330   Siegfried, der Drachentöter Von Ludwig Tieck. – Im Limburger Wald bei Dürkheim liegt der Hoheberg, dessen Gipfel der Drachenfels oder Drachenstein ist. Noch lebt die Sage im Mund des Volkes, daß hier Siegfried den Kampf mit dem Drachen, der die Königstochter bewachte, bestanden, ihn besiegt und die Befreite ihren Eltern nach Worms zurückgebracht habe.                   Im Walde lebte Mimer Und bei den Felsenhöh'n; Dem kam der kühne Siegfried In früher Jugendschön'. Der Meister lehrt' ihn schmieden, Siegfried war wohlgemut, Er schlug all die Gesellen In Lust und Übermut. Sie fürchteten ihn alle, Er brächte ihnen Not; Bald zog er sie an Haaren, Bald droht' er ihnen Tod. Mimer, mit klugen Sinnen, Wußt', wie im finstern Wald Ein Drache hatte drinnen Im Fels den Aufenthalt. Der möchte alle töten, Daß selbst die Kühnsten flohn. Der Meister sprach in Nöten: »Der Knabe spricht uns Hohn, Er trotzt in seiner Stärke Und droht uns zu erschlagen, Er mag sich zu dem Berge Dort in der Wildnis wagen.« Sie lobten, was der Meister In seinen Sinn genommen, Da war Siegfried, der Dreiste, In Freuden hergekommen. Er lachte, als er sahe Wie sehr ihn alle scheuten, Er sprach: »Ich diene zagen Und ungemuten Leuten. Wie ich nicht Harnisch trage Und auch kein Sturmgewand, Wie könnt' ich euch erst schlagen, Hätt' ich ein Schwert zur Hand.« Da sprach der Schmied, der kluge: »Du mußt nicht, wildes Kind, Dem Meister also trotzen; Geh in Wald geschwind, Vorbei dem tiefen Brunnen, Wo dunkle Weiden stehn, Der Felsenkluft vorüber Und wo die Winde wehn. An einem schroffen Berge, Auf rundem, grünem Raum, Umher viele der Eschen Und mancher Tannenbaum Und wo ein Wasser fließend Rund um den Felsen braust Und um die Bergesspitzen Manch wilder Adler haust, Dort sollst du Bäume fällen Zu meinem Eisenwerk; Und wenn die Nacht herdämmert, So bleibe dort im Berg. Auch Kohlen mußt du brennen, Daß ich arbeiten mag, Ich will dir Speise geben Auf sieben volle Tag, Daß du nicht dürfest darben, Umkehren vor der Zeit.« Siegfried, der Jüngling starke, War dessen hoch erfreut. Mimer, der kluge, wußte: Täglich zur Steineswand Der Drach' aus seinen Klüften Zu trinken her sich wand. Bald gehend und bald springend Siegfried mit Schritten schnell Lief nach dem Walde singend; Es schien die Sonne hell. Er fand bald nach den Zeichen Den tief verborgnen Berg, Begann alsbald mit Freuden Sein aufgetragnes Werk. Die Axt klang an den Bäumen, Ein Feuer er entbrann, Der Wald und Bach erglänzte, Nun saß der kühne Mann, Um auszuruhn verdrossen, Die Arbeit tat ihm leid; Eine Lind' breit und große Gab ihnen Schatten weit, Drauf sangen viele Vöglein Darunter ging der Bach; Auch Rosen blühten rötlich – Mit Freuden er das sach. Er nahm die Essensspeise, Die er da mit sich trug, Die Mimer ihm bereitet, Für sieben Tag genug. Die nahm er wohlgemutet, Auf einmal er sie aß. Dann trank er von dem Brunnen Und ruht' im grünen Gras. Die Axt warf er von hinnen Und sah die Blumen an; Er sprach: »Schlecht Werk ist Schmieden Und ziemet keinem Mann. Von Abenteuern, Gefahren Hört' ich so vieles sagen, Von manchem wilden Kampfe In meinen Kindestagen. O käm' doch aus dem Dunkel Ein wildes Scheusal her – Ich bin so wohlgemutet, Ich achtet' es nicht sehr. Voll Kraft sind meine Arme, Ich bin so satt und froh.« In seinem Übermute Der Jüngling sprach also. Da kam in langen Zügen Der Drache hergewunden; Vom Strom sah er ihn trinken, Mit klugem Aug' erkunden Den Jüngling auf der Wiese, Den sprang er brüllend an, Daß fürchterlich erklungen Weithin der dunkle Tann Und alle Berge grüne; Die Adler flogen scheu Von ihren hohen Nestern, Geschreckt mit bangem Schrei. Siegfried sah still das Wunder, Er von dem Lager sprang; Der Wurm in weiten Ringen Zum kühnen Jüngling drang. Der schützte sich mit Zweigen Und gab ihm manchen Schlag, Manch Baum von harten Streichen Auf des Wurms Rücken brach. Stahlhart waren die Schuppen, Die Klauen schwerterscharf; Siegfried sprang von den Wurme, Die Zweig' er von sich warf, Die Axt ergriff er wieder; Er tat so grimm'gen Schlag, Daß gleich zu seinen Füßen Der Drache hauptlos lag. Ein großer Strom des Blutes Rann dampfend durch den Grund, Er färbte dunkel purpurn Blumen und Sträucher wund Und sammelte sich nieder So wie ein großer See. Siegfriede saß dann wieder, Der Schlag selbst tat ihm weh. Die Einsamkeit ward stiller, Flüsternd ging hin ein Wind Und strich durch Tann' und Eiche So kühlend und gelind. Der Bach ging dahin rieselnd, Aus Bergen kam ein Schall, Und widerstreitend lieblich Sang manche Nachtigall. Da dünkt' dem jungen Helden, Er sei im süßen Traum, Sinnend saß er und denkend Am grünen Lindenbaum. Sein Herze strebt' so mutig, Sein Auge war so hell, Als er den See schaut' blutig Neben dem blauen Quell; Und über sich im Wipfel Vernimmt er lieblich Schallen, Es ist Klagen und Girren Von zweien Nachtigallen. Und wie er sich besinnet Und recht den Laut erfand, Siegfried im Herzen fühlte, Daß er den Ton verstand. »Der junge Sohn des Siegmund«, Sang diese wunderbar, »Vollbrachte hier ein Großes, Was schon seit manchem Jahr Kein Held nicht durfte lösen; Ihn hat hierhergebracht Mimer mit seinen Tücken, Doch dieses nicht gedacht. Er wird der Held, der kühnste, Berühmt in aller Zeit, Er wird der Recke schönste, Zu Taten hocherfreut, Seine Jugend, die liebliche, Erfrischet jeden Mut, In Schild und Harnisch spielend Vergießt er vieler Blut.« Siegfried war froh und staunte, Da hob die andre an Im Wechselsang so laute, Daß widerscholl der Tann. »Wüßt' er die rechte Märe, Ihm wär' es noch gelungener, Er hätte größ're Ehre Und bliebe unbezwungener, Wenn er nackend im Blute Den Leib, den schönen, badete, Kein Eisen ihn verwundete, Nicht Lanz' und Schwert ihm schadete.« Da sprang der Jüngling nacket In das rauchende Blut, Er kühlt' im roten Bade Den heißen Übermut. Da sang der Vogel girrende Mit süß klagendem Ton: »Bald wird das Gold, das schimmernde, Dir, Siegesmundes Sohn, Das Drachenbett, das glänzende, Auf dem der Gift'ge lag, Sich in den Gluten wälzende, Ihm schien die Nacht wie Tag; Die Edelstein', die funkelnden, Die ihm geleuchtet spat, Die Lagerstelle wunderlich Siegfried gewonnen hat.« Nicht wußte das der Kühne, Daß sie vom Schatze sungen, Den dann gewann Siegfriede Ob von den Nibelungen. Hell stieg er aus dem Blute, Da war er schön und groß, Auch dünkt' er sich an Mute Den Edelsten Genoss'. Es mochte keine Wunde Verletzen je den Mann; Doch wie er auch vom Blute Den Zauber sich gewann, Fiel doch unwissend seiner, Ein Blatt ab von der Lind', Ihm zwischen weiße Schultern – Daran starb Siegmunds Kind.