Ernst von Wolzogen Die Erbschleicherinnen Zweiter Band Elftes Kapitel. In welchem die Majorin ein wenig Vorsehung spielt und das Krajesovicherl bedenklich wird, zusamt einer kurzen Nachricht von den Leiden des jungen Rudi. Die Majorin von Goldacker war wirklich eine gute Frau. Die übliche aristokratische Frömmigkeit, welche im Schlepptau irgend eines strebsamen Geistlichen Konzerte und Bazare zu wohlthätigen Zwecken, öffentliche Theeabende mit leichtem Gebäck, dünnen Butterschnitten und Gott wohlgefälliger Unterhaltung arrangiert, würdige, das heißt körperlich und sittlich reine Arme besucht, unter geistlicher Leitung stehende Vereine unterstützt und Lose für Kirchenbauten nimmt, die trug zwar auch sie mit derselben wohlanständig gemilderten Selbstgefälligkeit zur Schau, wie die meisten Damen ihres Standes, aber bei ihr war die Mildthätigkeit doch Herzensbedürfnis. Trotz ihres vertrockneten, etwas kümmerlichen Aeußeren zählte sie in der That erst die siebenunddreißig Jahre, die sie sich gab, in ihrem Denken und Empfinden aber war sie sogar noch jünger. Ihre guten Werke entsprangen ebenso wie ihre Thorheiten einer fast kindlich zu nennenden Begeisterungsfähigkeit. Hätte sie mehr gelernt gehabt und einen tieferen Geist besessen, so hätte sie mit ihrer ästhetischen Naschhaftigkeit, ihrer Sammelwut, ebenso wie mit ihrem stets dem Mitleid offenen Herzen weit Wertvolleres ausrichten können, als es so geschah, und dann wäre es ihr auch nicht so leicht passiert, wie jetzt gar oft, daß sie bei jeder kleinen Enttäuschung, die sie an den Menschen erlebte, von der Höhe ihres Enthusiasmus gleich in oft geradezu komische Ungerechtigkeit herabpurzelte. Ihrer liebenswürdigen Schwäche für die Schönheit hatte es Lizzi wohl zumeist zu danken, daß sie von der guten Frau mit offenen Armen aufgenommen wurde. Wie die frommen Leute im Märchen das feenhaft schöne Findelkind, so betrachtete die Majorin das blühende robuste Münchener Mädel als eine direkte Sendung der ihr wohlgesinnten himmlischen Mächte. Wäre die Lizzi rechtschaffen garstig gewesen, dann hätte die scharfe Dressur des Anstandsgefühls, in der die Majorin aufgewachsen war, ihr höchstwahrscheinlich verboten, eine Durchgängerin, von deren sittlichen Qualitäten sie eigentlich gar nichts wußte, bei sich aufzunehmen. Daß ihrem leichtentzündlichen Bubi aus der vertraulichen Nähe so blühender jungfrischer Weiblichkeit Gefahr erwachsen könnte, bekümmerte sie keinen Augenblick. Im Gegenteil – sie freute sich schon darauf, ihn sterblich verliebt zu sehen. Das passierte ihm nämlich öfters und sie fand ihn in solchem Zustande ganz besonders süß. Sich anspinnende Liebesverhältnisse zu beobachten, Brautpaare um sich zu sehen und Ehen zu stiften, das gehörte nämlich auch zu ihren Passionen. In der engen, vollgepfropften Wohnung einen unerwarteten Gast unterzubringen, und noch dazu einen, der sich auf voraussichtlich längere Zeit hier heimisch zu machen wünschte, das war wahrlich keine leichte Aufgabe. Aber die Majorin löste sie mit einer gewissen Genialität. Hinter dem unvermeidlichen Berliner Zimmer befand sich nämlich noch ein kleiner, fensterloser Raum, der sein Licht durch die Glasthür der Veranda empfing. Dieses Zimmerchen diente im Sommer gewöhnlich zum Speisen, wenn keine Gäste da waren, und bei den winterlichen großen Festen als traulicher Zufluchtsort für liebende Pärchen. In diesen » Cul de sac «, wie sie es nannte, wußte sie mit großer Verschmitztheit die schüchternen Herren und die Damen, welche sie in Verdacht hatte, einer Veränderung ihres Civilstandes nicht abgeneigt zu sein, hineinzulocken, um sie alsbald mit schadenfroher Grausamkeit ihrem Schicksale zu überlassen. Drei Verlobungen wären auf diese Weise schon beinahe zu stande gekommen und die letzte, vierte, die wirklich öffentlich erklärt wurde, war leider wieder zurückgegangen. Seitdem hatte die Majorin eine heftige Abneigung gegen den » Cul de sac « gefaßt und ihn zu einer Art Wintergarten degradiert, der jedoch, weil sie keine glückliche Hand und keine Geduld für Blumen hatte, mit den ruppigen Strünken und dem dürftigen Blattwerk, das allein die zahlreichen Blumentöpfe erfüllte, einen recht kümmerlichen Eindruck machte. Um so leichter wurde es ihr, das Stübchen preiszugeben. Fast der ganze Plafond desselben wurde von einem auf vier orientalischen Säulen ruhenden Baldachin eingenommen, der aus einer erzbischöflichen Residenz stammen sollte. Unter dem Baldachin stand an der äußeren Wand ein zierliches, kleines Rokokosofa, davor ein schwerer Tisch mit Marmorplatte aus den zwanziger Jahren. Die Wand über dem Sofa bedeckte ein schadhafter Gobelin. Ein hoher, chinesischer Wandschirm rechts und eine künstliche Epheuwand links, in deren Grün wunderlicherweise einige Orangen, Attrappen aus Pappe, mit Draht befestigt waren, schützten das Sofaplätzchen vor neugierigen Blicken, wie vor dem Zug von der Glasthür her. Sessel und Taburetts in den verschiedensten Stilen, eine geschnitzte Kleidertruhe, fast schwarz und morsch im Holz, eine Chiffonniere mit Meißner und chinesischem Porzellan besetzt, ein paar hölzerne Kandelaber, zwei Meter hoch, die zu beiden Seiten der Eingangsthür standen, und statt der Kerzen bunte Illuminationsgläschen auf ihren Armen trugen, einige von der Decke herabhängende chinesische Stofflaternen und schließlich, neben einigen schlechten gerahmten Kupferstichen, eine italienische Wanddekoration aus getrockneten Südfrüchten, einem Tambourin und einer Mandoline ohne Saiten bestehend – all dies wunderbare Sammelsurium erfüllte den winzigen Raum. Der Marmortisch wurde hinausgeschafft, das kleine Sofa beiseite gerückt und unter dem Baldachin ein wackeliges altes, aber schön geschnitztes Bettgestell aufgeschlagen, das bisher unbenutzt auf dem Speicher gestanden war, und mit Hilfe von flüssigem Fischleim und einigen Nägeln von Frau von Goldacker höchst eigenhändig in brauchbaren Zustand versetzt. Da aber für das Gestell weder Rahmen, noch Matratze, noch Betten zur Hand waren, mußte sie zu allerhand sinnreichen Listen ihre Zuflucht nehmen. Die herausziehbare Polsterung eines Schlafsofas, das sich in Rudis Zimmer befand, wurde auf vier ungefähr gleich hohe Schemel innerhalb der Bettstatt niedergelegt, die tiefe Höhlung, die einige geplatzte Federn verursacht hatten, durch ein paar alte Shawls ausgefüllt und statt des nicht aufzutreibenden Keilkissens aus einem Stück alten Läuferstosses ein zweckentsprechendes Pentaëder oder dreiflächiges Prisma von leidlicher Elastizität hergestellt, und über den ganzen frommen Betrug ein Laken von unschuldiger Weiße gebreitet. Ein Kopfkissen war vorhanden und einige, in das nötige Weißzeug eingenähte Reisedecken vermochten ganz gut den Mangel eines Deckbetts zu ersetzen. Ein einfaches Waschgeschirr wurde gekauft und auf der altersschwarzen Truhe aufgestellt, am Tage jedoch, um die Harmonie nicht zu stören, hinter dem chinesischen Schirm versteckt. Die Majorin war außerordentlich stolz auf ihr Werk und nannte es ein Schlafgemach für eine Prinzessin. Lizzi schlief auch tatsächlich sehr gut darin. Das geheimrätliche Bett hatte sie noch nicht verwöhnt, und außerdem konnte sie sich in ihrer ganzen Länge ausstrecken, was doch immer die Hauptsache blieb. Nur ein Uebelstand machte sich gleich von vornherein recht unangenehm bemerkbar – das war die Kälte. Lizzi liebte die frische Luft und das Stübchen war klein. Da mußte denn oft die ins Freie führende Glasthür geöffnet und die ganze winterliche Kälte hereingelassen werden. Zwar befand sich ein eisernes Oefchen in dem Zimmer, aber das verbreitete sofort eine höchst unangenehme Hitze nebst üblem Geruch, so daß man doch gleich wieder genötigt war, die Thür zu öffnen; und dann hielt wieder die Wärme keine zwei Stunden vor. Ueberhaupt der Geruch! Frau von Goldacker öffnete nur selten ein Fenster, so daß der Duft all der aufgehäuften Altertümer und des schwer davon zu entfernenden Staubes alle Räume des Hauses schier atembeklemmend erfüllte. Da sie selbst auf die Reinlichkeit keinen übergroßen Wert legte, so bemühten sich auch die Dienstboten, die ehrwürdige Staub- und Schmutzpatina der Möbel und Stoffe möglichst zu schonen. Leider ging die gütige Hausfrau in ihrem Idealismus sogar so weit, gegen die Freuden der Tafel völlig gleichgültig zu sein. Es wurde, gerade herausgesagt, recht schlecht bei ihr gegessen. Auch daß kein ordentliches Instrument vorhanden, war für Lizzi, die gern fleißig geübt hätte, recht schmerzlich, und der Umstand, daß auf dem alten Wiener Clavicymbel die Königin Luise gespielt haben sollte, vermochte sie für den Mangel an Ton nicht zu entschädigen. Aber was wollten alle diese kleinen Uebelstände und Seltsamkeiten bedeuten gegen das Glück, daß sie nun doch wieder eine Art Heim besaß unter Menschen, die ihr mit Liebe entgegenkamen und die, weitentfernt sie ihre Abhängigkeit, ihre Armut, ihre Unbedeutendheit fühlen zu lassen, im Gegenteil ihr für ihre Anwesenheit dankbar waren, wie für ein unverdientes Geschenk und sie mit Schmeicheleien überhäuften. Und dann, was das Beste war: ihre geliebte Kathi so nah zu haben, daß sie sich mehrmals in der Woche sehen und sich auf Spaziergängen oder auch daheim nach Herzenslust ausschwatzen konnten. – Die Besserung des Onkels machte jetzt gute Fortschritte. Er war wieder vollständig im Besitz seiner Geisteskräfte und die Lähmung stellte sich als nicht ganz so schlimm heraus, wie man anfänglich gefürchtet hatte. Nur die Sprachstörung war noch nicht gehoben und bereitete dem armen Patienten selbst die allergrößte Sorge. Er verzweifelte an der Möglichkeit, seine Lehrtätigkeit je wieder aufzunehmen und hatte sich mit dem Gedanken, seine Professur niederzulegen, bereits vertraut gemacht. Als Frau Ida, um ihn von seinen trüben Gedanken abzulenken, ihm einen längeren Aufenthalt in Italien vorschlug, hatte er Kathi, sobald er mit ihr allein war, in rührender Weise seine Befriedigung darüber ausgedrückt, daß er nun doch wenigstens im Stande sein werde, ihr eine schöne und nachhaltige Freude zu bereiten. Auch nach Lizzi hatte er sich erkundigt und sich mit der Auskunft zufriedengegeben, daß man sie eine Freundin in Hamburg habe besuchen lassen, damit sie während der Zeit seiner Krankheit nicht im Wege sei. Tante Ida verhielt sich immer noch eisig kalt gegen Kathi, aber sei es nun, daß sie durch deren festes Auftreten ihren unwürdigen Beschuldigungen gegenüber doch eingeschüchtert war, oder weil sie fühlte, daß sie die guten Dienste der Nichte während dieser schweren Zeit nicht entbehren konnte – jedenfalls hatte sie sich inzwischen davor gehütet, mit ihr zu zanken und ihr auch stillschweigends die Freiheit gelassen über ihre Zeit zu verfügen. Daß Lizzi bei der Majorin untergekommen, hatte sie sichtlich geärgert, wenn sie auch nur ein paar gleichgültige Bemerkungen darüber gemacht hatte. Die gute Kathi lebte in der steten Furcht, daß sie in ihrer Rachsucht gewiß alles aufbieten würde, um die Verhaßte aus ihrem freundlichen Asyl zu vertreiben. Die böse Ahnung erfüllte sich rasch genug. Lizzi war kaum vierzehn Tage im Hause, als Frau von Goldacker eines Vormittags sehr aufgeregt von einem Besuch bei Riemschneiders zurückkehrte. Sie hatte bisher nur immer ihren Diener hingeschickt, um Erkundigungen über das Befinden des Professors einzuholen. Jetzt aber hatte sie es für an der Zeit gehalten, selbst vorzusprechen, in der Erwartung, nun doch endlich als Verwandte an das Krankenbett gelassen zu werden und auch in der Hoffnung, Gelegenheit zu finden der lieben Tante Ida über ihr abscheuliches Verhalten den Nichten gegenüber einmal gründlich die Meinung zu sagen. Ins Krankenzimmer hatte sie nun zwar nicht vordringen, wohl aber die Geheimrätin sprechen können. Die hatte kaltlächelnd ihre Anklagen angehört und zu dem begeisterten Lobe Lizzis nur höhnisch den Mund verzogen, um, nachdem Frau von Goldacker sich ganz außer Atem geendet, kurz und scharf zu erwidern, daß sie über den wahren Charakter ihres Schützlings bald genug zu ihrem Schaden aufgeklärt werden würde. Und dann, beim Abschied, als der Besuch schon auf der Schwelle stand, hatte sie scheinbar gleichgültig die Frage hingeworfen, ob ihr denn Lizzi auch erzählt habe, wo sie die erste Nacht nach ihrer Flucht zugebracht, nachdem sie mit ihrem Freunde, dem Studiosus von Krajesovich allein im Deutschen Theater gewesen sei. Frau Professor Rümpelmann und Fräulein Tochter, die auch im Theater gewesen, hätten die beiden Arm in Arm auf der Straße gesehen. Eine Verwechslung sei ausgeschlossen, denn die beiden Damen hätten sich absichtlich unter einer hellen Laterne in der Karlsstraße nach dem Pärchen umgedreht und es starr angeblickt, seien aber von ihm in seiner verliebten Versunkenheit gar nicht bemerkt worden. Wenn es der Frau Majorin Spaß mache, ein so verdorbenes Geschöpf bei sich zu beherbergen, so wolle sie sie in ihrem Vergnügen nicht stören. Die gute Frau von Goldacker war so ehrlich, Lizzi sofort die ganze Anklage wortgetreu zu wiederholen, ohne etwa den Versuch zu machen, sie durch unbestimmte Fragen in eine Falle zu locken. Und Lizzi vergalt Ehrlichkeit mit Ehrlichkeit und teilte ihr rückhaltlos die ganze Wahrheit mit. Auch daß sie sich habe küssen lassen, verschwieg sie nicht. Frau von Goldacker glaubte ihr ohne weiteres und machte ihr nur sanfte Vorwürfe darüber, daß sie ihr nicht eher gebeichtet habe, wenn sie es auch begriff, daß sie ihr damals, als sie um Aufnahme bat, das bedenkliche Abenteuer zu verschweigen für richtig hielt. Ihrer korrekten Denkungsart mußte es freilich als sündhaft erscheinen, wenn ein junges Mädchen aus den besseren Kreisen sich von einem jungen Manne, der noch nicht ihr Verlobter war, küssen ließ und sie bemühte sich auch, dies Lizzi mit mütterlicher Strenge klar zu machen; aber der Ernst der Predigt wurde doch durch zärtliches Mitgefühl bedeutend gemildert. Ihrem romantischen Sinn behagte im Grunde genommen das Abenteuer gar sehr und wob eine Art Gloriole um Lizzis hübschen Kopf. Sie war sogar ein klein bißchen neidisch, die gute Majorin, wie es minder schöne Frauen auf die Abenteuer ihrer bevorzugteren Geschlechtsgenossinnen immer sind. Bei ihr daheim in Pommern, im weitesten Umkreis des väterlichen Gutes trieben sich keinerlei Krajesovicher herum, und feine Kellerrestaurants mit Nischen gab es erst recht nicht. Auch in ihrer blühendsten Mädchenzeit war sie höchstens von langweiligen Vettern geküßt worden, und auch das nur unbedeutend. Jetzt hieß es die Sünde wieder gut machen. Wenn Herr von Krajesovich, der Edle von Nemes-Pann überhaupt ein Epouseur war, der ernstlich in Frage kommen konnte, so mußte er dran glauben! Sie fand es unverantwortlich, daß er bisher noch nicht Besuch gemacht habe und beschloß, falls er das nicht binnen drei Tagen thäte, ihn ernstlich an seine Pflicht zu erinnern. So feierlich versprach sie, für Lizzi wie eine Mutter zu sorgen, daß das gute Kind nicht wenig erschrak. »Du liebst ihn doch?« fragte die Majorin ziemlich nebenher am Ende ihrer ernsthaften Unterredung, bei welcher von beiden Seiten reichliche Thränen vergossen worden waren. Und Lizzi fuhr ordentlich erschrocken zusammen bei der unvermuteten Frage, besann sich ein Weilchen und erwiderte endlich ziemlich unsicher: »I mein schon.« – – Ja, liebte sie ihn denn eigentlich wirklich? Lizzi wälzte während der nächsten vierundzwanzig Stunden diese schwierige Frage in ihrem Gehirn herum, ohne doch eine völlig zufriedenstellende Antwort darauf zu finden. Er war gewiß ein recht lieber Mensch und wenn er nicht so brav gewesen wäre, hätte es ihr an jenem gefährlichen Abend recht schlimm ergehen können. Sie war ihm von Herzen dankbar für seine edle Zurückhaltung. Das war einmal eins. – Und dann war doch auch der Abend zu schön gewesen – der schönste ihres ganzen Lebens! Erst die Vorstellung im Deutschen Theater, die sie in ein wunderbares, unbekanntes Märchenland versetzt hatte – und dann das gute Essen, die feurigen Weine – und gar das süße Dessert von Küssen! Daß ein Mann mit einem so wilden, schwarzen Schnauzbart so warm und weich, so – vornehm busseln könnte, hätte sie eigentlich nicht gedacht, Auch das sprach dafür, daß er etwas recht Besonderes sein mußte. Oft noch des Nachts im Halbschlaf oder auch tagüber in wachen Träumen spürte sie jenes leise Zucken und Schwellen der Lippen, das als süßester Nachgeschmack von wirklich guten, echten Küssen zurückzubleiben pflegt. Und in solchen Stunden sehnte sie sich fast schmerzlich danach, ihren schönen schwarzen Gregor wieder zu sehen und wieder ihren Kopf so vertrauensvoll an seine Schulter lehnen zu dürfen, in hingebender Erwartung der guten Gaben, die sein Mund austeilen würde. Trotz alledem aber konnte sie sich nicht recht als seine Frau vorstellen, besonders wenn sie daran dachte, daß sie ihm ja dann in das unbekannte ferne Land folgen müßte, wo die Leute nicht einmal deutsch, viel weniger münchnerisch verstanden. Daß sie durch eine rasche Heirat aller Sorgen für die Zukunft enthoben und besonders von der Bevormundung unangenehmer Tanten befreit war, das war freilich eine herrliche Aussicht. Aber war's nicht doch noch schöner und ehrenvoller zugleich, wenn es ihr wirklich gelang, sich auf eigene Füße zu stellen, durch Fleiß und Talent sich Geld und Ruhm zu erringen? Sie hatte nämlich den Gedanken zur Bühne zu gehen, der an jenem Abend im Deutschen Theater so heftig von ihr Besitz ergriffen hatte, noch keineswegs aufgegeben, wenngleich die bequeme Behaglichkeit, die sie für den Augenblick gefunden, ihn ein wenig in den Hintergrund gedrängt hatte. Das Endergebnis ihrer sorgfältigen Beratung mit ihrem Herzen war, daß sie vorläufig nächst dem Andenken an ihre Mutter und ihrer Kathi allerdings den Gregor am meisten liebte, aber doch möglichst ruhig abwarten wollte, wie sich diese Geschichte von selbst weiter entwickelte. Ihr gesundes, natürliches Gefühl sträubte sich gegen den Gedanken, durch freundliche Hilfe wohlmeinender Damen in die Ehe hineingeschoben zu werden, und darum mochte sie es auch nicht leiden, daß Frau von Goldacker an Gregor schrieb, um ihn, wie sie es nannte, an seine Pflicht zu mahnen. So raffte sie sich denn zwei Tage nach jener Unterredung selbst dazu auf, dem Herrn Kandidaten ein Briefchen zu schreiben – mit »Sie« und in recht kindlichem Stile – in welchem sie ihm mitteilte, daß sie sich in ihrem neuen Heim recht wohl fühle und daß sie sowohl, wie Frau von Goldacker sich sehr freuen würden, wenn er sie einmal besuchte. – – Am andern Tage schon ließ sich Herr Krajesovich von Nemes-Pann zur etikettemäßigen Visitenstunde bei der gnädigen Frau melden. Lizzi war spazieren gegangen und die Majorin wie gewöhnlich noch in ihrem alten Morgenrock. Die Gelegenheit war aber so wichtig, daß sie es doch für angemessen hielt, ein würdigeres Gewand anzulegen. Der junge Mann, der sehr elegant angezogen war und seinen Paletot draußen abgelegt hatte, mußte daher recht lange in dem kalten Salon warten und etlichermaßen zähneklappernd die lackierten Engel und sonstigen Kostbarkeiten bewundern, bis endlich die Dame des Hauses erschien in einem rauschenden Seidenkleide, weitbauschig und mit Watteaufalte auf dem Rücken, welches augenscheinlich aus der Zeit der Pompadour stammte. Sie hatte Mitleid mit ihm und lud ihn in ihr geheiztes Schreibstübchen nebenan ein, denn er sah ganz blaß und steif aus, sei es nun, daß er nur äußerlich fror oder daß ihm überhaupt bei diesem Gange nicht recht wohl zu Mute war. »Sie finden Fräulein Mödlinger nicht zu Hause,« begann die Majorin, sobald die ersten Förmlichkeiten ausgetauscht waren und sie sich im warmen Zimmer gegenüber saßen. Und dann fügte sie lächelnd hinzu: »das ist mir auch, offen gestanden, sehr lieb, denn ich möchte Sie doch erst ein wenig ins Gebet nehmen, mein lieber Herr, ehe ich Ihnen das Kind anvertraue. Sie hat mir alles gesagt, müssen Sie wissen – auch von dem Souper und – na und so weiter.« Gregor zuckte leicht zusammen und konnte sich nicht enthalten in seiner Muttersprache etwas vor sich hin zu brummeln, was auf Deutsch wahrscheinlich »ach verflucht!« oder so etwas Aehnliches hieß. Dann setzte er mit etwas nervösen Fingern seinen Schnurrbart auf, zwang seine Miene zu einem liebenswürdigen Lächeln und sagte mit heuchlerischer Unbefangenheit: »O, Gnädige, was wollen Sie? Das ist die Liebe!« »Ja, die Liebe, das ist ja eine ganz schöne Sache,« rief die Majorin, indem sie ihm lächelnd mit dem Finger drohte. »Aber sind Sie sich auch bewußt, daß man ein anständiges junges Mädchen nicht so mir nichts, dir nichts abküßt, wenn man nicht ernste Absichten hat?« Dem guten Gregor war offenbar sehr unbehaglich zu Mute. Er guckte eifrig auf seine blanken Stiefelspitzen hinunter und stammelte verlegen: »O, meine Gnädigste – wie können glauben! Ich habe Fräulein Mödlinger gleich auf ersten Blick serr – serr äh. ... Wir haben uns ganz zufällig getroffen – ganz zufällig, versichere auf Ehre – und gnädiges Fräulein hatte solchen Hunger – war doch Kavalierspflicht. ...« »Sie sollen sich auch gar nicht entschuldigen, daß Sie ihr etwas zu essen gegeben haben,« unterbrach Frau von Goldacker sein Gestotter. »Beantworten Sie mir nur gefälligst eine Frage. Wissen Sie, daß sie gar kein Vermögen hat?« »Jawohl, sie hat mir gesagt!« »Na, sind Sie denn in der Lage, eine Frau zu ernähren?« »Bitte, wie befehlen? Ach so, pardon – ja ..., das heißt – nein. Ich will sagen, mein Vater ist serr wohlhabend, aber er wird mir nicht genug geben zum heiraten. Ich bin im Examen. Ich will Arzt werden, Sie wissen. Und wenn ich selber genug Geld verdiene, dann will ich versuchen. ...« »Ja, aber wie lange kann denn das noch dauern?« fiel ihm die Gnädige rücksichtslos ins Wort. »O, ich hoffe gar nicht lange: ein, zwei ...« »Drei, vier, fünf Jahre!« ergänzte die Majorin ungeduldig. »Und inzwischen soll das arme Mädchen hier sitzen und warten, und Sie kurieren derweilen die schönen Damen in Belgrad oder so wo. Ja, mein lieber Herr, was denken Sie sich denn dabei?« Er wußte nichts zu erwidern und blickte nicht eben allzu geistvoll drein. Die Majorin seufzte tief auf und strich mit einiger Heftigkeit über ihr seidenes Gewand, so daß es förmlich drohend knisterte. Sie besann sich ein Weilchen, bevor sie weiter sprach: »Wissen Sie was: schreiben Sie an Ihren Herrn Vater und stellen Sie ihm die Sache ordentlich vor. Vielleicht gibt er Ihnen dann gleich so viel, daß Sie mit bescheidenen Ansprüchen haushalten können. Ein junger Arzt muß ja doch verheiratet sein, wenn er Vertrauen finden will. Wenn Sie mir das versprechen, dann will ich Ihrem weiteren Verkehr mit Lizzi nicht in den Weg treten – das heißt natürlich: in gewissen Grenzen.« Er küßte ihr die Hand, versprach, was sie wünschte und bedankte sich für ihr liebenswürdiges Entgegenkommen. So war denn vorläufig der Friede geschlossen und sie plauderten noch ein Viertelstündchen unbefangen über dieses und jenes, bevor Gregor sich erhob, um seinen Besuch abzubrechen. Gerade als er durch den kalten Salon der Ausgangsthür zuschritt, hörte er draußen im Flur Lizzis lustiges Gelächter, in welches eine zweite, männliche Stimme hineinklang. »Da haben wir sie ja!« rief die Majorin, indem sie an ihm vorbei nach der Thür eilte. »Nun werden Sie doch noch etwas da bleiben?« Und sie steckte den Kopf aus der Thür mit den Worten: »Lizzi, Rudi, kommt geschwind einmal herein, es ist jemand da!« Neugierig wie zwei Kinder, die einen guten Schenkonkel aus der Provinz zu finden erwarten, kamen die Gerufenen herein, Rudi noch mit seiner Büchermappe unterm Arm, Lizzi im Mantel und Regenschirm. Die scharfe Luft draußen hatte ihre Wangen gerötet und nun noch die Verlegenheit der Ueberraschung – sie sah wirklich reizend aus. Gregor trat ihr rasch zwei Schritte entgegen und hob unwillkürlich seine beiden Arme empor, wie um sie an die Brust zu ziehen. Doch als er sah, wie sie mit scheuem Blick auf die beiden Zeugen ihm nur schüchtern die Rechte entgegenstreckte, nahm auch er sich zusammen und begnügte sich damit, ihr die Hand zu drücken. »Grüß Gott,« sagte Lizzi leise und sehr verschämt. Und er, ihre Hand noch festhaltend, versetzte lächelnd: »Ja, nun wird mir gnädiges Fräulein Lizzi gewiß serr bös sein, daß ich nicht früher gekommen bin. Aber du – Sie können mir glauben, es war mir unmöglich. Ich habe so viel zu thun!« Lizzi war bei dem »Du« erschrocken zusammengefahren. Frau von Goldacker hatte es lächelnd bemerkt und kam ihr zu Hilfe, indem sie ihr sowohl wie Gregor wohlwollend auf den Arm klopfte und sagte: »Ihr braucht euch gar nicht zu genieren, meine jungen Herrschaften.« Und dann zog sie ihren Bubi am Aermel herbei und stellte vor: »Herr Rudolf von Goldacker, Obersekundaner – Herr Doktor von Krajesovich.« »Pardon, so weit sind wir noch nicht. Gnädige Frau Mutter greifen hoher Prüfungskommission vor – nur cand. med. vorläufig.« Damit reichte er dem jungen Manne die Hand entgegen. Rudi that, als bemerkte er es nicht und verbeugte sich nur steif ein klein wenig, um sich dann, ohne ein Wort zu sprechen, mit seinem Schulsack hinauszutrollen. Die Majorin beachtete sein Benehmen nicht weiter und forderte das Liebespaar auf, doch wieder in die warme Stube hereinzukommen. Lizzi entledigte sich rasch ihres Hutes und Mantels und ging hinaus, um die Kleidungsstücke im Flur aufzuhängen. Da trat ihr in dem engen finstern Raum Rudi entgegen und flüsterte dicht an ihrem Ohr, so dicht, daß sie sein aufgeregtes Atmen wahrnehmen konnte: »Wer ist der Herr? Von dem hab' ich ja noch nie was gehört!« »Mama hat ihn dir ja vorgestellt,« entgegnete Lizzi kurz, indem sie einen Schritt von ihm zurücktrat und ihm, ein wenig unangenehm überrascht, ins Gesicht sah. Sein schroffer Ton hatte sie verletzt. Rudi ging ihr wieder nach, und während sie noch ihre Sachen an den Haken hängte, ergriff er sie beim Handgelenk und flüsterte: »Soll das etwa dein Zukünftiger sein?« »Was geht denn das dich an?« versetzte Lizzi ärgerlich, indem sie mit einem Ruck ihre Hand von seinem Griff befreite. Und er stand rasch atmend und die hellblauen Aeuglein fast drohend aufreißend, vor ihr und sagte: »So, das geht mich also nichts an? Ich denke, wir haben doch Brüderschaft getrunken, und wir wollten doch wie Bruder und Schwester ... ich dachte doch ... ich hab' dir doch auch von mir alles erzählt; und überhaupt ...« »A geh, du bist ein dummer Bub'!« unterbrach Lizzi kurz sein aufgeregtes Gestammel und ging, ohne sich weiter um ihn zu bekümmern, ins Zimmer der Majorin. – Solange die wohlwollende Beschützerin anwesend war, konnte natürlich weder eine besonders tiefsinnige noch hervorragend zärtliche Unterhaltung zwischen den Liebenden in Fluß kommen. Lizzi war wie auf den Mund gefallen und ärgerte sich über sich selbst, daß sie so dumm dabei saß, während Gregor mit krampfhafter Anstrengung über Theater und Kunst, über das Wetter, die Aussichten fürs Schlittschuhlaufen und dergleichen sprach. Und als nach etwa zehn Minuten dieser überflüssigen Wortmacherei die Entreeklingel ertönte, unterbrach sich die Majorin mitten in ihrem Satz und alle drei horchten gespannt hinaus in der Hoffnung auf eine gnädige Aufhebung der fruchtlosen Sitzung. Der Diener kam und meldete Herrn Pastor Werkmeister an. »Ah, sehr angenehm!« rief die Majorin vergnügt vom Sofa aufhüpfend. Und dann nahm sie Lizzi beiseite und forderte sie mit einem schlauen Lächeln auf, derweilen mit ihrem Gregor sich in das Berliner Zimmer nebenan zurückzuziehen. Es werde ihnen wohl beiden augenblicklich wenig an der Bekanntschaft des Pastors gelegen sein. Die Liebesleute beeilten sich, diesem freundlichen Rate zu folgen, und Gregor benutzte die Gelegenheit, um sich eilfertig zu empfehlen, da er nur noch wenige Minuten Zeit habe. Der Diener, der eben noch mit Tischdecken beschäftigt war, zog sich alsbald diskret zurück, und nun war das Pärchen endlich allein. Das erste war natürlich, daß Gregor seine Lizzi beim Kopfe nahm und nach allen Regeln der Kunst abküßte. Dazu benötigte er mindestens fünf Minuten, während deren der sonore Baß des geistlichen Herrn nebenan die gedämpfte musikalische Begleitung zu der sinnigen Pantomime abgab. Schließlich mußte doch aber auch wieder ein Wort geredet werden. Es war Gregor, der zuerst das selige Schweigen brach, indem er Lizzi neckend den Vorwurf machte, sie habe ihn da in eine schöne Falle gelockt, »Was denn, was is denn?« fragte Lizzi unbefangen. »Ja, siehst du, Schatzel meiniges,« versuchte er zu lachen, »ich weiß doch noch gar nicht, wie lange dauern wird, bis ich eine Praxis habe, um eine kleine Frau zu ernähren – und du willst doch gut genährt werden, nicht wahr? Was mein Vater sagen wird, der Herr Vicegespan, wenn ich jetzt schon komm' und will heiraten – o du guter Herrgott! Wie kann ich denn so unverschämt sein und mich jetzt mit dir verloben, wo doch noch kann viele Jahre dauern, bis wir heiraten. Aber die Frau von Goldacker natürlich, die möchte am liebsten bei dem Herrn Pfarrer da drin gleich die Traurede bestellen, O, überhaupt, mein lieber Schatz, es ist doch zu furchtbar dumm, daß wir uns sollen nur hier sehen unter dem Schutz von hoher Geistlichkeit und verehrter Frau Majorin.« Lizzi hatte mit wachsendem Erstaunen zugehört, ihre Augen wurden immer größer und ihr Gesicht immer länger. Sie drückte ihre heißen Wangen zwischen ihre beiden Hände und strich sich das Haar aus der Stirn, und dann fragte sie kleinlaut: »Ja, was is denn jetzt dees, san m'r denn jetzt net verlobt? I man' doch, abbusselt ham m'r uns scho g'nug!« »A geh, du bist ein kleiner Narr,« versetzte er, etwas mühsam lächelnd, indem er sie am Ohrläppchen zupfte. »Warum hast du auch der Gnädigen gleich alles sagen müssen! Heimliche Liebe ist doch viel, viel schöner, und jetzt wissen wir gar nicht, was wir sind. Wenn wir sagen verlobt, so ist es gelogen, denn ich kann mich nicht verloben, ehe ich weiß, wovon ich heiraten will. Es gibt ein Weaner G'sang'l, das heißt: ›Der Mensch, der Mensch, der Mensch ist kein Krawat, Kra–wat, Er lebt, er lebt allein nicht von Salat, Sa–lat. Er will auch sein gut's Bibi Babi ham, ham, ham, Sonst demoliert der Kerl eam alles z'samm!‹« Die Hände in die Hosentaschen versenkt, stand er vor ihr, summte die Melodie leise durch die Zähne und wippte dazu im Takt auf den Fußspitzen und Hacken hin und her. Lizzi wandte sich rasch ab, trat ans Fenster und rieb die weiße Stirn gegen den Riegel. Ihre vollen Lippen zuckten halb vor Schmerz, halb vor Aerger, und sie verspürte nicht übel Lust zu weinen. Er wartete eine ganze Weile, daß sie etwas sagen sollte. Als sie aber hartnäckig schwieg, trat er hinter sie, legte den Arm um sie und küßte sie leise auf den Nacken. »Nicht wahr, mein Schatzel will doch auch so ein gut's Bibi Babi haben?« »A lassen S' mi aus, i mag gar nix mehr von Ihne wissen!« schmollte sie, indem sie sich mit einer brüsken Bewegung seinem Arm entzog. Dabei schaute sie zufällig in schräger Richtung durchs Fenster und bemerkte Rudis düster gespanntes Gesicht hinter dem Fenster seines kleinen Zimmers, welches dicht neben der Eingangsthür gleichfalls nach dem Hof hinaus lag und dessen Außenwand mit der des Eßzimmers einen rechten Winkel bildete. »Da, jetz hat uns der Rudi g'sehn,« fügte sie ärgerlich hinzu und trat dann drei Schritte vom Fenster weg. »Der Rudi? Wer ist das?« fragte Gregor ziemlich gleichgültig. »Ah so, der Schulbub'.« »Jawohl, der Schulbub'!« versetzte Lizzi spitz. »Aber der meint's ehrlicher wie Sie, mein Herr.« »Oho, ein Konkurrent?« lachte Gregor. »Das wird ja ganz gefährlich! Komm, Schatzel, sei nit so bös. Jetzt nennst du mich gar schon ›Sie‹! Kannst du mich denn gar nicht mehr leiden?« Und Lizzi sagte knapp und klar: »Nein!« Er versuchte die Sache ins Scherzhafte zu ziehen, aber sie schaute so ernsthaft böse drein, daß er es aufgab. So streckte er ihr denn endlich mit einem tiefen Seufzer seine Hand hin und sagte: »Also, dann leb' wohl, Lizzi. Ich will mir alles noch einmal gründlich überlegen und auch an den Herrn Vicegespan schreiben, und dann sprechen wir uns wieder, nit wahr? Aber allein – im Tiergarten oder bei deiner Freundin, der verdrehten Malerin. Komm, einen Kuß zum Abschied.« Aber sie wollte nicht. Sie gab ihm nur die Hand und zuckte die Achseln, als er »auf Wiedersehen« sagte. Damit ging er hinaus. – – Frau von Goldacker mußte gehört haben, wie die Thür ins Schloß fiel, denn gleich darauf steckte sie den Kopf herein und rief leise: »Bist du allein, Kind? Komm herein und sag dem Herrn Pastor guten Tag.« Lizzi strich sich wieder mit der Hand über die Stirn, holte tief Atem und zwang sich zu einem überaus freundlichen Lächeln, während sie gleich darauf das Zimmer der Majorin betrat und ihren Knix vor dem fremden Herrn machte. Pastor Werkmeister war ein großer, stattlicher Mann mit einem frischen, germanisch-ehrlichen Gesicht. Glatt rasiert, mit kurzem, hellbraunen Kotelettenbart. Da er ganz schlicht civil gekleidet war und sogar die übliche goldne Brille fehlte, so sah er nicht unbedingt pastoral aus, eher wie ein Mittelding zwischen Hotelier und Sportsman. »Da, lieber Herr Pastor, da sehen Sie das Findelkind, das mir der liebe Gott beschert hat,« rief die Majorin enthusiastisch, nachdem sie Lizzi vorgestellt hatte. Der geistliche Herr ließ seinen Blick mit unverhohlenem Wohlgefallen auf dem großen Mädchen ruhen und dann sagte er: »Man sieht, gnädige Frau, Sie haben bei unserm Herrgott einen Stein im Brett und Ihr Schönheitssinn ist höheren Ortes auch schon bekannt, hahaha!« Dann neigte er sich gegen Lizzi und fügte mit weltmännischer Gewandtheit hinzu: »Denken Sie, mein gnädiges Fräulein, die Frau Majorin hat die ganze Zeit über nichts andres gethan, als mir von Ihnen etwas vorgeschwärmt, und jetzt sehe ich, daß sie diesmal wenigstens nicht übertrieben hat in ihrer bekannten liebenswürdigen Begeisterung.« Das war ein hübsches Kompliment und Lizzi quittierte darüber mit einem Erröten, das sie nur noch reizender erscheinen ließ. Der Pastor gefiel ihr überhaupt gut, und der flotte, harmlos scherzende Ton, den er der ganzen Unterhaltung zu geben wußte, sagte ihr just zu, um ihren frischen Schmerz verwischen zu helfen. Sie schämte sich der bitteren Enttäuschung, die sie eben erlebt hatte. Sie wollte sich nichts merken lassen, nicht als genasführtes Gänschen bemitleidet werden. Und es gelang ihr wirklich so gut die Unbefangene zu spielen, daß die Majorin wie auch der junge Geistliche von ihrem natürlichen Humor, ihrer munteren Anmut ganz entzückt waren. Der Pastor blieb ziemlich lange und vergaß über der angenehmen Unterhaltung ganz und gar, daß er eigentlich in Armenangelegenheiten gekommen war. Erst als ihn die Majorin zur Flurthüre begleitete, beim Abschiednehmen, erinnerte er sich daran. Sobald die beiden hinaus waren, sank Lizzi auf den nächsten Stuhl, legte ihren Kopf in die hohlen Hände auf den Tisch und murmelte leise vor sich hin: »O, mein Gott – jetzt hab' i aber gut Komödi g'spielt!« Und die Thränen stürzten ihr unaufhaltsam aus den Augen. Gleich darauf trat Frau von Goldacker wieder herein, hochrot im Gesicht von all der Aufregung der letzten Stunde. Sie war außerordentlich vergnügt, tänzelte in dem engen Stübchen herum und klatschte in die Hände. Lizzis sonderbare Stellung, in der sie unbeweglich verharrte, schien ihr gar nicht weiter aufzufallen. »Kind, du bist ja ein ganz gefährlicher Racker!« rief sie lustig. »Weißt du auch, daß du unsrem guten Pastor ganz und gar den Kopf verdreht hast? Ein wahres Glück, daß du Braut bist! – Na, wie ist dir denn jetzt zu Mute? Daß die Sache zwischen euch im reinen ist, das hab' ich dir ja gleich angesehen, wie du so strahlend hereinkamst. Was machst du denn da? Heulst du ein bißchen? Ja, ja, das hat man so: das ist das Glück! – Wo steckt denn bloß der Bubi? Warum hat sich denn der Schlingel gar nicht sehen lassen?« Und wie der Wirbelwind rauschte die lebhafte Dame in ihrem verschossenen Pompadourkostüm hinaus und, alle Thüren hinter sich offen lassend, in das Zimmer ihres Sohnes hinein. Der saß auch am Tisch, einen kleinen Spiegel in der Hand, und quetschte mit einem Uhrschlüssel seine unglückseligen Wimmerln aus, wahrend ihm die hellen Thränen über die Backen liefen. »Ja, Herrgott himmlischer Vater, was ist denn mit dir los, Bubi?!« rief die zärtliche Mutter ganz entsetzt bei diesem traurigen Anblick. »Komm zu Tisch, die Suppe ist schon da.« »Ich habe heute keinen Appetit, Mama,« schluchzte der große Bursche, indem er sein Handwerkszeug auf den Tisch legte und sich eiligst die Augen trocknete. »Ja, aber sag mir bloß, Junge, warum weinst du denn? Ist dir in der Schule was passiert?« Und mit hohler Grabesstimme erwiderte Rudi pathetisch: »O nein, Mutter, darum weint ein Mann nicht.« Jetzt ging der Majorin ein Licht auf. Sie rang die Hände ineinander, schüttelte den Kopf und seufzte: »Ach, du Grundgütiger – Gott sei Lob und Dank, daß sie wenigstens verlobt ist! Mein armer süßer Bubi!« Und sie drückte seinen strohigen Blondkopf an ihr grünseidenes Mieder und ließ ihn dort sich ausschluchzen. Zwölftes Kapitel In welchem Lizzi die Gunst der bethränten Königin erwirbt und dankenswerte Aufklärungen über das Wesen der wahren Tugend, wie der wahren Schauspielkunst empfängt. Lizzi erschien an jenem Tage, nachdem ihre Thränen versiegt waren, von einer ganz ungewöhnlichen Weichheit und Zärtlichkeit, nicht nur gegen ihre mütterliche Beschützerin, sondern auch gegen den traurigen Bubi. Sie bat ihn in so herzlicher Weise um Verzeihung für ihr schroffes Anfahren, daß er nicht mehr den Gekränkten spielen konnte. Ihre geschwisterliche Aussprache endete vielmehr damit, daß er ihr aufs neue ewige Treue schwur als Freund und Bruder und ihr das Versprechen abnahm, ihre Freuden und Leiden künftig mit ihm zu teilen und ihm nichts zu verschweigen, was irgendwie ihr Wohl und Wehe berührte. Trotz dieses unbedenklich gegebenen Versprechens fiel es Lizzi gar nicht ein, ihren schlimmen Argwohn gegen die Ehrlichkeit ihres Liebhabers Rudi oder seiner Mutter zu verraten. Es war ja immerhin möglich, daß die Ueberraschung angesichts des unvermuteten energischen Eingreifens der Majorin ihn verstimmt und dadurch auch die Wärme seines Gefühls für Lizzi etwas herabgedrückt hatte. Sie wollte deshalb noch nicht gleich an der Solidität seiner Absichten verzweifeln. Sie war auch viel zu stolz, um etwa voreilig das Mitleid ihrer Freunde anzurufen. War sie doch jetzt eine junge Dame, die das Leben kannte, da mußte sie sich vor schwachherzigen Kindereien doch ängstlich hüten. Sie ließ also der guten Majorin das Vergnügen, sie als glückliche Braut zu behandeln, und bat sie nur, um möglichem Unheil vorzubeugen, in ihrem Bekanntenkreis nicht von der Sache zu sprechen, ehe nicht Gregor selbst es für an der Zeit hielt, die Verlobung öffentlich bekannt zu machen, das heißt also, bis er die Staatsprüfung bestanden und sein Doktordiplom in der Tasche hätte. Unter diesen Umständen war Frau von Goldacker doch einigermaßen erstaunt darüber, daß Lizzi am selben Tage noch sie lebhaft an ihr Versprechen erinnerte, ihre Freundin vom Hoftheater ersuchen zu wollen, ihr dramatischen Unterricht zu erteilen. »Ja, aber Kind,« rief die Majorin verwundert, »was soll dir denn jetzt noch der dramatische Unterricht helfen? Ich denke, du solltest froh sein, daß du deine Bühnenlaufbahn aufgeben darfst, haha! Und wer weiß, ob es deinem Bräutigam angenehm ist?« »Ah was, 's is doch immer gut, wenn m'r was g'lernt hat!« sagte Lizzi fest. »Wenn's auch nur wär, um mir mein' Dialekt abz'gwöhnen.« »Aber nein, das wäre ja ewig schade drum, der steht dir so gut. Pastor Werkmeister hat es auch gesagt.« Doch Lizzi wollte keinen Einwand gelten lassen. Sie beharrte so fest auf ihrer Bitte, daß die Majorin endlich versprach, sie morgen gleich ihrer Freundin vorzustellen. – – Fräulein Amanda Orjes war eine Dame von etlichen vierzig Jahren, einst eine gefeierte Schönheit und besonders von der weiblichen Jugend angeschwärmte Darstellerin sentimentaler Heldinnen. In den letzten Jahren aber war sie etwas stark geworden. Ihr Organ war zwar immer noch klangvoll und weich, jedoch ihre Art zu deklamieren, mehr Gesang als menschliche Sprache, sagte dem veränderten Geschmack des Publikums nicht mehr zu. So war denn ihr Rollengebiet während der letzten zehn Jahre immer kleiner und kleiner geworden, und jetzt spielte sie nur noch die bethränten Königinnen. Sie war längst pensionsberechtigt, aber da sie immer noch stattlich genug aussah, Kronen mit Würde trug und mit ihrem fünffüßigen Jamben-Singsang sogar Schlachtenlärm und Glockengeläute hinter der Scene siegreich übertönte, so behielt man sie trotz ihrer seltenen Verwendbarkeit wie ein teures Erbstück pietätvoll bei. Sie bewohnte eine halbe dritte Etage von drei Zimmern in einem älteren Hause der Mohrenstraße. Ein altes kleines verschrumpfeltes Mütterchen in den Siebzigern öffnete die Thür, als am andern Morgen Frau von Goldacker mit Lizzi ihren Besuch machte, und gab auf deren Frage nach Fräulein Orjes den Bescheid, daß Amanda jeden Augenblick heimkommen müsse. Sie sei nur auf ein Stündchen in die Hedwigskirche gegangen – den katholischen Dom Berlins. Das alte Weiblein, das ganz wie eine Magd aussah, war wirklich die Mutter der bethränten Königin, und sie hatte sich, trotzdem sie bereits ein Vierteljahrhundert lang bei ihrer Tochter in Berlin lebte, ihren heimatlichen Wiener Dialekt treu bewahrt. »Ah, die gnädige Frau von Goldacker und das liebe gnädige Fräulein Tochter! Je, da wird die Amanda ihr Freud hab'n. Aber bitt recht schön, spazier'n S' nur eini. Kann ich Ihnen denn net a bisserl was vorsetzen? Einen Wein vielleicht? Ich hätt einen recht einen schönen süßen Tokayer. Oder vielleicht einen Kaffee, weil's heut gar so viel kalt is – er war gleich firtig – oder am End einen Punsch – mir hab'n auch einen ungemein feinen französischen Likör.« Das gute Frauchen gebärdete sich so untröstlich, als die Damen durchaus nichts annehmen wollten, daß diese schließlich, um sie nur still zu kriegen, um einen Schnaps baten. Sobald die Alte zum Zimmer hinaus war, holten Frau von Goldacker und Lizzi mit größter Hast ihre Taschentücher hervor und führten sie mit einem gleichzeitig ausgestoßenen entsetzten »O – püh!« an die Nasen. »A Pelutza! was stinkt denn da nur a so?« konnte sich Lizzi nicht enthalten, ziemlich laut auszurufen. »Das is ja g'rad, wie wenn...« »Ja ja, das sind die Katzen!« ergänzte die Majorin, heftig mit ihrem Taschentuch den penetranten Geruch abwehrend. »Denke dir nur, sie hält sieben Katzen, die gute Orjes! Sieben Katzen und keinen Kater! Und trotzdem, trotz strengster Aufsicht kommen sie alle sieben mindestens zweimal im Jahre in die Wochen. Aber mehr wie sieben dürfens doch nie werden, und da muß denn jedesmal die junge Generation, soweit sie sie nicht verschenken kann, ersäuft werden. Sie soll hierfür ein eigenes Blechgefäß mit einem Deckel haben. Die böse Welt sagt ihr nach, daß sie den Massenmord immer nachts vornehme unter heißen Reuethränen und Bußgebeten. Sie soll immer tags darauf zur Beichte gehen. Und der Arzt muß ihr dann ein Zeugnis ausstellen, daß sie wegen hochgradiger seelischer Erregung mindestens eine Woche lang nicht auftreten dürfe. Das wird aber wohl Verleumdung sein. Daß sie eine richtige alte Jungfer ist, das ist freilich wahr, und eine fromme Schauspielerin mag wohl auch etwas sehr Seltenes sein, da lassen natürlich die bösen Zungen ihren Mutwillen dran aus. Ein bißchen komisch ist sie ja freilich, die gute Orjes; aber du mußt nicht denken, daß sie jetzt in ihren alten Tagen etwa die Sünden einer leichtfertigen Jugend abbüßte. Sie soll wirklich immer so brav und fromm gewesen sein, obwohl sie ihre Carriere in Wien beim Ballett angefangen hat. Ach Gott, du hättest sie nur sehen sollen als junges Mädchen! Ich kann mich noch gut drauf besinnen. So schön war sie! Ach, und in ihren großen Rollen als Gretchen, als Klärchen, als Julia, als Luise – zu nett, sage ich dir! So mädchenhaft – und dann mit solchem Schwung – so was gibt es heute gar nicht mehr! Heute sind die jungen Schauspielerinnen alle so – ich weiß nicht, wie ich sagen soll – so unfein. Das soll immer alles gerade so sein, wie im gewöhnlichen Leben – von der höheren Poesie haben sie gar keinen Begriff mehr. Besonders in den neuen Theatern. Dieser Kainz – hu! Ein anständiger Mensch kann überhaupt nur noch ins königliche Schauspielhaus gehen.« Lizzi hatte inzwischen Zeit gehabt, sich in dem kleinen Salon der keuschen Künstlerin umzusehen. Wenn nicht in einer Ecke des Zimmers auf einer schwarzen Holzsäule die Büste der jugendlichen Amanda gestanden wäre und an der Wand drum herum die zahlreichen verblaßten Atlasschleifen mit Widmungen in Golddruck und Stickerei, so hätte man allerdings nicht geglaubt, sich im Heim einer Bühnenkünstlerin zu befinden. Die Bilder an den Wanden waren meist religiösen Inhalts, geringwertige Stahlstiche und Oeldrucke. Nur die äußere Schmalseite des Zimmers zeigte einen ausgeprägt weltlichen Charakter, indem die Mitte der Wand von der lebensgroßen Photographie eines hohen Militärs, die Brust mit Ordenssternen bedeckt, eingenommen wurde. Mehrere kleinere Bilder zeigten denselben hohen Herrn in Civil und in Uniform in verschiedenen Stellungen, in ganzer Figur, als Kniestück und als Brustbild. Dazwischen, teils gerahmt, teils auf kleinen Staffeleien, verschiedene Kostümbilder von Fräulein Orjes selbst. In einem kleinen Glasschrank waren neben allerlei überflüssigem bric-à-brac eine Anzahl von Kostbarkeiten zur Schau gestellt, prunkend und unbenutzbar, wie es Jubiläumsgeschenke oder die Gaben fürstlicher Huld zu sein pflegen: ein Album und eine Schreibmappe aus Juchtenleder mit vergoldeten Metallbeschlägen und großen bunten Steinen verziert, ein Schreibgerät von Malachit in Bronze montiert, ein reich emailliertes Flacon, ein Rosenkranz, aus Türkisen und kostbarem Holz zusammengesetzt, einige etwas altmodisch gewordene Schmuckgegenstände und dergleichen mehr. Auf einer hübschen eingelegten Kommode in Zopfstil stand unter einem Glassturz eine bunt bemalte Marienstatuette und drum herum eine Menge meist nicht eben geschmackvollen Kleinkrams, wie ihn alte Damen allmählich um sich zu versammeln pflegen. Auf dem runden Sofatisch mit der verschossenen Plüschdecke lagen verschiedene Prachtwerke und Goldschnittbändchen herum, meist Anthologieen für die deutsche Jungfrau, zuckersüße Lyrik, breiweiche Epik: Schulzes »Bezauberte Rose«, Redwitz' »Amaranth«, Putlitz' »Was sich der Wald erzählt«, Jensens »Die braune Erika«, Storms »Immensee«, Bodenstedts »Shakespeares Frauengestalten« und Oesers »Aesthetische Briefe an eine Jungfrau«. Lizzi hatte all die Büchertitel gelesen und war dann von ihrem Sofaplatz aufgesprungen, um neugierig unter all den Nippes umher zu stöbern und besonders den Inhalt des Glasschranks in Augenschein zu nehmen. Auf der Kommode hatte sie auch eine Parfümflasche entdeckt und sich trotz dem Warnungsruf der Majorin rasch eine tüchtige Portion ihres Inhalts auf ihr Taschentuch gegossen, als Gegengift wider das schreckliche Katzenodeur. Jetzt arbeitete sich auch die Majorin hinter dem Sofatisch hervor und trat zu Lizzi an den Glasschrank. »Weißt du, Kind,« flüsterte sie ihr wichtig zu, »das ist ihr Reliquienschrein. Die Sachen da hat sie alle von Seiner Königlichen Hoheit dem Prinzen Georg Viktor bekommen. Das ist der Herr, von dem die vielen Bilder da hängen. Schon ein älterer Mann, wie du siehst. Der soll die Orjes sehr gerne gemocht und ihr nach jeder neuen Rolle was Hübsches geschenkt haben. Was sonst die Leute redeten, das ist alles nicht wahr gewesen. Aber wie der Prinz vor fünf Jahren zu seinen Ahnen versammelt wurde, da bildete sich die arme Amanda ein, er wäre aus unglücklicher Liebe zu ihr gestorben. Seitdem trägt sie nur Schwarz und geht noch einmal so viel wie früher in die Messe. Ja, liebes Kind, du mußt darüber nicht lachen: alte Jungfern haben eben meistens irgend solche komische Ideen; aber sie ist sonst eine so gute, brave Person – da drückt man halt ein Auge zu.« Lizzi kicherte in ihr Taschentuch. Sie hatte sich das Heim einer berühmten Bühnenkünstlerin ganz anders gedacht. Mit argem Herzklopfen war sie hergekommen. Noch bis spät in die Nacht hatte sie die Bruchstücke aus klassischen Rollen, die sie während der letzten vierzehn Tage eifrig memoriert hatte, sich wiederholt vorgesprochen, um doch einigermaßen für die Prüfung gerüstet zu sein. Nun aber, da der Schalk in ihr die Oberhand gewonnen, war ihre ganze kindische Angst verschwunden. Jetzt endlich kam Mütterchen Orjes wieder herein, vorsichtig ein chinesisches Theebrett in den zitterigen Händen balancierend, auf dem eine Likörflasche mit französischem ›Crême de Cacao‹ , zwei grüne Gläschen mit aufgemalten Blümchen und zwei kleine Teller mit Biskuits und Bonbons sich befanden. Sie entschuldigte sich weitläufig, daß sie so lange habe warten lassen, aber die Gläser seien so verstaubt gewesen und die Bonbons habe sie nicht finden können. Die Damen nippten ihr Schnäpschen und ließen sich auch überreden, je eins von den uralten, verhärteten Pralinés zu genießen. Glücklicherweise kehrte bald darauf Fräulein Amanda aus der Kirche zurück und betrat, sobald sie abgelegt hatte, in einem schwarzen Seidenkleide von etwas veralteter Machart das Empfangszimmer, um mit großer Herzlichkeit ihre Gäste zu begrüßen. Drei von ihren Lieblingen, eine Zebra-, eine Angora- und eine Kartäuserkatze, wirkliche Prachttiere, hatten es sich nicht nehmen lassen, sie hineinzubegleiten und rieben sich, sobald sie sich gesetzt hatte, schnurrend und mit steif aufgerichteten Schwänzen an den Beinen der Herrin. Das Mütterchen zog sich wieder in die Küche zurück. Das Gespräch drehte sich natürlich zunächst um die Katzen. Lizzi gewann sich durch aufrichtige Bewunderung ihrer Schönheit sofort das Herz der Künstlerin, die denn auch mit großer Teilnahme einen kurz gefaßten Bericht über die bisherigen Schicksale des hübschen Kindes entgegennahm. Die Majorin erklärte nun den Zweck ihres Besuches und bat Fräulein Amanda, sich aus Freundschaft für sie ihres Schützlings anzunehmen. »Sie wollen wirklich zur Bühne gehen, mein liebes Kind?« rief die bethränte Königin mit leise bebenden dunklen Tönen, indem sie Lizzis Hand ergriff. »Wissen Sie denn auch, welche Gefahren in diesem Beruf der unbehüteten Jugend drohen? Und besonders einer Schönheit, wie die Ihrige? O, mein liebes Kind, wenn nicht die Not oder ein unbezwinglicher innerer Drang Sie treibt, so lassen Sie sich warnen, den dornenvollen Weg der Künstlerin zu betreten. Geben Sie die Illusion auf, als winkte Ihnen nur die herrliche Aufgabe, die keuschen, edlen Frauengestalten der klassischen Dichter zu verkörpern. Es würde Ihnen nicht erspart bleiben, Ihr reines Gemüt zu besudeln durch die Darstellung vieler dieser abscheulichen modernen Rollen von häßlichen Leidenschaften erfüllter, durchaus unsittlicher Charaktere. Wenn auch Ihr Vater der Bühne angehört hat, so kennen Sie doch, soviel ich weiß, das Theater nur vor den Coulissen; aber hinter den Coulissen sieht es ganz anders aus – und nun gar auf den kleinen Bühnen, wo Sie doch wahrscheinlich anfangen müßten! Da kann man wirklich sagen: Begehre nie und nimmer zu schauen ...« Frau von Goldacker unterbrach ihre elegische Predigt, indem sie ihr mit schlauem Lächeln bedeutete, es sei mit einiger Sicherheit anzunehmen, daß aus dem Plan, zur Bühne zu gehen, doch nichts werden würde, indem das gute Kind begründete Aussicht habe, durch einen gewissen Jemand seinem natürlichen weiblichen Beruf zurückgewonnen zu werden. Es wolle eigentlich nur zu seinem Vergnügen die Kunst der edlen Rede üben. Lizzi verzog den Mund und machte ein ziemlich böses Gesicht zu solcher Indiskretion; desto freundlicher lächelte aber die trauernde Amanda und forderte Lizzi, indem sie ihr die Wangen streichelte, auf, etwas zu deklamieren. Sie gehorchte, ohne sich lange zu zieren, stellte sich in die Mitte des Zimmers, gerade unter den kleinen Kronleuchter und faltete kindlich die Hände über dem Schoß. Selbstverständlich wählte sie »Johannas Abschied« aus dem ersten Akte der Jungfrau von Orleans. Jetzt war die dumme Angst doch wieder da! Sie fühlte, wie sie dunkelrot wurde und die Blutwellen ihr, atembeklemmend, bis in den Hals hinauf schlugen. Ja, im ersten Augenblick hatte sie sogar die Anfangsworte vergessen. Sie kniff die Augen zu, holte tief Atem – und da fielen sie ihr wieder ein. Leise und zaghaft begann sie: »Lebt wohl, ihr Berge, ihr geliebten Triften, Ihr traulich stillen Thäler, lebet wohl! Zerstreuet euch, ihr Lämmer auf der Heiden, Denn eine andre Herde muß ich weiden, Euch lass' ich hinter mir auf immerdar!« »Aber Sie bringen ja alles durcheinander, mein Herzl!« unterbrach sie hier die stattliche Künstlerin, indem sie beschwörend den Arm erhob. Lizzi schämte sich furchtbar und sagte kläglich, ganz wie ein kleines Schulmädel: »I weiß net, heut in der Früh hab' i's doch noch so gut kennt,« Und die bethränte Königin lehnte sich milde lächelnd in ihrem Sessel zurück und sprach ihr mit wohltönender Stimme den Anfang vor: »Lebt wohl ihr Berge, ihr geliebten Triften, Ihr traulich stillen Thäler lebet wohl! Johanna wird nun nicht mehr auf euch wandeln, Johanna ...« »Johanna sagt euch ewig lebewohl!« fiel Lizzi rasch und laut ein. Jetzt war sie im Zuge und brachte ohne weiteren Anstoß den ganzen langen Monolog zu Ende. Zuletzt, von der Stelle an: »Und wenn im Kampf die Mutigsten verzagen,« wurde sie sogar ganz wild, begann heftig zu gestikulieren und schrie, daß die Krystallprismen am Kronleuchter aneinander klirrten. »Das Schlachtroß steigt und die Trompeten – klingen!« schmetterte sie mit voller Kraftentfaltung ihrer gesunden Lungen heraus. Und dann blieb sie rasch und tief atmend stehen und ihre, durch die Erregung weit und glänzend gewordenen Augen funkelten erwartungsvoll die Tragödin an. Die gute Majorin war ganz begeistert. Es war ihr unmöglich zu warten, bis Fräulein Orjes ihr Urteil abgegeben, sondern sie klatschte, sobald Lizzi geendet hatte, in die Hände und rief: »Bravo, bravo! Nein, aber Lizzi – das hätte ich dir ja gar nicht zugetraut. Ganz ohne Souffleur – ohne stecken zu bleiben! Und dann diese Keckheit! Und das Organ! Herrgott nein, angst und bange kann einem dabei werden, wenn du so loslegst. Nun, was sagen Sie, liebes Fräulein? Hat sie nicht Talent? Was hab' ich Ihnen gesagt? Mit achtzehn Jahren! Ist Ihnen so was schon vorgekommen? Ach und jodeln kann sie, das müßten Sie erst einmal hören! Geh Lizzi, trag doch einmal das Schnaderhüpfl vor. Du weißt schon, das mit dem komischen Text, den ich immer nicht verstehe.« Hier machte die begeisterte kleine Dame eine Atempause, so daß Fräulein Amanda endlich zu Worte kommen konnte. Mit einem milden Lächeln bedeutete sie der Majorin, daß die Fähigkeit zu jodeln nicht unbedingt ein Kennzeichen sei für das Vorhandensein eines Talentes zur dramatischen Darstellung. Material besitze das junge Mädchen ja freilich in hervorragendem Maße, nämlich die stattliche Erscheinung, das bewegliche Gesicht mit den sprechenden Augen und das gesunde kräftige Organ. Damit würde sich wohl etwas machen lassen, wenn sie auch über das eigentliche Talent nach dieser bloßen Stimmprobe noch nicht urteilen könne. Vorläufig handle es sich hauptsächlich darum, ihr den Dialekt abzugewöhnen, was wohl allein mindestens ein halbes Jahr erfordern würde. Hier bemerkte Fräulein Amanda, daß Lizzi ein langes Gesicht machte und betrübt die Mundwinkel herabzog. Da erhob sie sich, legte ihr mit einer großen, königlichen Geste die Hände auf die Schultern, sah sie mit zur Seite geneigtem Haupte liebreich an und sagte: »Erschrecken Sie darüber, mein liebes Kind? Sie haben sich das Zur-Bühne-gehen doch wohl ein wenig zu leicht vorgestellt. Heutzutage gibt es ja freilich viele junge Mädchen, die sich zur Künstlerin berufen glauben, bloß weil ihnen ihr unbändiger Sinn das stille häusliche Leben eines deutschen Mädchens langweilig erscheinen läßt und weil sie einen zügellosen, frivolen Lebensgenuß davon erhoffen. Diese Mädchen studieren freilich nichts andres als die Kunst, ihre körperlichen Vorzüge in das rechte Licht zu setzen und glauben den größten Erfolg errungen zu haben, wenn sie einen reichen Liebhaber finden. Diese Art läuft ihren Eltern davon und bittet bei irgend einem Possen- oder Operetten-Theater um Aufnahme. Gage bekommen sie meistens gar nicht, sie sind schon froh, wenn sie nur in möglichst indecenten Kostümen herausgestellt werden. Und wenn sie dann jemand gefunden haben, der ihre Garderobe bezahlt, so vertraut ihnen der Direktor auch Rollen an. Wenn sie dann im Laufe der Zeit überhaupt etwas lernen, so lernen sie es nur durch Nachahmung, durch Routine – also wie Affen, nicht wie denkende Menschen. Wer aber eine wahre Priesterin des Schönen werden will, der muß jahrelang studieren, ehe er nur den ersten Schritt in die Oeffentlichkeit wagt und auch dann das ganze Leben hindurch rastlos an sich arbeiten. Es ist meine Pflicht, Ihnen das zu sagen, mein liebes Fräulein, damit sie nicht etwa in die Versuchung geraten, einem schönen Phantom zuliebe, das in der Wirklichkeit sehr häßliche Züge zeigt, das echte und natürliche Glück der Frau von sich zu weisen.« Hiermit drückte die bethränte Königin einen weihevollen Kuß auf Lizzis Stirn und dann fügte sie in leichterem Tone hinzu: »So mein liebes Kind, jetzt machen Sie mir aber wieder ein fröhliches Gesicht. Und wenn Sie zunächst einmal die Kunst der Rede erlernen wollen, so stehe ich Ihnen gerne zu Diensten.« Die Majorin hatte mit gefalteten Händen und andächtiger Miene, wie in der Kirche, den goldenen Worten der edlen Priesterin des Schönen gelauscht. Sie war so gerührt davon, wie es weichherzige Frauen immer werden, wenn sie eine Trau- oder Grabrede hören und sie dankte der Künstlerin für die genossene Erbauung durch einen stummen Händedruck. Dann fragte sie sie etwas zaghaft, wie viel sie denn wohl für die Stunde nehmen würde? Fräulein Orjes lehnte jede Bezahlung vornehm ab. Es wurde vereinbart, daß Lizzi zweimal in der Woche zu ihr kommen sollte. Und dann brachen die beiden Damen auf und verabschiedeten sich unter lebhaften Beteuerungen ihrer Dankbarkeit. Recht kleinlaut und gedrückt stieg Lizzi die Treppen hinunter. Sie hatte sich eine Bühnenkünstlerin ganz anders vorgestellt und hätte statt der langen, erbaulichen Predigt weit lieber eine eingehende Kritik ihres Vortrages gehabt. Warum hatte sie ihr nicht wenigstens den Monolog selbst vorgesprochen, damit sie gewußt hätte, wie sie es meinte? Wenn das so weiter ging, wenn sie immer nur Katzen riechen und Predigten hören sollte, so konnte sie sich von dem Unterricht nicht viel versprechen. Und nun war es vollends noch ein geschenkter Gaul – da hieß es gar, fein stille sein und ungemessene Dankbarkeit an den Tag legen. Die Majorin hielt ihr das auch den ganzen Weg über vor, erschöpfte sich in Lobsprüchen über die edle keusche Sinnesart der schnöde verkannten Künstlerin und pries das Glück, das ihr gerade eine solche Lehrerin zugeführt habe. Lizzi stimmte recht einsilbig bei. Das einzige Gute, was ihr bis letzt bei der Sache herausgekommen zu sein schien, war, daß Fräulein Amanda ihr ihren Freiplatz im Schauspielhause zur Verfügung gestellt hatte und daß auch die Majorin die Notwendigkeit öfteren Theaterbesuches trotz der Trauer einsah. – – Schon am nächsten Abend hatte sie übrigens Gelegenheit, ihre Lehrerin in einem Wildenbruchschen Stücke auftreten zu sehen. So naiv sie sich auch noch dem ungewohnten Genusse überließ, so wenig sie sich kritisch Rechenschaft zu geben wußte, so fühlte sie doch mit ihrem angeborenen Kunstinstinkt sofort den großen Unterschied zwischen dem Stil der Darstellung hier im Königlichen Hause und dort im Deutschen Theater. Dort war ihr alles neu, eine berückende Offenbarung einer fremden Wunderwelt gewesen, hier spielte man Komödie wie in München auch, das war halt Theater schlechthin. Nicht etwa, daß ihr das Stück mißfallen hätte, nein, im Gegenteil! das leidenschaftliche Pathos, die bilderreiche Sprache, die starken, theatralischen Effekte, besonders der bewegten Massenscenen imponierten ihr ganz gewaltig. Aber es ging ihr doch nicht so ans Herz, wie dort in Grillparzers grotesk-heiterem Märchenspiel. Sie konnte sich ganz gut vorstellen, daß auch sie im prächtigen Kostüm da oben herumagierte und mit klangvollem Organ die Luft erschütterte. Sie hatte ebenso kräftige Lungen, wie alle diese Herren und Damen. Aber sie sah nirgends den Schauspieler hinter der vom Dichter geschaffenen Gestalt verschwinden, sie konnte sich nicht so klein, so elend in ihrem Nichts empfinden, wie jenen andern Leistungen gegenüber. Und sie ahnte ganz richtig, daß dies wohl der wahre Prüfstein sei, mit dem der geborene Künstler die Gestaltungskraft eines andern zu ermessen vermöge. Auch wenn ihr nicht ihr eigenes Gefühl gesagt hätte, daß Fräulein Amanda Orjes von all den unnatürlichen Mimen da oben die unnatürlichste sei, so würden die höhnischen Bemerkungen ihrer Nachbarschaft, die sie in den Zwischenakten erlauschte, sie darauf gestoßen haben. »Die Orjes singt heute wieder die schönsten Opernarien!« sagte eine junge Dame vor ihr, wahrscheinlich eine jüngere Kollegin, zu ihrem Nachbarn, einem schwarzlockigen jungen Herrn mit sehr hoher Stirn und rassig gebogener Nase. Und der erwiderte noch schärfer: »Sagen Sie lieber, sie jault wie ein Hofhund bei Vollmond.« »Ja, ja, die Tugend allein thut es freilich nicht,« pflichtete ein älterer Herr bei, der sich in selbstbewußter Pose an die Brüstung der Parkettloge lehnte. »Es wäre wirklich höchste Zeit, daß sie sich in ein Kloster zurückzöge oder ein Mädchenpensionat eröffnete. Es ist nur schade um ihre schönen Arme und ihre pompösen Schultern. Hat sie denn noch kein Bildhauer ausgehauen, diese – monumentale Geistlosigkeit?!« Die ganze Parkettloge kicherte und der boshafte Ausspruch des hervorragenden Kritikers wurde sofort eifrig weitergetragen. – Friedrich, der Diener der Majorin, erwartete nach Schluß der Vorstellung Lizzi am Ausgang des Theaters, schritt, in seinem langen, erbsengelben Ueberzieher sehr bedeutend und vertrauenerweckend ausschauend, in angemessener Entfernung hinter ihr drein, begleitete sie in der Pferdebahn bis zum Potsdamerplatz und von dort zu Fuß nach Hause. Sie hütete sich natürlich, ihrer mütterlichen Freundin von den Bosheiten zu berichten, die sie über ihre bewunderte Amanda vernommen hatte und die Majorin schob ihre Einsilbigkeit, ohne sich weiter Gedanken zu machen, auf ihre große Ergriffenheit und kindliche Zurückhaltung. Lizzi schlief schlecht in dieser Nacht und beschloß, trotz der geheimen Angst, die sie im Grunde vor Fräulein Grönroos hatte, doch diese Bekanntschaft weiter zu pflegen und mit ihr, so oft es irgend anging, das Deutsche Theater zu besuchen, sei es auch nur auf einem Stehplatz der Galerie. Am andern Tage hatte sie die erste Unterrichtsstunde bei Fräulein Orjes. Sie blieben bei der Jungfrau von Orleans. Lizzi mußte ein Stück lesen, dann wies ihr die Lehrerin alle ihre Fehler in der Aussprache nach, las ihr dasselbe Stück richtig vor und ließ sie es so lange wiederholen, bis sie zufrieden war. Die Sache war ungefähr so interessant, wie die ersten Klavierübungen und eine starke Probe für Lizzis Geduld. Ihr musikalisches Ohr und ihre angeborene Nachahmungsgabe machten es ihr aber leicht, die Lehrerin zufrieden zu stellen und sie nahm sich vor, durch Aufmerksamkeit und guten Willen die langweilige Sprachreinigungskur nach Möglichkeit abzukürzen. Zwar hatte sie diese erste Stunde hindurch mit heiligem Ernste den Offenbarungen der berufenen Priesterin gelauscht, jenes Herzklopfen, jene leichten Schwindelanfälle zu erdulden gehabt, welche empfindliche Naturen unter dem Eindruck einer neuen und bedeutungsvollen Situation stets zu befallen pflegen, aber es lag durchaus nicht in ihrem Wesen, sich durch die Scheu vor irgend welcher Autorität einen Sack über den Kopf ziehen zu lassen, wie es der Herdenmensch ohne Widerstreben duldet. Ein junger Mann, der sich zum erstenmal hat rasieren lassen, mag ungefähr mit denselben Gefühlen den Barbierladen verlassen, wie Lizzi, als sie, von ihrem erbsengelben Sicherheitswächter gefolgt, aus ihrer ersten dramatischen Unterrichtsstunde heimging. Die Empfindung des Stolzes über den Eintritt in einen neuen, wichtigen Lebensabschnitt vermischte sich unbehaglich mit dem Bewußtsein, eine etwas komische Rolle gespielt zu haben. Um sich von dieser Verstimmung zu befreien, verfiel Lizzi auf ein drastisches Mittel. Die Majorin war ausgegangen und da benutzte sie die gute Gelegenheit, ihrem brüderlichen Anbeter Rudi einen Bären aufzubinden. Sie erzählte dem guten Jungen Wunderdinge von ihrer ersten Lektion. Fräulein Amanda habe ihr eine kupferne Blumenvase als Helm auf den Kopf gestülpt und einen eisernen Ofenschirm als Schild in die Hand gegeben, um sie in die rechte Begeisterung zu versetzen. Die sieben Katzen hätten alle in einer Reihe auf dem Sofa gesessen und zugehört – damit sie sich an das Publikum gewöhnen sollte. Und als Rudi, der all den Unsinn glaubte, sie bat, ihm doch einmal vorzumachen, was sie gelernt habe, da deklamierte sie ihm Johannas Abschied vor, getreulich im Stile ihrer Lehrerin, dessen komische Eigenheiten sie schon nach der einen Probe von gestern abend ganz richtig erfaßt hatte – nur ins Groteske übertrieben, selbstverständlich. Der Spaß gelang um so besser, als der unschuldige Rudi ihn gar nicht merkte, sondern alles für blutigen Ernst nahm. Er war so erschüttert durch Lizzis Kraftentfaltung, daß er am Schluß ganz überwältigt vor ihr niederkniete und um die Erlaubnis bat, der erste sein zu dürfen, welcher der großen Künstlerin durch Handkuß seine Huldigung erwies. In der lateinischen Stunde des nächsten Vormittags erlebte aber der junge Kunstkenner infolge mangelhafter Cicero-Präparation einen bösartigen Hineinfall. Dreizehntes Kapitel. In welchem die Kathi wie auch die Lizzi teils frei-, teils unfreiwillig sich fleißig in guten Werken üben. Berlin, Sonntag den 3. Dezember 1883. »Liebste Lizzi! »Heut ist Sonntag und ich darf Dich nicht besuchen. Ich muß mich hinsetzen und Dir schreiben, obwohl ich in zehn Minuten bei Dir sein könnte. Es ist auch jetzt wirklich bald zu arg! Also denk Dir, so geht's mir! Du besinnst Dich doch noch, wie die Minna eine Watschen kriegte, an dem Tag, wo Du fortgingst. Natürlich kündigte sie am 15. und am 1. ist sie fort. Wenn ich die Tante gefragt hab nach dem neuen Mädel, hat sie immer gesagt, sie hätt noch nichts Passendes gefunden und am 1. in der Früh stellt sie mir vor, es war doch eigentlich recht unnütz, sich jetzt noch die Plag zu machen, so ein dummes Frauenzimmer ›anzubändigen‹ – so hat sie gesagt und das hätt ein Witz sein sollen. Ich hab aber gar nicht arg gelacht, weil ich doch gleich gemerkt hab, wo sie hinaus will – und richtig, nachher hat sie so lieb zum lächeln angefangen und hat mir's schön stad vorexpliziert, daß wir doch jetzt bald nach Italien gingen und gar keine Gäste mehr bei uns sähen, da könnt ich die paar Wochen das bißl Arbeit schon selbst verrichten. Wir hätten's ja daheim bei der lieben Mama auch thun müssen. Das ist schon ganz recht und bei unsrer lieben Mama haben wir es ja auch gern gethan, aber bei so reichen Leuten, wie Geheimrats, wo sie nachher wieder so viel Wesen von ihrer Feinheit machen und wo man sich grad zusammennehmen muß, daß man keinen faux pas macht, da ist meiner Ansicht nach so was der reine Geiz. Aber was soll man thun, wenn man doch einmal darauf angewiesen ist, Wohlthaten anzunehmen? Ich hab also nichts weiter sagen können und am Freitag ist also die Plag angegangen. Die Köchin natürlich, die mantelt sich gewaltig auf, weil sie eine »perfekte« ist und sich nicht für Hausarbeit verdingt hätt. Aus lauter Gnad und Barmherzigkeit hat sie sich herabgelassen, den Gang und die Schlafzimmer auszuwischen und mir beim Kehren in den Vorderzimmern zu helfen. Dafür kriegt's sechs Mark mehr im Monat, aber das andre muß alles ich machen, Nachtgeschirr ausleeren, aufbetten, Zimmer putzen, das Essen auftragen, Lampen richten und auf die Gangthüre passen – dieses ist jetzt mein Lebenslauf! Hinaus komm ich nur, wenn ich einen Brief forttragen oder das elende Hundsviech spazieren führen muß. Für mich hab ich gar keine Zeit mehr übrig, denn wenn ich mit der Hausarbeit grad nichts zu thun hab, muß ich beim Onkel sitzen und ihm vorlesen. Heut hat die Köchin ihren Ausgehtag, da darf ich gar nicht aus dem Haus, aber nächsten Sonntag ist mein Ausgehtag und wenn mich die Frau Geheimrätin dann nicht fortlaßt, dann kündige ich zum 1. Januar. Lieber geh ich bei ganz fremden Leuten in Dienst als Stubenmädel, als daß ich mich von der chikanieren laß. Der gute Onkel kann mir auch nicht helfen, der traut sich ja nicht, wenn er auch möcht, und aufregen soll man ihn auch nicht. Wenn ich bei ihm sitz und ihm die Zeitung oder einen Roman vorlese, kommt die Tante alle fünf Minuten hereingelaufen und spitzt, ob wir uns auch nichts andres erzählen, weil sie immer Angst hat, daß ich von Dir und von dem Testament anfange. Aber daß Du bei der Frau von Goldacker bist, das hab ich ihm gestern endlich doch gesagt, wie er mich wieder nach Dir frug. Der hat geschaut, kann ich Dir sagen und hat was sagen wollen, hat's aber nicht recht herausgebracht, weil's mit seiner Sprach noch sehr schlecht steht. Ich hab ihm nur gesagt, daß Du Dich mit der Tante gezankt hattest, worauf er seinen gelähmten Arm aufgehoben und immer so mit der Hand geschüttelt und was dazu vor sich hingemurmelt hat, daß mir ganz angst geworden ist. Ich weiß nicht einmal, ob er schon alle seine Gedanken richtig beisammen hat, etlichemal ist es mir schon so vorgekommen, als ob er von dem Testament was sagen wollt, aber dann hat er immer irgend ein Geräusch bei der Thür zu hören vermeint und gleich aufgehört zum reden. Ja, mein liebes Lieserl, mit unsrer Erbschaft da ist's fein gefehlt! Allein ausgehen, das wird er wohl nimmer mehr können. So ist er nie ohne Aufsicht. Den Notar zu sich ins Haus zu bitten, das traut er sich ja nimmer und dann soll's ja auch im nächsten Monat schon nach Italien gehen und da kann seine Frau ganz mit ihm anstellen, was sie will. Ich mein jetzt ganz gewiß, daß sie mich nicht mitnehmen will und glaub, sie plagt mich grad deswegen so arg, damit ich froh sein soll, wenn ich aus dem Haus komm. Ach, liebste Schwester! ist es nicht schrecklich, daß es mir so ergehen muß? Womit habe ich das verdient? Du hast es ja gut! Du hast Dein Talent, womit Du zur Not Dir selber durchhelfen kannst und außerdem gar noch einen Bräutigam, oder doch so gut wie Bräutigam! Was macht denn das Krajesovicherl? Hast Du's wieder gesehen? Noch eins muß ich Dir schreiben: Die Tante macht jetzt immer Anspielungen, daß ich doch wohl meine Dankbarkeit bezeigen und zu Weihnachten was schönes arbeiten würde. Ich bitte Dich, wo soll ich dazu noch die Zeit hernehmen? Ich habe ja auch kein Geld, um Zuthaten zu kaufen! Weißt Du, ich möcht an unsern Großonkel, den Oberstlieutenant von Mödlinger schreiben, ob der mich nicht am End doch brauchen könnt. Der alte Herr ist gar so einsam und verlassen und am End hat er doch noch so viel, daß ich auch mit satt werde. Es wär doch alles besser, als wie sich irgendwo hinstecken zu lassen, wo es der Tante Ida beliebt. So, jetzt weiß ich Dir nichts mehr zu sagen. Behüt Dich Gott, liebe Lizzi, grüße die Frau Majorin und schreib auch einmal Deiner armen Schwester Kathi.« Lizzi weinte heiße Thränen des Zorns und des Mitgefühls über diesen langen Brief und dann lief sie damit zur Frau von Goldacker und las ihn ihr vor. Die gute Dame war ehrlich entrüstet und nicht verlegen um etwelche schmeichelhafte Beinamen für die Frau Geheimrätin. Sie versprach, in den nächsten Tagen schon zu ihr gehen und ihr gebührend ihre Meinung sagen zu wollen. Wenn sie es durchsetzen könnte, bis zum Professor selbst vorzudringen, der ja bereits wieder aufzustehen und einen Teil des Tages auf dem Sofa zuzubringen im stande war, so wollte sie sich nicht scheuen, die Geschichte mit dem Testament und das Benehmen seiner Gattin zur Sprache zu bringen. Aber dazu war freilich bei der Wachsamkeit und Energie seiner Gattin wenig Aussicht vorhanden. Mit wie kühnem Mute, mit wie edlen Absichten auch die gute Majorin sich am andern Tage auf den Weg gemacht hatte, so kleinlaut kehrte sie zurück. An der Eisenstirn der Geheimrätin prallten alle Versuche vernünftiger Ueberredung ebenso ab, wie die ausgesuchtesten Grobheiten. Sie war weder zu rühren, noch zu überzeugen. Sie spielte die unschuldig Gekränkte, die trauernde Gattin, die man im eigenen Hause, ohne Rücksicht auf ihren frischen Schmerz brutal überfiel. Käthchen hätte es sehr gut bei ihr, und sie begriffe wirklich nicht, was ein Mädchen in ihrer Lage, das es doch zu Hause wahrlich nicht besser gehabt habe, denn noch alles verlange. Ihrer Meinung nach sei es doch schon eine That höchst seltener christlicher Gesinnung, daß sie dieses Mädchen überhaupt noch im Hause dulde und sogar noch mit Freundlichkeit behandle, nachdem sie es als höchst abgefeimte Erbschleicherin entdeckte. Daß dieses sanfte Käthchen nach allem, was sie, die Geheimrätin, an ihr Gutes gethan und trotz allem, was sie ihr zu verzeihen hätte, sich hinsetzte und Räubergeschichten von schlechter Behandlung erzählte, um ihr, der leichtgläubigen Majorin, Mitgefühl zu erregen, das beweise doch nur aufs neue, daß sie sich in ihrem Charakter nicht getäuscht habe. Man sehe jetzt erst ein, wie recht die Familie Riemschneider gethan habe, sich von dieser Frau Mödlinger zurückzuziehen. An ihren Kindern hätte man den lebendigen Beweis, was bei solchen Leidenschaftsehen herauskäme. Die Mädchen seien eben vergnügungssüchtig, eitel, verlogen und arbeitsscheu, wie fast alle diese sogenannten »Künstler«. Nun sollten sie sehen, wie weit sie mit dieser väterlichen Erbschaft kämen im Leben. Eine christlich denkende Frau dürfte jedenfalls solche verderblichen, phantastischen Neigungen nicht unterstützen. Mit dieser letzten Bemerkung hatte sie offenbar der Majorin einen Hieb versetzen wollen dafür, daß sie Lizzi dramatischen Unterricht nehmen ließ. Und das hatte die Majorin, die sich in allererster Linie für eine christlich denkende Frau hielt, dermaßen gekränkt, daß sie unvorsichtigerweise mit Lizzis angeblicher Verlobung aufgetrumpft hatte. Ein Arzt und Sohn eines Vicegespans würde doch wohl selbst in den Augen der höchst korrekten Frau Geheimrätin als eine würdige Partie gelten, und sie zweifelte sehr, ob es ihr so leicht gelingen werde, Käthchen anständig unter die Haube zu bringen, wenn sie dabei beharrte, sie Magddienste verrichten, sich ihre Hände zerarbeiten und ihre geistige Ausbildung vernachlässigen zu lassen. Frau von Goldacker hütete sich übrigens wohl, von diesem letzten Teile ihrer Unterredung Lizzi etwas zu verraten, um so mehr, als die Antwort der Frau Ida weder für Lizzi noch für sie selbst besonders schmeichelhaft gewesen war. Sie hatte ihr nämlich höhnisch ins Gesicht gelacht und zuversichtlich behauptet, diese Liebelei mit dem schönen Serben sei nur eine Seifenblase, die bald genug platzen werde, sie möchte sich nur auf eine wenig erbauliche Ueberraschung gefaßt machen. Den Professor hatte die Majorin natürlich nicht zu Gesicht bekommen und auch die Kathi selbst nur auf ein paar Minuten in Gegenwart der Tante sprechen können, wobei sie sie zu dem großen Kostümfest eingeladen hatte, welches sie bald nach Weihnachten zu geben beabsichtigte. Dies und die Herausgabe der Lizzi gebührenden zweihundertsiebzig Mark aus dem Erlös der Münchener Versteigerung war alles, was sie durch ihren Besuch erreicht hatte – abgesehen davon, daß sie jedenfalls Kathis Lage nur noch verschlimmert hatte. Bei dieser Gelegenheit hatte übrigens die Geheimrätin auch der Kathi fünfzig Mark von ihrem Vermögen ausgehändigt – zu Auslagen für Weihnachtsgeschenke! Die nächsten Wochen im Hause der Majorin gestalteten sich so unruhig, daß Lizzi kaum die Zeit fand, ihre Aufgaben für Fräulein Orjes zu lernen. Die Wohlthätigkeitskonzerte, die Theeabende im christlichen Verein junger Männer mit belegten Butterschnitten und erbaulichen Ansprachen frommeifernder Aristokraten, die Bazare und ähnliche Veranstaltungen zum Besten der Weihnachtsbescherungen für arme Kinder häuften sich in dieser letzten Zeit so, daß oft mehrere dergleichen auf denselben Tag fielen. Lizzi erregte überall einige Aufmerksamkeit, da bei allen diesen frommen Festlichkeiten die entschieden hübschen Mädchen eine Seltenheit waren. Bei einem Bazar wirkte sie in einem der schönsten oberbayerischen Bauernkostüme, das die Majorin besaß, als Verkäuferin mit und hatte einen so großen Erfolg, daß die übrigen jungen Damen vor Neid fast barsten. Und Lizzi war weltlich und eitel genug, sich hierüber ganz unbefangen zu freuen. Daheim wurden gleichzeitig die Vorbereitungen für das Fest, welches am Sylvesterabend stattfinden sollte, eifrigst betrieben. Mehrere Nähmädchen waren den ganzen Tag mit Ausbessern und Umändern von Kostümen beschäftigt, denn die Majorin stellte der Mehrzahl ihrer Gäste selbst die Anzüge, in denen sie erscheinen sollten. Vormittags über kam die Entreeklingel fast gar nicht zur Ruhe und das kleine Empfangszimmer wimmelte beständig von Gardeoffizieren, Referendaren, und besonders von jüngeren und älteren Mädchen, mit oder ohne Müttern, welche von der Majorin eingeladen worden waren und über die bei dem Feste zu übernehmenden Rollen mit ihr Rücksprache nehmen wollten. Ohne Lizzis Hilfe wäre die gute Dame jetzt kaum fertig geworden, denn es war eine wahre Sisyphusarbeit, in diesem Wirrsal von Ansprüchen und Wünschen einigermaßen Ordnung zu schaffen und seine Absichten durchzusetzen, ohne rechts und links die kleinen Eitelkeiten zu verletzen, die lieben Vorurteile zu kränken und Bosheit zu ernten, wo man nur eitel Freude säen wollte. Die Abfertigung der Besuche war noch bei weitem die angenehmste und leichteste Arbeit. Das Schrecklichste war die Erledigung der Korrespondenz, die sich auf allermindestens ein halbes Dutzend Briefe täglich belief. Kaum eine von den jungen Herrschaften, von den Damen besonders, gab sich mit der ihr ursprünglich zugedachten Rolle sogleich zufrieden und die zuerst übersendeten Kostüme wurden fast regelmäßig wieder zurückgeschickt. Das Fräulein von X. hatte das Fräulein von Y. besucht und bei der Gelegenheit entdeckt, daß jene ein neueres und kostbareres Gewand zugeteilt erhalten habe, als sie selbst. Fräulein von X. sah nicht ein, warum sie durchaus als Vogelscheuche erscheinen sollte, und schrieb infolgedessen einen höflichen Absagebrief an die Majorin mit irgend einer ganz vagen Entschuldigung. Die spinöse junge Frau von W. war entrüstet über die Zumutung, in einem Direktoiregewande erscheinen zu sollen, welches eine ganz schamlose Entblößung von ihr fordere, während die schon etwas reifere Frau von Z. um die Erlaubnis bat, die Taille ihres goldgestickten Patrizierinnenkostüms um eine Hand breit tiefer ausschneiden zu dürfen. Man sei im sechzehnten Jahrhundert eben nicht prüde gewesen, und sie halte es bei einer solchen Gelegenheit für ihre Pflicht, ihre modernen Vorurteile der historischen Treue zum Opfer zu bringen. Fräulein von P., die lang und dürr war, wie ein Besenstock, und in einem lebenden Bilde als Hexe mit einer Maske figurieren sollte, hatte sich's plötzlich in den Kopf gesetzt, als Amor mit kurzer Tunika und Flügelchen erscheinen zu wollen und die kleine, dicke, rotwangige Superintendententochter, Fräulein M., welcher der Amor oder vielmehr Puck zugedacht war, schrieb sehr betrübt, sie müsse die Rolle leider dankend ablehnen, da Mama ihr nicht erlauben wolle, ihre Waden zu zeigen. Ein paar zweifellose Thränenflecke, auf dem sonst so sauber geschriebenen Briefchen, bezeugten die Tiefe ihres Schmerzes. Thatsache war, daß fast sämtliche Damen die Aechtheit der Kostüme nicht zu würdigen wußten, sondern vielmehr an ihrem ehrwürdigen Duft, ihrem unkleidsamen Schnitt, den verschossenen Farben und der oft freilich recht auffallenden Flickarbeit Anstoß nahmen. Auch die patenten Herren machten zum großen Teil Schwierigkeiten und erklärten, sich lieber vom Maskenverleiher ausstaffieren lassen, als sich mit dem alten, von Motten zerfressenen Plunder behängen zu wollen. Es kostete viel Ueberredungskunst und nicht wenig Tinte, um alle diese Entrüstungen zu beschwichtigen, diese Eitelkeitswunden zu bepflastern und unter dem bunt zusammengewürfelten Heerhaufen nur einigermaßen wieder Manns- und Weibszucht herzustellen. Jede Beruhigung bedeutete aber freilich nur einen Waffenstillstand und die Majorin wußte sehr wohl aus bösester Erfahrung, daß besonders widerspenstige Geister oft noch am Vorabend des Festes sich aufbäumten und kalt lächelnd den Erfolg des Ganzen in Frage stellten. Aber diesmal erleichterte Lizzis Hilfe der Majorin die schwere Aufgabe doch wesentlich, denn wo deren Ueberredungskunst versagte, sprang Lizzi mit einem Scherz, einem übermütigen Machtwort helfend ein. Lizzi war sehr froh, daß die atemlose Geschäftigkeit dieser Zeit vor Weihnachten ihr alle weiblichen Handarbeiten unmöglich machte. Sie haßte das Sticken und Stricken, das Häkeln und sonstiges Gebastel. Nur eins war ihr leid, daß sie vor lauter Wohlthätigkeitsveranstaltungen keine Zeit mehr fand, zu ihrem eigenen Wohl etwas zu thun. Sie war gar nicht mehr ins Deutsche Theater gekommen und hatte ihre Absicht, mit Milka Grönroos wieder anzuknüpfen, nicht ausführen können. Auch ihren sogenannten Bräutigam, das Krajesovicherl, hatte sie nicht ein einziges Mal mehr zu Gesicht bekommen, obwohl die Majorin ihn schriftlich eingeladen hatte, sich doch ja auf dem Bazar einzufinden, wo Lizzi als Verkäuferin thätig war. Er hatte sich schriftlich entschuldigt mit seiner angestrengten Vorbereitung zum Examen, die er durchaus nicht unterbrechen dürfe. Lizzi selbst nahm den Bösewicht, trotzdem sie sich schwer gekränkt fühlte, aufs eifrigste in Schutz, was jedoch nicht verhindern konnte, daß die Majorin Verdacht schöpfte und mit einigem Bangen der hämischen Prophezeiung der Geheimrätin gedachte. Lizzi war so unvorsichtig gewesen, der Majorin nicht zu verschweigen, daß ihre finnische Freundin allem Anschein nach eine Nihilistin oder so etwas Aehnliches sei, und die gute Dame, welche als stockkonservative Royalistin und gläubige Christin selbstverständlich der Ueberzeugung war, daß solche Leute mit dem leibhaftigen Satan auf du und du stehen müßten, wollte infolgedessen durchaus nichts davon wissen, daß ihre Schutzbefohlene mit einer so gefährlichen Person in näheren Verkehr trete. Trotzdem faßte sich Lizzi wenige Tage vor Weihnachten ein Herz und bat die Majorin inständig, ihr doch zu erlauben, Fräulein Grönroos zu ihr zu bringen und sie für einen der Festtage einzuladen. Sie stellte ihr lebhaft vor, eine wie große Wohlthat sie gerade diesem einsamen, verhärmten Geschöpf damit erweisen würde, wenn sie es einmal wieder hineinschauen ließe in das sonnige Behagen eines friedlich frohen, christlichen Heims. Damit könnte sie wirklich ein Gott wohlgefälliges Werk der Barmherzigkeit thun und vielleicht sogar eine irrende Menschenseele vor der Verzweiflung retten. Diesem letzten Argument vermochte Frau von Goldacker nicht zu widerstehen. Im Grunde genommen war sie übrigens auch sehr begierig, sich mit eigenen Sinnen zu überzeugen, was für eine Art Menschenkinder denn diese schrecklichen Ungläubigen und Umstürzler in der Nähe besehen seien. Wenn es ihr gelänge, sie zu bekehren – ein herrlicher Gedanke! Sie wollte auch Pastor Werkmeisters Beistand anrufen, falls ihre Kräfte nicht ausreichten. Sie konnte sich nicht vorstellen, daß irgend jemand Pastor Werkmeister widerstehen könnte, und sei er der verstockteste Bösewicht. Hatte er doch erst kürzlich durch seine Redegewalt und sein herrliches Organ sogar einen als rettungslos aufgegebenen Trunkenbold bis zu Thränen gerührt und ihm das Versprechen abgerungen, nie mehr seine Frau prügeln zu wollen! Am 22. Dezember durfte sich Lizzi auf den Weg nach der Landsbergerstraße machen. Frau Rösicke, die scheußliche Alte, empfing sie, obwohl sie sie gleich wieder erkannte, mit äußerst mißvergnügter Miene, wies nur mit dem Daumen über die Achsel nach der Stubenthür und sagte: »Jehn Se man rinn, wenn Se warten wollen. Det Freilein wird woll gleich wiederkommen.« Lizzi folgte dieser freundlichen Aufforderung und fand zu ihrem Schrecken, daß das Zimmer noch ungeheizt und unaufgeräumt, trotzdem es bereits zwölf Uhr war. Und außerdem war die abscheuliche Luft von einem dicken Tabaksqualm erfüllt, der sich in wolkigen Ballen wie flüchtend davonwälzte, als sie die Thür öffnete. Nein, sie konnte es in dieser Atmosphäre unmöglich aushalten, Sie öffnete das Fenster weit, trotzdem es draußen bitter kalt war, und dann wehte sie heftig mit dem Thürflügel, um den Rauch hinauszujagen. Die angenehme Wirtin stand draußen im Gang und schimpfte über den Zug, der ihr die ganze Wohnung auskühle. Da wurde Lizzi sehr böse und schrie, ohne sich in ihrer Thätigkeit stören zu lassen, das keifende Weib laut an: »Wann S' die Kält'n net mögen, warum machen S' denn dann net eher d' Fenster auf? I kann nur net begreifen, wie Fräulein Grönroos a solche schlampige Wirtschaft dulden kann! Um Mittag noch net amal 's Zimmer z'samm'g'richt und ka Feuer im Ofen. Schamen S' Ihne net?« »Wie meenen Se?« fuhr die Alte grimmig auf. »Schämen soll ick mir! Jawoll doch – as wi icke – he! Un von wejen Feier – nee, is nich, mein Joldkind! Erst berappen, sonst jibt et keen' Kien und keen' Spon. Von die hab' ick mir lange jenuch vor'n Narren halten lassen. Nu hab' ick et aber dicke! Zum Ersten muß se 'raus! Der Deibel soll mir holen, wenn ick nochmal mir mit so 'n Frau'nzimmer einlasse, die nich mal 'ne anständige Herrenbekanntschaft hat. Also riskier'n Se man jo keene Lippe – wenn Ihnen det zu kalt is da drinne, denn kennen Se ja ooch wieder jehen! Wejen meiner brauchen Se sich nich weiter uffzuhalten.« Lizzi hatte von dem ganzen gemeinen Wortschwall nur so viel verstanden, daß Fräulein Grönroos bei der Alten Schulden habe. Kurz entschlossen zog sie ihre Börse, entnahm ihr eine Doppelkrone und drückte sie dem Scheusal in die rasch ausgestreckte Hand mit den Worten: »Da, so jetz geben S' aber a Ruh und machen S' a tüchtigs Feuer rein. Ich wer' Ihne helfen beim Aufräumen.« Frau Rösicke hielt das Goldstück gegen das Licht und steckte es dann, befriedigt grinsend, in ihr Portemonnaie. »Na, sehen Se,« sagte sie freundlich, »uff die Art lass ick mit mir reden. Ick hab' et mir doch gleich jedacht, det Sie 'n anständiges Mächen sin. Det' hab ick gleich an den feinen Herrn jemerkt, der Ihnen neilich abjeholt hat. Aber natierlich so 'n ollet, dürret Jestelle, wie de die is ...« Lizzi wartete das Ende ihrer Meinungsäußerung über Fräulein Grönroos gar nicht ab, sondern schlug die Thür dem widerlichen Weibe vor der Nase zu und machte sich hurtig daran, aufzuräumen. Bald erschien auch Frau Rösicke mit Holz und Kohlen und stopfte so viel in den kleinen Ofen, als hinein gehen wollte. Dann holte sie Scheuerlappen, Besen und Staubtuch und ging Lizzi immerhin flink genug zur Hand. Es dauerte keine zwanzig Minuten, so war das öde unfreundliche Gemach wenigstens aus dem Gröbsten gereinigt und in das wüste Durcheinander herumliegender Kleidungsstücke, Bücher, Malgeräte u.s.w. einige Ordnung gebracht. Das Feuer prasselte lustig, und jetzt schloß Lizzi das Fenster und komplimentierte die geschwätzige Alte hinaus. Ein Veilchensträußchen, das sie unterwegs gekauft hatte, stellte sie in einem Glase Wasser auf den Sofatisch und dann schaute sie sich befriedigt um, im voraus die freudige Ueberraschung der armen Milka genießend. Aber es dauerte noch geraume Zeit, ehe sie heimkehrte, und Lizzi benutzte die Langweile, um die garstigen Studien, die sie damals nur mit scheuen Blicken gestreift hatte, genauer zu besichtigen. Auf der Staffelei stand ein halbfertiges Bild. Es stellte eine fast bis zu den Hüften entblößte Frauengestalt dar, entsetzlich mager, stocksteif in der Haltung. Das Gesicht, welches unverkennbar, wenn auch hart und schlecht gemalt, Milkas eigene Züge trug, starrte mit unheimlich weit aufgerissenen Augen den Beschauer an, leichenblaß mit grünlichen Lichtern und braunen Schatten. Das kleine, feine Mündchen mit viel zu dunkelroten Lippen war ein wenig geöffnet und zwischen den weißen Zähnen kroch eine grün und gelb gefleckte, kleine Schlange hervor, mit roten Augen und schwarzer, gespaltener Zunge. Mit der einen Hand raffte die Gestalt ein schleierartiges, schwarzes Gewand mitten über dem Leibe zusammen und in der anderen hielt sie zwischen steif ausgespreizten Fingern eine langstengelige weiße Lilie. Der ganze Hintergrund war zinnoberrot verschmiert. Lizzi vermochte das Bild nicht lange zu betrachten. Es überlief sie eiskalt. Wie man nur so etwas Scheußliches malen konnte! Sie ergriff das nächste beste umherliegende Reclam-Bändchen und setzte sich damit in die Sofaecke. Es war Ibsens »Nora«. Sie hatte noch nie ein im wahren Sinne modernes Stück auf der Bühne gesehen, noch auch gelesen. Es war ein Ereignis für sie, in einem ernsten Schauspiel der wirklichen Sprache des Lebens zu begegnen. Die Vorstellung schoß ihr durch den Kopf, wie unendlich drollig es sich ausnehmen müßte, diese Nora oder diese simple Frau Linden reden zu hören, wie sie bei Fräulein Orjes reden lernte. Ohne daß sie eigentlich sich dessen recht bewußt war, begann sie schon von der dritten oder vierten Seite an mit halber Stimme laut zu lesen. Sie konnte sich ganz gut als Nora denken. Sie hatte eben den zweiten Akt begonnen, als Fräulein Grönroos endlich heimkehrte. Lizzi war fast mißvergnügt über die Störung, so sehr fesselte sie das Drama, und sie empfing die Herrin der Wohnung wie einen lästigen Gast. Fräulein Milka blieb, ihren Augen nicht trauend, einige Sekunden in der Thür stehen, ehe sie hereintrat und mit großen Schritten auf Lizzi zuwankte. Es war ihr auf den ersten Blick anzusehen, daß ihr nicht wohl war. Sie stützte sich mit der Hand matt auf den Tisch beim Vorwärtsschreiten, und auf ihrem schmalen, welken Gesichtchen wechselte jähe Röte mit kalkigem Weiß. Sie atmete schwer von der Anstrengung des Treppensteigens. Und als sie vor Lizzi stand und ihr beide Hände zum Willkommen entgegenstreckte, erfaßte sie ein plötzlicher Schwindel, die Kniee brachen unter ihr zusammen und mit einem dumpfen Schmerzenslaut sank sie vor ihr zusammen. Lizzi erschrak nicht wenig und griff ihr rasch unter die Achseln, um sie aufzurichten. Da stöhnte Milka leise auf: »Nein, lassen Sie mich da liegen. Ich weiß nicht, was mit mir ist. Ich – ich glaube, ich freue mich so sehr, daß Sie da sind. Sie sind ja jetzt wieder zu Hause in Ihrer anständigen Gesellschaft – ich dachte gar nicht an die Möglichkeit, daß Sie je wieder zu mir kommen könnten. Ich bin gar nicht gewohnt, Damenbesuch zu empfangen – es kümmert sich ja überhaupt kein Mensch um mich – es ist mir ja auch ganz recht so. Aber das ist schön von Ihnen, daß Sie gekommen sind – und gerade heute. Sonst wär's heute schon geschehen.« »Ja, was denn?« rief Lizzi, beugte sich liebevoll über sie, nahm ihr das Pelzmützchen ab und streichelte ihr wirres, dunkles Haar. Da drückte Milka ihren Kopf in Lizzis Schoß, ein paar vergebens unterdrückte Schluchztöne wurden laut – und dann konnte sie sich nicht mehr halten. Ihr tiefer Kummer löste sich endlich in Thränen auf. Lizzi ließ ihr Zeit. Sie that keine Frage und fuhr nur immer fort, sie leise zu streicheln. Endlich hob Milka ihr feuchtes Gesicht empor und versuchte zu lächeln. »Gräßlich dumm, nicht wahr, daß mir so 'was passieren muß! Es ist sonst gar nicht meine Manier, zu heulen – wahrhaftig nicht! Achten Sie nicht weiter drauf – ich bin gleich wieder in Ordnung. Wenn Sie nicht gekommen wären, hätte ich es hinuntergewürgt wie so manches vorher – und das da wäre mir nicht passiert.« Dabei holte sie ihr Taschentuch hervor, wischte sich die Thränen ab und richtete sich mühsam auf. Lizzi zog sie neben sich auf das Sofa nieder und nun erst fragte sie, was ihr geschehen sei? Milka verzog bitterlich den Mund und erwiderte tonlos: »Ich bin eben wieder mal gegen eine Wand gerannt. Es ist bloß wieder einmal alles aus für mich. Ich hatte mich nämlich endlich zu einem Entschluß aufgerafft. Es sollte mir mit der Schauspielerei nicht so ergehen, wie mit der Malerei. Sie wissen ja, daß ich nie ein Bild fertig bekommen habe. Nun wollt' ich es mit der Bühne einmal praktisch und geradezu probieren, wie andre vernünftige Frauenzimmer. In diesen letzten vierzehn Tagen bin ich bei fünf Berliner Direktoren und Agenten gewesen und hab' ihnen etwas vorgespielt. Sie haben mir alle dasselbe gesagt: ich hätte gar kein Organ, auf der dritten Bank würde mich schon kein Mensch mehr verstehen. Heute war ich gar im Ostendtheater. Dieselbe Geschichte – nur daß der ehrliche Mann noch hinzusetzte, ich möchte mich doch entschließen, fett zu werden, dann könnte sich auch vielleicht die Stimme etwas runden, denn die wäre so spitzig wie meine Ellbogen und so dünn wie meine Beine! – Na, ich denke, jetzt darf ich ja wohl die Hoffnung aufgeben und meinem Ehrgeiz die ewige Ruhe gönnen. Eine Mastkur erlauben mir meine Mittel nicht. Denken Sie, der Bankier, der mein kleines Kapital in Verwahrung hatte, hat Bankerott gemacht! Gestern haben sie ihn eingesteckt.« Was war da zu sagen! Wie zu trösten, zu raten solchem Schicksal gegenüber! Ins blanke Nichts starrte dieses unselige Geschöpf hinein. Einfach zum Hungertode verurteilt, wenn keine Hilfe kam. Aber woher sollte die kommen? Selbst wenn sie sich entschloß, Almosen anzunehmen, auf wie lange konnten die ihr helfen? Aber natürlich gab Lizzi das nicht offen zu, sondern brachte eifrig all den banalen Trost zusammen, den gutherzige Menschen immer so bereit zu haben pflegen. Sie gab ihrer Hoffnung Ausdruck, daß die wohlthätige Frau von Goldacker sich ihrer annehmen werde, und meinte, die Theaterdirektoren hätten ganz recht, sie sollte sich nur erst ein paar Wochen ordentlich füttern lassen, dann würde sicherlich auch ihr Organ sich kräftigen. Sie sollte nur zunächst einmal gleich mitkommen und bei ihr daheim zu Mittag speisen, die Verantwortung wolle sie gern auf sich nehmen. Und dann brachte sie ihre Einladung für das Weihnachtsfest an und erzählte von dem Kostümball, der in Aussicht stand und ihr so viel zu schaffen machte. Damit kam sie auf sich selbst zu sprechen, berichtete von all den jüngsten Bethätigungen ihres frommen Eifers, schilderte ihr in drolliger Anschaulichkeit die Majorin und ihren verliebten Bubi, den Pastor Werkmeister und andre häufige Gäste des Hauses und erwähnte schließlich, so nebenbei, verschämt fast, ihres dramatischen Unterrichts bei Fräulein Amanda Orjes. Milka hatte etwas zerstreut, matt lächelnd zugehört, aber dabei lauschte sie doch mit plötzlicher Teilnahme auf. »Bei der Orjes nehmen Sie dramatischen Unterricht?« fragte sie ungläubig. »Nein, Sie gutes Kind, wie kommen Sie denn auf die Idee? Wenn ich nicht schon halb tot wäre, so würde ich mich darüber tot lachen – aber ich bin zu schwach dazu, entschuldigen Sie mich.« Lizzi errötete wie auf einer argen Dummheit ertappt und entschuldigte sich, indem sie die Majorin vorschob. Auf einmal leuchteten ihre Augen auf und sie wandte sich lebhaft Fräulein Grönroos zu. »Hören S', da fällt mir was ein,« rief sie lebhaft. »Jetzt, dees wär' g'scheit: Sie geben mir selber Unterricht – in der modernen Manier heißt das – und ich zahl's Ihnen – ja aber gewiß zahl' i. Da hab'n S' doch gleich an Anfang zu ei'm Verdienst. Und wer weiß, am End find't sich noch mehr und Besseres dazu. Wissen S', ich empfehl' Sie schon weiter, wenn ich mit Ihnen z'frieden bin.« Sie lachte hell und packte sie an den Schultern, um sie aus ihrer stumpfen Teilnahmlosigkeit aufzurütteln. »Na, ist dees net ein guter Gedanke? Bei der Amanda lerne ich den höheren Ton und bei Ihnen studier' ich die Sachen, wo d' Leut vernünftig daher reden. Hier »Nora«, da hab'n mir's gleich, damit fang'n m'r an. Sie, dees g'fällt m'r, dees wär' was für mich.« Milka gab sich alle Mühe, von dem Plane entzückt zu erscheinen und versprach, was Lizzi von ihr begehrte. Nur heute gleich mitkommen wollte sie nicht, sie hätte ja kein einziges anständiges Kleid mehr anzuziehen. Aus demselben Grunde könnte sie auch keine Einladung annehmen. Aber Lizzi wollte auch das nicht gelten lassen. Sie versprach für Beschaffung eines präsentablen Gewandes Sorge tragen zu wollen und legte als Vorschuß auf das Unterrichtshonorar zwanzig Mark auf den Tisch, teilte ihr auch mit, daß sie der Wirtin bereits ebenso viel ausbezahlt habe. Milka erhob sich vom Sofa, stieß Lizzi, die sie festhalten wollte, heftig zurück und schwankte durch das Zimmer nach dem Fenster hin. Sie drückte die Stirn an die kalten Scheiben und dann sagte sie mit einer matten Handbewegung nach der Thür deutend: »Gehen Sie, lassen Sie mich allein, ich bitte Sie! Ihre Güte bringt mich um. Ich bin so etwas nicht gewohnt. Das Geld muß ich nehmen – es bleibt mir ja nichts weiter übrig, aber zu spät kommen Sie doch. Hier ist für einen rettenden Engel nichts mehr zu holen, weder eine Seele noch ein Leib. Bitte, gehen Sie. Vielleicht hören Sie noch einmal von mir. Jedenfalls danke ich Ihnen, daß Sie noch einmal hier reine Luft geschaffen haben – und auch für das Feuer.« Vierzehntes Kapitel. In welchem es eine schöne Bescherung gibt Lizzi sah wohl ein, daß sie die Unglückliche nur quälen würde, wenn sie noch weiter auf sie einzureden versuchte, und so sagte sie denn nur herzlich »Auf Wiedersehen!« und schlich traurig hinaus. Einige Tage vor dem Fest sagte die Majorin beim Dessert ganz unvermittelt zu Lizzi: »Ich wundere mich übrigens, daß du mich noch gar nicht gebeten hast, dir deinen Bräutigam zum heiligen Abend einzuladen. Oder hast du gemeint, das verstände sich von selbst?« Lizzi wurde rot und protestierte eifrig. Sie fühlte, daß sowohl Frau von Goldacker wie ihr Bubi in diesem Augenblick den Ausdruck ihres Gesichtes scharf beobachteten. Es entstand eine kleine verlegene Pause. Dann begann die Majorin aufs neue: »Ich habe natürlich nichts dawider, im Gegenteil – ein Bräutigam gehört unbedingt unter den Christbaum. Also, ich werde heute noch schreiben. Aber das sage ich dir, wenn er wieder ablehnt wie neulich, dann ist's aus mit uns.« Auf ihren Wangen zeigten sich rote Zornesflecke und sie strich etwas nervös mit den knochigen Fingern die Brotkrümchen neben ihrem Teller zusammen. »Ich bin dem Herrn freundlich genug entgegengekommen. Er kann aber nicht von mir verlangen, daß ich ihm nachlaufe! – Herrje! Bubi, was fällt denn dir ein, rappelt's bei dir?« Der Bubi hatte nämlich urplötzlich ziemlich derb auf den Tisch geschlagen. Mit einem ganz roten Kopf saß er da und rollte die Augen. »Pardon, Mama,« gab er kurzatmig zur Antwort. »Ich meinte nur ...« »Was denn, mein Sohn?« »Nein, nachlaufen thun wir ihm nicht!« »Ui jegerl, Rudi,« platzte Lizzi heraus: »Gar so g'schwollen brauchst a net daher z' reden. Was bild'st denn du dir ein von wegen 'm Nachlaufen? Meinst vielleicht, daß ich ihm nachlauf'?« »Zankt euch nicht, Kinder,« rief die Majorin streng über den Tisch hinüber. Und dann, eine Viertelstunde später, nachdem die Tafel aufgehoben war, nahm sie die Lizzi heimlich beiseite und sagte: »Hör mal, Kind, ich werde nicht recht klug aus dir. Liebst du den Mann nun eigentlich oder nicht?« Lizzi sagte nur: »Oh!« und zwar mit einem recht zweifelhaften Gesichtsausdruck. Die Majorin zuckte die Achseln und ging mit verschränkten Armen ein paarmal auf und ab. Dann blieb sie wieder vor Lizzi stehen und sagte: »Das ist übrigens jetzt ziemlich Wurst. Aber da ich mich einmal mit der Sache eingelassen habe, so bin ich gewissermaßen mit kompromittiert, wenn er sich nicht bald erklärt. Jeder anständige Mensch verlobt sich zu Weihnachten – das kannst du nach den Feiertagen in allen Zeitungen sehen. Also müssen wir ihn einladen, um ihm die Chance zu geben.« »Aber liebe Tante,« wandte Lizzi bescheiden ein – sie hatte sich in letzter Zeit daran gewöhnt, die Majorin »Tante« zu nennen – »das thät' ja grad ausschaun, als ob ich von ihm absolut was g'schenkt hab'n möcht'. Na, und dann überhaupts – mir g'fallt's net recht. Wenn er net von selber kommen mag, soll er's halt bleib'n lassen.« »Kind, das verstehst du nicht,« versetzte die Majorin, ihre schwachen Brauen wichtig hochziehend. »In der anständigen Gesellschaft heiraten die Männer fast nie von selber. Sie müssen immer ein bißchen energisch dazu gestupst werden.« »Jesses!« entfuhr es Lizzi. »Ja, so ist es einmal,« bekräftigte die Majorin. »Außerdem mußt du bedenken, daß du dich hast küssen lassen. Du kannst also überhaupt nicht mehr zurück.« Lizzi machte ein sehr erstauntes Gesicht und rief ganz erschrocken: »A geh, naa, wegen so a paar Busseln.« Die Majorin nahm eine sehr strenge Miene an und sagte spitz: »Liebes Kind, so redet eine junge Dame der guten Gesellschaft nicht. Das ist laxe Moral. In München mag man meinetwegen zu seinem Vergnügen busseln. Bei uns zu Lande ist das eine ernste Sache.« Damit schritt sie hoheitsvoll aus der Thür und ließ die gänzlich verwirrte Lizzi allein, damit sie Muße fände über ihre »laxe Moral« nachzudenken und in sich zu gehen. Der heilige Abend war gekommen. Bis um sechs Uhr war die Majorin mit Lizzi bei der Bescherung für arme Kinder in einem Krippenverein anwesend. Dann kehrten sie heim, um ihren eigenen Christbaum anzuzünden. Kathi hatte schon eine halbe Stunde lang in Junker Rudis Gesellschaft auf sie gewartet. Lizzi umhalste sie stürmisch, als sei sie ihr nach einer langen Abwesenheit wieder zurückgekehrt. Sie hatten sich wirklich in den letzten vierzehn Tagen nur ein einzigesmal auf ein kurzes Stündchen gesehen, und die Geheimrätin hatte gar noch viel Wesens daraus gemacht, daß sie Kathi die Erlaubnis erteilt, den heiligen Abend außer dem Hause zuzubringen. »Was hat sie dir geschenkt?« war Lizzis erste Frage nach der Begrüßung. »O, zwanzig Mark und Stoff zu einem schwarzwollenen Kleide.« »Is wirklich wahr? Alle Six, dees is fei' nobel für ein Stubenmädel, wo erst drei Wochen im Dienst is!« rief Lizzi mit bitterer Ironie. »Na und der Onkel?« »Der hat mir noch gar nix geben. Weißt, mir is so vorkommen, wie wann er mir hätt' den ganzen Tag was sag'n woll'n. Aber sei' Frau hat uns kane zwei Minuten lang allein g'lassen, weil S' gewiß a g'merkt hat, daß 'n Onkel was druckt. Wie i hab' Abschied nehmen woll'n, da hat s' g'sagt, ich sollt 'n net stör'n, weil er grad schlaft. I glaub's fei' net, daß er g'schlaf'n hat, denn weißt, um die Zeit is er g'wöhnlich grad am allermuntersten. Für dich hab' ich aber nix mitkriegt.« Lizzi zuckte die Achseln: »Meinst vielleicht, von der hätt i was erwart'? A geh zu, red'n m'r von was anderm.« »Ja, recht hast,« versetzte Kathi rasch, zog Lizzis Arm durch den ihren und begann mit ihr umherzuwandern. Sie waren im Berliner Zimmer miteinander allein geblieben, während die Majorin im Saal mit Hilfe ihres Bubi die Kerzen anzündete. »Eins mußt m'r sag'n, du: is dees wahr, daß heut abend der Herr Krajesovich kommt und daß gleich Verlobung g'feiert wer'n soll?« Lizzi blickte zur Seite und that möglichst gleichgültig. »Eing'laden is er,« erwiderte sie, »und zug'sagt hat er auch. Aber mit dem Verloben, weißt, dees wird net so g'schwind geh'n – ha!« »Aber der Rudi hat's doch g'sagt, ganz bestimmt. Und a G'sicht hat er dazu aufgesteckt, ich sag' d'r so giftig, als wenn er di mit samt dei'm Schatz glei umbring'n möcht'. Was hast denn nur ang'stellt mit dem Buben? Der is ja rein närrisch. Dem hast a 'n Kopf verdreht, du schlecht's Ding, du! I weiß gar net, wies d' mir vorkommst; du mußt doch furchtbar aufg'regt sein? Ui jegerl, wann i mi heut verloben sollt', i meinet, i laufet wie damisch umanand'.« Da ließ Lizzi die Schwester los und setzte sich mit einem Seufzer auf dem Drehsessel vor dem Klavier der Königin Luise nieder. Sie stützte ihren Kopf auf die Hand und pochte mit ihrer Fußspitze nervös auf den Teppich. »I weiß selber net, wie m'r z' Mut is,« begann sie nach einer kleinen Pause. »Sag mir nur, Katherl, was soll i jetzt anfang'n, wann er mir wirklich an feierlichen Antrag macht?« »Ja, was is denn jetzt dees?« rief die Schwester verwundert. »Hast 'n denn epper net gern? Ich hab' g'meint, ihr seids schon völlig im reinen mit 'nander?« »Gel, jetzt fangst du a no mit die dalketen Busseln an,« schmollte Lizzi in weinerlichem Ton. »Kann denn i da was dafür? Dees is von weiter nix kommen, als weil i den Abend den vielen Wein trunken hab'. Was wär' denn sonst, wenn dees net wär'? I hab' 'n ja nur dreimal g'sehn, und so an wildfremden Mann kann m'r do net glei heiraten.« »Ja, wennst du 'n doch aber liebst!« »Na ja, i mag 'n schon ganz gern leiden, aber ... weißt, die ganze G'schicht g'fallt m'r nimmer. I hab' d'r's bisher net sag'n mög'n – aber seit sich d' Majorin so arg d'rum ang'nommen hat, schaut er mi mit ganz andre Aug'n an. I wär' recht froh, wenn er gar net kommen möcht'. Sixt's, er is am End' doch a Fremd's. Wenn's a Landsmann wär', thät' i mi gar net weiter b'sinnen. Aber denk doch nur, a ungarischer Serbe, dees is bald a so wie a Kineser. Thät'st denn du epper so ein' nehmen?« Kathi besann sich nicht lange und erwiderte, ihre Hand mütterlich auf Lizzis Schulter legend: »Na weißt, wann i net wüßt', daß ich 'n über alles in der Welt lieb hätt', thät' i nein sagen – unbedingt!« »Ja, aber d' Majorin thät' nachher sag'n, i wär' unmoralisch!« rief Lizzi händeringend. In diesem Augenblick ertönte die Entreeglocke. Lizzi sprang auf die Füße, packte die Schwester erschrocken bei beiden Armen und flüsterte: »Dees is er. I lauf' davon. I mag 'n net seh'n. I sperr mi in mei' Zimmer ein. Sag du 'm, i hätt' Zahnweh.« Kathi mußte lachen und wirklich das zappelige Ding mit aller Gewalt festhalten, damit es nicht davon lief. Endlich versprach Lizzi zu bleiben und vernünftig zu sein, unter der Bedingung, daß Kathi den ganzen Abend nicht von ihrer Seite wiche. Da ließ der Diener auch schon Herrn Krajesovich von Nemes-Pann eintreten. Der junge Herr war kaum weniger befangen, als die beiden Mädchen, welche nur schüchtern knicksten und es gänzlich ihm überließen, die Unterhaltung zu eröffnen. Es wurde dem guten Gregor sichtlich schwer, auch nur die nächstliegenden Redensarten zu finden. In seiner Verlegenheit machte er sich ungewöhnlich viel mit seinem Schnurrbart zu thun und was er sagte, war nichts weniger als geistreich. Sie atmeten alle drei erleichtert auf, als ein Viertelstündchen später die Majorin mit einer großen Kuhglocke, die sie einmal als Andenken aus den Alpen mitgebracht haben mochte, das Zeichen zum Beginn der Bescherung gab. Gregor reichte den beiden Mädchen die Arme und führte sie, steif wie zu einem feierlichen Diner, in den glänzend erleuchteten Saal. Rudi, der hinter seiner halb geöffneten Zimmerthür gewartet hatte, bis sie vorbei waren, schloß sich ihnen leise auftretend an. Zuletzt kam Friedrich, die Köchin und das Stubenmädchen. Sämtliche Kerzen auf den beiden Kronleuchtern brannten und der vom Fußboden bis zur Decke reichende Tannenbaum erstrahlte im Glanze von mindestens hundert Wachskerzchen und funkelte feenhaft durch den Widerschein des dicht über die Zweige hinübergesponnenen Silberdrahtes. Rings in dem weiten Raume waren mehrere größere und kleinere Tische verteilt, weiße Damastservietten darüber gedeckt und Armleuchter darauf gestellt, um die ausgebreiteten Gaben zu beleuchten. Die gute Frau von Goldacker hatte wirklich etwas sehr Hübsches zu stande gebracht und so komisch genau sie auch oft in Kleinigkeiten war, wenn es galt ihren Nächsten eine Freude zu machen, so scheute sie keine Kosten. Das Harmonium war für die Gelegenheit in den Saal gebracht worden, und bevor jemand an seinen Tisch treten durfte und schauen, was ihm das Christkind gebracht, setzte sich die Hausfrau an das Instrument und stimmte das allbekannte Weihnachtslied »Stille Nacht, heilige Nacht« an. Sie selbst sang mit heller, etwas scharfer Stimme, vom Chor jedoch nur mäßig unterstützt: denn die Dienstboten scheuten sich in Gegenwart ihrer Herrschaft von ihren Lungen ausgiebigen Gebrauch zu machen, Rudi hatte überhaupt keine Stimme und die beiden großen Mädchen genierten sich vor dem ausländischen Eindringling. Lizzi machte kaum den Mund auf beim Singen und konnte sich nicht enthalten, ihren eventuell Zukünftigen ein wenig mißtrauisch anzuschielen. Er machte in der That ein etwas sonderbares Gesicht – nicht etwa höhnisch, nein, vielmehr etwa so, wie ein Europäer, der zum erstenmal zwei Samoaner zum Gruß ihre Nasen aneinander wetzen sieht und den Entschluß faßt, aus Höflichkeit demnächst ihrem Beispiele zu folgen. Natürlich sang er nicht mit, da er weder Text noch Melodie kannte, aber Lizzi glaubte doch ein leises Gebrumm zu vernehmen, welches wahrscheinlich seinen guten Willen bezeigen sollte. Als der Gesang beendigt war, wies die gütige Hausfrau jedem den Tisch, wo er die für ihn bestimmten Gaben fand. Den Rudi geleitete sie selbst an der Hand nach seinem Platze. Lizzi fand eine Menge hübscher und nützlicher Dinge vor, die, wenn sie auch nicht eben kostbar waren, doch bewiesen, wie liebevoll die gute Majorin ausgekundschaftet hatte, was sie an kleinen Notwendigkeiten sich am meisten wünschte. Sie fiel ihr gerührt um den Hals und küßte sie in herzlicher Dankbarkeit. Jetzt war sie wieder ganz das Kind am Weihnachtsabend und hatte im Nu ihre Bangigkeit und Kümmernis vergessen. Leise aufjauchzend zeigte sie Kathi ihre Herrlichkeiten und wies ihr dann die Dinge, die für sie selbst bestimmt waren und von denen die Majorin das meiste bezahlt hatte, weil sie zu Fräulein Grönroos' Bestem gar zu tief in ihre Kasse gegriffen. Dann bewunderte sie den reichen Gabentisch Rudis und verfehlte nicht, ihn eindringlichst auf ihr Geschenk aufmerksam zu machen, einen Bierkrug mit dem Münchner Kindl darauf. »Sixt es, das bin i,« lachte sie, auf die Figur des Mönchleins deutend und dann packte sie den schlanken Jüngling am Arm und schüttelte ihn tüchtig. »Ja, Rudi, was machst denn du für a G'sicht? Freust denn du dich gar net?« »O ja, ich freue mich schon,« gab er mit dumpfer Grabesstimme zur Antwort. »Es war sehr freundlich von dir, daß du sogar an mich gedacht hast.« Lizzi hörte den versteckten Sinn aus diesen Worten nicht heraus. Ihr fuhr schon ganz etwas anderes durch den Kopf. Sie ließ den Bubi ohne Antwort stehen und lief auf Gregor zu, der die ganze Zeit über etwas verlegen lächelnd beiseite gestanden war. Sie zog ihn an der Hand nach ihrem Tisch, wo, unter einer Serviette verborgen, ihr kleines Geschenk für ihn lag. Es war ein hübsches, mit Seide gefüttertes Portefeuille, in dessen innere Seite sie mit Goldfaden seinen Namenszug gestickt hatte. Dann hatte sie auch ein Bild von sich hinein gesteckt, ein freilich nicht sehr gutes Photogramm, auf dem sie ein bißchen gar gewöhnlich aussah. Gregor dankte ihr mit einem Handkuß und dann holte er aus seiner Tasche ein Etui hervor und stammelte etwas verlegen, indem er es ihr überreichte: »Hab' ich mir auch erlaubt – kleines Andenken ...« Lizzi öffnete es hastig und stieß ein lautes »Ah!« freudiger Ueberraschung aus. Es war ein ganz schmaler goldner Armreif mit sechs grünen Steinen in einfachster Fassung darauf. Die Majorin und Kathi traten neugierig näher, die Brautgabe zu besichtigen und die Dienstboten in ihrer Ecke des Saales steckten tuschelnd die Köpfe zusammen. Sie hatten sich natürlich längst über die einzig mögliche Erklärung für die Anwesenheit dieses Fremden geeinigt. Ein Bräutigam im Hause am Weihnachtsabend – das war besonders für das weibliche Personal ein äußerst interessantes Ereignis. Dies war der kostbarste Schmuckgegenstand, den Lizzi je besessen hatte und sie zeigte ihn ganz glücklich überall herum, stolz über die Bewunderung, die er fand. Nur Rudi hatte die Lippen fest zusammengebissen und hatte nichts gesagt, aber sie achtete nicht weiter darauf in ihrer Erregung. Wenn Gregor sie in dieser Stimmung vor aller Ohren gefragt hätte: »Willst du die Meine sein?« so hätte sie höchstwahrscheinlich ja gesagt. Er that aber nichts dergleichen, sondern bewegte sich nur unfrei und befangen im Zimmer herum und fühlte sich offenbar in dem Bestreben, sich in die fremden Sitten zu fügen und möglichst liebenswürdig zu sein, recht unbehaglich. Nach einer Stunde etwa ging man zu Tische, ohne daß er eine Gelegenheit gesucht hätte, das entscheidende Wort zu sprechen. Und als es Frau von Goldacker kurz vor dem Aufbruch gelang, die Lizzi auf einen Augenblick allein zu erwischen, konnte sie sich nicht enthalten, ihr zuzuflüstern: »Weißt du, ein ganz einfaches goldenes Ringlein ohne Stein hätte ich passender gefunden. Na, mach' deine Sache gut und gib ihm Gelegenheit. Der junge Herr kennt sich, scheint's, in den Landessitten nicht aus.« Just als die Herrschaften den Gang überschritten, um sich ins Eßzimmer zu begeben, ertönte die Entreeglocke. »Ah, vielleicht noch ein verspäteter Postbote,« rief die Majorin und ging selbst die Thür zu öffnen. Es war der Pastor Werkmeister, der mit Lebhaftigkeit sein spätes Kommen entschuldigte. Amtsgeschäfte hätten ihn so lange aufgehalten. Jetzt erst erinnerte sich die Majorin, daß sie den Pastor, der keine Familie in Berlin besaß, schon vor einiger Zeit aufgefordert hatte, den heiligen Abend bei ihr zu verbringen. Sie bat die kleine Gesellschaft noch für einige Minuten in den Saal zurückzukehren und eilte davon, um noch ein Couvert für den vergessenen Gast auflegen zu lassen. Der Pastor schüttelte Lizzi wie einer alten Freundin die Hand, behauptete, sich außerordentlich zu freuen, auch Kathis Bekanntschaft zu machen und bat dann, dem fremden Herrn vorgestellt zu werden. Da keine der Schwestern hierzu Miene machte, besann sich Rudi auf seine Pficht als Vertreter der Hausfrau und besorgte die gegenseitige Vorstellung der beiden Herren. Sie sahen einander ein wenig verwundert an und hätten offenbar beide gerne gewußt, in welchen Beziehungen der andere zur Herrin des Hauses oder zu den beiden jungen Damen stand, denn Rudi hatte nur die Namen ohne weitere Erläuterung genannt. Jeder wartete ab, ob nicht der andere den Anfang zu einer Unterhaltung machen werde. Da aber keinem etwas Gescheites einfallen wollte, so entstand eine recht unbehagliche Pause, welcher endlich Lizzi dadurch ein Ende machte, daß sie den Pastor zu ihrem Tische geleitete und ihm ihre Geschenke zeigte. Der geistliche Herr war so liebenswürdig, eine lebhafte Teilnahme an den Tag zu legen. Er nahm diesen und jenen der zierlichen Toilettengegenstände in die Hand und lobte den guten Geschmack. Und dann griff er nach dem Etui und schickte sich an, auf den Verschlußknopf zu drücken, als er bemerkte, daß Lizzi eine Bewegung machte, wie um ihn daran zu verhindern. »O, darf man das nicht sehen?« fragte er lächelnd. Lizzi wurde ein wenig rot und dann sagte sie mit raschem Entschluß: »Da is ja eh nix drin. Ich hab's schon an. Da, schaun S', dees hab' i von dem Herrn da!« Und dabei hielt sie ihm ihr Handgelenk entgegen, an dem bereits der goldene Reif mit den grünen Steinen prangte, und deutete gleichzeitig mit einer leichten Kopfbewegung über die Schulter hin auf den unweit hinter ihr stehenden Gregor. Pastor Werkmeister hatte ihre Hand erfaßt, während er das Armband aus der Nähe bewunderte, und hielt sie etwas lange fest – ganz in Gedanken. Er wußte nicht recht, wie er es anstellen sollte, um herauszubekommen, wer »der Herr da« denn nun eigentlich sei. Aber schließlich – eine bescheidene Frage konnte man ihm nicht verübeln. Er ließ langsam die Hand des Mädchens sinken und sagte: »Wohl ein alter Freund Ihres Elternhauses aus München?« »O nein!« versetzte Lizzi rasch. »Wir kennen uns erst seit ganz kurzem. Bei mei'm Onkel haben wir uns z'erst gesehen und seither nur ein-, zweimal troffen. Ja, sehn S', Herr Pastor, bei die einen geht's halt g'schwind mit der Freundschaft und bei die andern langsamer – dees is halt so, gelt, Gregor?« Der Angerufene trat einen Schritt näher, lächelte etwas gezwungen und sagte: »O, das wird Hochwürden gar nicht wundern. Er ist ja auch schon guter Freund, nicht wahr? Und kennt dich doch erst kürzer wie ich.« Der Pastor erbleichte. Das war eine Weihnachtsüberraschung, von der er sich nichts hatte träumen lassen. Er war mit großer Freude der Einladung der Majorin gefolgt und hatte sich vorgenommen, die Stimmung des trauten Familienfestes zu benutzen, um womöglich einen Einblick in Lizzis Herz zu bekommen. Nun saß da schon ein andrer darin. Das war bitter! Er nahm sich zusammen, so gut es gehen wollte, und murmelte verlegen: »Entschuldigen Sie, Herr ... Ich wollte mir durchaus kein Urteil anmaßen. Ich – also dann darf ich wohl...« »Herr Pastor,« fiel hier Rudi laut ein, »wollen Sie sich meine Sachen nicht auch ansehen?« Er vermochte kaum einen Seufzer der Erleichterung zu unterdrücken und wandte sich, ohne seinen Satz zu vollenden, eifrig an den Sohn des Hauses. Fast im selben Augenblicke erschien die Majorin und rief zu Tische. Kathi benutzte die Gelegenheit, um Lizzi unbemerkt tüchtig in die Seite zu puffen und ihr zuzuflüstern: »Jesses, was machst denn du nur für G'schicht'n? Schämst di denn gar net? Mir sagst, du willst nix'n mehr wissen von dei'm Schwarz'n und jetza nennst'n beim Vornamen und dutzt'n a no! Was soll jetzt der Herr Pfarrer von dir denken? Und was willst denn nachher sagen, wenn er dir zur Verlobung gratuliert? Er hat so scho halbet dazu ang'fangen!« Lizzi zuckte die Achseln und gab trotzig zurück: »No sag' i halt: net wahr is.« »So – ja was bist denn du nachher? Sei Schatz? Dees kannst doch 'm Pfarrer net sag'n.« »Warum denn net? Evor i lüg'.« »A, geh zu, du wirst dei' Lebtag net g'scheit.« Pastor Werkmeister hatte sich beeilt, der gnädigen Frau seinen Arm zu bieten. Sie hatte jedoch dankend abgelehnt, mit dem Bemerken, daß heute die jungen Paare zusammenhalten müßten, und ihn an Kathi gewiesen, um an seiner Statt den Herrn Sohn an ihre Seite zu kommandieren. Der kleine Zug ordnete sich rasch zum zweitenmal, die Hausfrau mit Rudi voran, dann der Pastor mit Kathi, und zuletzt die Verlobungskandidaten. Gregor blieb absichtlich etwas zurück, um, als sie gerade die Schwelle überschritten, Lizzis Arm fest zu drücken und ihr zuzuraunen: »Lieber, herziger Schatz! Find ich serr komisch, nicht wahr?« »Was denn komisch?« gab sie verwundert zurück. »Daß Pastor jetzt denkt, wir wären verlobt, haha!« »Das find ich gar nicht komisch, Herr von Krajesovich,« stieß Lizzi zornig zwischen den geschlossenen Zähnen hervor, indem sie dabei einen nichts weniger als zärtlichen Blick von oben an ihm herabgleiten ließ, mit einem Ausdruck und einer Kopfbewegung, wie keine Schauspielerin ein vornehm abweisendes Gekränktsein besser hätte darstellen können.– – Der Pastor sprach das Tischgebet und dann setzte man sich zu der landesüblichen Weihnachtsmahlzeit nieder, bei welcher der Karpfen den feststehenden ersten Gang bildet. Wenn ein Fischessen schon im allgemeinen wegen der damit verknüpften Lebensgefahr nicht gerade geeignet ist, zu lebhafter Unterhaltung anzuregen, so schien die Beschäftigung des Grätensuchens heute doch ganz besonders lähmend auf die Sprechwerkzeuge zu wirken. Die Frau des Hauses war befangen, weil sie den geistlichen Freund nicht erwartet hatte und nun nicht wußte, wie sie ihm gegenüber die Erscheinung des fremden Gastes erklären sollte. Der Pastor selbst war noch vor Ueberraschung einigermaßen geistesabwesend und richtete zweimal kurz hintereinander dieselbe gleichgültige Frage an Kathi. Diese wiederum besaß sowieso keine hervorragende Unterhaltungsgabe. An Rudis schöner Seele nagte das grünäugige Scheusal Eifersucht und machte ihn überhaupt für menschliche Gesellschaft ungeeignet. Der schöne Serbe fühlte sich in diesem trauten Familienkreise so wenig zu Hause, wie nur irgend denkbar, und vermochte weder die Vorliebe für weihnachtliche Karpfen noch Verlobungen mit den Anwesenden zu teilen. Und Lizzi endlich nahm Aergernis an allen und allem, nicht zum mindesten an sich selbst. Der alte Trotz regte sich in ihr, mit dem sie von Kindesbeinen an zu kämpfen gehabt hatte, und machte sie so zapplicht und nervös, daß eine kaum bezwingbare Lust sie überkam, irgend welchen groben Unfug zu ihrer Abkühlung zu verüben. Die Rotweinflasche über das reine Tischtuch hinzugießen, oder dem Pastor einen Karpfenkopf in die Rocktasche hineinzupraktizieren, dem schönen Gregor plötzlich einen der langen Zipfel seines Schnauzbartes aufzuwichsen, oder so etwas dergleichen. Sie fühlte es ganz deutlich, wenn sie jetzt nicht bald eine himmelschreiende Dummheit anstellte, dann fing sie an zu heulen – und die Blamage wäre doch zu fürchterlich gewesen! Nachdem der Karpfen ohne Unfall, aber auch ohne hervorragende Genußfreudigkeit bewältigt war, machte sich die kleine Tafelrunde an die festliche Gans heran. Mit den Gänsen passierte gewöhnlich ein Unglück in dem Haushalt der Majorin. In diesem Falle nun hatte die Köchin, trotzdem sie, um die große Verantwortlichkeit nicht ganz allein tragen zu müssen, das gnädige Fräulein mit auf den Markt genommen hatte, just die würdige Stammmutter eines zahlreichen Geschlechts jüngerer Gänslein erwischt, die vermutlich in dieser selben Stunde Herz und Magen andrer frommer Christen erfreuten. Die Ehrfurcht, die man dem Alter schuldig ist, vermochte nicht zu verhindern, daß das Mißfallen über das leibliche Teil der Verewigten bei sämtlichen Anwesenden unzweideutigen Ausdruck fand. Die Kauwerkzeuge wurden mit einer Energie in Bewegung gesetzt, welche sämtliche Muskeln des Gesichtes in Mitleidenschaft zog. Man sah peinvoll zusammengezogene Brauen, durch die schwierigsten Kinnbackenverrenkungen in Mitschwingung versetzte Nasenspitzen, in langsamem Takt sich auf und nieder bewegende Ohrmuscheln und kannibalisch gefletschte Zahnreihen. Lizzi, die sich als Mitschuldige fühlte, that, als ob sie nie ein so vorzügliches Gansel gekostet habe, und schluckte, um sich nicht an den unästhetischen, zahnathletischen Uebungen beteiligen zu müssen, die Stücke ungekaut hinunter und spülte mit großen Schlucken Weines nach. Die Majorin legte, wie schon früher erwähnt, kein großes Gewicht auf die Tafelfreuden; aber da es ihr in diesem Falle unmöglich entgehen konnte,, daß sie ihren Gästen denn doch etwas zuviel zugemutet hatte, so fühlte sie sich veranlaßt, zu ihrer Entschuldigung etwas vorzubringen. Sie wandte sich an Lizzi, räusperte sich und sprach: »Du sagtest mir doch, mein liebes Kind, daß du in München deine Mama immer auf den Viktualienmarkt begleitet hättest und ein angeborenes Verständnis für Gänse besäßest. Es scheint, daß dich dein Scharfblick diesmal im Stich gelassen hat. Man sollte doch meinen, daß die Symptome der Jugend bei den Berliner Gänsen in derselben Weise hervortreten, wie bei den Münchnern. Darf ich dir vielleicht noch 'n Stückchen anbieten?« »Ja, bitt' schön,« sagte Lizzi resolut. »Gar so jung mag ich die Ganseln net amal.« Entsetzt ob solcher Tollkühnheit hielten sämtliche übrigen Anwesenden einen Augenblick mit dem Kauen inne und starrten Lizzi mit einem Gemisch von Grausen und Bewunderung an, wie etwa einen Zuschauer in einer Menagerie, der plötzlich den Wunsch äußern würde, den Löwenkäfig betreten zu dürfen. Der gute Bubi besonders zeigte ein so ängstlich besorgtes Gesicht und sperrte in hilflosem Schrecken seinen Mund so weit auf, daß Gregor, der ihm gerade gegenübersaß, sich ein kurzes Auflachen nicht versagen konnte. Lizzi sah ihn mißbilligend von der Seite an und dann gewahrte sie, der Richtung seines Blickes folgend, Rudis Gesicht, welches nunmehr einen komischen Ausdruck mühsam verhaltenen Zornes hatte. Da packte sie plötzlich die so lange unterdrückte Begier, was anzustellen, so unwiderstehlich, daß sie im Nu einen ihr gerade erreichbaren Rotweinpfropfen ergriff und ihn Rudi, ohne lange zu zielen, ins Gesicht warf. Er traf ihn gerade auf die Nase, prallte zurück und flog unglücklicherweise just in eine Sauciere hinein, einen kleinen Sprühregen von Fett über das Tischtuch verspritzend. Bubi griff erschrocken an die Nase und dann fixierte er wütend den ungeniert lachenden Krajesovich, als ob er der sichere Schütze gewesen wäre. Kathi kicherte und Hochwürden wußte nicht recht, ob er mehr mißbilligend oder belustigt dreinschauen sollte. Frau von Goldacker aber war einfach entrüstet und rief, indem sie das Tranchierbesteck, mit dem sie just der Großmutter ein Bein absägen wollte, ermattet sinken ließ, über den Tisch hinüber: »Pfui, Lizzi, schämst du dich nicht? Solche Kindereien schicken sich doch für dein Alter nicht mehr. Was kann denn mein Sohn dafür, daß du uns eine alte Gans gekauft hast?« Die Sünderin ließ ihre Hände in den Schoß sinken und schlug mit einem sehr drolligen Ausdruck die Augen nieder, ohne etwas zu erwidern. Gregor wollte ihr unter dem Tisch aufmunternd die Hand drücken, erfuhr jedoch eine sehr entschiedene Zurückweisung. Aller Blicke waren jetzt erwartungsvoll auf Lizzi gerichtet. Sie fühlte das, obwohl sie nicht aufschaute. Ihr war jetzt etwas besser, nachdem ihre nervöse Ueberspannung sich in der Unthat mit dem Pfropfen entladen hatte. Nur das allgemeine Stillschweigen berührte sie peinlich, und auf einmal hob sie den Kopf, blickte lieblich lächelnd umher und sagte: »A geht's, red'n m'r von was anderm.« Die ganze Tischgesellschaft, selbst den schwergekränkten Bubi und die Majorin nicht ausgeschlossen, brach in ein herzliches Gelächter aus, und damit war endlich der seltsame Bann gebrochen, der bisher keine Feststimmung hatte aufkommen lassen wollen, Pastor Werkmeister besonders konnte sich gar nicht wieder beruhigen. Er lachte, daß ihm die Augen feucht wurden, und während er sich mit dem Taschentuch darüber tupfte, drückte er seiner Nachbarin die Hand und flüsterte ihr zu: »Ihr Schwesterchen ist wirklich allerliebst.« Eine Blutwelle ergoß sich über Kathis Wangen und versetzte ihr für einen Augenblick den Atem. Schüchtern äugte sie von der Seite zu dem frischen, stattlichen Mann empor, der ihr so wohl gefallen hatte, wie noch nie ein Mann beim ersten Begegnen. Und wieder war es die bevorzugte Schwester, welche, ohne sich im geringsten darum zu bemühen, auch ihn durch ihre Lieblichkeit gefangen hatte! Wie er sie ansah! Solche Augen hatte ihr noch nie ein Mann gemacht. Sie liebte ihre Lizzi so von Herzen, sie war so selbstlos von Natur – und doch, jetzt packte sie etwas ... nein, sie wollte sich nicht erniedrigen! Und sie nahm alle Kraft zusammen und eröffnete ein Gespräch mit ihrem Nachbar. Es glückte ihr, und sie waren bald in lebhafter Unterhaltung. Auch der Edle von Nemes-Pann war aufgetaut und begann allmählich das unbehagliche Bewußtsein, hier nicht recht am Platze zu sein, von sich abzuschütteln. Er hatte sich auch Mut gemacht, indem er von dem bösartigen Kunstgetränk, welches die harmlose Wirtin für Wein hielt, mehrere Gläser hinunterstürzte. Die Unglücksgans wurde zudem bald von einer leidlich wohlgelungenen, süßen Speise abgelöst, zu welcher sogar eine Flasche Sekt, wenn auch nur Unstrutsekt, spendiert ward. Nun war eine lebhafte, allgemeine Unterhaltung im Gang, an der einzig der Bubi sich nicht recht beteiligen wollte. Frau von Goldacker fragte Gregor nach seinen heimatlichen Weihnachtsgebräuchen. Er gab ihr eine kurze, anschauliche Schilderung, und dabei kam es heraus, daß die Bevölkerung bei ihm daheim griechisch-katholisch sei. »Sind Sie denn etwa auch griechisch-katholisch?« warf die Majorin zaghaft ein. Er nickte lächelnd mit dem Kopf. »Gewiß, Gnädige, ich bin orthodox getauft.« »Das ist ja schrecklich!« fuhr die Majorin naiv heraus, hielt sich aber fast gleichzeitig mit einem erschrockenen »Pardon« den Mund zu. »O, fürchten Sie nichts, Gnädigste,« lachte Gregor gutmütig. »Ich glaube nicht, daß es meine Seele beschädigt hat. Hab' ich jedenfalls von meiner Konfession bisher keinen Gebrauch gemacht und keinen Popen bemüht,« Die süße Speise wurde eben zum zweitenmal herumgereicht und Friedrich bot sie just Herrn von Krajesovich an. »O, bitte, nehmen Sie doch noch etwas,« nötigte die Hausfrau, »Oder lieben Sie Schlagsahne nicht?« Er machte eine ablehnende Handbewegung und erklärte, daß er selten Süßigkeiten genieße. »Aber ein Christ sind Sie doch wenigstens?« nahm die Majorin mit kühnem Gedankensprung den Faden wieder auf. Lizzi häufte sich einen großen Berg Schlagsahne auf den Teller und Pastor Werkmeister unterbrach sein Gespräch mit Kathi, um sich, auf Gregors Antwort begierig, ein wenig über den Tisch hinüberzulehnen. Der junge Herr strich sich lächelnd den Schnurrbart und erwiderte nach kurzem Besinnen: »Das kommt auf die Auffassung an, nicht wahr, Hochwürden? Das Wesen des Christentums ist doch die Liebe – nicht? Sehr wohl: ich glaube an die Liebe!« Und dabei sah er Lizzi mehr verschmitzt als zärtlich von der Seite an, Lizzi that, als ginge sie diese Sache nichts weiter an, und schmauste eifrig ihre Schlagsahne mit Mohn und Schwarzbrot. Pastor Werkmeister aber gefiel das nicht. Er wurde rot, setzte eine ernste Miene auf und sagte, dem Serben frei ins Auge sehend: »Gegen Ihre Definition des Christentums habe ich nichts einzuwenden. Es kommt nur darauf an, was für eine Art Liebe Sie meinen?« Ohne Besinnen versetzte Gregor: »O, natürlich die freie Liebe!« Mit einem leisen Entsetzensschrei lehnte sich Frau von Goldacker in ihrem echten Stuhl zurück, daß es nur so krachte, und dachte nicht daran, ein Schaumflöckchen, das an ihrer Nasenspitze hängen geblieben war, zu entfernen, »Die freie Liebe?« flüsterte sie entsetzt, indem sie ihren Sohn anstarrte und dabei ihre Hände auf die Ohren deckte. »Sie meinen doch nicht etwa...« »O nein, die freie Liebe, welche die Sozialdemokraten predigen, wird der Herr wohl schwerlich meinen,« suchte Pastor Werkmeister zu Hilfe zu kommen. Gregor wandte sich ihm lebhaft zu: »Gewiß nicht, wenn Sie an Anarchie und gar Kommunismus in der Liebe denken. Aber ich glaube nicht, daß irgend ein anständiger Mensch das wirklich will – am wenigsten bei den Sozialdemokraten. Ich glaube, dieses Ideal existiert nur in der allerfeinsten Gesellschaft.« Die Majorin ließ ihren Löffel sinken, schob ihren Teller zurück und schaute Herrn von Krajesovich entsetzt an. Gregor lachte. »Hab' ich etwas sehr Schreckliches gesagt, nicht wahr? Aber hab' ich nicht recht? Kennt man nicht die allerfeinste Gesellschaft, die serr, serr reichen Menschen, die nichts zu thun haben, als sich zu amüsieren? Die eleganten Lebemänner und die großen Weltdamen? Nun, ist nicht wahr? Sind sie nicht Kommunisten in der Liebe? Fragen Sie jemals, wem gehört der Mann, wem gehört die Frau? Ist ihnen irgend etwas heilig?« Die Majorin, die er bei dieser Frage liebenswürdig lächelnd anblickte, wußte nichts zu antworten, und der Geistliche nahm wieder für sie das Wort. »Ja, da haben Sie freilich recht; aber ich verstehe nicht recht, wie Sie sich für die sogenannte freie Liebe begeistern können, wenn Sie doch die Heiligkeit der Ehe anerkennen?« »Pardon!« versetzte Krajesovich rasch. »Ich finde gar nicht, daß die Ehe heilig ist – ich meine – unbedingt. Sie ist nur eine gesetzliche Form; aber die Liebe ist heilig, und wenn die heilige Liebe in der Ehe ist, dann ist die Ehe heilig – wenn nicht, dann nicht. Ist serr einfach! Das Gesetz und die Religion und die Moral, welche die unheilige Ehe unterstützt, ist schlecht. Und eine gute Liebe ohne Ehe ist viel besser, als eine schlechte Ehe ohne Liebe. Ist auch serr einfach.« Die Majorin rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her, schüttelte seufzend den Kopf und ließ ihre erschrockenen Augen zwischen ihrem Sohne und den beiden jungen Mädchen hin und her wandern. Rudi schoß düstere Blicke nach dem Serben hinüber. Lizzi löffelte ruhig an ihrer Speise weiter und Kathi blickte erwartungsvoll zu ihrem Nachbar auf. Der Pastor ließ nicht lange auf seine Antwort warten. Er lächelte ein wenig überlegen und sprach: »Sie sagen da nichts Neues. Die schönen Theorieen bekommen wir alle Tage zu hören von unsern jungen Herren, die sich für freie Geister ausgeben. Das klingt ganz gut, hat aber für die Praxis gar keinen Wert; denn sobald Sie diese Theorie von der heiligen Liebe zum Gesetz erheben wollten, würden Sie sofort die Anarchie einreißen sehen, die Sie doch selbst verurteilen. Diese unruhige, genußsüchtige Jugend von heute will nichts mehr wissen von Pflicht und Verantwortlichkeit, darum spottet sie über das bürgerliche Gesetz gerade so gern, wie über die geoffenbarte Religion, und treibt dafür ihren Götzendienst mit philosophischen und poetischen Schlagworten. Sie gehören wohl auch zu den Uebermenschen, die sich jenseits von Gut und Böse fühlen?« Der ironische Ton, in welchem das vorgebracht wurde, verletzte Gregor. Er zuckte leicht die Achseln und sagte: »Ich weiß serr wohl, es ist schwer, von den geistlichen Herren eine einfache Antwort auf eine einfache Frage zu bekommen. Ich frage Sie: Ist eine Ehe heilig, die aus frivolen, materiellen Gründen geschlossen ist, und wo der Mann die Frau prostituiert und die Frau den Mann herunterzieht, oder wo sie beide sich unglücklich fühlen und ihren Kindern ein schlechtes Beispiel geben – ist eine solche Ehe auch heilig? Und Sie antworten mir: Sie bilden sich wohl auch ein, daß was Besseres sind, wie andre Leut. Sagen Sie, gnädige Frau, oder meine jungen Damen, glauben Sie auch, daß die göttliche Weltordnung verlangt, sie müßten sich jedes Schicksal in der Liebe – oder sagen wir Ehe – gefallen lassen, was Ihnen der Zufall bringt? Wenn Sie fühlen, daß Sie unschuldig gemißhandelt werden, werden Sie nicht weglaufen? Die meisten von Ihnen werden doch überhaupt verkauft, und selbst wenn Sie einen Mann heiraten, in den Sie serr verliebt sind, wie wollen Sie wissen, ob er so ist und so bleiben wird, wie Sie ihn denken. Wir spielen ja alle bißchen Komödie, wenn wir geliebt werden wollen. Die Wahrheit kommt immer erst nach der Hochzeit heraus. Nun, ich frage: wenn man einen großen Irrtum einsieht, ist es recht, ein ganz gewisses Unglück für das ganze Leben auf sich zu nehmen, oder ist nicht besser, seine Kraft zu retten für einen neuen Versuch? Wenn eine dumme Sitte die Menschen zwingt, in die Ehe hineinzurennen wie Narren, so muß doch erlaubt sein, zur nächsten Thür wieder hinauszulaufen, wie vernünftige Leut'. Und Ihnen, Hochwürden, will ich ein Wort sagen: es ist so schwer gemacht, daß der richtige Mann und die richtige Frau sich herausfinden in der Masse, daß wir alle serr froh und dankbar sind, wenn wir nur einigermaßen das Richtige getroffen haben. Ist gar keine Gefahr, daß alle Paare auseinanderlaufen, um etwas Besseres zu suchen. Müh' ist viel zu große und Resultat zu unsicheres. Was nur einigermaßen sich gut verträgt, sage ich, das bleibt zusammen.« Ein allgemeines Stillschweigen folgte dieser langen Rede, Selbst der geistliche Herr, der doch der Berufenste gewesen wäre, hielt es nicht für angezeigt, darauf zu erwidern. Er setzte eine kühl abweisende Miene auf und wechselte einen verständnisinnigen Blick mit der Frau des Hauses. Die Majorin verstand die Aufforderung, die darin lag, und erhob sich. »Ich denke, wir heben die Tafel auf,« sagte sie mit einem gezwungenen Lächeln. »Ich kann nicht finden, daß die Richtung, die das Gespräch genommen hat, zu der Stimmung paßt, die eine christliche Familie am heiligen Abend beherrschen sollte. Sie scheinen auch in Ihrem Eifer ganz vergessen zu haben, daß sich zwei junge Madchen und ein unschuldiger Knabe unter Ihren Zuhörern befinden.« Der unschuldige Knabe trat mit einem raschen Schritt an seiner Mutter Seite heran, ergriff sie fast rauh am Arm und stammelte, bleich vor Erregung, mit zuckenden Lippen: »O, Mama, bitte – ich bin kein Kind mehr. Ich verstehe sehr gut, was dieser Herr meint. Ich will – ich werde...« Das Ende des Satzes verlor sich in ein undeutliches Gemurmel. Ein Paar Sekunden noch zögerte Rudi und schien etwas sagen zu wollen. Die Finger seiner Rechten ballten und spreizten sich, wie in einer Art Krampf – und plötzlich lief er aus dem Zimmer und machte die Thür unsanft hinter sich zu. In peinlicher Verlegenheit schauten die Zurückgebliebenen einander an. Sie standen noch immer um den Tisch herum und warteten auf eine Aufforderung der Hausfrau, in den Saal zurückzukehren. Lizzi war die erste, Worte zu finden. »Ja, was is denn?« rief sie in naiver Verwunderung. »I glaub', der Rudi spinnt a bißl! Der versteht doch zum mindesten amal gar nix'n von dem Sach. Und überhaupts, ich weiß gar net, was wollt's. Dees war doch ganz richtig, was der Herr g'sagt hat.« Und dann wandte sie sich mit ihrem schönsten Hochdeutsch an Pastor Werkmeister und sagte: »Ja, haben Sie denn etwa »Nora« nicht gelesen? Dieses Meisterwerk von Henrik Ibsen?« Der Pastor mußte wider Willen lächeln, denn sie brachte das so großartig und drollig vorwurfsvoll heraus. Nur mit Mühe vermochte er den Ton seelsorgerischer Würde zu bewahren, indem er ihr erklärte, daß dergleichen keine gesunde Lektüre für ein junges Mädchen sei. Lizzi begehrte sofort auf: »Aber bitt schön, erst recht is das g'sund! D' Männer freilich, die möchten, daß wir von gar nix wissen, damit S' uns nur recht bequem anlügen können, daß wir all's glaub'n und uns all's g'fallen lassen soll'n. Die ganz dummen Gäns, die mögen's am liebsten. Ihr werdt's schon sehen, Ihr werdt's so weit treiben, daß überhaupts ka g'scheits Mädel mehr heiraten mag.« »Bravo, bravo, serr gut!« rief Gregor freudig aus, indem er Miene machte, Lizzi zu umarmen. Sie wich ihm aber aus und sagte, ihm mit dem Zeigefinger auf die gestärkte Hemdenbrust tippend: »Und daß Sie's nur wissen, mei' Lieber, wenn i amal heirat' und das Wunderbare kommt net, da lauf' ich auch davon. Grad' wie die Frau Nora.« »Serr gut, serr gut!« lachte Gregor und küßte ihr stürmisch die Hand. »Hab' ich doch nicht ganz umsonst gepredigt. Haben Sie gehört, gnädige Frau, was Fräulein gesagt hat?« »Ich habe es mit Schrecken gehört!« versetzte die Majorin leise. Und dann schritt sie rasch nach der Thür und forderte ihre Gäste auf, in den Saal zurückzukehren. Die Kerzen wurden alle wieder angesteckt. Behagliche Wärme und heller Glanz erfüllten den weiten Raum, dessen Buntscheckigkeit und Stilmängel in dem weihnachtlichen Festaufputz wirklich anmutig phantastisch wirkten: aber die Stimmung war doch zu gründlich verdorben – die freudige, gedankenlose Gemütlichkeit war geflohen vor dem winterkalten Hauch gesunder Weltweisheit, den der Fremdling mit hineingebracht hatte. Gregor fühlte wohl, daß er Spielverderber geworden sei. Es traute sich eigentlich niemand mehr mit ihm zu reden, und Lizzi, die aus reinem Trotz sich zu ihm hielt und ihn desto entschiedener auszeichnete, je schnöder ihn die übrige Gesellschaft ihre Abneigung empfinden ließ, Lizzi mußte Bann und Acht mit ihm teilen. Das sollte nicht sein. Er entschloß sich kurz, ging auf die Hausfrau zu, sobald er sie allein in einer Ecke des Zimmers beschäftigt sah und sagte: »Ich sehe, gnädige Frau, ich habe das Unglück, Ihnen zu mißfallen. Bitte, erlauben mir, mich zurückzuziehen.« »O, Sie wollen schon gehen?« versetzte die Majorin sehr kühl. »Es ist wohl besser,« sagte er ernst. »Es war serr freundlich von Ihnen, mich einzuladen und ich danke Ihnen serr vielmals, gnädige Frau, aber ich kann nicht aus Höflichkeit meine Ansichten fälschen. Fräulein Lizzi hat mich ja auch verstanden. Das ist die Hauptsache. – Ich habe die Ehre!« Er verbeugte sich respektvollst vor ihr, etwas kühler vor dem Pastor, reichte Kathi die Hand und schritt dann etwas zögernd auf Lizzi zu. Sie kam ihm auf halbem Wege entgegen, hing sich an seinen Arm und sagte laut: »Ich begleite dich hinaus.« – Die Thür hatte sich kaum hinter ihnen geschlossen, als die Majorin mit einer energisch fortweisenden Handbewegung ausrief: »Dieser Mensch kommt mir nicht mehr ins Haus.« Weder Pastor Werkmeister noch Kathi wagten darauf etwas zu sagen, aber Kathi sah mit leise zuckenden Lippen zu dem hohen Manne auf, der selbst ihre stattliche Größe noch um ein Beträchtliches überragte, als erwartete sie, daß er sich des Verkannten annehmen sollte. Er bemerkte ihren bittenden Blick nicht. Er schien vielmehr nach dem Gang hinauszuhorchen, und als man nach wenigen Minuten, während deren kein Wort gewechselt wurde, die Entreethür schließen hörte, sagte er leise zur Majorin: »Soll ich nicht einmal hinübergehen und sehen, was unser Rudi macht? Ich fürchte, da ist etwas nicht in Ordnung,« Sie drückte ihm warm die Hand. »Ja, thun Sie das, lieber Freund. – Wir verstehen uns.« – Draußen im Gang fand er Lizzi. Sie stand mit dem Rücken an die Entreethür gelehnt und drückte beide Hände vor ihre Augen. »Was ist Ihnen, mein liebes Fräulein?« fragte er in seinem wärmsten Tone. »Weinen Sie doch nicht. Ich glaube, es ist zu Ihrem Besten, daß alles so gekommen ist. Wenn Sie zu mir Vertrauen fassen können, so sprechen Sie sich aus. Vielleicht kann ich Ihnen auf den Weg helfen. Fürchten Sie nicht, daß ich als Geistlicher in Sie zu dringen versuche; aber als Freund und als Mann, der auch die Welt und das Leben kennt, möchte ich Ihnen zur Seite stehen dürfen.« Lizzi hatte schon längst die Hände von ihren Augen genommen und blickte ihm halb unmutig, halb verwundert ins Gesicht. »Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen, Herr Pastor. Da schaun S', ich weine gar nicht und einen guten Rat brauch' ich auch nicht. Dank schön.« Damit machte sie ihm einen schnippischen Knix und kehrte in den Saal zurück. Der Pastor aber fuhr sich über die hohe Stirn und schaute ihr tiefaufseufzend nach. Dann betrat er Rudis Zimmer. Er hatte vergessen anzuklopfen und so überraschte er den Sohn des Hauses, wie er, eine Faust auf den Tisch gestemmt, die andere drohend emporgereckt, die Augen rollend dastand und halblaut vor sich hin knirschte. Er konnte sich nicht enthalten, kurz aufzulachen und auszurufen: »Aber bester Rudi, was machen Sie denn da? Tragieren Sie den Räuber Moor?« Rudi würdigte ihn keiner Antwort. Er warf sich auf sein kleines Sofa, stützte den Kopf in die Hände und starrte vor sich hin. Der Pastor setzte sich zu ihm, legte ihm einen Arm um die Schulter und sprach ihm halb väterlich, halb scherzend zu. Da auf einmal unterbrach der Jüngling seine wohlgemeinten Ermahnungen, indem er kräftig auf den Tisch schlug und ihn herausfordernd anblickte. »Herr Pastor, sagen Sie mir, was würden Sie thun als Mann von Ehre, wenn man Ihre Schwester beleidigt hätte?« »Waas?« »Nun, Gott sei Dank, ich kenne meine Pflicht!« Fünfzehntes Kapitel. In welchem der Heldenjüngling Rudi nach Blut lechzt und dem Erzengel Gabriel die Nase abschlägt, Kathi ihr Herz entdeckt und ein bedrohlich Unwetter sich über Lizzis Haupt zusammenzieht. Schon um elf Uhr des andern Morgens erhielt Lizzi einen Brief von Herrn Krajesovich von Nemes-Pann, den er noch gestern nachts geschrieben und in aller Frühe in den Kasten geworfen haben mußte. Es war ein feiner, kluger und auch warmherziger Brief, in dem er ihr auseinandersetzte, wie der peinliche Vorfall des Abends ihm über die Unmöglichkeit ihres jetzigen Verhältnisses vollends die Augen geöffnet habe. Die Frau Majorin habe es ja ohne Zweifel sehr gut gemeint, indem sie ihm ihr Haus geöffnet, um ihm die Gelegenheit zu geben, eine Verlobung herbeizuführen, nach den in der gebildeten europäischen Gesellschaft geltenden Regeln. Aber gerade dadurch, daß sie ihn so mit sanftem Zwange gewissermaßen mit der Nase auf diese Regeln gestoßen, habe sie es ihm unmöglich gemacht, ein entscheidendes Wort zu sprechen. Was er da gestern geredet habe von der freien Liebe, das sei seine wirkliche Herzensmeinung und nicht nur etwa gesagt gewesen, um die Gesellschaft zu seinem Vergnügen zu schokieren. Er habe ja auch zu seiner Freude gesehen, daß sie ihn ganz richtig verstanden. Wenn er jetzt als approbierter Arzt in seine Heimat zurückkehre, so trete er ja auch, wie die deutschen Studenten sagten, ins Philistertum ein und werde, wie jeder andre Mann in Amt und Würden gezwungen sein, sich den Anstandsregeln der Gesellschaft im allgemeinen zu fügen. Höchst wahrscheinlicherweise werde er sich auch einmal unter Beobachtung der üblichen Formen verloben, aber sicherlich nur mit einer Dame, die er vorher gründlich genug kennen gelernt habe, um seiner und ihrer Liebe und des Zutreffens aller übrigen Vorbedingungen einer guten und vernünftigen Ehe sicher zu sein. Mit ihr sei er ja aber, das müsse sie selbst zugeben, über das allererste Vorbereitungsstadium noch nicht hinausgekommen. Er habe sich in sie verliebt und sie habe an ihm ein wenig Gefallen gefunden – darauf hin aber könnten sie beide doch nicht ihr Lebensschicksal aneinander knüpfen, ohne sich eines sträflichen Leichtsinnes schuldig zu machen. Nicht etwa, daß sein Gefühl für sie schon erkaltet sei; aber sein Geist sei durch die Vorbereitungen zum Examen so völlig in Anspruch genommen, daß sein Gefühlsleben keinen Spielraum mehr besitze. Er dürfe also noch gar nicht wagen, zu bestimmen, was seine Neigung eigentlich wert sei. Indem sie sich gestern in jenem komisch-peinlichen Mißverständnis so furchtlos auf seine Seite gestellt, habe sie ihm bewiesen, daß ihr Geist frei genug sei, um der Vernunft Gehör zu geben und sich fremder Beeinflussung zu erwehren. Darum könne er nun auch, ohne Furcht sie zu verletzen, ganz offen die Bitte aussprechen, sich selbst und ihn als frei zu betrachten. Sie sei ja noch so jung und stehe mitten in ihrer geistigen Entwickelung drin – da dürften sie sich ja beide noch Zeit lassen. Er werde höchstwahrscheinlich schon bald nach Berlin zurückkehren, um in einer Assistentenstellung seine Kenntnisse zu vertiefen und seine Geschicklichkeit auszubilden. Wenn sie dann beide einander nicht vergessen, sondern die schöne Erinnerung treulich gehegt und gepflegt hätten, dann werde sie ihm vielleicht erlauben, sie wieder zu sehen, und dann könnte sich ihr Verhältnis in verantwortlicher Freiheit zur echten Liebe auswachsen. Inzwischen wollten sie gute Freunde bleiben, ohne einander zu suchen, sich nicht aus dem Wege gehen und sich aus der Entfernung von ihrem Thun und Treiben Nachricht geben. Mit klopfendem Herzen hatte Lizzi den langen Brief zu Ende studiert, dann ein Weilchen still nachgedacht, ein paar gerührte Thränchen vergossen – und dann war die Geschichte ausgestanden. Sie war wieder froh und zufrieden und fand im Grunde ihr Krajesovicherl jetzt liebwerter denn je zuvor. Ja, sie bewunderte ihn, sie war stolz auf ihn – und überdies sicher, daß kein vernünftiger Mensch sich seiner zwingenden Beredsamkeit verschließen könne. Du lieber Himmel, was war das für ein Abend gewesen! Nie hätte sie geglaubt, daß diese liebe Frau von Goldacker so bitterböse werden könnte. Wie eine Verbrecherin hatte sie sie behandelt und der Pastor, der verdrehte Bubi, ja selbst ihr Katherl hatten ihr dabei geholfen. Sie mußte jetzt lachen, wenn sie an die großen betrübten Augen dachte, die die Schwester ihr beim Abschied gemacht, als Pastor Werkmeister mit ihr abgezogen war, um sie heim zu geleiten, und wie sie beide mit so wehmütigem Tone sie dem Schutze Gottes empfohlen hatten, als sei sie eine unglückliche Verlorene, die nur durch das direkte Eingreifen der himmlischen Mächte vielleicht noch zu retten sei. Sie hatte den Geist des Unglaubens ins Haus getragen, sie hatte sich auf die Bank gesetzt, da die Spötter sitzen und war den Lockungen der bösen Buben gefolgt. Unter den Begriff der bösen Buben hatte die Majorin übrigens im Verlaufe ihrer Strafpredigt auch Fräulein Grönroos eingereiht, weil Lizzi auf ihre Anregung hin die Bekanntschaft mit der gefährlichen modernen Litteratur gemacht habe, der nichts mehr heilig sei. Das war von ihrem Eintreten für Nora hergekommen – und darauf hin hatte die Majorin die Erlaubnis, Fräulein Grönroos bei sich im Hause empfangen zu dürfen, wieder zurückgezogen. Sie habe nach der traurigen Erfahrung des heiligen Abends genug von ihren freisinnigen Freunden. Lizzi hatte sich im Bett nochmals alles ernsthaft überlegt, was ihr vorgeworfen worden war, aber sie vermochte es beim besten Willen nicht einzusehen, was Gregors oder auch Ibsens höchst würdige Ansichten über die Ehe denn Gotteslästerliches oder Lasterhaftes in sich schließen sollten. Und da sie trotz ehrlicher Anstrengung ihr Gewissen nicht zum Beißen zu reizen vermochte, so überließ sie sich endlich in glücklicher Selbstzufriedenheit ihrem gesunden jugendlichen Schlaf. Am andern Morgen hatte sich, trotzdem draußen heller Sonnenschein über einem wunderschönen Wintertag lachte, die düstere Miene der Majorin noch nicht aufgeklärt und dem schlimmen Abendsegen war eine kaum weniger bewegliche Frühpredigt gefolgt über den Text: »Du sollst dem Sohne des Hauses, das dich hegt, den Kopf nicht verdrehen.« Lizzi hatte nur große Augen gemacht und die Verteidigung als nutzlos aufgegeben, innerlich jedoch sich gräßlich gegiftet über den dummen Buben. Nun aber hatte sie ja ihren wundervollen Brief – ihre Freisprechung! Stolz und zuversichtlich ging sie damit zur Tante Goldacker und reichte ihn ihr zum Lesen. Die Majorin setzte sich damit ans Fenster und machte sich begierig darüber her, während Lizzi sich auf einen Stuhl in der Nähe sinken ließ, die Hände im Schoß faltete und das Gesicht der Lesenden beobachtete. Es dauerte wohl eine Viertelstunde, ehe sie damit zu Ende kam, denn sie war nicht stark im Handschriftenlesen, und besonders erbaut schien sie von dem Inhalt auch nicht zu sein, nach ihrem sonderbaren Mienenspiel zu schließen. Als sie endlich damit fertig war, erhob sie sich und warf das Schreiben – drei Bogen feinsten Papiers waren es – mit einem so zornigen Ruck auf ihren Schreibtisch, daß zwei Blätter davon herunterflatterten. Dann kreuzte sie die Arme unter der Brust und begann aufgeregt im Zimmer hin und her zu schreiten. Erschrocken war Lizzi von ihrem Stuhle aufgefahren und stammelte verwirrt: »Je, was is denn, liebe Tante? Ich mein doch ...« »Empörend ist es,« fiel Frau von Goldacker ein. »Einfach empörend! Das ist nun der Dank dafür, daß man sich dazu hergibt ... Warum zeigst du mir das überhaupt? Eine solche Unverschämtheit! Also ich bin daran schuld, daß aus der Sache nichts werden kann – das hat der junge Herr mit seiner Gescheitheit also glücklich herausgekriegt! Haha – es ist wirklich reizend! Ich habe ihn mit Gewalt verkuppeln wollen und das verletzt sein Zartgefühl – darum muß er dich blamieren, nicht wahr? Jetzt soll ich mich wohl schämen und dich um Entschuldigung bitten, daß ich mich hineingemischt habe? Deshalb gibst du mir das zu lesen, nicht wahr? Ja, sag mir bloß, was bist denn du für ein unglaubliches Menschenkind? Schaust drein, wie die liebe Unschuld selber und verdrehst allen Leuten den Kopf. Meinem armen Bubi habe ich gestern nacht noch kalte Umschläge machen müssen. Pastor Werkmeister hat ihn ins Gebet genommen und herausgekriegt, daß er wie närrisch in dich verbrannt sei. Das sage ich dir, Mädel, wenn du meinen Bubi nicht zufrieden läßt ...! Ja, ja, ich will dir's ja glauben: du hast dir nichts Böses dabei gedacht, aber ... du lieber himmlischer Vater, womit habe ich das verdient? Das ist nun schon die fünfte Verlobung, die ich protegiert habe und aus der nichts wird! Mein Haus muß ja förmlich in Verruf kommen. Na, es soll bloß wieder jemand wagen, mir mit solchen sapperlotschen Liebesgeschichten zukommen. Ich werfe jeden hinaus, der sich hier verloben will – außer meinem Sohn und mir selber!« Lizzi wartete noch ein kleines Weilchen. Aber da die Majorin ihre zornige Beredsamkeit vorläufig erschöpft zu haben schien, wagte sie endlich ganz zaghaft die Frage, ob sie denn nun auch hinausgeworfen werden sollte. Die Majorin wurde rot, setzte sich und dachte nach. Es kam ihr zum Bewußtsein, daß sie doch wohl ein bißchen Unsinn geschwätzt habe in ihrer Aufregung. Ein wenig scheu blickte sie zu Lizzi hinüber, die, auf ihre Entscheidung wartend, an der geschweiften Kommode lehnte, so traurig und demütig und lieblich anzuschauen. Ihre harten Worte thaten ihr schon leid, Sie streckte ihr die Hand entgegen und sagte sanft: »Ach was, ich kann dich doch nicht auf die Straße setzen, Kind! Was wolltest du denn mit dir anfangen?« Lizzi trat langsam näher, begann mit ihrer Schürze zu spielen und erwiderte bescheiden: »Ja, jetzt bin ich doch ganz frei, liebe Tante, und da muß ich schauen, daß ich mir mein Brot verdien'. Ich will halt fleißig studieren, daß ich recht bald auftreten kann,« »Also du willst wirklich zur Bühne gehen?« »Ja, du siehst ja doch selber, daß ich sonst zu nixn was taug'.« Die Majorin konnte sich nicht helfen, sie mußte das liebe Mädel an sich ziehen – es war gar so hübsch und rührend herausgekommen! Sie nahm sie auf den Schoß und küßte ihr die Wangen und begann still zu weinen, richtig so, als ob sie die arme Unschuld gekränkt und nun um Vergebung zu bitten habe. Und als sie schließlich die wohlthätigen Thränen wieder trocknete, seufzte sie tief auf und sprach: »Ach du lieber Gott, was bin ich doch trotz meiner Jahre für ein hilfloses Geschöpf! Sei mir nicht böse, Kind. Ich weiß wahrhaftig nicht aus und ein. Ich muß wirklich heiraten. Ich sehe es ein, damit ich jemand habe, der mir aus solchen Schwierigkeiten heraushilft. – Ich will mit Rudi sprechen – er ist doch wenigstens ein Mann.« Damit schob sie die schwere Last sanft von sich, las Gregors Schreiben von der Erde auf und ging damit davon, um den Rat ihres Herrn Sohnes einzuholen. – Bubi benahm sich großartig. Weit entfernt, erstaunt oder verlegen zu sein über das Amt, das seine Mutter ihm zumutete, gebärdete er sich vielmehr, als habe er nur darauf gewartet, daß sie sich bei ihm Rats erholen werde und als sei die Rolle des Beichtvaters und Vormundes die ihm natürlich zukommende. »Ich werde diese Sache in Ordnung bringen, Mama,« hatte er sie mit männlicher Festigkeit beschieden und war dabei nur um eine Schattierung bleicher geworden als gewöhnlich. Dann hatte er den neuen Paletot mit den schwarzen Krimmeraufschlägen angezogen, den ihm das Christkindl gebracht und der weise auf Zuwachs berechnet war, sowie die dito pelzgefütterten Handschuhe – und war davon gegangen, ohne seiner erstaunten Mutter weiter Rede zu stehen über seine Absichten. Hätte sie seinen furchtbaren Entschluß geahnt, er hätte nur über ihre Leiche sich den Weg ins Freie bahnen können! Herr Krajesovich von Nemes-Pann war nicht wenig erstaunt, als er in dem Augenblick, wo er gerade sein Zimmer verlassen wollte, um zum Essen zu gehen, von seiner Fileuse die Karte des Herrn Rudolf von Goldacker eingehändigt erhielt. Er bat den jungen Herrn einzutreten und sagte: »Ist wirklich serr freundlich von Ihnen, daß sich die Mühe machen, mich aufzusuchen. Solche Förmlichkeiten wären doch gar nicht nötig, ich bitte Sie.« Damit streckte er ihm die Hand entgegen, seine schlanke, weiße, aristokratische Hand. In der ersten Verwirrung erhob Rudi die große schwarze Bärentatze, zog sie aber gleich darauf wieder zurück, versteckte sie auf dem Rücken und sagte: »Pardon, ich bin nicht gekommen, um Höflichkeiten zu – zu ...« Er konnte das Wort nicht finden, um die Phrase abzurunden und wurde ein wenig rot. Er reckte sich empor so lang er konnte, würgte ein wenig, holte tief Atem und dann stieß er rasch die Worte hervor, die er sich unterwegs überlegt hatte: »Mein Herr, Sie haben meine Mutter und meine Schwester beleidigt, Sie werden mir Genugthuung geben.« Unwillkürlich trat Gregor zwei Schritte zurück. Er war so aus den Wolken gefallen, daß er nicht gleich eine Antwort fand. Ein schlechter Witz war das nicht, das konnte er dem bleichen Knaben vom Gesicht ablesen, das vor Erregung zuckte. Er bezwang also seine Lachlust und erwiderte nach kurzem Besinnen: »Aber mein lieber junger Herr, ich verstehe wirklich nicht, was Sie wollen. Bitte, nehmen Sie doch Platz. Erzählen Sie mir, was ist vorgefallen. Rauchen Sie? Hier sind Cigaretten.« Rudi lehnte stumm ab. Er wollte sich auch nicht setzen und wiederholte nur noch einmal: »Sie haben meine Mutter und meine Schwester beleidigt, ich bin ihr einziger Schutz, Sie werden mir ...« »Pardon,« unterbrach ihn Gregor. »Sie sprechen immer von Ihrer Schwester. Ich habe doch gar nicht die Ehre.« »Fräulein Mödlinger hat mir erlaubt, mich als ihren Bruder zu betrachten,« versetzte Rudi ernsthaft. »O, Sie kommen im Auftrag von Fräulein Mödlinger?« »Nein, ich komme in gar keinem Auftrag; aber ich kenne meine Pflicht! Meine Mutter hat mir Ihren Brief zu lesen gegeben. Sie werden also verstehen ...« »Ah so – ich verstehe,« fiel Gregor ein. Er konnte sich eines leichten Lächelns nicht mehr erwehren. Er schritt ein paarmal im Zimmer auf und ab, dann blieb er vor dem jungen Helden stehen und sagte sehr freundlich: »Seien Sie mir nicht böse, mein lieber Herr von Goldacker, aber sind Sie nicht etwas zu jung, um diese Dinge zu beurteilen?« Jetzt wurde Rudi dunkelrot und er fühlte, wie ihm die Kniee zitterten. Es war nur gut, daß der neue Paletot so lang war, um sie zu verdecken. Davor hatte er Angst gehabt, daß Herr von Krajesovich die Sache von dieser Seite nehmen würde, aber die Antwort, die er sich für den Fall zurechtgelegt, wollte ihm nicht über die Lippen. Es wurde ihm plötzlich sehr heiß und er mußte nach der Lehne des nächsten Stuhles greifen, um sich aufrecht zu erhalten. Er murmelte nur etwas Unverständliches vor sich hin. Gregor lächelte wieder, legte ihm leicht die Hand auf die Schulter und sagte: »Ich bewundere Ihren Charakter, mein junger Herr, aber ich kann mir nicht vorstellen, daß Frau Mutter serr zufrieden sein wird mit diesem Schritt. Wenn sie sich beleidigt fühlt durch meinen Brief, so thut mir serr leid und werde ich um Entschuldigung bitten. Aber gegen Fräulein Mödlinger habe ich vernünftig und anständig gehandelt, und kann ich nicht zugeben, daß Sie darüber urteilen. Gehen Sie, junger Freund, seien Sie gescheit. Wissen Sie denn überhaupt, wie man solche Geschichten anfängt? Wollen Sie mich auf meinem Zimmer prügeln oder haben Sie Schießgewehr in die Tasche gesteckt?« »Ich werde Ihnen meine Zeugen schicken,« knirschte Rudi dumpf. »Das muß eigentlich zuerst geschehen,« versetzte Gregor gutmütig. »Aber was wollen denn für Zeugen schicken, bitte? Erwachsene Männer können doch für solche Dummheiten nicht finden. Und von mir können doch nicht verlangen, daß ich hier Konferenz abhalte mit Schulbuben – pardon, wollte sagen, junge Herren vom Gymnasium.« »O – ich kenne so viele Offiziere von der Garde, die mir mit Vergnügen ...« »Geben Sie sich keine Mühe,« unterbrach ihn Gregor munter. »Die Herren würden Sie auslachen.« Rudi keuchte vor Wut und das Schlimmste war, er fühlte sich in diesem Augenblick so schwach, daß er mit nicht eben würdiger Plötzlichkeit Platz zu nehmen genötigt war. Er schnaufte und würgte, und dann sprang er mit Anstrengung aller Kraft auf die Füße und stieß heiser hervor: »Wenn Sie sich weigern, sind Sie ein Feigling.« Gregor brauste auf: »Sie sind ein ...« Aber er bezwang sich. Nachdenklich drehte er ein kleines Weilchen seine Schnurrbartspitze zwischen den Fingern, dann zog er seine Uhr hervor und sagte lächelnd, aber entschieden: »Sie entschuldigen, mein Herr, ich pflege um diese Stunde zu speisen. Wenn Sie mir erwachsene Zeugen schicken können, so stehe ich zu Ihrer Verfügung. Erwachsene, bitte. – An Ihre Frau Mutter werde ich schreiben, mich zu entschuldigen.« Rudi war schon an der Thür gewesen, aber das Wort fuhr ihm in die Glieder. Er stolperte zwei rasche Schritte vorwärts und erhob bittend die beiden Riesenpatschen. »Sie werden doch nicht meiner Mama ...« stammelte er, seine Aeuglein weit aufreißend: »die würde es ja nie erlauben – ich wollte sagen natürlich – niemand kann mich hindern meine Pflicht zu thun! aber meine Mama – natürlich. ... Wenn Sie das thun, dann – hm – aber Sie werden das nicht thun!« Er warf seinem mitleidig lächelnden Gegner noch einen halb drohenden, halb bittenden Blick zu und dann taumelte er hinaus und so rasch ihn seine schlottrigen Kniee tragen wollten, die Treppe hinunter. Er kehrte in der nächsten Destille ein und genoß einen Cognac, wodurch er einigermaßen wieder in Besitz seines Heldenbewußtseins gelangte. Auf dem langen Heimwege hatte er Zeit genug zu überlegen, wen von seinen Bekannten er auffordern könnte, ihm in seinem Ehrenhandel zu sekundieren. Die Kommilitonen der Obersekunda, von denen es einige mit Freuden gethan hätten, waren von vornherein abgelehnt und die Dutzende von Gardeoffizieren, mit denen er geprahlt hatte – ja, wenn er sie so namentlich vornahm, einen nach dem andern, mußte er sich doch gestehen, daß die Aussicht, sie für seine Sache zu gewinnen, recht gering sei. Sie würden dann doch auch seine Gründe erfahren wollen, wenn sie sich überhaupt auf etwas einließen. Konnte er diesen Herren, die ihm schließlich doch nicht gar so nahe standen, verraten, daß der verwünschte Serbe seine angebetete Lizzi, seine sogenannte Schwester genasführt habe? Machte er dadurch die Sache nicht nur schlimmer? Jetzt wußte doch wenigstens nur Pastor Werkmeister davon. Der Pastor konnte den Ungläubigen und Verteidiger der freien Liebe auch nicht ausstehen – aber Geistliche dürfen mit Ehrenhändeln nichts zu thun haben. – Eine ganz verzwickte Lage war es, in die er sich da gebracht, das sah er jetzt wohl ein. Er hätte dem Kerl einfach eine Ohrfeige geben, davongehen und das weitere abwarten sollen. Dann hätte er erhobenen Hauptes heimkehren dürfen mit dem Bewußtsein, die gekränkte Ehre seiner Damen gerächt zu haben. So aber ... Es war doch ein entsetzliches Schicksal, siebzehn Jahre alt und Obersekundaner und dabei mit dem Mute des Löwen und dem Ehrgefühl des Edelmannes begabt zu sein! Daheim hatten sie schon mit der Suppe auf ihn gewartet und er wurde für sein Zuspätkommen gescholten – vor IHR! Empörend! Aber die Stunde sollte kommen, wo sie ehrfurchtsvoll zu ihm aufblicken sollte, als zu dem Rächer ihrer Ehre. Und während er die laue Suppe mit düster zusammengezogenen Brauen hineinlöffelte, rauschte es leise durch seine Seele wie ferne Harfenaccorde und aus tiefsten Schmerzen geboren entrang sich seinem fiebernden Gehirn ein Gedicht, das also begann: Mädchen, Mädchen, und du schlägst Nicht die Augen nieder? Wenn du meiner Wunden pflegst, Sprechen wir uns wieder! Ah, nun hatten ihn also seine erste Mannesthat und sein erstes großes Herzeleid zum Dichter gemacht! Er fühlte ordentlich, wie seine Seele sich weitete, wie er wuchs an innerer Bedeutung und wie die feinsten und edelsten Gefühle zusehends empor keimten, gleich Kressensamen, den man mit ungelöschtem Kalk düngt. Er rückte und reckte sich auf seinem Stuhle, um sich in würdige Positur zu setzen. Man mußte es ihm doch ansehen, zum Donnerwetter, was er für ein Kerl war! Unbegreiflich, daß ihn niemand fragte, wo er denn eigentlich gewesen sei! Selbstverständlich hätte er es den schwachherzigen Frauen um keinen Preis verraten – aber wie wenig Menschenkenntnis mußten sie doch besitzen, um nicht zu bemerken, daß er unmöglich von einem gewöhnlichen Tiergartenspaziergang heimgekehrt sein könne. Oder sollten wirklich seine Mienen so wenig ausdrucksvoll sein? – Schon bei Tische hatte die Majorin sich auffallend zerstreut gezeigt, viel geseufzt und sich öfters mit ihrem Tüchlein die Augen betupft. Nachher hatte sie sich zu ihrer gewöhnlichen Mittagsruhe auf ihr Zimmer zurückgezogen, war aber schon nach einer halben Stunde, zum Ausgehen angekleidet, bei Lizzi eingetreten und hatte ihr eröffnet, daß sie Pastor Werkmeister aufsuchen wolle, um ihm ihre Zweifel und Sorgen anzuvertrauen. Bei ihrem Sohne guckte sie nur hinein, um ihm flüchtig adieu zu sagen. Rudi war die ganze Zeit über in seinem engen Gemach herumgetrottet wie ein junger Bär im Zwinger und hatte hin und her überlegt und spintisiert, wie er sich wohl aus seiner vertrackten Lage am besten herauswickeln könnte, ohne daß jedoch die Erleuchtung über ihn gekommen wäre. Sobald aber seine Mutter fort war, litt es ihn nicht länger in seinem Gefängnis. Er ging in den Saal hinüber, wo des Festtags wegen geheizt war. Da hatte er wenigstens mehr Platz, seine Gedanken spazieren zu führen. Außerdem wollte er die Gelegenheit nicht unbenutzt lassen, um sich unbeobachtet ein wenig einzupauken, für den Fall, daß Herr von Krajesovich Schläger oder krumme Säbel der Pistole vorziehen sollte. Das Schwert, welches sein Vater im französischen Feldzuge geführt und welches als Wanddekoration in seinem Zimmer hing, nahm er mit hinüber. Fechtunterricht hatte er schon als Untersekundaner genossen. Die beiden tiefhängenden Lüstres, sowie der große Christbaum nahmen ziemlich viel Platz im Saal fort und er mußte daher sein Gefechtsfeld auf einen freien Raum vor dem Erker beschränken. Halblaut kommandierte er sich selbst: »Auf die Mensur! – Bindet die Klingen! – Los!« Im flotten Spiel des Handgelenks ließ er die Klinge durch die Luft pfeifen. Er war immer ein ganz geschickter Fechter gewesen. Sein Unglück war nur die Schwäche seiner Muskeln. Der Arm wurde ihm bald müde und das Handgelenk begann zu schmerzen; aber er mußte darüber hinweg zu kommen suchen. Bis zur völligen Erschöpfung wollte er aushalten. Er warf seinen Rock ab und begann einen neuen Gang, indem er eine Kombination von Hieben sich ausdachte und halblaut vor sich hin kommandierte, und dann wieder eine neue – und so fort, bis ihm der Arm matt herabsank. Aber er gönnte sich kaum eine Minute zum Verschnaufen, dann legte er wieder los. Er wurde hitzig und bildete sich ein, dem verhaßten Gegner wirklich gegenüber zu stehen, seine Hiebe zu parieren und auf seine Blößen zu lauern. Hui – da sauste eine Prim herab! – Ha, die war pariert! Schnell eine Terz nachgeschlagen! Die war nur unvollkommen pariert. Die Spitze seines Säbels ritzte gerade noch die rechte Wange des Gegners. Er sah Blut fließen und wurde wild. Er fühlte seinen Arm erschlaffen – aber auch der Gegner war verwirrt durch das Gefühl, daß ein heißes Bächlein an seiner Wange herabrieselte. Es galt den Augenblick zu ergreifen und mit einem letzten gewaltigen Hiebe den Rest seiner Kraft wirksam auszugeben. Gegen die Regel machte er eine halbe Voltige nach links und holte zu einer gewaltigen Quart aus. Herrgott, was war das? Ein Knacks, ein leichtes Gepolter – und da lag eine Nase, eine ausgewachsene, rötlich glänzende Nase auf dem Boden. Wie in aller Welt hatte er dem verfluchten Krajesovich mit einer Tiefquart die Nase abschlagen können? Er ließ den Säbel sinken, rieb sich die Augen, über die ihm der Schweiß zu rinnen begann und dann blickte er sich verwundert um. Der lebensgroße Engel zu seiner Rechten wackelte immer noch sanft nachpolternd auf seinem Postament und in seinem fröhlich dreinblickenden, pausbäckigen Gesicht fehlte das edle Glied, welches soeben zu Boden gefallen war. Zum Unglück trat in diesem Augenblick Lizzi, von dem merkwürdigen Geräusch herbeigelockt, herein und hatte nicht sobald die Sachlage erkannt, als sie in ein lautes Gelächter ausbrach. »Jesses, Bubi!« rief sie lustig. »Jetzt fangt der am heiligen Weihnachtstag mit die Engerln zum raufen an. Ui jegerl, dem schönen Gabriel hast gar d' Nasen abg'schlagen. Hast denn gar kei' Angst net vor dem himmlischen Strafgericht?« Die Rechte leicht auf des Vaters Schwert gestützt, die hölzerne Nase in der Linken abwehrend gegen sie ausstreckend, stand der schwitzende junge Held vor ihr und sagte traurig-vorwurfsvoll: »Du solltest lieber nicht spotten, Lizzi – du am allerwenigsten! Du weißt ja nicht, für welchen Kampf ich diese Muskeln stähle.« Und er bog den linken Arm zusammen, wie um einen gewaltigen Biceps furchtgebietend schwellen zu lassen. Es schwoll aber nichts. Das Jägerhemd hing in schlaffen Falten um den mageren Oberarm, und das ungezogene Mädchen lachte nur noch lauter. »Lache nicht, Lizzi!« fuhr der tief Gekränkte sie rauh an: »das habe ich nicht um dich verdient und du wirst es vielleicht bald genug zu bereuen haben – wenn mir etwas Menschliches passiert.« Lizzi konnte sich beim besten Willen nicht beherrschen. Sie prustete nur so heraus und mußte sich auf den nächsten Stuhl setzen, weil es sie wie ein Krampf überfiel. »Um Gottes willen hör auf, dees bringt mi um!« stöhnte sie atemlos. »Pfui!« rief Rudi entrüstet, indem er wütend den Säbel zu Boden schleuderte. »Ja, was denn? Geh zu, ich glaub', du spinnst! I wer' doch noch lachen dürfen, wannst a so a dalkets Wesen anstellst.« Mit bebenden Lippen und zitternden Händen, die Engelsnase drohend emporgehoben, trat er dicht vor sie hin und knirschte: »Nein, das darfst du nicht! Du weißt nicht, was du thust. Ich bin bereit, deine Ehre mit meinem Blute abzuwaschen und du lachst wie über einen schlechten Spaß.« Höchlichst erstaunt blickte Lizzi zu ihm auf und sagte: »Ja, was is denn dees für a strohdumms G'wäsch? Was weißt jetzt du von meiner Ehr? Und abz'waschen gibt's da fei' nix. A no! Mögst net lieber 'n Dokter fragen, daß er dir was verschreibt geg'n Wurm im Hirn? Was schaust mi denn so wütig an? – Na 'etzt a so was! Mögst mir net a bißl deutlicher sag'n, was d' willst mit meiner Ehr?« »Willst du vielleicht die Schande auf dir sitzen lassen, die dir dieser Mensch mit seinem Briefe angethan hat?« »Was denn, was denn? Was hätt' denn mi kränken soll'n von dem Brief? Das war ein recht ein lieber, feiner, g'scheiter, anständiger Brief. Und wenn ich den Herrn Krajesovich von Nemes-Pann vorher net g'mocht hätt', nachher hätt' ich mich in den Brief alleinig verlieb'n könn'n. Mit jedem Wort hat 'r recht und wannst dees net einsiegst, nachher bist ... ja, was thut d'r denn weh, was machst denn für Grimass'n?« Rudi schlug sich vor die Stirn und schaute drein, wie einer, dem die Ernte verhagelt ist – die Ruhmesernte seines Heldenmutes. »Ach, du lieber Gott,« jammerte er trostlos: »was soll ich denn jetzt bloß ... ich habe ihn natürlich sofort gefordert wegen Beleidigung meiner Schwester. Ich war persönlich bei ihm und habe ihn Feigling geschimpft zur Sicherheit, damit er sich nicht etwa einfallen läßt zu kneifen. Jetzt kann ich doch unmöglich zurück zoppen!« Lizzi sprang vom Stuhl auf und schlug die Hände zusammen. »Was, Bubi, is wirklich wahr? Duellieren willst dich wegen meiner? A geh, so was – da möcht' m'r ja förmlich stolz wer'n! A schneidiger Kerl bist!« Und sie trat dicht vor ihn hin, legte den linken Arm um seine Schulter und streichelte ihm mit der Rechten die heißen Wangen. Rudi war glücklich. Sein edler Eifer fand herrlichen Lohn. Mit Wonne ließ er sich die Liebkosung gefallen und sagte nur stolz bescheiden abwehrend: »Aber ich bitte dich, Lizzi, so was ist ja nicht der Rede wert. Einfach Kavalierspflicht. Wenn du dich wirklich nicht beleidigt fühlst ...« »Nein, nein, ich geb' d'r's schriftlich, daß ich im Gegenteil kreuzfidel bin, weil ich mei' Freiheit wieder hab'. Naa, naa, mei' liebs Brüderl, schieß'n braucht's net und die Engerln darfst am Leben lassen wegen meiner.« »Aber meine Mutter hat er ja auch beleidigt,« meinte Rudi bedenklich. Doch Lizzi fiel rasch ein: »A was, dees macht nix, die gibt d'r's a schriftlich, daß s' sich net getroffen fühlt. Glaubst vielleicht, die wird's leid'n, daß ihr Einziger weg'n erer solchen Dummheit auch nur ein Tröpferl Blut riskiert? – Naa, naa, dees gibt's net.« »Aber ich habe ihn Feigling geschimpft!« »Dees macht a nix, dees hat 'r eh net glaubt und wahr is a net. Dees kannst schon wieder z'rücknehmen, auf meine Verantwortung.« Bubi seufzte tief auf. Es war ihm doch ein großer Stein vom Herzen – und der Lorbeer blieb trotzdem! Er war sehr glücklich und seine junge Mannesbrust dehnte sich vor Stolz und Seligkeit. Im Ueberschwang seiner Gefühle wagte er es, seine beiden Hände auf Lizzis Schultern zu legen und ihr tief in die Augen zu blicken. »Ach Lizzi,« seufzte er herzbrechend. »Ja, was is denn, wie schaust denn du mi an? Bist doch wohl recht froh, daß d' glücklich wieder herauß'n bist aus der Patsch'n.« »O nein, im Gegenteil!« beteuerte er feurig. »Wäre mir eine wahre Wonne, für dich meinen letzten Blutstropfen zu verspritzen. Aber sag mir nur eins – ehrlich bitte: fühlst du dich jetzt wirklich ganz frei? Bist du froh, daß du ihn los bist?« »Ja, ich glaub's bald selber,« lachte Lizzi. »Die Freiheit ist doch das Beste, wenn m'r noch so jung is wie wir, gelt? Zum Heiraten is noch lang Zeit, mein' i.« »Wirklich? – Ach, Lizzi – dann ...« »Was denn – dann?« »Dann darf ich vielleicht hoffen?« flüsterte er mit trunken schwimmenden Aeuglein, indem er einen Schritt zurücktrat und bittend die Hände faltete. Sie sah ihn belustigt fragend an und zuckte die Achseln. Da sank er plötzlich vor ihr auf die Kniee nieder, breitete die Arme aus, wie um sie zu umfangen und stammelte selig: »Ach Lizzi, jetzt darf ich's dir sagen: ich liebe dich, ich liebe dich wahnsinnig, ich bete dich an – ich werde noch heute mit meiner Mutter sprechen.« »Jesses, jesses, schauts den Bubi an!« rief Lizzi, klatschte in die Hände und sprang ausgelassen im Zimmer herum. »Macht mir eine richtige Liebeserklärung – und noch dazu in Hemdärmeln!« Und dann lief sie wieder zu ihm, fuhr ihm mit allen zehn Fingern ins Haar und brachte seinen wüsten Schopf in noch genialere Unordnung. Er haschte nach ihren Händen und hielt sie fest, um sie mit Küssen zu bedecken. Und dazwischen flehte er: »Ach Lizzi, lach mich doch nicht aus – du thust mir so weh damit! Es ist mir heiliger Ernst – du weißt ja nicht, wie ich dich liebe! – Und wenn ich gegen die ganze Welt kämpfen müßte – wenn ich noch zehn Jahre warten müßte ...« »I dank schön,« lachte Lizzi und riß sich mit Mühe von ihm los. »Da wär' ich ja bereits eine steinalte Jungfer! Geh' sei g'scheit, du armer Narr. Bist ja jünger wie ich!« »Nicht einmal ein volles Jahr! Das Alter macht es ja überhaupt nicht. Die innere Reife ...« »Und mit seiner Mutter will er reden – o du himmlischer Vater! Die wenn i wär' – ich wüßt' scho, was i sag'n thät'.« Er rutschte ihr auf den Knieen nach und rief mit Würde: »O, deshalb brauchst du dich nicht zu ängstigen. Meine Mutter ist in dieser Beziehung eine sehr vernünftige Frau. Sie wird mich verstehen.« In diesem Augenblick ertönte draußen auf dem Gang die elektrische Klingel und schnitt Lizzis Lachausbruch kurz ab. Rudi sprang auf die Füße und beeilte sich seinen Rock anzuziehen, während Lizzi die Engelsnase, welche Bubi in der Begeisterung fortgeschleudert hatte, vom Boden aufnahm und in die Tasche steckte. Sie horchte nach der Thür hinaus und flüsterte: »Ui jeh, wenn jetzt d' Mama heimkommt – und wir hab'n net amal d' Nasen wieder anpappt.« Aber es war nicht die Majorin, sondern Kathi, welche Friedrich gleich darauf in den Saal treten ließ. Lizzi lief ihr mit ausgebreiteten Armen entgegen und schmiegte sich zärtlich an sie. »Je schau, Katherl, du, dees is g'scheit! Hu, was du für a Kält'n mit herein bringst. Geh, zieh dich aus, heut is amal schön warm daherin. Ja, was is denn dees, wie schaust denn du aus? – I glaub' gar, du hast g'weint?« Kathi nickte fast unmerklich und sagte: »I hab' nur a halbe Stund Zeit und da bin i g'schwind g'sprungen, daß ich dir erzähl' ...« Sie warf einen Blick auf Rudi, der, ärgerlich über die Störung, etwas abseits stand. »O bitte sehr,« sagte der junge Mann. »Ich will nicht stören.« Er raffte das Schlachtschwert des Vaters vom Boden auf und verließ mit einer gemessenen Verbeugung vor den jungen Damen das Zimmer. Sobald die Schwestern allein waren, fiel Kathi der Lizzi um den Hals und brach in Thränen aus. »Ja, was is denn, was hab'n s' d'r denn wieder gethan?« »Fort muß i, aus 'm Haus, aus Berlin fort,« schluchzte die Große. »Glei' nach Neujahr reisen s' nach Italien und ich soll fort zu ei'm Vetter vom Onkel, der Gymnasiallehrer in einer ganz kleinen Stadt is, in Pommern glaub' ich. Morgen kommt er her und da woll'n s' glei' den Handel abschließen – grad als wie wenn m'r an Hund verkauft.« »A geh, Katherl,« tröstete Lizzi, »was wirst denn da drum weinen! Sei froh, daß d' von dem alten Drachen fortkommst und daß du zu irgend 'm ixbeliebigen fremden Mann hingehst, dazu können s' dich doch net zwingen! Wart nur, bis die Frau von Goldacker heimkommt, nachher wer'n m'r schon schau'n. Du wollt'st ja doch zum Großonkel Mödlinger?« »Nein, i mag nimmer. I kann überhaupts nimmer fort von Berlin.« »Weg'n meiner? – Ach du liebs Herzl, da darfst d' dich net kümmern. I wer' jetzt a Schauspielerin und wo mi da der Wind hinblast, dees weiß der liebe Himmel.« Und dann erzählte sie ihr alles, was an diesem ereignisreichen Tage vorgefallen war, von ihrer glücklichen Entlobung angefangen bis zu dem vereitelten Duell und Bubis feierlicher Werbung. Sie holte auch Gregors Brief und las ihn der Schwester vor. Und über all dem wichtigen Geschwätz in eigener Angelegenheit hatte sie bald gänzlich vergessen, daß das arme Katherl Trost und Hilfe suchend zu ihr gekommen war. Erst als die Schwester daran erinnerte, daß die halbe Stunde um sei und sie heim müsse, fiel's ihr wieder ein zu fragen, warum sie denn nun eigentlich nicht von Berlin fortwolle? Kathi ließ sich lange bitten; aber schließlich kam's doch heraus: sie hatte sich gestern abend sterblich in Pastor Werkmeister verliebt. Ganz traurig war sie gewesen, den ganzen Abend über, weil sie deutlich zu bemerken geglaubt hatte, daß der geistliche Herr es auf Lizzi abgesehen habe. Aber dann beim Heimbringen, habe er so lieb und freundlich zu ihr gesprochen, daß sie wieder Hoffnung geschöpft habe, und deshalb möchte sie jetzt nicht von Berlin fort. »Ja, hat er denn was von der Lieb g'redt?« fragte Lizzi eifrig. »A geh, wie kannst denn nur so was denken. Er hat mir erst von der Ableitung der deutschen Weihnachtsgebräuche aus dem heidnischen Julfest, und nachher von den wirksamsten Mitteln zur Bekämpfung der Trunksucht in den Arbeiterkreisen erzählt. Aber so schön hat er geredt, so lieb! Ich habe ihn ganz verstanden.« Lizzi schaute die Schwester mit offenem Munde an und schüttelte den Kopf. »Hm, komische Leut seids. Mein verflossenes Krajesovicherl hat glei' nach der ersten Stund um ein Rendez-vous gebeten.« »Ja, bei dir is dees halt ganz was anders,« lächelte Kathi durch ihre Thränen. »Du verlobst und entlobst dich dreimal an ei'm Tag, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Aber weißt, mit so ei'm geistlichen Herrn, dees is doch ganz an andere Sach.« »Ja, hast denn du überhaupt den rechten Glauben, um an Pfarrer z'heiraten?« fragte Lizzi nach etlichem Besinnen sehr ernsthaft. Und Kathi versetzte ebenso ernsthaft mit einem begeisterten Augenaufschlag: »O, dees is mir alles gleich. Wann er mi nur mögen möcht', nachher glaub' i alles, was er selber glaubt und noch viel mehr.« – Die Mädchen hatten in ihrem Eifer nicht gehört, daß schon vor geraumer Weile die Entreeklingel ertönt war und fuhren wie ertappt auseinander, als plötzlich die Thüre aufging und die Majorin hereintrat, gefolgt von dem Diener mit der Lampe. »Guten Abend, Kathi! Ich habe schon gehört, daß Sie da sind,« sagte sie leichthin; die beiden Schwestern nur mit einem Blick streifend, indem sie raschen Schrittes auf die noch unabgeräumten Gabentische zuschritt. »So im Finstern habt ihr gesessen? Das ist ja der reine Verschwörwinkel, da. Laßt euch nicht stören, ich suche nur was.« Lizzi lief rasch hinter ihr drein und legte den Arm um ihren Rücken. »Warum denn net gar, stören! 's is nur gut, daß d' heimkommen bist, liebe Tante. Du mußt uns raten. Wir sind ganz verzweifelt.« »Nix sagen, i bitt dich, nix sagen!« rief Kathi, nun gleichfalls näher tretend. Und Lizzi lachte: »Naa, du Schaferl, von dem sag i schon nix. I glaub, du hast schon ganz vergessen, wegen was d' kommen bist.« Und dann erzählte sie der Majorin in aller Kürze, was die Tante Geheimrätin über Kathi beschlossen hatte. Zu ihrer größten Verwunderung nahm sie die Neuigkeit ohne besondere Erregung auf. Kaum, daß sie zuzuhören schien. Mit unruhigen Fingern kramte sie auf dem Tisch herum und als sie gefunden hatte, was sie suchte, wandte sie sich wieder zum gehen und sagte, leicht mit den Achseln zuckend, nur: »Ja, was soll ich denn dabei thun?« Lizzi öffnete die Augen weit vor Erstaunen und als die Majorin schon die Thürklinke in der Hand hatte, sprang sie ihr nach und rief in ängstlich flehendem Ton: »Aber liebe Tante, was is denn? Magst uns net wenigstens an Rat geben?« Mit ironischem Lächeln, kalt und gleichgültig, versetzte Frau von Goldacker: »Was braucht ihr meinen Rat! Ihr seid ja viel klüger als ich, ihr werdet euch schon herauszuhelfen wissen.« Damit ging sie hinaus und machte die Thüre unsanft hinter sich zu. Sprachlos vor Erstaunen sahen die beiden Mädchen einander an. Endlich flüsterte Kathi ganz leise der Schwester ins Ohr: »Hast du was mit ihr g'habt?« Lizzi zuckte die Schultern. Sie biß ihre Zähne aufeinander, ballte ihre kleinen Hände zu Fäusten und trommelte damit auf die Kante des nächsten Tisches. Und dann kam auf einmal der Geist des kindischen Unfugs über sie. Sie schwänzelte nach der Außenthür, drehte sich dort kurz um und wiederholte die seltsamen Abschiedsworte der Majorin genau mit ihrem Ton und ihrer Miene. Kathi lief ihr nach und hielt ihr ängstlich den Mund zu. »Jesses, Lizzi, sei stad, i bitt dich! Wenn's dees hört dadrinn! Na, i mach', daß i fortkomm'. Mußt m'r schreib'n, was g'wesn is, i trau mi nimmer her. O mei lieber Herrgott, was wird jetzt nur no aus uns zwei arme, gottverlass'ne Woaseln wer'n! Da mocht' m'r sich doch glei an Zuckerhut kauf'n, daß m'r an Strick zum aufhängen krieget!« »Recht hast, Katherl, recht hast!« stimmte Lizzi sehr weich bei, indem sie ihre Wange zärtlich an der der Schwester rieb. »Aber sei nur stad. I schaff' scho Rat.« Und damit geleitete sie sie auf den Gang hinaus und verabredete mit ihr, daß sie sich morgen um die Mittagstunde treffen, oder aber, wenn sie nicht loskommen könnten, schreiben wollten. Ganz verwirrt und niedergeschlagen kehrte Lizzi in den Saal zurück und zerquälte sich den Kopf, um eine Erklärung für das sonderbare Benehmen der Majorin zu finden. Nach einiger Zeit erst wagte sie, das kleine Arbeitszimmer zu betreten, um sie gerade heraus zu fragen. Das war leer. Ebenso das Eßzimmer. Im Schlafzimmer war sie auch nicht. Aber da begegnete ihr das Hausmädchen und das gab ihr die Auskunft, daß die gnädige Frau bei dem jungen Herrn sei. Sie ging wieder in den Saal zurück, öffnete vorsichtig die Thür nach dem Gang ein wenig und lauschte hinaus. Richtig, da hörte sie die beiden Stimmen. Der Bubi jammerte und seine Mutter – ja, ob sie ihn schalt oder tröstete, das war nicht zu unterscheiden. Geräuschlos schloß Lizzi die Thür und dann begann sie eine nachdenkliche Wanderung um den Christbaum herum. Auf einmal blieb sie stehen, riß eine kleine, mit Fruchtgelee gefüllte Wurst vom Baum ab, biß hinein und murmelte halblaut vor sich hin: »Jetzt möcht' i doch glei wetten, daß s' der Pfaff aufg'hetzt hat.« Und gleichsam, als ob dieser Erklärungsversuch ihr eine gewisse Beruhigung gewährte, verspeiste sie den Rest der Wurst, streichelte sich den Magen und machte behaglich: »Hmm!« Ja der Pfaff – sie meinte natürlich Pastor Werkmeister – der hatte freilich etwas damit zu thun! Aber nicht so, wie Lizzi meinte. Wenn sie eine Ahnung gehabt hätte, welchen Verlauf seine Unterredung mit der Majorin heute genommen, dann hätte sie sich über nichts gewundert! Sechzehntes Kapitel. Handelt von Verschwörungen, Hintertreppen und geistlicher Liebe. Ein sehr aufregendes Kapitel, sintemalen Lizzi sich zum drittenmal nicht verlobt und dennoch am hellen Tage Polterabend feiert. Kaum ein Wort hatte die Majorin während des Abendessens mit Lizzi gewechselt, aber feindselige Blicke hatte sie genug aufgefangen. Und der Heldenjüngling Rudi war auch just nicht dagesessen wie einer, der auf Freiersfüßen geht und guter Hoffnung voll ist. Die Mama paßte ihm überdies noch scharf auf den Dienst und schlug jedesmal, so oft er seine wässerigen Aeuglein verliebt auf seinem holden Gegenüber ruhen ließ, mit Messer und Gabel auf ihrem Teller Zapfenstreich, so daß er eiligst die feurigen Pfeile seiner Blicke wieder hinter dem Vorhang seiner gelben Wimpern versteckte. Und nach Tische wußte die Gestrenge das junge Paar sehr einfach dadurch zu trennen, daß sie sich mit ihrem Sohne in den Saal zurückzog, während sie Lizzi mit Briefschreiben und Kostümflickerei für einige Stunden Beschäftigung gab. Einen kühnen Versuch Lizzis, eine Aussprache herbeizuführen, wies sie kurz zurück.Sie werde morgen alles Nötige erfahren. Und dieser Morgen kam. Ein sonnenheller, krystallen glitzernder Wintertag. Um elf Uhr wurde Rudi spazieren geschickt, ohne daß es ihm vorher gelungen war, allein ein Wort mit Lizzi zu wechseln. Um halb zwölf Uhr klingelte es, und Friedrich führte ohne vorherige Anmeldung die Frau Geheimrätin Riemschneider und einen fremden Herrn herein, einen untersetzten, kleinen Mann mit kurz geschorenem grauen Haar, ebensolchem Vollbart und goldener Brille. Die Zusammenkunft war also offenbar schon schriftlich verabredet. Lizzi neigte nur ein ganz klein wenig den Kopf gegen die Tante Ida, um über deren eisiges »Guten Tag« zu quittieren. Dann wandte sie sich mit fragendem Ausdruck dem alten Herrn zu, welcher mit einem buntleinenen Sacktuch hastig seine Brillengläser putzte, die ihm beim Eintreten in die warme Stube beschlagen waren. Mit blöden Blauaugen starrte er sie an. Er war offenbar sehr kurzsichtig. Aber Frau von Goldacker schien es nicht für nötig zu halten, sie vorzustellen, sondern gab ihr nur einen nicht mißzuverstehenden Wink. Da war nichts zu thun, sie mußte sich hinaustrollen. Aber giften that sie sich! Sie blieb in dem kleinen Nebenzimmer dicht an der Thür stehen und horchte. Wenn man sie so behandelte, dann brauchte sie sich auch nicht hervorragend anständig zu benehmen, kalkulierte sie. Sie traute ihren Ohren nicht. Mit süßen Schmeicheltönen dankte die Majorin der Frau Geheimrätin, die sie doch oft ausgesprochenermaßen für den Tod nicht ausstehen konnte, für die große Freundlichkeit ihrer Bitte um eine Unterredung entsprochen zu haben, trotzdem sie sich so wenig liebenswürdig gegen sie benommen. Sie habe leider nur zu bald einsehen müssen, daß sie sich im Charakter Lizzis völlig getäuscht und daß die Geheimrätin vollkommen recht gehabt habe, sie so eindringlich vor ihr zu warnen. Und dann dämpfte sie die Stimme und Lizzi vermochte nur noch einzelne Worte zu verstehen, von mangelndem Taktgefühl, vom Herrn Krajesovich mit der saloppen Moral, vom Bubi, vom Duell und vom Kopfverdrehen. Das war also ihr Sündenregister und man schickte sie hinaus, um ihr die Gelegenheit, sich zu verteidigen zu entziehen. Abscheulich war es! – Sie wollte nichts mehr hören. Doch da wurde eine sonore Männerstimme laut. Der fremde Herr hatte also das Wort ergriffen. Sie wollte doch gerne wissen, was der eigentlich bei der Geschichte zu thun hätte. Und so blieb sie noch ein Weilchen. »Ja warum nicht?« hörte sie ihn sagen, »Wenn gnädige Frau mir das Teufelsmädel anvertrauen wollen. Bisher habe ich immer nur schwer zu traktierende Jungens in Behandlung gehabt. Ein paar problematische junge Damen – na, ist doch eine kleine Abwechslung in dem öden Einerlei unseres Krähwinkeldaseins. Da kann mal meine Frau ihre Künste spielen lassen. Ich sage Ihnen, die hat eine Energie – ha, süperbe! Und damit die beiden jungen Damen beisammen sind ... ich kann nur sagen, Fräulein Käthchen macht einen recht vorteilhaften, sanften Eindruck. Jedenfalls gibt es bei uns nichts erbzuschleichen, hahahahaha!« Jetzt flötete die Geheimrätin etwas Unverständliches, aber Lizzi hatte schon genug gehört. Sie sollte mit Kathi zusammen aufs Land, in die Besserungsanstalt, zu dem Herrn Gymnasiallehrer. Oho! So ohne weiteres ließ sie sich doch nicht verschicken. Die sollten einmal was erleben! Und sie huschte leise hinaus auf den Gang, zog sich im Hui an – und fort war sie. Sie hatte das Stelldichein mit Kathi an der Ecke der Bendler- und Tiergartenstraße verabredet, aber die Schwester war noch nicht zur Stelle, als sie Schlag zwölf dort anlangte. Da fiel ihr ein, daß sie höchst wahrscheinlich in Abwesenheit der Tante den Onkel nicht werde allein lassen dürfen, und rasch von Entschluß, wie sie war, kehrte sie um und eilte, so schnell sie konnte ohne gerade zu laufen, nach dem Schöneberger Ufer. Sie wollte die gute Gelegenheit, dem armen Onkel Riemschneider doch wenigstens Lebewohl zu sagen, sich nicht entgehen lassen. Ob sie dabei ertappt wurde, war ihr jetzt gleichgültig. Mehr wie hinausgeworfen konnte sie nicht werden – und daran begann sie sich allmählich zu gewöhnen. Ganz außer Atem zog sie die Klingel bei Geheimrats. Kathi selbst öffnete ihr und war so erschrocken, sie vor sich zu sehen, daß sie sie gar nicht herein lassen wollte. Lizzi mußte sie mit Gewalt beiseite schieben, um sich den Eintritt zu erzwingen. Und dann zog sie sie mit sich in das Berliner Zimmer und erzählte ihr in fliegender Hast, was sie soeben von der gegen sie angezettelten Verschwörung der Tanten erlauscht hatte, und was sie dagegen zu unternehmen gedachte. Sie wollte abermals durchbrennen, auf ein paar Tage mit Fräulein Grönroos zusammenziehen und sich durch einen Theateragenten ein Engagement besorgen lassen, bei einer reisenden Gesellschaft, wenn's sein müßte. Alles, meinte sie, sei doch besser, als sich willenlos in die Sklaverei verkaufen lassen. Von ihrem Gelde hatte sie noch einige siebzig Mark und sie war der Ansicht, daß sie davon mindestens einen Monat leben könne. Kathi aber sollte heim nach München und schauen, ob sie nicht beim Großonkel unterkommen konnte, bis sie eine Beschäftigung gefunden hätte, die sie auf eigene Füße stellte. Aber Kathi wollte von diesen kecken Plänen durchaus nichts wissen. Durchbrennen und eine untergeordnete Stellung annehmen, das dürfe sie nicht, denn sie müsse vor allen Dingen sich strengstens davor hüten, irgend etwas zu thun, was sie in den Augen der Welt zur Frau eines Geistlichen ungeeignet machen könne. Und weit von Berlin fort wollte sie auch nicht gehen. Sie müsse den Geliebten zum mindesten in erreichbarer Nähe haben. Jetzt wurde aber Lizzi ganz wild. Sie schalt die Schwester grad heraus eine Närrin und erlaubte sich einige kräftige Bemerkungen über Pastor Werkmeister, der höchst wahrscheinlich die Hauptschuld trage an der plötzlichen Sinnesänderung der Majorin – und wie sie denn überhaupt so kindisch sein könne, gleich von lieben und heiraten zu reden, nachdem sie den Mann ein einziges Mal gesehen und er auch nicht die leiseste Andeutung gemacht habe, als hätte er dergleichen mit ihr im Sinne. Und nachdem sie ihr dergestalt ihre Meinung gesagt hatte, war der Gegenstand für sie erledigt und sie unterbrach Kathis betrübte Widerrede rücksichtslos, indem sie auf die Thür zuschritt und sagte: »Jetzt geh' i amal zum Onkel.« Kathi lief ihr nach und wollte sie zurückhalten. Sie stellte ihr vor, was es für eine fürchterliche Scene geben könnte, wenn die Tante sie hier überraschte und wie das den kranken, alten Herrn aufregen müßte. Aber sie ließ sich nicht abhalten, sondern schritt rasch durch den Salon hindurch und klopfte an die Thür des Studierzimmers. Ein leises »Herein« antwortete ihr und sie trat über die Schwelle, von Kathi auf dem Fuße gefolgt. Der Professor saß in dem großen, ledernen Lehnsessel am Fenster und las in einem Buche. Er hatte seinen langen Schlafrock an und seine Beine waren trotz der Wärme im Zimmer mit einer Decke umwickelt. So mager war sein Gesicht geworden! Die wachsbleiche Haut der Wangen durchscheinend, das lange Haupthaar fast weiß. Es gab Lizzi einen Stich ins Herz, ihn so traurig verändert, so gealtert wieder zu finden nach so wenigen Wochen. In tiefer Bewegung schritt sie auf ihn zu und streckte ihm mit einem herzlichen »Grüß Gott, lieber Onkel!« die Hand entgegen. Er ließ das Buch in den Schoß sinken und blickte blöd zu ihr auf. Dann huschte ein Lächeln des Erkennens über seine welken Züge. Er griff nach ihrer Hand, drückte sie matt und sagte: »Ach, sieh da, die El– El– Eleonore!« »Elisabeth willst du sagen, lieber Onkel,« kam ihm Kathi zu Hilfe, indem sie rasch hinter seinen Stuhl trat und ihm über die Schulter strich. »Die Lizzi möcht' nur g'schwind Abschied nehmen von dir, weißt.« »Ja, ja – ich weiß schon – die, die Lizzi, das sag' ich ja. – Hmnja – das ist sehr schön von dir, mein Kind – ich habe gar nichts vergessen – o nein, ich habe immer gedacht, ob die ...« Er konnte wieder das Wort nicht formen. Nur ein langes »Llll« vermochte er zu lallen, dann gab er es auf und vollendete, indem er errötete vor Scham über seine Schwäche: »Ob das gute Kind nicht einmal kommen wird, um sich nach mir zu – v–v–verteidigen.« Er war sich offenbar bewußt, wieder ein falsches Wort gebraucht zu haben und schaute mit bebenden Lippen Lizzi halb ängstlich, halb ärgerlich an. Das griff ihr so ans Herz, daß sie nicht mehr an sich zu halten vermochte. Sie sank neben seinem Stuhle in die Kniee, brach in Thränen aus und wimmerte, indem sie seine zitternde, gelähmte Linke ergriff und mit Küssen bedeckte: »Ach lieber guter Onkel, net wahr, du bist mir net bös? Du weißt, daß ich nix Böses gethan hab'. Ich bin doch wirklich net Schuld dran, bei Gott! – Bitte – bitt' schön, sag's doch, daß du mi net auch für schlecht hältst.« Der Professor sah sich unruhig, wie Hilfe suchend, nach Kathi um und flüsterte: »Ist sie nicht da? Ist sie ganz bestimmt fort?« Kathi nickte nur und begann ihm beruhigend über den Kopf zu streichen. »Ah!« seufzte er erleichtert. »Das ist schön. Ihr wißt, sie ist sehr gut – meine – meine Frau, aber sie weiß ja nicht ... das mit dem Te– Te– Temperament. – Ich will's doch noch machen, jawohl – hnmja – wenn ich ganz gesund bin. Geht schon viel besser. – Nicht doch, Kind, nicht doch weinen, du – du bist ja auch gut – ich weiß. Käthchen kommt mit nach Rom – hmnja – wir wollen sehr lustig sein.« Er versuchte zu lachen und trommelte mit den mageren Fingern der Rechten auf dem Buchdeckel. Dann ließ er den Kopf langsam vornüber sinken und starrte die immer noch leise weinende Lizzi nachdenklich an. Plötzlich hellte sich seine Miene auf und indem er seine Rechte Lizzi auf den Kopf legte, sagte er: »Ich will etwas für dich thun, dafür, daß du nicht mit nach – nach Dings – nach Idealien – reisen darfst. Warte!« Und er versuchte sich von seinem Stuhl empor zu raffen. »Laß doch, Onkel, laß doch,« rief Kathi, ihn sanft niederdrückend. »Soll ich etwas für dich holen?« »Ja, Kind, bitte,« versetzte er, von der kleinen Anstrengung schon ermattet. »In meinem Schreibtisch – rechts oben, da ist ein – so ein ...« Er zeichnete ein längliches Rechteck in die Luft und holte dann aus seiner Schlafrocktasche ein Schlüsselbund hervor, aus dem er mit zitternden Fingern den rechten hervorsuchte. Kathi nahm ihm den Schlüssel ab, öffnete die bezeichnete Schublade und zeigte ihm verschiedene Gegenstände daraus vor. Er wurde ganz ungeduldig darüber, daß sie nicht gleich das Rechte brachte und vermochte es doch nicht genauer zu beschreiben. Endlich brachte sie ein längliches Büchlein mit graublauem Deckel zum Vorschein. Das war's. Er begehrte Feder und Tinte und dann füllte er mit vieler Mühe eines der im Buche enthaltenen Formulare aus. Mit ziemlich fester Hand schrieb er in Zahlen erst und dann in Worten »Eintausend Mark« und setzte seinen Namen unter den Check. Nur auf Lizzis Namen schien er sich durchaus nicht besinnen zu können. Er setzte mehrmals an und dann gab er es ärgerlich auf und sagte verlegen: »Deinen Namen kannst du selbst hierhersetzen. Das Schreiben wird mir schwer heute.« Die beiden Mädchen sahen sich ängstlich an und Kathi wagte endlich zu sagen: »Ja, i weiß net, lieber Onkel, was dees is. Darf m'r dees auch?« »Ja, gewiß,« versetzte er ungeduldig, indem er Lizzi den Schein in die Hand drückte. »Ich werd' Euch doch nicht be – be ... Einfach bei der Deutschen Bank präsentieren. Wenn Ihr aber denkt ...« Und mit plötzlicher Heftigkeit riß er Lizzi den Schein wieder aus der Hand und setzte aufs neue zum Schreiben an. Es gab einen Klex. »Da, das kommt davon,« rief er heftig und schickte sich eben an den Schein zusammen zu ballen, als draußen die Flurglocke ertönte. Alle drei fuhren erschrocken zusammen wie ertappte Sünder. Ohne daß jemand es aussprach, hatten sie die Gewißheit, daß das die Tante sein müsse. Kathi nahm dem Onkel rasch das Checkbuch und die Feder ab, verschloß ersteres in den Schreibtisch und steckte ihm das Schlüsselbund wieder in die Tasche. Der Schein war seiner zitternden Hand entfallen. Lizzi hob ihn auf, küßte noch einmal seine beiden Hände, trotzdem er ungeduldig abwehrte, und dann sprang sie auf die Füße und sah Kathi hilfeflehend an. »Komm nur g'schwind,« flüsterte die, nahm sie bei der Hand und zog sie zum Zimmer hinaus. Sie rannte mit ihr durch den Salon in die Berliner Stube, durch den langen Gang bis zur Küche. Dort küßte sie sie flüchtig und schob sie, der höchst erstaunten Köchin nicht achtend, zur Hinterthür hinaus. Lizzi sprang die enge steile Treppe hinunter, als ob die Polizei mit dem Ruf »Haltet den Dieb!« hinter ihr her wäre. Aber der Schreck war ihr so in die Glieder gefahren, daß ihr die Kniee zitterten. Auf dem ersten Absatz mußte sie einen Augenblick niedersitzen. Sie drückte verzweifelt die Fäuste in ihre Augenhöhlen und biß die Zähne fest aufeinander. Was in aller Welt hatte sie denn begangen, daß sie so hart gestraft wurde. Tausend Mark – ein ganzes Vermögen nach ihren Begriffen – sollten ihr in den Schoß fallen – und da kam wieder diese Frau, ihre unversöhnliche Feindin dazwischen. Sie griff in ihre Manteltasche und holte das zerknitterte Papier hervor. Der Klex hatte sich beim heftigen Zusammenraffen auch auf der andern Seite abgedrückt. Wie zwei Ochsenköpfe ungefähr sah es aus – oder auch Teufelsfratzen – jedenfalls hatte das Ding zwei Hörner und war sicher keinen Pfennig wert! Schrecklich, schrecklich – unfaßbare Grausamkeit des Schicksals! – Sie wollte das Papier doch wenigstens behalten zum Andenken an die Güte des armen Onkels. Da hörte sie oben auf der Treppe Schritte, raffte sich eilends auf und verließ durch das Hofthor das Haus. Lizzi hatte nicht übel Lust, gar nicht mehr zur Majorin zurückzukehren. Ihr kleines Vermögen trug sie ja bei sich. Und weshalb sollte sie Rudis dummverliebtes Geäugel noch länger über sich ergehen und sich von der gnädigen Frau als Verbrecherin behandeln lassen? Sie fühlte sich freilich vollkommen unschuldig – sie hatte in diesem Falle nicht einmal den Schein eines Unrechts auf sich geladen, wie damals, als der Zusammenstoß mit Tante Ida erfolgte; aber ihre sieben Wochen alte Lebenserfahrung hatte sie bereits darüber aufgeklart, daß von erzürnten Frauen niemals Gerechtigkeit zu erwarten ist, am wenigsten von einer Frau, in die sich niemand verliebt gegenüber einer solchen, in die sich alle verlieben! Je ruhiger und vernünftiger sie über die ganze Sache nachzudenken versuchte, desto unbegreiflicher wurde ihr der Zusammenhang. Ihre moralischen Qualitäten änderten sich doch nicht dadurch, daß der Gegenstand ihrer Neigung nicht wie ein grüner Junge, sondern wie ein besonnener, ehrlicher Mann handelte? Daß der Herr von Krajesovich sich nicht Hals über Kopf verloben wollte, wurde ihm als Verbrechen ausgelegt, und daß ihr eigener Sohn sich sofort bereit erklärte, gewissermaßen zur Sühne, diese Dummheit statt seiner zu begehen, das wurde gar ihr, dem unschuldigen Opfer, als Verbrechen ausgelegt!. Die Majorin hatte doch von Anfang an Bubis Verliebtheit durchschaut und sogar ein herzliches Vergnügen daran gefunden, welches sich in allerhand kleinen Neckereien unzweideutig äußerte. Es war doch gänzlich unfaßbar, wie diese warmherzige, doch sonst durchaus nicht kleinlich denkende Frau sich auf einmal so in diesen Urwald von Unsinn verirren konnte. Ein Irrlicht mußte sie da hinein gelockt haben, und das konnte ihr niemand anders aufgesteckt haben, als dieser verwünschte Pfaff, indem er sie seiner Gönnerin als eine verlorene Seele darstellte, welche eine moralische Ansteckungsgefahr ins Haus hinein brächte. Soweit war sie mit ihren Folgerungen und auf ihrem Wege bis zur Matthäikirche gekommen, als plötzlich an ihrer linken Seite eine bekannte Männerstimme sie aus ihrem Sinnen aufschreckte. Sie blickte auf und erkannte in dem Herrn, der ihr soeben »Guten Tag« geboten hatte, den Pastor Werkmeister. Kurz und unfreundlich gab sie ihm seinen Gruß zurück. »Welch ein glücklicher Zufall,« begann der Geistliche, an ihrer Seite bleibend. »Sie sind auf dem Heimwege, nicht wahr? Ich wollte mir auch eben erlauben, bei Ihnen vorzusprechen, in einer wichtigen Angelegenheit.« »Ja, bitt' schön, Sie finden Frau von Goldacker jetzt bestimmt daheim, in einer halben Stund' geh'n wir zu Tisch,« sagte Lizzi gleichgültig. »Ja, aber es handelt sich um Sie, mein verehrtes Fräulein,« versetzte der Pastor. »Ich wollte Sie eigentlich sprechen, und zwar womöglich allein. Die Frau Majorin hätte mir das vielleicht nicht gestattet, aber nun ich das Glück habe, Sie hier zufällig zu treffen, darf ich mir vielleicht die Bitte erlauben, einen kleinen Umweg mit mir zu machen. Es liegt mir wirklich sehr am Herzen.« Lizzi sah überrascht zu ihm auf. Er sprach so eigentümlich bewegt und sein entschieden hübsches, männlich offenes Gesicht war von tiefer Röte bedeckt. Ob das nur die frische Kälte machte – oder vielleicht der heilige Eifer? Ein Verdacht stieg in Lizzi auf und sie konnte sich nicht enthalten, ihm Ausdruck zu geben durch die ironische Frage: »Ach, Sie wollen mich wohl bekehren? Meine Seele retten noch geschwind vor Tische?« Er bewegte verneinend den Kopf und warf ihr einen Blick so voll ernster Betrübnis zu, daß sie nun ihrerseits errötend die Augen niederschlug. »Was habe ich Ihnen gethan, mein liebes Fräulein, daß Sie so ...« Er brach seufzend ab und nach kurzem Nachdenken fuhr er fort: »Ah, ich kann mir denken ... hat vielleicht die Frau Majorin, als sie gestern von ihrem Besuch bei mir zurückkam, irgend etwas geäußert, was Sie verletzen mußte?« Lizzi antwortete nicht, aber an ihren vibrierenden Nasenflügeln, an der Art, wie sie ihre Lippen nagte, mußte er wohl bemerken, daß er mit seiner Vermutung das Richtige getroffen habe. Und er fuhr wärmer und geläufiger also fort: »Wenn es zu einer unliebsamen Auseinandersetzung gekommen ist, dann fürchte ich allerdings, daß ich die Ursache davon bin. Meine gestrige Unterredung mit der Frau Majorin hat mir eine schlaflose Nacht eingetragen. Ich fühle, daß ich Ihnen eine Erklärung schuldig bin, mein liebes Fräulein, und deshalb bin ich auch gleich gekommen. Bitte, hören Sie mich an.« Lizzi nickte leicht mit dem Kopfe. Sie war nun wirklich sehr neugierig. Außerdem bemerkte sie, daß sie bereits achtlos an der Thür ihres Hauses vorübergegangen waren. »Darf ich Sie vielleicht bitten,« fuhr Pastor Werkmeister fort, »mir zuerst zu sagen, was gestern geschehen ist, nachdem die Frau Majorin von mir zurückkam. Ich möchte die gute Dame nicht gern unnützerweise bloßstellen. Sie können mir wirklich Vertrauen schenken, Fräulein Mödlinger. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, was Sie mir auch sagen mögen, ich will es bewahren, wie ein Beichtgeheimnis.« Das klang so seltsam feierlich und der Mann war so tief bewegt – der konnte unmöglich ihr Feind sein. Und so erstattete sie ihm unumwundenen Bericht von allem, was gestern nachmittag und heute früh im Hause vorgegangen war, und hielt auch nicht mit dem Geständnis zurück, daß sie seinem Einfluß die sonst unerklärliche Sinnesänderung der Majorin zuschreibe. Der Pastor hatte ihre Erzählung mehrfach mit kurzen Aeußerungen seines Erstaunens, seines teilnehmenden Unwillens unterbrochen. Ohne daß sie wußten, wer eigentlich die Richtung angegeben habe, waren sie mittlerweile bei einem einsamen Fußweg des Tiergartens angekommen. Als sie ihre kleine Erzählung beendet hatte, blieb er stehen und streckte ihr beide Hände entgegen. Seine Augen blickten sie groß und feuchtglänzend an und sie fühlte sich sanft gezwungen, ihre Rechte aus dem kleinen Pelzmuffchen herauszuziehen und sie dem warmen Druck seiner beiden großen Hände für längere Zeit zu überlassen. »Aber, mein liebes Fräulein,« rief er heftig bewegt, »das ist ja Wahnsinn! Das haben Sie alles über sich ergehen lassen müssen – und zwar um meinetwillen! Mein Gott, mein Gott, was sind doch die Frauen ...! Ja, Sie haben ganz recht gehabt, ich bin thatsächlich daran schuld; aber nicht so, wie Sie meinen. Und jetzt muß ich reden um Ihretwillen. Ich darf die Majorin nicht mehr schonen. Also hören Sie. Frau von Goldacker kam gestern nachmittag, offenbar in heftiger Aufregung, zu mir, um mich in Ihrer Angelegenheit um Rat zu fragen. Durch den Brief des Herrn Krajesovich glaubte sie sich selbst ebenso beleidigt, wie Sie. Sie habe die Herbeiführung einer Verlobung zwischen Ihnen in der herkömmlichen anständigen Form für ihre Pflicht gehalten, und nun werde sie zum Dank dafür von dem Herrn wie eine frivole Kupplerin behandelt. Und Sie, mein liebes Fräulein, hielt sie durch die Absage dieses Herrn für schwer kompromittiert. Ich habe mir, bei Gott, alle mögliche Mühe gegeben, ihr die Unvernunft solcher Ansichten klar zu machen. Ich muß Ihnen ganz offen gestehen, daß mir persönlich der serbische Herr keinen sehr günstigen Eindruck gemacht hat, und Sie werden begreifen, die Verschiedenheit unsrer Ansichten, überhaupt das so ganz Fremde in seinem Wesen ... Aber darauf kommt es ja natürlich hier gar nicht an. Und ich vermag auch wirklich in seinem Absagebrief nichts zu finden, was Ihre Ehre kranken könnte, oder was dem Herrn selbst zur Unehre gereichte. Daß die gute Frau von Goldacker sich etwas verletzt fühlte – nun ja, das sind so kleine, weibliche Schwächen. Ich gab mir die redlichste Mühe, sie von ihrer vorgefaßten Meinung zurückzubringen. Es schien aber wenig Eindruck zu machen, was ich ihr sagte. Sie war auffallend zerstreut. Und auf einmal brach sie in Thränen aus und sagte: da könnte ich nun sehen, was man einer schwachen, schutzlosen Frau mit einem weichen, arglosen Herzen alles zuzumuten wage. Ich war wirklich schon ganz verzweifelt. Aber beste gnädige Frau, wer mutet Ihnen denn etwas Ungebührliches zu? rief ich sie an, nehmen Sie doch nur Vernunft an! – Und was erwiderte sie mir? Na, da sehen Sie, nun sagen Sie es ja selbst. Es ist wirklich, um den Verstand zu verlieren. Ich fühle es jetzt zu deutlich: ich muß unbedingt wieder heiraten. Ich kann nicht warten, bis mein Sohn selbständig wird. Was raten Sie mir, lieber Herr Pastor? Oder glauben Sie, daß ich jetzt schon zu alt und zu garstig bin, um noch einem Manne gefallen zu können – einem Manne nämlich, der nicht nur auf mein Vermögen ausgeht? – Sie werden mir zugeben, liebes Fräulein, die Situation war für mich ein wenig – wie soll ich sagen – genierlich. Als Seelsorger konnte ich ihr doch nur zureden, ihren Frieden da zu suchen, wo ihr Herz sie hinzog, und als höflicher Mann konnte ich ihr doch auch nicht sagen, sie wäre zum Heiraten zu alt oder zu häßlich. Und nun wurde sie über meine Zustimmung so gerührt und erregt – ich wußte gar nicht wie ...« »Und da hat s' g'sagt: bitt schön, möchten S' net vielleicht gar selber so freundlich sein und sich meiner erbarmen?« fiel ihm Lizzi lustig in die Rede. »Nein, wissen S', das wundert mi gar net. Mir hat s' schon eh g'sagt, daß s' gern einen Geistlichen heiraten möcht, wann s' kein' Maler derwischen könnt. Na, dees is jetz gut! Was haben denn Sie d'rauf g'sagt. Herr Pfarrer?« Er war wieder rot geworden und kraute sich verlegen in seinem Backenbarte. »Ach, mein liebes Fräulein,« sagte er, »ich habe ja an dergleichen gar nicht gedacht. Meine Gedanken waren ganz wo anders. So direkt, wie Sie meinen, hat sie mich natürlich auch nicht herausgefordert, aber ich hätte es doch merken müssen, worauf sie hinaus wollte, wenn ich nicht, wie gesagt. ... Erst später, nachdem sie in heller Wut mein Zimmer verlassen hatte, fiel mir die Binde von den Augen und ich sah, welch eine Dummheit ich angerichtet hatte.« »Ja, thut's Ihnen denn jetzt leid, möchten Sie s' denn gern heiraten?« fragte Lizzi naiv. Sie dachte an Kathi und blickte ihn mit ihren großen Augen ein wenig traurig und dabei sehr gespannt an. »O, nein, nein, nicht um alle Millionen!« rief der Pastor mit komischer Entschiedenheit. »Nein, denken Sie nur, was ich für eine fürchterliche Dummheit begangen habe! Bloß um dem peinlichen Gespräch eine andre Wendung zu geben, ließ ich mich hinreißen, ihr zu gestehen, daß ich seit vorgestern Abend eine heftige Neigung zu einem jungen Mädchen gefaßt habe, das ich in ihrem eigenen Hause kennen lernte.« »Ist das wahr?« rief Lizzi aufs freudigste überrascht, indem sie unbefangen eine Hand auf seinen Arm legte und ihn mit großen lachenden Augen anstrahlte. »Bei Gott, das ist wahr!« versicherte er mit feierlichem Ernst. Und dann bemächtigte er sich wieder ihrer Hand und drückte sie fest zwischen seinen beiden. »Ich habe Tag und Nacht seither an nichts andres denken können. Das liebliche Bild wollte nicht von mir weichen. Soviel ich mir auch vorhielt: das ist ja unmöglich – dieser plötzliche Rausch, der da über dich gekommen ist, kann nicht das Rechte sein. Aber ich weiß es jetzt, es ist doch das Rechte. Dies heiße tiefe Gefühl, das plötzlich mein ganzes Inneres so gänzlich erfüllt hat, das ist wirklich die Liebe, nach der ich mich schon lange gesehnt habe. Die erste ernste Liebe eines Mannes, der längst kein Kind mehr ist. Ich weiß, es ist unzart, es ist vermessen, so zu Ihnen zu sprechen – zu Ihnen, der noch das Herz blutet von der frischen Wunde einer schmerzlichen Enttäuschung. Es wäre mir gar nicht eingefallen, jetzt schon mich Ihnen zu offenbaren, wenn nicht zufälligerweise ich die unschuldige Ursache dieser unglückseligen Eifersucht geworden wäre, die sie jetzt schon wieder vertreiben will aus dem kaum gefundenen Heim.« »Ah, wissen S', deswegen können S'schon frei von der Leber weg reden,« rief Lizzi lustig. »Mi druckt gar nix mehr. Ich bin nur froh, daß ich mei Freiheit wieder hab' und daß mein serbischer Freund ein solch vernünftiger Mensch is.« Und der geistliche Herr vergaß aller seiner Würde und rief mit bebenden Tönen, trunken wie ein Jüngling, die zitternden Arme ausgestreckt, sie zu umfangen und an seine Brust zu pressen: »Dann darf ich es also wirklich wagen, Ihnen zu gestehen, liebes, süßes, einziges Mädchen, daß ich Sie liebe mit aller Kraft meiner Seele? Können Sie mir Hoffnung geben, daß Sie ...« »Ich?!« fiel ihm Lizzi ins Wort und starrte schier versteinert mit schreckensweiten Augen zu ihm auf. Er aber wußte sich ihre Miene nicht zu deuten. Eitel und siegesgewiß, wie alle starken Männer, mochte er wohl glauben, dieses »Ich« sei der Ausdruck seligen, mädchenhaften Erschreckens gewesen über die große Auszeichnung, die ihr zu teil wurde. Oder auch, er dachte gar nichts und konnte es einfach nicht länger aushalten. Kurz, er schloß seine Arme um ihre üppige Gestalt und drückte sie fest an sich. »Nicht doch, nicht doch, lassen S' mi aus,« klagte Lizzi weinerlich. Aber er hielt sie so fest, daß sie sich nicht loszureißen vermochte und sprach ihr tröstend zu, wie einem kleinen Kinde. »Fürchte dich nicht, Geliebte. Hier ist weit und breit kein Mensch. Niemand sieht uns als nur Gott allein und der hat seine Freude daran, wenn zwei Menschenherzen sich zum ewigen Bunde finden, und zwei warme Lippenpaare das Bündnis besiegeln im ersten bräutlichen Kuß.« Herrgott, wie schön der Mann reden konnte! Lizzi ward es ganz wirr im Kopf. Es ruhte sich so gut und warm an dieser breiten Brust und er hielt sie so fest und sicher. »Elisabeth,« hörte sie ihn dicht an ihrem Ohr flüstern, »glaubst du, daß du mir wieder Liebe schenken kannst?« Mühsam suchte sie ihrer Verwirrung Herr zu werden. Er drückte sie so, daß sie kaum zum Sprechen Luft hatte und sie stammelte kurzatmig: »Aber, Herr Pfarrer – naa, i bitt Ihne! – dees geht doch net, dees kann doch net wahr sein. Mich kennen S' doch schon lang und Sie haben doch von einer gred't, die S' erst am heiligen Abend ...« Er ließ sie gar nicht ausreden und unterbrach sie mit heißem Flüstern: »Ja, gewiß, so ist es auch. Ich habe dich schon immer reizend gefunden, mein geliebtes Mädchen, seit ich dich zum erstenmal sah. Aber kennen gelernt habe ich dich doch erst vorgestern abend. Da hab' ich zum erstenmal einen Blick in deine Seele thun dürfen. Als jener Mann über die ernstesten und heiligsten Dinge zu spotten wagte – o, ich habe wohl bemerkt, wie weh dir das that und wie du es doch für deine Pflicht hieltest, seine Partei zu ergreifen und so klug und mutig gegen uns alle auftratest. Da hab' ich erkannt, welch schöne Seele in diesem lieblichen Körper wohnt. Da mußte sich mein Schicksal erfüllen. Ja, du süßes Kind, ich liebe dich!« Und dann bedeckte er ihr Mund und Wangen mit brennenden Küssen, soviel sie sich auch sträubte und flüsterte heiß: »Glaubst du mir nun? Willst du die Meine werden?« Lizzi wußte nicht, ob es Schreck oder Zorn war, was sie auf einmal so gewaltig packte und ihr die Kraft verlieh, sich aus seiner festen Umarmung loszureißen. Sie trat ein paar Schritte von ihm zurück, streckte abwehrend die Hände gegen ihn aus, stampfte zornig mit dem Fuß auf und knirschte mit funkelnden Blicken: »Was nennen S' mi denn alleweil du? Sie, i verbitt mir das!« Pastor Werkmeister fiel aus allen seinen Himmeln und machte ein Gesicht, das der Ausdruck maßlosen Erstaunens nicht eben geistreich erscheinen ließ. Sprachlos starrte er sie an. Plötzlich traten Lizzi die Thränen in die Augen. Sie preßte mit beiden Händen ihr Muffchen ans Herz, blickte zum Himmel auf und jammerte verzweifelt: »Ui jegerl, jegerl, lieber Herrgott, womit hab i nur dees verdient? Ich hab' doch ganz g'wiß an nix Böses denkt – und da kommt der Mann daher und dutzt mi mir nix, dir nix und küßt mi auf öffentlicher Promenad. Dees is doch scho wirklich zu arg!« »Aber liebes Fräulein Mödlinger,« stotterte der Pastor verwirrt, »ich glaubte doch ein Entgegenkommen. ... Ich bitte Sie, verzeihen Sie mir, wenn ich Sie gekränkt habe. Ich bin wohl zu rasch – mein Gott, die Leidenschaft ... ich glaubte doch in Ihren Augen zu lesen ...« »A was,« fuhr Lizzi ärgerlich auf. »Ich hab' g'meint, Sie reden von meiner Schwester.« »Von Ihrer Schwester?!« Er machte ein Gesicht, als ob er sich auf gar keine Schwester besinnen könne. »Ja, mein Gott, fühlen Sie denn gar nichts für mich? Können Sie mir gar keine Hoffnung geben?« »Nein, nein – ich mag nicht, ich kann nicht,« stieß sie scharf und atemlos hervor. Mit niedergeschlagenen Augen stand sie vor ihm und ihre Brust wogte heftig. Dann wandte sie sich entschlossen von ihm ab und schritt rasch davon, den Weg, den sie gekommen waren, zurück. Mit großen Schritten eilte er ihr nach und flehte sie an: »Rauben Sie mir doch nicht alle Hoffnung, ich kann ja nicht ohne Sie leben!« »Nein, i mag net, lassen S' mi los. I darf net – nie nie, um kein Preis!« Und damit raffte sie ihre Röcke zusammen und setzte sich in Laufschritt. Eine Strecke weit verfolgte er sie weit ausschreitend. Wenn er hätte traben wollen, hätte er sie mit leichter Mühe eingeholt. In der großen Querallee waren aber Leute. Da gab er's auf. Doch Lizzi trabte fast unausgesetzt bis zum Eingang der Matthäikirchstraße. Und erst, als sie ihn dort nicht mehr hinter sich sah, verfiel sie in einen ruhigeren Schritt. – Friedrich öffnete ihr mit vertraulichem Grinsen die Thür. »Au weh, Fräulein, heute jibt's aber was. Die Herrschaften sind schon beim Braten!« flüsterte er schadenfroh. Die Sklavenseele wußte wohl schon, daß sie in Ungnade gefallen sei und da meinte sie, den Respekt als überflüssig beiseite lassen zu dürfen. Lizzi würdigte ihn keiner Antwort. Sie legte hastig ihre Sachen ab und betrat das Eßzimmer. Eine Entschuldigung murmelnd, setzte sie sich auf ihren Platz. Ihre Wangen glühten, ihre Augen glänzten, und ihr Busen wogte immer noch heftig von dem raschen Lauf. Rudi verschwendete umsonst seine feurigsten Blicke an sie. Sie hielt hartnackig die Augen auf ihren Teller gesenkt und sprach kein Wort. »Du wirst wohl entschuldigen, wenn wir ohne dich angefangen haben,« sagte Frau von Goldacker kalt und scharf, sobald der Diener hinaus war, um die Suppe für Lizzi zu holen. »Du wirst wohl nicht verlangen, daß wir dir zu Gefallen das ganze Diner verderben lassen.« Lizzi zuckte nur leicht die Achseln. Ui je, wenn sie schon ihr bescheidenes Mittagessen »Diner« benannte, da mußte sie freilich sehr böse sein! »Wir konnten ja nicht wissen, ob du überhaupt wieder zu kommen beabsichtigtest,« fuhr die Majorin nach kurzer Pause fort. »Ich wollte dich dem Herrn Oberlehrer Doktor Hartmann vorstellen, der so liebenswürdig sein will, dich und deine Schwester in Pension zu nehmen, bis ihr eine anständige Lebensstellung gefunden haben werdet. Aber da warst du ausgeflogen, niemand wußte wohin. Darf man vielleicht fragen, wo du warst?« »Ich war mit Herrn Pastor Werkmeister im Tiergarten spazieren,« versetzte Lizzi kurz und warf ganz verstohlen einen scharf beobachtenden Seitenblick auf die Majorin. Sie sah, wie sie zusammenzuckte, wie Messer und Gabel in ihren Händen zitterten bei dem vergeblichen Bemühen, ein offenbar sehr hartes Stück Huhn zu zerkleinern. Die Köchin hatte nun einmal kein Talent fürs Geflügel! »Wie kamst du denn dazu, mit Pastor Werkmeister ...« stieß die aufgeregte Dame tonlos hervor. »Ich traf ihn zufällig auf der Straße und er bat mich um eine Unterredung.« »So, wirklich? Was wollte er denn von dir?« »Er wollte mich heiraten.« – Erst sprachloses Erstaunen. Die Majorin zitterte am ganzen Körper derart, daß sie Messer und Gabel loslassen und die Hände auf den Schoß legen mußte. Und Bubi ward leichenblaß und klammerte sich mit beiden Händen an die Tischkante. Plötzlich sprang er auf, schlug mit den Knöcheln auf den Tisch und keuchte ganz außer sich: »Das ist – das ist eine Gemeinheit. Ich werde ...« Da trat Friedrich mit der gewärmten Suppe herein und Bubi plumpste wieder auf seinen Stuhl zurück, daß es nur so krachte. Es war einer von den echten. Er griff eilig nach seinem Besteck, um sich vor dem Diener nichts merken zu lassen, aber er brachte keinen Bissen mehr hinunter. Seine Mutter ebensowenig. Eine Schicksalsfrage schwebte ihr auf den Lippen und drückte ihr schier das Herz ab vor Ungeduld. Der Friedrich mit seinen neugierigen Blicken war recht unangenehm und die Lizzi aß so langsam, pustete an jedem Löffel voll so lange herum. »Sie können das hier abnehmen,« sagte die Majorin endlich, »und gleich den Pudding bringen. Inzwischen kann die Köchin für das Fräulein etwas Braten wärmen.« Sobald Friedrich mit dem Tablette hinaus war, that die Majorin ihre schwere Frage: »Nun – und? Da hast du dich wohl nicht lange besonnen?« »O nein,« versetzte Lizzi, ironisch, lächelnd. »Gründlich hab' ich'n abfahr'n lassen. Der traut sich net wieder.« Rudi sprang abermals von seinem Stuhl auf und zwar so ungeschickt, daß das wacklige alte Möbel umstürzte und die hohe, morsche Lehne abbrach. Er rannte um den Tisch herum auf Lizzi zu, stammelte allerlei unzusammenhangenden Unsinn und wollte sich vor ihr niederwerfen, um seinem überschwänglichen Danke Ausdruck zu geben. Seine Mama aber war schnell genug bei der Hand, um die Ausführung dieses Vorhabens zu verhindern. Sie nahm ihn einfach beim Kragen und führte ihn aus dem Zimmer. Es war gut, daß sie diese Ablenkung bekommen hatte, sonst wäre sie wahrscheinlich vor freudiger Ueberraschung der Lizzi gleich um den Hals gefallen. Das merkwürdige Mädchen benutzte das kurze Alleinsein dazu, um vor Vergnügen auf seinem Stuhle zu hüpfen. Der aber fühlte sich zu alt, um noch auf solche Scherze einzugehen. Außerdem war er ein Bruder des jenseits eben zu Schaden gekommenen und entschloß sich darum kurz, dessen Schicksal zu teilen. Seine beiden bresthaften Vorderbeine gingen aus den Fugen und mit einem kurzen Krach sank er mit seiner süßen, aber doch schweren Last vornüber unter den Tisch. Die Sache kam Lizzi so überraschend, daß sie sich eines erschrockenen Aufschreis nicht erwehren konnte. Und im selben Augenblick traten von rechts die Hausfrau und von links der Diener herein. »Aber Lizzi, was machst du denn da unter dem Tisch?« rief die Majorin erstaunt, und Friedrich war trotz seines mehrjährigen Verkehrs in herrschaftlichen Häusern nicht gebildet genug, um seine plebejische Schadenfreude angesichts dieses merkwürdigen Stilllebens zurückzuhalten. Er prustete laut heraus und ein wahres Wunder war's, daß er dem gefallenen Fräulein nicht die Puddingschüssel unter dem Tisch servierte. Bei einem Haar wäre sie von dem Tablette heruntergerutscht. So endete Lizzis dritte Verlobung. Die Majorin warf ihr zwar hinterher vor, sie müsse überhaupt kein Herz haben, wenn sie einen Mann wie Pastor Werkmeister zurückweisen könne, aber innerlich war sie doch dem sonderbaren Mädchen innigst dankbar dafür, daß es sie so prompt und wirksam an dem Undankbaren gerächt hatte. Und sie wurde auf einmal wieder sehr freundlich und wollte durchaus nichts davon hören, daß Lizzi sogleich ihre Sachen packte und davon ging. Zum mindesten müßte sie noch bei ihrem Zauberfest mitwirken. Das versprach sie denn auch. Und damit war vorläufig der Friede zwischen den Damen des Hauses wieder hergestellt. Die Kosten mußte der Heldenjüngling Rudi bezahlen. Er war nun der allerseits in Ungnade gefallene und wurde angewiesen, seinen gekränkten Stolz möglichst viel in freier Luft spazieren zu führen. Siebzehntes Kapitel. Erzählt, wie Lizzi die Bekanntschaft ihres neuen, grimmen Kerkermeisters macht und wie sie mit ihm umspringt, des weiteren auch, wie sie unvermutet zu Vermögen kommt. Zusamt etlichen Betrachtungen über Wahrheit, Lüge und Schulmeisterei. Am andern Tage kam ein Brief von Kathi. Das arme Ding hatte arge Schelte gekriegt von der Tante Ida, weil sie wieder einmal ihre Abwesenheit benutzt habe, um ihren armen, kranken Mann aufzuregen. Es sei doch schrecklich, daß sie keine Stunde lang das Haus verlassen könne, ohne die Gewißheit, daß hinter ihrem Rücken erbschleicherische Attentate begangen würden. Im Hinblick auf die nahe Erlösung aus der abscheulichen Sklaverei und um nicht etwa die Schwester durch ein unvorsichtiges Wort mit hineinzuziehen, hatte Kathi auch diese häßliche Verdächtigung schweigend hingenommen. Die Köchin hatte nichts gesagt von Lizzis Flucht über die Hintertreppe. Sie werde auch später nichts verraten, denn sie stehe treu zu ihr und könne, wie alle Dienstboten, die geizige, ewig unzufriedene Herrin nicht leiden. Und dann berichtete Kathi ein Näheres von dem Eindruck, den sie von ihrem zukünftigen Herbergsvater, dem Oberlehrer Doktor Hartmann empfangen habe. Er hatte bei ihnen zu Mittag gespeist und nach Tische sie zu einem kleinen Spaziergang aufgefordert. Bei dieser Gelegenheit habe sie zu ihrer freudigen Ueberraschung bald herausgefunden, daß er nichts weniger als ein beschränkter, hochmütiger Schultyrann, sondern im Gegenteil ein höchst warmherziger, vernünftiger und heiterer Mensch sei. Im Handumdrehen hätte er ihr Vertrauen soweit gewonnen, daß sie ihm rückhaltslos ihre ganze Lebens- und besonders die Leidensgeschichte der letzten Wochen anvertraut und sich auch Mühe gegeben habe, die böswilligen Anschuldigungen gegen sie, Lizzi, als elende Verleumdungen darzustellen. Sie beschwor zum Schlusse die Schwester, doch ja ihre tollen Pläne aufzugeben und mit ihr zu Doktor Hartmann zu gehen, wo sie es ganz gewiß gut haben würden. Er sei übrigens auch ein großer Litteraturkenner und Theaterfreund, von dem sie gewiß viel Nützliches lernen könnte. Morgen nachmittag wolle er sie zu einem Spaziergang abholen. Sie solle sich nur nicht fürchten und ganz offen gegen ihn sein. Er werde ihr ganz bestimmt auch gefallen. Lizzi hatte den Brief erhalten, als sie gerade von ihrer Unterrichtsstunde bei Fräulein Orjes zurückgekehrt war. Das klang ja alles recht schön und gut; aber die liebe Kathi war halt ein bißchen sehr bescheiden in ihren Ansprüchen – und jetzt gerade von Berlin fortzugehen, wo ihr Plan, sich der Bühnenkunst zu widmen, just anfing, einigermaßen greifbare Gestalt zu gewinnen – das wäre doch am Ende auch Leichtsinn gewesen. Die bethränte Königin war nämlich mit ihren Fortschritten sehr zufrieden. Ihr musikalisches Ohr befähigte sie, die ihrem Münchener Schnabel so fremden Laute der hohen Tragödiensprache ohne Mühe nachzuahmen. Schon nach den wenigen Stunden, die sie gehabt hatte, vermochte sie Verse fast ganz dialektfrei zu recitieren. Nur mit der Prosa haperte es noch und ihre Anstrengungen, auch im täglichen Umgang reines Hochdeutsch zu sprechen, blieben bisher noch ziemlich vergebliche. Das Münchener Kindl schlug immer wieder siegreich durch. Aber immerhin war doch ein Anfang gemacht und ein Ende abzusehen. Wenn sie Zeit gehabt hätte, noch ein paar Monate hindurch neben dem Stelzengang des Fräulein Orjes mit Milka Grönroos das moderne Drama mit seiner Wirklichkeitssprache und seiner Betonung des Charakteristischen an Stelle des sogenannten Schönen fleißig zu studieren, so getraute sie sich wohl, bis zum nächsten Frühjahr wenigstens ihre Sprechwerkzeuge richtig handhaben zu können. Dann gedachte sie für den Sommer ein Engagement an einer kleinen Bühne anzunehmen, um das Stehen und Gehen zu erlernen – und dann, meinte sie, müßte die Künstlerin wohl fertig sein. Sie setzte sich hin, um der Schwester sogleich zu antworten. Aber sie kam über die Eingangsredensarten nicht hinweg. Das, was die Kathi am allermeisten anging, konnte sie ihr doch nicht schreiben. Ihr die Begegnung mit Pastor Werkmeister mit dem ganz unvermuteten, aufregenden Ausgang wahrheitsgetreu zu berichten, das wäre doch zu grausam gewesen. Wenn sie seine Werbung auch abgelehnt und ihn auch, sogar ziemlich deutlich, auf die Schwester hingewiesen hatte, so blieb doch die Thatsache bestehen, daß er ihr seine Liebe gestanden und sie sogar in leidenschaftlicher Hingerissenheit geküßt hatte. Wenn das Kathi erfuhr, dann würde sie in ihrer Engelsgüte ganz gewiß sich für die Schwester opfern wollen und vielleicht selbst darüber elend hinsiechen. Was hätte es denn auch viel geholfen, wenn sie, Lizzi, von vornherein erklärte, den Mann nicht zu lieben? Er liebte ja doch einmal sie und hatte keinen Gedanken für die Schwester übrig. – Und noch etwas Schlimmes kam hinzu, etwas wirklich Beängstigendes: die robuste Lizzi hatte thatsächlich eine fast schlaflose Nacht hinter sich und der sie ihr eingebracht hatte, war niemand anders als eben dieser Pastor Werkmeister. Vorher hatte sie ihn gar nicht beachtet, wenn auch immer recht angenehm gefunden; aber in der Einsamkeit ihres Schlafzimmers klang ihr sein schönes, weiches Organ berauschend in die Ohren und sie fühlte sich von seinen zitternden Armen heiß umfangen und ihre Lippen öffneten sich schwellend im Nachgenusse seiner Küsse. Alles, alles, was er gesagt und wie er es gesagt, war aus tiefster Seele, aus ernster männlicher Ueberzeugung emporgequollen – so sprach die wahre Liebe – so mußte sie von einem selig überraschten Mädchenherzen nachempfunden werden! Hätte sie gestern von Kathis Liebe nichts gewußt, so würde sie diesem mächtigen Ansturm der Leidenschaft wohl nicht widerstanden haben. Sie hätte sich willig dem Zauber des Augenblicks hingegeben und den starken Zauberer selbst gewiß bald lieb gewonnen, so lieb, wie er es verdiente! War sie denn aber nun sicher? Konnte sie wirklich der Gedanke an die Schwester dauernd beschützen vor der starken Versuchung, die reiche Gabe anzunehmen, die ihr geboten wurde? Der armen Schwester entzog sie ja in Wirklichkeit nichts. Sie gingen nur beide leer aus, wenn sie nicht annahm. Aber auf der andern Seite konnte sie doch nicht erwarten glücklich zu werden mit dem Bewußtsein, ihre treue, gute Kathi um ihre schönste Hoffnung betrogen zu haben. Jetzt schon plagte sie ja ihr Gewissen; bloß weil sie sich einem süßen Traume hingegeben und sich einmal das Hindernis als nicht vorhanden vorgestellt hatte. Wenn nun aber Kathi die ganze Geschichte von jemand anderm erfuhr? Dann gewann ja ihr Schweigen ein ganz schlimmes Aussehen. Zwar hatte sie der Majorin das Versprechen abgenommen, jedermann gegenüber das Geheimnis zu bewahren; aber welche Frau hält denn solche Versprechungen! Und gar die schwatzhafte Majorin! Ob es nicht am besten war, dem Pastor selbst ganz offenherzig zu schreiben: es thut mir herzlich leid und Ihre Liebe rührt mich sehr, aber meine Schwester liebt Sie noch viel mehr. Wenden Sie sich doch lieber an diese. Aber nein, das war brutal und wäre der zartfühlenden Kathi gar zuwider gewesen; hätte ihr auch nichts genützt. Wenn sie nur den Pastor gar nicht wieder zu sehen brauchte! Aber der war sicherlich nicht der Mann danach, sich so leicht abschütteln zu lassen. Und wenn sie ihn noch öfters wiedersah, dann mußte er ihr gefährlich werden. Sie fühlte, daß das gar nicht anders möglich war. – Schrecklich, schrecklich! Wie in aller Welt sollte sie sich aus dieser Zwickmühle heraushelfen? Und niemand, dem sie sich anvertrauen konnte! Fräulein Grönroos vielleicht? – Ach Gott, die würde ja hohnlachen, wenn sie hörte, daß es sich um einen Geistlichen handelte! – Aber sie wollte doch zur Grönroos gehen, an die sie die Feiertage über kaum mehr gedacht hatte. Sie würde sie wenigstens auf andre Gedanken bringen. Sie wollte sich mit heißem Eifer auf das Studium stürzen, vielleicht gewann sie dadurch Klarheit oder gar – Vergessen. Am frühen Nachmittag stellte sich wirklich der Doktor Hartmann ein, um Lizzi zum Spaziergang abzuholen. Die Majorin lud ihn zwar sehr freundlich ein, sich doch lieber im warmen Zimmer und bei einer Cigarre mit Lizzi auszusprechen, aber davon wollte er nichts wissen. Seine Mittel erlaubten ihm so selten einmal nach der Reichshauptstadt zu kommen, daß er jede Stunde ausnützen müsse, um etwas zu sehen. Jede Straße, jedes Schaufenster sei ihm als Kleinstädter interessant. Am 1. Januar müsse er ja schon wieder heim und dann könnte es Jahre dauern, ehe er Berlin wieder einmal zu sehen bekäme. Die Majorin lud ihn sehr freundlich ein, an ihrem Sylvesterfest teilzunehmen. Sie hätte auch ein Kostüm für ihn bereit, falls er sich nicht genierte, seine Kniee zu zeigen – ein Paar wunderbar echte Tiroler Lederhosen, denen man es auf den ersten Blick glauben mußte, daß sie über fünfzig Jahre in einer Familie gewesen waren, samt Lodenjoppe, Wadenstrümpfen und allem Zubehör. Nur auf die Nägelschuhe müsse er ihrem Parkettboden zuliebe verzichten. Der Oberlehrer nahm mit Vergnügen an und versprach, daß seine Kniee der Familienhose Ehre machen sollten. Seine Bedenken wegen der Stilwidrigkeit einer goldenen Brille wurden auf die leichte Achsel genommen. Bei ihrem letzten Fest sei der Lieutenant Graf Pfordten-Bombst als athenischer Jüngling sogar mit einem Monocle erschienen, und man habe sich auch daran im Laufe des Abends gewöhnt. Lizzi hatte sich, als der Besuch angemeldet wurde, davon gemacht, um sich ein andres Kleid anzuziehen. Sie wollte doch einen möglichst günstigen Eindruck erwecken, umsomehr, als der Herr bisher nicht viel Gutes von ihr gehört haben mochte. Und als sie nun hereintrat in ihrem knapp sitzenden, schwarzen Seidenkleide, hübsch frisiert, rund und rosig, da riß der Herr Oberlehrer freilich die Augen auf. Er hielt ihre Hand eine ganze Zeit lang in der seinigen und weidete sich mit ungenierter Bewunderung an ihrem Anblick. Endlich faßte er sein Urteil in die bedeutungsvollen Worte zusammen: »Na – da muß ich wirklich sagen ...!« Lizzi errötete geschmeichelt und kicherte vergnügt über diesen eigenartigen Willkomm. Und der Oberlehrer fiel mit einem lauten Lachen ein, als hätte er einen ausgezeichneten Witz gemacht. Fünf Minuten später standen sie schon zusammen auf der Straße und schlugen die Richtung nach dem Brandenburger Thor ein. Er sah sie fortwährend von der Seite an und dann eröffnete er das Gespräch mit den Worten: »Jetzt wollt' ich bloß, daß uns irgend ein Bekannter aus Pyritz-Kyritz begegnete! Jöses, Jöses, der Neid!« »Wieso?« fragte Lizzi naiv. »Na, Kindchen,« versetzte er vergnügt und kniff sie dabei leicht in den Arm. »So was gibt's doch bei uns nicht! Meine Frau wird Augen machen!« »Na,« dachte Lizzi bei sich, »da hat sich die Tante Ida aber schön brennt, wenn's meint, daß s' uns an recht an strengen Zuchtmeister rausg'sucht hätt'. Wenn sei Alte net schlimmer is wie der, na werd' ich's Gruseln fei net lernen.« Und sie lachte ihn freundlich an und sagte: »Na und vor meiner schwarzen Seel' hab'n S' kei Angst, Herr Professor?« »Ei, woher denn!« gab er lustig zur Antwort. »Das Fräulein Käthchen hat mich schon vollkommen beruhigt über die schwarze Seele. Na, wie gesagt, meine liebe Alte wird sich freuen. Die frißt euch einfach auf.« »Ja, was denn, is denn so bös?« »Nein, im Gegenteil. Nur auf hübsche junge Mädchen ist sie ganz wild. Wir haben nämlich keine Tochter, nur drei nichtsnutzige Rangen von Jungens.« »Was? Bub'n sind im Haus? Hoffentlich doch nur ganz kloane?« Er bemühte sich ihr nachzusprechen: »Ganz kloane? Nu, der kloanste ist dreizehn und der größte sechzehn. Und wenn sie sich nicht alle drei in euch verlieben, dann kriegen sie einfach Prügel.« Lizzi blieb stehen und schaute den kleinen Herrn verwundert an. »Na dees muß i sag'n, Sie hab'n Kurasch, Herr Professor. Wissen denn Sie net, daß mi d' Frau Majorin grad weg'n ihrem Bubi seiner Verliebtheit 'nausthun will? Ja sag'n S', wenn wir jetzt aber Ihre Bub'n net mög'n, krieg'n nachher wir d' Prügel?« »Ich denke, das wird nicht nötig sein. Eine Liebe ist doch der andern wert, nicht wahr?« »Ui jesses, wann die Tante Ida unsern Diskurs mit anhören müßt!« lachte Lizzi ausgelassen. »Pscht,« machte der Oberlehrer und sah sich ein wenig ängstlich um. »Nicht so laut, es gibt merkwürdige Zufälle. Denken Sie, ich kenne die Tante Ida nicht? Der macht man ein bißchen was vor, um ihre Gefühle zu schonen. Uebrigens – gestern gegen Abend habe ich noch mit dem armen Geheimrat eine Unterredung unter vier Augen gehabt. Da hat er mir sein Herz ausgeschüttet, so gut es gehen wollte mit seinem Sprachfehler. Geweint hat er, wie er mir erzählt hat, daß er ein Testament zu euren Gunsten machen wollte und wie das verhindert worden ist. Und das ganze Leidwesen mit der Familie Vogel – ich hab' mich wahrhaftig zusammennehmen müssen, daß ich nicht auch mitgeheult hab'. Das Käthchen hat er so lieb – und Sie auch, Fräuleinchen – ja, wirklich. Er soll es gar nicht wissen, daß die Käthe auch zu mir soll. Er freut sich schon so drauf, sie mit sich nach Italien nehmen zu können. Ich hab' zwar der Geheimrätin versprochen gehabt, nichts davon zu verraten, aber das hab' ich einfach nicht übers Herz gebracht.« »Also haben Sie's ihm wirklich g'sagt, daß d' Kathi net mitgeht? Ja, wie hat er's denn aufg'nommen?« »Ach – schrecklich war's. Es hat ihn so aufgeregt, daß er fast kein Wort mehr hat richtig finden können. Aber er traut sich ja nichts gegen seine Frau, die setzt ja alles durch. Und dabei thut sie immer so süß und liebevoll. Es ist empörend mit anzusehen – und doch, wer kann wissen, ob es ihr nicht wirklich Ernst ist? Was man so Liebe nennt, zeigt eben ein gar verschiedenes Gesicht und in der Psychologie der Frauen hört überhaupt die Logik auf – das heißt ausgenommen bei meiner: die ist gut, die ist logisch. Es gibt überhaupt für mich nur eine Frau – und das ist meine. Kommen Sie, Fräulein Lizzi, wollen wir nicht irgendwo einkehren in einer Konditorei und ihr eine Postkarte schreiben? Ich schreibe ihr täglich zwei bis drei Postkarten und jeden dritten Tag einen Brief.« Sie waren gerade am Potsdamer Platz angekommen und traten bei Josti ein. Sie fanden einen Platz in der glasgedeckten Veranda und der Oberlehrer bestellte Kaffee und Apfelkuchen mit Schlagsahne. Dafür ließe er sein Leben, erklärte er begeistert. Und dann schrieb er mit Bleistift eine Postkarte an Frau Dr. Barbara Hartmann in Pyritz: »Geliebtes Bärbelchen! »Im schwarzen Seidenkleide – tout Berlin zum Neide – Sitzt hier an meiner Seite – Die schönste Augenweide. Von Mödlingers die Lizzi – die Jüngste und ich bitt' sie – Dieweil grad Mokka kost i – Mit ihr im Kaffee Josti – Dein Wohl darin zu trinken – Verzeih die Verse hinken – Doch munter auf zwei Beinen – geht es dem ewig Deinen G. H. « Er legte eine kindliche Freude über diese Improvisation an den Tag, die Lizzi mit Hinzufügung eines schönen Grußes unterzeichnen mußte und vertraute ihr bei der Gelegenheit an, daß er Poet, Komponist, Sänger, Pianist, Mimiker, Gymnastiker und Spezialist für Naturheilkunde und Massage in einer Person sei. Ganze Bände habe er schon mit Lyricis und Dramaticis angefüllt, aber bisher noch nichts veröffentlicht, weil er immer gewissenhaft das horazische nonum prematur in annum befolgt habe – aber nach neun Jahren hatten ihm seine Sachen immer selbst nicht mehr genügt. Von seinen eigenen dramatischen Versuchen kamen sie dann auf das Theater im allgemeinen und auf Lizzis Bühnenpläne im besonderen zu sprechen. Er war als junger cand. phil. selbst eine Zeitlang bei einer reisenden Gesellschaft als erster Liebhaber thätig gewesen und hielt sich seitdem für einen alten Praktikus in Theaterdingen. War auch in Pyritz der nicht zu umgehende Regisseur aller dramatischen Veranstaltungen seitens des Gymnasiums und der besseren Bürgerkreise. Wenn Lizzi wirklich Talent besaß, so konnte das keine bessere Förderung erfahren als gerade durch ihn. Sie war so freundlich zu thun, als ob sie davon fest überzeugt sei, obwohl sie aus seinen Urteilen über die Berliner Theater bereits herausgemerkt hatte, daß er in der langen kleinstädtischen Verbannung von dem Strome moderner Anschauungen kaum berührt worden war und den Maßstab für die gegenwärtigen Leistungen der Bühnenkunst doch wohl verloren habe. Aber ein liebenswürdiger, herzlicher Mensch blieb er auf alle Fälle, und Kathi hatte ganz recht, man mußte ihm Vertrauen schenken. So weihte sie ihn denn in alle ihre Pläne ein und erwähnte auch der Rolle, welche sie Milka Grönroos in ihrer theatralischen Erziehung zugeteilt hatte. Von diesem Fräulein hatte Doktor Hartmann noch nichts gehört. Er fragte Lizzi weiter aus. Die Beschreibung, die sie von ihr gab, reizte seine Neugier aufs höchste. Ein weiblicher Freigeist, künstlerische Zigeunerin und Nihilistin obendrein – so etwas hatte er noch nie mit Augen gesehen! In seiner kleinen Stadt galt er selber für einen revolutionären Kopf. Sein stark pietistisch angehauchter Direktor traute ihm nicht über den Weg, und in der Bürgerschaft gab es Leute, die ihn für einen Narren oder ein Genie hielten – was so ziemlich auf dasselbe hinausläuft. Das schmeichelte ihm gar sehr. Er wollte gar zu gern etwas Besonderes vorstellen und hütete sich ängstlich, den guten Leuten zu verraten, daß er sich seiner gänzlichen Harmlosigkeit recht wohl bewußt war, besonders dann, wenn aus Zeitungen oder neuen Büchern der respektlose Geist der Modernen ihm heiß und kalt entgegenwehte und ihm eine Gänsehaut um die andre über den soliden Leib jagte. Es hatte einen prickelnden Reiz für ihn, solch einen furchtlosen fin de siècle -Menschen kennen zu lernen, und nun gar ein junges Mädchen, welches mit Explosivkörpern, die er kaum unter Glas zu betrachten wagte, so rücksichtslos umsprang, wie seine Frau mit den Morgensemmeln! Er äußerte den lebhaften Wunsch, die merkwürdige Finnin kennen zu lernen, und Lizzi hatte nichts dagegen einzuwenden. So machten sie sich denn nach der Landsbergerstraße auf. Sie fanden Fräulein Grönroos daheim. Um die Kohlen zu, sparen, lag sie mit ihrem alten Schlafrock angethan im Bett, las und rauchte. Ohne besonderes Erstaunen sah sie den fremden älteren Herrn mit hereintreten und reichte ihm ihre schmale, durchsichtige Rechte zum Willkomm hin. »Sie erlauben wohl, daß ich bleibe, wo ich bin,« sagte sie, ehe noch Lizzi Zeit gefunden hatte, ihren Freund vorzustellen. »Es ist hundemäßig kalt hier. Behaltet nur eure Ueberkleider an und macht euch ein bißchen Bewegung, daß ihr keine kalten Füße kriegt. Ich wärme mich an meinem Nietzsche. Ich sitze hier im Funkenregen seines Geistes und lasse mir es wohl sein. – Lizzichen, bitte, geben Sie dem Herrn was zu rauchen. Es ist sehr hübsch von Ihnen, daß Sie mich doch nicht vergessen haben. Ich dachte schon ... äh nitschwo! Haben Sie Ihr bißchen Christentum mit Marzipan und Honigkuchen gefüttert, auf daß es stark werde wider die Anfechtung? Wen bringen Sie mir denn übrigens da? Ist das etwa schon wieder ein Bräutigam – oder nur ein Theaterdirektor?« Lizzi stellte ihn lachend einfach als Doktor Hartmann vor und fügte hinzu, daß dieser Herr den Mut habe, sie bei sich aufzunehmen, trotzdem sie nun bereits zum zweitenmal wegen Erbschleicherei und Männermords in Acht und Bann gethan sei. Und im Anschluß daran berichtete sie kurz, was ihr seit dem letzten Besuch alles widerfahren sei und verschwieg nur, ebenso wie vorher dem Oberlehrer gegenüber, die jüngste Verwickelung mit dem Pastor. Sie wollte nicht, daß die Grönroos sich über ihn lustig machen sollte – dazu war ihr der Mann zu schade. Doktor Hartmann hatte sich währenddessen neugierig in dem ungemütlichen Raume umgesehen. Die Spuren von Lizzis jüngstem Ordnungsversuch waren längst verwischt, das alte Chaos wiedergekehrt. Durch den dicken Tabaksqualm vermochte er kaum die Bilder an den Wänden zu erkennen, nur die dem Bett zugekehrte Staffelei bekam von der elenden, schmutzigen Petroleumlampe ein wenig Licht ab. Und darauf stand Milkas letztes Werk, das halbnackte Weib auf rotem Grunde, aus dessen Lippen die Schlange hervorkroch. Das Fräulein bemerkte, wie der alte Herr in ratloser Verwunderung dies seltsame Gemälde anstaunte und rief mit einem schwachen Versuch zu lachen: »Ja, nicht wahr, das ist was Rares? Hier bitte, nehmen Sie doch die Lampe, sehen Sie sich es genauer an, Sie sind gewiß Kunstkenner, vielleicht gar Sammler. Kaufen Sie mir das Ding ab, ich gebe es billig.« Doktor Hartmann bekam einen solchen Schreck über die Zumutung, dies schauerliche Gemälde zu kaufen, daß die Lampe, die er ihr eben aus der Hand genommen hatte, bedenklich ins Wackeln geriet. »Ich und Bilder kaufen – o Jöses!« Und nachdem er sich das Kunstwerk noch ein Weilchen scheu betrachtet hatte, wagte er die Frage: »Sagen Sie, Fräulein, was – was stellt denn das eigentlich vor?« »Ja, was stellt das vor?« echote die Grönroos. »Die Wahrheit oder die Lüge, was Sie wollen!« »Na, dann doch wohl eher die Lüge,« mischte sich jetzt Lizzi ein. »Ein so ein garstig's Weibsbild – hu, da graust's einem ja! Net wahr, Herr Doktor, ein sehr moralisches Bild? Daß m'r von der Lug recht abg'schreckt soll werden.« »Hm, ja – ich meine auch die Lüge wäre der richtige Titel,« gab jener zögernd zu. »Ich möchte mich jetzt gerade für die Wahrheit entscheiden!« trumpfte Milka auf. »Die Lüge müßte rund und fett und rosig sein. So verführerisch im drum und dran, daß man die Hauptsache, die Schlange gar nicht gewahr würde. Aber die Wahrheit – das ist so ein eckiges Knochengerassel von einem Frauenzimmer, vor dem jedermann davonläuft. Auch wenn die Schlange in ihrem Munde nicht da wäre, um anzudeuten, wie sie beißen kann und verwunden auf den Tod. Die Schlange ist also eigentlich überflüssiger, allegorischer Plunder, vieux jeu . Ich werde die Schlange auskratzen und der Dame lieber ein großes Vorlegeschloß durch die Korallenlippen bohren. Dann wäre es doch wenigstens klar, was das Ding vorstellen soll, nicht wahr, Herr Doktor? Eine menschenfreundliche Mahnung an die hoch zu verehrenden Zeitgenossen, dem Weibsbild endlich einmal gründlich das Handwerk zu legen – oder vielmehr das Mundwerk. Seht sie euch doch an! Die spitzen Schulterknochen, eitel Haut und Beinwerk. Und diese kümmerlichen, schlaffen Brüstlein – das ist der Götze Wahrheit, vor dem ein paar Narren immer noch Weihrauch verbrennen! Oder ich könnte auch eine ganz geschlechtslose Wahrheit meinen; aber die müßte einen Zettel aus dem Munde hangen haben, darauf zu lesen: 2 × 2 = 4. Das ist die eigentliche Wahrheit, kreuzbrav und nützlich. Aber für die wär' die Farbe zu schad, das wäre eine Holzschnittwahrheit. – Sie, Herr Doktor, wissen Sie wirklich keinen Kommerzienrat, der mir das Ding abkauft? Sie müssen wissen, es ist das allererste Bild, das ich fertig gemacht habe – heißt das, was ich so fertig nenne. Und es wird auch das letzte bleiben, also eine Seltenheit ersten Ranges, haha! Außerdem Selbstporträt – nur ein bißchen idealisiert natürlich. Ich bin damit bei den Kunsthändlern herumgelaufen, aber es will's keiner bei sich aufhängen. Wenn Sie mir keinen Käufer verschaffen, dann kann ich mir nicht einmal Rattengift kaufen. Und Sie sehen doch, wie sehr ich der kräftigen Nahrung bedarf.« Dabei streifte sie den Aermel ihres Gewandes und ihres Nachthemdes hoch und reckte ihren Arm empor, der wirklich nur noch ein mit Haut überzogener Knochen war. Der gute Oberlehrer war so erschrocken, daß er sich gar nicht hinzusehen traute und Lizzi konnte sich nicht enthalten, einen Schrei des Entsetzens auszustoßen. Sie hatte sich zu Milka aufs Bett gesetzt und warf sich nun über sie und flüsterte: »Aber naa, naa, i bitt' Sie, net a so wild daher reden. Is denn gar so schlimm? Gar kei' Hoffnung mehr? Müssen S' denn wirklich – Hunger leiden?« »Nicht so drücken, Liebchen,« stöhnte Milka matt lächelnd unter Lizzis stürmischer Umarmung. »Ich bin ein bißchen schwach auf der Brust. Sie sehen ja, ich habe noch zu rauchen. So lange geht's immer noch. Ich habe die letzten Tage von Brot und billiger Wurst gelebt. Aber die Wurst kann ich schon nicht mehr sehen. Ich will es jetzt ein paar Tage lang mit der Volksküche versuchen. Die war mir bisher zu luxuriös. Aber es ist doch besser, ich mache ein paar Tage früher ein Ende mit einer kräftigen Bohnensuppe im Magen, als daß ich warte, bis das Licht von selber ausgeht, aus Mangel an Fett. Außerdem bin ich eitel. Ich möchte doch, daß mein Körper nach der Trennung von seiner sogenannten Seele einen einigermaßen vorteilhaften Eindruck mache.« »Ja ist denn das Geld ganz hin, was ich Ihnen letzt geb'n hab'?« fragte Lizzi rücksichtsvoll flüsternd. »Das hat mir alles mein Drache abgenommen. Fünf Mark habe ich bloß übrig behalten, um mir vergnügte Feiertage damit zu machen.« »Und i hab' Sie da elend und allein sitzen lassen und gar net einmal an Sie gedacht,« klagte Lizzi, »Ich bin ein selbstsüchtiges, herzloses Frauenzimmer. Jesses, und wenn i denk', daß ich um ein Haar reich g'worden wär'! Tausend Mark hätt' i jetzt haben können, wenn der Deixel net die Frau Geheimrätin fünf Minuten z'früh heimg'führt hätt'.« »Was ist das?« meldete sich der Oberlehrer aus seiner finsteren Ecke, in welche er sich in ängstlicher Biedermannsscheu vor dem häßlich nackten Jammer zurückgezogen hatte, der sich ihm in dieser kalten Kammer enthüllte. Auch die Grönroos richtete sich neugierig empor und bat Lizzi zu erzählen. Doktor Hartmann mußte ihr erst heilig versprechen, der Tante Ida nichts zu verraten, bevor Lizzi sich entschloß, ihr Geheimnis preiszugeben. Und dann entnahm sie zum Beweise der Wahrheit ihrem Portemonnaie das vielfach zusammengefaltete Stückchen Papier, das sie zum Andenken dort aufheben wollte und reichte es dem Oberlehrer hin. Der entfaltete es mit wichtiger Miene und beguckte es von vorn und von hinten durch seine goldene Brille. »Hm, hm, richtig, eintausend Mark. Das nenn' ich Schicksalstücke,« brummte er, indem er das Papier zurückreichte. Er hatte nie in seinem Leben einen Check gesehen und war unwissend wie ein Kind in solchen Dingen. Fräulein Milka bog sich mit einem Ruck vor und entriß ihm das Papier: »Erlauben Sie mal,« rief sie etwas erregt. »Laß doch mal sehen!« Sie hielt es gegen die Lampe und überflog den Inhalt. Dann lächelte sie verächtlich und schlug mit ihrem Taschentuch, das auf dem Deckbett vor ihr lag, nach Lizzi: »Fräulein Mödlinger, Sie sind ein kleines Schaf, nehmen Sie mir es nicht übel. Da, nehmen Sie die Lampe, irgendwo werden Sie Feder und Tinte finden. Setzen Sie sich an den Tisch, schreiben Sie auf die Linie, wo die Klexe sind, schön deutlich Ihren Namen hin, dann ist die Geschichte in Ordnung.« Lizzi traute ihren Ohren nicht und wollte es durchaus nicht glauben, daß sie wirklich für dies beklexte Papier tausend Mark herausbezahlt kriegen würde. Und nachher meinte sie, die Grönroos wolle sie am Ende gar zur Urkundenfälschung verleiten. Und als ihr endlich auch dieser Zweifel benommen war, da wollte sie wenigstens die beiden garstigen Tintenflecke, die wie Ochsenköpfe aussahen, ausradieren. Darob ergrimmte schließlich Fräulein Milka, sprang aus dem Bett wie sie war, in zerrissenen Strümpfen, Hemd und Schlafrock, stippte die Feder in die Tinte, drückte sie Lizzi energisch in die Hand und hieß sie ihren Namen schreiben. Das verschüchterte Kind hätte sich nicht im mindesten gewundert oder beklagt, wenn sie eine Watschen obendrein bekommen hätte. Das Fräulein verpflichtete sich übrigens gleich morgen früh selbst mit Lizzi an die Kasse der Deutschen Bank zu gehen, um das Geld zu erheben. Lizzi tanzte vor Freude im Zimmer herum und klatschte in die Hände. »Jesses, jesses naa, dees Papierl hätt' i bald wegg'schmissen. Dees is ja rein wie g'schenkt! Und Sie haben mir's g'schenkt, Fräulein Milka, jawohl. Geh'n S' her, tanzen m'r amal miteinander.« Und sie faßte frischweg die vergeblich Widerstrebende um den Leib und wirbelte sie ein paarmal auf dem Fleck herum. Die Grönroos fiel keuchend vor Mattigkeit rücklings über ihr Bett, als sie das freudentolle Mädchen losließ. Und der gute Doktor Hartmann rang die Hände und stöhnte leise vor sich hin: »O Jöses, Jöses nein! Geniert euch doch ein bißchen, meine Damen!« »Was stell'n m'r denn jetzt an?« rief Lizzi unternehmend. »Kinder, a Gaude muß dees geb'n! Ihr könnt's essen, was ihr wollt's, und Schlampancher trink'n, soviel ihr mögt's, i zahl' alles. Der Frau Majorin schick'n m'r an Dienstmann, daß i heut' gar nimmer heimkomm', und nachher geh'n m'r ins Theater, dees heißt, natürlich m'r fahr'n Droschken erster Klass. Und d' Milka wird nudelfett g'macht und nachher – na wart' S' no, 's fallt m'r scho noch was ein. Richtig, ins Deutsche Theater geh'n m'r.« Der Herr Oberlehrer machte schwache Einwendungen, weil seine Kasse, und Milka, weil ihre Garderobe dergleichen nicht erlaube. Lizzi erklärte, daß sie dann einfach auf die Galerie gehen wollten, schon zur Erinnerung an ihre erste Bekanntschaft. Nun wurde der alte Herr mit dem Gesicht gegen die Wand gestellt, damit Milka ihre Toilette vervollständigen konnte, was sehr bald geschehen war. Und dann machten sich die drei Herrschaften auf den Weg. Der Schulmann war riesig stolz mit seinen zwei Mädchen am Arm. Sie gingen zunächst noch einmal in eine Konditorei, wo die halb verhungerte Milka mit Schokolade bewirtet wurde und der Oberlehrer abermals Apfelkuchen mit Schlagsahne aß. Nachdem sie also sich leiblich gestärkt hatten, nahm sich die Nihilistin bedeutend menschlicher aus, und der kleine Herr, der droben in dem kalten, verräucherten Zimmerchen eine wahre Heidenangst vor ihr gehabt und sich kaum den Mund aufzuthun getraut hatte, wurde jetzt ganz munter und gesprächig. Er war bald im lebhaftesten Disput über philosophische und ästhetische Fragen und merkte es gar nicht, daß die radikale Finnin eigentlich nur aus Höflichkeit sich Mühe gab, seine etwas veralteten Anschauungen zu bekämpfen. Nur einmal wurde sie ein wenig grob, als er mit selbstgefälligem Schmunzeln über seine eigene Gefährlichkeit scherzte. »O Jöses, wenn das mein Direktor wüßte, was ich hier für hochverräterische Ansichten laut werden lasse, er würde mich sofort als Verführer der Jugend denunzieren. Ich bin ihm so schon zu fortschrittlich, obgleich ich meinen Jungens gegenüber natürlich manches für mich behalten muß.« Da fuhr Fräulein Milka zornig heraus: »Eine Schande ist es, eine erbärmliche Feigheit! Immer wieder wagt man es, neue Geschlechter mit dem alten Kohl zu füttern, der wahrhaftig schon bald fürs liebe Vieh ungenießbar geworden ist. Was jeder denkende Mensch sich längst an den Schuhsohlen abgelaufen hat, das soll die Grundlage der Erziehung für neue, denkende Menschen abgeben. Schämt ihr euch denn gar nicht eurer Heuchelei? Ihr habt ja Angst, alle zusammen, vor dem Denken. Verdummen wollt ihr die Menschheit und nicht erleuchten. Darauf läuft euer ganzes Latein hinaus. Chinesen wollt ihr erziehen, damit es nachher die Machthaber leicht haben, ihre gebildeten Unterthanen der höheren Stände mit ihren Zöpfen aneinander zu binden. Und wir Unglücklichen, die wir Mut und Kraft zum eignen Denken in uns fühlen, wir müssen die zeugungskräftigsten Jahre unsres Lebens hinopfern, Hirn und Nerven aufzehren in der groben Arbeit des Einreißens von alten Trümmerhaufen, des Urwaldlichtens. Wenn wir endlich freie Bahn vor uns sehen, und anfangen wollen, was Neues hinzustellen auf den mühsam gewonnenen Bauplatz, dann sind wir alt und müde geworden und haben die Kraft nicht mehr und die Hoffnung. Wann werdet ihr uns endlich einmal ein Geschlecht erziehen, ihr Schulmeister, das gesund und stark und mit leichtem Gepäck ins Leben hinaustritt; das gleich damit anfangen kann, neu aufzubauen, weil es voll Glaubens an sich selbst und an die Menschheit sich auf den freien Plan gestellt sieht und endlich einmal die harte Kärrnerarbeit gethan findet!« Der gute Oberlehrer saß ganz geknickt da, wie ein gescholtener Schulbube. »Ja, aber die historische Grundlage?« wagte er endlich schüchtern einzuwenden. »Man muß doch wissen, wie die Jahrhunderte vor uns gedacht haben. Wie kann man denn einen richtigen Maßstab gewinnen für das Neue, wenn man nicht in sich die ganze Entwickelung mit durchgekämpft hat!« »Ja, das wäre auch ein rechtes Unglück,« fuhr Milka höhnend dazwischen, »wenn einmal der demütige Respekt vor dem Alten aufhörte, nicht wahr? Natürlich soll die Jugend die Entwickelungsgeschichte kennen lernen, aber es wäre wirklich an der Zeit, daß ihr Schulmeister einmal diese Dinge mit überlegenem Humor behandeltet. Doziert doch die Geschichte der menschlichen Dummheit und Niedertracht! Dann werdet Ihr den jungen Menschen Heiterkeit und Mitleid anerziehen. Menschen, die dazu dressiert werden, die Dummheiten ihrer Vorväter zu verehren, müssen ja Kinder oder Greise bleiben ihr Leben lang. Verständnis für die Gegenwart ist wahrhaftig wichtiger, als das für die Antike. Und ihr lehrt die Gegenwart verachten und zieht die Grenzlinie zwischen dem gebildeten Menschen und dem Pöbel da, wo der Respekt für die Gegenwart beginnt. Ihr zieht euren Jungens Scheuklappen über die Augen und bohrt ihnen künstliche Gucklöcher nach hinten hinaus, wo der Schädel am dicksten ist. Ja, ja, wie ich schon sagte: Chinesenzucht, darauf läuft euer ganzes Bestreben hinaus.« Hier fiel endlich Lizzi ungeduldig ein: »Ja, liebstes Fräulein, dees is zwar alles sehr schön und interessant, und Sie haben so unrecht net, aber mir kommen ganz b'stimmt z'spät zum Theater, wann S' jetzt net aufhören.« Damit war denn die Diskussion vorläufig beendet, und sie brachen lachend auf, um sich »Romeo und Julia« anzusehen. Einen Dienstmann mit einem Billet an die Majorin, der die Hausschlüssel nach dem Theater bringen sollte, hatten sie schon vorher abgeschickt. – Der gute Oberlehrer war ordentlich erschrocken über den ungezogenen, wilden Buben, den Kainz aus dem Romeo machte. Aber da Lizzi und die Grönroos ihn über die Maßen herrlich fanden, so glaubte er es schließlich selber. Er hatte halt einen heillosen Respekt vor diesen modernen Menschen gekriegt. – Nach dem Theater mußte er ein üppiges Abendessen in einem Münchener Bierhaus im Gesamtbetrage von vier Mark und siebzig Pfennigen aus seiner Tasche auslegen, da Lizzi, die Kapitalistin, so viel Kleingeld nicht bei sich trug. Er mußte auch noch eine Droschke für die Finnin spendieren, während er Lizzi zu Fuß heimbrachte. Nichtsdestoweniger versicherte er ihr aus voller Ueberzeugung, daß dies einer der schönsten Tage seines Lebens gewesen sei. Er umarmte sie väterlich und versprach morgen vormittag wiederzukommen, sobald er den eingehenden Bericht an sein Bärbelchen abgelassen habe. Lizzi stahl sich möglichst geräuschlos ins Haus hinein und schlief die Nacht ganz ausgezeichnet. Ob sie wohl ebenso gut geschlafen hätte, wenn sie gewußt hätte, daß an diesem selben Nachmittag, der sie nicht nur im Bewußtsein ihrer Macht gestärkt, sondern ihr auch noch tausend Mark unvermutet in den Schoß geworfen hatte, der Herr Pastor Werkmeister bei Kathi gewesen war, um sie zur Vertrauten seiner glühenden Liebe zu ihrer Schwester zu machen, und sie um ihre Fürsprache zu bitten? Wie hatte dem armen Mädchen das Herz geklopft in bang-sehnlicher Erwartung, als der angeschwärmte Mann sie um eine Unterredung unter vier Augen bat und wie war dieses heiße, sehnsüchtige Herz plötzlich still gestanden vor namenlosem Schmerz, als der Mann ihr mit so beredten Worten seine Liebe zur Schwester schilderte! – Alles, alles in der Welt für Lizzi! Schönheit, Liebe, Bewunderung, Talent – alles für sie! Und ihr, dem armen Aschenbrödel, ward nicht mal ihre erste, heimliche Liebe gegönnt. Zu Magddiensten, zur Selbstaufopferung war sie gut genug! Und sie opferte sich, als müßte es so sein. Geduldig hörte sie den Mann an, wie er mit fiebernder Begeisterung von seiner Leidenschaft sprach. Sie drängte gewaltsam die Thränen zurück und zwang sich zu reden und zu lächeln sogar. Ihr Bestes versprach sie zu thun für den Mann, der ihr das Grausamste angethan hatte! Und in der nämlichen Nacht, als Lizzi lustig kichernd über die neue, leichte Eroberung, die sie an dem fröhlichen alten Herrn aus Pyritz gemacht, einschlief, um süß zu träumen von dem Veroneser Liebespaar, vermochte Kathi kaum ein Auge zuzuthun. Und am andern Morgen um halb sieben Uhr schon rüttelte die Köchin sie am Arm und riß sie aus ihrem unruhigen Halbschlaf. Aufstehen, reine machen, einheizen! Das gäbe schön was von der Geheimrätin, wenn sie um acht Uhr die Zimmer noch nicht warm fände! Achtzehntes Kapitel. Vom großen Kehraus in der Sylvesternacht und von dem Kavalier-Meeting auf dem Stettiner Bahnhofe. Das große Zauberfest war glänzend verlaufen. Erst um zwei Uhr am Morgen des 1. Januar waren die letzten Gäste fortgegangen und drei Uhr war es gar geworden, ehe die todmüde Hausfrau samt Kindern und Gesinde ihr Lager aufzusuchen im stande war. Rudis Zimmerchen war heute als Damengarderobe benützt und Lizzis Schlafgemach seiner früheren Bestimmung als Plauschwinkel für Liebende wiedergegeben worden. Nun hatte man in der Eile die Möbel wieder umgestellt und das sonderbare Bett aufgemacht. Gelüftet hatte man auch ein wenig, denn der enge Raum war dick von Cigarettenrauch gefüllt. Das wüste Durcheinander in den vorderen Räumen spottete einfach jeder Beschreibung. Die Gebeine im Kampf gefallener Antiquitäten waren zu Haufen in den Winkeln aufgeschichtet. Es gab schwerlich viel mehr als ein halbes Dutzend unversehrt gebliebener Sitzgelegenheiten in den Gesellschaftsräumen. Gläser aller Art mit Bier-, Bowlen-, Wein- und Selterswasserresten standen auf Tischen und Simsen überall herum. Viele davon waren umgefallen und hatten ihren Inhalt über Tischtücher und Fußboden ergossen, manche zerbrochen. Die Stearinlichter auf den großen Lüsters waren bis auf Stümpchen heruntergebrannt und zeigten alle auf der rechten Seite dicke tropfsteinförmige Protuberanzen, welche die Zugluft hervorgerufen hatte. Da die Majorin nicht die genügende Anzahl Lichtmanschetten besaß, so hatte die Mehrzahl der Kerzen ihren Ueberfluß in tropfbar-flüssiger Gestalt auf den Parkettfußboden, beziehungsweise auf die Frisuren, Schultern und Rücken der Damen und Herren, mit besonderer Bosheit aber auf die kostbaren Uniformen etlicher Gardeoffiziere ergossen – wahrscheinlich zur gerechten Strafe dafür, daß sie nicht im Kostüm erscheinen wollten. Die stattliche Gattin eines Generals, welche ihre üppigen Reize der gebührenden Anerkennung nicht hatte entziehen wollen, war sogar durch einen großen Fladen Stearin mitten auf dem achtunggebietenden Rücken dekoriert worden. Wie das Siegel eines Gerichtsvollziehers nahm es sich dort aus, hatte ein Lieutenant schnöde bemerkt und noch schnöder hinzugefügt: »Eigentlich toll – Lebensmittel dürfen doch nicht gepfändet werden!« Der General war nämlich berühmt wegen seiner Schulden. – Vergessene Handschuhe, verlegte Fächer und Schnupftüchlein, abgetretene Tüllsäume und besonders Cigarrenstummel – Dutzende von Cigarren und Cigarettenstummeln – waren in allen möglichen Ecken, Winkeln, Falten, Löchern und sonstigen schattigen Gelassen verkrochen, verfitzt, verschlungen, daß man Ostereier nicht hätte listiger verstecken können. Auf dem Harmonium hatte eine falsche Spanierin ihr Tamburin liegen lassen. Einem der Engel hatte jemand einen gefundenen Zwicker auf die Nase geklemmt, und unter einem Haufen trauriger Stuhlrückstände leuchtete bei näherem Zusehen sogar die rote Seide eines Strumpfbandes hervor. Aber herrlich war es doch gewesen. Wenigstens hatten es alle Gäste der strahlenden Hausfrau beim Abschied versichert, trotzdem es nicht zu leugnen war, daß die Güte des Soupers entschieden nicht auf der Höhe der lebenden Bilder gestanden, daß die eiskalte Sauce den etwas überreifen Hasenbraten nicht gerade verbessert hatte und daß die Bowle einfach ein Gesöff gewesen war. Aber die Menge hübscher Mädchen und stattlicher Frauen, deren nordgermanisches und noch dazu meist blaues Blut durch Hitze, Wein und Tanz und besonders durch das sans-gêne , welches das Kostüm zu geben pflegt, erwärmt und in ungewöhnlich rasche Bewegung gesetzt worden war, ließ alle die kleinen Mängel der Verpflegung, sowie die tragisch-komischen Unglücksfälle unter der Stearintraufe und beim unvorsichtigen Niedersitzen vergessen und nötigte selbst den blasiertesten jungen Herren die Anerkennung ab, daß es wirklich sehr nett gewesen sei und daß man sich unter solchen Umständen sogar mit den jungen Damen »unsrer Kreise« famos amüsieren könne. Die Königin des Festes war natürlich wieder Lizzi gewesen. Sie sah aber auch wirklich bildhübsch aus in ihrem weißen, griechischen Gewande, die prachtvollen Arme, den feinen Hals, die blendenden Schultern und die zartschwellende Büste zum erstenmal in ihrem Leben den bewundernden Blicken einer großen Gesellschaft preisgebend. Als so eine Art Weihnachtsengel mit großmächtigen goldenen Flügeln hatte sie den begleitenden Text zu den lebenden Bildern deklamiert und so schön gesprochen, daß kaum ein Mensch merkte, wie holperig die Verslein waren, welche die gute Majorin selbst verbrochen. Alles hatte sich nach Beendigung der Vorstellung beglückwünschend um sie herum gedrängt und fast keiner hatte versäumt, ihr seine Entdeckung mitzuteilen, daß sie für die Bühne wie geboren sei. Ein wahrer Rosenblätterregen von Liebenswürdigkeiten und Schmeicheleien träufelte ununterbrochen auf sie herab. Beim Tanze riß man sich um sie, und nicht nur sämtliche Herren von der ältesten Excellenz bis zum jüngsten Lieutenant, sondern sogar die meisten Damen verliebten sich in das lustige, frische, strahlende Mädchen. Auch Kathi kam heute abend zu Ehren. Sie sah in ihrem Tirolerkostüm sehr hübsch aus und machte besonders bei den ältesten Herren und jüngsten Mädchen viel Glück. Freilich begannen die meisten Leute die Unterhaltung mit ihr mit den Worten: »Nein, was haben Sie für eine reizende Schwester!« Aber dann fand man sie doch auch um ihrer selbst willen sehr nett, besonders nachdem sie mit Lizzi zusammen etliche »G'sangeln« zum besten gegeben hatte. Zum Tanzen war sie jedoch nicht zu bewegen – sie fühlte sich ja doppelt in Trauer, nicht nur um die Mutter, sondern viel mehr noch um den Verlust ihrer süßesten Hoffnung. Lizzi war beinahe bös darüber geworden, daß sie ihr nicht »die Hälfte von der Sünd'« durch Beteiligung abnehmen wollte. Pastor Werkmeister würde ihr schon Absolution erteilen – neckte sie gedankenlos. Sie dachte überhaupt an nichts in ihrem seligen Taumel, weder an Pastor Werkmeister noch an die tote Mutter – am allerwenigsten an Sünde. Bubi, der sich in seinem Ritterkostüm mit pappenem Helm, Harnisch und schlotternden Drahtmaschen-Beinlängen nicht eben imposant ausnahm, trotzdem er sich einen großen schwarzen Schnurrbart angeklebt hatte, Bubi litt natürlich entsetzliche Qualen der Eifersucht, während der muntere Oberlehrer, der als bebrillter Tiroler Holzknecht so unecht wie nur irgend möglich aussah, im Gegenteil vor Vaterfreude über das ganze Gesicht strahlte. Er betrachtete Lizzi schon für so gut wie sein Kind. Und morgen früh um halb elf Uhr wollte er ja mit den beiden großen Fräuleins heimreisen. Kathi logierte seit zwei Tagen auch bei Frau von Goldacker – und das war so gekommen. Als am Tage nach der großen Gaudi Lizzi der Verabredung gemäß mit Milka und Doktor Hartmann bei der Filiale der Deutschen Bank an der Potsdamerstraße zusammengetroffen war und auch anstandslos die tausend Mark ausbezahlt erhalten hatte, war ihnen in der Thür die Geheimrätin Riemschneider in eigner Person begegnet, um eine größere Summe zur Reise abzuheben. Lizzi hatte sich vor Schreck sogleich in Trab gesetzt, aber der Oberlehrer, der in der ersten Verwirrung ihrem Beispiel folgen wollte, war von der Gestrengen am Aermel festgehalten und so genötigt worden, Rede zu stehen. Er hatte sie tief gegrüßt und sich umständlichst nach ihrem und ihres Gatten Befinden erkundigt, ihre Frage, was er denn mit den beiden jungen Damen bei der Deutschen Bank da zu schaffen habe, geflissentlich überhörend. Und als er der Antwort nicht länger ausweichen konnte, war er auf die unglückliche Ausrede verfallen, er habe soeben sein Vermögen in »Laurahütte« angelegt. Die Geheimrätin hatte dies nicht im mindesten scherzhaft gefunden, sondern war mit einem drohenden Blick hineingestürmt, um sofort den Herrn am Schalter einem Verhör zu unterwerfen. Da war denn die ganze Geschichte herausgekommen und die Folge davon war, daß erstens einmal der arme Gatte sehr deutlich die Meinung gesagt bekam für seine unverantwortliche Schwäche diesen raffinierten Erbschleicherinnen gegenüber und zweitens statt Lizzis, die nun einmal ihren Raub in Sicherheit hatte, die unglückliche Kathi das Gewitter ihres Zornes über ihrem Haupte austoben und sich wegen Vorschubleistung zu dem verbrecherischen Ueberfall der Schwester aus dem Hause weisen lassen mußte. So hatte sie denn für die zwei Tage bis zur Abreise des Oberlehrers gleichfalls bei der Majorin einen Unterschlupf gefunden. In Lizzis Zimmerchen hatte man ihr das Polster eines alten Schlafsofas auf den Fußboden gelegt und mit Hilfe einiger Kissen und Decken notdürftig ein Bett hergestellt. Da aber Lizzi nicht leiden wollte, daß die ältere Schwester wie ein Hund zu ihren Füßen schlief und Kathi wiederum auf den vorgeschlagenen Tausch nicht eingehen wollte, so hatte der edle Wettstreit damit geendigt, daß sie beide in einem Bett schliefen. Und die gute Kathi nahm die Kleine zärtlich in ihre Arme und ließ sie mit dem Kopf auf ihrer Brust einschlafen – die glückliche Kleine, die ihr ihr Alles geraubt hatte! – – – Als die beiden Schwestern in der Frühe des 1. Januar der Majorin Gute Nacht sagten, fiel ihr Lizzi stürmisch um den Hals, küßte sie auf beide Wangen und sprach: »Ach, liebe Tante, ich dank' dir so – es war zu schön! Aber weißt', jetzt kann i nimmer fort – i mag net, i kann net, i kann wirklich net! Alle hab'n sie's g'sagt, daß ich für die Bühne geboren wär' – und da wär's doch ein rechter Unsinn, net wahr, wenn i jetzt aufs Land gehen thät und nix mehr hören und sehen könnt' vom Theater. Dees wär' doch ausgerechnet Selbstmord!« Das Wort »ausgerechnet« hatte sie sich heute abend von den Lieutenants angewöhnt. »Wenn du mich nimmer behalten magst, dann kann ich ja auch so für mich wohnen. Ich hab' ja jetzt mei klein's Vermögen.« »Ich laß dich ja auch gar nicht fort, mein herziges, einziges Schätzel!« rief die Majorin, indem sie sie fest an sich drückte, und dabei liefen ihr vor Uebermüdung und vor Rührung die Thränen schon die Backen hinunter. »Zu reizend sahst du aus mit deinen goldenen Flügeln, du süßer, fetter Weihnachtsengel. Ich bin recht schlecht zu dir gewesen, nicht wahr? Sei mir nur nicht böse – und bleib schön bei mir. Ich bitte dich! Nach dem Erfolge des heutigen Abends müßte es doch mit dem Kuckuck zugehen, wenn du nicht in drei Monaten spätestens verlobt wärst – und wie! Mit deinem Alleinwohnen, das ist natürlich Unsinn. Dreihundert Mark hast du ja schon der Grönroos geschenkt. Na, du wärst bald fertig mit deinem Gelde. Nein, nein, das ist alles Unsinn, basta! Du bleibst hübsch da, und die Käthe ... Gut Nacht, mein liebes gutes Käthchen. Wenn ich nur Platz hätte, behielt ich dich auch da. Nun packt euch aber ins Bett, Kinder. Und daß du mir ein bißchen Trab schläfst, Käthe! Um neun Uhr wird aufgestanden. Gute Nacht!« Kathi war während dieses Gefühlsausbruches der Majorin mit gesenktem Kopf beiseite gestanden, hatte sich dann stumm ergeben mit abküssen und zu Bett schicken lassen. Aber in der Einsamkeit des Schlafzimmers, als sie der Schwester die goldenen Spangen von den Schultern und den goldenen Gürtel von der Taille losnestelte und den in kraftvoller Schönheit prangenden Mädchenkörper herausschälen half aus seinen Hüllen, da überfiel sie ihr Schmerz allzu gewaltig. Sie brach überwältigt auf dem Rande des Bettes zusammen und schlug die Hände vors Gesicht. Lizzi kniete erschrocken vor ihr nieder und flüsterte zärtlich: »Ach geh, lieb's Herzerl, was hast denn?« Kathi tastete mit der Linken nach ihrem Kopfe – die Thränen verschleierten ihr so den Blick – und dann stieß sie, mühsam ihr Schluchzen unterdrückend, mutig hervor: »Wannst hier bleibst, nachher mußt doch den – den Herrn Pfarrer heiraten. Er liebt dich doch einmal so – es wär' ein Unrecht – und er is doch gewiß besser, wie die Affen all mitsamm. Und – und dann – und dann thät'st auch mir a rechte Freud' damit machen. Ich möcht'n so gern glücklich seh'n.« All die Tage über hatte sie sich mit Vorwürfen gequält, weil sie ihr Versprechen an Pastor Werkmeister noch nicht erfüllte. Es wollte einmal nicht gehen – sie brachte nicht einmal den Namen über die Lippen. Und ebenso hatte Lizzi die beiden Briefe, welche sie in diesen Tagen von dem Pastor erhalten, ängstlich vor Kathi verborgen. Daß er bei der Schwester gewesen war, wußte sie nicht und sie meinte, ihr den großen Schmerz ersparen zu müssen. Sie glaubte ihrer selbst sicher zu sein. Der stattliche Mann mit dem lebhaften Auge und dem schönen Organ gefiel ihr zwar sehr gut und seine glühende Liebe, die nicht locker lassen wollte, schmeichelte ihrer Eitelkeit nicht wenig. Aber er war halt doch geistlich und sie weltlich – ach, so weltlich! Ein Pastor und eine Schauspielerin – daraus konnte ja nimmermehr etwas werden! Nein, nein, wenn der Pastor sah, daß es ihr mit ihrer Kunst Ernst war, ebenso wie mit ihrer Zurückweisung seines Liebeswerbens, so mußte er sich ja als gesitteter Mensch zufrieden geben, Kathi brauchte nie etwas davon zu erfahren und konnte in der Einsamkeit das Ideal ihres Mädchentraumes ungestört weiter hegen, bis es allmählich verblaßte und vielleicht einem andern Platz machen mußte. Es gab ja in diesen kleinen Städten fast immer einen netten, jungen Arzt – auch die Apotheker sollen manchmal sehr liebenswürdige Herren sein. Als Münchnerin war sie schon des in Norddeutschland so beliebten Dialektes wegen sicher, nicht unbeachtet zu bleiben. In dieser Weise hatte Lizzi die Schwester wohl versorgt und glaubte damit ihr Gewissen beruhigen zu dürfen – was war denn nun das auf einmal!? Lizzi sprang erschrocken auf die Füße, drückte Kathis Haupt an ihren Busen, streichelte sie zärtlich und sagte, halb scherzend, halb selbst zum Heulen geneigt: »Aber, so geh zu, bist wohl ganz närrisch, du gute Seel', du! Laß mir doch den Pfarrer aus'm Spiel – i mag'n ja gar net! Bei Gott, kannst m'r's glauben, i nehm d'rn net fort!« Sie versuchte zu lachen, aber das Herz schlug ihr so rasch und heftig vor Mitleid mit der armen Schwester, deren Körper, vom heftigsten Schluchzen geschüttelt, jetzt an dem ihren bebte, daß ihr das Lachen kläglich in der Kehle stecken blieb. Kathi vermochte nicht zu reden und so fuhr Lizzi noch ein kleines Weilchen fort, ihr beruhigend über das Haar zu streichen. Dann ließ sie sie aus ihren Armen, half ihr aus dem echten, alten Mieder mit dem silbernen Geschnür und sagte: »Geh, Herzerl, mach, daß d' ins Bett kommst – mei Rücken friert.« Kathi ließ alles mit sich geschehen, und ein paar Minuten später steckten die beiden Schwestern bereits unter der Decke. Aber mit dem Gutenacht sagen und Stillesein ward nichts erreicht. Sie konnten alle beide so rasch keinen Schlaf finden. Und nachdem sie wohl eine Viertelstunde lang stumm dagelegen und Kathi sich ein klein wenig beruhigt hatte, begann sie von neuem am Ohr der Schwester zu flüstern: »I glaub' dir's schon, daß d's gut meinst, aber wenn i amal fort bin und du hast'n hier ganz alleinig für dich und er kommt immer wieder und laßt net aus mit seiner Lieb, nachher wirst's schon g'spüren, daß doch nixn hilft, was m'r sich a vornimmt. Ich will dir net gram sei, wirklich net, der allerbeste Mann wär' m'r grad gut g'nug für dich.« »Aber woher weißt denn nur, daß er...« »Er hat m'r's ja selber g'sagt und er hat mi bitt, daß i für ihn a Wörtl einlegen sollt bei dir. I hab's ihm versprochen, und siext d' es, darum ...« Sie vermochte den Satz nicht zu vollenden. Auch Lizzi war sprachlos, ins innerste Herz getroffen von so übermenschlicher Selbstlosigkeit. Sie kroch ganz nahe zu Kathi heran, schlang die Arme um sie und weinte an ihrem Halse wie ein großes Kind, das recht schlimm gewesen ist und es nun mit seiner gütigen Mutter wieder recht machen will. Lange sprach keine der Schwestern ein Wort, und als endlich Lizzi sich wieder beruhigt und einen Entschluß gefaßt hatte, einen guten, braven Entschluß, da fand sie, daß Kathi inzwischen eingeschlafen war. Am andern Morgen um neun Uhr wurden die Schwestern durch lautes Klopfen an der Thür geweckt. Heillos früh kam es ihnen vor, und das Aufstehen wurde ihnen sehr sauer. Lizzi sprang zuerst aus dem Bett und beeilte sich sehr mit ihrer Toilette. »Bleib du noch a bisserl liegen, Kathi,« sagte sie. »Du hast ja alles fix und fertig packt, aber i muß noch ...« »Ja, was is denn jetzt dees, du bleibst doch hier?« rief Kathi erstaunt. »Nein, i geh' scho mit,« versetzte Lizzi sehr entschieden. »I verlaß dich net – red nix, heut nacht' hab i mir alles überlegt und jetzt weiß i, was i z'thun hab'. Der Pastor muß seh'n, daß i's ernst mein', sonst laßt er mir kei' Ruh mit seiner Lieb, und so schlecht bin i amal net, daß i meiner Schwester den einzigen Mann fortnimm, den s' selber gern hab'n möcht'. Nein, nein, was a d' Leut von mir sag'n mög'n, so schlecht bin i net.« Und mit nervöser Hast suchte sie zusammen, was sich von ihren kleinen Habseligkeiten noch herumtrieb, warf es bunt durcheinander, wie es gerade kam, obenauf in ihren Koffer, und dann schlug sie mit einem Krach den Deckel zu. »So, jetzt san m'r fertig. Auf nach Pyritz!« Kathi mochte einwenden, was sie wollte, Lizzi hörte auf nichts. Es war nur gut, daß die Majorin sich entschuldigen ließ, wenn sie nicht zum Vorschein komme. Sie fühle sich wie zerschlagen und könne nicht aufstehen. Ließe glückliche Reise wünschen. »Gott sei Dank!« sagte Lizzi, »davor hab' i mi g'fürcht'. Jetzt schreib' i erst von Pyritz aus.« Um dreiviertel zehn Uhr saßen die beiden Mädchen bereits in der Droschke. Aber just in dem Moment, wo der alte Schimmel anziehen wollte, sprang Bubi die steinernen Stufen hinunter und rief: »Halt, halt, ich fahr' mit!« Es half alles nichts. Er wollte sich's durchaus nicht nehmen lassen, die Damen zum Bahnhof zu begleiten. So mußten sie es denn dulden, daß er sich noch mit hineinquetschte. Aber auf dem Bahnhof harrte Lizzis eine Ueberraschung, an die sie wahrlich nicht gedacht hatte. Nicht nur der Oberlehrer, der natürlich schon eine halbe Stunde lang mit dem Eisenbahnfieber des Kleinstädters ihrer geharrt hatte, sprang, zwei kleine billige Blumensträußchen in der Linken schwingend, leichtfüßig die Treppe hinunter ihnen entgegen, als sie aus dem Wagen stiegen, sondern da eilten auch noch von rechts und links zwei andre Herren auf sie zu, gleichfalls mit Blumensträußen, aber größeren Formates bewaffnet. Das war Pastor Werkmeister, der gestern früh den Junker Rudi auf der Straße abgepaßt und ihm die niederschmetternde Nachricht von der geplanten Flucht entlockt hatte und – Herr Krajesovich von Nemes-Pann, dem Lizzi selbst ein paar freundliche Abschiedszeilen geschrieben hatte. Allgemeines Erstaunen, allgemeine Vorstellung und allgemeine Verlegenheit. Stille Wut Bubis, daß er der einzige sein mußte, der ohne Strauß erschienen war. Die Anwesenheit des Serben bedrückte den Pastor sichtlich, und die Anwesenheit des Pastors ärgerte den Serben. Bubis Augen blitzten Dolche gegen beide – denn bei dieser letzten traurigen Gelegenheit wenigstens hatte er sicher gehofft, der einzige zu sein. Lizzi selbst lächelte ein wenig dümmlich von einem zum andern und steckte ihre Nase fortwährend in die schönen Blumen, um ihre Verlegenheit zu verbergen. Die arme Kathi konnte beim Anblick ihres still Geliebten, der natürlich nur für Lizzi Augen hatte, ihre Thränen kaum zurückhalten. Nur der Doktor Hartmann war in bester Laune. Er sprang davon wie ein Jüngling, um die Fahrkarten und das Gepäck zu besorgen, und als sie dann alle sechse auf dem Bahnsteig dem Wagen zuwandelten, da flüsterte er der Kathi vergnügt zu: »Großartig, was? Versammlung sämtlicher Liebhaber nebst obligater Blumenovation. Jöses, nein – gerade, wie wenn eine berühmte Künstlerin abreist.« Lizzi genierte sich ein wenig vor Herrn von Krajesovich, weil sie dritter Klasse fuhren. Aber als sie erst glücklich ihren Platz gefunden, ihr Handgepäck verstaut und die Schaffner die Thüren zugeschlagen hatten, da faßte sie wieder Mut und begann sogar ein wenig den trübseligen Humor der Situation zu genießen. Sie beugte sich zum Fenster hinaus, wünschte dem Krajesovicherl alles Glück zu seinem nun nahe bevorstehenden Examen, lud den Pastor ein, sie doch einmal in Pyritz zu besuchen, und im letzten Augenblick hieß sie sogar den Bubi auf das Trittbrett klettern, um einen schwesterlichen Abschiedskuß in Empfang zu nehmen. Der arme Kerl schaute zwar furchtbar verkatert und nichts weniger denn appetitreizend aus, aber diese Genugthuung glaubte sie ihm doch schuldig zu sein. Bubi streifte seine beiden Nebenbuhler nur so ganz obenhin mit einem Blick, aber in diesem Blick lag eine Welt von Stolz und Seligkeit – denn Gregor und der Pfarrer erhielten nur Händedrücke! Und dann ertönte die Trillerpfeife des Zugführers. Die Maschine zog an. Da versetzte Lizzi der Kathi einen leichten Puff und flüsterte ihr zu: »Du, g'schwind, jetzt schau dir'n noch amal an.« Und Kathi steckte gehorsam den Kopf zum Fenster hinaus und winkte mit feuchten Augen zurück. Dann drückte sie sich in ihre Ecke und that, als ob sie schlafen wollte. Lizzi mußte doch noch einmal hinausgucken, und da flogen mit einem Ruck drei weiße Tücher aus den Taschen und wurden heftig geweht, solange der Zug in Sicht blieb. So, das war nun also ausgestanden! Mit einem leichten Seufzer setzte sie sich wieder. Der gute Doktor tätschelte ihr väterlich die Hand. »Na, Herzweh, Lizzichen?« fragte er, freundlich lächelnd. »O nein,« wehrte sie eifrig ab: »'s is mir nur a bißl, i weiß net recht wie – so fad.« »Vielleicht eine Schinkenstulle gefällig? Als praktischer Mann habe ich auch daran gedacht. Was kann das schlechte Leben helfen!« »Na, i dank' recht schön,« sagte Lizzi, und da gruben sich auch schon ihre weißen Zähne kräftig in das Butterbrot hinein. »Du, Kathi, magst net a was? Du hast a nix zum Kaffee 'gessen.« »I kann net,« sagte Kathi ganz leise und deckte eine Hand über die Augen. »Hmm, der Schinken is fei gut!« Neunzehntes Kapitel In welchem berichtet wird, wie den bösen Erbschleicherinnen das Brot der Verbannung anschlägt und für Kathi auch einmal ein guter Bissen abfällt Grüne Ostern auf den Weizenfeldern von Pyritz! Und im Gärtchen des Oberlehrers Doktor Hartmann, draußen vor der Stadt, hauchte der frisch aufgehackte Boden den kräftigen Frühlingsodem aus, jenen starken Lebensduft, der nach langem nordischen Winter von den stuben- und ofenmüden Nerven alljährlich wieder mit derselben staunenden Lust genossen wird, wie etwa ein verseuchter Magen, der zuviel diniert hat, vor freudigem Erstaunen hüpft, daß nach einer tüchtigen Fußwanderung ein derbes Stück Bauernbrot mit Butter so sehr viel besser schmecken kann, als alle Trüffelpasteten der Welt. Die Stachelbeersträucher leuchteten ebenso lustig grün, wie die frisch gestrichenen Stakete, und der junge Rasen war gelb getüpfelt mit Butterblumen, Löwenzahn, Ranunkeln und Himmelsschlüsseln. In des ersten Lenzes Teppichweberei herrscht nun einmal so ein bäurischer Geschmack. Der Oberlehrer und seine Gattin waren jetzt viel in ihrem Gärtchen beschäftigt, er mit Hacken und Umgraben, sie mit Säen, Jäten und Harken. Sie griff aber auch oft genug selbst zum Spaten und handhabte ihn mit Kraft und Gewandtheit, denn das geliebte Bärbelchen war nichts weniger wie eine Nippsache, als welche das niedliche Diminutiv anzudeuten schien, sondern vielmehr eine äußerst robuste Dame, starkknochig, muskulös und wohlgepolstert, dabei reichlich einen Kopf größer als ihr Gatte, schwarzhaarig und dunkeläugig, mit Adlernase und sogar mit einem ziemlich fest hingestrichenen Schnurrbärtchen ausgestattet. Wer die Frau ansah und wußte, daß sie dreifach Mutter war, der wußte auch, daß das drei Mordsbuben sein mußten. Dabei war sie aber doch sanfteren Gefühlen keineswegs unzugänglich, im Gegenteil, sie schwärmte für Musik und Poesie, besonders für die ungedruckte ihres Mannes, und konnte zu Zeiten noch für diesen ihren Lieblingsdichter eine fast mädchenhafte Verliebtheit an den Tag legen. Seit nun gar die beiden Münchnerinnen im Hause waren, hatte ihr manchmal schlummerndes Talent zur Zärtlichkeit sich schier bedenklich entwickelt. Sie verwöhnte die beiden Mädels ganz unverantwortlich und trieb es in dieser Beziehung sogar noch ärger, als der Oberlehrer selbst. Ganz Pyritz war überhaupt außer Rand und Band, besonders seit Lizzi in einer Dilettantenaufführung von Wildenbruchs »Quitzows«, welche der Oberlehrer veranstaltet hatte, die »Dörte« gespielt und damit alle Welt bezaubert hatte, sogar jene jüngeren und jüngsten Mädchen nicht ausgenommen, welche seit Lizzis Anwesenheit eine zweifellose Erkaltung in dem Gebaren ihrer Liebhaber bemerken mußten. In den obersten Klassen des Gymnasiums grassierte die »Lizzitis« und als Folgekrankheit davon die Dichteritis in geradezu schreckenerregender Weise, Und der Name Elisabeth Mödlinger fand sich sogar schon mehrfach in den Protokollen der Lehrerkonferenzen verzeichnet als Ursache eines Duells zwischen zwei Primanern, wie als Veranlassung zu einem gefühlvollen Ständchen, welches Zusammenrottung auf der Straße, eine allgemeine Holzerei zwischen der Sekunda und der Prima und sonstige nächtliche Ruhestörung nach sich gezogen hatte. Der Direktor, ein Mann ohne jeden Humor, der nur Sinn für zweite Aoriste und die Verba des Heischens hatte, weshalb er auch allgemein »der Heischer« hieß, machte dem armen Doktor Hartmann seit einiger Zeit das Leben recht sauer, indem er ihn für die Verwilderung der Sitten, wie für die irregeleitete Phantasie der klassisch zu bildenden Pyritzer Jugend verantwortlich machte und schließlich gar unverblümt die Entfernung des reizenden Mediums von ihm »heischte«, welches die jungen Geister dermaßen in Aufruhr brachte. Die ganze Komödienspielerei hatte er schon als einen groben Unfug betrachtet, besonders weil auch mehrere Gymnasiasten dabei mitwirkten, welche die ganze Zeit über sich durch Unaufmerksamkeit in der Klasse auszeichneten. Eine Tragödie des Sophokles in griechischer Sprache, die Frauenrollen von wohlgebildeten Jünglingen dargestellt, das hätte er sich gefallen lassen, aber wie ein Gymnasiallehrer sich dazu hergeben konnte, das Werk eines lebenden Autors in Scene zu setzen, wenn es gleich ein patriotisches war, das begriff er schlechterdings nicht. Gern hätte er diesen unruhigen Doktor Hartmann fort empfohlen, aber der Mann war schon zu lange am Ort und bei der Bürgerschaft sehr beliebt, da durfte er so etwas nicht wagen; denn das Gymnasium war ein städtisches und der Bürgermeister konnte ihn aus Rache selber fortempfehlen. Die übrigen Herren Kollegen beneideten den Doktor Hartmann um seine liebenswürdigen Pensionärinnen und hätten sogar die kleinen Chikanen des Direktors gern mit in den Kauf genommen, wenn sie ihm die Mädels hätten abspänstig machen können. Uebrigens hatten Hartmanns noch in keinem Winter soviel Kollegenbesuch bekommen, als seit die beiden Münchnerinnen im Hause waren, und sich auch sonst veranlaßt gesehen, weit geselliger zu leben, als je zuvor. So kam es, daß die recht bescheidenen Unterhaltungsgelder, welche die Geheimrätin und die Majorin für die Schwestern ausgesetzt hatten, nicht nur keinen Vorteil gewährten für den Haushalt des Oberlehrers, sondern daß sogar dessen kleiner Etat überschritten werden mußte. Aber das bekümmerte den alten Herrn wenig. Nie war er so jugendlich und guter Laune gewesen, als in diesen Monaten, in denen er aus einem Gymnasiallehrer fast völlig zum Dramaturgen, Regisseur und Mimiker geworden war. Er erteilte nämlich mit einem wahren Feuereifer Lizzi dramatischen Unterricht – einen Unterricht, der für den ersten Versuch in diesem Fache gar nicht so übel ausfiel. Er fühlte sich ungemein glücklich als Lehrer eines so reichen Talentes und kam allmählich sogar zu der Ueberzeugung, daß er seinen wahren Beruf verfehlt habe. Er hätte sicherlich als Schauspieler, und zwar im Liebhaberfache, Hervorragendes geleistet. Und wenn nicht die Rücksicht auf sein Bärbelchen und auf seine drei Buben ihn zurückgehalten hätte, so wäre er vielleicht gar im stande gewesen, den Schulmeister jetzt noch an den Nagel zu hängen, sich den würdigen grauen Bart abzurasieren, das Haupthaar schwarz zu färben und irgendwo draußen im Reiche einen Thespiskarren schieben zu helfen. Die gute Kathi kam übrigens, trotz der allgemeinen Schwärmerei für Lizzi, auch nicht zu kurz. Ihren großen Erfolg als Schauspielerin und die meist recht kindischen Huldigungen der Gymnasiasten, die Fensterpromenaden, Gedichte, die Serenaden und Prügeleien gönnte sie ihr ohne Neid. Sie fand soviel Liebe im Hause des Oberlehrers, als sie brauchte, um glücklich zu sein. Frau Bärbelchen war ihr innigst zugethan und die beiden jüngeren Buben Willi und Theodor hingen mit rührender Zärtlichkeit an ihr. Und unter den älteren Freunden des Hauses hatte sie sogar einen stillen, aber unzweifelhaften Anbeter gefunden. Das war der dicke Mathematikprofessor Doktor Schumacher, ein eingefleischter Junggeselle mit einer bedenklichen Vorliebe für alkoholische Getränke. Der war auf einmal merkwürdig solide geworden und in der Klasse zerstreuter als irgend einer seiner Schüler. Die boshaften Primaner behaupteten, daß er jedesmal tief aufseufze und mit verschwimmenden Aeuglein träumerisch zum Fenster hinausschaue, so oft in der Trigonometrie von Sinus und Kosinus die Rede sei. Mochte dies auch übertrieben sein, so war es doch Thatsache, daß er in den letzten Monaten ganz ungemein häufig bei dem Kollegen Hartmann, mit dem er sonst fortwährend auf dem Kriegsfuße gestanden, auf Abendbesuch kam, den weitesten Lehnstuhl einnahm und mit furchtbarer Beharrlichkeit sitzen blieb, bis die Hartmanns sich dermaßen angeödet fühlten, daß sie die Flucht ergriffen oder ihn hinauskomplimentierten, weil sie zu Bette wollten. Kathi war die einzige, die gutmütig genug war, hin und wieder noch bei ihm auszuharren und Teilnahme an seiner Unterhaltung zu heucheln. Niemals hatte der Biedermann bei solchen gelegentlichen tête-à-têtes auch nur ein Wörtchen geäußert, das Liebe ahnen ließ oder im entferntesten nach Courmacherei geschmeckt hätte. Ob er wohl ahnte, daß es mit Kathis Freundschaft und Geduld sofort aus sein würde, sobald er ein deutliches Wörtlein wagte? Solange er aber »fein stad« blieb, konnte sie ihm ja das Vergnügen gönnen, durch ihre bloße Nähe sich beglückt zu fühlen. Es konnte natürlich nicht ausbleiben, daß sie in dem kleinen Nest mit dem Mathematikus ins Gerede kam, doch traute ihr im Ernste wohl kaum jemand einen so sonderbaren Geschmack zu, und so hatte der dicke Herr Spott und Neckerei so ziemlich allein auf sich zu nehmen. Im übrigen machte Kathi sich in Haus und Garten nützlich, beschäftigte sich viel mit Handarbeiten und übte fleißig Klavier. In den Gesellschaften der Honoratioren war sie wegen ihres hübschen Spieles eine ebenso gesuchte Persönlichkeit, wie die jüngere Schwester mit ihrem Gesang und ihren Deklamationen. Sehr auffallend war es, daß aus ihr ganz plötzlich eine fleißige Kirchgängerin wurde. Die Pyritzer Geistlichkeit war es wohl kaum, die eine solche Anziehungskraft auf sie ausübte. Der Lizzi, die sie anfänglich ein wenig damit aufzog, erklärte sie mit frommem Eifer, daß für heimatlose Waisen doch nichts näher liege, als sich einen sicheren Halt und Hort gegen alle bitteren Erfahrungen des Lebens in den Heilswahrheiten der Religion zu suchen. Lizzi dachte sich ihr Teil, schwieg und ließ sie gewähren, Sie zog es vor, an schönen Sonntagen mit dem Oberlehrer oder mit seinem ältesten Buben Georg in Feld und Wald herumzustreifen. Daheim war sie sehr fleißig. Sie las alles, was sie an dramatischer Litteratur auftreiben konnte, und lernte eine ganze Menge Rollen, die ihr oder dem Lehrer für sie passend erschienen. Sie behielt außerordentlich leicht auswendig und hatte sich in den drei Monaten bereits ein recht ansehnliches Repertoire erworben. Aber das blieb freilich ein totes Wissen, solange es ihr nicht möglich war, auf einer wirklichen Bühne im Zusammenspiel ihre Darstellungskraft zu erproben. Trotzdem ganz Pyritz sie verwöhnte wie eine Prinzessin, sehnte sie sich doch gar bald wieder in die Welt hinaus. Ein mächtiger Drang nach Bethätigung ihrer Kraft war über sie gekommen und ihrem Ehrgeize genügte es nicht mehr, Nr. 1 in Pyritz zu sein. Die Huldigungen der Gymnasiasten hörten sehr bald auf, ihr Spaß zu machen. Sie schienen ihr im Gegenteil fast kränkend für eine junge Dame, die bereits so hervorragenden Persönlichkeiten, wie einem Dr.med. Krajesovich von Nemes-Pann – er hatte nämlich inzwischen sein Examen glücklich bestanden – und einem Pastor Werkmeister den Kopf verdreht hatte. In einem hübschen, mit Plüsch überzogenen und mit Messingbeschlägen verzierten Kasten bewahrte sie alle ihre Liebesbriefe auf. Da waren die Münchener Kindererinnerungen mit dem Kadetten Benno Tatzelberger als Schlußstein obenauf, mit einem weißen Seidenbande umwunden, dann kam Gregor, von dem freilich außer seinem langen Absageschreiben nur noch zwei kurze, aber sehr hübsche Briefchen aus jüngster Zeit vorhanden waren. Der letzte davon aus Nagy-Becskerek datiert, wo sein Vater Vicegespan war und er sich zunächst niederzulassen gedachte. Das dritte Päckchen, rot umschnürt, enthielt die ernsthaft feurigen Ergüsse des Pastors Werkmeister. Sie hatte ihn zwar schon mehrmals in kurzen, ängstlich stilisierten Briefchen gebeten, nicht mehr in diesem Tone an sie zu schreiben. Ihr Herz gehöre ganz und gar der Kunst, und sie fühle sich auch einer solchen Liebe wie der seinigen gar nicht würdig. Sie sei ein eitles Kind der Welt, in dessen innerem Leben die himmlischen Dinge bisher eine gar geringe Rolle gespielt hätten, und passe durchaus nicht in ein stilles Pfarrhaus. Und dann hatte sie die gute Gelegenheit ergriffen, um mit dem kühnen Uebergang: »Ja, wenn ich so wäre, wie meine Schwester!« auf Kathis Frömmigkeit und Häuslichkeit ein Loblied zu singen. – Aber das hatte alles nichts geholfen. Der verliebte Pfarrer verlegte sich nun darauf, ihr in langen Abhandlungen, die schon mehr Broschüren zu nennen waren, auseinanderzusetzen, daß Liebe notwendig Liebe erzeugen müsse, und daß ein Herz, das ganz von Liebe erfüllt sei, notwendig Gott wohlgefällig sein müsse. Dann erging er sich des langen und breiten über den Wert der Dogmen, den er selbst nicht hoch anschlagen könne, wenn er ehrlich sein wollte, und bewies ihr, daß das A und O des Christentums doch immer die Liebe sei, und daß notwendig die egoistische Liebe des einzelnen Menschenpaares sich in einer wahren Ehe auswachsen müsse zu einer Gott und Menschheit und auch den Feind umfassenden Liebe. Sie sollte sich doch nur ja nicht etwa dem Wahne hingeben, als ob ein christliches Familienleben die Fröhlichkeit verbiete. Gerade das Gegenteil sei der Fall, denn ein fröhlicher Mensch habe es viel leichter gut zu sein, denn ein sauertöpfischer Eiferer. Und so ging es Seiten über Seiten fort – und für Kathi fielen nur am Schluß ein paar freundliche Zeilen und ein Gruß ab. – Lizzi fühlte sich der Aufgabe, auf all dies vernünftig und erschöpfend zu antworten, nicht gewachsen. Drum schrieb sie lieber gar nicht. Da half aber auch nichts; denn nun kam nach einigen Wochen ein fieberheißes Schreiben voll Sehnsucht und Verzweiflung. Wenn ihr das stille Leben in einem deutschen Pfarrhause nicht zusage, so wolle er seine guten Verbindungen benutzen, um eine Stellung im Auslande zu erlangen, ja, schlimmstenfalls, wenn ihr der geistliche Stand gar so verhaßt sei, so könne er sich sogar entschließen, den Priesterrock auszuziehen und etwas andres zu werden. Er habe ja ein kleines Vermögen, damit könne er ja vielleicht eine Privatschule errichten oder auch sich der Journalistik in die Arme werfen. Er sei ja schon bei hervorragenden konservativen Tagesblättern und Zeitschriften als Mitarbeiter thätig. Wenn ihm das Glück günstig sei, werde es ihm gewiß gelingen, eine einträgliche Redakteurstelle zu erhalten. Zum Schluß fragte er dann an, ob er nicht ihre Einladung, sie zu besuchen, demnächst einmal ernst nehmen dürfe. Und darauf hatte Lizzi, wieder die verfänglichen Zukunftsfragen übergehend, erwidert, daß ihre Schwester und sie – sie stellte Kathi immer voran in ihren Briefen an den Pastor – sich sehr freuen würden, ihn nach Ostern in Pyritz begrüßen zu dürfen. Sie hoffe bis dahin auch über ihre Zukunft einigermaßen im klaren zu sein, denn sie gedenke sich demnächst von Fachleuten prüfen zu lassen und womöglich irgendwo aufzutreten. Die böse Lizzi hatte sich nämlich einen ganz hinterlistigen Plan ausgeheckt. Sie wollte, sobald der Pastor seine Ankunft anzeigte, nach Berlin entwischen, unter dem Vorgeben, daß ihr gerade ein Agent ein Engagement nachgewiesen habe. Vielleicht machte Kathi doch Eindruck auf ihn, wenn er ein paar Tage mit ihr allein zubrachte. Vielleicht merkte er es bei der Gelegenheit endlich, wie sehr er von ihr geliebt wurde, und lernte sie dadurch mit andern Augen ansehen. Lizzi fürchtete sich gar sehr vor der feurigen Beredsamkeit des Mannes. Sie war eitel und hatte heißes Blut, und es war sehr leicht möglich, daß sie der Versuchung erlag und den Widerstand aufgab, wenn er die Gelegenheit fand, wieder so zu ihr zu sprechen, wie damals im Tiergarten. Das durfte nicht sein – sie wollte um jeden Preis ihrem Vorsatz treu bleiben und Kathis Liebesopfer nicht annehmen. – – Das letzte Päckchen im grünen Bande enthielt das Vers- und Prosagestammel der grünen Jugend, die sie in ihren Zauberkreis gezogen hatte. Darin war Rudi von Goldacker mit zahlreichen Nummern glänzend vertreten, sowie etliche interessante Autographen der Pyritzer Intelligenz letzter Generation. Aber dies Päckchen nahm sie leicht, wie Fastnachtsscherze. – – – Der Oberlehrer machte mit seinen drei Buben über die Feiertage eine Fußpartie. Lizzi war schon zu Beginn der stillen Woche nach Berlin gereist, um sich prüfen zu lassen. Frau Bärbelchen hütete also mit Kathi das Haus. Da kam am Dienstag nach Ostern eine Depesche an den Oberlehrer, in welcher Pastor Werkmeister seine Ankunft mit dem Nachmittagszuge des heutigen Tages anzeigte. Kathi wollte sofort abtelegraphieren – sie wußte ja doch, daß er nur Lizzis wegen kam – aber Frau Bärbelchen machte es ihr klar, daß ihn die Antwort nicht mehr erreichen könne, da er um halb elf Uhr schon abfahren müsse. Außerdem hatte Lizzi geschrieben, daß sie wahrscheinlich am Mittwoch zurückkehren werde. Also sollte sich der Herr Pastor nur ruhig auf ein oder zwei Tage an ihrer Gesellschaft genügen lassen. Sie seien ja doch schließlich »auch nicht von Pappe«, wie sie sich derb ausdrückte und morgen kämen ja überdies ihre vier Mannsbilder bestimmt heim. Wenn das gute Käthchen gewußt hätte, daß Lizzi mit der Frau Oberlehrer sich heimlich verschworen und listig die Schlinge zurecht gelegt hatte, in der der Pfarrer sich fangen sollte! Lizzi hatte ihm nämlich kurz vor ihrer Abreise auf seine erneute Anfrage, wann er kommen dürfe, geschrieben, daß sie zu einem Probegastspiel in die Provinz gehen, aber zu den Feiertagen bestimmt wieder zurück sein werde. Der arme Mann hatte keine Ahnung, daß sie acht Tage lang mit ihm zusammen in den Mauern der Reichshauptstadt weilte, ganz gemütlich bei Frau von Goldacker logierend, die sie aber gleichfalls samt ihrem Bubi zur Verschwiegenheit verpflichtet hatte. Kathi hatte furchtbares Herzklopfen, als sie eine Viertelstunde vor Ankunft des Berliner Zuges schon wartend auf dem Bahnsteig stand. Jedes Anschlagen der Signalglocken durchzuckte sie wie ein elektrischer Schlag, und als schließlich gar der Zug sichtbar wurde, pfiff und sein Tempo verlangsamte, da fing sie an zu zittern, ihre Kniee wollten sie kaum mehr tragen und ihre Zähne schlugen wie vor Frost aufeinander, obwohl es ein schöner, warmer Tag war. Nun hielt der Zug, und aus einem Abteil zweiter Klasse stieg der bewußte große Herr mit dem frischen glatten Gesicht und der Kotelettenandeutung, der schon bei der Einfahrt sich weit aus dem Fenster gebeugt und mit sehnsüchtigen Augen den Bahnsteig abgesucht hatte. Er war nicht im stande, seine Enttäuschung zu verbergen, als er Kathi allein sah, obschon er ihr herzlich die Hand drückte und kühn behauptete, sich ganz außerordentlich zu freuen, sie nach so langer Zeit und anscheinend so frisch und munter wiederzusehen. Und dabei war sich Kathi bewußt, daß sie käsweiß und sicherlich recht katzenjämmerlich aussah. Dann kam die unvermeidliche Frage: »Ihr Fräulein Schwester ist doch hoffentlich nicht krank – daß sie nicht mitgekommen ist?« »O nein, dank schön,« erwiderte Kathi stockend. »Der Lizzi geht's sogar sehr gut, aber sie is gar net da. Ich denk' aber schon, daß s' morgen wieder kommt.« Der Pfarrer erbleichte. »Nicht da? Ja, mein Gott, sie schrieb doch ... Wo ist sie denn?« »In Berlin.« »In Berlin!?« Er machte ein sehr langes Gesicht. »Ja, dann verstehe ich aber gar nicht ... Das thut mir wirklich sehr leid – ich habe mich nur schwer frei machen können und muß morgen abend schon wieder zurück sein.« Kathi wagte einen scheu bittenden Blick. Der Pfarrer wandte etwas verlegen die Augen zur Seite und wurde rot. Also hatte er doch wohl keine große Uebung im Lügen – und er log gewiß. Wenn Lizzi da gewesen wäre, hätte er sicherlich morgen abend nicht zurück sein müssen! O, wie bitter schluckte sich diese Gewißheit hinunter und die Kehle wollte es ihr zuschnüren, das Herzeleid. Aber sie nahm sich zusammen so gut sie konnte, um ihm nicht gleich in der ersten Stunde etwas vorzuheulen, und brachte mühsam heraus: »Morgen mittag kommt ja Doktor Hartmann mit seinen Buben wieder heim. Die haben über die Feiertag eine Fußpartie um die Madüe gemacht und da wer'n s' schon was zum Erzählen haben. Ganz lustig wird's wer'n, passen S' nur auf! Mit mir allein freili – dees glaub i schon, daß Ihne dees a bisserl z'fad wär.« Der traurige Ton, in dem sie das sagte, ging dem Pfarrer denn doch zu Herzen. Er wandte sich zu ihr – und sah, was er angerichtet hatte. Wie ein furchtsames gescholtenes Kind stand sie vor ihm, das große, stattliche, hübsche Mädchen. Er reichte ihm die Hand, drückte sie warm und sagte, wirklich beschämt, mit innigem Tone: »Aber mein liebes Fräulein, ich bitte Sie, wie können Sie so sprechen! Es wird mir eine große Freude sein, mit Ihnen diese Stunden ... Und dann können wir ja auch ...« Er stockte wieder. Er hatte sagen wollen: »soviel von Lizzi sprechen,« verbesserte sich aber schnell: »und Sie müssen mir viel von sich erzählen. Und nun sagen Sie mir, bitte, wo komm' ich hier am besten unter?« Sie nannte ihm den Namen des ersten Gasthauses des Städtchens, dessen Hausknecht schon ungeduldig seiner Beute harrte. Der Pfarrer winkte den Mann heran, übergab ihm sein Handköfferchen und ließ sich nach dem draußen wartenden Omnibus geleiten. »Ja, jetzt weiß ich nicht,« sagte er lächelnd, »ob ich Sie auffordern soll, mitzufahren. Ist es schwer zu finden zur Villa Hartmann? Ich muß mich doch erst ein bißchen säubern, ehe ich der Frau Oberlehrer meine Aufwartung machen kann.« »Ja, wissen S', dees is ganz am andern End,« erwiderte Kathi, »Wenn's Ihne recht is, fahr' i schon mit und wart' auf Sie, daß ich Sie nachher 'nausführen kann.« Er half ihr in den Rumpelkasten hinein, setzte sich neben sie und dann holperten sie los. Die paar freundlichen Worte, die er ihr gegönnt und das Glück, mit ihm allein fahren zu dürfen, röteten Kathis Wange vor Freude und ließen ihre Augen strahlen. Das Gerassel auf dem schlechten Pflaster, das Klirren der Scheiben machten eine Unterhaltung fast unmöglich, und so begnügte sich der Pfarrer damit, mit offenen Augen ein wenig von der fernen Schwester zu träumen und dabei die gegenwärtige Schwester unverwandt von der Seite anzublicken. Sie fühlte seinen Blick auf sich ruhen und es überlief sie heiß. Ihr Atem ging immer rascher und rascher. Sie zog die Unterlippe zwischen ihre Zähne und biß leise zu, um sich besser zu beherrschen, und dann drehte sie ein ganz klein wenig den Kopf nach ihm hin und schlug die Augen auf. Ihre Blicke begegneten sich. Und sie richtete ihren Kopf noch mehr auf, ließ ihre Lippe zögernd aus den Zähnen gleiten, hob ein wenig das Kinn und lächelte glückselig. Ihr halb geöffneter Mund zuckte leise. Vielleicht hatte sie etwas gesagt, vielleicht auch nur etwas gedacht und unbewußt die Worte geformt. Aber es bedurfte gar keiner Worte – bei dem Gerassel wären sie ja doch unverständlich gewesen – dieses Lächeln, dieser Blick bedeuteten ja das klarste und bündigste Geständnis. Und was Lizzis eifrigste mündliche und schriftliche Andeutungen nicht vermocht hatten, das brachte die stumme Beredsamkeit dieser strahlenden grauen Augen mühelos zu stande. Pastor Werkmeister wußte nun auf einmal, daß dies liebe Geschöpf ihm mit Leib und Seele angehöre, daß es beim ersten Liebesworte, das er sprach, ja wenn er nur die Arme ihm entgegen breitete, sich still an seine Brust schmiegen und selig sein würde. Er wußte nichts zu sagen, die Entdeckung kam so völlig überraschend; aber er war innerlich bewegt – er wandte sich wie beschämt zur Seite und streckte seine Linke nach ihren Händen aus, die sie gefaltet im Schoße hielt. Da blieb sie ruhen, bis die kurze Fahrt zu Ende war und der Oberkellner vom »Deutschen Hause« die Thür aufriß. Kathi wollte vor dem Hause auf und ab gehen, bis er fertig war, aber das wollte er auf keinen Fall dulden. Er nötigte sie mit in das Gastzimmer hineinzukommen, geleitete sie selbst an einen von den wenigen anwesenden Gästen etwas entfernten Tisch, drückte ihr ein illustriertes Journal in die Hand und verließ sie dann mit dem Versprechen, sich möglichst zu beeilen. Kathi hatte alles ohne ein Wort des Widerspruchs mit sich geschehen lassen. In Hut und Jacke, den Regenschirm quer über den Schoß gelegt, saß sie da und guckte in das aufgeschlagene Blatt hinein, ohne sich bewußt zu sein, ob das Bild, was sie da vor sich hatte, eine Sauhatz im Mittelalter oder etwa die feierliche Einsegnung irgend eines fürstlichen Herzensbundes vorstelle. Da hörte sie Schritte auf sich zukommen, strich sich verwirrt über die Stirn und blickte auf. Vor ihr stand Professor Schumacher, der dicke Mathematikus, ihr standhafter Anbeter. Da drüben an dem Tisch, von dem er hergekommen war, saßen der Herr Amtsrichter, der Herr Apotheker und der Herr Stadtverordnete Kupferschmied Grotjan, hatten ihre Skatkarten verkehrt auf den Tisch gelegt und starrten alle drei neugierig zu ihr hinüber. »Guten Tag, Fräulein Mödlinger!« sagte der Professor, Kathi die Hand reichend. »Sie hier im Deutschen Hause? Das ist ja – ein freudiges Ereignis. Sie haben wohl Verwandtenbesuch bekommen, wenn ich fragen darf?« »O nein,« erwiderte Kathi rasch. »Dees is ja der Herr Pastor Werkmeister von Berlin. Aber verwandt sin m'r net, m'r hab'n en bloß dort kennen g'lernt und – na, da b'sucht er uns halt!« »Ach so,« sagte der dicke Professor nur, als ob er mit dieser Erklärung vollkommen zufrieden wäre. Er stand da, ergriff den nächsten Stuhl bei der Lehne und wiegte ihn nachdenklich auf und ab. Seine merkwürdige Denkerstirn – sie hatte die Form eines sphärischen Dreiecks und war für gewöhnlich stark gerötet – färbte sich noch um eine Schattierung dunkler, und die Ader, welche wie eine mathematische Hilfslinie von der Spitze des Dreiecks ungefähr nach der Mitte der Basis hinübergezogen war, trat auffallend stark hervor. Kathi bemerkte es wohl, sie sah ihm ja gerade ins Gesicht – aber sie dachte sich doch nichts dabei. Und er sagte auch nichts. Nach einer ganzen Weile erst kam es ziemlich stockend heraus: »Dann wird es Ihnen vielleicht nicht angenehm sein, wenn ich heute abend mir erlaube ...« Kathi errötete. Freilich wäre es ihr lieber gewesen, den Abend mit dem geliebten Manne allein zu verleben, aber die gute Sitte zwingt ja den gebildeten Menschen in solchen Fällen zu lügen. Sie sagte also, daß er sich doch nicht abhalten lassen möge zu kommen, und daß der Herr Pfarrer sich gewiß sehr freuen werde, seine Bekanntschaft zu machen. Der Professor wußte nichts mehr vorzubringen, so murmelte er denn eine Entschuldigung und kehrte wieder zu seinen Skatgenossen zurück. »Sie reizen, Herr Professor,« sagte der Kupferschmied. Der dicke Schumacher schaute lange in seine Karten hinein, ehe er mit einem tiefen Seufzer komisch betrübt sein »ich passe« hervorbrachte. »Sie mauern aber auch ewig! Riskieren Sie doch mal was!« meinte der Herr Amtsrichter vorwurfsvoll. »Na, ich spiele Herzensolo.« – Wenige Minuten später kam Pastor Werkmeister frisch gewaschen und gebürstet und mit reinen Manschetten versehen wieder herein und Kathi ging ihm rasch entgegen. Sie war unschlüssig, ob sie ihm den Professor bei dieser Gelegenheit vorstellen sollte. Aber da er keine Miene machte, näher zu treten, sondern sich nur zu einer kleinen Abschiedsverbeugung halb auf dem Stuhle herumdrehte, so ließ sie es bleiben und schritt mit einer leichten Neigung des Kopfes hinaus. Jeder dritte Mensch in Pyritz kannte sie natürlich bereits und fast keiner der Begegnenden versäumte es, dem stattlichen Paare nachzuschauen. So wie sie die Kleinstädter bereits kannte, wußte sie bestimmt, daß heute abend noch ihre Verlobung mit dem fremden geistlichen Herrn in allen Familienkreisen verkündigt werden würde. Das war ein süßer Gedanke – aber es war unrecht, ihm nachzuhängen, und sie begann nun selbst von Lizzi zu sprechen. Eine übermäßig eifrige Briefschreiberin war Lizzi nicht. Acht Tage war sie fort und hatte erst eine Postkarte und einen flüchtigen Brief geschrieben. Der hatte aber dafür auch eine sehr wichtige Nachricht enthalten. Ein Theateragent, dem ihre Persönlichkeit wohl gar sehr gefallen haben mußte, hatte sich so eifrig für sie bemüht, daß der Direktor des Deutschen Theaters sich in der That dazu herbeiließ, ihr eine Stunde seiner kostbaren Zeit zu schenken und sie eines Mittags auf der Bühne einige Proben ihrer Kunst vorführen ließ. Sie hatte ihm den Abschied der Jungfrau vordeklamiert und dazu hatte der Direktor »na!« gesagt und über das ganze Gesicht gelacht. Dann hatte sie »Meine Ruh ist hin« und »Ach neige, du Schmerzensreiche« aus dem »Faust« vorgemimt, dabei aber selbst gefühlt, daß es ihr nicht so recht gelang. Und dann war sie auch durch das schreckliche »na!« und durch die spöttisch-neugierigen Gesichter einiger Herren und Damen vom Theater, die zuhörend in den Coulissen herumstanden, ganz aus der Stimmung gebracht worden. Die wirklichen Thränen, die ihr nach dem »Ach neige« in den Augen standen, waren nicht so sehr aus der Hingabe an die Rolle, aus Gretchens bitterem Herzeleid, wie aus dem Aerger über die selbstgefühlte Unzulänglichkeit entsprungen. Der Direktor hatte, als sie ihm, vom Boden aufstehend, ängstlich das Gesicht zuwandte, noch viel vergnügter gelächelt als vorher, und durch seine funkelnden Brillengläser niederschmetternd lustige Blitze auf sie geschossen. »Sie sind offenbar der Ansicht, mein liebes Kind, daß der Faust das Gretel in München oder doch wenigstens in Pasing aufgetrieben hat.« Damit hatte er sie stehen lassen und hatte sich zu einigen Herren, Regisseuren und Schauspielern, gewendet, um leise mit ihnen etwas zu verhandeln. Sie hatten sie alle so merkwürdig angeschaut und dann wieder die Köpfe zusammengesteckt und miteinander geflüstert und die Achseln gezuckt und bedenklich geblickt und die bedeutenden Häupter geschüttelt, daß ihr so Angst geworden war, als sollte sie gleich zu Galgen und Rad verurteilt werden. Und dann war der Direktor auf sie zugetreten und hatte gefragt, ob sie vielleicht singen könne? – Ja, singen könnte sie schon – na, dann sollte sie einmal was singen und zwar ein oberbayerisches oder sonstiges Volkslied in einem Alpendialekt. Ob sie nicht zum Beispiel das: »A Deandl is verwichen, hin zum Pfarrer g'schlichen« kenne. Ja, das könne sie singen, aber sie wisse nicht, ob sie einen Ton in der Kehle habe. Und dabei waren ihr die Thränen herausgestürzt und sie hatte zu schluchzen angefangen – da hatte ihr der Direktor freundlich auf die Schulter geklopft und sie geheißen, sich zu beruhigen. Wenn sie ihnen recht nett was vorsinge, dann wollten sie ihr die gutgemeinte »Jungfrau« und sogar das Gretl von Pasing verzeihen. Die Herren hatten auch ganz geduldig gewartet, bis sie sich ausgeschluchzt, und dann hatte sie die Hände im Schoß gefaltet und schlecht und recht, das heißt so gut es unter den betrüblichen Umständen gehen wollte, das alte wohlbekannte Lied gesungen. Und da waren alle Herren um sie herumgestanden und der und jener hatte ihr die Hand gedrückt und sich ihr vorgestellt, und der Herr Direktor hatte »hm hm« gemacht und den Theaterdiener mit einem Auftrag fortgeschickt. Und endlich hatte er den Mund aufgethan und gesagt: »Wissen Sie, mein Kind – den Schiller und den Goethe, den wollen wir uns mal noch versparen, aber zu etwas anderm können wir Sie, glaub' ich, schon gebrauchen. Ich laß Ihnen da die Rolle vom »Annerl« aus dem Pfarrer von Kirchfeld holen, den gedenke ich nächstens wieder aufzunehmen. Lernen Sie mir die geschwind auswendig und kommen Sie nächsten Dienstag früh um zehn Uhr zur Probe, da wollen mir weiter sehen.« – »Darf ich net vielleicht noch a bissel was aus der »Nora« ...?« Aber da hatte er sie fast grob unterbrochen und auf nichts mehr eingehen wollen – damit war es aus gewesen. Und nun saß sie und lernte die Anna Birkmeyer und harrte mit Zittern und Zagen dem Dienstag entgegen. – Der Pfarrer hatte Kathi ihren Bericht geben lassen, ohne sie mit einem Worte zu unterbrechen. Er konnte sich eines tiefen Seufzers nicht erwehren, als sie zu Ende war und es klang recht betrübt, als er zu scherzen versuchte: »Ja, da wird einem wohl weiter nichts übrig bleiben, als ihr am Dienstag kräftig die Daumen zu drücken. Der Theaterteufel hat sie nun doch einmal in seinen Klauen, haha! Ach übrigens, heute ist ja Dienstag – die Entscheidung ist vielleicht schon gefallen.« Kathi blickte ihn scheu von der Seite an – er schaute recht ernst und traurig drein. Er fühlte wohl, daß der Ausfall der heutigen Probe auch die Entscheidung darüber bringen sollte, ob er seine Liebeshoffnungen für immer begraben müsse oder nicht. Acht Tage war sie in Berlin gewesen, ohne ihn etwas davon wissen zu lassen. Nur an ihr Theater hatte sie gedacht! Und er seufzte abermals. Sie waren nun bei dem Häuschen des Oberlehrers angekommen. Es galt sich zusammennehmen, eine heitere Miene aufsetzen, der Hausfrau liebenswürdig begegnen. Und er zeigte sich stark, er brachte das alles ganz gut fertig. Ein glücklicher Gedanke von Kathi war es, daß sie gleich nach dem Kaffee vorschlug, etwas zu musizieren. Da brauchte er nicht zu reden und durfte im Zuhören seinen Gedanken an die Entfernte nachhängen. Und dann ließ er sich auch überreden, selbst etwas zu singen. Er hatte eine kräftige, ziemlich geschulte Baritonstimme und sang Schumannsche und Schubertsche Lieder mit gutem Ausdruck. Kathi war so glücklich, ihn begleiten zu dürfen, und über das Lob, das er ihr spendete – und wenn er gar einmal im Eifer ihren Arm oder ihre Schulter berührte, dann überlief es sie heiß. – Spät am Abend stellte sich auch der dicke Schumacher ein. Er hatte schwer mit sich zu kämpfen gehabt, ob er hingehen sollte. Aber er mußte wissen, wie er daran war und ob er in diesem geistlichen Herrn einen Nebenbuhler zu fürchten habe. Ach, er sah es gleich bei seinem Eintritt Kathis Miene an, daß dieser große, schöne Mann der Beglückte war, dem sie ihr ganzes Herz geschenkt hatte, daß nichts mehr für ihn zu hoffen sei. Nie hatte er das stille Mädchen so gesehen, so lieblich durchglüht von Glück, die grauen Augen so leuchtend in seliger Hoffnung. Nicht etwa, daß sie ihm unfreundlich begegnet wäre, daß sie ihn hätte merken lassen, er käme ungelegen – nein, im Gegenteil. Weit herzlicher und unbefangener als sonst begegnete sie ihm. Und das war das allerschlimmste – deutlicher konnte sie es ihm nicht zeigen, daß sie einen andern liebte! Es war ihm sehr recht, daß bald wieder gesungen wurde. Zwar war er mit dem Pastor in ein politisches Gespräch geraten und hatte mehr geredet denn gewöhnlich, aber lieber war es ihm doch, unbeachtet in schweigendes Brüten versinken zu dürfen, und das konnte er um so besser, als die beiden Herrschaften nun Duette versuchten und die Hausfrau sich verschiedentlich draußen zu schaffen machte. Es war gegen elf Uhr, als es der Pfarrer für an der Zeit hielt, aufzubrechen. Kathi begleitete ihn hinaus und der Professor sah sich einen Augenblick mit Frau Hartmann allein. Sie hatte ihm längst angemerkt, was in ihm vorging, und sie hielt ihn an der Hand zurück, drückte sie warm zwischen ihren beiden und sagte: »Ach ja, mein lieber Herr Professor – das ist schwer so was, nicht wahr?« Des Mathematikers Stirn wurde dunkelrot und er wandte hilflos die Augen zur Seite. »Der Herr ist also doch wohl deswegen gekommen?« fragte er nach kurzem Zögern ganz leise. Und Frau Hartman« erwiderte ebenso: »Ach nein! Der Herr ist eigentlich wegen Lizzi gekommen. Aber schließlich macht das keinen Unterschied, denn wie es mit unsrer Kathi steht, das...« »Ja, ja,« seufzte er mit einer abwehrenden Handbewegung. »Glauben Sie nur ja nicht etwa, daß ich mir einbilde... Bloß, wenn man so alt geworden ist ohne irgend ... Na, dann muß es auch so gehen. Wünsche wohl zu schlafen und – und vielen Dank auch. Ich werde jetzt nicht mehr so oft kommen. Es hat ja keinen... Gute Nacht also!« Damit hastete er hinaus. In der offenen Hausthür sah er Kathi und den Pastor stehen, Hand in Hand. Sie ließen sich los, als der dicke Mathematiker daher gewatschelt kam, und Kathi trat zur Seite, um ihn vorbei zu lassen. »Gel'n S', Herr Professor, Sie sind so freundlich und bringen 'n Herrn Pfarrer heim?« rief ihm das Mädchen noch nach; dann hörte er sie die Hausthür zuschlagen. Sie hatte versäumt, ihm die Hand zu geben zum Abschied und er hatte sie nicht daran zu erinnern gewagt. Er begleitete seinen glücklichen Nebenbuhler, dem die Liebe dieses prächtigen Mädchens so in den Schoß gefallen war, ohne daß er einen Finger darum rührte, bis an seinen Gasthof, und unterwegs sprachen sie von Schulreform und von den neuesten Entdeckungen auf dem Monde, denn es war eine helle Frühlingsnacht und ein wenig Astronomie des dicken Schumachers wissenschaftliches Sonntagsvergnügen. – Die Frau Oberlehrer wunderte sich, warum denn die Kathi gar nicht wieder hereinkam. Sie ging hinaus und ließ die Thür auf, damit etwas Licht in den dunkeln Gang hinausfiele. Da stand ihr Liebling im Finstern an die Mauer gelehnt und drückte die Hände vor die Augen. »Was ist dir denn, Kathichen, du weinst doch nicht etwa gar?« Wortlos fiel das große Mädchen ihr um den Hals und verbarg sein Gesicht an ihrer Schulter. »Hat er was gesagt?« Kathi schüttelte den Kopf. »Hat er dich...?« »Nein, nein, nix, gar nix. Aber so glücklich wie heut kann i in mei'm ganzen Leben nimmer sein. Und jetzt is mir alles eins! – Ob 'n jetzt die Lizzi nimmt oder net, mich hat er doch auch gern – dees weiß i jetzt amal ganz g'wiß.« »Mein gutes Käthchen – ich glaub', ich glaub', es kommt noch besser! Geh jetzt und träume süß.« – Das that sie. Zwanzigstes Kapitel. In welchem für die Münchner Mädeln die Herrlichkeit einen glücklichen Anfang und diese wahrhaftige Geschichte einen glücklichen Ausgang nimmt. Am andern Morgen fand Kathi, als sie von einem kleinen Spaziergang mit dem Pastor heimkehrte, zwei Briefe vor. Des einen Aufschrift zeigte Lizzis große steile Kinderhand, und den öffnete sie zunächst. Er war nur drei Seiten lang: »Liebstes Katherl! Gleich überschlagen möcht' ich mich dreimal in der Luft vor Freude! Umeinandergestupft haben mich die Herren auf der Probe, daß ich gar nimmer aus und ein gewußt und gemeint hab, ich hätt hundsmiserabel gespielt. Aber wie's aus gewesen ist, da hat mir der Herr Direktor die Backen gestreichelt und gesagt: ›Na, das war sehr nett, Kleine. Ich denke, wir probieren es einmal.‹ Denkt's Euch bloß: am Samstag ist schon die Aufführung und auf dem Zettel wird zu lesen sein: Anna Birkmeier, ein Dirndl aus St. Jakob ... Lizzi Mödlinger a. D., welches aber weder außer Dienst, noch aus Dummheit , sondern vielmehr als Debüt bedeuten soll. Einen Kontrakt hab ich vorgelegt gekriegt, wonach ich, wenn ich am Samstag gefalle, mit dreihundert Mark monatlich auf zwei Jahre engagiert werden soll. Denkt's Euch nur, dreihundert Mark und am Deutschen Theater in Berlin! Ist das nicht zuckrrrig? Natürlich müßt's Ihr alle kommen. Ich zahl's! Zwei Proben werden noch gemacht meinetwegen, und wegen dem österreichischen Dialekt muß ich noch zu einem von den Herren hin, der sich auskennt darin. Er macht den Wurzlsepp. Grüß Dich Gott, Katherl, und schreib, wann Ihr kommt. Es umarmt Dich Deine überglückliche Lizzi.« »Nachschrift. Sollte am Ende gar der Herr Pastor gekommen sein, dann sag ihm einen schönen Gruß, und er möcht mir nicht bös sein – und Du auch nicht.« Kathi hatte den Brief erst für sich überflogen und dann der Frau Hartmann und dem Pfarrer vorgelesen. In der Nachschrift hatte sie sich aber eine kleine Korrektur erlaubt. Statt: »einen schönen Gruß« las sie: »einen rechten schönen Gruß« und die letzten vier Worte ließ sie ganz fort. Sie freute sich von ganzem Herzen über Lizzis gute Aussichten und wünschte ihr den allerbesten Erfolg, um so mehr, als sie dann hoffen durfte ... Aber nein, sie wollte den selbstsüchtigen Gedanken nicht zu Ende denken. Sie wurde ganz rot und griff eiligst nach dem andern Brief, während der Pastor und die Frau Oberlehrer noch über die Sache weiter sprachen. Sie konnte den Poststempel nicht entziffern und die Hand kannte sie auch nicht. Eine Schrift war das – ach! Sie ging ans Fenster und begann mühsam zu buchstabieren. Eine Viertelstunde beinahe brauchte sie zu den vier eng beschriebenen Seiten. Und als sie endlich damit fertig war, knüllte sie ärgerlich das Papier zusammen und warf es heftig auf den Boden. »Ja Käthchen, was gibt's denn? Was hast du denn? Du bist ja ganz ...« sagte Frau Hartmann erstaunt. Sie hatte das sanfte Fräulein noch nie so bös gesehen. »A was, da kann m'r sich auch giften über so eine ...« Und sie stieß mit dem Fuß nach dem Brief, daß er bis unter das Sofa flog. »Ein Heiratsantrag ist's. Ja Schnecken, der könnt' m'r grad passen!« »Was denn?« rief Frau Hartmann neugierig, »Doch nicht etwa hier aus Pyritz vom dick...?« Kathi unterbrach sie rasch, indem sie errötend den Pastor mit einem verlegenen Blick streifte: »A was denn, geh'n S' zu. Der macht doch so Dummheiten net! 's ist vom – i mag's gar net sag'n, Sie wer'n mich auslachen.« Frau Hartmann wollte sich unter das Sofa bücken, um das zerknüllte Schreiben hervorzuholen. Aber da fiel ihr Kathi rasch in den Arm und flüsterte ihr ins Ohr: »Naa, bitt' schön, lassen S' 'n nur liegen, ich steck's nachher schon ins Feuer, 's ist vom Herrn Emmerich Vogel.« »Emmerich Vogel?« rief die große Dame laut. »Nein, ist die Möglichkeit! – Du, da steckt was dahinter – oder sollte man wirklich glauben, daß du den Menschen so ... hihi! Ich kenn' ihn ja nicht – aber was du mir so erzählt hast, da würde ich auch danken. Verkracht soll er ja doch auch sein.« Kathi setzte sich auf den nächsten Stuhl und stieß ärgerlich mit den Fußspitzen aus und dann sagte sie so vor sich hin: »Wenn m'r nur aus Rom amal die Wahrheit zu hören bekäm' über den armen Onkel. Der Herr Vogel schreibt, es ging ihm recht schlecht und er würde wohl kaum den Sommer noch erleben. Der thät' grad nach mir fragen, der saubere Herr, wenn er net auf eine Erbschaft spekulieren thät'. Der Onkel meint's ja so gut mit mir, so gern möcht' 'r mir was verschreiben – und 's ist doch bei Gott net wahr, daß mir uns aufs Erbschleichen verlegt haben! Lieber möcht' i schon kein Pfenning krieg'n, wenn i wüßt, daß s' den armen Mann wieder so plagen deswegen. Wenn er wirklich ein neues Testament g'macht hat, nachher hätt'n m'r ja kei ruhige Stund' mehr vor der Frau Tante. Die thät's auf der Straß' ausschrei'n, daß mir Erbschleicherinnen wär'n. Ui jegerl, wenn i d'ran denk', was s' mit mir für a wüst's Wesen g'macht hat, wie's aufkommen is mit der Lizzi ihre tausend Mark'ln – o mei! Lieber möcht' i betteln geh'n, als wie an so an schiechen Kerl ... Nehmen S' mir's net in Uebel, Herr Pfarrer, i kann m'r net helfen, i hab' an solchen Zorn auf den Menschen, i kann's gar net sag'n. I hab's ihm scho immer deutlich g'nug zeigt, daß i nix mit ihm z'thun hab'n will. Dees is überhaupts a Beleidigung, mi d'rnach noch z'fragen, ob i 'n heiraten will! Grad als ob er m'r gar noch a Ehr damit anthät, schreibt er – und die allergrößt' Frechheit is, daß er auch noch glei sein Bruder für d' Lizzi empfiehlt, den Troddel den schlacketen, der seine Knochen immer nummeriert hab'n muß, daß er's nur net verliert. Zwei Kinder hat er, eins ist bucklet und 's andre blöd und von seiner Frau müßt er sich überhaupts erst scheiden lassen. Jesses, jesses, dees war a nette Gaude! I antwort' gar net auf den Fetzen.« Nein, diese Kathi! In einen solchen Zorn hatte sie sich hineingeredet – und sie schien gar nimmer aufhören zu wollen. Ein herzliches Gelächter des Pastors brachte endlich ihren Redefluß zum Stillstand. Ganz erhitzt war sie. Ihre Schuhspitzen hatte sie schon fast abgestoßen und daß ihr Sacktüchel nicht in Fetzen gerissen war bei dem heftigen Herumzerren, das war ein reines Wunder. Sie erinnerte Pastor Werkmeister auf einmal so lebhaft an Lizzi. Gerade so hätte die auch aufbegehren können, wenn ihr jemand zu nahe getreten wäre. Gar nicht zugetraut hätte er ihr diese Lebhaftigkeit, dieses Sprühfeuer in Blick und Miene. Die sanfte stille Kathi, wie ähnlich sie doch ihrer entzückenden Schwester sein konnte! Ja, ja, es gibt so stille Menschenkinder, die man erst einmal in der Trunkenheit des Zorns oder der Liebe gesehen haben muß, ehe man sich eine halbwegs richtige Vorstellung von ihrer Seele machen kann. »Ja, was lachen S' denn nur a so?« schmollte Kathi, indem sie stirnrunzelnd zwischen dem Pastor und der Frau Oberlehrer hin und her blickte, denn die letztere hatte alsbald mit eingestimmt in die Heiterkeit des Gastes. Frau Hartmann zog Kathi von ihrem Stuhle auf und umarmte sie stürmisch. »Ich muß dir einen Kuß geben, Herzchen,« sagte sie und führte diesen Vorsatz sofort gründlich aus, ohne sich auf eine weitere Erklärung der merkwürdigen Notwendigkeit einzulassen. Und Pastor Werkmeister sah zu und rief munter: »Ja, potztausend, das möcht' ich auch!« Da lief Kathi blutrot zum Zimmer hinaus. »Ach, das thut mir leid, jetzt habe ich sie aber wirklich böse gemacht,« sagte der Pfarrer etwas verlegen. Und die Frau Oberlehrer versetzte mit eigentümlicher Betonung: »So, glauben Sie?« – Um Mittag etwa kehrte Doktor Hartmann mit seinen drei Buben von der Fußwanderung um die Madüe zurück. Da gab's ein Erzählen und eine Freude über Lizzis Brief und ein Beratschlagen, wie man es wohl einrichten könne, um bei der Aufführung des »Pfarrer von Kirchfeld« zugegen zu sein. Uebrig hatten sie es ja wahrlich nicht, die guten Hartmanns, und die Reisekosten von Lizzi geschenkt nehmen mochten sie auch nicht gern, denn es war doch noch sehr die Frage, ob das Engagement wirklich zu stande kommen würde. Und ihre tausend Mark würden bei ihrer leichtsinnigen Großmut auch nicht weit reichen. Die schenkte sich ja das Hemd vom Leibe fort, wenn sie noch mehr Freundinnen wie Fräulein Grönroos fand! Aber der Oberlehrer war im Grunde nicht minder leichtsinnig. Er entschied sich kurz dafür, am Sonnabend mit Gattin und Kathi nach Berlin zu fahren. Er wollte bei der Gelegenheit für einen ausgewählten Band seiner Gedichte einen Verleger suchen. Das Honorar dafür würde schon die Reisekosten decken, meinte er zuversichtlich. Am Nachmittag reiste Pastor Werkmeister wieder zurück, von Kathi und dem Oberlehrer an die Bahn begleitet, und beide trugen sie ihm eine Menge schöner Ausrichtungen für Lizzi auf. Er wollte aber davon nichts wissen. »Geben Sie's ihr nur lieber schriftlich,« sagte er wehmütig lächelnd. »Ich glaube, es ist nicht meines Amtes, die junge Künstlerin in ihren Vorbereitungen für den entscheidenden Abend zu stören. Aber am Sonnabend bin ich selbstverständlich auch im Theater. Auf Wiedersehen also! Und schönsten Dank für die freundliche Aufnahme, Herr Oberlehrer. Und Ihnen auch, mein liebes Fräulein.« Er drückte ihr sehr warm die Hand und sah ihr einige Sekunden lang tief in die Augen. Sie hielt den Blick aus und öffnete errötend die Lippen. Wie wunderschöne weiße Zähne doch das liebe Mädchen hat! das war der letzte Eindruck, den Pastor Werkmeister aus Pyritz mit fortnahm. Dann setzte sich der Zug in Bewegung. – Bis wenige Minuten vor Beginn der Vorstellung hielten die Majorin von Goldacker und Kathi am Samstag abend bei Lizzi in der Garderobe aus. Sie waren in einer furchtbaren Aufregung – die beiden Damen nämlich, welche Trost zu spenden und den Mut aufrecht zu erhalten gekommen waren, während Lizzi selbst bis zum letzten Augenblick so übermütig scherzte und lachte, daß die alte bucklige Garderobiere mißbilligend den Kopf schüttelte über solch unpassendes Benehmen. Ein solcher Grasaff, der noch nie auf der Bühne gestanden und die hohe Ehre genoß, auf dem Deutschen Theater seine ersten Gehversuche anzustellen, nahm sich solchen Uebermut heraus! Das konnte nicht gut enden! Die Majorin fühlte sich heute ganz als Mutter der Debütantin, und hatte sich's natürlich auch nicht nehmen lassen wollen, ihr aus ihrer Sammlung die besten und echtesten Stücke zu ihrem Kostüm als Annerl herzuleihen. Sie war daher nicht wenig gekränkt, ihre Lizzi abends in der Garderobe in einem andern Rock und Mieder zu finden, ganz gewöhnlichen neuen und gut sitzenden Kleidungsstücken. Die Direktion hatte ihr die echten Sachen einfach verboten, weil sie doch nicht wie eine Vogelscheuche herausgehen sollte. Auch von dem prächtigen Geschnür war ihr nur wenig gelassen worden, weil sie doch einmal ein ganz armes Dirndl und nicht etwa eine reiche Bäuerin vorstellte. Schließlich blieb eigentlich nur die seidene Schürze vom Eigentum der Majorin übrig, und diese gute Dame konnte sich nicht enthalten, in der Mißachtung ihrer Altertümer eine üble Vorbedeutung zu sehen. Im übrigen interessierte sie natürlich das Treiben hinter der Scene auf das lebhafteste. Ihre Erwartungen wurden aber arg enttäuscht. Sie hatte geglaubt, so ungefähr hinter jeder Coulisse so ein leichtes Dämchen mit einem eleganten Kavalier schäkern zu sehen und wer weiß was noch für angenehm aufregende Greuel. Von alledem gab es jedoch nichts, es ging vielmehr sehr still und ernsthaft zu. Theaterarbeiter in Leinwandkitteln huschten auf Filzsohlen einher und auf der Bühne wie hinter dem Prospekt liefen einige finsterblickende Gestalten auf und ab, gedämpft vor sich hinmurmelnd, die offenbar ihre Rollen noch einmal durchgingen und für gar nichts andres Sinn hatten. Kathi kam sich ungefähr so vor, als ob sie von der unglücklichen Schwester kurz vor der Hinrichtung in der Gefängniszelle Abschied zu nehmen habe und ihr grell aufgeschminktes Gesicht mit den dicken schwarzen Strichen um die Ränder der Lider und den Scharlachtupfen in den Augenwinkeln flößte ihr geradezu Grauen ein. Dann erschien der Regisseur, beschaute sich Lizzi stirnrunzelnd von allen Seiten und meinte, es sei gut so. Dann ersuchte er die beiden Damen höflich, aber entschieden, sich nunmehr schleunigst zu entfernen. Er geleitete sie selbst nach der kleinen eisernen Thür, die vom Bühnenraum ins Parkett führt. Kein Mensch beachtete sie unterwegs. Als sie das Klingelzeichen zum Aufziehen des Vorhangs vernahm, verließ Lizzi die Garderobe, um ihren Auftritt zwischen den Coulissen abzuwarten. Ihre Lustigkeit war nur eine Art Fieberdelirium gewesen. Sie war in einer furchtbaren Aufregung. Alle ihre Pulse hämmerten, als wollte das Blut die Adern sprengen, und das Mieder beengte sie, obwohl sie sich gar nicht arg geschnürt hatte, dermaßen, daß sie kaum zu atmen vermochte. Sie hielt sich an dem Holzgerüst einer Coulisse fest, um nicht umzusinken und starrte in die hell beleuchtete Scene hinein. Aber es schwamm ihr vor den Augen, nur in ganz unbestimmten Umrissen vermochte sie die beiden Gestalten da zu erkennen. Von dem, was gesprochen wurde, verstand sie kein Wort. Die Scene zwischen dem Grafen Finsterberg und dem Pfarrer, die wohl noch kein Mensch besonders kurzweilig gefunden hat, schien ihr überhaupt gar kein Ende zu nehmen, und wenn ihr jemand zugeflüstert hätte: »Sie haben ja Ihren Auftritt versäumt, machen Sie, daß Sie raus kommen,« so wäre sie sicherlich in die Scene hinausgestolpert und hätte coram publico zu heulen angefangen. Ihre Kniee zitterten ihr, die Beine wollten sie nicht mehr tragen und sie sah sich angstvoll nach Hilfe um. Ein alter Theaterarbeiter, der sie schon eine ganze Zeit lang mißtrauisch und mitleidvoll beobachtet hatte, ergriff sie beim Arm und führte sie, oder schleppte sie vielmehr beinahe, nach der Garderobe zurück. Kaum dort angekommen, mußte sie sich fürchterlich übergeben. Der alte Mann hielt ihr den Kopf und die bucklige Garderobiere das Waschbecken vor. »So is recht, Freileinchen, man immer raus mit de wilde Katze, des wird Ihnen jut thun,« sagte der Coulissenschieber mit unerschütterlicher Ruhe. Aber die Garderobiere machte ein bitterböses Gesicht und flüsterte dem Alten zu: »Na, wissen Se, Plaschke, das muß ich sagen, unser Direktor hat auch manchmal Einfälle, wie'n olles Haus. Passen Se auf, die schmeißt die Vorstellung.« Und dann brummte sie noch leiser vor sich hin: »Ich bin überhaupt engagiert, um Künstlerinnen zu bedienen und nicht zum kleine Kinder warten. So 'ne Schweinerei!« Es dauerte wohl eine Viertelstunde, bis Lizzi sich einigermaßen wieder erholt hatte und die Spuren des Unglücksfalles mittels Puder und Schminke aus ihrem Gesicht getilgt waren. Aber etwas leichter war ihr jetzt doch zu Mute. Sie konnte wenigstens wieder klar aus den Augen schauen und freier atmen. Als sie wieder auf die Bühne hinauskam, war gerade die Scene mit der Begegnung der beiden Chöre zu Ende. Die Kirchfelder Hochzeiter kamen die Treppe hinuntergestiegen und die letzten Töne ihres Schelmenliedes verhallten. Die Damen vom Chor starrten im Vorbeigehen der Lizzi neugierig ins Gesicht. Sie nahm sich krampfhaft zusammen – man sollte ihr nichts anmerken. Nun war nur noch eine Scene abzuwarten, dann mußte sie hinaus. O Gott, und über diese gefährlichen Stufen hinunter und über den Steg! Ganz bestimmt würde sie irgendwo hängen bleiben, hinunterpurzeln zum Gaudium der Zuschauer und mit einer blutigen Nase ihre Laufbahn als Bühnenkünstlerin eröffnen und – vielleicht auch beschließen. Wie fing doch gleich ihr Auftrittslied an? Herrgott, sie hatte ja alles vergessen! Sie dachte an diese und jene ihrer langen Reden – aber nur ein paar zusammenhangslose Zeilen fielen ihr ein, wie wenn sie an ein Buch dächte, das sie einmal vor Jahren gelesen. Und sie lief wieder nach der Garderobe und holte ihre Rolle herbei. Richtig, richtig: »Dö Fischerln im Bach und d'Vögerl am Boam, dö wissent, wo's hing'hörn ...« Ja, wahrhaftig – und sie gehörte in die Kleinkinderbewahranstalt, aber nicht auf die Bretter, die die Welt bedeuten! Jetzt konnte es höchstens noch zwei Minuten währen, bis sie hinaus mußte und singen – ach, singen! Die Zunge klebte ihr schon wieder am Gaumen, obwohl sie eben noch einen Schluck Wasser getrunken hatte. – Und wahrhaftig, da war schon der Herr Inspizient und flüsterte ihr zu: »Gehen Sie 'rauf, Fräulein, es ist Zeit.« Sie drückte dem Inspizienten ihr Rollenheft in die Hand und begann hastig die schmale Stiege emporzuklettern, die auf die Felspartie hinaufführte. Auf der dritten Stufe schon stolperte sie und stieß sich empfindlich am linken Knie. »Los, los, los!« raunte ihr der Inspizient von unten zu. »Wenn Sie den zweiten Vers anfangen, gehen Sie erst raus.« »Au, mei Knie! I Hab' mi doch so g'stoßen! – Wie fangt's denn an?« jammerte Lizzi kläglich. »Man keinen Beinbruch vorschützen, Sie! Herrjott, Herrjott – nu singen Se doch!« Und Lizzi drückte die Hand gegen den heftig wogenden Busen, holte tief Atem und begann: »Dö Fischerln im Bach Und d' Vögerln am Boam, Dö wissent wo s' hing'hörn Und hab'n ihr Dahoam. Nur 'n Menschen treibts G'schick Oft hinaus in die Fremd, Wenn er glei vor Hoamweh Und Herzload dakämmt, Duliödiö diridiö!« So, das war glücklich heraus, aber jammervoll kurzatmig und schluckrig mußte es geklungen haben – wenn es überhaupt geklungen hatte. Lizzi mußte von gar nichts. Sie sah nur den Inspizienten unten stehen, wütend gestikulierend und heiser: »Raus, raus, raus!« flüstern. Krampfhaft krallten sich ihre Finger in das Bündel ein, das sie in der Rechten trug, und dann schritt sie hinaus auf die taghell beleuchtete Scene. Und nur ganz leise, mit halb erstickter Stimme, vermochte sie den zweiten Vers zu singen: »Dahoam hat mi ang'lacht Beim Bacherl der Steg –« Sie stand gerade auf dem kleinen Steg und umklammerte zitternd mit der linken Hand das Geländer. Au, das Knie that so weh! »Dö Häuserln im Dörfl, Jed's Stoanderl am Weg –« Sie wagte drei Schritte vorwärts zu gehen, bis wo das Geländer zu Ende war. »Doch weit von dahoam Schaut jetzt fremd alles her –« Sie wagte aufzublicken und sah in das dunkle Haus hinein, wo eine schwarze Menschenmasse dicht gedrängt bei einander saß. Lauter Henkersknechte, mitleidlose Bestien, die sich ein Vergnügen daraus machen würden, sie auszulachen, wenn's jetzt nicht weiterging. Und Pastor Werkmeister saß auch mitten drin. Wie der sich freuen würde, wenn sie sich auf ewige Zeiten blamierte! Das Herz schlug ihr in der Kehle und sie sang weiter: »Als ob i schon selber Vergangen lang wär'. Duliö ...« Der Jodler erstickte im Halse, sie brachte ihn nimmer zusammen. »Du, Deandl!« hörte sie plötzlich eine Stimme, und sie erhob erstaunt den Kopf. Wer hatte denn hier vor all den Leuten mit ihr zu reden? »Hat's dich leicht a bei der Falten, 's Unglück, weilst so traurig singst?« Mein Gott, ja, der Mann hatte recht. Ob sie's ihr denn alle ansahen, die Leut' da drunten, wie völlig verdattert sie war? Ach so, richtig, das war ja der Wurzlsepp aus dem Stück. Sie mußte ihm jetzt antworten; aber was denn nur? Der Mann da unten im Kasten schrie ihr etwas zu und sie schnappte ein oder zwei Worte davon auf. Das Summen in ihren Ohren hörte plötzlich auf, es war ihr, wie wenn etwas wie eine Blase irgendwo in ihrem Kopfe gesprungen wäre, wonach es ihr leicht und hell darin ward. Und auf einmal konnte sie reden: »'s is ma wohl nie gut gang'n, ab hitzt weiß i gar nimmer was wer'n wird.« Sepp (bietet ihr den Krug). »Trink eins!« Annerl (legt die Hände ans Mieder). »I dank' schön, i kann net.« Sepp. »Dir verschnürt 's Mieder ja völlig die Red', bist g'wiß g'loffen wie nit g'scheit?« Annerl. »Ah na!« So, jetzt war sie völlig darin, ganz und gar nur die Anna Birkmeier. Und daß sie das alles erst kürzlich auswendig gelernt, kam ihr gar nicht zum Bewußtsein. Es war ihr überhaupt alles wie im Traum. Sie redete darauf los und wußte nicht was und wie. Und dann stand sie auf und ging mit dem Wurzlsepp davon und der Vorhang fiel – und draußen hörte sie ein ganz merkwürdiges, dumpfes Geräusch, wie wenn ein heftiger Platzregen auf einem dünnen Pappdach trommelt. »Ja, was is denn jetzt dees?« fragte sie erstaunt, aus ihrem Traum auffahrend, den Kollegen Wurzlsepp. »Die Leute klatschen halt, mein Kindchen,« sagte der Herr mit wohlwollendem Lächeln. »Ja gelt, da sperrst die Ohren auf! Das gilt für dich auch mit.« »Ui jegerl, muß i jetzt naus und an Knix machen?« »Um Gottes willen, das gibt's hier net,« rief der Wurzlsepp, ihr nacheilend und sie am Arme festhaltend, denn sie war gleich auf die Bühne gelaufen in ihrer freudigen Aufregung. »Ja, hab' ich denn wirklich alles richtig gesagt? Hab' ich denn gut gespielt?« »Wie ein Engerl hast g'spielt, mein Herzel. Und g'sungen hast so rührend, daß m'r's selber fast schwummrig wor'n is.« »Ah na, is wirklich wahr?« rief Lizzi, ungläubig die Augen aufreißend. Und als er bestätigend nickte, quietschte sie laut auf vor Vergnügen, klatschte in die Hände und drehte sich dreimal auf dem Absatz herum, daß ihr die Röcke bis über die Kniee flogen. Der Herr Direktor kam gerade dazu, jagte sie lachend von der Bühne herunter, wo sie den Arbeitern im Wege stand, klopfte sie freundlich auf die Schulter und sagte: »Na, na, na, nur nicht gleich Purzelbäume schießen; es ist noch nicht aller Tage Abend, aber bis jetzt war's sehr hübsch. Es ist eine warme Stimmung im Publikum. Ein paar gefühlvolle Damen haben gleich beim Auftrittslied die Taschentücher 'rausgezogen. Fahren Sie so fort, Mödlingerin – jetzt geht's weiter.« Und es ging gar glücklich weiter. Beim ersten Auftreten zwar saß ihr jedesmal der verwünschte Angstknödel in der Kehle, aber sobald sie ein paar Worte herausgebracht hatte, ging es auch wieder glatt weiter. Am Schluß des ersten Aktes gab es wieder einen starken Beifall. Und die Schnaderhüpferln, die sie beim Beginn des zweiten zu singen hatte, gelangen ihr so gut, daß sie bei offener Scene lebhaft beklatscht wurde. War das ein Gefühl! Als ob die tausend Hände, die sich da draußen regten, sich alle unter ihre Füße breiteten und sie zu den Wolken emporhöben. Sie wandelte gar nicht mehr auf festem Boden und eine Kraft, eine Lust, ein Uebermut kam über sie – sie hätte jetzt der Tante Ida einen Nasenstüber geben mögen, so couragiert wie sie auf einmal geworden war! Und ihre übermütige Stimmung paßte so recht für die lustige Scene mit der alten Brigitte. Der dritte Akt sollte ihren Triumph entscheiden. Roseggers reizendes Liedchen vom Deandl, das fragt, ob's es Büberl lieb'n derf, sang sie so allerliebst, daß ein wahrer Beifallssturm durch das Haus brauste und Brigitte ein ganzes Weilchen warten mußte, ehe sie zu reden anheben konnte. Bei dem langen Selbstgespräch verfiel sie in einen etwas eintönigen Singsang und merkte das auch selbst ganz wohl. Aber was konnte sie dafür, daß der Dichter den schlechten Geschmack hatte, mitten in seinen frischen Dialog hinein eine ganze Seite Phrasenwerk einzusticken – wie aus einer sentimentalen Kalendergeschichte herausgerissen! Sie schlug ein viel zu geschwindes Tempo an, bloß damit die Geschichte ein rasches Ende haben sollte, denn jetzt kam ja die reizendste Scene des ganzen Stückes, die zwischen ihr und dem Michl, und sie wußte ganz genau, daß sie die nicht schlecht spielen würde. Und sie gelang ihr ausgezeichnet. Die ganze flotte Lieblichkeit, die schalkhafte Lust am Unfug, die von Natur in ihrem Wesen lag, kam, ganz unverdorben durch komödiantische Routine, zum herzerquicklichen Ausdruck. Und als sie das Gebetbuch an ihre Brust preßte und mit aufsteigenden wirklichen Thränen sagte: »Michel, du bist a grundguter Bua«, da ging eine Bewegung durch das ganze Haus, ein Rücken, ein Rascheln, unterdrückte leise Ausrufe, vorsichtig verlegenes Geschneuz, ein allgemeines tiefes Aufatmen – – und das glückliche Kind da oben auf der Bühne verspürte es wohl, wie zwischen ihr und der fremden Menschenmenge da draußen im Hause ein dichtes Netz von elektrischen Drähten ausgespannt lag, fühlte, daß ihm die Macht gegeben war mit einer einfachen Handbewegung, mit einem leichten Hauch seines Mundes alle die Herzen höher schlagen zu machen. In diesem Augenblicke wußte Lizzi, daß sie zur Künstlerin geboren sei und daß nichts sie mehr von dem Wege abbringen könnte, den sie heute mit Zittern und Zagen betreten. Alle Angst war von ihr genommen und auch die langen Reden mit dem Pfarrer, mit denen sie selbst innerlich nichts anzufangen wußte, gelangen ihr wenigstens äußerlich ganz gut. Schon nach dem dritten Akt war der Direktor mit strahlender Miene auf sie zugekommen und hatte gesagt: »Na, mein Fräuleinchen, jetzt können wir meinetwegen den Kontrakt unterschreiben. Das Tageblatt ist weg und der Börsencourier lacht übers ganze Gesicht.« Und dann waren die Kollegen und Kolleginnen von allen Seiten auf der Bühne zusammengeströmt, so viel ihrer im Hause anwesend waren, hatten sich ihr vorstellen lassen und ihre Glückwünsche dargebracht – natürlich mit Ausnahme einiger Damen, die selbst gerne die Rolle gespielt hätten. Agnes Sorma, zu der sie gestern noch wie zu einem unerreichbaren Ideal aufgeschaut, hatte sie umarmt und ihr viele schöne Sachen gesagt, und von Kainz hatte sie gar einen Kuß gekriegt. Sie flog überhaupt von einem Arm in den andern, ohne zu wissen, was mit ihr geschah. Die Kollegen waren alle so lieb und gut, sie hätte sie am liebsten alle hintereinander abgebusselt – bloß den Wurzlsepp nicht, der sah zu scheußlich aus, wie ihm die dicken Schweißtropfen so über das greulich verschmierte Antlitz rannen. Als die Komödie aus war, wurde die Bühne gestürmt von ihren Lieben und Getreuen. Außer Kathi und der Majorin erschienen jetzt auch Herr und Frau Doktor Hartmann, die bethränte Königin Amanda Orjes, und zum Schluß gar noch der gänzlich aufgelöste Bubi. Trotz der strengen Hausordnung ließen die beiden Mannsbilder, das alte und das junge, sich nicht abhalten, mit den Damen gleichzeitig in Lizzis Garderobe einzubrechen, sehr zum Entsetzen der buckligen Ankleiderin, der solche Familientage hinter den Coulissen etwa ebenso unpassend dünkten, wie einem Meßner Hundebesuch in der Kirche. Das Annerl war bereits abgelegt, aber die Lizzi noch nicht wieder angezogen. Im Unterrock und Leibchen stand sie noch da und rieb sich heftig mit einem alten Handtuch die Schminke vom Gesicht. Mit einem Juchzer sprang sie der kleinen Gesellschaft entgegen und fiel einem nach dem andern um den Hals. Das war eine Seligkeit und ein Jubel und des Glückwünschens und Umarmens und Küssens gar kein Ende! Immer wieder nahte von hinten die Bucklige mit dem zum Ueberstreifen aufgehobenen bürgerlichen Gewande, und immer wieder entwischte ihr Lizzi unter den Fingern, um noch was Neues von Wichtigkeit ihrem aufgeregten Geschwätz hinzuzufügen. Schließlich setzte sie sich gar hin und zog ihren linken Strumpf halb herunter, um der andächtigen Versammlung die Stelle unterhalb des Kniees am Schienbein zu zeigen, wo sie sich so empfindlich gestoßen hatte beim ersten Auftritt. »O mei, dees thut fei weh,« sagte sie kindisch den Mund verziehend und sich mitleidig streichelnd. »In der Aufregung hab' i's gar net g'spürt, aber jetzt möcht' i, daß dees a schön's blau's Fleckerl gäb', dees gar nimmer verschwinden thät. Wißt's, i mein, dees hat m'r Glück bracht, daß i so g'stürzt bin.« »Aber, Lizzi, schamst di denn gar net,« flüsterte Kathi ihr zu, indem sie sich breit vor sie hinstellte. »Der Bub schaut ja her wie net g'scheit!« »Ah was, der schaut m'r nix runter,« versetzte die Lose leichthin, indem sie ihr hübsches Knie wieder verschwinden ließ. »Geh'n S' zu, Frau Puhlmann, mein Kleid, mi friert's schon.« »Na, ich dächte auch,« zischelte die Alte, »'ne halbe Stunde steh' ich hier schon. Ich habe meine Zeit auch nich jestohlen!« Und dabei warf sie ihr den Rock über den Kopf und gab ihrem Aerger noch kräftigeren Ausdruck dadurch, daß sie beim Zuhaken die Lizzi herumriß, wie ein Bündel Stroh. Wenige Minuten später stand das neueste Mitglied des Deutschen Theaters schon fix und fertig in Hut und Mantel da, und die kleine Gesellschaft setzte sich in Bewegung. Jetzt erst fiel es Lizzi ein, nach Fräulein Grönroos und dem Pastor zu fragen, die doch auch im Theater gewesen waren, und sie bekam den Bescheid, daß diese beiden am Ausgang auf sie warteten. »Jesses, die Milka!« rief Lizzi. »Der müßt' ich doch z'allererst um 'n Hals fallen. Der verdank' ich ja am allermeisten.« Und sie lief so rasch voraus, daß die andern gar nicht zu folgen vermochten. Fräulein Orjes fühlte sich gekränkt. Sie war doch schließlich ihre Lehrerin und bei ihr hatte sich Lizzi noch gar nicht bedankt. Auch der Oberlehrer war ein klein bißchen verstimmt, denn er meinte doch das Meiste zu ihrer Ausbildung beigetragen zu haben. Am Ausgang fanden sie Pastor Werkmeister und Lizzi, aber kein Fräulein Grönroos. Die war davongelaufen, ohne so recht einen Grund anzugeben, warum sie an dem festlichen Abendschmaus, zu dem Frau von Goldacker die ganze Gesellschaft eingeladen hatte, nicht teilnehmen wollte. Lizzi war auf einmal ganz niedergeschlagen. »Der hab' ich am End net g'fallen,« sagte sie kleinlaut. »Der Herr Pfarrer sagt's auch, das s' ihm schon den ganzen Abend über so merkwürdig vorkommen is, wie s' neben ihm g'sessen is.« »Ach was, laß' sie laufen, die wird bloß neidisch sein,« rief die Majorin, indem sie sie beim Arm ergriff und mit sich fortzog. Sie nahmen zwei Droschken und fuhren davon. Lizzi war sehr still unterwegs. Das ging ihr im Kopf herum, warum die Grönroos wohl fortgelaufen sein mochte. Sie hatte ihr doch ein neues Kleid geschenkt, in dem sie sich ganz gut in Gesellschaft sehen lassen konnte. Erst beim Abendessen lebte sie wieder auf. Die Majorin hatte sogar ein paar Flaschen Sekt spendiert und der Herr Oberlehrer hielt so eine schöne Rede auf sie in Knüttelversen, unvorbereitet, wie er sich hatte. Das heißt, seine Gattin wußte es anders, denn sie hatte ihm kurz vor dem Theater die Rede, die noch von Pyritzer Luft inspiriert war, überhören müssen. Auch Pastor Werkmeister sprach einige sehr hübsche Worte, und zwar auf ihre Lehrmeister. Fräulein Amanda meinte natürlich, er würde mit einem Hoch auf sie enden, und bereitete sich schon auf eine kleine Bescheidenheitskomödie vor. So war es aber nicht gemeint gewesen. Er sprach vielmehr von der herrlichen Gottesgabe der frischen, fröhlichen, unverdorbenen Natur, die sie befähigt habe, ein Kind jenes urwüchsigen, prächtigen deutschen Volksstammes, welchem sie selber angehörte, so echt und ergreifend darzustellen. Er sprach von dem goldenen Herzen, welches wie eine Glocke nur leicht angeschlagen zu werden brauchte von verwandten Gefühlen, um mit goldenen Tönen andre Herzen zu rühren. Er sprach von dem Erbe des schönen Talentes, das sie ihrem Vater verdanke, und welches getreulich zu verwalten und zu vermehren die gesunde, vernünftig freie Erziehung ihrer Mutter ihr so leicht gemacht habe. Und er schloß also: »Mit dem Segen eines edlen Priesters schloß die schöne Dichtung, die Sie heute mitgestalten halfen. Möge es einem andern Priester erlaubt sein, Sie in der Welt der Wirklichkeit auch mit einem Worte des Segens zu begrüßen. Die Welt des schönen Scheines wird von jetzt an vielleicht Ihre wirkliche Welt bedeuten. Wenn Sie Ihren Beruf hoch auffassen wollen, so ist es ja auch ein priesterlicher Beruf, wenn er auch weit abseits führt von dem Wege, der den Frauen im allgemeinen gewiesen ist. Möchten Sie Ihr Glück da finden, wo der innere Beruf sie hingestellt hat. Möchten Sie die Kraft finden, das reiche Erbe, das Ihnen zu teil ward, treu zu verwalten, und möchten Sie nie bereuen, daß Sie ...« Er vermochte den Satz nicht zu vollenden, seine Stimme bebte vor innerer Erregung und er schloß rasch mit einem leisen »Gott segne Sie, Fräulein Lizzi«. Den Champagnerkelch, den er in der erhobenen Hand hielt, stellte er, ohne zu trinken, so rasch auf den Tisch nieder, daß der Fuß abbrach und der perlende Wein sich über die Tafel ergoß. »O, ich bitte um Entschuldigung!« hauchte er mit verlegen niedergeschlagenem Blick. Niemand sprach ein Wort, denn sie alle ahnten, welch tiefer Schmerz die Seele des Mannes bewegte, der mit seinem Segen zugleich seiner schönsten Hoffnung den Abschied gab. Selbst das gekränkte Fräulein Orjes war ergriffen – und Kathi standen gar die hellen Thränen im Auge. Lizzi aber erhob sich langsam, schritt um den Tisch herum und trat dicht vor den Pastor hin, der immer noch hoch aufgerichtet dastand. Sie wollte ihren Dank stammeln, aber die Stimme versagte ihr, und so drückte sie ihr Gefühl denn einfacher und ebenso verständlich dadurch aus, daß sie ihre Arme auf seine Schultern legte und sich ganz leise an ihn schmiegte. »Bitte – bitte, nicht – ich kann nicht mehr!« flüsterte er ihr ins Ohr und drückte sie sanft von sich ab. Es war gegen zwei Uhr, als die letzten Gäste aufbrachen, und Lizzi fiel todmüde in ihr Himmelbett; aber schlafen konnte sie doch nicht. Ihre Rolle ging ihr im Kopfe herum die ganze Nacht, und im unruhigen Halbschlummer hatte sie alle die fürchterlichen Aengste des Lampenfiebers noch einmal durchzumachen. Der Morgen dämmerte bereits, als endlich wohlthätige Bewußtlosigkeit ihre schwarzen Engelsfittiche über sie breitete. Bis nach elf Uhr lag sie in festem Schlaf. Die Majorin hatte schon in aller Frühe den Friedrich nach dem nächsten Zeitungskiosk geschickt, um alle Morgenblätter zusammenzukaufen, und als die Uhr elf schlug, ohne daß sich in Lizzis Zimmer etwas regte, da konnte sie es vor Ungeduld nicht mehr aushalten, sondern lief hinein, schüttelte die Langschläferin am Arm und rief: »Du, Lizzi, steh doch endlich auf. Großartige Kritiken!« Da wurde sie aber schnell munter und in einer Viertelstunde war sie angezogen. Ein ganzer Haufen von Zeitungen und verschiedene Briefe lagen auf ihrem Platz am Kaffeetisch. Waren doch schon zwei Posten eingelaufen! Sie machte sich über die Kritiken her und quiekte einmal über das andre vor Vergnügen, wenn sie wieder einmal auf einen kräftigen Superlativ stieß. Ueber den Pfarrer von Kirchfeld war ja nichts Neues mehr zu sagen. Die Besprechungen waren alle kurz und galten nur der Darstellung, in erster Reihe natürlich der glücklichen Debütantin. »Reizende Erscheinung – verblüffende Sicherheit des Auftretens für einen ersten Versuch – Töne echtester Empfindung – unzweifelhaftes Talent, wenngleich abzuwarten sein wird ...« in dieser Tonart ging das so weiter die ganze Berliner Presse hindurch. Zwei-, dreimal überflog sie strahlenden Auges die ihr gewidmeten Zeilen, die die Majorin schon vorher zur Bequemlichkeit blau angestrichen hatte, und dann seufzte sie drollig auf und sagte überzeugt und befriedigt: »So, jetzt wär' also die Lizzi Mödlinger schon amal berühmt. O mei, ob's dees wohl auch in die Neuesten Nachrichten schreiben? Die Münchner wer'n schau'n!« Dann erst nahm sie die Briefe zur Hand. Sie waren alle aus Berlin. Ein paar Lieutenants, die sie bei dem Sylvesterfest der Majorin kennen gelernt hatte, schickten ihre Visitenkarten mit herzlichem Glückwunsch, und dann kam ein längerer Brief, den mußte sie aufmerksam lesen, denn es stand »Milka Grönroos« darunter. Sie hielt das Schreiben mit einer Hand vor ihre Augen, während sie mit der andern die Semmel in den Kaffee stippte und von Zeit zu Zeit abbiß. Da stieß sie plötzlich einen lauten Schrei aus, taumelte wie vor den Kopf geschlagen in ihren Stuhl zurück und starrte mit entsetzensweiten Augen in den Brief hinein, der in ihrer ausgestreckten Hand zitterte. »Mein Gott, was ist denn?« rief die Majorin erschrocken und nahm ihr das Blatt aus der Hand. »Sie ist tot – lies!« stöhnte Lizzi und erhob sich mühsam von ihrem Sitz. »Bitte, laß mir eine Droschke holen – ich muß gleich hin. Vielleicht ist ... Ach Gott, nein, die schreibt net bloß so, die thut's.« Und damit wankte sie hinaus, um sich anzukleiden für den schweren Gang. Unterdessen las die Majorin: »Meine liebe Lizzi! Verzeihe mir, daß ich gestern nach der Vorstellung nicht mehr mit euch fröhlich sein konnte. Ich hätte nur euer Vergnügen gestört und mir die Sache unnötig schwer gemacht. Daß ich Deinem Triumphe beiwohnen durfte, hat mir noch eine wirkliche herzliche Freude gewährt. Du hast ihn verdient und ich beglückwünsche Dich aufrichtig dazu. Freilich, eine große Kunstleistung war das noch nicht, denn Du brauchtest Dich nur einfach gehen zu lassen – Deine liebenswürdige Natur that das Beste für Dich; aber das andre wird auch kommen, davon bin ich fest überzeugt. So ungefähr denke ich mir, muß sich wohl der Genius im Wickelkissen benehmen. Wer zum Schaffen geboren ist, der nützt sein Gehirn nicht im Grübeln ab. Verzeihe mir, wenn ich mit einem schrillen Mißton in die Jubelaccorde hineinfahren muß, die Dir morgen früh noch in den Ohren klingen werden; aber Du warst die einzige Menschenseele, die sich in diesen letzten Monaten liebevoll herabgeneigt hat zu meinem Elend, darum mußt Du alles wissen. Also höre: Gestern nachmittag trat ganz unvermutet in mein Zimmer jener Mann, den ich nie mehr im Leben zu sehen erwartet hatte, jener Mann, dem ich mein höchstes Glück, die Freiheit meines Geistes, aber auch mein tiefstes Elend verdanke – ein gänzlich heruntergekommener, vom Trunk verwüsteter Mensch. Wie er mich aufgefunden hat, weiß ich nicht. Kurz und gut, er forderte Geld von mir – und ich gab ihm, was ich hatte. Da wollte er weich werden und die Erinnerung an den kurzen süßen Rausch heraufbeschwören, der mich in seine Arme getrieben hatte. Aber das machte ihn mir vollends ekelhaft und ich wies ihm die Thür. Bis es Zeit war, ins Theater zu gehen, hatte ich eine reichliche Stunde zum Nachdenken. Mein Entschluß war gefaßt, bevor ich das Theater betrat. Dein Triumph konnte ihn nur in mir bestärken und mir das Ende leichter machen. Ja, das Ende! Du hast mühelos erreicht, wonach ich mein Leben lang in heißem Bemühen gerungen habe. Ich sehe es jetzt endlich ein, daß ich gar nicht das Recht hatte, so hartnäckig nach dem Lorbeer des Künstlers zu streben. Dich, Du süßes, harmloses Geschöpfchen, das mit den Schwalbenflügelchen der Einfalt so lustig in die blaue Luft hinaufflattern kann, Dich haben böswillige Menschen Erbschleicherin gescholten! – Nein, ich bin in Wahrheit eine Erbschleicherin gewesen, mein Leben lang: der Kunst habe ich was abschmeicheln und abtrotzen wollen – ich , die ich zu ihrer edlen Familie nur in aller entferntester Verwandtschaft stehe, als ein mißratener Bastard der Wissenschaft und eines unbekannten Vaters! Du aber darfst von dem, was Du legitim ererbt hast, aus dem Vollen leben – und weißt es gar nicht anders. Ich danke Dir ehrlich, daß Du mir geholfen hast, das einzusehen. Ich habe nie in irgend einer Kunst auch nur das Geringste erreicht – und so müßte es notwendig auch immer bleiben. Einen neuen Weg einzuschlagen, dazu ist es für mich zu spät. Meine Kraft ist gänzlich verbraucht; also mache ich lieber kurzen Prozeß. Morgen früh bin ich tot! Thu mir die Liebe und besorge das Nötige – Benachrichtigung der Eltern u.s.w. Die Adressen habe ich aufgeschrieben. Meinen elenden Körper möchte ich am liebsten der Anatomie zum Geschenk machen; soll er aber verscharrt werden, dann sorge wenigstens dafür, daß man mein Andenken nicht mit frommen Lügen verhöhnt. Im übrigen setze ich Dich zu meiner Universalerbin ein. Das soll kein schlechter Witz sein. Die paar Bilder und Bücher magst Du meinetwegen in den Ofen stecken, aber mein Andenken wirst Du vielleicht in Ehren halten können, und die Erinnerung an manches ernsthafte Wort, das ich Dir über die Kunst und das Leben gesagt habe, nicht gering schätzen, weil es von mir kam. Von klein auf habe ich es zu hören bekommen, daß ich kein Herz hätte. Mag sein; aber die Wahrheit habe ich doch immer inbrünstig lieb gehabt – und ich glaube auch Dich , Du Gute. Leb wohl und ›Dank für das bißchen Feuer!‹ Milka Grönroos.« Lizzi war Hals über Kopf davongefahren. Unterwegs aber fiel ihr ein, daß es doch wohl nötig wäre, für die Verhandlungen mit der Polizei und andre mögliche Schwierigkeiten sich einen männlichen Beistand mitzunehmen. So fuhr sie denn zunächst nach dem Hotel, in welchem Hartmanns mit Kathi abgestiegen waren. Die Herrschaften waren bereits ausgegangen. So blieb ihr nichts übrig, als den Auftrag zu hinterlassen, daß der Herr Oberlehrer sofort ihr nachkommen möge, sobald er heimkehrte, und allein nach der Landsbergerstraße hinauszufahren. – Frau Rösicke, umgeben von einer ansehnlichen Schar alter und junger Weiber aus dem Hause und der nächsten Nachbarschaft empfing sie mit schrecklichem Gejammer und Geschimpfe. Das hätte ihr das Frauenzimmer bloß zum Tort angethan. Wie sollte sie denn jetzt bloß das Zimmer noch vermieten, wo es morgen doch in allen Zeitungen stehen würde, daß sich eine drin umgebracht hätte. Anständige Leute gingen in den Tiergarten, wenn sie sich erschießen wollten. Dazu hätte man nun so lange Geduld gehabt mit der übergeschnappten Person, die weiter nichts konnte, als die Miete schuldig bleiben und die ganze Wohnung mit Terpentin und Tabaksrauch einstänkern. In dieser Tonart ging es noch eine ganze Weile fort und der Chor der andern Hexen stand der würdigen Vorsängerin würdig bei. Noch war es Lizzi nicht gelungen, in Milkas Zimmer einzudringen und erst das Versprechen einer guten Belohnung bewog Frau Rösicke, ihr die Weiber vom Halse zu schaffen. Nun war sie endlich mit der Toten allein. Die lag im Bett, nur mit ihrem alten Morgenrock zugedeckt, da die Zimmervermieterin schleunigst ihr Deckbett in Sicherheit gebracht hatte. Der Kopf war etwas zur Seite geneigt und an dem feinen Gesichtchen kaum eine Veränderung zu bemerken, außer dem stehen gebliebenen Schmerzenszug. Die Leichenstarre war noch nicht eingetreten, der Mund auch noch geschlossen. Lizzi trat zaghaft näher, es überlief sie so kalt, daß ihr die Zähne aufeinander schlugen und es dauerte eine ganze Zeit, ehe sie wagte, den Morgenrock zurückzuschlagen. Das Nachthemd war am Halse nicht zugeknöpft und ließ die ganze Brust frei. Sie hatte sich ins Herz geschossen – und gut getroffen. Der Tod mußte wohl fast augenblicklich eingetreten und die Blutung eine sehr schwache gewesen sein. Einige Flecken im Hemd und ein paar bereits erstarrte Tropfen auf der weißen Haut – das war alles. Es war auch nicht das Blut, noch die kleine, kaum bemerkbare Wunde, vor der Lizzi sich so entsetzte, daß ihr selber fast das Herz still stand und der Atem versagte – nein, es war der trostlose Anblick dieses elenden Körpers selbst. Das war ein Mädchen von siebenundzwanzig Jahren, das mit seiner Schönheit und mit seinem Geiste eine Welt sich hätte zu Füßen sehen können – und nun durch Hunger und namenloses Elend so herabgekommen war! Deutlich konnte man das ganze Knochengerüst durch die bläulichweiße Haut schimmern sehen. Die Höhlungen über dem Schlüsselbein waren so tief, daß eine Kinderfaust bequem darin Platz hatte und ihre Brüste waren nur welke Hautfalten. Lizzi schlug ihre Hände vor das Gesicht und das Grauen schüttelte sie so, daß sie sich nicht aufrecht zu halten vermochte. Sie sank neben dem Bett in die Kniee und zog, ohne aufzublicken, den Morgenrock wieder über die Leiche. So gab es also doch wohl so etwas wie eine ewige Feindschaft zwischen der Leiblichkeit und dem Dämon Geist. Das höchste Leben des Geistes verzehrte den Körper mit seiner Glut von innen heraus, er zerstörte sein eigenes Gefäß, während er unermüdlich die Steine herbeischleppte zu dem weiten, hohen Tempelbau, in welchem der starke befreite Geist der Menschheit in ferner Zukunft wohnen sollte. Der heitere Genuß, das liebliche Erdenparadies, welches die gesunde Sinnlichkeit sich schafft, das war den einsamen stolzen Denkern nicht beschieden. Sie kreuzigten sich selbst, wenn es die blöde Menge nicht that! – – Lizzi ging von dem Totenbett dieser Selbstmörderin, die in Verzweiflung und ohne die kindlichen Hoffnungen des Glaubens gestorben war, davon wie aus einem feierlichen Hochamt, sich ernst und demütig ihrer eigenen Kleinheit bewußt und doch voll frommer Dankbarkeit gegen ihr Geschick, das ihr den furchtlosen Adlerblick des freien Geistes gnädig versagt hatte. – – Zwei Tage später begruben sie Milka Grönroos ohne geistliches Geleite, wie sie es gewünscht hatte, und nur Lizzi und ihre Schwester folgten dem schmucklosen schwarzen Sarge bis zur engen Grube und warfen ihm ein paar Hände voll Erde nach. Doktor Hartmann und Frau waren schon am Sonntag abend wieder heimgereist, da Montag die Schule wieder anfing, und hatten sich betrübten Herzens entschließen müssen, auch Kathi zurückzulassen, die nun mit der Schwester zusammen eine bescheidene kleine möblierte Wohnung in der Nähe des Deutschen Theaters bezog. Da hausten sie bald ganz glücklich und zufrieden miteinander. Kathi kochte und Lizzi studierte fleißig. Nicht nur die paar Rollen, die ihr zugeteilt worden waren, sondern auch noch andre, für die sie sich besonders geeignet glaubte. Vorläufig hatte sie allerdings wochenlang nur im Pfarrer von Kirchfeld zu thun, der aber durch die Anziehungskraft, die sie ausübte, häufig gegeben werden konnte. Später fielen noch einige zweite Backfischrollen in modernen Salonstücken und dritte Hofdamen in klassischen Werken für sie ab, die sie alle zur Zufriedenheit spielte, ohne sich natürlich darin besonders hervorthun zu können. Unter ihren Kollegen war Lizzi bald der allgemeine Liebling, und die Einladungen zu Gesellschaften und Bällen, zur Mitwirkung bei Wohlthätigkeitsveranstaltungen und dergleichen regneten nur so auf sie hernieder. Auch an Blumenspenden und Annäherungsversuchen eleganter Herren fehlte es durchaus nicht; aber die Versuchung war für Lizzi keine große. Sie war viel zu zufrieden mit ihrem Dasein und mit der herzlichen Teilnahme, die ihr von allen Seiten entgegengebracht wurde, als daß sie sich nach besonderen Aufregungen gesehnt hätte. – Nur eine schwere Stunde, eine ernstliche Versuchung hatte sie gehabt – und zwar gleich in der ersten Zeit ihres Alleinwohnens mit Kathi. Pastor Werkmeister, der die Schwestern öfters besuchte, hatte eines Tages Lizzi allein daheim gefunden, und da war seine Leidenschaft, die er sich so lange zu bekämpfen ehrlichste Mühe gegeben hatte, doch noch einmal mit furchtbarer Gewalt zum Ausbruch gekommen und hatte Lizzi unwiderstehlich mit hineingerissen in ihre schäumenden Wirbel. Sie hing willenlos an seinem Halse und duldete seine glühenden Küsse, und als er immer wieder, immer drängender die Schicksalsfrage that, da rief sie endlich, ganz außer sich vor Erregung: »Was willst du denn, was fragst du denn? Du hast mich ja toll gemacht. Ich kann ja nicht mehr ... Mach doch mit mir was du willst – ich kann dich ja nicht so leiden sehen! Aber verlang nur das nicht von mir, daß ich meine Kunst aufgeben soll. Ich kann nicht, ich darf nicht heiraten und einem Manne gehören. Ich bin ja frei – ich kann mich ja verschenken – aber von meiner Kunst laß ich nicht – die ist mir heiliger als alles andre!« »Ja versteh ich dich denn recht, soll ich denn meinen Beruf aufgeben und nur der Mann von Fräulein Mödlinger sein?« »Nein, nein, nein!« jammerte sie verzweifelt und hielt den Kopf mit beiden Händen. »Das will ich nicht – du bist zu gut dazu. Ich möcht schon lieber, daß du mich verachtest, als daß du dich so unglücklich machst.« Da hatte er sie plötzlich mit einem unterdrückten Aufschrei losgelassen, ganz entsetzt angestarrt – und war dann wortlos davongegangen. Sie waren an der Grenze angekommen, die die freie Künstlerin von den festgewurzelten Moralbegriffen der bürgerlichen Welt trennt. Hier verstanden sie sich nicht mehr, und selbst das Fieber der Leidenschaft vermochte den Mann nicht über diese Grenze hinauszutreiben. Es war aus zwischen ihnen. Er kam nicht wieder. – Wenige Wochen bevor Lizzi in die Ferien ging, empfingen die Schwestern die Nachricht vom Tode ihres Onkels, Geheimrat Riemschneider. Und am andern Tage schon traf ein Schreiben vom Oberlehrer Hartmann ein, worin er ihnen – zu ihrer Erbschaft gratulierte! Noch wußte die Geheimrätin nicht, daß ein zweites Testament doch wirklich existierte. Der Oberlehrer hatte es selbst aufgesetzt, nach dem Diktat des Kranken, damals in Berlin am Sylvester des vorigen Jahres, als er zum letztenmal mit seinem Vetter allein gewesen war. Er und die Köchin hatten als Zeugen unterschrieben und beide ihr heiliges Ehrenwort gegeben, nichts davon zu verraten. Für Kathi waren fünfundzwanzigtausend Mark und für Lizzi neunzehntausend Mark ausgesetzt worden. Das übrige, immer noch gegen hunderttausend Mark betragende Vermögen war der Witwe verblieben und einige kleinere Legate für wissenschaftliche Stiftungen abgefallen. Es brauchte gar nicht des eifrigen Zuredens der Gebrüder Vogel, um ihre Schwester zu bestimmen, dies Testament anzufechten mit der Begründung, daß der Verstorbene zur Zeit der Abfassung nicht im vollen Besitze seiner Geisteskräfte gewesen wäre. Sie fiel aber gründlich damit durch, denn das Zeugnis der Ärzte sowie des Oberlehrers bestätigte das Gegenteil. Tante Ida zog es vor, nach dieser Blamage Berlin zu verlassen und zu ihrem lieben Bruder Emmerich zu ziehen, welcher das Geschäft hatte liquidieren müssen und sich drein ergab, sich von seiner Schwester mit durchfüttern zu lassen. Auch die Versuche, sich durch eine reiche Heirat aufzuhelfen, erneuerte er nicht wieder. Über die durchtriebenen Erbschleicherinnen und den sauberen Vetter Oberlehrer, der das in ihn gesetzte Vertrauen so schändlich getäuscht hatte, herrschte zum mindesten vollkommene Übereinstimmung zwischen der Witwe und ihrem Bruder, wenn auch im übrigen ihr Zusammenleben nicht immer ein Idyll zu nennen war. Während der Theaterferien trennten sich die Schwestern. Lizzi ging mit einer Kollegin, mit der sie sich sehr angefreundet hatte, und deren Mutter in die bayerischen Berge, während Kathi die Majorin in ein Nordseebad begleitete. Und im August wurde von dort aus, auf feinen Karton gedruckt, eine Anzeige verschickt, in der sich der Diakonus licentiatus theologiae Bernhard Werkmeister und Fräulein Kathi Mödlinger als Verlobte empfahlen. Die Lizzi war fast so glücklich darüber wie die Braut selbst. Leichten Herzens kehrte sie im September nach Berlin zurück, in Begleitung ihrer guten alten Gredl, die ihr jetzt wieder echt münchnerisch kochen durfte. Sie hatte in diesem Winter noch einen großen Erfolg in Anzengrubers »G'wissenswurm«. Besonders die reizend naive Stelle, wo sie auf die Frage des alten Bauern, was sie eigentlich zu ihm führe, zu antworten hat: »Ich soll halt a weng erbschleichen,« erregte jedesmal den größten Jubel, und der Spitzname »Erbschleicherin« blieb im Kreise ihrer Kollegen und nächsten Freunde auf ihr sitzen. – Auf die Dauer wollte jedoch ihrem Ehrgeiz das ewige Deandl-spielen nicht genügen, und so unterzeichnete sie denn einen Vertrag mit einem ersten Wiener Theater. Dort ist sie heute noch als eines der beliebtesten und meist beschäftigten Mitglieder. Man will sie neuerdings viel in Gesellschaft eines sehr hübschen Ungarn oder Serben, was er nun sein mag, gesehen haben, der sich kürzlich erst in Wien als Arzt niedergelassen hat und man munkelt ... ja, was sagen die Leute nicht alles einer so hübschen und feschen Schauspielerin nach! Es wird wohl nicht wahr sein. In ihrem Schlafzimmer hat Fräulein Mödlinger an der dunkelsten Wand ein Oelbild hängen mit einer grünseidenen Gardine darüber. So lustig sie sich auch immer in guter Gesellschaft zu geben pflegt – sie hat doch auch ihre ernsten, nachdenklichen Stunden. Und dann zieht sie den grünen Vorhang beiseite und schaut sich das Bild an und fragt sich: ist es nun eigentlich die Wahrheit oder die Lüge – dies magere Weib mit den feinen roten Lippen, zwischen denen die garstige Schlange hervorkriecht? Ach, gute Lizzi Mödlinger – du wirst das wohl nimmer entscheiden! Ende.