Warenhaus Groß \amp; Comp. Roman von Auguste Groner (Nachdruck verboten.)   Quelle: PDF mit freundlicher Genehmigung von www.alte-krimis.de Erstes Kapitel. Ein wunderschöner Morgen zu Anfang des Juni blaute über Wien. Auf der Mariahilferstraße herrschte, wie immer, reges Leben und Treiben. Es war noch früh. Auf die achte Stunde erst wies der Zeiger der Uhr, welche sich an der Stirnseite der vielbesuchten Mariahilfer Kirche befindet, die schon vor alter Zeit ihrer ganzen Umgebung den Namen gegeben hat, den der jetzige sechste Bezirk der schönen Kaiserstadt weiterführt. Aus dem Portal der Kirche trat eine junge Dame. Ihre Kleidung war wohl sehr einfach, aber im Schnitt tadellos, und wie sie getragen wurde, bewies deutlich, daß eine Dame der vornehmsten Kreise sie trug. Unter dem dunklen Strohhut schauten ein Paar Augen hervor, die durch ihre Schönheit auffielen, aber auch in diesem Augenblick dadurch, daß sie vom Weinen stark gerötet waren. Auch das edelgeschnittene, reizende Gesicht zeigte tiefe Traurigkeit. Als die Dame, die kaum das zwanzigste Jahr überschritten haben konnte, zu der Statue Haydns hinaufblickte, die mitten auf dem kleinen Kirchenplatze steht, erhellte sich ihr Blick, lächelte unwillkürlich ihr feingeformter Mund. Das schöne Standbild sagte ihr mehr als anderen Leuten. Sie liebte ja die Musik so unendlich, und gerade heute würde sie im Konservatorium eine der schönsten Kompositionen des großen Meisters vorspielen. Ihre Musikrolle und ihren schwarzen Seidenbeutel fester fassend, eilte sie dann über die Straße und trat in das mächtige Warenhaus, welches die Ecke der Mariahilferstraße und der Kirchengasse einnimmt. Langsam ging sie an den vielen Tischen vorüber, auf welchen die Verkaufsartikel lockend ausgelegt waren. Hier türmten sich hohe Pyramiden verschiedenen Briefpapieres in den Farben der Frühlingsblüten auf, dort zogen diese selber, täuschend der Natur nachgeahmt, in köstlichen Arrangements die Augen auf sich, und daneben, einer anderen Verkäuferin anvertraut, sah man Hutfedern von allen möglichen Formen und Farben auf bronzenen Haltern. Hier lockten Gürtel aus Seide und Leder, aus Perlen und Metall mit künstlerisch schönen Verschlüssen zum Ankauf, und dort schmiegten sich Handschuhe aller Arten in Stößen oder in eleganten Kartons aneinander. Hier bauschten sich Spitzen und Bänder, und dort konnte man Gewebe vom zarten Maline und weichen Krepp bis zum dichten Automobilschleier sehen. Schier unabsehbar reihten sich die Verkaufstische aneinander in dem riesigen Saal, dem sich beiderseits andere, ebenso ausgedehnte Verkaufsräume anschlossen und dessen mächtige Pfeiler all die offenen Stockwerke trugen, über die sich eine ungeheure Glaskuppel spannte. Wiewohl es noch früh am Morgen war, herrschte hier schon überall reges Leben. Kunden kamen und gingen, die Angestellten eilten hin und her, große Warenballen wurden ausgepackt und ihr Inhalt in die Fächer eingeräumt. Mit träumerischem Blick ließ die junge Dame ihre Augen über all den Glanz und Reichtum hinwandern, dann trat sie zu einer der Verkäuferinnen mit der Frage nach der Abteilung, in welcher Kleiderstoffe zu haben waren. Man wies sie über den riesigen, glasgedeckten Hof nach der Baumwollenabteilung. Im Hinterball des Riesenhauses, der wieder auf einen großen Hof hinausging, fand sie, was sie suchte. Ein Verkäufer breitete so viele Stoffe vor ihr aus, daß ihr die Wahl schwer wurde, und sie wehmütig an ihre Börse denken mußte, deren bescheidener Inhalt diese Wahl nur noch schwerer machte. Sie wendete sich daher energisch von den reizenden Batisten ab, deren Erwerbung der sehr gewandte Verkäufer ihr wortreich anriet, und wünschte billigere Stoffe vorgelegt zu bekommen. In diesem Augenblick sagte jemand neben ihr: »Guten Morgen, Baroneß.« Sie sah erstaunt auf, dann aber streckte sie dem großen, hageren Mann, der sich artig vor ihr verbeugte, freudig die Hand entgegen und rief angenehm überrascht: »Sieh da, Herr Kern! Also gerade diese Abteilung steht unter Ihrer Obhut? Das ist ein hübscher Zufall, daß wir uns treffen!« In den Mienen des Herrn drückte sich aufrichtige Teilnahme aus. Er zeigte ihr einen offenen Brief, den er schon vorher in der Hand gehalten, und erklärte: »Gestatten Sie, Baroneß, daß ich Ihnen sage, wie lebhaft ich mit Ihnen fühle. Mein Bruder Karl hat es mir sofort geschrieben.« Der Verkäufer hatte sich taktvoll zurückgezogen. Die beiden waren allein. »Ihr Bruder ist auch gleich zu uns gekommen und hat uns seine Teilnahme ausgesprochen,« sagte die Baroneß und setzte dann tief aufseufzend hinzu: »Ach, Herr Kern, seit der Vater tot ist, wird es immer schlimmer. Wie Ernst das überstehen wird, weiß ich wirklich nicht. Ich verstehe zu wenig von Geld und Geschäften und Bodenerträgnissen, um einen klaren Einblick in unsere Verhältnisse zu haben, aber ich fürchte, sie sind sehr übel. Nicht wahr, es ist so? Ihr Bruder hat Ihnen gewiß darüber geschrieben.« »Baroneß, ich –« »Sie wollen mir nichts sagen?« »Wenn es Ihr Herr Bruder nicht tut, dann will er offenbar, daß Sie diesen Dingen ferngehalten werden.« »Aber Ihrem Bruder sagt er alles!« »Mein Bruder hat die Ehre, ein Freund des Herrn Barons zu sein. Gegen irgend jemand muß man doch offen sein können. Auch ist Karl keine junge Dame.« »Wie ich, die noch immer verwöhnt werden soll!« »Ich finde das sehr natürlich.« »Ich aber nicht, Herr Kern. So viel verstehe ich schon vom Leben, um zu wissen, daß ich nicht da bin, um ewig andere für mich sorgen zu lassen. Ernst muß unbedingt entlastet werden, deshalb bin ich jetzt riesig fleißig. Wirklich – riesig! In einem Jahre kann ich meine Schlußprüfungen machen. Da ich auch in Sprachen tüchtig bin, werde ich niemand mehr zur Last fallen müssen und dabei doch passenden Umgang haben. Ernst kann ich vielleicht dann sogar noch ein bißchen helfen.« Die junge Dame atmete tief auf. »Das sind ja wunderschöne Pläne,« sagte Kern wehmütig lächelnd, »aber ich wäre sehr, sehr froh, wenn Sie sie nicht auszuführen brauchten, denn –« »Denn ich bin nicht stark genug dazu. Das wollten Sie ja wohl sagen, Herr Kern. Aber Sie irren. Da sehen Sie, wie bescheiden ich geworden bin! Solch ein Kleid werde ich tragen. Das Meter zu vierundachtzig Heller. – Bitte, schneiden Sie zehn Meter ab!« rief sie dem wieder näherkommenden Verkäufer zu. – »Also, lieber Herr Kern, Sie kommen doch nächsten Sonntag nach Klosterneuburg? Ihr Bruder und ich singen in der Stiftskirche.« »Selbstverständlich komme ich,« beeilte sich Kern zu erwidern. »Schön. – Aber jetzt, bitte, beeilen Sie sich!« rief die Baroneß ein wenig herrisch dem Verkäufer zu, »ich muß gehen.« »Baroneß gehen ins Konservatorium?« fragte Kern. »Ja, und dann fahre ich nach Hause. Ich fürchte, Ernst wird unangenehmen Besuch bekommen, da will ich bei ihm sein. – O, wer ist denn diese Person?« erkundigte sie sich, und ihre Miene drückte deutlich das Mißfallen aus, welches das Mädchen ihr einflößte, das soeben mit einem Herrn vorüberging. Diese nicht mehr junge Person war ebenso auffallend gekleidet und frisiert, als sie auffallend mit ihrem Begleiter kokettierte. Sie hatte den verwunderten Blick der jungen Dame bemerkt und erwiderte ihn mit einem unverschämten. Die Baronesse hob den Kopf sehr hoch und wandte ihr langsam den Rücken zu. »Es ist die Vorstandsdame unserer Konfektionsabteilung,« sagte Kern, der sichtlich von dieser Persönlichkeit auch nicht eben entzückt war. Die Baronesse aber ging nicht weiter auf diese Bemerkung ein. »Sie bleiben dann Abends natürlich mit Ihrem Bruder zu Tisch bei uns. Nicht?« sagte sie lebhaft. »Sehr gern, Baroneß!« versicherte Kern aufrichtig, während sie dem Verkäufer zur Kasse nachgingen. »Sie müssen natürlich fürliebnehmen,« sagte die junge Dame schmerzlich lächelnd. »Aber trotzdem ich Gästen nur wenig bieten kann, lade ich unsere alten Freunde gern ein zu kommen, denn Ernst braucht liebe Menschen um sich, Menschen, vor denen er nicht Komödie zu spielen braucht. Auch Sie, Herr Kern, sind ein solcher. Darum bitte ich, kommen Sie!« »Schon um alter Zeiten willen komme ich ja so gern nach Wellhof,« entgegnete er bewegt. »Ihre teuren Eltern sind uns edle Wohltäter gewesen, und Ihr Bruder und Sie – o Baroneß, ich bin glücklich, weil ich kommen darf.« Er drückte ihr abschiednehmend respektvoll die Hand, und ein paar Minuten später verließ Baronesse Klementine v. Teck das Warenhaus Groß \amp; Komp. Am Ausgang begegnete ihr ein hübscher, etwa fünfzehnjähriger Junge in der schmucken Hausuniform der Firma, der eben einen Stoß Pakete zu dem vor dem Portal stehenden Automobil trug. Er hatte sich augenscheinlich zu viel aufgeladen, denn eines der Pakete fiel ihm vom Arm und er konnte sich nicht bücken, um es wieder aufzuheben. Da bückte sich die Baronesse Klementine v. Teck und übergab es ihm mit einem liebenswürdigen Lächeln. Der Junge schaute sprachlos der Davonschreitenden nach. Auf seinem Gesicht aber stand geschrieben, daß er der vornehmen jungen Dane diesen Liebesdienst nicht vergessen würde. * Baron Ernst v. Teck verbrachte diesen Vormittag in noch viel trüberer Stimmung als seine Schwester. Jedenfalls hatte er nicht so wie sie zeitweilig eine Ablenkung von seinen traurigen Gedanken gefunden. Er ging schon eine gute Weile in seinem Arbeitszimmer auf und nieder und war augenscheinlich sehr unruhig. Er war dies schon lang. Schon seit Monaten fragte er sich, was wohl aus seiner Schwester und ihm werden solle, wenn das Unglück ihn noch länger so verfolgte, wie es ihn, seit er das väterliche Gut bewirtschaftete, verfolgt hatte. Grau und düster lag die Zukunft vor ihm. Seufzend blieb er am Fenster stehen. Sein hübsches, sympathisches Gesicht drückte tiefe Entmutigung aus. Und er war doch noch so jung – neunundzwanzig Jahre, also gerade in dem Alter der größten physischen Kraft. Aber die letzten vier Jahre hatte er einen aussichtslosen Kampf gekämpft, einen Kampf, in dem er unterliegen mußte, einen Kampf, für den er nach keiner Richtung hin gerüstet gewesen war. Er, die feinsinnige Künstlernatur, er, der nie dafür erzogen worden war, Landwirt zu sein, fand sich plötzlich auf einen Posten gestellt, der ihm gänzlich fern lag. Von der Kunstakademie weg mußte er ohne jeden Übergang die Verwaltung des Gutes übernehmen, der sein schwer erkrankter Vater nicht mehr vorstehen konnte. Willig hatte er sich der Aufgabe unterzogen, aber neben ihm stand nicht nur das Bewußtsein seiner unzulänglichen Kraft, sondern auch der Mangel an den erforderlichen Mitteln. Sein Vater hätte das schon stark belastete Gut vielleicht halten können, da seine Gläubiger ihm vertrauten, dem jungen Künstler dagegen wurden von allen Seiten Schwierigkeiten gemacht. Dennoch führte er den aussichtslosen Kampf weiter, denn der kranke, nun verstorbene Vater hatte es gewünscht. Noch am letzten Tage hatte er ihm gesagt: »Du wirst dich schon halten. Ein paar gute Jahre – und du hast Wellhof für dich und Klemi gerettet. Denke daran, daß es seit dreihundert Jahren der Familie gehört, und daß es uns nicht verloren gehen darf!« Das hatte der Sterbende seinem Sohne gesagt, und Ernst, bestrebt, dem geliebten Vater die letzten Stunden leichter zu machen, hatte ihm versprochen, Wellhof zu halten, solange er es vermochte. Noch sah er den vertrauenden Blick, mit dem der Sterbende ihn angeschaut, noch fühlte er den schwachen Händedruck, der ihn verpflichtete. Er lächelte schmerzlich vor sich hin, dann ließ er seine Augen hinauswandern über die verbrannten Wiesen, über die Getreidefelder, deren zu erhoffender Ertrag gestern vom Hagel in den Boden hineingeschlagen worden war, über die sanften Hügelreihen, die sich gegen die Donau hin erstreckten, und die gestern noch ein lachendes Weingelände gewesen waren. Heute boten auch diese Hügel ein Bild des Jammers. Er lachte plötzlich bitter auf und preßte dabei die feinen, blassen Hände ineinander. Der Weinertrag war seine Hoffnung, seine einzige Hoffnung gewesen! Die Sonnenglut, die dem Grase so übel bekommen war, die hatte es mit dem Weine gut gemeint. Eine einzige Hagelwolke hatte nun seine ganze Hoffnung vernichtet. Baron Teck war dem Ruin wieder um ein gutes Stück näher gekommen. »Arme Schwester,« murmelte er, »wie wirst du das ertragen?« Unbeschreiblich weh tat ihm der Gedanke, daß er sein Wort nicht werde halten können, dieses in Liebe und Verehrung voreilig gegebene Wort, und der andere Gedanke, daß seine Schwester vielleicht schon demnächst die bitterste Form der Armut, die ungewohnte, ängstlich verborgen gehaltene Armut kennen lernen werde. In diese quälenden Gedanken versunken, starrte Ernst noch immer auf die verwüsteten Weinberge hinüber. Er gewahrte es nicht, daß eine dicke Rauchwolke hinter ihnen aufstieg, daß ein Zug auf der Station drüben hielt. Erst als dieser Zug sich wieder in Bewegung setzte, wurde der Baron durch den schrillen Pfiff der Lokomotive aufmerksam. Zerstreut richtete er seine Augen auf das kleine Stationsgebäude, dessen Ausgangstür man vom Wellhofer Herrenhause aus gewahren konnte. Die Station lag ganz einsam da. Die breite Landstraße zog, dem Flusse parallel bleibend, daran vorbei. Von ihr zweigte die Straße ab, die nach dem Wellhofer Schlosse führte, und auf dieser wurde jetzt eine Frauengestalt sichtbar. Sie ging sehr rasch, und bald verschwand sie hinter einem Gebüsch, welches am Wege lag. Als sie wieder zum Vorschein kam, befand sie sich schon so nahe, daß Ernst sie zu erkennen vermochte. Sofort verfinsterte sich sein Gesicht. »Das auch noch!« sagte er laut. »Klemi hatte also doch recht, als sie diesen Besuch als sicher voraussagte.« Ganz unwillkürlich war er einige Schritte vom Fenster weggegangen. Er stand jetzt neben seinem Schreibtisch und griff nach einem Einschreibeschein, der unter einem Briefbeschwerer lag. »Robert v. Lassot,« las er laut und dann »fünfter Juni. – Heute früh also hat er meinen Brief erhalten. Er weiß nunmehr, daß er von mir nichts zu erwarten hat.« Er trat wieder an das Fenster. »Ob auch seine Mutter es weiß?« setzte er in Gedanken hinzu und blickte hinunter. Die Frau war schon ganz nahe. Sie trug Trauerkleider. Mit ihrer gedrungenen Gestalt, mit ihren breiten, verschwommenen Zügen sah sie nichts weniger als vornehm aus. Auch ihre Bewegungen waren nicht vornehm, wie sie so auffallend eilig daherkeuchte. Jetzt hielt sie einen Augenblick lang an dem Tore des Gitters an. »Die Arme! Wie sie gerannt ist!« murmelte der Baron, und seine Züge waren nicht mehr hart. »Eine Mutter in Sorge! Ich werde mich bemühen, gut gegen sie zu sein.« Er ging ihr entgegen, und im Vorsaal trafen sie zusammen. Er streckte der augenscheinlich sehr Aufgeregten die Hand entgegen. »Ich kann es mir denken, warum du kommst, arme Tante,« sagte er sanft. Die Dame war noch atemlos. Ihr schweißbedecktes Gesicht mit ihrem Taschentuche abwischend, trat sie ihrem Neffen voran in dessen Zimmer. Dort erst ergriff sie seine Hand und schaute ihn angstvoll und lauernd an. Ihre kurzen Finger umspannten wie im Krampfe seine Hand, während sie mit rauher Stimme sagte: »Selbstverständlich hast du ihn eingelöst! Es wäre einfach infam, wenn du es nicht getan hättest!« Sie standen jetzt beim Schreibtisch. Ernst v. Teck hatte seine Hand mit einem jähen Ruck befreit. Er war sehr bleich, und seine Züge waren wieder finster geworden. Es lag ja so viel Widerwärtiges zwischen ihm und ihr. Das hatte er vergessen wollen, aber die Art dieser Frau, ihre innerliche Roheit, der gänzliche Mangel an der allergewöhnlichsten Einsicht und Gerechtigkeit zwangen immer wieder dazu, ihre Fehler widerwärtig deutlich vor Augen zu haben. »Setze dich, Tante!« sagte er, sich gewaltsam zur Ruhe zwingend, und schob ihr den Rohrsessel hin, der vor dem Tische stand. Frau Leona v. Lassot sank in den Sessel. Auch sie war jetzt bleich. Nur noch einzelne rote Flecken hoben sich von der gelblichen Blässe ihres Gesichtes ab, das vor Jahren vielleicht hübsch gewesen sein mochte, jetzt aber recht ungünstig wirkte. Wieder waren ihre tiefliegenden Augen voll Angst, und zwar diesmal wirklich nur voll Angst, auf den jungen Baron gerichtet. »Sei nicht böse,« sagte sie. »Wenn ich heute ein Wort zu viel sage, darfst du dich nicht wundern.« Er lächelte ironisch. »Liebe Tante, du hast die, welche dich kennen, längst daran gewöhnt, daß du bei jeder Gelegenheit ein paar Worte zu viel sagst. Daraus ist ja doch der Zwist zwischen den Häusern Teck und Lassot entstanden. Nun – es gibt jetzt nur wenige noch, die du aufeinanderhetzen oder auseinanderbringen könntest. Mit anderen Leuten verkehrst du ja kaum. Dennoch muß ich das Wort in Bezug auf mein Handeln, das du soeben gebrauchtest, entschieden zurückweisen.« Seine Ironie war in eine Strenge übergegangen, die ihm außerordentlich gut stand, die Frau v. Lassot aber nur ängstigte und reizte. Da ihre Angst jedoch viel größer war als die Sucht, ihm seine harten Worte zurückzugeben, bezwang sie sich. »Denke nicht mehr daran!« begann sie beinahe demütig. »Denke überhaupt nicht an mich, denke nur an ihn, an meinen armen Jungen, der jetzt in so großer Not ist!« »In die er sich selber gebracht hat.« »Wer sagt denn, daß es anders ist? Aber –« »Du findest schon wieder ein ›aber‹!« »Selbstverständlich! Bin ich doch seine Mutter!« »Die vollständig blind vor Liebe ist!« »Wirf mir das wenigstens jetzt nicht vor und – mein Gott – rede endlich! Ich werde ja krank vor Angst! Ernst, nicht wahr, mein lieber Ernst, du hast Robert aus dieser entsetzlichen Lage befreit, du hast diesen unglückseligen Wechsel eingelöst?« Weit vorgebeugt starrte sie den Baron an, und als der den Kopf schüttelte und auch mit Worten verneinte, sank sie vor Schrecken in ihren Sessel zurück. Vielleicht hatte sie für ein Paar Augenblicke lang wirklich das Bewußtsein eingebüßt, vielleicht auch hatte ihr der Schrecken nur für kurze Zeit alle Kraft genommen. Jedenfalls hatte sie die Herrschaft über ihre Glieder, ja sogar über ihre Zunge verloren. Er zog sich einen Stuhl heran, setzte sich zu ihr und legte seine Hand auf ihren Arm. »Tante,« fing er sanft an, »wenn ich auch nur selten an deiner Seite stehen konnte, diesmal ist es der Fall. Ich begreife deine Aufregung, und mein ganzes Mitleid gehört dir. Auch Klemi ist über das Geschehene außer sich. Sie hat gar nicht weggehen wollen, denn sie nahm an, daß du hierher kommen würdest. Meine Schwester ist eben immer klüger als ich –« Ob die Frau ihm zugehört, ob sie seine Reden verstanden hatte, war nicht zu ersehen. Plötzlich brach sie in ein jammervolles Schluchzen aus. »Ihr wollt ihm nicht helfen, ihm nicht helfen, da er jetzt so entsetzlich unglücklich ist!« schrie sie. Sie stieß Ernst zurück, erhob sich und lief wie eine Wahnsinnige durch das Zimmer. Da stand auch er auf, stellte sich mit verschränkten Armen vor den Schreibtisch und betrachtete mit mißbilligenden Blicken die Wütende. »Warum tobst du denn hier bei mir?« fragte er kühl. »Ich nehme nämlich wohl als richtig an, daß du von Horn kommst und erst, nachdem du mich besucht hast, nach Wien weiterfahren wirst. Siehst du, für dort hättest du dir diesen Wutanfall aufsparen sollen, denn im Zimmer deines Sohnes wäre er am richtigeren Platze gewesen.« »Von Robert rede nicht!« schrie sie. »Er ist jetzt im Unglück. Er hat auf dich gebaut, und du verlässest ihn, und das ist erbärmlich – erbärmlich, sage ich!« Ernst zuckte die Achseln. »Deine Logik und deine Moralbegriffe waren seit jeher ziemlich verwirrt, Tante Leona,« entgegnete er ruhig. »Darüber kann man mit dir eigentlich nicht reden. Ich möchte dir's aber trotzdem begreiflich machen, daß ich, selbst wenn ich es hätte tun wollen, diesen Wechsel, auf welchem Robert meine Unterschrift gefälscht hat, nicht hätte einlösen können, weil mir nach allen Richtungen hin die Hände gebunden sind, weil ich so arm geworden bin, daß ich nicht einmal fünfzehnhundert, geschweige denn fünfzehntausend Kronen sofort aufzutreiben im stände wäre.« »Also so arm bist du, daß du nicht einmal die Ehre deines Vetters retten kannst? Ich meine, zu diesem Zwecke müßte ein Mensch, der ein Herz hat, Himmel und Hölle in Bewegung setzen.« »Was ich diesbezüglich an Herz besitze, bin ich meiner Schwester schuldig.« »So wirst du für Robert wirklich nichts tun?« »Nein, ich kann nicht, und wenn –« Ernst stockte. Er biß sich auf die Lippe, und seine Hände ballten sich. Frau v. Lassot schluchzte halb, und halb schrie sie: »Und wenn du auch könntest, so willst du einfach ihm nicht helfen.« »Jedenfalls verdient ein Mann, der, nur um seiner Genußwut frönen zu können, bis zum Wechselfälscher herabsinkt, keine Hilfe. Das, Tante, das muß ich dir sagen, so leid es mir tut, da du mir, ohne jedes Recht hierzu, so häßliche Vorwürfe machst.« »Ohne Recht? Ohne Recht? Da – lies doch diesen Brief und sage dann noch einmal, daß ich ohne Recht dich den Verderber meines unglücklichen Sohnes nenne!« »Ich bin der Verderber Roberts nicht! Sage so etwas nicht noch einmal! Es muß doch jede Verrücktheit eine Grenze haben.« »Was sprichst du von Verrücktheit? Da, lies diesen Brief! Heute früh habe ich ihn erhalten. Mit dem nächsten Zuge bin ich hierher gefahren, um mir Ruhe zu holen, und nun –« Sie sank aufstöhnend in den nächsten Sessel. Ernst las schon. Plötzlich strömte ihm das Blut zum Kopfe, und dann wurde er sehr blaß. »Robert ist ein Schuft!« sagte er mit Anstrengung, und danach war er mit einem Schritt an der Seite seiner Tante und hielt diese, welche emporfahren wollte, mit eiserner Hand nieder. »Bleibe ruhig,« riet er ihr, »ich wiederhole, daß dein Sohn ein Schuft ist, falls er nicht etwa den Verstand verloren hat. Denn es ist kein Wort wahr von der Entschuldigung, die er seiner Selbstanklage folgen läßt.« »Ernst – Ernst!« schrie sie grimmig. »Daß du das hast glauben können, was er dir da vorlügt! Oder gibst du vielleicht nur vor, es zu glauben? Ich muß das fast annehmen, denn selbst du kannst nicht glauben, daß es einen vollsinnigen Menschen gibt, der einem anderen erlaubt, auf seinen Namen Wechsel auszustellen.« Frau v. Lassot schaute ihn verwirrt an. »Er setzt doch hinzu,« stotterte sie, »daß du ihm dies nur unter der Bedingung erlaubt hast, daß er diese Wechsel seinerzeit wieder einlöst.« »Ein so leichtsinniger Lebemensch, wie dein Robert einer ist, denkt gar nicht daran, Verpflichtungen einzuhalten. Aber auch dem ehrenfestesten Menschen würde ich es nicht erlauben, meinen Namen auf seine Wechsel zu setzen, und – Tante Leona, das verstehst du so gut wie ich. Trotzdem du seit einem Jahre von Robert gezwungen wirst, wie eine Verbannte zu leben, kannst du es ja doch noch nicht vergessen haben, wie vorsichtig jeder nicht nur mit seinem Gelde, sondern auch mit seinem Namen sein muß. Du glaubst also selber nicht an die Richtigkeit von Roberts Angabe.« »O ja – ich glaube daran.« »Tante!« »Höchstens kann da ein Mißverständnis obwalten. Du hast ihm vielleicht einmal im Scherz oder in einer Weinlaune diese allerdings unvorsichtige Erlaubnis gegeben.« »Auch das glaubst du selbst nicht.« Wie geistesabwesend streicht sie sich das wirre Haar aus der feuchten Stirne, Röte und Blässe wechseln auf ihrem Gesicht. Plötzlich liegt sie Ernst zu Füßen. »Aber Tante!« ruft er halb zornig, halb mitleidig und streckt die Hände nach ihr aus. Aber sie umklammert seine Knie und schluchzt: »Laß mich, Ernst, laß mich dich so um Hilfe bitten! Du kannst sie ihm ja nicht versagen! Ein bißchen hast du ihn ja doch lieb. Ich kenne doch dein Herz! Du hast für die Deinigen immer so viel Liebe gehabt, warst das Glück deiner Mutter, bist der Stolz deines Vaters gewesen und bist der beste Bruder. O Ernst! Ein Mensch von deiner Art kann einen anderen nicht zu Grunde gehen lassen. Und wenn du meinen Sohn selbst haßtest, so muß seine Not dich rühren. Ernst, lieber Ernst, hilf ihm!« Jetzt war nichts Gemachtes und nichts Widerliches mehr in ihr. Es war die Mutter, die für ihr Kind bittet, die sich um ihres Sohnes willen demütigt. Gerührt hob sie der Baron auf und geleitete sie wieder zu dem Sessel. »Schau, Tante, ich hasse Robert ja nicht. Du weißt, daß ich ihm vor zwei Jahren schon einmal geholfen habe. Jene fünftausend Kronen fehlten mir schon gar oft, und ich habe ihn häufig bitten müssen, mir dieses Geld zurückzuerstatten. Er hat es mir nicht zurückgegeben, aber trotzdem –« »Er wird es dir ganz gewiß zurückzahlen,« beeilte Frau v. Lassot sich zu versichern. »Du weißt doch, Lucie Fein ist schon seine Braut; wenn sie seine Frau sein wird, ist er fast Millionär. Da kannst du doch sicher sein, daß er dir diese Schuld zurückzahlt, und auch ich selbst bin dir dafür sicher. Ernst, mein heiliges Ehrenwort, ich zahle dir diese Schuld zurück, und wenn ich es nicht früher tun kann, dann geschieht es nach Tantes Tod. Du weißt es ja, daß ich ihre Erbin bin. Aber jetzt – um Gottes willen – hilf Robert noch einmal!« Da führte er sie zum Fenster und deutete hinaus. »Merkst du, daß ich dieses Jahr so gut wie keine Einnahmen haben werde?« sagte er bitter. »Und auf dem Gute lastet bereits eine dritte Hypothek. Im Frühjahr habe ich sie aufnehmen müssen. Jetzt frage ich dich, wer wird mir noch Geld leihen? Woher soll ich also die fünfzehntausend Kronen nehmen, die über meinem Namen auf jenem Wechsel stehen? Arme Tante – ich kann einfach Robert nicht helfen, in keiner Beziehung helfen. Die Sache hat schon ihren Lauf genommen.« Frau v. Lassot stöhnte, dann schrie sie auf: »Kannst du denn nicht wenigstens das Schlimmste verhindern?« »Seine Verurteilung meinst du?« »Mein Gott, Ernst, hättest du wenigstens –« »Was denn? Ich glaube, du bewegst dich im Kreise. Du kannst nicht loskommen von dem Gedanken, daß ich mich für Robert zu opfern habe. Du redest wieder von dem Wechsel, den ich hätte zurückhalten sollen. Aber wie denn? Als man mir ihn präsentierte, war ich natürlich überrascht und maßlos ergrimmt. Ich mußte einfach die Unterschrift als gefälscht bezeichnen. Da gibt es kein Zurücknehmen mehr.« »Gewiß könntest du noch alles zurücknehmen.« »Wie denn? Wo denn?« »Erkläre einfach, daß es doch deine Unterschrift ist.« »Das würde vor Gericht geschehen müssen, denn ich kann den Wechsel nicht einlösen, und sein Besitzer wird ihn zweifellos einklagen.« »Also vor Gericht!« »Ich müßte da einen falschen Eid schwören.« »Und wenn auch! – Du rettest damit eines Menschen Ehre!« »Und verliere im günstigsten Falle die meinige. Aber es könnte auch Zuchthaus dabei für mich herauskommen.« »Muß es denn durchaus zu einem Eid kommen?« »Nur deiner Aufregung schreibe ich es zu, daß du durchaus nicht verstehen willst. Also höre, wie ich den Fall ansehe und wie er vielleicht auch ist. Der, welcher Robert das Geld gab, wußte möglicherweise schon von vornherein, daß der Wechsel einen gefälschten Namen trug und –« »Und darauf hätte er Geld gegeben?« höhnte Frau v. Lassot. »Natürlich hat er es gegeben. Auf diesen Wechsel sogar noch lieber als auf irgend einen anderen. Hat er gewußt, daß Robert eine reiche Braut hat, daß somit dieser Wechsel ganz sicher eingelöst werden wird, dann ist es sein Vorteil, die Sache geheimzuhalten, dann kommt sie nicht vor Gericht. Glaubt er jedoch, daß von Robert nichts mehr zu holen ist, dann wird er ihn bestraft wissen wollen. Verstehst du es jetzt?« Frau v. Lassot gab keine Antwort. »Hast du denn nur mich allein, an den du dich wenden kannst?« fuhr Ernst nach einer Weile fort. »Bist du denn mit Frau v. Lauren verfeindet, daß du dich nicht zu ihr zu gehen getraust?« »O nein, Tante ist nicht böse auf mich, aber die ist doch in Baden-Baden.« Ernst schüttelte den Kopf. »Heuer nicht. Klemi hat sie erst vor ein paar Tagen gesehen.« »Wo?« »In Wien. Als Klemi ins Konservatorium ging, fuhr die alte Frau Oberst an ihr vorbei.« In Frau v. Lassot war plötzlich eine große Lebhaftigkeit gekommen. Sie zog schon ihre Handschuhe an. »An die habe ich ja sogleich gedacht,« sagte sie hastig, »aber ich nahm an, daß sie nicht hier ist, und Robert muß doch schnell geholfen werden.« »Ja, dem muß immer sehr schnell geholfen werden,« warf Ernst herb ein. Da sah Frau v. Lassot ihn höhnisch an und sagte bissig: »Nun, du hast ihm nur ein einziges Mal geholfen, und dazu hat dich einfach dein Gewissen gedrängt, denn hätte deine Schwester Robert damals nicht schroff abgewiesen, so hätte er sich nicht zu betäuben gebraucht. Robert hat eben ein fühlendes Herz –« »Nur nicht für seine Eltern.« »Er hat seinen Vater sehr geliebt. Wie hat er gelitten, weil er nicht zu seinem Begräbnis hat kommen können!« »Meinst du? – Aber nein, ich öffne dir darüber lieber nicht die Augen.« »Niederträchtige Verleumdungen behalte für dich!« »Tante!« »Und daß er mich zärtlich liebt, das weiß ich gewiß,« fuhr sie fort. »Für mich würde er gern jedes Opfer bringen. O, mich liebt er ehrlich. Wie oft drückt er mir sein Leid, daß ich nicht bei ihm sein kann, in seinen Briefen aus.« Der Baron zog die Uhr. »Es ist elf Uhr. In einer halben Stunde geht ein Zug. Ich meine, ich muß dich daran erinnern.« Frau v. Lassot ging schon nach der Tür. »Ich eile ja schon,« sagte sie höhnisch, »um anderswo die Hilfe zu suchen, die du meinem armen Sohne versagst. Ah – ich hätte es wissen können, daß ich nutzlos hierher gehe. Deine Eltern schon waren Robert abgeneigt, und du und deine hochmütige Schwester – ihr seid direkt seine Feinde. Von Wellhof ist uns noch nie etwas Gutes gekommen.« Die Tür öffnete sich hinter ihr, und Baronesse Klementine trat ein. »O Tante! Ich hab's ja gewußt, daß du kommen wirst,« sagte sie und streckte ihr die feine Hand entgegen. Frau v. Lassot jedoch ergriff die ihr gebotene Hand nicht, sondern wehrte sie grob mit der ihrigen ab, und während sie rief: »Laß mich! Du weißt, daß ich dich verabscheue!« eilte sie hinaus. Die beiden Geschwister schauten ihr verblüfft nach. Als unten die Tür schmetternd ins Schloß fiel, kehrten sie schweigend in das Zimmer zurück. Bis an das Fenster gingen sie und schauten Frau v. Lassot nach. »Wie häßlich ist es, wenn man seine Verwandten nicht achten kann!« sagte endlich das junge Mädchen. »Armer Ernst! Das war dir gerade noch notwendig! Sie war wohl noch brutaler als sonst?« Der Baron nickte. »Ja, Klemi. Sie war wieder sehr – merkwürdig. Jetzt haßt sie uns mehr als je, und wer diese Frau zur Feindin hat, der mag sich vorsehen.« Zweites Kapitel. In einem großen Zinshause der Mariahilferstraße, welche in einer Länge von etlichen Kilometern mehrere Bezirke Wiens verbindet, wohnte als Eigentümerin die Oberstenwitwe Julie v. Lauren. Sie besaß noch mehrere Häuser, zog aber dieses vor. Hier war der Hausmeister noch nicht zum Portier hinauf- und das erste Stockwerk noch nicht zum Mezzanin hinuntergeschraubt worden, hier gab es noch kein elektrisches Licht und keinen Küchenaufzug. Dafür aber wurde in diesem Hause auch nicht zu jedem Jahreswechsel gesteigert, und die Mietpreise waren so, daß auch bürgerliche Leute sie bezahlen konnten. So kam es, daß die Parteien darin sozusagen mit dem Hause verwachsen waren, und daß die schon recht alte Hausbesitzerin von allen aufrichtig verehrt wurde. Verkehr unterhielt sie mit wenigen, denn die kränkliche Frau, die nur noch dem Gedenken ihres noch nicht lang verstorbenen Gatten lebte, hielt sich sehr zurückgezogen. An Verwandten besaß sie nur noch Frau v. Lassot und deren Sohn. Leona v. Lassot war die Tochter einer Base der Oberstenwitwe. Von naher Verwandtschaft konnte man also eigentlich nicht reden, wie auch der Verkehr zwischen den beiden Frauen niemals ein lebhafter war. Dafür hatte schon der verstorbene Oberst gesorgt, der die Ruhe geliebt und für intrigante Frauenzimmer niemals eine Schwäche gehabt hatte. Vielleicht hatte nun gerade dieses Ferngehaltenwordensein für Frau v. Lassot die gute Folge gehabt, daß sie mit ihrer Bitte um Hilfe bei der alten Verwandten Glück hatte. Ein junger Offizier, dessen Ehre auf dem Spiele stand und der – so war der alten Dame von der verzweifelnden Mutter aufs anschaulichste klar gemacht worden – sich das Leben nehmen müßte, wenn seine Schuld nicht noch heute getilgt wurde, der durfte nicht der Verzweiflung überlassen werden, wenn eine alte Verwandte nur zum Geldschrank zu gehen und ein paar Wertpapiere herauszunehmen brauchte, um ihn zu retten. In knapp einer halben Stunde war die Angelegenheit geregelt, und sofort fuhr die überglückliche Mutter der inneren Stadt zu, um ihrem Sohne so eilig als möglich die ersehnte Hilfe in der höchsten Not zu bringen. Dazu bedurfte sie jedoch noch der Unterstützung eines Mannes, der ihr und Robert schon einmal in einer peinlichen Angelegenheit beigestanden hatte. Der Einspänner, den sie bestiegen, hielt nach kurzer Fahrt an einem der schon sehr alten Häuser der Krugerstraße. Frau v. Lassot bezahlte den Kutscher und ging eilig die dunkle, schmale Treppe hinauf. Keuchend und mit zitternden Knien kam sie im letzten Stockwerke an. »Doktor Eduard Schimmel« stand da an der einzigen Wohnungstür auf einer tadellos glänzenden Messingplatte. Frau v. Lassot läutete. Es dünkte ihr ungeheuer lang, bis man ihr öffnete. Endlich wurde der Verschluß des Guckloches gedreht, Frau v. Lassot hatte das unangenehme Gefühl, erst beobachtet zu werden, und dann tat sich die Tür auf. »Sie sind noch immer da?« sagte sie in ihrer schroffen Weise, und ihr hochmütiger Blick glitt über die armselige Gestalt der Frau, die schon vor drei Jahren, zu jener Zeit also, in welcher sie mit ihm zu tun hatte, Doktor Schimmels Wirtschafterin war. »Ja, ich bin noch immer da, gnädige Frau, und ich werde auch noch eine Weile hier sein. – Nicht wahr, ich habe Frau v. Lassot zu melden?« Sie führte die Besucherin in ein kleines Vorzimmer, und gleich darauf kehrte sie zurück mit der Meldung: »Der Herr Doktor läßt bitten.« Eine Weile blieb sie dann noch stehen, die trüben Augen auf die Tür gerichtet, hinter welcher Frau v. Lassot verschwunden war. Dann sagte sie leise: »Das ist auch eine sorgenvolle Mutter. Gerade so wie ich. Aber es ist auch in dieser Hinsicht ein großer Unterschied zwischen ihr und mir. Ihr Sohn ist ein Lump, und meine Resi und ihr Mann sind ehrenhafte Leute.« Nach dieser Reflexion ging sie in ihrer müden, langsamen Art in die Küche, um dort in ihren Vorbereitungen für das Nachtessen fortzufahren. Ein Huhn war zu spicken. Sie holte, was sie zu diesem Zwecke brauchte, zusammen. Dabei redete sie immerfort halblaut mit sich selbst. Es wird dies leicht zur Gewohnheit bei Leuten, die fast immer allein sind. »Sie hat übrigens gar nicht unglücklich ausgeschaut,« murmelte sie, »und ihr Junge war doch ganz außer sich, als er vom Doktor wegging. Ob sie ihn gesehen hat? Er könnte ihr noch auf der Treppe begegnet sein.« Gedankenvoll fing Frau Barbara Heister an, das Huhn mit seinen Fettstreifen zu durchziehen. Sie gab sich dabei Mühe, dem Braten ein schönes Aussehen zu verleihen, denn sie wußte, daß ihr Herr außerordentlich viel auf das Essen hielt, und daß er nicht nur ein Viel-, sondern auch Feinesser war, somit auch die Augen befriedigt haben wollte. Während sie auf dem rahmgelben Hühnerleib zwischen allerlei Linien niedliche Speckrosetten entstehen ließ, wurde drinnen im Zimmer gar Wichtiges verhandelt. Doktor Schimmel war seinem Besuch bis an die Tür entgegengegangen. »Gnädige Frau,« sagte er und war sichtlich verwundert, »sind Sie Ihrem Herrn Sohn nicht begegnet?« »Robert? War er hier?« entgegnete Frau v. Lassot aufgeregt. Der Advokat nickte. »Er ist soeben weggegangen. Er war nahezu zwei Stunden bei mir.« »In welcher Stimmung?« Sie setzte sich auf den Sessel, den Schimmel ihr neben seinem Schreibtische zurechtgerückt hatte. Einen Moment lang überlegte er, dann erst antwortete er: »Der Herr Oberleutnant ist ebenso gefaßt wie gnädige Frau. Er teilte mir mit, daß er gnädige Frau von allem verständigt habe.« Sein Gesicht, nun völlig beschattet, sah jetzt fast wie das eines Mohren aus. Sein Teint war ungewöhnlich dunkel, und es gab Leute, die nicht mit Unrecht behaupteten, daß auch seine Seele von seltener Dunkelheit sei. Jedenfalls machte der Mann keinen günstigen Eindruck mit seinem feisten Gesichte, den dicken roten Lippen, den gelben Zähnen und den kleinen, kohlschwarzen Kalmückenaugen. »Ja, ich weiß alles,« sagte Frau v. Lassot kurz. »Robert ist furchtbar leichtgläubig gewesen. Er hat sich darauf verlassen, daß sein Vetter die gegebene Erlaubnis nicht ableugnen werde.« »Von welcher Erlaubnis reden Sie da, meine Gnädige?« »Von der Erlaubnis, daß Robert Wechsel auf den Namen seines Vetters ausstellen dürfe.« Doktor Schimmel lachte laut auf. So lustig war er, daß er sich, sein bißchen gesellschaftliche Bildung vergessend, mit lautem Klatsch auf das Knie schlug. Frau v. Lassot richtete sich steif auf. »Herr Doktor!« rief sie streng. Schimmel hatte sich schon gefaßt. »Hat der Herr Oberleutnant Ihnen die Sache wirklich so dargestellt?« fragte er, noch immer sarkastisch lächelnd. »Hat er sie denn Ihnen anders geschildert?« »Ganz anders, meine Gnädige.« »Und wenn er Ihnen dasselbe gesagt hätte, was er mir schrieb?« »Dann hätte ich ebenfalls lachen müssen.« »Also ist es nicht so?« »Selbstverständlich nicht. Es ist nicht so, weil es einfach so nicht sein kann, weil solch eine Erlaubnis nur ein Wahnsinniger geben könnte, und Baron Teck ist, so viel ich weiß, im Vollbesitze seiner Vernunft. Nein – nein, gnädige Frau, hier handelt es sich um eine ganz gewöhnliche Fälschung, begangen in der Hoffnung, daß der Baron aus Familiensinn den Wechsel einlösen werde, was leider nicht geschehen ist, weshalb morgen früh die Sache dem Gerichte übergeben werden wird.« »Es wird nicht so weit kommen.« »Gnädige Frau?« »Denn Sie werden die Angelegenheit sofort ordnen.« »Sie haben das Geld?« »Seit einer halben Stunde.« »Das ist ja ausgezeichnet!« »Robert soll nicht in Ungelegenheiten kommen wegen solcher Dummheiten.« Ganz wegwerfend sagte sie dies, und mit einer erhabenen Bewegung legte sie den Umschlag vor sich hin, in welchem sich die soeben erhaltenen Wertpapiere befanden. »Zählen Sie!« befahl sie. »Es muß reichen.« Doktor Schimmel besah sich schon die Papiere. »Es reicht vollkommen. Es sind sogar etwa tausend Kronen mehr, als wir brauchen. Ich mache mich sofort auf.« »Tun Sie das. Ich werde froh sein, wenn ich endlich das unselige Papier in Händen habe. Ich fahre jetzt zu Robert. Dort werde ich Sie erwarten.« »Sie treffen ihn in seiner Wohnung nicht,« entgegnete Schimmel rasch. »Er sagte mir, daß er bis spät Abends Dienst habe.« »Das ist fatal. So wird er also auch bis spät Abends nicht wissen, daß er gerettet ist?« »O, das kann ich ihm schon auf irgend eine Weise mitteilen. So schnell als möglich soll er es sogar erfahren, und wenn mir Gnädigste sagen, wo ich Sie um acht Uhr treffen kann, werde ich Sie abholen, und da wird der Herr Oberleutnant vielleicht schon mitkommen können.« »Ich werde um acht Uhr in der Maria-Theresienstraße sein. Robert kommt doch jedenfalls aus der Kaserne, also können wir dort am sichersten zusammentreffen.« »Gut. Also um acht Uhr in der Maria-Theresienstraße. So – und jetzt eile ich. Derlei kann man gar nicht schnell genug aus der Welt schaffen.« Sie standen beide auf. Einen Augenblick lang dachte Frau v. Lassot daran, sich von ihm die Entgegennahme des Geldes bestätigen zu lassen. Dennoch ließ sie sich den gewünschten Schein nicht ausstellen. Sie und ihr Sohn waren ja auf Schimmels Diskretion angewiesen, und vielleicht war der Auftrag, den sie ihm da erteilte, ebenso schwierig als gefährlich. Sie wollte ihn also lieber nicht verschnupfen. Sie ging ohne den Schein, von Schimmel artig bis zur Tür begleitet. Der Doktor hatte es übrigens durchaus nicht eilig. Als er sich allein sah, steckte er die Wertpapiere wohl sogleich zu sich, danach aber setzte er sich wieder und fing an, nachzudenken. »Jedenfalls werde ich mir die Geschichte erst gründlich überlegen,« sagte er sich. »Es ist auch noch Zeit, wenn ich erst dann zu dem Manne gehe, der die Fälschung in Händen hat, nachdem ich mit Lassot geredet habe. So wird Lassot früher beruhigt, und der andere muß länger für sein Geld fürchten – und das macht mürbe. Lassot wird mir jede Viertelstunde früherer Erlösung hoch anrechnen, was mir später reiche Zinsen tragen wird. Und mit dem Wechselchen selbst – na ja, das wird sich schon machen!« Nach dieser Reflexion erhob sich Doktor Schimmel, holte sich seinen Hut und ging. Die Heister hatte schon die Tür hinter ihm geschlossen, da pochte er wieder, und als ihm geöffnet wurde, sagte er: »Sie, liebe Heister, vergessen Sie bei dem italienischen Salat ja nicht, viel, sehr viel Öl zu nehmen, hören Sie, sehr viel Öl und ein paar Oliven. Punkt acht Uhr muß das Essen auf dem Tisch stehen.« Nach diesen für ihn sehr wichtigen Anweisungen ging er wirklich. Zu Robert v. Lassot wollte er gehen, und die Rudolfskaserne befindet sich im neunten Stadtbezirk, auf dem Alsergrund. Doktor Schimmel stieg jedoch, auf dem Kärntnerringe angekommen, nicht in den elektrischen Wagen, der nach dem neunten Bezirke fuhr, sondern in einen, auf welchem »Taborstraße« stand. Die Taborstraße aber befindet sich im zweiten Stadtbezirk, in der Leopoldstadt. In der genannten Straße stieg er aus. Hier befand sich die Privatwohnung des Oberleutnants Lassot, und Schimmel wußte ganz genau, daß er ihn daheim treffen werde und nicht in der Kaserne, wohin er seine Mutter geschickt. Lassot hatte ihm beim Fortgehen gesagt, daß ihm sehr übel zu Mute sei, und daß er direkt nach Hause gehen werde, zumal er dort seinen Gläubiger erwarte. Auch Schimmel selbst wurde von Lassot erwartet, denn der Doktor hatte dem vor Angst halb Sinnlosen versprochen, die fünfzehntausend Kronen bis zum Abend irgendwie aufzutreiben und sie ihm zu bringen. Der wackere Doktor hätte übrigens nur seinen eigenen Geldschrank aufzumachen brauchen, um das Geld herauszunehmen, aber das brauchte Lassot ja nicht zu wissen. Es machte sich viel besser, wenn dieser glaubte, sein Rechtsfreund habe wegen dieses Geldes ungeheure Mühe gehabt. Auch brauchte niemand zu wissen, daß Herr Doktor Eduard Schimmel, der vor Jahren schmutziger Sachen halber aus der Liste der Wiener Advokaten gestrichen worden, ganz in der Stille ein ganz gewöhnlicher Wucherer war. Die Geldbedürftigen, denen er für sehr hohe Zinsen beisprang, glaubten stets, daß er nur ein gütiger, freundlicher Vermittler sei, der selbst entrüstet darüber war, daß man für so wenig Geliehenes so viel zurückzahlen mußte. Diesmal freilich konnte Schimmel diese Meinung nicht erwecken, denn selbstverständlich mußte er es Lassot sagen, daß dessen Mutter das Geld, das er mitbrachte, aufgetrieben hatte; aber trotzdem stand ihm ein gutes Geschäft bevor, und so stieg er denn recht guten Mutes zu Lassots Wohnung hinauf. Der Oberleutnant wohnte, wenn man sein sonstiges Auftreten damit verglich, ziemlich bescheiden. Er hatte bei einer alten Beamtenwitwe ein Zimmer und ein Kabinett gemietet, die beide ganz einfach eingerichtet waren. Frau Grübl hielt nicht einmal eine Magd. Nur eine Aushelferin kam Morgens, Mittags und Abends. Die sehr stille Wohnung lag im vierten Stockwerke eines gut bürgerlichen Hauses. Frau Grübl öffnete dem Doktor selbst die Tür. »Ist der Herr Oberleutnant zu Hause?« erkundigte sich der Advokat höflich. Die Frau bejahte. »Soll ich Sie melden?« fragte sie in dem bescheidenen Tone, der guten alten Frauen eigen zu sein pflegt, und dabei zeigte sie nach der rechts befindlichen Tür. »O nein, verehrte Frau,« entgegnete Schimmel liebenswürdig, »der Herr Oberleutnant erwartet mich.« »Herr v. Lassot ist soeben erst nach Hause gekommen,« berichtete die Frau noch, dann zog sie sich in ihr Zimmer zurück. Doktor Schimmel wendete sich nach rechts und pochte an die Tür, auf welche Frau Grübl gewiesen. Es wurde ihm keine Aufforderung zu teil, einzutreten. Wieder pochte er, und wieder regte sich nichts im Zimmer. Da drückte er ohne weiteres die Klinke nieder und trat ein. Er befand sich in einem recht gemütlichen Zimmer, dem man es übrigens sogleich anmerkte, daß ein Soldat es bewohnte. Ein Säbel lag auf dem Sofa und eine Offiziersmütze daneben auf dem Boden. Beide waren offenbar in Eile hingelegt oder hingeworfen worden. Das Riemenzeug des Säbels war ebenfalls auf den Boden geglitten. Der süße Duft türkischen Tabaks erfüllte den ganzen Raum und bewies, daß der Bewohner dieses Raumes ein Verehrer dieses blonden, feingeschnittenen Krautes war, das ein so ganz eigentümliches Aroma besitzt. Die Tür zu dem anstoßenden Kabinett war halb offen. Aber auch da drinnen rührte sich nichts. Schimmel, der in der Mitte des Zimmers stehen geblieben war, sagte laut: »Lassot, ich bin da!« Wieder keine Antwort. Schimmel wurde ungeduldig. »Zum Kuckuck, wo sind Sie denn?« rief er ärgerlich. Mit einem Male aber wurde er still, ganz still. Er hatte keine übermäßig guten Augen, aber doch hatten diese etwas entdeckt. Sie hafteten starr auf etwas, das sich allerdings ziemlich deutlich von dem mit hellbrauner Ölfarbe gestrichenen Fußboden des Kabinetts abhob. Ein Lackschuh war es, der mit dem Fersenteil auf dem Boden ruhte, und dessen Spitze infolgedessen nach aufwärts gerichtet war. Schimmel war blaß geworden. Wenn dieses merkwürdig dunkle Gesicht blaß wurde, dann kam ein grauer Ton hinein, der es geradezu unheimlich machte. Ein paar Augenblicke lang brauchte der Erschrockene, um sich zu fassen, dann ging er auf das Kabinett zu und stieß dessen Tür vollends auf. Links befindet sich das Fenster, daran schließt sich ein Kleiderschrank, auf der anderen Seite steht ein Toilettentisch und neben diesem eine teppichbelegte Truhe. Der Teppich ist halb von ihr herabgeglitten, und von seiner dunkelgrünen Grundfarbe hebt sich ein bleiches Gesicht ab. Es ist schrecklich blaß, dieses Gesicht, und schrecklich starr, aber noch jetzt ist es auffallend schön, wiewohl noch die ganze Angst darin zu sehen ist, die Robert v. Lassot in seinen letzten Augenblicken empfunden hat. Schimmel schluckt ein paarmal, um sein Grauen hinabzuwürgen, dann überwindet er sich, kniet neben Lassot nieder, streift dessen Rock zurück und fühlt nach seinem Herzen. Nein – das pocht nicht mehr. Die verglasten Augen zeigen kein Leben mehr. Ein eigentümlicher Duft ist an dem Körper zurückgeblieben, und auf der Unterlippe glänzt ein Tropfen. Mühsam erhebt sich Schimmel und verläßt das Kabinett und das Zimmer. Frau Grübl, bei der er ohne zu klopfen eintritt, stößt einen lauten Schrei aus. »Mein Gott – was ist geschehen?« ruft sie erschrocken. »Tot ist er!« antwortet der Advokat. »Vergiftet hat er sich. Holen Sie einen Wachmann. Ich bleibe derweilen bei ihm.« Die Frau verläßt eilig die Wohnung. Sie will laufen. Aber schon auf der Treppe wankt sie so, daß sie nur mühsam das Haustor gewinnt. Schimmel kehrte wieder in Lassots Zimmer zurück. In das Kabinett ging er aber nicht, denn den Toten noch einmal anzusehen, hatte er keine Lust. Aber seine Augen suchten nach anderem. Ist Lassot denn ohne ein Wort zu hinterlassen gestorben? Das tut doch nur selten einer, namentlich einer, der stets viele Worte hatte, der immer ein Komödiant war. Ja, ein solcher war Robert v. Lassot gewesen. Schimmel, der sehr scharfe Augen besaß, wenn es galt, die Fehler anderer zu sehen, hatte den schönen Offizier völlig durchschaut. Ganz hohl war der gewesen, der schöne Mensch, ganz faul seine Seele, durch und durch nichtsnutz sein Charakter. Aber wenn es notwendig war, hatte er doch glänzend den Ehrenmann zu spielen gewußt, der Welt und ganz besonders seiner Braut und seiner Mutter gegenüber. Sollte so ein Mensch aus der Welt gegangen sein, ohne sich zu guter Letzt noch malerisch in seine Verzweiflung zu drapieren, ohne einen Versuch zu machen, seiner Nichtsnutzigkeit ein Mäntelchen umzuhängen? Doktor Schimmel glaubte das nicht. Seine Augen hatten auch schon auf dem sehr kokett herausgeputzten Schreibtische einen Ruhepunkt gefunden. Es war ein Brief. Aber der war sorgfältig verschlossen, und man konnte ihn doch nicht einfach verschwinden lassen. Schimmel zuckte die Achseln. Dann zog er eine der Schubladen auf. Der Schlüssel steckte im Schlüsselloch, und vielleicht hatte Lassot ihr das Gift entnommen. Wo man aber derlei aufbewahrt, da ist wohl auch noch allerlei anderes Interessantes zu finden. Namentlich einen Brief suchte Schimmel, den er selbst unlängst an Robert v. Lassot geschrieben, und den er lieber nicht in fremden Händen wüßte. Etwa ein Dutzend Briefe lag in der Schublade. Ohne viel zu überlegen, schob der wackere Doktor sie in die Innentasche seines Rockes. Er öffnete danach auch die drei anderen Schubladen des Schreibtisches. In einer derselben befanden sich Photographien, in einer anderen ein Armeerevolver. Die dritte der Schubladen war leer. Schimmel stieß sämtliche Fächer wieder zu und entfernte sich rasch vom Schreibtische, denn draußen war es laut geworden. Frau Grübl kehrte mit einem Wachmann und dem Polizeiarzt, der zufällig in dem nahen Kommissariat anwesend war, zurück. Dicht hinter diesen kam noch ein telephonisch benachrichtigter Polizeibeamter. Der Advokat stellte sich als Rechtsfreund des Verstorbenen vor und erklärte, daß Lassot ihn für diese Stunde zu sich gebeten habe, und daß die Ursache seines Selbstmordes zweifellos die arge Geldklemme, in der er sich augenblicklich befand, gewesen sei. Seine Aussage wurde zu Protokoll genommen, dann konnte er gehen. Er begab sich jetzt sehr eilig zu dem Besitzer des Wechsels, dem er schilderte, was sich soeben zugetragen hatte. Der Mann war außer sich darüber, daß er nun richtig um sein Geld sowohl als auch um seine Rache kommen sollte. Schimmel bot ihm für den jetzt völlig wertlos gewordenen Wechsel zweitausend Kronen an und ließ sich auch durch alles Feilschen zu einer Mehrzahlung nicht erweichen. »Seine Mutter wird mir weit mehr zahlen!« schrie der Inhaber des Wechsels. »Seine Mutter muß mit zwölfhundert Kronen jährlich auskommen. Sie kennen ja die Pensionsbezüge der Beamtenwitwen.« »So wird er andere Verwandte haben, die die Schande nicht aufkommen lassen dürfen.« »Er hat außer dem Baron Teck, der Sie abgewiesen hat, keine anderen Verwandten. Und da er vor Ihnen, aber auch vor mir eingestanden hat, daß er die Unterschrift gefälscht hat, können Sie natürlich nicht mehr daran denken, den Baron Teck zu belästigen.« »Also hat niemand ein Interesse daran, den Wechsel zu kaufen?« »Niemand als ich, und ich meine, zweitausend Kronen sind immerhin besser als gar nichts.« »Und warum kaufen denn Sie ihn?« »Weil ich des jungen Mannes Freund war,« erklärte Schimmel mit Ernst und Würde. »Natürlich kriegen Sie das Papier erst, wenn ich diesen Schurken tot vor mir liegen gesehen habe.« »Schimpfen Sie nicht!« »Warum nicht. Soll dieser Lump mir heilig sein? Er war lebendig ein Betrüger, jetzt ist er halt ein toter Betrüger.« »Also kommen Sie. Sie sollen sehen, daß er tot ist.« »Lassen Sie mir meine Ruh! Jetzt geh' ich nicht. So große Eile hab' ich nicht.« »Aber ich. – Wenn ich den Wechsel nicht noch heute bekomme, kaufe ich ihn überhaupt nicht mehr.« »Also gut. Ich gehe mit Ihnen.« Unterwegs machten sie miteinander aus, daß es genügend sei, wenn der Zweifler aus dem Polizeiprotokoll sich überzeuge, daß Oberleutnant Robert v. Lassot sich heute vergiftet und dadurch den Tod gefunden habe. Diese Gewißheit verschaffte Schimmel dem betrogenen Manne bald, wonach der, fast weinend vor Wut, den Wechsel herausgab und dann mit dem erhaltenen Gelde davonrannte, als fürchte er, daß ihm auch dieses noch verloren gehen könne. Schimmel aber bestieg wohlgelaunt einen offenen Einspänner und ließ sich zur Rudolfskaserne fahren. »Aber Eile hat es nicht,« sagte er zum Kutscher. »Fahren Sie ganz langsam. Jetzt ist es halb acht Uhr, in einer halben Stunde erst brauchen wir dort zu sein. Und wenn ich mit einer Dame zurückfahre, will ich das Verdeck aufgeschlagen haben. Seien Sie so gut und vergessen Sie das nicht.« Es schlug gerade acht Uhr, als der Wagen in die Maria-Theresienstraße einbog. »So, da halten Sie,« befahl Schimmel, »und vergessen Sie nicht, das Verdeck aufzuschlagen. Dann fahren wir zum Garnisonspital.« Er warf seine Zigarre, die er sich inzwischen angezündet hatte, weg und stieg aus dem Wagen. Frau v. Lassot kam ihm schon entgegen. »Nun – wo ist Robert?« fragte sie erregt. »Wir fahren zu ihm,« antwortete Schimmel ganz ruhig. »Warum ist er denn nicht bei Ihnen? Und warum kommen Sie denn im Wagen? Ich dachte, Sie seien bei ihm in der Kaserne?« »Er ist nicht mehr in der Kaserne.« »Sondern?« »Liebe gnädige Frau, ich führe Sie ja zu ihm. Gedulden Sie sich nur wenige Minuten.« »Herr Doktor! Sie –« »Bitte, meine Gnädige, steigen Sie ein!« Als sie nebeneinander im Wagen saßen, und dieser rasch davonfuhr, schaute Frau v. Lassot dem Advokaten scharf in die Augen. »Sie verheimlichen mir etwas!« forschte sie unruhig. »Mit Robert ist irgend etwas nicht in Ordnung.« »O doch, gnädige Frau. Und daß ich's nicht vergesse, den Wechsel habe ich bereits eingelöst. Sie sind dabei billig weggekommen. Ich habe ihn um nur sechstausend Kronen zurückgekauft.« »So?« »Ja – und hier ist das Geld, dessen ich nicht bedurfte.« Sie schob den Umschlag, den er ihr reichte, zerstreut in ihre Tasche. »Warum fahren wir denn nicht über den Donaukanal?« fragte sie. »Robert wohnt doch in der Leopoldstadt, wir aber fahren der Votivkirche zu. Finden wir denn Robert nicht zu Hause?« »Nein –« Schimmel stockte nun doch. »Reden Sie!« drängte die Aufgeregte. »Um Gottes willen, reden Sie! Was ist's mit meinem Sohne?« »Erschrecken Sie nicht, gnädige Frau!« Sie erschrak selbstverständlich über diese Warnung ebensosehr, wie alle darüber erschrecken, die man so anredet. Aber selbst jetzt kam das Brutale ihres Wesens zum Ausdruck. Schimmel grob am Ärmel rüttelnd, keuchte sie: »Reden Sie auf der Stelle! Ich will alles wissen!« Da sagte er denn, was geschehen war. Allerdings blieb er nicht völlig bei der Wahrheit. Er blieb dabei, daß er Robert in der Kaserne aufgesucht habe; als er aber dort erfahren, daß der Oberleutnant Nachmittags nicht daselbst erschienen sei, habe er sich sofort in dessen Wohnung begeben und ihn dort schon tot vorgefunden. Frau v. Lassot lehnte halb ohnmächtig in der Ecke des Wagens. Sogar in Schimmels Seele kam etwas wie Mitleid. Er faßte ihre herabhängende Hand. »Fassen Sie sich!« bat er. »Denken Sie daran, daß nur das Ehrgefühl ihn zum Gift greifen ließ, daß seine letzte Tat ihn völlig entsühnt!« Der scharfe Denker, der geschulte Jurist wußte ganz genau, daß seine Worte nichts als eine dumme, verlogene Phrase waren, er wußte ganz genau, daß eigentlich er selbst schuld an Lassots Tod war, denn er hatte ihm, bloß um ihn recht mürb zu machen, gar zu wenig Hoffnung gegeben, daß er das Geld werde rechtzeitig herbeischaffen können, und hatte ihn, als das Geld schon für ihn bereit lag, absichtlich noch warten lassen. Schimmel wurde bei diesen Erwägungen recht melancholisch. Zuweilen seufzte jetzt auch er, und als der Wagen hielt, schüttelte auch ihn ein innerlicher Frost. Mit Mühe stieg Frau v. Lassot, auf seinen Arm gestützt, aus. Jetzt sah er erst so recht deutlich, wie verzerrt ihr Gesicht, wie irr ihr Blick war. »Gnädige Frau, nehmen Sie sich doch zusammen!« bat er. Sie schaute in die Richtung, in welcher sich sein Gesicht befand, aber er hatte das deutliche Empfinden, daß sie ihn nicht sah. Und sie hatten erst ein paar Schritte gemacht, als sie plötzlich sehr schwer, ihr Gesicht aschgrau wurde. Mit einem dumpfen Laut glitt sie zu Boden. * Etwa eine halbe Stunde später bestieg Schimmel wieder den Wagen. Frau v. Lassot hatte ihren toten Sohn nicht besucht. Man hatte die aus schwerer Ohnmacht zur Raserei Erwachte sogleich in das nahegelegene allgemeine Krankenhaus gebracht, nachdem ihr Begleiter angegeben, wer sie sei, und daß sie etliche Wertpapiere bei sich habe, welche zweifellos ihr Eigentum seien. Frau v. Lassot war also im Krankenhause aufgenommen worden. Es war schon neun Uhr vorbei, als der ehemalige Advokat die Treppe zu seiner Wohnung hinaufstieg. Er war sehr ärgerlich und sehr hungrig. Sein erstes Wort beim Eintreten war: »Na, das Huhn ist natürlich gänzlich verbraten?« Frau Heister beruhigte ihn jedoch, und er konnte sich ein paar Minuten später davon überzeugen, daß sie wahr geredet hatte. Goldbraun oben und in weichere Töne übergehend, mit feinen Speckstreifen und Rosetten einen zierlichen Anblick bietend, lag das Huhn in seiner duftenden Soße appetiterregend vor ihm. Und auch der italienische Salat war vorzüglich gelungen. Nichts hatte Frau Heister vergessen, auch nicht die Oliven, und aus dem reichgeölten Gemisch von allerhand guten Sachen lugten auch die Köpfchen bitteren Spargels heraus, und alles wurde von einem Kranz sanft rötlicher Garnelen stimmungsvoll abgeschlossen. Doktor Eduard Schimmel war schon wieder in bester Stimmung. Als er sich das weiße Bruststück auf den Teller legte, murmelte er vergnüglich vor sich hin: »Viertausend Kronen Profit. Das war heute wohl ein heißer, aber trotzdem ein sehr guter Tag.« Und als er das letzte Knöchelchen abnagte, dachte er: »Und möglicherweise nützt mir auch der Wechsel noch.« Aber als er sich den Rest des Rotweines einschenkte, umwölkte sich seine Stirne. »Und doch war ich ein Esel!« sagte er ganz laut vor sich hin. »Hätte ich ihn nicht in solch großer Angst gelassen, so lebte er noch, heiratete die kleine Millionärin, die ja wie toll nach ihm war, und wäre immer in meiner Hand gewesen. Das hätte mir Hunderttausende getragen. Und jetzt muß ich mich mit diesen lumpigen viertausend Kronen zufrieden geben! – Ich Esel!« Während er, nun wieder recht verdrossen, den Wechsel und das Geld aufbewahrte, fiel ihm ein, daß er ja auch Briefe mitgebracht habe. Er entnahm sie seiner Rocktasche und öffnete eines der Schreiben. Es trug die Überschrift: »Mein süßes Kind!« und war mit »Deine Dich anbetende Mutter« unterschrieben. Schimmel lächelte sarkastisch und lachte: »Wenn du wüßtest, daß dein ›süßes Kind‹ nur über dich gelacht und dich absichtlich von sich fern gehalten hat, weil es sich einer solchen Mutter schämte, würdest du wohl nicht so viel ungesunder Liebe an den Burschen verschwendet haben.« Nachdem er alle Briefe, die er an sich genommen, zu dem Wechsel gelegt hatte, schloß er seinen Schreibtisch und zündete sich eine feine Zigarre an. Drittes Kapitel. Ende Juni schon konnte Frau v. Lassot das Spital wieder verlassen. Sie war nicht, wie es zu Anfang den Anschein gehabt, von einem Nervenfieber befallen worden, ihre Aufregungszustände hatten sich bald gelegt, um einer tiefen Apathie den Platz zu räumen. Sie achtete kaum darauf, daß ihre Tante, die Oberstenwitwe, sie voll Güte zu sich ins Haus nahm, daß sie treu gepflegt, ja zärtlich behütet wurde, daß die warmherzige alte Dame voll tiefsten Mitleides alles tat, was den trostlosen Seelenzustand dieser unglücklichen Mutter zu erhellen verhieß. Frau v. Laurens Güte schien ganz nutzlos verschwendet zu werden. Ihre Nichte blieb völlig stumpfsinnig – bis zu der Stunde, in welcher sie auf Anraten des Arztes, der sich einen Wandel dieses auf die Dauer unerträglichen Zustandes davon versprach, der seelisch so schwer Kranken den Brief gab, den ihr Sohn für sie zurückgelassen, und den Schimmel auf dem Schreibtisch hatte liegen sehen. Man hatte Frau v. Lauren diesen Brief sowie den übrigen Nachlaß des Verstorbenen ausgefolgt, nachdem sie erklärt, daß sie bis auf weiteres Frau v. Lassot bei sich behalten würde. An einem schwülen Abend hatte die alte Dame ihrer Nichte den Brief schweigend auf den Schoß gelegt. Frau v. Lauren litt schwer unter dem Zwange, der Kranken halber in Wien bleiben zu müssen. Als sie ihr das Schreiben gab, hegte sie dabei auch für sich eine Hoffnung, da sie annahm, daß Leona, aufgerüttelt aus ihrem Kummer, sich endlich bewegen lassen würde, mit ihr Wien zu verlassen. Ganz schüchtern setzte sich Frau v. Lauren an das Fenster und beobachtete von dort her, was nun kommen würde. Eine lange Weile geschah gar nichts, dann griff endlich Frau v. Lassots Hand nach dem Schreiben. Ein Zittern lief über sie hin, und ihre Augen drängten sich förmlich aus dem Kopfe. Eine dunkle Röte verbreitete sich über ihr Gesicht, und aus ihrem Munde kam ein dumpfes Röcheln. Frau v. Lauren schauderte. So häßlich hatte sie sich das Erwachen aus dieser unheimlichen Erstarrung nicht gedacht. Am liebsten wäre sie jetzt hinausgegangen, allein sie wagte es nicht, sich zu regen. Der Umschlag wurde jetzt in großer Eile in Fetzen heruntergerissen und das Briefblatt in fliegender Hast auseinandergefaltet. So schnell riß Leona das Papier auseinander, daß ihr davon eine Ecke in der Hand blieb. Sie las jetzt. Ihre Hände ballten sich, ihre Zähne schoben sich knirschend übereinander. Dann erhob sie sich. Merkwürdig groß scheinend, stand sie mitten im Zimmer. Der Brief war zu Boden gefallen. Ihre Hände hatte sie hoch erhoben, ihre Finger waren auseinandergespreizt, ihr Kopf weit vorgestreckt. Sie sah schrecklich aus. Frau v. Lauren duckte sich unwillkürlich zusammen. Sie erwartete unter Todesängsten, daß Leona einen Tobsuchtsanfall bekommen werde. Aber es kam nicht so. Wohl spannte sich jeder Muskel in Leonas verzerrtem Gesicht, aber diese Spannung wich, nachdem das schreckliche Weib ihr durch einen gellenden Schrei Luft gemacht hatte. Ganz ruhig sah sie danach aus, ganz normal. Aber sie wußte offenbar nichts von sich, denn als sie sich langsam wandte, um zur Tür zu gehen, verfehlte sie ihr Ziel und prallte an das zierliche Kästchen an, das gleich neben der Tür an der Wand stand. Da erst kam Leona zu sich und starrte eine Weile auf die Niedlichkeiten, welche auf den verschiedenen Etagen des Kästchens standen und noch leise klirrten. Dann ging sie hinaus mit den automatenhaften Bewegungen einer Nachtwandlerin. Frau v. Lauren, noch ganz kraftlos vor Schrecken, lauschte. Sie hörte Leona über den Gang gehen, der zu ihrem Zimmer führte. Noch lange saß die alte Dame, die sich nur langsam erholte. Sich mühsam erhebend, ging sie den Brief zu holen, der dort am Boden lag. Als sie sich nach ihm bückte, ergriff sie ein so starker Schwindel, daß sie beinahe hingefallen wäre. Zum Glück konnte sie sich an einem Sessel halten. Langsam kehrte sie zu ihrem Sitz zurück und begann nach einer Weile den Brief zu lesen. Er bestand nur aus wenigen, mit Bleistift geschriebenen Zeilen. Sie lauteten: »Schimmel gab mir so wenig Aussicht auf einen guten Ausgang, daß die Angst übergroß in mir wird. Klemi und Ernst verfluche ich. Sie hätte meine heiße Liebe nicht verstoßen, und er hätte mich nicht verraten dürfen. Die beiden zwingen mich, zu sterben. Dein unglücklicher Robert.« Das waren die letzten Worte eines Verlorenen an seine Mutter. Nur Haß und Rachsucht hatte er gefühlt. Sonst hatte in seiner Seele nichts mehr Raum gehabt. Frau v. Lauren starrte lange auf den Brief. Sie hatte ihn von sich geschoben wie etwas Häßliches, das man nicht in seiner Nähe haben will. »Was wohl Ernst Teck ihm getan hat?« fragte sich die alte Dame, nachdem sie wieder freier denken konnte. »Verraten – das ist ein böses Wort. Und ich meinte, die Tecks seien brave Menschen. Aber freilich, ich kenne sie ja kaum.« Darüber, daß Klementine v. Teck Roberts Liebe zurückgewiesen hatte, machte sich die gute Dame bei weitem weniger Gedanken. Klementine hatte einfach vernünftig gehandelt, wenn sie seinem Werben kein Gehör gegeben. Und war denn seine Liebe wirklich so heiß gewesen? Leona hatte ihr, als sie um das Geld bat, doch erzählt, daß ihr Sohn verlobt sei, mit einer Millionärin verlobt sei. Frau v. Lauren hätte gern noch weiter über diese Sache nachgedacht, aber der Kopfschmerz, an welchem sie seit einem Schlaganfalle litt, und der sich in der letzten Zeit wieder häufiger einstellte, kam jetzt so arg über sie, daß sie alles Denken einstellen mußte. »Ob ich zu ihr hinübergehe?« fragte sie sich, indem sie sich mühevoll erhob, aber sie gab dieses Vorhaben sogleich wieder auf. Leona wollte sicherlich jetzt allein sein, und sie selbst hatte das gleiche Bedürfnis. Sie verwahrte den Brief in ihrem Nähtischchen, dessen Schlüssel sie mit sich nahm, und zog sich dann in ihre stille und kühle Schlafstube zurück. Diese lag gegen den Hof hin, und um zu ihr zu gelangen, mußte die alte Dame an dem Zimmer vorübergehen, welches sie ihrer Verwandten angewiesen hatte. Einen Augenblick lang blieb sie lauschend an dessen Tür stehen. Es regte sich nichts dahinter. Frau v. Lauren ging weiter. Als sie in ihr Schlafzimmer trat, kam ihr das Stubenmädchen entgegen. »Gnädige Frau, ich habe die Fenster schließen müssen. Es kommt so viel Staub herein.« Frau v. Lauren nickte nur zerstreut. Sie war von den letzterhaltenen Eindrücken so erfüllt, daß sie auf das heranziehende Unwetter und den beginnenden Sturm gar nicht geachtet hatte. Merkwürdig müde geworden, legte sie sich sofort auf den Diwan und schloß die Augen. Noch immer tanzten Lichtpunkte und Feuerlinien vor ihr hin und her. Das Stubenmädchen kam noch einmal herein. »Entschuldigen, gnädige Frau, ich –« »Nun?« tönte es müde von dort her. »Sind gnädige Frau unwohl? Kann ich irgend etwas tun?« »Kopfweh habe ich, und Sie können mir ein paar Umschläge machen. Aber Sie wollten ja etwas sagen.« »Ich wollte nur sagen, daß Frau v. Lassot fortgegangen ist.« »Fortgegangen?« wiederholte die alte Dame ganz matt. »Haben Sie gut nachgeschaut?« »Ich habe in allen Räumen die Fenster geschlossen. Ich hätte Frau v. Lassot sehen müssen.« Frau v. Lauren hatte sich mühsam erhoben. »Gehen Sie rasch, Tini,« rief sie ängstlich. »Vielleicht sehen Sie meine Nichte noch auf der Straße. Weit kann sie ja noch nicht sein.« Tini begriff sofort, was ihre Herrin fürchtete. Sie lief schon hinaus. Als sie an der Küche vorbeikam, rief sie der darin herumhantierenden Köchin zu, sie solle zur gnädigen Frau hineingehen, dann eilte sie aus der Wohnung. Auf der Treppe begegnete sie der Hausmeisterin. Aber diese konnte ihr keine Auskunft geben. Unten zog der Besitzer des Delikatessengeschäftes, welches die eine Parterreseite einnahm, soeben den letzten Fensterladen zu. Auch er hatte niemand aus dem Hause kommen sehen. Tini und er schauten nach allen Richtungen aus, aber die Gesuchte entdeckten sie nirgends. Hüte sahen sie fliegen und Menschen gegen den Sturm ankämpfen. Ein Kutscher rannte der Pferdedecke nach, die wie ein Papierblatt vom Sturme davongeweht wurde. Und das alles wurde von Staubwolken überdeckt und verschlungen. Kaum atmen konnte man vor Schwüle und vor Staub. Ein paar Häuser nach rechts und ein paar nach links lief das Mädchen noch ab und kehrte dann in die Wohnung zurück. Noch einmal ging sie oben durch alle Räume, sie ließ keinen Winkel im ganzen, ziemlich weitläufigen Quartier ununtersucht, denn wenn das, was die alte Dame sowohl als auch sie und die Köchin schon immer gefürchtet, nun wirklich geschehen war, dann konnte es ganz gut auch in der Wohnung geschehen sein. Aber sie fand Frau v. Lassot nicht. Immerhin erleichtert berichtete sie es ihrer Herrin. Auch diese atmete ein wenig freier auf, aber trotzdem machte sie sich schwere Vorwürfe darüber, daß sie Leona sich selber überlassen hatte, daß sie ihr nicht gefolgt war, wiewohl sie es gesehen, daß die Unglückliche so furchtbar erregt und so gänzlich verwirrt gewesen war, daß sie nicht einmal sogleich zur Tür hinausgefunden hatte. Die gute, arme, alte Dame wurde von den beiden Mädchen zu Bett gebracht. Hier verfiel sie in einen Weinkrampf, und die Köchin lief zum Hausarzt. Es dünkte der braven Tini eine Ewigkeit, bis der Sanitätsrat Martz erschien. Er verbarg kaum seine Besorgnis, verschrieb ein beruhigendes Mittel und blieb so lange, bis Tini es aus der Apotheke gebracht hatte. Als er ging, war es neun Uhr. Schon kurz nach zehn Uhr öffnete ihm die verstörte Köchin wieder die Wohnungstür. »Was für ein Gesicht machen Sie denn?« fragte Martz. »Steht's nicht gut?« »Wir haben noch einen anderen Arzt holen müssen,« antwortete das zitternde Mädchen. »Ich war wieder in Ihrer Wohnung, aber –« »Ich war nicht zu Hause. Natürlich – ich hab's ja hinterlassen, daß ich in der Josephstadt sein mußte.« Im Salon kam ihm die Hausmeisterin mit einem Eiskübel nach. Drinnen fand er Tini und einen Kollegen. Der flüsterte ihm ein lateinisches Wort zu. Martz seufzte. »Zum zweiten Male,« sagte er. »Eines dritten Anfalles wird es nicht bedürfen. Das ist meine, allerdings unmaßgebliche Meinung; ich kenne die Natur und die Widerstandsfähigkeit der Kranken ja nicht.« »Aber ich, Herr Kollege, kenne sie, und ich fürchte mit Ihnen, daß meine arme Freundin diesmal unterliegen wird.« Doktor Martz sagte dies, die kalte Hand der Kranken zwischen seinen Fingern haltend, die kaum mehr einen Puls fühlten. Was erfahrene Arzte in solchem Falle tun konnten, geschah. Es konnte aber nicht mehr helfen. Die alte Dame kam nicht mehr zum Bewußtsein. Ein neuer Schlaganfall machte ihrem ohnehin nur noch flackernden Leben ein Ende. Noch war die Morgendämmerung nicht völlig gewichen, als Doktor Martz und sein Kollege feststellen mußten, daß der Tod eingetreten sei. Martz ließ sofort den Rechtsbeistand der Verstorbenen von deren Ableben verständigen. Er wußte, dieser würde in Anbetracht des Umstandes, daß die Verstorbene bloß von Fremden umgeben war, sogleich kommen. Und es geschah auch so. Als um fünf Uhr Morgens das Haustor vom Hausmeister geöffnet wurde, hielt ein Fiaker davor, aus welchem Tini und der Notar, den sie aus der inneren Stadt hatte herbeiholen müssen, stiegen. Die beiden Herren begrüßten sich noch, dann ging Martz nach Hause. Sein letztes Wort war: »Eine edle, liebenswürdige Frau lebt weniger!« »Und ein großes Vermögen ist frei geworden. Leider ein wenig zu spät, wird die Erbin finden,« entgegnete der Notar. Viertes Kapitel. Der Hietzinger Friedhof ist eine der schönsten und stimmungsvollsten Totenstätten Wiens. Ganz besonders stimmungsvoll ist sein ältester Teil mit jenen vielen dunkelgewordenen Gruftplatten, neben denen sich efeuumsponnene Grabsteine erheben, die ebenfalls die Farbe des Alters tragen. Nicht auf jedem dieser Steine ist die Schrift noch leserlich. Viele tausend Tränen, die die Wolken geweint, haben die Buchstaben weggewaschen, welche einst erzählten, wer da gebettet wurde zum ewigen Schlaf. Da jedoch, wo man die Schrift noch lesen kann, da merkt man, daß eine gute Gesellschaft sich hier versammelt hat. Alte Patriziergeschlechter der Kaiserstadt, der Adel und die hohe Beamtenschaft haben seit jeher ihre Familienruhestätten auf dem Hietzinger Friedhof gewählt, und heute noch, da doch im Osten der Stadt ein Riesengottesacker sich weit hindehnt, in welchem unabsehbare Gräberreihen mit ihrem reichen künstlerischen Schmuck und ihrer herrlichen Pflanzenfülle dafür Zeugnis geben, daß auch die Neuzeit ihrer Toten würdig zu gedenken weiß – noch heute sichert sich gar mancher ein Fleckchen auf dem lieben, alten Friedhof, der sich zu Füßen des reizvollen Hügels ausbreitet, welcher einst Eigentum jenes edlen Fürsten gewesen ist, der als Kaiser von Mexiko in der Blüte seiner Jahre sterben mußte. * Noch ist es nicht Zeit zum Dunkelwerden. Es ist ja ein Junitag und noch nicht acht Uhr. Und doch herrscht schon tiefe Dämmerung, denn fast schwarzes Gewölk, das jäh von den Höhen des Wiener Waldes hergezogen kam, hängt so tief auf die Erde nieder, daß kein Strahl der schon sinkenden Sonne zwischen ihnen einen Weg findet. Diese dunklen, vom Wind gejagten Wolken scheinen fast die Wipfel der uralten Baumriesen zu berühren, die zu Tausenden im Parke von Schönbrunn und auf der südlich von ihm sich erhebenden Höhe von Maxing stehen. Wildes Brausen herrscht in den üppig grünenden Wipfeln. Manch morscher Ast bricht heute, der zur Zeit, in der Napoleon zu Schönbrunn Befehle gab, ein schwankendes Zweiglein gewesen, und tausend solcher schwanker Zweiglein, die keine tüchtigen Äste werden durften, weht derselbe Sturm dem alten Holze nach. Auch auf dem Hietzinger Friedhof splittert und kracht und knackt und knarrt es, geht ein brauner Regen von Zweigen und ein grüner Hagel von Blättern nieder, wanken Grabkreuze und werden Kränze verweht, rauschen welkgewordene Blumengaben und zittern seidene Bänder, auf denen innige Liebesworte stehen. Die Leute des Totengräbers haben alle Hände voll zu tun, um die vielen Topfpflanzen, die zur Verwendung auf den Gräbern in der Nähe des Hauses bereit stehen, unter ein schützendes Dach zu bringen. Der Schuppen, in welchem die Pflanzen bei solchen Gelegenheiten untergebracht werden, befindet sich links vom Hause und steht, wie dieses, dicht an der straßenwärts gelegenen Friedhofsmauer. Rechts von dem Hause des Totengräbers, aber um einiges tiefer gelegen, befindet sich das Tor, welches im Sommer um acht Uhr geschlossen zu werden pflegt. Soeben schlägt es acht Uhr. Allein der Lärm ringsum verschlingt die Stimme der Glocke. Auch die Zeiger sieht man nicht mehr, denn dazu ist es schon viel zu dunkel. Außerdem denkt wohl keiner von den Leuten heute daran, pünktlich das Tor zu schließen. Sie rennen alle, um die Blumen zu bergen. Doch der Johann Seifert, einer der ältesten Gehilfen des Totengräbers, ist ein gar gewissenhafter Mann. Allerdings kommt es ihm heute nicht zu, das Tor zu schließen und die abendliche Durchsuchung des Friedhofes vorzunehmen, aber ersteres wenigstens will er besorgen, weil der andere, dem es zukäme, soeben mit einem Kameraden einen großen Korb voll Blumenstöcken nach dem Schuppen trägt. Seifert geht also in das Haus, holt den Schlüssel, steigt zu dem Tor hinab, schlägt es zu und sperrt es ab. In dem Augenblicke, als er ins Haus ging, hatte eine schwarzgekleidete Dame den Friedhof betreten und schreitet jetzt, unbekümmert um das Brausen des Sturmes und das Fallen der Zweige, den Mittelgang hinauf. Als Seifert, nachdem er das Tor geschlossen, zum Hause zurückkehrt, wirft er gewohnheitsmäßig einen Blick rundum, aber da war die Frau soeben hinter einer Gruppe von Lebensbäumen verschwunden. Leona v. Lassot kennt den Hietzinger Friedhof recht gut, weil ihr Gatte hier begraben liegt, den sie vor kaum zwei Jahren verloren hat. Damals hat sie noch in Wien selbst gewohnt und ist wochenlang täglich herausgefahren. Sie hat ihn ja leidenschaftlich geliebt, diesen schönen, auch in der Armut noch eleganten Mann, wie sie ja ebenso ihren Sohn, welcher körperlich sein Ebenbild war, geliebt hat. Zu jener Zeit lag Roberts Regiment in Galizien, und der junge Offizier hatte nicht einmal zum Begräbnis kommen können. Etliche Monate später war er aber nach Wien versetzt worden, und sehr bald danach zog sie auf seinen Wunsch in ein kleines Dorf im Waldviertel, in der Nähe von dem Städtchen Horn gelegen. Die Tante eines seiner Kameraden hatte dort eine Besitzung, und da der Ort ganz besonders billig war, konnte eine alternde Frau, die auf eine schmale Pension angewiesen war, gar nichts Besseres tun, als dahin überzusiedeln. Frau v. Lassot tat es zwar furchtbar weh, ihrem geliebten Toten, wie ihrem geliebten Lebenden von nun an fern bleiben zu müssen, aber sie tat doch – wie immer – was Robert wollte. Er wollte es ja doch nur in seiner liebenden Fürsorge für sie. Es machte ihr nicht viel aus, daß sie in einem überaus bescheidenen Häuschen wohnen mußte, daß das Dorf in einer aussichtslosen Talmulde stand und von sumpfigen Wiesengründen umgeben war. »Das alles weiß er halt nicht und stellt es sich ganz anders vor.« Damit entschuldigte sie Roberts Mißgriff in Bezug auf ihren Witwensitz. Und als er sie einmal, es war noch gar nicht lang her, besuchte und keinen von all den vielen Mängeln ihres jetzigen Wohnortes bemerkte, entschuldigte sie ihn wieder mit seinem unpraktischen Sinn und ahnte noch immer nicht, daß er ganz genau wußte, wohin er sie gesandt oder vielmehr verbannt hatte, um sie los zu sein. Sie genierte ihn, und das wußten mehrere; nur seine Mutter wußte es nicht, die meinte nach wie vor, daß die Welt ihn nur nicht recht gekannt habe, daß ihr mit ihm alles gestorben sei, was sie noch auf Erden festhielt. Deshalb hat sie bis vor einer halben Stunde gemeint, daß auch für sie der Tod das beste, ja das einzige sei. Bis vor einer halben Stunde! Jetzt aber weiß sie, daß sie noch auf Erden zu tun hat. Ihrem Robert dies zu sagen, ist sie nach Hietzing gefahren, und eilt nun fast atemlos zur Familiengruft der Lauren, in welcher auf Wunsch der Oberstenwitwe ihr Sohn beigesetzt worden war. Sie merkt gar nicht, wie sehr sie gegen den Sturm ankämpfen muß, fühlt nicht, daß ihr die Äste der Trauerweiden, unter denen sie dahineilt, ins Gesicht schlagen, daß Sand sie umwirbelt und sie in einem wahren Laubregen geht. Ganz dunkel ist der Gang, in welchen sie jetzt einbiegt. Fast schwarz erscheinen die Lebensbäume, die da und dort in dichten Gruppen, gleich Trauernden, die Gräber umstehen, und fast schwarz die Efeubehänge, die sich mit Tausenden von Luftwurzeln an die Grabsteine klammern. Frau v. Lassot ist an ihrem Ziele, an der Gruft, die ihren vergötterten Sohn umschließt. Ihre zitternden Hände klammern sich an das kunstvolle Gitter, ihre Augen füllen sich mit Tränen, mit diesem Labsal der Niedergebeugten, das ihr in dieser schweren Zeit bis jetzt versagt geblieben ist. »Mein Kind – mein Kind!« stöhnt sie plötzlich in tiefstem Leid auf und sinkt an der Gruft nieder, preßt das Gesicht an die Eisenstäbe und schluchzt, als wolle sie ersticken in ihren Tränen. Immer dunkler wird es ringsum. Immer toller tobt der Sturm, der zum Orkan geworden ist. Schier bis zur Erde beugen sich die Weiden nieder, welche die Gruft der Lauren allzeit in stimmungsvolles Dunkel hüllen. Jetzt liegt sie wie in tiefster Nacht da, und es ist, als ob sie auch schon die dunkle Gestalt verschlungen habe, die an ihr hingestreckt liegt. Der Schmerz hat ganz und gar Besitz ergriffen von dieser Mutter. Es ist fast schon eine Stunde vergangen, seit sie im Friedhofe ist. Da fährt in unmittelbarer Nähe ein Blitz nieder. Er taucht sekundenlang den Friedhof in ein unerträglich helles, blaues Licht. Frau v. Lassot erhebt sich jäh. Sie weiß plötzlich, wozu sie hierher gekommen ist. Nicht um zu weinen und zu klagen – nein. Einen Schwur will sie zum zürnenden Himmel emporschleudern, einen Schwur des Hasses und der Rache. Ganz vergessen hatte sie gehabt, daß es einen Ernst und eine Klementine Teck auf Erden gibt. Immer nur hatte sie an ihr verlorenes Kind gedacht, und der Jammer um dieses hatte für nichts anderes Raum in ihr gelassen. Aber der Brief, den Frau v. Lauren ihr heute gegeben, der hat sie aus dieser Apathie aufgejagt. Eine unsinnige Wut erfüllte sie, als sie diesen elenden Brief gelesen. Klementine und Ernst hatten Robert in die Schande und in den Tod getrieben! Klementine hatte seine Liebe verworfen. Da hatte er sich betäuben müssen im wilden Strudel des Lebens. Da hatte er sogar in einer anderen Verbindung Vergessenheit suchen müssen. »Mit Recht hast du sie verflucht!« preßt, Roberts letzter Worte gedenkend, das verblendete Weib zwischen geschlossenen Zähnen hervor. »Mit Recht hast du sie verflucht!« wiederholt sie, weil sie sich von diesem Gedanken nicht losreißen kann, und ihre Hände umklammern grimmig die Gitterstäbe der Gruft. »Und deinem Fluch lass' ich den meinen folgen! Sterben habe ich wollen, weil du nimmer bist, der du mein Glück, mein Stolz warst, du, der einzige, der noch zu mir gehörte, du, der Worte fand für seine arme Mutter, so kosend, so traut, daß sie mich in den Himmel hoben, daß sie mir die Einsamkeit vergoldeten. Aber deine letzten Worte verpflichten mich zum Leben. Ich verstehe dich! Rächen soll ich dich. Deine verschwendete, herzlos zurückgewiesene Liebe, dein verschwendetes, verratenes Vertrauen, deine Angst, deine Verzweiflung, deinen bitteren Tod – ich will und ich werde sie rächen. – Mein Sohn, du hörst mich! Tausendfachen Fluch den zweien, die deine Mörder sind! Tausendfache Rache den zweien, die mich kinderlos gemacht haben!« Sie ließ die Hand, die sie zum Schwüre über die Gruft gestreckt hatte, langsam sinken. Ihre heisere Stimme, vom Sturm verweht und übertönt, war zuletzt ganz schwach geworden. Sie fühlte es nicht, daß ihre Knie zitterten, daß sie wankte, als sie sich zum Gehen wendete. Sie machte nur zwei Schritte, dann taumelte sie und sank ohnmächtig neben dem Gitter der Gruft zu Boden. * Gegen neun Uhr machte der diensthabende Gehilfe des Totengräbers mit dem Hunde, der bei solchem Anlasse stets mitgenommen werden mußte, den allabendlich stattfindenden Rundgang durch den Friedhof. Sonst pflegte dessen Durchforschung nach etwa zurückgebliebenen Besuchern sogleich nach Torsperre zu erfolgen. Heute aber war man, des Unwetters halber, nicht so pünktlich gewesen. Der Mann begnügte sich, da es noch immer stürmte, damit, die Hauptwege des Friedhofes abzugehen. Der Hund wich wohl zuweilen nach rechts oder links ab, aber auch er entdeckte die Frau nicht, welche an der Laurenschen Gruft lehnte. Mann und Hund beeilten sich überhaupt, wieder unter Dach zu kommen, denn immer toller trieb es der Sturm. Es war noch immer drückend schwül, und noch immer war kein Tropfen gefallen, wiewohl das Unwetter schon fast zwei Stunden über Wien hinraste. Gegen zehn Uhr erst war die Macht des Sturmes gebrochen, und um Mitternacht herrschte schon wieder die gewöhnliche, tiefe Stille in dem schönen, alten Friedhof. Frau v. Lassot öffnete um diese Zeit einmal ganz weit die Augen. Sie sah einen schwarzblauen Himmel über sich, auf welchem Tausende von Sternen funkelten, und sah dunkle und lichte Grabsteine vor sich und die unsicheren Umrisse von Strauchwerk und Bäumen. Die Augen fielen ihr wieder zu, ohne daß sie zu wirklichem Bewußtsein ihrer Lage gekommen wäre. Erst die Morgensonne brachte sie zu sich selbst. Das Tor des Friedhofes war heute schon sehr früh geöffnet worden, denn es sollten viele Fuhren Blumenerde hereingeschafft werden. Das schwere Rollen des ersten herankommenden Wagens weckte Frau v. Lassot völlig aus ihrem Halbschlummer. Sie mußte sich erst darauf besinnen, wo sie sich befinde, und was hier vorgegangen war. Da wurde ihr Gesicht hart, und nachdem sie sich erhoben hatte, streckte sie noch einmal die Hand über die Gruft hin und murmelte: »Meinen Schwur halte ich dir, Robert. Aus unserem Leid soll ihnen noch schwereres Leid erwachsen. Werde ich aber müde, so werde ich mir hier wieder Kraft holen.« Langsam ging sie dem Tore zu. Noch immer hatte kein Mensch sie gesehen. Es war das ein Zufall, denn schon seit vier Uhr waren der Totengräber und seine Gehilfen damit beschäftigt, nach den Schäden zu schauen, welche der Sturm angerichtet hatte. Erst als Frau v. Lassot schon dem Tore nahe war, begegnete sie einem Menschen. Es war der Fuhrmann des zweiten Wagens, welcher, mit Erde beladen, langsam den Weg heraufkam. Der Mann sah ihr erstaunt nach, ging aber dann ruhig neben seinen Pferden weiter. Fünftes Kapitel. Als Klementine an jenem Sonntag, für welchen sie Franz Kern, den Abteilungschef des Warenhauses Groß \amp; Komp., eingeladen hatte, sie mit seinem jüngeren Bruder Karl, einem im nächsten Dorfe angestellten Lehrer, auf Wellhof zu besuchen, von der Klosterneuburger Messe nach Hause kam, fand sie Ernst so verstört, daß zum ersten Male eine wirklich große Angst um ihn sie ergriff. Die beiden aßen fast nichts, und die Baronesse versuchte es umsonst, den Bruder seinen düsteren Gedanken zu entreißen. Nach dem schrecklichen Ende seines Vetters gab er sich jetzt ernsten Zweifeln darüber hin, ob er bezüglich des Wechsels denn auch wirklich richtig gehandelt habe. Jedenfalls beklagte er es als ein Unglück, daß er nicht hatte helfen können, daß darüber ein Menschenleben zu Grunde gegangen war und vielleicht auch noch ein zweites zu Grunde gehen würde. Der arme Baron brauchte heute nicht erst zum Fenster hinauszuschauen, wo ihm die verwüsteten Fluren von seinem Ruin erzählten, er brauchte nur an Robert und dessen unglückliche Mutter zu denken, um selber tief unglücklich zu sein. »Ist es dir unangenehm, daß die beiden Kern kommen werden?« erkundigte sich seine Schwester ängstlich, weil sie ihn nicht aus seinem Brüten herauszureißen vermochte. Er reichte ihr die Hand über den Tisch hin. »Nein, Klemi,« sagte er. »Ich danke dir sogar für diese Einladung. Karl ist mir ja ein lieber Vertrauter, und auch sein Bruder ist mir sehr sympathisch. Mit den beiden wird uns dieser trübe Tag wenigstens ein bißchen kürzer werden.« Ihre Augen richteten sich auf das hellglänzende Landschaftsbild hinaus. Diesseits und jenseits der Donau dehnten sich Wiesen und Felder, und zwischen diesen flossen die noch stark angeschwollenen Wassermassen des Stromes dahin, der unter dem tiefblauen Himmel heute ausnahmsweise tatsächlich zur »blauen« Donau geworden war. Und jetzt blitzen sie auf, diese schönen dunkelblauen Augen, und über das schon lange Zeit her so blasse Gesicht der Baronesse fliegt helles Rot. Ihre Hand zuckt in der ihres Bruders. Da schaut er ihr ins Gesicht. »Was ist dir?« fragt er erstaunt. Sie antwortet ihm nicht; noch immer sind ihre Augen auf das offene Fenster gerichtet, das die Landschaft auf weithin übersehen läßt. Auf der Straße, welche zu dem reizenden kleinen Greifenstein führt, kommt ein Reiter daher, ein Offizier. Auch der Baron hat ihn jetzt erkannt. Er seufzt schwer auf und schaut mitleidig aus seine Schwester. Ihr Blick begegnet dem seinen. Es ist alle Freude aus ihren Augen, alle Röte aus ihren Wangen schon wieder geschwunden. Sich rasch erhebend sagt sie fast rauh: »Ich weiß ja, daß es dumm ist, aber – aber ich kann mir nicht helfen. Ich werde es ihm heute sagen, daß er nicht wieder kommen soll.« Auch der Baron hat sich erhoben. Rasch ist er auf seine Schwester zugetreten und hat sie an seine Brust gezogen. »Meine Klemi, wenn ich dir doch helfen könnte! Ich möchte dich ja so gern glücklich sehen. Aber ich kann dich nicht einmal vor den alltäglichen Sorgen der Armut bewahren, so ohnmächtig bin ich. Wie sollte ich das Glück deines Herzens bewahren können?« Klemi versucht wieder zu lächeln. »Ich weiß, daß du mich lieb hast,« sagt sie leise, »und das ist schon sehr viel. Wir müssen es halt miteinander tragen, daß wir gar so arm sind und nicht zum Glück kommen können.« »Meine arme Schwester!« murmelt er und drückt zärtlich seine Lippen auf ihr Haar. »Weißt du,« fährt Klementine fort, »ich muß heute mit Eugen unbedingt reden. Er ist ja blind. Er will blind sein! Aber ich muß ihm die Augen öffnen, es muß zu Ende kommen zwischen ihm und mir, denn ich wüßte nicht, auf welche Art ich die Frau eines armen Offiziers werden könnte.« Sie kann nicht weiterreden. Ein Tränenstrom, ein mächtig hervorbrechender Tränenstrom redet deutlicher noch, als Worte es könnten, von dem Jammer ihres Herzens. Der Baron preßt die Zähne aufeinander. »Klemi, fasse dich!« bittet er. »Soll Eugen dich so in Tränen finden?« »Recht hast du,« erwidert sie, sich die Augen trocknend. »Empfange ihn allein. Ich komme später zu euch.« Rasch geht sie aus dem luftigen, großen Speisezimmer. Jetzt wird unten Hufschlag hörbar. Ernst tritt an das Fenster und grüßt hinunter. Ein paar Minuten später tritt Eugen Braun, ein hübscher, eleganter Offizier von etwa dreißig Jahren, lebhaft in des Barons Arbeitszimmer. Die beiden Herren reichen einander die Hände. »Daß du in dieser Gluthitze herüberkommst, ist wirklich schön von dir,« begrüßt der Baron den Eintretenden. »Du mußt ja zwei Stunden unterwegs gewesen sein.« »Ich komme nicht aus Tulln. Ich komme von meinem Onkel. War da zum Frühstück geladen. Es ist heute sein siebzigster Geburtstag. So etwas feiert man schon, wenn man sonst keinen Verkehr hat, mit seinem geliebten Neffen.« »Nun – er hat dich ja doch wirklich gern.« »Mäßig, meine ich. Er ist doch nie zufrieden mit mir. Ich schmeichle ihm zu wenig, und das scheint er zu verlangen, aber von mir erlebt er es nicht. Erbgeschlichen wird nicht. Den Hof machen und seine Originalitäten bewundern, das überlasse ich anderen, und das ärgert ihn, was ich erst heute wieder fühlen mußte.« Die Herren hatten sich in einer gemütlichen Rauchecke niedergelassen, und Ernst bot dem Verlobten seiner Schwester ein Kistchen Zigarren. Es waren sehr billige Zigarren, aber die Aschenschale, welche er daneben hinstellte, war aus schwerem Silber und von ganz selten schöner Arbeit, und der Tisch, auf dem sie stand, war ebenfalls ein Prachtstück wie all die anderen hellen Möbel, die mit ihren Säulchen und Einlagen aus Ebenholz und ihrer reichen Zier aus köstlich getriebenem Metall der besten Periode des jetzt wieder so modern gewordenen Biedermeierstiles angehörten. »Entschuldige – aber du weißt, es trägt keine anderen,« sagte ein bißchen trübe der Baron, als er dem Offizier die Zigarren anbot. »Geh, laß deswegen den Kopf nicht hängen,« entgegnete Braun. »Die Zeiten werden ja auch wieder besser werden.« »Ich glaub's nicht. Hast du meine Weingärten gesehen?« »Ja. Sie sehen zum Erbarmen aus.« »Und meine Felder?« »Auch. Ich verstehe zwar nichts von der Landwirtschaft, aber daß du heuer kein Millionär werden wirst, das sehe auch ich.« »Nun also!« »Mußt du denn deshalb gar so verzagt sein?« »Ja, das muß ich, und ich muß dir auch etwas sagen.« »Schon gut. – Aber wo ist denn Klemi? Darf ich sie nicht erst begrüßen? Kann sie denn nicht dabei sein, wenn wir miteinander reden?« »Sie wird später allein mit dir sprechen.« »Worauf ich mich riesig freue, was du mir aber im Tone einer Leichenrede verkündest.« »Mir ist's eben sehr traurig zu Mute.« »Nimmst du das Pech da draußen so schwer oder – richtig, der Lassot hat sich vergiftet; Klemi schrieb mir, daß es eines Wechsels wegen war, den du nicht eingelöst hast. Du wirst dich aber doch deshalb nicht grämen?« »Auch deshalb.« »Na, jetzt hör aber auf! Soviel ich weiß, war sein freiwilliger Hingang so ziemlich das einzige Anständige, was Lassot sich jemals geleistet hat.« »Er ist tot. Ich mochte seine schlechten Streiche lieber vergessen.« »Mir scheint, du hast sie schon vergessen, sonst würdest du diesem Menschen doch keinen Gedanken mehr nachsenden.« »Wenn ich auch dies zuwege brächte, würde doch schon der Gedanke an seine Mutter mich quälen.« »Was ist's denn mit der?« »Sie ist wegen hochgradiger Nervosität im Krankenhause.« »War sie denn nicht schon immer verrückt?« »Wohl nur in Bezug auf Robert.« »Ganz gleich, was mit ihr geschehen wird, du selbst hast ganz sicher an ihrem Unglück keine Schuld. Du hast mir doch soeben angedeutet, daß du selber arg in der Klemme bist, du hast also einfach den Unsinn, einen falschen Wechsel einzulösen, gar nicht ausführen können.« »Das stimmt.« »Nun also! Warum läßt du dir denn diese Sache ganz unnötig über den Kopf wachsen?« »Höre, Eugen, du hast eine wunderbare Art, das Leben anzusehen. Ich muß dir sagen, daß wir vollständig ruiniert sind.« »Ernst!« »Und unser Unglück ist leider auch das deinige, falls du, was ich zugleich hoffe und fürchte, Klemi wirklich liebst.« Der Offizier war jetzt sehr ernst und sehr blaß geworden. Weit vorgebeugt saß er da und starrte den Baron an. »Übertreibst du nicht etwa?« forschte er voll Unruhe. Ernst schüttelte den Kopf. »Ich werde schon demnächst Wellhof meinen Gläubigern überlassen müssen.« »Und es soll keine Rettung möglich sein?« »Ich weiß keine.« »Daß auch ich da so ganz müßig zusehen muß!« »Ich kann mir's denken, daß du uns gern helfen möchtest.« Der Oberleutnant war rasch aufgestanden. Er ging erregt im Zimmer umher. »Heute reut es mich zum ersten Male –« »Was denn?« »Daß ich Onkel Konrads Schwächen gegenüber immer nur den Nachsichtigen gespielt habe, denn einzig darum ist er so unnachsichtig gegen mich. Wenn ich ihn bei jeder Gelegenheit bewundert hätte, wie er's verlangt, hätte ich über ihn und seinen Reichtum sicherlich eine gewisse Macht und könnte euch beistehen, und er verziehe mir sowohl die Liebe zu meinem Stande wie auch die Liebe zu deiner Schwester.« »Von der er noch immer nichts wissen will?« »Mehr als je ist er dagegen. Man hat ihm allerlei über deine Lage zugesteckt und –« »Und der alte Herr hat von seinem Standpunkte aus recht, wenn er nichts dazu beitragen will, daß du eine verarmte Adelige heiraten kannst. Er will ja überhaupt keine ›Baroneß‹ in die Familie bekommen, und das ist auch ein Standpunkt. Bürgerliche Gediegenheit und adeliges Herabgekommensein taugen nicht zusammen.« Braun sah ganz verwundert auf ihn nieder. »Daß du so reden kannst!« sagte er. »Nun, wenn ich auch verbittert bin, ungerecht bin ich noch nicht geworden. Aber – mir scheint, Klemi kommt. Mach ihr die paar Stunden, die ihr noch habt, nicht noch schwerer, als sie ohnehin sein werden.« Braun sah scharf in des Barons blasses Gesicht. »Denkt sie vielleicht daran, mir den Abschied zu geben?« Ernst nickte. Da lachte der Oberleutnant laut auf. »Was bleibt euch denn übrig, als euch zu trennen?« meinte der Baron. »Und sie könnte sich wirklich von mir trennen?« »Die Not zwingt sie dazu. – Still, da ist sie!« Die beiden Herren schauten möglichst unbefangen darein. Als Klementine das Zimmer betrat, ging Braun ihr rasch entgegen. Er schloß sie, was er bisher noch niemals getan hatte, ungestüm vor ihrem Bruder in die Arme und küßte sie herzlich. Befangen und ernst wehrte sie ihn ab. »Eugen, ich bitte dich, komm mit nur in den Garten. Ich habe mit dir zu reden.« Und sich zu ihrem Bruder wendend fuhr sie fort: »Die beiden Kern kommen schon. Ich lasse unten aufdecken. Karl bringt seine Violine mit, ich glaube freilich nicht, daß ich euch werde begleiten können.« »O ja, Schatz, du wirst schon begleiten können,« fiel Braun ihr in die Rede. »Warum denn auch nicht? Unsere Unterredung wird bald beendet sein, und dann kommen wir zu den Herren. Ich setze ohne weiteres voraus, daß auch für mich gedeckt wird. Der Wellhofer Rahm ist nämlich der beste auf zehn Kilometer in der Runde, und für Kaffee mit Rahm schwärme ich nun einmal.« »Wie heiter du bist!« sagte melancholisch die Baroneß. »Gott sei Dank, daß ich nicht so schwerfällig bin, wie ihr es seid!« entgegnete er, und ihr mit lustiger Förmlichkeit den Arm bietend sagte er: »So, mein gnädigstes Fräulein, jetzt führe ich Sie in den Garten und wenn Sie geredet haben werden, dann werde auch ich Ihnen etwas sagen. – Habe die Ehre!« Der letzte Ausruf galt dem Baron, der ihnen unwillkürlich lächelnd nachschaute. – Im großen parkähnlichen Garten von Wellhof gab es viele Plätzchen, an welchen es selbst in der größten Hitze noch angenehm war. Zu einem dieser Plätzchen führte Klementine ihren Bräutigam. Es war da eine bequeme Sitzgelegenheit unter einer uralten breitästigen Linde angebracht, und man konnte von hier aus weit über das Land hinsehen. Es war der Platz, an dem sie sich vor noch nicht einem Jahre mit Eugen verlobt hatte. Schwer aufatmend ließ sich Klementine auf einem der Rohrstühle nieder. Braun schob sich einen anderen so zurecht, daß er ihr gegenübersaß. »So, Schatz, jetzt rede!« sagte er. Da begann sie mutig: »Ich will es kurz machen –« »Schön!« fiel er ihr ins Wort. »Es scheint, daß du mir etwas Unangenehmes sagen willst.« »Es wird dir wohl noch mehr als nur unangenehm sein, weiß ich doch, daß du mich liebst.« »Dazu brauchst du nicht übermäßig scharfsichtig zu sein.« »O, Eugen, du bist noch immer lustig.« »Und hoffe, es zu bleiben. Aber jetzt, Herzl, rede!« »Ich wollte dir sagen, daß es besser wäre, daß es einfach notwendig geworden ist, daß wir uns trennen.« Er schaute ihr tief und gar nicht erschrocken in die Augen und bat gemütlich: »Jetzt setze mir auseinander, warum das so unumgänglich notwendig geworden ist. Liebst du mich vielleicht nicht mehr?« »Eugen!« So weich, so innig redet und blickt nur die Liebe. Braun hätte seine Braut am liebsten an sich gerissen, aber er bezwang sich und sagte ganz ruhig: »Also, wenn es das nicht ist, was kann denn sonst zwischen uns treten?« »Du weißt es vielleicht nicht, daß wir ganz, ganz arm geworden sind, daß Ernst nicht einmal die drängendsten Schulden zurückzahlen kann, und daß seine Gläubiger sich – vielleicht dauert es kein Jahr mehr – in Wellhof teilen werden. Wie können wir an eine Heirat denken, da ich nicht nur keine Kaution habe, sondern buchstäblich bald überhaupt nichts mehr besitzen werde als mein bißchen Wissen und Können und den festen Willen zu ernster Arbeit. Ich werde Lehrerin werden müssen, um meine Existenz zu fristen. Vor ein paar Tagen wußte ich noch nicht, wie so ganz schlecht es mit uns steht. Endlich aber ist Ernst völlig aufrichtig mit mir gewesen, und so weiß ich, was mir und ihm bevorsteht: die vollkommene Armut; denn nun gibt es keine Aussicht mehr, daß Ernst sich doch noch emporarbeiten könnte. Ich gebe dir also dein Wort zurück. Ich muß es dir einfach zurückgeben, denn ich wäre ehrlos, wenn ich die Fessel bliebe, die dich unfrei macht, die dich nicht emporkommen läßt. Nicht wahr, du glaubst es mir, daß ich, als ich mich dir Verlobte, nicht wußte, wie schlimm es schon damals mit uns stand, und daß Ernst dich nur deshalb nicht sogleich aufklärte, weil er damals noch mit Recht annehmen konnte, er werde sein Mißgeschick überwinden? So, Eugen, jetzt habe ich dir nichts mehr zu sagen, und hier – hier hast du deinen Ring zurück.« Sie hatte, seinen Blick vermeidend, fast ruhig geredet. Aber sie war erbarmenswürdig bleich dabei, und als sie jetzt den Verlobungsring vom Finger streifen wollte, schwammen ihre Augen in Tränen und zitterten ihre Hände. »Behalte ihn noch ein bißchen,« sagte Braun und legte seine schlanke Hand auf die ihre. »Eines noch will ich klar von dir ausgesprochen haben.« »Frage. Ich meine aber, ich habe dir schon alles ehrlich gesagt.« Sie wischte sich dabei mit ihrer freien Hand die Tränen aus den Augen. Sie ahnte nicht, wie reizend ihr hübsches Gesicht war, während ihre Augen auf dem seinen ruhten. Wieder mußte er den Drang, sie an sich zu reißen, niederzwingen. Nur herzlich, gar nicht leidenschaftlich klang seine Stimme, als er fragte: »Du fürchtest dich also sehr vor der Armut?« »Nicht meinetwegen, nur weil sie mich von dir trennt.« »Du könntest dich jedoch in bescheidene Verhältnisse finden?« »Weißt du es denn wirklich nicht, daß ich den Mangel schon kennen gelernt habe?« »Aber noch nicht die wirkliche Not, denn diese hat dein Bruder bis heute von dir ferngehalten. Wenn du dich aber erst einmal ganz einschränken müßtest, wenn du zum Beispiel so ganz einfach leben müßtest wie Frau Kern –« »Die ist ja glücklich, denn die zwei haben sich ja so lieb!« »Na, dann ist also alles in Ordnung.« »Eugen!« »Und du wirst, freilich erst etwa in einem halben Jahre, meine Frau.« »Eugen, du vergißt –« »Daß ein Offizier die Kaution braucht, daß wir zwei sie nicht erlegen können, und daß auch mein Onkel sie nicht erlegen wird, denn er will von einer adeligen Nichte nichts wissen. – O nein, Schatz, das vergesse ich nicht! Aber an anderes denke ich. Ich muß ja nicht Offizier bleiben.« »O ja, du mußt Offizier bleiben,« entgegnete Klementine, aus deren Gesicht wieder alles Blut wich, »du liebst ja deinen Beruf über alles.« »Über alles, Klemi, liebe ich ihn nicht. Ehe ich dich aufgebe, eher entsage ich meinem Stande. Nur sogleich kann ich das nicht tun. Das Werk, das ich zu schreiben begonnen habe, muß ich vollenden, das bin ich meinem Ehrgeiz und noch weit mehr meinem militärischen Pflichtgefühl schuldig. Man erwartet das Buch, und ich kann es nur als Offizier vollenden. Inzwischen aber kann ich die Fühlhörner nach einer anderen Stellung ausstrecken. Irgend etwas, das uns beide ernährt, werde ich schon finden, und dann, Klemi – Oder willst du wirklich nicht mit nur tapfer in ein bescheidenes Leben hinuntersteigen? Überlege es dir gut, ehe du mir zum zweiten Male dein Wort gibst, meine Frau zu werden. Andere werden um dich freien, denn du bist schön und von vornehmer Herkunft und – des Grafen Plein bist du sicher, der nimmt dich, wie du gehst und stehst. Willst du aber mein bleiben, dann wirst du eine sehr bescheidene, kleine Frau Braun bleiben. Also, Klemi, überlege und denke dabei an Plein!« Aber Klemi hatte schon überlegt oder brauchte nicht zu überlegen, denn sie streckte ihm aufschluchzend die Arme entgegen. Nun umschloß er sie innig und küßte sie heiß auf den selig lächelnden Mund. »Bleibst also doch mein!« jubelte er, und trotz seines tiefinnerlichen Frohgefühls lief eine Träne über seine Wange. Langsam, ganz langsam gingen sie dem Hause zu. Sie sahen feierlich und sehr glücklich aus. Klementine hatte im kühlen Gartensaal decken lassen, und als die beiden Verlobten jetzt den Raum betraten, erhoben sich die Brüder Kern zur Begrüßung, die sehr herzlich ausfiel. Ernst, der schon seine Violine im Arme hielt, trat zu Braun. »Ihr seht ja ganz merkwürdig ruhig aus,« sagte er leise. »Findest du?« entgegnete humorvoll der Oberleutnant. »Nun, ich will dir nur sagen, du bist nach wie vor mein künftiger Schwager und wirst diese Würde bald in Wahrheit antreten.« Der Baron schüttelte den Kopf. »Habt ihr vielleicht einen Schatz im Garten gefunden?« »Nein, nur eine Gewißheit.« »Die ist?« »Daß wir nicht voneinander lassen. Ich trete ins Zivil über, das ist der Schlüssel zur Lösung der ganzen Frage.« »Hast du dir das auch überlegt?« »Ja, Alter – mit dem Herzen wie mit dem Verstand.« Sechstes Kapitel. Gegen halb acht Uhr kam Frau v. Lassot vor der Korridortür ihrer Tante nach der auf dem Hietzinger Friedhof verbrachten Nacht an. Es kam soeben ein ihr unbekannter Herr heraus. Tini hatte ihm die Tür geöffnet. Das Mädchen sah recht übernächtig und ganz verweint aus. Und jetzt schrie sie plötzlich auf: »Da ist sie ja!« Doch rasch faßte sie sich wieder und sagte ruhiger: »Aber, gnädige Frau, warum sind Sie denn über Nacht ausgeblieben?« »Was unterstehen Sie sich!« entgegnete Frau v. Lassot hochmütig. »Meine Gnädige,« fiel da der Herr ein und sah der zornigen Frau streng in die Augen, »kommen Sie herein, denn ich habe mit Ihnen zu reden.« Dabei faßte er sie am Arme und führte sie in das Vorzimmer. Da pflanzte er sich dicht vor ihr auf und sagte leise, aber sehr deutlich: »Sie und Ihr merkwürdiges Verhalten sind an allem schuld, was heute nacht hier vorgegangen ist. Das mußte ich Ihnen sagen. Die Frau Oberst hat sich mit Ihnen das Unglück ins Haus genommen. Aus Angst, Sie hätten sich etwas angetan, hat die alte Dame zum zweiten Male einen Schlaganfall gehabt, dem sie erlegen ist. Sie werden es wohl jetzt begreifen, daß das Mädchen Sie so empfangen hat. Adieu, meine Gnädige!« Draußen war er, der heftige kleine Herr Doktor Martz. Frau v. Lassot starrte ihm nach. Sie war ungeheuer erschrocken. Nach und nach erst wurde es wieder licht um sie. »Tot!« sagte sie leise vor sich hin. »Auch hier war der Tod!« Da fiel ein Schatten auf den lichten Läufer, auf welchem sie stand. Ein hochgewachsener Mann von mittleren Jahren und vornehmer Erscheinung stand vor ihr. »Wer sind Sie?« fragte sie. »Notar Fester, der Vermögensverwalter und Testamentsvollstrecker Ihrer nun entschlafenen Frau Tante.« Er sah dabei aufmerksam in das Gesicht der vor ihm Stehenden. Es ging darin blitzschnell ein auffallender Wandel vor. Noch soeben welk und fahl, sah es jetzt um Jahre jünger aus, so gespannt war jeder Muskel, so rot waren die Wangen, so blitzten die Augen. Doktor Fester war innerlich angewidert von der gierigen Erwartung, welche dieses Gesicht ausdrückte. Aber rasch verwandelte sich dessen Ausdruck wieder, und wohl unbewußt schlüpften ein paar Worte über Frau v. Lassots Lippen. »Zu spät!« sagte sie leise. Fester war gar nicht überrascht davon, daß sie so dachte, aber daß sie diesem Denken so klaren Ausdruck gab, darüber war er verwundert. Sein Blick sagte ihr dies unumwunden, und sie besann sich, verstand ihn und wurde bis in die Haare hinein rot. Sie tat ihm jetzt leid. Er wies nach der offenen Tür, durch welche man in den Salon kam. Sie ging langsam hinein und sank auf den nächsten Sessel. »Sie fragten wohl schon,« begann sie verwirrt, »warum ich heute nacht nicht daheim war. Ich las Roberts Brief, seine letzten Worte an mich. Tante gab ihn mir gestern erst. Da ging ich zu meinem Sohn. Im Friedhofe wurde ich eingeschlossen – ich wollte übrigens gar nicht fortgehen.« Sie schwieg erschöpft. Er fragte: »Und an Frau v. Laurens Angst dachten Sie nicht, auch nicht daran, daß sie schon sehr alt und sehr schonungsbedürftig war?« Da lachte die Frau hart auf. »Ich dachte die ganze Zeit her überhaupt nur an mein Kind und an mein Unglück und an meine –« Sie vollendete den Satz nicht. Er mußte einen häßlichen, einen schrecklichen Schluß haben, wenn dieser Schluß dem Aussehen Frau v. Lassots entsprach. Ihr Gesicht war verzerrt, ihre Augen drängten sich fast aus den Höhlen, und ihre Hände ballten sich krampfhaft. Fester war unwillkürlich einen Schritt zurückgewichen. »Gnädige Frau –« Sie unterbrach ihn. »Niemand ahnt ja, wie sehr ich meinen Sohn geliebt habe und wie ich um ihn traure.« Dann mochte es ihr einfallen, daß sie jedenfalls Teilnahme zeigen müsse, und sie erkundigte sich eifrig nach den Vorgängen der vergangenen Nacht. Fester erstattete ihr kurzen Bericht. Dann begehrte sie die Tote zu sehen. Fester klingelte Tini herbei. »Führen Sie Frau v. Lassot zu ihrer Tante!« sagte er. Die beiden verließen den Salon. Er sah ihnen eigentümlich lächelnd nach. »Ja, lauf nur,« murmelte er, »überzeuge dich nur, daß sie wirklich tot ist! Kannst ruhig sein. Die gute alte Frau steht nimmer auf, um ein klügeres Testament zu machen, um Würdigeren ihr Vermögen zu hinterlassen. Es bleibt alles, alles dein. Auch dein Geheimnis bleibt dein. Rechtzeitig ist es dir diesmal eingefallen, daß man vor Fremden nicht alles ausplaudern darf. Was sie wohl noch hat sagen wollen?« Er ging ins Nebenzimmer. Da stand ein zierliches Nähtischchen, dessen Schlüssel sich stets in Frau v. Laurens Schlafrocktasche befand. Wenn der Notar Fester, statt sich nur für den Schreibtisch und den Geldschrank der Verstorbenen zu interessieren, in jenem Tischchen Nachschau gehalten hätte, so wäre ihm eine deutliche Antwort auf seine letzte Frage geworden. Aber Juristen interessieren sich wohl für Nähtische nur selten, und nur selten bergen solche den letzten Haß- und Racheschrei eines moralisch Verkommenen. Das Tischchen blieb also ununtersucht. Der Notar suchte einzig und allein, einem schriftlich festgestellten Wunsch der Verstorbenen gewissenhaft nachkommend, in deren Schreibtisch alle ihre Korrespondenzen zusammen, bezüglich derer sie ihn verpflichtet hatte, sie noch am Tage ihres Ablebens zu verbrennen, und notierte alle Wertpapiere, welche sich in dem eisernen Kassenschranke befanden. Nachdem er diese Pflicht gewissenhaft erfüllt hatte, verließ er die Wohnung. Frau v. Lassot hatte er nicht mehr zu Gesicht bekommen. Diese befand sich allein bei der Toten. Noch lag die so rasch Abgerufene, mit einem leichten Zug des Schreckens im guten Gesichte, auf ihrem Lager. Hätte der Tod nicht vergessen, jenen Ausdruck des Schreckens aus ihren Zügen zu tilgen, man hätte gewähnt, daß die alte Dame nur schlafe, eine so natürliche Lage hatte ihr Doktor Martz gegeben, der seine liebe Freundin so sanft zu ihrem letzten Schlaf gebettet hatte. Jetzt schauten freilich Augen auf die Tote, in denen nicht eine Spur von Teilnahme lag. Ein einziger Gedanke, ein immer wieder und immer störriger auftauchender Gedanke verscheucht alles Gute in der Erbin der Toten. Das Vermögen, das ihr nun zufallen wird, wie hätte Robert darin geschwelgt! »Zu spät!« sagt das schreckliche Weib wieder. Grimmig neigt sie sich zu dem Ohr der Toten und flüstert ihr heiser zu: »Warum bist du nicht früher gestorben?« »Warum bist du nicht früher gestorben?« schreit sie plötzlich auf und rüttelt den starren Arm der Leiche. Dann taumelt sie empor. Ein gräßliches Lächeln umspielt ihren Mund und glimmt in ihren Augen. »Nun,« murmelt sie, »Glück kann ich ihm und mir mit deinem Gelde nicht mehr kaufen – Glück nicht, aber – Rache!« Siebentes Kapitel. Der Uhrzeiger auf der Mariahilferkirche erreichte m wenigen Minuten die achte Morgenstunde. Ein windiges, regnerisches Wetter trieb die Leute auf der Straße eilig ihrem Ziele entgegen. Alle hüllten sich heute nach dem argen Wettersturz, der die Augusthitze in eine wahre Oktobertemperatur umgewandelt, in ihre Überkleider. Viele von diesen dahinhastenden Menschen bogen von der Mariahilferstraße in die Kirchengasse ab, um durch diese die Lindengasse zu erreichen, in welcher der stattliche Hinterbau des Warenhauses Groß \amp; Komp. liegt. Vor diesem Gebäude staute sich eine Menge von jungen Leuten, zumeist junge Herren. Die überwiegende Anzahl davon waren das, was der Wiener »Gigerl« nennt. Eleganz billigster Art nach jeder Richtung hin war das Charakteristische an ihnen: die Haare sehr sorgfältig gebürstet, die Krawatten ein wenig auffallend, kecke Hüte, unmögliche Stöcke – das stimmte fast bei jedem der lebhaft Plaudernden, die es offenbar gewohnt waren, die Augen ebenso unablässig zu gebrauchen wie das Mundwerk. Ihre Blicke folgten lebhaft den vielen jungen Damen, welche vorüberkamen. Es waren tatsächlich fast lauter hübsche, niedliche Persönlichkeiten, und merkwürdigerweise sahen sie fast alle gesund und frisch aus, diese kleinen Näherinnen und Kontoristinnen, Schreibfräulein und Putzmacherinnen, welche da zu ihren Arbeitsstätten eilten, um zehn oder wohl auch noch mehr Stunden in mehr oder minder ungesunden Lokalen eine der Gesundheit mehr oder minder zuträgliche Arbeit zu leisten. So viele glänzende Augen und so viele liebe, junge Gesichter wie Morgens zwischen sieben und acht Uhr in den Straßen Wiens sieht man nicht leicht anderswo beieinander. Es hielten auch viele von den Mädchen vor dem Warenhause an. Es wurden zwischen ihnen und ihren »Kollegen« Händedrücke verschiedenster Schattierungen und lustige, sentimentale oder wohl auch temperamentvolle Blicke und Worte getauscht. Dann schlüpften die jungen Damen ins Haus. Sie warteten, auch wenn sie vor acht Uhr kamen, fast niemals aus der Straße, sondern begaben sich lieber sogleich in ihre Garderobe, denn bekanntlich haben Frauen nach dem Ablegen ihrer Überkleider und Hüte immer viel an sich zu Zupfen und zu richten, bevor sie mit ihrer äußeren Erscheinung Zufrieden sind. Außerdem plauscht sich's in der Garderobe viel angenehmer als auf der nassen, windigen Straße, und man hat sich ja häufig etwas mitzuteilen, wovon die »Kollegen« draußen nichts zu wissen brauchen. Der Hüter der Damengarderobe, ein schon etwas angejahrter Mann von beschaulicher Rundung, wurde, wenn die Mädel anrückten, immer um ein Paar Jahre jünger. Sie brachten ja so viel Leben, so viel frische Lustigkeit mit sich. Weil ihre Augen glänzten, wurden unwillkürlich auch die seinigen lebhafter, weil sie lachten, lächelte auch er, und sogar seine Bewegungen wurden flinker, wenn die jungen Dinger um ihn herumhuschten, und nicht immer konnte seine Würde von Amts wegen ihrem Übermut standhalten. Da plauderte er halt auch ein paar Worte und schmunzelte vergnügt, wenn sie so heimlich tuschelten und kicherten. Nur schade, daß der ganze Zauber, der sich täglich freilich viermal wiederholte, nur so kurz dauerte, denn wenn er wieder allein saß in seiner Garderobe mit den vielen Kastenreihen und der nicht minder kahlen Aussicht auf ein paar hohe Mauern, dann wußte der gute Obermayer immer wieder, daß er alt geworden ist, daß kein roter Mund ihm auch nur eine einzige Stunde seines Lebens fortlachen kann, und daß er allen diesen glänzenden Augen nichts anderes als das Bild eines guten, dicken, alten Mannes bietet. Aber darüber wurde er nicht nachdenklich oder betrübt, denn er war ein gescheiter Mensch, der wackere Obermayer. Er wußte gut, daß jeder seine Zeit hat, und wie das Altertum nicht Mittelalter und dies nicht Neuzeit und die Neuzeit nicht Zukunft sein kann, und jede Periode ihr Recht hat und ihre Herrlichkeiten und ihre Mängel, so auch die Perioden eines Menschenseins. Und ein in Anstand herangekommenes Alter ist nicht die schlimmste Zeit für den Menschen, sonst allerdings ist das Altwerden eine Pein und das Altgewordensein recht häßlich. Obermayer, der Philosoph in der Garderobe, fühlte zu seinem Glücke derlei Pein nicht, allein es machte ihn doch immer wieder nachdenklich, wenn er die jungen Dinger beisammen sah. Über ihren Frohsinn denkt er nach und über ihre immer wieder hervorbrechende Lustigkeit. »Warum sind sie denn nur gar so fidel?« fragt er sich oft, er, der weiß, daß sie zu so überschäumendem Frohsinn eigentlich gar keine Ursache haben, sie, die Kinder der Armut, die, kaum der Schule entwachsen, schon verdienen müssen von früh bis Abends im Arbeitsjoch, die keine gesicherte Zukunft haben und, wenn nicht das Glück ganz unverhofft kommt, einem Alter voll Sorgen und Entbehrungen entgegengehen. Er sorgte sich sehr um die jungen Mädchen, der brave Obermayer, aber dabei fiel es ihm ein, wie viel Lichtes ja doch auch in jedem Leben sich findet. Gibt es nicht freie Tage mit Sonnenschein und Ausflügen? Und gibt es nicht Abendstunden, auf die man sich den ganzen Tag freuen kann? Und die Liebe, die tiefinnige Liebe, die gerade in den Herzen der Armen so oft ihr Hauptquartier aufschlägt – vergoldet denn nicht auch sie ihr Leben? Er lächelte, da er an seine eigene Jugend dachte, und er begriff, warum die jungen Mädchen immer so kreuzfidel waren. Alle freilich waren es nicht. Es gingen einige in Trauer Gekleidete vorüber, und eine zwar sehr einfach, jedoch besonders elegant gekleidete junge Dame stand schon eine ganze Weile vor dem offenen Schrank und starrte regungslos vor sich hin. »Na, Fräulein Hartwig,« sagte der Garderobier, »was ist denn Ihnen übers Leberl gelauf'n?« Sie gab ihm nicht sogleich eine Antwort, nicht aus Unhöflichkeit, sondern weil ihre Gedanken weit weg waren. Seine Anrede hatte sie aber doch vernommen und auf sich bezogen, und so fragte sie: »Was meinen Sie, Obermayer?« »Was Ihnen heut fehlt, hab' ich gefragt.« »Nicht mehr als sonst.« »Also was denn?« »Geld, Geld und noch einmal Geld.« »So gierig aufs Geld sind Sie auf einmal geworden? Sie verdienen ja weit mehr als die meisten anderen.« »Es ist halt immer noch viel zu wenig. Mit dem, was ich und mein Bräutigam verdienen, können wir nicht heiraten.« »So also ist die G'schicht'?« »Ja – so ist sie!« bestätigte Fräulein Hartwig, steckte ein wenig ungestüm die Nadeln in den abgenommenen Hut und fuhr, während sie ihn in den Kasten legte, zornig fort: »Und an dem allen ist die alte Hex', die Bauer, schuld, die den Erich nicht ins Geschäft aufnehmen will.« »Weil er ihr nicht genug den Hof macht,« vollendete Obermayer. Die junge Dame lachte kurz auf. »Der –! Es wär' der reinste Hohn! So eine Vogelscheuchen, wie sie ist!« »Aber reich ist s' halt, Fräul'n Dora – sehr reich!« »Auf das fällt mein Erich nicht herein – Gott sei Dank! Die Bauer hat's ihm ja nicht nur einmal zu versteh'n gegeb'n, daß er ihr Geld, aber natürlich nur mit ihr, hab'n kann. Er mag aber nicht. Deswegen darf ihr Bruder ihn nicht zu seinem Kompagnon machen. – Aber hören S', Obermayer –« »Was denn? Sag'n S' nur nicht wieder, daß Sie die Frau Bauer vergiften könnten. Zu so was sind Sie nicht geschaffen. Sie kommen Ihren Feinden von vorn.« »Da haben S' recht, Obermayer!« entgegnete sie und setzte leise hinzu: »Ich hab' wirklich mehr eine gewalttätige als eine listige Natur, und deswegen ist mir ja mein heimlicher Dienst hier so zuwider. Ich steh' recht gern den ganzen Tag da und bin artig mit den Kunden, aber dieses heimliche Aufpasseramt, für das ich meine Überzahlung kriege, das ist mir in die Seel' hinein zuwider. Daß grad' ich zu so was engagiert worden bin!« »Die Firma hat halt grad' zu Ihnen das Vertrau'n, daß Sie den Posten ausfüllen. Und Sie füllen ihn ja auch aus. Drei Schwindelgeschicht'n haben Sie schon aufgedeckt, und es ist doch noch keine zwei Monate her, daß Sie –« »Aufpasserin sind? – Sagen Sie's nur, genieren S' Ihnen nit!« Die Hartwig lächelte verdrossen, nickte dem Garderobier zu und ging. Es waren jetzt nur wenig Bedienstete noch in der Garderobe. Auch sie eilten, in die Verkaufsräume an ihren Platz zu kommen. Die letzte, welche ging, war eine auffallende Erscheinung. Sie war nicht mehr jung, hatte die Dreißig sicherlich schon überschritten und war kaum hübsch Zu nennen. Aber sehr groß und stattlich war sie und trug sich so, daß sie die Augen unwillkürlich auf sich zog. Ihr reiches rotes Haar war recht effektvoll geordnet, und ihre mausgraue Baregerobe war von einem ganz außerordentlich schicken Schnitt. Dennoch sah sie nicht fein aus und rechtfertigte den Spottnamen, den ihre Kolleginnen ihr gegeben. Das »Schlittenpferd« hieß sie von dem Geklingel, welches sie auf Schritt und Tritt begleitete, denn sie war stets mit Ketten behangen. Am Halse trug sie solche und an den Armen, und auch um die Taille schlang sich eine lange metallene Kette, und jede dieser Ketten war mit Anhängseln versehen. Das alles klirrte ohne Unterlaß an Fräulein Paula Neuber, die sich, wie die bösen Zungen behaupteten, eben dieses Klirrens wegen immer so lebhaft bewegte. Dicht vor dem Garderobier blieb sie stehen und warf ihm einen giftigen Blick zu. »Was habt ihr denn wieder miteinander zu tuscheln gehabt?« fragte sie, wartete jedoch eine Antwort nicht ab, sondern rauschte mit hocherhobenem Kopfe hinaus. Obermayer brummte vor sich hin: »Ja, das werd' ich grad' dir sag'n, du hochmütige Gans! Du mit deinen Toiletten, von denen niemand weiß, woher sie kommen, bist die letzt', die wissen darf, was für ein Nebengeschäft die Hartwig bei uns hat.« Plötzlich fuhr der brave Obermayer erschrocken zusammen. Ein langgezogener Ton, dreimal wiederholt, tönte, von den vielen Kastenwänden dumpf widerhallend, durch den Raum. »Dummer Bub,« rief der Garderobier, »wirst wohl still sein!« Diese Ansprache galt dem etwa sechzehnjährigen Burschen, dessen lustiges Gesicht in der Türspalte sichtbar wurde. Der Junge tat jetzt die Tür weiter auf und machte eine groteske Verbeugung. »Gustl, du bist und bleibst halt immer ein Wurschtl!« sagte Obermayer, schmunzelnd seinen Neffen betrachtend, welcher in der schmucken Uniform der Laufburschen des Warenhauses sich sehr vorteilhaft ausnahm. »Aber geh, Onkel, ich bin ja die Automobilhupe,« sagte Gustl mit tiefem Ernst, »und ich wollt' dir nur kundtun, daß Hoheit dich nachher zu sprechen wünschen.« »Wirst gleich still sein, du kecker Bub! Unseren Chef wenigstens laß weg, wenn du deine Spaßetteln machst.« * Im Warenhause nahm der Tageslauf seinen Anfang. Es waren erst ganz wenige Kunden da, Dienstmädchen, welche auf ihrem Einkaufsgange auch gleich einige Besorgungen für sich selbst machten, Frauen aus dem Handwerkerstande, die früh aufstanden und dies oder jenes Notwendige bei Groß \amp; Komp. möglichst zeitig einkauften. Bei diesen Kunden gab es nicht viel Herumsuchen, die wußten schon, was sie wollten, und machten ihre Einkäufe in einer gewissen Eile ab. Es herrschte natürlich im Geschäfte schon peinliche Ordnung. Die Verkäufer und Verkäuferinnen rückten nur da und dort irgend einen Artikel auf dem Verkaufstische noch besonders in den Vordergrund, und die beim Stoffeverkaufe Angestellten ordneten die Stücke ein, welche ihnen neu zugestellt wurden. Die Warenaufzüge brachten ununterbrochen neue Massen aus den Vorratsräumen, die Abteilungschefs ordneten an, wo die Waren auszulegen seien, und gaben da und dort Winke bezüglich deren Gruppierung. Ganze Berge von Stoffen türmten sich auf den Tischen, und auf Gestellen und Trägern waren unzählige Toilettestücke geschmackvoll ausgestellt. Nichts, was die Kauflust wecken konnte, war versäumt worden, in den Auslagen auszustellen. Mit feinem Verständnis waren die Farben verwertet, und die verschiedenen Arten der Gewebe zusammengestellt. Leuchtende Seidenstoffe hoben die vornehme Mattheit schwerer Wollenstoffe noch besser hervor, andere wieder, vorteilhaft gebauscht, zeigten den Reiz ihres Faltenwurfes. Daneben sah man wahre Wunder der Bandfabrikation und der Posamenterie. Da kreuzten sich weiche Atlasbänder in noch weicheren Pastellfarben mit zierlichen Girlanden aus goldenen Ähren und silbernem Edelweiß. Da blitzten Pailletten tiefgrün wie der Spiegel eines Bergsees, dort glänzten irisierende Glastropfen auf einem spinnwebenzarten Stoff, der aussah, als beleuchtete ihn die Sonne nach einem Regenschauer. Auf einem Gewoge milchweißer Seide ruhten Applikationsblumen, so wunderzart, als hätten Feenhände sie ausgeführt, und hinter einem seinen Stoff aus amethystfarbenem Seidenfaden flammte ein leuchtendes Metallgewebe auf. Vom schwersten Samt bis zum zartesten Flor konnte man alle Stoffarten in Bandform hinter dem Riesenspiegelglase sehen. Hinter dem nächsten Fenster gab es Spitzenkleider mannigfachster Art und gleich nebenan in grellem Kontrast jene Gummi- und Lederhüllen, welche der Automobilsport ins Leben gerufen hat und welche, den duftigen Toiletten gegenübergehalten, schier urweltlich wirkten. In den riesigen Auslagen nach der Straße aber standen Puppen mit den jüngsten Erzeugnissen der Mode bekleidet. Mit ihren lächelnden Gesichtern und schmachtenden Augen schauten sie in immer gleicher Freundlichkeit auf die Passanten hinunter. Ja, sie waren stets freundlich, und das haben ihnen die Modedamen, die ihnen ja auch sonst in vielem gleichen, abgelernt, denn, die Frauen nach der neuesten Mode wissen recht gut, daß gleichmütige Freundlichkeit ihnen am besten steht. Sie ist ein Toilettestück, wie der Hut ein Toilettestück ist. Freilich Zu Hause legt man den Hut und zuweilen auch die schöne heitere Ruhe ab. Da stehen sie also in Reihen und Gruppen, die schöngebauten Gewandfiguren, und sind in duftige Morgenröcke und reizende Teekleider gehüllt, oder tragen Besuchstoiletten oder gar blitzende Ballanzüge. Zuweilen steht auch eine Braut da oder eine Dame in Trauer, und ihre Herzen sind genau so ruhig, wie die so mancher lebenden Braut oder Witwe, bei denen die wallenden Schleier auch allein die Stimmung und die Bewegtheit besorgen müssen. In den obersten Stockwerken des Hauses herrschte aber auch um diese Zeit schon rege Tätigkeit. Da befinden sich die Buchhaltung, das Korrespondenzbureau, das Telegraphen- und Telephonzimmer der Firma und die Hausdruckerei; dort sind auch die Bureaus, in welchen die statistischen Arbeiten angefertigt werden. Da sah man hinter langen Glaswänden eine Menge Mädchen all Schreib- und Rechenmaschinen und andere, welche mit Warenblocks hantierten oder Musterbücher anfertigten. Auf und ab und auf und ab gehen die Aufzüge, bringen Agenten und Waren, führen auch die Bediensteten des Hauses herauf und herab. Hier oben ordinierte auch ein von der Firma angeworbener Arzt, und der Korridor vor seinem Zimmer ist ziemlich belebt, denn der Wettersturz hat recht vielen geschadet, und es haben nicht wenige der Bediensteten sich Erkältungskrankheiten zugezogen. Auch die im Hause beschäftigten Schneiderinnen und Modistinnen haben hier oben ihre Ateliers. Man sieht sie über ihre Arbeit gebeugt sitzen und emsig ihre hübschen Werke fördern. Dazwischen plaudern sie lebhaft und verstummen wohl auch plötzlich, wenn eine Vorgesetzte erscheint, vielleicht nur, um eine Anordnung zu treffen, vielleicht aber auch einzig zu dem Zwecke, um ihre gefürchtete Macht zu beweisen. Eine dieser Vorgesetzten aber, die so ziemlich überall dreinreden durfte, und deren Worte bei den Chefs sehr großes Gewicht hatten, Fräulein Vogel, war trotz ihrer Zierlichkeit bei fast allen weiblichen Angestellten im Hause sehr beliebt. Von einer alles durchdringenden Intelligenz und einem ruhig festen Willen beseelt, war das kleine Fräulein eine der besten Stützen dieses Riesengeschäftes, und wie sie mit ihrem Hauptschlüssel alle Schlösser im ganzen Hause öffnen konnte, so konnte sie mit ihrem scharfen Verstand in das Wesen aller schauen, die da rings um sie lebten und wirkten. Sie tat aber niemals jemand unrecht. Sie war wie ein tüchtiger Richter, lieber zu mild als zu streng. Aber an der Nase ließ sie sich deshalb von niemand herumführen. Gerade jetzt hatte sie es mit einem Menschen zu tun, der in das feste Gefüge des Hauses niemals so recht gepaßt hat. Er war groß und mager und etwa vierzig Jahre alt, aber er sah um zehn Jahre älter aus, trotzdem er sich sehr fesch und jugendlich trug und für gewöhnlich auch so gebärdete. Albert Meißl sprach ein hartes und geziertes Deutsch. Er spielte sich überhaupt gern auf den Vornehmen hinaus und würde auf den Sport- und Rennplätzen, wo er sich am liebsten aufhielt, um nichts in der Welt zugeben, daß er Kommis in einem Warenhause war. Jetzt freilich war nichts von Großtun und Kavalierspielen zu bemerken, jetzt war er sogar sehr demütig. Er schämte sich sogar vor dem kleinen Fräulein Vogel und wäre am liebsten in den Boden hinein versunken. »Ich werde also noch einmal bei den Chefs für Sie sprechen,« sagte sie zu ihm, »ein einziges Mal noch. Merken Sie sich das, Herr Meißl. Und nicht Ihrethalben wird es geschehen, sondern wegen Ihrer armen alten Mutter. Sie hat gestern so bitterlich hier geweint. Um dieser Tränen willen will ich noch einmal für Sie bitten, aber dann müssen Sie endlich vernünftig werden.« »O liebes, teures Fräulein!« Er warf ihr einen feurigen Blick zu, sie aber verzog den Mund, wie man ihn bei etwas Widrigem verzieht, und sagte hart: »Nehmen Sie sich nichts heraus! Für Sie bin ich der Vorgesetzte, vergessen Sie das nicht immer wieder, und tun Sie auch nicht, als ob ich Sie durch meine Zurechtweisungen mitten ins Herz träfe. Das ist Spiegelfechterei. Sie schaden sich damit nur, denn Sie werden mir dadurch noch widerwärtiger, als Sie es mir schon ohnehin sind.« Sie waren auf den leeren Korridor hinausgetreten. Das machte ihm Mut. Er hielt ja sehr viel von sich, und ihre Gunst konnte ihn rasch emporbringen. Er strebte also schon längst nach dieser so wertvollen Gunst, und heute versuchte er es mit der Sentimentalität und der Bitterkeit. »Noch widerwärtiger also!« sagte er, preßte die Hand aufs Herz und knirschte ein bißchen mit den Zähnen. Sie schaute ihn überrascht an. Dann lachte sie laut auf und ihn noch einmal und diesmal von oben bis unten betrachtend, sagte sie belustigt: »Das ist wirklich gar zu dumm! Im letzten Vorstadttheater macht man das besser.« Dann aber wurde sie plötzlich ernst. »Herr Meißl,« fuhr sie scharf fort, »ich rate Ihnen zum letzten Male, kommen Sie mir nicht, selbst nicht mit Ihren Gedanken, zu nahe!« »So sehr hassen Sie mich?« fragte er. Sie schüttelte den Kopf. »Hassen? Nein. Widerwärtig sind Sie mir, wie jeder verlotterte Mensch mir widerwärtig ist.« Ihr Kleid zusammennehmend, ging sie nach diesen Worten rasch weiter, und im nächsten Augenblick verschwand sie um die Ecke. Er stand totenbleich da und ballte die Hände. »O je – Herr Meißl! Wollen Sie denn jemanden umbringen?« fragte eine junge Stimme. »Oder hab'n S' vielleicht ein Gespenst g'seh'n?« Gustl trug einen Korb voll Spitzen und war damit auf dem Wege zu den Krawattennäherinnen. Er konnte sich aber mit Herrn Meißl nicht länger beschäftigen, denn eben kam der Direktor Hälby daher, und der Herr Direktor hatte scharfe Augen. Der Junge lief also weiter. Da sah er gerade noch Fräulein Vogel in der Tür zu ihrem Bureau verschwinden. Er pfiff leise vor sich hin. »Aha, da hat's was gesetzt!« dachte er. »Geschieht dem Kerl schon recht?« Dann lieferte er sein Paket ab, und gleich darauf rutschte er laut pfeifend das Treppengeländer hinab. Achtes Kapitel. Leona v. Lassot befand sich im Besitze des reichen Erbes, welches Frau v. Lauren ihr als ihrer Universalerbin hinterlassen hatte. Nach Auszahlung aller Legate blieben der Haupterbin noch über zweimalhunderttausend Kronen, sowie zwei stattliche Zinshäuser, eine reizvoll gelegene Villa und mehrere Grundstücke in der Nähe von Wien. Der plötzliche Wechsel in ihren äußeren Verhältnissen stieg der reichen Erbin aber keineswegs zu Kopf. Betrachtete sie sich doch gleichsam nur als Verwalterin des ihr zugefallenen Vermögens, das sie dazu bestimmt hatte, einem ganz besonderen Zwecke zu dienen. Aus dem einsamen Walddörfchen zog sie in die ererbte Villa in der Nähe von Klosterneuburg, dem einstigen römischen Kastell, dieser stimmungsreichsten, uralten Stadt Niederösterreichs. Ihr neues Heim konnte sie von ihrer Wiener Wohnung aus sowohl mittels der Bahn als auch in ihrer Equipage sehr rasch erreichen. Den Luxus eines eigenen Wagens hatte sich auch schon Frau v. Lauren gegönnt, und das elegante Gefährt war jetzt sehr oft auf der Landstraße zu sehen, welche die Residenz mit Klosterneuburg verbindet. Etwa eine Stunde braucht ein gutes Gespann auf dieser dicht an der Donau hinführenden Straße, welche einerseits fast immer einen freien Blick auf den majestätischen Strom gewährt, und anderseits von den rebentragenden Hügeln Nußdorfs und weiter flußaufwärts von dem altberühmten Kahlenberg und seinen Ausläufern begrenzt wird. Die letzteren erstrecken sich bis Klosterneuburg, welches stolz gekrönt wird von dem interessanten Stiftsgebäude, das mit seinen herrlichen Gärten die uralte Kirche umgibt, welche Leopold, der dritte Babenberger dieses Namens, im zwölften Jahrhundert gegründet hat. Die Fahrt auf dieser Straße ist eine sehr lohnende, selbst in der Glut eines heißen Augusttages, wie der heutige einer war. Doch Leona v. Lassot, die mit finsterer Miene in den Kissen lehnte, empfand nichts von der Schönheit der sie umgebenden Natur. Fast täglich legte sie diesen Weg zurück, immer nur mit denselben Gedanken und Plänen beschäftigt. Erstens zog es sie, seit sie damals ihres Sohnes Grab besucht, immer wieder dahin, und zweitens suchte sie noch immer etwas in ihrer Wiener Wohnung – den letzten Brief ihres Sohnes. Sie erinnerte sich nur dunkel daran, daß sie ihn damals nicht an sich genommen hatte, und diese Erinnerung wurde noch mehr verdunkelt durch die Aufregungen jener Nacht und jenes Morgens. Erst Tage danach war ihr der Brief wieder eingefallen, und da begann sie ihn zu suchen. Die Wohnung der Frau v. Lauren war zu ihrer Verfügung geblieben. Notar Fester wußte ja, daß sie die Universalerbin war, und so nahm er auf eigene Verantwortung hin Umgang von gewissen Förmlichkeiten. Ebenso hatte er es ganz ihr überlassen, den Dienstleuten zu kündigen oder sie zu behalten. Daraufhin war Tini sofort entlassen worden, denn Frau v. Lassot hatte ihr den Empfang, den sie ihr bereitet, nicht vergessen. Die immer devot gebliebene Köchin dagegen und den Kutscher, welcher für allerlei häusliche Arbeiten verwendet wurde, hatte sie behalten. Die Köchin, das neuaufgenommene Stubenmädchen und der Kutscher wohnten nun mit Frau v. Lassot draußen in Klosterneuburg. Fuhr letztere nach Wien, so befand sie sich ganz allein in ihrer Wohnung, und das war ihr eben recht. So konnte sie den Brief ungestört suchen. Nur fand sie ihn nicht. Sie war auch schon bei Fester gewesen, wußte sie doch, daß sie ihn an jenem Morgen vor dem offenen Schreibtisch gesehen hatte. Es hatten damals eine Menge Papiere auf der Platte des Tisches gelegen. Vielleicht hatte Fester auch Roberts Brief an sich genommen, als er Frau v. Laurens Korrespondenz mitnahm, um sie auftraggemäß Zu vernichten. Der Notar aber erklärte ihr, daß der gesuchte Brief nicht durch seine Hände gegangen sein könne, und Frau v. Lassot glaubte ihm. Er hatte ja auch gar keinen Grund, sie zu täuschen. Nein – nein, Roberts letzte Worte mußten sich zu Hause noch irgendwo vorfinden. Sie fing also immer wieder von neuem an, dort zu suchen, und um ihre Nachforschungen fortzusetzen, war sie auch heute nach Wien gefahren. Sie spürte, daß es in der nun schon seit Tagen verschlossen gewesenen Wohnung zum Ersticken heiß und dunstig war. Sie riß daher in jedem Zimmer ein Fenster auf, dann warf sie ihre Handschuhe und ihre Mantille auf ein Sofa und nahm, nun schon zum siebenten Male, ihre Nachforschungen wieder auf. Wieder durchstöberte sie jedes Schubfach des schon so oft durchsuchten Schreibtisches, wieder durchforschte sie, wiewohl sie es sich sagte, daß dies ein Unsinn sei, alle anderen Möbel. Alles umsonst! Fast weinend vor Zorn und Ungeduld sank sie endlich auf einen Sessel. So saß sie wohl eine Viertelstunde lang, fast ohne sich zu regen. Da erhob sie jäh den Kopf. Bis in die Schläfen war ihr das Blut geschossen. »Da wird er sein! Ja – da muß er sein!« sagte sie laut vor sich hin, erhob sich rasch und ging hinaus. Neben dem Schlafzimmer der Verstorbenen lag eine Kammer, in welcher nur Kleiderschränke untergebracht waren. Nicht einen Augenblick lang hatte Leona bis jetzt an diese Schränke gedacht, scharfes Denken war ja niemals ihre Sache gewesen. Weil sie den Brief damals in dem Wohnzimmer ihrer Tante gelassen hatte, meinte sie, ihn auch dort suchen zu müssen, und kam sich schon ungeheuer weitsehend vor, weil sie ihr Nachsuchen auch noch auf die zwei dem Wohnzimmer benachbarten Räume, das Speise- und das Schlafzimmer, ausgedehnt hatte. Nun aber war ihr eingefallen, daß Frau v. Lauren den Brief in die Tasche gesteckt haben könne. Welches Kleid oder welchen Schlafrock hatte sie damals wohl angehabt? Sie schloß den ihr zunächst befindlichen Schrank auf und schüttelte dann den Kopf. Der Schrank enthielt nur Wäsche. Aber der neben ihm stehende war vielleicht der richtige. In ihm befanden sich Kleider. Frau v. Lassot nahm sie eilig von den Haken. Aber es waren Winterkleider. Wieder öffnete sie einen Schrank. Der war der richtige. Hier befanden sich die leichteren Toiletten der Verstorbenen. Leona legte einen der Röcke nach dem anderen auf den Tisch, der am Fenster der Kammer stand, und griff in jede der Taschen. Allein sie waren leer. Schon wollte sie mutlos werden, da dachte sie daran, daß ihre Tante ja oft bis zum Abend Schlafröcke getragen hatte, namentlich dann, wenn sie sich nicht ganz wohl fühlte. Und damals hatte sie ja schon Vormittags über Kopfweh und Unruhe geklagt. Frau v. Lassot riß die Schlafröcke aus dem Schrank. Jedoch kam auch aus deren Taschen kein Brief zum Vorschein. Aber einen Schlüssel fand sie in einem der Schlafröcke. Es war ein kleiner, feingearbeiteter Schlüssel, und sein blitzblanker Griff bezeugte, daß er bis in die jüngste Zeit hinein oft benützt worden war. Sie kannte ihn gut. Sie trat in die Wohnstube und eilte zu Frau v. Laurens niedlichem Nähtisch. Im nächsten Augenblick schon steckte der kleine Schlüssel, den sie gefunden hatte, in dem Schlosse. Gleich danach ertönte ein Schrei, und Frau v. Lassot preßte den gesuchten Brief an ihre Lippen. Dann sank sie auf einen Stuhl und strich zärtlich über das maigrüne, dicke, noch jetzt nach irgend einem exotischen Parfüm duftende Papier, auf dem so gräßliche Worte standen. Und wieder und wieder las sie den Fluch, den Robert v. Lassot über Ernst und dessen Schwester ausgesprochen, und die schweren Beschuldigungen, welche er gegen die beiden erhob. Lange saß sie so, ein Bild versteinernden Grimmes. Endlich erhob sie sich und schaute auf ihre Uhr. Um ein Uhr wollte sie in Klosterneuburg sein, denn dann erwartete sie dort der Baumeister, welcher einige Veränderungen in der Villa vornehmen sollte. Es war elf Uhr. Sie konnte also leicht zu richtiger Zeit zurück sein. Sie nahm die Mantille um und langte nach ihren Handschuhen. Ganz in Gedanken zog sie diese an und wendete sich zur Tür. Aber mitten im Zimmer hielt sie an. Wieder strömte ihr das Blut zu Kopfe, daß sie nicht weitergehen konnte. Und dann lächelte sie. Es war ein grausames Lächeln, das ihr brutales Gesicht nur noch widerwärtiger machte. »Daß ich nicht schon früher an ihn gedacht habe!« sagte sie laut. »Er ist der richtige Mann für so etwas.« Und nun hatte sie es plötzlich sehr eilig. Rasch versperrte sie die Wohnung, grüßte zerstreut die Hausmeisterin und stieg in den Wagen. Der Kutscher, den Hut in der Hand, fragte: »Halten sich Euer Gnaden unterwegs irgendwo auf?« »Krugerstraße,« sagte sie kurz und nannte noch eine Hausnummer; dann lehnte sie sich zurück, und die Pferde zogen an. Eine Viertelstunde später stand sie vor Eduard Schimmels Tür, und zwei Minuten danach ließ sie sich auf den Sessel nieder, der an des Doktors Schreibtisch stand. Schimmel fragte zurückhaltend: »Was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches?« Sie konnte nicht sogleich antworten, denn noch war sie atemlos, und so gewann der wackere Doktor Zeit, seine Gedanken zu sammeln. Er mußte zunächst an die viertausend Kronen denken, welche ihm bei Ordnung des Wechselgeschäftes in die Tasche gefallen waren. Sollte die Lassot hinter dieses Profitchen gekommen sein? War sie nun da, ihm das Geld wieder abzujagen? Alles war möglich, und Schimmel daher auch auf alles gefaßt. Da begann Frau v. Lassot: »Herr Doktor, ich bedarf Ihrer Hilfe.« Schimmel richtete sich auf. Alle Sorge war von seinem Herzen gefallen. »Meine Gnädige, ich würde mich Ihnen ja gern zur Verfügung stellen, jedoch bin ich jetzt so überhäuft mit Arbeiten und Geschäften, daß –« »Sie werden schon Zeit finden,« bemerkte die Besucherin trocken. »Ich kann Sie ja jetzt reichlich bezahlen.« »Ist es wirklich wahr, daß Sie Ihre Tante, die Frau v. Lauren, beerbt haben?« »Ich bin Ihre Universalerbin.« »Gnädige Frau!« stammelte Schimmel, und dann verneigte er sich tief vor der Frau, die jetzt so viel Geld hatte. »Natürlich stehe ich zu Ihren Diensten. Zu jeder Stunde und in allen Dingen können Sie über mich verfügen.« Frau v. Lassots Hand lag plötzlich schwer auf der seinigen. »Ist das wahr?« fragte sie hart. »Buchstäblich wahr,« antwortete er. »Zu jeder Stunde und zu allen Dingen?« »Zu jeder Stunde und in allen Dingen.« »Es handelt sich um meinen Sohn,« fuhr sie fort und ihre Stimme zitterte. »Ich kann es mir denken,« fiel Schimmel ein. »Erinnern Sie sich des schrecklichen Wechsels?« Schimmel begann unruhig zu werden. »Gewiß, Gnädigste. Nur weiß ich nicht –« »Der Wechsel hat Robert in den Tod getrieben. Dafür sollen mir jene büßen, die meinen Sohn in dieser bitteren Not verlassen haben.« »Hassen Sie denn die Tecks so sehr?« »Soll ich sie etwa nicht hassen? Sie, die Robert von sich gestoßen, und ihren Bruder, der ihn in den Tod getrieben hat? Sie müssen mir doch zugeben, daß Ernst nicht so herzlos sein durfte, ihn wegen der Unterschrift zur Verzweiflung zu treiben?« Tiefaufatmend sagte Schimmel: »Das, meine gnädige Frau, gebe ich selbstverständlich zu. Es hätte das Entsetzliche nicht zu geschehen brauchen, und es wäre nicht geschehen, wenn Baron Teck nicht vergessen hätte, was er seinen Verwandten schuldig war.« Ganz ergriffen sah der alte Halunke aus, als er, die ohnehin schon maßlose Verblendung dieses Weibes leise schürend, so redete. Was er gewollt, hatte er mit seinen Worten erreicht, er hatte die Aufregung seiner Besucherin so gesteigert, daß sie gar keine Selbstbeherrschung mehr besaß. Solche Leute wägen ihre Worte nicht, die sprudeln alles heraus, was sie auf dem Herzen haben, und geben sich ganz in die Hände derer, zu denen sie reden. Doktor Schimmel aber hatte seine Klienten gern ganz und gar in der Hand. Schon setzte Leona zu neuen leidenschaftlichen Worten an, da ließ sich die sanfte Stimme der Heister von der Tür her vernehmen: »Herr Doktor, der Konzipient ist da.« Das war genau nach ihrer Instruktion. Sowie die Besucher ihres Herrn erregt wurden, hatte sie mit dieser Meldung einzugreifen. Schimmel fuhr auf. »Schon gut. Gehen Sie nur!« rief er geärgert. Die Heister verschwand, und der wackere Schimmel bemerkte zu seiner Befriedigung, daß ihr Erscheinen nichts verdorben hatte. Frau v. Lassots Hand lag noch immer auf seinem Arm, und jetzt umklammerte sie diesen sogar. »Nein – das Entsetzliche wäre nicht geschehen!« stöhnte sie. »Aber weil Ernst es geschehen ließ, weil er meines Sohnes Mörder wurde und mir mein einziges Glück nahm, soll auch er elend werden und mit ihm Klemi, die Robert so tief gekränkt, so tief beleidigt hat. An Roberts Grab habe ich den zweien Rache geschworen, und der Himmel hat mein Gelöbnis gehört, denn er hat mich reich gemacht in derselben Stunde, in der ich meinen Schwur getan, in derselben Stunde hat er mir die Mittel gegeben, diesen Schwur halten zu können. Was die zwei noch besitzen, was es auch sei, ich will es ihnen nehmen. Arm – bettelarm will ich sie wissen. Ihr Vaterhaus – ich will es haben. Ihre Ehre – ich will sie ihnen nehmen. Unmöglich will ich sie machen bei denen, die ihnen heute noch anhängen, aus jedem Winkel will ich sie jagen, in dem sie Schutz gefunden haben, ruhelos will ich sie machen, wie ich selber es durch sie geworden bin!« Aufschluchzend sank sie in ihren Sessel zurück. Der Doktor betrachtete sie fast bewundernd. Solch ein Haß! Ei, solch ein Haß war etwas wert! »Bitte, der Herr hat Eile!« kam es da wieder von der Tür her. Mühsam löste Schimmel seine Gedanken von dem Gegenstande, welcher sie so ganz in Anspruch nahm, und wandte sich der Heister zu. »Lassen Sie mich ungeschoren! Ich will nicht gestört sein!« schrie er ihr so zornig zu, daß die blasse Frau sich rasch zurückzog. Aber als sie die Tür schloß, fiel es ihr ein, daß dies alles ja doch nur Komödie sei, und sie mußte lächeln. »Heute spielt er sie noch natürlicher als sonst,« dachte sie, während sie in ihre Küche ging. Schimmel wendete sich wieder zu seinem Besuch. »Entschuldigen Sie, gnädige Frau. Ich werde Vorkehrungen treffen, daß wir nicht mehr gestört werden können.« Und er erhob sich und verschloß die äußere der beiden Doppeltüren, welche das Vorzimmer von der Kanzlei trennten. Es war eine mit einer grünbezogenen Matratze bespannte Tür. Als Schimmel auch die zweite Tür geschlossen hatte, wußte er, daß jetzt kein Laut mehr zur Heister hinausdrang. »Meine Gnädigste, jetzt sind wir ganz unbelauscht,« sagte er, sich wieder setzend, »jetzt können Sie mir ohne jeden Rückhalt sagen, weshalb Sie mir die Ehre Ihres Besuches zu teil werden ließen, und in welcher Weise ich Ihnen dienen kann. Zuvor jedoch lassen Sie mich Ihnen noch einmal sagen, daß Sie zu jeder Stunde und in allen Dingen über mich verfügen können.« Leonas Augen hefteten sich scharf auf ihn, unwillkürlich richtete sie sich höher auf, und nun sagte sie langsam und deutlich und mit einem Anflug von Hohn: »Weshalb ich zu Ihnen gekommen bin, das können Sie, da ich Ihnen meine Absichten schon nannte, sich wohl selber sagen. Sie haben es ja bereits bewiesen, daß Sie der Mann sind, der gerade solche Geschäfte, wie ich sie Ihnen übertragen will, gern übernimmt und brillant durchzuführen versteht. Daß ich nicht knickern werde, dafür bürgt Ihnen der Ernst, mit welchem ich meine Sache verfolge.« »O – meine Gnädige!« »Lassen Sie alle Beteurungen – ich weiß doch, mit wem ich es zu tun habe! Also seien Sie eifrig, stellen Sie mir Ihre ganze Geschäftskenntnis und Ihren ganzen Scharfsinn zu Gebote, dann werden wir beide zufrieden sein, denn wir werden beide an unser Ziel kommen. Sobald jedoch das Urteil, das ich über die zwei gefällt habe, vollstreckt ist, trennen sich unsere Wege wieder. Das sage ich Ihnen sofort. Und nun glaube ich deutlich genug gewesen zu sein, und wir können jetzt zu unserem eigentlichen Thema übergehen.« * Als Leona die Kanzlei Schimmels verließ, spielte ein Lächeln um ihren Mund. »Nun rasch! Der Baumeister soll nicht zu lange warten!« rief sie dem Kutscher zu, als sie im Wagen saß. – Eduard Schimmel aber hatte heute seine gewohnte Mittagszeit versäumt. Allein er beachtete dieses sonst für ihn so wichtige Vorkommnis kaum. Er aß ganz mechanisch die mühsam warm erhaltenen Speisen, welche die Heister ihm vorsetzte, und dachte noch immer über die gehabte Unterredung nach. »Wenn Frau v. Lassot da ist, will ich nie mehr gestört sein,« sagte er ganz sanft, als die Heister die Mehlspeise hereinbrachte. Die Frau war wieder einmal, wie schon so oft in diesem Hause, erstaunt. »Da muß er ja ein sehr gutes Geschäft gemacht haben,« dachte sie im Hinausgehen. Drinnen erhob der alte Schlemmer sein feingeschliffenes Glas, in dem grünlicher Grinzinger flimmerte, und brachte einen Toast aus. »Es lebe die Rachsucht und die Dummheit!« sagte er ganz laut und trank das Glas leer. Neuntes Kapitel. An einem trüben Nachmittag erhielt der Baron Ernst v. Teck Besuch. Doktor Keßler, der schon der Rechtsfreund seines Vaters gewesen war und jetzt ihm selbst nach Kräften in seiner schwierigen Lage beistand, trat mit allen Zeichen hoher Erregung bei ihm ein. Ganz rot war der alte Herr im Gesichte, und seine Augen blitzten. »Eine beispiellose Niederträchtigkeit! Eine ganz unverständliche Niederträchtigkeit!« Mit diesen Worten warf er Schirm und Hut auf den neben der Tür stehenden Tisch und ging rasch auf den sich erhebenden Baron zu. »Was gibt's denn, Doktor? Was regt Sie denn gar so sehr auf?« fragte dieser, seinen Besuch zu einem Sitz geleitend. Der alte Herr lachte zornig. »Na, Sie werden schauen! – Wissen Sie, daß Wellhof schon nächste Woche zum zwangsweisen Verkauf kommen wird?« Ernst wurde bleich. »Schon so rasch?« murmelte er. »Man bewilligte mir also keine Frist mehr?« »Ich konnte leider gar nichts erreichen, aber erfahren habe ich etwas Merkwürdiges.« »Was denn?« »Ihre sämtlichen Schulden befinden sich jetzt in einer einzigen Hand.« »Wer kann denn ein Interesse daran gehabt haben, sie aufzukaufen? Er hat sich damit ja kaum etwas Gutes getan. Wie es heute auf Wellhof steht, kann niemand sagen, daß er durch diesen Besitz Freude und Nutzen haben wird.« »Nutzen nicht, aber Freude – Schadenfreude!« Der Baron erhob den Kopf. »Lieber Doktor, ich verstehe Sie nicht.« »Nun, Sie werden sogleich verstehen. Frau v. Lassot ist jetzt reich.« »Ja, aber –« »Und sie ist Ihnen nicht gut gesinnt. Sie aber ist jetzt Ihr einziger Gläubiger.« »Sie – sie hat meine Schulden aufgekauft?« schrie Ernst auf. »Aber lieber Baron! So schwer trifft Sie die Sache?« Der alte Herr schaute erschrocken auf Teck, welcher sich jäh erhoben hatte. »Sie also!« murmelte Ernst. »Wie diese Frau hassen kann!« Keßler schüttelte den Kopf. »Ich begreife nicht –« sagte er. Da sagte Ernst v. Teck, ihn mit einem herben Lächeln wiederholend: »Nun, Sie werden sogleich verstehen. Tante Leona ist uns nicht nur nicht gut gesinnt, sondern sie haßt uns. Durch ihr Handeln hat sie bewiesen, wie tief dieser Haß ist. Sie hat sich, wiewohl sie unsere Lage kennt, nicht nur nicht bewogen gefühlt, uns beizustehen, sie hat mir auch nicht einmal das Geld zurückerstattet, das ich ihrem Sohn geliehen habe, nicht eines Wortes hat sie mich gewürdigt, als ich sie letzthin schriftlich darum bat. Nun beweist sie klar und deutlich, daß sie uns ganz in ihre Gewalt bekommen, daß sie uns einfach vernichten will.« »Warum denn aber nur solch ein entsetzlicher Haß?« rief der alte Herr erregt aus. »Was haben Sie ihr denn nur getan?« »Sie gibt mir die Schuld am Tode ihres Sohnes.« »Wie ist das möglich?« »Das ist eine lange Geschichte,« entgegnete der Baron. »Hören Sie zu.« Er schilderte eingehend, was geschehen war, und der alte Herr hörte aufmerksam zu. Als der Baron seine Mitteilung beendet hatte, herrschte längere Zeit Schweigen, dann sagte Keßler: »Wer diese Frau kennt, der versteht ihr Tun, das Uneingeweihten einfach verrückt vorkommen müßte. Jetzt, da Sie offen sagten, was zwischen Ihnen und ihr liegt, wundere ich mich nicht mehr über diese Verfolgungswut. Exzentrisch und brutal war sie ja immer – im kleinen wie im großen. Und in diesem Falle macht sie die Leidenschaft einfach ganz sinnlos. – Lieber Baron, Sie und Ihre Schwester tun mir leid, denn dieses Weib wird kein Mitleid haben. Ist es denn eine bedeutende Summe, die Sie Robert v. Lassot geliehen haben?« »Eine für mich immerhin bedeutende Summe – fünftausend Kronen.« »Sie haben natürlich einen Schuldschein darüber?« »Leider nicht. Damals wußte ich noch nicht, was für ein Schurke Robert war.« »Und Sie haben auch keinen Zeugen in dieser Sache?« »Nein.« »Das ist schlimm.« »Nun, Tante Leona weiß ganz genau, daß ich ihrem Sohne das Geld gab, und daß ich es noch nicht zurückbekommen habe.« »Ist es sicher, daß sie das weiß?« »Ganz sicher! Hier, an dieser Stelle, redeten sie und ich von dieser Schuld, die sie anerkannte und die sie zurückzuzahlen versprach, falls Robert etwa nicht in die Lage käme, sie zu tilgen. Ihr Ehrenwort hat sie mir gegeben, daß sie diese Schuld übernimmt, und nun –« »Wir brauchen ihr Ehrenwort nicht!« fiel der alte Herr lebhaft ein. »Sie wird nicht leugnen können und muß einfach zahlen. Wir werden diese Schuld einklagen.« »Sie selbst ist mir aber doch das Geld nicht schuldig!« »Ihr Sohn war es Ihnen schuldig, und sie ist seine Erbin. Sie hat diese, freilich etwas zweifelhafte Erbschaft angetreten und hat damit auch seinen negativen Besitz, nämlich seine Schulden, übernommen. Also wir werden diese Schuld einklagen.« »Ich ersuche Sie darum, wiewohl es mir recht peinlich ist. Aber da wir in ein paar Wochen obdachlos sein werden, muß ich dafür sorgen, daß wenigstens für Klemi so viel Geld da ist, daß sie nicht –« Der junge Mann konnte nicht weiterreden. Er trat an das Fenster und preßte seine heiße Stirn an das kühle Glas. Am Endpunkt seines Kämpfens angekommen, fühlte er sich gänzlich entmutigt. »Nun gibt es also wieder ein paar vollständig heruntergekommene Adelige mehr.« Mit diesen bitteren. Worten wandte er sich endlich Keßler wieder zu. Der alte Herr war aufgestanden und sagte: »Reden Sie in der Einzahl. Nur Frau v. Lassot ist vollständig heruntergekommen. Sie, lieber Baron, und Ihre Schwester sind nur verarmt – und so wird es ja nicht bleiben!« Ernst lachte herb auf. »Nach ein paar Wochen schon werden wir ein Leben der bittersten Dürftigkeit führen, aus dem wir kaum wieder herausfinden werden. Ganze Stiefel und Sattwerden – das werden von nun an unsere Ideale sein, und froh werden wir sein müssen, wenn wir wenigstens dies erreichen. Ach, lieber Doktor, das Leben liegt recht dunkel vor mir, werde ich doch nicht einmal meine Schwester vor den gemeinsten Lebenssorgen schützen können!« »Nicht alles so schwarz sehen, Baron!« tröstete der alte Herr. »Wie ich die Baronesse kenne, wird sie mutig dem neuen Leben entgegentreten und – wenn wirklich die Not kommen sollte, dann, Baron, haben Sie und Ihre Schwester immer noch einen wirklichen Freund, den Doktor Keßler, dessen Herz, wiewohl es das eines alten Junggesellen ist, noch nicht gänzlich vertrocknet ist. – Nun aber wollen wir sogleich die Klageschrift aufsetzen, fünftausend Kronen sind immerhin etwas, das man sich retten muß.« * Noch vor dem Zwangsverkauf von Wellhof kam die Klagesache gegen Frau v. Lassot zur gerichtlichen Austragung. Die kurze Verhandlung nahm einen für Doktor Keßler ganz unerwarteten Verlauf. Er hatte mit Sicherheit angenommen, daß Frau v. Lassot verurteilt werden müsse. Aber es kam nicht so. Sie stellte entschieden in Abrede, etwas von dieser Schuld zu wissen, behauptete, daß weder ihr Sohn ihr davon Mitteilung gemacht, noch daß sie in seinem Nachlasse irgend etwas darauf Hinweisendes gefunden habe. Auch daß sie mit Baron Teck ausführlich darüber geredet oder gar die Bezahlung dieser Schuld auf sich genommen, leugnete sie. Keßler bewahrte nur mühsam seine Fassung, denn er war vollständig davon überzeugt, daß die Frau frech log, und er beantragte, sie zu vereidigen. Er tat dies nicht, um sie zu einem Meineid zu treiben, sondern in der festen Voraussetzung, vor diesem Letzten würde die Verblendete denn doch zurückschrecken. Allein der alte Herr täuschte sich in Bezug auf den Grad der moralischen Heruntergekommenheit seiner Gegnerin. Sie leistete den Eid, den Meineid, mit einer Ruhe, die auf den Richter einen sehr guten Eindruck machte, und die ihn selbst, den Wissenden, verblüffte. Um eine häßliche Erfahrung reicher verließ Doktor Keßler als Unterlegener den Gerichtssaal. »Diese Mutter ist dieses Sohnes wert!« murmelte er, als er draußen war. »Er ein Fälscher, sie eine Meineidige!« So dachte, geradezu erschüttert von dem soeben Erlebten, der alte Herr, während er heimfuhr, und so dachten, nicht weniger erschüttert, die Geschwister, als er ihnen das kaum Glaubliche mitgeteilt hatte. »Jetzt erst fürchte ich mich vor ihr,« sagte Klementine und rückte ihrem Bruder unwillkürlich näher. Er antwortete, sie umschlingend: »Diese Frau haben wir zur unversöhnlichen Feindin. Aber was kann sie uns denn noch nehmen? In wenigen Tagen wird sie uns ja schon alles genommen haben!« Der gute Baron irrte. Wenn man einem Menschen auch schon alles genommen hat, man kann ihn immer noch ärmer machen, als er schon ist. Einige Tage nach der Gerichtsverhandlung, nachdem Klementine sich ein wenig gefaßt hatte, teilte sie brieflich ihrem Bräutigam mit, was sich neuerdings zugetragen. Ihr Brief kreuzte sich mit einem von ihm, in welchem Eugen ihr in trüber Stimmung schrieb, daß sein Regiment nach Bosnien kommandiert sei, und daß er am nächsten Donnerstag kommen werde, um für den Rest seiner Militärlaufbahn Abschied von ihr zu nehmen. Klementine erschrak. Er würde also in dieser schweren Zeit nicht bei ihr sein! Ihr Herz zitterte, aber ihr Stolz richtete sie wieder auf. War es denn nicht besser, wenn er in diesen Tagen unvermeidlicher Demütigungen weit, recht weit fort war? Sie wußte nicht, was das weniger Schmerzliche sei. Jedenfalls aber blieb ihm und ihr keine Wahl, und es war vielleicht gut so. – Am Donnerstag, an dem Eugen in Wellhof eintreffen wollte, war Klementine allein zu Hause. Ihr Bruder hatte nach Wien fahren müssen. Doktor Keßler wollte ihn einem Freund im Ministerium vorstellen, da er hoffte, Ernst früher oder später dort unterbringen zu können. Nach Tisch ging sie mit einer Näherei in den Garten hinunter. Es war ein stiller, warmer Tag, der trotz seiner Sonnigkeit bereits von der Melancholie des Herbstes erfüllt war. Klementine ließ sich unter einer schon halbentlaubten Esche nieder und versuchte zu arbeiten, aber immer wieder sank die Hand der jungen Dame müßig in den Schoß, und ihre Augen wanderten wieder und wieder über ihre Umgebung dahin. Achtete sie wohl darauf, daß jeder ihrer tränenverschleierten Blicke Abschied nahm von einem Teil der so heiß geliebten Heimat? Sicherlich war ihr Herz voll Leid und voll Furcht vor der Zukunft. In bangerer Stimmung hatte sie noch nie an diesem lieben, stillen Platz gesessen. Und ganz plötzlich verließ die Fassung sie vollständig. Laut aufweinend legte sie die Arme auf den Tisch und preßte ihr Gesicht darauf. Eine Weile gab sie sich so ihrem hilflosen Schmerz hin, dann erhob sie jäh den Kopf. Ganz nahe, auf dem Wege unten, nur durch eine lebendige Hecke von ihr getrennt, sagte eine rauhe Männerstimme: »Jedenfalls, meine Gnädige, müssen die Schäden noch in diesem Jahre ausgebessert werden. Wir haben dazu auch vollauf Zeit, denn in einer Woche sind Sie ja hier schon die Gebietende.« »Da ich im nächsten Sommer hier wohnen werde, muß tatsächlich heuer noch manches ausgebessert werden. Aber Änderungen werde ich nicht anbringen lassen. Es soll kein Schrank anders gestellt werden, denn so, wie es jetzt ist, hat mein armer Robert Wellhof gekannt, und es wird mir sein, als ob ich mit seinen eigenen Augen schaute, wenn ich die meinigen über all das werde hinwandern lassen, was damals diesen Tecks gehört hat. Jedes Ding hier wird mich daran erinnern, daß ich es war, die es ihnen nahm, und daß sie es entbehren, die doch mit jedem Gedanken und jeder Faser an ihrem Vaterhause hängen. Lieber Doktor, ich habe bis jetzt nicht geahnt, wie süß die Rache ist!« Die harte Stimme der Frau v. Lassot verklang. Klementine, die sich unwillkürlich aufgerichtet hatte, sank wieder in sich zusammen. Sie war sehr bleich, und ihre Augen hatten den Ausdruck des Grauens. Lange saß sie so. »Wie sie uns haßt!« dachte sie, und immer wieder: »Wie sie uns haßt!« Jetzt fuhr unten ein Wagen vorbei. Klementine erhob sich und trat an die Hecke heran. Die dichten Zweige eines Strauches auseinanderbiegend, schaute sie auf die Straße. Es war Frau v. Laurens eleganter Wagen, der, vom Kutscher Peter gelenkt, jetzt hinter Leona herfuhr. Die Baronesse lächelte bitter. Vor Jahren, als ihre Mutter noch lebte, war Frau v. Lauren zuweilen herübergefahren, um der kränklichen Verwandten ein paar Stunden zu kürzen. Dann hatten diese Besuche aufgehört. Robert v. Lassot selber hatte spottend erzählt, daß seine Mutter die reiche Erbtante isolieren wolle, was ihr denn auch gelungen war. Jetzt, nach Jahren, fuhr wieder der Laurensche Wagen hier vorüber, nur daß er diesmal keine liebe Freundin, sondern eine grimmige Feindin hergebracht hatte. Die Zweige schlugen wieder zusammen. Der aufblickende Peter konnte gerade noch eine Sekunde lang ein blasses Gesicht zwischen ihnen wahrnehmen. Auch Klementine hatte noch etwas gesehen. Der Begleiter ihrer Tante schritt jetzt allein der Station zu, Leona aber schlug den Fußweg zu den Weinbergen ein. Die Baronesse legte ihre Arbeit zusammen und ging ins Haus. Mit Bitterkeit der vorhin gehörten Worte sich erinnernd, ließ sie ihre Augen durch die Räume wandern, welche sie durchschritt. Wie lieb, wie gar so lieb ihr jedes Ding darin war, ganz klar war ihr das erst soeben jetzt geworden. Und ganz klar auch noch etwas anderes. Sie würden von all dem, was bis jetzt ihr Eigentum war, wohl nur sehr wenig, vielleicht auch gar nichts mitnehmen dürfen. Sie fühlte einen großen Schrecken und eine große Versuchung. Konnte man denn nicht wenigstens das Liebste in Sicherheit bringen? Wieder erschrak sie. Diesmal vor sich selber, vor ihrem Denken, ihrem Wunsch. Sie hielt es im Hause nicht mehr aus. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, daß ihr Bräutigam bald kommen müsse. So ging sie ihm entgegen. Stromaufwärts führte sie ihr Weg. Den Kopf gesenkt, das Herz müde, als trüge es eine schwere Last, so schritt sie dahin. Zuweilen taumelte ein abgestorbenes Blatt von einem der Bäume oder der Sträucher, welche die Straße säumten, und weiße Fäden schwammen in der leichtbewegten Luft. Gerade legte sich solch ein Wanderspinnenfaden über Klementines Gesicht. Unwillkürlich erhob sie die Hand, um das Gespinst abzustreifen, da sah sie die vor sich stehen, an welche sie soeben mit solchem Widerwillen gedacht hatte. Dieser Widerwille drückte sich sehr deutlich in ihren Zügen und in ihren Augen aus, und er wurde noch deutlicher erkennbar, als sie unwillkürlich mit beiden Händen ihr Kleid zusammenraffte. Leona verstand diese Bewegung vollkommen. Grimm und Hohn wogten in ihr auf. »Fürchtest du dich davor, an mich zu streifen?« höhnte sie und ahmte in grotesker Weise Klementines Haltung nach. Da erst wurde diese auf ihr Tun aufmerksam. Ihre Finger streckten sich. Ihr Kleid streifte wieder den Boden. Wie auf etwas Fremdem, Unheimlichem hafteten ihre Augen auf dem Gesichte der Verwandten. »Was schaust du mich so an?« schrie diese sie an. Klementine sagte darauf etwas, das gar nicht darauf paßte. Wie aus weiter Ferne her kam ihre Stimme, als sie träumerisch sagte: »Wie leid du mir tust, Tante!« Leona lachte rauh auf. »Behalte dein Mitleid – du, mit deren Hochmut sein und mein Unglück angefangen hat!« Sich hoch aufrichtend entgegnete Klementine ruhig: »Ich weiß, daß wir in deiner Hand sind. Ich habe auch vorhin deine Absicht gehört. Du wirst uns aus der Heimat treiben –« »Wie ihr Robert aus dem Leben getrieben habt!« warf Leona ein. Klementine lächelte wehmütig. »So nimmst du's an. Aber du irrst dich, wie du dich auch in deinem Sohne geirrt hast, denn du meinst, daß er dich –« Sie stockte. »Warum redest du nicht weiter? Du hast ihn doch sicher verleumden wollen. Tote können sich ja nimmer wehren. Also rede, so rede doch!« Wer der Baronesse Wangen hat sich ein leichtes Rot gebreitet, und ihre Stimme klang wieder sanft, als sie sagte: »Gut, daß du mich daran erinnerst, daß er tot ist. Aber du, Tante, du lebst und in dir glüht die Rache. Sieh, deshalb tust du mir so leid, denn –« »Schon wieder fehlt dir das Wort!« höhnte Leona. Klementine schüttelte den Kopf. »Denn du erniedrigst dich nur selbst dadurch,« vollendete sie ihren Satz. »Findest du?« »Bis zum Meineid hat sie dich schon getrieben.« Frau v. Lassot zuckte zusammen. Dann verzerrte sich ihr Mund zu einem widerwärtigen Lächeln und sie wollte etwas sagen, aber rasch schloß sie die Lippen wieder. »Auf Meineid steht schwere Strafe,« fuhr die Baronesse ruhig fort. Im nächsten Augenblick wich sie jäh zurück. Leona stand mit geballten Fäusten dicht vor ihr, und ihr Gesicht war verzerrt vor Zorn und Wut. »Willst du auch noch zur Mörderin werden?« fragte Klementine. Frau v. Lassot ließ die Arme sinken. Mit funkelnden Augen und bebenden Lippen schrie sie: »Das sollst du mir büßen!« Dann ging sie an Klementine vorüber. Immer schneller ging sie, immer schneller, und dabei fuchtelte sie wild mit den Armen. Der Baronesse lief, als sie ihr nachblickte, ein Schauer über den Rücken. Einem edlen Feinde darf man gerechte Erbitterung wohl zeigen, aber der Niedertracht gegenüber muß man vorsichtig sein, denn der Haß eines Niederträchtigen kennt keine Grenzen. Das fiel dem jungen Mädchen leider zu spät ein, und große Angst kam über sie. Sie setzte sich auf den Straßenrain und fing bitterlich zu weinen an. So fand sie Eugen Braun, als er von der Station kam. Er war sehr erschrocken, als sie ihm das soeben Geschehene mitgeteilt hatte, aber er ließ Klementine davon nichts merken, sondern tröstete sie so herzlich, wie eben nur echte Liebe trösten kann. »Warum bist du denn mit dem Zuge gekommen?« erkundigte sie sich, als sie mit ihm ins Haus zurückging. »Ich hatte große Eile, denn unser Abmarsch wird schon morgen früh erfolgen.« »Schon morgen früh!« Der Baronesse traten neuerdings die Tränen in die Augen. »Aber, Liebling,« sagte er innig, »sei nicht traurig. Denke nicht an mein Weggehen, denke lieber an mein Wiederkommen. Im nächsten Frühling schon werde ich mein Werk vollendet haben und hoffentlich auch schon irgendwo untergekommen sein. Dann wirst du meine liebe Frau, falls du nicht etwa« – er lächelte schelmisch – »bis dahin schon Gräfin Plein bist.« »Aber Eugen!« »Nun, ich weiß doch, daß der Graf euch erst unlängst in großer Gala einen Besuch machte.« »Er hat damals in der Tat um mich angehalten.« »Wovon du mir nichts mitteiltest.« »So etwas schreibt man doch nicht. Plein ist ja ein so guter Mensch, und ich wollte ihm gegenüber nicht unzart handeln.« »So hättest du mir wohl gar nichts davon gesagt, wenn ich nicht gefragt hätte?« »O freilich. Du mußt doch alles wissen, was in meinem Leben vorgeht. Aber eben nur gesagt hätte ich es dir, nicht geschrieben.« Er drückte sie an sich. »Du Feine, du Zarte!« flüsterte er bewegt und fügte dann herzlich hinzu: »Und du – du wirst mein sein!« Aber dann wurde auch er wieder trübe gestimmt, denn Klementine schilderte ihm ihre Lage. Sie machte ihm kein Geheimnis daraus, daß ihre Tage auf Wellhof gezählt seien und daß Tante Leona wie eine Furie sie verfolge. »Aber da kommt Ernst,« setzte sie nach einem Blick aus dem Fenster hinzu, »und er sieht nicht aus, als ob seine schwache Hoffnung sich erfüllt hätte.« Sie hatte sich in der Tat nicht erfüllt. Der Gönner, zu welchem Keßler seinen jungen Freund hatte führen wollen, weilte als hoffnungslos Erkrankter an der Riviera. »Mir schlägt eben alles fehl!« seufzte Ernst bitter. »Verliere nur den Mut nicht!« tröstete Braun. »Es muß ja auch wieder besser werden.« Der Baron lachte rauh. »Oder schlimmer,« sagte er. Braun schied mit schwerem Herzen, und er ließ das Geschwisterpaar mit schwerem Herzen zurück. Zehntes Kapitel. Ein frostiger, stürmischer Novemberabend senkte sich über die Stadt. Schwerer Nebel wogte durch die Straßen. So dicht war er, daß man kaum fünf Schritte weit sehen konnte. Trotzdem stand Klementine v. Teck wohl schon eine Stunde lang an Fenster und starrte in das graue Einerlei hinaus. Ihre Augen waren von Tränen verschleiert. Endlich wandte sie sich nach dem Zimmer zurück, einem dürftigen Raum von recht bescheidener Ausdehnung. Ihre Augen wanderten unbewußt über die armseligen Möbel hin, während ihr Ohr lauschte. Die Tür zum Nebenzimmer war handbreit offen. Ganz leise schlich Klementine zu ihr hin, und ganz leise fragte sie: »Bist du wach?« »Ja, Klemi, komm herein! Ich habe großen Durst!« Sie betrat das Zimmer. Im Bette, das an dessen Hinterwand stand, lag ihr Bruder. »Mein armer, lieber Ernst!« sagte das Mädchen zärtlich, und sich über ihn beugend gab sie ihm Wasser zu trinken. Man mußte den Baron genau ansehen, um ihn wiederzuerkennen, so elend, so verfallen sah er aus. Während seiner vielwöchentlichen Krankheit war ihm ein dichter Bart gewachsen, tief lagen seine Augen in den Höhlen, und wachsbleich war sein Gesicht. Der Arme war kaum noch der Schatten seiner früheren Erscheinung. Er streckte seine abgemagerte Hand der Schwester entgegen und bat: »Bitte, mach Licht! Es ist gar so traurig, im Finsteren zu liegen.« »Gleich, gleich wird es hell sein,« entgegnete sie und zündete rasch eine Lampe an. Diese beleuchtete auch hier eine nur sehr bescheidene Einrichtung, ein schmales Bett, einen Kleiderschrank, ein Sofa und zwei Stühle. Aber auch auf das Bastkörbchen fielen die freundlichen Strahlen, welches auf dem Tische stand und mit köstlichem Obst gefüllt war. »Gewiß war Kern wieder hier,« meinte der Kranke, es erblickend. Klementine nickte. »Er ist so gut!« sagte sie bewegt. »Jetzt kann ich es dir ja sagen. Fast täglich ist er hier gewesen, um sich nach deinem Befinden zu erkundigen, und all das schöne Obst, das ich dir geben durfte, hat er gebracht. Auch sein Bruder ist schon ein paarmal nach Wien hereingekommen, um nach dir zu sehen. O, es gibt doch auch recht gute Menschen! – Aber sag, wie geht es dir heute? Du hast, meine ich, zum ersten Male wieder so recht tief und gesund geschlafen.« Ernst reichte ihr die Hand. »Ja, ich glaube, ich werde wieder gesund werden,« sagte er. »Mir ist's endlich wieder ganz klar im Kopfe, und die Müdigkeit ist auch nimmer so arg.« »Gott sei Dank!« fuhr sie fort, »übrigens habe ich schon seit Tagen keine große Sorge mehr um dich gehabt, und gestern sagte der Doktor, daß er nicht mehr zu kommen brauche.« »Der Mann ist wohl für sein Honorar besorgt?« »Sei nicht bitter, Ernst. Er ist übrigens bereits bezahlt. Keßler hat das übernommen. Er war zweimal hier. Jetzt ist er leider selber krank.« »Was fehlt ihm denn?« »Ich weiß es nicht.« Klementines Stimme klang recht gepreßt, was Ernst zum Glück nicht merkte, und da eben die Frau, bei welcher sie wohnten, hereinkam und meldete, Herr Kern wäre wieder draußen, fragte die Baronesse lebhaft: »Er darf doch hereinkommen?« Ernst nickte. Da eilte sie hinaus. Auf ihrem kurzen Wege seufzte sie schwer auf. Als Franz Kern bei ihrem Bruder saß und den Kranken auf seine liebe Art aufheiterte, schlich sie sich in ihr Zimmer und setzte sich still in einen Winkel. Sie war ja so froh, daß Ernsts Genesung nun so gut wie sicher war, aber daneben gab es noch so viele bange und schwere Sorgen. Die Armut, die wirkliche Armut, die sie jetzt kennen gelernt und vor der es fast kein Entrinnen gab – nein, diese Not, wie die peinigte, wieviel Demütigendes sie mit sich brachte! Wieviel sie sich selbst versagen mußte, daran dachte Klementine kaum, aber wieviel sie ihrem lieben Kranken hatte versagen müssen – das hatte ihr so furchtbar weh getan. Als er, gleich nachdem sie das Vaterhaus hatten verlassen müssen, zusammengebrochen war, da wäre sie am liebsten mit ihm gestorben. Aber man stirbt nicht so schnell. Selbst der tatsächlich dem Tode sehr nahe Ernst kämpfte gegen ihn an und sträubte sich gegen das Sterben. Und sie mußte den Bruder doch pflegen und lernte, so dicht neben der Todesgefahr stehend, das Leben auch wieder lieben und schätzen. Es war ja freilich fast nichts, fast gar nichts für sie geblieben. In trotzigem Stolz hatten sie der Furie, die sie verderben wollte, selbst das Letzte noch hingeworfen, worauf ihnen sogar das mitleidlose Gesetz ein Recht gegeben hatte, und so waren sie mit zwei Koffern und nicht ganz dreihundert Kronen aus dem Vaterhause gegangen. Ernsts Krankheit hatte das bißchen Geld rasch verzehrt. Ihn ins Spital zu geben, dazu hatte sich Klementine nicht bestimmen lassen. Franz Kern wie Doktor Keßler fanden ihr Handeln ebenso unpraktisch wie – begreiflich. Und weil sie es begriffen, halfen sie ihr in zartester Weise es durchzuführen. Keßler nahm in einer Art, die sie nicht verletzen konnte, den Arzt und die Medikamente auf sich, und Franz Kern kam fast täglich, um nach dem Kranken zu sehen und um ihm und seiner Schwester zarte Aufmerksamkeiten zu erweisen. Aber vor einer Woche war der alte Keßler erkrankt. Eine Lungenentzündung hatte ihn niedergeworfen, und heute nachmittag hatte Klementine ein Telegramm von Keßlers Wirtschafterin erhalten, in welcher ihr die Frau meldete, daß der Doktor in der verwichenen Nacht verschieden sei. Ein treuer Freund weniger! Das bedeutete in solch trauriger Lage sehr – sehr viel! Die arme Baronesse wurde in ihrem Sinnen gestört. Sie hörte, wie Kern sich verabschiedete. Sie stand auf und zündete ihre Lampe an, denn sie wußte, daß Kern noch zu ihr hereinkommen werde. In der Tat trat er bereits in ihr Zimmer. »Ich will Ihnen nur eine gute Nacht wünschen, Baronesse,« sagte er laut, indessen er die Verbindungstür schloß. Dabei schaute er traurig auf das junge Mädchen. Sie verstand seinen Blick. »Wieder nichts?« fragte sie. »Wieder nichts!« antwortete er. »Alle, bei denen ich in Ihrem Namen wegen Sprach- und Musikstunden anfragte, wollen Zeugnisse sehen.« »Die Leute haben nicht unrecht,« entgegnete Klementine sanft. »Warum auch sollen Unfertige den Fertigen das Brot wegnehmen.« »Aber Sie gehen dabei zu Grunde!« meinte er erregt. »Das wäre doch noch der einzig mögliche Verdienst für eine Dame Ihres Standes.« Ihre Hand auf Kerns Arm legend, entgegnete sie: »Lieber Freund, lassen Sie uns vor allem vergessen, daß ich einem gewissen Stande angehöre. Arbeiten will ich, verdienen muß ich – das allein ist maßgebend. Mit dem Stundengeben scheint es nicht zu gehen, ich muß also an eine Beschäftigung denken, für welche auch nichts gelernt habende Baronessen sich eignen. Vor ein paar Tagen sagten Sie, daß neue Probierfräulein von Ihrer Firma gesucht würden.« »Aber Baronesse!« »Kommen Sie nur nicht ganz außer sich, lieber Herr Kern!« lächelte sie den wie vor etwas Schrecklichem jäh Zurückweichenden an. »Ich rede da wohlüberlegt. Wohl weiß ich, daß ich da Bitterem entgegengehe, aber was bleibt mir anderes übrig?« »Gräfin werden!« sagte Kern leise und ihren Augen ausweichend. »Sie raten mir das in sehr unsicherer Art. Das beweist mir schon, daß Sie selber nicht daran glauben, daß ich Ihren Rat befolgen kann. Übrigens – was wissen Sie vom Grafen?« »Ich habe ihn gestern gesprochen.« »Als ich von hier wegging, erkundigte er sich bei der Hausmeisterin nach dem Ergehen Ihres Herrn Bruders. Da sagte die Frau, daß ich gerade von ihm käme und so die beste Auskunft geben könne. Wir gingen dann miteinander bis zur Ringstraße und – »Und redeten von unserem Elend!« fiel Klementine ein. »Wir redeten von Ihnen, von Ihrer Gefaßtheit, Ihrem Mut, und ich brauchte überhaupt dem Grafen nichts weiter zu sagen, denn er wußte schon, was über Sie beide hereingebrochen war, und beklagte es tief, daß er sich Ihnen nicht als Helfer anbieten darf.« »Das hat er Ihnen gesagt? Er ist ein so lieber, guter Mensch!« »Der glücklich wäre, wenn Sie seine Frau würden. Baronesse, überlegen Sie –« »Da gibt es nichts zu überlegen. Sie wissen doch, daß ich verlobt bin, daß Eugen mir seine Laufbahn opfern will.« »Aber Sie werden zu Grunde gehen, ehe Sie seine Frau werden können. Der Herr Oberleutnant muß noch wenigstens ein halbes Jahr in seiner Stellung bleiben, und ob er dann gleich eine andere finden wird –« »Vielleicht kann ich das Glück, Eugens Frau zu sein, nicht abwarten,« sagte Klementine nach einer langen Pause, »vielleicht werde ich inzwischen von diesem Jammerleben aufgerieben; jedenfalls aber kann ich, an einen geliebten Mann denkend, einen ungeliebten nicht heiraten, und so muß ich daran denken, mir die Freiheit und uns das Leben zu erhalten, solange es irgend geht. Sie können es übrigens immerhin wissen: ich verfüge nur noch über neunzig Kronen.« »Großer Gott!« fuhr es ihm heraus, und weil er unwillkürlich an ihren natürlichen Beschützer dachte, setzte er rasch hinzu: »Und der Herr Oberleutnant –« »Weiß das selbstverständlich nicht,« fuhr sie rasch fort, »und darf es nicht erfahren, daß wir am Ende unserer Mittel sind. Er wird mir erst helfen dürfen, wenn er mein Mann ist.« Mit sehr großer Bestimmtheit sagte sie es und mit sehr hocherhobenem Kopfe. Der wackere Kern war ganz rot geworden, und schüchtern sagte er: »So soll ich wirklich mit dem Chef reden?« Klementine reichte ihm die Hand. »Ich bitte Sie darum. Es wird ein wahrer Freundschaftsdienst sein, den Sie mir da leisten. Glauben Sie aber auch, daß solch ein Posten für mich zu erreichen ist?« Unwillkürlich prüften seine Augen ihre Gestalt, worüber ihr das Blut zu Kopfe schoß und ihre Lippen sich fest schlössen. Dies merkend sagte er hastig: »Aber natürlich, Baronesse – natürlich. Man wird froh sein, Sie zu bekommen – mit einer solchen –« »Figur« hatte er sagen wollen, aber schnell änderte er den Ausdruck und sagte: »mit einem so vornehmen Äußeren. – Übrigens,« setzte er rasch hinzu, »werden Sie zweifellos bald zur Empfangsdame vorrücken. Der nächste freiwerdende derartige Posten ist Ihnen sicher, denn Sie beherrschen außer dem Deutschen ja noch drei Sprachen, und das schätzt man in einem Geschäfte, wie das unserige eines ist, sehr. Also gleich morgen rede ich mit meinen Chefs oder noch besser mit Fräulein Vogel. Abends bringe ich Ihnen dann Nachricht, und am ersten Dezember können Sie schon – meine Kollegin sein.« Sie reichte ihm wortlos die Hand. Als er gegangen war, stand sie noch lange an der Stelle, an der sie sich von ihm verabschiedet hatte. Ihre Blicke waren auf das Licht der Lampe gerichtet, aber sie sahen trotzdem nichts. »Probiermamsell!« flüsterte sie vor sich hin – »Probiermamsell!« Dann richtete sie sich hoch auf. Ein Ausdruck herrlichen Stolzes durchleuchtete ihr hübsches Gesicht, und ein Ausdruck innigster Güte lag in ihren Augen. »Lieber, lieber Ernst,« flüsterte sie, »du, der du so treu für mich gesorgt hast, der du solch schwere Last für mich getragen hast – du sollst wenigstens nicht allein weiterkämpfen!« Ein paar Minuten später saß sie neben Ernst und plauderte lieb und herzlich mit ihm. Er ahnte nichts von ihrem Plane, von diesem Vorhaben, das nur die äußerste Not ihr auszwang. Elftes Kapitel. Am ersten Tage des Dezember trat der jüngste Sproß des alten Adelsgeschlechtes, die verwöhnte Tochter eines einst reichen Hauses ihre Stelle als Probiermamsell in dem Warenhause Groß \amp; Komp. an. Kern hatte sie schon am Tage vorher abgeholt und sie seinen Chefs vorgestellt. Klementine hatte sich wacker gehalten bei diesem ihrem ersten Schritt in das bittere Leben der Arbeit hinaus. Sie war, als sie an Kerns Seite nach dem siebenten Bezirk fuhr, gezwungen heiter, allein Kern merkte recht gut, wie erregt sie in Wirklichkeit war, wie oft sie die Farbe wechselte, wie oft sie sich auf die Lippen biß. Sie war eine Deklassierte – darüber kam sie einstweilen doch nicht hinweg. Im Bureau der Chefs empfing man sie freundlich und behandelte sie fast wie eine Dame. Fast! Sie spürte sehr genau, was da fehlte, und sie schalt sich, daß es ihr wehe tat. Nachdem Kern sie den Chefs vorgestellt hatte, führte er sie zu Fräulein Vogel, von der sie wahrhaft herzlich begrüßt wurde. »Möchte es Ihnen bei uns gefallen, Baroneß!« Mit diesen Worten streckte ihr das Fräulein beide Hände entgegen. Sie befanden sich hinter dem Glasverschlag, von dem aus Fräulein Vogels Augen so viele und so vieles überschauten. »Nennen Sie mich nicht Baronesse!« bat Klemi. »Wie ich so viel anderes hinter mir lassen mußte, will ich auch meinen Titel ablegen. Er paßt hier ja so wenig mehr.« »Zu Ihrer Stellung – da haben Sie recht. Zu Ihnen selber aber wird er immer passen.« Fräulein Vogel hatte das sehr lebhaft gesagt. Sie hielt noch immer Klementines Hände in den ihrigen. »Jetzt will ich Sie ins Aufnahmebureau führen,« setzte sie hinzu und wendete sich dann zu Kern: »Sie wünschten, daß ich mich besonders des Fräuleins annehme,« sagte sie lächelnd, »und ich versprach dies gern. Jetzt kann ich hinzufügen, daß ich mich ihrer annehmen werde, als ob sie meine Schwester wäre.« »Wofür ich ewig Ihr Schuldner sein werde,« entgegnete er ernst und bewegt, lächelte Klementinen zu, verbeugte sich und ging. Eine Viertelstunde später war die Baronesse v. Teck unter das Personal des Warenhauses aufgenommen und gehörte, auf ihren Wunsch als einfache Klementine Teck, der großen Zahl von Menschen an, welche ihre Kräfte in den Dienst der Firma Groß \amp; Komp. gestellt hatten. Nach ihrer Heimkunft saß sie lange ihrem Bruder, den sie von ihrem Vorhaben bereits unterrichtet hatte, schweigend gegenüber. Endlich erhob sich Klementine und legte ihren Arm um seinen Hals. Sie hatte die Träne gesehen, die ihm über die Wange geflossen war. »Ernst, Herzensbruder,« sagte sie zärtlich, »du tust ja, als ob das etwas Furchtbares wäre. Aber es ist wirklich nicht so schlimm. Vielleicht bietet sich mir auch bald etwas Besseres, für jetzt aber müssen wir froh sein, daß ich durch Kerns Empfehlung einen bezahlten Posten gefunden habe. Mein Gehalt wird zunächst hundert Kronen betragen, ist also immerhin für das Allernotwendigste hinreichend. Und ich bleibe nicht lange Probiermamsell. Als Empfangsdame habe ich dann noch mehr Gehalt, und da ich drei fremde Sprachen rede, werde ich bald vorrücken. Wenn du dann auch noch wirst verdienen können, werden wir schon wieder ein bißchen hinaufkommen.« So tröstete sie ihn, und er gab sich seufzend zufrieden. Morgen war auch er fest entschlossen, einen beliebigen Verdienst anzunehmen, wenn er auch nur insofern standesgemäß sein sollte, weil er ehrlich war. Aber auch die nächsten Tage brachten ihm keinen Posten, den er hätte ausfüllen können. Beschäftigungslose Künstler von Beruf gab es ja so viele, und Kellner – mein Gott – Kellner konnte er doch nicht werden! Anständig wäre ja auch das gewesen, aber Ernst v. Teck fand einfach nicht den Mut, sich in solcher Stellung der Welt zu zeigen. »Klemi hat diesen Mut gefunden,« sagte er sich hundertmal, aber hundertmal vergebens, denn es schüttelte ihn einfach ein wilder Schauer, wenn er sich Schüsseln tragend oder Trinkgelder heischend vorstellte. – Eines Abends begleitete Franz Kern Klementine heim, um einen Unverschämten zu vertreiben, der sie in kecker Art schon mehrmals angesprochen hatte. Noch bebend vor Unwillen kam sie zu Hause an. Kern war mit ihr hinausgegangen. Vor ihres Bruders Tür hielt sie den Schritt an und wendete sich ihrem Begleiter zu. »Nichts sagen! Ja nichts sagen! Sonst läßt er mich morgen nicht mehr weggehen,« flüsterte sie ihm zu. Kern nickte. Er tat, als ob er eben Ernst habe besuchen wollen. Dabei kam er, der sich ungemein für die beiden Geschwister interessierte, auf des Barons Maltalent zu sprechen und fragte ihn, ob er denn schon in dieser Richtung hin Beschäftigung gesucht habe. Da zeigte ihm Ernst ganz allerliebste Entwürfe für Ansichts- und Tischkarten, die er, um sein Können zu zeigen, gemacht und schon verschiedenen Firmen angeboten hatte. »Ich habe auch da kein Glück,« sagte er, die Karten weglegend. »Man ist, wohin ich auch komme, mit dem, was ich anbiete, reichlich versehen. Ach, lieber Freund,« fuhr er bitter fort, »wenn einer einmal im Abwärtsgleiten ist, dann hält ihn so leicht nichts mehr auf.« – Als aber Kern zwei Tage darauf ihn wieder besuchte, hatte er doch einen Verdienst gefunden. Man hatte durch ein Inserat einen gewandten Primgeiger gesucht. Mehr hatte die Anzeige nicht gesagt. Auf sein schriftliches Angebot hin hatte man ihn in ein Kaffeehaus zu einer Zusammenkunft gebeten. Dort hatte er einen recht gemütlich aussehenden Herrn von mittleren Jahren gefunden, der sich ihm als Musikdirektor Leopold Schultz vorstellte und dem gegenüber er seinen Adelstitel ebenso unterschlug, wie ihn Klementine abgelegt hatte. Ernst Teck war durch nichts auffallend, und richtig war der Name ja doch. Musik, gar solche im musikfreudigen Wien, nährt zuweilen noch recht gut ihren Mann. Dafür sprach des Herrn Musikdirektors behäbiges Aussehen und seine vergnügte Stimmung. Der große Diamant an seinem linken Ringfinger war allerdings nicht echt, das merkte der Baron auf den ersten Blick, und auch nicht ganz echt war die biedere Art und Weise dieses Herrn Schultz, die sich mit gewissen Ansichtsäußerungen, die ihm sichtlich unüberlegt entschlüpften, durchaus nicht deckte. Aber so sehr streng brauchte Ernst den gemütlichen Herrn ja nicht zu prüfen; es handelte sich ja nur um ein ganz loses Verhältnis, das von vierzehn Tagen zu vierzehn Tagen ohne viele Weitläufigkeiten wieder aufgelöst werden konnte und immerhin für die nächste Zeit die Bedürfnisse für ein bescheidenes Leben sicherte. Ernst war engagiert worden, mit Herrn Schultz, dem Klavierspieler, und dessen Freund, dem Cellisten Rudolf Haunold, den musikalischen Teil unterschiedlicher Familien- und Vereinsabende als Primgeiger zu besorgen. Schultz betrieb sein Geschäft schon seit Jahren und stand sich nicht schlecht dabei. Er hatte sich, wirklich Gutes bietend, in dieser Zeit eine feste Kundschaft gesammelt, und es flogen ihm ob seines guten Rufes noch immer mehr Kunden zu, so daß er den Anforderungen, die man an ihn stellte, kaum mehr gerecht werden konnte. Teck, so schlug er vor, solle ihn am nächsten Vormittag mit seiner Violine besuchen und ihm etwas vorspielen. Genüge er, so könne er ihn bis zum kommenden März etwa beschäftigen und ihm eine abendliche Einnahme von fünf Kronen nebst freier Verköstigung zusichern. Ernst überlegte nicht lange und nahm die gestellten Bedingungen an. Am nächsten Vormittag lernte er in seines neuen Chefs höchst genialer Junggesellenwohnung den neuen Kollegen Haunold, ein dürres, bescheidenes Männchen, kennen und bedauern, denn der in jeder Beziehung bemitleidenswerte Cellist besaß ein krankes Weib, drei kleine Kinder und eine höchst wankende Gesundheit. Eines nur vergoldete des schon alten Mannes trübe Tage, die unendliche Liebe zu seiner Kunst. Haunold war einfach entzückt bei Tecks Probespiel. In Schultz wurde dabei wohl auch der Kenner, noch mehr aber der Geschäftsmann munter. Letzterer gönnte dem Spiele, das ersteren mehr als nur befriedigte, pfiffigerweise kaum mehr als ein mäßiges Lob. Ernst lag an seinem Urteil ungemein wenig. So setzte er sich also gleichmütig über die kühle Beurteilung seines Musikdirektors hinweg und unterschrieb recht gern die beiden gegenseitigen Kontrakte, davon ihm einer eingehändigt wurde. Abends erzählte er Klementinen, wozu er sich verpflichtet hatte. Sie hielt mit Mühe die Tränen zurück, die sich durchaus in ihre Augen drängen wollten, und wünschte ihm Glück zu seinem Entschluß und zu dessen Ausführung. Dann bemühten sich die beiden Geschwister, einander so viel Freundliches zu sagen und zu tun, als nur möglich war. Ernst schilderte mit Humor die Zigeunerwirtschaft, in welche er heute Einblick erhalten, und Klementine erzählte ihm mit einer Lustigkeit, die allerdings recht künstlich war, von den Vorgängen im Geschäfte. Schließlich waren beide froh, schlafen gehen zu können. So gescheit sie waren, schämte sich doch ganz überflüssigerweise eines vor dem anderen, und in diesem Empfinden fanden sie erst spät den Schlaf. Namentlich Ernst empfand wieder einmal furchtbar schwer den Unterschied zwischen einst und jetzt. Einst Kavalier und freier Künstler, seine Schwester die Angehörige der besten Gesellschaft – und jetzt! Sie Probiermamsell in einem Warenhause, und er Musiker für fünf Kronen abendlich und – freies Nachtmahl! Er biß die Zähne knirschend aufeinander. Aber es war ja nun doch erreicht, das Ziel, das Ideal der Verarmten, davon er zu Keßler gesprochen: ganze Stiefel und Sattwerden – das hatten sie erreicht. Arme Kulturmenschen des alten Europa mit ihren starren Begriffen über das, was sein und was nicht sein darf, die sich deklassiert fühlen, wenn ein widriges Geschick sie in andere Bahnen geworfen hat! Da haben es die über dem großen Wasser besser. Die fühlen sich immer als Menschen, ob die Lebensschaukel sie auch noch so weit hinaufschnellt oder noch so weit unten absetzt. Wir aber fühlen nicht unsere eigene Persönlichkeit, nicht unseren eigenen Wert, wir taxieren uns nur nach unserer Stellung der Welt gegenüber. Wir sind eben Rangklassenmenschen! * Am 15. Dezember, Abends acht Uhr, schaute ein hübsches kleines Bürgermädel, dessen Schwester heute Hochzeit gemacht, mit schwärmerischen Blicken von der Tafel aus zu dem Musikantentisch hinüber, der in einer Ecke des Hotelsaales auf einem halb von Pflanzen maskierten Podium stand. Dort lehnte, sehr elegant in Schwarz gekleidet, ein schlanker junger Mann neben dem Klavier und spielte auf einer ganz ausgezeichneten Violine ein süßes Liebeslied. Es war so zart, so süß, daß selbst der dicke Brautvater die Gänsebrust vergaß, die vor ihm auf dem Teller lag. Ganz still war es im Saale, keines aß und trank mehr, alles lauschte, und alles schaute nach dem Geiger, der das blasse, schöne Gesicht über sein Instrument neigte, dessen Augen so traurig und dessen Hände so fein waren. Und als das Lied verklungen, der Geiger hinter der Pflanzenwand verschwunden war, und der dicke Klavierspieler mit den ersten Takten eines beliebten Walzers den Zauber brach, sagte der Brautvater ganz laut: »Der kann was! Schade um den Kerl!« Sein Töchterlein aber, der liebe Backfisch, der noch an keine Rangklassen dachte, aber schon recht wienerisch pfiffig war, engagierte später bei der Damenwahl den hohen, schlanken Herrn, der, da der Klavierspieler gerade allein Musik machte, in einer Fensternische lehnte. Aber der Herr war besonnener als sie. Er machte ihr eine tadellose Verbeugung und sagte freundlich: »Gnädiges Fräulein, Sie irren! Ich gehöre auf das Podium hinauf. Und – Sie wissen wohl, Kellner und Musikanten darf man nicht zum Tanzen engagieren. Aber« – er lächelte noch immer, nur war jetzt auch etwas wie Dank und Weichheit in seiner Stimme – »aber die Blumen, die Sie mir zudachten, die dürfen Sie dem armen Musikanten schon geben.« Und sie gab ihm errötend die Blumen. – Ein paar Stunden später träumte sie von ihm, und noch lang danach sah sie sein schönes Gesicht mit den tiefblauen Augen und dem hellbraunen Bart vor sich, auf dem so hübsche, goldene Lichter flimmerten. Zwölftes Kapitel. Es stellte sich immer mehr als notwendig heraus, daß Klementine sich den weiten Weg von ihrer Wohnung bis ins Warenhaus ersparen mußte, es war ihr sonst unmöglich, die streng durchgeführte Geschäftszeit richtig einzuhalten. Anderseits war ihr Bruder bei der gegenwärtigen Hauswirtin vorzüglich aufgehoben. Auch Kern riet Klementine dringend, ein Zimmer in der Nähe des Geschäftes zu suchen, und so benutzte sie die Mittagspause, um sämtliche Wohnungszettel, die in der Nachbarschaft des Warenhauses an den Haustoren hingen, durchzustudieren. Eben stand sie wieder, solch einen Zettel prüfend, vor einem Haustor in der Lindengasse, da sagte eine klangvolle Stimme neben ihr: »Das ist nichts für Sie, Fräulein Teck. Sie brauchen etwas Gemütliches und Sicheres. In einer großen Stadt muß man vorsichtig sein in seinem Umgang.« Klementine nickte der Sprechenden freundlich zu und reichte ihr die Hand. »Da haben Sie ganz recht, Fräulein Hartwig,« sagte sie. »Aber woher wissen Sie denn, daß dieses Zimmer nichts für mich ist? Woher wissen Sie denn überhaupt, daß ich ein Zimmer suche?« Dora Hartwig lachte. »Freilich weiß ich das alles. Letzteres durch Fräulein Vogel und ersteres, weil ich selber einmal in diesem Hause wohnte. Dieses hübsche Zimmer im ersten Stock hat die Aussicht auf ein dunkles Höfchen, darin von etlichen zwanzig Parteien tagaus, tagein die Teppiche geklopft werden, und die Frau, die es vermietet, hat sieben lebendige Kinder, deren ältestes zehn Jahre alt ist. Von Licht und Luft und Ruhe ist also da nicht zu reden.« »Also wieder nichts!« meinte Klementine. »Nur nicht die Geduld verlieren!« mahnte Dora Hartwig. »Kommen Sie doch mit zu mir hinauf – ich wohne gleich hier nebenan.« »Aber Sie werden jetzt speisen wollen.« »Haben Sie schon gegessen?« »Ja.« »Nun, da ist also keine Gefahr, daß Sie mir etwas wegessen. Also kommen Sie nur. Ich bin so stolz auf mein niedliches Zimmer, daß ich mir gerne liebe Menschen einlade.« »Ich bin leider so gedrückt und verstimmt –« »Sie sind trotzdem lieb!« stellte Dora mit so großer Bestimmtheit fest, daß Klementine lachen mußte. So legte sie denn ihren Arm in den der Kollegin und ließ sich von ihr führen. Sie gingen noch zwei Häuser weit, stiegen zwei Stockwerke empor und hielten vor einer sehr sauber gehaltenen, weißlackierten Tür, auf deren Taster Dora drückte. Eine ältliche Frau, welche Dora ihrem Besuch als ihre Tante vorstellte, öffnete. »So – hier sehen Sie – das ist bis auf weiteres meine Heimat!« sagte Dora Hartwig, als sie in einem großen, hellen Zimmer angekommen waren, an dessen Fenstern seine Spitzenvorhänge hingen, und dessen Boden mit einem dicken cremefarbenen Teppich bedeckt war. »Ah – wie hübsch Sie wohnen!« sagte Klementine, sich aufrichtig wundernd über den zarten Geschmack, der hier jedes einzelne Ding gewählt hatte. Die helle, moosgrüne Tapete mit dem breiten Fries, auf dem eine stille Herbstlandschaft dargestellt war, über welcher die Decke als lichter Himmel blaute – wie dies alles freundlich wirkte, und wie weit man zu schauen meinte! Und nirgends aufdringliche Bilder, welche die Ruhe der Wände gestört hätten, und nur ganz wenige, aber gediegene und bequeme Möbel aus rostrotem Holz, und vor dem Bette eine spanische Wand wieder mit einer meisterhaft ausgeführten Herbstlandschaft. »Wie schön, wie wunderschön!« sagte die Baronesse, das Bild betrachtend. »Man hat hier das angenehme Gefühl, im Freien zu sein.« Dora nickte. »Dieses Gefühl habe ich mir verschaffen wollen, und es freut mich, daß auch Sie spüren, daß mir die Ausführung meiner Absicht nicht mißlungen ist. Ach, wie sehne ich mich immer nach dem Freien und nach Einsamkeit! Muß man doch ständig Zwischen engen Mauern und im Menschengewimmel leben! – Aber jetzt, Fräulein Teck, müssen Sie auch das Zimmer ansehen, das bis vor kurzem meine nun verheiratete Schwester bewohnt hat. Es ist freilich bescheidener als meines, aber eigentlich noch viel gemütlicher.« »Ah – in der Tat!« rief Klementine aus, die jetzt auf der Schwelle eines kleinen, ebenfalls sehr hellen Zimmers stand, das mit seinen freilich altväterischen, aber sehr behaglichen Polstermöbeln und seinem grünen Teppich wie ein Nest aussah. »Gefällt es Ihnen wirklich?« fragte Dora. »Es erinnert mich so an mein Zimmer daheim,« erwiderte Klementine, deren Augen feucht geworden waren. »Wie sollte es mir nicht gefallen?« »So könnten Sie sich hier wohl fühlen?« »Wie sehr!« »Fräulein Teck, ich wäre sehr glücklich, wenn Sie das Zimmer nehmen würden. Es ist, wie ich Ihnen sagte, schon eine Weile unbewohnt.« Über Klementines Züge breitete sich der Ausdruck großer Verlegenheit. »O, Fräulein Hartwig,« murmelte sie, »ein so hübsches Zimmer kann ich nicht mieten.« »Können Sie wirklich nicht einmal fünfzehn Kronen an Wohnung, Heizung und Bedienung wenden?« meinte Dora geschäftsmäßig. »Fünfzehn Kronen! Aber Fräulein Hartwig – Sie bekommen doch leicht das Doppelte dafür, und ich – ich würde Ihnen höchstens nur zwanzig Kronen bieten können.« »Ich nehme aber nur fünfzehn. Dafür will ich allerdings nur jemand in so naher Nachbarschaft haben, der mir sympathisch ist. Sie zögern? Ach, schlagen Sie doch ein! Sonst steht mir das Zimmer, das ich auch von meiner Tante gemietet habe, noch länger leer.« Tief errötend und doch so freudig schlug Klementine ein, und gleich darauf saß sie, einer großen Sorge ledig, im Wohnzimmer von Doras Tante, der verwitweten Feldwebelsgattin Antonie Hartwig, die schon lange mit ihrer verwaisten Nichte zusammenwohnte und wirtschaftete. – Unter der Obhut der beiden Hausgenossinnen fühlte sich Klementine sehr wohl, zumal sie wußte, daß auch Ernst treu behütet wurde. Den Grafen Plein, der ihr voll dringender Herzlichkeit geschrieben und sie noch einmal um ihre Hand gebeten, hatte sie abermals abgewiesen. Dadurch lag ein tiefer Schatten auf ihrem Wege. Sie hatte vor Eugen ein Geheimnis, und eine Lüge stand zwischen ihm und ihr. Sie ließ ihn glauben, daß Ernst so viel aus dem väterlichen Erbe gerettet habe, daß sie beide ruhig davon leben könnten, zumal Ernst schon eine Beschäftigung gefunden habe. Daß sein Verdienst mit Musik zu tun habe, hatte sie auch in dem einzigen Brief, in welchem sie dieses Thema berührte, erwähnt, allein welcher Art seine Beschäftigung sei, das hatte sie verschwiegen. Dieses Heimlichtun Eugen gegenüber bedrückte sie sehr. Dennoch gab sie es nicht auf, konnte es nicht aufgeben. Er mußte Ruhe haben. Schrieb er ihr doch immer wieder, daß er bei der schwierigsten Partie seines Werkes angekommen sei, daß er jede freie Stunde, welche der Dienst ihm ließ, am Schreibtische zubringe und jede Zerstreuung meide, um seinen Kopf und seine Nerven ruhig zu erhalten. Gerade jetzt, da er austreten werde, hoffe er durch sein Buch sich eine neue Laufbahn in der Technik zu eröffnen. Es sprach nicht etwa Resignation aus seinen Briefen, sondern nur Ruhe und die Festigkeit eines Mannes, der genau weiß, was er will. Daneben ging immer das innige, treue Empfinden her, das er Klementine widmete. Das hartgeprüfte Mädchen war also wenigstens in seiner Liebe sehr, sehr glücklich. * Weihnachten war vor der Tür. Das stille Frostwetter, welches endlich eingetreten, war der Kauflust des Publikums sehr günstig. Im Warenhause herrschte ein bewegtes Leben. Vom frühen Morgen bis zur Sperrstunde war es geradezu belagert von einer schau- und kauffreudigen Menschenmenge. Ununterbrochen waren die Aufzüge und die originelle Rolltreppe, welche aus dem Parterre in den Halbstock hinaufführte, in Bewegung. Mit glühenden Wangen, oft schon recht müde und dennoch recht berufsfreudig, widmeten sich die Verkäufer und ihre Kolleginnen mit Eifer ihrer Obliegenheit, zeigten die größte Geduld, wenn sie schwer zu befriedigende Kunden bedienten, und machten selbst diese gern auf weitere besonders kaufenswerte Artikel aufmerksam. Überall mußten sie ihre Augen, Ohren und Hände und ihre Aufmerksamkeit haben – keine geringe Anforderung, da sie jetzt für fast zwölf Stunden täglich an sie gestellt wurde. Natürlich ging es auch in der im Halbstock befindlichen Konfektionsabteilung überaus lebhaft zu. Da kamen jetzt namentlich Frauen, die bescheiden nach einfachen Kleidern fragten und die jetzt erst dazu kamen, sich eine warme Hülle zu kaufen. Schon schwieriger und langwieriger gestaltete sich die Bedienung jener Kundinnen, welche nicht so genau zu rechnen brauchten. Da hatten die Verkäuferinnen alle Hände voll zu tun, da mußten die Diener immer wieder andere Toiletten herbeischaffen, denn Farbe oder Fasson, Stoff oder Aufputz wurden von jeder der Käuferinnen, die meist selber nicht wußten, was sie wollten, wieder anders gewünscht. Da hieß es ebenfalls geduldig und findig sein, nicht ermüden, von Nervosität nichts spüren lassen, immer lächeln, immer sich liebenswürdig verhalten und unmerkbar, durch geschickte Komplimente die Geduld und Kauflust der Kundinnen wach erhalten. Es ist nicht leicht, die Eitelkeit zu bedienen, und zumeist ist es doch diese, welche die Damen bei der Wahl ihrer Toiletteartikel beeinflußt. – Eine ältere Dame fuhr gegen Abend, zu der Zeit, da das große Warenhaus am meisten besucht war, in einem der Fahrstühle zur Konfektionsabteilung hinauf. Sie hatte eine blasse junge Person bei sich, wohl ihre Gesellschafterin, denn für eine Magd sah sie zu fein aus, schien aber sehr niedergedrückt zu sein, denn sie wagte es nicht, sich auch auf einen der drei Samtsitze niederzulassen, die sich in dem von dickem Spiegelglas umgrenzten Aufzug befanden. »Daß Sie diesmal die Augen ordentlich aufmachen!« sagte die ältere Dame beim Aussteigen und wendete sich nach der Pelzabteilung. Ihre blasse Begleiterin verneigte sich demütig. »Gnädige Frau sind in Trauer? Es soll also etwas Schwarzes sein?« bemerkte halb fragend die Verkäuferin, welche ihnen entgegenkam. »Wie können Sie so albern fragen?« tönte da eine harte Stimme hinter ihr. »Selbstverständlich werden Sie schwarzes Pelzwerk bringen. Ermüden Sie doch die Dame nicht mit Ihrer Fragerei!« Paula Neuber, die Vorstandsdame dieser Abteilung, war es, die sich mit Rauschen und Klingeln nun zu der Kundin wendete. Einige Damen, welche sich ebenfalls Pelzsachen vorlegen ließen, schauten verwundert auf die geräuschvolle und wenig Takt beweisende große Person, welche mit ihrem roten Haar und dem merkwürdigen violetten Samtkleid, an dem alles glänzte und klirrte, sehr auffiel. Frau v. Lassot, die eben angekommene Kundin, hatte sich breit in einem der mattgrünen Sessel niedergelassen und blickte mit einer ganz unnötigen Strenge, welche sie für Würde hielt, um sich. »Wie elend Sie heute wieder aussehen, Lotti!« sagte sie laut und im Tone hoher Mißbilligung zu ihrer Begleiterin, deren Gesicht ihre kalten Augen soeben gestreift hatten. »Ich bin nur ein bißchen müde, gnädige Frau,« entgegnete die junge Person schüchtern und versuchte es, sich stramm aufzurichten. Da schob ihr ein soeben vorübergehendes Fräulein freundlich lächelnd einen Stuhl hin. »Da setzen Sie sich halt!« herrschte ihre Herrin sie an, und mehr einem physischen Zwang als der ungnädigen Erlaubnis nachkommend, fiel das Mädchen fast auf den Sessel. »Als ob Sie sich bei mir so anstrengen müßten!« höhnte Frau v. Lassot, die sich, seit Nächten schlaflos, bis in den Morgen hinein von der Armen hatte vorlesen lassen. Die Verkäuferin, welcher sie zugewiesen worden war, brachte einen recht hübschen Kragen von glänzendem schwarzen Fell herbei und legte ihn, seine Vorzüge hervorhebend, vor der Kundin auf den Tisch. Eine Weile schaute diese auf den Kragen, dann lachte sie spöttisch. »Das soll ich tragen?« fragte sie. »Das ist ja Kaninchen.« Die Verkäuferin wurde rot. Sollte sie die Frau so schlecht taxiert haben? Sie sah doch sehr gewöhnlich aus und war nichts weniger als elegant gekleidet. »Gnädige Frau!« stotterte sie. »Es ist in der Tat französisches Kaninchen. Es ist sehr beliebt, und ich dachte –« »Was Sie denken, ist mir gleichgültig. Bringen Sie jetzt anständiges Pelzwerk. Krimer kann es sein, oder Sealskin, auch Astrachan. Jedenfalls kein solcher Fetzen.« Die Neuber hatte für solche Kunden ein besonderes Interesse. »Natürlich, meine Gnädigste,« rief sie, »das Fräulein hat sich vergriffen. Sie ist Anfängerin, hat noch keinen Blick für die Kunden. Es war schon ein Fehler, daß man sie der Gnädigsten zugewiesen hat. Aber das läßt sich gutmachen. Es wird mir eine Ehre sein, die Dame selbst bedienen zu dürfen.« Leona war schon besänftigt, und die niedergedonnerte Verkäuferin lief nach anderen Pelzen. »Krimer, Sealskin, Astrachan!« murmelte sie, hochrot im Gesichte, denn sie wußte, das war ein ganz außergewöhnlicher Nutzen für sie. Hatte sie doch Prozente von jeder Verkaufssumme. Die Neuber würde sich doch nicht etwa selber diese Prozente zuschreiben? Das war allerdings schon öfters dagewesen. Sie nahm zwei prachtvolle Kragen aus einem der Schränke und eilte mit ihnen und einer hocheleganten Nerzstola an ihren Verkaufstisch zurück. Allein da war für sie schon alles aus. Die Neuber riß ihr die Kragen aus der Hand und sagte: »Da drüben ist eine Frau – die können Sie bedienen. Sie will eine Boa in der Preislage von etwa zehn Kronen.« Dienernd und lächelnd wandte sie sich dann zu Frau v. Lassot. »So, meine Gnädigste, das hier ist allenfalls etwas für Sie. Ein Modell. Gestern erst aus Petersburg gekommen. Die Zarin trägt diese Fasson aus Klondikefuchs. Oder wünschen Sie eine andere Form? – Fräulein Teck,« rief sie laut nach dem Hintergrund des Saales hin, »kommen Sie! Aber ein bißchen schnell! Was tun Sie denn noch? Ich werde hoffentlich kein Bittgesuch einreichen müssen, wenn ich eine Probiermamsell brauche.« Frau v. Lassot hob den Kopf. Also hier hieß eine Probiermamsell Teck! Die Gerufene kam schon. Rasch lief sie herbei und sah mit ihrem hübschen, ernsten Gesichte und der schönen, kräftigen Gestalt sehr anziehend aus. Leona, ziemlich kurzsichtig und ihre an einer Schnur hängende Lorgnette nicht sogleich findend, sah die Herangekommene erst deutlich, als diese schon vor der Neuber stand und sich den Pelzkragen umlegen ließ. Da ging ein merklicher Ruck durch ihre Glieder. Sie öffnete die Lippen, aber sie schloß sie gleich wieder. Kein Laut war hervorgekommen, aber ein Lächeln voll wilden Triumphes krümmte sie, und dieses Lächeln, dieses stille, teuflische Lächeln, war auch in ihren Augen. Klementine, welche von der Neuber schon einige Male in dieser Weise verletzt worden und doch ihr zu gehorchen gezwungen war, stand mit gesenkten Augen da. Sie wußte nicht, was ihr in der nächsten Minute bevorstand, allein auch ohne dies war ihre Seele augenblicklich voll Bitterkeit. Seit Tagen schon überanstrengt und infolgedessen übermüdet, kam ihr gerade in diesem Augenblick ihre Tätigkeit noch widerwärtiger vor als sonst, und wie so oft, wenn sie der Neuber gegenüberstand, erinnerte sie sich der ersten flüchtigen Begegnung mit ihr, wie sie ihr gleich damals widerwärtig gewesen, und wie unverhohlen sie der Neuber damals ihren Widerwillen gezeigt hatte. Wie bitter sie dies jetzt büßen mußte, denn auch die Neuber hatte jenen Augenblick nicht vergessen! »Sie ist ja so gemein,« dachte Klementine und drehte sich dabei auf Geheiß der Vorgesetzten langsam um sich selber, ganz wie eine mechanische Puppe. Leona heftete ihren Blick mit einem Genuß ohnegleichen auf die herrliche Gestalt, mittels welcher man ihr vortäuschte, wie tadellos der Pelzkragen sie selbst kleiden würde. »Gnädigste bemerken, wie wunderbar das Stück steht! Jede Linie elegant! Und der diskrete Glanz des Pelzes! Der Kragen ist einfach entzückend!« redete, ihre Augen verdrehend, die Neuber auf sie ein. Ein vielköpfiges Publikum stand um die Gruppe herum, denn wenigstens ein Dutzend Kundinnen interessierten sich für das in der Tat schöne Stück. Man hörte verschiedene beifällige Bemerkungen und etliche Ausrufe des Entzückens. Die Neuber redete immer weiter, denn sie hatte eine nie versagende Zunge. Aber plötzlich versagte sie doch. »Du hast es ja herrlich weit gebracht!« sagte laut und hart die Kundin. Worauf das ging, wußte niemand der Umstehenden sogleich. Klementine erhob den Kopf, und ihre Blicke fielen auf Frau v. Lassot. Da wich der letzte Blutstropfen aus ihrem Gesichte, und wie erstarrt blieb sie stehen. »Dreh dich doch wieder! Vorwärts! Dreh dich! Ich will doch sehen, wie das Ding aussieht, das ich kaufen will.« Wie viel Hohn in ein paar Worten enthalten sein kann! Klementine hatte die peinvolle Überraschung überwunden, und während ihr dunkle Röte ins Gesicht stieg, sagte sie verächtlich: »Du hast es auch noch nötig, mich zu verhöhnen – du, die du bis in den letzten Winkel deiner gemeinen Seele hinein verdorben bist!« Hoch den Kopf erhebend, legte sie den Pelzkragen ab und ging davon. »Fräulein Teck!« rief ihr die Neuber wütend nach. »Sofort kommen Sie hierher und bitten die Dame um Entschuldigung!« Klementine ging ruhig weiter. »Rufen Sie doch nach der Baronesse Teck! Das wird sie lieber hören!« riet Leona giftig. Dann erhob sie sich. »Kommen Sie!« sagte sie zu ihrer Gesellschafterin. »Anderswo werde ich wenigstens nicht Beleidigungen ausgesetzt sein.« »Aber, meine Gnädigste,« jammerte die Neuber, »lassen Sie es doch mich und unser Haus nicht entgelten, daß eine Wahnsinnige Sie hier beleidigt hat! Ich gebe Ihnen mein Wort, diese Unverschämte ist morgen entlassen! Gestatten Sie, meine verehrte Dame, daß ich Sie hinaufgeleite. Im Palmengarten werden Sie sich erholen von der leider hier gehabten Aufregung. – August, öffnen Sie den Aufzug! Die Dame will in den Palmengarten!« »Nichts will sie!« rief die Lassot dem hübschen Jungen zu, den die Neuber angerufen hatte. »Ich betrete dieses Haus erst wieder, wenn diese freche Person, die Baronesse Teck, mit Schimpf und Schande fortgejagt worden ist.« Gustl machte große Augen, und während er nun ging, dachte er: »Baronesse Teck? Ist Fräulein Teck also eine Baronesse? Und warum soll sie denn fortgejagt werden?« Er verschwand hinter einer Tür. Die Verkäuferin hatte ihm einen Wink gegeben. »Holen Sie Fräulein Vogel!« raunte sie ihm zu und huschte dann weiter. In einem Winkel hielt sie an. Da saß, ganz kraftlos geworden, Klementine auf der untersten Stufe einer Leiter und starrte geistesabwesend vor sich hin. Anna Riegelmann strich mit sanfter Gebärde über ihr Haar. »Das war ja schrecklich!« sagte sie dabei voll Teilnahme. Dann aber fragte sie neugierig: »Wer war denn die alte Frau?« »Eine Verwandte von mir.« »Und die kann sich einen solchen Kragen kaufen? Er kostet wenigstens sechshundert Kronen!« »Sie kann sich ihn kaufen.« »Und Sie – Sie sind –« »Probiermamsell.« »Und Baronesse. Sind Sie das wirklich?« »Ich bin es wirklich.« »Das ist aber merkwürdig!« »Ja – es ist ein bißchen merkwürdig!« Wie mechanisch antwortete Klementine. Anna Riegelmanns Augen glänzten vor Aufregung. Das war ja wie ein Kapitel aus den Romanen, die sie so leidenschaftlich gern las. Sie schickte sich soeben an, weiterzufragen, als Gustl am Ende des langen Ganges auftauchte. Dicht hinter ihm kam Fräulein Vogel und schritt rasch auf die Mädchen zu. Klementine erhob sich mühsam. »Ich bin wohl entlassen?« fragte sie heiser. Dann fiel sie laut weinend dem kleinen Fräulein um den Hals. Dreizehntes Kapitel. Am nächsten Tage gab es in der Tat eine Probiermamsell weniger im Warenhause Groß \amp; Komp. Allein Klementine war nicht, wie es die Lassot zur Bedingung ihres Wiederkommens gemacht hatte, Knall und Fall entlassen worden. Man hatte sie nur versetzt, und zwar in eine Abteilung, in welcher sie in keine Berührung mit dem Publikum kam. Die Chefs hatten dies ohne weiteres auf Vorschlag Fräulein Vogels verfügt. Als es die Neuber erfuhr, lächelte sie höhnisch. Und sie lächelte noch höhnischer, als sie merkte, daß der Direktor Hälby jetzt auffallend oft ihre Abteilung besuchte. Besser ging es den Leuten ihrer Abteilung deswegen freilich nicht. Wenn jemand durchaus andere quälen will, findet er ja immer Mittel dazu. Jedenfalls hatte Klementine von jenem Abend an in Paula Neuber eine wütende Feindin. Und sie hatte doch schon eine wütende, eine erbarmungslose Feindin! Als Leona in gemachter Entrüstung das Warenhaus verließ, war sie innerlich voll teuflischer Freude. Es war ihr also richtig gelungen, die zwei in die tiefste Armut hinunterzustoßen! »In die tiefste Armut! Wäre es nicht so, hätten die beiden irgend einen Ausweg gefunden, dann hätte sich Klementine heute nicht wie eine Puppe vor mir drehen müssen.« Das dachte Frau v. Lassot noch, als sie nach jenem für sie so köstlichen Auftritt in ihrem Bette lag. Wieder las Lotti ihr einen Roman vor, aber diesmal hörte ihre Herrin die müde Stimme des Mädchens kaum, so sehr war sie mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. Natürlich erinnerte sie sich auch des Schimpfes, welchen Klementine ihr entgegengeschleudert. Aber gerade diese zornige Abweisung war für sie zur Handhabe geworden, die Gehaßte noch tiefer hinabzudrücken, denn es war ja gar nicht zu bezweifeln, daß eine Bedienstete, die sich so aufgeführt hatte, sofort entfernt werden mußte. Leonas bemächtigte sich eine Art Lustigkeit, eine abscheuliche Lustigkeit, während sie sich vorstellte, wie leicht man eine Person von der Art Klementines aus jeder Stellung jagen konnte. Und diese Heiterkeit kam jetzt der armen Lotti zu gut. Leona schickte sie zu Bett. »Stehen Sie aber nicht zu spät auf, und sputen Sie sich, damit ich den Schlafrock noch vor dem Frühstück probieren kann.« – Als sie am nächsten Morgen zur Anprobe in des Mädchens Zimmer kam, war sie noch immer ungewöhnlich gnädig und gut aufgelegt. Sie tadelte ausnahmsweise nichts an der Arbeit, und als sie zum Frühstück ging, gab sie Lotti ein Fünfkronenstück und sagte mit einer Miene, als ob sie ihr Tausende geschenkt hätte: »Da haben Sie Geld. Kaufen Sie sich bei Groß \amp; Komp. etwas dafür. Natürlich in der Konfektionsabteilung. Schauen Sie sich gut danach um, ob die freche Person noch dort ist.« – Nein, die freche Person war nicht mehr dort. Lotti sah sich sehr genau nach ihr um und gewahrte, daß man die junge Dame tatsächlich entfernt hatte. Sie war also eine Baronesse und sagte »du« zu Frau v. Lassot! Sie waren also verwandt miteinander, die beiden, und Frau v. Lassot haßte sie. Ob Baronesse Teck es wirklich war, die schlecht an ihrer Herrin gehandelt hatte? Das fragte sich Lotti schon seit gestern. Sogar in dem langsam arbeitenden Hirn der guten Lotti hatte sich dieser Zweifel festgesetzt. Auf die Nachricht hin, daß Klementine nicht mehr da sei, begab sich Leona noch am selben Nachmittag in das Warenhaus, um nun den gestern nicht zu stande gekommenen Einkauf durchzuführen. Kaum hatte die Neuber sie erblickt, schoß sie schon auf sie los, lag es doch in ihrem Interesse, der Kundin mitzuteilen, daß ihre widerspenstige Untergebene tatsächlich entlassen worden sei. Als Frau v. Lassot diesmal die Konfektionsabteilung verließ, war sie sehr wohlgelaunt. Sie hatte einen sie befriedigenden Kauf gemacht, und die sie unter Komplimenten bis zum Aufzug geleitende Neuber hatte ihr versichert, daß die unverschämte Teck sofort entlassen worden sei, und daß es dieser hochmütigen Person nicht leicht gelingen dürfte, anderswo einen Posten zu finden. * Unbeschäftigte oder doch wenig beschäftigte Frauen gehören erfahrungsgemäß zu den häufigsten Besucherinnen der großen Warenhäuser. Zuweilen gehören sie auch zu deren besten Kunden, denn selbstverständlich wird bei der Wanderung durch die glänzend beleuchteten, behaglich durchwärmten Räume, in denen so vielerlei Artikel aufgestapelt und zierlich ausgelegt sind, die Kauflust mächtig angeregt. Sehr oft aber betrachten jene wenig beschäftigten Frauen diese großen Warenhäuser als die günstigsten Örtlichkeiten für erlaubte oder auch nicht erlaubte Zusammenkünfte und als die günstigsten Örtlichkeiten zu kostenloser Zerstreuung. Auch zu Groß \amp; Komp. kamen sie scharenweise, die Frauen und Mädchen, welche mit ihrer Zeit nicht hauszuhalten brauchten und nichts Besseres damit anzufangen wußten, als zu flanieren, zu schauen, zu bewundern, zu bekritteln und sich hunderterlei Dinge vorlegen zu lassen, die sie nicht brauchten, nicht wollten und nicht kauften. Die Fahrstühle waren von ihnen gefüllt, die Verkaufstische von ihnen belagert. Durch tausend sinnlose Fragen belästigten sie das Personal, hielten die Verkäufer auf und nahmen den ernsten Käufern den Platz weg. Ganz besonders deutlich zeigte sich dieses Unwesen jetzt in der Weihnachtszeit, in der natürlich noch viel mehr Waren aufgelegt wurden als sonst und in welcher die Schaulust also noch weit reichlicher als sonst befriedigt wurde. Da gab es ganze Gruppen von Damen, die ihre Nachmittage bei Groß \amp; Komp. verbrachten, und die schließlich, ermüdet von ihren Streifereien durch das ganze weitläufige Haus, im Erfrischungsraum, dem Palmengarten oder der Lesehalle landeten, um daselbst weitere Stunden zu verplaudern. Auch Frau v. Lassot war eine fleißige Besucherin des Warenhauses geworden. Nicht daß sie so schau- oder kauflustig gewesen wäre, aber dieses Geschäft war ihr ganz plötzlich ungemein sympathisch geworden, weil sie hier zum ersten Male persönlich und – wie sie meinte – siegreich gegen die von ihr so bitter Gehaßte hatte auftreten können. Ein Spaziergang von weniger als einer Viertelstunde brachte sie von ihrer Stadtwohnung mitten in dieses fieberhaft pulsierende Leben hinein, von dessen Brandung sie sich, sobald sie wollte, zurückziehen konnte. So saß sie denn oft, allein oder von Lotti begleitet, in einem der vielen lauschigen Winkel des Palmengartens, der zwischen dem Lesezimmer und dem Kaffeesalon in dem obersten Stockwerke des Warenhauses lag. Da konnte sie, ihrer natürlichen Trägheit folgend, regungslos in einem der behaglichen Rohrstühle etliche Stunden hinbringen. Es zerstreute sie wirklich, dieses Hin- und Herwogen der Menge, diese hunderterlei Gesichter und Toiletten, diese tausenderlei Laute, die zu ihrem Ohre gelangten.– Wieder einmal – es war am Silvestertage – hatte sie ein paar Stunden unter den Palmenwedeln da oben zugebracht. Es war schon finster geworden. Schon durchflutete das elektrische Licht alle Räume des Hauses, und auch auf der Straße glühten schon Lichter auf, da endlich bestieg Leona den Auszug, uni sich in das Erdgeschoß hinabbefördern zu lassen. Als sie unten dem Ausgange zustrebte, geschah es, daß im Gedränge der Leute, welche sich da hin und her schoben, zwei Bedienstete des Hauses für ein paar Sekunden neben ihr blieben. »Hast du's ihm schon gesagt?« fragte der eine, der einen Pack Stoff trug. Der andere verneinte. »Warum soll denn gerade ich mir die Finger verbrennen? Ich muß ohnehin vorsichtig sein. Soll die Teck es doch selber sagen. Ich werde mich hüten, die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken.« Frau v. Lassot hatte dem Gespräch und den beiden, die es führten, erst Aufmerksamkeit geschenkt, seit der Name Teck gefallen war. Da aber faßte sie die Leute schärfer ins Auge. Der eine sah so gewöhnlich als möglich aus. Der andere war ein alter Geck – mehr konnte Leona nicht feststellen, denn schon hatten sich andere zwischen sie und die beiden geschoben. In einer großen Aufregung kam sie auf die Straße. Erst da fiel es ihr ein, daß sie die Leute hätte anhalten und nach dieser Teck hätte befragen müssen. Sie ärgerte sich jetzt wegen dieses Versäumnisses. Aber freilich, wenn die Neuber sie getäuscht hatte, wenn Klementine noch im Warenhause angestellt war, konnte man dies leicht erfahren. Wenn auch nicht sie selbst, so würde sich doch Schimmel bald Gewißheit darüber verschaffen können. Schon gegen neun Uhr am Neujahrstage schellte sie an seiner Tür. Frau Heister führte sie sofort in das Arbeitszimmer des Doktors. Sie hatte ja die Weisung, Frau v. Lassot stets unangemeldet vorzulassen. Diesmal verweilte Leona übrigens nicht gar lang bei Schimmel; er versprach ihr, sofort ihren Wunsch zu erfüllen und Erkundigungen darüber einzuziehen, ob die Baronesse wirklich noch Angestellte des Warenhauses sei. Er hatte sie auch versichert, daß er gewiß schon am nächsten Tage ihr sichere Nachricht werde überbringen können. Vergnügt verließ sie den Mann, der so willfährig war. Wie rasch, wenn auch freilich mit welch großen Geldopfern, die sie bringen mußte, hatte er ihr sämtliche Schuldforderungen von Ernst verschafft; wie bereitwillig war er auch jetzt, gegen Klementine sie zu unterstützen! Auch Schimmel war vergnügt. Er hatte nämlich gestern erst in einer Schublade seines Schreibtisches nach einem Schriftstücke gesucht, und bei dieser Gelegenheit war ihm etwas anderes, völlig Vergessenes in die Hände gekommen: die Briefe, welche er sich angeeignet, als er, nach einem verfänglichen Brief von sich selbst suchend, Robert v. Lassots Schreibtisch durchschnüffelt hatte. Und nun erst hatte er sich mit dem Inhalt dieser Briefe vertraut gemacht. Der seinige war nicht darunter. Es waren meist Mahnbriefe und etliche Briefe von Frau v. Lassot. Die letzteren waren Ergüsse einer bis zur Verrücktheit gesteigerten Mutterliebe und einer bis zur Lächerlichkeit gediehenen Blindheit gegenüber den Tatsachen. Isidor Schimmel, der den Oberleutnant besser als irgend jemand anderer gekannt hatte, unterhielt sich köstlich bei der Lektüre dieser närrischen Briefe. Als er aber den letzten gelesen hatte, lachte er laut auf. Sein feistes, bronzefarbenes Gesicht ebenso wie seine Augen fingen an zu glänzen. Sein Atem ging schneller. So tief mußte er atmen, daß er die wulstigen Lippen dabei weit auftat. Lange saß er so. Dann tat er den letztgelesenen Brief und auch alle anderen Briefe, welche die Lassot an ihren Sohn geschrieben hatte, in einen starken Umschlag und ging damit zu seinem Kassenschrank. Er öffnete diesen und schloß dann ein Fach darin auf, in welchem sich sein Privatvermögen befand. Es bestand in einem ziemlich stattlichen Paket sicherer Papiere. Als Schimmel die Briefe dazulegte, sagte er laut: »Du bist Tausende wert, genau so viel, als diese Närrin besitzt.« Gleich danach rief die Heister ihn zum Nachtessen. Aber Schimmel tat den Speisen wenig Ehre an. Er war zu nachdenklich dazu. Als die Heister den Tisch abdeckte, trug sie fast alles, was sie hereingebracht hatte, wieder hinaus. Das war, solange sie ihm diente, noch nicht vorgekommen. Sie war deshalb sehr verwundert. Jetzt ging er, die Hände auf dem Rücken, eilig im Zimmer umher und murmelte zuweilen etwas vor sich hin. »Das hat sie ganz vergessen,« hörte sie ihn sagen, und dann: »Da gibt's kein Leugnen. Der Brief ist ein Vermögen wert. Ein einziger Satz – ein Vermögen!« Als Schimmel das sagte, war er soeben auf seiner Wanderung dicht bei seiner Haushälterin angelangt. Er sah sie an und war sichtlich erstaunt darüber, daß sie noch da sei. Aber er wurde nicht etwa zornig – nein, ganz gemütlich packte er sie an ihren Armen, schüttelte sie und wiederholte noch einmal mit einer merkwürdigen Lustigkeit: »Ein Vermögen! Hören Sie, Heister, ein Vermögen! Haben Sie schon einmal von einem Vermögen gehört, das man sich nur zu nehmen braucht? Ganz einfach zu nehmen?« Dann ließ er ab von ihr und setzte seine Wanderung fort. Den Kopf schüttelnd ging die Heister hinaus in ihre Küche. * Um die Mittagszeit des 2. Januar erhielt Frau v. Lassot einen Rohrpostbrief, in welchem Schimmel ihr meldete, daß Baronesse Klementine immer noch im Bureau des Warenhauses verwendet werde, und daß sie gelegentlich irgend einer passenden Abteilung des Geschäftes zugeteilt werden solle. Noch am selben Tage begab sich Leona wieder zu Groß \amp; Komp. Es ließ ihr daheim einfach keine Ruhe. Mit der Inbrunst des wildesten Hasses hoffte sie irgend jemand zu finden, der sich mit ihr gegen Klementine verbinden werde. Daß die Vorstandsdame der Konfektionsabteilung Klementine nicht gut gesinnt und somit vielleicht gegen diese zu gebrauchen sei, nahm sie ohne weiteres an, ihr Instinkt sagte ihr jedoch, daß es vielleicht noch besser wäre, sich in dieser Sache an jenen ältlichen Gecken zu wenden, der am Silvestertage eine Minute lang neben ihr gestanden und die charakteristische Bemerkung gemacht hatte: »Ich werde mich hüten, die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken.« In diesem Ausspruche lag so sehr viel. Sie hatte ja kein besonders gutes Gedächtnis, allein diesen Ausspruch und auch den Menschen, der ihn getan, hatte sie sich wohl gemerkt, und sie war entschlossen, so oft zu Groß \amp; Komp. zu gehen, bis sie jenen Menschen entdeckt haben würde. Ihrer zunehmenden Müdigkeit nicht achtend, wanderte sie bis zum Abend durch das Riesenhaus, und fort und fort suchten ihre Augen den großen, mageren Mann, der schon so alt und abgelebt aussah und der doch so geckenhaft gekleidet war und sich so jugendlich gab. Aber sie fand den so sehnlich Gesuchten nicht und kam spät Abends verdrossen und todmüde zu Hause an. Vierzehntes Kapitel. Das Warenhaus bot nach Neujahr einen ganz anderen Eindruck als in den Feiertagswochen, in denen neben mancherlei Überfluß doch zumeist Nützliches ausgestellt und gekauft worden war. Jetzt kam der Fasching und mit ihm die Lust an Glanz und Flitter. Dieser Faschingslust war reichlich Sorge getragen. Die ganze weite Mittelhalle glich mit ihrem Glänzen und Flimmern einem Feenpalaste. Was die Mode nur ersonnen hatte, um schöne Frauen noch reizender zu machen, war hier und noch in vielen anderen Räumen des Hauses zur Schau ausgestellt. Ganze Gruppen wie Balldamen gekleideter Puppen waren zu sehen. Die Stoffe auf ihnen, mit raffiniertem Geschmack drapiert, sahen aus, als seien sie aus Mondlicht, aus Sonnengold, aus Kraterflammen gewoben. Hier floß die breite, seerosengeschmückte Schleppe einer Toilette nieder, die aus schwerer, wassergrüner Seide bestand, dort schmiegten sich an lichtblauem Atlas Eisblumen imitierende Spitzen und Hermelin. Wohin das Auge schaute, traf es auf die neuesten, reizenden Erzeugnisse der vielerlei Industrien, welche dem Luxus und der Mode dienen. Vom niedlichsten Ballschuh an bis zum mächtigsten Blumenarrangement, vom durchbrochenen Seidenstrumpf bis zu dem wallenden Federtuff der Coiffüre war all das zu sehen, was außer dem eigenen Reiz ein Weib zur Ballkönigin machen kann. Spinnwebfeine Stoffe in allen Farben, köstliche Stickereien, von Feenhänden aus dem mannigfaltigsten Material hergestellt, schillernde Gürtel und Besätze, Abendmäntel, die wahre Gedichte, Kapotten, die wie ein Hauch waren – all das war hier in augenblendender Pracht dem ewig verlangenden Sinn der Frauen dargeboten. Nur eine war da, die nichts von dieser Farbenpracht, nichts von diesem Glänzen und Gleißen gewahrte, eine, die hier nichts wollte und nichts suchte als einen Mann, einen Mann, der ihr völlig fremd war, dessen Namen und Stellung sie nicht kannte, und von dem sie nur zweierlei wußte: daß ihm hier manches bekannt sei, und daß er niemandes Aufmerksamkeit auf sich ziehen wolle. Allein sie fand ihn auch heute nicht, die alte, schwarzgekleidete Frau, die sich so willig umherstoßen ließ, und der man es ansah, daß sie zum Umsinken müde sei. Aber plötzlich fuhr sie auf. Jetzt funkelten ihre Augen, und ihr Mund lächelte. Ein Kind hatte geschrieen: »Mama! Wo ist meine Mama?« Alles schaute nach der Richtung, aus welcher das geängstigte Weinen kam. Auch die Verkäuferin, vor deren Tisch Frau v. Lassot soeben stand, schaute nach dieser Richtung. Leona aber konnte ihr Auge nicht losreißen von einem hübschen blonden Knaben, der dicht an dem Verkaufstisch in ihrer Nähe stand. Ganz entzückt war sie und auch wieder voll Wehmut. So, fast gerade so hat ihr Robert ausgesehen, als er im Alter dieses Kindes war. Weich war ihr Blick und auch ihr Herz geworden. Aber nun veränderte sich der Ausdruck ihres Gesichtes plötzlich wieder. Ein ungeheures Staunen prägte sich dann aus. Der blonde Knabe hatte in dem Augenblick, als jener Schrei hörbar wurde, und alles nach dem Kinde schaute, das seine Mutter verlor, seine Hand ausgestreckt, eine Rolle Samtband ergriffen und es blitzschnell in die Tasche seiner Kniehose gleiten lassen. Der ganze Vorgang hatte nicht drei Sekunden in Anspruch genommen. Frau v. Lassot lächelte. Dieser Bube interessierte sie außerordentlich, und sie ließ ihn nicht mehr aus den Augen. Da sah sie ihn ganz gelassen zu der Frau treten, zu welcher auch das kleine Mädchen gehörte, das soeben so geschrieen, und das sich nun, weil die Mutter bei ihm war, schon wieder beruhigt hatte. Niemand als Leona durchschaute den Grund, den tatsächlichen Grund jenes bitterlichen Weinens. Während etliche Gutmütige das Kind trösteten und freundlich mit ihm sprachen, lächelte sie, und sie lächelte auch, als die junge, hübsche Mutter der Kleinen das zierliche Ding ans Herz drückte und zärtlich tadelnd sagte: »Aber wie kann man denn nur so einen Lärm machen? Das mußt du nimmer tun. Ich wär' dir schon nicht verloren gegangen, du kleines Dummerl du.« Die Leute, welche der hübschen Szene zugeschaut, machten jetzt der jungen Mutter und den beiden reizenden Kindern Platz, da sie sich Zum Gehen wendeten. Frau v. Lassot blieb dicht hinter ihnen, als sie dem Aufzug zuschritten. »Weil du so erschrocken bist, Gretl, kriegst du jetzt ein Stückerl Torte,« sagte die Frau zu dem Mädchen, während sie den Fahrstuhl bestieg. Auch Frau v. Lassot fuhr mit. Sie fing schon unterwegs mit der Frau zu sprechen an, lobte die Liebe, welche Gretl für ihre Mutter fühlte, erwähnte, daß der blonde Bube sie an ihren Sohn erinnere, und welch ein Glück es sei, solche Kinder zu haben; was tausendmal glücklicher mache als ihr Reichtum. Die junge Frau hörte ihr artig zu, wurde sogar sehr aufmerksam, als die schlaue Leona absichtlich ihres Reichtums erwähnte. Nun, Leona wußte genau, was sie tat, war sie doch auf der Suche nach brauchbaren Helfern, also nach schlechten Menschen. Schlechter aber kann wohl nicht leicht ein Mensch sein als eine Mutter, die ihre Kinder zur Nichtsnutzigkeit erzieht und sie der Schande ausliefert. Der Gedanke, sich dieses Weib für den Dienst ihrer Rache zu sichern, war urplötzlich in ihr entstanden. Die hatte man ja in der Hand, die konnte man, wenn sie nicht freiwillig sich anwerben ließ, dazu zwingen, zu tun, was man wollte. Zuerst war dieser Gedanke unklar in dem Hirn der rachsüchtigen Frau aufgetaucht, aber er war da, und deshalb nahm sie sich bestimmt vor, dieses Weib sich nicht ebenso entschlüpfen zu lassen, wie sie sich damals jenen anderen hatte entschlüpfen lassen. In der Konditorei angekommen, blieb Frau v. Lassot, als sei dies ganz selbstverständlich, bei den dreien und bat es sich als besondere Freundlichkeit aus, daß sie die Kinder bewirten dürfe. Die Mutter gewährte diese Bitte ohne Zögern, und unter dem Vorbringen, daß der Knabe – Felix hieß er – ihr ganz die Zeiten ihres jungen Mutterglückes in Erinnerung bringe und sie daher heute so etwas wie ein unverhofftes Fest feiere, ließ die schlaue Leona den Tisch, den sie gewählt, reichlich mit allerlei Gutem besetzen, was den sich recht bescheiden gebenden Kindern sowohl als deren vortrefflicher Mutter sichtlich behagte; wenigstens ließen alle drei an Eßlust und Eßfertigkeit nichts zu wünschen übrig. Wohl eine Stunde saß das saubere Vierblatt beisammen. Zum Schlüsse schrieb Leona sich den Namen und die Adresse der jungen Frau auf, und diese dankte mit überschwenglichen Worten für die Güte, mit der die gnädige Frau ihre Kinder überhäufte. Frau v. Lassot hatte dem Buben und auch dessen Schwester herrliches Spielzeug zu schicken versprochen. Auf diese Weise war sie zum Namen und zur Adresse der jungen Frau gekommen. Auch hatte ihr diese erzählt, daß ihr Mann, der augenblicklich in Geschäften verreist sei, sehr schwer zu kämpfen habe, um sich und seine Familie zu erhalten. »Aha,« dachte während dieses Vertrauensergusses Leona, »sie glaubt mir, daß ich reich bin, und daß ich mich wirklich in ihren Buben vergafft habe, daß sie also Nutzen aus mir schlagen kann!« Was sie mit ihr vorhatte, darüber war sich Leona noch keineswegs klar, sie bemerkte nur, daß diese Frau Isabella Klein, die gleich ihren Kindern so nett und einfach gekleidet war, so gewandte Manieren besaß und dabei eine ganz raffinierte Ladendiebin war, zu irgend etwas Schlechtem gut zu gebrauchen sei. Diesmal verließ sie das Warenhaus ziemlich befriedigt. Sie hatte zwar den gesuchten Mann wieder nicht entdeckt, aber sie hatte die Bekanntschaft dieser jungen Gaunerin gemacht, die sie gegen Klementine zu verwenden gedachte. In der Nacht brauchte Lotti ihrer Gnädigen nicht vorzulesen, denn in dieser Nacht schlief Frau v. Lassot besser als seit langer Zeit. Am anderen Morgen schrieb sie einen Brief an Schimmel. Der Inhalt dieses Schreibens lautete: »Lieber Doktor! Da Sie keine Einfälle haben, muß ich selbst handeln. Ich habe gestern die Bekanntschaft der Frau gemacht, deren Namen und Adresse ich beilege. Ich nehme als bestimmt an, daß diese Person zu allem zu gebrauchen ist. Erkundigen Sie sich sofort nach ihr. Suchen Sie so viel als möglich über sie zu erfahren, und kommen Sie noch heute zu mir. Ich habe eine Idee. L. L.« »Wird eine saubere Idee sein,« dachte Schimmel, als er den Brief gelesen hatte. Und als er ihn zusammenfaltete und ihn in einer der Schubladen seines Schreibtisches verschloß, sagte er laut: »Dieses Weib ist der reine Teufel, von der kann man noch lernen.« Er ging erst gegen Abend zu der vor Ungeduld fast Vergehenden. »Aber so spät kommen Sie, Doktor!« empfing sie ihn. Er zuckte die Achseln. »Mir scheint, Sie schlafen ein!« fuhr sie ärgerlich fort. Er zog gemächlich die Handschuhe aus, schob sich dabei höchst ungeniert mit dem Fuß einen Sessel zurecht und ließ sich, noch ehe die Frau ihn dazu eingeladen hatte, nieder. »Daß ich durchaus nicht geschlafen habe, werden Sie sogleich merken,« fing er an, zog sein Taschentuch und schnaubte sich geräuschvoll. Er hatte mit Beginn dieses Jahres ganz merkwürdige Manieren angenommen. Das hatte Frau v. Lasset schon am Neujahrsmorgen gefühlt, und das empfand sie in dieser Stunde noch deutlicher. Er hatte sich sonst immer bescheiden und unterwürfig, ja oft geradezu kriechend benommen, und nun war er so ganz anders geworden. Er behandelte sie nicht mehr wie eine Dame, er behandelte sie nicht einmal mehr so, wie man etwa ein achtbares Weib aus dem Volke behandelt, wenn man nämlich selbst ein anständiger Mann ist. Allerdings, ein solcher war ja Schimmel nicht, das wußte sie ganz genau, und das fiel ihr soeben wieder ein, als sie ihn so respektlos vor sich sah. Dann fiel ihr aber auch zugleich ein, daß er eben angefangen hatte, sie als – seinesgleichen zu behandeln. Bei diesem Gedanken drückte sich Pein und Sorge in ihrem rotgewordenen Gesicht aus, und fast ächzend ließ nun auch sie sich in der Sofaecke nieder. Schimmel ahnte vermutlich, was in ihr vorging. Das spöttische Lächeln, mit dem er sie ansah, sprach für diese Annahme. »Also, ich war sehr munter, meine Gnädige,« sagte er, griff in seine Rocktasche und brachte eine umfangreiche Brieftasche zum Vorschein, öffnete sie bedächtig und entnahm ihr ein Papier. Nachdem er seinen Zwicker aufgesetzt hatte, las er laut: »Isabella Klein, oder Streit-Kathi, oder Isabella Estalba, wohnt seit 18. September vergangenen Jahres in dem Quartier, welches sie jetzt innehat, steht, als schon zweimal ertappte Ladendiebin und nachdem sie zwei Freiheitsstrafen in Neudorf abgesessen hat, unter Polizeiaufsicht und ist seit Mai 1897 mit Gustav Klein, einem professionellen Taschendieb, verheiratet. Isabella Estalba hat vordem in einem Zirkus gearbeitet. Ihr Mann sitzt derzeit in Stein und wird zu Ende Februar frei. Da er nach Wien zuständig ist, kann man ihn und die Seinigen nicht abschieben, aber die Polizei behält diesem Ehepaare gegenüber die Augen offen.« Schimmel steckte das Blatt wieder in seine Brieftasche. Dann blickte er auf, meinend, Frau v. Lassot werde ihn loben. Allein die lächelte nur ironisch und sagte: »Also nur das Ehepaar wird beaufsichtigt?« »Wem soll man denn noch auf die Finger schauen?« »Den beiden Kindern.« »Richtig – Kinder sind auch da. Das Mädel hat derzeit ein gastrisches Fieber. Sie und ihr Bruder sind ziemlich beliebt im Hause – das hat man so nebenbei auch erhoben.« »Und gehören, wie ihre Frau Mama, auch schon zur Zunft der Ladendiebe,« ergänzte die Lassot. »Woher wissen Sie das?« Daraufhin erzählte Leona, was sie gestern im Warenhause beobachtet, und wie sie sich danach den dreien angeschlossen. Und dann sagte sie: »Ich will diese Bekanntschaft nicht umsonst gemacht haben.« Schimmel blieb sehr ruhig. Gleichmütig fragte er: »Wie wollen Sie sie denn benutzen?« »Noch weiß ich es nicht. Aber das eine weiß ich: die Klein wird ausführen, was ich selbst nicht tun könnte.« »Meinen Sie?« »Natürlich. Wir werden sie einfach dazu zwingen.« »Wozu?« »Zu irgend einer mir wünschenswert erscheinenden Tat.« »Sie denken offenbar an Mord und Totschlag,« sagte Schimmel ironisch. »Nein, so weit denke ich nicht,« erwiderte Leona, »aber –« »Aber vielleicht an ein Vitriolattentat oder an –« »Nein, auch an das denke ich nicht. Es muß irgend etwas geschehen, wofür die Schuld allein Klementine trifft, wofür sie ihre Ehre verliert, und wofür sie im Zuchthaus büßen muß.« »Ihr Haß ist groß.« »Er wird nur mit meinem Leben enden.« »Warum wagen Sie sich nur an die Baronesse heran?« »Mit Hilfe dieser Kleins werden wir wohl auch mit ihrem Bruder fertig werden.« »Wir? Gnädige sprechen schon zum zweiten Male in der Mehrzahl.« »Wollen Sie sich etwa jetzt zurückziehen?« Frau v. Lassot wurde plötzlich ängstlich, und an dieser Ängstlichkeit ermaß sie die Wichtigkeit, welche Schimmels Rat und Hilfe schon für sie erlangt hatten. »Nein, lieber Doktor,« bat sie, »Sie müssen bis zuletzt bei mir aushalten. Bedenken Sie doch: ich stehe allein, ganz allein und – und zahle ich denn so kärglich? Wenn Sie dies finden, so bestimmen Sie selber den Wert Ihrer Bemühungen. Ich werde nicht knickern, aber Sie begreifen es doch – Sie, der mein hingemordetes Kind gekannt hat, daß ich meine Rache, meine volle Rache haben muß!« Er blieb sehr kühl. Er haßte ja nicht, und wie groß auch sein Behagen am Schlechten war, wie groß seine Freude, wenn er Bessere zu sich herunterzwingen konnte, war doch seine Vorsicht noch größer. In erster Linie war er ja ein Schuft, aber in zweiter war er auch ein Genußmensch. Er wollte sich sein Leben nicht verderben und erst recht nicht von anderen verderben lassen. Von diesem erhabenen Gesichtspunkte aus regelte Schimmel schon seit langem sein Tun und Lassen. Wenn ihn eine Niederträchtigkeit in keinerlei Gefahr bringen konnte, vollführte er sie mit Vergnügen, tat aber nicht das geringste, wenn die Wahrscheinlichkeit damit verbunden war, daß er dadurch die Aufmerksamkeit der Behörden auf seine leider schon gezeichnete Person ziehen könne. Darum ärgerte er sich einigermaßen über den Plural, den Leona bei Entwicklung ihres Planes als so ganz selbstverständlich gebraucht hatte. Allein er wurde sehr bald wieder ruhig. Mußte er sie doch einstweilen noch bei guter Laune erhalten. Bis Ende März etwa konnte das sichere Geschäft, das er ihr heute vorschlagen wollte, und bei welchem sehr viel zu gewinnen war, abgewickelt sein, und zu diesem Geschäfte brauchte er ihr Geld. Deswegen mußte er jetzt noch den Gefälligen gegen sie spielen, nebenbei konnte er sich immerhin auch ein wenig kostbar machen. Sich steif aufrichtend und sein dunkles Gesicht voll Ernstes erhebend, sagte er ganz unnötig leise: »Gnädige Frau vergessen, daß ich mich Ihnen bis jetzt nur betreffs vollkommen gesetzlicher Handlungen zur Verfügung stellte.« Er sah sie mit gutgespielter Strenge an, und sie schlug wirklich die Augen nieder und war für einen Moment bestürzt. Aber das dauerte nicht lange. Sie erinnerte sich an seine ihr ja teilweise bekannte Vergangenheit. »Sie wurden, wenn ich nicht irre, aus der Advokatenliste gestrichen?« fragte sie hämisch. Unwillkürlich biß er sich auf die Lippen. Allein auch seine Verlegenheit war nur von kurzer Dauer. »Kann nicht jeder einmal fehlen?« fragte er salbungsvoll. Sie sah ihn fest an. »Oder auch mehrmals!« bemerkte sie. Schimmel nickte. »Ganz richtig. Oder mehrmals. Aber der Boden jenseits des Gesetzes ist wankend –« »Deshalb muß man ihn pflastern!« lächelte sie. Auch er lächelte, als er hinzusetzte: »Aber kräftig, dann wage ich mich allenfalls auch auf schlüpfriges Gebiet.« »Wir verstehen uns schon, lieber Doktor,« sagte Leona scharf, »und ich weiß, daß ich das, was ich von Ihnen will, teuer bezahlen muß. Aber Sie werden zufrieden mit mir sein, sobald ich es mit Ihnen sein kann. – Sie werden sich also zunächst der Klein versichern. und Sie werden irgend etwas ausfindig machen, was Klementine verdirbt, ohne daß man mich damit in Verbindung bringen kann. Und es wird Ihnen auch ein letzter Schlag gegen Ernst einfallen und gelingen. Ich will es. Und wenn dieses Vermögen, das Robert nicht mehr genießen kann, darüber bis auf den letzten Heller aufginge – meine Rache will ich haben, sie würde selbst damit nicht zu teuer bezahlt sein!« Schimmel antwortete nicht, aber er verbeugte sich tief. »Ich nehme an, daß ich in nächster Zeit viel Geld brauchen werde,« begann sie plötzlich ganz geschäftsmäßig. »Da müssen Sie mir helfen, auf praktische Weise Papiere zu verkaufen.« Nun befand sich Schimmel auf dem Gebiete, auf welchem er sie haben wollte. Eifrig verhandelten sie über eine Stunde miteinander. Als er sie verließ, war er recht wohlgelaunt. Sie hatte eingewilligt, Geld herzugeben für die Spekulation, die er vorgeschlagen. Es war ein durchaus sicheres Geschäft. Schimmel wußte schon jetzt, daß sich das Vermögen seiner Klientin um etliche tausend Kronen dabei vermehren werde, dieses Vermögen, an welchem ihm so viel lag, weil er es schon jetzt als das seinige ansah. * Als Schimmel, in angenehme Gedanken versunken, der inneren Stadt zuging, begegnete er an der Ecke der Babenbergerstraße zwei jungen Damen. »Sie sollten nicht so mutlos sein!« sagte die Ältere und Größere der beiden zu der neben ihr Hergehenden. Es war ein schlankes junges Mädchen. Der brave Doktor, der für Frauenreiz noch sehr empfänglich war, blieb stehen. Dann kehrte er wieder um, blieb den beiden Mädchen dicht auf den Fersen und lauschte auf ihr Gespräch, davon er indessen nur Bruchstücke erhaschen konnte. Von der Not des Lebens redeten sie und von irgend einer besonderen Not, in welcher sich die Jüngere von ihnen befand. Das konnte er aus einzelnen lauter gesprochenen Worten entnehmen. Gern hätte er sich bemerkbar gemacht, aber merkwürdigerweise fand er den Mut dazu nicht. Ein gewisses Etwas, das von der jungen Dame ausging, lähmte seine Frechheit. Schon wollte er sich zurückziehen, als die Größere sagte: »Wollen Sie unten bleiben? Ich komme in wenigen Minuten wieder.« Die andere antwortete: »Ich warte lieber hier.« Die Größere ging in das Haus, vor welchem diese Wechselrede stattgefunden hatte. Klementine, welche Dora Hartwig auf dem Heimwege begleitete, ging langsam weiter. An der hellerleuchteten Auslage eines Konditors blieb sie stehen und ließ ihre Augen über die appetitlichen Dinge gleiten, welche sich hinter dem Spiegelglase befanden. »Da gibt's ja hübsche Sachen,« sagte da eine Männerstimme. »Ich kaufe Ihnen gerne noch hübschere.« Sie wich zur Seite und schaute suchend umher. Dabei glitt ihr Blick sehr hochmütig über das dunkle Gesicht Schimmels. Dann ging sie, ihre Kleider zusammennehmend, an ihm vorbei. Diese stumme, verächtliche Abwehr reizte ihn noch mehr. Dieses sehr bescheiden gekleidete Mädchen gebärdete sich ja wie eine Königin, deren Majestät beleidigt worden ist. »Nur nicht gar so stolz tun, kleiner Schatz!« sagte er, wieder dicht an ihrer Seite. Klementine war sehr blaß geworden. So nahe war die Gemeinheit noch nie an sie herangekommen. Es fehlte ihr fast der Atem vor Bestürzung und vor Zorn, aber zu ein paar Worten brachte sie es doch. Ihn von oben bis unten messend, sagte sie: »Ich finde allerdings, daß man mit solchen Narren nicht stolz, sondern mit der Peitsche reden sollte. Und nun gehen Sie! Dort drüben steht ein Wachmann – er wird mich, wenn Sie nicht flink sind, schnell von Ihnen befreien.« »Fräulein Teck – was ist's? Sie sind belästigt worden?« sagte in diesem Augenblick Dora Hartwig, und dann setzte sie spottend hinzu: »Sehen Sie nur, wie der alte Sünder läuft!« Fünfzehntes Kapitel. Ernst hatte ausnahmsweise heute abend einmal nichts zu tun, und diese seltenen freien Abende brachte er immer bei seiner Schwester zu. Er sah sie sonst ja nur an Sonn- und Feiertagen, denn an den Wochentagen war immer das eine gerade dann beschäftigt, wenn das andere frei hatte. Er war sichtlich froh gestimmt, als er Klemi mit ausgestreckten Armen entgegenkam und sie küßte. Dann aber schob er sie von sich und schaute sie forschend an. »Ist das von der Winterluft, oder hast du geweint?« fragte er besorgt. »Ach, geärgert habe ich mich ein bißchen über einen frechen Menschen!« gab sie zu, indem sie zugleich die Sache als kaum erwähnenswert darstellte, denn sie kannte ihres Bruders Auffassung bezüglich seines Schützeramtes. »Ein bißchen nur ärgert man sich über derlei nicht!« fuhr er auf. »Klemi? Sag die Wahrheit. Ist's einer aus dem Geschäft, vor welchem ich dich schützen muß?« »Nein – nein. Ein ganz Fremder war's, und er ist ja schnell davongelaufen. Und jetzt reden wir nicht mehr über Unangenehmes. Ich bin ja so froh, daß ich dich wieder einmal habe.« »Wenn ich dich doch vor allen Widerwärtigkeiten schützen könnte?« hörte sie seine liebe, weiche Stimme sagen. Dann gingen sie Arm in Arm durch das Zimmer, und er erzählte ihr von dem Neuen, das seit ein paar Tagen in sein Leben gekommen war. Bei einem Feste, während dessen sein Spiel viel Beifall gefunden, hatte sich ihm einer der Gäste vorgestellt und ihn in ein Gespräch verwickelt. Direktor Eichler leitete ein großes kunstgewerbliches Unternehmen. Er hatte sich sofort für Ernsts künstlerisches Zeichnen, auf das die Rede kam, interessiert und ihn eingeladen, ihn mit Proben seines Könnens zu besuchen. Dies war schon geschehen, und Direktor Eichler hatte Ernst, der ihm vertrauensvoll gesagt, wie außerordentlich peinlich ihm seine derzeitige Stellung sei, ermuntert, in seinen freien Stunden für ihn Entwürfe für dekorative Gegenstände zu machen. »Du kannst dir denken, daß ich mich sofort hingesetzt habe, um etwas zuwege zu bringen,« schloß Ernst seinen Bericht. »Ein Spiegelrahmen ist es, und ich hoffe, er wird mir gelingen und mir Geld einbringen. – Ja, das liebe Geld!« fuhr er fort. »Du glaubst gar nicht, wie ich jetzt hinter dem Gelde her bin!« »Und ich erst!« entgegnete Klementine wehmütig. Dann sah sie ihn zärtlich an und sagte: »Hör, Ernst, ich kann dir aushelfen, denn ich habe mächtig gespart.« Sie wollte zu ihrer Kommode gehen, aber Ernst hielt sie fest und überreichte ihr dann feierlich zwei blinkende Zwanzigkronenstücke. Sie nahm sie zögernd. »So gut geht's dir?« fragte sie verwundert. »Ich habe nur zwölf Kronen.« »Und keinen neuen Hut.« »Als ob ich daran dächte!« »Hoffentlich wirst du dir doch darüber Gedanken und solche mittels dieses Geldes zur Wirklichkeit machen.« »Du bist so gut, Ernst!« »In noch weit höherem Grade hungrig.« »Und ich im höchsten Grade unaufmerksam,« vollendete Klementine errötend. »Sei nicht böse, weil ich so ganz vergessen habe, daß Essenszeit ist. Ich –« »Was denn? So bleib doch! Diesmal bewirte ich dich. Mein ›Tischlein deck dich‹ wird sofort in Erscheinung treten.« Er drückte auf die elektrische Klingel, und gleich danach kam Frau Hartwig mit einem großen Servierbrett herein. Die wackere Feldwebelswitwe hielt sich nämlich keine Magd, sondern besorgte die Wirtschaft mit Hilfe einer Frau, welche nur Vormittags für mehrere Stunden aushalf. »Großartig! – Und sogar Blumen!« rief Klementine, die guten Sachen überblickend, welche Frau Hartwig hereingebracht hatte, und in deren Mitte eine Flasche Klosterneuburger Strohweines prangte, an welcher mit Goldfaden ein Veilchenbukett befestigt war. »Ja, der Herr Bruder versteht's,« lobte die Tante Doras. »Da sieht man halt gleich, was ein Baron ist.« Rasch war der Tisch gedeckt, und mit Behagen setzte sich das Geschwisterpaar. Die Veilchen aber dufteten in einer von Klementine herbeigeholten Vase auf dem Ehrenplatz, der Mitte des Tisches, über den sich zwei so frohe Gesichter neigten. Ach, wie froh waren sie, diese so arm gewordenen Geschwister, froh, weil ein kleiner Lichtstrahl sich zeigte, weil Ernst jetzt vielleicht doch einen Schritt nach aufwärts getan hatte! Klementine schwankte, ob sie dem Bruder jene häßliche Szene mit Tante Leona erzählen sollte, aber sie entschloß sich zu schweigen. Es wäre sonst wohl wieder zwischen ihm und Frau v. Lassot zu einem Zusammenstoß gekommen. Und Ernst hätte ihr ja doch nicht helfen können. Soweit dies möglich war, taten dies übrigens schon Freund Kern und Fräulein Vogel, Dora Hartwig und – Klementine mußte bei diesem Gedanken lächeln – Gustl, der Laufbursche. Es war also, bis bessere Zeiten kamen, schon auszuhalten, dieses fremde, geräuschvolle, ermüdende Leben im Warenhause, das sie einstweilen führen mußte. Als man beim Nachtisch und dem tiefgelben, duftenden Süßwein angelangt war, holte Klementine Dora herüber. Aber auch diese hatte Besuch. Ein hübscher, ernster Mann, ihr Bräutigam Erich Link, Prokurist der Firma Gebrüder Bauer, war bei ihr. Klementine kannte ihn schon, und weil er ihr sehr sympathisch war, wollte sie, daß auch Ernst ihn kennen lerne. Es gab also eine feierliche Vorstellung, und sie fiel zu aller Zufriedenheit aus. Die beiden Herren fanden Gefallen aneinander, und als sie spät Abends miteinander fortgegangen waren, sagte Klementine, Dora zärtlich umarmend: »Ich bin jetzt wieder ganz froh. Ernsts Kommen hat mich jene häßliche Szene leichter überwinden lassen, und nun habe ich auch noch das angenehme Gefühl, daß Herr Link und mein Bruder einen freundschaftlichen Verkehr eingeleitet haben, der Ernst sehr wohl tun wird.« »Und Erich nicht minder,« bemerkte Dora liebenswürdig. »Jetzt aber, Baronesse – pst! nicht abwinken, hier zwischen unseren vier Wänden sind Sie meine liebe, tapfere Baronesse – also jetzt. Euer Hochgeboren, ist es halb elf Uhr, und genau zwölf Stunden später wollen wir doch mit den Herren schon in Payerbach Gebirgsluft atmen. Ich denke also, wir sollten zu Bette gehen.« »Also gehen wir schlafen. Ich trage nur noch das Geschirr in die Küche.« Sonst pflegte ihr Dora derlei kleine Hausarbeiten abzunehmen, heute tat sie nichts dergleichen, schaute der Hinausgehenden schmunzelnd nach und steckte dann rasch den Brief, den Ernst ihr vorhin heimlich übergeben hatte, ans Kopfkissen von Klementines Bett. Eine Viertelstunde später entdeckte diese ihn. Glücklich lächelnd drückte sie den Umschlag an die Lippen. Das waren so Ernsts liebe Einfälle. Sie ließ sich nämlich noch immer von Eugen in ihre alte Wohnung schreiben. Dort übernahm Ernst oder Frau Till die Briefe und überbrachte oder schickte sie ihr – diese lieben, lieben Briefe, von denen ihr Herz lebte. Auch dieses Schreiben machte sie glücklich, so warm, so voll Güte war es. Der Schluß des Briefes aber entlockte Klementine heiße Tränen, so weh tat es ihr, daß sie ihrem Bräutigam nicht ihre ganze gegenwärtige Lage mitteilen durfte. »Ich danke Gott,« hieß es da, »daß unser lieber Ernst so schnell eine gute Anstellung gefunden hat. So brauche ich mir euch nicht in Armut, in wirklicher Not zu denken. Und was mich am meisten froh macht, ist der Gedanke, daß Du, mein Liebling, nicht in das rauhe Leben hinaus mußtest, denn, Herz, Du ahnst ja gar nicht, wie häßlich es da draußen ist. Immer habe ich tiefes Mitleid mit jenen Frauen empfunden, die ein trauriges Geschick zwingt, noch etwas anderes als Töchter, Schwestern, Gattinnen und Mütter zu sein. Dich im Kampf mit dem Leben zu wissen, das hätte ich auch nur unter bitteren Qualen ertragen, hätte es freilich noch eine Weile ertragen müssen, denn noch bin ich gebunden. Aber nur ein paar Monate noch – und ich bin ein freier Mann. Wenn ich Dir dann auch nicht sehr viel werde bieten können, so viel wird es doch sein daß wir eine trauliche Existenz haben werden. Und das Wenigste mit Dir vereint wird mir viel mehr sein als der Überfluß allein. Die Sehnsucht nach Dir macht mich zuweilen ganz krank. Ich weiß nicht, wie ich die Zeit, die mich noch von Dir trennt, überstehen werde. Schreibe mir nur recht oft. Deine Ruhe – ihr Frauen seid in trüben Zeiten immer ruhiger als wir – macht ja auch mich immer für eine Weile wieder ruhig. Und nun, Du mein Liebstes, lebe wohl und sei tausendmal innig geküßt von Deinem Eugen.« Klementine drückte den Brief wieder an ihre Lippen. »Wenn du wüßtest!« murmelte sie wehmütig lächelnd. »Ja – im Leben draußen ist es häßlich, recht häßlich! – Das weiß deine Klemi schon.« * Eduard Schimmel war in übelster Stimmung heimgekommen. Also ein Fräulein Teck hatte ihm solch eine Niederlage bereitet! Er hatte den Namen ganz deutlich gehört. Nun, mit der würde er schon noch ein Wörtlein sprechen. Der Montagabend traf ihn denn auch schon wieder in der Lindengasse. Vor dem Hause Nummer 15 wartete er schon seit halb acht Uhr. Dieses Haus stand mit den sieben anderen Gebäuden in der Mariahilferstraße und der Kirchengasse in Verbindung, in welcher die Firma Groß \amp; Komp. ihre Geschäftsräume hatte. Ihre Angestellten durften, der notwendigen Kontrolle halber, das Warenhaus nur von der Lindengasse aus betreten und es auch nur in dieser Richtung wieder verlassen. Schimmel hatte sich darüber genau informiert. Und nun stand er, den Hut tief in das Gesicht gedrückt, den Kragen seines Winterüberziehers hochgestellt und mit dem Taschentuch vor Mund und Nase, in dem zugigen Flur, durch welchen dieses Fräulein Teck kommen mußte. Es galt festzustellen, ob das junge Mädchen, das ihm gestern eine solch scharfe Lehre gegeben hatte, zu den Angestellten des Geschäftes gehörte. Wenn dies der Fall war, dann hatte Klementine, Baronesse v. Teck, einen erbitterten Feind mehr. Und es war der Fall. Zwischen drei Viertel auf acht und den folgenden fünf Minuten verlassen die in dem obersten Stockwerk arbeitenden Angestellten des Warenhauses ihre Arbeitsstätten. Es sind unter diesen sehr viele Mädchen: Maschinenschreiberinnen, Putzmacherinnen und Schneiderinnen und so manche andere Fräulein. Aber auch vielen Herren ist in dieser obersten Region ihre Tätigkeit zugeteilt. So kam es, daß Schimmels Gestalt den an ihm vorbeikommenden Mädchen nicht weiter auffiel. Jetzt drückte er sich enger in seinen Winkel, preßte die Zähne aufeinander, und ein böser Blick fiel aus seinen Augen auf Klementine, welche mit Dora daherkam. An ihrer anderen Seite ging ein junger Mensch. Der hübsche Bursche sah gerade jetzt mit schwärmerischem Ausdruck in Klementines Gesicht. Dora Hartwig sagte eben lachend zu ihm: »Nun, Gustl, Sie Ritter ohne Furcht und Tadel! Fräulein Teck ist sicherlich sehr stolz, weil Sie in ihrem Dienst dem Fritz so übel mitspielten!« »Na, der soll sich noch einmal rühren –« Mehr hörte Schimmel nicht. Die drei waren schon vorüber, und es gelang ihm nicht sogleich, ihnen wieder ganz nahe zu kommen. Auffallen wollte er jedenfalls nicht, und so mußte er sich also gedulden, bis er mit dem Strome der ins Freie Hastenden auf die Straße kam. Dort konnte er jedoch Klementine nirgends mehr entdecken. »Tut nichts!« brummte er grimmig. »Du entgehst mir nicht!« Er rief einen Fiaker an und ließ sich zu Frau v. Lassot fahren. Sechzehntes Kapitel. Direktor Eichler und Ernst v. Teck saßen in des ersteren Arbeitszimmer einander gegenüber. Ernst hatte die Skizze gebracht, von welcher er zu Klementine gesprochen. Er erwartete jetzt das Urteil, das über seine Leistung gesprochen werden würde. Es ließ sehr lange auf sich warten. Wenn er nur wenigstens das Gesicht des alten Herrn hätte sehen können! Aber das befand sich hinter dem Karton, auf welchem die Zeichnung ausgeführt war. Ernst atmete immer rascher. Seine Hoffnung schwand mehr und mehr, und mit ihr zerrannen die Luftschlösser, welche er auf sie gebaut hatte. »Arme Klemi,« dachte er, »mit unseren Zukunftsplänen sieht's windig aus!« Da sagte Eichler langsam: »Sie scheinen in der Tat nicht nur auf Ihrer Geige ein echter Künstler zu sein. Der Himmel hat Sie ja ganz besonders begnadet.« Seine Hand streckte sich aus, und als Ernst die seinige hineinlegte, schlossen sich des alten Herrn Finger mit kraftvollem Druck um sie. »Sie meinen also –« stammelte Ernst. Weiter kam er nicht. Ein Diener trat ein, überbrachte eine Visitenkarte und meldete: »Die gnädige Frau wartet im Wagen.« Der Direktor nickte. »Natürlich führen Sie die Dame herauf,« sagte er. »Ich erwarte sie schon lang.« Der Diener eilte hinaus, um den Auftrag auszuführen. »Eine liebe junge Freundin von mir,« erklärte Eichler dem Baron, die Karte vor ihn hin legend. Teck las: »Frau Anna Römer.« Er verneigte sich stumm und erhob sich. In diesem Augenblick trat eine sehr hübsche, sehr anmutige, in Trauer gekleidete Dame herein. Sie lächelte Eichler, der ihr entgegenging, liebenswürdig an und schüttelte kräftig seine Hand. Ernst v. Teck starrte sie wie eine überirdische Erscheinung an. Der Eindruck, den sie auf ihn machte, war ein so mächtiger, daß er Mühe hatte, seine Fassung zu bewahren. »Baron Teck!« stellte, ganz eigentümlich lächelnd, der Direktor vor. – »Frau Römer!« Und noch immer lächelte der alte Herr, denn auch seine »liebe junge Freundin« war merkwürdig verwirrt. Eine tiefe Röte überzog ihr ganzes Gesicht. Eichler faßte ihre Hand und führte sie zum Sofa. »Es freut mich herzlich, daß Sie gerade jetzt gekommen sind,« sagte er, »habe ich doch dadurch Gelegenheit erhalten, Sie mit einem echten Künstler bekannt zu machen, der Ihnen vielleicht sich nützlich erweisen kann.« Die junge Frau schien sehr interessiert. »Meinen Sie wirklich?« fragte sie eifrig. »Wenn nämlich der Herr Baron ebenso willig sein wird, sich in den Dienst Ihrer liebenswürdigen Laune zu stellen, als er fähig ist, diese Laune zur schönen Wirklichkeit zu machen.« »Wozu wäre ich wohl nicht willig, wenn ich Ihnen, gnädige Frau, damit zu dienen vermöchte!« rief Ernst feurig. »Sie müssen nämlich wissen, lieber Baron, daß die gnädige Frau ihren Gemahl im vergangenen Frühling verloren hat,« sagte Eichler erklärend. »Es wird Sie vermutlich auch interessieren, womit Sie der Dame dienen können?« »Gewiß – gewiß!« »Die gnädige Frau sucht nämlich nach einem Berater und praktischen Helfer, der es ihr möglich macht, ihr Landhaus bis zum Frühling geschmackvoll zu renovieren. Der Betreffende muß natürlich auf verschiedenen Gebieten beschlagen sein. Nun, ein Künstler, ein echter Künstler ist ja immer auf den verschiedensten Gebieten zu Hause, und gerade Sie kennen ja aus Erfahrung die Licht- und Schattenseiten eines Landbesitzes und würden also besser als irgend jemand der gnädigen Frau zur Seite stehen können.« »Es wäre mir sehr lieb,« warf Frau Römer mit einem bezaubernden Lächeln ein. »Ich bin glücklich,« beeilte Teck sich zu versichern, »in Wahrheit glücklich, wenn ich Ihnen irgendwelche Lasten abnehmen könnte. Aber Herr Direktor, Sie empfehlen mich da eigentlich recht leichtsinnig.« Eichler schüttelte den Kopf. »Ich bin genau unterrichtet, lieber Baron, und denke sehr hoch von Ihnen.« »Trotzdem ich so – so ganz heruntergekommen bin?« fragte Ernst bitter. Mit großer Verwunderung schauten die klaren dunklen Augen der jungen Frau auf den Baron. Von dem vollen dunkelblonden, gutgehaltenen Haar angefangen bis zu den Spitzen der tadellosen Schuhe wanderten sie. Einfach vornehm sah er aus und nannte sich heruntergekommen! »Ich gehöre nämlich zur Zeit einem Terzett an, das den Leuten Abends aufspielt,« erklärte Ernst noch herber als bisher. »Da dürfen Sie nicht bleiben!« sagte die junge Frau merkwürdig heftig. »Ich – ich –« Sie kam vor Verlegenheit nicht weiter. Da nahm Eichler rasch das Wort. »Nein, lieber Baron,« rief er, »in Ihrer jetzigen Stellung dürfen Sie tatsächlich nicht bleiben. Die war für die Zeit der Not vielleicht gut genug, aber ich hoffe, diese Zeit ist für Sie vorüber. Frau Römer wird Sie ›entdecken‹, Sie werden ihre Villa so reizend umgestalten, daß sich immer wieder künstlerische Arbeit für Sie finden wird. Nebenbei werden Sie sich weiterbilden und so Ihren tiefsten Herzenswunsch erfüllt sehen.« Er hatte sich erhoben und den Karton herbeigeholt. Jetzt stellte er ihn vor Frau Römer auf. »Da sehen Sie selbst, ob er ein Künstler ist!« rief er lebhaft. Die schönen Augen der jungen Frau wanderten aufmerksam prüfend über die reizende Komposition. Sie stellte den Rahmen eines Spiegels vor. Von dem glatten, unten grünen, nach oben hin blaßblau werdenden Holze hob sich an den zwei kurzen senkrechten Seiten plastisch dargestelltes Schilf in natürlicher Farbe ab. Weit hinein meinte man zu schauen in einen klaren See, über dem der Himmel blaute, und der ringsum eingefaßt war von dichtem Schilf. Den unteren Rand des Rahmens schmückten, ebenfalls über ihn hinausragend, weiße Seerosen mit ihrem glänzenden grünen Blattwerk, aber auch hier ragten einzelne Schilfhalme und Blüten in den Spiegel hinein. Die an und für sich ja naheliegende und einfache Idee war perspektivisch so meisterhaft, so lebenswahr und so anmutend ausgeführt, daß man das immer deutlicher hervortretende Entzücken der jungen Frau recht wohl begriff. »Das ist ja wunderschön!« sagte sie, sagte es ganz leise und noch gefangen genommen von dem ganz eigentümlichen Reiz des Dargestellten und der Darstellung. Ernst lächelte glücklich und dankbar. »Gnädige Frau,« sagte er, sich ihr entgegenneigend, »ich bin in der Tat glücklich, weil Ihnen meine Idee gefällt. Ich habe nur den Spiegel in einem resedengrünen Gartenzimmer gedacht, das die Aussicht auf ein wirkliches Wasser gewährt.« »Also direkt für mein Lieblingszimmer haben Sie komponiert?« »Ich beschrieb eigentlich meinen Lieblingsraum daheim auf Wellhof.« Er seufzte. »Der Besitz gehört freilich nicht mehr mir.« »Mein Gut heißt Mieringen – und ich würde viel darum geben, wenn ich auch kein Recht mehr darauf hätte.« Auch die junge Frau seufzte. Dann schlossen sich ihre feingeschweiften Lippen so fest, als wollten sie sich nichts weiter entschlüpfen lassen. Es gab also auch im Sein dieser Frau Bitternisse! »Ob sie mit dem Leben oder mit dem Sterben ihres Mannes zusammenhängen?« zuckte es durch Tecks Kopf. »Werden Sie also den Baron mit Mieringen bekannt machen?« setzte Eichler das Gespräch wieder fort. Frau Römer fand bald ihre Freundlichkeit wieder, und nach kurzem Hin- und Herreden war rasch ausgemacht worden, daß Teck am zweitnächsten Tage Frau Römer in ihrer Stadtwohnung abholen solle, um mit ihr nach ihrem im Wiener Wald gelegenen Gute zu fahren. * Als Ernst v. Teck zur bestimmten Stunde bei Frau Römer vorsprach, war diese bereits zur Fahrt gerüstet, und schon wenige Minuten später saß er neben ihr in dem mit grauem Atlas ausgeschlagenen Wagen. »Sie haben doch nichts dagegen, daß wir die Fahrt im Wagen machen?« bemerkte errötend die junge Witwe. »Es dauert wohl etwas länger, aber ich fürchte heute den Temperaturwechsel bei einer Bahnfahrt. Ich bin ein bißchen erkältet.« Ernst errötete merkwürdigerweise ebenfalls. Er hatte nichts dagegen, daß er für längere Zeit dicht neben ihr sitzen mußte, nicht das mindeste hatte er dagegen, ihre Gegenwart nun länger fühlen, ihr feines Parfüm nun länger einatmen zu dürfen. Er fand sogar, daß der Kutscher die Pferde zu einer ganz unvernünftigen, den edlen Tieren ganz bestimmt nicht zuträglichen Eile antrieb. Sie hatte unterwegs vieles zu fragen. Und er hatte auch sehr, sehr viel zu fragen und vergaß darüber alles. Er vergaß seine trübe Lage, er vergaß die ganze, schreckliche Unsicherheit seiner Zukunft. Da hielt der Wagen schon, und eine hagere alte Person öffnete den Schlag. Sie warf einen lauernden Blick auf Ernst und sagte: »O je! Einen jungen Maler hat sich die Gnädige ausgesucht!« Über Frau Annas Gesicht flog eine brennende Röte. »Kümmern Sie sich nicht um Dinge, die Sie nichts angehen!« sagte sie streng. »Sie haben doch dafür gesorgt, daß der Herr Baron und ich warme Zimmer finden?« Jungfer Rosalie, die langjährige Wirtschafterin des nun verstorbenen Privatiers Benedikt Römer, fuhr erschrocken zusammen und ging in großem Ärger hinter der jungen Frau her, der sie, die bis zu ihres Herrn Verehelichung fast unbeschränkte Gebieterin auf Mieringen gewesen, hatte weichen müssen, weil ihr Gebieter plötzlich sein Herz entdeckt und darüber seinen Magen vergessen hatte. In einem großen, mit wenig zusammenpassenden Möbeln überladenen Salon legte Frau Anna seufzend ihren Muff und ihren Pelzkragen ab und sagte: »Sehen Sie, lieber Baron, dieses Weib ist ein Stück meiner jüngsten Vergangenheit. Sie repräsentiert sozusagen die Menschengattung, in welcher ich die zwei letzten Jahre meines Lebens zubrachte.« Dann ging sie ans Fenster und starrte stumm hinaus. Erst nach einer langen Pause trat er zu ihr. »Ihre Ehe war also eine erzwungene?« fragte er rauh. Sie sah den Erregten schüchtern an. Beide hatten ganz vergessen, daß er durchaus kein Recht zu dieser Frage und sie keine Pflicht zu antworten hatte. Aber sie antwortete doch. »Ja,« sagte sie leise und mit leidvollem Lächeln, »es war eine von der Not und von der Kindesliebe mir aufgenötigte Ehe. Sie wurde mir zum Martyrium, wiewohl Benedikt, der Himmel vergelte es ihm, so gut, als es ihm eben möglich war, zu mir und meinem alten, teuren Vater blieb.« »Um Ihres Vaters willen haben Sie diesen Mann also geheiratet?« Man sah es Teck an, daß ihm merklich leichter ums Herz wurde. »Und wie lange ist er schon tot?« setzte er sein seltsames Examen fort. »Sie tragen ja noch Trauer.« »Auch im Herzen. O, glauben Sie mir, auch im Herzen trauere ich um vieles,« erzählte sie leise. »Zwei Monate nach meiner Verheiratung starb mein Vater, genau ein Jahr danach mein Mann. Ich bin also aus dem Traurigsein und dem Trauern seit diesen letzten zwei Jahren gar nicht herausgekommen. Und selbst um meinen Mann trauere ich, nur daß ich nicht trauere um sein leibliches Ende, denn das war mir Erlösung, aber traurig bin ich, weil seine Seele, um die sich Gut und Böse wild kämpfend stritten, keine Zeit mehr fand, sich ganz dem Guten zuzuwenden.« »Es gibt also doch Engel auf Erden!« sagte lächelnd der junge Schwärmer, ihr tief in die Augen blickend. Er wollte noch etwas sagen, kam jedoch nicht dazu, denn Rosalie kam herein und meldete, daß das Frühstück aufgetragen sei. »Sie haben doch auch für den Herrn Verwalter gedeckt?« fragte Frau Römer. »Jawohl, gnädige Frau.« »Ich wünsche, daß auch Sie bei uns bleiben, denn es ist nötig, daß Sie über die Veränderungen, die ich vorhabe, unterrichtet sind. Legen Sie also auch für sich ein Gedeck auf.« »Aber gnädige Frau –« »Tun Sie nur, wie ich sagte.« Die Wirtschafterin schien plötzlich wie umgewandelt. Mit vielen Dankesbezeigungen entfernte sie sich. »Jetzt wird sie Sie in Ruhe lassen, lieber Baron,« meinte Frau Anna lächelnd. »Sie gehört zu denen, die in alles eingeweiht sein wollen, die man nicht übersehen darf, wenn man nicht ihre Bosheit auf sich lenken will.« »Gnädige Frau wissen die Menschen zu behandeln.« »Zuweilen habe ich damit Glück. – Aber jetzt, Baron, gehen wir hinüber. Mir ist kalt – mir wird es nämlich immer kalt, so oft ich hierher komme, so oft ich die alte Einrichtung sehe.« Im behaglich durchwärmten Speisezimmer, das aber auch ganz im Geschmack eines reichen Emporkömmlings eingerichtet war, wartete schon ein älterer Herr auf Frau Römer, die ihm herzlich die Hand reichte. »Herr Stegmüller,« stellte sie ihn dem Baron vor, »der einzige Mensch auf Mieringen, mit dem ich immer sympathisiert habe.« Vor der Tür klirrte Geschirr. Jungfer Rosalie war wieder im Anzuge. Gerade als sie, begleitet von einer jüngeren Dienerin, allerlei feine Zukost auf den Tisch stellte, sagte Frau Anna, die Vorstellung beendend: »Und hier, lieber Stegmüller, habe ich mir einen Berater und Helfer mitgebracht. Baron v. Teck wird die Güte haben, demnächst auf ein paar Tage hierher zu kommen, um das Haus und auch den Park zu studieren und Pläne für die notwendigen Veränderungen zu machen. Direktor Eichler hat ihn so weit für mich und mein Anliegen zu interessieren gewußt, daß der Herr Baron versprochen hat, mir beizustehen. – Aber da sind ja Ihre berühmten Hachés, liebe Rosalie. Die müssen wir warm genießen! Bitte, Herr Baron! Bitte, lieber Stegmüller! – So – und nun, Rosalie, schenken Sie uns den Tee ein.« Schließlich wurden alle ziemlich lebhaft, und als man dann, immer noch zu vieren, die Wanderung durch das Haus begann, waren alle mit vielem Interesse bei der Sache. Siebzehntes Kapitel. Schimmel stand vor dem Hause Wickenburggasse Nummer 6. Es war spät am Abend, und der Hausmeister, auf den zehnten Stundenschlag der Alserkirchturmuhr wartend, trat unter das Tor, um mit dem Schlage zu schließen. Als er den Fremden in das Haus treten sah, fragte er erstaunt: »Zu wem wollen Sie denn noch gehn?« »Zu Frau Kleins Mäderl. Ich bin der Doktor. Sie wissen wohl, daß das Kind krank ist?« antwortete Schimmel mit großer Sicherheit. Der Hausmeister nickte. »Freilich weiß ich's. Aber daß man zwei Doktoren braucht, das hab' ich nicht gewußt.« »Nun, jetzt wissen Sie's. Also halten Sie mich nicht auf, lieber Freund. Geht es da zu Frau Klein hinauf? Ich hab' ihren Brief mit der genauen Adresse nicht bei mir.« »Ja, bitt' schön. Da hinauf geht's. Im dritten Stock, Tür 15, wohnt sie.« »Danke. Und hier ist gleich mein Sperrgeld. Ich werde nämlich nicht so bald wieder herunterkommen, denn ich muß das Kind genau untersuchen.« Schimmel hatte schon ein Guldenstück in der Hand, aber er ließ es in die Börse zurückgleiten und gab dem Hausmeister nur eine Krone. Der Besuch, den er in seiner Ungeduld durchaus noch heute machen wollte, wäre ihm ja zehn Gulden wert gewesen, allein das brauchte niemand zu wissen. Der Hausmeister war auch so schon sehr befriedigt, er zeigte sich jetzt außerordentlich artig, begleitete den »Herrn Doktor« bis in das Treppenhaus und versicherte, daß er ihn beim Fortgehen nicht werde warten lassen. Zwei Minuten später stand Schimmel vor der Tür Nummer 15 und läutete. Das Guckloch wurde geöffnet, und eine Frauenstimme fragte: »Wer ist's?« Schimmel sagte leise: »Offnen Sie ohne weiteres! Ich bin von der Polizei.« Drinnen fiel ein Glas zu Boden und zersplitterte. Gleich darauf tat sich die Tür auf. Die Klein, in einem schmutzigen, auffallenden Schlafrock, den vermutlich früher eine Theaterdame getragen hatte, starrte ganz blaß vor Angst den späten Besucher an. Sie wollte eine Frage tun, trat jedoch, nach einem kurzen Moment der Überlegung, in das kleine Vorzimmer zurück, wohin Schimmel ihr folgte. Sie ließ es auch geschehen, daß er die Tür absperrte und die Scherben des Glases, das ihr vor Schreck aus der Hand gefallen war, mit dem Fuße Zur Seite schob. »So,« sagte Schimmel gemessen, »jetzt gehen wir hinein. Ich habe mit Ihnen zu reden.« Sein Ton, sein Blick zwangen sie, ihm zu gehorchen. Sie ging ihm voran in ein ganz elegant möbliertes Zimmer, dem freilich die Unordnung, welche darin herrschte, einen fatalen Stempel aufgedrückt hatte. Auch waren so vielerlei Überflüssigkeiten darin, daß es mehr einem Galanterieladen als einem Wohnzimmer glich. Nachdem Schimmel rasch seine Blicke durch den Raum hatte gleiten lassen, ließ er sich in einem der zwei rotsamtenen Sessel nieder, die bei einem Tischchen standen, und wies auf den anderen Sessel. Die Klein sank wortlos darauf nieder. Er schaute eine Weile in ihr von der Hängelampe scharf beleuchtetes Gesicht, dann nickte er ihr vertraulich zu. »Wenn Sie gescheit sind, brauchen Sie sich vor mir nicht zu fürchten,« begann er, »und ich nehme an, Sie werden gescheit sein.« Die Frau atmete auf. »Was wollen Sie denn? Wer sind Sie denn eigentlich?« fragte sie lauernd. Schimmel beantwortete beide Fragen nicht, sondern stellte eine dritte. »Wie heißt der Doktor, der Ihre Gretl behandelt?« »Warum interessiert Sie denn das?« »Antworten Sie.« »Diermayer heißt er.« »Na also, Diermayer. Und ich selbst werde als Doktor Sturm – der Name ist ja leicht zu merken – von nun an öfters kommen, angeblich auch der Gretl wegen. Sie ist ja ein kränkliches Kind. In Wahrheit freilich komme ich zu Ihnen.« »Aber warum denn? Und woher wissen Sie, daß meine Gretl krank ist?« »Das brauchen Sie gar nicht zu wissen. Jedenfalls bin ich ein Mann, der Ihre Vergangenheit kennt, meine liebe Streit-Kathi oder, wenn Sie lieber wollen, Isabella Estalba. Mir und gar erst Ihnen kommt es ja auf ein paar Namen mehr oder weniger nicht an.« Die Klein, welche ein bißchen von ihrer Frechheit zurückgewonnen hatte, knickte wieder zusammen und schaute den ihr Unbekannten, der aber so viel von ihr selbst wußte, scheu an. Schimmel, der die junge, mollige Frau recht hübsch fand, ließ sich Zeit, sie recht eingehend zu betrachten. Das gab ihr wieder einen gewissen Mut. Wenn ein Mann ein derartiges Interesse verrät, dann hat das Weib, welches es ihm einflößt, schon halb und halb gewonnenes Spiel. Das wußte auch die Klein, welche ihre großen Augen spielen zu lassen begann. »Ich bitte Sie jetzt, mir endlich zu sagen, wer Sie sind,« bat sie, sich das Haar zurückstreichend, damit der weite Ärmel zurückfallen und ihren weißen, schöngerundeten Arm enthüllen konnte. Schimmel rückte näher. »Auch für Sie selbst bin ich der Doktor Sturm,« antwortete er, nach ihrer Hand greifend, »der sich für Sie interessiert und Ihnen gewogen bleiben wird, wenn Sie klug sind.« Sie entzog ihm ihre Hand und sagte kühl: »Ich werde meinen Mann von Ihrem Besuche unterrichten.« Schimmel lachte. »Der ist doch bis Ende Februar aufgehoben!« »Sie wissen auch das?« murmelte die Klein ausfahrend. »Freilich. Auch daß er schon zum dritten Male in Stein ist.« »Der Arme!« »Wie Sie schon zweimal in Neudorf waren.« Die hübsche Frau senkte die Augen, aber nicht für lange; gleich danach schlug sie sie merkwürdig langsam wieder auf. Es war das eines ihrer beliebtesten Kunststücke Männern gegenüber, welche sie fangen wollte und welche nicht abgeneigt waren, sich fangen zu lassen. Der alte Schimmel fand das Kunststückchen sehr nett. »Ich werde Ihnen also nichts tun,« versicherte er eifrig, »aber ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie vorsichtiger sein müssen.« »Wieso?« »In den Geschäften, die Sie mit Ihren Kindern besuchen.« Die Klein wurde kaum verlegen. Sie wußte ja schon, daß er ihre Vergangenheit kannte, diese Vergangenheit, die nicht schlimmer war als ihr gegenwärtiges Leben. »Warum vorsichtiger?« fragte sie. »Man hat uns ja nicht bemerkt, sonst hätte man uns doch längst festgesetzt.« »Es hat Sie dennoch jemand beobachtet.« »Und warum hat er sich dann nicht gerührt?« »Er hatte seine Gründe.« »Wo hat er uns beobachtet?« »Das brauchen Sie nicht zu wissen. Jedenfalls hätte es keinen Sinn, wenn Sie leugnen wollten, daß Sie mit Hilfe der Kinder Ladendiebstähle ausführen.« Trotzig die Unterlippe vorschiebend, lachte das Weib kurz auf. »Leugne ich es vielleicht?« fuhr sie Schimmel an. »Es wäre auch nutzlos, außer – Sie würden dieses rentable Geschäft von jetzt an aufgeben.« »Vielleicht gebe ich es auf.« »Fällt Ihnen ja gar nicht ein.« »Das wissen Sie nicht.« »Noch nicht – aber ich werde es wissen.« »Sie sind Detektiv?« »Halten Sie mich wofür Sie wollen, aber seien Sie sicher, daß Sie von dieser Stunde an wohlbewacht sind.« »Und warum?« »Weil ich Sie in meiner Gewalt haben will.« »Warum das?« »Weil ich Ihre Talente in meinen Dienst stellen will, oder vielmehr in den Dienst einer anderen Person, deren Vertreter ich bin.« »Noch haben Sie mich nicht in der Hand!« entgegnete die Klein. »Wovon leben Sie eigentlich, schöne Frau? Sie und Ihre zwei süßen Kinderchen? Sie sind als Kleidermacherin angemeldet und nähen tatsächlich zuweilen. Für wen? Wie viel? Darum kann die Polizei sich natürlich nicht kümmern, kann überhaupt nur darauf achtgeben, ob Sie sich nicht abermals gegen die Gesetze vergehen. Ihr Mann ist, sobald er in Freiheit ist, für die Welt und für die Polizei Häuseragent. In Wahrheit lebt er vom Taschendiebstahl, was übrigens ein gar nicht so schlechter Beruf ist, wie ich aus dem ziemlich eleganten Nestchen ersehe, das Sie hier bewohnen. Sie halten sich zwar keine Magd, aber sonst lassen Sie sich sichtlich nichts abgehen.« »Sollen wir etwa Hunger leiden?« warf die hübsche Frau ein. »Nun, das mutet Ihnen niemand zu,« entgegnete Schimmel gemütlich. »Das ist auch gar nicht notwendig bei Ihrem Talent. Da Sie das aber in Anwendung bringen müssen, wenn Sie ebenso gemächlich weiterleben wollen wie bisher, so habe ich nicht nur Sie, sondern auch Ihren Mann in der Hand – das sehen Sie doch ein? Und somit sind wir an dem Punkt angekommen, an welchem ich Sie haben will, und nun können wir über das Geschäft reden, welches Ihnen vorzuschlagen ich hierher gekommen bin, und welches Sie ausführen werden.« »Wissen Sie das so ganz gewiß?« Er lächelte beängstigend sanft. »Muß ich wieder von vorn anfangen?« fragte er. »Habe ich Ihnen denn umsonst Ihre Lage auseinandergesetzt? Sind Sie so schwer von Begriff?« »Na, dann reden Sie endlich! Was soll ich tun?« schrie sie ihn an. Er war beleidigt und sagte deshalb jetzt sehr kühl: »Sie werden eine junge Dame, eine Baronesse, welche sich derzeit als Angestellte in einem großen Geschäftshause befindet, dort unmöglich machen.« »Wie soll denn das geschehen?« »Sie werden in dem betreffenden Geschäftshause irgend eine Handlung ausführen, welche auf das Konto der jungen Dame kommt, und für welche diese ihre Ehre und ihren Posten verliert.« »Diese junge Dame hassen Sie wohl?« »Ich?« »Ja, Sie! Ihr Gesicht sagt es, und Ihre Augen sagen es und Ihre geballten Hände.« »Nun ja, auch ich hasse dieses hochmütige Geschöpf.« »Sie brauchen sich meinetwegen keine Gewalt anzutun,« spöttelte die Klein. »Rollen Sie immerhin die Augen und fuchteln Sie mit den Fäusten herum, mich ängstigt das gar nicht. Aber eines weiß ich jetzt: die Betreffende hat Sie beleidigt. Habe ich recht?« »Recht haben Sie, aber nicht nur deshalb soll sie büßen.« »Was soll sie denn noch büßen?« »Seien Sie nicht zu neugierig.« »Aber ich muß doch wissen –« »Nichts müssen Sie wissen, als was ich Ihnen sagen werde. Also: ein Mädchen, das sich ohne Zweifel tadellos aufführt, muß bei seiner Umgebung in Mißkredit gebracht, die Achtung, die man vor ihr hegt, planmäßig untergraben werden. Dazu lasse ich Ihnen und mir – denn ich werde mitarbeiten – etwa vierzehn Tage Zeit. Dann aber muß der Hauptschlag geführt werden.« »Soll vielleicht etwas abhanden kommen?« »Da Sie auf diesem Felde am sichersten arbeiten, so soll also etwas abhanden kommen. Es wird sich schon etwas finden, dafür sie einzustehen hat, und das Sie verschwinden lassen können. Augenblicklich kenne ich freilich noch nicht den Wirkungskreis der Betreffenden, aber in jedem Wirkungskreis kann man gegen die Ehrlichkeit sündigen. Mir ist nicht bang. Wir werden schon etwas finden, was diese hochmütige Klementine verdirbt.« »Also Klementine heißt sie? Und sie ist sicherlich hübsch, sonst wären Sie jetzt nicht in solch wildem Haß hinter ihr her. Sie sind zweifellos sehr temperamentvoll.« »Lassen Sie mich aus dem Spiele!« knurrte er, ihren spöttischen Blick mit einem zornigen erwidernd. Da stand sie auf, holte vom Spiegeltisch, der zwischen den Fenstern stand, eine Schachtel Zigaretten, zündete eine an und steckte sie ihn:, verführerisch lächelnd, in den Mund, worauf sie sich mit kecker Grazie ebenfalls bediente. »So – Alterchen! Jetzt können wir über Ihre geliebte Feindin plaudern,« sagte sie, sich behaglich in ihren weichgepolsterten Sessel drückend. »Geben Sie mir also das Rezept, wie man tadellos sich aufführende junge Damen zu Diebinnen macht.« Die beiden redeten danach wohl eine Stunde lang über das, was geschehen sollte. Als Schimmel die Wohnung der Klein verließ, stand unten bereits der Hausmeister mit der Laterne. »Na, das war ja eine gründliche Untersuchung!« sagte er brummig, wurde jedoch sogleich wieder höflich, denn Schimmel hatte ihm abermals eine Krone in die Hand gedrückt. Eine Minute später stand Eduard Schimmel unter dem freien Himmel. Er atmete tief auf. »Drei Fliegen auf einen Schlag,« sagte er laut vor sich hin. »Jetzt bin ich der Herr der alten Lassot, der Herr dieser netten Klein da oben und werde auch noch dein Herr sein, du hochnäsige Aristokratin!« Und er sah dabei ganz deutlich Klementine Tecks blasses Gesicht vor sich und ihre Augen, aus denen ihn der Ekel anblickte. »Dein Herr – dein Herr!« Die Zähne aufeinanderpressend, ging er eilig weiter. Achtzehntes Kapitel. Gustl, lassen jetzt die Automobilbild'ln! Die machen Sie nur noch närrischer, als Sie so schon sind. Sie sollen zum Herrn Direktor!« Mit diesen Worten trat einer der Etagendiener des Warenhauses zu dem jungen Burschen, der, in das Studium eines Automobilkatalogs vertieft, ziemlich zerstreut ausschaute. Als er aber gehört, wohin er gerufen wurde, ward sein Gesicht um ein merkliches länger. Zu Herrn Hälby müssen, war für ihn gleichbedeutend mit einem Strafgericht. Irgend etwas hatte er ja immer auf dem Kerbholz. Übermütig und phantasiereich, wie er war, führte er so manches aus, das auszuführen nicht absolut notwendig gewesen wäre. Auch gingen die Fensterscheiben seinen langen Armen leider nicht immer aus dem Weg, und die Treppengeländer dienten ihm ausschließlich als Rutschbahn. Am wenigsten aber konnte sich Herr Hälby dafür begeistern, daß Gustl Müller ein so vortrefflicher Imitator war, der jedermann in Stimme und Art zu reden und sich zu bewegen ganz wunderbar nachahmen konnte. Diese Seite seiner Genialität war zwar mitunter recht ergötzlich, noch viel öfter aber ärgerlich, denn merkwürdigerweise gefällt sich selten jemand in solch einem ihm vorgehaltenen Spiegel. »Was hab' ich denn nur g'macht?« fragte sich auf seinem Weg Gustl, dem heute keine nennenswerte Sünde einfiel. »Nix hab' ich g'macht!« Und in selbstbewußter, dienstlicher Haltung, die er gern zu militärischer Strammheit übertrieb, trat er in das Zimmer des Direktors. Hälby war nicht allein. Gustls nächster Vorgesetzter, der Chef der Baumwollenabteilung, Herr Kern, saß ihm gegenüber. Beide schauten den Burschen schmunzelnd an, und Gustl wurde darüber ganz verlegen. Was war denn nur so Erheiterndes an ihm? Er schaute unwillkürlich an sich nieder, aber er konnte nichts Absonderliches an seiner braunen Uniform gewahren. Plötzlich aber schoß ihm das Blut zu Kopfe. Er hatte das rosa Papier erblickt, welches auf Hälbys Schreibtisch lag. Gleichzeitig sagte der Direktor: »Sie sind also auch ein Dichter! Das hab' ich ja noch gar nicht gewußt. Und Sie sind auch gar kein so übler Dichter, denn die Gedanken, die Sie in Ihrem Gedichte ausdrücken, machen Ihnen alle Ehre.« »O – Herr Direktor!« »Und die Dame, an welche Ihre Verse gerichtet sind, könnte ihre helle Freude daran haben, wenn –« »Nein, bitte, nein!« stammelte der junge Mensch. »So soll sie nichts davon wissen?« fragte Kern freundlich. »Nein.« »Warum denn nicht?« »So was kann man ja denken, aber –« Hälby nickte dem Jüngling zu. »Aber man hängt es nicht an die große Glocke, und man verliert es besser auch nicht, schon allein deshalb nicht, daß keiner darüber spotten kann, weder über den Dichter noch über die Angedichtete.« Gustls Augen schauten jetzt offen in die seines Vorgesetzten und dann wanderte sein Blick auch zu Kern hinüber. »Aber Sie lachen mich doch aus!« stotterte er. Hälby hatte sich erhoben. Er trat auf Gustl zu und legte ihm die Hände auf die Schultern. »Mein Lieber,« sagte er freundlich, »ich und, wenn ich nicht irre, auch der Herr Abteilungschef gäben etwas dafür, wenn wir noch so jung empfinden könnten. Nein – nein, wir lachen nicht. Ganz im Gegenteil, wir nehmen Ihr Gedicht, mit welchem Sie sich zum Ritter Fräulein Tecks bekennen, sehr ernst. Ein günstiger Zufall hat es gefügt, daß Herr Kern Ihren poetischen Erguß fand, ein günstiger Zufall für Sie und für Fräulein Teck, zu deren Ritter nun auch wir beide, denen Ihre Gesinnung jetzt bekannt ist, Sie feierlich ernennen.« Gustls Augen blitzten auf. »Was soll ich denn tun?« erkundigte er sich lebhaft. »Augen und Ohren offen halten,« antwortete ihm Kern ernst. »Ein bißchen herumhorchen sollen Sie, wer etwa hier über Fräulein Teck schlecht spricht. Sie kommen ja im ganzen Hause herum, und Sie sind nicht auf den Kopf gefallen. Ich rechne also auf Sie. Das Fräulein habe ich hierher empfohlen, das wissen Sie, es liegt mir also viel daran, daß man gut von ihr denkt. Sie verdient nämlich alle Achtung; ich weiß, daß jeder einfach ein Verleumder ist, der Schlechtes über sie berichtet.« »Tut denn das einer?« fuhr Gustl zornig auf. Hälby hielt ihm einen Brief hin. »Lesen Sie,« sagte er. »Jetzt müssen Sie unterrichtet sein.« Gustl las: »An die Direktion des Warenhauses Groß \amp; Komp. Sie beschäftigen eine heruntergekommene Aristokratin, eine Baronesse Teck. Seien Sie gewarnt. Die junge Dame war vielleicht bis jetzt vorsichtig, aber ihr eigentliches Wesen wird früher oder später zum Vorschein kommen. Sie wird den anderen Bediensteten weder in Ehrlichkeit noch in guten Sitten ein Beispiel sein. Jemand, der die Teck von der Kehrseite aus kennt.« »Zu dumm ist das!« sagte Gustl, als er das Schreiben wieder zurückgab. Die Herren nickten zustimmend zu diesem Urteil. Gustl, sich durch das Vertrauen, das man ihm bewies, sehr geehrt fühlend, fuhr geradezu leidenschaftlich fort: »Ich möcht' nur wissen, wer der Baroneß was Schlechtes nachsag'n kann!« »Wir haben Ursache anzunehmen, daß nun noch mehr solche Schreiben einlaufen werden,« sagte Kern, »und sie werden wahrscheinlich nicht nur an die Direktion gerichtet sein. Man will Fräulein Teck eben hier unmöglich machen.« »Ich kenn' schon zwei, die sie nicht leid'n können,« berichtete Gustl eifrig, »Fräul'n Neuber und der Treumann.« »Fräulein Neuber ist seit der Szene mit der alten Dame gegen Fräulein Teck verstimmt,« bemerkte Hälby, dem damals von dem Vorgekommenen Meldung gemacht worden war. Kern nickte, erkundigte sich aber, weshalb denn der Laufbursche Fritz Treumann Klementine nicht gut gesinnt sei. Da berichtete Gustl, daß Treumann unlängst in Gegenwart des Fräuleins Teck über eine ihrer Kolleginnen geschimpft, und daß das Fräulein ihn deshalb scharf gerügt hätte. »Sie is gleich weg, und da hat der Treumann sie eine ›fade Soß‹ geheißen,« berichtete Gustl weiter. »Ich hab' ihm natürlich dafür eine Ohrfeig'n geb'n, und seit dieser Zeit is er bös auf mich.« »Das glaub' ich,« sagte Hälby lachend. »Sie haben für Ihr Ideal also richtig schon, eine Lanze gebrochen! Na, das ist ja schön, aber lieber wäre es mir doch, wenn Sie nicht gar so flink mit den Ohrfeigen bei der Hand wären. Dem Treumann werde ich übrigens noch den Text lesen. Sie wissen also, was Sie zu tun haben. Meldungen werden an Ihren Chef oder an mich gemacht.« Damit war Gustl entlassen. Wie ernst er seinen Auftrag auffaßte, bewies er schon am nächsten Tage, denn da kam er gleich nach der Mittagspause zornrot zu Kern und meldete, daß schon das ganze Haus voll Getuschel über Fräulein Teck sei. Sein Oheim, der Garderobier, habe gehört, wie Fräulein Neuber und eine Verkäuferin, Fräulein Welm, Morgens in der Garderobe Briefe über sie vorgelesen hätten. Ebenso hätten zwei Herren aus der Konfektionsabteilung anonyme Schreiben bekommen, die sich mit der Teck beschäftigten, und deren Inhalt ebenfalls schon in ganzen Hause bekannt sei. »Fräul'n Vogel und Fräul'n Hartwig wissen noch nix,« beendete er seinen Bericht. »Aber die werd'n schon auch noch was kriegen.« »Also eine richtige, planmäßige Hetze, die gegen die arme Baronesse veranstaltet wird!« sagte Kern ergrimmt. Gustl nahm eine geheimnisvolle Miene an. »Ich mein', ich kenn die, die hinter der ganzen G'schicht' steckt,« sagte er. »Die Kundin mit dem Pelzkragen meinen Sie?« »Ganz sicher! Kann man denn da nix mach'n?« »Mein lieber Gustl, da muß man es ihr Zunächst beweisen können, daß sie die Verleumderin ist. Die Nürnberger hängen keinen, den sie nicht haben.« »Na, wir werden sie schon kriegen – das schlechte Frauenzimmer!« * Am Abend dieses Tages fand in Hälbys Zimmer eine Konferenz statt. Teilnehmer daran waren die vier Angestellten, welche am Morgen dieses Tages die anonymen Briefe erhalten hatten, außerdem Fräulein Hartwig und Fräulein Vogel. Hälby hatte sich die Schreiben einhändigen lassen. Sie waren alle, wie das seine, mit der Maschine geschrieben und im ersten Bezirk aufgegeben worden. Die vier Angestellten sagten aus, daß sie keine Ahnung hätten, wer all das Häßliche, das da über Fräulein Teck angedeutet worden war, geschrieben haben könne. Die Neuber lächelte flüchtig, als sie diese Versicherung abgab, und auch die anderen verbargen nicht, daß sie den niederträchtigen Briefen einigen Glauben schenkten. Es bleibt bei einer Verleumdung, und wäre sie auch gänzlich aus der Luft gegriffen, eben immer etwas hängen. »Was soll Ihr Lächeln, Fräulein Neuber, und Ihr Nicken, Herr Schill?« fragte Hälby streng. Die Neuber leugnete keck das Lächeln ab, und Schill versicherte, daß er sich bei seiner Bewegung gar nichts Besonderes gedacht habe. »Ich bedarf Ihrer Gegenwart nicht mehr,« bedeutete der Direktor den Briefempfängern kurz, »nur rate ich Ihnen noch, ebenso eifrig im Dienste der Arbeit zu sein, wie Sie eifrig waren im Dienste der Verleumdung. Verbreiten Sie nun im Hause auch, daß ich in diesem Falle genau so wie in allen anderen ähnlichen Fällen, die vorangegangen sind, Ordnung schaffen werde. Sie wissen, ich habe eine kleine Vorliebe für Sauberkeit und reine Luft und Frieden, ohne welche ein gedeihliches Zusammenwirken in einem so großen Geschäft nicht möglich ist. Ich bitte Sie also, daran zu denken und auch daran, daß hier niemand unersetzlich ist. Guten Abend!« Die vier gingen, und die Neuber erhielt den Auftrag, Fräulein Teck zum Direktor zu bitten. Die Neuber lächelte spöttisch, als sie Klementine ihren Auftrag ausrichtete, und Schill warf ihr einen frechen Blick zu. Klementine zuckte zusammen und preßte die Lippen fest aufeinander. Sie hatte heute schon so viele solche Blicke ertragen müssen. Kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, als sie bleich, aber entschlossen zu Hälby sagte: »Herr Direktor, ich bitte um meine Entlassung. Am liebsten käme ich schon morgen nicht mehr.« »Woran Sie sehr unrecht täten, Baronesse,« fiel Fräulein Vogel ruhig ein. »Schuldlos, wie Sie sind, dürfen Sie Ihren Feinden oder Ihrer Feindin, denn vermutlich haben Sie es da ja doch nur mit Ihrer Tante zu tun, nicht das Feld räumen.« »Dieser Ansicht bin ich auch,« bestätigte Hälby. »Nur nicht den Kopf verloren, mein Fräulein! Sie sind es jetzt einfach Ihrer Ehre schuldig, auszuharren. Und Sie sind ja auch nicht verlassen. Sie haben hier Freunde gewonnen, die Ihnen beistehen werden. Was gewännen Sie denn, wenn Sie gingen? Wer immer es ist, von dem diese Angriffe ausgehen, er wird Sie auch anderswo finden, wo Sie vielleicht nicht so viel Schutz haben werden wie hier. Bedenken Sie das, ehe Sie ernstlich Ihre Entlassung fordern, die Ihrer Feindin ja nur ein Triumph wäre.« »Sie haben recht, meine Ehre fordert es, daß ich bleibe, zumal da Sie mich unbegreiflicherweise nicht fortjagen!« murmelte Klemi mit einem bitteren Lächeln. Er ergriff ihre Hand und drückte sie, während er lächelnd sagte: »Da sieht man, daß Sie immer noch die große Dame sind, die weitab vom gemeinen Leben sich ihre Begriffe gebildet hat. Warum soll ich Sie denn fortjagen? Weil da ein paar anonyme Briefe gekommen sind, denen vermutlich noch verschiedene andere Gemeinheiten folgen werden? – Aber jetzt ist genug über das Unangenehme geredet. Jetzt wünsche ich Ihnen trotz allem noch viele gute Tage bei der Firma Groß \amp; Komp. – Und Sie, Fräulein Vogel, Sie guter Geist unseres Hauses, Sie breiten nun wohl noch mehr als sonst Ihre schützenden Fittiche aus!« »Soll geschehen!« erwiderte das kleine Fräulein lächelnd. Wie im Traume ging Klementine auf ihren Posten zurück. Als sie die Treppe zum dritten Stockwerk emporstieg, begegnete ihr Gustl. Sie nickte ihm zu. »Man sieht Sie heute ja merkwürdig oft, Gustl.« »Baroneß werden mich jetzt noch öfter merkwürdig oft seh'n.« »Warum denn?« »Weil ich zu den Musterbüchern versetzt word'n bin.« »Also zu mir?« »Ja, zur Baroneß.« »Nennen Sie mich nicht so! Ich bin das hier nicht mehr.« »Für mich bleib'n Sie immer, wer Sie sind, und keiner soll Ihnen was tun!« In Klementines Wangen stieg eine feine Röte, denn was seine Worte noch nicht ganz deutlich gesagt hatten, das verriet sein schwärmerischer Blick ganz klar. Sie reichte ihm die Hand. »Gustl,« sagte sie bewegt, »ich danke Ihnen für dieses Wort. Es hat mir, unruhig und traurig, wie ich jetzt bin, sehr wohl getan, und ich weiß nun, daß auch Sie mein Freund sind.« »Ich – der arme Laufbursch?« Sie lächelte herzlich. »Ja, lieber Gustl!« konnte sie nur noch sagen, dann ging sie rasch weiter. Neunzehntes Kapitel. Doktor Eduard Schimmel war, entgegen der Anschauung, daß böse Menschen die Musik nicht lieben, ein großer Freund derselben. Sie tat vielleicht nicht so sehr seiner Seele wohl, aber sie kitzelte seine Nerven, und einem Nervenkitzel war der alte Sünder niemals abgeneigt. Allein geizig, wie er war, ließ er sich seine Genüsse immer so wenig als möglich kosten, und pfiffig, wie er war, wußte er sich manche derselben auch ganz umsonst zu verschaffen. Einer seiner Klienten aus jener Zeit, in welcher er noch dem Advokatenstande angehörte, war der »Musikdirektor« Leopold Schultz. Vor etwa zehn Jahren war dieser in einer angesehenen Musikschule Wiens Klavierlehrer gewesen, hatte sich aber durch verschiedene Schwindeleien unmöglich gemacht und war, trotzdem er in dem arglistigen Schimmel einen ausgezeichneten Verteidiger gefunden, zu einer mehrmonatlichen Gefängnisstrafe verurteilt worden. Seit jenen Tagen waren Schultz und Schimmel gute Bekannte. Der Doktor kam von Zeit zu Zeit immer wieder in die Lage, Schultz aus irgend einer Patsche zu ziehen, wofür dieser natürlich gehörig bezahlen mußte, sich aber auch noch außerdem aufmerksam gegen Schimmel zeigte. Mit vielen Leuten vom Theater bekannt, hatte Schultz sehr oft Karten zur Verfügung, welche er selber nur selten benützen konnte, und die er meist Schimmel brachte. Auch lud er diesen gern zu besonderen Festlichkeiten ein, bei denen er selbst konzertierte. Solch eine Einladung ließ er am 16. Januar an Schimmel ergehen. »Kommen Sie nur,« schrieb er ihm. »Ich habe einen ausgezeichneten Primgeiger engagiert. Solch einen Bogenstrich haben Sie noch nicht oft gehört. Außerdem wird bei diesem mit ausgezeichnetem Essen verknüpften Vereinsfest eine neue Sopranistin singen. Also versäumen Sie meinen Teck und die schöne Ida nicht. Ich werde um acht Uhr an der Tür sein. Eine andere Einführung brauchen Sie nicht.« Dieser Brief gelangte am 16. Januar um die Mittagszeit in Schimmels Hände. Er regte ihn sichtlich auf. Nicht der schönen Ida wegen – nein, der Name »Teck« ließ sein Blut schneller kreisen. Es war wie immer: der Teufel arbeitete ihm förmlich in die Hände. »Jedenfalls gehe ich hin,« murmelte er. »Und die Lassot muß mit. Falls dieser Teck wirklich ihr so innig geliebter Neffe ist, wird es ihr einen Hauptspaß machen, ihn auf dem Brettl zu sehen. Schade, daß er nicht absammeln gehen wird, denn ich hätte ihm gern was auf den Teller geworfen.« Schimmel aß an diesem Tage mit noch größerem Appetit als sonst. Die Freude, welche er heute noch zu erleben hoffte, würzte ihm die Speisen. Erst ganz zu Ende der Mahlzeit wurde er verstimmt. »Was für ein Gesicht Sie heute wieder schneiden!« sagte er, als die Heister ihm den Käse brachte. Sie antwortete nicht darauf. Es beschlich ihn ein unangenehmes Gefühl. Wenn die sonst so schüchterne Frau sich verstimmt zeigte, beschlich ihn immer ein unangenehmes Gefühl. Er fürchtete dann, daß sie ihn verlassen könne, und das war ihm ein sehr unangenehmer Gedanke. Wo wurde er wieder eine solche Perle finden? Seit sechs Jahren diente sie ihm, hatte er sie erprobt und vollwertig befunden. Ihre absolute Verschwiegenheit und Verläßlichkeit war ihm, der so viel Verschwiegenheit brauchte, ungeheuer viel wert. Aber auch ihre ebenso absolute Ehrlichkeit schätzte er hoch. Sein Hab und Gut war in ihren Händen so sicher, daß er alles offen vor ihr hätte liegen lassen können. Allem aber setzte ihre Kochkunst die Krone auf. In den vornehmsten Hotels, ja an der Hoftafel hätte er es nicht besser haben können. Sie war als Köchin einfach eine Künstlerin. Nein – die Heister hätte ihm niemand ersetzen können. Das stand bei ihm fest. Bei ihr jedoch – und das wußte er – stand es fest, daß sie, sobald ihre Pflicht ihm gegenüber erloschen war, diesen ihr in der Seele zuwideren Dienst aufgeben werde. Und diese Zeit war nicht mehr fern. Im Sommer dieses Jahres noch konnte sie sein Haus verlassen. Auf sechs Jahre hatte sie sich ihm damals verpflichten müssen – damals, als er ihr aus großer Not half. Ihr Liebling, ihre einzige Tochter, an der sie mit jeder Faser ihres Herzens hing, war damals noch die Braut eines tüchtigen, aber auch sehr armen Arbeiters gewesen. Schimmel hatte die Heirat möglich gemacht. Das hatte ihm nur vierhundert Gulden gekostet und ihm dafür die heiße Dankbarkeit der Heister eingetragen. Damals machte er den Kontrakt mit ihr, der sie auf sechs Jahre an ihn band. Für einen wahren Hungerlohn hatte sie ihm zuerst sehr gern und eifrig gedient, bis sie ihn besser kennen lernte, bis ihre einfache, saubere Seele seine raffinierte, schmutzige begriff. Von da an diente sie ihm zwar noch immer musterhaft, aber sie zeigte ihm dabei offen ihre Verachtung. Nun, das genierte ihn im Grunde wenig, fatal war ihm nur, daß er merkte, er würde sie nach Ablauf ihrer Zeit verlieren. Und heute war sie entschieden schlechter Stimmung. Das verdarb auch die seinige. »Was ist Ihnen denn, Frau Heister?« erkundigte er sich, das Käsemesser ungebraucht von sich schiebend. »Mein Gott! Sie werden mir doch nicht krank werden!« Frau Heister wendete sich langsam ihrem Herrn zu und schaute ihn voll an. »Sie hab'n also auch einen Gott?« höhnte sie. »Möcht' ihn einmal seh'n, diesen Gott.« »Sie sind ja, wie es scheint, recht gut aufgelegt!« gab er gereizt zurück. Sie lachte bitter. »Hab' auch alle Ursach' dazu!« »So? Was fehlt Ihnen denn bei mir?« »Manchmal die reine Luft, an die ich früher gewöhnt war.« »O je! Kommen Sie schon wieder damit.« »Ich kann's halt net verstehen, wie's unser Herrgott zulass'n kann, daß brave Menschen es zu nichts bringen, während –« »Während die Nichtbraven, zu denen ich gehöre, wie Sie meinen, reich werden. Liebe Heister, das Lied haben Sie schon oft gekrächzt und weil Sie es heute wieder krächzen, denke ich, daß bei Ihrer Betti wieder einmal etwas nicht in Ordnung ist. Hab' ich recht?« »Natürlich hab'n Sie recht.« »Also, was ist denn los?« »Ah – davon red' ich lieber nicht.« »Und zeigen mir weiter solche Gesichter!« »Na, der gnädige Herr wird meine Gesichter ja nimmer lange seh'n.« Schimmel gab es einen Riß. So dachte die Frau also richtig daran, von ihm zu gehen, wenn ihre Zeit um war! »Ich denke doch, daß wir von Ihrer Betti weiter reden sollten,« sagte er sanft, und damit die Sache sich zu seinen Gunsten wende, fuhr er rasch fort: »Ist vielleicht Krankheit die Ursache? Ihre lieben Enkelkinder sind ja so zart.« Frau Heisters Züge waren jetzt nicht mehr so hart. »Ja, gnädiger Herr, freilich. Zart sind s' schon,« bestätigte sie, »aber derzeit sind s' gottlob gesund.« »Also, was ist denn sonst Schlimmes passiert?« »Vor einem Glück steht mein Schwiegersohn und kann's nicht fassen. Das ist halt auch was Schlimmes.« »Was heißt das? Sie müssen schon deutlicher sein.« »Wozu?« »Damit ich Ihnen beistehen kann.« Die Frau lächelte. »Das werden S' wohl bleiben lassen. Es handelt sich um dreitausend Gulden.« Daraufhin herrschte eine Weile Schweigen zwischen den beiden. Schimmel strich umständlich Strachino auf eine halbe Semmel, und die Heister stellte verschiedenes überflüssiggewordenes in die Kredenz. »Meine liebe Frau Heister,« begann Schimmel plötzlich, »es läßt sich immerhin über diese Sache reden. Setzen Sie sich einmal zu mir her.« Aber sie setzte sich nicht. Nur an den Tisch war sie herangetreten und stützte sich mit beiden Händen darauf. »Also, um was handelt es sich?« »Der Joseph könnt' das Geschäft übernehmen, in dem er bis jetzt gearbeitet hat. Das wär' ein sicheres Brot, denn sein Meister is ja schon seit drei Jahren tot, und so hab'n sich die Kundschaften alle schon an ihn gewöhnt.« »Richtig! Und Stiefel brauchen die Leute immer. Die Meisterin aber will jetzt das Geschäft verkaufen?« »Sie is ja schon alt. Zu ihrer Tochter will s' zieh'n.« »Und dreitausend Gulden kostet's?« »Mit dem Warenlager und mit dem ganzen Material, das da is, und dem vielen Werkzeug und der ganzen Einrichtung vom Lad'n und der Wohnung.« »Ist das nicht doch zu viel?« »Der Joseph sagt, daß 's billig is, wenn man bedenkt, daß so eine große Kundschaft dranhängt.« »Und Ihre Betti mochte gern Frau Meisterin werden?« fuhr Schimmel mit einem Lächeln, das fast gütig aussah, fort. Der Heister traten Tränen in die Augen. Sonst hatte sie keine Antwort. »Sie soll es werden!« sagte Schimmel sehr laut. Da setzte sich die Frau. Ihr hagerer Körper zitterte. Schimmel lächelte. Gnädiger Herr!« stammelte die erschütterte Frau. »Natürlich aber muß ich auch was davon haben, wenn ich so viel Geld herschenk'. Ich schenk's nämlich, achten Sie wohl auf dieses Wort, Heister!« Wie verzückt starrte sie ihn an. Sie wischte sich über die Augen, um sich zu überzeugen, ob sie wach sei oder ob sie träume. Schimmel nickte ihr zu. »Sie sind schon munter. Glauben Sie ja nicht, daß ich übergeschnappt bin. Ich weiß sehr gut, was ich tue. Sie kriegen die dreitausend Gulden heute noch bar auf die Hand. Es ist geschenktes und doch auch wieder nicht geschenktes Geld. Umsonst ist ja nicht einmal der Tod. Also – liebe Heister, Sie müssen mir in derselben Stunde, in der ich Ihnen das Geld gebe, eine Schrift ausstellen, mit der Sie sich verpflichten, bis zu meinem Tod bei mir zu bleiben. Ich hab' mich nun schon so an Sie gewöhnt, daß ich – na also, ich will halt, daß Sie bleiben.« Er stand auf, legte die Serviette hin und sagte, unsicher auf die sehr Bleichgewordene schauend: »Überlegen Sie sich also die Sache. Bis vier Uhr bin ich wieder hier.« Gleich darauf verließ er seine Wohnung, um Frau v. Lassot durch seine Mitteilung über Ernst v. Teck eine große Freude zu bereiten. Sie bebte förmlich vor teuflischer Befriedigung und konnte kaum die Stunde erwarten, in welcher Schimmel sie zum Genusse ihres Triumphes abholen wollte. Dieser aber empfahl sich eilig, mit einer gewissen Hast ließ er sich bei einem Wechsler auf der Mariahilferstraße Geld für Obligationen geben und eilte dann nach Hause. So rasch war er noch niemals zu einem zärtlichen Stelldichein geeilt, wie er heute zu seiner alten Wirtschafterin hastete. Als sie ihm öffnete, sah er sogleich, daß sie geweint hatte. Das ließ ihn vor Schreck zusammenfahren. Eilig ging er an ihr vorbei und in sein Arbeitszimmer. »Kommen Sie nachher zu mir!« befahl er ihr. Sie schaute ihm erschrocken nach. Er hatte es so böse gesagt. Ein paar Augenblicke lang blieb sie, die Hände ineinanderpressend, im Vorzimmer stehen. »Wenn es ihn gereut hätte!« dachte sie, und ihr Blick wurde heller, aber sie gönnte sich die Hoffnung, frei zu werden von ihm, selber nicht. Die Hände faltend, betete sie: »Lieber Gott, mach, daß er es noch will. An mir liegt ja nichts, und ich bring' ja das Opfer gern. Ja, gern bleib' ich da, für meine Betti und ihre Kinder!« Als sie in Schimmels Arbeitszimmer trat, saß dieser an seinem Schreibtisch. Er wendete sich gar nicht um und sagte fast rauh: »Nun?« »Herr Doktor, ich bin mit Ihrem Vorschlag einverstanden,« würgte sie heraus. »Na also!« platzte es ihm ganz gegen seinen Willen heraus, und ganz gegen seinen Willen verzog sich sein Gesicht zu einem breiten Lächeln. Doch er ärgerte sich gleich danach, daß er seine Befriedigung gar so deutlich gezeigt hatte, und wurde wieder ganz geschäftsmäßig. »Setzen Sie sich,« lud er sie ganz in derselben kühlen Weise ein, die er gegenüber den meisten seiner Klienten einzuhalten pflegte. Diesmal setzte sich die Heister sogleich, denn wieder zitterten ihre Knie. Er aber schrieb schnell ein paar Zeilen nieder. »So, lesen Sie,« sagte er, die Feder weglegend und ihr das Papier hinschiebend. Sie nahm es mit zitternden Händen und las. »Na, wollen Sie es vielleicht auswendig lernen,« spöttelte er, »oder suchen Sie vielleicht nach Spitzfindigkeiten?« »Aber, gnädiger Herr!« »Es sieht fast so aus. Aber Ihnen gegenüber bin ich noch immer ehrlich gewesen – das wissen Sie doch.« »Gewiß.« »Lesen Sie also noch einmal und laut.« »Dafür, daß ich heute sechstausend Kronen von meinem Dienstherrn, Doktor Eduard Schimmel, geschenkweise erhalten habe, verpflichte ich mich, ihm bis zu seinem Tode treu zu dienen.« »Na, kann darin eine Spitzfindigkeit, eine Falle enthalten sein?« »Nein, Herr Doktor.« Sie griff nach der Feder. Er aber schob ihre Hand weg. »Zuerst müssen Sie doch das Geld zählen und haben,« sagte er ruhig und legte ein Päckchen Banknoten vor sie hin. Sie zählte, laut, unbeholfen. Ja – es waren sechzig Hundertkronenscheine. Ganz blaß war sie, als sie die Scheine in den Umschlag tat, den Schimmel ihr hinhielt. »So – jetzt unterschreiben Sie.« Sie unterschrieb und setzte das Datum dazu. Vor Zittern war ihr Name kaum leserlich. Er lachte. »Wenn nur Sie selber es wissen, daß Sie es geschrieben haben,« sagte er und fuhr fort: »Krieg' ich noch meinen Kaffee, oder wollen Sie Ihrer Betti sofort das Glück ins Haus bringen?« Sie erhob sich, steckte das Geld in ihre Tasche und sagte: »Gleich wird der Kaffee da sein.« Er spürte einen Kuß und eine Träne auf seiner behaarten Hand, dann sah er sich allein. Eine Weile saß er ganz still. »Dreitausend Gulden – sechstausend Kronen ist eigentlich ein bißchen viel für eine Wirtschafterin,« brummte er dann, »aber für die Heister ist es nicht zu viel. Lebenslang gehört sie jetzt mir, le–bens–lang!« Er streckte sich behaglich und sagte dann laut und schmunzelnd: »Und überdies zahlt ja auch das die Lassot.« Als er dann den duftenden Kaffee vor sich hatte, sagte er huldvoll zu der noch immer zitternden Heister: »So, jetzt gehen Sie zu Ihrer Betti. Und bis zehn Uhr haben Sie Urlaub.« Um sieben Uhr verließ auch Schimmel seine Wohnung. Er war sehr guter Laune und voll Erwartung, was der Abend ihm noch bringen werde. * Pünktlich um acht Uhr erschienen die beiden edlen Seelen an dem Eingange des Konzertlokals und wurden daselbst von Schultz empfangen, der sich weiter nicht darüber wunderte, daß Schimmel eine Dame mitgebracht hatte; nur darüber wunderte er sich sehr, daß es eine so alte Dame war. Schimmel raunte ihm zu: »Setzen Sie uns so, daß man uns nicht viel sieht.« Da schmunzelte der Musikdirektor. Mit dieser dicken Matrone konnte der alte Schwerenöter freilich keinen Staat machen. Er begriff das, und so führte er Schimmel und seine Begleiterin zu einem Tisch, welcher, dicht neben einer Tür und dem Klavierpodium stehend, durch eine spanische Wand vor dem Zuge geschützt, fast ganz versteckt lag. Ein eigentümliches Lächeln tauschend, ließen sich die zwei nieder, und dann sagte Schimmel zu Schultz, daß er ihn am nächsten Tage besuchen solle, ihn aber heute nicht mehr kennen dürfe. Schultz zog sich, nun noch mehr verwundert, zurück. Eine halbe Stunde später war der mäßig große, elegante Saal bis aus den letzten Platz von einem gutbürgerlichen Publikum gefüllt, und die Vorträge begannen. Es war ein Touristenverein, welcher heute seinen zehnjährigen Stiftungstag feierte. Als erste Nummer kam das in recht hübsche Musik gesetzte Motto, dessen Text sich natürlich mit den Zielen des Vereins beschäftigte und von dessen Mitgliedern begeistert gesungen wurde. Die Begleitung am Klavier besorgte Schultz allein. Nach einer längeren Pause kam die schöne Ida daran, ein in der Tat ganz hübsches Mädchen mit einer jedoch recht mittelmäßigen Stimme. Zu jeder anderen Zeit hätte Schimmels Interesse ihr gehört, aber heute hatte es die schöne Ida nicht günstig getroffen. Schimmels Interesse gehörte heute ausschließlich dem Geiger, der nun bald erscheinen mußte. Idas Stimme war verklungen, und das hübsche Mädel von der Bühne verschwunden, da kündigte der Cellist, der magere, bescheidene Herr Haunold, an, daß nun ein Violinsolo folgen werde. Auch den Namen des Spielers nannte er. Er erweckte nirgends besonderes Interesse, dieser Name, auf welchen die meisten der Anwesenden gar nicht geachtet hatten, nur in den zweien, die hinter der spanischen Wand saßen. Die Hand der Lassot lag jetzt mit hartem Druck auf Schimmels Arm, und ein böses Lächeln vervollständigte die stumme Zwiesprache, welche die beiden hielten. Wieder hatte sich die Tür im Hintergründe der Bühne geöffnet. Ein schlanker junger Mann trat vor, verneigte sich leicht vor dem Publikum und erhob Geige und Bogen. Es war schon bei seinem Eintreten recht still geworden. Offenbar hatte man solch eine elegante Erscheinung nicht erwartet. Jedenfalls paßte sie weder zu derjenigen des dicken Direktors der kleinen Kapelle noch zu der Haunolds, welcher eine lebendige Illustration des echten Künstlerelends darstellte. »Der schaut ja aus wie ein Graf,« flüsterte eine niedliche Bäckerstochter, deren Ruhm es war, daß sie schon siebenmal die Rax erstiegen hatte, ihrer Freundin zu, und ein junger Lehrer, der den Predigtstuhl im Kaisergebirge schon mehrmals ohne Führer genommen hatte, äußerte: »Wenn dieser Herr hält, was sein Äußeres verspricht, werden wir einen Künstler hören.« Es wurde denn auch ein Kunstgenuß. Aller Augen hafteten auf dem hübschen Gesicht des jungen Künstlers, der Ohren und Herzen mit seinem Spiel so gewaltig zu fesseln wußte. Auch Frau v. Lassots Blicke waren wie gebannt. Nicht losreißen konnten sie sich von diesem jungen Gesicht, das so ernst und edel, so ruhig und stolz sich leicht über das Instrument beugte, das von eines Künstlers Seele und von eines Künstlers Händen so wunderbar belebt wurde. So hatte sie sich ihn nicht gedacht, als sie sich ihn auf dem Brettl vorstellte, wie er den Leuten für eine jedenfalls elende Bezahlung vorspielte. Leona preßte die Lippen zornig aufeinander. Daß sie zugleich auch Schimmels Arm schmerzhaft preßte, das wußte sie gar nicht. Der Doktor streifte ihre Finger vorsichtig ab, denn er wollte sich in dem seltenen Genuß, der sich ihm da bot, nicht stören lassen. Daß Klementines Bruder ihm diesen Genuß verschaffte, war dem alten Lebekünstler noch ein Reiz mehr. Denn daß dieser Teck da oben wirklich Klementines Bruder war, wußte er schon; die grimmige Freude, die bei seinem Erscheinen aus Leonas Augen sprühte, hatte ihm diese Gewißheit gegeben. Nicht ahnend, wen er unter seinen Zuhörern hatte, spielte Ernst weiter. Er phantasierte gerade über Schubertsche Lieder und hatte soeben von dem herrlichen »Am Meere« zu dem munteren Liede »Die Forelle« hinübergeleitet, als sein Blick, der bis jetzt in eine unbestimmte Ferne gerichtet war, auf Frau v. Lassot fiel. Sie hatte, um dies zu erreichen, um ihn zu verwirren und dadurch in Verlegenheit zu bringen, eine auffallende Bewegung gemacht. Aber dieser löblichen Absicht blühte keine Erfüllung. Wohl entfärbte sich Ernsts Gesicht, und Wohl wurden für einen Augenblick seine blitzenden Zähne sichtbar, die sich in seine Unterlippe gruben, aber sein Spiel ging ruhig weiter, kaum die Spur einer Unsicherheit war zu bemerken. Er fand sogar ein kühles, verächtliches Lächeln, während er, seinen Blick scharf auf Frau v. Lassot ruhen lassend, weiterspielte. Leona war wütend. Der bezahlte Bettelmusikant da oben stand auch jetzt noch in jeder Beziehung über ihr. Und wie sein Wille sie bannte! Nicht wegschauen konnte sie, mußte die Verachtung, die seine Augen und sein ausdrucksvoller Mund ihr so deutlich zu verstehen gaben, über sich ergehen lassen, und jetzt – jetzt krampfte sich ihr Herz zusammen, denn jetzt war Ernst grausam gegen sie. Er hatte das Thema »Die Forelle« verlassen und das vom »Lindenbaum« aufgenommen. Ganz programmgemäß war er bei Schubert geblieben, aber für seine Feindin spielte er nicht Schubert, sondern das Lied, das Robert v. Lassot mit seiner einschmeichelnden Baritonstimme am liebsten gesungen hatte. Wie oft hatte er selber in früheren friedlicheren Zeiten zu Wellhof seinen Vetter zu diesem Liede begleitet, und Tante Leona hatte verzückt der Stimme ihres Lieblings gelauscht. Sie verlor die Selbstbeherrschung. Totenbleich geworden, starrte sie ihn an. Dann erhob sie sich wankend, streckte die geballte Hand nach ihm aus und ging. Nur wenige beachteten es, daß zwei Leute den Saal verließen. Ernst spielte ja immer noch und hielt aller Aufmerksamkeit auf sich gerichtet. Draußen angelangt, ließ Schimmel den Direktor Schultz zu sich rufen, legte es ihm noch einmal ans Herz, Herrn Teck von ihrer Bekanntschaft nichts ahnen zu lassen, bezahlte das wenige, das er und seine Begleiterin genossen hatten, und verließ dann mit ihr das Lokal. Jenseits der Straße wartete Peter mit dem Wagen auf seine Gebieterin. Schimmel winkte ihm, herüberzukommen. Im Wagen stellte Schimmel eine Frage an Leona. »Lieben sich diese Geschwister wirklich so sehr, wie Sie mir einmal erzählten?« »Das hängt aneinander wie die Kletten.« »Nun, ich habe dann schon einen Gedanken,« bemerkte Schimmel leichthin. »So schnell?« »Er liegt sozusagen auf der Hand, und Schultz wird mir helfen, ihn auszuführen.« »Warum sind denn auch Sie eigentlich seit einiger Zeit der Klemi und ihrem Bruder so spinnefeind?« »Mein Geheimnis, Gnädigste! Sie kann es nur interessieren, daß Sie einen energischen Bundesgenossen in mir haben!« Zwanzigstes Kapitel. Im Musterbureau war das Arbeiten ein verhältnismäßig ruhiges. Klementine kam nicht mit vielen Leuten in Berührung, und die, welche ihr widerwärtig wurden, schaffte ihr Gustl höchst politisch meist rasch vom Halse. Beim Kommen und Gehen aber hielt er und Fräulein Hartwig sich stets an ihrer Seite. Gustl fand übrigens, daß derzeit das Leben wunderschön sei, denn er fühlte sich riesig wichtig. Er vergaß über seinem neuen Forscheramte selbst seine Leidenschaft für den Automobilismus. Eines Abends, es war schon zu Ende Januar, bemerkte er in der Seidenabteilung, von woher er Stoffe für die Musterbücher holen sollte, die alte Dame wieder, mit welcher Fräulein Teck in der Konfektionsabteilung jene häßliche Szene gehabt hatte. Er sah sie mit dem ihm höchst widerwärtigen Verkäufer Meißl reden. Ganz merkwürdig eifrig tuschelten die beiden miteinander und sahen dabei auffallend erregt aus. Gustl näherte sich ihnen unauffällig. Daß es sich nicht um einen beabsichtigten Einkauf handelte, merkte er bald, denn Meißl legte der Dame ja nichts vor, und außerdem wurden seine Ohren nur dann immer so rot, wie sie jetzt waren, wenn er sich aufregte. Er lehnte an einem freistehenden Verkaufstisch; zwischen diesem und dem nächsten Tisch befand sich ein genügend breiter Raum, so daß Gustl hinter Meißl hin und her gehen konnte. »Also bei der Kirche!« sagte die Dame soeben, und dann schwieg sie. Gustl fühlte förmlich ihren stechenden Blick auf sich und wagte es nicht, sich hier noch länger aufzuhalten. Als er weit genug weg war, daß er ihre Worte nicht mehr verstehen konnte, sprach Frau v. Lassot weiter. Er holte seine Stoffe und fuhr zur Musterabteilung hinauf. Im Aufzug schaute er auf seine Uhr. Es war sieben vorüber. Sofort nach Schluß des Geschäftes wollte er bei der Mariahilferkirche sein. Es war ja fast sicher, daß sich die Frau für heute schon, und zwar bei der dem Geschäfte zunächst gelegenen Kirche, mit Meißl verabredet hatte. Jetzt glühten auch Gustls Ohren. Er konnte den Schluß heute kaum erwarten. Es kam ihm sehr zu statten, daß das oberste Stockwerk zuerst geräumt werden mußte. So konnte er bestimmt schon vor Meißl bei der Kirche sein. Diesmal begleitete er sein Ideal nicht einmal bis zum Tore, sondern überließ Klementine ganz und gar ihrer getreuen Hartwig. Allen anderen voran stürmte er aus dem Hause. »Zu dumm!« brummte er, im Freien angelangt, denn da sah er sich in einem dichten Nebel. So dicht war das auf der Erde liegende Gewölk, daß man kaum auf Armweite die Gegenstände zu erkennen vermochte. Es wäre nun wohl das klügste gewesen, Gustl hätte beim Haustor das Herauskommen Meißls abgewartet, um diesem zu folgen. Allein die Überlegung ließ ihn in dieser wichtigen Viertelstunde gänzlich im Stiche. Alle seine Gedanken waren auf die Mariahilferkirche gerichtet, und so stürmte er auf diese zu. Sie ist von der Lindengasse aus in drei bis vier Minuten leicht zu erreichen. Gustl durchforschte den ganzen Platz, konnte jedoch die alte Dame nirgends entdecken. Der gute Gustl war eben, trotz aller Schlauheit, die man ihm nicht absprechen konnte, noch lange kein tüchtiger Detektiv. Er dachte gar nicht daran, einen Blick nach dem Wagen zu tun, welcher an der rechten Seite der freistehenden alten Kirche hielt. Und doch hätte er darin ziemlich deutlich ein Frauengesicht zu erkennen vermocht, dessen Augen suchend über die stille Seitengasse wanderten, die selbst jetzt im Nebel nicht ganz dunkel war, denn durch die hellerleuchteten Fenster einer großen Druckerei fiel so starkes Licht, daß der Nebel wie ein flimmernder Goldschleier hin und her wogte. Der brave Gustl dachte gar nicht daran, sich diesen Wagen ein bißchen näher zu betrachten, er blieb ratlos und unruhig auf dem Platze vor der Kirche stehen und suchte mit seinen scharfen Augen den grauen Nebel zu durchdringen. Es war schon sieben Minuten über acht. Die Angestellten der Seidenabteilung mochten soeben jetzt das Warenhaus verlassen. Gustls Unruhe wuchs immer mehr. Wie eine aufgescheuchte Eidechse schoß er auf dem Platze umher; dann dachte er plötzlich daran, daß Meißl fast sicher auf dem Trottoir des Warenhauses die Kirchengasse herunterkommen werde. Er lief also über die Mariahilferstraße und stellte sich an der Ecke des Warenhauses auf. »O je, das Schlittenpferd!« dachte er, als Fräulein Neuber in ihrem »Tingeltangelkostüm«, wie er ihre stets so sehr auffallende Toilette nannte, an ihm vorüberrauschte. Sie war wieder abgeholt worden. Sie wurde ja fast immer abgeholt, und es war nicht immer derselbe Herr, welcher auf die nicht alt werden wollende Neuber wartete. Gustl lächelte spöttisch. Dann machte er plötzlich einen Satz und stürmte an dem Pärchen vorüber. An ihrer anderen Seite war eben Meißl vorbeigeeilt. Gustl verlor ihn sofort wieder aus den Augen, denn das ganze Trottoir war mit Menschen bedeckt. Die Angestellten des Warenhauses hatten es ja immer sehr eilig, und so stießen und drängten sie sich, um weiterzukommen. Wer aber heute am meisten stieß und drängte, war Gustl. Jetzt, inmitten der Mariahilferstraße, sah er Meißl wieder vor sich. Aber ein Automobil sauste zwischen ihnen dahin. »Verwünschter Stinkkast'n!« murmelte Gustl, ganz seine Leidenschaft für dieses moderne Fahrzeug vergessend. Dann rannte er wieder weiter, und wieder sah er Meißl. Der hatte es ja nicht ganz so eilig wie er, immerhin aber ging auch er rasch, war jetzt hinter dem Haydndenkmal und bog nun in das Gäßchen rechts von der Kirche ein. Da traten wieder etliche Leute zwischen ihn und Gustl, und nun sah dieser den Verfolgten nicht mehr; es fiel ihm jedoch auf, daß der Wagen, den er schon vorhin dort hatte stehen sehen, gerade jetzt wegfuhr. Er merkte jetzt, daß er nicht übermäßig findig gewesen war. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, daß weder Meißl noch die alte Dame sich bei der Kirche befanden, ging er verdrossen nach Hause. Die nächsten Tage war er viel stiller als sonst. Seine Niederlage demütigte ihn. Er hatte niemand in dieser Sache zu seinem Vertrauten gemacht, aber er hielt jetzt die Augen noch weiter offen als früher. Da bemerkte er zweierlei. Erstens, daß Meißl jetzt auffallend oft oben in der Musterabteilung zu finden war, und zweitens, daß er und die Neuber, die sich früher niemals miteinander abgaben, jetzt häufig miteinander redeten. Daß Meißl Fräulein Vogel aus irgendwelchem Grunde haßte, wußte Gustl ebenfalls, daß aber sein oftmaliges Erscheinen in der Nähe der Bureaus mit diesem Hasse nichts zu tun hatte, glaubte er annehmen zu können, denn weshalb schlich Meißl erst jetzt so oft und in so verdächtiger Weise um die Bureaus herum? Weshalb hatte er mit der Neuber jetzt gerade so viel zu tuscheln – jetzt, da er auch mit der anderen Feindin Fräulein Tecks in Verbindung getreten war? Gustl schloß ganz richtig daraus, daß es sich um einen neuen Anschlag gegen sein Ideal handle, und er schwor sich, von nun an ohne Ruhe und Rast auf der Lauer zu sein. In der ersten Woche des Februars bemerkte er, wie eine reichgekleidete Dame einen Coupon feinster Valenciennespitzen in ihren modisch großen Muff verschwinden ließ. Sofort eilte er zu dem in der Nähe befindlichen Abteilungschef und berichtete, was er gesehen. Die Dame wurde darauf von diesem Herrn in artigster Weise gebeten, ihm zu folgen. Sie tat sehr verwundert, wurde aber blaß und konnte, plötzlich schwach geworden, der Aufforderung kaum Folge leisten. Auf einen Wink des Chefs stieg auch Gustl mit in den Aufzug, in welchem übrigens kein Wort gewechselt wurde. Erst im Zimmer des Chefs, in welchem sich sonst niemand befand, wurde der Dame ohne weiteres erklärt, weshalb man sie hierher gebracht hatte. Sie leugnete keck. Man bat um ihren Muff. Sie gab ihn nicht sogleich her, schüttelte ihn aber mit der rechten Hand so stark hin und her, daß ihr Sacktuch und ihre Börse herausfielen. »Sie sehen also, daß man mich unschuldigerweise so frech beschuldigte!« schrie sie wütend. Der Chef lächelte. »Vielleicht haben Sie den Coupon inzwischen eingesteckt,« sagte er ruhig, denn ihr Erblassen, als er sie unten angeredet, hatte ihm schon bewiesen, daß Gustl recht gesehen hatte. Der junge Mensch sagte denn auch ganz bestimmt: »Nein, die Frau hat den Coupon weder anderswo verborgen noch hat sie ihn weggeworfen. Ich habe kein Auge von ihr gewendet. Der Coupon steckt noch im Muff.« »So eine Gemeinheit!« schrie die Frau. »Also Sie sind der Spitzel! Und von so einem jungen Buben muß man das einstecken!« »Gewiß – Sie haben eingesteckt!« korrigierte der Chef ironisch. »Nun, meine Kundschaft haben Sie für immer verloren!« schrie die Frau. »Da sehen Sie, diesen Pelz habe ich bei Ihnen gekauft und auch diesen Muff und –« Weiter kam sie nicht. Der Chef hatte sich mit einem geschickten Griff des Muffes bemächtigt, und jetzt hielt er ihr den fraglichen Spitzencoupon hin und sagte ruhig: »Als Sie den Muff bei uns kauften, war aber noch keine Diebestasche darin. Die Ihrige hat die Öffnung auf der rechten Seite. Hätten Sie den Muff mit der linken Hand geschüttelt, dann wären auch die Spitzen herausgefallen.« Die Diebin war jetzt still. Sie wäre niedergesunken, wenn ihr Gustl nicht schnell einen Sessel hingeschoben hätte. Eine Stunde später konnte sie gehen. Man wußte ihren Namen, Stand und ihre Adresse, wußte auch, daß sie tatsächlich eine gute Kundin des Warenhauses gewesen war, denn zu Weihnachten hatte man ihr um mehr als sechshundert Kronen Teppiche und Bronzewaren ins Haus geschickt, in ihr eigenes großes Zinshaus noch dazu, denn Frau Rosalie Bauer war eine reiche Hausfrau in jener Gegend Wiens, welche im vorigen Jahrhundert seiner vielen reichen Bewohner wegen der »Brillantengrund« hieß. Frau Bauer, die mit heiligen Eiden versichert hatte, daß sie das Warenhaus nie mehr betreten werde, konnte also gehen, und August Müller erhielt die Prämie, welche auf Entdeckung von derartigen Fällen für die Bediensteten des Hauses ausgesetzt ist. Als er Abends in die Garderobe ging, um seine hübsche braune Uniform mit seinem eigenen Anzug umzutauschen, stieß er wieder einmal mit seinem Kollegen Fritz Treumann zusammen. »Na, jetzt kannst d' dir ja schon ein paar Schraub'n zu deinem Zukunftsautomobil kaufen,« hänselte ihn der neidische Bursche, der es recht gut wußte, daß Gustl ihm überall vorgezogen wurde, und der ihm weder das heute erhaltene Lob noch die klingende Prämie gönnte. »Laß mich in Ruh!« wies ihn Gustl ab. »Es is immer noch g'scheiter, man hat an einer Maschin' a Freud', als man vertanzt die Nächt' und kann nachher beim Tag net amal ordentlich aus 'n Augen schau'n.« »Ich seh' genug.« »Wenn's so wär', hättest schon längst a Prämie 'kriegt.« »Ohne Prämie steh' ich mich besser!« entgegnete Treumann frech und ging weiter. Gustl schaute ihm verwundert nach. Was wollte der denn damit sagen? Unter der Einfahrt traf er, wie gewöhnlich, mit Fräulein Teck und Fräulein Hartwig zusammen. Die drei gingen dann miteinander weiter. Es war heute ein wunderschöner Abend. Es ging kein Wind, und der Schnee siel in großen, weichen Flocken. An solch günstigen Abenden ließ die energische Dora die immer blasser und schmäler werdende Freundin niemals sogleich nach Hause gehen, sondern zwang sie liebevoll, sich die ihr so notwendige Bewegung in der frischen Lust zu machen. Da schlossen sich ihnen dann auch sehr oft Kern und Erich Link an, und Gustl, der sich selber zu der beiden Mädchen Beschützer ernannt hatte, was Dora gutmütig und Klementine dankbar annahm, war der durchaus nicht überflüssige bei diesen kleinen Partien, welche die Baronesse anfangs für recht unschicklich gehalten hatte. Ja, die Baronessen und Gräfinnen, welche zwischen zwölf und vier Uhr unter großer Bedeckung spazieren geführt werden, halten es wohl alle für recht unschicklich, daß junge Mädchen Abends mit Männern, die nicht ihre Brüder oder Väter sind, spazieren gehen. Aber Klementine mußte das schließlich schon auf sich nehmen. Sie war den beiden Herren sogar recht dankbar, daß sie sich zur Begleitung zur Verfügung stellten; und nicht weniger dankbar war sie, die Tochter eines altadligen Geschlechts, daß ein sechzehnjähriger Laufbursche sich so viele und so große Mühe gab, ihren Kavalier zu spielen. Auch heute also schloß Gustl sich den beiden Mädchen an. Er brannte ja förmlich darauf, ihnen über das Vorkommnis Bericht zu erstatten. Aber er kam nicht sogleich dazu, denn an der Straßenecke kam ihnen Kern entgegen, dem Gustl selbstverständlich seinen Platz neben der Baronesse überließ. Dora Hartwig, die auch ein bißchen zurückblieb, sagte gemütlich: »Kommen S', Gustl. Geh'n wir miteinander. Mein Bräutigam kommt heut nicht – und so brauch'n Sie diesmal nicht das fünfte Rad am Wag'n zu sein.« »Ja – ja, 's fünfte Rad!« murrte Gustl. »Übrigens hat mir letzthin einer von unseren Reisenden erzählt, daß er in Hamburg Omnibusse mit fünf Rädern gseh'n hat.« »Na seh'n S', Gustl, so ist also der Ausdruck gar keine Beleidigung mehr. Aber jetzt erzählen S' mir, Sie Spitzl, wie war denn die Geschicht' mit der Frau, die Sie erwischt hab'n? Ich hab' nämlich so ein bisserl was läuten g'hört.« Da berichtete denn Gustl ihr allein das immerhin Interessante und staunte nicht wenig, als sie bei Nennung des Namens der Diebin in hohe Aufregung geriet. »Wie heißt sie?« rief sie lebhaft und ihn am Arm fassend. »Rosalie Bauer.« »Und wo wohnt sie?« Er nannte ihr die Gasse. Die Hartwig atmete rasch. Ein hartes Lächeln entstellte für ein paar Augenblicke lang ihr hübsches Gesicht. »Ja, was hab'n 'S denn eigentlich?« erkundigte sich Gustl erstaunt. »Was interessiert denn Sie die G'schicht gar so sehr?« Eine gute Weile antwortete Dora nicht, dann nickte sie ihm zu und sagte: »Wenn ich heirat', werd'n Sie mein Hochzeitsgast sein, und ich kauf' Ihnen einen feschen Automobilistenanzug mit einer so großen Brillen!« »Aber, Fräul'n –« »Aus Leder natürlich, aus gelbem Leder! Das gefallt Ihnen ja am besten, Gustl. Sie sollen halt auch eine Freud' hab'n!« »Ja aber, Fräul'n Hartwig –« Zu mehr brachte es Gustl nicht, denn als sie, ganz rot im Gesicht, sagte: »Nein, so ein Glück – so ein Glück!« da verschlug es ihm die Rede. Er mußte sie nur immer anschauen, und dabei dachte er: »Die ist übergeschnappt!« Nachdem sie ein paar Häuser weiter gegangen waren, kam Fräulein Dora ein ähnlicher Gedanke. Sie schaute Gustl mit ihren jetzt so merkwürdig glänzenden Augen fest an und fragte: »Sie glauben wohl, daß ich närrisch 'word'n bin? Aber, mein lieber Gustl, ich bin nix weniger als verrückt, wenn ich Ihnen jetzt sag': der Coupon Spitz'n hat mein Glück gemacht.« Gustl schaute sie noch immer besorgt an. »Morg'n kann ich ihm's schon sag'n. meinem Erich –« »Was denn? Fräul'n Dora, was woll'n S' ihm denn durchaus sag'n?« »Na – daß wir jetzt heiraten können.« »Sie hab'n doch immer g'sagt, es geht noch net – bei der jetzigen Stellung vom Herrn Link.« »Freilich – da wär's noch nicht gegangen. Aber jetzt geht's! Jetzt wird er sicher Teilhaber.« »Wieso wird er jetzt Teilhaber?« »Also – der Automobilanzug wird nicht vergessen! Gustl – ein Busserl könnt' ich Ihnen geb'n!« Gustl schmunzelte. »Was hat er denn getan, daß ihm solch süßer Lohn winken soll?« fragte Kern heiter, und auch Klementine blieb lächelnd stehen. Da fiel die temperamentvolle Dora der Baronesse um den Hals und flüsterte ihr zu: »Baroneßl, mein lieb's Baroneßl, ich bin ja zu glücklich, denn jetzt können wir heirat'n!« »Ja, wieso denn so schnell?« fragte Klementine, als sie sich wieder frei sah. Höchst rätselvoll antwortete Dora: »Na, die Frau Bauer hat doch heut Spitz'n g'stohl'n!« * Am nächsten Morgen meldete sich, bei Frau Rosalie Bauer ein Fräulein, das seinen Namen nicht nannte, aber angab, daß es in einer wichtigen Angelegenheit mit Frau Bauer sprechen müsse. Für wen die Angelegenheit wichtig sei, das ließ der Besuch offen. Das Fräulein war schon gestern abend dagewesen, war aber nicht vorgelassen worden. Frau Bauer, die seit ihrem peinlichen Abenteuer bei Groß \amp; Komp. sehr nervös geworden war, wollte auch heute den unangenehmen Besuch abweisen lassen, allein das große, hübsche Fräulein, welches im Vorzimmer stand, lächelte diesmal darüber, zog ein Notizbuch aus ihrem Täschchen, schrieb auf eines der Blättchen ein einziges Wort, riß das Blättchen ab und gab es der schnippischen Zofe. Mit diesem Blättchen schickte sie sie noch einmal hinein. Natürlich las die, was die Fremde da aufgeschrieben hatte. Es war richtig nur ein einziges Wort. »Valencienne,« stand da. »Sie geht nicht. Das soll ich hergeb'n, hat sie g'sagt, und so heißt s' also wohl.« Mit diesen Worten hielt das Mädchen ohne weitere Umstände ihrer Gebieterin das Blättchen hin. Frau Bauer griff danach, las und wurde blaß. »Sie soll kommen,« murmelte sie wie eine, die keine Kraft mehr hat, und dann ließ sie die Hand mit dem Papierstückchen so schwer in ihren Schoß fallen, als habe das feine Blättchen ein ungeheures Gewicht. Die Zofe begab sich wieder hinaus. »Die Gnädige läßt Fräulein Valencienne bitten,« lispelte sie mit einer großartigen Handbewegung, die sie, gleich den gebrauchten Worten, einem Bühnenstubenkätzchen abgelernt hatte. Die junge Dame nickte ihr schmunzelnd zu und ging hinein. Als sie vor Frau Bauer stand, lächelte sie aber nicht mehr und verneigte sich nur wenig. »So – Sie also sind es?« »Ja, ich bin's!« Die Bauer schaute lauernd zu ihr auf. »Was wollen Sie denn?« Dora zog sich einen Sessel herbei und setzte sich, was ihr einen giftigen Blick eintrug. »Fragen möchte ich Sie, gnädige Frau,« begann sie vollendet artig, »was Sie gegen meinen Bräutigam einzuwenden haben?« »Warum?« »Weil Sie es Ihrem Herrn Bruder nicht gestatten, Erich, der doch die Seele der Firma ist, zum Teilhaber anzunehmen.« Steif aufgerichtet starrte die Frau Dora zornig an, und Hohn verbog ihre Lippen, als sie sagte: »Also auf eine Erpressung ist es abgesehen?« Dora blieb vollständig ruhig und fuhr in dem reinen Deutsch, das ihr zuzeiten sehr geläufig war, fort: »Wie Sie, gnädige Frau, mein Handeln nennen, läßt mich vollständig kalt. Von einer Erpressung kann übrigens auch gar keine Rede sein, denn ohne Erichs Fleiß und Tüchtigkeit würde Ihr Geschäft, das Ihr kränklicher Bruder einfach nicht leiten kann, nicht so blühen, wie es eben blüht. Damit sage ich Ihnen, gnädige Frau, nichts Neues, trotzdem Sie – und jetzt komme ich zu dem Zweck meines Besuches – über Erichs Art und Leistungen sehr merkwürdige Urteile in die Welt gehen ließen.« »Wer sagt das?« »Ich sage es. Aber auch andere sagen es, die es gar nicht verstehen können, da Sie doch eine so große Schwäche für meinen Bräutigam haben.« »Sie werden unverschämt.« »Ich rede nur die Wahrheit, und es hört sie ja niemand als Sie und ich. Oder ist es vielleicht erfunden, daß Sie Erich sehr entgegenkamen? Alle im Geschäft wissen es und lachten darüber. Nur Erich allein lachte Sie nicht aus, dazu ist er nämlich zu nobel. Dafür verleumden Sie ihn nun. Auch als kriecherischen Streber haben Sie ihn bezeichnet und wissen doch besser als irgendwer, daß er es nicht ist, denn wäre er es, hätte er sich überwinden können, Sie zu heiraten, um nicht Ihr schlecht bezahlter, ausgenützter Angestellter, sondern Mitbesitzer der Firma zu werden.« Frau Bauer nagte wütend an ihrer Lippe. »Was wollen Sie also?« fragte sie, als Dora schwieg. »Daß Sie Ihre Verleumdungen zurücknehmen. Darauf bestehe ich, denn Erich hat Aussicht, in ein anderes Geschäft eintreten zu können. Und das wollten Sie mit Ihren Verdächtigungen verhindern.« »Will Herr Link unser Geschäft denn auf alle Fälle verlassen?« »Er wäre ja ganz gern geblieben, aber wenn einer sich verbessern kann, tut er es doch selbstverständlich.« »Wenn ich ihn nun zum Teilhaber mache, bleibt er dann?« »Ich werde es ihm sagen.« Frau Bauer schluchzte plötzlich bitterlich auf, und Doras Widerwille gegen diese Frau verwandelte sich rasch in Mitleid, als die Weinende fortfuhr: »Sie müssen mich ja verachten. Ich habe unverantwortlich gehandelt. Wie eine Verrückte war ich, und mein Leben lang werde ich die Schande, die mich auch in Ihre Hand gegeben hat, nicht überwinden.« »Vor mir brauchen Sie sich nicht zu fürchten,« tröstete Dora die jetzt ganz Verzweifelte. »Tun Sie nur wenigstens jetzt, was recht und billig ist. Ich werde meinem Bräutigam zureden. Frauen finden doch immer leichter zusammen.« »Sie sind noch gut zu mir!« schluchzte Frau Bauer. »Weil Sie mir leid tun.« »Es ist wie eine Krankheit in mir.« »Nehmen Sie ihr jede Gelegenheit, zum Ausbruch zu kommen.« »Sie haben leicht reden. Sie sind moralisch gesund.« »Gott sei Dank.« »Ich aber dürfte nirgends mehr hingehen. Nicht einmal zu Bekannten.« »So sehr krank sind Sie?« Dora stand erschüttert vor der reichen, angesehenen Frau, die sich verzweifelt selber ihres schrecklichen Triebes anklagte. Aber das energische Mädchen vergaß darüber nicht ihre eigene Angelegenheit, deshalb fuhr sie tröstend fort: »Es läßt sich ja so vieles gutmachen. Das Unrecht, das Sie an Erich getan, ist doch schon gesühnt.« Frau Bauer stand auf. »Wir können Ihren Bräutigam ja gar nicht entbehren,« gestand sie unumwunden ein. »Aber jetzt, ich bitte Sie, lassen Sie mich allein. Mein Bruder wird noch heute Herrn Link seine Beförderung mitteilen.« Sie wollte Dora die Hand reichen, zog sie jedoch, rot werdend, schnell wieder zurück. Dora tat, als habe sie den kleinen Vorgang nicht bemerkt, verneigte sich und ging. Frau Bauer aber sank auf ihren Sitz zurück. Da bemerkte sie zu ihren Füßen das Blättchen, welches Fräulein Hartwig ihr vorhin hereingeschickt hatte. Langsam hob sie es auf, und während sie darauf niederschaute, las sie noch einmal: »Valencienne.« Große Tränen rannen über ihr Gesicht. Einundzwanzigstes Kapitel. Direktor Hälby ging höflich einer angesehenen Kundin entgegen. Er ließ es sich nicht nehmen, die schon sehr alte Dame selbst in die Konfektionsabteilung und dann auch in die Seidenabteilung zu begleiten, wo er einen Verkäufer mit ihren Wünschen bekannt machte. Hälby beauftragte den jungen Mann, auch die Kartons mit den soeben erst angekommenen Lyoner Neuheiten, köstlichen breiten Seidenbändern, der Dame vorzulegen. Meißl, welcher sich zu diesem Dienst ebenfalls herangedrängt hatte, verschwand plötzlich und tauchte erst nach einer guten Weile mit recht befriedigtem Gesichte wieder auf. Niemand hatte auf ihn geachtet. Die Käuferinnen waren mit ihrem Auswählen, die Verkäufer wieder mit dem Vorlegen des Verlangten so beschäftigt, daß es niemand einfiel, Meißls Tun zu beobachten. Hälby war eben an eines der Fenster herangetreten, um einem der dort beschäftigten Laufburschen einen Auftrag zu erteilen, da kam Klementine hastig auf ihn zu. »Nun, Fräulein Teck, was gibt es denn?« fragte er, sie verwundert anschauend. Sie war sichtlich erregt. »Herr Direktor wollten mir etwas sagen?« fragte sie. »Ich?« »Gewiß. Man schrieb mir –« »Wer schrieb Ihnen?« »Ich weiß es nicht. Ich war zu Fräulein Vogel gerufen worden, und als ich zurückkam, fand ich den Zettel auf meinem Tisch.« »Sonderbar! Nun, fahren Sie nur wieder hinauf. Ich habe Ihnen nichts zu sagen. Man hat sich offenbar einen schlechten Scherz mit Ihnen gemacht.« Sie eilte wieder zum Aufzug. Jetzt war sie rot. »Sie sind schon wieder da?« sagte ziemlich unverschämt der Liftbursche. Sie gab ihm keine Antwort. Sie dachte an den Zettel, den sie auf ihrem Tische hatte liegen lassen, und auf welchem jemand mit Bleistift geschrieben hatte: »Gehen Sie sofort zu Herrn Hälby. Er ist in der Seidenabteilung. Es ist etwas Unangenehmes geschehen.« Wer hatte den Zettel geschrieben? Was für einen Zweck hatte er damit verfolgt? Mit dem unangenehmen Empfinden, daß man wieder etwas gegen sie im Schilde führe, kehrte sie zu ihrer Arbeit zurück. Erst nach einer guten Weile kamen die beiden Fräulein, welche gleich ihr Musterbücher anfertigten, zurück. Sie wurden von einem Diener und von Gustl begleitet, welche ganze Stöße verschiedener Stoffe brachten, die mit der Maschine zerteilt und in die Bücher eingeklebt werden sollten. Gustl und wohl auch den anderen fiel Klementines Aufgeregtheit sogleich auf. »Darf ich's hierher legen?« fragte der Diener, an dem Tische stehen bleibend, an welchem Klementine soeben ihre Arbeit wieder aufgenommen hatte. Er wartete übrigens eine Antwort nicht ab, sondern warf die Stoffe auf den Tisch. Dabei geschah es, daß andere Stoffe, welche auch da lagen, verschoben wurden. »Wo kommen denn die Seidenbänder her?« fragte das eine Fräulein und zog eine Rolle Bänder, welche unter den Stoffen gelegen hatte und jetzt sichtbar geworden war, vollends hervor. Das andere Fräulein sagte: »Das ist ja sehr, sehr merkwürdig!« Klementine hatte blitzschnell begriffen. Einen leisen Schrei ausstoßend, starrte sie, bis in die Lippen erblaßt, auf das Band. Die anderen vier Paar Augen aber waren jetzt fragend und mißtrauisch auf sie gerichtet. Mit starkem Willen ihre Erstarrtheit abschüttelnd, richtete Klementine sich stolz auf und sagte: »Sie werden doch etwa nicht glauben, daß ich etwas mit dem Hiersein dieser Bänder zu tun habe?« Ihre Augen blitzten, aber ihr Gesicht war totenblaß, und ihre Lippen zitterten. Gustl stellte sich rasch an ihre Seite. »Das wär' doch zu dumm!« sagte er. Aber auch er war bleich, und seine Stimme war heiser. »Nun, jedenfalls war das Band auf Ihrem Tisch versteckt,« bemerkte das eine Fräulein scharf. Das andere setzte bissig hinzu: »Gott sei Dank, daß wir zu viert da sind, die das gesehen haben.« Klementines Kraft war zu Ende. Aufschluchzend sank sie auf ihren Sessel. »Also hab'n die Briefs doch recht gehabt,« sagte der Diener. Da fuhr Gustl zornig auf und schrie: »Ein Schuft is, der s' geschrieben hat, und ein Lump, der's glaubt.« »Oho, wir hab'n doch Aug'n im Kopf!« erwiderte der Diener. »Aber kein Herz im Leib, sonst könnten S' net so daherreden und – jetzt gehe ich gleich zum Herrn Direktor.« Draußen war er. Als er nach zehn Minuten mit Hälby heraufkam, schluchzte Klementine noch immer leise vor sich hin. Rasch ließ Hälby sich von dem Geschehenen unterrichten, dann ersuchte er die ganz Fassungslose, ihm in sein Bureau zu folgen. Auch Fräulein Vogel und Fräulein Hartwig wurden herübergebeten, und Klementine durfte nach kurzer Besprechung das Geschäft verlassen. Sie ging, die Gewißheit mit sich nehmend, daß sie es nie mehr betreten werde. Aber Nachmittags saß sie doch wieder auf ihrem Platze. Die beiden Kolleginnen und der Diener hatten sie geradezu herzlich um Vergebung gebeten, und Hälby selber hatte sie an ihren Platz zurückgeführt. Dennoch war ihre Seele voll Pein, die Furcht vor dem sie so grimmig verfolgenden Haß lag wie eine Zentnerlast auf ihrer Seele, und sie fragte sich, wie lange ihre Beschützer wohl noch die große Unbequemlichkeit ihres Hierseins würden ertragen wollen. Hälby hatte mit Hilfe Fräulein Hartwigs und der eigentlichen, vom Hause angestellten Privatdetektive festgestellt, daß Klementine um zehn Uhr bei Fräulein Vogel gewesen und daß sie acht Minuten nach zehn Uhr mit dem Direktor gesprochen hatte; des ferneren war auch als ganz sicher festgestellt worden, daß sie nicht einmal in die Nähe des Tisches gekommen war, auf welchem sich der Karton mit jenen Bändern befand, und festgestellt war es durch zwei Verkäuferinnen, die Punkt zehn Uhr den Aufzug betraten, um in die Kantine zu fahren, daß im Musterbureau damals keines der Fräulein, wohl aber ein Herr in einem dunklen Rock gewesen sei, der sich über Fräulein Tecks Tisch beugte. Die beiden Mädchen hätten ihn erkennen können, wenn sie besser hingesehen hätten, allein sie waren eilig gewesen, und der Herr interessierte sie weiter nicht. Auf diese Feststellungen hin war das ganze Haus davon überzeugt, daß der interessanten Kollegin wieder ein Streich gespielt worden war, und mancher interessierte sich jetzt noch mehr für diese Aristokratin, die so stolz und auch wieder so still, so gefällig und bescheiden mit ihnen arbeitete. Als Klementine Abends zwischen Dora und Gustl das Haus verließ, sah sie viele teilnehmende Blicke auf sich gerichtet, und sie erwiderte sie voll des Dankes, den sie dafür empfand. Daß Kerns Teilnahme ihr dann Tränen in die Augen trieb, war auch wieder natürlich, denn bei seinem Trösten fragte sie sich, wie lange er wohl noch Ursache haben werde, sie zu trösten, und es dünkte ihr schon eine Ewigkeit, daß sie so sehr arm und so sehr elend war. Daheim fand sie einen Brief Eugens. Seine herzliche, fröhliche Liebe, die ihr aus jeder Zeile entgegenleuchtete, tat ihr unsäglich wohl. Dora hatte ihr den Brief überreicht und dabei gesagt: »Wenn es Ihnen recht ist, Baroneß, komm' ich später zu Ihnen herüber. Jetzt ist mein Erich da, der Ihnen die Händ' küssen läßt. Wir rechnen grad' z'samm', was wir noch brauchen. Jetzt sind wir bei dem Küch'ng'schirr, und davon versteht so ein Mann halt gar nix. Auf nachher also, meine liebe Baroneß!« So hatte sie, angeregt, wie sie jetzt immer war, gesagt, und bald darauf – es war gerade zehn Uhr – war sie wieder da. Man wußte bis jetzt noch nicht, wer den Zettel geschrieben hatte, wußte nur, daß es ein Mann gewesen sei, vermutlich derselbe, welchen die zwei Mädchen an Klementines Tisch gesehen hatten. Darüber berichtete Dora ihrer Freundin und dann wendete sich das Gespräch naturgemäß einem schon oft besprochenen Thema zu: Frau v. Lassot, ihrem Hasse, dessen Betätigung und dessen Ursache. »Wenn Robert, für dessen Untergang sie uns verantwortlich macht, wenigstens ihre unsinnige Liebe verdient hätte,« äußerte Klementine. »Aber er war ein Nichtsnutz durch und durch.« »Und hat, wie Sie mir erzählten, seiner Mutter Zärtlichkeit durchaus nicht erwidert?« »Nein, das hat er nicht getan. Wohl hat er ihr in seinen Briefen Zärtlichkeit vorgeheuchelt, aber sie hätte nur die Briefe sehen sollen, die er an uns geschrieben hat. Sie liegen noch in Wellhof, in Ernsts Schreibtisch. Es tut ihm geradezu leid, daß er vergessen hat, sie zu vernichten, denn wenn Tante Leona sie zufällig einmal finden sollte, würde die Wirkung auf sie eine schreckliche sein.« »Warum haben Sie ihr diese Briefe nicht gegeben?« fragte Dora verwundert. »Das tut man doch nicht!« »Ich hätte es schon getan.« »Jetzt, da Robert tot ist? O nein, Sie hätten es da auch nicht getan.« Dora Zuckte die Achseln. »Es ist bald elf,« sagte sie aufstehend. »Ich bin schläfrig. Gute Nacht, liebe Baronesse.« Auch Klementine legte sich bald nieder, allein schläfrig war sie nicht. Noch lange blieb sie munter und dachte lebhaft darüber nach, welch schweres Unheil so drohend über ihr hing, und wie dieses sie eines Tages doch noch zermalmen werde. Endlich erlöste sie der barmherzige Schlummer von ihren trüben Gedanken. * Die Stimmung ihrer Kollegen und Kolleginnen war, wie sie am anderen Morgen deutlich merkte, auffallend zu ihren Gunsten umgeschlagen. Man begegnete ihr allerseits mit Achtung und Sympathie, und gern ging sie darauf ein, in die Spitzenabteilung versetzt zu werden, deren Chef, ein schon älterer Herr namens Born, ihr sehr gewogen war und ihr versicherte, daß sie hier, unter seinem und Fräulein Hartwigs Schutz, wohl geborgen sein werde. Es vergingen tatsächlich drei Wochen, ohne daß Klementine wieder beunruhigt worden wäre. Allein eines Vormittags meldete sich doch das Unheil wieder. Born wurde davon verständigt, daß ein Agent da sei, welcher neue Artikel vorlegen wolle. Born ließ sich in das Sprechzimmer befördern, wo der Mann seiner wartete. Er öffnete umständlich seinen ganz kleinen Karton, indem er sagte: »Damit mache ich gewiß ein Geschäft! Die Krawatte ist reizend, eine Neuheit, über welche die Damen einfach herfallen werden. In ganz Wien hat man so etwas noch nicht gesehen! Aber freilich, teuer ist sie, feinstes Material, feinste Ausführung.« »Na, beruhigen Sie sich nur,« erwiderte Born gemütlich, »ein bisserl was haben wir schon auch im Geschäft. Gerade vorgestern ist ein wunderbarer Artikel in diesem Genre – Ah! – Was ist denn das? Von diesen Krawatten rede ich ja gerade!« Der Agent schien ungeheuer verwundert zu sein, Born war ganz bestimmt ungeheuer verwundert. »Woher haben Sie dieses Modell?« fragte er scharf. Der Mann wurde empfindlich. »Ich bitte – ich bitte sehr!« begann er gereizt. »Nicht diesen Ton! Gestohlen habe ich die Krawatte nicht. Sechs bare Gulden habe ich dafür hergegeben. Das ist übrigens diese echte Spitze allein schon wert.« »Von wem haben Sie die Krawatte gekauft?« »Von einer Putzmacherin habe ich sie gekauft.« »Wo denn?« »Im Restaurant Hopfner – gestern mittag. Da sitz' ich zufällig mit einem Fräulein an demselben Tisch, und wir reden ein paar Worte miteinander. Sie hört, daß ich Agent in Putzartikeln bin, sagt, daß sie eine neue Krawatte komponiert habe, und ob ich sie sehen wolle. Ich sag' natürlich ja. Da steht sie auf und sagt, sie würde sofort wiederkommen. Es hat auch keine Viertelstunde gedauert, kommt sie und stellt mir die Schachtel hin. Nun – und da ist das Geschäft perfekt geworden. Sechzehn Kronen hat sie haben wollen, zwölf habe ich ihr gegeben, und jetzt sitze ich, wie mir scheint, mit der Krawatte in der Tinte.« »Wieso denn Sie?« »Nun, ich werde doch Scherereien haben.« »Sehr wenig. Weit mehr Scherereien wird die Betreffende haben. Sie werden sie wohl wieder erkennen?« »Natürlich. Sie hat mir sogar sehr gut gefallen.« »Wie sieht sie denn aus?« »Gar nicht wie eine Putzmacherin, sondern sehr fein. Hoch und schlank gewachsen ist sie, blaue Augen, lichtbraune Haare hat sie, und gestern hat sie ein dunkelgraues Kleid angehabt. Am Ringfinger der linken Hand trägt sie einen Amethystring, der sehr wertvoll sein muß.« Born wurde nachdenklich. »Kommen Sie,« sagte er kurz. Die beiden Männer begaben sich nach der Spitzenabteilung. »Wenn Sie die Betreffende sehen, grüßen Sie sie,« wies Born den Agenten an. Und der Mann grüßte gleich darauf. Er grüßte Fräulein Teck. Sie wurde rot und erwiderte kurz seinen Gruß. Born war augenscheinlich peinlich berührt. Einen Moment lang haftete sein Blick auf ihrer schöngeformten Hand, an welcher ein Amethyst glänzte. »Bitte, Fräulein Teck!« sagte er. »Ich habe mit Ihnen zu sprechen.« Beklommen folgte sie ihm. »Was gibt's denn schon wieder?« erkundigte sich Dora, welche in ihrer Nähe eine Kundin bediente, während Klementine an ihr vorüberging. Diese zuckte die Achseln und ging weiter. Dora blickte scharf nach dem Herrn, welcher mit dem Abteilungschef gekommen war. Es war ein schmächtiger, mittelgroßer Mann von etwa vierzig Jahren und peinlich eleganter Kleidung. Fräulein Hartwig schien es, als wenn er noch nicht recht zu Hause wäre in dem sichtlich neuen Winterüberzieher und den engen Glacéhandschuhen, die eine auffallend schmale Hand bekleideten. Sein Gesicht hatte sie nur einen Moment lang sehen können. Es war das sehr gewöhnlich geformte Gesicht eines alternden Stutzers. Dora schaute, unruhig geworden, ihnen nach. Eine halbe Stunde später wurde sie geholt. Sie fand Klementine in Tränen in Hälbys Bureau. Der Fremde war bereits entlassen worden. Er hatte sich mittels seiner Karte und einer Stadtbahnfahrkarte, die seine Photographie trug, legitimiert, hieß Hans Mautner und wohnte, wie er angab und wie auch auf seiner Visitenkarte gedruckt war, in der Nachbarstadt Mödling. Er hielt, trotz heftigen Protestes seitens Klementines, seine Angaben aufrecht, hatte selber darauf aufmerksam gemacht, daß man sich auf telephonischem Wege von der Wahrheit seiner Angaben überzeugen könne, was auch geschehen war, und war dann mit der Bemerkung gegangen, daß er der Firma behufs Zeugenschaft immer Zur Verfügung stehe, nur müsse er jetzt auf etwa acht Tage in einer unaufschieblichen Sache verreisen. So hatte er mit der Miene eines tiefgekränkten Mannes gesagt und war dann gegangen. Die Krawatte hatte er natürlich zurückgelassen. Klementine war schluchzend auf einen Stuhl gesunken. Born betrachtete sie mitleidig, aber auch er wußte nicht, so wenig wie Hälby, dem die Geduld auszugehen begann, wie man den Fall günstig für die Beschuldigte drehen könne. Sie hatte es nicht geleugnet, daß sie am Tage zuvor bei Hopfner gespeist, den Agenten zum Tischnachbarn gehabt und auch einige Worte mit ihm gesprochen hatte. Daß es sich dabei um neue Krawatten gehandelt habe, daß sie weggegangen und wiedergekommen sei, stellte sie entschieden in Abrede, behauptete vielmehr, daß der Fremde den kleinen Karton selbst mitgebracht hatte. Man glaubte ihr gern, aber wie sollte sie ihre Behauptungen für jene, die nicht ohne weiteres würden glauben wollen, beweisen können? Die Sache war sehr, sehr peinlich. Die Herren wußten es, daß man eine Schuldlose vor sich habe, aber sie mußten die arme Verfolgte nun doch entlassen – für so lange wenigstens, als sich ihre Schuldlosigkeit nicht herausgestellt hatte. Die Disziplin, ohne welche man nirgends, am wenigsten aber in solch einem Riesengeschäfte, auszukommen vermag, zwang einfach dazu. Es ging einfach nicht an, gegen sie, für welche man ohnehin schon so viele Rücksicht gehabt, noch weiterhin diese Rücksicht zu üben. Die Sache war nämlich schon im Hause bekannt geworden, auf welche Art und durch wen, das hatte man noch nicht feststellen können. Als Fräulein Hartwig hinaufgerufen wurde, sagte eine Verkäuferin zu ihr: »Diesmal wird sich Ihre vornehme Freundin wohl kaum sauberwaschen können.« »Ist also schon wieder etwas gegen Fräulein Teck inszeniert worden,« entgegnete Dora kühl. Innerlich aber war sie sehr erschrocken. Wußte sie es doch in erster Linie, die hier neben ihrer offiziellen Verkäuferinnenrolle auch noch eine heimliche Beobachterrolle spielen mußte, wie leicht es war, jemand zu verderben. Jedenfalls aber merkte sie es sich genau, wer es war, die da vom vergeblichen Sauberwaschen geredet hatte. Es war ein Fräulein Risa Lonsky, eine nähere Bekannte der – Neuber, welcher Umstand Dora zu denken gab. Als sie Klementine völlig niedergedrückt von der neuerlich gegen sie erhobenen Anklage bei Hälby fand, zog sich ihr das Herz vor Mitleid zusammen. Äußerlich aber spielte sie die völlig Ruhige. Nachdem abermals eine kurze Konferenz zwischen Hälby, Kern, Fräulein Vogel und Dora stattgefunden, verließ Klementine noch vor Geschäftsschluß das Warenhaus. Als sie allein in ihrem Zimmer war, brach noch einmal ihr ganzer Jammer los. Nachdem sie sich ein wenig gefaßt hatte, schrieb sie an Eugen und trug ohne Zögern den Brief selber zur Post. Dann brachte sie den ganzen Nachmittag in trübem Brüten hin. Es störte sie niemand darin, denn Doras Tante war seit drei Tagen verreist, und dies war eben der Grund gewesen, weshalb sie am Tage zuvor bei Hopfner gespeist hatte. Es wurde neun und halb zehn Uhr, ohne daß Dora heimkam. Oder war sie vielleicht schon zu Hause, kam aber nicht zu ihr herüber? War es ihr denn zu verdenken, wenn auch sie diesmal irre geworden war, und vielleicht gar nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte? – Dora Hartwig aber saß inzwischen in Gesellschaft Gustls beim Hopfner. Sie waren erst gegen neun Uhr in das Lokal gekommen, denn sie waren nach Geschäftsschluß miteinander auf dem Meldungsamte der Polizei gewesen, wo man ihnen auf ihren Wunsch die Wohnung der Frau Leona v. Lassot bekannt gab. Bei Hopfner hatten sie mit verschiedenen Kellnern und schließlich auch mit einem Dienstmann Besprechungen, und so wurde es fast zehn Uhr, als Dora das Haus betrat, in welchem sie wohnte. Schon in der Haustür stehend, drückte sie kameradschaftlich des Laufburschen Hand und sagte: »Also, Gustl, den vormittägigen Urlaub für morgen schlag' ich Ihnen schon heraus. Und die vier Kronen, die Sie zu Ihrem Ausflug brauchen, geb' ich Ihnen gleich. So! – Und jetzt gute Nacht.« »Aber, Fräul'n Hartwig, das Geld druckt mich.« »Behalten Sie's nur, Gustl. Wenn Sie am Fünfundzwanzigsten des Monats keine Reichtümer mehr haben, so ist das ganz natürlich. Und zurückzuzahlen brauchen Sie mir's erst, wenn Sie einmal Chauffeur beim Rothschild sind.« Sie nickte ihm zu und verschwand. Gleich darauf fragte eine leise Stimme an der Tür Klementines: »Baroneß, schlaf'n Sie schon?« Im nächsten Augenblick lag das gequälte Mädchen schluchzend an Doras Hals. »Also haben Sie mich doch noch lieb?« stammelte die Baronesse. »Ja freilich. Ein ganz klein's bisserl hab' ich Sie gern – das meld' ich gehorsamst, und außerdem hab' ich noch etwas zu melden. Der Herr Hans Mautner kriegt Briefe, die an einen Herrn Klein gerichtet sind. Ein Dienstmann hat ihm einen solchen zu Hopfner gebracht. Das ist das eine, das der Gustl und ich miteinander bis jetzt erfahren haben. Allein hat der Gustl aber außerdem herausbekommen, daß Ihre Tante mit unserem Herrn Meißl bekannt ist, und daß dieser Edle seit einiger Zeit viel mit der Neuber verkehrt. – So – und jetzt geh'n wir schlafen. Gute Nacht, Herzl – gute Nacht!« Zweiundzwanzigstes Kapitel. Am Morgen des 28. März wehte ein rauher Wind. Hoch wirbelte der Staub auf, und die Leute hüllten sich eng in ihre Überkleider. »Bitt' Sie, Herr Baron, sei'n S' doch recht vorsichtig!« sagte Frau Till zu Ernst, der etwas erkältet war und mit offenem Überrock weggehen wollte. Er hatte seinen Geigenkasten bei sich, um zur Probe zu gehen – hoffentlich bald zur letzten, wie er bei sich dachte. Vorher wollte er jedoch zu Klementine, denn diese hatte ihm einen Brief geschrieben, in welchem sie ihm mitteilte, daß sie ihn sprechen müsse; er möge sie in ihrer Wohnung aufsuchen. Sie war also wahrscheinlich nicht ganz wohl. An etwas anderes dachte er nicht. Bei dieser Gelegenheit konnte er ihr gleich sagen, daß es ihm nun wohl schon bald möglich sein würde, für sie zu sorgen, daß er dem Schultz schon gekündigt habe und ihn in vierzehn Tagen zu verlassen gedenke. Gestern abend hatte er es ihm gesagt, aber kein Wort der Erklärung hinzugefügt. Der Mann war ihm recht unsympathisch geworden, und er brauchte ja auch nicht zu wissen, daß ihm der Direktor Eichler einen Posten in seinem Hause angeboten hatte, der es ihm zugleich ermöglichen sollte, für Frau Römer tätig zu sein. Wie rötete sich stets deren liebes Gesicht, wie leuchteten ihre Augen, wenn er kam! Und sie wußte es einzurichten, daß er oft, sehr oft zu ihr kam. Tausend Einfälle hatte sie. Ihr Heim sollte schließlich vollständig umgestaltet werden. Wie froh würde Klementine sein, wenn er ihr sein Glück mitteilte! Er hat es ja längst gemerkt, daß ihr das neue Leben gar nicht gut tat. Wenn sie auch nicht klagte, sah er es ihr doch an, wie müde und gedrückt sie war. Nun – das sollte jetzt alles anders werden! Ernst lief förmlich, um nur ja recht bald der geliebten Schwester die frohe Botschaft zu bringen. Bald hatte er das Ende der Alserstraße erreicht und bestieg den soeben angekommenen Stadtbahnzug. Er hatte keine Ahnung davon, daß ein Mann ihm folgte. Es war ein Mensch von etwa vierzig Jahren, von schmächtiger Gestalt und nicht übermäßig vertrauenerweckendem Äußeren. Er hatte einen kleinen Buben bei sich. Auch dieser Mann löste rasch zwei Fahrkarten und bestieg mit seinem kleinen Begleiter denselben Wagen, in welchem Teck Platz genommen hatte. Auf der Station »Josephstädterstraße« füllte sich der Wagen bis auf den letzten Platz. Ein Herr, welcher sich neben Ernst niederlassen wollte, mußte ihn zu diesem Zweck ersuchen, seinen Geigenkasten von dem noch freien Sitz zu nehmen. Der Herr sprach kurz, aber höflich und in einem Deutsch, dem man es anmerkte, daß der Sprecher Engländer oder Amerikaner sei. Natürlich entsprach Ernst sofort dem Ansuchen des Fremden. Sie fuhren dann, ohne ein Wort weiter miteinander zu wechseln, bis zur Station »Westbahnhof«, bei welcher sich fast der ganze Wagen leerte. Auch der Baron und sein Nachbar stiegen hier aus, und da kam ersterer in die Lage, sich bei dem Freunden zu entschuldigen, denn von einem anderen, nachdrängenden Passagier – es war der Mann, der ihm gefolgt war – dazu gezwungen, hatte er den Fremden gestoßen. Dieser lächelte gutmütig. »Bitte – bitte!« entgegnete er und stieg vor dem Baron zum Bahnsteig ab. Dann gingen sie beide, keiner mehr des anderen achtend, die Treppe zur Stationshalle hinauf. Da drängte sich der Verfolger Ernsts an den Ausländer und fragte leise: »Vermissen Sie nichts?« Einen Augenblick lang schaute der Angeredete ihn verwundert an, dann griff er nach seiner Uhr und darauf, als er deren Vorhandensein festgestellt hatte, in die Innentasche seines offen gebliebenen Überrockes. »Meine Brieftasche ist fort!« rief er plötzlich laut und zornig. Etliche Leute blieben stehen. Die, welche seinen Ausruf nicht vernommen hatten, gingen weiter. Der Baron war unter diesen. Der kleine Begleiter seines Verfolgers befand sich dicht neben ihm. Er selbst gab soeben seine Fahrkarte ab. Da sagte der Mann, welcher den Fremden angesprochen hatte: »Sie ist noch nicht weit, Ihre Brieftasche. Der Herr mit dem Geigenkasten, der gerade seine Karte abgibt, hat sie Ihnen genommen.« Im nächsten Moment rannte der Fremde weiter. Er erreichte Teck, als dieser gerade auf die Straße trat. »Mein Herr – ein Wort!« rief er ihm zu und faßte ihn hart am Arm. Ernst schüttelte ihn ohne weiteres ab. »Was wollen Sie?« fragte er verwundert und ärgerlich. Dabei fühlte er sich plötzlich eng umdrängt und von einem peinlichen Gefühl beschlichen. »Was gibt es denn nur?« fragte er weiter. »Warum hält man mich auf?« Da sagte dicht neben ihm jemand: »Der Herr will seine Brieftasche wieder haben. Geben Sie sie nur wieder her!« Ganz unwillkürlich erhob Teck die geballte Hand, und ganz sicher wäre sie im nächsten Augenblick auf den Sprecher niedergesaust, wenn nicht der Wachmann, der soeben den Kreis der Gaffer durchbrach, sie festgehalten hätte. Eine Minute später befand sich der ganz verwirrte Baron in dem Amtszimmer der Station. Der Bestohlene war natürlich auch da. »Es tut mir leid –« sagte er. Aber der Wachmann ließ ihn nicht weiterreden. »Es wird sich ja sogleich erweisen, ob Sie sich entschuldigen müssen oder nicht,« meinte er seelenruhig und musterte dabei mit den Augen den Eingebrachten. »Bekannt ist mir der Herr allerdings nicht, aber –« »Was denn nur?« fuhr Ernst auf. »Ich verbitte mir jeden Verdacht. Ich kann mich legitimieren, ich –« Er griff in seine Brusttasche. Ernst stand totenblaß da und starrte auf die Brieftasche, welche er in die Hand bekommen hatte, als er in seine Tasche griff. Sie war ihm gänzlich fremd. Plötzlich warf er sie, als ob sie ihn brenne, auf den neben ihm stehenden Tisch. »Jetzt auf einmal paßt sie Ihnen nimmer!« sagte der Wachmann kurz. Dann wendete er sich zu dem Bestohlenen: »Ist das Ihre Brieftasche?« »Es ist die meinige. Es befinden sich darin zweitausend –« »Das können Sie später dem Herrn Kommissär sagen!« unterbrach ihn der Wachmann. »Sie aber,« wendete er sich an Ernst, »gehen natürlich mit. Die Sache ist also doch richtig!« – Eine Viertelstunde später machte Ernst mit bleichen, bebenden Lippen vor einem Polizeikommissär seine Angaben. Es schoß ihm für einen Moment lang das Blut zu Kopfe, als er seinen Adelstitel nennen mußte, und zum zweiten Male wurde er rot, als er angab, wodurch er sich derzeit seinen Lebensunterhalt erwarb. »Sie sind also des Taschendiebstahls überwiesen,« sagte der Beamte, als er mit den Formalitäten fertig war, und setzte rasch hinzu: »Waren Sie denn in solch bitterer Not, daß Sie so ganz den Kopf verloren haben? Ich nehme nämlich an, daß Sie heute zum ersten Male sich gegen das Gesetz vergangen haben.« Ernst fühlte wohl, daß auch hier ein guter Mensch ihm gegenüberstand, einer, der ihn wenigstens nicht für ganz verworfen hielt, aber er empfand deshalb keinen Dank, nur ein ungeheurer Grimm war in ihn:. Mit funkelnden Augen maß er den Beamten und sagte: »Nehmen Sie das lieber nicht an. Ich gebe Ihnen nämlich mein Wort, hören Sie wohl, das Ehrenwort eines Edelmannes, daß ich mich überhaupt noch niemals gegen irgend ein Gesetz vergangen habe.« »Wirklich nicht?« Der Beamte war plötzlich kühl geworden. »Nein – nein und tausendmal nein!« schrie Teck ihn wütend an. »Machen Sie hier keinen Skandal! Sie selber haben doch in einem Moment der Verwirrung diese Brieftasche vor den Augen ihres Eigentümers und des Wachmannes aus Ihrer Tasche heraus zum Vorschein gebracht. Wollen Sie das etwa leugnen?« Teck griff sich an die Stirn. »Bin ich denn wahnsinnig geworden!« murmelte er. Da lächelte der Beamte ironisch und sagte: »So müssen Sie mir nicht kommen. Simulieren heißt auch gegen die Ehrlichkeit sündigen. Es hilft Ihnen auch gar nichts. Tatsachen beweisen. Diese Brieftasche welche diesem Herrn hier gehört, hat sich bei Ihnen gefunden. Das stimmt doch? – Nun also! Übrigens« – der Kommissär nahm die Visitenkarte zur Hand, mittels welcher der Bestohlene sich ihm vorgestellt hat – »Herr Smith, Sie müssen uns noch sagen, was sich in dieser von Ihnen als Ihr Eigentum bezeichneten Brieftasche befindet.« Smith verneigte sich zustimmend. »Der Hauptsache nach kann ich es angeben,« sagte er. »Es befindet sich darin eine Photographie, eine ältere Frau, eine junge Dame und einen Bernhardiner darstellend. Auf der Rückseite des Bildes steht die Jahreszahl 1903. Ferner ist da ein Brief mit der Unterschrift ›Mathilde‹. An Geld sind zwei Tausendkronennoten, vier Noten zu hundert Kronen und etliche Zwanzig- und Zehnkronenscheine darin.« Der Beamte hatte die Brieftasche schon geöffnet. Er hielt sie so, daß nur er selbst Einblick in dieselbe gewinnen konnte. Er sah die Photographie und den Brief. Er konnte auch lesen, was auf der Rückseite der Photographie stand. Als er aber die Geldscheine zählte, bemerkte er, daß da nicht alles stimmte. »Haben Sie sich in Bezug auf die Anzahl der Tausendkronennoten nicht geirrt?« fragte er, Herrn Smith die Brieftasche hinreichend. »Nein!« sagte dieser mit Bestimmtheit. »Ich sehe darin nur einen einzigen Tausender.« »Es waren bestimmt zwei darin.« »Wachmann, sehen Sie nach – in den Taschen des Verhafteten!« Ernst stieß einen nur schlecht unterdrückten Wutschrei aus und taumelte totenbleich gegen die Wand. Diese Schmach schien ihm unerträglich. Nur mühsam beherrschte er sich. Der Wachmann tat rasch, was man ihm befohlen hatte. Tecks Taschen waren gleich darauf entleert. Und wieder meinte der Unglückliche, irrsinnig zu sein, denn nebst seiner eigenen Börse legte der Wachmann noch eine zweite vor den Kommissär hin. Dieser lächelte spöttisch. »Pflegen der Herr Baron immer mehrere Börsen bei sich zu haben?« fragte er. Ernst fand keine andere Antwort als ein Stöhnen. »Diese hier haben Sie einer Dame genommen,« fuhr der Beamte fort, »einer Dame, welche ein unangenehm duftendes Parfüm benützt, und die vielleicht Valentine oder Veronika heißt.« Er legte die kleine graulederne Börse, die er geöffnet und dann wieder geschlossen hatte, auf den Tisch. Auf der Mitte des eleganten Geldtäschchens befand sich ein silbernes Plättchen, auf dem ein »V« eingraviert war. »Ich habe Sie günstiger beurteilt, als Sie es verdienen,« fuhr er fort, »Herrn Smiths Brieftasche war also nicht die erste, die Sie gestohlen haben.« Darauf untersuchte er jene Börse, welche nach seiner Erklärung Ernst wirklich gehörte. Es befand sich nichts darin, was ihn darüber aufklärte, ob auch sie nicht etwa erst unlängst in eines anderen Menschen Besitz gewesen war. Des Barons Zähne schoben sich hörbar übereinander. Er zitterte unter den tastenden Berührungen, mittels welcher der Wachmann sich nun an allen Stellen seiner Kleidung zu überzeugen suchte, ob der vermißte Tausender nicht irgendwo da verborgen war. Endlich ließ er von dem Unglücklichen ab. »Ich kann nichts mehr finden, Herr Kommissär,« berichtete er. Der Beamte nickte. »Führen Sie den Mann ab!« befahl er. Teck verließ ohne Widerstand das Zimmer. Ein mitleidiger Blick Herrn Smiths begleitete ihn. »Ich kann es fast nicht glauben, daß dieser Mann wirklich so tief gesunken ist,« sagte der Amerikaner. Der Kommissär schaute trüb lächelnd zu ihm auf. »Wie ich aus Ihrer Karte ersehe, Herr Smith, kommen Sie aus Nordamerika,« sagte er. »Sie bringen die kühle Überlegung nicht mit, die man Ihren Landsleuten zuschreibt.« »Nein – ich habe mein deutsches Gemüt noch behalten, und darum tut es mir weh, in meinem alten Vaterlande so etwas erleben zu müssen. Dieser unglückliche Mensch –« »Sein vornehmes und tatsächlich sympathisches Äußere hat Sie augenscheinlich bestochen. Mich läßt das ganz kalt, und wenn Sie, wie ich, über zwanzig Jahre solch ein Amt versehen hätten, würden Sie auch wissen, daß dem Äußeren nicht zu trauen ist; daß die geriebensten Gauner eben von ihrer Biedermannserscheinung leben, und daß die gefährlichsten Gaunerinnen oft Madonnen gleichen.« »So glauben Sie wirklich, daß der Mann ein Gauner ist?« »Glauben? Nein, ich weiß es. Die fremden Börsen in seiner Tasche beweisen es genügend. Nun, die Untersuchung wird ja alles ausklären.« * Zu derselben Zeit traten der Mann und der kleine Junge, welche dein Baron gefolgt waren, aus einem Trödlerladen in einer alten Gasse des achten Bezirks. Sein Inhaber, ein guter Bekannter des Mannes, hatte ihm eine Tausendkronennote gewechselt. »Das war gescheit, daß du die noch schnell herausgenommen hast!« sagte der Mann zu dem achtjährigen Buben, der mit seinen blonden Locken und den strahlenden blauen Augen so recht das Bild eines lieblichen Kindes war. Dessen zartes Gesicht hatte jetzt einen verschmitzten Ausdruck angenommen. »Es war nur schade,« entgegnete er, »daß ich nur die eine Banknote erwischt hab', denn weißt du, Papa, es waren noch mehr drin. Aber in der Eile hab' ich halt nur nehmen können, was mir zwischen die Finger gekommen ist. Dann hab' ich ihm die Brieftaschen gerade noch in die Tasche stecken können.« »Sehr gescheit hast du's gemacht, Felix!« lobte der Vater, der sichtlich mit seinem Sprößling sehr zufrieden war. Nicht so der Bube, denn der meinte spöttisch: »Aber du selber hast es nicht gescheit gemacht. Eine hat's ganz sicher bemerkt, daß du mir die Brieftasche zugesteckt hast. Zum Glück war's nur ein altes Weib, das vielleicht auch schon nimmer gut gesehen hat.« Daraufhin lenkte der Kleine zu einem Zuckerbäckerladen hinüber und betrat ihn, ohne seinen Vater auch nur zu fragen, ob ihm das erlaubt sei. Diese Erlaubnis war auch gar nicht nötig. Der kleine Gauner wußte, daß sein Vater vom Gehorsam überhaupt nicht viel hielt, und daß er sich, wenn er sich besonders geschickt gezeigt hatte, stets zu gut tun konnte, was ihm beliebte. Eben als Ernst v. Teck, erdrückt von der Schmach, die ihm widerfahren war, auf die Pritsche seiner Zelle sank und die Hände vors Gesicht schlug, steckte Felix das Ende einer Schaumrolle in den Mund. * Gegen Mittag läutete es an Frau Tills Wohnungstür. Als sie öffnete, stand die Wäscherin draußen. Nicht ihre eigene Wäscherin, denn die alte Frau besorgte sich ihre Wäsche selber; aber auch ihren Mieter in dieser Hinsicht zu bedienen, so viel Kraft besaß sie nicht mehr. So mußte also Ernst seine Wäsche außer Haus geben. Seit ein paar Wochen besorgte sie ihm eine Frau, welche Schultz ihm empfohlen hatte, der auch sehr viel auf sein Weißzeug hielt. Teck war denn auch mit der Frau recht zufrieden. Sie war nicht teuer, wusch und bügelte ausgezeichnet und war überaus pünktlich. Die zwei Frauen begrüßten sich, und dann sagte die Wirtin: »Aber diesmal sind Sie schnell fertig geworden. Na, legen Sie nur die Sachen hinein. Ich kann jetzt nichts Sauberes anrühren. Meine Hände sind fettig, weil ich grad' einen Strudelteig ausgezogen hab'.« Die Wäscherin ging also allein in Tecks Zimmer, in dieses kleine Dachstube mit der abgeschrägten Vorderwand, deren breites Fenster allerdings blitzblank war wie alles andere, dessen sich der alten Frau hausmütterliche Hände annahmen. Auch sonst war Ernsts Stübchen sehr anheimelnd, denn auf dem hübschen Biedermeierkasten standen neben einer wunderschönen alten Säulenuhr Vasen aus der besten Zeit der berühmten Wiener Porzellanfabrik, und an dem Fenster blühten Tulpen und Hyazinthen. Frau Till hatte, als der Baron, ihr liebster Zimmerherr, zu ihr übersiedelte, alles Schöne, das sie selber noch von alter Zeit her besaß, in dieses Zimmer gestellt, damit dem lieben Menschen das Wohnen in einer Dachkammer nicht gar zu peinlich sei. Und alle Blumenzwiebeln, die ihr Neffe, ein Gärtner, ihr, der leidenschaftlichen Liebhaberin, brachte, hatte sie diesmal für »ihren Baron« gepflegt. Sein Dank und seine Freude über ihre Aufmerksamkeit waren ihr reicher Lohn. Frau Till wurde jetzt seinethalben fast eifersüchtig, denn die Wäscherin blieb eigentlich merkwürdig lange. Endlich kam sie heraus. Es war eine recht hübsche Frau, die eigentlich viel feiner aussah, als Wäscherinnen gewöhnlich auszusehen pflegen. Auch ihre Hände waren nicht die einer Wäscherin. Nun, sie selber machte sicherlich nur die leichteren Arbeiten. Sie hatte das Frau Till schon bei ihrem ersten Kommen angedeutet. So machte sich also die gute alte Frau keine weiteren Gedanken über die neue Wäscherin. »Na, wie geht es Ihrem Mäderl?« fragte sie freundlich. Die Frau seufzte. »Nicht gut. Sie hustet halt immer noch, und ich fürcht', es wird ihr so gehen, wie's meinem ersten Kind gegangen ist. Das Polderl hat gerade so angefangen, und nach ein paar Wochen war's aus.« »Armes Hascherl!« sagte Frau Till. Es blieb offen, ob sie das tote Polderl oder die noch lebende Gretl meinte. Jedenfalls waren ihr, gerade so wie der angstvollen Mutter, die Augen übergegangen. »Wenn S' in ein paar Tagen wiederkommen möchten, könnt' ich Ihnen ein Mittel geben, auf das ich sehr viel halt', weil's schon vielen Leut'n g'holf'n hat,« meinte Frau Till. »O freilich komm' ich gern. Wie gern komm' ich! Man darf doch nichts unversucht lassen.« »Also heut noch schreib' ich einer Bekannten nach Znaim. Sie selber setzt den Tee aus allerhand Kräutern zusammen, und er hat schon vielen geholfen. Ich hoff', übermorg'n um diese Zeit kann er schon da sein.« »So schau' ich also übermorgen her.« »Auch so um Mittag herum. Da bin ich schon wieder zu Haus. Ich muß nämlich grad' übermorgen einen Weg machen. Also – behüt' Sie Gott! – Aber nein, warten Sie noch, vielleicht hat meine Nichte noch einen solchen Tee. Ich schick' auf die Nacht hin. Vielleicht können Sie schon morgen Ihrem Mäderl einen geben.« »Das wär' mir recht. Ich werd' also morgen vormittag herschauen,« sagte die Wäscherin und ging. Frau Till kehrte wieder in die Küche zurück, wo auf einem über den Tisch gespannten weißen Tuche eine häutchendünne Teigschichte auf das Gefülltwerden wartete. Als sie den Strudel in die Röhre geschoben und sich die Hände gewaschen hatte, ging sie in die Stube, um Tecks Wäsche in den Kasten zu legen. »Das muß man sagen, hübscher wäscht und bügelt nicht bald wer,« dachte sie, während sie die einzelnen Stücke unterbrachte. Dann schaute sie zum Fenster hin, an welchem der Wind rüttelte. Nähertretend gewahrte sie, daß der obere Riegel des äußeren Fensters offen stand. »Merkwürdig! Hab' ich denn das Fenster nicht ordentlich zugemacht?« sagte sie zu sich selber. »Ah – so was! Das passiert mir doch sonst nicht!« Sie hatte nämlich gewahrt, daß sie einen der Tulpentöpfe verkehrt hingestellt hatte. Die langgestielte Blüte nickte in das Zimmer hinein, statt sich, wie die anderen, dem Lichte zuzuneigen. Sie nahm nun die drei Blumengeschirre, welche vor der rechten Fensterseite standen, weg, öffnete das innere Fenster und schloß den Riegel des äußeren. Dann schloß sie auch das innere Fenster wieder und stellte die Blumen auf die breite Fensterbank zurück. Dann ging sie, über ihre Vergeßlichkeit den Kopf schüttelnd, hinaus. – Einige Stunden später brachten die Abendblätter einen kurzen Bericht über den ertappten Taschendieb Ernst v. Teck. An demselben Nachmittag fand in seinem Quartier eine Haussuchung statt. Sie lieferte ein den Verhafteten schwer belastendes Resultat. In der Dachstube selber fand man allerdings nichts, das darauf hingewiesen hätte, daß man sich im Quartier eines Taschendiebes befinde. Aber der Detektiv, welcher die Untersuchung sehr gründlich vornahm, interessierte sich, anderer ähnlicher Fälle gedenkend, auch für die Umgebung des Dachzimmers, und das brachte ihn zu einer wichtigen Entdeckung. In der Dachrinne an der linken Seite des Fensters lagen sieben Börsen. Natürlich nahm er sie an sich, sperrte die Stube ab und ging. Franz Till war einfach niedergeschmettert von der ihr in amtlicher Kürze beigebrachten Nachricht, daß Baron Ernst v. Teck, des Taschendiebstahls überwiesen, in Haft gewonnnen worden sei. Vom Funde der Börsen machte der Detektiv ihr auch Mitteilung. Sie faßte diese Mitteilung kaum noch auf, so verstört war die brave alte Frau von der ersten schrecklichen Kunde. Es wurde ihr erst wieder etwas leichter ums Herz, als sie am Nachmittage einen Besuch empfangen hatte. Dieser Besuch aber war Dora Hartwig. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Seit ihrer Entlassung konnte Klementine das schwere Schicksal, das über sie gekommen war, nicht mehr allein tragen. Ihrem Bräutigam hatte sie schon geschrieben, wie es um sie stand, und nun erwartete sie ihren Bruder. Allein er kam nicht. Statt seiner erhielt sie gegen Mittag einen anderen Besuch. Kern war gekommen, um ihr zu sagen, daß er von einem der Klosterneuburger Chorherren, mit dem sein Bruder Karl schon vorher über sie gesprochen, erfahren habe, daß eine vornehme alte Dame für eine Reise, welche sie im Mai antreten wolle, eine Begleiterin und überhaupt eine Gesellschafterin suche. Das Fräulein, welches sie schon seit Jahren bei sich hatte, stehe nämlich im Begriffe, sich zu verheiraten und werde nur noch bis Ende April ihren Dienst versehen können. Der Chorherr hatte mit der alten Dame schon gesprochen, und diese erwarte, daß Klementine sich ihr am nächsten Sonntag vorstellen werde. »Die Stelle ist Ihnen so gut wie sicher,« sagte Kern. »Ich bedauere nur die alte Dame, daß sie Sie nicht lange behalten wird.« »Warum soll mich denn die Dame, falls sie mich überhaupt engagiert, nicht lange behalten?« »Nun, der Herr Bräutigam wird doch –« Ein bitteres Lächeln des jungen Mädchens ließ ihn verstummen. »Wissen Sie so genau, daß ich noch einen Bräutigam habe?« fuhr Klementine fort. Kern fuhr auf. »Der Herr Oberleutnant wird sich doch nicht dieser Infamien wegen zurückziehen!« Klementine legte ihre Hand auf seinen Arm. »Nicht ungerecht werden, lieber Freund!« bat sie sanft. »Eugen ist Offizier – das allein genügt schon. Meine Ehre ist nun einmal befleckt. Es wird schon überall erzählt worden sein: die Klementine Teck gehört nicht mehr zu den ehrlichen Leuten. Sehen Sie, Herr Kern, so steht es um mich. Und Eugen weiß es schon. Ich selber habe es ihm eingehend berichtet, was mir im Hause Groß \amp; Komp. passiert ist. Zugleich gab ich Eugen zum zweiten Male sein Wort zurück.« Tief aufatmend hielt sie inne. »Er wird es nicht annehmen,« sagte Kern. »Er wird, er muß es. Ich kann es ja nicht beweisen, daß ich schuldlos bin. Wenn die alte Dame mich nur annähme! Fort, weit fort gehen können – das wäre mir jetzt eine Wohltat, und ich verwände es auch leichter, wenn –« »Was würden Sie dann leichter verwinden?« »Wenn Eugen meinem Rate folgte.« »Welchem Rat?« »Offizier zu bleiben.« »Aber dann –« »Kann er mich nicht heiraten! Nun, eine Ehrlose kann er ja doch nicht zur Frau nehmen.« »Baronesse!« »Es ist so! Es wird schon so sein! Er fühlt es wohl selber, daß ich nimmer zu ihm passe. Sein Schweigen ist beredt. Schon seit heute früh könnte ich ein Telegramm von ihm haben.« Wie traurig ihr Lächeln war! Kern hatte sich erhoben. Er mußte ins Geschäft zurück. Auch Klementine war aufgestanden, um ihn zur Tür zu begleiten. Diese Tür aber war schon aufgegangen. Ein Depeschenbote reichte ein Telegramm herein. »Baronesse!« rief Kern ängstlich, denn er sah, wie bleich Klementine wurde, und wie sie wankte. Rasch schob er ihr einen Stuhl hin, nahm dem Boten die Depesche ab und überreichte sie der Zitternden. Mühsam öffnete sie den Umschlag, und jetzt flutete eine zarte Röte über ihr Gesicht, und ein süßes Lächeln öffnete ihre Lippen. Mit weichem Blick zu Kern aufschauend, reichte sie ihm schweigend die Depesche. »Teure!« las er. »Brief soeben erhalten. Bin morgen früh auf dem Weg zu Dir. Immer Dein Eugen.« »Ich hab's ja gewußt!« sagte Kern bewegt und gab das Telegramm zurück. * Doras Tante hielt sich eine Tageszeitung, zu welcher auch ein Abendblatt gehörte. Beide Teile der Zeitung wurden ihr ins Haus gebracht. Die gute Frau war sehr verwundert, als sie gegen vier Uhr durch einen Dienstmann einen Zettel von ihrer Nichte erhielt, in welchem Dora bat, ihr sofort das Abendblatt ins Geschäft zu schicken. »I soll net ohne die Zeitung kommen,« bemerkte der Mann. Dann fiel ihm plötzlich noch ein Teil seines Auftrages ein. »Ja, und fragen soll i, ob das andere Fräul'n das Blattl schon g'les'n hat.« Die Witwe verneinte, und der Dienstmann ging mit seiner Zeitung. Dora atmete erleichtert auf, als er ihr diese Antwort und die Zeitung überbrachte, welch letztere sie ungelesen in die Tasche steckte. Sie kannte schon einen Teil ihres Inhaltes. Das ganze Haus kannte schon diesen Teil. Es war eine Notiz von nur wenigen Zeilen, welche unter den Tagesneuigkeiten standen, und worüber man bei Groß \amp; Komp. vom Keller bis zum Dachboden hinauf in eine gewisse Erregung geraten war, denn es waren zahlreiche Exemplare dieser Abendblattnummer in das Warenhaus gekommen. Wer sie gebracht, das wußte man nicht. Sie waren da und dort auf Tischen und Stühlen von einer dabei unbemerkt gebliebenen Person niedergelegt worden. Ihre Innenseite war nach außen gekehrt, und die betreffende Notiz dickrot unterstrichen worden. Man fand die Zeitung merkwürdigerweise schon um ein Uhr, und sie wurde doch sonst erst zwischen halb drei und vier Uhr von den Austrägern bestellt. Sie war also jedenfalls und zwar in mindestens zwanzig Exemplaren – so viele sammelte Gustl in des Direktors Auftrag – gleich nach ihrer Fertigstellung aus der Druckerei abgeholt und im Warenhause während der Mittagspause verteilt worden. Die Notiz lautete: »Ein adeliger Taschendieb. Heute vormittag wurde auf der Stadtbahnstation Westbahnhof ein Taschendieb festgenommen. Es ist dies der ganz herabgekommene, als Brettlmusikant bekannte Baron Ernst v. Teck, dessen Schwester in einem hiesigen Welthause angestellt gewesen, sich daselbst aber auch schon wegen ähnlicher Vergehen unmöglich gemacht hat.« Das war die Notiz, welche wie ein Lauffeuer sich in dem Riesengeschäfte verbreitete, und welche einen Sturm der Entrüstung hervorrief. Die vielen hundert Angestellten, welchen Klementine persönlich unbekannt geblieben, waren von der Richtigkeit der hier bekannt gegebenen Tatsachen überzeugt, und deren Entrüstung galt natürlich dem verkommenen Geschwisterpaar. Allein es gab auch viele im Hause, welche fest davon überzeugt waren, daß wenigstens die Baronesse, die in der Notiz ganz unnötig erwähnt wurde, schuldlos, daß vielmehr diese Notiz wieder nur eine Äußerung des unversöhnlichen Hasses ihrer Verwandten sei. Von Hälby bis zu Gustl herunter zweifelte daran keiner, daß nicht nur die arme Baronesse, sondern auch ihr Bruder von ihrer schrecklichen Tante angegriffen worden waren. Dora Hartwig verließ gegen fünf Uhr das Geschäft. Sie hatte vorher eine Besprechung mit Hälby gehabt. Ehe sie ging, redete sie auch noch mit Gustl, und dieser teilte ihr mit, daß Meißl heute nicht, wie er es sonst tat, bei Hopfner gespeist habe, und daß er Nachmittags in einem Wagen zum Geschäft gekommen sei. Dora und Gustl nickten einander verständnisvoll zu, und dann ging erstere, seltsam aufgeregt, aus dem Hause. Sie fuhr zur Administration der Zeitung, in deren Abendausgabe die Notiz enthalten war. Dort erfuhr sie, daß ein großer magerer Mann, gigerlhaft gekleidet und eine lichtrote Krawatte mit einer Hufeisennadel tragend, schon um ein viertel nach zwölf Uhr dagewesen war und sich erkundigt hatte, wann man frühestens Abendblätter haben könne. Man hatte ihn nur wenige Minuten warten lassen müssen. Er hatte dann dreißig Nummern begehrt und war damit in einem Wagen weggefahren. Dora verließ noch aufgeregter, als sie es vorher gewesen, die Administration. Auch sie nahm einen Einspänner, der sie zum Warenhause zurückbrachte. Dort ging sie sofort in die Seidenabteilung, in welcher Meißl beschäftigt war. Mit dem Chef dieser Abteilung redete sie eine Weile, und dann begaben sich beide zu dem Tisch, an welchem Meißl soeben drei Damen wort- und gebärdenreich verschiedene Brokate vorlegte. »Er ist halt immer wie aus einem Modejournal herausgeschnitten, der Herr Meißl!« sagte, an dem Tische stehen bleibend, der Abteilungschef. Er wußte sehr gut, daß es keineswegs taktvoll war, vor Kundinnen und während der Betreffende sie bediente, solch eine Bemerkung zu machen. Dennoch fuhr er noch lauter fort: »Und sicher hat im letzten Rennen Rot gewonnen, Sie Sportsman, den man nie ohne Hufeisennadel sieht.« Meißl, wiewohl sehr verwundert über seines Vorgesetzten ganz ungewohntes Scherzen, lächelte doch sehr geschmeichelt. Eine Viertelstunde später erhielt Frau Till den Besuch Fräulein Hartwigs. Dora blieb fast eine Stunde bei der alten Frau. Als sie ging, war ihr letztes Wort: »Also ja nicht vergessen, liebe Frau Till! Wenn des Herrn Baron Wäscherin kommt, sagen Sie, daß der Tee aus Znaim erst am nächsten Tage komme. Bestimmen Sie der Frau eine Stunde und benachrichtigen Sie mich rechtzeitig, damit ich auch hier bin, wenn sie kommt.« * Gegen acht Uhr betrat Dora Hartwig Frau v. Lassots Haus. Als sie die Treppe hinaufstieg, kam ihr ein Herr entgegen. Er ging sehr schnell, und er mußte ganz mit seinen Gedanken beschäftigt sein, denn er rannte an Dora an, die ihm nicht mehr rechtzeitig ausweichen konnte. Mechanisch knurrte er eine Entschuldigung und rannte weiter. Sie aber blieb höchlichst erstaunt stehen und sah ihm nach. Das war ja der ältliche, widerwärtige Mensch, der letzthin Klementine angesprochen, und den die Baronesse so hart zurückgewiesen hatte. Kopfschüttelnd ging Dora weiter und läutete an Frau v. Lassots Tür. Lotti öffnete. »Ich muß Ihre Gnädige sprechen!« sagte Dora kurz. Lotti schaute sie verwundert an. »Jetzt?« fragte sie. »Ja – sogleich.« »Die Gnädige begibt sich schon zu Bett.« »Pflegt sie immer schon um acht Uhr zu Bett zu gehen?« spöttelte Dora. Lotti war sichtlich entsetzt. »Es ist ihr übel geworden. Sie hat sich mit dem Herrn Doktor so geärgert –« stammelte sie. »War das der Herr Doktor, dem ich auf der Treppe begegnet bin?« »Er ist soeben erst fortgegangen.« »Ein angenehmer Arzt, der seine Patienten noch kränker macht!« »Der Herr Doktor Schimmel ist der Rechtsbeistand meiner gnädigen Frau.« »Ah so! – Nun, meine Liebe, wenn sich Ihre Gnädige auch nicht wohl befindet, muß ich sie dennoch sprechen.« »Ist es denn so dringend, was Sie mit ihr zu reden haben?« »Sie werden sofort selbst merken, daß es etwas Dringendes ist. Gehen Sie hinein und sagen Sie der Frau v. Lassot, daß eine Bekannte vom Herrn Meißl da sei.« »Eine Bekannte vom Herrn Meißl?« »Ja – und daraufhin wird Ihre Gnädige mich schon vorlassen.« Lotti ließ den Besuch eintreten und schloß die Tür. »Doktor Schimmel heißt er also, der alte Sünder!« dachte Dora, während sie wartete. »Doktor Schimmel! Und Advokat ist er, und heute hat er sich mit der Lassot gestritten. Ob der Streit nicht vielleicht mit der Abendblattgeschichte zusammenhängt?« »Sie möchten hineinkommen,« sagte Lotti, die auf der Schwelle des nächsten Raumes erschien. Dora folgte dem blassen Mädchen bis in Frau v. Lassots Schlafzimmer. Da sah sie zum ersten Male die Frau, welche von ihr, weil sie Klementine so herzlich liebte, schon recht energisch gehaßt wurde. Frau v. Lassot sah nicht weniger scheu aus als Lotti, welche sich auf einen Wink ihrer Herrin wieder zurückzog. Als sie draußen war, stand Leona auf und ging in das nächste Zimmer, dessen Außentür sie abschloß. Zurückgekommen, ließ sie sich wieder in dem Sessel nieder, auf welchem sie bei Doras Eintritt gesessen hatte. Auch diese zog sich einen Sitz heran und ließ sich nieder. Es war noch kein Wort gesprochen worden. In Leonas Augen war noch immer eine gewisse Scheu. Aber auch Hochmut drückten ihre Blicke aus, als sie auf der sehr einfach gekleideten Besucherin haften blieben, die sich so ungeniert benahm und sie so ganz unverhohlen kritisch musterte. »Was läßt Herr Meißl mir sagen?« begann Leona verdrossen. Da stand Dora auf und langte nach einer Zeitung, welche auf dem Nachttischchen lag. »Sie sind sehr unvorsichtig,« sagte sie, sich wieder setzend und auf eine Stelle des Blattes weisend, welche rot unterstrichen war. Frau v. Lassot wurde unruhig, antwortete aber nicht. »Das hat einen gewaltigen Sturm im Warenhause hervorgerufen,« fuhr Dora fort, »einen Sturm, der Ihnen vielleicht noch sehr unangenehm werden wird.« »Warum mir?« stotterte Leona. »Es ist sehr schlimm für Sie, daß Sie von Baron Tecks Verhaftung schon vor dem Erscheinen der Abendblätter wußten.« »Wer sagt das?« »Ich.« »Und wie wollen Sie es beweisen?« »Ihre Aufregung allein beweist, daß es so ist, und beweist nebenbei, daß Sie schon wissen, daß dieser Streich mit der Zeitung Ihnen teuer stehen kommen kann. Sie haben Ihre jungen Verwandten damit treffen wollen, aber Sie haben sich selber damit getroffen. Vermutlich hat Ihnen das der Herr Doktor Schimmel schon gesagt, und Ihre Aufregung kommt vielleicht davon her?« Leona war zusammengezuckt, und jetzt sah sie nicht mehr hochmütig, jetzt sah sie nur noch erschrocken aus. »Wer sind Sie denn?« murmelte sie. »Ich habe geglaubt, Herr Meißl schickt Sie?« »Das habe ich nicht behauptet. Ich habe Ihnen nur sagen lassen, daß eine Bekannte vom Herrn Meißl da sei. Nun, eine Bekannte von ihm bin ich ja, und seit heute interessiere ich mich sogar ungeheuer für ihn.« »Seit heute?« »Ja, seit ich erfahren habe, daß er kurz vor ein Uhr in einem Einspänner beim Geschäft vorfuhr, in welchem, man gleich darauf eine Menge Exemplare dieser Abendblätter fand. Ich bin dann in der Expedition gewesen und habe dort erfahren, daß ein Herr, der bis auf die Krawatte und die Krawattennadel unserem Herrn Meißl gleicht, schon gleich nach Mittag sich erkundigte, wann er frühestens Abendblätter haben könne. Um halb ein Uhr hat er sich dann dreißig Stück geholt. Er fuhr in einem Einspänner weg, und es ist nicht schwierig, auszurechnen, daß er um drei viertel auf eins schon in der Lindengasse sein konnte. Ja – ja, in einer Stunde kann ein wackerer Mensch viel leisten.« Frau v. Lassot schwieg noch immer. »Haben Gnädige diese Nummer auch schon so früh zugestellt bekommen, oder hat sie Ihnen erst der dunkle Ehrenmann gebracht, der Sie soeben verlassen hat, und der wahrscheinlich es auch schon vor dem Erscheinen des Blattes wußte, welche Notiz darin stehen wird? – Ja, Sie haben sehr nette Bekanntschaften, meine Gnädige. Dieser alte Schuft, der Ihrer Nichte nachstellt, und den wohl Sie selbst auf die Baronesse gehetzt haben, und dieser Meißl machen Ihnen alle Ehre. Aber –« Mit einem Ruck hatte sich Leona erhoben. Zornbebend stand sie da. Ihre Brutalität hatte ihre Angst und Feigheit überwunden. »Meinen Sie, ich werde mich in meinem eigenen Hause noch länger von Ihnen insultieren lassen?« schrie sie. »Augenblicklich entfernen Sie sich!« »Noch nicht, Verehrteste! Denn ich habe Ihnen das Wichtigste noch nicht gesagt,« entgegnete, gemütsruhig zu ihr aufschauend, Dora Hartwig. »Ich höre Sie nicht mehr an.« »Auch Neues über Ihren Sohn wollen Sie nicht wissen?« »Über – über Robert?« »Sehen Sie, das macht Sie neugierig.« »Was wissen Sie von Robert?« »Von Wellhof weiß ich etwas.« »Reden Sie!« »Von dort haben Sie zwei gute Menschen vertrieben.« »Sie haben meinen Sohn gemordet!« »Das ist lediglich Ihre Ansicht. Ich weiß, daß der Baron und seine Schwester auch jetzt noch geradezu edel gegen den Toten und gegen Sie handeln.« »Was tun sie denn?« »Eben nichts.« »Was heißt das?« »Sie zerstören Ihnen das Bild Ihres Sohnes nicht und könnten es doch mit wenigen Worten tun.« »Und diese wenigen Worte wollen sie nicht reden?« höhnte Leona. »Nein. Aber ich werde sie reden.« »Sie? Wer sind Sie denn?« »Eine, welche vor einer solchen Affenliebe nicht den mindesten Respekt hat.« Dora erhob sich langsam und sagte ebenso langsam: »Fahren Sie nach Wellhof. Im Schreibtische des Barons werden Sie Briefe Ihres Sohnes finden, und diese werden Ihnen zeigen, wie Ihr Sohn in Wirklichkeit von Ihnen dachte, was er in Wirklichkeit war.« »Was Robert in Wirklichkeit war!« murmelte Leona, und dann fuhr sie fort: »Sie sind wohl abgeschickt worden, mir einen Schlag zu versetzen?« »Abgeschickt bin ich nicht, aber ich hoffe, daß Ihnen jene Briefe recht weh tun werden, daß in ihnen die bitterste Strafe enthalten sein wird, die Ihnen, Sie verblendete Frau, für die Verfolgung dieser zwei so herzensguten Menschen gebührt. – So, jetzt gehe ich.« Wie betäubt blieb Leona zurück. Sie vergaß alles, sie vergaß, daß Gefahr für sie vorhanden sei, daß Schimmel ihr eine furchtbare Szene gemacht hatte, weil sie die Notiz, die er verfaßt, mit dem auf Klementine sich beziehenden Zusatz ergänzt und die Zeitungen viel zu früh hatte ankaufen und verteilen lassen. Sie vergaß, daß sie mit ihrer Ungeduld vermutlich ihr ganzes unsauberes Haß- und Lügengewebe zerrissen hatte. An all dies dachte sie nicht, ihre Seele war nur mit den Briefen beschäftigt, welche sie in Wellhof draußen finden konnte. Kein Schlaf kam die ganze Nacht in ihre Augen, und schon um sieben Uhr Morgens mußte Peter anspannen, dann fuhr Frau v. Lassot mit Lotti nach Wellhof hinaus. Die Herstellungsarbeiten, welche sich übrigens nur auf das Äußere des Herrenhauses bezogen hatten, waren bereits beendet, und das alte liebe Wellhof erschien in seinem neuen Anstrich ungemein freundlich. Trotzdem hafteten Leonas Augen geradezu furchtsam auf dem hellen Mauerwerk, und scheu lief sie durch den weiten Flur. Der Besitz Wellhofs hatte ihr noch nicht die mindeste Freude gemacht. Nur zweimal war sie, seit das Gut ihr gehörte, hier gewesen. Das erste Mal hatte sie mit Schimmel im großen Gartensaale ein üppiges Mahl eingenommen, bei welchem es weder an Leckerbissen noch an herrlichen Weinen fehlte. Sogar Champagner war dabei geflossen. Aber dennoch hatte sich bei ihr keine rechte Befriedigung eingestellt. Das zweite Mal hatte Frau v. Lassot im tiefen Winter Wellhof besucht. Sie war damals ohne Begleitung gekommen, und es war ein nebelreicher Tag gewesen. Sie hatte sich vorgenommen, so recht behaglich das Haus zu durchwandern. Aber es war nichts daraus geworden. Zu unheimlich waren die stillen Zimmer gewesen, die für sie trotzdem nicht still und leer waren, denn aus jedem Winkel meinte sie die Schatten derer auftauchen zu sehen, die einstmals hier rechtmäßig gehaust, auf jedem Stuhl meinte sie die ihr wohlbekannten einstigen Bewohner Wellhofs sitzen zu sehen, sie durch alle Türen treten zu sehen. War nicht das ganze Haus voll Seufzen und Flüstern? Wie gejagt verließ die Lassot damals Wellhof – und wie gejagt von einer furchtbaren, nicht zu unterdrückenden Neugierde war sie jetzt wieder hergekommen. »Soll ich nicht die Fenster öffnen?« fragte die über dieses unangemeldete Kommen nicht gerade entzückte Hausmeisterin. »Gehen sollen Sie!« antwortete ihr Leona ungeduldig. Die Frau ging verdrossen. »Gnädige Frau fühlen sich nicht wohl?« fragte Lotti ängstlich. »Soll ich nicht lieber die Frau zurückrufen?« Leona machte eine abwehrende Handbewegung. Sie hatte sich auf den der Tür zunächststehenden Stuhl gesetzt. »Soll auch nicht eingeheizt werden? Es ist so kalt.« »So kalt – so kalt!« wiederholte leise Leona. »Nein, lassen Sie das nur!« Nach einer Weile erhob sie sich und ging in das nebenan befindliche Zimmer. Lotti wollte ihr folgen. »Bleiben Sie nur nebenan. Da warten Sie, bis ich komme. Ich will nicht gestört werden. Die Tür schließen Sie.« Es geschah, was Leona angeordnet hatte. Lotti setzte sich im Nebenzimmer an ein Fenster und schaute auf die heute sehr freundliche Landschaft hinaus. Der Laubwald, auf welchem schon ein grüner Schleier lag, leuchtete förmlich. In den Rebenpflanzungen drüben arbeiteten Winzer, und zwei Pflüge wurden über die jenen benachbarten Äcker geführt. Und drüben die Donau – wie still ihre gewaltigen Wassermassen hinzogen, heute fast klar und grün, wie sie immer sind, wenn sie im Frühling Gletscherwasser mitbringen. Lotti konnte sich nicht sattsehen an dem freundlichen Frühlingsbilde, welches die Landschaft heute bot. Ach, wie selten nur hatte die Arme solches geschaut! Ganz weit wurde ihr das Herz, ganz glücklich fühlte sie sich und war unsäglich verwundert darüber, daß es so viel Grün und so viel Licht und Sonne gab. Wie lange sie wohl so dagesessen hatte? Lotti wunderte sich, daß Frau v. Lassot sich noch immer nicht regte, und sie begann nach der Tür hinüberzuhorchen. Es war ganz still dahinter. Während das Mädchen horchte, folgten ihre Augen dem Pflüger, und plötzlich fiel es ihr auf, daß dieser schon wieder zweimal den Acker durchmessen hatte. Drinnen regte sich noch immer nichts. Es wurde ihr bang. Sie erhob sich zögernd, ging langsam zur Tür und klopfte. Niemand antwortete ihr. Noch einmal klopfte sie. Wieder Schweigen. Da öffnete sie die Tür. »Verzeihen, gnädige Frau, ich –« Weiter kam sie nicht. Erschrocken schaute sie auf ihre Herrin. Die sah um Jahrzehnte gealtert aus. Sie hatte langsam den Kopf erhoben und schaute herüber. Es war ein Übermaß von Elend, das aus ihren Augen schaute. Lotti wurde davon überwältigt. Laut aufweinend lief sie auf die Herrin zu und stammelte: »Arme, arme gnädige Frau!« Eine gute Weile blieb Leona noch still, dann erhob sie müde die Hand, strich über Lottis Gesicht und sagte: »Jetzt, ja, Lotti – jetzt bin ich arm. Diese Briefe hier haben mich arm, ganz arm gemacht.« »Wer hat sie geschrieben?« »Mein Sohn.« »Enthalten Sie denn so Schreckliches?« Leonas Gesicht sah jetzt geradezu verzerrt aus. »Er hat sich meiner geschämt!« stöhnte sie. »Die alte dicke Mutter hat in die Verbannung gehen müssen, so sehr hat er sich ihrer geschämt, und während man seinen Vater begrub, ist er zur Jagd gefahren.« »Ob das auch wahr ist!« versuchte Lotti zu trösten. Da lachte Leona schneidend auf. »Ja, es ist wahr! Nie, nie hat er mich lieb gehabt!« Und qualvoll weinend legte sie die Arme auf den Tisch und preßte ihr Gesicht darauf. Die gute Lotti weinte mit ihr. Endlich erhob Leona den Kopf wieder und sagte mit einem bitteren Lächeln: »So, jetzt können Sie Feuer machen.« »Jetzt?« »Ja. Mit diesen Briefen da.« Wie auf einen Feind wies sie auf die Briefe, die geöffnet und zerknittert auf dem Tische lagen. Lotti nahm sie und trug sie zu dem großen Kamin. Sie hatten reichlich Raum auf seiner Feuerstelle. Auf dem Rauchtische fand Lotti Zündhölzer. Als die Briefe aufflammten, war Frau v. Lassots Gesicht kreidebleich, und als der letzte Funke erloschen war, erhob sie sich und ging schweigend hinaus. Gleich danach lag eine dichte Staubwolke zwischen dem Wagen und dem Herrenhause von Wellhof. Vierundzwanzigstes Kapitel. Neben dem Verfahren wegen Taschendiebstahls lief noch ein weiteres wegen Heiratsschwindels und Herauslockung von Geldern gegen Ernst. Ein Fräulein Josepha Hofmann war bei der Polizei erschienen und hatte da berichtet, daß Baron Ernst v. Teck seit Januar mit ihr im Briefwechsel stehe, ihr auch seine Photographie geschickt und ihr seine Hand angetragen habe. Persönlich habe sie ihn nur einmal gesehen. Es sei dies am 16. Januar beim Stiftungsfeste eines Touristenvereins gewesen. Der Baron habe da gespielt und großen Eindruck auf sie gemacht. Dieser Eindruck solle, so habe ihr der Leiter der kleinen Kapelle, Herr Schultz, ein oberflächlicher Bekannter von ihr, gesagt, ein gegenseitiger gewesen sein. Der Baron schwärme von ihr und wäre glücklich, wenn er Briefe mit ihr wechseln dürfe. Er müsse nämlich, der Erkrankung eines Verwandten wegen, nach Wiener-Neustadt fahren und vermutlich mehrere Wochen dort bleiben. Sie sei dann auf den Briefwechsel eingegangen, habe ihre Schreiben an den Baron unter der Adresse eines Herrn Theodor Golz in Wiener-Neustadt abgeschickt und habe dem Baron auf seine Bitten hin zweimal Geld gesandt, einmal vierhundert Kronen, die er zum Zwecke der Bezahlung einer Operation, und dann dreihundert Kronen, die er für das Leichenbegängnis seines Verwandten brauchte. Das Mädchen wies die Scheine über die Ausgabe jenes Geldes und auch die zärtlichen Briefe, die Teck ihr geschrieben, vor. Es waren derer sieben, und schon im dritten hatte der Schreiber die Adressatin seine »geliebte, teure Braut« genannt. Also auch des Heiratsschwindels war Teck infolgedessen angeklagt. Er lachte nur grimmig, als es ihm mitgeteilt wurde, erklärte die Briefe für gefälscht und verlangte, daß Schultz sofort vernommen werde. »Lassen Sie doch nachsehen, Herr Kommissär,« bat er, »ob in meinem Album nicht ein Platz zwischen den verschiedenen Lichtbildern, die mich darstellen, leer ist. Schultz hat mich öfters besucht und auch in meinem Album geblättert.« Der Beamte zuckte die Achseln. »Das beweist weder etwas für noch gegen Sie,« meinte er. »Übrigens habe ich Schultz bereits vorladen lassen.« Ernst wurde, nachdem er diese sonderbare Mitteilung erhalten, wieder abgeführt. Hätte er im Korridor des Polizeigebäudes, als er eben um die Ecke bog, sich umgewendet, hätte er zwei Personen sehen können, die der Tür des Verhörzimmers sich näherten. Es war ein alter Herr und eine junge, in Trauer gekleidete Dame. »Herr Direktor – gnädige Frau, ich habe die Ehre!« sagte der Kommissär, sie empfangend, indem er auf zwei Stühle deutete, die der Diener zurechtgerückt hatte. »Was haben Sie mir zu sagen?« fragte er, während sich seine Besucher setzten. »Daß ein Irrtum vorliegen muß.« »Daß es geradezu Wahnsinn ist, diesen Mann solcher Handlungen für fähig zu halten.« Beide Antworten waren gleichzeitig gefallen. Über das Gesicht beider Herren huschte ein Lächeln. Der Kommissär hatte sofort erkannt, daß es das Herz der hübschen jungen Frau war, das so temperamentvoll geantwortet hatte. »Herr Direktor,« entgegnete er, sich an Eichler wendend, »es wäre mir selbst nur angenehm, wenn hier ein Irrtum vorläge, denn der junge Mann, von dem wir jetzt reden, macht trotz aller Verdachtsgründe, die gegen ihn vorliegen, einen sehr günstigen Eindruck.« Und sich nun Frau Römer zuwendend, fuhr er fein lächelnd fort: »Ihren Worten, gnädige Frau, habe ich entnommen, daß auch Sie fest an die Schuldlosigkeit des Herrn v. Teck glauben.« »Vollkommen fest!« erwiderte mit aufleuchtenden Augen die junge Frau. »Sie kennen den Baron so genau?« Frau Römers Gesicht flammte. Eine deutliche Verlegenheit schaute aus ihren schönen dunklen Augen. »Nein,« sagte sie leise, »ich kenne ihn nicht genau, trotzdem aber weiß ich, daß er im eigentlichsten Sinne des Wortes ein Edelmann ist, und dieses Zeugnis wollte ich hier für ihn ablegen.« Der Beamte verneigte sich. Er lächelte nicht mehr. Sehr warm in die Augen der jungen Frau schauend, entgegnete er: »Baron Teck ist ein sehr beneidenswerter Mann.« »Das ist er!« fiel Eichler rasch ein. »Vor allem aber ist er bis in die Wurzeln seines Wesens hinein ein ehrenhafter Mann, den die Ungunst des Schicksals leider schon seit Jahren verfolgt, der tief hinuntersteigen mußte, der aber deswegen durchaus nicht gesunken ist.« Der Beamte nickte ihm freundlich zu. »Es wird gewiß noch einer kommen, um sein Zeugnis für den armen Teck hier abzugeben,« fuhr Eichler lebhaft fort. »Kaum hatte ich von dieser merkwürdigen Verhaftung Nachricht erhalten, habe ich dem Professor Stein an der Akademie Mitteilung davon gemacht. Ich meine, der wird sich auch Tecks annehmen.« »Professor Stein?« fragte der Kommissär. »Der berühmte Maler?« »Ja. Teck war sein Schüler, und Stein hat ihn mir sehr ans Herz gelegt.« »Nun, es hat sich inzwischen auch schon anderes gefunden, das die Annahme, Baron Teck sei ein Gewohnheitstaschendieb, gewaltig erschüttert.« »Ein Gewohnheitstaschendieb!« murmelte Frau Römer entsetzt. »Wer behauptet denn das?« erkundigte sich Eichler, kaum weniger verwundert. »Die Durchsuchung seiner Wohnung hatte diese Annahme zunächst gerechtfertigt. Man hat sieben leere Börsen in der Dachrinne gefunden, die sich dicht unter dem Fenster seines Zimmers hinzieht.« »Merkwürdig!« sagte Eichler ganz ruhig. »Die natürlich ein ganz anderer hingelegt hat!« fuhr Frau Römer entrüstet auf. »Der Baron hat eine Feindin. Nur diese Frau hat ihn durch Helfershelfer in diese Lage gebracht.« »Er deutete auch selbst bereits an, daß er verfolgt werde,« warf der Kommissär ein. »Planmäßig und niederträchtig verfolgt!« setzte die junge Frau zornig hinzu. »Also – Sie sagten, Herr Kommissär?« »Daß der Fund dieser Börsen wenigstens die Annahme, Teck sei ein Gewohnheitstaschendieb, erschütterte. Sehen Sie diese Börsen an!« Er zog eine Schublade heraus und entnahm ihr die Börsen. Eine nach der anderen auf den Tisch legend, sagte er: »Drei davon sind zweifellos überhaupt noch nicht gebraucht. In einer liegt sogar noch der Zettel mit ihrem Preis. Aber auch die vier anderen konnten um die Zeit, in welcher der Baron sein Quartier verlassen hat, noch nicht in der Dachrinne gelegen haben, denn in diesem Falle hätten sie wenigstens eine Spur von Nässe aufweisen müssen. Zwischen zehn und elf Uhr hat es nämlich geregnet, und der Baron ist schon gegen neun Uhr verhaftet worden.« »Natürlich – natürlich!« rief eifrig der Direktor. »Nun, das beweist also schon altein, daß Teck irrtümlich verhaftet wurde. Weshalb ist er dann noch nicht in Freiheit gesetzt?« »Weil der Fall von heute früh noch nicht aufgeklärt ist, und weil noch eine andere Anzeige hinzukam.« Der Beamte schilderte darauf, was heute an der Stadtbahnstation vorgegangen war, und danach den Besuch Fräulein Hofmanns. Als Eichler in der Heiratsgeschichte den Namen Schultz erwähnen hörte, fuhr er auf. »Der also hat die Sache arrangiert!« rief er. Der Kommissär fragte: »Sie kennen ihn?« »Persönlich und vom Hörensagen.« »Was für ein Mensch ist er?« »Ein äußerlich einigermaßen und innerlich vollständig verbummeltes Subjekt. Ersteres zeigt einem ein einziger Blick auf den Mann, letzteres erfuhr ich durch den Leiter der Musikschule, in welcher Schultz sich seinerzeit unmöglich gemacht hat.« »Nun – den Mann habe ich rufen lassen.« »Wenn er nur auch kommt!« »Sehr möglich, daß er uns nicht die Ehre gibt.« Da pochte es. Ein Detektiv trat ein und berichtete, daß der Musiker Schultz gegen Mittag seine Wohnung verlassen habe. Er habe eine ziemlich große, vollgepackte Reisetasche mitgenommen, worüber seine Quartierfrau sich wunderte, denn Schultz hatte angegeben, daß er nur nach Baden fahren wolle. Mit dem Auftrage, sich nach den Personalnotizen des Musikers zu erkundigen, fuhr der Detektiv zur Polizeidirektion. Als er das Bureau verließ, hielt draußen ein Automobil. »Da ist er ja!« sagte Eichler, der ans Fenster getreten war, im Tone der Befriedigung. »Wer ist da?« erkundigte sich der Beamte. »Stein.« »Professor Stein!« wiederholte der Kommissär, und der Ton, in welchem er es sagte, verriet deutlich die Bewunderung, die er für den berühmten Maler hegte. »Führ'n S' mich schnell hinein! Ich hab' nicht viel Zeit. Muß heut noch auf dem Semmering sein,« hörte man eine laute Stimme sagen, und eine nervige Hand pochte kräftig an die Tür. »Herein!« rief der Kommissär. Da tat sich die Tür auf, und ein mächtiger Mann, noch massiger aussehend in dem Kautschukmantel und der Kapuze, die er nur halb zurückgeschoben hatte, kam rasch herein. »Aber hör'n S', Herr! Das war ein gewaltiger Schnitzer, daß ihr den Teck eing'fangt habt wie einen Spitzbub'n!« fing er an, sah Eichler, schüttelte ihm energisch die Hand, nahm dann vorsichtig Frau Römers Hand zwischen seine beiden umfangreichen Hände und fuhr fort: »Ich weiß schon, liebe gnädige Frau, weiß schon, daß Sie den Teck gern hab'n. Verdient's auch, daß er so einen Herzensschatz kriegt, wie Sie einer sind. Der Eichler da hat mir's wohl g'sagt, wie's um euch zwei steht, und tapfer ist's, daß Sie dahergekommen sind. Ja – ja, die richtige Lieb', die zeigt sich in solchen Zeiten. Aber ich muß mich tummeln. Hab' ohnehin lang gebraucht, bis ich mich bis daher durchg'fragt hab'. – Also, Herr Kommissär, was ist's denn? Wann lassen S' denn den armen Teck wieder heraus? Ich sag' Ihnen, Sie blamier'n sich nur, wenn S' ihn noch länger behalten.« »Herr Professor!« entgegnete lächelnd der Beamte. »Na, nix für ungut! Aber um eins möcht' ich wohl bitten. Kann man denn den Delinquenten nicht seh'n?« Wieder pochte es. Diesmal kam die telegraphische Antwort aus Wiener-Neustadt, daß es dort richtig einen Theodor Golz gäbe. Er sei ein Bahnarbeiter und schon ein paarmal nicht ohne Grund durch die Hände der Polizei gegangen. Auch diesmal sei er vorgeladen worden und habe gestanden, daß er für Schultz jene zwei Geldbriefe übernommen habe. Golz sei ehemals Diener in der Musikschule gewesen, in welcher Schultz als Lehrer gewirkt hatte. Dieser habe sich das Geld in Wiener-Neustadt persönlich abgeholt. »Gott sei Dank!« rief Frau Römer aus, nachdem der Kommissär die Depesche vorgelesen hatte. Der Professor aber setzte mit seiner mächtigen Stimme hinzu: »Jetzt aber rufen S' unseren Ernst her! Mir scheint, unsere liebe Gnädige hätt' ein paar Wort' mit ihm zu red'n!« Der Kommissär klingelte einen Wachmann herbei und gab ihm den Auftrag, Teck wieder herüberzuführen. Während man auf sein Erscheinen wartete, herrschte ein paar Augenblicke lang tiefes Schweigen in dem eigentlich recht gemütlichen Bureau, welches dazu bestimmt war, so viel Ungemütliches, Trauriges, ja auch wohl Schreckliches zu sehen. Bald aber wurden Schritte hörbar, und jetzt ging die Tür auf. Teck stand auf der Schwelle. Müde und auch wieder voll Grimm schauten seine glanzlosen Augen auf den Kommissär, der ihm entgegenging. Doch Anna Römer kam ihm zuvor. Mit wenigen Schritten stand sie neben Teck, und ihm die Hände auf die Schultern legend sagte sie innig: »Ernst, mein lieber, lieber Ernst!« Nur das sagte sie, aber es war das volle Eingestehen einer tiefinnigen Liebe, einer Liebe ohne Vorbehalt und ohne Schwanken. Teck, erst jetzt bemerkend, daß er mit dem Kommissär nicht allein sei, und erkennend, wer außer diesem noch da war, stieß einen leisen Ruf des Schreckens und der Qual aus. Da spürte er einen Kuß auf seiner Rechten und sah in Annas tränenfeuchte Augen. »Du glaubst an mich?« stammelte er. »Du hast dich nicht irremachen lassen? Du bekennst dich zu mir, dessen Ehre ein Teufel vernichtet hat?« »Fest glaube ich an dich!« erwiderte sie einfach. Da zog er sie an sich und küßte sie. »Also, da hätt'n wir ja eine regelrechte Verlobung!« sagte seelenvergnügt Professor Stein. »Lass'n Sie sich gratulieren, mein lieber Teck. Und jetzt bin ich ganz und gar beruhigt und kann geh'n. Ich bin nämlich vom Erzherzog zur Auerhahnjagd eingeladen und die möcht' ich nicht gern versäumen.« Eine Reihe kraftvoller Händedrücke, die die Betroffenen noch lange spürten, und er war draußen. Die Wachleute und Detektive, welche im Vorzimmer saßen, wunderten sich nicht wenig, daß die vier anderen noch über eine Stunde beisammen blieben. Noch viel mehr wunderten sie sich darüber, daß Teck, als er wieder weggeführt wurde, gar nicht mehr so grimmig aussah, ja sogar still vor sich hin lächelte. »Na ja, wenn halt der Herr Kommissär seinen guten Tag hat, da haben's die Häftlinge fein!« spöttelte ein Detektiv, der als besonders gallig bekannt war. »Nächstens werden wir's noch erleb'n, daß er da drinnen Kaffeegesellschaften gibt.« »Beruhigen Sie sich,« antwortete ihm ein gemütlicherer Kollege. »Es ist ganz gut, daß es auch in unserem Beruf Leute gibt, die außer einer feinen Nase auch ein Herz haben. Wenn jeder Mensch so giftig wäre wie Sie – das wär' doch gar zu traurig.« Fünfundzwanzigstes Kapitel. Für den 29. März hatte Dora Hartwig vom Direktor Hälby Urlaub erhalten. Sie ging schon früh zu Frau Till, und bereits um halb zehn Uhr traf sie bei dieser ein. Die alte Frau führte sie in die Küche. Die Tür derselben hatte in ihrem oberen Teile Fenster, welche mit Vorhängen verhüllt waren. Frau Till hatte einen Sessel aus Tecks Zimmer herübergebracht, den sie Dora anbot. Sie selber setzte sich auf ihren Küchenstuhl. »Noch war sie nicht da,« sagte sie dabei. »Hoffentlich kommt sie bald,« entgegnete Dora, »diese Wäscherin mit den feinen Händen, die so schnell beim Fensteröffnen ist, die aber die Blumenstöcke dann verkehrt hinstellt. Irgend etwas Dummes macht halt jeder Gauner. Aber auch ich selber hab' gestern eine Dummheit gemacht. Ich hab' ja ganz vergessen zu fragen, wie die Frau heißt.« »Das weiß ich selber nicht. Der Schultz hat sie dem Herrn Baron empfohlen, und da ist sie mit einer Karte vom Herrn Schultz her'kommen, und ich wenigstens hab' sie nicht um ihren Namen gefragt. Auch muß man's sagen: billiger und schöner wäscht nicht so leicht eine.« »Ob sie's wohl auch selber tut? Sie sag'n doch, daß sie ganz zarte, feine Handerln hat.« »Das ist richtig.« »Na seh'n S'!« »Aber daß sie so schlecht sein soll! Sie schaut so treuherzig drein.« Dora Hartwig lachte laut auf. »Was für eine gute Seel' Sie sind, Frau Till! Wann die Gauner nicht nobel oder treuherzig ausschau'n täten, gingen ihre Geschäfte schlecht. – Also, Frauerl, achtgeb'n! Wenn die Person kommt, muß ich sie genau sehen können, und während Sie ihr im Zimmer drinnen den Tee übergeben, geh' ich weg.« »Wenn s' Ihnen nur nicht doch auskommt!« »Das wird schon nicht geschehen. So – und jetzt mach' ich lieber gleich die Zimmertür auf, und vor das Küchenfenster zieh'n wir den Vorhang, damit es hier nicht gar so hell ist.« Die beiden Frauen mußten nicht mehr lange auf das Eintreffen der »Wäscherin« warten. Es war zehn Uhr eben vorüber, da läutete es an Frau Tills Tür. Die Erwartete trat eilig ein und erzählte, noch atemlos vom raschen Gehen, daß ihre Gretl fast die ganze Nacht gehustet und im Fieber gelegen habe. Die Frau war ganz verzagt und tat wenigstens der Till recht leid. Dora, welche sie durch einen Spalt des Vorhanges musterte, verzog den Mund nur zu einem bitteren Lächeln. Jetzt gingen die zwei Frauen in das Zimmer, und die Tür schloß sich hinter ihnen. Einen Moment lang wartete Dora noch, dann verließ sie geräuschlos Frau Tills Wohnung. Im Hause war ein Delikatessenladen. Vor dessen Auslage stehend, erwartete sie das Herabkommen der »Wäscherin«. Sie brauchte auch nicht lange zu warten. Die Frau hatte sich, von der Angst um ihr Kind gehetzt, nicht lange bei Frau Till aufgehalten. Sie trat so hastig auf die Straße heraus, daß sie an einen Mann anrannte, der ihr dafür eine Grobheit sagte. Sie achtete nicht darauf, sondern rannte weiter. Dora folgte ihr. Sie war jetzt sicher, daß ihr die andere keine Beachtung schenken werde. Sie hatte nur dafür zu sorgen, daß sie ihr nicht aus den Augen kam unter den vielen Leuten, welche allzeit die Bürgersteige der Alserstraße beleben. Im Hause Nummer 6 der Wickenberggasse verschwand die Frau. Dora stieg hinter ihr die Treppe hinauf und sah sie in ihre Wohnung gehen. Die Sache hatte sich ungemein einfach abgewickelt. Dora las nun ganz ungestört, was auf der Visitenkarte stand, die mit Reißnägeln an der Tür jener Wohnung befestigt war. Da stand: »Gustav Klein, Agent für Beleuchtungskörper.« Sie stutzte, notierte sich die Paar Worte und ging. Sie fuhr sofort zu dem Kommissär, welcher Tecks Sache führte, konnte ihn zufälligerweise sogleich sprechen, berichtete ihm, was sie in Frau Tills Wohnung und soeben in der Wickenburggasse in Erfahrung gebracht, und schloß daran einen ebenso sachlichen als temperamentvollen Bericht über alles das, was Klementine zwischen der Weihnachtszeit und jetzt geschehen war. Bezüglich des Herrn, der neben Klementine bei Hopfner gespeist, der sich im Warenhaus als Hans Mautner aus Mödling vorgestellt, konnte sie berichten, daß ein Dienstmann, der an der nächsten Straßenecke seinen Standplatz hatte, diesem Herrn an jenem Tage einen Brief mit der Adresse »Klein« in das Gasthaus brachte, ferner daß es richtig einen Hans Mautner in Mödling gäbe, daß dieser jedoch schon seit 13. März verreist sei; und zum Schlusse konnte sie noch erwähnen, daß die Stadtbahnmonatskarte mit der Photographie, die den doppelnamigen Mann darstellte, und die auf den Namen Hans Mautner ausgestellt war, erst am 24. März gelöst worden war, sichtlich nur, um sie zu dem Zweck zu verwenden, dem sie dann wirklich gedient hatte. Höchlichst interessiert hörte der Kommissär Doras Mitteilungen an, bewunderte im stillen ihre Intelligenz, ihre Energie und ihren Scharfsinn und vergnügte sich an ihrem echt Wienerischen Temperament. Als sie mit ihrem Bericht fertig war, wollte sie gehen. Sie wußte ja aus ihrem eigenen Leben, wie viel die Zeit wert sei für einen vielbeschäftigten Menschen. Der Beamte bat sie jedoch, noch zu bleiben. »Da Sie mir so in die Hände gearbeitet haben, sollen Sie es auch so schnell als möglich wissen, wer und was dieser Gustav Klein ist,« sagte er, trat zum Telephon und rief das Auskunftsbureau der Zentrale an. Da hörte er denn, daß Gustav Klein ein Gewohnheitstaschendieb sei, daß er erst Ende Februar zum dritten Male eine Freiheitsstrafe abgebüßt habe und sich derzeit in Wien aufhalte, daß seine Frau, Isabella Klein, ebenfalls schon zweimal abgestraft sei und als bekannte Ladendiebin von der Polizei beobachtet werde. »Na also!« sagte Dora Hartwig hoch aufatmend. Dann setzte sie hinzu: »Aber jetzt fällt mir noch etwas ein.« »Was denn?« fragte der Beamte. »Es ist da noch ein dritter mit im Spiel.« »Noch ein dritter?« »Ja. Ein unbeschreiblich widerwärtiger Kerl. Ich habe Grund anzunehmen, daß Frau v. Lassot ihn angewiesen hat, ihre Nichte zu verfolgen. Der alte Bursche ist nämlich der Rechtsbeistand der Lassot. Er heißt Schimmel, Doktor Schimmel.« »Warten Sie, Fräulein, auch über diesen wackeren Herrn wollen wir uns noch unterrichten, ehe Sie gehen.« Wieder rief der Kommissär das Auskunftsbureau an, und dann plauderte er, sehr angeregt von ihrer flotten, lustigen Art, mit ihr, bis die Antwort kam. Bald wußten beide, daß es einen Advokaten Doktor Eduard Schimmel in Wien gegeben, der aber schon abgestraft und seines Amtes verlustig geworden war. Er wohnte derzeit im ersten Stadtbezirke Wiens, in der Krugerstraße. »Die Frau v. Lassot hat sich da ja einen ganz famosen Rechtsbeistand ausgesucht!« sagte sarkastisch lächelnd der Kommissär, während er seinen Besuch zur Tür geleitete. Dora begab sich nun in ihre Wohnung. Sie traf gegen ein Uhr daselbst ein und fand Klementine in großer Unruhe. »Ernst ist noch immer nicht dagewesen!« Das waren die ersten Worte der Baronesse, als Dora in ihr Zimmer trat. »Wird wohl auch heute nicht kommen,« erwiderte Dora, schloß Klementine in ihre Arme und küßte sie herzhaft. Dann schob sie sie von sich und schaute sie mit ihren lebhaften Augen an. »Kinderl,« sagte sie dabei, »Sachen passier'n – Sachen, die –« »Ich verstehe Sie nicht. Sie sind ja geradezu lustig!« »Bin ich auch, Baroneßl! Bin ich von ganzer Seele und hab' auch alle Ursach' dazu.« Sie zog die Nadeln aus ihrem Hut, nahm ihn ab, setzte sich steif in die Mitte des niedlichen Sofas und lud Klementine durch eine großartige Geste ein, ebenfalls Platz zu nehmen.. Kopfschüttelnd setzte sich die Baronesse. »Also, hören Sie!« begann Dora. Aber weiter kam sie nicht. Ihre Tante steckte den Kopf zur Tür herein und sagte: »Baroneß, ein Herr Braun will Sie sprechen.« Mit einem jauchzenden Laut des Glückes eilte Klementine auf die Tür zu. Aber da angelangt, sanken ihre schon erhobenen Arme nieder, und alle Farbe wich aus ihrem Gesichte. »Ja, ja – ich bin nicht der Eugen, ich bin der Konrad Braun, mein Fräulein,« sagte der alte Herr, der auf der Schwelle stand. Klementine trat zur Seite. »Setzen Sie sich, Herr Braun. Das Stehen ist nicht gut für Sie,« sagte sie sanft und schob ihm, der merkbar hinkte, einen Stuhl zu, auf welchen er ächzend sank. Dora hatte sich erhoben und wollte gehen. Klementine hielt sie fest. »Bitte, bleiben Sie bei mir,« bat sie dringlich. »Ich werde Ihr Zeugnis brauchen.« »Wofür?« warf Braun ein. »Dafür, daß ich Eugen zweimal sein Wort zurückgegeben habe. Fräulein Hartwig weiß das und zwar nicht nur durch mich.« »Gewiß,« bestätigte Dora, »ich weiß das.« »Ich auch,« sagte ruhig der alte Herr. »Warum kommen Sie also zu mir?« fragte Klementine. »Oder wissen Sie, daß Eugen jeden Augenblick hier sein kann, und wollen Sie etwa seine Freiheit vor mir schützen? Fürchten Sie nichts. Ich werde ihn schon davon überzeugen, daß er Offizier bleiben muß, daß sein Verzicht keinen Zweck mehr hätte, denn mich kann er ja doch nicht heiraten.« »Warum denn nicht?« Klementine schaute verwirrt bald auf Braun, bald auf Dora, die auch sehr erstaunt war. »Sagen Sie mir doch, warum Eugen Sie nicht mehr heiraten kann,« fuhr der Fabrikbesitzer gemütlich fort. »Sie beide haben sich doch in all dem Jammer ganz famos bewährt.« »Ob sie sich bewährt haben!« warf Dora mit stolzem Lächeln ein. Der alte Herr zog ein Päckchen Briefe aus seiner Tasche. »Die Briefe sind seit heute früh in meiner Hand,« sagte er, »und ich habe sie gelesen; zuerst eigentlich nur neugierig, aber dann hat mir das Herz dabei weh getan, weil ich euch beiden ganz unnötig so lange Zeit weh getan habe.« »Herr Braun!« »Sagen Sie ruhig Onkel zu mir.« »Sind Sie denn trotz allem mit unserer Verbindung einverstanden?« »Für mich existierte Ihre Armut nie. Nur Ihr Stand war mir zuwider.« Klementine lächelte schmerzlich. »So ist Ihnen die wegen Diebstahls fortgejagte Verkäuferin lieber als die unbescholtene Baronesse?« »Machen Sie doch keine solchen Geschichten!« sagte freundlich der alte Herr. »Ich weiß alles, habe auch bereits mit dem Direktor Hälby gesprochen. Ihr Fall ist schon so ziemlich aufgeklärt. Wär's nur bei Ihrem Bruder auch schon so weit!« »Bei meinem Bruder? – Was ist's mit Ernst?« Klementine wurde totenbleich. Dora drückte sie auf einen Sessel und sagte, ihr sanft über das Haar streichend: »Gerade vorhin hab' ich's Ihnen erzählen wollen, daß auch Ihr Bruder in eine dumme Geschichte verwickelt worden ist, daß man aber auch da schon fast ganz im klaren ist.« »Ist's wirklich so?« rief der alte Herr sehr befriedigt aus. Dora nickte. »Es ist so! Auf meine Nachrichten kann man sich verlassen.« »Was ist denn nur mit Ernst geschehen?« forschte Klementine aufgeregt. Da zog Braun eine Zeitungsnummer hervor und wies ihr die betreffende Stelle. Wortlos starrte Klementine darauf. Dann brach sie in fassungsloses Weinen aus. Dora konnte sie aber bald beruhigen. »Es ist ja alles, was Ihnen und Ihrem Bruder schaden sollte, zu Ihren Gunsten ausgefallen!« schloß sie befriedigt. Klementine schaute bewegt in des alten Herrn Gesicht. »Und auch Sie glauben an uns!« murmelte sie. Da ergriff er ihre Hand. »Kind,« sagte er, »ich bin, wie fast alle alten Leute, starrköpfig und habe eine Menge Vorurteile. Mit einem von diesen habe ich aber aufgeräumt. Baronessen von Ihrer Art taugen ganz gut in ein tüchtiges Bürgerhaus. Schon seit Wellhof leer steht, habe ich mich in aller Stille viel um Sie und Ihren Bruder bekümmert, und es hat mich gefreut, daß nicht ich, sondern daß dieser schreckliche Allesbesserwisser, der Eugen, recht behalten hat, daß ihr tüchtige Menschen seid und daß er nicht von Ihnen läßt. Er hat mich schon manches gelehrt, mein Herr Neffe, auch das, daß man sich selber am meisten weh tut, wenn man die Krankheit des Alters, das Mißtrauen, nicht von sich abwehrt, und daß es doch noch Menschen, ja sogar Verwandte gibt, die nicht berechnend sind.« Klementine küßte des alten Herrn Hand, dann schaute sie ihn mit leuchtendem Blick an und sagte selig: »Ja, mein Eugen? Das ist ein Mann!« »Wieder ist ein Herr Braun gekommen,« meldete in diesem Augenblick die Feldwebelswitwe. Diesmal stand Eugen auf der Schwelle. Als er seinen Onkel gewahrte, verfinsterte sich sein Auge. »Fürchte nichts, Klemi!« rief er sofort. »Wir gehören zusammen.« Dann zog er sie, die ihm entgegengeeilt war, innig an seine Brust. Konrad Braun schaute belustigt Dora an und sagte: »Gebärdet er sich nicht, als sollte er gegen einen Drachen zu Felde ziehen, und derweilen gibt es gar keinen Drachen mehr.« Dora hatte die Tür zu ihrem Zimmer geöffnet. »Ich nehme an, daß wir beide hier jetzt völlig überflüssig geworden sind,« sagte sie lächelnd und den alten Herrn mit einer freundlichen Gebärde zum Eintritt bei ihr einladend. * Am selben Abend noch wurde die Photographie Gustav Kleins, die man dem Verbrecheralbum entnommen hatte, durch einen Detektiv dem bestohlenen Amerikaner in dessen Hotel vorgewiesen, und Smith erkannte sofort auf dem Bilde die Züge des Mannes, welcher ihn auf Teck aufmerksam gemacht hatte. Um die Sperrstunde herum saßen Klein und seine Frau bereits in sicherem Gewahrsam. Die kleine, tatsächlich schwererkrankte Tochter des Diebespaares wurde in das Spital, der hoffnungsvolle Felix aber einstweilen in ein Kinderasyl gebracht. Sechsundzwanzigstes Kapitel. »Der Herr Doktor ist schon fast eine Stund' lang da,« berichtete die Köchin, als Frau v. Lassot mit Lotti heimkehrte. Leona hörte kaum, was sie sagte. In ihrem Schlafzimmer angelangt, setzte sie sich todmüde auf den nächsten Stuhl. »Soll ich der gnädigen Frau nicht den Hut abnehmen?« fragte Lotti endlich, weil ihre Herrin gar keine Miene machte, sich wieder zu erheben. Frau v. Lassot nickte zerstreut. Sie ließ sich auch den Schirm, den Beutel und die Handschuhe abnehmen. »Den Mantel werden Gnädige wohl auch ablegen wollen,« mahnte Lotti. »Die Köchin hat ja ein bißchen geheizt. Da möchte es zu heiß werden.« »Freilich – freilich!« antwortete Leona mechanisch und erhob sich, damit das Mädchen den Mantel nehmen konnte. Dann ging sie aber mit langsamen Schritten zu dem Ofen und drückte sich an ihn. »So kalt ist mir!« klagte sie. Lotti hatte die Sachen in das Kabinett getragen und kam soeben wieder zurück. Sie warf einen Blick auf das Thermometer. Es wies auf sechzehn Grad. »Sie hat sich aus den Briefen eine Krankheit geholt,« dachte sie bekümmert, holte schnell ein wollenes Tuch und legte es um die Schultern ihrer Herrin. Diese nickte ihr zu. »Sie denken halt an alles!« sagte sie, freundlich zu dem blassen Mädchen aufschauend. Das war noch nicht dagewesen. Lotti wurde von der Veränderung, die mit ihrer sonst so schroffen Gebieterin vor sich gegangen war, völlig erschüttert. »Gnädige Frau werden doch jetzt, da Sie so unwohl sind, den Herrn Doktor nicht empfangen?« fragte sie. »Richtig, der Schimmel ist da,« sagte Leona gleichgültig. »Schicken Sie ihn fort, Lotti! Ich mag ihn jetzt nicht sehen.« Lotti ging hinaus, kan: aber gleich darauf wieder. »Er will absolut nicht geh'n,« berichtete sie. Frau v. Lassot wickelte sich fester in das Tuch. »So mag er bleiben. Aber ich bin nicht für ihn zu sprechen.« »Wirklich nicht?« tönte es rauh von der Tür her. Leona wandte sich dieser langsam zu. »Nein!« anwortete sie trotzig. »Ich bin heute überhaupt für niemand zu sprechen, denn ich fühle mich unwohl. Ich meine, Sie können das sehen.« »Das tut mir leid. Aber ich muß unbedingt mit Ihnen reden.« Da stand Leona auf. »Was für einen Ton schlagen Sie da an?« fragte sie, die Stirn runzelnd und mit so viel Hochmut in Stimme und Haltung, als sie bei ihrer Müdigkeit aufbringen konnte. »Sie werden auch auf diesen Ton hören lernen,« spöttelte er und lachte ihr ins Gesicht. Der Zorn schnürte ihr fast die Kehle zu. Kaum fand sie noch so viele Worte, um Lotti fortzuschicken. Dann ging sie, Schimmel voran, in ihr Wohnzimmer. »So, jetzt reden Sie!« herrschte sie Schimmel an. »Ich bin sehr begierig zu hören, was Ihnen den Mut zu solcher Frechheit gibt.« Sie setzte sich, wie zu einem Verhör, breitspurig an ihren Schreibtisch. Er zog sich einen anderen Stuhl heran, ließ sich sehr bequem darauf nieder und betrachtete sie dabei mit so unverschämten Blicken, daß ihr das Blut in die Wangen stieg. »Reden Sie endlich!« schrie sie. Er verbeugte sich ironisch, dann begann er, affektiert lispelnd: »Gnädigste werden über das, was ich reden werde, einigermaßen verwundert sein.« »Keine albernen Einleitungen! Ich glaube, Sie haben zu viel getrunken.« »Wenn ich Lethe getrunken hätte, wäre das in der Tat für Sie sehr günstig.« »Was soll das heißen?« »Daß ich weder etwas anderes noch Lethe trank, und daß ich aus letzterem Grunde also nichts vergessen habe!« Leona lächelte verächtlich. »Furcht wollen Sie mir machen!« höhnte sie. »Das wird Ihnen nicht gelingen. Sie haben gar keinen Grund, mir zu drohen. Sie wissen gut, daß wir aneinander gebunden sind. Wie wollen Sie auch beweisen, daß ich die Urheberin der Handlungen bin, die Sie mit Ihren Helfershelfern begangen haben?« »Nun, Meißl war allein Ihr Werkzeug. Er hat das Band gestohlen und es auf dem Tisch der Baronesse versteckt, und er hat, auf Ihren albernen Einfall hin, die Abendblätter, in denen Sie meine Notiz so urdumm ergänzten, viel zu früh geholt und verteilt, was Ihnen vielleicht das Handwerk legen wird.« »Dem Meißl stopfe ich mit ein paar tausend Kronen den Mund.« »Bitte, gehen Sie mit unserem Gelde nicht so verschwenderisch um!« »Mit ›unserem‹ Gelde?« Frau v. Lassot lachte laut auf. »Schimmel, Sie haben doch zu viel getrunken!« »Ich bin nie nüchterner gewesen.« »Wirklich?« »Und halte in dieser feierlichen Stunde ergebenst um Ihre Hand an.« Leona begann jetzt doch, sich zu fürchten. Es ging heute etwas Unheimliches von diesem Menschen aus, von seinem dunklen Gesicht, von seinen wulstigen Lippen, zwischen denen immer wieder die langen gelben Zähne sichtbar wurden, von seiner ganzen Persönlichkeit, in deren Kreis sich Leona heute wie eine Fliege im Spinnennetze fühlte. Sie streckte die Hand nach dem Läutewerk aus, das sich auf dem Schreibtische befand. Aber Schimmel hinderte sie daran, es zu berühren. »Nur Ruhe, Gnädigste!« sagte er. »Ich habe Ihnen noch mancherlei mitzuteilen. So zum Beispiel, daß von nun an ich selbst die Verwaltung unseres Vermögens übernehmen werde. Es wird ohnehin durch die Schweigegelder, die wir Ihrer Dummheit wegen werden auszahlen müssen, um ein beträchtliches verringert werden. – Schlafen Sie, teure Braut?« Leona hatte den Kopf gesenkt und die Augen geschlossen, um den Mann wenigstens, nicht sehen zu müssen, der ihr heute zeigte, was die Hölle ist. Und während ihre Seele jedes seiner Worte grausam deutlich in sich aufnahm, fühlte sie nicht minder deutlich, daß sie jetzt noch tausendmal mehr litt, als sie jemals Ernst und Klementine hatte leiden lassen. Endlich öffnete sie die Augen wieder. Ein Gedanke war ihr durch den Kopf geschossen. Schurken haben ihre Preise. Sie haben hohe Preise, immerhin aber kann man sich von ihnen loskaufen. »Was kostet Ihr Verschwinden aus meinem Leben?« fragte sie höhnisch. »Ihr ganzes Hab und Gut!« war die prompte Antwort. »Sie sind vollständig in meiner Hand, und nur weil ich großmütig bin, will ich Ihr Vermögen nicht ganz allein für mich haben, sondern nehme Sie als meine Frau mit in den Kauf und werde Sie, falls Sie mich nicht belästigen, im Genießen Ihrer letzten Tage nicht stören. So – jetzt kennen Sie mein Programm!« »Und belächle es. Schimmel, Sie sind noch nicht einmal so alt wie ich und sind doch schon kindisch geworden, während ich noch recht gut weiß, was ich will und rede und tue.« »Meinen Sie?« »Gewiß!« erklärte Leona mit wiedergewonnener Sicherheit. »Ein Beweis dafür ist, daß ich Ihnen nie etwas Schriftliches in die Hand gegeben habe, das mich verderben könnte.« »Meinen Sie?« höhnte er noch einmal. »Ich habe jedes Wort, das ich Ihnen schrieb, wohl überlegt.« »Diese Überzeugung hatte ich schon längst,« gab er zu. »Nun also? – Und den Meißl kaufe ich mir einfach.« »Um ihn stumm zu machen?« »Ja.« »Nun, selbst wenn er tot und im Grabe wäre, blieben Sie doch in meiner Gewalt. Also überlegen Sie nicht lange meine Werbung und geben Sie mir Ihr Jawort. Meinem Scharfsinn wird es schon gelingen, die etwaigen Folgen Ihrer Eigenmächtigkeiten von uns abzuwehren.« »Bauschen Sie nichts auf, Schimmel. Ach, wenn mich nichts anderes bedrückte, als diese Folgen! – Doch kommen wir zu Ende. Ich werde natürlich nicht Frau Doktor Schimmel, werde Ihnen aber selbstverständlich gern eine vernünftige Summe dafür zahlen, daß Sie sich von dieser Stunde an von mir trennen.« Schimmel lächelte nur. »Haben Sie denn wirklich ganz und gar den dreißigsten September vergessen?« fragte er. Einen Augenblick lang dachte sie nach, dann zuckte sie zusammen und senkte die Augen. »Nun?« drängte er. Da war sie schon wieder gefaßt. Trotzig ihn anblickend sagte sie leise, aber fest: »Nein, ich habe nicht vergessen, daß ich damals einen falschen Schwur leistete. Ich habe Ihnen das in meiner Aufregung dummerweise zugestanden, aber nur mündlich, nicht schriftlich. Sie können mich also auch damit zu nichts zwingen.« »Nun, meine Gnädige, diesen falschen Schwur kann ich Ihnen beweisen.« »Sie lügen!« »Diesmal nicht.« »Niemals habe ich Ihnen darüber ein Wort geschrieben.« »Mir allerdings nicht, aber Ihrem edlen Söhnchen, diesem Erzlumpen.« Schimmel ärgerte sich sogleich über sich selbst. Ihrem geliebten Toten den Heiligenschein, den sie um ihn gewoben, herabzureißen – das hätte er sich für später aufheben sollen. Dann wunderte er sich, daß Leona diese Schmähungen so ohne jeden Widerspruch hinnahm. Wohl war sie bleich geworden, aber über ihre bebenden Lippen kam kein Widerspruch. Erst nach einer langen Pause fing sie wieder zu reden an und fragte heiser: »Wo haben Sie Ihren Beweis?« Schimmel zog seine Brieftasche hervor und entnahm ihr ein Schreiben. »Ist das Ihre Schrift?« fragte er, ihr den Brief dicht vor die Augen haltend. Sie nickte nur. »Der Brief wurde Mitte Juni, genau eine Woche vor Roberts Tod, geschrieben,« fuhr Schimmel fort. »Sie können also die Tatsache, die Sie darin breit und ausführlich erwähnen, am letzten September noch nicht so ganz vergessen haben, daß Sie ihr Gegenteil beschwören konnten. Soll ich Ihnen den Brief vorlesen?« »Nein.« »Sie erinnern sich also an seinen Inhalt?« »Ja.« »Daran, daß Sie schrieben –« Schimmel entfaltete nun doch den Brief und las die wichtige Stelle laut. »Die fünftausend Kronen, welche Du Ernst schuldest, wirst Du halt nach Deiner Hochzeit zahlen. Freilich brauchte Teck sie schon jetzt sehr notwendig, denn er hat Verluste gehabt; aber was kümmert schließlich das Dich! Mache Dir also darüber keine Gedanken. Diese fünftausend Kronen sollen keinen Schatten auf Dein Glück werfen.« Das las Schimmel laut vor. »Das ist doch so deutlich als möglich?« sagte er dann lächelnd. »So deutlich als möglich!« wiederholte Leona mechanisch. »Soll ich Ihnen jetzt auch noch sagen, daß auf Meineid Zuchthaus steht?« »Das hat mir schon damals Klemi gesagt,« entgegnete Leona merkwürdig gefaßt. Schimmel fing an, sich zu wundern. Sie sah jetzt ganz ruhig aus. »Wie sind Sie eigentlich zu dem Briefe gekommen?« fragte sie. »Ich habe ihn, als ich Ihren Sohn als Leiche fand, aus seinem Schreibtisch genommen.« »Also gestohlen!« »Aber, meine Gnädige, was bedeuten für uns Worte?« »Und ich kann den Brief nicht kaufen?« »Den Preis kennen Sie ja schon.« »Mein ganzes Vermögen?« »Mit oder ohne Sie.« »Also – mit mir!« »Schön!« Schimmels dunkles Gesicht glühte. Er war ja jetzt am Ziel seiner Wünsche angelangt. Endlich war er reich, sehr reich? Über Leonas Züge zuckte es wie ein verhaltenes Lächeln. Schimmel, der das wohl bemerkte, wurde zornig. »Wahrscheinlich sind Sie so heiter, weil Sie noch einen Mann kriegen!« sagte er bissig. Ihr Gesicht war jetzt ganz ruhig. »Nun, freiwillig heirate ich Sie ja nicht, aber wenn es nun schon sein muß, so müssen wir halt bis zu unserem Sterben vereint bleiben.« »Jetzt werden Sie sentimental!« spöttelte er, nach seinem Hute langend. »Da gehe ich lieber. Aber Abends bin ich wieder da. Wir wollen dann alles in Ordnung bringen, und ich hoffe, daß Sie mir auch ein feines Verlobungsmahl vorsetzen. Ihre Rosi kocht ja nicht schlecht, und Tante Lauren hat uns ja manchen guten Tropfen übrig gelassen.« Leona nickte. »Wann darf ich Sie erwarten?« fragte sie. »Um sieben Uhr.« »Gut. Wir werden also um sieben Uhr zusammen speisen.« »Und dann das Geschäftliche besorgen.« »Gewiß. Dann werden wir das Geschäft zum Abschluß bringen.« Er ging. Sie hatten einander nicht die Hände gereicht, Leona hatte sich auch nicht erhoben; sie schaute ihm nicht einmal nach. Eine gute Weile war ihr Blick ins Leere gerichtet, dann blieb er auf einem Photographieständer haften, der etwa ein Dutzend Bilder verschiedenen Formates und verschiedener Größe enthielt. Nur die Person, welche auf diesen Bildern dargestellt war, blieb immer dieselbe: ein schöner junger Offizier in allerlei Stellungen. Langsam schob Frau v. Lassot den Bilderständer zu sich heran. »Also meiner Figur und meiner Manieren hast du dich geschämt!« sagte sie leise. »Mein einsames Leben da draußen war dein Werk, und nie, nie hätte ich bei dir leben dürfen! Verunziert hätte ich dein Heim!« Ihre Stimme brach. Wie in einem Wahnsinnsanfall sprang sie auf, riß die Bilder aus dem Halter, lief damit zu dem Ofen und warf sie gellend auflachend eines nach dem anderen in das Feuer. Und als das letzte zu Asche geworden war, sagte sie laut und hart: »Jetzt liegt alles hinter mir. Jetzt besitze ich gar nichts mehr!« Mühsam richtete sie sich auf, aber dann ging sie festen Schrittes zur Klingel und drückte auf den Taster. Lotti war sofort da. »Schicken Sie mir die Rosi herein!« befahl Leona. Als die Köchin kam, saß Frau v. Lassot an ihrem Schreibtisch. Vor ihr lag ein Notizblatt, in der Hand hielt sie einen Bleistift. »Ich habe Doktor Schimmel für heute abend zu Tisch gebeten,« sagte sie, »und ich will mit dem Essen Ehre einlegen. Um sieben Uhr wollen wir speisen.« »Was befehlen gnädige Frau?« fragte Rosi. »Diesmal sollen Sie das Menü selbst machen und alles allein besorgen. Zu sparen brauchen Sie nicht. Aber alles muß tadellos sein. Ich weiß, ich kann mich auf Sie verlassen.« Siebenundzwanzigstes Kapitel. Zwei Wagen fuhren vor der Polizeistation vor, in welcher sich Ernst v. Teck seit gestern befand. In dem einen waren Frau Römer und Direktor Eichler gekommen, in dem anderen saßen Klementine, Eugen und dessen Oheim. Der Polizeikommissär hatte sowohl der Schwester als auch der Braut des Verhafteten durch besondere Boten bekannt geben lassen, daß das Ehepaar Klein ein Geständnis abgelegt habe, und daß Teck dadurch vollständig entlastet sei. Er werde um fünf Uhr freigegeben. Klementine war wie in einem Traum. Sie konnte es noch nicht klar fassen, daß ihr Geschick sich plötzlich so ganz zum Guten gewendet hatte, daß sie nun wieder zurücktreten durfte in das stille Familienleben, das ihr eigentlichster Lebensboden war, daß sie nimmer den Lärm und Trubel des Warenhauses um sich haben, daß sie all den kleinen und großen Gehässigkeiten, die sie da so gequält hatten, entrückt sein sollte. Geschützt und behütet würde sie fortan sein. Eugen, dieser gute, treue Mensch, würde ihr Gatte sein, und er brauchte deshalb die Liebe seines einzigen Verwandten nicht zu verlieren. Sie würden künftig bei Konrad Braun, oder nein: er würde bei ihnen wohnen, denn Eugen sollte die Leitung seiner Fabrik übernehmen. Im Hausflur trafen die fünf Personen zusammen, und Klementine sagte tiefbewegt zu Anna Römer: »Sie sind also seine Braut?« Die junge Frau blieb stehen. Einen Moment lang schaute sie verwundert auf die Fremde. Dann begriff sie. Stolz leuchteten ihre Augen auf. »Ja, ich bin seine Braut!« erwiderte sie, und dann fuhr sie fort: »Sie aber sind seine Schwester!« Die beiden Damen küßten sich innig und gingen dann Hand in Hand weiter. Lächelnd folgten ihnen die drei Herren. Eine halbe Stunde später fuhren die zwei Wagen wieder fort. Ihre Insassen hatten sich um eine Person vermehrt. Sie fuhren nach Frau Römers Wohnung, welche an diesem Abend sehr glückliche Menschen umschloß. Konrad Braun war nicht der wenigst Frohe unter ihnen. Nachdem man gespeist hatte, bemächtigte er sich Ernsts und sagte gemütlich zu ihm: »Also, lieber Baron, überlegen Sie sich die Sache noch einmal recht gründlich, ehe Sie mein Anerbieten zurückweisen. Es paßt ja ganz zu Ihrem Charakter, daß Sie nicht nur der Mann Ihrer Frau sein wollen. Wenn Sie nun wieder auf Wellhof säßen, wäre dies nicht der Fall, und ich verschaffe Ihnen Wellhof. Ihre Tante hat keine Freude an dem Gute. Ich weiß, daß sie fast nie draußen war, und so werde ich es leicht kaufen können. Über alles andere werden wir schon einig werden. Also nicht zu stolz sein, lieber Baron. Es ist um jeden Tag schade, um den man sein Glück hinausschiebt.« »Sehr richtig, verehrter Herr, aber –« »Was gibt's denn da für ein Aber? Sie sind es der lieben Frau einfach schuldig, sie so bald als möglich glücklich zu machen!« * Frau v. Lassot und Doktor Schimmel saßen bei Tisch einander gegenüber. Es war heute besonders hübsch gedeckt worden. Sogar Blumen standen auf dem Tisch. Sie waren recht geschmackvoll von Lotti in einer herrlichen Bronzeschale geordnet. Schimmel hatte die Blumen spöttisch lächelnd einen Moment lang angesehen, dann waren seine Augen auf der kostbaren Schale haftengeblieben, und jetzt verrieten sie Befriedigung. »Sie ist wenigstens ihre zweihundert Kronen wert,« dachte er, der in solchen Schätzungen gut beschlagen war. Er hatte sich dann sehr angeregt niedergelassen, denn er dachte daran, daß er von nun an immer nur aus auserlesenem Geschirr speisen werde, und er hatte eine große Schwäche für schönes Geschirr und wußte, daß Frau v. Lauren viel davon ihrer Nichte hinterlassen hatte. Heute speiste man aus Altwiener Porzellan, das mit dem goldenen Bienenkorb gezeichnet und mit einem ganz köstlichen Tulpenmuster geschmückt war. Und was in den feingeformten Schüsseln aufgetragen wurde, war ebenfalls erster Güte. Desgleichen die Weine, welche aus den Flaschen wie flüssiges Gold in die feinwandigen Gläser floßen. »An diesen Gumpoldskirchner, lieber Doktor, sollten Sie sich halten!« riet ihm Frau v. Lassot. »Er ist bereits zwölf Jahre alt. Onkel Lauren wußte, was gut ist.« »Stimmt! Das ist ein famoser Tropfen. Ist noch viel davon da?« »Mehr, als wir heute brauchen, und somit genug,« wurde ihm mit einem eigentümlichen Lächeln, das er sich nicht zu deuten wußte, entgegnet. Er zuckte die Achseln und schenkte sich wieder ein. Rosi trug jetzt Stangenspargel auf. Schimmels Gesicht wurde immer heiterer. Das nächste Gericht war ein Kapaun. Die mit Mayonnaise bedeckten Bratenstücke ruhten auf einer Unterlage von grünem Aspik. Der Rand der Schüssel war mit verschieden gefärbten Aspikwürfeln belegt, zwischen welchen sich zarte Salatblätter kräuselten. Diese Schüssel war einfach ausstellungswürdig, und Schimmel begann die Künste seiner alten Heister mit denen der Rosi zu vergleichen. So etwas hatte die Heister ihm doch noch nicht hergestellt, und er bedauerte schon den Kontrakt, den er mit ihr geschlossen hatte. Er bedachte das aber angesichts all der Genüsse, welche ihm heute geboten wurden, nicht weiter. Die brave Heister würde er schon los werden, wenn er sie nicht mehr brauchte. Er langte wieder nach der Flasche. Es war jetzt fast wasserheller Rüdesheimer, mit dem er die Backwerkschnitten, welche als Nachtisch aufgetragen worden war, hinunterspülen wollte. Leona aber schob seine Hand zurück. »Trinken Sie nicht so viel! Ich habe Ihnen noch manches zu sagen, und ich will, daß Sie mich noch klar verstehen.« Sie trat zur Kredenz und schenkte dort vor seinen Augen tiefroten Wein in die Gläser, die sie dann auf den Tisch stellte. »So, den dürfen Sie noch trinken, das ist etwas ganz Besonderes. So etwas haben Sie noch nicht über Ihre Lippen gebracht, Sie alter Feinschmecker!« scherzte sie dabei. »Was ist's denn?« forschte Schimmel, nachdem er mit Behagen den Duft des Weines eingeatmet hatte. »Das riecht ja köstlich.« »Ja, so etwas trinkt man nicht oft,« entgegnete Leona. »Trinken Sie nur. Dann sage ich es Ihnen, was es ist.« Lotti brachte jetzt Käse und Früchte. Als sie beides niedergestellt hatte, sagte Frau v. Lassot: »So, Lotti, nun wollen wir ungestört bleiben. Sie kommen erst wieder, wenn ich läute.« Lotti verbeugte sich und verschwand. Leona folgte ihr, sperrte leise das Vorzimmer ab und steckte den Schlüssel zu sich. Dann trat sie wieder ins Speisezimmer. »Jetzt habe ich Sodbrennen bekommen,« rief ihr Schimmel entgegen, schluckte ein paarmal und räusperte sich. In den Augen Leonas blitzte es auf. »Sie haben halt zu viel gegessen,« sagte sie gleichgültig. »Geben Sie mir etwas doppelkohlensaures Natron. Sie werden hoffentlich etwas im Hause haben.« »Nein, ich habe keines. Aber wenn ich Ihnen auch keines geben kann, ausgezeichnete Zigarren sind jedenfalls da. Kommen Sie. In des Onkels Arbeitszimmer sind sie, und sie werden Ihnen wohl auch helfen.« Verdrossen stand er auf und folgte ihr bis in das letzte Zimmer. Daselbst befand sich neben dem Arbeitstisch des verstorbenen Obersten ein schmaler, hoher Schrank mit vielen Fächern. Auf diesen zeigte Leona und sagte: »Bedienen Sie sich!« Er nahm sich eine Zigarre und wollte wieder nach dem Speisezimmer gehen. Sie aber hielt ihn zurück. »Wollen Sie denn gar nicht allein sein mit Ihrer Braut?« fragte sie leise. »Brrr!« machte er ungeniert. Dann griff er sich an den Hals. »Wie das Zeug kratzt!« Er legte die Zigarre beiseite und setzte sich. Er war plötzlich ganz grau im Gesichte geworden. Und immer wieder schluckte und schluckte er. »Mir ist schlecht geworden,« würgt er endlich hervor, zieht mühsam sein Taschentuch und wischt sich den Schweiß vom Gesichte. Es muß eine große Unruhe in ihm sein, denn er will sich erheben, aber es gelingt ihm nicht. Wie mit Blei gefüllt sind seine Füße, auch seine Arme kann er kaum erheben, und in seinem Leibe wütet ein grimmiger Schmerz. »So helfen Sie mir doch!« stöhnt er. Leona lehnt noch immer an der Tür. Sie sieht scheußlich und lächerlich zugleich aus. Scheußlich, denn eine teuflische Befriedigung läßt sie den Mund zu einem gemeinen Grinsen verzerren – und lächerlich, denn die Pose eines Siegers, die sie mit gekreuzten Armen annimmt, steht ihr recht wenig. »Ich kann's ja kaum mehr aushalten vor – vor Schmerz!« stößt er heiser heraus. Da erst antwortet sie ihm. Kurz und so deutlich, daß selbst er, der so völlig von seinem Zustand in Anspruch genommen ist, sie nicht mißverstehen kann. »Sie werden Ihre Schmerzen nicht mehr lange auszuhalten haben, Herr Doktor Schimmel,« sagt sie hart, »denn ich habe die Dosis sehr groß genommen.« Er starrt sie an, dann schnellt er, seine ganze Willenskraft aufbietend, empor. »Vergiftet?« schreit er und will sich auf Leona stürzen. Diese weicht unwillkürlich zurück. Aber das wäre nicht notwendig gewesen, denn nach zwei Schritten stürzt Schimmel zusammen und windet sich wimmernd auf dem Boden. Brennender Haß und wildeste Verzweiflung schauen sie aus seinen Augen an, und einen widerwärtigen Gegensatz dazu bilden die gerungenen Hände, die sich hilfeflehend ihr entgegenstrecken. Diesem Anblick ist selbst Leonas Schlechtigkeit nicht gewachsen. »Du bringst niemanden mehr ins Zuchthaus!« will sie ihm in die Ohren schreien, sie stammelt es aber nur, und in der nächsten Sekunde schon eilt sie, von Entsetzen gejagt, in das Speisezimmer zurück. Sie sinkt auf einen Sessel. Voll fiebernder Angst starrt sie zur Tür. Wenn diese Tür sich öffnete! Wenn Schimmel herauskam – herauskroch! Leona streicht sich über die feuchte, eiskalte Stirne und erhebt sich mühsam. Anfangs steif und langsam, dann immer schneller geht sie zur Kredenz. Dort steht noch ihr Glas. Es ist von dem siebenarmigen Kronleuchter, der über dem Tische strahlt, hell beleuchtet. In seinem kristallenen Glase blitzen sieben klare Lichter. Wie ihre Hand zittert, als sie nach dem Glase greift! Wie die sieben Lichtpunkte tanzen! Plötzlich aber tanzen sie nicht mehr, plötzlich ist die Hand ganz ruhig. »Es muß ja sein!« sagt sie laut. »Jetzt könnte ich nicht einmal mehr zurück, wenn ich auch wollte.« Sie setzt das Glas an die Lippen. »Nicht mehr leben – das ist das einzige, was ich noch will,« denkt sie, während sie trinkt. Als sie es getan, schüttelt es sie. Sie streckt die Hand nach dem Klingelwerk aus. Dann setzt sie sich in einen niedrigen Sessel. So wartet sie auf Lottis Kommen. Aber das Mädchen kam nicht. Leona hatte vergessen, daß sie den Zugang zu dem Speisezimmer abgesperrt hatte. * »Sie werden sich geirrt haben. Es hat nicht geläutet,« sagte draußen die Köchin zu Lotti, welche bei ihr in der Küche gesessen und sich erhoben hatte, um ins Speisezinnner zu gehen. »Sehr leise hat es geläutet,« beharrte Lotti auf ihrer Meinung und ging. Sie wollte das Vorzimmer betreten, doch es war versperrt. Sie pochte an die Tür. Keine Antwort. Lotti lief in die Küche zurück. »Na, na, was gibt's denn?« fragte die Köchin, welche sich gerade über die Kapaunenreste hergemacht hatte. »Ich kann nicht hinein!« berichtete Lotti atemlos. »Was heißt das?« »Die Tür ist verschlossen!« »Das ist freilich merkwürdig!« Die Köchin legte nun doch die Gabel aus der Hand. »Kommen Sie!« bat Lotti. »Na ja, ich komme schon!« Sie steckte noch schnell einen Aspikwürfel in den Mund und folgte Lotti. Auch sie rüttelte vergeblich an der Tür. Dann sagte sie: »Ich will den Peter rufen,« und machte sich sofort selber auf den Weg zum Kutscher. Nach ein paar Minuten schon hatte der die Tür aufgesprengt. Die beiden Mädchen folgten ihm furchtsam ins Vorzimmer. Im Speisezimmer drinnen stöhnte jemand. »Jesus – Maria!« schrie Lotti auf und stürzte zu ihrer Herrin hin, die auf dem Teppich lag. Leonas Augen waren schon verglast, aber noch immer warf ein wilder Krampf ihren Körper hin und her. Die Köchin rannte aufkreischend hinaus. Lotti aber beugte sich über die Sterbende und schluchzte: »Arme, arme gnädige Frau!« Da irrte ein Lächeln über das verzerrte Gesicht, und kaum verständlich kam es über die blutleeren Lippen: »Arm, ja, arm –« Dann ward es plötzlich still. Der Tod hatte sie erlöst. Der Kutscher sah sich um. Dann sagte er: »Ist der Herr Doktor denn schon weggegangen?« Lotti schaute auf. Sie war ganz verwirrt. »Der Doktor, ja richtig – der Doktor! Wo kann denn der nur sein? Nein er ist nicht weggegangen!« Da biß Peter die Zähne zusammen und ging, den Doktor Schimmel zu suchen. In seines verstorbenen Herrn Arbeitszimmer fand er ihn. Dicht an der Tür lag der Mann, in der einen geballten Hand ein Büschel Haare von seinem eigenen Bart haltend. Die andere Hand war in den Teppich gekrallt. Achtundzwanzigstes Kapitel. Der »wunderschöne Monat Mai« rechtfertigte diesmal seinen Ehrennamen. Selbst in Wien, das ja übrigens eine Gartenstadt ist, konnte man trotz seiner ungeheuren Häusermassen gewahren, daß es Mai war. Und eine Dame, eine schon alte Dame, in deren Herzen es jedoch allzeit Mai zu sein scheint, die hatte, den Frühlingsjubel klüglich für ihren guten Zweck ausnutzend, eine ihrer famosen Ideen ihren Wienern zugeworfen. In allen Zeitungen konnte man es lesen, daß die Fürstin Pauline Metternich zu Gunsten verschiedener Vereine ein glänzendes Fest veranstalten wolle, ein glänzendes Trachtenfest. Es sollte am 25. Mai stattfinden, und im Prater sollte es sein, im maigrünen Prater, diesem besonderen Liebling der Wiener. Der Plan der Fürstin fand lebhaften Beifall, und alle Geschäfte hatten vollauf zu tun, denn alles, was irgendwie mit einem glänzenden Praterfeste zusammenhängt, wurde in den Schaufenstern ausgelegt, vom Publikum besichtigt und vielfach auch gekauft. Bei den Wagenlieferanten und in den Automobilniederlagen, bei Pferdeverleihern und Fahrradhändlern herrschte eine lebhafte Nachfrage nach möglichst aparten oder möglichst ansehnlichen Beförderungsmitteln. Die Blumenhändler mußten ihre Hilfskräfte vermehren, um den Bestellungen, die ihnen wurden, gerecht werden zu können. Elektrikern und Feuerwerkern wurden alle möglichen Aufträge gegeben, und Lampions, sowie zu Gartenfesten und Umzügen passende Scherzartikel wurden zu vielen Tausenden bezogen. Es gingen davon ganze Wagenladungen an die vielen Restaurants, Kaffeehäuser und Budenbesitzer im Prater ab, denn natürlich wollte auch da unten jeder etwas ganz Besonderes leisten. Allmorgendlich zogen ganze Karawanen von Bauarbeitern, Dekorateuren und Anstreichern nach diesem Riesengarten von Wien, in welchem der Wille der allbeliebten Fürstin wieder einmal ein fieberhaftes Leben hervorgerufen hatte. Und nicht weniger fieberhaft ging es an den Arbeitsstätten der Gold- und Bronzearbeiter, der Modistinnen, der Schneider und Schneiderinnen her. Tausend und abertausend Schmuckstücke und Kostüme der verschiedensten Zeitalter und Trachten aller Länder waren bestellt worden. Alle diese Bestellungen sollten in drei Wochen fertig sein. Es war eine kaum zu leistende Arbeit, aber trotzdem war jeder sicher, daß sie geleistet werden würde. Natürlich herrschte auch im Warenhause Groß \amp; Komp. ein ungeheures Leben. Da lagen in allen Abteilungen ganze Stöße von Kostüm- und Trachtenbildern auf, die vom Morgen bis zum Abend von den Kunden durchwühlt wurden, wonach die Damen, wenn sie gefunden hatten, was ihnen ganz besonders paßte oder was sie wenigstens für ganz besonders passend für sich hielten, mit dem gewählten Bilde in der Hand all das Material kauften, welches zu seiner Herstellung nötig war. Da wurden denn vor allem Unmengen von Seidenstoffen in allen Farben verkauft. Brokate, steif und in starrem Glanz, lockten mit ihren köstlichen Blumen- oder Arabeskenmustern alle jene Damen zum Kaufe, die nicht auf den Gulden zu schauen hatten. Hier erstand eine schlanke Brünette maisgelben Moiré und erdbeerroten Samt zu einer Robe aus der Zeit der Renaissance, dort verlangte eine Blondine vergißmeinnichtblauen Atlas zu einem Rokokokostüm. Eine imposante Frau, längst jenseits der Dreißig, aber noch immer eine Schönheit mit ihrem klassischen Gesicht, ihrer weißen Haut, ihrem blauschwarzen Haar und ihren blitzenden Augen, wußte ganz genau, was sie tat, wenn sie sich das Bild einer alten Römerin ausgewählt hatte. Es war nur ein weites weißes Wollenkleid, das hier dargestellt war, aber die prachtvollen Arme waren unbedeckt, und um diese Arme und den herrlichen Hals wanden sich blitzende Bänder aus Gold und blutroten Steinen. Duchesse und Liberty, Taft und Loisine, Messaline und Surrah, Crepe de Chine und Foulard – alles, in allen Farben und Nüancen, allen Abarten und allen Mustern fand Käufer und Käuferinnen. Dazu wurden schimmernde Bänder oder Spitzen, frisch wie Schnee, zart wie Eisblumen, als Putz gewählt. Ganz besondere Anziehungskraft übte jene Abteilung aus, in welcher, zauberhaft schnell herbeigeschafft, die unzähligen charakteristischen Kopfbedeckungen verschiedener Nationen und Zeiten zur Wahl ausgestellt waren. Da sah man den Reiherbusch auf einem edelsteingeschmückten Kalpak winken und daneben den perlenumwundenen Turban eines Alttürken. Dort sprühten in einem schleierhaltenden Goldreifen bunte Steine ihr farbiges Licht aus, und dabei hing ein duftiges Holländerinnenhäubchen mit den lustigen goldenen Schläfenschnecken. In der nächsten Abteilung gab es Perücken und Haarputz und daneben Manschetten und Handschuharten aller Zeiten. Da funkelten Gürtel und zierliche Degen neben massigen Zweihändern, Malaiendolche neben Hirschfängern, Bambuspfeile neben Armbrüsten. Selbst allerlei seltsame Fußbekleidung konnte man sehen. Es war, als sei die Jetztzeit ganz plötzlich Vergangenheit geworden. Es fragte fast niemand nach modernen Toiletten. Alles wollte Trachten und Kostüme sehen. Es herrschte also ein ungeheures Leben im Warenhause, und die Verkäufer und Verkäuferinnen wußten kaum mehr, wo ihnen der Kopf stand. Fräulein Stiegelmann, eine der früheren Kolleginnen Klementines, eilt soeben, einen reizenden rosenroten Kimono über dem Arm, auf die Kundin zu, welche sich ihn bestellt und die gewiß mit ihrer niedlichen Figur in dem japanischen Kostüm bei dem Feste sehr gefallen würde. Plötzlich bleibt die Stiegelmann stehen. Sie hat in dem Menschengedränge ein bekanntes Gesicht entdeckt, eine junge Dame in einem einfachen, aber entzückenden schwarzseidenen Straßenkleid, ein schwarzes Hütchen auf dem hellbraunen Haar und einen ziemlich dichten Schleier vor dem Gesichte. Die junge Dame geht am Arm eines eleganten Herrn. »Siehst du, Eugen, dort drüben hat die Verfolgung angefangen,« erklärte eben die junge Dame. Da sagt die kleine Verkäuferin ganz atemlos: »Baroneß – ah, liebe Baroneß!« Sie ist ganz rot geworden und will an den zweien schon vorbeihuschen, aber Klementine lächelt freundlich und faßt rasch nach ihrer Hand. »Aber das ist hübsch, daß ich Sie gefunden habe! Verraten Sie aber nicht, daß ich hier bin, liebes Fräulein Anna, ich möchte mit niemandem als mit Ihnen zu tun haben,« sagt sie heiter. »Also wenn Sie mit Ihrer Kundin fertig sind, so kommen Sie zum letzten Fenster. Dort warte ich auf Sie. Ich möchte, wenn es noch da ist, das weiße Spitzenkleid haben, das Sie mir kürzlich – nun, Sie wissen ja, wann es war – zeigten.« Anna Stiegelmann geht ganz verwirrt weiter. Das Spitzenkleid kostet sechshundert Kronen. Und die, welche es heute kaufen will, war vor kurzem noch eine Angestellte des Warenhauses, und jetzt, da sie ihre Feindin, ihre Tante, beerbt hat, ist sie plötzlich reich, sehr reich geworden. Es dauert beinahe eine halbe Stunde, bis der rosenrote Kimono probiert, bezahlt und der Kundin ausgefolgt ist. Endlich aber kann die kleine Stiegelmann doch zum letzten Fenster gehen. Sie tut es sehr eilig, wird aber aufgehalten. Gustl ist es, der ihr in den Weg tritt. Er ist sehr gut gelaunt, das liest sie ohne Mühe von seinem nichtsnutzigen Gesicht herunter, das sagen ihr auch seine lachenden Augen. »Wissen Sie's schon, daß die Baroneß da ist?« fragte er hastig. »Sie hat gesagt, ich soll Sie suchen und zu ihr schicken. Sie will beim letzten Fenster auf Sie warten.« »Ich weiß schon.« »Warum lass'n S' mich denn dann so lang reden? – übrigens, die Neuber, das Schlittenpferd, hab' ich eben auch zum letzten Fenster geschickt. Ich hab' ihr g'sagt, daß die Metternich dort mit ihr red'n will.« »O, Sie Schlankl! Wann werden denn Sie einmal gescheit werden?« Gustl tauchte schon in der Menge unter. Er konnte wohl über das Datum seines Gescheitwerdens noch keine genaue Auskunft geben. Fräulein Stiegelmann traf unterwegs noch auf die Neuber, die, hochrot im Gesichte, krampfhaft nach der fürstlichen Frau suchte, welche derzeit so viele Wiener in Atem hielt und die durchaus mit Fräulein Neuber reden wollte. »Hab'n Sie Ihre Durchlaucht gesehen?« fragte sie sehr laut und sehr erhitzt die kleine Verkäuferin. In dieser erstand blitzschnell ein Gedanke. »Von einer Durchlaucht weiß ich nichts,« antwortete sie, »aber dort beim letzten Fenster ist eine Dame, die das Sechshundertkronenspitzenkleid kaufen will. Vielleicht –« Mehr hörte die Neuber nicht, wand sich klingelnd zwischen den Leuten durch und stand vor – Klementine. »Sie, Sie wollen –« stammelte die Überraschte. Klementine warf der hinter der Neuber stehenden und vergnügt lächelnden Stiegelmann einen vorwurfsvollen Blick zu, sagte jedoch sehr ruhig: »Unlängst zeigte mir Fräulein Stiegelmann ein Spitzenkleid, das mir außerordentlich gefiel, das ich jedoch damals« – sie lächelte ein wenig – »noch nicht kaufen konnte.« »O bitte; bitte!« dienerte die Neuber. »Es wird mir eine Ehre sein –« »Bemühen Sie sich nicht. Ich will Sie nicht aufhalten. Fräulein Stiegelmanns Liebenswürdigkeit genügt mir vollständig.« Sie sagte das auch ganz liebenswürdig, aber es war doch ein Stachel darin, den die Neuber sehr wohl empfand. Mit festgeschlossenen Lippen und einer tiefen Verbeugung zog sie sich zurück. »Ich brauche das Kleid jetzt nicht zu sehen,« sagte die Baronesse. »Schicken Sie es mir nach Wellhof oder bringen Sie es mir nächsten Sonntagvormittag selbst, falls Sie nichts anderes vorhaben. Und wenn Sie kommen, dann bringen Sie mir den Gustl mit. Ja? Ist Ihnen das recht?« »Aber Baroneß, wie können Sie denn noch fragen!« Ein paar Minuten später fuhren Braun und seine Braut im Aufzug in das Erdgeschoß hinunter. Natürlich stand da schon wieder Gustl auf der Lauer. Er begleitete sein Ideal bis zum Ausgang. »Ich bin schon zweimal mit unserem Automobil aus gewesen – ganz allein. Der Schwertner hat sich die Hand verstaucht.« Das war das Wichtige, das er Klementine mit leuchtenden Augen mitteilte. – – An diesem Tage brachten die Zeitungen die Notiz, daß ein gewisser Leopold Schultz, Musiker aus Wien, wegen Zechprellerei in Hamburg verhaftet und als einer erkannt worden sei, den die Wiener Polizei schon längst suchte. Der Mann habe, so endete die Notiz, in der Hoffnung, seine Lage damit zu verbessern, verschiedene Angaben gemacht, die ihm zu einer raschen Rückbeförderung in seine Heimat verhalfen. Welcher Art diese Angaben seien, das wurde nur wenigen Menschen bekannt. Unter diesen befanden sich die Geschwister Teck und die Chefs des Warenhauses Groß \amp; Komp. Auch Fräulein Vogel und Dora Hartwig, sowie Kern wurden davon durch Direktor Hälby verständigt. Wer von diesen dafür sorgte, daß bald alle Angehörigen des Warenhauses Kenntnis davon erhielten, daß Meißl der Dieb jenes Bandes war, welches man auf Klementines Tisch gefunden, danach fragte niemand. Jedenfalls aber wurde weidlich auf Meißl und auch auf alle anderen geschimpft, die sich der Baronesse feindlich gezeigt hatten. Dafür wurde diese in den Himmel gehoben, seit es im ganzen Hause bekannt geworden war, daß sie als ehemalige Angestellte der Firma in die Unterstützungskasse ihrer einstigen Kollegen und Kolleginnen fünfzehntausend Kronen gespendet hatte. Ernst v. Teck und die Seinigen aber erfuhren aus den Geständnissen des verhafteten Musikers, mit welch teuflischer Planmäßigkeit ihre Tante an ihrem Untergange gearbeitet und wie viele Helfershelfer sie sich zu ihrem Werk des unversöhnlichsten Hasses gesichert hatte. * Zu derselben Zeit, als die Fürstin Metternich, in der düsteren Gewandung einer Nonne, von den Wienern umjubelt, ihren Einzug in den Prater hielt, versammelte sich in dem festlich geschmückten Gartensaale zu Wellhof eine dreifache Hochzeitsgesellschaft. Baronesse Klementine war an diesem Tage Frau Braun geworden. Ernst hatte mit Anna Römer die Ringe gewechselt, und es gab auch kein Fräulein Hartwig mehr, sondern eine sehr glückliche Frau Link. Die Trauungen hatten in der Klosterneuburger Stiftskirche stattgefunden. Klementine und ihr Gatte waren von dort im Automobil nach Wellhof gefahren. Das prächtig geschmückte Fahrzeug aber hatten die Chefs des Warenhauses Groß \amp; Komp., von Gustl gelenkt, zur Verfügung gestellt. Klementine hatte die bedeutungsvolle Aufmerksamkeit gern angenommen. Es ist so schön, wenn man die Erinnerungen nicht zu scheuen hat, so schön, wenn man die Zeugen einer trüben Vergangenheit, die sich in den Zeiten der Not als unsere Freunde bewährten, auch in den Stunden des Glückes um sich hat. * Abend ist es geworden. Ein stiller Abend voll Schönheit und Frieden. Ernst und Klementine sind allein in dem traulichen Zimmer, das einst ihr Vater bewohnte und darin er gestorben ist. Sie nehmen Abschied voneinander. Die beiden schönen Menschen stehen, eng aneinandergelehnt, am Fenster und schauen auf den Strom hinüber, den das Abendrot zu einer Feuerflut macht. »Weißt du noch, in welcher Stimmung wir im Herbst hier standen?« fragt sie leise. Er nickt. Dann drückt er seine Lippen auf ihre Stirne. »Du Gute, du Tapfere!« sagt er. »Daß wir nun so – so glücklich sind!«   Ende.