249   Des Minnesängers Vermächtnis Von Langbein             »Walther von der Vogelweide Nennt mich alten Mann die Welt, Und ein Weidplatz, wenn ich scheide, Sei den Vögelein bestellt. Meinen Leichnam zu bedecken, Wählet einen flachen Stein, Und vier Höhlen an den Ecken Meißelt tief und sauber ein. Füllet täglich diesen Becher Mit des Baches reiner Flut Für die höchst bescheidnen Zecher, Denen Wasser Gnüge tut. Und auf meines Grabsteins Mitte Streut zugleich des Weizens Frucht, Daß die Schar zu Gast sich bitte, Die oft mühvoll Nahrung sucht.« Als der gute Minnesänger Sein Vermächtnis so gemacht, Stundet ihm der Tod nicht länger Seinen Gang ins Reich der Nacht. Und in Würzburg, an dem Orte, Wo er hauste lange Zeit, Ward ihm vor des Münsters Pforte Seine Ruhestatt geweiht. Ihre grünen Arme streckten Hohe Linden drüberhin, Und die Vögelein entdeckten Bald den reichen Fruchtgewinn. Freudig flogen sie hernieder, Labten sich mit Speis' und Trank, Schwirrten auf die Bäume wieder, Sangen dort dem Geber Dank. Doch erlebte dies Vermächtnis Leider nur ein nahes Jahr, Ob's zu ewigem Gedächtnis Gleich unlängst gestiftet war. Denn der Chorherrn böses Geizen Unterbrach der Spende Lauf, Und sie sammelten den Weizen Für sich selbst zu Kuchen auf. Auch das Wasser ließ man fehlen, Das behielten Quell und Bach; Jene weingewohnten Kehlen Sehnten nimmer sich danach.