804   Der Einaug Von Ignaz Hub. – Vgl. Sagenb., I., Nr. 354           Der Einaug sprang, die Faust geballt, Vom Lager im Morgennebel, Warf sich ins Büffelwams und schnallt' Sich an den Gurt den Säbel; Rief aus dem Schlaf den stärksten Knecht: »Heda, Gesell, mach dich zurecht! Mir träumte: Sollen reiten! Du sollst mich heut begleiten!« Und hurtig ging's zu Roß ins Tal, Querfeldein – gen Annweiler. »'s gibt einen Höllenfang, beim Gral! Und wär's des Satans Keiler!« Sie ritten über Stock und Stein Voll Raubbegier waldaus, waldein, Durchstöberten alle Wege, Die Schluchten und Gehege. Doch fand zu Raub sich keine Spur, Wonach die beiden lechzten; Grimm angeschoßne Hirschlein nur Im stillen Grund verächzten. Der Sperber schreit, es klopft der Specht, Der Raubherr flucht, es murrt der Knecht... So bogen um einen Hügel Sie mit verhängtem Zügel. Da, wie den Vorsprung sie erreicht Im halben Dämmerdunkel, Ramberg, die Ritterburg, sich zeigt Und wandelnd Lichtgefunkel. Ihr Anblick, heißa, war kein Dorn Dem Einaug. – Hei, stieß er ins Horn, Daß schmetternd von dem alten Gestein die Töne prallten. »Hallo, tut auf! Ein Dach gewährt Zween abwegs irren Recken! Das Rößlein stutzt, der Nachtwind fährt Grausig durch Busch und Hecken!« – Auf Gastfreundschaft der Ramberg hält, Die Kette rollt, die Brücke fällt, Und Schloß und Riegel sprangen, Die Gäste zu empfangen. »Beim Sakrament, so hat es Art.« Der Einaug riefs dem Knechte. »Das Burgherrlein wohl hat bewahrt Goldfischlein für die Hechte!« Sie saßen ab bei Fackelstrahl, Sie traten in den Rittersaal Und ließen sich's gefallen Bei Wildbret, Fisch und Quallen. Sie machten sich's bequem fürbaß, Der Strolch und sein Genosse; Sie tranken aus dem besten Faß Und trieben Scherz und Posse. Ernst aber furcht, des Ritters Stirn, In Fiebergluten zuckt sein Hirn, Als wollt' ein böses Ahnen Geheimnisvoll ihn mahnen. Und als genommen war das Mahl, Bestellt die Schlummerzellen, Verläßt er alsobald den Saal, Gehn schlafen die Gesellen. Der Schnapphahn doch beiseite raunt: »Um Mitternacht sei wohlgelaunt, Wenn er im Schlaf verloren, Das Herz ihm zu durchbohren! Herum in Kist' und Truhe dann Mit scharfer Nase spähe, Indes ich samt dem Kastellan Die Knappen niedermähe!« – Und stille ward's im Ritterhaus, Die Eule nur und Fledermaus Umschwirrten wie Gespenster Die runden Erkerfenster. Unruhe hielt den Burgherrn wach; Dämonische Gewalten Umgaukelten sein Schlafgemach In hundert Schreckgestalten. Es grinst ihn an und winkt und nickt – Er lauschet... still... nur leise tickt Die Totenuhr und knistert, Der Wind verstohlen flüstert. Er sucht den Schlaf... er nicket ein... Ha! schreckt's ihn auf vom Pfühle! Ihm war, als ob ein Zentnerstein Auf seinem Herzen wühle. Er späht..., da blutig von der Wand Starrt ihm entgegen eine Hand – Aus seines Schwertes Scheide Blutfunkelte die Schneide. Und heißer schlug an ihm empor Der Ahnung schwarze Welle... So durch den schmalen Korridor Wallt er zur Burgkapelle, Kniet vor dem Altar gläubig hin Und fleht zum Herrn mit frommem Sinn, Vor Unheil und Gefahren Ihn gnädig zu bewahren. Den Schimmer warf das Ew'ge Licht Aufs hohe Tabernakel. Daraus die Liebe Gottes spricht Im Brotwandlungsmirakel. Darüber mit der Dornenkron' Am Kreuze hing der Gottessohn, Zu Füßen ihm stand voll Schmerzen Die Mutter, das Schwert im Herzen. Wie also im Gebet er lag, Mit seinem Gott im Bunde, Verkündet dumpf der Glockenschlag Vom Turm die Mittnachtsstunde. Jetzt schleicht, in starker Faust den Stahl, Des Räubers Knecht, wie er befahl, Hinauf zu Rambergs Kammer... Noch scholl im Erz der Hammer. Er legt das Ohr an Wand und Schloß... Kein Laut..., und leise tritt er Hinein, gezückt zum Todesstoß Das Eisen auf den Ritter. Doch als er fand die Kissen leer, Drängt's ihn verwirrt zur Türe quer. – Geschnarch'... ein Schrei!... der Kehle Entfährt des Schläfers Seele. Vom Feuerweine noch durchglüht Entrauscht die Lebensquelle: Das letzte leise Röcheln flieht Aus tiefer Herzenszelle. Der Einaug schwamm in seinem Blut – Da naht der Graf, in Gottes Hut; Die Fackel in der Linken, Läßt er sein Schwert erblinken. Und vor den Mörder stumm und bleich Tritt er mit strengen Mienen; Dem kam's, als ob aus dunklem Reich Der Rachegeist erschienen. Entsetzen packt den Bösewicht, Als halte Gott sein Strafgericht Über dem rauchend roten Verruchten Blut des Toten. Zu seinen Füßen stürzt er, fleht Um Gnade für sein Leben; Des Räubers Meuchelplan gesteht Er reuig und mit Beben: »Erbarmen meiner Seele, Herr! O laßt im dunkelsten Gesperr Mich büßen, schlimm beraten, Für meine Missetaten!« »Du hast vollstreckt nach Gottes Rat Die Strafe«, spricht der Ritter. »Vergeben sei dir drum die Tat, Fern Burgverlies und Gitter; Nun aber flieh, elender Gauch! Verbirg dich in den dicksten Strauch, Und preis durch Gottes Gnade Der ew'gen Vorsicht Pfade!«