Fritz Grünbaum Die Schöpfung und andere Kabarettstücke     Löcker Verlag Wien • München 1984     Inhalt Die Kunst aufzuhören         Die Kunst zu lieben ... Das Märchen vom unschuldigen Nixlein Fein-Elschen und die Viere Sie läßt mit sich handeln Monolog über die Ehe Das Kind Der gute alte Onkel Rotkäppchen Aufruf an die Männer! Das Ende Die Kunst aufzuhören ... Entwürfe für ein Grünbaum-Monument Grünbaum Selbstbiographie Von an-, un- und ausgezogenen Damen Hoch das Zuchthaus! Ich und der Hund Der Gast Schön und gescheit – Das ist zu viel! Der Hausfreund Glück bei den Frauen Der Haupttreffer Mein Begräbnis Entwürfe für ein Grünbaum-Monument Mein Kollege, der Affe Ich – und das Publikum Tante Sali Das Publikum Mein Kollege, der Affe Silvester 1914 / Silvester 1918 Silvester 1914 Marianka's Feldpostbrief Silbinger, Perl und Buxbaumholz ... Ein Traum Krieg am Schreibtisch Battisti und Casement ... Schmock im Kriege! Der Löwe Der rote Pegasus Eine Geschichte von der seligen Zensur Bürger in Not Die Bilanz Der liebe Gott und 1918 Die Schöpfung und Anderes mehr Die Post Österreichische Revue 1911 Der Beamte Neue Gesichtspunkte über die Ohren Die Schöpfung     Die Kunst aufzuhören Die Kunst zu lieben oder Wie fang' ich mir ein Verhältnis an?                     Das Allerschönste auf der Welt (Natürlich abgeseh'n von Geld, Was unbedingt zu jeder Frist Das Allerallerschönste ist) Ich wiederhole noch einmal: Das Schönste hier im Erdental, Im Dorf, im Städtchen, in der Stadt Ist ein Verhältnis (wenn man's hat!). Denn wie die Dinge immer liegen, Es ist und bleibt halt ein Vergnügen! Vor allem weißt du dich geliebt, Was Achtung vor dir selbst dir gibt; Denn fängst du eine Liebste ein, So muß doch etwas an dir sein ... Ein Held, ein Dichter, ein Genie ... Mit einem Wort: du bist für sie Der Menschheit schönstes Diadem – Und so was ist ganz angenehm. Was aber schließlich, lieber Freund, Das schönste beim Verhältnis scheint, Das ist der Umstand, daß du hier All das, was einer Ehe Zier, All das, was einer Ehe Pracht, Was wünschenswert die Ehe macht, Was quasi seit Jahrtausendfrist Der Ehe Zweck und Inhalt ist, Wofür du bebst, worum du flehst – – (Ich hoffe, daß du mich verstehst) Kurz: daß du alle süßen Gaben Wie in der Ehe hier kannst haben, Und daß du doch zu gleicher Frist – Bedenk' – vollständig ledig bist! Wie kann dir's nun, mein Freund, gelingen, Dir ein Verhältnis zu erringen, Das süß und hold und angenehm, Bescheiden, liebevoll, bequem Und – da du doch so sparsam bist – Verhältnismäßig billig ist? Das, lieber Freund, ist bald erreicht; Wenn du mir folgst, triffst du es leicht! Vor allem kauf' dir einen Stößer, Denn bist du klein, macht er dich größer, Und bist du groß, wirst du nicht kleiner, Dabei jedoch bedeutend feiner! Denn sagt mir, was ihr wollt, ihr Kinder ... Zylinder bleibt halt doch Zylinder! Nicht leugnen kann's der ärgste Tadler: Es grüßt dich jeder Gummiradler! Du kannst dir leisten jeden Spaß, Man sieht sofort: du bist etwas! Na also, siehst du! Kurz und gut: Du kaufst dir einen Zylinderhut! So ausgerüstet in dem Maße Geh' in die Mariahilferstraße! Dort triffst du täglich einen Schwarm Von süßen Mädeln Arm in Arm. Hier triffst du mollerte und schlanke, Triffst fröhliche und sehnsuchtskranke, Triffst Mädeln mit gesenkten Wimpern, Und solche, die mit den Lidern klimpern, Mit blonden und mit braunen Haaren, Mit siebzehn und mit zwanzig Jahren, Mit Barchent- und mit Seidenröcken, Mit Grübchen und mit Leberflecken, (Teils an den roten Wangen dran, Teils dort, wo man's nicht zeigen kann); Triffst solche, die übers Wetter klagen, Dann solche, die »Ich bitt' schön, wie viel Uhr is?« sagen, Dann solche, die gleich sehr intim, Dann solche, die flöten: »Mein Herr, Sie sind schlimm!« Ferner solche, die mit sich reden lassen, Dann andre, die verstehn kein Spaßen, ... Der gute Gott im Himmel schütz' sie, Und alle, alle heißen sie Mitzi! Jetzt, lieber Freund, hier mach dich dran! Wähl', wie du willst, mich geht's nichts an. Doch folgst du mir: wird kurz die Wahl, Denn alle Weiber sind egal! Im Anfang schreien sie: »Nicht doch!« Und später heißt's: »Ach bleib doch noch!« Im Anfang sind sie stark, du schwach, Zum Schlusse rennen sie dir nach. Erst ist dein Sehnen riesengroß, Doch später wirst du sie nicht los! Es wächst dir mit der Zeit, o Graus, Die Liebe zum Genick heraus. Die wenigsten sind länger nett, Und alle, alle sind kokett. Wie sie nur mit den Hüften dreh'n! Zum Schlusse kannst du's nicht mehr seh'n. Du bist empört, du bist verletzt, Bist außer dir, du bist entsetzt. Rufst außer dir vor Zorn und Graus, Von Reue tief durchdrungen aus: »Der Teufel hol' den Weibertroß, Was war ich ein Rhinozeros!« Drum, lieber Freund, wenn es noch geht, Gehorche mir, eh' es zu spät: Ich glaub', es wäre wirklich besser, Du kaufst dir lieber keinen Stößer. Um Gotteswillen, sei ein Mann – – Und fang dir kein Verhältnis an!     Das Märchen vom unschuldigen Nixlein         Der Mond hat seine Schale vergossen. Über den Schloßteich ist Licht geflossen, Grünes und blaues, silbernes Licht. Der Nachtwind flüstert den zärtlichen, frischen, Leuchtenden Göttinnen in den Nischen Zwischen den Bäumen ein Liebesgedicht. Im Weiher teilt sich träumend die Welle, In die verliebte, verbuhlte, grelle Mondnacht taucht ein Nixlein empor. Verwundert schaut's an den Göttinnen nieder, Blinzelt und dehnet die lichten Glieder, Seufzet und schreckt sich und weiß nicht wovor! Vorüber rauschen die blauen Stunden. Faun hat das sehnsücht'ge Nix gefunden, Als er den Nachtwind eifernd vertrieb. Wie küßt sich's heiß an der Haintempelschwelle! »Faunchen, was hast du für weiches Felle, Faunchen, ach Faunchen, was hab' ich dich lieb!« Mit fliegenden Gliedern und kußumschlungen, Sind sie in den Weiher gesprungen ... Im Busche weint die Nachtigall und schluchzt. Als der Nachtwind gefaltet die Schwingen, Stiegen zwei Perlen vom Teichgrund. In Ringen Zogen sie traurig den Weiher entlang, Dann sanken sie grundwärts, die grundtief geboren ... Nixlein hat seine Unschuld verloren!     Fein-Elschen und die Viere         Es war einmal ein Leutenant, Sein Auge sandte Blitze; Es war ein Kaufmann Koberl Mit einem Kopf voll Grütze; Es war einmal ein Adjutant Mit wohlgeformten Beinen; Es war einmal ein Intendant Mit blonden Haaren, feinen. Klein-Elschen liebte alle vier, Das tät sie sehr betrüben, Bei jedem fand sie etwas schön, Fand etwas sie zum Lieben: Die Augen beim Herrn Leutenant, Die Füße beim Herrn Adjutant, Die Haare beim Herrn Intendant, Und Koberls Verstand. Fein-Elschens ruheloser Blick Tät zwischen diesen wandern; Sie konnte sich entschließen nicht – Da nahm sie einen andern. Der hatte eine Glatze groß Und Augen, schrecklich simpel, Und Füße wie ein Elefant, Das Hirn von einem Gimpel. Fein-Elschen nahm zum Gatten ihn, Von Lieb' war nicht die Rede, Gar manches Traumbild sah sie nachts In ehelicher Öde: Die Augen vom Herrn Leutenant, Die Füße vom Herrn Adjutant, Die Haare vom Herrn Intendant, Und Koberls Verstand. Fein-Elschens Gatte lud zu Gast Den Leutenant, den feinen, Der Adju- und der Intendant Und Koberl tät erscheinen. Gemütlich war's hier oft, wenn man Sich ins Gespräch versenkt hatt'. Nach Jahresfrist die Frau den Mann Mit einem Kind beschenkt hat. Der Sohn erblüht zum Wunderkind, Man sah sich d'ran nicht satte, Wahrhaftig war ein Phänomen Der schöne Sohn: er hatte – Die Augen vom Herrn Leutenant, Die Füße vom Herrn Adjutant, Die Haare vom Herrn Intendant Und Koberls Verstand.     Sie läßt mit sich handeln         Als Polly vierzehn Jahr alt war, fragt man sie so zum Scherze: »Wie müßt der Mann beschaffen sein, dem einst du schenkst dein Herze?« Die kleine Polly lacht und sagt nach einigem Bedenken: »Ei das ist leicht, so hört mich an: Nicht viel verlang' ich von dem Mann Dem ich mein Herz soll schenken: Er muß vorerst von fürstlichem Geblüt sein, Er muß von goldenem Gemüt sein. Das Aug', der Blick, die Stimme auch muß weich sein, Und ferner muß mein Mann steinreich sein. Noch etwas aber muß bestimmt daran sein: Er muß ein Mann, jawohl, ein ganzer Mann sein.« Die Ansprüche, das gebt ihr zu, gewiß wär'n minimale! Die Zeit verging und achtzehn war das Kind mit einemmale. Der Adelstand ist dünn gesät, doch Bürger gibt es viele! Die Polly hat das bald erkannt, worauf sie offen eingestand, Daß kleiner ihre Ziele! »Mein Mann muß nicht von fürstlichem Geblüt sein, Er muß von goldenem Gemüt sein, Das Aug', der Blick, die Stimme auch muß weich sein, Und ferner muß mein Mann steinreich sein. Noch etwas aber muß bestimmt daran sein: Er muß ein Mann, jawohl, ein ganzer Mann sein.« Die Sache mit dem Goldgemüt, die spießte sich in Bälde, Viel früh'r als einen Mann von Herz, trifft Männer man mit Gelde. Die Polly hat das eingesehn, war keine dumme Puppe, Und als sie in die zwanzig ging, ihr Herz nur an der Börse hing, Die Seele war ihr schnuppe. »Mein Mann muß nicht von fürstlichem Geblüt sein, Muß nicht von goldenem Gemüt sein, Das Aug', der Blick, die Stimme muß nicht weich sein, Nur eines muß mein Mann: steinreich sein! Noch etwas aber muß bestimmt daran sein: Er muß ein Mann, jawohl, ein ganzer Mann sein.« Die Polly ist nun dreißig alt, mit keinem Mann wollts flecken: Nicht Adel, Goldgemüt, nicht Geld – die Polly merkt's mit Schrecken! Und als ich neulich sie gefragt: »Na, Polly, fandst du einen, Der, was du dir versprochen, hält: Ein Ad'liger mit Herz und Geld?« Da fing sie an zu weinen. »Mein Mann muß nicht von fürstlichem Geblüt sein, Muß nicht von goldenem Gemüt sein, Das Aug', der Blick, die Stimme muß nicht weich sein, Mein Mann muß nicht einmal steinreich sein, Nur etwas muß bestimmt daran sein, Er muß ein Mann, nur überhaupt ein Mann sein.«     Monolog über die Ehe         Das Dümmste, was es für mich gibt, Ist jedenfalls ein Mann, der liebt. Man nennt zwar Liebe sittlich-ländlich, Mir ist die Sitte unverständlich. Ich kann begreifen, daß man ißt, Daß man im Trunke sich vergißt, Denn beides ist doch ein Genuß, Und mag man nicht mehr, macht man Schluß; Man wischt vergnügt sich das Gesicht Und sagt sich: »So! Mehr brauch' ich nicht; Ich hab' genug, ich fühl's genau!« Probier'n Sie das bei einer Frau! Natürlich mein' ich nicht so eine, Die man für ein paar Edelsteine, Von heißer Sehnsucht überkommen, Terminsweise an sich genommen, Und die man, wenn man ausgesündigt, Mit Kälte, wenn auch höflich, kündigt! Denn so wie sich in kurzen Stunden Derart'ge Damen ein gefunden, Genau so rasch sind sie verschwunden, Wenn man sie halbwegs ab gefunden! Nein, die Empörung meiner Worte Trifft eine andre Frauensorte: Ich mein' die Frau, die man bei Kohn trifft , Die Dame, die man im Salon trifft, Die bürgerlichster Natur is' Und sich auf Grund des corpus juris Dem Mann, an den sie sich gedrängt hat, Gesetzlich an den Hals gehängt hat; Die Frau, die klug, die Frau, die schlau ... Mit einem Wort: die Ehefrau! Hier ist ein Aufhör'n ausgeschlossen! Und bist du noch so sehr verdrossen, Und ob von inner'm Grame bebst du – – –, Da ist der Trauring, und da klebst du! Und willst du los, dann geht's dir schlecht, Denn Eherecht ist Eherecht! Oft hab' ich drüber nachgedacht: Wie wird die Eh' zustand' gebracht? Wie kann ein Mann, der nicht besessen, So blind und maßlos sich vergessen, Sich selber seine Ruh' zu stehlen Und ausgerechnet zu vermählen? Es gibt, als ob's nicht jeder wisse, Doch so viele andere Genüsse, Und solche, die sich jeder Mann Bei weitem leichter leisten kann! Man kann z. B. täglich jodeln! Man kann auch in St. Moritz rodeln! Man kann ein Trauerspiel verfassen, Man kann sich aber auch taufen lassen, Man kann verfassen ein Gedicht – Und überhaupt: was kann man nicht? Und allem, woran Zeit man wendet, Ist eins gemeinsam: Daß es endet! Nur grad' die Ehe endet nicht; Es sei denn mit dem Lebenslicht! Denn mit dem Tod – das geb' ich zu – Hat man auch von der Ehe Ruh! Wenn ich jedoch noch leben will? Kann ich nicht glücklich sein und still? Muß ich die Ruhe von den Qualen Mit meinem eigenen Tod bezahlen? Und wenn ich wirklich schon will sterben? Muß ich dazu erst ehewerben? Gestorben sein und sanft begraben, Das kann ich doch auch ledig haben? Wozu das Reden? Stets schon war Die Ehekrankheit unheilbar! Es soll mich keiner unterbrechen Und vom Sichscheidenlassen sprechen; Daß man hiedurch noch vor dem Grabe Die Chance, sich noch zu retten, habe, Und daß die Ehe doch nicht fest, Weil sie sich eben scheiden läßt – – – Das weiß ich selbst, was der da redet, Ich bin doch noch nicht ganz verblödet! Doch schaudert's mich an Haut und Haaren, Denk' ich nur still an das Verfahren, Das meistens da pflegt Platz zu greifen, Wo Eheleut' zur Scheidung reifen. Gesetzt also, man war zerzankt, Weil vorgestern der Mann erkrankt, Da ihm die Gattin mit Behagen Zwei Backenzähne eingeschlagen, Worauf mit ruhigem Gewissen Er ihr die Zöpfe ausgerissen! Erwähnt sei noch, daß sein Zahn schlecht war, Wogegen ihr Geflecht – nicht echt war! Nun, was vorbei ist, das ist gut. Der Kampf verstummt, Die Fehde ruht, Nur innerlich noch glimmt ein Hassen, Und man will sich also scheiden lassen. Da tönt auch schon die Frage bald: Wer ist der rechte Rechtsanwalt? Ein kluger Mann wird sich bequemen, Einen Justizrat sich zu nehmen. Denn erstens ist der ernster, blässer, Dann klingt das Wort Justizrat besser, Wenngleich das jeder Rechtsanwalt ist, Der lang gesund blieb und schon alt ist! Doch was gehn mich Motive an? Der Titel macht bei mir den Mann! Auch wähle man sich keine Frist, Die ein hebräischer Festtag ist, Weil die Bureaus bei Rechtsanwälten An solchen Tagen offen selten, Ja, man kann sagen, es besteht – Geschlossene Majorität! Man putzt sich also fein heraus Und tritt ins erste, beste Haus, Weil in Berlin kein Haus doch thront, In welchem kein Justizrat wohnt! Vorn kommt die Frau, dann folgt der Mann, Und da – fängt das Martyrium an. Erst schildert man der Ehe Qualen ... Pardon! Erst muß man Vorschuß zahlen! Das ist zwar anfangs nicht so arg. Doch immerhin sind's fünfzig Mark, Und das – so fühlt man grambeschwert – Ist doch die ganze Frau nicht wert! Allein man zahlt dem guten Mann, Und fängt hierauf zu schimpfen an. Doch da mischt sich die Frau hinein. Sie schreit: »Der Mann war stets gemein!« Das wieder will der Mann nicht leiden. Der Herr Justizrat soll ihn scheiden, Worauf der murmelt: »Das ist stark!« Und dann – kost's wieder fünfzig Mark! Ich detailliere nicht die Schmerzen. Die Sache geht mir sonst zu Herzen, Und wenn sich andere blamieren, Brauch' ich mich doch nicht echauffieren! Auch wird zu lang schon mein Gedicht, Und so viel Gage krieg' ich nicht! Der Schluß, den man erraten könnte, Ist der, der Mann zahlt – Alimente! Du Rindvieh, sag' mir's offen nun: Konnt'st du das nicht auch ledig tun? Gingst ledig du noch heut' spazieren, Konnt' dir doch auch nicht mehr passieren; Du hörst so oft von Männern sprechen, Die ledig Alimente blechen, Und zahlte man die ledig schon, Da hatte man doch was davon! Was aber ist zum Schlusse dein? Das Hochgefühl, ein Ochs zu sein! Man wird nun aufs Tapet mir bringen, Daß Männer in die Ehe springen, Weil ihrer Sehnsucht höchster Lohn Ein Sohn; und zwar ein solcher Sohn, Der sich gesetzlich fortbewegt Und seines Vaters Namen trägt! Die Antwort hab' bereit ich schon: Wozu gibt's eine Adoption? Wenn ich ein Kind mir adoptier', Weiß ich bestimmt, 's ist nicht von mir; Doch krieg' ich eins von meiner Frau, Weiß ich die Sache nicht genau! Mit dieser Wahrheit also schließ' ich: Die Ehe, die ist überflüssig, Und zu den Dümmsten wird gezählt Von mir ein Mann, der sich vermählt; Das Dümmste, was es für mich gibt, Ist jedenfalls ein Mann, der liebt!     Das Kind         Kinder sind, so hört man sagen, Schon seit grauer Vorzeit Tagen Jenes Resultat von Trieben, Die man in dem Ausdruck »Lieben« Kurzerhand zusamm'gefaßt hat, Weil's den Leuten so gepaßt hat. Diesem Unfug nun zu steuern, Will ich das System erneuern, Denn, mein Sohn, mit Kinderschuh'n Hat die »Liebe« nichts zu tun! Kinder sind vielmehr gesetzlich Vorgesehn und können plötzlich Ohne Zutun der Behörden Eigentlich gebor'n nicht werden! Denn was manche alte Sünder Außereheliche Kinder Nennen, ist, o sei nicht blind, Sozusagen gar kein Kind. Kinder, das sieht selbst ein Blinder, Sind nur legitime Kinder, Was es sonst gibt nebenbei, Ist ganz einfach Schweinerei. Hier nun wird sich's wohl geziemen, Von besagten Legitimen Eine Definition Hinzustell'n. Da ist sie schon: Wenn der Herr und wenn die Dame, Ihre Mitgift und sein Name Also zueinander klingen, Daß die Eltern »Amen« singen, Und die Onkels samt den Basen Hochbefriedigt »Hurra« blasen; Wenn dann alles vorbereitet, So daß man zur Ehe schreitet (Welches für die werten Kunden In den üblichen Abendstunden, Also eh' es halbwegs Nacht wird, Auf dem Standesamt gemacht wird); Wenn sodann das Hochzeitsessen Nach der Ordnung abgesessen (Was dem Bräutigam nicht schmeckte, Weil ihn der Gedanke schreckte, Daß der heil'gen Sitte Tiefe Ihn jetzt bald zu Pflichten riefe, Die er doch als leicht're Bürde Äußerst gern erfüllen würde Bei der Freundin, der bewußten, Die die Schwiegereltern mußten Abfinden noch morgens heute – Denn es ist doch wegen der Leute! –); Wenn sodann die Zeiger künden, Daß es Zeit ist zu verschwinden (Onkel Paul ist sehr erbost, Grad begann er seinen Toast!); Wenn man dann (die Sonne scheidet) Spät sich im Hotel entkleidet (Was den Gatten macht zum Stöhner, Denn er sah das schon viel schöner!); Wenn nun – nein! was auch geschähe, Pflicht ist's, daß ich's übergehe, Denn nebst manchen andern Gaben Muß man Scham im Leibe haben; Aber wenn dann nach neun Monden (Manchmal wird's auch später!) von den Gatten allen Anverwandten Und den ferneren Bekannten Angezeigt wird, daß was da ist, – – Weil man Mutter und Papa ist – – Dies, mein Freund, ob Bub, ob Mädel, Dieses Resultat ist edel, Ist ein Kind, das legitim ist (Wenn es auch nicht stets von ihm ist!).     Der gute alte Onkel         Es lebt' in einer kleinen Stadt Ein Mädchen, jung und schön, Und so etwas von Tugend hat Die Welt noch nicht gesehn! Keusch wie die Melanie War bei Gott ein Mädchen nie! Sie blieb zu Haus' und las ein Buch, Man sah sie nie mit Herr'n. Nur jeden Sonntag kam Besuch, Ein Onkel aus der Fern', Und die Stadt War ganz platt, Wenn sie ihn erblickt nur hat ... Mit dem Hütchen, Mit dem Stöckchen, Mit den schicken Knopflochrosen; Mit dem Gehrock, Mit der Weste Und den wundervollen Hosen! Nun gibt's zwar Onkel, welche echt, Und Onkel, die nur Schein; Doch unser Onkel, schlecht und recht, War echt, das sieht man ein! Denn er war, Klipp und klar, Schlecht gerechnet: sechzig Jahr'! Am Sonntag früh, da kam er an, Ging gleich zur Nichte dort, Und kam der Sonntag Abend dann, Da fuhr er wieder fort! Jeder fand Ihn charmant Wie er nickte und verschwand ... Mit dem Hütchen Mit dem Stöckchen, Mit den schicken Knopflochrosen; Mit dem Gehrock, Mit der Weste Und den wundervollen Hosen! Die Stadt gewöhnt' sich nach und nach An dieses schöne Band, Bis einmal, Sonntag Nachmittag, Ein großer Brand entstand, Gott, wie mies Brannte dies Vor den Fenstern Melanies! Die Leute strömten vor die Tür, Das Unglück, das geschah: Der arme Onkel schoß herfür, O Gott, wie stand er da! Gott, o Graus, Sah er aus, Denn der Onkel kam heraus ... Ohne Hütchen, Ohne Stöckchen, Ohne schicke Knopflochrosen; Ohne Gehrock, Ohne Weste Und besonders: ohne Hosen!     Rotkäppchen                     Rotkäppchen ist ein Märchen für Kinder, Es ist bekannt und beliebt nicht minder, Ihr wißt, was die Großmutter sprach und sann, Ihr kennt den rettenden Jägersmann, Das liebliche Rotkäppchen kennt ihr bestimmt, Den Wolf, der sich ziemlich gefräßig benimmt, Kurz alles das sind entzückende Sachen, Aber daraus kann man keinen Kabaretvortrag machen! Denn nehmen wir an, daß ein Dichter das dichte, So schreit gleich das Publikum: »Verlogene Geschichte!« Vor allem fängt die Sache unglaublich an: Da sagt die Mutter zur Tochter: »Ich kann, Liebe Kunigunde, nicht umhin, in dich zu dringen, Du mußt heut' der Großmutter das Essen bringen.« Drauf packt sie einen Kuchen und ein Fläschchen von Wein Fürsorglich in ein Körberl ein, Und die Tochter gehorcht und sagt: »Habe die Ehre!« Also ich bitte: So geistreich beginnt die Affaire. Erstens: Was soll man zu einer Familie sagen, Wo die Großmutter sich das Essen im Körberl läßt tragen? Mein Wort, ich find dazu kein Pendant! Wenn schon –, so holt man's aus dem Restaurant! Zweitens (Ich bitte, ich will alles beweisen!): Wo findet man heute in besseren Kreisen Ein junges und gebildetes Mädchen, Das sich derartig wollte betät'chen. Und (sei's auch sehr finster und noch so spät!) Mit einem Körberl auf dem Arm auf die Gasse geht! Na, ich dank' schön, das gäb ein Gejammer und Gestrampel – So was besorgt doch ein Küchentrampel, Aber nicht ein Fräulein aus besserem Hause! Haha, degradiert sich zur wandelnden Jause! Aber abgesehen davon! Da läuft noch, wie dumm! – In dieser Geschichte ein Wolf herum! (Ein wirklicher Wolf mit so langen Zähnen, Die in einem blutroten Rachen gähnen!) Probieren Sie, erzählen Sie heut' solche Sachen! Die Leute haben doch Recht, wenn sie lachen! Ich bitte mir heute eine Gegend zu nennen, Wo die Wölfe frei auf der Straße 'rumrennen! Zwar überhaupt Wölfe, die gibt es schon wo, Aber das sind keine Wölfe, die heißen nur so. Für so einen Wolf ich mich gerne verbürg', Er wohnt in der Regel im zweiten Bezirk, Die Haare gebrannt, die Taille schlank, Ist angestellt in der Länderbank Und heult nicht im Walde wie andere Wölfe, Er sitzt im Bureau so von acht bis um zwölfe, Und nachmittags kommt er um drei wieder rein! Mit dem Wolf aus dem Märchen hat er gar nichts gemein; Er speist weder Rotkäppchen noch sonst eine Dame, Er speist bei Tonello und Jacques ist sein Name. Das ist Jacques Wolf, der Held der Geschichte, Die ich weiter unten dann später berichte, Das ist Jacques Wolf, wie er lebt und leibt, Der in den Grenzen des Möglichen bleibt! Denn nur auf das Mögliche geb' ich was drauf, Mit Märchen, bitte, hör' man mir auf! Warum ich mich aufrege, weiß ich nicht! Ich mein' nur, es sollte ein Dichter nicht Gar so unmögliche Sachen schreiben! Kann er's nicht anders, so lass' er es bleiben! Seh'n Sie: ich kann's. Mir muß es gelingen, Das Märchen von Rotkäppchen vorzubringen, Aber so, daß sich jeder muß eingestehn: »Ja! So was ist möglich, das kann schon geschehn!« Also Jacques Wolf, wie erwähnt, war schlank Und angestellt in der Länderbank, Und – was man teils dröhnend hinausposaunte, Teils wieder verstohlen in die Ohren sich raunte: Ein jeder vernahm es und glaubte auch dran: Er war eine Wurzen, ein Lebemann! Es ging nämlich unverbürgt eine Sage, Es hätte sich Jacques an einem Feiertage Einst für eine Dame beinah' ruiniert, Indem er ihr einen Einspänner spendiert. Freilich, versichert die Sage dann schüchtern, Er war zur bewußten Zeit nicht mehr ganz nüchtern. Item, das Faktum ist illustriert, Jacques Wolf ist als Lebemann qualifiziert. So treffen wir unsern Helden einmal Im Hotel Continental, Auf irgend 'nem Ball. Es war ein Kostümfest, man hat sich maskiert, Nur Jacques war im Fracke und nicht kostümiert. Als Lebemann hat er begriffen sehr schnell, Verkleidet zu geh'n, ist nicht originell. Erst hat er einer Maske den Hof gemacht, Sie war dort als »Tausend und eine Nacht«! Doch beim Demaskieren, da ist er erschrocken, Die Stimme versagt ihm, der Atem bleibt stocken, Seine Haltung war kläglich, sein Lächeln gemacht, Das war nicht mehr tausend und eine Nacht; Als Bankbeamter berechnet er grausend Das waren ihrer wohl zwanzigtausend, Die Anzahl der Nächte, die multipliziert sich, Die »Tausend und eine Nacht« war weit über vierzig! Aber Jacques hat sich wieder dann schnell gefaßt, Denn eben fragte die Dame mit Hast, Ob er wolle ein junges Mädchen kennen. »Wollen?« sagt Jacques, »was heißt das? Drauf brennen!« Also weil es ihm gar so entsetzlich gebrannt, War bald er mit Rotkäppchen herzlich bekannt, Die Mutter, die hat ihn bekannt gemacht, Die Mutter war »Tausend und eine Nacht«! Schon in der ersten drauf folgenden Pause Lief Jacques zu seinem Kollegen Krause, Und fragte ihn, was er beginnen solle, Dieweil er das Rotkäppchen heiraten wolle. Wenzel Krause, das war ein Philosoph, Er stammte aus Böhmen, aus Königinhof, Was ihn aber nicht hindert, eben Folgende Weisheit von sich zu geben: »Wenn einer was trinkt, so weiß ich bestimmt, Daß er diese Handlung aus Durscht unternimmt, Und wenn er was ißt, so darf ich wohl sagen, Er tut's, weil der Hunger den Mann dürfte plagen. Wenn aber einer von Wahnsinn mißleitet Mit kaltem Blut zum Altare schreitet – Dann faßt mich der Schreck, und frag ich mich im Nu: Du gütiger Himmel, ja sagt mir: wozu?« Da wurde Jacques Wolf so weiß wie ein Käsel, Und schmerzlich sagt' er zu Krause: »Du Esel, Erstens hat mich Rotkäppchen entzückt, Zweitens hat mich ihr Liebreiz berückt, Drittens halt ich's ohne sie nicht mehr aus, Und viertens schaut eine Mitgift heraus!« Da hat Freund Krause gekränkt geklagt: »Ja so, warum hast das nicht gleich gesagt?« Am selben Abend verlobte sich Jacques, Zwei Wochen hierauf war sein Hochzeitstag, Drei Wochen wartet er noch geduldig, Der Schwiegerpapa blieb die Mitgift schuldig, Vier Wochen darauf hat es bedeutend gekracht, Hat Vater ein bißchen Konkurs gemacht, Da half kein Klagen, da half kein Beten, Ich konstatiere: Jacques' Mitgift ging flöten! Das wäre das Ende von Rotkäppchen-Märchen, Da hätt' ich vergessen beinah' auf ein Härchen Den lieben, den schneidigen Jägersmann. Was fängt man denn jetzt mit dem Jäger nur an? Nun also ich will euch in Kürze verraten, Der Jäger, er diente bei – den Soldaten, Er war bei den Jägern ein Leutnant, Rotkäppchen ist jüngst mit ihm durchgebrannt. Ganz anders wie drüben im Märchen! Mit Graus Geht meine Geschichte vom Rotkäppchen aus. Am Schluß meiner Dichtung steht deutlich zu lesen: Der Wolf, der ist ein Esel gewesen!     Aufruf an die Männer!             Guten Abend, meine lieben Herr'n. Mit Ihnen möcht' ich mich heut' unterhalten. Ich wüßte nämlich einmal gar zu gern, Wie Sie das Idealbild einer Frau gestalten. Denn da ich weiß, daß Sie entsetzlich schimpfen, Wenn Sie von Frauen reden, und die Nase rümpfen, So hab' ich den Entschluß gefaßt, im Namen Sämtlicher in- und ausländischer Damen Den Weltkrieg der Geschlechter zu beendigen Und mit den Herr'n mich offen zu verständigen. Sie soll'n mir sagen (doch dabei genau sein!), Wie muß ein Mädchen oder eine Frau sein, Damit imstand sie sei, euch zu betören? (Sei's nun in Ehren oder – nicht in Ehren!) Und wie's Ihr Wunsch, so will ich es auch treiben, Nur – wohlgemerkt! – es muß dabei auch bleiben! So oft ich nämlich noch erfahr'ne Männer Von jungen Damen reden hört', als Kenner, Hatt' ich den Eindruck – bitte, nicht zu grollen! – Als ob sie selbst nicht wüßten, was sie wollen! Drum, wenn Sie mir schon Ihr Vertrauen schenken, Bitt' ich, den einen, einz'gen Satz nur zu bedenken: Bitte, meine Herr'n, entscheiden Sie sich; Bitte, wobei bleibt's also eigentlich? So oder so, ich tu' ja alles für Sie, Wenn Sie mir nur sagen, wie! Was ist z. B. Pflicht des Mustermädchens In puncto ihres häuslichen Betätchens , Damit ihr strahle eurer Gnade Licht: Soll sie den Boden reiben oder nicht? Nicht etwa, daß ich mich der Arbeit wehre! Wenn Sie es wünschen, ist's mir eine Ehre. Ich frage nur, damit Sie nicht am Ende Dann schimpfen über meine roten Hände! Denn wenn Sie wünschen, les' ich auch Romane Und maniküre mir die Finger flink; Nur fürcht' ich, heißt's dann: »Auf der Ottomane Liegt doch schon wieder dieses faule Ding!« Drum will ich gerne stopfen Ihre Socken, Nur – nennen Sie mich dann nicht »fade Nocken«! Bitte, meine Herr'n, entscheiden Sie sich, Bitte, wobei bleibt's also eigentlich? Schick oder häuslich? Ich tu' alles für Sie, Wenn Sie mir nur sagen, wie! Ich glaube wohl, so mancher möcht' mich küssen . Ich bitte sehr: Sie wünschen es? Es sei! Ich will an Ihren Hals mit tollen Bissen Sie küssen heiß in wilder Raserei. Ich bin auch überzeugt, 's wird Ihnen schmecken. Sie werden murmeln: »Ein famoses Weib«, Und auch geruh'n, die Küsse einzustecken, Um – dann zu sagen nach erreichten Zwecken: »Das Mädel hat ja keinen Scham im Leib!« Oh, bitte sehr, ich kann mich ja auch wehren, Mit Füßen stoßen den, der mir tritt nah'. Ich kann auch schrei'n: »Ich laß mich nicht entehren, Und wenn – dann sprechen Sie erst mit Mama!« Doch pack' ich den, der sich mir naht, beim Kragen Und mach' ihm tief entrüstet einen Tanz, Dann bitt' ich aber, nicht von mir zu sagen: »Wer will denn schon was von der dummen Gans?! Da spiel' ich lieber noch mit einer Bretzen Als wie mit einer solchen dummen Zezen!« ... Bitte, meine Herr'n, entscheiden Sie sich. Bitte, wobei bleibt's also eigentlich? Hitzig oder fad? Ich tu' alles für Sie, Wenn Sie mir nur sagen, wie! Dann woll'n Sie über eins mich informieren: Wie ist das, bitte, mit der Toilette? Ich kann in einem Zobel promenieren, Doch wünschen Sie's, geh' ich auch »einfach, nett«. Ich weiß mich wirklich fabelhaft zu tragen, Im Winter Blaufuchs und im Sommer Strauß. Nur hör' ich schon Sie zähneknirschend sagen: »Der Mann muß schuften, und sie – schmeißt's hinaus!« Da sei Gott vor, da flüchte ich in Eil', Ich kann ja auch auf Wunsch – im Gegenteil! In einer Zipfelhaube schlaf' ich schnarchend, Trag rote Strümpfe, welche nur so knall'n, Wenn Sie's befehl'n, geh' ich sogar in Barchent. Nur bitt' ich dann, in Ohnmacht nicht zu fall'n! Und, wenn ich – so geschmückt, vorüberschleiche, Verbitt' ich mir den Ausdruck: »Vogelscheuche!« Bitte, meine Herr'n, entscheiden Sie sich. Bitte, wobei bleibt's also eigentlich? Fesch oder mies? Ich tu' alles für Sie, Wenn Sie mir nur sagen, wie! Na, meine Herr'n? Wie ist das mit uns beiden? Sie müssen zugeben, ich bin loyal. Ich wünsche nur, daß Sie sich nun entscheiden, Damit ich dann, Sie mögen sich dran weiden, Verkörpern kann Ihr Frauenideal! Soll ich Romane lesen oder bügeln? Soll mich ein Kuß entzünden oder schrecken? Und wenn Ihr Blick sich feurig will entzügeln, Dahinzugleiten über – meinen Hügeln, Soll die ein Pelz, soll sie nur Barchent decken? ... Sie schweigen? Ah! So ahnt' ich richtig doch, Sie schwanken also wirklich immer noch! Ja, liebe Herr'n, wie dürfen Sie mir grollen, Wenn Sie doch selbst nicht wissen, was Sie wollen! So mag ein Vorschlag mir gestattet sein: Stell'n Sie sich nächste Woche wieder ein! Inzwischen überlegen Sie genau: Was wollt Ihr eigentlich von einer Frau? Erwägt, was Ihr gern möchtet, daß wir sollten, Wenn wir euch wirklich ganz gefallen wollten. Und wenn Ihr nachgegrübelt habt dem allen, Wie eine Frau, und was an ihr soll sein, Dann – stellt euch nächste Woche wieder ein, Vielleicht ist's euch bis dann schon eingefallen. Dann aber will ich nah'n mit zagen Schritten Und euch, ihr lieben, klugen, weisen Männer bitten ...: »Bitte, meine Herr'n, entscheiden Sie sich. Bitte, wobei bleibt's also eigentlich? So oder so, ich tu' ja alles für Sie, Wenn Sie mir nur sagen, wie!«     Das Ende         O man liebt einander gräßlich, Und man quält sich bis aufs Blut, Und die Eifersucht ist häßlich, Und dann ist man wieder gut! Ich logier' in deinen Träumen, Du bewohnst die meinigen, Keiner könnt' dich, sie zu räumen, Zwingen selbst durch Steinigen! Schatz, ich weiß, daß du in Pein bist, Dich verzehrst in Lieb' um mich, Kind, ich weiß, wie sehr du mein bist, Und – ich revanchiere mich! Keinen Blick kann jemand kriegen, Bruder, Schwester, Mutter selbst, Alles lass' ich stehn und liegen, Wenn du deine Brauen wölbst! Des Geschäftes Radgetriebe Stockt, die Arbeit geht bergab, Einerlei, wenn ich nur Liebe, Wenn ich deine Lieb' nur hab'! Langsam treten Ruhm und Ehre Weitab in den Hintergrund, Selbst das Geld wird zur Schimäre, Und der Mensch kommt auf den Hund! Nötig wird das graue Borgen, Doch das ist nicht von Gewicht, Denn ich hab' weit größ're Sorgen: Ob du treu bist oder nicht? Tausend schwarze Qualen schleichen Sich ins Herz mir, Dieb um Dieb, Und ich wein' zum Steinerweichen, Doch ich lache, denn ich lieb'! Alle Schwüre will ich schwören, Himmelhoch und abgrundtief, Deine Treu' wird ewig währen, Sagt mein armes Herz naiv! Doch auf grauem Apfelschimmel Reitet einst der Tag ins All, Wo zur Erde stürzt der Himmel, Wo ich dir nicht mehr gefall'! Wo dich meine Daumen stören, Meine Nase dir zur Last, Wo du nichts von mir willst hören, Wo mein Hals dir nicht mehr paßt! O, ich weiß, du ziehst ein Mäulchen, Sagst, du trägst so gern mein Joch, Warte nur ein kleines Weilchen, Heut', ja, protestierst du noch! Doch ein Abend wird's besorgen, Gehst zu Bett noch liebesschwer Und erwachst am nächsten Morgen, Und – dein kleines Herz ist leer! Erst wirst du dich selbst belügen, Dann wirst du belügen mich, Und dann wirst du mich betrügen, Und – zum Schluß erfahr's auch ich! Im Begriffe, aufzubahren, Was ich schwer erkämpft in Trutz, Werd' ich fragen: »Wozu waren Alle meine Kämpfe nutz?« Und dann wird die Kugel kommen, Und du liest's dann im Journal, Und dann hast du tief beklommen – – – Fünf Minuten Seelenqual!     Die Kunst aufzuhören oder Wie werde ich ein Verhältnis los?         Ich bin auf die Frauen nicht gut zu sprechen! Das wird zwar den Frauen das Herz nicht brechen, Und ich glaube, sie werden mit anderen Genüssen Sich mit der Zeit zu trösten wissen. Wie immer aber die Sache auch sei, Das Eine steht fest, und ich bleibe dabei: Ob sanft die Frau'n oder ob voller Feuer, Ob preiswürdig oder relativ teuer, Ob eifersüchtig oder bequem – Als Verhältnis sind sie unangenehm! Denn's ist beim Verhältnis die nämliche Chose Wie mit der elegantesten Hose: Sei sie noch so schön, mit der Zeit kriegt s' 'n Loch, Und wechseln muß man sie schließlich doch! Ja, aber wie? so lautet die Frage, Wie mach ich ein Ende der peinlichen Plage? Denn leichter ist es, zehn Frau'n zu besiegen, Als eine einzige loszukriegen! Dies zählt zu den schwierigsten aller Probleme. Es gibt hier auch mehrere alte Systeme, Doch leider ist Wahnsinn bei jeder Methode, Denn keine ist sicher, bequem und kommode. Ein Mittel zum Beispiel, die Lieb' zu gefährden, Ist: Seiner Holden mies zu werden. Man trachtet durch ganz exotische Sachen, Sich seiner Geliebten mies zu machen. Du fängst damit an, Rendezvous' zu versäumen, Die Holde, sie schäumt – schön, laß sie schäumen! Du sagst, du hättst dir den Magen verdorben, Du sagst, deine Tante sei dir gestorben – – (Natürlich wär' letzteres blödsinnig fast, Wenn du nie eine Tante besessen hast, Denn erstens bemerkt man den Schwindel bald wohl, Und zweitens wär' es doch wirklich frivol, Eine Tante zu erfinden in mutwill'gem Spaßen, Um sie gleich darauf kaltblütig sterben zu lassen!) Da ist es schon besser, du stellst dich trutzig Und wirst auf einmal wahnsinnig schmutzig. Die Holde, sie merkt von Kummer beschwert: Fiakerfahr'n hat sich aufgehört! Und selbigen Tages noch führest du sie Ins Theater, doch aufwärts zur Galerie. Und sagt sie dir dann darauf, daß es ihr schiene, Als ob du verblödet, verzieh keine Miene, Sag' still: »Hör auf jetzt mit deinem Geplärr, Du gehst Galerie, denn ich bin Parterre!« Die Mittel bisher, nicht wahr? schienen dir peinlich, Und außerdem sind sie auch wirklich sehr kleinlich, Doch das einfachste Mittel auf dieser Erden, Ein Verhältnis, das lästig ist, loszuwerden, Und die betreffende Dame loszukriegen, Besteht darin: Du läßt dich betrügen! Du findest wohl bald unter deiner Bekanntschaft Oder im Kreise deiner Verwandtschaft Irgend einen ledigen Herrn, Na und wenn du ihn bittest , so tut er dir's gern! Erst trifft er deine Liebste zusammen mit dir, Bald braucht man dich nicht mehr, und er geht mit ihr. Na, und dann – – dann – – opfert er dir seine Reinheit, Und sie – aber nein, jetzt kommt die Gemeinheit: Denn eben, wie niemals im Leben man Auf eine Frau sich verlassen kann, Passiert's am End' auch bei dieser Geschicht', Sie ist imstand' und betrügt dich nicht! Dann stehst du da, von Kummer bewegt, Und dein armer Freund hat umsonst sich erregt! Nein, Liebster, bei Frauen, bei guten wie bösen, Gibt's nur ein Mittel, ein Verhältnis zu lösen, Es ist ein Mittel, das unbedingt wirkt, Das unbedingt sich're Erlösung birgt. Ist die Verlegenheit noch so groß, So wirst du deine Geliebte los, Dem Mittel, dem widersteht sie nie, Und das Mittel ist: Du heiratest sie! Sie muß im ganzen künftigen Leben Ruhe geben und Frieden geben. Denn bei der geringsten, kleinsten Affäre Brüllst du sie an: »Ja, was willst du noch mehr? Was verlangst du? Was spielst du die tragisch Betrübte? Bist du vielleicht, bitte, meine Geliebte? Du hast kein Recht auf einen Genuß, Ich hab' dich geheiratet und damit Schluß!« So mußt du, mein Freund, mit Pathos sprechen, Und dann, dann kannst du die Ehe brechen, Du kannst überhaupt tun, was du willst, Sie muß es dulden, wenn du auch brüllst; Sie steht hier wehrlos, gebunden die Hände, Und will sie's nicht dulden vielleicht am Ende Und sagt, sie kann und will es nicht leiden – Na dann, lieber Freund, dann läßt du dich scheiden! Du wendest dich fort und kehrst nicht zurück, Verschwendest an sie auch nicht einen Blick, Verläßt ohne Gruß euer ehelich Haus, Und dann – dann ist das Verhältnis aus!     Entwürfe für ein Grünbaum-Monument Grünbaum                   Grünbaum ist ein entsetzlicher Name! Er wär' nicht so schrecklich bei einer Dame; Denn wenn sie ledigen Standes ist Und das Unglück des Namens Grünbaum genießt, Dann ist es nicht nötig, daß lang es sie schauert, Weil das doch nur bis zur Hochzeit dauert. Dann hört sich nach des Gesetzes Lauf Das Grünbaumheißen endgültig auf, Und sie wird, wenn die Lichter des Traualtars brennen, Sich künftig statt Grünbaum Abeles nennen. Das ist zwar auch noch kein Meisterstück, Aber gegen Grünbaum ist's noch ein Glück! Man sieht also, daß der entsetzlichste Name Sich harmlos erweist bei der ledigen Dame. Schwieriger wär's schon, wenn als Vermählte Sie mit dem Namen Grünbaum sich quälte. Da, geb' ich zu, wird er schwerer sie drücken, Denn in der Ehe bleibt er ihr picken, Aber geschieht ihr ganz recht, sie soll sich nur schämen, Wer hat ihr geschafft, einen Grünbaum zu nehmen? Sie wollt's ja nicht anders, jetzt hat sie's davon. Hätt' sie nicht heiraten können den Cohn? Das ist zwar auch noch ein bissel stark, Aber mit C geschrieben, ist's nicht so arg! Übrigens ist es noch immer möglich, Wenn einer Frau ihr Name zu kläglich (Weil sie z. B. Grünbaum heißt!), Daß sie von dieser Kette sich reißt. Was braucht sie den eigenen Namen zu hassen? Soll sie vom Grünbaum sich scheiden lassen! Die Scheidung ist hier der bequemste Rat, Weil nur eins dazu nötig: ein Advokat, Und da braucht sie nicht lange zu fragen sich schwer: Wo nehme ich jetzt Advokaten nur her? Wo sie hineingeht, wohnt einer grad', Wer ist heute nicht Advokat? Klagend wird sie um Rat ihn fragen, Wird ihm das Leid ihres Namens klagen, Und was wird der Advokat dazu sagen? No, was wird er sagen? Er wird dann klagen! Erst wird einen Vorschuß vom Leib er ihr reißen Und dann hat sie Grünbaum ausgeheißen. Mit Expensen und Vorschuß kommt's allerdings teuer, Dafür aber heißt sie jetzt Wolf oder Mayer Oder, weiß ich, wie früh'r sie geheißen hat ... Für Geld trifft das Schwerste der Advokat! Nur rat' ich der Frau, daß sie Vorsicht übe Und sich nicht in den Advokaten verliebe, Damit er sich nicht aus dem Scheidungsbeirat In den Gatten verwandle im Wege der Heirat. Den Grünbaum wär' sie dann allerdings los, Doch ihr Unglück wär' trotzdem nicht weniger groß, Weil so ein Herr Advokat doch zumeist, Wenn er nicht Grünbaum heißt – Rosenbaum heißt. Etwas Botanisches ist es gewöhnlich, In dieser Branche heißen alle ähnlich. Item, die eine Sache steht fest, Daß der Frauenname sich ändern läßt. Doch was soll man tun, wenn man Grünbaum heißt Und bei näherer Betrachtung als Mann sich erweist? Wie komm' ich dazu, daß so übel ich dran bin? Kann ich denn wirklich dafür, daß ich Mann bin? Hab' ich's mit Absicht mir vorgenommen, In männlicher Form auf die Welt zu kommen? Trifft mich die Schuld, daß es so sich verhält? Hab' ich mir diese Fasson bestellt? Durch Zufall ein Mann muß als Mann ich verrosten! Klapperstorchwitze auf meine Kosten! Was glauben Sie, hat mir der Grünbaum geschadet, Seit man mich nach der Geburt hat gebadet? Keiner weiß es besser als ich, Wie sehr mich mein Name macht lächerlich. Wenn's ginge, ich hätt' ihn schon liegen gelassen, Ich trau' mich im Winter nicht mehr durch die Gassen, Im Sommer, da geht's ja noch, schön, also ja, Aber im Winter ein Grünbaum? Wie steh ich da? Im Schnee macht ein Grünbaum schlechte Figur: Ich verschandel' die Einheitlichkeit der Natur. Es ist nur ein Glück, daß als Dichter ich weiß, Wie ein Baum zu benehmen sich hat im Eis. Knarren und stöhnen und schwanken im Wetter Und vor allem: es haben zu fallen die Blätter. Das alles besorg' ich im Wintergrau, Sogar den Blätterfall mach' ich genau, Ich schreib' ein Theaterstück – was will man mehr? – Und dann fall'n die Blätter – über mich her. No, ist denn die Kritik mit Unrecht verstimmt, Wenn sie als Dichter nicht ernst mich nimmt? Leute, die Grünbaum genannt herumlaufen, Haben eben Tuch zu verkaufen, Sie eignen für lyrische Stoffe sich nie, Brünner Stoffe, das ist was für sie! No, sehn Sie, wie sehr mir mein Name schadet, Trotzdem effektiv ich poetisch begnadet! Ich schwitze die Verse nur so heraus, Aber wie man Grünbaum hört, ist es schon aus! Was nützt mir mein Geist, wenn mein Name mich schädigt? Ein Dichter, der Grünbaum heißt, ist schon erledigt! Aber ab morgen ist das vorbei. Morgen geh' ich zur Statthalterei, Ich änder' den Namen, ich pfeife darauf, Und außerdem geb' ich das Dichten auf. Und wenn Sie mich wieder einmal auf Erden – So Gott will, in Freuden! – begegnen werden Und werden mir sagen – ich hör's schon im Geist! – »Sie sind doch der Dichter, was Grünbaum heißt! Ich kenn' Sie, ich bin ein Verehrer von Ihnen!« Dann werd' ich Sie anschau'n mit fragenden Mienen Und werde Sie messen als Kavalier: »Pardon, mein Herr, was woll'n Sie von mir? Ich mache in Damen- und Herr'nkonfektion, Ich habe die Ehre, mein Name – ist Kohn!«     Selbstbiographie               Ich bin ein Dichter, wie ihr alle wißt, Und nie erzeugt die Welt 'nen besseren, So lange Zeiten schwinden. – – Doch meine Werke, ach! im Kehricht, auf dem Mist Und im Papierkorb mancher Redaktion Sind sie zu finden! »Doch liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen Und das Erhabene in den Staub zu zieh'n!« Das ist ein Satz aus einem meiner Werk', Den ich geschrieben hab' mit Schmerzen, Doch weiß ich jetzt nicht, wann und wo, worin – – – Jedoch genug! Ich will euch Zeit nicht rauben, Ich hoff' ihr werdet so es mir auch glauben! Ihr glaubt's. Ich seh's an den entzückten Mienen Die um mein Antlitz kosen liebevoll; Ihr glaubts –; doch nicht die Welt die böse, Die stets nur haßt, was sie verehren soll. Sie wirft mir vor (o hört, ihr werdet lachen), Daß fremdes Gut, was je ich schrieb und dacht, Geraubt, gestohlen meine Sachen, Ein Plagiat, was zu Papier ich bracht! Drum, daß ihr urteilt über all mein Wesen, Ob fremdes Gut, die Werke alle mein, Will meine Selbstbiographie in Versen ich euch lesen – –, Ob ich ein Dieb, ihr sollt die Richter sein! Nennen soll ich meinen Namen! Wohl: er sei euch nicht verborgen! Ich, ihr Herren und ihr Damen Will euch meine beiden Namen Auf dem Titelblatt gesteh'n, Bitte freundlich nachzusehn! Mir schenkte des Gesanges Gabe, Der Lieder süßen Mund Apoll! Fünf Bände, das ist meine Habe, Mit lyrischen Gedichten voll: Vom Vater hab ich die Statur, Des Lebens ernstes Führen, Von Mütterchen die Frohnatur, Die Lust zu fabulieren. In der Aula des Gymnasiums Wollt' man meinen Geist erst lenken. Doch der fehlt und nichts erlernt ich', Tat wie oft den Vater kränken – – Ihm wars, als ob er die Hände Aufs Haupt mir legen sollt', Weil ich so gar nichts lernte, So gar nichts lernen wollt'! Vergiftet sind meine Lieder, Wie könnt' es anders sein? Mir bläute ja mein Vater Den Weltschmerz tüchtig ein. Wenn mir mein Pensum nicht gelang, Da wurd' es mir im Herzen bang. Und litt ich an Vokabelschwund, Wurd ich noch weniger gesund, Doch wenn er sprach: »Ich schlage dich«, Dann mußt' ich weinen bitterlich. Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht, Wie seltsam, o Göttin Natura, Es war meine Reifeprüfung, ich macht' Zu jener Zeit die Matura. Ich kam nach Wien, da sah ich mir an Im Theater manch schöne Geschichte, Dann kam ich nach Haus, den Magen leer, Kein Geld – und machte Gedichte. Die Gedichte, die sandt ich der Zeitung ein, Man las sie (o welche Blamage!) Nur beim Friseur, auch dienten sie Als Olmützer Käsemballage. Das ist der deutschen Dichter Urewiger Lebenslauf: Erst läßt man sie verhungern, Dann gibt man – Käs darauf! Mein Hunger glänzte weit hinaus, Ich schrieb einen Brief ins Reine, Den sandt' ich meiner Mama nachhaus Und bat um Nachtmähler, feine. Die Sendung kam, das Nachtmahl schwoll, Paket um Paket kam wieder. Von meiner Mutter liebevoll, Fielen die Lebern nieder! Seit jener Zeit liegt im Magen mir's flau, Geht weg nicht mit Hebeln und Hebern, Mich hat die unglückselige Frau Vergiftet mit ihren Lebern! Ihr fragt mich, ob je ich liebte im Leben. Die Mädchen verlachten den Wandrer; Und fand ich die Eine, die je Einen liebte – So war dieser Eine – ein Andrer! Mein ganzer Reichtum war mein Lied, Und das erklärt euch alles, Denn unverträglich seit tausenden Jahr'n Sind Frauenliebe und – Dalles! So geh' ich freudlos meine Bahn Als Mensch verkannt, als Dichter verlassen, Verhöhnt und verspottet, von niemand erkannt Des Lebens bescheidenste Nebengassen! Wie traurig ist mein Dichterlos, Es bohren die Zweifel und nagen, Ich hab ein verdorrtes, verdorbenes Herz Und – einen verdorbenen Magen. Täglich geht der wunderschöne Junge Dichter auf und nieder Wenn um Morgenzeit im Magen Karlsbader Wasser plätschern. Täglich werden bleich und bleicher Seine Sängerrosenlippen! Heute Abend aber kommt ihr Auf mich zu mit raschen Worten: »Deinen Namen will ich wissen, Deine Heimat, deine Sippschaft – – –!« Und ich sage: »Liebe Freunde, Hätte das nicht Zeit bis morgen? Und dann überhaupt, ich bitte, Habt ihr keine andern Sorgen? Ich bin ein deutscher Dichter, Verkannt im ganzen Land, Nennt man die schäbigsten Namen, Der meine wird nicht genannt!«     Von an-, un- und ausgezogenen Damen         Wie Sie mich seh'n da vor Sie treten hin, Bin ich einer der geistreichsten Menschen von Wien. Ich kenn' doch fast sämtliche Lebensrätsel: Ich weiß, wozu der Bäcker macht Brezel, Und warum er sie macht, und wieso er sie macht, Und wie viel Gestirne man sieht bei der Nacht; Kenn' die Astronomie und die Philosophie, Ich weiß, daß der Shakespeare war ein Genie, Daß die Sonne scheint, wenn die Nebel reißen, Daß die Löwen brüll'n und die Wanzen beißen; Ich weiß, wann Columbus das Meer hat beschwommen, Ich weiß doch sogar, wo die Kinder herkommen – – – Das einzige aber nur weiß ich nicht, leider: Sagen Sie mir: Wozu braucht man Kleider?! Manche sagen, 's ist wegen der Scham. Es schämt sich der Herr, und es schämt sich die Dam', Wenn jeder gleich sieht, sobald kleiderlos wer ist, Wieso sie ein Weib, und wieso er ein Herr ist! Die Kleidung ist also nichts anderes wie Eine Schutzfärbung, quasi ein Mimikri, Indem sozusagen die Menschen probieren, Durch Kleider ihr wahres Gesicht zu maskieren. Also diese Erklärung ist wirklich dumm. Das Geschlecht spricht sich schließlich ja doch herum. Denn wenn es, ich bitte sehr, nicht so wär', Dann wär' meine Schwester jetzt beim Militär (Oder im Staatsdienst, Adjunkt, Polizeirat – – – –) Und ich – hätt' meinen Schwager geheirat'! Da ich jedoch, wenn ich recht mich besinn', Noch nicht die Frau meines Schwagers bin, Sondern vielmehr meine Schwester hat ihn Und ich wieder selber hab' eine Gattin, So sieht man, es nützt weder Taille noch Flaus, Ob Mandel, ob Weibel, es kommt heraus! Somit kommt man logisch zu dieser Entscheidung: Wegen der Scham braucht man keine Kleidung! Das heißt, man könnt' sie schon brauchen aus Scham, Zum Beispiel in dem Falle, wenn eine Dam' Fürchterlich häßlich ist – im Gesicht. Da, seh'n Sie, wär' doch das Zudecken Pflicht, Da hätt' sie das Recht und die Pflicht, sich zu schämen Und übers Gesicht eine Kleidung zu nehmen! Aber nein, sie zeigt offen herum ihr Gesicht. Da, wo sie schämen sich soll , tut sie's nicht , Aber dort, wo sie's nicht braucht, schämt sie sich ja . Stell'n Sie sich vor – was schon häufig geschah – Daß eine Frau, die das Angesicht mies hat, Unten dafür die reizendsten Füß' hat! Da können Sie wetten eins gegen zehn, Bloßfüßig, wird's ihr nicht einfall'n, zu geh'n! Und g'rade da hätt' man Vergnügen davon! No, wo bleibt bei der Scham einer Frau die Raison? Der reizenden Füß' sich zu schämen ist Pflicht, Des miesen Gesichts aber schämt sie sich nicht? Überhaupt mit der Scham ist's bei Frau'n etwas Eignes. Meinen Sie, wenn etwas schön ist, sie zeig'n es? Gar keine Spur! Sie verstecken's behend. Aber auch da sind sie inkonsequent! Denken Sie, wie so ein Fräulein nur schreit, Wenn sie sich eben will anzieh'n ihr Kleid Und, eh' sie es anzieht, im Mieder nur dasteht, Und ein Herr g'rad hereintritt (der ihr nicht nahsteht!), Das ist ein Jammern, Gott schütz' mich davor! Aber, so frag' ich, auf was empor? Weil auf ein bisserl Ausschnitt der Herr sieht? Kleinigkeit, was er am Ball von ihr mehr sieht! Doch am Ball, wird sie sagen, ist's Mitternacht Und da ist's erlaubt! Aber jetzt ist's halb acht! Also sein' S' mir nicht bös, wenn ich sagen muß, Das mit der Scham ist der größte Stuß: Um Mitternacht ist etwas schön und voll Feinheit, Aber um acht ist es eine Gemeinheit? Um acht Uhr gemein und um Mitternacht Pflicht? Lieber Freund, das begreif' ich nicht! Daß doch die Frau'n nicht Vernunft annehmen, Zu wissen, wie unpraktisch ist das Sich-Schämen! Ist eine mies, dann nutzt ihr kein Schämen, Auch wenn sie sich schämt, wird sie keiner nehmen; Und ist eine schön, was braucht sie sich schämen? Je schöner sie ist, desto früh'r wird er s' nehmen! Je schicker ein Fräul'n und je fescher gebaut, Desto früher und sicherer wird sie doch Braut. Aber seh'n muß der Mann, daß sie reizend gebaut ist, Damit er sie nimmt und sie glückliche Braut ist; Und wie soll er das seh'n, sobald das, was gebaut ist, Von oben bis unten mit Stoffen verstaut ist! Wenn eine Braut einem Mann sich will weih'n, In seinem Herzen ein Denkmal zu sein, Bedenk' sie die vornehmste Pflichterfüllung: Das Schönste am Denkmal ist – die Enthüllung! Doch g'rade das übersehen die meisten. Wenn sie sich eine Verlobung woll'n leisten, Und es ist schon so weit, daß ein Freier ist da, Empfängt statt der Braut ihn der Schwiegerpapa. Der macht ihm dann sämtliche Zähne lang, Wie viel seine Tochter besitzt auf der Bank, Und was, unberufen, sie später wird erben, Wenn, Gott behüt', Tant' Malvine wird sterben, Kurz, dem Bräutigam wird also vorgeführt, Was ihm das Kind alles zubringen wird, Auf Heller und Pfennig, genau und total, Hypotheken, Papiere und Barkapital, Das Wichtigste aber, das zeigt man ihm nicht, Was sie ihm mitbringt – an Lebendgewicht! Wie leichter wär' mancher Jüngling zu packen, Wenn man ihm gleich zeigt die Braut mit dem Nacken, Das wirkt auf ein Männerherz monumental, Sind weiße Schultern denn kein Kapital? Aber natürlich, wo blieb' da die Scham? Schultern besitzt keine ledige Dam'! Und wenn sie sie hat, bedeckt sie der Schneider; Ledige Damen besitzen nur Kleider! Duftende Schultern, weiß wie Zyklamen, Sind nur zu seh'n bei verheirateten Damen, Die züchtig und sittsam zuhaus damit blitzen, Zuhaus, wo sie meist einen Hausfreund besitzen! Ein solcher Hausfreund ist's auch gewesen, Dem es gelang, das Rätsel zu lösen, Welchem noch keiner gekommen war nah': Zu welchem Zweck sind die Kleider da? Kleider sind da, um die Männer, die kecken, Fernzuhalten und abzuschrecken! Aber ein Mann, der sich schrecken nicht läßt, Sondern dahinter ist, eifrig und fest, Merkt als Erfolg seiner redlichen Müh'n: Kleider sind da, um – sie auszuzieh'n!     Hoch das Zuchthaus!             Ich weiß mir kein schön'res und bess'res Vergnügen Als zwei bis drei Monate – Zuchthaus zu kriegen! Ich bitte, es braucht mich keiner zu fragen, Ob ich vielleicht mit Blödheit geschlagen. Denn wenn ich das Zuchthaus erstrebenswert finde, Dann hab' ich wahrscheinlich dafür meine Gründe, Und wenn ich Gründe nicht nennen kann, Dann geht das doch auch keinen Menschen was an! Ich darf mir's erlauben (bild' ich mir ein!), Auf meine Rechnung – ein Ochs zu sein! Übrigens bin ich auch gar nicht so dumm, Und wünschen Sie's bitte, ich sag' auch, warum! Ich hab' es zwar, offen gestanden, nicht nötig, Trotzdem aber bin zum Beweis ich erbötig, Daß das Leben im Zuchthaus kein leerer Wahn ist, Indem an der ganzen Freiheit nichts dran ist! Also darf ich entwickeln die Theorie? (Ich hab' nämlich weniger Zeit als Sie!) Also bitte: Wenn man die Menschen befragt, Was ihnen denn an der Freiheit behagt, Dann werden Sie immer das eine nur hör'n: Die Leute hab'n – die freie Bewegung so gern. Das heißt: wenn der Mensch nicht will bleiben zu Haus', Dann darf er nach Lust in den Stadtpark hinaus, Er darf sich ergehn in dem saftigen Grün, Er darf auch hinaus in die Waldungen ziehn, (Da rauschen die Blätter, und dann ist es still!) Kurz, gehn kann man, wie, wo und wann man nur will. Man kann also sehn, daß der Reiz, der Magnet Und der Zauber der Freiheit im – Gehen besteht. Jetzt sagen Sie aufrichtig: ist dieses Gehn, Genau genommen, wirklich so schön? Man geht in die Falle, man geht in den Tod, Man geht entgegen der bittersten Not, Man geht über Leichen traurigen Mutes, Kurz überall hin, aber nur in nichts Gutes! So muß man beim Gehn zur Erkenntnis kommen, Es kann uns beim besten Willen nichts frommen, Ja, es schadet uns jedenfalls mehr, als es nützt, Und es ist für den Menschen am besten: er sitzt! Und freut uns das Sitzen, wo gehn wir da hin? Ins Zuchthaus! Das hab' ich vom Anfang geschrien! Ich bitt' Sie um eines: haben Sie Mut, Gestehn Sie: beim Sitzen geht's einem gut. Das Zuchthaus ist meine Sehnsucht, auf Ehre, Ich wüßte nicht, wo ich lieber wäre! Ich will's Ihnen auch plausibel machen. Also stell'n Sie sich vor, daß Sie morgens erwachen. Ich mein' jetzt in Freiheit, also zu Haus'. Kaum springen Sie aus Ihrem Bette heraus, Da haben Sie schon am frühesten Morgen Die widerlichsten, bittersten Sorgen. Es tritt die Frage an Sie heran: »Welchen Anzug zieh' ich heut' an? Nehm' ich den schwarzen oder den braunen?« Sie leiden in aller Früh' schon an Launen, Gustieren und wählen und quäl'n sich unsäglich – – – Im Zuchthaus, sehn Sie, ist das unmöglich. Da liegt die Gard'rob' schon des Anzieh'ns gewärtig, Da hat man sein graues Sakko und fertig! Ob Cheviot, ob Kammgarn, nichts brauch' ich, nichts will ich, Will nur meinen Anzug, von mir aus in Zwillich! Da liegt die Montur, und da liegen die Schuh', Ich hab' keine Auswahl, ich hab' aber Ruh'! Ich bitte Sie also, bestätigen Sie: So schön ist schon's Zuchthaus in aller Früh'! Aber warten Sie nur, es kommt ja noch besser, Ich mein' in bezug auf den Sträfling als Esser. Wenn einer das Unglück hat, frei zu sein, Sitzt er im Wirtshaus und krümmt sich vor Pein. Da stehn auf der Speiskarte siebzehn Gerichte: Und immer ist es dieselbe Geschichte, Rostbraten, Beinfleisch und Schweinskarree. Es tun einem sämtliche Augen weh, Man kann die ganzen drei Speisen nicht leiden, Und muß sich doch für eine entscheiden! Zum Schluß bestellt man ein Beinfleisch natürlich, Indem man dabei sich sagt unwillkürlich: »Teuer und schlecht wird's ja sowieso sein, Aber eins ist am Beinfleisch doch sicher, das Bein!« Also so eine Stimmung, geärgert, verdrossen, Ist beim Kerkeressen ganz ausgeschlossen. Es ist zwar im Zucht- wie im Wirtshaus sehr schlecht, Da geb' ich jedem Tadler gern recht, Dafür aber muß man bestätigen willig: Im Wirtshaus ist's teuer, im Zuchthaus ist's billig, Im Wirtshaus hat man die Qual der Wahl, Im Zuchthaus ist einem alles egal, Man sitzt hübsch und wartet mit ruhigem Blut, Und dann kommt der Wärter mit Erbsen, und gut! Man braucht im Gefängnis nicht lang sich zu quälen, Um endlich das, was man nicht gern ißt, zu wählen, Das ist doch das Schöne am Grauen Haus': Zum Schluß kommen immer Erbsen heraus, Am Sonntag aber gibt's Knödel sogar, Die gehör'n zu dem eisernen Repertoire, In Schweinsfett gekocht, wie die Dreadnoughts so schwer, Jetzt frag' ich Sie ehrlich, was woll'n Sie noch mehr? Gott, ich weiß ja, daß Knödel in Schweinsfett nicht gut ist, Aber wo steht geschrieben, daß der Sträfling ein Jud' ist? Und die Herr'n von den andern Nationen, den großen, Die werd'n sich gewiß nicht am Schweinefett stoßen! Übrigens darf man doch eins nicht vergessen: Es ist ja schließlich ein Zuchthausessen! Wenn Ihnen dort das Menü zu gemein, Dann müssen Sie doch nicht ins Zuchthaus hinein! Man muß doch schließlich nicht defraudieren! Man kann eventuell auch so existieren! Aber wenn man schon wirklich ein Defraudant ist, Dann muß man essen, was bei der Hand ist, Sogar wenn der Knödel Ihnen mißfällt. Oder hab'n Sie sich Austern vorgestellt? Das paßte Ihnen, die Leut' betrügen Und dann dafür noch Kaviar kriegen. Übrigens hör'n wir vom Essen auf, Der Philosoph, der pfeift darauf! Lebt denn der Mensch vom Essen allein? Sie können froh sein, im Zuchthaus zu sein! Ein Mensch, der noch niemals eingesperrt war, Der ist sich ja drüber noch gar nicht klar, Wie wundervoll friedlich das Dasein dort ist, Welches man hinter den Schlössern genießt. Die Herr'n Kollegen, welche dort brummen, Sind alles mögliche, nur keine Dummen. Man kann also glänzend sich amüsieren, Von vier bis fünf Uhr geht man spazieren (Im Freien draußen, wenn auch nicht frei, Es ist ja immer der Wärter dabei!). Man hat also sämtliche Zeitvertreiber, Man hat dort alles, nur keine Weiber! Und das ist ein Grund, sich ins Zuchthaus zu sehnen. Denn das ist das Schönste vom Allerschönen! Es fehlt die Mätress', die auf Perlen besteht Und, wenn sie sie hat, uns sofort hintergeht; Es fehlt dort das Mädchen aus Bürgerkreisen, Das uns verwehrt, uns als Mann zu erweisen Und uns veranlassen will zum Verloben, Ohne durch vorhergegangene Proben Hinsichtlich ihrer wichtigsten Gaben Garantien für die Ehe gegeben zu haben; Es fehlen im Zuchthaus endlich die Damen, Denen wir wirklich gegeben den Namen, Die uns de facto erwischt hab'n beim Kragen Und – Gott sei's geklagt – unsern Ehering tragen, Nur zu dem Zweck, um am Monatsschlusse Zu unserem bittersten, schwersten Verdrusse Für sich und die eventuellen Rangen Einen gewissen Betrag zu verlangen, Welcher, leider gesetzlich geregelt, Unter der Flagge »Wirtschaftsgeld« segelt. Alles, was peinvoll, und alles, was gräßlich, Geliebt und verlobt und vermählt und mätreßlich, Was uns entnervt und die Seele beschwert, Das hat sich im Zuchthaus – aufgehört! Die wahren Freuden, der echte Frieden, Die sind uns nur – im Zuchthaus beschieden! Das ist der Segen, dort winkt das Ziel, Das ist das Eden und das Asyl, Das Glück in der Freiheit ist stets nur erborgt, Im Zuchthaus allein – hat man ausgesorgt! Sämtliche Wonnen erhalten wir hier, Wir kriegen die Kleidung, die Kost, das Quartier, Und keine Weiber dürfen hinein – – – – Hei, welche Lust – ein Sträfling zu sein!     Ich und der Hund             Wissen Sie, was ich gern sein möcht'? – Ein Hund! Trösten Sie sich, ich hab' meinen Grund. Mein Geist war so hell und so finster die Nacht, Da hab' ich dem Leben so nachgedacht, Und wie ich mein Dasein so durchgenommen, Da bin ich dabei – auf den Hund gekommen; Und der Hund ist mir nicht aus dem Kopf gegangen. Und je mehr dem Gedanken ich nachgehangen, Um so inniger wurde mein Wunsch am End': Wenn ich doch auch so ein Hund sein könnt'! Ich schwöre Ihnen, mein Wunsch ist gesund, Was bin ich gegen einen Hund für ein Hund! Ich bitte, beginnen wir mit der Figur. Es ist doch sicher, daß meine Statur An Größe und Breite und überhaupt Keine michelangelesken Reminiszenzen erlaubt, Ja, daß ich im Urteil der sehenden Leute Eher quasi einen Mißgriff der Schöpfung bedeute. Nennen Sie meine Bedenken nicht kleinlich. So klein wie ich sein ist wirklich peinlich! Zu allen Leuten muß schau'n ich empor. Ich stell' im Beruf und bei Weibern nichts vor, Besonders die Weiber sehn mich mit Hohn, Ich reich' Ihnen bis an – – Was hab'n wir davon? Sie sehn, mit der Schönheit steht's bei mir übel. Jetzt wird's Ihnen hoffentlich gleich auch plausibel, Warum ich mit Sehnsucht ein Hund werden wolle. Als Hund spielt die Schönheit bei mir keine Rolle, Denn das eine wird man mir zugestehn: Für einen Hund bin ich hinreichend schön! Aber sollt' ich an Schönheit Adonis selbst nah' sein, Sehnt' ich mich auch nach dem Hundedasein! Was hat man schon wirklich als schöner Mann? Man macht mit Erfolg an die Weiber sich an. Ein schöner Erfolg! Seine Zeit zu vergeuden! Hör'n Sie mir auf mit den Liebesfreuden! Keine Sekunde hat man da Ruh'. Immer die Hetzjagd zum Rendezvous! Im Winter steht man im Schnee und Eis, Im Sommer läuft man sich atemlos heiß, Und wenn dann das Rendezvous endlich vorüber, Ob Winter, ob Sommer, hat man sein Fieber! Und das heißt sich Liebe! Ein Zeitvertreib, Durch den man das Rheuma bekommt in den Leib, Was hat man vom Mann sein? Katarrh und die Gicht! Als Hund aber, sehn Sie, verliebt man sich nicht; Oder wenn man verliebt ist, dann nur zweimal im Jahr, Und das ist so kurz, daß es ohne Gefahr. Es reduziert sich der Liebesschmerz Bei Hunden auf den September und März, Im März da erledigt man seine Affäre, Und am Ersten April sagt man: »Habe die Ehre!« Das ist bei den Hunden so furchtbar sympathisch: Ihr Liebesleben ist niemals emphatisch, Es ist rein sachlich und gar nicht magisch, Und vor allem: sie nehmen die Liebe nicht tragisch! Sie beruht nicht auf innerer Seelenverwandtschaft, Sondern meist auf flüchtiger Straßenbekanntschaft. Und was das Schönste: die Schäferstunden Sind bei Hunden mit keinerlei Kosten verbunden! Unsereiner schenkt ein Brasselet, Sagt er der Dame des Herzens adieu, Und ist dabei froh, wenn er nicht noch zum Schluß In bar ein paar Tausender hergeben muß! Also diesbezüglich sind bei dem Hund Die Ansichten musterhaft klug und gesund: Er läßt seine Dame sitzen am Fleck Und frißt ihr zum Abschied ihr Futter noch weg. Das ist zwar nicht fair, aber's leuchtet mir ein, Als Hund könnt' ich auch ein Gentleman sein! Überhaupt, wenn ich prüfe mein Leben vom Grund, Komm' ich immer wieder zum Schluß auf den Hund! Es ist ja wohl wahr, er ist nur ein Viech, Aber eigentlich hat er's doch besser als ich! Bedenken Sie nur meine Seelenqualen, Wenn ich viermal im Jahr meine Steuer soll zahlen, Die ist doch heute zum Auswachsen teuer! No, jetzt sagen Sie: kümmert ein Hund sich um Steuer? Ich schwör' Ihnen drauf, er kümmert sich nicht. Was geht das ihn an? Sein Herr hat die Pflicht! Hier zeigt sich die Hundemaxime als starke: Der Herr trägt die Steuer, und der Hund trägt die Marke! Die Steuer am Hals, was macht er sich draus? Mir hängt sie mehr noch zum Hals heraus! Übrigens: was hängt mir nicht zum Hals heraus? Wie leb' ich, ich bitt' Sie? Ich leb' vom Applaus, Ich hab' nach dem Klatschen der Leute zu streben. Auch ein Zustand von einem Leben! Ausgerechnet als Dichter da stehn! No, halten Sie so was wirklich für schön? Ein ausgewachsener Mensch soll wie dumm Herauskommen täglich aufs Podium Und Abend für Abend die Augen rollen Und dabei dem Publikum einreden wollen, Daß er am liebsten ein Hund sein möcht'! Na, wenn's Ihnen recht ist, mir ist es recht, Ich krieg' ja dafür meine Abendgage, Bei Ihnen allein also liegt die Blamage. No, sagen Sie, kann es was Dümmeres geben, Als von der Blamage der Leute zu leben? Das kann doch nicht gut tun. Da hab' ich doch recht, Wenn ich am liebsten ein Hund sein möcht'! So ein Hund hat's doch gut. Er kommt hübsch zur Welt, Hat er bissel nur Glück, wird er ausgestellt, Bekommt seinen Preis und natürlich sein Futter, Mit anderthalb Jahr'n wird er Vater oder Mutter, Nach Belieben darf er lieben, nach Wunsch darf er's lassen, Er kann sich nach Lust mit dem Eckstein befassen Und hat keine einzige Pflicht auf der Welt, Außer, daß er ein bissel bellt! In der letzten Zeit hat man freilich gewollt, Daß der Hund auch noch rechnen und sprechen sollt', Aber dichten, woran ich seit Jahren gekrankt, Das hat noch kein Mensch von dem Hund verlangt! Der hat nur das Gute vom Varieté: Man hat ihn gezeigt gegen hohes Entree, Er mußte nur sprechen, er brauchte nicht dichten, Und man machte mit ihm die größten Geschichten. No ja, Dichtern begegnet man überall heute, Aber ein sprechender Hund – da brüllen die Leute, Wir stehn alle zwei auf dem Podium, Aber er macht das Rennen beim Publikum! Jetzt sehen Sie hoffentlich endlich auch ein, Mein Ziel und mein Sehnen, ein Hund zu sein, Ist eigentlich gar keine Sensation. Kollege eines Hundes bin ich sowieso schon! Nur bin ich bloß Dichter am Cabaret, Und er ist ein Star am Varieté. Zwar bin ich ein Mensch, und der Hund bloß ein Viech, Aber die kleinere Gage von uns beiden hab' ich! Er ist ein Tier, und ich bin ein Held, Ich bin ein Dichter, und er verdient Geld, Mich küßt die Muse, und er frißt sich rund – – Großer Gott, warum bin ich kein Hund!     Der Gast           Gestern war ich bei Kopplers geladen. Wir sind schon befreundet aus Grado, vom Baden. Das heißt, Freunde vom Baden sind wir ja nicht, Wenn ich schon ganz soll erzähl'n die Geschicht'. Das Baden war nämlich uns beiden kein Spaß: Die Luft ist zu trocken, das Meer ist zu naß, Dann spritzen die Wellen, man hat keine Ruh', Man badet und badet und weiß nicht, wozu! Na, schließlich war uns das beiden zu fad, Er schimpfte aufs Schwimmen und ich auf das Bad, Er ging nicht ins Wasser, und ich blieb am Strand – – Was brauch' ich viel reden? Heut' sind wir bekannt. Und gestern war ich zum Essen dort. Also bei Kopplers ist Essen ein Sport. Alles ist frisch, was dort kommt auf den Tisch, Nur die Frau Koppler ist nicht mehr ganz frisch. Aber was schadet ein übles Gesicht? Wenn man nicht hinschaut, bemerkt man es nicht. Ich bin sogar bei der Hausfrau gesessen. No, ich hab' nicht geschaut, ich hab' nur gegessen, Den Blick auf den Teller, das Auge voll Glanz, Ich kann Ihnen sagen: Das war eine Gans! Ich meine natürlich nicht die neben mir, Sondern die Gans auf dem Eßgeschirr! Ich will doch die Dame vom Haus nicht beleidigen. Die Leut', wo man ißt, die muß man verteidigen! Möcht' ich es denn sonst verschweigen so glatt, Daß die Frau Koppler Verhältnisse hat? Ich bin der Gast und kenn' den bon ton, Nicht einmal reden tu' ich davon. Die Zunge lass' ich mir schneiden heraus, Eh' ich erzähl', daß die Frau vom Haus' Sogar auch bei mir schon hat angeklopft! Da war'n aber auch meine Ohren verstopft! Ihr Mann ist mein Freund, da bleibe ich kalt, Und außerdem ist mir die Frau zu alt! No, bin ich ein vornehm erzogener Mann? Wie oft hat sie zärtlich geblickt schon mich an! Ich bin ein Charakter, der weiß, was sich schickt. Meinen Sie, ich hab' zurückgeblickt? Übrigens war auch noch dort ihre Schwester, Frau Zwicker. Die steigt mir schon nach seit Silvester. Aber auch da hab' ich nicht reagiert, Erstens, weil da mich die Hausfrau geniert, Zweitens, ist doch die Korrektheit mein Sport, Und außerdem war doch der Singer schon dort, Den hat die Frau Zwicker schon lange im Joch! No, ich red' nicht davon! ... Aber wahr ist es doch! Ich bin doch nur Gast und denk' mir: »Na schön!« Aber drum hab' ich's doch deutlich gesehn, Wie die Frau Zwicker geheim mit dem Finger Nach dem Souper hat gewinkt dem Herrn Singer. Der ist dann mit ihr zum Piano gegangen, Dort hat die Frau Zwicker ein Lied angefangen, Und während dem Lied hat der Singer geschickt Ganz leise von rückwärts die Zwicker gezwickt. No, ich bin doch nur Gast. Was geht das mich an? Ist sie mein Weib? Oder bin ich ihr Mann? Ich hab' nur gedacht so: »Die Welt ist verrückt: Die Zwicker singt, und der Singer zwickt!« Natürlich hab' ich das leise gedacht Und offiziell mich nichts wissen gemacht. Soll ich die Schwester der Hausfrau bereden? So etwas sag' ich nicht gleich einem jeden. Nur der Frau Schiller hab' ich's gesagt, Weil sie mich grad hat gefragt: »Was ist Takt?« Da hab' ich gesagt im Vertrauen zu ihr: »Da steht die Frau Zwicker und singt beim Klavier Und trotzdem der Singer von rückwärts sie packt, Bleibt sie im Takt. Sehn Sie, das nenn' ich Takt!« Drauf hat die Frau Schiller Tränen gelacht, Ich aber war drüber aufgebracht. Das hat mich empört. Was braucht sie zu lachen Und über die Hausleut' sich lustig zu machen? Die haben sie freundlich geladen ins Haus, Und sie lacht zum Dank hinterm Rücken sie aus. Warum lach' denn ich nicht? Ich mach' mich nichts wissen. In dieser Beziehung bin ich zum Küssen! Was kümmert das mich, ob die Tugend geknickt wird, Wenn hier in der Wohnung die Schwester gezwickt wird? Erstens, ist doch diese Wohnung nicht mein; Zweitens, beurteil' ich höchstens den Wein, Wenn ich als Gast überhaupt kritisier', Und drittens gehört das Gezwickte doch ihr! Schließlich und endlich ist's ihre Sache, Ob sie und welchen Gebrauch davon mache; Mir ist es einerlei, wie sie's benützt: Ob sie gezwickt wird oder nur damit sitzt. Ich weiß eben, was ich zu tun hab' als Gast: Ich setz' mich zu Tisch und ess', was mir paßt, (Und das, was mir nicht paßt, das ess' ich auch! Wenn ich's doch nicht zu bezahlen brauch?!) Und das, was mir sehr paßt, davon nehm' ich zweimal, Gänsegekröse sogar manchmal dreimal, Pfefferfisch hab' ich schon viermal genommen. No, bin ich zum Fasten ins Haus gekommen? Gönnt mir der Hausherr die Delikatess', Dann muß er sich freu'n, wenn ich viel davon ess'; Und gönnt er mir's nicht (und das merkt mein Instinkt!), No, dann ess' ich doppelt, daß er zerspringt! Aber bereden die Leute vom Haus? Sehn Sie, das hält mein Charakter nicht aus. Freilich, die Schiller hat anders gedacht Und über den Koppler sich lustig gemacht, Und leise geflüstert zu mir hat sie dann: »Schau'n Sie, ich bitt' Sie, den Koppler sich an. Ausseh'n tut er wie ausgesorgt, Daweil ist das Silber zum Essen geborgt!« Das hat mich gewurmt. No, ich hab' mich beeilt Und hab' ihr sofort ihre Antwort erteilt: »Pardon, Frau Schiller, das muß ich bestreiten. Da ist nichts geborgt. Wer borgt diesen Leuten? Noch dazu kostbares Silber zum Essen! Koppler ist doch wegen Krida gesessen!« Da hat die Frau Schiller gejauchzt vor Lust, Sie hat nämlich nichts von dem Sitzen gewußt. Sie wußt's erst von mir, was mich allerdings quält. Aber hab' ich es ihr zum Vergnügen erzählt? Es kann mir als Freund von dem Koppler nicht passen, Die Silbergeschicht' auf ihm sitzen zu lassen, Drum hab' ich bewiesen zum Schutz für ihn: Er hat nichts geliehn, denn er kriegt nichts geliehn. Auf meine Bekannten, die Kopplerischen, Soll keiner mir üble Gerüchte auftischen. Und wenn auch der Hausherr in Stein ist gesessen, Und wenn auch die Frau kokettiert wie besessen Mit jedem, nur nicht mit dem eigenen Mann, So ist das wohl wahr! Aber wen geht's was an? Ich weiß doch alles über das Haus. Aber aus mir bringt keiner was 'raus! Übrigens hat jetzt die Tochter ein Kind, Worüber die Kopplers sehr unglücklich sind, Weil es doch erst dritthalb Monat' war glatt, Seit diese Tochter geheiratet hat. (Während man sonst doch neun Monate benötigt, Wenn man normal sich als Mutter betätigt!) So haben sie wenig Vergnügen davon. Dafür aber sind sie ganz stolz auf den Sohn. Den sieht man in sämtlichen Five-o'clocks. Ich hab' zwar gehört, daß er sein soll ein Ochs, Aber schließlich, dafür ist der Vater gescheit! Und sagt man auch manches über die Leut', So hat mir geschwor'n doch der Prokurist, Daß Kopplers Dienstmädel anständig ist. So rein soll sie sein, sagt er, wie eine Lilie ... No, sehn Sie, es ist nicht so arg die Familie! Im ganzen und großen ist Koppler sehr fein, Er muß doch nicht grade ein Gentleman sein; Gestohl'n hat er niemals, das sage ich frei, (Oder ich bin nicht gewesen dabei!) Zu Weihnachten schenkt er mir so einen Stock, Sein Herz ist brillant, er spielt gut Tarock, Sein Essen ist gut und sein Trinken beim Lunch, Drum bin ich auch morgen der erste Mensch, Den wieder der Koppler als Gast begrüßt, Wenn – er bis dahin nicht eingesperrt ist!     Schön und gescheit – das ist zu viel!         Ich frage mich oft, wenn ich schlaflos so liege Und meine Erfolge bei Frau'n überfliege Und mit den Gedanken so mitten im Dreh'n bin, »Was hab' ich schon wirklich davon, daß ich schön bin?« Was nützt mir mein Auge von feuriger Süße, Das lodernde Blickhinundwidergeschieße, Das küßliche Rot meiner schwellenden Lippe, Ihr sanftes Gespitze, ihr heißes Genippe, Was hilft mir der Segen der Mutter Natur, Der Charme meiner schmächtigen Knabenfigur, Der schwungvollen Linien Kombination – – – Mit einem Worte: was hab' ich davon? Ich will nicht gleich fallen ins Haus mit der Tür, Aber das Äuß're ist lang noch nicht alles bei mir, Ich geb' mit der Schönheit allein noch nicht Ruh', Es kommt doch bei mir auch der Geist noch dazu! Der Blick meiner Augen, so seelenvoll dunkel, Vermischt sich auch noch mit dem Geistesgefunkel, Denn ich kann mit den reizenden Frau'n nicht nur träumen, Ich kann vielmehr träumen und gleichzeitig – reimen! Was meinen Sie, welches Vergnügen das ist, Wenn eventuell eine Dame mich küßt, Und ich sag' ihr dabei mit Bezug auf die Füß': »Von der Fers' zu den Knie'n, du bist überall süß!« So gesund soll ich sein, wie die glücklich sich wähnten Bei den Aperçus! – Das heißt man Pointen! Und trotzdem! Bei all diesem Geistesgeblitze, Verstandesgeplänkel, Pointengespritze, Bei diesem brillanten Gefunkel der Witze Seufzt immer mein Herz noch: »Wozu ist das nütze?« Und reicht auch mein Geist meiner Schönheit die Hand, Was hilft mir die Schönheit, was hilft der Verstand? Was nützt mir die seltene Kombination? Mit einem Worte: was hab' ich davon? Also gut: man soll sagen, ich fessel' die Frau'n! Sie fangen zu zittern an, wenn sie mich schau'n, Ihr Antlitz beginnt sich verrät'risch zu röten, Die Stimme schnappt um in ein girrendes Flöten, Sie rühr'n sich nicht weg, sitzen da wie gebunden, Das bissel Verstand, was noch da war, geschwunden, Gefesselt, erwarten sie still mich im Sessel – – – No gut! Und was hab' ich schon, wenn ich sie fessel'? Die Liebe ist reizend, die Liebe ist fein, Aber nur bis zum ersten Stelldichein! Was später noch nachkommt, ist immer dasselbe, Einmal sind's schwarze Haar', dann wieder gelbe, Dann kommen die Roten und dann die Brünetten ... Das ist Abwechslung! Kann mich das ketten? Das soll mich reizen? – Warum nicht gar! Ob Schwarze, ob Blonde ... Haar bleibt Haar! »Bleiben noch immer«, sagt da ein Gescheiter, »Die Augennuancen: bald träum'risch, bald heiter, Erst grünliche Augen, dann Augen so grau, Ein zärtliches Braun, ein verheißendes Blau, Im einen die Träne, im andern die Lache, Die Augenabwechslung –, das ist eine Sache!« Was soll ich da sagen? Der Mann tut mir leid, Augenabwechslung –, Gott wie gescheit! Denn wenn so ein Mädel im Küssen grad' drin ist, Seh' ich nicht, ob ihr Aug' grau oder grün ist; Die ganzen Nuancen verschwinden im Nu, Beim Küssen macht man die Augen doch zu! Beim Kuß sind die Augen so wurscht wie die Rippen: Wer küßt mit den Rippen? Man küßt mit den Lippen! Und die sind nur rote, nicht schwarze, nicht gelbe, Lippen sind Lippen, 's ist immer dasselbe! Und immer dasselbe ist nichts, was behagt. No seh'n Sie, das hab' ich doch gleich gesagt! Ich will nicht Erhörung bei allen Frau'n finden, Ich hab' gar kein Gusto, sie an mich zu binden, Ich will sie nicht fesseln mit Geist und mit Charme ... Was brauch' ich zu fesseln? Bin ich ein Gendarm?! Drum schrie ich doch eben Gewalt! Pardon, Vom Geist mit der Schönheit, was hab' ich davon? Wenn einer klug ist, dafür aber häßlich, Bestürmen die geistreichen Damen ihn gräßlich, Doch die dummen Frau'n wenigstens machen ein End', Folglich erspart er sich achtzig Prozent! Noch schlechter geht's dem, welcher dumm, aber schön ist. Welches Geriß bei den Frau'n da um den ist, Begreift man, sowie die Erkenntnis nur siegt, Daß den Frauen die Schönheit des Mannes genügt. Daß er zwar schön ist, dabei aber dumm, Nehmen die geistreichen Frauen nur krumm, Diese nur flieh'n, wenn er ohne Talent, Immerhin spart er so zwanzig Prozent! Ich aber, der ich so klug und so schön, Darf mich nicht trau'n, vor die Türe zu gehn, Denn wenn ich mich zeig', kommt gleich alles und rennt, Sehn Sie, bei mir sind es hundert Prozent! Schwer hab'n 's die Schönen und schwer die Gescheiten, Ich aber kann es direkt nicht bestreiten! Und küssen wie küssen! Ich sag' schon, es sei! Nur ist die Gemeinheit: es bleibt nicht dabei! Ich weiß nicht, wieso, vielleicht küß' ich zu fein, Die Geküßten woll'n auch noch geheiratet sein! Heiraten alle? Was soll denn das heißen? Glauben die Damen, ich kann mich zerreißen? Erstens, ich kann nicht –, wenn ich mich erwürg', Und zweitens, ich darf doch nicht! Bin ich ein Türk'? Ich bin weder Türke, noch bin ich Mormone, Ich habe ein Recht darauf, daß man mich schone, Statt dessen herrscht aber um mich ein Geriß – Und ob Sie mir's glauben, – es ist mir schon mies! Der schrecklichste Fluch ist's, das merken Sie sich, Wenn einer so geistreich und schön ist – wie ich!     Der Hausfreund         Der entzückendste Mensch auf der ganzen Welt, Ein Mensch, der mir wirklich unglaublich gefällt, Und auf den ich mit wahrer Zärtlichkeit schau', Das ist der Geliebte meiner Frau! Also meine Frau ist gewiß ein reizender Engel, Aber ihr Freund ist noch ein reizenderer Bengel! Ich bin geradezu stolz auf ihn. Er hat einen offenen, vornehmen Sinn, Ist aus gutem, gediegenem Haus, (Sieht auch fast gar nicht jüdisch aus!) Seine Nase ist klein, seine Augen sind groß, Seine Füße und Hände sind tadellos, Kurz, jeder Zoll ein Frauenverwöhner. Also was soll ich Ihnen sagen? Ich bin auch nicht schöner! No, was sagen Sie, was für ein Glück ich hab', Daß Gott meiner Frau diesen Menschen gab? Sie hätte doch auch um dasselbe Geld Einen Freund finden können, der mir mißfällt! Es hätte doch können ein Kerl sein, Dessen Charakter weniger fein! Die ganze Welt hätt' gewundert sich, Und wer hätt' es ausbaden müssen? Nur ich! Die ganzen Leute hätten gemeint: »Na also! So ist's! Wie der Mann, so der Freund! Ist schon der Mann ordinär und gemein, Warum soll der Freund etwas Besseres sein? Denn daß bei der Frau der Geschmack eben schweigt, Das hat sie doch schon bei der Wahl ihres Gatten gezeigt!« Solche Reden hätt' man geführt! Ich bin überzeugt, das wäre passiert, Hätt' meine Frau einen Freund sich erlesen, Der ein gemeiner Kerl gewesen! So aber, wo ein Kavalier ihr gefällt, Bin ich auf einmal der Mann von Welt! Man findet mich nett und gentlemanlike, Und weil ich nie überzeugungsfeig, So sag' ich mir eben nur logisch und schlau: »Wem dank' ich das alles? Dem Freund meiner Frau!« Denn wenn der ein Mensch ist, der schick ist und fein, Muß logischerweise ich ebenso sein. Denn hat meine Frau bei dem jetzigen Schwarm Gesunden Sinn für Anmut und Charme, So muß sie den Sinn auch schon früh'r gehabt haben Und ergo – besitz' ich die nämlichen Gaben! Ich hoffe somit, es sieht jedermann ein: Dem Freund meiner Frau hab' ich dankbar zu sein. Nur soll'n mir die Leut' nicht jetzt einreden wollen Es sei meine Pflicht, dem Manne zu grollen, Weil nämlich das Schicksal, betrogen zu werden, Das Allerlächerlichste auf Erden, Und Betrogenwerden bringe nur Hohn! ... Was heißt das, betrogen? Ich weiß doch davon! Was heißt das, ich weiß? Ich seh's doch mit an Und hab' meine innige Freude daran! Jawohl, ich freu' mich und erkläre hiemit: Ich lob' mir den Hausfreund auf Schritt und Tritt. Gott, wenn ich denke, in früheren Jahren, Wie ich und meine Gattin doch unglücklich waren, Meine Frau ist ja reizend und lieb und gescheit, Aber – sie verlangt zu viel Aufmerksamkeit! Zum Beispiel früher, da hab' ich erbittert Vorm ersten Frühlingstag jährlich gezittert. An jedem einundzwanzigsten März Hat meine Frau – aber nicht im Scherz! – Im Ernst verlangt vor allen Dingen, Ich hab' ihr Veilchen nach Haus' zu bringen! Sie war auf den Tag und die Blumen versessen, Aber, was tut Gott? Ich hab' beides vergessen! Es war ja vielleicht eine Infamie, Aber ich bitte Sie, wer denkt an Astronomie? Meine Frau aber hat das ganz rasend gemacht, Und wenn ich nicht Blumen nach Haus' hab' gebracht, Ist jeden einundzwanzigsten März Ihr Jahr für Jahr gebrochen das Herz! Man wird jetzt begreifen: bei solchen Thesen Ist mir mies vor dem Frühling gewesen. Heut' aber freu' ich direkt mich auf ihn, Ich brauch' mich mit Veilchen nicht mehr zu bemüh'n, Denn wenn ich am ersten Frühlingstag In aller Frühe die Augen aufschlag', Steh'n schon die Veilchen am Frühstückstisch. Meine Frau ist schon wach und wie die Veilchen so frisch, Sie ist ganz beglückt, na und wer beglückt sie? Wer schickt ihr die Veilchen? Der Hausfreund schickt sie! No, sagen Sie, geht das nicht wunderbar zu? Sie hat ihre Veilchen und ich meine Ruh'! Und gegen den Mann soll ich auftun den Mund? Gott erhalt' mir den Hausfreund gesund! Ein anderes Beispiel: ich hass' die Musik, Wenn ich Opern nicht hör'n brauch', dann ist das mein Glück. Nun, das Glück hab' ich früh'r nie genießen können. Ich mußt' mit der Frau in die Oper rennen. Sie ist dann vorn in der Loge gesessen, Und ich – hab' mir hinten das Herz abgefressen. So langweilig war's. No, ich hab's auch verflucht. Und Stücke hat sich die ausgesucht!! Die allerlängsten und fadesten Sachen! Also »Tristan«, – schön, da kann man noch lachen, Aber »Lohengrin«, sehn Sie, das ist doch mies, Was »Rastelbinder« mir lieber is! Es hat aber alles mir nichts genützt, Einmal die Woche hab' ich Opern geschwitzt! Aber heut', wenn ich einmal gut aufgelegt bin Und sag' zu der Frau: »Du, wo gehn wir heut' hin? Gehn wir doch wieder in die Oper hinein ...,« Da sagt sie ganz zärtlich: »Aber wozu denn? Nein, nein! Du willst dich nur opfern! Bleib' lieber zu Haus', Sei ruhig, ich geh' schon auch ohne dich aus!« Und dann geht in die Oper beglückt und gerührt sie, Und wer führt sie aus? Der Hausfreund führt sie! Nun sagen Sie: geht das nicht wunderbar zu? Sie hat ihre Oper und ich meine Ruh'! Und gegen den Mann soll ich auftun den Mund? Gott erhalt' mir den Hausfreund gesund! So habe ich jahrelang friedlich gelebt, Und hab' nicht einmal vor der Aussicht gebebt, Daß uns dieser Freund am End' einmal verläßt, Denn wen meine Frau einmal hat, den hat s' fest! Aber gestern erfuhr ich verzerrten Gesichts: Sie hat ihn gar nicht, denn er hat mit ihr nichts, Er hat sie bisher nur platonisch verehrt! No, haben Sie schon so eine Frechheit gehört? Ich wollt' es zuerst gar nicht glauben von dem Mann, Daß so gemein gegen mich er benehmen sich kann, Aber ich habe von ihm einen Brief gelesen, Und da ist mein Verdacht bestätigt gewesen! Er hat meiner Frau ganz einfach geschrieben, Er gebe die Hoffnung ganz auf, sie zu lieben, Nachdem sie ihm sagte, sie liebe nur mich! No, sagen Sie: ist das nicht fürchterlich? Ich ärger' seit gestern mich grün und blau. Ich will gar nicht reden von meiner Frau! Mich muß sie lieben! ... Und ich muß das lesen!! Aber die ist ja immer verrückt schon gewesen! Und dann ist ihre Liebe – bei Lichte beseh'n, Und wenn man mich anschaut – zum Schluß zu versteh'n, Sie kann sich als Frau trotz schärfstem Bemüh'n Meinem sieghaften Reiz eben nicht entzieh'n! Dem Freund aber kann ich es niemals verzeih'n. Mich nicht zu betrügen, das ist doch gemein! Ich weiß, welche Pflicht ich als Ehemann hab': Die Frau zu ernähr'n hab' ich bis an mein Grab, Ich hab' ihr die Kleider und Hüte zu stellen Und jährlich ein Pelzwerk aus unechten Fellen! (Aus echten hab'n Sie vielleicht gedacht! Zum Rothschild hab' ich's noch nicht gebracht!) Das also tu' ich alles für die Frau mit Vergnügen. Von mir aus sogar kann sie Kinder noch kriegen. Aber daß diese Kinder, sobald sie schon hier sind, Noch außerdem dann auch, ich bitte, von mir sind, Das kann kein Mensch von mir noch verlangen. Hier hat der Hausfreund anzufangen! Wenn nicht, soll er geh'n, er soll sich nicht binden! Ich werd' mir schon noch einen anderen finden! Der Hausfreund hat seiner Pflicht zu genügen, Oder soll ich selber vielleicht mich betrügen? Dumm wär' ich, wenn ich mir Umstände mache, Das sieht man doch ein, das ist seine Sache! Aber ich lasse mich nicht um mein Recht von ihm bringen. Alles, nur das soll bei mir nicht gelingen! Ich tu' in allem gern meine Pflicht, Aber – betrügen lass' ich mich nicht. Und da eines Hausfreunds Betrug darin liegt, Daß er eben mich nicht betrügt, So ist meine alberne Langmut jetzt aus – Und morgen schmeiß' ich den Hausfreund hinaus!     Glück bei den Frauen         Ich möcht' Ihnen gerne was anvertrau'n: Unglaublich! Ich habe kein Glück bei den Frau'n! Bitte, sagen Sie nicht »Ach Gott« und »I wo!« Ich weiß, was ich weiß, es ist einmal so! Ich werd' mich auch trösten, ich bin nicht so dumm; Aber eins möcht' ich gerne nur wissen: warum? Den Grund möcht' ich kennen prägnant und schlicht: Warum gefall' ich den Frauen nicht? Am Körperlichen kann's doch nicht liegen! Zugegeben, es gibt größere Vergnügen Als mich im Reiz meiner Anmut zu sehn, Aber im ganzen und großen bin ich hinreichend schön! Bitte, lachen Sie nicht, ich habe Beweise. Ich erinnere mich einer Badereise; Da hab' ich im Meer einmal, unbeschadet Eines ererbten Vorurteils, öfter gebadet Und wurde da mit einem Leutenant Ein paarmal nicht auseinandergekannt. Demgemäß also ergibt sich daraus: An sich seh' ich wie ein Leutnant aus. Ich kann mich im Wasser an Gliederpracht Messen mit der bewaffneten Macht. Na wenn schon? Was nützt das! Ich komm' nicht vom Fleck, Die Wasserschönheit hat keinen Zweck, Denn leider, einer Dame von Welt Wird man im Wasser nicht vorgestellt! Möglicherweise – fällt mir da ein – Bin ich den Damen vielleicht zu klein, Indem sie das Wesen der Schönheit vergessen Und meine Grazie nach Metern messen! Darüber werd' ich erst recht mich nicht kränken. Damen verstehn halt nicht logisch zu denken; Sonst müßten sie eben ganz einfach sich sagen, Der Goliath wurde von David erschlagen. Natürlich behaupt' ich nicht, David zu sein. Ich hab' mit dem Helden zwar manches gemein, Doch diese gemeine Seite bezieht Sich mehr auf das konventionelle Gebiet. Ich denke mir diesen Vergleich nur figürlich: Der David war zierlich, und ich bin halt zierlich! Mich müßten Sie einmal beim Abdouchen seh'n! (Sie brauchen nichts fürchten, es wird nichts geschehn; Ich mein' die Besichtigung rein theoretisch, Unerotisch, einfach ästhetisch!) Es ist gar nicht notwendig, daß Sie so lachen; Ich erkläre, Sie würden Augen machen; Alles, die Arme, der Bizeps, das Bein Unter dem Motto – klein aber fein! Nachdem ich mich also ganz ruhig als Mann Qualitativ doch sehen lassen kann, So muß meine mangelnde Wirkung auf Damen, Die wir heut' unter die Lupe nahmen, Offenbar also in geistigen Gaben Meiner Person ihre Ursache haben! Ich will's auch verraten in Gottesnamen: Ich glaube, ich bin – zu gescheit für die Damen. Lehren Sie mich doch nicht kennen die Frau. Ihren Charakter, den kenn' ich genau. Die Frau'n können alles den Männern verzeih'n, Nur nicht das eine – gescheit zu sein! Sie würden eher den Mann noch lieben, Welcher die Dummheit so weit getrieben, Daß er bereits den Geist aufgegeben, Ehe er noch gekommen zum Leben; Männer jedoch, deren Qualität Nicht nur in der Schönheit des Körpers besteht, Sondern die außer den physischen Gaben Auch noch die Schönheit der Seele haben, Männer, bei denen der Haupteffekt Sich konzentriert auf den Intellekt, Aus denen Kultur des Geistes spricht – –, Kurz, Männer wie mich – das woll'n die Frau'n nicht! Sie hab'n ja auch recht; denn ein Mann von Geist, Der ist für die Weiber verloren zumeist; Denn sollte sich wirklich der Fall schon ergeben, Daß ausnahmsweise, zur Abwechslung eben, Sich hie und da ein gescheiter Mann Mit einer Frau unterhalten kann, Ja, daß er sogar galant sich zeigt Und eventuell bis zum Kuß sich versteigt ... Beim Hängenbleiben, wenn es soweit ist, Läßt er sie sitzen ..., wenn er gescheit ist, Denn, daß er gescheit ist, beweist doch ein Mann Dadurch, daß ihn keine Frau drankriegen kann. Dran glauben, das müssen die Esel allein, Der dumme Kerl, der fällt hinein; Wer aber gescheit ist, der macht sich davon Und läßt die Frau in der – Situation. Und weil das die Damen natürlich nicht freut, So hassen sie Männer, welche gescheit; Und weil sie gescheite Männer so hassen, So wird es sofort sich begreifen auch lassen, Wieso ich mißfalle der Weiblichkeit – –: Ich bin nicht nur schön, ich bin auch gescheit! Doch wenn eine Dame dem Satz widerspricht Und sagt: daß ich klug sei, das glaube sie nicht, Dann weiß sie: »Probieren geht über Studieren«. Dann soll sie doch kommen! Sie kann's ja probieren. Sie soll's nur probieren, mich rasch zu blamieren. Man kann doch nicht wissen, sie kann mich verführen! Und was noch das Schönste bei diesem Probieren, Sie hat beim Verführen doch nichts zu riskieren! Denn bleibe ich standhaft (man hat schon gesehn es!) Dann bleibt ihr die Tugend, und das ist was Schönes! Gelingt es ihr aber, mich doch zu bezwingen Und meine Tugend zu Falle zu bringen, Dann macht das Verführen an sich schon ihr Freud', Und zweitens beweist sie, daß ich nicht gescheit! Sie wird euch erzähl'n, wie sie's anfing geschickt, Daß erst sie mir leise die Hand hat gedrückt, Daß ferner ich durft' an den rosigen Lippen Mit meinen rosigen Lippen dann nippen; Daß dann sie mit schwellendem Arm mich umfangen, Und daß ich natürlich ins Netz ihr gegangen – Sie gab sich mir hin, und – ich nahm sie mir hin – – Kurz, daß ich ein Esel und Dummkopf bin. Doch vorderhand ist ja noch keine gekommen, Die listig mir Tugend und Reinheit genommen, Ich steh doch noch aufrecht, noch ist's nicht so weit, Ich war noch nicht fällig, ich bin noch gescheit! Doch wenn ich einst falle, dann werd' ich gestehn: Es ist auch sehr dumm, auf den Leim zu gehn! Aber jetzt, wo's noch Zeit ist, da denk' ich mir stumm: »Wollte nur Gott, ich wär' schon so dumm!«     Der Haupttreffer             Ich hab' einen Wunsch, da werden Sie lachen: Ich möcht um kein Schloß einen Haupttreffer machen. Also wenn ein Haupttreffer auf mich fällt, Bin ich der unglücklichste Mensch auf der Welt. Wie Sie mich nämlich da vor sich sehn, Unverdorben und blühend schön, Im Schmuck meiner braunen Dichterhaare Und in der Vollkraft der Mannesjahre, Bin ich der Typus von einem Mann, Der es sich besser nicht wünschen kann. Da gibt's nichts zu streiten und nichts zu schlichten. Ich nähre mich, wie ja bekannt, von Gedichten, Die ich bei Tag persönlich verfasse Und nachts im Kabarett dann vom Stapel lasse. (Mir gefall'n sie ja eigentlich nicht, Wenn man schon alles so offen bespricht, Aber dem Publikum gefallen sie ja, Und dazu sind die Gedichte doch da! An meinem Gefallen braucht gar nichts zu liegen, Ich schreib' sie doch nicht zu meinem Vergnügen!) Also das Geld, das ich so ins Verdienen bringe, Das reicht mir grad' für die nötigsten Dinge: Essen, Trinken – die Kultussteuer – (Letztere ist ja ein bisserl teuer Für Jünger des Testamentes, des Alten! Oder haben Sie mich für katholisch gehalten?) Also am Ersten, wenn der Monat ist aus, Komm' ich grad' mit graden Gliedern heraus. Ich kann allerdings keine Sprünge machen, Weiber, Brillantenboutons und so Sachen, Aber – und das fällt am schwersten ins Gewicht: Kopfzerbrechen habe ich nicht! Wenn ich aber jetzt einen Haupttreffer mache, Sehn Sie, da ändert sofort sich die Sache. Zunächst tritt die Frage an mich heran: Was fang' ich mit so viel Vermögen jetzt an? Nehmen wir an eine Viertelmillion Gulden! Schön! Also erst, nicht wahr? zahlt man die Schulden. Ein Freund von mir hat mir, Gott soll es ihm lohnen, Erst neulich geholfen mit neunzehn Kronen, Die er mir freundlich als Darlehen gab. Also die ziehn wir einmal gleich von der Viertelmillion ab! Bleibt aber noch immer ein Haufen Geld, Und ich bin aufs neue vor die Aufgabe gestellt, Das ganze Vermögen vor allen Dingen Auf irgendeine Art zur Verwendung zu bringen. Denn da ich bis jetzt ohne Leibeserben, So würde später, nach meinem Sterben, (Wogegen ich freilich mich jetzt noch verwahre, Gott erhalt' mich noch hundert Jahre, Aber unsterblich ist doch nur das, was ich dicht', Der physische Grünbaum hingegen noch nicht!) Es wird also, sollt' ich vielleicht einmal sterben, Mein Haupttreffergeld der Max Rosenblatt erben. Das ist ein entfernter Cousin von mir, Er lebt in Prag und macht Papier Und hat mich niemals leiden können. Und dem soll ich also die Erbschaft gönnen? Ausgeschlossen, fällt mir nicht ein! Da müßt' ich doch wirklich ein Esel sein! Da mach' ich noch lieber die gräßlichsten Dinge, Wenn ich nur sicher mein Geld anbringe, Lieber – was weiß ich – nehm' ich täglich ein Bad, Aber nur keinen Kreuzer dem Rosenblatt! Ich werde mir also einen Rennstall kaufen Und laß' dann so sechs, sieben Rennpferde laufen. Das ist ein Geschäft, wo ein jeder Mann Sein Geld mit Leichtigkeit loswerden kann! Aber was nützt das mir? Ich kenne mich doch: Schlemihl, wie ich bin, gewinn' ich noch! Bei meinem Pech kommt noch Geld in Haufen, Und ich steh' dann da und kann die Haare mir raufen! Denn dürstende Saatfelder sind doch die Frau'n, Und wir Männer sind die Ochsen, die Geld anbau'n, Und so ein Ochse will ich ja sein! Sie wissen, ich will doch mein Geld verstreu'n! Aber da sind wir auch wieder beim Punkt angelangt, Wo leider Gottes die Sache krankt! Es wird mir nämlich niemals gelingen, Bei Frau'n einen Kreuzer Geld anzubringen! Wie soll ich bei Weibern mein Geld hinausschmeißen, Wo sich doch alle direkt um mich reißen! Bei Frau'n, wo ein andrer für Geld desparat is', Da siege ich spielend: mich lieben sie gratis! Das Resultat meiner Liebesgebärden Ist also einfach, um rasend zu werden! Mein Geld kann ich loswerden keinesfalls Und hab' außerdem noch ein Verhältnis am Hals! Das geht doch direkt gegen meine Natur! Und wer ist dran schuld? Der Haupttreffer nur! Ich könnt' ja versuchen, auf andere Weise, Vielleicht durch teures Getränk oder Speise, Mit Austern, Pasteten und ähnlichen Dingen, Das elende Geld einmal anzubringen. Kaviar, hab' ich gehört, ist heuer Plötzlich geworden so furchtbar teuer, No, und der echte Champagnerwein Soll effektiv nicht mehr zum Erschwingen sein! Das wär'n doch für mich die geeignetsten Sachen, Aber bei mir ist das nicht zu machen. Mein Magen hat immer in Sehnsucht getrieben Nach harten Eiern und Gänsegrieben, Aber feine Sachen, Austern und Wein Bring' um kein Schloß ich in ihn hinein! Und wenn ich mich auf'n Kopf stell', ich kann's nicht vertragen, No! Reden Sie also mit meinem Magen! Ich bin der unseligste Mensch auf der Welt. Der Haupttreffer hat auf den Kopf mich gestellt. Essen soll ich erst allerhand, Was mir am meisten bis jetzt widerstand, Dann soll ich mir einen Rennstall kaufen, Wo ich doch, wie ich kann, anfang' zu laufen, Wenn, Gott behüt', ich einmal in der Näh' Schon so ein Roß von Rennpferd nur seh', Und außerdem soll ich mich auch noch bequemen, Mir ausgerechnet ein Verhältnis zu nehmen, Wo ich mich niemals in Liebe betätig' – – Also sagen Sie selber: hab' ich das nötig? Und sagen Sie jetzt, wer Schuld dran hat. Der Haupttreffer? Nein! Der Rosenblatt! Denn wär' nicht der Rosenblatt in Prag, Dann wär' es für mich der schönste Tag, Ein Tag, an welchem das Glück mir lachte, Der Tag, an dem ich den Haupttreffer machte Ich wüßt' schon, was anfangen mit dem Vermögen! Ich weiß ein Papier, wo es anzulegen Mit sieben Prozent mit Leichtigkeit sei, Und was noch die Hauptsache: sicher dabei! Aber ich soll mich lassen begraben, Und Rosenblatt soll dann noch Freude dran haben Und nehmen den Treffer mit frechem Gesicht? Da gift' ich mich lieber gleich und mach' ihn gar nicht. Und drum hab' ich gesagt, und jetzt werd'n Sie nicht lachen! Ich möcht' um kein Schloß einen Haupttreffer machen!     Mein Begräbnis         Ich freu' mich schon heute auf mein Begräbnis. Ich wette, das wird noch mein schönstes Erlebnis. Also, bitte, das ist gar nicht so lächerlich, Ich weiß, was ich sage: ich freue mich! Es gibt ja doch Menschen, die sich nicht scheun, Sich sogar auf ihre eigene Hochzeit zu freun, Und das weiß doch sicher ein jedes Kind, Daß Hochzeit und Begräbnis identisch sind. Oder ist das ein Leben, das Geld ausgeben, Und immer dieselbe Frau daneben? Wer heiratet, schließt seinen Lebenslauf Und macht sein Begräbnis! ... Also hör'n Sie mir auf! Aber ich wollt' ja von meiner Bestattung sprechen, Und nicht, wie sich andre die Hälse brechen. Da wäre es also das Vernünftigste dann, Wir fangen mit meinem Ende an. über die Ursachen meines Leidens Und meines definitiven Verscheidens Heut' schon zu sprechen, wär' wohl verfrüht, Hauptsache bleibt doch, daß ich verschied. Allerdings, wenn sich's ergeben sollte, Daß man mir gütigst gestatten wollte, Bezüglich meiner letalen Gebrechen Irgend einen bestimmten Wunsch auszusprechen, Dann schlage ich vor, ich werd' cholerakrank, Das ist was Apartes und dauert nicht lang. Auch afrikanischer Mückenstich Eignet als bessere Todesart sich. Aber um rascher zum Thema zu eilen, Will bei Details ich nicht länger verweilen, Sondern wir nehmen's als abgemacht hin, Daß ich bereits im Jenseits bin! Nur bezüglich des Zeitpunkt's, wann das gescheh', Hab' ich eine famose Idee: Ich denk' es mir nämlich wahnsinnig schön, Am Tag vor der Trauung abzugehn. Soll heißen, ich hätte eine Verlobte, Die sich in sämtlichen Künsten erprobte, Bis sie mich vollständig wehrlos gemacht hat Und mich dann richtig so weit noch gebracht hat, Daß ich mich endlich der Schlußregulierung, Nämlich der Die-Braut-zum-Traualtar-Führung Zu widersetzen schon nicht mehr gewagt hab', Sondern nur rasch Ja und Amen gesagt hab'. Jetzt stell'n Sie sich vor diese Dame, den Schreck: Am Tag vor der Hochzeit sterb' ich ihr weg; Vor der Nase weg, ohne Adieu ihr zu sagen. Ohne auch nur mit einer Silbe zu fragen, Ob sie mir überhaupt dieses Sterben erlaub', Mach' ich mich auf und davon und werd' Staub! ... Also wenn ich bedenk', wie das Fräulein zerspringen wird, Wenn man ihr dann diese Mitteilung bringen wird, Und wie sich ihr Gesicht dann vor Zorn färbt ganz rot – Also wenn ich nicht schon tot wär', ich lachte mich tot! Ich resümiere also in Kürze: Ich bin bereit, auf des Lebens Würze Zu verzichten unter der Bedingung, daß: Erstens die Krankheit an sich schon mir Spaß Durch ihre Distinguiertheit bereite, (Ich sterbe doch nicht wie andere Leute!) Und zweitens, daß, wenn ich ins Jenseits gehe, Ich grad' einen Tag vor der Hochzeit stehe. Unter diesen Umständen bin ich bereit, Einzugehn in die Ewigkeit! Nur eines soll jetzt sofort festgestellt sein: Ich lass' mich auf Handeln und Feilschen nicht ein! Es soll sich keiner die Mühe geben, Von den Bedingungen, die ich soeben Als Basis für mein Ins-Jenseits-Wandeln Genannt hab', irgendwas abzuhandeln! Denn ob Sie nun zweifeln daran oder lachen, Ich kann es in keinem Fall billiger machen. Wenn man schon stirbt, dann muß es sich lohnen, Das sind meine äußersten Konditionen! Ich werde mich sträuben mit Füßen und Händen, Im Wege der Schafblattern mein Leben zu enden! Entweder man findet sich willig bereit, Meinen Wünschen nach Art und Zeit Meines Dahinganges Folge zu geben Oder – ich bleibe eben am Leben! Ich lass' mir doch nicht meine Laune verderben. Schließlich und endlich, ich muß doch nicht sterben! Bewilligt man mir meine Forderung nicht, Dann leg' ich auch auf meinen Tod kein Gewicht. Hier gilt, wie nirgends, das Wort, das bekannte: »Sie woll'n also nicht? Nicht, nicht, liebe Tante!« Übrigens, meiner Bedingung wegen Können Sie sich es ja noch überlegen. Ich kann mich beherrschen, ich wart' vorderhand. Mein Tod ist mir ja schließlich nicht gar so pressant! Ich kaprizier' mich nur nicht auf mein Leben, Aber wenn es nicht anders geht, lebe ich eben! Und zwar, notabene, genau beseh'n, Lebe ich außerdem wirklich ganz schön! Erstens besitze ich gar kein Vermögen. Ich brauch' mich also nicht aufzuregen Oder – wie andere Leut' – mich zu sorgen, Ob meine Bank auch noch sicher bis morgen. Das hab' ich nicht nötig, Gott Lob und Dank, Ich hab' gar kein Geld, also was brauch' ich die Bank? Zweitens hab' ich auch keine Geliebte. Damit ist natürlich auch für das geübte Auge des Kenners gesagt schon hienieden: Das äußerste Unglück hab' ich vermieden! Denn wie das Malheur eines Verhältnisses groß ist, Das sieht man erst, wenn man es endgültig los ist, Ja, ich möchte fast sagen, der Tag, wo man's los wird, Ist der einzige, wo ein Verhältnis famos wird. Nur leider mißglückt der Versuch meistens kläglich, Ich wenigstens halt' ihn für beinah' unmöglich! Das macht ja das Unglück beim Verhältnis so groß: Erst will man's, dann hat man's, und dann wird man's nicht los! Verhältnisse sind wie die zähesten Kletten, Da gibt es nur ein Mittel, rasch sich zu retten. Das einzige Mittel, und das ist meins: Das beste Verhältnis ist – man hat gar keins! Und sehn Sie: das hab ich! So klug und gescheit War ich schon immer die ganze Zeit! Ich habe noch nie nach einem Mädel geschnappt, Ich habe noch nie ein Verhältnis gehabt; Zufrieden und glücklich in seliger Ruh' Bring' ich mein irdisches Dasein zu, Ja, ich lebe beinah' wie im himmlischen Eden – Und da fängt man mir an jetzt vom Sterben zu reden! Nun, sagen Sie selber: Wie finden Sie das? Soll das ein Jux sein? Ist das ein Spaß? Sind denn die Menschen rein schon wie toll? Ich seh' gar nicht ein, warum ich sterben soll! Aber natürlich, auf diese Idee Kommen die Leut' nur im Cabaret! Gott, wenn ich denke, für welchen Beruf Mich ein erbärmliches Schicksal schuf! Ein Beruf, bei dem ich von meinen Gebrechen In Wahnsinn gewordenen Versen muß sprechen; Ein Beruf, bei dem, um bezahlt zu werden, Ich wie ein Verrückter mich muß gebärden, Bei dem ich zu fremder Menschen Genuß, Um leben zu können, sterben muß! Ich bin schon kein Mensch mehr. Wie komm' ich dazu? Jetzt möcht' ich nur eines: ich möcht' meine Ruh'! Mein Ehrenwort, um meine Ruh' zu erwerben, Möchte ich eventuell sogar sterben! Natürlich nur, wenn man mir fix garantiert, Daß im Jenseits noch kein Cabaret existiert! Und wenn ich dann droben in seliger Ruh' So gegen halb zwölf Uhr mir auszieh' die Schuh' Und denk' mir dabei: »Wenn ich jetzt wär' am Leben, Dann müßt' ich mich grad ins Cabaret noch begeben, Aber glücklicherweise hat's damit keine Not, Denn, Gott sei's gelobt und gedankt, ich bin tot ...« Sehn Sie, das wäre mein schönstes Erlebnis, Und deshalb nur freu' ich mich auf mein Begräbnis!     Entwürfe für ein Grünbaum-Monument         Einst wenn ich satt hab' die menschliche Herde, Und wenn ich nichts Bess'res zu tun haben werde Und schlecht werd' gelaunt sein, weil's draußen wird regnen, Werde ich einfach – »das Zeitliche segnen«. Ich werde »beschließen mein ruhmvolles Leben«, Ich werd' »in die bessern Gefilde entschweben« Und »aufgeben (rekommandiert!) meinen Geist,« – Kurz, was man auf deutsch eben » Sterben « heißt. Natürlich sterb' ich nicht nur so daher, Ich bin doch kein Bauer, ich bin doch wer: Ein Priester der Dichtkunst, ihr oberster Diener ... Was brauch ich viel reden: der Abgott der Wiener! Und wie ich die Wiener schon kenn', die mich schätzen, Werd'n sie natürlich ein Denkmal mir setzen. Und über das Denkmal mach' ich mir Sorgen: Wie wird das ausschau'n heut' oder morgen? Ich hab' an ein Reiterstandbild gedacht, Da sitz ich droben in eiserner Pracht, Die Rechte halt' ich wie segnend erhoben, Das Pferd galoppiert, und ich – bleib' droben! Bei Lebzeiten hätt' ich das niemals riskiert. Ich bitt' Sie, wie rasch ist beim Roß man blamiert! Links steig' ich hinauf vor den Leuten ganz munter, Und rechts komm' sofort ich dann wieder hinunter. Zu Lebzeiten muß ich blamier'n mich beim Reiten, Schon wenn ich aufsteigen tu' vor den Leuten, Doch als Denkmal kann leicht ich zu Pferde mich zeigen, Da brauch' ich vor ihnen nicht aufzusteigen. Da sitz' ich schon d'rauf, wie auf sicherem Thron, Ein Roß aus Metall kann nicht laufen davon, Da gibt es kein Rutschen, kein Fall'n, kein Entgleisen, Ich bin aus Eisen, das Pferd ist aus Eisen, Wir zeigen zum Himmel in eisernem Glanz, Ich mit der Hand und das Roß mit dem Schwanz! So weit hab' ich alles mir ausgedacht, Das Roß und den Reiter, den Glanz und die Pracht, Ich hab' mich direkt schon verliebt in das Pferd, Aber – die ganze Idee ist nichts wert! Ich möcht' ja gewiß, als Reiter, als kecker, Ausschau'n wie frisch grad vom Zuckerbäcker, Doch wär' auch das Denkmal so nett wie ein Kuchen, Was hab' ich als Dichter auf Rössern zu suchen? Ein Poet steigt nicht auf und sitzt nicht zu Pferd, Der sitzt im Kaffeehaus und bleibt auf der Erd'. Es würde gewiß imposant ausschau'n, Doch wenn ich mit Pferd mich in Marmor lass' hau'n Oder beritten in Eisen lass' drechseln, Wird man mich mit dem Radetzky verwechseln! Schrei'n werd'n die Leute, sobald sie mich sehn: »Gott, war doch dieser Radetzky schön! Wie er nur dasitzt! ... No, ist das ein Held? ... Bißl größer nur hätt' ich mir'n vorgestellt! So scheint's aber immer bei Helden zu sein, Napoleon, hör' ich, war grad so klein! Aber da sieht man, es kommt halt beim Mann Auf den Geist und nicht auf die Meters an. Den Kopf vom Radetzky muß man betrachten, Bowele, was der gewonnen hat Schlachten!« So wird man erzähl'n von Radetzkys Taten, Daß er der Vater war seiner Soldaten, Radetzky da und Radetzky dort, Von Grünbaum dagegen – nicht ein Wort! No sagen Sie, bitte, ist das ein Vergnügen? Dazu soll ich ein Denkmal kriegen, Daß alle Leute in Permanenz Reden nur soll'n von der Konkurrenz? Drum schütz' mich vorm Reiterstandbild der Himmel, Denkmal ja, aber nicht per Schimmel! Soll ich so leben, wie manche Nacht Ich über mein Denkmal hab' nachgedacht, So hab' ich mir also nach qualvollen Tagen Endlich das Roß aus dem Kopf geschlagen. Mit der Zoologie geht die Sache nie, Wie wär's aber dann mit der Mythologie? Vielleicht geht's in griechischer Auffassung eher: Als blühender Jüngling, halb Sänger, halb Seher?! Mit dem Kranz auf dem Kopf und der Leyer zur Hand, Sonst aber mit – ohne alles Gewand?! ... Wie soll ich das Ihnen erklären gleich fein? Versteh'n Sie mich recht: so – »Grünbaum allein...«, So – – – »ganz naturell«, ... à la Paradies ... So nix um die Hüften und nix um die Füß ... Quasi so ... »Grünbaum an sich«, wie man sagt ... Versteh'n Sie mich recht? ... Also: Grünbaum nackt! Doch auch diese Idee lass' ich fallen geschwind, Denken Sie nur, wenn's zu regnen beginnt! Ich hab' Poesie, aber nicht Heroismus, Ich will ein Denkmal, aber nicht Rheumatismus! Außerdem möcht' ich mich schrecklich genier'n, Als Nacktmonument mein Dasein zu führ'n, Wie immer ich steh', zum Schluß zeig ich her Der Hälfte des Volks mein nacktes Revers. Das muß doch die Leut' in Erregung bringen, Grünbaum als – Götz von Berlichingen! Ferner noch muß vor der ganzen Stadt Vorne ich tragen – ein Feigenblatt! No, jetzt stell'n Sie sich vor, wenn im glühenden Wind Die Sache im Sommer zu welken beginnt. Schön möcht' das Publikum schimpfen und zetern, Wenn ich da anfang' mich roh zu entblättern! Da werden die Leute erschüttert steh'n Und – der nackten Wahrheit ins Auge sehn! Nein, diese Blamage muß bleiben mir fern, Wenn schon ein Denkmal, dann nur modern! Im Frack und Spazierstock mit goldenem Knopf, Den steifen Hut auf dem Lockenkopf, Die Arme verschränkt und den Blick in Äonen – Und in der Hosentasch' – zehntausend Kronen! Und wenn in der Nacht sich kein Lüftchen mehr rührt, Und wenn sich das Volk, das mich liebte, verliert, Dann schar'n wie um Orpheus, den griechischen Dichter, Die Tiere ums Denkmal sich. Lichter und lichter Scheint uns der Mond, und mein Minnesang ruft Die Hund' auf der Erd' und die Vögel in der Luft, Und hoch über mir zieh'n die Schwalben die Kreise, Und am Sockel lehnen die Hunde leise, Und all das Getier wird beim Sterneblitzen Mein Denkmal bei Nacht zum Benetzen benützen , So tut das Getier seine Liebe mir kund, Von oben die Vögel, am Sockel der Hund!     Mein Kollege, der Affe Ich – und das Publikum         Ich hab' einen Haß auf das Publikum! Ich schwör's – ich schau' mich nicht einmal um. Wenn ich hier auf dem Podium steh' Und notgedrungen hinunterseh' – – Natürlich – jetzt schrein Sie sofort drauf »Oho!« Aber was soll ich mir tun? Es ist trotzdem so. Und wenn Sie auch schrein, daß die Ohren mir klingen, Sie können ja doch nicht zur Liebe mich zwingen! Sagen Sie mir lieber, meine Herr'n und Frau'n, Warum soll ich ja hinunterschaun? – – Und wenn ich schon schau', was kann ich schon sehn? Zwei Dutzend Damen – – wie der Frühling so schön! Und wenn sie so schön sind wie Sonnenschein – Was hab' ich davon? Sie sind doch nicht mein! Und wenn sie auch alle die meinigen wär'n, Kann ich zwei Dutzend Frauen ernähr'n?! Ganz abgesehen davon, daß doch nur den Türken Gestattet ist, mehrfach als Gatte zu wirken – – Kurz – wegen der Damen, das wird man gestehn, Hab' ich keinen Grund hinunterzusehn. Peut-être also wegen der Herrn? Sehen Sie: die hab' ich doppelt gern! Man muß sie nur sehn, wie sie unten sitzen, Indes ich versuch' mit den Witzen zu blitzen! Bei Offizier'n und Adelssprossen Bin ich von vornherein schon erschossen! Ich bin ja kein winziges Wickelkind Und bild' mir nicht ein, die Herrschaften sind Nur meinetwegen hiehergekommen, Weil sie von meinem Geist vernommen! Ich weiß, was ich weiß! Adel und Militär, Die lockt nur der Sekt oder Liebesdurst her! Und selbstverständlich, bei so einem Durst Sind einem die schönsten Gedichte Wurst. Ich kann mich zerreißen – umsonst ist der Müh' Lohn, Die Herrn int'ressiert die Kollegin Ypsilon! Das macht die Kollegin im Handumdrehn so, Vielleicht mit der Stimme, aber meist mit – Trikot! Da sitzt so ein Edler beim Pommery munter, Er schaut auf die Bühne, die Kollegin hinunter, Dann schaut sie hinunter, und er schaut hinauf Und dann geht sie ab und – – ich trete auf! Ausgerechnet – – Gedichte vortragen! Unten hört man die Herzen noch schlagen, Das Blut, es siedet, der Puls, er hämmert, Und ich? Wie steh' ich dann da? – Belämmert! Was bleibt mir dann übrig? – Ich drehe mich um – Und hab' einen Haß auf das Publikum!!! Vielleicht bin ich auch ungerecht. Vielleicht sprech' ich vom Adel nur schlecht, Weil ich mich kränk', daß vor fünfhundert Jahren Meine Ahnen nicht auch schon Raubritter waren, Sondern vielmehr, wenn die Raubritter rauften, Billige Rüstungen ihnen verkauften! – – Und meine Stellung zum Militär , Die rührt vielleicht von dem Umstand her, Daß, wie ich zur Assentierung gekommen, Man gelacht hat und mich nicht genommen! Der Neid hat vielleicht den Charakter verdorben! Ich wäre ganz gern als General gestorben! Warum? General Grünbaum sicher kein Hohn is'! Napoleon war doch auch kein Adonis, Und ob man aus Korsika, oder aus Mähren, Das kann doch die innere Kriegskunst nicht stören! Wo steht denn geschrieben – man soll mir das nennen – Daß ich keine Schlacht hätt' gewinnen können? Mit einem Wort, es hat den Schein, Ich sag' nicht, es ist so, aber es könnte doch sein, Daß ich das Militär und den Adel Aus innerer Mißgunst ungerecht tadel'! Dann hätt' ich doch aber die Bürgerlichen Gewiß aus meinem Hasse gestrichen, Denn wenn auf die Titel nur neidisch ich bin, Dann hat doch der Bürgerhaß gar keinen Sinn. Machen wir's kurz: was brauch' mit Gefühlen Ich hier noch lange Verstecken zu spielen. – Sie sind doch gescheit und nehmen's nicht krumm: Ich bin auch kein Freund vom Bürgertum . Die Herrschaften, die aus den Bürgerkreisen Dem Kabarett die Ehre erweisen, Die mußten sich grad dem Geschäfte entwinden, Und jetzt sind sie hier, um Erholung zu finden. Sie amüsieren sich nach ihrer Weise, Auf jegliche Art, aber nur nicht leise. So kann ich zum Beispiel oft Herren begrüßen, Die nie die Gewohnheit haben, zu niesen, Doch grad', wenn ich auf dem Podium steh' Und eine zarte Pointe dreh' Und immer leiser und leiser spreche, Damit ich die Wirkung des Witzes nicht breche, Und plötzlich dann mach' eine Pause ganz fein – – Da niest mir der Brave mitten hinein. Man glaubt, daß die Häuser der Nachbarschaft brennen, Ein Niesen, das nicht mehr ein Niesen zu nennen, Und das, wenn der Herr sich mit weniger begnügte, Für sämtliche Schnupfen von Deutschland genügte! Natürlich, dann bin ich mit meiner Predigt Und meiner gesamten Lyrik erledigt, Und während das Niesen noch um sich greift, Steh' ich hier oben – eingeseift. Ich kann doch die Verse nicht lauter blasen Als zweihundertfünfzig rebellische Nasen. Weil Schiller geschrieben den Kampf mit dem Drachen , Brauch' ich doch nicht liefern den Kampf mit dem Rachen . Ich krieg' ja doch schließlich die Gage nicht dafür, Daß ich mit Rachenkatarrh'n konkurrier'! Ich könnte noch vieles mehr erzählen: Allein wozu? Was soll ich Sie quälen? Ich hoffe, mit den vorhandenen Gaben Ihnen schlagend bewiesen zu haben, Daß mein Prinzip nicht gar so dumm – Ich hab' einen Haß auf das Publikum! Damit könnt' ich schließen für heut' mein Gedicht, Allein so ein Esel bin ich doch nicht. Wer garantiert mir, daß meine Reime Vom Haß gegen's Publikum mir nicht im Keime Jeden Applaus zum Schluß untergraben? Wenn ich jetzt schließ', kann die Ehre ich haben, Daß einige von den erregten Gemütern Mit Zischen meine Stellung erschüttern! Das wäre doch töricht! Hab' ich das nötig? Ich hab' doch noch andere Schlüsse vorrätig. Drum sag' ich jedem, der sich beklagt: »Ich habe alles im Spaß gesagt!« Niemand soll drüber geraten in Hitze, Alles, was ich gesagt hab', war'n Witze. Ich wollte das Publikum nicht beleidigen, Im Gegenteil: ich will es verteidigen (Schon deshalb, weil ich innerlich klug) Bis zum letzten Atemzug. Und sollt' ich nach vielen Jahren mal sterben, Dann will ich es meinen Kindern vererben: Oh seid, wie euer Vater, nicht dumm – – Er liebte fanatisch das Publikum.     Tante Sali         Die Tante Sali war immer dagegen. Sie ist meiner Mutter in den Ohren gelegen: »Schau, dein Fritz ist so nett in der Näh', Was läßt du den Buben zum Cabaret? Im feinsten Geschäft wär' er untergekommen, Polnauer hätt' ihn sicher genommen, Kaiserlicher Rat könnt' er heute schon sein. Aber nicht genug an dem Unglück allein, Daß er statt als Kaufmann als Dichter dasteht – (Ich schwörs, daß unser Vater im Grab sich umdreht!) – Läßt er sich auch noch im Cabaret sehn, Ich war noch nicht drin, die Schand' in der Näh sehn!« Bei dieser Predigt ist meine Mama Gestanden zuerst ganz trübselig da, Dann hat sie gesagt: »Ja schau, liebe Sali, Der Fritz ist kein Mann für Natron und Kali Oder andre Artikel der Industrie, Jeder hat eben ein andres Genie. Außerdem ist das Theaterspiel'n heut Nicht so verrufen wie seinerzeit. Auch da ist man nobel, besonders als Mann, Schau dir den Ritter von Sonnenthal an.« Da schrie die Tant' Sali, vor Ärger ganz rot: »Wo soll ich ihn anschaun? Er ist doch schon tot! Aber du siehst natürlich schon adlig den Sohn. Ritter von Grünbaum! ... Wo rittert man schon?!« »Ich red' nicht vom Adel,« sprach meine Mama, »Ich mein' die Erfolge, und die sind da. Du müßtest dir einmal nur anhör'n die Sachen, Wie die Leute im Cabaret über ihn lachen!« Da sagte die Tante: »Und das find'st du schön? Was schon für Leut' heut' ins Cabaret geh'n! Heut' tun sie lumpen und morgen verkrachen, Auch eine Ehre, wenn die schon lachen! Ob du mirs glaubst, man sagt in ganz Wien: ›Der Grünbaum ist gut, aber schad' ist um ihn!‹ Er ist ja beliebt als Künstler, gewiß, Aber was mir der Bankverein lieber is! Heut' wär' er dort mindestens schon Prokurist, So gesund soll ich sein, was das besser ist! Und der Epstein hätt' ihm die Tochter gegeben ... Ein braves Mädel – soll ich so leben! – Gebildet, häuslich und aufgeweckt ... Und die Mitgift hätt' ihm gar nicht geschmeckt?! Aber nein, er fühlt sich nur wohl bei den Räubern. Zieht sich herum mit Theaterweibern, Daß die ihn wurzen, sieht er ja nicht, Meint, das geht auf sein schönes Gesicht! Nu, soll er bleiben bei diesen Damen! Was kann man da machen? Von mir aus? Amen! Die Epstein, behauptet er, ist ihm zu häßlich, Zwei linke Füß', sagt er, sind ihm zu gräßlich, Wenn er sie anschaut, wird ihm schon mies ... Bei zweihundert Mill will er noch schöne Füß'! Der Fritz ist dein Sohn, also sei mir nicht bös, Aber die Epstein ist mir lieber als sechs Cabarets! Beim Theater vielleicht wirds Schönere geben, Dafür hätt' er da ein Familienleben, Könnt' ausgehn als bessrer Familienvater Am Samstag in' Tempel, am Sonntag ins Theater, Am Montag wieder ins Grünfeldkonzert, Wie sichs für anständige Menschen gehört, Dienstag bei Seligs, Mittwoch bei Steins, Donnerstag ist doch der Jour bei den Kleins, Freitag beim Schwiegerpapa zum Exempel, Und Samstag geht man wieder in' Tempel! Das ist Manier, das ist guter Ton. Aber natürlich, drauf pfeift ja dein Sohn! Wirklich, Gott soll mir die Sünde verzeih'n, Er lebt wie ein Vieh in den Tag hinein, Und alles für was? Für Not und für Schulden! Was kann er verdienen? Hundert Gulden! Ein Mensch soll von Dichten leben heut' und Schmus ... Mein Roserl stoßt ihn nicht weg mit dem Fuß!« Bei dieser Predigt ist meine Mama Gestanden zuerst ganz trübselig da, Dann hat sie gesagt: »Vielleicht hast du recht, Aber eins muß ich sagen: der Fritz lebt nicht schlecht! Zweitausend Kronen hat er monatlich fix, Und ebendasselbe verdient er wie nix An Tantiemen, hat er gesagt. Es ist ja nicht nobel, aber – es tragt!« Da hat die Tant' Sali so Augen gemacht: »Soviel verdient er? Wer hätt' das gedacht?« »Was hat er davon?« hat gesagt die Mama, »Gesellschaftlich steht er als Niemand da!« Die Tant' aber hat nur gemurmelt für sich: »Viertausend Kronen – monatlich!« »Und,« hat dann weiter gesagt die Mama, »Siehst du, darüber kränk' ich mich ja. Geld und Erfolg, ich freu' mich nicht drüber, Wär' er beim Bankverein, wär' es mir lieber!« Da gibt sich die Tant' einen heftigen Ruck Und sagt zur Mama: »Du, jetzt hab' ich genug! Wie kann man das Glück seines Kindes verschrein! Was willst du, ich bitt' dich, vom Bankverein?! Er müßt' doch dort jährlich von dem werden satt, Was er beim Cabaret monatlich hat. Die Zeiten von früher sind, Gott sei Dank, tot, Heut muß man eins sein: Mann für sein Brot! Hat man schon so etwas jemals gehört? Die Mutter soll über den Sohn sein empört? Ein Mann, der verkehrn kann, mit wem es ihm paßt? Ich versteh' dich nicht, was du für Ansichten hast! – – – Übrigens, was hab' ich nur wollen sagen? – – Ja! ... Roserl hat mir doch aufgetragen, Dein Fritz soll sich wieder bald anschauen lassen, Siehst du, die zwei möchten zusammenpassen, Da wär'n zwei verwandte Naturen vereint ... No, ich hab' nix gesagt, ich hab' nur gemeint! Das mit der Epstein, das war nur ein Spaß. Zweihundert Mill? No, was nutzt ihm das? Sie hatscht mit den Füßen, es lacht schon ganz Wien. Siehst du, mein Roserl, das wär' was für ihn! Der Epstein soll er den Laufpaß geben Mitsamt ihrem faden Familienleben. Dein Sohn hat eben ein eignes Genie, Das ist kein Mann für die Industrie, Für solche Artikel wie Natron und Kali ... Sag', ich hab's gesagt, deine Schwester, die Sali! Er hat einen Platz, wo man glänzen kann – Schau dir den Ritter von Sonnenthal an! Er hat Erfolge beim Cabaret, Was sind dort für Leut'? Lauter haut-volée, Der braucht keine Jours, keinen Stuß und den Schmus, Die Epstein stoßt er nicht weg mit dem Fuß, Für den weiß ich eins , aber das ganz genau: Für Fritz ist mein Roserl – die einzige Frau!«     Das Publikum             Wenn ich so abends im Cabaret Schmonzes plaudernd auf dem Podium steh', Da grübel ich oft so in mich hinein: Wie reizend könnt' mein Beruf doch sein, Und wie wär' mir beim Cabaret alles doch recht – Wenn's nur kein Publikum geben möcht'! Selbstverständlich, meine Damen und Herrn, Liegt mir jede Beleidigung fern. Denn erstens bin ich der Mensch nicht, der rauft, Zweitens hab'n Sie doch Karten gekauft, Und ich werd' mich doch feindlich nicht zeigen den Leuten, Die indirekt meine Gage bestreiten! Und drittens: im Publikum sind doch mitunter Ganz sympathische Menschen darunter! Kaufleute, Ärzte, Soldaten, Juristen ... Man liebt sie, teils weil sie brave Christen, Und teils, weil sie's nicht sind, was auch keine Schand' ist, Weil man mit ihnen stammesverwandt ist! So wär' also gegen das Publikum, Mag man die Sache auch rundherum Betrachten nach allen Ecken und Enden, Prinzipielles nicht einzuwenden! Die Leute sind da, sie woll'n etwas seh'n, Sie haben bezahlt, also gut! No schön! Es ist aber leider gar nicht so schön. Und warum es nicht schön ist, das soll'n Sie gleich seh'n! Es klingt zwar befremdend und fast schon empörend, Aber eigentlich wirkt doch das Publikum störend! Schau'n Sie, der Mann, der auf dem Podium steht, Soll sich versenken wie in ein Gebet In seine Lieder und seine Gedichte. Das ist aber eine schwere Geschichte, Sobald er von oben, vom Podium Hinunterschauend ins Publikum, Einen Herrn in der ersten Reihe erblickt, Der verstohl'n seine Dame in den Oberarm zwickt. Gott, schließlich geht das den Künstler nichts an, Vielleicht ist die Dame die Frau von dem Mann; Aber ob er nun Gutes, ob Schlechtes sich denkt, Jedenfalls ist er abgelenkt! Er schaut in den Zuschauerraum beleidigt, Indem er seinen Standpunkt verteidigt: Das Publikum ist, der Gedanke liegt nah, Doch zum Zuschau'n und nicht zum Zwicken da! Hier aber seh' ich den Fall ganz verrückt: Der Künstler muß zuschau'n, wie der Zuschauer zwickt! Wie soll ich behalten im Kopf die Gedichte Mit dem verliebten Gezwick vorm Gesichte? Ich rezitier', und der Zuschauer packt, Er kommt in Feuer, – und ich aus dem Takt! So bring' ich die besten Gedichte mir um, Und wer ist dran schuld? Das Publikum! Notwendig hatt' ich's, zum Cabaret rennen! Hätt' ich zuhause nicht auch dichten können?! Hält man's schon ohne das Dichten nicht aus, So ist es am besten, man macht das zuhaus! Man schwingt auf den Pegasus kühn sich empor Und trägt dann das Gedicht der Familie vor! Die Mama ist erschüttert, die Schwester gerührt, Und mein Schwager, der Kornitzer, enthusiasmiert! Und das Schönste: die Sache geschieht ohne Müh'n, Ich brauch' mir dazu keinen Frack anzuzieh'n! Vorm Publikum aber muß ich das ja. Gespornt und gestiefelt muß stehen ich da Am Abend im Glanze der Podiumlichter. O wär' ich doch lieber Familiendichter! Da hätt' ich ein kleines Gedichtel gemacht, Und der Rudi, mein Bruder, hätt' drüber gelacht, Und hätte er nicht gelacht, herzlich und laut, Dann hätt' ich ihm eine heruntergehaut! No, unberufen, was mir könnt' passier'n, Wollt' ich beim Publikum so was probier'n! Das macht ja den Jammer so fürchterlich toll: Das Publikum ist doch so anspruchsvoll! Daß Einer ein Dichter, genügt nicht allein, Es soll'n die Gedichte auch gut noch sein! Was das Publikum alles verlangt! Statt daß es Gott für den Dichter dankt! Das Publikum ist wie ein fetter Kapaun: Es ist entzückend, aber schwer zu verdau'n! Und dennoch: ich komme darum nicht herum, Ich habe ein Faible fürs Publikum! Mein Wort, ich schaue mit Wohlwoll'n hinunter. Vielleicht weil so reizende Damen darunter. Haben Sie eine Idee, wie das ist, Wenn der Anblick so lieblicher Frauen mich grüßt, Und ich schau' sie mir an, jede lächelnde Kleine, Und denk' mir dabei: »Gott sei Dank, 's ist nicht meine!« Ich sehe Brillanten im Ohre ihr strahl'n Und seufze erleichtert: »Ich brauch's nicht bezahl'n!« Ich seh' sie graziös ihr Champagnerglas schwingen, Und der Kellner kann mir die Rechnung nicht bringen! Sie lächelt, und dann applaudiert sie mir heiter, Und die Karten dafür bezahlt ihr Begleiter, Ich sehe bewundernd die zierliche Fee, Ich hab's Plaisir, und er zahlt's Entree! So bin ich umgeben von reizenden Frau'n, Die ich Abend für Abend beseligt darf schau'n, Und da wird mir so warm, und da komm' ich in Rage, Und es kostet mich nichts, und ich krieg' noch die Gage, Ein ausgiebiges Existenzminimum – – – – Ich liebe dich, reizendes Publikum!     Mein Kollege, der Affe             Voriges Jahr (ich glaub', 's war im März, Ich hab' noch getragen den Mantel mit Nerz, Wo mein Freund, der Merores, war d'rüber so paff ...) Da war im Apollotheater ein Aff'! Ich mein' aber nicht im Publikum, Sondern hier oben am Podium. Der Aff' ist nämlich ein Künstler gewesen, Genau so wie ich. Man konnte ihn lesen Auf allen Plakaten, im roten Rahmen, Sein Name stand gleich über meinem Namen, Nur doppelt so fett und in dreifacher Höh', Er war auch schon länger beim Varieté Und viel berühmter als ich deswegen. Also ich und der Aff', wir waren Kollegen. Wir war'n im Theater zusamm' engagiert, Wir waren beide groß annonciert, Ich, weil ich hübsche Gedichtlein schaff' Und er wieder, weil er ... er war halt ein Aff'! Ein blödes Gesicht hat der Kerl gehabt ...! Er hat immer so mit den Augen geklappt Und ewig dabei sich gekratzt immer so Da rückwärts – – – nur Ruhe, ich sag' schon nicht, wo! Aber Haare hat er gehabt! So viel, So weich und so lang und so wo man nur will, Auf dem Kopf, auf dem Hals und auf allen vier Tatzen ... Ich hab' ihn beneidet mit meiner Glatzen! Und nicht nur, weil stark er mit Haar'n war bekleidet, Ich hab' überhaupt den Affen beneidet. Es ist ja nicht schön, er war mein Kollege, Aber er war mir halt immer im Wege! Z. B. die Bilder von ihm und von mir War'n aufgehängt gleich rechts bei der Tür, Wenn man hereinkommt ins Foyer, Damit sie sofort das Publikum seh'. Also wie ich am Ersten in's Foyer komm', Und unsern Bildern rechts in die Näh' komm', Seh' ich drei reizende mollige Frau'n, Wie sie sich grad uns're Bilder beschau'n, Und hör', wie die Schönste von ihnen grad spricht: »Gott, hat der Aff' ein blödes Gesicht! Das Maul so breit und die Lippen so dick, Schaut euch nur an den vertrottelten Blick! ...« Also ich hätt' sie am liebsten umarmt deswegen. Man hört ja so gern, wenn wer schimpft auf Kollegen! Aber wie ich dann hinschau', knapp hinter ihr, – Was sagen Sie jetzt? – war's das Bild von mir! So eine Frechheit, ich war ganz paff, War'n die der Meinung, ich bin der Aff'! Dabei war ich nicht einmal ähnlich dem Viech, Der Aff' war nämlich viel schöner als ich! Dafür aber war er bedeutend blöder. Und trotzdem war er für alle ein Köder. Der Direktor sogar hat umschmeichelt ihn, »Herr Moritz« her und »Herr Moritz« hin, Er hat ihn gegrüßt von weitem schon, Und ich – war das Stiefkind der Direktion. Ich bitte sehr, durch volle vier Wochen Hab' ich die schönsten Gedichte gesprochen, Und was war der Lohn, daß ich Müh' mir genommen? Dreitausend Kronen hab' ich bekommen! Der Aff' ist aber mit verblödeter Miene Gekommen gewatschelt heraus auf die Bühne, Hat sich rechts verbogen und links verbogen, Dann hat er die Beinkleider ausgezogen, Und wie er im Hemd war, hat er sich jetzt Still auf ein weißes Gefäß gesetzt. Ich bitte, das war seine Produktion, Ich geb' nichts dazu, und ich nehm' nichts davon! Ich weiß zwar nicht, wo da die Kunst drin liegt, Aber dafür hat er achttausend Kronen gekriegt! Ich bitte sehr, woll'n Sie sich vorstellen jetzt, Ich hätt' mich hier auf – das Weiße gesetzt, Ich treff' die Kunst auch, und ohne Geschrei No glauben Sie, 's möcht' mir wer zuschau'n dabei? Und wenn man auch wirklich schon zuschau'n möcht' mir, Geld geben möcht' mir kein Mensch dafür! Und seh'n Sie, der Aff' hat die dreifache Gage, Er ist der Star und ich – die Bagage, Der Aff' nur erklettert die Ruhmeshöh', Drum geh'n so viel Affen zum Varieté. Die Affen sind groß, die Affen verdienen, Und ich bin ein kleiner Kollege von ihnen! Drum hab' ich den Moritz so bitter gehaßt, Ermorden hätt' ich ihn können fast. Bei ihm hat gewackelt vor Beifall das Haus, Bei mir aber war fast niemals Applaus! Halt! Einmal erblickt' ich zwei klatschende Händ': Es war ein entzückender Theateragent. Ich hab' da ein kleines Gedicht vorgelesen – – Es ist nicht einmal so komisch gewesen – Aber wie ich die ersten drei Worte gesprochen, Ist mir der unten in Brüll'n ausgebrochen, Ich weiß nicht, wieso ich mir den hab' gewonnen, Die Tränen sind ihm heruntergeronnen! Und eh' ich noch fertig war, drückt ihn das Lob Und er stürzt hinauf in meine Gard'rob. Dort ist meine Frau grad ruhig gesessen, Die mich erwartet hat unterdessen. Da stürzt der Agent durch die Türe herein, – »Gnädige Frau, Sie müssen verzeih'n, Aber durch mich soll'n Sie Geld verdienen. Sagen Sie mir, gehört der Aff' Ihnen?« – »Was für ein Aff'?« fragt die Frau ganz entsetzt. – »No der, was Gedichte grad unten sagt jetzt!« Meine Frau wollt' den Mann unterbrechen, Doch der schreit: »Ich hab' nicht gewußt, er kann sprechen. Wissen Sie, Gnädige, ich war ganz paff. Ein Aff', was Gedichte macht, das ist ein Aff'! Erst hab' ich gedacht, er ist gar kein Vieh, Sondern ein Mensch, so wie ich und wie Sie, Doch dann hab' ich wieder gesagt zu mir, ›nein, So häßlich wie der kann ein Aff' nur sein!‹ Ganz unter uns gesagt, was er da red't, Ich mein' die Gedichte, sind ja sehr blöd, Aber was will man? Man muß doch gesteh'n, Für einen Affen sind sie ganz schön!« – – – An diesem Abend hab' ich beschlossen, Der Aff' soll mir niemals mehr spiel'n einen Possen. Ich lass' mir jetzt langsam die Haare wachsen Und lern', mich zu kratzen am Hals mit den Haxen. Und wenn ich imstand' bin, zu sitzen auf Stangen Und mitten im Sprung einen Floh zu fangen, Erst dann, wenn ich flott auf den Händen geh', Dann komm' ich zurück auf das Varieté. Dann werden entzückt mich empfangen die Leute, Dann werd' ich mich nennen »Moritz der Zweite«, Dann bin ich ein Künstler und mache Sie paff, Aber nicht mehr als Dichter, sondern – als Aff'.     Silvester 1914 / Silvester 1918 Silvester 1914         Das ist das ewig Wunderbare Im tollen Wechsel unsrer Zeit: Der Mensch wird älter mit dem Jahre, Und dennoch wird er nie gescheit. Er sieht, solang die Zeiten rollen, Wie arm die Welt an Freuden ist, Und wird's doch nie begreifen wollen! Er ist und bleibt – ein Optimist! Er hofft, je älter, desto fester, Und speziell gar am Silvester! Sobald der Christbaum angezündet Und sich in sanftem Lichterglanz Auf unserm Tisch der Karpfen windet, Zieht er bedächtig die Bilanz. Da zeigt sich denn das Sonderbare, Es gleichen sich im Zeitgebraus Die Dienstboten und neuen Jahre: Man wechselt sich nichts Bess'res aus! Man soll das Alte nicht entlassen Und dumm aufs Neue Hoffnung fassen! Hat je ein Neujahr schon gehalten, Was am Silvester es versprach, Als es den Fußtritt gab dem alten Und in das Meer der Hoffnung stach? Es ist genau so schlecht gewesen! Nur anfangs hat es sich bewährt. O altes Lied vom neuen Besen, Im Jänner hat's noch gut gekehrt! Da war es noch ein Freudengeber, Doch fragt mich nicht, wie war's im Feber? Hat je ein Gatte für die Kleider Der Gattin in dem neuen Jahr Gezahlt noch weniger dem Schneider Als wie's in frühern Jahren war? Zwar trägt sie weniger alljährlich, Weil stets mehr Decolleté sie zeigt. Was hilft es, wird der Stoff auch spärlich? Die Seide schrumpft, die Rechnung steigt. Zu Neujahr stets geseufzt der Mann hat: »Was kostet das, was sie – nicht an hat!« Ist je im Süden oder Norden Ein Weib, das zum Entzücken war, Im neuen Jahre – jünger 'worden? Nein, älter ward sie um ein Jahr! Und schminkt sie sich auch doppelt fleißig, Sie wird ja doch mit Windeseil' Aus neunundzwanzig heute dreißig, Nur – sagt sie euch das Gegenteil! Die Frau wird älter am Silvester, Die Wiener wie die Budapester! So höhnt im hämischen Geläster Das neue Jahr der Pessimist. »Der Teufel hole den Silvester, Damit der Mensch kein Esel ist! Und weiter auch der Teufel hole Die Hoffnung, die uns irreführt, O seid gescheit! ... Trinkt keine Bowle! ... Und trinkt ihr doch, dann – resigniert! Dann wird der Mensch, wenn's Jahr wird um sein, Zwar traurig, doch dafür nicht dumm sein!« Wir aber, die wir Optimisten, Wir wollen gern die Dummen sein! Wir kennen des Silvesters Listen, Und doch, wir fall'n ihm gern hinein! Wir wollen schau'n den Himmel offen Im Glanz des neuen Sonnenlichts, Wir wollen eben einfach hoffen, Und nützt es nichts, so schad'ts doch nichts! Und ob der Pessimist auch läster', Wir wollen feiern den Silvester! An dieses ernsten Jahres Wende Seh'n auf das Alte wir zurück Und legen still in Gottes Hände Der neuen Hoffnung junges Glück. Es tobt ein schwerer Kampf auf Erden. Da schweigt der bleiche Pessimist, Denn ernster, wahrlich, kann's nicht werden, Als es bis heut' gewesen ist! Das ist es, was uns lehren möchte Die größte der Silvesternächte! So wollen wir dem Schicksal sagen In dieser ernsten Neujahrsnacht, Es soll, es muß, es wird bald tagen Und Lorbeer blühn aus dieser Schlacht! In der Gewißheit uns zu wiegen, So woll'n wir den Silvester weihn, Hier steht ein Volk, und das muß siegen, Es muß und wird der Sieger sein! Und dieser Glaube, unser fester, Der heilige uns den Silvester!     Marianka's Feldpostbrief 1.                         Mein lieber Johann, ich schreibe dir ein Brieflein, Es segelt einsam jetzt mein Lebensschifflein, Ich blieb allein zu Haus', du gingst in' Krieg hinaus, Du bist ein Landsturmmann der sehr viel kann, o je, je, jeh!   2. Mein lieber Johann, jetzt werden sie dich hussen, Auf böse Serben und auf schlechte Russen, Geh auf sie los und hau', mich schlugst du auch oft blau, Du bist ein Landsturmmann der sehr viel kann, o je, je, jeh!   3. Bei der Menage wirst du wohl viel vertragen, Doch schließlich hast du auch nur einen Magen, Hast auch zu Haus beim Essen dich häufig überfressen, Du bist ein Landsturmmann der sehr viel kann, o je, je, jeh!   4. Ich fürcht' mich stark nur vor die Russenweiber, Ich bitt' dich, nimm sie nicht als Zeitvertreiber, Soll ihnen sein verehrt, was schließlich mein gehört? Du bist ein Landsturmmann der sehr viel kann, o je, je, jeh!   5. Wenn du zu Haus' kommst und vom Krieg wirst los sein, Werd'n uns're Kinder sicher schon hübsch groß sein, Die werd'n sich freu'n und lachen, wenn wir zwei Hochzeit machen, Hab'n einen Landsturmmann und Vater dann, o je, je, jeh!   6. Dann können leisten wir uns das Vergnügen, Auch noch ein eheliches Kindlein kriegen, Nicht wahr, das traust du dich? Da garantiere ich, Du bist ein Landsturmmann der sehr viel kann! o je, je, jeh!     Silbinger, Perl und Buxbaumholz oder Böse Zeiten!             Bitte, ist die Frau Silbinger hier? Noch gestern hat sie versprochen mir, Sie kommt; das heißt, sie hofft und glaubt, Daß ihr Mann, der Herr Silbinger, es ihr erlaubt. Der Mann ist nämlich meschugge geworden. Er spricht von vergnügungssüchtigen Horden, Wenn er sieht, daß die Leute sich untersteh'n, Heutzutag' ins Theater zu geh'n! Er sagt, es ist eine Frivolität, Überhaupt – und weil's in der Zeitung steht! Nämlich der Silbinger hat auf die Zeitungsspalten Und was drinnen steht, immer sehr viel gehalten, Und jetzt schreibt auf einmal in der Mittagszeitung Der Altenberg zur Weiterverbreitung, Man soll in diesen ernsten Tagen Sich überhaupt jeglichen Luxus versagen, Denn der Luxus gehört zu den Schweinerei'n, Und man soll sich gewöhnen, einfach zu sein! Nun ist doch der Altenberg schließlich Poet, Ein gebildeter Dichter, der was versteht, Und außerdem ist er doch Journalist Und muß also wissen, was richtig ist, Und wenn er jetzt sagt, daß der Luxus gemein, Darf kein besserer Mensch ins Theater hinein. Das hält auch der Silbinger für seine Pflicht, Es steht in der Zeitung, drum geht er nicht! Aber neulich ist er entsetzt gewesen, Da hat er die »Neue Freie –« gelesen, Und dort schreibt auf einmal der Hofmannsthal, Das Theater zu meiden, ist ein Skandal, Die Schauspieler leiden doch Not, wie bekannt, Und schließlich sind sie doch auch ein Stand, Und ihnen zu helfen, ist Pflicht und schön, Und kurz: man soll ins Theater geh'n! Da hat der Silbinger, blaß vor Schreck, Gelegt die »Neue Freie –« weg Und hat gejammert: »Wo ist jetzt die Pflicht? Also soll man geh'n, oder soll man nicht?« Der Peter Altenberg sagt »Nein, Man soll ins Theater nur ja nicht hinein.« Und der Altenberg als gescheiter Mann, Der so schön in der Zeitung schreiben kann, Ist sicher in Kunstsachen passend als Richter ... Aber Hofmannsthal ist doch auch ein Dichter?! Gebildet und tüchtig und weiß, was er spricht, Und der sagt: »Ins Theater geh'n ist unsre Pflicht!« Der Altenberg nein und der Hofmannsthal ja? Wie soll sich der Silbinger auskennen da?! Aber nicht nur der Silbinger ist jetzt nervös; Z. B. da geht's auch zwei Freunden so bös. Ich kenn' die zwei Herr'n schon seit Jahr'n von der Gass', Sie wohnen am Eck von der Taborstraß' Und heißen Perl und Buxbaumholz. Auf die zwei Namen sind sie nicht stolz, Gewöhnlich gleiten sie flüchtig darüber Und rufen sich mit ihren Vornamen lieber, Denn diese sind nobel und passen zum Frack, Der Perl heißt Henry , der Buxbaumholz Jacques! Also Jacques und Henry sind immer gesessen Im »dining-room« beim »dinner«, beim Essen Vor einem Beefsteak mit Worcestersauce; Das Fleisch war brillant, der Champagner famos, Und wenn es zum Weggeh'n gewesen ist Zeit, Hat der Jacques zum Henry gesagt: »Allright«! Dann sind sie zusammen weggegangen, Der Henry im Ulster, in so einem langen, Und der Jacques elegant im Cut-away, Und draußen sagt Jacques zum Henry »Adieu«, Und Henry zu Jacques sagt so ähnlich etwas, »Good bye!« – am Eck von der Taborstraß'! Auf einmal ist's aber losgegangen, Da hat der Rummel angefangen, Das Englische, das man als nobel gewöhnt, Ist plötzlich geworden total verpönt, Und grad so Französisch. Es ist einem jeden Verboten, ab heut' durch die Nase zu reden! Da sitzt der Henry mit langem Gesicht: Der Lendenbraten , der schmeckt ihm nicht. Schon der Gedanke, sagt er, macht Pein, Ein Beefsteak soll – inkognito sein! Da sitzt man im Wirtshaus und fühlt sich verraten. Was soll man sich vorstell'n bei » Lendenbraten «? Man schaut auf das Fleisch und hat Grauen vor ihm – – – Zu was braucht ein Beefsteak ein Pseudonym? So seufzt der Henry, von Kummer besessen, »Nicht einmal halbenglisch darf man mehr essen, Die Haare könnt' ich vom Kopf mir reißen, Heinrich muß ich statt Henry heißen!« Und tief empört, ruft er aus, ganz blaß, »Shocking!« – am Eck von der Taborstraß'! Aber das ist noch gar nichts. Der arme Jacques Schifft sich herum als gescheitertes Wrack. Jahrelang hat er als Jacques sich getragen Und seinen Jakob diskret unterschlagen. Plötzlich ist der Boykott gekommen, Alles Französische ist ihm genommen, Er fühlt sich als Jakob geradezu nackt Und spürt: jetzt hat es sich ausgejacqut! Der arme Kobi, es ist nicht mehr schön, Gestern hab' ich ihn schleichen geseh'n, Er hat gestöhnt: »Ich tu' mir etwas, Fidonc!« – am Eck von der Taborstraß'! Der Heinrich und Jakob sind nicht mehr zu seh'n. Es hat keinen Zweck, auf die Gasse zu geh'n; Denn wenn sich schon wirklich ein Mädel wo zeigt, Die mancherlei zeigt und sich selbst zeigt geneigt, Und man sagt ihr auch richtig: »Ich hätt' eine Bitt', Komm mit,« und sie geht sogar wirklich schon mit, Dann wird mit dem Herrn sie paar Schritte wohl geh'n, Zum Schluß aber wird sie ihn gleich lassen steh'n, Sobald sich auf dringende Frage erweist, Daß der reizende Gentleman – Koberl heißt! Da ist dann das Mädel verschwunden verdrossen, Und Kobi – Jacques – Jakob steht da wie begossen Und murmelt, im Auge das bittere Naß: »Mon dieu!« – am Eck von der Taborstraß'! So leiden die beiden, der Henry und Jacques. Es wird aber einmal noch kommen der Tag, Wo die Leute wieder erlauben werden, Französisch und Englisch zu reden auf Erden. Dann werden die Freunde nicht trauern mehr brauchen Und aus der Versenkung empor wieder tauchen, Dann kommt sich zu steigen der reizende Kerl, Der Buxbaumholz in Begleitung vom Perl, Zu seh'n wird in frischgebügeltem Stolz Der Perl dann sein mit dem Buxbaumholz, Dann wird man die zwei wieder schau'n auf der Gass', Au revoir – am Eck von der Taborstraß'!     Ein Traum             Lang ist es her, daß ich in Hamburg war. Und in den großen Sack der Zeit Fiel, leidbeladen, polternd Jahr um Jahr. Das viele Leid! ... Es macht die Jahre weit, Die sich vom Druck des Übels dehnen. Drei Jahre nur? Nein, eine Ewigkeit! Oft zieht durchs Herz mir flammendheiß ein Sehnen: Du grüner Tierpark, blühst du noch Und gibst ein Heim, so Schafen wie Hyänen? Hältst immer noch die Bestien im Joch, Das Raubzeug, gierig, frech und keck, Das den verhalt'nen Blutdurst dort verkroch? All dies Gelichter, hinter Strauch und Heck', Betreust du 's noch? Bist du der Alte, Der Herr der Bestien? Der Hagenbeck? Wie lang ist 's her, daß, eh' der Sturm sich ballte, Ich lauscht' der Stimme der Natur, Die ungezügelt deinen Park durchhallte! Wie atemlos verfolgte ich die Spur Der blutrauschfrohen Tierinstinkte, Bis freudig die Erkenntnis mich durchfuhr: Der Mensch nur ist es, dem die Gottheit winkte, Indes im Haß die Tiere schnoben. Der Mensch nur ist es, dem ein »Aufwärts!« blinkte. Der Liebe Schätze bleiben ungehoben Der Tiere stumpfer, tauber Schar, Die Menschen aber führt ein Pfad nach oben – – – – – – Lang ist es her, daß ich in Hamburg war! Ich träumte neulich einen bösen Traum: Es ging ein Beben schrecklich durch die Welt, Ein weißer Blitz hat alles Land erhellt, Die grünen Wogen krönt' ein gelber Schaum, Und in den Leib der Erde schlug die Pranken Ein Sturm. Sie stöhnt, und Tal und Berge schwanken. Es ging ein Schlag vom Nordmeer bis zum Karst. Und wo ein Eisen war, bog es sich krumm, Und wo ein Gitter, fiel es krachend um, Und jedes Schloß und jeder Riegel barst, Da ist ein Heulen durch die Welt gegangen, Denn alle wilden Bestien entsprangen! Ein jauchzend Brüllen flog ins weite Land, Vom Joch befreit und ledig aller Scheu Warf sich der Bär auf den verhaßten Leu, Und Wolf und Panther bluteten im Sand. Ein roter Strom, der Gottes Welt erhitzte, Ein Geiser Blut war's, der zum Himmel spritzte. Es gellen Schreie, wunde Katzen röcheln, Ein Leopard heult einmal noch, zerfleischt, Und von Hyänen angefallen, kreischt Ein lahmer Puma mit zerbiss'nen Knöcheln! Und wieder Blut! Und Heulen in der Runde, Und Kampf und Tod und Biß und Wund' um Wunde – Aus allen Fugen war die Welt gerissen, In irrem Blutrausch lechzten all die Tiere, Es war, als ob vom Haß die Sonne friere, Kein Tierleib war, der nicht zerfetzt, zerbissen, Nur aus der Luft, sah'n gierig zu zwei Raben. – – – Da wacht' ich auf und lag – im Schützengraben!     Krieg am Schreibtisch         Drin im warmen Arbeitszimmer Seiner Zeitungsredaktion Sitzt beim trauten Ampelschimmer Der Herr Doktor lange schon. Rasch nimmt er vom Bier ein Schlückel, Und dann stürzt er sich voll Hast In den wilden Leitartikel, Der sich mit dem Krieg befaßt. Und er legt die Stirn in Falten, Und er schreibt mit flinker Hand: »Unsre Pflicht ist durchzuhalten, Gut und Blut fürs Vaterland!«     An der Türe klopft es still,     Und der Diener Nawratil     Bringt dem tapfern Redakteur     Für'n Dezember das Salair     Und entfernt sich still und heiter,     Und der Doktor – der schreibt weiter: »Wenn Entbehrung uns beschieden, Johlt umsonst der Gegner List, Denn wir wollen keinen Frieden, Eh' der Feind vernichtet ist! Und wir hungern, und wir dürsten, Bis der Feind im Staube liegt, Denn wir sind das Volk der Fürsten, Welches hungert, schweigt und – siegt!«     An der Türe klopft es still,     Und der Diener Nawratil     Bringt dem tapfern Redakteur     Eine Extrawurst daher,     Der beißt ab davon ein Stückel     Und – setzt fort den Leitartikel: »Vor der Mißgunst und dem Neide, Die dem Tod uns wollten weih'n, Flog das Schwert uns aus der Scheide, Und nun stecken wir's nicht ein. Kommt in unsre Schützengräben, Wo der Schnee oft fußhoch steht, Überzeugt euch, ob wir beben, Wenn der Regen niedergeht! Fremd ist Greinen uns und Maulen, Bläst der Nord uns um die Ohr'n! Frieden? Ja! – Doch keinen faulen, Lieber weiter kühn gefror'n!«     An der Türe klopft es still,     Und der Diener Nawratil     Tritt herein in das Gemach,     Legt das Holz im Ofen nach     Und entfernt sich still und heiter,     Und der Doktor – der schreibt weiter: »Fern der Heimat, in der Kehle Würgt der Schmerz ums traute Weib, Bitter sehnt sich Leib und Seele, Namentlich sehnt sich der Leib, Auszuruh'n und stillzusitzen Bei der lieben Frau zuhaus – – Doch nun soll'n die Schwerter blitzen, Bis dem Feind die Luft geht aus! Trautes Weib, noch kann nicht kommen Ich nachhaus zu unserm Glück, Erst wenn einst der Preis gewonnen, Kehren siegreich wir zurück!«     An der Türe klopft es still.     Doch jetzt ist's nicht Nawratil,     Nein, im Schlafrock aus Muss'lin     Tritt die Gattin vor ihn hin,     »Komm doch«, lockt sie, schelmisch, heiter,     Und der Doktor – schreibt nicht weiter!     Battisti und Casement oder »bei was« bleibts?                 Drin war ein Österreicher. Er flüchtete ins Feindesland, Wo er als Feind des eig'nen Landes Und Feindesfreund in Waffen stand. Von Österreichern eingefangen, Erreichte ihn ein düstres End': Erst Kriegsgericht, dann aufgehangen In Trient! Herr Casement war ein Engelländer, Ein irischer Irredentist, Der seine Heimat wollt' erlösen Von England durch Gewalt und List. Von Britenbrüdern aufgespüret, Fand für den Trotz, den kühn er bot, Im eig'nen Lande überführet Er den Tod! Zwei völlig gleiche, klare Fälle, Ein jeder Zweifel schweigt darob: Der Staat erstickt die Aufruhrwelle, Die sich im eignen Land erhob. Und ob aus edelstem Gefühle Ums Ideal der Täter warb, Er kreuzte seines Landes Ziele, Und – er starb! Wie aber trat nun in Erscheinung Die causa Staat und Renegat, Als sich die »öffentliche Meinung« Bei uns des Fall's bemächtigt hat? Es rauschte in den Zeitungsblättern, So weit patentdeutsch sie in Wien, Und gnädig nickten ihre Vettern Aus Berlin! Was war das für die Herrn ein Fressen! Es sprudelt die Gesinnungspump': »Sir Casement starb als Held!« Indessen: »Battisti war ein Haderlump!« »Der Tod des edlen Patrioten Erfüllt mit Schande Englands Luft.« »Battisti tat, was Gott verboten, Als ein Schuft!« Verzeihung, meine Herrn Skribenten, Bescheiden meint der Abonnent, Daß man die beiden – Insurgenten Mit gleichem Maß auch messen könnt'! Ihr müßt' von beiden Gleiches melden, Denkt nach, dann setzt euch hin und schreibt's: Entweder Lumpen oder Helden? »Bei was« bleibts?     Schmock im Kriege!         Wenn man ein mit Lehm verschmiertes, Überaus leicht angeführtes, Alles glaubendes Gehirn hat, Flachen Kopf und schmale Stirn hat, Dumpf, um nicht zu sagen – dumm, Heißt man »Leserpublikum«. Nicht gemeint in diesem Falle Sind etwa die Leser alle, Sondern, um die Schar zu sichten, Leser nur – von Kriegsberichten! Während nämlich andre Leute, Wenn sie Zeitung lesen heute, Streng in den Berichten klauben Und nur – jeden Zehnten glauben, Täglich werdend noch nervöser, Glaubt der Kriegsberichteleser In konstantem Geistesdalles Seiner Zeitung einfach alles! Erstens glaubt er alle Siege A priori schon im Kriege, Zweitens glaubt er voller Rührung Streng an das »Genie der Führung«, Drittens an die »treue Wache« Und an die »gerechte Sache«. Dieses alles sind Idee'n, Die man so und so kann dreh'n, Weil ein Schwefel, ehrenfest, Schwer sich widerlegen läßt! Kurz, so prinzipielle Sachen Läßt der Leser klar sich machen Leicht, wenn man die Nase rümpft Und dann auf den Gegner schimpft. Doch es gibt auch Peinlichkeiten, Die selbst ihm Verdacht bereiten, Weil selbst in des Krieges Zeiten Tatsachen schwer abzustreiten! Wenn zum Beispiel plötzlich doch Unsere Front wo kriegt ein Loch, Wenn verlor'n geht eine Stadt Oder nix zu fressen hat! Hier das Volk zu überlisten, Ist die Pflicht des Journalisten, Speziell ist's das Revier Für das Kriegspressequartier. Hier hat rasch es zuzugreifen, Um den Bürger einzuseifen, Hier soll es die Peinlichkeiten Ihm nun schmackhaft zubereiten. Wie das macht der Journalist, Nachfolgend verzeichnet ist: § 1. Selber prügeln , heißt: »Gesiegt! Unser Feind am Boden liegt!« Prügel kriegen – gibt es nicht! Höchstens sagt der Kriegsbericht Nebenbei und nur verschwommen: » Planmäßig zurückgenommen! « § 2. Fremder Durchbruch heißt »Mißglückt! Uns're Führung hat geschickt Feindesvorstoß ohne Bangen Leicht elastisch aufgefangen! « Eig'ner Durchbruch , wenn mißglückt, Heißt: »Die Feindesfront durchdrückt! Der Erfolg leicht auszubauen, Doch die Führung will erst schauen, Daß nicht allzuviele stürben! Lieber Feindesfront zermürben! « § 3. Eig'ne Festung futsch gegangen , Heißt: »Das macht uns gar kein Bangen, Gegenteil, nur Glück beschert: Festung taktisch ohne Wert! « Festung dann zurückgewonnen , Heißt: »Ein Plan, genial ersonnen Und vollführt mit Verve und Glanz, Einfach Rettung Vaterlands! Feind direkt vertrottelt bissel, Läßt sich nehmen Stellungsschlüssel! Volk, dem guten Herrgott danke, Neu gestützt ist unsre Flanke! « § 4. Hungersnot im fremden Lande Heißt: »Den Zwingherrn ewig Schande! Volk verblendet immer noch, Kuscht und seufzt im blutigen Joch!« Hungersnot bei uns zuhause Heißt: »Jetzt nur noch Atempause! Nehmt zusammen alle Kraft, Endsieg nicht mehr zweifelhaft , Volk, halt durch, halt durch, halt durch, So befiehlt der Hindenburch!« Also ward durch Jahr und Wochen Unser Volk belehrt zu Haus, Bis der Krieg zusamm'gebrochen. Jammerschad', jetzt ist er aus! Dennoch sucht' ich's aufzuschreiben, Unser Kriegsberichtrezept, Vorderhand mag's liegen bleiben, Nur daß es sich nicht verschleppt! Einst wenn wieder Krieg auf Erden Und man schreibt fürs Vaterland, Braucht nicht erst probiert zu werden, Das Rezept ist bei der Hand!     Der Löwe                 In Menagerien konnt' ich stundenlang steh'n Und auf den blöden Löwen seh'n! Ich sah ihn in einer Ecke hocken, Die Tür ging auf – da ist er erschrocken!! Ein Herrchen, geschniegelt, zierlich und fein, Trat elegant in den Käfig ein, Zwirbelt den Schnurrbart, lächelt, und dann Ging ein seltsames Schauspiel an: Der Löwe drückt sich bebend zur Wand Und leckt dem schlanken Herrchen die Hand, Dieses jedoch hat der Bestie jetzt Lächelnd sofort einen Fußtritt versetzt, Drauf kuschte der Löwe und legt' sich hin. Jetzt hat das Herrchen ihn angeschrien Und hieb ihm mit einer eisernen Stange Auf seinen mächtigen Schädel solange, Bis sich der Löwe, erschreckt darob, Trotz seiner Unlust müde erhob. Nun hielt der Herr einen Kranz von Feuer Hin vor die Nase dem Ungeheuer, Und sieh: der Löwe sprang durch den Kranz! Verbrannt' sich die Nase, versengt' sich den Schwanz, Aber der Herr hat ihn dennoch geknufft; Schoß dann mit einer Pistol' in die Luft Und tänzelt von dannen, ein eitler Tropf. Der Löwe – senkte zitternd den Kopf, Auf seiner Stirn schien der Seufzer zu steh'n: »Ach, wie lang wird's so weiter geh'n.« – – – Ich aber dachte: »Solch dummes Vieh Wie diesen Löwen sah ich noch nie! Weiß es denn nicht dem Herrgott zu danken, Daß der ihm gibt die Kraft seiner Pranken? Weiß es denn nicht, daß ein Hieb genügt, Damit sein Quälgeist am Boden liegt? Der König der Wüste ein Schaugaudium? Ja wird denn das nicht dem Löwen zu dumm? – – – Neulich, als wir von dumpfem Schlaf Noch wirr und befangen, dämmers erwachten, Hörten wir gell einen Hieb, der traf. Schlösser zerbarsten, Riegel zerkrachten, Laut ging ein Schrei: »Der Krieg ist aus Durch freien Willen der freien Bürger. Geknechtete Völker strömen nach Haus', Gehorchen nicht mehr den Befehlen der Würger. Es lebe der Friede! Die Freiheit hurrah! Wir woll'n nicht gemordet mehr werden, noch morden – – –« Da hab' ich mir lächelnd gesagt: »Aha, Dem Löwen – ist es zu blöd geworden!«     Der rote Pegasus         In den ersten Augusttagen Neunzehnhundertvierzehn las ich In den deutschen Zeitungsblättern (Nicht nur in den nationalen, Nein, auch in den »freiheitlichen«), Daß ein »Überfall von Räubern« Unser Vaterland bedrohe. Und ich las vom zweiten Wilhelm, Daß er nicht »Partei'n« mehr kenne, Sondern Deutsche nur. Nur »Deutsche!« Und ich las von Prager Festen, Wo die Tschechen »Hoch!« gerufen, Wohingegen Deutsche »Nazdar!« Und ich las, die Sozialisten Seien auch bereit zu kämpfen, Um den Schimpf des Überfalles Fremden »Krämervolks« zu rächen. Und die Juden? Ja, die Juden ... No natürlich – sind auch Brüder! Lauter Brüder, nichts wie Brüder, O, wie schwoll mein Herz voll Freude! In der blutigroten Sonne Der gemeinen Not erstrahlte Morgenschein der Volksversöhnung. Und ich jubelte, »nun hab' ich Auch ein Vaterland wie alle!« Und ich pries den greisen Kaiser, Der uns so zusammenführte, Und ich schrieb ein heißes Liedchen, Das die Völker freudig sangen: »Draußen im Schönbrunnerpark ...« Und als ich das Lied geschrieben, Schien's an einem mir zu fehlen: »Leicht ist's, mit dem Maul zu kämpfen, Bist du Mann, dann nimm die Waffe!« Und ich zog den bunten Rock an (Wenn die »Kommission« auch lachte Und zurück mich weisen wollte!), Und dann stieg ich auf die Berge, Sah dem welschen Feind ins Auge. – – – Doch ich sah auch andre Feinde: Oberste, die Fronturlauber Auf den Wiener Straßen »stellten«, Weil die »Adjustierung falsch« war; Bahnhofkommandanten, welche Sicher warm in Innsbruck saßen Und den Mann, der von der Front kam, Lächelnd bis auf's Blut sekkierten; Bundesbrüder, hundeschnauzig, Die in unserm eignen Lande Mehl und Möbel requirierten; Feldherrn, deren Feld in Wien war, Wo sie armen Lungenkranken Einen »A-Befund« verschafften; Vorgesetzte, die dem Manne Einen Urlaub kalt verwehrten, Wenn sein Weib in Wehen wimmert'! Dieses sah ich durch vier Jahre, Und als ich dies angesehen, Fluchte ich dem eignen Liede »Draußen im Schönbrunnerpark ...«     Und mir quollen neue Lieder     Lang schon, eh' das Volk erwachte     Und die Kette abgeschüttelt;     Und ich hab' sie aufgeschrieben,     Um mich selber zu entsühnen     Und die Brüder zu ermahnen:     Werdet Brüder eignen Willens ,     Nicht durch Willen der Gewalt'gen! Wenn uns Fürsten Einheit gaben, Jubelt' fröhlich nur der Tor, Doch der Kluge weiß, sie haben Dann – was ganz Gemeines vor!     Eine Geschichte von der seligen Zensur                             Nicht zu rechten und zu richten, Bin ich in die Welt gesandt, Zu erzählen nur Geschichten Als der Clown im Vaterland. Nie sprach ich vom alten Kaiser Nur ein einzig böses Wort, Ließ ihm seine »Lorbeerreiser«, »Kinderfreund« und »Friedenshort«. Doch der Zensor doppelt darum Hatte einen Pick auf mich, Weiß der Teufel, wie und warum, Doch er hielt mich für ein Viech. Niemals schrieb ich in Verneinung, Doch für ihn blieb ich gemein, Denn es ist Zensorenmeinung »Jeder Autor ist ein Schwein«. So ist eines Tags gedieh'n auch Harmlos ein Gedicht mir da, Und in dem Gedicht erschien auch Ein gewisser Prochaska. Und es ward von ihm berichtet, Daß er ein paar Kinder hätt', Und damit ein Reim gedichtet, Sprach ich auch von seinem Bett. Und ich wollt es rezitieren, Als ein Schlag mir widerfuhr. Denn ich ließ es zensurieren, Und da strich es die Zensur! Und der Zensor sprach: »Ich wette, Was Sie dachten, war gemein, Denn was wollt' Ihr Mann im Bette Außer unanständig sein?« »Schlafen wollt' er in dem Bette«, Sprach ich zu dem Kirchenlicht. »So! Wenn er geschlafen hätte, Hätt' er keine Kinder nicht!« Was der Zensor da gesprochen, Hat mir gleich geleuchtet ein, Und ich hab' mich noch durch Wochen Selbst gehalten für ein Schwein! Denn dem Dichter fehlt die Reinheit Leider immer irgendwie! (Wenn drin stöbert die Gemeinheit Der Zensorenphantasie!) »Aber«, sprach der Zensor später, »Eine Frechheit ist noch da, Im Gedicht der Übeltäter Heißt – entsetzlich – Prochaska!« Als ich fragt', warum »entsetzlich«, Da man viele Leut' so ruft, Hieb er auf den Schreibtisch plötzlich, Wurde grün und schnappt' nach Luft. »Prochaska! Das ist kein Witznam', Und man weiß, Sie Anarchist, Daß der Name nur ein Spitznam' Sr. Majestät, unseres apostolischen Kaisers     und Königs und erhabenen greisen Monarchen ist!« Als der Zensor so gesprochen, Schlug ich mich an meine Brust, Tief entsetzt bis in die Knochen, Denn das hatt' ich nicht gewußt! Und ich hab zu tausendmalen Der Zensur gesungen Preis, Denn sie schützt den Loyalen, Daß er nicht am End' entgleis'! Die Zensur macht uns stets weiser, Zeigt uns die Gefahren nah, Und seitdem nannt ich den Kaiser Immer nur »Herr Prochaska!«     Bürger in Not                 Endlich, endlich sind wir so weit, Vorbei ist das Schießen und Morden. Wir haben gehabt eine harte Zeit, Doch jetzt ist sie weich geworden. Und was – à propos – den Stuhl anbelangt, So gibt es jetzt Sessel, die leer sind, S. M. ist verreist, sein Stuhl hat gewankt, Jetzt sitzen drauf Sozis, die mehr sind. Die Kaiser verwelken, die Sozis, die treiben – – Aber jetzt fragt sich's: »Wird's dabei bleiben?« Schrecklich, was sich da tun für Sachen! Weiß denn der Mensch, was er heute soll machen? Entweder: Es siegt die Republik, Dann reißt man mich, wenn ich loyal war, in Stück'; Oder: Es siegen die Monarchie'n, Und ich war ein Roter – bin ich schon hin! Großer Gott, es ist zu toll, Man weiß nicht, was man machen soll! Zum Beispiel, ich geh' an der Hofburg vorbei, Und grad kommt vorüber ein Leiblakai. Früher hat man gewußt, was man tut: »Hoch!« muß man rufen und lüften den Hut. Schrecklich, was sich da tun für Sachen! Weiß denn der Mensch, was er heute soll machen? Entweder: Es siegt die Republik, Dann reißt man mich, wenn ich »ge-hocht« hab', in Stück', Oder: Es siegen die Monarchie'n, Und ich hab' geschwiegen, bin ich schon hin! Großer Gott, es ist zu toll, Man weiß nicht, was man machen soll! Oder: Ich geh' auf der Kärntnerstraß', Und plötzlich bemerk' ich, sie plündern was. Früh'r, seh'n Sie, hat man gewußt, was man sollt': Da hat man sofort die Polizei geholt. Schrecklich, was sich da tun für Sachen! Weiß denn der Mensch, was er heute soll machen? Entweder: Es siegt die Republik, Dann reißt man mich, wenn ich geholt hab', in Stück', Oder: Es siegen die Monarchie'n, Und ich hab' geplündert – bin ich schon hin! Großer Gott, es ist zu toll. Man weiß nicht, was man machen soll! Es ist eine böse, schreckliche Zeit, Wo der Bürger nach Ordnung schreit. Es dreht sich hiebei nicht so sehr um Prinzipe, Welche vielmehr dem Bürger piepe; Denn ob man die Sache monarchisch verkleistert Oder republikanisch bemeistert, Ob es das Schema B oder A ist, Der Bürger bejubelt jeweils, was da ist! Aber was da ist, soll sicher sein. Sonst ist man nicht sicher und hupft hinein. Denn es ist klar, daß der Mensch desparat wird, Wenn er was tut und dabei nicht ermißt, Ob er dafür ein – kaiserlicher Rat wird Oder aber – ein Gauner ist! Großer Gott, es ist zu toll, Man weiß nicht, was man machen soll!     Dir Bilanz         Alle Leute klagen heute, Daß die Zeit so schrecklich sei, Und sie beben, und sie weinen Und erheben ein Geschrei. Und sie kreischen was von »Chaos«, Und sie heul'n von »Weltgericht«, Aber ich steh' da und staune Und begreif' ihr Jammern nicht. Einseh'n muß doch selbst ein Blinder, Daß die Klagen sinnlos heut'. Leben wir denn nicht in Zeiten, Wo ein jeder Mensch sich freut? Die Entente hat Grund zur Freude, Denn sie hat doch jetzt gesiegt, Und sie freut sich, weil von Deutschland Sie Entschädigungen kriegt. Deutschland wieder sagt sich freudig: »Da wird die Entente nicht satt, Denn man kann nichts geben, wenn man Selber einen Schmarrn doch hat!« Polen freut sich auf Galizien, Land zu kriegen ist Genuß; Öst'reich freut sich, weils für Polen Jetzt nichts mehr bezahlen muß! Böhmen freut sich, weils mit Öst'reich Nicht mehr leben braucht zusamm', Und in Öst'reich freu'n sich alle, Weil sie – keine Böhm mehr ha'm! Ungarn freut sich über Öst'reich, Denn Deutschböhmen wackelt so; Öst'reich freut sich, weil jetzt Ungarn Ausschaut wie ein Embryo! Holland hängt den Deutschen freudig Seinen Dreck von Tabak an, Deutschland schickt dafür den Wilhelm, Jeder gibt halt, was er kann. Und den Städter freut der Bauer, Dem das Korn er requiriert, Und den Bauer freut der Städter, Dem er froh den Hals abschnürt; Und den Sozi freut der Bürger, Den der Umsturz hart packt an, Und den Bürger freut der Sozi, Der sich auch nicht helfen kann! Und der fette Spießer freut sich, Weil's jetzt auf die Juden geht, Und der Jud' sagt wieder schmunzelnd: »Ich bin lieber tot als blöd!« Nichts zum Fressen, nichts zum Saufen; Keine Kohle und kein Kleid, Aber wo man hinschaut, Freude, Jubel nur und Seligkeit! Jeder reibt vergnügt die Hände, Jeder jauchzt wie im Gebet Und vergißt den eignen Tineff, Weils dem andern – dreckig geht! Wißt ihr jetzt den Sinn der Wunden Und des Blut's, das strömend floß? Und warum der Tod regierte Und das Elend als Genoss'? Kaiser ritten, Schwerter klirrten, Fahnen wehten hoch im Glanz, Nicht vergeblich war der Weltkrieg, Folgendes ist die Bilanz: Licht ist in die Welt gekommen, Wahrheit brachte uns der Zwist, Und man sieht in voller Klarheit, Daß der Mensch – ein Hundsfott ist!     Der liebe Gott und 1918         Der liebe Gott zieht eine Schublad' auf, In der er pflegt die Jahre auszubreiten, Und auf den Stoß dahingegangener Zeiten Legt er nun Neunzehnhundertachtzehn drauf. Und wie er so das alte Ding betracht't, Kraust er die Stirn in ärgerlichem Zweifel: »Was war das für ein Jahr nur? Hol's der Teufel, Es kommt mir vor, als hätt' ich's nicht gemacht! Der Krieg ist aus, und doch soll es so stier sein? Das ist zu dumm! Das kann doch nicht von mir sein! Wenn ich nicht irr, ist heut' Silvesternacht. Die hat der Mensch vor einem Berg von Braten, Reizvoll umkränzt von köstlichen Salaten In Milch und Öl, beim Mahl stets zugebracht. Wo ist die Milch? Die kennt man heut' nicht mehr, Was Öl bedeutet, hat der Mensch vergessen, Und Schweinebraten kennt er nicht vom Essen, Den kennt er nur – vom Hörensagen her. Wo ich der Herrgott bin, soll es so stier sein? Das glaub' ich nicht, das kann doch nicht von mir sein! Wenn ich so denke heut' fünf Jahr' zurück! Wie elegant brach da der Neujahrstag an: Die Herren hatten tadellosen Frack an, Die Damen weniger, doch dieses schick! Heut' tragen sie dieselben Hüllen noch: Der Frack ist schäbig und das Kleid in Fransen, Als hätt' man sie fünf Jahr' benutzt zum Tanzen. Die alten Kleider sind ein einzig Loch Und die paar neuen sollen aus – Papier sein? Es ist zu dumm! Das kann doch nicht von mir sein! Silvesternacht! Fünf Jahre sind es kaum, Daß sich die Welt in liebendem Verlangen So brüderlich und friedenvoll umfangen, Von Pol zu Pol umfassend allen Raum. Heut' wird geheult, gestoßen und gestupft Von Pol zu Pol! Von Polen zu Magyaren Liegt sich heut' alles grimmig in den Haaren, Soweit sie nicht der Krieg schon ausgerupft. Und dieser Haß soll jetzt der Welt Panier sein? Es ist zu dumm! Das kann doch nicht von mir sein? Und ach, mein Wien! Wie war's so wunderschön, Wenn der Silvesternacht taghelle Gassen Das Meer der Menschen kaum vermocht' zu fassen, Die da im Glanz des Bogenlichts zu seh'n! Heut' irrt die Schar durch einen finstern Staat, Und die Beleuchtung Wiens obliegt den Sternen, Halt! Pro Bezirk hat anderthalb Laternen Bewilligt für das Fest der Magistrat. Doch die Geschäfte müssen zu um vier sein? Das ist zu dumm! Das kann doch nicht von mir sein! Noch eine Freud' gab's, eh' das Jahr herum: Als »lieber Gott« und als der Menschheit Vater Hab' ich zum Fest geschenkt ihr das Theater. Silvester gab's dort stets ein Gaudium! Wie ist das heut'? Zuerst hat überhaupt Verboten das Theater die Behörde. Dann hieß es, daß bis acht gespielt doch werde, Und dann hat man – es wieder nicht erlaubt; Und jetzt heißt's wieder: Ja? Wir dürfen hier sein? Das ist zu blöd! Das kann doch nicht von mir sein! – – – – In dieser Art hat Gott das alte Jahr Dem Petrus gegenüber kritisiert. Es sei unmöglich, daß von ihm es war, Und staunend fragt' er, wie ihm das passiert. Doch still sprach Petrus: »Ewiger Vater! Du Bist schuldlos an den Schlägen, die uns trafen. Die G'schicht' ist die: Du brauchtest bissel Ruh' Und hast dir halt vergönnt, fünf Jahre – zu schlafen. Und kaum hast du dein Auge zugetan Und – mit Verlaub! – begonnen, leis'zu schnarchen, Da fingen halt verschiedene Monarchen An deiner Stell' die Welt zu lenken an. Was da herausschaut, wie sie das gemacht ... Du lieber Gott, man müßte sie drum hassen! Sie waren eben leider – gottverlassen. Na, hin ist hin, jetzt bist du ja erwacht! Du wirst sie heilen, all die tausend Wunden, Die heute glüh'n in der Silvesternacht; Und wie sie Haß und Dummheit aufgebracht, In deiner Liebe werden sie gesunden!« – – – – Gott hat geschwiegen, um sich erst zu fassen, Dann scheucht er von der Stirn die trübe Wolk': »'s ist ein Malheur! Das dumme Menschenvolk Kann man halt nie allein wirtschaften lassen!« ... Und eine Träne tropfte erdenwärts. Spürt ihr die Träne Gottes schon hienieden? Sie düngt den Boden, und es quillt ein Frieden Aus eines Gottes zornig-bittrem Schmerz. Nun laßt es reifen, was uns Gott gebracht, Damit dahin der Haß, der alte, fahre. Seid Menschen! – Liebt euch – Und im nächsten Jahre Lach' freudig wieder die Silvesternacht! Dann wird der Herr in unsrer Mitte hier sein Und lächeln: »Ja! Nur so was kann von mir sein!«     Die Schöpfung und Anderes mehr Die Post                 Ich geh' so rasend gern auf die Post. Das ist doch ein Spaß, der fast gar nichts kost'. Gibt's denn ein schön'res Vergnügen im Leben Als rekommandierte Briefe aufgeben? Man nimmt einen Brief, klebt die Briefmarke drauf, Tritt an den Schalter und gibt ihn auf. Das heißt, pardon, es geht nicht sofort, Es steh'n ja auch and're Parteien noch dort, Mit Drucksachen, Zeitungen, Briefen und Karten, Und bis die erledigt sind, muß man noch warten! Warum denn auch nicht? Wozu das Geschrei? Bitte, ich bin heute fünfzig vorbei; Fünfzig Jahr' hab' ich Zeit mir gelassen, Bis heute bequem da den Brief zu verfassen. Und jetzt, wo ich endlich den Weg hergefunden, Reg' ich mich auf wegen zwei bis drei Stunden? Denn mehr als zwei Stunden muß man nicht steh'n. Da ist es erlaubt, wieder wegzugeh'n! Das ist ja das Nette, worauf es doch ankommt, Man braucht nicht zu warten, bis man darankommt! Denn wenn man zwei Stunden gewartet hat Und war noch nicht d'ran und hat es schon satt, Da gestattet die Post, und das find' ich so schön, Bevor man noch d'ran war, wieder wegzugeh'n! Denn vollkommen logisch nimmt nämlich die Post an, Ein Brief kann warten, der setzt keinen Rost an. Und abgeseh'n davon, daß es nix kost', Ist doch das Warten so schön auf der Post! Man hat doch Gesellschaft, man ist doch kein Alter! Gewöhnlich steht irgend ein Mädel am Schalter, Blendend gewachsen, herrlich gebaut. Also, was kann das schon schaden, man schaut – – Man schaut sich sie an mit heißem Entzücken, Oben den Hals, unten den – Rücken, Denn herrlich gebaut ist die liebliche Hex': Oben konkav und unten konvex. Und wenn man jetzt tüchtig ist, kann's sogar glücken, Dort, wo's konvex ist, die Sache zu drücken! Man bahnt sich zu ihr durch, was ist denn dabei, Und hat man sich durchgebahnt, – ist man so frei ...! Und schimpft dann die Fee, daß man so was geplant hat, Daß man – so frei war, und daß man – gebahnt hat, Wird man sie glatt mit dem Satze beschwichtigen: Freie Bahn auf der Post dem Tüchtigen! Doch nicht nur dem Tüchtigen, auch dem Zwerge Erscheinen lockend die weiblichen – Berge! Und so fahr' ich denn fort, mit heißem Entzücken Als Drückeberger die Berge zu drücken! So schwinden die Stunden, der Schalter wird frei, Die Leut' vorn sind weg, man ist an der Reih'! Also jetzt nimmt man den Brief, klebt die Briefmarke drauf, Tritt an den Schalter und gibt ihn auf – Das heißt, pardon, die Post ist kein Blitz! Man kann nicht verlangen, daß blitzschnell vom Sitz Der Beamte aufspringt mit freundlichen Mienen Und schnell wie der Blitz uns beginnt zu bedienen. Er hat ja noch andere Dinge zu tun! Gewöhnlich zählt er Geld in die Truh'n, Fünfhundert Fünfziger, alle zerdrückt. Er glättet sie sorgsam, er zählt sie geschickt, Da gibt es kein Stöhnen, kein Ächzen: Vierhundertfünfzehn, vierhundertsechzehn, Vierhundertsiebzehn – – – da wird er verworr'n, Bei vierhundertachtzehn beginnt er von vorn! Aber nur ruhig, nur kein Geschrei! In einer Stund' ist auch das vorbei, Dann nimmt man den Brief, klebt die Briefmarke ... Nein! Jetzt gibt er das Geld in die Kassa hinein! Dann – nimmt er zwölf Bögen, wo Ziffern drauf sind, Welche er sanft zu addieren beginnt, Doch dann – beginnt er zu zählen die Bögen! Hierauf aber – wechselt er Geld beim Kollegen! Dann tut er dieses, dann tut er jenes, Momentan, daß ich als Beispiel erwähn' es, Putzt er sich grad' mit dem Bleistift die Zähn'. Was kann ich machen? Warten und steh'n! Denn wenn ich an's Fenster klopf', was kann es nutzen? Er wird mich entsetzlich herunterputzen! Denn aufs Putzen scheint er sich sehr zu versteh'n: Mich herunter und sich die Zähn'! Aber was soll uns das Putzen schon grämen? Auch Zähne müssen ein Ende nehmen! Und er putzt sich sämtliche Zähn' im Gesicht, Mehr als vierzig hat er doch nicht! Einmal muß er doch fertig sein! Und das ist das Zeichen für die Partei'n. Man nimmt seinen Brief, klebt die Briefmarke drauf, Tritt an den Schalter, und gibt ihn auf – Das heißt, pardon, so rasch geht das nicht! Der Beamte haut mir den Brief in's Gesicht, Denn wie das so alle vier Wochen schon geht, Ist seit gestern wieder das Porto erhöht. »Da fehl'n,« schreit er, »noch zwanzig Pfennige drauf!« »Bitte schön«, sag' ich, »kleben Sie auf!« Aber da brüllt er mit Wut, mit kalter, »Briefmarken, bitte, am Wertzeichenschalter!« Rrratsch – und die Scheibe vom Fenster ist zu. Aber auch das bringt mich nicht aus der Ruh', Ich geh' zu den Wertzeichen, was ist denn dabei, Und dort steht geschrieben: »Geschlossen bis drei!« No meinen Sie, ich werd' mit der Post mich verkrachen? Ausgeschlossen, mit mir nicht zu machen! Ich bin doch kein Laie, ich kenne mich aus! Ich renn' also um die Marken nach Haus', Dort nehm' ich den Brief, kleb' die Briefmarke drauf, Renn' zurück zum Briefschalter, Und jetzt ist der wieder nicht auf! Der Briefschalter zu und nichts mehr zu hoffen! (Dafür ist jetzt der mit den Wertzeichen offen!) Da bekommt die Partei einen Wutanfall, Es siedet ihr Blut, es kocht ihr die Gall', – Ich aber find', daß ganz recht ihr geschah: Ja, ist denn die Post für die Briefe da? Die Post ist da, das verfluchte Schreiben Den Staatsbürgern endlich mal auszutreiben! Und hat man kapiert diesen edlen Gedanken, Da gibt es kein Zögern, da gibt es kein Schwanken, Man nimmt seinen Brief, klebt die Briefmarke drauf, Tritt an den Schalter und – hängt sich auf!     Österreichische Revue 1911 Ein geschichtliches Epos Prolog         Das 1911er Jahr, Der Orkus will's verschlingen. Drum, was es bracht' und was es war, Der Dichter mag's besingen! Es war ein Jahr, ereignisvoll, Ein Jahr der Kraft und Glorie, Gewitterschwanger, tatentoll, Ein Jahr der Welthistorie! Kein ander Jahr ist bald ihm gleich An Streben und Erraffen, Und unser liebes Österreich Hat wacker mitgeschaffen!   Erster Gesang (Der Panther und die Paulin')       Der Sturm zog auf im Deutschen Reich, Dort hat es angefangen, Dort ist der Tanz gewittergleich Unheimlich losgegangen. Der »Panther« schwamm gen Agadir, Wo alles kam ins Wanken, Und hielt das deutsche Reichspanier In seinen starken Pranken. Die Zähne zeigt' er, prachtvoll dicht, Den beutelust'gen Welschen; Man sollt' den fetten Bissen nicht, Marokko, ihm verfälschen! Und wenn's ihm auch nicht glückte ganz, Was er sich gern erzwungen – Ein saftig Stück des schwarzen Land's Hat er dann doch verschlungen! Uns indes in Österreich Glückte auch ein feiner Streich: Eine bosnische Redoute Arrangierte unsre gute, Liebe Fürstin Metternich. Das ist eine Klass' für sich! Ziehn geschichtlich keine Spur wir, Sind im Fasching hors concours wir!   Zweiter Gesang (Der Zug nach Afrika und die Fahrt durch Wien)         Auch Mariann', la République, Wo zierlich sonst die Sitten, Und nur regiert Elan und Chic, Hat tapfer mitgestritten! Der elegante Gallierhahn Legt' Wert darauf zu beweisen, Daß sein Gekräh' kein leerer Wahn, Daß er aus Stahl und Eisen. Er forcht sich nicht im ernsten Zwist, Benahm sich forsch und förscher, Heut' kräht auf dem Marokkomist Er als Alleinbeherrscher! Uns indes in Österreich Glückte auch ein feiner Streich: Drei verschied'ne Autotaxi Sind bei uns in Wien in Praxi, Gleich versiegt der Fremdenstrom Nach dem Monroe-Axiom: Keiner soll sich hier bereichern, Österreich den Österreichern!   Dritter Gesang (Die Cyrenaica und die Hermin')         Italien selbst der Wunsch beschlich, Zu fliehn die Makkaroni, Zu holen aus dem Feuer sich Die heißesten Maroni! Die Bersaglieri zogen aus Zu Taten, übergroßen; Dem Halbmond galt's im harten Strauß Die Hörner abzustoßen! Das Kreuz zog aus gen Tripolis, Wo man im Geist bereits war, Noch heute weiß man nicht gewiß, Ob's nicht – ein böses Kreuz war, Doch ob auch stark die Hand verbrannt, Die übers Meer sich streckte, 's wird schon Italien in der Hand Was bleiben im Effekte! Uns indes in Österreich Glückte auch ein feiner Streich: Eine Künstlerin, geachtet, Hat's Café Reklam' gepachtet; Sicher so, Italien gleich, Ist Reklam' für Österreich; Jenes hat die Bersaglieri, Aber wir – Hermine Ferri!   Vierter Gesang (Der Halbmond und die Kabinette)         Aus jahrzehntelangem Schlaf Wachten auf die Halbmondleute, Und so schwer es sie auch traf, Sie bewährten sich im Streite. Ihre Feinde, wie im Bann, Saßen nicht sehr fest im Bügel, Es versetzt der kranke Mann Ihnen sehr gesunde Prügel! Ob's nun endet bös', ob gut, Eins muß man am Türken loben: Daß gesunken nie sein Mut, Hat ihm sein Prestige gehoben! Uns indes in Österreich Glückte auch ein feiner Streich: Um die Fleischnot abzukürzen, Taten wir Minister stürzen, Machtvoll hat das Volk geschäumt, Mit Ministern aufgeräumt, Zwar das Fleisch ist noch nicht billig, Doch der Geist war stark und willig!   Epilog         Lache, du mein Österreich! Wieder warst du allen gleich, Voller Kraft wie immerdar Warst du auch in diesem Jahr. Reden machtest du von dir In der Politik wie früh'r, Manchen tapfern Männerstrauß Focht man da im Reichsrat aus! Ja, bei uns im Parlamente Kämpft man kühn durch Argumente, Hei, wie streiten, Gott befohlen, Da die Deutschen gegen Polen, Ja, selbst Deutsche gegen Deutsche, Ja, sogar per Hundepeitsche! Obenan an Temp'rament Steht halt unser Parlament! Dann die Kunstbegeisterung Stand ja stets bei uns in Schwung! Was nur an Kulisseng'schichten Unsre Zeitungen berichten, Haben wir mit gier'gen Zungen Heuer wie schon stets verschlungen! Wenn Soubretten heiser sind, Weint der Wiener wie ein Kind, Und er sucht im Zeitungsblatt, Ob sie sich erholt schon hat, Er frohlockt, wenn man's getratscht hat, Wie sie wieder jüngst gewatscht hat, Und ist selig, wenn er weiß, Wie dann bei Gericht der Preis! Denn der Wiener hat bewahrt Streng sich seine Eigenart: Nicht die Kriege sind sein Faible, Nein, sein Freund ist nur – der Lebl, Seiner Wünsche Feuerwerk Heißt: Wo speist der Pallenberg? Nicht die wirtschaftlichen Kämpfe, Heißen Ringens Pulverdämpfe, Nicht das Kraftgefühl des Strebens Ist das Endziel seines Lebens, Nein, die Fülle des Begehrens Ist ihm der Friseur der Zwerenz, Und noch eins ihn int'ressiert, Wer den Kutschera rasiert? Schlafe, du mein Österreich, Denn wer tut's dir darin gleich? In der wundervollen Ruh', Welch ein Philosoph bist du! Denn nur wenn die Wünsche sterben, Ist das wahre Glück zu erben! Nichts ersehnen, nichts erringen, Nichts erstreben, nichts erzwingen, Nichts erraffen mit Gefahren, Nur das Alte sich bewahren: Selige Zufriedenheit, Österreichs Gemütlichkeit!     Der Beamte         O Fremder, der du kommst aus Brüssel, Und nimmst in Wien die Straßenbahn, O kränk' dich nicht, wenn dich ein bissel Der Kondukteur sollt' fahren an! O trachte nicht, als Zornentflammter Zu widersprechen ihm nicht faul ... Er ist ein städtischer Beamter, Er red't, wie er will, du halt's Maul! O sprich kein Wort, auch nicht ein feines, Sonst schleppt er gleich dich vor Gericht! Doch ist's so weit, bitt' ich dich eines: Verteidig' dich zumindest nicht! Und bist du auch ein Hochentstammter, Der Diensteid kommt, du steckst im Garn ... Er ist ein städtischer Beamter, Ihm glaubt man alles, dir an Schmarrn! In Wien gibt's gar nichts Wunderbares! Den Mann, der sich fast göttlich zeigt, Den siehst du oft – es ist nichts Rares! – Wie er sich tief vor mir verneigt. Und fragst du als ein Fernentstammter, Warum er sich so krümmt und biegt? Er ist ein städtischer Beamter, Der – einen Kreuzer Trinkgeld kriegt!     Neue Gesichtspunkte über die Ohren         Am besten wär's, man wär' nicht geboren; Aber wenn es schon sein muß, dann ohne Ohren, Schrein Sie nur ja nicht: »Das wär' ein Malheur!« Alles Böse kommt vom Gehör, Beinahe alles, was man erduldet, Ist einzig durch unsere Ohren verschuldet, So daß man sich schließlich die Frage stellt: »Wozu sind die Ohr'n überhaupt auf der Welt?« Vor allem soll mich keiner belehren, Ich braucht' sie zum Hören! Was brauch' ich zu hören? Ich hab' gegen Ohr'n eine Antipathie, Was Angenehmes hört man doch nie! Sollt' ich zum Beispiel – Gott soll mich beschützen! – Eine geliebte Geliebte besitzen, Dann ist es natürlich der Welten Lauf: Einmal setzt sie mir Hörner auf; Das ist schon einmal so Tradition, Das Eine nur will ich, nichts wissen davon! Der Treubruch an sich macht mir gar nicht so heiß, Es ist mir nur peinlich, wenn ich es weiß! Geschieht hingegen der Treubruch still, Darf die Dame brechen, so viel sie will, Bricht heut' sie nicht, bricht sie nach anderthalb Jahr'n, Die Hauptsache ist nur, ich will nichts erfahr'n! Nun wär' es sehr leicht, zu entgehen dem Fluch: Einladen wird sie mich nicht zu dem Bruch! Ich seh' nichts davon, und so braucht's mich nicht stör'n, Aber leider werd' ich davon etwas hör'n! Ich sitz' bei der Dame und zitter' vor Glück Und schau sie mir an mit verschlingendem Blick, Und grad' im Verschlingen sagt jemand mir noch: »Was hast du davon? Sie betrügt dich doch!« Zu was braucht der Mensch ein Gehör, Grad' im Verschlingen kommt das Malheur, Meine Augen sind glücklich, mit denen verschling' ich, Aber mit meinen Ohren – zerspring' ich! Mein Wort, um sich gegen die Ohren zu schützen, Wär' es am besten, darauf zu sitzen. No, wenn das der einzige Zweck des Gehörs, Dann kann ich schon offen gestehn: ich entbehr's! Dazu brauch' ich nicht erst die Ohren! Zum Sitzen Kann ich auch andere Partien benützen, Partien, die für den Zweck von größerem Gewicht sind, Wenn sie auch schließlich nicht grad' im Gesicht sind! Man könnte nun auch die Courage besitzen, Zu sagen, die Ohren wär'n zu benützen, Um in die Oper zu gehn! Na schön! Erstens kann man mit Ohren nicht gehn, Aber meint man schon hör'n und sagt gehen beim Reden, Der Fall mit der Oper, der paßt nicht für jeden, Da kann ich nur sagen, wer's mag, der mag's, Das ist eine Sache des reinen Geschmacks, Und mein Geschmack ist die Oper nicht, Schad' um das Wort, das man drüber nur spricht! Was soll ich akustisch mein Leben verbittern? Soll mich schon wirklich das Theater erschüttern, Dann will ich mir aussuchen können die Stell'. Muß es grad' sein am Trommelfell? Erschüttern soll mich ein Stück im Gesicht, In der Ohrmuschel paßt es mir nicht! Erst winseln die Geigen, dann gell'n die Trompeten, Dann brummen die Celli, dann blasen die Flöten, Und ich sitz' dazwischen in heißem Verlangen, Wenn mir die Ohr'n nur nicht flöten gegangen! Gelähmt und betäubt mach' den Schwindel ich mit, Und fällt dann der Vorhang, wer hat den Profit? Der trifft den Tenor. No, dachten Sie, mich? Der Sänger kriegt Geld, und den Kopfschmerz hab' ich. Das ist doch wirklich die größte Blamage, Ich streng' mich an, und er kriegt die Gage, Und wenn er das achtfache C selber nimmt, Der Sänger hat Stimme, und ich bin – verstimmt, Und ganz genau geht's in der Brust bei mir zu so, Ob er nun Meyer heißt oder Caruso! Der Glanz und der Ruhm, das wirkt nicht auf mich, Ich weiß doch genau: den Caruso mach' ich! Was wär' denn der Mann, hätt' ich keine Ohren? Wissen Sie, was er dann wäre? Verloren! Was ist seine Stimm' ohne unser Gehör? Mit meinen Ohren macht er Karriere! Auf unsere Kosten besiegt er die Welt, Mit meinen Ohren verdient er sein Geld. Ich bin das Stimmvieh für sein Genie, Er hat die Stimme, und ich bin das Vieh! Verzeih'n Sie den Ausdruck, ich mein', wir sind Toren, Denn er kriegt gezahlt für – unsere Ohren. Auf meine Kosten besiegt er die Welt, Mit meinen Ohren verdient er sein Geld. Mit seinen Ohren, das schwöre ich Ihnen, Könnt' sich Caruso kein Geld verdienen! Aber uns schleppt er's weg. No, was will man noch mehr? Alles Böse kommt vom Gehör! Apropos, von den Damenohren Hab' ich mit Absicht kein Wort noch verloren. Wenn ich von denen hör', werd' ich nervös, Damen machen mich überhaupt bös'! Die wissen, was an den Ohr'n sie besitzen, Sie können sie, selbst wenn sie taub sind, benützen, Denn sie widmen die Ohr'n nicht akustischen Zwecken, Sondern woll'n damit eins nur, daß Perlen drin stecken! Und gibst du sie ihnen, dann geben sie Ruh', Und hör'n, wenn du wirklich was sprichst, gar nicht zu! Sie woll'n nur die Liebe, die niemals rostet, In Platin gefaßt, wo sie Tausender kostet! Es ist nur ein Trost bei der ganzen Affäre, Daß es ohne Ohren genau so bös' wäre; Es wär' für uns Männer dasselbe Geld, Kämen die Frau'n ohne Ohren zur Welt, Sie würden sich sicher nicht lange quälen, Und wenn ihnen eben die Ohrringe fehlen, Dann brächten sie auf die bequemste Methode Schließlich die – Nasenringe in Mode! No, woll'n Sie den Frau'n auch die Nas' noch abhacken? Ich bin prinzipiell gegen solche Attacken, Ich gebe ja zu, sie würden's verdienen, Aber was bleibt dann noch übrig von ihnen? Ohne Ohren und ohne Nase Fehlt die Basis für jede Ekstase, Und ohne das leben? Gott sei da vor! Also stecken wir Perlen ins Ohr! Meine Verehrten, die Sache ist aus, Selbstverständlich erwart' ich Applaus, Brennender Ehrgeiz liegt mir zwar fern, Aber Applaus hat man immer gern. Jetzt werden Sie sicher den Vorwurf mir machen, Ich rede hier oben die albernsten Sachen! Denn wenn ich den Beifall hab' wirklich so gern, Und hab' keine Ohren, wie soll ich ihn hör'n? Was brauch' ich ihn hör'n? Ich kann ihn doch sehn, Ich brauch' nur zu schau'n, wie die Tücher Sie wehn, Und weiß schon genügend, ich bin ja so klug, Wenn ich Sie anschau' – hab' ich genug!     Die Schöpfung                     Wenn man so näher betrachtet die Welt, Die ganze Schöpfung: den Wald und das Feld, Die Ochsen zu Land und im Wasser die Fischel, Die Christen in Linz und die Juden in Ischl, Die Sonn', die bei Tag ist, und den Mond, der bei Nacht ist – Kurz, wenn man bedenkt, wie schön das gemacht ist, Und weiß, daß das Ganze mit Haut und Haar Doch eigentlich nur eine Postarbeit war, Weil alles, der Körper, der Geist und die Seele, Die Hunde, die Pferde, das Schwein, die Kamele, Die Antisemiten und Israeliten, Die Rosen, die Lilien und die Banditen, Die Bankdirektoren, die Schuster und Affen, Kurz, alles in nur sieben Tagen geschaffen – Da kann man nur sagen, bewundernd die Pracht: »Besser, pardon, hätt' ich's auch nicht gemacht!« Schau'n Sie zum Beispiel nur an so ein Haus: Parterre fängt es an und beim Dach ist es aus! No, ist das nicht einfach bewunderungswert? Jetzt stell'n Sie sich vor, es wär' umgekehrt: Der Dachstuhl wär' unten und oben's Parterre! Das wär' nicht nur blöd, sondern auch ein Malheur. Hab' ich es nötig, die Folgen zu malen? Da wär' eine Dachwohnung nicht zu bezahlen! Denn wenn bis zum Dachstuhl das Steigen nicht wär', Dann wär's dort so teuer wie heut' im Parterre! Man wende mir aber hier ja nur nicht ein, Dann möcht' das Parterre wieder billiger sein, Weil das dann so hoch wie der Dachstuhl heut wär' – Ein Hausherr gibt schon was billiger her! Vertrau'n Sie der Schöpfung, die braucht keinen Rat, Ich schwör Ihnen, die hat gewußt, was sie tat! Mit Weisheit sind all ihre Werke vollbracht: Wie gut ist zum Beispiel das Tierreich gemacht! Alles voll Rücksicht und immer mit Schonung, Jede der Bestien hat ihre Wohnung, Der Löw' in der Wüste, die Flöhe im Bett – Umgekehrt wär' es nicht halb so nett! Sie lachen? No, ich möcht' dabei sein können, Wie Sie an der Kerz' einen Löwen verbrennen! Nein, für das Bett ist der Löwe kein Tier, Da eignen sich eher Kamele dafür; Fürs Ehebett sind sie beinahe Juwele: Ehemänner sind meistens Kamele! Pardon, daß man ja mich nicht ungerecht nennt: Es stell'n auch die Ochsen ihr Kontingent! Ich meine, die dummen nur! Denn die gescheiten Dienen doch besser als Beefsteak den Leuten, Während die Esel hinwiederum man Nur für die Ehe verwenden kann! Kurz, alles im Tierreich hat seinen Zweck: Die Gans gibt die Federn, das Schwein gibt den Speck; Das Kalb kommt zum Markt, und der Hund kommt zum Schinder, Das Schaf bringt die Wolle, der Storch bringt die Kinder – (Und bringt er sie nicht , so glaubt man es doch, Und glaubt man es nicht mehr, ist schöner es noch, Man weiß aus Erfahrung dann Kinder zu kriegen, Und diese Erfahrung ist auch ein Vergnügen! Für Kinder sehr nötig, für Große bequem, Der Storch ist auf jeden Fall angenehm!) Man sieht, auch die Tiere sind praktisch erschaffen; Zum Reiten die Pferde, für Schönbrunn die Affen. Das Huhn legt die Eier, der Mensch frißt sie weg ... Umgekehrt hätt' das doch weniger Zweck! Wohin man nur schaut, muß man staunen und gaffen. Zum Beispiel: wie hat sie die Sprache geschaffen! Die Einteilung schon ist Übersicht: Die Menschen reden, die Dinge – nicht. Ich bitte, bedenken Sie nur, was das heißt, Wie klug sich da wieder die Schöpfung erweist! Vor allem, was wär' schon gewonnen am End', Wenn z. B. ein Klubfauteuil reden könnt'?! Wie liegt denn der Fall, bitte, gegenwärtig? Man setzt sich hinein und die Sache ist fertig. Wenn das Fauteuil aber Sprache besitzt, Schreit es im Augenblick, wo man's benützt: »Unberufen, hab'n Sie ein Gewicht!« Das wär' das End', wenn ein Klubfauteuil spricht! Oder es kommt der Herr Isidor Stein (Der Mann ist verreist!) zur Frau Löbl herein, Sie nickt errötend, er grüßt sie keck, Und hinten das Sofa steht ruhig im Eck. Auf eben dem Sofa dann nehmen sie Platz. Zuerst hört man gar nichts, dann hört man: »Mein Schatz!« Dann schnalzt es. – – Dann heißt's: »Aber Isidor, Ich bitt dich, was tust du? Wie kommst du mir vor?« Darauf sagt er: »Du Süße, du weißt, was ich will.« Das Liebespaar plaudert, das Sofa ist still! Die Ordnung der Dinge muß jeden erfrischen: Was braucht sich das Sofa hineinzumischen? Man muß vor der Weisheit der Schöpfung sich neigen: Die Menschen reden, die Möbel schweigen! Empörend wär' es nur umgekehrt, Wenn plötzlich das Sofa man reden jetzt hört': »Verzeihung, Herr Stein, was sind das für Witze? Ich bin dazu da, daß man still auf mir sitze, Aber wie jetzt sich die Sache verlauft, Dazu, pardon, bin ich nicht gekauft!« No, wär' das so schön, wenn die Möbel brummen? Das Sofa soll reden und der Mensch soll verstummen? No sehn Sie! Das hat auch die Schöpfung bedacht, Das mit dem Sofa ist glänzend gemacht! Oder –: betrachten Sie sich eine Frau! Da war die Schöpfung zum Beispiel ganz schlau. Schau'n Sie den weiblichen Körperbau an. Gar kein Vergleich mit den Formen beim Mann! Während der schmucklos ist, architektonisch, Ist die Fassade der Frau mehr – balkonisch. Gott, wie da alles so formenreich bunt ist, Wie das gewölbt ist ... und wie das rund ist ... Und auch die Rundung verschieden verschoben! Hinten ist's unten und vorn ist es oben; So daß, wenn ein Fräulein vorüber wo rennt, Keiner sich irrt, sondern jeder gleich kennt, Wie er sie nur hat genommen aufs Korn: Da ist sie hinten und da ist sie vorn! No, hat das die Schöpfung entzückend gemacht? Und alles so zweckmäßig untergebracht: Hinten zum Sitzen und vorn die Gefühle ... Da für das Herz und da für die Stühle ... Und, daß nur keine Verwechslung geschehe, Jedes Objekt in verschiedener Höhe, Die Liebe mehr oben, das Sitzen zuletzt ... Noch keine hat sich – auf die Seele gesetzt! Wirklich, ich rede doch nie übereilt, Aber alles ist fabelhaft eingeteilt: Oben zum Seufzen und unten zum Ruh'n ... Oder – will jemand es umgekehrt tun? Nein, wie es jetzt ist, so ist es gut, Sehn Sie, die Schöpfung weiß , was sie tut.