1232   Sankt Ulrich, der Versöhner Von J. B. Hubmann, nach Jörg Breining         Man sagt und singt viel fromme Mären Von Sankt Ulricus wunderbar, Der einst in Augsburg Gott zu Ehren Ein tugendreicher Bischof war. Wohl nirgends lebte seinesgleichen An Weisheit und an frommer Art; Durch mannigfache Wunderzeichen Hat Gott durch ihn sich offenbart. Einst lud den frommen Seelenhirten Ein Graf zum Mahle bittend ein: »So gerne möcht' ich Euch bewirten In meiner Burg mit edlem Wein.« Er bat so heiß, er bat so dringend, Und Sankt Ulricus stimmte ein: »Mit Gott – es möge Segen bringend Für Euch und mich das Jawort sein.« Geladen war zum hohen Feste So mancher edle Rittersmann, Es setzten sich herum die Gäste An reicher Tafel wohlgetan. Und wie die Herrn im hohen Saale Bei guter Speis' und süßem Wein Sich weidlich laben an dem Mahle, Da tritt ein Weib zur Tür herein Mit abgehärmten, bleichen Wangen, Mit nassem Aug', doch edlem Leib', Sie kommt so still hereingegangen, Des Grafen schönes, junges Weib. An ihrem Halse hing gebunden Ein Totenschädel graus und kahl Und an der Türe bei den Hunden Verzehrte sie ihr Jammermahl. So trug sie wohl den Schädel kläglich Ein ganzes Jahr in bittrer Not; So aß sie mit den Hunden täglich, Ihr Bestes war nur Gerstenbrot. Als Sankt Ulricus ihre Strafen, Ihr Leid und ihren Gram gewahrt, Da fragt er tief besorgt den Grafen: »Was büßet Euer Weib so hart?« – »Die Buhlerin – sie hat die Ehe Mit einem Ritter frech entweiht; So mag sie tragen denn ihr Wehe Und büßen ihre Lust mit Leid. Sie soll den kahlen Schädel tragen Des Buhlen, der sie hat entehrt; Den Buben selber hat erschlagen Mein blankes, gutes Ritterschwert.« Sankt Ulrich sprach mit milder Würde: »So wußtet Ihr gewiß und wahr, Daß er sie frevelnd Euch verführte, Und daß sein Leben sträflich war?« Der Graf entgegnet fast verlegen: »Mir ward die Tat von Freunden kund; Wie sollt' ich da noch Zweifel hegen, Wo mir geschworen Freundesmund?« Da schaut mit wehmutsvollem Blicke Der Bischof nach dem Himmel auf; Nicht länger hält sein Aug' zurücke Der heiß entquellten Tränen Lauf. Er eilt vom Mahle fort zur Stelle, Nach anderm Orte zieht es ihn; In Gottes heiliger Kapelle, Da liegt er flehend auf den Knien. Schon ist verstrichen eine Stunde, Der Heil'ge fleht zu Gott um Licht, Ob man des Grafen Weib mit Grunde Der Sünde zeihe oder nicht. Nun kehrt er wieder, segnet alle, Die Gräfin weinend auf ihn schaut; Da tönet plötzlich durch die Halle Des Totenschädels Stimme laut. Wohl schrecklich tönt es an den Grafen: »Wie konntest du so fürchterlich Die tugendreiche Gräfin strafen? Gerecht bestraftest du nur mich!« Das Schreckenswort erfüllt mit Schauer Und Grauen alles ringsherum, Und alles starrt in tiefer Trauer, Hin sinkt der Ritter bleich und stumm. Doch bald hat er sich aufgerungen Und mit dem Weibe sich vereint; Er hält die Edle fest umschlungen Und löst den Schädel ab und weint. »Gepriesen sei des Himmels Lenkung! O kannst du, Reine, mir verzeihn, Vergeben solche Schmach und Kränkung? Dann wird auch Gott mir gnädig sein!« Da zog mit freudig süßem Leben Ans Herz die Engelreine ihn: »So bist du wieder mir gegeben, So bist du mein für immerhin! Gott möge dir und mir verleihen Des Himmels volle Seligkeit Und gnädig jedem so verzeihen, Wie deine Gattin dir verzeiht.«