587   Das Zigeunergrab im Wald zu Naabeck Von Franz Müller           Unter dunklen Waldesbäumen Wird es reg' um Mitternacht; Feuer prasselt, Kessel schäumen, Und ein fremdes Völklein wacht. Braune Dirnen – all Geschwister – Schauen in des Kessels Schwall Und bereiten ernst und düster Fleischesklöß' zum frühen Mahl. Braune Buben – sieben Brüder – Messen seitwärts mit dem Stab, Schaufeln an und schaufeln nieder, Und die Grube wird zum Grab. Und an einer Hagenbuche Schläft das Haupt der ganzen Schar: Zeito, der auf langem Zuge Nun gesehn schon hundert Jahr. Plötzlich sich die Augen reibend Schilt er an die Töchter hin: »Schaut ihr nur so zeitvertreibend, Müßig in das Kohlenglühn!« Und die bösen Töchter hauchen In die Gluten frische Luft, Und die schlimmen Söhne tauchen Tiefer sich in Grab und Gruft. Und es wird des Vaters Labe – Klöß' und Fleisch – bald gut und gar, Und aus fert'gem, tiefem Grabe Steigt hervor der Söhne Schar. Und es tafelt rings im Kreise Mit dem Vater Sohn an Sohn, Und sie sprechen all dem Greise Freundlich zu mit süßem Ton: »Iß doch, Vater, iß doch Klöße! Sind ja reichlich, sattsam hier; Schreckt dich etwa ihre Größe? Sieh, ich teil' und brock' sie dir!« Und er holt die besten Stücke Aus der Schüssel rein und blank Und wirft freudig frohe Blicke Rings umher zum schönen Dank. »Gebt mir öfter solche Bissen!« Spricht er liebend dann zur Schar. »Werd' ich's öfter so genießen, Leb' ich nochmal hundert Jahr.« Söhn' und Töchter aber heben Jetzt sich zürnend von dem Mahl: »Vater; willst du ewig leben, Ewig uns zu Plag und Qual?« Und sie führen ihn zum Grabe Seitwärts hinterm Felsgestein, Treiben ihn mit Stock und Stabe Herzlos in die Gruft hinein. »Gib dich, Alter«, rufen alle, »Gib dich, Vater, ruhig drein; Hast gesättigt dich am Mahle, Wirst im Grab nicht hungrig sein!« Und mit Sand und Eisensteinen Decken sie ihn lachend zu, Und verlassen von den Seinen Schläft er dort die ew'ge Ruh'! Eine rutenreiche Birke Wuchs dann überm stillen Ort, Und nahn Kinder dem Bezirke, Rauschen wild die Zweige dort.