847   Das Kreuz auf dem Hesselberg Von Adalbert Müller. – Nach mündlicher Mitt.             Am Hesselberge im Frankenland Vorzeiten ein ehern Kreuzbild stand. Das blinkte gleich einem Sterne Hinab in Tal und Ferne. Im Winter, durch hartgefrornen Schnee, Stieg einst ein Mägdlein heran die Höh' Und setzte sich, müd und müder, Zur Rast am Kreuze nieder. Und wie sie ins Tal hinunterschaut, Zum Dörfchen, am Bergeshang erbaut, Da wird es vor Leid und Schmerzen Ihr bitterweh im Herzen. Denn in den Häusern und Häuschen all Bereiten die Frauen das Vespermahl; Der Speisen würzige Düfte Verdampfen in die Lüfte. Und ach, des Mütterchens Herd allein Erhellt nicht der Flammen falber Schein; Kein Rauch entqualmet dem Schlote, Des regen Feuers Bote. »O weh!« so jammert, so ruft sie aus. »Lieb Mütterchen liegt mir krank zu Haus; Sie stöhnt und möchte verzagen Vor Frost auf hartem Schragen. Noch hat kein Süpplein sie heut erquickt; O wie sie schmachtet und leidend blickt! Und ich, der Siechen zur Labe, Nur Tränen – Tränen habe. Ach, ob ich klagte und ob ich bat, Doch keiner – keiner geholfen hat; Will denn der Witwen, der Armen Sich niemand mehr erbarmen? Doch ja«, – und sie schaut zum Kreuz empor, »Hier oben hört mich des Helfers Ohr; Es steht meinem Jammer offen – Auf Christus will ich hoffen. Du heiliger, benedeiter Gott, Laß nicht, o Vater, in dieser Not Lieb Mütterchen mir verderben, Lieb Mütterchen mir sterben. Du bist des Erbarmens ew'ger Quell, Der Born der Liebe fließt reich und hell; Ein Tröpfchen auf ihre Wunden, Und Mutter wird gesunden.« Und sieh – urplötzlich aus starrem Eis Erhob sich ein maiengrünes Reis, Mit rosigem Strahle glühten Am Kreuzesstamm die Blüten. Die Kleine labt sich am Wunderstrauch Und schlürfet entzückt den Balsamhauch Und bricht, die Mutter zu trösten, Ein Zweiglein von den Ästen. Und eilet heimwärts mit flücht'gem Schritt, Und wie sie ins dunkle Stübchen tritt, Da glänzt mit der Sonne Blenden Der Zweig in ihren Händen. Die Mutter verläßt der Schmerz zur Stund', Sie fühlt sich erstarkt – sie ist gesund; In heißem Gebete loben Sie den Erretter oben. Das Mägdlein pflegte mit treuem Fleiß, Mit zarter Liebe das Wunderreis; Da war der Himmlische Segen Fortan auf ihren Wegen.