Meinrad Lienert: Das Hochmutsnärrchen     Druck und Verlag von Huber \& Co. in Frauenfeld [1919]     I. Auf der steinernen Vortreppe des alten, hochgiebeligen Gasthauses zum »Pfauen« spielte das flachsschopfige Heleneli Gyr. Der »Pfauen« war das stattlichste Gebäude unter den ansehnlichen Häusern, die im waldumfangenen Bergdorfe Maria Einsiedeln dem doppeltgetürmten Kloster gegenüberstanden. Von seinen Fenstersimsen nickten Blumen, und das mächtige Schindeldach hatte sich über das Haus gelegt wie die Fittiche eines Riesenvogels. Das Heleneli war das einzige Töchterchen der aufrechten Pfauenwirtin, die man nicht nur in der Eidgenossenschaft, sondern auch weitum in deutschen und welschen Landen, von Tirol bis ins tiefste Frankreich hinein kannte. Sah ihr Gasthaus auch eher wie ein gutes altes Patrizierhaus aus, so war es gleichwohl das gesuchteste Absteigequartier der Wallfahrer, unter denen sich gar oft vornehme fürstliche Herren und Frauen befanden. Infolge der Revolutions- und Kriegswirren der letzten Jahre blieben die Pilger aber immer mehr aus. Nur aus Frankreich eilten sie, unter ihnen viele Flüchtlinge, seit der Hinrichtung ihres Königs Ludwig XVI. zahlreicher als je ins 2 schweizerische Hochtal, um bei Notre Dame des Hermites tröstlichere Zeiten für ihr Land zu erflehen. Jetzt warf das Heleneli seinen Holzball hochauf; aber als es ihn wieder auffangen wollte, bekam es einen leichten Stoß; der Ball kugelte die Treppe hinunter und wurde blitzgeschwind von einem kleinen Jungen, der eine große Schnupftabakdose in der Hand hielt, erhascht. »Gib ihn, Battisteli, gib ihn!« Doch das Bürschlein schoß lachend auf und stob, den Ball in der einen, die Schnupftabakdose in der andern Hand haltend, davon gegen den unterhalb des Klosters stehenden vierzehnröhrigen Brunnen Unserer Lieben Frauen, der auf zahlreichen Marmorsäulen und zierlichen Arkaden eine gewaltige vergoldete Krone trug. »Gib ihn, gib ihn!« rief das Heleneli. »Hol ihn, hol ihn!« antwortete der Battisteli. Nun hastete das Kind mit flatterndem Schopf von der Vortreppe seines Hauses, und sogleich jagten sie auf Tod und Leben um den Frauenbrunnen. Doch das Heleneli vermochte den flinkfüßigen Knaben nicht einzuholen. Es stand langaufatmend still; dann kauerte es mit glühenden Wangen bei einer Röhre nieder, um dem übermütig lachenden Jungen aufzulauern. Er ließ sich nicht blicken; doch schwamm jetzt im äußeren Rinnsal der Holzball ruhig daher. Sie schoß auf, ihn zu haschen, 3 zog aber die Hand rasch wieder zurück; denn auf dem Ball hockte ein winziges braunes Fröschlein, kaum so groß wie eine Fingerbeere. »Welch ein herziges kleines Fröschlein!« rief sie aus. »Ja«, sagte der heranhuschende Battisteli, »das ist ein Zwergfröschlein, deren es hinter der Klostermauer viele Hunderte gibt.« Dem Fröschlein mochte es auf dem rundlichen, schlüpfrigen Fahrzeug nicht recht geheuer vorkommen; es hüpfte ins Wasser. Gleich fing es der Battisteli wieder und setzte es dem Mägdlein auf die zögernd ausgestreckte Hand. Auf diesem warmen, sonnenbeschienenen Plätzchen schien es dem Tierchen ganz gut zu gefallen; denn es blieb ruhig sitzen. »Es ist nicht größer als eine Bohne«, meinte sie erfreut; »setz' es wieder auf den Ball!« »Nein, da rutscht's gleich ins Wasser, und dann verlieren wir's.« Sie erblickte die schildkrötenbeinerne Schnupftabakdose in seiner Hand. »Deine Schnupftabakbute gäbe ein feines Schiff für das Fröschlein.« »Ja, ja du!« machte er, bedenklich die Augenbrauen hochziehend. »Wenn ich sie verlöre, bekäme ich Hiebe; denn ich habe sie für den Großvater soeben im Bärenladen frisch anfüllen lassen müssen.« 4 »Wir können ja den Schnupftabak unterdessen an den Brunnen hinschütten. Schau, da ist's ganz trocken. Das wäre schon lustig, wenn das Fröschlein in der Tabakbute durch die Rinnen rund um den Frauenbrunnen herumschwämme! Was täte es wohl denken?« »Ja, ja du!« Er wollte nicht recht. »Ach Battisteli, lieber lieber Battisteli«, schmeichelte sie in den süßesten Tönen, »gib sie doch her!« Sie griff nach der Dose. Nur ungern, mit einem langen Blick rundum, ließ er sich die Dose aus der Hand nehmen. Doch jetzt kauerte das Heleneli nieder, leerte den braunen Schnupftabak in einen trockenen Winkel des Brunnens und scheuerte ihn sorglich zu einem Häufchen zusammen. »O«, machte sie lachend, »wie der Schnupftabak einen in die Nase beißt!« »Au, au!« verschüttelte sie sich gruselig. Das Fröschlein war ihr in den Hemdärmel gekrochen, als sie die Dose unter einer Brunnenröhre ausspülte. Flink zog sie's hervor und setzte es in die Dose. Nun schwamm es schon in seinem hoffärtigen Schiffchen im äußeren Rinnsal, das sich mit vielen Nebenrinnen um den gewaltigen Brunnen zog. »Wie lustig, wie lustig!« jauchzte sie auf. »Schau, Battisteli, wie das Fröschlein Augen macht! Es freut sich, daß es ein so schönes Schiffchen hat!« 5 »Ja, ja du!« machte er bedenklich. »Jesus!« schrie sie auf. Schiffchen samt Passagier verschwanden im Abzugsloch. Da heulte der Battisteli auf und tanzte verzweifelt rings um den Brunnen. Heleneli aber warf sich, ohne daß er's gewahrte, flink auf die Knie nieder, griff recht tief ins Abzugsloch, und schon lag die Dose wieder in ihrer Hand; aber das niedliche Zwergfröschlein war verschwunden. »Battist, Battist! Wo bleibst du denn solch eine Ewigkeit?« ließ sich eine Stimme hören, und nun zeigte sich eine alte Magd. »Ihr seht mich ja!« schnörzte auf der andern Brunnenseite weinerlich, verdrossen der Bub. Das Heleneli kletterte flink auf den Brunnen und versteckte sich hinter einer Säule. »Wo hast du denn dem Großvater seine Schnupftabakbute?« fragte unwirsch die Alte und bog mit Battisteli und ihrem jungen Hund um den Brunnen. »Der Großvater brummt wie ein Wald voll Bären; er wartet schon ein halbes Jahr darauf, und wenn er den Schnupftabak nicht bald bekommt, so schnupft er mir noch den Fegsand vom Küchenboden. Er will in die Kirche. Da muß er seine Schnupfdose haben; sonst, sagt er, vermöge er zu keiner rechten Andacht zu kommen.« »Dort ist sie!« 6 Er zeigte trübselig ins Abzugsloch der Brunnenrinne. Entsetzt schlug die Magd die Hände zusammen. »Du heilige Mutter Sankt Anna, die schöne schildkrötenbeinerne Schnupfdrucke! Der Großvater wird schön tuen!« Hinter ihr ging ein fürchterliches Nießen los. »Helf Gott!« wünschte überlaut die Alte. »Helf Gott!« machte der Bub. »Helf Gott!« schrie es vom Brunnen, und Helenelis Flachsschopf guckte einen Augenblick um eine Säule. Aber als sich die Magd umwandte, schlug sie vor Entsetzen schier ein Kreuz. Am Brunnen stand mit gespreizten Beinen der junge Hund und nieste und nieste, als wollte er einen Sternschnuppenregen über die ganze Welt ergehen lassen. Dazu rieb er auf Leben und Sterben seine braungefärbte Nase an der Brunnenwand. Der Schnupftabak aber, der in einem niedlichen Häufchen am Brunnen lag, war spurlos verschwunden. »Nun hat ihn der Hund geschnupft anstatt der Großvater!« lärmte der Battisteli in heiliger Entrüstung. »Aber«, fügte er zornig bei und zeigte nach einer Brunnensäule, »das Heleneli ist schuld; sie hat mir die Schnupftabakbute zum Schiffleinfahren abgemäuselt.« »Ist's wahr, du schlimmes Kind?« »Ja, 's ist wahr«, kam's keck vom Brunnen. Dann gab es ein lautes Auflachen, und hinter einer 7 Säule herab glitt die Tabakdose ins Wasser: »Da ist sie ja!« Der Battisteli jauchzte auf und hatte sie gleich wieder in den Händen. »So«, machte die Alte, eine kleine Münze aus ihren Säcken hervorgrübelnd, »schau, da hast einen Angster, Bub. Jetzt geh mir sofort noch einmal zum Krämer und laß dir die Dose frisch füllen. Aber daß du sie mir dann gleich heimbringst und nicht wieder zuerst eine Ewigkeit mit dem hochnäsigen Frätzchen da herumfährst. Die macht ja doch mit euch dummen Buben, was ihr gefällt. Ja, ja, hüte dich nur, du Hoffartsfähnchen!« wandte sie sich ans Heleneli, das eben vom Brunnen glitt und seinen Ball hochauf warf. »Es kommen böse Zeiten, böse Zeiten. Aber du merkst eben noch nichts davon und flotschest lachend mitten durch die Butter, wie die Enten durch den Weiherschlamm.« »O Babeli!« rief das Mägdlein aus und lachte hellauf in den Tag hinein, »Ihr schimpft alleweil!« »Ja, ja, warte nur«, machte die aufgebrachte Magd, »fahr nur so fort, du Gixnäschen, du hochmütiges, bis es dir zuletzt noch ergeht, wie's der Königin von Frankreich ergangen ist.« »Wie ist's ihr denn ergangen?« fragte neugierig das Heleneli. »Ja, wie ist's ihr ergangen, nicht besser als es einem armen Sünder zu Schwyz auf der Weidhub 8 ergeht: Auf einem Karren ist sie von ihrem Palast herabgerasselt, und mit der Krone auf dem Kopf, barfuß und im Armsünderhemd hat sie in der gottlosen Stadt Paris vor allen Leuten aufs Blutgerüst steigen müssen. Und dort hat man ihr den Kopf abgeschlagen, also daß die Krone in den Staub gefallen ist. Gestern hat es mir der Zürichbote selber erzählt.« »Die arme Königin!« machte traurig das Heleneli und warf den Ball nicht mehr auf. »Wer bekommt jetzt die Krone, die in den Staub gefallen ist?« fragte der Battisteli und sah unwillkürlich um sich, ob sie nicht irgendwo herumliege. »Jedenfalls nicht du«, sagte unwirsch die Magd; »denn vorher müßtest du dich doch einmal ordentlich kämmen lassen und deinen Weiberrock mit mehr Respekt tragen; hast ihn ja wieder an allen Enden zerrissen; er ist ja nur noch ein Fetzen.« »Warum ist denn aber der König nicht mit dem Säbel unter die bösen Menschen gefahren und hat sie verjagt?« machte jetzt in heiliger Entrüstung das Heleneli. Die Alte hörte es nicht; denn von der Kirche her wurde nach ihr gerufen. »Babeli, Babeli!« ertönte eine brummende Stimme, »wo bleibt denn um Gottes und aller Heiligen willen mein Schnupftabak?!« Battistelis alter Großvater humpelte an einem langen Stock gegen die Kirche. 9 »Hurtig, hurtig, Battisteli, hol den Schnupf und bring ihn dem Großvater. Siehst, er wartet dort vor der Kirche auf dem Steinbänklein.« Sie schob den Knaben vom Brunnen weg und ging dann mit dem jungen Hunde brummend nach dem vor dem Dorfe gelegenen Gerbegut, Battistelis Heim, davon. Battisteli aber blieb stehen und winkte dem Mägdlein. »Heleneli«, rief er halblaut, »kommst du auch mit zum Krämer?« »Nein«, sagte es, »ich gehe nicht mehr mit einem, der mich verklagt hat.« »Ich verklage dich gewiß auf Ehr nie wieder.« »Hör, Battisteli«, redete sie zu ihm tretend, »was tätest du machen, wenn du der König wärest und ich die Königin und sie mir den Kopf abschlagen wollten?« »Ich würde das Szepter nehmen, wie dort der König Heinrich vor der Kirchenporte eins hat, und täte sie damit durchhauen.« »Und wenn du der König wärest«, sagte sie, »und ich die Königin und sie dir den Kopf abschlagen wollten, täte ich vor sie hinknien und anhalten, sie sollen dich doch gehen lassen und lieber mir den Kopf abschlagen.« »Wo bleibt denn mein Schnupftabak?!« kam wieder eine zitterige Stimme von der Kirche her. 10 Geschwind ergriff Battisteli des Mägdleins Hand, knüllte seinen zerfetzten Weiberrock vorne zusammen, um besser springen zu können, und im Galopp stoben sie vom Frauenbrunnen weg ins Walddorf hinein. »Laß mich die Schnupftabakbute tragen«, bat das Heleneli. »Da hast du sie«, machte er. Die Dose lag in ihrer Hand, und lustig klapperte darin der abgeschliffene Angster. 11   II. Einige Tage nachher gab es in der Hauptgasse des Walddorfes ein großes Geschrei und Hallo: »Die Königin wird hingerichtet; der Königin von Frankreich wird der Kopf abgeschlagen!« lärmten jauchzend die Kinder. Als die Waldfrauen von Einsiedeln neugierig, schier erschrocken aus ihren Kramladen vor dem Kloster schauten, bog rasselnd ein unbeholfener zweirädriger Holzkarren, der wie eine Kiste aussah, auf der Hauptgasse auf den Dorfplatz ein. Ein stolzes Gespann von zwölf Buben hüpfte und tänzelte am Frauenbrunnen vorbei gegen den an die Klostermauern anstoßenden Dorffriedhof hinauf. Übermütig verwarfen die zweibeinigen Pferde ihre heiterfärbigen Schöpfe, wieherten ohrenzerreißend, scharrten den Boden und knirschten in den Zähnen. Im Karren aber stand das Pfauenheleneli, demütig auf ihre gefalteten, rosenkranzumwundenen Hände blickend. Auf ihren blonden, bis auf die Hemdärmel herabwallenden Locken saß, mit einem Schnürchen festgebunden, eine kleine Marienkrone mit verblaßter Vergoldung. 12 »Sie sieht aus wie eine kleine Muttergottes«, sagten die Waldweiber. »Die will doch immer oben hinaus; nun spielt sie wieder die Königin von Frankreich. Wo sie wohl das hübsche Marienkrönlein her haben mag?« »Das hat sie von meinem Buben«, sagte der alte Sigrist, der, die Schnupftabakdose herumgehen lassend, unter den Frauen stand; »ich habe es unter dem schadhaften Heiligengerümpel in der klösterlichen Steinhauerwerkstätte aufgelesen.« »Hü, hü!« lärmte, neben dem knarrenden Gefährt herlaufend, der Battisteli und trieb mit hochgeschwungener Peitsche die kleinen Pferde an. »Ja, ja«, machte, mit bedenklichem Gesicht schnupfend, der alte Beinhaussigrist, »ich sag's ja immer: Die Kleinen lernen's von den Großen, die Schweizer von den Franzosen. Die Herrenköpfe sind jetzt wohlfeil in der Welt. In dem gottlosen Paris füllen sie alle Tag einen Steckleinkorb voll damit an.« »Ich bin nur froh, daß ich keine Königin bin wie die Marie Antonett«, sagte eine Waldfrau, eifrig Rosenkranzkügelchen an ihren Draht fassend. »Was!« machte spitzig eine andere Krämerin, des Sigristen handsames Weib, »mir sollten sie kommen! Hätte die Marie Antonett die Franken regiert, wie ich sie regieren wollte, sie hätte ihren Kopf heute noch.« 13 »Freilich, das ist sicher«, machte trocken der Sigrist; »eher hätten ihn alle Franzosen verloren und wären, der König voraus, davongelaufen.« Sprach's, und ging, sich in sein mächtiges Nastuch schneuzend, verfolgt von dem Gekeife seiner Frau und dem Gelächter der anderen Kramladenweiber, hurtig von dannen. »Juhuu! Die Königin von Frankreich wird hingerichtet!« lärmten die Buben. Jetzt waren sie beim Beinhaus im Friedhof angekommen. Die ermüdeten Pferde warfen sich ohne weiteres ins Gras, das die Gräber fast überall bedeckte und aus dem hie und da, von bunten Blumen und Zitterhalmen umfaßt, ein bleicher Knochen hervorstach. Etwas gelangweilt schauten sie zu einem mächtigen Habicht auf, der hoch über ihnen im Blauen kreiste, als spähe er nach den Mauerschwalben, die mit jauchzendem Spirii, spirii! um das Beinhaus schossen. Das Heleneli Gyr schwang ungeduldig seinen Rosenkranz und rief: »So richtet mich doch einmal hin!« »Zuerst wollen wir jetzt etwas ausruhen«, sagte der Hirschenkasperli. Doch der Gerbebattisteli sprang auf und rief, seine alte zerbeulte Blechhaube zurechtrückend und sein hölzernes Schwert schwingend: »Ja, steig nur aus, 14 du böse Königin! Wir wollen dir jetzt den Kopf abschlagen!« »O«, rief sie, »schlagt mir nur den Kopf fröhlich ab, ihr Feiglinge! Wenn die roten Schweizer noch lebten, dürftet ihr mir allweg nichts tuen!« »Ja, wir bringen dich um, Königin«, redete der Battisteli, »weil du immer in deinem Schloß getanzt habest. Und jetzt steig nur aus und zieh die Schuhe und Strümpfe ab!« »He, weswegen soll ich denn die Schuhe und Strümpfe abziehen? Die Königin von Frankreich ist doch gewiß nicht barfuß gelaufen!« »Allweg ist sie barfuß gelaufen«, machte der Battisteli; »du warst doch selber dabei, als unsere alte Magd uns sagte, sie habe es vom Zürichboten gehört, wie die Königin Marie Antonett mit der Krone auf dem Kopf, im Armsünderhemd und barfuß auf das Blutgerüst gestiegen sei.« »Ja, ja«, riefen alle, »du mußt die Schuhe und Strümpfe abziehen, Heleni!« Sie ließ sich zögernd auf den Karren nieder und begann nachdenklich ihre Schuhe aufzunesteln. Aber als sie sich eben anschickte, einen Schuh abzuziehen, schaute sie auf und sah nun aller Augen mit müßiger Neugierde auf ihren Fuß gerichtet. Da errötete sie über und über, bedeckte den Fuß geschwind mit dem gelblichen, blaugestreiften Rocke und kicherte. Nein, sie ziehe ihre Schuhe und Strümpfe nicht aus. 15 »Du mußt sie aber ausziehen«, sagte des Sigristen Nöldeli; »wie willst du denn sonst barfuß zum Blutgerüst gehen?« Sie gab keine Antwort, kicherte nur fortwährend. »Warum willst du sie denn nicht ausziehen?« fragte der Battisteli. Sie schien aus dem Kichern nicht mehr herauszukommen. »Sag's doch, du Dumme!« lärmte der Hirschenkasperli. »He«, machte sie endlich leise, »wegen nichts.« »Nein, wenn du so dumm tust!« meinte unwillig der Battisteli. Erstaunt blickten alle Knaben auf das Pfauenheleneli, von dem sie nicht recht zu begreifen vermochten, wie es auf einmal so dumm geworden sein konnte. Ein Weilchen noch kicherte es verlegen; aber mit einem Male erhob es sich, stieg rasch aus dem Karren, machte ein ernstes Gesicht und sagte, es tue lieber nicht mehr mit, es wolle heimgehen. Verblüfft staunten alle auf das Mägdlein. Nun wollte es gar heimgehen, und es war's doch, das sie alle für die Hinrichtung der Königin von Frankreich begeistert hatte. »Dann gib mir die Krone nur wieder her!« schrie der Bub des Sigristen. 16 Der Gerbebattist aber hielt das Heleneli an seinem gestreiften Fähnchen fest: »Nein, wenn du so eine sein willst! Nun hast du durchaus die Königin sein wollen, und jetzt, wo das Schönste kommt und wir dir den Kopf abschlagen sollten, läufst du davon. So bleib doch, Heleni!« »Oder dann gib mir die Krone wieder!« schrie noch lauter des Sigristen Nöldeli. Sie machte ein Schmollmäulchen, löste mit eiligen Fingern das Krönchen aus ihrem Blondgelock und legte es in Nöldis flink zugreifende Hände: »Da hast du sie!« »So willst du also nicht mehr die Königin sein und dich hinrichten lassen?« fragte gekränkt der Battisteli. »Freilich, ich wollte ja schon«, sagte sie bedächtig, »aber nur, wenn ich die Schuhe und Strümpfe nicht ausziehen muß.« »He, so behalte sie meinetwegen an!« machte der Battisteli. »Aber dann mußt du die Krone wieder aufsetzen!« rief der Erlenbachfranzeli. Das wolle sie gerne tuen. »Ich gebe sie ihr nicht, wenn sie nicht barfuß läuft«, trotzte jetzt des Sigristen Bub; »die kann doch wohl einmal barfuß laufen, das Stolznäschen; ich laufe ja fast das ganze Jahr hindurch barfuß.« 17 Dann, wenn sie doch barfuß zum Blutgerüst treten müsse, tue sie lieber nicht mehr mit. Sie machte wieder Miene davonzugehen. »So gib ihr doch die Krone, Nöldi!« lärmten alle. Da nun auch des Sigristen Nöldeli befürchtete, er könnte um das Schauspiel der Enthauptung einer Königin, worauf er sehr gespannt war, kommen, gab er nach und sagte, dem Mägdlein das Marienkrönchen verdrossen hinhaltend: »So nimm sie denn!« »Nein«, sagte das Heleneli, »nun will ich sie nicht mehr«, und kehrte dem Knaben den Rücken. Verdutzt, schier erschrocken zog der Nöldeli die Hand mit dem Krönchen zurück: »Warum denn nicht?« Alle wunderten mit großen Augen nach dem Mägdlein. Es kam aber keine Antwort; nur ihr Mäulchen verzog sich ein bißchen, und dann versuchte sie vom Karren ein loses Spänchen abzulösen. »Aber eine Königin muß doch gewiß die Krone aufhaben«, sagte endlich der Battisteli. Nein, sie wolle die Krone nicht mehr haben; lieber gehe sie nach Hause. Es war höchste Zeit, daß sie der Battisteli wieder am Rocke festhielt. So mußten sich denn die Knaben wohl oder übel dareinfinden, ihre Königin ohne Krone zur Hinrichtung gehen zu sehen. Der Nöldeli aber war tiefbeleidigt und erbost; denn sie mochte weder von ihm noch von seiner Krone mehr etwas wissen. 18 Aus der Unkrautwildnis der Gräber lugte, umfaßt und überwuchert von zierlichen Gräsern und süßduftenden wilden Blumen, ein umgestürzter Grabstein. Auf seine verwitterte Platte mußte das Heleneli niederknien. Es wickelte seinen Rosenkranz um die Hände und senkte den Kopf also demutvoll, daß ihm die flachsfarbenen Haare übers Gesicht herabfielen. Jetzt erhob der Battisteli, den sie sich selber zum Henker auserkoren hatte, unter lautloser Stille sein Schwert, als wollte er die Erde auseinanderhauen, ließ es aber sanft wie ein Flaumfederchen niedergleiten, also daß es kaum ihren Hals tupfte. »Nein, bloß so!« lärmte des Sigristen Nöldeli; »so kann man doch eine Königin gewiß nicht hinrichten, wenn man sie kaum anrührt.« »Ja, du mußt sie stärker hinrichten«, stimmten die andern bei; »du mußt ihr eins hauen.« Nein, das tue er nicht, sagte der Battisteli. »Doch, hau mir nur eins«, machte jetzt zum allgemeinen Erstaunen leise das Mägdlein; »ich habe ja gar nichts gespürt.« Da ermannte sich der Battisteli. Seine Henkerehre stand doch auf dem Spiel. Der Nöldeli drängte sich vor alle Buben und mit kugelrunden Augen schauten sie auf das Schlachtopfer. Der Battisteli zog sein Schwert auf und klopfte Heleneli gelinde auf den Hals. 19 »Stärker, stärker!« machte sie dringend, weich. Es war, als sähe man ihr Stimmchen mit gleißenden Augen aus einem Spiegel schauen. »Au!« Battisteli hatte, glühendrot, einen festern Schlag nach ihrem schmalen Halse gewagt. Wie leblos war sie auf den Grabstein hingesunken und hatte die Augen geschlossen. Aber plötzlich fuhr sie auf und griff erschrocken nach ihrem Fuße. Des Sigristen Nöldeli hatte ihr, als sie einen Augenblick still dalag, den losgenestelten Schuh vom Fuße gerissen, und nun stob er damit gegen den Klosterplatz hinunter. Aber der Gerbebattisteli war schon hinter ihm her. Bei den Kramladen warf Nöldeli den Schuh lachend in einen Regentümpel. Battisteli griff ihn flink auf und wollte sich nun erbost über den frechen Räuber herstürzen. Doch der verzog sich in einen Kramladen unter die schützenden Fittige seiner Mutter, von wo aus er seinem Verfolger, unterstützt durch die erprobte mütterliche Beredsamkeit, eine sehr lange Litanei von Schimpfnamen zurief. So kehrte denn Battisteli mit dem wiedergewonnenen Schuh, ihn am Kittel angelegentlich abputzend, in den Friedhof zurück, auf dem Wege auch noch das dem Nöldeli auf seiner eiligen Flucht entfallene Krönchen aufnehmend. 20 »Da«, sagte er zu Heleneli, das auf dem Grabstein saß, und legte ihr Krönchen und Schuh in den Schoß, »da hast du alles wieder.« »Die Krone mag ich nicht«, machte sie, das Krönchen auf den Grabstein neben sich hinlegend. Flink zog sie ihr Schühlein an, sprang auf, stieg in den Karren und rief: »Stoßt an, Buben, und hockt auf!« Die Buben schossen zum Karren, gaben ihm einen kräftigen Stoß und schwangen sich flugs darauf. Das Heleneli hielt die Lenkstange fest in den Händen, und im Hui sausten sie alle miteinander aus dem Friedhof auf den Dorfplatz gegen den Frauenbrunnen hinunter. Mit einem raschen Seitensprung war der alte Sigrist gerade noch dem dahersausenden Karren ausgewichen. Jetzt trat er brummend in den Friedhof. Auf einem Grabstein sah er das niedliche Krönchen liegen, auf dessen schiefem Kreuzlein ein weißer Falter saß. »Ei, hab' ich's denn nicht gesagt«, machte er, »die Kronen seien jetzt billig! Sie liegen ja schon auf allen Gräbern herum, und nun hat dieses Heleneli sein Krönlein auch schon verloren, obwohl es mich vorher bedünken wollte, besser könne die Krone der Königin von Frankreich auch nicht angestanden sein als diesem rotwangigen Hochmutsnärrchen.« 21   III. Das Heleneli durfte nun, so klein es noch war, schon vielerlei im mütterlichen Gasthause zum »Pfauen« helfen. Es führte die Pilger zu den Kramladen, in denen sie allerhand Kleinkram, bemalte und unbemalte Muttergottesstatuettchen aus gebranntem Lehm, Rosenkränze (»Noster« genannt), Wachssächelchen (als: Beinchen, Ärmchen und dergleichen), überhaupt mannigfaltige Devotionalien, aber auch Leckereien, besonders ein nach Waldhonig duftendes Gebäck (»Schafböcklein« geheißen), zu kaufen pflegten. Oder es zeigte den Fremden die Kirche, geleitete sie zur Gnadenkapelle, ihnen mit feierlicher Miene andeutend, daß in dem kleinen glänzenden Tabernakel unter dem wundertätigen Muttergottesbildnis das Haupt des heiligen Meinrad, des Landespatrons, aufbewahrt werde. Darnach machte es mit ihnen die Runde um alle Altäre und erzählte ihnen mit eifriger leiser Stimme die Legenden der Heiligen, die wie Schneewittchen in gläsernen Särgen unter den Altären, prunkvoll bekleidet, die vergoldeten Marterwerkzeuge in den Armen, ihrer Wiedererweckung harrten. Auch führte es sie zum Altar des heiligen Sigismund, wo die 22 in den Kramladen erworbenen Devotionalien eingesegnet wurden. Es durfte den Pilgern sogar den Weg zum Frauenkloster der Waldschwestern in der Au zeigen. Oft ließ es die Neugierigen, das Tor verstohlen öffnend, in den großen Herrengarten des Klosters hineinwandern, bis ihm der gartenbebauende Konversus die Türe vor der Nase zuschlug und es sich aus Furcht vor den großen Hofhunden schleunigst davonmachte. Seine ganz besondere Aufgabe aber war die Unterhaltung der Kinder, die bessere Pilger mit sich in die Waldstatt brachten. Oft stiegen hochvornehme Herrschaften aus deutschen Landen, und nun seit den Unruhen in Frankreich besonders viele welsche Adelige im Gasthause ab. Dann pflegte die stattliche Wirtin ihre schöne Schwyzertracht anzuziehen; denn die weiße Kammhaube, das feine mailändische Fazolettli als Halstuch und gar der seidene dunkle Heiligtagrock standen ihr gar wohl an. Auch das Heleneli wurde besser angezogen, und weil es all die Kleiderherrlichkeiten der fremden vornehmen Kinder zu sehen bekam, lag ihm sehr daran, sich ebenfalls so fein als möglich zu machen. So kam es, daß es sich nicht nur an sogenannten Stoßtagen, an denen das Dorf voll Pilger war, sondern auch an gewöhnlichen Werktagen immer sauber, nett und gefällig zu tragen wußte, so daß die redeflüssigen Kramladenweiber es ein 23 Hochmutsnärrchen nannten. Seine kleinen Dienste trugen ihm von den Pilgern hin und wieder einige Kupfermünzen ein, die es mit den Kindern der Nachbarschaft jeweilen zu verschlecken pflegte. Seine größte Freude aber war, sich mit französischen Wallfahrern zu unterhalten. Seine Mutter gab ihm dazu Gelegenheit, so oft es sich machen ließ, um es in der fremden Sprache sich einüben und ausbilden zu lassen. Sie selbst sprach, wie es bei den Wirtinnen der ersten Gasthäuser im Dorf immer bräuchlich war, das Fränkische recht gut und hatte auch ihr Kind nach Zeit und bestem Vermögen in diese Sprache eingeführt. Auch es sollte für die vielen welschen Gäste eine gute Wirtin werden. So verstand denn das Heleneli das Französische ganz gut und radebrechte es auch schon leidlich. Mit großen bewundernden Augen pflegten es die übrigen Waldkinder anzustaunen, wenn es, so laut als tunlich redend, mit welschen Pilgern in der Kirche oder im Dorf herumzog. Das waren allemal glückhafte Zeiten für das Heleneli; denn da glänzte es wie ein vergoldetes Heiligenbild. Selbst die Waldfrauen in den Kramladen, denen es nie recht gelingen wollte, ihre ererbte und wohlerworbene Zungenfertigkeit auch in der französischen Sprache zur vollen Geltung zu bringen, erbleichten vor Bewunderung, wenn sie das Mägdlein »fränkisch« reden hörten, 24 und riefen aus: »Jetzt hört einmal das kleine Hochmutsnärrchen an, wie es schon parliert!« Aber es konnte nicht nur Welsch parlieren; es hatte die hellen Augen früh aufgetan und den welschen Frauen auch das welsche Tudichum abgeguckt, so daß es nichts Anmutigeres zu sehen geben konnte als das Heleneli, wenn es in der Kirche am Allerheiligsten vorbeiknixte. Dabei war es von einer natürlichen Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit, die auch dem griesgrämigsten Wallfahrer, selbst wenn er ungekochte Erbsen in den Wanderschuhen hatte, einen wohlwollenden Blick abnötigte. Es war am Vorabend eines hohen Feiertages. Auf dem eisernen Vortreppengeländer vor dem Pfauen rutschten das Heleneli und ein zarter blasser Knabe um die Wette herum. Sie reichten einander die Hände, glitten mitsammen immer wieder, übermütig auflachend, die Geländer hinunter und schienen sich dazu in der fremden Sprache aufs vortrefflichste zu unterhalten. »Was ist das für ein fremder Bub?« fragte jetzt verdrossen der Gerbebattisteli aus der Knabenschar, die, neugierig der Rutschpartie zuschauend, die Stiege umstand. »He, wer wollte es denn sein?« antwortete das Heleneli, »halt ein Franzosenbub. Seine kranke Mutter und eine alte Magd sind noch bei ihm, und er heißt Pierre. Spiel auch mit, Battisteli!« 25 Er schüttelte unwillig den Kopf und tutete ein paarmal durch das niedliche Waldhörnchen, das er sich eben im Klosterwald aus frischabgeschälter Weidenrinde gedreht hatte. »Aber du hast ein schönes Hörnchen«, sagte sie, »o, wenn ich doch so eins hätte! Laß mich auch einmal dreinblasen.« »Nein«, machte er schmollend, »wenn du immer mit dem Franzosenbuben gehst.« »He, es muß doch gewiß jemand mit ihm reden.« Was sie denn miteinander reden täten, wollte er wissen. »He«, machte sie verschämt lächelnd, »er hat gesagt, ich sei ein kleines Waldfräulein.« Überlaut lachten die Buben heraus, und der Battisteli sagte: »O Heleni, der flattiert dir ja bloß. Laß doch den fremden Fetzel gehen und spiel lieber mit uns; dann schenke ich dir das Waldhörnchen.« Verlockend stieß er ins Hörnchen, und die Buben flöteten, soviel sie vermochten, auf ihren frischen grasgrünen Weidenpfeifen. Nein, das tue sie nicht. Die Mutter habe sie geheißen, den fränkischen Knaben ein bißchen zu verkurzweilen. Zudem sei er ja ein so Guter und Netter. Gewiß sei er auch nicht recht gesund, da er so bleich aussehe. »Dann habe ich nie mehr etwas mit dir!« rief der Battisteli entrüstet aus. »Kommt, Buben, wir gehen zum Frauenbrunnen!« 26 Fort stürmte die Knabenschar, dem nahen Brunnen zu, zwischen dessen Säulen die neuvergoldete Statue der Unbefleckten Empfängnis in der Abendsonne glänzte. Beklommen, den Finger im Mund, schaute das Mägdlein den abziehenden Buben nach, und als Battisteli sich nochmals umsah, rief es ihm zu: »Wartet, Buben, wir kommen auch!« »Nein«, lärmte er zurück, »ihr dürft nicht zu uns kommen; wir wollen den Welschen nicht!« »Nein, der Welsche darf nicht zu uns kommen!« stimmten die andern Jungen bei. Ein flüchtiger Schatten ging über Helenelis Gesicht. Aber es nahm seinen fränkischen Spielkameraden, der dem Auftritt verständnisvoll zugeschaut hatte, an der Hand, und langsam gingen sie zusammen ebenfalls auf den Frauenbrunnen zu. Battisteli und sein Anhang schienen spurlos verschwunden zu sein. »Nun wollen wir von allen vierzehn Röhren trinken, wie es die Pilger auch tun«, sagte das Heleneli, und zog ihn sorgsam über die Rinnen. Da schoß die ganze Bubenschar hinter dem Brunnen hervor und lärmte: »Macht daß ihr wegkommt! Der fremde Bub darf nicht von diesem Wasser trinken; das ist unser Brunnen! Geht weg, geht weg!« Erschrocken wich das Pärchen zurück. Aber dann ermannte sich das Mädchen. 27 »Was!« machte es empört, »ihr wollt den Pierre nicht trinken lassen? Das sage ich der Mutter. Das Gnadenwasser ist doch gewiß für alle Leute, nicht nur für euch, ihr wüsten Buben ihr!« »Waldfräulein, Hochmutsnärrchen, Hochmutsnärrchen!« höhnten die Buben lärmend. Das welsche Büblein schob den ihm zunächststehenden Knaben entschlossen zur Seite und machte sich an eine Röhre. Doch bevor er zu trinken vermochte, stürzte sich Battisteli zornig auf ihn und stieß ihn also über die Rinnen vom Brunnen weg, daß er zu Boden fiel. »Du Böser, du Böser!« schrie das Heleneli, fiel über Battisteli her, faßte ihn am Kittel und versuchte ihn ebenfalls vom Brunnen wegzuziehen. Er vermochte sich ihrer kaum zu erwehren; denn er wagte sie nirgends herzhaft anzufassen. »Laß mich doch los«, sagte er bedrückt; »wir haben ja keinen Streit mit dir, bloß mit dem Welschen!« »Willst du ihn wohl trinken lassen oder nicht?!« schrie sie weinend und verschüttelte ihn also, daß ihm sein kleines Waldhorn fast entfiel. »Au!« jammerte sie auf, und nach allen Seiten stoben die Buben auseinander. Es hatte jemand einen Stein nach ihr geworfen. Doch nun weinte sie nicht mehr. Betrübt kniete sie an eine Rinne und ließ das bißchen Blut, das 28 ihr aus einer leichten Schürfung über die Stirne floß, ins Wasser tröpfeln. Doch der fremde Knabe hatte sogleich sein weißes Nastuch in die Rinne getunkt, tupfte ihr nun sorglich das Blut weg und fragte, ob es sehr weh tue. O nein, weh tue es nicht; aber es hätte nie gemeint, daß die Waldbuben so böse seien. Es gehe nie mehr mit ihnen. »Ich habe dir ja nichts getan«, sagte nun halblaut der Battisteli, der beschämt zur Seite stand. »Wenn ich den erwische, der den Stein geworfen hat, haue ich ihn gehörig durch!« – Tiefes Schweigen. – »Wenn du wieder gut mit mir bist«, fuhr er fort, »so schenke ich dir nun das Waldhörnchen, schau!« – Es kam keine Antwort. – »Nimm es, nimm es doch! Du mußt es nehmen!« machte er, an sie herantretend, und versuchte ihr's gewaltsam in die Hände zu drücken. »Nein, ich will es nicht!« herrschte sie ihn an und sprang auf. »Ich mag nichts annehmen von einem, der dem bleichen Franzosenbüblein nicht einmal einen Schluck Wasser gönnen mag. Wegen ihm bin ich dir böse und gar nicht wegen mir! Ich habe gemeint, was du für ein freiner , lieber Bub seiest, und nun bist du so einer!« »Dann, wenn du's nicht nimmst, mag ich das Hörnchen auch nicht mehr«, machte er weinerlich, ließ es in die Rinne fallen und ging, steif vor sich hinsehend, schnell davon. 29 Ein Weilchen sah ihm das Heleneli schier erschrocken nach und hörte plötzlich zu weinen auf. Als es aber bemerkte, daß er hinter einer Pfauenecke stehen blieb und verstohlen nach ihr zurückguckte, tat es noch einen trockenen Schluchzer, warf sich dann wieder an die Rinne und fluderte des welschen Knaben rotbetropftes Nastuch so lange hin und her und wand es also aus, daß es wieder schlohweiß wurde. Aufmerksam schaute das fränkische Büblein der Wäsche zu. »Pierre!« »Mama!« Freudestrahlend wandte sich der Knabe. Jetzt trippelte an einem Stock, gestützt von einer alten Magd, eine schwarzgekleidete Dame auf den Brunnen zu. Erstaunt, schier mißfälligen Blickes, schaute sie bald auf Pierre, bald auf das waschende Mägdlein. Was er denn am Brunnen treibe? Sie und die Bonne hätten schon lange nach ihm gesucht; es sei bald Zeit, in die Vesper zu gehen. O, er schaue nur der kleinen Helene, dem Kind ihrer Wirtin zu, wie es sein Nastüchlein wasche. Wie denn aber das Kind dazukomme, sein Nastüchlein zu waschen? Nun erzählte er den Streithandel mit den Waldbuben, und wie das Heleneli so tapfer für ihn eingestanden und sogar seinetwegen verwundet worden sei. 30 »Ah«, sagte sie nun lächelnd, »das ist ja die hübsche Kleine, mit der man sich schon so gut in der Sprache des hl. Ludwig unterhält. Mein liebes Kind, so hör doch!« Eifrig, dem Brunnen zugekehrt und schier den Atem anhaltend, hatte das Heleneli immerfort das Nastuch ausgewunden. Jetzt sah es schüchtern lächelnd auf. »Was tust du denn so fremd?« fragte verwundert die kranke Frau. »Kennst du mich denn nicht mehr?« »Doch!« machte es, ihr in die Augen sehend. »Warum bist du denn auf einmal so schüchtern? Bist doch sonst ein so amüsantes, keckes Plappermäulchen.« »Ich hab' gemeint, Ihr tätet mit mir schimpfen, weil ich nicht gut genug zu Euerm Pierre geschaut habe.« Die Frau lächelte und streichelte das Mägdlein mit zärtlicher Hand übers Flachshaar. »Was du doch für ein tapferes kleines Herz hast, meine liebe Kleine, dich so für meinen armen Pierre zu wehren. Steh doch auf, mein Täubchen!« Das Heleneli stand auf und hielt das gründlich gewaschene Nastuch dem Pierre hin, der es, an einem Zipfel zimperlich mit zwei Fingern erfassend, sogleich an die Bonne übertrug. »Sei vielmal bedankt, mein gutes Kind«, sagte Pierres Mutter, »und nun laßt mich von dem 31 Brunnen Unserer Lieben Frauen trinken, nach dem ich so viele Jahre vergeblich gedürstet habe.« Aber rings um den Brunnen zogen sich die Rinnen, durch die das eiskalte Wasser floß. Die halblahme Frau getraute sich nicht darüber an die Röhren zu treten; sie fürchtete, mit den Füßen in eine Rinne zu geraten und sich also zu erkälten. »Ach, das wäre ja schrecklich!« klagte sie. »Nun soll ich am Ende gar nicht von dem gnadenreichen Brunnen trinken können!« »Mama, wir werden dich über die Rinnen tragen lassen«, tröstete Pierre. »Ich will einen Becher im Hotel holen«, sagte die Bonne. Aber das Heleneli griff flink Battistelis weidenrindenes Waldhörnchen aus der Rinne auf, huschte an den Brunnen, legte einen Finger an die kleinere Öffnung des Hörnchens und ließ das flüssige Silberkettlein dareinstrudeln. »Hier trinkt, gute Frau!« sagte es, so achtsam als möglich herantrippelnd, damit ja kein Tröpfchen verloren gehe, »trinkt nur; ich hole gleich wieder!« Einen langen, wohlwollenden Blick tat die würdige Frau auf das waldduftige Trinkhörnchen. Dann trank sie mit zitternden Lippen. »Ah!« machte sie dann aufatmend, »wie gut, wie frisch, wie rein!« 32 Und schon wieder kam das Kind mit seinem vollen Rindenbecherlein von einer andern Röhre, und so ging's rings um den Brunnen, bis die Dame das Gnadenwasser von allen vierzehn Röhren getrunken hatte. Doch als sie ihren welken Mund zum letztenmal ins Waldhörnchen getaucht hatte, küßte sie das Heleneli auf Mund und Wangen und zog aus einem Täschchen ein Agnus Dei i, ein Amulett, das in Gestalt eines blutenden Herzchens an einem roten Schnürchen hing und mit einem winzigen Pergamentstreifchen umwickelt war. »Gott segne dich, liebes Kind!« sagte sie gerührt und hing ihm das Herzchen um. »Nimm das als Andenken an mich. Dies Amulett, das ich von Loretto habe, wird den, der es trägt, aus höchster Not glücklich herausbringen.« Und wieder und wieder küßte sie das überglückliche Mägdlein. Jetzt hub mit silberheller Kinderstimme das Glöcklein der Gnadenkapelle zu rufen an. Zwei ferne Glöckchen im Oberchortürmlein stimmten mit heimweherischem Gesange ein, und nun erhob sich in den großen Türmen ein vielstimmiges Halleluja, das stille Hochtal St. Meinrads aller Enden erfüllend. Noch einmal küßte die Dame das Kind auf die Stirne; dann machte sie sich, geführt von ihrem Söhnchen und der alten Bonne, zur Kirche hinauf, der feierlichen Pontifikalvesper anzuwohnen. 33 Das Heleneli aber beschaute nun, selber durstig geworden, mit recht begehrlichen Augen das Waldhörnchen in seiner Hand und hielt es dann zögernd unter eine Röhre. Als es aber munter dreinquirlte, errötete es, leerte das Wasser, ohne davon zu trinken, plötzlich aus und legte das Hörnchen wieder in die Rinne. Dann setzte es seinen roten Schnabel an die Röhre, und als es sich satt getrunken und mit flinkem Zünglein ein paar hängengebliebene Wassertropfen von den Lippen geschnellt hatte, tat es nochmals einen langen Blick auf das in den Rinnen umgehende Waldhörnchen und hüpfte dann singend dem elterlichen Hause zu, um der Mutter sein Geschenk zu zeigen. Aber als es die Vortreppe hinaufjagen wollte, sah es einen Krauskopf verstohlen um die Hausecke gucken und blitzgeschwind wieder verschwinden. »Battisteli«, rief es, »komm nur hervor; ich bin dir nicht mehr böse!« Doch der Krauskopf wollte nicht wieder zum Vorschein kommen. Da sprang sie die Treppe hinunter, eilte um die Hausecke und prallte mit dem Knaben, der eben wieder hervorgucken wollte, zusammen. Aufkreischend lief er weg. »Battisteli«, rief sie, ihm nachrennend, »so wart doch, so wart doch!« 34 Sie vermochte ihn aber nicht einzuholen. Jetzt schlug sie das Schürzchen vor die Augen und blieb stehen. Nun machte er auch Halt und begann sich ihr zu nähern. Als er aber so ziemlich an sie herangekommen war, ließ sie auflachend das Schürzchen fallen und schoß auf ihn zu. Doch er machte wieder ein Schmollmäulchen und lief davon. Sie ums Haus herum hinter ihm her. »Battisteli, Battisteli!« rief sie. »Sei mir doch nicht böse. Ich mußte doch den Pierre verkurzweilen, weil ich fränkisch kann. Die Mutter hat mich ja geheißen. Battisteli!« Aber sie vermochte ihn nicht einzuholen. »O weh, weh!« schrie sie auf und sank ins Knie. Beunruhigt blieb er sogleich stehen und kam rasch zu ihr herangegangen. »O, o!« wehklagte sie. »Hast du etwa den Fuß verrenkt?« fragte er besorgt. Wie er aber bei ihr stand, schoß sie auf, packte ihn am Kittel und machte frohlockend: »Ich lasse dich nicht mehr los, bis du sagst, du seiest mit mir nicht mehr im Streit!« Er wollte sich aber, das Gesicht abwendend, doch von ihr losmachen. Da umwand sie ihn mit beiden Armen und sagte, mit ihm ringend: »Bleib, bleib; sei wieder gut und frei mit mir; ich zeige dir dann etwas!« »Was denn?« wunderte er, ergab sich sofort und machte ein Paar neugierige Augen. »O«, rief er, 35 toll auflachend und mit dem Finger auf ihre Nase zeigend, »du hast noch einen Blutstropfen auf der Nasenspitze! das ist lustig, das ist lustig!« Rasch netzte sie einen Schürzenzipfel etwas im Mund und rieb dann ihr Näschen aufs angelegentlichste ab. »Bin ich jetzt sauber?« Ja, jetzt sei sie wieder sauber. Was sie ihm denn zeigen wolle. Sie hielt ihm das Agnus Dei unter die Augen. »Gelt, Battisteli, das ist ein feines Agnus Dei . Das hat mir Pierres Mutter gegeben.« »O, ich habe ein ganz gleiches«, sagte er, zog hurtig den Kittel aus, vertat sein Hemd so weit als möglich, und nun erblickte sie zu ihrer Verwunderung an seiner bloßen Brust ebenfalls ein blutrotes Herzchen. »Ja, es ist ein ganz gleiches«, bestätigte sie etwas kleinlaut, »nur daß es an einem blauen Schnürchen hängt und das meinige an einem roten.« »Ein Kapuziner hat es mir geschenkt«, sagte er, »und auf dem winzigen Streifchen, das ums Herzchen gewickelt ist, heiße es: Heiliges Herz Jesu sei mit mir! hat meine Mutter gesagt.« »Wollen wir tauschen?« »Ja, wenn du nicht mehr mit dem Franzosenbub gehst, will ich mit dir tauschen, sonst nicht.« »Nein«, sagte sie, »ich gehe nicht mehr mit ihm; denn morgen verreist er mit seiner Mutter. Aber 36 dann, Battisteli, mußt du mir immer gehorchen, wenn wir Mütterlein spielen; nicht wie letzthin; denn da liefst du davon als es am schönsten war und du das Püppchen in Schlaf hättest singen sollen.« »Nein, ich will dir nie mehr davonlaufen«, sagte er, ihr am blauen Schnürchen sein Herzchen hinhaltend. Sie nahm es und hing sich's um. Flink streifte sie nun auch ihr Herzchen vom Hals und sagte: »Du mußt das Hemd noch mehr herabtuen; sonst kann ich's dir ja nicht um den Hals legen.« Nun krempte er sein grobleinenes Hemd also um, daß seine spitzigen Achseln bloß lagen, und jetzt hing sie ihm mit sorgsamer Hand das Agnus Dei mit dem roten Schnürchen um, wobei er fortwährend kicherte. Oben im Gasthause ging ein Scheiblein. »Kinder«^ rief die Pfauenwirtin verwundert, »was treibt ihr denn da unten? Der Battisteli wird doch nicht heitern hellen Tages auf der Straße zu Bett gehen wollen?« »Mutter, Mutter!« jubelte das Heleneli auf. »Ich und der Battisteli haben die Herzchen vertauscht!« »Was habt ihr vertauscht?« fragte die Wirtin mit großen Augen. »He, halt die Agnus Dei -Herzchen haben wir vertauscht.« »Jaso, die Agnus Dei -Herzchen!« 37 »Der Battisteli hat nun ein rotes und ich habe ein blaues Schnürchen daran. Schau, Mutter, wie fein sie sich machen!« Heleneli stellte sich auf die Zehen. Battisteli aber nahm das Hemd, mit einem verschämten Blick nach der Pfauenwirtin, wieder sorglich zusammen. »Ja, ja, du Hochmutsnärrchen!« sagte die Mutter, lächelnd und wohlgefällig auf ihr Kind herunterschauend. »Jetzt komm aber zum Vespertrinken! Kannst ja den Battisteli auch mitnehmen.« Jauchzend, Hand in Hand, liefen die Kinder unter dem Ausläuten der Klosterglocken über die Vortreppe hinauf ins hochgiebelige Gasthaus. 38   IV. Als das Heleneli heranwuchs, mußte es in die Schule. »Nicht daß es vom alten Meister Plazi viel mehr lernen könnte, als es von mir gelernt hat«, sagte die Pfauenwirtin; denn sie hatte es einige Winter hindurch lesen, rechnen und gar etwas schreiben gelehrt; – »aber wir wollen tuen wie andere Leute, und zudem ist dem bedürftigen alten Soldaten und seiner Familie das bißchen Zustupf zu seinem mageren Lohne wohl zu gönnen.« So kam das Kind aufs Rathaus in die Schulstube, die hinter dem Ratsaal, der Küche gegenüber sich befand. Die Schulstube war zugleich des Schulmeisters Wohnstube. Der Schulmeister Plazi, ein alter Soldat, war seinerzeit in Neapel königlicher Wachtmeister gewesen und war dann, wie schon manch einer vor ihm, als sogenannter Napolitaner arm und bresthaft heimgekehrt. Was er heimgebracht hatte, war ein grimmiger Soldatenmut, ein fadenscheiniges Soldatengewand und ein gewaltiger Soldatendurst, den er im Welschland, wie er zu sagen pflegte, wegen der heißen Lüfte, die aus dem nahen feuerspeienden Berg aufstiegen, nie recht zu löschen 39 vermocht habe. Da die Schule gerade verwaist war, hatte man ihn als Schulmeister angestellt, allerdings erst auf bittliches Anhalten; denn, sagte der Pfarrer, mit seinen magistralen Künsten sei es nicht weit her. Es war neben ihm ein etwas befähigterer auswärtiger Schulamtskandidat aufgetreten. Aber die Waldstatträte schauten auf ihre verwilderten Jungen, um deren Bändigung es ihnen mehr zu tun war als um deren Schulweisheit. So nahmen sie den Napolitaner, da er zum ersten schier keine Ansprüche mache, zum andern ein geborener Waldmann von Einsiedeln sei und zum dritten und letzten der »Schreckhaftere« als der fremde Fetzel, gegen den die Schülerknaben doch nur die Zungen herausstrecken täten. So hatte denn der Meister Plazi sein Amt angetreten. Anfänglich erfüllte er die Hoffnungen der Waldstatträte so ziemlich. Es gelang ihm, die meisterlosen Buben der hablicheren Waldleute – denn nur solche kamen zur Schule – leidlich im Schach zu halten, wobei er freilich seine ganze Schreckhaftigkeit hervorkehren mußte, die sich in Prügeln, fürchterlichem Gebrüll und Mord und Tod dräuenden Grimassen äußerte. Im Grunde genommen war er ein gutmütiger alter Bursche; aber er mußte gern oder ungern mit den wilden Buben Krieg führen. Er setzte die Knaben, die zwar fast alle auch noch Weiberkutten anhatten, auf die eine, die Mädchen auf die andere Seite der Schulstube, damit 40 er gleich wisse, wo er die rauhhaarigen Waldböcke und wo er die zarten Waldzicklein zu suchen habe. Allmorgentlich legte er die schlimmsten Buben, die wie ein wildes Heer in die Schulstube hereinrasten, einfach übers Knie und gab ihnen die disciplina deorsum wie der nebenanunterrichtende lateinische Schulherr das nannte, daß es wetterleuchtete. »So«, sagte er dann langaufatmend, »heute hoffe ich den Krieg noch einmal zu gewinnen!« Nach dieser frühtäglichen Attacke, die er das Teufelaustreiben nannte, wagte er erst zum Schulgebet und darnach zum Unterricht zu schreiten. Seine ganze Unterrichtskunst bestand im Lesenlernen und im Eintrichtern des sogenannten Namenbüchleins, das eine Reihe von Wörtern, das Vaterunser, den Glauben und andere Gebete enthielt, und im Abfragen des kleinen Einsiedler Katechismus. Gelegentlich wurde auch Geschriebenes zusammengelesen. So donnerwetterte er sich denn schlecht und recht mit seinen Waldbuben herum, und trotzdem seine Schüler nicht schwerbeladen mit Wissenschaft von ihm gingen, waren die Waldstatträte mit ihm doch nicht unzufrieden. Aber als er älter wurde, neben den Schülern noch eine Schar eigener Kinder hatte, und sein Durst in gleichem Maße zunahm wie seine Schulmüdigkeit, verlor er bei den Buben nach und nach alle Schreckhaftigkeit und gewann den Krieg selten mehr, da er schon bei der Attacke roch wie eine Weid voll 41 Enzianblumen und nicht mehr fest genug auf den alten Beinen zu stehen vermochte. So kam es, daß er den Unterricht meistens seiner handsamen Ehefrau zu überlassen für gut fand. Die hatte sich seine spärliche Gelahrtheit und seinen Drill im Laufe der Jahre wohlgemerkt, da sich die fast immer offenstehende Küche der Schulstube gegenüber befand. Und die Schüler gehorchten der großen, aber gutmütigen Frau gar nicht übel, was den Schulmeister noch mehr anspornte, seinerseits zu feiern. Er verzog sich in die Küche und strickte Strümpfe, welche Handfertigkeit er in seinen vielen müßigen Stunden zu Neapel von den Kameraden erlernt hatte. Aber meistens guckte er ins Enziangläschen, bis ihm die Freuden seiner Napolitanerzeit daraus aufstiegen und er zum Verdrusse seiner Schulvikarin und zum Gaudium seiner Schüler alte italienische Kriegslieder oder gar zärtliche Arien zu singen begann. Nach und nach blieben die Gesänge den Schülern im Gedächtnis haften, und so fielen sie denn, sobald er in seinem Küchenwinkel wieder zu kantieren anhub, fröhlich ein, bis der lateinische Schulherr fuchsteufelswild aus seiner Schulstube fuhr und lärmte: Wenn sie doch durchaus so brüllen müssen, so sollen sie doch wenigstens ehrlich deutsch brüllen und nicht wie welsche Kälber. So stand es, als das Heleneli und der Battisteli in die Schulstube aufs Rathaus mußten. 42 »Das Heleneli, das ist ein Kind!« sagte der Schulmeister, als ihm die Pfauenwirtin bei einem Besuch einen Gratisschoppen Dickroten aufstellte; »es kann kein netteres und zutunlicheres Mägdlein geben auf Gottes Erdboden. Leib und Seele immer sauber gewaschen, und dabei ist es warmblütig und stark wie der welsche Wein, den Ihr mir da aufgetischt habt, Pfauenwirtin.« Als sie aber wissen wollte, wie sich denn der Gerbebattist in der Schule aufführe, jammerte er schier auf und klagte, er habe noch nie einen wilderen, ungereimteren Buben in seiner Schule gehabt, was gewiß daher komme, daß seine überzärtliche Mutter, deren Einziger er eben sei, ihm in allem immer den Willen getan oder gelassen habe. Seiner Frau gehorche er zwar zur Not; ihm aber fast gar nicht. Er könne aber nicht viel dagegen tuen; die groben Lümmel seien ihm bald über. So komme es jedoch, wenn man sie, um die paar Bissen und Holzscheiter am Schulmeister abzusparen, erst zur Schule schicke kurz bevor sie Hochzeiter seien. Er vermöge den rasch aufwachsenden Battist kaum mehr zu bändigen. Wo er ihm einen Streich spielen könne, versäume er's gewiß nicht. Da wußte er viel zu erzählen. Nach den letzten Pfingstfeiertagen hätten alle Schüler heimlich tönerne Pfingstschellen und Kuckucke in die Schule gebracht, und auf einmal sei auf Battists Kommando ein Schellen und 43 Kuckuckrufen angegangen, daß der Waldstattrat, der eben vorne Sitzung gehalten habe, entsetzt dahergesprungen sei und ihm mit Entlassung gedroht habe. Zudem bringen sie ihm bald Mäuse und Eidechsen, die sie unter den Bänken der Mädchen laufen lassen, bald Katzen und junge Hunde in die Schule, als ob darin die Arche Noah wäre und sie das Tierreich vor einer zweiten Sintflut hereinflüchten müßten. Jüngsthin gar habe der Gerbebattist, als er ihm das Lederzeug nach Verdienst habe putzen wollen, flugs unter die Bank gegriffen, einen gerollten Igel aufgenommen und sich damit gegen seine Attacke also gewandt gewehrt, daß der Lausbub das Feld behauptet hätte. Er habe eben immer zur rechten Zeit den Igel vorgehalten, wenn er ihm einen Watsch herunterhauen wollte. Seine Hände seien heute noch wund von den Stacheln des vermaledeiten Ungetiers. Und vor ein paar Tagen hätten die heillosen Burschen wieder getan wie die Wildsäue im Erdäpfelacker. Da habe er in seiner Not ein Mägdlein zum Pfarrer geschickt; denn seine Frau sei fort gewesen; – er möchte ihm doch zu Hilfe kommen. Aber als der Pfarrherr gekommen sei, hätte er die Schülerknaben im untern Stock auf der Gemeindetanzdiele angetroffen, wo sie zum Getute einer Schwegelpfeife drauflos tanzten. Und als er nun verwundert gefragt hätte, 44 wo denn der Schulmeister sei, hätte der Battisteli gerufen: »Er ist oben und spielt Fuchs im Loch!« Richtig hätte ihn der Pfarrer in der Schulstube eingesperrt gefunden. »Kurzum«, schimpfte der Alte, »ich befinde mich mit den Schülerbuben im beständigen Kriegszustand, und der Gerbebattist ist das immer höher aufschießende Haupt dieser zuchtlosen Rotte!« Also beklagte sich der Schulmeister über Battisteli. Das Heleneli jedoch, das sehr bald alle Weisheit sich zu eigen gemacht hatte, die das magisterliche Ehepaar besaß, durfte zuweilen mit den jüngsten Schülern, den Buchstabierkindern, beten und lesen. Sehr oft aber wurde ihm das zweifelhafte Vergnügen zuteil, des Schulmeisters Eigengewächs, seine sämtlichen kleinen Kinder in der Küche zu »hüten«, wie die Schulmeisterin in Gedanken an Schafe und Gänse das zu nennen beliebte. Das Mägdlein hielt dies seinerseits für einen großen Vorzug. Frohgemut setzte es sich unter die Kinder in die Küche, spielte mit den größeren, stopfte den kleineren das Habermus in die begehrlichen Mäulchen und machte das allerkleinste schweigen, indem es mit emsigem Fuße die Wiege trat und Schlummerlieder sang. Kurz, es tat so ziemlich alles freudig, was einem rechten Hausmütterchen zu tun zukommt. »Denkt dran, ihr Fratzen!« sagte der Schulmeister allemal, wenn er das Heleneli glückselig unter seiner 45 Nachkommenschaft in der Küche wirtschaften sah, »dem Maiteli da bringen die Klosterfrauen einmal eine ganze Stube voll solch lebendiger Marterpfeiflein!« Gar oft auch verwandte das Mägdlein sein Ansehen dazu, diesem oder jenem verurteilten Buben beim erbosten Schulmeister Begnadigung zu erwirken. Besonders ärgerte es den Alten. daß es immer schon zum voraus zu weinen anfing, wenn er dem Battisteli gegenüber das Recht der Notwehr geltend zu machen versuchte. Der Battisteli aber, obwohl er das jüngere Heleneli um Haupteslänge überwachsen hatte, hing ihm immer getreulich an und befand sich gar oft in seiner Gesellschaft. »Er ist wie verwachsen mit ihr«, sagten die Kramladenfrauen, »trotzdem er so ein Wildling ist.« Zuweilen lief er sogar von den Soldatenspielen, die ihm sonst über alles gingen, weg, um mit der Kleinen auf der Pfauenvortreppe oder um den Frauenbrunnen »Mütterlein« zu spielen, wobei kein Mensch in ihm das gähschüssige Bürschchen gesehen hätte, das er doch war; denn er behandelte Helenelis Puppen schier so zärtlich wie sie. Freilich bekamen sie mitunter auch Anstände; aber gewöhnlich unterzog er sich ihr; denn sie verstand es, ihn mit liebenswürdiger Entschlossenheit also zu umgarnen, daß er trotz allem widerstrebenden 46 Getue sich allezeit rascher ergeben mußte als ein zappelndes Mücklein im Spinnennetz. Auch wenn er etwa verdrossen und setzköpfig weglief, dauerte es nie lange. Gleich stand er wieder da und fragte, als ob er nie weggewesen wäre: »Was wollen wir jetzt spielen, Heleneli?« In der Schule aber stand das Heleneli seinetwegen manchmal eine wahre Folter aus. Er wurde gar oft seiner Unbändigkeit wegen peinlich vorgenommen. Dann war es untröstlich, vermochte es seine Begnadigung nicht zu erwirken. »Warum schreist du denn so, wenn mich der Schulmeister durchhaut?« fragte er's einst. »Ich schreie nie, und wenn's mich noch so beißt. Und du, die ja gar nichts davon spürt, machst immer so ein Geflenn!« »He«, sagte es, »ich weiß es halt nicht; aber ich muß halt weinen!« »He, aber wenn er den Seffi oder den Bläsi durchhaut, weinst du doch auch nicht. Warum denn nicht, sag?« »He, ich weiß es halt nicht weswegen!« »Ach, so flenn doch nicht immer so, wenn er mich austätscht; ich muß mich ja allemal wegen dir schämen!« hatte er verdrossen geantwortet. 47   V. Eines Tages kauerte der Schulmeister Plazi, gähnend an einem Strumpf strickend, in seiner Küche am Herd und überwachte mit Sperberaugen das Milchpfännchen, woraus er dem in nebenanstehender Wiege zappelnden Jüngsten den Morgenschoppen zu kredenzen gedachte. Er seinerseits liebte dergleichen milde Getränke nicht. Er zog es vor, von Zeit zu Zeit einen runden Löffel in das neben der Pfanne stehende Habermusbecken zu tauchen und den genossenen Haberbrei alsdann mit einem Schluck grasgrünen Enzians zu begießen. Das hungerige Kindchen begann zu schreien. Unwillig las er einen riesigen Schnuller vom Boden auf, tunkte ihn ins Habermus, und alsobald begann sein Benjamin wieder kreuzbodenwohlauf sein Dasein weiter zu verlutschen. Zufriedener schaute er ins Pfännchen, an dessen Rand sich seine, weiße Bläschen bildeten. »Herrgott, bin ich froh«, brummte er, »daß ich eine gesunde Alte habe. Ich wollte bald lieber die Heuschrecken in Ägypten hüten als diese Waldbuben. Sie wird noch am ehesten mit ihnen fertig. Ja, ja, der Mensch sollte eben nie alt werden. Wenn 48 ich daran denke, was ich für ein Bursche war zu Neapel in des Königs Rock, und was ich jetzt für ein Bursche bin als der Waldstatt Vogelscheuche im Unkrautgärtlein ihrer Jugend, will's mir schier das Augenwasser aus dem Kopfe zwiebeln. Wollt ihr wohl Frieden halten, ihr Fratzen!« schnörzte er seine Kinder an, die sich um ihn herumbalgten. »Ja, ja«, fuhr er nachdenklich zu reden fort. »was war das für eine fröhliche Lebtung in Neapel! Damals kam mir die Welt vor wie eine Bauchflasche voll dickroten Welschweins, und jetzt ist's mir alleweil, die Welt sei ein Haberbrei, durch den ich mich so nach und nach zum kühlen Grab durchfressen müsse. Aha!« Er sprang auf; im Pfännchen wellte ein zartes Schäumchen. »Aha, sie siedet!« »Au, au!« heulte es in der Schulstube. Und nun ließ sich die hochgeschraubte Stimme der Frau Schulmeisterin vernehmen: »Ihr Lausbuben; ihr Armleutequäler; ihr Eiertätschfresser! Nein, so etwas ist mir noch nie vorgekommen, eine arme Frau so zu plagen!« Jetzt stieg die Milch kochend auf. Der Schulmeister packte das Pfännchen mit einer Hand und segelte, das Strickzeug in der andern, gefolgt von seiner ungeschneuzten Nachkommenschaft, zur Türe. Mit einem Fußtritt stieß er sie auf, und nun erblickte er seine Frau, wie sie eben einen ungebärdigen Jungen mit beiden Fäusten verhaarschopfte. 49 »Was ist denn da wieder los. ihr heillosen Folterwerkzeuge?!« krähte er. »Nein, es ist nicht mehr zum Aushalten!« lärmte die Schulmeisterin und ließ die Arme sinken. »Da schau selber, was mir diese Waldbuben wieder angestellt haben!« Sie zeigte auf den Boden. nahm dem Alten Strickzeug und Pfanne ab, ihm dafür das Zeichen seiner Herrlichkeit, eine Haselgerte. überreichend. Der Schulmeister beaugenscheinigte mit jäh aufsteigender Entrüstung den Boden. Von der Schulstube durch den Gang und von da über die Stiegen durch das ganze Rathaus hinunter waren der Boden und Stiegentritt um Stiegentritt mit kohlenschwarzen Fußabdrücken gemustert. Es sah gerade aus, als wären ein Rudel Tanzbären erst durch einen Kohlenmeiler und dann durch das Rathaus hinauf in die Schulstube getappt. »Und ich habe doch das ganze Haus erst gestern abend, Tritt um Tritt, frisch gewaschen und gefegt!« wehklagte die Schulmeisterin. Jetzt hatte Meister Plazi den Augenschein beendet. Zornerfüllt trat er in die Schulstube, um auch die Füße seiner Schülerbuben zu inspizieren. Sie waren alle schwarz wie der Meineid und stachen gegen die Füße der Mädchen, die sie gar eifrig unter den Röcken hervorstreckten, ab, wie Tauben von Krähen. 50 Der Schulmeister hatte die Schnupftabakdose gezogen. Einen flüchtigen Blick tat er noch in die offene Küche, um durch die Anschauung seiner niedergeschmetterten Gattin seine Rachegefühle kochend zu erhalten. Dann pochte er an die Dose und sagte dumpfen Tones: »Meine lieben Waldbuben, ihr müßt euch über Nacht in eine salva venia Sauherde verwandelt haben. In diesem Falle könnt ihr künftig zu Hause in den väterlichen Schweinekofen verbleiben. Ich lasse eure lieben Eltern, die mich das ganze Jahr hungern lassen und so meine arme Seele vor der siebenten Todsünde, die da heißt: Fraß und Völlerei, nach bestem Vermögen bewahren, freundlich grüßen. Dagegen, wenn sie euch doch wieder zu mir aufs Rathaus schicken wollen und mich dadurch also zum Schweinehirt ernennen, so sollen sie mich an der großen Martinischlächterei als Ehrengast teilnehmen lassen; denn umsonst täte ich ihre Ferkel nicht länger hüten. Und nun rückt aus, meine trauten Rüsselschweinchen; ich möchte euch gerne die Borsten etwas wider den Strich bürsten; warum habt ihr das meiner geplagten Alten zuleide getan?« Die Waldbuben schwiegen betroffen und glotzten sich ganz verdutzt an. »Ja, ja, ich kenne euch. Jetzt sitzt ihr wieder da wie die Lilien unter den Dornen, sicut lilia inter spinas , wie der lateinische Schulherr so schön 51 sagt. Kinder, liebe kleine Rotznäschen!« wandte er sich an die Mädchen. »Ihr seid schon so gut und sagt mir, wie's zugegangen ist. Red, Heleneli, mein liebes Schafsmäulchen. Warum schaust du so einfältig drein und wirst gar rot? Rück aus, rück aus, du weißt wie's zugegangen ist!« »Heja«, sagte verlegen, noch röter werdend, das Heleneli. »Die Buben sind halt nicht schuld. Als wir uns für die Schule vor dem Rathause versammelten, sagten sie bloß, sie wollen schauen, wer das nächtliche Katzengeschrei am besten nachmachen könne. Und da fingen sie halt zu miauen und zu katzenjammern an, daß ich mir die Ohren zuhalten mußte und alle Leute schimpfend an die Fenster fuhren. Auf einmal ging auch im Rathaus ein Scheiblein, und wie eine Kegelkugel flog des lateinischen Schulherrn großes Tintengeschirr in eine Regengumpe unter die Buben, also daß die Pfütze ganz schwarz wurde. Nun stampften halt die Buben wie wild darin herum, verspritzten zum Spaß uns Mädchen und versuchten uns ebenfalls hineinzuziehen. Wir rissen aber aus und stoben das Rathaus hinauf und sie hinter uns drein. Und so sind halt die schwarzen Talpen auf die Stiegen und Böden gekommen, weil der Schulherr das Tintengeschirr durchs Fenster geworfen hat.« »So«, ermannte sich der Alte, »obwohl euch das Heleneli, wie immer, ein guter Fürsprecher gewesen 52 ist, will ich nun doch über euch ein Gericht abhalten, wogegen das letzte Gericht, trotz der Posaunenbegleitung, die reinste Weihnachtskomödie mit Speck und Rosolio sein soll.« »Ach was«, rief die Schulmeisterin brummend aus der Küche herüber, »ich hab' da drin Geschrei und Geheul genug von den leibeigenen Fratzen. Schick die Schmutzfinken doch lieber an den Brunnen!« »So packt euch fort an den Brunnen, ihr Wald- und Wildsäue! Und daß mir keiner in die Schulstube zurückkommt, der nicht Füße hat wie ein Glorienengel. Ihr habt es nur der immerwährenden Gnade meiner Annakathri zu verdanken, daß ich euch nicht durch den krüppelten Wald jagte. Fort mit euch!« Ein gewaltiges Hulterpulter ging los durch das Haus hinunter. Entsetzt riß der lateinische Schulherr nebenan die Türe auf und fragte, ob heute Weltuntergang sei. Jetzt saßen nur noch die Mägdlein fein still und manierlich in der Schulstube. »So wollen wir denn in Kuckucksnamen das Morgengebet beten!« machte der verschnupfte Schulmeister. »Also denn: Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des . . .« Schier erschrocken hielt er inne. »Ja, der Donner abeinander, was hockst denn du noch hier?! Willst du auf der Stelle machen, daß du fortkommst! Oder glaubst du etwa, 53 du habest allein das Recht, wie der hochheilige König Balthasar aus dem Morgenlande, mit schwarzen Füßen in der Welt herumzulaufen?« Der Gerbebattisteli war in der Schule zurückgeblieben. »He, ich hab' ja keine Tinte an den Füßen«, sagte er und hielt sie dem Schulmeister schier unter die Nase; »ich bin erst dazugekommen, als die Buben den Mädchen durchs Rathaus hinauf nachliefen.« »Freilich, das glaub ich, sonst wärest du sicherlich der erste von allen in der Tinte gewesen«, sagte der Meister Plazi. »Aber sowieso, pack dich nur fort! Deine Füße sehen mir gleichwohl nicht darnach aus, als ob du mit der ägyptischen Königstochter nach dem Korb Mosis durch das Wasser gewatet wärest. Fort mit dir!« »Nein«, machte der Gerbebattist halblaut, mit einem flüchtigen Blick nach dem Heleneli, »ich gehe nicht; ich bin ja nicht in die Tinte getreten!« Jetzt richtete sich aber der Schulmeister, gestärkt durch einen entrüsteten Blick seiner Gattin, auf, und zwar wie einer, dem Gewalt gegeben ist. »Was!« krähte er, »du wagst mir schon wieder zu trotzen und gar ins Gesicht zu sagen, du gehest nicht. Willst du dich gleich zum Brunnen machen, oder ich komme über dich wie das Brausen des Sturmwindes über die Apostel am heiligen Pfingstfeste!« 54 Battist regte sich nicht und stierte vor sich hin in die Bank. »So ein Trotzkopf!« schimpfte die Schulmeisterin. »Wart nur, Annakathri!« keuchte der Alte; »ich will dir einmal zeigen, wie man ohne geistliche Mittel die bösen Geister austreibt. Wie, du wagst es mir zu trotzen!« schnauzte er den Buben an und schwang seine Haselgerte hoch in Lüften, als ob er wie Paracelsus alle vier Elemente darin hätte; »du willst dich wieder einmal stellen gegen mich, gegen einen alten gedienten Soldaten, der seinerzeit in Neapel den König vor seinem ganzen Volke beschützt hat? Willst du sofort zum Brunnen, oder!« Battist blieb regungslos sitzen. Er hatte während des Schulmeisters Rede wiederholt verstohlen nach Heleneli geblinzelt; doch es sah nie nach ihm. Und da nun Meister Plazis geschmeidiges Szepter über ihm hing wie Abrahams Schwert über Isaak, und das Mägdlein gleichwohl ganz stille blieb und nur mit hochroten Wangen in den Schoß blickte, es, das sonst immer lange vor seiner Hinrichtung zu weinen anhub, biß er die Zähne ineinander und machte trotzig: »Nein, ich gehe nicht!« Das Szepter fiel gleichwohl nicht auf ihn nieder. Der alte Meister Plazi mochte es nicht mehr auf einen Kampf ankommen lassen, in dem er fürchten mußte, besiegt zu werden. Der Battist war schon 55 fast so hoch gewachsen wie er, und obwohl noch überschlank, doch flink und kräftig und im Faustkampf und Hosenlupf schon recht wohlerfahren. Einer Niederlage aber hätte sich der Alte vor seinen Schülerinnen nicht aussetzen mögen. »Battist«, sagte er mit einem Gesicht, als wollte er den Buben zur Verantwortung ins Tal Josaphat laden, »ich mag dich nicht mehr durchhauen. Es schämt mich an, einen Jungen zu prügeln, der bald besser in einen Soldatenrock hineinpaßte als in eine Schulbank. Aber ich schäme mich für dich. Seiest einst als ein kleines Büblein so ein gutmütiger Guckindiewelt gewesen, hat das Heleneli immer gesagt. Ich habe nichts davon bemerkt. So lange du hier sitzest, ärgerst du mich mit deiner Wildheit. Ich will deiner Mutter heute noch sagen, daß sie dich Handgeld nehmen läßt oder zu den Flößern schickt; denn nun bist du stark genug, da du den Krieg mit mir heute völlig gewonnen hast. Und nun streich dich in jenen Winkel!« fuhr er ihn plötzlich an und zeigte in eine Schulstubenecke, »und dort bleibst du mir mit ausgespannten Armen knien wie Moses, als er gegen die Philister zog. Und knien bleibst du mir und wenn du hier übernacht bleiben mußt, bis du so oder anders saubere Füße hast oder haben willst. Und wenn du mir altem Mann auch hierin nicht gehorchen willst, so will ich mit Gottes Hilfe den Kampf mit dir doch 56 noch einmal aufnehmen, selbst wenn mir die Annakathri den Säbel aus dem Kasten reichen muß, du Erzrebell du!« Battist streifte mit raschem Auge Helenelis Gesicht, das nun bittend zu ihm hinsah. Sogleich erhob er sich und ging gesenkten Hauptes in den angewiesenen Stubenwinkel, wo er still hinkniete und die Arme so weit als möglich ausstreckte. »Und ihr, meine weißen Kaninchen, geht nun sittsam heim!« redete der Alte, ruhiger geworden und die Tabakdose ziehend, die Mädchen an. »Ihr sollt heute mit dieser Hunnenhorde nicht mehr zusammenhausen müssen; sie plagt euch so genug, ihr armen Fetzelröckchen. Geht, geht!« Aufjubelnd machten sich die Mädchen davon; nur Heleneli schlich sich, mit einem langen Blick auf Battist, der mit ausgestreckten Armen, als wollte er himmelfahren, dakniete, zum Schulmeister und sagte leise: »Ich tät lieber noch dableiben und lernen.« »Papperlapapp!« machte der Alte; »ich kenne dich schon, du Trösterin der Betrübten. Geh heim, Schalksnärrchen; der Bub bleibt du bis er reine Füße hat und damit basta!! Basta! sagte der Spanier, als er seine Fünfundzwanzig auf dem Absitz hatte. Tritt zur Seite, die gereinigten Wildsäue kommen!« Durchs Rathaus hinauf tobten die Buben. Betrübt schlich das Heleneli weg, als die triefendnassen Waldbuben in die Schulstube stürmten. 57 »So«, brummte der Alte, »nun sind euere Talpen doch wieder einigermaßen weiß, obwohl ich damit weder dem Schnee, noch der Farbe der Unschuld überhaupt, im mindesten nahetreten will. Hockt ab!« Bald hatten sich Lehrer und Schüler in die Lehren des seligen Vater Canisius vertieft, und zufrieden hätte Meister Plazi seinen Zugerschnupftabak zu sich nehmen können, würde ihn nicht Battists Trotzkopf geärgert haben; denn der machte durchaus keine Miene, um Verzeihung zu bitten oder gar an den Brunnen zu gehen. Aus der Küche kam ein widerlicher Rauch; das Wickelkind fing mörderlich zu kreischen an; die andern Kleinen stimmten ein, so daß es in der Küche ein Gejammer gab wie bei Mord und Tod zu Greifensee. Meister Plazi lärmte halb heiser seine Entrüstung zur Gattin hinüber, deren Responsalien hinwiederum auch kein orgelgesänftigtes Dominus vobiscum waren. Da schlug er die Türe der Schulstube kräftig zu. Gleich ging sie aber wieder sachte auf, und wie der Alte, eine gewichtige Einsprache seiner Gattin befürchtend, darnach sah, ließ er vor Verwunderung schier das Szepter fallen. Auf der Schwelle stand das Heleneli und hielt mit seinen bloßen Armen eine kleine Holzgelte, die es auf dem Flachskopf trug. 58 »So«, sagte es, »hier hätte ich also das Wasser, daß sich der Battisteli die Füße waschen kann.« Jetzt brachen Schulmeister und Schüler in ein anhaltendes Gelächter aus. »Also denn, Battist!« sagte der Alte. »Siehst jetzt, was für ein gutes Herz das Heleneli hat. Es läuft deinen schmutzigen Füßen mit Wasser nach. Wenn du sie nun waschen willst, so geh hinaus!« Der Bub blieb stumm, aber zündrot in seinem Winkel knien. »Ich will sie dir schon waschen, Battisteli«, rief das Heleneli; »komm nur in den Gang heraus!« »Ja, mit was willst du sie ihm denn waschen?« fragte lachend der Schulmeister. »Du hast ja keinen Waschlappen; etwa gar mit deinem gelben Haarschopf wie die Maria Magdalena?« Ein tolles Gelächter ging in der Schulstube um. Da schoß der Battist auf, und bevor sich's jemand versah, fuhr er am Heleneli vorbei zur Türe hinaus, also daß der Schulmeister eine leichte Dusche auf den Kopf bekam. Sie hörten ihn das Haus hinunterpoltern. Überrascht, verdutzt stand das Mägdlein noch einen Augenblick auf der Schwelle. Aber dann begannen ihm die Tränen über die Wangen zu rieseln. Es faßte sein Holzgeltlein fester und stieg, unter dem wilden Gelächter der Waldbuben, die Rathaustreppen hinunter. 59 »Wein nur nicht, du einfältiges Ding!« rief ihr der Alte nach; »bis in zehn Jahren läuft er dir nicht mehr davon!« Langsam, lautlos weinend, machte sich das Heleneli über den Dorfplatz zum Frauenbrunnen, um das Wasser in seine Rinnen auszuleeren. Als es aber das Gefäß vom Kopf heben wollte, machte jemand hinter einer Brunnensäule: »Guggu!« Und auflachend setzte Battist vom Brunnen und sagte: »Leer's nicht aus, leer's nicht aus! Komm, wir tragen das Wasser in des Paten Sonnenmatte; seine Gänse haben Junge; dann können sie in deinem Holzbücklein herumschwimmen. Willst du?« Ob sie wollte? Allweg wollte sie. Ihr eben noch so trübseliges Gesicht war nun eitel Sonnenschein, und nur über eine rote Wange schlich sich langsam wie ein Heidelschneckchen noch ein einsames Tränchen, das nun gar nicht mehr begreifen konnte, wie es in all das rosige Leuchten hineingeraten war, und daher schleunigst verduftete. Behutsam nahm sie das Wassergeltlein vom Kopf. Nun ergriff er's an einer Handhebe, und sie faßte es an der andern, und so trugen sie's sorgsam nach der kleinen Matte vor dem Ilgenhaus, mitten unter die dort hausenden Gänse. Lärmend begrüßten die den Knaben als ihren guten Bekannten; denn er steckte die halbe Zeit unter ihnen. Sie streckten die Hälse und schlugen mit den Flügeln. 60 »Schau wie viele Junge wir haben!« Überrascht, entzückt schaute das Heleneli auf die goldgelben jungen Gänslein, die mit ihren Alten, sie in ihrem Gehaben aufs getreueste nachahmend, bald im Gänsemarsch herumzogen und das Gras abweideten, in einem Regentümpel badeten, dann wieder zusammenliefen und schnatternd eine Konferenz abhielten. Eine Gans hatte fünf Junge; eine andere gar sechs; eine vier und eine jedoch nur eines. Diese Gans aber machte sich mit ihrem einzigen nicht minder wichtig als die andern mit ihren vielen. Sie führte es ebenso großartig im Gänsemarsch auf, und an dem von Zeit zu Zeit stattfindenden Gänsekonzilium schob sie's wichtig zu allervorderst, wandte es mit dem Schnabel nach allen Seiten, um es gehörig ins Licht zu rücken und nach Gebühr bewundern zu lassen, und erhob dann ein Geschnatter und Gelärm, als ob sie eine ganze Weid voll Junge hätte. Grade dieses einzige Gänslein hatte sich das Heleneli besonders gemerkt und folgte ihm und seiner, sie hin und wieder in den gehörigen Abstand zurückfauchenden und schnatternden Alten unablässig nach. »Da«, sagte Battist, das Gänschen aufhebend und es dem Mägdlein hinhaltend, »da nimm es, und laß es einmal in deinem Holzgeltlein schwimmen!« 61 Mit leuchtenden Augen, behutsam, als faßte sie die Reliquien eines Heiligen an, nahm sie das Gänschen auf den Arm, streichelte es mit weicher Hand über den goldenen Flaum und setzte es dann vorsichtig in sein volles Wassergeltlein. Munter schwamm es darin herum; es schien ihm im frischen, kristallautern Wasser sehr zu behagen. obwohl seine Alte, aufs höchste beunruhigt, um das Gefäß herumschnatterte. »O wie herzig, wie herzig!« rief das Heleneli ein über das andere Mal aus. »Ach, wenn es doch meines wäre!« »Du darfst es behalten!« sagte jetzt der Battist. Freudestrahlend schaute sie ihn an. Das sei doch wohl kaum sein Ernst. Doch, es sei ernst gemeint; sie dürfe es ganz gewiß behalten. »Für immer?« »Ja, für immer, weil du ein so Gutes bist!« Mit dankerfüllten großen Augen schaute sie zu ihm, der schon fast um einen Kopf größer war als sie, auf. Und jetzt starrte sie ihn einen Augenblick überrascht, schier scheu an. Aber plötzlich lachte sie laut auf. »Warum lachst du denn auf einmal und schaust mich so an?« »Denk du, jetzt war's mir auf einmal, ich täte gerade von dir träumen, und da wurdest du alleweil größer und größer und schautest mich so an, wie 62 einem ein Mann anschaut, und da war es mir, du hättest einen Schnurrbart. Ist denn das nicht lustig?« Und wieder klingelte ihr Lachen in den Tag hinein. Jetzt lachte auch er und sagte, die Maitli täten doch manchmal so dumm. Sie solle doch jetzt ihr Holzgeltlein mit dem Gänschen heimtragen. Ihr Knecht werde dann schon wissen, wie er damit umgehen müsse. Glückselig, und immer wieder dankend, hob es das volle Gefäß an die Brust und zog, verfolgt von der angstvoll schnatternden Alten. mit seinem Gänschen ab. Doch als es die Gans am Rocke zerrte, blieb es stehen und sagte: »Schau, die alte Gans will mich nicht weglassen mit ihrem Jungen. Bekommt sie etwa gar Heimweh nach ihm, wenn sie's nicht mehr hat?« »O du!« lachte er; »die Gänse bekommen doch gewiß kein Heimweh; die sind doch zu dumm dazu.« Nun ging es getroster, aber doch hin und wieder mit bedenklichen Augen nach der von Battist zurückgetriebenen, wild schnatternden Gans, die ihr Einziges verloren, zurückschauend, davon. Es mußte aber an seiner Glückseligkeit die ganze Welt teilnehmen lassen. Um alle Läden der Kramgasse trug es die kleine Holzgelte und ließ sein Gänschen der Reihe nach von all den dortsitzenden 63 Waldfrauen gebührend bewundern. »Und es ist meines!« verkündigte es überall; »der Gerbebattisteli hat es mir geschenkt, und ich darf's für immer behalten!« »Ei«, meinten die Kramladenfrauen, »was dies Hochmutsnärrchen doch für ein Getue hat mit seinem gelben Gänschen; man möchte schier glauben, das sei das einzige Gänschen auf der Welt!« Eine alte Höckerin aber, die der Schalk ankam, verschüttelte ihre mächtige Radhaube und sagte ernsthaft: »Schau, schau, Maiteli, das ist nicht recht von dir, daß du das blutjunge Goldvögelchen von seiner Mutter weggenommen hast; jetzt hat das arme Ding schon keine Mutter mehr. Denk mal, wenn man dich eines Morgens so aus dem Nest und von der Mutter wegnähme! 's ist nicht schön, nicht schön! Schau nur, es will schon nicht mehr bei dir bleiben; es möchte halt heim!« Wirklich mühte sich das Gänschen nun mit einem Male ab, aus dem Holzgeltlein zu kommen, so daß das Heleneli immer in der Angst lebte, es könnte sich tot fallen. Mit unfrohem, von der alten Kramladenfrau stark belastetem Herzen und Gewissen trug es seine kleine Gelte zum Frauenbrunnen, hob das Gänschen heraus und ließ es eine Weile in den Rinnen herumschwimmen, was ihm großes Vergnügen zu machen schien; denn es fluderte das Wasser 64 nach allen Seiten. Das Mägdlein aber hielt dieses vergnügte Herumfludern für verzweifelte Flugversuche. »Ach«, machte es seufzend, »nun hat die alte Frau doch recht; es will nicht mehr bei mir bleiben; nicht einmal im Frauenbrunnen gefällt's ihm. Es möchte halt zu seiner Mutter heimfliegen; 's hat ja gar keine Mutter mehr, das Arme!« Und auf einmal verbarg es das Gesicht in der Schürze und fing herzzerreißend zu schluchzen an, während das Gänschen bodenwohlauf unter allen vierzehn Röhren reichliche Duschen nahm und sich vor Vergnügen im sprudelnden Gnadenwasser nicht zu fassen wußte. Jetzt ließ das Heleneli seine Schürze fallen, hob mit bebender, sorgsamer Hand das Gänschen auf, streichelte, liebkoste und zerdrückte es fast, setzte es wieder in das Holzgeltlein und schaute es eine geraume Weile trübselig an, nahm dann das Gefäß samt Gänschen wieder an die Brust und trug es, fortwährend seufzend, ins Sonnenmättlein zurück. Battist machte große Augen, als er Heleneli mit seinem Geschenk schon wieder anrücken sah. Sein Pate aber, der bei ihm stand, fragte verwundert, ob ihm denn das hübsche eidottergelbe Tierchen nicht gefalle. Freilich, es täte ihm schon gefallen; aber es dürfe das Gänschen nicht behalten; denn sonst hätte das keine Mutter mehr, antwortete das Heleneli. 65 »Bist ein Närrchen!« lachte Battists Pate; »was versteht denn ein Gänslein von einer Mutter!« »O doch!« antwortete es schnell; »es hat immer zu ihr zurückfliegen wollen!« Was auch der Alte belehrte, wie auch Battist bat, die Kleine wollte das Gänschen nicht mehr behalten. Als ihr's niemand abnehmen wollte, stellte sie das Holzgeltlein auf den Rasen, und sogleich stürzte sich die alte Gans, die sie schon lange ängstlich umfeckert und umschnattert hatte, auf ihr Einziges los, drehte es mit dem Schnabel rundum, als wollte sie sehen, ob es keinen Schaden genommen habe, und begrüßte es mit stürmischem Flügelschlagen. Darnach zog sie mit ihm, trompetend, stolz, als wäre der ganze Stamm aus Jesses Wurzel hinter ihr her, zu einer allgemeinen Begrüßungskonferenz zu den andern Gänsen in den Regentümpel ab. »Seht ihr jetzt«, sagte das Heleneli, »was für eine Freude seine Mutter hat!« Dann häldete es sein Holzgeltlein, ließ das Wasser auslaufen und ging betrübt, unter dem fröhlichen Lachen und Kopfschütteln der andern, nach Hause. 66   VI. Der Gerbebattist war nun dem Drill des Schulmeisters Plazi und seiner Ehefrau Annakathri glücklich entronnen. Obwohl erst fünfzehn Jahre alt, war er doch lang aufgeschossen, so daß der Schulmeister meinte, es ließen sich an seinen langen schmalen Beinen ganz wohl Winderbsen ziehen, wenn er wenigstens so lange stillzustehen vermöchte, bis man sie gepflanzt hätte. Da er nun am ehrlichen väterlichen Gewerbe, an der Gerberei, keinen Gefallen fand und die Knechte arbeiten ließ, selber aber, trotzdem er alle Kinder überragte wie Saul die Israeliten, nichts tat als auf den Gassen herum mit den Buben soldatenspielen, schickte ihn seine verwitwete Mutter wieder aufs Rathaus in die Lateinschule des Dorfes. Sie hoffte, es könnte am Ende aus ihm ein Geistlicher, ein Klosterherr oder gar noch etwas Höheres werden; denn sie hielt ihn für den gescheitesten Jungen in der ganzen Eidgenossenschaft. Deshalb sah sie ihm alles nach, hielt seine Unarten für eigenes höchst bemerkenswertes Tudichum und seine Bubenstreiche für geistreiche Einfälle. Es erschien ihr daher ganz selbstverständlich, daß ein so vielversprechender 67 Kopf nichts mit der altmodischen väterlichen Handarbeit zu schaffen haben mochte. Ihr Battist sollte unter den Auserwählten wandeln. Ein armer geistlicher Präzeptor, der Schulherr geheißen, lehrte, ebenfalls in einer Stube des Rathauses, die Sprache der heiligen Kirche. Aber der Gerbebattist war auch da kein aufmerksamer Schüler. Der Lehrer hatte bald heraus, daß ihn die Schwalben oder Schneeflocken, die um die knarrenden Butzenscheiben der dunklen, teilweise mit Erdäpfeln belegten Schulstube trieben, mehr interessierten als die Weisheit der alten Römer. Nur als der Schulherr mit seinen Schülerknaben nach altem Herkommen im Winter eine Komödie einstudierte, taute er auf; um so mehr, als er und das kaum dreizehnjährige, noch kleine und zierliche Heleneli Gyr die Hauptrollen spielen sollten. »Er, weil er der größte und stärkste Bengel unter meinen Schülern ist, und es, weil es zwar das kleinste, aber klügste Mägdlein unter allen seinen Altersgenossinnen ist, die ich kenne«, hatte der Schulherr gesagt. Eifrig übten sie mit ihrem Präzeptoren drauflos; denn, sagte der Schulherr, diese Komödie müsse wieder einmal eine Glanzleistung werden. Im Allerheiligsten seines Herzens hoffte er sogar, sie werde der Zauberspruch, der ihm auf die Fastnacht die Küchen und Speckkammern der hablicheren Waldleute auftue. 68 Am frühesten Morgen des heiligen Dreikönigtages, um 2 Uhr herum, tobten die Nachtbuben mit geschwärzten Gesichtern, Ziegenschellen am Rücken, durch die Dorfgassen, um, wie in alter Zeit ihre Vorfahren die Julfestlichkeiten, nun die christliche Fastnachtszeit einzuläuten. Am nämlichen Abend aber stiegen die Waldleute von Einsiedeln mit brennenden Talgkerzen, in ihrem besten Sonntagsrust, die Männer in langen schwarzen oder blauen Röcken, roten Westen und kurzen Hosen, die Waldfrauen in guten farbigen, mitunter gar schwarzseidenen Röcken und hohen Kammkappen, durch das Schneegestöber ins Rathaus hinauf. Sie gedachten dort auf der Tanzdiele nach altem löblichen Väterbrauch, wie alljährlich, den Einzug der Fastnachtszeit mit einer Kinderkomödie und nachfolgendem Tänzchen in Ehren zu feiern. Bald hatte sich fast das ganze Völklein auf der weiten Tanzdiele zusammengefunden. Die mit Bildern und Wappen geschmückten Butzenscheiben rüttelte der Wind, und an dem dunkeln Getäfer des spärlich erhellten Saales nickten sich die riesigen Schattenköpfe der Waldleute zu. Es war heimelig warm. Ein paar unruhig flackernde Ölfunzen beleuchteten an der Fensterwand gegen den Dorfplatz eine kleine Bühne, die als Kulissen zwei dünne, mit grobem Tuch bezogene Bretterwände abschlossen. Die eine war mit zwei 69 Butzenscheiben, die andere mit einem Kruzifix und einem Weihbrunn bemalt. Den Hintergrund der Bühne bildete der große grüne Kachelofen mit umgehender, erhöhter Ofenbank. Vor dieser Bühne nun hatten sich, altehrwürdiger Übung gemäß, die Waldstatträte und Richter mit ihren Frauen und Angehörigen niedergelassen. Vor ihnen auf einem langen Tisch standen die schön ziselierten, von Neubürgern gestifteten Silberbecher. Hinter den Räten und Richtern hatten die Waldleute, und hinter diesen die nur geduldeten Einwohner, die sogenannten Beisassen, Platz genommen. Aber alle taten sich mehr oder weniger gütlich aus einem fleißig Umgang haltenden gewaltigen Krug, in dem ein wohlduftender elsässischer Weißwein schwappelte. Auf einmal wurde es stiller. Die Türe ging, und der Präzeptor, der lateinische Schulherr, trat, so lang und hager wie Johannes der Täufer, als er aus der Wüste kam, schier feierlich ein. Ihm nach kamen kichernd und tuschelnd seine halbgewachsenen Schülerknaben, und unter ihnen wädelte auch das Heleneli über die Tanzdiele. Mit diesem Personal sollte nun am diesjährigen Dreikönigsabend die neue Komödie aufgeführt werden. Bevor sich die Türe wieder schloß, schlichen sich noch ein paar Musikanten, die Hudelitanzmusik, 70 in das festliche Gemach und machten sich auf die in einem dunkeln Winkel aufgestellte Geigenbank; denn sie hatten heute sowohl die Theater- als auch die Tanzmusik zu besorgen. Des Dorfküfers Frau, die an diesem Abend die Wirtin zu machen hatte, stellte ihnen sogleich einen vollen Henkelkrug unter die Geigenbank. Mit hochwichtigem Gesicht und aufs angelegentlichste begann der alte Beinhaussigrist, dem die Regie der Komödie ebenfalls oblag, mit dem aufgeregten Schulherrn zu flüstern. Erst schoben sie eine geraume Weile an den zwei wackligen Kulissen herum; darnach trugen sie zusammen ein Spinnrad bald dahin, bald dorthin auf der Bühne herum, bis sie es endlich nach vielem Ratschlagen neben die Ofenbank zu placieren beliebten. Kurz, sie gefielen sich so lange in einem Vorspiel, bis die Waldleute zu murren anfingen und brummten: Die zwei Grabkreuze hätten sie jetzt lange genug herumgeistern sehen; es dürfte nun einmal etwas anderes losgehen. Ein Waldstattrat gar rief: Der Schulherr solle seine Komödie doch einmal loslassen, damit darnach für den Tanz, der ja die Hauptsache sei, auch noch etwas Zeit übrig bleibe. Da wurde der tiefgekränkte Präzeptor wild. Hurtig stellte er sein unruhiges Schauspielertrüpplein neben der Bühne hinter einer der beiden Kulissen auf, schnörzte den Sigrist, der eben die Ölfunzen 71 frisch geschneuzt hatte, hinter die andere Kulisse und setzte sich vor der Bühne in die vorderste Reihe, jedoch auf eine eigene Stabelle, zu den auf ihrer langen Bank ungeduldig der kommenden Dinge harrenden Herren des Rats und Gerichts. Dann winkte er eifrig, und der Unterregisseur, der Beinhaussigrist, guckte, ebenfalls auf Tod und Leben winkend, hinter seiner Kulisse hervor. Jetzt sprang das rotbackige Söhnchen des Gotteshausammanns auf die Bühne. Er trug seines Vaters alten Feiertagsrock, seine schwarze Hose und schwarzseidenen Strümpfe, nebst scharlachrotem Kamisol. Es war ihm alles viel zu weit, so daß es aussah, als wolle er ein landesübliches Sackspringen nach der schwebenden Wurst eröffnen. Selbstbewußt räusperte er sich und beaugenscheinigte die Zuschauer von Antlitz zu Antlitz, um sich zu vergewissern, daß man ihn auch gehörig bewundere. »Fang doch ins Kuckucksnamen endlich einmal an!« zischte ihm der Präzeptor zu. Da räusperte sich der Junge erst recht, hustete, lachte verlegen auf und dehnte und reckte sich in seinem väterlichen Gewand, als wäre er ein prähistorischer Riesenfalter, der aus seiner Larve schlüpfen möchte. Darnach fing er mit halbgebrochener Stimme, die tönte wie der Schrei eines aufgeschreckten Hähers, zu deklamieren an: 72 »Seid mir gegrüßt, ihr Christen all, In Sankti Meginradi Tal! Wir kommen her durch Jesum Christ, Weil wiederum erschienen ist Der heilige Dreikönigstag. Da findet statt ein froh Gelag Nach der Altvodern gutem Brauch, Und eine fromm' Komödy auch Zu der Waldleute Freud und Lehren, Und dem hochheilig' Tag zu Ehren. So haben wir mit viel Bedacht Das Jahr ein neues Spiel gemacht. Auf daß ihr nicht lang drum müßt raten, Berichten wir Simsonis Taten, Des Richters im gelobten Land, Wie ihn ein Mägdlein überwand. Delila hat die Hex geheißen. Doch paßt jetzt auf! Das wird sich weisen. In Gottes und Mariä Namen Wir fangen an. Was sagt ihr?« »Amen!« lärmten die Lateinschüler hinter der Wand. Und des Amtmanns Söhnchen fuhr fort: »So mög euch denn das Spiel gefallen! Ein Künstler tät zwei Wände malen. Sie sollen euch die Kammer zeigen Delilas, samt zwei Butzenscheiben. Wer hat denn wohl das Spiel gemacht? Ein Schreiber, den man nicht viel acht'! Gott möge ihm das ewige Leben, Und allen, so es hören, geben!« Die Waldleute nickten einander, Beifall murmelnd. zu. 73 »Mach dich fort!« rief der Schulherr halblaut auf die Bühne. Aber des Gotteshausammanns Söhnchen blieb noch ein schönes Weilchen mit gespreizten Beinen und über und über lachendem Gesichte stehen, um den Beifall der Waldleute voll und ganz in sich aufzunehmen, also daß es vor Hochmut aufging wie ein Schwamm und trotz allen krächzenden Zurufen seines Präzeptors nicht von der Bühne herunter wollte, bis es dem Beinhaussigrist glückte, ihn an seines Vaters langem Rock so nach und nach herunterzuzupfen. Denn jetzt trat das Pfauenheleneli als Delila auf und stolzierte hocherhobenen Hauptes nach der Ofenbank, wo es sich hinter das Spinnrad setzte. Es war fein herausgeputzt, trug einen hellgelben blaugestreiften Tuchrock, schneeweiße, selber gestrickte und von den Schwestern in der Au zu Steinen mit Stickereien verzierte Strümpfe, die ihm seine Patin geschenkt hatte. An den Füßen hatte es Pantoffeln mit versilberten Schnallen. Aber sein flachsheiteres Haargelock flutete unter einem blauseidenen doppeltgenommenen Band herab. »Ei, seht das Hochmutsnärrchen, wie sich's herausgeputzt hat!« flüsterten die Waldleute einander zu. Nun begann es mit hurtigem Füßchen sein Spinnrad zu treten, den Faden zu netzen und zu ziehen. 74 Da erschien Simson als eine langaufgeschossene fünfzehnjährige Stange, um die eine abgetragene grünsamtene Altardecke schlotterte. Sie vermochte aber die schmalen Waden, die in groben grauen Strümpfen und rauhledernen Schuhen steckten, nur mangelhaft zu bedecken. Es war der Gerbebattist. Großartig und kerzengerade schritt er an einem Spazierstock über die Bühne. Aber trotz dem Aufputz mit der geblümten Weste seines seligen Vaters, die er ins Licht zu rücken sich sehr angelegen sein ließ, sah er doch unordentlich und ungekämmt, schier verwildert aus; denn er hatte noch kurz vorher vor der Türe im Rathausgang eine kleine Bubenschlacht auskämpfen helfen. Jetzt klopfte er ziemlich heftig an die gemalten Butzenscheiben der einen Kulisse. Die kleine Delila erhob das lockenumwellte Köpfchen: »Wer steht mir denn noch vor der Tür? Der Riegel ist schon lange vür!« Nun krähte er mit fast völlig gebrochener Stimme: »So heb' den Riegel weg vom Tor, Der Richter Simson steht davor!« Sie tat als ob sie einen Riegel aufhöbe. Jetzt stand Simson vor ihr und bot ihr ein Körbchen voll Haselnüsse an, das er am Arm getragen. Sie dankte ihm dafür in zierlich gesetzter Rede und begann sogleich eifrig und unablässig von den 75 kleinen Haselnüssen aufzubeißen, obschon sie der Schulherr mit zornglühenden Augen durchbohrte. Und der Richter Simson schaute ihr zu und stellte bei dem muntern Knacken die Ohren neidvoll, wie ein Eichhörnchen, das die Schulkinder seinen Haselbusch plündern sieht. Er konnte sich nicht mehr bemeistern und fing ebenfalls an, einige der braunen appetitlichen Nüßchen aufzubeißen, so daß der Präzeptor schier starb vor jauchzendem Ingrimm. »Wollt ihr einmal fortfahren, ihr Freßsäcke!« fauchte er zur Bühne hinauf. Da hub Delila wieder zu reden an: »O Simson, bleib mir über Nacht! Berichte mir, wie du vollbracht Die Taten mit dem Eselsbacken.« Sogleich setzte er sich neben sie auf die Ofenbank und fing an, ihr seine Heldentaten zu erzählen. Dabei machte er aus der Hand eine Schnupftabakdose, klopfte daran und gebärdete sich ganz, als ob er daraus mit Hochgenuß einen paradiesisch duftenden Tabak schnupfte, worauf im Zuschauerraum sich ebenfalls ein allgemeines Schnupfen vernehmen ließ. Dann zog er seiner Mutter weißgetupftes rotseidenes Sonntagsnastuch hervor, vertat es so weit als möglich und begann heftig zu niesen, was ein so vielfältiges Echo im ganzen festlichen Gewände zur Folge hatte, daß der Präzeptor vor Wut hätte tanzen mögen. Aber nach und nach 76 wurde Simsons Schilderung immer lebendiger, also daß er's zuletzt auf der Ofenbank nicht mehr aushielt. Er schoß auf und fuchtelte mit seines Vaters Spazierstock also wild umeinander, daß er nicht nur die zwei Öllämpchen an der Wand neben dem Ofen schwer bedrohte, sondern auch mit dem Beinhaussigrist, der es ihm verweisen wollte, parlike-parlake! spielte. Denn so oft der entrüstete Unterregisseur um seine Kulisse guckte, wirbelte ihm Simsons Stock wie ein Besenblitz um das kahle Haupt. Der Schulherr hätte vor Ärger wiehern mögen wie eine Weid voll frischaufgetriebener Fohlen. Aber endlich sank Simson, nachdem er all seine Taten lärmend verkündigt hatte, müde und schläfrig auf die Ofenbank, gähnte wie ein Stiefelknecht und sprach: »Delila, tu ein Tänzlein wagen! Mir will Verdruß am Herzen nagen, Daß du mich nicht wahrhaftig liebest, Ein gottlos Spiel mit mir nur triebest!« Worauf aber Delila, eine Haselnußschale in den Ofenwinkel blasend, antwortete: »O Richter Simson, denk nicht so. Benedicamus Domino! Hergegen willst du mir nicht trauen, So magst du baß ein Tänzlein schauen!« Jetzt verwarf der Schulherr seine langen Arme, wie ein närrisch gewordenes Rind die Beine, gegen den Winkel, in dem die Hudelimusik in ägyptischer 77 Finsternis thronte. »Spielt, spielt!« zischte er. Aber die Musikanten beachteten es nicht; denn eben ließen sie den frischgefüllten Henkel, andächtig und einzig Gott Bacchus in Gedanken habend, unter sich langwierigen Umgang halten. »Herr Präzeptor, was müssen wir jetzt machen, wenn sie doch nicht spielen?« fragte Simson laut, nach dem Schulherr sehend. » Tace, tace! « schnauzte ihn der kreischend, wahnsinnig vor Verdruß, ab. Der Beinhaussigrist aber, der mit brennender Kerze in den trübseligen Winkel auf die Geigenbank loshasten wollte, stolperte über eines Waldstattrates groblachtes Schuhwerk, fiel hin, und die Kerze erlosch. Die Waldleute lachten und unterhielten sich köstlich bei diesem Zwischenspiel, das Ober- und Unterregisseur ihnen zwieträchtig zum besten gaben. Nun versuchte der Sigrist mit bebender Hand seine Kerze am trübeflackernden Wachsrodel eines alten Weibes wieder anzuzünden, und der Präzeptor schoß wie betäubt vor der Bühne hin und her, gleich einer wildgewordenen Ameisenfamilie, der man mit dem Stock in den Bau fährt. Da fing unversehens die Musik, die endlich die Lage erfaßt hatte, einen lüpfigen schwyzerischen Gautanz zu ziehen an, also daß die Füße der Waldleute unter den Bänken und Stabellen zu hüpfen anfingen, wie die Heuschrecken, vor denen eine Sense ins Gras blitzt. 78 Die kleine Delila aber tanzte drauflos wie die Waldmücken in einem Sonnenstrahl. Ihre Haare flogen, und ihr Fähnchen wirbelte rundum, schneller als ein durchgehendes Wagenrädlein. Keck stellte sie die Hände in die Hüften und hielt das Näschen hoch. »Jetzt schau da her!« raunte ein alter Waldstattrat seiner Frau zu, »die hätte das Zeug auch dazu, das Haupt des Johannes zu ertanzen!« »Johannes, Hanspeter oder Franzkarli, heiß' der Heilige wie er woll«, gab brummig sein Weib zurück, »ihr verliert ja die Köpfe alle, sobald so ein Fähnchen zu flattern anfängt!« Die Musik klang uns; der Tanz war zu Ende. Mittlerweile hatte Simson seinen Richtermantel unter den Ofen gestopft und sich im gestrickten Kittel auf der Ofenbank ausgestreckt; doch waren seine Beine so lang, daß sie noch ein gutes Stück über die Bank hinaushingen. Mit schmerzhaftem Gesicht rief er jetzt: »Delila, komm doch einmal her, Es ist mir wirbelig und schwer!« »Die Philister sollen sich bereit halten!« rief der wieder etwas ruhiger gewordene Schulherr halblaut gegen die Kulisse, hinter der die Lateinschüler kampflustig hervorguckten. Nun ging Delila, der der Beinhaussigrist verstohlen eine gewaltige Schere zugeschmuggelt hatte, die sie sorglich hinter dem Rücken verbarg, auf 79 den ruhenden Simson zu. Sie setzte sich zu seinen Häupten und bat ihn in den süßesten Tönen, doch ein Schläfchen zu tuen, da er von seinen vielen Heldenstücken gewiß zum Hinfallen müde sei. Doch er sagte ernsthaft: »Ich mag nicht schlafen, liebe Maid, Ich trau, mir kunnt geschehn ein Leid!« Sie gab nicht nach: »Simson, nun sollt du schlafen gehen! Wie kunnt dir denn ein Leids geschehen, Wo über dich Delila wacht! Schlaf wohl, Simson, ruhsame Nacht!« Er schloß sofort die Augen und fing fürchterlich zu schnarchen an, wie eine Bärenhöhle im Winter. Doch griff er zum gelbsuchterregenden Ärger des Präzeptors gleichwohl eine Haselnuß aus dem unter der Bank stehenden Körbchen auf und knackte und schnarchte munter drauflos. Die Philister schauten mit glänzenden Augen um die Kulissenwand. »Es ist noch nicht an der Zeit; macht, daß ihr hinter die Kulisse kommt!« fauchte sie der Schulherr an. Delila aber hob leise zu reden an: »Jetzt will ich dir die Haare zwacken, Dann geht der Schmalz dir aus dem Nacken. Und wenn dich die Philister kriegen, So kannst du einmal unten liegen!« Nun sollte sie Simson die Haare abschneiden. Aber ratlos und verlegen stand sie zu seinen Häupten 80 und schaute mit bedenklichen Augen auf seinen Krauskopf. »So mach doch einmal!« zischte ihr der Schulherr wie ein gereizter Schlangenkönig zu. »Willst du denn warten, bis ihm die Haare wie dem Sigristen von selber ausfallen!« Die Waldleute lachten auf; der Beinhaussigrist aber, der eben pflichtgemäß und wunderfitzig um seine Kulisse guckte, zog seinen verschimpfierten Kopf gekränkt zurück. Zögernd hob Delila die lange Schere. Aber als wäre sie ihr gar zu schwer, ließ sie sie wieder sinken und schaute höchst beunruhigt auf den schlafenden Helden. »Heilige Muttergottes im Himmel oben, willst du denn wohl einmal dran hin!« machte bleich vor Aufregung der Präzeptor. »Es muß doch alles natürlich gespielt werden. So mach doch; so scher ihn doch einmal!« »Nein!« sagte sie jetzt halblaut; »ich will ihm lieber nicht in die schönen Kraushaare hineinschneiden!« »Was!« schnörzte unter dem Kichern der Zuschauer der Schulherr; »dich reuen diese ungekämmten Weißgockelfedern?! Auf der Stelle scherst du sie ihm ab! Verlangt ja niemand, daß du ihn kahl wie ein Schaf scheren mußt. Mach, mach!« »Nein, ich kann es halt nicht tuen!« »Tu's nur ganz ruhig!« rief jetzt laut Battists halblahme Mutter. »Ich werde sie ihm darnach 81 schon noch ganz kürzen zu Hause. Das bringt ihn nicht um; er bekommt bald genug wieder einen Strubelkopf!« Die Waldleute lachten. »Ja!« rief einer unter schallendem Gelächter; »der Schulherr kann ihn dann doch nicht mehr verhaarschopfen!« Der Schulherr aber war aufgesprungen. »Jetzt schneid ihm einmal den Schopf ab!« rief er bebend, »oder ich tu's selber!« Da legte Delila mit zitternder Hand die große Schere an Simsons schnarchendes und nüsseknackendes Haupt. Zwei dicke blonde Haarbüschel sanken auf den Boden!« »O weh!« lärmte ein kleines Mägdlein auf seiner Mutter Schoß; »jetzt hat das Heleneli dem Battist eine Hühnerstiege an den Kopf gemacht!« Ein fröhliches Auflachen ging über die Tanzdiele. Die kleine Delila aber hatte die abgeschnittenen Haarsträhnen verstohlen aufgenommen und unterm Fürtuch geborgen. » Audite, audite! Venite, venite! « rief jetzt der Schulherr gegen die Kulisse, hinter der die Philister steckten, und auch der Sigrist, der Bedeutung des Augenblickes voll bewußt, winkte und zappelte hinter seiner Kulisse hervor, als wollte er das Rad schlagen. Ruhig hob Delila die Hand hoch und rief, daß es gellte: »Simson, die Philister seind über dir!« 82 Mit Donnergepolter und wilden Haarusrufen stürzten die Philister hinter ihrer Wand hervor und fielen einträchtiglich, statt über Simson, über das unter der Ofenbank stehende Körbchen her, also daß die Bühne im Hui wie von Haselnüssen verhagelt aussah. Jetzt vergaß auch Simson seine Rolle; er fuhr auf, warf sich mit Macht unter die um die Haselnüsse sich herumbalgenden Philister, stieß den einen von der Bühne hinunter, daß er über und über purzelte, riß den andern im Schopf, daß er mörderlich aufschrie, und jagte so wie ein Sturmwind alle Philister in schleunigste Flucht, so daß er, zur freudigen Genugtuung der Waldleute, das Feld behauptete und seinen alten Ruhm als größter Held in Israel und Umgebung durchaus aufrecht erhielt. Flink las er die verbliebenen Haselnüsse wieder zusammen und ließ sie in den Hosensäcken verschwinden. Der Schulherr war heiser; er konnte nicht mehr schreien; nur noch eine Art Blöken gelang ihm. Er laufe davon, keuchte er stöhnend; das sei das letzte Komödienspiel gewesen, das er diesen heillosen Waldbuben eingetrichtert habe. Und er habe den pflichtvergessenen Philistern und diesem Fahrindieluft von einem Simson ihre Rollen doch mehr als zwanzigmal vorgekaut. 83 Vernichtet, halbtot setzte er sich auf seine Stabelle und erwartete ergebungsvoll einen Herzschlag. Die Waldleute wußten sich vor Vergnügen nicht zu fassen. Währenddem hatte Delila ihr blaues Haarband abgenommen, und nun schleppte sie den siegesfrohen Simson am Arm ruhig zur Ofenbank, kniete nieder, schlang ihm das Band um eine seiner schmalen Waden und zog es rasch durch das herzförmige Loch im breiten Bankbein. Also war er angebunden, bevor ihn sein Triumph recht zur Besinnung kommen ließ. Doch als er's inne ward, respektierte er das blaue Bändchen und blieb wie angewurzelt stehen. Brausender Jubel feierte Delilas kecke Tat. Auch der Schulherr hatte sich schnell erholt. und da er, theatermüde wie er war, die Verstümmelung der Komödie nicht mehr ändern mochte, bedeutete er dem angebundenen Simson, er solle mit seinen Versen fortfahren. Doch unterdessen hatten sich die so schmählich behandelten Philister aufgerafft und protestierten laut und entschieden gegen die Weiterführung des Spiels; denn erst müsse sich Simson von ihnen binden lassen wie es in der Komödie stehe, und nicht bloß von einem kleinen Mädchen. »O!« rief ein sommersprossiger Philister, »er ist ein Maitlischmecker! Er hat sich nur von Heleneli anbinden lassen, weil sie sein Schatz ist!« – »Ja!« lärmte ein anderer, »sonst 84 hätte er sich von ihr doch gewiß nicht eine Läuseleiter ins Haar einschneiden lassen. Maitlischmecker, Maitlischmecker!« »Nein!« rief jetzt ein alter Schalk im Zuschauerraum, bei dem eben der Becher auf seinem ewigen Umgang vorbeikam, »nein, das ließe ich mir auch nicht gefallen, wenn ich ein rechter Philister wäre, daß dieser Simson erst alle durchhaut und sich dann doch von einem so kleinen Jüngferlein anbinden läßt. Schämt euch, Philister; ihr wagt halt nichts!« Einen Augenblick glotzten sich die Philister dumm, rauchend vor Scham, an; aber dann sprangen sie wie auf Kommando auf die Bühne, stießen die aufschreiende Delila hinunter und fielen wütend über Simson her. Entsetzt bestieg auch der Schulherr die Bühne, um mit seinen magern Griffen den Knäuel auseinanderzureißen. Da stürzten die Bretterkulissen zusammen und begruben richtig und ganz nach dem heiligen Buch der Richter das Haus der Delila, also daß man weder von dem hochwürdigen Präzeptoren, noch von den Philistern und ihrem grimmigen Feinde mehr etwas sehen konnte. Die Waldleute kamen schier um vor Lachen. Der alte Beinhaussigrist aber bemühte sich unter Schwitzen und Stöhnen und unter Anrufung aller 85 Heiligen, die umgefallenen Wände wieder aufzurichten. Plötzlich standen die Kulissen von selber auf und platschten zu beiden Seiten über die Bühne herunter. Die Philister sprangen wie vom Dach gefallene Katzen auf und auseinander und rasten, verfolgt von dem tobenden Simson, dem sie schier alle Haselnüsse aus den Säcken genommen, wie das heilige Wetter über die Tanzdiele und durchs Rathaus hinunter ins Freie. Donnernd fuhr unten eben die Haustüre zu, als sich oben auf der Bühne der Präzeptor erhob, und zwar mit einem Gesicht. als ob er aus einer Folterkammer käme und soeben die spanischen Stiefel ausgezogen hätte. »Hättest du denn die Kulissen nicht früher aufrichten können!« herrschte er den erschrocken zusammenfahrenden Sigristen an, »du alter Meßweinschelm! Oder hast du etwa warten wollen, bis sie mich zu einem Birnenwecken für deine unappetitlichen Kinder ausgerollt hätten!« So rieb denn der Schulherr, mit einem verachtungsträchtigen Blick nach den in eitel Wonne schwelgenden Waldleuten, seinen tiefbeleidigten Rücken. Der Sigrist und Unterregisseur jedoch wollte, sich von seiner Verblüffung erholend, eben eine grobe Antwort an den Schulherrn abgehen lassen, da ward es im Saale mit einem Male mäuschenstill, also daß auch er seine grobkörnige Gegenrede wieder verschluckte. 86 Nämlich, die kleine Delila hatte sich wieder auf die Bühne gemacht und sprach nun ruhig ihr Sprüchlein, den Schluß samt moralischem Zustupf der Komödie enthaltend, zu Ende. »So tat sich die History enden, Durch Weiberlist den Simson schänden, Daß er des gänzlichen verloren Die Kraft, so ihm von Gott geworden. Woraus ein frommer Christ ersicht: Spiel ja mit schönen Frauen nicht! Flugs ist das Haar dir abgeschoren, Und seind Philister vor den Toren. Doch lasset uns auf Gott vertrauen, Daß hierum keine solche Frauen. Seind sämtliche nur Tugendspiegel, Und machen's alle wie der Igel. Will sie der Erde Sünde prellen, Tun sie der Tugend Stacheln stellen, So find't der Böse wenig Spaß. Hic finis. Deo gratias. « Der Waldstattschreiber, von dem man sich zuflüsterte, daß er die Komödie gewißlich aufgesetzt habe, mochte ob der ihr gewordenen wenig respektvollen Wiedergabe wohl kaum besonders erbaut sein. Allein er ließ sich nichts anmerken, und als man jetzt allerseits in lauten Beifall ausbrach, applaudierte und lachte er herzlich mit und blieb guter Dinge als ein wahrhaft weiser Mann. Kaum war die Komödie zu Ende, riefen schon einige Burschen: »Tanz, Tanz!« Im Hui wurden 87 von rührigen willigen Händen Bühne und Kulissen hinausgeschafft und die Bänke enger zusammengerückt, also daß rasch ein schöner Tanzplatz frei ward. Da zog der Schulherr griesgrämig, mit liebergöttischem Antlitz, ab, gefolgt von den Kindern und den alten Frauen, die das Feld nun einer tanzgelüstigen Jugend, den bestandenen Waldmännern und Waldweibern und den trinkfesten, seßhaften Greisen überlassen mußten. Schon zog die vom duftigen Elsässer hochgestimmte Hudelimusik los. Nun eröffnete der älteste Waldstattrat, einer guten alten Tradition nachkommend, den Reigen mit dem jüngst verheirateten Waldweiblein. Bedächtig, schier feierlich, tanzten sie zusammen einen von heimweherischen Klängen gesänftigten Alemander. Darnach aber hatten die jungen Leute die Tanzdiele, und nun begann sie zu rauchen und zu stieben. Wohlgelaunt sah die stattliche Pfauenwirtin in den Tanzplatz hinaus, die dahinfahrenden Paare eifrig musternd. Ein vergnügtes Kichern war hinter ihr. Sie kehrte sich rasch um und erblickte ihr Heleneli, das mit glänzenden Augen und offenem Munde den Burschen zusah, wie sie, die Jungfern um die Schultern fassend, jauchzend, stampfend und schnalzend zum Tanz ausrückten. 88 »Jo, jo, jo!« rief der Hudelibaßzieher. »Zoge, zoge, zoge!« lärmte der Trompeter, setzte sein Trompetlein blitzgeschwind wieder an und ließ es zu einem »Gestobenen« losschmettern. »Was!« sagte die Pfauenwirtin zu ihrem Töchterlein, »du bist auch noch im Feld, du Schalk?! Auf der Stelle streich dich heim ins Bett!« »Nur noch ein paar Tänze laßt mich zuschauen!« bat das Heleneli. »Nichts da; heim mit dir!« »Bloß noch einen!« »Nein, sag ich; jetzt schweig!« »Soll ich die Kleine heimtun?« fragte der herantretende Pate. »Nein; keine Rede davon. Die ist jetzt groß genug, daß sie die paar Schritte allein tun kann. Allez marsch; ins Bett mit dir!« Sie führte ihr Kind, das schier ein schiefes Mäulchen bekam, vor die Türe und ging dann wieder hinein. Das Mägdlein schlich die paar Stiegentritte, die es vor den Augen der Mutter hinabgegangen, wieder hinauf an die Türe und lauschte noch ein Weilchen auf das kurzweilige lüpfige Spiel und das dröhnende Trampen und stämpfelte selber mit beiden Füßen dazu. »Heleneli!« »Bist du's, Battist?« Der Gerbebattist hatte sich leise die Stiegen hinaufgemacht und stand nun bei ihr. 89 »Bist du denn nicht mit deiner Mutter heimgegangen?« »Nein!« sagte er; »ich habe mich hinter die Haustüre versteckt; da mußte der Vetter mit ihr heimgehen.« »Das war aber nicht schön von dir!« »He, ich wollte halt auf dich warten. Ich will mit dir heimkommen; denn weißt, sie passen dir auf vor dem Rathaus und wollen dich verschneeballen!« »Ja, so komm nur!« sagte sie; »nicht etwa, weil es mir fürchtet; aber weil du ja den gleichen Heimweg hast, da können wir ein kleines Stück weit zusammengehen.« Sie machten sich leise die Stiegen hinunter. An der Haustüre horchten sie und guckten durchs Schlüsselloch. »Ich glaube, sie sind nun doch heimgegangen!« meinte er. Mutig öffnete er die Türe. Wie sie aber Hand in Hand draußen standen, klatschte von allen Seiten ein Schneeballenhagel auf sie los. Flink zog er das nun doch etwas erschreckte Mägdlein über die Vortreppe und durch den aufstiebenden Schnee nach. Aber sie kamen nur langsam vorwärts; denn es war ein gewaltiger frischer Schnee gefallen, und um ihre Köpfe pfiffen unaufhörlich die Schneeballen der ehemaligen Philister und nunmehrigen neugebackenen Nachtbuben. 90 »Gelt, sie darf ohne dich nicht heimgehen, du Maitlischmecker!« rief einer. –»Schäme dich doch, als ein so langer Torfstecken noch mit einem kleinen Maitli zu gehen!« lärmte ein anderer. – »Heim, heim!« brüllten alle. Jetzt fiel Heleneli gar in den Schnee, und ein Schneeball schlug ihm an den Kopf. »Halte dich an mir recht fest, Heleneli!« sagte er; »dann kommen wir schneller vorwärts.« Da schlang sie ohne weiteres die Arme um seinen Hals, und nun trug er sie behutsam, als hätte er auf seinen Händen einen gläsernen St. Wendel, durch den tiefen Schnee gegen die nahe Vortreppe ihres mütterlichen Hauses. »Du bist aber ein Starker!« sagte sie. »Ja!« machte er keuchend, »wenn ich so stark wäre wie ein Simson und einen Säbel hätte, würde ich Soldat und zöge in den Krieg. Dann müßte ich doch nicht in die Lateinschule gehen und immer in der Stube drin stecken!« »O ja, ein Soldat solltest du werden!« meinte sie; »die Soldaten mag ich gerne. Sie sind so tapfer. Aber in den Krieg solltest du lieber nicht gehen; es könnte dich einer töten!« »O, es sollte mir nur einer kommen!« machte er zähneknirrschend, »so ein Siech!« »Man darf nicht Siech sagen!« verwies sie ihm mit ernsthaften Augen; »das ist geflucht!« 91 »Das ist mir gleich!« machte er. »Nein!« sagte sie bestimmt. »Laß mich jetzt los; du drückst mich!« Sie zappelte sich flink los und eilte die Vortreppe ihres Hauses hinauf. »Gut Nacht!« Und schon fiel die Haustüre dröhnend hinter ihr zu. Verblüfft glotzte er zur Türe hinauf. »Siech ist doch gar nicht geflucht!« sagte er jetzt laut. Aber die Haustüre ging nicht mehr auf. »O, so ein Hochmutsnärrchen; bloß weil ich Siech gesagt habe!« machte er für sich. Ein paar Schneeballen klatschten an seinen Kittel und an seine langen Beine. Wütend schoß er unter seine Bedränger, die nach allen Seiten davonstoben. »Haarus, haarus!« lärmte er. »Wer darf etwas, Bubs genug!« Aber siehe, da setzten statt der Lateinschüler ein paar erwachsene stämmige Burschen über eine Schneewehe, ihn umringend. Nun war er unter die wirklichen Nachtbuben geraten. »Hast du ausgeboten, Bürschlein?« fuhr ihn einer, die Arme vor dem Gesicht, mit verstellter Stimme an. »Ja!« sagte er keck, wenn auch nicht allzulaut. Sie lachten auf und sahen ihn ein Weilchen an. »Ich meine, wir könnten das Milchsäulein da doch ein bißchen im Schnee einsalzen!« machte ein anderer. »Oder bist du etwa auch schon mit einem Schatz heim?« 92 »Jaha!« Jetzt brachen die Nachtbuben in ein tolles Gelächter aus. »Dann darfst du ja bald mit uns um die Scheiterbeigen zu Licht gehen, sobald du die Milchzähne völlig abgeschoben hast und dich aus einer schmalen Hagschwarte in einen Menschen verwandelst, der ein Salbhörnchen voll Schmalz im Ellbogen hat. Wie heißt denn dein Schatz?« »Ich sag's nicht!« Sie lachten wieder eine Scholle heraus, und einer gab ihm einen Stoß, daß er in der Schneewehe schier verschwand. Als er sich wieder, pustend und tapfer um sich schlagend, aus dem Schnee herausgeschafft hatte, waren die Nachtbuben weg; aber ihr Gelächter widerhallte noch in der nahen Dorfgasse. Da schüttelte er den Schnee von sich ab, zwängte ein ansehnliches Stück Roggenbrot aus dem tiefen väterlichen Hosensack und begann es im Nachhausegehen aufzuessen. Wie er aber auf der Vorstiege des Gerbehauses stand, sah er sich allseitig um, öffnete die Haustüre, rief mit gellender Stimme in die Nacht hinaus: »Haarus, haarus, Bubs genug!« und schlug die Türe dröhnend zu, in sausendem Galopp die Hausstiege hinaufhastend. 93   VII. Als Heleneli das erstemal zur Kommunion an den Altar getreten war, mußte es nicht mehr zur Schule gehen. »Sie kommt ja schon in die Jungfernjahre«, hatte ihr alter Pate gesagt; »denn wenn ich sonst zu Besuch kam, war ihr erstes, daß sie einen Kamm holte und meine schimmeligen spärlichen Locken nach Herzenslust durcheinander kämmte; jetzt drückt sie mir kaum herzhaft die Hand, wenn ich komme; so ein Hochmutsnärrchen!« Bald fing das Heleneli in der Wirtschaft zu helfen an. Es gab da allerlei untergeordnete Dinge zu tun, die ihr die Mutter nicht erließ. Sie sollte eine ganze Wirtin werden und den Betrieb des großen Gasthauses in allem kennen lernen. Nicht nur das schwere, selbergewobene Leinenzeug mußte sie in Ordnung halten lernen; auch die heiße Küche und ihre Mühsale wurden ihr nicht erspart. Sie war nirgends und überall. Aber nach und nach begannen die Gäste, die alten und die jungen, sie zu sehen, wie eine aus dem Moorgras herauswachsende goldschopfige Ilge, bei deren Anblick man auf einmal weiß, daß sie es ist, von der das ganze Riedland so süß duftet. 94 Da fragte denn bald dieser, bald jener: Was denn das für ein hübscher aufgehender Knopf sei, der dort am Schwenkkessel stehe, oder der dort antische, oder der den Weihbrunn nachfülle an der Türe? Dabei dachte aber jeder an einen Rosenknopf, dessen Aufgehen er so gerne erleben möchte. Die Kleine da, sagte dann die Pfauenwirtin, das sei ein Mägdlein, das bei ihr ein bißchen die Hauswirtschaft erlernen wolle. Es sei eben noch recht jung, habe erst vor kurzer Zeit das erstemal kommuniziert. Da kämen aber hierlands die Mädchen großgewachsen zur ersten hl. Kommunion, meinten dann wohl die fremden Gäste. Wenn aber ein Gast zufällig den neugierig, aber heimlich auf ihn gerichteten Augen des Mägdleins begegnete, erschrak er bis ins Herz hinein ob ihrem Leuchten, und war ihm nicht anders, als habe er in einen blauen Märchenwald hineingeguckt. So kam es, daß der eine und andere junge Pilger diesem großen Kommunikantenmägdlein recht unruhig nachzuschauen und nachzusinnen begann und die Gedanken nicht also auf den lieben Gott und seine Heiligen zu richten vermochte, wie er sich's vor der Wallfahrt vorgenommen hatte. Kurzum, das Heleneli und seine zunehmende Jungfräulichkeit wollten sich nicht mehr recht verheimlichen lassen. Darum schickte es die Mutter eines Tages mit 95 dem alten Paten zu ihr befreundeten Pilgern nach Remund im romanischen Freiburg, wo es ein ganzes Jahr verblieb, bis es der alte Vetter wieder heimholte. Als aber das Heleneli aus der französischen Schweiz heimkehrte und nun die Vortreppe hinaufstieg, erschrak die Pfauenwirtin fast; denn ihr war für einen Moment, sie selber komme die Stiege herauf; so groß war ihr Kind in der Fremde geworden. »Ei!« sagte ein alter Wachsbossierer, der sie ihrer Mutter entgegeneilen sah, zu einer Kramladenfrau, »ganz die Mutter, und doch wieder gar nicht. Nicht so hoch und stattlich, nicht so schön; aber hundertmal schöner; denn sie ist anmutig wie ein Bergkirchlein im Abendrot!« Nun erst ließ die Pfauenwirtin ihr Kind auch vor den fremden Gästen als Tochter des Hauses gelten. Sie durfte die Pilger und andere Gäste bedienen und wurde ihrer Liebenswürdigkeit wegen von allen geliebt, die in ihre Nähe kamen; denn sie war nicht nur den vornehmen adeligen Wallfahrern eine aufmerksame, anmutige Wirtin, sondern auch den ärmeren Pilgern ein Augentrost und eine Herzensweide. Aber auch die Waldleute von Einsiedeln, besonders die männlichen, diese jedoch alle, begannen sich angelegentlich nach ihr umzusehen, wenn sie mit hochgetragenem Näschen und doch anmutig, als eine reine Magd des Herrn, zur Kirche aufstieg. 96 Die jungen Waldmänner fingen ernsthaft an, über diese Erscheinung, die sie alle überraschte, nachzudenken und zu überlegen, wie sie sich als künftige Pfauenwirte neben ihr wohl ausnehmen würden und was das für eine heimliche Freude sein müßte, dieses schalkhafte Näschen an den Rosen vor den Fenstern riechen zu sehen. Es war daher nicht verwunderlich, daß die Burschen nun auf einmal die Wirtsstube des alten Gasthauses für kurzweiliger ansahen als die vielen guten Kegelplätze. So saßen sie immer häufiger und länger, sobald es einwinterte, hinter der Wappenscheibe der Stube und sahen sich nach und nach an der Wirtstochter die Augen aus und die Herzen wund, ihr Kartenspiel, das Trentnen, völlig vernachlässigend. Heleneli aber war gegen alle gleich freundlich und aufmerksam, so daß keiner so ganz ungetröstet oder gar hoffnungslos von ihr fortging. Einer aber war unter den jungen Burschen, der nicht zu Gast in den »Pfauen« kam. Und doch wollte eine Kramladenfrau bemerkt haben, daß allemal gar heimlich und leise im »Pfauen« ein Scheiblein gehe, wenn der Gerbebattist am Haus vorbeikomme. Freilich, sagte sie, beschwören könnte sie's gerade nicht, selbst wenn sie zwanzig Finger an einer Hand hätte. Nur ein einziges Mal war der Gerbebattist in der Wirtsstube zum »Pfauen« zu Gast gewesen, 97 seit das erwachsene Heleneli aus der Fremde zurückgekommen. Er getraute sich damals nicht recht herauf; denn man redete von ihm nicht viel Gutes im Walddorf, nannte ihn einen haltlosen wilden Burschen, der seiner alten, übelzeitigen Mutter wenig Freude mache. Es war auch nur zu wahr. Der Schulherr jagte ihn aus der Lateinschule, da er in den Büchern alles andere, nur nicht Latein sehe, alle nur erdenklichen Lumpereien treibe und nichts als Schlachten in der Schule in Szene setze, so daß man um ihn herum des Lebens nicht sicher sei. Mit dem künftigen Waldstattschreiber oder Geistlichen war's also nichts, obwohl ihn seine Mutter in ihren Träumen beständig als Klosterabt, mit der Inful auf dem Kopf und dem Hirtenstab in der Hand, im Dorf herumstolzieren sah. Der Verlust dieser Hoffnung plagte die Mutter sehr. Denn erst hatte sie die Gerbe verkaufen wollen, als sie noch steif und fest glaubte, es könnte aus ihm ein Gelehrter, Pfarrer oder sonst etwas Besonderes werden. Und nun, da sie das Geschäft seinetwegen doch behalten hatte, obschon sie's vorteilhaft hätte veräußern können, ließ er die Knechte darin hantieren und machte die halbe Zeit Ferien. So stieg man tiefer; der Pate tat ihn zu einem Büchsenschmied in die Lehre, bei dem er jedoch erst recht nichts angreifen wollte. »Er lernt nichts als der Gesellen schlimme Redensarten«, 98 klagte der Meister, »und nur wenn ein Weiberfähnchen über die Gasse streicht, klebt er fleißig am rußigen Scheiblein und läßt die Eisen im Feuer verkohlen!« Auf des Paten Vorschlag mußte er nun zu einem Metzger. Doch ging er nur ein einziges Mal hin, und da ward ihm die Schlächterei so zuwider, daß er den Meister, der ihn einen unhandlichen Faulpelz nannte, einen blutigen Kuttelnputzer hieß und einfach heimlief. So blieb er tags zu Hause bei seiner bekümmerten Mutter und betätigte sich ein wenig und unlustig genug in der Gerberei. Nachts aber strich er mit den Nachtbuben um alle Tätschhäuschen, worin sie ein flügges Vögelchen wußten. Soweit hatte er's vorderhand gebracht. »Und er wäre doch so ein hübscher, gradgewachsener Bursche«, sagten die Leute, »und ist noch so blutjung!« – »Eben«, meinte dann der Schulmeister Plazi, »weil er jung ist, braucht man an ihm noch lange nicht zu verzweifeln; denn altes Holz ist trocken und schlagreif, aber in jungem können noch viele gute Triebe verborgen sein. Ich glaube alleweil, der Battist hätte das Zeug zu einem rechten Soldaten!« Ja, ein Soldat, das war es, das wollte er mit Leib und Seele werden; dazu, und dazu allein fühlte er Willen und Kraft in sich. Und der alte Schulmeister, der selber mit all seinen Gedanken in seine »Napolitanerzeit« zurückflüchtete, wollte er sich ein gutes Stündchen 99 gönnen, belebte durch seine Schilderungen und Erzählungen, die er Battist und anderen gar oft auftischte, seinen Trieb zum Soldatenstand noch besonders. Tag und Nacht träumte der Bursche bald von nichts anderem mehr als von Lagerleben, schönen Marketenderinnen, von Kampf und Eroberung. Soldatenspiele waren ihm ja allezeit das Liebste gewesen. Es machte ihn geradezu unglücklich, daß diese voreiligen Spanier und Portugiesen die neue Welt schon erobert hatten; er wäre zu gerne mit dabei gewesen. Vielleicht hätte er auch schon lange Handgeld genommen und wäre in fremde Dienste über den Gotthard durchgebrannt, hätten ihn nicht Helenelis Augen daheim festgebannt. Als er es nun, trotz seinem wenig guten Rufe, doch wagte, in die Wirtsstube zum »Pfauen« hinaufzugehen, um sich das vielumworbene Wirtstöchterlein auch einmal von Angesicht zu Angesicht anzusehen, kam er mit seinem Hang zum Soldatenleben nicht am besten an. Was denn er werden möchte, hatte ihn die Pfauenwirtin gefragt, nachdem alle anwesenden jungen Burschen ihre Liebhabereien für diese oder jene Betätigung genannt hatten. Früher pflegte er auf solche Fragen immer zu antworten, er wolle ein Tell werden, weil das Heleneli beständig eine Stauffacherin zu werden wünschte. Jetzt aber, da er eben von neuen französischen 100 Siegen gehört hatte und der Zürichbote schier allwöchentlich neue große Botschaften von dem kleinen General brachte, der die Welt zu erobern anfing, jetzt antwortete er der Wirtin mit leuchtenden Augen: »Soldat will ich werden und nichts anderes! Und am liebsten möchte ich fort in den Krieg; 's ist mir gleich gegen wen!« Heleneli, das am Fenster spann, hatte einen Augenblick erschrocken aufgeschaut und ihn so sonderbar, mit den glänzenden Augen eines kranken Vögleins, angesehen, daß er, verwirrt und seltsam bewegt, die Augen niederschlagen mußte und Krieg und Soldatenleben vergaß. Aber da hatte die Pfauenwirtin ernst zu ihm gesprochen: »Ja, ja, Soldat, da hast du recht; das wollte ich auch zu allererst werden, wäre ich ein junges Mannsbild. Die Soldaten treffen es herrlich und bringen es zu einem gesegneten Alter. Wir haben ja ein Beispiel am Meister Plazi, dem Napolitaner, der so gut hungern gelernt hat. Schau nur zu und spute dich, daß du's auch so weit bringst, und überlasse dein einträgliches väterliches Gerbegeschäft einem Klügeren!« Da war ein tolles Gelächter durch die Stube gegangen, und das Heleneli beugte sich flammendrot über sein Spinnrad und blieb still. Wie hätte sie ihn früher in Schutz genommen! Stumm war er aufgestanden und mit Trotz im Kopf und schwerem Weh im Herzen heimgegangen. 101 Nun schritt er wie ein General an der Pfauenwirtin vorbei, wenn sie ihm begegnete. Aber dem Heleneli wich er aus, sobald er's um den Weg merkte; doch wenn es sich machen ließ, sah er ihm heimlich, mit heißen Augen und einem bösen Brennen unterm Kamisol, nach. Allemal, wenn er hörte, daß wieder einer sich in fremde Kriegsdienste verschrieben habe, wollte er nun mit ihm in alle Welt hinaus, und nur die jammernde Mutter vermochte ihn noch mit Ach und Krach zurückzuhalten. »Laßt mich doch gehen!« pflegte er sie in wildem Weh anzulärmen. »Zu Hause bin ich doch mir und Euch und andern ein Greuel und eine Last. O hätte ich doch einen Säbel in der Faust und einen Haufen welscher Jagdhunde vor mir!« machte er dann zähneknirrschend. »Oder läge ich tot unter irgendeinem Grabenbord!« Seine Mutter ängstigte sich fast zu tot, hörte sie solche Redensarten, und hatte großen Kummer und viel Verdruß seinetwegen auszustehen. Er tat immer weniger gut und fing nun gar an, ihr Hab und Gut zu verschleißen, indem er bei seinen nächtlichen Streifereien und Nachtbubereien Gelage gab und die Gulden auf alle Weise vertat. Und nun ging er auch der Pfauentochter nicht mehr aus dem Weg, sondern marschierte aufrechten Ganges, trotzig an ihr vorbei. Aber wenn sie dann, wie sie immer tat, ohne ihn anzusehen, still an ihm vorüber ging, 102 packte es ihn am Herzen. Er machte sich hinauf in die Wälder, hielt tags dem Wilde nach, fuhr nachts um die Scheiter und Fenstersimse aller Bauernhütten und kam erst nach langem, übernächtig und finster blickend, zu seiner verzweifelnden Mutter heim. 103   VIII. Eines Tages, am Sankt Verenatag im Herbst, war in Einsiedeln wieder einmal Kirchweih. Die Waldleute von Einsiedeln pflegten an der Niedergeschlagenheit und Zerknirschung der in ihren Wald kommenden Pilger ein abschreckendes Beispiel zu nehmen, blieben unter dem schirmenden Dache der Muttergottes allezeit heiter und lebten frohgemut in den Tag hinein. Sie fühlten sich heimelig und wohlgeborgen in ihrem trotz der Wallfahrt weltfernen, einsamen Hochtalnest, und verließen es nur, wenn sie von Schwyz aus gegen irgendeinen Feind zur Hilfe aufgemahnt wurden. Freilich manch einer nahm, aus Not oder Wanderfreude, auch Handgeld, zog in fremde Kriegsdienste, und mancher dieser Reisläufer sah die Heimat nie wieder. In diesem Jahre wurde auch im Gasthause zum »Pfauen« Kirchweihtanz abgehalten. Die Gemeindetanzdiele im Rathause war nämlich, der alle Welt bedrohenden französischen Revolutionskriege wegen, in ein interimistisches Zeughaus umgewandelt worden. Alles ahnte, daß eines Tages noch gegen die welschen Unfriede ausgerückt werden müsse. 104 Österreichische, englische und preußische Werber fingen jetzt schon an, die friedlichen Täler der Berglande in ihrer Weise darauf vorzubereiten. So erlaubte denn der Waldstattrat einigen Wirtshäusern, den üblichen Kirchweihtanz in ihren Stuben in schicklicher Weise, allen zur Freude, niemand zu Leide und Ärgernis und einer löblichen Behörde ohne Schaden, abzuhalten. Die Pfauenwirtin war über diese Erlaubnis keineswegs entzückt; denn sie sah wohl ein, daß der Tanztag mehr Unmuße und Verdruß als Verdienst und Vergnügen für die Wirtsleute bringen möchte. Da man aber einmal auch ihrem Hause die Ehre angetan, so wollte sie sich und ihr Haus dieses Vertrauens würdig zeigen. Nicht nur ihre Wirtsstube, auch sich und ihre Tochter hatte sie aufs beste geschmückt. Die Waldweiber in den Kramladen nickten, ohne es zu wollen, Beifall, als die hochgewachsene Frau in ihrem feiertäglichen Rust, das kammartige weiße Käpplein über der stolzen Stirne, auf der Vortreppe ihres Hauses stand und nach dem Wetter ausschaute. Es war Abend. In der Wirtsstube zum »Pfauen« ging's hoch her. Die lüpfigste Ländlermusik der ganzen Urschweiz, die Hudelimusik, ein Trompeter, ein Klarinettenbläser, ein Geiger und ein Baßzieher jagten die Tänzer auf dem frischeingeseiften Tanzboden herum wie besessen. In unbändiger Lust 105 stampften sie ihre Gautänze, schnalzten mit der Zunge und jauchzten dazu, daß die Wände zitterten. Die vor Vergnügen glühenden Maitli aber fuhren herum wie die Staubwirbel auf der Landstraße, ließen sich hochheben und kamen aus der lachenden Fröhlichkeit gar nicht mehr heraus. Die kleinen Kinder der Waldstatt drückten draußen die Nasen an den Butzenscheiben platt und sahen mit freudiger Bewunderung den tollen Sprungkünsten zu, die der Tanzschenker in der Mitte der Tanzrunde verübte. Den Wänden nach, um die langen Tische, hockten die Alten, vertaten sich so breit als möglich, stämpfelten und trommelten den Takt zur Musik und tranken mit innigem Behagen ihren dickroten Welschwein dazu, mit Wohlgefallen der Wirtin wohlgewachsener Tochter, dem Heleneli, nachschauend, wenn sie ein Bursche von irgendeiner Verrichtung weg zum Tanze führte. »Sie tanzt aber auch wie ein Wetterleuchten«, sagte ein alter Sentenbauer; »nimmt einen nur wunder, wo die Jungfer das gelernt hat!« – »Ei«, meinte schnupfend der alte Bettelvogt, »sie wird's im Welschland gelernt haben!« – »Was, im Welschland!« machte der Schulmeister Plazi, der neben ihm sein Schöpplein trank; »auf der Heugadendiele am Sonntagnachmittag wird sie's mit den Buben gelernt haben, wie andere tanzlustige Mägdlein auch!« – »Ja«, stimmte ein altes Weiblein 106 kichernd zu, »jetzt hat der Schulmeister recht; dort hab' ich's auch gelernt!« Ein dröhnendes Lachen ging um die Tische. Das Heleneli zündete eben die Lichter an, als Spiel und Tanz gegen Abend eine Weile ruhten. Da sprang mit einem Male die Türe auf; ein wildes Gelächter erschallte im Flur, und jetzt kam ein Bursche auf die Tanzdiele hereingeflogen. Verwundert schauten alle nach der Türe, was denn da wohl noch werden möchte. Der hereingeschleuderte Bursche aber erhob sich lachend und rief in den Gang zurück: »Ihr hättet aus mir keine Kanonenkugel zu machen gebraucht, ihr dummen Hagel! Es ist ja schon alles tot und mäuschenstill da drin! Müßt schon selber hereinkommen, wenn ihr diese Toten aufwecken wollt!« Jetzt gab's draußen ein erneutes Gelächter, dann ein Getuschel, und nun fuhr die Türe sperrangelweit auf, und über die Schwelle trat keck, gezwungen auflachend, gefolgt von einigen Burschen, die vom Kirchweihschießen kamen, der Gerbebattist. Er schien schon etwas angetrunken zu sein. Mit großen Augen staunte ihn das Heleneli an. Also der wagte es nach allem Schlimmen, was über ihn im Walddorf, besonders über sein unkindliches Verhalten gegen die Mutter, umging, halbbetrunken in den »Pfauen« zum Tanz zu kommen! 107 Die Wirtin verließ sogleich die Stube und begab sich in die Küche hinaus. Ihre Tochter aber wandte sich, als wäre nichts geschehen, wieder ihrem Öllämpchen zu. Doch ihr schwarzes Kammkäpplein zitterte. »Guten Abend wohl beieinander!« lärmte Battist. »Ich hab' nicht gewußt, daß ihr hier ein Leichenmahl abhaltet, sonst hätte ich ein Karfreitagsgesicht mitgebracht!« Seine Begleiter lachten eine Scholle heraus. Die um die langen Tische sitzenden, Tabak schnupfenden und trinkenden Alten aber sahen ihn kaum an und taten, als wäre die Stubentüre vom bloßen Luftzug aufgegangen, während ihn das Weibervolk mit scheuer Neugierde betrachtete. Nun war es in der Wirtsstube wirklich stille geworden wie in einem Friedhof. Das ernüchterte Battist etwas. Er sah sich schier verlegen um, tat einen langen, fragenden Blick nach der Wirtstochter, die eben eine Stabelle erstieg, um neben der Geigenbank, auf die sich die Musikanten nach einem kurzen Abendimbiß wieder gesetzt hatten, ein Lämpchen anzuzünden. Schier schien er sich zur Türe zurückziehen zu wollen. Aber jetzt legte die Hudelimusik voll Feuer wieder los. »Zoge, zoge, zoge!« rief der Tanzschenker, in der Tanzdiele herumwirbelnd und sein Zottelkäpplein hochauf werfend. »Jo, jo, jo!« echoten die Musikanten. 108 Im Hui ging es mit stampfendem Tanzen und Jauchzen wieder zu, als ob das wilde Heer wie ein junger Imd durchs Fenster hereingeschossen wäre und nun den Ausgang nicht mehr finden könnte. Jetzt packte es den Battist. Seine Augen brannten. Alle seine Kameraden hatten schon ihre Tänzerinnen gefunden. Ihn schien niemand mehr zu beachten. Still schlich er sich zum Büfett, an dessen Gießfaß die Wirtstochter eben ihre Hände wusch. »Du, Heleni!« sagte er halblaut; »es wird wohl erlaubt sein, einen Tanz mit dir zu fahren, nicht?« »Nein!« machte sie kurz, ohne ihn anzusehen; »ich tanze heute abend nicht mehr, da ich genug anderes zu tun habe!« Er stand beschämt, schier grimmig lächelnd da. »Früher bist du nicht so gewesen gegen mich!« sagte er dann leise; »wir waren doch immer ein Herz und eine Seele schon als ganz kleine Kinder. Fahr einen mit mir!« bat er dringend und wollte ihre Hand ergreifen. Aber sie wehrte ihn fast ungestüm ab und entgegnete mit einer Stimme, in der sich etwas wie verhaltenes Weinen verbarg: »Ja, einmal war es anders; doch damals warst du ein gutes Büblein. Jetzt aber bist du einer geworden, dem niemand etwas Gutes nachredet im ganzen Dorf. Und das«, machte sie seufzend, »wollte ich noch willig überhören; mit einem solchen 109 könnte ich noch tanzen; jedoch mit einem, der seiner kränklichen Mutter, die ja nur für ihn lebt, so viel Verdruß und Herzweh macht, mit so einem tanze ich nicht!« Sie trocknete flüchtig die Hände ab und ging hinaus. Er wollte ihr nachlaufen; da knarrte die Türe wieder, und die Pfauenwirtin trat ein, warf ihm einen seltsamen Blick zu und ging ohne zu grüßen an ihm vorüber. Nun stierte er einen Augenblick in den Tanz hinaus, und da er eben zu Ende war, zogen ihn seine Kameraden in einen Winkel an einen eigenen Tisch, und bald ging es dort am lebhaftesten und lautesten zu. Wie oft auch die Tanzmusik loszog, von jenem Tisch sprang keiner mehr auf. Gleich nach der Pfauenwirtin waren zwei Fremde eingetreten, die sich ohne weiteres zu den lustigen Burschen in den Stubenwinkel setzten und von diesen mit lautem Hallo aufgenommen wurden. Sie befanden sich schon seit einigen Tagen in der Waldstatt. Man hielt sie für Kaufleute. Sie hatten sich einige Abende damit vergnügt, die tollsten Burschen des Dorfes da und dort freigebig mit Tranksame anzufüllen. »Es sind gewiß Venediger!« sagten deshalb die Burschen; »denn sie haben lauter lötiges Gold im Sack und werden wohl in unsere Berge kommen, um noch mehr davon zu holen; sie haben 110 so seltsame Stöckchen bei sich; das werden wohl die Wünschelruten sein, mit denen sie die Goldadern herausspüren!« – »Es sind gewiß Werber«, hatte sie der Schulmeister Plazi am Abend vorher belehren wollen, »die euch in eine fremde Soldatenmontur bringen möchten; Drillmeister sind's!« Aber die Ledigen hatten ihn ausgelacht und ihm geantwortet: Das sage er nur aus Neid, weil ihm das süße Weinbrünnlein nicht auch fließe, und zudem sei es ihnen eigentlich gleichgültig, wer die Fremden seien. Sollten es auch Werber sein, so solle er nur das Maul halten. Die Welt sei jetzt ja sowieso voll Krieg, und andere Burschen hätten doch so gut das Recht als er's gehabt habe, Handgeld zu nehmen, wenn ihnen daheim die Alten oder die Jungen verleiden! Schon ließen die Fremden auf ihre Kosten Wein über den Tisch aufmarschieren. Man beachtete das jedoch nicht besonders; es kamen ja mitunter Kaufleute und sonst aller Gattung fremdes Volk in die Waldstatt. Waren dabei oftmals frohgelaunte Herrenleute, die sich mit der urchigen Dorfjugend kurzweilige Abende zu machen wußten. Nun begannen die zwei Gäste von fremden Ländern zu erzählen. Als sie aber auf die französische Revolution zu reden kamen und gar den Tod der roten Schweizer, von dem die Burschen nie genug vernehmen konnten, aufs ausführlichste 111 schilderten, als wären sie dabeigestanden, wurde es am Tafeltisch im Stubenwinkel nach und nach ganz still. Gierig, mit Aug und Ohr hörten die jungen Waldmänner den Fremden zu. Sie knirschten in den Zähnen bei der doch schon so oft vernommenen Botschaft vom Heldenende der treuen Schweizer. Es juckte und zuckte allen in den Fäusten; es war ihnen, als müßten sie aufspringen, über alle Berge nach Frankreich laufen und über die Welschen herfallen, den Tod ihrer Landsleute zu rächen. Wie sie nun am wärmsten waren, ließen die Fremden erst recht Tranksame aufrücken und erzählten dann, wie nun in diesem gottlosen Frankreich ein Mann aufgestanden sei, der General Bonaparte heiße. Wie der so nach und nach die ganze Welt zu erobern, darin alle Religion abzuschaffen und sich zum alleinigen Herrn der Erde zu machen trachte. Gläublich sei er der Antichrist, und wenn man ihm nicht zuvorkomme, so habe er bald alle Länder im Sack, und so käme auch die Eidgenossenschaft daran, die er um der Treue der roten Schweizer willen besonders hasse. – Ja, ja, von diesem Bonabartli hätten sie auch schon gehört; was sich aber machen lasse? fragte jetzt erregt der Gerbebattist, der bisher ganz still dagesessen war und zugehört hatte. – Eben das sei jetzt die Frage, antworteten die sonderbaren Fremdlinge, ob der gute Kaiser Franz von Österreich ein Heer zusammenbringe, das 112 stark genug sei, dem großen Hund zu Paris zu widerstehen. Auf Österreich stünde alle Hoffnung; gehe es unter, müsse die ganze Welt untergehen. – »Oha!« sagte ein grimmig blickender rotköpfiger Bursche; »ich bin auch noch da!« und biß einen Scherben aus seinem Weinglas. – Aber eben, fuhren die Fremden zu reden fort, allein sei des Kaisers Heer dem Bonabartli noch nicht gewachsen; es müssen freiwillige, tapfere Burschen aus aller Herren Länder, besonders aus der Schweiz, wo jederzeit die tapfersten zu finden gewesen wären, zu ihm stoßen. Dann wollten es der Kaiser und der Erzherzog Karl probieren, in Frankreich einzufallen, den Bonabartli zu schlagen und die schöne Königstochter aus ihrem Gefängnis inmitten der fränkischen Bluthunde zu befreien. Die Königstochter soll vor dem Haupte des hl. Dionysius einen heiligen Schwur getan haben, nur den zum Manne zu nehmen, der ihr mit der Waffe in der Hand zuerst ihre Erlösung verkündige. Mehr wollen sie nicht sagen; aber so ein schönes Königskind eines Tages mitheimzubringen, wäre gewiß ein paar Nasen voll Pulverdampf und einige Schrammen über den Kopf wert. Und nun gaben sich die zwei Gäste leise als direkte Abgesandte des österreichischen Kaisers Franz zu erkennen. Er hätte sie dringend ersucht, sie möchten ihm doch noch einen rechten Schub der tapfersten Schweizerburschen zuführen; 113 dann wolle er's in Gottesnamen mit dem heillosen Bonabartli wagen. Schier andächtig hatten die angetrunkenen Burschen zugehört. Jetzt streckten alle die Köpfe zusammen und begannen mit den Werbern zu tuscheln. Der eifrigste war nun der Battist, während die andern immer stiller wurden. Niemand gab auf sie acht, außer der Wirtstochter. Ihr war das ganze Gehaben der zwei ungewöhnlichen Kirchweihgäste sofort aufgefallen. Als ihnen nun immer mehr zu trinken aufgetragen werden mußte und sie im Vorbeigehen vom Tische das eine und andere hörte, was ihr verdächtig vorkam, eilte sie zu ihrer Mutter, die in der Küche das Regiment führte, und berichtete ihr über ihre Wahrnehmungen. »Gewiß sind es Werber!« schloß sie. »Und dann, Mutter, weißt du noch, wie's letztes Jahr in der Wirtschaft zum »Englischen Gruß« ging? Da kam auch ein fremder Mann hin und füllte ein paar Ledige mit Wein an, bis sie den Verstand verloren, und am andern Morgen waren der Fremde und zwei junge Waldmänner über alle Berge zu Krieg!« »So werden die jungen Leute jetzt um so vorsichtiger sein und sich kaum so schnell fangen lassen!« meinte die Wirtin. »Denn du mußt wissen, daß sie nicht weniger schlau und verschlagen sind als die Werber, wenn's draufankommt. Sie lassen sich 114 jetzt wacker Wein auftischen, lachen die Soldatenmauser zuletzt tüchtig aus und hauen sie noch durch!« »Ja, ja, das möchte wohl werden; aber der Gerbebattist, Mutter, der nimmt's ernst. Schau ihn nur einmal an, wie er am Tische sitzt, ein paar Augen macht und zündrot ist vor Aufregung. Mit dem ist's nicht in Ordnung; der wär's imstande und ginge durch!« Die Pfauenwirtin schwieg ein Weilchen und sann nach. Dann sagte sie: »Gerade dem Battist täte es gut, würde ihm die Fremde zum Drillmeister. Sie hat schon manches gefehlte und verzogene Muttersöhnchen wieder zurechtgebracht. Den sollte das Leben einmal ein bißchen zausen; es möchte seinem leichten, eigenrichtigen Kopf gut tuen!« »Aber denk doch an seine arme Mutter!« »Heja eben, weil ich an die denke, sage ich das. Aber«, machte die Wirtin, ihr Kind sonderbar ansehend, »es bedünkt mich, du wollest, ich solle noch an eine andere denken, der dieser Battist auch recht sehr am Herzen zu liegen scheint, trotzdem er so ein Vogel über alle Dächer hinaus geworden ist, und trotzdem man mit ihm vorhin nicht tanzen wollte. Tu nicht so einfältig. du Närrchen; deswegen brauchst du nicht gleich zu flennen. Wohl, für was denn? Den nimmt dir niemand! Und übrigens ist's nur gut, daß ich bestimmt weiß, wie's 115 mit dir steht; geahnt hab' ich's schon lange. Eine Freude, das wirst du dir denken, – kann ich daran nicht haben. Wir wollen dann darüber nachher noch ein anderes Wort reden. Jetzt will ich aber doch zum Vetter Amtsvogt gehen und ihn um Rat fragen. Ist's nicht wegen dem Battist allein, so ist's doch, um den sauberen Fremden, wenn's wirklich Werber sein sollten, beizeiten das Handwerk zu verleiden!« »Ja, Mutter, der tausend Gottswillen, tu's; ich will dir gewiß nie ein Wort vom Battist . . . !« Heleneli schlug die Schürze vors Gesicht und sank aufschluchzend auf eine Stabelle, sprang dann aber rasch auf und stürmte in sein Kämmerlein hinauf, als die Mutter, die Hände abtrocknend, die Schürze abnahm und, nach der Köchin rufend, das Haus verließ. Unterdessen ging im Stubenwinkel, in dem die Werber saßen, wieder ein übermütiges Lärmen, Johlen und Festen an. Eine Magd mußte frische Flaschen aufstellen; »denn«, jauchzten die Burschen, »nun wollen wir etwas verschwellen!« Einer von ihnen, nur einer hatte Handgeld genommen; der aber rasch und mit einer schier wilden, seinen Altersgenossen unbegreiflichen Freude. Doch sie wußten ja, daß er nicht tun konnte wie andere, und so ließen sie's gehen, gelobten den Werbern Stillschweigen bis morgen früh und dem Battist 116 Freundschaft bis zum jüngsten Tag. Battist hatte von einem Werber bereits einige Krontaler Handgeld erhalten. Und nun erachtete er sich als gebunden und saß nun unheimlich still, mit glänzenden Augen den Werbern lauschend, unter seinen Kameraden. Die aber wurden toll vor Freude ob ihrer so billig gewonnenen Tranksame, und der Rotköpfige klopfte dem Battist auf die Schulter und raunte ihm zu: »Vergiß dann die schöne Königstochter nicht heimzubringen!« – »Ja, ja, du Rotkopf«, antwortete ihm ein anderer, »du möchtest dann wohl dein sommersprossiges, hasenfratziges Madletschi dagegen vertauschen!« Ein schallendes Gelächter ging um den Tisch. Einer aber sprang auf und lärmte: »Seid ruhig und bezapft euch! Jetzt haben wir Krieg im Land; jetzt singen wir den Roten Schweizer!« – Ja, dieses Lied möchten sie noch gerne hören, sagten die Werber; darnach aber sei es höchste Zeit für sie, abzutanzen; denn es wolle ihnen nicht mehr recht gefallen, daß sich die Weiber nicht mehr blicken lassen. »Ach was!« lärmte einer; »die Weiber werden Kopfweh haben und in die Schlafkammern hinaufgestiegen sein. Es tut ja den Weibsleuten immer etwas weh!« Alle lachten auf; nur Battist kauerte stumm, mit grimmig lächelndem Gesicht, da. »Still jetzt!« rief ein stämmiger Bursche und schlug auf den Tisch. »Stimmt ein; ich fange an!« 117 Und nun rauschte gewaltig durch die Wirtsstube »Der rote Schweizer«, also daß die Hudelimusik, die eben wieder losgezogen hatte, mitten im Spiel abbrach. Rot ist mein Banner, rot das Kleid, Blutrot mein Herz und treu dem Eid,     Den es hat zugeschworen! Die Trommel wirbelte durchs Schloß: Wach auf, wach auf, o Eidgenoß,     Paris steht vor den Toren! Die Königin am Fenster stand: Hab' ich denn keine Seel' im Land,     Die treu zu mir wollt' stehen? Frau Königin, vielgute Nacht! Der rote Schweizer hält die Wacht,     Kein Leids soll Euch geschehen! Halbneune schlug im Schloß die Uhr. Ja, Räuber Marat, komm uns nur,     Du sollt uns treu erschauen! Die roten Schweizer rücken aus: Gott schütz den König und sein Haus     Und seine süßen Frauen! Und als der Sieg uns schier gelang, Ein Brieflein von dem König kam,     Das Feuer einzustellen. Auf, rote Schweizer, zieht davon! Kommt her, wir bieten euch Pardon;     Gebt frei die Türenschwellen! Und wenn ihr uns Paris versprecht, Verflucht ihr uns als Herrenknecht,     Wir sterben doch in Treuen! 118 O Ludewig, das war nicht gut, Daß du hingabst der Schweizer Blut;     Es wird dich noch gereuen! Der euch dies kurze Liedlein sang, Mit Not kam er vom heißen Gang     Um Marie Antonetten. Rot ist mein Banner, rot das Kleid Und rot die Wang vor Scham und Leid,     Daß ich sie nit kunnt retten! Kaum war das Lied, dröhnend wie der Marschschritt der ausrückenden Schweizergarde, unter schier ehrfürchtigem Stillschweigen aller Waldleute durch die Stube gebraust, als die Wirtstochter, mit zitternder Hand etwas an ihrem schwarzen Käpplein ordnend, auf der Schwelle stand. Schier erschrocken ob der so plötzlich eingetretenen Grabesstille, machte sie Miene zurückzutreten und in die Küche hinauszuhuschen. Da fuhr der Battist vom Tische auf, schoß über den Tanzboden, packte das Heleneli am Handgelenk und lärmte zur Geigenbank hinauf: »So, nun spielt auf! Aber einen Gestobenen will ich haben; denn jetzt tanzt die Pfauentochter mit mir. Oder sag's frei heraus!« wandte er sich an das bebende Mädchen. »Ich frage dich zum letztenmal; hier vor allen frage ich dich: Willst du wieder nicht mit mir tanzen?!« Ein Spinnlein hätte man in der Wirtsstube können seiltanzen hören. 119 »Ja!« sagte zum Erstaunen aller mit fester Stimme das Heleneli und sah drohenden Auges zu den Werbern hin; »ja, Battist, ich tanze mit dir, wenn du den Seelenverkäufern, die dort hinterm Tische sitzen, nichts versprichst und daheim im Lande bleibst!« Erschrocken standen die Werber auf. Battist aber sah Heleneli einen Moment mit heißen Augen an. Dann lachte er laut auf. »Es ist dir wohl nur meiner Mutter wegen, daß ich dableiben soll?!« »Ja!« sagte sie zögernd, blutrot werdend und die Augen senkend; »es ist deiner armen kränklichen Mutter wegen!« Und mit einem Male hob sie die gefalteten Hände zu ihm auf und schrie: »Battist, Battist, verlaß sie doch nicht; es würde ihr das Herz brechen! Ich tanze mit dir ihretwegen durch die ganze Welt, wenn du willst; nur das tue ihr nicht an!« »So willst du also nicht meinetwegen mit mir tanzen?! Sag, du tanzest mit mir meinetwegen und nicht um meiner Mutter willen, und ich bleibe da, und wenn die Welt auseinanderfällt!« Man meinte, die unruhigen Lichter der Lämpchen an den Wänden spielen zu hören. »Nein!« sagte schier tonlos, aber bestimmt das Heleneli und entzog ihm ihre Hand. Einen Augenblick starrte er sie an wie ein Wahnsinniger. Dann schlug er ein rasendes Gelächter auf 120 und lärmte wild: »So leb denn wohl, du Hochmutsnärrchen! Bis du mich selber zum Tanz aufforderst, tanze ich nie mehr mit dir. Ich will nun Kaiser Franzens Montur tragen und nach Frankreich hineinfahren, wo eine schöne Königstochter auf ihren Erlöser wartet. Vielleicht bringe ich die an den Tanz. Du kannst ja derweilen meine Mutter trösten, der ich so nur eine Last bin; denn du bist's ja, die mich fortjagt, du Hochmutsnärrchen, Hochmutsnärrchen!« Er fuhr in den Sack und schleuderte seine Krontaler in den Tanzboden hinaus. »Spielt auf! Zoge, zoge, zoge!« lärmte er die Musikanten an; »das Heleneli kann nun den Gestobenen allein tanzen!« Flugs war er mit den Werbern zur Türe hinaus. Das Heleneli stand wie betäubt, und die Waldleute sahen sich sprachlos an. Die Hudelimusik jedoch, als sie die schönen runden Krontaler wie silberne Fröschlein über die Diele hüpfen sah, zog los und gab einen Ländler zum besten, der eine Ziehkuh aus dem Gestell gelüpft und die Stabellen zum Aufjucken gebracht hätte, wären nicht die stillgewordenen Waldleute darauf gesessen. Kaum aber war der Tanz zu Ende, ging ein heilloses Hallo in der Stube los. Das Heleneli erwachte aus seiner Betäubung, eilte ans Fenster, riß ein Scheiblein zurück und schrie in die Nacht hinaus: »Battist, Battist!« 121 Jetzt ging die Stubentüre; die Pfauenwirtin trat ein, verwundert in den Aufruhr schauend, und ihr folgte der Amtsvogt mit zwei Heimlichwächtern. »Ja, was hat's denn jetzt da gegeben?!« fragte sie erstaunt; »sind die Geier doch abgezogen?!« »Freilich!« rief ein junges Weib; »aber sie haben den dummen Weißgockel schon in den Krallen!« Einige Burschen lachten roh auf; aber es wurde ihnen vom Amtsvogt barsch verwiesen. Und nun wollte er wissen, was da gegangen sei. In fliegender Hast erzählte man den Vorgang. »Jetzt aber auf und ihnen nach!« gebot der Amtsvogt; »wir erwischen sie vielleicht noch!« Er, die Wächter und alle Waldmänner verließen hurtig die Wirtsstube. Battists Kameraden hatten sich in der allgemeinen Verwirrung zur Küchentüre hinaus davon gemacht. Nur das Weibervolk und die Musikanten blieben ruhig sitzen. Sie mochten die Kirchweih, die nur alle Jahre einmal kam, nicht so rasch aufgeben. »Sie werden ihn ja wohl wieder zurückbringen!« sagte der lange Klarinettenbläser. – »Ja«, meinte der alte, ständig mit dem Kopf wackelnde Baßzieher, »und andernfalls, sollte er etwa nicht mehr zurückkommen, gibt's gottlob noch guthölzige, weidensaftige Knaben genug hier, die allenfalls das trauernde Weibervolk zu trösten imstande sind!« – »Jetzt meint er mich!« lachte schmunzelnd der 122 blutjungeGeiger. – »Nein!« sagte der Alte, den Deckel aufs Schwyzerpfeifchen drückend und ein paar Züge paffend, »jetzt meine ich mich!« Sprach's, setzte den Bogen an den Baß, und so jauchzte wieder ein Tanz durch die Stube, daß die unruhig dasitzenden männerlosen Waldweiber die Statuen der Heiligen aus der Kramgasse zum Tanz hineingerufen hätten, würden sie ihnen einiges Leben und etwelche Erfahrung in der Tanzkunst zugetraut haben. Die Pfauenwirtin und ihre Tochter aber waren aus der Stube verschwunden. Während des lärmenden Aufbruches der Waldmänner hatte sich die erschrockene Wirtin geräuschlos zu ihrem Kinde ans Fenster gemacht, wo es unbeweglich im Scheiblein lag und angestrengt in die Nacht hinein horchte. Sie hatte ihm die Hand auf die Schulter gelegt, es sanft vom Fenster weggezogen und mit sich in ihre Schlafkammer hinaufgenommen. Dort erst kam das Heleneli recht zu sich. Es brach in ein unaufhaltsames Schluchzen aus und sagte immer: »Ich habe ihn fortgejagt; ich habe ihn fortgejagt!« Die Mutter suchte es zu beruhigen und sprach ihm ernst zu. »Man wird ihn wohl bald wieder bringen!« meinte sie zuletzt. »Horch!« rief die Tochter, vom Bett, in dessen Decke sie das Gesicht weinend vergraben hatte, auffahrend. 123 Vor dem Hause war ein Lärmen und Hin- und Herlaufen. »Was gibt's denn?!« Die Wirtin hatte ein Scheiblein zurückgestoßen. »Pfauenwirtin!« lärmte es von der Gasse herauf. »Wir bekommen die Werber und den Gerbejungen kaum mehr. Der Amtsvogt und wir alle sind ihnen nach, wie Ihr wißt. Aber schon bei den Stationskapellen auf dem Brüel begegnete uns ein Bauer, der uns sagte, er habe ihrer drei wie besessen über den Waldweg hinaus nach dem Zürichsee galoppieren sehen. Den Jüngsten von ihnen habe er im Mondschein wohl erkannt, er sei der vorderste gewesen. Das ist ja kein Wunder; er ist den Rossen seines Vaters und den Klosterrossen genug durch die Beine und über den Rücken gekrochen. Euer Vetter, der Amtsvogt, will zwar satteln lassen; aber er schickt mich zu Euch. Er meint, bessere Rosse als Ihr habe niemand; da wäre es vielleicht gut, wenn Ihr den Werbern auch ein paar Knechte nachschicktet; denn er glaubt kaum, daß er sie auf seinen schweren Gäulen einzuholen vermöge. So hätt' ich's also ausgerichtet; schlaft gesund!« »Macht's auch so!« Die Pfauenwirtin schloß das Fenster. »Mutter, Mutter!« schrie das Heleneli, ihrer Mutter Kniee umfassend, »laß sogleich satteln! Wir haben ja weitaus die schnellsten Pferde. Die werden 124 die Werber heilig und gewiß einholen. Laß satteln, Mutter; ich bitte dich der tausend Gotteswillen, laß satteln!« »Nein, Heleneli; wir nicht!« sagte sanft, aber fest die Wirtin; »du hast ihn ziehen lassen, und es war klug und wacker von dir. Aber wenn du ihn jetzt zurückrufst, verdirbst du nicht nur, was du für ihn und für dich gutmachtest, sondern noch vielmehr dazu. ›Eine Liebe, die davonläuft, holt keiner mehr ein, und wär er geschwinder als Wetterlichtschein‹, sagt ein altes Sprüchlein. Liebt er dich wahrhaft, so kommt er dir schon wieder, und dann als ein anderer, hoffe ich!« »Ach!« sagte schluchzend das Heleneli, »ich wollte ihn gerne ertragen, so wie er ist; hätte ich ihn nur noch!« »So lasse ich sofort satteln!« sagte die Pfauenwirtin und ging auf die Türe zu. »Mutter!« »Ja? Was ist's noch?!« wandte sich die Wirtin, die Türklinke in der Hand. »Laß nicht satteln!« machte leise, aber bestimmt das Heleneli. Dann folgte es der Pfauenwirtin hochklopfenden Herzens in die Stube hinunter, um dort aufzuräumen und Feierabend zu machen; denn die Waldfrauen waren von ihren Männern und Liebsten mittlerweile nach Hause abgeholt worden. 125   IX. Die flüchtigen Werber und ihr Opfer, der Gerbebattist, wurden trotz allen Bemühungen des Waldstattrates nicht mehr eingebracht; sie hatten beizeiten, mit andern Werbern und Rekruten vereint, die Grenze gewonnen. Noch in der gleichen Nacht vernahm dann des Burschen Mutter im Gerbehaus, wie ihr Sohn Handgeld genommen und mit den Werbern schon über alle Berge sei. Die beredte Überbringerin der schlimmen Nachricht versäumte nicht, die Schuld seiner unbedachten Tat der Pfauentochter zu überbürden. Erst starb die Mutter schier vor Schrecken und Unglückseligkeit, und nur ihr felsenfestes Vertrauen auf die Hilfe der nahen Muttergottes in der Gnadenkapelle bewahrte sie vor Verzweiflung. Aber dann eilte das Heleneli zu ihr, stürzte sich zu ihren Füßen und bat sie schluchzend um Verzeihung; denn sie sei es, die ihren einzigen Sohn fort und ins Unglück getrieben habe. Doch die Gerbealte schloß das Mädchen in die Arme und sagte unter Tränen: »Nein, nein; du brauchst dich gewiß nicht anzuklagen, liebes Kind. Wenn ihn auch die Liebe zu dir wirklich fortgetrieben 126 hat, so tatest du's doch mir zu lieb, und ich bin glücklich, daß ihn, einen solchen Wildfang, ein Mädchen wie du noch lieb haben mag. Zudem, fort zog es ihn immer. Er schämte sich, länger hierlands mir und allen Leuten, wie er alleweil beteuerte, zur Last zu sein. Die väterliche Gerberei war ihm zuwider; der Beruf sei ihm zu langweilig. Ach, du weißt es ja gut genug; alles was wir mit ihm anfingen, paßte ihm nicht. Fort trieb es ihn; Soldat wollte er werden. Etwas durchzumachen und zu erobern, war sein Gedanke bei Tag und Nacht, und darum strich er auch bei Tag und Nacht im Land umher. Hab mich nur auch gern, mein Kind. Und wenn du ihn wirklich liebst, bleib ihm treu. Die Muttergottes hat dich mir zum Trost geschickt. Gewiß lehrt ihn der Liebgott die harte Welt kennen in der Fremde und führt ihn uns als einen andern zu. Ich bin ja am meisten selber schuld an seinem ungeberdigen Tuen. Immer ließ ich ihm den Willen, verwöhnte und verpäppelte ihn auf jede Weise, weil er halt anfänglich ein gutmütiges Büblein war, das gar so schön schmeicheln und streicheln konnte, und«, sie brach in leises Weinen aus, »weil er halt mein Einziger war!« So kam es, daß die gute Alte das Heleneli, das ihr doch zu ihrem Troste zugelaufen war, aufrichten und trösten mußte. Von nun an begab es sich den ganzen Herbst über, so oft es in der 127 Wirtschaft abkommen konnte, zu Battists Mutter ins Gerbehaus. Als der Winter ins einsame, nun ganz still gewordene Hochtal einrückte und es gegen alle Welt mit hohen Schneewällen abschloß, also daß die Pilger draußen bleiben mußten, nahm die Pfauentochter eines Abends ihr Spinnrad mit ins Gerbehaus und blieb dort sitzen, bis der Wächter die elfte Stunde sang. Allabendlich erschien sie nun bei Battists Mutter, spann neben ihr am Ofen und hielt sie aufrecht; denn nun wurde es der Alten immer schwerer ums Herz, da sie der kalte Winter gar sehr an die Leiden und Drangsale des Soldatenlebens mahnte. Auch hatte ihr der Zürichbote hin und wieder über gewaltige Schlachten berichtet, die die ganze Welt mit dem kleinen Bonabartli zu bestehen habe. O wie sie diesen Bonabartli haßte! Sie hielt ihn, wie alles Volk, für den Antichrist, und bat alle Abende, nachdem sie den üblichen schmerzhaften Rosenkranz mit Heleneli vor dem Kruzifix an der Wand gebetet, händeringend, Gott möge doch dieses höllische Untier von der gefolterten Menschheit hinwegnehmen. Was war das für ein Jubel im Gerbehaus, als das Heleneli der alten Frau eines Tages einen ältern bresthaften Soldaten zuführte. Er hatte sich durch all die hohen Schneemauern einen Weg ins Hochtal St. Meinrads erzwungen. Erstlich wollte 128 er der Gnadenmutter von Einsiedeln für die Erhaltung seines Lebens danken; dann aber auch Battists Mutter die Grüße von ihrem Sohne ausrichten und sie wissen lassen, daß er ihn vor kurzem gesund und wohl und schon als Sergeant in dem Heere des österreichischen Erzherzogs Karl gesehen habe. Battist bat seine Mutter und Heleneli durch den Invaliden um Verzeihung, und flehte sie an, sie möchten ihn doch ja nicht vergessen und auch nicht zu sehr verachten. Er hätte nun schon viel vom Schwierigsten gelernt, was es im Leben geben könne: die Kunst zu warten. Nur eines werde er nie zu ertragen vermögen: die Fremde. Das Heimweh brächte ihn noch um. Doch er werde den Heimweg schon finden, bevor sie's denken, und wenn er unter allen Bergen durchkriechen müßte. Sei er aber einmal daheim, wolle er die väterliche Gerberei gewiß nicht mehr vernachlässigen; obwohl ihm das Soldatenhandwerk auch gut anstehe und ihm über alles gefiele, könnte er's in der Heimat üben. Die alte Frau wußte sich vor Freude nicht zu fassen, und auch Heleneli strahlte. Aber darnach kam die Sehnsucht nach dem Fernen erst recht und mit zehnfacher Gewalt über die beiden Frauen, und eine fürchterliche Angst folterte sie zu Zeiten, wenn sie wieder von neuen Kriegen hörten, er möchte ihnen nie mehr heimkommen. Sie versäumten den ganzen Winter lang nie, sobald das Salveglöcklein 129 vom Kloster rief, vor die Gnadenkapelle hinaufzueilen und sich von dem schönen Salvegesang die bangen Herzen trösten zu lassen. Hellauf erschraken die Frauen, als sich eines Tages im Walddorf blitzschnell die Nachricht verbreitete, die Welschen seien über die Schweizergrenze eingebrochen; der Bonabartli wolle nun auch die Eidgenossenschaft mit Mord und Brand überziehen und den Glauben ausrotten. Ja, die Franken stehen schon im Waadtland, hieß es, und bedrohen das mächtige Bern. Die Waldweiber bekreuzten sich und liefen in die Kirche. Der Waldstattrat aber forderte alle Waldmänner auf, ihre Waffen zu mustern, sie beim Büchsenschmied und Messerschmied in Ordnung bringen zu lassen; sie darnach für alle Fälle in der Stubenkammer über die Laubbetten aufzuhängen und nicht wieder auf den Winden einrosten zu lassen. Obwohl sich an Bern schon viele Herren und Ritter verrechnet hätten, könne man doch diesmal nicht wissen, wie's komme; besser sei besser. Viele Waldleute aber wünschten den Krieg geradezu; so könne man mit dem gottlosen Bonabartli und seinen Rebellen einmal in die Hölle hinunterfahren; sie hätten die roten Schweizer auch nicht verschont. Eine große Unruhe begann seit der Nachricht vom Einbruche der Franzosen in die Schweiz das sonst so friedliche Hochtal zu erfüllen. 130 Heleneli aber, das sich zuerst ob dem drohenden Kriege mit dem mächtigen Frankenland gewaltig entsetzte, beruhigte sich und Battists Mutter, als es in der Pfauenwirtsstube von angesehenen Männern der Waldstatt sagen hörte, der österreichische Kaiser Franz werde gewiß mit seinem Heere der Eidgenossenschaft zu Hilfe kommen, sollten die Franken Ernst machen wollen. Da mußte ja Battist mit des Kaisers Heer auch heimkehren. Ja, als es nach einiger Zeit hieß, Bonabartli scheine sich doch vor den Eidgenossen zu fürchten, er unterhandle mit Bern, wurde Heleneli schier traurig; denn, dachte sie, wenn der Bonabartli nicht kommt, kommt auch der Kaiser Franz mit seinem Heer nicht, und ich sehe vielleicht meinen Schatz nie wieder. Tag und Nacht quälte sie sich mit diesem Gedanken herum. Aber dann pflegte sie sich und Battists Mutter immer wieder mit der Hoffnung zu trösten, er werde, sobald er von der Gefahr vernommen habe, die seinem Vaterlande drohe, auf jeden Fall heimkehren wollen. Gewiß gehe er zum Kaiser und sage: Herr Kaiser, ich muß heim und mein Schweizerland verteidigen; denn der Bonabartli will uns Religion und Freiheit nehmen. Und da lasse ihn der gute Kaiser Franz gewiß ziehen. Durch die Träume der Frauen wehte diese eine Hoffnung wie eine goldene Kirchenfahne. Es war eines Abends, anfangs März. In der getäfelten, vom Alter gebräunten Wohnstube des 131 Gerbehauses saßen Battists kränkliche Mutter und das Heleneli Gyr beisammen und spannen. Mit heimweherischen Augen träumte das Mägdlein in das wilde Schneetreiben hinaus, das über die Matten vom Kloster herfegte, wo es am Treppenaufgang zur Kirche Krone und Helm der römischen Könige mit seinem Hermelin verbrämt und die Köpfe der steinernen Engel und Englein auf den Dächern der Kramgasse mit nagelneuen schimmernden Kappen bedeckt hatte. Im warmen Ofenwinkel aber kauerte fröstelnd Battists Mutter. In ihrem Schoße schnurrte die graue Katze. Jetzt sprang sie auf den Boden, streckte sich und riß das Maul auf. Dann setzte sie erst auf eine wurmstichige Stabelle, nun gar auf die alte Kommode mit den geschweiften Truhen und ließ sich dort, behaglich spinnend, neben einem Zinnteller nieder, in dem vor einer wächsernen »Weihnachten« etwas Weihrauch verbrannte, der die Stube mit Wohlgeruch erfüllte. »Willst du wohl von der Kommode herunter!« rief die alte Frau hüstelnd der Katze zu. »Ach, laßt sie doch; es ist ihr dort so wohl!« machte die Pfauentochter. Ein Lächeln umspielte ihren Mund. Wie oft stand sie früher mit Battist vor dieser wächsernen Weihnachten. Sie war das zierliche Werk eines einheimischen Künstlers und stellte den Guten Hirten 132 dar, wie er in Holzschuhen, kurzen Hosen, Hirthemd und Zottelkappe, das wiedergefundene Schaf auf dem Rücken, über das steinplattenbelegte Weglein zu seiner offenen Hütte emporstieg, in der seine Frau und sieben Kinder um einen kuhbeinigen Tisch hockten und zusammen aus einem Milchmutteli die Molken auslöffelten. Wie hatten sie immer die Augen aufgesperrt und durchaus warten wollen, bis die niedlichen Kindchen die Molken fertig gegessen hätten. »Heleneli«, begann jetzt Battists Mutter zu reden, »ich weiß nicht, was ich heute habe; aber es ist mir, du solltest wieder einmal ein recht wehmütiges Liedlein singen; denn mir ist's so wohl und heiter zumute, wie schon lange, lange nicht mehr. Ich weiß ja wohl, es ist sündhaft von mir, so zu sein in der Zeit, die alles mit Kriegselend und Jammer bedroht; aber ich kann nichts dafür. Vielleicht ist doch etwas Gutes im Anzug für uns. Es sind mir nicht umsonst gestern abend drei Spinnen über das Stiegenbrücklein gelaufen!« »Will's Gott, daß es Euch endlich auch einmal gut ergehe, Base!« antwortete Heleneli; »Ihr habt traurige Zeiten genug hinter Euch. Was soll ich denn singen?« »Ja, ja, traurige Zeiten, und der einzige Sohn ist in der weiten wilden Welt draußen im Kriege, Kind, o, o! Nein, sing lieber nicht, Heleneli!« 133 Aber die Wirtstochter netzte flink ihren langen Reistenfaden; dann ließ sie das Füßlein tanzen und sang: Das Geiglein rief zum Alemander. Zum Tanz, Marie, geschwind! Ach Gott, mein Schatz zog in die Fremde; Mit meinem Armensünderhemde Tanzt vor dem Haus der Wind. Das Geiglein rief zum Alemander. Zum Tanz mit Sang und Klang! Am Fenstersims, wie mußt' sie klagen! Leis täten ihre Rosen fragen: Was weinest du so lang? Das Geiglein rief zum Alemander. Marie, hoch geht es her! O meine Rosen, ihr müßt wissen, Der Quell, woraus die Tränen fließen, Ist tiefer als das Meer. Das Geiglein rief zum Alemander. Zum Tanz, Marie, wohlauf! Und gälte es mein armes Leben, Ich kann das Füßlein nimmer heben; Ein ganzer Berg liegt drauf. Das Geiglein rief zum Alemander. Juhuu! Zum Tanz, Marie! Und brächt' ich auch den Berg vom Fuße, Mein Herz ist schwer von einem Kusse, Drückt ewig mich aufs Knie. Die Türe ging, und schlurfend trat in ihren Endeschlarpen die alte Magd ein, einen schadhaften dickbauchigen Henkelkrug im Arm. 134 »Ich will doch das Weihwasser, den Ostertauf da, noch verbrauchen«, sagte sie; »es ist ja bald Karsamstag; da gibt's frischen.« Sie füllte aus ihrem bresthaften Kruge den Weihbrunn neben der Türe an. »Ja, ja; helf uns Gott!« fuhr sie zu reden fort; »es sind böse Zeiten! Da sagte mir eben der Büchsenschmied, ein Roß sei seinem Buben auf den Fuß getreten; er glaube, der ungeschickte Tropf müsse eine Zehe verlieren!« »Das wäre doch ein Jammer für den armen Buben!« sagte das Heleneli. »Ja!« machte die Magd, »und die Grabbetterin tat mir darnach zu wissen, man habe eben ein junges Weib am Waldweg erfroren gefunden!« »Ach Gott, ach Gott; die arme Frau!« klagte das Mädchen. »Ja; aber es sei nur ein landfahrendes Feckerweib! sagte mir die Grabbetterin.« »Aber red doch nicht so, Babeli!« verwies ihr Battists Mutter; »ein Feckerweib ist doch auch ein Mensch!« »Freilich«, meinte die alte Magd; »aber kein einheimischer!« »Tröste Gott ihre arme Seele!« machte die Hausmutter. »Und das ewige Licht soll ihr leuchten!« stimmte das alte Babeli ein und goß die Neige ihres 135 Weihwassers feierlich über den Boden aus. »Ja!« redete sie weiter, »und dann sagte mir die Grabbetterin noch, es liegen in der Habermusgasse in einem Hause zwei Tote, die übermorgen zu beerdigen seien!« »Heilige Muttergottes!« rief das Heleneli aus; »welch ein schreckliches Unglück! Zwei Tote in einem einzigen Hause, sagst du?!« »Ja!« machte ruhig die Magd und ging zur Kommode, die Katze herunterscheuchend und etwas Weihrauch in den Zinnteller streuend; »ja freilich, zwei Tote auf einmal; aber es sind nur Zwillingskinder!« »Ach, die arme Mutter!« seufzte das Heleneli. »Ja, und dann habe ich soeben vor der Stiege, als ich den Schnee etwas wegwischte, noch den Zürichboten gesehen. Er kam eilig über den Alpbach und hastete gegen das Dorf hinauf. ›Was läufst denn so?‹ rief ihm der Klostermüller nach. ›Es wird doch nirgends brennen?‹ –›Allweg brennt's!‹ gab ihm der Bote zurück. ›Bern ist gefallen! Die Franken haben die Stadt nach furchtbarer Gegenwehr gestürmt und seine unermeßlichen Schätze geplündert. Nun werden sie wohl bald an unsere Türe klopfen!‹« »Jesus Maria und Sankt Joseph!« gruchste es im Ofenwinkel. Das Heleneli war in jähem Schrecken aufgesprungen. 136 »Was sagst, Babeli; das starke, das stolze Bern sollte gefallen sein?!« »Freilich; so hab' ich's ihm selber zum Mund herausgehen hören, dem Zürichboten!« sagte, erfreut ob der Sensation, die ihre Nachricht in der Stube verursachte, die alte Magd. »Ja, ja!« fügte sie dann bei; »ich sag's alleweil, die Männer sind doch einfältige Kappenzottel. Wären sie nicht dumm, schlügen sie nicht immer und durch die ganze Welt aufeinander los, wo doch ein jeder Krieg genug im eigenen Haus und im eigenen Herzen hat!« Kopfschüttelnd verzog sie sich in die Küche. Erschrocken sah ihr das Heleneli nach. »Ich muß es der Mutter sogleich berichten!« sagte es dann; »denn das ist eine Botschaft, die für unsere alte Waldstatt keine gute Bedeutung hat. Denkt, Base, wenn uns diese welschen Heiden den Unglauben ins Land brächten und gar die Gnadenkapelle Unserer Lieben Frauen entheiligen oder gar das Kloster und das Dorf anzünden und zerstören würden. Wie wäre das so fürchterlich!« »Ja, geh nur schnell heim, Kind, und berichte es deiner Mutter. So ist nun das die heutige Nachricht, die mir die Spinnen ankündigten und auf die ich mich gar noch sündhaft gefreut habe!« klagte die Alte und schlurfte aus ihrem Ofenwinkel. »Ich weiß nicht, wo ich den Kopf habe; nichts als Unglück über Unglück. Doch zuerst will ich jetzt den 137 Wachsrodel im Pelzmuff in der Nebenstube holen und den erschlagenen Miteidgenossen von Bern vor dem Guten Hirten ein Lichtlein anzünden und Fünfe beten. Wenn es auch Ketzer sind, es sind doch Eidgenossen, und es werden etwa auch arme Seelen unter ihnen sein, die es brauchen können. Lebwohl, Heleneli, und helf dir Gott!« »Behüt Euch Gott wohl, Base!« machte die Pfauentochter, langte flink in den Weihbrunn und wollte sich davon machen; denn die Hausfrau war in die Nebenstube gegangen. Da ging sachte die Türe; ein hochgewachsener Soldat stand lächelnd auf der Schwelle. Zum Tod erschrocken wich das Heleneli zurück und wollte zur Küchentüre hinauslaufen; aber als es sich nochmals umsah, tat es einen jauchzenden Aufschrei, breitete die Arme weit aus und rief: »Battist, Battist; du bist's?! Komm!« jubelte sie, »ich fordere dich zum Tanz auf! Die ganze Hudelitanzmusik wartet schon lange auf dich in meinem Herzen! Ich . . .« Aber da lagen sie sich, stöhnend vor Glück, in den Armen. »Nun hast du mich doch zu überraschen vermocht«, sagte sie endlich leise, »und ich habe doch den ganzen Winter über Tag und Nacht auf deinen Tritt, auf den Tritt, den ich einst davongehen hören mußte, gelauscht!« 138 »Ja«, sagte er langaufatmend, wie ein Schiffer im Sturm, der endlich den bergenden Hafen vor sich hat, »es war ein langer Winter, und ich will an ihn denken. Unverhofft, wie ich ging, bin ich auch wieder gekommen. Aber nun bin ich etwas; ich bin ein Soldat, und ein Soldat will ich bleiben, bis ich sterbe; aber im Vaterlande. O Heleneli, o Schatz!« rief er leidenschaftlich aus. Er riß sie an sich, um sie zu küssen. Doch sie wurde purpurrot, entzog sich ihm und sagte: »Verzeih mir, Battist! Wie konnte ich dich nur deiner Mutter vorwegnehmen! Base, Base!« schrie sie, die Nebenstube aufreißend. »Was gibt's, Kind, was gibt's?!« rief die Alte in der Kammer. »Ich komme gleich, ich komme; kann nur den Wachsrodel nicht finden; weiß Gott, wo ihn das Babeli oder die Katze wieder hingerollt haben. Heiliger Antoni von Padua, hilf mir suchen!« »Base, es ist ein junger, schmucker Mann da, ein Soldat!« Eilige, schlurfende Schritte. »Jesus Heiland!« »Mutter, Mutter!« Da hatte Battist die Mutter in den Armen und trug die Schluchzende wie ein Wickelkind in der Stube herum. Dann legte er sie sanft auf die lederüberzogene Ofenbank nieder. Sie zog ihn aber zu 139 sich herab und weinte und weinte. »Nun ist das Glück doch gekommen!« sagte sie halblaut, »und hat mir mein Büblein wieder heimgebracht!« Aber dann erhob sie sich mit schier jugendlicher Behendigkeit: »Jesus Gott im Himmel!« rief sie aus. »Sag, sag, bist du auch gesund und wohl, und fehlt dir nichts?« Erschrocken wandte und drehte sie ihn, befühlte ihm Arme und Beine, riß ihm gar die Uniform auf und beschaute seine Brust, an der ein niedliches rotes Herzchen sich zeigte. »Gottlob, gottlob!« machte sie aufatmend; »er ist gesund! Und nun«, sie schlug sich vor den Kopf, »und nun hinaus in die Küche; du wirst wohl Hunger haben, du armer Bub du! Es ist zum Glück«, setzte sie, schalkhaft lächelnd und Heleneli zublinzelnd, hinzu, »ein kleines Mägdlein da, das dich unterdessen, bis die Milch und der Eiertätsch kommen, etwas zu verkurzweilen wissen wird. Ja, und dann«, sagte sie bekümmert, »will ich dir die Kleider gleich bringen; deine Soldatenmontur ist ja tropfendnaß. Babeli, Babeli!« rief sie und machte sich hurtig in die Küche hinaus. Glückselig wandte sich Battist dem Heleneli zu, das still, mit leuchtenden Augen, dem Wiederfinden von Mutter und Sohn zugesehen hatte. »Wie du doch so schön geworden bist, Heleneli!« sagte er, »und wie gut du mit mir bist, obwohl ich als ein so böser Bub von dir fortlief und dir 140 so weh tat!« Er ergriff ihre Hände. »Trägst du mir denn wirklich gar nichts nach, Liebste?« »Ach, was wollte ich dir denn nachtragen als mein Herz!« sagte sie mit einem Lächeln, das vor Battists Augen die rauhen Wände mit dem roten Sammet des Abendrotes überzog, »und wenn du mir übers Meer davonliefest, ich könnte dir doch nichts anderes nachtragen!« Er wollte sie umhalsen; doch sie machte sich los und sagte: »Liebster, bald kommt der Herbst und die Kirchweih. Dann soll dich niemand mehr aus meinen Armen lösen können! Jetzt aber muß ich schnell zur Mutter heim. Ich ertrage all das große Glück, das ich heute durchgemacht, und das Unglück, das ich vernommen habe, allein nicht länger. Auch treibt es mich, der Mutter zu berichten, wie du dich so brav zur rechten Zeit im Vaterlande eingestellt hast; das wird sie besonders freuen!« »Unglück?!« machte er hocherstaunt. »Heja; Bern, das starke Bern, der Stolz der Eidgenossenschaft, ist doch den Welschen in die Hände gefallen. Bald genug werden wir sie auch hier haben. Was starrst du mich denn so an? Das weißt du doch gewiß schon lange?!« »Nein!« gab er kleinlaut zurück; »davon habe ich kein Wort vernommen. Ich wußte ja nicht einmal, daß die heillosen Franken auch in die Eidgenossenschaft eingefallen sind; denn erst noch haben wir 141 uns mit ihnen unter Erzherzog Karl am Rhein tüchtig herumgeschlagen. Die Welschen in der Schweiz; Bern gefallen; – kann das sein, oder willst du mich ein bißchen zu fürchten machen?!« Sie schaute ihn schier entsetzt an. »Ja, bist du denn nicht heimgeeilt, um das Vaterland gegen die Welschen verteidigen zu helfen?!« »O nein!« entgegnete er. »Es ist mir geglückt, bei Nacht und Nebel über den Rhein zu fahren; aber der Eidgenossen Not war es nicht, die mich heimzog; denn davon wußte ich nichts!« »So hat dich also das Heimweh nach unseren lieben Bergen und Wäldern heimgebracht?« »Wie kannst du das meinen, Liebste?« »Warum denn nicht?« machte sie verwundert, schier unwillig. »Es muß im Himmel einmal schön sein, soll ich nicht Heimweh bekommen nach unseren Bergen. Aber, aber!« rief sie plötzlich aus und ergriff ungestüm seine Hände, »wie konnte ich's denn auch nur einen Augenblick vergessen: die Mutter, die liebe gute Mutter hat dich heimgezogen, gelt?! Es ist wahr«, setzte sie leise hinzu, »das vermochte ich nie recht zu verwinden, daß du deiner guten Mutter so weh tun konntest!« Aber er umarmte Heleneli, hob es hoch an seine Brust und sagte, es mit heißen Augen ansehend: »Nein, Maitli, so mußt du mir nicht kommen. Verstell dich doch nicht so! Das mußt du doch 142 denken, daß mich weder die Berge, noch Vaterland, noch Mutter so schnell dazu gebracht hätten, unter hundert Gefahren in stockdunkler Nacht mich fortzumachen. Du hast mich fortgetrieben, Liebste; du hast mich auch wieder heimgerissen!« »Ich?« Sie sah ihn in glückseliger Erschrockenheit an. »Ja, du! Um deinetwillen habe ich meinem Herrn, dem Kaiser Franz, das Wort gebrochen; um deinetwillen bin ich nachts unter den Brandrohren der Wachen über den Rhein gefahren und desertiert ohne Wehr und Waffen!« »Desertiert?!« Erbleichend rief sie's aus. »Ja, desertiert!« »Das hast du nicht gemacht!« schrie sie auf. »O ja, Heleneli!« redete er, verwirrt und verlegen in ihre erschrockenen Augen sehend; »ich hab's getan. Wie anders hätte ich sonst zu dir gelangen können?!« »Um meinetwillen, eines nichtswertigen Maitlis wegen, und nicht für das bedrohte Vaterland und nicht für die arme, sehnsuchtskranke Mutter tatest du's; o, o!« Die Tränen rieselten ihr über die Wangen. »Nein, Battist, das hätten die roten Schweizer, die für den König, dem sie zugeschworen, in Paris starben, in alle Ewigkeit nicht getan!« Sie rang die Hände. »Eines nichtsigen 143 Weiberfähnchens wegen konntest du des Kaisers Fahne verlassen, der du Treue gelobtest. O Battist, Battist! Und das alles meinetwegen, allein meinetwegen?!« Sie sah ihn mit heißen Augen an. »Ja, Liebste, deinetwegen allein!« Er wollte sie an sich krampfen. Aber mit fester Hand zwang sie ihn von sich ab und sagte schweratmend: »Und wenn mein Herz stürbe vor Freude und Glück, ich muß es dir doch sagen, Battist: Meinetwegen hättest du dem Kaiser nicht wortbrüchig werden und wehr- und waffenlos davonlaufen dürfen. Das war feig von dir, Battist!« Entsetzt, totenbleich, mit weitgeöffneten Augen, starrte er sie einen Augenblick an; dann sank er am Tisch auf eine Stabelle und verbarg das Gesicht in den Armen. Heleneli aber stand ein Weilchen sinnend da, fuhr ihm dann zärtlich ein paarmal mit der Hand über den Krauskopf und verließ so leise als möglich, ängstlich nach der Küchentüre und mit einem langen, leuchtenden Blick auf Battist schauend, die Stube. Jetzt schlarpte Babeli, die alte Magd, mit dampfendem Pfännchen, in dem ein paar Spiegeleier in der siedendheißen Butter schlotterten, in die Stube, stellte es behutsam vor Battist hin; denn sie glaubte, er schlafe, und ging hurtig wieder hinaus. Doch sogleich knarrte die Türe wieder, und hastig, keuchend, brach 144 Battists Mutter, einen Haufen Gewand in den Armen, in die Stube ein. »Da!« rief sie glückstrahlend, »da habe ich gleich all deine Kleider mitgebracht. Zieh dich jetzt um und lies aus, was du lieber anziehen magst, Feiertags- oder Werktagsgewand!« Er gab keine Antwort; immer noch lag sein Kopf auf seinen Armen. »Ach, wie er müde ist, der Arme!« flüsterte sie vor sich hin und breitete plättend einen Kittel neben ihm auf dem Tische aus. »Der dürfte recht sein!« sagte sie jetzt laut. »Battist, entweder du mußt dich umziehen; denn du bist durchnäßt. Gescheiter wäre es freilich, du gingest gleich zu Bett, was meinst?« Sie legte ihm den Kittel probeweise um die Schultern. »Heiliges Verdienen!« schrie sie auf. »Der ist dir ja viel zu kurz und zu eng. Ja, du hast mir das Gewand schön verwachsen! Daß ich's aber nicht gleich gesehen habe, was für ein bäumiger Mann du aus einem schlanken, flinkaufgeschossenen Büblein geworden bist. Wo hatte ich denn die Augen? Steh doch einmal auf, Battist!« Er erhob sich. Seine Augen blickten düster und waren voll Tränen. »Was hast du denn, Battist?« fragte sie erschreckend. »Was schaust du denn so unglücklich drein und weinst gar; du, der eben noch sein Liebchen im Arm hatte. Red, red!« 145 »Mutter, Mutter!« schrie er auf und umarmte die alte Frau. »Wie schwer, o wie schwer habe ich mich an Euch und am Vaterlande versündigt!« Da schloß sie ihm mit welken, zitternden Lippen den Mund, zog ihn neben sich nieder an den Tisch und raunte ihm überglücklich zu: »Jetzt war es mir einen Augenblick, ein großer fremder Mann sei aus meines Battistelis Kittel herausgewachsen, und nun, gottlob und dank, steckt in dem großen Mann doch wieder mein kleines Büblein; denn ich höre es nach der Mutter rufen!« 146   X. Seit dem Untergange des alten Bern waren kaum vierzehn Tage vergangen, und schon schwärmten die fränkischen Horden, ohne ernsthaften Widerstand zu finden, ja vielerorts in den Vogteien mit lautem Jubel empfangen, durch die Mittel- und Ostschweiz bis an den Zürichsee, von wo aus sie den Kanton Schwyz bedrohten. Da endlich erwachten die Schwyzer Bergbauern. Bisher hatten sie gedacht, es werde etwa mit den Rüstungen nicht so heillos sprengen; die Welschen seien noch weit weg und die Brandrohre, Hellebarden und Knüttel nahe bei der Hand. Ja, manch einer biß bei den Gerüchten, die über die Untaten der fränkischen Greuelbanden im Land herumgespensterten, die Zähne ineinander, machte eine Faust im Sack und brummte: »Kommt mir nur vor die Türe, ihr welschen Fetzel; ich will euch dann gehörig durch den Jauchekasten ziehen!« Es wollte jeder den Krieg am liebsten auf eigene Faust führen, statt dem bedrängten Nachbar zu Hilfe zu eilen. Als nun aber die Welschen wirklich an die Türen des Standes Schwyz klopften, ging's an ein fieberhaftes Rüsten. Die Bauern hockten sich hinter den Dengelstock, dengelten die Sensen feiner 147 heraus als ein Rasiermesser, und gelobten sich, dies Jahr einmal Frankenbeine zu mähen. Und mehr als einer sah grimmig auf die blutbefleckte Hellebarde an der Wand und dachte: Seiest du nun rot vom Blute der österreichischen Ritter oder der Herren von Burgund, heuer will ich dich in welschem Rebellenblut nun einmal gehörig waschen. Auch im Herzen des Landes Schwyz, in der Waldstatt Einsiedeln, wurde auf Tod und Leben gerüstet und für den Krieg drauflosgewerkt. Zeichen und Wunder geschahen. Der Präzeptor, der lateinische Schulherr, lief herum wie der lebendige Drohfinger des jüngsten Gerichts, und verkündigte, bei allen alten Weibern herumschnupfend, mit beelendischem Gesicht, daß es mit der sündigen Menschheit Matthäi am letzten sei, da die Posaunen schon gestimmt seien, die ihr zum großen Kehraus blasen würden. Er redete dabei die ganze Zeit vom großen Tier der Offenbarung Johannis, als welches ja dieser Bonabartli von jedem Kind erkannt werden müsse. Auch der Beinhaussigrist ward zum Propheten. Er behauptete, die Toten gingen um und die Welschen hätten Bocksfüße, mit denen sie über alle Gräben springen könnten. Im Klosterhof versammelte sich die Landsgemeinde, die der Pfarrer in Chorhemd und Stola eröffnete und an der er zum heiligen Krieg wider die heidnischen fränkischen Unholde aufforderte. Die 148 unfreien Beisassen der Waldleute mußten den Treueid schwören, wofür sie ins Landrecht aufgenommen wurden. Die gedienten Soldaten, sogenannte Holländer, Spanier und Napolitaner, drillten rasch die Jungmannschaft ein, wobei auch der Gerbebattist als Drillmeister so gute Dienste leistete, daß ihn die Offiziere zum Unterlieutenant ernannten. Der Schulmeister Plazi, der nun wieder gute Zeiten hatte und in der Uniform ins Bett stieg, freute sich dessen sehr und sagte lachend zur Pfauenwirtin: »Ja, ja, Mutter. Wenn einer den Bonabartli wieder heimjagt, ist's der Battist. Wenn's der nicht eines schönen Tages zum Landeshauptmann bringt, will ich eine Blume werden und künftig nur noch Tau trinken!« Vorläufig nahm er aber das Gläschen Kirschenbranntwein, das ihm die Pfauenwirtin einschenkte, also bedachtsam ein, als enthielte es Wundertropfen. Und da trat denn auf einmal das Heleneli, der Wirtin flachslockige Tochter, mit verweinten Augen in die Wirtsstube. In den Armen aber trug sie wie ein Wickelkind einen Degen mit vergoldetem Griff, legte ihn vor dem erstaunten Schulmeister auf den Tafeltisch und sagte: »Da, seht her, Meister Plazi; das ist meines seligen Vaters Säbel. Tut mir nun den Gefallen und bringt ihn dem Gerbebattist. Selber darf ich's nicht tun. Ihr wißt ja, er hat seinen Säbel beim Kaiser Franz 149 zurückgelassen. Sagt ihm, ich hätte den Säbel vor dem St. Sigismundaltar einsegnen lassen. Er solle ihn nun selber für das Vaterland einweihen; er komme von einer, die ihn nie vergessen . . .« Die hellen Tränen gingen ihr über die Wangen, und aufschluchzend eilte sie aus der Stube in ihr Kämmerlein hinauf. »Nichts für ungut, Pfauenwirtin«, sagte der alte Schulmeister; »'s ist doch ein Weltskrötlein, dieses Heleneli; den Kopf von der Mutter, das Herz vom Vater!« Dann besah er wohlgefällig den Degen von allen Seiten, riß ihn gar aus der Scheide und fuchtelte damit herum, als wollte er das Blitzen lernen. »Ist eine schöne Waffe!« machte er, sie schmunzelnd wieder einsteckend. »Christo santo abeinander! Wenn mir seinerzeit so eine den Säbel hätte einsegnen lassen, ich würde vor Kampflust die ganze Welt mitten auseinander gehauen haben, so daß wir Menschen jetzt wie jene zwei Königskinder durch einen tiefen Graben waten müßten, wollten wir zueinander kommen. Lebt gesund, Mutter. Ich will jetzt das schöne Mordinstrument dem Ketzersburschen zutragen. Der wird etwa wohl eins aufjauchzen!« Der Gerbebattist schaute erst glühend vor Scham auf den Degen, den der Schulmeister vor ihn auf den Tisch legte. »He, porco di Napoli abeinander!« fuhr ihn der Alte verwundert an. »Freut dich der Säbel 150 aus der Hand des hübschesten Maitlis der ganzen Urschweiz bis zum stiebenden Steg und darüber, denn nicht einmal so viel, daß du das Maul zu einem Vergeltsgott aufreißen magst?!« Aber er bekam keine Antwort. Battist riß den Degen plötzlich an sich, band ihn flink um und verließ die Stube. »Aha!« machte schmunzelnd der Schulmeister und blinzelte Battists Mutter, die bekümmert am Ofen kauerte, schlau zu. »Der Siebenketzer freut sich halt inwendig. Jetzt gnad Gott dem Welschen, dem er Helenelis Säbel über den Kopfputz haut; der ist gestriegelt und gestrählt für immer!« Näher rückte die welsche Gefahr. Alle Friedensverhandlungen mit den proklamationssüchtigen fränkischen Generälen zerschlugen sich. Eines Tages stieg denn ein Bataillon von Schwyz am kleinen Mythen vorbei ins Tal der Alp hinab. Mit ihm zusammen brach nun auch ein Bataillon junger Waldleute auf, um über die Etzelhöhen einem glarnerischen Obersten zu Hilfe zu eilen, der die Landesgrenzen der schwyzerischen March bewachte. Als die Truppen über den Dorfplatz vor dem Kloster hinaufzogen, standen die Pfauenwirtin und ihre Tochter, die blaß und übernächtig aussah, auf der Vortreppe ihres Gasthauses und schauten auf die mit Trommel und Pfeifen heranmarschierenden Soldaten. 151 »Ach, dieser Krieg!« klagte die Wirtin. »Wann nimmt unser Herrgott diese Geißel endlich von der Erde hinweg. Aber wenn's nun einmal sein muß, so möge er die Fäuste unserer Burschen da in Schmiedhämmer verwandeln, auf daß diese gottlosen Frankenschädel, die so viel Unheil aussinnen, wie gelötete Kaffeekacheln zusammenkrachen!« »Mutter, Mutter!« machte leise das Heleneli, die Wirtin verstohlen am Rock zupfend. »Schau, dort ist er; schau, wie bleich er aussieht! Ich muß ihm rufen; nur geschwind herankommen soll er dürfen. Wenigstens die Hand will ich ihm zum Abschied drücken!« »Tu's nicht!« flüsterte die Wirtin mit tiefer, schier männlicher Stimme zurück. »Sei fest, Kind! Er hat jetzt gezeigt, daß er ein Mann werden will; sonst hätte er den Säbel zurückgewiesen oder hätte den Jammerlappen gemacht und wäre auf den Knien um dich herumgerutscht. Und ist er nun zu verschämt und zu stolz gewesen, also daß er's nicht zu dir hinaufbrachte, um Abschied zu nehmen, so gefällt mir das an ihm; aber nachlaufen darfst du ihm nun auch nicht. Verdirb jetzt nicht in einigen Augenblicken, was du in standhaften bösen vierzehn Tagen gutgemacht hast! Es wird sich nun zeigen, ob er deine Liebe verdient oder nicht. Es wäre auch zu auffällig und sähe wie eine Verlobung aus, nähmet ihr jetzt da auf der Treppe offen von einander 152 Abschied. Eine solche Komödie kann dir jetzt nicht anstehen, und ihn täten seine Kameraden, die ja auch nicht zum Tanz ausrücken, hänseln und verhöhnen. Schau, wie er kräftig auftritt! So ist er früher nicht gegangen. Beim heiligen Meinrad, er sieht gut aus; der ist einmal ein Soldat!« »Mutter, der tausend Gottswillen seid doch barmherzig! Bedenkt doch, was er gelitten haben muß diese ewigen vierzehn Tage hindurch!« Die Pfauenwirtin schaute mit sichtlichem Vergnügen auf den eben vorbeimarschierenden Unterlieutenant, den Gerbebattist. Sie vermochte kein Auge von ihm abzuwenden. »Mutter, Mutter!« Die hochgewachsene Frau, die wie ein General dastand, als hätte sie die Parade der Truppen abzunehmen, blieb stumm; doch ihre Hand legte sich warm auf Helenelis Schulter. »Mutter, ich muß ihm rufen!« Jetzt blickte die Wirtin ernst in ihrer Tochter Augen, die füriorufend, wie zwei Fensterlein aus einem brennenden Hause, zu ihr aufschauten. »So ruf ihm meinetwegen!« sagte sie kalt. Eben sah Battist flüchtig auf und grüßte mit dem Degen. Die Pfauenwirtin winkte ihm herzhaft zu. Das Heleneli jedoch stand wie betäubt da. »He nun, so lächle ihm doch zu!« 153 Wohl zuckte es um des Mägdleins Mund, und in seinen Augen war etwas wie ein blaues zitterndes Irrlichtchen in schwüler Hochsommernacht; aber ein Lächeln wollte es nicht werden. Seine Hände krampften sich ineinander, und wie durch einen Nebel staunte es auf den vorbeimarschierenden Zug. »Helf euch Gott!« rief die Wirtin und winkte eifrig, »und Unsere Liebe Frau und der liebe heilige Landespatron Sankt Meinrad!« »Siehst du's dort, Battist!« raunte ein Schulkamerad dem bleichen Unterlieutenant zu. »Siehst du das Heleneli auf der Pfauenstiege! Steif und still wie ein steinernes Heiligenbild steht's mit der Alten auf der Vortreppe, macht kugelrunde Augen und sieht uns nicht. Nicht einmal eine Hand rührt es, uns zum Abschied zuzuwinken. Ist doch wahrhaftig ein recht überspannter Fratz geworden, dies Hochmutsnärrchen, dies Hochmutsnärrchen!« Battist gab keine Antwort. Gesenkten Hauptes marschierte er zu, und als nun das alte Rabenbanner der Waldstattschützen über ihn geschwungen wurde und ein wildes Jauchzen und Haarusrufen Berg und Tal erfüllte, fuhr er sich verstohlen über die Augen und krampfte den Degengriff in die Faust. Die beiden Frauen auf der Pfauenstiege und all das bange Volk der Waldstatt schauten der abziehenden Jungmannschaft nach, bis sie hinter dem Furrenrain verschwand. Aber noch lange war das 154 Rasseln der vierzehn Trommeln und das Schrillen der Pfeifen zu hören. Aufschluchzend jagte Heleneli über Kopf und Hals zum Gerbehaus hin, aus dessen Wohnstube Battists Mutter immer und immer wieder mit zitternder Hand ins Weite winkte, als die Truppen schon lange nicht mehr zu sehen waren. Die Pfauenwirtin aber war auf der Vortreppe stehen geblieben und schaute bekümmert zur Kirche hinauf. Eben begannen dort Abt und Konvent das Salve regina zu singen, das vor der Gnadenkapelle alltäglich seit bald tausend Jahren ertönte. Morgen in aller Frühe wollten sich die Klosterherren flüchten. Wie Geistergesang kam es aus der offenen Kirchenpforte: » Salve regina, mater misericordiæ, vita dulcedo et spes nostra, salve! « Die Pfauenwirtin faltete die Hände und senkte ihr stolzes Haupt. 155   XI. Die ersten silbergrauen Kätzchen saßen auf den Weidenstauden, und aus allen Riedern guckten die Schneeglöckchen, als eines Abends ein Mann atemlos in die Waldstatt gelaufen kam und die Kunde brachte, die Welschen seien vom Zürichsee her nun wirklich über die Grenzen des Landes Schwyz eingebrochen; die jungen Waldleute von Einsiedeln, mit den Leuten ab den Höfen ob dem See, verlegen ihnen beim Hofe Wollerau und an der Bellenschanze den Weg; es müsse bald zu einer Schlacht kommen. Diese Nachricht schlug ins einsame Walddorf ein wie ein Stein in eine Fensterscheibe. Nun galt es Ernst. Die Glocken des verlassenen Klosters stürmten, und der Waldstattrat, der hastig zusammenlief, ließ durch seinen Weibel das letzte Aufgebot umtrommeln, wonach alles, alt und jung, was noch ein Brandrohr und eine Hellebarde zu tragen vermöge, sich bereit zu halten hätte, das altgefreite Land Schwyz bis auf den letzten Blutstropfen zu verteidigen. Eisgraue Männer griffen zu den Waffen, um sie mit zitternden Händen zu wägen, und 156 halbgewachsene Knaben halfen ihnen Kugeln gießen und jagten jauchzend, frischgeschälte Knüttel aus dem Walde bringend, im Dorf herum. »Jetzt gibt's einen Hau; haarus, haarus!« Der Leutpriester aber, der Pfarrer der Waldstatt, wollte nach dem Vorbilde eines rührigen Kapuziners in Schwyz alles aufbieten, was helfen konnte, die Welschen vom Hochtale St. Meinrads und seinem Kloster abzutreiben. Er begeisterte das Volk unablässig für den Kampf; es mußte ihm alles auf die Beine, was noch etwas wehrhaft erschien. Er bildete sogar aus den Töchtern des Dorfes noch rasch eine Jungfernrotte, die der alte Schulmeister Plazi für den Krieg eindrillen sollte. »Denn«, sagte der Pfarrherr, »wenn unsere ausgerückten jungen Landleute den Feind nicht in den Zürichsee zurückzuwerfen vermögen, können die Franken schon morgen über unsere Waldstatt herfallen; deshalb muß alles, was sich noch wehren kann, ins Feld.« Schmunzelnd machte sich der Schulmeister daran, die Waldjungfern, die sich bereitwillig stellten, in die Kriegskünste einigermaßen einzuführen. Unterhalb des Frauenbrunnens exerzierte er, mit dem schäbigen Reste seiner neapolitanischen Uniform bekleidet, eine verwetzte Fuchspelzmütze auf dem Kopfe, die Dorfmädchen nach bestem Vermögen ein, unter der lachenden Kritik der zugaffenden Dorfbuben. 157 Es machte aber unter den exerzierenden waldstättischen Amazonen böses Blut und verursachte gar spitzige Reden, als sie hörten, die Pfauentochter wolle durchaus nicht unter ihnen erscheinen, um die Drillübungen mitzumachen. Obwohl ihre Mutter es nicht ungerne gesehen hätte, wenn sie zu den weiblichen Vaterlandsverteidigern gestoßen wäre und ihre Beteiligung auch halb und halb zugesagt hatte, weigerte sich das Heleneli doch standhaft, mitzutun. Auch der Schulmeister, der sich gewichtigen Schrittes selber in den »Pfauen« begab, vermochte sie nicht zu gewinnen, obwohl er ihrer Mutter nicht nur das Beispiel der Jungfrau von Orleans und der tapfern Appenzellerinnen vorhielt, sondern auch eine lange Litanei von Märtyrerinnen aufführte. Es wollte alles nichts nützen; denn das Mädchen ließ sich überhaupt nicht sehen; es hatte sich bei seinem Eintritt in das Kämmerlein hinauf geflüchtet und eingeschlossen. Die Pfauenwirtin aber schenkte dem eifernden Drillmeister ein Gläschen Kirschgeist ein und sagte: »Schulmeister, zwingen mag ich das Heleneli nicht. Will sie nicht gutwillig mittun, so müßt Ihr's eben ohne sie zu machen suchen. Die andern Jungfern brauchen dann den Ruhm mit ihr auch nicht zu teilen. Zudem erwarte ich von diesem Jungfernaufgebot keine Wunderdinge. Was wollten diese Mädchen gegen die wilden fränkischen Kriegsbanden 158 ausrichten? Das Kriegen und Dreinschlagen ist nun einmal Männersache, wie es ja das Regieren und Befehlen auch ist. Zwar hab' ich ja dem Kind auch zugeredet und ihr geraten, da man nun dies Aufgebot einmal erlassen habe, so solle sie nicht die Eigene spielen und etwa tun wie andere Leute; aber wie gesagt, ich habe diesmal umsonst geredet; ich weiß nicht, was sie hat.« Der Alte schlürfte sein Gläschen hurtig aus und entgegnete dann mit hochernster Miene: »Ja, meine gute Pfauenwirtin, da seid Ihr aber unrecht berichtet, wenn Ihr meint, diese schwachen Jungfern vermöchten im Kriege nichts auszurichten. War es nicht eine jüdische Jungfer, die den Kopf des Holifernes im Sack heimbrachte? Das Weibervolk steht spät auf, das ist wahr; aber wenn es einmal aufsteht und den Besen in die Hand nimmt, so mögen sich die Mannsleut gewahren, daß sie nicht unter den Tisch gewischt werden. Das weiß ich von meiner Annakathri! Sowieso, es steht diesmal alles auf dem Spiel; es geht um Leib und Leben! Da hätte ich gemeint, gerade Euer Töchterlein flöge uns dasmal wie der Sturmwind zu. Es ist doch sonst in der Schule und allewege immer zuvorderst gewesen und hätte gewiß das Zeug zu einer kleinen Judith; denn von Euch hat sie sicher und heilig kein Hasenherz geerbt, Pfauenwirtin. Gottsnamen denn, so muß ich denn ohne Heleneli 159 abziehen; aber hoffentlich besinnt sich's noch anders. Der Kuckuck komm aus den Weibern, Christo santo abeinander!« Kopfschüttelnd machte er sich zu seinen jüngferlichen Rekruten. Die aber schimpften nun erst recht über Helenelis Widerhaarigkeit. Dies Hochmutsnärrchen müsse doch immer die Besondere spielen und sich wichtig machen. Sie komme gewiß nur deswegen nicht, weil sie der Pfarrer nicht gleich zu ihrem Hauptmann ernannt habe. Sie bleiben nun aber erst recht unter den Waffen; dies mutlose Stolznäschen werde dann eines Tages noch sehen, wer sie seien, wenn sie hinter die Franken geraten. Gegen Abend des andern Tages ging wie ein Feuer im Föhn das Gerücht im Walddorf um, die Schwyzer seien bei Wollerau und an der Bellenschanze ob dem Zürichsee nach verzweifeltem Widerstande geschlagen worden und ziehen sich auf den Engpaß an der Schindellegi zurück. Die Klosterglocken stürmten wieder; die Weiber rannten in die Kirche, und der Landsturm, samt der Waldjungfernrotte, rüstete sich, und auf Leben und Tod ward drauflos exerziert. Noch heute wollte der Landsturm zur Verteidigung des nun unbeschirmten Taleinganges am Hohenetzel aufbrechen. Um Mittag herum mochte es sein, als durch die gedeckte Brücke über den wilden Alpbach sich ein 160 kleiner Zug Soldaten schleppte. Es waren alle verstaubt, verschwitzt, blutig und zerfetzt. Sie stützten sich auf ihre Gewehre und kamen kaum vorwärts. Sie waren vom Zürichsee heraufgestiegen und befanden sich auf der Flucht vor den Welschen. Zu Häupten des Zuges schritt ein junger Offizier, der den rechten Arm in einer verbluteten Binde trug und sorglich ein Pferd nachführte, auf dem ein bleicher Soldat, festgebunden, schwer atmend schlief. Dieser Offizier, der Gerbebattist, war von seinem Oberst nach dem Kampfe mit den leichtverwundeten Waldleuten heimgeschickt worden. Soeben hatte ein flinkfüßiges Büblein vom nahen Weiler Bennau die Kunde ins Dorf getragen. Jetzt eilte das Pfauenheleneli, einen Krug in der Hand tragend, in atemloser Hast aus dem Dorfe herab, dem Zuge entgegen. »Jesus Maria und Sankt Joseph!« schrie sie auf, als sie den Unterlieutenant erblickte, »du bist auch darunter, Battist; du bist auch verwundet?!« Der Zug hielt an. »Ja«, sagte er schier finster, »ich habe auch etwas abbekommen; sonst stände ich gewiß nicht hier!« Fassungslos starrte sie auf seinen verbluteten Arm. »Ach Gott, ach Gott!« machte sie, leise jammernd. »Sag, red!« Sie schaute ihn mit angstvollen Augen an. »Hast du Schmerzen?« 161 »Nein!« machte er, ohne sie anzusehen; »es tut nicht weh!« »Aber du blutest, Battist!« »Es kommt nur von einem Schrammen, den ich auf den Arm abkriegte!« »Battist, Battist!« Es schüttelte sie. Rasch hob sie den Krug an seinen Mund und flüsterte: »Trink, Lieber, Lieber!« Zögernd, schier unwillig trank er. Aber als er ihr den Krug wieder übergab und sie etwas zu ihm sagen wollte, wies er auf den auf dem Pferd sich unruhig hin und her wälzenden Schlafenden und sagte kurz: »Gib dem zu trinken!« Jedoch eine jammernde Frau kam ihr zuvor; denn mittlerweile gab es einen großen Auflauf. Aus allen Häusern eilten schreckensbleich die Waldleute, um zu sehen, ob sich im Zuge der Verwundeten Angehörige befinden. Wer aber einen Verwandten fand, wollte ihn gleich nach Hause bringen. Aber der Unterlieutenant verwehrte es ihnen. Er habe den Befehl, einer allfälligen weitergehenden Flucht wegen, die Verwundeten beieinander zu halten, und daher werde er alle im Rathaus auf der Gemeindetanzdiele unterbringen, sagte er. Sie täten besser, statt herumzujammern, sich zu Hause nach Bettzeug und Kleidern für die Bresthaften umsehen. Man könne nicht wissen, ob nicht bald auch Schwerverwundete und Tote in die Waldstatt gebracht würden. 162 Entsetzt schaute Heleneli den Offizier an. »Hat es denn auch Tote gegeben?!« Battist nickte. Bebend ergriff sie seine Hand. »Du bist so bleich, Lieber!« flüsterte sie. »Erst jetzt sehe ich, wie bleich und krank du aussiehst. Du bist schwerer verwundet worden als du tust, Battist; du verheimlichst mir's. Komm, komm! Du und alle müssen in unser Haus. Wir haben für euch alle Betten genug. Die Mutter will es haben. Und zu dir will ich schauen!« machte sie ganz leise; » ich allein, Liebster! Eil dich, eil dich!« »Es sprengt nicht so!« sagte er düster, ihr die Hand langsam entziehend. »Ich kann noch lange wie ein alter Großvater hinterm Ofen hocken. Es ist geschämig genug für mich, daß ich jetzt den bloßen Krankenhüter machen soll, obschon mein linker Arm noch gesund ist, und ich diesmal nicht ohne Säbel«, er rüttelte wild den Degen an seiner Seite, »heimkomme. Tausendmal lieber möchte ich mit den andern an der Schindellegi den Welschen noch einmal stehen; denn jede Faust ist jetzt bitter notwendig!« Er ergriff das Pferd wieder an der Halfter und schritt dem Zuge langsam voran, ins Dorf hinein. Bedrückt, mit unglücklichen Augen, ging das Heleneli ein Weilchen neben ihm her. Wohl schaute sie hie und da schüchtern, verstohlen zu ihm auf; aber er sah trübe vor sich hin und blieb stumm. 163 »Battist«, sagte sie endlich kaum hörbar; »ich habe große Angst um dich ausgestanden!« »Du?!« machte er seltsam, schier erstaunt. »Ja, Lieber!« antwortete sie, dunkelrot werdend. »Ich habe den Wächter alle die Nächte jede Stunde rufen hören und glaube es jetzt meiner Großmutter selig, daß man in einer schlaflosen Nacht die Ewigkeit kennen lernt!« »Da hast du dich unnötig geängstigt!« gab er ihr zurück. »Du hast mir ja eine geweihte Waffe mitgegeben; so war ich doch wohl gefeit. Denn als ich deinen Säbel das erstemal in der Faust spürte«, seine Augen blickten grimmig, und in seiner Stimme war ein heimliches Knirschen, »verzehrte ich mich darnach, ihn nun auch mit Blut einzuweihen. Und als ich an der Bellenschanze stand und die Kugeln mich umpfiffen, kam es über mich; ich rannte in die welschen Herrgottssiechen, und nun schau her, Maitli!« Er riß den blutbefleckten Säbel aus der Scheide. »Und nun kannst du ihn wieder haben; er ist wohleingeweiht!« Tränenüberströmt schaute sie zu ihm auf. »Battist, Liebster, wie will ich Gott und all seinen Heiligen danken zeitlebens, daß sie dein Leben gnädig bewahrt haben. Gewiß hat dich das Agnus Dei der guten fränkischen Pilgerin in dieser fürchterlichen Stunde beschützt!« »Ich wollte schier, ich hätte es nicht getragen!« 164 »Lieber, Lieber, wie kannst du mir so weh tun!« »Ich weiß eine«, machte er finster, »sie hat mir nicht einmal die Hand drücken mögen, als ich gegen den leibhaftigen Tod ausrückte; nicht einmal ein armseliges Lächeln hatte sie für mich zum Abschied!« Heleneli ließ den Kopf sinken und sagte mit leiser, zitternder Stimme: »Meine Mutter sagte wohl, ich solle dir doch zulächeln; aber ich konnte es nicht, so gerne ich's doch gewollt hätte. Es war mir, als ob mir ein Berg auf der Brust läge, und wenn mich einer hätte töten wollen, ich würde doch nicht um Hilfe haben rufen können. Aber meine Augen, Battist, sind wie zwei junge Hündlein hinter dir hergelaufen!« Glückstrahlend schaute er einen Augenblick auf ihren demütigen Scheitel herab; aber ein Schatten ging gleich wieder über sein Gesicht. »Wenn ich's doch herzhaft glauben dürfte, Heleneli! Hättest du mich nur nicht so fortziehen lassen!« Jetzt läuteten die Klosterglocken, und wie der Zug um den »Ochsen« auf den Dorfplatz vor dem Kloster einbog, kam die Pfauenwirtin eiligen Schrittes mit Knechten und Mägden dahergegangen. »Gottlob, da sind sie ja, unsere tapfern jungen Waldleute! Ach, wie sehen sie aus!« klagte sie. »Es ist doch ein Jammer mit diesem Krieg. Aber hurtig jetzt!« machte sie aufgeregt. »Hinauf in 165 unser Haus; es ist, so gut wir's zu erhasten vermochten, alles bereit!« Nun erkannte sie im Unterlieutenant den Gerbebattist. »Wie?« machte sie erschrocken; »du bist auch verwundet, Battist?!« »Ja, ich bin's auch!« machte er kurz. Einen Augenblick schaute sie verwirrt, schier befangen bald auf den Offizier, bald auf ihr bedrückt und verweint aussehendes Kind; aber rasch ermannte sie sich und befahl: »Marie, Sepperose, Karlifranz, Sebi, greift zu und helft den Leuten in unser Haus hinauf!« »Nein!« sagte jetzt der Gerbebattist; »ich will die Verwundeten auf der Tanzdiele im Rathaus unterbringen!« Überrascht, verwundert sah ihn die Wirtin an. Der eben hinzukommende Waldstattschreiber jedoch belehrte, die Tanzdiele habe sich ja, wie er doch wissen müsse, in ein Zeughaus verwandelt und sei voll Waffen. Verdutzt schaute Battist den Waldstattschreiber an. Dann aber sagte er mit etwas unsicherer Stimme: »Ich kann sie in unserm Gerbehaus unterbringen; am Ende finden sie auch dort Platz genug!« Aber die Pfauenwirtin hatte das Roß, das den entkräftigten Waldmann trug, eigenhändig an die Vortreppe ihres Hauses geführt. »Kommt!« rief sie den Mägden zu, »helft mir den Mann hinauftragen. Und du, Heleneli, führ den Offizier und 166 seine Leute in die Wirtsstube. Es ist gedeckt; wir wollen ihnen gleich eine warme Suppe auftragen. Du nimmst dann den Gaul, Sebi, und führst ihn in die Stallung!« Als aber die Soldaten zögerten und verlegen auf den Unterlieutenant blickten, trat die Wirtin mit entschlossener Miene unter sie und schob einen um den andern die Vortreppe hinauf. »Jetzt will ich den Landeshauptmann machen!« sagte sie; »denn nun seid ihr krank, und die Kranken müssen den Frauen gehorsamen. Marsch, hinauf mit euch, ihr Burschen! Ihr fallt mir sonst noch auf der Straße um!« Nun stiegen die Soldaten, ermuntert und geführt von ihren mit Gewand und Decken herbeieilenden Angehörigen, willig ins Gasthaus hinauf. Eine bäumige Magd und ein Knecht trugen ihnen den stöhnenden Schwerverwundeten nach. Die Pfauenwirtin aber, die neben ihm lief und seine herabhängende Hand ergriffen hatte, machte schier Miene, wieder herunterzusteigen; denn befremdet sah sie, wie ihre Tochter sich vergeblich abmühte, den Unterlieutenant die Treppe heraufzuziehen. Doch ein strenger, fast harter Zug kam um ihren Mund; sie wurde zündrot und trat ins Haus. »Wie kannst du mir's nur so schwer machen!« sagte trostlos das Heleneli zu dem widerstrebenden Battist. »Die Leute sehen ja nach uns; der tausend Gotteswillen komm doch hinauf!« 167 »Wenn ich auch wollte«, machte er schweratmend; »ich kann nicht. Als ich mitten im Kampfe stand, lebende Wilde vor mir, Tote unter mir, stand mein ganzes Leben vor mir, so hell wie nachts das Tal im Wetterleuchten. Und du standest mitten in diesem Leben, und ich schaute zu dir auf als zu meiner Nothelferin. Aber du reichtest mir die Hand nicht; nicht einmal ein Lächeln von dir kam mir zu Hilfe. Da ging mir wie der Blitz der Schwur durch den Kopf, nie mehr euer Haus zu betreten, es sei denn, daß du mich als deinen Verlobten vor aller Welt hinaufführest. Und den Schwur habe ich mit deinem geweihten Säbel einem Franken auf den Schädel geschrieben!« »Jesus Gott!« Erschrocken ließ sie ihn los. »Meinen Soldaten kann ich's nicht verwehren!« fuhr er fort; »sie sind bei euch am besten aufgehoben, und ich sage euch Vergeltsgott! Aber morgen werde ich sie in ein anderes Quartier abrufen. Jetzt muß ich gehen. Siehst du, dort unten in der Haustüre des Sonnengasthauses, beim Paten, steht meine Mutter und winkt mir. Leb wohl, Heleneli!« Sie umklammerte seine Hand. »So könntest du von mir gehen, Battist?!« »Bin ich dem Kaiser aus dem Fahneneid gelaufen, so habe ich's gebüßt. Nun will ich künftig meine Schwüre halten!« 168 Da fielen ihre Tränen auf seine Hand. »Ja, ich hab's verdient, daß es mir so ergeht«, sagte sie, schaute zu ihm auf und erschrak. Mit schwermütigem, müdem Blick sah er sie an; es war, als wollten ihm die Augen zufallen. »Jesus, Jesus, was bin ich für ein Mensch!« schrie sie auf, »daß ich das übersehen konnte. Du bist ja todmüde, du Armer; die Augen fallen dir ja zu. So komm rasch, komm in Gottesnamen zu deiner Mutter! Ich will mit dir gehen. Du mußt schlafen, Lieber, wo es auch sei. Komm, komm!« Sie wollte ihn fortziehen. »Laß mich!« machte er schier heftig. »Ich mag nicht schlafen. Ich habe den Kopf immer noch voll Trommelwirbel, sehe Fahnen schwingen, und da auf der Treppe steht eine mit gläsernen Augen und kennt mich nicht. Ich kann es halt nicht mehr glauben, daß sie mich kennt; denn jenesmal beim Abschied kannte sie mich gewiß nicht; ich kann es nicht mehr anders glauben!« »Heleneli!« rief's aus dem Hause herab. »Wo bleibst du denn so lang!« »Ich komme, Mutter!« tönte es müde zurück. Jetzt ging ein Seitentor der Klosterkirche auf; eine Schar mit Vogelflinten und Hellebarden bewaffneter Jungfern, angeführt vom Schulmeister Plazi, drängte heraus. Ordnungslos, plaudernd und schreiend stiegen sie zum Frauenbrunnen 169 herunter, wo sie ab allen vierzehn Röhren tranken. Verwundert schaute der Unterlieutenant auf das waldstättische Amazonenkorps. »Ja«, machte er wie traumbefangen, »was ist da los! Wer hat denn unsere Maitli bewaffnet? Ist etwa der Schwyzer Kapuziner hier; sollen die Waldweiber auch auf den Etzelpaß ausrücken?!« »Unser Pfarrer hat sie aufgeboten«, sagte über und über rot das Heleneli. »Aber sie sollen nur als Reserve dienen für den äußersten Notfall, meint der Schulmeister.« »Für den äußersten Notfall«, machte er; »ja, der wäre jetzt freilich da. Doch die Jungfern da werden das Unwetter kaum mehr von unsern Dächern abhalten. Gleichwohl, Ehr und Respekt dem ledigen Weibervolk, daß es dem Aufgebote so mutig folgte. Aber, aber«, er schaute auf einmal mit großen Augen auf Heleneli, »warum bist denn du nicht unter ihnen?« »Ich konnte es nicht tun, Battist!« »Warum denn nicht?« fragte er verwundert. »Ich sehe doch die Töchter des ganzen Dorfes, die Kinder der angesehensten Waldleute darunter!« »Ja«, sagte sie leise, auf den Boden sehend; »ich bin die einzige, die nicht dabei ist!« »Die einzige?!« 170 Er sah sie sprachlos an und schwieg ein Weilchen. Dann ergriff er ihre Hand und flüsterte ihr zu: »Warst nicht du's, Heleneli, die mich feig nannte, als ich vor Sehnsucht sterbenskrank aus dem fremden Kriegsdienst heimkam; warst nicht du's, die mir ihres Vaters Säbel zuschickte? Und nun solltest du die einzige unter allen Waldtöchtern sein, die's nicht wagt mit der Hellebarde fürs Vaterland auszurücken, das dir doch bei meiner Heimkehr über die Liebe ging. Kann das sein, Heleneli?!« »So gib mir nur den Säbel wieder!« sagte sie blutrot. »Ich will gegen die Welschen ausrücken; ich will überall hinstehen, wo du mich hinstellst; aber da auf dem Dorfplatz vor allen Leuten herumexerzieren und bajazzeln, nein Battist, das kann ich nicht!« Etwas wie ein leiser Spott spielte um seinen Mund. »Aha«, sagte er seltsamen Tones, »es kommt wieder auf ein kleines, auch ein bißchen feiges Hochmutsnärrchen heraus!« Erbleichend, unverwandt starrte sie ihn an, und in ihren Augen war ein Moment etwas wie ein blaues Hitzleuchten vor dem Gewitter. Da erschrak er und wollte den Arm um ihre Schulter legen. Aber sie entzog sich ihm. »Die Mutter!« sagte sie leise. »Battist; Büblein, Büblein!« Die Gerbealte, die unbemerkt auf ihren Krücken herangehumpelt war, schloß ihn in die Arme. Doch 171 er erwiderte ihre Zärtlichkeiten nicht. Verwirrt, wie betäubt, schaute er immer wieder auf das still vor sich hinstaunende Mägdlein. »Ach Jesus, Jesus; du bist gewiß todmüde, Battist!« klagmarterte die Alte. »Ja, ja, Base!« sagte rasch, mit bebender Stimme das Heleneli; »er muß schlafen, lang, lang schlafen. Wir wollen schnell mit ihm heimgehen. Kommt, Base, ich will Euch führen!« Sie faßte die übelzeitige Frau, die ihren Sohn um den Hals nahm, unterm Arm, und so machten sie sich vom »Pfauen« weg. Eben zogen die bewaffneten Waldjungfern mit bösen Blicken an ihnen vorbei, und ein großes sommersprossiges Maitli sagte ganz laut: »Nun wird das Stolznäschen dann wohl auch ausrücken und zwar selbzweit, denke ich. Und da sie und der Gerbebattist ein Herz und eine Seele sind, werden sie ja wohl an einem Säbel genug haben!« – »Ja«, redete eine Rothaarige, »so ist's keine große Buße in den Krieg zu gehen, wenn einem ein so strammer Drillmeister den Säbel trägt!« Ein tolles Gelächter schallte über den Dorfplatz. »Gebt Ruhe!« schimpfte der Schulmeister. »Wie könnt ihr leichten Tücher in solch traurigen Zeiten so lachen! Laßt ihr das Heleneli nur machen; wenn's drauf und dran kommt, wird sie ihren Mann schon stellen!« – »Ja, den stellt sie!« 172 sagte die Rothaarige. Da lachten die Jungfern erst recht. »Behüt Euch Gott, Base!« wünschte die Pfauentochter, als sie mit Battists Mutter an der Vorstiege des Gerbehauses anlangten; »ich muß jetzt heim!«. »Ja, kommst du denn nicht einen Augenblick mit hinauf, Kind?« fragte schier verwundert die Alte. »Nein, Base; jetzt nicht. Ich muß heimpressieren. Die Mutter hat schon lange nach mir gerufen; es gibt ja so viel zu tun. Ich muß geschwind gehen. Behüt euch Gott beieinander!« »Heleneli«, machte Battist mit krankhaft brennenden Augen, »tu mir den Gefallen und komm noch ein wenig hinauf!« »Ein andermal gern!« sagte sie leise, sah ihn einen Augenblick warm an, wie ein Wildrosenbusch den Wanderer in rauher Bergweid, und dann war sie weg. Battist blickte ihr nach, bis sie in den Häusern verschwand; dann folgte er seiner Mutter, die von Babeli, der alten Magd, die Stiege hinaufgeführt wurde, müden Schrittes nach. Gegen Abend rückte dann ein Teil des Landsturmes ohne Sang und Klang über den düsteren Waldweg zur Bewachung des nahen Etzelpasses aus. Uralte Waldmänner und halbfertige Buben waren auch darunter. Aber sie alle hatten nicht den rechten Kampfesmut, da sie nicht mehr 173 herzhaft an einen Sieg glaubten; sie hatten die jungen Männer unterliegen sehen. Der Nachtwächter rief schon die erste Morgenstunde, als das Heleneli endlich in ihr Kämmerlein kam. Sie war zum Hinsinken müde. Doch bevor sie sich zu Bette legte, zwängte sie eine Truhe der mächtigen wurmstichigen Kommode, die neben dem Bette stand, auf. Wie die nun offen war, leuchtete sie mit ihrem rauchenden Öllämpchen darüber hin. Ein flüchtiges, schier freudiges Lächeln kam in ihre Augen. Vor ihr lag, schön geordnet, ihr Heiligtaggewand. Zuoberst das schwarze gestickte Kammkäpplein mit dem blumenbesetzten Güevlieinsatz und darunter das feine mit Gold bestickte Halstuch, das ihre Mutter für sie durch die Waldschwestern in der Au hatte herstellen lassen; dann folgte ein Mieder mit Ketten und feinen filigranenen Blumen. Sorgfältig hob sie ein Stück nach dem andern heraus und legte alles auf einen wackeligen, abgerutschten Polsterstuhl. Den zuunterst liegenden schwarzseidenen Rock, das Hochzeitskleid ihrer seligen Großmutter, breitete sie über die Kommode aus, nachdem sie mit vollen Backen darüber geblasen hatte, und stellte darauf ein zierlich geschnitztes Kästchen. Mit hastigen Fingern öffnete sie's und guckte, errötend vor Vergnügen, auf eine mit leuchtenden Granaten besetzte Halskette mit vergoldetem Schloß. Sie legte sich den Schmuck um und besah sich in einem 174 Butzenscheiblein. Es wollte sie bedünken, die Kette stehe ihr nicht minder gut als der seligen Großmutter auf dem kleinen zarten Wachsbildnis in der mütterlichen Schlafkammer. Dann entnahm sie dem Kästchen ein Paar mit größeren Granaten besetzte filigranene Armbänder, mit denen sie sich ebenfalls schmückte, und zuletzt hob sie das von einem mit Granatkügelchen besetzten Rosenkranz umwickelte silberbeschlagene Gebetbuch heraus, das zuunterst im Kästchen auf ein paar blauseidenen, rotbetupften Nastüchern lag. Es war das Kommunionsgeschenk ihrer Patin. Ein Weilchen beschaute und befühlte sie die glitzernden Sachen und spielte damit wie ein Kind; doch als sie die Mutter in ihrer Schlafkammer flüstern hörte, packte sie alles wieder sorgfältig ein. Dann schob sie den Riegel an der Türe, nahm den Fensterladen zu und zog, mit zitternden Händen ihr Mieder öffnend, ein kleines rotes Herzchen heraus, streifte es vom Hals und hielt es hinter das Lämpchen. Die Einfassung glänzte wie Silber; aber goldhell schimmerten die feinen blonden Härchen, die als ein zierliches Kreuzchen das kleine Herz umwanden. Weltvergessen schaute sie's an, bis ihre Tränen darübergingen. Dann betupften es ihre Lippen, also wie ein Falter auf eine Blume sich niederläßt, und schwer aufatmend legte sie das Agnus Dei zuoberst auf den Schrank ins Kästchen. 175 »Morgen, wenn die Welschen kommen sollten, will ich dich vergraben«, flüsterte sie; »niemand außer mir soll dich haben!« Sie blies das Licht aus, öffnete den Fensterladen wieder und schlüpfte dann auf ihr Lager. Durch die Butzenscheiblein schien der Mond, und im offenen Schmuckkästchen war ein geheimnisvolles Leuchten. Vor dem Hause gingen schleppende, schwere Schritte. »Loset, was will ich sagen! Die Glocke hat zwei Uhr geschlagen, Zwei Uhr geschlago–go! Vor Mord und Brand und schwarzem Tod Behüte uns der alte Gott Durch Jesus und Maria. Zwei Uhr geschlago–go! 176   XII. Ein leichter Morgennebel lag über dem Walddorf Maria Einsiedeln. Aber die Doppelkreuze der großen Klostertürme stachen sieghaft daraus hervor und wurden von der Sonne des ersten Maitages vergoldet. Der verwitterte Gute Hirte auf dem Mitteltürmchen der Kirche schien über den Nebel hinweg zu laufen. Da hoben sich die Nebelgeister und flohen mit wehenden blauen Schleppen auseinander. Die vierzehn Wasserstrudel des Frauenbrunnens blitzten in der Morgensonne. Doch kein Büblein ließ heute durch die Rinnen des Brunnens sein Schiffchen ziehen; kein Wallfahrer trank vom Gnadenwasser, und auch das silberne Glöcklein der Gnadenkapelle, das sonst den ganzen Vormittag über das Dorf hinzitterte und zur Messe rief, blieb stille; denn die wundertätige Muttergottes wohnte nicht mehr auf ihren goldenen Wolken; sie war durch die Wildnis der Bergwälder über die Landesgrenze nach St. Gerold geflüchtet worden. Eine unheimliche Stille brütete über der Waldstatt. Und doch hasteten die Waldleute dorfauf dorfab, in und aus den Häusern, mit Körben und Bündeln; 177 denn sie hielten sich fluchtbereit. Niemand wagte noch herzhaft auf einen Sieg des ausgerückten Landsturmes und der Truppen ob dem Zürichsee zu hoffen. Die Heere der Franken wuchsen über alle Höhen hinein; wer sollte ihnen noch widerstehen können? Aber der Schulmeister Plazi hatte dennoch die Rotten seiner jungen Waldweiber zusammentrommeln lassen. »Ich will es nun einmal mit den Weibern gegen die welschen Unchristen probieren!« meinte er mutig; »meistern sie die Mannsleute im Hause immer, so können sie's mit ihnen auch im Felde einmal gewinnen!« Doch die Jungfern waren nicht einmal zur Hälfte angerückt, und die gekommen waren, standen nun verzagt, die Vogelflinten und Hellebarden im Arm, vor dem Rathaus und dem »Roten Hut« und ließen sich, fröstelnd im kühlen Maimorgenwind, von ihrem Drillmeister zeigen, wie man die Ausfälle der feindlichen Bajonette parieren könne. Ein schwarzer Köter, der des Alten Fuchteleien auf sich bezog, bellte ihn wütend an. »Jesus, Jesus!« schrie plötzlich ein Maitli auf und starrte gegen den Furrenrain hinauf, über den in wilden Sprüngen ein halbgewachsener Bub auf den Dorfplatz hinunterjagte. »Die Welschen kommen, die Welschen kommen!« Entsetzt staunten alle auf den heranstürmenden Jungen. 178 »Stillgestanden!« brüllte ihn der Schulmeister an, als er an ihm vorbeirennen wollte. »Gib rechten Bescheid! Hat's der Landsturm wirklich verspielt und kommen die Franken, oder hast du nur Gespenster gesehen?!« »Laßt mich zur Mutter; ich muß es der Mutter sagen!« lärmte der Bub und suchte sich aus des Alten Griffen zu befreien. »Ja, die Franken kommen! In hellen Haufen kamen sie durch die Wälder herauf und schossen auf Tod und Leben. Als sich nun der Landsturm, obwohl er die große Überzahl mit Kummer sah, zur Wehre setzen wollte, erschien mit einem Male der Pfarrer unter uns und berichtete hastig, daß alle Pässe und Tore ins Land offen stehen, da die Schwyzertruppen es überall verspielt hätten. Wir sollen uns nur auch davon machen; denn aller Widerstand wäre jetzt völlig unnütz. Die Offiziere wurden verwirrt, und auf einmal lärmte es unter den Waldleuten: Wir sind verraten! Und alles stob auseinander. Die Unserigen kommen aber gleich hinter mir her, und die Welschen werden etwa auch bald nachrücken. Jetzt laßt mich los; ich muß zur Mutter!« heulte der Bub auf, riß aus und rannte ins Dorf hinein. Jetzt tauchten auf der Höhe neben dem Friedhof einige Hellebarden, Sensen und Brandrohre auf; ein Häuflein Landstürmer zeigte sich. Aufschreiend warfen die Jungfern ihre Waffen 179 weg und stoben auseinander, als wäre der Blitz unter sie gefahren. Wahrhaft erschrocken schaute ihnen der alte Schulmeister nach. Als jedoch Haufen versprengter Landstürmer über den Furrenrain herabeilten, tat er einen ennetbirgischen Soldatenfluch und machte sich hurtig nach Hause. Bald war das Dorf von wildem Lärm und lautem Jammer erfüllt. Alles floh. Die Vorsichtigeren hatten sich schon lange in die hochgelegenen Bauernhöfe, ja bis in die Alphütten hinauf verzogen. Jetzt aber machte sich alles, mit Habseligkeiten schwer beladen, in die dichten Wälder, die bis ins Dorf hineingingen, davon. Als der Gerbebattist atemlos die Vortreppe des Pfauenhauses hinaufjagen wollte, rief ihm die Wirtin, die mit rotem Kopf an einem Fenster erschien, kurzgebunden zu, der Herr Unterlieutenant brauche sich nicht hinaufzubemühen; es sei schon alles im Hause fluchtbereit; die bresthaften Soldaten werden alle gleich herunterkommen. Er solle nur für seine Mutter sorgen. Das habe er schon getan, rief er bedrückt hinauf; ein Knecht habe sie am frühesten Morgen zu Roß nach einem entlegenen Bauernhof gebracht. Die Haustüre ging, und die verwundeten Soldaten stiegen, von Verwandten begleitet, die Vortreppe herunter. Fluchende Knechte und vor Angst 180 kreischende Mägde folgten mit schweren Lasten beladen. Nach ihnen kam auch die Wirtstochter, feiertäglich gekleidet, ein Bündel in der Hand, die Stiege herab. Der Unterlieutenant eilte auf sie zu. »Heleneli, nun müssen wir doch fliehen! Es ist himmelerdentraurig, daß es so weit kommen mußte; hätten alle Eidgenossen zusammengehalten, nie würden die Franken die beiden Mythen gesehen haben.« »Ja, es ist ein Jammer«, sagte sie; »meine Mutter ist ganz krank vor Kummer.« »Und du, – bist du mir noch böse von gestern?« fragte er leise, ihre Hand erfassend. »Du weißt es wohl, Battist; ich kann dir nie böse sein.« »Aber du schautest mich so sonderbar an, als du mich erblicktest, und dein Lächeln war wie die Sonne, wenn sie Wasser zieht. Du trägst es mir nach, was ich gestern redete.« »Glaube mir, ich habe dich lieb, heute wie gestern; aber es hat mich traurig gemacht, daß du so reden konntest.« » Feugite christiani, Ilium Ilion Ilios! « rief mit krächzender Stimme der lateinische Präzeptor, der mit einer Last Bücher beschwert vom Rathause her floh. »Die Leute sehen nach uns; wir müssen jetzt 181 aufbrechen«, sagte halblaut das Mägdlein. »Schau, da kommt auch die Mutter!« »Versprich mir heilig«, raunte er ihr leidenschaftlich zu, »daß du mich sofort rufst, wenn du dich in Gefahr glaubst.« »Ja, wenn's mir fürchtet, werde ich dir rufen«, antwortete sie leise, in den Boden sehend. »Heleneli«, machte er ganz unglücklich, »du trägst mir's nach; nun weiß ich's. Wie kann ich da glauben, daß du mich liebst.« Sie lächelte ihn an; aber er schüttelte, trübe blickend, den Kopf. Da entzog sie ihm sanft ihre Hand. Die Pfauenwirtin war soeben aus dem Hause getreten, ein Täfelchen, das Wachsbildnis ihrer Mutter, in der Hand haltend. Seufzend tat sie die Haustüre weit auf, so daß man die für die Feinde bereitgestellten Kupfergelten voll Weines und die dabeiliegenden Speckseiten und Brote sehen konnte. »So«, rief sie über den Zug hin, »jetzt, Herr Offizier, könnt Ihr uns fortbringen; wir wollen Euch willig folgen!« Nun fingen die Mägde wie aufs Kommando zu heulen an; aber die strenge Ruhe der Pfauenwirtin brachte sie nach und nach zum Schweigen. Battist hatte sich zu den Soldaten begeben, um die sich ihre Angehörigen und eine große Anzahl anderer Waldleute fluchtbereit mit Sack und Pack versammelten. 182 Bald brachen sie alle miteinander nach den nahen Klosterwäldern auf. Im Dorfe ward es still wie in einem Friedhof. Nur die Tauben girrten und schnäbelten auf dem Dachgiebel zum »Steinbock« und schwangen sich mit blitzenden Flügeln über die Schindeldächer der Waldstatt hinweg. Im Klosterwald ob dem Dorfe hatten sich die Waldleute zusammengetan. Battist und einigen ernsthaften und beherzten Waldmännern war es gelungen, die erschreckten Leute von weiterer Flucht abzuhalten und eine Wache zu bilden, die überall beruhigen helfen und nach dem Rechten sehen sollte. Es mochte gegen Mittag gehen; die Uhren an den Klostertürmen standen längst still; da sahen die Waldbuben, die in den Wipfeln der Tannen als Ausspäher hockten, einige Reiter auf kleinen, falben Pferden über die Brüelmatten gegen das Dorf jagen. »Sie kommen, sie kommen!« lärmten sie, also daß Angst und Bangen wie die Schatten der Nacht über die unter den Bäumen lagernden Waldleute kamen. »Jetzt halten sie an! – Jetzt reiten sie wieder!« schrien die Buben, mit entsetzten Augen nach den paar Reitern schauend, die nun mit gezogenem Säbel in wildem Galopp über den Dorfplatz hinunter ins Dorf hinein rasten. Und schon folgte den Reitern im Laufschritt mit gefälltem Bajonett ein Trüpplein weißhosiger Füsiliere. Beim Kirchhof machte die 183 kleine Avantgarde halt, bis sich die Spitze des unabsehbaren Zuges bunten Kriegsvolkes, der sich von der St. Gingolphkapelle gegen das Dorf wälzte, näherte. Aber als jetzt die paar Reiter wieder aus den Dorfgassen, ihre Pistolen abschießend, über den Dorfplatz nach dem Klosterhof sprengten, in dem sie verschwanden, rannte die Avantgarde des Fußvolkes vom Kirchhofe her in vollem Laufe ins Dorf herunter. Schüsse krachten; Fenster klirrten. Die Buben, die aus ihren Tannenwipfeln alles, was vorging, so gut sahen, als spielte es sich unter ihnen auf einer Theaterbühne ab, schrien auf; denn nun wälzte sich Haufe um Haufe fremden Kriegsvolkes in die Waldstatt hinein. Ein Trompetenstoß. Die Truppenknäuel lösten sich auf, und brüllend fuhren die Soldaten in die nächsten Häuser, in die nächsten Gassen hinein und gegen das Kloster hinauf. Doch von den nachrückenden, zum Plündern nach allen Seiten auseinanderlaufenden Mannschaften trennte sich eine kleine Reitergruppe ab und schwenkte, gefolgt von beladenen Saumrossen und deren Bedienung, auf den Frauenbrunnen zu. Dort machten sich die Reiter, deren Säbel, Federbüsche und Uniformschmuck in der Sonne leuchteten, von den Pferden, und alles lagerte sich um den Brunnen. »Habt ihr's gesehen!« rief ein Waldbub aus seinem Tannenwipfel; »einer ist auf einem schneetaubenweißen Roß geritten!« 184 »Ja!« rief ein anderer zurück; »das ist jetzt gewiß der Bonabartli!« Mit erschrockenen Augen staunten sie auf den Dorfplatz und ins Dorf hinunter, in dem es unheimlich still war. Nur hin und wieder klirrte und krachte es irgendwo in einer Gasse. Bald sahen sie mit Entsetzen allerlei Habseligkeiten, Stühle, Pfannen, Kochgeschirr aller Art und gar Laubbetten aus den Fenstern fliegen. »Und dort, seht, seht!« rief ein Bub. »Dort klettern und kriechen gar ein paar weißhosige Kerle über das Dach des Hauses zum »Steinbock« nach dem Taubenschlag!« Ein Schuß krachte. »Hört ihr's, hört ihr's! Einer hat geschossen. Alle Tauben fliegen aus; alle Tauben fliegen aus!« »Herunter, Buben!« rief der Gerbebattist in die Bäume hinauf. »Sie könnten euch doch sehen, und zudem werden wir weiter fliehen müssen. Herunter, herunter!« Flink glitten und rutschten die Buben von den breitästigen Tannen und purzelten unter die Waldleute, die mit ängstlichen und kummervollen Gesichtern auf ihren Körben und Bündeln und im Moos herumsaßen und lagen. Die einen nahmen einen kargen Imbiß; die andern ratschlagten, und die alten Weiber ließen die Rosenkranzkügelchen gar emsig durch die Finger wandern. Einige ratlose Räte und ihr nicht geringer Anhang verlangten durchaus die Fortsetzung der Flucht 185 in die höheren Wälder hinauf. Einige beherzte Männer jedoch wollten eine Abordnung an den eingerückten fränkischen General schicken. Battist, der Unterlieutenant, Plazi, der alte Schulmeister, und der Beinhaussigrist anerboten sich, den gefährlichen Gang zu wagen. »Was!« fuhr des Sigristen Weib auf, ihren Gatten am Hosenbändel packend, »du solltest mir so was probieren! Lieber steigen wir in alle Schneeberge hinauf und verkriechen uns in die Gletscherspalten, bevor ich dich zu diesen Blutsäufern hinabgehen lasse. Du bleibst da!« Auch des Schulmeisters Weib hatte ihren Mann am abgeschabten königlichen Soldatenrock erwischt und schimpfte: »Ich lasse den meinigen auch nicht hinab. Ihr wißt's ja alle, was man von den Welschen berichtet, daß sie die Männer lebendig schinden und die Kindlein fressen. Du gehst mir nicht hinunter!« Und sie riß ihn also an sich, daß er wie ein Säugling in ihren Schoß zu sitzen kam. Die Pfauenwirtin aber, der ihre Tochter während diesem Ratschlagen mit hochroten Wangen an den Ohren gelegen war, sagte jetzt laut: Es wäre frevelhaft, wenn jemand sein Leben ohne Not aufs Spiel setzen würde. Im schlimmsten Fall könne man sich doch mit Leichtigkeit durch die Wälder an den Mythen vorbei in Sicherheit bringen. Man solle aber doch erst noch zuwarten, wie sich's da unten anlasse; vielleicht daß die Franken, die im Dorf 186 gewiß keine große Beute fänden, bald wieder abziehen, da sie ja noch gegen Schwyz ziehen müßten. Niemand widersprach ihr; alles begann sich wie zuvor zu lagern. Der Gerbebattist jedoch, der eine Einrede tun wollte, begegnete Helenelis heißen Augen, die ihn angstvoll anstaunten; da schwieg auch er und schaute ihr nun verwundert zu, wie sie aus ihrem Bündel ein niedliches Kästchen heraushob, mit der Mutter angelegentlich flüsterte und sich dann unauffällig ins Gestäude verzog. »Hörst du, Battist, jetzt geht die Welt wieder einmal unter«, sagte der Schulmeister Plazi, dem Unterlieutenant auf die Schulter klopfend; »der Schulherr bläst bereits die Posaune.« Battist sah sich um. »Ja, ja«, wehklagte der Präzeptor, der mitten unter den ängstlich zuhörenden Weibern stand; »das große Tier mit den zehn Hörnern ist nicht mehr weit weg; der Drache wird uns verschlingen, und die Heuschrecken mit Menschengesichtern und spitzen Waffen werden uns peinigen, wie es geschrieben in der Offenbarung Johannis, Kap. 9, Vers 3–7. Der Untergang ist nahe; bald wird die erste Posaune ertönen!« Erbleichend hielt er inne, und die Waldleute sahen sich erschrocken an; denn ein schmetterndes Trompetensignal hallte vom Dorf herauf. Als sich der Schulmeister Plazi nach Battist umsah, war der spurlos verschwunden. 187 Mittlerweile eilte das Heleneli flinkfüßig, ihr Schmuckkästchen im Arm, unter den rauschenden Bergtannen dahin. Aber nach und nach begann sie mit bedenklichen Augen jeden Strauch angelegentlich zu mustern und ihre Schritte sorglich in acht zu nehmen. Als gar ein schwarzes Eichhörnchen vor ihr kollernd in einen Baum hinaufschoß, trat ihr Fuß immer leiser auf. Sie schrak beim Knacken eines dürren Zweigleins zusammen und erbleichte, als sich eine Brombeerstaude an ihren Rock anklammerte. Wie wieder ein dürres Reis unter ihrem Fuße brach, lehnte sie sich an einen Baumstamm und zog, ängstlich um sich schauend, Schuhe und Strümpfe aus. Nun ging sie schier so unhörbar übers Moos wie ein Waldhexchen. Der Wald lichtete sich, und über ihr hing ein Fels, auf dem ein verwittertes Holzkreuz stand. Im Gestrüpp unter dieser kleinen Fluh gedachte sie ihr Schmuckkästchen zu vergraben. Strümpfe und Schuhe hatte sie schon ins feinfederige Moos gelegt, um flinker den Felsen ersteigen zu können, auf dem sie vor dem Kreuz erst noch ein Vaterunser über das Kästchen beten wollte. Kaum aber hatte sie sich vor dem Kreuz auf die Knie geworfen, schrillten ein paar Glockenschläge durch den Wald, als ob mit Hämmern auf eine Glocke losgeprügelt würde. Heleneli sprang auf und staunte erschrocken auf den tief unter ihr liegenden Dorfplatz hinunter. 188 Erbleichend sah sie das bunte Heer der Franken vor dem Kloster um den Frauenbrunnen lagern. Es rauchte dort wie in einer ungeheuern Küche. Ein paar Reiter hetzten eben ein großes Gehüt Schafe und Ziegen ins Lager, und ein Zug müder Pferde wurde in den Klosterhof getrieben. Jetzt gab es um den Frauenbrunnen ein großes Hallo. »Jesus Gott!« schrie sie auf, als sie genauer hinsah, und sank zitternd in die Knie. Da unten gingen die Franken daran, den Frauenbrunnen zu zerstören. Eine hochgewachsene buntuniformierte Gestalt mit wallendem Federbusch zeigte auf den Brunnen, an dessen Säulen ein paar Soldaten emporkletterten, während andere mit blitzenden Äxten schon über die Arkaden rittlings zur vergoldeten Brunnenkrone hinaufrutschten. Mit einem wilden Schrei schoß das Heleneli auf, glitt behende vom Felsblock, raffte das ihr hiebei entfallene Schmuckkästchen blitzgeschwind wieder an sich und jagte dann in tollen Sprüngen den Hochwald hinunter. Das Brombeergerank zerfetzte ihr Heiligtagkleid, zerkratzte ihr die Hände, und das Gedörne riß ihre bloßen Füße blutig. »Heilige Muttergottes!« stöhnte sie ineinemfort. Plötzlich öffnete sich der Wald. Das Mägdlein lief hochklopfenden Herzens zwischen die ersten Häuser des Dorfes. 189   XIII. Um den Frauenbrunnen ging's hoch her. Alles; was nicht niet- und nagelfest war, schienen die plündernden Krieger zum Brunnen zusammengetragen und geschleppt zu haben. Weitum war das Pflaster mit Devotionalien jeder Art, niedlichen Werkzeugen der Frömmigkeit, als Rosenkränzen, tönernen Muttergottesstatuettchen, zerschlagenen Weihbrunnen, zerfetzten Gebetbüchern und dergleichen bedeckt, als hätte es die andachtweckenden Sächelchen, wie vormals das Manna, vom Himmel geschneit. Denn selbst die ärmlichen Kramladen vor dem Kloster waren von den beutegierigen Soldaten ausgeräumt worden, wobei sie einem der überlebensgroßen römischen Könige am Aufstieg zur Kirche einen roten Weiberrock über den Hermelin gezogen hatten. Es wurde geschlachtet, gekocht und gebraten, daß es roch wie in einer Herrenküche, und vom Klosterhof her hüpften wie mutwillige Böcklein recht ansehnliche weinschwere Fässer, die beim Brunnen mit Heissajuhee! aufgefangen wurden. Jetzt winkte General Nouvion, den es verdroß, daß aus Kloster und Dorf alles ausgeflogen war, einem Offizier heran und befahl ihm, die große 190 Glocke, die allein in einem der beiden Kirchtürme hange, herabzulassen; man könne daraus tüchtige Kanonen gießen. Da ja in diesem Hochtale die Menschen ausgestorben zu sein scheinen, so brauchen ihnen die Glocken auch nicht mehr zur Kirche zu läuten. Einige weißgeschürzte Sappeure aber erkletterten auf seinen Zuruf mit ihren Äxten den Frauenbrunnen, wobei ihnen die Bärenmützen von den Köpfen fielen. Sie gedachten den Brunnen also gründlich zusammenzuschlagen und einzureißen, daß er zuletzt nur noch ein Steingrab sein sollte. »Dürfen wir das verlassene Nest gleich anzünden, mein General?« fragte ein grimmig dreinschauender Wachtmeister. Herr Nouvion antwortete nicht. Er sah den Unteroffizier mit einem langen, finstern Blicke an, ließ sich dann auf eine Trommel nieder und staunte nachdenklich ins Wasserspiel des Frauenbrunnens. Plötzlich horchte er auf und schaute aufmerksam über sein lagerndes Kriegsvolk hin, aus dessen unruhigen Haufen wilde Ausrufe kamen. »Ach, welch ein scharmantes Kind!« – »Laßt sie durch!« – »Nichts da, wir wollen sie für uns behalten!« – »Zurück in des Teufels Namen, ihr Marodeure!« Der Lärm ging rasch in ein unheimliches Gemurmel über. »Was gibt's?« fragte der General. 191 Da öffnete sich vor ihm mit einem Male, schier unwillig, eine Gasse. Zwei bäumige Grenadiere, die Gewehrkolben links und rechts wacker spielen lassend, zeigten sich, und zwischen ihnen ging mit bloßen blutigen Füßen, totenbleich, ein schlankes Mägdlein, das ein Kästchen im Arm trug. Sein festtägliches Kleid war arg zerrissen; seine blauen Augen schauten angstvoll um sich, und mit einer Hand klammerte es sich an den Rockschoß eines Grenadiers an. Jetzt stand es vor dem General. Aufschreiend warf es sich vor ihm in die Knie, hob mit beiden Händen und flehenden Augen das Schmuckkästchen zu ihm auf und rief in gutem Französisch: »Tut doch dem Frauenbrunnen nichts, Herr General! Um Gotteswillen laßt ihn doch nicht zusammenreißen! Alles was ich habe will ich Euch geben. Nur ruft die Soldaten herab! Seht Ihr!« schrie sie auf, da ein Sappeur eben seine Axt auf einen Träger der Brunnenkrone niedersausen ließ; »seht Ihr; sie zerschlagen ihn; sie reißen ihn nieder!« Sprachlos vor Erstaunen blickte General Nouvion auf das so unversehens aufgetauchte Dorfmädchen, das gar in seiner eigenen Sprache zu ihm redete und ihn mit noch viel beredteren, angsterfüllten Augen ansah. Ihm war, er habe seiner Lebtag noch nie etwas Anmutigeres gesehen als dieses Waldkind, weder in welschen noch in deutschen Landen. Diese hilflosen, 192 tiefblauen Augen erinnerten ihn an seine Jugend, in der ihm die alte Muhme von einer seltenen blauen Blume erzählte, die irgendwo in einem fernen, fernen Walde wüchse, die aber nur Sonntagskinder zu finden vermöchten. Da wuchs nun solch eine wunderliche Blume unversehens vor ihm aus dem Boden dieses rauhen Waldtales. Er drehte erregt an seinem herabhängenden weißen Schnurrbart. »Wer seid Ihr?« fragte er jetzt ziemlich barsch. »Ich bin das Heleneli Gyr, der Pfauenwirtin Töchterlein.« »Wie durftet Ihr's wagen, Euch eines Brunnens wegen unter meine unbändigen Burschen zu begeben? Wäret Ihr nicht zufälligerweise zweien meiner braven Grenadiere zuerst in die Hände gelaufen, ich hätte Euch kaum jemals zu Gesicht bekommen!« »Herr«, sagte zitternd das Heleneli, »seid mir doch nicht böse; aber ich konnte halt nicht anders. Es wäre doch gewiß schade um den schönen Muttergottesbrunnen!« Der alte Offizier tat einen flüchtigen Blick nach dem Brunnen. »Laßt ihn doch nicht zusammenschlagen. Nehmt, nehmt!« Sie hielt ihr geöffnetes Schmuckkästchen wieder zum General empor. »Nehmt; es ist alles, was ich habe!« Er begann mit ernsthaften Augen die glitzernden Sächelchen zu mustern; aber in seinen Mundwinkeln 193 saß der Schalk. Mit zwei Fingern zog er ein Schnürchen heraus, an dem ein blutrotes Herzchen baumelte. Einen Moment besah er's, und jetzt schaute er sich plötzlich schier grimmig rundum. Aber die Soldaten zuckten mit keiner Wimper. Verwundert staunten sie auf das Mägdlein, das sich so mutterseelenallein unter sie gewagt hatte. Auch die Sappeure, die bäuchlings auf den Arkaden lagen, gafften neugierig hinunter. Jetzt ließ der Alte das Herzchen wieder ins Kästchen gleiten, wirbelte seinen Schnurrbart und rief den Sappeuren zu: »Allez, ihr dort oben, steigt herunter!« Dann wandte er sich lächelnd Heleneli zu und sagte: »Ihr habt ein mutiges Herz, meine Kleine. Behaltet den hübschen Schmuck. Ich habe kein Liebchen mehr, dem ich ihn umlegen könnte. Außerdem, sacré bleu , Donnerwetter! keines meiner Liebchen hätte den Hals für dieses blaue Schnürchen gehabt wie du. Und wenn ich ihre Busen mit Gold und Silber überladen hätte wie den Hochaltar in der Notre-Dame zu Paris, es hätte sich gewiß nicht besser ausgenommen als dies kleine Herzchenamulett auf deinem warmen Waldkapellenaltärchen. Dennoch, lieber als das Amulett und der ganze Schmuck wäre mir doch ein Küßchen von dir, he?« Er neigte sich, um sie zu küssen. »Nein, nein, nein!« machte sie zündrot und stand bebend vor dem General. 194 Kurz und verdrossen lachte er auf und sah mit gleißenden Äuglein rundum. Es lachte niemand. Aber auf einmal war auf der Weid gegen den Wald ein wilder Lärm. Der General fuhr auf: »Donner, Donner! Was ist denn schon wieder los! Sollte denn wieder eine Vestalin im Anzuge sein?« Der Lärm näherte sich rasch. Verzweifelt schrie das Heleneli auf; denn jetzt wurde aus dem auseinanderfahrenden Haufen des Kriegsvolkes ein bleicher, blutiggeschlagener Bursche vor den General gestoßen. Er war barhäuptig; eine Binde hing nur noch lose an seinem Arm, und seine Kleider waren völlig zerfetzt. »Zum Teufel, wen schleppt ihr mir denn wieder her?! Glaubt ihr, ich hätte nichts anderes zu tun, als diesen törichten Waldmenschen Audienz zu erteilen?!« herrschte der Alte die herandrängenden Soldaten an. »Mein General«, sagte ein blasser Lieutenant und zeigte auf einen blutbefleckten Degen, den ein weißhosiger, wild dreinschauender Kerl in der Faust hielt, »mit diesem Säbel hat sich der junge Offizier da plötzlich auf uns gestürzt und sich nach dem Brunnen durchhauen wollen. Er muß verrückt sein!« »Battist, Battist!« jammerte händeringend das Heleneli; »Jesus Gott und Vater, was hast du gemacht!« 195 »Vier Mann vor!« rief der General scharf. »Hinauf mit ihm an die Klostermauer und gut gezielt. Marsch!« Mit einem fürchterlichen Aufschrei warf sich Heleneli dem jungen fränkischen Lieutenant zu Füßen, umklammerte seine Knie und rief. »Kennt Ihr mich nicht mehr! Ihr müßt mich kennen! Ich kenne Euch ganz gut; aus Tausenden wollte ich Euch herausfinden. Ihr seid Pierre, jenes blasse welsche Büblein, dessen Mutter mir einst, als ich noch ein Kind war, ein Agnus Dei -Herzchen verehrte. Kennt Ihr mich, kennt Ihr mich?!« Erstaunt, fremd starrte sie der junge Offizier an. Da schoß sie auf, hastete auf Battist los, riß ihm die Uniform an der Brust auf und griff ein blutrotes Herzchen heraus, das an einem breiten blauen Bande hing. »Schaut, schaut!« schrie sie den fränkischen Lieutenant an. »Seht das Herzchen; Ihr müßt es erkennen. Euere Mutter gab es mir und sprach dabei, es werde den, der es trage, aus aller Not und Gefahr heil herausbringen!« Mit aufgehobenen Händen stand sie wieder vor dem Lieutenant: »Helft mir; denkt an Euere Mutter; rettet mir meinen Geliebten!« Jetzt nahm der junge Offizier mit dem blassen, schmalen Gesichte seinen Tschako ab, trocknete sich den Schweiß von der Stirne und sagte dann mit 196 vor Rührung unsicherer Stimme zum finster dreinschauenden General: »Mein General, 's ist wahr, was dieses Mädchen sagt. Meine selige Mama hat ihr, als wir zusammen hieher, nach Notre Dame des Hermites , pilgerten, einer kleinen Aufmerksamkeit wegen dieses Amulett geschenkt. Erbarmt Euch ihrer!« Der Alte hatte erregt an seinem Schnurrbart herumgedreht und gezupft; nun erhob er den Kopf und sagte tiefen Tones und streng blickend: »Das Wort einer französischen Mutter ist mir zwar heilig, aber noch heiliger das Wort meiner Vorgesetzten. Es lautet die Parole: ›Wer mit der Waffe in der Hand betroffen wird im eroberten Land, hat das Leben verwirkt; er muß sterben; nichts kann ihn retten!‹« Aufkreischend vor Jammer stürzte sich das Heleneli vor den General hin. »Erbarmt Euch meiner, Herr General! Tötet mich für ihn, und ich will Euch vorher tausendmal küssen. Ich will . . .« Sie konnte nur mehr schluchzend, tränenüberströmt die Hände ringen. Nun bog auch der fränkische Lieutenant ein Knie und bat mit leiser, bebender Stimme: »Mein General, habt ein Herz mit der armen Kleinen!« »Ich kann es nicht; es darf nicht sein!« sagte halblaut, düster, schier betrübt blickend, Herr Nouvion. 197 »Man hat ihn mit der Waffe in der Hand gesehen. Zwar ich«, machte er nachdenklicher, »ich selber sah ihn gerade nicht, das ist wahr; dennoch, 's ist nichts zu machen; man hat es mir gemeldet. Ja, wenn mir jemand einen Trunk reichen könnte von jenem wunderwirkenden Wasser, von dem die Hellenen sagen, es lasse einem alles vergessen, ich wollte ihm dankbar sein; denn mich dauert die anmutige Kleine.« Aufsprang das Heleneli, hastete auf den Frauenbrunnen los, hielt seine Hände sorglich an eine Röhre und ließ das bergfrische Quellwasser dareinrieseln. Verwundert schaute alles auf das Mädchen. »Da!« rief es, sorgsamen Fußes über die Rinnen zurückkommend und das lebendige Becherlein seiner rosenroten Hände dem alten Soldaten demütig hinhaltend, »da trinkt, Herr General; dieses ist ja wundertätiges Wasser!« Einen Moment schaute der General dem Mädchen forschend in die angsterfüllten blauen Augen; dann blickte er auf das niedliche Schälchen, das überall von kristallklaren Wassertropfen überfloß. Auf einmal aber lachte er kurz auf, neigte das graue Haupt und schlürfte gierig das rote Becherlein leer. Jetzt brachen die Soldaten in einen wilden, brüllenden Jubel aus, der kein Ende nehmen wollte; denn schon wieder trippelte das zum Tod erschrockene Mägdlein mit seiner frischgefüllten 198 rosenfarbenen Muschel vom Brunnen weg zum General, ihn dringend zum Trinken einladend. Und wieder tauchte er seinen weißen Schnurrbart in Helenelis warmes Becherlein. Als aber das Mädchen gleich wieder zum Brunnen laufen wollte, erwischte er's am zerrissenen Heiligtagrock, dann am Flachsschopf, und nun küßte er's herzhaft auf beide Wangen und sagte mit einer Stimme, in der ein leises Zittern geisterte: »Nein, liebes Kind, ab allen Röhren möchte ich doch nicht trinken; so viel Wasser könnte ich kaum vertragen. Das Wunder ist nun geschehen; ich habe im Wasser dieses Brunnens aus deinen reinen Händen Vergessenheit getrunken. Ein ganzer Krug voll aus dem Lethestrom hätte mir nicht wundertätiger sein können. So hör denn!« machte er mit so barscher Stimme, daß das Heleneli ins Herz hinein zusammenschrak. »So verurteile ich denn diesen Burschen, der auf einmal nur als dein harmloser Anbeter vor mir steht, dazu, sich mit dir heute noch zu verloben. Als Verlobungsgabe schenke ich dir den von dir geretteten Frauenbrunnen, dessen Nymphe du zu sein scheinst. Meine wilden fröhlichen Kinder, siehst du, bereiten schon den Festschmaus. Und sie sollen um den Brunnen tanzen und singen die ganze Nacht hindurch bis zum hellen Morgen. Was sagst du?« Das Soldatenvolk jauchzte und kreischte vor Vergnügen, und als Tusch auf des Generals Rede 199 schmetterte ein Sappeur mit der Axt den Boden aus einem vollen Weinfaß, worauf sich die wilden Burschen auf den Boden warfen, um den herausströmenden Klosterwein aufzuschlürfen. Heleneli aber hatte sich auf Battist gestürzt, hing jubelnd an seinem Halse und sank dann bewußtlos in seinen Armen zusammen. Herr Nouvion erhob sich. Er blickte zur Klosterkirche hinauf, aus deren Türmen hin und wieder schrille Glockenschläge sprangen. Nun winkte er einen Korporal zu sich heran, der eben vom Kloster herabstieg, ihn beordernd, er möchte das Herablassen der Glocken verhindern. »Ja«, sagte dieser halblaut; »wir haben höchste Zeit, wollen wir die Glocken noch retten; denn die Gnadenkapelle, in der unsere Leute umsonst nach dem wundertätigen Bilde suchten, ist von ihrer Wut schon völlig niedergerissen worden.« Der Unteroffizier jagte zur Kirche hinauf. Als sich nun der General wieder nach Heleneli umschaute, sah er's, ohne ein Zeichen des Erstaunens oder des Mißbehagens, im Schoße einer hochgewachsenen, ruhig blickenden Frau in stolzer weißer Kammhaube liegen. Und nun gewahrte er auch ein Trüpplein Kinder, die scheu und zitternd mit ihrem alten Schulmeister herantrippelnd, nach dem alten Offizier schauten, den sie für den bösen Bonabartli hielten. Der General aber, der mit Vergnügen in der 200 aufrechten Frau, die das ohnmächtige Mägdlein im Schoß hatte, dessen Mutter erkannte, ward noch wohlgelaunter, als er auch mit ihr in der Sprache seines Landes recht gut sich zu unterhalten vermochte. Er wollte von ihr gar vielerlei wissen und riet ihr dann, sie solle die Kinder wieder in den Wald hinaufschicken, damit sie die Leute ins Dorf rufen, da er sie vielfach benötige. Auf ein zunehmendes Lärmen hinter ihm wandte er sich rasch, unwillig um. Ein staubbedeckter, verschwitzter Reiter ohne Kopfbedeckung sprang neben ihm vom Pferde. »Mein General«, redete er schier atemlos, »unsere Heeresabteilung unter General Freycinet ist von den Truppen dieses Kantons bei einem Ort, der Rothenthurm heißt, mit großem Verluste zurückgeschlagen worden.« Battists Augen brannten. Einen Moment schaute Herr Nouvion verdrossen aus dem äußersten Augenwinkel auf den Adjutanten, der ihm den Bericht gebracht hatte. »Er Dummkopf hätte seine Meldung doch gleich an die Klosterglocken hängen sollen«, brummte er halblaut. Dann schaute er sich ruhig um, von einem zum andern der stiller gewordenen Soldaten. Und jetzt ging gar ein halbes Lächeln um seinen Mund. Erst drehte er ein paarmal nervös seinen weißen Schnurrbart, zog die silberne Schnupftubakdose aus dem blauen 201 rotgesäumten Rock, öffnete sie und sagte, sie dem verlegenen Adjutanten hinhaltend: »Bedient Euch, Herr Kapitän, der Schnupftabak macht einen hellen Kopf.« Wieder sah er rundum und fuhr dann fort: »Meine braven Kinder, laßt euch nicht erschrecken; das hat nicht so viel zu bedeuten, obschon es uns ja um unsere gefallenen Kameraden leid tut. Jedoch wir sind ihrer zu viele. Dieses tapfere Hirtenvolk ist irregeführt; man täuscht es über die Stärke der großen Armee und über ihre Absichten. Wir wollen diesen Bergvölkern, selbst wider ihren Willen, die wahre Freiheit bringen. Morgen schon werden wir und andere mit diesen Hirten durch unsere Kanonen und Füsiliere ein letztes Wort sprechen, wenn sie's nicht vorziehen, ehrenvoll zu kapitulieren, wie die verständigen Leute im Tiefland. Laßt euch nicht stören!« Er winkte einen Offizier heran. »Kapitän, geht, verstärkt die Wachtposten auf den umliegenden Höhen und laßt eine Streifpatrouille aufsitzen!« Darnach wandte er sich dem neben ihm stehenden blassen Lieutenant zu und befahl kurz, mit einem Blick nach der Pfauenwirtin und ihrer Tochter: »Mein Sohn, Ihr kennt diese Frauen; sorgt für sie!« Ruhigen Schrittes, gefolgt von seinem Stabe, machte er sich ins verlassene Kloster hinauf, in dem er mittlerweile das Hauptquartier hatte herrichten lassen. 202 Als das Heleneli aus seiner langen Ohnmacht erwachte, fand es sich halbangekleidet auf dem Bette in seinem Kämmerlein. Unruhig, nachsinnend schaute es zur Decke empor. Wie war ihm doch? Hatte es denn nicht einen schweren Traum von Kriegsnöten und Todesgefahr durchgemacht, der dann zuletzt dennoch ein friedliches, freudvolles Ende nahm. Es tastete mit der Hand über die Bettdecke, um sich zu vergewissern, daß es wirklich im Bette liege. Ein kurzer Aufschrei: Ihre Hand lag auf dem Krauskopf eines Mannes, und nun erkannte sie ihn im Mondschein. »Battist, Battist, du bist's? Und alles ist wahr; ich habe es nicht nur geträumt?!« »Kannst du mir verzeihen, Heleneli?« machte er schluchzend. »O du Lieber, Lieber, Lieber! Gottlob und Dank in Ewigkeit; ich habe dich wieder; hier in meinen Armen habe ich dich! Was habe ich für einen Kummer um dich ausgestanden, mein Herz!« Sie küßte ihn stürmisch, immer und immer wieder, auf seinen lockigen Scheitel. Aber auf einmal fuhr sie auf: »Ist's wirklich wahr oder träume ich? Heiliger Gott, heiliger Gott!« Sie nahm seinen Kopf in beide Hände, hob sein Gesicht zu sich auf und sah ihm unverwandt in die tränenvollen Augen. »Ja, gottlob, gottlob, du bist's. Sie wollen dir nichts mehr 203 antuen, gelt? Red, red; sie wollen dir nichts mehr antuen?!« »Nein«, sagte er aufstehend. »Komm, Liebste, schau hinab! Die Welschen feiern unsere Verlobung da unten auf dem Dorfplatz, und der General Nouvion sitzt mit unserm Freunde, dem fränkischen Lieutenant, und andern Offizieren unten in der Stube und ist recht freundlich gegen deine Mutter. Komm, Schatz, schau!« Sie schlüpfte aus dem Bett, und eng aneinandergeschmiegt traten sie ans Fenster, stießen das Scheiblein zurück und schauten in die Nacht hinaus. Der Vollmond stand wie eine goldene Monstranz zwischen den zwei Klostertürmen und beleuchtete die flimmernden und rauschenden Wasserspiele des Frauenbrunnens. Welsche Soldatenhorden umtanzten unter Trompetengeschmetter und Trommelschlag soeben wie toll den Brunnen und brüllten dazu das Triumphlied der Revolution, die Marseillaise. »Glaubst du jetzt an meine Liebe, Liebster?« fragte das Heleneli. Er preßte sie leidenschaftlich an sich und sagte demütig: »Vergib mir doch, Heleneli! Nun will ich mit tausend Freuden zu Hause bleiben und ein schlichter, fleißiger Gerber werden, wie es mein Vater selig war. Aber auch Soldat will ich bleiben, Schatz. So lang es Gott gefällt, Frieden im Lande zu halten, an deiner Seite. Wenn es aber sein muß, 204 und ich hoffe, es wird bald sein – denn dieser fränkische Kobold soll uns nicht zu lange ins Nest liegen – im blutigen Kampfe für meine Heimat, für mein Vaterland, das erst du mich lieben lehrtest!« Sie schloß das Fenster, griff in ihr nebenan auf der Kommode stehendes Schmuckkästchen, zog ein rotes Herzchen, ihr Agnus Dei heraus und hielt es im Lichte des Mondes vor seine Augen. »Siehst du, Battist, hier habe ich das Herzchen, das du mir schenktest, als du ein kleines Büblein warst. Schau, ich habe es mit deinen Haaren, die ich dir in der Komödie am Dreikönigenabend einst abscherte und nach deren Verlust du die wahre Kraft verlorest, umwunden. Nun aber«, sie spielte liebkosend in seinem blonden, krausen Schopf, »nun sind sie dir wieder lang gewachsen, und du bist wieder mein lieber, starker Simson geworden!« »Freilich, freilich!« rief jetzt eine Stimme durch die halbgeöffnete Türe ins Kämmerlein. »Jetzt Simson, wenn du aber deine Haare lang behalten willst, mußt die Schere verbergen, sonst kommt dir die Delila doch wieder darüber.« Der Schulmeister Plazi trat unsicheren Schrittes, die Fuchspelzmütze schief auf dem Kopf, über die Schwelle. »Ihr sollt jetzt herunterkommen zum General in die Stube; denn nun will er euch verloben. Mich hat er«, der Alte warf sich in die Brust, »als alten Kriegskameraden zum Zeugen geladen!« 205 »Ja, dann muß ich doch fast den Schmuck umlegen«, sagte das Heleneli; »was meint Ihr, Meister Plazi?« ^ »Ja, ja, du Hochmutsnärrchen, du Hochmutsnärrchen!« machte schmunzelnd, den Drohfinger erhebend, der Alte. Ein herzliches Auflachen ging durchs Kämmerlein.