos geworden. Wer ist daran schuld? Gegen den vorspringenden Wetterschirm soll sich die Obrigkeit ausgesprochen haben; die flachen Schindeldächer sind der Feuersgefahr unterworfen und zahlen höhere Beträge an die Versicherungsanstalt; die langen Laubengänge, welche ehemals, da die Häuser noch meistens aus Holz gebaut wurden, der Zimmermeister umsonst darein gab, gelten jetzt als zu kostspielig und sind an Gasthöfen sowie an andern Gebäuden, die im Sommer vermietet werden, deswegen nicht beliebt, weil die jeweiligen Einwohner fremde Leute ungern vor ihren Fenstern auf- und abpatrouillieren sehen. Auch sollen sie, sagt man, zu günstige Gelegenheit für Einsteigende, sowohl Liebende als Diebe, gewähren. In einem andern Dorfe des Gebirgs, wo jüngst ebenfalls einige Firste abgebrannt sind, bestehen die Hausväter auf ganz glatten Wänden mit Ziegeldächern ohne Vorsprung und Galerien, weil dies solider und billiger sei. Traurig, wenn auch diese Poesie erlischt, die uns so untrennbar mit Wald und Alm verwachsen scheint! Aber wie sich der Gesang der Berge in die Städte flüchtet und in ihren Mauern Alpensänger und Quartette aufstehen, wie man sie im Hochlande kaum mehr finden kann, so scheint sich auch der Baustil der Alpen in den Schoß der Bildung retten zu wollen. Unsere Naturfreunde, die sich draußen ein Hüttchen bauen, wählen standhaft die Form der Schweizerhäuschen – die Landleute dagegen greifen nach dem charakterlosen Typus der Stadt! Raufen und Wildern In Endorf, der letzten Station vor Prien, haben die Landleute sogar ihre ganze Kirche im mittelalterlichen Stil renovieren lassen. Es ist erfreulich, daß die Münchener Kunst ihre Fäden immer mehr über das flache Land ausbreitet und daß die Bauern in ihrem wachsenden Wohlstand derselben gern entgegenkommen. Die meisten unserer Dorfkirchen befinden sich durch die scheußlichen Bestrebungen der beiden letztvergangenen Jahrhunderte in einem Zustand, daß ein ästhetischer Sinn sie nur mit Wehmut, wenn nicht mit Widerwillen betrachten kann. Und leider sind die Kirchen der Städte nicht viel besser daran. Es ist eine gute Einrichtung, daß Dissonanzen, falsche Zeichnung und schlechte Arbeit in den plastischen Künsten den Menschen nicht so rasch in die Flucht treiben wie die Dissonanzen, falschen Akkorde und schlechte Ausführung in der Musik, denn sonst wäre es schwer, den Zudrang der Gläubigen in unsern Gotteshäusern richtig aufzufassen. Wollen wir hoffen, daß die edlern Gestalten, die jetzt allmählich an die Stelle der verzerrtesten Figuren treten, auch das Gemüt des Landvolks heben und veredeln. Wenn so ein unbezähmbarer Dachauer Raufer, der trotz der früher administrierten Prügel, trotz Gefängnisstrafe und Wirtshausverbot von seinem volkstümlichen Sonntagsvergnügen nicht lassen will, wenn ein solcher den feinen Leib des heiligen Sebastian von Echter beschaut, so könnte ihm vielleicht doch einmal der Gedanke kommen, wie sündhaft es sei, das schöne Ebenbild Gottes in besoffener Roheit um Aug' und Ohr und Nase zu bringen, ihm die Finger zu zerbrechen und Arm oder Bein abzuschlagen.   In Bayrischzell Da kamen die deutschen Brüder aus Tirol, aus dem ›Landl‹ und der Thiersee in ziemlichen Gefolgschaften und rauften nach der Vesper mit den bayerischen Buben, in der Regel bloß um die Ehre. Wenn aber keine ausländischen Partner vorhanden, gingen die aus dem engen Vaterland selbst übereinander, und die Zeller, die Fischbachauer kämpften mit der kriegerischen Jugend von Brannenburg und von Audorf enthalb der Almen. Auch manche Jungfrau stand da oft im heißen Turnei, und die Erzählungen von jenen Schlachttagen klingen in der Tat ganz nibelungenhaft, wie die Kämpfer einander höhnten, wie man die Ferchwunden herauszog aus dem Getümmel und wie die Helden im roten Blut wateten. Wenn sich Herrenvolk da eingesprengt fand zwischen die entbrannten Zecher, mußte es sich hin und wieder, obgleich im Oberstock, aus dem Fenster retten. Dieses Heroenzeitalter der Zeller brach indessen an einem Mittel ab, das sonst nicht wenig verrufen ist, aber hier gleichwohl des Erfolges wegen in gesegnetem Andenken steht. Als die Heldentaten nämlich zu arg wurden und Sonntag für Sonntag die Schlachtbulletins voll Blut und Graus nach Miesbach kamen, griff das königliche Landgericht zu Rutenhieben und ließ die Heroen ohne Gnade durchhauen. Im Anfang soll es nicht viel vergeben haben, weil man die Unschuldigen hat aussondern wollen und nur die Schuldigen bestrafen, nachher aber, als man alle miteinander unter die Rute genommen, sei der angenehme Frieden bald eingezogen. (Traurig immerhin, daß keine andern Mittel helfen wollten.) Übrigens rühmen sich die Zeller noch jetzt, daß sie nur mit redlichen Absichten und erlaubten Waffen gekämpft, nämlich mit Schlagringen und Stuhlfüßen, während im Unterland die gemeine Roheit und der Gebrauch der Messer zu Hause sei. Ein Schlagring ist übrigens wie ein anderer Ring, nur daß eine dicke Stahlplatte aufgelötet ist, womit man einen Menschen niederschlagen kann, so daß er keinen Zucker mehr tut. Wie sich nun aber viele nach dem alten Liederleben und dem schallenden Almengesang zurücksehnen, so hat wohl auch das edle Raufvergnügen unter den jungen Burschen noch manchen heimlichen Verehrer. Das liegt nun einmal im Gemüt des bayerischen Bauern und in seiner Stammeseigentümlichkeit, solang er jung ist, daß ihm der Sonntag etwas schal und alltäglich vorkommt, wenn nicht wenigstens ein bissel gerauft wird. ›Heut ist's lustig, heut muß noch einer hinwerden‹, ist ein Spruch, den man in früherer Zeit bei feierlichen Gelegenheiten, namentlich bei der Kirchweih, nicht selten zu hören bekam, und nur zu oft ging die schreckliche Ahnung in Erfüllung. * Ehedem war Bayrischzell auch berühmt wegen seines schönen Wildstandes. Es gab da Gemsen in großen Herden und viel andere vornehme Jagd. Aber während die zu Frankfurt tagten und auf dem Lande über Nacht die Freiheit anbrach, zogen die Söhne der Bauern mit ihren Büchsen aus und jagten bergauf und -ab, allein und in Gesellschaften, so lange fort, als noch ein Stück zu sehen war. Auch die guten Freunde aus der tirolischen Thiersee hatten sich fleißig eingefunden und verlebten einen heitern Sommer auf bayrischem Boden. Jetzt ist freilich das ganze Gebirge so ausgeschossen, daß man wochenlang herumsteigen kann, ohne eine Klaue zu erschauen; die älteren Bauern, die soliden und gesetzten, sind der Ansicht, wenn es so bliebe, wäre es fast am besten. Dann hätten die ledigen Burschen keinen Anlaß, ihre Zeit mit der Büchse zu verderben und tagediebisch auf den Bergen herumzustrolchen, und ebensowenig hätte man andrerseits die lästige Anwesenheit der Jäger von Profession zu ertragen. Zwischen den Bauern und den Jägern besteht nämlich ein uralter Groll. Über Zitherspielen und Kegelschieben, Raufen und Fensterln steht der männlichen Jugend die Jagd, als das erste und höchste Vergnügen, über welches nichts mehr hinausgeht in dieser Welt. Das war nun aber auf erlaubten Wegen nicht zu genießen; die Jäger standen wie mit flammendem Schwert vor dem Paradies des edlen Waidwerks, sie, die beneidenswertesten unter allen Menschen, die als Geschäft um guten Lohn dasselbe zu verrichten hatten, was den andern eine scharf verbotene Wonne war. Freilich war das Verbot auch nicht schwer zu übertreten, nur mußte man immer zum Kampf auf Leben und Tod bereit sein. Es ist wahrscheinlich nie zusammengerechnet worden, wieviel in einer Generation des edlen Getiers wegen an Menschenleben draufgegangen, aber es verlief kein Jahr, ohne daß da oder dort ein Jäger oder ein Wildschütz zum Krüppel oder totgeschossen worden. Die Bauern nahmen natürlich für ihre Leute Partei, und als nun mit dem Jahr der Erhebung die günstige Gelegenheit kam, folgten alle dem Drang, durch Ausrottung des Wildes eine Zeit herbeizuführen, wo es zwar keine Wildschützen mehr gebe, aber auch keine Jäger. Alpine Höflichkeit   Im Pustertal Unter den tirolischen Bauern gilt der Pusterer so ziemlich als der gröbste, eine Bemerkung, die natürlich seiner Ehrenhaftigkeit, Religiosität und Anhänglichkeit an Fürst und Vaterland keinen Eintrag tun soll. Auch bei meinem Aufenthalte, obgleich er nur acht Tage währte, glaubte ich in diesem Fache so manche kleine Erscheinung wahrzunehmen, die mich anheimelte, weil sie mich an mein engeres Vaterland erinnerte und in der Ansicht bestärkte, welche ich über die Reinheit des bajuwarischen Geblüts im Pustertal früher hier niedergelegt habe. Grobheit ist eigentlich nur ein metamorphischer Stolz – wer dem Nebenmenschen nicht durch seine Stellung, durch Reichtum und Macht imponieren kann, der sucht die innere Größe wenigstens in der Schlagfertigkeit der Zunge, in der Festigkeit des Auftretens durchschimmern zu lassen und dadurch gewissermaßen die Gleichheit herzustellen. Der Bajuware ist nur deswegen der gröbste der Germanen, weil er auch der stolzeste ist.   Im Oberinntal Also ins Nachtquartier, auf die Post in Mals. Hier wird schon eine Milderung der Sitten verspürt; doch schien eine weise Vorsehung dafür sorgen zu wollen, daß mir der Übergang zu den feineren Manieren des untern Etschlands nicht gar zu grell erschiene. Unter der Türe des Posthauses stand nämlich eine breite weibliche Gestalt in mittleren Jahren, welche sich behaglich ausspreizte, daß ich nur mit Mühe neben ihr durchschlüpfen konnte. Nachdem dies geschehen, befand ich mich im ›Fletz‹ und sah mich vergeblich nach einer Türe um, die allenfalls in eine anständige Stube führen konnte. »Wie ist's denn hier?« fragte ich endlich die Gestalt, »wo ist denn das Gastzimmer?« Diese drehte notdürftig das Haupt herum und sagte phlegmatisch: »Droben!« »Sind Sie die Posthalterin?« »Ja, die bin ich.« »Wirklich? Ja, grüßen Sie denn Ihre Gäste nicht, wenn sie ankommen?« Ich weiß nicht mehr, was sie antwortete, bemerke aber gerne, daß der Postmeister ein ganz gefälliger, aufmerksamer Mann ist. Auch die Preise sind erträglich, und der majestätische Ortler schaute sogar ganz unentgeltlich in mein Schlafzimmer herein.   Im bayerischen Gebirge Die Höflichkeit der Bedienung in weiterm Sinne, also Hausknechte, Kutscher, Schiffer und dergleichen miteingeschlossen, sie kann nur nach landesüblichem Maßstabe gemessen werden, und wir protestieren entschieden gegen jede Vergleichung mit dem Auslande. Auf unsrer Hochebene versteht nämlich jedermann grob zu sein; nicht bloß Landgerichtspraktikanten, Eisenbahnconducteure, Hypothekenschreiber, Theaterkassierer, Truhenlader und Postillione, sondern selbst graduierte Personen, Anwälte, Richter, Ärzte, junge und alte Professoren, bedienen sich zur Sicherung und Erhöhung ihrer Bedeutsamkeit oft mit Geschick der derberen Landesmanier. Sie scheint ihnen in Friedenszeiten die beste Fahne für Mannesmut und Kraft, und mancher dieser Tapfern blickt waffenstolz hernieder auf die feinern Leute. Wer diesen freien unverschleierten Gedankenaustausch zu schätzen weiß, der braucht nur von der Nordsee gegen den Wendelstein zu reisen, und wird finden, daß die Eindrücke immer angenehmer werden, gerade wie der, welcher vom rauhen Brenner hinunter nach dem rebenreichen Brixen und Bozen gen Italien zieht – nur darf sich jener nicht zu lang in Bamberg aufhalten, da sonst die ersten Empfindungen im Hauptland wesentlich geschwächt werden. Sollte übrigens des Guten mitunter zuviel geschehen, so ist dagegen der Pilger befreit von jener Aufdringlichkeit, die in der Schweiz so lästig fällt. Er ist immer Herr seiner selbst; es gibt keine Lohnbedienten, keine Führer, keine Schiffer, keine Schnitzwarenhändler, keine Blumenmädchen, die ihn auf der Straße anhalten, den Weg vertreten und seine konstitutionelle Freiheit beschränken. Was der Fremde allenfalls von dieser Gattung bedarf, das läßt sich eher suchen und ist oft schwer zu finden.   In Vent Das Wirtshaus zu Vent ist eine sehr ärmliche Anstalt. Frisches Fleisch kommt nur bei feierlichen Gelegenheiten vor, sonst hält man zum Bedarf der Fremden geräuchertes Kuhfleisch, mager, dürr und ranzig, eine höchst unleckere Nahrung. Das Brot wird alle vierzehn Tage vom äußeren Tale hereingeholt und ist also dreizehn Tage altbacken. Der Wein kommt im Winter auf Schlitten über Zwieselstein herein, und dazu muß als Bahn, wenn der Pfad ausgeht, auch der gefrorene Bach behilflich sein. Die Betten waren nicht lang genug für uns, was anzudeuten scheint, daß die Reisenden der Mehrzahl nach kürzer sind als wir. Den Abend füllten wichtige Gespräche über die Fernerfahrt, die wir vorhatten. Einige Bauern gaben darüber ihre Gutachten ab, die aber sehr weit auseinanderwichen. Die einen erklärten den Gang für höchst bedenklich, die andern für ein Kinderspiel, vorausgesetzt, daß gut Wetter sei. Der Wirt nannte Nicodemus von Rofen als den besten Mann für Gletscherreisen. Dieser würde morgen früh erscheinen um, als am Sonntag, in die Kirche zu gehen, und der würde uns führen, wohin wir wollten. Unter großen Hoffnungen schlüpften wir zuletzt in die kleinen Betten und verfielen in sanften Schlaf. Am andern Morgen, es war der 6. August 1842, erschien Nicodemus von Rofen und erklärte sich, wie vorausgesagt war, ohne Umschweife bereit, uns übers Niederjoch nach Schnals zu führen, vorher aber gedenke er noch ins Amt zu gehen, welches samt Predigt bis zehn Uhr dauern sollte. Zu gleicher Zeit lud uns auch der Wirt ein, mit ihm in die Kirche zu wallen, da das Haus geschlossen werde. So gingen wir willfährig und bescheiden auf die Kirche zu. An der Pforte bemerkte uns der Gastfreund, hier sollten wir stehenbleiben, denn die Plätze im Innern seien alle ausgeteilt und für uns keine Unterkunft. Blieben also einige Zeit an der Türe stehen, bis die männliche Alpenjugend immer dichter herandrängte und mit groben Ellenbogen auch den Raum auf der Schwelle besetzte. Unter dieser Bedrängnis mußten wir wider Willen ins Freie treten. Mittlerweile fing es zu tröpfeln an, und wir verehrten unsern Gott in leisem Regen, waren etwas trübselig und mischten in unser Gebet hie und da ironische Betrachtungen über die sieben Seligkeiten der Bergreisen und die Gemütlichkeit der Älpler. Dies dauerte eine gute Weile. Endlich kam der Wirt mit den Schlüsseln, und wir trachteten fröhlich der Herberge zu und versprachen uns, da vorderhand keine Hoffnung zum Aufbruch war, viele Belehrung von den Gesprächen, die wir mit den Betern führen wollten, wenn sie nach dem Gottesdienste durstig ins Wirtshaus kommen würden, nahmen auch zu diesem Zwecke schon vorhinein einen guten Platz. Alsbald aber wälzten sich die Venter und ihre Nachbarn vollzählig zur Stubentüre herein, besetzten alle Tische und Stühle, die noch frei waren, und etliche, welche nicht mehr unterkommen konnten, blickten von der Schwelle begehrlich ins Gemach. Um diese Zeit nahte der Wirt, fragte, ob es uns hier nicht zu lärmend sei, und als wir mit einem vernehmlichen ›Nein‹ geantwortet, drehte er seine Rede und bat uns freundlich, ja sehr freundlich, zu bedenken, daß die Stube gerade für so viel Männer gebohrt sei, als in die Kirche gingen, daß da an Sonn- und Feiertagen jeder seinen Platz haben wolle und daß es gar keinen Frieden geben würde, bis auch die andern auf der Schwelle noch zu sitzen kämen. Dabei stellte er uns vor, wie angenehm und ruhig unser Schlafgemach sei, und es wäre ihm sehr lieb, wenn wir da hinübergingen. »Ei was?« brummte da der eine von uns, »wir sind ja hier wie die Parias; erst wollen sie uns nicht in der Kirche leiden, und nicht einmal im Wirtshause!« »Ach«, sagte der andere, »es sind gute Leute; tun wir ihnen den Gefallen.« Nun nahm der Wirt vergnügt unser Trinkzeug und trug's hinüber, und wir folgten in unser armseliges Schlafgemach. Stühle waren nicht darinnen, und so legten wir uns in notwendiger Verkürzung auf die Betten. Leider wußten wir gar nicht, was wir anfangen sollten. Lesen, Schreiben, Rechnen schien alles nicht am Platz und an der Zeit. Auch zum Reden fielen uns nur ärgerliche Bemerkungen ein, die wir lieber unterdrückten. Alle Viertelstunden aber ging einer hinunter und traf verabredetermaßen mit Nicodemus von Rofen zusammen, um das Wetter zu beurteilen, denn beim ersten sichern Anzeichen von Besserung sollte es weitergehen. Endlich, es war um halb zwölf Uhr, und der Regen hatte schon seit einiger Zeit aufgehört, endlich sagte Nicodemus: »Es hebt!« und mahnte zum Aufbruch. Er ließ sich noch eine fette Suppe geben, während wir einige Lebensmittel zu uns steckten und die Rechnung berichtigten. Bei letzterem Geschäfte gewannen wir übrigens die Überzeugung, daß es in Vent zwar ziemlich schlecht, aber auch ziemlich teuer zu leben sei. Vent ist seitdem für die Touristen bekanntlich ein Klein-Paris geworden. Der Herr Kurat Franz Senn, des Lengenfelder Nattes letzter ›Bue‹, der seit 1860 dort als Seelsorger waltet, hat alles aufgeboten, um den Reisenden, die dieses sein Reich besuchen, das Leben im Tale und das Steigen auf den Bergen so angenehm als möglich zu machen. Im Sommer 1861 hatte er in seinem Häuschen, das nur zwei leidliche Zimmer aufwies, bereits über zweihundert Touristen zu beherbergen. Aber schon im nächsten Jahre wurde ein Neubau unternommen und seitdem auch alle Jahre etwas hinzugesetzt, so daß jetzt zwei Gaststuben, elf Zimmer und dreißig Betten vorhanden sind. Auch eine Bibliothek, mit alpinen Werken reich versehen, steht dem Gaste zur Verfügung. Die Gletscherreise Nicodemus Klotz von Rofen ist ein Vierziger, eher klein als groß, ledig, ernsthaft, aber doch kein Feind des Scherzes. Er trägt einen spitzen Hut, die braune Jacke und die braunen dicken Strümpfe, die Tracht der Ötztaler, und dabei spricht er ein altertümelndes, wenig abgeschliffenes Deutsch, von jener scharfkantigen Art, wie es in den innersten Tälern gewöhnlich erklingt. Er rühmt sich, der einzige Mann der Gemeinde zu sein, der die Gebirge und die Gletscher ringsumher alle bestiegen. Er hatte von Jugend auf seine Herzensfreude an den feierlichen Fernern und kletterte vordem mit seiner Büchse allein auf die Hörner, neugierig, was da für eine Aussicht oder, nach seinen Worten: für eine ›Einsicht zu fassen‹ sei. Er ist daher gewiß der verlässigste Führer im Venter Tal und geht überall mit, wohin man immer will, über den kleinen Ötztaler Ferner und das Niederjoch oder über das Hochjoch nach Schnals, an der Wildspitze vorbei ins Pitztal, über den Gepatschferner ins Kaunsertal oder links hinüber nach Langtaufers und ins obere Vinschgau. Wir ließen also die Rofnerhöfe rechts liegen und gingen links ins Niedertal ein und darin fort, einen öden, gar nicht kurzweiligen Weg, der oft von Fernerbächen durchschnitten ist, über welche wir nicht immer ungenetzt kamen. Außerdem war aber weder Gefahr noch Unbequemlichkeit, denn der Steig ging ganz mählich an der Halde hin, welche düster und mißfarbig an den Wänden von Glimmerschiefer abbrach und nur etwa an den Ufern der stürzenden Wässer freundlichem Krautwuchs zeigte. Im Frühjahr ist das Tälchen dagegen sehr blumenreich, und da überzieht die Abhänge vor allem der duftende Speik ( Primula glutinosa ), die geehrteste aller Alpenblumen. Rückwärts blickend, hätten wir jetzt wohl auch die prächtige Wildspitze sehen müssen, die höchste des Ötztalerstockes, welche 11,946 Wiener Fuß über das Meer emporsteigt, aber auf den Höhen lagen noch trübe Nebel, was wir wegen der gerühmten Schönheit jener Ansicht sehr bedauerten. So hatten wir eine gute Strecke zurückgelegt, als wir zu einem Bildstöckel kamen, auf dessen Tafel ein sitzendes Weib gemalt ist mit einem neugebornen nackten Kind im Schoß. Die Muttergottes schaut aus den Wolken gnädig herab. Der Rofner Bauer erzählte, hier habe sein Oheim vor Jahren in Wind und Wetter ein gebärendes Weib gefunden und in ihren Todesängsten sie gerettet. Dessen zum Angedenken habe er die Tafel machen lassen. »Sie aber«, setzte er hinzu, »sie war ein Lottermensch von Schnals.« »Mein Gott!« sagte einer von uns, »so gibt es also auch hier in diesen keuschen Wildnissen solche Opfer der Verführung, und sie gebären an den Fernern, um ihre Schmach den Augen der Menschen zu verbergen!« Aus Sittsamkeit forschte keiner mehr nach nähern Umständen, und so erfuhren wir erst drüben im Vinschgau, daß ein Lottermensch nichts anderes bedeute als ein Bettelweib, wonach sich denn die Beurteilung des Falles wesentlich berichtigte. Bald kamen wir auch zu einer kleinen schwarzgrauen Hütte, welche ungemein kunstlos aus übereinandergelegten Steinen an die Halde hingebaut war. Die Vorderseite ragte kaum mannshoch über den Boden auf; Fenster hatte sie nicht, aber eine niedere Türe. Aus dieser trat ein Mann, anzusehen wie Robinson Crusoe, in Tierhäute gehüllt, mit verwirrten Haaren, ungewaschen vielleicht seit Monden. Er zeigte sehr viele Freude, daß wir uns zu ihm heraufbemüht, und wir dann auch nicht minder, daß wir so angenehmen Eindruck auf ihn machten. Im ersten Augenblicke hatten wir allerdings über ihn gestutzt; indessen war er ein glänzendes Beispiel mehr, daß auch unter rauhem Kittel ein edles Herz schlagen könne, denn er grüßte nicht allein sehr herzlich und mit dem heitersten Lachen, sondern bot uns auch gleich eine schmutzige Schüssel voll Milch an. Dafür ließen wir ihn einen Schluck von unserm Vinschger Branntwein tun, womit er sich mehr als königlich belohnt erklärte. Auch lud er uns ein, in sein Haus zu kommen; von uns aber wollte sich keiner so tief bücken. Doch warfen wir einen oberschlächtigen Blick hinein und gewahrten in der Finsternis etwas wie eine Schlafstelle aus Loden und Heu. Am Türpfosten bemerkten wir auch ein geschnitztes Heiligenbild angeheftet, und vor diesem, sagte uns der edle Wilde, verrichte er seine Andachten. Nachdem wir in dieser Art von allem Wissenswerten Notiz genommen, sprach Nicodemus: »Bhüt Gott, Schnalser!«, und wir zogen weiter. Der wilde Mann war übrigens ein Schafhirt aus Schnals, aus dem Tale, das jenseits der Ferner liegt. Solcher Schäfer gibt es mehrere in dem Revier. Die ganze Weide im Niedertal ist nämlich seit undenklichen Zeiten ein Eigentum der Schnalser Bauern, und diese schicken ihre Herden mit den Hirten über die Gletscher und lassen sie hier den Sommer zubringen. Deswegen ist denn auch, wie wir noch diesen Abend erfahren sollten, der Ferner in Schnals ein viel geläufigeres Thema als in Vent. Nachdem wir nun zwei Stunden im Niedertal fortgegangen waren, kamen wir endlich an den Murzollferner, der eigentlich der Ausläufer zweier anderer ist, die sich oben vereinigen und in dieser Spitze zu Tal gehen. Die Ansicht gewährt noch ein wenig von der Schönheit der Gletscherwelt, denn das Tal ist enge, der Blick bergaufwärts beschränkt, der herabziehende Ferner selbst mit Schutt und Geröll bedeckt, daher schmutzig und rußig, soweit man sieht. Außen herum an den untern Kanten hat er mächtige Schuttwälle aufgeworfen. Murzoll war übrigens dieses Jahr vollkommen ausgeapert (sprich: ausg'appert), und was er obenauf an Rissen und Schrunden haben mochte, das lag alles klar am Tage. Um diese Zeit, wenn nämlich die Sommersonne den tückischen Schnee aufgezehrt und die Ferner ›das Hemd ausgezogen haben‹, so daß sie Gestalt und Wesen ihrer Oberfläche nicht verbergen können – um diese Zeit werden sie am liebsten begangen. Dann lauern wenigstens keine heimlichen Gefahren, und es locken nicht jene leichten Schneebrücken, die beim ersten Tritte einbrechen und den Wanderer wie die Fallbretter in den alten Ritterburgen hinuntersenden in die kalte Gruft zur ewigen Ruhe. Nicodemus führte uns nun auf Murzoll – er gebrauchte die Namen seiner Ferner und Berge ohne Geschlechtswort –, und wir gingen eine Weile auf dem Eise fort, um den Pfad in der Moräne, der immer mühseliger wurde, zu vermeiden. Murzoll dagegen zeigte sich zu dieser Zeit recht eben und zusammenhängend; nur hie und da zog sich ein handbreiter Spalt hindurch. Allmählich aber wurde auch Murzoll etwas unwegsam, und wir suchten wieder den Fußpfad auf dem festen Lande zu gewinnen, den die Schnalserhirten durch unterlegte Felsblöcke zur bequemen Treppe erhoben hatten. Nachdem wir ungefähr drei Stunden auf dem Wege gewesen, machten wir bei einer zerfallenen Steinhütte halt, die in den Zeiten ihres Glanzes wohl ein getreues Ebenbild der andern gewesen war, in welcher wir den Schäfer von Schnals gefunden. Hier nahmen wir etwas Brot und Käse ein und stärkten uns mit dem Vinschger, auf kahlem Boden, rings von Gletschern umsäumt, dicht ober unsern Häuptern einen wolkigen verschlossenen Himmel. Letzteres erpreßte uns manchen trüben Seufzer, denn jetzt, wenn je, standen wir an der Pforte alpinischer Erhabenheit. Neben uns auf dem braunen Felsgeschiebe, mitten zwischen ewigem Eis und Schnee war eine kleine Herde Schafe in der Sommerfrische, die mit ihren Schellen fröhlich klingelten und zutraulich herankamen. Sie bleiben während des Hochsommers hier im Freien und suchen bergauf und -ab ihr Futter. Indessen sollte uns doch nicht alle Freude verlorengehen und nicht alle Erwartung getäuscht werden. Die Nebel, die sich während unseres Aufsteigens mehr und mehr gesammelt hatten und eine Zeitlang schwer und ruhig auf die Gletscher drückten, hoben jetzt, da etwas Wind hineinzublasen begann, ein lustiges Gejaid an, zogen abwärts, zogen aufwärts, huschten wie Phantome an den Fernern hin, schlangen wilde Reigen, drehten sich wirbelnd durcheinander, und zuweilen entstanden weite Risse, durch welche die Sonnenstrahlen verklärend brachen. Einem solchen Augenblick verdankten wir einmal eine prächtige Aussicht links hinein in einen langen, langen Korridor von weißleuchtenden Fernern, zwischen denen eine breite silberne Straße glänzend dahinzog, wie eine Avenue zum Palaste des Alpenkönigs oder zu einem Bergschloß der saligen Fräulein. Von jetzt an wurden wir allmählich des großen Schneefeldes gewahr, das den Niederjochferner deckt. Nachdem wir noch ein paar Male aushilfsweise den Gletscher betreten hatten, weil der Weg zur Seite ungangbar geworden, nachdem wir auch aus derselben Ursache ein paar kleine Schneefelder durchwatet hatten, fanden wir uns auf der Stelle, wo der Pfad an den Schrofen hin ganz aufhört und der Gang über den Gletscher eigentlich seinen Anfang nimmt. Hier war zwischen die Steine ein hölzernes Windfähnchen eingeklemmt. »Jetzt geht's über den Ferner«, sagte Nicodemus mit einem feierlichen Ernste, gleichsam als wollte er in seinen Anbefohlenen die Betrachtung erwecken, daß sie an einem großen Wagnisse stehen. Die Luft war feucht, aber nicht kalt. Ermüdung oder anderes Ungemach spürten wir nicht. Wir ließen in der kleinen Runde noch einmal die Flasche mit dem Vinschger kreisen und traten dann den Weg an. Nicodemus hatte zwar Stricke mitgenommen, um uns alle drei nach Vorschrift der Sachverständigen aneinanderzubinden, aber nach einiger Besprechung hielten wir's doch nicht vonnöten, auch nicht, als uns der Bauer von Rofen erzählt hatte, wie kurz vorher ein ungebundener reisender Herr in den Gletscher gesunken und wie er dann, nach mühsamer Rettung von ungeheurem Ekel an dem ganzen Wesen erfaßt, Hut und Stock von sich geworfen und in einem Rennen, als wären ihm alle Ferner des Ötztales auf der Ferse, über Vent bis nach Heilig Kreuz gelaufen sei, um dort noch immer voll Entsetzen und halbtot vor Ermattung beim Kaplan wieder zur Fassung zu kommen. So gingen wir denn unsern Weg, jeder für sich – der Führer voran, Totenstille ringsum –, kein anderer Laut als das leise Knirschen unserer Tritte. Der Gletscher schien uns nicht sehr breit, etwa eine halbe Stunde, vielleicht nicht soviel. Der Weg führte etliche hundert Schritte von den Felsenwänden, die zur Rechten ihre Häupter in den Wolken verbargen, schnurgerade über das weiße Feld hinauf. Die schmutzige Spur von Menschentritten und Viehtrieb zeichnete ihn sehr kenntlich. Uns schien alles recht sicher und bequem, zumal da der Gletscher, seiner höhern Lage wegen, nicht ausgeapert und die Klüfte daher alle überschneit waren. Nicodemus mochte gleichwohl hie und da Gefahr wittern, denn etliche Male hielt er an und stieß mit dem Stocke bedenklichen Gesichtes in den Schnee, ohne Grund zu finden. Er pflegte dann den Kopf zu schütteln, ging aber nichtsdestoweniger bald mit einem weiten Schritte vor, uns befehlend, in seine Fußstapfen zu treten, was wir denn auch folgsam taten. Jetzt war's ungefähr drei Uhr und sehr düster auf dem Ferner – neben und über uns, vor und hinter uns dichte, stockende Nebel. Nun begann aber auf einmal zur Linken das Jagen wieder. Das zog und zerrte, huschte und flog, und plötzlich riß es auseinander, und aus dem bewegten Wolkenreigen stieg ein ungeheures Horn, schrecklich geschartet an den Wänden, von tiefbrauner, feuchtglänzender Farbe, und um das braune Haupt legte sich wie ein Heiligenschein eine Scheibe hellblauen Himmels, die auch mit einem Male sichtbar geworden. Nicodemus blieb stehen, drehte sich überrascht um und sagte leise: »Das ist Similaun« – und so leise flüsterte er's, als wenn er fürchtete, durch lautes Wort das Ungetüm zu reizen. Wir aber hatten eine innige Freude über den titanischen Klotz, und diese wuchs noch immer, als auch die letzten Schleier an den Flanken des Hornes verflogen und dieses in seinem schimmernden Braun mit unbeschreiblicher Pracht vom weißen Ferner sich abhob und in den blauen Himmel ragte. Das ist Similaun, wiederholten wir, um den Namen ja nicht zu vergessen, und schauten vorwärts schreitend immer wieder auf dies trotzige Haupt mit dem niegesehenen Ausdruck von Größe und Wildheit. Similaun, so schroff er scheint, ist dennoch schon etliche Male bestiegen worden. Er reizt dazu um so mehr, als er nach der Wildspitze und der Weißkugel der höchste Grat ist im Ötztaler Fernerstock und 11,210 Wiener Fuß mißt. Der erste, der seinen Scheitel betrat, war der Priester Thomas Kaaserer von Unserer Lieben Frau in Schnals. Es geschah im Jahre 1834. Ihm folgte der Landarzt von Algund bei Meran, Franz Rodi, der das Wagnis am 27. August 1839, aber bei sehr ungünstigem Wetter, vollführte. Am 22. Junius 1840 bestieg der nämliche die Spitze zum zweiten Male, willig gefördert und geleitet von den Schnalsern, die unten im Tale auch Böller aufstellten und die kühnen Steiger, als sie den Gipfel erreicht hatten, mit Freudenschüssen begrüßten. Der Himmel war dazumal rein. Die Aussicht wird als unermeßlich geschildert; sie soll hinausgehen bis ins deutsche Reich, und man will selbst bayerische Städte gesehen haben. Gegen Morgen zeigt sich der Großglockner, gegen Abend der Ortler und die Schweizergletscher, ja die kecken Männer behaupteten sogar, der Montblanc sei ihnen erschienen. Die wimmelnden Eishäupter und Schneeköpfe in der Nähe sind gar nicht zu zählen. Übrigens sieht man so weit oben oft viel mehr, als man nachher den Leuten unten glaubbar machen kann. So waren wir nahezu ans Ende des Ferners gekommen. Der Himmel hatte sich jetzt ganz aufgetan, die Sonne schien fast warm, und überhaupt glaubten wir zu merken, daß sie in den Tälern den schönsten Tag gehabt, während wir da oben in und über den Wolken gegangen waren. Nunmehr öffnete sich auch das Land gegen Süden; nahe prächtige Ferner, die sich gegen Schnals herunterlagern, und hohe Gebirgsstöcke traten auf, lange, zackige blaue Kämme, die weit und breit hinzogen nach Welschland oder zum Ortler, und unten wie in Meerestiefe lachte auch schon das grüne Tal von Schnals. Da standen wir und schauten bald auf Similaun, den schauerlichen, so hoch über uns, bald auf das stille Paradies in der Niederung so tief unter uns und wollten nun rasch über den letzten Auslauf des Gletschers weg. Ehe dies aber vollbracht, hatten wir noch eine neckische Fährlichkeit zu bestehen. Der Weg zum Ziele führt hier nämlich rechts an den zerklüfteten Wänden hin, und zwar noch immer auf dem Ferner, der da in mäßiger Breite schief abwärts hängt, bald aber ganz senkrecht in einer turmhohen spitzen Zunge, gleich einem gefrorenen Wasserfall, zwischen tausendzackigem Gestein ins Tal hinuntergeht. Die letzte kurze Strecke, ehe wir auf festen Boden kamen, war die bedenklichste – rechts die Felsenwand, links der gefrorene Wasserfall, in der Mitte durch auf schiefem Eise der schlüpfrige Pfad. Der eine von uns legte sich nieder, um sich mittels der Hände über die verdächtige Stelle zu schieben; der andere wollte aufrecht darübersteigen. Leider gerieten ihm nur wenige Schritte – jählings glitschte er aus, fiel zu Boden, kam ins Rutschen, packte in der Zerstreuung den andern liegenden an seinem Fuße; dieser, der auf der glatten Fläche keinen Halt hatte, mußte folgen, und so glitten wir aneinandergekettet, der eine voraus, der andere hintennach, pfeilschnell dem Wasserfalle zu, über den wir wie zwei geflözte Holzblöcke hinabgeschossen wären, um unten an den Felsen zu zerschellen, wenn nicht der Hinterpart trotz aller Eile den kleinen Nunst eines Eisbächleins entdeckt hätte, das in derselben Richtung floß, welche wir eingeschlagen hatten. In diesen stemmte er nun schleunigst seinen Vorderarm, und da das Rinnsal gewunden war, so gab es bald eine Hemmung, und der todesmutige Konvoi blieb so noch zur rechten Zeit lebensfroh auf dem Eise hängen. Nicodemus, der sorglos vorausgegangen war, weil ihm in seiner Geübtheit die offene glatte Bahn viel weniger Bedenken gemacht als die überschneiten Fernerklüfte, Nicodemus hatte unterdessen seine Augen am grünen Tal von Schnals geweidet, kam aber jetzt auf unser Rufen herbei und führte einen nach dem andern ans Land, nicht ohne Mühe, denn da unten, wo wir hielten, war's noch um ein gutes schlüpfriger als oben, wo wir abgefahren. Jetzt standen wir also auf festem Felsenboden, 8700 Fuß über dem Meere, und blickten mit noch einmal soviel Vergnügen in die grüne Tiefe. Dabei sahen wir auch auf die Uhr und brachten heraus, daß wir gerade siebenunddreißig Minuten auf dem Ferner gewesen waren. Im ganzen hatten wir von Vent bis daher nicht volle fünf Stunden gebraucht, und Nicodemus lobte deshalb unsern rüstigen Schritt. Hier ließen wir auch den werten Führer ziehen, der im Sinne hatte, noch nach Rofen zurückzugehen. Wir boten ihm, da im voraus nichts bestimmt worden, sechs Zwanziger als Führerlohn, und er meinte, für das bissel Weg sei das übrig Geld genug. Auch legte er seine Zufriedenheit in einer sehr kräftigen Danksagung an den Tag, und gewiß war es ebenfalls nur zur Verlautbarung seiner stillen Freude, daß er uns, allerdings in ganz ungefährlicher Richtung, von oben herab noch etliche große Steine nachwälzte, um die Wirkung bewundern zu lassen, wie sie über das Geröll krachend in den Abgrund sprangen. Wir befanden uns mittlerweile auf einem steilen Felssteig, der mit rotbraunen Blöcken verfriedet ist und wendeltreppenartig an dem Geschröfe abwärts zieht. Hier setzten wir unsere Bergstöcke ein und halfen uns in raschem Schusse zu Tale, kamen zuerst, nachdem wir uns von der Schrofenwand losgelöst, auf magere Wiesen, die über und über mit kleinen und großen Felstrümmern beschüttet waren, und so mehr und mehr aus der Region des Schreckens in die des Grünen, zu Zirbelnüssen und Lärchenbäumen, zu Hütten und Häusern, zu Kornfeldern und in die liebliche Au von Unsrer Lieben Frau zu Schnals. Ehe wir aber so weit waren, drehten wir uns noch einmal um und besahen den riesenhaften Vorhang von Eis, der aus dem Ferner herunterhängt und so leicht hätte unsers Lebens Ziel werden können. Dann betrachteten wir auch die Felsenwand, an der wir herabgeklettert, und fanden es fast wunderlich, daß wir nun gar keine Spur des Steiges mehr entdeckten, der uns ins Tal geführt. All die Aussicht über die Berge des südlichen Landes hatte sich jetzt wieder verloren. Zur linken Hand zog sich die Schnalser Landschaft in eine enge Schlucht zusammen. Da drinnen steht der Finailhof, berühmt in der Sage wie der Rofnerhof, weil Herzog Friedrich, als er diesen verlassen hatte und eine neue Zufluchtsstätte suchend, über den Ferner gegangen war, beim dortigen Bauern eine Weile unerkannt lebte und dann den Hof auf ewige Zeiten ›von gemeiner Obrigkeit freite‹. Die Sage läßt den Fürsten hier die Schafe hüten und auch auf dieser Seite des Ferners mit einer schönen Hirtin eine Idylle spielen, was diesseits wie jenseits seine Richtigkeit haben mag. Wir aber glaubten wärmere Lüfte zu fühlen, und so sagten wir uns, wir seien jetzt, wenn auch noch mitten im Hochgebirge, doch schon jenseits der großen Wasserscheide und eigentlich unter hesperischem Himmel. Stattliche Männer mit großrandigen spitzen Hüten und grünausgeschlagenen braunen Jacken kamen des Weges, riefen uns mit lautem Gruße an, fragten neugierig, ob wir übers Joch gegangen, und freuten sich unserer Tat, die sie, als von landfremden Leuten vollbracht, des höchsten Lobes würdig fanden. Darüber fast etwas aufgebläht, traten wir mit stolzen Schritten ins Wirtshaus, wo zum einnehmenden Gegensatze mit der finsteren Venter Herberge an den hellen Fenstern und um den großen runden Tisch sieben oder acht kräftige Zecher saßen, die bei unserm Erscheinen alle aufstanden und uns mit rüstigen Grüßen empfingen. Auch sie sagten uns nur Ehrenvolles über unser Wagstück und erzählten dies und jenes von verschiedenen Fernerfahrten. Die Poesie des Almenlebens Die Almerinnen führen fast ein Leben wie die Elfen, streifen in der Frühe mit leichten Sohlen über die tauigen Alpenkräuter, verschwinden im Morgennebel, singen aus dem Felsgestein, daß man nicht weiß, von wannen es kommt und schallt, trinken nur Milch und Wasser und schlummern im Heu, das sie kaum eindrücken. Das Almenleben hat so viel eingeborne Poesie, daß selbst die Tausende von Schnaderhüpfeln und die schönsten Lieder vom Berge sowie die süßinnigsten Zithermelodien diesen tiefen und wahren Zauberbrunnen nicht ganz ausschöpfen. Wenn einer einmal einen dreibändigen Walter-Scottschen Roman darüber schreiben wollte, der würde sehen, was ihm da alles entgegenkommt – die Almerin selbst mit ihren achtzehn Jahren und ihrem unbewachten Almenherzen, die Jägerburschen mit ihrem Stolz, die Wildschützen mit ihrem Haß, der Bauer im Dorf unten mit seiner Bäurin, der Schwärzer mit seinem Tirolerwein, der Grenzwächter mit seiner Pflicht, der Kaplan mit seinem wunderbaren Finger Gottes, der städtische Reiseenthusiast und Bergbesteiger mit seiner Dummheit, der Münchener Maler mit seinen himmlischen Gedanken, die er nie verkörpern kann, der Praktikant vom Landgericht mit seinen bösen Lüsten, der feurige Bue von der Zell mit seinen eifersüchtigen Ansprüchen auf das Almenherz, nach dem so viele trachten, dazu die Hütte, die Herden, der düstere Hochwald, die Mittagssonne auf den einsamen Triften und die Mondscheinnächte, wo Mädchenworte am weichsten klingen – es könnte einer mit der rechten Kunst schon etwas Monumentales daraus aufbauen. Daß aber ja keiner darüber geht, der's nicht versteht, sonst zerreißen wir ihn, wie die thrakischen Weiber den zweckwidrigen Sänger Orpheus, und werfen sein Haupt in den Innstrom, auf daß es traurig jodelnd hinausflöze in das almenlose Flachland. Eine Almenhütte ist gewöhnlich so gelegen, daß ihr ohne Mühe und Beschwer nicht beizukommen ist. Das Vieh tritt nämlich an diesem seinem Sammelplatz den Rasen auf und weicht ihn mit allerlei natürlichen Mitteln durch und durch. Hat man aber, etwa von einem Stein zum andern springend, diesen Stadtgraben, das ›Tret‹, glücklich zurückgelegt, so lohnt ein freundlicher Willkomm der Sennerin und alles Gute, was Almenwirtschaft bieten kann. Küche, Speise- und Sprechzimmer sind derselbe Raum, nebenan ein Schlafgemach, rückwärts ein geräumiger Stall für die Stunden eines Unwetters oder zu großer Sonnenhitze. Vor der Hütte sprudelt ein Brunnen mit klassischem Wasser. Innerhalb ist der Herd, zugleich auch Ruhebank, mit einem großen Käsekessel. An den hölzernen Wänden sind Schüsselrahmen, mehrere Pfannen, Milchkübel und dergleichen. Da die Kultur, wie schon hundertmal gesagt, alles beleckt, so findet man auch sächsische Steingutteller und Tassen mit Ansichten der Sächsischen Schweiz oder vom Rhein. In einer Ecke ist ein kleines Kruzifix und etliche Heiligenbilder ringsum, was die Idee eines Hausaltärchens andeutet. Auch sonst finden sich da und dort zum Zierat verschiedene Malereien angeklebt. So sieht man in einer Hütte auf einem großen Bilderbogen eine Schlacht der Franzosen mit den Kabylen dargestellt, und selbst aus den Tagen unserer eigenen Bewegung haben einige Bilder schon die Hochalmen erreicht. Die Sennerin ist an Werktagen voller Schmutz, welcher sich jedoch kegelförmig verjüngt. Während nämlich die Füße von der Begehung des Trets sich in einem Überschuh von idyllischem Alpenkot züchtig verhüllen und so jedes Urteil über Größe und Kleinheit trüglich machen, so nimmt die Reinlichkeit nach oben immer zu, über Mieder und Rock, und das Gesicht wird des Tages sogar mehrere Male gewaschen. Nicht selten sind ein Paar schöne blaue Augen darin und etwas erlaubte rotbackige Schalkheit, um welche sich blonde Haare ringeln. Eine halbe Stunde Rast hat da noch wenige Junggesellen gereut. Seltsam klang aber die Antwort, als man sich diesmal nach der Liebe erkundigte: »Selbe sei hierorts ganz abgeschafft.« Als man sich auf einige Almenlieder bezog, welche die Sache in einem andern Licht darzustellen scheinen, entgegneten die Almerinnen, das sei Poesie und zum guten Teil Verleumdung. Auf den Audorfer Almen empfange man nur anständige Besuche und nach dem Gebetläuten überhaupt gar keine. Sonst habe man genug zu tun, die Kühe zu melken, zu buttern, zu kochen und die Hütte aufzuwaschen; denn wenn auch die Mädchen selber schmutzig sind, ihre Herberge wissen sie sehr reinlich zu halten. Am Abend dann, nach getaner Arbeit, setzen sie sich auf die Sommerbank vor der Türe und jodeln ihre lieblichen Weisen in den Äther hinaus. Des Sonntags legen sie ihre schönsten Gewänder an, gehen allenfalls ins Tal hinab zur Kirche oder besuchen sich oben, auch aus größeren Fernen, um miteinander zu plaudern, zu singen und Zither zu spielen. Übrigens tut man unrecht, wenn man sich die Dirnen gar zu naiv und alpenhaft vorstellt. Audorf ist eine große Ortschaft mit guter Schule und wachsender Bildung; auch geht oft manch guter Leute Kind als Almerin auf den Berg. So melkt denn zuweilen eine ihre Kühe da oben, die Geibels Gedichte unter dem Kopfkissen hat und einen Liebesbrief ohne orthographische Fehler schreiben kann. Immerhin bietet diese Mädchenwirtschaft unter ihren stillen Dächern ein reizendes Bild voll Friede und Ruhe, ja seit die Liebe abgeschafft, auch voll Unschuld – ein Bild, das man erhalten und nicht zerstören soll wie in Tirol, wo man die schelmischen Sennerinnen und die Zither und die Almenlieder aus nichtssagenden Gründen von den Alpen verjagt und dafür die langweiligen ›Ochsner und Gaiser‹ hingestellt hat. Damit ist die ganze Poesie des Almenlebens verfallen.   Auf dem Duxer Jöchl Oben fast am Joche fanden wir eine Galthütte, das heißt eine Hütte für Galtvieh, wie alles Vieh genannt wird, das keinen Milchnutzen abwirft – mit einem Stalle für sechs Ochsen, etliche Ziegen und eine Kuh, die hier in der Höhe weiden. Nebenan rieselt eine Quelle, die ein treffliches Wasser bietet. Nahe bei der Quelle ist am Felsen ein Denkstein angebracht, zur Erinnerung an die heitere Fußreise, welche den Erzherzog Johann im Jahre 1835 auf dieses Joch geführt. Damals stieg der geliebte Prinz herüber mit den gewappneten Heerhaufen der Gebirgsschützen aus der Nachbarschaft, die ihm fröhlich das Geleit gaben. Der Ochsenhirt war nicht in der Hütte, doch fanden wir sein Trinkgeschirr, mit dem wir alsbald aus der Quelle schöpften, nach mühsamer Reinigung, denn der einfache Älpler hatte es augenscheinlich die ganze Saison über noch nicht ausgespült. Die Galthütten fallen überhaupt sehr störend in die gebirglerischen Illusionen der Leute von der Ebene. Dahin verläuft sich keine junge Sennerin, die dem Gast zum Abschied mit rosigen Lippen einen Kuß aufdrückt, da gibt's keine Zither und keinen Gesang, auch keine Käskessel und überhaupt keine Alpenwirtschaft, wohl aber einen alten eisbärtigen Ochsner, der in seinem Schmutz erstickt und nur zu oft schlechter Laune ist. Im Hüttchen hat er ein Heulager und eine Wollendecke, und unweit in einem Winkel liegt ein breiter Stein, auf dem er seine Milchsuppe kocht. Neben dem Schlafgemache steht der dürftige Stall. Der Ochsner selbst hat nichts zu tun, als etwa hin und wieder ein verirrtes Vieh auf den rechten Weg zu führen und die Kuh zu melken, die ihm mitgegeben ist, um die Milch in seine Küche zu liefern. Alle drei oder vier Tage steigt ein Knabe aus dem Tale hinauf und bringt ihm Brot, Mehl und Salz; damit fristet er sein Leben. Also von der Galthütte wieder in die Höhe und aufs Joch. Oben an der Wasserscheide saß der greise Hirt auf einem Stein und blickte schmauchend auf seine Herde herab. Es fror ihn, und vielleicht hat's ihn auch geschläfert, vielleicht hat er auch wie der nordische Fichtenbaum vom Morgenlande geträumt, von einer warmen Felsenwand, auf der die jungen Kamele schäkernd um ihn herspringen. »Wie geht's?« rief ihn der Gossensasser an, und der andere fuhr auf aus seinem Sinnen und antwortete: »Mitterla, mitterla« (mittelmäßig). Es hatte tags vorher von Morgen bis Abend geschneit und der Hirte sich kaum erwärmen können – es sei gar so ein kalter Ort. Ein Ochsner hat's übel, meinte er, wenn das Wetter nicht fein ist. Trotz seines Trübsinns gewann sich der Hirt aber doch die Frage ab: »Wo bleiben Sie?« das heißt, wo sind Sie zu Hause? Als ich zwei Jahre darauf noch einmal zur Stelle kam, hatte er's übrigens schon wieder vergessen. Ich sagt' es ihm abermals und bin jetzt begierig, ob er's noch weiß, wenn ich wiederkomme.   Im Stubai Die Männer saßen auf der Bank, die sich um die Feuerstelle herzieht, halb im Rauch verhüllt, schmauchten und plauderten, die Sennerin ging ab und zu und redete wenig. Sie war ein sehr schönes Mädchen, fast zu schön für diese Einsamkeit. Um den Alpeiner Ferner zu erreichen und wieder bei Tage zurückzukommen, war's zu spät, blieb also nichts übrig, als bis zum Morgen zu warten. Ich war etwas besorgt, daß das Hirtenmädchen sich die Einlagerung verbitten würde, aber der eine der Gäste sprach mir Mut zu, sagte, das komme öfter vor, und die Sennerin sei überhaupt nicht so ›schiech‹, als sie tue. Dies begleitete er mit einem ironischen Lächeln, was die Alpenmaid dadurch bestrafte, daß sie ohne ein Wort zu sagen aufstand und davonging. Bald hatten auch die Sennen ihren Branntwein ausgetrunken und gingen fort, so daß ich mit dem Mädchen, das wieder herbeigekommen, und ihrem wenig sichtbaren Bruder allein blieb. Ich habe ohne Ruhm zu melden ihrem schönen Mund nicht dreißig Worte zu entlocken gewußt, von allem andern, was die scherzhaften Reden des Sennen andeuteten, ganz zu geschweigen. So saß ich also mir selbst überlassen, im leichten Rauch des Herdes, auf der hohen Bank, trank ein paar Gläser Wein und nährte mich von Brot und Käse. Meine Augen beschäftigten sich mit Kübeln, Pfannen, Milchschüsseln, Butterfässern und einer Menge unbeschreiblichen Plunders, der ringsumher stand, lag und hing. Die Luft war kühl und das Herdfeuer daher sehr erquickend. Die Nacht war noch nicht ganz hereingebrochen, als das Mädchen aufstand und mir bemerkte, es sei Zeit, zur Ruhe zu gehen; sie seien schläfrig, die Nacht vorher habe eine Kuh gekälbert und sie um allen Schlaf gebracht. Ich überließ mich ihr mit völliger Hingebung, wohin sie mich auch führen würde. Sie aber leitete mich aus der Hütte und hinten an den Heustadel hin, zu dessen Dachraum eine Leiter emporging. Hier solle ich hinaufsteigen, oben werde ich warmes Heu und eine Decke finden. Gute Nacht! Unterm Dache fand ich wirklich warmes Heu genug und nach einigem Tappen auch eine wollene Decke. Ich grub mir mein Lager in das weiche Bett und nahm die Decke über mich, recht eigentlich bis an die Ohren herauf. Es war nämlich kalt im Speicher, da zwischen Dach und Seitenwand ein handbreiter offener Raum für den nötigen Luftzug gelassen war. Obgleich es noch früh an der Zeit, so kam doch bald ein süßer Schlummer über den müden Wanderer. Mitten in der Nacht erwachte ich. Ein langer gleißender Lichtstreif floß über mich hin, und im ersten Taumel glaubte ich, die Decke brenne. Ich fuhr auf und sah durch eine Dachspalte in den lieben Mond, der da herein seinen harmlosen Glanz ergoß. Ich öffnete die Türe und trat hinaus an die Leiter. Unendliche, tiefe Bergeinsamkeit im verklärenden Mondenschimmer! Die stillen Alpenweiden, die starren Schrofen, die hohen Jöcher mit den glänzenden Schneefeldern, alles so lautlos und feierlich! Nur der Bach, der tosende, sprach sein Wort in dieser Stille und war zehnmal wilder als am hellen Tage. Als ich in der Frühe die Decke abgeschüttelt und die Türe geöffnet hatte, war alles neblig, um und um, die Bergspitzen sämtlich verhüllt, selbst die niedern Weiden nicht frei. Gleichwohl hoffte ich, die Luft würde ihren Trübsinn noch zeitig lassen, und machte mich auf, den Bach entlang gegen Alpein zu gehen, da ich denn, einmal in solcher Nähe, nicht gerne wieder abziehen wollte, ohne den Ferner gesehen zu haben. Ich kam bis an den hohen Bergvorhang, wo der Steig steil aufwärts geht. Dort ist ein brüllender Wasserfall, der stäubend in ein Felsengrab springt, um sich in grauenvollen Wirbeln wieder daraus loszureißen. Als ich mit wonnevollem Grausen das Bild beschaute, begann es zu regnen. So kehrte ich zurück zu meiner lieben Sennerin. Das Mädchen war noch so trutzlich wie am Abende vorher. Ich dachte, wir würden uns jetzt bei dem trüben Regen durch Gespräch die Zeit vertreiben und unsre Ideen friedfertig austauschen, allein sie hatte genug an den ihren und wollte nichts von den meinigen. Drum setzte ich mich allein ins Kämmerlein, zog meinen Bleistift heraus und schrieb an meinem Tagebuche, während das Wasser draußen plätschernd von den Schindeln lief. So wartete ich bis zehn Uhr, und da hörte zwar der Regen auf, aber die Nebel saßen noch immer fest im Tale, und es schien nicht, als wenn sie sich verziehen wollten. Deswegen mußte ich mich leider mit den bereits gesehenen Fernern trösten und den schönen von Alpein sich selbst überlassen. Also ging ich – und niemand gab mir das Geleite, nicht einmal bis zur Türe – bergabwärts, einen sehr gangbaren Weg, kam noch durch ein Dorf von Sennhütten und dann wieder in ständig bewohnte Gegenden, wo hübsche Häuser, steinerne und hölzerne, eines über dem andern an den Halden hinauf standen, umgeben von Gerstenfeldern, die eben gemäht waren, bis herab nach Neustift, das in einem milden Tale liegt, im grünen Laub der Bäume, die sich an dem Fernerbach hinziehen, wie die Weiden an den Lechkanälen bei Augsburg. Wer sich hier umdreht, der sieht im Hintergrunde des Tales den Wilden Pfaffen, dessen höchste Spitze, das Zuckerhütel, 11 100 Fuß hoch und die erhabenste ist im Stubaiergebirge. Da ich nicht gerne einen Zug verschweige, der irgend einen mißfälligen Schatten mildern kann, so erwähne ich auch mit Vergnügen, daß mir der Wirt von Neustift anvertraute, das Mädchen auf der Alm zu Isse sei eine besonders brave und rechtschaffene Person. Aber gar so viel wenig reden tut sie – meinte ich. »Ach«, sagte der andere, »sie würde schon freundlicher sein, wenn sie besser mit Ihnen bekannt wäre.« Ich dankte ihm herzlich für diese Beruhigung. Bahnhofsabenteuer   In Holzkirchen Wer etwa am 13. August zu Holzkirchen auf dem Bahnhof war, der wird sich noch lange erinnern, wie es damals bald nach Mittag zuging. Daß das reisende Publikum den Gedanken nicht los wird: es seien alle Beförderungsanstalten nur seinetwegen da! Daher das viele Schimpfen und ›Aufbegehren‹, welches den guten Sitten so zuwider ist und mitunter sogar den Respekt gegen Kondukteure und Bahnbeamte verletzt – während der Pilger jene Institute doch eigentlich als eine Gottesgabe, als ein himmlisches Gnadenbrot erachten sollte, für welches seine Fahrtaxen nur als eine Art Stolgebühren wie bei Kindstaufen und Hochzeiten erscheinen, wobei alles Räsonieren wegen mangelhafter Verrichtung gänzlich ausgeschlossen ist. Hundert Menschen also sprangen damals aus den Wagen und stürzten dahin, um die hintere Front des Bahnhofs zu gewinnen, wo das ehrsame Holzkirchen sich darstellte und die blauen Alpen, leider aber nur vier oder fünf Stellwagen. Über letzteres verdüstert, griffen manche sogleich zum Wanderstab, der sie wenigstens bis zu Holzkirchens Sommerkellern geleitet haben mag, die andern aber warfen sich zurück und auf eine kleine Schießscharte im Bahnhof, die dem Publikum einen vielbeschäftigten Mann im blauen Rock bis zum Kinn hinauf sichtbar werden ließ, der die Billette für die Stellwagen langsam austeilte. Und da entstand ein Gedränge, welches man wegen der mancherlei dabei beteiligten Damen und bei der jetzigen Bildung der Touristen fast erstaunlich nennen konnte, denn sie haben sich, um mit Kobell zu reden, ›die schönste Sottise gesacht‹. Doch die Miesbacher und die Schlierseer kamen glücklich davon in ihrer gelben Arche, aber wir Tegernseer stritten zu dreißig sehr höflich um Einlaß in einen schmalen Kasten, der kaum ein halb Dutzend fassen konnte. »Man lasse Wagen kommen aus dem Markt!« herrschte sofort eine Stimme in blauem Rock, die dieser Not ein Ende machen wollte. Sehr traurig ist es aber, daß der Markt nicht da steht, wo man den Bahnhof hingebaut, und daß der Tag so heiß war; denn als man nach einer halben Stunde nachfragte, hatte es wegen der tropischen Hitze niemand gewagt, in den Flecken hineinzutraben, und über die Wagen war gar keine Kundschaft einzuziehen. Denkende Reisende finden aber leicht einen Trost im Ungemach, und so setzten sich ihrer drei zum Tarock zusammen, spielten zwanzig Sölchen ›ohne Fragen‹, ehrlich und wohlgemut, bis endlich zwei Vehikel daherschaukelten, eng, aber doch gemütlich, welche sich entschuldigten, daß die Pferde auf dem Feld gewesen und die Knechte nicht daheim – worauf sich dann die braven Landfahrer nach anderthalb Stunden mit lächelndem Brummen in diesen Gehäusen verloren. »Bei uns«, sagte ein Stuttgarter – und sein schwäbischer Dialekt ließ seine Reden noch fremdartiger klingen –, »weiß man bei gutem Wetter immer, daß mehr Leute kommen, und da tät' man den Posthalter zwingen, daß er lieber einen Wagen zuviel schickt als zuwenig – und wenn einer leer bleibt, so kann er'n wieder heimführen.« Neues Beispiel von der tiefen Kluft zwischen den deutschen Stämmen! Diese grausame Energie der Schwaben gegen die Herren vom Dienst, und dabei der unwürdige Servilismus gegen das Publikum! Wie ganz anders ist das bei uns! Einen bayerischen Posthalter zwingen – mich überlief es kalt!   In Prien Der Bahnhof zu Prien hat übrigens eine etwas schalkhafte Natur, vor der wir warnen zu dürfen glauben. Freundlich lassen die Leiter des Zugs die harmlosen Fremdlinge aussteigen und rufen ihnen traulich zu: »Erquicket und labet euch!« Mitunter aber setzt sich ohne ein Zeichen, einen Ruf oder Pfiff die Maschine plötzlich in Bewegung und enteilt mit dem Zug, noch lange verfolgt von den Wehrufen und Verwünschungen derer, die sie zurückgelassen. Wer erinnert sich nicht an den melancholischen Fall, als am 12. Mai vergangenen Jahres auch zwei angesehene Herren aus Tirol zur Stelle waren, ein geistlicher und ein weltlicher, vielleicht gar ein Reichsrat, welche sich in die nächste Nähe zerstreut hatten und plötzlich mit peinlicher Überraschung die Lokomotive ohne allen Abschiedsgruß davonjagen sahen. Der eine Herr, der weltliche, sprang zwar noch auf Leben und Tod in einen Packwagen hinein, der andere, der geistliche, welcher sparsamerweise von seinen beiden Beinen weder das linke noch das rechte riskieren wollte, blieb zurück, machte noch eine sprechende Gebärde und begab sich dann, aufrechterhalten durch die Tröstungen der Philosophie, ins Wirtshaus, wo er nicht weniger von der Freundlichkeit der Bedienung als von der Bildung der dort versammelten Honoratioren überrascht war. Teilnahmsvoll sagten ihm die Eingebornen, daß sie an den Anblick Zurückgebliebener schon gewöhnt seien, da dieses unabwendbare Mißgeschick nicht gar selten hereinbreche. Und auch am 23. Juli soeben, als ich in dritter Klasse fuhr, da ich wie Herzog Ludwig zu Giengen ›unter meinem Volk‹ sein wollte und vor der geschlossenen Wagentüre stand, ging der Zug urplötzlich unter meinen Händen davon, so daß der nächstgelegene Kondukteur nicht einmal die Türe mehr öffnen, sondern mir nur zuschreien konnte, mich zu retten, wie ich könne. Worauf ich denn nachlaufend noch zufällig ein anderes Pförtchen offen und dort auch den besagten Kondukteur wiederfand, welcher mir auf die Bemerkung, daß ich mich diesmal über solche Manier gleichwohl beschweren werde, den freundlichen Rat erteilte: ich solle lieber der Vorsehung danken, daß ich nach allem diesem noch meine geraden Glieder habe. Wünschenswert wäre es aber gleichwohl, daß eine Methode erdacht würde, um künftig auch auf der Station zu Prien (nach einigen, aber wenigen der Hauptsitz der alten Horazischen Breuni oder der Breonenser) eine halbe Minute vor Abgang ein Warnungszeichen zu geben – eine Rücksicht, welche, wenn auch nicht die Einheimischen, so doch die fremden Reisenden zu verdienen scheinen. Im Pferdewagen   Von Miesbach nach Bayrischzell Früher konnte ich mich über gar nichts ärgern – jetzt habe ich auch dies gelernt und ärgere mich oft den ganzen Tag. In der Frühe verdroß mich schon, daß die Wagen dritter Klasse des Königreichs Bayern keine Haken besitzen, so daß man bei der hydraulischen Einpfropfung, welcher die Fahrgäste trotz 25° R. unterliegen, Joppen, Ränzel und andere Reisekleinodien unter die Bank werfen muß, wonach denn auch die Füße geniert sind und die Kleinodien schmutzig werden. Mittag um 12 Uhr 10 Minuten ärgerte mich zu Miesbach, daß sich der Posthalterssohn von *** ins Kabriolett des Omnibus setzte, welches ich selbst aspiriert hatte, in der Meinung, daß die Posthalterssöhne der Gegend in den Bauch des Wagens gehören, weil sie ihre Landschaft täglich vor Augen haben und die bequemen Schauplätze den Fremden überlassen sollen. Mit den höckerigen Sitzen der engen Kalesche versöhnten mich gleichwohl die Blumengirlanden, welche sie heute, als am Tag ihres Hinscheidens, zierten, denn morgen schon wird die Eisenbahn bis Schliers eröffnet. Sonst könnte man sich allerdings mehrfach über bayerische Omnibusse und Stellwagen ärgern, namentlich über jenen, welcher vor zwei Jahren von Wolfratshausen nach München fuhr – vielleicht jetzt noch fährt – und sich, zerrissen und zerflickt wie er war oder ist, geradezu jeder patriotischen Beschreibung entzieht. * Die afrikanische Sonne des letzten Tags im Juli lag so schwer über dem Bezirksamt Miesbach und machte mich so müd und träge, daß ich nach einem Einspänner zu trachten begann, denn die Entstehung und Jungfernfahrt des neuen Omnibus wollte ich doch nicht abwarten. Ich sprach eine nahegelegene Bäuerin an, welche bereitwillig den Gaul von der Weide holen und das Wägelchen zurechtstellen ließ. Alles schien nach Wunsch zu gehen, als ich unvorsichtigerweise fragte, was es koste bis nach Bayrischzell. Jetzt fiel's der Bäuerin siedheiß ein, daß sie darum eigentlich den ›Herrn‹ fragen müsse. »Und der Herr?« »Ist auf der Alm«, sagte die Frau, »da werden S' wohl nicht warten mögen, bis ich 'nauf g'schickt hab'.« Im nächsten Wirtshaus fragte ich wieder. Die Frau Wirtin, welche herausgeholt wurde, ein Wesen von so liebenswürdigen Manieren, daß sie in Knigges ›Umgang mit Menschen‹ als illustriertes Paradigma aufzustellen wäre, sie schaute mich überzwerch an und fragte mit Fernhaltung aller zeitraubenden Begrüßungsformeln: »Was wollen S' denn?« »Einen Einspänner nach Bayrischzell, und was kostet er?« »Ja, da muß ich zuerst den Herrn fragen«, antwortete die unterwürfige Gattin, drehte sich und kam nicht wieder. Wahrscheinlich war der Herr über Land gegangen. So zogen wir denn etwas ärgerlich ins grüne Tal der Leizach ein, den wilden Wendelstein vor unsern müden Augen, und sehnten uns fortwährend, nach Bayrischzell zu fahren. Nach einer heißen Stunde kam zu gutem Trost wieder ein Wirtshaus heran. Ein junger Mann, der zu der Anstalt gehörte, ließ sich über den Gegenstand unserer Sehnsucht bald in ein freundliches Gespräch mit uns ein. Trotz seiner sehr schlichten ›Montur‹ zeigte er in seiner Unterhaltung gleichwohl bedeutende Spuren gelehrter Studien, die er in früherer Zeit getrieben. Aber bei uns auf dem Lande braucht man glücklicherweise so wenig zu denken – etliche Priester und Beamte besorgen dies aus Gefälligkeit für alle –, daß man zuletzt selbst die Gewohnheit ablegt. Infolgedessen verlor sich denn auch der Gelehrte von der Leizach zu meinem großen Vergnügen in nachstehende drollige ›Diskurrierung‹. Erstens sei kein Gaul da; zweitens sei zwar einer da, aber dieser jetzt zu müde von der Arbeit. Übrigens seien wir auch zu schwer (ich führte nämlich meine zwei halberwachsenen Kinder mit mir). »Was, zu schwer?« Ja, so ein Rössel ziehe zwar an Sonn- und Feiertagen oft zehn und zwölf Personen vom Wirtshaus heim, aber am Werktag dürfe man ihm so viel nicht zumuten, namentlich wenn es die ganze Woche nichts zu tun gehabt habe. Doch könnten wir immerhin fahren, nur wolle der Knecht nicht einspannen, weil schon Feierabend sei, und er auch nicht, weil er keine Knechtsarbeit tue. Nichtsdestoweniger würde er gleich einspannen, aber er wisse nicht, was es koste, denn er sei nicht der Herr im Hause, sondern sein Vater. »Und der Vater?« »Ist nach München gereist, so daß ich ihn nicht einmal fragen kann.« »Könnten Sie ihm denn nicht telegraphieren? Ich würde die Rückantwort gern bezahlen.« »Ja, jetzt ist er vielleicht im Volkstheater, im Singelspielerkeller, oder er sieht den Walfisch auf der Dult an – wer wird ihn finden?« Daß sich Mann und Frau, Vater und Sohn im Leizachtal über den Preis eines Einspänners nach Bayrischzell ein für allemal verständigen und denselben das ganze Jahr im Gedächtnis behalten, scheint eine geistige Unternehmung, die für dieses einfache und unverdorbene Volk noch zu schwierig ist und zu ihrem Gelingen wahrscheinlich viel vorgeschrittenere Zustände erheischt. Hier kann nur ein Schulgesetz helfen! ruft vielleicht ein Fortschrittler aus. Ach, laßt uns unsere Einfalt und unsern Glauben! sagt der Patriot; mag es auch eine Unbequemlichkeit für den müden Wanderer sein, wenn er bei großer Hitze an drei fertigen Einspännern vorübergehen muß, weil niemand weiß, was es kosten soll, so liegt doch so viel Unschuld und Uneigennützigkeit darin, wie ihr sie anderswo vergeblich suchen werdet. Wollt ihr auch diese Unbequemlichkeit, wollt ihr denn alles verwischen, was unsern Nationalcharakter und uns selbst im Wellengang der Geschichte aufrechterhalten kann? Ich ärgerte mich aber schon wieder und sprach in gereiztem Tone: »Erwägen Sie alles und tun Sie, was Ihnen das beste dünkt. Wir gehen jetzt unserer Wege, um auf Ihre Erwägungen nicht durch unsere Gegenwart zu drücken. Wenn Sie uns nachfahren, so steigen wir ein; wo nicht, so werden wir die Zell auch zu Fuß noch erreichen.« Wir waren aber kaum die Hälfte des Wegs, nämlich eine Stunde, gegangen, als der Einspänner lustig daherfuhr und uns aufnahm. Immer noch ärgerlich sagte ich hiebei: »Diese Stunde, die wir jetzt gegangen sind, hätten Sie uns wohl ersparen können. Es ist nicht auszuhalten mit euch. Ihr müßt entschiedener, rascher, prompter werden!« »Ja natürlich!« entgegnete der Philosoph von der Leizach kopfschüttelnd, »die Promptheit hat schon manchen auf die Gant gebracht.« Übrigens würden wir noch früh genug nach Bayrischzell kommen und auch den Herrn Inspektor treffen, einen gebildeten und beredten Mann. Er habe so einen spanischen Namen und werde deshalb wahrscheinlich ein Polak sein.   Von Innsbruck nach Landeck Am Zweiten fuhren wir von Innsbruck nach Landeck. Wer von der Landeshauptstadt gen Niedergang oder Westen trachtet, der gerät bekanntlich wieder in die Region der Stellwagen, denn die Bahn über den Arlberg ist wohl versprochen, aber noch nicht angefangen. In den letzten dreißig Jahren hat sich nun viel verändert auf dieser Welt, aber der rätische Stellwagen ist sich gleichgeblieben ... Auch ein anderer Gegenstand ist noch unverändert derselbe, nämlich der tirolische Stellwagenkutscher. Die mächtigsten Potentaten haben sich mittlerweile beschränkende Konstitutionen gefallen lassen und auf die teuersten Kronrechte verzichtet, aber die Tyrannei des Stellwagenkutschers ist noch ungebrochen. »So, Frau Doktorin«, sagt er grüßend zu einer alten, dicken Baderswitwe, die an der Straße schon mit etlichen Schachteln wartet, »so, Frau Doktorin, steigen Sie hinten nur einhi: es ist noch Platz genueg!« »'s sin' schon acht herinnen!« jammern da acht männliche und weibliche Stimmen aus dem Kasten heraus, »mehr gehen nicht herein!« »O, da sind schon elf und zwölfe drinnen gesessen. Lassen Sie die Frau Doktorin nur einhi und verteilen Sie Ihre Schachteln untereinand, damit's keinen Unfrieden giebt; der Weg ist einmal z' naß für a solche Frau!« Während die Frau Doktorin hinten einsteigt, setzen sich vorne auf den Bock zwei engere Freunde des Tyrannen, die mit ihren breiten Buckeln und Hüten ganze Täler verdecken. »Aber man zahlt ja mehr fürs Kabriolett, weil man etwas sehen will!« »Ja, die Burschen da wollen halt auch was sehen. Sie müssen grad zwischen durchschauen. Das gewöhnt sich bald.« Da der Kutscher meistens jung ist, so spielt neben Vater Bacchus auch Frau Venus in den Geschäftsgang sehr merklich hinein. Damals war kein Wirtshäuslein talauf und -ab, in welchem unser Hänsele nicht beiden Gottheiten opferte. Es wäre ihm aber auch gar zu schwer geworden, sie zu umgehen. Mehreremal schien er mit sich selbst zu ringen, aber wenn die liebliche Schenkin auf die steinerne Vortreppe trat und wehmütig nachrief: »Hänsele, fahrst gar vorbei?«, so bewirkte dies jeweils in seinem Innern einen vollständigen Umschag. »Richtig«, sagte er dann, wie wenn ihm etwas Vergessenes wieder eingefallen wäre, »richtig, da muß ich ja einen Brief abgeben! Kimm glei wieder.« So ging er hinein in den Venusberg und ließ uns nur das Nachsehen. Meistens blieb er so lange aus, daß er alle zehn Gebote hätte übertreten können, doch nehmen wir lieber an, daß er kein einziges verletzt habe. Angenehmer wäre es allerdings gewesen, wenn er uns zu seinen unschuldigen Freuden Zutritt gestattet hätte, allein sein ›Kimm glei wieder‹ war für uns ein verständlicher Wink, den Wagen nicht zu verlassen, so daß uns nichts übrig blieb, als mittlerweile auf trockenen Sitzen die Natur zu bewundern. Leider aber wurde uns dann an den statutenmäßigen Erholungspausen, das heißt auf den Umspannstationen, die Zeit wieder abgeschunden, welche Hansele bei seinem sporadischen Götterdienst vertragen hatte. So kam es, daß wir Passagiere untertags beim besten Willen kaum unsern ordentlichen Mannstrunk zuwege brachten, während wir seinen Konsum ungefähr auf fünfzehn Seidel anschlugen. Nicht leugnen wollen wir aber, daß uns in diesen Tagen die innere Schönheit des Fuhrmannslebens wieder von neuem aufging. Was mag für einen empfindsamen Jüngling wünschenswerter sein, als die Jahre der Jugend so gewissermaßen in einer Pappelallee von trauten Freundinnen zu verleben, täglich mit ihnen zu verkehren und seine Ideen alle mit ihnen auszutauschen! Ja, wir erkannten neuerdings, welch tiefes und wahres Gefühl in jener Strophe liegt, die ein niederbayerisches Liedchen schließt und also lautet: Fuhrmannsbue bin ich schon fünfthalb Jahr, Fuhrmannsbue bleib ich noch lang; Kann wohl sein daß ich stirb, Eh' ich was anders anfang. Die Audorfer Almen Aus dem grünen Tal von Bayrischzell steigt man bekanntlich zu den Audorfer Almen hinauf. Die Audorfer Almen sind im ganzen bayerischen Gebirg eigentlich das empfehlenswerteste Stück für das große Publikum, weil sie leicht zu begehen und nicht übermäßig lang, dabei lieblich, großartig, mit weiten Fernsichten und mit kleinen Schönheiten an der Hand gar reichlich ausgestattet sind – eine Landschaft, wie eigens geschaffen für Reisende, die zwar den Schwindel nicht lieben und das Klettern an den Schrofen nicht gelernt haben, aber doch gern auf den Bergen wandeln, sohin für Hofräte und Professoren aus allen vier Fakultäten, ihre Gattinnen und Töchter, für Staatsanwälte, Oberappell-, Oberpost- und Regierungsräte sowie deren Gattinnen und Töchter, für Buchhändler, Rechtsanwälte und Strohhutfabrikanten, für Malerinnen und Dichterinnen – kurz für alle Gebildeten beiderlei Geschlechts, also namentlich auch für dahin zu rechnende Berliner, Dresdener, Hamburger, Lübecker, deren Gattinnen und Töchter. Es ist zu hoffen oder zu fürchten, daß dieser Berggang, ehe wir uns umsehen, ins große Weltgetriebe wird hineingerissen sein; denn wenn der Tourist jetzt auf der Eisenbahn um acht Uhr in Schliers, so kann er nach neun Uhr in Bayrischzell, nach zehn Uhr auf der Höhe, des Nachmittags aber zu Audorf im Inntal und abends wieder in unserm München sein oder aber von Audorf aus die Reise über den Brenner nach Italien fortsetzen und dabei von diesem eintägigen Gang eine Erinnerung aus der Alpenwelt mitnehmen, wie sie selbst mehrtägige Wanderungen nicht vollständiger bieten möchten, eine Erinnerung an steile Bergwege, nasse Mooswiesen, schlüpfrige Stiegel, an stille Triften mit Speik, Madaun und Edelweiß (dieses jedoch etwas höher), Herdengeläute in den verschiedensten Stimmungen, Sennerinnen mit Milch, Schotten und Butter, Sennhütten mit den Kabylen-Schlachten von L. Wenzel in Wissembourg, welcher bekanntlich, da die Münchener Künstler keine Zeit finden, die altbayerischen ›Kaser‹ mit seinen Bilderbogen dekoriert, ferner an Waldschluchten, Wasserfälle, Felsenwände, alles hübsch hergerichtet und malerisch zusammengestellt (wenn auch zur Zeit ohne Führer und Maulesel), so daß der Flachländer, der Büro- und Komptoirmensch aus den Städten der Niederung mit dieser einzigen Erinnerung sein ganzes hölzernes Leben auspolstern und für den Abendtrunk immer ein schönes Souvenir, sei es an die Blumen, sei es an die Sennerin, an den Kot der Almen oder an die Felsenwände und Wasserfälle bereithalten kann. Wer auf dem steilen, waldschattigen Steig von Bayrischzell herauf die Audorfer Almen erreicht hatte, der mußte seit vielen Jahren auch noch zu den Sennhütten von Grafenherberg hinan und dann einen rauhen Weg hinuntersteigen, um wieder in die ebene Richtung zu gelangen – eine Abschweifung, die nur eine unnütze Ermüdung bot und keine innere Bedeutung hatte. Nach den Spezialkarten schien zwar ein näherer und wohl auch bequemerer Weg unten am Bache zu gehen, allein da waren seit zwanzig Jahren alle Stege zerfallen, und die grause Schlucht war keinem Menschen mehr zugänglich. Der Nationalcharakter schien die Unbequemlichkeit des Umwegs über Grafenherberg dringend zu erheischen; erst Herr Oberförster Rodt von Audorf wagte es, mit derselben zu brechen, die Stege wiederherzustellen und den Pfad am Bach wieder gangbar zu machen. Dieser aber ist märchenhaft schön. Dort in der Schlucht grünen riesige Huflattiche, blühen prächtige Blumen der seltensten Art; selbst die bewußte ›blaue Blume‹ dürfte, wenn irgendwo, nur hier zu finden sein. Dabei geht der schmale Pfad, immer wechselnd, über die schwanken Stege hin und her, bald einmal hoch an der Halde, bald wieder unten am Bache, welcher hier harmlos dahinrieselt, dort in rauschenden Wasserfällen kopfüber stürzt. Einmal steigt das Weglein gar auf kunstlosen Stufen rasch und tief hinunter in dunkle Waldnacht, rechts und links die nacktesten Felsenwände, oben der schmale Himmel mit seinen Sommerwölkchen, der wie Abschied nehmend hereinschaut. Dort ist eine Stelle, wo die Blumen neigen und winken, die Fichten säuseln, die Wasser rauschen, die wenigen Sonnenstrahlen so seltsam auf den Felsplatten und durch die Zweige spielen, daß den Wanderer ein ganzer Schauer von Romantik überläuft und daß er wieder an Wassernixen, Waldweiblein, Tatzelwürmer und alles mögliche zu glauben anfängt. An letztere um so mehr, als ›Der feurige Tatzelwurm‹ bereits in der Nähe ist, um den müden Fremdling aufzunehmen und zu laben. Wenn dieser nämlich aus dem Walde tritt, so steht er plötzlich vor einem niedlichen Häuschen mit vorspringendem Dach und einer Altane, an welcher ein Schild hängt. Auf diesem ist ein fabelhafter Drache oder etwas idealisierter Tatzelwurm aufgemalt, wie derselbe im Gebirge noch zuweilen gesehen werden will. Neben dem Häuschen, unter wehenden Buchen, sind etliche Tische und Stühle so einladend hingestellt, daß selten ein Wanderer dem süßen Drange zu rasten widerstehen mag. Und wenn er sich niedergelassen und den ersten Trunk getan, übergibt er sich gern der schönen Aussicht, die da so unerwartet aufgegangen, und verfolgt in stillem Vergnügen den gewundenen Gang des grünen Tals, das sich reich an Wies' und Wald, an Hütten und Höfen bis zum Innstrom hinauszieht. Über diesen herüber aber schauen die Wilden Kaiser, mächtig übereinanderwogend, bis zum ›feurigen Tatzelwurm‹ herein. Und damit keine Schönheit der Alpenwelt vermißt werde, ergießt sich wenige Schritte oberhalb dieser Stätte ein höchst eleganter Wasserfall in eine schwindelige Tiefe, über welche eine hölzerne Brücke gelegt ist, auch eine Brücke, ›die da stäubet‹ und die man gerade so gut Teufelsbrücke nennen könnte, wie so manche andere, die solchen Ehrennamen vielleicht weniger verdient. Kaum aber hat sich das Wasser in der blauen Gumpe, welche jedoch rote Steinwände umstarren, aus seiner Bestürzung wieder gesammelt und einige Ruhe gewonnen, so wirft es sich alsbald über zwei andere Felsenstufen hinunter, so daß zwei neue Wasserfälle entstehen, welche, tief in dem Spalt des unzugänglichen Gesteins verborgen, seit Erschaffung der Welt den gebildeten Völkern unbekannt blieben und erst vor drei Jahren durch gut angebrachte Felsenwege und Wasserstege zugänglich und sichtbar geworden sind. Die Wege und Stege sowie die Sprengung des Felsens, nach welcher jene erst möglich wurden, sind ebenfalls dem Herrn Oberförster von Audorf zu danken, der auch dem Straßenbau in seinem Bergrevier vielen Eifer zuwendet, nicht immer gefördert von den Bauern, die das Holz lieber im Walde verfaulen lassen, als bei solchen Dingen mithelfen. Jene drei Wasserfälle übereinander werden übrigens von einigen Autoritäten für das schönste Phänomen ihrer Art im bayerischen Gebirg erachtet. Der Wanderer, das heißt der Mensch, der eine gesunde Bewegung machen, seine Erübrigungen in fremde Länder tragen und die Welt sehen will, derselbe, nach welchem Rom, Florenz und Venedig seufzen, den die alemannische, die Fränkische und die Sächsische Schweiz, der Rheinstrom und die Pyrenäenbäder sich in ungezählter Zahl herbeiwünschen, in der Gebirgspolitik der unteren Obrigkeiten hier in Bayern und im Lande Tirol spielt er eigentlich zur Zeit noch gar keine Rolle. Sie lassen ihn seine Pfade im Nebel selber suchen und stellen ihm nicht einmal Wegweiser, viel weniger Ruhebänke zum Ausrasten hin. Über sumpfige Wiesen verlässige Bretter, an schwindlige Steige sichernde Geländer zu legen und andere solche Aufgaben der Nächstenliebe, sie scheinen sie lediglich den kommenden Jahrhunderten vorbehalten zu wollen. Aufmerksamer auf das allgemeine Wohl, aufmerksamer als alle Obrigkeiten war aber Simon, der Schweinsteiger, der biedere Landsasse von und zu Hinterschweinsteig, ein Bauer aus einer uralten Familie, welcher in der Nähe auf seinem Hofe waltete, der als Swinstic schon im zwölften Jahrhunderte erwähnt wird. Dieser verfiel zuerst auf den Gedanken, hier an den Wasserfällen, wo die Wilden Kaiser so schön hereinschauen, ein Wirtshäuslein zu errichten, auf daß seine und des Vaterlandes Gastlichkeit zu Ehren komme vor der Welt. Fünfzehn Jahre lang mußte er zwar bei Landgericht, Regierung und Ministerium sowie bei verschiedenen anderen Behörden anklopfen, Schriften verfassen und sich abweisen lassen, allein zuletzt erreichte er doch sein menschenfreundliches Ziel, und jetzt steht das erquickende Häuslein da und hat jeder Wanderer seine Freude daran. Am fünfzehnten August, am Himmelfahrtstage 1863, im prächtigen Sonnenglanze, unter Mitwirkung vieler angesehener Herren und Frauen, wurde dasselbe festlich eingeweiht und der schöne Schild ›Zum feurigen Tatzelwurm‹, welchen Herr A. Vischer, der großherzoglich badische Hofmaler, spendiert hatte, mit großem Gepränge unter Böllerschüssen und Festreden aufgestellt. Bald wurde dem biedern Wirte auch ein Fremdenbuch verehrt, in welches sich die zahlreichen Touristen, unter Beifügung von Zeichnungen und Gedichten, so fleißig einschrieben, daß in nicht langer Zeit ein zweites notwendig wurde. Dieses hat Herr Doktor Volk, unser Parlamentsredner, auch ein Freund des Tatzelwurms, als Andenken dahin gewidmet. Er trägt in Anspielung auf des Wirtes Namen das Motto: ›Wo die Schweine steigen, müssen die Steine schweigen‹ – ein rätselhaftes Wort, das in seiner mystischen Vieldeutigkeit schon zu mancherlei Auslegungen geführt hat. Seit der Zeit besorgt des Schweinsteigers Tochter die Wirtschaft mit emsigem Fleiße und großer Reinlichkeit. Der Wanderer findet da jede Labung, die er auf solcher Höhe billig erwarten kann. Bei Regenwetter hat sich schon mancher eingeschlossene Gast mit den Fremdenbüchern vergnügt, welche bei ihrem Reichtum an Dichtungen aller Art eine gute Einsicht in die Bestrebungen und die Fortschritte der neuesten deutschen Poesie gewähren. So ist denn hier für feinere Kultur eine segensreiche Stätte eröffnet, an welcher die Alpenjugend beiderlei Geschlechts, die allerdings noch einiger Nachhilfe bedarf, leicht manche fördernde Anregung entgegennehmen mag. Das Bett im Pfarrhof Wer macht sich wohl im geselligen Flachlande eine richtige Anschauung von dem Leben dieser hochgebirgischen Dorfkapläne? Drei Viertel des Jahres liegen sie unter Schnee, und in der ›apern‹ Zeit läßt ihnen Mutter Natur kaum die Erdäpfel im Garten reifen. Jahraus, jahrein leben sie da in ihrem engen Häuschen mit der nächsten Aussicht auf den Friedhof und verlassen es nur, um den Verrichtungen in der Kirche oder der Seelsorge auf den Höhen herum nachzugehen oder zu einem einsamen Spaziergang, der nur den Wiesenpfad talein- oder -auswärts verfolgen kann, denn ringsumher sind steile Wände. Für gesellige Naturen mag es ein Labsal sein, daß sie niemand hindert, müden Wanderern eine Herberge zu geben. Da findet sich doch alle acht Tage einmal Anlaß, etwas zu reden, man hört wieder von der Welt und in neueren Zeiten oft von fernen Ländern, von den Britannischen Inseln, von Skandinavien und dem äußersten Thule. Mancher Engländer, mancher Normann bleibt, durch Unwetter aufgehalten, etliche Tage sitzen und erzählt zur Kürzung der Stunden von seinem Lande und seiner Vaterstadt. Davon haftet dann manches im Gedächtnis, und man muß sich oft wundern, wie der geistliche Gastfreund, der nie über die Grenzen seines Bistums hinausgekommen, an einem andern Ende des Weltteils ganz gut Bescheid weiß und Verhältnisse kennt, die aus Büchern gar nicht zu lernen wären. In allen Fällen wird man die Aufnahme freundlich finden, und wenn auch der Tisch etwas zu wünschen übrigläßt, so wird das Lager doch überall befriedigen. Billige Rechnung ist ein Ehrenpunkt, da man's lieber ganz umsonst täte, wenn die Mittel ausreichten. In manchen Häusern darf sich die Köchin gar nicht in die Sache mischen, weil der Hausherr fürchtet, sie möchte zu fiskalisch dareingehen. So kommt dann der gute Wirt selbst mit der Kreide, schlägt die einzelnen Posten vor, ladet den Gast ein, seine Erinnerungen vorzubringen, schreibt jedes Sümmchen nur nieder, wenn es vorher gebilligt worden, und so wird denn im friedlichen Einverständnis der Betrag der mäßigen Vergütung festgesetzt. Spät war es ohnedem schon gewesen, als ich von Schruns emporstieg, die Landschaft hatte ich auch etwas zu lange betrachtet, und so wurde es eine schwierige Frage, wo das Nachtquartier zu nehmen, denn nach der Post zu Talaas, welches im Klostertale unten am andern Fuße der Höhe liegt, schien's zu weit, und auf dem Berge ist kein Wirtshaus. Die Leute, die in den Wiesen mähten, begrüßten mich in meiner Verspätung mit teilnehmenden Bedenklichkeiten und meinten, es wäre am besten, im inneren Bartholomäusberg beim Kuraten zuzusprechen, der ein gastfreundlicher Herr sei und schon manchmal verspätete Fremde über Nacht behalten habe. Dem Rate folgend, ging ich, als die Kirche des inneren Berges erreicht war, auf das hölzerne Haus zu, das danebenstand, und trat ein. Ein Frauenzimmer in der Tracht des Tales kam mir entgegen und fragte, was ich begehre. Darauf gab ich zur Antwort: »Eine Nachtherberge.« Sie maß mich von Fuß zu Kopf und umgekehrt, schaute mir wiederholt ins Gesicht und sagte: »Der Herr ist nicht daheim, und hier ist auch kein Wirtshaus.« Ich erwiderte darauf, es wäre nicht das erstemal, daß ich von den menschenfreundlichen Geistlichen über Nacht behalten worden, wogegen sie den Bescheid gab: »Das ist hier nicht der Brauch; geht nur wieder Eurer Wege.« Damit also ging ich auch wieder meiner Wege, und zwar so rüstig, als ich konnte und als es der Pfad, der immer mehr in die Höhe stieg, erlaubte. Das Kirchlein auf dem Christberg lag noch weit oben an dem Kamm in einer grünen Matte, auf welche die letzten Strahlen der Abendsonne fielen. Diesen blickte ich von jetzt an mit Besorgnis nach, wie sie allmählich von der grünen Halde wegzogen und den roten Schrofen hinaufglitten, der zur Rechten stand, bis nur mehr die oberste Spitze des Felsens feurig erglänzte, dann auch diese verglomm und zu gleicher Zeit die Abendglocke vom Christberg hernieder tönte. Jetzt kam auch die Dämmerung ungerufen aus dem Tal herauf, und als ich endlich das kleine Kirchlein, das mir so lange als Richtziel vor Augen gestanden, und das hölzerne Häuschen dabei erreicht hatte, war es hier auf der Höhe schon mehr Zwielicht als Tag, im Tale unten aber völlige Nacht. Der Grat des Berges schien nur mehr wenige Schritte entfernt, aber jenseits mußte es bodenlos tief hinuntergehen in das Tal von Talaas – so viel war noch aus der Landkarte zu entnehmen. In finsterer Nacht da durch den Wald auf jähem Steige mutterseelenallein abwärts zu trippeln, das dünkte mir nun allerwege nicht geheuer, und so meinte ich, es wäre wohl sicherer, bei dem Meßner zu bleiben. Ging also auf das Häuschen zu, schob das Fensterchen zurück und rief hinein, worauf aber niemand antwortete als ein schreiendes Kind. Als ich nun in die Hütte selber trat und die Türe der schon ganz finsteren Kammer auftat, kam mir aus dem schwarzen Gemach der übelriechende Qualm einer geheizten Kinderstube warnend entgegen. Die ›Goben‹ fingen noch heftiger zu schreien an, eine kreischende Altweiberstimme klang abwehrend dazwischen, und ein schwarzer Spitz, der eine Katze verfolgte, fuhr mir ahnungsreich durch die Füße. Das war zuviel auf einmal – auf nach Talaas! In meiner Eile und bei so später Tageszeit konnte ich auch die kleine Kirche zu St. Agatha nicht mehr besehen, die beim Volke als die älteste des Montafons gilt, im Äußern der von St. Martin bei Ludesch ähnlich ist und im Innern noch sehr altertümliches Aussehen bewahrt hat. Auch der Heilige Theodul ist darin aufgestellt, weil im Silbertale unten einst Walser seßhaft waren. Bald war ich oben auf dem Grate, und dort erlaubte ich mir noch einmal umzublicken auf das nachtende Tal und stand staunend da, als ich mir gegenüber die blendend weißen Hörner des Rätikons erblickte, die auf der goldnen Glorie des letzten Abendlichtes in wunderbarer Herrlichkeit emporstiegen, hoch erhaben über alle Berge, die man sah. Vor mir aber, und dies war das Schauerliche, gähnte gerade hinunter ein höllenschwarzer Schlund, und drüben ganz nahe drohten breitschultrige finstere Bergwände, viel höher als der Christberg. Aus der Schlucht blinzelte kein Licht herauf, kein weißer Punkt bedeutete ein Häuschen, die Waldvögel hatten ausgesungen, und die Abendglocken waren auch schon lange verklungen – es war alles stille und schwarz wie eine ungeheure Gruft, in der die Lampe ausgelöscht. Ich kam mir sehr einsam vor in meiner Höhe und dachte ziemlich übel von der spröden Montafonerin, die mich mit so schnöden Worten in die größte Gefahr gejagt, gegen Talaas hinunterstürzend das Genick zu brechen. In solchen Gedanken setzte ich an und verfolgte sorgsam den jähen Steig, der in unaufhörlichem Zickzack, holperig, schmal und abschüssig zu Tal führte. Je tiefer hinunter, desto finsterer, und als ich schon, übersatt der Mühsal, bald ›am Land‹ zu sein vermeinte, kam ich auf ein frei vortretendes Wiesplätzchen und genoß da das wenig tröstende Vergnügen, ins Tal hinabzusehen, wo die Lichter blitzten und einige weiße Häuser flimmerten, aber noch so tief unten, als hätte ich noch gar nichts getan und gelitten. Um diese Weile war's auch gänzliche Nacht geworden und der Pfad kaum mehr zu sehen – und nicht allein daß schier alles Licht vergangen, sondern nun zeigten sich auch Stellen, wo die Wege wirr durcheinanderliefen und zusammenkamen und sich zerstreuten, so daß ich auch ein paarmal die Fährte verlor und es erst gewahrte, als ich an schroffen Klippen stand, wo alle Spur verschwand. Dann galt es den Weg wieder mühsam zurück zu suchen und wieder einen andern zu finden, wobei ich zu wiederholten Malen an die Montafonerin dachte, und zwar immer boshafter. Nun war's aber bald gewonnen; ich kam aus dem Wald ins enge Tal und hörte wieder Hundebellen und sah nicht mehr so ferne erleuchtete Fenster. Der Weg, noch immer steil abwärts führend, wurde etwas leidlicher; aus dem Dunkel stieg ein Bauernhaus, vor dem die Mädchen singend auf der Sommerbank saßen, dann noch ein paar Häuser, und endlich trat ich ganz durchschüttert, mit gebrochenen Knien, schweißtriefend auf die Landstraße. Das war in der Tat eine Behaglichkeit des angenehmsten Eindruckes, diese halbe Viertelstunde noch auf ebenem Boden zugehen, der mir jetzt weicher und bequemer vorkam als indische Teppiche. In Talaas ist ein Posthaus, das dem wandernden Dulder leckere Forellen und trefflichen Wein bot. Dem Postmeister erzählte ich meine Fahrt vom Christberg herunter, lebhaft, wie sie mir noch in allen Gliedern lag, und meinem guten Glauben an die Waglichkeit derselben tat es keinen Eintrag, als er mir entgegenhielt, daß der Steig so ärgerlich nicht sei, sintemal auf demselben auch Vieh getrieben werde, denn ein eingebornes Rindchen kann da am hellen Tage leicht seinen Weg finden, wo ein fremder Mensch in finsterer Nacht den Hals bricht. Doch war er so gefällig zu gestehen, er sei auf diesem Gange bei Nachtzeit auch schon ein paarmal in den Tobel geraten und nur mit Angst und Not wieder herausgekommen. Dabei verbot er mir übrigens, von dem Priesterhause im innern Berge übel zu denken. Der Kurat sei ein besonders lieber Herr, und wenn er daheim gewesen, wäre gewiß alles anders gegangen. Davon bin ich jetzt auch überzeugt, und später hat sich's aufgeklärt, daß ich selbst von dem Frauenzimmer sicherlich andern Bescheid erhalten, wenn sie nicht ein Umstand in Unruhe gesetzt und ihr Gemüt gewaltsam aufgeregt hätte. Damals nämlich hatte ich den Bart vier Wochen lang nicht geschoren und so ein Äußeres gewonnen, wie es im Montafon nicht gerne gesehen wird. Das Unheimliche und Verdächtige des Bartes allein hatte die Abweisung veranlaßt, was andern zur Lehre dienen mag, diesen unsozialen Zierat im Gebirge möglichst kurz zu halten. Heizprobleme Der Herr Kurat ließ nun zwar zum Willkomm sofort die Becher füllen, und wir setzten uns zu viert – denn auch Herr Pertmer war noch unter uns – an den gastlichen Tisch; aber es wollte sich doch der rechte Humor nicht einstellen. Es fehlte ein gewisses Etwas, während ein anderes Etwas sich ungebührlich vordrängte. Jenes möchte ich behagliche Wärme, dieses fröstelnde Kälte nennen. Ja, wir saßen alle mit blauen Nasen da, und der vereinigte Dampf unseres Atems wälzte sich über den Tisch hin wie Pulverwolken über ein Schlachtfeld. Der Herr Kurat schien auch zu bemerken, daß mir nicht ganz wohl zumute sei. »Sind wohl etwas warm geworden da über den Berg herauf?« »Allerdings, aber um so kälter find' ich's hier.« »Ojerum, will gleich eine Wildschur bringen.« »Nein, bitte, lassen Sie lieber einheizen!« (Es steht nämlich ein sehr achtbarer Ofen in dem Zimmer.) Der Gedanke schien an und für sich schon rebellisch – doch wurde die Häuserin gerufen. »Was«, sagte diese, »übermorgen ist erst St.-Markus-Tag, und hier heizt man nicht vor Galli!« Im Gebirge hat nämlich jedes Dorf nach seiner warmen oder kalten Lage seinen eigenen Ofenheiligen, welcher es, wie man glaubt, übelnimmt, wenn die Ortsangehörigen einheizen, ehe er seinen Namenstag gefeiert. »Den Herrn Kuraten«, setzte sie hinzu, »friert's auch erst am Galli-Tag.« »Aber den Hochwürdigen von Laurein hat's gestern abend schon gefroren und liegt doch nicht so hoch wie ihr. Dort gibt's eine warme Stube.« »Der Herr Kurat da unten«, entgegnete sie schnippisch, »kann sich über den alten Brauch hinaussetzen, wann er will, aber wir da oben halten ihn.« »Und derweilen erfrieren wir mitten im Urwald.« Aber mit einer Häuserin, welche von so festen Prinzipien ausgeht, ist es schwer zu streiten. Die Vertreterin des guten alten Brauchs stand da dem Neuerer, der sich nur auf seine blaue Nase stützen konnte, in überlegener Höhe gegenüber. Ich zog meinen Antrag beschämt zurück und schlüpfte in die freundlich dargebotene Wildschur. Bald schien auch der Wein seine wohltätige Wirkung zu bewähren, und unsere Gespräche über die armen, aber ehrlichen Proveiser wurden bald so warm, daß sie auch die Stube zu erwärmen schienen, so daß in einer halben Stunde die reinste Behaglichkeit zu herrschen begann. * Das gesamte Heizungswesen der Deutschtiroler – von den Welschtirolern ganz zu schweigen – liegt noch in der Kindheit, oder vielmehr: es ist uralt, aber vor Alter wieder kindisch geworden. Da steht noch allenthalben der Ofen aus Kaiser Maximilians Tagen wie eine feste Burg in der Stube – vier Mann können ihn kaum umspannen, und keiner reicht mit der Hand an seine Zinnen. Vulkane von solcher Mächtigkeit waren erlaubt, als das Holz noch wertlos; jetzt, da es teuer geworden, verstoßen sie gegen die Vernunft. Mit weniger als einem halben Klafter sind jene Gebäude überhaupt nicht zu erwärmen, wenn sie aber einmal in Hitze geraten sind, läßt man sie wochenlang fortbrennen wie die Hochöfen. Eine warme Stube vergönnt man sich also nur im tiefen Winter; in kalten Lenz- und Herbsttagen hüllt man sich lediglich in die eigene Entsagung oder in die Erinnerung an den heißen Sommer ein. Die erlaubte Behaglichkeit, mittels kleiner Öfen sich, so oft es wünschenswert, auf kurze Zeit das Kämmerlein zu wärmen, diese kennen nur etliche Fortschrittler, Freimaurer und andre problematische Naturen in den größeren Städten. Als vor ein paar fahren zu Meran einmal im September ganz eisige Winde eintraten und das Thermometer fast auf den Gefrierpunkt fiel und die nordischen Traubengäste ganz ›griechenblau‹ herumliefen, erschien den Meranern eine Anspielung auf den Ofen gleichwohl als eine Versündigung an ihrem herrlichen Klima und ihren tausendjährigen Überlieferungen. »Einheizen tun wir nur im Winter«, sagten sie, »jetzt ist erst Herbst.« So wird es auch auf der Post in Höllenstein gehalten, obgleich sie 4500 Fuß über dem Meere liegt und daher die kalte Jahreszeit hier viel früher anfängt als zu Meran. Zudem zählten wir an diesem Tage schon den 19. September. Im Wirtshaus Also kam ich an und begrüßte meine alte Freundin, die gute Frau**, recht herzlich, fand aber einen ganz andern Empfang als sonst. »Tut mir leid«, sprach sie mit sehr kühlem Bedauern, »nichts mehr frei!« – »Ei was«, sagte ich, »gar nichts mehr? Ich nehme ja mit allem fürlieb.« – »Nein, gar nichts mehr.« – »Ja, was fang' ich an?« – »Müssen halt anderswo schauen.« – »Können Sie denn nicht herumschicken?« – »Wir haben keine überflüssigen Leute.« Also fort in die finstre Nacht hinaus – denn die Straßenbeleuchtung lag damals noch in den Windeln –, zuerst zum ›Stern‹, dann zum ›Ochsen‹, dann zum ›Hirschen‹ und zu den anderen Bestien, bis endlich eine ihre Arme auftat und den müden Wanderer willkommen hieß. Wer nun aber die nächtliche Dunkelheit der kleinen tirolischen Städte und ihrer Wirtshäuser nicht kennt, weiß auch nicht, wie schauerlich eine solche Lage ist. Wenn die Gäste um diese Zeit gehen, werden zwar die Lichter ausgelöscht, aber die Kellnerin legt sich noch nicht zu Bette, sondern lehnt sich an den Ofen und schläft ein. Das Haustor steht wohl noch auf, führt aber in einen Vorplatz, der nicht beleuchtet ist. Dort lauert auf den harmlosen Wanderer nicht selten eine unvermutete Staffel, um ihn tückisch zu Falle zu bringen. Jedenfalls leidet der Boden des Torwegs an allerlei Löchern, und der arme Wanderer kann dreimal auf die Nase fallen, ehe er nur tappend die steinerne Stiege erreicht. In diesem Momente pflegen ihn die blutdürstigen Haushunde zu hören – wenn er nicht schon vorher über sie gestolpert ist, denn sie legen sich sehr gern auf seine Pfade –, und er kann dreimal zerrissen werden, ehe er nur drei Stufen erstiegen hat. Endlich erwacht die Kellnerin und bringt die Köter zu einiger Ruhe. Der weitere Verlauf und die Rettung des Wanderers hängt dann von den Umständen ab. Er kann möglicherweise auch zum zweiten und dritten Male abgewiesen werden. Ein leidenschaftlicher Hang zur Unbequemlichkeit ist den Altbayern, bei allen ihren sonstigen Tugenden, ohnedem nicht abzusprechen. Man hält viel auf Sitzbänke, die zu schmal, auf Betten, die zu kurz sind, und auch die Wohltat einer leichten Sommerdecke schleicht sich erst allmählich ein in schwerem Kampf mit den alten winterlichen zentnerschweren ›Plumeaus‹, dem Stolz der Wirtinnen. Man macht sich auch wenig daraus, wenn eine Tür so krachend zufällt, daß bei Nacht alle Schläfer erwachen, wenn irgendwo ein Nagel herausschaut, an dem sich die Kleider reißen, oder ein Balken, an dem man den Kopf anstößt. So zum Beispiel findet sich beim Husarenwirt zu Garmisch im obern Stock ein Ort, den man täglich besucht und an dessen Türpfosten ein überflüssiges Brett so weit heruntergenagelt ist, daß sich jeder, der das Rekrutenmaß hat, das Haupt anrennt. Wenn dann der Unglückliche mit der Hand vor der Stirn und dem Ausdruck des Leidens im Angesicht wieder herniedersteigt, so lächelt die Husarenwirtin freundlich, als wenn etwas eingetroffen, was sie längst vorausgesehen, und sagt dann schmeichelnd: »Haben sich gewiß da oben angestoßen! Ja, ja, da stoßt sich jedermann an, das weiß ich schon!« Weil es aber ein altes Herkommen ist, so bleibt es bei dem Brett, und die Eingebornen, die von Jugend auf sich zu bücken gewöhnt sind, würden es wohl auch ungern vermissen. * Ein oft bemerkter Charakterzug ist auch eine moralische Abneigung gegen schöne Aussichten. So ein Wirt gewahr wird, daß sich die Fremden an seinem Fenster über die Aussicht freuen, so setzt er schnell, wenn er keine Holzhütte braucht, wenigstens ein paar Bäume davor. Ein ehemaliger Posthalter in Tegernsee errichtete sogar gerade zwischen dem Posthaus und dem See ein neues Wohngebäude, damit den Reisenden das herrliche Gewässer nicht zu sehr in die Augen steche. In Walchensee ist's, wenn ich mich recht erinnere, ebenso; in Seeshaupt hat man den Schirm etwas auf die Seite gesetzt; in Possenhofen legt man jetzt zu demselben Zweck einen Obstgarten an und so weiter. Es ist dies übrigens eine Eigentümlichkeit, die man bis Meran hinein verfolgen kann. * Die früheren bayerischen Kellnerinnen, die schlanken, leichten, neckischen Elfen, haben sich nahezu verloren. Die schönen kann man, wie vielfache Erfahrungen gezeigt, länger als drei Vierteljahre nicht im Hause behalten, und der ewige Wechsel ist zu lästig. Man wählt jetzt lieber garstige, die über Hoffnung wie Furcht hinaus sind und ihren Dienst oft sehr pflichtgetreu verrichten, nur daß die Grazie fehlt. Immerhin ist man noch stets viel wohliger daran als mit dem vornehmen, windigen Kellnertroß in den großen deutschen Hotels. Statt der frischen, lustigen, goldgelben Biere kommen jetzt auf dem flachen Lande die traurigen, brenzlichen, dunkelroten schon mehr und mehr in Schwung, weil profitabler für die Wirte, welche, wie man unter vier Augen gesteht, hier noch ein erkleckliches nachgießen können, ohne daß die Farbe darunter leidet. Das scheint mir der Anfang vom Ende. Übrigens wie im glücklichen Hellas sieben Städte um die Heimat Homers, so streiten im glücklichen Bayern sieben oder noch mehr brave Landstädtchen um den Ruhm, das beste Nationalgetränk zu brauen – ich aber lege meinen Lorbeerkranz auf das ehrenreiche Bräuhaus zu Tegernsee, wo der uneigennützige Königssohn eine lautere Quelle strömen läßt, an der sich im Sommer alle deutschen Völker von Auf- und Niedergang, alle politischen Parteien mit Dank und Verehrung laben, Großdeutsche und Gothaer, wie die zukunftsvollen Anhänger der Trias, ja selbst die Demokraten, insofern man bei der letzten Volkszählung überhaupt noch Anhänger dieser widerwärtigen Sekte gefunden haben sollte.   In Bayrischzell Auch die Wirtsleute sind bieder und freundlich, obgleich sie in der Woche nur zweimal eine Postverbindung genießen, und ich hatte fast nichts mehr, um mich zu ärgern, als die Erinnerung, daß in Schliers die neuen Kartoffeln eben ausgegangen und in Bayrischzell dieselben noch nicht angekommen waren; daß man in letzterem Ort, nach der Härte des Weißbrots zu urteilen, nur alle drei Monate zu backen scheint; daß das Nationalgetränk allenthalben, wo es versucht wurde, matt und lau war – was vollkommene Unkenntnis der kühlenden Kräfte unseres vaterländischen Eises verriet; daß man sich hin und wieder nicht entblödet, einem neuen Gast ein altes Tischtuch vorzubreiten, und daß die unendliche Reihe oder die feste Kette von Kalbsschnitzeln, die den Reisenden wochenlang umgürtet, nur selten durch eine Forelle oder ein Huhn gesprengt werden kann, da ihr Preis für mich und andere am Werktag zu hoch ist. Drum habe ich schon öfter gesagt: Wer im Bayerischen Gebirg angenehm leben will, muß eigentlich nach Tirol gehen. Und so sehne ich mich auch jetzt, nach dieser ersten Serie vaterländischer Reisebegebenheiten, wieder ziemlich stark nach dem teuren Lande der Glaubenseinheit.   In Ospedale Wenn der Forscher die Art und Weise der Menschen kennenlernen will, sie aber unterwegs nicht trifft, so bleibt ihm nichts übrig, als ins Wirtshaus zu gehen. Dort findet er wenigstens den Herrn, die Frau oder die Kellnerin, die ihm einstweilen als Repräsentanten des Volksschlages gelten können. Aus diesem Motiv kehrte ich auch, als ich erst eine oder zwei Stunden über Schluderbach hinausgekommen, in dem kümmerlichen Wirtshaus zu Ospedale ein. Es ist das erste welsche Haus an der Straße. Sein zerlumptes Aussehen gemahnte mich lebhaft, daß ich das moderne flotte Pustertal hinter mir und das uralte, aber wurmstichige Italien vor mir habe. In seinen Räumen bewegte sich eine junge, fast elegante Dame, die Gemahlin des Hoteliers von Ospedale, durch deren schwarze Haare sich ein messingener Reif zog. Sie sah wirklich etwas distinguiert und vornehm aus, war vielleicht vom seme puramente latino , vielleicht eine Enkelin der römischen Legionen, die einst hier lagerten, vielleicht Italianissima. Jedenfalls schien sie über ihre bescheidene Lage hoch erhaben und ihre niedere Umgebung nicht im mindesten zu beachten, denn Tische, Stühle, Fenster, Boden, Wände, ihre eigenen Kinder – alles war über die Maßen schmutzig. Ich nahm folgerichtig an, daß sich die Padrona auch um Knödel, Strauben, Krapfen, um Ragout, Schnitzel und Hammelbraten wie um andere vergängliche Dinge nicht halb soviel zu schaffen machen dürfte als ihre anspruchslose Kollegin in Höllenstein. Überdies liest sie vielleicht den Dante mit den neuesten Kommentaren, während die andere nur stellenweise die alte oder neue ›Presse‹ hernimmt. Wäre ich ein Sänger oder Held, so würde ich die Dame von Ospedale feiern, aber als hungriger Wanderer, der ich öfter, und als bescheidener Liebhaber guter Speise, der ich immer bin, muß ich unbedingt der Frau von Höllenstein den Vorzug geben. Sie beide ergänzen sich gegenseitig – die Herren Ghedina in Ampezzo sollten sie zusammen auf eine Leinwand malen – es wäre ein Bild wie Overbecks ›Germania und Italia‹. In diesen beiden Figuren, würde Riehl sagen, liegt eine ganze Geschichte.   In Alpbach An einem Abend des vorigen Sommers saßen wir einmal zu fünft oder sechst in der Restauration am Bahnhof beisammen und berieten, was anderen Tages bei schönem Wetter zu tun sein möchte. Leni, die Kellnerin, welche im Alpbach gebürtig, beriet ebenfalls mit und meinte, wir sollten gerade dahin gehen, da Feiertag sei und ein Umgang gehalten werde. Für ein halbes oder ganzes Dutzend von Leuten sei die Wirtin immer eingerichtet, und wir würden auch unangesagt gute Zehrung finden. Mit unserem unumgänglichen Gefolge schlugen wir uns auch nicht höher an als auf zehn oder zwölf Personen. Etwas spät, fast acht Uhr war es schon, als wir uns zusammenfanden und den Gang begannen. Glücklich hatten wir bald darauf den Wiesensteig hinter dem Bade Mehren bewältigt und sprangen eben über den Stiegel, als uns der erste Alpbäcker – der Schmalzjackel war's – begegnete. »So«, sagte er, »geht ihr auch ins Alpbach! Sind schon viele voraus.« – »Wie, viele voraus? Ja, wer denn?« – »Oh, Stadtleute genug; Herren, Frauen, Buben, Mädeln – leicht ihrer dreißig.« Wir sahen uns bedenklich an. Was soll das werden, wenn schon dreißig kerngesunde Konsumenten voraus sind, alle mit den gleichen Aspirationen wie wir! Nichtsdestoweniger schritten wir unerschrocken weiter, weil wir dem Alpbäcker nicht recht glauben wollten; aber wir zweifelten mit Unrecht an seiner Wahrhaftigkeit, denn seine Aussage fand bald volle Bestätigung. Der Weg zieht sich lange und, wie schon früher bemerkt, ziemlich steil und rauh in die Höhe, an den Stationen des Leidens Christi hin. Solange es nun aufwärts ging, konnte ich nur gleichen Schritt mit den übrigen halten; aber als die Höhe erreicht war und der Pfad sich wieder abwärts senkte, eilte ich voraus so rasch als möglich, um der Gefahr ins Auge zu sehen. Und wie der Alpbäcker gesagt, es fanden sich da Herrenleute genug, in kleinen, niedlichen Häufchen, ganz morgenfrisch dahinpilgernd und feiertäglich aufgelegt. Ach, da war der Herr Akzessist, der Herr Leutnant, der Herr Vikar, der Herr Assessor, der Herr Notar, der Herr Bezirks-Appellations-, Oberappellations-Gerichtsrat, der Herr Staatsanwalt, der Herr Direktor – viele mit Gattinnen und Töchtern, welche Blumen pflückten, mit Söhnen und Hofmeistern, welche Schmetterlinge fingen, mit Gouvernanten, welche französisch sprachen – richtig gezählt und uns eingerechnet, an die siebenunddreißig Seelen. Sie waren teils von selbst auf den gleichen Gedanken verfallen, teils hatten sie von unserem Vorhaben gehört und dasselbe nachahmungswert gefunden. Eine tüchtige Ladung war auch vor ein paar Stunden erst aus der bayerischen Landeshauptstadt mit der Eisenbahn dahergekommen, hatte sofort von dem Programm gehört und es ebenfalls angenommen. So schritt ich nun durch die einzelnen Häufchen ängstlich dahin, wurde zwar von allen freundlichst begrüßt, aber auch immer, gleichsam als verantwortlicher Unternehmer, befragt, ob es denn hinten im Alpbach auch etwas zu essen gebe. »Forellen?« lispelte der Herr Staatsanwalt; »Hühner?« säuselte der Herr Direktor. »Laßt ihn nur machen«, schmeichelten die Rätinnen, »er wird schon für uns sorgen.« Je mehr sie ihre Liebenswürdigkeit an mir ausließen, desto schwerer fühlte ich die Bürde meiner Stellung. Endlich kam ich als der erste im Wirtshause an, erhitzt und aufgeregt, stürzte in die Küche, wurde von meiner alten Freundin herzlich aufgenommen und sprach: »Aber heute wird's uns schlecht gehen, Frau Knollin!« – »Ja, warum denn?« – »Ja, so viele Leute!« – »Ei, das ist ja die größte Ehre für uns!« – »Ihrer siebenunddreißig!« – »Immer noch nicht zuviel!« – »Wollen alle Forellen!« – »Sollen auch alle haben.« – »Gewiß?« – »Ja gewiß. Ist ja der ganze G'halter voll.« – »Aber Hühner wollen sie vielleicht auch!« – »Hätt' auch siebenunddreißig Hühner!« – »O edles Weib«, sprach ich, »wer kann dir's lohnen? Welche Angst hab' ich ausgestanden und wie glorreich ziehst du mich aus der Patsche!« – Sie lächelte milde über den Kleingläubigen. Ich gab ihr das Wort, nie mehr an ihr zu verzweifeln. Alsbald aber schickte sie ›zu ihren Mannen allen‹, das heißt zu allen Mädchen und Weibern, die abstechen und rupfen, sieden und braten konnten, im ganzen Lande Alpbach, und in wenigen Minuten regten sich zwanzig geschäftige Hände in der großen Küche, still und lautlos, wie von einem Geist beseelt, um das barmherzige Werk, die Speisung der Hungrigen, einem gedeihlichen Ende zuzuführen. Und als ich sie bald danach alle so fröhlich beisammen sah, meine lieben Landsleute, an den frischen, weißen Tischtüchern, vor den perlenden Pokalen, und als Hansel, der Erstgeborene des Hauses, in schneeweißen Hemdärmeln, den Hut auf dem Kopfe und eine Nelke im Mündlein, die Leckerbissen nacheinander auftrug, als jeder Hungrige sein Schwänzchen und, wer da wollte, auch sein Hühnlein vor sich sah, da kam eine selige Ruhe über mich, wie ich sie lange nicht mehr genossen. Bald stiegen auch die Alpbäcker ›Herren‹, nämlich die geistlichen – denn andere gibt es hier nicht –, vom Pfarrhof hernieder, um mit uns eine frohe Stunde zu verleben. Überdies gingen zwei liebliche Mädchen oder – was poetischer klingen möchte – zwei blühende Hirtentöchter im Feiertagsgewand vorüber, welche schüchtern hinauflugten nach unserer Tafel, die im Freien unter der vorspringenden Laube aufgeschlagen war. Kaum bemerkt, waren sie aber von Hansel auch schon verraten als Chorsängerinnen, die recht schön jodeln könnten. Sofort sprangen unsere Jünglinge auf, um sie mit freundlichen Worten abzufangen. Sie widerstrebten nicht lange, zumal da ihnen der Herr Kurat und der Hilfspriester zuwinkten und gewissermaßen eine obwohl unnötige Bürgschaft für unsere gute Aufführung übernahmen. Also setzten sie sich an unseren Tisch und begannen zu singen, und der Herr Lehrer mit seiner jungen Frau sang auch mit. Selbst die bajuwarischen Kehlen unsrer Würdenträger, ihrer Gattinnen, Söhne und Töchter mischten sich stark und milde in den schallenden Klang.   Im Etschtal Bei Trient sowenig als bei Roveredo findet sich ein schattiges Plätzchen, wo der Fremde niedersitzen und in deutscher Weise bei mäßiger Erfrischung einen Dichter lesen oder die schöne Landschaft betrachten könnte. Die nächste Umgebung der Städte ist ohnedies, wie zu Bozen, durch die hohen Gartenmauern, zwischen denen sich enge staubige Sträßchen durchwinden, unangenehm und widerwärtig. Das Etschland von Meran bis an die Veroneser Klause gehört immerhin zu den schönsten Gegenden Deutschlands, wenn man so sagen darf, da unsre Zunge bekanntlich zu Salurn erstirbt. Es streitet mit den gefeiertsten Landschaften am Rheinstrom. Die Etsch trägt zwar keine Schiffe und keine Gondeln, sondern nur Flöße, aber die Berge sind mächtiger als am Rhein; auch Burgen, Schlösser, Ruinen und anderes romantisches Zeug ist in Fülle vorhanden. Alte und uralte Kirchen ragen mystisch in die Gegenwart herein. Malerische Dörfer liegen im Tal oder klettern an den Abhängen hin und her. Trient mit seinem Kastell, seinem alten Dom und seiner reichen Geschichte kann hier einigermaßen Mainz oder Köln vertreten. Ferner fehlt's nicht an bedeutsamen Liedern und Sagen, denn um dieses Gebirg herum spielen ja die alten ostgotischen und lombardischen Mären, auf denen jetzt freilich schon viel Staub liegt. Aber die angenehmen Gasthöfe, nicht die europäischen und teuren zu Mainz und Köln, sondern jene einladenden, reinlichen, billigen in den kleineren Orten, diese Gasthöfe mit den niedlichen Gärten und den Springbrunnen darinnen, oder auch jene idealen Wirtshäuschen, die unter der Linde am Strom oder auf einer Felsennase oder auf einem alten Turme liegen, die der Flaggenstock bezeichnet und Blumen und Büsche verkleiden – jene reizenden Örtlichkeiten, wo sich der Herr Pfarrer und der Herr Bürgermeister einfinden und die schönen Töchter des Landes allmählich zu singen beginnen, daß es von den Bergen widerhallt, während der Rüdesheimer im Glase und der Abendstern am Himmel funkelt – jene Gasthöfe und diese Kneipen und so viele andere kleine Freuden, die das Leben am Rhein so herrlich dahinfließen lassen, sie fehlen hier an der Etsch fast ganz und gar. In den Landhäusern allerdings, zu Kaltern, zu Margreit, zu Matzon und anderswo, fühlt der Gast die Beschwerden dieses Jammertals nicht, sondern verlebt vielmehr im Herbst bei liebenswürdigen Familien die schönsten Tage – aber nicht jeder gute Deutsche kann da zu Gaste gehen, und wer in den gewöhnlichen Landwirtshäusern unterkommen muß, der zieht wohl bald wieder weiter, so dürftig, schmutzig, unheimlich sind die meisten schon auf der deutschen Seite, geschweige denn auf der welschen. Was wir damit eigentlich sagen wollen, hat der denkende Leser wohl schon herausgefunden. Es sollte nur angedeutet werden, daß zwischen Bozen und der Veroneser Klause (auch in der Valsugana und im Nonsberg) für den behaglichen Aufenthalt gebildeter Menschen noch sehr wenig geschehen sei, obgleich die Landschaft für Frühling und Herbst – im Sommer ist's zu heiß – so freundlich und einladend herzurichten wäre wie die Gegenden am Rheinstrom und am Genfersee. Es ist noch viel unwirtliches Land in den Alpen, das mit der Zeit den reisenden Kindern der Welt dienstbar gemacht werden sollte, damit sie nicht wie jetzt, in wenige Lieblingsorte zusammengepfercht, einander zu sehr im Weg umgehen. Das Engadin hat im letzten Jahrzehnt einen völligen Umschlag erlebt und statt der schmutzigen Herbergen, die es früher verunzierten, eine ganze Reihe der angenehmsten neuen Gasthöfe erhalten. So kann man sich auch in eine schöne etschländische Zukunft hineinträumen, wo die beiden Nationen, die sich die Landschaft teilen, einen heroischen Anlauf nehmen und sie wirtlich herstellen, wo dann eine Menge achtbarer Familien – wenn auch protestantische – dort ihre Ferienwochen zubringen und bei den Wirten und Handwerksleuten ebenso beliebt sein werden wie am Rheinstrom oder am Genfersee. Angenehme Ruhe Behandeln wir nun zum Beispiel den Schlaf, dessen Notwendigkeit niemand bestreiten wird, am wenigsten der Alpenwanderer, der sein Tagwerk todesmüde im Wirtshaus beschließt. Wir wollen aber eigentlich auch nicht von dem Schlafe sprechen, sondern von allerlei Umständen, die ihm feindlich sind. Ganz schonungslos wird der Schlaf in Tirol behandelt. Die Tiroler sind so geartet oder erzogen, daß sie auch beim größten Lärm nicht aufwachen oder doch gleich wieder einschlafen, während die deutsche Touristenwelt, die ja zumeist aus Denkern besteht, sehr leicht aufwacht und sehr schwer wieder einschläft, weil alle ihre literarischen, historischen, philosophischen Fragen, die Sorge für das deutsche Reich, dessen Schicksale und Geldbedürfnisse sie bei Nacht dermaßen überfallen, daß sie die erwünschte Ruhe nicht mehr finden kann. Mit besonderer Angst sehen aber die germanischen Wanderer in Tirol den hohen Festtagen entgegen. Da wird des Morgens um drei oder vier Uhr von allen Türmen mit allen Glocken der Tag angeläutet und dazu aus allen vorrätigen Böllern geschossen. Das mächtige, aber schön gestimmte Glockengeläute verhallt nun allerdings nach wenigen Minuten, und der fremde Gast denkt sich gutmütigerweise: ›Es war doch ein wohlklingender, erhebender Akkord, der mein Herz erfreute und es aufwärts zog.‹ Er begütigt sich und legt sich auf die andere Seite, aber die Böller schließen ihren höllischen Rachen nicht, sondern krachen sporadisch und heimtückisch fort, alle fünf, alle zehn, alle fünfzehn Minuten, so daß der müde Wanderer gewiß kein Auge mehr schließen kann, um so weniger, als mit der sechsten Stunde das allgemeine Geläute wieder beginnt, um mit einigen Unterbrechungen bis Mittag fortzudauern. Dieselbe krachende Beehrung wird auch den kaiserlichen Prinzen und den hohen Würdenträgern, zum Beispiel dem Statthalter, dem hochwürdigsten Bischof, gewidmet, wenn sie zufällig in einem ländlichen Orte übernachten. Wie dankbar wären ihnen die fremden Gäste, namentlich die Leidenden, die Kranken, deren sich doch überall finden, wenn die hohen Herren auf diesen sinnlosen Lärm verzichten würden oder ihn auf sieben Uhr verlegen ließen, wo die Böller für den Unbefangenen noch ebenso erquickend knallen wie des Morgens um vier Uhr. Die Tiroler sind in diesem Stücke nach unseren Begriffen wirklich zu nachsichtig. So kam es im letzten Frühjahre zu Bozen vor, daß am 23. April ein wahrhaft fürchterliches Schießen aus ungezählten Feuerschlünden die ganze Stadt schon um drei Uhr aus dem Schlafe schreckte. Niemand wußte sich die Sache zu erklären; die meisten glaubten, da für den Vierundzwanzigsten die Feier der silbernen Hochzeit des Kaiserpaares bevorstand, so möchte etwa übertriebener Pflichteifer die Kanonade schon um einen Tag früher angeordnet haben – aber dies war nicht richtig; vielmehr feierte an jenem Tage der ehrengeachtete Ganznerbauer am Berg seine Vermählung mit einer Jungfrau des Landes, und dieses Ereignis schien ihm wichtig und erfreulich genug, um der ganzen Stadt schon vor Tagesanbruch durch Böllerknall verkündet zu werden. Die Fremden waren damals sehr gereizt und klagten über die mutwillige Störung ihrer Nachtruhe; die Eingeborenen aber lächelten und fanden, daß sich der biedere Landmann einen ganz niedlichen Jux gemacht. »Er heiratet ja nicht alle Tage; man muß ihm die Freude lassen!« Ein guter Bekannter fand diese Störung des nächtlichen Einerleis sogar ganz allerliebst, gestand aber im weiteren Verlauf des Gesprächs etwas verlegen, daß er – sie ganz verschlafen habe. Übrigens wird dieses Schießen, soweit es die kirchlichen Festtage verherrlichen soll, an einigen Orten eingehalten, an anderen wieder nicht. Der hochwürdige Klerus hat nichts damit zu tun – es sind meist Bauersleute, die trotz der schweren Zeiten noch einen überflüssigen Groschen in der Tasche finden und sich desselben zur Plage ihrer Mitmenschen zu entledigen trachten. Um so leichter könnte man diese lästige Volksbelustigung beseitigen, wenn man wollte. Auch wäre noch zu bedenken, daß kein Jahr verstreicht, ohne daß dabei Unfälle vorkommen und Menschenleben verlorengehen. Schwerer wäre es wohl, die schlafenden Wanderer vom Wetterläuten zu erlösen. Dieses erklingt mitunter plötzlich in stiller Mitternacht oder um den ersten Hahnschrei und kommt oft unter einer Stunde nicht zur Ruhe. Ist der Kurat ›wettergerecht‹, das heißt, ist seine Weihe so kräftig, daß die Gewitter in seinem Sprengel keinen Schaden tun, so darf der Meßner wohl etwas saumselig sein – fehlt aber jener Zauber, so muß dieser schon beim ersten fernen Blitze die Glocke rühren und darf damit erst aufhören, wenn des weichenden Donners letztes Brummen verhallt ist. Nachlässigkeit in diesem Stücke pflegen die Bauern streng zu ahnden. Darum wird auch der Meßner, wenn er neue Wolken aufsteigen sieht, lieber gleich zu läuten fortfahren, so daß es dann oft die halbe Nacht andauert. Dieses Wetterläuten ist schon oft verboten worden – unter Joseph II., unter der bayerischen Regierung und seitdem wohl abermals, aber des Landmanns Herz hängt noch fest daran, obgleich der unendliche Schaden, den die tirolischen Gewitter in neuerer Zeit herbeigeführt, sehr deutlich zeigt, daß sie sich nicht wegläuten lassen. Der Bauer glaubt einmal an einen erzürnten Gott, dessen Grimm durch den melodischen Klang geweihter Glocken besänftigt werde – freilich oft nur so, daß er die Fluren schont, aber den Meßner totschlägt, welch letzteres gar nicht selten vorkommt. Auch ist der Glaube noch nicht ganz aufgegeben, daß es eigentlich die Hexen seien, die die Wetter bereiten, und daß diese durch das Geläute der Glocken verscheucht werden. Daß ein guter Wirt wie ein guter Engel über den Schlaf seiner Gäste wachen soll, scheint uns soviel als ausgemacht, aber in Tirol findet man solche Engel sehr selten. Sowie es Tag wird, beginnt die Arbeit; der Hausknecht ruft dem Fütterer, der Fuhrmann dem Hausknecht, und alle rufen mit jenen kräftigen, gurgelnden Alpenstimmen, die keine Rücksicht dämpft; im Korridor klopft die ›Zimmerin‹ alle Touristenröcke aus; auf der Gasse geht das Schnalzen an; vor dem Hause laden sie Steine ab, im Hofe laden sie Dünger auf. Mitunter scheint es gar, als ob man einem verehrten Gaste eine besondere Ovation dieser Gattung bringen wolle. So erwachte ich einmal zu K** an einem sehr nahen Lärm, obgleich es erst fünf Uhr morgens war. Ich sah schnell zum Fenster hinaus und gewahrte, daß die alte Altane renoviert, die alten Bretter aufgehoben und statt deren neue verlegt werden sollten. Dabei hackten und hämmerten drei oder vier Zimmerleute nach Leibeskräften. Es war gleichwohl St. Johannis des Täufers Tag, der doch in der ganzen katholischen Christenheit als ein hoher Festtag gefeiert wird. Ich fragte die Arbeiter entrüstet, ob sie denn nie vom heiligen Mann im Schafspelze gehört, der von Heuschrecken und Honigwaben gelebt und Christus getauft habe; ob sie nicht wüßten, daß heute sein Namenstag sei. Die entmenschten Zimmerleute kehrten sich aber kaum um, und nur einer ließ sich zu den Worten herbei: »Sankt Johann hin, Sankt Johann her; die Altane muß heut fertig werden. So ist's uns angeschafft!« Der Gast schellte hierauf der Kellnerin, welche aber sehr spät erschien, da sie sich erst anziehen mußte. Er stellte ihr vor, daß sein Gastrecht ihm doch auch den notdürftigen Schlaf garantiere und daß sie den Zimmerleuten bis sechs Uhr Einhalt gebieten sollte. »Ja g'schwind!« erwiderte das Mädchen lachend und lief davon, kam aber nicht wieder, auch nicht, als der Gast abermals geschellt hatte; sie war wohl wieder in die Federn ›geschloffen‹. Endlich stand ich im Ärger auf, kleidete mich an, ging hinunter und fragte nach den Wirtsleuten, hörte aber, daß sie noch ruhig schliefen, denn vor ihrem Fenster hackten keine Zimmerleute. Spät erst, nach acht Uhr, erschienen auch sie im Herrenstübel, worauf ich sofort meine verlorene Ruhe beklagte und verdrießlich fragte, ob man denn hierzulande nicht wisse, daß auch die Gäste wenigstens bis sechs Uhr zu schlafen wünschten. Das Ehepaar zuckte die Achseln und wollte lange nichts Mündliches von sich geben, bis endlich die dicke und gemütliche Wirtin etwas verschämt die Äußerung wagte, ihnen seien die Gäste, die lange essen und lange trinken, viel lieber als die, welche lange schlafen, worauf sie der Gast, dessen Ärger sich schon wieder gelegt hatte, ganz liebreich auf das höchst lesenswerte Buch des hoch würdigen Kaplans Sebastian Ruf in Hall über Visionen und Delirien hinwies, da in diesem über die Notwendigkeit des Schlafes sehr viel Belehrendes zu lesen. In einem vielbesuchten Gasthof zu ** besteht auch, wie anderwärts, eine Glocke, durch welche der Hausknecht zur Nachtzeit geweckt und zur Öffnung des Haustors gerufen werden kann. Diese Glocke, die sich eines sehr lauten Klanges rühmen darf, hängt aber nicht in seiner Stube, sondern in der offenen Halle oder dem Vorplatz des ersten Stockes, von wo ihr Schall in alle Gemächer dringt. Als ich zum letzten Male in diesem Gasthof eingekehrt war und eben im ersten Schlafe lag, erklang es plötzlich stark und heftig. Es war ein Zug nach Mitternacht angekommen, und da um diese Zeit der Omnibus nicht hinausgeht, so blieb es den Ankömmlingen überlassen, sich eine Nachtherberge zu Fuß zu suchen. Also Glockenschall! Einmal, und weil der Hausknecht in tiefem Schlummer lag, zwei- und dreimal. Da ich die Tiefe seines Schlummers nicht teilte, so erwachte ich beim ersten Schlag, hoffte jedoch nach dem dritten wieder einschlafen zu können. Einige Minuten nach dem ersten Fremden läutete aber ein zweiter, und zwar, da der Hausknecht noch mit jenem beschäftigt war, ebenfalls seine drei Male. Etwas verdrießlich legte ich mich danach aufs andre Ohr und hoffte nun aller weiteren Störung enthoben zu sein – da kam aber nach etlichen ferneren Minuten der dritte Reisende und schellte ebenso kräftig wie seine beiden Vorgänger. Endlich war auch dieser herinnen und damit die Ruhe bleibend hergestellt, aber ich hatte mich leider geärgert und konnte so bald nicht wieder einschlafen. Andern Morgens beklagte ich mich bei der Kellnerin, daß die Glocke auf dem Vorplatz hänge und nicht im Kabinett des Herrn Hausknechts, wo sie doch nur diesen und nicht alle andern Gäste aufwecken würde. Das gute Mädchen verstand mich aber nicht; es war ihr unerklärlich, daß man da aufwachen und noch unerklärlicher, daß man dann nicht gleich wieder einschlafen könne. Übrigens sei es, sagte sie, von jeher so gewesen, und es habe sich noch nie jemand darüber aufgehalten. * Noch am letzten Tage begann sie vor sechs Uhr morgens vor meiner Türe die Kleider auszuklopfen mit so wuchtigen Schlägen, daß sie durch das ganze Haus hallten und mich sofort aus dem Schlafe weckten, den ich ungern aufgab, da ich spät und ermüdet zu Bette gegangen war. »Sehr angenehm!« rief ich zur Türe hinaus, in der Meinung, daß diese leise Ironie die Sache zu meinen Gunsten wenden würde. Aber die schlagfertige Pusterin erwiderte sofort: »Angenehm oder nit, ischt mir gleich. Schlafen Sie nur zu; dann hören Sie nichts.« Reinlichkeit Reinlichkeit gilt noch immer als eine nicht ganz wertlose, jedoch mehr fakultative Tugend, die man allenfalls auch durch Treue und Redlichkeit ersetzen könne. Die Betten sind zwar sehr sauber und gut gehalten, aber die Tischtücher in der Woche öfter als einmal zu wechseln, ist auf dem Lande noch unversucht. Selten wird man auch in der Bratenbrühe eine geschmorte Fliege, noch seltener im Salat jenes Würmlein vermissen, welches uns bedeutsam an unsere Vergänglichkeit erinnert und auf das Jenseits hinweist. Noch immer werden auch die ›Krügeln‹ nicht in laufendem Wasser, sondern in ehernem Kessel, eines in der Jauche des andern, gespült. Die wunderliche Sitte, aus den verschmähten Tropfen, die etwa heikle Zecher zurückgelassen, einen neuen Trank zusammenzuschütten für den arglosen Nachfolger, und ein anderes Herkommen, kraft dessen das getrübte Naß, welches vorne vom Hahn abläuft, samt dem Schmutz, der von den Krügen und den rauhen Händen des Schenken sich löst, wieder oben als heimliche Nachspende in das Faß gegossen wird, diese beiden Stammeseigentümlichkeiten fristen auf dem Lande immer noch ihr Leben, obgleich die Obrigkeit in der Stadt ihnen schon vor mehreren Jahren ihr blaues Auge zugewendet hat. Damit sich aber niemand überhebe, wollen wir gleich bemerken, daß nach den verlässigsten Nachrichten die Wirtshäuser in Ober- und Unterfranken, ja, in den meisten andern Gegenden Deutschlands durchschnittlich weit hinter den altbayerischen zurückstehen. Den größten Schmutz habe ich immerhin im romanischen Graubünden gefunden; sowohl in reformierten Tälern als in katholischen, obwohl sonst unreiner Glaube und reine Wäsche in einer gewissen Wahlverwandtschaft zueinander stehen. Nit ins Engadin So gelangten wir nach Finstermünz, traten müde in die Zechstube und gewahrten den hochbejahrten Wirt, den wir für sehr weise hielten. Es schlug also einer vor, man solle ihn um sein Gutachten bitten und bei dem bleiben, was er sage. Sein Gutachten aber lautete einfach: »Nit ins Engadin.« Darauf hob einer an und fragte: »Warum denn nicht?« Wogegen jener ebenfalls wieder sagte: »Nit ins Engadin.« Alle, die dafür waren, brachten ihre Gründe vor, erwies sie aber alle zurück mit den Worten: »Nit ins Engadin.« Was auch gesagt und gefragt werden mochte, der greise Wirt schüttelte nur immer milde lächelnd das Haupt und sprach: »Ich sage nichts als: nit ins Engadin.« Diese ruhigen Worte mit ihrem düstern Hintergrunde machten großen Eindruck auf die ratschlagenden Gefährten. Zuletzt wurde dem Wormserjoch der Vorzug gegeben und der Besuch des unheimlichen Engadins auf bessere Zeiten verspart. Das Engadin ist in dieser Gegend wirklich ein wenig verrufen. Der erbärmliche Zustand der Wege und der Wirtshäuser, der ketzerische Glaube, die fremde Sprache und der verschlossene Sinn der Bewohner hat den Leumund dieses Berglandes bei seinen deutschen katholischen Nachbarn so getrübt, daß auch die vielen Tiroler, die sich jährlich zur Heuernte hinein verdingen und der ehrenhaftesten Behandlung gewürdigt werden, bisher nur wenig für die Herstellung seines Rufes tun konnten. Man steht einander kalt und ablehnend gegenüber. Der alte Wirt, zum Beispiel, hatte sich in seinem langen Leben noch nicht die Zeit genommen, die Engadiner ›Linguaig‹ zu lernen, sondern wies uns, als wir darüber Auskunft suchten, an die Kellnerin. Auch diese schien ihre sprachlichen Studien nicht übereilt zu haben und wußte, obwohl ein Mädchen in ihren Zwanzigern, nicht viel mehr als die Zahlwörter. Ein ähnliches Verhältnis findet übrigens auf der ganzen Sprachgrenze statt. Der Deutsche, der dem Welschen in Körpergestalt und Stärke überlegen ist, lebt und kleidet sich im Durchschnitt besser und hat so schon äußerlich mehr Ansehen als dieser sein Nachbar. Zwar tut sich letzterer durch feinere Manieren und größere Weitläufigkeit hervor, aber eine Schlauheit nützt ihm hierzulande nicht wesentlich, denn wenn der deutsche Tiroler nur etwas Übung hat, so nimmt er's darin gern mit jedem auf, und gewisse Arten, wie zum Beispiel die Viehhändler, werden gar bald hieb- und stichfest. Der deutsche Bauer glaubt daher Gründe genug zu finden, um mit Stolz auf den Welschen herabzusehen, und Ausländerei, Liebe zum Fremden, Geringschätzung des Vaterländischen, sonst der Fehler gesamter deutscher Nation, ist ihm gewiß nicht vorzuwerfen. Auf dem ganzen Saume, wo deutsche und romanische Sprache zusammenstößt, die große Landstraße von Bozen gen Trient abgerechnet, liegen daher die beiden Elemente streng geschieden aneinander, wobei es denn der Deutsche immer lieber dem Welschen überläßt, Deutsch zu lernen, als daß er selber Welsch lernte. Tiroler Sommerfrischen   Brixlegg Brixlegg ist ein freundliches Dorf und liegt nicht weit vom Eingange des Zillertales, auch nicht weit von Jenbach, wo die Nordländer, die über den Achensee nach den mittäglichen Gegenden trachten, ins Inntal herniedersteigen. Als noch die vielen Güterwagen über den Brenner gingen, war es wenig beachtet, da jene zumeist im nahen Städtchen Rattenberg ihre Einkehr hielten, und es kam nur hie und da ein Landschaftsmaler in das selten genannte Dörflein. Nun aber, nachdem es eine Eisenbahnstation geworden und seitdem die Leute von Brixlegg wie jene von Ammergau im letzten Jahre die Passion gespielt und damit viele tausend Schaulustige von nah und fern herbeigezogen, nunmehr tritt es mit großem Glanze in die neuere Geschichte ein, wird schon viel besucht und macht nicht wenig von sich reden. Da aber alle die Honoratioren, welche heuer eingezogen, ihre Quartiere auch bereits für den nächsten Sommer bestellt, so ist Mitgliedern der gebildeten Stände, die etwa aus anderen Städten und Ländern herbeikommen möchten, wenig Aussicht zu geben. ›Es sind schon genug herinnen‹, sagt der Bräutigam bei Theokrit, als er mit der Braut die Türe abgeschlossen – und ungefähr dasselbe sagen auch wir Sommerfrischler von Brixlegg.   Hintertux Hintertux, die Ortschaft (4666 Wiener Fuß) mit ihren hölzernen Hütten, welche neunzig Menschen beherbergen, ist vielleicht das unansehnlichste aller Alpendörfchen. In Damils und Vent sind die Häuser, obgleich von Holz, doch viel größer, in Galtür sind sie von Stein; andere Orte taugen kaum zum Vergleich. Was aber diesem Dörfchen eigen, das ist eine fast altertümliche Philoxenie – man kann nicht sagen: Gastfreundschaft, denn das Völkchen hat nichts anzubieten als Milch und Gerstenbrot, was es für die Herren nicht passend hält, aber es ist eine recht innige, herzliche Freude an den Fremden, die durch ihre ärmlichen Hütten durchpilgern. Als ich da den Fuß einsetzte, war es bereits Abend geworden, und die Leute saßen auf den Sommerbänken vor den Türen. Als sie mich ersahen, sprangen sie von allen Seiten auf, eilten herbei, bildeten einen Kreis und ließen die Augen neugierig auf mir ruhen. Die älteren Männer und Weiber sprachen mich zuvorkommend an und fragten vor allem, wo ich bleibe. Als ich Bayern nannte, erinnerten sich mehrere, das sei ein feines Land, eben und voll Getreide. Es sei zu verwundern, daß man da fortgehen möge, um ihre ›schiechen‹ Löcher zu betrachten. Ich hatte Mühe, mich darüber zu rechtfertigen, doch schien es ihnen auch wieder nicht unstatthaft, daß ich die schöne Flur von Hintertux recht freundlich finden wollte. »Uns deucht es außen fein, eng herinnen«, sagte endlich ein Alter gewissermaßen als Vergleichsvorschlag, und die andern wiederholten es wie eine tief empfundene Wahrheit. Die Jüngeren, noch Schulpflichtigen aus dem ›Umstand‹ duzten mich, die älteren sagten Ihr und Sie. Aus allem, was sie sprachen, klang ein so aufrichtiges Wohlwollen heraus, daß ich mich nur ungern aus der Runde losmachte, um nach Lannersbach in Vordertux zu gehen, wo eine gute Nachtherberge zu erwarten stand, während in Hintertux nur ein sehr kümmerliches Wirtshaus zu finden ist. Ähnliche Äußerungen wie die der Tuxer von der schiechen Natur ihres Tales könnten auch an andern Orten wiedergegeben werden, da sie fast allenthalben zu vernehmen sind. Der Mann, der der Scholle sein knappes Leben abgewinnen muß, berechnet die Schönheit des Landes nach der Fruchtbarkeit des Bodens, nach der Bequemlichkeit und Sicherheit der Feldarbeit. Der bäuerliche Tiroler hält daher die Ebene für viel ›feiner‹ als das Gebirge, und seine Geburtsstätte mit den abschüssigen Halden unter Lahnen- und Muhrengefahr, mit den Felsenwänden, die alle Frühjahre donnernd in das Tal herunterpoltern, mit den Wildbächen, die jeden Lenz verwüstend losbrechen, sein eigen Mutterland nennt er am liebsten ›schiech‹, ganz unbeschadet seiner Liebe zu der strengen Erzeugerin. Die volle Herrlichkeit der Bergwelt geht ihm oft erst im Heimweh auf. Landschaftsmaler, die im Gebirge bekannt sind, wissen zur Genüge, daß eine Gegend desto weniger Ausbeute gewährt, je feiner sie geschildert wird, und umgekehrt, je schiecher, desto voller die Mappen. Die grimmigsten Ausdrücke versprechen die erhabensten Schönheiten; ich wenigstens habe nie solche Lust verspürt, einer Empfehlung nachzugehen, als einmal auf den Wiesen von Sterzing, wo ein Bauernjunge, auf die Gletscher des Ridnauntals deutend, lustig hervorbrach: »Ei ja, da sollt ihr hineingehen, da sind Ferner drinnen, daß es eine Schand' ist.«   Alpbach Nach der Prozession steigen wir zum Herrn Kuraten, zu seinem freundlichen Häuschen hinauf, um ihm guten Morgen zu wünschen und zu fragen, wie ihm der Umgang angeschlagen. Dann setzen wir uns auf seine Sommerbank und schauen über den Garten, wo jetzt Sonnenblumen, Eisenhut und Astern blühen, hinunter in das Dorf, welches hier ein kleines Tal bildet, von dessen anderm Rande das heitere Knollenwirtshaus entgegenwinkt. Alles, was da zwischen Häusern und Obstbäumen zu sehen, gruppiert sich in diesem Rahmen zu einem reichen Lebensbilde, wie es sich ein Genremaler aus Holland oder München nicht plastischer wünschen könnte. Außer den großen Dekorationen, den Häusern nämlich und den Bäumen, gewahren wir einen breiten Weg, einen Gießbach, eine Brücke, ein Bildstöckel, einen Brunnen, mehrere Gärtchen und einiges Gebüsch. Dazwischen gehen allerlei Alpbäcker hin und her, jeden Geschlechtes und jeden Alters, alle feiertäglich prangend; die Jungen grüßen die Alten, die Buben die Mägdlein und umgekehrt; da stellen sich zwei zum Gespräche zusammen, dort drei oder vier oder fünf; die exotischen Fräulein aus dem Reich, die heute mit Vater und Mutter vom Land hereingekommen, schlüpfen heiter durch das Alpenvolk, schauen aber doch etwas verdutzt darein, wenn wieder eine ehrwürdige Matrone mit den Tonnenfüßen vorbeiwatschelt; dort zündet ein Alpbäcker seine Pfeife an, die Dirne kommt aus dem Wirtshaus und trägt ein großes Schäffel an den Brunnen, Hansel, der Wirtin Sohn, geht mit einer Maß Wein über die Szene, von Zeit zu Zeit erscheint Frau Knollin mit dem Kochlöffel unter der Türe, nachzusehen, ob alles in Ordnung geht; ein Mädchen zeigt sich auf der Laube, pflückt ein Röschen ab und verschwindet wieder; mehrere Zecher sitzen unter dem Söller im Freien und widmen sich den weltlichen Freuden des Feiertags, nachdem die kirchlichen alle durchgenossen sind. So wimmelt es durcheinander, und alles lacht, ruft und disputiert. Also hallen die Stimmen zwar unentwirrbar, aber fröhlich herüber. Einiges Vieh – in den Alpen muß man dies entschuldigen –, schöne gesprenkelte Rinder, ziehen unangeregt und ruhig durch das aufgeregte, unruhige Gewühl. Auch ein fettes Schweinchen, das sich lebensfroh vorübertrollt, will ich als Staffage nicht unerwähnt lassen, da ich es doch einmal in meinem Notizenhefte vorgemerkt finde. Kurz, wenn ein ordentlicher Maler diese feiertägliche, sonnige Morgenstunde zwischen Pfarrhof und Wirtshaus dort hinten im Alpbach schön und wahrheitsgetreu malen wollte, es müßte ein reizendes Bildchen werden.   Kufstein Von dem Klausengarten aus ist die Stadt und Festung Kufstein sehr angenehm zu betrachten, auch in einer halben Stunde leicht zu erreichen. Dort winkt, gleichfalls auf einer Terrasse am Ufer des Innstroms gelegen, der Auracher Keller, ein schmuckes Haus in Alpentracht, umgeben von einem schattigen Garten, mit einem Bier, welches dem besten bayerischen ähnlich, mit einer Zierlichkeit der Anlage und der Ausstattung, die den sämtlichen bayerischen Kellern, welche ich zu kennen die Ehre habe, weit überlegen ist. Wenn die Tiroler etwas solches in die Hand nehmen, so wissen sie einen gewinnenden Zug von Behaglichkeit, von Wohlstand, ja von Größe hineinzuzeichnen, während in einem Nachbarland mancher Brauer schon zu verschwenden fürchtet, wenn er an die Holzbank eine Lehne oder auf die Krüge einen Deckel spendiert. Gleiche Bemerkung drängt die ganz neue Badeanstalt der Kufsteiner auf. Sie liegt rechts im Tal, gerade wo sich übereinander zwei vor nicht langer Zeit errichtete pastetenähnliche Bauwerke, angeblich Festungen, erheben, welche vorläufig die Landschaft verunstalten, bis sie etwa im nächsten Krieg eine segensreichere Tätigkeit entfalten können. Zu deren Füßen also findet sich die genannte Anstalt, welche, durch kräftiges Zusammenwirken der Militärbehörde und des tätigen Magistrats entstanden, jeden Fremden durch ihre treffliche Einrichtung überraschen wird. In der Mitte ist ein geräumiges Becken, in welchem sich dreißig Schwimmer bequemlich bewegen können. Ein kleiner Bergsee in der Nähe spendet das klare Wasser, das durch die Sonnenstrahlen bald zu angenehmer Temperatur gebracht wird. Auf drei Seiten ist das Becken mit offenen Korridoren umgeben, und diese sind mit reinlichen Steinplatten belegt. An diesen Gängen stehen auf jeder Seite zehn Kabinetts, in welchen sich die Badelustigen aus- und anziehen. Auf der vierten Seite sind die Gemächer für das schöne Geschlecht. Alles Holzwerk ist zierlich bemalt, und die ganze Anstalt gewährt ein vergnügliches Bild von Reinlichkeit und Eleganz. Einige Unteroffiziere erteilen der Kufsteiner Jugend den Schwimmunterricht. Die Einheimischen und die Fremden stürzen sich gern der frischen Bergnajade in die Arme, und so herrscht an warmen Tagen ein fröhliches Leben und ein munteres Geplätscher in den kühlenden Wellen. Es möchte sehr schwer sein, in unserer Obeliskenstadt für das große Publikum eine ähnliche Gelegenheit namhaft zu machen. Gleichwohl sind die Preise der Kufsteiner Bäder ›lächerlich billig‹ so daß auch der Minderbemittelte hier am Sommerabend sein Vergnügen finden kann. Badekur in Tirol Wenn man übrigens hört, daß in Tirol und Vorarlberg über einhundertzwanzig Bäder sind und Zuspruch finden, so darf man letzteres nicht allein den Kranken und Leidenden zuschreiben, sondern, wie schon öfter angedeutet, ebensowohl einer Sitte, die das ganze Sommerleben des Landes gestaltet, der Sitte nämlich, Haus und Hof in den heißen Tälern auf einige Wochen zu verlassen und an einen kühleren Ort in die Sommerfrische zu gehen. So streben denn alle, der Edelherr, der Bürger und der Bauer, in die Höhe, in die reineren Lüfte der Alpen. Die reichen Bozener hat dieses Streben veranlaßt, auf der Hochebene des Rittens jene lustbarlichen Sommerstädte zu gründen, die wir auch schon besucht haben. An andern Orten weiß man andere Freistätten, vielleicht ein eigenes Landhaus im Gebirge oder eine Unterkunft bei gastlichen Verwandten oder auch bei einem ehrlichen Bauer, der sich auf Sommerfrischler eingerichtet hat. Für alle andern aber, denen die Gelegenheit mangelt, in dieser Weise ihre Lust zu büßen, sind die Bäder die herkömmlichen Sommerfrischen. Da genießt der Landmann seine Ferien, und wenn er einmal aus dem Hause ist, wird auch dem Knechte bald etwas fehlen, was ihn ins Bad treibt, und vielleicht auch der Dirn und der Unterdirn. Deswegen ist die Armut in den tirolischen Bädern ebenso zahlreich vertreten als der Reichtum, und drum gibt es auch eigene Lotterbäder, nämlich Bäder für arme Leute. Ein Bäuerlein, welches nicht einmal den Zutritt zu diesen Anstalten erschwingen kann, verzichtet aber immer noch nicht auf seine Sommerlust. Ein solches geht vielmehr in die Hochalpen, sucht die Heuschopfen auf und legt sich da ins Heu. Es vergräbt sich tief in das weiche Lager und gerät dabei in starken Schweiß, der unendlich heilsam sein soll für bäuerliche Schäden, für Gicht und Gliederschmerzen. Vor allem andern Heu ist seiner Heilkraft wegen jenes auf dem hohen Schlern ober Bozen berühmt, und wird deswegen auch manche Wallfahrt nach diesem Berge angestellt. Man sagt von solchen Pilgern: sie gehen ›ins Heu liegen‹.   In Schalders Unsere Gesellschaft war übrigens so zusammengesetzt, daß ihren ersten und geistreichen Bestandteil ein junger Historiker aus der Stadt Wien, den zweiten und dritten aber ein paar Fräulein aus dem deutschen Reiche bildeten. Daß ich selber auch dabeigewesen, braucht wohl nicht besonders hervorgehoben zu werden. Also aus dem Waldesschatten tretend, sahen wir das Schalderer Bad vor uns, zunächst das Wirtshaus, ein ziemlich großes, mit Schindeln gedecktes Gebäude mit einem Uhrtürmchen und grünen Fensterläden. Wir stiegen eine steinerne Freitreppe hinan und wurden freundlich aufgenommen. Da es schon zwölf Uhr geschlagen, so war die Table d'hôte bereits in vollem Laufe. Wir sputeten über die innere Stiege hinauf, um auch noch recht zum Mahle zu kommen. Fräulein Laura, die noch nie eine tirolische Badegesellschaft gesehen, war die erste, die den Speisesaal betrat. Sie fuhr aber ganz betroffen zurück, drehte sich um und sagte: »Das sind ja lauter Bauern!« – »Ja, das muß so sein«, entgegnete ich, »in den Tiroler Bädern ist's von jeher so gewesen.« Das Baden war, wie man weiß, im Mittelalter ein Hauptvergnügen der deutschen Nation. Alle Welt, Männlein und Weiblein, Jungherren und Fräulein, gingen wenigstens am Samstag in die öffentlichen Badestuben, wo aber nicht allein die züchtigen Najaden, sondern auch Herr Bacchus und Frau Venus ihr Lustlager aufgeschlagen hatten. Die Bauern auf dem einfachen Lande sorgten für dieses Bedürfnis durch die Ehaftbäder – ein bestimmter Einwohner und Hausherr im Orte mußte ihnen jeden Samstag eine Badestube wärmen, und dafür begabten sie ihn mit Weizengarben, mit Mehl und Brot oder Heu und Stroh. Diese Ehaftbäder haben sich im Flachlande draußen ganz verloren. Die Männer ziehen jetzt ein Schwimmbad im freien Flusse den Wannenbädern weitaus vor; wie die ländlichen Schönen für ihre Reinlichkeit sorgen, ist nicht näher bekannt. Im Land Tirol, wo das Wasser der Ströme sehr reißend und eisig kalt ist, sind die Flußbäder nie in Gebrauch gekommen. Das Volk hält dort mit gewohnter Treue an seinen ›Bädeln‹ fest, in denen eigentlich alle Stände zusprechen, obwohl in den meisten zunächst nur der Bauer mit Weib und Kind, mit seinen Knechten und Mägden vertreten ist. Viele dieser Gäste kommen auch eingestandenermaßen nur ›zum Abwaschen‹ und um sich nebenbei einige gute Tage anzutun. – Es ist nicht unwahrscheinlich, daß erst aus diesem Badeleben sich die tirolische Sommerfrische entwickelt hat, indem die feineren Geister, die an jenem keinen Geschmack mehr fanden, sich das Vergnügen, etliche Wochen in anderen Lüften zu leben, auf andere Art zu schaffen suchten. Vielleicht darf noch bemerkt werden, daß sich in solchen Anstalten nie ein Badearzt findet, ein Umstand, der, wie einige behaupten, zum guten Erfolg der Kuren wesentlich beitragen soll, und daß sich der tirolische Landmann sein Wässerlein immer selbst auswählt, ohne je einen ärztlichen Rat darüber einzuholen. Die Table d'hôte war also im besten Zuge. Am langen Tische saßen etwa fünfundzwanzig Bauern und Bäuerinnen, obenan etliche geistliche Herren, unten einige Frauenzimmer aus Bozen. Die Unterhaltung war lebhaft, doch nicht lärmend. Wie die gedruckte ›Kundmachung‹, die der Badeherr gerne abgibt, zu berichten weiß, ist die Schalderer Quelle von jeher als ›eines der vorzüglichsten Magenwasser‹ bekannt gewesen. Dies scheint wohl auch die volle Wahrheit zu sein, und überdies scheint das Wasser mit elektrischer Schnelligkeit zu wirken, denn die Ankömmlinge sind hier schon nach dem ersten Trunk der Wunderquelle keine Patienten mehr, sondern essen an der Table d'hôte alle mit jenem fabelhaften Appetit, um den der Fremde die tirolischen Kurgäste so gern beneidet. Man erzählt, daß Personen, die wegen ihrer Schwächlichkeit hereingetragen wurden, am dritten Tage mit den andern schon um die Wette schmausten und nach vierzehn Tagen kugelrund davongingen. Als die Table d'hôte beendet und das Dankgebet gesprochen war, verteilte sich das Publikum und ging jedermänniglich seinem Zeitvertreibe nach. Ein Lesezimmer ist hier nicht zu finden, auch nach einer Badebibliothek würde man wohl vergeblich fragen. Zeitungen sind aber doch vorhanden, zwar wenige, aber gute. Damit nicht etwa, während der Leib durch die Kraft der Quelle von alten bösen Säften gereinigt wird, sich der Geist mit neuen Giften beschwere und so der eine zwar geheilt, der andere aber verpestet werde, liegen hier nur die ›Tiroler Stimmen‹ auf, das bischöfliche Hofjournal und das ›Tiroler Volksblatt‹, welches, wie man sagt, zu Bozen herauskommen soll, das ich aber da zum ersten Male gesehen habe. Beide Blätter waren, obgleich schon gestern eingeheftet, so lilienweiß und unbefleckt, daß sie wohl noch keine Bauernhand berührt hatte. Wer der Lektüre nicht ergeben ist, braucht sich aber deswegen im Schalderer Bade nicht zu langweilen. Hier stehen Spielkarten, die allerdings sehr schmutzig sind, dort eine kurze Kegelbahn zur Verfügung. Man kartet um nichts oder um eine Kleinigkeit, schlägt aber in den Tisch und schreit dabei, als wenn es um Dukaten ginge. Wer nicht spielen und nicht Kegel schieben will, der setzt sich unter eine Laube von Waldreben, welche neben der Kegelbahn ihren Schatten spendet. Dort finden sich die Frauen gerne ein, namentlich des Nachmittags, um ihre Marende zu halten. Auch die Andacht gewährt den Badegästen vielen Zeitvertreib. In allen tirolischen Bädern wie in allen Schlössern und Ansitzen, ja in allen größeren Privathäusern findet sich eine Hauskapelle. Die geistlichen Herren, die eben die Kur gebrauchen, lesen da in der Frühe ihre heiligen Messen, wie sie des Nachmittags auch ihre Vespern und Litaneien halten. Beschauliche Naturen, die sich im Gebete nie genugtun, bleiben oft stundenlang in der stillen Kapelle sitzen und unterhalten sich in Ermangelung anderer Gesellschaft mit dem lieben Gott. Außer dem Wirtshause, wenige Schritte weiter oben, da wo der Weg nach Sarntal geht, findet sich ein anderes Bethäuslein, welches auch ein Dutzend Gäste faßt. Das kunstlose Muttergottesbild, das da drinnen steht, versucht sich neuerdings ebenfalls in Wundern und hat, wie die aufgehängten Täfelchen zeigen, bereits zwei Füße und einen Arm kuriert. Die vornehmste Stube in dem Wirtshaus ist das ›Fürstenzimmer‹, welches zunächst für die Prälaten von Neustift, für die Domherrn von Brixen und andere höhere Würdenträger bereitgehalten wird. Wenn es diese nicht in Anspruch nehmen, so wird es auch an andere Gäste verliehen, und zwar mit seinen zwei Betten täglich um sechzig Kreuzer. Es ist ohne Pracht, doch sehr behaglich eingerichtet. Vor dem Hause vereinigen sich drei schäumende Bächlein, welche eilig die steilen Halden herunterkommen, um den Schalderer Bach zu bilden. Ihr vereinigtes Rauschen muß den Gästen als Morgenreveille, Tafelmusik und Abendständchen gelten. Sie verleihen der Luft, die durch das Tal weht, auch an heißen Sommertagen eine angenehme Frische. Der Wald beginnt schon fast an der Haustür. Fichten, Lärchen und Eschen reißen sich um die Ehre, den Kurgast zu beschatten. Jenseits des Baches erhebt sich das neue Badhaus, ein zweistöckiges, geräumiges Gebäude, welches unten die Badegemächer, oben eine Reihe von annehmbaren Wohnzimmern enthält, welche um dreißig Kreuzer täglich abgelassen werden. Es ist mit einer schönen Altane geziert, welche eine liebliche Aussicht in das enge Tal, in nahes Waldesdunkel, hinauf zum Dörflein mit seiner Kirche und seinen Bauernhäusern, auch hinaus auf den Bergzug jenseits des Eisacks bietet. Neben diesem Neubau wird als Altertum noch das frühere hölzerne, jetzt sehr gebrechliche Badhaus, ein Muster alpinischer Einfachheit, erhalten. Es ist aus rauhen Dielen und ungehobelten Balken kunstlos zusammengesetzt; doch ist auch ihm ein Söller mit lieblicher Aussicht nicht versagt. Die Kammern enthalten in jeder Ecke ein ärmliches Bett, täglich zu zehn Kreuzern, und sind selbst am hohen Tag halb dunkel, da sie nur durch ein kleines, viereckiges Loch ohne Fensterscheibe erhellt werden. Die Einfachheit ist so weit getrieben, daß auch Waschtisch und Schrank nur durch ihre Abwesenheit glänzen. Die beiden Badehäuser, das alte und das neue, sind übrigens etwas lichtscheu ausgefallen, denn sie stehen südlich so nahe an den waldigen Felsen, daß die Sonne selbst zur Mittagszeit nur für kurze Weile in den grünen Winkel hereinscheint. Das Badevölklein ist so anspruchslos, daß je vier und fünf Weiber, je fünf und sechs Männer in einer finsteren Kajüte zusammen baden. Sie legen sich dann sittsam in die hölzernen Wannen und werden mit hölzernen Deckeln bis an den Hals hin zugedeckt, so daß nur der Kopf zu sehen ist, unterhalten sich aber auch in dieser Lage so angenehm und flüssig, wie wenn sie im schmucksten Feiertagsgewand auf der Kirchweihe beieinandersäßen. Die Tiroler sind bekanntlich bajuwarischen Stammes und legen auch, wie ihre Nachbarn gegen Mitternacht, ein großes Gewicht auf Essen und Trinken, sind aber im übrigen so wenig verweichlicht, daß sie die Unbequemlichkeit fast dem Komfort vorziehen. Daher auch ihre Vorliebe für schmale Bänke, kurze Betten und niedrige Türen, an denen sich jeder Unbewanderte den Kopf anstößt. So wohnen auch die Schalderer Badegäste, wie oben bemerkt, zu drei und vier in einem Zimmer, jeder geht zu Bett, jeder steht auf, wann er will, jeder schnarcht, soviel ihm behagt, ohne daß sich die anderen dadurch beschwert finden. Früher pflegte übrigens jeder Gast sein Bett selbst mitzubringen, wie denn auch jetzt noch die Innsbrucker Honoratioren, wenn sie in die Sommerfrische gehen, den nötigen Hausrat selbst auf die Berge schleppen lassen, da die Bauernhäuser nur die leeren Stuben bieten. Die Preise sind in Schalders anerkanntermaßen noch sehr billig und dürfen auch nicht erhöht werden, wenn der Zugang nicht wesentlich leiden soll. ›Die minderen Leute‹, das heißt die Armen, erfreuen sich hier derselben Nachsicht und Duldung wie in den anderen tirolischen Bädern. Sie bringen ihre Nahrungsmittel wie ihre Geschirre selber mit und kochen an einem eigenen Herde gegen eine geringe Vergütung für das Brennholz.   In Mehren Hinter Lahneck also liegt das Dörflein Mehren, mit einer kleinen Kirche und einem roten Spitzturm, der fast so hoch aufstrebt wie jener zu Brixlegg. Auch dieses Mehren will ein ›Löwe‹ werden, und in der Tat, wenn es jedes Jahr einen solchen Sprung macht, wie vom vorigen Sommer bis zu diesem, so mag es sich immerhin eine sehr gedeihliche Zukunft versprechen. Es ist ein Wässerlein, eine Quelle, was diesen Aufschwung herbeigeführt hat, eine Quelle, welche, figürlich gesprochen, jetzt schon einigen Goldsand zu führen beginnt. Über die Zeit ihrer Auffindung, ihr bisheriges Geschick, ihre hygienischen Kräfte und über das glückliche Sonntagskind, das der Najade zuerst ihre geheimen Tugenden angesehen, habe ich nichts Genügendes erfahren können, denn die gedruckte Beschreibung, die darüber Auskunft erteilt, ist längst vergriffen, obgleich man über 1500 Exemplare ausgegeben hat. Voriges Jahr waren nur vier enge unansehnliche Kajütchen zur Verfügung. Seitdem ist aber ein langer Korridor mit sechzehn neuen Badezimmern, erster und zweiter Klasse, entstanden, überdies eine ›Restauration‹, ein Stüblein, wo man sich des Wartens Langeweile durch ein Glas Wein ermäßigen kann. Alle diese Neubauten sind übrigens ziemlich kunstlos aus Holz hergestellt. An der Wand hängt auch ein halber Bogen Papier, welcher eine einfache und kurzgefaßte Badeordnung enthält, zur Zeit noch mit gewöhnlichen, auch sehr kunstlosen Bauernbuchstaben geschrieben. Nach verschiedenen gesetzlichen Bestimmungen, welche von Schicklichkeitsgefühl und Klugheit zeugen, findet sich am Schlusse auch der Satz: ›Alle Sonntag kommt der Rasierer.‹ Es wird manchem tröstlich sein zu vernehmen, daß man hier doch nicht alle Tage vom Bartscherer gequält wird. Wer seine Gebresten in Gastein oder Karlsbad, in Wiesbaden, Ems oder Baden-Baden zu heilen gewohnt ist, der macht sich schwerlich ein richtiges Bild von der schlichten Bäuerlichkeit dieser tirolischen ›Badeln‹. Mit achtzig Kreuzern des Tages kommt der Gast schon ganz leidlich durch; wer einen Gulden zu verzehren hat, wird bereits zu den Honoratioren gezählt und mit besonderen Ehren ausgezeichnet.   In Ultnerbad Ultnerbad ist das besuchteste in Deutschtirol und zählte zum Beispiel im Jahre 1842 gegen achtzehnhundert Gäste. Das Wasser ist eisenhaltig und oft von wunderbarer Wirkung. Des Bades Aussehen ist sehr anspruchslos; ein einstöckiges, gemauertes Gebäude, in dessen Erdgeschoß der Speisesaal; das Hinterhaus von Holz. Neben dem Badehaus steht ein anderes, worin nachmittags Kaffee getrunken, abends getanzt wird; nicht weit davon die Kapelle, belebt von Messen, Vespern und Rosenkränzen, welche die geistlichen Gäste hier abhalten. Als Spaziergang dient die kleine Terrasse vor der Anstalt, die freilich nur für die Schwachen und Siechen ausreicht. Rasche, kräftige Jugend muß sich Bewegung in den Bergen suchen, die von allen Seiten aufragen. Es ist erstaunlich, was manche dieser Kurorte für reizlose Lagen haben! Die des Ultnerbades ist die Unschöne selbst – ein schmales Gereute in einem engen Waldtobel, keine Aussicht als auf rote Wände, mageren Forst und einen mäßigen Fleck des blauen Himmels. Nur weit drüben und hoch oben sieht man Kornfelder und aus schwarzen Fichten einen weißen Kirchenturm spitzen, St. Helena, wo ein Expositus wohnt, hoch über den Pomeranzen der Etsch, weswegen auch, wie der Ultner Wirt witzelte, nur ein solcher hinaufgestellt wird, der diese Frucht nicht besonders liebt. So gehen die Leute aus dem Zauber des Etschlandes, aus dem herrlichen Nonsberg, gleichsam auf vierzig Tage in die Wüste, um ihr Auge zu kasteien für die sündliche Lust, die es das ganze Jahr an der Schönheit der Natur genossen. Billigerweise lassen sie den Magen nichts entgelten, denn die Ultnertafel ist fast noch reichlicher besetzt als die andern Badetische in Tirol. Die Gesellschaft ist sehr bunt; doch halten sich die Stände genau auseinander. Im vorderen Gebäude wohnen ›die bessern Leute‹, im hölzernen Hinterhause die ›mindern‹. Die bessern Leute deutschen Stammes betrachten die Kurzeit als Landaufenthalt und erscheinen in sehr schlichter Äußerlichkeit, abstechend von den welschen Gästen, die in makelloser Eleganz und Vornehmheit einherziehen. Ihre Wohnungen sind hölzerne Verschläge, enger als Klosterzellen; bloß zum Schlafen eingerichtet. Um zu schreiben und lesen kommt ohnedem niemand ins Ultnerbad. Freilich behauptet man, der Wirt habe seinerzeit eine ganz hübsche Bibliothek gehabt, aber die Geistlichen hätten ihm allmählich seine besten Bücher ausgeführt, weil sie sie für sündhaft erachteten und selber lesen wollten. Zarte, blaustrumpfige Teezirkel, Vorlesungen shakespearischer Schauspiele in Tiecks Manier, geistreiche Erörterungen über Kunst und Literatur, derlei exotische Genüsse wird man in Ulten vergebens suchen – dafür findet man aber andere sehr ausgiebige Unterhaltungen. Es ist in der Tat fast wunderbar, daß Fröhlichkeit und Lebenslust, die man unten im heitern Tale bei den Gesunden ganz unterbunden, abgetrieben und ausgetrocknet, daß diese da oben in dem finstern Bergloche unter den Kranken und Todesnahen erhalten worden sind. Hier im Ultnerbade wird nicht allein von den böhmischen Musikanten, die alljährlich sich einfinden, Tafelmusik aufgespielt, sondern des Abends auch zum Tanze und nicht etwa auf einen Dreher oder zwei, sondern gleich bis nach Mitternacht; ja, wenn unternehmende Jugend beisammen ist, geht's oft schon wieder am Morgen hinüber in den Ballsaal. Hierher kommen ebenso viele Leute, jung und alt, die frisch und gesund sind, allein von guter Luft, Kurzweil und Ergötzlichkeit wegen, nur daß mancher ältere Gast jetzt ungern die fahrenden Fräulein aus Welschland vermißt, die noch vor wenigen Jahren ganz allein und eigens übers Gebirge stiegen, um mit den frommen Deutschen im Mitterbade der edlen Minne zu spielen. Wandern wir nun durch das mittlere Gebäude, das den Wohnort der bessern Leute mit dem der mindern verbindet, so finden wir zu ebener Erde die Gemeinbäder der letztern, wo in geräumigen Verschlägen die beiden Geschlechter getrennt sind. Da geht in großer Eile und Geschäftigkeit der Chirurg von St. Pankraz umher und appliziert Aderlässe, Schröpfköpfe und Blutegel. Da sah ich zuerst ein Nonsberger Kindlein, das in einem winzigen Wännchen lag, während die Mutter italienische Wiegenlieder in seine Ohren summte, wobei die vorübergehende Bademagd murrend schalt: »Dem Kindlein da ist das Wasser auch viel zu stark, und die Mutter gibt keine Ruhe, bis es zu Tod gebadet.« Ultnerwasser ist nämlich keines, mit dem man spielen darf. Wenn die Leute in die Wannen gestiegen, werden die Türen der Verschläge geöffnet und den Besuchern Zutritt gestattet. Da liegen sie dann alle reihenweise zugedeckt in ihren Särgen, während ihnen zu Häupten die Befreundeten sitzen. Die deutschen Landleute benehmen sich auch in dieser Lage sehr ruhig, die italienischen Weiber verursachen dagegen großen Lärm, und wenn eine aus ihrer Wanne heraus ein kräftiges Witzwort entsendet, so erhebt sich ein sinnverwirrendes Gelächter. Es ist ziemlich dunkel in diesen Räumen. Aus den Ritzen einer Nebenkammer schimmerte Licht; plötzlich sprang die Türe auf und drinnen zeigte sich, zauberhaft beleuchtet von der kleinen Lampe, ein bildschönes, halb enthülltes Landmädchen. Mir fielen die Augen zu bei diesem verbotenen Anblick – unter einem Schrei schnappte auch das Pförtchen ein, und ich suchte erschreckt den Ausweg aus dem nicht geheuern Orte. Ich kam in einen langen Gang, auf den die Wohnzimmer der mindern Gäste herausgehen. Auch hier sind untertags, da die winzigen Fensterlücken wenig Licht gewähren, die Türen offen. Da sieht man manche arme Seele, die gewiß nicht der Sommerlust wegen sich hierhergeschleppt – etliche sitzen vor den Schwellen, um die frische Luft zu atmen, andere liegen totenbleich, grabgerecht in den Betten. So muß sich zuweilen ein frommer Badegast auf den Tod bereiten, während die böhmischen Walzer lebenslustig in sein Sterbekämmerlein schallen. Ein junges Mädchen aus Salurn war da schon in der sechsten Woche gliederkrank, konnte sich nicht rühren, lag aber freundlich und geduldig auf ihrem Ruhebett. Eine Bauernmaid, deren Teilnahme sie gewonnen, saß bei ihr und las aus der Legende vor. Ich machte auch meinen Krankenbesuch und stillte gerne die Neugier, wo ich denn zu Hause sei. Pater Florin, der greise, milde Kapuziner aus Lana, löste mich bei ihr ab. Darauf stieg ich wieder in den lebhaften Hof hinunter. Ein alter, ärmlicher Bauersmann mit schneeweißen Haaren lag dort auf einem Sack an der Sonne, todesmüde. Er schloß die Augen – ich glaubte für immer –, doch erwachte er an meinen Schritten, blickte mich an und lispelte: »Wo bleiben Sie?« Neben dem alten Bauern saß regungslos ein junger, verwelkten Ansehens, stille Entsagung im Gesichte. Auf seinen grünen Hosenträger war ein rotes Herz gestickt, das ein Pfeil durchbohrte. Sollte das etwas zu bedeuten haben? Solche bedauernswerte Gestalten sah ich noch mehrere, jedenfalls genug, um bestätigt zu finden, daß nicht jeder Mensch im Gebirgslande ein Riese an Körperbau und Kräften sei. Diese Behauptung ließ sich weiter belegen aus den Erscheinungen hinten im hölzernen Hause, wo die mindern Leute Mittag- und Abendmahl halten und in den Zwischenzeiten etwa ein Gläschen trinken. Gleichwohl besteht selbst da eine bedeutende Minderheit aus Gästen, die das Wasser nur so nebenbei gebrauchen. Die Bewohner dieses Hinterhauses leben sehr einfach und prunklos. Es ist angenehm zu bemerken, wie ihrem sparsamen Treiben auch von der Wirtschaft nichts in den Weg gelegt wird, wie die Preise selbst sehr billig sind und wie ihnen alle Listen nachgesehen werden, mit denen sie des Wirtes Vorteil zu umgehen suchen. So bringen die meisten ihre Mundvorräte selber mit, und nicht allein diese, sondern auch die Geschirre, um sie zu kochen. Gleichwohl sind die Kellnerinnen, die hier walten, nicht minder artig und dienstbeflissen als die im Vorderhause und geben den armen, kranken Leuten zu ihrer Not noch manches gute Wort und manchen unbezahlten Zuspruch. Es wird hier, wie in andern tirolischen Bädern, jeden braven Mann die Wahrnehmung erfreuen, daß der Wirt nicht an den Dürstigen reich werden will, daß alle Spekulation auf den Pfennig des Armen ferngehalten ist. Betrachtet man nun noch die liebevolle Aufnahme und Pflege, so erscheinen diese Anstalten im Lichte jener frommen alten Stiftungen, die zum Besten der leidenden Menschheit gegründet worden, und stechen so in ihrer schlichten Volkstümlichkeit recht wohltuend ab von jenen vornehmen Luxusbädern am Rhein, wo man französische Gauner ihre grünen Tische aufschlagen und die lieben deutschen Landsleute ausziehen läßt.   Im Pustertal Im Pustertal hat jedes Dorf wenigstens ein Bad, und dazu kommen noch eine Menge Interkalar-Bäder, welche auf freiem Felde zwischen die Dörfer eingeschaltet sind, zahlreiche Anstalten von jeder Gattung, vom entschiedensten Bettlerbädlein, wo sich der Gast des Tages mit einem halben Gulden fortbringt, bis zum bürgerlich gemächlichen, aber immer noch einfachen Kurort – denn eigentliche Luxusbäder sind, wie schon öfter gerühmt, im Land der Tiroler nicht zu finden. Unter all den pustertalischen Bädern ist aber Maistatt das vornehmste, sowohl seines Wassers wegen als auch weil Kaiser Max Anno 1511, da er mit den Venezianern Krieg führte, sich einige Zeit daselbst aufgehalten hat. Unglückliche Etymologen sind daher auf die Idee verfallen, von seiner, des Kaisers, Majestät auch den Namen Maistatt abzuleiten, allein die ernstere Forschung hat diese Erklärung längst zurückgewiesen, da das Bad unter jenem Namen schon viel früher vorkommt, als Kaiser Max dort sein fröhliches Hauptquartier aufschlug. In der Nähe von Niederdorf gegen Welsberg hin geht das Pragser Tal auf, welches sich bald gabelt und in zwei Äste auseinanderläuft. Der eine heißt Innerprags, der andere Altprags. In letzterem liegt das berühmte Pragser Bad. Um auch dieses zu besehen, ging ich nach Tische allein von Niederdorf fort, überstieg ein sanft anschwellendes Vorgebirge, sah von oben herunter in ein grünes Tal mit vielen Höfen und einer Kirche, ging dann geradeaus gegen Süden und erreichte etwa nach anderthalb Stunden das Pragser Bad. Zu dem Gebäude, das auf einer steilen Anhöhe steht, führt eine äußerste einfache Avenue. Blumenbeete, Boskette, Statuen, Springbrunnen und dergleichen Zierden, welche anderswo Hygienas Tempel schmücken – sie werden hier in das große Kapitel sündhafter Augenlust gestellt und ängstlich vermieden. Wenn man dem Badehause näher kommt, sieht man rechts einen Misthaufen unter Dach, links ein Gärtchen mit Sonnenblumen und Kabiskraut, ferner eine schlichte Kegelbahn und zwei schlichte Brunnen. Statt eines Trosses aufdringlicher Kellner kamen mir nur etliche zurückhaltende Gänse entgegen, die letzten ihrer Art, welche auf dem mageren Wiesenplatze vor dem Hause ihr Futter suchten. An einem zerbrochenen Gestelle hängt hoch über der Türe eine Glocke, welche mit einem Bindfaden gezogen wird, um den süßen Augenblick zu betonen, der den Kurgast zu Tische ruft. Von der Türe bis zur Ecke des Gebäudes spannt sich eine lange hölzerne Bank, wo in bunter Reihe die Milchschüsseln sich sonnen und die Badegäste. Wenn man auch schon viele Tiroler Thermen gesehen hat, so überrascht das berühmte Bad zu Prags doch immerhin noch durch seine Einfachheit. Im alten Bau – denn jetzt ist anstoßend auch ein neuer aufgeführt – finden sich noch, wie aus Albrecht Dürers Zeiten, runde, mit Blei eingelegte Fensterchen. Da ist auch noch die alte Zechstube – Speisesaal würde man jetzt sagen – mit ihrer alten tirolischen Täfelung aus Zirbenholz. Ein großer geweißter Ofen, viereckig, mit einem kegelförmigen Aufsatz, verstärkt den altertümlichen Duft des Gemaches. Eine Schwarzwälder Uhr tickt leise, vielmehr unhörbar, in dem angeregten Gespräche, das zu allen Zeiten durch die dämmernde Halle rauscht. Als Hausrat stehen einige Tische in dem Raum und zahlreiche Sessel der verschiedensten Gestalt, die aus zwanzig verschiedenen Versteigerungen zusammengekauft scheinen. An den Wänden zeigt sich die Geschichte der Heiligen Genoveva und sonst noch ein paar fromme Groschenbilder. Auch zwei Gemskrückeln stechen fast anmaßend in den Luftraum herein; das eine trägt einen Stiefelzieher, das andere eine Stallaterne. Übrigens sind die Gäste sichtlich alle in der besten Laune. Die tapferen Männer sitzen beim Kartenspiel und hauen dabei mit Heldenfäusten in den Tisch; die züchtigen Weiber nähen, flicken und stricken. Außer diesem Salon für die niedern Leute ist jetzt ein neuer für die herrischen entstanden. Auch bei seiner Ausstattung ist zwar jeder überflüssige Pomp mit Ängstlichkeit vermieden worden, aber doch zeigt er einige Fotografien und selbst die Bildnisse der Apostel. Nicht minder überraschend als die Einfachheit ist aber wirklich die Billigkeit. Ein herrisches Zimmer mit Bett, Tisch und Stuhl kostet täglich zweiundzwanzig Neukreuzer, für die bäuerischen, ›deren Möblierung aber kaum den Luxus eines Gefängnisses erreicht‹, denn es fehlt ihnen Tisch wie Stuhl, werden täglich nur zehn Kreuzer erhoben. Die Badekammern, deren Türen alle dunkelrot angestrichen und mit einem großen J.H.S. geschmückt sind, teilen sich in einschichtige und gesellige. Letztere sind feuchte Räume, vom Tageslicht nur schwach erhellt, und enthalten ein Dutzend Wannen, die allenfalls durch Teppiche oder Bettücher voneinander geschieden sind. Ein solches Bad kostet zehn Kreuzer. Für ein Luxusbad in eigenem Zimmer hat der Badende achtzehn Kreuzer zu entrichten und genießt für die Mehrauslage als Komfort einen Stuhl und einen in die Wand geschlagenen Nagel. Über all den Unbequemlichkeiten aber, denen der Gast hier nicht entgehen kann, schwebt wie ein versöhnender Engel die Pragser Küche, vielmehr die Köchin, welche ungemein liebreich, mild und freigebig ist. Sie bietet vom frühen Morgen an Suppe, Knödel, Würstlein, Schöpsenes, Schweinernes und dann zu Mittag und abends die regelmäßigen Mahlzeiten dar, deren Tragweite um so mehr überrascht, als wirklich schwer zu begreifen ist, wie diese leidenden, kranken Menschen nach all den gastronomischen Übungen der freien Zwischenzeiten noch die volle Tatkraft für die beiden großen Epochen des Tages erübrigen können. Das Publikum ist wie in all diesen Bädern sehr gemischt. Es reicht vom Hof- und Geheimrat herunter bis zur Bauernmagd und zum Taglöhner. Souvenir   Antiquitäten Armes Tirol! Deine schönsten Urkunden verbrennen deine eigenen Kinder, deine romanischen Portale zerschlagen (wie an der Pfarrkirche zu Tirol) deine eigenen Maurer, deine alten Bilder überweißen deine eigenen Tünchner, und deine alten Hausschätze führen die lieben Fremden davon. Was sich in dieser Beziehung für ein Geschäft gerührt hat und wieviel seit etwa hundert Jahren verschleppt worden ist, davon läßt sich wohl die große Welt nicht träumen. Es geht auch noch immer fort. Jeder Bauer, jeder Wirt, der eine alte Kufe aufstöbert, treibt Handelschaft damit. Es kommen noch immer alte Kästen und Türen zum Vorschein, die gar bald ihren Liebhaber finden. Neulich stieg ich auf ein altes Schloß im Etschlande, wo mir der Bauer, dem es jetzt gehört, eine Stelle im Getäfel zeigte. »Dort ist eine schöne alte Türe gestanden; die haben sie mir für zwanzig Gulden abgekauft und bis z'tiefest ins Ungarn hinuntergeführt.« Jetzt hat der Landmann ein paar Bretter über das Loch geschlagen, allein sie schließen so schlecht, daß die Zugluft lustig hereinpfeift. »Nun habt Ihr dafür den Wind in der Stube«, sagte ich. –»Oh, das achten wir nicht! Um zwanzig Gulden kann man sich schon etwas anpfeifen lassen.«   Steine Es ist bekannt, daß aus den Bergen von Enneberg und Fassa jene Bewegungen hervorgingen, welche die Geologie zu einer neuen Wissenschaft gemacht. Hier pilgerte einst Leopold von Buch mit Hammer und Tasche herum und nannte, seiner ungeahnten Ausbeute froh, diese Täler den Schlüssel zur neuern Geognosie. Seitdem sind diese Wildnisse ein Wallfahrtsort für alle geworden, die die Geschichte des Erdballs studieren wollen. Bekannt ist ferner, daß die Landschaft von Badia in ihren Eingeweiden einen Reichtum kleiner Versteinerungen ›von wunderbarer, allen Gesetzen der bisherigen Petrefaktenkunde spottender Eigentümlichkeit‹ enthält. Es ist auch dies wieder ein wundervoller Zug der unerschöpflichen Natur des Landes, die, so wild und schauerlich in ihrem Zorn, doch ewig beflissen ist, den armen Menschen zu Hilfe zu kommen und ihnen neue Quellen des Wohlstandes zu öffnen, die dort, wenn der Bergsegen verfliegt, Heilwasser auffinden läßt, hier statt der Zirbelbäume die Pektiniten und Ammoniten zu Ehren bringt. Es war wunders genug für die ungelehrten Badioten, als die ersten Fremden nach jenen steinernen Dingerchen zu fragen begannen, die bisher unbeachtet am Wege gelegen, und diese Seltenheiten gern mit Gold ausgewogen hätten, wenn sie ihnen die gutherzigen Älpler nicht vorher schon geschenkt. Auch jetzt noch hegen diese ihre geheimen Zweifel über die Vernünftigkeit der Leute, ›die die Steine aufklauben und das Geld wegwerfen‹. So hat sich denn aus dem Verdachte über den gesunden Menschenverstand der Petrefaktenfänger, der nichtsdestoweniger aufblühenden Ahnung einer mystischen, dem Auge der Eingebornen unsichtbaren Kostbarkeit dieses scheinbaren Trödels und der Voraussetzung großer Reichtümer auf Seite der wißbegierigen Pilger ein seltsamer Handelsbetrieb gebildet, der allerdings zu ungeschlacht ist, als daß er sich lange so halten könnte. Die einheimischen Sammler gehen nämlich in die Berge von Campill und St. Cassian, wo die Versteinerungen oder Curetsch ( coralles , Korallen?), wie sie in der Talsprache heißen, in unzählbarer Menge zu finden sind, füllen einen Zuber davon und bringen ihn mühsam nach Hause. Nun ist's begreiflich, daß sie das kostbare Kleinod, das der Liebhaber einem Edelsteine gleichschätzt, von den alltäglichsten Erscheinungen nicht unterscheiden können, und da sie gleichwohl schon erfahren, daß nicht eines ist wie das andere, und überdies gehört haben, daß mancher listige Reisende an den eingehandelten Schätzen in der Welt draußen das Hundertfache gewonnen, da ihnen alles dies den Kopf verwirrt, so sind sie mit ihrem Thesaurus in großer Verlegenheit. Sie fürchten immer, der fremde Kenner möchte ihnen die schönsten Stücke mit arglistiger Gleichgültigkeit herausnehmen, sie mit etlichen Groschen zufriedenstellen und dann nichts überlassen als ausgesuchte, wertlose Ware. Um dies zu verhindern und um also mit den guten Exemplaren auch die wertlosen bezahlt zu erhalten, sind sie nun auf den Ausweg verfallen, ganze Kufen in Bausch und Bogen zum Verkaufe anzubieten, und dafür verlangen sie fünfzig bis achtzig Gulden Konventionsmünze. Diese kunstlose Praxis hätte aber die einfachen Steinklauber von St. Leonhard leicht in sehr schlimmen Leumund bringen können, da sie dieselbe auch an Herrn A. Petzholdt, dem reisenden Geognosten aus Sachsen, und seinem anonymen Gefährten zu üben wagten. Diese waren kurze Zeit vorher bei Herrn Dapunt wohl zwei Stunden lang anhaltend mit der Auswahl von Petrefakten beschäftigt gewesen und hatten schon das Einpacken der ausgesuchten Exemplare, die etliche Lot wiegen mochten, teilweise beendigt, als sie auf die Frage nach dem Preise unter Lächeln die Antwort erhielten, daß sie achtzig Gulden Konventionsmünze kosten und daß es gleich sei, ob man den ganzen Vorrat oder das wenige behalte, was ausgesucht worden. Es wurde dem Wirte bemerkt, daß er dies hätte eher sagen sollen, und für die ausgesuchten Stücke ein Gebot von zehn Gulden gelegt – offenbar mehr als sie wert waren. Er aber ergriff mit großer Ruhe die Petrefakten, schüttete sie in den Kasten zu den übrigen und mischte sie ihnen sogleich zu, mit den Händen alles sorgfältig durcheinanderknetend, bei welcher Mißhandlung so schöner und zarter Gebilde er den Reisenden näher ans Herz griff als durch die höhnische Zurückweisung ihres Geldes. Natürlich wurden alle weiteren Unterhandlungen abgebrochen. Die Reisenden schieden in gerechtem Zorne, während des Wirtes lächelnde Miene dieselbe blieb. Gleichwohl möchten wir hier weniger Böswilligkeit als jene fromme Einfalt sehen, die nicht recht weiß, wie sie mit ihren Schätzen daran ist, und da Herr Petzholdt in der guten Absicht, die Nachkommenden vor der Arglist dieses welschen Wirtes zu sichern, eine förmliche Warnung hat ergehen lassen, so finden wir uns gleichermaßen zur Beruhigung künftiger Reisender veranlaßt, diese Warnung wieder außer Wirksamkeit zu setzen, denn Johann Franz Dapunt hat vielleicht gerade seit jener Begegnung seine frühere Handelspolitik entschieden aufgegeben. Mein Begleiter, der sich auch um Petrefakten kümmerte, fragte nämlich alsbald danach, und da erschienen sie denn in Kasten und Mulden und auf hölzernen Tellern, und es zeigte sich, wie damals, die freundliche Bereitwilligkeit des Wirtes. Und als jener nach sorgfältiger Auswahl gerade vierundzwanzig Stücke sich gesammelt hatte – darunter vielleicht auch manches Exemplar, das Herr Petzholdt erlesen – und nach dem Preise fragte, sagte der Badiote mit lächelnder Miene: »Stück für Stück einen Kreuzer!« Und so bezahlte jener also vierundzwanzig Kreuzer Reichswährung ungefähr für dasselbe, wofür Dapunt damals achtzig Gulden Konventionsmünze verlangt und Herr Petzholdt zehn Gulden geboten hatte. So wird's nunmehr in allen Fällen gehalten; nur werden jetzt wahrscheinlich die Pilgrime nichts Besseres zu tun wissen, als sich über diese anspruchslosen Preise recht kindlich zu verwundern, und dann wird vielleicht Dapunt in seinem Kopfe neuerdings irre werden und frische Tücken aussinnen, um die Petrefaktensammler recht höhnisch zu ärgern. Von der Zeit an, wo er seine welsche Praktik aufgegeben, bis zum heutigen Tag scheint er allerdings mit der Wissenschaft und ihren Vertretern im Frieden gelebt zu haben. Er weiß von vielen Herren zu erzählen, die ihm Curetsch abgekauft und behauptet, sein Gasthof gerate in immer höhern Schwung, da die Zahl der Reisenden alle Jahre zunehme. Freizeitgestaltung   In Pertisau am Achensee Wir kamen gerade noch recht zum Mittagessen, für welches wir trefflich vorbereitet waren, da uns außer dem altbackenen Brot in Wiesing am ganzen Morgen keine Nahrung zugegangen. Die Tafel zeigte sich voll besetzt, obgleich der September schon ins Land gerückt und die eigentliche Sommerfrische vorüber war; nur an einer entfernten Ecke fand sich noch Raum für unser Kleeblatt. Die Gäste schienen alle mit großem Eifer der Pflicht der Selbsterhaltung obzuliegen, eine Aufgabe, die ihnen durch den Wohlgeschmack der Speisen wesentlich erleichtert wurde. Der Sprache nach zu urteilen, waren die meisten der Gäste von der blauen Donau heraufgekommen. Es ist bemerkenswert, daß sich die Wiener mit solcher Energie auf die Pertisau werfen, gerade wie die Eichstätter auf Brixlegg. Es schienen mehrere angesehene Würdenträger darunter zu sein, meist Männer und Frauen von reiferem Alter. Jugend und Schönheit waren in dieser Woche sehr spärlich vertreten. Nur auf eine Dame machten mich meine jüngeren Begleiter aufmerksam, welche in jener Beziehung eine Ehrenerwähnung ansprechen konnte, aber ihren Namen habe ich schon lange wieder vergessen. Nach Tisch fuhr eine Schaluppe aus der Schiffhütte vor, mit drei Ruderern bemannt, für etwa fünfzehn Seelen eingerichtet. Einige Familien setzten sich fröhlich auf die Bänke und luden auch uns zur Fahrt ein. Es ging nach dem Seehof, der etwa in drei Viertelstunden erreicht wird. »Wir fahren fast alle Tage dahin«, sagte der Herr Hofrat, dessen Namen ich aber auch nicht mehr weiß. – »Und an den anderen Tagen?« – »Gehen wir in der Pertisau spazieren.« – »Doch etwas einförmig?« – »Weiß nicht, wir unterhalten uns sehr gut und sind gerne da.«   In Scholastika Ein bequemer Spaziergang mit angenehmer Labung in seiner Mitte war eigentlich nur nach Achenkirch gegeben, wo auch ein gutes Wirtshaus ist. Anderen Unternehmungen traten Gebirg und Wasser fast allenthalben hemmend entgegen. Auf den hohen Unnutz oder das Seekar steigen konnte man auch nicht alle Tage. Zuweilen fuhr man zu Schiffe auf die Geisalm, eine jetzt überwachsene Lahne, die einst vom Seekar heruntergekommen und in die blauen Wasser weit hereingegangen ist. Da bewunderte man die idyllische Einfachheit des Geisers und seiner Hütte, kochte vielleicht Kaffee, irrte etwas in dem Gestrüppe herum, pflückte Blumen, unter denen wir nach A. Pichler Jochlilien, Wiesenrauten, Primeln und Alpenrosen nennen wollen, und ruderte dann wieder seelenvergnügt nach Hause. Ja, ja, ›schön blau ist die See‹, in der Tat ein herrliches Gewässer, und die mächtige Bergwelt, die sich in ihm spiegelt, verleiht ihm eine Einfassung von wunderbarer Majestät, aber doch sind nicht alle für den Achensee geboren. Er paßt am besten für melancholische Junggesellen, welche sich gern zerstreuen möchten; auch für ältere Gatten, die ein Viertelstündchen spazierengehen, dann wieder etwas lesen, etwas essen und etwas plaudern wollen, wozu sich in den genannten drei Gasthäusern, die immer besetzt sind, wohl den ganzen Tag Gelegenheit bietet. Er paßt dagegen trotz seiner Einsamkeit gar nicht für jene, welche diese suchen, denn sie können der Gesellschaft nicht auf den wenigen Wegen und noch minder im Hause ausweichen. Gar nicht passend scheint er auch für Familien, die mit reisiger Jugend versehen sind, welche an schönen Tagen ausfliegen, aber doch nicht zu weit wandern will, denn die Gelegenheiten, die sich dazu bieten, sind sehr bald erschöpft. Obgleich nun das Publikum, das sich hier gefallen kann, immer ein beschränktes sein wird, so ist die Welt doch so volkreich, daß sich trotzdem in den Sommermonaten gebildete Gäste genug finden, welche die wenigen Wirtshäuser des Tals ausfüllen und beleben.   Auf dem Berg Es ist ein wesentlicher Bestandteil eines Aufenthaltes im Hochlande, einmal etwas Apartes, Mühseliges, Abenteuerliches zu unternehmen. Die Feinsten besuchen wenigstens eine nahe Sennhütte und lächeln nach ihrer Rückkehr schelmisch, wenn sie gar über Nacht ausgeblieben sind. Die Rüstigsten tragen einen schweren Kugelstutzen nebst großem Büchsenranzen hinauf in die Schneehöhe und sofort wieder herunter und sagen dann, sie seien auf der Gemsenjagd gewesen. Jene aber, denen die Sennhütten zu nah, die Schneehöhen aber zu entlegen sind, lösen ihre Aufgabe in gesellschaftlichen Partien auf ein schönes Berghorn, dessen Spitze etwa ein Belvedere ist, wie es die Badegäste von Partenkirchen mit dem Krotenkopf und die von Rosenheim mit dem Wendelstein zu machen pflegen. Da geht es denn familienweise hinaus in die tauigen Wiesen, im Angesicht der Morgenröte, die um so überraschender wirkt, je länger man sie nicht mehr gesehen hat. Bald beginnt das Steigen, und nun entwickelt sich der Knäuel. Der Papa in seinem Reisehemd, gleichsam der Hauptmann der liebenswürdigen Bande – wie schwer war er zu gewinnen –, und die Mütter, die schon leichter mithalten, bleiben keuchend mehr und mehr zurück; die Münchner Fräulein und die jungen scheinkranken Badeherren hüpfen wie die Zicklein voraus. Die Jungen tragen sich phantastisch, so daß die Spielhahnfeder auf dem grünen Hütchen und die graue Joppe mit den grünen Aufschlägen nicht leicht fehlen; die Mädchen, unter dem Einflusse der idyllischen Umgebungen, dichten ebenfalls an ihrer Tracht, und wenn sich die Jünglinge am liebsten als Jäger darstellen, so liegt den Damen am nächsten der Aufzug der arkadischen Hirtinnen, wie sie im Ballette erscheinen. Es ist ein gar erheiternder Anblick, wie das junge Volk, in allen Farben spielend, lachend und schäkernd, unter den schwarzen Tannen sich hinaufwindet, nun über den Felsenvorsprung klimmt, nun in langer, ängstlicher Zeile am Rande eines Abgrunds hintrippelt. Dort ruht ein Pärchen aus, um neugestärkt wieder nachzueilen, da werden Alpenrosen gesucht und unter bedeutsamen Winken verschenkt. Die Alten sehen sich auch zuweilen an, aber mit den Blicken der düstern Resignation, denn zum Steigen sind die Berge schrecklich hoch. Endlich ist der Vortrab auf dem Gipfel; die Herren jodeln und rufen hallo, die Damen schwenken die Taschentücher zur Aneiferung für die Nachkommenden, und dann wird das Feuer aufgemacht. Nach und nach hat sich alles eingefunden und steht in schönen Gruppen auf der freien Höhe, hinabzusehen ins unendliche Blachland, auf Hügel und Täler, Wälder und Felder, Seen und Ströme, Städte und Dörfer. Die Mädchen sind gar liebreizend, wie sie dastehen, herrlich rot im Gesichte vom Steigen in der reinen Alpenluft, seligen, träumerischen Blicks hinunterstarrend in die Tiefe, während der frische Morgenwind in ihren Locken wühlt. Ist ein Norddeutscher dabei, was jetzt kaum mehr fehlen kann, so benützt dieser den Augenblick, stellt sich in die Mitte und deklamiert etwas, zum großen Verdruß eines andern, der die Erreichung des Zieles mit einem Sturme auf der Gitarre feiern wollte, die ihm über den Rücken hängt, und zum nicht mindern Ärger eines dritten, der ein Flageolett bei sich hat. Die Verse aber hat der Poet gestern abend noch zusammengestoppelt, als er wegen erdichteter Übelkeit schon um neun Uhr auf seine Stube ging, und die Reime klappern wunderbar schön. Die Jugend klatscht begeistert Beifall, er hat ihren Gefühlen Worte gegeben; die Mütter nicken einander zu, als wollten sie sagen: der kann's. Papa aber, der Unbestechliche, macht ein Gesicht, das nicht viel mehr ausspricht als: Für so 'nen jungen Menschen ist's gut genug. Unterdessen hat der Dichter das langhaarige Haupt verschämt geneigt und die Rechte dankend aufs Herz gelegt, damit aber auch zu gleicher Zeit aus der Seitentasche ein Album gezogen, das er herumgeben will, mit der Bitte, einen Gedanken hineinzuschreiben und zur ewigen Erinnerung an diesen unbezahlbaren Moment. Dies dämpft den Jubel etwas, denn die wenigsten sind so vorsichtig, immer einen Stammbuchvers im Hinterhalt zu haben; doch faßt und findet man sich bald. ›Auf den Bergen ist Freiheit‹ und so weiter, das würde jeder am liebsten schreiben wenn nicht schon der allererste so satanisch boshaft gewesen wäre, diese Verse der ganzen Gesellschaft wegzuschnappen. So ist's denn kein Wunder, wenn der Löwe des Tags mit gewöhnlichen Sinnsprüchen, wie zum Beispiel ›Ehrlich währt am längsten‹ oder ›Bleib zu Haus und nähr dich redlich‹, vorlieb nehmen muß. Endlich ist die peinliche Feierlichkeit vorüber und das Album wieder in seinem Loch. Papa sitzt schon lange auf seinem Tragstuhl und blast den Knasterdampf vergnügt über die Wälder hin, die von unten herauf rauschen; die Mütter kauern malerisch auf den Felsblöcken umher und stricken. Das Feuer brennt lustig, die Töpfe mit Wasser und Milch fangen nachgerade an zu sieden. Nun geht's ernstlich an die Vorbereitungen zum Frühstück. Da zeigt sich erst, mit wieviel Umsicht der Plan zu diesem Unternehmen entworfen und wie passend die Rollen ausgeteilt worden. Vor allem wird der große Reisesack aufgetan, den der Führer heraufgetragen und aus welchem nun Kalbskeulen und Schinken springen, wobei die Messer und Gabeln, die auch in seinem Bauche liegen, kampflustig erklingen. Nun erschließen sich auch die Reticules der Schönen, und wer hätte es diesen zierlichen Täschchen, die den ganzen Weg herauf so gleichgültig mitbaumelten, angesehen, daß sie heute als Vorratskammern für die feingebildete Gourmandise der bergsteigenden Hauptstädter eingerichtet seien? Und doch ist's nicht anders! Aus der einen Tasche steigt vielversprechend eine edle Wurst von Welschland, aus der andern ein Senftopf; andere Fräulein stellen anderes auf, geräucherte Zungen, gebratene Hühner. Jetzt zeigen aber auch die Paladine, daß sie nicht umsonst dabeisind. Ihre Aufgabe war's, den Wein zu liefern, und nun treten die Vertreter sämtlicher Rebenhügel von Würzburg bis Bordeaux aus den Rocktaschen. Das wird aber für jetzt alles nur beiseite gestellt, geordnet, und was zerlegbar ist, zerlegt; denn der Kaffee ist fertig, und die Mädchen machen lächelnd die Honneurs. Während man schlürft, wäscht der Führer in der nahen Quelle die Salathäupter, die er mitgebracht, und übergibt sie dann zerblättert und gesäubert in großer irdener Schüssel den Schönen. Man nähert sich dem nahrhaftem Teile des Frühstücks. Einzelne Vorläufer machen schon die Runde, die Kernspeisen dringen unwiderstehlich nach. Am meisten haben wieder die Mädchen zu tun, die frischen, heitern, rosigen Mädchen, die jetzt, in der Glorie der Alpenluft strahlend, wie dienende Engel hin und her eilen, voll Leben und Lust, die nun spielend alle Reize deutscher Häuslichkeit entfalten, welche uns hier oben auf der grünen Bergmatte, in der hellen Sommersonne, mehrere tausend Fuß hoch über dem Meere noch viel tausendmal einnehmender erscheinen als unten im langweiligen Abendzirkel beim trüben Lampenschimmer. Und wenn nun die Gläser erklingen, da klingen alle Herzen mit, und wenn die Champagnerpfröpfe knallend in die Luft fliegen, dann fliegen auch die letzten Grillen still ins Tal hinunter. Die Freude tritt immer königlicher auf, der Jubel wird immer lauter; der Norddeutsche deklamiert wieder, der andere fällt mit der Gitarre rauschend in den Lärm, der dritte spielt sein Flageolett, und dann ertönen – alles schweigt – die Almenlieder, diese herrlichen, himmelansteigenden Gesänge, die keiner vergessen kann, der sie je in ihrer milden Kraft gehört hat, die in jedem die Sehnsucht nach den Alpen wecken, der sie draußen wieder hört im ebenen Land. Die verrückten Dolomiten Das sind wohl die verrücktesten Linien, die man in der Alpenwelt sehen kann. Niemand begreift, warum diese welschen Berge das löbliche Herkommen und ehrenhaft solide Aussehen ihrer deutschen Brüder so vollkommen aufgegeben, sich so absonderlich und ungebärdig gestaltet haben. Es erscheinen da, wie am Monte Cristallo, Zungen, Stangen, Spitzen, Nägel und neben diesen schmächtigen Figuren auch wieder ungeheure, dicke, schwerfällige Massen von furchtbarer Höhe. Eine davon sieht einem Pferde mit abgehauenem Kopfe so ähnlich, daß ich vermutete, in der Nähe möchten sich auch die vier schlanken Beine finden, auf denen der Koloß ruht, aber leider stand ein anderer Berg davor. Ich war neugierig, wer diese Potentaten seien, und fragte die Jungen und die Mädchen nach deren Namen, allein die Ampezzaner kümmern sich um die Berge, die außer ihrer Pfarre liegen, ebensowenig als die Deutschtiroler. Wer kein Vieh auf der Alm hat, fragt nie nach Alpennamen. Am liebsten hätte ich erfahren, wie jener wunderliche, kopflose Gaul sich nenne, allein die jungen Leute rieten hin und her, ohne etwas Gewisses behaupten zu wollen. Endlich kam eine Alte dazu, welche mit Entschiedenheit versicherte, es sei der Becco di mezzodi – zu deutsch der Mittagsbock. Diesen Namen fand ich auch wirklich auf meiner Karte verzeichnet. Jedenfalls bezeugt derselbe, daß auch die Vorfahren schon die seltsame Gestalt des Berges mit einem Vierfüßler verglichen haben. Zur linken Hand steht die mächtige, zuerst 1863 von Paul Grohmann erstiegene Pyramide des Anteiao, deren Spitze sich mehr als 10 000 Fuß über das Meer erhebt, rechts der ungeheure Stock der Tofana. Alle diese Dolomiten sind kahl bis auf die niederen Vorberge herab – an ihren schauerlichen Wänden scheint sich keine Jochaurikel, keine Edelraute halten zu können. Bekannt ist übrigens, daß die Dolomiten ihren Namen von dem französischen Geologen Dolomieu († 1802) erhalten haben. Früher glaubte man, sie seien einmal vor langer Zeit glühend aus dem Erdbodengeschossen und allmählich erkaltet; jetzt hat man gefunden, daß sie eigentlich zu den sedimentären Gebirgsarten gehören und sich vom Kalkstein nur durch ihren Gehalt an Magnesia unterscheiden. Hochachtung und Verwunderung hat diesen seltsamen Gestalten noch kein Passagier versagt, aber es fehlt ihnen doch etwas Erhebliches, nämlich die Gabe, unsere Sehnsucht zu erwecken und uns zu sich hinzuziehen. Wer so den Mittagsbock betrachtet, dem fällt schwerlich die Frage ein: Wie mag es wohl dort hinten sein?, weil er vorher schon überzeugt ist, daß es dorthinten gerade so ist als da vorn – daß dort geradeso unbegreifliche, wild durcheinandergeworfene Ungetüme zu finden sind wie in seiner nächsten Nähe. Die grünen germanischen Berge in ihrer ruhigen Folge, mit ihren mannigfachen Taleinschnitten, die hier fast gänzlich fehlen, mit den reichen Gewässern, den hellen Wiesen und dunklen Wäldern, den weißen Häuschen, Höfen und Alpendörfern, mit ihren Kirchen und Burgen, geben eigentlich viel mehr zu schauen und wecken dadurch auch eine Fülle poetischer Ideen. Wie lieblich, wie schön muß es dort oben sein auf der grasigen Breite, wo das Bauernhaus mit seinen spiegelnden Fenstern winkt, wo das weiße Kirchlein, wo die grauen Türme stehen! Den welschen Dolomiten fehlt das gedankenreiche Gewand, in das sich die deutschen Berge hüllen. Bergwanderung aufs Spitzhörnle So war es sechs Uhr geworden. Da wir um zwei Uhr in Bruneck sein sollten, weil wir zu Tische geladen waren, so schien es allerdings höchste Zeit, den Gang aufs Spitzhörnle, wenn überhaupt noch, jetzt zu beginnen. Die Luft war noch trübe, wenigstens gegen Westen hin, während sich von Osten her ein schöner Tag anzukündigen schien. Wir fragten wiederum unsern Mathes, der sich wiederum orakelhaft ausdrückte. Nun traten aber der Wirt und die Kellnerin in unsern Rat und sprachen entschieden für die Unternehmung. Dieses Votum schien so uneigennützig, daß ich mich seinem Einflüsse selbst nicht entziehen konnte. Wir berichtigten also die billige Rechnung, Mathes nahm unsere Taschen und seinen Stock, zündete seine Pfeife an, und nach freundlichem Abschiede von der Wirtschaft begannen wir unsere Reise. Der Weg zieht lange bequem und ungefährlich aufwärts, zuerst an Höfen vorbei, dann durch einsame Wiesen oder helle Lärchenwälder, doch nicht an der Seite des Spitzhörnle, sondern vielmehr in einer Einsattelung, Furkl genannt ( furcola = kleine Gabel), welche jenes von seinem nächsten Nachbar trennt. Nachdem wir etwa anderthalb Stunden gegangen, blieb Mathes stehen und sagte, jetzt brauchten wir keinen Führer mehr – auch sei es höchste Zeit für ihn, zurückzukehren, da er sonst nicht mehr in das Sonntagsamt käme. Das Spitzhörnle sei der Berg, der uns gegenüberliege und der, wie der Augenschein lehre, ganz leicht und gefahrlos zu besteigen, bei dessen Besteigung gar keine Verirrung möglich sei. Es war auch alles glaublich, was er sagte, und so beschlossen wir denn, die erste Station abzuhalten, eine Flasche Wein zu leeren und uns andere kleine Nachhilfen angedeihen zu lassen. Mathes in seiner Bescheidenheit wollte kaum einen Tropfen annehmen, noch weniger etwas essen – es sei viel zu früh für ihn. Fast mit Mühe bewogen wir ihn, uns Bescheid zu tun, und sagten dann dem wackern Burschen, der auch nur sehr mäßigen Trägerlohn verlangte, ein herzliches Lebewohl. Wir gingen nun in einen waldigen Tobel hinunter, überschritten einen Bach und standen dann wirklich am Fuße des Spitzhörnle, welches aber weder ein Spitz, noch ein Hörn oder Hörnle, sondern ein sehr breiter, langhingestreckter Bergrücken mit einem ganz flachen Giebel ist. Rechts und links waren lichte Wälder, in der Mitte ging bis zur höchsten Höhe eine Grasblöße hinauf, und durch diese stürzte ein kleines Bächlein herunter. Unsere Weisheit hätte uns nun eigentlich raten sollen, rechts oder links einen Weg im Walde zu suchen, wo der rauhe Boden und die Bäume selbst uns nicht hätten ausgleiten lassen, allein der grüne Streifen in der Mitte schien so einladend, daß wir alle Weisheit ganz beiseite ließen. Also rüstig die Grashalde hinan! Anfangs ging's auch ganz gut, aber je höher wir kamen, desto steiler zeigte sich der Abhang. Die Sohlen hielten nicht mehr, das Gras wurde immer schlüpfriger, und mich überkam ein Gefühl, als wenn ich ganz nahe am ›Abscheipen‹ wäre. Unter Abscheipen versteht man aber jene unheimliche Gangart, mittels welcher der Wanderer, der auf einer grasigen Halde ausgleitet, etwa drei, vier, fünf Minuten in beschleunigtem Tempo bergab rutscht, wonach er dann unten zuweilen glücklich ankommt und sich besinnen kann, ob er heimkehren oder im alten Geleise hartnäckig wieder aufwärts klettern wolle, mitunter aber von der ganzen Partie keine Erinnerung mehr hat, weil er sich unterwegs das Genick gebrochen. In letzterem Falle sagt man einfach: Er hat sich verscheipt. Tröst' ihn der liebe Gott! Um beiden Möglichkeiten auszuweichen, suchte ich nun das Bächlein zu gewinnen, dessen kleines Bette mit kleinen Felsblöcken ausgelegt war, so daß ich hoffen mochte, diese als Staffeln benützen und so, von einem zum andern steigend, die Höhe erreichen zu können. Ging also vorsichtig auf das Bächlein los, fand aber unterwegs, daß eine sumpfige Lache dazwischenlag, welche ohne Vermehrung der Fährlichkeiten nicht zu umgehen war. Ich schritt also unverwandt in den Morast hinein, rutschte aber aus und lag alsbald darinnen. Mein Gefährte konnte mir die Hand nicht reichen, da er selbst um Erhaltung seines Gleichgewichtes mühsam zu kämpfen hatte. Doch raffte ich mich bald wieder auf und wollte meinen Weg nach dem Bache fortsetzen, fand dies aber unmöglich, denn der kurze Zwischenraum, der mich von ihm trennte, zeigte sich noch abschüssiger als die andere Halde. Also wieder zurück durch denselben kleinen Sumpf, den ich aber jetzt schon hinlänglich studiert hatte, um glücklich durchzukommen, worauf ich den nahen Wald zu erreichen trachtete. Dies war jedoch nicht gar so leicht, da die Sohlen in dem schmutzigen Bad nur noch schlüpfriger geworden. Als mich aber der Fichtenhain in seine heiligen Schatten aufnahm, war's mir gerade, als wenn ich eine kleine Lebensrettung zu feiern hätte. Die Selbstbetrachtung, die ich sofort anstellte, ergab, daß ich zwar nasse Socken erübrigt, am Leibe selbst aber kaum angefeuchtet war, da die dicken Hosen dem Wasser trefflichen Widerstand geleistet. Ganz nahe dabei war eine kleine verlassene Waldhütte, in welcher auch ein Herd, auf dem aber kein Feuer brannte. Doch bot sie angenehme Gelegenheit, die Socken zu wechseln und sonst noch zu ordnen, was aus dem Geleise gekommen war. Wir stiegen nun in dem Fichtenwald ohne weitere Erlebnisse aufwärts und erreichten bald die Hochebene, die wir von unten auf als unser Ziel betrachtet hatten. Sie war es aber keineswegs, denn der oberste Teil des Berges staffelt sich in sanft geneigten Flächen auf, deren eine die andere verbirgt, so daß die zweite erst sichtbar wird, wenn man bis an den Saum der ersten vorgegangen. Über diese drei- oder viermal wiederholte Täuschung wären wir gerne ungeduldig geworden, allein da es uns doch nichts geholfen hätte, so unterließen wir es lieber. Endlich, etwa nach einer halben Stunde, hatten wir die höchste Stelle erreicht, den äußersten Rand, von welchem wir ins Pustertal und auf Bruneck hinuntersahen. Jetzt waren wir also oben, 7276 Fuß über dem Mittelländischen Meere, und nun sollte das Entzücken unverzüglich beginnen. Seit wir uns von dem guten Mathes getrennt, war aber der Himmel immer trüber geworden. Gegen Süden standen die Wolken zwar so weit oben, daß die Berge fast bis zu ihren Spitzen frei waren, allein die Sonne drang nicht durch, und das ganze Hochland sah sehr blaß und leidend aus. Der Langkofel, der Peutler Kofel, die Marmolata, sie standen alle riesig und unheimlich vor uns, schauten uns aber so abgelebt und halbverstorben an, als wenn sie nächstens von der Schaubühne abtreten wollten. Ich hatte sie früher oft in so prächtiger Beleuchtung gesehen, daß sie mir jetzt mehr Mitleid als Bewunderung einflößten. Nur zwischen dem Schiern und dem Bozener Ritten ging der Blick weit in die Ferne und konnte dort auf einem entlegenen Gebirgszuge mit Zufriedenheit ausruhen. Dieser stand in vollem Sonnenschein, war ganz schneeweiß und mit tiefen blauen Schatten durchzogen. Das muß die Gletscherkette des Monte Adamello sein, die in Welschtirol zwischen dem Sulzberg (Val di Sole) und dem italienischen Val Camonica liegt. Die nördliche Reihe, welche vom Ötztal bis über den Glockner hinausreicht, voll Schneefelder und Gletscher, aus denen der Venediger herrlich aufragt, war aber gar nicht zu sehen, und gerade auf diese stillen Eiskönige hatte ich mich am meisten gefreut. Nur die Vorberge des Pustertales erschienen, und auch sie nicht einmal bis zur halben Höhe. Es war, als ob eine graue Schlafmütze über sie gezogen wäre, gerade bis auf die Augen herunter, nämlich bis auf die Dörfer, die weißen Kirchen und Häuser, die sich im Mittelgebirge hinziehen. So blieb uns denn kein anderer Trost, als die gedruckte Beschreibung wörtlich abzulesen, welche mir Herr J. G. Mahl, der strebsame Buchhändler von Bruneck, zum Abschied noch in die Tasche gesteckt hatte. Sehr niedlich, wie zierlichst aus Holz geschnitzt, lagen dagegen Bruneck, sein altes Schloß und eine Menge Dörfer, Kirchen und Burgen weit unten im Tale zwischen Wald und Feld. Obgleich ohne Licht und Schatten, war dieser Teil der Aussicht doch eigentlich das einzige Stück, an dem man sich erfreuen konnte. Aus einem der Ansitze im östlichen Teile der Stadt sahen wir auch ein feines dünnes Rauchwölkchen aufsteigen, und wir verhehlten uns nicht, daß es wahrscheinlich mit dem Rehbraten zusammenhänge, der uns für mittags verbindlichst in Aussicht gestellt war. Während wir nun da in die Tiefe schauten und uns erinnerten, daß wir um zwei Uhr schon unten bei Tische sitzen sollten, fing es heroben zu schneien an, jedoch nicht stöbernd, sondern sparsam und rücksichtsvoll. Doch begann ein kalter winterlicher Wind über die Höhe zu blasen, der uns veranlaßte, auch die letzten Knöpfe an unsern Röcken sorgfältig zuzuknöpfen. Ich begann halblaut zu phantasieren: »Wären wir in St. Vigil bis sieben Uhr liegen geblieben, dann in die Kirche gegangen, hätten die Männlein und die Weiblein, ihren Wuchs, ihre Gesichter, ihre Trachten besehen, wären dann wieder zum Frühstück ins Wirtshaus zurück, wäre der Richter, der Herr Student, vielleicht mancher andere würdige Mann aus Ladinien dazugekommen, hätten wir bei einem Seidel Wein eine belehrende und anregende Unterhaltung gepflogen, einigermaßen in der ladinischen Sprache herumgeforscht und uns dann von unserm Mathes wieder nach Bruneck hinausfahren lassen – wer weiß, ob wir nicht ebensoviel gelernt und noch mehr Vergnügen erlebt hätten als hier auf dem Spitzhörnle oder Platzkron oder Plan de Corones?« »Wir wären nur ausgelacht worden«, entgegnete mein Begleiter. »Das werden wir auch so – ich biete jede Wette an.« Dies hat sich auch so ziemlich bestätigt. Als wir in Bruneck erzählten, daß wir auf der Spitze gewesen, aber nichts gesehen hätten, wurden wir gerade so belächelt, als wenn wir nicht hinaufgestiegen wären. Auch die traurige Geschichte, wie ich ins Wasser gefallen, lockte niemand eine Träne des Beileids ins Auge. Ludwig Steub lernt Grödnerisch Im Dörfchen Pufels herrschte tiefe Stille, und wir fanden selbst am Wirtshause die Türe verschlossen. Doch gelang es, durch die Scheune einzudringen und auf diesem Wege endlich auch die Wirtin zu erschreien, die im Speicher mit ihren Vorräten beschäftigt war. Sie sprach deutsch, wie es die Grödnerinnen sprechen, das heißt immer mit einem welschen Rückhalte und mit großem Anstoß am ›R‹. Es wurde ihr eröffnet, daß wir geschwind noch Grödnerisch zu lernen gedächten, ehe wir ins Tal hinunterstiegen, und über diese Absicht sowie über die Eilfertigkeit, mit welcher wir sie betrieben, fing sie herzlich zu lachen an. Wir blieben gleichwohl fest bei unserm Vorsatze. * Nach ein paar Stunden schlossen wir die Untersuchungen, da es Abend werden wollte und noch etwa eine Stunde nach St. Ulrich, dem Grödner Hauptort, vor uns lag. * Oben indessen hatten wir auch gelernt, wie es auf ladinisch lautet, wenn man fragt: ›Wie weit ist es denn von hier nach St. Ulrich?‹ Dies hieß also: ›Tang longsch ie'l pa da tlo fin a Urteschei?‹ Urteschei ( Urticetum , Nesselwang) ist nämlich der grödnerische Name von St. Ulrich. Diese Phrase übten wir so lange ein, bis wir sie mit voller Geläufigkeit zu Tage bringen konnten. Wir freuten uns aufrichtig, als wir alle Schwierigkeiten überwunden hatten, und nahmen uns auch gleich vor, sie bei erster Gelegenheit zu benützen. Wir waren also kaum etliche hundert Schritte von Pufels entfernt und hatten eben eine zahlreiche Familie bemerkt, die weit drinnen im Felde mit der Gerstenernte beschäftigt war, als wir beide zu gleicher Zeit über die Stoppeln hinriefen: » Tang longsch ie'l pa da tlo fin a Urteschei? « Kaum waren die rauschenden Worte verklungen, als sich Vater und Mutter und die Kinder sowie auch die Knechte und die Mägde schleunigst aufrichteten und uns sprachlos anstarrten. Hierauf wiederholten wir den Ruf; aber nunmehr, da sie gewahrt hatten, daß wir landesfremde Wanderer seien, brachen sie alle in schallendes Gelächter aus und schrien uns verschiedene Anzüglichkeiten zu, die wir sämtlich nicht verstanden. Wir ließen uns indessen durch diese Begegnung nicht abschrecken, sondern machten vielmehr gleich wieder einen Versuch. Da traf es sich nämlich, daß wir an einer jähen Halde hinschritten und unter uns im Gerstenfelde einen Mann bemerkten, der langsam gegen uns heraufstieg und eine breite Garbe über dem Haupte trug, so daß er uns nicht ersehen konnte. Wir riefen also wieder: » Tang longsch ie'l pa da tlo fin a Urteschei? «, worauf er laut und vernehmlich sprach: » Mezza ora .« Diesen hatten wir also wirklich berückt, und dadurch fanden wir uns reichlich belohnt für die kurze Mühe, die wir auf die Erlernung des Grödnerischen gewendet hatten; ließen uns auch nicht irremachen, als der Mann, bald darauf den Steig betretend, seine Last von sich warf und uns deutsch nachrief, er wisse doch, daß wir keine Grödner seien. Ein Jahr lang hatte ich den Spruch im Kopfe behalten, und als ich zum zweiten Male über Kastelrutt ins Grödnertal ging und beim Weiler Rungaditsch vorüberkam, fiel er mir wieder ein. Damals sah ich im Vorbeigehen einen Knecht hinten im Heustadel stehen und rief zu deutsch: »Wie weit noch nach St. Ulrich?« Der Knecht in seinem grödnerischen Hochmut aber tat, als verstände er nichts, und arbeitete lautlos fort. Dadurch empfindlich, sann ich auf Rache, und nach ein paar Schritten, als das Stadeltor mich verdeckte, rief ich laut: » Tang longsch ie'l pa da tlo fin a Urteschei? « Worauf der Knecht wie ein angeschossener Keiler herausstürzte, weil er's für Teufelsspuk hielt, daß der fremde Pilger, der soeben vorübergezogen, in der Zunge von Gröden rede. Als er mich nun aber voll stummen Erstaunens betrachtete, sagte ich: »Gehe nur wieder hinein, o Knecht, und da du Deutsch verstehst, so warte künftig nicht mehr, bis dich die Fremden in der Sprache von Gröden anreden, welche im gelehrten Deutschland niemand erlernen kann, weil alle literarischen Hilfsmittel, insbesondere Grammatik und Wörterbücher, vollkommen fehlen.« Da der Knecht aus dieser Rede nicht klug werden konnte, so zog er sich, ohne ein Wort zu sagen, gedemütigt in seinen Heustadel zurück. Umgang mit den Eingeborenen Durchschnittlich fährt man am besten, jedermann wie einen alten Bekannten zu behandeln. Am Wirtstisch mag man selbst zu reden anfangen oder zusehen, bis man angesprochen wird, was nie lange auf sich warten läßt. Es ist nirgends leichter, Bekanntschaften zu machen, als in diesen Gebirgen. Allerdings wird das freundliche Entgegenkommen von Seiten der Eingebornen zum Teil auch der Neugierde zuzuschreiben sein, welche die gebildeten Stände ebenso kitzelt wie den Bauer. Die ersten Fragen gehen daher gewöhnlich über die Richtung der Reise, die damit verbundenen Zwecke, worauf dann die Untersuchungen der Person des Fremden immer näher rücken, die Fragen immer verfänglicher werden, bis er zuletzt, zum Geständnis getrieben, seinen Namen und seinen Stand, allenfalls auch noch den seiner Eltern und Geschwister und nächsten Blutsverwandten, einbekennt. Wer sich in längerer Erfahrung überzeugt hat, daß alle Ausflüchte nichts helfen, wird einsehen, um wieviel besser es ist, bei der ersten scharfen Frage gleich offen und redlich herauszugehen und sich mit den freundlichen Forschern ungefähr in ähnlicher Weise abzufinden wie weiland Franklin mit seinen Landsleuten. Damit ist denn aber auch viel Bereitwilligkeit erworben, nämlich eine Bereitwilligkeit zu unterrichten, zu raten, zu helfen, zu führen, die jede Probe aushält. In einem Lande, das von Jahr zu Jahr mehr bereist wird, ist das Streben der Einheimischen, über die Persönlichkeit des Fremden, dem man unter bestimmten Voraussetzungen zuvorkommend entgegentreten will, sich ins klare zu setzen, gewiß ein sehr erklärliches, und es soll daher hier nur erwähnt, nicht getadelt werden. Bei den Landleuten ist's freilich in der Regel nur ein naiver Vorwitz ohne alle Hintergedanken. In Vorarlberg läuft der Bauer, wenn er mitten im Acker arbeitet, an den Saum heraus, um zu fragen: ›Wo kommen die Herren her?‹, und kehrt dann, wenn er's erfahren, wieder neugestärkt zu seiner Pflicht zurück. Der Nordtiroler, insonderheit der Inntaler, ist weniger untersucherisch und gleicht darin dem bayerischen Bauern, der in seiner tiefen Gemütsruhe durch solche Neugier sich auch nur selten aufregen läßt. Der deutsche Südtiroler dagegen steht in diesem Stücke dem Vorarlberger am nächsten. Es dürfte schwer sein, eine Unterredung mit ihm abzuschließen, ohne daß er nach eingeholtem Verlaub die Frage gestellt: ›Wo bleiben Sie zu Haus?‹, oder schlichtweg: ›Wo bleiben Sie?‹ Das heißt: ›Wo sind Sie seßhaft? Wo ist Ihre Heimat?‹ Es ist ein Übelstand, daß diese Lieblingsfrage dem Ausländer fürs erstemal wenigstens sehr dunkel klingt, und es wird uns nur freuen, wenn wir hier etwas zur Vermittlung des Verständnisses beitragen konnten.   Im Bregenzer Wald Die alten Wälder pflegten übrigens jeden Fremden schlechtweg Bettler zu nennen. Da die Gäste, die ihnen das Ausland früher zusandte, fast ohne Ausnahme dieser Klasse angehörten, so scheint jener Sprachgebrauch in der Tat nicht so auffallend. Über das seltsame Bettlerwesen in der Wälderrepublik gibt uns F. M. Felder eigentümliche Aufschlüsse. In der guten alten Zeit kamen diese Fremdlinge aus der Schweiz und dem Schwabenlande scharenweis in den Bregenzer Wald, wo sie nicht einmal der Schatten einer Polizei belästigte. Damals waren die Taler zwar noch rar im Lande, aber die Lebensmittel im Überfluß vorhanden. Man konnte daher mildtätig gegen die Armen sein, welche sich hordenweise in den Wäldern herumtrieben. Das freie, sorgenlose Leben, das sie da führten, gefiel ihnen dann bald so wohl, daß sie nie mehr an die Heimat dachten. Dort, bei Schopernau, wo der Bettlerbach in die Aach fällt, lagerten sich oft ganze Scharen solcher Gäste. Sie kochten und schliefen in den dichten Wäldern zu beiden Seiten des Baches, der von ihnen seinen Namen erhielt. Im Winter zogen sie dann mit der Beute, die sie im Sommer errungen, mit dem Proviant, den sie erübrigt hatten, in die nächsten Alpenhütten und ließen sich's wohl sein. Den Tag über saßen sie beim Feuer oder, wenn gutes Wetter war, vor der Hütte im Sonnenschein. Zuweilen wurden sie aber ganz ausgelassen. Wenn einer eine Zither hatte und damit aufspielen konnte, so tanzten die andern, daß der Staub aufflog, und jauchzten zu den Türen und Fenstern hinaus, daß man's bis ins Dorf hinunter hörte. Einzelne unter diesen Gästen, wie der von Felder geschilderte Schwarzhannes, wußten sich allerdings durch heiteres Wesen und lustige Einfälle beliebt zu machen, aber im ganzen waren die Bettler doch gehaßt und gefürchtet. Diese Empfindung, obwohl etwas abgemildert, trug der Wälder, als sein Ländchen besucht zu werden begann, nun auch allen Fremden entgegen, selbst solchen, die ihn nicht anbettelten. Es dauerte lange, bis er sich überzeugen ließ, daß es auch in der übrigen Welt noch Leute gebe, die ebenso anständig leben können wie er, ja sogar solche, die in den Wald nur kommen, um ihre Erübrigungen da liegenzulassen. Es bleibt ihm immer noch ein gewisser Argwohn, ob die Touristen und Touristinnen, die reisenden Geheimräte mit Gattinnen und Töchtern, nicht am Ende doch verkleidete Bettler seien. Deswegen ist der Wälder im Anfang sehr zugeknöpft und wartet, bis man ihm entgegenkomme. Er vergißt sich selten so weit, den Fremdling auf der Straße oder im Wirtshause zuerst zu grüßen oder ihm das erste Wort zu schenken. Aber wenn man ihm die verdiente Ehre erweist, ihn zuerst grüßt, zuerst anredet, ihm mitteilt, daß er in den letzten Jahren wieder etlichemal entdeckt worden sei und daß sich die Welt jetzt fast nur mit ihm beschäftige, dann schmilzt das Eis um sein stolzes Wälderherz, und er kann recht munter und gesprächig werden. Die Schönheit des Volkes Aber wie sehen denn die Leute, von denen du so lange plauderst, eigentlich aus? Sehr gut, sag' ich, denn es ist ja bekannt, daß der altbayerische Bauer noch etwas auf seine Volks- oder Standestracht hält und daß Männlein und Weiblein für ihr ›Feiertagsgewand‹ nicht leicht etwas zu schön und zu teuer finden. Ferner ist der Stamm der Chiemgauer gut gebaut und kräftig, auch groß gewachsen, und es schadet ihm nicht, daß er fast ohne Ausnahme die Nase ziemlich lang trägt – eine Entdeckung, welche schon anderswo verzeichnet ist und vielleicht von bleibendem Wert sein dürfte. Übrigens sind die Männer sozusagen fast schöner als ihr Gegenpart – unter den Gestalten der Jungfrauen findet sich wohl manche, welche man leidlich und angenehm nennen könnte, aber keine von jenem aphrodisischen Liebreiz, wie ihn so viele Tirolermädchen ganz ungezwungen mit auf die Welt bringen. Aber nicht etwa die Gemeinde Seebruck und ihre Nachbarschaft oder der Chiemgau allein leidet unter diesem empfindlichen Mangel, sondern überhaupt das ganze Oberland und all das bayerische Gebirge. Gewissenhafte Landgerichtspraktikanten, welche aus Liebe zur Wahrheit die Sache gründlichster Prüfung unterzogen, behaupten da wie dort: in ihrem ganzen Bezirke finde sich keine einzige Huldin, die den goldenen Apfel aufzuheben würdig wäre. (Und wirklich hat man auch in der Auswahl garstiger Kellnerinnen seit den letzten Jahren so riesige Fortschritte gemacht, daß eine Umkehr viel wünschenswerter scheint als ein Weiterstreben auf dieser entsetzlichen Bahn.) Viele behaupten sogar nicht ohne einigen Schein: da alle Wohlgestalt nachgerade unter die Männer gegangen, so würden diese fürderhin ›das schöne Geschlecht‹, so daß das andere nur ›das schwache‹ bliebe – fast zuwenig im Vergleich mit seiner bisherigen Stellung und seinem strebsamen Geist! Die richtige Meinung ist aber wohl die, daß in einem sonst kerngesunden und wohlgeschlachten Volke die Schönheit periodisch wiederkehren müsse, wenn auch jetzt ihre Tage noch nicht so nahe sind, als manche wünschen. Es ist nämlich der Erinnerung wert, daß die Jungfrauen, deren Geburt unter die nachwirkende Herrschaft des elften Kometen fiel, sich in den dreißiger Jahren zu München durch jene himmlischen Reize hervortaten, welche wahrscheinlich noch in den Liedern fortleben würden, wenn wir damals schon so viele und so gute Poeten gehabt hätten wie jetzt. Und wie gewaltiger Lärm war damals von den herrlichen Sennerinnen, den wildschönen Alpentöchtern, die im Gebirge ein schreckliches Spiel mit den städtischen Herzen treiben sollten, während es doch jetzt davon ganz ruhig ist. Wenn nun jene Meinung (und wer kann sie bestreiten?) sich bestätigen sollte, so möchten die Kometen, die sich in den letzten Jahren an unserm Abendhimmel zeigten, wahre Hoffnungssterne gewesen sein, und mancher Musensohn, der eben die Pandekten zu studieren beginnt und die Absicht hat, bei seiner einstigen Anstellung sich zu verehelichen, kann immer den Trost hinnehmen, daß er mit seinen ›zärtlichsten Trieben‹ auch noch in die gute Zeit fallen werde. Übrigens nehmen die Volkstrachten, wie es scheint, ihren Ursprung immer in den höhern Ständen und steigen von diesen in die untern und zu den Bauern herab. Die Bauerntracht ist aber wie die Aloe, die nur alle hundert Jahre blüht – sie gerät nur nach langen Zwischenräumen in den Zustand der Empfängnis; der Bauer und die Bäuerin häuten sich selten früher als nach der dritten oder vierten Generation. Vieles, was die wechselnden Moden den höhern Ständen bringen, geht wieder dahin, ohne daß von unten her ein Auge darauf geworfen wird – manche Erscheinung aber, die gerade in die Zeit fällt, wo das Landvolk wieder seinen Schoß eröffnet, hält sich auf mehrere Menschenalter hinaus. Eine der vorstechendsten Trachten Tirols war ehemals bei den Männern auf der Höhe von Kastelrutt in Übung. Sie ist seit etwa dreißig Jahren untergegangen, und man sieht sie wie viele andere tirolische nur noch auf älteren Trachtenbildern. Sie bestand aus einem grauen Spitzhut, großer Halskrause, roter kurzer Joppe, gelben Hosen und weißen Strümpfen. Diese Kleidung, in allen Stücken das Vorbild der deutschen Hanswurstentracht, zeigt sich in genauer Übereinstimmung bei den Kriegsleuten auf Bildern der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts. Die Jacke der Meraner Bauern ist wohl ein Erbstück aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Die Spitzelhaube war nach einem Bildnisse im Braitenbergischen Hause zu Meran im Jahre 1764 noch die Tracht der angesehensten Stadtfrauen. Die hohen spitzigen, filzenen Weiberhüte, wie sie jetzt im Unterinntale getragen werden, bildeten nach altern Votivtafeln, die in oberbayerischen Wallfahrtskirchen hängen, um den Anfang des vorigen Jahrhunderts die Zierde vornehmer Damen. Die Pelzkappe, welche in unsern Tagen die vermöglichen Bäuerinnen in Oberbayern tragen, trug im Jahre 1669 die Frau Kammerrätin Mayer, deren Konterfei im Gange des Klosters Schäftlarn zu finden. Im allgemeinen dürften wenige Trachten älter sein als zwei Jahrhunderte. Ihre Verschiedenheit aber scheint dadurch zu entstehen, daß sich in den verschiedenen Gegenden die chronische Empfänglichkeit zu verschiedenen Zeiten einstellt, wie sie denn auch bei den beiden Geschlechtern nicht immer gleichzeitig auftritt und das eine oft eine Neuerung einführt, während das andere alles beim alten läßt. Eine teilweise Änderung hat in diesem Menschenalter der bayerische Bauer zwischen Isar und Lech vorgenommen und dabei die Herrenmode mit den langen Röcken und den eingebogenen Hüten sich angeeignet, wie sie etwa vor fünfundzwanzig Jahren getragen wurden, beides freilich in etwas derberer Form. – Die Weiber dortiger Gegend aber blieben in allen Stücken beim alten Herkommen; dagegen sind die am Chiemsee und am Tegernsee von den Keulenärmeln, die vor etwa fünfzehn Jahren das Neueste waren, hingerissen worden und haben sie mit Belassung des übrigen ihrem Anzug vereint. Unter den Trachten der Männer ist ohnedem nur eine, welche den Ausschlag gibt, allen andern vorangeht und alle zu verschlingen droht. Dies ist die graue Joppe mit dem grünen Spitzhut. Als ihr Herd und Mutterhaus ist die Gegend von Miesbach und Tegernsee zu betrachten, obwohl sie auch dorthin erst seit Menschengedenken gekommen, und zwar aus Tirol, aus dem Zillertale – oder noch genauer scheint es eigentlich die Tracht der Duxer Hirten zu sein, welche durch die Tiroler Holzarbeiter herausgebracht wurde und wegen ihrer wunderbaren Einfachheit und ihres immerhin flotten Aussehens sich bei arm und reich schnell Anerkennung verschaffte, ja jetzt schon so viele Herrschaft übt, daß sie nicht allein die Landleute, sondern auch die feinen Herrn aus der Stadt, die Staatsdienstaspiranten und andere Würdenträger, die Maler und die Kupferstecher sich Untertan gemacht. Selbst vor den norddeutschen Augen hat sie Gnade gefunden, und man sieht manchen Berliner Geheimrat, manchen Hamburger Bankier, der sich gleich nach den ersten Tagen, von dem Reize des Gewandes angezogen, in eine Kochlerjoppe hüllt und stolz am Tegernsee hinwandelt, nicht ohne dabei sein frisch einstudiertes Schnaderhüpfel zu zirpen. (Kochlerjoppen heißen sie erst seit wenigen Jahren von einem Schneider zu Kochel, der sie besonders billig fertigt und in großen Ladungen zu München verkauft.) * Also hatten denn auch die Tegernseer Schönen vielleicht von der höchstseligen Königin Karoline und ihren Hofdamen vor vier Dezennien die kurze Taille und den langen knappen Rock angenommen, letzteren aber so verengert, daß er sich nur wie eine dünne Röhre um die Glieder spannte. Später kamen dazu die Gigotärmel, die vor etwa dreißig Jahren das Neueste waren und mit mächtiger Erweiterung an den kurzen Spenzer gefügt wurden. Dazu trug man wohl auch die grünen schmalgekrempten Hütchen, aber nur so verstohlenerweise, denn aus der Kirche waren sie wegen der ihnen einwohnenden Üppigkeit verbannt, und das eigentliche Feiertagsstück für das schöne Haupt wurde die ›Pechhaube‹ – eine schwarzwollene, dicht über den Kopf gegossene Halbkugel, sehr sittsam, aber zugleich abscheulich. Das enge magere Gestell, die maßlose Aufblähung an den Flügeln und der kleine plattgedrückte Kopf gaben der ganzen Gestalt etwas Libellenartiges – es sah zwar ziemlich plump aus, aber doch glaubte man immer, es sei aufs Fliegen angelegt. Da war es wirklich nicht so notwendig, die ›alte‹ Volkstracht zu erhalten, als vielmehr eine neue einzuführen. Letzteres hat sich jetzt auch von selbst gemacht – die Röcke sind in den jüngsten Jahren wieder weiter, kürzer und faltenreicher geworden, die Keulenärmel sind verschwunden, die bürgerlichen Mieder eingeführt, und auf dem Köpfchen – und sogar in der Kirche – prangt unbehelligt der grüne, früher exkommunizierte Spitzhut mit Blumenbusch und Goldschnur. Abgesehen von letzterem ist die Tracht gerade nicht sehr charakteristisch, aber kleidsam und ausgezeichnet durch die hellen Farben, die allen andern vorgezogen werden. Die Saltner von Meran Nicht unerwähnt darf hier die Figur des Saltners bleiben. Unter Saltner versteht man im allgemeinen einen Flurschützen, auf den Alpen einen Hirten, im Weinlande aber zunächst den Traubenhüter. Der Saltner muß ein Mann des besten Leumunds sein; er darf sich nie in verdrießliche Geschichten einlassen, nie eine Strafe erduldet haben. Er wird jedes Jahr am fünfzehnten August eingestellt, bleibt, bis die Güter abgeleert, erhält des Tages ungefähr einen Gulden, auch verschiedene andere Reichnisse und holt sich das Essen abwechselnd bei den Bauern. So schätzt man sein Einkommen während der drei Monate seiner Dienstzeit dem jährlichen eines wohlbestellten Knechtes gleich. Dieser zuträglichen Lage willen sind die Stellen sehr gesucht, und es findet eine förmliche Kandidatur statt, indem der Aspirant zeitig genug bei den Bauern, in deren Markung ihm die Würde verliehen werden soll, umherzieht und sie mit Züchten um ihre Stimme bittet. Der Saltner hat wenigstens um Meran herum eine eigene wunderliche Tracht, nämlich eine lederne Jacke von besonderem Schnitt, lederne Hosen, kurze Stiefel und einen dreispitzigen Hut, der mit Hahnenfedern, Gamsbärten und Eichhornschwänzchen verziert ist. Als Waffe führt er eine rostige Hellebarde. Dazu läßt er sich den Bart wachsen und wäscht sich nicht, so daß, wer nicht Bescheid weiß, ihn leicht für einen Räuber oder Banditen halten mag. Zarten Damenkehlen entfährt bei seinem ersten Anblick gern ein Schrei des Schreckens, und ein britischer Tourist soll einmal gar auf die Knie gefallen sein und, die volle Börse darbietend, den Saltner um sein Leben gebeten haben. Gegen die Unbill der Witterung schützt ihn eine Art Taubenkobel, der auf vier mannshohen Stangen in das Gut gestellt wird und zugleich zur Spähe dient. Der Saltner hat viel Plag' und Mühsal, um seinen Dienst so zu verrichten, wie das Herkommen es verlangt. Man nimmt zwar an, daß er des Schlafes so gut bedürfe wie andere Menschen, allein er soll sich doch nie schlummernd betreffen lassen – weder bei Tag noch bei Nacht. Selbst der Kirchenbesuch ist ihm erlassen, wie den Sennen auf der Alm. Auch des Essens wegen darf er sich aus seiner Markung nicht entfernen und überhaupt Speise und Trank nur nebenher einnehmen, stehend oder laufend, ohne Abbruch der beständigen Wache. In diesem Stücke ist der Bauer übermäßig streng, prüft den Saltner oft arglistig und gibt die bündigsten Verweise und Drohungen, wenn der Mann eines Augenblicks nicht wachsam befunden wird. Ein Hauptziel seiner Tätigkeit ist die Beobachtung der verbotenen Wege. Von der Zeit an nämlich, wo der Saltner eingestellt wird, werden auch die Weingüter, die das übrige Jahr offenstehen und zum Durchgang dienen, für geschlossen erklärt, und insbesondere alle Fußpfade, die hindurchführen, bis auf die unentbehrlichsten als verboten ausgezeigt, was durch eine hölzerne Hand geschieht, die auf einer Stange steckt und mit Berberitzenzweigen umwunden ist. Wer solche verbotene Steige bei Tag betritt und enthaltsam ohne Angriff auf die Trauben seines Weges wandelt, dem naht sich der Saltner mit Höflichkeit, zieht den Hut und bittet um den ›Tabakkreuzer‹, eine ideelle Münze, welche gewöhnlich durch einen Groschen dargestellt wird. Wer bei Nacht in die gleiche Lage kommt, zahlt um ein gutes mehr und setzt sich auch unlieblichen Reden aus. Die volle Wucht saltnerischer Ahndung fällt natürlich auf jene, welche, sei's bei Tag oder Nacht, ihrer Lüsternheit erliegen und im Weinberg naschend ergriffen werden. Freilich wird den Saltnern bei ihrer Verpflichtung vor der Obrigkeit bescheidene Manier gegen die herrischen, menschliche Milde gegen die mindern Leute eingeschärft; doch vergeht selten ein Jahr, ohne daß man von blutigen Stößen zwischen den pflichttreuen Wächtern und naschhaften Dieben zu hören bekäme. Übrigens ließe sich von den Sitten und Bräuchen, auch von dem Aberglauben der Saltner, noch allerlei erzählen. Burgen in Südtirol In diesen unsern Tagen sind ohnedem die meisten jener Schlösser in den Händen der Landleute, und der Bauer hält nicht viel auf Türme und Warten, auf Bankettsäle, Waffenkammern und Frauengemächer. Er hat sich eine alte Gesindestube zur Wohnung ausgesucht und läßt das übrige der Zeit trotzen, solange es vermag, oder wo in den letzten Jahrhunderten noch Herren auf den Gütern saßen, da geht er jetzt mit seinen Eisensohlen über den empfindlichen Parkettboden und wärmt seine nackten Knie an den welschen Kaminen und schneidet sich aus den hinterlassenen Ahnenbildern seinen Ofenschirm.   Zenoburg Die Zenoburg ist auch verfallen, wie die meisten ihrer Schwestern. Braunes Mauerwerk mit dichten Efeutapeten schließt den Ring ab. Durch ein hölzernes Pförtchen tritt man ein. Innen ist ein leerer Burghof; alte Reste bezeichnen noch hie und da den ehemaligen Gang der Mauern. Links erhebt sich ein fester Turm, in dem ein düsteres Baumannsstübchen. Nebenbei findet sich eine kleine Zisterne, um welche eine sinnige Hand etliche Trauerweiden gepflanzt; rechts, gerade über dem gähnenden Schlund der Passer, steht die alte Schloßkapelle, jetzt entweiht, aber noch immer viel besucht und beschaut, sowohl wegen des Portals mit seinen gnostischen Ungetümen, die so schwer eine Erklärung zulassen, als wegen der Altertümer, welche die jetzigen Besitzer der Burg, die edlen Herren von Braitenberg, da zusammengebracht. Man findet hier verschiedene merkwürdige Kunstgegenstände, alte Hausgeräte, alte Waffen, auch eine Truhe voll mittelalterlicher Knochen, worunter vielleicht manche landesfürstliche Gebeine. In einer Schublade liegen alte Pergamente, zum Teil noch aus der Zeit des görzischen Meinhard; andere, die von König Heinrich auf dieser selben Zenoburg gefestet worden sind. Die Wandschränke verbergen eine Sammlung von alten Handschriften, die auf die Landesgeschichte Bezug haben, und viele ältere Drucke, wie sie selten mehr in Privatbibliotheken gefunden werden. Nicht ohne Vergnügen wird man auch ein pergamentenes Stammbuch durchblättern, das sich Jakob Kolz zu Freiegg, der Enneberger, ums Jahr 1590 angelegt. Dahinein haben Bekannte und Verwandte ihre Wappen zierlich malen lassen und einen Spruch dazugeschrieben, deutsch, lateinisch, französisch oder spanisch, woraus abzunehmen, daß zu jener Zeit der tirolische Adel sich fleißig mit fremden Sprachen beschäftigt habe. Unter den deutschen Devisen ist manche ansprechende, die man sich merken sollte, wie zum Beispiel ›Gottes Will hat kein Warumb‹, oder, was Frau Maria Wendlin geb. Gadolt einschrieb: ›Schweig, leid und lach: Gedult überwint alle Sach.‹   Hoheneppan Der Weg nach Hoheneppan geht über die gebräuchlichen Porphyrplatten ohne Beschwer an den roten Wänden des Burgfelsens hinan und führt zuerst zu einem Wartturm, der unterhalb des Schlosses frei in einem lichten Föhrenhaine sich erhebt. Nach einer halben Stunde standen wir vor der Burg selbst und zogen durch eine schwanke Brücke ein, welche früher wohl eine Zugbrücke gewesen. Unten verwachsen die Mauern fast mit dem Gestein und sind von wucherndem Efeu übersponnen. Aus dem wirren Gemäuer erhebt sich der hohe Turm, der so meisterlich nach Bozen wie nach Meran hineinschaut. Ins Innere tretend, finden wir einen ziemlich geräumigen Burghof. An den besagten Turm schließen sich die Mauern des ehemaligen Herrenhauses. In dem Raume, den diese umfangen, ist der Boden allerdings mit garstigem Geröll, Felsenstücken und Dachziegeln überschüttet, und oben guckt der blaue Himmel herein, allein an den Wänden ist doch noch die Tünche der alten Gemächer erhalten, so daß deutlich zu sehen, wie diese ehemals eingeteilt gewesen. Gar so lang ist es wohl auch nicht her, daß hier noch adelige Herrschaften hausten, denn nach dem Aussterben der alten Eppaner war die Burg noch durch Jahrhunderte bewohnt, allein um welche Zeit die letzten Standespersonen abgezogen und der eigentliche Verfall begann, dies finde ich in den Büchern nicht vorgemerkt. Unten an den Mauern her ist allenthalben frisches Strauchwerk aufgeschossen, und durch dieses hüpfen gackernd die Hühner. – Ja Hühner! – denn jetzo gibt es in der ritterlichen Burg zwar keine Herrschaften mehr, aber andere niedrige Menschen, vielmehr Bauleute, ehrbare Gatten, mit mehreren blonden Kindern, welche sich Hühner halten und sonst auf ländliche Weise ihr Leben zu fristen suchen. Deswegen ist der Hof nicht nur mit Rebenlauben und Kohlgärten ausgestattet, sondern auch mit einem unübersehbaren Reichtum von andern Gerätschaften des täglichen Gebrauchs. In malerischer Unordnung stehen und liegen da auf dem unebenen Boden Hobelbank, Schleifsteine, Sägen, Weinbütten, Gießkannen, Schaufeln, Sicheln, Holzschuhe, zerlegte Wagenstücke und andere Zeichen der Ländlichkeit umher. In der Burgkapelle steht jetzt ein Gsottstuhl, und auf dem Boden liegt Laub zur Streu. Die zerlumpte Türe trägt die Jahrzahl 1689. Außerhalb der Mauer ist ein altes, verblichenes Gemälde zu entdecken. Was noch wohnlich geblieben, ist ein kleiner Hausstock am Rand des Abgrundes, da wo man ins Etschland hinuntersieht. Zu ebener Erde öffnet sich ein finsterer Vorplatz, der mit Streu und Kartoffeln belegt ist, und im dunkeln Stall daneben stehen vier junge Rinder. Eine hölzerne Stiege führt aufwärts in die beiden Wohnstuben der Bauleute. Dies sind zwar sehr dürftige Gemächer, aber wenn der Wanderer an das Fenster tritt, so wird er überrascht, ja wirklich überwältigt von der herrlichen Aussicht. In ganz Europa soll keine Burg zu finden sein, die eine Augenweide böte wie diese, allein Akrokorinth in Griechenland scheint mir dennoch vorzuziehen.   Rodeneck Wer sich auf dem Wege nach Mühlbach einmal umwendet, sieht im Hintergrunde eine gewaltige Bergfeste, lange Reihen von weißen Mauern, über welche ein mächtiges Gebäude aufragt. Das ist die Burg Rodeneck. In uralten Zeiten von eigenen Herren gegründet und behaust, fiel sie später an die Landesfürsten und wurde von Kaiser Max I. dem Ritter Veit von Wolkenstein als Belohnung für geleistete Kriegsdienste verliehen. Nicht lange danach teilte sich das Geschlecht der Wolkensteiner in zwei Äste, in den der Rodenecker und den der Trostburger. Bei ersteren ist das Schloß geblieben bis auf den heutigen Tag. Jetzt liegt es verlassen und öde in tiefer Trübsal, aber es hat schon sehr schöne Tage gesehen. Christoph von Wolkenstein sammelte nach dem Vorbilde seines Herrn, des Erzherzogs Ferdinand, gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts auch auf Rodeneck ein Museum nach Art der Ambraser Sammlung, zunächst eine kostbare Rüstkammer, dann auch Bücher, Münzen, Antiken, Porträts und andere wertvolle Sachen. Damals zogen diese Seltenheiten viele Besucher heran. Eine Erztafel im Hofe verewigt, daß einst Erzherzog Karl, der Bischof von Brixen, eine andere, daß Erzherzog Leopold, Graf von Tirol, und seine Gemahlin Claudia von Medicis hier eingekehrt. Später wurden die Schätze leider alle zerstreut, verkauft, geplündert, zerstört. Jetzt fällt die ungeheure Burg, still und unbeachtet, langsam, aber sicher zusammen. Als ich sie Vorjahren einmal im Innern zu besehen trachtete, über die Zugbrücke gegangen war und an die Pforte klopfte, wollte sich lange kein sterbliches Wesen zeigen. Endlich, nachdem ich wiederholt gepocht, erschien eine Dirne, stieß den Riegel auf und verschwand mit den kreischenden Worten: »Ich bin so viel verzagt!« Sie schien des menschlichen Umganges ganz entwöhnt zu sein und ließ sich nicht mehr sehen. Hierauf trat aus einer Türe eine ältliche Witwe, die schon mehr unter die Leute gekommen war und meinen Anblick ertragen konnte. Sie führte mich in den öden Räumen bereitwillig herum. Sie und die Dirne und ein Mädchen waren damals die einzigen Bewohner der Burg, wo einst soviel Pracht und Herrlichkeit gewaltet. Ich glaube auch nicht, daß sich seit damals die Bevölkerung erheblich vermehrt hat. Einige Porträts der Wolkensteiner hängen noch in den verfallenden Sälen, deren Fenster eine wundervolle Aussicht bieten. Die Gegend umher ist fruchtbar, und das Volk nennt sie deswegen den goldenen Berg.   Trostburg Dies stolze Schloß, das einst wohl auch eine römische Feste gewesen, zieht uns mächtig hinan. Wer bisher in den tirolischen Burgen des Mittelalters nur düstere, unheimliche Spelunken gefunden, der hofft vielleicht hier in dem berühmten Sitze der reichen Wolkensteiner endlich alle Eleganz und Pracht der Ritterzeit vereinigt zu treffen. Aber wenn er den rauhen Pfad überwunden, so erwartet ihn da oben die oft erlebte Enttäuschung wieder. Auch Schloß Trostburg ist nur ein seltsamer Wirrwarr von Höfen, Treppen und Bogengängen, die sich alle einander im Wege stehen. Ein niederer Ahnensaal aus der Zeit der Renaissance mit schön geschnitzter Decke ist das einzige Prunkstück, das den Wanderer ergötzen möchte. Außerdem finden sich in dem Winkelwerk noch ein paar zerstreute Zimmer, welche bewohnt werden können. Eine mit Estrich ausgeschlagene Halle ist zwar hoch und weit, aber ohne allen Schmuck. Es steht nur ein kleiner Tisch darin, an welchem der Verwalter sein Mittagsmahl einzunehmen pflegt. Gespräche mit Cimbern Eines schönen Morgens – es war der 26. September – fuhren wir also von Roveredo wieder gen Norden, das heißt aufwärts an der Etsch, und kamen bald nach Calliano, einem ansehnlichen Dorfe, das nicht weit von einer alten Burg liegt, welche die Deutschen den Stein am Callian heißen. Hier fällt das wilde Gewässer in die Etsch, welches aus der Folgaria herabstürzt und noch heutzutag der Roßbach heißt. Seinen Quellen wollten wir entgegenwandern, aber vorerst mußten wir noch das Kastell Beseno (Bisein) umgehen, welches gerade vor dem Eingang des Tales auf einem langen steilen Felsenrücken liegt. Es bildet gleichsam ein Städtchen für sich mit Mauern, Häusern und Türmen, ist aber im Innern sehr verfallen. Während wir da gemächlich hinaufstiegen, bewunderten wir auch die Landschaft, die im Morgendunste leuchtend zu Füßen lag, den mächtigen Strom der Etsch, die vielerlei Dörfer und Schlösser an ihren Ufern und die scharfen, hohen Felsenmauern, die sie links und rechts behüten. Es dauerte nicht lange, so hatten wir ein paar Menschenkinder erreicht, welche am schmalen Pfad auf einem Felsen saßen und der Ruhe pflogen. Das eine derselben war ein Landmann, etwa fünfundzwanzig Jahre alt, das andere seine jüngere Schwester, beide wohlgestaltet und manierlich, beide reinlich gekleidet und sauber. Wir fragten zuerst italienisch, wohin sie gingen, und erhielten von jenem die Antwort: »Nach San Sebastian.« Dieser Ort liegt jenseits der Folgaria im Tal des Astico, und es ist bekannt, daß Professor Zingerle von Innsbruck vor nicht langer Zeit daselbst gewesen und die Wirtin noch als eine gute Deutsche gefunden und aufnotiert hat. Wir fragten also unverzüglich, ob sie nicht deutsch sprächen. »O ja«, antwortete der Landmann, »wir prechten schon auf teutsche!« Diese Worte gewährten uns großes Vergnügen. Wir freuten uns, einen Landsmann gefunden zu haben, und begrüßten ihn fröhlich als einen lieben Stammverwandten. Der junge Mann nahm diese Freundlichkeiten etwas schüchtern auf und schien die hohe Bedeutung, die wir seiner Wenigkeit beilegten, nicht recht zu begreifen, abgesehen davon, daß er uns sicherlich auch nicht ganz verstand. Wir fragten bald nach seinem Namen und erfuhren, daß er Anton Berger heiße, seine Schwester aber Rosine. Übrigens sei er ein Schäfer (Schafar) und komme aus dem ›Niederland‹, aus der Gegend von Bern (Verona), wo er den Sommer über die Herden gehütet habe. Die Schwester nahm nun Abschied von dem Bruder, um wieder ins Tal hinabzugehen, wir aber setzten miteinander den Weg in die Höhe strebend fort, kamen in weitem Kreise um das Kastell herum und freuten uns, es endlich hinter uns zu haben. Solange wir nun auf dem engen Pfade, der uns nicht nebeneinandergehen ließ, aufwärts stiegen und der geringe Atem, der uns übrig blieb, für einen lebhaften Gedankenaustausch nicht reichte, war das Gespräch allerdings nicht sehr erheblich; aber später, als der Weg sich etwas erweiterte und ohne fühlbare Steigung an den Felsenwänden hinlief, wurde es schon bedeutender. Wir nahmen unsern Gefährten in die Mitte und stellten ihm eine Frage nach der andern, was allerdings nicht so leicht war, denn aus Philosophie, Geschichte, Politik und dergleichen Wissenschaften, die wir vor kürzerer oder längerer Zeit kultiviert hatten, wollten wir ihn nicht examinieren, und im Fache der Schäferei waren wir selbst so unbewandert, daß wir oft lange brauchten, um wieder ein passendes Fragestück zusammenzusetzen. Hier aber müssen wir, um klarzubleiben, in eine kleine Abhandlung übergehen, die allerdings dem Wissenden nichts Neues bieten wird. Es ist schon am Anfang erwähnt worden, daß auf dem rauhen Gebirg, welches südlich an die gefürstete Grafschaft Tirol anstößt, in einigen zerstreuten Dörfern noch eine deutsche Mundart gesprochen wird. Diese Gemeinden standen einst unter der Republik Venedig, später unter dem Kaisertum Österreich, jetzt gehören sie zum Königreich Italien. Ihre Bewohner hielt man früher für Nachkömmlinge der von Marius besiegten Cimbern und legte ihnen daher auch diesen Namen bei. Ebenso herrschten über ihre Sprache sehr fabelhafte Ansichten, bis unser Schmeller im Jahr 1833 seine erste Entdeckungsreise nach den sieben und den dreizehn Gemeinden unternahm, die dortige Mundart genau untersuchte und das längst ersehnte Licht in das vielhundertjährige Dunkel brachte. Im Jahr 1844 wiederholte er diese Fahrt und sammelte neue Schätze. Schon im Jahr 1838 hatte er in den Abhandlungen der Münchener Akademie seine Schrift über die Cimbern erscheinen lassen; von da an war er lange mit einem cimbrischen Wörterbuch beschäftigt, welches aber erst nach seinem Tod (1855) der kaiserliche Rat Josef v. Bergmann zu Wien mit einer wertvollen Einleitung herausgab. Schmellers Gutachten über die Cimbern und ihre Sprache geht übrigens dahin, daß diese Älpler bis etwa ins dreizehnte Jahrhundert mit dem großen deutschen Volk in Zusammenhang gestanden, seit jener Zeit aber durch das sie umwachsende Welschtum abgeschnitten worden seien und die Fühlung verloren hätten. Auch die Altertümlichkeiten ihrer Sprache reichen nur bis in jene Zeit hinauf. Wolle einer diese Mundart auf die Langobarden, die Goten oder gar auf die Cimbern zurückführen, so möge er es tun. Ein Streit über Dinge, die wir nun einmal nicht wissen können, sei zwecklos. Da man übrigens keinen andern Namen habe, so dürfte es erlaubt sein, diese Leute auch fürderhin noch Cimbern zu nennen. Die Deutschen, die wir auf unserem kurzen Ausflug sehen und sprechen werden, nämlich jene zu San Sebastian, unten zu Lavarone und oben zu Luserna, werden nun zwar eigentlich nicht zu den Cimbern gerechnet, da sie von diesen politisch immer geschieden waren, allein ihre Mundart zeigt im ganzen dasselbe Gepräge und weicht nur in unerheblichen Einzelheiten von der cimbrischen ab. Der auffallendste Unterschied ist, daß die Cimbern unser ›f‹ und ›v‹ als ›w‹ aussprechen. Unser Vater, vier, Feuer, Fuß lautet daher water, wier, weuer, wuß. Fünf heißt wüf und fünfzig wüzk. Ferner ist zu bemerken, daß die Partizipien der vergangenen Zeit alle schwach oder, wie man früher sagte, regelmäßig gebildet werden, oder wenigstens zur starken Form noch ein ›t‹ setzen, eine Eigentümlichkeit, die übrigens auch im Lechtal vorkommt. So also gewallet für gefallen, getraget für getragen, geleidet für gelitten, genumt für genommen, geßt, gant und könt für gegessen, gegangen und gekommen. Damit wäre das Gröbste gezeigt, und wer den deutschen Dialekt der Etschländer Bauern, der dem cimbrischen immerhin am nächsten liegt, versteht, der könnte mit Hilfe dieser unsrer kurzgefaßten Sprachlehre eine cimbrische Konversation schon glücklich zurücklegen, wenn nicht zwei andere Umstände einträten, welche die Sache wieder erschweren. Erstens nämlich hat das Cimbrische sich eine ziemliche Anzahl älterer Wörter bewahrt, die wir jetzt nicht mehr verstehen, wie zum Beispiel köden = sagen, prechten = sprechen, öba = Schaf und so weiter, und zweitens hat die welsche Nachbarschaft eine Menge Italianismen eingeschwärzt, sowohl in Wörtern als in Wendungen. Erstere sind zum Teil verständlich wie pensarn, adorarn, dipindarn ( pensare, adorare, dipgniere ), zum Teil auch nicht, wie riwen, welches von arrivare , ankommen, herrührt, aber auch zu Ende kommen, aufhören heißt, oder wie wenzern, übrig sein, von avanzare (davon auch gawenzurach, das Überbleibsel). Einen Cimbro zu verstehen ist daher zum Teil Glückssache. Gibt es die Rede, daß er nur gemeindeutsche Wörter anwendet, so wird sich ein Deutscher, wenigstens ein Bajuware, der die oben gegebenen beiden Regeln innehat, unschwer mit ihm verständigen; greift der Cimbro aber in seine sprachlichen Altertümer und in den Schatz seiner Italianismen hinein, so reißt der Faden des Verständnisses ab, und die beiden Germanen stehen sich unvermittelt und ratlos gegenüber. Die Unterhaltung mit unserm Lombarden floß mit wechselndem Glücke dahin. Bald verstanden wir uns leicht, bald gab es einen Aufenthalt, mitunter auch einen völligen Stillstand. Ganz unvorbereitet waren wir übrigens nicht, und als der Schäfer in eine tiefe Schlucht hinunterdeutete und dabei erzählte: »Werten ist da an Öba hinuntergewallet und hat sich getuatet«, brachten wir es doch bald heraus, daß da ferten (das heißt voriges Jahr) ein Schaf hinuntergefallen sei und sich getötet habe. Nicht lange danach kam aber eine Probe heran, die wir nicht bestanden. Es erschien nämlich, hinter einer Felsenecke hervordringend, mitten unter Schafen und Schweinen, ein anderer Lombarde und Schafar, ebenfalls von San Sebastian, der seine Herde gegen Niederland, gegen Roveredo trieb. Die beiden Landsleute und Amtsbrüder zeigten große Freude, sich nach langer Zeit auf heimischem Boden wiederzusehen, begrüßten sich freundlichst und blieben eine gute Weile plaudernd beieinander stehen. Wir andern beiden, wir stellten uns auch dazu und lauschten mit gespannter Aufmerksamkeit, wie sich die beiden Hirten im besten langobardischen Deutsch, das jetzt noch zu haben, miteinander unterhielten, verstanden aber leider nur einige Wörter. Es ging gar zu rasch und wirr durcheinander. Wir betrachteten uns mit großen Augen, gleichsam als hätte uns so etwas nicht passieren sollen. »Und diese Sprache«, sagte mein Begleiter endlich, »soll nicht studierenswert sein?« San Sebastian hatten wir bald erreicht. Es ist ein schlichtes Dörfchen, liegt an steiler Bergseite und hat eine Kirche mit einem alten grauen Turm. Nicht weit von dieser zeigte sich auch ein niedliches weißes Häuschen mit grünen Läden und vor dem Hause ein Gemüsegärtchen, welches auf einer hohen Steinlage ruht. Das Ganze lächelte uns sehr germanisch an, und wir beschlossen um so lieber, die dritte Rast zu halten, als das Häuschen eigentlich ein Wirtshaus war. * Der Empfang im Wirtshäuslein war sehr freundlich. Wir wurden in eine reinliche Stube geführt, die eine weite Aussicht ins Tal hinab gewährte. Auch der Wein ward artig kredenzt, und wir nippten um so lieber, als wir am Vorabend sehr interessanter Erlebnisse zu sein glaubten. Die Wirtin, Frau Veronika Röck, nämlich und ihre jüngere Schwester Luise, Luigia, Gigia oder auch Gigiotta, eine zierliche, schlanke Jungfrau mit hellbraunen Haaren, blitzenden Augen, roten Wangen, langem Gesicht und langer, aber schöner Nase – sie galten bisher unter den wenigen Wissenden sozusagen als die Karyatiden des Deutschtums im Tale des Astico. Professor Zingerle wenigstens fand, wie schon früher erwähnt, die Wirtin vor drei Jahren noch sehr germanisch gesinnt; damals fühlte sie sich glücklich, von dem Fremden in ihrem Slambrott verstanden zu werden. Mit Freude erzählte sie, daß die Luserner drüben nun eine deutsche Schule hätten und die deutsche Herrensprache lernen könnten; mit Wehmut beklagte sie, daß die Kinder zu San Sebastian bald nur noch italienisch sprechen würden, denn der ›Pfaffe‹ (im mittelalterlichen Sinn, ohne üble Nebenbedeutung gebraucht) verbiete ihnen deutsch zu reden. In diesem Herbst dagegen und vor unserm Angesicht äußerte sich die gute Frau nicht mehr so warm über ihre angestammte Muttersprache, und dies hätte uns bald verdrossen. Vielleicht hatten sie die ›Gebildeten‹ der Gegend, wenn sie Zingerles Artikel gelesen, ein bißchen gemaßregelt, vielleicht hatte sie die schöne Luise, die zu Roveredo in der Schule gewesen und möglicherweise Italianissima geworden war, zur Abtrünnigkeit verführt; kurz, sie wollte ihr Slambrott nicht recht glänzen lassen, verschwand auch nach einiger Zeit und überließ es der Schwester, die Unterhaltung fortzuführen. Diese aber bot noch größern Widerstand und wollte nur italienisch sprechen. Sie würde, sagte sie, das Slambrott schon zu schätzen wissen, se fosse il vero tedesco (wenn es das echte Deutsch wäre). »Ei«, sagte ich, »das echte Deutsch haben wir zu Hause genug. Deswegen wäre ich nicht vom Isarstrand bis nach San Sebastian gelaufen; das Interessante ist ja eben, daß ihr eine Sprache sprecht, die nicht ganz und gar die unsrige ist.« Sie ließ sich aber nicht irremachen, erging sich sehr aufgeweckt und geistreich über origine della popolazione, nazionalità und dialetto , behauptete, diese Begriffe zum Beispiel könne man im Slambrott gar nicht ausdrücken, und wenn man einmal gebildet sei, so reiche eine Bauernsprache zum Ideenaustausch überhaupt nicht hin. Ich entgegnete, sie könne nur so sprechen, weil sie nie in eine deutsche Schule gegangen; hätte sie dieses Glück genossen, so würde sie auch für jene Worte die deutschen Ausdrücke wissen und nicht bloß eine gebildete San-Sebastianerin sein, sondern es bei ihrem feinen Geist auch mit jeder gebildeten Berlinerin aufnehmen können. Diese Aussicht schien sie nicht ganz unempfindlich zu lassen, und nachdem der Ausgleich auf solche Weise hergestellt war, nahmen wir freundlichen Abschied von der schönen Lombardin und ihrer Frau Schwester, verließen das gastliche Häuschen und stiegen abwärts nach Lavarone zu. Auf dem Wege machte mein Begleiter die wahrscheinlich richtige Bemerkung, Frau Veronika Röck habe heute nur einen schüchternen Tag gehabt. Im Herzen sei sie gewiß noch die alte. Es seien ihr nur der fremden Gesichter zu viele geworden. Wäre er oder ich allein gewesen, so hätte sie sich wohl mit angeborner Liebe über ihre Muttersprache vernehmen lassen. – Die nach uns Kommenden mögen sie in der Treue festigen! Bauerntheater Um aber unser Seebruck nicht ganz zu vergessen, so war es im Wirtshause doch nicht recht geheuer – es machte sich vielmehr eine Stimmung bemerklich, als wenn alles am Vorabend großer Ereignisse stünde. Öfter vernahm man unerklärliche Hammerschläge, die von oben im Hause kamen, zuweilen sah man eine seidene Schärpe, einen goldpapiernen Helm, einmal sogar eine hölzerne Hirschkuh vorübertragen. Als man nach dem Grunde dieser seltsamen Erscheinungen fragte, erhielt man die Erläuterung: die Bauern von Seebruck würden am nächsten Abend Theater spielen. Welche Überraschung! Der erste Anstoß zu diesem Unternehmen scheint von der königlichen Gendarmerie ausgegangen zu sein. Im Nebenhause des Gasthofes ist nämlich ein kleines Lager aufgeschlagen, in welchem drei Gendarmen friedlich beisammen leben. Sie erscheinen in ihren Freistunden auch im Hauptgebäude und wissen sich durch Dienstwilligkeit und kleine Aushilfen in Haus und Hof und Stall sehr beliebt zu machen. Einer davon ist ›der Kommandant‹, ein gebildeter Krieger, welcher im Königreich schon viel herumgefahren und den Landleuten an Weltkenntnis weit überlegen ist. Dieser zuerst erfaßte, so scheint es, nach unsers Schillers Vorgang den Gedanken, die Bühne als Bildungsanstalt zu benützen und so auf die ästhetische Erziehung der Seebrucker zu wirken. In kurzer Zeit waren auch die nötigen Talente gewonnen, und es fehlte bald nichts mehr als das Stück. Nun ging aber in der Gegend schon lange ein Gerücht, daß ein solches in dem benachbarten Höselwang zu finden sei, und so machten sich denn etliche von den Seebruckern auf und holten es im Triumph herüber. Aber auch die hohe Obrigkeit mußte dem Vorhaben ihre Weihe geben, und da man den Herrn Landrichter von Trostberg zu Seon im Bade wußte, so zog eine Deputation an diesen Ort und brachte mündlich ihre Bitte vor. Der gemütliche Landrichter hörte sie lächelnd an, fragte nur, was etwa der geistliche Herr, des Dorfes Seelenhirt, dazu sage, und als die angehenden Mimen berichteten, dieser habe das Stück schon durchgelesen und nichts Anstößiges darin gefunden, so sprach der kunstliebende Badegast: »Geht nur hin und spielt; wir werden eurer Vorstellung selbst beiwohnen!« Wie? Was war das? ruft hier vielleicht ein ergrauter Registrator oder Kanzleidirigent, der an die siebenunddreißig Bände der Döllingerschen Verordnungssammlung denkt – welches Benehmen in der Stellung eines königlich bayerischen Landrichters! Und alles so mündlich wie in der grauesten Urzeit, in den Tagen der Schachtelhalme und der Ichthyosaurier! Wo bleibt da schriftliche Instruktion, Protokoll, abweisender Beschluß und Publikation desselben, Rekurs, Aktenvorlage, Regierungsentschließung, die durch ihre Weisheit imponiert, Eröffnung derselben, Nullitätsbeschwerde und Deservitenabstrich! Wo bleibt die Strafe wegen ungebührlicher Schreibart? Welcher Schlendrian! Ach wie kahl wird nun die Welt, wie unerquicklich diese Übergangsperiode, bis einmal die Buchstabenschrift wieder in ihre geheiligten Rechte eingesetzt ist! Und wie leidet einstweilen der Dienst und das Amt und die Regierung und der Staat und das ganze königliche Haus! In der Tat wurden diese Dinge in andern Landgerichten auch viel gründlicher behandelt. Die Audorfer, früher für weltliche Stücke die ersten Histrionen des Hochlands, sie wissen wohl zu erzählen, wie oft ihnen in den letzten dreißig Jahren ihr ›G'spiel‹ erlaubt und verboten worden und wieviel Schreiberei darüber ergangen ist, bis endlich der große Brand von 1857 die Bühne mit der kostbaren Garderobe und den Dekorationen und den Spielbüchern in Asche legte. Damals verbrannten nicht allein die Stücke, die sie selbst geschrieben, sondern auch Johanna von Montfaucon und Otto von Wittelsbach, ja sogar ›Hamlet, Prinz von Denemarkt‹ und damit die lehrreiche Gelegenheit zu untersuchen, wie sich der große Brite und sein Meisterwerk in den Köpfen der Inntaler Bauern malte. Die Bewohner von Kiefersfelden, in derselben Nachbarschaft, welche, wie ihr ältliches Schauspielhaus bezeugt, schon Vorjahren die dramatische Muse mit Eifer pflegten, sie kämpfen jetzt auch wieder um die langentzogene Erlaubnis, obschon sie aus ihren Leistungen gar keinen Vorteil ziehen, sondern die Überschüsse aus den Eintrittsgeldern zu einer Stiftung verwenden wollen, auf daß in der nahegelegenen Ottokapelle alle Jahre für das Seelenheil des ganzen Landgerichts eine heilige Messe gelesen werde! Die dortigen Liebhaber sind meistens Arbeiter im Eisenhammer, und es ist wirklich sehenswert, wie ihre obwohl rußigen Gesichter zu leuchten beginnen, wenn man mit ihnen vom Theater zu sprechen anfängt und die Hoffnung äußert, es könnte vielleicht doch noch einmal die Zeit kommen, wo es wieder erlaubt würde. Eine gewisse Bitterkeit erregt es in den Herzen des bayerischen Inntals immerhin, daß im Tirolischen, bei Kufstein, in der Thiersee, in Erl, in Sewi und allenthalben, gespielt werden darf. Die bayerische Obrigkeit, indem sie den Hirten des Hochlands mit ihrem Rosenfinger den theatralischen Mund verschließt, beteuert zwar, es geschehe nur, um sie vor unnützen Ausgaben und den Verführungen der Leichtfertigkeit zu bewahren, allein ihre Maßregeln haben, wie dies mitunter bei jeder guten Regierung vorkommt, gerade die entgegengesetzte Wirkung. »Daß jetzt wir nicht spielen dürfen«, sagte jüngst ganz grämlich der würdige Vorsteher eines bayerischen Grenzdorfes, »und in Tirol, da schlagen sie überall ihre Theater auf! Da hat man schon die Zeit nicht, solche Sachen zu verbieten. Wenn die Herren in der Stadt etwa hoffen, daß sich ihnen zulieb der Bauer sein schönstes Sonntagspläsier abgewöhnt, da dürfen sie noch lange warten. Jetzt lauft und fahrt an Sonn- und Feiertagen alles ins Tirol hinein, zecht mit dem teuern Tirolerwein, lebt in der größten Lustbarkeit und kommt in der finstern Nacht mit leerem Beutel und paarweis wieder heim – alles von derowegen, weil unser G'spiel dahier der Sparsamkeit und den guten Sitten schaden könnte! Hätten wir unser Theater im Dorf, dann blieben die ledigen Leute daheim, und wir könnten selber auf sie Obacht geben!« Der Vorsteher meinte dabei, es sei ohnedem längst ausgemacht, daß die bayerischen Bühnen die bessern Stücke hätten, und erzählte nebenher zum Beispiel, auf einem tirolischen Theater hätten sie eine Art Passionsspiel aufgeführt, und da habe der kohlschwarze Teufel mit dem Judas ein Protokoll auf Stempelbogen aufgenommen, daß er ihm seine Seele verschreibe (scheint eine feine Ironie auf unsere Vielschreiberei), und dann, als der Verräter vom Baum gefallen und ihm der Wanst geborsten, sei ein ganzes Gequirl von schmackhaften Würstchen – seine Eingeweide vorstellend – herausgequollen, welche dann die jungen Teufelchen sofort unter furchtbarem Hallo des hingerissenen Publikums verzehrt. »Das wäre bei uns doch nicht mehr möglich«, sagte der Vorsteher mit einem gewissen bayerischen Geisteshochmut, während wieder andere in jenen Zügen gerade die liebenswürdigen Reste mittelalterlichen Volkshumors erblickt haben sollen. Woher dieser unüberwindliche Hang zum Schauspiel stamme, wollen wir hier nicht untersuchen, aber uns gleichwohl die Meinung erlauben, daß er, abgesehen von der persönlichen Freiheit, die in konstitutionellen Staaten doch auch ein bißchen Achtung verdient, viel mehr Nutzen als Schaden bringt. Es ist ein Trieb zur Bildung, der gewiß begünstigt werden darf. Für die Welt lernen die Leutchen zuwenig, für ihr Dörflein, wenn nicht zuviel, doch mehr, als sie verwenden und erhalten können. Da tritt nun das Theater helfend ein als lebenslängliche Feiertagsschule; sie üben sich wieder im Lesen und Schreiben, Singen und Dichten, und ihr Geist, der sich doch zur Indolenz hinneigt, bleibt in erfrischender Bewegung. Nachdem also den Seebruckern ihr Gespiel erlaubt war, so ging ›Die Heilige Genofeva‹ am Sonnabend, dem 3. August, auch wirklich über die Bretter. Es sollte zunächst eine Vorstellung für das Dorf und die Badegäste von Seon sein, denn der Zufluß der weiteren Nachbarschaft wurde erst für den darauffolgenden Sonntag erwartet. Da jedoch ein starkes Gewitter eingefallen war, so blieben die Seoner aus; der Saal hatte außer den Gästen des Wirts nur die Dorfleute aufzunehmen und war wenigstens nicht überfüllt. Der Text der ›Heiligen Genofeva‹ war also in dem nahen Höselwang geholt worden, aber nach dem Verfasser hatte man nicht gefragt, und es wußte ihn niemand zu nennen. Wahrscheinlich ist's ein junger Ackersmann, der morgens mit dem Pflug zu Felde geht und nur ›des Abends auf den Helikon‹; denn die Bacherl kommen bei uns nicht bloß unter den Dorfschullehrern vor, sondern reichen bis unter Bauernknechte herab. Es ist eine Frage, ob der Dichter auch nur eine wandernde Truppe je spielend gesehen, wie denn selbst von dem Seebrucker Personal nur ein einziger einmal zu Traunstein dieses Glück genossen. Auf jene Frage führte übrigens die sozusagen zyklopische Haltung seines Werks, welches so viele Unbeholfenheiten und Naivitäten enthält, daß es schon deswegen interessant ist. Im ganzen liegt das Genofevabüchlein des Verfassers der Ostereier zugrunde, und wo dasselbe Zwiegespräche oder Monologe enthält, fährt unser Dichter auch ganz sicher und behaglich dahin, obwohl er notwendigerweise vielfache Abkürzungen eintreten ließ – wenn aber das Büchlein die dramatische Form verläßt, so ist unser Landmann in sichtlicher Verlegenheit und hilft sich bestmöglich ohne Worte durch. So gleich im Anfang. ›Siegfried und Genofeva‹, heißt es in der Erzählung, ›lebten in der seligsten Eintracht. Eines Abends spät nach Tische, da man schon das Licht angezündet hatte, saßen beide vergnügt in dem gewöhnlichen Wohnzimmer. Genofeva sang und spann, und Siegfried begleitete ihren Gesang mit der Laute.‹ Als Schilderung dieser glücklichen Häuslichkeit sehen wir nun, nachdem der Vorhang aufgerollt, die beiden Gatten ›im gewöhnlichen Wohnzimmer‹ an einem Tischlein sitzen, sie mit dem Spinnrade, ihn mit unterschlagenen Beinen, doch ohne Laute. Es steht eine Flasche Wein zwischen ihnen, nach dem Etikett zu schließen: Forster Riesling von Weinwirt J.B. Michel in München. Der Graf füllt die Gläser, und sie stoßen ohne ein Wörtchen zu sagen an, messen sich allerdings mit bedeutsamen Blicken. Nach diesem beginnen sie ein häusliches Duett zu singen, bei dessen Ende schon der Bote hereintritt, der den Grafen zum Kriegszug gegen die Mohren ladet. Dieser hat kaum Abschied genommen und die Wohnstube verlassen, als Golo mit seinen ›schändlichen Anträgen‹ hervorkommt. Das Büchlein gibt weiter keine Worte an die Hand, und der Dichter muß daher selber sprechen. Für Golos sündhafte Begierden bringt er auch noch einen ganz anständigen Satz auf, aber Genofeva findet keinen Ausdruck mehr für ihre Tugend. Um nicht reden zu müssen, gibt sie ihm einen stummen Schlag ins Gesicht, ergeht mit einer kurzen Drohung ab, und damit ist der Knoten geschürzt. Die Pfalzgräfin entschließt sich nun, unverweilt an ihren Gatten zu schreiben, und beginnt: ›Lieber Siegfried! Obgleich Du mir auf verschiedene Briefe, die ich an Dich gerichtet, bisher noch keine Antwort gegeben hast‹, und so weiter. Der Dichter hat nämlich die späte Bemerkung des Büchleins, daß Golo alle Briefe der Gräfin an den Grafen, und umgekehrt, unterschlagen habe, schon hieher verwendet, obschon Siegfried, wenn Genofeva zum Fenster hinaussehen wollte, sich gewiß noch im Burghof finden müßte. Jene Zeilen soll nun der getreue Drako besorgen, der aber vom hereinstürzenden Golo durchbohrt wird und sie sterbend auf den Boden fallen läßt. Das Schreiben bleibt nun noch sieben Jahre lang auf dem Boden liegen, bis es Siegfried bei seiner Rückkehr gewahrt, aufhebt und darin einen neuen Beweis der Unschuld seiner Gattin findet. Der nächste Akt führt diese im Kerker vor. Sie deutet da auch beiläufig an, daß sie in andern Umständen sei. Ein städtischer Dramatiker würde nun wohl die Verwirklichung dieses Winks in den Zwischenakt verlegen, aber der Dichter von Höselwang läßt seine Heldin einfach hinter die Kulisse treten und nach ein paar Sekunden mit einer Windelpuppe, die sie eben geboren, wieder hervorkommen. In unserer Metropole hätte diese Erscheinung wohl ein schallendes Gelächter hervorgerufen – aber die Landleute von Seebruck waren in so getragener Stimmung, daß sie niemandem auffiel. Derlei wunderliche Vorkommnisse wären aber noch mehrere hervorzuheben, doch übergehe ich sie lieber, um nicht zu lang zu werden. Stehen nun diese Bauernspieler auch in den meisten Dingen hinter den dramatischen Künstlern der Stadt zurück, so sind sie ihnen doch darin voraus, daß sie keines Souffleurs bedürfen, denn ihr Gedächtnis scheint vortrefflich. Sonst werden ihre Leistungen allerdings nur im Licht eines ersten Versuchs zu betrachten sein. Die meisten spielten mit ägyptischer Steifheit; Bertha und Schmerzenreich, der ein Lammfell und eine langhaarige schwarze Perücke trug, sprachen jenen monotonen Diskant, welcher in den Landschulen für das Hersagen der bayerischen Geschichte eingeführt ist; mit Ausdruck und einigem Selbstvertrauen traten eigentlich nur Golo und der eine der Knechte auf, welche Genofeva morden sollen. Diese selbst genügte in den Elendsszenen des Kerkers und der Wildnis, war aber schwach und fast gefühllos gegen das Ende, wo sich die Freude über die Rettung und die Leidenschaft ihrer Liebe zeigen sollte. Nach der alten Tradition der geistlichen und der weltlichen Volksbühne ließ sich übrigens vor jedem Akt ein Chor vernehmen, der mit spröder Stimme eine Strophe absang, welche den Inhalt des kommenden Aufzugs ankündigte und besprach. Wer diese Vorworte gedichtet, vergaß ich leider zu fragen. Während des Gesangs war aber der Vorhang herabgelassen, so daß sein Schall nur aus dem Verborgenen kam. Die Sänger und die Sängerinnen hielten es nämlich, wie sie später erläuterten, für unschicklich, sich mit aufgesperrtem Mund vors Publikum zu stellen und dieses in ihren dunklen Rachen und geheimnisvollen Schlund hinunterschauen zu lassen – eine unerklärliche Diskretion, welche, übel angewendet, fast unsere ganze Oper unmöglich machen würde. Dagegen fehlte die lustige Person, Hanswurst oder Kasperl, welche im Bauernspiel der Tiroler nie vermißt wird, an die aber unser Dichter, bei seiner Abneigung, sich selbst vernehmen zu lassen, wohl kaum denken konnte. Die Einrichtung der Bühne bot nichts Auffallendes. Das gewöhnliche Wohnzimmer war einfach gelb getüncht und durch einen gestreiften Vorhang rückwärts abgeschlossen. Wenn dieser aufgezogen, sah man in den Wald, der durch frische Tannenbüsche bezeichnet war. Einmal ging oben auch der Mond über die Bühne – ein ernsthaftes Antlitz aus Ölpapier, durch eine dahinter verborgene Lampe beleuchtet, welches an einem Bindfaden langsam vorübergezogen wurde. Als das Stück zu Ende war, entfernte sich das ländliche Publikum, ohne zu klatschen und zu jubeln, welches durchaus gegen den Charakter des Volkes wäre, aber doch mit vollkommener Befriedigung. Wenn man die einzelnen fragte, wie es ihnen gefallen, gaben sie wie mit einer Stimme zur Antwort: »Warum soll es uns nicht gefallen haben? Wir haben nie was solches, nie was Schöneres gesehen!« Ihre innige Teilnahme hatte auch schon das Schluchzen bezeugt, welches sich bei den rührenden Stellen sehr vernehmlich erhob. Der darauffolgende Sonntag war also der eigentliche Spieltag, der auch mit unermüdlichem Eifer ausgenutzt wurde. Genofeva hatte des Morgens kaum ihren frommen Gesang auf dem Kirchenchor beendet, als sie auch schon das weiße Gewand der Pfalzgräfin um sich schlug und die andern zur Eile drängte. Nach flüchtigem Mittagessen begann bereits um elf Uhr die erste Aufführung, die zunächst für die Kinder des Dorfes und der Umgebung bestimmt war. Hierauf folgte des Nachmittags die zweite, welche die Herren und Damen von Seon mit ihrem Besuch auszeichneten, und abends endlich die dritte, bei welcher hauptsächlich die Landleute der Nachbarschaft vertreten waren. Wir hatten diesen Tag auf einem Ausflug nach Stein verbracht, erfuhren aber, als wir des Abends zurückgekehrt, daß alles wieder ganz gut abgelaufen und daß die Zuschauer, trotz der großen Hitze, die oben im Spielsaal geherrscht, sich doch sehr zufrieden und vergnügt gezeigt. Der ländliche Teil derselben blieb auch noch später beisammen und suchte seine Erquickung in Herrn Isaak Wellkammers großen Gastzimmern, die solchen Andrang kaum ganz fassen konnten. Die Helden und Heldinnen des Spiels hatten sich an einem langen Tisch zusammengesetzt und wurden von den andern nicht ohne eine gewisse Aufmerksamkeit betrachtet und behandelt. Sie selbst gaben sich sehr bescheiden, waren zum Teil noch ganz in sich versunken und erwachten erst allmählich für Gespräch und Unterhaltung. Als die Mitteilung lebendiger geworden, fing Golo, der Gemeindevorsteher, mit großem Lobe von den Verdiensten des Kommandanten zu reden an, von seinen Bemühungen, das Theater in Seebruck aufzubringen, und von seinen trefflichen Ratschlägen, welche über manche Verlegenheiten bei der Inszenierung hinweggeholfen hätten. Auch sonst, sprach Golo, indem er aufstand und die Stimme erhob, auch sonst sei er ein wahrer und herzlicher Freund der Gemeinde, der, ohne seiner Pflicht zu fehlen, alle Unannehmlichkeiten und Stänkereien zu vermeiden wisse, daher auch die allgemeine Achtung verdiene und genieße. Er schloß mit einem Hoch auf den Gefeierten, welches den lautesten Anklang fand. Hierauf der Kommandant: Von seinen Bemühungen um das Theater wolle er nicht sprechen, denn sie seien kaum der Rede wert; aber es scheine ihm eine gute Stunde gewesen zu sein, als er nach mancherlei Umzügen im Lande Bayern endlich zu Seebruck einen entsprechenden Wirkungskreis gefunden. Der Beruf des Instituts, dem er anzugehören die Ehre habe, sei zwar ein schwieriger, aber unter so braven und redlichen Leuten, wie seine Seebrucker seien, könne er ein sehr leichter werden und sich sogar, wie der eben vernommene Trinkspruch beweise, Anerkennung und Zuneigung erwerben. Je weniger Aufgaben die Gendarmerie zu lösen habe, desto glücklicher müsse sie sich fühlen. Dieses Glück sei aber nach seinen Erlebnissen ihm nirgends so sehr zur Seite gestanden wie in Seebruck, und deswegen erlaube er sich, ein dreifaches Hoch auszubringen auf diese biedere und ehrenwerte Gemeinde! Ich gestehe, daß mir das Verhältnis zwischen Gendarmerie und Volk nie in schönerer Wirklichkeit vor Augen getreten ist als hier. Übrigens, sagte ich mir selbst, kann man sich in der Tat nicht mehr über mangelnden Fortschritt im Bauernstand beklagen, wenn jetzt die Gemeindevorsteher schon frisch und keck Toasts auf die Gendarmeriekommandanten ausbringen, während doch selbst höhere Staatsbeamte ihre Festreden noch abzulesen pflegen. Goethe gibt im Wilhelm Meister bekanntlich den Rat, daß jeder Mensch, um sich über dem Gemeinen zu erhalten, wenn es möglich zu machen, alle Tage wenigstens einige vernünftige Worte sprechen soll, und dieses Hausmittelchen schienen mir jedenfalls die beiden Redner im Dorfe Seebruck besser angewendet zu haben, als es vielleicht an manchem größern Ort und Landgerichtssitz zu geschehen pflegt. Nachdem ich nun aber bemerkt, daß da jedermann spreche, ergriff ich auch das Wort und hob hervor, wie sehr wir landliebenden Stadtleute überrascht gewesen, hier ein so ernstes Streben zu finden, einen so festen Vorsatz, dem deutschen Drama eine Stätte am schönen Chiemsee zu gründen. Ihr harmonisches Zusammenspiel habe uns überzeugt, daß ihnen die Worte des Dichters der Genofeva keine unverständlichen Laute geblieben. Das Theater sei übrigens, wie schon unser Lieblingsdichter dargetan, nicht ein leerer Zeitvertreib, sondern eine Stiftung, das Herz des Menschen zu bilden, und daher wohl berufen, Hand in Hand mit der Kirche zu gehen. Andererseits sei es auch eine Fortsetzung der Schule, indem es die Kenntnisse, die sie dort errungen, zu erhalten und auszubilden allen Anlaß gebe, so daß sie fortschreitend allmählich mit dem Besten und Schönsten, was unsere Literatur erzeugt, sich bekannt machen würden. Einem solchen Beginnen müsse jeder Freund des Vaterlandes zustimmen, und zum Wahrzeichen unserer Zustimmung sei hiemit ein Hoch gebracht auf die Schaubühne von Seebruck! Nicht ohne gehörigen Beifall ließ ich mich wieder nieder, jedoch fast zweifelnd, ob ich der Goetheschen Anforderung wohl ebenso gut wie meine Vorredner entsprochen haben möchte. Nur dessen war ich sicher, daß ich meinen Spruch in einem ganz angenehmen, nach den besten Elementarbüchern orthoepisch gebauten Hochdeutsch abgehalten und nicht etwa, wie der sonst für die bayerische Muse sehr eingenommene Unbekannte neulich in einem Wiener Blatt andeuten wollte, in den ungezähmten Lauten des Isarwinkels oder der Holledau. Hat uns – nämlich einen gelehrten Allgäuer, der sich selbst verteidigen mag, und mich –, hat uns der sonderbare Verehrer weiter nicht erschreckt, indem er jenem eine ›rauhe oberschwäbische Mundart‹ und mir gar ein ›mastiges bojoarisches Idiom‹ beilegte, während ich doch wegen meiner feinen Sprechweise im Zillertal schon vor achtzehn Jahren für einen Mecklenburger gehalten worden bin! Abgesehen davon, hat man sich seit Einführung der Trinkberedsamkeit durch die beständig wiederholten Toasts bald auf ›das einige Deutschland‹ bald ›auf Deutschlands Zukunft‹ gerade in den schmelzenden Tonarten der Muttersprache dermaßen eingeübt, daß man von Buxtehude bis an den Meraner Küchelberg bei volkstümlichen Zweckessen und andern günstigen Gelegenheiten, wenn keine bessern Sprecher vorhanden sind, allenthalben als Not- und Hilfsredner auftreten könnte, ohne durch jene bedauerlichen Makel sich und dem engern Vaterland einen Schimpf zuzuziehen. Schnaderhüpfl Schmeller meinte zwar, sie drucken zu lassen, sei fast eine Versündigung an ihnen, aber diesen Skrupel hat man schon längst überwunden, und sie liegen nun zu Tausenden auf dem schönsten Papier und zum Teil mit Goldschnitt gefaßt in den süddeutschen Buchläden herum. In Tirol, in Bayern, im Salzburger Land, in Kärnten und Steiermark, dann namentlich in Ober- und Niederösterreich haben sich nicht nur fleißige Sammler gefunden, sondern auch begabte Sänger teils nebenbei, teils ausschließlich diese Dichtungsart gepflegt. Zudem ist sie allenthalben über den bajuwarischen Zaun hinausgewachsen und blüht jetzt auch in helvetischen, schwäbischen, fränkischen und sächsischen Gärten. Nach den bajuwarischen Vorbildern haben sich dort dann einheimische Liedchen auf getan, die, wie oben angedeutet, wieder rückwärts strömen und jetzt auch im Urlande bekannt werden. Ob aber das Schnaderhüpfl durch den tätigen Anteil, den ihm die städtische Bildung zuwendet, viel gewonnen hat – oder vielmehr, ob die besten Stückeln, welche in der Stadt entstanden sind, den besten der ländlichen gleichkommen, das ist eine sehr ernste Frage. Die Landpoesie hat einen großen Vorteil insofern voraus, als sie nicht gedruckt wird. Ein schlechtes, ein unbedeutendes, ein mißlungenes Stückel erhält sich nicht; es stirbt in dem Augenblicke seiner Geburt, weil sich kein Senner und keine Almerin, kein Knecht und keine Dirn die Mühe gibt, es im Gedächtnis zu behalten und weiterzutragen. Was sich also auf dem Lande fortpflanzen und, wenn auch nur kurze Zeit, erhalten will, muß sozusagen klassisch sein. Die Dichter aus der Stadt sind aber natürlich nicht aufgelegt, ihre Poesien vorher in den Almenhütten, bei Kirchweihen, Hochzeiten oder andern günstigen Gelegenheiten auf dem Tanzboden vorzutragen und dann etwa im nächsten Jahre wieder nachzusehen, wie viele ihrer Liedeln sich im Volke erhalten haben, welche davon den Almerinnen gefallen und welche die Knechte im Tale singen – es liegt vielmehr in ihrer, der Stadtdichter, Art, die Schnaderhüpfl dutzendweise nacheinander herzudichten und sie dann in den Druck zu geben. Der Gefallen, den sie selbst daran haben, gilt ihnen als Bürgschaft, daß sie auch andre ergötzen werden, welch letzteres aber gerade nicht immer der Fall sein möchte. Wer also einmal Gelegenheit hätte, auf dem Lande oder im Gebirge ein halbes Hundert der ländlichen und echten zu hören und darnach etwas aus einer gedruckten Sammlung, die er in der Tasche trüge, eine gleiche Zahl für sich zu lesen, der würde wohl einen bedeutenden Abstand finden, wenn ihm auch hin und wieder aus letzteren ein Stückel entgegenspränge, wie es die lustigste Almerin selbst nicht besser hätte zusammendichten können. Zudem haben nach unserm bayerischen Geschmacke namentlich die Wiener und zumal Anton von Klesheim eine gewisse weichliche Süßlichkeit, eine erkünstelte Niedlichkeit in diese Liedchen hineingebracht, welche uns gar nicht behagen will. Auch finden wir ihre Gedichte sehr oft weder im Gedanken noch in der Sprache so ländlich, so bauernmäßig, als sie sein möchten und sollten. Zum Beispiel, um gleich aus den Hofmannschen Abhandlungen ein Kiesheimisches Stückel herauszunehmen: Mei Dirnl hat zwa Augerln So klar wie a See; Aus an guckt an Engerl, Aus dem andern a Fee. Ich weiß nicht, wie viele Täler in Tirol, wie viele Landgerichte in Bayern man ausgehen müßte, bis man einen Buben fände, der bei Betrachtung schöner Mädchenaugen an die Feen dächte. Ob die Leute am Wienerwald mit der keltisch-romanischen Mythologie viel besser vertraut sind, muß ich dahingestellt sein lassen. Unter den Unsrigen ist bekanntlich Franz von Kobell auch im Fach der Schnaderhüpfl der geschätzteste Autor. Ihn nennt Friedrich Hofmann nicht allein den besten Alpenjäger, sondern auch den besten Dialektdichter Deutschlands. Man sagt ferner, daß seine Schnaderhüpfl leicht ins Volk übergehen, wofür folgende Geschichte als ein Zeugnis gelten kann. Ein junger Landbeamter, selbst ein Freund des Volksgesanges, sah sich jüngst in die traurige Notwendigkeit versetzt, zwei aufgeweckte, liederkundige Burschen wegen eines Raufhandels im Wirtshause auf achtundvierzig Stunden einsperren zu lassen. Um sie etwas zu beschäftigen, gab er ihnen ein paar Bögen Papier mit und ersuchte sie, ihm eine kleine Blumenlese ihrer Leibstückeln zusammenzuschreiben. Die Burschen willfahrten auch gerne und übergaben ihm, als sie die Strafe erstanden, etwa hundert Liedchen, welche sie aus dem Gedächtnis gesammelt und niedergeschrieben hatten. Der junge Herr Assessor nahm die Gabe mit Vergnügen zur Hand, begann sie sogleich zu lesen, zu mustern und zu prüfen, fand aber bald und nicht ohne einige Überraschung, daß mindestens die Hälfte dieser Liedchen solche waren, die er schon früher mit Wonne in Franz von Kobells Schnaderhüpfln gelesen. Was nun endlich die Stellung des Schnaderhüpfls zum gebildeten Publikum betrifft, so ist diese gleichwohl keine so innige und heimliche, als manche deutschen Landsleute über dem Main und Fichtelgebirge vielleicht denken möchten. Als zum Beispiel ein sonst sehr liebenswürdiger Hanauer auf einem Münchnerkeller sich unlängst Mendelssohnschen Liedern ausgesetzt sah und mit einer gewissen feinen Schmeichelei den Sängern zurief: »Laßt das uns in unserm kalten Norden; hier sollt ihr nichts singen als eure herrlichen Alpenlieder, eure Schnaderhüpfl« – erregte er in doppelter Richtung ein eigentümliches Befremden, einmal, weil er die Hanauer schon zu den gebildeten Norddeutschen rechnen wollte, anderseits, weil er fast zu glauben schien, das Hochgebirge fange allbereits beim Schleibingerbräu in der Schwabinger Gasse an und die Almenkühe grasten in unserm Ständesaal. Dem ist aber wirklich nicht also, und was die Schnaderhüpfl angeht, so mag sich's wohl treffen, daß hin und wieder ein Maler oder Dichter, der viel auf dem Land herumschlendert, nicht nur deren fertigt, sondern auch etwa einmal eine kleine Tracht neu aufgebrachter mit in die Stadt bringt, aber im ganzen ist der Verkehr und der Betrieb doch keineswegs beträchtlich. Dies kommt wohl nur daher, daß – wenn man's sagen darf – die Freude an diesen Liedchen gar zu vergänglich ist. Das echte und rechte Schnaderhüpfl gleicht nämlich einem Rätsel – die ersten drei Zeilen sind wie eine Frage, und die vierte ist die Antwort darauf. In dieser muß immer eine überraschende Wendung, eine unerwartete Aufklärung, eine neue Moral, etwa auch eine nicht geahnte ›Dummheit oder Sauerei‹ vortreten. Für jene Leser, welche eben keine Schnaderhüpfl im Gedächtnisse haben, wollen wir hier einige bekannte Beispiele vorführen: Jetzt hab' ich zwei Schatzerln, Ein alt's und ein neu's; Jetzt brauch' ich zwei Herzeln, Ein falsch's und ein treu's. Oder: Die Vögerln haben Kröpferln, Da singen s' damit; D' Frau Bas' hat ein' Kropf, Aber singen kann s' nit. Beiläufig eines der verbreitesten Stückeln, das bis in Thüringen und im Schwarzwald gesungen wird. Oder: Je höher die Alm, Desto größer der Wind; Je schöner das Dirnl, Desto kleiner die Sünd! Oder: 's Dirnl hat schwarzbraune Äugelein Und wie ein Tauberl schaut's her; Und wenn ich am Fenster ein' Schnackler tu, Zwazelts im Pfaidel daher – in welch letzterem man aber Pfaidel nicht mit Lewald, der das Liedchen von der Fischerlisel gehört hat, als Pfötchen erklären darf. Ist die Auflösung aber einmal gefunden, so hat das Rätsel seinen Reiz verloren. Wenn wir auf die bekannte Frage, wo Adam den ersten Löffel genommen, die Antwort einmal wissen, so kann uns jene kaum mehr zum geistigen Genusse dienen. So kommt uns auch ein Schnaderhüpfl, das wir zum zweiten Male hören, schon sehr bekannt vor, und wenn es noch öfter in unsren Ohren widerhallt, so springt das Vergnügen gar bald in Gleichgültigkeit und selbst in Unbehagen um. Wer hier immer neu und überraschend sein wollte, der müßte ein paar hundert Stückeln auswendig wissen und gleichwohl selber ohne Unterlaß nachdichten – aber das Gedächtnis der meisten ist für jenes und die Phantasie für dieses zu schwach. Deswegen sind sie denn auch, selbst die sittlichen und anständigen mein' ich, in unsrer subalpinen Hauptstadt nie so recht oder wenigstens nicht auf längere Zeit Bestandteil der Unterhaltung der Gesellschaft geworden – ja viele erbleichen, wenn sie nur von Schnaderhüpfln und daß jemand deren singen wolle, reden hören, in der nicht immer unbegründeten Furcht, mit alten und längst vernommenen G'sangeln zum hundertsten Male behelligt zu werden. Ein wahrer Sturm von Alpenhaftigkeit ging einmal in den dreißiger Jahren über München hin. Die Schnaderhüpfl waren plötzlich Mode geworden. Die ganze junge Welt, Jünglinge und Mädchen, sammelten, sangen, verbreiteten sie (eine Beschäftigung, wobei immer eine gewisse Auswahl notwendig ist), die Zeichner illustrierten die Liedchen, die Musikmeister setzten die lieblichsten Walzer nach dem ›Lauterbacher‹ und nach dem ›schönen Schweizerbuben‹, Tänze, die ich gerne wieder einmal hören möchte; kurz, man war überglücklich, in diesen unversiegbaren Born des Volkslebens hinabsteigen zu können – aber mit einem Male war die Manie auch wieder vorüber, und sie ist jetzt ebenso vergessen wie vieles andere, was die Zeiten gebracht und genommen haben. Mit diesen Betrachtungen wollen wir aber niemandem die Freude verderben, bekennen vielmehr selbst, daß wir ein klassisches Stückel unter günstigen Umständen zu Bayrischzell oder wie es einst die schönen Huldinnen zu Fischbachau dahinsangen immerdar als eine höchst erquickliche Gabe unsrer Volkspoesie entgegengenommen und genossen haben. Diese Liedchen könnten auch fast auf den Glauben hinleiten, daß das gemeine bajuwarische Volk, wenigstens unter den europäischen, zu den witzigsten zu rechnen sei – ein Zug, der nach einiger Pflege und unter dem jetzigen Fächeln seiner konstitutionellen Freiheiten selbst bei den Gebildeten dieses Stammes vielleicht bald deutlicher hervortreten dürfte. – Auch gegen die Vervielfältigung durch den Druck wollen wir nicht eifern, obgleich uns die Schnaderhüpfl, in den Büchern gesammelt, fast so vorkommen wie die Blumen im Herbarium. Fehlte es doch nicht an gewichtigen Stimmen, welche diese gedruckten Liedchen selbst als Preisbuch in den Volksschulen anempfehlen wollten – eine Neuerung, deren Folgen erst abzuwarten wären. Bisher galt allerdings der Unterricht in der Liebe nicht als Aufgabe der Volksschule, vielmehr blieb der Gegenstand der reiferen Jugend selbst überlassen, welche dessen auch, wie die Erfahrung zeigt, ohne höhere Anleitung in der Regel bald Meister zu werden pflegt.