Oscar A. H. Schmitz Bürgerliche Bohème Ein deutscher Sittenroman aus der Vorkriegszeit Motto (aus einem alten Vogelbuch): »Das Lied des Männchens hat ungefähr folgende Strophe:     »zirri zirri zirri     diödel zinkwi     zizijäh zizijäh!« Der Gesang des Weibchens ist ein schlichtes »tütt!« Meinem Freund und Schwager Alfred Kubin Erster Teil Erstes Kapitel Ein Mädchen aus guter Familie 1 Ein sonniger Frühling verklärte die alte mitteldeutsche Stadt an dem breiten, glänzenden Flusse in dem Jahre, als Mely Sanders vierzehn Jahre alt geworden war. Welch ein Entzücken erfüllte die Morgengänge nach der Schule durch die zartbegrünten Straßen und Promenaden! Noch fröstelte sie in der Frühe etwas im Freien, ihre weißen, mageren Fingerchen, die aus den Halbhandschuhen hervorkamen, waren kalt und etwas starr, während sie die Schulbücher umfaßten; die Schauer, die manchmal den dünnen, doch schon knospenden Mädchenkörper in dem Sommerkleid erfüllten, mischten sich aus den Empfindungen des Frierens und der Freude darüber, daß es jetzt von Minute zu Minute immer wärmer wurde. Auf dem Weg zur Schule schlossen sich ihr andere Mädchen, manchmal auch Buben, an, und plötzlich sah sie auf der großen Turmuhr, die ernst wie das Schicksal über die heitere Stadt ragte, daß sie sich beeilen mußte. Wie oft hatte sie den goldenen Zeiger auf dem schwarzen Zifferblatt befragt, und sie wußte genau, daß sie, wenn er mehr als fünf Minuten vor sieben stand, bequem Zeit hatte, um recht zum Unterricht zu kommen. Zeigte er nur eine halbe Minute später, so mußte man eilen. Dann schlugen die Kinder einen Laufschritt an, und als sie vor das große Schulhaus kamen, schien alle Morgenkühle verschwunden; es war ihnen so heiß, daß die Gänge mit dem etwas dumpfen Geruch eine angenehme Erfrischung boten. Die Mädchen stürzten in die Klasse, und noch klopfte Mely das Herz, wenn der Lehrer zur ersten Stunde hereintrat. Die im leisen Maiwinde rauschenden Platanenkronen des Schulhofes hingen fast in die offenen Fenster des Raums, in dem etwa dreißig Mädchen von vierzehn Jahren in hellen Kleidern ungeduldig flüsterten, kicherten, auf den Sitzen hin und her rückten, sich stießen, hie und da ein Wort hinkritzelten, heimlich sich Gegenstände zuschoben oder auch Süßigkeiten kauten. Einige starrten wie geistesabwesend auf den Lehrer, einen bieder aussehenden Herrn von noch nicht dreißig. Seine knochige Männlichkeit, der aufgebürstete, braune Schnurrbart, ein vernarbter Schmiß über der Wange, die viereckige, etwas plumpe Stirn, alles das erschien schwerfällig, ja manchmal hilflos gegenüber dem unruhig prickelnden Element, das er zu beherrschen hatte. Es ist schwer zu sagen, was ihn mehr in Verlegenheit brachte, das unbotmäßige Schwatzen und die nicht zu besiegende Unaufmerksamkeit der einen Hälfte oder das verhimmelnde Anschmachten der anderen. »Also bitte, die Jugenddramen Schillers in der Reihenfolge ihrer Entstehung,« sagte Dr. Brieskorn mit einer gewissen Energie, und fast schien es, als fühle er selbst, daß diese Frage, eines lichten Frühlingsmorgens an einen summenden Haufen vierzehnjähriger Mädchen gestellt, etwas Lächerliches hatte. Niemand meldete sich, kaum hatte jemand hingehört. Er rief Mely Sanders auf. Ein Haufe wirren, blonden Haars, das über einer Tischplatte lag, erhob sich, darunter ein keckes, helles Gesichtchen mit graublauen Augen, die weit aufgerissen schienen und ein Gemisch von kindlichem Staunen und Aengstlichkeit vor etwas Unbestimmtem, nicht Gegenwärtigem ausdrückten. Dies wurde noch dadurch verstärkt, daß sich über diesen Augen die nicht sehr starken Brauen in auffallend runden Bogen wölbten. Die Unterlippe war etwas stärker entwickelt als die obere, und das gab der Miene immer etwas leise Unzufriedenes, Fragendes, ja hie und da Spöttisches, so daß man ganz und gar nicht daraus klug werden konnte, ob Mely ernst oder lustig war und wie sie die Dinge meinte, die sie im Augenblick sagte. Aber so wenig man auch darüber wissen konnte, so sicher wurde man von diesem noch vollkommen unbeherrschten Mienenspiel, dessen Stimmung wechselte wie ein Apriltag, unendlich angezogen. Als Mely von Dr. Brieskorn aufgerufen war, zappelte sie mit den Händen und stieß mit den Füßen gegen ihre Umgebung. Man sollte ihr vorsagen. Sie hatte die Frage gar nicht gehört. Da beugte sich ihre Nachbarin, ein fuchsrotes sommersprossiges Dirnchen, über Melys Pult und platzte in lautes Lachen heraus. »Was ist denn da los?« fragte Dr. Brieskorn in einem Anflug von Strenge; mit einer vor Lachen erstickten Stimme rief die Fuchsrote patzig: »Sie hat ein F in die Platte geschnitten.« Dieses Wort entfesselte allen Uebermut, den ein Rest von Ehrfurcht bisher noch in den Mädchen niedergehalten hatte. Gelächter, Zurufe erfüllten die Klasse. Dr. Brieskorn war feuerrot geworden, denn dieses F bedeutete den Anfangsbuchstaben im Vornamen seines Kollegen und Rivalen Friedrich Pulvermacher, für den die Mädchen schwärmten, welche mehr auf zierliche Hübschheit, als auf robuste Männlichkeit sahen. Dr. Brieskorn war, wie man sagt, eine gediegene Erscheinung. Er kleidete sich solid und hatte eine gewisse militärische Straffheit, deren er sich bewußt zu sein schien. Friedrich Pulvermacher dagegen oder der Fritz, wie er allgemein in der Schule genannt wurde, trug im Sommer oft Waschanzüge, hatte ein blondes Schnurrbärtchen und krauses Haar und liebte es, sich lässig hinzusetzen, das linke Bein über das rechte zu legen und bei der Gelegenheit zwischen dem gelben Schuh und der scharfgebügelten Hose eine gestickte Socke sehen zu lassen, über die seine gepflegte Hand mit dem Brillantring strich. Die Frage wurde allgemein erörtert, ob sein Haar natürlich oder künstlich gewellt war, und ob an dem Gerücht etwas Wahres sei, daß er Fräulein Mordtmann, die herzige Naive des Stadttheaters, wirklich persönlich kenne. Das Bild seines eleganteren Rivalen mußte plötzlich vor dem braven Dr. Brieskorn auftauchen, als die kecke Rothaarige ihm zurief, daß Mely ein F in die Tischplatte gegraben hatte. Die frühreife Schar dieser jungen Großstädterinnen weidete sich an seiner Verwirrung, und es war wohl keine unter ihnen, die nicht aus der ganzen Tiefe der instinktiven Weiblichkeit heraus genau zu fühlen glaubte, was Dr. Brieskorn in diesem Augenblicke »litt«. Die einen weideten sich an dem Gedanken, wie sehr er, der Kleinstädter in seinen schweren Schuhen und breiten Röcken, diesen bezaubernden Fritz hassen mußte. Die anderen aber empfanden, daß der ernsthafte, männliche Dr. Brieskorn es doch wirklich nicht nötig habe, sich hinter so einem Modegecken zu verkriechen. Seine Anhängerinnen jauchzten daher innerlich, als sich Dr. Brieskorn aufraffte und, zwar rot im Gesicht und mit unruhigen Augen, energisch rief: »Dummes Zeug! Ich will Antwort auf meine Frage haben.« »Wie grob er wird,« hörte man eine zierliche schwarze Jüdin flüstern. »Was habe ich überhaupt gefragt?« rief der Lehrer. Niemand wußte es, auch seine Anhängerinnen nicht, denn obgleich sie mit den Blicken an ihm hingen und alle seine Bewegungen und jedes Fältchen seiner Gesichtshaut verfolgten, so kümmerten sie sich doch recht wenig um die den Unterricht betreffenden Fragen. »Ich werde dir einmal einen Tadel einschreiben,« fuhr Dr. Brieskorn, zu Mely gewandt, fort, »damit du aufpassen lernst.« Mit erstaunlicher Plötzlichkeit brach Mely in ein lautes, markerschütterndes Schluchzen aus. Dr. Brieskorn richtete seine Frage an eine andere und erhielt einige notdürftige Antworten; aber der Unterricht konnte zunächst nicht fortgesetzt werden, da Mely ihr herzzerreißendes Schluchzen nicht einzustellen gedachte. »Ach, verzeihen Sie ihr doch noch einmal, Herr Doktor,« rief Melys rothaarige Nachbarin und streichelte den Haufen blondes Haar, der wieder über der Tischplatte lag. »Ueberhaupt, das geht gar nicht so, Herr Doktor,« rief die kleine Jüdin, »zuerst gibt es immer einen schlechten Strich, und drei schlechte Striche machen erst einen Tadel.« »Ja, das ist überhaupt wahr,« stimmten einige bei. Dr. Brieskorn war ratlos. In diesem Augenblick läutete es. Die Stunde war zu Ende. Alle dreißig Mädchen verließen ihre Plätze, umströmten den Lehrer, und einige baten: »Ach, Herr Doktor, seien Sie doch nicht so bös, sie hat es ja nicht so schlimm gemeint.« Andere schwiegen und standen dicht bei dem Lehrer, als wollten sie ihn verteidigen, aber sie sagten nichts, denn soviel Klassengeist war in ihnen, daß sie den Lehrer, wenn es ernst wurde, nicht gegen eine Mitschülerin aufzuhetzen versuchten. Mely Sanders lag, weiter brüllend, mit dem Oberkörper über ihrem Pult, und das war gewiß das Klügste, was sie tun konnte, denn Dr. Brieskorn nahm ärgerlich den Hut, man brachte ihm bereitwillig seinen Stock, und er verließ die Klasse, ohne den Tadel eingeschrieben zu haben. Man tanzte nun vor Freude umher, zog Mely, die sofort unter Tränen ihr Lachen wiederfand, aus der Bank, und alle wollten nun natürlich das F sehen. Die Anhängerinnen des Dr. Brieskorn verließen mit Protest den Raum. In der Tür begegnete ihnen der Fritz. Mit Erobererlächeln blickte er auf die Mädchenschar. »Ach, der Fritz, der Fritz!« riefen einige keck. Dieser tat zwar, als ob er es nicht höre, war aber von der Vertraulichkeit offenbar angenehm berührt. Die Anhängerinnen des Dr. Brieskorn blickten ihn mit schnippischem Lächeln von oben bis unten an, und eine blasse Blonde sagte halblaut, indem sie ihm auf die Füße sah, halb keck, halb schmachtend: »Lila gestreifte Socken, das ist gewiß jetzt das Neueste!« – Auf dem Heimweg von der Schule trennten sich die Mädchen voneinander. Bei Mely war nur Therese Berger geblieben, ein hochaufgeschossenes, bleiches Wesen mit unreiner Gesichtshaut, Rändern um die stechenden Augen, einer starken Nase, langen, knochigen Händen mit Knotengelenken und unsauberen Nägeln. Im Gegensatz zu dem süß-albernen, fast ganz unbewußten Ding, das Mely noch war, sah sie trotz ihrer vierzehn Jahre weder kindlich noch jung, höchstens minderjährig aus. Sie hatte Melys Arm untergefaßt, und beide lachten und stießen sich, gingen im Zickzack, rannten auch manchmal an Vorübergehende an. Mely tat das aus reinem Uebermut; sie wußte, daß es ungezogen war, aber sie hatte offenbar keine Ahnung davon, wie sie wirkte, wie sie aussah, was die Leute von ihr denken mochten. Therese war selber viel weniger ausgelassen, ihre Augen blickten aufmerksam umher, sie beobachtete bewußt die Mienen der Vorübergehenden und tat so, als versuche sie, Melys Uebermut zu bändigen, um die Verantwortung dafür von sich abzuwälzen. Dabei aber freute sie sich heimlich, wenn Mely ungezogene Dinge tat. Oh, ihr konnte man nichts nachsagen, sie hatte der Mely in einem fort zugeflüstert: »Aber Mely, sieh doch, wie die Leute schauen,« und dergleichen, aber Mely hatte es durchaus nicht hören wollen. Die Mädchen bogen in eine grüne Straße ein, vor deren Häusern Vorgärten lagen. An einem offenen Fenster im ersten Stock stand ein bartloser Mensch mit verwittertem Milchgesicht und aschblonden Löckchen, Arthur Idali, der erste Liebhaber am Schauspielhaus. Er war in Hemdärmeln und spiegelte sich in der Scheibe, während er sich eine mattgrüne Krawatte umband. »Ach, wie süß!« rief Mely in einem plötzlichen Anfall von Uebermut, wie sie es dem Fritz gegenüber gewohnt war. Dann genierte sie sich auf einmal sehr und wollte fortrennen, aber Therese hielt sie fest. »Weißt du schon, die Mordtmann hat den Fritz hinausgeschmissen, jetzt hat sie den Idali.« Mely blickte Therese fragend an. »Die haben doch ein Verhältnis zusammen,« sagte diese, »du, denk' dir bloß, mein Bruder hat auch schon eins gehabt. Er sagt, wenn es ein Kind gibt, dann geht er ins Wasser. Er will auch Elektrotechniker werden und nach Amerika gehen, weil dort alles so frei ist.« Thereses Worte wirkten auf Mely wie ein plötzlicher Donnerschlag an einem Frühlingstage. Sie fühlte einen Stich durch ihr ganzes Innere, sie zitterte und glaubte, sie müsse umfallen. »Du, sei doch still,« sagte sie fast flehend und voll Angst, als die andere weitererzählen wollte. Sie verstand eigentlich gar nicht, was diese meinte, aber sie wußte genau, daß Therese eben mit frevelhafter Hand an eine Welt des Grauens, der Sünde, des Unheils gerührt hatte, von der sie ihre sonnige Jugend in der Ferne umgrenzt fühlte. Therese letzte sich an ihrer Verwirrung. »Du, du weißt wohl noch nicht, woher die kleinen Kinder kommen?« fragte sie weiter. Mely riß sich nun plötzlich von ihr los und rannte, so schnell sie konnte, davon. »Dumme Gans,« flüsterte Therese beleidigt. Mely bog in eine stille, alte Straße ein. Dort stand das Haus Sanders im Herzen der Stadt. Es unterschied sich von den anderen Giebelhäusern durch die roten Sandsteinumfassungen der Tür und der Fenster: ein behaglicher Bau aus dem Anfang des achtzehnten Jahrhunderts mit übereinandergeschobenen Stockwerken. Mely betrat durch die breite Tür das einfache Patrizierhaus, in dem sie geboren war und bis jetzt gelebt hatte. Im Erdgeschoß lagen hinter bauschig vergitterten Barockfenstern Kontore. Eine etwas ausgetretene Sandsteintreppe mit geschnitztem, durchbrochenem Holzgeländer führte zu dem von der Familie bewohnten Stockwerk. An den Wänden des Treppenhauses hingen alte Stiche von Festungen und Kirchen. Mely, die sonst gewohnt war, bei ihrer Ankunft die Bücher in eine Ecke zu werfen, durch die Zimmer zu toben, um zu sehen, wer zu Hause war, und alle Neuigkeiten des Vormittags zu erzählen, ging heute still in ihr kleines, bunt geblümtes Zimmer mit den weißen Vorhängen, das an die Schlafstube der Mutter grenzte, setzte sich auf eine Stuhlkante vor den tintebeklecksten Tisch, an dem sie sonst ihre Schulaufgaben machte, und stützte sinnend den Kopf in die heißen Hände. Nach einiger Zeit kam Frau Friederike Sanders herein, Melys Mutter, eine zierliche, einfache Frau von etwa fünfundvierzig Jahren mit altmodisch glattgescheiteltem Haar über einem liebenswürdigen Gesicht von großer Bescheidenheit des Ausdruckes und mit fast kindlichen, hellgrauen, auch etwas verdutzt in die Welt blickenden Augen. Sie war kaum größer als Mely, und wenn man sie beide nebeneinander sah, so verriet der erste Blick, daß Melys lachende, aufrechte Art nicht von der Mutter stammen konnte, daß sie dieser vielmehr schon jetzt über den Kopf gewachsen war. Frau Sanders war die Witwe des früh verstorbenen Sanitätsrats Dr. Clemens Sanders. Sie entstammte einer angesehenen Familie der Stadt, war nach den dort herrschenden Begriffen gut erzogen, hatte aber niemals durch Beziehungen zu anderen als den gewohnten Lebenskreisen ihren Gesichtskreis erweitern können. Sie war ganz in ihrem Gatten aufgegangen, der durch Bedeutung im Beruf, wie durch eine gewisse weltmännische Art über seine Mitbürger etwas hervorgeragt hatte. Nach seinem Tode war Frau Sanders zu viel mit ihren Kindern beschäftigt gewesen, als daß sie über sich hätte nachdenken können. So verwuchs sie immer mehr mit dem Hause, in dem sie wohnte, und sah altmodisch aus, wie die Kommoden und Truhen, die rings in den etwas weinähnlich nach trockenen Rosen duftenden Zimmern standen. Ja, der lebendig erregten Mely gegenüber wirkte sie selbst fast wie ein Stück altes Gerät, das an dem Platze stand, wohin es einmal vor vielen Jahren gestellt worden war. »Mely, du bist da?« sagte die Mutter erstaunt und besorgt. »Ich habe mich schon geängstigt, wo du steckst, und nun sitzest du hier, man hört dich ja heute gar nicht. Was ist denn mit dir?« Mely war noch unfähig, ein Wort zu sprechen. In ihrer Verlegenheit legte sie den Arm um den Hals der Mutter, küßte sie auf ihre trockene magere Wange und schmiegte sich an ihre Brust. Die stets besorgte, selbst hilfsbedürftige Mutter gab Mely immer schnell die verlorene Sicherheit zurück. »Ach, Mama, denke nur, eben habe ich geglaubt, ich könnte dich gar nicht mehr liebhaben und überhaupt niemand mehr auf der Welt,« erwiderte Mely noch unter Tränen, aber schon wieder beruhigt. Mely küßte ihre Mutter, die es verständnislos geschehen ließ. In diesem Augenblick sprang die Zimmertür auf. Hermann Sanders, ein fünfzehnjähriger Bub mit ebenso blondem, wirrem Haar wie Mely kam lärmend in seinem braunen Schulanzug herein. Auch er hatte die grauen unentschlossenen Augen der Mutter und darüber wölbten sich wie bei Mely dünne Brauen, welche die Augen verwundert aufgerissen erscheinen ließen. »Heute haben wir die Volksschüler aber vermöbelt,« rief er, »denkt euch, der Kofler hat ein wirkliches Rehhorn zum Boxen gehabt, aber wir haben ihn entwaffnet. Jetzt ist nur Waffenstillstand, heute nachmittag findet die Entscheidungsschlacht am Domplatz statt.« »Aber Hermann,« sagte die Mutter, »wie siehst du denn aus?« Sie nahm seine blasse, beschmutzte Hand, die aus einem langen Riß blutete. Mit Stolz zeigte er seine Wunden. Mely vergaß plötzlich all ihren Schmerz, sie hüpfte vor Freude. »Oh, Hermann, da muß ich dabei sein! Nach der Schule am Domplatz, nicht?« »Aber, Mely, schäm' dich doch, ein Mädchen!« sagte die Mutter. »Und jetzt werden auch Torpedos angekauft,« rief Hermann, von Melys Teilnahme angefeuert, »aber das ist noch ein Geheimnis.« Auch in seinem Gesichte bemerkte man die etwas vorstehende Unterlippe wie bei Mely, aber während sie bei dieser mehr eine spielerische Schnippigkeit verriet, war sie bei ihm trotzig, fast herausfordernd. Das alte Lenchen trat ein, ein mageres, verhutzeltes Geschöpf, das die Geburt der beiden Kinder im Hause miterlebt hatte. Ihre Anhänglichkeit wurde freilich seit einiger Zeit erkauft durch einen unaufhörlichen Wechsel der Köchinnen, da keine allzulange Lenes Gewaltherrschaft aushielt. »Die Suppe ist auf dem Tisch,« rief sie kurz in eine Ecke, als mißbillige sie etwas. Frau Sanders ging mit ihren beiden Kindern in das Eßzimmer, einen großen, etwas niedrigen Raum mit altertümlicher Stuckdecke und tiefen Fensternischen. Die Möbel und das Gerät verrieten einen soliden, seit Geschlechtern vererbten Wohlstand. Ueber dem eingelegten Schreibtisch aus hellem Birnbaumholz hing ein großes mattes Oelbild, das in etwas steifer Feierlichkeit einen Mann mit hellen, offenen Augen, etwas selbstbewußtem, breitem Mund und viereckigem, blondem Vollbart darstellte. Die Auffassung war konventionell: ein schöner würdevoller Vertreter seines Geschlechtes, dem Kaiser Friedrich nicht unähnlich; die rechte Hand hielt er gewichtig im Brustausschnitt seines Gehrocks. Es war das Bildnis des vor einem Jahrzehnt infolge einer Erkältung, die er sich auf der Jagd geholt hatte, plötzlich verstorbenen Sanitätsrats Clemens Sanders, des Vaters von Mely und Hermann. Die beiden Kinder entsannen sich seiner kaum mehr. »Du, wie ist denn das mit den Torpedos?« fragte Mely bei Tisch. »Sehr einfach,« erklärte Hermann überlegen, »die Obersekunda hat Geld zusammengelegt und beim Antiquar Hosp eine alte Ausgabe von Meyers Konversationslexikon gekauft; das sind zwölf Bände Munition, die benutzen wir als Torpedos, d. h. wir binden sie an Riemen und schmeißen sie auf den Feind.« So sehr Mely auch an diesen Taten Anteil nahm, sie konnte nicht ganz über das Unbehagen hinauskommen, das sie doch in der Tiefe empfand, sobald sie heute an die Schule dachte. Sonst ging es nach ihrem Geschmack dort höchst vergnüglich zu, selbst der Unterricht war ihr nur ein angenehmes Gesellschaftsspiel, aber heute schien ihr der Gedanke unerträglich, Therese Berger wiederzusehen, vor der sie eine wahre Angst fühlte. Warum? Sie wußte es nicht. Vielleicht fürchtete sie heimlich, dieses Mädchen würde nun immer wieder von dem bewußten Thema unaufgefordert beginnen. Sie konnte sich nicht dagegen schützen, und sie wollte doch nichts davon hören, denn das, was sie heute morgen so plötzlich erfahren, war schon mehr, als ihre Kinderseele auf einmal vertragen konnte. Nach Tisch sagte sie darum halb verlegen zu Hermann: »Du, hol mich doch heute von der Schule ab.« »Aber du weißt doch, ich kann nicht,« erwiderte er, »ich muß eine ganze Kompagnie zum Domplatz führen. Komm lieber allein hin.« Mely gelang es am Nachmittag, Therese auszuweichen. Kaum war die letzte Stund« geschlossen, als sie voll Angst ihre Bücher ergriff und, so schnell sie konnte, durch die Straßen davonrannte. Sie eilte durch Gassen, die sie kaum kannte, aus deren Kellerlöchern kühle, etwas muffige Gerüche emporstiegen und rannte zum Domplatz. Dort standen schon die Gymnasiasten. Als sie plötzlich der vielen Buben ansichtig wurde, blieb sie stehen. Sie genierte sich. Die Jungen machten einen ungeheuren Lärm. Manche standen in Reih' und Glied, wie in der Turnstunde. Sie hatten ihre Bücher an Riemen gebunden, so daß sie sie als Schleuder benutzen konnten. Mehrere liefen lebhaft vor der Front hin und her. Eine Anzahl blasser, bebrillter Obersekundaner hielt wirklich die beim Antiquar gekauften Torpedos unter den Armen. Die Mannschaften sahen aber mehr aus, wie Kandidaten zu einem Examen, als wie einer Schlacht gewärtige Helden. Nach einiger Zeit hörte man einen gellenden Pfiff aus der Seitengasse. Die Volksschüler, meist in dunkle Strickanzüge gehüllt, brachen hervor wie eine Schar von Hunnen, viel wildere und furchtbarer aussehende Kerle als die Gymnasiasten. Sie schwangen ihre Ranzen und zerstörten im Nu die geordnete Schlachtreihe. Es entstand ein wildes Handgemenge, aber schon mischten sich Vorübergehende ein, packten einige Jungen am Kragen und trieben sie auseinander. Ein Haufe Gassenbuben hatte sich eingefunden – Franktireurs, mit denen man kurzen Prozeß machen müsse, nannte sie Hermann –, auch ein Schutzmann mit Notizblock ließ sich blicken, die Volksschüler wurden zerstreut, die Gymnasiasten hoben ihre auf dem Platze liegenden Torpedos auf und schlugen den Weg zur Schwimmanstalt ein. Mely hatte mit Entzücken zugesehen und gedacht: bei den Buben geht's doch anders zu, als bei den dummen Gänsen in der Mädchenschule. Hermann kam nach der Schlacht auf sie zu, vollkommen zerzaust und mit verbogenem Strohhut, das Torpedo »Astrachan bis Beulenpest« unterm Arm. Erwin Dorn war bei ihm, ein großer, etwas stiller Junge, der für einen Sonderling galt, weil er sich nur wenig an den Schlachten beteiligte, aber gerade in dem trotzigen Hermann stets einen Verteidiger fand. Sein brünettes Gesicht mit den starken Backenknochen gab ihm etwas Fremdartiges. Er war Primaner, so daß sein Verkehr, der sich auf den gemeinsamen Schulweg beschränkte, dem jüngeren Hermann sehr schmeichelte. Der Flaum auf seiner Oberlippe ließ sich, wenn er sich einige Mühe gab, an den Enden bereits ein ganz klein wenig in die Höhe zwirbeln. Obwohl auch in seinem Blick noch etwas Kindliches lag, schienen seine Augen doch schon in Geheimnisse zu dringen, die den anderen noch verborgen blieben. Er war auch sorgfältiger gekleidet als jene. Mely wurde in seiner Gegenwart stets etwas befangen. Als sie ihn heute sah, mußte sie einen Augenblick an das denken, was ihr Therese Berger zugeraunt hatte, aber plötzlich schüttelte sie es gewissermaßen von sich ab. Nein, damit hatte der Dorn nichts zu tun. Erwin hatte viel gelesen, und davon ließ sich Hermann gern erzählen, obwohl er sich nie dazu entschlossen hätte, selber einmal ein Buch zu öffnen; auch Mely hörte ihm gern zu, besonders wenn er über fremde Länder sprach, als sei er selbst dort gewesen. Während die meisten Klassengenossen Hermanns eine sichtliche Verachtung für das weibliche Geschlecht zur Schau trugen, hatte Erwin Mely manchmal Veilchensträußchen geschenkt und ihr auf dem Schulwege die Bücher getragen. Sie fand das bald komisch, bald aber auch sehr nett. Jedenfalls freute sie sich immer, wenn sie ihn sah, und sie fühlte sich von einer Art Huldigung, die er ihr zukommen ließ, geschmeichelt. Niemand behandelte sie so sehr als Erwachsene wie er. Hermann, Erwin und Mely gingen nun hinter den anderen her. Hermann sprach die ganze Zeit von den Möglichkeiten im weiteren Verlauf des Krieges mit den Volksschülern. Am Flußufer verabschiedete er sich, er wollte mit den anderen schwimmen gehen. Dies war auch anfangs die Absicht Erwins gewesen, nun aber wurde er unsicher und schwankte in seinem Entschluß. Er geriet etwas in Verlegenheit, als er Hermann sagte, er würde heute lieber nicht schwimmen. Dann begleitete er Mely allein nach Hause. Er sprach zunächst fast gar nicht. Auf einmal sagte er: »Soll ich dir vielleicht das \>Buch der Lieder\< leihen?« »Was ist das?« »Gedichte.« »Ach, Gedichte,« sagte Mely wegwerfend, »von wem denn?« »Von meinem Lieblingsdichter Heinrich Heine.« »Von dem? Den haben wir ja selbst im Bücherschrank, den brauchst du mir nicht zu leihen.« Mely war enttäuscht, daß sie das so bequem zu Hause haben konnte. Sie hoffte immer, Erwin würde ihr einmal etwas ganz anderes sagen, etwas, was überhaupt gar niemand sonst wußte, als er. Sie waren an dem alten Hause angekommen. Erwin verabschiedete sich, wobei er Schwierigkeiten hatte, den Hut mit der linken Hand zu fassen, da er unter dem Arm seine Schulbücher trug. Den rechten Arm aber mußte er frei haben, denn er hatte sich schon die ganze Zeit darauf gefreut, Melys kindliche, etwas gebräunte Hand, die jetzt entblößt war, zu fassen. Er hielt sie ein wenig lange in der seinen. Mely kämpfte heimlich mit dem Lachen. Auf der Treppe dachte sie: was mögen das für Gedichte sein? Sie wollte gleich an den Bücherschrank gehen, aber dann dachte sie: nein, nicht gleich, soviel liegt mir überhaupt gar nicht daran. Oben wartete das Lenchen mit dem Kaffee. Frau Sanders war ausgegangen. Mely erzählte der alten Dienerin die Heldentaten, denen sie eben beigewohnt hatte, aber von dem »Buch der Lieder« sagte sie nichts. Die neuen Eindrücke gaben ihr das Gleichgewicht wieder, das sie durch Therese Bergers Worte einen Augenblick verloren hatte. Es war für sie ein ereignisreicher Tag gewesen. Mit Entzücken sah sie den nachmittäglichen Sonnenstrahlen zu, die durch die nicht ganz schließenden, grünen Läden in das Zimmer drangen und auf dem Kaffeetisch das Geschirr und das Silber blitzen ließen. »Weißt du, Lene,« rief sie plötzlich, »heut war es wirklich schön, und nun wird es immer schöner.« Dabei sprang sie auf, fiel der alten Lene um den Hals und zog die erstaunt Widerstrebende ein paarmal um den Tisch herum. 2 Zweimal in der Woche ging Mely in den Konfirmandenunterricht bei dem Propste Nothaft. Ohne zu wissen, warum, nahm sie das doch etwas ernster als die Schule. Die Lehrer waren Menschen, für die man Schwärmerei oder Spott hegte. Was aber dieser ältliche, hüstelnde Mann mit den dünnen Lippen sagte, die sich oft wie Deckel eines Etuis über einer überraschenden Perlenkette falscher Zähne auseinanderschoben, das klang so weltfern und außermenschlich, daß sie ihm ehrfürchtig zuhörte, wenn er mit seinen dicken Zugstiefeln vor den Sitzreihen in der langen kahlen Stube auf und ab ging. Sie mußte ihm innerlich recht geben, daß er den Mädchen Flatterhaftigkeit, Eitelkeit und weltlichen Sinn vorwarf, und auf die Pflichten der Nächstenliebe, besonders gegen die Armen, hinwies. Aber der Gedanke, daß man nach diesen schönen Worten sein Handeln wirklich einrichten könne, war ihr niemals gekommen. Was sie hier Erbauliches hörte, gefiel ihr, aber es gewann nicht die mindeste Wirkung auf ihr Leben, während sie draußen war. Sie hatte sozusagen eine platonische Liebe zu allem Guten; so kam sie nicht ungern in den Konfirmandenunterricht und unterwarf sich willig dem augenblicklichen Bann, den die Atmosphäre der ärmeren und ganz armen Mädchen aus Mittel- und Volksschule auf sie ausübte, ja, sie scheute nicht einmal so sehr den dumpfigen Kleineleutegeruch, den jene ausströmten, denn sie empfand ihn als Gegensatz zu ihrer eigenen, heiteren Welt und ihn einzuatmen ein bißchen als Sühne dafür, daß es ihr sonst so gut ging. So schlimm aber war diese Sühne nicht, daß sie darunter ernstlich gelitten hätte, und darum fand sie es in der Ordnung, ja angenehm, sie auf sich zu nehmen. Die Bevorzugte des Pfarrers, Elisabeth Schlosser, die wohl auch außerhalb des Unterrichts in seinem Hause aus- und einging, machte auf Mely einen großen Eindruck. Sie war ein ernstes, schon ziemlich entwickeltes Mädchen von etwas breiter und gedrungener Gestalt. Das glatt gescheitelte Haar über einem nicht unregelmäßigen, aber gar nicht reizvollen Gesicht gab ihr den Anschein einer angehenden Krankenpflegerin. Der dünne Mund war herb und sprach von Pflicht und Verantwortlichkeitsgefühl, das vielleicht frühe Lebenserfahrungen in ihr entwickelt haben mochten, aber die braunen Augen waren doch nicht ohne eine gewisse Sanftheit. Sie gab rasche und knappe Antworten. Mely betrachtete sie immer wie ein Ideal (so drückte sie sich aus), obwohl sie in eine geringere Schule ging als sie. Eines Tages verließen Elisabeth und Mely zusammen das Pfarrhaus. Elisabeth fragte ein klein bißchen von oben herab: »Wo gehst du jetzt hin?« »Schwimmen. Und du?« »Ich will eine arme Familie besuchen gehen.« Mely wurde etwas verlegen. »Unsere frühere Aufwärterin«, fuhr Elisabeth fort, »hat sich wieder verheiratet, jetzt ist der Mann im Spital und sie sitzt mit zwei kleinen Kindern da.« Mely fühlte, daß sie jetzt irgend etwas sagen müsse. »Wir haben ein Mädchen schon seit Mamas Hochzeit und die ist immer noch bei uns.« »Das ist schön,« erwiderte Elisabeth, »aber die meisten meinen eben, sie müßten unbedingt heiraten, dann läßt das Unglück nicht lange auf sich warten.« »Schrecklich dumm eigentlich,« meinte Mely aus tiefster Ueberzeugung, und sie kam sich außerordentlich erwachsen vor, denn mit niemand hatte sie bisher in dieser Art über Dienstboten gesprochen. »Wenn ihr zu Haus alte Kleider habt oder hie und da etwas übriggebliebenes Essen, dann wäre ich dir sehr dankbar, wenn du es mir für die arme Frau geben wolltest.« »Ach ja,« rief Mely plötzlich, wie befreit von dem Druck, den das zu ernste Gespräch auf ihr nicht an dergleichen gewöhntes Gemüt ausgeübt hatte. Der Gedanke entzückte sie, sich auf diese Weise tätig zu sehen. An so etwas hatte sie noch gar nicht gedacht. »Sicher haben wir alte Sachen und auch etwas zu essen. Ich will es der Mama gleich sagen, dann schicken wir die Lene hin.« »Bring's doch selbst,« sagte Elisabeth streng, »hier sind wir übrigens angekommen.« Sie blieb vor der Tür eines ärmlichen Hauses stehen, dessen graue Mauern auch in diesen Frühlingstagen nicht ganz trocken wurden. »Willst du gleich einmal mit hereinkommen?« fragte Elisabeth prüfend, als überlege sie, ob Mely eine für ihre Zwecke geeignete Persönlichkeit sei. Mely ging mit. Sie zitterte, so etwas hatte sie noch nie erlebt. Sie folgte Elisabeth durch einen Hof. In einem dunklen Raum schlug ein Schmied glühendes Eisen, im Freien arbeitete ein Schuster. Es roch aus verschiedenen Küchen nach gekochtem Kohl. Sie gingen eine enge, gewundene Treppe hinauf. Oben wurde die Luft immer dumpfiger. Elisabeth klopfte in der Dunkelheit an eine Holztür. Mely mußte den Atem anhalten. So unangenehm ihr manches hier war, sie fühlte sich wie im Märchen und hätte sich nicht gewundert, wenn hinter der Tür eine alte Hexe am Spinnrocken gesessen wäre. In dem Raum stand eine dürftig angezogene Frau vor einem Kochofen, ein Kind spielte am Boden, ein anderes war in eine Kiste geklemmt. Auf einem schmutzig überzogenen Sofa, das wohl gleichzeitig als nächtliche Lagerstätte diente, häufte sich allerlei ärmliches Zeug. Elisabeth sprach mit der Frau, die zwar fast unterwürfig, aber so grobe Mundart redete, daß Mely kaum ein Wort verstand. Sie mußte sich erst an die ungewohnten Eindrücke gewöhnen. Dann rief sie aus: »Ach Gott, wie süß ist doch das Kleine!« Sie hob eine Rassel vom Boden und spielte mit dem schmutzigen Kind in der Kiste. Elisabeths Zeit war knapp bemessen. Sie sagte, sie müsse noch in andere Häuser gehen. Beim Abschied erinnerte sie Mely daran, die arme Frau ja nicht zu vergessen. Als Mely nach Hause kam, erzählte sie gleich der Mutter das Geschehene. Frau Sanders war gerne bereit zu helfen. Am Nachmittag trug Lene die Sachen zu der Frau. Mely ging mit, aber sie hätte sich nicht allein hingetraut. Als die Frau die alten Kleider sah und die Würste, die Lene auspackte, wollte sie das ältere der Kinder zwingen, sich schon zu bedanken, aber es brach in unartiges Weinen aus. Mely fiel auf, in einem wie anderen, unbefangenen Ton die Frau heute nachmittag redete im Vergleich zu der etwas gedrückten, schüchternen Art, wie sie mit Elisabeth gesprochen hatte. Sie war eigentlich ganz gut gelaunt und machte Scherze, so daß Mely bei sich dachte, so schrecklich arm könne sie doch wohl gar nicht sein. Sie nahm z.B. eine der Würste, hielt sie dem Kinde in der Kiste vor die Nase und rief: »Hast de Dorscht, beiß' in die Worscht.« Darüber mußte Mely laut lachen, und sie freute sich schon darauf, wenn sie diese Redensart in der Schule gebrauchen würde. Auf dem Heimweg sagte das Lenchen zu Mely: »Wer weiß, das sind vielleicht ganz schlechte Leut'. Eine ordentliche Frau läßt ihre Kinder nicht so im Schmutz verkommen.« »Aber sie hat doch kein Geld.« »Wasser kost' nix,« sagte Lene entschieden. »Warum sie bloß heiraten mußte?« »Ja, das weiß der liebe Herrgott! Das weiß selber keine, aber jede muß hineintappen, und dann ist's zu spät.« Mely stand vor einem Rätsel. 3 An einem der nächsten Tage nahm Mely doch das »Buch der Lieder« aus dem Bücherschrank. Sie las erst im Stehen hie und da ein Gedicht, dann setzte sie sich auf einen Stuhl – nach ihrer Gewohnheit nur auf die Kante –, las und las, und schließlich ließ sie das Buch sinken, ihre Schläfen schmerzten, die Glieder waren schwer und müde, in ihr wühlte eine unbekannte Erregung. Zuletzt hatte sie kaum mehr auf den Sinn geachtet, sich nur dem betäubenden Rhythmus der Verse hingegeben, aus denen ihr Blumennamen und Düfte, Worte wie Liebessehnsucht, Mondschein und Geheimnis, Erinnerungen an Stelldichein und Küsse im Gedächtnis blieben. Das war ja das Wundervollste, was sie je erfahren. Sie hätte gleichzeitig jauchzen und weinen können, und plötzlich fiel ihr Erwin mit den sonderbaren Augen ein, der ihr das Buch genannt hatte. Also auch er kannte diese süßen, berauschenden Gefühle, die sie jetzt kostete, und das war es vielleicht, was sie immer geahnt hatte, und was ihn ihr so ungeheuer interessant machte. Oh, sie mußte mit ihm über diese Dinge sprechen, so bald wie möglich. Während sie noch träumte und das Buch in den Händen hielt, hörte sie die Vorplatztür gehen und die Stimmen Lenes und der Mutter, die von einem Ausgang heimkehrte. Mely fühlte sofort, daß sie sich in ihrem Zustand nicht überraschen lassen dürfe, schnell stellte sie das Buch in den Bücherschrank zurück und ging in ihr Zimmer. Am folgenden Sonntag traf sie Erwin beim Kirchgang. Von der Predigt hörte sie kaum ein Wort. Manchmal suchten ihre Blicke den brünetten Primaner, der sehr aufmerksam auf den Pfarrer zu hören schien. Ob ihn das, was er sagte, wirklich so sehr fesselte? Gewiß verschloß er in sich eine sehr große Liebe. Was mochte das wohl für ein Mädchen sein, das dieser fremdartige Junge liebte? Eigentlich war er gar kein Junge mehr, sondern wirklich ein junger Herr. Nach dem Gottesdienst sagte ihr Erwin guten Tag. Sie gingen nebeneinander her, aber wie gewöhnlich sprach er nicht viel. Mely konnte es nicht mehr aushalten und sagte plötzlich, während sie zwischen den feuchten Rasen der Promenade gingen, die von sonntäglichen Spaziergängern belebt war: »Das ›Buch der Lieder‹ ist aber sehr schön.« Erwins Augen wendeten sich zu ihr und blitzten auf. »Hast du's gelesen? Ich dachte es mir, daß du auch zu denen gehörst, für die es ist.« Sie duzten sich, da sie sich noch vor jenem Lebenseinschnitt gekannt hatten, an dem junge Leute voreinander die Unbefangenheit verlieren. Für Mely war das belanglos, er aber genoß bereits die Vertraulichkeit, die darin lag. Lernte er ein Mädchen in Melys Alter jetzt kennen, so redete er sie unwillkürlich mit Sie an. Mely hatte bei seinen Worten aufgehorcht. Es gab also offenbar auserwählte Menschen, die Dinge wußten und fühlten, die den anderen verschlossen waren, Erwin gehörte zu ihnen und schien nun nach einer Prüfung auch sie dazu zu rechnen. Sie bebte. »Woher hast du das gewußt?« fragte sie, und es kam ihr fast keck vor, diese Frage zu stellen. »Nun, das hast du wohl schon gemerkt, für die meisten ist doch das ›Buch der Lieder‹ nicht.« »Das ist wahr, woher kennst du es denn?« »Oh, ich interessiere mich doch überhaupt für Literatur,« erklärte Erwin mit einer gewissen Selbstverständlichkeit, »ich kann dir auch einen Roman leihen, wenn du willst: ›Liechtenstein‹ von Hauff.« »Von dem Hauffs Märchen sind? Ist der auch so schön?« »Fast noch schöner.« »Den haben wir auch zu Hause, aber es ist wirklich schrecklich lieb von dir, daß du mir so etwas sagst.« »Ich spreche sonst mit gar niemand davon,« erwiderte Erwin, als habe er schon seine schlechten Erfahrungen mit Menschen gemacht. »Ich werde es auch nicht tun, die anderen sind ja viel zu dumm.« »Da hast du recht,« seufzte Erwin. »Mit dir kann man sich wirklich furchtbar nett unterhalten,« erwiderte Mely voll Bewunderung. Hermann hatte inzwischen die beiden eingeholt. »Der Kofler kommt in eine Besserungsanstalt,« berichtete er, »weil er mit seinem Rehhorn einem Volksschüler ein Auge ausgestochen hat.« Mely sagte: »Ach, Hermann, laß uns doch mit diesen langweiligen Geschichten zufrieden.« »Seit wann sind sie dir denn langweilig? Hat dich der Dorn vielleicht mit seinen Ansichten angesteckt?« Erwin wurde rot. Mely zuckte nur die Achseln: »Als ob ich nötig hätte, mich anstecken zu lassen, ich habe doch meine eignen Ansichten.« Erwin fand sich von jetzt ab häufig, bald jeden Morgen, schließlich zweimal täglich auf Melys Schulweg ein. Er trug ihr die Bücher und sie sprachen zusammen über Heine, Liechtenstein und Liebe. Er erzählte ihr, wie unglücklich Heine war, und wie schrecklich es ist, wenn man liebt ohne Gegenliebe. Einmal fragte Mely: »Hast du eigentlich schon geliebt, Erwin?« »Ach nein, wen hätte ich denn lieben sollen, ich kenne ja niemand!« Das enttäuschte Mely. Sie hatte geglaubt, er würde sie nun in das Geheimnis einer großen Leidenschaft blicken lassen, nun aber tat er ihr fast leid, gleichzeitig war aber auch etwas in ihr, das sich darüber freute, daß Erwin noch nicht geliebt hatte. Am andern Tage drückte Erwin Mely beim Abschied ein Briefchen in die Hand, sie solle es oben lesen. Voll Neugier rannte sie hinauf in ihr Zimmerchen. In dem Briefe stand ein Liebesgedicht. Mely gefiel es sehr gut. Woher er es wohl hatte? Ob es auch von Heine war? Sie las es im Tage mehrmals durch und abends konnte sie es auswendig. Bei ihrem nächsten Zusammentreffen fragte sie Erwin: »Woher ist denn das schöne Gedicht?« »Von mir.« Mely schaute ihn erstaunt an. War das möglich? Jetzt schwindelte er aber. »Wirklich von dir selbst gemacht? Woher kannst du denn Gedichte machen?« »Oh, ich dichte sehr viel,« erwiderte er, »fast jeden Tag eine Stunde. Ich habe ein ganzes Heft für dich, ich wollte nur erst einmal sehen, ob dir das eine gefällt.« »Ach, laß mich alle lesen, das eine gefällt mir sehr!« Erwin zog aus seiner Tasche ein kleines gelbes Heft, das mit einem blauseidenen Faden umwunden war. Mely konnte kaum erwarten, bis sie zu Hause war, und nun las sie Gedichte »An Mely«, »Als ich sie zum erstenmal sah«, »Eine Friedhofsphantasie im Falle von Melys Tod«. Er nannte sie Grausame, Engel, Geliebte, Ungetreue. Dann verfiel er plötzlich in einen frivolen Ton. »Ich habe soviel mit Herzen gespielt«, begann ein Gedicht. Fieberhaft durchlas Mely das Heftchen. Sie konnte es kaum glauben. Das waren Gedichte, mindestens so gut wie die von Heine, und sie waren an sie selbst gerichtet, von jemand, der sie liebte. Vor dem Einschlafen war sie, wie noch niemals, von den widersprechendsten Gedanken erfüllt. Der Gedanke an eine Liebe zwischen ihr und Erwin war ihr bisher noch nie gekommen, überhaupt schien ihrer Phantasie der Gegenstand einer Liebe niemals greifbar. Nur die Liebe als solche lockte sie, und mit Erwin hatte sie nur davon geplaudert, wie man zu jemand spricht, mit dem man eine gemeinsame Reise in ein fremdes Land unternehmen will; ja, es hätte sie fast mehr gereizt, ihn über irgendeine Liebe, die er hegte, sprechen zu hören, als daß er sie selber liebte. Und nun liebte er sie doch selbst, da konnte sie in ihm auf einmal nur den Jungen, den Gymnasiasten sehen. Aus seiner romantischen Ferne war er ihr nun ganz nahe gerückt. Vorher hatte sie bewundernd zu ihm aufgeschaut, er war ihr geheimnisvoll erschienen. So ein Junge ist doch tausendmal interessanter, hatte sie oft gedacht, als so eine Gans von einem Mädel und selbst als die strenge Elisabeth Schlosser. Aber jetzt fühlte sie sich auf einmal überlegen, und während ihr bisher alles, was sie mit Erwin, seit sie das Buch der Lieder kannte, gesprochen hatte, als etwas Ernstes, Edles, fast Heiliges erschienen war, fand sie auf einmal auch ihm gegenüber ihr sonst so leicht zu erregendes Lachen wieder. Die Verwirrung, in die ihn beim Hutabnehmen immer die Schulbücher brachten, war doch auch zu komisch. Sie schalt sich selbst, daß sie darüber lachen mußte. Wie gerne hätte sie alles feierlich genommen! Immerhin fand sie es wunderschön, so geliebt und besungen zu werden. Zum ersten Male vermißte sie es, daß sie keine nahe Freundin hatte. Mit Entsetzen erinnerte sie sich an Therese Berger. Es wäre eine Beschmutzung dieser Dinge gewesen, wenn sie sie ihr anvertraut hätte. Nein, mit so etwas hatten ihre Gefühle und auch die Erwins gewiß gar nichts zu tun. Dennoch aber mußte sie immer wieder an die Worte denken, die Therese zu ihr gesprochen, und an die grausige Welt, vor der sich einen Augenblick der Vorhang gelüftet hatte. Oder sollte sie sich gar Elisabeth Schlosser anvertrauen? Um Gottes willen, wenn die davon etwas wüßte! Die stand ja hoch und unnahbar über solchen Dingen. Am Nachmittag konnte sie kaum erwarten, Erwin zu sehen. In den letzten Tagen hatten sie den Heimweg immer mehr ausgedehnt. Da Frau Sanders um diese Zeit ausging, blieb Melys Fernbleiben unbeachtet. Erwin war blaß, als er ihr entgegenkam. »Wie leidenschaftlich muß er mich lieben,« dachte sie und sie nahm sich ernstlich vor, diese schönen Gefühle zu erwidern. Nachdem sie in eine etwas stillere Straße gelangt waren, fragte er fieberhaft: »Hast du's gelesen?« »Ja.« Seine Augen schienen sie verschlingen zu wollen, und sie fühlte, wie wundervoll das war, diesen Augenblick auszudehnen und ihn noch eine Zeitlang in Unkenntnis über ihre Meinung zu lassen. Dann tat er ihr leid, weil er so zitterte, aber sie sagte doch nichts und freute sich heimlich. »Nun,« drängte er, »haben dir die Gedichte irgendeinen Eindruck gemacht?« »Ja,« erwiderte Mely langsam, »sie sind wundervoll!« Und nun weidete sie sich daran, zu sehen, wie diese Worte plötzlich sein starr gespanntes Gesicht lebendig machten, wie seine Augen wieder einen ganz unbefangenen, jungen Ausdruck annahmen und unter einem glücklichen Lächeln seine blanken Zähne sichtbar wurden. Sie kamen an dem Stadtpark vorbei, einem um die Zeit wenig besuchten Garten, der nur den Abonnenten und ihren Familien geöffnet war. Erwin und Mely waren gewohnt, dort aus- und einzugehen. In der Ferne erklang die Nachmittagsmusik zwischen den rauschenden Wipfeln. »Komm ein bißchen mit an den Schwanenteich,« sagte er. Sie war einverstanden. Schweigend gingen sie die sauberen Kieswege. Eine Viertelstunde schlenderten sie an dem Teich umher, starrten die Schwäne an und sprachen kaum. Beide waren etwas gedrückt, sie fühlten, daß irgend etwas gesagt werden müsse. Aber was? Hinter dem Teich befand sich eine künstliche Felsgrotte mit Bänken. »Setzen wir uns vielleicht dort in die Grotte?« fragte Erwin, fast ganz sicher. Sie setzten sich in den dämmerigen Raum. Vor dem Eingang spielte die Nachmittagssonne im Gras, man hörte hie und da einen Ruderschlag vom See. Erwin sprach zunächst noch immer nicht. Da durchzuckte Mely ein Gedanke, und sofort sprach sie ihn aus: »Ich bin sicher, hier hast du schon einmal mit einem anderen Mädchen gesessen, weil du den Ort so genau kennst.« »Niemals, ich schwöre dir,« erwiderte Erwin und sank vor ihr auf die Knie. »Aber ich habe hier oft allein gesessen und davon geträumt, die künftige Geliebte einmal hierherzuführen, und nun ist dieser Augenblick gekommen.« Mely kam es vor, als ob sie den plötzlich vor ihr Knienden wirklich sehr gern hätte. »Erwiderst du eigentlich meine Gefühle?« fragte er plötzlich. Sie fand keine Worte und blickte auf den erdigen Boden der Grotte, wo ein dünner schwarzer Käfer kroch. Erwin wußte erst nicht, was er nun tun sollte, aber dann erinnerte er sich, gehört und gelesen zu haben, daß das immer so geht: auf solche Fragen gibt ein Mädchen keine Antwort, und er fühlte: das ist der Augenblick, jetzt oder nie. Er gab sich innerlich einen Ruck, um seine Schüchternheit zu besiegen, und wollte Mely auf den Mund küssen. »Nein, nicht,« sagte sie und wehrte sich. »Aber Mely,« flüsterte er, »wenn wir uns doch lieben.« Da hatte er nun eigentlich recht, wenn sie sich liebten, mußten sie sich auch küssen. Das gehörte dazu. So stand es ja auch in allen Gedichten. Nach einiger Zeit des Schweigens versuchte er wieder einen Kuß, und sie wehrte sich nur noch zum Schein. »Wir lieben uns doch,« sagte er wieder. Ja, sie liebten sich doch. Was war das anderes als Liebe, dachte sie, und schließlich ließ sie sich küssen; aber sie hörten Tritte und mußten sich bald entfernen. Von jetzt ab gingen sie täglich in die Grotte und blickten durch die Gräser, die davorstanden, auf den in der Nachmittagssonne glitzernden See mit den grünen, hügeligen Ufern darum. Sie fand das Küssen ganz schön, aber wenn sie abends im Bett lag, dann war ihr doch oft, als sei das nicht richtig, auch mußte sie immer wieder lächeln, wenn sie daran dachte, wie verliebt Erwin in sie war. Es gefiel ihr, und sie machte es mit, aber manchmal warf sie sich vor, daß es sich eigentlich nicht gehörte. Anfangs mochte sie sich nicht gestehen, daß sie ihn gar nicht liebte, sie wollte das Traumbild wach erhalten, eine wahre Liebe zu fühlen, aber dann brach die Wahrheit zu deutlich hervor. Sie konnte nicht anders, sie mußte Erwin manchmal ein bißchen necken und ärgern. Es kam ihr vor, als ob er sie für sich ganz in Beschlag legen, gewissermaßen als zu ihm gehörig betrachten wolle, und dagegen wehrte sich etwas in ihr. Er rechnete ganz sicher damit, daß sie ihn ebensosehr liebe, wie er sie. Das reizte sie zum Widerspruch. Sie eilte sich nun bald nicht mehr so sehr, ihn zu treffen, schwatzte oft noch eine Zeitlang mit den Freundinnen. Anfangs machte er ihr keine Vorwürfe, sondern sah sie nur mit schmerzlichen Augen an. Ihre Ankunft freute ihn so, daß er allen Aerger über das lange Warten im Augenblick vergaß, wenn sie schließlich kam. Nun reizte es sie, einmal zu erproben, wie lange er wohl warten würde. Einmal kam sie eine halbe Stunde zu spät, und nun machte er ihr Vorwürfe. Jetzt gefiel es ihr, ihm zu widersprechen. Sie müsse doch aufpassen, daß man sie nicht sähe, überhaupt, es würde schon über sie geschwatzt; ihre Unterlippe schob sich vor und in ihrem Gesicht lag eine Mischung spielerischer Schnippigkeit und ernster Entschlossenheit. An manchen Tagen hatte sie aber auch gar keine Luft, sich küssen zu lassen, dennoch freute es sie, wenn er sie darum anflehte. Manchmal fand sie nun auch Gedichte von ihm schlecht. Das sei doch immer wieder dieselbe Leier, behauptet sie sogar eines Tages. Dann versuchte er ein verzweifeltes Hohnlachen, dem sie sich aber überlegen fühlte. Kurz, sie gewöhnte sich an ihn und seine Ergebenheit und schließlich bekannte sie sich offen, daß das alles nur eine Spielerei war, nicht die wahre Liebe. Ueberhaupt ein Gymnasiast! dachte sie. 4 In einem nahen Badeort lebte Madame Amélie Sanders, die Witwe des Großkaufmanns Hermann Sanders und Großmutter von Mely und Hermann. Die Männer der Sanders, die zu den ältesten Kaufmannsfamilien der Stadt gehörten, pflegten durch ihren Beruf weit herumzukommen, hatten aber dann, nach Hause zurückgekehrt, die Lebensgefährtin stets aus dem engen Kreise der angesehenen städtischen Familien gewählt. Eine Ausnahme machte in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Hermann Sanders. Während er in Paris in einem befreundeten Geschäftshause tätig war, lernte er eine junge Elsässerin, Amélie Lemaire, kennen, die ihm in der schlanken Ueppigkeit einer » fausse maigre « und mit den lebhaften braunen Augen unter dem dunklen Haar als das vollendete Bild einer Französin erschien. Gleichzeitig war sie ihm lange nicht so fremd wie die anderen Pariser Damen, die er kennenlernte, denn als Elsässerin war sie des Deutschen völlig mächtig. Die junge Dame weilte in Paris bei Verwandten auf Besuch. Nachdem sie zu ihren Eltern nach Straßburg zurückgekehrt war, erreichte es der zähe, junge Mann, der alles das durchsetzte, was er sich einmal in seinen etwas viereckigen Kopf gesetzt hatte, daß er in einem dortigen Filialhause seines Pariser Chefs eine Anstellung erhielt. Amélie freute sich, in dem jungen Mann, der ihr in Paris wohl etwas schwerfällig vorgekommen sein mochte, nun einen Menschen zu finden, mit dem sie über gemeinsame glänzende Erinnerungen reden und über die Enge des Provinziallebens seufzen konnte. Wenn er sie aber von seiner Liebe unterhielt und gar von Heiraten sprach, dann schob sie ihre schnippisch-kokette französische Unterlippe etwas vor und blickte ihn aus ihren leidenschaftlichen Augen rätselhaft an, als wollte sie fragen: Hast du wirklich den Mut, mein lieber Junge, mit deinen etwas plumpen Händen so einen Tausendsasa wie mich festzuhalten? Aber Hermann Sanders hatte keine Angst, und als er das Geschäft seines Vaters in der mitteldeutschen Stadt übernahm, wurde Amélie Lemaire seine Frau. Sie verstand es, dem gemeinsamen Eheleben einen leichten, etwas französischen Ton zu geben, die Behaglichkeit des abendlichen pot au feu und der Plauderstunden am Kamin in der mitteldeutschen Stadt einzuführen, und der biedere Hermann war stolz auf das reizende, verfeinerte Heim, das er besaß. Das alles geschah von Frau Amelies Seite ohne jede Spitze gegen deutsche Art, die sich ohnehin in der etwas weltbürgerlichen Handelsstadt ziemlich abgeschliffen hatte. Auch der deutsch-französische Krieg änderte nichts an diesem Zustand. Der Ehe entsprang ein Sohn namens Clemens. Erst nachdem dieser, der Sanitätsrat Clemens Sanders, unerwartet dahingerafft worden war, begannen sich in der alten, schon vorher Witwe gewordenen Mme. Amélie Sanders ihre französischen Gewohnheiten und Anschauungen mehr zuzuspitzen. Sie stieß zwar niemals auf Widerspruch. Die überlebende Gattin ihres Sohnes, Frau Friederike Sanders, war viel zu schwach und zu bescheiden, um dazu fähig zu sein, auch war es ihr selbstverständlich, daß sie der hinterbliebenen Mutter ihres tief betrauerten Gatten Verehrung und Anhänglichkeit zollte, die sie auch ihren Kindern einzuflößen ehrlich bemüht war. Aber die alte Dame fühlte sich von der Familie ihres Sohnes wenig verstanden, und so zog sie sich ganz in eine Villa zurück, die sie, anfangs nur für die Sommermonate berechnet, in einem nahen Landstädtchen besaß. Dort lebten auch noch Abkömmlinge französischer Refugiéfamilien, in deren Verkehr sie sich ihrer Muttersprache bedienen konnte. Die Villa glich einem kleinen englischen Landsitz und lag, mit einem sechseckigen Turm geschmückt, an einem Bergabhange. Eine gotische Zinnenbekrönung und gotisch zugespitzte Fenster gaben dem Bau etwas ritterlich Mittelalterliches, und die alte Dame lebte in den etwas düsteren, gewölbten Räumen, von einem alten Diener namens Lorrain bedient, wie eine Schloßfrau aus alter Zeit. Ihre Unzufriedenheit mit dem heutigen Zeitalter, die über ihren etwas scharfen Zügen lag, dazu aber eine gewisse Großartigkeit ihrer Gebärden und die Leidenschaftlichkeit der immer noch schönen Augen verstärkten den Eindruck, daß Mme. Sanders, wie man sie allgemein nannte, eine nicht ungewöhnliche Persönlichkeit war. Jährlich fuhr sie einmal über Straßburg nach Paris, besuchte dort Verwandte und machte Einkaufe, denn »in Deutschland bekommt man nichts«. In den Sommerferien wohnte Frau Friederike Sanders mit den Kindern bei der Großmutter, sonst kam diese wöchentlich einmal in die Stadt herüber. So lebte jeder auf seine Art, in leichter Entfremdung gegen den andern, aber ohne ernstliche Gegnerschaft. Die Besuche der Großmama bedeuteten für die Kinder stets eine anregende Unterbrechung des täglichen Einerleis, obgleich sie manchmal auch recht störend empfunden wurden. Die Großmutter war nämlich viel strenger als die Mutter, und es war sehr schwer, ihr etwas vorzumachen. So kümmerte sie sich z. B. immer eingehend um Melys Fortschritte, besonders im Klavierspiel. Sie wünschte nicht, daß durch ihren Besuch Melys Ueben gestört würde, und sie hörte sie gern aus der Ferne ihre sauberen Tonleitern spielen. Da hatte sich nun einmal ein sehr betrübender Zwischenfall ereignet. Nach dem Tee war Mely in den alten, mit hellen Biedermeiermöbeln eingerichteten Salon gegangen, und man hörte sie auch mit ungewohnter Ausdauer kleine, sehr primitive Fingerübungen machen. Als das gar nicht aufhören wollte und die Großmutter vom Eßzimmer aus vergeblich auf Tonleitern und Etüden gewartet hatte, ging die alte Dame nach dem Salon hinüber, und zu ihrem nicht geringen Staunen saß nicht Mely am Klavier, sondern die alte Lene, die mit ihren knotigen Fingern fortgesetzt c d, c d, d e, d e, d e, e f, e f usw. spielte. Der Adlerblick der Mme. Sanders schien das alte Wesen niederzuschmettern. Mely hatte vorgezogen in den Garten zu gehen, und die gute Alte, die sich von ihr um den Finger wickeln ließ, veranlaßt, an ihrer Stelle die von der Großmutter erwarteten musikalischen Geräusche auf dem Klavier hervorzubringen. Ihrem Enkel Hermann blieb Mme. Sanders innerlich besonders fremd, zumal es ihm lästig war, daß er mit ihr französisch sprechen sollte. Manchmal kam ihr vor, daß der trotzige Hermann seinem verstorbenen Großvater, ihrem Gatten, in vieler Hinsicht glich, doch war er lange nicht so einfach und übersichtlich, und darum nicht so ohne weiteres zu behandeln und zu beherrschen wie einst jener gutmütige, schwerfällige, wenn auch zähe Mann. Die alte Dame verhehlte sich nicht, daß die Mischung mit ihrem Blute die biederen Sanders bedeutend widerspruchsvoller gemacht hatte, als sie in früheren Geschlechtern waren. Mely schmiegte sich gern an die Großmutter, weil ihre schwarzen Seidenkleider so angenehm knisterten und dufteten. Die alten Wangen der Großmutter waren kühl und rochen nach Puder. Sie trug eine weiße Perücke, deren kleine Löckchen in gerader Linie die obere Hälfte der Stirn bedeckten. Die Augenbrauen der Großmutter über den höchst lebhaften, manchmal etwas stechenden Augen waren schwarz und buschig geblieben (ob sie sie wohl färbte?) und sie konnte sie so hoch ziehen, daß sie auf der Stirn einen Winkel bildeten. Davor hatte sich Amelie als Kind geradezu gefürchtet. Das kräftige alte Gesicht war dennoch des liebenswürdigsten Ausdrucks fähig, und auf den dünnen Lippen wechselten die Züge einer gewissen selbstsicheren Härte und menschenfreundlichen Nachsicht gegenüber den Schwächen der anderen. Mely fühlte sich geschmeichelt, von der Großmutter als fast Erwachsene behandelt zu werden. Ihre Vorschriften über die Art, wie sich eine junge Dame zu benehmen habe, hörte sie mit derselben platonischen Bewunderung an, wie die Ermahnungen des Probstes Nothaft, aber ebensowenig kam ihr hier der Gedanke, daß man diese Vorschriften wirklich befolgen könnte. Meist kündigte die Großmutter ihren Besuch vorher an, aber eines Tages geschah es, daß sie unerwartet um sechs Uhr nachmittags erschien. Nur Hermann war zu Hause, er befand sich bei den Schularbeiten. Mme. Sanders ließ sich von Lene Tee machen und rief Hermann ins Eßzimmer. Daß ihre Schwiegertochter um diese Zeit ausgegangen war, wunderte sie nicht, aber wo konnte nur Mely stecken? Die Lene wußte es nicht. Hermann sagte ahnungslos: »Sie wird mit dem Dorn irgendwo herumstrolchen.« » Qu'est-ce que ça veut dire herumstrolchen?« rief die Großmutter lebhaft und ihre schwarzen Brauen hoben sich. »Sie gehen doch jeden Tag zusammen.« » Qui est ce Dorn?« Hermann wollte das Gesagte abschwächen: »Oh, ein netter Kerl, dagegen ist nichts zu sagen. Ein bißchen komische Ideen hat er manchmal, aber sonst ...« Die Großmutter ließ ihn nicht ausreden. »Also sie gehen jeden Tag zusammen?« »Ach nein, ich glaube nicht jeden Tag, es ist mir so herausgefahren. Sie wird wohl schwimmen gegangen sein. Es ist ja möglich, daß er sie bis zur Schwimmanstalt begleitet hat; was wäre denn auch dabei?« Hermann fühlte, daß er sich verrannt hatte, und das gerade machte ihn herausfordernd gegen die Großmutter und ihre Grundsätze. Es klingelte. Mely kam nach Hause, es war fast halb sieben. Sie hatte also beinahe anderthalb Stunden zu ihrem Schulweg gebraucht. Als sie hörte, die Großmutter sei da, stürmte sie herein und umarmte und küßte sie. »Sag mal, mein Kind, wo bist du denn solange gewesen?« fragte diese ruhig. »Ach, im Stadtpark.« »Mit wem warst du denn dort?« Hermann wollte der Schwester heraushelfen und sagte: »Habt ihr die Schwäne gefüttert? Das ist nämlich sehr hübsch, Großmama; Karpfen sind auch da, die Mely geht oft hin mit der Gertud Henschel und anderen aus ihrer Klasse.« » On ne te dernande pas ,« verwies ihn die Großmutter streng, »Mely soll mir selbst sagen, mit wem sie dort war.« Mely wurde glühendrot. »Nun, ich weiß es,« erwiderte die Großmutter, » avec ce Dorn bist du dort gewesen. Schämst du dich denn nicht? C'est scandaleux .« »Ich habe ihn unterwegs getroffen,« stammelte Mely, »was kann ich dazu, wenn er mitkommt. Manche Buben sind schrecklich frech.« »Du hast aber diesen Buben schon öfter getroffen, nicht?« Jetzt wurde Lene hereingerufen. Die Großmutter fragte mit fast stechendem Blick: »Sagen Sie, Lene, um wieviel Uhr kommt denn das kleine Fräulein hier gewöhnlich aus der Schule?« »Ach, das weiß ich wirklich nicht, Madame, ich seh' nicht immer auf die Uhr. Ich könnt's ja auch gar nicht sehen, ich hab' meine Brille seit ein paar Tagen verlegt.« »Oft wird es wohl sechs oder halb sieben, wie heute, nicht?« »Ich kann's wirklich nicht sagen, Madame, ich muß, um auf die Uhr zu sehen, immer erst meine Brille aufsetzen, und die ist zerbrochen.« »Also zerbrochen und verlegt,« erwiderte Mme. Sanders, »das ist viel Unglück auf einmal.« Sie schickte Hermann und Lene hinaus, nahm Mely an der Hand und zog sie zu sich aufs Sofa. »Ich muß einmal ein ernstes Wort mit dir sprechen, Mely. Du bist bis jetzt noch ein Kind gewesen, und deshalb kann man dir so etwas verzeihen, aber es muß jetzt aufhören, wo du eine junge Dame zu werden beginnst.« Melys Angst schwand bei diesen ruhigen Worten; sie begann sogar das Gespräch riesig interessant zu finden. » Mon enfant ,« fuhr die Großmutter fort, plötzlich in einen gütigen Ton verfallend und Melys Händchen streichelnd, »jedes Mädchen will, wenn es erwachsen ist, einmal heiraten. Was soll sonst aus ihr werden, wenn ihre Eltern tot sind? Dann braucht sie einen Mann und Kinder, damit sie weiß, wo sie hingehört. Verstehst du das?« »Ja, Großmama.« Sie schmiegte sich dicht an das knisternde Seidenkleid der Großmutter und lauschte aufmerksam, wie sie als Kind einem Märchen zugehört hatte. »Und nun ist es so, daß ein junges Mädchen sich sehr zurückhalten muß im Verkehr mit Buben und später mit Herren, denn eine, die mit vielen lacht und schwatzt und sich begleiten läßt, die will keiner mehr.« »Warum, Großmama?« » Ah, c'est difficile à expliquer , vielleicht denkt er: wenn sie meine Frau ist, wird sie es so weiter treiben, anstatt sich um das Haus und um die Kinder zu bekümmern.« »Das seh' ich aber gar nicht ein, Großmama, später, wenn man verheiratet ist, ist das doch etwas ganz anderes.« »Also glaube mir, Kind, ich kann dir das jetzt nicht alles erklären, du bist noch zu jung. Jedenfalls darf ein Mädchen mit keinem jungen Mann allein spazierengehen. Bei uns in Frankreich kommen die Mädchen gar nicht in Versuchung, denn man läßt sie überhaupt nicht ohne Begleitung hinaus. In Deutschland ist das anders, und deshalb muß hier eine junge Dame allein wissen, was sie zu tun hat.« »Weißt du, die armen französischen Mädchen können mir aber leid tun.« »Nun, jedes Ding hat seine zwei Seiten. Wenn eine junge Dame den nötigen Charakter hat, kann man ihr ja ein bißchen mehr Freiheit lassen, aber du bist noch zu jung und zu unerfahren. Es hat keinen Zweck, länger darüber zu sprechen. Jedenfalls mußt du mir versprechen, daß du nicht mehr avec ce Dorn ...« »Aber wenn er immer von selber kommt?« »Dann sag' ihm, du müßtest gleich nach Haus gehen.« »Was ist denn nur dabei, wenn er mich manchmal begleitet? Das tun die anderen auch.« »Was die anderen tun, ist gleich. Du bist ein Mädchen von guter Familie und mußt dich danach benehmen, hörst du?« Die Blicke der alten Dame wurden wieder scharf, der Winkel erschien auf ihrer Stirn; Mely entfernte sich ängstlich von ihr. Frau Friederike Sanders kam nach Hause. Sie war schon ein bißchen aufgeregt, als sie erfuhr, daß ihre Schwiegermutter während ihrer Abwesenheit gekommen war, und entschuldigte sich bei ihr, daß sie ausgegangen war. Mme. Sanders kam gleich auf den Fall zu sprechen und schlug vor, daß man für Mely eine Gouvernante nehmen müsse. Frau Sanders war der Gedanke unangenehm, eine fremde Person in den engen Kreis ihres Hauses zu ziehen. Obwohl sie Melys Verhalten durchaus mißbilligte, suchte sie es doch der ihr immer zu streng erscheinenden Großmutter gegenüber abzuschwächen, als harmlose Kinderei hinzustellen. »Woher kannst du das wissen, ob es so harmlos ist? Ça dépend de ce jeune homme . Wenn er ein schwerfälliger Bursche ist, dann ist es ja gut. Ist er aber ein bißchen durchtrieben, dann macht er mit so einem Mädchen, was er will.« »Aber wie kannst du nur so reden!« rief Frau Sanders, nun doch durch ihr Muttergefühl zum Widerspruch gereizt, »du denkst vielleicht an französische Verhältnisse. Hier sind die Kinder noch unschuldig.« »Und wenn ich an französische Verhältnisse denke? Bei uns gibt es anständige junge Mädchen aus guten Familien .. et les autrez . Beide wissen, was sie zu tun haben. Hier in Deutschland aber gibt es keine Grenze. On n'a pas du tout le sentiment des distances necessaires . Ich habe gesehen, wie Schulmädchen die Vorübergehenden anlachen, in ganzen Ketten über die Straße ziehen, sich umblicken und an Läden stehenbleiben. Sechzehnjährige Dinger gehen allein ins Theater und werden auf dem Heimweg angesprochen. Mädchen sind jahrelang halb verlobt und küssen sich mit ihrem Bräutigam, und nach einiger Zeit geht dann die Geschichte zurück. C'est, immoral, c'est pis, c'est scandaleux. « Die alte Dame redete sich immer mehr in Feuer und brachte alles an, was sie gegen die lässige deutsche Mädchenerziehung auf dem Herzen hatte. Die schüchterne Frau Sanders war innerlich tief verletzt, aber sie konnte sich nicht wehren. »Du willst in allem etwas Schlimmes sehen, hier ist man eben einfacher und naiver.« »Den Eindruck habe ich gar nicht. Das hängt, wie gesagt, immer von der Kühnheit des jungen Herrn ab, was er mit so einem unbeherrschten, unerfahrenen jungen Ding anfangen will.« »Und glaubst du, daß die jungen Mädchen bei uns gar keinen inneren Halt haben?« »Woher sollen sie ihn denn haben, wenn man ihnen von Anfang an zu tun und zu lassen erlaubt, was sie wollen, und bei allem findet, es sei doch nichts dabei. Sie wissen ja gar nicht, was sie tun. Oh, dieser schöne deutsche Ausdruck: es ist ja nichts dabei. C'est tout à fait ravissant. Quelle innocence ! Bist du so sicher, daß Mely noch nicht geküßt worden ist?« »Ja, da bin ich allerdings sicher, bei meiner Tochter bin ich sicher,« erwiderte die kleine Frau Sanders mit einer Energie, die ihr sonst nicht zu Gebote stand. Rote Flecken erschienen auf ihren mageren Wangen. Das Abendessen unterbrach dieses Gespräch. Als die Kinder zu Bett waren, wurde es mit größerer Ruhe fortgesetzt. Frau Sanders, die, nicht nachtragend, stets zur Versöhnlichkeit neigte, gab die Notwendigkeit einer strengeren Beaufsichtigung Melys zu. Ehe sie schlafen ging, trat sie mit der Lampe an Melys Bett. Das süße Kindergesicht war im Schlaf gerötet, das blonde Haar lag offen um den Kopf. Wie ein kaum flügger kleiner Vogel ruhte eine kindliche, etwas gebräunte Hand, von der blau bestickten Manschette des Nachthemdes begrenzt, auf der Bettdecke. Frau Sanders sagte ihr Mutterinstinkt, daß dieses Kind noch von keinem Buben geküßt worden sei, und daß auch keine derartige Gefahr bestehe. Nichtsdestoweniger beobachtete die Mutter nun Melys Nachhausekommen etwas genauer und fragte sie bisweilen, mit wem sie den Schulweg gemacht habe. Mely wollte nicht lügen, das widersprach der Offenheit ihrer Natur. Auch war sie viel zu bequem und planlos dazu. Wenn man es ihr so schwer machte, dann gab sie lieber den Verkehr mit dem jungen Dorn auf, der ihr ohnehin nichts mehr bot. Das hatte sogar einen neuen Reiz. Es war ganz lustig, ihm nun davonzulaufen, wenn er ihr entgegenkam; es enttäuschte sie daher, daß er nach einigen Tagen ihr das Vergnügen nicht mehr machte und ausblieb. Von Hermann, der langsam auch Verständnis für Liebesangelegenheiten bekam, und der zierlichen jüdischen Mitschülerin Melys, Lea Knapp, etwas unbeholfen den Hof machte, erfuhr Mely bald, daß Erwin sein Nebenbuhler bei dieser sei. Die Angelegenheit machte die beiden Geschwister zu Vertrauten. So ging der Frühling dahin, in dem Mely Sanders aufgehört hatte, ein ahnungsloses Kind zu sein. In diesen Monaten gewann ihre Gestalt eine reizende, sinnliche Art, deren Wirkung sich niemand entzog. Ihr Gang wurde wiegend, bei hastigen Bewegungen zeichneten sich unter dem Kleid bisweilen sekundenlang die Linien der kleinen sprossenden Brüste ab. Ihre zarten Farben wurden unter dem Einfluß der Maisonne etwas lebhafter, und dadurch fiel ein wenig mehr der feine Silberflaum auf, der dicht vor den Ohren ein Stückchen die Wangen hinablief und auch die Unterarme sanft umschimmerte. Die Lippen wurden etwas stärker, und ein unbeherrschtes Lächeln verriet eine noch nicht bewußte Sinnlichkeit, die sich nicht zu verbergen trachtete. In den Juniwochen bedrückte Mely oft eine geheime Schwermut, besonders an den Abenden, wenn es nach dem Essen noch immer hell war und gar nicht dunkel werden wollte. Dann blickte sie oft von ihrem Schlafzimmerchen aus über die Gärten, die an die Rückseite des Hauses stießen, und wartete sehnsüchtig, bis es Nacht werden, und der Schlaf kommen würde. Sie war unzufrieden mit sich. Auch Bücher wollte sie keine mehr lesen. Das »Buch der Lieder« und der »Liechtenstein« waren ja sehr schön gewesen, aber was hatte das alles für einen Sinn? Die Liebe! Gab es die überhaupt? Das mit Erwin war doch gar nichts gewesen. Eine tiefe Enttäuschung bemächtigte sich ihrer; auch dachte sie manchmal mit einem gewissen Aerger an das, was ihr die Großmama gesagt hatte, und doch hätte sie gewünscht, diese wäre auf solche Gespräche manchmal zurückgekommen, denn hinter alledem steckte irgend etwas, was sie nicht kannte, und was sie ungemein anzog. Hie und da ertappte sie sich auch dabei, daß sie nicht mehr solches Entsetzen empfand, wenn sie an Therese Berger dachte, vielmehr vermochte sie nun manchmal eine halbe Stunde lang über die Dinge nachzudenken, die sie vor ein paar Wochen von ihr gehört hatte. Nichtsdestoweniger hatte dies alles für sie noch immer etwas Beunruhigendes, so z. B. das Wort Verhältnis, das Therese so leichthin gebraucht hatte. Von solchen Gedanken schweifte sie dann wieder mit einer gewissen Freundlichkeit zu Erwin hinüber, dem diese Therese Berger auch außerordentlich widerwärtig war, wie er einmal zufällig gesagt hatte. Oh, Erwin würde vielleicht doch einmal ein großer und bedeutender Mann werden, dachte sie hie und da mit Stolz, wer weiß! Doch dann mußte sie immer wieder lachen über die gymnasiastenhafte Ergebenheit, die er für sie gehegt hatte. Manchmal fand sie auch, daß man mit der Mama eigentlich gar nichts Richtiges reden konnte. Sie hatte immer gleich Angst, irgend etwas sei geschehen, und man befinde sich in Gefahr, und das machte jedes ruhige Sprechen mit ihr unmöglich. Nun, und Hermann war doch schließlich auch nur ein Bub. Am liebsten war ihr immer noch, mit Lene zusammen zu sein, wenn die um neun Uhr hereinkam, um ihr zu sagen, es sei Zeit, zu Bett zu gehen. Dann sprach sie mit der Alten und das beruhigte sie, obwohl sie auch ihr natürlich nichts anvertrauen konnte. Aber Lenes unbeirrte derbe Art, über die Dinge zu urteilen, hatte etwas Wohltuendes für Mely. Auf der einen Seite fühlte sie sich bei dieser guten alten Person, die sich ihre eigene Lebensphilosophie zurechtgemacht hatte, sicher und geschützt, und gleichzeitig genoß sie ihre eigene Ueberlegenheit dem etwas bäurischen, altmodischen Geschöpf gegenüber. Das beruhigte sie, denn sie wußte so ganz und gar nicht, was sie von allen den Gefühlen denken sollte, die sie jetzt bewegten, ja sie konnte sie selber nicht einmal bei Namen nennen. Alles das Dunkle, was sie erfüllte, bedrückte sie, dann vermochte sie wieder mit einer geradezu krampfhaften Erregung auf die kleinsten Reize einzugehen, die besonders dieser wundervolle Frühling fortgesetzt ausübte. Sie hatte manchmal eine fast rasende Liebe zu Blumen, dann kaufte sie sich unterwegs eine Nelke, in deren Geruch sie sich wie trunken versenkte. Oder aber sie bog erhitzt um eine Straßenecke, da kam ein frischer Luftzug, den sie so genußvoll empfand, daß sie stehenblieb, damit ihr der Wind in die Haare und in die Bluse fuhr. Diese Kühlung war ihr eine Art Wollust, die noch vermehrt wurde, weil sie wußte, daß das eigentlich gesundheitsschädlich war, sich so dem Zuge auszusetzen. Die Sommerferien wurden, wie jedes Jahr, bei der Großmama verbracht. Hermann und Mely betraten eines Morgens den schwülfeuchten, durchdunsteten Wald. Sie gingen zwischen traumhaft üppigen Farren, die naß und groß sich über die Wege beugten, von Spinnweben umstrickt, an denen glitzernde Tautropfen hingen. Dicke schwarze Insekten umsummten die Geschwister. Mely schlug nervös nach Mücken. »Ich liebe die Lea eigentlich gar nicht,« sagte Hermann auf einmal, während er sich eine verbotene Zigarette anzündete. »Ich den Dorn auch nicht,« erwiderte Mely wegwerfend. »Die zwei passen zusammen,« meinte Hermann, und seine Unterlippe schob sich trotzig vor, »die sind raffiniert.« »Ach, sie spielt ja nur mit ihm, heute geht sie mit dem und morgen mit dem.« »Das geschieht ihm recht, was Treue ist, das weiß auch er nicht. Er hat mir selbst gesagt, wenn er einmal von der Schule wäre, dann müßte er in jeder Stadt eine andere haben.« »Wie frech!« Dann schwiegen die beiden wieder lange, im Inneren beschäftigt. Melys Gedanken gingen dabei nicht sehr tief, in Hermann aber regte sich ein dumpfer Widerspruch, wie ein Gefühl persönlicher Zurückgesetztheit gegenüber dem Leben, und ein Unwille keimte in ihm gegen die, welche ihren Weg leichteren Schrittes gingen als er. Er fühlte sich mit seiner Schwester verbunden gegenüber jenen anderen, die so klug zu reden wußten wie Erwin und Lea. Plötzlich aber lachte er wieder mit seinem ganzen Bubenlachen, das eine schamhafte Verlegenheit verbarg. »Es ist eigentlich schade,« rief er, »daß du meine Schwester bist. Wir passen so gut zusammen.« Beide gingen dicht nebeneinander, so daß ihre Arme bisweilen zusammenstießen. »Ich habe früher gar nicht gewußt, daß man mit dir so nett reden kann, das ist erst seit kurzem.« Dabei ergriff sie seine Hand, sie gingen mit schlenkernden Armen unter den feuchten Bäumen hindurch. »Das macht nur die Liebe,« seufzte Hermann und warf den Zigarettenstummel weg. Noch einige Augenblicke genossen sie schweigend den grünfeuchten Waldmorgen, dann rief Hermann plötzlich: »Du, ich glaube aber, wir müssen an die Bahn.« »Ja,« rief Mely, sofort lebhaft werdend, »weißt du, ich bin recht neugierig, wie er aussieht. Ich fürchte mich fast vor ihm.« Sie gingen nach dem Bahnhof, um den älteren Bruder Kurt abzuholen, der seit einigen Monaten in Heidelberg die Rechte studierte und nun zum Ferienbesuch kam. Das Verhältnis der beiden Brüder war seit der Kindheit gespannt gewesen, und das hing mit einer Eigentümlichkeit Hermanns zusammen. Er hatte stets für einen sogenannten »Motzkopf« gegolten, infolge jenes bei ihm häufig auftretenden Zustandes, der sich aus schlechter Laune, Trotz und dem Bedürfnis, etwas recht Unvernünftiges zu tun, zusammensetzte. Diese Zustände äußerten sich besonders dem älteren Bruder Kurt gegenüber. Einmal las dieser in einem Band aus Brehms Tierleben, den er gerade zu Weihnachten bekommen hatte, und machte sich hier und da Aufzeichnungen. Ein kleines Tintenfaß stand vor ihm. Hermann, der still gegenübersaß, sagte auf einmal ruhig: »Ich würde mir beim Lesen keine Notizen mit Tinte machen.« »Stör' mich nicht,« antwortete Kurt schroff. Hermann hatte beobachtet, wie das Tintenfaß umgefallen war; da aber Kurt auf seine Warnung so grob erwidert hatte, genoß er nun ruhig das Schauspiel, wie die Tinte zwischen die Blätter des neuen Buches drang. Als Kurt das entdeckte, stürzte er sich in sinnloser Wut über Hermann und verprügelte ihn. Warum hatte er, der das Unglück kommen sah, ihn nicht gewarnt? Heulend zog dieser ab, während er immer wieder rief, er hätte ihn ja gewarnt, aber eine grobe Antwort bekommen. Der gerade für Psychologie wenig begabte Kurt wollte darin das Zeichen eines boshaften, hinterhältigen Charakters sehen. Er vergaß, daß Hermann genau so gehandelt hätte, wäre das von Kurt verkleckste Buch sein Eigentum gewesen, vielleicht mit der besonderen Genugtuung, Kurt so sehr gegen sich im Unrecht zu sehen. Die »Motz«zustände Hermanns verliefen in einer bestimmten Zeitfolge. Schon in der Frühe gab es gelegentlich Anzeichen, daß ein kritischer Tag heraufzog. Dann stellte die Lene fest: »Heute motzt der Hermann.« Der Zustand erreichte seinen Höhepunkt in irgendeiner Entladung, sei es, daß er sich, gerade ehe er mit der Mutter ausgehen sollte, absichtlich auf einen Butterteller setzte und dann tat, als habe er es nicht gemerkt, bis man mit Schrecken seine Hose ansah, sei es, daß er in der Kälte ohne Mantel in die Schule lief und dann erklärte, die Lene verstecke immer »mit Fleiß« seine Kleider. War ein solcher Streich gelungen, dann löste sich seine Dumpfheit. Er nahm langsam und gutmütig an der Heiterkeit teil, die er meist bei den Zuschauern erregte und tat dann so, als habe er absichtlich eine humoristische Vorstellung gegeben, die nun zu Ende gehe. Er hatte nur den Dienstmädchen zeigen wollen, daß man Teller nicht auf Stühle stellt und Kleider nicht versteckt. Jetzt merkten sie sich das hoffentlich. Im letzten Jahr waren diese Kindereien selten geworden. Die Mutter war zufrieden, daß Hermann vernünftiger wurde. Sie merkte nicht, daß seine »Motzerei« nach innen geschlagen war, und seine Urteile über die Welt, seine werdende Lebensanschauung zu beeinflussen begann.   Ein knapp und modisch gekleideter junger Herr mit gestutztem, blondem Schnurrbärtchen sprang aus dem Zug, rief dem Gepäckträger ein paar kurze Worte zu und eilte Hermann und Mely entgegen. »Hallo,« rief er lebhaft, »da ist ja die Sippschaft,« küßte beide, trat zwischen sie, legte um jedes einen Arm und zog sie aus dem Bahnhof heraus. Dann schob er sie in eine Droschke, sprach wieder kurz und knapp zum Kutscher und stieg ein. Während der Wagen fuhr, schlug er den beiden Geschwistern lachend auf die Knie und rief: »Nun, wie steht's?« »Weißt du, Kurt,« sagte Mely sinnend und bewundernd, indem sie in das etwas gerötete Gesicht des Bruders schaute, »ich hätte dich aber nie im Leben wiedererkannt, und wir haben uns doch nur ein paar Monate nicht gesehen.« »Warum? Weil ich nicht mehr aussehe wie ein Pennäler? Pass' mal auf, wenn der Hermann ein paar Monate auf der Universität ist, dann wird die blonde Familienmähne auch fallen.« Dabei fuhr er dem Bruder in das reiche Haar. »Weißt du denn schon, was du einmal studieren willst?« »Eigentlich nicht,« antwortete Hermann unsicher, »vielleicht Chemie oder auch Kunstgeschichte.« »Na, das ist aber ein kleiner Unterschied.« »Ja, ich weiß noch nicht, wie Chemie ist, wir bekommen sie erst im Winter.« »Und das Melykindchen ist hübsch geworden,« fuhr Kurt fort, »hast du denn schon viele Verehrer?« Mely wurde rot. Kurt lachte. »Das ist wohl ein heikler Punkt, was? Irgendein Gymnasiast?« Hermann wollte ihr heraushelfen und sagte: »Mely hat keinen Verehrer, da irrst du dich.« »Na, das wird sie wohl dir auf die Nase binden.« Nun fiel Mely ein: »Ja, das würde ich auch. Hermann und ich, wir haben keine Geheimnisse, wir erzählen uns alles.« »Aber Kinder, das ist ja geradezu rührend.« Der Wagen war vor der weißen gotischen Villa vorgefahren. Mme. Amélie Sanders stand auf der Veranda, Frau Friederike kam dem Sohn entgegen und umarmte ihn. »Ja, aber wie siehst du denn aus,« sagte sie, während er die Verandatreppe zur Großmutter hinaufging. Sein Haar war fast kahl geschoren. Man sah den etwas geröteten Nacken. »Aber Bub, dein schönes blondes Haar,« rief die Mutter. »Ach, Mama, kein Mensch trägt mehr so eine Löwenmähne.« Er fuhr wieder Hermann über den Kopf. Mely hatte inzwischen im stillen ein Urteil über Kurt geformt: nicht hübsch, aber sehr männlich. Sein Lachen und seine Stimme waren laut und lebhaft, doch nicht lärmend. Er brachte etwas wie einen rauhen Luftstrom mit sich in diesen ausschließlich von Frauen beherrschten Kreis, in dem der meist stille und verdrießliche Hermann das einzige männliche Wesen war. » Laisse-toi regarder ,« sagte die Großmutter, indem sie seine kräftige Gestalt lorgnierte, »mir gefällst du ganz gut so, Junge, ein Glück wenigstens, daß du keinen Schmiß im Gesicht hast.« »Der kommt im nächsten Semester, Großmama.« »Aber Kind, du wirst doch nicht den Wahnsinn mitmachen.« »Einmal muß es sein,« erwiderte Kurt entschieden, »dann habe ich das Recht, darüber zu schimpfen. Ich bin sonst gar kein Freund von all dem Zeug, Verbindungswesen, Mensuren und Kneipen.« Man saß einen Augenblick auf der Veranda zusammen, aber es kam noch kein rechtes Gespräch in Gang, wie es immer zu sein pflegt, wenn ein lang Erwarteter schließlich zurückgekehrt ist. Endlich wurde zum Essen gerufen. Bei Tisch sahen die beiden Geschwister dem großen Bruder mit wachsender Bewunderung zu. In allem lag etwas Fremdes und Neues, wie die gutgeformten etwas großen Hände Messer und Gabel ergriffen und die festen Zähne sichtbar wurden, wie er in liebenswürdiger Ritterlichkeit der Mutter und besonders der Großmutter zuhörte. Das war freilich nicht mehr der lange Primaner, der nie gewußt hatte, wo er mit seinen Gliedmaßen hinsollte, sondern ein fremder junger Herr, der auf Hermann und Mely wie auf Kinder hinabzusehen schien. Aber sie waren doch heimlich stolz auf ihn. Selbst Hermann schien gewonnen zu sein. Nach Tisch bot Kurt ihm eine Zigarette an, die erste, die er in Gegenwart der Mutter und Großmutter rauchte. Kurt selbst nahm eine dicke Zigarre und verlangte zum Kaffee einen Kognak. Es war keiner im Hause, aber die Großmutter versprach, bis morgen für eine Flasche zu sorgen. »Dann bitte Hennessy, wenn doch neu angeschafft werden soll,« erklärte er. » Vouz avez entendu? « fragte Mme. Sanders den Diener Lorrain, der gerade die Kaffeetassen auf einem silbernen Brett anbot. » J'ai entendu, Madame .« Kurt sah ihm lächelnd nach, als er hinausging. »Immer noch der alte,« sagte er, »solange ich mich erinnern kann, hat er doch genau so ausgesehen wie jetzt.« In der Tat hatte der schmächtige Lorrain ein Veränderungen nicht ausgesetztes Aeußere. Sein Kopf war in zwei ganz gleiche Halbkugeln abgegrenzt. Der Scheitel teilte das schwache farblose Haar bis in den Kragen hinein. Im Gesicht drückte sich die Teilung durch die strichdünne Nase aus, unter der Schnurrbart und Kinnbart wie Flügel nach rechts und links auseinanderstanden. Die unteren Räume der Villa, die früher einmal ein Jagdschlößchen gewesen sein mochte, lagen um eine kleine Halle mit Spitzbogen. Eine breite, gewundene Holztreppe führte nach dem oberen Stockwerk, dessen Zimmer auf eine Galerie über der Halle mündeten. Von hier aus ging noch eine enge Stiege auf einen Turm, in dessen sechseckigem Gemach Kurt einquartiert wurde. Dort hatte Mme. Sanders Erinnerungen an ihren verstorbenen Gatten, den Großvater der Kinder, untergebracht. An den braunrosa gestrichenen, etwas bröckelnden Wänden hingen Flinten und Jagdgerätschaften. In der Ecke stand ein alter Rauchstuhl, die Lehne des Möbels ließ sich öffnen und enthielt alte Pfeifen, einen braunseidenen Tabaksbeutel und eine verstaubte blaue Brille. Voll Ehrfurcht beschaute Kurt diese Ueberreste eines längst verklungenen Lebens, und manchmal nahm er vorm Schlafengehen ein braunes Bändchen von dem Bücherregal, das Gerstäckers sämtliche Schriften enthielt. Alles drehte sich von jetzt ab um den neuen Ankömmling. Er erschien meist erst nach neun Uhr zum Frühstück, zu dem ihm die Großmutter Gesellschaft leistete. Bei dieser Gelegenheit öffnete er ihr sein Herz. »Weißt du,« sagte er, »ich will die Mama nicht erschrecken, aber dieses Leben in der kleinen Universitätsstadt ist nichts für mich. Ich muß entweder in die Großstadt oder ins Ausland. Ich brauche einen weiteren Horizont. Ich will einmal die Konsulatslaufbahn einschlagen oder zum Bankfach übergehen, oder vielleicht sattle ich auch zur Nationalökonomie um und werde Politiker, ich weiß noch nicht. Jedenfalls muß ich in größere Verhältnisse, wo man das moderne Leben richtig spürt. Du brauchst übrigens nicht zu glauben, daß ich bummeln will. Viel Juristerei habe ich ja im ersten Semester nicht getrieben, aber ich habe viel mit Engländern verkehrt und spreche schon ganz gut Englisch, und auch mit ein paar russischen Anarchisten, ekelhaften Kerlen, aber ich bin ganz froh, daß ich auch das einmal kennengelernt habe. Hier in den Ferien will ich nun die Institutionen und die römische Rechtsgeschichte durchbüffeln, damit ich rechtzeitig den juristischen Doktor kriege.« Mme. Sanders beobachtete jede Falte in dem Gesichte ihres Enkels, und viel mehr als das, was er sagte, gefiel ihr die bewußte Sicherheit, mit der er sprach. Vielleicht machte sie sich keine ganz genaue Vorstellung darüber, was Nationalökonomie und was ein russischer Anarchist ist, aber aus ihrer tiefen Lebenserfahrung heraus fühlte sie instinktiv, daß dieser junge Mann der einzige Sanders war, der das Leben mehr in ihrem Sinne betrachtete, großzügig und nicht romantisch verträumt. » C'est tout à fait raisonnable « meinte sie, und ihre Augen nahmen den gütigen Ausdruck an; was ich für dich tun kann, soll geschehen, und du hast recht, daß du maman nicht erschrecken willst. Dein Papa hat ihr nämlich kurz vor seinem Tode einmal gesagt, wie er sich deine Zukunft denkt, und nun meint sie, es müsse alles genau so werden, ohne zu bedenken, daß der Papa, wenn er heute lebte, seine Ansichten doch auch den Verhältnissen entsprechend ändern würde. Wir wollen jetzt erst einmal sehen, daß du im Winter nach Berlin oder nach Genf gehen kannst, aber eins mußt du mir versprechen: keinen Schmiß darfst du mir mit nach Hause bringen, hörst du?« »Wenn ich nicht nach Heidelberg zurück muß, ist das auch nicht so nötig. Aber dort in der kleinen Stadt würde mich jeder für einen feigen Kerl halten.« » Eh bien , ich kann dir sagen, daß dich mit einem Schmiß im Gesicht jeder Mensch im Ausland für einen unausstehlichen Raufbold halten würde. C'est tout ce qu'il y a de plus barbare.« Nach dem Frühstück pflegte Kurt in der Tat ein wenig hinter seine Bücher zu gehen, dazwischen sah man ihn freilich manchmal an eines der Turmfenster gelehnt, eine von Großvaters alten Pfeifchen im Mund, in die Landschaft schauen oder hörte ihn auch gelegentlich eine Melodie vor sich hinträllern. Aber der Schreibtisch in seinem Turmzimmer war, wie sich die Großmutter manchmal in seiner Abwesenheit überzeugte, stets von mit seiner Hand frisch beschriebenen Bogen belegt, ein sicheres Anzeichen dafür, daß er da oben irgend etwas tat. Mit den jüngeren Geschwistern scherzte er nur, es entstand kein engeres Verhältnis. Immerhin spielten sie nachmittags zusammen Tennis, ein Spiel, das er in Heidelberg von seinen englischen Freunden gelernt hatte und ihnen nun beibrachte. Aber dabei war er immer der Lehrer, den sie bewunderten, ohne ihm ganz nahezutreten. Oft hatten sie das Gefühl, er mache sich über sie lustig. Hermann plante sofort eine Reform des Tennisspiels; er fand die Regeln idiotisch und es ärgerte ihn, daß Kurt seine Neuerungen ablehnte, ohne sie überhaupt erwogen zu haben. »Das Spiel hat nun einmal seine alten Traditionen, die sind nicht zu ändern,« sagte er. »Wenn aber die Traditionen blödsinnig sind?« »Neuerungen sind oft noch blödsinniger.« Während Mely Kurt mit einer blinden Bewunderung, die mit viel natürlicher Achtung und Stolz auf ihn vermischt war, ergeben schien, verharrte Hermann in seinem alten Trotz, der sich allerdings kaum äußerte, vielmehr gerade in einem gewissen zähen Schweigen gelegentlich zu bemerken war. Einmal sagte Kurt bei einer solchen Gelegenheit: »Mir kommt es fast so vor, als ob du manchmal noch ein bißchen motztest.« »Oh, noch sehr oft,« antwortete Hermann unerwartet. Kurt unternahm bisweilen Waldspaziergänge mit der Mutter. Er fühlte es ihr gegenüber als einen Zwang, ihr seine Zukunftspläne, die ihn ganz erfüllten, verschweigen zu müssen. Am liebsten ließ er sich von ihr vom Vater erzählen, aber sie stellte ihn nur im Licht ihrer alles verklärenden Liebe dar, und so konnte er kein anderes Bild von ihm gewinnen, als das eines tüchtigen Bürgers, voll von platten Sentenzen, die zur Vorsicht mahnten. So hatte der Papa z. B. oft gesagt, daß man alles, ehe man es beginnt, genau erwägen müsse, oder daß vieles anfangs unerträglich scheine, was einem später zur lieben Gewohnheit würde. Bisweilen sagte auch die Mutter: »das würde den Papa gefreut haben«, oder »wenn der Papa das erlebt hätte«. Auch die Großmutter gebrauchte diese Worte, aber bei ganz anderer Gelegenheit. Sie suchte ihren verstorbenen Sohn als einen halben Franzosen hinzustellen, von dem Kurt den Drang in die große Welt geerbt hätte. So blieb die Gestalt dieses Mannes, die er sich so sehr sehnte, greifbar zu sehen, völlig und für immer von den Wolken der Mutter- und Gattenliebe verhüllt. 5 Der Winter verlief ziemlich einförmig. Mely bekam viel von den Pflichten einer Konfirmandin zu hören, und sie sah auch ein, daß sie sich dem bevorstehenden Ereignis entsprechend ernster zu benehmen habe. Die Gymnasiasten interessierten sie nicht mehr, dafür schloß sie sich immer mehr an Elisabeth Schlosser an. Für sie faßte sie eine wahre Verehrung. Einmal lud Elisabeth sie ein. Das Mädchen bewohnte mit einer kränklichen Mutter, die von der Pension ihres Mannes dürftig leben konnte, eine saubere, enge Mansardenwohnung in einer billigen Gegend. Mely empfand stark den Reiz dieser Kargheit, als sie die einfachen sauberen Zimmer mit den schrägen, getünchten Decken betrat. In dem größeren, dem Wohnraum, war ein reinlicher Kaffeetisch gedeckt, in der Ecke stand, mit einem weißen, gehäkelten Tuch überzogen, Elisabeths Bett. Darüber sah man in einem Glaskasten, etwas grau geworden, einen alten Hochzeitskranz aus künstlichen Orangenblüten. Frau Schlosser, eine untersetzte, breite Person, wie die Tochter, saß unter dem kleinen Mansardenfenster auf einer Erhöhung und strickte. Sie stand auf, als Mely eintrat, und stieg herab. Mely gab ihr die Hand und knickste. Frau Schlosser war etwas verwirrt. »Wollen Sie nicht Platz nehmen,« sagte sie, »bei uns ist es sehr einfach.« »Aber Mutter,« unterbrach Elisabeth, »das brauchst du doch nicht immer zu sagen, Mely ist nicht anspruchsvoll, nicht wahr?« »Nein, gar nicht,« flüsterte Mely verlegen. Elisabeth wollte gleich hinausgehen, um den Kaffee zu holen, Mely sprang auf und rief: »Soll ich dir nicht helfen, Elisabeth?« »Nein, bleib nur solange bei der Mutter.« Nun saß sie allein bei der alten Frau, was sie gerade hatte vermeiden wollen. »Der Pfarrer Nothaft,« begann Frau Schlosser, während ihre mürben, grauen Hände wieder nach dem Strickzeug griffen, »das ist einmal ein guter, braver Mann.« »O ja,« sagte Mely, deren Fingerchen müßig aneinander zupften, »darum haben wir ihn auch alle gern.« »Wir armen Leute wissen das noch besser als Sie.« Es trat eine Pause ein. Mely war das furchtbar peinlich. Sie hatte gar nicht gedacht, daß sie hier bei armen Leuten war. Arme Leute waren doch die, zu denen Elisabeth bisweilen ging, z. B. das frühere Dienstmädchen, das sie im Sommer zusammen besucht hatten. »Uns hätte es auch besser gehen sollen,« fuhr Frau Schlosser fort, »aber mancher hat halt Unglück. Mein Vater, der führte ein Merceriegeschäft in Wertheim am Main und besaß vierzigtausend Mark bar, aber mein Bruder, der hat alles verbraucht, der Elisabeth ihr Onkel. Jetzt ist er in Amerika, und als mein Vater starb, da kamen Gläubiger und das Gericht und die Advokaten, und« – man hörte Elisabeths Schritte – »sagen Sie ihr nichts, sie ist stolz, sie will nicht, daß ich davon spreche.« Elisabeth kam mit einer großen, viereckigen Kanne und goß den Kaffee ein. Mely konnte kaum sprechen, so sehr hatte sie dieses kurze Geständnis der Alten bedrückt. »Wir sind eben einfache Leute,« begann die Alte von neuem, während sie sich an den Tisch setzte. »Aber Mutter,« sagte Elisabeth vorwurfsvoll, »was glaubst du denn, wer Mely ist?« »Du mußt auch jetzt einmal zu mir kommen,« unterbrach Mely liebenswürdig. »Gern, wenn ich einmal Zeit finde, ich habe jetzt gerade viel für den Herrn Pfarrer zu tun. Weihnachten steht vor der Tür, und wir machen eine große Armenbescherung.« Auf einmal begann die alte Frau Schlosser zu kichern und rief: »Hihihihi, Armenbescherung. Ich möchte wissen, wer uns einmal etwas beschert, hihihihi.« Elisabeth warf nur einen stillen Blick nach der Mutter. Mely wünschte sich viele Meilen fort. Elisabeth sprach nun von möglichst gleichgültigen Dingen, bei denen die Mutter keine unerwünschten Bemerkungen anbringen konnte, über den noch nicht genau bestimmten Tag der Konfirmation und ähnliches. Nach dem Kaffee ging Frau Schlosser ins Nebenzimmer, während sie halb für sich sagte: »Ich störe ja doch nur, ich lasse die beiden Mädchen lieber allein.« »Aber du störst gar nicht,« sagte Elisabeth, und Frau Schlosser kicherte wieder: »Hihihihi, was ich weiß, das weiß ich,« und verschwand. Elisabeth erklärte nun Mely kurz: »Die arme Mutter, sie ist ein bißchen verbittert durch das Leben.« Dann sprach sie, plötzlich wieder in ihrem Fahrwasser, von ihren Bittgängen bei reichen Leuten, von ihren Einkäufen und Briefwechseln, alles im Dienst der großen Armenbescherung des Propstes Nothaft. Mely hörte mit Bewunderung zu und begann sich nun wieder wohl zu fühlen in der bequemen Lage, eine neue, fremde Umgebung einfach auf sich wirken zu lassen. »Hast du denn keine Handarbeit mitgebracht?« fragte Elisabeth, während sie auf Melys schlanke Hände blickte, die wie zwei zierliche sich schnäbelnde Vögel in ihrem Schoße lagen und sich bisweilen berührten. Natürlich hatte sie keine Arbeit mitgebracht. Sie fühlte auch gar nicht das Bedürfnis danach, vielmehr wäre sie nun am liebsten ruhig dagesessen und hätte Elisabeth bewundernd zugehört. Die aber gab ihr eine einfach« Kindersocke zu stricken, sie selbst häkelte an einem Jäckchen. Elisabeth fragte dann: »Was wirst du nach der Konfirmation machen?« »Ich muß doch noch zwei Jahre in die Schule gehen, du nicht?« »Nein. Ich habe nur die Bürgerschule durchgemacht, die ist jetzt zu Ende. Ich will Krankenpflegerin werden.« »Krankenpflegerin? Ach!« rief Mely erstaunt, und die Kindersocke fiel ihr in den Schoß. »Was mußt du denn da tun?« »Ich trete gleich bei den Diakonissinnen ein, und da lerne ich eben alles, was dazu gehört.« »Und dann?« »Dann werde ich selbst Diakonissin.« »Wen willst du denn dann pflegen?« »Alle Kranken, die uns zugewiesen werden,« sagte Elisabeth in einem Ton, als gehöre sie schon dazu. »Ganz fremde Leute? Oh, das könnte ich aber nicht.« »Man muß die Berufung in sich fühlen.« »Ja, das wird es wohl sein. Oh, ich spüre sie nicht, ich ekle mich auch so furchtbar leicht.« »Man muß Gott bitten, daß er in uns den Drang erweckt. Ekel, das gibt es überhaupt nicht mehr, wo es sich um Nächstenliebe handelt,« erwiderte Elisabeth mit einer Strenge, die Mely erschreckte. Dieses Gespräch klang den ganzen Abend in ihr nach. Wie klein und nichtig kam sie sich vor, und wie bewunderte sie Elisabeth! Man muß Gott bitten, dachte sie in einem fort, daß er in uns den Drang weckt. Als sie im Bett lag, faltete sie unwillkürlich die Hände und flüsterte: »Lieber Gott, ich bitte dich – ja, was soll ich ihn nun eigentlich bitten?« fragte sie sich ängstlich, »daß du in mir auch einmal ... aber erst später, den Drang weckst, Krankenpflegerin zu werden.« Je näher der Konfirmationstag rückte, desto ernsthafter wurden die Worte des Propstes Nothaft. Manchmal ermahnte er auch vorsichtig zur Keuschheit und ließ verstehen, daß Theater, Tanzen, Romane dieser Tugend im Wege ständen. Wenn er wüßte, dachte Mely, daß ich das Buch der Lieder und Liechtenstein kenne! Sie machte sich bittere Vorwürfe über ihre Zusammenkünfte, die sie einst mit Erwin gehabt, und da ihre Wiederholung für sie ohnehin keinen Reiz gehabt hätte, war es ihr leicht, sich in einen reizvollen Reuezustand der Zerknirschung zu versetzen und die besten Vorsätze zu fassen, künftig so etwas nie wieder zu tun. Sie beschloß immer wieder, recht sittsam und ernst zu sein; aber kaum kam sie in die Schule und wurde irgendein Streich angezettelt, so brachte sie es nicht fertig, abseits zu stehen, ja, es kam dann oft eine krampfhafte Lustigkeit über sie, durch die sie ihre Selbstvorwürfe übertäuben wollte. Mely genoß ihre widerspruchsvollen Empfindungen, Zerknirschungen und Selbstanklagen, und sie schien sich dabei eigentlich recht interessant. Einmal nahm sie sich sogar vor, Tagebuch darüber zu führen, doch dann wurde es ihr wieder zu langweilig; oder sie beschloß abends vorm Einschlafen, morgen zum Herrn Pfarrer zu gehen und ihm zu beichten, daß sie unrein sei, weil sie sich von Erwin Dorn hatte küssen lassen. Sie schwelgte in der Vorstellung dieser Lage, wie ihr der Propst erst das Sündhafte dieser Tat in feierlichen Worten ausmalen, ihr dann aber milde verzeihen würde, wenn er ihr zerknirschtes Herz sähe. Aber dann fand sie doch nicht den Mut, diesen schönen Auftritt zu spielen. Mit einem fast wollüstigen Grauen sah sie dem Konfirmationstag entgegen, von dem sie sich eine ungeheure, prachtvolle Erregung versprach. Der Morgen dieses Tages war trübe und regnerisch. Mely war viel zu früh aufgestanden, und nun saß sie in ihrem weißen, etwas knapp anliegenden Kleid, das sie drückte und erhitzte, am Fenster und blickte auf die graue, wehmütige Straße hinab. Ihr Kopf war schwer, sie hatte schlecht geschlafen, ihr Inneres war gespannt auf das Große, das nun kommen müsse, und das Dasein ringsum erschien ihr unsagbar traurig. In diesem Zustand beobachtete sie die kleinsten Vorgänge der Außenwelt mit einer Schärfe, die ihr ungewohnt war. In einem der einfachen, alten Häuser gegenüber zog gerade eine Familie um. Schränke und Betten, Lampen und ein Korb voll abgegriffener Bücher wurden von den Packern heruntergetragen. Warum ist das alles nur so traurig, dachte Mely, warum machen sich die Leute diese Mühe, umzuziehen und woanders alles wieder einzuräumen? Vielleicht haben sie das Gefühl, daß dadurch etwas Unglückliches besser wird, aber es ist doch immer wieder dasselbe. Mely selbst hatte niemals einen Umzug erlebt, und sie konnte sich auch gar nicht vorstellen, daß sie jemals das alte Haus ihrer Familie verlassen könnte. Sie schwur sich, es niemals zu tun, und wenn sie hier als steinaltes Jüngferchen ihre Tage beschließen müsse. Der Zeiger der Uhr wollte nicht weiterrücken. Noch war es nicht halb neun, und um zehn begann erst die Feier in der Kirche. Immer schwerer legt« sich der Alltag über die trübe Stadtgasse. Da kamen drei Vagabunden von der Altstadt her, sie waren es offenbar, die man schon die ganze Zeit in der Ferne ein italienisches Lied hatte singen hören. Nun stellten sie sich ganz in der Nähe des Sandersschen Hauses auf und begannen denselben Gesang. Mely freute es, ihre Traurigkeit mit diesen gefühlvollen Tönen aus einem fernen, sonnigen Lande zusammenströmen zu lassen, und als die drei mit ihrem Liede aufhörten, da fühlte sie sich noch leerer und verödeter als vorher. Dann gingen die Männer die Gasse weiter hinauf, und in der Ferne hörte man sie wieder dasselbe Lied anstimmen, das in dem trüben Morgen verklang. Mely fiel auf, daß ihnen niemand etwas gab, und auch sie hatte sich nicht aus ihrer Starrheit aufzurütteln vermocht, um nach einem kleinen Geldstück zu suchen; sie kam sich undankbar gegen die Sänger vor, da sie doch ihr Singen wirklich genossen hatte. Aber diese gelangweilten Frauenzimmer, die da drüben an allen Fenstern erschienen waren, teilweise in Nachtjacken, die hatten doch wirklich keinen Grund, den Sängern nichts zu geben, die hätten doch die Hand aufmachen können, die wurden doch auch heute nicht konfirmiert. Inzwischen stieg aus einer Droschke eine gelbe, aufgedunsene Person, die in das Haus des Notars Scheitelknecht ging, eines dicken, Mely nicht ganz geheuren Mannes. Sicher eine Witwe, dachte sie, die etwas mit einem Testament zu tun hat. Die Frau bewegte sich schwerfällig aus dem Wagen und ging in das Haus. Testamente waren für Mely etwas sehr Geheimnisvolles, sie wußte, daß die Großmama eines bei dem Notar Scheitelknecht gemacht hatte, und das paßte gut zu ihrer Art. Nach einiger Zeit wurde aus einer Wirtschaft, die in dem Hause des Notars war, dem Kutscher ein Glas Bier gebracht. Das Pferd zuckte in einem fort mit der Haut und schlug mit dem Schwanz, offenbar, um sich von Fliegen zu befreien. Plötzlich drang eine scharfe Sonne durch die schweren Wolkenballen, und Mely sah zu ihrer Erleichterung, daß es nun doch beinah neun Uhr geworden war. Sie konnte sich nun langsam fertigmachen, auf halb zehn waren die Wagen bestellt. Mely fuhr mit der Mama, Hermann mit der Großmama in das Pfarrhaus. Ihr neues Kleid wurde ihr, je länger sie es anhatte, desto unbequemer, aber das erhöhte nur die Spannung, in der sie sich befand. In der muffigen Stube, wo sonst der Konfirmandenunterricht stattgefunden hatte, standen um den Christus von Thorwaldsen in Gips ein paar Lorbeerbäume. Dort versammelten sich auch heute die Kinder, in der einen Ecke die Mädchen in Weiß, in der anderen die Buben in Schwarz. Alle waren verlegen, es wurde wenig gesprochen. Dann gingen sie hinüber in die trübe, gotische Kirche, und dort wurde es auf einmal sehr schön. Unter der leisen Musik, die spielte, löste sich Melys gespannte Traurigkeit zu einem süßen, wehmütigen Gefühl. Sie kam sich in der grauen, gewölbten Kirche wie geborgen vor, und sie entdeckte entzückt, daß ein wirkliches religiöses Gefühl sie durchströmte, eine Welle, die sie leise in das Reich Gottes hinübertrug, aus dem sie nun niemand mehr vertreiben könne. Jetzt fühlte sie sich auch würdig, an den Altar zu treten. Erst wurden die Buben der Reihe nach gerufen. Jeder kniete, der Propst murmelte einen Spruch, und entblößte dabei jedesmal seine glänzenden falschen Zähne. Hermann mußte immer denken: »Da lächelt der König mit arger List.« Mely dachte sich, das dürfte stundenlang so gehen, ihr wäre es nicht zuviel. Nach den Buben kamen einige Paare an die Reihe, Brüder und Schwestern, die zusammen eingesegnet wurden, und dann die Mädchen allein. Hermann und Mely waren unter den Paaren. Sie bekamen den Spruch: »Wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung fallet, denn der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.« Als der Propst Nothaft diesen Spruch scheinbar grinsend aussprach, zuckte Mme. Amelie Sanders sehr auffällig mit den Schultern, und ihr Gesicht hatte einen ablehnenden, mißbilligenden Ausdruck. Dann flüsterte sie etwas zu ihrer Schwiegertochter, die bloß mit einem ausdrucksvollen Blick ihr Einverständnis mit der alten Dame zeigte. Mely hatte sich so sehr auf ihren Spruch gefreut, sie war neugierig darauf gewesen wie ein Kind, das einen Knallbonbon öffnet und wissen will, was für es auf dem kleinen Zettel geschrieben steht, und nun wählte dieser Propst Nothaft einen so altbekannten Spruch, den sie hundertmal gehört. Ueber seinen Inhalt hatte sie übrigens niemals nachgedacht und tat es auch jetzt nicht. Sie fühlte sich vollkommen ernüchtert. Die Kinder gingen nun zu ihren Angehörigen hinunter, die im Kirchenschiff saßen. Hermann blieb an dem Teppich hängen, der auf den Stufen lag. »Welcher Idiot mag den Teppich so dumm gelegt haben?« dachte er ärgerlich. Während man auf die Wagen wartete und er sich in einer Ecke hinter der Kirchentür unbeobachtet fühlte, ahmte er hinter dem vorgehaltenen Gesangbuch den grinsenden Gesichtsausdruck des Propstes Nothaft nach. Er hätte gern in einem Spiegel gesehen, ob es so richtig war. Die Zimmer im Hause Sanders waren voll von Bekannten und Verwandten, auf zwei Tischen waren Geschenke für die Geschwister ausgebreitet, Bücher, Noten, Gebrauchsgegenstände. Zwei Tanten hatten je ein Exemplar von Gerocks Palmblättern geschenkt. Gegen Mittag kam schwitzend und dick der Notar Scheitelknecht herüber. Mit halb väterlichem, halb faunischem Lächeln seiner fleischigen Lippen überreichte er Mely ein eingewickeltes Buch. Sie entfernte das Papier: Gerocks Palmblätter. Der Notar, der stolz darauf war, wie gut er sich an christliche Gewohnheiten angepaßt hatte, versicherte den Umstehenden, das Buch sei das Beste, was man in diesem Genre habe. Mely ging wie in einem Traum umher. Man beglückwünschte sie, sie wurde geküßt, alles war ihr sehr lästig. Sie fühlte starkes Kopfweh. Manchmal blickte sie zerstreut zum Fenster hinaus. Einmal sah sie, wie die gelbe Witwe, die sie früh gesehen hatte, mit einem aufgeregten Gesicht wieder aus dem Haus des Notars hervorkam, der ihr gerade vorm Tor begegnete. Sie sprach heftig auf ihn ein. Dann lächelte sie über etwas, was er sagte; schließlich beugte er sich zum Abschied mit schwerfälliger Liebenswürdigkeit zu ihr und roch an einem Veilchensträußchen, das sie an ihrem ungeheuren Busen trug. Zufrieden bestieg die Witwe ihren Wagen. Auch Hermann war sehr einsilbig. Nach einer Stunde fand Mely ihn in seinem Zimmer sitzend. Er las in einer Reisebeschreibung, die er zum Fest bekommen hatte. »Hier bist du?« sagte Mely erstaunt. »Mir ist's da drin zu stumpfsinnig, alles ist überhaupt Schwindel, der liebe Gott und alles,« schrie er wütend. »Aber Hermann!« rief Mely erschrocken. »Und der alberne Spruch, den uns der Nothaft gegeben hat: wachet und betet.« Dabei machte er dessen Grinsen nach und es gelang ihm so gut, daß die ohnehin heute nervöse Mely einen Todschrecken bekam. »Ich weiß ganz genau, was er damit will, ich weiß, was er mit Anfechtungen meint, der alte Esel. Er soll einen doch in Ruh' lassen, was hat der einem denn zu sagen! Ach überhaupt, alles ist Schwindel.« Mely war entsetzt. »Und du hast dir auch die Rechte als Freundin ausgesucht, die Schlosser. Sehet die Lilien auf dem Felde, das ist ihr Spruch (wieder grinste Hermann auf Nothaftsche Weise), Hast du's gehört? Die alte Heuchlerin.« »Du, Hermann, das ist nicht wahr,« sagte nun Mely entschieden, »sie ist keine Heuchlerin, Elisabeth ist meine Freundin, sie will Krankenpflegerin werden.« »Krankenpflegerin? Da paßt sie auch dafür, weil kein Mensch die hochnäsige Gans anschaut.« »Pfui, Hermann, wie gemein du bist,« rief Mely außer sich, »und noch am Konfirmationstag.« »Ach, Konfirmationstag hin, Konfirmationstag her, ich sage dir ja, ich glaube keinen Pfifferling mehr.« Die Unterlippe schob sich trotzig vor und seine bleiche Hand ballte sich auf dem Tisch. »Du glaubst nicht an den lieben Gott?« »Nein, kein vernünftiger Mensch glaubt mehr daran, Goethe hat auch nicht daran geglaubt.« Mely war wie versteinert. »Ist das wahr?« »Ich kann es beweisen.« Die Kinder wurden gerufen. Die Bekannten verabschiedeten sich, dann ging man zu Tisch. Mely konnte kaum essen. Wenn Hermann recht hatte, dann waren alle ihre Selbstvorwürfe überflüssig gewesen, wenn er aber unrecht hatte, oh, dann war es eine große Sünde. Nachmittags schlug die Großmama eine Spazierfahrt vor. Mely bestand darauf, wegen ihrer Kopfschmerzen zu Hause zu bleiben. Wenn ihr besser würde, ginge sie nachher noch ein wenig mit Lene aus. Als die anderen fort waren, rief sie das alte Dienstmädchen, umarmte sie und sagte: »Lene, du mußt mir einen Gefallen tun, geh mit mir in den Wald.« »Aber, Kind, warum bist du denn nicht mit der Großmama gefahren?« »Lene, das kann ich dir nicht sagen. Komm, zieh dich an.« Die Alt« gab dem Drängen des Kindes nach. Die schon abendlich sich rötende Sonne fiel durch die harzig duftenden Stämme des Waldes, die im leichten Flor des Frühlings zu ergrünen begannen. Mely zwang Lenchen auf eine Bank am Waldrain, von wo aus sie über Aecker nach einem Dorf sahen, hinter dem die Sonne stand. Mely schmiegte sich an die Alte. »Ach Lene,« sagte sie, »wenn ich doch nur wüßte, ob es einen lieben Gott gibt oder nicht. Was glaubst du?« »Aber Melychen, natürlich gibt es einen, das wäre ja noch schöner! Wie kommst du nur auf solche Gedanken?« »Der Hermann hat gesagt –« »Ach, der Hermann, das ist ein ungezogener Bengel! Was weiß denn der!« »Lene, ich merke, du weißt es auch nicht gewiß. Ach, wenn ich's nur wüßte!« »Aber ganz genau weiß es niemand,« sagte Lene, »deshalb muß man es ja glauben .« Mely fing an zu weinen. »Ich bin so unglücklich, wenn es keinen lieben Gott gibt, dann will ich überhaupt nicht mehr auf der Welt sein.« »Aber Kind, beruhige dich doch, was ist dir denn geschehen?« »Nichts, Lene, laß mich ein bißchen weinen, es wird schon wieder gut.« »Weißt du Lene,« sagte sie auf einmal, »manchmal kommt es mir vor, als ob der liebe Gott einen auch zu wenig schützt. Oft schießen mir Gedanken durch den Kopf, die ich selber gar nicht denke, aber ich kann nichts dagegen machen. Sie kommen immer wieder, aber es sind eigentlich gar keine Gedanken, es sind nur so ein paar häßliche Worte. Der liebe Gott wäre irgend etwas Böses und Schlechtes, und dann höre ich irgendein Schimpfwort, und ich glaube das ja selbst nicht, aber immer wieder kommt es, und dann heißt es, der liebe Gott ist – – nein, ich kann es gar nicht sagen.« »Warum denn nicht?« fragte Lene beunruhigt. »Weil ich es ja selber gar nicht glaube, und das ist das Schreckliche, ich glaube doch nur Gutes vom lieben Gott, und trotzdem ruft dann irgend etwas in mir dem lieben Gott ein Schimpfwort zu.« »Was ist denn das für ein Schimpfwort?« fragt« Lene sehr neugierig. »Muß ich dir das wirklich sagen?« »Du kannst es mir ruhig sagen, Kind.« Und nun flüsterte sie der Lene das Wort ins Ohr, das sie immer in ihrem Inneren hörte, ohne es selber zu wollen: Dreckige Sau. Die Lene bekam einen Todschrecken, als sie das hörte und machte dabei ein so verdutztes Gesicht, daß Mely ganz plötzlich laut auflachen mußte und sich vollkommen getröstet fühlte. »Aber Mely,« sagte Lene, als sie wieder zu sich kam, »solche Sachen denkst du? Beim Hermann, da tät's mich nicht wundern, aber du . . .« »Nein, Lene, nein, ich denke es ja gar nicht.« Und nun war es an Mely, die sich wieder ganz überlegen fühlte, die Alte zu beruhigen. Die Nervenspannung, die in ihr war, hatte sich wieder vollkommen gelöst. Aber die alte Lene war aus ihrer Erstarrung gar nicht aufzurütteln. Die Sonne sank tiefer und schimmerte nur noch hinter dem fernen Kirchendach hervor. Die beiden saßen eine Zeitlang schweigend zusammen. »Ich möchte nur wissen, was jetzt kommt,« sagte dann Mely. »Was soll denn kommen?« meinte Lene, noch immer wie auf den Kopf geschlagen. »Aber Lene, etwas muß doch endlich kommen, es kann doch nicht immer so weitergehen.« Lene und Mely gingen in der Frühlingsdämmerung durch den Wald zurück. Auf einer Landstraße näherten sie sich der Stadt. Ueber eine Brücke rollte ein langer Eisenbahnzug mit erleuchteten Fenstern. »Glaubst du, Lene, daß in dem Zug Schlafwagen sind?« sagte Mely, für die diese Einrichtung etwas Phantastisch-Geheimnisvolles hatte. Man hörte Glocken läuten. Sie gingen durch die Gassen, in denen es dunkelte. In Läden und Zimmern zündete man Lichter an, und auf einmal wurde Mely ganz glücklich darüber, daß die Lene da war, und zu Hause die Mama und der Hermann und vielleicht auch noch die Großmama auf sie warteten. Aber dieser Tag war der schmerzlichste ihres Lebens gewesen. Zweites Kapitel Flirt oder Erlebnis? 6 Mely begann eine junge Dame zu werden. In der Klasse wurden die Mädchen jetzt mit Sie angeredet. Im Winter fingen die Tanzstunden an. Die jungen Herren sagten sogar gnädiges Fräulein. Mme. Françoise, die Tanzlehrerin, eine stattliche Dame von etwa fünfunddreißig Jahren in schwarzem Seidenkleid, stand in der Mitte des Raums, starr wie eine Bildsäule. Nur die überaus schlanken Füße bewegten sich. Ihr gegenüber hüpfte wie ein exotischer Vogel ihr dreizehnjähriges Schwesterchen Blanchon in kurzem Samtkleidchen mit unsagbar dünnen langen Beinen in schwarzen Strümpfen. Unter den Klängen eines langsamen Walzers machten ihre zarten Füßchen, die nichts von Materie zu haben schienen, die Schritte vor, und während die Altstimme der pomphaften Mme. Françoise in gebrochenem Deutsch kommandierte, versuchten die noch ungeübten Gliedmaßen der kichernden Mädchen und komisch-ernsten Buben die Figuren auszuführen. Die Tänzer in steifen, schwarzen Anzügen waren meist Schulfreunde Hermanns, manchmal kamen auch ältere Brüder und Vettern. Der Unterricht fand abwechselnd in den Wohnungen der Schüler und Schülerinnen statt. Mely bemerkte sehr bald, daß man sie besonders bevorzugte. Zu jedem Tanze meldeten sich mehrere auf einmal. Das machte sie übermütig, doch sie hütete sich selbst wohl, Konflikte zu schlichten und freute sich heimlich, wenn drei junge Herren heftig gestikulierend in einer Ecke standen und darüber stritten, wer das Anrecht auf den nächsten Tanz mit ihr habe. Die Altersgenossen Hermanns waren noch mehr oder weniger schüchtern und zurückhaltend in ihren Aeußerungen, aber von den älteren Gästen sagten ihr manche, daß sie reizend sei und dergleichen; es war indes Sitte, in solchem Falle zu antworten, man fände Komplimente »fad«. Mely amüsierte sich, wie sie sagte, himmlisch, und war erstaunt, bisweilen von jenen älteren Tänzern zu hören, daß es eigentlich zu steif zuginge. Sie hörte von München sprechen, vom Künstlerleben. Das sei erst das Richtige. Das Blatt »Jugend« kam bisweilen in ihre Hände. Man sprach davon, wie von etwas eigentlich Verbotenem, das aber doch jeder tat. Hier und da sagten Mütter lächelnd, die »Jugend« sei eigentlich keine Lektüre für junge Mädchen, aber dennoch lasen sie alle darin. Da war von Liebe die Rede und von Küssen, da standen Witze über Leute, die das verbieten wollten oder sich dumm dabei anstellten, und immer handelte es sich wieder um Künstler, um Maler und Dichter, die das Lieben gewiß ganz besonders gut verstanden. Manchmal wurden sie dann zwar auch wieder lächerlich gemacht, aber alles das war so furchtbar interessant. Sie begann jetzt zu begreifen, warum manche das Leben in der Stadt steif nannten. München, das war offenbar das wahre Leben. Die Herren, die es kannten, mußten immer wieder davon erzählen, von den Künstlercafés, wo auch junge Mädchen aus guten Familien allein hingingen, von Atelierfesten und Tänzen im Grünen bis zum grauenden Morgen, und immer die jungen Leute allein, ohne Mütter und Tanten. Oh, wer das einmal mitmachen könnte! Mely wünschte sich oft, ein künstlerisches Talent zu haben, um nach München gehen zu können und zu studieren, aber sie hatte ja keines. Der Gedanke kam ihr noch nicht, daß man das bißchen Zeichnen, das ihr von Kindheit an immer Spaß gemacht hatte, zu einem wirklichen Talent proklamieren könne. Sie dachte noch sehr bescheiden von sich selbst und neigte dazu, sich immer nur als Publikum für die Leistungen anderer zu betrachten; ihr einziger Ehrgeiz war, dabei sein zu dürfen, wo es nett und lustig zuging. Ach, wie schade, klagte sie manchmal, daß mit ihr so gar nichts los war. Gegen Ende des Winters beschlossen die Teilnehmer der Tanzstunde, zu einem Schlußkränzchen ein Theaterstück einzustudieren. Es unterlag keinem Zweifel, daß Mely eine Hauptrolle haben müsse. Sie sollte Theater spielen? Ja, aber das konnte sie doch gar nicht. Sie könnte es gewiß, meinte man, alles käme auf einen Versuch an. Da die anderen auch größtenteils noch nie gespielt hatten, ging sie schließlich zögernd an ihre Rolle heran. Dr. Merzbacher, ein junger Arzt und Theaterfreund, der Bruder eines der Gymnasiasten, übernahm die Einstudierung. Er war ein kaum dreißigjähriger, aber schon ziemlich fetter, behäbiger Herr mit Glatze und dunklem Spitzbart, und ging mit einer ungewöhnlichen Ruhe und Selbstsicherheit ans Werk. Er schien beständig zu fühlen: »Ich bin zwar Arzt, aber wenn ich wollte, könnte ich ebensogut Regisseur oder Theaterdirektor sein. Man muß eben bei jeder Sache nur den Witz heraus haben.« »Na, passen Sie einmal auf, mein liebes Fräulein,« sagte er zu den Mädchen und nahm sie bei der Hand oder, wenn möglich, bei dem entblößten Unterarm. »Sie müssen sich vorstellen, Sie wären . . .,« oder »Sie hätten . . .,« oder »Sie könnten . . .« usw. Dann machte er ihnen vor, wie sie sprechen sollten. Alle kicherten, weil er sich so gut »verstellen« konnte und machten es nach. »Na, sehen Sie,« rief er dann, »es geht ja ausgezeichnet. Schauspielkunst ist für Damen überhaupt keine Kunst, sondern es ist ihre Natur. Sprechen Sie, wie Ihnen der Schnabel gewachsen ist, und Sie sind eine vorzügliche Schauspielerin.« Das fand nun Mely unbedingt falsch. Zwar machte sie ihre Sache ganz zu Dr. Merzbachers Zufriedenheit, aber in ihrem Inneren sagte sie sich, daß sie gerade das Gegenteil tue von dem, was er nannte: reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Sie fühlte sehr wohl, daß sie sich zierte, aber das schien gerade das Richtige. Im Theater beobachtete sie nun auch, daß fast alle Schauspieler sich zierten und irgend etwas machten, was sie sonst als ein Getu empfand, und nun kam sie plötzlich auf die Idee, daß dies Getu offenbar die Schauspielkunst sei; sie war glückselig, in sich die Gabe dazu zu finden. Oh, sie konnte das so gut wie jede andere. »Nur komisch,« dachte sie manchmal, »daß der schlaue Dr. Merzbacher das nicht merkt und es für natürlich hält.« Der Ballabend fand in dem großen gemieteten Saal einer Freimaurerloge statt. Auf den Stühlen im Zuschauerraum keuchten und fächelten sich eng verschnürte Ballmütter, und beleibte alte Herren in altmodischen Fräcken wischten sich den Schweiß von der Stirn. Dazwischen saßen ungeduldig wie für einen Augenblick auf Blätter niedergeflogene Schmetterlinge die jungen Mädchen auf den Kanten der Stühle. Ihre halbwüchsigen Kavaliere beugten sich über die Lehnen und flüsterten schüchterne und kecke Worte. Von einer kleinen Bühne wurde das Stück flott heruntergespielt. Das Publikum war sehr dankbar. Mely hatte den Haupterfolg. Schwerfällige Lakaien reichten Blumen auf die Bühne. Sie mußte sich mehrmals vor dem Publikum verbeugen. Als sie später durch das Gedränge des Saales ging, hörte sie sagen, sie sei eine Künstlerin, den ganzen Abend wurde sie besonders ausgezeichnet, und alte Papas zogen sie sogar an ihren Tisch, um mit ihr anzustoßen. Sie sah reizend aus. Ihr blondes Haar hatte sich nun endlich daran gewöhnt, sich in zwei dichte Wellen zu scheiteln. Die großen, offenen Kinderaugen unter den allzu gewölbten Brauen waren unentschlossen und fragend geblieben, sie schienen noch immer ein bißchen zu erstaunt ins Leben zu starren, aber das lockte gerade, sich diesem Mädchen zu nähern, gewissermaßen als wolle man die Zweifel lösen, die sich in ihren fragenden Blicken aussprachen. Eine kleine, feine Nase, der zart geschnittene, vielleicht ein wenig zu lange Mund mit der etwas starken, irgendeine dunkle Unzufriedenheit ausdrückenden Unterlippe über dem spitz zulaufenden Kinn gaben ihr eine Mischung von Süßigkeit und Herbheit, die schwer unbeachtet bleiben konnte. Mely war an diesem Abend ganz glückselig. Sie fühlte sich fortgesetzt in gehobener Stimmung, und sie merkte, wie, ohne daß sie es geradezu wollte, ihre Sprache etwas Gehobenes von der Bühne behielt, und daß das außerordentlichen Erfolg hatte. Sie war ganz erstaunt, wie leicht es war, Eindruck auf die Menschen zu machen, und nun beschloß sie, diese Gehobenheit als dauernde Stimmung in sich aufrechtzuerhalten, wenigstens, wenn sie unter Menschen ging. An allen Tischen wollte man sie haben, und je mehr der Morgen nahte, desto verrückter wurden auch die alten Herren. Manche begannen sogar mit ihr zu tanzen, was sie seit zwanzig Jahren, wie sie versicherten, nicht getan hatten. Sie wurde gedrückt, gestreift, von Blicken umworben, sie schwamm wie eine leichte Nußschale auf dem wogenden Meer, und sie wiegte sich entzückt auf den Wellen. Ganz im geheimen war sie sich wohl bewußt, daß sie bei alledem ziemlich viel »Getu« machte, wie auf der Bühne, aber da es so vielen Erfolg hatte, wurde sie darin immer mehr bestärkt. Sie hörte, nachdem sie einmal etwas ganz Gleichgültiges behauptet hatte, wie einer dem anderen zuflüsterte: »Wie entzückend sie das wieder gesagt hat«; und sie merkte sich die Gelegenheit, um in der nächsten Viertelstunde wieder einmal etwas so Entzückendes zu äußern, vielleicht das schon in einem Kreis mit Erfolg Vorgebrachte in einem anderen zu wiederholen. Auch fand sie an diesem Abend heraus, daß man sehr gut über Dinge reden konnte, die man kaum kannte, weil die anderen nämlich auch nicht viel wußten. »Haben Sie schon Reif-Reiflingen genossen, gnädiges Fräulein?« fragte ein etwas blasiertes Herrchen mit ganz dünnem Schnurrbärtchen und einem Einglas im Auge. Nun hatte Mely nicht die mindeste Ahnung, was Reif-Reiflingen war, aber sie hob sehr sicher das schmale Kinn und sagte: »Wie kommen Sie darauf?« Das junge Herrchen war ziemlich verblüfft, hatte das Gefühl, einen Fehltritt gemacht zu haben und entschuldigte sich: »Nun, ich denke, Reif-Reiflingen ist doch ein Stück, in das viele junge Mädchen gehen.« Nun wußte Mely, daß es sich um ein Theaterstück handelte. Auch konnte sie aus der Art der Entschuldigung schließen, daß es eines von den neueren, ihr noch unbekannten Stücken war, und sie antwortete sehr sicher: »Nein, wir gehen nur in klassische Stücke.« Das junge Herrchen hatte den Eindruck, als ob Mely sich durchaus auf dem Laufenden befand. Sie empfand ein solches Verhalten keineswegs als einen lustigen Schwindel, mit dem man kecke junge Leute überlisten könne, im Gegenteil, sie nahm das ernst und bildete sich die Meinung, so, wie die Schauspielkunst ein erregendes »Getu« sei, so beruhe eine Unterhaltung über ernste Gegenstände auf nichts anderem, als dem Streben, klug und unterrichtet zu erscheinen, wobei man durch einige kleine Künste nachhelfen müsse, wenn das eigene Wissen versagte. Alles dies war ihr nicht so bewußt, daß sie es etwa einem anderen Mädchen hätte erklären können; nur mit dem Instinkt fühlte sie den »Witz« der Geselligkeit heraus, wie Dr. Merzbacher sagte. So gewann sie, durch ihre Erfolge gehoben, nachdem sie gestern noch ein in der Gesellschaft vollkommen fremdes Kind gewesen war, in dieser Nacht ein Wissen, das man eine unbewußte Technik nennen könnte, ein Verfahren, das sie zwar in den nächsten Jahren noch vervollkommnete, ohne es aber wesentlich zu verändern. Diese eine Ballnacht hatte eine moderne junge Dame aus ihr gemacht, und zwar keine durchschnittliche, sondern eine von allen Seiten verehrte, die ihre Stellung wohl zu wahren wußte. Mely war überzeugt, daß es die Kunst war, nur die Kunst, die ihr die Entzückungen dieser Nacht beschert hatte, und sie wußte: die Kunst ist das Edle, das Schöne, das Ideale. Vielleicht war sie nun doch eine Künstlerin. Sie erlangte von der Mutter die Erlaubnis, jetzt öfters ins Theater zu gehen. Meist ging sie mit Hermann, der ihre Bühnenschwärmerei teilte. Er entdeckte in sich das Talent, die Schauspieler nachzuahmen. Bald kannten die Geschwister alle bei Namen und waren entzückt, wenn sie sie auf der Straße erkannten, den Idali mit dem Milchgesicht und den »süßen« Krawatten, die Mordtmann mit dem Madonnenscheitel, die Sarto mit der Amazonengestalt und den riesigen Federhüten und die dicke, gepuderte Albinus, welche immer hochgestellte Persönlichkeiten spielte, die aber gerade in diesen Stücken zufällig nicht viel zu sagen hatten. Oft gingen die Geschwister nach der Vorstellung noch an den Bühnenausgang und warteten begierig, um den Romeo in einem braunen Straßenanzug mit bunter Halsbinde herauskommen zu sehen, oder um zu beobachten, wie die Thekla in einem flüchtig übergeworfenen Abendmantel in einen Wagen sprang. Alles dies hatte in den beiden Geschwistern die Erkenntnis zur Folge, daß es außerhalb der Alltagswelt der Schule, des Hauses, der Pflichten eine andere Welt gab, wo es bunt zuging, wo man lachte, sich fabelhaft amüsierte, und wo man alle die Rücksichten jener engeren Welt nicht zu kennen schien. Diese höhere Welt aber, die mit allem Edlen, Großen und Leidenschaftlichen der Menschennatur verknüpft schien, das war nichts anderes, als die Welt der Kunst: Künstlerkreise. Davon wann beide Geschwister nun überzeugt. Als Mely die letzte Klasse der Schule hinter sich hatte, erhob sich die Frage, was nun mit ihr geschehen solle. Manche Mädchen kamen in Pensionen am Genfer See, aber um keinen Preis hätte sich Frau Sanders von Mely getrennt. Was sollte sie auch in einer Pension? Französisch konnte sie ja durch die Großmutter seit ihrer Kindheit. Sie bekam also noch allerlei Unterrichtsstunden, meist zusammen mit Freundinnen: Kunstgeschichte von einem jungen Gymnasiallehrer, Literaturgeschichte und Aesthetik von einem alten Fräulein, Italienisch von einem Signor Mancinelli, der eigentlich Tanzlehrer war. Vormittags besuchte sie eine Kochschule. Mit einigen Freundinnen aus der Schulzeit unterhielt sie ein Kränzchen. Im Herbst wurde sie dann in die »richtige« Gesellschaft eingeführt, d. h. Frau Sanders nahm alte Beziehungen wieder auf, indem sie am Anfang des Winters eine Anzahl Besuche mit Mely machte. Es folgten Abendgesellschaften, Tänze, Liebhaberaufführungen. Mely fand alles sehr nett, die Kunstgeschichte sowohl, wie den italienischen Tanzlehrer und die Einladungen. Nichts drückte sie eigentlich, sie lernte leicht, und wenn sie etwas nicht lernte, war es auch kein Unglück. Sie bekam nun von Leutnants und Assessoren den Hof gemacht. Die Triumphe der Tanzstunde setzten sich fort. Mit Blumen beladen kam sie von den Gesellschaften heim, ihre Tanzkarten waren stets dreifach überzeichnet. Sie gewöhnte sich an das Gefühl, ein Ausnahmegeschöpf zu sein, ohne sich aber noch ganz bewußt davon Rechenschaft zu geben. Es war ihr vielmehr selbstverständlich, daß man sie zu Tennispartien abholte, daß immer mindestens drei Herren sie nach Hause begleiteten. Mama Sanders wurde aus ihrem ruhigen Dasein aufgerüttelt und mußte sich der Tochter zuliebe wieder an die seit dem Tode ihres Gatten aufgegebene Geselligkeit gewöhnen. Mit lächelnder Geduld, die der Stolz auf Melys Triumphe belohnte, konnte sie stundenlang sitzen und gegen den Schlaf ankämpfen, während unermüdlich tanzende Paare an ihr vorbeiwirbelten. Bald hatte sie Melys Fächer, bald ihr Blumenlager in Verwahrung zu nehmen, dann wurde ihr ein Herr vorgestellt, zu dem sie liebenswürdig sein mußte, oder man entriß ihr die Einwilligung, daß Mely bei einem Bazar oder Wohltätigkeitsfeste mitwirken dürfe. Aber überall konnte sie nicht dabei sein. Die Tochter war tagsüber auf dem Eis oder beim Tennis viel mit Herren allein, doch dadurch, daß immer drei oder vier sich um sie bemühten, entstand eine Art Aufsicht, die Mely davor schützte, daß jemand mit ihr in engere als gesellschaftliche Beziehungen kommen konnte. Bei alledem vermißte Mely nur eines, aber nicht allzu schmerzlich, denn gerade das Fehlen dieses einen wurde für sie auch wieder zu einer Quelle ganz bestimmter Genüsse. Sie merkt« sehr wohl, daß die Gesellschaft, in der sie sich bewegte, nicht jene künstlerisch verklärte war, von der sie träumte, und die sie in München verwirklicht glaubte. Unter allen den Herren, die ihr den Hof machten, befand sich nicht einer, der auch nur eine Ahnung hatte von jener anderen Welt, vielmehr waren sie brave Durchschnittsmenschen, die alles bewunderten, was Mely sagte oder tat, und sofort bereit waren, sich in den großen Fragen der Kunst und jenes Münchener Lebens für nicht maßgebend zu erklären. Da es nun von Anfang an als durchaus unwahrscheinlich, ja unmöglich geschienen hatte, daß Mely jemals diese Münchner Welt selbst kennenlernen würde, so verursachte ihr dieses Ausgeschlossensein keine eigentlichen Schmerzen, vielmehr gab ihr die Sehnsucht danach schon eine gewisse Überlegenheit über di« Assessoren und Leutnants, an der sie sich selber weidete. Vorläufig machte ihr Tanzen, Gesellschaft, Kurmachen und dergleichen noch so viel Freude, daß sie von dem einzelnen gar nichts Besonderes verlangte, vielmehr zufrieden war mit der Gegenwart, gehoben durch die Kenntnis, es gäbe doch noch etwas Besseres. Nachdem ein zweites Jahr in dieser Art fast vergangen war, begann Mely gegen Ende des Winters etwas zu husten. Am Morgen nach einem Balle erwachte sie mit einer schweren Grippe und Lungenentzündung. Nun lag sie mehrere Wochen, häufig stark fiebernd, zu Bett in ihrem weißen, verdunkelten Schlafzimmerchen. Frau Sanders saß Tag und Nacht bei ihr mit derselben Ausdauer und Geduld, mit der sie die Ballnächte durchwacht hatte. Hermann, der dicht vor der Abgangsprüfung stand, holte sich bisweilen seine Bücher ins Krankenzimmer und veranlaßte die Mutter, solange er arbeitete, auf dem Liegestuhl zu ruhen. Das waren die traurigsten Wochen, deren er sich zu Hause entsann. Melys Jugend siegte indessen über die Krankheit, und als eines Tages Hermann um Mittag heimkam, war die Schwester aufgestanden. Er sah sie in einem Sessel hinter dem großen, sonnigen Balkonfenster sitzen und dem Spiel der in den Pfützen des Gartens badenden Spatzen zuschauen. Die kahlen Bäume reckten ihre schwarzen Zweige in die Februarhelle. Mely sah in ihrem dunkelgrünen Morgenkleid so blaß, so rührend gebrechlich aus, daß Hermann unwillkürlich vor ihr kniete, ihre nun ganz weißen, dünnen Hände nahm und sie küßte. Sie faßte ihm in sein blondes Haar und sprach mit einer stillen Güte, was ihn stark befremdete an der Schwester, die er seit langem nicht anders als quecksilberhaft bewegt, von einem Vergnügen zum anderen eilend, von einem Kleid ins andere fahrend, gesehen hatte. Für ihn, den büffelnden Prüfling, hatte sie überhaupt zuletzt wenig Zeit gehabt. »Denk' dir, Hermann, jetzt werde ich wieder gesund, und der Doktor hat gesagt, wir müßten ein paar Wochen an die Riviera.« »Nein, ist das wahr?« rief Hermann ungläubig, »die Riviera, das ist ja Italien.« »Und wer seine Prüfung gut bestanden hat,« rief Frau Sanders aus dem Nebenzimmer, »darf auch mit.« Hermann brach in ein lautes Geschrei aus und tobte im Zimmer umher. Das konnte er kaum fassen. Erst die Rücksicht auf die genesende Schwester brachte ihn langsam wieder zur Ruhe. Die Wochen des Vorfrühlings gingen hin mit viel erregender Sonne und noch mehr schweren, düsteren Wolken. Oft ging Mely in der Mittagswärme im Garten auf und ab, und ihr war, als sei sie schon dicht am blauen Meer, die kleinen Tannenbäume konnten geradesogut Zypressen sein, und die Säulen eines Balkons ein Stück von einem italienischen Palast. Dann kamen wieder Nachmittage, die nicht enden wollten, an denen sie glaubte, sie würde nie gesund, so beklommen war sie, so schmerzte ihr der Kopf, und so langsam gingen die Stunden dahin, besonders im März, wenn die Tage immer länger wurden, ohne daß es draußen Frühling werden wollte. 7 Frau Sanders und ihre Kinder fuhren im Zug durch grünes Hügelland; bald erschienen die riesenhaften, tief beschneiten Formen des Hochgebirges, welche die noch leidende, an die milden Linien des deutschen Mittelgebirges gewöhnte Mely geradezu erschreckten, so daß sie das Köpfchen in ihr weiches Reisekissen vergrub, und schließlich kamen braune, laublose Höhenzüge, auf den Gipfeln noch sonniger Schnee, etwas tiefer bisweilen die schwarzen Flecken immergrüner Haine um flache helle Häuser, dazwischen die blauen Flächen der italienischen Seen, in denen sich Berge spiegelten mit weißen, im Lichte eines klaren Himmels flimmernden Firnen. Die südliche Umgebung machte Mely anfangs schwermütig, sowie mancher leuchtende Frühlingstag zu Haus. Ein nachmittäglicher Spaziergang von einem Seeufer aus in die Einsamkeit zwischen starren Bergformen griff sie derart an, daß sie sich vor dem drohenden Umriß eines sich plötzlich schwarz erhebenden Felsens erschreckt umkehrte. Dazu kam das Rauschen eines unsichtbaren Wasserfalls, der plötzlich tödliche Kühle über die Straße hauchte. Mely konnte sich kaum aufrechterhalten. Am Wege stand ein einstöckiges Steinhaus mit der Aufschrift: » Osteria di campagna «. Dort kehrt« Frau Sanders mit ihren Kindern ein und verlangte für Mely etwas gewärmten Rotwein. Eine nicht mehr junge, doch keineswegs reizlose italienische Frau bediente mit einem üppigen Lächeln der stark geschwungenen Lippen und einer weichen Grazie, die Hermann sehr auffiel. Er schien sie geradezu mit den Augen zu verschlingen. Sie merkte es und streifte manchmal so dicht an ihm vorbei, daß ihre brünette fleischige Hand ihn berührte. Der Raum war öde, weit und eiskalt. Verschimmelte giftgrüne Landschaften waren auf die Wände getüncht. Die Berge schienen hier die Sonne immer abzuhalten. Die Sanders waren die einzigen Gäste in dem unwirtlichen Saal, in dem lange Holztische mit Bänken standen. In einem Nebenzimmer belustigte ein Harmonikaspieler ein paar Soldaten. In ihrem ganzen Leben hatte Mely nie eine so tiefe Trauer empfunden. Und das war nun Italien! Sie erklärte nach ein paar Schlücken Wein, nur um hier möglichst schnell hinauszukommen, sie sei wieder ganz erholt. Anfang April kam Frau Sanders mit ihren beiden Kindern in der Rivierapension an, die man ihr empfohlen hatte. Der Kurort lag am Meer in einem Halbkreis kupferbrauner Berge, deren Fuß mit Oliven dünn bewaldet war. In den Anlagen standen Zedern, Palmen, Magnolien, Zypressen, Oleander. Es gab einige Schwindsüchtige, die, in Mäntel gehüllt, in der schon recht heißen Sonne saßen, Spucknäpfe standen neben ihnen. Andere Kranke wurden in Stühlen umhergefahren. Alles dies wirkte in der zauberischen Landschaft doppelt traurig. Um den kleinen Ausschnitt einer gepflegten Welt aber lag das abenteuerliche, italienische Städtchen mit seinen unheimlichen steinernen Gassen, dunklen Tunnels und gewölbten Bogengängen, die wie Stollen in das Innere der geheimnisvollen Berge zu führen schienen. Frau Sanders und Mely graute vor alledem, und so waren sie anfangs auf den Aufenthalt unter den Orangenbäumen und zwischen den Zitronenspalieren des Pensionsgartens und auf kleine Spaziergänge beschränkt, während Hermann oft allein in den Bergen herumstreifte, um, wie er sagte, wichtiger Fragen wegen in sich Einkehr zu halten. Er war sich noch nicht darüber klar geworden, was er eigentlich studieren wollte. Theologie? Die hielt er längst für Unsinn. Philologie? Davon hatte er fürs erste auf der Schule mehr als genug bekommen. Medizin, das war vielleicht ganz interessant, aber er konnte keine Leichen sehen und entsetzte sich vor dem Anatomiesaal. Juristerei? Nein, das war zu trocken und förmlich, als Jurist hatte man ja nichts als Rücksichten auf die Gesellschaft und die Vorgesetzten zu nehmen; das wußte er von Kurt, der inzwischen Referendar geworden war und vor der Assessorenprüfung noch einmal eine ähnliche Schufterei durchzumachen hatte, wie vor dem Abiturium. Nein, er wollte frei sein, unabhängig, sein persönliches Leben führen, wie er es nannte, und der ganzen Gesellschaft mit ihren konventionellen Rücksichten ins Gesicht schlagen. Er dachte auch an Philosophie, obwohl er nicht ganz genau wußte, was er eigentlich von dieser Wissenschaft wollte. Die Mutter hätte am liebsten gesehen, daß er, wie Kurt, die Rechte studierte. Hermann ahnte, daß sie mit diesem darüber Briefe gewechselt hatte, und das ärgerte ihn. Ueberhaupt, so wie Kurt wollte er auf keinen Fall werden. Ein Trotz stieg in ihm auf, wenn er bloß an Kurt und seine männliche Ueberlegenheit dachte. Wenn der Bruder in den Ferien kam, konnte er sich immer weniger mit ihm verstehen. Das war ein phantasieloser, kalter Mensch, meinte Hermann, ein Streber. Am Abend des Ostermontags erklärte Hermann plötzlich, als habe ihn jemand tief gekränkt: »Ich halte die Familiensimpelei nicht mehr aus. Ich werde noch irgendwo ein Glas Wein trinken gehen.« Die Mutter erschrak. »Aber Hermann,« sagte sie, »Wein kannst du doch auch hier haben.« »Das ist es nicht, ich brauche ein anderes Milieu.« Trotzig nahm er seinen Hut und ließ die ängstliche Mutter und die Schwester in bangem Staunen zurück. In einer Osteria trank er etwas von dem herben Landwein, der ihm gar nicht schmeckte. Eine hübsche Person, die an jene von neulich erinnerte, doch jünger und herber war und ihn lange nicht so vertraulich anlächelte, sagte in gebrochenem Deutsch: »Wir schließen in zehn Minuten, Signorino, dann gehen wir alle zum Tanzen, viele Deutsche sind da.« Hermann ließ sich mit durch die dunklen, stollenartigen Gassen ziehen, umgeben von lauter fremden jungen Leuten, die zu ihm italienisch sprachen, wovon er nur einzelne Worte verstand. Sie machten ihm einen ganz anständigen, wenn auch nicht sehr gebildeten Eindruck in ihrem Sonntagsstaat. In einem rosa getünchten Saal, an dessen einer Wand der Golf von Neapel mit dem Vesuv gemalt war, wurde getanzt. Die Weiber sahen wie Dienstmädchen aus. Nur hatten sie sehr viel feurigere Augen als daheim. Seine Führerin setzte ihn zu einigen blonden Herren, von denen jeder so ein hochbusiges, braunes Mädchen bei sich hatte. Sein Nachbar sprach ihn in ausgesprochen sächsischem Dialekt an. Er sei Kellner im Hotel Beaurivage, ob Hermann auch in Stellung sei. »Ich bin Student,« erwiderte er etwas verschämt. Der andere zeigte dann nicht mehr viel Redelust und sprach zu seiner Gesellschaft hinüber. Die Männer redeten deutsch, recht gemein, wie Hermann schien. Immer wollten sie die Mädchen anfassen. Diese ließen sich's aber um keinen Preis gefallen, schlugen ihre Begleiter oft recht unsanft auf die Hände, lachten dann aber wieder mit ihnen und ließen die schwarzen Augen blitzen, bis jene wieder Berührungen versuchten. Dazwischen sprachen die Männer von ihrem Beruf, einer prahlte, wieviel Geld er in London verdient habe. Ein anderer pries Aegypten. Die erlebnisreiche Buntheit dieses Daseins machte Hermann großen Eindruck, und die Mädchen verwirrten sein Blut. Der in Aegypten war, erzählte von einem Abenteuer mit einer Araberin, die eine rehbraune Haut gehabt habe. »Da ist's freilich leichter als hier, du legst ihr zwei Schilling hin, und . . . die Passage ist frei.« »Die Passage ist frei,« lachten die anderen; nun wollten die Mädchen den Spaß übersetzt haben, und darauf folgte wieherndes Gelächter. Hermann trank weiter von dem schweren Wein. An dem Nebentisch war ihm eine unheimliche Gruppe aufgefallen: ein Mann mit blondem Vollbart wie ein Lehrer, aber offenbar sehr herabgekommen, flüsterte mit zwei jungen Bengeln. Sie kamen Hermann wie geheime Verbrecher vor. Auf einmal rückten sie mit ihren Gläsern herbei und setzten sich zu ihm. Hermann hatte ein bißchen Angst, gleichzeitig machte ihn der Wein schwer und dumpf. Der Mann sprach auf ihn ein, er verstand gar nicht alles. Es war ihm sehr widerlich, wenn er ihm zu nah kam, und er seinen alkoholischen Atem roch. Hinter dem Rücken des Mannes gaben die zwei Bengel Hermann Zeichen mit den Händen, als machten sie sich über den Sprechenden lustig, oder als sei der nicht recht bei Trost. ». . . Ich bin ein Von . . . ein Von,« verstand Hermann immer, ». . . ich kriege soviel Geld als ich will . . . in jeder Stadt . . . der Adel hält zusammen . . . wir fechten uns so durch . . . hahaha . . . und immer ist's kreuzfidel . . . kommen Sie mit, probieren Sie's . . . vor einem jungen Burschen wie Sie liegt die Welt offen.« Er war Hermann immer näher gekommen, und nun legte er ihm seine Hand auf das Bein und tätschelte ihn. Hermann sprang erschreckt auf. Alles schaute nach ihm. Der Mann war offenbar auch erschrocken. Hinter seinem Rücken krümmten sich die zwei Bengel vor Lachen und schlugen sich immer wieder auf die Knie. Plötzlich wendete sich der Mann streng zu ihnen und rief: »Was gibt's denn da? Wir gehen zu Bett, marsch.« Und alle drei verließen den Raum. »Eine schöne Sippschaft,« rief einer der Kellner. »Der spielt Kümmelblättchen,« sagte ein anderer, »immer hat er Karten bei sich, und den zwei Burschen bringt er die Kunst bei.« »Ein Hundertfünfundsiebziger,« bemerkte einer. Hermann kam, von alledem ganz benebelt, nach der Pension zurück. Mely erholte sich unter der Rivierasonne zusehends. Körperlich war sie nun wieder ganz gesund. Bald aber wurde das Wetter schlecht, sie verfiel in traurige Stimmungen, während sie stundenlang in der offenen Halle des südlichen Gartens, in Decken gehüllt, ausgestreckt lag, und der Regen unaufhörlich auf das Blechdach fiel. Sie beklagte sich bei der Mutter, daß es für sie gar nichts Schönes gab, woran sie hätte denken, worauf sie sich hätte freuen können, während Hermann nun voll Erwartungen der Universitätszeit entgegensah. Was sollte mit ihr geschehen, wenn sie nach Hause kamen? Wieder ein Sommer mit Tennisspiel? Wieder das Flirten, die lärmenden Ausflüge mit Tanzereien? Mely fühlte eine trostlose Leere in sich. Was sollte werden? Das Leben sei doch eigentlich langweilig. Sie gähnte den ganzen Tag und war schwer und matt. Die Mutter wurde wieder besorgt um sie. Der Arzt empfahl Zerstreuung, etwa einen Ausflug von ein paar Tagen in das nahe Genua. Frau Sanders und ihre beiden Kinder traten also die Pilgerfahrt an durch die Paläste und die Kirchen der prächtigen Hafenstadt. Hermann spielte den Reisemarschall. Er las aus dem Bädeker vor, aber Mely beschämte ihn oft, denn hin und wieder fiel ihr vor Bildern und Bauten etwas aus ihrem kunstgeschichtlichen Unterricht ein. Sie wußte, an welchen Zeichen man den Barockstil erkennt und woran man sehen kann, daß auf Rubens Italien Einfluß gehabt hat. Hermann machte das großen Eindruck. Es gewährte ihm Genugtuung, gegenüber der Fülle der Erscheinungen, die auf ihn eindrangen, durch Mely ein paar Richtlinien zu bekommen, um Stile und Jahrhunderte, Schulen und landschaftliche Abgrenzungen zu unterscheiden. Wenn man z. B. eine Barockkirche gesehen und als solche erkannt hatte, war es doch sehr befriedigend, daß man dann eine andere leicht erkennen konnte, auch Barockpaläste gab es und sogar eine barocke Art der Gartenkunst. Im Gegensatz dazu erinnerte ihn Mely wieder an die traulichere Gotik daheim, die sich in dem festlichen Italien lange nicht so stark entwickelt hatte. Das heimatliche Leben war bürgerlich und eng, das italienische heiter und großzügig, und das äußerte sich auch im Baustil. Solche Erkenntnisse fand Hermann sehr geistvoll und tiefgründig. Auf der Schule war einem so etwas nicht gesagt, wohl mit Absicht verschwiegen worden. Diese neuen Kategorien beschäftigten ihn nun sehr, und was ihm dabei besonders gefiel, war die Leichtigkeit, mit der man solche Dinge erfassen konnte, wenn man überhaupt einigen angeborenen Sinn für Kunst besaß, und daß sie einen in gar keine unangenehme Berührung mit Menschen, weder mit Leichen, noch mit Vorgesetzten brachten, wie die Medizin und die Jurisprudenz. Mit Ueberzeugung und Glauben hatte es auch nichts zu tun, und es war viel einfacher zu verstehen, als die Philosophie. Als sie eines Mittags zusammen in einem italienischen Speisehaus aßen, in das Mely durchaus hatte eintreten wollen, weil so wundervolle Paradeisäpfel in der Auslage zu sehen waren, rief Hermann plötzlich wie in einer Eingebung: »Wißt ihr was? Ich studiere ganz einfach Kunstgeschichte. Da kann ich reisen und bin ein freier Mann.« »Aber Junge, was kannst du denn da werden?« fragte die Mutter besorgt. »Museumsdirektor.« »Aber so viele Museen gibt es doch gar nicht.« »Und Professor an einer Universität.« »Weißt du, Hermann,« meinte Frau Sanders harmlos, »ich will einmal darüber an Kurt schreiben und hören, was der dazu sagt.« »Ach, wenn du das schon tust, der ist sicher dagegen.« »Das glaube ich auch,« sagte Mely, in der inzwischen auch ein Plan gereift war. Sie scheute sich aber, davon zu sprechen. Als sie nach einigen Tagen wieder im Garten der Pension saß, nahm sie eine Photographie nach einem Gemälde vor, das sie in einem der genuesischen Paläste gesehen hatte. Es war von van Dyck und stellte eine glatt gescheitelte Dame mit feinem Gesicht und an den Ohren gekräuseltem Haar dar. Vor dem Bild war ein junges Mädchen mit Madonnenscheitel an einer Staffelei gesessen. Aus ihren weichen braunen Augen hatte sie einen freundlichen Blick auf Mely geworfen, als diese von weitem schüchtern ihrer Arbeit zuschaute. Das war die erste richtige Malerin, die Mely zu sehen bekam. Am Ende war sie aus München. Dieses Mädchen und seine Arbeit fesselten sie mehr als alles, was sie sonst in Genua gesehen hatte, und sie brannte darauf, zu versuchen, ob sie nicht vielleicht doch eine ähnliche Gabe in sich entdecken könne, denn die Malerin sah in gar keiner Weise anders, etwa gescheiter oder großartiger aus als die jungen Mädchen, die sie bisher gekannt hatte. Auch ihr hatte doch das Zeichnen immer viel Spaß gemacht. Sie versuchte nun, die Photographie abzuzeichnen und war überrascht, wie leicht es ihr gelang. Ihre Schüchternheit schwand während der Arbeit, sie hoffte sogar, jemand würde sie dabei überraschen. Zuletzt schrieb sie schräg in die Ecke mit einem kühnen Schnörkel: Mely Sanders. Als Hermann kam, gefiel ihm die Arbeit sehr gut. Er sagte, sie müsse das Wort » fecit « neben ihren Namen setzen; sie tat es, nachdem er ihr die Bedeutung erklärt hatte. Die Mutter war selbstverständlich entzückt, zumal als sie sah, wie günstig diese Beschäftigung auf Melys Zustand einwirkte, deren Wangen seit der Rückkehr von Genua wieder eine gesunde Röte angenommen hatten. Mely war nun so weit hergestellt, daß sie manchmal mit Hermann zusammen in die Berge ging, während Frau Sanders einer sich leise bei ihr andeutenden Herzschwäche wegen das Steigen vermeiden und zurückbleiben mußte. Die beiden jungen Leute streiften unter natürlichen Lorbeerlauben oder durch die dunklen Pinien- und grauen, durchsichtigen Olivenwälder, rasteten auf den kahlen Bergrücken, zu ihren Füßen das nachmittägliche, halbinselreiche Meer, durchzogen die grauen, ruinenhaften Felsendörfer. Eines Nachmittags saßen sie vor einer Osteria im Gebirg im blauen Schatten der Zypressen, deren uralte, verwitterte Stämme im staubigen Erdreich standen und aussahen wie die versteinerten Glieder aus einer Vorwelt übriggebliebener Elefanten. Sie tranken den herben, trockenen Rotwein und waren voll von ihren Plänen. Mely wollte nun unbedingt Malerin werden, und die Mutter hatte wenigstens erlaubt, daß sie zu Hause die städtische Kunstschule zum Zwecke ernstlichen Unterrichts besuchen dürfe. »Jetzt kommen wir endlich aus der Philistrosität heraus,« rief Hermann und schwang sein Stöckchen durch die Luft, daß es pfiff. »Du besonders,« erwiderte Mely, »du kommst hinaus auf die Universität, aber ich kann immer daheimbleiben. Ich ahne schon, ich werde niemals München sehen.« »Das ist nicht gesagt. Ich werde doch sicher einmal in München studieren, und dann läßt dich die Mama vielleicht hinkommen. Du lebst in einer Pension.« »Aber ich kann doch die Mama nicht allein lassen.« »Vielleicht kriegen wir sie dazu, daß sie mit nach München zieht.« »Das wäre fein,« rief Mely plötzlich aufstehend und umherhüpfend. Da entdeckte sie im Gras eine handgroße Schildkröte. Sie hob sie auf und setzte sie auf den Tisch. Das schwerfällige Tier kroch zu Hermann hinüber, der ihm den Finger entgegenstreckte. »Aber nein, die Mama kann doch wieder nicht die Großmama allein lassen,« meinte nun Mely besorgt. »Ach, die Familie,« seufzte Hermann, »ewig die Familie! Man trägt sie an sich, wie die Schildkröte ihre Schale. Diese ewigen Rücksichten, man erstickt förmlich.« »Aber du doch nicht,« spottete Mely, »nur wir armen Mädchen und Frauen sind solche Schildkröten, die nicht aus dem Gehäuse können, ihr Buben kommt doch hinaus in die Welt.« Mely nahm die Schildkröte, die sich ganz in ihre Schale zurückzog, wieder in die Hand. »Ein langweiliges Tier,« sagte sie, »man weiß gar nicht, was man damit anfangen soll, man kann es nicht einmal streicheln.« In diesem Augenblick sah man unter den Bäumen, wie die Nachmittagssonne die Fläche des Meeres berührte. »Sieh nur diese Stimmung,« rief plötzlich Mely, »wenn man das malen könnte.« Dabei machte sie mit der Hand ein paar Bewegungen in der Luft, als seien ihr schon alle Werkstattgeheimnisse bekannt, und als brauche sie sich bloß an die Leinwand zu setzen, um zu beginnen. Hermann hatte indes verträumt unter das Gehäuse der Schildkröte geblickt, die ihren Kopf aber nicht mehr herausstreckte. Dann steckte er das Tier in die Tasche, und beide gingen zusammen den Abhang hinunter nach der Pension zurück. 8 Nach ihrer Rücklehr von der Riviera besuchte Mely die Meisterwerkstatt des Professors Stettner in der Kunstschule der Stadt. Der Professor war ein mittelgroßer Mann mit leicht ergrauendem, rötlichblondem Bart und braunen, hellen Augen. Ueber einer zwar hohen, aber etwas leeren Stirn bäumte sich starkes Haar nach rückwärts. Er war sorgfältig, stets dunkel gekleidet, trug aber helle Westen und dunkelblaue Foulardhalsbinden à la Lavallière . Ein breitkrempiger, weicher Filzhut gehörte dazu. Er galt für einen schönen Mann und echten Künstlertypus, aber mit leicht weltmännischer Note. Einst hatte er in Italien und Paris studiert, auch eine Studienreise nach Nordafrika gemacht, von der er viel und gern sprach. Er unterrichtete vier Schülerinnen, hübsche Mädchen, die ihn eifersüchtig verehrten und »Meister« nannten. Sie legten ihm Blumen hin, bereiteten Tee, schenkten ihm Wein ein und dies ziemlich oft im Laufe eines Tages. Er kam selten vor elf Uhr morgens, grüßte etwas feierlich: »Guten Morgen, meine Damen,« tat etwas zerstreut, ließ sich den Mantel abnehmen, ergriff dann plötzlich die Hand des Mädchens, das ihm geholfen hatte, drückte sie mit beiden Händen und sagte mit umflorter Stimme: »Ich danke Ihnen, mein liebes Fräulein, ja, ich danke Ihnen.« Dann beugte er sich über die arbeitenden Mädchen, verbessert«, machte auch hie und da einen Scherz, zupfte eine am Ohr oder schlug ihr auf die Finger. Dann ging er selbst an sein großes Werk »Marius auf den Trümmern von Karthago«, das bis zur nächsten Ausstellung fertig werden mußte. Mely war berauscht, in einer richtigen Meisterwerkstätte die reine Luft wahrer Kunst zu atmen. Professor Stettner war besonders liebenswürdig gegen sie. »Kommen Sie einmal her, Sie junges, strahlendes Menschenkind,« hatte er am ersten Tage gesagt und sie am Handgelenk vor einige Kopien alter Meister gezogen. »Sehen Sie, das sind die Götter, zu denen wir hier beten. Wenn nur das heilige Feuer der Begeisterung in Ihnen loht, dann soll es an mir nicht fehlen, Sie in das Allerheiligste unseres Tempels zu führen.« Mely zitterte. Sie dachte: er ist ein ebenso edler Mensch, wie ein großer Künstler. Aber als er in diesem Tone weitersprach, fühlte sie auf einmal einen kaum zu beherrschenden Lachreiz. Sie errötete und hätte sich selbst dafür schlagen können. Sie wollte ernst sein, sie wollte dieses Lebens würdig werden. Sie arbeitete nun mit großem Fleiß. Schon nach einigen Wochen stellte der Meister fest, daß es ihr an Begabung durchaus nicht fehle. Bald kam die Zeit des frühen Dunkelwerdens. Professor Stettner behielt seine Schülerinnen zum Tee da, und während ein Paar zierlicher Hände das Getränk bei einer Spiritusflamme bereitete, ein Paar anderer Hände die Lampe anzündete, holte er ein Manuskript hervor, an dem er, wie er sagte, in seinen häufig schlaflosen Nächten schrieb. Jetzt kam die Feierstunde des Tages, der Lohn für fleißige Arbeit. Der Meister las aus seiner Lebensgeschichte vor, die er »Wahrheit ohne Dichtung« benannte. Er war zwar bloß in Pirna unweit Leipzig geboren, aber wie sollte das Schicksal diesen Pirnioten herumstoßen! Schon als Kind hatte sich in ihm der Künstler gezeigt, so z. B. beim Aepfelstehlen, das er nur dann mitmachte, wenn er als Herkules galt, und die Früchte die Aepfel der Hesperiden bedeuteten. Er ließ bei dieser Schilderung fein verstehen, daß er das Aesthetische über das eng Moralische stelle. Und mit was für bedeutenden Menschen war Stettner zusammengekommen! Sein Lehrer war der große Obertimpfl gewesen, der in den siebziger Jahren in Rom geblüht hatte. Zu ihm war Stettner als lockiger Jüngling, das Ränzlein auf dem Rücken und Gott im Herzen, gepilgert. Mit Behagen schilderte er den schäumenden Uebermut des lockeren Künstlervölkchens im Café Greco und Turco, ehrfürchtig verweilte er bei dem Besuch des deutschen Kronprinzen in Rom. Die Frauen hatten im Leben des großen Pirnioten keine geringe Rolle gespielt. Da war z. B. eine russische Fürstin gewesen, die er beinah geheiratet hätte, aber noch rechtzeitig wurde ihm ihre leere Weltlichkeit und herzlose Gefallsucht deutlich. So waltete stets ein schützendes Schicksal über dem Genius. Mit Verehrung hingen die Mädchen an des Meisters Mund, und Mely konnte es noch gar nicht fassen, daß sie bei so etwas dabei sein durfte. Unter ihren neuen Mitschülerinnen fand Mely die magere kleine Jüdin Lea Knapp wieder, dieselbe, der einst Hermann als Gymnasiast den Hof gemacht hatte, die aber dann zu Erwin Dorn abgeschwenkt war. Sie hatte sich inzwischen zu einem sehr überlegenen Wesen entwickelt, dem man auf den ersten Blick die »Gescheitheit« ansah. Die großen, lebhaften, doch etwas stechenden, dunklen Augen ließen einen im ersten Augenblick ganz Leas ausgesprochene Häßlichkeit vergessen; während der Bewegtheit ihres Gesprächs blickte man immer nur in diese Augen und übersah die braune Gesichtsfarbe und die große Hakennase, wenn einen auch manchmal die Spitzigkeit des dünnen Mundes erschreckte. Sobald aber das Mienenspiel ruhte, entdeckte man, wie hart und unliebenswürdig dieses magere Geschöpf war, dessen etwas zu lange Arme beim Sprechen fahrig in der Luft umherfuchtelten, als wollten sie der Eindringlichkeit des Gesagten noch nachhelfen und alles aus dem Wege räumen, was die Ueberzeugungskraft der Worte hemmte. So mußte man sie wohl oder übel beachten. Kein Mann konnte sich ihr entziehen, er mußte ihr Rede stehen, wenn ihr Auge ihn erst einmal erwählt und ihre Zunge ihn auf ein Thema festgebannt hatte. Auf Mely machte sie einen sehr großen Eindruck, wie die Eingeweihte auf die Novize. Ihr irgendwie zu widersprechen, kam Mely überhaupt nicht in den Sinn, denn Lea wußte offenbar alles, und hatte in ihrer Art immer recht. Die beiden Mädchen gingen oft den Heimweg zusammen und schlossen sich bald aneinander an. Lea war schon über ein Jahr Professor Stettners Schülerin. Sie bemutterte Mely, und diese erfuhr von ihr sehr überraschende Dinge. Lea versicherte z. B. mit unbeirrter Bestimmtheit, Professor Stettner sei kein großer Künstler, aber darum eben ein guter Lehrer. Bei ihm könne man das Technische lernen, seine Eigenart müsse man dann selber finden. Mely war starr über diese Eröffnung. Der Meister kein großer Künstler! Sie wollte es erst nicht glauben. Das Bild »Marius auf den Trümmern von Karthago« nannte Lea einen »Schinken«; das war ein Münchner Malerausdruck, der Mely geradezu erschütterte. Lea, die auf Alpenreisen mit ihren Eltern jährlich einmal durch München kam und dort unter der Führung eines entfernten Vetters, eines Malers, die Kunstausstellungen zu besuchen pflegte, warf überhaupt mit solchen Ausdrücken um sich. Raffael, von dem eine kleine Madonna in der städtischen Galerie war, ein Bild, das Mely »süß und herzig« fand, erschien Lea als ein »Kitsch«. Auch manche Bauten der Stadt, das prächtige Opernhaus z. B. oder Kleider eleganter Damen fand Lea »kitschig«, unpersönlich. Sie wandte das Wort »Kitsch« sogar hie und da auf die Natur an. Als Mely von der Riviera schwärmte, nannte Lea Italien einen großen »Kitsch« und sprach von Oeldruckbuntheit. Auf Mely wirkte diese Sicherheit zwingend, obwohl ihre eigenen Empfindungen und Ansichten denen Leas genau entgegengesetzt waren; sie meinte schüchtern, sie sei doch weniger anspruchsvoll, ihr gefiele Italien noch sehr gut. Das würde anders werden, prophezeite Lea, wenn sich erst Melys eigene Persönlichkeit einmal entwickelt habe. Melys Lieblingsoper war Mignon, wofür Lea nur Hohn hatte. Sie verehrte nur Wagner, Liszt und neuerdings Richard Strauß. Im Lauf dieses Winters fand Lea, die ihre Persönlichkeit längst entdeckt hatte, dazu auch noch ihren »Stil«. Nach den Weihnachtsferien erschien sie äußerlich vollkommen verändert. Während man sich bei ihrer früheren unauffälligen Kleidung ihrer Häßlichkeit nie so recht bewußt geworden war – auch das etwas krause, lose um den Kopf gelegte Haar wirkte mildernd –, hatte sie nun gerade diese Häßlichkeit als ihren Stil erkannt und tat alles mögliche, sie zu unterstreichen. Indem sie ihr schwarzes Haar glatt scheitelte und eng um den Kopf legte, hinten durch ein paar straff geflochtene Schnecken befestigt, wurde man erst ihre harten Züge und die grobe Nase recht gewahr. Außerdem kam nun zum Vorschein, daß sie überhaupt keinen Hinterkopf besaß, was jedoch ihrem Schädel eine Linie gab, von der sie als von seiner Silhouette bisweilen selber sprach. Sie trug nun ausschließlich Kleider, zu denen sie selbst den Grundriß entworfen hatte, und deren Ausstattung vom Standpunkt einer Zimmereinrichtung aus einen gewissen Farbensinn bekundete, auf einem Kleide jedoch zu heftige Gegensätze hervorbrachte. Immer öfter führte sie spitzfindige Erörterungen herbei, bei denen sie gerne ihre starre Logik zur Schau stellte, und häufig mußte der gute Professor Stettner dazu herhalten. Er war der modernen Kunst ziemlich abgeneigt und meinte, die Persönlichkeit müsse auf dem Altare der Schönheit geopfert werden. Lea dagegen behauptete, wenn ein Bild auch noch so unvollkommen gemalt und unschön anzusehen sei, aber sie spüre darin die ringende Persönlichkeit eines Künstlers, so sei ihr das mehr wert. Auf das Leben käme es in erster Linie an. Solche Gespräche endeten immer damit, daß der sehr bequeme Professor Stettner Lea Schmeicheleien über ihren scharfen Geist, ihre umfassenden Kenntnisse und über ihre garantiert große Zukunft machte, was sie lächelnd hinnahm, während er bei seinen gemütlichen Ansichten blieb, auf die nun einmal sein Dasein und sein Behagen begründet waren. Lea nannte sich auch eine Anhängerin der Frauenbewegung. Sie war empört, daß man gerade die Frau unlogisch nannte. Ihre Gespräche mit Professor Stettner bewiesen doch wahrhaftig das Gegenteil. Sie meinte, die Frau sei bisher die »Hörige« des Mannes gewesen, z. B. könne eine Ehefrau nicht ohne Einwilligung des Gatten ein Theaterengagement annehmen. Die Ehe nannte sie eine unwürdige Schmach, zur Knechtung des Weibes ersonnen. Zu Mely sagte sie, sie habe eine tiefe Verachtung gegenüber allen Menschen, die es für notwendig hielten, ihre freiwillige Verbindung durch den Staat oder die Kirche abstempeln zu lassen, das sei Feigheit. Ueberhaupt der Staat! Wozu der nur da sei! Mely konnte daß durchaus nicht begreifen, aber als Lea ausführte, allein die persönliche Neigung oder Abneigung dürfe für einen Bund zweier Menschen oder für die Trennung ausschlaggebend sein, kein Mensch habe sich da hineinzumischen, weder Familie noch Oeffentlichkeit, noch dürfe je die gesellschaftliche Stellung irgendeine Rolle spielen, da war es Mely, als fiele ihr ein Schleier von den Augen. Natürlich, das war ganz richtig. Hatte sie nicht selbst schon unter solchem Zwange gelitten? Sie dachte an die Großmutter, die ihr immer vorhielt, was eine junge Dame – für diesen Begriff hatte Lea immer einen ganz besonderen Spott übrig – tun dürfe und was nicht. Wie lästig war auch ihr immer der Zwang gewesen! Was lag ihr denn an den Leuten, an der Gesellschaft? Eine Moral, die das freie Recht des Herzens verfocht, hatte etwas, was ihr einleuchtete, und mit wachsender Bewunderung blickte Mely zu der strengen, gescheiten Lea auf, die diese Moral verkündigte. Einmal fragte Lea sie, ob sie schon einmal geliebt habe, und ohne daß sie wußte wie, zuckte etwas in Mely, was sie zwang, im Hinblick auf ihr Erlebnis mit Erwin Dorn, ja zu sagen. »Nun, und war Ihre Familie mit Ihrer Wahl einverstanden?« fragte Lea begierig. »O nein, man zwang mich, zu verzichten.« »Und Sie haben nachgegeben?« »Ja, leider. Ich war damals noch eine ganz unentwickelte« – hier zögerte Mely ein wenig, dann aber faßte sie Mut und sagte: »Persönlichkeit.« Es war zum erstenmal, daß sie dieses Wort auf sich anzuwenden wagte, und dies war ein Markstein in ihrer Entwicklung. »Sagen Sie einmal, wie heißen Sie eigentlich richtig?« fragte Lea, »Mely ist doch kein Name, sondern ein Kosewort für Kinder.« Mely errötete. Sie hieß Amelie. »Ja, warum nennen Sie sich dann nicht so? Sie sind doch kein Kind mehr. Es ist unwürdig, daß man uns Frauen zeitlebens mit solchen Namen belegen will, wie junge Katzen und Hunde.« Mely liebte ihren Namen. Die Erinnerung an ihre sonnige Kindheit lag darin, aber sie fand, Lea habe doch recht. Eine erwachsene Persönlichkeit dürfe nicht länger Mely heißen. Nach diesem Gespräch ging sie, im Inneren tief erregt, nach Hause. Welch ein Glück war es doch, daß ihr ein solcher Mensch wie Lea auf ihrem Wege begegnete! Nun war sie im Strom, jetzt ging es mit ihr vorwärts: Erst die Offenbarung der Kunst durch Professor Stettner, der ihr, was man auch über ihn sagen mochte, doch vieles Neue gegeben hatte, und nun gleich darauf noch eine Stufe höher, die Freundschaft dieser weiblichen Persönlichkeit Lea Knapp! Ob diese selbst schon einmal geliebt hatte? dachte Mely oft; man konnte es sich gar nicht recht vorstellen. Wahrscheinlich hatte sie alles dies schon hinter sich, und darum vermochte sie so klar über alles zu urteilen. 9 Mely besuchte noch häufig die alten gesellschaftlichen Kreise, obwohl sie sich, seit Leas Lehren in ihr zu »eigenen Ansichten« geworden waren, über jene sehr erhaben fühlte. Aber das war es vielleicht gerade, was sie hinzog. Dort wurde sie anerkannt und vergöttert, während sie in der Umgebung des Professors Stettner nur eine bescheiden Empfangende war. Unter den alten Freunden huldigte man ihr als der Künstlerin, der interessanten jungen Dame, zu deren kühnen Meinungen sich emporzuringen einen die erlebte, freilich enge Wirklichkeit hinderte, und hier gewann sie auch langsam die Sicherheit, sich selbst, ohne wie Lea gegenüber in der Sprache zu stocken, als eine Persönlichkeit zu bezeichnen; in diesen Kreisen zweifelte auch kein Mensch daran, daß sie es war. Hier wagte sie es zum ersten Male, sich Amélie Sanders zu nennen und bestand darauf, daß der Name Mely nicht mehr angewendet werden dürfe. Den jungen Assessoren und Leutnants bereitete sie damit gewiß einen tiefen Schmerz, denn die, welche ihr zugetan waren, hatten sich in das blonde Melykindchen verliebt, das nun in die Ecke geschoben und durch die Persönlichkeit des Fräulein Amélie Sanders verdrängt war. Aber die Kurmacher verschwanden deshalb nicht. Mancher trug vielleicht das Bild der kleinen Mely noch im Herzen, während er der interessanten Amélie den Hof machte und sich bewundernd, wenn auch etwas erstaunt, ihren Ansichten beugte. Besonders aber wurde Amelies Selbstbewußtsein dadurch gehoben, daß nun junge Mädchen für sie zu schwärmen begannen und ihre Freundschaft suchten, ja, sie um Rat fragten. Da kamen Amelie die Erinnerungen an ihre Gespräche mit Lea Kapp sehr zustatten, und sie verstand es, dieselben Ansichten, die sie noch vor wenigen Monaten so außerordentlich überrascht hatten, nun selbst als Eingeweihte den Jüngeren, Lauschenden vorzutragen und sich über deren Aengstlichkeit und Befangenheit nicht schlecht lustig zu machen. Der Kreis, in dem sie sich so anerkannt fühlte, bestand aus tüchtigen, einfachen Menschen aus gutem Hause, die der Kunst mehr oder weniger fernstanden, so daß Mely hier bald als die Prinzessin aus Genieland wirkte, die eigentlich nach München oder sonstwohin in ein geistigeres Leben gehörte. Man konnte froh sein, daß man sie hier hatte, ohne sie wäre es noch öder und langweiliger gewesen, sie brachte, wie man sagt«, »Leben in die Bude«. Nichtsdestoweniger gerieten die Herren etwas mehr in Abstand zu ihr. Mancher, der vielleicht gehofft hatte, sie demnächst um ihre Hand bitten zu können, fühlte doch, wie dieser Wunsch in ihm verblaßte, ohne daß er es darum aufgab, für einen ihrer Verehrer zu gelten. Viele waren zu bescheiden, andere zu ängstlich, um zu glauben, Amelies Anforderungen an die Ehe genügen zu können; wieder andere dachten zu nüchtern für das Wagnis, ein so sehr an Bewunderung gewöhntes Mädchen ins eigene Haus zu führen; die älteren aber waren sich wohl ganz klar, daß Fräulein Amelie Sanders sich trotz ihren Vorzügen nicht zur Hausfrau eines geordneten Mannes in mittlerer sozialer Stellung eignete. Um ein solches Mädchen zu befriedigen, brauchte man sehr viel Geld, und da sie selbst nicht eigentlich für reich galt, war es besser, sich mit der Bewunderung ihrer Gaben aus der Ferne zu begnügen. Alle waren außerdem überzeugt, daß Amelie gewiß schon manche Körbe verteilt hatte, und niemand wollte sich einer derartigen Erniedrigung aussetzen. Hier und da versuchten es allerdings einige mit Amelie von Liebe und Ehe zu reden, aber sie antwortete darauf nur mit einem spottenden Lachen, indem sie Leas Lehren andeutete. »Sie haben wirklich Mut,« rief sie ausgelassen, wenn jemand damit anfing. »Wieso Mut?« fragte dann der schüchterne Bewerber. »Gehört dazu nicht Mut, sein ganzes Leben lang mit einer fremden Persönlichkeit Tag und Nacht unter einem Dach sein zu wollen?« Oder aber sie stellte halb ernst Bedingungen. »Gewiß, ich habe gar nichts gegen die Ehe, wenn man die Hälfte des Jahres getrennt lebt und sich nur von Zeit zu Zeit sieht.« – »Ich würde nur einen Marineoffizier heiraten,« rief sie einmal aus, »den man nur selten zu Hause hat, und wenn er einmal kommt, beginnen immer wieder die Flitterwochen.« Leider gab es in der Stadt keine Marineoffiziere. Alles dies wurde für sehr geistreich gehalten, schreckte aber die Bewerber immer mehr ab, während die Zahl der Verehrer wuchs. 10 Am Ende des Sommers erschien ein junger Baron Erich Wietersheim aus Riga in der Gesellschaft um Amélie. Es war ein schlanker Herr mit zartem, fast farblosem Schnurrbart, untadelig angezogen und von gemessenen Bewegungen. Die Züge wirkten sehr fein, doch entschieden entartet. Er hatte etwas von einem überzüchteten Windhund. Seine schimmernden dunkelblauen Augen entzückten alle Mädchen; die langen zarten Frauenhände fühlten sich etwas feucht an. Dünnes, silberblondes Haar klebte an dem schmalen Schädel, an den sich die kleinen, zartgeformten Ohren fest anschmiegten. Trotz dieser Zerbrechlichkeit lebte eine zähe Energie in diesem Körper, die sich hie und da durch einen herrischen Blick des Auges oder eine abweisende Armbewegung äußerte. In Riga war er im Gymnasium nicht mitgekommen. Als er sich mit neunzehn Jahren in Obersekunda bereits zu sehr Mann gefühlt hatte, um sich weiter als Schulbube behandeln zu lassen, wußte er es bei den zwei alten Tanten, die ihn seit dem Tode seiner Mutter erzogen, durchzusetzen, daß man ihn als Hospitanten Hochschulen besuchen ließ. Viel Vermögen war nicht da. Er sollte einmal Kaufmann werden. Er ging nach Jena und Heidelberg, belegte Wechsel- und Handelsrecht, wurde in einer Studentenverbindung Konkneipant und verbummelte mehrere Jahre. Schließlich legte sich ein Onkel ins Zeug, der sein kleines Vermögen verwaltete, und stellte ihm vor, daß sein Geld nur noch für wenige Jahre ausreiche und er sich inzwischen zu ernster Arbeit entschließen müsse. So war er in die Handelsstadt gekommen, wo Amélie lebte. Er befand sich augenblicklich als Volontär in einem der größten Bankhäuser. Er unterschied sich ungemein von den etwas derbgemütlichen, jungen Leuten der Stadt, die bei aller Bewunderung für Amélie doch immer eine gewisse Vertraulichkeit im Umgang mit ihr zeigten, da sie sie ja von Kindheit an gesehen hatten. Anders der Baron Wietersheim. Seine guten Formen und die leise Art, mit der er sich ihr näherte, fielen Amélie sehr angenehm auf, und sie sah sich durch seine Huldigungen gewissermaßen in eine Reihe mit wirklichen Damen gestellt, nämlich mit denen, welchen dieser junge Herr gewiß vorher den Hof gemacht hatte. Sie fühlte sich durch ihn in etwas wie »die große Welt« gehoben, zu der sie die Gesellschaft ihrer Vaterstadt kaum rechnen konnte. Der Baron hatte einen leisen, fast schleichenden Gang, in seinen zierlichen Stiefelchen schlich er wie auf Filzsohlen, und manchmal stand er neben einem, ohne daß man es ahnte. Das hatte etwas Unheimliches. Blickte man ihn dann überrascht an, so lächelte er, als habe er einen lange beobachtet und wisse genau über einen Bescheid. Man wußte sich in seinem Bann. Frauen fühlten sich von seinem Blick bald bis ins Innerste erkannt und verstanden, was zugleich wie eine Liebkosung und wie eine unheimliche Drohung wirkte. Einmal begleitete der Baron Amélie allein vom Tennisplatz nach Hause. »Gnädiges Fräulein sind wirklich zu beneiden,« sagte er, »Sie leben in einem Beruf, der Sie erfreut und erhebt. Haben Sie denn eine Vorstellung, wie es in so einer Bank zugeht? Schacher von früh bis spät. Glauben Sie nur, ich kann das Gerassel des Geldes kaum mehr anhören, so nervös macht es mich. Alles Edle in einem Menschen geht dabei zugrunde. Oh, ich hätte auch Künstler werden sollen.« Das wirkte sehr, wie dieser feine und bisher immer so verschwiegene Mensch, der niemals von sich selber gesprochen hatte, nun auf einmal ein Bekenntnis so tiefer Art ablegte. »Können Sie denn nicht noch immer Künstler werden?« fragte Amelie bewegt. »Ich bin ja nicht frei, ich muß tun, was meine Familie verlangt. Verzeihen Sie, wenn ich davon spreche, ich bin von ihr abhängig. Oh, es ist schmählich!« Er nahm eine goldene, wappengeschmückte Dose aus der Tasche, hielt sie eine Zeitlang wie liebkosend in der Hand und entnahm ihr dann mit spitzen manikürten Fingern eine Zigarette. Sie hatte ein Mundstück aus gepreßten Rosenblättern, und der Baron hätte gerne Amélies Aufmerksamkeit auf diese Seltenheit gelenkt; aber obwohl er die Zigarette mehrmals herumdrehte und beklopfte, war Amélie nicht von ihren tiefen Gedanken abzuziehen. Also auch dieser gehörte zu der Gemeinde der Auserwählten, von denen Lea sprach; so dachte sie in tiefem Entzücken. Er war ihr bisher ganz konventionell gesellschaftlich erschienen, und wenn dies auch ihren weiblichen Instinkten unbewußt geschmeichelt hatte, so wagte doch ihr neues revolutionäres Selbstbewußtsein nicht, diese Eigenschaften ganz offen anzuerkennen. Nun aber, wo sie nur die Hülle waren für eine in der Tiefe von denselben modernen Leiden wie sie erfüllte Persönlichkeit, war Amélie tief ergriffen. »Aber wenn Sie Ihrer Familie vorstellen würden, daß Sie Künstler werden wollen?« fragte sie diplomatisch, um ihn zum Weiterreden zu ermutigen, denn sie wußte wohl, daß »mit der Familie nicht zu paktieren« ist. »Oh, da kennen Sie meine Familie schlecht,« erwiderte der Baron mit leisem Hohn, »das sind enge Menschen ohne Ideale. Nur Geld verdienen, reich werden, und das nennen sie: seine Pflicht tun; über diese Begriffe geht ihr Geist nicht hinaus. Darum haben sie mich auch in diese entsetzliche Stadt geschickt, in der ich beinah verzweifelt wäre. Aber wenn es das Schicksal will, so findet man gerade dort, wo man es am wenigsten erwartet, das Ideal. Ist es nicht sonderbar, ich mußte in eine nüchterne Handelsstadt kommen, um ein Wesen wie Sie zu treffen?« Noch nie hatte Amélie daran gedacht, wie seltsam es war, daß gerade sie in einer Handelsstadt lebte, und schnell begriff sie, daß darin etwas wie eine Sendung lag. Zu dieser höchsten Schmeichelei, die sie je gehört hatte, kam das aufrichtigste Mitleid mit dem unglücklichen jungen Baron, der dabei ein so reizender Mensch war. Die neuen Ideen verbanden sich nun mit der Gestalt dieses vornehmen jungen Mannes, der auf ihre weibliche Eitelkeit wirkte und zugleich das Mitgefühl ihrer gutmütigen Natur erregte. Als er sich von ihr verabschiedete, flüsterte er, als halte er mühsam die Tränen zurück: »Ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme, gnädiges Fräulein; wenn Sie wüßten, wie wohl mir das getan hat, daß Sie mir mit Verständnis zugehört haben. Sie glückliches, jubelndes Wesen könnten mich aufrechthalten, wenn Sie mir erlauben wollten, zu Ihnen emporzublicken.« Wie überwältigt eilte er ohne Abschied davon, leise wie auf Filzsohlen. Zitternd stieg Amélie die Treppe hinauf und ging in ihr Zimmer. In was für ein ernstes, erhabenes Schicksal war sie da plötzlich hineingeraten! Sie hätte weinen können über das Elend des jungen Mannes, der gewiß in der Stadt niemand hatte, dem er sich anvertrauen konnte, und gleichzeitig bebte sie vor Glück, daß er sich an sie gewandt hatte. Sie jauchzte über den Reichtum ihres Lebens, über ihr Schicksal, das sie nun von Gipfel zu Gipfel, zu immer stärkeren Erlebnissen führte. Wie fühlte sie sich über jene schicksallose Menge von jungen Mädchen erhaben, die rings um sie lebten und sich mit schalen Assessoren und anderen Berufsmenschen begnügten. Der junge Baron fand sich nun täglich nach vier Uhr auf dem Tennisplatz ein und begleitete später Amélie nach Hause. »Wenn Sie wüßten,« sagte er, sein dünnes Schnurrbärtchen mit den spitzen Fingern liebkosend, »wie mich die Augenblicke mit Ihnen zu einem anderen Menschen machen; von Ihnen geht etwas aus, das mich aufrechterhält und mich die leeren Stunden des Tages nun besser ertragen läßt.« Das Geldgerassel in der Bank, erklärte er, höre er schon gar nicht mehr, d. h. die Sinne nahmen es wohl noch wahr, aber seine Seele antwortete nicht mehr darauf. Die hatte jetzt anderes zu tun. Amélie fühlte, daß auch von ihm auf sie eine seltsame Wirkung ausging. Er hatte einen sehr feingeschnittenen Mund, aber die Zähne waren schlecht. Sie standen wohl so, daß man sie, selbst wenn er lachte, nur wenig bemerkte, aber sah man ihn öfter, so fielen sie doch wie etwas Krankhaftes auf. Amélie vermochte sich keine Rechenschaft darüber zu geben, wie es kam, daß gerade dieser Fehler, unter so vieler Sorgsamkeit und Gepflegtheit halb verborgen, sie reizte. Sie konnte sich eines Wortes nicht erwehren, das sich ihr stets aufdrängte, wenn sie seinen Mund ansah. Er hatte etwas »Unmoralisches«. So mußte sie es nennen, und das zog sie unwiderstehlich an. Sie fühlte, wenn seine weiße Hand mit dem zarten Geäder und dem silbrigen Flaum zufällig ihre Finger streifte, einen Schauer, wie sie ihn früher nicht gekannt hatte. Manchmal war es, als zöge er sie in ein dunkles Verderben, aber das war unendlich süß. Wenn die anderen auf dem Tennisplatz schrien und lachten und ihr etwas lärmend und scherzhaft der Hof gemacht wurde, fühlte sie immer seine Gewalt in der Nähe, obwohl er in Gesellschaft nur wenig sprach. Er hielt sich dann meist etwas abseits und streifte sie nur hie und da mit einem kurzen, aber eindringlichen Blick, als wolle er sagen: ich kann warten, du gehörst ja doch mir. Und nachdem sie sich ausgetobt hatte, immer mit dem Gefühl, als hielte er sie fest am Zügel, den er aber schleifen lassen durfte, so sicher war sie ihm, fand er sich schleichend an ihrer Seite ein und begleitete sie ruhig nach Hause. Auch unterwegs redete er nicht viel. Ihr war, als sprächen ihre Seelen um so mehr miteinander, und während sie wollüstig fühlte, daß er sie irgendwohin zog, aus ihrem hellen, aber doch etwas leeren Leben hinaus in ein Ungewisses, schauriges Dunkel, versicherte sie sich selbst immer wieder, sie tue ein edles Werk an diesem Menschen. Er hatte sie nötig in seinem Elend, würde ohne sie nicht weiterleben können. Er war ja so tief unglücklich, daß sie alles tun mußte, was in ihrer Macht stand, um ihn zu trösten. Eines Nachmittags im Spätsommer begleitete er sie durch die Anlagen der Stadt. Der Tag war sehr heiß gewesen, und nun bewölkte sich der Himmel. Das Paar ging auf wenig besuchten, grünen Wegen. Hier und da wehte eine Welle Fliederduft durch die graue schwere Atmosphäre. »Ich muß mit Ihnen sprechen, Amélie,« sagte Baron Erich finster, »dieser Zustand wird unerträglich. Wir müssen ein Ende machen.« Bei diesen Worten zitterte sie. Ein Ende? Wohinaus wollte er denn? »Ich werde abreisen,« erklärte er tonlos. Amélie fühlte, wie sie blaß wurde. Der Gedanke an ein Ende war ihr nie gekommen. Sie hatte Tag für Tag vorbeigehen lassen, ohne daran zu denken, daß das einmal aufhören könne. Sie schwieg. Die Spannung, die in der schwülen, schweren Luft lag, teilte sich ihr mit. Es zog ein Gewitter herauf. »Sie sagen nichts?« drängte er. »Warum wollen Sie auf einmal abreisen?« lispelte sie. »Warum? Was soll ich noch hier?« Amélie verstand das nicht. »Ich dachte, Sie wären – Sie könnten nicht ohne – nicht ohne mich –«, sie kam nicht weiter, die Worte blieben ihr im Halse stecken. Einige schwere Regentropfen fielen vor ihr auf den Weg und auf die unter der Fieberschwüle erschlafften Pflanzen. Aber sie dachte nicht einen Augenblick an das heraufziehende Unwetter. »Nein,« sagte er, »ich kann nicht ohne Sie leben, das ist wahr, aber so wie jetzt kann ich mich auch nicht länger neben Ihnen verzehren. Dann lieber gleich Schluß! Amélie, ich liebe dich.« Ganz unvermittelt hatte er diese letzten Worte hervorgestoßen. Er blieb stehen, nahm ihre Hand, und als sie sie ihm ließ, umschlang er ihre Hüfte und küßte ihren Mund. Sie wurde beinah bewußtlos. Wenn er mich jetzt mit geschlossenen Augen davontragen würde! dachte sie. Inzwischen hörte man das leise Rieseln des beginnenden Regens. Der Baron drängte Amélie in eine grüne Holzhütte mit Bänken, die leer in einem abgelegenen Winkel der Anlagen stand. Sie wollte an nichts denken und überließ sich dem Gefühl: jetzt trägt er mich dahin, in die Welt, in die Seligkeit, und ich gehöre ihm. Er drückte sie auf eine Bank, setzte sich neben sie und hielt ihre Hand mit beiden Händen fest. Man hörte Schritte. Sie öffnete die Augen, ihr war, als werde sie roh geweckt. »Es geht ja nicht, es ist ja alles zwecklos,« sagte er bitter. »Was denn?« fragte Amelie, als ob sie sich nach einem Traum noch nicht zurechtfinden könne. »Sie können ja nicht meine Frau werden, ich bin doch arm, Sklave meiner Familie und in untergeordneter Stellung. Was kann ich Ihnen denn bieten? Ich hätte Ihnen auch nie meine Liebe gestanden, aber der Augenblick des Abschieds hat mich überwältigt. Ich bin auch nur ein Mensch.« Amélie zitterte wieder bei dem Wort Abschied. Sie fühlte: »Wie edel und ritterlich von ihm.« Langsam kehrte ihr Geist zur Wirklichkeit zurück. Rings um die Hütte tropfte der Regen nieder. Eine angenehme Kühle kam herein, und sie fühlte plötzlich etwas wie Heiterkeit in sich einziehen. »Das ist übrigens Unsinn,« sagte sie auf einmal, »was Sie eben gesagt haben. Später werden Sie einmal Geld verdienen und jetzt leben Sie auch so, und ich doch auch. Uebrigens glaube ich, wir haben ganz viel Geld.« »Was denken Sie von mir, Amélie,« rief der Baron aufspringend, »wie würde ich so etwas annehmen, auf Kosten einer Frau zu leben!« Ein kleiner Dackel, der durch den nassen Sand gerannt war, wollte gerade in der Hütte Schutz suchen, prallte aber vor der erregten Bewegung Erichs zurück und blieb verdutzt am Eingang stehen. »Wenn man sich liebt, ist das doch alles gleich,« erwiderte Amélie mit kindlicher Selbstverständlichkeit, aber doch seinen männlichen Edelmut bewundernd. »Amélie,« schrie er fast, »darf ich das glauben, was Sie da, eben gesagt haben? Sie lieben mich? Wenn man sich liebt, haben Sie gesagt.« Er faßte ihre beiden Hände, bedeckte sie mit Küssen und fiel auf die Knie. Der Dackel knurrte unentschlossen. »Oh, ich werde arbeiten,« rief Erich, »jetzt werde ich arbeiten können, wo ich das weiß. Mit dir trotze ich der ganzen Welt! Wir werden nach Amerika gehen und eine Farm kaufen, und dort, fern von aller Welt und von allen Rücksichten, will ich dir mit der Arbeit meiner Hände Wohlstand und eines Tages vielleicht Reichtum schaffen.« Der Dackel war vorsichtig herangekommen und beschnupperte die Sohlen des knienden Barons. Es war dämmerig geworden, der Regen ließ nach. Erich umschlang Amélie wieder in einem langen Kuß. Dann standen sie auf. Der Dackel blickte freundlich und verständnisvoll zu ihnen empor, als gehöre er nun dazu, nachdem er diesen vertraulichen Auftritt miterlebt. Erich brachte sie nach Haus. Noch glänzten alle Bäume und Sträucher der Anlagen von den Tropfen des Regens. Amélie setzte vorsichtig ihre Füßchen auf den Boden, um sich nicht in dem nassen Sand der Wege zu sehr zu beschmutzen. Während sie ganz mit dieser Aufmerksamkeit erheischenden Tätigkeit beschäftigt war, sagte er plötzlich: »Darf ich morgen zu deiner Mama gehen und mit ihr sprechen?« »Gott, daß das nötig ist,« dachte Amélie, sich an Leas neues Liebesevangelium erinnernd, »könnten wir doch gleich so, wie wir sind, auf und davon gehen und unserer Liebe leben,« und sie trat achtlos mitten in eine Pfütze. Der Dackel, der ihnen gefolgt war, schoß plötzlich auf eine gemeine Hündin los, die bellend hinter einem Bierwagen herjagte. Amélie lachte kindisch auf und sah naiv den beiden Hunden zu. »Komm, Kind,« sagt« Baron Erich in einem leis überlegenen Ton und führte sie mit einer ritterlich schützenden Gebärde einige Schritte weiter. Unter dem Tor verabschiedete er sich und versprach, morgen um zwölf Uhr zu kommen. Amélie sollte inzwischen mit der Mama sprechen. Sie eilte hinauf in ihr Zimmer und warf sich auf einen Stuhl. Also jetzt mußte sie alles der Mama erzählen. Wie sollte sie das nur machen? Und wenn die Mama nicht einverstanden war? Himmel, und die Großmama! Gegen diese fühlte sie plötzlich eine heimliche Wut. Sie empfand ganz deutlich, die würde nicht einverstanden sein und Schwierigkeiten machen. Amélies Stolz bäumte sich dagegen auf. Sie vergegenwärtigte sich die ganze moderne Weltanschauung, die sie sich im letzten Jahre mit soviel Erfolg einverleibt hatte. Sie würde sich das einfach nicht bieten lassen. Sie fühlte das Recht, sich ihr Schicksal selber zu schmieden. Und plötzlich kam ihr Mut. Ja, sie freute sich jetzt geradezu auf den Kampf. Wollte sie denn ein müheloses Glück? Nein, sich ein Glück mit eigenen Händen bauen, und wenn alle sich dagegen verbanden, das war es, was ihrer Kampfnatur entsprach. Sie dachte mit Stolz daran, wie groß sie jetzt vor Lea dastehen würde. Jetzt war die Stunde, zu beweisen, daß sie eine auf sich selbst gestellte Persönlichkeit sei. Das alte Lenchen rief Amélie zum Abendessen. Seit Hermann auf der Hochschule war, nahmen Mutter und Tochter in dem weiten, niedrigen Speisezimmer allein die Mahlzeiten ein. Die Tage fingen schon an merklich kürzer zu werden, und die Lene hatte an diesem Abend zum erstenmal für das Nachtessen wieder die große Hängelampe angezündet. Dieser erste Vorbote des Winters machte die Stimmung bei Tisch trübe. Amelie sprach fast nichts und ihre Antworten auf die Fragen der Mutter klangen gedrückt. Durch das offene Fenster kam die durch das Gewitter stark abgekühlte Luft herein. Amelie fröstelte ein wenig. »Aber, Kind, was hast du nur heute? Was ist denn mit dir?« fragte Frau Sanders ein über das andere Mal. Plötzlich legte Amelie die Serviette hin, stand auf, warf sich der Mutter an den Hals und weinte laut. Frau Sanders redete ihr zu, sie solle sich ihr anvertrauen. Schließlich beruhigte sie sich etwas und lispelte: »Mama – ach, ich kann es nicht sagen. Mama, denke nur, ich habe mich nämlich eben verlobt.« »Verlobt? Aber Kind! Mit wem denn?« »Mit dem Baron Wietersheim. Erich und ich, wir haben uns lieb,« fuhr sie plötzlich ganz sicher fort, »wir wollen uns heiraten. Morgen mittag kommt er, um es dir zu sagen.« Die letzten Worte stieß sie schnell heraus, und nun war sie froh, daß sie davon befreit war. Frau Sanders war zunächst sprachlos. Das hatte sie nicht erwartet. »Ja, ist er denn schon so weit, daß er –«, fragte sie nach einigem Zögern, »kennst du denn seine Verhältnisse? Was sagen denn seine Eltern dazu?« »Er hat keine Eltern mehr,« erklärte Amelie eifrig. »Oh, es ist so traurig! Wenn du wüßtest, wie er immer bei fremden Leuten herumgestoßen worden ist, was er durchgemacht hat.« »Ja, Kind,« meinte Frau Sanders, »das ist ja alles recht schön und gut, aber ein Mann muß doch auch seine Familie ernähren können. Soviel ich weiß, lernt doch der junge Wietersheim noch in einer Bank.« »Aber das kann er ja weiter tun, Mama, und eines Tages wird er Geld verdienen. Uebrigens wollen wir später nach Amerika gehen und uns eine Farm kaufen.« »Und inzwischen wollt ihr jahrelang verlobt sein?« »Wir können ja doch einstweilen heiraten.« »Aber Kind, wovon wollt ihr denn leben?« »Wir leben doch auch jetzt, Mama, und ich meine doch, wir haben Geld.« »Aber du willst doch nicht, daß dein Mann von deinem Geld lebt?« »Ach, Mama, du kennst ihn nicht. Das wollte er auch gar nicht annehmen, aber wenn man sich lieb hat, dann ist doch alles ganz gleich.« Frau Sanders schwieg. Amélie hoffte im stillen, die Angelegenheit doch ohne Kampf allein mit der Mama ordnen zu können. Vielleicht willigte sie in eine heimliche Verlobung, so daß sie Erich ungestört sehen konnte. Das war doch fürs erste die Hauptsache. »Also morgen kommt er, sagst du?« unterbrach die Mutter das Schweigen. »Wie unangenehm mir das ist, ich muß ihn doch nach alledem fragen. Weißt du, Kind, ich telegraphiere an die Großmama, wir wollen sehen, was sie sagt.« »Wenn du das schon tust,« sagte Amelie aufbrausend, »sie ist sicher dagegen.« Nun brach sie wieder in Tränen aus, sie bekam eine Art Weinkrampf. Von jetzt ab war Frau Sanders nur noch bemüht, die Tochter zu beruhigen. Das Sachliche der Angelegenheit wurde fast vergessen. Mit Hilfe von Lene brachte sie Amélie zu Bett. Die Alte mußte noch einen Lindenblütentee kochen, der Amélie beruhigte, dann schlief sie ein, während der Lindenduft ihr kleines, weißes Mädchenstübchen erfüllte. »Wenn er aber doch ein Baron ist, gnädige Frau,« sagte Lene draußen auf dem Vorplatz, »dann erbt er später einmal ein Rittergut, und das ist ein Glück für das Kind.« Am anderen Tag um zwölf Uhr trat Erich von Mietersheim in den behaglichen hellen Biedermeiersalon bei Sanders. Er trug einen Gehrock, der ihn fast überschlank machte, helle Handschuhe, Lackstiefel, Zylinder. »Ihr Fräulein Tochter«, sagte er in sicherem Tone zu Frau Sanders, »hat Ihnen gewiß gesagt, gnädige Frau, welcher Anlaß mich hierherführt.« In seiner Gewandtheit lag zugleich etwas sehr Verbindliches und Gewinnendes. So sehr sich Frau Sanders im Kreise der Ihren ratlos und entschließungsunfähig fühlte, so sicher kam ihr in Gegenwart von Fremden eine gewisse Haltung, die ihr Würde verlieh und über ihre Festigkeit täuschen konnte. Sie sagte ihm, wie aus reiflicher Ueberlegung heraus, daß sie gegen seine Werbung an sich keine Einwände zu machen habe – und das war richtig, der junge, elegante Mann gefiel ihr –, aber daß sie ihn nach seinen Verhältnissen fragen müsse. Er antwortete, er befinde sich in einem ersten Bankhaus, wo er gewiß weiterkommen würde, da alle Vorgesetzten mit ihm zufrieden seien, inzwischen lebe er noch von seinem Vermögen. Frau Sanders war es zu peinlich, auf genauere Erklärungen zu dringen, und so antwortete sie, sie allein könne vorläufig nicht entscheiden, sie müsse mit ihrer Schwiegermutter sprechen. Der junge Mann bat sich die Erlaubnis aus, inzwischen weiter in das Haus kommen zu dürfen, in dem er bisher hie und da bei kleinen Einladungen zu Gaste gewesen war. Die Erlaubnis wurde gern gewährt. Er wünschte auch noch, Fräulein Amélie zu begrüßen. Diese war klopfenden Herzens im Nebenzimmer gesessen. Als sie gerufen wurde, glaubte sie, die Entscheidung sei schon gefallen. Statt dessen ging Erich auf sie zu, begrüßte sie und fragte, ob er sie nachmittags zum Tennis abholen dürfte. Sie sagte verwirrt ja, dann ging er. Amélie war sehr enttäuscht. Sie hatte etwas Großes erwartet, und nun war alles wie zuvor, wie an einem gewöhnlichen Tag. Aus der Mama war nichts anderes herauszukriegen, als daß ihr der junge Baron ganz gut gefiele, daß man aber seine Verhältnisse noch genauer prüfen müsse. Nachmittags holte der Baron sie ab. Er schien sehr ruhig und gefaßt in seiner Förmlichkeit und Zurückhaltung. Auf der Straße sagte er: »Wir werden durchdringen, ich bin überzeugt. Mit Geduld und Ausdauer müssen wir unser Ziel erreichen.« Es lag eine zähe Entschlossenheit in seinen schlanken Gebärden, die überzeugte. Ihr gefiel diese besonnene Festigkeit, aber sie selbst fürchtete sehr die Entscheidung der Großmama. 11 Die Großmama erschien um fünf Uhr, während Amélie mit Erich auf dem Tennisplatz war. Mme. Amelie Sanders hatte ihren pomphaften Tag. »Denke dir nur,« sagte Frau Friederike schüchtern, während ihr die Schwiegermutter gepudert und in starrem schwarzen Seidenkleid am Teetisch gegenüber thronte, »Mely hat sich verlobt.« » Comment? « schrie die alte Dame entsetzt auf, in dem sicheren Gefühl, daß hinter ihrem Rücken eine große Dummheit geschehen sei. Ihre Brauen hoben sich im Winkel. Als sie Näheres erfahren hatte, sagte sie: »Das ist aber doch eine ganz unmögliche Geschichte, das sind ja vollkommen unsichere Verhältnisse.« »Das habe ich mir auch gedacht,« erwiderte Frau Sanders scheu, »ich habe ihm deshalb auch keine bestimmten Zusagen gemacht.« »Hat er denn schon um sie angehalten?« »Ja, heute mittag. Ich habe ihm gesagt, ich müsse erst mit dir sprechen.« »Wo ist denn Mely?« fragte die Großmutter etwas erregt. »Sie sind auf dem Tennisplatz.« »Wer sie?« »Nun, Mely und der junge Mann. Was sollte ich machen? Er hat mich gefragt, ob er sie abholen dürfe. Sie sind doch sowieso immer zusammen dort gewesen. Er ist übrigens ein sehr netter Mensch.« »Weißt du, Frédérique,« sagte die Großmutter in verhaltener Empörung, »ich könnte an deinem Verstand zweifeln. Entweder man sagt ja oder nein. C'est incroyable .« »Aber ich mußte doch erst mit dir sprechen.« »Inzwischen hätte der junge Mann das Haus nicht betreten dürfen.« »Dann hätten sie sich eben heimlich getroffen.« » Ah, en es-tu certaine? Es war deine Pflicht, das zu verhindern. Du bist doch sonst deiner Tochter immer so sicher gewesen.« Frau Sanders fühlte sich unfähig, etwas zu antworten. »Und was denkst du jetzt zu tun?« begann nach einiger Zeit die Großmutter. »Ich weiß nicht,« lispelte Frau Sanders in völliger Unentschlossenheit und Ergebenheit. »Nun, ich will es dir sagen. Du schreibst an den jungen Mann, daß bei näherer Ueberlegung uns seine Verhältnisse zu unsicher erschienen sind; von seiner Ehrenhaftigkeit erwarteten wir, daß er Mely nicht weiter belästigt. Sie sei übrigens für einige Zeit verreist. Ich werde sie heute abend mit zu mir nehmen.« »Das arme Kind tut mir leid,« wagte Frau Sanders mit schüchternem Trotz zu sagen. »Mir würde sie noch mehr leid tun als die Frau dieses jungen Windhundes.« Gegen Abend kam Amélie zurück. Als sie die Großmutter sah, erschrak sie. Die alte Dame senkte plötzlich die Brauen, zog die Enkelin zu sich heran und sagte gütig: »Hör' mal, mein Kindchen, wir waren da im Begriff, eine große, große Dummheit zu machen, das geht nicht. Was meinst du, wenn du ein bißchen mit der Großmama gingst und für ein paar Wochen bei ihr bliebst. Il faut oublier ces bêtises .« Amélie empfand das wie Hohn. Sie wollte sich nicht wie ein kleines Kind behandeln lassen, machte sich los von der Großmama, und hob ihr komisches, schmales Mädchenkinn. »Du darfst das nicht wie eine Strafe auffassen, Kind, du sollst dich nicht langweilen bei mir,« fuhr die Großmutter fort, »wenn du dir z. B. eine Freundin einladen willst, so habe ich nichts dagegen.« Amélie tat, als höre sie nicht. Sie hatte einen Auftritt erwartet, zu dem sie Mut in sich fühlte. Sie hegte den Plan, der Großmutter gegenüber endlich einmal reinen Tisch zu machen und ihr die ganze moderne Weltanschauung vorzutragen, die sich auf seelisches Verstehen und Menschentum gründete und alle veralteten konventionellen Urteile ablehnte. Nun war das durch den gütigen, auf gar nichts näher eingehenden Ton der Großmutter vollkommen unmöglich gemacht. Amélie ging mit trotzig vorgeschobener Unterlippe, kochend vor Wut, hinaus, schlug die Tür ein bißchen fester zu, als unbedingt nötig war, setzte sich in ihr Zimmerchen und schmiedete Fluchtpläne. Sie war nicht dazu zu bewegen, zum Abendessen herüberzukommen. Die Mutter wollte sie holen, aber die Großmutter meinte, vorausgesetzt, daß man in der Hauptsache fest bleibe, solle man in allen Kleinigkeiten ihren Willen tun, ihr auch keine Vorwürfe über Ungezogenheit und dergleichen machen. Das sei Nervosität, die wieder verginge. »Aber das Kind verhungert ja,« meinte Frau Sanders. »Ich werde sie schon wieder herausfüttern,« erwiderte die Großmutter lächelnd. Dann machte sie selbst einige feine Brötchen zurecht, goß ein Glas Rotwein ein und schickte die Lene damit hinüber. Sie sollte Amélie fragen, ob sie noch etwas wünsche. Als Amélie die Lene eintreten hörte, schaute sie gar nicht auf. »Aber Melykindchen, sei doch gescheit,« sagte die Alte. »Ich gehe auf und davon,« rief Amelie in nervöser Erregung, »ich halte das nicht aus, diesen Zwang. Es ist eine Schande!« Lene stellte das Essen neben sie, dann ging sie erschreckt und kopfschüttelnd hinaus. Nach Tisch mußte sie Melys Koffer packen. Während die Köchin einen Wagen holte, ging Frau Sanders zu Amélie und suchte sie zu trösten. »Sieh mal, Kind,« sagte sie, »die Großmama hat eigentlich ganz recht. Baron Erich ist keine Partie für dich. Ein Mann muß eine sichere Stellung haben.« »Eine Partie!« höhnte Amelie, »ich will gar keine Partie machen.« Frau Sanders verstand diese Nuance nicht. »Komm,« fuhr sie beruhigend fort, »mach' dich fertig, es ist Zeit zum Gehen.« »Niemand bringt mich lebend hier fort,« rief Amélie plötzlich. Frau Sanders erschrak über den ungewohnten Ton, und sie hätte sich ihm gewiß unterworfen, wäre nicht die Großmutter drüben im Wohnzimmer gewesen. So wußte sie, daß doch jeder Widerstand umsonst war. »Aber Kind,« sagte sie, »mach' es mir doch nicht so schwer. Glaubst du, ich ließe dich zu meinem Vergnügen fortgehen und bliebe gern hier allein?« »Ich bleibe bei dir, Mama,« schluchzte Amélie. »Das geht nicht,« erwiderte Frau Sanders, »du darfst ihn jetzt nicht sehen, und ich weiß selbst, ich bin zu schwach, es zu verhindern.« Nun hatte Amélie selbst Mitleid mit dieser eingestandenen Schwäche der Mutter und streichelte sie. »Aber mit der Großmama kann ich nicht gehen, das ist unmöglich,« rief sie, plötzlich wieder das Kinn hochhebend. »Tu es mir zuliebe, Kind, es beruhigt mich, wenn ich dich bei ihr weiß.« Amélie fiel der Mutter um den Hals. Dann kam Lene, half ihr in die Jacke, die Köchin wollte indessen das Gepäck hinuntertragen, aber Amélie sagte mit weinerlicher Stimme: »Einen Augenblick, Luise.« Sie nahm aus einer verschlossenen Schublade der Kommode eine Schachtel Zigaretten mit Rosenblattmundstück und packte sie in ihre Handtasche, die sie der Köchin übergab. Bald saß Amélie mit der Großmama im Wagen, der sie nach der Bahn brachte. Unterwegs sprach sie kein Wort, sondern machte ein sehr trotziges Gesicht. Als die Großmutter sie im Zuge bat, ein Fenster zu schließen, tat sie dies mit übertriebener Eile, als wolle sie ja keinen Anlaß zu Vorwürfen geben. Dann warf sie sich in die Ecke und sann vor sich hin. Die Großmutter ließ ihr das Fremdenzimmer in dem Turm; wo sonst Kurt in den Ferien wohnte, schnell in Ordnung bringen und führte sie selbst hinauf. Das Treppensteigen, meinte sie, erhielte sie jung. Sie sagte, wenn Mely ein Zimmer in einem anderen Stockwerk besser gefiele, könne sie es morgen haben. Dann empfing sie von ihr die zwei üblichen französischen Wangenküsse und ließ sie allein in dem behaglichen Turmgemach. Mme. Sanders konnte von ihrem Zimmer aus die Turmfenster sehen, hinter denen noch lange Licht brannte. Als es verlöscht war, schlich sie noch einmal im Schlafrock mit einer Kerze hinauf. »Schläfst du, Mely?« fragte sie an der Tür. Keine Antwort. Sie öffnete leise, ging auf das Bett zu und sah das sorglos schlummernde, etwas verweinte Kindergesicht zwischen den blonden Haaren. Sie beugte sich über sie und küßte sie leicht auf die Stirn. Dann schaute sie sie noch einmal nachdenklich an, und ein leises Lächeln kräuselte die Lippen der Mme. Amélie Sanders, als ob sie dächte: die Welt bleibt immer dieselbe, und die Rollen der Jungen und der Alten sind nun einmal nach einem unabänderlichen Plane verteilt. Mme. Sanders machte ihrer Enkelin das Leben so angenehm wie möglich. Sie ließ sie aufstehen, gehen und kommen, wann sie wollte, ermunterte sie zum Zeichnen, machte mit ihr Wagenfahrten, führte sie in den Tennisklub des Städtchens ein, wo sie mit einigen Engländern und Engländerinnen spielte. Die Großmutter beobachtete auch scheinbar Melys Briefwechsel nicht, aber der Briefträger war durch ein hohes Trinkgeld verpflichtet, alle, auch die für die Dienstboten ankommenden Briefe Mme. Sanders persönlich abzuliefern, die sie dann verteilte, als wäre das bei ihr immer so Sitte gewesen. Dem Schalterbeamten für postlagernde Sendungen, einem grauen, verhutzelten Männchen, machte die alte Dame einen Besuch und verlangte, daß ihrer noch minderjährigen Enkelin keine Briefe übergeben würden. Er machte sich eine Bemerkung in ein schmieriges Heft und sagte: »Es ist in Ordnung, Madame.« Amélie pflegte anfangs bei Tisch kein Wort zu sprechen. Sie eilte nach der Mahlzeit so schnell wie möglich in ihr Zimmerchen und drehte zweimal lärmend den Schlüssel herum, als verfolge man sie. Nachts tat sie dies nicht, aus Angst, niemand könne hereinkommen, falls ihr etwas geschah. Sie schrieb stundenlang in ihrer unnatürlichen, steilen Schrift Briefe an Erich, die meisten zerriß sie wieder, manche schickte sie ab. Eines Tages ging sie auf die Post und fragte, ob Briefe mit der Chiffre A. M. O. da seien? Der alte, dürre Beamte sagte lächelnd nein, schrieb die Chiffre in das schmierige Heft und sagte, er würde etwa noch ankommende Briefe in die Wohnung des Fräuleins zu ihrer Frau Großmama schicken. Amélie fühlte einen plötzlichen Schlag, als müsse sie umstürzen. Sie schrieb noch auf der Post schnell an Erich, er solle ihr um Gottes willen nicht mehr postlagernd schreiben, sie sei von Spionen umgeben. Sie kochte vor Wut, und was sie am meisten empörte, war dies: man vermied alle Gelegenheit, ihrem Zorn eine Berechtigung zu geben. Die Großmutter hatte ihr noch nicht das kleinste unliebenswürdige Wort gesagt oder auch nur eine unzufriedene Miene gezeigt. Das Vorgefallene, der Grund, warum sie hier war, wurde mit keiner Silbe berührt. Sie hörte keinen Tadel, und wenn sie absichtlich, um einen Vorwurf herauszufordern, zu spät zu einer Mahlzeit erschien, wurde ihr nachserviert, wie im Gasthof. Dann saß ihr die Großmama, die schon gegessen hatte, mit dem Figaro gegenüber und unterhielt sie mit einer Nachsicht, als sei sie eine Genesende. Hie und da rief sie dem Amélie mit größter Aufmerksamkeit bedienenden alten Lorrain ein andeutendes Wort zu, das dieser immer mit einem verständnisvollen » Très bien, Madame « beantwortet«. » Est-ce que Mademoiselle désire le café tout de suite ou à quatre heures ?« fragte er. » A ma chambre« , antwortete Mely kurz ... » tout de suite .« Sie ärgerte sich über Lorrains Dienstfertigkeit und argwöhnte, er sei mit der Großmutter im Einverständnis. Dafür gewährte ihr der Gedanke Genugtuung, daß sie nun beim Kaffee in ihrem Zimmer eine verbotene Zigarette mit Rosenblattmundstück rauchen würde. Bald schlug die Großmutter ihr vor, eine Theatervorstellung zu besuchen, bald war irgendwo ein Gartenfest, oder ein Geschäft veranstaltete einen verlockenden Ausverkauf. Der ohnmächtige Zorn gegen diese Freundlichkeit erfüllte Amélie so sehr, daß der Anlaß zu alledem, ihre verbotene Liebe, in ihrem Inneren fast zurücktrat. Erst als sich ihre Wut zu legen und sie das Behagen des neuen, sie verwöhnenden Daseins zu genießen begann, kamen zugleich Stunden der Sehnsucht. Sie sah dann Erichs Lippen und Zähne und war oft unglücklich darüber, daß er sie nicht genug geküßt hatte, sondern nur an diesem einen Nachmittag, während der Regen um die Laube niedertroff. Gleichzeitig aber empfand sie auch immer mehr das Verderbliche, das in ihm lag. Wer weiß, wohin er sie noch mit sich gerissen hätte! Sie wußte, daß sie ihm gegenüber widerstandslos gewesen wäre. Er taugte nichts, das glaubte sie nun selbst, wenn sie an seine Verhältnisse dachte, aber dann gab sie sich wieder mit geschlossenen Augen der Erinnerung an seine bestrickende Art hin. Und warum mußte man denn durchaus etwas taugen? fragte sie sich. Wir leben doch alle auch so, und wenn man sich liebt, ist alles andere gleich. Manchmal mußte sie auch über den Dackel lachen, der den Baron während seiner Liebeserklärung beschnuppert hatte. Lea Knapp wurde eingeladen und erschien an einem schon fast herbstlichen, sonnigen Nachmittag. Amélie holte sie von der Bahn ab. Mme. Sanders schickte den beiden Mädchen den Fünfuhrtee hinauf in das Turmzimmer, in der Annahme, daß sie sich erst allein aussprechen wollten. Lea wußte nicht, warum Amélie so plötzlich die Stadt verlassen hatte; sie brachte diese Tatsache gar nicht in Zusammenhang mit dem Baron Wietersheim, dessen offensichtliche Neigung für Amélie ihr freilich, wie allen von der Tennispartie, bekannt war. Die erste Neuigkeit, die sie daher ahnungslos erzählte, war die, daß der Baron riesige Schulden gemacht habe und ein Wucherer sich schon an seine Bank wenden wollte, als noch rechtzeitig die Familie helfend eingegriffen hatte. Es stecke übrigens eine Brettelsängerin dahinter, mit der der Baron die letzten Wochen jede Nacht bis zum frühen Morgen an allen möglichen Orten herumgebummelt sei und Champagner getrunken habe. Lea, die dies alles von ihrem Bruder, einem Rechtsanwalt, wußte, erzählte mit großer Sachkenntnis und Genauigkeit, ohne zu ahnen, wie ihre Worte Amélie erregten. Die beiden Mädchen wurden zu Tisch gerufen. Die Mahlzeit verlief ruhig in belanglosen Gesprächen. Mme. Sanders empfing von Lea einen im ganzen nicht ungünstigen Eindruck, als von einem gescheiten jungen Mädchen, in dem offenbar der Verstand das Empfindungsleben lenkte. Das erschien ihr für Amélie gerade im Augenblick ein nützliches Beispiel. Mit ihren Ansichten hielt Lea der alten Dame gegenüber aus instinktiver Achtung vor deren Lebenssicherheit zurück. An diesem Abend lag Amélie lange wach im Bett. Sie hatte die erste große Enttäuschung erfahren und war dadurch zum ersten Male zum Nachdenken über sich selbst und zu einer Bewußtseinsklarheit gelangt, wie sie sie früher nicht gekannt. Die Liebe war offenbar nicht das, was sie geglaubt hatte, und so wenig sie auch jetzt noch geneigt war, ihr einstiges, kindliches Erlebnis mit Erwin ernst zu nehmen, so kam sie doch jetzt unwillkürlich dazu, sich der Enttäuschung zu erinnern, die auch damals ihren Küssen gefolgt war. Mit Bitterkeit nahm sie sich vor, sich von jetzt ab in acht zu nehmen und mißtrauisch zu werden. Sie hatte doch nur das Beste gewollt; er, der Mann, war schuld an der Enttäuschung, und nun begann sie, sich selber leid zu tun. Sie sah sich wieder als Kind, wie gut sie es gehabt und wie sie von allen Menschen nur Liebes und Schönes erwartet und empfangen hatte und sie bereute, dadurch, daß sie sich hatte küssen lassen, ihre Reinheit zum Opfer gebracht zu haben. Sie kam sich verarmt vor. Sollte sie sich Lea anvertrauen? In ihrem Innern wehrte sich etwas dagegen. Lea würde ihre Gewissensbisse nicht verstehen und glauben, daß sie aus »moralischer Rückständigkeit« bereute. Aber das war Amelie in ihrem noch unbetrogenen Instinkte doch klar, daß es sich um etwas ganz anderes als äußerliche Moral handelte, vielmehr um einen tiefen, aus ihrer unberührten Natur herauskommenden Ekel vor dem, was geschehen war. Sie hatte nun wirklich etwas durchgemacht, und darum vermochte sie sich Lea nicht anzuvertrauen, die nur mit Begriffen und Worten spielte. 12 Im Anfang des Winters kehrte Amélie in die Stadt zurück. Die Malstunden begannen wieder. Amélie widmete sich ihnen nun mit einem Eifer, den sie bisher nicht gezeigt hatte. Ihre Flatterhaftigkeit schien tatsächlich verschwunden zu sein, das Gefühl, etwas Ernstes erreichen zu wollen, gewann in ihr die Oberhand. Sie war nun viel ruhiger und gesetzter, aber die ausgesprochene Liebenswürdigkeit ihres Gesichts und die Grazie ihrer Bewegungen hinderten doch, daß sie nur annähernd etwas von der abweisenden Herbheit Leas bekam. Freilich hatte auch sie nun ihre »eigenen« Ideen und trug auch ein Reformkleid. Lea hatte sie überzeugt, daß dies die Tracht des modernen, um seine neuen Ideale kämpfenden Weibes sei. Frau Sanders hatte nichts dagegen, denn in jener Zeit hatten gerade mehrere Mädchen aus guten Häusern diese Tracht vorübergehend angenommen. Man mußte auch zugeben, daß die schlanke, zierliche Amélie in dem etwas schleppenden, aber sorgfältig gearbeiteten Kleide nicht schlecht aussah. Es legte sich in dunklen Falten um ihre kaum erblühten Formen, sie erinnerte an eine Märchenprinzessin, ja selbst die Großmutter konnte ihr Entzücken nicht verhehlen, und nannte ihre kleine Mely eine Tausendkünstlerin, die sogar in einem solchen Gewand hübsch auszusehen verstünde. Das war Amélie gar nicht recht. Sie hatte auf Widerspruch gehofft, denn sie wünschte in einem Reformkleid nicht so sehr hübsch auszusehen, als vielmehr die Zugehörigkeit zu der neuen Weltanschauung zu zeigen. In dieser Zeit erfaßte Amélie oft eine sie geradezu verzehrende Begeisterung dafür, an der Reform der Welt, an der Ausrottung der Vorurteile mitzuarbeiten, und diese Gefühle gaben ihr eine Befriedigung, die ihr ihre verlorene Liebe zu ersetzen schien. Ihr war, als hätte sie dadurch schon eine wirkliche Leistung hinter sich. Ihre modernen Ueberzeugungen galten ihr als kein kleines Verdienst; dieses Bewußtsein machte sie stolz und abweisend; sie beugte sich allein vor Lea und verachtete alle, die von deren Lehren nichts verstanden, als ausgemachte Idioten. Dabei ahnte sie nicht, daß sie durch ihre zwei kleinen Erlebnisse viel mehr vom Leben erfahren hatte, als die gescheite Freundin. Als Amélie eines Spätnachmittags durch den Schnee nach Hause gehen wollte, trat ein Herr mit aufgeschlagenem Pelzkragen leise an sie heran. »Amélie, kennen Sie mich nicht mehr?« fragte er mit so trauriger Stimme, daß sie selber etwas wie einen körperlichen Schmerz spürte. Es war Erich Wietersheim. Sie wollte weitergehen, ohne zu antworten. »Oh, wenn Sie wüßten«, sagte er, »was ich um Ihretwillen durchgemacht habe.« Sie antwortete nicht. Er sprach immer weiter. »Ich bin am Abgrund gestanden, meine Situation schien vernichtet. Fast hätte ich meine Stellung verloren. Nur die ganz schwache Hoffnung, Sie noch einmal wiederzusehen, hat mich aufrechterhalten. Amélie, ich bin krank vor Sehnsucht nach Ihnen, antworten Sie mir doch! Was habe ich Ihnen denn getan? Ihr letzter Brief war doch noch voll von Liebe, Sie wollten mit mir fliehen. Dann kam Ihre Nachricht, Sie seien von Spionen umgeben, ich solle nicht mehr schreiben. Jetzt sind Sie wieder hier und ich höre nichts von Ihnen. Was ist denn inzwischen geschehen? Amelie, sprechen Sie doch!« »So etwas können Sie fragen, Sie falscher Mensch, Sie Betrüger!« preßte Amélie heraus. Die ganze kindliche Empörung einer zum erstenmal betrogenen Seele wurde wieder in ihr wach. »Betrüger nennen Sie mich? mich, Amélie?« rief er mit verzweifeltem Lachen, »ich habe Sie betrogen? Wer hat Ihnen denn das gesagt?« »Können Sie es vielleicht leugnen? Sie sind gesehen worden, jede Nacht.« »Ach die Geschichte,« rief er in unheimlicher Lustigkeit, »das hat man Ihnen erzählt und das nennen Sie Betrug?« Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander. Amelie erregte es aufs äußerste, daß er sich gar nicht zu rechtfertigen versuchte, und in dem Augenblick, da er sich krank vor Liebe nannte, über die Ungeheuerlichkeit seiner Nächte mit der Brettelsängerin wie über ein Nichts sprach. Was lag da für ein Geheimnis verborgen? Sie näherten sich Amelies Wohnung. Er fühlte, daß er die Zeit ausnützen müsse. Als sie über einen einsamen, verschneiten Platz schritten, den eine trübe Laterne kärglich erhellte, faßte er ihre Hand und sagte: »Amelie, Sie sind zu rein, zu kindlich, um eine so gequälte Seele, wie die meine, ganz zu begreifen. Ich habe Sie nicht betrogen. Ich war nur so ganz von Ihnen erfüllt, daß ich nicht mehr ich war, als Sie mir entrissen wurden. Ich weiß nicht, was damals in mir vorging, ich war nicht mehr ich, wie ich Ihnen sagte; ich glaube, ich habe getrunken und gespielt, ich war in schlechter Gesellschaft, ja, das ist wohl möglich, aber ich habe doch Sie nicht betrogen. Ja, ich war am Verzweifeln, am Zugrundegehen. Ich hätte stärker sein, hoffen sollen, um Sie doch noch zu erringen, aber was hätte es mir genützt? Wenn ich es nicht ohnehin gewußt hätte, jetzt sehe ich, daß es doch umsonst gewesen wäre. Das bißchen Hoffnung, das in mir war, das haben Sie jetzt auch noch zertreten mit Ihrer Abweisung, mit Ihrer Lieblosigkeit! Bisher konnte ich glauben, Sie handelten unter dem Zwang Ihrer Familie, aber nein, Sie wollen mich vernichten. Nun, diesmal soll es Ihnen gelingen. Ich gehe. Baron Erich geht,« flüsterte er mit tränenerstickter Stimme, »niemand wird nach ihm fragen. Ach, das war der, welcher einmal in Amelie Sanders verliebt war, wird es heißen. Er ist verschwunden wie ein Meteor.« Aber er verschwand nicht. Amelie war erschüttert, wie noch niemals in ihrem Leben. In was für ein tiefes »Elend blickte sie da, und sie selbst war nicht unschuldig daran. »Verzeihen Sie mir,« flüsterte sie, »ich wußte ja nicht« – und ihre kindliche Seele tastete durch ein grauenvolles Dunkel, in dem es keinen Weg und keinen Steg für sie gab. »Amelie,« rief er hingerissen, »alles, alles sei verziehen und vergessen, wenn Sie mich noch ein bißchen lieben!« Amelie war wütend auf sich selbst; sie mußte in diesem Augenblick tiefster, echtester Rührung plötzlich an den Dackel denken, der bei Erichs erster Liebeserklärung anwesend war. Er umschlang und küßte sie. Wieder fühlte sie: Oh, wenn er mich jetzt weit, weit forttrüge! Aber er mußte sie nach Hause bringen. Sie saß abends bei Tisch wieder der Mutter gegenüber, ohne ein Wort zu sprechen. Sie ging früh zu Bett, erschüttert, erschreckt von Ungewißheit und durchschauert von Seligkeit. Zwar verstand sie gar nichts von alledem, was er gesagt hatte; noch war es ihr immer unbegreiflich, wie er sie so betrügen konnte, den« das hatte er doch getan, aber sie sagte sich: »Ach, es ist ja alles gleich. Ich liebe ihn so rasend, daß ich überhaupt nicht nachdenken will. Und wenn er mich auch noch liebt, dann hat er mich eben nicht betrogen, ich will nichts weiter wissen.« Von jetzt ab erschien Erich wieder täglich auf ihrem Weg. Unter dem Schutz des Winterabends brachte er sie auf Umwegen nach Hause. Sie müßten ausharren, sagte er immer wieder, der Tag ihrer Vereinigung könne nicht ausbleiben. Er war von seinem Volontärdienst in eine karg besoldete Stelle aufgerückt, und es schien, daß er im Hinblick auf den Preis, nämlich Amelies Hand, wirklich ernstlicher zu arbeiten begann. Hier und da stellt« er auf Umwegen geschickte Fragen an Amelie, die Vermögensverhältnisse ihrer Familie betreffend. Bald forschte er nach der Höhe von Hermanns Studentenwechsel, dann tat er sehr um Amelies Zukunft besorgt, er wollte wissen, ob ihre Mutter von einer Lebensrente oder den Zinsen eines Vermögens lebte und dergleichen. Aber Amelie wußte von allen diesen Dingen nichts, sie meinte nur immer: »Ich glaube, Erich, wir haben ganz viel Geld. Wenn Mama wollte oder vielmehr Großmama, dann könnten wir ganz gut heiraten.« »Nie würde ich unter solchen Verhältnissen darauf eingehen,« erwiderte Erich mit Nachdruck. Der Winter ging hin. Die Nachmittage wurden länger, und immer größer erschien die Gefahr, daß Amelies tägliche Zusammenkünfte mit Erich entdeckt würden. Ihre einzige Vertraute war nun Lea. Sie hatte ihr gebeichtet, daß sie Erich wieder traf und nicht von ihm lassen wolle. Auf was für schwanken Grund er ihre Gefühle lockte, daß sie ihn selber immer mehr für einen leichtsinnigen Menschen hielt, und daß sie nur seine Küsse wollte, und nichts sonst, das verschwieg sie der strengen, logischen Lea. Diese war Erich nicht angenehm, er nannte sie ein unschickes Frauenzimmer, er schwärmte für Eleganz. Auch Lea war mit ihm nicht einverstanden, er erschien ihr zu gesellschaftlich, zu konventionell, sie wollte nicht gnädiges Fräulein genannt sein. Nein, sie war nicht gnädig. Sie war ein Mensch wie er und nichts sonst. Nichtsdestoweniger schlug Lea aus eigenem Antrieb Amelie vor, sie könne mit Erich in ihrem Atelier zusammentreffen. Lea hatte seit einigen Monaten den Unterricht bei Professor Stettner aufgegeben und arbeitete nun allein. Da sie bei ihrer Familie wohnte, verließ sie ihr Atelier, das sie nun zu dieser Stunde dem Liebespaar zur Verfügung stellte, bei beginnender Dämmerung. Weder Gefälligkeit, noch Lüsternheit, noch gedankenlose Gleichgültigkeit veranlaßt«« sie dazu. Sie glaubte vielmehr an eine Art Brüderschaft der freien Geister, die, zerstreut in die Pferche der wohlanständigen Gesellschaft, diese überlisten, sich über ihre Hemmungen hinwegsetzen und sie untergraben müßten, um neuen Idealen Platz zu machen. Sie selbst hatte niemals eine solche Verwirrung gespürt, wie die, in der sich Amelie nun befand, und die Dinge, denen sie jetzt Vorschub leistete, kannte sie nur als Begriffe in der Erörterung, aber indem sie dem jungen Paare Kuppeldienste leistete, glaubte sie den Weg der neuen Menschheit vorzubereiten. 13 Zitternd schloß Amelie die Tür des Ateliers auf, als sie ihren Geliebten zum erstenmal dorthin führte. Sie traten in den dämmerigen Raum, dessen verbrauchte, warme Luft von Terpentingeruch erfüllt war. Amelie wollte Licht machen, aber Erich hielt sie zurück. »Laß uns doch in der Dämmerung bleiben,« sagte er leise. Ihr war es auch lieber so, sie hätte sich geschämt, in der Helle ihm gegenüberzusitzen. Er zog sie auf einen Diwan, der im Dunkeln stand, und küßte sie. Bisher hatte sie nur kurze, verstohlene Küsse von ihm erhalten, und schon die Hatten sie bis in die Tiefe erzittern lassen. Jetzt fühlte sie zum ersten Mal« lange, ihr Blut aufwühlende Liebkosungen. Unwillkürlich erinnerte sie sich an die Stunden mit Erwin Dorn in der Grotte. Wie blaß war das nun alles. Der war ja ein Bub gewesen, jetzt empfand sie alles tiefer, ja, ihr kam fast vor, feierlicher, und sie fühlte wieder »ihr großes Schicksal« um sich brausen. Sie vergaß ganz die Zeit. Es war schon völlig dunkel geworden, sie lag wie im Traum, von ihm umschlungen, seine Lippen ununterbrochen auf ihrem Munde. Die eintönige Uhr schlug plötzlich sieben. »Ich muß ja nach Hause,« rief Amelie aufspringend. Sie hätte gern Licht gemacht, um ihr Haar in Ordnung zu bringen, doch wagte sie es nicht. So gut es ging, glättet« sie es im Dunkeln, setzte ihr Pelzmützchen auf und band einen Schleier darüber. Erich zündete sich eine Zigarette an, wobei ein Lichtschimmer über sein bleiches Gesicht und die schneeweißen Hände fiel. Er setzte sich im Dunkeln auf eine Tischkante, und während er den Rauch der Zigarette einsog, konnte Mely von Zeit zu Zeit in dem rötlichen Schein sein Antlitz sehen, das für sie etwas unheimlich Bezauberndes hatte. »Na, Kind – fertig?« unterbrach er plötzlich mit seiner hohen, etwas harten Stimme das Schweigen. Sie war verblüfft über seine Lässigkeit in einem so tief erregenden Augenblick. Aber so sehr es sie befremdete, daß er jetzt in diesem Tone sprechen konnte, diese Sicherheit gefiel ihr irgendwie, diese plötzliche Gleichgültigkeit, als ob gar nichts geschehen sei. Sie ging auf ihn zu und schweigend küßte sie ihn von selbst. »Komm, gehen wir,« sagte sie dann, sich auch zu einem überlegenen Tone zwingend, und sie war stolz, daß es ihr ziemlich gut gelang. »Als ob alles das gar nichts gewesen wäre!« dachte sie. Das war doch eigentlich sehr »fesch«, die Dinge so aufzufassen. Sie wußte nicht, woher ihr plötzlich dieser Ausdruck einfiel, den sie sonst eigentlich nicht anzuwenden gewohnt war. Erich brachte sie diesmal nicht bis an die Tür. Warum sich länger der Gefahr aussetzen, gesehen zu werden? Sie hatten das jetzt nicht mehr nötig. Amelie flog fast durch die Straßen. Zu Hause fragte die Mutter, wo sie« gewesen war. »Bei Lea im Atelier,« erwiderte sie, zufrieden darüber, daß sie keine Lüge zu sagen brauchte, denn von Natur machte ihr das Lügen keinen Spaß. Noch immer hatte sie diese »platonische« Liebe zu allem Guten, Aufrichtigen und Ehrlichen. Sie wolle jetzt öfter nach dem Unterricht zu Lea gehen, sagte sie ganz sicher, die Mama habe doch nichts dagegen? Die Mama hatte gar nichts dagegen, und so ging Amelie täglich hin, außer Sonntags. Bald entstanden bestimmte Formen, unter denen sich diese Ereignisse vollzogen. Amelie ging voraus, nach einigen Minuten kam Erich. Sie setzten sich auf den Diwan und standen auf, als es sieben Uhr schlug. Di« Liebkosungen Erichs wurden immer kühner. Eines Tages flüsterte er ihr ins Ohr: »Ich wüßte wohl ein Mittel, wie wir deine Familie zwingen könnten, uns die Erlaubnis zum Heiraten zu geben.« »Was für ein Mittel?« fragte Amelie in banger Ahnung. »Wenn du ein Kind von mir bekämst,« sagte Erich ruhig und beobachtend. Das traf sie wie ein Schlag. Sie sprang auf und flüchtete in die andere Ecke des Raumes. »Laß mich,« sagte sie, ihn von sich stoßend, als er sich ihr näherte. Sie schaute in einen Abgrund, an dessen Rand sie bisher gewandelt war. Sie hatte bisher nicht daran denken wollen, daß die Küsse, die sie tauschten, den Weg zu so furchtbaren Dingen vorbereiteten. Im Grunde wollte sie doch nur spielen, wenn dieser Spieldrang auch von dämonischer Unwiderstehlichkeit war, und nun fielen auf einmal tiefe Schatten in das Spiel. Von dem Tage ab war Amelies Unbefangenheit zerstört. Sie mußte wieder an die« Worte denken, die ihr einst auf dem Schulweg die häßliche Therese Berger zugeflüstert hatte, vor denen sie entsetzt geflüchtet war. »Die haben ein Verhältnis zusammen,« hatte sie von einem Mann und einer Frau gesagt, ihr Bruder habe auch schon eines gehabt, und wenn es ein Kind gäbe, ginge er ins Wasser.' Amelie hatte selten mehr an diese furchtbaren Worte gedacht, jetzt fielen sie ihr auf einmal wieder fast wörtlich ein, und sie hatte dieselbe Angst davor, wie einst als Kind. Nun stand das Gespenst, das sie in der Welt umherschleichen fühlte, vor ihr. Erich brauchte viele Tage, bis er sie beruhigt hatte. Anfangs war sie nicht dazu zu bringen, wieder in das Atelier zu kommen. Immer wieder versicherte er, er denke ja gar nicht daran, so etwas ohne ihren Willen zu tun, es sei ja nur ein Vorschlag gewesen. Er komme eben immer auf die tollsten Gedanken, nur um sie heiraten zu können. Amelie ließ sich auf Ehrenwort versprechen, daß er nie wieder an so etwas rühren wolle. Er versprach es und so ging sie wieder mit ihm in das Atelier hinauf. Manchmal sagte sie noch: »Ich habe oft Angst vor dir, du willst etwas anderes als ich.« »Ich will mehr, als du mir jetzt gibst,« erwiderte er, »aber nicht das, was du fürchtest.« Sie hörte zitternd zu. »Meinst du etwa, ich wäre versessen darauf, Kinder zu kriegen?« sagte er ihr, leise lächelnd, ins Ohr, »das wäre doch höchstens ein Mittel zum Zweck gewesen.« »Nun, weißt du,« erwiderte Mely unbefangen, »wenn wir einmal verheiratet sind, dann will ich auch zwei Kinderchen haben, erst einen Bub, und dann ein Mädchen.« »Ja, dann ist's was anderes, schon um den Namen zu erhalten, aber ich will jetzt schon mehr, viel mehr von dir, als du mir gibst.« »Ich verstehe dich nicht,« sagte Amelie voll Angst, und sie fühlte, daß sie nun in ein Gebiet hineingeraten war, aus dem es kein Entrinnen mehr gab. »Ich liebe doch nicht nur dein Gesicht und deine Hände, ich liebe alles an dir.« Während er so sprach, wurden seine Liebkosungen immer verwegener, und halb mit Grausen, halb mit Wonne ließ sie es geschehen. Nachdem sie einmal das Vertrauen wiedergewonnen hatte, daß er seine entsetzlichen Gedanken an ein Kind nicht mehr hegte, gab es keinen Halt und keine Grenzen mehr; bald war bis in die verborgensten Winkel der ganze Garten der Lust durchmessen, in den sie heimlich eingestiegen waren, ohne die Pforte zu sprengen. Die jungfräuliche Amelie verlor sich tiefer und weiter als die meisten Frauen, die mehrmals Mütter geworden sind. Sie folgte Erich willenlos, wohin er sie haben wollte, und er wußte genau, daß sie vor nichts mehr zurückschrecken würde, solange er die eine Bedingung einhielt. Diese zu brechen fühlte er sich nicht im geringsten versucht. Seinen verfeinerten Sinnen und überzüchteten Nerven wurde auch so alles zuteil, was sie wünschten. Wozu also unnütze Dummheiten machen? Das überließ Erich von Wietersheim Köchinnen und ihren Soldaten. Die vorrückende Jahreszeit zog langsam den Schleier der Dämmerung von diesen Umarmungen zurück, und zuletzt schien die Abendsonne herein, während das Paar aufbrach. Amelie brachte nun ganz ohne Scheu ihr Haar in Ordnung, während Erich rauchend zusah. Meist rauchte sie selbst eine Zigarette mit. In diesen Augenblicken prüfte sie oft seine Gestalt und sein Antlitz, wenn er lässig auf der Sofakante saß. Diesem elfenbeinernen Gesicht war sie verfallen. Was er befahl, das mußte sie tun. Es war schauervoll, dies so genau zu wissen, und dieser Schauer erweckte in ihr Entsetzen und Wonne zugleich. Wenn sie von ihm getrennt war, fühlte sie sich stets von schwerer Mißstimmung erfüllt, die wie ein zäher Nebel über ihr lag und nicht weichen wollte. Alle Arbeitslust verging ihr, sie schlief lang und schlecht und stand auf mit einem Seufzer über die jämmerliche Leere des Daseins. Frau Sanders ließ sie gewähren, weil der Arzt meinte, bei Blutarmut sei langes Schlafen gut. Oft ging sie gar nicht zu Professor Stettner, sondern lag müde auf dem Diwan und las die Zeitung; zu ernsterem Lesen hatte sie keine Lust. Auf die Zusammenkünfte mit Erich freute sie sich nicht, im Gegenteil, sie tat vor sich selbst so, als gehöre das eben auch zum elenden Einerlei ihres Lebens, und als sei sie es ihrer Würde schuldig, den Zusammenkünften nicht mit Freude entgegenzusehen. Darin sah sie gewissermaßen eine moralische Milderung ihres Tuns, daß es ihr im Grunde ja gar keinen Spaß machte. Manchmal empfand sie sogar einen ausgesprochenen körperlichen Ekel davor, und etwas in ihr freute sich darüber, so daß sie dieses Ekelgefühl noch bewußt in sich vertiefte. Oft war sie schlecht gelaunt, wenn sie zu ihm kam, und er noch nicht Macht über sie gewonnen hatte, wie gestern, als sie ihn verließ. Dann freute es sie, ihn zu quälen, sich ihm zu verweigern, verächtlich von ihren gemeinsamen Freuden zu sprechen. »Ach, was hat das denn alles für einen Sinn? wozu das?« oder aber »meinetwegen, wenn du soviel Wert darauf legst.« Dann ließ sie sich aber immer wieder von ihm hinreißen, nein, leise hineinziehen in den lauwarmen Sumpf ihrer Lüste. Manchmal haßte sie ihn und freute sich, ihm ihre Verachtung auszusprechen. Dann zeigte er sich von einer ihr schmählich dünkenden Unterwürfigkeit, er flehte, er wimmerte, ja er weinte. Aber wenn es ihm dann irgendwie gelungen war, ihre Sinne wieder zu reizen, dann erlag sie ihm und ruhte halbe Stunden lang mit ihm Mund auf Mund. Eine Zeitlang vernachlässigte er sein Aeußeres, wechselte nicht mehr täglich die Kragen, trug verschabte Halsbinden, war oft unrasiert, ja, sie fragte sich, ob er es wohl mit dem Waschen noch ganz genau nahm. So widerlich ihr das bei nüchternen Sinnen und in klaren Augenblicken war, so überkam sie schließlich ein« bleierne Gleichgültigkeit in allem. Dann ließ sie die Ereignisse über sich ergehen, wie sie kamen. »Ja, ich gehe zugrund,« sagte sie sich, »ich verkomme und er ist auch ein verkommener Mensch.« Dann freute es sie ingrimmig, ihn anzusehen, wie er vernachlässigt und unreinlich vor ihr stand, ja, sie konnte sich sogar entschließen, ihn dann plötzlich ganz wild zu küssen, als wolle sie ihn drängen, doch kurzen Prozeß zu machen und sie recht schnell in den Abgrund zu ziehen, der ihr doch nun einmal bestimmt war. Aber auch dies enttäuschte sie wieder, und sie fand, daß ihm doch die wahre Leidenschaft fehlte, die sie mit dämonischer Gewalt, bei geschlossenen Augen, in einer tiefen Wonne ins Verderben hinabschleudern würde. Oft, wenn sie von ihm einen wahnsinnigen Ausbruch erwartete, begann er trocken von ihrer gemeinsamen Zukunft zu reden. Einmal verhöhnte sie ihn: »Du bringst es ja doch nie zu etwas, du kannst nichts, du bist nichts.« Er saß schweigend auf dem Diwan, die Unterarme auf die Knie gestützt, und trommelte mit den spitzen Nägeln auf seiner goldenen Zigarettendose. Da hatte sie auf einmal wieder Mitleid mit ihm und küßte ihn von selbst ganz schwesterlich. »Ich Hab' dich doch lieb,« sagte sie. »Ich bin ja auch nichts wert. Nur trommle nicht immer so auf der Dose, das macht mich ganz nervös.« Als er auf eine Demütigung wieder einmal statt durch Wut und Roheit, wie sie im stillen gehofft hatte, mit Gleichgültigkeit antwortete, rief sie verzweifelt: »Oh, ich bring« mich noch um! ... Hörst du? ... Antwortest du nicht? ... Ich bringe mich um ... du?« »Was soll ich da antworten?« sagte er mit etwas näselndem Ton, »tu's nur, ich mache mit.« Er wollte wieder zu trommeln beginnen, aber als er sie ansah, fiel ihm ein, daß sie das nicht leiden konnte. Sie blickte ihn forschend an und sagte: »Auch dazu bist du ja zu feig, zu waschlappig ... aber es ist gleich ... wozu sich noch umbringen? ... Deine Geliebte sein, das ist ja geradesogut wie umgebracht ... du ... du ... komm, küß mich.« Ihre Zähne knirschten, während sie sich ihm näherte. Ein klares Gefühl sagte ihr, daß er doch verantwortlich sei für die schiefe und ekelhafte Lage, in der sie sich nun befanden. Er war doch der Mann, er hätte es nicht dahin kommen lassen dürfen; vor Zorn über das, was er aus ihr gemacht hatte, hätte sie ihm manchmal ins Gesicht schlagen können, aber zu ihrem eigenen Erstaunen wurde, so oft sie das vorhatte, schließlich doch immer wieder eine Umarmung daraus. Sie erkannte genau, was er für ein Windbeutel war. Oft nannte sie ihn einen Affen, und es gefiel ihr, ihn bei seinen Schwächen zu verletzen. Er besaß eine goldene Uhr von seinem Vater, die aber nicht mehr zum Gehen zu bringen war. Da er in seiner Geschäftstätigkeit eine Uhr brauchte, benutzte er wochentags eine billige von Stahl, an Sonntagen aber trug er die goldene mit der Freiherrnkrone wie einen Schmuck, obwohl sie nicht ging. Sie lachte ihn darüber aus, dann meinte er, man müsse repräsentieren. In dem Dreckgeschäft sei ihm alles egal, \>aber nach Geschäftsschluß\<, sagt er, \>bin ich, der ich bin.\< Erich mußte für drei Wochen in seine Heimat reisen. Amélie atmete auf, als sie es erfuhr. Sie verhehlte ihre Freude darüber schlecht. Erst während sie ihn am Wagenfenster sah, wurde ihr weh ums Herz. Als der Zug in der Ferne verschwand, fühlte sie, wie eng sie doch mit diesem Menschen verwachsen war, und daß er sie nun allein ließ. Sie ging düster und verlassen heim und dachte, sie habe ihn doch lieb, alles könne noch gut werden, er müsse nur fleißig arbeiten und sich eine Stellung erringen. Als sie aber am anderen Morgen erwachte, und ihr einfiel, daß sie ihn nun heute nicht sehen würde, war sie auf einmal von einer aufrichtigen Fröhlichkeit erfüllt. Beim Waschen konnte sie sich gar nicht genug tun, sich mit kaltem Wasser zu begießen, sie lechzte nach Frische. Sie kam vergnügt an den Frühstückstisch, küßte und umarmte die Mutter mit einer von dieser lange vermißten Herzlichkeit und konnte es kaum erwarten, bis sie bei Professor Stettner war. Draußen empfing sie ein kühler, sonniger Märzmorgen. Zwischen den watteartigen Wolken brach das fast zu scharfe Blau hervor. Hie und da lag auf den Pfützen eine ganz dünne Eisdecke. Amélie machte es Freude, sie mit ihrem leichten Schirm zu zerschlagen und das Knirschen zu hören. Auf den schwarzen Zweigen sproßte das erste Grün und eine herbe Luft bewegte sie. Ueberall wurden Frühlingsblumen verkauft. Amelie kaufte sich Veilchen; sie ging glücklich und frei durch die Straßen. Mehrere Tage lang fühlte sie, wie sie wirklich ein anderer Mensch wurde oder vielmehr wieder der junge, frische Mensch, der sie früher gewesen, fröhlich, arbeitslustig, voll Wohlwollen gegen ihre Umgebung. Manchmal mußte sie zwischen alledem an etwas Dunkles, Häßliches denken, aber sie wollte sich's nicht zugestehen, so wie man sich zeitweise über eine schleichende, nicht immer schmerzhafte Krankheit hinwegsetzen kann. Eines Morgens lag ein Brief von Erich neben ihrer Frühstückstasse. Jetzt war das Häßliche, Niederziehende wieder dicht bei ihr, so fühlte sie. Sie öffnete den Brief nicht. Während des Frühstücks blickte sie starr auf die Adresse mit der fahrigen, schnörkelreichen Schrift. Es machte ihr Freude, daß ein Butterfleck auf den Umschlag kam. Sie schloß den Brief in eine Schublade, ohne ihn zu lesen. Dann ging sie in die Werkstatt zu Professor Stettner, aber heute konnte sie nicht arbeiten wie sonst. Eine Unruhe bemächtigte sich ihrer, sie fühlte sich schwach und zerschlagen, nach einer Stunde brach sie auf und eilte nach Hause. Wieder war ein klarer, herber Märztag und in den Straßen wurden Veilchen verkauft; aber Amélie fühlte ihr Verhängnis, das sie aus dieser lachenden Heiterkeit der Welt ausstieß. Sie mußte nach Hause eilen und war gereizt über jeden Aufenthalt, wenn ein Wagen den Straßendamm sperrte oder ein Verläufer um sich einen Auflauf verursachte. Sie dachte nur an den Brief mit dem Butterfleck, und endlich hielt sie ihn wieder in der Hand. Sie las Beteuerungen seiner Liebe, seiner Sehnsucht, Schilderungen seiner Einsamkeit. Mit weichlicher Schwül« legte sich seine Liebe von neuem um sie, und voll Scham und Zorn fühlte sie in sich wieder die Sehnsucht nach seinem Kuß. Als die Mutter hereinkam, fand sie sie zerstreut und mürrisch. Nachmittags schrieb sie einen langen Brief an Erich, voll Sehnsucht, er möge doch bald zurückkommen, sie hielte seine Abwesenheit nicht länger aus. Fiebernd wartete sie auf Antwort. Ihre nervös« Zerrissenheit war fast schlimmer als zur Zeit, da sie ihn täglich sah. Dann kamen bisweilen entsetzliche Tage, in denen sie klar erkannte, daß er ihr Verderben sei, ein Dämon, der sie in den Abgrund zog. Auch der Verdacht lag ihr nicht fern, er rechne einfach auf ihre Mitgift und sei gewillt, bis zum Tode der ohnehin herzleidenden Mutter zu warten. Ihre Person sei nur eine ganz angenehme Zugabe zum Nichtstun. Aber seine Briefe, die etwas von dem krankhaften Hauch ihrer Zusammenkünfte ausströmten, fesselten sie immer wieder in seinen Bann. Nur mit Lea sprach sie über ihn. Diese tat so, als hielte sie Amélies Verhältnis mit Erich für eine alle Folgen ziehende Verbindung zwischen Mann und Weib. Amélie mußte sich verstellen, als ob es ganz so sei, um vor der Freundin nicht als feige zu erscheinen. Lea verbarg hinter ihrer scheinbar klugen Ueberlegenheit mühsam ihre naive Befriedigung darüber, in Amélie zum ersten Male eine Frau zu sehen und zur vertrauten Freundin zu haben, die ein wirkliches, ungesetzliches Verhältnis unterhielt. Oft fühlte Amélie, es sei wenigstens ein Glück, daß sie Erich nicht alles gewährt habe, dann aber fehlte es ihr auch keineswegs an dem Verständnis dafür, daß gerade in der Halbheit ihrer Hingabe das Unwürdige und Herabziehende lag. Sollte sie Mut fassen und sich nach seiner Rückkehr ihm ganz geben? Um Gottes willen nein – durchschauerte es sie, sie mußte immer wieder an den Abgrund denken, in den sie einst Therese Berger hatte blicken lassen. Nach kurzer Zeit kam Erich zurück. Die entnervenden, Amelie aushöhlenden Zusammenkünfte begannen von neuem. Erich bekleidete fortwährend ein untergeordnetes Amt in der Bank, eine von den Stellen, wo man untüchtige Leute mit guten Formen ein Leben lang läßt, in denen, entgegen der allgemeinen Annahme, kein Aufrücken auf verantwortliche Posten vorkommt, höchstens ein langsames Steigen des Gehaltes. Eines Tages machte er, mit Amélie darüber einig, bei Frau Sanders einen Besuch und erzählte ihr, seine Verhältnisse hätten sich erheblich gebessert, sein Gehalt sei zwar noch klein, aber ansteigend. Ob sie nicht jetzt in die Verlobung einwilligen wolle, die Standhaftigkeit seiner Liebe sei durch die Zeit doch erwiesen. Frau Sanders antwortete zunächst ausweichend. »Mely, ich bin ratlos ...« rief sie ein über das andere Mal aus, als sie abends mit der Tochter allein unter der Hängelampe beim Tee faß. Sie fürchtete die Großmutter. Gleichzeitig war sie nicht imstande, der Tochter etwas abzuschlagen, und was der junge Mann sagte, schien doch auch ganz vernünftig. Das Ergebnis dieser Unentschlossenheit war eines jener halben Verhältnisse: Eine Verlobung war es nicht, auch keine heimliche, denn was geschah, geschah ganz offen; Erich kam wieder ins Haus, speiste oft dort und wurde nur vor der Großmama, wie ein Liebhaber vor dem Gatten, verborgen. Er durfte mit Amelie ins Theater gehen, sie zum Tennis begleiten, d. h. eigentlich durfte er es nicht, Frau Sanders verbot es von Zeit zu Zeit einmal wieder, indem sie sagte: "Wenn das die Großmama wüßte!" Oft riet sie in vertrauten Stunden Amelie von Erich ab, sie fand, daß er doch eine recht dürftige Partie sei, aber gerade damit reizte sie Amelies Widerspruch, die ja doch gar keine Partie machen wollte. Frau Sanders merkte nicht, daß sich die Bekannten ein wenig von Amélie zurückzogen, ja, Amélie wurde es selbst kaum bewußt, da sie ohnehin seit einiger Zeit auf gesellschaftlichen Verlehr wenig Wert legte. War man bei zufälligem Zusammentreffen mit ihr etwas kühl, so ließ sich das leicht durch ihre Vernachlässigung der Bekannten erklären, und sie war eigentlich stolz darauf, mit den konventionellen Durchschnittsmenschen nichts mehr gemein zu haben, halte sie doch ihr eigenes Schicksal. Weder sie noch die Mutter ahnte, daß über ihre Beziehungen mit Erich allerlei Gerüchte umgingen. Von den geheimen Zusammenkünften wußte zwar niemand etwas, aber man sah sie fortgesetzt mit einem als liederlich bekannten jungen Menschen in untergeordneter Stellung herumziehen, dessen Adel ihn unter solchen Umständen nur lächerlich machte. Als das schlimmste schien aber: diese nicht als harmloser Flirt zu betrachtenden Dinge geschahen unter den Augen der Mutter. Das Haus Sanders verödete allmählich. Es ließen sich keine jungen Leute mehr einführen, und die früher dort Verkehrenden blieben fort. Amélie, die inzwischen zwanzig Jahre alt geworden war, besuchte keine Gesellschaften mehr und hatte auch keine Lust, welche zu geben. Sie malte ein wenig, lag viel auf dem Sofa, küßte sich stundenlang mit Erich, schwatzte mit Lea über Gott und die Welt und verhielt sich schnippisch gegen die Großmutter, wenn sie zu Besuch kam. Dabei war sie tief unzufrieden mit sich und allem, was um sie geschah. Ihre Grundstimmung war Langeweile und Ekel. Mit Hartnäckigkeit aber vertrat sie das Recht der Persönlichkeit auf individuelle Ausgestaltung des Lebens. Erich indessen war nun seiner Macht über sie gewiß. Sie ist mein, dachte er oft heimlich, ganz mein, ich kann mit ihr machen, was ich will. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, und sie wird meine Frau. In solchen Augenblicken vergaß er sich leicht und begann auf der Dose zu trommeln. »Erich,« rief sie dann empört. »Schon gut, du hast recht, erinnere mich nur daran, es ist eine schlechte Gewohnheit,« antwortete er, und fügte sich gerne im Kleinen, da er sich im Großen dem Erfolg so nahe fühlte. 14 Die Herzbeschwerden der Mutter nahmen zu. Sie wurde dicker, rote Flecken zeigten sich bei der kleinsten Erregung auf ihrem schmalen Gesicht und sie erregte sich nun über alles, über die Ankunft von Mme. Sanders, wie über ihr Ausbleiben, über die Briefe Hermanns, der in Leipzig studierte, und über Amélies Verstimmungen. Wegen des Verhältnisses zu dem Baron beunruhigte sie sich nicht. Sie vermochte es nicht zu übersehen und dachte kaum darüber nach. Im Laufe des Winters gewöhnte sie sich das Ausgehen ab, sie wurde immer schlaffer und bleicher, lag viel im Bett und wurde eines Morgens von der alten Lene tot gefunden. Die Alte war nicht allzu überrascht, sie hatte das kommen sehen. Sie blickte ihre wie schlummernd daliegende Herrin an, und ihr klarster Gedanke war, daß sie wenigstens nicht gelitten habe. Sie schlich in die Küche und flüsterte der Köchin zu: »Luis', die Madame ist gestorwe.« Die Köchin, die mit der Familie nicht verwachsen war, empfand nicht mehr als den gewöhnlichen Schrecken, der einen bei einer solchen Nachricht überfällt. Amélie war in der Malstunde. Nur langsam stieg in der alten Lene eine dunkle Traurigkeit auf, und sie wischte sich ein paar Tränen von den harten, vertrockneten Wangen. Aber sofort fühlte sie sich wieder als die treue Schaffnerin. Ihr einfacher Kopf ordnete klar an, was geschehen müsse. Sie hatte ja auch einst den gnädigen Herrn sterben sehen. Schnell ließ sie den Arzt kommen und schrieb Telegramme: »Frau Sanders schwer erkrankt, gleich kommen, Lene,« an die Adresse der Großmutter und an die beiden Söhne und schickte die Köchin damit zur Post. Sie selbst wollte Amélies Ankunft abwarten, um das Kind vorzubereiten. Dabei vergaß sie nicht, nach dem Essen zu sehen, denn in den schweren Tagen, die bevorstanden, mußte man sich ordentlich nähren. Hie und da trocknete sie sich schnell und heimlich die Augen und schluchzte einen Augenblick leise auf. Auch telephonierte sie gleich an Metzger, Kolonialwarenhändler und andere Lieferanten sowie an eine Aushilfsfrau, damit die beiden jungen Herren bei ihrer Ankunft ihre Bequemlichkeit fänden, wie es Frau Sanders selbst gewünscht hätte, wäre sie noch am Leben. Die Köchin kam von der Post zurück. Sie wollte die Tote sehen. Die Erregung, die dieser Anblick der derben, kurzbeinigen Person gewährte, erweckte alle ihre Lebensgeister. Mit glühenden Wangen folgte das sonst querköpfige Geschöpf den Anordnungen Lenes, gegen die sie immer einen schweigenden Widerstand geleistet hatte, lief treppauf, treppab, hatte in einem fort irgend etwas zu fragen, schaute in den Keller, räumte die Fremdenzimmer ein, auch vergaß sie nicht, ihr schwarzes Kleid herzurichten; das Leben war ihr wie zu einem Feste gesteigert. Amélie kam nach zwölf nach Hause. Lene öffnete ihr ernst die Tür, sie trug schon ihr enges, schwarzes Kleid um die magere Gestalt. »Was ist denn los?« fragte Amélie, »ist jemand da?« »Komm erst herein, Kind.« Im Zimmer fuhr sie fort: »Die Mama ist nämlich heute morgen sehr krank geworden.« Amélie erriet alles. In furchtbarem Schrecken rief sie: »Sie ist tot, ich weiß! Wo ist sie?« Sie brach in ein schreiendes, verzweifeltes Schluchzen aus. »Sie liegt noch im Bett, wie ich sie heute morgen gefunden habe,« sagte Lene leise, als täten ihre Worte dann weniger weh. Amélie stürzte ins Schlafzimmer. Die Mutter war wie aus gelbem Wachs. Sie sank vor ihr nieder und weinte und weinte. Lene und der Köchin war es nicht möglich, sie zu beruhigen und sie zum Essen zu veranlassen. Sie wollte allein bei der Mama sein. Ihr war, als sei sie an einem Ort, wo sie noch nie gewesen, herausgerissen aus allem, und sie wimmerte unaufhörlich, fast mechanisch, denn oft schwand ihr ganz das Bewußtsein des Geschehenen. In diesem Zustand blieb sie bis drei Uhr. Sie hörte die Stimme und die Schritte der Großmama auf dem Vorplatz. Da erfaßte sie plötzlich ein eigentümlicher Zorn. Sie wollte die Großmama nicht in ihren Schmerz blicken lassen, aber schon stand Mme. Sanders neben ihr. Auch sie weinte leise, beugte sich über die Tote. Dann legte sie ihre alte gepuderte Hand auf Amélies Haar und flüsterte mit tränenerstickter Stimme: » Ma pauvre enfant , was soll denn jetzt werden?« Amélie sog das ihr bekannte leise Parfüm der Großmama ein, und das kam ihr auf einmal so vertraut vor. Langsam ließ sie sich durch den Schmerz der Großmutter, den sie in ihrer Vorstellung von ihr nicht erwartet hatte, versöhnen. Sie war sogar zu bewegen, eine Tasse Tee zu trinken und etwas zu essen, aber als sie der alten Frau an dem Tisch gegenübersaß, wo sie seit längerer Zeit jede Mahlzeit, noch das gestrige Nachtessen allein mit der Mutter genommen hatte, da überkam sie ein solches Gefühl des Schmerzes und der dauernden Verlassenheit, daß ihr die Bissen in der Kehle steckenblieben. Nachmittags kamen einige Bekannte. Mme. Sanders empfing sie. Amélie war völlig teilnahmlos. Es war ein fortgesetztes Kommen und Gehen. Die Leichenwäscherin erschien. Die Tote wurde in das schwarze Seidenkleid gehüllt, in dem sie manche Ballnacht Amélie zuliebe gewacht hatte, und mitten im Schlafzimmer aufgebahrt. Sie lag bleich und fast schön da. In ihrer Zierlichkeit erschien sie wie eine junge Frau. Ueber ihrem gelben Gesicht war eine sinnende, tiefe Ruhe, die der kleinen, stets zu beweglichen Frau sonst im allgemeinen nicht eigen gewesen war. Amélie saß wieder lange bei ihr, bald weinend, bald mit geschwollenen Augen die Tote anstarrend. Kurze Augenblicke dachte sie: »Wer weiß, vielleicht ist sie doch nicht tot und schlägt ihre Augen wieder auf, vielleicht ist sie nur bewußtlos.« Sie dachte an Fälle von Scheintod und Lebendigbegrabenwerden. Dann machte sie sich bittere Vorwürfe, daß sie die Mama nicht lieb genug gehabt hatte und besonders in der letzten Zeit so oft mürrisch gegen sie gewesen war. Oh, wenn sie doch wieder die Augen aufschlagen wollte, jetzt würde sie wahrhaftig anders zu ihr sein, jetzt, wo sie wußte, was sie an ihr gehabt hatte. Lene machte einen Versuch, Amélie ihrem Schmerz zu entreißen. Der Baron Wietersheim sei dagewesen und habe nach ihr gefragt. Ein entsetzliches Gefühl stieg in Amelie auf, als sie diesen Namen hörte. Sie merkte, daß etwas Böses, Zähes, wie eine Lavawelle über einer Stadt, sich ihrem Schmerz näherte und ihn ersticken wollte. Wut erfaßte sie. Sie beschloß, diesen reinen Schmerz gegen den Schlamm, in dem sie bisher gelebt hatte, zu verteidigen. Dann stieg eine tiefe Verachtung und ein Hohn in ihr auf, die ihr gleichzeitig die Kraft gab, sich gegen die andrängende Gestalt Erichs zu wehren, und einen Augenblick wurde sie ganz klar und kalt und dachte: »Den gibt es auch noch?«, obwohl sie erst vor vierundzwanzig Stunden in seinen Armen gelegen war. Heute nachmittag sollten sie sich wieder im Atelier treffen. Wie ein schleimiger Molch erschien er ihr, den man zertreten müsse. Nach einiger Zeit kam Lene wieder und sagte, der Baron würde morgen früh noch einmal kommen. Erschreckt griff Amélie nach Lenes Hand. »Nicht hereinlassen, hörst du, Lene? Er darf nicht herein!« »Aber Mely,« sagte Lene, »ich begreife dich nicht, das kannst du ihm nicht verbieten. Alle Bekannten werden die Mama noch einmal sehen wollen, und sie sieht ja doch auch so gut aus.« »Oh, Lene, wenn du ihn hereinlaßt!« schrie Amélie laut. »Beruhige dich doch; wenn du nicht willst ...« begütigte die Alte erschreckt. »Nein, es darf nicht sein, hörst du, Lene? Du versprichst es mir.« Sie versenkte sich mit einer Art Wollust in diesen neuen, tiefen Schmerz, der sie von dem Widerlichen, in dem sie zuletzt gelebt, durch seine Kraft befreite. Auch Lea wollte sie nicht sehen. Was lag ihr jetzt noch an Freiheit und Persönlichkeit? Das Verlogene und Leblose all dieses Geschwätzes wurde ihr halb bewußt, und sie nährte ihre abgegriffene und abgeblaßte Seele an dem reinen, echten Gefühl kindlicher Trauer, zu dem sie sich fast mit Freude noch fähig fühlte. In der Nacht träumte sie, draußen vor dem Hause säße ein dicker Ochsenfrosch, er wurde immer größer und größer, bis sein scheußlicher Kopf an das erste Stockwerk reichte und in das Totenzimmer hereinblickte. Als Lene mit einem Besen auf den Frosch losging, zerplatzte er mit einem lauten Knall. 15 Am folgenden Tage kamen die Brüder. Kurt lebte als Referendar in Berlin, er pflegte nur noch in den Ferien, die er zu größeren Reisen benutzte, die Heimat zu berühren. Hermann studierte Kunstgeschichte in Leipzig und schrieb schon seit längerer Zeit an seiner Doktorarbeit. Beide Brüder hatten denselben Nachtzug benutzt, sich aber erst in der Frühe auf einer Station getroffen. Hermann saß brütend bei einem Milchkaffee und tunkte ein Brötchen hinein, als Kurt in einem Ulster und einer Art Automobilmütze gerade in den Wartesaal trat, in dem noch die Gasflammen brannten, während durch die großen Fenster von draußen das erste bläuliche Morgenlicht hereindrang. Fröstelnd ging er an das Büfett und bestellte sich ein Frühstück. Hermann hatte ihn längst erkannt, aber in seinem alten Trotz wollte er ihn nicht zuerst begrüßen. Da sah ihn Kurt, und seine erste, unabwehrbare Wahrnehmung war, daß Hermann noch immer solche braune Anzüge trug, wie auf der Schule. Hatte er ihn überhaupt je anders als in einem braunen Anzuge gesehen? Er setzte sich zu ihm. »Du hast auch ein Telegramm bekommen?« fragte er. »Ja, was glaubst du, wie es steht?« »Ich bin aufs Schlimmste gefaßt.« »So,« sagte Hermann nachdenklich, als sei es ihm unbequem, sich ganz klar über die Lage zu werden. Beiden Brüdern war dieses Zusammentreffen peinlich. Sie kannten sich nicht mehr genug und waren zu sehr von der Erinnerung an ihren früheren Gegensatz erfüllt, um frei über das zu sprechen, was sie hier zusammenführte. Das Abfahrtszeichen ertönte. Jeder mußte eilig seinen Platz aufsuchen, der Zug war so überfüllt, daß an ein Zusammensitzen nicht zu denken war. Bei der Ankunft trafen sie sich wieder. Kurt war nicht sehr verändert, obwohl seine Straffheit und Kürze lässiger und sein Ton herzlicher geworden war. In seinen Formen lag die Freundlichkeit eines Menschen, der mit sich ins reine zu kommen beginnt und darum aufhört, sich gegenüber der Umwelt besonders zu betonen. Trotzdem ließ ihn ein spöttischer Zug um den Mund mit dem gestutzten Schnurrbart als einen sehr überlegenen Herrn erscheinen, der für Menschen, die sich einer gewissen wirren Träumerei hinzugeben lieben, nicht immer eine behagliche Gesellschaft ist. Hermann dagegen war noch immer ziemlich still und schwerfällig, ja, diese Schwerfälligkeit hatte sich noch vermehrt, da er für sein Alter ein wenig zu fett war. Seine Ausdrucksweise war schroff und oft undeutlich, als läge ihm nicht viel daran, ob der andere ihn verstand. Ein Reiferer aber erkannte leicht, daß dies Maske war, daß er sich sogar sehr um die anderen kümmerte, gegen die er sich in einer Art dauernden Widerstandes befand. Sein ziemlich langes, reiches Haar hatte nicht mehr die ausgesprochene Gelbblondheit, wie Amélies Flechten, es war vielmehr graublond. Dieser unbestimmte Ton über dem blassen, unscharfen Gesicht mit den etwas verwaschenen Zügen gab ihm den Ausdruck träumerischer Unentschiedenheit. Seine blaugrauen Augen starrten unter den runden Brauen manchmal traumverloren ins Leere, konnten aber hie und da auch eine fast schlaue Schärfe verraten. Die stark vorgeschobene Sanderssche Unterlippe verriet eine dauernde Unzufriedenheit sehr zäher Art. Diese entlud sich gleich gegen den Dienstmann, der sein Gepäck nehmen sollte. »Nehmen Sie das doch,« sagte er gereizt, »warum nehmen Sie es denn nicht? Nein, das nicht, das trage ich selbst, das könnte Ihnen passen, meine Malutensilien.« »Und dazu diese unglückselige Kleidung,« dachte Kurt, während er Hermanns offenbar nach eigenen Angaben hergestellten, einem Kutschermantel ähnelnden Paletot musterte. Der Platz vor dem Bahnhof lag in blasser, nebliger Morgendämmerung. Ein Lenker in dickem Pelz öffnete einen Kraftwagen. »Na, steig ein,« sagte Kurt. »Die Frau läßt mich ja nicht durch,« erwiderte Hermann in trüber Entsagung. Eine Frau, die mit einem Knaben einen jämmerlichen Schließkorb trug, hatte, um etwas auszuruhen, das Gepäckstück gerade vor die Füße des unglückseligen Hermann gesetzt. Dieser stützte sich gelassen auf seinen Schirm und blickte nach einer anderen Richtung, wie jemand, der weiß, daß man im Leben hie und da auf Hindernisse stößt, gegen die man sich mit Geduld wappnen müsse. »Geh doch drum herum,« rief Kurt. »Dann schiebt sie ihn doch gerade weiter. Ich kenne das. Wir haben ja Zeit.« Die Frau, die keine Ahnung hatte, zu was für einem Auftritt sie den Anlaß gab, hob inzwischen den Korb wieder auf und trug ihn mit dem Knaben davon. »Nun ist ja alles in Ordnung,« sagte Hermann befriedigt und stieg in den Wagen. Er sprach zunächst kein Wort, und dies hatte bei ihm etwas Quälendes, Aufreizendes, als ob er durch dieses Schweigen gerade peinigen wollte. Um die unangenehme Stille zu unterbrechen, fragte Kurt: »Willst du eigentlich in Leipzig den Doktor machen?« »Ich denke schon, ich habe mich an die Stadt gewöhnt.« »Wann bist du denn so weit?« »Ach, ich weiß noch nicht,« sagte Hermann unzufrieden, im Glauben, der ältere Bruder wolle ihn gleich auszufragen beginnen. »Vielleicht mache ich den Doktor überhaupt nicht,« fügte er herausfordernd hinzu. Kurt, der nie ganz davon überzeugt gewesen war, warum Hermann ein damals so aussichtsloses Studium, wie Kunstgeschichte, ergreifen mußte, war überrascht, daß er auch hier wieder abschwenken wollte, aber er hielt den Augenblick für ungeeignet, es zu äußern und sagte nur nachdenklich: »So,« während er die Hände in seinen dicken Ulster vergrub. Hermann dagegen hatte auf Widerspruch gehofft und schlug wieder in dieselbe Kerbe: »Ich bin keine Gelehrtennatur, ich will nämlich Künstler werden.« »Na,« sagte Kurt mit möglichster Ruhe, »darüber sprechen wir lieber ein andermal.« Hermann sah in diesem Ausweichen einen Hinterhalt und hätte am liebsten gesagt: »Mit dir brauche ich darüber überhaupt nicht zu sprechen,« aber auch ihn hielt der Ernst des Augenblickes zurück. In den Straßen lag dichter Morgennebel, der die Brüder nicht gleich hatte merken lassen, daß sie sich bereits vor dem alten Vaterhause befanden. Kurt klingelte unten. Auf der breiten Holztreppe begegnete ihnen Lene und die Köchin, die das Gepäck hinauftragen sollte. »Ach, Herr Doktor,« sagte Lene, die ihr enges, schwarzes Kleid trug. Zum erstenmal löste sich der Geschäftigen ein wahrer Tränenstrom über das Ereignis, während sie Kurt die Hand drückte. Dann begrüßte sie Hermann. »Herzliches Beileid,« sagte die Köchin und streckte Kurt ihre rote Hand hin, dann wiederholte sie »Herzliches Beileid« zu Hermann gewandt. »Danke,« sagte er leise und verlegen. »Bitte, es ist gern geschehen,« erwiderte die Köchin freundlich und zufrieden, daß diese ihr von Lene vorgeschriebene Rolle nun hinter ihr lag. Die beiden Brüder traten in das Schlafzimmer. Amélie kam ihnen bleich in ihrem schwarzen Kreppkleid entgegen. Kurt schloß sie in die Arme, dann blickte er auf die Leiche. Er brach in ein plötzliches Schluchzen aus. Amelie und Hermann, die sich bis jetzt nur schweigend die Hand gegeben hatten, schauten sich instinktiv an, als sie diesen Ausbruch des Schmerzes bei dem Bruder sahen, denn ihre alte Gemeinschaft gegen ihn war sofort wieder wie durch einen feinen Nervenstrom hergestellt, und ihre Meinung über den Bruder vertrug sich ganz und gar nicht damit, daß er jetzt so tief bewegt war und dies auch zeigte. Kurt kniete vor der Leiche und weinte bitterlich in sein Taschentuch. Hermann war in dumpfer Verlegenheit. Er fühlte nichts als eine maßlose Verwirrung. Amélie umarmte ihn und schmiegte ihren Kopf an seine Brust. »Hermann,« flüsterte sie, »es ist furchtbar.« Er trat einige Schritte vor und blickte auf die Tote. Sein Inneres war wie gelähmt; er fühlte nichts. Dann begrüßte er mechanisch die Großmama. Diese ging zu Kurt, der noch vor dem Bett kniete, und legte die Hand auf seinen Kopf. Auch Amélie trat hinzu. Sie sah, daß sich auf Kurts Scheitel schon eine Glatze bildete. Hermann war in peinlichster Ratlosigkeit. Da erblickte er auf dem Nachttisch ein kleines Riechfläschchen. Seine Finger umklammerten es, und ohne sich dessen bewußt zu werden, klopfte er damit beständig auf die Marmorplatte. Amélies Nerven konnten das kaum ertragen. Sie blickte sich nach ihm um. »Hermann,« mahnte sie leise. »Was denn?« fragte er wie aufgestört und legte das Fläschchen hin. Lene hatte inzwischen für das Frühstück gesorgt, das schweigend eingenommen wurde. Dann begann die Last der Geschäfte ihre Erledigung zu heischen: die Sorge um das Begräbnis, der Geistliche, es mußte Geld von der Bank geholt werden, man suchte nach wichtigen Papieren. Kurt und die Großmutter nahmen alles auf sich. Amélie saß meist weinend bei der Toten, hie und da trat Kurt zu ihr, legte den Arm um sie und überließ sich einige Augenblicke seinem Schmerz. Hermann schlich in zäher Gefühllosigkeit durch das Haus. Manchmal saß Mme. Sanders wie in sich versunken in einem Sessel und wischte sich die Augen. Kamen Kurt oder Amélie zu ihr, dann ergriff sie ihre Hände und wiederholte immer wieder: »Au moins elle n'a pas souffert.« Am übernächsten Tage, um zehn Uhr, kamen Männer, die den Sarg schlossen. Der alte Lorrain, der einen steifen Gehrock trug, führte sie herein. Die drei Geschwister sahen die Gestalt der Mutter unter der Dämmerung des Sargdeckels verschwinden. Zahlreiche Bekannte wogten durch die Zimmer, halb vergessene Zeugen der einst heiteren Tage dieses Hauses, meist Menschen, die ihm in der letzten Zeit ferngeblieben waren, und nun noch einmal kamen, um der alten Frau Sanders die letzte Ehre zu erweisen. Amélie lag wimmernd, wie ein verletztes, zartes Tier, in Lenes Arm, als der Sarg hinausgetragen wurde. Lorrain verhandelte mit zwei Herren mit dicken blonden Schnurrbärten und offenbar durch häufigen Alkoholgenuß geröteten Gesichtern. Sie waren Vertreter der Beerdigungsanstalt. Ihr Amt war, von morgens bis abends in fremden Häusern Worte des Beileids zu stammeln. Lorrain entband sie ihrer Pflicht und drängte sie höflich hinaus. Auf dem Vorplatz verneigten sie sich vor dem Notar Scheitelknecht und brachten sich ihm in empfehlende Erinnerung. Mme. Sanders stand am Fenster und blickte in die altertümliche Gasse mit den Giebelhäusern hinab. Unten wartete das schwarze Gewimmel der Bekannten. Der Sarg verschwand in dem Leichenwagen mit einer alltäglichen Selbstverständlichkeit wie ein Brot im Backofen. Der Wagen setzte sich in Bewegung, Kurt und Hermann folgten in ihren schwarzen Röcken und an sie schloß sich der Zug der Begleiter. Alte Frauen, von wohltätigen Anstalten gesandt, standen noch vor dem Haus und zählten das Geld, das ihnen die Leidtragenden gegeben hatten. 16 Nach dem Begräbnis wurde das Mittagessen schweigend eingenommen. Ein Gefühl der Verödung, aber auch der Befreiung von der Leiche herrschte in der Familie. Alle vier erwarteten, daß nun endlich etwas gesprochen werde. Man war beim Obst, als Mme. Sanders sich mit gütiger Stimme an Amélie und Hermann wendete: »Sagt einmal, Kinder, habt ihr schon darüber nachgedacht, was nun werden soll?« »Wieso? was soll denn werden?« fragte Amélie weich und verträumt. »Aber Kind, es muß doch irgendein Entschluß gefaßt werden. Du kannst doch nicht allein die große Wohnung behalten.« Amelie erschrak. Sie hatte daran überhaupt noch nicht gedacht. »Kurt muß dieser Tage wieder nach Berlin,« fuhr die Großmutter fort, »Hermann geht zur Universität zurück und du – –?« »Nein,« unterbrach Hermann, »ich kehre nicht zur Universität zurück, ich gehe nach München und werde Maler.« Alle blickten erstaunt auf. »Aber Junge, wieso denn das auf einmal?« rief Mme. Sanders beunruhigt. »Das ist nicht auf einmal, Großmama, ich trage mich schon lange mit dem Gedanken, aber das könnt ihr ja nicht verstehen. Ich bin überhaupt mündig, und ich will nun wissen, wie eigentlich unsere Verhältnisse sind.« Die letzten Worte richtete er wie eine Drohung an Kurt, der sich seit Jahren mit der Verwaltung des Vermögens befaßte. »Ja, dazu hast du freilich jetzt das Recht,« sagte dieser ruhig, während seine starke, wohlgeformte Hand mit dem dicken Siegelring am Zeigefinger das Obstmesser hinlegte, »es ist sehr einfach. Das Vermögen, das die Mama hinterläßt, besteht aus Grundstücken und Hypotheken. Jeder von uns dreien hat monatlich auf zweihundert bis zweihundertundfünfzig Mark zu rechnen.« »Aber wie kommt denn das, ich habe bis jetzt doch immer dreihundert Mark und oft mehr bekommen?« »Weil die Großmama der Mama einen großen Zuschuß gegeben hat.« Hermann war peinlich berührt, als er sah, daß er nicht so unabhängig geworden war, wie er geglaubt hatte. Er blickte die Großmama an, als wolle er fragen, ob sie diesen Zuschuß weiter bezahlen wolle. Mme. Sanders sagte, indem sie die Hände der rechts und links von ihr sitzenden jungen Enkel ergriff: »Hört mir einmal zu, Kinder. Ihr seid jetzt alle beide erwachsen und frei. Kurt sollte zwar eigentlich der Vormund von Mely werden,« – Hermann und Amélie blickten sich empört an, – »da aber Mely in wenigen Wochen doch einundzwanzig Jahre alt wird, kann man sie ja gleich mündig sprechen lassen. Wie ihr eben hört, ist eure Lage nicht sehr glänzend, aber ich bin gerne bereit, euch zu helfen, wenn ihr freiwillig noch eine Zeitlang die Autorität eurer alten Großmama anerkennen wollt.« Hermann machte ein finsteres Gesicht. Amélie war unentschieden. »Was müssen wir also tun?« fragte Hermann, »welches sind die Bedingungen?« »Ihr müßt gar nichts tun, mein Junge. Aber wenn du jetzt nach Leipzig zurückgehst und zunächst deinen Doktor machst, dann erhältst du nach wie vor dreihundert Mark im Monat, und sobald du die für deinen Beruf nötigen Reisen unternehmen willst, dann werde ich dir weiter helfen.« »Und wenn ich das nicht tue, was dann?« fragte Hermann kurz. »Nun, dann mußt du eben sehen, wie du mit deinen zweihundert Mark auskommst. Tu ne maurras pas de faim. « »Ich verkaufe meine Freiheit nicht!« rief Hermann. »Und was hast du vor, Amélie?« fragte die Großmama. »Ich weiß es nicht,« erwiderte sie mit Tränen in den Augen. Sie fühlte deutlich ihre Verlassenheit. »Na, willst du nicht bei mir wohnen?« »Draußen auf dem Land?« rief Amélie erschreckt. »Nein, so schwer will ich dir's nicht machen, Kind, du hast hier deine Malstunden, deine Bekannten. Ich will dir was sagen: Ich ziehe in die Stadt, wir behalten hier die Wohnung, und nur in den Sommermonaten gehen wir hinaus.« Amelie legte die Arme auf den Tisch, beugte den Kopf darüber und begann laut zu schluchzen. Sie sah sich allein mit der Großmutter, die ihr so fremd war und hart erschien, in den Räumen, wo ihr von Kindheit auf das Leben mit der Mutter so sanft dahingegangen war. Die Großmutter streichelte sie: »Du sollst es gut haben, Kindchen. Alles, was dir lieb ist, kannst du weiter tun, nach wie vor. Du bist jetzt eine erwachsene junge Dame, und ich sehe vollkommen ein, daß du mehr Freiheit haben mußt, als ein kleines Mädchen. Du bekommst natürlich deine eigenen Zimmer, du magst deine Freundinnen einladen, die Zinsen deines Vermögens kannst du für deine Kleider und als Taschengeld benutzen und einen Teil davon sparen. Den Haushalt bestreite ich selbst.« »Ja, die Familie, die Familie,« rief plötzlich Hermann mit gezwungener Ironie und trommelte mit den Fingern auf den Tisch. In diesem Augenblick klingelte es draußen, und Lorrain brachte Kurt eine Visitenkarte. »Erich Freiherr von Wietersheim. Wer ist denn das?« Amélie sprang nervös auf. Sie wollte Hinauseilen. »Wo willst du denn hin?« fragte Kurt. »Es ist ein Besuch für mich,« erwiderte Amelie trotzig. »Nach wem hat der Herr gefragt, Lorrain?« sagte Kurt. » Monsieur le baron veut parler à Monsieur Kurt, « erwiderte Lorrain und in seinem erstorbenen Gesicht mit dem farblosen dünnen Backenbart leuchtete eine freudige Ahnung. »Also führen Sie ihn in den Salon.« Baron Erich trat Kurt im Salon mit eleganten Bewegungen entgegen. Er sprach zunächst sein Beileid aus und bat um Verzeihung, daß er an einem solchen Tage komme, aber er müsse annehmen, daß er in Bälde die Familie nicht mehr versammelt fände. Dann erzählte er von seiner Liebe zu Amélie, von seinem früheren Antrag bei Frau Sanders usw. Inzwischen hätten sich seine Verhältnisse sehr viel günstiger gestaltet. Er habe zwar erst zweihundertundfünfzig Mark monatliches Gehalt, aber seine Familie wolle ihm, im Falle er Amélie heirate, von der sie alle die höchste Meinung hätten, dieselbe Summe dazu legen, bis sein Gehalt gestiegen sei. Er zeigte einen Brief seines Oheims, der dies bestätigte. Kurt war überrascht. Sein praktischer Geist übersah schnell die Lage. Gegen die Familie des Barons und den Eindruck, den der junge Mann auf ihn machte, war nichts einzuwenden. Die Verhältnisse erschienen bescheiden, aber der näheren Prüfung wert. Mit Amélies Zinsen und einem entsprechenden Zuschuß der Großmutter hätte sich in der Provinzstadt ein Haushalt gründen lassen, der vor Knappheit geschützt war. Amélie war fast einundzwanzig Jahre alt und soeben in den Besitz einer in ihrer kindlichen Hand sehr gefährlichen Gabe, der Freiheit, gelangt. Wenn sie irgendwelche Dummheiten machen wollte, hatte man keine Mittel, sie zu hindern. Vielleicht liebte sie Erich wirklich, woran er selbst nicht den geringsten Zweifel aufkommen ließ. Diese Gedanken durchkreuzten im Augenblick Kurts klaren Kopf. Inzwischen war auch Mme. Sanders eingetreten. Auch sie stand jetzt dem Antrag des jungen Mannes nicht feindlich gegenüber. Seine Verhältnisse hatten sich entschieden zu seinem Vorteil gebessert, während Amélies Lage schwieriger geworden war als früher, wo sie das noch sehr junge Mädchen in einem guten Hause war. Hermann und Amélie waren allein bei Tisch geblieben. »Was ist denn los?« fragte Hermann. »Es ist mein Geliebter,« sagte Amélie mit Stolz. »Und was will er von Kurt?« »Ich weiß nicht. Vielleicht will er mich heiraten. Wir sind nämlich schon längst heimlich verlobt.« »Und glaubst du, daß die einverstanden sind?« »Jetzt hat mir doch überhaupt niemand mehr etwas zu sagen, ich tue, was ich will, und hierbleiben bei der Großmama werde ich auf keinen Fall. Das halte ich einfach nicht aus.« »Das glaube ich. Warum kommst du nicht einfach mit nach München? Hier lernst du ja doch nie malen.« »Hermann!« schrie Amélie, und ihre Augen leuchteten auf, »daß ich daran nicht gedacht habe! Also du gehst hin?« »Ich bin fest entschlossen.« »Da gehe ich mit.« Kurt kam herein und sagte: »Mely, möchtest du nicht einen Augenblick hereinkommen?« Sie geriet in Verwirrung. Ihre ganze Widerstandskraft war durch die Erregung des Augenblicks gewappnet, um sich für die Uebersiedlung nach München einzusetzen. Wie sollte sie nun gleichzeitig das Recht ihrer freien Liebeswahl gegenüber der herrischen Großmutter und dem bevormundenden Bruder durchkämpfen, die ihr jetzt sicher verbieten würden, Erich zu heiraten und sie wahrscheinlich vor ihm selber demütigen wollten. Erich kam ihr entgegen und küßte ihre beiden Hände, sein Beileid ausdrückend. Kurt sagte: »Der Baron Wietersheim möchte dich einen Augenblick allein sprechen.« Er ging mit der Großmutter hinaus. Amélie traute ihren Ohren nicht. Erich nahm sie in die Arme. »Siehst du, Amélie,« begann er, »ich habe es immer gewußt, daß wir ans Ziel kommen würden.« »Kurt und die Großmama sind einverstanden?« fragte Amelie. »Sie haben noch nichts Endgültiges gesagt. Sie wollen, glaube ich, erst allein miteinander sprechen und dann meine Verhältnisse etwas prüfen. Das ist doch ganz natürlich, denn dein Bruder kennt mich ja noch nicht. Von dieser Prüfung der Verhältnisse habe ich aber gar nichts zu befürchten, denn genau so, wie ich ihnen gesagt habe, ist es.« »Ich kann diese Heimlichkeiten nicht ausstehen,« rief Amélie. »Aber Amélie, daß sie uns während ihrer Beratung allein lassen, ist doch schon ein gutes Zeichen.« »Was haben sie denn zu beraten? Ich habe jetzt allein über mich zu bestimmen. Ich bin mündig, wenigstens werde ich es in einigen Tagen.« Der Baron war etwas enttäuscht. Nun, wo er an seinem Ziele war, wäre ihm das liebste gewesen, mit der Familie in bestes Einvernehmen zu treten und nicht zwischen dieser und Melys unbegründetem Trotz zu stehen. Die Großmutter und Kurt kamen wieder herein. Sie fanden Erich und Amélie Hand in Hand. Mme. Sanders hatte ihrem Enkel inzwischen Näheres von Erich erzählt. Es lag doch eigentlich nichts weiter gegen ihn vor, als daß er früher ein bißchen leichtsinnig war und selber noch wenig verdiente. Auch Mme. Sanders neigte dazu, in ihm nun den Retter aus der Gefahr zu sehen, in der sich Amélie durch ihre Befreiung vom mütterlichen Einfluß jetzt befand. Sie sagte zu Erich: »Lieber Baron, machen Sie uns morgen das Vergnügen zum Mittagessen. Bis dahin haben wir alles Nähere besprochen und geordnet!« Der junge Mann empfahl sich. Nachmittags zog Kurt Erkundigungen über Erich ein. Er erfuhr auf der Bank, daß er sich in den letzten Jahren recht ordentlich gehalten habe und bis zu fünfhundert Mark monatlich aufsteigen könne. »Nun, mehr würde ich als Amtsrichter so bald auch nicht bekommen,« dachte Kurt, zufrieden, daß ihm diese Angelegenheit zu ordnen so gut gelang. Abends waren Kurt und Mme. Sanders bereit, in eine Verlobung einzuwilligen, die freilich der Trauer wegen erst in dreiviertel Jahren zu veröffentlichen sei. Die Hochzeit könne dann sehr bald darauf stattfinden. »Ach, die Hochzeit,« sagte Amélie wegwerfend, als ihr dies mitgeteilt wurde, »je später, desto besser.« Die Großmutter blickte sie erstaunt an. Nur Hermann, der nachmittags einen Spaziergang mit ihr gemacht hatte, verstand sie. Er weidete sich an dem Erfolg dessen, was er als sein Werk empfand. »Ich will vorher nämlich noch ein Jahr nach München geben und es als Künstlerin zu etwas bringen,« sagte Amélie kühn. »Aber Kind!« rief Mme. Sanders. »Laß doch,« beruhigte Kurt, »das wird sie mit ihrem Bräutigam ausmachen.« Es war ihm zwar nicht ganz geheuer bei Amélies Aeußerung, aber er ließ nichts davon merken. Hermann ärgerte sich über Kurts Ruhe. Er hatte geglaubt, Amélies Entschluß würde wie ein Donnerschlag wirken. Am folgenden Tag erschien Erich mit Blumen. Es wurde eine stille Verlobung gefeiert. Der junge Bräutigam bestach immer mehr durch sein« angenehmen Formen, und er war auch nun wirklich ganz auf seiner Höhe, wo er sich mit der Familie seiner Braut einig fühlte. Ohne Amélies Blick zu fürchten, trommelte er hie und da auf seiner goldenen Dose und bot Kurt und Hermann von seinen Zigaretten mit Mundstück aus Rosenblättern an. Kurt trank Brüderschaft mit ihm, Hermann tat ein gleiches mit dumpfem, unzufriedenem Gesichtsausdruck. Nach Tisch ließ man das Paar im Salon ein wenig allein. »Ich muß aber erst noch ein Jahr nach München gehen,« sagte Amelie plötzlich. Erich fiel wie aus den Wolken. Als er sah, daß sie es ernst meinte, war er dem Weinen nah. Er sank auf das Sofa. »Weißt du,« sagte sie, »ich will in der Ehe meine volle Freiheit bewahren. Ich habe mein Talent und meinen Beruf, den gebe ich nicht auf. Das mußt du anerkennen.« Aufrecht stand ihre schlanke Gestalt vor ihm, das schmale Kinn erhoben. Lange hatte er sie nicht so schön gesehen, und so erkannte Erich, der das Ziel schon erreicht zu haben geglaubt hatte, zerrissenen Herzens ihr Recht auf Freiheit an. Drittes Kapitel Das Dionysosfest 17 Im Vorzimmer einer Münchener Kunstschule warteten mehrere junge Damen. Sie wollten bei dem Leiter Hans von Luckow ihren Eintritt anmelden. Amélie saß in Trauerkleidung, die zu ihrer Blondheit trefflich stand, unter ihnen. Sie war darauf gefaßt, daß es hier nicht so gemütlich zugehen würde, wie beim Prof. Stettner zu Hause. Als sie zu dem gefürchteten künftigen Lehrer ins Zimmer trat, erstaunte sie, einen verhältnismäßig jungen Mann zu sehen. Hans von Luckow war kaum über dreißig und verriet durch seine schlanke, kräftige Gestalt, das auffallend blonde Haar und die offenen, blauen Augen den Mann von der Wasserkante. Ohne den starken, etwas herabhängenden Schnurrbart und das wirre Haupthaar hätte man ihn leicht für einen preußischen Gardeoffizier in Zivil halten können. Amelie blieb in ihrer schüchternen Verwirrung an der Türklinke hängen. Luckow sprang sofort auf sie zu, machte sie los und blickte sie mit lustigen Augen an. Sie konnte nicht verstehen, daß dieser, ihr kavaliermäßig entgegentretende noch junge Mann ihr Lehrer sein sollte. Gleichzeitig merkte sie schnell, daß sie ihm gefiel. »Na, also Sie wollen Künstlerin werden, gnädiges Fräulein?« fragte er lächelnd, als sie Platz genommen hatte, »wie sind Sie denn auf die Idee gekommen?« Amélie glaubte, er wolle scherzen, aber ihre Schüchternheit war noch nicht so weit überwunden, daß sie auf seinen Ton hätte eingehen können. »Ganz im Ernst,« fuhr er fort, »das müssen Sie mir sagen. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Künstlerin zu werden? Ich muß diese Frage an alle jungen Damen richten, die sich an mich wenden.« Amélie wurde immer verlegener. Darüber hatte sie doch noch nie nachgedacht. Sie wollte Malerin werden, wie man eben etwas tut, das einem gefällt. Am Ende machte er sich über sie lustig. Dabei sah er sie stets mit seinen vergnügten blauen Augen an und lächelte ein wenig. Manchmal steckte er ein Schnurrbartende in den Mund und Amelie hatte den Verdacht, er täte das, um zu verbergen, wie er über sie lächelte. »Na, also sagen Sie mir zunächst, treiben Sie die Kunst zum Vergnügen, oder müssen Sie Geld verdienen?« »Oh, ich will Geld verdienen,« antwortete Amelie eifrig. »Ich meine, ob Sie es müssen?« betonte Luckow. »Ach ... nein ... das heißt ... ja doch –« stammelte sie unsicher. Luckow lachte und ließ den Schnurrbart los. »Also ich weiß schon. Sie haben sich zu Hause mit Ihrer Familie nicht vertragen, und nun wollen Sie hier Ihr Glück suchen. Sie träumen von Selbständigkeit und Unabhängigkeit Ihrer Familie gegenüber. Wenn Ihnen das aber mißglückt, so können Sie jederzeit nach Hause zurückkehren und finden ein warmes Eckchen. Ist es so?« fragte er scheinbar triumphierend. »Ach, ich kann das nicht so schnell erklären,« antwortet« Amélie, ängstlich ausweichend. Woher er das alles nur so genau wußte? Sollte ihm Kurt geschrieben haben? Aber der ahnte ja nicht, daß sie in die Luckowschule gehen wollte. »Ihre Sachen, die Sie mir zur Probe geschickt haben, habe ich angesehen,« fuhr Luckow ernster fort, »da heißt es fleißig sein, vor allem Zeichnen lernen.« »Glauben Sie, daß ich Talent habe?« wagte Amélie schüchtern zu fragen. »Talent!« sagte Luckow geringschätzig, »das haben alle. Wenn es das allein wäre! Es gibt kaum ein junges Mädchen, das nicht irgendein Talent besitzt, etwas nachzumachen, was man ihr ein paarmal vorgemacht hat, mag das nun Kunst, Krankenpflege, Unterricht oder Kochen sein. Auch Sie, mein liebes Fräulein, haben sicher zu allen diesen Dingen Talent, nicht nur für Malerei. Sie unterschätzen sich, wenn Sie diese Einschränkung machen. Aber Sie überschätzen sich, wenn Sie glauben, diese Talente seien irgend etwas Wesentliches und Besonderes. Die Frage ist nur, ob Sie Fleiß, Ernst und die Fähigkeit besitzen, sich wirklich zu sammeln und zu vertiefen. Na, das werden wir ja in den nächsten Wochen sehen.« »Meine Arbeiten sind wohl sehr schlecht?« fragte Amélie entmutigt. »Aber ganz und gar nicht, nicht schlechter als die der anderen.« »Würden Sie mir nicht zum Künstlerberuf geraten haben?« fuhr Amélie fort, indem sie die Tränen bekämpfte. »Nein, ich rate niemals einer Frau dazu, im Gegenteil, ich möchte allen abraten, aber da Sie sich es einmal in den Kopf gesetzt haben, dann versuchen Sie es nur. Falls Sie zufällig zu den wenigen gehören, welche die Eigenschaften besitzen, die ich eben nannte, können Sie es zu achtbaren Leistungen bringen, die man auch wirtschaftlich einigermaßen verwerten kann. Ich werde Sie zuerst Ornamente aus Pflanzenformen entwickeln lassen.« Amelie brach in Weinen aus. Luckow schien das gewöhnt zu sein, er nahm wieder ein Schnurrbartende in den Mund. »Ich weiß, ich habe Sie entmutigt, aber das ist meine Pflicht, liebes Fräulein. Seit zehn Jahren kommen junge Damen aus Nord- und Mitteldeutschland hierher und wollen dasselbe wie Sie, und nur sehr wenige erreichen etwas Bemerkenswertes. Es ist meine Pflicht, Ihnen das vorher zu sagen. Ich kann nur noch hinzufügen: halten Sie sich im Verkehr an die, welche am meisten arbeiten und am wenigsten schwatzen, vergessen Sie Ihre gute Erziehung nicht, bleiben Sie eine junge Dame, machen Sie sich keine Illusionen vom Münchener Künstlerleben, und gehen Sie der Bohème aus dem Wege. Wenn Sie dann auch nicht malen lernen, so haben Sie nichts verloren, Sie erweitern Ihre Erfahrungen, und das ist für jede Frau nützlich. Wenn der Mann, den Sie wahrscheinlich in nicht zu ferner Zeit heiraten werden, nicht gerade ein Dummkopf ist, dann wird ihm ein kluges Mädel lieber sein, als ein dummes.« Er reichte ihr fast kameradschaftlich die Hand und lachte sie wieder vergnügt an. »Oh, Sie denken ganz falsch von mir,« flüsterte Amélie, der noch die Tränen in den Augen hingen. »Ich weiß,« erwiderte er, »Sie denken gar nicht an Heiraten. Na, nun gehen Sie nach Hause, oder schauen Sie sich München ein wenig an, und kommen Sie morgen gut ausgeschlafen zum Unterricht.« Amélie ging nachdenklich in ihre Pension zurück. So hatte noch kein Mensch mit ihr gesprochen. Manchmal wollten in ihr Gedanken aufkommen wie: »Der Philister ... was weiß denn der! Ich gehe in eine andere Schule.« Aber seine Person hatte sie doch gefangengenommen. Sie konnte sich dem Reiz seines überlegen wohlwollenden Tones, der sich mit seiner jugendlich kavaliermäßigen Art verband, nicht entziehen. Außerdem hatte sie große Hochachtung vor seiner Gescheitheit. Amélie saß von jetzt ab an einem breiten Zeichentisch in der Luckowschen Schule. Neben ihr befanden sich junge Mädchen und Herren, die wie sie nach frischen und trockenen Blättern und Früchten Ornamente zeichneten. Sie fand diese Tätigkeit sehr reizvoll: Sie verschaffte den Genuß des eigenen Erfindens, verbunden mit der Sicherheit, welche die Vorlage gab. In ihrer Umgebung fühlte sie sich sehr fremd. Einige junge Mädchen saßen meist still bei der Arbeit und sprachen wenig, andere rannten viel umher, einzelne duzten sich mit den jungen Herren, was Amélie sehr auffiel. Die Mädchen erinnerten sie stark an Lea Knapp, nur waren sie etwas ungepflegter, manche aber auch hübscher. Die meisten trugen fußfreie Reformkleider über teils schlanken, aber häufiger über plumpen, formlosen Körpern; unter schlecht frisiertem Haar sah man einige Gesichter von fesselndem Ausdruck, aber öfter von gouvernantenhafter Ueberlegenheit oder dienstmädchenhafter Derbheit. Amélies natürlicher, in ihrer weiblichen Koketterie wurzelnder Geschmack erlebte große Ueberraschungen. Hatte ein Mädchen eine recht grob gewölbte Bauernstirn, so trug sie gewiß einen Madonnenscheitel, der ein liebliches Gesicht voraussetzt. Eine besaß eine besonders häßliche, formlose, große Nase. Als wolle sie sie recht zeigen, trug sie die Haare in breiten Strähnen so tief über die Stirn gelegt, daß die Nase wie unter zwei Vorhängen heraushing. Hatte eine plumpe Hände, so trug sie lange Aermel, so daß die Wurstfinger unvermittelt hervortraten, besaß sie aber für eine Frau zu muskulöse Arme, dann konnte man sicher sein, daß sie sie entblößte. Das Auffälligste aber war dies: je nötiger eine ein Mieder brauchte, ob sie nun von weiblichen Formen zuviel oder zuwenig hatte, um so sicherer trug sie keins. Eine solche Orgie von Ungeschmack hatte Amélie bisher nie für möglich gehalten; das ging doch noch viel weiter als Leas »persönlicher Stil«, und da ihr Instinkt immer noch stärker war als die neuen Lehren, die sie sich einverleibt hatte, so fragte sie sich harmlos: »Sind das wirklich Künstlerinnen, die ihr Leben dem Schönen gewidmet haben?« Dann erinnerte sie sich aber schnell, daß es diesen Frauen ja nicht auf das Schöne, sondern auf das »Charakteristische« und »Eigenartige« ankam. Dies wollten sie ausdrücken, und auch der Feind mußte zugeben, daß ihnen das gut gelang. Der Ton der Herren in der Malschule beunruhigte sie aufs äußerste. Ihr Benehmen hatte nichts von der wohlerzogenen, wenn auch gemütlichen Kurmacherei, die sie von ihrer Vaterstadt her gewöhnt war, noch weniger von Erichs weltmännischer Freiheit. Die meisten trugen lange Künstlermähnen, fußfreie Hosen und waren nicht besonders gut gewaschen, manche faßten die Damen unbekümmert an. Mehrere trugen eine finstere Gekränktheit im Gesicht, die Amelie im stillen für den Ausdruck innerer Bedeutung hielt. Immer waren sie über irgend etwas – offenbar besonders über die gegenwärtige Weltordnung – empört und stets zu Streit und Widerspruch geneigt, noch ehe der andere etwas Bestimmtes gesagt hatte. Andere waren derbe, gemütliche Kerle ohne Belang. Amélie hütete sich, trotz mancher instinktiven Abneigung, dieses Leben ernstlich zu verurteilen, sie wollte sich nicht gern zugestehen, wie unangenehm es sie im Grunde berührte. Das waren doch Künstler, die über den Durchschnitt der Menschen emporragten, ihr eigenes Leben führten und ihre eigenen Formen hatten. Ja, sie kam sich selbst gering vor, und fühlte sich wieder als die kleine Mely von einst, weil sie so wenig dahinein paßte. Es fügte sich, daß sie einen dauernden Platz neben einer Dame fand, die etwas über fünfundzwanzig sein konnte. Ihr brünettes, ovales Gesicht, über dem sie eine sorgfältige, zu den lieblichen Linien passende glatte Frisur trug, war stets mit Aufmerksamkeit über das Zeichenblatt geneigt, auf dem ihre kräftigen Hände eifrig beschäftigt waren. Sie sprach sehr wenig. Hier und da aber ergab das Nebeneinanderarbeiten dieser Dame und Amélies kurze Gespräche. Amélie fühlte sich von der stillen Frau Dr. Thea Oesterot angezogen. Ihr war, als gewähre ihr die Nähe dieser überlegenen Frau eine Art Halt gegenüber der Umgebung. Frau Oesterot, die bemerkte, daß Amélie schüchtern war und sich fremd fühlte, dehnte nun hier und da die Gespräche mit ihr aus, ließ sich von ihr erzählen und lobte es, daß Amélie, obwohl sie wirtschaftlich nicht dazu gezwungen war, einen Beruf ergriff. Das tat Amélie wohl nach der Enttäuschung, die in ihr die Unterredung mit Hans von Luckow bewirkt hatte. Dieser kam häufig zur Korrektur und schien es zu billigen, daß Amélie bei Frau Oesterot saß. »Sie haben in dem armen Fräulein Sanders etwas Schönes angerichtet,« sagte diese eines Tages zu ihm, als er ihre und Amélies Arbeiten verbesserte, »Sie besitzen ja ein wahres Talent, Frauen von der Kunst zu entmutigen.« »Es freut mich, daß Sie das anerkennen,« erwiderte Luckow lachend. »Wenn eine junge Dame das verträgt und dann wiederkommt, so ist das schon eine kleine Probe für ihren Ernst. Na, Fräulein Sanders ist ja wiedergekommen; und was Sie da gemacht haben,« wendete er sich zu ihr, »ist ganz nett; nur so weiter.« Dann ging er zu anderen. »Er ist famos, nicht?« sagte Frau Oesterot. »Ach ja,« erwiderte Amélie, »man weiß nur nie, ob er es ernst meint oder Spaß macht.« In diesem Augenblick hörte man am anderen Ende des Saales Luckows Stimme in lebhafter Erregung. Er stand einer Gruppe von Schülerinnen gegenüber. »Na, da sitzen Sie nun hier und quatschen,« rief er, »und bilden sich Wunder ein, was Sie sind, weil Sie so ein paar dumme Bücherphrasen von Individualismus und Emanzipation aufgeschnappt haben, und was Sie hier leisten, ist gleich Null. Jedesmal kann ich Ihnen dasselbe sagen und klarmachen, aber die elementarsten Begriffe gehen ja nicht in Ihre Schädel hinein. Fast hätte ich gesagt, Sie sollten heimgehen und Kochen lernen, aber das würden Sie gar nicht fertigbringen, denn auch dazu gehört Liebe.« Luckow ging geärgert hinaus, einen wahren Aufruhr zurücklassend. »Er hat ganz recht,« flüsterte Thea Oesterot. Amélie zitterte. »Mir ist der Schrecken in die Glieder gefahren,« sagte sie, »wenn er mir einmal so etwas sagen würde ...« »Dazu werden Sie es wohl nicht kommen lassen,« erwiderte Thea; »wenn Sie bei uns ein halbes Jahr gearbeitet haben, werden Sie begreifen, daß hier einem Mann manchmal der Geduldsfaden abreißen kann. Luckow ist nämlich ein wirklicher Künstler, aber um seine Familie zu ernähren, muß er sich den ganzen Tag hier mit den Fratzen herumplagen, von denen es ihm doch nicht gedankt wird.« Inzwischen wollte die von Luckow so schroff angeredete Schar in der Ecke nicht zur Ruhe kommen. »Das sagt er aus reiner Bosheit,« rief eine wilde Person mit kurzgeschnittenem Haar, »er weiß, daß es mich giftet; außerdem ist es nicht wahr.« Man wollte wissen, was er denn gesagt habe. »Bitte, sehen Sie doch selbst,« rief die Wilde. »Er sagt, das sei eine brave Arbeit. Nein, ich mache keine braven Arbeiten. Meinetwegen soll er sagen, es sei schlecht. Tadel kann ich vertragen, aber brav, nein, brav ist meine Kunst nicht.« Man drängte sich um die Zeichnung, die eine Schlange mit zwei weiblichen Köpfen in dekorativer Stilisierung darstellte. »Immer führt er solche absprechende Redensarten im Mund,« sagte eine blasse, ältliche Person vom Gouvernantentypus; »als meine Schwester neulich fallen ließ, sie würde wohl das Malen aufgeben, um Tänzerin zu werden, sagte er in seiner untrüglichen Weisheit, er glaube, meine Schwester hätte dazu nicht die nötige Sinnlichkeit.« »Unverschämtheit,« rief die Wilde. »Ich bitte Sie, woher weiß er denn das so genau? Sie kennen doch meine Schwester; ich versichere Sie, sie ist äußerst sinnlich.« Amélies andere Nachbarin, eine junge Berlinerin, hielt sich auch von den übrigen fern. Fräulein Käthe Göhring machte Amélie Eindruck in der Art, wie einst Lea Knapp, nur daß sie ihr geistig noch turmhoch über jener zu stehen schien. Sie war die Tochter eines bekannten Berliner Universitätsprofessors und Geheimrats und hatte ein paar Semester Kunstgeschichte studiert; nun wollte sie ein wenig praktisch arbeiten. Sie besaß ein ungewöhnlich hübsches, zartes Gesicht, schlanke Formen und sehr sichere Bewegungen. Durch das viele Studium war ihre Gesichtsfarbe blaß geworden, und das ließ die zarten Lippen wie zwei Rosenblätter wirken. Aber diese Lippen vermochten sich zu sehr scharfem Spott zu kräuseln. Auch drückten sie leicht Ekelgefühle und Gereiztheit aus. Fräulein Göhring ging sehr vieles auf die Nerven, besonders Uneleganz und Ungepflegtheit. Sie selbst war sehr geschmackvoll gekleidet, damenhaft, dabei unauffällig. Oft war sie sehr matt. Dann legte sie ihr müdes, von kastanienbraunem Haar umflochtenes Köpfchen in die Hände und starrte ins Leere. Man nannte sie in der Schule »die entwurzelte Lotosblume«, und dieser Spottname beleidigte sie keineswegs. In München fehlte ihr vor allem der »Komfort«, dieses Wort sprach sie französisch aus. Sie erzählte einmal Frau Oesterot und Amélie mit sehr müder Stimme in sachlichem Ton und leiser Selbstironie, wie sie sich entwickelt hatte: »Ich war doch schon mit vierzehn Jahren so rasend intelligent, daß wir zu Hause gar nicht wußten, was wir mit mir anfangen sollten. Ich kam aufs Gymnasium und nahm den Weg aller Berliner jungen Mädchen vom Kurfürstendamm zum five o'clock bei Wölfflin. Ach so, Sie wissen nicht. Das ist das kunstgeschichtliche Fünfuhrkolleg. Gott, es klingt gefährlicher, als es ist. Es wird dunkel gemacht wegen des Skioptikons, und da sitzt man denn im Schummrigen, links ein blonder Siegfried und rechts ein tief brünetter Makkabäer.« Während Fräulein Göhring dies erzählte, hatte sich um die »Damenecke« – so nannte man den Platz, wo Thea, Amélie und Käthe saßen – ein kleiner Kreis gebildet. Nun folgte lautes Gelächter der Männer. Ein spitziges Frauenzimmer sagte: »Und in eine solche Situation haben Sie sich begeben, Fräulein Göhring, das wundert mich eigentlich. Sie sind doch sonst so korrekt.« »Denken Sie bloß,« erwiderte Käthe schlagfertig, »jeden Montag und Donnerstag habe ich mich hineinbegeben. Aber es war wirklich ein ungefährliches Herrenpublikum: die einen neunzehnjährige frisch gewaschene Aestheten, und die anderen mit Kragen von einem Zentimeter Höhe. Na, die waren zum Flirten zu schmutzig, und die Aestheten zu schwächlich.« Einige Herren griffen bei dieser Schilderung unwillkürlich nach ihren Kragen. Manche wandten sich achselzuckend weg. Noch niemals hatte Amelie ein junges Mädchen so sicher sprechen hören. Käthe war gewiß auch eine Persönlichkeit, und dabei verletzte sie dennoch nicht im geringsten den guten Geschmack. Im Gegenteil, wie sie sich kleidete, das war besonders bewundernswert. Durch ein Stückchen alte Spitze oder ein ausgefallenes Schmuckstück wußte sie ihre sonst einfachen, aber gut geschnittenen Kleider zu heben, ohne dadurch die Blicke herauszufordern. Und wie sie es verstand, den anderen zu antworten! Auch hatte sie ein leises, aber doch verwirrendes Parfüm, das ganz anders roch als Rose, Maiglöckchen oder Flieder. »Ich glaube, von Fräulein Göhring kann man etwas lernen,« sagte Amelie einmal zu Frau Oesterot, »sie ist eine sehr eigenartige Persönlichkeit.« Diese lächelte: »Sagen Sie ihr das einmal, das will sie nicht hören.« Am anderen Tag rief Frau Thea lachend Käthe zu: »Sehen Sie, Käthe, es hilft Ihnen nichts. Auch Fräulein Sanders hat bereits entdeckt, daß Sie eine eigenartige Persönlichkeit sind.« »Fatal,« erwiderte Käthe schmerzlich, »und ich bin doch so reaktionär. Nach meiner Meinung gehören die Frauen in den Harem.« »Wie das wohl wieder zu verstehen ist!« dachte Amelie verwirrt. 18 Am nächsten Sonntag klingelte Amelie um halb fünf Uhr bei Frau Oesterot. Sie war zum jour fixe eingeladen, sollte aber schon früher kommen, damit ihr erspart bliebe, unbekannt in eine fremde Gesellschaft zu treten. Oesterots bewohnten ein helles, geräumiges Stockwerk in einer breiten Straße, wo die Kastanienbäume bereits ihr dichtes Frühlingslaub entfalteten. Frau Thea empfing Amelie. Während sie außer dem Hause unauffällig im Rahmen der Mode gekleidet war, gab sie sich daheim ganz den Eingebungen ihres Geschmackes und ihrer Launen hin. In einem stahlblauen Gewand von körniger Seide, das ihre runden Glieder zwanglos umfloß, sah man erst, wie schön Thea war. Wie alle wohlgeratenen Frauen wurde sie durch nichts mehr gehoben, als durch die Luft des eigenen Heims, das ihr die Sicherheit gab, lebhaft und fröhlich zu sein. Draußen war sie immer etwas gehalten und verschlossen. Dr. Oesterot trat ein, ein ungewöhnlich großer Mann mit vollem Körper und langem, gepflegtem, schwarzem Bart. Ueber seinen braunen, sinnenden Augen erhob sich eine sehr weiße und hohe Stirn, oberhalb deren sich das Haupthaar schon ein wenig lichtete. Seine Lippen waren schwer und üppig, aber wohlgeformt, wie auf den Köpfen antiker Götter mit orientalischem Einschlag, etwa des Serapis. Amélie hatte bisher die übliche Abneigung der heutigen Mädchen gegen sogenannte schöne Männer gehabt, aber hier empfand sie zum erstenmal eine Vereinigung männlicher Schönheit mit dem Ausdruck hoher Ueberlegenheit. Die Verwirrung, in welche diese beiden lichten, sicheren Menschen sie versetzten, war süß und traumhaft. Ringsum standen seltene Gegenstände, eine vergoldete indische Buddhafigur, ein Marmortorso, schön gebundene Bücher in Gestellen aus weißem Holz, bequeme, mit buntem Leder bezogene Sessel. Amélie hörte kaum, was gesprochen wurde, und dennoch wußte sie Antwort auf alles. Sie glaubte zu schweben. Ohne Anstrengung, ohne Nachdenken glitt das Leben weiter in einer ihr bisher unbekannten, geistigen Art. Doktor Oesterot nannte sich einen halben Landsmann von ihr; er war Rheinländer. Er sprach ein wenig von der Universität, wo er einige Vorlesungen hielt über die Grenzgebiete der Kunst und Psychologie. Sonst wurden die üblichen Fragen und Antworten getauscht über das Leben in München und in anderen deutschen Städten. Hier lebe man gewissermaßen wie in einer Fremdenkolonie, fern von Familienrücksichten, jeder nach seinem Geschmack und nach seinen Möglichkeiten. Aus der Art, wie das Ehepaar zu ihr sprach, fühlte Amélie etwas wie eine Ermutigung zum Leben, obwohl sie weder neue, noch besonders tiefe Ansichten miteinander tauschten. Sie fühlte sich anerkannt, gebilligt in ihrem Wesen, ohne daß man ihr geradezu Lobsprüche sagte. Alle Hemmnisse des kleinlichen Alltagslebens waren vergessen. In dieser Luft mußten sich ja Geist und Seele zur höchsten Blüte entfalten. Sie saß da in ihrem schwarzen Kreppkleid, das sie etwas bleich erscheinen ließ und das goldene Haar besonders stark zur Wirkung brachte, und sog den Reiz der Umgebung ein. Während ihr Frau Thea eine Tasse Tee reichte, öffnete sich eine Tür, und es trat ein Mensch herein, dessen Anblick Amélie fast erschreckte: auf einem etwas untersetzten Körper ein ungewöhnlich mächtiger Kopf mit so starken Zügen, wie sie Amelie bisher nur auf Kupferstichen der Vergangenheit gesehen hatte, die berühmte Männer darstellten. Die dunkle Haut war straff über die etwas vorstehenden Backenknochen gezogen, so daß man an Erzbüsten der Renaissance denken mußte. Ein dünner, fast greisenhafter Mund stand im Gegensatz zu den noch jugendlichen Augen und dem starken, braunen, nach rückwärts gestrichenen Haar. Der Eintretende machte eine kurze Verbeugung vor den beiden Damen, sprach einige Worte mit Dr. Oesterot, den er mit dem Vornamen »Philipp«, doch »Sie« anredete, und verschwand dann mit ihm im Nebenzimmer. Frau Oesterot erklärte Amelie, das sei Friedrich Wartegg gewesen, ein einsam im Gebirge lebender Dichter, der nur noch selten in die Städte komme und sich dann im engen Kreise auserwählter Freunde bewege. Amélie kannte seinen Namen wohl; er besaß eine besondere Art von Berühmtheit. Jeder wußte den Namen dieses Mannes, der seiner Zeit aus dem Weg zu gehen verstand, und dessen Werke sich doch an die reifsten Geister der Zeit wendeten. Die meisten Menschen hatten nichts von ihm gelesen, taten ihn ab mit den Worten, er sei »zu hoch« für sie, aber sprachen von ihm mit verwunderter Hochachtung, wie von einem unwirklichen Wesen. Gerade ihn kennenzulernen, wäre Amélie bisher am unwahrscheinlichsten erschienen, dann noch eher Gerhart Hauptmann oder Sudermann, so romantisch entrückt auch diese beiden Persönlichkeiten für sie waren. Frau Oesterot sprach von einem sommerlichen Gartenfest, das sie nächstens zu Ehren des Dichters geben wollten. Es sollte gewissermaßen einem Jugendtraum von ihm für einige Stunden eine flüchtige Wirklichkeit verleihen. Sein vor zwanzig Jahren nur für die Freunde erschienener Gedichtband »Symposion« würde die Anregung geben. Dort war von antiken römischen Gärten die Rede, von schwarzem Laub, unter dem schlanke Epheben mit schleierverhüllten Mädchen auf dem Rasen tanzten, von klaren Wasserbecken, in die sich die von Wein Trunkenen stürzten, von Gastmählern im gemeinsamen Genuß entzückter Männer und Frauen. Es sei sehr schwer, meinte Frau Thea, die Gäste zu einem solchen Fest zu finden, da man sich ebenso fern halten wolle von der platten Lustigkeit der Künstlergelage, wie von der philisterhaften Wohlanständigkeit der bürgerlichen Gesellschaft. Amélie hörte nur zu. Jedes Wort zog sie tiefer in eine seltsame Welt von Wundern hinein. Die ersten Gäste des Jours traten ein und riefen Amélie wieder auf den Boden der Wirklichkeit zurück. Sie hielt sich in der Nähe der sie freundlich bemutternden Hausfrau, die ihr die meisten der Ankommenden erläuterte. Ein rothaariges Wesen von starrer, bleicher Schönheit stürzte sich auf Thea. Amélie konnte seine Sprache kaum verstehen: ein Gemisch seltsam übertriebener Ausdrücke und grammatischer Fehler in einem bald abstoßenden, bald reizvollen, fremdländischen Tonfall. »Oh, wie soll ich Ihnen danken, liebe Frau,« rief sie, »meine trunkene vor Glick Selle hat Ihnen gestern den ganzen Tag zugejauchzt. Oh, liebe Frau, Sie missen das gefiehlt haben, aber zum Briefschreiben hatte ich nicht Kraft.« Amélie erkannte zu ihrem Erstaunen, daß dieses Mädchen ein Kleid trug, in dem sie Thea noch in der vorigen Woche in der Malschule gesehen hatte. Thea erklärte Amélie, das Fräulein sei eine junge russische Studentin, die »von nichts« lebe und es auf. rätselhafte Weise fertig bringe, Hochschulen zu besuchen und sich zu bilden. In ihr sei die Seele einer Dichterin, die sich eines Tages befreien müsse. Vorläufig suche sie noch ziellos umher, bald in der Religion, bald im Anarchismus, bald im werktätigen Handeln. »Ob, nichts, nichts, ich sage Ihnen gar nichts,« hörte man Katja in einer Gruppe ausrufen, »ganze Dörfer haben von nichts gelebt, nur die Trunkenheit ihrer Sellen hat die Leute aufrechterhalten.« Sie sprach über die russische Revolution von 1906. Mehrere bartlose junge Menschen mit teils ungewöhnlich hübschen Gesichtern und in sorgsamer Kleidung standen umher. Einer überreichte Frau Thea ein schlankes, in Pergament gebundenes Buch, seine eben erschienenen Gedichte: »Die Gärten von Rhodos«. Ganz im Gegensatz zu dieser ästhetischen Welt stand ein kleiner, etwas verwachsener Mensch mit grünlichem, lederartigem Gesicht und kalmückisch herabhängenden Schnurrbartenden, in altmodischem Stil gekleidet: Gehrock, Umlegkragen und feste schwarze Seidenhalsbinde; er begrüßte Frau Thea in jener etwas banalen Liebenswürdigkeit der kaum vergangenen Zeit. »Wie steht das werte Befinden, schöne Hausfrau?« sagte er und überreichte ihr ein paar Blumen. Frau Thea erklärte Amélie lächelnd, dies sei Woldemar Susemil, ein Musiker, einer der komischsten Leute, die es gäbe, dem es oft genug schlecht gegangen sei, den aber sein Witz immer wieder gerettet habe. Im Sommer lebe er in großen Schweizer Gasthöfen, er verstünde es, sich durch seine geselligen Talente, seine Musik – eine Besonderheit von ihm war der sogenannte musikalische Ulk – so beliebt zu machen, daß ihn die Wirte schließlich ohne Bezahlung dabehielten und ihn als Attraktion benutzten. Nachmittags schickte der Musiker die Gäste meist auf von ihm zusammengestellte Ausflüge in die Berge, und so fand er Zeit, seine seltsamen Lieder zu komponieren und seine Schnurren zu schreiben. Er sei eine E. T. A. Hoffmann-Natur und heute zum erstenmal auf einem Oesterotschen Jour. Woldemar Susemil war es in diesem Augenblick gelungen, die Unterhaltung an sich zu reißen, und er erzählte mit einer etwas gewöhnlichen Witzigkeit, auf Kosten der eigenen Würde, aus seinem Leben: »Wissen Sie, wie Sie mir hier alle miteinander vorkommen? Wie Kinder. Das ist ja hier das reine Paradies: lauter feine, ästhetische Menschen, denen es allen viel zu gut geht, als daß sie niederträchtig werden könnten.« »Oh, sagen Sie das nicht,« rief plötzlich Katja; ihre fieberhaften Augen flammten, und die bläulichen Lippen zuckten in dem bleichen Gesicht. Susemil drehte sich um und rief erstaunt und onkelhaft: »Himmel, da ist ja auch die Wasserleiche! Wie kommst du denn hierher, Katja?« Alle erstarrten bei dieser Begrüßung. »Wasserleiche? Wasserleiche?« flüsterte man erstaunt. Der Musiker, der nie die Galanterie vergaß, erklärte sofort: »Diese junge Dame ist das interessanteste Weib unserer Zeit.« »Was war denn das mit der Wasserleiche?« fragte jemand. »Das ist ein Kosewort,« rief Woldemar Susemil, »womit wir sie im Caféhaus benennen. Nicht wahr, Katja, das nimmst du uns doch nicht übel?« »Aber wo denkst du hin, Woldemar, wir sind doch freie Menschen.« »Sehen Sie,« fuhr der Musiker fort, »Katja und ich, wir haben den Hunger und die Not gekannt. Ich bin ein Kind kleiner Leute von der polnischen Grenze.« »Sind Sie eigentlich Jude?« unterbrach eine schnarrende, etwas anmaßende Herrenstimme. »Jude?« erwiderte Susemil mit Gelassenheit, »viel schlimmer, ich bin Tartar.« Und dann erzählte er weiter, wie er als Kind gebettelt habe, bis sein musikalisches Talent entdeckt worden sei, wie er zwischen vierzehn und siebzehn Jahren, wo andere Leute sich Ideale anschaffen, mit ein paar fahrenden Musikanten in russischen Freudenhäusern die Nächte durch musiziert habe. »Langsam habe ich mich emporgearbeitet, Stunden gegeben, mir durch Kompositionen einen Namen gemacht, und heute sitze ich am selben Tisch mit Richard Strauß und Eugen d'Albert. Sehen Sie,« rief er aufstehend, mit seiner knochigen Hand an die etwas höckerige Brust schlagend, »was ich als Künstler wert bin, das weiß ich selber nicht, aber eins weiß ich: wenn ich heute als Leiche gelandet würde, stünde in den Zeitungen: ein den besseren Ständen angehöriges Individuum ist ertrunken aufgefunden worden. Das ist mir nicht an der Wiege gesungen worden.« Es trat eine Stille ein, teils des Entsetzens, teils der Demütigung durch einen Menschen, der das Leben so bitter geschmeckt hatte. Woldemar Susemils Lippen kräuselten sich zu einem befriedigten Lächeln. Er verbeugte sich mit derselben Förmlichkeit wie vorhin und sagte: »Unsere schöne Wirtin muß mich beurlauben; die Destiny ist auf der Durchreise hier und erwartet mich im Bayrischen Hof.« Es wollte nach dem Aufbruch des Musikers kein rechtes Gespräch in Gang kommen. Plötzlich hörte man aus einer Ecke, wo sich eine Gruppe gebildet hatte, ein halb unterdrücktes, tierisches Brüllen. Ein Sänger erklärte, wie ihm die Wagner-Schule die Stimme verdorben habe; Woldemar Susemil lehre ihn, wie man sie wiedergewinnen könne. Man müsse nämlich tun, als habe man überhaupt nie eine Stimme, ja keine artikulierte Sprache gehabt. Man fängt mit tierischen Naturlauten an, mäßigt und verfeinert sie durch langsames Ueben so lange, bis die gesunde Tonbildung des Gesanges entsteht. In einer anderen Ecke sprach man heftig über die Frauenfrage. Die Baronin Wernitz, eine beherzte, ergrauende Dame mit etwas lebhaften Farben in dem lustigen Gesicht – eine geschickte Bildnismalerin, wie Frau Thea Amélie erklärte –, sagte unumwunden, am besten seien die Mädchen des kleinen Bürgerstandes dran. Sie gingen einfach in ein Geschäft, machten sich dadurch vom Hause unabhängig und fänden dann schnell einen Schatz, der ihnen für das Vergnügen sorgt. »Aber wenn er sie sitzen läßt?« fragte Frau Thea. »Na, dann finden sie eben einen anderen,« antwortete die Sprecherin vergnügt, »darum ist mir nicht bange.« Die Baronin hatte immer eine natürliche Antwort bereit und das fiel unter diesen gewundenen oder verbogenen Geistern als Originalität sondergleichen auf, so daß sie zu ihrer eigenen Verwunderung in den Ruf kam, geistreich zu sein. »Ach, ich finde das doch schrecklich,« sagte ein mageres, zartes Fräulein von etwa dreißig Jahren mit strengem Gesichtsausdruck, »es ist zu schade, daß diese Mädchen in den Geschäften nicht die nötige Kultur besitzen, um ihre Triebe umzusetzen.« »Umzusetzen?« wiederholte die Baronin laut lachend, »etwa in Kunstgewerbe oder Buchschmuck? Das haben diese gesunden Mädels, Gott sei Dank, nicht nötig.« Frau Thea erklärte Amélie, die dünne junge Dame sei noch vor kurzem strenggläubige Christin gewesen, aber jetzt ausgesprochene Gottesleugnerin. »Wissen Sie, wie sie dazu geworden ist?« sagte die lustige Baronin, die eben zu Frau Thea herangetreten war. »Als sie erfuhr, woher die kleinen Kinder kommen –, und das ist noch gar nicht lange her –, wollte sie es nicht glauben in ihrer Frömmigkeit. So etwas, dachte sie, würde ›mein Herr Jesus‹ nie zulassen. Nachdem sie sich aber dann der Wahrheit nicht länger verschließen konnte, und sah, wie unanständig die Welt eingerichtet ist, da ist sie aus Ekel Atheistin geworden.« »Sie sind boshaft, Baronin,« lenkte Thea ein, »ich finde, sie ist ein rührendes Geschöpf in ihrem Streben. So hat sie z. B. immer sagen hören, die Frauen hätten keine Logik. Um dem abzuhelfen, hat sie sich nun die ›Logik‹› von Lipps gekauft.« »Und hat ihr das geholfen?« fragte die Baronin lachend. In diesem Augenblick hörte man das strebsame Geschöpf zu einem schwarzlockigen Knaben sagen: »Also Sie geben zu, daß die Frauen Menschen sind?« Er gab es zu. »Nun, dann müssen Sie auch die Schlußfolgerung dieses Vordersatzes zugeben, daß die ihnen einseitig auferlegte Mutterschaft eine schreiende Ungerechtigkeit ist.« »Juvenal hat gesagt,« warf Dr. Oesterot lächelnd ein, »daß er lieber in einer Schlacht stehen, als ein Kind gebären wolle.« »Sehen Sie,« rief das Fräulein entzückt, »habe ich nicht recht? Ist es nicht logisch, was ich sage?« Während die Gäste kamen und gingen, führte Dr. Oesterot bisweilen einzelne ins Nebenzimmer zu seinem Freunde Wartegg, der sich nicht gern unter vielen Menschen bewegte. Das Gespräch über die Frauenfrage nahm seinen Fortgang. Als Oesterot nach einiger Zeit wieder hereintrat, forderte man ihn auf, seine Ansicht zu sagen. »Frauenfrage,« meinte er lächelnd, »warum will man denn aus den Frauen durchaus eine Frage machen?« »Nein, Sie dürfen uns nicht ausweichen,« rief eine Frau aus dem neuneckigen Halsausschnitt ihres Reformkleides heraus, »Sie sollen einmal Farbe bekennen.« Oesterot lächelte, nahm ein altes Buch von dem Gestell und sagte: »Ich will Ihnen lieber etwas aus dem Westöstlichen Diwan vorlesen.« Er las Mahomeds Schilderung des Huriparadieses: »Und nun bringt ein süßer Wind von Osten Hergeführt die Himmelsmädchenschar; Mit den Augen fängst du an zu kosten, Schon der Anblick sättigt ganz und gar. Führen zu Kiosken dich und Lauben. Säulenreich von buntem Lichtgestein, Und zum edlen Saft verklärter Trauben Laden sie mit Nippen freundlich ein. Eine führt dich zu der anderen Schmause, Den sich jeder äußerst ausersinnt, Viele Frauen hast und Ruh' im Hause, Wert, daß man darob das Paradies gewinnt.« Oesterot las mit tiefer, entzückter Stimme. Manchmal strich er sich durch den weichen blauschwarzen Bart. Bei der letzten Strophe hatte er unbefangen den Arm um die Schultern Amélies gelegt, die neben ihm stand. Alle übrigen saßen lauschend zu seinen Füßen; Frau Thea sah mit ruhigen, sinnenden Blicken zu ihm auf. Er hatte das törichte, zwecklose Reden von den Dingen wie durch Bezauberung überflüssig gemacht. Alle standen unter seinem Bann, obwohl kaum eine der anwesenden Frauen überzeugt worden wäre, wenn er das, was er jetzt durch die Stimmung äußerte, in logischen Sätzen und kategorischen Forderungen ausgesprochen hätte. Niemand wagte mehr, ein neues Gesprächsthema zu beginnen. Man redete noch ein wenig halblaut miteinander, dann brach man in einer angenehmen, versöhnlichen Stimmung auf. Amélie kehrte heim in einem Gefühl, als sei sie im Paradies gewandelt. 19 In die folgende Woche fiel ein katholischer Feiertag, an dem kein Unterricht stattfand. Amélie wollte den Vormittag benutzen, um endlich einmal Briefe zu schreiben. Sie saß in einem hellen Morgenkleid beim offenen Fenster in ihrem nüchternen Pensionszimmer, das in modernem Stil gehalten war: eine ziegelrote Tapete, eckige unbequeme Holzmöbel drückten die Enthaltsamkeit von allem liebenswürdig Behaglichen aus. Das hatte wohl auch die jetzige Besitzerin herausgefühlt und, um die Leere auszufüllen, einigen Zierrat aus ihrer früheren Zeit in dem Raume angebracht: einen »Gobelin« mit einem verrenkten Hund, eine Stickerei mit dem Gruß »Guten Morgen« über dem Bett, sowie eine falsche Palme. Ein sanfter Frühlingswind, der draußen auf dem Platze die Baumkronen bewegte, drang zu Amélie, während sie schrieb. Es klingelte. Man klopfte an ihre Tür. Dr. Oesterot trat ein. Amelie traute ihren Augen nicht. »Ich störe doch nicht?« fragte er fast ein bißchen verlegen. »Nein, gar nicht,« antwortete sie etwas ängstlich und bot ihm Platz auf dem Sofa an. Sein großer, voller Körper schien in dem engen Raum wie gefangen. Er stieß an die Palme, die wackelte, und ließ sich dann auf dem Sofa nieder. »Nun,« fragte er, »haben Sie sich am Sonntag mit unserem Kreis etwas angefreundet?« »O ja, es war sehr hübsch.« »Wir würden uns freuen, wenn Sie recht oft kommen wollten, jeden Sonntag, wenn Sie nichts anderes vorhaben. Es ist so schwer, die rechten Leute zusammenzubringen und so eine Dichtheit von Menschen um sich zu bilden, die sich aus einem gemeinsamen Lebensgefühl heraus ohne Programm als Gruppe fühlen. Ich muß Ihnen im übrigen sagen, Sie sind wundervoll gewesen, Amélie, ganz wundervoll. (Er nannte Menschen, die er schätzte, gleich beim Vornamen.) Sie kommen herein und gliedern sich so selbstverständlich in einen Kreis ein, ohne viel zu sprechen, bloß durch Ihr entzückendes Dasein. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie Sie auf alle gewirkt haben. Thea spricht in einem fort von Ihnen; wir würden uns sehr freuen, wenn wir auch Ihnen etwas sein könnten.« Seine Lebhaftigkeit erlaubte ihm nicht lange zu sitzen. Er sprang auf, wieder wackelte die Palme und ein skelettartiger Stuhl fiel um. »Ach, liebe Amelie,« sagte er halb verzweifelt und mit fast kindlichem Ausdruck in den großen Augen, »ich muß beim Sprechen etwas herumgehen, darf ich dieses Stück Orient hier vor die Tür stellen. Sie wissen, wie ich das Morgenland ehre, aber ...« »Aber bitte,« sagte Amelie höflich. »Also ich darf ...?« Schon hatte er die Palme ergriffen, die aus dem Topf fiel, wobei eine grünliche, den Hals reizende Staubwolke aufstieg. Er schob das Fabrikat vor die Tür, wo es von neuem stürzte. Oesterot rief einem vorbeikommenden Zimmermädchen zu: »Bitte Fräulein, wollen Sie diese Oase etwas aufräumen.« »Sofort,« erwiderte das Mädchen. Oesterot kam zurück, rückte den Tisch dicht an das Sofa und nun hatte er mitten im Zimmer eine kleine Bahn, wo er beim Sprechen auf und ab rennen konnte. Amélie hatte alledem kaum Beachtung geschenkt. Sie wußte sich vor Staunen über das, was er vorher gesagt hatte, noch nicht zu fassen. Sie war am Sonntag ängstlich gewesen, hatte kaum zu sprechen gewagt, fürchtete sich sogar ein wenig, einen beschränkten, provinzmäßigen Eindruck gemacht zu haben, und nun hatte sie gar auf dem Jour wie etwas ganz Besonderes gewirkt. »Nein, Ihre Augen!« rief Oesterot plötzlich, »das ist ja fabelhaft! Sie sind der einzige Mensch, der wirklich der Francesca von Rimini ähnlich sieht. Sie sollten sich in Frührenaissancestil anziehen. Sie kennen doch das kleine Medaillon der Francesca?« »Nein, ich kenne es nicht,« flüsterte sie bescheiden. »Dann werde ich's Ihnen schenken.« Sie war wieder ganz die kleine Mely von einst, und alle die gesellschaftliche Technik, die sie sich zu Hause angeeignet hatte, vor allem die Kunst, niemals unwissend zu erscheinen, hatte sie seit dem vorigen Sonntag ganz verlassen. Oesterot schaute sie lange an, was sie in Verlegenheit brachte. Dann sprang er auf und rief erregt, als könne er gar keine Ausdrücke finden: »Nein, Sie sind wirklich ... es ist unglaublich ...!« Er griff ihre beiden Hände, zog sie fast gewaltsam ans Fenster, schaute ihr lange ins Gesicht und wurde plötzlich ganz ernst. Dann sank er auf einmal auf die Knie, küßte ihre Hände und flüsterte wie überwältigt: »Sie sind ja wunder – wunderschön!« Dann sprang er auf, nahm seinen Hut, und eilte hinaus. Auf der Schwelle stürzte er fast über das Mädchen, das die Palme wieder hereinbrachte. Ihr Stamm war nun mit einem lila Seidenband kunstvoll an den Topf geknüpft. Amélie konnte sich gar nicht zurechtfinden. Sie trat vor den hohen Wandspiegel; sie musterte ihr Gesicht und gefiel sich allerdings selbst sehr gut. Wie sah wohl die Frau aus, der sie ähnlich sein sollte? Sie erinnerte sich wohl, den Namen in ihrem kunstgeschichtlichen Unterricht gehört zu haben. In diesem Augenblick stürzte Oesterot wieder herein, außer Atem vom schnellen Treppensteigen, und etwas zerfahren sagte er: »Ich habe ja die Hauptsache ganz vergessen. Ich sollte Sie von der Thea grüßen, Sie möchten uns doch heute nachmittag um vier Uhr abholen. Wir wollen zum Kaffee zu Freunden gehen, die Sie kennenlernen möchten.« Dann sagte er plötzlich, kindlich wie ein Bub: »Darf ich mich noch ein bißchen zu Ihnen setzen?« Da fiel sein Blick wieder auf die Palme, deren Krone leis im Winde wiegte. »Wissen Sie was?« sagte er, »gießen Sie sie recht fleißig, künstliche Palmen gehen davon ein.« Amélie mußte laut lachen. Er wollte sich auf die Tischkante setzen, aber das vergeistigte Möbel krachte unter der Last des schweren Körpers, als sei es dem Untergang nahe. So ging denn Oesterot auf der kleinen Fläche, die ihm blieb, hin und her. Amelie erzählte ihm von ihrem Bruder Hermann, der auch malte, den sie aber zu ihrer Enttäuschung nur selten sah. Er ging ganz seine eigenen Wege. »Einen Bruder haben Sie auch? Bringen Sie ihn doch mit zu uns.« Dann sprach er von Thea, was sie für eine ausgezeichnete Frau sei. Amélie möchte sie doch bald einmal an einem Wochentag besuchen, um auch ihre Kinder zu sehen. »Ist es nicht wundervoll von Thea,« rief Oesterot plötzlich, daß sie neben dem vielen, was sie zu Hause verwirklicht, auch noch malt?« Als er aufbrach, fragte er sie: »Zu unserem Sommerfest kommen Sie doch natürlich? Ueber Kostüme und die anderen Einzelheiten sprechen Sie noch mit Thea.« »Ach das ist furchtbar liebenswürdig von Ihnen,« sagte Amélie verwirrt, »aber das wird wohl nicht gehen, ich habe doch Trauer.« Oesterot machte ein sehr ernstes Gesicht, und sann einige Augenblicke, dann nahm er Amélies Hand und sagte eindringlich: »Glauben Sie mir, Amelie ... Sie können trotzdem kommen. Sie wissen nicht, worum es sich handelt. Es ist keine gewöhnliche Tanzerei, kein Amüsement, kein Faschingsscherz – sondern wirklich ein Fest, d. h. eine Verdichtung des Daseins, ein Aufgluten des Lebens. Es wird wie ein Kult werden, wie ein Gottesdienst, freilich ein dionysischer; Sie müssen verlernen, das Leben christianisch zu sehen. Wir sind hier Heiden, d. h. nicht religionslose Gottesleugner, das wäre etwas rein Verneinendes; Heidentum aber ist ein bejahender Glaube an die göttlichen Substanzen. Ich kann Ihnen das jetzt nicht in drei Worten erklären, aber wenn Sie unserem Kreise angehören und unsere Feste mit uns feiern werden, dann wird Ihnen dies alles im Schauen klar.« »Ja, ich würde ja schrecklich gerne kommen,« sagte Amélie aufrichtig und ganz hilflos, »aber meine Mutter ist doch noch keine vier Monate tot.« »Sie können kommen, Amélie,« sagte er sehr ernst, und seine Augen starrten sie wie aus rätselhafter Tiefe an. »Sie können. Ob Sie sonst die üblichen Gesellschaften, Tanzereien und Theater besuchen, das ist eine ganz persönliche Angelegenheit, die jeder ordnet, wie er will. Ich selbst ehre es, wenn man den alten Bräuchen treu bleibt. Aber dieses Fest ist etwas anderes, Sie dürfen das nicht verwechseln. Es ist keine Lustbarkeit, sondern eine Feier. Fühlen Sie den Unterschied?« Nach diesen Worten ging Dr. Oesterot. Amélie saß über eine Stunde lang wie im Traum auf dem Sofa und überließ sich ihrem Entzücken über das neue Leben, das sie plötzlich um sich fühlte. Es zwang sie so überzeugend in seinen Bann, wie ein bezauberndes Märchen, dem man nicht seine Unwahrscheinlichkeiten nachrechnet, und darum schien es ihr auch erlaubt, dieses Fest zu besuchen. Sie setzte sich vor den Spiegel, löste träumend ihr langes, blondes Haar, und unternahm damit mehrere Veranstaltungen. Sie entblößte ihre Schultern und versuchte verschiedenartige Blicke. Dann nahm sie einige Photographien nach alten Italienern hervor, verglich die Frauengestalten mit sich selbst und ahmte ihre Haltung nach. Dieses Spiel trieb sie in süßer Verträumtheit, bis sie zu Tisch gerufen wurde. 20 Um vier Uhr trat Amélie mit Herrn und Frau Dr. Oesterot bei der Familie Schüler ein. Amélie war erstaunt, eine altmodische, kleinbürgerliche Wohnung zu sehen, die sie ein wenig an die Mansarde erinnerte, wo in ihrer Vaterstadt Elisabeth Schlosser mit ihrer Mutter gewohnt hatte. Es war ein gemütlicher Kaffeetisch gedeckt, mit dem beblümten und vergoldeten »Sonntag-nachmittags-nicht-ausgeh-Geschirr« der Familie, wie Oesterot lachend erklärte. Ein großer, selbstgebackener »Guglhupf« stand in der Mitte. Frau Schüler trat ein, eine schwerfällige, etwas spießbürgerlich aussehende Matrone mit freundlich lachendem und gerötetem Gesicht unter ergrauendem Haar. Sie hatte etwas gewinnend Kindliches, was in Anbetracht ihres Alters bisweilen allzu treuherzig und etwas komisch wirkte. Mit Oesterots begrüßte sie sich sehr vertraulich und war hoch erfreut, ja fast ein wenig geehrt, als ihr Amélie vorgestellt wurde. »Der Ludwig und die Lina komme' gleich,« sagte sie in breiter hessischer Mundart, indem sie zum Niedersitzen nötigte. Ein etwas derber Mensch mit starkem braunen Schnurrbart und roten Händen kam herein und wurde als Herr Ludwig Stehr vorgestellt. Dr. Oesterot und Frau Schüler duzten sich mit ihm. Dann kam Fräulein Lina Schüler, die Tochter des Hauses. Sie war ein großes, sich linkisch bewegendes Mädchen, mit langem, etwas vorgebeugtem Hals, etwas unordentlich gekleidet und mit einer zerfahrenen Frisur; aber ein verträumtes Gesicht mit suchenden Augen und sehnsüchtigen Lippen machte sie vorübergehend ganz reizvoll. Amélie kam sich etwas fremd und beengt vor mitten in der Vertraulichkeit, die zwischen den beiden Familien herrschte. Nachdem man mehrfach höflich an sie das Wort gerichtet hatte, verfiel man immer wieder in Gespräche von Menschen und Angelegenheiten, die sie nicht kannte. Sie war eigentlich etwas enttäuscht; die Leute schienen ihr ja ganz nett, aber sie begriff nicht, was Oesterots an ihnen Besonderes fanden. Sie kamen ihr sogar ein bißchen »gewöhnlich« vor. Nach dem Kaffee forderte Frau Schüler ihre Tochter auf, Amélie ihr Zimmer zu zeigen. »Die junge' Mädcher hawe sich gewiß allerlei zu erzehle',« sagte sie. Lina wollte erst den Tisch abräumen. Frau Oesterot sprach solange mit Amélie in einer Fensternische. »Lina Schüler«, sagte sie zu ihr, »ist ein ganz seltsames Geschöpf, vor dem man große Hochachtung haben muß. Sie geht scheinbar ganz in der Pflege des Hauses und der Familie auf, und dabei findet sie Zeit, Plato zu lesen und sich mit Mystik zu beschäftigen. Aber auch darin ist sie nicht einseitig; sie hat gleichzeitig Sinn für alles Wirkliche und gehört zu den ganz freigewordenen Naturen.« Auf Amélie machten diese Worte einen tiefen Eindruck. Sie war gewillt, alle diese großen Eigenschaften nun in Lina zu entdecken. Als sie mit ihr allein in ihrem einfachen Mädchenstübchen saß, wo sich außer den notwendigen Möbeln eine Nähmaschine unter einem großen Büchergestell befand, kam erst kein rechter Zug in das Gespräch. Amélie griff etwas verlegen nach einem zerlesenen Buch. Es war Platos Dialog »Phädon«. Ale sie die Namen der redenden Personen las, sagte sie verwundert: »Ach, hat der Plato auch Theaterstücke geschrieben?« Nun nahm Lina einen mütterlich belehrenden Ton an, der Amélie Vertrauen erweckte, und erklärte ihr ihren Irrtum. Dann erzählte sie: »Wir sind gute alte Freunde von Oesterots. Die Mutter und der Philipp sind sehr intim zusammen, sie haben vieles miteinander erlebt. Es sind herrliche Menschen, die Oesterots; Sie gehen gewiß auch gern zu ihnen?« »Oh,« erwiderte Amélie, »ich bin ganz glücklich, diesen Verkehr gefunden zu haben.« Nachdem Lina sich nach Amélies Plänen in München erkundigt hatte, fragte diese, um Teilnahme zu zeigen, ob Lina auch einen besonderen Beruf habe? »Ach, im Augenblick nicht,« sagte sie, während sie gleichzeitig ein wenig im Zimmer aufräumte; »ich interessiere mich hauptsächlich für Pädagogik, aber momentan führe ich bloß hier den Haushalt. Es ist mir so wichtig, fortgesetzt mit so bedeutenden Menschen zusammen sein zu dürfen, wie die Mutter und der Ludwig, daß ich meine Berufsausbildung ein wenig aufschieben will, außerdem beschäftige ich mich viel mit Mystik.« »Mit Mystik?« fragte Amelie, »davon habe ich gar keine Ahnung.« Lina lächelte mit gütiger Ueberlegenheit. »Das ist kein Mangel; wenn Sie dazu berufen sind, wird der Weg eines Tages klar vor Ihnen liegen. Gott!« fuhr sie plötzlich in einem ganz anderen Ton fort und Amélie von oben anblickend, »Sie haben es auch schließlich nicht nötig, sich über das Leben Gedanken zu machen. Wenn man in der glücklichen Lage ist ...« Lina Schüler stockte. Diese Bemerkung berührte Amélie peinlich. Es kam ihr fast wie eine Schande vor, daß sie genug zum Leben besaß. Hätte sie Lina zu Hause ohne jede Vorbereitung kennengelernt, so wäre sie ihr gewiß eher unsympathisch gewesen, schon wegen ihres ungepflegten Aeußeren. Ihre Worte über Mystik hätte sie als dumme Prahlerei aufgefaßt. Daß sie aber hier von Oesterots eingeführt war, veranlaßte sie, Lina gewissermaßen einen Freibrief zu geben für alle möglichen unbegreiflichen Eigenschaften. An Lina mußte ja etwas sein, und während Amélie manches an ihr gegen den Strich ging, machte sie sich selber Vorwürfe: man dürfe nicht so kleinlich sein, keine »Höhere-Töchter-Maßstäbe« an das große Leben anlegen. Dazu kam etwas wie Schuldbewußtsein: während sie sich bei Oesterots in ihrem Wesen erhöht und gestärkt fühlte, wurde sie Lina gegenüber ganz demütig und betrachtete sich selbst wie ein verwöhntes, verzärteltes Pflänzchen. Lina erzählte, sie lebten erst seit einem Jahr in München, bis dahin seien sie in ihrer sehr kleinstädtischen Heimat gewesen. Sie erwähnte hier und da ihren Vater. »Ihr Herr Vater ist wohl augenblicklich verreist?« fragte Amélie. »O nein,« erwiderte Lina lächelnd. »Die Mutter ist doch von ihm weggegangen, um mit dem Ludwig zu leben.« Sie erzählte das mit sichtlichem Stolz darauf, was sie für eine moderne Familie seien. »Die Mutter und der Ludwig haben nämlich schon seit zehn Jahren was zusammen; als der Ludwig noch Gymnasiast war, fing es an; natürlich zuerst ganz platonisch,« fügte sie, fast frivol lächelnd, hinzu. »Das war ein entsetzlicher Kampf, bis sie vom Vater loskamen, und denken Sie nur, jetzt, wo es so weit ist, wo sie am Ziel sind, da liebt der Ludwig auf einmal mich. Wie doch das Leben mit uns spielt!« Amélie war sprachlos. »Wollen wir wieder hinübergehen?« fragte Lina, die ihre Wirkung auf Amélie mit Genugtuung fühlte. Im Wohnzimmer war ein lebhaftes Gespräch in Gang. »Man kann nicht Weinlaub im Haar tragen und dazu christliche Gebete stammeln,« rief Oesterot Frau Schüler mit Pathos zu. »Aber warum denn nit?« sagt« diese mit behaglichem Schmunzeln, indem sie Ludwig Stehrs Hand ergriff und sich an ihn lehnte. »Das geht ganz gut, nit wahr, Ludwig?« »Freilich, freilich,« sagte dieser, mit der freien Hand in seinem ungeheuren Schnurrbart wühlend. »Von was ist denn die Rede?« rief Lina dazwischen. »Ach, der Philipp schimpft mich immer, weil ich die Erinnerung an die Konfirmationszeit nit falle lasse will und ganz gern e'mal in die Kirch' geh' un' mich an ere schöne Predigt erbau'.« »Weil es nicht zu dir paßt, Katrine,« sagte Oesterot aufgebracht. Es schien, daß sie Amélie zeigen wollt«, wie gut sie mit ihm stand. »Den Philipp haw' ich nemlich gekannt, als er noch Gymnasiast war uwd grad en moderner Mensch werde wollt'. Da hawe die Primaner zusamme' en Ibse'-Klub gegrind't, der hat bei uns sei' geheime Sitzunge' abgehalte'. Sie kenne sich denke, was da in der kleine' Stadt iwer uns geschwätzt werde is. Es dehte unsittliche, nächtliche Orgie' gefeiert werde, nit wahr, Ludwig?« Frau Schüler unterdrückte ein derbes Kichern. »Ach, es ist doch recht schö' gewäse.« »Freilich, freilich,« erwiderte Stehr und wühlte im Schnurrbart. »Der Ludwig un' der Philipp sin nemlich Schulkamerade,« erklärte Frau Schüler weiter. »Ja, damals trugst du noch Weinlaub im Haar,« erwiderte Oesterot. »Ach, das war schee',« sagte sie, »awer des Frommsei' war auch schee'. Nit war, Lina? Die Lina versteht mich.« »Ja, Mutter,« erwiderte Lina und sah mit verhimmelndem Blick zu der auf so breiter Grundlage genußfähigen Mutter auf. »Gott, wenn die Leut' daheim uns jetz' hier beisamme seh' dehte, daß ich jetzt mit dem Ludwig in Minche' bin – die Trümmer des Ibse'-Klubs!« »Und daß seine Königin wieder fromm werden will,« unterbrach Oesterot aufgebracht. »Du brauchst kei' Angst für mich zu hawe, Philipp. Was ich dem Ibse' verdank', des werd' ich nie vergesse. Mir hawe daheim ganz ahnungslos gesesse un' unser indifiduelles Läwe gefiehrt, nit wahr, Ludwig? Un' manchmal hawe mer uns doch auch rechte Gewissensbiss' gemacht, weil mer noch nit ganz frei war'n von de' Vorurteile' der \>anständige\< Leut', und da hat der Philipp eines Dags den Ibse' gebracht, und da hawe mer geseh', daß mer ganz von selwer modern geworde wäre' un' im Recht gäche' die Philistermoral. Nit wahr, Ludwig?« »Freilich, freilich,« erwiderte er, die Hand im Schnurrbart. »Manchmal hawe mer doch echt Ibse'sche Stimmunge' erläbt. Weißt de noch? Wenn der Sekt auf dem Disch gestande' hat, und die Lina hinner'm Vorhang aufbasse' mußt, ob der Vatter noch nit heimkommt, das war doch wie in der »Frau vom Meer«. Solche dief läwendige Augenblicke vergißt ma' nit.« »Wundervoll, wundervoll muß das gewesen sein,« rief Oesterot in fast kindlichem Entzücken aus. »Und daß es damals so etwas Glühendes in der langweiligen Kleinstadt gab, wer hätte das geahnt!« »Awer e' schee' Predigt is doch auch was Scheenes,« fuhr Frau Schüler fort. »Die Lina un' ich, mir wisse' des. Der Philipp will awer immer des Kind mit dem Bad ausschitte'. Geh mir doch weg mit dei'm Heidetum, das is ja nix. Des Gemiet is doch des Scheenste, nit wahr, Ludwig?« »Freilich, freilich,« erwiderte er, stets in derselben Stellung. »Die Lina versteht mich, nit?« Sie ergriff die Hände Ludwigs und ihrer Tochter und weidete sich daran, daß die anderen sahen, wie glücklich und verehrt sie war. »Na, Philipp, geb mer auch die Hand,« sagte sie, »mir wolle doch die alte' Zeite' nit ganz vergesse', und dir zulieb trag ich auch noch als e'mal e' bische Woi'laub im Haar. Du bist doch immer der gute, anhängliche Freund.« Amélie hörte dem allen mit halbem Verständnis zu. Diese Frau war doch eigentlich schon ziemlich alt, und dabei sah sie genau so aus, wie Amélie sich die von Frau Schüler so verhöhnten Spießbürgersleute in der Kleinstadt vorstellte. Oesterots brachen auf. Als sie mit Amélie allein waren, sagte Frau Thea: »Ich muß Sie um einen kleinen Gefallen bitten: erzählen Sie bei Schülers nichts von unserem antiken Fest. Es ist so schwer, mit vielerlei Arten Menschen zugleich zu verkehren. Wir haben die Schülers schrecklich gern; für meinen Mann verkörpern sogar Frau Schüler und Herr Stehr seine schönsten Jugenderinnerungen, aber wir können sie aus verschiedenen Gründen nicht zu dem Fest einladen. Sie müssen das verstehen. Die Menschen entwickeln sich eben in späteren Jahren so verschieden. Stehr ist ein vortrefflicher Mensch; er ist Lehrer, aber er hat zugleich einen großen Ehrgeiz als Dichter. Er schreibt ja ganz gute Sachen, aber er kann sich nun einmal mit Wartegg nicht vertragen, der auch damals zum Ibsen-Klub gehörte, und da ist er eben ein bißchen eifersüchtig. Gott! jeder hat seine Schwächen, aber die Lina hätte ich bei dem Feste doch gern dabeigehabt. Es muß eben vorsichtig gemacht werden, und da möchte ich Sie nochmals bitten, sprechen Sie bei den Leuten nichts davon. Es sind auch noch mancherlei andere Gründe, warum wir Frau Schüler und Herrn Stehr nicht einladen können.« Das begriff Amélie freilich gut, daß diese Leute nicht auf ein antikes Fest paßten. Als sie sich von Oesterots verabschiedete, forderten sie sie auf, recht bald wiederzukommen und doch ja ihren Bruder Hermann mitzubringen. 21 Inzwischen führte Hermann sein Leben für sich. Nachdem er Amélie beim Suchen ihrer Pension geholfen und sie ihm schriftlich ihren Eintritt in die Luckowsche Malschule mitgeteilt hatte, kümmerte er sich nur wenig um sie. Ihre Aufforderung, mit ihr in derselben Pension zu wohnen, hatte er weit von sich gewiesen. Er haßte Pensionen. Er nahm sich ein Zimmer und ging in eine Malschule, die ihm empfohlen worden war. Zuerst speiste er in einem Gasthaus für eine Mark fünfzig Pfennige, bald aber entdeckte er, daß er sein Leben einschränken müsse, da ihm die Großmutter keinen Zuschuß zu seiner Rente gewährte und sein Vermögen noch nicht flüssig gemacht war. Er ließ sich von einem Mitschüler zu einem billigen Privatmittagstisch für Künstler bringen. Das Unternehmen befand sich in einer Atelierwohnung unmittelbar unter dem Dach. Um ein Uhr strömte eine Menge junger Leute dorthin, meist schwärzlich und etwas verwahrlost: Polen, die sich das Ansehen verarmter Edelleute gaben; Russen, die beständig vom »Progreß« redeten; Rumänier, die Sonntags französisch sprachen; dazu Griechen, Serben und zwei Armenier, die sich »Durchlaucht« anreden ließen. Am Eingang war ein Schalter, wo jeder vor der Mahlzeit gegen eine Quittung sechzig Pfennige niederlegte. Kredit wurde nicht gegeben. Es herrschte ein ungeheures Geschrei in dem Atelier, wo mehrere unsaubere Tafeln gedeckt waren. Das bedienende, dicke Mädchen, Flammery genannt, war kaum seines Lebens sicher. Bisweilen riß ihr einer ein Stück Fleisch oder Pudding mit der Hand von der Platte, um es seinem Gegenüber an den Kopf zu werfen. Man spritzte sich gegenseitig mit Siphons; besonders der Nachtisch gestaltete sich lebhaft. Ausdrücke aus der Zoologie und Anatomie würzten das Gespräch, doch bestand eine Neigung, den Ton zu heben, indem jeder, der ein solches Wort aussprach, fünf Pfennige in eine gemeinsame Festkasse zu zahlen hatte. Schon waren zweihundertfünfzehn Mark fünfundsechzig Pfennige zusammen. Wenn gerade am Monatsanfang die häuslichen Geldsendungen eingelaufen waren, warf wohl mancher zu seiner inneren Befreiung eine Mark auf den Tisch, was ihm das Recht gab, zwanzig unflätige Worte hintereinander auszusprechen. Einige junge Leute, die woanders zu speisen vorzogen, kamen nur zum »Schauen« zu den Puddingschlachten her, tranken einen Kaffee mit und rauchten. Das einige ruhige Element in dem Wirrwarr war der Hausherr, der auf einem Liegerohrstuhl an der mittleren Tafel den Vorsitz führte. Er war gelähmt. Die Reste zahlloser Mahlzeiten waren in den gelbgrauen Bart geflossen, während er mit zitternder Hand die Teller an den Mund hielt, um bequemer zu essen. Unter seinem Stuhl verreckte langsam ein Hund, ohne je damit zum wirklichen Ende zu kommen. Hermann Sanders gab sich acht Tage lang redliche Mühe, dieses Leben zu ertragen, und gegen seine von ihm verachtete Erziehung anzukämpfen, die sich dagegen wehrte. Als aber eines Tages eine armenische Durchlaucht die Apfeltorte auf einer Holzscheibe hereintrug, die sonst in einem geheimen Kabinett einer wenig geachteten, wenn auch sehr vernünftigen Bestimmung diente, da verging Hermann Sanders der Appetit; um an den letzten Tagen des Monats nicht hungern zu müssen, fand er sich bei Amélie ein und fragte sie, ob sie ihm nicht bis zum Ersten vielleicht zehn Mark leihen könne? Da sie auch nicht viel bares Geld mehr hatte, schlug sie ihm vor, am Tische der Pension zu essen, wo erst nach Ablauf des Monats die Rechnung vorgelegt werde. Er willigte ein. Amélie erzählte ihm nun viel von ihren neuen Bekannten. Sie führte ihn bei Oesterots ein. Sie trafen Oesterots gerade bei Beratungen über ein Spiel, das bei dem antiken Feste zur Aufführung kommen sollte. Es war von Wartegg und Oesterot zusammen gedichtet worden: in Anlehnung an das platonische Gastmahl sprachen einige Philosophen über den Wert des Lebens. Während die ersten Schimmer des Morgens sich mit den letzten der verlöschenden Lampen mischten, erschien ein Jüngling, auf einen Knaben und ein Mädchen gestützt, alle drei mit Rosen bekränzt und noch halb trunken von den Freuden einer durchtobten Nacht. Der Jüngling verhöhnt die Philosophen, die sich mit dürren Theorien plagten, während ihn Küsse umglühten und Rosen umblühten, und preist die Lust des Daseins. Da tritt in der Maske des indischen Dionysos Empedokles hervor und versöhnt Erkenntnis und Lust, indem er nur die unter Schauern gewonnene Erkenntnis und die zum Erfassen des Lebens führende Lust als wertvoll, als Funken der heiligen Flamme preist. Während der Jüngling mit den Philosophen trinkt, sinken seine Begleiter, der Knabe und das Mädchen, an die Brust des Empedokles. Als Hermann und Amélie den Oesterotschen Salon betraten, hatte der Hausherr, in ein weißes, rotbordiges Tuch gehüllt, die von ihm gedichtete Rede des Empedokles-Dionysos gesprochen. Amélie und Hermann blieben verlegen an der Tür stehen, um nicht zu stören. Da winkte Oesterot sie heran und nahm Amelie in den einen, Hermann in den anderen Arm. »Wundervoll!« riefen die Anwesenden aus. »Die beiden blonden Geschöpfe sind ja wie für die Rollen geschaffen,« sagte Thea. Entzückt von diesem Einfall, trat Oesterot einige Schritte vor; die zwei verlegenen jungen Menschen noch in den Armen haltend. »Wollen Sie die beiden Rollen spielen?« fragte er plötzlich. »Sie müssen! Sie müssen!« riefen die Anwesenden. Wartegg gab Amélie die Hand. Er ließ sich Hermann vorstellen, strich ihm über sein wirres, blondes Haar und sagte: »Welch ein glücklicher Zufall hat Sie hierhergeführt!« Ein dunkelhaariger Herr von etwa fünfundzwanzig Jahren mit sehr klugen, etwas scharfen Zügen und glattrasiertem Gesicht ließ sich mit Amélie bekannt machen – er hieß Dr. Paul Cornelius – und sie war erstaunt, in diesem traumartigen Leben auf einmal wieder »gnädiges Fräulein« angeredet zu werden. Dr. Cornelius spielte den vom Fest heimkehrenden Jüngling. Die Probe nahm ihren Fortgang. Hermann und Amélie ließen alles mit sich geschehen. Sie wurden in weiße Tücher gehüllt und bekamen Kränze aufgesetzt. Man las ihnen ihre Rollen vor, verbesserte ihre Aussprache und war im allgemeinen entzückt von ihnen. Sie saßen auch wirklich rührend beisammen, wie das Geschwisterpaar aus dem Märchen, das sich in das Feenland verirrt hat. Cornelius begleitete sie ein Stück auf dem Heimweg. Amélie fragte Hermann, ob es bei Oesterots nicht »wonnig schön« sei. Er erwiderte, er könne so schnell kein Urteil fällen. Cornelius aber sagte: »Oh, wenn Ihnen das noch neu ist, dann müssen Ihnen ja die Schuppen von den Augen fallen.« »Wollen Sie damit sagen,« fragte Hermann, »daß es später der Kritik nicht mehr standhält?« »Nun, es hat seine zwei Seiten, wie alles auf der Welt,« erwiderte Cornelius, und um seinen feingeschnittenen Mund spielte ein Lächeln, das Amélie rätselhaft und reizvoll schien. 22 Hermann suchte das »große Erlebnis«. In Leipzig hatte sich sein Dasein im Rahmen der Studentengewohnheiten abgespielt. Jetzt, wo er entschieden hatte, ein freier Künstler zu werden, erwartete er große Schicksale. Daß er sich dennoch den überraschenden Eindrücken im Hause Oesterot nur mit Vorbehalt hingab, hatte seinen Grund. Er suchte nicht eigentlich das ästhetisch Verfeinerte. Seine Sinne träumten vielmehr von etwas, was ihn stark überwältigen würde. Der Mensch müsse an der Natur gesunden, sagte er bisweilen, ohne sich recht klar zu sein, was er damit meinte. Er fühlte selbst, daß diese Worte nur sehr ungenau ausdrückten, was er von dem Leben erhoffte. Durch einen Zufall war er bereits anderwärts auf verlockende Fährten gebracht worden. Es hatte sich folgendes mit ihm zugetragen: Hermann befand sich mit einigen Freunden im Stehparkett des Gärtnerplatztheaters. Man flüsterte ihm zu, eine mit Brillanten besäte Dame in der nahen Parkettloge sei eine große Kokotte, ja, die einzige Frau in der Stadt, die diesen Namen wirklich verdiene. Die jungen Leute starrten die hübsche, etwas derbe Blondine neugierig an, und man wollte finden, daß sie mit Hermann liebäugle. Ihr frischer, etwas dicker Mund lächelte in der Tat auffällig zu ihm herüber. Als während einer Pause Hermann nahe bei der Brüstung ihrer Loge stand, ließ sie wie durch Zufall ihr kleines, stark duftendes Spitzentuch ins Parkett fallen, so daß Hermann nicht viel Entschlußfähigkeit nötig hatte, um zu wissen, was er tun sollte. Er hob es auf und reichte es tief errötend der Besitzerin. Sie dankte ihm mit sehr verbindlichem Lächeln und fragte ihn: »San's vielleicht a Studierender?« »Ja,« flüsterte Hermann verlegen. »Wo studier'n S' denn? Do' net Atanomie? Do kennt's oan ja graus'n vor Ehna.« »O nein,« sagte Hermann lächelnd und etwas sicherer, »ich studiere Malerei.« »Des is ja interessant,« erwiderte sie, »also a Kunstmaler san S'? Woll'n S' net a biss'l in d'Loschen komma, daß ma besser plausch'n kennen. Ma woas ja eh' net, was ma mit die lange Paus'n afangen soll.« Hermann bahnte sich in fieberhafter Erregung einen Weg durch das Gedränge des Ganges, klopfte höflich an die Logentür und trat zu Fräulein Bettina Selch ein. »I geh' nämli' nie ins Fajé,« sagte sie, »do is so g'müscht. Wenn ma a biss'l fesch herg'richt' is, nacha treten s oan die Schlepp'n runter, d' Müstviecher.« Dann fügte sie plötzlich hochdeutsch hinzu, indem sie ihr Lorgnon vorhielt und einen erhabenen Blick ins Parkett warf: »Der Neid der besitzlosen Klassen. – I bin ja aa' bloß a Bauernmadel,« sagte sie dann, sich kokett Hermann nähernd, »aber i vergunn doch ana jeden des biss'l G'lump, wo's am Leib hat.« Sie fragte Hermann, ob er schon lange in München sei, wie es ihm gefalle, ob er sich schon recht herumgetan habe. Gewiß hatte er ein kleines Verhältnis? Als Hermann errötend verneinte, sagte sie: »Jo, woas fihr'n S' dann nacha fir a' Lübesleben?« Hermann wußte nicht, was er antworten sollte. »Ich glaub',« fuhr sie fort, »ich muaß Eahna a' biss'l in d' Schul' nehma. Wo wohnen S' denn?« Hermann gab seine Adresse an. »Also, i leit' amol nachmittags bei Eahna o. Nacha fahr'n ma a biss'l spazier'n in mei'm Wag'n. Is Eahna des recht?« »O gewiß, gnädiges Fräulein,« sagte Hermann glücklich. »Also Mittwoch um drei Uhr. Und wos i noch sag'n wollt', nach der Vorstellung pass'n S' mir net auf, damit Eahna der Konsuul net sicht. Des is mei' Freind; Sie verstehn doch?« In diesem Augenblick ertönte die Glocke. Bettina verabschiedete Hermann, indem sie sagte: »Bei Eahnerne Fremd' brauchen S' net alles auszuplauschen, wos ma miteinand' gered't ham.« Sie hielt ihm die gerundete Hand zum Kuß hin, die sie während der letzten Worte entblößt hatte. Er wollte ihr bescheiden den Handrücken küssen, aber sie sagte: »A biss'I heher dirf'n S' Eahna scho' 'nauftraun.« Mit einer geschickten Bewegung ließ sie ihren Arm an seiner Wange entlang gleiten, so daß sein Gesicht in der Kerbung zwischen Ober- und Unterarm lag. Gleichzeitig drückte sie eine Viertelsekunde lang seinen Kopf an sich und sagte: »Jetz' geh'n S', damit S' Eahna net zu vüll alterier'n.« Hermann hatte einen Augenblick in ein Meer von Düften und Seide getaucht. Er taumelte wie betrunken aus der Loge. Glücklicherweise fing der Akt gerade an, so daß ihn seine Freunde nicht gleich ausfragen konnten. Er wagte während des Spiels kaum zu Bettina aufzuschauen, während sie ihre Blicke oft lächelnd zu ihm gleiten ließ, der seine Erregung kaum bemeistern konnte. »Was haben Sie denn mit ihr gesprochen?« fragten seine Freunde nachher neugierig. »Gott, was man eben in solchen Fällen spricht,« erwiderte er als vollendeter Lebemann. Beim Ausgang sah er sie von fern in der Garderobe. Ein eleganter alter Herr mit weißem Spitzbart und in acht Reflexen glänzendem Zylinder half ihr in einen prächtigen Hermelinmantel. Es war ein kalter, nasser Tag. Vor dem Theater drängte sich eine schwarze Menge unter Schirmen. Bettina stand zwischen den Säulen, unter dem Mantel sah man ihre goldenen Schuhe auf dem feuchten Boden. Der Konsul winkte ihren kirschrot lackierten Wagen mit zwei schwarzen Trabern herbei. »Dieses Weib hat noch echte Leidenschaft!« sagte er sich ein über das andere Mal. Am Mittwoch um halb drei saß er in seinem besten Anzug aus dunkelblauem Tuch und einem neuen rötlich-braunen Schlips unruhig in seiner Studentenbude. Um drei Viertel auf drei klingelte es. Er sprang sofort ans Fenster, aber der kirschrote Wagen war nicht zu sehen. Kurz darauf hörte er die Vorplatztür öffnen. Schritte näherten sich seinem Zimmer; die Wirtin meldete einen Besuch: Dr. Oesterots große Gestalt stand in der Tür. Er bemerkte sofort die Verwirrung, in der Hermann sich befand. »Störe ich?« fragte er. »Nein, gar nicht.« »Ich möchte nämlich mit Ihnen etwas wegen des Festspieles besprechen und Ihnen bei der Gelegenheit gleich meinen Gegenbesuch machen.« Hermann schielte auf die Uhr über dem Sofa: zehn Minuten vor drei. Plötzlich verstand Oesterot. Ehe er noch Platz genommen hatte, sagte er: »Ich wette, ich komme Ihnen sehr ungelegen. Sie erwarten gerade eine Dame?« Hermann wurde rot und stammelte etwas. »Na, dann will ich Sie nicht länger stören. Kommen Sie morgen einmal bei uns vorbei.« Oesterot hatte schon die Türklinke in der Hand, da kam ihm ein plötzlicher Einfall: »Sagen Sie einmal, ist die Dame, die Sie erwarten, hübsch und geeignet für unser Fest? Es fehlt uns nämlich noch ein bißchen an den richtigen Frauen.« »Sie ist ... ja ... ich weiß nicht ...« stotterte Hermann. »Nur keine moralischen oder gesellschaftlichen Bedenken,« erwiderte Oesterot eifrig, »wenn durch sie ... wie soll ich sagen – Schönheit frei wird, dann bringen Sie sie mit.« »Ich weiß nicht, ob ...« »Es ist uns ganz gleichgültig, in was für Beziehungen Sie zu der Dame stehen; kennen Sie sie schon länger?« »Nein, das ist es eben, ich habe sie erst einmal gesehen; ich glaube, es ist eine richtige Kokotte.« »Sie sind lieb,« sagte Oesterot, entzückt über Hermanns naive Ausdrucksweise, »wirklich eine richtige Kokotte, eine Kurtisane, eine Hetäre? Das ist ja gerade das Gegebene für unser Fest! Ist sie sehr elegant?« In diesem Augenblick klingelte es zweimal. Hermann lief ans Fenster. Unten saß Bettina Selch in einer pistaziengrünen Sommertoilette in ihrem kirschroten Wagen. »Sie müssen gleich hinuntergehen,« drängte Oesterot, »und schauen Sie, daß sie zu unserem Fest kommt. Sie sieht ja famos aus.« Während unten Hermann Bettina begrüßte und Oesterot seines Weges gehen wollte, sagte sie, den Fortgehenden lorgnierend: »Stellen S' mir doch Eahnern Freund vor; der sieht ja sehr interessant aus. So an scheenen schwarzen Vollbart hab' i' ja noch nie g'sehn.« Hermann stellte vor. »Wo hamma uns dann schon amal g'troff'n?« sagte sie, »san S' net a Philosoph? G'nau wie a' soichener schau'n S' aus. Se missen amal mit'n Hermann zu mir zum Philosophier'n komma, zum Fiefaklocktee. Ich int'ressier' mich so fir den Spiritismus.« Sie ließ Oesterot nicht zu Wort kommen, verabschiedete ihn und rief, nachdem Hermann eingestiegen war, dem Kutscher zu: »Maxl, fahr'n mer!« Sie fuhren durch den Englischen Garten, hielten beim chinesischen Turm und tranken Tee. Bettina schwatzte in einem fort, machte überall ein ungeheures Aufsehen, alle Leute schauten ihr nach, was sie sichtlich befriedigte und ihr Gelegenheit gab, ihre Verachtung vor der Plebs auszusprechen. Dann erklärte sie Hermann, sie werde ihn als Maler lancieren, es sei eine Spezialität von ihr, Künstlern zu helfen. »Der Konsuul un' der Prinz Lui, die dun alles, wos i' sog'. Wann S' a'mal a Bild fertig hab'n, dann schick'n S' mir 's nur. I werd 's Eahna scho' verkauf'n. Sie, der schwarze Doktor g'fallt mir aber; wann S' no' mehr so Freind' ham'n, die kennen S' mir all' bring'n. I wüll nämlich an kinstlerisch-lütterarischen Salohn grinden, wo sich die feinere Lebewelt mit die g'scheiten Leit' treffen soll. Das is grad das, was bis jetzt in Minchen noch g'föhlt hat.« Gegen Abend fuhren sie weit hinaus, wo die Bäume des Englischen Gartens bereits spärlich werden. Die Strahlen der untergehenden Sonne erfüllten die Lichtungen mit rotgoldenem Schein. »Ja, wenn ma' nur des G'müat net hätt', das malefizische!« sagte sie. Sie lehnte sich leicht an Hermanns Schulter. »An uns teuere Mädel traut si' ja koan junger Mensch net heran, weil's net glaub'n, daß mir a' a Herz hab'n.« Als Hermann schwieg, sagte sie: »I bün Eahna wohl z'raffinürt, aber dös derfen S' net glaub'n. Grad wos mir raffinürte Leit' san, mir brauch'n manchmala' biss'I unverdorbene Nadur. I bün ja eh' nur a Bauernmadel.« Hermann wußte nicht, was er sagen sollte. Dieses Geständnis gefiel ihm, denn was ihn lockte, war viel mehr ihre derbe Naivität, als ihr Luxus. »Jetzt lass' i umkehr'n,« rief sie, »aber vorher geb'n S' mir a recht liebes Busserl.« Sie nahm seinen Kopf zwischen die Hände und drückte seinen Mund auf den ihren. »Naa, so dirfen S' des net mach'n,« sagte sie; »so!« Und sie zeigte Hermann die hohe Kunst des Küssens. Nachdem sie einen Augenblick an seine Brust gesunken war, rief sie mit umschleierter Stimme: »Max'l, kehr'n S' um!« Und der Kutscher fuhr nach der Stadt zurück. Der Max'l war ein herkulisch gebauter Kerl mit glattrasiertem Spitzbubengesicht, das ein unwahrscheinlich langer Mund wie ein Strich in zwei fast gleich große Hälften teilte. Eine Stirn besaß er überhaupt nicht. Gleich über den Augen begann das Haar. Sein Kutscherzylinder saß so tief im Gesicht, daß er an die Brauen stieß. Dafür hatte Max'ls Kinn die Form einer kalifornischen Riesenbirne. Immer, wenn ihm seine Herrin etwas befahl, grinste er stumm, und der Spalt, der sein Gesicht teilte, verlängerte sich noch um etliche Zentimeter nach rechts und links. Auf dem Heimweg sagte Bettina: »Scheen is so a Stümmung, wie in a'm Theaterstick.« Vor ihrer Wohnung stieg sie aus und sagte: »Also kommen S' übermorgen zum Fiefaklock, un' bringen S' den schwarzen Doktor un' noch a paar nette Leit' mit, her'n S', un san S' net eifersichtig. Sie san do' jetz' mei' Flugerl. Geduld bringt Rosen.« Dann wendete sie sich zum Kutscher: »So, Max'l, jetz' bring'n S' den Herrn Kunstmaler hoam, und dann fahr'n S' amal zur Keniglichen Hoheit 'niber. Sie wiss'n ja scho'.« Hermann fuhr in dem roten Wagen nach Hause. An allen Fenstern seiner Straße standen die Leute und schauten zu, als er bei sich vorfuhr und dem Maxel ein Markel gab. Hermann übermittelte Dr. Oesterot Bettinas Einladung, und sie beschlossen, den Dr. Paul Cornelius mitzunehmen. Sie trafen um fünf Uhr bei Bettina ein. Sie bewohnte ein vornehmes Stockwerk. Ein sorgfältig gekleidetes Dienstmädchen öffnete wie in einem guten Hause und führte die Herren in einen Salon, der ausgezeichnet eingerichtet war: amerikanische Klubmöbel, Beleuchtungskörper von Bruno Paul, echte Perser, an den Wänden dünn gerahmte Beardsleys und Zeichnungen französischer Impressionisten. Bettina ließ etwas auf sich warten; dann trat sie in folgendem Aufzug herein: Sie trug einen erdbeerfarbigen seidenen Unterrock mit drei Volants eng um den zu kurzen Unterkörper, außerdem hatte sie nur ein Spitzenhemd an, das sie sehr zu ihrem Vorteil in tiefem, blendend weißem Ausschnitt erscheinen ließ. Schultern und Büste waren das Schönste an ihr. Das Haar trug sie sorgfältig frisiert, der Coiffeur war heute schon dagewesen; nicht so die Handpflegerin, und das gab Bettina das Recht, noch schmutzige Hände zu haben. Sie hielt einen Zigarettenstummel zwischen zwei runden Fingern und entschuldigte sich bei den Herren wegen ihres Aufzugs, indem sie sagte: »Sie san ja Kinstler und nehmen 's net so g'nau. Oh, hier is a dumpfe Luft,« rief sie plötzlich, »i komm' oft tagelang net herein; nur wenn B'such kommt. Sonst sitz' i lieber bei mei'm Mädel draußen in der Kichen.« Sie öffnete das Fenster. »An Hunger hab'n S' do' a mit'bracht?« sagte sie. »I hab' drauß'n a wunderbar's Bauerng'sölcht's.« Dann klingelte sie dem Mädchen, das zierlich hereintrat, und befahl: »Geh'n S', Kathi, bringen S' uns a G'sölcht's, und stell'n S' an Schampus kalt. Immer nobel,« fügte sie hinzu; dann machte sie einen beängstigenden Versuch, berlinisch zu sprechen und schnarrte: »Es is ja nich' wie bei armen Leuten.« Oesterrot versuchte, ihr bisweilen Annehmlichkeiten zu sagen, aber sie ließ ihn kaum zu Worte kommen und produzierte sich unausgesetzt. Dann sprang sie, zu ihm gewandt, auf die Philosophie über, und meinte, den lieben Gott, den gäb's. Ihren Kinderglauben ließe sie sich nicht nehmen. Und als Dr. Cornelius lächelnd fragte: »Beabsichtigen denn gnädiges Fräulein in den Himmel zu kommen?« erwiderte sie fast entrüstet: »Ja, warum dann net? War net übel! I hab' ja niemand nix Unrechtes dan.« »Eher das Gegenteil,« sagte Dr. Oesterot. »Des is recht!« rief sie, plötzlich sich auf den Schoß des Doktors setzend, »mir zwoa versteh'n uns. I mag überhaupt die g'scheiten Leit' gut leid'n. Riach'n S', wie Eahna mein neuer Parfuhm gefallt.« Sie stülpte seine Nase in ihre Spitzen. Das »G'sölchte« mit dem Schampus wurde aufgetragen. Er hatte die Marke »Iroy«. Das Tischtuch war nicht ganz rein, das Silber herrschaftlich, das Geschirr von einem jämmerlichen Steingut. Bettina rühmte noch, wie billig sie es auf der Dult erstanden hatte, an ihr sei überhaupt eine Hausfrau verloren. »Ja, i bün komplüziert,« rief sie aus, »a fesche Kokott' un' a Bauernmadel un' a Hausfrau zugleich. Wann i nur den damischen Bua da net so gut leiden möcht'!« Dabei faßte sie Hermann in seine blonde Mähne. »Jetz' wüll i Eahna amal mei' G'lump' zeig'n,« rief sie, nachdem zwei Flaschen geleert, und die Männer nicht mehr dazu zu bringen waren, mehr von dem »G'sölchten« hinunterzuwürgen. Sie führte ihre Gäste in ein geräumiges Nebenzimmer, dessen Wände vollständig von Kleiderschränken umzogen waren. Und sie öffnete schnell hintereinander acht Türen, aus denen Pelze, Spitzen, Samt und Seide zu quellen schienen. Manche Kleider nahm sie heraus, hing sie über sich und erklärte bei einigen die Herkunft. »Schau'n S', des is vom Fürst Trubetzkoy, das hat er mir in Monte gekauft. Des is von einem Reuß jüngere Linie, des is vom jungen Bleichröder.« Die Herren waren von diesem überraschenden Luxus geblendet. Plötzlich rief sie: »I woaß, wos S' jetzt denken von mir! S' moanen, wos muß die Bettina fir a Luder sein, daß 's all das G'raffel z'sammen g'kriagt hat. Un' i sag' Eahna, daß mir da a groß' Unrecht von Eahna g'schicht. Die meisten von all dena Kavalier san zu mir in an idealen Verhältnis g'stand'n; net alle, versteht sich, i bün a von Fleisch un' Blut, aber was glaub'n S', was zum Beispiel der Konsuul von mir verlangt? Nix als meine Wadeln anschaun will er, un' an mei' Bett sitzen muaß i ihn lassen, un' da hält er mei' Hand fest, bis i eing'schlafen bün.« Sie suchte durch ihren Tonfall das Rührende dieser Lage zu kennzeichnen. »Also, mei' Parfuhm g'fallt Eahna,« wendete sie sich zum Doktor, »geben S' amal Obacht!« Sie nahm einen Zerstäuber vom Tisch und bespritzte die Herren wie toll mit ihrem Riechwasser. Dann zwang sie sie noch zu zwei Flaschen Iroy, und der Doktor sagte: »Alles, was Sie von mir verlangen, nur kein G'sölchtes mehr.« »Se san halt noch net so raffinürt, daß es Eahna wieder schmeckt,« erwiderte sie.   Als die drei Herren draußen waren, meinte Dr. Cornelius, es sei ausgeschlossen, diese triviale Person auf das Fest zu bringen. Der Doktor sagte überlegen: »Trivial! Natürlich ist sie das, das sehe ich auch; aber dieser unglaubliche Wirklichkeitsreiz, der von ihr ausgeht! Glauben Sie, daß die griechischen Hetären sich nur in erlesenen Worten ausgedrückt haben? Das ist ja die Schwäche unserer Zeit, daß sie die Wirklichkeit nur zurechtgemacht genießen will. Nein, ich werde sie einladen.« Hermann sagte nichts; ihm brannte noch in den Ohren, daß sie ihm heimlich zugeflüstert hatte, er möge sie morgen vormittag besuchen und ihrer Toilette beiwohnen. 23 Das Fest der Oesterots war von einer ungewöhnlich klaren Junisonne begünstigt. Die Teilnehmer fuhren in zwei Nachmittagszügen an den Fuß des Gebirges und ließen sich über einen See auf eine Insel hinüberrudern, wo die Vorbereitungen zum Fest getroffen waren. Oesterots, die Geschwister Sanders, Dr. Cornelius und Bettina Selch fuhren in dem ersten Zug. Sie saßen in einem Abteil, getrennt von den übrigen zwanzig bis dreißig Eingeladenen. Jedes hatte ein kleines Handköfferchen mit seinem Kostüm bei sich. Bisweilen wehte frischer Heugeruch von den Wiesen, wo braun verbrannte Bauernweiber mit weißen Kopftüchern zwischen den Schobern beschäftigt waren. Es herrschte noch keine rechte Stimmung unter den Fahrenden. Oesterot war ängstlich, ob auf der Insel alle seine Anordnungen getroffen sein würden, und flüsterte aufgeregt mit Thea. Bettina glaubte sich berufen, der Stimmung aufzuhelfen, indem sie in ihrer gewohnten Weise schwatzte: daß sie nämlich die Künstler und die bessere Lebewelt in ihrem Salon vereinigen wolle und dergleichen mehr. Cornelius gab ihr keine Antwort, wenn sie sich an ihn wandte. Frau Thea versuchte verbindlichst mit ihr von Monte Carlo und Ostende zu sprechen. Dafür mußte sich eine Kokotte doch interessieren. Hermann fühlte eine Art schlechten Gewissens, und Amélie geriet in Verlegenheit bei den groben Schmeicheleien, die ihr die Kokotte machte. »Jo, Sie hab'n a Haar,« sagte sie, »akkurat wie die Gräfin Montgelas.« Als man auf der Insel angekommen war, – nicht ohne einiges Gekrähe Bettinas, die fürchtete, das Boot würde kippen, – lief der Doktor nervös umher, gab dem kugelrunden kleinen Wirt des gemieteten Wirtshauses noch einige Anordnungen, und veranlaßte die Gäste, sich in zwei als Herren- und Damengarderoben eingerichtete Zimmer zu begeben, um sich umzukleiden. Inzwischen deckten ein paar alte Kellnerinnen von unwahrscheinlicher Robustheit im Freien eine lange Tafel mit Erfrischungen. »Himmi Herrgott Blutsakrament!« schrie die Aelteste und Dickste, wenn etwas nicht nach ihrem Kopf ging und soff hie und da aus einem Maßkrug, den sie in einem Gebüsch niedergestellt hatte. Eine gedämpfte Streichmusik empfing die in helle, antike Gewänder gekleideten, zum größten Teil sehr vorteilhaft aussehenden Menschen. Man setzte sich zwanglos umher. Gruppen lagerten am Boden, manche warfen Steinchen ins Wasser und scherzten. Eine goldene Nachmittagsonne unter einem halkyonischen Himmel verklärte die Szene. Einige Paare drehten sich auf einem ländlichen Tanzboden. Cornelius kam mit rückwärtsgekämmtem, dunklem Haar, Amélie am Arm, vom Tanz an die Tafel zurück, der Oesterot vorsaß. Ein bekränzter Stuhl war für Friedrich Wartegg frei gelassen worden, der erst mit dem zweiten Zug erwartet wurde. »Wenn man sich jetzt ins Wasser stürzen und schwimmen dürfte!« rief Cornelius, erhitzt sein Gewand hin- und herziehend. »Warum darf man denn nicht?« fragte Oesterot, »wenn wir es nicht dürfen, wer darf's denn da?« »Hier wird's ja koane Schwimmanzieg' geb'n,« rief Bettina. Schon war Cornelius auf einen in den See ragenden Vorsprung geeilt und warf seine Kleider ab. Einen Augenblick stand die schlanke, gebräunte Jünglingsgestalt in der Sonne und sprang in die Flut. Bettina lachte sich halbtot. »Naa, so was, naa, so was!« krähte sie. Oesterot folgte Cornelius und überredete Thea, ein Gleiches zu tun. »Kommen Sie mit, Amélie!« rief diese, und so ermutigte eines das andere. Frau Theas erblühte, weiße Glieder verschwanden in den sonnigen Wellen. Es folgte die schlanke, elfenbeinfarbene Amélie, die, fast bewußtlos und wie in einem Traum, tat wie alle anderen, die glaubten, eine schöne Nacktheit den Blicken aussetzen zu dürfen. Bettina blieb am Tisch zurück. Sie war von einer Art moralischen Entsetzens erfaßt. »Naa, so was hab' i aber noch net g'sehn!« Dann lachte sie wieder unsicher, als hielte sie es doch für einen ausgezeichneten Witz. Sie fühlte jedenfalls nicht die geringste Lust, »ihre echte Pariser Figur« zu zeigen. Eine kleine, schwarze, häßliche Person mit schiefem Mund, die aussah wie ein herumfahrendes Aeffchen, und von irgend jemand mitgebracht war, sagte mit norddeutschem Tonfall: »Finden Sie da was bei? Zu Hause hab' ich immer mit meinem Schwager luftjebadet. Wissen Se, wir da oben im Norden, wir können das ruhig tun, wir sind nämlich gar nich sinnlich; kalt wie die Hundeschnauzen.« Sie warf ihr klägliches griechisches Gewand ab, es kam ein graues Mieder und einiges häßliches Unterzeug zum Vorschein, und plötzlich stand ein geschlechtsloser, dürrer Körper da, der mit unglaublicher Behendigkeit ins Wasser stürzte. Während die Badenden sich auf der Landzunge wieder ankleideten, kamen auf mehreren Kähnen die Gäste an, die erst mit dem zweiten Zug gefahren waren. Unter ihnen befanden sich Friedrich Wartegg und Lina Schüler. Sie gingen in die Garderobe, um sich zu kostümieren. Oesterot hatte Lina geraten, als gefangene Barbarin zu erscheinen, mit offenem, grün bekränztem Haar. Die etwas formlose Wildheit dieses Aufzuges, unter dessen mit Spangen gehaltenem Gewand eine Schulter nackt herausragte, sowie die durch gekreuzte Bänder zur Geltung kommenden hohen Beine, alles das gab ihr eine flüchtige Schönheit, obwohl ihre einzelnen Züge eher grob waren. Sie tanzte bald mit etwas absichtlich wirkender Ausgelassenheit umher, als wolle sie sich für jahrelange Beschäftigung mit Mystik und Plato entschädigen. Nachdem Cornelius und Amélie durch das Tanzen wieder warm geworden waren, schlug er ihr einen Spaziergang durch die Waldwege der Insel vor. Er ging neben ihr auf den von braunroten Tannennadeln glatten Wegen, hielt ihre Hand, die sie ihm ließ, und sprach lange kein Wort. »Hoffentlich langweilen Sie sich nicht?« begann er auf einmal. »Wie sollte ich mich denn langweilen?« »Ich tanze eine halbe Stunde mit Ihnen, ich führe Sie durch den Wald, und ich spreche nichts, aber ich weiß wirklich nicht, was man in so wundervollen Augenblicken sprechen soll. Es ist so schön, bloß da zu sein und zu genießen.« »Das ist wahr.« Amélie atmete tief den Tannenduft ein. Sie blickte Cornelius etwas überrascht an, weil er so sprach. Bisher hatte sie ihn immer nur in überlegener, oft in spottender Weise reden hören. Das antike Gewand und der von der Nachmittagssonne rötlich durchleuchtete Wald schienen ihn umgewandelt zu haben. »Wissen Sie,« sagte er weitergehend, »dieses Leben, diese Schönheit hat etwas Unheimliches. Ich habe das Gefühl, daß das nicht lange so weitergehen kann.« »Wie schade wäre das!« klagte Amélie. »Glauben Sie wirklich? Es ist das Schönste, was ich je erlebt habe.« »Ich fühle, wir wandeln im Augenblick eine verbotene Straße. Diese Menschen wollen keine Männer und Frauen sein. Sie wollen Mädchen und Epheben bleiben und den unentschiedenen, berauschenden Spannungszustand der Jugend bis über die Lebensreife hinaus verlängern. So etwas, wie dieses gemeinsame Bad – es war ein glühender Augenblick – aber fühlen Sie nicht, so etwas darf man nie wiederholen, dann würde es häßlich und gemein oder zum mindesten gewollt und gesucht werden, wie das, was diese Apostel tun, die heute Nacktkultur predigen. Wir sind an die Grenze solchen heute möglichen heidnischen Daseins gelangt, wie es Oesterot nennt, und dies Fest ist die letzte Ausschöpfung. Oh, wenn wir nur stark genug sind, aufzuhören, ehe der Rest schal wird!« Der düstere Tannenwald hatte aufgehört. Der Weg führte zwischen niedrigen Buchen weiter. Cornelius freute es, mit den nackten, nur von Sandalen bekleideten Füßen durch die trockenen Blätter abseits des Weges zu waten. »Ich verstehe nicht alles, was Sie sagen,« erwiderte Amélie, »aber ich glaube, Sie haben recht. Sie müssen schon vieles erlebt haben, nicht?« Ein spöttisches Lächeln kräuselte seine Lippen. Er riß einen Zweig ab und kaute an den Blättern. »Nein, gar nicht viel, das ist ja mein Schmerz. Ich habe nur sehr, sehr viel – geschaut und gedacht.« Der Weg hatte sie an eine andere Stelle des Ufers gebracht. Die Sonne stand nahe dem Wasserspiegel und übergoß die Insel mit purpurgoldnem Licht. Cornelius zog Amélie auf eine Bank, setzte sich neben sie auf das graue Moos und legte ihre Hand auf seine Wange. So saßen sie am Rande der Insel in ihren weißen Gewändern, wie zwei Gestalten aus ferner Vorzeit. Sie fühlte, daß eine vorahnende Schwermut in ihm war, während ihr Leib noch von der Festlust glühte. Plötzlich rief er: »Wir müssen ja zurückgehen! Nach Sonnenuntergang soll das Festspiel anfangen.« Sie schritten schnell durch den dämmernden Wald. Er hatte den Arm um sie gelegt. Amelie fühlte sich still und froh und jubelte innerlich, daß es dieser war, der sie nun zu Oesterot führte. Sie kamen bei beginnender Dunkelheit zu den übrigen zurück. In einem weiten Zelt waren einige farbige Papierlampen angezündet über Tafeln, an denen das Nachtmahl genommen werden sollte. Das Festspiel ergab sich wie von selbst aus der Lage. Wartegg saß in purpurnem Cäsarengewand, einen Kranz über seinem Imperatorengesicht, ernst, fast finster in einer Ecke. Seine Hand spielte in den Locken eines Jünglings. Um ihn sammelten sich die, welche in dem Spiel die streitenden Philosophen darstellten. Sie begannen ihre Verse zu sprechen. Cornelius trat mit den beiden Geschwistern zu ihnen und sprach seine Rolle mit leise bebender Stimme. Amélie schauerte zusammen vor Glück, und ihre Verse waren der natürliche Ausdruck ihrer augenblicklichen Stimmung. Hermann sprach mit verlegener, aber rührender Ungeschicklichkeit. Oesterot fand in seiner Dionysosstrophe, die Erkenntnis und Lust versöhnen sollte, ein wundervolles Pathos, das Amelie fast trunken machte. Um sein großes, von dem schwarzen Bart umrahmtes Haupt war etwas wie eine Lichtheit, als habe ihn wirklich der Gott berührt, den er verkörpert«. Am Schluß des Spieles sank Amélie in seine Arme und spürte plötzlich seinen Kuß auf ihren Lippen. Es war eine träumerische Stille über der ganzen Gesellschaft ausgegossen; schweigende und flüsternde Paare und Gruppen saßen und lagerten umher, während die letzten Lichtscheine des Abends sich in den leise seufzenden Wassern spiegelten. »Jessas, is des a Stümmung! Das is wirklich unverfälschtes Kinstlerleben,« rief plötzlich Bettina Selch. Das Abendessen wurde in dem Zelt aufgetragen, der Tirolerwein erregte bald eine heitere Stimmung der Gäste. Hermann war nach dem Spiel von Bettina mit Beschlag belegt worden. Sie fügte sich, so gut es ging, in die allgemeine Lage. Hermann litt namenlos unter ihr. Er fühlte, daß ihre triviale Nähe ihn von der Schönheit des Festes ausschloß. Als sie sein enttäuschtes Gesicht sah, lehnte sie sich zärtlich an ihn und flüsterte: »Jetzt geht der Buwi mit sei'm Bauernmadel hübsch heim, und wenn er recht brav is, darf er noch a biss'l mit 'naufkomma.« Aber gerade dazu hatte Hermann heute nicht die geringste Lust. Bettina verabschiedete sich von Oesterots, die sie nicht allzu eifrig zurückhielten. Als sie aber den Hermann durchaus mitnehmen wollte, sagte Oesterot, der die Sachlage übersah, das gehe unter gar keinen Umständen, das Festspiel solle noch einmal wiederholt werden, und da sei Hermann unentbehrlich. Hermann brachte sie bis zum Boot, das sie übelgelaunt bestieg. »Des is gar net scheen von dir,« sagte sie ihm beim Abschied, »das hat ma davo', daß ma' amal umasonst liab zu ei'm gewesen is.« Hermann eilte erleichtert zu dem Fest zurück. Lina Schüler kreuzte seinen Weg und hängte sich an seinen Arm: »Nun, hast du jetzt auch ein bißchen Zeit für mich?« fragte sie liebenswürdig. Hermann war glücklich, das Versäumte so schnell nachholen zu können. Sie schwärmten zusammen durch den dunklen Wald. Zwischen den schwarzen Stämmen der Mitsommernacht hingen bunte Lampions, unter denen Paare und Gruppen teils still, teils lärmend lagerten. Hie und da fielen Scheine von Feuern, die am Ufer schwelten, durch die Bäume. Lina sagte, sie wüßte einen besonders schönen Platz und zog Hermann etwas abseits, wohin die Lichtscheine nicht fielen. Sie lagerte sich mit ihm in einer laubgefüllten Mulde des Bodens. Eigentlich war sie ihm ein wenig zu lebhaft für ein »anständiges« Mädchen, er wußte nicht recht, was er mit ihr machen sollte. Sie gefiel ihm auch nicht besonders, aber ihre einschmeichelnde Zuvorkommenheit reizte ihn doch. Erst lehnte sie sich an ihn, und als das nichts half, bewarf sie ihn mit dürren Blättern, berührte seine Hand mit ihrem entblößten Arm, und schließlich lagen beide Mund auf Mund. Sie küßte ihn ganz genau so, wie es Bettina im Wagen getan hatte, und es wunderte ihn sehr. Er glaubte, so küßten nur Kokotten. Aber schließlich erstickten ihre heftigen Liebkosungen seine Ueberlegung. Da hörte man Schritte in der Nähe, und er kam zur Besinnung. »Um Gottes willen, das geht ja nicht,« sagte er sich, »sie ist ja doch ein anständiges Mädchen.« Er wollte aufstehen, aber sie hielt ihn zurück und fragte: »Willst du schon gehen?« Er war in Verlegenheit, denn er fürchtete die Erregung, in die sie ihn versetzte. »Was hast du denn auf einmal?« drängte sie, »sprich doch.« »Ach, wir wollen doch keine Dummheiten machen.« »Wieso Dummheiten?« fragte sie fast spöttisch. »Ich kann Sie ja doch nicht heiraten, ich bin doch noch zu jung.« Sie brach in eine Art künstlich frivolen Lachens aus: »Ich hätte gar nicht gedacht, daß du so ein Spießbürger bist.« »Ich bin kein Spießbürger, ich weiß auch, daß man nicht gleich zu heiraten braucht; aber wir haben uns doch gar nicht lieb.« »Ach, bist du schwerfällig! Ich dachte, du wärst ein Lebemann, der Freund von Bettina Selch. »Das ist doch etwas ganz anderes.« »Wieso?« »Ich kann mit Mädchen über so etwas nicht sprechen.« »Warum? Vor mir brauchst du dich nicht zu genieren. Ich bin doch in dem Oesterotschen Kreis; wir sind Heiden.« »Also dann sag' mir zuerst: Hast du schon mit einem Mann ein Verhältnis gehabt?« »Das geht doch dich nichts an,« lachte sie, »übrigens hab' ich noch keins gehabt, wenn du's wissen willst. Komm, küss' mich wieder.« »Nein, ich will nicht mehr,« sagte er trotzig. Er lief weg, und wo er ein Mädchen allein stehen sah, bat er sie zum Tanz und jagte mit ihr wie toll umher. Erst gegen Morgen dachte man an den Aufbruch. In den letzten Stunden war wie rasend getanzt worden, Phantasie- und Reigentänze. Ehe man die Boote zur Rückfahrt bestieg, wollte man sich etwas abkühlen. Wartegg, Oesterot, Amélie, Cornelius, Thea und Hermann gingen in einer langen Reihe – eines hielt die Arme um die Hüften des anderen gelegt – am Uferplatz auf und ab, während ihnen die frische Morgenluft die Schläfen kühlte. Als die weißen Gestalten die Boote bestiegen, verbreitete sich bläuliches Licht über den See. In zufriedener Mattigkeit fuhr man in die Stadt zurück, während ein goldener Junitag heraufstieg. 24 Hermann und Amélie saßen in dem kleinen Pensionszimmer unter der künstlichen Palme. Er las: Stirner, »Der Einzige und sein Eigentum«, sie einen Band der Ellen Key, aus dem sie entnahm, daß Mädchen, die sich ohne eheliches Band Männern hingeben, nicht nur entschuldbar seien, sondern oft viel höher stünden, als die, welche sich zu verheiraten wünschten. Wenn jene auch heute noch bisweilen die Acht der Gesellschaft zu tragen hätten, so seien sie dafür reichlich entschädigt durch das Bewußtsein, Märtyrerinnen und Vorläuferinnen einer neuen, helleren Zukunft der Menschheit zu sein, – ein sicher erhebendes Bewußtsein. Amélie, die auf diese Lehren durch Lea Knapp hinreichend vorbereitet war, fühlte sich mit alledem durchaus einverstanden. Das klang so überzeugend und war so einfach zu verstehen, sie zweifelte gar nicht daran, daß sie sich gegebenenfalls danach richten würde. Das Entsetzen vor jenen ihr einst durch Therese Berger gezeigten, noch während der Beziehungen zu Erich gefürchteten Abgründen war in München langsam geschwunden wie der Nebel eines kindischen Aberglaubens. »Ist denn die Mutterschaft nicht heilig?« dachte sie, »warum also sie fürchten?« Oh, jetzt würde sie vor nichts mehr Angst haben! Diese kühnen Meinungen ließen sie immer wieder die Unzufriedenheit vergessen, die sich im Grunde ihrer Natur wieder leise meldete. Nachdem sie eine halbe Stunde aufmerksam gelesen hatte, blätterte sie zerstreut zwischen den Seiten umher. Schließlich warf sie das Buch beiseite und seufzte: »Ach, ich bin so schrecklich unzufrieden ... mit mir und mit allem – zu dumm, daß Oesterots so schnell abgereist sind. Ich hatte noch wichtiges mit ihm zu sprechen.« »Was denn?« fragte Hermann, über sein Buch gebeugt. »Ach, du weißt ja. Er meinte doch, ich solle Schauspielerin werden. Ich glaube wirklich, ich habe mehr Talent dazu, als zur Malerei. Aber seit dem Fest habe ich weder ihn noch sie sprechen können. Es hieß immer, die Kinder seien krank, und nun sind sie in Norderney.« »Woher weißt du denn das?« »Sie haben mir doch geschrieben. Einen sehr netten Brief übrigens; hier ist er.« Hermann las, schüttelte den Kopf und sagte: »So furchtbar nett finde ich den Brief nicht. Ziemlich kühl. Aber du kannst dich beruhigen: kein Mensch hat sie nach dem Feste mehr zu sehen bekommen, da geht irgend etwas vor; es scheint, sie wollen sich überhaupt etwas zurückziehen. Cornelius meint das auch.« »Hast du ihn gesprochen?« fragte Amélie eifrig. »Ja, ich habe ihn im Kaffeehaus gesehen. Er hat so in seiner bekannten Art gescheit geredet; du weißt ja.« »Was hat er denn gesagt?« »Oesterots hätten es eingesehen, daß man in der Richtung, wie sie bisher gelebt, nicht weitergehen könne, das Fest sei ein schöner Abschluß gewesen, und die Reise gebe eine bequeme Gelegenheit, abzubrechen. Na, mir ist es recht.« »Wie schade« es ist doch so schön gewesen! Gerade, wenn wir kommen, hört es auf! Was sollen wir nun tun? In vierzehn Tagen fangen die Ferien an. Hast du dir schon einmal überlegt, wie das dann zu Hause gehen soll?« »Ach, es geht halt, wie's geht.« Amélie antwortete nicht. Sie dachte mit Unbehagen an ihr Wiedersehen mit Erich, dessen häufige zärtliche Briefe sie nervös machten und das Gegenteil des beabsichtigten Zwecks bei ihr erreichten. »Es ist doch alles nichts,« fuhr sie nach einer Weile fort, »und auch an dir habe ich keinen Halt. Wenn ich mich einmal mit dir aussprechen will, dann liest du.« »Was soll man sich da viel aussprechen? Das ganze Leben ist halt ein Dreck.« »Weißt du, wenn ich das glauben könnte, dann möchte ich überhaupt keine Stunde mehr da sein.« Hermann las weiter. Amélie begann plötzlich zu schluchzen. »Aber Mely,« sagte er zärtlich, stand auf und streichelte sie, »was soll denn das nun wieder?« »Ach, laß mich! Lies nur weiter und laß mich ein bißchen heulen.« Hermann tat, wie sie sagte. 25 Mme. Sanders war einige Tage vor den Ferien ihrer Enkel mit der alten Lene, die sie zu sich genommen hatte, und Lorrain in die Stadt gezogen und hatte die Wohnung, die inzwischen leer gestanden, in Ordnung gebracht. Erich, der die alte Dame von Zeit zu Zeit in ihrer Villa zu besuchen pflegte, war ihr allmählich eine Stütze und eine Art Bundesgenosse geworden gegen die Geschwister, deren Treiben in München ihr immer geheimnisvoller und beunruhigender erschien. Auf ihre Briefe waren immer nur kurze Antworten gekommen, selbst wenn es sich um wichtige geschäftliche Angelegenheiten handelte. Das alte Haus gehörte ihr und den Enkeln gemeinsam; die Frage mußte entschieden werden, ob man das früher von der Familie bewohnte Stockwerk vermieten sollte, aber die Kinder taten stets, als ginge sie das gar nichts an, die Großmutter möge das alles machen, wie sie wolle. Kurt durfte man jetzt auch nicht mit Geschäften kommen, er stand gerade vor der Assessorprüfung. Mme. Sanders konnte sich nicht schnell zum Vermieten entschließen, da sie immer noch hoffte, Amélie und Erich würden bald heiraten und könnten dann die alte Wohnung beziehen. »Laß mich nur machen, Großmama,« sagte Erich immer, wenn die alte Dame sich bei ihm beklagte, »ich weiß, wie man Amélie behandeln muß. Da gibt es nichts anderes, als sie in Ruhe lassen, bis sie von selbst vernünftig wird.« »Du magst recht haben, aber ich kann nicht mehr lange warten; bis die zwei zur Vernunft kommen, liege ich vielleicht schon unter der Erde.« »Aber Großmamachen, bis dahin ist noch lange Zeit.« Die alte Frau legte ihre gepuderte, alte Rechte auf Erichs Hand und sagte: »Du bist meine einzige Stütze gegen mein eigenes Blut.«   Die Geschwister kamen mit einem Nachmittagszug an. Die Begrüßung war fröhlich und ziemlich unbefangen. Beim Tee hatten sie vieles zu erzählen, und während sie sich gegenseitig in ihren Berichten unterbrachen und ergänzten, erschien ihnen München selbst wieder in einem Glanz, den es in der letzten Zeit nach dem Fest für sie bereits verloren hatte. »Weißt du noch, der prachtvolle Sonnenuntergang auf der Insel?« sagte Amélie entzückt, und sie erinnerten sich gegenseitig an Ausflüge, Zusammenkünfte mit Künstlern und humoristische Zwischenfälle, während die Großmutter und Erich höflich zuhörten. »Das muß allerdings sehr anregend für dich gewesen sein,« sagte Erich öfters zu Amélie. »Und wie geht es denn mit dem Malen?« fragte die Großmutter. Amélie sagte: »Oh, ganz gut, das wird schon langsam werden.« Aber Hermann fiel ihr ins Wort und meinte: »Malen, das Malen! Als ob's darauf so sehr ankäme! Es gibt noch wichtigere Dinge im Leben, als die Kunst. Vor allem muß man leben . Aber das begreift ihr ja alle nicht.« Damit stand er auf und erklärte, er werde jetzt noch ein wenig ins Caféhaus gehen, um Zeitschriften zu lesen. »Aber Junge, am ersten Tag deines Hierseins?« sagte die Großmutter vorwurfsvoll. »Was soll ich denn hier? Wir verstehen uns ja doch nicht und unsere Gespräche sind unfruchtbar.« Dann ging er. Die Großmutter richtete es so ein, daß Amélie und Erich abends allein im Salon saßen, damit sie sich aussprechen könnten. Als Amélie die alten Biedermeiermöbel wiedersah, dachte sie: »Eigentlich schade, daß sie hier stehen, wo niemand sie würdigt.« Sie hatte inzwischen erfahren, daß »Kulturmenschen« neuerdings den Biedermeierstil wieder bevorzugten und war darüber einigermaßen erstaunt gewesen, da er ihr, wie alles von Hause her Gewohnte, »rückständig« vorgekommen war; aber selbst Oesterots hatten sich einige Biedermeiermöbel gekauft, und nun sah sie diesen Stil mit anderen Augen an. »Endlich haben wir uns nun einmal wieder,« sagte Erich und wollte sie küssen. Aber sie wehrte ab und sagte: »Nein, laß mich.« »Aber Amélie, nach einer so langen Trennung werde ich dir doch wieder einmal einen Kuß geben dürfen?« »Nein, ich will die alten Geschichten nicht wiederhaben.« Darauf trat Schweigen ein. Erich saß in gebeugter Stellung traurig in einem Sessel und strich sein dünnes Schnurrbärtchen. »Ich kann dich ja ganz gut verstehen. Ich habe dir gegenüber vieles zu bereuen, das sehe ich selbst ein und mache keinen Hehl daraus. Inzwischen bin auch ich gereift. Nein, so wie damals soll es allerdings nicht wieder werden, aber gute Kameraden können wir doch einstweilen bleiben, bis wir Mann und Frau sind.« Amélie stieß einen unzufriedenen Seufzer aus. »Ist dir der Gedanke daran so unangenehm?« »Ach, unangenehm nicht,« erwiderte sie gleichgültig, »ich finde es nur so furchtbar komisch, daß ich deine Frau werden soll.« »Was daran komisch ist, sehe ich aber wirklich nicht.« »Weil du eine Spießbürgernatur bist.« »Und du? Was erwartest du dir denn eigentlich von der Zukunft?« »Weiß ich's denn?« fragte sie, überlegen das Kinn hochhebend, und ging wie beseligt um den Tisch herum, »muß man denn immer etwas erwarten? Ich will einfach leben, atmen, schaffen, was weiß ich? Nur nicht mich festlegen und anketten lassen.« Er blickte sie ängstlich an und bewunderte sie in ihrer ihm unheimlichen Freiheit. »Bitte, gib mir eine Zigarette,« sagte sie, »es ist doch einer deiner Hauptvorzüge, daß du so anständig rauchst.« Er öffnete die goldene Dose und reichte sie ihr. Sie genoß ihren Triumph, wie sie während der ganzen Münchener Monate kaum etwas genossen hatte. »Und glaubst du denn, daß du das, was du zu deinem Glück brauchst, in München findest?« forschte er weiter. »Allerdings, das glaube ich!« rief sie aus tiefster Überzeugung, indem sie sich ins Sofa warf und ihre Arme wohlig über der Lehne ausbreitete. Sie dachte in diesem Augenblick an das Fest und es kam ihr vor, als seien die ganzen Münchener Monate ein Bacchuszug gewesen. »Wie lange wird denn dein Studium noch dauern?« »Ach, das weiß ich noch nicht,« meinte sie und spielte, von sich selbst entzückt, ihren letzten Trumpf aus: »ich gehe überhaupt wahrscheinlich zur Bühne.« »Zur Bühne? Ist das dein Ernst?« fragte Erich zerschmettert. »Allerdings, mein Junge, du wirst es mir doch wohl nicht verbieten wollen? Entspricht das etwa nicht deinen gesellschaftlichen Vorurteilen?« »Verbieten!« rief er erschreckt, »du weißt, ich verbiete dir überhaupt nichts; du hast deine völlige Freiheit. Aber ich würde mir das doch erst noch einmal überlegen.« Das Eintreten der Großmutter brach die Unterhaltung ab. Als sich Amélie abends zu Bett legte, war eine gewisse Entmutigung, die sie in der letzten Zeit in München gespürt hatte, völlig von ihr gewichen, sie fühlte sich stark, – überlegen und fähig, der ganzen Welt zu trotzen.   Am nächsten Tage spürte sie das unbezwingliche Bedürfnis, durch die Straßen zu gehen. Sie hoffte, recht viele alte Bekannte unterwegs zu treffen, denen sie von der Münchener Herrlichkeit erzählen könnte. Um zwölf Uhr hatte sie sich bei Lea Knapp angemeldet, die sie bei der Arbeit in ihrem alten Atelier traf. Wie fern schienen Amélie die Ereignisse zu liegen, an die sie dieser Raum erinnerte. Lea trug eine dunkelgraue, praktische Malschürze, ihr schwarzes Haar hing schlecht geordnet über die Ohren. Auf der Staffelei stand ein angefangenes Oelbild, das eine typisch schöne, ausgeschnittene Frau darstellte. »Wer das ist, ahnst du nicht,« sagte Lea nach den ersten Begrüßungsformeln und Fragen, auf das Bild deutend. »Nun, es ist Elisabeth Schlosser, die du ja auch kennst; sie wird übrigens nachher kommen, um dich wiederzusehen. Sie hat eine Entwicklung durchgemacht, die geradezu beispiellos ist. Ich werde etwas in unserem Blatt darüber schreiben, denn es ist ein rechtes Beispiel dafür, wieviel wertvolles Frauenmaterial heute noch von der Gesellschaft unterschlagen wird, wenn nicht die zufällige Erweckung kommt.« »Sie wollte doch Krankenpflegerin werden?« fragte Amélie, sich der alten Zeit des Konfirmandenunterrichts entsinnend. »Ja,« erwiderte Lea, »ich habe sie zufällig in unserem Verein kennengelernt. Wir haben nämlich hier einen Frauenbund gegründet, an dem alle schon freien oder frei werden wollenden Frauen der Stadt teilnehmen. (Wir erteilen auch Rechtsbelehrung in Scheidungsfragen.) Vom Christentum war Elisabeth damals schon abgekommen, aber sie irrte noch tastend umher, als ...« In diesem Augenblicke klingelte es. »Das wird sie sein,« sagte Lea, »sie nennt sich jetzt übrigens auf meinen Rat Ellinor und ist verlobt mit Dr. Mück, dem Mathematiklehrer am Realgymnasium.« Das Brautpaar trat ein. Elisabeth hatte eine stattliche, wenn auch nicht sehr hohe Gestalt, ihr Haar war wie früher in der Mitte gescheitelt, aber dadurch, daß es halb über den Ohren lag, wurde aus dem Gouvernantengesicht eine Art Cléo de Mérode-Typus. Sie trug einen Panama mit grünem Schleier und ein helles Reformkleid. Neben ihr ging ein magerer, hüstelnder Mensch mit kurzem, rotblondem Stoppelbart, einer bläulichen Brille und stets in Bedenklichkeit gefurchten Stirn. Elisabeth schritt mit gekünstelten Bewegungen auf Amélie zu und begrüßte sie. Ehe sie ihr die Hand gab, hob sie den Unterarm nach oben, drückte die Finger in eine Spitze zusammen, so daß die Hand die Form eines Gänsekopfes auf einem langen Halse annahm. Dr. Mück stellte sich selbst vor, indem er ganz leise hauchte: »Mück.« »Eben sprachen wir gerade von dir,« sagte Lea. Elisabeth lächelte. Obwohl ihr Gesicht ausgesprochen derbe Züge hatte, verstand sie es doch, sich die Allüren einer schönen Frau zu geben, und es gelang ihr sichtlich, Lea und den Dr. Mück an diese Fiktion glauben zu machen. »Du bist Malerin?« fragte Elisabeth Amélie fast gönnerhaft. »Ja,« erwiderte Amelie, »aber ich werde wohl später zur Bühne gehen.« »Zur Bühne,« nickte Elisabeth mit überlegenem Lächeln, »da sind wir uns ja gar nicht so fern, wie ich dachte.« »Willst du auch?« fragte Amelie. »Ja, zur Bühne will ich wohl,« lächelte Elisabeth geheimnisvoll, »wenn man darunter nicht gerade das Theater versteht.« Amélie verstand nicht, Lea nickte Elisabeth befriedigt zu. »Das ist eben das Geheimnis,« sagte jene, »aber Amélie können wir es verraten. Ellinor wird nämlich Barfußtänzerin.« Die beiden Mädchen weideten sich an Amélies Erstaunen. »Das heißt Naturtänzerin,« ergänzte Dr. Mück, und verriet durch seinen Tonfall, daß er Sachse war. »Hast du davon noch nie gehört?« fragte Lea. »Doch, ich erinnere mich,« sagte Amélie, »in München wollte einmal eine auftreten, aber es wurde ihr von der Polizei verboten.« »Oh, wir werden durchdringen,« rief Ellinor mit einem Blick zum Himmel, und Amélie gewahrte in ihren starren Augen wieder den verzückten Ausdruck, wie einst, als sie den Beruf zur Krankenpflegerin in sich spürte. »Wie ist denn das alles gekommen?« fragte Amélie, noch immer erstaunt über Elisabeths scheinbar so widerspruchsvolle Entwicklung. »Ja, das ist nicht so einfach,« sagte diese, »man muß eben die Berufung dazu in sich spüren.« »Na, daß dieses herrliche Menschenkind nicht in der Krankenpflege verkümmern durfte, das war doch klar,« sagte Lea stolz, indem sie Ellinors derben Rücken streichelte, »sie kam zu uns in den Frauenbund und suchte irgendeine Beschäftigung als Sekretärin oder in einem Geschäft ...« »Nun, wenn die Geschichte schon erzählt werden soll,« fiel Mück lebhaft sächselnd ein, »dann aber bitte von vorne anfangen. Als ich Ellinor kennenlernte, war sie noch in den Vorurteilen des Christentums befangen. Mir ist es zu verdanken, daß sie eine überzeugte Monistin geworden ist. Ich habe sie Darwin, Haeckel und Ostwald verstehen gelehrt.« »Na, lieber Doktor,« unterbrach Lea, »ohne Ihre gelehrige Schülerin wären Sie heute auch nicht der Künstlermensch, der Sie sind.« »Das erkenne ich offen an,« sagte Mück, »für das Aesthetische hat mir allerdings Ellinor erst die Augen geöffnet.« »Nun, und wer hat sie auf das Aesthetische gebracht?« fragte Lea. »Doch wohl ich, als ich mich mit ihr zu beschäftigen begann und ihr klar machte, daß es für ein so schönes Ausnahmegeschöpf schade sei, wenn es in der Tretmühle eines prosaischen Berufes verkäme. Ich habe sie auf die Kunst und die Bühne verwiesen.« Elisabeth-Ellinor hatte bis jetzt lächelnd und mit erhobenem Blick zugehört. »Nun, auf das Tanzen bin ich aber doch wohl selbst gekommen,« sagte sie, »der Gedanke stammt von mir, die Farben und Bewegungen der Urtiere, besonders der Radiolarien, wie sie auf den bunten Tafeln im Haeckel abgebildet sind, zur Grundlage organischer Tänze zu machen.« »Aber wir wollen ja dein Verdienst nicht schmälern,« sagte Mück. »Ich werde es euch nie vergessen, was ihr beide mir gewesen seid.« Sie reichte jedem eine Hand. Bei der guten Amélie, die hergekommen war, um Eindruck zu machen, waren plötzlich wieder alle ihre kindlichen Instinkte erwacht, die sie zur Bewunderung anderer trieben und sich selbst nur als Publikum zu betrachten hießen. Lea bestand darauf, daß Ellinor etwas vortanzte. Sie mußte sich zu diesem Zweck hinter der spanischen Wand ausziehen, kam dann, nur mit einem leichten Hemd bekleidet, unter dem die behaarten dünnen Beine bis zum Knie sichtbar waren, wieder zum Vorschein und zeigte sich vor Mück und den beiden Freundinnen. Mit gezierten Schritten und seltsam in die Luft bohrenden Armbewegungen ging sie durch die Werkstatt, dann blieb sie in einer Ecke stehen, nahm irgendeine übertriebene Stellung an, drückte sich plötzlich wie ein verfolgtes Wesen an die Wand und hopste dann auf einmal in neckischer Lustigkeit umher. Sie behauptete dann, zu diesem Tanz gehöre eigentlich ein Scherzo aus einer Beethovenschen Symphonie als Begleitung, dessen Gehalt sie mimisch auszudrücken suche. Mück und Lea waren begeistert. Amélie hatte gar nicht geglaubt, daß das schon der Tanz sei; sie erwartete, daß er erst beginne, aber dann fand sie es außerordentlich neu und eigenartig. Es kam wohl bei alledem besonders auf den Ausdruck der Innerlichkeit an. Dr. Mück mußte sich bald verabschieden, er hatte eine Stunde zu geben. Die drei Mädchen blieben allein in der Werkstatt. »Es ist schade, Amélie,« sagte Lea, »daß du Mück nicht früher kanntest, ehe er der glühende, lebendige Mensch war, als den du ihn eben gesehen hast. Gott, wie tot und arm ist er gewesen, ehe er Ellinor traf; nicht wahr, Ellinor?« »Ja, es war geradezu tragisch,« bestätigte diese, »er kannte nichts als die Enge der Familie und draußen die Dirnen.« »Du mußt erzählen, wie das alles im einzelnen war,« ermunterte Lea, »denn die ganze Geschichte ist vorbildlich für die Zukunft, wo nicht mehr der Herr der Schöpfung der allein Werbende sein wird.« »Nun, ich bin ganz einfach zu ihm hingegangen,« sagte Ellinor, indem sie einen ganz schlichten Ton versuchte, »und habe ihm gesagt: Hier bin ich, mach' mit mir, was dich die Natur heißt. Ich habe erkannt, daß wir die Pflicht haben, uns auch körperlich ganz zu gehören. Beruht nicht deine Lehre auf dem Monismus, der keinen Unterschied anerkennen will zwischen Seele und Leib?« »Das ist wirklich wundervoll!« rief Amélie in ehrlicher Begeisterung aus, »daß man überall, wohin man kommt, von den neuen Idealen hört. Ich hatte wirklich ein wenig Angst, aus dem glühenden Dasein Münchens wieder hierher zurückzukommen. Oh, wir werden uns viel, viel zu erzählen haben.« Amélie machte bald Hermann mit Lea, Ellinor und dem Dr. Mück bekannt, und die fünf jungen Leute saßen Tag für Tag zusammen und vertieften sich in die neuen Ideen. Durch Mück wurde Hermann in die Lehren des Monismus und des Sozialismus eingeweiht. »Die Wurzel alles Nebels«, sächselte Dr. Mück, während seine sommersprossige, mit Warzen übersäte Hand die Luft durchfuhr, »ist das Erbrecht. Kein Wunder, daß solche Schufte, die von Kindheit an nur den Ueberfluß kannten, leicht einmal ein gutes Buch schreiben; die kriegen ja die ästhetische Kultur, die wir uns erst erringen müssen, mit in die Wiege.« Am selben Abend aber sagte er: »Das Erbrecht schafft nur Idioten. Wie kann denn so ein Kerl, dem's immer gut gegangen ist, einen geraden Gedanken in seinem Schädel haben? Er sieht ja das Leben immer von falschen Voraussetzungen aus.« Dieser häufig wiederholte Satz machte auf Hermann tiefen Eindruck. War er nicht selbst immer gehegt und gepflegt worden? Hinderte ihn seine gute Erziehung und sein sicheres Auskommen nicht an allem und jedem? Nie würde er das wahre Leben kennenlernen. München, Künstlerfeste, Ateliers, Kaffeehäuser, Bücher, all das damit zusammenhängende Dasein war ja auch nur künstlich dadurch ermöglicht, daß die meisten, die mitmachten, irgendwie, wenn auch nur durch kleine Renten und geringe äußere Ansprüche, gesichert waren. Er fühlte, daß hier das Problem seines Daseins lag und glaubte, Dr. Mück könne ihm es lösen helfen. Widerstandslos nahm er daher dessen Gedanken in sich auf und gestand diesem eines Nachts, hinter dem weißen Marmortischchen eines leeren Kaffeehauses in ein rotes Samtsofa versunken, daß ein Dasein wie das seinige ohne die kapitalistische Vorentwicklung seiner Familie überhaupt undenkbar wäre, was er seine Tragik nannte. Dr. Mück zeigte dafür ein überraschend mildes Verständnis, und die Bewegung seiner warzigen Hand drückte nicht die mindeste Verachtung aus. Dies seien Uebergangszustände der sozialen Evolution. Seitdem bat er Hermann öfter einmal um fünf oder zehn Mark, die dieser nicht verweigern zu können glaubte, wenn er beanspruchen wollte, ernst genommen zu werden. Der Großmutter und Erich gegenüber taten die beiden Geschwister wie immer sehr geheimnisvoll, wenn sie von den Zusammenkünften mit ihren Freunden sprachen und von der neuen Zeit, die herandämmere. Die Großmutter wiegte bedenklich den Kopf und schüttete Erich traurig ihr Herz aus, wenn sie mit ihm allein war, der fühlte, daß alle seine Gewalt über Amelie dahin schwand. So gingen diese Wochen vorbei. Am Anfang des Winters befanden sich Amelie und Hermann wieder in München. Viertes Kapitel Fürst Casimir Kraminsky 26 Hermann und Amélie suchten zusammen Zimmer für den Winter. Sie kamen in die Straßen in der Nähe des Englischen Gartens, wo zwischen modernen Mietshäusern noch alte, hüttenartige Baulichkeiten standen aus der Zeit, als Schwabing ein Dorf unweit Münchens war. Die kleinen Häuschen hatten etwas viel Anziehenderes als die nüchternen, neuen Häuser, aber der Schritt von dieser behaglichen Stimmung zum wirklichen Einzug in ein solches Gemäuer war doch sehr groß. Hie und da gingen Hermann und Amélie hinein, wurden aber durch den muffigen Geruch, die Feuchtigkeit, den Schmutz und die unsauberen kleinen Leute mit den vielen schmierigen Kindern vom Mieten abgehalten. Da blieb Amélie plötzlich vor einem Zettel, der zu vermietende Zimmer anzeigte, stehen. Er war an einem Haus angebracht, das zwar stattlicher aussah als jene Hütten, aber doch nicht den nüchternen Charakter heutiger Mietskasernen hatte. Es war ein weitläufiger Bau mit dunkelgrauem, verwittertem, teilweise abbröckelndem Bewurf, der an Streußelkuchen erinnerte. Neben dem Haus erhob sich ein fast bäuerliches Scheunentor, das offenbar nach einem dazugehörigen Garten führte. Eben hatte Hermann den alten, rostigen Klingelzug erfaßt, der einen Ton von sich gab, von dem man nicht wissen konnte, ob es das eigentliche Klingeln war oder nur ein durch den schlechten Zustand des Dings bewirktes, ungewolltes Nebengeräusch, als sich das Scheunentor öffnete und einen sonderbaren Anblick bot. Auf einem Esel saß eine in einen großen Badmantel gehüllte Gestalt mit einem glattrasierten, sehr ausdrucksvollen Gesicht und darüber einem dunklen Tuchbarett, wie es Richard Wagner zu tragen liebte. Im ersten Augenblick erinnerte das Gesicht an den Dichter Friedrich Wartegg, doch war es bedeutend heiterer und freundlicher trotz dem Ernst der groß angelegten Züge. Der etwas verwitterte Mund verzog sich zu einem verbindlichen Lächeln und die dunklen Augen hefteten sich auf Amélie. Aus den Falten des Radmantels wickelte sich eine elegante, weiße Hand mit einem milchig-grün und goldenen persischen Türkis, faßte nach dem Barett und lüftete es ein wenig. Dann sagte der Reiter mit fremdländischem Tonfall: »Oh, die beiden Herrschaften suchen wohl nach Zimmern?« Er sprach das R ganz vorne mit der Zunge und zischte das S in auffälliger Weise. »Bitte die Herrschaften näherzutreten,« fuhr er fort, stieg von seinem Tiere ab und führte es am Halfter nach rückwärts, während Hermann und Amélie folgten. Auf der Rückseite des Hauses war das obere Stockwerk über das Erdgeschoß hinausgebaut und wurde von einigen Holzpfeilern getragen. An einem band der sonderbare Herr im Cape den Esel an, öffnete dann eine Tür, machte eine Verbeugung und ließ die beiden Geschwister mit vollendeter Höflichkeit in das Haus eintreten. »Erlauben Sie, daß ich Ihnen den Weg zeige,« fuhr er dann fort, ging über eine bequeme Holztreppe nach dem oberen Stock, wo er wieder eine Tür öffnete, die in einen großen, hellen Raum führte. Dort waren die Mauern grün gestrichen, aus den Fenstern fiel Licht von zwei Seiten ein, um die Wände zogen sich Holzbänke. In einer Ecke stand ein breiter Tisch; ein Paneel, auf dem allerlei Holzfiguren standen, Bilder lehnten und sonderbarer Krimskrams herumlag, umgab das Zimmer. In der Ecke über dem Tisch befand sich ein großer Bauernteller, auf den in einem Dreieck das Auge Gottes gemalt war. Das Ganze wirkte wie der Hauptraum in einem wohlhabenden Tiroler Bauernhause. In einer großen Nische sah man den Herd, wo Feuer brannte. »Dieses Zimmer heißt das Tirol,« sagte der Eigentümer und bat Amélie und Hermann, auf zwei etwas verbrauchten, aber bequemen Rohrsesseln mit blaßfarbigen Kissen Platz zu nehmen. Er setzte sich gegenüber auf die Holzbank und betrachtete die beiden mit freundlichem Wohlgefallen. »Die Herrschaften studieren hier?« fragte er. Die Geschwister bejahten, Hermann sagte, daß sie Bruder und Schwester seien und nannte die Malschulen, die sie besuchten. »Ah, Künstler,« erwiderte er, »das freut mich besonders, ich habe es mir gedacht. Haben Sie hier schon irgendwelche Beziehungen?« fragte er weiter in seiner schnurrenden Aussprache. Hermann nannte ein paar Namen, darunter vor allem das Haus Oesterot. »Oh, der Doktor!« sagte der Fremde erfreut, »Sie kennen den Doktor? Wir sind gute Freunde. Ich bin Fürst Kraminsky aus Warschau. Ich habe dieses Haus schon über zwanzig Jahre und führe hier meinen eigenen Haushalt, ganz künstlerisch, wie Sie sehen; aber ich habe ein paar Zimmer zu vermieten, die ich gerne an sympathische Leute abgebe. Bitte, wollen Sie ansehen.« Er stand auf und öffnete eine Tür, die in das »Tirol« mündete. Man trat in ein sehr freundliches Zimmer mit Aussicht nach dem herbstlichen Garten, die Möbel waren alt und gediegen, teilweise von künstlerischem Wert. Ein schöner Renaissanceschrank war das Hauptstück. An dieses Zimmer stieß eine kleine Kammer, die als Schlafzimmer einfach, aber für einen jungen Menschen hinreichend eingerichtet war. »Dies ist das eine Appartement,« sagte der Fürst, »nun habe ich noch ein zweites, ganz ähnlich; kommen Sie.« Er schritt wieder durch das »Tirol« und öffnete eine andere Tür, die nach einem ähnlichen Raume mit Kammer führte. Die beiden Geschwister warfen sich hinter dem Rücken des Fürsten erstaunte, aber zugleich erfreute Blicke zu; das Ganze gefiel ihnen ausnehmend. »Nun haben Sie gesehen,« sagte der Fürst, »jetzt hören Sie auch.« Er setzte sich mit seinen beiden Gästen wieder an den Tisch. »Ich bin ein Sonderling, Sie haben es gewiß schon gemerkt. Nun ist die Frage, ob Sie das stört oder nicht. Wenn ja, dann können Sie ausziehen, wann Sie wollen; wenn nein: gut, dann werden wir Freunde sein. Sie können die Zimmer haben, wann's Ihnen beliebt. Jeder zahlt sechzig Mark, dafür hat er eins der Appartements und Mittagessen. Jeden Mittag um ein Uhr finden Sie hier auf dem Herd oder auf dem Tisch ein paar warme und kalte Schüsseln. Wohlschmeckend, einfach, nahrhaft, das ist mein Prinzip. Für Frühstück und Abendessen müssen Sie selbst sorgen. Aber es kommt eine Zugeherin ins Haus, Frau Kuhwarm, die wird Ihnen morgens Kaffee oder Tee oder Schokolade machen und abends Nachtessen einholen, wie Sie wollen. Sie müssen sich mit ihr verständigen. Das ist alles. Dieses Zimmer hier, das »Tirol«, ist gemeinsamer Raum. Sie können hier sitzen, wann Sie wollen und Besuch empfangen, je mehr desto besser. Ich habe gern Leben im Haus. Meine Wohnung ist unten; ich werde sie Ihnen zeigen. Kommen Sie.« Der Fürst führte die beiden immer mehr erstaunten, aber zugleich angeheimelten Geschwister die bequeme Treppe hinab und zeigte ihnen im Erdgeschoß ein außerordentlich großes Gemach, das fast das ganze Stockwerk einnahm und nach drei Seiten Fenster hatte. An einer Wand stand ein großes Büchergestell mit vielen schweinsledernen Bänden. »Alles Polnisch und Latein,« sagte der Fürst, indem er auf seine Bücherei zeigte. »Das sind die zwei einzigen Sprachen, die man kennen muß. Was nicht auch in Polnisch oder Latein geschrieben ist, taugt nichts.« In einer Ecke stand eine reichhaltige Sammlung von Waffen, Säbeln, Rapieren, Floretts, darüber hingen Masken. Bei einem der Fenster befand sich ein Werktisch, auf dem eine Menge altertümlich geformter Gläser standen, die teilweise bemalt waren. Farben und Pinsel lagen umher. »Dies ist mein kleiner Nebenerwerb,« erklärte der Fürst, »ich liebe nichts mehr, als Freiheit und Unabhängigkeit, und wenn ich etwas Geld brauche, will ich nicht der Sklave sein von einem anderen. Dann male ich ein paar solche Gläser nach Mustern aus der Renaissancezeit. Es gibt hier einen Händler, der sie gut bezahlt und für alt verkauft. Es ist Schwindel, aber was geht es mich an? Er soll mit meiner Arbeit tun, was er will; aber ich arbeite nur im Notfall, wenn ich Geld brauche. Arbeit schändet.« Eine Ecke des Raumes konnte durch einen Vorhang abgeschlossen werden. Dahinter stand ein einfaches Feldbett. Das Erstaunlichste in dem Raum aber war, daß in der Mitte eine große Schüssel voll Milch stand, bei der ein schwarzer Kater in den letzten Zuckungen seines Lebens lag. Ein Geruch von Baldrian füllte die Luft. Der Fürst nahm den Kater auf und betrachtete ihn. Dann schaute er lächelnd auf die beiden Geschwister, hob einen Finger gen Himmel und sagte: »Gift.« »Sie haben doch das arme Tier nicht umgebracht?« fragte Amélie ganz erschreckt. »Doch,« sagte der Fürst, »ich habe. Im Herbst bringe ich immer meine Katzen um, weil sie die Vögel vertreiben. Es macht mir aber Freude, den Winter über Vögel an den Garten zu gewöhnen, indem ich ihnen Futter hinstreue. Das läßt sich nicht vereinigen mit Katzen. Im Sommer habe ich dann wieder Katzen, im Herbst mache ich sie tot. Das ist die letzte aus der diesjährigen Familie. Nun müssen Sie noch den Garten sehen.« Sie traten wieder unter die Halle, die das vorgebeugte Obergeschoß auf der Rückseite des Hauses bildete. Dort hob der Esel gerade den Kopf hoch, entblößte sein Zahnfleisch und die fürchterlichen Zähne und schrie ein markerschütterndes Yah in die Luft. Der Fürst streichelte das Tier und sagte: »Dies ist Dogma, der Esel. Ich habe ihn Dogma genannt, weil ich selbst früher ein Dogmatiker gewesen bin und damit die erste Hälfte meines Lebens vollkommen verhunzt habe. Jetzt aber habe ich den dogmatischen Zug in mir gebändigt und lenke ihn so sicher wie diesen Esel. Selber reiten, das ist alles.« Dabei streichelte er den Esel, der sich beruhigte und wieder grau und gutmütig zu Boden blickte. Der Garten war vollkommen verwahrlost. Zwischen den größtenteils schon entlaubten Bäumen, an denen nur noch wenige Herbstblätter hingen, standen einige verwitterte Statuen, ein antikes Kapitäl und eine mit Skulpturen geschmückte, bemooste Brunneneinfassung. In einer Ecke sah man einen großen Käfig, in dem ein schwarzes Eichhorn mit weißer Brust umherraste. »Dies ist Murfi,« sagte der Fürst, »ein mystisches Tier, so böse wie ein Verbrecher, aber seine Tragik ist seine Kleinheit. Es kann nichts tun, denn es ist zu winzig. Sehen Sie?« Er streckte ein Hölzchen durch das Gitter, auf welches sich das schwarze Tier mit einer geradezu unheimlichen Wut stürzte. »Wenn es töten könnte, es würde,« sagte der Fürst. »Ein Nero ist in ihm. Vielleicht ist es Nero selbst. Nero in der Hölle! ... Nun sagen Sie mir, wie gefällt Ihnen das alles?« »Oh, sehr schön und interessant,« rief Hermann. »Reizend,« erwiderte Amélie. »Nein, nein,« sagte der Fürst, »das ist nichts. Es ist ein anderes deutsches Wort, ich vergesse immer.« Darauf nahm er unter seinem Cape, das er immer noch anhatte, ein kleines Bändchen hervor, offenbar ein Wörterbuch, und schlug nach. »Oh, hier habe ich,« sagte er, »hier habe ich das Wort. Es ist gemütlich.« Hermann und Amélie lachten, und der Fürst lachte mit: »Ja, gemütlich,« wiederholte er. »Nun können Sie sich entscheiden, wann Sie wollen. Ich muß jetzt gehen, um mit Dogma auf den Markt zu reiten, sonst bekomme ich nichts mehr zu Mittag. Ich kaufe alles selbst ein, weil ich auf eine gute Küche halte. Sobald Sie entschlossen sind, geben Sie Nachricht. Sie können von morgen ab einziehen.« Der Fürst schwang sich wieder auf Dogma und geleitete die Geschwister nach dem Tor zurück, vor dem sie sich verabschiedeten. Darauf gab er seinem Tier die Sporen, das in einen merkwürdig schnellen Trab verfiel und den sonderbaren Reiter nach der Stadt zu trug. Am anderen Vormittag fuhren die Geschwister in einer Droschke beim Fürsten vor. Das Geräusch, das der rostige Klingelzug machte, rief Frau Kuhwarm herbei, die das Scheunentor öffnete und dem Geschwisterpaar ihren Anblick bot. Sie war ein mageres, etwas langes Geschöpf und hatte gerade einen geschwollenen Backen, die einzige Schwellung übrigens, die ihr hagerer Körper aufwies, und diese verbarg sie unter einem roten, weißbetupften Kopftuch, das sie fest umgebunden hatte. Ueber dem Haar standen die beiden Zipfel des Tuches auseinander. »Scheen gu'n Morjen winsch i,« sagte sie und half den Geschwistern, ihr Gepäck in das Haus bringen. Amélie nahm die Zimmer nach dem Garten, Hermann die beiden anderen. Sie begannen gleich damit, ihre Sachen auszupacken und sich in den behaglichen Räumen einzurichten. Als sie sich etwas hungrig in dem Tirol trafen, schlug es ein Uhr. Von Frau Kuhwarm war nichts mehr zu hören und zu sehen, aber genau, wie der Fürst gestern gesagt hatte, fanden sie eine Reihe von anregenden Schüsseln bereit. Auf dem weißgebohnten Tisch stand eine Platte mit zierlich geordneten Vorspeisen, Radieschen, ein paar kleinen Fischen und etwas russischem Salat. Auf dem Herd befand sich in einer Pieschüssel eine Art Auflauf mit braungebackener Kruste. Es waren zwei Gedecke aufgelegt, bäuerliches Tongeschirr, aber gediegenes, ja prächtiges Silber. Amélie ordnete alles noch ein wenig, und dann ließen sich die Geschwister die Speisen schmecken. Besonders überraschend war der Auflauf, in dem alle möglichen Dinge zusammengebacken waren, Gemüse, Fleisch, Reis, und das alles hatte eine vortreffliche, geröstete Kruste. »Das ist wirklich etwas anderes, als der Münchener Wirtshausfraß,« bemerkte Hermann. Amélie wußte sich vor Staunen über diese Haushaltung nicht zu fassen. Auch ein Teller mit Früchten stand bereit und eine spitze Flasche mit einem leichten Tiroler Landwein. Hermann und Amélie hatten gerade die Mahlzeit beendigt und sich Zigaretten angezündet, als man plötzlich ein lautes Getrappel von Hufen auf der Holztreppe hörte. Nach einigen Augenblicken sprang die Tür auf, und herein ritt der Fürst Casimir Kraminsky auf Dogma, dem Esel. Er grüßte sehr höflich, sprang ab und band das Tier an einen Eisenring, der neben dem Herd an der Wand befestigt war. »Er lebt mit mir wie ein Mensch,« sagte der Fürst, auf Dogma deutend, »er wird Sie nicht stören.« Dann setzte er sich zu den Geschwistern, wischte sich mit einem rotbraunen Seidentuch die Stirn und fragte, ob sie mit allem zufrieden seien. Sie versicherten ihm, daß ihnen alles ausgezeichnet gefiele. »Dann werde ich noch Kaffee machen,« sagte er. Nun nahm er von einem der Paneele eine lange dünne Messingmühle, in der er den Kaffee zu mehlartigem Pulver mahlte. Er bereitete das Getränk am Herd nach türkischer Art, indem er einen Messingbecher mit langem Stiel mit Wasser füllte und über glühenden Kohlen zum Kochen brachte. Darauf goß er das Kaffeepulver nebst Streuzucker in den Becher, ließ die Flüssigkeit mehrmals aufkochen, so daß ein lila Schaum darauf sichtbar wurde, und goß dann das schwarze, heiße Getränk in drei kleine Täßchen. »Schwarz wie der Teufel; heiß wie die Hölle, süß wie die Liebe, das ist das Rezept,« sagte der Fürst. »Stehen lassen,« wendete er sich zu Hermann, der gleich trinken wollte, »bis sich der Kaffee gesetzt hat, sonst ist es nicht genießbar.« Dann spritzte er noch einige Tropfen kaltes Wasser in jedes Täßchen, wodurch sich der Kaffee sofort klärte. Hermann und Amélie waren von dieser neuen Art der Zubereitung entzückt, wie von allem anderen, was sie in diesem Hause sahen. »Sie haben Dr. Oesterot noch nicht wiedergesehen, seit Sie hier sind?« sagte der Fürst. »Nein,« erwiderte Amélie, »wir wollen in diesen Tagen Besuch machen.« »Ja, er wird sich freuen. Ich bin gestern bei ihm gewesen und habe ihm von Ihnen erzählt. Er ist ganz zufrieden, daß Sie bei mir wohnen, und ich bin auch zufrieden. Sie hoffentlich auch?« »Aber gewiß, sicher,« sagten die Geschwister aufrichtig. Der Fürst zog ein braunseidenes Säckchen hervor, aus dem er Tabak nahm, den er selbst zu Zigaretten drehte. Mit einer graziösen Bewegung reichte er eine solche Zigarette Hermann, der das Papier ungeschickt beleckte, um sie zu schließen. Der Tabak duftete wie Honig und der Rauch legte sich schmeichelnd um die Nerven. »Lieben Sie Bücher?« fragte der Fürst, sich zu behaglicher Plauderei zurücklehnend. Hermann war verlegen; auf eine so allgemeine Frage zu antworten, war schwer, er sagte: »Ja, gewiß.« »Ich verbringe die Hälfte meines Lebens mit Büchern,« erklärte der Fürst. »Ich interessiere mich für alles. Augenblicklich studiere ich die Kaffernsprachen. Stellen Sie sich bloß vor: es gibt dort einen Dialekt, der hat sechsunddreißig verschiedene Geschlechter, aber darunter ist nicht das männliche und das weibliche Geschlecht. Mann und Frau gehören bei diesen Kaffern mit einigem anderen zusammen nur einem Geschlecht an. Ist das nicht sonderbar? ... Vielleicht ist es ganz gescheit.« Das fanden die Geschwister sehr seltsam, obwohl sie sonst über derartige Dinge nie nachgedacht hatten. In diesem Augenblick läutete es unten an der Tür, d. h. der Klingelzug gab das den Geschwistern bereits bekannte Geräusch von sich. Der Fürst ging ans Fenster und sah unten ein paar Straßenbuben stehen. Er öffnete. »Was wollen Sie?« fragte er kurz. »Herr Firscht, Herr Firscht!« rief es herauf, »auf Eahnern Haus sitzt an Moarder. Mechtens uns net erlauben, den z'fangen?« »Was sitzt auf dem Haus?« fragte der Fürst. »An Moarder, an Moarder!« rief es hinauf. »Ach so, Sie meinen den Marder, was soll er denn?« »Wir mechten'n halt gern fangen.« »Nein, das dürfen Sie nicht, den brauche ich selbst.« Damit schlug er das Fenster zu und setzte sich wieder zu seinen Gästen. »Sonderbar,« sagte er, »daß einen die Leute hier nicht in Ruhe lassen wollen. Deshalb möchte ich Sie auch bitten, immer die Vorhänge nach dieser Seite geschlossen zu halten. Dort wohnt nämlich eine Schriftstellerin, die ist absichtlich hierhergezogen; den ganzen Tag versucht sie, durch ein Opernglas zu sehen, was hier vorgeht. Die Dame sucht Stoff; aber ich danke dafür, ich bin kein Stoff, und Sie wahrscheinlich auch nicht, nicht wahr?« Die Geschwister lachten. »Also lassen Sie bitte die Vorhänge unten, damit sie nicht sieht, was wir tun; denn es wird sicher hier vieles geschehen. Jeder, der hier wohnt, erlebt etwas Ungewöhnliches. Darauf stand der Fürst auf und ging auf den Esel zu. »Ich reite gern auf ihm bis ins Zimmer,« erklärte er, »das liegt mir im Blut; und das ist so gekommen: einer meiner Vorfahren war König von Polen, aber nur wenige Stunden. Er wurde es durch Irrtum, weil der, welcher gewählt worden, im Augenblick betrunken war. Und so hat man meinen Ahn auf den Thron gesetzt, aber noch abends wurde der andere nüchtern und wollte selbst auf den Thron; mein Ahn war ein Gelehrter, er legte keinen Wert auf die Krone und hat gleich abgedankt; da wollte man ihn entschädigen, indem man ihm eine Reihe von königlichen Privilegien ließ, so z. B. das erbliche Recht, zu Pferd in den Dom von Krakau zu reiten. Dieses Recht habe ich heute noch; natürlich mache ich keinen Gebrauch davon, aber es ist den Kraminskys allen in der Gewohnheit geblieben, daß sie die Reittiere nicht draußen lassen, sondern auf ihnen ins Haus kommen; daran werden Sie sich schnell gewöhnen, es ist eine Kleinigkeit.« Der Fürst verabschiedete sich und ließ die Geschwister zurück, die immer erstaunter über ihren neuen Wirt waren. Sie hätten sich kaum mehr gewundert, wenn er plötzlich auf seinem Cape durch das Fenster von hinnen gefahren wäre. 27 Osterots gingen daran, ihren Haushalt aufzulösen und von Neujahr an solange in einer Pension zu leben, bis sie eine Reise nach Rom antreten würden. Amélie war daher auf den Verkehr angewiesen, den sie in der Luckowschen Malschule fand oder den ihr sonst der Zufall brachte. Sie merkte sehr bald, daß sie unfähig war, allein zu sein. Hermann ging abends oft seine eigenen Wege, und wenn auch der Fürst manchmal in das »Tirol« kam und einige freundliche oder drollige Worte mit ihr tauschte, so fühlte sie sich doch in dem großen Hause vereinsamt, ja sie fürchtete sich sogar ein bißchen in den altertümlichen Räumen. Gern erinnerte sie sich an Cornelius, aber der war nun gerade auf ein paar Monate nach Paris gegangen. Häufig dachte sie auch an ihre Pläne, zur Bühne zu gehen, wozu sie Dr. Oesterot im Sommer so sehr ermutigt hatte, aber wenn sie nun mit ihm das Gespräch darauf bringen wollte, so wich er aus und wollte offenbar die Verantwortung für einen so wichtigen Wechsel der Lebensrichtung nicht übernehmen. Das war für Amélie doppelt enttäuschend, da sie bereits im Sommer gemerkt hatte, daß sie ein ernstliches Interesse an dem Unterricht in der Luckowschen Schule nicht mehr hatte. Sie erklärte sich das einfach dadurch, daß ja nicht die Malerei, sondern die Schauspielkunst ihre Berufung sei. Nun aber war sie doch wieder auf die Luckowsche Schule angewiesen, weil es das einzige war, was ihrem Leben etwas Inhalt gab. Frau Oesterot besuchte die Stunden nicht mehr, da sie mit den Vorbereitungen der Reise zu sehr beschäftigt war. Auch das Fräulein Göhring war im Herbst nicht wiedergekommen. So blieb der vereinsamten Amélie nichts weiter übrig, als mit den anfangs von ihr doch etwas verachteten Elementen der Schule in nähere Verbindung zu treten. Zunächst traf sie dort das Fräulein Anne-Marie Hösgen, ein schlicht gescheiteltes, etwas dürftig ausschauendes Fräulein, Ende der Zwanziger, mit unreinem Teint, Malerin und praktische Anhängerin der Ellen Keyschen Ideen. Ihre offene Anzeige einer unehelichen Niederkunft hatte Amélie Eindruck gemacht, und es war ihr wiederum gelungen, alle die Instinkte in sich zum Schweigen zu bringen, die in ihr, wäre sie sich selbst gegenüber unbefangen gewesen, gegen das etwas aufdringliche Fräulein Hösgen gesprochen hätten. Aber schon, daß sie bei Oesterots verkehrte, gab ihr in Amélies Augen einen Glanz. Ihre Beziehungen wurden enger, als Amélie eines Tages mit Anne-Marie zusammen die Malschule verließ und diese ihr das Geständnis ablegte, daß sie sich eigentlich nicht zur Malerei berufen glaube, das Studium nur darum in der luckowschen Schule fortsetze, weil es mancherlei Gelegenheit böte, Geld zu verdienen, besonders, wenn man sich kunstgewerblich betätigte. Geheimnisvoll deutete sie an, daß sie in sich einen anderen Beruf spüre. Amélie brannte vor Neugier, zu wissen, welcher das war, denn sie erkannte eine Aehnlichkeit mit ihrem eigenen Schicksal. »Mich hat immer das Literarische mehr angezogen, als das Malerische,« sagte Anne-Marie überlegen, während sie mit dem Schirm schlenkerte, »aber eine Frau kann doch nicht eher zu schreiben anfangen, als bis sie wirklich etwas erlebt hat; und das kommt ja bei uns später als bei den Männern, wenigstens ist es augenblicklich in dieser Uebergangszeit noch so, wo ein Mädchen erst jahrelange Kämpfe durchzumachen hat, bis sie sich überhaupt zum Erleben entschließt. Aber gerade diese Kämpfe sind vielleicht das Fruchtbare; wenn jedes Mädchen schon mit siebzehn oder achtzehn Jahren das ersehnte Kind zur Welt brächte, so würde vielleicht kein Frauenroman mehr entstehen. Wir aber, die wir für die neuen Ideale gekämpft haben, und den großen Sieg der neuen über die alte Weltanschauung mit unserem eigenen Herzblute bezahlt haben, wir haben die Verpflichtung, diese Kämpfe aufzuzeichnen und der Nachwelt zu überliefern.« »Oh, Sie wollen einen Roman schreiben?« sagte Amélie bewundernd, »dazu, denke ich mir, muß eine ganz ungewöhnliche Begabung und ein großer Mut gehören.« »Zweifellos,« erwidert« Anne-Marie stolz, »aber wer ein eigenes Schicksal in seinem Leben spürt, dem drückt es ja von selbst die Feder in die Hand.« Anne-Marie bat sie, an einem der nächsten Abende zu ihr in ihre kleine Wohnung zu kommen und mit ihr das kalte Abendbrot und den Tee zu teilen. Amélie stieg in die Zweizimmerwohnung im Hinterhaus hinauf, wo Anne-Marie mit ihrem Kindchen wohnte. Diese öffnete ihr die Tür, führte sie über einen engen Vorplatz in ein kleines, hell getünchtes Zimmer, wo aus ein paar Kisten mit einer Decke ein Diwan hergestellt war, ein bunter Bauernschrank an der Wand stand, und zwei Klappstühle aus Leinwand, sowie ein breiter, auch zum Kinderwickeln geeigneter Zeichentisch das sonstige Gerät bildeten. Darauf lagen unter einer Petroleumlampe allerlei Papiere. Anne-Marie erzählte, daß sie gerade im Begriff gewesen sei, an ihrem Roman zu arbeiten. In diesem Augenblick hörte man das Geschrei des Kindes im Nebenzimmer, und plötzlich war alles Künstliche und Anmaßliche aus Anne-Maries Gesicht und Haltung entschwunden; die Züge wurden weich, fast zärtlich, sie schien alles um sich zu vergessen, sprang wie eine Feder empor und eilte in das Nebenzimmer, wo sie das Kindchen beruhigte. Amélie blieb allein zurück, und obwohl sie sich gestand, daß es höchst ungehörig war, konnte sie sich nicht enthalten, einen Blick auf das beschriebene Blatt, das dicht vor ihr lag, zu werfen. Dort las sie folgende Worte: Das neue Weib. Roman in drei Teilen von Anne-Marie Hösgen Erster Teil: Der Fluch der Familie. Erstes Kapitel. Qualen der Kindheit. »Ich bin zwar nur ein Mädchen, aber ...« Dann folgten einige Reihen ausgestrichener Worte und weiter nichts. Oben rechts in der Ecke stand groß: »Erstes Konzept.« Weiter war Anne-Marie offenbar noch nicht gekommen. Dann trat die Verfasserin wieder herein und fragte freundlich, ob Amélie nicht das Kindchen sehen wolle. In dem kleinen, ganz hell gehaltenen Nebenraum lag in dem weißlackierten Bettchen mit blauseidenen Bändern das Kleine, dessen Blut violett durch die dünne Haut der Ohren und der Stirn schimmerte. Anne-Marie, die Schriftstellerin, war ganz verschwunden; sie beugte sich beglückt über das Kind, das eingeschlafen war und nahm ihm den Milchsauger aus dem Mund, was einen leisen, quirlenden Ton hervorbrachte. Kaum aber waren die beiden Mädchen in das andere Zimmer getreten, als Anne-Maries Gesicht wieder einen harten, anmaßenden Ausdruck annahm, während sie weitläufig über das Ethos des Muttertums sprach. Etwas verlegen räumte sie dann plötzlich die Papiere von dem Tische weg. Am anderen Tage erzählte Amélie ihrem Bruder von dem Besuch. Diesem war Anne-Marie von Anfang an unangenehm gewesen; Frauen, die viel mit Theorien um sich warfen, wie Lea Knapp, Ellinor Schlosser und nun wieder Anne-Marie Hösgen beängstigten ihn. In seiner Schwerfälligkeit vermochte er ihnen nicht zu antworten, aber sein Instinkt lehnte sie sehr entschieden ab. Als er den Anfang von Anne-Maries Roman hörte, lächelte er und sagte: »Nun, besser kann man das Schicksal deiner Freundin gar nicht ausdrücken: ›ich bin zwar nur ein Mädchen, aber ...‹ darin liegt ihr ganzer Roman.« Anne-Marie kam nun öfter abends ins »Tirol«, und mit ihr noch eine Reihe anderer kunstbeflissener, junger Leute vorwiegend aus der Luckowschen Schule. Amélie wollte Menschen sehen, Leute kennenlernen und wurde etwas wahllos denen gegenüber, die sie aufforderte, sie zu besuchen. Dazu kam, daß in der Schule alle neugierig waren, den sonderbaren Haushalt bei dem Fürsten Kraminsky, von dem man schon vieles hatte munkeln hören, zu sehen. Oft war abends das »Tirol« von vielen Menschen erfüllt, die mit großer Lebhaftigkeit die Fragen der modernen Kunst und noch mehr des modernen Lebens erörterten. Die Ansichten gingen stets weit auseinander. Einig war man nur in der Ablehnung des Bestehenden, der »Verlogenheit« der Gesellschaft und besonders des Familienlebens. Nicht alle stimmten Anne-Marie bei. »Nein,« rief eine bebrillte Studentin mit fett glänzender Hakennase, »das Muttertum wird heute überschätzt. Es hindert die Frau, ein Mensch zu sein. Gerade jetzt, wo wir nach politischen Rechten streben, hemmt uns das Muttertum nur. Noch letzten Sommer, als ich zu Hause war und meine Mutter mich in der gewohnten Weise bevormunden wollte, habe ich ihr gesagt: Nun, was bist du, du hast viermal geboren, Kühe gebären zehn- und zwölfmal. Auf höheres Menschentum hast du deshalb noch keinen Anspruch.« Lina Schüler, die den Weg ins »Tirol« wie zu Oesterots bald gefunden hatte, verteidigte eine ganz andere Weltanschauung, nämlich das Hetärentum. Sie selbst, behauptete sie öfters, während sie mit linkischen Bewegungen in der Luft herumfuhr und ihr Haar unordentlich um das Gesicht hing, fühle sich durchaus als Hetäre. Nicht auf den Beruf käme es an, nicht einmal auf Muttertum, sondern in erster Linie auf das Dionysische, auf den Rausch des Augenblickes. Dies alles waren ungeschickt hervorgebrachte und nicht ganz richtig begründete Gedanken Oesterots, die von den logischeren Frauen der anderen Partei leicht zu widerlegen waren. Das aber focht Lina Schüler nicht im mindesten an; mit einem hochmütigen Lächeln blickte sie auf die anderen, als wollte sie sagen: »Ich weiß doch, was ich weiß,« und wenn sie auch ihre Gründe nicht bereit hatte, Oesterot hätte sie gewiß bereit gehabt. Ihre Gedanken fanden hauptsächlich Zustimmung bei drei Freundinnen, die sich zusammen kümmerlich mit dem Hervorbringen von Buchschmuck ernährten und in übergroßer Zärtlichkeit in einer Dachstube hausten. Zwei davon waren Zwillingsschwestern, haltlose, gewissermaßen aufgeweichte Wesen, farblose Blondinen mit schlaffem Fleisch von etwa zwei- oder dreiunddreißig Jahren, die einmal vor zehn, zwölf Jahren, als sie den Reiz der ersten Jugend besaßen, nicht häßlich gewesen sein mochten. Sie nannten sich gegenseitig »Pfirsichblüte« und »Mandelblüte« und trafen sich in der Bewunderung für die Dritte, ein mageres Mannweib von etwa vierzig, das sie »Rotdorn« hießen. Rotdorn war das Oberhaupt in dieser dreigliedrigen Ehe; sie beherrschte die beiden anderen ein wenig, beschützte sie dann aber auch wieder ritterlich, wenn es sich z. B. darum handelte, nachts vom »Tirol« nach Hause zu gehen, und ließ sich dafür von ihnen anhimmeln. Die Zwillinge erzählten mit Stolz, Rotdorn habe Muskeln wie Stahl, und manchmal entblößte Rotdorn auch wirklich einen ihrer mageren, sehnigen Arme und ließ ihn von allen anfühlen, um zu zeigen, wie kräftig sie war. Meistens war dieses Dreieck von idealsten Gefühlen erfüllt; wenn es ihnen aber zu schlecht ging, dann murrten bisweilen Pfirsichblüte und Mandelblüte, und Pfirsichblüte ließ sich sogar einmal zu dem frivolen Ausspruch hinreißen: »Kinder, wenn das so weitergeht, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als mir ein reiches Verhältnis zu suchen.« Dieser Ausspruch stieß auf große Erbitterung bei Anne-Marie Hösgen, für welche die Liebe keinen Preis hatte, während Lina Schüler verständnisvoll und billigend lächelte, als habe sie, die Hetäre, mehr als ein reiches Verhältnis gehabt. Hermann, der, nie recht zufrieden, dabeisaß, sagte trocken: »Ein reiches Verhältnis finden, ist für ein Mädchen vielleicht noch schwerer, als in einem Beruf etwas zu leisten.« »Famos!« rief Lina aus, die ihm überhaupt gerne beipflichtete. Pfirsichblüte und Mandelblüte seufzten entsagungsvoll. Anne-Marie war geärgert, und das machte Hermann Spaß. Eingeborne Münchnerinnen waren in diesem Kreis so gut wie nicht vertreten. Fast alle waren mitteldeutsche oder norddeutsche Kleinstädterinnen, die zu Haus in wirtschaftlicher wie gesellschaftlicher Enge gelebt hatten und nun in München, losgelassen, ohne Hemmungsgefühle die vollste Freiheit genossen. Sie teilten sich die Welt sehr bequem ein in freie Menschen und Philister, verachteten die Konvention, redeten aber fortgesetzt von dem Wert der Formen und glaubten in der Tat, durch ihr Dasein neue Lebensformen zu prägen. Mit der bodenständigen Münchener Gesellschaft und mit dem Bürgertum kamen sie in keinerlei Berührung, und so bildeten sie eine Welt für sich, die sich auf sehr sonderbare Vorstellungen von der Welt da draußen aufbaute. Die eine oder die andere hatte es einmal versucht, außerhalb Münchens irgendwie ihr Fortkommen zu suchen, indem sie Malstunden gab, Aufträge suchte oder für eine Firma kunstgewerbliche Entwürfe machte, aber alle waren sie wieder nach München zurückgekommen, da sie erkannt hatten, daß sie außerhalb dieser Stadt nicht mehr lebensfähig waren. Sie bedurften dieser wurzellosen Bohème, die es so zahlreich und, wenn auch in begrenztem Rahmen, tonangebend nur in München gab. Eine innere Weiterentwicklung oder äußeres Emporsteigen war hier nicht möglich. Bisweilen kam es vor, daß die großen Worte, man wolle seine Persönlichkeit entwickeln und sich ausleben, allmählich fallen gelassen wurden, und wenn eine etwas Reiz besaß, so gelang es ihr vielleicht, wenigstens eine Beziehung mit einem jungen Kunstgelehrten oder in geordneten Verhältnissen lebenden Künstler anzuknüpfen, der ihr das Notwendige zum Leben gab. Dies wurde zwar grundsätzlich in dem Kreise mißbilligt, aber da war doch manche, die das, was sie auf dem Körper trug und das, was sie aß, einer unter großen Phrasen vertuschten Hingabe gegen Entgelt verdankte. Auch so kam freilich selten eine auf einen grünen Zweig, denn Männer, die sich eine Frau etwas kosten lassen, warfen ihre Angeln kaum in diesen Wassern aus. In diesem Kreis galt Amélie als reiches Mädchen, und das löste doppelte Empfindungen aus. Die einen hatten, wie so viele aus kleinen Verhältnissen stammende Frauen, eine große Hochachtung vor dem Geld, andere suchten ihren Vorteil, indem sie hie und da bei Amélie ein kaltes Abendessen herausschlugen und dabei ihre soziale Empörung kaum zurückhielten über die ungleiche Verteilung der Güter. Amélie kam so weit, daß sie es fast für eine Schande hielt, von Haus aus nicht ohne einen Pfennig zu sein. Nach Zahlung ihrer Pension an den Fürsten war meistens schon Mitte des Monats ihre Kasse leer, da sie bald dieser, bald jener ihrer neuen Freundinnen ausgeholfen hatte. Lina Schüler bot sich häufig an, auszugehen und Essen einzukaufen. Dann gab ihr Amélie einige Mark mit, aber Lina dachte nicht daran, darüber Rechnung abzulegen. Einmal geschah es, nachdem Amélie Lina das Geld gegeben hatte, daß beschlossen wurde, mit Hermann und einigen seiner Freunde auswärts zu essen. Lina dachte nicht einen Augenblick daran, die erhaltene Summe zurückzugeben, denn Geld spielte für sie keine Rolle. Immer wieder sagte sie: »Es ist einfach da oder nicht; wenn es da ist, fragt man nicht, woher es kommt.« Die Freunde, welche Hermann einführte, stellten eine höhere Stufe dar. Sie hatten doch alle irgendwann einmal etwas gelernt und waren mehr oder weniger dadurch zur Kunst gekommen, daß sie in sich ein bestimmtes Talent und nicht nur einen Drang fühlten. Grobe, zu lärmende Naturen, wie er sie häufig unter den Künstlern fand, stießen Hermann ab, und so kam es, daß seine Freunde recht gebildete, wenn auch etwas sonderbare Menschen zu sein pflegten. Da war z. B. der Maler Merian, ein kleiner, dünner Mensch mit spitzgeschnittenem, blondem Bärtchen, einer weißen, durchsichtigen Haut und wässerigen Augen. Er war von einem Pariser Schneider gekleidet. Die Art, wie er sich den Tag einrichtete, gefiel Hermann, dessen Dasein noch plan- und formlos verlief. Er sah in Merian den »Kulturmenschen« schlechthin. Er stand spät auf, brauchte lange zu seiner sorgfältigen Kleidung und dachte dabei bereits an das Gasthaus, wo er speisen würde. Schon im Geiste wählte er sich den Platz, an dem er heule sitzen wollte. Fand er ihn nicht frei, dann verging ihm vielleicht jeder Appetit, so sensibel war er; meist bestellte er irgendeine kleine, feine Speise, wie sie sonst niemand in München aß, vielleicht nur zwei Eier mit Parmesan oder Tomaten, dazu trank er ein Glas Madeira. Es störte ihn, wenn jemand zu ihm an den Tisch kam. Nur im Kaffeehaus, wo Hermann ihn traf, liebte er Gespräche. Er lebte nur von sinnlichen, von außen kommenden Eindrücken, war aber dabei doch beileibe kein sinnlich veranlagter Mensch. Er liebte nur die schwachen Eindrücke, von kleinem, zierlichem Geschirr zu essen und in kleine, zierliche Konditoreien zu gehen. Auch dort hatte er überall seinen vorher bestimmten Platz. Er bestellte sich einen café double und sah dabei aus, als dächte er: »Wie klein ist doch dieser double !« Wie aus der Ferne sprach er über die Frauen. Er setzte sich immer gern in den Lokalen zu derselben Kellnerin, mit der er aber nie sprach. Er wollte von dem Weibe nur den Duft. Dabei hatte er doch nicht das geringste von der bewußten Aesthetik eines geistigen Dandy, er lebte nur im Triebhaften, aber alles dies war in ihm Miniatur. Er schien die dünne Spitze einer wohl ganz verausgabten, aber guten Rasse. Nachmittags malte er ein bißchen, abends ging er in ein Konzert. Mitunter rührte ihn in der Musik irgend etwas ungemein, aber selten etwas Künstlerisches, gewöhnlich irgend etwas Neurasthenisches im Klang. Er dachte nichts, er liebte nichts, und er haßte nichts, der dünne, kleine, elegante Herr Merian. Nichts brachte ihn aus seinem Gleichgewicht, so lange man ihn in Ruhe ließ. Störte etwas Unvorhergesehenes seinen ausgetüftelten Tagesplan (etwa ein lärmender Nachbar), dann blinkte etwas wie eine stille Träne in seinem Fischauge. Hermann bewunderte diesen stets gemessenen Menschen. Als er Herrn Merian eines Tages schüchtern fragte, ob er nicht einmal zu ihm kommen und sich seine Wohnung ansehen wolle, leuchtete eine ausgesprochene Freude über dessen Antlitz und er erschien nun beinah jeden Abend im Tirol, setzte sich in eine Ecke unter das Auge Gottes und hörte still lächelnd und offenbar befriedigt den Redeschlachten, die sich um ihn abspielten, zu, obwohl er zu keinem der anwesenden Menschen, am allerwenigsten zu irgendeiner der Frauen, in nähere Beziehungen trat. Nur wenn der Fürst Kraminsky gelegentlich hereinkam, und dies geschah wohl ein- oder zweimal jede Nacht, wurde Herr Merian etwas lebendig, wagte sogar hie und da einen fein gedrechselten Aphorismus, für den der Fürst mit überlegenem, freundlichem Lächeln dankte. Er redete zum nicht geringen Staunen der anderen den Fürsten »Durchlaucht« an, und einmal, nachdem er ein Glas von dessen altem Portwein getrunken hatte, sogar »Durchlauchtigster Fürst«. Erst später erfuhr man, daß Herr Merian nur darum so viele Nächte im Tirol zugebracht hatte, weil er durch den Fürsten vornehme Bekanntschaften zu schließen und Eintritt in die höheren Kreise zu finden hoffte. Im Sommer ging er stets in die Sächsische Schweiz, da er das Hochgebirge seiner unmäßigen Dimensionen wegen verabscheute, und stürzte schließlich in der Nähe von Herrnskretschen ab, ein Opfer des deutschen Mittelgebirges. Ein anderer Bekannter Hermanns war der Maler Max Flörsheim aus Berlin, ein sehr behäbiger und sicherer Herr, übrigens ein Vetter des Fräulein Käthe Göhring aus der Luckowschen Malschule. Er hatte einen schönen, doch etwas zu runden Kopf, einen sehr sinnlichen, fast herzförmigen Mund und einen tiefschwarzen Schnurrbart. Als Hermann ihn einmal nach seiner Base fragte, erwiderte er sehr überlegen lachend: »Na, dafür habe ich gesorgt, daß die Kleine wieder nach Berlin zurückging. Das ist doch hier kein Pflaster für'n anständiges Mädel aus gutem Hause.« Flörsheim wußte damals noch nicht, daß Hermann mit seiner Schwester lebte. Er legte großen Wert auf gutes Essen und ließ in München nur ein oder zwei teure Speisehäuser als »möglich« gelten. Mit weltmännischer Großzügigkeit überwand er Hermanns Weigerung, als sein Gast dort mit ihm zu essen. Hermann war durch die Erfahrung und umfassende Bildung Flörsheims bestrickt. »Besuchen Sie mich einmal in meinem Atelier,« sagte dieser. Flörsheim war ein sehr bequemer Mann. Malschulen betrat er nicht. Vielmehr hauste er mit einem frischen, blonden Mädel, Gusti, in einem Atelier mit Wohnung. Dort saß er mehrere Stunden des Tages in einem Sessel, eine dicke Zigarre in der Hand, und zeichnete nach Gips oder auch nach lebendem Modell. Alle Woche kam sein Lehrer zur Korrektur; das war angenehmer, als in die Schule zu gehen. Die kleine Gusti mußte ihm bei der Arbeit vorlesen, wodurch er gleichzeitig etwas für ihre Bildung zu tun glaubte. Am geeignetsten schienen ihm dafür die Romane von Bulwer. Er hörte nur halb hin, wenn sie las, aber bisweilen drehte er sich bei der Arbeit um und fragte: »Wie war das doch? Also der heiratete sie?« So überzeugte er sich gleichzeitig, ob sie auf das Gelesene aufpaßte. Als Hermann einmal dazukam, ließ sich Flörsheim gar nicht stören. Hermann nahm Platz, während der andere den Kopf eines alten Mannes zeichnete und gleichzeitig ein Kapitel aus den »Letzten Tagen von Pompeji« anhörte. Hermann verfolgte jeden Zug in dem lieblichen, einfachen Gesichtchen Gustis und jede Bewegung der graziösen und doch kräftigen Hände, und ihm schien, Flörsheim habe es sich freilich schöner eingerichtet als die anderen Maler. Dann ging Gusti hinaus, um Tee zu bereiten. Solch ein »Verhältnis« hätte er auch gerne gehabt, aber er hatte Angst, dann nicht zu wissen, was er mit ihr reden sollte. Hermann erzählte vom »Tirol« und vom Fürsten Kraminsky, Flörsheim möge ihn doch auch einmal besuchen. Dieser schien sich sehr für eigenartige »Milieus« zu interessieren und versprach zu kommen. »Bringen Sie auch Fräulein Gusti mit.« »Aber Sie sagten doch, Sie wohnten dort mit Ihrem Fräulein Schwester?« »Ja, ja, aber sie ist ganz vorurteilslos.« »So?« lachte Flörsheim, »aber ich bin es nicht.« Hermann wurde sehr nachdenklich. Kurz vor Weihnachten erschien in diesem Kreis auch die werdende Barfußtänzerin Ellinor Schlosser, die ihren Plan verwirklicht hatte, nach München zu kommen und in der Vasensammlung Studien zu ihren neuen Tänzen zu machen.   Wenn es abends im »Tirol« dämmerig wurde und alle die krausen Gegenstände im Schatten versanken, zitterte Amélie meist vor Ungeduld, da sie nie sicher wußte, ob ihre Freunde kommen würden oder nicht, denn irgendwie bestimmte Verabredungen gab es nicht, und so konnte es geschehen, daß einhalbe Stunde nach der anderen verging, ohne daß jemand erschien. Dann saß sie oft und wartete, ob nicht der rostige Klingelzug ertönen würde; sie lauschte auf jeden Fußtritt draußen auf dem Pflaster. Um diese Zeit kam meist Frau Kuhwarm, wirtschaftete in den Räumen herum und verschwand dann wieder in den rätselhaften Tiefen ihres Privatlebens, aus dem sie zweimal am Tag auftauchte. Dann wurde es ganz still, kaum daß einmal ein Wagen durch die abgelegene Straße rollte; und wenn sich dann Amélie entschließen mußte, ihr Abendessen allein in dem weiten »Tirol« zu nehmen, während Hermann irgendwo auswärts mit seinen Freunden herumzog, überkam sie ein tiefes Gefühl der Unbefriedigung und der Vereinsamung; sie wußte, daß sie sich, wenn es halb zehn geworden war und sie niemand besucht hatte, zu etwas entschließen würde, dem sie im Grunde ihrer Seele aufs tiefste widerstrebte. Dann zog sie sich an und ging noch allein aus, in der Hoffnung, in einem Kaffeehaus Menschen zu treffen, die sie vor ihrer Einsamkeit retteten. Es kam vor, daß sie auch dort niemand traf und von einem Lokal in das andere ging, sich zwischen den Tischen hindurch drängte, als ob sie eine bestimmte Person suchte, bis sie irgendwo in einer Künstlerkneipe ein paar Menschen traf, zu denen sie sich setzte, wenn sie sie auch nur flüchtig kannte. Wie sie sich dadurch entwürdigte, fühlte sie wohl, aber sie konnte nicht allein mit sich selber sein und erklärte sich das mit Redensarten, wie etwa der sie seit Jahren quälende, aber unterdrückte Lebensdurst mache sich nun doppelt stark geltend. Dabei suchte sie gar nichts Bestimmtes, sie wollte sich nur über die leeren, quälenden Stunden hinwegtäuschen. Es kam ihr bald nicht mehr darauf an, wen sie traf, wenn sie überhaupt nur Menschen um sich sah, die sie daran hinderten, im stillen über die Hohlheit ihres Daseins nachzudenken. In dieser Zeit geschah es auch, daß sie oft weniger Sorgfalt auf ihr Aeußeres legte, als sie es bisher immer noch gewohnt gewesen war, daß sie gelegentlich mit einer Bluse, an der ein Knopf fehlte oder auf der ein häßlicher Fleck war, und mit schlechter Frisur bis morgens eins, zwei Uhr unter allerlei Künstlervolk in Lokalen herumsaß. Sie hatte ja kein Geld für feine Kleidung, sagte sie sich. Und kam es denn überhaupt darauf an? Es lag eine gewisse Genugtuung darin, daß sie nun ihrer Umgebung ähnlicher wurde. Immer nervöser wurde dieses Bedürfnis nach Menschen, und oft, wenn Freunde bei ihr gewesen waren, die sich gegen Mitternacht verabschieden wollten, ging sie noch mit ihnen in allerlei Kneipen, wo sie bis zum frühen Morgen hockten. Wenn sie dann enttäuscht zurückkam, sagte sie sich, wenigstens sei die Nacht hingegangen, und nun fiel sie todmüde auf ihr Lager. 28 Den Fürsten schien das Treiben im »Tirol« keineswegs zu stören, im Gegenteil, es war ihm erwünscht, in seiner Nähe ein so bewegtes Leben zu wissen. Meist war er einsam unten m seinem Saal, in den kaum ein Ton von den Gesprächen im »Tirol« drang. Außerdem hatte das Haus noch eine ganze Reihe nur ihm bekannter, stets verschlossener Gemächer, in die er sich bisweilen aus unbekannten Gründen stundenlang verschloß. Hie und da kam er einmal auf eine Viertelstunde ins »Tirol« und setzte sich auf die Holzbank, um mit freundlicher Teilnahme dem Gerede aller dieser irrenden, jungen Menschen zu lauschen. Meist trug er einen schwarzen Sammetflaus und ein Barett über dem römischen Kopf, der wie gemeißelt schien. Für Hermann zeigte er eine ganz besondere Teilnahme. Oft durfte er ihn morgens zwischen neun und zehn Uhr in seinem Saale abholen; dann traf er ihn, in eine braune Kapuzinerkutte gekleidet, die er seinen Philosophenmantel nannte, die Kapuze über den Kopf gezogen. Er sagte zu Hermann, daß er sich in diesen Augenblicken vollkommen sammle und seinen Blick nach innen richte. So wie der Philosophenmantel des Apollonius von Tyana halte die wollene Kutte alle unerwünschten Strahlen der Außenwelt vom Inneren ab. Es war eine Meinung des Fürsten, daß alle Geschehnisse auf Strahlungen beruhen, und daß wir fortgesetzt den Einflüssen dieser Strahlen ausgesetzt sind. Ob wir wollen oder nicht, sie dringen in uns ein und werden Antriebe unseres Lebens. Wer aber das Dasein, davon unabhängig, beherrschen möchte, der müsse einen gepanzerten Willen und einen klaren Geist haben; nur so könne er sich gegen diese unerwünschten, von den meisten überhaupt nicht beachteten Einflüsse schützen. Die Fähigkeit dazu erwarb sich der Fürst jeden Morgen wieder, indem er eine Viertelstunde lang, ganz in sich selbst vertieft, gewissermaßen das von sich warf, was am Tage vorher Fremdes in ihn gedrungen war, und sich von neuem widerstandsfähig machte gegen die Anforderungen des beginnenden Tages. So fand er sich jeden Morgen wieder und hielt sein Leben, obwohl er sich tagsüber vom Instinkt leiten ließ, immer wieder fest in der Hand. Er zitierte antike Mystiker, besonders der neu-platonischen Schule, zur Bekräftigung seiner Behauptungen. Hermann ging mit dem Fürsten an manchem verschneiten Wintervormittag durch den Englischen Garten nach der Altstadt. Der Fürst schien die ausgesprochene Absicht zu haben, ihn durch seine Meinungen zu beeinflussen; mit einer fast väterlichen Zärtlichkeit legte er ihm manchmal den Arm um die Hüfte, wenn er ihm von seiner Lebensweisheit mitteilte. »Haben Sie bemerkt,« fragte er eines Morgens im weichen Schnee der Parkwege, unter den braunen, tropfenden Zweigen, »daß alle Menschen, mit denen Sie hier verkehren, von Dämonen besessen sind und darum ihr Gleichgewicht verloren haben?« Hermann blickte den Fürsten sehr erstaunt an. »Man muß mit allen guten Geistern Freundschaft halten, dann bringen sie das Nötige, als trüge man einen Zauberring. Aber Sie wissen, man darf ihn nie aus Uebermut oder zum Zeitvertreib drehen. Sehen Sie, ich schlafe auf einem harten Bett und kann von einer Handvoll Reis am Tag leben; ich habe sehr wenig Geld – früher hatte ich viel – und trotzdem leide ich nie Mangel. Der Zufall oder mein Schicksal oder vielmehr mein Wille hat mir die Möglichkeit gegeben, durch das Malen von Gläsern einer augenblicklichen Geldverlegenheit im Augenblick stets abzuhelfen. So muß das Leben sein. Wenn man erst genau weiß, was einem gut und was einem schlecht ist, was man will, und was man nicht will, dann kommt alles, was man braucht, und in allen Lebensabschnitten etwas Neues. Wenn ich zur Erfüllung meines Lebens eine Million brauche – vielleicht kommt die Zeit wieder einmal – so ist sie ganz gewiß da. Da sie mir aber im Augenblick ganz unnötig ist, wäre es ein Frevel gegen das Lebendige, sie zu erstreben oder auch nur zu beehren. Aber was tun jene modernen Menschen? Ich warne Sie vor allen Bestrebungen, die das Leben rationell durch ein Programm beeinflussen wollen; auch die ästhetischen Bestrebungen unserer Zeit sind gewollt und verstandesmäßig. Nur das, was aus der Notwendigkeit heraus von selber wächst und blüht, nur das ist gut. Ich warne Sie vor allen Menschen, die so anmaßend sind, daß sie die Welt verbessern möchten. Sie sind im Innern unfruchtbar und fühlen das Quellen des Daseins nicht.« »Aber glauben Sie nicht, daß die Welt verbesserungsbedürftig ist?« warf Hermann verschüchtert ein. »Aber ganz und gar nicht,« erwiderte der Fürst, »ich bin ein Antirevolutionär. Warum soll ich nicht zufrieden mit der Gesellschaft sein? Warum sollen Sie nicht? Noch nie, vielleicht außer der spätrömischen Zeit, konnte ein Mensch voll wirklichen eigenen Lebens so ungestört bleiben wie heute. Was verlangen Sie denn mehr? Sie können hier sein, in München, niemand nimmt Ihnen etwas; niemand stellt Ihnen nach dem Leben; Sie können wohnen, wo Sie wollen; Sie können denken, was Sie wollen; Sie können lieben und hassen, wen und was Sie wollen. Sie können gehen, wohin Sie wollen; Sie können schlafen und essen an jeder Stelle; Sie können beten zu welchem Gott Sie wollen; Sie können zu Freunden haben, wen Sie wollen, Exzellenzen oder Verbrecher, Fürstinnen oder Dirnen, wenn es Ihnen persönlich gelingt, solche Menschen an sich zu ziehen; es gibt ja keine Hemmungen mehr. Jeder kann tun und sein, was er will und wie er will. Wenn Sie wirklich ein eigenartiger Mensch sind, dann können Sie die Welt gar nicht verbessern wollen, dann haben Sie in dieser Zeit alles, was es überhaupt gibt.« »Aber ich darf nicht reden, ich darf nicht wirken, wie ich will,« warf Hermann ein. »Das brauchen Sie ja nicht. Wozu müssen Sie das, was Sie denken, in die Zeitung setzen? Das gehört nicht in die Zeitung. Die Zeitung ist ein Geschäft, was mich nichts angeht; sie ist ein Ersatz für platte, dumme Leute, die einen zu verdorbenen Magen haben, um von den wahren Quellen zu trinken. Natürlich können die Zeitungen nicht drucken, was Sie und ich eben sprechen, und wer es versucht, das doch für die Massen drucken zu lassen, der ist ein Tor.« »Aber sind wir nicht in Deutschland und besonders in Preußen polizeilich zu streng bevormundet?« »Aber ganz und gar nicht! Die Polizei, was kümmert mich die Polizei? Niemand kann mir etwas tun. Ich habe unter den Schutzleuten ganz vortreffliche Menschen kennengelernt. Natürlich, sie haben ihr Geschäft wie jeder andere, sie müssen leben. Ich male Gläser, sie verhaften Verbrecher. Sie können nicht verlangen, daß ein Polizist ein Philosoph ist und weiß, daß auch das Verbrechen in der Welt notwendig ist und in den Weltplan gehört; das kann der Schutzmann nicht wissen.« »Aber der Gesetzgeber muß es wissen,« erwiderte Hermann, weniger aus bewußtem Widerspruch, als um den Fürsten zum Weiterreden zu veranlassen. »Aber nein, woher sollte er? Er ist auch kein Philosoph. Er ist dafür da, Eigentum und Leben der Menschen zu schützen; er kann sich nicht mit der Frage abgeben, ob der Mörder vielleicht ein interessanterer Mensch ist, als der Gemordete. Das geht den Gesetzgeber nichts an, das geht uns an, die wir frei und unabhängig sind; wir, Sie als Künstler, oder ich als Philosoph, wir können diese Frage besprechen und dann leben. Aber das hat nichts zu tun mit dem Gesetzgeber. Sein Geschäft ist anders. Möchten Sie von Philosophen und Dichtern regiert sein? Ich nicht. Sobald man Ideen populär macht und danach regiert, entsteht die schrecklichste Plattheit. Meine Freiheit liegt gerade darin, daß eine Kluft der Verständnislosigkeit zwischen mir und den anderen liegt. Die anderen sollen die anderen bleiben, so habe ich sie lieb, und ich bin sicher. Wozu Aufklärung, Reformen, Fortschritt? Da kommen uns die anderen nur immer näher, und wir sind nicht mehr frei. So ist es in Amerika, dem Land der Unfreiheit, dort sind die anderen Herren; Leute wie Sie würden einfach zermalmt, von der Atmosphäre umgebracht.« Der Fürst führte Hermann in das »Tal« und zeigte ihm die kleinen, einfachen Bierhäuser, in denen das vom Markte kommende Volk auf langen Bänken saß, aus Krügen trank und dazu scharfen Käse und Rettige aß. Der Fürst liebte es, in die düsteren Torwege zu treten und sich dort zu diesen unbefangenen Menschen zu setzen. »Sehen Sie,« sagte er zu Hermann, »in dem unteren Volke in Süddeutschland hat sich, wenigstens seelisch, nichts geändert seit dem Mittelalter, ja man kann sagen: seit dem Anfang der Welt. Diese Schicht ist bewegt von den ursprünglichen und ewigen menschlichen Bedürfnissen und Begierden, und die suchen sie zu erfüllen, wie es eben geht. Sie grübeln nicht über Doktrinen und Theorien, sondern zerbrechen sich höchstens einmal den Kopf darüber, warum es ihnen jetzt schlecht geht und früher gut gegangen ist. Und was sie dann sagen, das ist oft ganz reine und gute Philosophie, besser als das, was man gedruckt lesen kann. Sie müssen oft mit solchen Menschen sprechen, und dann werden Ihnen alle sozialen, ethischen und ästhetischen Theorien schemenhaft erscheinen. Sie sehen dann nur noch natürlicher Notwendigkeiten des menschlichen Daseins, und wenn diese sich in einem klar und überzeugend ausdrücken, dann können Sie gut mit ihm sein und er kann Ihr Freund werden, wie hoch oder wie niedrig er auch moralisch, intellektuell oder sozial stehen mag. Nur der Zweckmensch, der materielle wie der intellektuelle, ist ganz und gar unerträglich.« »Also Sie meinen die Rückkehr zur Natur?« fragte Hermann, »das ist gerade das, wonach ich mich immer gesehnt habe.« »Aber nur nicht Natur im Rousseauschen Sinne! Denn für Rousseau und seine Anhänger ist Natur auch nur ein abstrakter Begriff. Nichts ist an sich natürlich. Auch das Natürliche ist geworden, gewachsen und scheint denen oft unnatürlich, die es nach ihrer Doktrin der Natürlichkeit beurteilen. So ist der Mensch von Natur weder frei noch gut, sondern das Natürliche ist die Abhängigkeit von Vergangenheit und Gegenwart und die Mischung von Gutem und Schlechtem. Der Stadtmensch ist geradeso natürlich wie der Bauer, denn er ist gewachsen wie er. Unnatürlich ist nur der gewaltsame Theoretiker und Revolutionär, der alles durcheinanderwerfen will.« »Das ist für mich ein ganz neuer Gesichtspunkt,« rief Hermann erstaunt und nachdenklich. In einem der kleinen Bierhäuser setzte sich der Fürst mit Hermann in eine dunkle Ecke. Von den umhersitzenden Männern in graugrünen, ländlichen Joppen mit breiten Uhrketten, an denen quer über die Weste gelbe Eberzähne hingen, wurde der Fürst verschiedentlich in einer Weise gegrüßt, die eine gewisse Vertraulichkeit und zugleich doch Hochachtung verriet. »Alle diese Leute kennen mich,« sagte der Fürst zu Hermann, »und dennoch: ich glaube, niemand weiß, wer ich bin. Es macht mir Freude, hier ein zweites Leben zu führen und von den Menschen genommen zu werden, wie ich sie nehme, nicht als gut oder als schlecht, nicht als nützlich oder als schädlich, sondern als einer, der in diesem Augenblick das Gefühl und Bewußtsein des Lebens hat, in diesem Raum sitzt und das Düstere dieser morgendlichen Halle mitlebt, die dichte warme Luft, den Geschmack des Bieres, die Berührung des kühlen, feuchten Kruges, den Tabak, den scharfen Käse, und alles dies, was hier und in dieser Viertelstunde Leben ist.« Zu Hermanns größtem Erstaunen beherrschte der Fürst, der das Hochdeutsche mit slawischem Tonfall sprach, die oberbayrische Mundart vollkommen und konnte auf viele Merkwürdigkeiten dieser Sprache aufmerksam machen, zugleich mit der Gelehrsamkeit eines Philologen und der Lebendigkeit eines Menschen, der überall nur das Weben des Daseins fühlt und nichts Totes und Langweiliges in sich hat. Aus Worten und Redensarten spürte er Erinnerungen an alte Bräuche und geheime Gefühlsweisen. Die Sprache war ihm so lebendig wie eine nervige, auf dem Tische liegende Hand, und er schmeckte sie wie das Bier im Krug oder den Tabak in der Pfeife, die er an solchen Orten unter dem Radmantel hervorzog. Einmal sagte der Fürst zu Hermann auf dem Heimweg in einer sternenklaren, mondlosen Nacht, während sie an einer glitzernden, gefrorenen Wiese des Englischen Gartens entlang gingen: »Fühlen Sie jene Atmosphäre, die aufsteigt aus allem, was täglich geschieht; sie entsteht durch ein Phosphoreszieren der Substanz. Sie fühlen sie in alten Städten, unter steinernen Bögen, unter den Brücken am Strome, in zerbröckelnden Häusern, in alten Schänken, in Dirnengassen, überall, wo seit alters das tägliche Leben webt, ungeachtet aller Moral und Weltanschauung. Dieser Reiz der Verwitterung heftet sich an alles Veraltende, Verworfene, Scheiternde, solange es noch nicht tot ist. Es braut wie ein Nebel über der Wasserscheide von Werden und Vergehen, wo irgendein individuell menschlicher Auftrieb – ein prometheisches Ich-betonen – wieder den Gesetzen der Vergänglichkeit im Schoße des Alls unterliegt; denn das All verneint das Individuum, bejaht nur – oder vielmehr ist – das Leben überhaupt. Nicht auf den Menschen, auf das einzelne Tier oder den einzelnen Baum kommt es dem Leben an, sondern auf alles Werden und Vergehen, und daran haben Würmer und Schmarotzer ebenso ihr Teil, wie das Wesen, das sie zerfressen. Ueberall aber, wo leise das Sterben menschliche Einzelanstrengung angreift, da dampft jene Mystik in einer besonderen Lebensintensität. Auch die neuesten Erfindungen, Automobile und Luftschiffe, die heute noch nackt und reizlos im Strome jenes mystischen Lebens ragen, sie werden demselben Reiz unterliegen, sobald sie lange im Gebrauch stehen, vielleicht überholt und halb verworfen sind, und ihre heute noch zu keck schreienden Formen wieder dem dämmernden Erdenschicksal des Zerfalls anheimfallen. Haben Sie bemerkt, wie jener Reiz auch in unterbrochenen Werken, etwa in stehengelassenen Neubauten knistert? Hier wollte der Mensch die Ortsgeister, die am Stoffe haften, durch ein Werk verdrängen, aber durch eine Katastrophe wurde die Herrschaft der Vernunft wieder besiegt, ehe sie sich noch ganz befestigte, und nun kommen die vertriebenen Geister um so begieriger an die alten Stätten zurück und nisten in Kellerlöchern und leeren Fensterrahmen. Darüber aber spannt sich eine zweite, kosmische Welt der tiefsten Naturschauer, und heute ist in dieser Welt ein Fest: Die klare Sternennacht ohne den (zum Kreis der Erde gehörigen) Mond, das ist die zweite Sphäre, in die wir mystisch untertauchen können, wenn wir uns aus der warmen Umarmung jener phosphoreszierenden Substanz befreit haben. Soll ich es Ihnen in einem Bilde zeigen? Denken Sie sich, an einer Landstraße steht eine Schänke mit einer alten Türklinke aus Messing, die zahllose Einlaß suchende Handwerksburschen abgegriffen haben. Hier haftet der Schweiß von Dieben und Bütteln, von Liebenden und Dirnen, von Jugend und Krankheit, das ist die stoffliche Welt. Auf diese Klinke strömt das klare, starre Sternenlicht. Das ist das kosmische Sein, das seine reinen Strahlen über die phosphoreszierende Erde fließen läßt. Im Inneren der Sahara gibt es eine Sekte des Islam, d.h. nur scheinbar gehört sie dem Islam an; was sie wirklich verehrt, sind uralte Ueberlieferungen, die wohl aus alten Kulten stammen. Ihr Herr lebt in einer Erdhöhle, tief mit seinen Weibern verkauert; nur in mondlosen, aber sternenklaren Nächten tritt er hervor, und da wartet auf ihn ein Schlitten mit zwölf weißen Gazellen, auf dem er durch die lichte Wüste jagt. Mond und Sonne flieht er; für ihn gibt es nur das Dunkel des Erdschoßes und die unerbittliche Klarheit des gestirnten Himmels.« Hermann war der Wirklichkeit entrückt, während er sich plötzlich von dem Mantel des Fürsten eingehüllt fühlte. »Hast du mich verstanden?« fragte dieser. Hermann vermochte nicht zu antworten. »Laß ab von den leeren Worten, in denen du bis jetzt gelebt hast, du bist es wert, daraus befreit zu sein. Stürze dich in alle Abgründe. Den Mutigen wirft derselbe Abgrund immer wieder hinauf, und nachher bist du um so fähiger, in die Höhe der kosmischen Welt emporzuschnellen. Halte dein Leben angespannt wie einen Bogen, und schieße den Pfeil nur ab, wenn die höchste Spannung erreicht ist. Dann spanne die Sehne wieder für lange ab, ehe du von neuem beginnst. Sei zeitweise enthaltsam, um dadurch intensiver zu werden, pflege deinen Lebenshunger durch Fasten. Tue das Aeußerste selten und dann so glühend wie möglich, und komme nie der Begierde durch zu frühe Sättigung zuvor. Mache dich frei von allem, was dich zu tief in die Welt der nützlichen und moralischen Werte verflicht. Zahle ihr ruhig den Tribut deines individuellen Lebens, sei dort fleißig, geschickt, zuverlässig, wohlhabend. Dann stört sie dich am wenigsten. Aber vergiß dort die wahren Lebenssubstanzen nicht. Dort ist der ewige Tod, aber hier braut das alte, heidnische Leben. Gib vor allem das Grübeln über dialektische, eingebildete Gegensätze auf, in denen sich die Gedanken der heutigen Gebildeten bewegen.« »Aber wie denken Sie selbst über alle die Leute, die ins »Tirol« kommen?« fragte Hermann. »Vergessen Sie nicht, daß ich das Leben lieb habe, und darum auch den Mückentanz irrender Menschen, der Tag und Nacht mein Haus durchzieht. Was sie reden, ist mir gleichgültig.« Hermann kam nach solchen Nächten in rauschhafter Gehobenheit nach Hause. Die Lehren des Dr. Mück in seiner Heimatstadt – Sozialismus und Monismus – erschienen ihm nun wie ein abgestandener Trunk, den man seinem lechzenden Gaumen geboten hatte. 29 Kurz vor Weihnachten wurde die Korrespondenz der Geschwister mit der Großmutter etwas lebhafter als sonst. Diese erwartete, ihre Enkel zum Feste zu Hause zu sehen. Ein zärtlicher Brief Erichs an Amélie verriet denselben Wunsch. Hermann und Amélie saßen im »Tirol« allein beim Frühstück, als die Briefe ankamen. Amélie schaute Hermann an und fragte: »Wirst du reisen? Ich habe nämlich gar keine Lust.« »Ich auch nicht,« erwidert« Hermann. »Was sollen wir daheim? Dort finden wir doch kein Verständnis.« Amélie schwieg eine Zeitlang, dann fühlte sie plötzlich in sich die Tränen aufsteigen, sie legte den Kopf über die Arme auf den Tisch und sagte: »Ist das nicht eigentlich schrecklich, Hermann, Weihnachten in der Fremde zu verbringen?« »Dann fahr doch heim,« sagte Hermann unwirsch. »Wie häßlich du heute wieder bist, du weißt doch, daß das nicht geht.« »Gott, schließlich ginge es ja, du kannst doch ohne mich reisen.« »Dann fragen sie mich nach allem möglichen aus und die Geschichte mit Erich fängt wieder an; ich bin froh, wenn ich nichts davon höre. Was soll ich ihnen denn sagen? Hier ist ja auch in der letzten Zeit gar nichts mehr los gewesen. Im Sommer konnte man doch allerlei erzählen und dadurch über die leeren Stunden hinauskommen. Aber jetzt? Jetzt gibt's auch das nicht mehr.« Diese Unentschiedenheit wurde bald dadurch gelöst, daß die Geschwister aufgefordert wurden, an einem kleinen Weihnachtsausflug ins Gebirge teilzunehmen, den einige der Gäste, die ins »Tirol« kamen, veranstalteten. Sofort stand nun in beiden der Entschluß fest, mit großer Entschiedenheit die Einladung nach Hause abzulehnen. Hermann schrieb der Großmutter, ihre künstlerische Entwicklung erlaube ihnen in diesem Augenblick keine Unterbrechung; Amélie teilte Erich mit, sie sei gerade in einem Uebergangszustand, in dem sie allerlei innerlich auszukämpfen habe, das würde durch ein Wiedersehen nur gestört. Und dabei blieb es. Es war eine Schar von fünf oder sechs jungen Leuten, die am Mittag des vierundzwanzigsten Dezember ins Gebirge zog, darunter die Geschwister und Anne-Marie Hösgen. Sie fuhren bis Kufstein, das sie, unter dem dunkelblauen Sternenhimmel wie eingefroren in harten Schnee, erreichten. In der warmen Wirtsstube war es abends sehr behaglich. Neben dem burgartigen Kachelofen stand ein riesiger Weihnachtsbaum, dessen Lichter um neun Uhr angezündet wurden. Ein Orchestrion spielte: »Stille Nacht, heilige Nacht...« Man trank Punsch, und einige erhabene Bemerkungen über die Abgebrauchtheit der alten Weihnachtssentimentalität und die Familienduselei, die an diesem Feste Orgien feiere, fielen von Anne-Maries Lippen. Auch Hermann war groß im Vertreten dieses Standpunktes. Amélie saß dabei und zwang sich zur Heiterkeit. In ihrem Innern jedoch tönten Stimmen, die sie beunruhigten. Sie dachte an die früheren Weihnachtsfeste. Noch vor einem Jahr hatte sie den heiligen Abend mit der Mama gefeiert; jetzt aber saß sie in einem Wirtshaus, und von nun an würde sie das Fest wohl immer unter fremden Menschen verbringen. Aber je mehr sie die Wirkung des Punsches fühlte und das laute Reden um sich her vernahm, desto sicherer wurde in ihr wieder das Gefühl, daß diese fremden Menschen ja freie Menschen seien und sie hoch über die Stufe erhöben, auf der sie sich noch vor einem Jahr befunden hatte. Man legte sich um elf Uhr zu Bett, um am anderen Morgen früh aufbrechen zu können. Einer der Teilnehmer war am vierundzwanzigsten nicht mitgefahren. Er wurde erst am nächsten Morgen mit dem Frühzug erwartet, der gegen fünf Uhr München verließ, aber rechtzeitig in Kufstein ankam, so daß man noch am Vormittag die Brünnsteinbesteigung unternehmen konnte. Moritz Behrent, der Radierer, hatte darum diesen Frühzug genommen, weil er das Nachtlager in Kufstein sparen wollte. Dies gab er wenigstens als Grund an, und niemand konnte ihm widersprechen, wenn man auch im Inneren etwas erstaunt war, daß der tüchtige und seit einiger Zeit erfolgreiche Künstler die zwei Mark für ein Nachtquartier nicht aufbringen konnte und sich der Unannehmlichkeit unterzog, am Tage einer Bergwanderung unausgeschlafen ein paar Stunden durch die dunkle Weihnachtsfrühe zu fahren. Die Gesellschaft saß bereits am Frühstückstisch, als Moritz Behrent ankam. Er war ein großer und schlanker Mensch, aber von jener Fahrigkeit in den Bewegungen, welche die sogenannte »Schlacksigkeit« hervorbringt. Ein brauner, ungepflegter Vollbart lag um den scharf geschnittenen Mund, dessen Winkel häufig in einer Art hämischen Lächelns ein gelbes Pferdegebiß weit entblößten. Die Nase war gut geformt; er hatte knochige und behaarte Hände mit schaufelartigen Nägeln. Die Augen schienen mit durchdringender Schärfe jede Einzelheit zu sehen. Manchmal blieb sein Blick starr an etwas hängen, an einer spielenden Katze oder einem keifenden Weib, und dann lag plötzlich ein Ausdruck heiterer Befriedigung über dem sonst harten Gesicht. »Seh'n Se doch bloß...« sagte er dann, wenn man zu ihm sprach, und wollte nichts hören. Der andere aber blickte verwundert in dieselbe Richtung, ohne etwas Besonderes zu bemerken. Von einer Bergwanderung schien sich Behrent eine falsche Vorstellung zu machen, denn er trug seine Nachtsachen in Zeitungspapier eingewickelt, das schon an manchen Stellen riß. Mit übelgelauntem Gruß setzte er sich zu den anderen, die ihn erfreut bewillkommneten, da er der einzige unter ihnen war, der schon auf anerkannte Leistungen zurückblicken konnte. »Ist das Ihr Gepäck, Behrent?« fragte ein junger Mensch, »warum haben Sie denn keinen Rucksack mitgebracht?« »Ick werd' doch keenen Rucksack schleppen,« erwiderte er wegwerfend und man hörte, daß er Berliner war. »Na, so können Sie Ihr Gepäck unmöglich tragen, das wird Sie zu sehr belästigen.« »Nehmen Sie's doch in Ihren Rucksack,« erwiderte Behrent mürrisch. Der andere erklärte sich dazu bereit. Man brach auf. Es stellte sich heraus, daß Behrent keinen Bergstock bei sich hatte. Man machte ihn auf die Notwendigkeit dieses Gerätes aufmerksam, aber er bestand darauf, seinen krummen Wanderstab, der ihm im Erzgebirge gute Dienste getan hatte, auch hier zu benutzen. Man schlug anfangs in der frischen, sonnigen Morgenluft einen ziemlich lebhaften Schritt an. Behrent war einer der letzten und belästigte gelegentlich den Herrn, der seine Sachen im Rucksack hatte, damit, daß er seinen Pack plötzlich verlangte, weil irgend etwas darin sei, was er jetzt gerade brauche. Dann gab er nach unnötigem Aufenthalt das Bündel zurück und ging hinter den anderen her. Nach einiger Zeit gewöhnte er sich an die Lage und seine neckische Gemütsart kam zum Vorschein. Den Mädchen, die, mit besten Vorsätzen erfüllt, sich recht tapfer zeigten und mit ihren Bergstöcken mutig durch die Wintersonne schritten, warf er hie und da frischen Schnee in den Hals. Zugleich bereitete er einstweilen darauf vor, daß er wahrscheinlich nicht bis auf die Spitze kommen würde, da er keine genagelten Schuhe anhabe und an Schwindel leide. Er sei überhaupt kein Bergsteiger, habe dies auch gar nicht nötig, da er anderwärts etwas leiste. Dieses schließe sogar gewissermaßen jenes aus. Man hörte ihm ruhig zu. Je höher man kam, desto mehr schwand, besonders von den Mädchen, alle Nervosität und Schwächlichkeit der Stadt, wenn man sich auch heimlich eine gewisse Müdigkeit nicht verhehlen konnte und sich auf den Augenblick des Frühstücks freute. Behrent blieb murrend immer weiter zurück und schien mit seinem Schöpfer über die kosmische Unnötigkeit von Gebirgen zu rechten. Auf einem einsamen Gehöft war frische Milch zu bekommen. Eine Bäuerin brachte einen hölzernen Kübel voll herbei und stellte ihn mitten auf den Tisch. Jeder bekam einen Löffel und tauchte ihn in die Milch. Diese Art der Ernährung mißfiel Moritz Behrent. Er verschmähte den rauhen Zinnlöffel der Bäuerin, holte aus dem Grunde seiner Hosentasche einen mißfarbigen Lederbecher hervor, an dem allerlei Krümel hingen und tauchte ihn in die Milch, um zu schöpfen. Dieser Becher sah wie das vertrocknete Euter einer alten Ziege aus und erweckte bei den anderen einen solchen Ekel, daß man Behrent nun den Milchtopf allein überließ, den er zu sich schob. Während er seinen Bart hineinhängte, erzählte er den anderen die bekannte Geschichte jenes Mannes, der in sein Glas gespuckt hatte, damit kein anderer daraus trinken möchte. Amélie konnte sich eines heimlichen Lächelns nicht enthalten. Während inzwischen einige an die Rucksäcke gingen, um irgend etwas herauszunehmen, entdeckte man, daß sich Steine von nicht geringem Gewicht darin befanden. Moritz Behrent weidete sich an dem allgemeinen Erstaunen, während er noch mit seinem Becher die Milch auslöffelte, und es stellte sich heraus, daß er unterwegs den anderen heimlich die Steine in die Rucksäcke gesteckt hatte, wenn sie einmal auf den Zurückbleibenden gewartet hatten, um mit ihm auszuruhen. »Wenn ick nich det Verjniejen jehabt hätte,« sagte er phlegmatisch, »wär' ick überhaupt nich bis hier rauf jekommen.« Das fand Amélie so komisch, daß sie laut herauslachen mußte. Behrent war über diesen Erfolg sehr zufrieden und sagte, als er seine Milch getrunken hatte, zu Amélie: »Sie sind die einzige hier, die Humor hat.« Während man weiterstieg, blieb er an ihrer Seite. Unterwegs erzählte er ihr von seiner Kunst und fragte sie, ob sie auch schon radiert habe? Die Radierkunst, das sei das einzig Richtige. »Schwarz auf weiß,« sagte er, »dat is was Jenaues; die janze Farbenschmiererei is ja nischt dajejen.« Für die Luckowsche Malschule hatte er nur Hohn. Das sei für Dilettanten, für kleine Mädels, die eigentlich in Mutters gute Stube gehören und nur ein bißchen mit Malkunst prahlen wollen. Das machte Amélie tiefen Eindruck, denn gerade das war es ja, was sie unbedingt hatte vermeiden wollen. »Ach, es ist doch furchtbar schwer, den rechten Weg zu finden,« sagte sie, »jeder rät etwas anderes; man weiß wirklich gar nicht, was man tun soll.« »Kommen Se doch mal zu mir in mein Atelier,« erwiderte Behrent lebhaft, »kucken Se sich mal meine Sachen an, dann wird Ihnen vielleicht ein Licht aufjehn. Ich nehme auch Schüler; Schülerinnen hab' ich ja bis jetzt keine jehabt, weil die meisten Frauenzimmer nicht den richtigen Ernst bei der Sache haben; aber mit Ihnen würd' ich's schon mal probieren. An Ihnen is noch nischt verdorben, Sie sind ja erst en halbes Jahr hier.« Amélie war stark gefesselt. Vielleicht hatte er recht. Sie blickte ihn einen Augenblick kurz an, während seine scharfen Augen ihre schlanke Figur, die von der Bergluft geröteten Wangen und das unter dem Pelzmützchen herausquellende blonde Haar mit einem unangenehmen Ausdruck prüften. »Wer weiß,« dachte sie, »er wäre vielleicht der richtige Lehrer.« Seinen Namen kannte sie schon lange, und die Bildnisse, die sie von ihm gesehen, hatten sie durch ihren zwingenden Ausdruck stark gefesselt. Am frühen Nachmittag, während noch die Sonne am Himmel stand, erreichte man das unter einem wolkenlosen Himmel liegende, von weißen Firnen umgebene Berghaus, wo übernachtet werden sollte. Während das Mittagessen bereitet wurde, hielten sich die jungen Leute in der Wirtsstube auf, dem einzigen geheizten Räume, und es blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich dort etwas herzurichten. In den Zimmern, die erst abends geheizt werden sollten, war das Wasser gefroren. Es wurden ein paar Waschschüsseln in die Wirtsstube gebracht, die Mädchen ordneten sich vor einem kleinen Spiegel an der Wand das Haar. Draußen standen vor den Fenstern ein paar Burschen, Jäger und junge Bauern, die neugierig hereinschauten und bewundernd die gepflegten schwarzen, braunen und blonden Haarflechten anstarrten, die sich ihren Blicken boten. So etwas sahen sie bei ihren Mädeln nicht leicht. Während sich die Herren indessen etwas abseits von den Mädchen hielten, machte sich Behrent immer wieder um Amélie zu schaffen. Er blickte neugierig in ihren Rucksack, der offen auf dem Tisch lag, betrachtete ein kleines Kristallfläschchen, befühlte eine Nagelfeile aus Perlmutter und beroch ein elfenbeinernes Döschen. Auf seinem Gesicht lag ein sonderbares Lächeln der Unentschiedenheit. Es war, als warte er noch darauf, ob er diese ihm ungewohnten Sächelchen bewundern oder verachten sollte. Das schien davon abzuhängen, was er für Aussichten bei der Besitzerin haben würde. Kurz nach vier Uhr war das Essen bereit; es entstand eine sehr heitere Stimmung. Man trank herben Rotwein, während ein Bursche am Ofen Harmonika spielte. Eines der Mädchen kam auf den Gedanken, zu tanzen. Behrent widersprach. Er fragte vielmehr, ob hier ein Dambrett zu haben sei, aber man lachte ihn aus. Es war allgemein bekannt, daß Behrents einzige Leidenschaft neben seiner Kunst das Mühlenspiel war. Er rühmte sich, in dieser Kunst noch nie besiegt worden zu sein. Wie in früherer Zeit die Lehrlinge zuerst einmal einige häusliche Fertigkeiten, wie das Bewachen und Waschen der Kinder erlernen mußten, ehe sie die Kunstgriffe ihres Handwerks erfuhren, so verlangte Behrent von seinen Schülern, daß sie Mühle spielten; natürlich besiegte er sie immer, wobei er mit hämischem Lachen sein Zahnfleisch entblößte. Dagegen verachtete Behrent das Schachspiel, das sei gut für unbeschäftigte Müßiggänger, die nach einer Anstrengung lechzten. Nie konnte er unter Menschen sein, ohne sich versucht zu fühlen, seine Überlegenheit im Mühlenspiel zu zeigen, aber an diesem Abend in der Hütte fand er keinen Partner. Bald drehten sich alle Paare, die Bauernburschen mit nackten Knien und gemsledernen Hosen trauten sich an die Stadtmadeln heran, und eine allgemeine Lustigkeit entstand. Moritz Behrent, der ja anderwärts etwas leistete, verstand die Kunst des Tanzens nicht und suchte Amélie, die vor Tanzlust glühte, das Vergnügen zu verderben. »Was haben Se nur davon, daß Se sich da wie verrückt herumdrehen? Setzen Se sich doch noch 'n bißchen zu mir.« Amélie ruhte ganz gern einmal eine Viertelstunde aus; nun versuchte er, sie von neuem für seine Kunst und seine Pläne einzunehmen. Ernst müsse ein Mensch sein, das sei die Hauptsache; nur der Mangel an Ernst sei es, warum die jungen Mädchen so selten etwas leisteten. In Amélie sei gewiß ein guter Kern, sie solle sich ihm nur einmal anvertrauen, er würde das schon entwickeln. Wiederum war Amélie von ihm gefangen, so unangenehm ihr auch vieles an ihm war; aber in der letzten Zeit hatten sich ihre inneren Widerstände gegen Unerzogenheit und schlechte Formen doch erheblich geschwächt. Moritz Behrent war wirklich einer, der was konnte, das wußte sie, und nun wollte er sich gar ihrer annehmen. Während sie mit ihm sprach, wurde ihr erst ganz klar, wie tot die letzten Wochen eigentlich gewesen waren, und sie gestand ihm offen ein, daß sie allerdings auch glaube, in der Luckowschen Schule nichts Rechtes zu lernen. Während sie ihm zuhörte, kam gerade einer der Burschen vom Ofen und holte sie zum Tanz. Behrent schnitt ein Gesicht. Als sie zurückkam, sagte er: »Is doch 'ne Frechheit von so 'nem Bauernlümmel, Sie einfach wegzuholen.« »Ach, wieso?« entschuldigte Amélie, »die Leute sind ja so harmlos und meinen es gar nicht bös.« »Na, na,« spottete Behrent, und Amélie fand seinen Ton sehr häßlich. Es gelang ihm immer wieder, sie in eine Unterhaltung zu verwickeln und sie am Tanzen zu hindern. »Sie haben wohl höllisch viel Geld?« fragte er einmal ganz plötzlich. Das brachte Amélie in Verlegenheit. »Nein, gar nicht,« sagte sie, »ich stehe mit meiner Familie nicht gut.« »Aber Ihre Familie hat doch Knöppe?« fuhr Behrent fort. Amélie antwortete nicht. »Haben Sie denn noch Eltern?« »Nein, nur meine Großmutter lebt noch.« »Na, die läßt Sie doch wohl hier nich auf'm Trocknen sitzen?« »Doch,« sagte Amélie, »ich nehme keinen Pfennig von ihr. Was ich habe, ist mein eigenes mütterliches Erbteil.« »So, 'n Erbteil haben Se? Na, dann sind Se ja fein 'raus.« In diesem Augenblick wollte einer von den Bekannten Amélie zum Tanz holen, aber Behrent sagte dem jungen Mann: »Nu lassen Se mal Fräulein Sanders ausruhen; sie hat jetzt jenug jetanzt.« Das fand Amélie doch ein wenig stark; was hatte er denn für ein Recht, sie so zu bevormunden? Sie ärgerte sich, daß der junge Mann so wenig Entschlossenheit hatte und Behrent gegenüber nicht schneidiger auftrat; vielmehr verbeugte er sich entschuldigend vor dem Meister und ging weiter. Hätte er nur die geringste Anstrengung gemacht, sie doch zum Tanz zu bewegen, sie wäre ihm sofort gefolgt. Gegen Behrent aber faßte sie eine stille Wut. »Was haben Sie nur gegen das Tanzen?« erwiderte sie. »Is doch Mumpitz,« meinte Behrent, »wenn erwachsene Menschen so herumspringen.« Am anderen Vormittag wurde gerodelt. Behrent machte wieder den Versuch, Amélie davon abzuhalten, da er das Rodeln auch für einen Mumpitz hielt. Diesmal aber traten die anderen dazwischen und zogen sie mit; ihr war das recht. Behrent blieb knurrend in der Wirtsstube zurück. Als man gegen Mittag zurückkam, fand man ihn mit einem der Burschen zusammensitzend, dem er das Mühlenspiel beigebracht hatte. Triumphierend stellte er fest, daß er ihn schon fünfmal »eklig 'reingelegt« habe. Man aß früh zu Mittag und begann dann den Abstieg nach Kufstein. Behrent drängte etwas, da er noch den Abendzug nach München erreichen wolle. Wozu sollte er in Kufstein das Nachtquartier bezahlen, wo er doch sein Bett in München hatte? »Sogar en sehr feines, jlauben Se das nich?« Man kam etwa zwei Stunden vor Kufstein an einer kleinen, fast ganz in Schnee eingehüllten Hütte vorbei, aus deren Fensterchen ein uralter Mann mit langem, weißem Bart blickte, eine große Pfeife im Mund. Es war ein Einsiedler, der dort lebte und für die Wanderer ein paar Erfrischungen bereit hielt. Er grüßte die jungen Leute freundlich und bat sie, bei ihm einzutreten. Behrent erhob Widerspruch, er könne dann seinen Zug nicht mehr erreichen; was sie denn auch dadrin bei dem alten Quasselkopp wollten? Aber die Mehrheit entschied gegen ihn, und Anne-Marie rief keck, er solle sich doch nicht stören lassen und allein vorausgehen, damit er seinen Zug nicht versäume. Dieser Vorschlag fand bei den anderen Beifall. Behrent zögerte einen Augenblick, schaute Amélie an und dann Hermann. Zu diesem sagte er: »Kommen Se doch mit Ihrer Schwester mit hinunter; was haben Se hier bei dem ollen Onkel verloren?« »Oh, das ist doch auch künstlerisch sehr interessant,« meinte Hermann. »Was an dem Bruder künstlerisch interessant is, dat hab ick schon im Jeist skizziert,« erwiderte Behrent, und wenn man sein scharfes, durchdringendes Auge ansah, so konnte man ihm das glauben. »Ich möchte aber hier etwas ausruhen,« rief Amélie. Behrent sah auf die Uhr; es war allerdings Zeit für ihn, wenn er den Zug erreichen wollte; er verlangte sein Bündel, wendete sich dann mürrisch, kaum grüßend weg und ging nach Kufstein hinunter. Als ob man von einem lang getragenen Alp befreit sei, entstand plötzlich eine fast kindische Fröhlichkeit unter den jungen Leuten. Der alte Einsiedler lachte vergnügt dazu und führte sie in das ganz niedrige, einzige Zimmer seines Häuschens. Man stieß mit dem Kopf fast an die Decke; mit der Hand konnte man sie leicht berühren. Ein kleines Fenster gab dem engen Räume Licht, in den die letzten Schimmer des Tages fielen. Es war sehr warm in der Stube, in der behagliches altes Holzgerät stand. Ein etwas dumpfiger, süßer Geruch lag in der Luft. Der Alte öffnete ein Wandschränkchen und holte einen Krug hervor, aus dem er Enzian in kleine Gläser goß, die er anbot. Dazu reichte er ein süßes Gebäck, das nach Honig und Mandeln schmeckte. Den jungen Leuten mundete das alles vortrefflich, und sie machten keinen Hehl daraus. Der Alte schaute lachend zu: »Schmeckt's?« fragte er mehrmals; »des is net der Enzian, den S' vielleicht scho kenna, des is derselbe Enzian, den friher die Klosterbrider g'macht hab'n. I hab' noch das alte Rezept.« Hermann sagte: »Jetzt müßte Dr. Cornelius hier sein; der würde seine Ansichten über die bayrische Verpflegung etwas ändern. Er behauptet doch immer: wenn man im Gebirg wandert, kann man es überall schmecken, ob man in Bayern oder in Oesterreich ist.« »Da hat der Herr auch ganz recht,« erwiderte der Einsiedler, der halb verstanden hatte, »hier san S' nämli in Estreich; da missen S' finf Minuten gehn, bis S' an die Grenz' kommen, dann san S' wieder in Bayern.« Allgemeines Gelächter erfolgte. »Uebrigens der Cornelius soll ja nach Neujahr wieder von Paris zurückkommen,« sagte jemand. »Wirklich?« rief Amélie voll Freude aus, »das ist aber nett.« Alle schauten sie lachend an. Sie wurde feuerrot. Es war schon ganz dunkel geworden, als man aufbrach und nach dem Städtchen zuging, das unten im graublauen Tale mit seinen zahlreichen Lichtern lag. Die Bergluft hatte Amélies Lebensgeister in überraschender Weise erfrischt. Sie fühlte sich glücklich wie lange nicht und mußte immer wieder an Cornelius' Rückkehr denken. Auch die anderen waren diesen Abend in der Wirtsstube in Kufstein von einer harmlosen kindlichen Lustigkeit, zu der sie in der Stadt nicht fähig gewesen wären. Am nächsten Tag kehrte man nach München zurück. Zweiter Teil Fünftes Kapitel »Schwabinger Eros« 30 Am Anfang des folgenden Jahres kam Cornelius, der inzwischen sechsundzwanzig Jahre alt geworden war, nach München zurück, wo er sich eine kleine Wohnung einrichtete. Er traf Amélie zum erstenmal bei Oesterots in der Pension wieder, in der diese jetzt wohnten. Sie fand ihn zunächst ziemlich unverändert, sicher im Auftreten, überlegen in seinen Aeußerungen. Er schien Amélie nicht allzusehr zu beachten. Das ärgerte sie heimlich und reizte sie, zumal sie sich schmeichelte, im Sommer auf ihn einen besonderen Eindruck gemacht zu haben, ja, sie hatte sich sogar bisweilen gefragt, ob er nicht ein bißchen in sie verliebt sei. Er sprach sehr lebhaft von Paris, aber sie fühlte sich in der Welt, aus der er kam, vollkommen fremd, und, während die anderen redeten, ein wenig zurückgesetzt. Doch nun hatte sie Gelegenheit, ihn im stillen zu beobachten. Wie konnte er bös blicken, wenn er über etwas absprechend urteilte! Dann zeigten sich Falten um seinen Mund, die ihm etwas erbarmungslos Ironisches gaben. Gleich darauf aber konnte er wieder ganz harmlos und »lieb« aussehen wie ein Bub, besonders, wenn er sich durch die Lebhaftigkeit seiner Erzählungsweise hinreißen ließ. Ob er dann wohl immer die Wahrheit sagte? Manchmal schien es, als flunkere er etwas dazu. Dann lachte Amélie unwillkürlich ganz entzückt. Hie und da bewunderte sie seine hohe klare Stirn, von der sich starkes, dunkles Haar nach rückwärts bog. Wenn ihre Blicke auf den beweglichen, leicht behaarten Händen ruhten, hatte sie das Gefühl – sie wußte nicht warum –, er müsse schon mancherlei mit Frauen erlebt haben. In den nächsten Tagen gelang es Amélie, Cornelius' anfängliche Abneigung gegen Kostümierung zu überwinden und ihn als Begleiter zu einem Künstlerfest zu gewinnen. Es wurde beschlossen, daß er einen gestickten, türkischen Schlafrock, den er besaß, über einem langen, weißen Unterkleide tragen könnte. Eine phantastische schwarze Kopfbedeckung sollte ihn als Zauberer kenntlich machen. Das Gauklerfest, zu dem man sich als »fahrendes Volk« verkleidete, fand in einer großen Wirtschaft im Isartal statt. Man fuhr abends in mehreren Zügen hinaus; Cornelius und Amélie hatten sich an der Bahn getroffen. Als sie in dem überheizten Wagen den Abendmantel herabgleiten ließ, entzückte sie ihn. Jene gewollte Unordentlichkeit ihrer Kleidung, die seinen sich noch etwas pariserisch fühlenden Geschmack erst peinlich berührt hatte, paßte heute vortrefflich zu ihr, wo sie nichts anderes als eine junge Bettlerin darstellen wollte. Sie trug ein zerfetztes Gewand aus Sackleinwand, das sie geschickt gebauscht und gerafft hatte, während es so aussah, als habe ihm der Zufall diese kleidsame Form gegeben. Ihr Haar war ganz locker und es umgab ihr schönes kindliches Gesicht wie goldene Strahlen. In dem Zug ließen die meisten ihre Mäntel fallen; es war ein sonderbares Gewirr von farbigen Tüchern, glitzerndem Flitter und derben Lodenmänteln um nackte Schultern und braungefärbte Männerarme in dem trüb erleuchteten Wagen, der durch die Winternacht hinaus ins Isartal fuhr. Cornelius glaubte plötzlich in geradezu kindischem Entzücken, nie etwas so Schönes gesehen zu haben wie Amélie. Beim Eintreten in den Festraum zupfte er unwillkürlich an seinem Gewand, in das er doch nicht recht zu passen schien, und blickte bisweilen unsicher in die Spiegel. Aber es saß alles ganz gut. Die große Halle war dicht mit bunten Fahnen und Emblemen behängt, aber die Beleuchtung war nicht hell, wie sonst in Festsälen über reich gekleideten Menschen, sondern dämmerig; dazu trug besonders das viele Grün bei, das sich in Lauben aus dem Saal bis in die anliegenden Räume zog, wo es noch dämmeriger, ja, fast dunkel war. Ueberall in den Ecken standen Tische, die meisten für zwei Personen, manche auch für größere Gesellschaften. Wie irre Schatten wankten und strichen die bunt zerlumpten Gestalten in dem halbdunklen Saal umher. Der Tanz wirbelte Staub auf, und man sah um die Lampen die Schwaden einer trüben Luft. Die Tänze waren unregelmäßig; viele sprangen einfach wild herum, sanken sich in die Arme, trennten sich und fingen sich wieder, bis sie dann in den dunklen Ecken der Lauben verschwanden. Die meisten tranken dort Bier, aber einige ganz dunkle Ecken waren den Sekttrinkern vorbehalten. Unmut befiel Cornelius, wenn freche, derbe Kerle herankamen, die Amélie flüchtig kannten und nun in allzu großer Vertraulichkeit mit ihr tanzen wollten. Er besaß natürlich kein Recht, sie daran zu hindern und versuchte zu lächeln, wenn sie sich von ihm beurlaubte, aber dann ging er allein herum und fühlte sich fast hilflos, ja, er kam sich selber lächerlich vor mit seiner Niedergeschlagenheit in diesem Kostüm. Die Tänzer Amélies faßten sie an ihren entblößten Schultern an, und wenn sie sie zu ihm zurückbrachten, hatten sie meist den Arm um ihren miederlosen Rücken gelegt. Er konnte nicht verhindern, daß seine Züge finster wurden und sein ganzes Wesen eine Wolke von Unmut umgab. Zum Ueberfluß kam ihnen noch Anne-Marie Hösgen entgegen, als mageres bräunliches Bauerndeandl. Sie rief Amélie in ahnungsloser Kümmerlichkeit zu: »Du, ich hab' mein Kränzel verloren, aber ich will's gar nimmer wiederhaben.« Amélie lachte laut über diese Übersetzung der neuen Weltanschauung ins Karnevalistische. Schnell aber verfiel Anne-Marie wieder in ihr geliebtes Norddeutsch und rief, sie sei »quietschvergnügt«. Cornelius lächelte gezwungen, und Anne-Marie rief beim Weggehen: »Du hast dir aber an faden Bua ausgesucht!« Sie setzten sich in eine der Lauben, wo Paare um sie herum saßen, die Glieder mehr oder weniger ineinander verstrickt und in endlosen Küssen. Cornelius fühlte sich wie auf den Mund gefallen. Was sollte er hier tun? Ueber irgendetwas zu reden, war in dieser Lage lächerlich. Zu tun, wie die um ihn herum, widerstrebte ihm erst recht. Er hoffte, der Champagner würde ihm den Weg weisen. Und so kam es auch. Er trank schnell mit Amélie ein paar Gläser hinunter und setzte sich dann neben sie auf die Bank, während er sich von der Bedrückung, die ihn bis jetzt belastet hatte, etwas befreit fühlte. »Nun, wie gefällt's dir?« sagte sie plötzlich, denn auf dem Fest duzten sich alle. »Ganz gut,« erwiderte er. Nun lachte sie ihn aus. »Das ist geschwindelt,« erwiderte sie, »ich weiß ganz genau, daß es dir nicht gefällt.« »Jetzt gefällt es mir, Amélie,« erwiderte er, »wo ich allein mit dir sitzen kann.« »Wirklich?« fragte sie mit leuchtenden Augen, und während sie an die Wand zurückgelehnt saß, streckte sie ihren schönen Arm nach dem Tische aus, auf den sie die Hand legte, so daß der zu ihr geneigte Cornelius die warme Ausstrahlung ihrer Haut spürte. Nun fiel ihm wieder kein Wort ein, denn er empfand genau, daß diese Lage viel zu vertraulich war im Verhältnis zu dem Stadium, in dem sich ihre Beziehungen bis jetzt befanden. In Amélie dagegen war eine vollkommene Passivität. Sie hatte getanzt, es war ihr warm, sie hatte getrunken, Cornelius war ihr sympathisch, es schmeichelte ihr, daß sie ihn, dessen Ueberlegenheit sie ein wenig gefürchtet, nun doch hierher gelockt hatte, daß sie ihm offenbar gefiel, ja, daß sie ihn sogar eifersüchtig gemacht hatte; so dachte sie nicht nach, sondern folgte nur der Stimmung. Hie und da lächelte sie und sah Cornelius fragend und wie erwartend mit geneigtem Kopf von unten an, aber in Wirklichkeit erwartete sie wohl gar nichts Bestimmtes von ihm. Alle seine sonstige Sicherheit und Gehaltenheit dagegen war verschwunden, er fühlte sich bald schlecht am Platz und bald doch wieder zärtlich von ihr angezogen; er trank absichtlich schnell und viel, um seine Befangenheit zu verlieren, und während er nahe bei dem ihn immer mehr bezaubernden blonden Wesen saß, das ihn mit so großen, graublauen Augen unter rund gewölbten Brauen ansah, da schalt er sich plötzlich einen steifen, langweiligen Kerl, der nicht imstande sei, einmal fünf gerade sein zu lassen und dem Augenblick zu leben. Plötzlich faßte er Amélie an beiden Armen und küßte sie, genau so, wie es die Paare taten, die um sie herum in der Laube saßen. Sie ließ es geschehen, schloß sogar die Augen und sank an seine Schulter. Zwei halbnackte, braun tätowierte Maler kamen vorbei. Einer rief laut: »Du, schau, so was hab' i mir scho' lang g'wünscht.« Cornelius beherrschte sich genug, um nicht hinzuschauen, aber Amélie fuhr aus ihrer sinnlichen Verträumtheit empor und lächelte den beiden zu. »Weißt du, Amélie,« sagte er nach einer Weile, »damals auf dem Sommerfest war es doch schöner als heute. Wenn ich dich ansehe, bin ich glücklich; aber wenn ich da herumschaue, da krampft sich mir das Herz zusammen, daß ich es in dieser Umgebung bin.« »Wieso?« fragte sie, »glauben Sie denn, ich hätte mich woanders überhaupt von Ihnen küssen lassen?« In diesem Augenblick wußte Cornelius, was er sich durch seine verfrühte Zärtlichkeit zerstört, zu der ihn das Fest verlockt, ja, geradezu gezwungen hatte. Da kam gerade einer von den Kerlen, mit dem Amélie sich schon vorhin in die tanzenden Paare gewühlt hatte, und sie empfing ihn mit einer ungewöhnlichen Freudigkeit. Beide verschwanden in dem Saal, und Cornelius saß allein in tiefster Niedergeschlagenheit. Daß sie nicht so bald zurückkommen würde, war klar. Er wußte, daß er sie nicht wiedergewinnen konnte, wenn er allzu geduldig hier sitzenblieb. Besser sie sah ihn dann heute gar nicht mehr. Er bemerkte, wie in der Nähe Anne-Marie rief, während sie auf ihn deutete: »Dem is sei Madel auskimma.« Er rief die Kellnerin herbei und zahlte. Dann ging er durch den Saal in der Hoffnung, es vielleicht doch noch über sich zu bringen, sich einfach in die Wogen des Festes zu stürzen und mit irgendeiner anderen wenigstens für die nächsten paar Stunden das Vorgefallene zu vergessen; das war gewiß auch das beste Mittel, Amélie wiederzugewinnen, wenn sie ihn lustig bei einer anderen sah. Aber während er in dem Saal umherging, jeden Augenblick an seinem Gewand zupfte, das er ingrimmig verfluchte, und immer heimlich nach Amélie Umschau hielt, die er nicht fand, fühlte er sich für jedes Handeln gelähmt, und wenn ihm ein Scherzwort entgegenflog, so war er unfähig zu antworten; dann wühlte er quälerisch in seinem Innern und fragte sich: »Was habe ich denn bei anderen Gelegenheiten in solchen Augenblicken, um mit einem Mädchen anzuknüpfen, gesagt?« und er legte sich einige Anreden zurecht, um nur die Berührung mit dem Feste zu finden. Hie und da sprach er auch in dieser geplanten Weise zu der einen oder anderen, aber er fühlte selbst, wie strohern seine Stimme klang, und er bekam nur abweisende Antworten. Er wußte auch, wie abweisend er selbst in diesem Augenblick aussehen mußte. Plötzlich stand er vor einer breiten Rampe, die ihm ungefähr an Brusthöhe reichte. Sie war eigens von den Festveranstaltern zum »Knutschen« und Küssen eingerichtet. So lagen denn da ineinandergewundene Paare Mund auf Mund beisammen, in der Sicherheit, daß dieses Spiel in der Oeffentlichkeit nie die gefährlichen Grenzen überschreiten könne. Unter diesen Paaren sah Cornelius Amélie am Boden sitzend. Der, welcher sie zum Tanzen geholt hatte, lag vor ihr auf dem Bauch, das Gesicht in die Hand gestützt und betrachtete sie mit faunischen Blicken. Amélie saß aufrecht dabei und schien ihn ein wenig zu necken. Hin und wieder hörte man ihr silberhelles Lachen, wenn jener versuchte, sie zu sich herunterzuziehen. Meistens leistete sie ihm freilich Widerstand, aber manchmal gelang es ihm doch, seine etwas wulstigen Lippen in die Nähe ihres Kindergesichtchens zu bringen. Dann machte sie sich schnell von ihm los, setzte sich wieder aufrecht, und das Spiel begann von neuem. Cornelius fühlte einen Stich tief durch sein Herz gehen, und ihm war, als ob ihm Tränen in die Augen stiegen. Schnell ging er hinaus, ließ sich seinen Mantel geben und eilte nach dem Zug, den er gerade noch erreichte. Der Wagen war nicht sehr besetzt, meist von Paaren, die nur zu dem Fest gefahren waren, um es einmal zu sehen, offenbar zum Teil verheiratete Leute. Cornelius saß still in seiner Ecke. In München am Bahnhof stand glücklicherweise noch eine einsame Droschke, die er anrief. Aber noch war das Unheil dieser Nacht nicht erschöpft. Kaum hatte der Kutscher das Fuhrwerk in Bewegung gesetzt, als ein Kostümierter, offenbar von dem Feste, an dem Fenster des Wagens erschien und Cornelius in überhasteten Worten um irgend etwas bat. Der Kutscher hielt still, der Wagenschlag wurde geöffnet, und ein ebenfalls kostümiertes Frauenzimmer zu Cornelius hineingeschoben. Der Herr sagte, immer in etwas gebrochenem Deutsch – er mußte ein Ungar oder Slawe sein –, der Dame sei plötzlich übel geworden und kein Wagen für sie zu finden; ob Cornelius, der wohl auch nach Schwabing fahre, sie erst nach Hause bringen wollte? Als dieser bejahte, gab ihm der Herr die Wohnung der Dame an. Unterwegs versuchte Cornelius einige Worte mit der Unbekannten zu sprechen, sich nach ihrem Zustand zu erkundigen, aber es war nicht viel aus ihr herauszubekommen. Dagegen stöhnte sie unausgesetzt in beängstigender Weise und es verbreitete sich ein starker, alkoholischer Geruch, der Cornelius veranlaßte, trotz der Kälte ein Fenster zu öffnen. Auf einmal sank die Dame an seine Schulter, und es schien ihm, als ob sie einschlafe. Er hatte nun Gelegenheit, sie unter dem wechselnden Licht der Laternen etwas näher zu betrachten und sah ein junges, liebliches Gesicht, das sogar ein wenig an Amélie erinnerte; unter dem Kopftuch fiel etwas wirr kastanienbraunes Haar in die Stirn. Dann begann das Stöhnen von neuem, unterbrochen von einzelnen schreiähnlichen Seufzern. Der Kutscher hielt an, sein rotes, bärtiges Gesicht erschien im Fenster. »Jo, wos is denn jetzt dees?« fragte er. Cornelius war ratlos, aber die Dame rief halb betrunken: »Das müssen Sie mir glauben ... es ist viel zu früh ... ich konnte nicht wissen, daß es schon so weit ... oh, das müssen Sie mir glauben ...« Dann sank sie bewußtlos zusammen. Der Kutscher aber war im Bilde. Lachend sagte er: »Was des fier a Krankheit is, des sicht ja a' Kind ..., da fohr'n ma halt am besten glei' in die Frauenklinik in der Sonnenstraße ...« »Wissen Sie Bescheid?« fragte Cornelius.. »Ja, mei'!« rief der weltweise Kutscher, die Hand hebend, während er wieder, auf den Bock stieg. Während nun Cornelius das sich neben ihm in Wehen krampfende Weib nach dem Spital fuhr, beschloß er, München so bald als möglich wieder zu verlassen. 31 Am folgenden Morgen wachte Cornelius spät auf. Sein Kopf war dumpf und schwer, er hatte einen starken Schnupfen. Die dicht verhängten Fenster seines Schlafzimmers ließen den Raum völlig dunkel. Er griff gewohnheitsmäßig nach der elektrischen Birne auf dem Nachttisch, aber langsam zog er die Hand zurück: mit tiefer Traurigkeit entsann er sich der Geschehnisse der Nacht. Er konnte sich nicht entschließen, weiter zu leben wie bisher, diesen Tag in der gewohnten Weise zu beginnen, seine Aufwärterin hereinzurufen, sich die Morgenbriefe geben zu lassen und aufzustehen. Alles dies schien ihm verhaßt, nur das eine war ihm klar: daß er Amélie über alles liebte und sie sich halb verscherzt hatte. Der Gedanke, abzureisen, beschäftigte ihn nicht einen Augenblick länger. Aber was tun? Er wußte, daß im Augenblick nichts verkehrter war, als zu Amélie zu gehen und ihr von neuem seine Liebe zu gestehen. Am Nachmittag tat er dann das, was in keinem Falle schaden kann: er schickte ihr Rosen mit einer Visitenkarte, auf der er sich nur erkundigte, wie ihr das Fest bekommen sei. Der Bote kam mit einem Briefchen zurück, sie danke ihm, es sei ihr sehr gut bekommen, sie habe sich noch vorzüglich unterhalten; schade, daß er so plötzlich verschwunden war, sie hoffe ihn aber bald wiederzusehen. Er möge doch einfach einmal nachmittags nach fünf bei ihr vorüberkommen, dann sei sie meistens zu Hause. Das war ein Hoffnungsstrahl. Es dämmerte bereits in Cornelius' Arbeitszimmer, als er noch sinnend über dem Briefchen saß, dem einzigen Gegenstand, den er nun von ihr hatte. Wie schön, und vor allem, wie einfach war doch alles, was er empfand! Er liebte sie, er wollte sie erobern; wenn es gelang, dann war es das lang erträumte Glück. Er kam sich wie erlöst vor von all seinen früheren Grübeleien, und er stellte fest, daß nur sein Geist zugespitzt und verwickelt erschien, daß sein Herz und seine Gefühle klar und einfach geblieben waren. Nun hatte er, was er ersehnte, das wirkliche Erlebnis, das seinem Innern die Einheit gab. Voll Glück eilte er hinaus auf die Felder, wo ein Sturm vereinzelte, entblätterte Bäume zauste, während ein scharfer Lichtstreifen an dem dunklen, wolkenschweren Horizont leuchtete. Seine Erkältung trieb ihn bald wieder nach Haus. Am nächsten Tag war Cornelius wieder voll Ungeduld, aber er bezwang sich, nicht gleich, sondern erst in einigen Tagen zu Amélie zu gehen. Als er an dem Hause des Fürsten klingelte, erschien oben im Fenster ein Kopf. Er erkannte den Menschen, mit dem Amélie auf dem Feste zusammen gewesen war. »Einen Augenblick,« rief er hinunter. Er schien hier schon sehr heimisch zu sein, denn er kam selbst herab und öffnete; er stellte sich vor: »Rittmeier, Kunstmaler. Uebrigens kennen wir uns ja schon von neulich abends. Sie sind aber früh heimgegangen.« Cornelius antwortete höflich, er sei etwas müde gewesen. »Na, Sie haben nicht viel verloren, es gibt ja jetzt noch eine ganze Reihe solcher Feste.« Cornelius wurde in das »Tirol« geführt und begrüßte Amélie möglichst unbefangen. Sie war freundlich zu ihm und goß Tee ein. Es waren noch ein paar andere Menschen in dem weiten Raum, die in den Ecken saßen, Photographien ansahen und hie und da etwas zu Amélie herüberriefen. Cornelius sah sich nun den Herrn Rittmeier etwas näher an; er war neugierig, diesen Nebenbuhler zu durchschauen und herauszufinden, was Amélie an ihm gefallen konnte. Er sah in der modernen Kleidung gar nicht so unangenehm aus, wie er ihn auf dem Feste gefunden hatte. Er war groß, ja fast riesig und wirkte sehr muskelstark. Der Rohrsessel krachte unter ihm, wenn er sich bewegte, und wenn er aufstand, zitterten die Möbel ein wenig. Er schien aber ein ganz gemütlicher Herr zu sein mit weltmännisch sicheren Formen. Zugleich war er ausgesprochen lässig. So trug er ein hellgrünes Flanellhemd mit weichem Kragen, aber wenn das zu einem Teebesuche auch nicht gerade als das rechte erschien, so war doch alles, was er an sich hatte, im einzelnen elegant und von bester Qualität. Er sah eigentlich gar nicht wie ein Künstler aus, sondern hätte mit seinem amerikanisch gestutzten braunen Schnurrbart und dem geschorenen Kopf geradesogut auch irgendeinem anderen, etwa dem Techniker- oder Ingenieurberufe angehören können. Herrn Dr. Cornelius hat es gar nicht gefallen neulich,« begann Amélie. »Das kann ich verstehen,« erwiderte Rittmeier lärmend, »ich teile auch die Begeisterung für diese Künstlerfeste gar nicht; der bal paré im Deutschen Theater ist viel schicker.« »Warum gehen Sie denn doch hin?« fragte Amélie. »Das fragen Sie?« lachte Rittmeier mit einer Verbeugung, »wenn man eine solche Gesellschaft findet, wie ich auf dem Gauklerfest, dann geht man schließlich überallhin.« Cornelius ärgerte sich zuerst über diese Bemerkung; dann sagte er trocken: »Ich bin ganz Ihrer Ansicht.« Zugleich fühlte er doch eine gewisse Befriedigung, sich von einer ihm so unähnlichen Natur wie dem derben Rittmeier bestätigt zu fühlen. »Nun,« erwiderte Amélie schlagfertig, zu Rittmeier gewendet, »dann werden Sie wohl auch zu dem Fest der Elendenkirchweih kommen, denn meine Gesellschaft werden Sie dort auch wiederfinden.« Eine finstere Wolke hing über Cornelius' Gesicht, aber sofort nahm er sich zusammen und blickte freundlich. »Diese Feste sind nichts Halbes und nichts Ganzes,« fuhr Rittmeier fort. »Sind Sie nicht jetzt gerade in Paris gewesen, Herr Doktor? Dann haben Sie vielleicht vom bal des quat'z arts gehört?« »Ja, gehört habe ich davon, aber er findet erst im Frühling statt,« erwiderte Cornelius, stets voll schwankender Gefühle. Gleichzeitig war er eifersüchtig auf Rittmeier, und mußte ihm doch dankbar sein, daß alles, was er sagte, ihm aus dem Herzen gesprochen war. Rittmeier erzählte: »Da geht es noch viel toller zu, als auf unseren Festen; › les dames sont instamment priées de laisser leurs chemises au vestiaire‹ . Das ist dann wirklich eine Orgie, ein Bacchanal von erwachsenen Leuten, die wissen, was sie tun. Aber diese Künstlerfeste hier sind doch eigentlich für unsereinen nur eine große Kinderei, weiter nichts.« »Ach, die Männer,« rief Amélie, »die sind immer blasiert. Das liegt eben daran, daß sie die schrankenlose Freiheit haben, sich alles zu erlauben, was ihnen Spaß macht, und darum kann ihnen so etwas wie die Münchener Feste nicht mehr gefallen. Gott sei Dank ist das ja jetzt auch für uns anders geworden, und wir Mädels können uns jetzt auch ein bißchen in der Welt umtun. Hoffentlich werden wir davon aber doch nicht so blasiert, wie ihr Herren der Schöpfung. Ich habe mich himmlisch amüsiert neulich.« »Na, da wünsche ich Ihnen auch recht viel Vergnügen auf der Elendenkirchweih,« erwiderte Cornelius möglichst ohne Schärfe. Er stand auf und nahm Abschied, um nicht allzu interessiert zu erscheinen. Dann gab er Rittmeier die Hand und sagte freundlich: »Es hat mich sehr gefreut, Sie auch einmal ohne Kostüm kennenzulernen.« »Die Freude ist ganz auf meiner Seite,« erwiderte Rittmeier sich verbeugend, und brachte Cornelius wieder hinaus. Dieser wäre, als er wieder allein war, vor Schmerz fast zusammengebrochen. Er verhehlte sich nicht, daß Rittmeier den richtigen Ton gefunden hatte. Auch der mißbilligte diese Feste, genau wie er, aber es focht ihn nicht an, trotzdem einmal eins mitzumachen, und diese Haltung mußte Amélie natürlich mehr gefallen, als seine sichtliche Gekränktheit. Trotzdem kam es ihm vor, als habe er sich heute ihr gegenüber richtiger benommen. Wer weiß, vielleicht war doch noch nicht alles verloren. Mit Rittmeier kokettierte sie wohl nur, um ihn zu ärgern. Cornelius gelang es nun, die nächsten zwei oder drei Male, als er mit Amélie zusammen war, vollkommen in dem zurückhaltenden Ton einer für sich selbst nicht mehr viel verlangenden Freundschaft zu verharren. Interessierte sie ein Buch, so lieh er es ihr; kam die Rede auf Bilder, so war er bereit, mit ihr eine Stunde in eines der Museen zu gehen. Als sie einmal sagte, sie würde viel öfter ins Theater gehen, wenn das langweilige Besorgen der Karten nicht wäre, bot er sich an, das für sie zu übernehmen. Amélie tat das wohl. Die Leere des Daseins, über die sie sich noch vor kurzem, ohne es sich immer ganz zuzugestehen, so sehr gegrämt hatte, war nun plötzlich ausgefüllt. Sie hatte einen außerordentlich regen und unterrichteten Menschen fortgesetzt zu ihrer Verfügung, der ihre innere Trägheit überwand und die doch immer wieder in ihr erwachenden Interessen so schnell befriedigte, daß sie gar keiner Ausdauer und Anstrengung bedurfte, um auf dieser ihr ungewohnten und der Eitelkeit schmeichelnden Stufe des geistigen Lebens zu bleiben. Aber sie hütete sich sehr, irgend etwas merken zu lassen, wie zufrieden sie darüber war; sie hatte die größte Angst, er könne sich etwa einbilden, sie liebe ihn, und er habe irgendwelche Rechte auf sie. Wäre ihm durch irgendeine gemeinsame Freundin nur ein Wink gegeben worden, wie sehr er in diesen Tagen Amélie gefiel, dann hätte er seine Haltung gewiß noch lange fortsetzen können. So aber mußten die aufs äußerste gespannten Nerven unter der steten Plage des Zweifels von Zeit zu Zeit immer wieder versagen; kaum aber verließ ihn seine Zurückhaltung, sei es, daß er irgend etwas, was sie schätzte, zu lebhaft verurteilte oder eine zu warme Teilnahme für Amélie zeigte, meldete sich sofort in ihr der zähe Trotz gegen seine Autorität, die, wie sie immer befürchtete, ihre »Persönlichkeit« unterjochen und ihr die »in langem Ringen erworbene Weltanschauung« nehmen könnte. Dann hob sie ihr Kinn hoch und machte böse kleine Bemerkungen. So zerstörte er immer wieder im Keim das noch zu zarte Pflänzchen ihrer Neigung. Cornelius hatte in Italien gelernt, einige einfache italienische Gerichte mit allen Feinheiten der Landesküche zuzubereiten, und so lud er Amélie einmal zum Abendessen ein und schlug ihr vor, sie wollten gemeinsam italienische Spaghetti bereiten. Dieser Vorschlag entzückte Amélie, sie nahm ihn mit freundlicher Zurückhaltung an. Am Morgen desselben Tages, an dem sie abends kommen sollte, erhielt Cornelius ein großes Paket. Es war das Manuskript seiner ersten Novellen, das ein Verleger, nachdem er es drei Viertel Jahr behalten hatte, um es zu drucken, nun plötzlich zurückschickte. Er hatte schon die Möglichkeit eines literarischen Erfolges in Verbindung mit seiner Liebe zu Amélie gebracht, ja von seinem bald erscheinenden Buch zu ihr gesprochen. Nun aber war dies alles vorbei. Er ging verstimmt zu Tisch und trank dann einsam irgendwo Kaffee. Auf dem Heimweg aber fühlte er deutlich, wie seine Verstimmung fast wie eine körperliche Last von ihm genommen wurde. Er dachte, daß es jetzt nur noch vier Stunden dauere, bis Amélie zu ihm käme, und daß er mit ihr einen Abend ungestört verbringen dürfe. Was lag da noch an Manuskripten, Verlegern und allem anderen? Wenn sie kam, wollte er gern alle Enttäuschungen tragen und Mut zu allem Künftigen fassen. Er malte sich den Abend in den verlockendsten Farben aus, wie er ihr nach Tisch ein wenig Klavier vorspielen wolle und sie spät durch die gefrorenen nächtlichen Winterstraßen nach Hause bringen würde. Schon vor halb acht, der Stunde, zu der Amelie erscheinen wollte, war alles aufs beste vorbereitet, der Tisch gedeckt, in der Küche das Notwendige zurechtgestellt, damit die Spaghetti schnell bereitet werden könnten. Amélie wollte selbst dabei helfen, um es zu lernen, die Aufwärterin hatte er absichtlich fortgeschickt. Die Räume waren sehr behaglich; terrakottafarbene Tapeten gaben einen warmen Ton, in dem die schweren, braunen Familienmöbel vortrefflich zur Geltung kamen. Auf den Tischen im Eßzimmer wie im Arbeitszimmer standen Nelken, Chrysanthemen und Narzissen. Kurz vor halb acht setzte sich Cornelius ans Klavier, um nicht seine Ungeduld durch genaues Achten auf die Zeit zu steigern. Er spielte eine Mozartsche Sonate und beschloß, falls ihn Amélie wider Erwarten nicht dabei unterbrechen würde, nicht eher auf die Uhr zu sehen, als bis der erste Satz mit allen Wiederholungen zu Ende sei. Er ging zu Ende und es hatte noch nicht geklingelt. Er sah auf die Uhr, schon war es zehn Minuten nach halb. »Nun,« dachte er, »sie kann sich verspätet haben,« und nahm den zweiten Satz in Angriff. Aber auch den dritten Satz spielte er noch. Dann setzte er sich tief niedergeschlagen in einen Sessel und fühlte, daß seine Hoffnungsfreudigkeit wieder einmal verbraucht sei. Da plötzlich klingelte es, er stürzte nach der Tür, und Amélie erschien. Es hatte längst acht geschlagen. »Entschuldigen Sie meine Verspätung,« sagte sie, während er ihr in dem engen Vorplatz das Jackett auszog, »aber gerade in dem Augenblick, als ich fortgehen wollte, kamen verschiedene Bekannte, um wegen der Kostüme für die Elendenkirchweih zu beraten, und dadurch ist es etwas spät geworden.« Das gab Cornelius wieder einen Stich ins Herz, daß gerade die Vorbereitung zu einem dieser Feste an der Verspätung schuld war, aber schnell sammelte er sich, denn nun war sie ja doch da. Sie trat ins Zimmer und faßte mit einer reizenden Bewegung nach dem Hinterkopf, dessen Haar sie zurechtstrich. Die Blumen entzückten sie. »Vergessen Sie nicht, davon mitzunehmen, was Sie nur tragen können,« sagte Cornelius lächelnd. »Und nun die Spaghetti,« rief sie, »ich bin neugierig, wie man sie macht.« Sie gingen in die kleine Küche. Schon war Cornelius wieder vollkommen versöhnt und begann mit ihr die Zubereitung der Speise. Das Wasser hatte er schon vorher auf den Gasherd aufgesetzt, so daß es sofort wieder zu kochen begann. Die Spaghetti mußten nun hineingeworfen werden und dann etwa zehn Minuten lang kochen. Während dieser Zeit schaute sich Amelie in der Küche um und lachte über die Junggesellenwirtschaft. Da fehlten manche der notwendigsten Geräte, dafür stand das Salz in einer japanischen Cloisonnéschale. »Uebrigens,« wendete sie sich plötzlich an ihn, »sehr viel Zeit habe ich nicht; ich muß spätestens um halb zehn Uhr wieder gehen.« Cornelius fiel wie aus den Wollen. Sie beobachtete ihn prüfend. »Haben Sie eine Verabredung?« fragte er, und schon fühlte sie ihren alten Trotz, der ihm zeigen sollte, daß ihn das eigentlich gar nichts anginge. »Ja, ich habe mich mit den Bekannten verabredet, die vorhin bei mir waren.« »Aber ich denke, Sie hätten doch alles ausgemacht?« fragte Cornelius bitter. »O nein,« erwiderte Amelie, »wir sind noch lange nicht fertig. Wenn ich aber noch später zu Ihnen gekommen wäre, das hätte Ihnen doch natürlich auch nicht gepaßt.« Gegen diese Logik war nichts einzuwenden. Cornelius schüttelte schweigend die Spaghetti auf das Sieb, dann auf eine kleine Platte, tat Butter und Käse dazu und trug sie in das Zimmer. Dann saßen sich beide bei Tisch gegenüber, aber alle Freude und Behaglichkeit war vorbei. Er konnte kaum essen. Obwohl er genau fühlte, daß er wieder einen großen Fehler machte, legte er plötzlich die Gabel hin und sagte: »Hören Sie einmal, Amélie, Sie haben neulich einmal gesagt, daß Sie sich über meine freundschaftliche Anteilnahme freuten; Sie haben also meine Freundschaft angenommen. Heute möchte ich Sie nun um einen Freundschaftsdienst bitten.« »Und der wäre?« »Gehen Sie heute abend nicht dorthin.« »Aber warum denn nicht? Das kann Ihnen doch gleich sein.« »Nun, ganz einfach, weil ich Sie heute abend brauche, Sie nötig habe, weil ich diesen Abend nicht ohne Sie, überhaupt nicht allein sein möchte.« »Warum denn?« »Ich habe heute morgen eine sehr unangenehme Nachricht bekommen, aber es gelang mir, mich darüber zu trösten, denn ich brauchte nur daran zu denken, daß ich Sie ja heute abend sehen würde; Sie haben mir wohl auch nichts von Bedrückung angemerkt, als Sie kamen. Wenn Sie mich aber nun wieder allein lassen, so kommen die Gespenster zurück und lassen mich nicht los.« Amélie dachte einen Augenblick nach. Dann sagte sie: »Das ist nun wieder einmal eine von Ihren Launen. Sie wollen nur nicht, daß ich auf das Fest gehe.« »Aber was hat denn das mit dem Fest zu tun?« sagte Cornelius. »Daß Sie auf das Fest gehen wollen, das weiß ich doch längst, davon ist ja immer die Rede gewesen.« »Nun, aber recht ist's Ihnen nicht, gestehen Sie's nur offen.« »Sie wissen ja, wie ich von diesen Festen denke, aber ich habe Ihnen keine Vorschriften zu machen.« Es trat ein kurzes Schweigen ein. »Amélie,« rief er in zärtlichem Ton, »bleiben Sie heute abend bei mir.« »Wie geht denn das?« fragte sie eigensinnig, »ich kann doch nicht ohne weiteres eine Verabredung brechen.« »Wir waren doch zuerst verabredet.« »Warum sagen Sie das alles?« fragte sie. »Sie wollen mich doch nur mit Ihren Ansichten tyrannisieren, das ist alles.« »Amélie, ich schwöre Ihnen, daß mir in diesem Augenblick nur an dem heutigen Abend etwas liegt.« »Nun, wenn das wahr ist, so kommen Sie doch einfach mit. Sie kennen die Leute ja auch. Ich treffe sie gegen zehn Uhr.« Sie nannte eines jener Schwabinger Weinlokale, wo die Bohème bis vier, fünf Uhr morgens bei Wein und Musik umhersaß. Amélie fühlte sich durch diesen Einfall wie befreit. Sie konnte ihr Gewissen beruhigen, da sie ihn nicht seiner Einsamkeit überließ, und gleichzeitig wußte sie nur zu gut, daß er sehr ungern mitgehen würde. Das war dann seine Sache, und wenn einer eigensinnig genannt werden konnte, war er es, falls er sich weigerte, sie zu begleiten. Schade, daß sie die Sache nicht gleich so eingerichtet und ihm beim Kommen gesagt hatte: »Nachher wollen wir noch zusammen meine Freunde treffen.« »Warum wollen Sie mich an Orte bringen,« sagte Cornelius, sich zur Ruhe zwingend, »wo ich, wie Sie wissen, doch in einem fremden Element bin und nur unsympathisch wirke?« »Nun sehen Sie?« triumphierte Amélie, »das wollte ich nur wieder einmal hören! Es kommt Ihnen eben nicht auf diesen einen Abend an, sondern Sie wollen mir nur meine Lebensgewohnheiten vorschreiben. Das lasse ich mir aber nicht gefallen.« Darauf stand sie auf und setzte sich auf einen Sessel in der Ecke. Cornelius suchte sie als Wirt wenigstens zu veranlassen, weiter zu essen. Sie aber behauptete, der Appetit sei ihr vergangen. Er ging ratlos hin und her, trat zu ihr, legte seine Hand auf ihre Schulter und sagte: »Amélie, es tut mir wirklich herzlich leid, daß ich Sie so verstimmt habe.« »Das ist nicht wahr!« schrie sie nun fast wütend, »es tut Ihnen nicht leid!« »Ich bin vielleicht sehr töricht gewesen,« fuhr Cornelius fort, »nun sehe ich, daß Ihnen wirklich sehr viel daran liegt, hinzugehen; wenn das der Fall ist, so habe ich unrecht, denn ein Opfer wollte ich ja nicht von Ihnen verlangen, nur eine Gefälligkeit. Aus dem Ernst, mit dem Sie das alles aufnehmen, sehe ich, daß etwas dahintersteckt, was ich nicht weiß, und wonach ich wohl auch kein Recht habe zu fragen.« Amélie spitzte die Ohren. Das reizte sie. »Wie meinen Sie denn das?« fragte sie. »Nun, ich nehme an, daß Sie dort ganz einfach jemand treffen wollen, für den Sie sich interessieren. Das können Sie mir aber ganz offen sagen, denn dann würde ich alles plötzlich verstehen und zugeben, daß ich kein Recht dazu habe, Sie heute für mich zu beanspruchen. Ist es so?« »Ja, vielleicht,« erwiderte Amélie und dachte dabei a»Rittmeier, der allerdings vermutlich hinkommen würde. Cornelius tat nun, als sei er mit dieser Lösung ganz einverstanden. Er nötigte Amélie von neuem zum Essen, und sie setzte sich wieder zu ihm an den Tisch. Nachher fragte er sie, ob er ihr ein wenig vorspielen solle? Er fühlte wohl, daß Worte die Lage wieder verschlimmern würden, die Musik aber sie ein wenig mildern könnte. Sie gab sich nun auch ganz der Stimmung hin, der leisen Musik in dem verschleierten Licht des rötlichen Raumes und hätte selber nicht mehr den Entschluß zum Aufbruch gefunden. Was lag ihr denn im Grund an den Bekannten, wenn es jetzt auf einmal anfing hier so nett und gemütlich zu werden? Aber Cornelius verrannte sich nun nach der entgegengesetzten Richtung und trieb seine Politik der »uninteressierten Freundschaft« so weit, daß er um punkt halb zehn Uhr aufstand und selbst zu Amelie sagte, er glaube, es sei nun Zeit, daß er sie zur Trambahn bringe. Natürlich hegte er die leise Hoffnung, sie würde vielleicht doch bleiben, aber da er sie ja selbst aufforderte, erhob sie sich mit einem Seufzen. Er half ihr in die Jacke, dann gingen sie durch das dunkle Stiegenhaus. Draußen heulte ein Sturm, es war Tauwetter eingetreten. Wie widerwärtig ist es, nun dorthin zu gehen! dachte Amélie. Die Bretter eines Holzverschlages an der Straße dröhnten im Wind. Amelie mußte ihren Hut festhalten, während sie über Pfützen schritt. Kaum vermochte sie gegen den Sturm anzukämpfen. Endlich erreichten sie die elektrische Bahn. In namenlosem Schmerz sah Cornelius, wie sie in der Nacht verschwand. Er wußte genau, daß sie nun vor vier oder fünf Uhr morgens nicht nach Hause gehen würde, nachdem sie in der ihm widerwärtigsten Gesellschaft die Nacht verbracht hatte. Tief verstimmt und verwirrt kam sie in das Weinhaus, wo sie ihre Freunde traf. In einer Wolke von Zigarettenrauch und Speisegeruch saß man unter verschleierten Lampen in einer rötlichen Dämmerung beisammen. Amélie wurde lärmend begrüßt. Man schenkte ihr Wein ein, und sie trank, ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, wer ihr diesen Wein anbot. Alles schrie durcheinander, hie und da sang einer zu der Musik, dann tanzte ein als Rautendelein geschmücktes Mädchen zwischen den Tischen, und so wurde es halb drei. Langsam vergaß sie ihren Aerger unter der Einwirkung des Alkohols und der vielen Zigaretten, die man ihr von allen Seiten reichte und die sie niemals verweigerte. Gegen Morgen ging man irgendwohin Kaffee trinken, und obwohl sie todmüde war, konnte sie sich nicht entschließen, allein nach Hause zu gehen. So blieb sie mit den Letzten noch in einem kleinen Kaffeehaus sitzen und fragte schließlich, ob jemand in ihrer Nähe wohne? Die Herren übten nicht die Pflicht der Ritterlichkeit, eine Dame nachts wenigstens bis zu einem Wagen zu begleiten; gab es doch hier keine Herren und Damen, sondern nur Kameraden oder Kollegen. So mußte Amélie sich schließlich doch aufraffen, als es auf vier Uhr ging und sich allein durch die nächtlichen Straßen schleppen. Noch immer heulte der Wind und ließ die Blechschilder an den Häusern klappern. Aus den Kellern der Bäckereien stiegen schwerfeuchte Gerüche von Teig und Anis herauf. Auf der Ludwigstraße schlich eine einsame Droschke, der Amelie winkte. In einer an Schwermut grenzenden Verstimmung kam sie nach Hause. Die nächsten Tage verbracht« sie in dauernder Wut gegen Cornelius, aber sie schwor sich, sich zu entschädigen für das, »was er ihr angetan«, und sich auf der Elendenkirchweih einmal bis aufs äußerste zu amüsieren, zu tollen und draufloszuleben. Dieses Fest unterschied sich eigentlich in nichts von dem Gauklerfest, nur daß es nicht außerhalb Münchens, sondern in den Sälen der Schwabinger Brauerei stattfand. Amèlie wurde von Rittmeier abgeholt. Sie hatte Kopfweh gehabt und einige Pulver genommen, von denen ihr nun ganz dumpf im Kopf war. Er merkte ihr sofort an, daß sie sich nicht wohlfühlte, aber sie sagte, wenn sie erst ein paar Glas Sekt getrunken hätte, würde es schon vergehen. Und so war es; Rittmeier ließ es an nichts fehlen, Amèlie aufzuheitern. Nach der ersten Flasche tanzten sie sich heiß, und bald ließen sie sich auf der Erhöhung nieder, die es auch hier gab für die, welche sich ungestört in endlosen Küssen ineinander verschlingen wollten. Amèlie hatte im stillen diesen Augenblick erwartet, ohne es sich zuzugestehen, dabei dachte sie immerfort mit Feindseligkeit an Cornelius. Rittmeier war ihr nicht unsympathisch, und er nahm sich alle die Freiheiten heraus, die in dieser Lage, in der Dämmerung zwischen lauter halb Trunkenen, möglich waren. Auf dem Gauklerfest hatte sich Amèlie noch dagegen gewehrt, und es war Rittmeier nichts anderes, als hie und da ein flüchtiger Kuß gelungen; heute aber lag er mit ihr, wie die anderen, Mund auf Mund, und sie dachte: »Was liegt denn daran? Es ist wieder ganz dasselbe wie einst mit Erich, und es wird wohl mit mir immer dasselbe bleiben.« Erinnerte sie sich hie und da an Cornelius, so geschah es voll Zorn, ja sie war überzeugt, daß er an alledem schuld sei. Bisweilen fühlte sie sich dazwischen nüchtern werden – sogar etwas wie Ekel stieg in ihr auf –, dann verlangte sie wieder Sekt zu trinken und zu tanzen, und darauf ging es wieder ein, zwei Stunden weiter wie vorher. Vollständig abgestumpft ließ sie sich von Rittmeier gegen fünf Uhr nach Hause bringen, und ohne viel nachzudenken, sank sie ins Bett. So schwer es ihm wurde, Cornelius hatte sich geschworen, bevor die Elendenkirchweih vorbei sei, nichts von sich hören zu lassen, denn er wußte wohl, daß die Aussicht auf dieses Fest und die Traurigkeit, die es ihm verursachte, Amélie dort zu wissen, ihm nicht erlauben würden, ihr gegenüber die richtige Haltung zu finden. Amélie hatte sich über sein Schweigen gewundert, aber wollte sich darüber keine Rechenschaft geben. Als sie am Tage nach dem Feste gegen zehn Uhr aufwachte, war ihr höchst widerwärtig zumute. »Mir ist es bestimmt, zu verkommen,« dachte sie, wie einst in der Zeit, als sie mit Erich in engen Beziehungen stand. Als sie aufgestanden war und in die tief verschneite Straße blickte, überkam sie plötzlich eine Sehnsucht nach Cornelius. »Warum hat er denn gar nichts mehr von sich hören lassen?« fragte sie sich, und sie bereute, ihn so schlecht behandelt zu haben. Wer weiß, vielleicht war doch ein Brief von ihm da. Seine Briefe waren immer morgens gekommen. Cornelius hatte in seinem Glauben an sie auf diesen Katzenjammer nach dem Feste gerechnet und in einer glücklichen Eingebung ihr am Abend vorher ein paar Zeilen geschrieben. Er habe während der ganzen Zeit nichts von sich hören lassen, um in ihr nicht den Eindruck zu erwecken, daß er ihre Absicht, die Elendenkirchweih zu besuchen, irgendwie zu beeinflussen gedenke; nun aber, wo das Fest vorbei sei, möchte er ihr den Vorschlag machen, mit ihm am Fastnachtsdienstag den bal paré zu besuchen, den sie sich, wenn sie München kennenlernen wolle, zum mindesten einmal ansehen müsse. Amèlie jubelte auf, als sie diese Zeilen las, und in ihr entstand sogar ein Gefühl der Zärtlichkeit und Dankbarkeit zu dem Schreiber, der ihr gerade jetzt, wo sie sich in einem Sumpf befand, wieder die Hand entgegenstreckte. Der Gedanke wurde ihr in den nächsten Tagen immer verlockender, in einem hübschen Gesellschaftskleid mit Cornelius, der einen Frack tragen würde, zu einem hellen Ballfest in einem großen Saal zu gehen und dort zu tanzen und in angeregter Gesellschaft zusammenzusitzen, ohne die halbdunklen Gepflogenheiten der Schwabinger Feste. 32 Amélie freute sich aufrichtig auf den Fastnachtsdienstag. Sie ließ sich bei einer guten Schneiderin, die ihr Frau Dr. Oesterot empfohlen hatte, ein Kleid machen, ganz weiß mit glitzerndem Flitterbesatz. So wie man nach einer langen Bergwanderung kaum erwarten kann, in der nächsten Stadt seinen Koffer zu finden und wieder weiße Wäsche und Stadtkleider zu tragen, so freute sich Amèlie darauf, nach all der Verwahrlosung wieder einmal sorgfältig und sauber angezogen zu sein; ja, sie schlug sogar die Einladung zu einem Fest am Fastnachtsdienstag aus, obwohl Oesterots und viele andere Bekannte dieses Fest dem bal paré vorzogen. Cornelius war darüber glücklich. Der Fastnachtsdienstag war einer jener sonnigen Februartage, wie sie gegen Ende des Winters in München vorkommen und einen in den Mittagsstunden glauben lassen, daß man sich südlich der Alpen befinde, so blau wölbt sich der Himmel über der lichten Stadt. Cornelius und Amèlie beschlossen, nur eine kurze Rundfahrt durch das Treiben der Konfettischlachten auf den Straßen zu unternehmen, damit Amélie Zeit fände, vor dem Ball noch etwas zu ruhen und sich ohne Eile umzukleiden. Während er sich mit ihr, in eine Wagenkette eingereiht, in der Maximilianstraße befand, wo durch die bläuliche Nachmittagsluft die roten und grünen Serpentinen flogen und sich die Menschen Kopf an Kopf um die Pferde drängten, die kaum vorwärts konnten, da jauchzte es manchmal in ihm, und hie und da wagte er Amelies Hand zu drücken. Die frische Luft hatte ihre Wangen, die noch vor wenigen Tagen bleich gewesen waren, schnell wieder gerötet, und einige goldblonde Löschen flatterten unter dem Pelzmützchen hervor. Cornelius war hingerissen von ihrer Schönheit und zwang sich, es nicht zu sehr merken zu lassen. Auch sie war glücklich und empfand für ihn ein Gefühl der Dankbarkeit, daß er sie so schnell wieder in eine lichtere Welt emporgezogen hatte, wo man ohne Selbstvorwürfe fröhlich sein konnte, gehoben, nicht herabgedrückt durch das Genießen. Abends um halb zehn hielt Cornelius im Auto vor Amélies Fenstern. Sie war schon seit einigen Minuten fertig – ein Wunder bei ihren Gewohnheiten – und erwartete ihn, hinter den Scheiben stehend, in einem hellfarbigen Abendmantel, den sie noch vom vorigen Winter aus ihrer Heimatstadt besaß. Er kam schnell herein, einen leichten Pelz über dem Frack, in der einen Hand den Zylinder, in der anderen ein paar Rosen für sie. Er brachte etwas von der geheimnisvollen Luft der Vorfrühlingsnacht mit herein. »Wie entzückend Sie aussehen!« rief er, ihre beiden Hände küssend, während das blitzende, weiße Kleid unter ihrem Abendmantel hervorlugte. Amélies Gestalt war nun ganz reif entwickelt, schlank und doch weich, ihr Gesicht hatte noch etwas Kindlichkeit, während sich gleichzeitig bereits eine frauenhaftere Art darin andeutete; das hellblonde Haar, das heute von einer Friseuse gewellt worden war, lag wie eine Krone über der weißen Kinderstirn und war Cornelius' besonderes Entzücken. Zum ersten Male sah er sie in einem wirklichen Kleid und mit Sorgfalt angezogen. »Es ist so warm heute nacht,« sagte er, »daß ich ein offenes Auto genommen habe.« »Das ist recht,« antwortete Amélie erfreut und stieg ein, während er die Blumen und ihr Täschchen hielt. Dann fuhren sie durch die von herber Vorfrühlingsluft erfüllte Stadt, die ein buntes Treiben von Masken belebte. Cornelius war es gelungen, im Deutschen Theater eine Parkettloge zu belegen; der Kellner empfing die beiden mit tiefen Bücklingen, wie ein Diener seine heimkehrende Herrschaft. Bald stand der Champagner auf dem Tisch. Man sah Paare in eleganten Kleidern vor den Logen tanzen und in den Gängen umhergehen. Auf die mit rotem Samt überzogenen Brüstungen stützten sich Frauenarme, in der purpurnen Logendämmerung leuchteten die weißen Frackhemden der Herren. Amélie bewunderte unbefangen die ausgezeichneten Toiletten einiger Damen. »Die Cenzi verlobt?« rief eine magere Brünette in schwarzem Spitzenkleid mit blitzendem Jet über zwei Logen hinaus, »daß i net lach'. So a Verlobung kenn i!« Ein Strahl giftmörderischen Hasses blitzte aus den dunklen Augen, die sich sofort zu sanftem Feuer mäßigten, als ihr ein Kavalier vom Saal aus mit einer Rose das Kinn kitzelte. »Jessas, der Baron Gustel,« rief sie aus und zeigte ihre vollendeten Zähne unter verbindlichem Lächeln. »Es ist sehr viel Demimonde da,« sagte Cornelius. »Wo?« fragte Amélie naiv. Cornelius mußte ihr einige jener interessanten Damen zeigen. »Ist es nicht entzückend,« fragte er, »hier abgegrenzt in einer Loge zu sitzen und das alles um sich herum branden zu sehen?« Auch Amélie war überrascht von dem Licht, dem Glanz und den Farben. Sie mußte nun innerlich Cornelius in allen seinen Gründen recht geben. Gewiß, hier gab es auch sehr viel zweifelhaftes Volk, aber was ging es einen an? Es war nur der Hintergrund für die eigene Freude, man schwebte selig, aber unberührt davon, zwischen all dieser farbigen Luft, während man auf den Künstlerfesten entweder der allgemeinen Stimmung erlag, sich weiter reißen ließ, als man wollte, oder aber ausgeschlossen abseits stand. »Ich glaube, Sie haben mich jetzt bekehrt,« sagte Amélie. »Mir gefällt es hier auch viel besser, als auf der Elendenkirchweih und dem Gauklerfest.« Cornelius führte sie überall herum; auch hier sah man in manchen Nischen zusammengeknäulte Pärchen, denen es offenbar an der geeigneten Wohnung fehlte, und die sich nun hier in der halbdunklen Öffentlichkeit schadlos hielten. Amélie dachte mit einem gewissen Grauen an die Szenen, die sie selbst mit Rittmeier erlebt, und sie fühlte sich sicher an Cornelius' Arm, denn sie wußte: so sehr er sie lieben mochte, er würde sich hier nicht die mindeste Freiheit erlauben. Cornelius hatte einmal gesagt, jede bessere Kokotte betrage sich würdiger, als so ein Schwabinger Mädel. Nun sah sie, wie recht er hatte; die Kokotten schlugen den Angetrunkenen, die sich öffentlich Freiheiten erlauben wollten, recht unsanft auf die Finger, während die Schwabingerinnen solchen dionysischen Temperamentsausbrüchen gegenüber duldsam, wenn nicht beseligt waren. Sie fühlte jetzt selbst einen Ekel vor alledem. Cornelius war ein guter Tänzer, und Amélie freute es, wieder einmal richtige Tänze zu tanzen und nicht einfach herumzuspringen, wie auf den Schwabinger Festen. Sie saßen nun abwechselnd eine Zeitlang als Zuschauer in der Loge, dann stürzten sie sich wieder unter die Tanzenden, Cornelius war von sprudelnder Laune, und Amélie kam es vor, als ob sie ihn liebhabe. So wurde es Mitternacht, der Aschermittwoch brach an, der letzte Faschingsball war zu Ende. Als sie hinaustraten, stand der Mond am Himmel, und Amélie rief: »Was für eine wundervolle Nacht!« »Wissen Sie was, Amélie,« sagte Cornelius, »wir fahren bis zum Englischen Garten und gehen dann dort noch ein Stückchen zu Fuß bis nach Ihrem Hause.« »Ach,« rief sie, »wollen wir nicht noch ins Café Luitpold gehen?« Das gab ihm wieder einen Stich. Zunächst aber nahm er sich zusammen. »Gut, wenn Sie wollen.« Als sie im Auto saßen, stellte er sich lebhaft vor, wie das nun gehen würde. Er hatte die schönsten Stunden seines Lebens hinter sich und fühlte, daß auch Amélie ihm wieder sehr nahe war. Auf dem Ball in der ihr fremden Umgebung hatte sie nicht den Wunsch gehegt, seine Seite nur einen Augenblick zu verlassen; im Gegenteil, sie bedurfte seines Schutzes. Ganz anders würde es im Café gehen. Er kannte das Treiben der Kerle, die am Abend keinen Domino gefunden hatten und sich nun mit wüsten Händen auf die leicht bekleideten Frauen stürzten, die hereinkamen. Dort würden auch gewiß zweifelhafte Bekannte von Amélie sein; alles, was er an diesem Abend gewonnen hatte, stand wieder auf dem Spiel. Wie er sich dazu auch stellte, es würde lächerlich sein. Plötzlich sagte er: »Amélie, hören Sie einmal: es war heute abend so schön! Ich habe gesehen, daß auch Sie glücklich gewesen sind. Wollen Sie das wirklich wieder zerstören?« »Wieso denn zerstören?« fragte sie schnippisch. »Man wird sich auf Sie stürzen, Sie anfassen, kurz, es ist wie auf jenen Festen.« »Ach, das glaube ich nicht, Oesterots werden auch da sein; sie haben versprochen, nach Mitternacht hinzukommen, und noch viele andere Bekannte sind da. Ich will hingehen.« »Amélie, ich halte das nicht mehr aus,« stöhnte er. Mühsam rang er mit den Worten. »Amélie, ich liebe dich so rasend, daß mir jetzt alles andere gleichgültig ist. Ich muß es dir sagen, in diesem Augenblick. Eigentlich wollte ich morgen mit dir ins Isartal fahren und es dir dort gestehen. Aber jetzt, wo du wieder in all diese Widerwärtigkeit zurückwillst, jetzt halte ich dich fest, du bist mein, Amélie, ich lasse dich nicht mehr los, du mußt meine Frau werden.« Er schloß sie in die Arme und erdrückte sie fast. Amélie war von diesem plötzlichen Ausbruch sehr betreten. Aengstlich machte sie sich von ihm los, ohne eine Antwort zu finden. Sie wollte nun einmal ins Café Luitpold gehen und dort das Ende des Faschings sehen. Nun war die Stimmung des Abends wieder verdorben. Warum hatte er nicht bis morgen warten können? Die Fahrt ins Isartal wäre gewiß sehr schön gewesen. Oh, er war doch ein ganz abscheulicher Tyrann und Egoist! »Nein,« rief sie erregt, »wir passen nicht zusammen, niemals werden wir zusammen passen. Sie würden mich entsetzlich tyrannisieren. Sie haben im Augenblick die Fähigkeit, eine unglaubliche Macht über mich auszuüben, dann aber, wenn ich mich selber wiederfinde, sehe ich ganz klar, daß ich im Begriff war, mich zu verlieren. Ja, ich gebe es zu, ich bin manchmal einen Augenblick schwach, aber weil Sie gerade diese Augenblicke immer ausnutzen wollen, gerade darum werde ich nie ihre Frau werden.« Sie waren vor dem Café angekommen, in das sich unter den Bogenlampen eine dichte Menschenmenge schob. Cornelius war wie betäubt. Er bedurfte der äußersten Energie, um in diesem Augenblick nicht irgendeine Torheit zu begehen, laut aufzuheulen oder in irgendeins der derblustigen Gesichter zu schlagen, die sich heiß um ihn und Amélie herumdrängten. In diesem Zustand lag es ihm nun ob, Amélie durch das Gewühl des Saales zu führen. Wie er vorausgesehen hatte, griffen viele Hände nach ihr und faßten sie an ihren nackten Armen. Plötzlich kam ein als Straßenräuber verkleideter, langer Mensch auf Amélie zugestürzt, ergriff sie am Arm und zog sie von Cornelius weg, indem er laut rief: »Na, da finde ich dich ja wieder mal! Wo haste denn die janze Zeit jesteckt? Ich dachte doch, du würdest mich mal besuchen?« Es war Moritz Behrent, der Radierer, dem sie ihren Besuch bei der weihnachtlichen Gebirgswanderung in der Tat versprochen hatte. Amélie ließ sich von ihm fortziehen, und nun befand sich Cornelius allein im Gedränge. »Gut so,« dachte er, »nun aber mache ich selber Schluß. Die Geschichte ist aus.« So sehr er an allen Gliedern bebte, es gelang ihm schnell, Haltung zu gewinnen, und er blickte sich um, ob er irgendwo Bekannte finden wurde, mit denen er trinken und das Geschehene vergessen könnte. Da sah er schon an einem Tisch unter den Säulen Oesterot in einem von dunkelblauen und grünen Tönen schillernden indischen Seidegewand. Seine hohe Gestalt überragte alle, er schien eine pathetische Ansprache an die Versammelten zu halten, die ihn fortgesetzt mit lauten, lustigen Zurufen unterbrachen. Kaum sah er Cornelius, als er ihm entgegenkam, ihn mit etwas übertriebener Gebärde in die Arme schloß und sofort an den Tisch holte. Dort war auch Frau Thea und die lustige Baronin Wernitz von den Oesterotschen Jours. Thea trug jenes stahlblaue Kleid, das sie sonst im Hause so trefflich kleidete, die Baronin war in einem Rokokokostüm, zu dem die hohe Frisur ihres schon fast weißen Haares über dem jungen, lebhaften Gesicht ausgezeichnet wirkte. Sie sah aus wie eine Marquise auf einem alten, galanten Stich. An dem Tisch war auch Hermann in einem weißen, mit rotem griechischen Muster umrandeten Gewand, auf seiner einen Seite saß Lina Schüler, wieder als gefangene Barbarin, wie im vorigen Sommer, auf der anderen, zu Cornelius' nicht geringem Erstaunen, Linas behäbige Mutter in weißem Babykostüm, und gegenüber der Fürst Kraminsky in seinem schwarzen Sammetflaus mit dem Barett über dem scharf geschnittenen Kopf. Sofort wurde Cornelius in die allgemeine Lustigkeit hineingezogen, und er setzte sich absichtlich mit dem Rücken gegen den Saal, um nicht zu sehen, was Amélie tat und wo sie war. »Wo haben Sie denn Amélie gelassen?« fragte Thea, die wußte, daß sie mit Cornelius auf dem bal paré gewesen war. »Ich weiß nicht,« sagte er zerstreut, »sie hat ein paar Bekannte getroffen, bei denen sitzt sie.« »Ach, das geht aber nicht,« rief Oesterot, »sie muß unbedingt zu uns kommen. Holen Sie sie doch.« »Ich werde nachher nach ihr schaun,« sagte er. Aber er bewegte sich nicht von seinem Platze und war fest entschlossen, sie sich selber zu überlassen. Da kam in montenegrinischer Bauerntracht plötzlich der herkulische Rittmeier an dem Tisch vorbei. Er blieb stehen und begrüßte die ihm Bekannten. Während er die Hand auf den Tisch stemmte, zitterten alle Gläser und Teller. Als er Hermann sah, fragte er ihn: »Wo hast du denn dein Schwesterchen gelassen?« »Sie sitzt drüben irgendwo bei belanglosen Leuten, anstatt an die Tafel der Götter zu kommen, wo sie hingehört,« rief Oesterot unzufrieden, »Rittmeier, geh, such' sie und bring' sie hierher.« »Wo hat sie denn den ganzen Abend gesteckt? Ich habe sie ja gar nicht gesehen.« »Sie war mit Cornelius auf dem bal paré ,« antwortete Frau Thea. »Und du hast sie auskommen lassen?« sagte Rittmeier ganz verwundert zu Cornelius. »Nein, das gibt es nicht, die Amélie muß an unseren Tisch.« Er stürzte sich in das Gewühl und kam nach wenigen Minuten zurück, wie ein Seeräuber ein gestohlenes Weib, Amélie auf der Schulter herbeischleppend. »In einer schönen Proletengesellschaft hab' ich sie gefunden!« rief er aus, indem er sie sanft auf den Boden niederließ. Ein weiches Lächeln lag in ihrem Gesicht, sie schien ganz hingegeben an die Stimmung der Stunde. Für Cornelius, den Störenfried, hatte sie keinen Blick. Hermann fuhr sie vertraulich über die Mähne und rief: »Guten Tag, Brüderchen, was treibst denn du?« Dann begrüßte sie Oesterot und Frau Thea in fröhlicher Vertraulichkeit. Sie setzte sich neben Rittmeier, der ihr den Hof machte und seinen montenegrinischen Mantel um sie hing, unter dem er sich mit ihr zusammenkauerte, ihre Hände erfassend, die sie ihm gerne ließ. Cornelius litt unsäglich, manchmal ging er fort in der Hoffnung, irgendein Mädel an den Tisch zu bringen, um Amélie zu zeigen, daß alles aus sei. Aber wie damals auf dem Gauklerfest, gelang ihm keine Anknüpfung. Als er wieder an den Tisch zurückkam, saß auf Amélies anderer Seite Moritz Behrent. »Na, knutschen Se doch det Fräulein nich so,« rief er Rittmeier zu, was Amélie immer mehr veranlaßte, sich unter Rittmeiers Schutz stehend zu fühlen. So sehr dieser auch ein Draufgänger war, man merkte ihm doch immer den wohlerzogenen Menschen an, und wenn sich auch seine Hände, dem allgemeinen Faschingsstil entsprechend, hie und da verirrten, so waren doch seine Worte niemals roh und verletzend. Behrent, der nicht mitkonnte und sehr wohl fühlte, daß sein Humor immer gerade dann versagte, wenn er sich einmal einen rechten Stoß gegeben und etwas gesagt hatte, was er selber für sehr ulkig hielt, ärgerte sich über Rittmeiers Gewandtheit. Er wollte sich bei Amélie beliebt machen und glaubte nun einen Trumpf auszuspielen, über den er, der Künstler, allein verfügte; er rief über den Tisch anderen Leuten zu: »Die hat nämlich Talent! Wenn se wollte, die könnte was leisten! Ick habe Sachen von ihr jesehen, janz famos, sag' ick Ihnen.« Alles das wirkte aber hier nur aufdringlich, auch Amélie war in diesem Augenblick ihr Talent vollkommen gleichgültig. Bisweilen standen einzelne von dem Tisch auf und gingen zusammen in den Sälen umher, um sich das Treiben anzusehen. Das Baby, Frau Schüler, ergriff Hermanns Hand, zog ihn von seinem Stuhl und rief: »Komm, Hermännche, mir wolle' e bisje wild sei', nachher kannsde widder zu deiner Lina geh'.« Sie verschwand mit ihm im Gewühl. Als Oesterot einmal mit der Baronin Wernitz, Rittmeier und Amélie durch den Saal gingen, kamen sie an einer Tür vorbei, vor der zwei Männer in einem Kostüm standen, das dem der bayrischen Hartschiere ähnlich war. Oesterot erkundigte sich, was diese braven Männer so ernst bewachten, und erfuhr, daß dort in einem besonderen Raum der Münchener Prinz Karneval seinen Hof hielt. Da kam Oesterot ein Einfall. Er ging mit seinen Freunden zum Tisch zurück und schlug vor, sie wollten zusammen eine Gesandtschaft des rheinischen Prinzen Karneval darstellen – der größte Teil der Gesellschaft bestand in der Tat aus Westdeutschen – und dem bayrischen Prinzen Karneval ihren Gruß entbieten. Sofort wurde Oesterot als der Sprecher erwählt. Man legte die Stühle an die Tische und begab sich nach jener geheimnisvollen Tür, vor der die beiden Hartschiere standen. Oesterot ging voraus zwischen Amélie und der Baronin Wernitz, um deren Schultern er seine Arme legte und redete feierlich den einen der Hartschiere, einen stumpfsinnig blickenden Kerl mit blondem Seehundsschnurrbart an: »Gebe er hinein zu seinem Prinzen und entbiete er ihm den Gruß seines erlauchten Vetters vom Rhein.« Der Hartschier blickte ihn mit etwas glasigen Augen an und fragte dann: »Wos wullen's?« Oesterot wiederholte noch deutlicher das, was er eben gesagt hatte. Eine Reihe von Masken blieben stehen, um der »Hetz« beizuwohnen. Aber der Hartschier verstand immer noch nicht und wendete sich an seinen Kollegen, ein verhutzeltes Männchen mit dürftigem Stoppelbart in seinem mageren Altmännergesicht. »Was will denn der Herr?« fragte dieser beinahe liebenswürdig. Oesterot sagte: »Ihr seid doch die Hartschiere des Münchener Prinzen Karneval?« »Jo, jo,« erwiderte der Mann, »des san mer.« »Gut, am Rhein da residiert ein anderer Prinz Karneval, von dem sind wir geschickt, um Eurem Prinzen Karneval seinen Gruß zu entbieten.« »Ja so,« sagte das bedenkliche alte Männchen, »ja, da missen S' amal mit dem Herrn Festvorstand sprechen.« »Er meint den Zeremonienmeister des Prinzen,« sagte Oesterot, »bringe Er ihn her.« »Ja, des wird net gehn,« sagte der Alte, »der Herr Hinterhuber is halt jetzt sehr beschäftigt.« »Mich gelüstet, ein Wort mit diesem Hinterhuber zu reden,« versetzte Oesterot. Alle Anwesenden brachen in Gelächter aus über das dauernde Mißverständnis der Lage durch die beiden hilflosen Hartschiere. In diesem Augenblick kam der Geschäftsführer des Lokals und rief unliebenswürdig: »Ja, was gibt's denn hier? Was ist denn hier los? Bitte, meine Herrschaften, die Passage muß frei bleiben. Stehenbleiben ist nicht erlaubt.« Da faßte Oesterot den Geschäftsführer, einen sehr feierlichen, untersetzten Mann mit blondem Spitzbart und in langem Gehrock, bei der Schulter und sagte zu ihm: »Bringe Er mir diesen Hinterhuber tot oder lebendig herbei, daß er uns zu seinem Herrn und Gebieter, dem Münchner Prinzen Karneval führe.« »Naa, des gibt's nicht,« sagte der Geschäftsführer fast hochdeutsch, »des gibt's nicht! Das ist eine Prifatgesellschaft, da kann ich Ihnen nicht hineinlassen.« »Als diplomatische Gesandtschaft,« fuhr Oesterot fort, »genießen wir die Rechte der Exterritorialität. Alle Türen öffnen sich uns.« »Nein, nein, das geht nicht, meine Herren,« sagte der Geschäftsführer, immer unruhiger werdend, »die Passage muß frei bleiben! Meine Herrschaften, die Passage muß frei bleiben!« Ein großes Getümmel erhob sich. Alles mögliche wurde durcheinandergeschrien: »Des is keine Art nicht!« »Saupreißen«, »rumspringen doan's wie die Geisbeck«. Gleichzeitig gerieten zwei Norddeutsche aneinander: »Mein Herr, ich verbitte mir das!« »Wie kommen Sie denn dazu?« »Wer ich bin? Wer sind denn Sie?« Andere riefen: »Ausreden lassen!« Und einige brüllten das Lied: »Menschen, Menschen san mer alle Fehler hat a jeder gnua!« Plötzlich gab Rittmeier Oesterot ein Zeichen und faßte mit seinen Athletenarmen den Geschäftsführer an dem einen Bein, Oesterot, dem es an körperlicher Kraft auch nicht gebrach, faßte ihn an dem anderen, und nun hoben sie die von ihrer Würde so überzeugte Persönlichkeit hoch in die Luft und trugen sie durch den Raum, indem sie, von einem Menschenknäul gefolgt, schrien: »Die Passage muß frei bleiben! Die Passage muß frei bleiben!« Die Gesandtschaft des rheinischen Prinzen Karneval aber mußte auf die Audienz bei dem Münchner Prinzen Karneval verzichten. »Jetzt lassen S' mich herunter!« rief der Geschäftsführer, fortgesetzt erregt mit den Armen in der Luft umherfahrend. Der Oberkellner bahnte sich einen Weg durch das Gedränge und rief: »Jetzt is gnua, meine Herren, jetzt lassen S' den Herrn Käsbohrer herunter.« »Das ist nun der Münchener Hamur,« sagte Rittmeier, während er mit Oesterot zusammen den unglücklichen Geschäftsführer wieder auf den Boden setzte. »Die Passage muß frei bleiben, das ist die Hauptsache.« Das Opfer seiner Pflicht ging wütend hinaus, offenbar in der Absicht, den stierartigen Hausknecht kommen zu lassen, der in den meisten Münchener Lokalen irgendwo im Hintergrund gehalten wird, um gelegentlich unliebsame Elemente mit Brachialgewalt an die Luft zu befördern. Von diesem Vorhaben aber sah der Gekränkte bald ab. Man erblickte ihn noch in einer Ecke mit wütenden Gebärden, während mehrere ältere Kellnerinnen ihn friedlich stimmten. »Jetz' olderier'n S' Eahna net so, Herr Käsbohrer, 's is halt Fasching.« Bald darauf ging er wieder, wie es sein Amt war, mit geglättetem Antlitz und höflich grüßend in dem Raum umher, zupfte seinen Gehrock zurecht und sorgte dafür, daß die Passage frei blieb.   Nach diesem Zwischenfall ebbte die Stimmung merklich ab. Manche dachten ans Heimgehen. Da sagte plötzlich Fürst Kraminsky, der sich sonst von dem Fasching fernhielt und nur den Fastnachtsdienstag zu feiern pflegte: »Meine Herrschaften, kommen Sie alle mit in mein Haus, wir werden dort den Rest der Nacht verbringen. Ich kann Ihnen nach einem alten Rezept der polnischen Könige einen Punsch bereiten.« Dieser Vorschlag wurde sofort angenommen, man brach auf, und in mehreren Wagen fuhr die Gesellschaft nach dem Haufe des Fürsten. Nur Frau Schüler, das Baby, mußte nach Hause, sie fuhr mit Ludwig Stehr, der in einem schwarzen Gehrock erschienen war, um sie abzuholen. Er selbst beteiligte sich nicht an Festen und war nun schon eine Stunde, ihren Abendmantel auf dem Arm, wartend dagesessen, in seinem großen Schnurrbart wühlend. 33 Noch in dem Café hatte der Fürst seine Bekannten aufgefordert, mitzunehmen, wen sie wollten, denn er wollte heute nacht das »Tirol« voll von Menschen haben. So kam es, daß dort bald ein dichtes Gedränge von Kostümierten Stühle und Bänke besetzte. Nicht alle konnten Sitzgelegenheiten finden und manche Gruppen lagerten am Boden, während der Fürst am Herd selber den Punsch bereitete, von ein paar der Mädchen unterstützt, die Gläser herbeiholten und Wasser ans Feuer setzten. Außer den vorher schon im Kaffeehaus am Tisch Sitzenden hatte sich auch Fräulein Anne-Marie Hösgen eingefunden, sowie Bettina Selch in Begleitung eines sehr sonderbar aussehenden, aber tadellos gekleideten Kavaliers, an dem Hermann sehr bald das unverkennbare Antlitz des Maxl entdeckte. Vom Kutscher des kirschroten Coupés war er offenbar, wie sich aus seinem zärtlichen Verhalten schließen ließ, zum Herzensfreund der Besitzerin aufgerückt. Er trug Frack, sie eine kostbare, helle Ballrobe mit tiefem Ausschnitt. Beide kamen sich sichtbar distinguiert vor in der Gesellschaft, die großenteils nur in bunte Fetzen gekleidet war. Bald dampfte der Punsch in den Gläsern. Anne-Marie predigte mitten in dem Lärm der Halbtrunkenen, das Leben müsse ein Fest sein, und die freie Liebe sei der dazugehörige Kult. »Ich schwärme für das achtzehnte Jahrhundert, für das Rokoko,« rief die Baronin Wernitz, »da gab es keine freie Liebe, aber wer den Teufel im Leib hatte, der wußte sich schon zu helfen.« »Oh, die Baronin ist anbetungswürdig,« rief plötzlich Fürst Kraminsky, der ihr stehend zugehört hatte. »Trinken wir auf den Teufel im Leib!« Darauf erhob er sein Glas, ging auf die Baronin zu, die verbindlich lächelnd mit ihm anstieß. Bettina hatte dem Gespräch nicht ganz folgen können. Sie bat daher den Maxl um eine Erklärung, und dieser erklärte ihr, was er verstanden hatte: »Jo, sie sogt halt, das 's nix is mit die freie Liab', aber baldst den Teifi im Leib hast, nacha fangt erscht die Gaudi an.« »Des is gut, des is gut,« rief Bettina, »jo den Teifi im Leib hab'n, des is d' Hauptsach'. Prost, Frau Baronin.« »Prost,« rief der Maxl, »prost prost; Frau Baronin san – derf i 's sogen, ja derf i? Frau Baronin san wirklich a Urviech.« Man brach in lautes Gelächter aus und dem Maxl sein Mund zog sich von einem Ohr zum anderen. »Ich begreife das Wort ›verführen‹ gar nicht,« rief Anne-Marie in eifrigem Gespräch mit ihrem Partner, »das moderne Weib läßt sich nicht verführen, es schenkt sich aus freier Wahl.« Da sang plötzlich der Maxl mit seliger Stimme: »Sie laßt sich net verfiehra, dazu ist sie zu schlau.« »Naa, zu dumm,« rief Bettina in plötzlicher Erleuchtung. »Auch recht,« rief der Maxl und begann von neuem: »Sie laßt sich net verfiehra, dazu ist sie zu dumm ... Ja, wie geht's halt weiter? Dazu ist sie zu dumm ...« »Warten Sie,« rief Oesterot, sah, auf Inspiration wartend, in die Luft, und suchte einen Reim auf dumm. Da sang plötzlich Rittmeier laut: »Es kann ja nix passiera, knutscht ma' nur so herum.« »Des is guat, des ist aber wirklich guat,« rief Bettina, die zum erstenmal in ihrem Leben den Vorgang des Dichtens miterlebte. Alles sang nun im Chor die ganze Strophe. Der Maxl sprang auf den Tisch, dirigierte und sagte, er sei der Johann Strauß aus Wien, der heuer am Oktoberfest hier gewesen war. Als der Chorgesang verstummte, lallte er weiter: »Sie laßt sich net verfiehra, na, na, ganz g'wiß net, na, na, na, i hab's ja immer g'sagt.« Dann senkte er sich plötzlich, immer noch auf dem Tisch stehend, in eine hockende Stellung, dicht vor Anne-Marie, deutete auf sie und platzte heraus: »Un' doch hat's an Bamsen kriagt, an Bamsen.« »Ach Bamsen,« sagte Anne-Marie, keineswegs beleidigt, »Sie meinen wohl mein süßes, liebes Kindchen?« Nun folgte eine Lachsalve auf die andere, während hie und da immer wieder das Thema von der freien Liebe berührt wurde. »Is ja alles Quatsch!« rief plötzlich die hohle Stimme Moritz Behrents dazwischen, »wenn eene det nötige Jeld hat, denn jiebt's keene freie Liebe, denn wird se einfach von dem jeheiratet, der's am schlausten anfängt.« Er schaute mit einem bösen Blick auf Amélie, die, dicht an Rittmeier geschmiegt, schweigend mit ihm in einer Ecke saß. Das Paar schaute sich fast unausgesetzt in die Augen, und hie und da drückte Rittmeier einen Kuß auf ihre Lippen. »Nun gerade,« dachte sie und schielte manchmal nach Cornelius, der aber hatte sich absichtlich so gesetzt, daß er ihr den Rücken zuwandte. »Wer's am schlausten anfängt und noch Knöppe dazu hat, der rejiert die Welt,« fuhr Behrent fort, immer wieder hämisch auf Rittmeier blickend, »und unsereener, 'n armer Künstler, der sich schinden muß von früh bis spät, nischt hat, als sein Talent, der kann dann dasitzen und zuschauen, wie die anderen Herrschaften sich amüsieren, na prost!« Er setzte sein Punschglas an den Mund. Nun wurde es dem Fürsten zu viel. Mit dröhnender Stimme rief er: »Schweigen Sie! Sie sind ... wissen Sie, was Sie sind? Wissen Sie es? Ich werde es Ihnen sagen, was Sie sind: Sie sind ein ... Sie sind ...« Aber offenbar fehlte ihm das deutsche Wort, und er sagte: »Warten Sie, warten Sie zwei Minuten, dann werde ich Ihnen sagen!« Er griff unter seinen Sammetflaus, holte sein kleines Wörterbuch hervor, blätterte nervös zwischen den Seiten, während alles schweigend auf ihn sah. Dann rief er plötzlich: »Nun habe ich es. Sie sind ein ... ein Kuhhirt sind Sie!« Zunächst ließ das allgemeine Staunen über diesen unerwarteten Ausdruck niemand recht ins klare kommen über die Bedeutung, die der Fürst dem Worte gab. Behrent rief: »Wat wollen Se denn damit sagen? Kuhhirt? Soll det 'n Schimpfwort sein?« »Allerdings,« bestätigte der Fürst. Nun griff Cornelius ein und erklärte: »Der Fürst meint, der Standpunkt Ihrer Lebensphilosophie sei der eines Kuhhirten.« »Sehr gut!« rief der Fürst, »sehr gut, so ist es gemeint.« »Na, und was ist Ihre Lebensphilosophie, Sie Schnopp (snob) , Sie Aesthet Sie?« schrie er, zu Cornelius gewendet. Der lachte auf. »Jetzt wern's glei' zu raaf'n anfangen,« rief der Maxl und machte eine Bewegung, als wolle er seine Frackärmel über die Ellbogen hinaufschieben. Aber Bettina zog ihn an sich und flüsterte ihm etwas ins Ohr, woraufhin er sich beruhigte. »Wissen Se was, Sie?« rief Behrent mit Verachtung Cornelius zu, »ick schlag' Ihnen ein Duell vor, aber keen blutiges, da brauchen Se keene Angst zu haben, 'n janz bequemes Duell, wo es auf nischt weiter ankommt, als daß eener seinen Verstand beisammen hat. Sehen Se da oben det Dambrett stehen? Dat holen wer nu' runter und spielen zusammen Mühle, und wer zuerst den andern dreimal besiegt hat, der darf ihm 'ne Backpfeife jeben.« Cornelius weigerte sich. »Na, dann lassen wir die Backpfeife sein,« sagte Behrent, der immer mehr in sich das Bedürfnis fühlte, sich endlich auf einem Gebiete zeigen zu dürfen, wo er die Niederlagen, die er bisher erlitten, wieder wett machen wollte, »also lassen wir die Backpfeife fallen. Spielen wir einfach Mühle, und sehen wir, wer der Jescheitere is und den anderen 'reinlegt.« »Dann doch noch lieber Schach,« meinte Cornelius. »Schach spiel ick nich, det is mir zu kompliziert; det is nischt für'n Mann, der den Tag über zu arbeten hat.« »Sie machen sich 's leicht,« rief Cornelius, »Mühle ist doch ein Spiel für Kinder.« »Wat? für Kinder?« schrie Behrent, bei seiner tiefsten Empfindlichkeit gefaßt, »für Kinder? Na, probieren wir doch mal, ob det 'n Spiel für Kinder is. Kennen Sie's denn überhaupt?« »Nein, ich habe noch nie Mühle gespielt.« »Und da behaupten Se, es wär' für Kinder? Sie wollten sich doch eben mit mir aufs Spielen einlassen?« »Wenn Sie mir die Spielregeln erklären, wird es für einen alten Schachspieler nicht schwer sein, auch einmal Mühle zu spielen.« »Na, dat wollen wir aber doch probieren,« schrie Behrent, immer gereizter, »dat wollen wir doch mal probieren. Sie glauben, Mühle kann einer so in fünf Minuten lernen?« »Wenn er an Schachspiel gewöhnt ist, doch sicher.« »Na, nu' werden Se aber mal was erleben, Männeken, machen Se aber die Augen weit auf,« rief Behrent über seinen sicheren Triumph frohlockend. Er nahm das Dambrett von dem Wandregal, stellte lärmend die Hölzer auf und wollte beginnen. »Gut, ich nehme an,« sagte Cornelius, »aber erst erklären Sie mir die Regeln.« »Das is wirklich – nehmen Se's mir nicht übel – jelinde jesagt, 'ne Unverschämtheit. Setzt sich hin und will mit'm jewiegten Mühlespieler in drei Minuten spielen können. Na, Se werden ja sehen, Se werden ja sehen.« »Also erklären Sie die Regeln,« wiederholte Cornelius kurz. Er fühlte wohl, daß ihn nur die krampfhafte Wehr gegen seinen inneren Schmerz zu einer so voreiligen Herausforderung veranlaßt hatte, aber was schadete es? Wenn er auch besiegt wurde, in Gottes Namen! So war er wenigstens während der nächsten qualvollen Stunde beschäftigt. Behrent begann nun, sich etwas zu beruhigen und die Spielregeln zu erklären; aber was er sagte, war so verworren, daß Cornelius immer wieder Fragen stellen mußte, um das Notwendige zu erfahren. Behrent gab unliebenswürdig Antwort: »Na ja, det hab' ick ja schon jesagt,« oder »nur abwarten, werd' ick Ihnen gleich erklären.« Schließlich glaubte Cornelius, die Grundregeln erfaßt zu haben, wiederholte sie noch einmal, auch andere mischten sich hinein und erklärten, das Spiel begann. Ein höhnisches Lächeln lag die ganze Zeit auf Behrents Gesicht, der bisweilen sein Pferdegebiß und das Zahnfleisch entblößte. Er spielte mit herausfordernden, ausfahrenden Armbewegungen, während Cornelius sehr langsam und konzentriert überlegte. Die Notwendigkeit, sich aufs höchste angespannt mit dem Spiel beschäftigen zu müssen, ließ ihn fast vergessen, daß in der Ecke hinter ihm Amélie und Rittmeier dicht beisammensaßen. Hie und da durchzuckte ihn die Erinnerung daran, aber es gelang ihm, sie wie mit einem Schütteln abzuwerfen. Amélie konnte sich nicht enthalten, von rückwärts zuzusehen. Ihr Auge blieb an einem kleinen braunen Fleck haften, den sie schon öfter auf Cornelius' rechter Wange wahrgenommen hatte; da mußte sie plötzlich daran denken, daß wahrscheinlich schon manche Frau diesen kleinen Fleck geküßt und, daß seine Mutter, als er noch ein Kind war, wohl oft mit dem Finger darüber gestrichen hatte. Und nun war er ein Mann und noch immer hatte er den kleinen Fleck. Da tat er ihr auf einmal schrecklich leid, und sie wünschte, er würde den Behrent tüchtig blamieren. Er spielte sehr besonnen, schon in der ersten Partie zog er Behrent ziemlich lange hin und schlug auch einige seiner Steine. Natürlich siegte Behrent, was er mit Hohngelächter verkündigte. Aber alle Umstehenden waren der Ueberzeugung, daß Cornelius für jemand, der zum erstenmal spielte, sich ganz ungewöhnlich gut aus der Sache herauszog. »Es ist wirklich eine Kleinigkeit,« erwiderte er, »wenn man an die viel größeren Schwierigkeiten des Schachspiels gewöhnt ist.« Behrent kochte vor Wut und schlug eine zweite Partie vor. Sie zog sich endlos hin, schließlich erlahmte das Interesse der übrigen, manche gähnten und man fand, daß dieses dumme Mühlespiel eigentlich die ganze Nacht verdürbe. Einige wollten aufbrechen, als man plötzlich draußen auf der Straße heftigen Lärm vernahm: mehrere Stimmen sprachen in nervöser Hast, teils in einer fremden Sprache, dazwischen hörte man eine Frauenstimme, und alles dies wurde begleitet durch das Schnaufen eines Autos. Der Fürst hörte sofort, daß es polnische Landsleute waren, trat ans Fenster und sprach lebhaft zu ihnen hinab. Sie antworteten, immer durcheinanderredend, und schließlich schickte der Fürst Hermann, der die ganze Zeit Hand in Hand mit Lina Schüler gesessen war, hinunter, um die Besucher hereinzulassen. Zwei schmale, kaum mittelgroße Herren mit schwarzem Haar, der eine glattrasiert, der andere mit einem kurzen Schnurrbärtchen, beide in Frack und Pelz, übermäßig elegant, fast geckenhaft gekleidet, kamen mit einer Dame herein, die unter einem hellen Abendmantel einen lilasamtenen Domino mit Flitter trug und einen großen Rembrandthut mit langer weißer Feder aufhatte. Die Dame sah sich um, und als sie in der Ecke bei Rittmeier Amélie sitzen sah, ging sie sofort auf sie zu. Es war Ellinor Schlosser, die Barfußtänzerin, die seit einiger Zeit in der Münchner Vasensammlung ihre Tanzstudien machte und hie und da in das »Tirol« gekommen war. Inzwischen hatte der Fürst in polnischer Sprache halblaut mit seinen beiden Landeleuten verhandelt, die sehr lebhafte Gebärden machten. »Unter keinen Umständen werde ich dulden,« sagte der Fürst Kraminsky, »unter keinen Umständen.« »Das habe ich den beiden Herren auch gesagt,« erwiderte Ellinor, außerordentlich angeregt durch die Lage, die ihr eine so wichtige Rolle gab. »Sie können doch ganz gut beide mitkommen, und damit ist alles erledigt.« »Unmöglich, unmöglich, unmöglich!« riefen die beiden Polen einstimmig. »Ach, es ist eine merkwürdige Geschichte passiert,« erklärte nun Ellinor ihren Bekannten sehr redselig, »ich bin mit den beiden Herren zusammen auf dem bal paré und dann im Café gewesen, beiden habe ich zufällig erzählt, daß ich in den nächsten Tagen in meine Heimat zurückreise, um dort meine Studien fortzusetzen, und beide haben mir angeboten, mich zu begleiten. Ich habe nichts dagegen gehabt und jedem die Erlaubnis dazu gegeben, und jetzt wollen sie sich deshalb totschießen, weil sie behaupten, nur einer dürfe mitgehen. Ich finde das einen ganz falschen Standpunkt, warum können sie nicht beide mitkommen?« »Unmöglich, unmöglich, unmöglich!« riefen die zwei Polen wieder einstimmig. »Und nun,« fuhr Ellinor fort, »haben wir uns geeinigt und sind hierher zu ihrem Freund, dem Herrn Fürsten Kraminsky gefahren, der für sie in Ehrenfragen maßgebend ist. Sie wollen sich durchaus noch vor Sonnenaufgang hier im Garten schlagen.« »Auf Leben und Tod,« rief einer der beiden. »Unbedingt,« sagte der andere. Der Fürst hingegen erwiderte: »Ich dulde es unter keinen Umständen! Deswegen schießt man sich nicht tot.« »Dann gib einen anderen Rat, Fürst,« sagte der eine der beiden Polen. »Es gibt keinen anderen Rat,« rief der andere. »Doch, es gibt einen anderen,« sagte Kramineky, »warum sich gleich auf Leben und Tod schießen? Ihr fechtet Florett. Genügt es nicht, daß einer verwundet wird? Das hindert ihn am Reisen, und nur darauf kommt es an.« »Das ist wahr!« riefen nun beide. »Wenn aber beide reiseunfähig werden,« warf Rittmeier ein, »dann ist der Dame schlecht gedient.« Alle lachten. Nun ergriff Oesterot das Wort und sagte: »Dagegen gibt es ein Mittel. Wie wäre es, nachdem ja hier in dem Raum bereits ein anderes, unblutiges Duell ausgefochten wird, wenn die beiden Herren einfach mit umwickelten Spitzen vor uns fechten würden? Der Fürst ist Unparteiischer, und wer sich als der beste Fechter erweist, der begleitet Fräulein Ellinor.« Alle Anwesenden billigten diesen Vorschlag, der Fürst überlegte und meinte: »Das ist gut, das ist ein guter Gedanke! Wir gehen hinunter in meinen Saal, ich gebe euch Floretts mit umwickelten Spitzen, und ihr fechtet da unten.« Die beiden Nebenbuhler schauten sich an. »Seid ihr einverstanden?« fragte der Fürst. »Wenn Raczinsky ist,« sagte der eine Pole. Raczinsky erwiderte: »Wenn Liezevsky ist.« »So gehen wir hinunter in den Saal,« rief Fürst Kraminsky und ließ die beiden Polen vorgehen. »Alle Herrschaften, die bei dem Kampf zuschauen wollen, sind höflichst geladen.« Während des Gedränges gelang es Rittmeier, mit Amélie in ihr an das »Tirol« anstoßendes Zimmer zu schlüpfen. Cornelius, der die zweite Partie Mühle mit Behrent bei dem Eintreten der Polen für einen Augenblick unterbrochen hatte, aber an seinem Platze sitzengeblieben war, sah, wie Amelie mit Rittmeier verschwand. »Spielen wir weiter,« rief er bebend Behrent zu. »Aber selbstredend,« erwiderte dieser. Und während sich das »Tirol« leerte, blieben Behrent und Cornelius allein an der Ecke des Tisches sitzen und setzten ihre Partie fort. Unten hörte man das Verhallen der Stimmen und lebhafte Schritte. Cornelius biß die Zähne aufeinander, er wollte sich keine Rechenschaft geben von dem, was in ihm vorging, und spielte mit einer geradezu übermenschlichen Aufmerksamkeit. Schließlich kam das Spiel zu einem Punkt, wo Behrent zugeben mußte, daß es remis sei, und weder er noch Cornelius Sieger blieb. Behrent wurde immer wütender und rief: »Beginnen wir eine dritte Partie!« »Mir ist es recht,« sagte Cornelius, der mit allem zufrieden war, was ihn hinderte, an die Vorgänge in dem anstoßenden Zimmer zu denken. Er spielte nun immer sicherer und schneller, mit einer fieberhaften, seherischen Schärfe erkannte er alle Möglichkeiten und vermied alle Gefahren, während Bebrent immer langsamer und nachdenklicher zog. Cornelius konnte es vor Ungeduld kaum aushalten, bis Behrent wieder gesetzt hatte, und er einen Gegenzug machen konnte. Aber trotzdem waren seine Gegenzüge immer so klug und richtig, daß er Behrent immer mehr in die Enge trieb. Seine Erregung steigerte sich, während es ihm vorkam, als ob in Amélies Zimmer lebhaft gesprochen würde. Die Stimmung Rittmeiers wurde lauter, es klang fast wie ein Streit, aber man konnte keine einzelnen Worte verstehen. Die Nerven Cornelius' waren bis aufs äußerste gespannt, aber er schwor sich, nicht zu lauschen. So gelang es ihm nach einigen Zügen, Behrent matt zu setzen. In dem Augenblick, als dieser sich seine Niederlage nicht mehr verhehlen konnte, kreischte er: »Das is 'ne Jemeinheit! Is jeschwindelt! Das laß ich mir nich jefallen! Sie haben jemogelt!« Er ergriff in seiner Wut das Brett mit beiden Händen und schlug es Cornelius mit solcher Wucht auf den Kopf, daß dieser bewußtlos auf dem Stuhl zusammensank. Der Kopf fiel vornüber und langsam rutschte der Körper herab. Behrent bekam einen Todschrecken. Er stützte den Gleitenden mit der Hand, bis er am Boden lag. Wie in einem entsetzten Grinsen entblößte er sein Zahnfleisch und beugte sich in lauernder Angst über Cornelius, der kein Zeichen des Lebens von sich gab. Die Tür zu Amelies Zimmer war inzwischen aufgesprungen, Rittmeier trat heraus. »Er ist bewußtlos,« sagte Behrent bleich und zitternd. »Sie haben ... Ich habe gesehen, wie Sie ihm das Schachbrett auf den Kopf geschlagen haben,« drohte Rittmeier. »Holen Se kaltes Wasser! Holen Se kaltes Wasser! Um Jotteswillen holen Se!« rief Behrent schlotternd vor Angst. Die Tür nach Amelies Zimmer war offen geblieben, und nun erschien auch diese mit zerzaustem Haar, mit bleichem Gesicht, am ganzen Körper bebend. Als sie Cornelius am Boden liegen sah, stieß sie einen Schrei aus und rief: »Oh, oh, was ist denn? Ist er tot?« Behrent sagte mit gedämpfter Stimme: »Schreien Se nich so, schreien Se nich so, er is bloß ohnmächtig.« Inzwischen war mit Amelie folgendes vorgegangen: Nachdem sie sich von Rittmeier in ihr dunkles Zimmerchen hatte drängen lassen, umhüllte er sie mit immer kühneren Liebkosungen. Plötzlich schrie Amelie laut auf und entzog sich ihm voll Angst. Dann folgte ein heftiger Kampf. Schließlich packte Rittmeier sie wütend an der Schulter und schrie in der unbeherrschten Wildheit des kurz vor der Erfüllung seines aufgestachelten Begehrens gestörten Männchens: »Weißt du, daß das ekelhafter ist, als das, was eine Hure tut? Erst es darauf anlegen und dann ... Entweder ja oder nein, aber das ist ...« Amelie hatte die Hände vors Gesicht gehalten, sie antwortete nicht vor Scham. Sie erwartete, er würde sie schlagen und hätte es hingenommen. Die erste Morgendämmerung drang in das Zimmer. Rittmeier stand mit kaltem Lächeln vor ihr und musterte sie: »Schwabinger Ferkel,« sagte er, im Tone tiefster Verachtung. Sie fühlte, daß sie in diesem Augenblick die größte Demütigung erlebte, in die ein Geschlecht vor dem andern geraten kann. Da vernahm man aus dem »Tirol« das Geschrei Behrents; Rittmeier öffnete schnell und sah gerade noch, wie dieser das Schachbrett auf Cornelius' Kopf niederschlug. Amelie war erst teilnahmlos dagesessen, dann aber warf sie einen zerstreuten Blick durch die offene Tür; da sah sie Cornelius leblos am Boden liegen. Ein wahnsinniger Schrecken erfaßte sie. Sie eilte hinein und erfuhr, was geschehen war. Sie fühlte diese Ablenkung wie eine Erleichterung. Schnell kam sie wieder zu sich, holte ihre Waschschüssel herbei, machte Cornelius einen kalten Umschlag, und es gelang ihr mit Rittmeier, ihn auf den Diwan in ihrem Zimmerchen zu legen, wo sie noch fünf Minuten vorher mit jenem Arm in Arm geruht hatte. Behrent stand in der Tür, totenbleich, wie ein Wahnsinniger mit irren Blicken umherschauend und immer wieder fragend: »Kommt er zu sich? Jiebt er 'n Lebenszeichen?« »Stören Sie nicht,« schrie Rittmeier ihn heftig an, »rufen Sie lieber den Fürsten herauf.« Aber Behrent war nicht imstande, irgend etwas anderes zu tun, als täppisch im Wege zu stehen. Inzwischen hatte unten im Saale des Fürsten der Kampf stattgefunden. Beide Polen erwiesen sich als vortreffliche Fechter, aber nach einiger Zeit gelang es doch dem einen, den anderen zu touchieren. Der Fürst erklärte den Schluß des Zweikampfes und behauptete, zwar habe der eine den anderen tödlich getroffen, der andere aber habe sich durch größere Eleganz der Bewegungen und Plastik der Stellungen ausgezeichnet, so daß es schwer sei, den Preis zu bestimmen. Er müsse es der Dame, um die der Kampf stattgefunden habe, überlassen, zu entscheiden, welchen sie für den Sieger erklären wolle. Ellinor fühlte sich zwar tief geschmeichelt über diese Rolle, die ihr zufiel, aber dann gewann doch die weibliche Verlegenheit in ihr die Oberhand, und sie erklärte, sich nicht entscheiden zu können. »Also«, sagte der Fürst, »muß es bleiben, wie es war, ihr werdet das Fräulein beide in ihre Heimatstadt begleiten.« Die Erregung, in der sich die beiden Polen befunden hatten, war durch diesen unblutigen Zweikampf zur Ruhe gekommen; sie schüttelten sich die Hand und erklärten sich auf einmal einverstanden mit einer Lage, um derentwillen sie sich noch vor einer halben Stunde hatten töten wollen. Inzwischen war Rittmeier heruntergekommen und hatte dem Fürsten zugeflüstert, was oben vorgefallen war. Dieser erschrak einen Augenblick, dann rief er: »Dieser Kuhhirt! Hätten wir ihn doch hinausgeworfen!« »Wie? Was geht vor?« rief alles durcheinander, aber der Fürst sagte: »Bitte, folgen Sie mir nicht!« Niemand wagte zu widersprechen, ein ängstliches Gemurmel erfüllte den Saal. Ellinor saß verlegen lächelnd zwischen den zwei Polen, die sich um sie bemühten. Indessen eilte der Fürst mit Rittmeier in das »Tirol« zurück, wo Behrent bleich in einem Sessel zusammengesunken saß, während Amelie allein bei Cornelius an dem Diwan hockte und seine kalten Umschläge wechselte. Er gab inzwischen wieder Lebenszeichen von sich, und Amelie hatte ihr Haupt weinend und schuldbewußt an seine Brust sinken lassen. Der Fürst fühlte den Puls Cornelius', legte das Ohr an sein Herz und sagte, er glaube, daß keine Gefahr bestehe, man müsse sofort einen Arzt holen. Rittmeier erklärte sich dazu bereit. Dann ließ der Fürst Cornelius und Amelie allein. Er erkannte sie und lächelte. Als sie ihm den Umschlag wechselte, flüsterte er: »Danke.« Der Fürst trat in das »Tirol«. Er ergriff den schlotternden Behrent am Arm und sagte: »Kommen Sie mit.« Dieser ließ sich willenlos führen, der Fürst drängte ihn eine Treppe hinauf in das Mansardengeschoß, stieß ihn in eine Kammer, wo verstaubte Lederkoffer und Schließkörbe standen, und schloß die Tür hinter ihm zu. Dann ging er hinunter in den Saal und sagte den dort Versammelten, sie möchten ruhig das Haus verlassen, da Cornelius erkrankt sei und der Arzt erwartet würde. Inzwischen war es fast ganz hell geworden, das fahle Morgenlicht fiel auf die bleichen Menschen, die in ihren bunten, zerschlissenen Fetzen in dem Saal umherstanden. Sie zogen draußen ihre Mäntel an, unter denen die Kostüme bunt und schreiend hervorlugten und verließen leise das Haus. Rittmeier kam mit einem kleinen, älteren Mann mit Brille zurück. Es war der Arzt, den der Fürst sofort in Amélies Zimmer führte. Nachdem er Cornelius, der mit offenen Augen vor ihm lag, sorgfältig befühlt hatte, ordnete er an, daß dieser sofort ins Krankenhaus gebracht werden müsse. Rittmeier und der Fürst trugen ihn in die Droschke des Arztes, der mit ihm fuhr. »Bitte holen Sie gleich die Polizei für diesen Kuhhirten,« sagte der Fürst zu Rittmeier. »Ich will indessen nach Fräulein Sanders sehen.« Bald darauf kam dieser mit zwei Schutzleuten zurück. Der Fürst führte sie hinauf in die Kammer, wo Behrent mit stierem Blick auf einem Koffer saß. Er heulte auf, als er sie sah. »Ick bin ja nur en armer Künstler un' war besoffen!« rief er aus. »Lassen Se mir doch loofen, Herr Schutzmann, Se werden sich doch nicht an 'nem armen Künstler vergreifen.« »Sein's stad,« sagte einer der Schutzmänner. Sie packteihn und führten ihn auf die Wache. Amelie hatte sich kaum zurückhalten lassen, Cornelius in das Krankenhaus zu folgen, aber dem Fürsten war es gelungen, sie zum Ruhen zu veranlassen; am Mittag wollte er sie hinbringen, dann würde man Bestimmtes erfahren, wie es um den Patienten stand. So ließ sie sich in ihr Zimmer zurückführen, wo sie sich auf das Bett legte und still weinte. Sie verfiel in einen unruhigen Halbschlaf voll krauser Träume. Sie sah Behrents gelbes Pferdegebiß, das ihr grinsend zum Kusse nahte. Sie flüchtete vor ihm unter Rittmeiers montenegrinischen Mantel, aber dort saßen Ellinor und die zwei Polen so klein wie Zwerge und stachen mit Floretts auf sie ein. Dann war sie auf einmal Cornelius' Braut. Der kleine bebrillte Arzt traute sie und hielt segnend ein Schachbrett über sie. Da kam plötzlich der Marl, schlug dem Arzt das Schachbrett aus der Hand und sang dazu: »Sie laßt sich net verfiehra.« »Warum denn nicht?« fragte Cornelius mit einer Schärfe, die er manchmal im Ton hatte. »Ja, wissen's denn net,« sagte Maxl, »sie is doch das Schwabinger Ferkel.« »Wissen Sie das gewiß?« drängte Cornelius. »Ja, das weiß doch a jedes Kind,« rief der Maxl. »Gut, daß Sie mir's sagen,« erwiderte Cornelius, »dann heirate ich sie nicht.« Als der Fürst Amelies Tür hinter sich geschlossen hatte, sah er in dem trüben Morgenlicht, wie durch einen Türspalt aus dem Zimmer Hermanns, bleich und mit wirrem Haar, Lina Schüler in verwühltem hellem Gewand entwischte. Er schaute weg und ließ sie die Treppe hinuntergehen. Als sie das Haus verlassen hatte, ging er in seinen Saal. Nun war es eine Viertelstunde ganz still im Haus, dann drehte sich ein Schlüssel in dem Tor; die Zugeherin, Frau Kuhwarm mit dem ewig geschwollenen Backen, erschien, um ihres täglichen Amtes zu walten. Sechstes Kapitel Faschingsehen 34 Die Angst um Cornelius war für Amélie fast ein willkommener Vorwand, um das, was sie mit Rittmeier erlebt hatte, von sich wegzuschieben. Gegen elf Uhr ging sie mit dem Fürsten durch die trüben, wie verschlafen scheinenden Aschermittwochstraßen nach dem Krankenhaus. Sie wurden nicht vorgelassen. Ein junger Arzt in weißer Operationsschürze kam heraus. Cornelius sei im Krankenhaus wieder ganz zu sich gekommen. Man habe ihm ein harmloses Schlafmittel gegeben, worauf er fest eingeschlummert sei, und würde ihn nun ruhen lassen, solange es irgend ging. Er hatte eine Gehirnerschütterung. Gefahr bestehe nicht, nur sei Schonung angezeigt. Die Herrschaften würden vielleicht am nächsten Tag wieder nachfragen. Amélie ging allein, wie im Traum, durch die Straßen. Trotz der beruhigenden Mitteilung des Arztes fühlte sie sich kaum erleichtert. Jetzt, wo sie für Cornelius nicht mehr zu zittern brauchte, kam ihr die Demütigung ihrer Lage wieder zum Bewußtsein. Eine tiefe, sie lähmende Traurigkeit erfüllte sie. Sie fühlte, daß in ihrem Leben alles falsch und verkehrt war, und sie sah keinen Ausweg. In dieser Dumpfheit vernahm sie eine melodische italienische Musik aus einem Hofe dringen. Sie hörte ein Saiteninstrument und zwei etwas abgesungene, aber klare Stimmen. Das tat ihr wohl, und es war, als ob ihr Geist auf den Wellen der Musik schwamm und sich freier fühlte. Dann dachte sie an Cornelius. Wie schön wäre es, wenn sie ihn heute sehen könnte! Wieviel würde er ihr gerade heute sein, wie brauchte sie ihn in diesem Augenblick! Sie ging weiter durch die Straßen und sah mechanisch in die Auslagen der Läden. Da kam sie an einem Blumengeschäft vorbei, in dem Schneeglöckchen standen. Das ließ sie ans Isartal denken, wo jetzt schon viele blühen mußten, und sie erinnerte sich, daß ihr noch vor ein paar Stunden Cornelius vorgeschlagen hatte, heute mit ihr hinauszufahren. Vor ein paar Stunden! War es nicht, als ob Tage dazwischen lägen? Und dann fühlte sie plötzlich ein ganz gewöhnliches, alltägliches Mitleid und dachte: »Ach, der arme Cornelius, wie hübsch wäre es jetzt, mit ihm hinauszufahren.« Sie trat in das Blumengeschäft, kaufte Schneeglöckchen, um sie Cornelius zu schicken. Die Verkäuferin fragte, ob sie eine Karte dazu schreiben wolle? Nein, dazu konnte sie sich nicht entschließen. Aber Cornelius sollte doch wissen, daß die Blumen von ihr seien, und so trug sie sie selbst nach dem Krankenhaus zurück und gab sie dort der Schwester, die für Cornelius sorgte. »Darf ich um den werten Namen bitten?« fragte die etwas ältliche Pflegerin. Amélie antwortete verlegen: »Es ist nicht nötig: ich war vor einer halben Stunde schon einmal da.« Dann eilte sie schnell auf die Straße hinaus. Draußen kam es ihr vor, als ob sie sich ein bißchen dumm benommen hätte, dann aber dachte sie leichthin: »Er wird schon wissen, von wem die Blumen sind!« Als Amélie an das Sendlinger Tor kam, brach die Sonne durch den Nebel, und man sah, wie blaue Felder des Himmels sichtbar wurden. »Wie schade, wie schade,« dachte sie ein über das andere Mal, »daß wir nun heute nicht ins Isartal fahren können.« Dennoch war ihr leichter zumut, gleich als ob sie mit dem Abgeben der Schneeglöckchen das meiste, was geschehen war, wieder gutgemacht hätte. Irgend etwas hatte sich doch zum Guten gewendet, fühlte sie. Was war es nur? Sie würde nun wahrscheinlich seine Frau werden; daran schien ihr kein Zweifel möglich. Nach Hause wollte sie jetzt nicht gehen, das würde sie wieder an all das Gräßliche der Nacht erinnern, und so beschloß sie, in dem vegetarischen Gasthaus zu essen, wo sich ein großer Teil der Schwabinger hygienisch und wohlfeil ernährte. Das ungewohnte Essen im Gasthaus hatte einen entschiedenen Reiz für Amélie, der durch die leise Traurigkeit und Dumpfheit, die noch in ihr waren, durchaus nicht beeinträchtigt wurde. Sie setzte sich in dem überfüllten Raum in eine Ecke und suchte sich mit großem Bedacht ihre Lieblingsgerichte aus, eine Artischocke und dann zwei verschiedene Mehlspeisen. Sie fühlte sich fast wohl mitten in dem Kommen und Gehen, das sie umgab, und am liebsten hätte sie sich nach Tisch eine Zigarette angezündet. Das war aber hier nicht erlaubt. So begab sie sich in den Hofgarten; die Sonne war nun ganz hervorgetreten und schien warm durch die noch kahlen Bäume, deren Schatten auf den Kiesboden fielen; man hatte bereits einige Tische und Stühle herausgerückt, die sich unbehaglich kalt anfühlten. Die Türen zu den Kaffeehäusern standen offen, Kellnerinnen eilten unter den Arkaden hin und her. Amélie ging nunmehr, an Wirtshausgepflogenheiten gewöhnt, mit Sicherheit zwischen den Tischen umher, in der Hoffnung, Freunde zu treffen. Während sie so wie ein Feldherr das Schlachtfeld überblickte, wurde sie plötzlich bei ihrem Namen gerufen; an einem kleinen Tischchen saß die Baronin Wernitz und trank Kaffee. Die Baronin fragte angelegentlich nach Dr. Cornelius; etwas verlegen und hastig gab ihr Amélie die beruhigende Auskunft, alles sei gut und gar nichts Schlimmes zu befürchten. »Nun, das ist ja ein wahres Glück,« rief die Baronin aus, und Amélie erzählte ihr, fast belustigt, um nicht länger über Cornelius sprechen zu müssen, daß Behrent auf die Polizei gebracht worden sei. Die Baronin forderte sie auf, bei ihr Platz zu nehmen, die verflossene Nacht bot Gesprächsstoff. Ihren scharfen Blicken entging nicht, daß Amélie sich in einer ungewöhnlichen, inneren Erregung befand, die sie ungeschickt durch Lebhaftigkeit zu verbergen suchte. Die Baronin hatte während der Nacht mancherlei beobachtet, sich über Amélie allerhand Gedanken gemacht und gefunden, es sei schade für dieses nette und begabte Mädchen, daß es so verlotterte. Deshalb fragte sie: »Was haben Sie denn nun eigentlich vor?« »Ach, gar nichts; eigentlich hätte ich mit Dr. Cornelius ins Isartal fahren sollen, aber nun ist diese dumme Geschichte dazwischengekommen.« Die Baronin lächelte: »Nein, ich meinte, was Sie überhaupt für Pläne haben, wenn es nicht indiskret von einer alten Frau ist, Sie so etwas zu fragen.« »Nein, gar nicht,« erwiderte Amélie etwas unsicher; sie fand keine Antwort, sie wußte selbst nicht, was sie vorhatte und konnte doch nicht sagen, daß sie nun wahrscheinlich Cornelius heiraten würde. Sie errötete. »So ein Aschermittwoch ist ein böser Tag,« sagte die Baronin, »wenn Sie heute frei sind, mache ich Ihnen den Vorschlag: gehen Sie jetzt nach Hause und schlafen Sie ein bißchen und kommen Sie dann abends zu mir zum Essen.« Amélies Augen leuchteten auf bei diesem Vorschlag, und sie rief wie ein Kind: »Ach, das ist aber schrecklich nett von Ihnen, Frau Baronin!« Amélie ging vergnügt die Ludwigstraße hinauf, wo unter dem scharf blauen Himmel die langen Fensterreihen in der Nachmittagssonne blitzten, und freute sich wieder ihres Lebens. Wie entzückend von der Baronin, sie einzuladen! So eine kluge und lustige alte Dame! Alles war wieder gut und Amélie trat vergnügt in das »Tirol«. Dort saß Hermann allein in einem Sessel und sann vor sich hin. Vor ihm auf dem Tisch lagen Zigarettenstummel mit Goldmundstück zwischen zerstreuter Asche. »Wo hast du denn über Mittag gesteckt?« fragte er. »Ich habe in der Stadt gegessen,« erwiderte Amélie übermütig, »und dann im Hofgarten mit der Baronin Wernitz Kaffee getrunken. Denk' dir nur, sie hat mich für heute abend eingeladen; ist das nicht entzückend von ihr?« »Das Leben ist ein Dreck, ein elender Dreck!« rief Hermann. Amélie erschrak einen Augenblick. Es war ihr, als ob er wieder an das kaum Vergangene mit diesen Worten rührte. Sie antwortete nicht. Sie wollte in ihr Zimmer gehen. Da sagte Hermann, der grau, bleich und wie aufgeschwemmt in seinem Sessel saß: »Also dann bist du nicht zu Hause heute abend?« »Nein, warum fragst du?« »Ach, ich wollte es nur wissen, die Lina Schüler kommt nämlich her. Nun, dann bin ich halt mit ihr allein. Meinst du übrigens, daß ich sie heiraten soll? Wäre das gut?« Amélie war betroffen. Sie drehte sich plötzlich zu ihm herum, und dann mußte sie lachen, wie er so mißmutig dasaß und von heiraten sprach. »Nein, ganz im Ernst,« sagte er, »was hältst du davon? Glaubst du, daß wir miteinander glücklich werden?« »Du und die Lina?« fragte Amélie gedehnt, »ach ja, warum nicht? Hast du denn schon mit ihr darüber gesprochen?« »Nein, ich bin ja auch noch gar nicht entschlossen, ich meinte nur so. Also du glaubst, wir passen zusammen?« »Das habe ich nicht gesagt, das mußt du selber am besten wissen, da kann niemand raten. Hast du sie denn lieb?« »Ach – lieb,« sagte Hermann skeptisch, »ich bin gegen die Liebesehen. Die Vernunftehen geraten meistens viel besser. Uebrigens ist ja alles gleich. Das Leben ist ein Dreck, so oder so.« »Du hast einen Kater, Hermann,« erwiderte Amélie lachend, »das ist alles.« »Möglich, ich werde ein bißchen ins Cafe gehen.« Amélie legte sich noch ein wenig nieder. 35 Sie ging zu Fuß zur Baronin. Die Straßen waren heute so wundervoll, daß sie ihren Reiz ganz genießen wollte. Ein fast sommerliches Blau war den ganzen Nachmittag in der Luft gelegen, und nun drangen langsam die Dämmerung und die frühe Dunkelheit des noch fast winterlichen Abends in diese warme, goldene Blaue hinein; man fühlte so recht, daß ein derartiger Tag im Vorfrühling eigentlich ein unverdientes Geschenk ist, befand man sich doch genau genommen noch im Winter. Aber die klare Kühle ließ vermuten, daß der morgige Tag wieder so hell und sonnig und voller Versprechungen für den Frühling und den Sommer sein würde. Amélie freute sich an den ersten Lichtern, die in den Häusern angezündet wurden. Als sie vor dem Haus der Baronin stand, war es vollkommen Nacht geworden. Die kahlen Sträucher des Vorgartens knackten in einem leichten Abendwind. Die Baronin hatte eine Atelierwohnung inne, die nach dem Garten ging. Das Mädchen führte Amelie in ein an die geräumige Werkstatt stoßendes Empfangszimmer, das rotseidene Damastvorhänge und -portieren schmückten. Die Wände waren weiß, die Kanten der alten Rokokomöbel vergoldet, die Ueberzüge von etwas hellerem roten Damast als die Vorhänge. Die Baronin lag, in ein weißes, spitzenbesetztes Hauskleid gehüllt, auf einem Ruhesofa und las. Sie bat Amélie, liegenbleiben zu dürfen, da sie sich nach der gestrigen Nacht doch ein wenig angegriffen fühlte, und bot ihr einen Platz an. Amélie war von dieser Umgebung sehr erstaunt. Es gefiel ihr sehr, und dabei war es doch nicht in dem Sinne modern und künstlerisch, wie etwa bei Oesterots. Die Baronin bemerkte, wie interessiert sich Amélie umsah und erklärte, daß alles hier alte Familienstücke seien, die aus dem pommerschen Schloß ihres Geschlechtes stammten. »Ich kann mich an diese modernen kunstgewerblichen Möbel nicht gewöhnen,« sagte sie, »das ist mir viel zu neu, ich bin ein Mensch der Vergangenheit, der das Neue nur so gelegentlich als Dessert genießt. Ich habe nicht den Glauben an diese moderne Kultur als das einzige, was überhaupt noch Berechtigung hat. Ich brauche Dinge um mich, die mich an meine Kindheit und an meine Heimat erinnern. Mir aber von irgendeinem Innenarchitekten etwas zimmern zu lassen, was seinen künstlerischen Absichten entspricht, vielleicht auch sehr praktisch und komfortabel ist: nein, das kann ich geradesogut in einem modernen Gasthof haben. Dazu brauche ich kein eigenes Heim.« »Ich finde es auch viel schöner als das Moderne,« erwiderte Amélie, im Nu überzeugt, und vergaß ganz, daß sie noch bis heute morgen für van der Velde und Pankok geschwärmt hatte. »Es ist Rokoko,« fragte sie, »nicht wahr?« In diesem Augenblick trat das Mädchen ein und meldete, daß das Essen aufgetragen sei. Die beiden Damen traten in ein kleines Eßzimmer, in dem alte geschnitzte Holzmöbel standen und setzten sich zu Tisch, während das Mädchen, ein weißes Häubchen auf dem Kopf, bediente. Amélie war entzückt von der Art dieses Haushaltes. Das war in mancher Hinsicht wie zu Haus – ja, daheim war es doch schön gewesen! – nur noch verfeinerter. Alles, was auf dem Tisch stand, zeigte beste Art und schöne Formen, aber ohne die Übertreibung, wie sie sie in einigen Münchener Haushaltungen gesehen hatte. Gläser und Teller machten nicht den Anspruch, Kunstwerke für sich zu sein und waren doch anmutig und edel. Die Baronin, die wußte, daß Amélie durch ihre Großmutter von Kindheit her an die französische Sprache gewohnt war, sprach bei Tisch französisch, um von dem bedienenden Mädchen nicht verstanden zu werden. Sie erzählte von ihrer Jugend auf dem Schloß in Pommern, wo sie sich mit den Buben gebalgt und mit Pferden getummelt hatte. Keines war ihr wild genug gewesen, und wenn sie selber über Land kutschierte, dann brach in den Dörfern manchmal geradezu eine Panik aus, aber niemals ist etwas passiert. Ihre Eltern starben früh, der Grundbesitz kam an den älteren Bruder, und sie sollte verheiratet werden. Das ließ sie sich aber nicht gefallen. »Que voulez-vous que je fasse avec un mari?« Keiner von denen, die kamen, schien ihr der Richtige, und so brannte sie eines Tages nach München durch. Die Familie konnte nichts dagegen sagen, da sie unabhängig war. Inzwischen hatte sie sich aber wieder mit den Ihren versöhnt, ja, die ostelbischen Herrschaften waren sehr zufrieden, auf ihren Reisen in München eine nahe Verwandte zu treffen, die sich in der Kunst einen gewissen Namen gemacht, sie sachkundig herumführen und ihnen manches Erstaunliche und Neue zeigen konnte. Als Stiftsdame hatte sie das Recht, den Titel Frau zu tragen. »Nun, so einfach ist das alles nicht gewesen, bis es soweit gekommen ist,« erzählte die Baronin, »manche Kämpfe hat es gekostet, bis ich mit meiner Familie und vor allem mit mir selber ins klare kam.« »Ach ja, die Familie,« warf Amélie wie aus tiefer Erfahrung dazwischen. »Und dennoch müssen wir uns mit ihr halten,« sagte die Baronin, während sie ihrem Gast Bordeaux eingoß, »je älter man wird, desto mehr erkennt man, daß doch nur in ihr unsere Wurzeln liegen. Wenn man erst selbst einmal genau weiß, was man will, wird man nachsichtig. Man bleibt in der Hauptsache unerbittlich und gibt im Kleinen nach, und weiter verlangt ja die Familie nichts von uns. Ich bin z. B. vollkommen aus der Art geschlagen, und trotzdem stehe ich mit meinen Leuten ausgezeichnet. Manchmal kommt ein Vetter oder ein Bruder hierher, und im Sommer bin ich bisweilen ein paar Wochen dort, dann freue ich mich immer wieder, daß wir doch alle, wie verschieden wir uns auch entwickelt haben, im Grunde gute Wernitze geblieben sind, und daß das hier in München ebenso geht, wie daheim auf der Klitsche.« »Aber oft ist es doch ganz und gar unmöglich, mit der Familie auszukommen,« meinte Amélie. »Sie haben sich wohl mit der Ihrigen überwerfen, um nach München gehen zu können?« »Ja, sozusagen, es war nicht anders möglich.« »Das halte ich für ganz falsch, Kindchen. Verzeihen Sie, wenn ich mir diese Bemerkung erlaube. Sie sind doch auch unabhängig, können tun und lassen, was Sie wollen; warum soll man da mit der Familie nicht freundlich sein, die einem ja doch in keiner Weise ernstliche Hindernisse in den Weg legen kann. Gerade wir, die wir uns der gewöhnlichen Familiensimpelei überlegen glauben, müssen eine Form des Verständnisses mit ihr finden. Sonst sind wir doch gar nicht die Ueberlegenen.« Amélie wußte nicht, was sie auf diese Worte antworten sollte. Der Kaffee wurde in dem roten Zimmer genommen. Die Baronin legte sich wieder auf das Ruhesofa und rückte Amélie einen Puff vor den Sessel, damit sie die Füße auflegen könne, die doch vom Tanzen noch recht müde sein mußten. Dann brachte sie mit einer gewissen Absichtlichkeit das Gespräch auf das alte Thema, und sie sprach sich aus über die vielen jungen Mädchen, die jetzt in München lebten, in der Meinung, hier neue Lebensinhalte zu finden. Es sei schade, wieviel gutes Menschentum in dieser Stadt unter die Räder käme. »Aber man wird doch hier ein ganz anderer Mensch,« warf Amélie eifrig ein, »die Schuppen fallen einem geradezu von den Augen.« »Wieso denn, Kindchen,« fragte die Baronin in fast zärtlichem Ton, Amélies Hand ergreifend, die sie streichelte. »Was haben Sie denn hier Neues erlebt und gelernt?« Amélie wurde etwas verlegen, aber es schien ihr eine Ehrensache zu sein, ihre Ideale zu verteidigen. »Nun, man kommt doch aus dieser ganzen Heuchelei heraus, in der man früher gehalten worden ist; man sieht alle Dinge viel freier an.« »Heuchelei? Freiheit?« sagte die Baronin geringschätzig, »ich glaube, hier gibt es mindestens ebensoviel Heuchelei wie im Familienleben und ebensowenig innere Freiheit wie dort. Die Freiheit ist nun einmal das Vorrecht ganz ungewöhnlicher Naturen.« »Heuchelei gibt es hier?« fragte Amélie ganz erstaunt, »das habe ich noch gar nicht beobachtet.« »Nun,« sagte die Baronin, sich aufrichtend und ganz ernst werdend, »die sogenannte künstlerische Weltauffassung ist vielleicht die größte Heuchelei, die je erfunden worden ist. In Wirklichkeit sind doch alle diese Menschen die größten Philister mit ihrer neuen Ethik und ihrer Reform der Liebe. Es sind alles Menschen, die aus irgendeinem Grund, teils verschuldet, teils unverschuldet, auf dem gewöhnlichen Weg kein Glück und keinen Erfolg finden, und die sich darum so revolutionär gebärden. Sie haben nicht den Mut, etwas zu wagen, und darum wollen sie vorher Brauch und Gesetz gewissermaßen durch Mehrheitsbeschluß ändern, damit sie scham- und gefahrlos ihr bißchen Sinnlichkeit befriedigen können ohne unbequeme Rücksichtnahme. Wenn das nicht Philister sind? Sie meinen, wer aus dieser modernen Weltanschauung heraus handelt, sei ethisch, wer sich aber den Teufel darum kümmert und tut, was ihm Spaß macht, der sei frivol. Ist das nicht eine Heuchelei sondergleichen? Sehen Sie sich doch einmal alle diese Mädchen an, die hier herumlaufen, sie alle reden von dem großen Erlebnis. Die einen möchten es haben, aber sie wagen nichts, die anderen berauschen sich erst an der Rhetorik einer neuen Weltanschauung, um in dieser Verblendung den Mut zum Wagen zu finden. Die aus wirklicher Leidenschaft etwas wagen und mutig sind, die schweigen, die brauchen keine moderne Weltanschauung, denen zeigt ihr Instinkt im rechten Augenblick den Weg über alle Klippen und durch jedes Dickicht. Sehen Sie, mein liebes Kind, ich bin froh, daß wir einmal darüber sprechen, denn ich habe Sie lange Zeit beobachtet und Sie liebgewonnen. Sie selber sind auf dem Holzweg. Sie haben es gar nicht nötig, diesen ganzen Schwindel mitzumachen, denn die Natur hat Sie ja mit einer Reihe schöner Gaben beschenkt. Warum laufen Sie auf diesen Festen herum und stellen sich bloß? Warum lassen Sie sich von jedem Menschen mißbrauchen, den es nichts kostet, Ihnen einige Redensarten vorzumachen, um Sie zu täuschen und zu berücken? Wissen Sie, all diese Männer, die Sie hier kennen, das ist nichts für Sie, das sind keine Ehrenmänner, keine Gentlemen; die machen sich an Künstlerinnen heran, weil man ihnen gegenüber nicht die Verantwortlichkeit hat, wie bei den Mädchen, die in der Familie leben, und weil sie billiger sind als die bezahlten Mätressen. Das ist das ganze Geheimnis. Es klingt vielleicht ein bißchen hart, aber es ist so. Und dann sagen Sie mir eins, mein Kind, sind Sie denn glücklich in all diesem Treiben?« So schroff manches war, was die Baronin sagte, es lag so viel Güte und menschliche Teilnahme in ihren lebhaften, sofort wieder heiter blickenden Augen, daß Amélie nicht den mindesten Widerspruchsgeist in sich fühlte. Sie fand keine Worte; die Tränen traten ihr in die Augen und sie warf sich, infolge ihrer Aschermittwochsmattigkeit körperlich widerstandslos, wie ein hilfloses Kind an den Hals der Baronin. Diese streichelte sie, und Amélie tat sich auf einmal selber furchtbar leid und begann laut zu schluchzen, während die Baronin sie beruhigte. Nach einiger Zeit sagte Amélie: »Ach, ich habe ja nie einen Menschen gehabt, mit dem ich so über diese Dinge reden konnte, wie mit Ihnen.« »Wieso denn?« fragte die Baronin, »wie war denn Ihre Frau Mutter?« »Die ist früh gestorben und hat von diesen Dingen gar nichts verstanden; und dann sollte ich bei Großmama bleiben, aber das ging ganz und gar nicht. Die war auch sehr dagegen, daß ich nach München ging, aber sie konnte es mir nicht so sagen, wie Sie es jetzt getan haben, daß hier alles bloß Heuchelei und gar nichts anderes ist.« »Nun, das habe ich nicht gesagt,« erwiderte die Baronin lächelnd, »wenn man sich innerlich über sich selber klar ist, so bietet einem dieses ungebundene Münchener Leben unendlich viel.« Nach einiger Zeit beruhigte sich Amélie ein wenig und dann fragte sie ganz kindlich: »Sie sind also gar nicht modern, Frau Baronin?« Die Baronin mußte laut lachen. »Modern? Ja, was verstehen Sie denn darunter?« »Nun, Sie meinen, daß ein junges Mädchen doch nicht seine Freiheit haben soll, wie es die Modernen verlangen?« »Aber mein liebes Kind, darüber gibt es keine Regel; Menschen, die innerlich frei sind, haben sich zu allen Zeiten auch in ihrem äußeren Handeln zur Freiheit durchgerungen, dazu brauchen wir keine freie Liebe und keine moderne Weltanschauung.« »Ja, aber was soll man nur in Gottes Namen tun?« »Das ist sehr einfach bei einem jungen Mädchen wie Sie: wenn jemand kommt, der Sie lieb hat und den Sie lieb haben, und wenn auch sonst Ihre Charaktere zusammenpassen, nun, dann heiraten Sie ihn, streben Sie nach nichts anderem, als ihn und dadurch sich selbst glücklich zu machen, und grübeln Sie nicht einen Augenblick über moderne Weltanschauung und Reform der Liebe. Das ist gut für Schlechtweggekommene und Menschen ohne Geschmack und Erziehung. Ob man eine eigene Persönlichkeit hat, darüber braucht man sich nicht den Kopf zu zerbrechen, dadurch bekommt man jedenfalls keine.« »Aber wenn es dann mit der Liebe doch nichts war?« fragt« Amelie. »Nun, man muß sich eben vorher genau prüfen, und wenn es das Schicksal will, daß es dann doch unglücklich ausgeht, so ist das Leben immer wieder so reich an Auswegen, daß es für einen gegen sich selber wahrhaften Menschen mit einiger Selbstzucht immer wieder möglich wird, eine Lösung zu finden.« »Verurteilen Sie ein junges Mädchen, das schon einmal ein Verhältnis gehabt hat?« fragte Amélie plötzlich. »Mein Kind, kennen Sie mich nicht genug, um zu wissen, daß ich nichts und niemand verurteile? Aber es ist ein Unterschied, ob man einen einzelnen Fall dieser Art versteht und entschuldigt, oder ob man ein Gesetz daraus für alle machen will. Christus hat gewollt, man solle keinen Stein auf die Ehebrecherin werfen, darum hat er doch nicht den Ehebruch erlaubt. Hier in München aber wird so getan, als ob nun den jungen Mädchen alles erlaubt sei, wo es sich doch um nichts anderes handelt, als Sentimentalität, Sinnlichkeit und Amüsement; die Folge davon ist dann diese Halbheit, dieses Herumziehen auf Festen, diese Intimität mit ganz fremden Menschen, kurz, dieses leidenschafts- und temperamentlose Geknäuel, diese ganze Schwabinger Ferkelei.« Amélie erschrak bei diesem Ausdruck, der also offenbar keine Erfindung Rittmeiers war, sondern schon allgemein gebraucht wurde. Die ganze Szene mit ihm stand ihr wieder vor dem Gedächtnis, und in tiefer Niedergeschlagenheit hörte sie die Baronin weiterreden. Gegen elf Uhr verabschiedete sie sich und dankte ihr aufrichtig für ihre Teilnahme. Sie sank ihr wieder in die Arme und ließ sich von ihr wie eine Schonungsbedürftige, Leidende hinausbringen. Die Baronin ließ ihr ein Auto holen, Amélie fuhr nach Hause zurück. Unterwegs aber gelobte sie sich, daß ihr Leben jetzt ganz, ganz anders werden müßte, und daß sie einen Strich unter das Geschehene machen würde. Sie war so müde, daß der Chauffeur, als sie angekommen waren, an die Scheibe klopfen mußte, um sie ans Aussteigen zu erinnern. Beim Einschlafen dachte sie mit Zärtlichkeit an Cornelius, und sie freute sich bereits darauf, morgen wieder ins Krankenhaus zu gehen und Nachricht von ihm zu erhalten. 36 Etwa eine Woche lang mußte Cornelius zu Bett liegen und durfte keine Besuche empfangen. Oefters wurden Blumen für ihn abgegeben. Bei allen lag eine Visitenkarte mit einigen freundlichen Zeilen, nur »die blonde Dame«, wie die Schwester Amélie nannte, zog weiter vor, ihre Blumen ohne Namen hinaufzuschicken. In der zweiten Woche durfte Cornelius kurze Besuche empfangen, einmal kam der Fürst mit Hermann. Cornelius mußte laut lachen, als der Fürst ihm erzählte, daß er nach seiner Genesung noch als Zeuge vernommen werden würde und Behrent vermutlich ein bis zwei Monate sitzen müsse. Körperverletzung werde in Bayern sehr milde bestraft. Schon in der dritten Woche war Cornelius fast hergestellt. Man hielt ihn noch weiter vierzehn Tage im Krankenhaus zurück, da er in seinem Junggesellenheim nicht die nötige Ruhe und Regelmäßigkeit des Lebens gefunden hätte. In dieser Zeit wechselte er Briefe mit Amelie, und als er sie schließlich fragte, ob sie ihn nicht einmal besuchen wollte, kam sie. Es war ein fast schwüler, sehnsüchtiger Frühlingstag mit silbergrauen Wolken an dem blaßblauen Himmel. Amelie trug zum ersten Male ein helles Sommerkleid und trat lachend und rosig zu Cornelius herein. Er saß in einem Sessel, man merkte ihm kaum mehr die überstandene Krankheit an. Die alte Lebhaftigkeit war in seine Züge zurückgekehrt, nur schienen die Augen noch etwas ernster geworden zu sein. Er ging Amelie freudig entgegen, hielt ihre Hand in seinen beiden Händen und dankte für ihren Besuch. Dann saßen sie sich gegenüber. Amélie war verlegen. Sie sah, daß er an der Stirn, direkt bei den Haarwurzeln, noch eine Beule hatte, über die er von Zeit zu Zeit eine Haarsträhne zog. Amélie fühlte, daß er es aus Eitelkeit tat und ihre Anwesenheit ihn dazu veranlaßte. Es machte ihr im geheimen ein unaussprechliches Vergnügen, das mit Zärtlichkeit gemischt war. Cornelius beobachtete sie mit einer Ruhe und Sicherheit, die sie an ihm lange nicht mehr gewohnt gewesen war. Dabei sprachen sie über gleichgültige Dinge, er ließ sich erzählen, was sie trieb, wen sie sah und was es Neues unter den Bekannten gab. Dann verabschiedete sie sich, und sie machten eine Verabredung für die nächste Woche aus. Bis dahin würde Cornelius wieder in seine Wohnung zurückgekehrt sein. Als ihn Amélie verlassen hatte, saß Cornelius über eine Stunde sinnend in seinem Sessel und blickte hinaus in die Straßen, wo die Kastanienbäume im ersten Grün erschimmerten. Eine weiche Frühlingsluft strömte herein. Er staunte über sich selbst, über die Ruhe, mit der er nun Amélie gegenübergesessen und sie beobachtet hatte. Sie gefiel ihm gewiß noch ebensogut wie früher, und es wäre ihm unendlich traurig vorgekommen, wenn er sie nie hätte wiedersehen sollen, aber dieses ungestüme Verlangen nach ihr, dieses Sie-besitzen-wollen um jeden Preis, die Bereitschaft, sein ganzes Leben auf diese eine Karte zu setzen, das war nicht mehr ganz so stark. Er fragte sich selbst, ob es seinen Gefühlen an Tiefe gemangelt habe, oder ob sie erst jetzt zu jener heiteren Reife gelangt seien, von der aus eine Verbindung fürs Leben gewagt werden könne. Jedenfalls fühlte er sich leicht und froh, als er aufstand und sich aus dem Fenster lehnte. Amélie hatte inzwischen fortgesetzt über das Gespräch mit der Baronin Wernitz nachgedacht. Sie wollte nun die Baronin in jeder Hinsicht nachahmen und ihre Lehren beherzigen, sich auch wieder mit der Großmutter versöhnen. Es leuchtete ihr ein, daß das ein viel überlegenerer Standpunkt war, als der alten Dame zu grollen, und so schrieb sie schon nach wenigen Tagen einen etwas merkwürdigen Brief an die Großmutter, in dem sie ihr die »Wiederaufnahme der alten Beziehungen« anbot und die Mitteilung machte, daß sie nun ihren eigenen Weg gefunden habe. Die alte Mißhelligkeit in der Familie könnte daher begraben werden und jeder den anderen von seinem Standpunkt aus achten und ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen. Nach einigen Tagen kam eine etwas befangene Antwort, aus der die Freude der alten Dame darüber hervorging, endlich wieder etwas von ihrer Enkelin gehört zu haben. Zwar verstünde sie nicht alles, was in dem Brief stand, sie entnehme ihm aber mit Freude, daß Amélie ihr doch nicht ganz entfremdet sei; sie möchte ihr doch nun öfters wieder schreiben und auch mitteilen, wie es Hermann ging. Amélie lächelte überlegen beim Lesen dieses Briefes. Sie fühlte sich plötzlich nicht mehr recht wohl in dem »Tirol«. Das war doch eigentlich auch nur Bohème, dachte sie. Sie fühlte die Notwendigkeit, sich anders einzurichten, mehr in der Art, wie die Baronin, deren weiß-rot-goldenes Empfangszimmer ihr einen unauslöschlichen Eindruck gemacht hatte. Viel Kopfzerbrechen verursachte ihr die Frage, ob zu dem neuen Leben, das sie führen wolle, die Ehe mit Cornelius notwendig sei, oder ob sie besser als selbständige, unabhängige Künstlerin der Baronin nachstreben könne. Dies wurde freilich durch die Geldfrage erschwert, denn ihre kleine Rente würde zu einem solchen Dasein doch nicht hinreichen. Inzwischen war ja wohl eine Hypothek, die ihr und Hermann zusammen gehörte, flüssig gemacht worden, aber das Geld schmolz überraschend schnell zusammen. Wenn sie sich mit Cornelius verheiraten würde, dann wollte sie unter allen Umständen auch ein solches weiß-rot-goldenes Zimmer haben, wenn auch vielleicht in kleinerem Maßstab als das der Baronin. Dies war das einzige, was durchaus für sie feststand, sonst schwankte sie von einem Plan zu dem anderen, und der Gedanke war ihr nicht unangenehm, daß sie sich nicht gleich zu entscheiden brauchte, solange Cornelius noch im Krankenhaus bleiben mußte. Sie fühlte sich in diesen Tagen recht glücklich und schwebte in Sommerkleidern durch die von Frühlingslüften erfüllte Stadt in dem Gefühl, wieder ein starkes Innenleben mit sich herumzutragen. Leider war die Baronin kurz nach ihrem Besuch an die Riviera gereist, und so wurde es nicht möglich, jenen schönen Abend zu wiederholen. Amélie schrieb ihr in ihrer großen Steilschrift einen begeisterten Brief nach Cannes, voll von überquellender Dankbarkeit für ihre freundliche Teilnahme und die Ratschläge, die ihr die Augen geöffnet hätten. Sie sei seit jenem Abend ein ganz anderer Mensch geworden. 37 Eines Tages erschien Oesterot im »Tirol«; er fragte Amélie, ob sie das Künstlerfest mitmachen wolle, das zu Mitfasten gegeben würde, um den Karnevalsrausch noch einmal mitten in der Fastenzeit »aufgluten« zu lassen. Dieser Vorschlag brachte sie plötzlich wieder aus ihrem Geleise. Sie fühlte, daß dieses Fest, dessen Programm hieß: »Verkommene Existenzen«, sie wieder in das alte Leben hineinziehen würde, und daß sich das nicht mit den Grundsätzen der Baronin vertrug. Und doch, wie schwer war es, nein zu sagen! Uebrigens war es doch das letzte Mal. Nach diesem Fest könne ja kein anderes mehr kommen. Noch ehe sie Oesterot geantwortet hatte, drang dieser fast ungestüm in sie und sagte: »Wie? Sie schwanken, Sie wollen nicht kommen? Das gibt es nicht. Jetzt dürfen Sie uns nicht im Stich lassen. Wir haben miteinander den ganzen Fasching durchlebt, jetzt bei der Nachfeier müssen Sie unbedingt dabei sein. Die ganze Atmosphäre würde zerrissen, wenn Sie, die Sie bis jetzt immer dabei waren, auf einmal fehlten. Ganz ernstlich, Amélie, das geht nicht. Es ist mehr als eine Privatsache für Sie. Sie haben eine gewisse Verantwortung gegenüber dem ›Kreis‹. Thea würde es Ihnen geradezu übelnehmen, wenn Sie nicht kämen, das können Sie mir glauben.« Er stand hochaufgerichtet vor ihr. Sein Jupiterkopf blickte mit tiefem Unmut auf sie herab, und sie vermochte sich nicht dem Gefühl der Pflicht und der Verantwortung gegenüber dem »Kreis« zu entziehen. So sagte sie zu. Das Fest fand an dem Abend des Tages statt, als Amélie im Krankenhaus gewesen war, aber wohlweislich hatte sie Cornelius nichts davon verraten; sie empfand das als eine Tat der Güte und Nachsicht für den Genesenden, den das doch nur unnötigerweise aufgeregt hätte. Noch einmal zog sie ein paar bunte Fetzen an und stürzte sich in den schwülen Trubel jener Tänze. Dieses Mal kam sie ganz allein, und das gab ihr eine gewisse Sicherheit; sie würde heute imstande sein, auf der Oberfläche zu schwimmen und nur neckend von einer Gruppe zur anderen zu eilen. In ihrem Innersten war wirklich ein fester Vorsatz, sich nicht wieder in Lagen ziehen zu lassen, wie die, für welche ihr Rittmeier in jener Nacht ein so bezeichnendes Wort gesagt hatte. Sie tanzte mit verschiedenen Fremden, entglitt ihnen wieder, saß hie und da bei Bekannten am Tisch und hatte ein glückliches Gefühl, daß sie nun ganz frei über all diesen Dingen stand, ohne darin zu versinken, daß sie gewissermaßen wunschlos, d. h. als Künstlerin Farbe und Bewegung eines solchen Festes genießen konnte. Später würde sie das Cornelius ruhig einmal erzählen. Er hatte ganz recht gehabt. Damals, als ihr das alles neu war, hatte sie sich wirklich falsch benommen. Aber alles mußte gelernt sein. Oh, wie gut sie jetzt die Worte der Baronin verstand! Diese und Cornelius hätten sie ruhig hier sehen dürfen. Sie verstand nun, sich gegen Zudringlichkeiten jeder Art zu verteidigen. Manche Männer waren auch wirklich zu frech! Als sie einmal durch den Saal ging, faßte sie plötzlich ein großer schlanker Mensch am Handgelenk. Er steckte in einem feuerroten, mittelalterlichen Henkerkostüm, dessen Stoff auch Stirn und Kinn bedeckte. Ein paar bewegliche dunkle Augen blickten wie durch ein rotes Visier. Er sagte: »Ich kenn« dich.« »Das ist sehr möglich,« antwortete Amélie, »auch du kommst mir bekannt vor, sogar sehr.« »Das muß ich herausbekommen, wo wir uns gesehen haben; es muß schon lange her sein,« erwiderte der Henker. »Das ist mir ganz gleichgültig, hier fragt man nicht nach Nam' und Art.« »Das ist wahr, komm, laß uns tanzen.« Während sie sich mit ihm im Saal drehte, fühlte sie wieder etwas von einer Trunkenheit über sich kommen, wie sie sie bisweilen auf früheren Festen gespürt hatte, und dann mußte sie plötzlich an Baron Erich und die Vergangenheit denken, und ihr schien, als ob dieser Mensch, mit dem sie jetzt tanzte, irgendwie mit jener Zeit ihres Lebens in Verbindung stünde. Als der Tanz zu Ende war, führte er sie an einen Tisch zurück, wo er sie vorher hatte sitzen sehen, und verschwand in dem Gewühl. Später holte er sie noch manchmal zum Tanz, und bei der Unterhaltung erfuhr sie, daß er viele Jahre im Ausland gewesen und jetzt nach München gekommen sei, um eine Zeitlang ruhiger zu leben. Er hatte sich in Schwabing ein Atelier gemietet, das er bewohnte, war aber kein Künstler. Was er eigentlich trieb, daraus war nicht klug zu werden. Das ganze Leben, meinte er, sei nichts als ein großes Abenteuer. Amélie zitterte bei solchen Worten. Sie blickte wieder in jene geheimnisvolle Welt, von der sie sich große Offenbarungen erhofft hatte, derentwegen sie nach München gekommen war, und jetzt gerade, wo sie umkehren wollte, mußte ihr dieser Mensch entgegentreten, der gewiß die Schlüssel zu manchem Geheimnis besaß. Ein fremdartiger Hauch umwehte ihn, und sie fühlte sich unwiderstehlich von ihm angezogen. Gegen das Ende des Festes trank sie mit ihm Champagner, aber obgleich sie genau an seinen brennenden Augen sah, wie sehr sie ihm gefiel, machte er nicht die mindesten Versuche, sich Freiheiten zu erlauben, wie Rittmeier. Das bewunderte sie. Sie war ihm dafür dankbar. So blieb sie leicht ihren guten Vorsätzen treu, aber sie fühlte wohl, daß er sie gerade durch diese äußerliche Gehaltenheit fesselte. In mancher Hinsicht erinnerte er sie an Cornelius. Er redete ebenso klug wie dieser, nur war er unendlich viel sicherer und stand ganz über der Lage. Dann sagte er wieder ganz verrückte Sachen, wie sie Cornelius nie eingefallen wären. Man könne alles, was man wolle. Es gäbe z. B. Zauberringe, die einem alle Wünsche erfüllten. Auch an Talismane glaubte er. »Ach, dann geben Sie mir einen,« rief Amélie halb belustigt, halb gefesselt. »Einen Talisman muß man sich selber machen,« erwiderte er. »Aber wie?« »Man magnetisiert einen ixbeliebigen Gegenstand solange mit dem Willen, bis er ein Talisman wird,« sagte er leichthin. Auch Elementargeister, wie Undinen und Salamander, auch Hexen und Zwerge gebe es. Amélie z. B. selbst sei eigentlich eine Sylphe, ein Luftelf, aber ein böser Dämon, den er wohl kenne, habe sie verzaubert. Es könnte ihn reizen, Amélie zu entzaubern, denn gerade jener Dämon sei sein persönlicher Feind und hätte ihm schon manche reizende Frau verhext. Fortgesetzt spielte ein überlegenes Lächeln um seinen Mund, der gleichzeitig einen sinnlichen Ausdruck hatte. Er streifte sehr geschickt hie und da erotische Fragen, ohne sich aber allzusehr hinein zu vertiefen, so daß Amélie, von einer unbezähmbaren Neugier getrieben, plötzlich fragte: »Sagen Sie einmal, haben Sie sich schon einmal richtig verliebt?« worauf er erwiderte: »Ich bin dauernd verliebt.« »Aber nicht immer in dieselbe?« »Wie Sie wollen,« sagte er. »Ich bin in die Natur verliebt, und ihren Geistern, den Sylphen, Undinen, Gnomen und Salamandern bin ich treu bis in den Tod; den Luftigen, den Feuchten, den Erdwarmen und den Feurigen. Das Individuum mag wechseln.« Amélie sah ihn voll Verwunderung an. »Wie alt sind Sie eigentlich?« fragte sie. »Ich habe kein bestimmtes Alter,« erwiderte er im Tone der Selbstverständlichkeit. »Wie meinen Sie das?« »Nun, schon als Knabe war ich manchmal uralt wie die Sphinx, und heute, wo ich schon manches hinter mir habe, fühle ich bisweilen Wallungen eines Zwanzigjährigen. Dagegen habe ich mit zwanzig Jahren, als ich zum ersten Male mit der modernen Welt in Berührung kam, eine lange Zeit der Greisenhaftigkeit vorweggenommen.« »Aber wie alt sind Sie jetzt an Jahren?« fragte Amélie. »Das hängt von Ihnen ab.« Amélie wurde über und über rot. Sie hatte das Gefühl, daß auch ihre Schultern und der Hals erröteten. Wider Willen wurde sie ernst, und sie mußte ihn wie gebannt unverwandt ansehen, während er ihre Hand hielt und sein Gesicht dem ihren näherte. Sie hatte das Gefühl: »Mit dem ist nicht zu scherzen.« Und das erfüllte sie mit einer grausigen Art der Befriedigung. Sie saßen in einer Nische; die Tische rings um sie wurden leer, der Rücken des roten Henkers war dem Saale zugekehrt, so daß Amélie vor den Augen der Festteilnehmer vollkommen verborgen war. Sie fühlte sich von ihm immer mehr nach rückwärts gedrängt, und plötzlich lagen seine Lippen auf den ihren. Sie leistete keinen Widerstand und versank unter seinem Kuß wie in einen Abgrund. Da hörte man, wie sich ein Paar der Nische näherte, der Rote hatte sofort seine Haltung wieder, drückte noch einmal kurz ihre Hand und flüsterte ihr ins Ohr: »Morgen nachmittag um halb fünf Ecke Franz-Joseph-Straße und Leopoldstraße.« Dann schaute er sie einen Augenblick sehr eindringlich an, und sie flüsterte kaum hörbar: »Ja.« Er brachte sie nach ihrem Tisch zurück und ließ sich bis zu dem Ende des Festes nicht mehr sehen. Amélie schlief die ganze Nacht nicht. Ihre Gefühle waren aufs tiefste erregt, und sie suchte dafür allerlei Erklärungen und Rechtfertigungen. Jetzt kam das wirklich große Erlebnis. Das war stärker als alles, was ihr bisher widerfahren, und sie fühlte sich so groß, daß sie Rittmeier die Demütigung verzieh, die er ihr angetan. Er hatte ja tausendmal recht gehabt. Diese Halbheit, diese Feigheit ihres bisherigen Lebens schien ihr nun als etwas Ekelhaftes. Da war sie nur so hineingeraten gegen ihre bessere Natur, die wirklich verzaubert gewesen, wie der Fremde sagte. Jetzt war ein starkes Gefühl in ihr wach, und nun wollte sie sich selber beweisen, daß sie Mut hatte und, wo es eine große Leidenschaft galt, auch vor dem letzten Schritt nicht mehr zurückschreckte. Der geheimnisvolle Mensch, der diese Gefühle in ihr erweckt hatte, sollte sie nicht ängstlich und feige sehen. Sie war jetzt zu allem entschlossen. Und entfernte sie das etwa aus der Lebenssphäre der Baronin? Keineswegs! Diese hatte ja sehr fein durchblicken lassen, daß sie durchaus nicht prüde und engherzig sei; gewiß hatte sie selbst große Erlebnisse gehabt. Sie hatte nur gesagt: die wirklich etwas wagen, die schweigen. Zu denen wollte Amélie jetzt gehören. Nur ganz vorübergehend dachte sie an Cornelius. »Der arme Junge,« sagte sie sich bisweilen überlegen, »er hat es so gut gemeint. Wer weiß, vielleicht kehre ich eines Tages zu ihm zurück. Aber jetzt muß ich erst die große Leidenschaft durchkosten, mein Schicksal erleben.« Als sie am anderen Tag an die Ecke der Franz-Joseph-Straße kam, stand ein elegant gekleideter, großer Herr mit fast olivenfarbiger Gesichtsfarbe da und erwartete sie. Er trat ihr mit einer Selbstverständlichkeit entgegen, als hätten sie sich schon öfters gesehen, und während sie neben ihm ging, sagte er ihr mit fast spöttischem Lächeln: »Ich wohne nur einige Schritte entfernt. Hoffentlich macht es Ihnen nichts, vier Treppen hinaufzusteigen.« Er sah sie mit einem vielsagenden Blick an. Amélie zitterte. Sie waren vor einem großen Hause am Ende der Leopoldstraße angekommen, er führte sie durch ein schönes Treppenhaus vier breite Stiegen hinauf; oben betraten sie ein riesenhaftes Atelier mit einem ungeheuren Fenster, durch das man weit hinaus in die Ebene blickte bis zu den Türmen von Freising. Das Gemach war voll von allerlei exotischen Möbeln, Teppichen, Waffen, Spiegeln und Stickereien aus Indien, Japan und Mexiko. Der Fremde ließ Amélie auf einem Diwan niedersitzen. Auf einem Tabouret lagen allerlei illustrierte Werke. Amélie öffnete eines mechanisch. Es enthielt indische Erotika mit blaßfarbigen Illustrationen. Der Text war französisch. »Es ist eine Übersetzung des Kama Sutram,« erklärte der Fremde. »Sehr interessant. Lesen Sie französisch?« »Ja, natürlich,« sagte Amélie und blätterte in dem Buch. Dort las sie über die vierundsechzig Künste der Wollust, über die sieben Arten der Verbindung zwischen Mann und Frau, und daß es drei Sorten Männer gäbe, den Hasen, den Hengst und den Stier, denen drei Sorten Frauen, die Gazelle, die Stute und der Elefant entsprächen. Während sie in eines der farbigen Bilder versenkt war, beobachtete sie der Fremde, dann zog er sie auf den Diwan und küßte sie. Sie zitterte unter diesen Liebkosungen und setzte ihnen keinen Widerstand entgegen, sondern fühlte nun den Mut in sich, ihm alles zu gewähren. Sie erschauerte unter seinen Küssen und verlor fast das Bewußtsein, während seine Liebkosungen verwegener wurden. Sie wähnte sich wie über schwindelnde Abgründe getragen und alle die Zweifel und Verzagtheiten ihres Daseins lagen weit hinter ihr. Oh, ihm wollte sie folgen, wohin er sie auch führte.   Als sie sich wieder von ihrer Umgebung Rechenschaft gab, war es dämmerig in dem Raum geworden. Sie lag noch auf dem Diwan, der Fremde saß neben ihr und hielt ihre Hand. »Armes, kleines Mädchen,« sagte er mit fast väterlicher Stimme, und in einem alltäglichen Ton, der seiner früheren phantastischen Art völlig entgegengesetzt war. »Wie bist du denn dazu gekommen, dich in die Höhle des Löwen zu wagen?« Amélie verstand weder den Ton noch die Worte, die er sprach. »Ihr deutschen Mädchen seid wahrhaftig von einer Harmlosigkeit, die man nicht für möglich halten sollte. Ich bin so viele Jahre weggewesen und habe daran nicht mehr geglaubt, und nun muß ich es selber gleich das erste Mal erleben.« Amélie wußte sich vor Verwunderung kaum zu halten. Was er bloß meinte? Er streichelte zärtlich ihre Wange, küßte leise ihre Stirn und fragte sie: »Sag' mir doch einmal, Kindchen, was hast du dir denn eigentlich vorgestellt, wie das hier gehen würde?« »Wie meinen Sie das?« fragte Amélie. »Nun,« erwiderte er, »um es rund herauszusagen: Du bist doch noch ein Mädchen.« Amélie wurde immer verwirrter. »Warum fragen Sie so?« erwiderte sie. »Nun, mein Kind, ich muß dir offen gestehen: als ich dich auf dem Fest eine Zeitlang beobachtete, hielt ich dich für eine ziemlich leichtsinnige Fliege, und da du mir gefielst, – weißt du noch, ich hatte dich ein Luftelschen genannt? – nahm ich dich auf die Seite, um mit dir ein hübsches kleines Abenteuer zu haben. Na, und du bist ja auch so darauf eingegangen, daß ich glauben mußte, du hättest schon manchen Sturm erlebt; und hier entdecke ich nun, daß das alles nur Kinderei war, und du offenbar von gar nichts eine Ahnung hast. Dieses Abenteuer hätte dir schlecht bekommen können, wenn du an den Falschen geraten wärest, der die Lage ausgenutzt hätte. Du darfst nun nicht glauben, daß ich mich hier als Tugendbold aufspielen will, gerade im Gegenteil. Weil ich es nicht bin, habe ich es nicht nötig, jede Gelegenheit auszunützen und so nebenbei zum Nachmittagstee eine kleine Katastrophe heraufzubeschwören, wie die Verführung eines höheren Töchterchens, denn daß du das bist, das merkt man dir trotz allem an.« Amélie war wie gelähmt von diesen Worten. »Du willst doch gewiß einmal heiraten?« fragte er weiter, »na, sag' doch ruhig ja. Es wäre ja unnatürlich, wenn du nicht wolltest. Ist es nicht so?« Amélie zögerte. »Das weiß ich nicht. Vielleicht ja, vielleicht auch nein.« »Aber ganz gewiß wirst du heiraten. Und nun nimm einmal den Fall an, der Herr Bräutigam würde dich nicht ganz so finden, wie er dich wünscht.« Amélie vermochte nicht zu antworten. »Nun, du brauchst keine Angst zu haben,« sagte der Fremde gutmütig lachend; »von dem, was heute zwischen uns vorgefallen ist, braucht der Zukünftige nichts zu merken, wenn du nicht so tollpatschig bist und es ihm selber erzählst. Nein, was man doch alles noch erleben kann!« Er stand auf und zündete sich eine Zigarette an. »Rauchst du auch?« fragte er. »Ich gehe jetzt,« sagte Amélie mit einer kindischen Art von Entschlossenheit und stand auf. »Warum denn schon so schnell? Ich würde mich sehr freuen, wenn du noch ein bißchen hierbliebst und wir uns noch ein wenig unterhalten könnten.« Er drehte die elektrische Tischlampe an. Dann ging er auf Amélie zu, zog sie an sich und schritt mit ihr durch den Raum. Sie suchte sich mit leiser Anstrengung loszumachen, aber er hielt sie fest. Da sah sie plötzlich auf dem Schreibtisch unter der Lampe ein paar Briefe liegen; mechanisch las sie die Adressen. Amélie war wie vom Blitz getroffen. Der Name hieß Erwin Dorn. Sie sah den Fremden an, und nun erkannte sie, daß er derselbe Erwin war, der ihr als erster auf der Schule den Hof gemacht und ihr die Bücher getragen hatte, mit dem sie jene verbotenen Stunden in der Grotte zugebracht, bis ihr die Großmutter den Verkehr mit ihm verbot. Alles dies schwirrte mit einer plötzlichen Deutlichkeit durch ihren Kopf, und von Entsetzen gelähmt sank sie in einen Sessel. »Um Gottes willen, nur fort von hier, fort von hier,« rief sie sich zu, damit er sie nicht noch erkannte. Aber sie war im Augenblick unfähig aufzustehen. In diesem Augenblick läutete der Fernsprecher. »Hallo,« rief Dorn, »ja, ja, er selbst ... wer? ... Wer? ... ach, ausgezeichnet, ... ja, es paßt mir sehr gut ... am liebsten beute abend, ich habe nichts vor ... in einer Stunde ...? Ja ... küß die Hand.« Obwohl Dorn sie noch etwas zurückzuhalten suchte, raffte Amélie sich auf, schlüpfte schnell in ihre Jacke und verließ ihn. Auch seine Begleitung verbat sie sich mit aufgeregten Gebärden. Erwin ging kopfschüttelnd in das Atelier zurück. Amélie eilte nach Haus, sie schlich durch das »Tirol« und war froh, niemanden zu sehen. Sie verging fast vor Scham. Dann verschloß sie sich in ihr Zimmer, legte sich zu Bett und schluchzte lange. Diese Demütigung war ja noch schlimmer als die, welche ihr Rittmeier in der Fastnacht zugefügt hatte. 38 »Ein ausgewachsenes junges Mädchen paßt nicht mehr in die Familie.« Dies war die Ansicht der Frau Schüler, die inzwischen im stillen aus Rücksicht auf Stehrs Stellung ihr Verhältnis zu ihm hatte legitimieren lassen. So mietete sich Lina ein eigenes Zimmer. Sie richtete es, wie sie glaubte, nach ihrem persönlichen Geschmack ein. In Wirklichkeit ahmte sie das nach, was in den ihr bekannten Kreisen jedermann tat. Man verabscheute dort alle Schnörkel und meinte, jedes Möbel müsse seinen Zweck zum Ausdruck bringen wie eine technische Eisenkonstruktion. Außerdem hatte man wenig Geld. Aus jener theoretischen und dieser praktischen Vorbedingung entstand ein nüchterner Stil, der zwar alles eigentlich Geschmacklose vermied, aber aus sich kein Behagen und keine persönliche Atmosphäre hervorzubringen imstande war. Lina ließ ihr Zimmer mit einer kühlen, graublauen Farbe streichen, die Möbel waren eckig und hart aus Tannenholz gezimmert und mit weißer Oelfarbe gemalt. Ein Stuhl hatte Armlehnen, und auf dem Sitz lag ein Kissen. Auf dem Ofen stand der Bambino von Donatello. An den Wänden hingen schmalgerahmte Photographien, meist nackte Menschen darstellend, denn nicht auf den Stoff, sondern nur auf die Kunst kam es an, und reife Menschen sind wohl imstande, menschliche Körper ohne sinnliche Erregung zu betrachten. Es war darum für Lina nicht ganz leicht, eine Aufwärterin zu finden; eine hatte erklärt, in »so an Saustall« ginge sie nicht, nein, das tät' sie nie und nimmer, ihr Mann sei Postbeamter gewesen und läg' auf dem nördlichen Friedhof, und das hätt' sie nicht nötig, in »so an Saustall« zu gehn. Im übrigen atmete der ganze Raum Weltanschauung, Protest gegen die Vergangenheit, Bereitschaft für alles neue. Hier hauste nun Lina, wie immer wenig gepflegt im Aeußeren und etwas burschikos in ihren Formen, obwohl sie theoretisch das heidnische Ideal der Körperpflege laut anerkannte. Das Hetärenideal hatte Lina inzwischen mit dem »Ethos der Mutterschaft« vertauscht, denn durch ganz Deutschland scholl der Schrei der Mädchen »nach dem Kinde«. In ihr modernes Zimmerchen hoffte Lina eines Abends zurückzukehren in der jubelnden Hoffnung auf Mutterschaft. Wer den Zweck will, muß auch die Mittel wollen, und dieses Mittel verabscheute sie nicht. Nichtsdestoweniger wurde es ihr nicht so leicht, das gewünschte Ziel zu erreichen. Es fehlte zwar nicht an unerfahrenen oder äußerlich nicht besonders gut weggekommenen Männern, die auf ihr entgegenkommendes Wesen bereitwillig antworteten. Sie liebte jenes gewisse Lächeln auf den Lippen des Mannes, das ausdrückt: »Ach, so ist es gemeint, nun, warum nicht?« Meistens aber waren ihre Kavaliere etwas schüchterner und bedächtiger Art, und wenn es sich um die letzten Dinge handelte, ließen sie eine gewisse Vorsicht merken, die Linas Hauptzweck durchkreuzte; wenn sie dann ganz offen erklärte, daß es ihr gerade um das Kind zu tun sei, dann zogen sie sich doch mehr oder weniger wieder zurück. So kam der Fastnachtsdienstag heran, ohne daß Lina einen Schritt weitergekommen wäre. Da traf sie denn im Café Luitpold Hermann Sanders. Dieser hatte inzwischen in einer vielleicht noch größeren Gefühlsverwirrung gelebt, als Amélie und Lina. Für den Umgang mit dem Fürsten und dessen Philosophie besaß er weder die Reife noch die Stärke des Charakters. So sah er in dessen Lehren die Rechtfertigung, allen Trieben, die er fühlte, nachzugeben. Es war nicht brutale Gier, was ihn bewegte. Seine Sinne sehnten sich aus der Welt des literarischen Geschwätzes hinaus zu natürlichen, einfachen Frauen, und da er selber wenig Antrieb und Geschick besaß, verfiel er notwendigerweise immer wieder auf leicht zu gewinnende Mädchen der niederen Stände. Er glaubte auch bemerkt zu haben, daß zuviel äußerer Glanz die Seele der Frau ungünstig umgestaltet. »Sogenannte Prachtweiber hasse ich,« sagte er immer. Das führte ihn zu den Bescheideneren, obwohl er sich nicht verhehlte, daß die Wurzel dieser Eigenschaft oft Unvollkommenheit war. War eine zu entgegenkommend, so stieß ihn das bald ab, war sie es nicht, dann wagte er sich nicht vor. So trieb er von einer zur andern und das machte ihn, der gar nicht dazu veranlagt war, flatterhaft. Die ungeheuren Stimmungsreize, die oft mit seinen Schleichwegen verbunden waren, sowie die Erinnerung an seine Gänge mit dem Fürsten dienten ihm dazu, eine künstlerische und philosophische Rechtfertigung für dieses Leben zu suchen. Nichtsdestoweniger litt er unsäglich unter dem Gefühl, haltlos in einen Abgrund zu sinken. Da bemächtigte sich Lina Schüler seiner von neuem. Hermann saß in jener ereignisvollen Fastnacht, die im Hause des Fürsten enden sollte, einsilbig und mürrisch im Café Luitpold unter den Fröhlichen. Er hatte, ohne daß es ihm recht darauf ankam, ein paar Fetzen angezogen, eine Art mittelalterlicher Landsknechtkleidung von gelbbraunem Tuch, die ihm von einem Künstler geliehen worden war. Als Lina ihn erkannte, stürzte sie vergnügt auf ihn zu und erinnerte an ihre gemeinsamen Stunden auf dem Sonnenwendfest im vorigen Sommer. Sie setzte sich dicht zu ihm und faßte seinen Arm, bisweilen ließ sie die Hand auf seinem Knie ruhen, und Hermann fühlte die Wärme, die sie ausstrahlte. Anfangs stieß ihn zwar, wie im vorigen Sommer, ihre Art und Weise etwas ab, aber bald gelang es ihr, diese Kritik zu verdrängen, indem sie seinen Sinnen zu schmeicheln verstand. Eine Zeitlang saßen sie etwas abseits von den übrigen auf einem roten Ecksofa. »Weißt du, daß du eine Frau ganz wahnsinnig machen kannst?« sagte sie einmal. »So, ich?« fragte Hermann verwundert und blickte sie unentschlossen an. Er sah in das verschwommene Gesicht mit dem stets etwas wirren und verwahrlosten Haar; er konnte sie ganz und gar nicht reizend finden, fühlte sich aber doch immer mehr von ihr mit Beschlag belegt. »Deine Passivität hat etwas geradezu Herausforderndes. Ist dir das noch nicht gesagt worden?« »Nein, noch nie,« erwiderte Hermann naiv verwundert. »Du bist wirklich ein unglaublicher Bengel!« rief sie mit überlegenem Ton, und sie kam ihm so nahe, daß er sie von selber küßte. »Denk' nur an,« scherzte sie lachend, »nun hast du mir sogar einen Kuß gegeben. Das ist wirklich für deine Verhältnisse schon eine Leistung.« Hermann mußte selber lachen, und er war im Grunde glücklich darüber, daß sie ihn zu dieser Leistung angespornt hatte. »Wenn ich nicht die Geschichte mit Bettina Selch wüßte,« fing Lina wieder an, »so könnte ich glauben, du hättest noch gar nichts mit Frauen erlebt. Oder aber sie müssen dich schrecklich verwöhnt und dir jede Mühe des Angriffs erspart haben.« Hermann fühlte sich durch diese Bemerkung gehoben, und wenn er an seine wenigen, etwas persönlicheren Erlebnisse mit Frauen zurückdachte, so sah er allerdings meist nicht mehr ganz junge, aber lebhafte Mädchen vor sich, die sich nicht gescheut hatten, ihm gegenüber den Angriff zu unternehmen; das schien ihm auf einmal gar nicht mehr als eine Unvollkommenheit seiner Natur, im Gegenteil, er fühlte sich durch die Auslegung, die Lina diesen Dingen gab, ein wenig wie ein Pascha. Sein Selbstbewußtsein stieg, und er sagte lächelnd: »Ja, das ist wahr; wenn sich eine Frau nicht erst für mich interessiert, ich fange nicht an.« »Es ist wunderbar,« erklärte plötzlich Lina, »wie sich in unserer Zeit die Geschlechtsunterschiede verwischen. Die Männer nehmen immer mehr weibliche und die Frauen immer mehr männliche Eigenschaften an. Mir zum Beispiel gefällt das gerade wahnsinnig bei dir, daß man um dich werben muß. Das hat einen unglaublichen Reiz.« Hermann lächelte befriedigt. »Und dir macht es doch offenbar auch ganz viel Spaß, um dich werben zu lassen, du Spitzbube du!« Hermann war zumut wie einem Kater, den man hinter den Ohren kraut; er hätte am liebsten vor Vergnügen geschnurrt. Lina kam am Morgen nach den Vorfällen im »Tirol« beglückt nach Hause. Nun hatte sie wenigstens die erste notwendige Vorbedingung für ihr Ziel erfüllt. Hermann dagegen war den ganzen folgenden Tag über mißgelaunt; ein über das andere Mal sagte er sich: »Ich liebe sie nicht, ich liebe sie nicht, nein, ich liebe sie nicht,« und dann wiederholte er immer wieder: »Es gibt ein Unglück, es gibt ein Unglück.« Schließlich sagte er sich: »Alles ist mir wurst.« Am Nachmittag wollte er ins Kaffeehaus gehen, aber als er hinauskam, war ihm der Gedanke furchtbar, unter Menschen zu sitzen, mit denen er über alles mögliche Gleichgültige sprechen mußte. Obgleich am Abend Lina in das Tirol kommen wollte, zog es ihn jetzt schon in ihr dämmriges Zimmer, wo er früher schon einmal gewesen war, und der Gedanke, dort alles Quälende zu vergessen, verführte ihn immer mehr, während gleichzeitig seine Sinne nach ihren schwülen Liebkosungen begehrten. Hie und da war ihm zwar zumut, als sei etwas Unappetitliches an ihr, etwas, was ihn in manchen Stunden geradezu abstoßen müßte, aber dann schien ihm wieder, daß er wohl in der Lage sein würde, das zu überwinden. Als er zu Lina kam, traf er dort Oesterot. Das war ihm zunächst nicht recht. Der Doktor sah bleich und schwammig aus. Unter den wallenden Gewändern des Faschings hatte man nicht gesehen, wie fett er geworden war. Er schien entzückt über Hermanns Besuch, und seine großen weißen Hände griffen nach ihm, als müsse er ihn ganz für sich haben. Seine Lebhaftigkeit war so stark wie immer, doch hatte sie etwas Krampfhaftes bekommen. Er sprach gegen die Frauenemanzipation der Rechtlerinnen. »Es ist wundervoll, Philipp,« rief Lina begeistert aus, »wie Sie solche Dinge aussprechen können, die unsereiner nur fühlt. Nein, von der Frauenemanzipation will ich auch gar nichts wissen. Wenn ich von Freiheit spreche, so meine ich nur ... es ist so schwer, dies alles auszudrücken – die Freiheit der Instinkte, der mütterlichen Natur.« »Ja, das ist es. Sie haben den rechten Riecher für diese Dinge, Lina.« Oesterot nahm seinen Hut, umarmte Hermann und verabschiedete sich. Hermann machte es einen tiefen Eindruck, daß Oesterot Lina so sehr schätzte, und das gab ihr in seinen Augen einen Glanz. Sie war doch offenbar sehr gescheit. Sie hatte Oesterot hinausgebracht und nun kam sie zu ihm zurück, legte die Hände auf seine Schultern und gab ihm einen Kuß. »Das ist schön, daß du heute gekommen bist! Hast du keinen Kater von dem Fest?« »Doch, ein bißchen.« »Ich bin auch etwas müde, weißt du, das Schönste wäre, du bliebst heute abend hier und ich sorgte für Abendessen.« Dieser Vorschlag gefiel Hermann ausnehmend. Lina zündete die Lampe an, brachte Hermann das Abendblatt herein und sagte: »So, nun laß ich dich eine Viertelstunde allein und kaufe ein. Dann machen wir Tee und essen zusammen.« Sie ging, und Hermann fühlte sich geradezu glücklich; die Mattigkeit, die noch in ihm war, tat ihm wohl. Er setzte sich an die Lampe und las die Zeitung. In Holzkirchen hatte man einen Neger wegen Heiratsschwindel verhaftet. Im Volkstheater war ein Garderobenbrand ausgebrochen. Der Schaden sei noch nicht zu berechnen. Der Prinzregent hatte beim Professor Keller Tee getrunken. Die Prinzessin Gisela hütete eines leichten gastrischen Fiebers wegen das Bett. Es sei unbedenklich. Prof. Orterer hätte durch seine letzte Rede nachgerade das Maß vollgemacht. Auf seine Unterstellungen zu antworten, erübrige sich. Nach einiger Zeit kehrte Lina zurück. Es gefiel Hermann, sie, während er las, draußen herumwirtschaften zu hören; dann kam sie herein, verstand es, nett den Tisch zu decken und in hausmütterlicher Weise zu walten. Sie drängte ihn nicht zu vielem Reden, sondern schonte seine Ruhebedürftigkeit, und bald saßen sie sich behaglich gegenüber. Sie sprachen hauptsächlich von dem Neger in Holzkirchen. Lina sagte, der Negertypus könne sie nicht reizen, eher noch ein Indianer. Gegen elf Uhr ging Hermann nach Hause, und unterwegs sagte er sich: »Ich werde sie heiraten, es ist das einzig Richtige.« Nun ging er jeden Abend zu ihr und war glücklich dabei. Nach einigen Tagen sagte er, nachdem er eine Zeitlang stillschweigend dagesessen und eine Zigarette geraucht hatte: »Weißt du, das beste wäre eigentlich, wir würden uns heiraten.« Lina lachte und erwidert«: »Wenn du es unbedingt für notwendig hältst, unserem Verhältnis einen konventionellen Charakter zu geben, meinetwegen.« Darauf wußte er nichts zu antworten, und als er auf dem Heimweg war, fragte er sich: »Bin ich nun eigentlich verlobt oder nicht?« Als er am folgenden Tage wiederkam, half ihm Lina bereitwillig aus seinen Zweifeln. Sie hatte mit ihrer Mutter gesprochen, diese erwartete heute abend Hermann um halb acht, er solle dann zum Essen dableiben und auf acht Uhr auch Amélie einladen. »Muß ich dann um deine Hand anhalten?« fragte er. »Nein,« erwiderte Lina lachend, »das hast du nicht nötig. Die Mutter weiß schon. Geh jetzt nach Hause und sag' es Amélie.« Er fand sie in ihrem Zimmer bei einem Buch.   »Amélie,« sagte er kurz, »ich muß dir etwas Wichtiges sagen. Ich habe mich verlobt.« »Ach,« erwidert« sie, »mit Lina?« »Ja. Du sollst heute abend um acht Uhr hinkommen zum Essen.« Damit ging er wieder hinaus. Frau Schüler machte ihm den Antrag nicht schwer. »Also ich hab nix dagäche,« sagte sie gleich, als er hereinkam, »nur misse Se mer sage, ob Se auch in der Lag' sin', die Lina zu ernähr'n?« »Oh, ich habe ja Vermögen,« sagte Hermann. »Und dann hawe Se doch auch noch e' reich' Großmutter?« »Ja, von meiner Großmutter habe ich später noch einmal ein größeres Vermögen zu erwarten.« »No, da kenne Se doch ruhig das, was Se jetzt hawe, verbrauche?« meinte Frau Schüler. »Wieviel is es denn?« »Das habe ich noch nicht genau berechnet. Es ist nicht alles in barem Geld, einen Teil habe ich auch schon verbraucht. Vor einem Jahr betrugen die Zinsen ungefähr dreitausend Mark.« »Bloß die Zinse?« rief Frau Schüler lebhaft. »No, dann hawe Se ja mindestens fünfundsiebzigdausend Mark – bis die all' sind, da geht noch viel Wasser die Isar enunner. Damit wär' also das Geschäftliche erledigt.« Während Hermann mit Frau Schüler gesprochen hatte, war Lina draußen mit der Vorbereitung des Abendessens beschäftigt gewesen. Um acht Uhr kam Amélie, Lina öffnete, fiel ihr sofort um den Hals und küßte sie. »Nun sind wir ja so gut wie Schwestern,« sagte sie, und Amélie, die zwar über diese plötzliche Herzlichkeit etwas erstaunt war, ließ sie ruhig geschehen. Dann erschien auch Ludwig Stehr mit etwas unwirschem Ausdruck im Gesicht, aber er gab Hermann die Hand und grüßte Amélie mit etwas umständlicher Höflichkeit. Bei Tisch kam es zu keiner rechten Stimmung, da Ludwig Stehr fast beleidigend schweigsam blieb. Er hatte einen dunkelroten Kopf, die Stirnadern waren geschwollen, hier und da schien es, als unterdrücke er einen Seufzer. Frau Schüler bestritt die Kosten der Unterhaltung, und Lina suchte Hermann dadurch in Stimmung zu bringen, daß sie unter dem Tisch ihren Fuß auf den seinen stellte. Amélie war in Verlegenheit. Sie wußte nicht, was sie sagen sollte. »Jetzt misse mer awer des Brautpaar hochläwe lasse,« rief Frau Schüler. Lina stand lächelnd auf und holte eine Flasche eines besonders guten Weines, der zu diesem Zweck bereitgestellt worden war. In der spießbürgerlich behaglichen Einrichtung der Frau Schüler-Stehr waren gewissermaßen kleine Altäre der Modernität aufgestellt. Ueber dem altmodischen Tafelklavier hing zum Beispiel eine große Reproduktion des Krieges von Stuck, eines Bildes, auf dem eine phantastische Gestalt über geblähte, nackte Leiber reitet. Das alte Familiensofa war kürzlich mit einem großblumigen Stoff eines neuzeitlichen Kunstgewerblers frisch überzogen worden, und auf dem Vertiko im gekräuselten Muschelgeschmack der siebziger Jahre standen ein paar strenglinige Weingläser aus einer modernen Werkstätte. Diese holte nun Lina herbei und goß den Moselwein ein. Als man gerade die Gläser ergriff, um auf das Brautpaar anzustoßen, zuckte Ludwig Stehr plötzlich heftig zusammen und warf sein volles, kostbares Glas mit solcher Gewalt zu Boden, daß es zerschellte. Dann sprang er auf und eilte ins Nebenzimmer. Die Zurückgebliebenen blickten sich sprachlos an. »Mutter, du mußt zu ihm hineingehen,« drängte Lina, die von diesem Vorgang am wenigsten überrascht schien, und Frau Stehr ging in das Nebenzimmer, wo man plötzlich lautes Schluchzen vernahm. Amélie wünschte sich meilenweit weg, und Hermann blickte fragend auf Lina. »Ach, du weißt doch, Hermann, der Ludwig liebt mich doch, und da ist es natürlich schwer für ihn, jetzt meine Verlobung zu feiern. Aber einmal mußte es ja doch kommen, nicht?« Frau Stehr kam wieder in das Zimmer und lachte über ihr ganzes, breites Gesicht. »Gott,« sagte sie, »der Ludwig hat widder sei' Idee' im Kopp. Er meint, der Hermann wär' noch zu jung, denn fir die Lina is em keiner bedeutend genug. No, der Hermann kann auch noch emal en großer Mann werde'. Der Ludwig hat immer gemeint, die Lina deht e mal ein' von seine' bedeutende Freund' heirate'.« »Ach, einen von den sogenannten Herrgöttern,« spottete diese, »die sind ja aber doch schon alle verheiratet.« »Das ham ich em auch gesagt,« erwiderte Frau Stehr. Da ging plötzlich die Tür auf, und Ludwig Stehr kam gefaßt herein. Er nahm Lina bei der Hand, führte sie zu Hermann und ergriff dessen Rechte, dann sagte er feierlich, doch aus ehrlicher Ueberzeugung: »Es ist das Teuerste, was ich besitze, das ich dir jetzt übergebe. Verzeih mir, daß es mir einen Augenblick schwer gefallen ist. Ich habe es aber jetzt überwunden. Hoffentlich wirst du die Gabe zu würdigen wissen. Du bist noch jung und hast noch Gelegenheit, dich ihrer würdig zu erweisen. Lina ist eine große und bedeutende Natur, und du mußt sie dir in der Ehe erst erwerben, um sie wirklich zu besitzen.« Die übertriebene Feierlichkeit, mit der er sprach, wirkte peinlich auf Amélie, aber Hermann fühlte sich erschüttert. Zum ersten Male wurde ihm der Ernst seines Schrittes ganz bewußt. Es war wie eine Erleichterung, als Stehr sagte: »Verzeiht mir, daß ich den Rest des Abends allein verbringen will.« Dann ging er wieder hinaus. Frau Schüler lachte gutmütig und sagte: »No, er is doch e'mal so e feierlich Nadur, das wisse' mer ja, awer schö' gesproche' hat er, das muß ma'm lasse', das versteht er.« Bald gingen auch Amélie und Hermann. Unterwegs sprachen sie sehr wenig. Als sie in das »Tirol« kamen, fiel Amélie Hermann um den Hals und weinte. »Ach, Hermann,« sagte sie, »hoffentlich wirst du recht, recht glücklich!« »Ach glücklich ...« antwortete er fast wegwerfend. Am folgenden Tag schrieb Hermann an seinen Bruder Kurt, wie gewöhnlich in etwas schroffem Ton, als ob dieser irgendein Unrecht gegen ihn begangen habe. Hermann erklärte ihm, daß er verlobt sei, infolgedessen Geld brauche und daß deshalb noch eine gemeinsame Hypothek gekündigt werden müsse. Kurt antwortete umgehend, daß davon allerdings noch einige tausend Mark auf ihn entfallen würden, der Rest des Vermögens aber bestünde aus gemeinsamem Grundbesitz, der im Augenblick nicht veräußert werden könne. Die Großmutter fragte mit leisem Vorwurf, warum denn Hermann nicht mehr Vertrauen zu ihr habe und ihr nichts Näheres über seine geplante Ehe und die Persönlichkeit seiner Braut mitteilen wolle, er könne doch sicher sein, daß sie bei ihr mit offenen Armen empfangen werden würde. Dieser Brief erfüllte Hermann mit tiefem Unmut. Er wußte wohl, daß Lina der Großmutter und dem Bruder nicht gefallen konnte. Er schrieb der Großmutter kurz zurück, daß er sie, nachdem er verheiratet sei, mit seiner Frau besuchen wolle.   Als Dr. Cornelius Amélie zum erstenmal besuchte, saß sie bei offenen Fenstern im »Tirol«. Es war ein warmer Frühlingsnachmittag, der den Kopf etwas schwer machte. Sie sagte: »Wissen Sie schon das neueste? Hermann hat sich mit Lina Schüler verlobt.« Cornelius war äußerst betroffen. »Was,« rief er, »ist das möglich?« »Halten Sie es nicht für gut?« »Wer kann darüber urteilen, jeder muß selber wissen, wie er glücklich werden kann.« »Das ist wahr.« »Wissen Sie nun, wie Sie es am besten werden?« fragte Cornelius lächelnd. Amélie schaute ihn an, dann schlug sie die Augen nieder. Cornelius sprang auf, riß sie an sich und rief vergnügt: »Endlich! Endlich! Leicht hast du mir's nicht gemacht.« Er blieb zum Abendessen im »Tirol«; Hermann kam und beglückwünschte die beiden wohlgelaunt. Er beschloß, sofort Lina herüberzuholen, und nun saßen die vier beisammen und tranken auf die Zukunft. Als Cornelius im Laufe des Abends Amélie fragte, ob sie nicht in ihre Heimat fahren und der Großmutter einen Besuch machen wollten, entstand ein peinliches Schweigen, aber Hermann erklärte schnell: »Das geht jetzt nicht, Paul; es ist augenblicklich wieder einmal eine Spannung zwischen uns und zu Hause wegen der Vermögensangelegenheiten. Aber wenn wir verheiratet sind, können wir ja im Sommer einmal alle zusammen hinfahren.« Dieser Aufschub war Cornelius im Grunde nicht recht, aber es schien ihm nicht am Platz, die Frage jetzt weiter zu erörtern. Gegen Mitternacht ging er nach Hause, an den Vorgärten der Königinstraße entlang, aus deren Laub sich ein scheuer Duft wie von Flieder oder Jasmin ahnungsvoll löste. Amélie schrieb noch in derselben Nacht auf ein mattlila Kärtchen an Erich: »Sehr geehrter Herr, hiermit gebe ich Ihnen Ihre Freiheit zurück, da ich mich anderweitig gebunden habe. Hochachtungsvoll Amélie Sanders. Gleichzeitig lag Hermann einsam auf seinem Lager und sagte sich: »Ich liebe sie nicht, ich liebe sie nicht. Es gibt ein Unglück. Aber mir ist alles Wurst.« Siebentes Kapitel Hölle 39 Die Geschwister heirateten am selben Tage im Mai. Von einer kirchlichen Trauung sah man »selbstredend« ab. Hermann und Lina fuhren donauabwärts nach Passau und Linz, Cornelius und Amélie donauaufwärts nach Augsburg und Ulm. Als Cornelius gegen Abend mit seiner jungen Frau in Ulm auf einer Höhe oberhalb der dort flachen Donau mit der freien Aussicht in das sandige Flußtal entlang ging, da glaubte er, an der Seite Amélies das Höchste leisten zu können und den Mut zu gewinnen, jedem Schicksalsschlage des Lebens entgegenzutreten. Er sagte es ihr; Amélie gelobte sich, alles zu tun, um dieses gesteigerte Dasein dauernd zu erhalten. Alle Irrtümer ihres Lebens lagen weit hinter ihr, und als sie mit Cornelius in der kleinen Laube saß, da konnte sie sich des Weinens nicht enthalten, warf sich an seine Brust und sagte: »Ach, wenn du nur wüßtest, wie wenig ich dieses Glück verdiene, und wie dankbar ich dir bin, daß du mich aus all' der Verwirrung herausgerissen hast, in die ich geraten war.« Sie schoben die Rückkehr von Tag zu Tag hinaus, vielleicht in dem dunklen Gefühl, daß sie ihrem großen Glück ein schnelles Ende bereiten würde.   Das junge Paar, das, heimgekehrt, noch in Cornelius' kleiner Junggesellenwohnung hauste, weil es die Absicht hatte, viel zu reisen und später erst eine größere Wohnung zu nehmen, hatte in vollster Eintracht gefrühstückt; Amélie fühlte sich sehr wohl als Herrin der reizenden kleinen Räume, in denen sie früher nur als Gast gewesen war. Sie küßte Cornelius, der noch am Tisch saß, und sagte, es sei nun Zeit, zur Schneiderin zu gehen. Cornelius solle nicht vergessen, sie pünktlich um halb zehn Uhr dort abzuholen, um einige gemeinsame Einkäufe in der Stadt mit ihr zu machen. Die alte Wirtschafterin, Frau Schrecken, die man vorläufig behalten hatte, half ihr in die Jacke, und Amélie ging, glücklich in dem Gefühl, eine junge Frau zu sein, das ganze Leben rosig sehend, die Leopoldstraße hinunter, wo sie die Trambahn bestieg. Sie ahnte nicht, daß dies die letzten glücklichen Minuten ihrer Ehe waren. Die Schneiderin war Cornelius von einer alten Freundin, Lissy von Landeck, empfohlen worden, einer geschiedenen Frau, bei der er als Junggeselle viel verkehrt hatte. Als Amélie das Haus, wo die Schneiderin wohnte, betrat, legte sich auf einmal eine Wolke des Unmutes über sie, und plötzlich wurde ihr klar, daß sie eigentlich ungern hierherging. Lissy hatte sie nur flüchtig kennengelernt, und sie war ihr in ihrer konventionellen Eleganz und etwas leichtfertig mondänen Gesprächigkeit fremd geblieben. Jetzt aber erinnerte sie sich, daß ihr der Gedanke, bei der Schneiderin dieser Dame arbeiten zu lassen und dadurch etwa unter ihren Geschmackseinfluß zu kommen von Anfang an unangenehm war. Plötzlich erwachte in ihr der Gedanke: »Gewiß ist diese Lissy seine Geliebte gewesen.« Oh, sie war keine kleinliche Frau, danach fragte sie nicht, was ihr Mann vor der Ehe getan hatte; aber das schien ihr doch ein bißchen stark, daß sie, die Künstlerin, nun bei der Schneiderin der Geliebten, einer Modedame, arbeiten lassen sollte, vermutlich, um ihr ähnlich zu werden. Die Schneiderin Deiglmayer bewohnte ein elegantes Stockwerk; ein kleines Lehrmädchen, dem hie und da weiße Fäden an der schwarzen Bluse hafteten, öffnete und führte Amélie in das Empfangszimmer, das mit nachgeahmten Rokokomöbeln konventionell ausgestattet war. Rundherum hingen einige fertige Kleider an Ständern. Die Schneiderin kam herein, eine etwa vierzigjährige, große, sorgfältig toupierte Dame von außerordentlich abwechslungsreicher Figur. Die starke Büste verengte sich herzförmig zu einer Wespentaille, dann folgten rundliche Vorsprünge, die nach den Füßen zu wiederum spitz verliefen. Sie verband Weltgewandtheit mit einer etwas ungebildeten Aussprache. Amélie fühlte plötzlich Haß und Verachtung in sich gegen dieses Wesen, das soviel sicherer als sie, und ihr doch offenbar an Bildung weit unterlegen war. Die Schneiderin ging sofort mit einem höflichen Lächeln, das ihren goldplombenreichen Mund nie ganz verließ, zu der sachlichen Besprechung über, und Amélie kam es vor, als ob ihr Blick mißbilligend ihre Schwabinger Kleidung von unten nach oben streifte, und als ob sie dabei dachte: »Nun, dich wollen wir hier bald ganz anders herrichten, du wirst Augen machen.« Mit hochmütigem Lächeln, das ihr Sicherheit geben sollte, betrachtete Amélie die Modebilder und ärgerte sich über die Puppengesichter. »Nein, von alledem kann ich gar nichts gebrauchen,« sagte sie kurz. Die Deiglmayer erschöpfte sich in Vorschlägen, aber Amélie lehnte alles ab. In ungeschickter Weise schlug sie selbst einiges vor, wogegen jene stets technische Einwendungen hatte. Wenn die Schneiderin sagte, so etwas trüge aber kein Mensch, dann erwiderte Amélie: »Nun, dann werde ich es tragen.« Inzwischen hatte das Lehrmädchen Stoffe herbeigebracht, deren an Herrenkleidung erinnernde Muster eher Amélies Beifall fanden. Die Deiglmayer rühmte einen Einsatz aus einem farbigen, geblumten Seidestoff, der Amélie auch zu gefallen schien. Um sie zur Entscheidung zu bringen, sagte jene: »Akkurat denselben Einsatz hat auch die Frau von Landeck gewählt.« Da warf Amélie plötzlich den Einsatz beiseite und griff nach einem anderen Stoff. Die Schneiderin war ratlos, während Amélie mit ihrem trotzigen Kindergesichtchen dasaß und eine Freude daran fand, die Person in Verwunderung zu setzen. Schließlich mußte diese an ihre Arbeit gehen und sagte: »Vielleicht überlegen sich gnä' Frau noch einmal allein, was Sie wählen wollen; ich gehe einen Augenblick hinüber zu einer Kundin.« Nun saß Amélie ratlos zwischen den Stoffen und den Rokokomöbeln, und ein Gefühl tiefster Niedergeschlagenheit lastete auf ihr. Sie dachte an Cornelius; die alte Wut gegen ihn stieg in ihr auf. Ihre Eigenart würde sie sich in der Ehe bewahren. Darin verstand sie keinen Scherz. Und sie wappnete sich mit Mut und Entschlossenheit und hatte schon einige treffende Antworten bereit, falls er ihr widersprechen würde. Es klingelte, Cornelius wurde hereingeführt. Er hatte einen heiteren Ausdruck im Gesicht, ergriff Amélies Hände, die er küßte, dann fragte er: »Nun? Hast du etwas, was dir gefällt?« »Nein,« erwiderte Amélie kurz, »hier finde ich überhaupt nichts.« »Aber sie hat doch versprochen, alles nach deinen Angaben zu machen,« beruhigte Cornelius. »Hier bleibe ich nicht länger. Ich begreife gar nicht, warum ich mich nach dem Geschmack deiner früheren Geliebten anziehen soll.« Cornelius traute seinen Ohren nicht. Eine Stimme in seinem Innern warnte ihn davor, auf diesen Angriff gleich zu antworten. Er setzte sich nieder, und eine Traurigkeit kam über ihn, als wüßte er nun nach dieser Bemerkung, daß zwischen ihm und Amélie kein Glück mehr sein könnte. Sein Schweigen reizte sie. »Nun? Warum sagst du nichts?« »Was soll ich auf eine solche Ungeheuerlichkeit sagen?« Beide schwiegen, dann sagte er: »Ein Kleid mußt du doch haben. Wenn wir zu einer anderen Schneiderin gehen, so wird sie vielleicht einen Termin in zwei bis drei Wochen ansetzen, denn jetzt im Frühling haben doch alle die Hände voll zu tun.« »Nun, du hast es ja gut verstanden, mich in diese Zwangslage zu bringen.« Cornelius lächelte. Im Grunde kam ihm das alles auf einmal furchtbar kindisch vor. Inzwischen kam die Deiglmayer wieder herein, begrüßte Cornelius und fragte: »Nun, haben sich die Herrschaften für etwas entschieden?« Als sie noch die Unentschlossenheit Amélies sah, trat sie an Cornelius mit einigen Vorschlägen heran. Er sagte: »Ja, das finde ich sehr hübsch. Wenn es dir gefällt?« »Mir ist es gleich, wähle du nach deinem Geschmack, ich füge mich dann. Was bleibt mir denn anderes übrig?« Die Schneiderin wendete sich nun dauernd an Cornelius, aus Amélie war weder ein Wort der Billigung noch der Mißbilligung herauszubekommen; wie ein armes Opferlamm unterzog sie sich dem Maßnehmen und ging mit Märtyrermiene auf alles ein. In diesen Tagen sprach Amélie kein Wort zu Cornelius, wenn er sie nicht fragte, und auch dann immer in einem kurzen, schnippischen Ton. Als er ihr am ersten Abend gute Nacht sagte und sie küssen wollte, ließ sie es nicht geschehen. Am nächsten Abend aber sagte er ihr, während sie im Kerzenlicht in ihrem spitzenbesetzten Nachthemd neben ihm lag: »Amélie, das geht nicht. Ich habe dich zu lieb, als daß ich noch einmal unversöhnt mit dir einschlafen könnte. Das darf in unserer Ehe nicht wieder geschehen, wie wir uns gestern gute Nacht gesagt haben. Wir wollen uns vornehmen, nie mehr mit einem bösen Gedanken gegeneinander einzuschlafen.« »Ich habe keine bösen Gedanken.« Sie drehte ihre Bettlampe aus. Nun beschwor er sie, doch diese Kleinlichkeiten zu vergessen. »Das find keine Kleinlichkeiten, es handelt sich nicht um das lumpige Kleid, sondern ganz einfach darum, daß ich nach deiner Art gemodelt werden soll. Bitte, drehe dein Licht aus, ich will schlafen.« Diese Unterhaltung dehnte sich in der Dunkelheit bis tief in die Nacht hinein, und, als schon bläulicher Schimmer durch die Spalten zwischen Vorhängen und Wand ins Schlafzimmer fiel, verzichtete Cornelius in tiefstem Schmerz wieder darauf, sich vor dem Einschlafen mit ihr zu versöhnen. Er ahnte nicht, daß solche Nächte nun bezeichnend für seine Ehe werden sollten. Am dritten Tag sollte die letzte Anprobe sein, Amélie ging nach Tisch zur Schneiderin. Am Abend schien sie wie umgewandelt. Sie war heiter, ihr Ton freundlich, und offenbar legte sie es darauf an, sich mit Cornelius wieder zu versöhnen. Als er beim Abendessen fragte: »Nun, wie ist denn das Kleid geworden?« sagte sie: »Ach, ganz nett. Nichts Besonderes, aber es geht.« Cornelius verlangte keine weiteren Aufklärungen, schlug vielmehr vor, nach dem Essen durch den Englischen Garten zu gehen und beim chinesischen Turm etwas zu rasten. Sie kehrten dann durch die feuchten, von nächtlichem Laub umrauschten Wege zurück, und dieses Mal sagten sie sich sehr zärtlich gute Nacht. In der Frühe wurde das Kleid abgegeben. Amelie konnte gar nicht abwarten, bis sie es anziehen würde, es gefiel ihr ausgezeichnet, und sie war glücklich darin. »Nun siehst du,« sagte Cornelius lachend, »wozu war nun alle diese Aufregung nötig?« »Bitte, fang nicht wieder an,« erwiderte sie, und er zog vor zu schweigen.   Derartige Auftritte kamen nun bei jeder Gelegenheit. Es war, als ob Amélie sich gegen alles auflehnte, was mit Cornelius' Dasein zusammenhing. Sie war einverstanden gewesen, daß man noch einige Monate seine alte Wohnung behielt, da sie eine lange Reise planten. Nun klagte sie plötzlich über die Enge der Wohnung, und daß es doch für sie eigentlich kein Vergnügen sei, in Räumen zu leben, in denen sich ein Teil des Junggesellenlebens ihres Mannes abgespielt habe. Außerdem wolle sie malen, dazu brauche sie Nordlicht, er solle nicht glauben, daß sie auf die Dauer diese inhaltlose Untätigkeit aushalte. Sie begann in ihren alten Pinseln und Malsachen zu kramen, die im »Tirol« seit langen Monaten müßig gelegen waren. »Bitte drück' nicht an der Tube, das ist Schweinfurter Grün.« »Wenn du willst, können wir ja unsere Reisepläne aufgeben und eine andere Wohnung nehmen. Bisher war aber deine Absicht anders gewesen.« »Komm mir nur nicht immer mit deiner Logik, die kann ich schon gar nicht vertragen. An Gründen fehlt es dir ja niemals.« Sie schmiß einen blechernen Farbenkasten hin und eilte hinaus. Nach einigen Minuten stürmte sie mit verweinten Augen herein, raffte ihre Malsachen zusammen, riß ihm die Tube aus der Hand und eilte mit diesen Gegenständen hinaus, als müßte sie die einzigen Erinnerungen an ein unwiederbringlich verlorenes Glück vor seinen rohen Händen in Sicherheit bringen. Mit der alten Wirtschafterin lebte sie in gespanntestem Verhältnis. Sie behauptete, die halte immer zu Cornelius und glaube, sie sei hier Herrin im Haus. Cornelius sah bald ein, daß der Zustand unhaltbar war, und Frau Schrecken, die sich in der Tat hie und da nachlässig zeigte und auf Zurechtweisungen nicht immer einen höflichen Ton bewahrte, mußte gehen. Zwei Tage nach ihrer Entlassung fand Amélie eine Brosche in ihrem Schreibzeug. Sie hatte sie vor einigen Tagen vermißt und unter Cornelius' Einspruch vor ihm Frau Schrecken des Diebstahls bezichtigt. Nachdem sie von dieser Entdeckung erst tief niedergeschlagen war, fühlte sie plötzlich alle ihre guten Instinkte in sich wach werden, und als Cornelius nach Hause kam, gestand sie ihm schon auf dem Vorplatz, wie ein reuiges Kind zu Boden blickend, daß die Brosche sich gefunden hätte. »Ich schäme mich ganz entsetzlich,« sagte sie. Cornelius war von diesem Bekenntnis gerührt. Es bewies ihm wieder, was für einen guten Charakter Amélie im Grunde besaß, wenn auch ihre Nerven sie hie und da zu Widersprüchen mit sich selber verleiteten. Trotzdem schien es Cornelius, als er ihr beim Essen gegenübersaß, als ob Amèlie durch die Art, wie er die Sache aufnahm, nicht zufrieden war. Am Abend gab es wieder einen Streit, und als Cornelius sie beim Gutenachtsagen küssen wollte, ließ sie es nicht geschehen. Nun wurde ihm klar, daß sie seine allzu große Zärtlichkeit nicht vertrug, und er überlegte sich, ob es nicht angebracht sei, ihr gegenüber härter zu sein. Er erinnerte sich, daß sie hier und da, nicht geradezu, aber doch mittelbar zu verstehen gegeben hatte, sie traue ihm nicht allzuviel »Schneid« zu. Die unbegründete Verdächtigung der alten Wirtschafterin war allerdings keine Kleinigkeit gewesen. Sollte Amélies eigenes Gerechtigkeitsgefühl unbefriedigt gewesen sein, weil er ihre Schuld, durch seine liebe schwach geworden, zu leicht nahm? Solche Gedanken beschäftigten ihn, wenn er nachts schlaflos neben ihr lag, vergeblich auf ein Wort oder eine versöhnliche Gebärde von ihr wartend. Cornelius bat sie eines Abends während des gewohnten Spaziergangs im Englischen Garten, doch etwas freundlicher gegen die Menschen zu sein, mit denen sie verkehrten. Er sei ferne davon, ihr irgendeinen vertrauten Umgang mit Leuten aufzuzwingen, die ihr nicht angenehm seien, aber gewisse äußere Rücksichten müsse man doch nehmen. »Ich weiß nicht, warum ich auf solche Idioten Rücksicht nehmen soll,« erwiderte Amélie im dunklen Schatten einer allein stehenden, mächtig duftenden Linde. In diesem Augenblick fühlte Cornelius eine maßlose Wut in sich aufsteigen und die Gespanntheit der letzten Wochen entlud sich plötzlich durch ein Ohrfeige. Amélie war davon wie niedergeschmettert. »Das ist aber – nein, das – das ist aber der Schluß!« rief sie ein paarmal aus. Cornelius antwortete nicht und ging im Dunkel ruhig neben ihr her. Schweigend kamen sie nach Hause. Dort wurden nur die notwendigsten Dinge in kurzen Worten und gedrücktem Ton gesprochen. Als sie zu Bett lagen, und das Licht gelöscht war, verzichtete Cornelius auf den gewohnten Gutenachtkuß, löschte das Licht und versuchte zu schlafen, da fühlte er im Dunkel plötzlich ihren Kuß mit einer Leidenschaftlichkeit, die er bei ihr noch nicht gekannt hatte. Dann folgte eine Reihe so ungetrübter Tage, wie sie seit der Rückkehr nach München noch nicht vorgekommen waren. Nach einigen Wochen schlug Amélie beim Abendessen, währenddessen sie zum erstenmal wieder verstimmt erschienen war, vor, wieder in den Englischen Garten zu gehen. Sie blieb genau an der Stelle, wo sie neulich die Ohrfeige bekommen hatte, stehen und sagte wie ein ungezogenes Kind, ohne jede Veranlassung: »Ich bin heute deiner Freundin Lissy begegnet, sie ist doch nichts anderes als eine blöde Gans.« Aber die erhoffte Ohrfeige kam diesmal nicht, Cornelius blickte sie nur kopfschüttelnd an und ging in tiefstem Schmerz neben ihr her. Amélie kochte vor Wut; als sie nach Hause kamen, verfiel sie plötzlich in einen ganz eigentümlichen Zustand von Zittern und Stöhnen; Cornelius zündete erschreckt Licht an und sah, daß sie eine richtige Nervenkrise hatte. Der Schaum trat ihr vor den Mund. Er machte ihr einen kalten Umschlag, redete ihr beruhigend zu, ihre Arme zuckten; schließlich griffen ihre Hände nach den seinen, und als sie sich beruhigt hatte, nahm sie seinen Kopf, drückte ihn an ihre Brust und sagte wie in tiefer Befriedigung: »Laß uns so ein bißchen ganz ruhig liegen.« Er ließ sich nun auf Auseinandersetzungen mit ihr nicht mehr ein; sobald sie aber zu Handlungen überging, wie z. B. zum Packen ihrer Koffer, um auf und davon zu gehen, nahm er sie am Handgelenk, führte sie ins Schlafzimmer, warf sie mit einem kräftigen Ruck aufs Bett und sagte: »Jetzt ruhst du dich zwei Stunden aus, damit du wieder zur Vernunft kommst. Die Koffer schließe ich ein.« Das tat er dann, und es hatte auch meist eine günstige Wirkung. Wenn er abends nach Hause kam und nicht mehr auf das Vorgefallene einging, konnte es sehr leicht kommen, daß sie ihm bald zärtlich in die Arme sank. Bei alledem erblühte Amelie körperlich immer mehr. Sie wurde etwas üppiger, frauenhafter, und Cornelius' Gefühle zu ihr ließen in keiner Weise nach. Wenn er sie gelegentlich außer dem Hause traf, sie auf der Straße von weitem kommen sah, oder in Gesellschaft beobachtete, dann freute es ihn manchmal, sie wie ein Unbekannter ganz objektiv zu betrachten, und sich zu gestehen, wie schön sie war und wie stolz er auf sie sein konnte. Aber je mehr er ihr huldigte und ohne vorherige Auftritte zärtlich zu ihr war, desto mehr mißhandelte sie ihn. Bei jeder Kleinigkeit fühlte sie das tiefste Wesen ihrer Persönlichkeit angegriffen; wenn es sich nur darum handelte, ob sie hier oder dort einen Besuch machen würden, sofort war eine Weltanschauungsfrage daraus gemacht, und sie rief aus: »Es gibt keine Kleinigkeiten, sondern alles hat Bedeutung. Wer mich nicht so nimmt, wie ich bin, mit dem kann ich nichts anfangen.« Derartige Antworten gab sie besonders, wenn Cornelius sie bat, bei Gesprächen über geschlechtliche Fragen, die in der Schwabinger Gesellschaft nicht zu den Seltenheiten gehörten, doch etwas zurückhaltender in ihren Urteilen zu sein. Das erbitterte sie, besonders daß er ihr die eigenen Erfahrungen absprach; und nun suchte sie aus allen möglichen kleinen Abenteuern ihres Mädchenlebens wichtige Geschichten zu machen, über die sie sich in geheimnisvollen Andeutungen erging, wobei sie aber ihre ernsthaften Erlebnisse, nämlich die Demütigungen, die sie durch Rittmeier und Erwin Dorn erlitten hatte, wohlweislich verschwieg. Vielmehr sprach sie auf einmal häufig von Baron Erich; über ihre einstige Verlobung mit ihm war Cornelius, dem sie nun Erich gegenüberstellte, unterrichtet. Ja gewiß, Erich war ein Taugenichts, wenn man will, ein Lump, das gab sie zu, aber er war der erste und einzige Mann gewesen, der in ihr die tiefsten weiblichen Instinkte erweckt hatte. So liebe man nur einmal im Leben, und man könne ja auch nicht verlangen, daß sich das wiederhole. Derartige Bemerkungen machte sie mit Vorliebe, nachdem sie gerade einige gute Tage mit Cornelius verbracht hatte und diesen darüber allzu glücklich sah. 40 In ihrer Gefühlsverwirrung, die mit einer ans Unwahrscheinliche grenzenden Unkenntnis des Lebens gepaart war, sah Frau Schüler in Hermann Sanders, dem ehemaligen Liebhaber der Halbweltlerin Bettina Selch, so etwas wie einen Lebemann, der seine eigenen Wege gegangen war, und infolgedessen an die Tochter in mancher Hinsicht andere Ansprüche stellen würde, als der unerfahrene, etwas plumpe Ludwig Stehr an sie. Sie hielt es daher für notwendig, mit Lina kurz vor der Verheiratung darüber ein Gespräch zu führen. »Die Hauptsach' is,« sagte sie eines Nachmittags am Kaffeetisch zu ihrer Tochter, »daß er dich nit für e' dumm Gä'nsche' hält. Nix find't so en Großstädter komischer, als e' spießbürgerlich Mädche' aus der Provinz. Also nur kei' falsch Schamhaftigkeit und Zurückhaltung. Was er von dir verlangt, des kannsde alles du', es is ja gar nix dabei.« Lina kam sich ein wenig überlegen vor, da Frau Stehr ja nicht wußte, was in der Fastnacht zwischen ihr und Hermann vorgegangen war. Dennoch hatte sie eine große Achtung vor der Liebeserfahrung der Mutter, die so kühn alle Schranken des konventionellen Lebens überschritten hatte, und in der sie den Typus der sich frei schenkenden Hetäre in deutlicher Ausprägung erblickte. »E Frau«, fuhr Frau Stehr, den Mund voll Kuchen, fort, »muß vor alle Dinge' dem Mann sei' Geliebte sei', nur des hält en fest bei ihr. Wie ich mit dem Ludwig zusamme' damals auf der Pariser Ausstellung gewäse bin, da hawe'm doch die Bauchdänzerinne' so gut gefalle; da haw' ich mer ganz genau abgeguckt, wie die arawische Mädcher des mache', un' nach e' paar Dag' konnt' ich's schon ganz gut. No, dem Ludwig sei' Auge hättsde seh' solle, wie ich em des eines Nachts e'mal vorgemacht hab'. Wie betrunke' is er gewäse vor Glick, und hat gerufe: Wenn mer auch wollt', Kathrine, dir kennt mer ja gar nit untreu werde', denn du vereinst ja die Reize von alle Fraue' in dir. No, un' wie dann nachher die Salomedänz' Mode geworde' sin', da haw' ich des auch noch gelernt.« Lina sah mit bewundernden Blicken auf die Mutter, die sich etwas verschluckt hatte, da sie Kuchenessen und Sprechen vereinen wollte. Diese fragte geschmeichelt: »Des hättsde deiner Mutter auch nit zugetraut, nit wahr?« fragte sie hustend, während Lina aufstand und ihr unaufgefordert etwas auf den breiten Rücken klopfte, bis der Brösel in die rechte Röhre geglitten war. »Danke schö«, es is schon widder gut. Jetzt, wo du selber e' verheirat't Frau wirst, da wolle mer Freundinne' sei' un' uns in der Beziehung alles sage', nit wahr?« »Ja, Mutter,« rief Lina bewegt und mit den besten Vorsätzen erfüllt, ihren jungen Mann ebenso glücklich zu machen, wie die Mutter den Ludwig Stehr. Lina war von einer brennenden Neugier erfüllt. Sie drängte daher Hermann oft zu Geständnissen über sein früheres Leben, und als er sah, mit wie flackernden Augen sie ihm zuhörte, empfand er selbst einen zwingenden Reiz, ihr davon zu erzählen. Ja, sie sollte alles wissen, seine Verirrungen kennen und sie verzeihen. Lina reizte es ganz besonders, daß Hermann die käufliche Liebe kannte. Sie wollte wissen, wie er zum erstenmal auf diesen Weg geraten war, und da erinnerte er sich auf einmal wieder eines längst vergessenen, aber, wie er jetzt fühlte, einschneidenden Erlebnisses, das er noch in seiner Heimatstadt gehabt hatte. An einem Frühlingsabend war er lüstern durch die Straßen geeilt, ohne den Mut zu finden, sich einer Frau zu nähern. Da trat plötzlich aus einer dämmerigen Gasse eine schwarzhaarige, schlanke Person an ihn heran mit blitzenden Augen und blanken Zähnen und rief in der Mundart der Stadt: »Komm bei mich, du jung Oos (Aas)!« Hermann wußte nicht, wie ihm geschah, schon hatte ihn das Mädchen in einen dunklen Hausflur gezogen, von wo sie ihn über eine schmale Holztreppe drängte, bis er mit ihr in einem engen, heißen, von Flitterkram behängten Raum versank. Seit dieser Zeit hatte er oft geglaubt, jenen Ruf zu vernehmen, der ihn wie ein Dämon in Abgründe hinabrief. Lina war von der Erzählung sehr erregt, und ihre Phantasie schweifte weit. »Gott sei Dank, daß das nun alles hinter mir liegt,« sagte Hermann, »um Gottes willen nicht mehr dahin zurück.« Am Nachmittag ihres Hochzeitstages fuhren Hermann und Lina nach Passau. Sie aßen abends fast allein in dem großen, unbehaglichen Speisesaal des Gasthofes, und als sie fertig waren, schlug es halb neun. Das war doch noch zu früh, um zu Bett zu gehen, meinte Hermann und überlegte, was man nun tun könne. Irgendeine Vorstellung war nicht an diesem Abend, und so gingen beide etwas planlos durch die Stadt, bis sie auf einem Platz ein kleines Kaffeehaus sahen. Dort traten sie ein, und Hermann verlangte illustrierte Zeitungen. Es war fast leer in dem Raum. Die Luft roch nach abgekühltem Tabaksqualm. Ein kaltes und doch trübes Licht ging von den Auerflammen mit zerrissenen Glühstrümpfen aus. In einer Ecke saß ein alter Mann mit langem, braunem Mantel. Mit zitteriger Hand führte er das Teeglas an den Mund und erzählte dem pompösen Bufettfräulein, es ginge ihm immer schlechter; aber seine Wirtschafterin habe ihm gesagt: »Herr Beuschel, jetzt gehn's halt a biss'l ins Kaffeehaus, das bringt Sie auf andre Gedanken.« So war er denn hier. »Der stirbt bald,« flüsterte Hermann. »Ach ...« rief Lina erstaunt. Beide blätterten eine Stunde lang in den Zeitungen; wohl niemand merkte ihnen an, daß sie ein junges Paar auf der Hochzeitsreise waren. Hermann empfand das, aber er sagte sich, als mache ihm jemand einen Vorwurf: »Ja, was soll ich denn sonst tun? Um neun Uhr kann man doch noch nicht zu Bett gehen.« Aber um halb zehn konnte man wohl; befreit stand Hermann auf und begab sich mit Lina in den Gasthof zurück. Als sie das große Zimmer betraten, in dessen Mitte zwei Betten nebeneinander standen, bemächtigte sich eine Unbehaglichkeit Hermanns, und Lina schien ihm geradezu wie eine Fremde. Wie kam er eigentlich dazu, mit ihr hier zu sein, während er gestern nacht noch allein in seinem Zimmerchen neben dem »Tirol« geschlafen hatte? Lina stand lachend mitten im Zimmer und begann ohne viel Federlesens sich zu entkleiden. Er ging etwas nervös herum, legte einstweilen seine Brieftasche auf den Nachttisch und zog seine Uhr auf; alles dies tat er mit viel mehr Sorgfalt als sonst. Da rief Lina auf einmal: »Komm bei mich, jung Oos!« und lachte dazu. Hermann schreckte geradezu auf bei diesem Ausruf, dann mußte er lachen, und er fühlte eine gewisse Befriedigung darüber, daß nun das Eis gebrochen sei; nichtsdestoweniger war auch ein Gefühl des Ekels in ihm, aber es gelang ihm infolge der Liebkosungen Linas dies fürs erste zu verdrängen. Vieles an ihr war ihm körperlich nicht angenehm, und wenn ihn der Gedanke durchzuckte, daß diese Frau mit diesem bestimmten Geruch und dieser bestimmten Art sich anzufühlen nun immer seine Frau sein würde, entsetzte er sich, aber er war imstande, im Augenblick alle Wolken schnell von sich wegzuschieben und sich von ihr in neue Umarmungen ziehen zu lassen. Da geschah es, daß Hermann gegen vier Uhr früh plötzlich starke Magenschmerzen fühlte, was sonst bei ihm nicht vorkam. Eine gewisse Schwere und etwas Unbehagen hatte er allerdings bereits nach dem Abendessen gespürt. Lina merkte, daß ihn irgend etwas quälte; er sagte ihr um so bereitwilliger, daß er Schmerzen habe, als er dadurch seine Niedergeschlagenheit verheimlichen konnte. Nun zeigte sie sich sehr gefällig, sie zündete einen Spirituskocher an, bereitete etwas heißes Wasser und machte ihm einen Umschlag, der die Schmerzen auch bald linderte. Schon fiel das erste Morgenlicht durch die Vorhänge, als er einschlummerte. Er schlief fest und traumlos. Als er um halb neun erwachte und die ganze Wirklichkeit ihm wieder vor Augen trat, da war er im Begriff, laut aufzuseufzen: »Es ist ganz entsetzlich!«, aber noch beherrschte er sich, während er auf die mit offenem Munde neben ihm schlafende Lina blickte, deren zerzaustes Haar sie unschön, geradezu verwahrlost erscheinen ließ. »Was soll ich nun tun?« dachte er, »mein Leben ist hin und verpfuscht.« Dann durchzuckte es ihn einen Augenblick: »Wenn ich ein rechter Kerl wäre, so würde ich jetzt aufstehen, meinen Irrtum anerkennen, sie zu ihrer Mutter zurückbringen und alle Folgen tragen.« Er malte sich aus, wie er selber weg von München gehen und ein ganz neues Leben beginnen könnte. Er stellte sich mit einer Art wollüstiger Grausamkeit vor, was ihre Mutter für ein Gesicht dazu machen würde. Dann blickte er wieder auf Lina, und obwohl sich beide eigentlich nicht ähnlich sahen, fühlte er die Verwandtschaft ihres Fleisches, und er sagte sich: »Ich hasse diese Rasse! Ich hasse sie!« Da erwachte Lina plötzlich, lächelnd griff sie nach seiner Hand und fragte ihn: »Nun, wie hast du geschlafen? Hast du noch Bauchweh?« »Ach, es ist besser,« sagte Hermann vorsichtig, obwohl die Schmerzen vollkommen verschwunden waren, aber er fühlte wieder: wenn er sich etwas leidend stellte, war es leichter, die eigentlichen Gründe seiner Verstimmung zu verhehlen. Nach dem Frühstück gingen sie wieder in ihr Zimmer, Hermann wie ergeben in sein Schicksal, Lina offenbar recht befriedigt und glücklich. »Vielleicht lese ich dir etwas vor,« meinte sie gutmütig. »Hast du denn etwas bei dir?« »O ja, eine ganze Menge. Du hast mich doch öfters nach mystischen und theosophischen Dingen gefragt, aber wir sind bis jetzt nie dazu gekommen, ernst darüber zu sprechen. Ich könnte dir etwas darüber vorlesen; das Buch ist von einer Dame geschrieben, die ich kenne.« Dieser Vorschlag gefiel Hermann ausnehmend. Er hatte allerdings längst etwas über diese Fragen wissen wollen, und nun setzte sie sich, während er auf dem Diwan lag, neben ihn und las. Das war eigentlich sehr angenehm und bequem. In den Abschnitten, die Lina wählte, war die Rede davon, daß der Mensch seine geistigen und Willensfähigkeiten ins Ungemessene entwickeln könne, wenn es ihm nur gelänge, das sinnliche Leben zu bezähmen. Die Sinne verwirrten die Klarheit des Geistes, und sie allein seien schuld an den menschlichen Verirrungen. Solange man von ihnen erfüllt sei, erblickte man die Welt durch ein trübes Glas. Erst wenn ihre Forderungen in den Hintergrund träten und schließlich ganz verschwänden, sei die Welt der klare Spiegel, in dem der Mensch imstande ist, die Gottheit zu sehen. Plötzlich unterbrach Lina und lachte: »Eigentlich komisch,« sagte sie, »so etwas am Morgen nach der Hochzeit zu lesen. Früher habe ich das für ganz richtig gehalten und vielleicht werde ich es später wieder einmal für richtig halten, aber jetzt ist es doch alles Unsinn.« Sie beugte sich über ihn, um ihn zu küssen. »Vielleicht ist das gar nicht unsinnig,« erklärte Hermann nachdenklich und wendete sich ein wenig von ihr weg. »Wer weiß,« sagte er sich, einer Stelle über das Karma nachsinnend, »wer weiß, vielleicht ist die Enttäuschung dieser Nacht mein Karma.« »Nicht wahr?« fragte er lebhaft, »Karma heißt das doch?« »Ja, Karma,« belehrte Lina eifrig und wollte bereitwillig diesen Begriff erläutern. »Sei einmal einen Augenblick ganz still,« unterbrach Hermann, »ich muß einmal über etwas nachdenken.« Lina schwieg gehorsam. »Karma ... Karma ...,« flüsterte er, und in ihm dämmerte irgend etwas auf. Plötzlich fragte er ganz bestimmt: »Ist das Karma das gute oder das böse Schicksal?« »Beides,« antwortete sie. »Beides?« wiederholte er erstaunt. »Ach so, ja natürlich ... jetzt verstehe ich ...« Und nun hatte er etwa folgende Gedanken: Es ist gerade der Sinn dieser Ehe, daß mir Lina sinnlich nicht angenehm ist, denn das ist die einzige Möglichkeit, daß das Sinnliche bei mir nun in den Hintergrund tritt. Er griff plötzlich nach ihrer Hand, und sie war sehr glücklich über diese plötzliche Zärtlichkeitsäußerung: »Weißt du, Lina,« rief er fast begeistert, »du bist mein Karma ...!« »Ach!« rief sie. Sie fühlte sich außerordentlich geschmeichelt. Er schlug ihr dann selbst einen Spaziergang vor, sie gingen an der Donau entlang; er war ziemlich gesprächig und glücklicher, als er seit langer Zeit gewesen. Dann fanden sie eine kleine Weinstube in der Nähe des Flusses, wo sie Karpfen aßen und auch alles andere erheblich besser war, als gestern abend. Der Wein verursachte ihnen Schlaflust, und sie begaben sich nach Hause. Die widersprechendsten Empfindungen bestürmten Hermann, und von selbst küßte er sie und schloß sie in die Arme. Wiederum empfand er zunächst ihren ihm unangenehmen Duft wie einen Schlag ins Gesicht, aber wiederum gelang es ihm, darüber hinwegzukommen und alle Hemmungen zu bewältigen. Als er wieder allein auf seinem Bett lag, um etwas zu ruhen, sagte er sich: »Nein, nein, es soll doch nicht sein. Mein Leben muß anders werden.« Aber er fühlte sich nun doch nicht mehr so unglücklich; er hatte das Gefühl, daß die Erstarrung der letzten Monate von ihm genommen war, und daß er sich nach einer ganz bestimmten Richtung hin weiter entwickeln würde. Besonders dies zog ihn an der indischen Lehre an, daß sie nicht wie das Christentum verlangte, man müsse von heute auf morgen ein anderer werden. So überließ sich Hermann mit dem ihm angeborenen Phlegma dem Lauf der Dinge, bald der Sinnlichkeit nachgebend, bald den neuen Ideen, über die er nun der erfreuten und Verständnis zeigenden Lina lange Vorträge hielt. Bisweilen sagten sie: »Wir Mystiker« ... oder »Uns Theosophen«. Nach fast vierzehn Tagen, die sie an der Donau verbracht hatten, fuhren sie nach München zurück. Sie zogen dort in eine Pension. Um einen Hausstand zu gründen, reichte das zur Zeit flüssige Geld nicht aus. Nun ließ sich die Fiktion, auf die Hermann seinen augenblicklichen Zustand gebaut hatte, nicht mehr lange aufrechterhalten, und er durchschaute das ganze Elend seiner Lage. Sehr bald merkte er, daß seine Sinnlichkeit keineswegs erloschen war, und die Tatsache, daß sie bei Lina keine Erfüllung fand, sondern immer mehr von ihr abgeschreckt wurde, ihn nicht davon heilte. Vielmehr wurde sie durch andere Frauen, die er in den Straßen sah, immer von neuem erweckt, und hier und da fühlte er den Drang, wieder die alten Wege zu geben. Er gewöhnte sich plötzlich an, eine lange Pfeife zu rauchen, und während er das Pensionszimmer vollqualmte, quälte er sich dauernd mit dem Versuch, seine verworrene, dumpfe Natur zu ergründen. Lina war ahnungslos im selben Raum, kramte in ihren Sachen, las oder saß über einer Handarbeit. Sie wußte von ihrer Mutter, daß man einen Mann, wenn er seine Schrullen hat, in Ruhe lassen muß. Warum wirkte Lina nur so unangenehm auf ihn? fragte er sich. Sie war doch gut und gefällig, verursachte keinen Streit, fügte sich vielmehr allen seinen Wünschen. Es war doch auch ganz behaglich, so bei ihr zu sitzen. Hier und da glaubte er dann Erklärungen zu finden, und stückweise setzte er sich ein Bild seines Zustandes zusammen. Eine Frau, die seine Gefühle in andere Bahnen lenken könnte, mußte vielleicht gerade das Gegenteil von Lina sein, ein reines, sinnlich nicht zu waches Wesen. Lina stand ahnungslos gerade in einem nicht besonders hübschen Mieder am Waschtisch und reinigte Kämme und Bürsten. Mit Zorn und Verachtung erinnerte er sich daran, daß sie ihn in der Nacht in Passau mit denselben Worten ermuntert hatte, die damals jener Dirne entschlüpft waren, und eine fanatische Forderung nach Unschuld der Gattin erfüllte ihn. »Ach was!« rief er plötzlich, »es ist ja alles Wurst.« Sie drehte sich erstaunt nach ihm um, ein schiefes Lächeln auf den starken Lippen. Sie war an solche Ausbrüche gewöhnt. Er hüllte sich wieder in den Rauch seiner Pfeife. Lina nahm ihre Tätigkeit am Waschtisch wieder auf. Sie war eigentlich ganz glücklich, dachte indessen: »eine etwas komische Art hat er, das muß man sagen. Ob ich es wohl der Mutter erzählen soll?« Hermann hatte sich bisher immer über Begriffe, wie »gute Familie«, »gute Erziehung« und dergleichen lustig gemacht, aber nun fühlte er auf einmal, daß sein Instinkt doch eng mit solchen Begriffen verknüpft war. Mit Wehmut dachte er nun oft an sein Elternhaus, dessen Wert ihm jetzt erst klar wurde. Waren sie zusammen in Gesellschaft, so geriet er in Verlegenheit, wenn seine Schwiegermutter allzu grotesk gutartig war. Immer wieder sagte er sich: »Das habe ich doch alles vorher gewußt und auch hie und da komisch gefunden; wie kommt es bloß, daß ich trotzdem Lina heiraten konnte?« Eines Nachts war seine Verzweiflung so groß, daß er sich plötzlich halb entkleidet auf den Boden warf, sich wälzte und laute Seufzer ausstieß. Nie sah er es so deutlich als in dieser Nacht, daß ihm nun für immer die Möglichkeit genommen war, in eine reine und anmutige Häuslichkeit den Weg zurückzufinden. Lina erschrak über diese Zustände, aber wie in der Hochzeitsnacht erklärte er, als er sich beruhigt hatte: er habe Bauchweh gehabt. Von nun an gewährte es ihm eine böse Freude, diesem Geschöpf gegenüber, das an ihn gekettet war, seine tiefsten seelischen Qualen »Bauchweh« zu nennen. »Du bist ja an alledem nicht schuld,« sagte er einmal begütigend nach einem belanglosen Streit. Sie war gerade dabei, auf einem Spirituskocher Kamillentee aufzusetzen, da sie sich das Haar waschen wollte. »Du konntest es nicht wissen, deine Mutter hätte es dir eben sagen müssen.« Er erschrak selbst, daß ihm dies entfahren war, als wisse Lina, was in ihm vorging; bis jetzt hatte er ihr nie bestimmte Vorwürfe gemacht. »Was meinst du denn mit ›alledem‹?« fragte sie sofort. »Ach, nichts Bestimmtes,« stotterte er ausweichend, »nur so im allgemeinen ...« Sie fühlte sich tief verletzt, denn auf ihre bewunderte Mutter wollte sie nichts kommen lassen. »Bitte, laß die Mutter aus dem Spiel,« sagte sie. »Ich habe es ja nicht bös gemeint,« erwiderte er mit aufrichtigem Bedauern. Lina fühlte nun zum erstenmal, daß ein ernster Schatten über ihrer Ehe lag. Langsam öffnete sie das Haar und begann es, über den Waschtisch gebeugt, mit Kamillentee zu befeuchten. Das ganze Zimmer roch danach. Als sie den Kopf wieder hob, an dem das nasse Haar klebte, sah sie sehr häßlich aus. Hermann, den der Kamillengeruch arg an Kinderstube und gestörte Verdauung erinnerte, sagte, seine Reue schnell vergessend, mit einer teuflischen Genugtuung: »Hier riecht es aber nach Bauchweh.« Trotz ihrer Verstimmung mußte Lina lachen. »Es gibt nichts zu lachen, ich meine es ernst,« rief er schroff. Sie zog den ohnehin großen Mund zu einer langen Schnute. Hermann glaubte, nie etwas Häßlicheres gesehen zu haben. Dennoch gab es Abende, an denen in ihrem Pensionszimmer eine freundliche, behagliche Stimmung aufkam. Hermann erkannte Linas Gemütseigenschaften immer an. Wurde aber daraus eine körperliche Annäherung, so kam es schnell wieder zu grauenvollen Zwiespalten in ihm. Bald fand er in sich höhnische oder mindestens skeptische Meinungen über Gemütseigenschaften im allgemeinen, dann verdammte er wieder Sinnlichkeit bei der Frau überhaupt oder wenigstens in der Ehe. Hie und da sprach er sich nun auch in diesem Sinne aus. Die arme Lina wurde ganz und gar nicht mehr klug aus ihm. »Du hast mir doch selber erzählt, wie du früher gelebt hast,« sagte sie eines Abends beim Ausziehen, »wieso bist du denn auf einmal so anders geworden?« »Weil die Ehe eben etwas anderes ist,« erwiderte Hermann scharf und warf einen Stiefel in die Ecke; und nun antwortete Lina mit weinerlicher Stimme das Unglücklichste, was sie hätte sagen können: »Wie konnte ich denn das wissen? Das hättest du mir vorher sagen müssen, dann wäre ich ganz anders zu dir gewesen.« Hermann brach in ein Hohngelächter aus: »Ja, wie bist du denn nun wirklich? Du kannst so und so? Bist du eigentlich die Hetäre oder das gute Hausschaf?« Sie rief schluchzend, sie wüßte es selber nicht mehr, und blieb in der Stellung sitzen, die sie beim Ausziehen der Strümpfe angenommen hatte. Hermann mußte immer auf ihr bleiches, ihm zu weich erscheinendes Fleisch blicken, als fände er darin eine Rechtfertigung für seinen nun unüberwindlichen Ekel. Er vermied jetzt Annäherungen an seine Frau vollkommen, und wenn es auch zunächst die wirklich instinktive Abneigung war, die ihn dazu veranlaßte, so rechtfertigte er sie auch durch die Begründung, von dieser Frau wolle er nie und nimmer Kinder haben. Er haßte ihre Rasse. Manchmal lag er nachts neben ihr, von Begehren erfüllt, aber er verharrte lieber in diesem Zustande, als die Hand nach dem molluskenhaften Wesen an seiner Seite auszustrecken. Lange rang er mit sich, ob er außer dem Haus das ihm daheim Versagte suchen sollte. Meistens fehlte es ihm dazu an Geld. Das Leben zu zweit erschien ihm erstaunlich teuer. Eines Nachts aber hielt es ihn nicht länger. Er erhob sich leise, sah, wieviel Geld er in der Tasche hatte. Es genügte für ein bescheidenes Abenteuer. Er zog seinen braunen Alltagsanzug über das Nachthemd, warf einen Radmantel um und schlich den gewohnten Weg von einst. Dies geschah nun öfters; nach etwa zwei Stunden kam er stets zurück mit einer Sehnsucht nach Reinheit, die ihm das Weib in seinem Heim nicht bieten konnte. Manchmal dachte er an Scheidung, aber der Richter könnte einfach sagen: »Wie, ein Schwein wie Sie verlangt nach Reinheit? Das fehlte noch.« Nein, Reinheit war ja auch ein ganz falsches Wort. Das klang nach Konfirmandenstunde. Aber wie sollte er seine Sehnsucht nennen, die ihn so quälte? Er fand keinen Namen. 41 Herr und Frau Dr. Cornelius begaben sich auf ihre lang geplante Reise. Nach einigen Tagen, in denen es immer wieder kleine Zwistigkeiten gab, erreichten sie den Ortasee, wo sie einige Zeit zu verweilen gedachten. Orta ist eine kleine, alte Stadt von zerbröckelnder Pracht mit üppigen Gärten am Seeufer, fern sieht man die milden und doch kräftigen Bergformen. Die Häuser haben Atrien, durch die Durchblicke von den engen Gassen aus auf den See möglich sind. Möblierte Wohnungen gab es kaum oder sie waren in zu schlechtem Zustand. Nachdem Cornelius zehn- oder zwölfmal vergebens treppauf, treppab gelaufen war, immer mit der brummenden Frau an der Seite, verließ ihn fast die Geduld. Sie setzten sich erschöpft auf eine Bank in einer öffentlichen Anlage. Da beobachteten sie einige Schritte entfernt auf einem niedrigen Gemäuer einen Mann mit einer riesigen blauroten Nase, die wie aus lauter Trauben zusammengesetzt war, bei seinem Mittagsmahl. Vor ihm stand ein zerbrochener Topf, in den er abwechselnd eine rote Tomaten- und eine grüne Peperonischeibe tauchte, ehe er sie in den Mund führte. Cornelius stand auf und sah ihm lächelnd zu. » S'accomodi ,« sagte der Mann mit höflicher Gebärde und wies ihm, weiteressend, einen Platz auf der Mauer an. »Kann ich Ew. Exzellenz mit etwas dienen? Ich bin Tromba (= Rüssel), a cosa del mio naso! « Er deutete auf seine Traubennase. »Ja, vielleicht kannst du mir dienen,« antwortete Cornelius belustigt. »Ich suche eine Wohnung für die Signora und mich, für ein paar Wochen. Wir wollen nicht im Gasthof wohnen. Schon den ganzen Vormittag sind wir vergeblich herumgelaufen.« » Bagatelle, « erwiderte Tromba und trank, nachdem Tomaten und Peperoni verspeist waren, den Essigtopf aus. » Andiamo. « Sie folgten dem Mann durch einige Straßen, in denen sie bereits die Schilder an den Geschäften kannten, und wurden in ein Haue geführt, wo Tromba eine demütige Vertraulichkeit zeigte. In einem angenehm kühlen, kaum möblierten, dämmerigen Raum stand ein Leinwandsessel mit dem Rücken gegen die Tür; über die Lehne ragte, wie der aufgehende Mond, ein kahler Schädel. Dann wurde ein großer rostiger Schlüssel nach rückwärts gereicht. Tromba ergriff ihn und führte das Paar wieder hinaus. »Das war der Eigentümer,« sagte er, »wenn es heiß ist, bewegt er sich nicht und spricht nichts.« Sie zogen in einen leerstehenden, notdürftig möblierten Palast am See. Unter der Treppe war ein Ziehbrunnen mit rasselnden Ketten. Tromba schickte seine einäugige Frau zur Bedienung. Amélie fand diese Umgebung zunächst romantisch, und so ging anfangs alles gut, zumal sie sich in den großen Räumen etwas fürchtete. Nachts wollte sie immer bei Cornelius schlafen. An den Palast stieß ein kleiner Blumengarten, der bis an das Ufer reichte. Man konnte die Morgentoilette im See machen, und kam dann mit nassem Haar zurück, die bloßen Füße an dem schon sonnenwarmen Grase trocknend. An einem der nächsten Abende fuhren sie mit dem Boot hinüber nach Pella. Nach Landessitte ruderte eine kräftige Frau. Sie aßen dort in der abendlichen Laube; bei der Heimkehr über den mondbeschienenen See lehnte sich Amélie an Cornelius' Schulter. »Ach, ich bin manchmal so traurig,« sagte sie zu ihm, während sie eine Hand in das sommerlich warme Wasser tauchte. Er rückte nahe zu ihr und fragte: »Aber warum denn, Amélie, kannst du mir das sagen?« »Wenn ich daran denke, wie ich innerlich heruntergekommen bin!« antwortete sie und begann nun auf einmal dem erstaunten Cornelius ein sonderbares Geständnis abzulegen. »Du weißt nicht, wie ich früher vor allem Großen und Schönen auf den Knien gelegen bin, z. B. wenn ich eine Beethovensche Sinfonie hörte oder ein Shakespearesches Drama oder eine großartige Landschaft sah, aber das ist nun alles vorbei. Ich bin ganz abgestumpft gegen alles. Nun bin ich hier in der schönen Natur, aber ich fühle nicht mehr die Wirkung in mir wie früher, als ich in Italien war. Ich bin wie ein Sünder, der nicht mehr beten kann. Ach, du hättest mich früher kennenlernen müssen, da war ich eine andere. Da hätte ich auch gut zu dir gepaßt.« Cornelius war einen Augenblick erschüttert und suchte sie zu trösten, er wolle ihr helfen, daß alles das Verlorene wiederkomme. Er dachte nicht daran, daß Amélie in der letzten Zeit einige Romane gelesen hatte, die ihr das Material zu diesem Geständnis lieferten. Cornelius gefiel es in dem alten Palazzo immer besser. Er liebte den Süden und verstand die Art des dortigen Lebens. Sowie die Morgensonne die Fenster traf, schloß er alle Läden und es freute ihn, sich in die grünliche Dunkelheit zu vergraben, während man durch einen Spalt im Laden draußen auf dem See die weiße Mittagsglut zittern sah, in der Segelboote dahinzogen. Eines Tages begann er zu arbeiten, und es ging ihm gut von der Hand. Es war so heiß, daß sie keinen Spaziergang machten. Statt dessen badeten sie gegen Abend noch einmal im See. Sie saßen in ihren Bademänteln auf den Ufersteinen im Garten. »Ich möchte nur noch Dinge schaffen,« sagte er, zufrieden mit seinem Tag und bezaubert von dem abendlich violetten See, »die ganz aus unserer Gemeinschaft stammen und jedes Wort, was ich schreibe, soll dich als Publikum haben. Es ist nicht wahr, daß der Künstler um seiner selbst willen schafft, er will die Bilder, die er in sich trägt, anderen sichtbar machen.« Darauf antwortete Amélie, während sie mit der großen Zehe ihrer rosigen Füßchen Seewasser aufspritzte: »Du denkst eben immer nur an dich, auch ich möchte schaffen.« »Hindere ich dich etwa daran,« antwortete Cornelius etwas gereizt. »Vielleicht nicht du persönlich,« erwiderte sie unsicher, »aber diese unselige Ehe.« »Und wer hat dich vor dieser unseligen Ehe daran gehindert?« fragte er scharf. Mit einem haßerfüllten Blick ging sie ins Haus, um sich anzukleiden. Cornelius blieb noch eine Zeitlang in der lauen, rosigen Abendluft sitzen. Er dachte an seine früheren Reisen zurück. Wohl war da mancher Abend herber Einsamkeit gewesen, wo er gefühlt hatte, daß alle Schönheit der Welt unvollkommen ist, solange man sie nicht der Geliebten zeigen kann. Und doch wieviel tiefer und lebendiger waren jene Abende, da sein Fuß, ohne das herabzerrende Gewicht dieses ewig unzufriedenen Weibes, auf langen Wanderungen die staubige Erde schlug im kühlen Anhauch der Berge und Seen, und heimkehrend die noch warmen Steine einer belebten Stadt unter den Sohlen spürte. Wie entrückt in jene Zeit saß er da, als er Amélies Stimme vernahm, die in dem Palazzo Trombas einäugiger Frau Aufträge für das Abendessen gab. Hier waren doch eigentlich alle Vorbedingungen zum romantischsten Glück erfüllt. Wie viele Paare würden sie beneidet haben, die gezwungen waren, ihre Liebe in banale Großstadthäuser zu vergraben! Am Abend gingen sie unversöhnt zu Bett, den nächsten Vormittag wurde kaum ein Wort gesprochen. Dann gingen sie zu Tisch. Sie speisten in einem schattigen Garten in der Nähe. Amélie war in München blutarm geworden, und so kümmerte sich Cornelius mit Eifer darum, daß sie sich gut ernährte. Aus Trotz rührte sie die Speisen kaum an. Nachher erklärte sie, eine Stunde allein spazierengehen zu wollen. Es war das erstemal, daß sie einen derartigen Wunsch äußerte, so daß Cornelius etwas ängstlich wurde, was sie wohl vorhaben könne. Er ging allein nach Haus. Es war ein grauer, entnervender Schirokkotag von fiebriger Hitze. In der Luft lag etwas wie ein leicht salpetriger Geruch. Noch vor einer Stunde war die Atmosphäre quälend still gewesen. Jetzt erhob sich ein heißer Wind, der alles mit Staub erfüllte. Er drang fein in Nase und Hals, überall dörrende Trockenheit verbreitend. Der Himmel wurde dunkler als der bleich flimmernde See. Hohe, düstere Zypressen schienen wie stöhnend vor Schmerzen ihre Aeste zu recken. Die Läden klapperten an den Häusern. Aber es kam kein Regen. Die grauen Wolken, die Dunkelheit verbreiteten, waren aus Staub. Wenn dieser Wüstenwind naht, rennt im Süden alles nach Hause und schließt Türen und Fenster, um das Eindringen des Staubes zu hindern. So tat auch Cornelius. Amélie hatte gesagt, um drei Uhr wollte sie wieder zurück sein. Er ging erregt, in Schweiß gebadet, in dem saalartigen Zimmer auf und ab und malte sich die schrecklichsten Dinge aus. Wer weiß, bei ihrer Unberechenbarkeit stellte sie irgendein Unglück an! Da sah er ihren Morgenrock an einem Nagel hängen und einen dunkelblauen Schal, den sie bisweilen umhing, wenn sie abends noch hinaus an den See gingen. Er lehnte den Kopf an diese Kleidungsstücke, in denen ihr Duft hing, und Tränen traten ihm in die Augen. Um halb vier Uhr kam sie zurück und beachtete Cornelius kaum. Abends wehte eine leise Tramontana. Es war kühl und frisch wie nach einem Gewitter. Die Rosen und Oleander dufteten im Garten. Hie und da schlug eine Nachtigall. Indessen fühlte Cornelius, daß in ihm ein neues, einsames Leben fern von Amélie zu reifen begann, er wurde ruhiger, alles um ihn her nahm größere Formen und stärkere Tiefen an. Zuerst wurde ihm dieses Neue eines Morgens bewußt, als er gegen sechs Uhr hinausgegangen war. Eine Viertelstunde von dem Palazzo entfernt stand am Seeufer ein alter Feigenbaum, der seine großen Blätter an gewölbten Aesten über eine kleine Ausbuchtung des Ufers hing. Cornelius badete, und während er sich von den frühen, doch schon warmen Sonnenstrahlen trocknen ließ, trat ein Mann mit großem, grauem Bart und ungemein milden Augen, einen Melkkübel unterm Arm, aus einer Hütte und begrüßte ihn. Ob er denn nicht Angst habe, sich ein Fieber zu holen? »Nein, Sonne und Wasser bringen kein Fieber,« erwiderte Cornelius. Dann stockte die Unterhaltung. Der Alte ging nach einem kleinen Holzgehege, in dem eine Ziege ungeduldig mit den Hörnern an die Latten schlug. Er ließ das Tier heraus und molk das kissenartige Euter in den Kübel. Cornelius sah seinem ruhigen, wie selbstverständlichen Handeln zu. Als der Alte fertig war, ließ er die Ziege frei herumlaufen und rief Cornelius noch einmal zu: »Gute Gesundheit« und ging wieder in die Hütte. Während Cornelius sich ankleidete, fühlte er eine beglückende Klärung in sich, und als er den weichen Pfad zum Palazzo zurückging, fragte er sich, was ihn so glücklich gemacht hatte. Es war ihm, als ob die Ziege, die Hütte und der Alte sonst nicht da, nur heute für ihn hingezaubert seien, um ihn an irgend etwas Einfaches, Gutes zu erinnern, was er sonst vergessen hätte, nun aber wieder wußte. Von jetzt ab würde alles in ihm wieder gerade und aufwärts gehen. Voll einer stillen Seligkeit, als wisse er nun etwas Besonderes vom Leben, ging er heim. Amélies Launen beachtete er nicht mehr, er ließ sie murren und Gesichter schneiden, so daß Auftritte unmöglich wurden. Nachts sanken sie sich oft wortlos in die Arme. War Amélie heiter, so ging er darauf ein. Suchte sie Streit, dann ging er allein spazieren.   Sein einäugiges Weib hatte Tromba von der bevorstehenden Abreise des Paares unterrichtet. Eines Tages steckte er seine Himbeernase durch die Tür und erklärte, erstens wolle er den Exzellenzen einen Besuch machen, zweitens sich erkundigen, wann er das Gepäck an den Bahnhof besorgen könne. Sie kehrten über Mailand zurück.   Bald darauf war das Paar wieder in München. An einem der ersten Abende kamen Hermann und Lina zum Abendessen. Cornelius war über Hermanns kühle Zurückhaltung etwas erstaunt, und als er ihn nach dem Essen allein in seinem Arbeitszimmer sich gegenübersitzen hatte, brachte er ihn zum Sprechen. Hermann gab zu, während er ein Stückchen Siegellack zerkrümelte, sehr verstimmt gegen Cornelius zu sein wegen der Art, wie er seine Schwester behandele. »Was meinst du damit? Hat sie sich bei dir beklagt?« Nun holte Hermann aus seiner Tasche einen Brief, den Amélie von Mailand an ihn geschrieben hatte. Sie teilte dem Bruder folgendes mit: »Ich sitze hier in der schrecklichsten Lage meines Lebens. Mein Mann ist auf und davon gegangen, ohne zu sagen, wohin und hat mich hier im Hotel eingeschlossen. Ich weiß nicht einmal, ob ich etwas zu essen bekommen werde, und ich kann auch nicht durch das Fenster auf die Straße herunterrufen, da ich ja die Sprache kaum kenne. Stelle dir vor, ich sitze in einer fremden Stadt und weiß nicht, wie das enden soll.« Daraus, daß dieser Brief überhaupt abgeschickt worden war, hatte Hermann schließen können, daß die Lage sich irgendwie geklärt haben mußte, aber trotzdem fand er es brutal von Cornelius, so zu handeln. Dieser fragte: »Weiß Lina davon?« »Jawohl,« erwiderte Hermann, »sie hat den Brief gelesen.« »Gib mir den Brief,« verlangte Cornelius und führte Hermann in das Zimmer, wo die beiden Frauen noch am Tisch saßen. Cornelius zeigte Amélie den Brief und sagte: »Bitte, willst du vielleicht die Freundlichkeit haben, die Worte dieses Briefes zu erklären.« Amelie wurde bleich und antwortete zunächst nicht. Cornelius drang in sie, und nun sagte sie: »Was ist da zu erklären? Du weißt doch selbst, wie es gewesen ist.« »Allerdings weiß ich das, aber es war doch wohl anders, als du es in diesem Brief schreibst. Wann habe ich dich jemals in einem Hotelzimmer eingesperrt?« »Oh, damals in Mailand; du wirst es doch nicht in Abrede stellen wollen?« »Du wirst dich entsinnen, daß die Tür nicht verschlossen war, daß du Geld in der Tasche hattest, daß ich ausdrücklich von einem Nachmittagsausflug gesprochen habe, also zum Nachtessen zurückkehren würde, und daß der Kellner beauftragt war, dir um halb fünf Tee zu bringen, den du auch getrunken hast. Um sechs Uhr war ich wieder zurück. Alles, was du hier schreibst, ist Lüge und Verleumdung.« »Ich habe ja nicht gesagt, daß du die Tür zugeschlossen hast,« antwortete sie mit überraschender Dreistigkeit, »aber das ist doch so gut wie eingesperrt, wenn du weggehst und mich in einem fremden Hotel zurückläßt, wo ich kein Wort von der Sprache verstehe.« Cornelius sagte zu Hermann und Lina: »Nun, ich glaube, das genügt. Ihr werdet jetzt beide wissen, was ihr von diesem Brief zu halten habt.« Nun suchte Lina Amélie beizuspringen und sagte: »Aber warum hast du sie denn überhaupt allein gelassen? Wahrscheinlich hat sie das so nervös gemacht, daß sie sich in dem Augenblick wirklich nicht Rechenschaft davon gab, ob alles, was sie schrieb, im einzelnen stimmte. Die Hauptsache ist doch richtig, sie mußte in dem fremden Hotel allein bleiben.« »Ueber die Gründe, warum ich einmal ein paar Stunden allein sein wollt«, kann ich euch leider keine Auskunft geben, da müßte ich euch zu tief in unsere Ehe hineinblicken lassen.« Cornelius gewöhnte sich nun mehr und mehr an den Gedanken, daß diese Ehe in irgendeiner Weise ein Ende finden müsse. 42 Die nächsten Monate gingen qualvoll dahin. Nach Neujahr beschloß Cornelius, den es nach ungestörter Arbeit drängte, sich probeweise auf einige Wochen von seiner Frau zu trennen. Er begab sich an einen kleinen Ort an der italienischen Riviera. Amélies Briefe kamen unpünktlich und ergingen sich in beängstigenden Andeutungen. Eines Tages las er, sie habe sich während der Ehe ein Frauenleiden zugezogen; sie erwähnte das nur so nebenher und ließ verstehen, daß sie ihm daran die Schuld beimaß. Cornelius war außer sich vor Erregung, er fragte sich: »Sollte ich, ohne es zu ahnen, ein Unglück angerichtet haben? Es sollen ja schon Menschen solche Krankheiten verbreitet haben, von denen sie selber nichts wußten.« Auf seine Telegramme antwortete Amelie ausweichend: »Werde dieser Tage zum Arzt gehen«, öder »Telegramm ganz unnötig«. Nun drahtete Cornelius dem Hausarzt. Die umgehende Antwort lautete: »Hysterie. Kommen unnötig.« Diese Tage hatte Cornelius wie in einer Hölle verbracht. Er irrte in den Anlagen und den Straßen umher, und glaubte in jedem Menschen in uniformartiger Kleidung einen Postboten zu sehen. Von Zeit zu Zeit ging er in den Gasthof und fragte, ob kein Telegramm da sei. Den blonden deutschen Portier, der anfangs unterwürfig gewesen war, schien das zu ärgern. Er sagte, seinen gelben Schnurrbart streichend: »Wenn etwas kommt, lege ich es ins Gefach.« Er tat es aber nicht. Das erste Telegramm fand Cornelius zufällig auf einem Tisch in der Halle, das zweite war angeblich von einem Hausdiener auf das Zimmer gelegt worden; der war aber gerade bei Tisch und brachte es schließlich, während er sich noch den Mund wischte. Er habe geglaubt, er gäbe es besser dem Herrn persönlich. Das dritte war versehentlich von einem russischen Professor geöffnet worden. Er hieß zwar nicht Cornelius, aber ähnlich, nämlich Groschin. Cornelius schien einen Augenblick vollkommen entschlossen, Amélie die Scheidung vorzuschlagen. Aber am nächsten Tage fühlte er wieder eine solche Sehnsucht nach ihr, daß er glaubte, doch nicht ohne sie weiterleben zu können. Er schrieb ihr einen Brief, in dem er ihr die Unverantwortlichkeit ihres Benehmens vorhielt. Daraufhin fragte Amélie, ob er etwa beifolgende Ansichtspostkarte rechtfertigen könne. Die Karte war von einem Freund Cornelius' an ihn gerichtet und trug den Poststempel eines Schweizer Ortes, wo sich Lissy öfters aufhielt. Die Namensunterschrift war nicht zu entziffern und die Schrift hatte in der Tat etwas Weibliches. Auf diese Umstände hatte Amélie ihren Verdacht gebaut und gestand, sich deshalb zu ihrer Handlungsweise als einer erlaubten Rache berechtigt gefühlt zu haben. Nun fragte sich Cornelius ernstlich, sich in den Bergen müde laufend, ob er nicht die Pflicht gegen sich selbst und seine Lebenspläne habe, sich möglichst schnell von einer solchen Frau zu trennen. Ueber eine Frage vermochte er jedoch schwer Klarheit zu finden. Waren das vielleicht alles nur Symptome der kinderlosen Frau? Würde nicht die Mutterschaft ihre zerfahrene Natur wieder auf wesentlichere Dinge richten? Der Arzt hatte gesagt, nur ihre Blutarmut stünde im Augenblick dem Mutterwerden im Weg. Sei diese etwas gehoben, so würde das Ereignis vermutlich eintreten und ihr wahrscheinlich gut bekommen. Mit Grauen dachte er indessen an ihre Theorien über Erziehung, auf die er nie recht eingegangen war, da die Gegenwart schon genug Anlaß zu Mißhelligkeiten bot. Wie sollte er sie aber hindern, in einem Kind frühzeitig alle natürlichen Begriffe zu verwirren? Er stellte sich etwaige Kämpfe mit ihr um die Seele seines Kindes vor. Da fühlte er, daß er sich jetzt noch in der Vorhölle befand, aus der es eine Rückkehr gibt. Durch ein Kind aber verpfändete er sich mit seinem Fleisch und Blut, dann begänne erst die wahre Ehehölle, über deren Tür geschrieben steht: » lasciate ogni speranza voi chi entrate «. Mit einem Schauer blickte er in diesen Abgrund, und ein unheimliches Glücksgefühl überkam ihn bei dem Gedanken, daß er noch zurück konnte. In ihrem nächsten Brief sprach Amélie vom Fasching, der wieder begonnen hätte und von einem Fest, auf das sie demnächst mit Hermann und Lina zu gehen beabsichtigte. Der Gedanke, sie wieder allein auf diesen Festen zu wissen, gab Cornelius den Anstoß, schnell seine Koffer zu packen und nach Hause zurückzukehren. Er wußte selbst nicht, war es Liebe, Eifersucht oder nur Zorn, was ihn trieb. Der Gedanke an Scheidung hatte in ihm zwar immer festere Wurzel gefaßt, aber während er, allein in dem dämmerigen Eisenbahnwagen, gegen abend in die Dörfer blickte, wo die ersten Lichter aufglommen, ertappte er sich wieder bei sehnsüchtigen Wünschen nach ihr und seinem Heim, nach den Abenden, wenn er, von einem Ausgang zurückkehrend, sie mit dem Essen auf ihn wartend fand. 43 Es war ein sonniger Februarmorgen, als Cornelius heimkehrte, eine warme, blaue Luft lag über München. Amélie war an die Bahn gekommen. Sie trug ein neues hellbraunes Kostüm, in dem sie Cornelius etwas fremd, aber sehr reizvoll schien. An der Brust hatte sie einen Veilchenstrauß. Cornelius dachte: wie hübsch sie ist, als er sie auf sich zukommen sah mit ihrem frischen Gesicht, den lachenden Augen und dem blonden Haar. Sie hatte einen Hund bei sich, einen jungen weiß und gelben Collie, der Cornelius sofort umwedelte. »Das ist meine neueste Aquisition,« sagte sie; »er heißt Hugin.« Cornelius gefiel das Tier und er streichelte es. Beim Betreten der Wohnung fühlte er ein Unbehagen. Es schien ihm, als rieche es nach dem Hund. Im Schlafzimmer waren die Betten anders gestellt als bisher. Früher hatten sie nebeneinander gestanden. Jetzt lag neben Amélies Bett am Boden ein Fell aus Cornelius' Arbeitszimmer und ein Kopfkissen mit weißem Ueberzug. »Läßt du denn den Hund hier im Zimmer schlafen?« fragte Cornelius. »Ich habe mich allein so gefürchtet.« »Ach so, da kann er ja jetzt, wo ich wieder hier bin ...« »Nie und nimmer trenne ich mich von dem Tier.« Cornelius lächelte: »Aber das sollst du ja gar nicht. Ich finde ihn selber sehr nett, aber im Schlafzimmer will ich ihn nicht haben.« »Ja, wo soll denn das arme Tier sonst hin?« »Na, zum Beispiel ins Badezimmer.« »Das ist Tierquälerei, er kann das Rauschen des Wassers nicht vertragen.« »Hör' mal, Amélie, ich bin nicht zurückgekommen, um mich gleich in der ersten Stunde mit dir zu streiten. Ich sage dir einfach: Der Hund übernachtet nicht mehr im Schlafzimmer. Richte es im übrigen so ein, wie du willst.« »Dann nehme ich ihn und gehe auf und davon.« »Das kannst du halten wie du willst,« sagte Cornelius, während er sich wusch, und er dachte im stillen: »Ein Glück, daß es nur der Hund und kein Kind ist.« Amélie war durch Cornelius' Festigkeit überrascht. Er tat, als sei gar nichts vorgefallen, erzählte beim Frühstück von der Reise und gab ihr einige kleine Geschenke, die er mitgebracht hatte. Ihr war bei alledem etwas unheimlich zumute. In der Dämmerung wollte Cornelius ein wenig ruhen. Er setzte sich in seinem Arbeitszimmer in einen Armsessel, aber er konnte nicht einschlummern. Ihr unverantwortlicher Brief nach Ospedaletti war der erste, ihr Verhalten mit dem Hund der zweite Akkord in jener » sinfonia domestica «, deren großer Darsteller Strindberg war. Alles frühere in seiner Ehe waren dagegen Kleinigkeiten, Kindereien gewesen. Jetzt begann die Niedertracht. Ertrug er das, so wurde er zum Sklaven und Spitzel der eigenen Frau, sie selbst aber würde sich zu der großen hysterischen Kanaille auswachsen. Nein, jetzt hieß es Schluß machen. Die Frage war nur noch: auf welche Weise?   Abends fuhren beide zusammen in das Künstlerhaus, wo das Fest stattfand. Es waren antike und orientalische Gewänder vorgeschrieben, Amélie hatte sich aus weißem Stoff ein griechisches Kleid zurechtgemacht, das sie gut kleidete. Cornelius, der keine Zeit zur Vorbereitung gehabt, trug seinen türkischen Schlafrock, wie auf jenem ersten Fest, das er mit Amélie besucht hatte. In dem Saal trafen sie viele Bekannte. Oesterots waren von Rom zurückgekehrt, der Doktor war so fett geworden, daß er bei seiner Größe wie ein Koloß wirkte. Dennoch sprang er wie toll herum. Er stürzte sich sofort auf Cornelius, nahm ihn auf die Seite, ihn mit seinen Armen und dem weiten Gewand umhüllend, als wolle er ihn verschlingen. Er erzählte ihm von den ungeheuren Erlebnissen, die er in Rom gehabt hätte. Er müsse bald zu ihm kommen, um ernster darüber zu reden. Es war eine Mischung von echter Begeisterung und gekünstelter Geheimnistuerei in seinen fahrigen Gebärden. Trotz allem Erlebten habe er sich nicht nehmen lassen, wieder rechtzeitig zurück zu sein, um noch die letzten Tage des Münchener Faschings mitzuerleben, der doch ein einzigartiges Aufgluten des Lebens sei, die Götter hausten augenblicklich nördlich der Alpen. In diesem Augenblick jagte ein junges Paar vorbei. Das Mädchen rief, auf Oesterot deutend: »Schau, da is ja auch der Schwabinger Zeus wieder.« Inzwischen war Amélie von Hermann und Lina fortgezogen worden. Cornelius und Oesterot fanden sie später an einem Tisch. Auch Ludwig Stehr und seine Frau saßen dort, er wie immer im Gehrock, sie dagegen hatte in anbetracht dessen, daß seit ihrem letzten Erscheinen im Babykostüm ein ganzes Jahr verflossen war, ein Backfischkostüm im Biedermeierstil gewählt, womit sie freilich aus dem antiken Rahmen des Festes herausfiel. Cornelius fühlte beim Anblick all dieser Menschen wieder eine ähnliche Bedrückung wie im vorigen Fasching, nur daß er ihrer heute Herr werden zu können glaubte. Ein wenig zerstreute ihn der »Schwabinger Zeus«, der ihn immer wieder auf die Seite nahm und begeistert von seinem neuen Lebensinhalt erzählte. Er sah in seinem weißen Burnus wie ein Beduinenscheich aus. Während sie in dem Saal auf und ab gingen, griff Oesterot in einem fort nach Bekannten, für Cornelius lauter neue Gesichter, und zog sie dicht an sich, wie vorher diesen. Wenn er nach einigen alten Bekannten fragte, verfinsterte sich Oesterots Stirn, er wollte nichts mehr von ihnen wissen; der eine hatte ihn tief enttäuscht, der andere hatte sich unerhört benommen. Besser man sprach gar nicht davon. Dann zog er wieder einige Fremde an sich heran. Cornelius kam es vor, als ob dieser Mann einen nach dem anderen austrinke und dann fallen lasse. Es war etwas Kannibalisches in diesem gierigen Menschenverbrauch. Fieberhaft unruhig bewegte sich der ungeheure Körper, der sein Leben durch eine dauernde Ueberheizung des Blutes zu unterhalten schien. Er schlang alles Geistige in sich hinein und sprudelte es in überraschender Umgestaltung wieder heraus. Seine Phantasie war ein Hexenkessel buntester Vorstellungen, sein Geist ein in sausendem Tempo sich drehendes Rad, von dem nach allen Seiten feurige Funken stoben. Es war zugleich etwas elementar Dämonisches und etwas ganz und gar Künstliches in diesem Riesen mit dem schwammigen Leib, den alles an sich raffenden großen weißen Händen, dem flackernden Blick und den assyrischen Götterlippen. Nach Mitternacht ging Cornelius zu dem Tisch zurück, wo er alle Bekannten versammelt fand. Lina lag in den Armen Rittmeiers, der ihr Dauerküsse versetzte. Frau Stehr war eben unter allgemeinem Gelächter und Beifall auf den Tisch gestiegen und schien ziemlich betrunken zu sein. Sie rief allen Leuten Freundlichkeiten zu. Amélie lachte sich darüber halbtot, neben ihr saß ein Unbekannter mit schwarzen, unanständigen Augen, der den rechten Arm um ihre Stuhllehne gelegt hatte und dessen linke Hand mit ihren Händen spielte, die sie ihm überließ. Als sich Cornelius dem Tisch näherte, sah er, wie der Fremde gegen Amélie immer zudringlicher wurde, während sie ihn zwar abwehrte, aber sich dabei derartig amüsierte, daß man deutlich erkannte, wie sie die lüsterne Atmosphäre, die seine Angriffe um sie verbreiteten, mit allen Sinnen auskostete. »Warum noch eine Minute länger warten, wo doch alles jetzt unwiderruflich klar ist?« sagte sich Cornelius. Er fühlte nicht einmal mehr Haß und Zorn gegen sie, nein, sie war ja ein reizendes, begehrenswertes Wesen, nur unglücklicherweise seine Frau. Diese äußerliche Tatsache mußte möglichst bald rückgängig gemacht werden. Er ging lächelnd auf sie zu und fragte sie, während er sich gleichzeitig leicht vor ihrem Partner verbeugte, ob sie ihm nicht auch einmal das Vergnügen machen wolle, mit ihm zu tanzen. Dieser Ton überraschte sie. Er tanzte einmal mit ihr herum und bat sie dann, mit ihm einen Augenblick umherzugehen. Unterwegs sagte er: »Erinnerst du dich noch an den Fastnachtsdienstagsball des letzten Jahres, nach dem ich dir einen Heiratsantrag machte?« »O ja,« sagte Amélie lachend. »Nun,« erwiderte er, »unsere Ehe wurde im Fasching geschlossen, warum sollen wir sie nicht auch im Fasching trennen?« Sie blickte ihn verblüfft an. »Du bist wohl eifersüchtig?« »Nein,« erwiderte er, »ein solcher Esel bin ich nicht, obwohl ich ein großer Esel gewesen bin. Ich habe dich immer vollkommen falsch behandelt, dich gequält und dir dieses Jahr verbittert. Das soll nicht so weitergehen. Nicht einmal diese Nacht will ich dir verderben. Nur ein paar notwendige Worte sind zu sprechen. Du kannst sofort wieder an den Tisch zurückgehen. Sage mir nur, bist du mit der Scheidung einverstanden?« Amélie fiel wie aus den Wolken. »Ich meine, es müßte für dich doch schon in diesem Augenblick bequemer sein, keinen Mann zu haben. Als meine Frau ist es unmöglich, daß du in dieser Gesellschaft bleibst. Da ich aber fest entschlossen bin, die Ehe mit dir zu lösen, und mir im Augenblick dazu deine Einwilligung genügt, – alles übrige sind Formalitäten, – weiß ich nicht, warum ich dich nicht schon dieses Fest in Freiheit genießen lassen soll.« »Du bist wohl verrückt?« fragte Amélie. »Nein, ganz und gar nicht. Du eignest dich nicht zur Ehe, was du ja selber oft genug gesagt hast. Sonst besitzest du eine ganze Reihe entzückender Eigenschaften, wir können Freunde bleiben, vielleicht sogar etwas mehr, aber jeder geht nun seine eigenen Wege; im übrigen nehme ich die Schuld auf mich, und die Ehe wird in wenigen Monaten geschieden sein. Geldschwierigkeiten gibt es nicht, da wir ja beide unser Auskommen haben.« »Ach, du bist bloß eifersüchtig,« wiederholte Amélie, indem sie diese ernste Angelegenheit von sich wegzuschieben suchte. Trotzdem wurden ihre graublauen, etwas leeren Augen nachdenklich. Sie klopfte sich mit ihrem geschlossenen Spitzenfächer die Lippen. »Aber nicht im mindesten, mein Kind! Hier, nimm den Hausschlüssel, ich gehe heute nacht ins Hotel, schon damit du auch den Hund bei dir schlafen lassen kannst. Im übrigen wünsche ich dir recht viel Vergnügen, und ich selbst denke mich auch noch zu amüsieren.« Amélie war sprachlos. Sie wußte nicht, was sie antworten sollte. »Du bist frei und kannst tun und lassen, was du willst. Hast du nicht selbst immer gesagt, wie notwendig dir die Freiheit ist, und daß es besser wäre, wir hätten nur ein Verhältnis zusammen? Dein weiblicher Instinkt hat recht behalten und mein männlicher Intellekt beugt sich.« Darauf nahm er ihren Arm und führte sie lächelnd zum Tisch zurück. Er küßte ihr die Hand und ging davon. Der Fremde nahm sie wieder in Empfang. Er fand sie etwas einsilbig und sagte: »Der Herr Gemahl hat Ihnen wohl eine Moralpauke gehalten.« »Sie haben keine Ahnung. Ich habe meine vollste Freiheit.« »Nun dann ...« erwiderte der Fremde und wollte wieder nach ihren Händen greifen. Seine Augen glänzten feucht. »Rühren Sie mich nicht an, hören Sie,« sagte sie schroff. 44 Nach der Trennung von Cornelius lebte Amélie in einer Pension zunächst in einem Zustand vollkommener Dumpfheit. Es war, als ob ihr Lebensdrang erloschen sei. Cornelius hatte, um sie nicht mehr als nötig zu demütigen, dafür gesorgt, daß in ihren Augen die Ehescheidung wie eine freie Tat zweier über dem Leben stehender Menschen erschien, und in diesem Sinne sprach sie auch darüber. Sie fühlte sich in ihrem bewußten Leben keineswegs als die Verstoßene, vielmehr fand sie äußerlich alles ganz in der Ordnung, wenn auch das dauernde Unbehagen und die tiefe Traurigkeit im unbewußten Grund ihrer Seele sie niemals verließen. Selbstverständlich würde sie nun mit der Malerei wieder beginnen, doch schob sie das von Woche zu Woche hinaus. Sie schlief lang, las ein wenig, sah ihre Bekannten, und es gewährte ihr eine gewisse Genugtuung, daß man ihr als geschiedener Frau doch in einer gehalteneren, ja achtungsvolleren Weise den Hof machte, als früher. Hie und da kam sie sich sogar ziemlich großartig vor, wenn sie abends in Gesellschaft Erfolg gehabt und von irgendeinem Bewunderer nach Hause gebracht worden war. An Cornelius dachte sie mit gemischten Gefühlen. Er schrieb von Zeit zu Zeit in einem freundlichen Ton, jedenfalls immer teilnahmevoll, und wenn sich auch etwas in ihr gegen diese abgeklärte Freundschaft empörte, so tat sie ihr doch auch wieder wohl, und ohne seine Briefe fieberhaft zu erwarten, freute sie sich darüber. Dazwischen aber kamen auch Tage, an denen sie stundenlang weinte und sogar Sehnsucht nach ihm empfand. Ach, wenn er jetzt in die Tür träte und sie irgendwohin mitnähme! Wie schön war es doch oft gewesen, zum Beispiel am Ortasee! Alles erschien ihr jetzt in rosigem Licht. Dann folgten wieder Augenblicke des Zorns und der Auflehnung gegen seine Ueberlegenheit, in denen sie ihn zu hassen glaubte. Er sei ganz einfach ein Egoist, der das sehr geschickt mit großen Redensarten zu verhüllen wisse. Sicher hatte er sie auch betrogen. Nur um ungestörter mit anderen Frauen zu verkehren, war er von ihr gegangen. Das würde ihr doch niemand einreden, daß er jetzt auf Reisen wie ein Josef lebte. Der? Niemals. Meistens waren solche Anfälle der Traurigkeit und des Zorns von kurzer Dauer, und sie verfiel wieder in ihre Gleichgültigkeit zurück. Sie kam öfters zu Hermann und Lina, die nach wie vor in ihrem Pensionszimmer hausten, aber sie ging nicht gern hin, denn es war immer ein mürrischer Ton der Gereiztheit zwischen diesen beiden Menschen. Amelie fühlte wohl, daß auch dort das Glück nicht eingekehrt war. Aber Hermann war so verschlossen, daß sie sich kein Bild von dieser Ehe machen konnte, und mit Lina verband sie kein tieferes Verständnis. Eines Nachmittags sagte sich Lina bei ihr zum Tee an, sie habe etwas Wichtiges mit ihr zu sprechen. Amélie befand sich gerade in einer ihrer traurigen Stimmungen. Es war ein trostloser, windiger Novembernachmittag, das letzte Laub wurde draußen im Garten der Pension von den Bäumen geweht. Lina erschien um fünf Uhr in Amélies freundlichem Zimmer. »Ach wie nett ist es hier bei dir,« sagte sie, »viel netter als bei uns. Du hast wohl Zimmerparfüm?« »Kein eigentliches Parfüm,« sagte Amélie müde, »eine englische Essenz.« Die beiden Frauen tranken Tee, und dann begann Lina zögernd: »Sag' einmal, ist eigentlich eine Scheidung sehr unangenehm?« Amélie mußte über diese Frage etwas lächeln. »Wie meinst du denn das?« »Ach, du hast es doch nun durchgemacht, und ich glaube, um es gleich herauszusagen, für uns ist es auch das beste. Wir passen gar nicht zusammen.« Amélie schwieg. »Du hast es gewiß auch schon gemerkt,« fuhr Lina fort. »Ja,« erwiderte Amélie, »daß ihr nicht besonders glücklich seid, das fühlt man, wenn man bei euch ist. Aber woher kommt es denn bloß?« »Denk' dir nur, du kannst es wohl kaum glauben, wir sind eigentlich gar nicht, was man verheiratet nennt.« Amélie verstand nicht. »Was heißt denn das?« Lina schaute verschämt in eine Ecke und sagte plötzlich in einem ganz anderen, amtlichen, aktenmäßigen Ton: »Hermann entzieht sich seinen ehelichen Pflichten.« Ein genauerer Beobachter als Amélie hätte aus dieser Wortwahl geschlossen, daß Lina bereits mit einem Rechtsanwalt gesprochen hatte, aber Amélie war nur durch die Feierlichkeit dieses Ausdrucks betroffen, und sie zitterte ein wenig, als ob hier eine große Schuld vorläge. »Weißt du, was ich glaube,« fuhr Lina fort, »er ist durch frühere Ausschweifungen bereits erschöpft.« Amélie dachte nach. Dann sagte sie: »Das glaube ich nicht. Wir haben doch immer zusammengelebt, er hat zwar so allerlei getrieben, wovon ich nichts Rechtes weiß, aber wenn er ein richtig unsolides Leben geführt hätte, das wäre mir nicht entgangen.« »Wie würdest du dich denn zu einer Scheidung stellen?« Amélie war peinlich berührt, sie sagte: »Wie soll ich mich dazu stellen? Ihr müßt selbst wissen, was ihr zu tun habt; und wenn ihr nicht glücklich seid, nun, so werdet ihr es machen, wie wir es gemacht haben.« »Also d u bist einverstanden?« fragte Lina wie erleichtert. »Aber wieso einverstanden? Ich habe doch da gar nichts zu sagen.« »Da ist nun aber noch ein Punkt,« fuhr Lina etwas verlegen fort, »weißt du, so einfach, wie bei euch, ist es nicht. Ich habe doch kein Vermögen.« »Was hat denn das damit zu tun?« fragte Amélie naiv, »die Kosten wird Hermann doch gewiß tragen. Das hat Paul auch getan.« »Darum handelt es sich nicht,« erklärte Lina wohlunterrichtet, »was soll denn aus mir werden, wenn wir geschieden sind; wovon soll ich denn leben?« »Aber du hast doch auch früher gelebt,« sagte Amélie harmlos. »Ich kann doch jetzt nicht mehr meinen Eltern zur Last liegen, wo ich nun einmal verheiratet bin.« Ihre Stimme klang weinerlich. Amélie wurde nachdenklich. »Hast du schon einmal mit Hermann darüber gesprochen?« »Nein, das hab' ich eben noch nicht. Ich dachte, es wäre vielleicht besser, du würdest mit ihm darüber sprechen.« »Aber ich verstehe doch wirklich gar nichts von solchen geschäftlichen Sachen.« »Ach nein, so meine ich's auch nicht. Das macht später der Anwalt. Du kannst dir vorstellen, wie peinlich es mir ist, mit Hermann diesen Punkt zu berühren. Sprich nur einmal so allgemein mit ihm, um zu erfahren, wie er darüber denkt. Er ist vormittags immer zu Hause; ich werde morgen ausgehen, da triffst du ihn bestimmt allein. Willst du das tun?« »Warum nicht?« sagte Amélie, nicht gerade sehr entzückt von diesem Auftrag, aber sie sah auch keinen Grund, Linas Wunsch abzuschlagen. Diese gab ihr noch einige Aufklärungen. Der Gedanke an Scheidung sei allerdings bereits zwischen ihr und Hermann angedeutet worden, nur das Geschäftliche hätten sie noch nicht berührt. Am folgenden Tage begab sich Amélie zu Hermann, den sie allein fand. Er saß in eine dicke blaue Wolke gehüllt über einer Broschüre, die eine Neubelebung der Astrologie versuchte. »Das ist schön, daß du wieder einmal nach mir siehst,« sagte er und reichte der Schwester die Hand. »Ich lese da gerade etwas kolossal Interessantes; da will einer aus dem Lauf der Gestirne ...« Amélie war nicht imstande auf dieses Gespräch einzugehen. »Es tut mir schrecklich leid,« sagte sie, »daß du auch nicht glücklich bist.« »Woher weißt du denn das?« fragte er erstaunt, mit seiner bleichen, etwas fetten Hand über die Stirn fahrend. »Lina ist bei mir gewesen, und sie hat mich gebeten, einmal mit dir über alles zu sprechen.« Hermanns sonst unklares Gesicht bekam einen harten, fast bösen Ausdruck. »Was soll denn nun geschehen?« »Gott, was soll da geschehen?« sagte Hermann achselzuckend, »wir werden wieder auseinanderlaufen, so wie wir zusammengelaufen sind.« »Hast du denn schon nachgedacht, wie das alles werden soll?« »Was soll da viel werden?« »Nun, ich meine, was Lina anfangen soll? Sie kann doch nicht mehr zu ihren Eltern zurück.« »Ach, das ist eine bloße Geldfrage,« meinte Hermann gleichgültig, »sie hat, ehe wir uns heirateten, einmal die Absicht gehabt, photographieren zu lernen, das kann sie ja noch tun.« »Aber sie hat doch kein Geld,« meinte Amélie schüchtern. »Das werde ich doch selbstverständlich bezahlen. Dafür wird das, was ich übrig habe, noch reichen.« »So schrecklich viel kann das ja nicht werden,« meinte Amélie. »In drei Jahren glaube ich, kann sie leicht so weit sein, um auf eigenen Füßen zu stehen.« Beim Abschied umarmte und küßte sie ihn besonders zärtlich und sagte: »Es tut mir furchtbar leid um dich, aber wir haben alle viel Schweres durchzumachen.« Als Lina gegen Mittag nach Hause kam, sagte Hermann: »Amélie ist bei mir gewesen.« »So?« fragte Lina gespannt. »Nun, alles ist in Ordnung. Wenn du willst, können wir uns jetzt scheiden lassen. Sie sagte mir, daß du dich über deine Zukunft geängstigt hast, aber das wird alles geordnet.« Er sprach mit auffallender Sicherheit und zeichnete dabei lauter kleine Dreiecke auf den Rücken seiner Broschüre über Astrologie. 45 Hermann mietete ein Zimmer in der Altstadt in der Nähe des Sendlinger Tors. Das erklärte er damit, daß er während des Prozesses fern von Schwabing sein und nicht von allen Leuten ausgefragt werden wollte. In Wirklichkeit war es ein dumpfer Drang, der ihn wieder in die alten Viertel trieb, wo er einst mit dem Fürsten gewandelt war. Er wollte ganz hinaus aus der Welt, in der er so unglücklich gewesen, und einmal versuchen, vollkommen in den Stimmungen zu leben, die er in den vom Volk bewohnten Stadtteilen fand. Er hoffte zu vergessen, daß er Hermann Sanders war und bestimmte Lebenspläne gehabt hatte, indem er ohne Berührung mit Bekannten den Eingebungen des Augenblicks nachgab. Kaum hatte er die saubere, altväterisch möblierte Stube mit dem breiten Wachstuchsofa im dritten Stock bei einer zahnlosen, freundlich »mümmelnden« Wirtin bezogen, da war ihm zumute, als ob die Gespräche mit Amélie und Lina weit zurücklagen; er fühlte etwas wie eine Erlösung in sich. Abends ging er hinunter. Es war herbstlich, ein rauchiger Duft lag in der Stadt. Bald saß er einsam in einer kleinen Wirtschaft zwischen Leuten aus dem Volk und trank ein paar Glas Bier, die ihn müde machten und die Nacht tief und fest verschlafen ließen. Am anderen Tag dachte er nicht daran, zum Rechtsanwalt zu gehen; vielmehr trieb es ihn hinaus in den nebeligen Stadtmorgen; so streifte er durch die Straßen, schlich in die Höfe der Durchhäuser, blickte hie und da ein Mädchen an und aß wieder in einer kleinen dumpfigen Wirtschaft; er trank ziemlich viel Bier, und das vermehrte noch die Dumpfheit, in der er war; so fand er Vergessen. Dann saß er stundenlang in einem dämmerigen Kaffeehaus und sah Fremden beim Kartenspiel zu. Sie benutzten bunte deutsche Karten mit Schellen und Eicheln darauf und, wenn einer ein paar Stiche hintereinander machte, schlug er jedesmal mit der harten Hand auf den Holztisch, daß er dröhnte. In solchen Umgebungen lebte Hermann mehrere Tage, als er eines Morgens den Brief eines Rechtsanwalts erhielt, der ihm mitteilte, daß seine Ehefrau gegen ihn wegen Scheidung Klage erhebe, da er sich seinen ehelichen Pflichten gegen sie entzogen habe. Er möge sich wegen der Alimentierung seiner Gattin dem Rechtsanwalt gegenüber äußern. Hermann verstand das nicht. Er hatte doch mit Lina alles ausgemacht. Er schrieb daher sofort zurück, er habe sich über diesen Punkt bereits mit seiner Frau geeinigt, die Höhe der Summe sei noch nicht bestimmt, er sehe vorher einer Mitteilung seiner Frau über ihre Bedürfnisse entgegen. Darauf erhielt er die Antwort, daß er sich in einem Rechtsirrtum befinde. Von einer Summe zur beruflichen Ausbildung seiner Frau könne gar keine Rede sein, vielmehr sei er als der an der Scheidung allein schuldige Teil dauernd zum standesgemäßen Unterhalt seiner Frau verpflichtet und man könne nur darüber verhandeln, ob er dieser Pflicht in Gestalt einer monatlichen Rente oder einer einmaligen Abfindungssumme nachzukommen habe. Die durch die Ehe mit ihm zerrüttete Gesundheit seiner Frau erlaube ihr vorläufig nicht, einen Beruf zu ergreifen. Auch sei es in dem sozialen Stande, dem er angehöre und den seine Gemahlin teile, ja nicht Sitte, daß die Frauen selbst für ihren Unterhalt sorgten. Hermann wurde daraus noch weniger klug; zwar ahnte er eine Feindseligkeit, ja eine Niedertracht, aber er war doch zu harmlos, um Lina, deren »Weltanschauung« er zu kennen glaubte, dazu ernstlich für fähig zu halten. Er ging daher zu Amélie, der er den Brief zeigte. Diese war infolge ihrer eigenen Scheidung in der Frage etwas mehr bewandert und sagte, nachdem sie den Brief gelesen hatte: »Das hätte ich ihr nie zugetraut.« Amélie war derartig empört, daß sie aus der gleichgültigen Stumpfheit, in der sie in der letzten Zeit gelebt hatte, aufgerüttelt wurde. Mit einem Anflug von Energie rief sie: »Da muß ich dahinterkommen! Ich werde heute selbst noch mit ihr sprechen.« Amélie traf Lina in der Pension. Sie hatte sich ein kleines Zimmerchen geben lassen, in dem es nicht gerade sauber und nicht ganz ordentlich war. Aus den zugepreßten Schubladen schaute hie und da etwas eingeklemmtes Zeug hervor, ein Kamm, in dem Haare hingen, lag in einem Buch auf dem Tisch. »Ich danke dir wirklich für deine Vermittlung,« sagte Lina. »Nun ist ja alles sehr schön im Gang, und wir brauchen uns selber nicht mehr darum zu kümmern. So ein Rechtsanwalt ist eine wundervolle Einrichtung. Alles Ekelhafte und Peinliche nimmt er einem ab. Ich habe gar nicht gewußt, daß das alles so einfach geht.« Amélie war betroffen. Beide Frauen saßen sich am Tisch gegenüber. »Aber Lina, weißt du denn nicht, was dein Anwalt an Hermann geschrieben hat?« »So? Hat er schon geschrieben?« »Ja, lies doch einmal diesen Brief.« Lina las. Hie und da mußte sie lächeln, und dann sagte sie: »Nun, das ist doch sehr gut so.« »Aber Lina, du kannst doch nicht von ihm verlangen, daß er nun dein ganzes Leben lang für dich sorgt.« »Doch, der Anwalt hat gesagt, es wäre so üblich.« »Ja, wenn er eine Schuld begangen hätte; aber ihr kommt doch gemeinsam überein, daß ihr euch scheiden lassen wollt.« »Der Anwalt hat gesagt, die Verweigerung der ehelichen Pflicht sei vor dem Gesetz eine Schuld.« »Das mag ja sein, aber so etwas nutzt man doch nicht aus.« Lina sagte unsicher: »Meinst du? Gott, ich weiß ja von gar nichts.« Sie kam in Verlegenheit und wurde über und über rot. Außerdem bemerkte sie gerade jetzt auch den Kamm, der als Lesezeichen in dem Buch lag. »Was willst du denn nun tun?« fragte Amélie nach einer auch ihr peinlichen Pause. »Ja, ich kann gar nichts tun, das macht doch alles der Anwalt.« Sie hatte das Buch mit dem Kamm genommen und hinter sich aufs Bett geworfen. »Aber der Anwalt tut doch nur, was du ihm sagst oder wenigstens, was du ihn tun läßt. Du mußt ihm mitteilen, daß ihr im Grunde einig seid und euch schon persönlich ausgesprochen habt.« »Das habe ich ihm ja schon gesagt,« erwiderte Lina gereizt, »aber er meint, das wäre alles Unsinn, so würde das nicht gemacht. Und dann ist es doch auch wahr: als Hermann mich heiratete, hat er die Verpflichtung auf sich genommen, mich zu versorgen, und nun muß er das auch tun.« Amélie war von dieser Auffassung verblüfft. »Weißt du, Lina, das hätte ich von dir nicht gedacht, man macht doch aus so etwas kein Geschäft,« sagte sie wie ein noch aufrichtiges Kind, das auf einmal merkt, daß sein Gespiele lügt. »Er ist doch der schuldige Teil,« versetzte Lina ärgerlich, »da muß er auch für mich sorgen.« »Wieso denn schuldig?« fragte Ameli«. »Vielleicht für die Paragraphenmenschen, aber von dem modernen Standpunkt aus ... ihr paßt einfach nicht zusammen, so wie Paul und ich.« »Ach, du hast gut reden, du hast ja Geld. Ihr Leute mit Geld haltet natürlich immer zusammen.« Nun war endlich heraus, was sie auf dem Herzen hatte. Sie fühlte sich plötzlich wieder ganz sicher, zumal als sie erkannte, welchen Eindruck sie damit auf Amélie machte. Auf ihrem verwaschenen Gesicht lag jenes dumm-überlegene Lächeln, das sie auch gehabt hatte, wenn sie Uneingeweihten Oesterotsche Theorien vorsetzte. Amélie ging mit kühlem Abschied. In ihren Beziehungen zum anderen Geschlecht hatte die Geldfrage nie eine Rolle gespielt, und so war sie in diesen Dingen noch so rein, wie in der Zeit, als sie zum Pastor Nothaft in die Konfirmandenstunde ging. Zum erstenmal in ihrem Leben befand sich das, was sie Lina gegenüber den modernen Standpunkt nannte, in vollem Einklang mit ihren wirklichen Instinkten. Sie war ehrlich empört über Linas Verhalten. Auf dem Heimweg erschrak sie plötzlich über die Notwendigkeit, dies nun Hermann mitteilen zu müssen. Am Abend nach dem Essen, als sie wieder in ihr Zimmer trat, saß er schon da und döste vor sich hin. Nun mußte sie es ihm mitteilen. Er nahm es verhältnismäßig ruhig auf und ging sehr bald weg, indem er sagte: »Mir ist alles Wurst, sie soll tun und lassen, was sie will.« Dann ging er wieder in eine der Bierwirtschaften der Altstadt, trank ziemlich viel und legte sich, schwer und dumpf, schlafen. 46 In der folgenden Zeit versank Hermann immer mehr in Einsamkeit. Stundenlang saß er brütend in seinem Stübchen, dann trieb es ihn hinaus in die Straßen. Bekannte besuchte er überhaupt nicht mehr. Es war ihm, als ob er, wenn er mit diesen zusammenkommen würde, immer an die Scheidung denken müsse, während er in seiner Einsamkeit davon fast unberührt blieb. Er gab sich ganz anderen Gedanken und Träumen hin, die aber niemals bis zu voller Vorstellungsklarheit gelangten. Nur dem Fürsten gegenüber, dem er einmal hinter dem Ostbahnhof in den windigen Feldern begegnete, äußerte er sich über diese Dinge. »Manchmal glaube ich, ich werde wahnsinnig; was ich nachts träume, beschäftigt mich mehr als meine wichtigsten Angelegenheiten. Dabei stehe ich gerade in einer scheußlichen Geschichte, aber die ist mir ganz Wurst.« Der Fürst ermutigte ihn, seine nächtlichen Träume, von denen er einige erzählte, aufzuzeichnen. So setzte sich Hermann hin und begann ein Tagebuch zu führen, in dem er jedoch nichts von seinen Tageserlebnissen niederschrieb: I »Ich befand mich in einem großen Raum im Innern eines Schlosses unter der Erde. Um mich waren Könige und andere Fürsten, darunter Friedrich Wilhelm III. und einer der letzten Landgrafen von Hessen-Homburg, ein noch junger Mann, der gerade die russische Armee verlassen hatte. Er war übermäßig zart gebaut, hatte einen slawischen, knochigen Typus mit gelblicher Tartarenhaut und einen kurzgestutzten, schwarzen Schnurrbart. Er trug einen Gehrock und war identisch mit einem zwerghaften Wesen, das viel im Saal herumsprang. Dies, so flüsterte man, sei der Hund des Schwarzen Wirtes. Ich sagte dem Landgrafen, daß ich sein Landsmann sei. Wir mußten allesamt in den Krieg. Vorher bildeten die Anwesenden, unter denen auch Damen waren, zwei Reihen, zwischen denen, wie in einer Gasse, die Kinder gruppiert wurden. Mit diesen spielte man Kriegsspiel. Sie bekamen die Aufgabe, die Reihe der Preußen zu durchbrechen. Dann waren wir alle draußen. In einer schmalen, abschüssigen Straße stieß der Feind auf uns und drängte uns zurück. Bei dieser Gelegenheit wurde Dr. Oesterot vom Felsen gestürzt und starb sofort. Einige, die sich vor dem Kriege gefürchtet und zurückgeblieben waren, wurden hinter unserem Rücken vom Feinde eingeäschert. Man brachte die völlig berußte, erstarrte Leiche des Schwarzen Wirtes herbei. Er wurde aufrecht auf den Felsen gesetzt, von dem Oesterot vorher gefallen war. Er saß wie ein buddhistischer Heiliger auf seinen übergeschlagenen Beinen. Davor war, wie ganz grob in Stein gemeißelt, sein Geschlecht sichtbar. Vor ihm lag eine Kugel, er war tot. Dann ging ich mit wenigen Ueberlebenden an einem Bergabhang entlang. Wir waren plötzlich in die Parsifalsage verwickelt und gingen dem mittelalterlichen Paris zu, das zwischen den Bergen an der nächsten Biegung des Weges sichtbar wurde. Bald stand ich in Dr. Oesterots Eßzimmer, das voll war von Bekannten. Es herrschte große Erregung über seinen Tod. Cornelius stand neben mir und erzählte, er habe bereits an Frau Thea einen Beileidsbrief nach Rom geschrieben. Ich begriff nicht, daß ich das nicht auch längst getan hatte. Dann dachte ich darüber nach, wie das Leben sich nun nach Oesterots Tod in Schwabing weiter gestalten würde, und ob Frau Thea mit ihren Kindern in München bliebe. In derselben Nacht schrie ich furchtbar auf, da mir schien, ein tierhaftes, grinsendes Wesen mit glatter Haut spränge in mein Bett. Es war der Hund des Schwarzen Wirtes. II Ich geriet auf eine Straße unter eine Seiltänzergesellschaft, darunter ein fettes, behaartes, gewichtetragendes Paar und ein junger, nackter Mensch mit rosa Schurz. Er spricht mich an und lehnt sich an mich. Dabei ist mir auf einmal zumute, als sei er eine Frau, und ich gerate in eine Erregung, die mich völlig erschöpft. Dann stehe ich todmüde an der Grenze von Deutschland, Rußland und Norwegen beim Kaukasus, wo ein Sieg durch Trinken von den drei Völkern gefeiert wird. Der Schwarze Wirt soll entscheiden. Man stößt über die Grenzen mit den Völkern, den neuen Brüdern an. Neben mir steht Goethe, gegenüber Knut Hamsun und Georg Brandes. Es wird regnerisch, alle gehen heim. Ich drehe mich um. An der Stelle der Grenze ist eine neue Brücke, über die zum erstenmal ein Zug läuft. Ich warte darauf, daß sie einstürzt. In der Luft schwebt aufrecht das Gespenst eines Schutzmannes mit schwarzem Knebelbart. III In einer Gasse blinzelt mir eine bräunliche Dirne zu, die ein Wägelchen schiebt und mich dann offenbar auslacht. Schmale Steintreppen führen in niedriger gelegene Gassen. Ich gerate in eine abschüssige Straße, links ein großes Haus voll Frauen. Abends gehe ich dorthin und treffe Damen aus Schwabing und offenbar auch aus meiner Heimatstadt. Wir trinken Tee. Die jungen Mädchen sitzen brav da, hell angezogen. Sie sehen ein bißchen wie Brettlsängerinnen aus, meist langweilig, einige sind hübsch. Nun gehe ich jeden Tag hin und bekomme immer mehr Mut. Ich suche mir sogar eine aus. Sie beginnt die Unterhaltung mit den Worten: »Weißt du, manche geben auch hundertfünfzig Mark.« Ich bin darüber empört, werfe sie hinaus aus dem Zimmer und verlange eine andere. Es kommt ein blutarmes, bleiches, dünnarmiges Ding mit einer schwarzen Brille auf. Ich schicke sie weg, auch eine dritte mag ich nicht und schimpfe sogar ein bißchen. Inzwischen habe ich mich aber schon entkleidet und mein Geld, nach Metallen geordnet, auf dem Tisch ausgebreitet. Gegenüber sitzt ein graubärtiger Herr, der bis dahin alles, was ich tat, lächelnd zu billigen schien. Er setzt sich zu mir an den Tisch, berührt mein Geld. Ich verbiete es ihm. Er wirft es scheinbar zum Spaß durcheinander, ich raffe auf, was ich kann, Geldstücke bleiben an seinen Fingern hängen. Der Schwarze Wirt kommt herein und verbietet mir, sein Haus je wieder zu betreten. IV Ich bin in einer unterirdischen Schänke. Ich steige eine Treppe nach der Straße hinauf. Es begegnet mir ein hageres Volksweib in weißem, langem Hemd. Ich entsinne mich, sie früher einmal intim gekannt zu haben. Dann komme ich auf einen promenadenartigen Platz. Unser Bootsmann, der uns im Sommer am Ammersee nachmittags immer den Kahn ablöste, hat einen ermordet und gibt mir das leicht blutige Messer. Auf einem Sockel liegen nebeneinander ein Paar ganz hohe Stulpenstiefel wie abgeschnittene Beine. Wir legen das Messer in einen der Stiefel, damit man glauben soll, ihr Besitzer sei der Mörder gewesen. Dann finde ich mich in dämmerigem Tageslicht in einem trüberleuchteten Steinraum beim Schwarzen Wirt. Ich breite auf dem Tisch ein Manuskript aus. Der Mörder sitzt nervös bei mir am Tisch, rückt dann auf der Bank weg und beteiligt sich jauchzend am Tanz einer Schar von derben Kerlen und Frauenzimmern in der Mitte des Raumes. Ich möchte mich unter die Tanzenden mengen, aber ich kann nicht, denn der Schwarze Wirt sitzt in der Ecke, und sein Blick bannt mich fest am Tische. V Im Englischen Garten war gestern dunstig verschleierter Mondschein. Ganz flaches, unbewegtes Wasser, gespenstische Spiegelbilder der Erlenbüsche und Ulmenbäume. Ich lief geängstigt durch die dunklen Wege. Zu Haus ging ich todmüde ins Bett. Um ein Uhr nachts stieß ich im Schlaf einen lauten Schrei aus. Ich hatte folgendes geträumt: Ich lag draußen am Treppenabsatz, häßliche Reptile näherten sich mir, ich aber mußte sie bewegungslos gewähren lassen. Ich bewohnte irgendwo mit Amélie und Kurt ein modernes Mietshaus. Ich weiß, daß mich Bruder Kurt nun bald zum Essen rufen wird, und ich beschließe, ihn zu ärgern und zu verblüffen. Ich gehe in den Garten, wo sechs bis acht große, aufrechtgehende, gelbgraue zottige Tiere leben, die ich mir heimlich gekauft habe. Sie haben teilweise menschenähnliche Gesichter. Kurt wird sich sicher über diese Ausgabe ärgern. Eines sieht ihm sogar ähnlich. Ich nenne es Kurt. Er kommt in den Garten, und nun fragt er auch gleich, ob diese Anschaffung nicht sehr teuer gewesen sei? Ich erwidere ihm schroff, das sei ja gerade das Schöne, Liebhabereien müßten immer Geld kosten. Nun fragt er mich, woher ich das Geld nähme, da ich doch gar nicht soviel haben könne. Ich erkläre ihm, das ginge ihn gar nichts an. Dann gehe ich ins Haus hinauf. Amélie liegt im Bett, sie ist dick geworden und hat harte, scharfe Züge und ziemlich große, unschöne Hände bekommen. Auf dem Heimweg verliere ich mich im Treppenhaus, und so gerate ich auf einmal nach Italien. Man stellt mir einen jungen Kerl zur Verfügung, der mir die Nachtseiten des städtischen Lebens zeigen soll. Andere machen mir Vorwürfe, daß ich mit diesem ginge. Er sei so verdorben. Einmal berührt er mich, und ich entdecke, daß ich dadurch geschlechtskrank geworden bin. Dann befinde ich mich in einer Schulklasse, dann wieder im Kontor eines Gasthofs. Manchmal ist es Italien, manchmal Japan. Ich werde revolutionärer Umtriebe verdächtigt, in der Klasse wird ein Verhör vorgenommen, und ich muß alle meine Ansichten sagen. Noch drei Deutsche sind dort in ähnlicher Lage. Auf einmal ist es wieder Japan. Der Lehrer, ein Japaner, sagt uns, für die Japaner seien wir Europäer nichts als Holzschnittfiguren. Ich denke: wie frech doch die Japaner seit ihren Siegen geworden sind! Dann sagt der Geschäftsführer des Gasthofs, ich triebe mich mit einem Orgelspieler revolutionärer Richtung umher, neulich habe ich mich mit ihm in einem Konzert durch Blicke sofort verständigt. Ich sei auch betrunken gewesen. Ich antwortete: »Das ist unmöglich, Sie waren ja den ganzen Vormittag bei mir.« »Ja,« erwiderte er, »betrunken vor Nervosität.« Dann sprachen wir etwas italienisch zusammen. Ein anderer sagt mir, wenn ich mich nicht verdächtigen wolle, solle ich vor allen Dingen die Gewohnheit aufgeben, nachts auszugehen. Nun schlage ich aber auf den Tisch und schreie, das täte ich seit zehn Jahren; auf meinen Abendspaziergängen fühlte ich mein Leben am allerstärksten. Ich erkläre, wenn er mich nicht in Ruhe lassen würde, dann ginge ich ganz einfach zu Gabriele d'Annunzio, der würde mich schon schützen. Das macht großen Eindruck, und ich sehe, wie sie mich wider Willen laufen lassen müssen. VI Ich befand mich auf meiner Hochzeit mit Lina, aber wir lagen gleichzeitig in Scheidung. Ich ärgerte mich über die ordinäre Behaglichkeit, mit der es sich die Familie Stehr-Schüler wohl sein ließ. Ich ließ mich kaum im Saal sehen, sondern suchte nach Mama, die, um Zithern und Gitarren zu prüfen, mit jemand in einen Seitenraum gegangen war. Sie hatte für meine Hochzeit ein Konzert zu geben versprochen. Als ich nach ihr fragte, sagte mir jemand, sie habe sich erschossen, und zwar aus Gram über meine Scheidung. Nun schrie ich vor Entsetzen auf, als ich durch eine Tür meinen Namen rufen hörte. Im Zimmer lag sie, verbunden an Händen und Gesicht. Sie versicherte, nur ganz leicht verwundet zu sein, und ich versprach ihr weinend, ich würde alles aufgeben und wieder bei ihr leben. VII Ich finde Bettina Selch nackt in einer fremden Stadt in dem Hause des Schwarzen Wirtes mit einem etwas bäuerlich derben, aber bürgerlich gekleideten Mann mit Vollbart. Ich glaube, es ist der Sohn des Schwarzen Wirtes. Sie will nicht mit mir kommen, denn sie meint, ich würde ihr doch das Interessante nicht zeigen, sie aber will etwas sehen, da sie nur auf der Durchreise hier ist ...« 47 Hermann ging Tag für Tag in den abgelegenen Vierteln der Stadt umher, wo er sicher war, keine Bekannten zu treffen. Stundenlang schlenderte er vor den Läden mit billigem Kram, besonders in den Gassen der Althändler und Tändler herum. Einmal sah er vor einem solchen Laden, wie eine runzlige Hand mit schwarzen Nägeln aus dem Inneren einen Schlagring in das Schaufenster legte. Die Hand war wie eine Tierpfote, die in der Erde gewühlt hatte. Wo hatte doch noch kürzlich ein Schlagring eine Rolle gespielt? Vielleicht in seinen Träumen? Ja, in der Schenke des Schwarzen Wirtes lag immer einer auf dem Tisch. Hermann ging in den Laden, fragte schroff und kurz nach dem Preis und ließ das kühle, eiserne Ding in die Tasche gleiten. Oft saß er, wenn es wärmer war, auf den Bänken in den Anlagen, hier und da sprachen ihn fremde Menschen an. Meist kam es darauf hinaus, daß einer von ihm verlangte, er möchte ihm ein Bier bezahlen, Hermann tat es gern und lauschte verworren und verwundert der Gesprächigkeit seines Partners. Einmal ging ihm ein Kind um ein Fünferl an, er gab es ihm, und nun kam die Mutter dazu, eine breite Person, dankte und erzählte ihm die ganze Geschichte ihrer Familie, besonders von ihrem Mann, der ein Trinker sei und sie verlassen habe, und dergleichen mehr. Hermann sah in allen diesen Dingen mehr als das einmalige, augenblickliche Erlebnis, er fühlte sich in dem Zustand, von dem der Fürst einmal gesagt hatte, man sähe darin alle Dinge mystisch umrändert, als ob die Umrißlinie jedes Menschen und jedes Gegenstandes seltsam strahlte. So ließ sich Hermann weitertreiben, ohne sich Rechenschaft über die Eindrücke zu geben, und nachts fiel er todmüde ins Bett. Einmal erzählte ihm ein Mensch mit dünnem, graublondem Bart auf einer Bank an der Isar von seinen gescheiterten Hoffnungen. Er war ein verbummelter Student. An all seinem Unglück sei »sein Mensch« schuld. Sie war anfangs seine Wirtin. »Damals war sie ein patentes Weib, sag' ich Ihnen.« Erst war's ihm nicht recht gewesen, daß sie auf die Gasse ging, nun aber, wo sie ihn zugrund gerichtet hatte, konnte sie ihn auch ernähren. Er verlangte ja so nicht viel. Was aß er denn? Eine Suppe und etwas Wurst. Kam das überhaupt in Betracht? Diesen Mann traf nun Hermann öfters auf der Bank. Es zog ihn zu ihm und er ging mit der Absicht hin, ihn zu sehen und vor allem ihm zuzuhören. Er selber sagte fast gar nichts. Einmal deutete der Mann auf einen Hund und sagte: »Sehn Sie, was der Hund da macht? Das glauben Sie nicht, daß einer kommt und das aufhebt. Und doch ist's so. Der Weißgerber, der braucht den Dreck. Ich weiß wohl, ›mein Mensch‹ ist auch nur ein Stück Dreck, und keiner rührt sie mehr an, kaum, daß sie noch einmal eine Mark mit heimbringt. Aber ich bin wie der Weißgerber, ich heb' das Stück Dreck auf und kann's nicht loslassen. Das verstehen Sie nicht, wie?« Der Mann lachte und zeigte seine verdorbenen Zähne unter dem schmutzigen Bart. »Kommen Sie mit, heut ist sie bei ihrer Tant' in Höllriegelskreuth, wir spielen Karten,« fuhr er fort. Hermann folgte ihm auf seine dringenden Bitten vier Stiegen hoch in ein feuchtes Vorstadthaus. Er saß mit ihm zusammen bis in die Nacht, sie tranken Bier, das Hermann von einem struppigen Mädel aus dem Haus in einer Wirtschaft holen ließ, und spielten Karten. Plötzlich fragte ihn der Unbekannte: »Halten Sie Selbstmord für eine Sünde?« Hermann meinte: Nein, man habe ein Recht, ein Ende zu machen mit einem Leben, das einem doch nichts gibt. »Das ist auch meine Meinung,« sagte der Fremde, brachte Hermann wieder die Treppe hinunter und sagte ihm noch den Weg, auf dem er zu einer der bekannteren Straßen kam. Unter dem Einfluß des Bieres gewann Hermann immer mehr die Fähigkeit, sich von allen Hemmungen des bewußten Lebens zu befreien. Lockte ihn eine Farbe, ein Schatten, ein Geräusch, ein Geruch, so folgte er, ohne zu fragen, wohin er geriet. Einmal trat er an einem trüben föhnigen Nachmittag in einen Hof. Er öffnete wie im Traum eine Holztür nach einem dunklen Verschlag. Dort saß auf einem niedrigen Lager eine ältliche Person, ihre Kiefern schienen zu beben. »Sie woll'n g'wiß zur Hoagerin?« fragte sie. »Ja,« antwortete Hermann aufs Geratewohl. »Die Mutter is oben,« erwiderte die Frau. »Komm'n S' nur mit.« Hermann folgte ihr über eine enge Holzstiege. Oben lag in einem helleren Zimmer eine tote Greisin. »Sie is jo noch ganz scheen,« sagte die Frau und führte Hermann ans Bett. Sie hob ein wenig die Röcke der Toten. »Schaun S', mir ham's fein herg'richt.« Hermann sah, daß die Leiche dicke weiße Wollstrümpfe anhatte. »Der Herr is g'wiß von der Totenbeschau?« »Ich komme später wieder,« antwortete Hermann und ging, innerlich völlig erstarrt. Oft lockten ihn auch Dirnen in ihre Behausungen, aber nur selten folgte er ihnen, und wenn er auch wirklich durch ihre Tür getreten war, so warf er nach einigen Minuten ein Geldstück hin und verließ sie wieder. Einmal an einem Regennachmittag rief ihm jemand etwas aus einer Droschke zu; das Fuhrwerk hielt, und eine Frau beugte sich heraus. Sie winkte ihn herbei, und ehe er sich's versah, saß er bei ihr im Wagen. Sie sah merkwürdig heruntergekommen aus und war verschlissen gekleidet. Unter einem Schal trug sie einen großen Gegenstand eingewickelt. Da erkannte Hermann plötzlich Bettina Selch. Mit weinerlicher Stimme, und einen etwas alkoholisch riechenden Atem von sich gebend, sagte sie: »Ja, mein Bubi, so is', wie geht's dann dir? Auch net so beriehmt, wie's scheint?« Und nun erzählte sie ihm, daß sie ihr ganzes Geld in Monte verspielt habe, und daß an allem der Maxl schuld war, der an ausgeschamter Hallodri sei, an ausgeschamter, und sie nun zwinge, nachts auf die Straße zu gehen. Sie wohne mit ihm in einer Dachwohnung, im Augenblick ginge sie eine kleine Pendule versetzen, die ihr als letzter Rest einer großartigen Einrichtung geblieben war. »Davon darf aber der Maxl nix wissen; seit drei Dag sitzt er wegen nächtlicher Ruhestörung, aber nächste Wochen kommt er frei, und da geht das alte Elend wieder a!« Als sie bei der Pfandleiherin ankamen, bat Bettina Hermann, er möchte einen Augenblick im Wagen sitzenbleiben, dann käme sie zurück und sie wollten weiter zusammen plauschen. Es sei so schön, einmal jemand aus der früheren guten Zeit wiederzusehen, wo sie noch die Bettina war, jetzt heiße sie halt wieder Betty. Hermann wartete eine Viertelstunde nachdenklich in dem Wagen, ja, er wartete mit einer gewissen Ungeduld. Als sie wieder zu ihm kam, lag in ihrem Gesicht etwas von ihrer früheren Ausgelassenheit; sie rief: »Jetz' hab' i wieder a Göld, jetz' kenne ma a paar Dag' lustig sein, bis der elendige Maxi wieder heimkommt. Kein Pfenning darf er dann mehr finden, denn sonst nimmt er mir's und versauft's. Jetz' erzähl' emal, Bubi, wie geht's dann dir?« Hermann wollte nicht mit der Sprache herausrücken, aber Bettina merkte doch, daß es ihm schlecht ging, und sie fragte: »Bist auch in Geldschwulitäten?« »Ach nein, das nicht.« »So, das ist die Hauptsach'.« Der Wagen hielt vor einer Mietskaserne, Bettina zahlte den Kutscher, zog dann Hermann durch einen trüben, unsauberen Hof und führte ihn im Hinterhaus über übelriechende, düstere Stiegen. Im obersten Stock schloß sie eine braune Holztür auf und schob ihn in eine schräge Mansarde, wo ein Eisenbett mit buntem Bezug in der Ecke stand, und auf einem Kochofen sich allerlei Töpfe befanden. Einige Reste der früheren Herrlichkeit waren freilich in dem kümmerlichen Raum zu sehen. Da hing neben einem zerbrochenen Spiegel ein etwas zerrissenes Spitzenpeignoir, auf dem Waschtisch standen noch ein paar Bakkaratflakons. An der Tür hing eine gemslederne Hose, ein grüner Männerhut und eine kurze Pfeife mit buntem Porzellankopf; ein paar schwere, genagelte Schuhe standen am Boden. »Das ist dem Maxi sei' G'lump,« sagte sie voll Haß, »aber jetz' laß uns nimmer dra' denken. Du bleibst halt bei mir und treest' mi a bissel über mei' Elend.« Und so blieb Hermann die Nacht und den folgenden Tag und noch den nächsten Abend bis Mitternacht. Zuerst hatte ihm Bettinas Gesprächigkeit wohlgetan. Es war etwas Herzliches in ihr, und all das Groteske von einst war in den Hintergrund getreten, seitdem es ihr schlecht ging und sie in einer Dachkammer wohnte. Sie mußte wirklich viel durchgemacht haben, und Hermann hatte Mitleid mit ihr. Von dem Maxl erzählte sie die ärgsten Roheiten, wie er sie schlug und einfach ihr Zuhälter war. Als sie erfuhr, daß Hermann noch Geld hatte, sagte sie: »Woast, i bin net mehr anspruchsvoll, wie frieher; i wär' scho' zufrieden, wenn mich oaner als Haushälterin nehma wollt' und a biss'l gern haben obendrein. Wie wär's, wenn's mir zwoa z'sammen probierat'n?« Der Gedanke, so ganz aus seiner früheren Welt zu sinken und mit ihr irgendwo am Ende der Stadt ein dumpfes Dachsleben zu führen, reizte Hermann, und er sagte, er wolle sich's überlegen. Er ging nach Hause. Als er abends wieder zu Bettina kam, sagte sie ihm zwischen ihren Küssen, er müsse sich jetzt bald entscheiden, denn der Maxl käme übermorgen zurück; da wär's schon besser, wenn er das Nest überhaupt leer fände. So mußte er versprechen, sie morgen mit ihren Habseligkeiten abzuholen und mit ihr irgendwo ein Zimmer in einer anderen Gegend zu beziehen. Bettina war glückselig, beide gingen hinunter und kauften so viele Flaschen Bier, als sie überhaupt tragen konnten, und nun folgte in dem kleinen Dachzimmer eine Orgie im Bierrausch. Gegen vier Uhr früh erwachte Hermann. Er zündete ein Licht an, da lag neben ihm die betrunkene Person mit dem wirren Haar und den unsauberen Händen, aus ihrem zerknitterten Hemd ragte das weiße Fleisch. Hermann fühlte vom vielen Trinken Uebelkeit; stöhnend erhob er sich und zog sich an. Nicht eine Minute länger wollte er in diesem Raum bleiben; während er schon nach der Tür tastete, erwachte Bettina und fragte: »Bubi, Bubi, wo gehst dann hin?« Er sagte: »Ich muß ein bißchen an die Luft gehen, ich halt's hier oben nimmer aus,« und ehe sie noch aufgestanden war, eilte er hinaus. In einer Art Halbtraum, unterbrochen von ganz klaren Vorstellungen, eilte Hermann durch die Straßen; er merkte, daß er an dem Tiefpunkt seines Zustandes angekommen war. Er hatte ein Grauen vor allem Geschehenen; dann wurde er plötzlich weich und dachte an Amélie und an reine Frauen, die ihn aus alledem hätten herausreißen können. Aber die hatte er sich verscherzt, sein Leben war vernichtet, verdreckt. Vor der Welt der Bettina Selch graute ihm, das andere aber, das war ihm nun verschlossen für immer. Er kam an die Isar, aus einer Schenke mit roten Vorhängen ertönte ein erstickter Lärm. Er dachte an den Schwarzen Wirt, schlich vorbei und hörte mit einem gewissen Schauer eine bekannte Melodie, die aus dem Raume klang. Dann kam er auf die Brücke und beugte sich hinab, noch immer dumpf von dem vielen Bier, das er in der Nacht getrunken hatte; da fiel ihm plötzlich der Unbekannte ein, mit dem er in der Wohnung Karten gespielt und der gefragt hatte: »Halten Sie Selbstmord für eine Sünde?« Nein, es war keine Sünde, wiederholte er sich; es war die einzige Lösung aus einem Zustand wie dem seinigen, und ihm war, als ob die Dumpfheit, die, soweit er sich bis in seine früheste Kindheit entsinnen konnte, über ihm gelastet hatte, plötzlich einer unbekannten Klarheit Platz machte. Er sah auf einmal alle Dinge durchsichtig und rein und ihm kam vor, als ob er zum erstenmal in seinem Leben etwas ohne Trotz, sondern in Hingebung tun würde, wenn er jetzt ein Ende machte; ohne viel zu überlegen stürzte er sich über das Geländer der Brücke hinab. Achtes Kapitel »Wenn wir Frauen erwachen ...« 48 Das Haus der Sanders war vollkommen verödet; dort wohnte noch die alte Mme. Sanders mit der Lene. Die Villa in dem nahen Landstädtchen hatte sie verkauft. Lorrain war an Altersschwäche gestorben. Tagelang saß die alte Dame allein in den nach altem feinen Holz duftenden Räumen; sie war dick geworden, aber die Fülle schien eingefallen und wässerig. Ihre Züge dagegen waren schärfer geworden, besonders die etwas gebogene Nase trat stärker hervor. Ihr Ausdruck hatte etwas Majestätisches bekommen, wie der Kopf eines einsam horstenden Adlers. Hie und da wurde ihre Einsamkeit durch Besuche von Bekannten unterbrochen, welche die Pflicht fühlten, bisweilen nach der alten Dame zu sehen, die von ihren eigenen Angehörigen so vernachlässigt wurde. Die Nachrichten von München waren äußerst spärlich und hatten ganz aufgehört, seitdem die beiden Geschwister den unglücklichen Ausgang ihrer Ehen zu verheimlichen suchten. So wußte die Großmutter überhaupt nicht, was in München geschah. Große Verlegenheit bereitete es ihr, wenn Bekannte nach den Enkeln fragten, denn sie schämte sich, so ganz ohne Nachricht zu sein. So erwiderte sie auf Fragen immer: »Oh, es geht ganz gut; sie studieren und das dauert eine Weile, bis man Erfolg sieht.« In schlaflosen Nächten schlich sie durch die verödeten Räume und ging oft im Nachtgewand mit einer Kerze an den alten Kassenschrank, aus dem sie vergilbte Papiere und Urkunden nahm. In diese versenkte sie sich. Sie erinnerten an ihren toten Mann und ihren toten Sohn, mit denen sich ihre Gedanken nun mehr beschäftigten, als mit der erst vor wenigen Jahren verstorbenen Schwiegertochter. Da war noch das Verzeichnis ihres eigenen Heiratsgutes mit altmodischer Schrift in französischer Sprache von ihrer Mutter geschrieben. Ja, richtig, sie hatte drei Dutzend Damasttücher mit in die Ehe gebracht. Eines lag übrigens noch, ganz zerrissen, im Schrank. Da war auch die Rechnung für eine Miniatur, die ihr Mann kurz nach der Ehe von ihr hatte machen lassen, zweihundert Gulden. Und dies waren zwei blonde Büschel Haar, von Mely und Hermann, als sie zwei und drei Jahre alt waren. Dann kamen Kauf- und Pachtverträge, dann Geschäftsbücher mit der Handschrift ihres Mannes, ihres Sohnes und zuletzt von ihrer eigenen sicheren Hand. Wer würde sie fortsetzen? Weder Hermann mit seiner unleserlichen, noch Mely mit ihrer gekünstelten Schrift. Wer weiß, was die in diesem Augenblick trieben, wieviel sie noch von ihrem Vermögen besaßen und was aus dem ganzen Sandersschen Besitz nach ihrem Tode werden würde! Hie und da kam noch Baron Erich zu ihr, und ihm schüttete sie bisweilen ihr Herz aus, ohne zu ahnen, was er für ein Leben führte. Er war langsam wieder seinem Bummelleben verfallen. Als er die Heirat Amélies erfahren hatte, war er zunächst in Verzweiflung geraten, legte sich vierzehn Tage ins Bett, ging nicht mehr in die Bank und fand auch dorthin den Weg nie zurück. Inzwischen war er der Liebhaber galanter und gut ausgehaltener Damen geworden, von denen er lebte. Längst hatte er alle Beziehungen zu der Gesellschaft verloren, nur die alte Mme. Sanders, die nichts von diesen Dingen ahnte und auch vorzog, von seinen Besuchen mit niemand zu sprechen, empfing ihn nach wie vor, und ihm schmeichelte es, daß ihn wenigstens noch dies eine Band mit einer besseren Vergangenheit verknüpfte. So geschah es, daß an manchen Sonntagen dieser Beschützer von Halbweltlerinnen an dem Tische dieses Bürgerhauses saß und die Geständnisse der alten Dame anhörte. Noch immer verstand er es, sich auserlesen zu kleiden; wenigstens besaß er immer einen Anzug, in dem er, wenn es galt, gute Figur machen konnte. Dadurch hielt er sich, wie er wohl wußte, dauernd an die Leiter des Glückes geklammert, wenn auch nur an die unterste Sprosse. Winkte doch noch einmal die Gelegenheit zum Aufstieg, so durfte er nicht an der Garderobe scheitern. Er war immer bereit. Inzwischen trommelten die schmalen manikürten Finger noch manchen Marsch auf der goldenen Zigarettendose, die oft versetzt, aber nie verkauft worden war. Der Baron zeigte nach wie vor Verständnis für den Kummer der alten Mme. Sanders und mißbilligte das Leben der beiden Enkel, denn seine alten Grundsätze über das, was sich gehört, hatte er wohl bewahrt, und es machte ihm nicht viel Kopfzerbrechen, daß er selbst im Augenblick nicht danach lebte. Hätte man ihm dies vorgehalten, so wäre er vielleicht in Verlegenheit geraten, würde aber schnell die Antwort gefunden haben: »In der Welt, in die ich geraten bin, kann ich von diesen Grundsätzen keinen Gebrauch machen. Im übrigen behalten sie für mich ihre alte Gültigkeit.« Zu seiner Ehre muß man bemerken, daß er niemals den Versuch machte, von Mme. Sanders Geld zu borgen. Dazu waren die Irmas und Ellens da, und der Baron hielt streng die Grenzen der Stände ein; er wollte von jedem das Seine, von Mme. Sanders nur die Ehre ihres Umgangs. Es kam ihm darauf an, wenigstens hier in diesem Hause noch als Kavalier und zuverlässiger Mensch zu gelten. Die Festtage in dem Leben der alten Dame waren es, wenn ihr ältester Enkel Kurt von Zeit zu Zeit ein paar Tage zu ihr kam. Aber zu ihm sprach sie nicht so offen über die beiden anderen Geschwister wie zu dem Baron, denn sie fürchtete die Härte seines Urteils. Es tat ihr wohler, wenn man ihre Enkel ein wenig zu entschuldigen suchte, und das versuchte Baron Erich hie und da auf eine geschickte Art. Kurt hatte inzwischen die Assessorprüfung gemacht und sollte einen einträglichen Posten in der Industrie annehmen. Di« Großmutter bat ihn für einige Tage zu sich, um mit ihm eine wichtige Angelegenheit zu besprechen. Sie fühlte sich immer schwächer werden, und da ihr Dasein durchaus keinen Inhalt mehr besaß, der ihre Lebensgeister hätte anregen und erfrischen können, war sie mit dem Gedanken vertraut, und er war ihr nicht einmal unangenehm, daß ihre Flamme langsam verlöschen würde. Nun aber gab es noch einen Punkt, der sie aufs äußerste beunruhigte. Sie wußte, daß sie die Erbteile ihrer Enkel festlegen konnte, aber zugleich fürchtete sie deren Fluch und den Haß, der nach ihrem Tode entstehen würde, wenn sie den Inhalt eines Testamentes erfuhren, das sie nicht zu freien Eigentümern, sondern nur zu Nutznießern ihrer Erbteile machte. Eines Abends saß sie mit Kurt bis spät in die Nacht hinein, ihre gichtigen, bleichen Finger breiteten auf dem Tisch Papiere und Dokumente aus. Kurt sah auch sehr viel älter aus. Sein blonder Schnurrbart war dicht geworden, das Haupthaar lichtete sich stark. Durch die Mitte der Stirn ging eine einzelne wagrechte Furche, die eine auf Kosten der Freude aufrechterhaltene Zähigkeit des Wollens verriet. Nun saß er bei ihr an demselben Tisch, wie einst, als sie dem jungen Studenten ihre weltweisen Ratschläge gab. »Weißt du, Großmama,« sagte er, »ich nehme die Sache auf mich. Mögen sie glauben, ich hätte dir diesen Plan eingegeben oder wenigstens dich darin bestärkt, was ja auch die Wahrheit ist.« »Aber mein Junge, sie werden dich für einen bösen, harten Menschen halten, und du hast dein ganzes Leben lang ihre Feindseligkeit zu tragen. Ah, c'est affreux. « In die alten roten, einst so lebendigen Augen, traten Tränen. »Das ist gleichgültig,« erwiderte Kurt mit einem bitteren Lächeln, »ich bin daran gewöhnt. Ich habe inzwischen auch meine Erfahrungen gemacht. Mein Leben lang strebe ich nach Klarheit und Gerechtigkeit und versuche, richtig zu handeln; aber mit einem derartigen Charakter macht man sich in unserer Zeit, wo alles in nervöser Gefühlsduselei und Sympathie für die Charakterschwachen erstickt, nur unbeliebt.« » Mais mon pauvre enfant, « sagte Mme. Sanders bewegt, »was hast du denn für Erfahrungen gemacht? So habe ich dich ja noch nie sprechen hören.« Sie legte ihre Hand auf die seine. Es war Kurt plötzlich peinlich, daß er sich zu diesem Geständnis hatte hinreißen lassen. Schnell lenkte er ein: »Aber um auf Amélie und Hermann zurückzukommen ... Ich werde, wenn du willst, das ganze Vermögen verwalten und den beiden allmonatlich ihre Rente auszahlen. Ich werde sie vor dem Bettelstab schützen, mögen sie mich dafür hassen.« »Und du glaubst, daß ihr euch nie wieder versöhnen werdet?« »Was heißt denn versöhnen, ich bin ihnen nicht böse, trage ihnen nichts nach. In dem Augenblick, wo sie die geringste Neigung zeigen, mit mir gut zu stehen, wo sie Hilfe oder Rat von mir haben wollen oder mich besuchen oder einladen, bin ich für sie der Bruder und stelle mich auf den Standpunkt, daß alle diese Mißverständnisse Episoden waren und begraben werden können. Ich bin an Mißverständnisse gewöhnt.« »Mein Junge,« sagte Mme. Sanders teilnahmsvoll, »was mußt du alles durchgemacht haben! Ich habe immer geglaubt, daß du deinen Weg leicht und vergnügt durchs Leben gehst, gesellschaftliche Erfolge hast und einmal Karriere machen wirst.« Kurt lächelte. »Nun, das ist ja auch mehr oder weniger so.« Mme. Sanders fühlte wieder Tränen in ihre Augen kommen. »Eines möchte ich noch erleben,« sagte sie, »daß du einmal eine brave Frau findest, wie du sie verdienst, bonne, jolie et intelligente .« Während Kurt in den nächsten Tagen mit der Testamentsangelegenheit beschäftigt war, erhielt er ein Telegramm aus München. Es war von Amélie und lautete: »Hermann bedenklich erkrankt. Womöglich gleich herkommen. Großmama nichts mitteilen. Amélie.« Kurt erschrak heftig, aber es gelang ihm, mit einem fast heiteren Gesicht bei der Großmutter einzutreten und ihr zu sagen, leider müsse sie ihn auf ein paar Tage beurlauben, man habe ihn plötzlich telegraphisch nach Berlin gerufen. Inzwischen sei die Angelegenheit bei dem Notar im Gang, er komme in wenigen Tagen zurück. Mme. Sanders beunruhigte sich. Als er sich von ihr verabschiedete, sagte sie: »Mein Junge, ich will mich nicht in deine Angelegenheiten drängen, aber wenn du Rat und Hilfe brauchst, pense à ta vieille grandmère .« 49 Kurt kam in München mit dem Frühzug an. Amélie holte ihn an dem Bahnhof ab, und auf seine plötzliche Frage: »Wie steht es mit ihm?« erwiderte sie schnell: »Lebensgefährlich ist es nicht. Ich sage dir nachher alles in der Droschke.« Amélie war bleich und verstört durch das Ereignis. In dem Wagen war sie kaum imstande, Kurt das Nötige zu sagen. »Denke dir nur,« stieß sie plötzlich heraus, »er hat sich umbringen wollen.« Kurt schnellte zurück. »Und ist gerettet worden?« fragte er. »Ja, es ist ihm mißlungen. Er wollte sich in die Isar stürzen, aber er ist in den Bäumen am Ufer hängengeblieben. Arbeiter haben ihn gefunden. Mir ist es gestern mittag durch die Polizei mitgeteilt worden. Stell' dir einmal meinen Zustand vor!« Kurt ergriff ihre Hand, sie brach in nervöses Weinen aus. Man merkte ihr an, daß ihre Kräfte erschöpft waren. »Beruhige dich, Kind,« sagte Kurt, »ich muß dich noch ein paar Sachen fragen. Ist er schwer verletzt?« »Nein, gar nicht. Verletzungen hat man überhaupt kaum gefunden, außer ein paar Hautabschürfungen, aber man fürchtet eher, daß die Nerven einen starken Stoß erlitten haben, der Arzt konnte noch gar nichts Näheres sagen.« »Wo ist er denn jetzt?« »In einer Privatklinik ... Freunde haben gleich dafür gesorgt, daß er hingebracht worden ist ... Gestern mittag um zwölf habe ich die Nachricht bekommen und dann gleich telegraphiert ... Wir können nachher sofort in die Klinik fahren und hören, wie die Nacht gewesen ist« ... Dies brachte sie zusammenhanglos hervor. »Hast du eine Ahnung, warum er es getan hat?« fragte Kurt. »Nicht recht, aber seine Scheidungsgeschichte ist vielleicht daran schuld.« »Liegt er in Scheidung?« »Ja. Die Leute benehmen sich furchtbar gemein gegen ihn.« »Wo ist denn dein Mann?« Amelie fühlte nur einen ganz kurzen Augenblick etwas von ihrem alten Trotz aufsteigen und war im Begriff, schnippisch zu sagen, er sei auf Reisen; aber sie hatte nicht mehr die Kraft dazu, sondern warf sich an Kurts Schulter, weinte und sagte: »Ich bin doch auch schon seit vorigem Herbst geschieden.« Kurt suchte sin Erstaunen darüber zu verheimlichen, da er fühlte, daß es im Augenblick nur zu beruhigen galt. Er sagte nur in gedämpftem Ton: »Warum hast du uns denn von alledem nichts gesagt?« »Ach, frag' mich nicht.« »Nein, ich will dich jetzt nichts fragen, was dich noch mehr aufregen könnte.« So kamen sie in den Gasthof. Amélie wartete in der Halle, während er sich umzog. Es war der frühen Morgenstunde wegen noch leer in dem Raum. Kellner, die unbeobachtet zu sein glaubten, schrien und warfen Türen auf und zu. Dadurch entstand heftiger Zug. Amélie fror an den Füßen. Ihr war, als sei sie bis zu den Knien eiskalt. Dann kam Kurt die teppichbedeckte Treppe herunter: Sie frühstückten zusammen. Er bemühte sich, über gleichgültige Dinge zu reden, fragte sie, wo sie jetzt wohne, ob sie wieder male und dergleichen. Sie fand ihn auffallend gealtert. Dann fuhren sie zusammen in die Klinik. Sie mußten in einem hellen Raum mit weißen Holzmöbeln warten. Amélie dachte an die Zeit, als sie Cornelius Blumen ins Krankenhaus brachte. Damals lag das Leben noch vor ihr. Ein junger Arzt mit rotem Bart in weißer Schürze trat ein. Er gab beruhigende Auskünfte. Hermann lag im Fieber: aus dem, was er in seinen Phantasien ausgerufen hatte, war ersichtlich, daß ihn Gedanken an seine Scheidung dauernd quälten. Es wäre gut, sagte der Arzt, wenn diese Angelegenheit etwas geklärt würde, bis der Kranke wieder recht zu Bewußtsein käme. Amélie schien es merkwürdig, den fremden Arzt von diesen Dingen reden zu hören. Sie mußte immerfort auf seine weißen, etwas sommersprossigen Hände schauen. Als sie wieder unten waren, sagte Kurt zu Amélie: »Sag' mal, Amélie, wärst du imstande, mir über diese Scheidungsgeschichte nun alles zu erzählen, was du weißt?« Amélie sagte ihm, während sie zu Fuß nach dem Gasthof zurückgingen, was sie wußte. Es kam ziemlich verwirrt heraus. Aber durch allerlei Fragen konnte er sich ein Bild machen. Frau Stehr-Schüler empfing ihn gegen Mittag. Sie fühlte sich zunächst geschmeichelt durch den vornehmen Besuch, war aber doch auch entschlossen, den Vorteil ihrer Tochter möglichst wahrzunehmen. Kurt fragte nach Lina, aber Frau Stehr meinte, es sei besser, sie verhandle mit ihm. »Vor allem, wie geht's em denn?« fragte Frau Stehr mit Teilnahme. »Er ist außer Gefahr.« »Gottlob,« atmete sie auf. Kurt, der gegenüber dem »Krieg« von Stuck saß, begann: »Sie haben also wegen Verweigerung der ehelichen Pflicht gegen meinen Bruder auf Scheidung geklagt?« »Ja, des hawe mer.« »Ist Ihnen irgendwie bekannt, warum mein Bruder seine Pflicht nicht erfüllt hat?« Frau Stehr fühlte sich sehr in ihrem Fahrwasser. Sie lächelte und sagte: »No, des könne' Sie sich doch grad so gut denke' wie ich, Herr Doktor.« »Es wären verschiedene Gründe möglich. Darf ich fragen, was Sie für den Grund halten?« »No, des is sehr einfach, des Hermännche hat halt vor der Eh' e' bißche' mehr geläbt, als er vertrage' könnt', und da is er ewe nit mehr recht fähig dazu gewäse'. E' Frau kann des awer verlange'.« »Nach dem, was ich über das Vorleben meines Bruders weiß, scheint eine derartige Annahme nicht gerechtfertigt. Er wird wohl hie und da seine kleinen Erlebnisse gehabt haben, aber von einer Erschöpfung seiner Kraft kann wirklich nicht die Rede sein. Erlauben Sie mir, daß ich offen spreche?« »Awer nadürlich, dafür sin' mer ja hier beisamme',« sagte Frau Schüler liebenswürdig und zugleich neugierig auf das, was er sagen würde. »Halten Sie es nicht für möglich, daß der Grund für Hermanns Zurückhaltung in dem Verhalten Ihrer Frau Tochter lag?« Frau Schüler lachte laut heraus. Nei', des halt' ich nit fir meglich bei der Lina. Die hat ja immer so en starke' Reiz auf die Männer ausgeübt, daß Freunde von gar nit allei' mit ihr in ei'm Zimmer sei' konnte', un' manche hawe' sogar, wenn se in Gesellschaft ihr gege'üwer gesesse' hawe, en' ganz rote' Kopp gekricht und sin' enausgegange', weil se's ei'fach nit mehr aushalte' konnte'. So wirkt die Lina auf die Männer. Nei', nei', wenn da einer sei' ehelich' Pflicht vernachlässigt, so is es einfach, weil er nit mehr kann.« Hiermit war für Kurt der Aufklärungsdienst beendet. Der Schlachtplan war ihm völlig klar. »Ich bedaure,« sagte er höflich, »daß ich Ihre Illusion über die Reize Ihrer Frau Tochter etwas zerstören muß. Vielleicht ist es gerade diese Art der Wirkung, die Sie so drastisch schildern, was Hermann abgestoßen hat. Nach dem, was mein Bruder, den ich natürlich noch nicht selbst sprechen konnte, anderen Personen, wenn auch nur sehr leise angedeutet hat, muß Ihre Frau Tochter ein Gebaren gezeigt haben, das ihn verletzte. Ich will auf Einzelheiten nicht eingehen, aber ich erinnere nur daran, daß wir einen Paragraphen haben, der es erlaubt, ein gewisses sinnliches Verhalten, das von dem – wie soll ich sagen? – bürgerlichen Kanon allzu weit abweicht, als ehrlos und unsittlich zu betrachten, so daß dem anderen Teile die Weiterführung der Ehe nicht mehr zugemutet werden kann, wenn der eine Teil ein solches Verhalten gezeigt hat. Ich mache Sie also darauf aufmerksam, daß, falls Sie Ihre Klage auf eine so intime Frage stützen, uns nichts anderes übrigbleibt, als durch eine Gegenklage derselben Art gegen Ihre Frau Tochter zu antworten. Ich darf Ihnen das sagen, weil das alles erst als Möglichkeit besteht. Hermann, der noch nicht wieder bei vollem Bewußtsein ist, weiß natürlich von alledem nichts; ich aber habe ja hier nur persönlich, nicht einmal als Beauftragter geredet!« Frau Stehr erschrak. »Wisse' Se, wenn des der Hermann deht, des wär' awer e' Gemeinheit ersten Ranges. Dazu halt ich en gar nit für fähig.« »Sie irren, gnädige Frau. Es wäre in der Tat eine unerhörte Gemeinheit, auf Grund solcher intimer Angelegenheiten gegen eine feinfühlige Frau zu klagen. Wenn einem aber von ihr das Messer an die Brust gesetzt wird, so wäre es falsch, eine größere Feinfühligkeit zu zeigen als der Gegner. Sie zuerst haben sich dafür entschieden, einen Scheidungsgrund auf so heiklem Gebiet zu wählen; wenn wir antworten, müssen wir natürlich auf diesem Gebiet bleiben. Sie sind also verantwortlich für das, was geschieht.« »Awer des is ja e' unglaublich' Schweinerei!« rief Frau Stehr aus, »Ei fui dausend! Wie kann ma' denn so was mache'! So im Dreck 'erumzuwühle!« »Ich freue mich, gnädige Frau, daß wir einer Meinung sind. Auch wir haben diese Ansicht, und darum bin ich gekommen, Ihnen vorzuschlagen, diese Mittel fallen zu lassen und zu einem andern überzugehen.« Frau Stehr faßte wieder Hoffnung. »Wisse' Sie dann eins?« »Nun, das ist sehr einfach. Alles war ja auf dem besten Weg, ehe mein Bruder den Brief Ihres Anwalts erhielt. Auf diesen Weg müssen wir zurück. Ihre Frau Tochter will die Scheidung und mein Bruder hat nichts dagegen. Beide Teile haben in bester Absicht geheiratet, um einander glücklich zu machen. Das ist mißlungen, und daran sind sie moralisch höchstwahrscheinlich beide gleich schuldig oder unschuldig, wie Sie wollen. Sie passen eben nicht zusammen. Es handelt sich also darum, daß man anständig auseinandergeht. Ein Geschäft kann selbstverständlich dabei nicht gemacht werden. Daß mein Bruder Ihrer Frau Tochter eine Abfindung anbietet, geschieht nicht, weil er schuldiger ist als sie, sondern weil er wirtschaftlich besser gestellt ist. Das befreit uns natürlich nicht davon, daß man vor dem Gesetz eine Schuld angeben muß, damit die Ehe rechtskräftig geschieden werden kann. Wir machen Ihnen also folgenden Vorschlag: Ihre Tochter einigt sich mit meinem Bruder beim Notar über die Summe, die sie an dem Tag, wo die Scheidung rechtskräftig wird, erhält, er aber liefert dem Anwalt Ihrer Tochter freiwillig irgendeinen Grund, woraufhin dieser die Scheidung, ohne peinliche Einzelheiten ans Licht zu bringen, vor Gericht verlangen kann. Das ist durchaus ritterlich gehandelt, Ihre Tochter geht als der nichtschuldige Teil aus der Scheidung hervor, und nichts steht im Wege, daß sie später wieder heiraten kann, sie bekommt eine Summe, die es ihr ermöglichen soll, sich inzwischen beruflich selbständig zu machen, falls der zweite Gatte auf sich warten lassen sollte. Das ist der saubere Weg, den ich Ihnen vorzuschlagen gekommen bin.« Frau Stehr überlegte eine Zeitlang. »Ja, was Sie da sage', des klingt ja ganz verninftig. Es käm' halt nur auf die Höhe der Summe an.« »Sehr richtig, ich freue mich, daß Sie den springenden Punkt gleich selbst erkennen. Die Höhe der Summe muß von zwei Gesichtspunkten aus bestimmt werden. Erstens ist dafür maßgebend das, was Hermann überhaupt zu leisten imstande ist, und sein Vermögen ist inzwischen recht zusammengeschmolzen.« »Awer er beerbt doch e'mal sei' alt' Großmutter,« fiel Frau Stehr ein. »Vielleicht später einmal. Vorläufig ist unsere Großmutter Gott sei Dank noch gesund und rüstig. Der zweite Gesichtspunkt aber ist der: wieviel braucht Ihre Frau Tochter, um sich in dem von ihr gewählten Beruf als Photographin auszubilden und selbständig zu machen. Soviel ich weiß, hat sich Hermann seinerzeit bereit erklärt, ihr so viel zu geben, daß sie zirka drei Jahre davon leben kann. Ich schlage vor, daß wir die dazu nötige Summe, über die man vielleicht noch etwas hinausgehen kann, zur Grundlage unserer Verhandlungen machen, denn irgendeine Schädigung hat ja Ihre Tochter in der kurzen Ehe nicht erfahren.« »Bitte, auf ere geschiedene Frau haftet immer en gesellschaftlicher Makel.« »Soweit ich unterrichtet bin, ist das in Künstlerkreisen mit moderner Weltanschauung nicht der Fall. Wenn ich nicht irre, sind gnädige Frau selbst...« »Des haw ich aber noch nie gehört,« unterbrach Frau Stehr von neuem, »daß mer sei' Frau zwinge' will, en Beruf zu ergreife'. Des is in unsre Kreise gar nit üblich.« »Gut,« erwiderte Kurt, »dann versuchen Sie es auf dem anderen Weg. Sie haben nun die Wahl, mit den Mitteln, die Sie vorhin selbst so treffend charakterisiert haben, gegen uns den Krieg bis aufs Messer zu führen, oder aber mit den Mitteln, die ich Ihnen eben vorgeschlagen habe, zu einer anständigen Lösung zu kommen, bei der Ihre Tochter auch nicht gerade schlecht fährt. Vor der Ehe wußte sie gar nicht anders, als daß sie einmal einen Beruf ergreifen würde. Nun hat sie zwar anderthalb Jahre verloren, bekommt aber dafür die Mittel zu der denkbar besten Vorbereitung. Wahrscheinlich wird kaum die Hälfte des von meinem Bruder zu Bewilligenden dazu nötig sein. Allerdings, eine Versorgung für ihr ganzes Leben ist es nicht; eine Rentnerin auf unsere Kosten wird sie dadurch nicht werden. Dazu liegt aber auch nicht die mindeste Veranlassung vor. Ich sehe nun Ihren weiteren Entschlüssen entgegen.« Kurt empfahl sich. Frau Stehr blieb bestürzt zurück und sagte vor sich hin: »Gott, is des´n unangenehmer Mensch.« Während Kurt das Haus verließ, verzog sich sein sonst so beherrschtes Gesicht zu einem unwillkürlichen Lächeln, und er wünschte sich, seine alte Großmutter hätte zugehört. Er fühlte sich heute sehr als ihr Enkel. Bald danach ging die Familie Stehr-Schüler auf seine Vorschläge ein. 50 In diesem Winter starb Mme. Sanders. Sie hatte sich eine Erkältung zugezogen, der ihr Alter keinen Widerstand mehr zu leisten vermochte. Noch einmal waren die drei Geschwister in ihrer Heimatstadt vereint, um der Großmutter, die sie nicht mehr lebend angetroffen hatten, die letzten Ehren zu erweisen und um den Nachlaß zu ordnen. Seitdem Kurt die Scheidung Hermanns, der inzwischen aus der Klinik entlassen worden war, so günstig beeinflußt hatte, war wieder eine Annäherung der Geschwister entstanden, und in den ersten Tagen ihres Aufenthaltes in der Heimat war eine warme, freundliche Stimmung zwischen ihnen. Am Tag nach dem Begräbnis wurden sie vor das Amtsgericht geladen, um der Eröffnung des Testaments beizuwohnen. Der Amtsrichter saß, zunächst unsichtbar und die Parteien nicht sehend, hinter Aktengestellen. »Also Sie sind die Chansonette Mignon Lorgnetta, genannt das Merinoschaf?« begann er die Verhandlung. »Nein, ich bin der Assessor Kurt Sanders,« erwiderte Kurt, der sofort merkte, daß eine Aktenverwechslung vorlag. »Bekennen Sie sich als Vater?« fragte die Stimme des Richters unbekümmert. »Nein, als Erbe.« »Was heißt das?« Nun erhob sich der Amtsrichter, ein kahler Mann mit einem kleinen dünnen Mund und einem Bart wie Wilhelm I. Vor einem Aktengestell stand ein rothaariger, sommersprossiger Zwerg, ein Gerichtsschreiber, der sich bisher mit unzureichenden, wenn auch nervösen Gebärden bemüht hatte, den Richter auf seine Verwechslung aufmerksam zu machen. Endlich gelang ihm dies. Der Richter nahm gleichgültig davon Kenntnis. Die piepsende Stimme des Schreibers las halblaut mit rasender Geschwindigkeit in etwa drei Minuten das Testament herunter. Die drei Enkel verstanden hie und da ihre Vornamen. Dann fragte der Richter: »Haben Sie etwas zu bemerken?« Niemand hatte etwas verstanden, also hatte auch niemand etwas zu bemerken. »Etwaige Anfechtung hat innerhalb vierzehn Tagen zu geschehen.« Damit war die Handlung beendet. Der Zwerg ließ bereits eine andere Partei herein; beim Hinausgehen hörten die Geschwister noch, wie eine ältliche Frau sagte: »Also die sechshundert Taler stammen von seinem Nachgeschwisterkind...« Draußen war Tauwetter. Kleine Eisstücke schwammen auf den Pfützen. Ein harter blauer Himmel spiegelte sich darin. Kurt erklärte den Geschwistern den Inhalt des Testaments, bei dessen Abfassung er ja Zeuge gewesen war. Amelie war empört. »Es ist unerhört,« rief sie, »diese Bevormundung durch das ganze Leben! Aber man kann doch das Testament ungültig machen, nicht?« »Man kann es versuchen,« erwiderte Kurt, »aber das Testament enthält die Klausel, daß du in diesem Falle nur auf das Pflichtteil gesetzt wirst.« »Was ist das?« fragte Amelie barsch. »Das ist ein Fünftel dessen, was dir sonst zukommen würde. Du kannst ungefähr, wie jedes von uns, mit zirka zehn- bis zwölftausend Mark Jahresrente rechnen. Sei doch froh, daß dir alle Geldsorgen abgenommen werden. Die fallen auf mich.« Amelie war wütend. Hermann schwieg und sann vor sich hin. »Was sagst du dazu, Hermann?« fragte sie, seine Bundesgenossenschaft erhoffend. »Ach, weißt du,« erwiderte er, der seit seiner Genesung viel ruhiger, milder und verständiger geworden war und nicht mehr alles idiotisch nannte, was ihm gegen den Strich ging, »ein bißchen merkwürdig von der Großmama finde ich's ja, aber im Grund ist es mir gar nicht unangenehm. Wir haben doch jetzt genug, um sehr bequem leben zu können. Was liegt mir an der Verwaltung? Für einen Künstler ist es überhaupt iel besser, er hat nichts damit zu tun.« »Was mich empört,« rief Amelie, »ist dieses unerhörte Mißtrauen, diese Bevormundung, die bis über den Tod hinausgeht. Aber ich habe die Großmutter immer gehaßt, und ich hasse sie noch. Sie hat es um mich nicht anders verdient.« Da ergriff Kurt Amélies Arm und erklärte: »Das kann ich nicht zulassen, daß du so von ihr sprichst! Ich muß dir erklären, daß die Großmama an diesem Testament unschuldig ist; ich habe sie dazu veranlaßt.« Amélie warf einen feindseligen Blick auf Kurt: »Das hätte ich mir allerdings gleich denken können,« erwiderte sie. »Du hast sie dazu veranlaßt?« fragte Hermann, »das finde ich allerdings auch sonderbar.« »Nun, ich will euch erklären, wie das kam,« sagte Kurt. »Ich traf sie vor einiger Zeit in namenloser Verzweiflung über euch und in Angst, was werden würde, wenn sie einmal die Augen zutut; denn sie hat ihren nahen Tod vorausgeahnt. Sie besaß doch Gründe zu der Meinung, ihr würdet mit Geld nicht umgehen können und in einiger Zeit an den Bettelstab kommen. Diese Sorge machte ihre Nächte schlaflos. Sie hat mich ein über das andere Mal um Rat gefragt. Da habe ich ihr einfach den juristischen Ausweg gezeigt, daß man das Kapital festlegen und euch bloß die Zinsen überlassen könne. Als ich sie entschlossen fand, bereitete ich alles vor, setzte sie eines Tages in eine Droschke und fuhr mit ihr zum Notar, denn allein hätte sie diese Entschlußfähigkeit nicht mehr aufgebracht. Nun wißt ihr, wie es gewesen ist.« »Also vergewaltigt hast du die alte Frau?« schrie Amélie empört. Ein vor sich hinmurmelnder Morgenspaziergänger, der ihnen begegnete, fuhr aus seinen Träumen auf und rief erschreckt: »Hä.« »Nenn' es, wie du willst,« sagte Kurt. Der Spaziergänger schaute ihnen unwillig nach und sagte etwas wie: »alte Leute erschrecken«. »Und was geschieht mit dem Geld nach unserem Tode?« fragte Amélie lauernd. »Dann fällt es an eure Erben,« erwiderte Kurt. »Wer sind denn unsere Erben?« »Wir beerben uns gegenseitig, falls wir kinderlos sterben.« »Aha,« rief Amélie befriedigt, »das wollte ich nur hören.« Der Zorn gab ihr einen überraschenden Scharfsinn. »Du hast also einen Vorteil davon, daß das Geld unter deine Aufsicht kommt. Auf diese Weise bist du sicher, daß du es nach meinem Tode erhältst.« Nun mußte Kurt lachen. »Aber Amélie, es ist doch höchst unwahrscheinlich, daß ich dich beerbe. Erstens bin ich älter als du, zweitens ist anzunehmen, daß du wieder heiratest und Kinder bekommst, dann werden dich die beerben.« »Immerhin,« erwiderte Amélie, »falls ich kinderlos sterbe, so hast du einen Vorteil davon, daß mein Vermögen möglichst groß ist.« Amélie sprach tagelang kein Wort mit Kurt. Sie suchte Hermann gegen ihn aufzuhetzen und erklärte ein über das andere Mal, sie würde das Testament anfechten. Aber da ihr jeglicher Geschäftssinn fehlte, versäumte sie es sogar, selbst einmal näheren Einblick in das Testament zu nehmen. So verstrich die Frist. Es wurde rechtsgültig. Inzwischen waren die übrigen Angelegenheiten geordnet worden; das Haus wurde vermietet, die alte Lene bekam eine Pension und zog in eine kleine, saubere Mansardenwohnung in der Stadt nicht weit vom Friedhof; dorthin, sagte sie, würde ihr einziger Spaziergang sein, an die Gräber der beiden Frauen Sanders, denen sie ihr Leben lang gedient hatte. Kurt brachte die Geschwister an die Bahn. Er hoffte, der Abschied würde auch die Schwester versöhnlich stimmen. Sie saß mit finsterem Gesicht im Wagen, während er mit Hermann noch auf dem Bahnsteig stand. Ein blonder Herr mit blutroter Halsbinde ging unruhig auf und ab und schielte nach Amélie. Er wartete, ob die beiden Herren zu ihr gehörten oder ob sie allein bleiben würde. Hermann sagte: »Ich kann zwar dein Verhalten nicht billigen, aber mir persönlich macht es nichts, und für deine Hilfe in der Scheidung danke ich dir noch einmal. Wir sind zwar zu verschieden, um uns in allem zu verstehen, aber ich fühle, daß du das Gute willst.« Er hatte in seinem Leben noch nie so besonnen gesprochen. Amélie schüttelte darüber den Kopf. Kurt kaufte einem Mädchen, das Blumen trug, ein paar Nelken ab und reichte sie Amélie. Sie schaute weg. »Amélie ...« flüsterte Hermann. Sie ging ans andere Fenster und sah einem Mann zu, der mit einer Oelkanne in der Hand zwischen den Rädern des danebenstehenden Zuges herumkroch. »Nimm du die Blumen,« sagte Kurt zu Hermann. Dieser nahm sie und reichte dem Bruder die Hand. Der Zug setzte sich in Bewegung, Hermann sprang schnell in den Wagen. 51 Hermann war immer noch sehr angegriffen und bedurfte der Erholung; der Arzt hatte verlangt, daß er das Ende des Winters und den Frühling in einem südlicheren Klima zubrächte. Der Tod der Großmutter hatte die Reise nur verschoben; da Amélie gleichfalls zu reisen beabsichtigt hatte, begaben sich beide zusammen nach der Riviera. Als die Geschwister an einem sonnigen Frühlingstag den Spielsaal von Monte Carlo betraten, waren beide durch das Treiben verwirrt. Zum erstenmal sahen sie wirkliche Eleganz; sie gingen schüchtern zwischen den belebten Spieltischen umher. Dann setzten sie sich auf ein Sofa und konnten sich nicht sattsehen an dem Gedränge um die Spieltische, an den hellen Toiletten der Damen, an ihrem sicheren Umhergehen und dem bunten Durcheinander internationaler Bräuche. Vielleicht eine Stunde saßen sie ganz schweigend; Amélie konnte ihre Augen gar nicht mehr abwenden von einer blonden, schlanken Dame, die kaum älter war als sie und mit einer unerhörten Sicherheit von einem Spieltisch zum anderen schritt. Sie setzte bisweilen auf zwei Tischen zugleich und eilte dann hin und her, um zu sehen, was das Schicksal ihrer Einsätze war. Amélie sagte zu Hermann: »Sieh mal, diese da interessiert mich unglaublich.« »Amerikanerin!« flüsterte Hermann. »Laß uns doch einmal etwas näher gehen und sehen, wie hoch sie setzt.« Amélie stand hinter der Dame, während diese einen Stuhl nahm, und konnte ihr über die Schulter in das goldgewirkte Täschchen sehen, aus dem ihre schlanken, nervösen Hände immer wieder Goldstücke hervorholten. Sie mußte mehrere tausend Franken darin haben. Plötzlich sprang sie auf, Amélie trat verlegen zurück, die fremde Dame ging zu einem anderen Tisch und versuchte dort ihr Glück. Ob sie eigentlich mehr verlor als gewann, das konnte Amelie nicht feststellen, da sie die Regeln des Spieles nicht erfaßte. Verständnislos blickte sie auf mehrere bekümmert über Notizblocks gebeugte, ältliche Herren, die liniiertes Papier mit dichten Zahlenreihen füllten. Die Gebärde dieser sicheren Frau – oder war sie gar ein junges Mädchen? – die ihr als Typus unbedingt etwas ähnelte, machte ihr tiefen Eindruck. Sie war ganz weiß gekleidet und wirkte außerordentlich frei, doch ohne aufzufallen, wenn man nicht gerade ein besonderes Interesse an ihr nahm. Amélie musterte auch andere Kleider, und zum erstenmal fühlte sie nicht die geringste Auflehnung gegen diesen mondänen Geschmack, der sich vor ihr ausbreitete, vielmehr fragte sie sich im stillen, ob sie sich nicht mit ihren jetzigen Mitteln ebenso kleiden könnte. »Weißt du, Hermann, ich bin ganz begeistert! Ich werde mir hier auch ein Kleid machen lassen. Wenn sich die Mode in einer so geschmackvollen Weise zeigt, dann hat sie Kultur. Und du solltest dir solch einen dunkelgrünen Anzug machen lassen, wie dieser Herr, der dort vorbeikommt.« Hermann sagte: »Ja, das kann ich tun. Ich brauche sowieso einen Frühjahrsanzug. Hättest du eigentlich Lust zu spielen?« »Nein, davor fürchte ich mich,« erwiderte sie. »Aber ich möchte noch oft hierherkommen und zusehen.« »Das ist auch viel künstlerischer,« antwortete Hermann. Zufrieden verließen beide das Kasino, um in einem hübschen Spiegelrestaurant das Frühstück zu nehmen. Wieder waren sie von gut gekleideten Menschen umgeben, und Amélie war entzückt. Nur fühlte sie sich ein wenig dadurch bedrückt, daß sie beide in ihrer Münchener sogenannten künstlerischen Kleidung etwas aus dem Rahmen fielen, Hermann in einem seiner braunen Anzüge mit kropfartig verwursteltem Schlips von neuzeitlichem Entwurf, Amélie in einem sie unordentlich umflatternden, graugrünen Gewand mit bunten Dachauer Bauernbändern als Besatz. Nachmittags gingen sie zu Schneiderinnen, Modistinnen und Herrenschneidern, aber sie waren entsetzt über die ungeheuren Preise. Das ging doch weit höher, als Amélie geglaubt hatte. Sie hätte allein niemals den Mut gehabt, wieder aus den Geschäften zu gehen, aber Hermann sagte in seiner brummigen, gleichgültigen Art: »Nein, das fällt mir ja gar nicht ein, der Räuberbande mein Portemonnaie auszuliefern. Wir werden schon etwas anderes finden.« Nur eines konnte sich Amélie nicht versagen, sie kaufte sich noch am selben Nachmittag einen Hut für achtzig Franken, der ihr ausgezeichnet stand. Während sie von einem jüngeren Ladenmädchen mit schwarzem Wuschelkopf, das sich ihrer aufs freundlichste annahm, bedient wurde, fragte sie, ob man ihr nicht eine gute Schneiderin empfehlen könne, die nicht so verrückte Preise mache wie die, wo sie bis jetzt gewesen seien. Das Mädchen lachte, als sie die Adressen hörte. »Nun ja,« erwiderte sie mit jener naiven Gönnermiene, welche die kleinste Französin der Ausländerin gegenüber annimmt, »da darf sich Madame nicht wundern, das sind die Geschäfte, wo Leute kaufen, die im Augenblick ein paar tausend Franken gewonnen haben. Wenn ich Madame einen Rat geben darf, dann geht sie in Nizza zu Mlle. Antoinette, das ist meine Schwester, die schneidert ebenso elegant, wie Sie es in den teuren Geschäften finden, aber sie macht vernünftige Preise.« Die Geschwister fuhren am nächsten Tag nach Nizza, wo auch Hermann einen ordentlichen Schneider fand, den wieder die wespenschlanke Mlle. Antoinette unter lebhaftem Spiel ihrer rabenschwarzen Augen aufs angelegentlichste empfahl. Von deren Verständnis und taktvoller Belehrung war Amelie überhaupt begeistert. » Ah, j'entends, j'entends, « sagte sie immer wieder, » Madame n'aime pas le cliché, voilà. « Und nach dieser theoretischen Anerkennung ihrer »Eigenart« ließ Amélie sich praktisch zu allem überreden, was die kluge Mlle. Antoinette wollte. Beim Hinausgehen sagte sie zu Hermann: »So eine französische Schneiderin ist doch etwas ganz anderes. Die versteht wenigstens auf Ideen einzugehen, die man ihr gibt.« Sie setzte ihre ganze Garderobe instand und erhielt gleichzeitig, ohne es zu merken, Unterricht über die Kunst der Kleidung, die sie in den letzten Jahren so gröblich vernachlässigt hatte. Ihr altes Talent für diese Dinge wurde wieder wach. Mlle. Antoinette wiederholte ein über das andere Mal, daß es ein wahres Vergnügen sei, eine Dame wie Amélie zu kleiden, die selbst einen so eigenartigen Geschmack besitze. Das gab Amélie Sicherheit; sie half auch Hermann bei der Auswahl seiner Halsbinden und Socken, und so kam es, daß nach etwa acht Tagen beide auf der Strandpromenade gar nicht mehr auffielen, und daß Amélie die Blicke vieler Vorübergehenden auf sich zog. Wie köstlich war doch nun wieder das Leben, dachte sie, und wie dumm und einfältig schienen ihr plötzlich alle diese Schwabinger Ideen! Amélie eilte nun vom Theater zum Souper, vom Souper zum Ball und von dort in die Bars und konnte sich kaum entschließen, sich zu Bett zu legen. Hermann saß immer still beobachtend dabei; sein motziger Ausdruck war geschwunden, obwohl er keineswegs von allem so eingenommen war, wie seine Schwester. Nach einiger Zeit drängte er, sie sollten sich nun an einem ruhigen Ort niederlassen, da ihn dieses Treiben ermüde und auf die Dauer nicht befriedigen könne. So begaben sie sich an einen kleinen Ort an der italienischen Riviera. Dort streiften sie durch die Berge wie einst, als sie zum erstenmal mit der Mutter in Italien waren, und nach wenigen Tagen begann Hermann sein Malzeug hervorzunehmen und Landschaften zu entwerfen. Es kam ihm vor, als ob er in der letzten Zeit, in der er doch gar nicht gearbeitet, trotzdem auf geheimnisvolle Weise Fortschritte gemacht hätte; das Malen machte ihm immer mehr Freude. Er sah gesund, fast rosig aus. Seine bleiche Schwammigkeit war völlig verschwunden; ein stillzufriedenes Phlegma kennzeichnete sein Wesen. »Ich glaube, ich werde es nun doch noch zu etwas bringen,« sagte er eines Tages beim Kaffee auf dem sonnigen Balkon der Pension, »ich muß wieder nach München zurück und nun einmal ernstlich studieren. Alle die dummen Phrasen von einst habe ich mir aus dem Kopf geschlagen, wer hindert mich jetzt daran, wirklich ein Künstler zu werden?« »Nach München«, sagte Amélie verächtlich, eine Zigarette rauchend, »bringen mich keine zehn Pferde mehr. Ich will jetzt endlich einmal die Welt kennenlernen, und wenn du nicht mitgehst, dann reise ich auf eigene Faust weiter.« Nach einiger Zeit kam Hermann erholt und mit neuem Lebensmut, heiterer, als er je im Leben gewesen, nach München, wo er sich eifrig seinen Malstudien ergab.   Amélie reiste nun über zwei Jahre lang allein durch die Welt. Wenn sie mit ihrer Rente nicht auskam, so konnte sie durch den Rest ihres mütterlichen Vermögens, der ihr zur Verfügung blieb, nachhelfen. Jetzt wollte sie das Leben wirklich kosten, etwas »erleben«, eine Lebenskünstlerin werden! Erfüllte sie denn nicht alle Vorbedingungen dazu? Sie konnte sich nicht verhehlen, daß sie hübsch, fast schön war. Sie fühlte sich vollkommen frei, hatte den Titel einer Frau und die nötigen Mittel zur Verfügung, um von keinem Manne abhängig werden zu müssen. Daß sie auch Verstand und Geist besaß, daran konnte doch kein Zweifel sein. Was stand also noch im Wege, das Leben in vollen Zügen zu genießen und in eigenem Sinne zu gestalten? Und dennoch wollte es nicht gelingen. Es fehlte nicht an Männern, die sich der jungen, alleinreisenden Frau anschlossen. Aber die meisten von ihnen waren ihr widerwärtig oder flößten ihr Furcht ein. Sie hatte – außer wenn sie davon las – eine unbeschreibliche Angst vor Abenteurern, und das veranlaßte sie zu heilsamer Vorsicht. Erschien sie irgendwo in Rom oder in St. Moritz in einem Gasthof und fand sie einmal einen Mann, der durch die Halle ging, reizvoll oder »interessant«, so gelang es ihr selten, gerade diesen auf sich aufmerksam zu machen, vielmehr war sie immer wieder von einer Sorte Männer umgeben, die sie schon in München etwas kennengelernt hatte, von zweifelhaften Südamerikanern oder Rumänen, sogenannten » rastas «, deren sie sich kaum erwehren konnte. Das machte sie manchmal so nervös, daß sie sich den ersten besten Landsleuten anschloß, die sie im stillen verachtete. So begann sie hie und da den konventionellen deutschen Assessor, ja, einmal sogar einen ungepflegten Professor der Botanik aus Leipzig zu schätzen, denn mit diesen Menschen konnte man doch immerhin einmal ein Wort reden, wie es einem ums Herz war, während das Abenteurergesindel der großen Gasthöfe für alles, was Amélie beschäftigte, nicht das mindeste Verständnis besaß. Sehr schwer erschien ihr auch der Verkehr mit Kellnern und Geschäftsführern. Sie besaß nicht die Sicherheit, die eine alleinreisende, schöne Frau braucht, um diese Art Menschen im gehörigen Abstand zu halten. So wurde sie hie und da mit zweifelhaften Blicken gemustert, es konnte vorkommen, daß man sie impertinent abwies mit der Bemerkung, es seien keine Zimmer mehr frei, obwohl das halbe Haus leer stand, und dann wieder geschah es, daß sie sich kaum der galanten Anwandlungen eines Gasthofangestellten erwehren konnte. Die Weltreisenden, die Sportsleute, die Diplomaten, kurz die »interessanten« Menschen, auf die sie gerechnet hatte, blieben aus. Sie reiste planlos. Wenn ihr irgend jemand sagte, den oder jenen Ort müsse sie sich ansehen, dort sei die beste Gesellschaft versammelt, dann fuhr sie hin. So kam sie in einem Frühjahr nach Abbazzia. Abends setzte sie sich in einem hübschen Kleid – in diesem Punkt war sie jetzt immer einwandfrei – in eine Ecke der Halle, von wo aus sie gut beobachten konnte. Ein modern gebundenes Buch des Inselverlags sollte sie den Männerblicken gleich als »Kulturmenschen« kennzeichnen. Von diesem Platz aus hörte sie mancherlei. Sie fand das Leben ungemein »interessant«, gewann jedoch keinen Anschluß daran. Nicht weit von ihr saß eine große, magere Blondine mit ungewöhnlich ausdrucksvollem, irgendwie heroisch oder tragisch wirkendem Profil. Sie war nicht ganz streng nach der Amélie nun wohlbekannten Mode gekleidet. Obwohl man längst keine langen Aermel mehr trug, ging der schwarze Atlasstoff des Kleides der Dame bis an die Handgelenke, die von schweren alten Goldarmbändern umgeben waren. Amélie glaubte das verachten zu dürfen und dachte an Schwabingerei. Da kam ein wohlgenährter, glattrasierter Herr mit braunen Gazellenaugen auf die Dame zu und begann eine Unterhaltung: » Eh bien, le prince est parti. « Amélie erfuhr nun, daß eine Hoheit bis heute nachmittag mit ihrem Gefolge im Gasthof gewohnt hatte, nun aber abgereist war und daß darüber die beiden geradezu aufatmeten. Sie waren nicht hierhergekommen, um Hofluft zu atmen, davon hatten sie zu Hause genug. Dann äußerte der Herr, die Gesellschaft hier sei doch zu minderwertig. Da ging gerade eine schwarzhaarige Dame in pfaublauem Seidekleid mit schwarzen Spitzen und einem perlenbesetzten Haarnetz durch die Halle. Es war die geschiedene Frau eines Wiener Advokaten. Die blonde Dame sagte: » De quel monde sont donc ces femmes? « » D'aucun, « antwortete der Herr. Dann redeten sie von den Windischgrätz und den Lubomirsky, den Radziwill und den Lovatelli. Amélie war sehr verwundert. Die Wiener Dame war ihrer naiven Verehrung als der Inbegriff einer großen Dame erschienen. Sie gewann eines Abends von ihrem Platz in der Halle aus eine weitere Aufklärung. Ein deutscher Afrikareisender, der kein S aussprechen konnte, sondern diesen Konsonant wie das französische J sprach, und ein Wiener Herrenreiter ohne ein Haar auf dem tiefbraunen Schädel, sprachen von jener Wienerin. » Half bred, « sagte der Herrenreiter, »mir is a rechte Kokott' lieber. Diese geschiedenen Frauen mit zehntausend Gulden im Jahr, die der verflossene Herr Gemahl zahlt, verderben die ganze Gesellschaft. Man kennt sich ja nimmer aus.« Amélie erschrak über dieses Wort, als sei es eine Anklage gegen sie selbst. Aber sie wollte nicht darüber nachdenken. » Half bred, « wiederholte der Afrikaner, »sehr gut ... bin ganz Ihrer Meinung!« Nur ein einziges Mal schloß sich ein Mensch an sie an, der gleichzeitig einige geistige Interessen besaß und gesellschaftlich eine Stellung hatte. Es war ein bulgarischer Gesandtschaftsattaché, der in Berlin studiert hatte. Boris war ein winziger, sehr ritterlicher und aufmerksamer Mensch mit dickem schwarzen Schnurrbart, seine Huldigungen taten Amélie wohl. Aber wenn er von Liebe sprach, dann mußte sie ganz einfach lachen, und so unterließ er es. Er nannte sich dann ihren uninteressierten Freund und das ermöglichte ihr, mit ihm zusammen nach Paris zu fahren. Das war immer ihr sehnlichster Wunsch gewesen, aber eine gewisse Angst vor dem Treiben dieser Stadt hatte sie bisher daran verhindert. Sie befreundete sich immer mehr mit Boris und es tat ihr wohl, sich ihm gegenüber, der als Mann ja doch nicht zählte, ein wenig gehen zu lassen. So kam das kleine Mädchen, ja die Schwabingerin, gelegentlich diesem Menschen gegenüber wieder heraus, der für alles, was sie tat, die größte Bewunderung hatte; aber es kam ihr vor, als ob er ihr in Paris nicht die Orte zeigte, die sie sehen wollte; er hatte sehr konventionelle Ideen darüber, was eine anständige Frau tun dürfe und was nicht. Nichtsdestoweniger brachte sie ihn dazu, eines Abends mit ihr nach dem Theater zu Maxim zu gehen. Es reizte sie, seine Aengstlichkeit, mit der er sie zwischen den Kokotten an den enggestellten Tischen sitzen sah, noch zu steigern. Nein, Boris verstand nicht zu leben! Sie wollte unbedingt Champagner trinken und berauschte sich mit einer gewissen Absichtlichkeit, während sie ihn fortgesetzt neckte und laut ihren Professor der Moral nannte. Hie und da sprach sie französisch, offenbar um an den Nachbartischen verstanden zu werden. Dort begriff man, daß da ein über das erlaubte Maß ernsthafter Herr von einer hübschen, lustigen Frau zum besten gehalten wurde. Aber was war das wohl für eine Frau? Eine Dame konnte sie doch nicht sein, sonst würde sie sich nicht an einem solchen Ort so auffallend benehmen. Hier hielten sich Damen gewissermaßen auf der Galerie. Daß sie aber nicht vom Gewerbe war, das fühlte man doch, wenn man sie bloß hereinkommen sah. Sie benahm sich immer kindischer, je mehr Champagner sie trank, warf dem armen Boris Brotkrümchen und welke Blumen ins Gesicht und lachte ihn aus. Zu der Zigeunermusik, die im Hintergrund gespielt wurde, tanzten hie und da die Kokotten in dem Gang zwischen den Tischen Boston, Two-step und andere moderne, amerikanische Tänze. Da erinnerte sich Amelie in plötzlich sentimental-betrunkener Anwandlung der Münchener Feste, und sie dachte, daß es doch etwas Großartiges sein müsse, diesen Frauen einmal die freien Schwabinger Tänze vorzuführen. Das plötzliche Gefühl für die »Kulturmission«, die darin lag, besiegte ihre angeborene Schüchternheit. Der Champagner hatte sie ohnehin von mancher Hemmung befreit. Zum Entsetzen Boris' stand sie plötzlich auf, begann in dem Gang umherzutanzen und dabei törichte Armbewegungen zu machen, wie sie sie einst bei der Barfußtänzerin Ellinor Schlosser gesehen hatte. Zunächst entstand ein allgemeines Kichern, aber irgend etwas empörte sich in den Kokotten, was offenbar mehr war, als Neid gegen unlauteren Wettbewerb. Diese Frauen hatten trotz allem ein instinktives Gefühl für Formen und sie empfanden es, ohne sich genau darüber Rechenschaft zu geben, als Takt- und Geschmacklosigkeit, daß eine Dame, die nicht in diese Welt gehörte, sich plötzlich so aufspielte. Eine spitze, schwarzhaarige Person fand, es sei » dégoûtant « und warf ein Sektglas nach Amélie. Kaum war dieses Zeichen gegeben, als Gläser, welke Blumen und andere Gegenstände auf die Tanzende niederregneten, die in einen plötzlichen Weinkrampf ausbrechend zu Boris zurücklief. Er war in der peinlichsten Verlegenheit, rief den Kellner herbei, der Amélie vor den Frauen schützen half, und als diese sahen, daß das Paar im Begriff war aufzubrechen, beruhigten sie sich und schrien nur noch: » Sâle Prussienne! Sâle Prussienne! « Unter diesem Ruf verließen Boris und die schluchzende Amélie Maxim. »Diese gemeine Gesellschaft!« rief sie im Wagen. »Ich habe immer geglaubt, hier in Paris hätten die Kokotten Kultur.« » C'est votre faute, c'est votre faute! « sagte Boris in einem fort. Nun aber wendete sich ihr Zorn gegen ihren Begleiter; sie warf ihm vor, er habe sie nicht ritterlich genug beschützt. Darauf erklärte aber Boris ganz ruhig und mit einer überraschenden Entschiedenheit, er sei zwar bereit, eine Dame durch alle Fährnisse einer Großstadt zu führen und sie gegen Angriffe zu schützen, die Vorbedingung aber sei, daß sie selbst sich zu benehmen wisse. Dann nahm er vor der Tür ihres Gasthofes einen sehr kühlen Abschied. Am anderen Tag schrieb er ihr einen Brief, in dem er dankte für die angenehmen Stunden, die er mit ihr verbracht hatte, daß er aber leider wegen Familienangelegenheiten Paris verlassen müsse, er wünsche ihr eine glückliche Weiterreise. Amélie war wie vernichtet, und die alten Schwabinger Redensarten regten sich wieder: »Er ist ein ganz konventioneller, unkünstlerischer Mensch. Es ist gut, daß ich ihn nicht mehr sehe.« Sie begann nun die weltlichen Freuden wieder zu verabscheuen und beschloß, sich mit Eifer dem Anschauen der Sehenswürdigkeiten zu widmen. Jeden Vormittag wollte sie von jetzt an in den Louvre oder in den Luxembourg gehen. Sie fing auch damit am nächsten Tag an, aber die Museen ermüdeten sie furchtbar und sie kam nicht sehr weit. Zerfahren lief sie in den Sälen herum, bald saß sie, in den Baedeker vertieft, auf einer Bank, bald fuhr sie nervös auf. Dann wieder starrte sie minutenlang, das Kinn in die Hand gestützt, dabei an etwas ganz anderes denkend, auf ein Bild, aber sie fand die Berührung mit dem Kunstwerk ebensowenig wie mit dem Leben. Ach, und die furchtbare Luft in so einem Museum und die dummen Amerikaner und die lauten Deutschen mit ihren anmaßenden Bemerkungen! Sie erinnerte sich zu ihrem Trost, gehört zu haben, daß Museen überhaupt ein Unsinn sind; es sei eine barbarische Art, Kunstgegenstände so auf einem Platz zusammenzustellen. Da müsse natürlich das eine das andere überschreien. Offenbar war es daher gerade ein Zeichen von verfeinertem Gefühl, wenn die Kunstwerke in einem Museum nicht auf einen wirkten. Man müßte ihnen frei begegnen können, um von ihrer Schönheit betroffen zu werden. Da dies aber in unserer Zeit nicht möglich ist, mußte Amélie auch den Genuß der Kunstwerke aufgeben. Nun fand sie, daß die Großstadt überhaupt nicht das Richtige für sie sei und sie beschloß, in die Einsamkeit des Landes zu fliehen, ganz mit sich allein zu sein und niemanden zu sehen. Alles Französische – sie dachte dabei auch an die Großmutter und ihre Ideen – war ihr ja von jeher zuwider gewesen. Sie wurde darin so empfindlich, daß sie nun nicht einmal mehr den Akzent auf ihrem Namen vertrug, aber was tun? Ihn einfach weglassen, das ging nicht; da mußte sie sich schon Amalie nennen, freilich ein recht spießbürgerlicher, unpersönlicher Name. Sie überlegte: Mally, Ama, alles das war unmöglich, und so blieb es denn bei Amalie. »Was tut es denn,« sagte sie sich, »ich heiße einfach so und wem es nicht recht ist, der kann fortbleiben. Uebrigens genau genommen ist der Name gar nicht so schlimm. Es kommt ganz darauf an, wie man ihn hört.« Es war Ende Juni, als Frau Dr. Amalie Cornelius in die Schweiz reiste, wo sie sich in einer kleinen Pension einmietete. Sie verwirrte die Wirtsleute aufs äußerste. Kein Zimmer war ihr recht, hier verletzte sie die Tapete, dort die Aussicht, denn allzu hohe Berge »erdrückten« sie. Schließlich gab man ihr einen Pavillon in dem Garten der Pension, wo sie ganz allein für sich leben konnte. Sie wollte niemand sehen, erklärte sie dem Wirt auf das bestimmteste, als erwartete sie dessen Widerspruch, auch die Mahlzeiten würde sie in ihrem Pavillon nehmen. Das geschah denn auch; die Gäste der Pension sahen sie sehr neugierig an und das tat ihr zuerst wohl. Aber bald langweilte sie sich zum Sterben. Ihre einsamen Spaziergänge wurden immer kürzer, und schließlich hielt sie sich mit Vorliebe in dem kleinen Ort auf, wo es eine Konditorei gab mit illustrierten Zeitungen. Bisweilen setzte sie sich auf die Bänke der Anlagen, in der Hoffnung, Bekanntschaften zu machen, nur um einmal wieder ein paar Worte reden zu können, denn die Einsamkeit in ihrem Pavillon war unerträglich. Aber sie gestand es sich nicht zu und ging immer wieder eigensinnig in den Pavillon zurück, wo sie allein saß, während sie sich brennend dafür interessierte, was eigentlich in dem Speisesaal der Pension vorging. Nun aber konnte sie natürlich nicht mehr zurück, nachdem sie einmal die Rolle der menschenverachtenden Eigenbrötlerin auf sich genommen hatte. Oh, wie verachtete sie »die konventionelle Bande«, die lustige Ausflüge unternahm und abends bisweilen etwas lärmend beisammensaß, wobei es sogar vorkommen konnte, daß der Kanon »O wie wohl ist mir am Abend« ertönte. 52 In diesen wirren Monaten dachte Amalie häufig an Cornelius. Als sie einmal durch Mailand reiste, wurde sie tieftraurig. Es kam ihr vor, als ob es damals mit ihm doch sehr viel schöner gewesen sei als jetzt, wo sie frei war. Sie hoffte immer, er würde ihr einmal begegnen, sie vielleicht irgendwo in einem großen Gasthof als Weltdame sitzen sehen, mit einem »interessanten« Herrn zusammen, der sich um sie bemühte. Manchmal dachte sie mit Haß an ihn, hie und da auch wieder mit zärtlicher Bewunderung, aber ihr Hauptgefühl war der Wunsch, ihm zu zeigen, daß sie nun ohne ihn eine freie Persönlichkeit geworden sei und ihr Leben einzurichten wisse. Dazwischen durchkreuzten sie auch Gedanken an Erwin Dorn, und manchmal gestand sie sich ganz offen ein, daß sie ihn liebte. Ja, das war wirklich ein Mann, der einem etwas sein konnte, meinte sie, und es verursachte ihr eine gewisse Befriedigung, ihrem Leben einen Inhalt mit dieser »verlorenen« Liebe zu geben. Hie und da hatte sie zu Boris gesagt, als er sie noch mit seinen Anträgen bestürmte, daß davon nie die Rede sein dürfe, da sie sich das Bild eines anderen hochbedeutenden Mannes nicht aus dem Herzen reißen könne. Bei alledem aber schwoll in ihr immer mehr die Sehnsucht nach München an. Das war der einzige Ort, wo sie hinpaßte, und wenn sie sich auch immer wieder zwang, diesen Gedanken zu bekämpfen, da sie nun München und besonders Schwabing weit hinter sich gelassen hatte und in der großen Welt leben wollte, so schien es ihr doch immer verführerischer, jetzt als Weltdame nach München zurückzukehren und nun dort nicht mehr die kleine Amélie Sanders zu sein. Inzwischen sollte sich ihre Hoffnung, Cornelius zu begegnen, der auch in der Welt herumreiste, erfüllen. Es war an einem Aprilabend in Rom im Teatro Costanzi. Die Duse trat auf. Amalie war in ihrer gelangweilten Einsamkeit einfach in eine deutsche Touristenpension gegangen, wo man ihre Ansprüche auf Persönlichkeitswert eher verstand, sei es, daß man sie bewunderte, sei es, daß man ihre Theorien bekämpfte. Jedenfalls wußte man sie als Typ einzuordnen, während sie in den internationalen Kreisen, von denen sie sich soviel versprochen hatte, der Bedeutungslosigkeit verfallen war. Mit einigen lärmenden Landsleuten, die aber das Ideal der ästhetischen Kultur hochhielten, saß sie an jenem Abend in einer Loge im Costanzitheater. Sie hatte einen guten Abend. Ihre erblühte Büste in einem dunklen, mit breiten Spitzen besetzten Samtkleid gab ihr fast etwas Großartiges. Das zwar etwas leer schauende Gesicht über dem Ausschnitt, von blondem Haar gekrönt, zog viele brennende Männerblicke aus düsteren, tiefen Augenhöhlen an. Amalie hatte inzwischen gelernt, gleichgültig daran vorbeizusehen, da sie die südländische Galanterie, die keiner Auseinandersetzungen bedarf, nicht schätzte. Die italienischen Männer, das hatte sie bereits erfahren, suchten in der Frau nicht in erster Linie den Menschen. Da erkannte sie auf einmal im Parkett Cornelius. Sie zitterte. Er folgte aufmerksam den Vorgängen auf der Bühne. Nach einigen Minuten wurde sie ruhiger, und nun beobachtete sie ihn durch ihr Glas. Als ob er hier gar kein Fremder sei, saß er zwischen allen diesen befrackten Herren. Vor allem fiel ihr die hohe, kluge Stirn auf, die sie einst so oft angeschaut hatte. Er trug jetzt einen kurzen Schnurrbart. Ach, wenn er nur heraufsehen wollte! Im Zwischenakt verfolgte sie jede seiner Gebärden in der Hoffnung, seinen Blick zu fangen. Schließlich gelang es. Sie lachte und winkte mit der Hand. Er grüßte erstaunt und erkannte sie nicht. Plötzlich aber lächelte er, machte ein fragendes Zeichen, ob er heraufkommen solle; sie nickte. In größter Erregung stand sie auf. Ihren Bekannten sagte sie verlegen, sie habe ihren Schwager im Parkett gesehen. Alle lächelten. Im Gang begrüßte er sie. »Amélie, welch ein Zufall!« rief er erfreut. »Wie geht es denn? Nein, wie schön du geworden bist.« Sie wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen, so gefiel ihr diese Beherrschung der Lage, verbunden mit seiner fast knabenhaft unbefangenen Huldigung. Sie war verlegen und schüchtern, ganz die kleine Mely von einst. »Morgen reise ich ab,« sagte er, »eine wahre Schicksalsfügung, daß wir uns noch treffen.« Sie machten aus, nachher zusammen zu speisen. Amalie ging in ihre Loge zurück. Sie konnte kaum den Schluß der Vorstellung abwarten. Fortgesetzt beobachtete sie ihn mit ihrem Glas. Wie einst bisweilen in München saßen sie sich eine Stunde später in einem Gasthof gegenüber, aber nun nicht mehr als das Schwabinger Pärchen, sondern als »Kavalier und Weltdame«. Er war unterhaltend, suchte aber zu vermeiden, das Gespräch auf persönliche Fragen zu bringen. »Weißt du, die Schwabingerei habe ich gründlich überwunden,« sagte Amalie plötzlich. »Ich auch,« erwiderte er lächelnd, »die wenigsten sind ja dort toll aus Temperament, die meisten sind es nur aus Grundsatz, aus moderner Weltanschauung, aus Freude, gegen die Ansichten der Durchschnittsmenschen aufzumucken. Wer wirklich eigenartig ist, wird schamhaft, er bemüht sich, nicht durch Aeußerlichkeiten aufzufallen. Nach außen ein beherrschter Mensch zu sein, mit einem Urgrund von unterseeischer Seltsamkeit, die die Philister – und das sind heute doch die allermeisten Künstler – überhaupt nicht merken, das schiene mir ein erstrebenswerteres Ideal.« Wieder einmal hatte die kleine zur Bewunderung geneigte Mely das Gefühl, hier vor einem Menschen zu stehen, der ihr die Schlüssel des Lebens überreichen könnte, und sie trieb ihn immer mehr zum Reden und zum Erzählen. Als er sie dann in einen morgenländisch mit Teppichen und Diwanen eingerichteten Nebenraum führte, wo sie zwischen Kissen bei ihm saß und den süßen schwarzen Kaffee schlürfte, da war ihr, als ob sie ihn jetzt zum ersten Male liebte. Ihn freute es sichtlich, sie, um die er so lange vergebens gerungen hatte, nun doch noch von sich überzeugt zu haben und unter dem Einfluß von Champagner, Mokka und Zigaretten begann er ein wenig mit seinen neugewonnenen Erfahrungen zu prunken. Sie ermutigte ihn immer mehr zum Reden und fragte ihn nach seinen Zielen. »Mein Ziel ist nicht ein Ziel, das ich mir gesteckt habe, sondern alles in mir leben lassen und es nur so leiten, daß das Viele Eines wird; was dabei herauskommt, das ist mein Ziel. Diese armseligen, modernen Menschlein haben darum diese törichte Angst vor dem bewußten In-die-Handnehmen des Gebens, weil sie in ihrer Instinktarmut immer gleich zu Sklaven der Vernunft, zu Rationalisten, würden. Wenn man in die Nacht hinauswandert, dann soll man das Licht der Vernunft mitnehmen und es so weit ins Dickicht des Lebens hineintragen, bis der Weltgeist höchst selbst das Licht ausbläst. Es von vornherein ausblasen und sagen: ›So, jetzt will ich grundsätzlich unvernünftig sein‹, das führt zu nichts.« Als er schwieg, antwortete Amalie zunächst nicht, und während er vor ihr auf und ab ging, von seinen jungen Gedanken beflügelt und berauscht, flüsterte sie plötzlich: »Ich glaube, Paul, jetzt könntest du mich retten!« Plötzlich erfaßte sie seine Hand und rief heftig: »Du, geh doch nicht in einem fort so auf und ab, das macht mich ganz nervös.« Er blieb stehen. »Du mußt mich retten. Niemand kann es außer dir.« »Nein, Amélie,« sagte er zärtlich, »ich kann niemanden retten, ich habe noch viel zuviel mit mir selbst zu tun. Vielleicht erscheine ich deshalb als Egoist, aber es war stets nur Notwehr, was mich zur Härte gegen andere trieb. Ich bin ebenso hart gegen mich selbst. Amélie, klammere dich nicht an mich und versuche nicht, mich schwach zu machen, denn ich ...« Es war, als ob Tränen seine Stimme erstickten. Noch immer stand er vor ihr und hielt ihre Hand. »Kannst du überhaupt noch lieben?« fragte Amalie leise. »Ja,« erwidert« Cornelius, »ich liebe eine reife Frau, in deren klarer und harmonischer Seele ich Befreiung von mir selbst finde. Denn wenn ich auch heute einigermaßen meinen Weg weiß, so bin ich doch nicht so stark, wie ich dir scheine.« Cornelius vergaß zeitweise fast, zu wem er sprach. Er redete für sich selbst, und nie war er sich über alles das klarer gewesen. »Ich liebe in der Frau etwas Aehnliches, wie in der Musik: helle, klare Akkorde. Darum fliehe ich moderne Frauen ebensosehr wie die moderne, unmelodische Musik. Wenn ich liebe, dann ist mir zumute wie denen, die singen: ›Steh' ich in finstrer Mitternacht‹ oder ›Jetzt gang' i ans Brünnele‹. Das kommt dir komisch vor, nicht wahr? Sobald ich aber nicht mehr so fühle, kann ich wieder ganz scharf reden. Deshalb hast du mich manchmal für einen Verstandesmenschen gehalten. Ja, mein Geist ist recht verzwickt, aber meine Gefühle sind primitiv. Die meisten modernen Menschen sind umgekehrt. Ihr Geist ist verworren, aber sie können stundenlang ihre Gefühle und Empfindungen zerfasern, und der Spiegel dieses Zustandes ist die moderne Musik. Frauen, die ich lieben kann, haben etwas von der Seele Mozarts oder Schuberts, während mich moderne Weiberschmerzen nur schroff und kalt, ja böse machen. Nun habe ich dir eine große Generalbeichte abgelegt, Amélie. Du siehst, unsere Wege gehen weit auseinander.« Er streichelte ihre Hände. Gegen zwei Uhr brachte er sie nach Hause. Sie sprachen unterwegs wenig. Ehe sie sich der Pension näherten, sagte Amalie: »Ich habe dich verstanden. Aber gib mir doch einen Rat. Was soll ich mit mir anfangen?« »Reisen, Amélie, reisen,« erwiderte er, »das ist immer der beste Ausweg, wenn es einem im eigenen Inneren zu eng wird.« »Ach, ich bin ja so reisemüde,« erwiderte sie. Die nächsten Tage war sie sehr schwermütig. Immer lauter meldete sich die Sehnsucht nach München. Dort würde sie nun ja eine Frau sein, welche die Welt kennt, in Paris gewesen war, in den großen Gasthöfen der Riviera und des Engadins Erfolge gehabt hatte und nun, von den vielen Eindrücken für einige Zeit gesättigt, wieder freiwillig das ruhigere Klima Münchens aufsucht. Sie konnte dort einen Salon öffnen, empfangen, interessante Menschen bei sich sehen und ihrem Leben »einen Inhalt« geben. Es war ja ganz klar, daß man dieses ewige Herumreisen auf die Dauer nicht verträgt, man braucht auch wieder einmal eine Zeit, um Erlebtes innerlich zu verarbeiten. Wer hinderte sie daran, nach ein paar Jahren München wieder zu verlassen und etwa nach Indien zu gehen? So kam es, daß Amalie nach einer Abwesenheit von fast zweieinhalb Jahren im Herbst nach München zurückkam, sich eine hübsche Vierzimmerwohnung in einer der neuen Straßen Schwabings mietete, ihre alten Beziehungen wieder aufnahm und neue suchte. 53 Amalie fand bei ihrer Rückkehr den Charakter der Stadt etwas verändert. Sie war gerade in jenen Jahren fern gewesen, wo München seine frühere Natur abzulegen und elegant zu werden begann. In den Hauptstraßen sah man zwischen den volkstümlichen Bierhäusern und den behaglichen Tagecafés American Bars aus dem Boden wachsen. Zwischen den Münchener Mädeln und den Künstlerinnen erschienen gut gekleidete Frauen, wie man sie in anderen Großstädten sieht. Man fuhr Auto und zog sich abends für das Theater um. Die nun mit der großen Welt bekannte Frau Dr. Cornelius stellte dies mit wohlwollender Ueberlegenheit fest, sie war in der Tat gerade im richtigen Augenblick wieder in München aufgetaucht. Jetzt war man hier so weit, daß man eine Dame, die sich anzuziehen wüßte, auch in Schwabing zu würdigen verstand. Ihre Wohnung richtete sie sich elegant, doch nicht im Jugendstil ein; der weiß-gold-rote Salon, wie sie ihn bei der Baronin Wernitz gesehen hatte, wurde nun Wirklichkeit. Es gelang ihr, die alte Lene aus ihrer Heimatstadt nach München kommen zu lassen, wo sie ihr, von einem Mädchen für die schwere Arbeit unterstützt, den Haushalt führen sollte. Die Alte war mit gemischten Gefühlen gekommen. Sie hing an der Stadt; wo ihr ganzes Leben verlaufen war, wo ihre beiden Herrinnen begraben lagen, aber gleichzeitig zog es sie auch zu dem Melykindchen, das sie einst auf den Armen getragen hatte. Freilich vermochte sie sich schwer in den neuen Haushalt zu fügen, und diese große, blonde Frau, der sie nun zu folgen hatte, und die über alles lachte, was altmodisch war, wurde ihr immer fremder. Aber sie tat ihre Pflicht, und ein Rest von Pietät, der, ohne daß sie es sich zugestand, in Amalie war, gestaltete das Verhältnis erträglich. Der Salon der Frau Dr. Cornelius, die bald einen Jour einrichtete, füllte sich schnell. Es war nicht mehr ganz jene behagliche Schwabingerei, die im »Tirol« geherrscht hatte, man war gehaltener geworden, wenn auch die Meinungen noch ebenso wirr und anspruchsvoll durcheinanderschwirrten. Das norddeutsche Element machte sich etwas fühlbarer. Es kamen ernsthafte junge Studentinnen, die es wirklich zu etwas bringen wollten, schlecht tanzten, dafür aber Bilder, deren Meister zweifelhaft war, annähernd richtig zu bestimmen wußten. Das Reformkleid war ganz und gar verschwunden, und man verschmähte es keineswegs mehr, seine Reize behufs sinnlicher Wirkung, wenn auch immer noch auf etwas phantastische, außerhalb Münchens nicht gebräuchliche Weise, zur Geltung zu bringen. Früher hätte das als Anerkennung der Hörigkeit des Weibes unter männlichen Paschalaunen gegolten. Jetzt wollte man gefallen, »reizvoll« sein. Die Herren waren ausgesprochene »Aestheten«. Manche ritten in den Morgenstunden im Englischen Garten, abends zog man unfehlbar den Smoking an und speiste in teuren Gasthäusern. Man hatte es auch aufgegeben, sich sinnlos lächerlich zu machen, indem man mit irgendeinem gleichgültigen Menschen des anderen Geschlechts Hand in Hand die Leopoldstraße hinunterging, vielmehr legte man wieder mehr Wert auf Formen und benahm sich in der Oeffentlichkeit unauffällig. Als der Fasching herangekommen war, beobachtete Amalie mit Ueberraschung, daß die Künstlerfeste bedeutend an Schätzung verloren hatten, und daß alle Welt auf den bal paré ging. Ueber alles dies lächelte sie nachsichtig. Sie fühlte, daß sie selbst um etwa zweieinhalb Jahre ihrer Zeit vorausgeeilt war, und die Menschen, welche sie umgaben, ließen ihr gern diesen Ruhm. Die jungen Leute lagen vor ihr auf den Knien, die jungen Mädchen bewunderten sie als eine welterfahrene Frau. Die älteren Beziehungen nahm Amalie zum großen Teil wieder auf. Ihren Bruder Hermann begönnerte sie nun etwas. Er hatte tatsächlich in diesen Jahren gearbeitet, es zu einem ordentlichen Können gebracht, und war einer jener tüchtigen jungen Maler geworden, an denen München nicht arm ist. Sie verkaufen nicht selten etwas und tragen so dazu bei, daß der niedrige Schund, an dem sich früher die minderbemittelten Kreise ergötzten, durch anständig gemalte Sachen verdrängt wird. Die Besitzer der in modernem Geschmack eingerichteten, hauptsächlich für Künstlerbesuch berechneten neuen Lokale erwarben gern einmal ein solches Originalölbild für hundert bis dreihundert Mark, und auch manche Kleinbürger waren schon für derartige Ankäufe reif. So hatte Hermann Sanders einen Lebensinhalt gefunden; ohne sich zu schinden, arbeitete er doch wohl an den meisten Tagen des Jahres, und was er fertig brachte, gefiel. Zu dieser erfreulichen Aenderung, die mit einer großen Aufheiterung seines Gemütes verbunden war, hatte nicht zum mindesten seine Freundin beigetragen, zu der er nun schon seit anderthalb Jahren in täglichen Beziehungen stand. Sie hieß das »Prinzeßchen«. Dieses hatte früher bei Oesterots verkehrt, und ihres wundervollen blonden Haares und ihrer sammetweichen, weißen Haut wegen hatte ihr Cornelius einst den Namen gegeben. Alle Leute waren von ihr entzückt, überall mußte sie dabei sein, man sprach von ihrer Schönheit und von der »Fabelhaftigkeit« ihrer Bewegungen. Dabei hatte niemand gefragt, wovon sie eigentlich lebte. Sie war das vierzehnte Kind eines Dorfschullehrers in Franken. Da war auch in die fränkische Einsamkeit die Botschaft gedrungen, daß junge Mädchen von jetzt ab mit Buchschmuck etwas verdienen könnten, und so wurde das Kind nach München geschickt, wo es ein paar Monate lang lernen sollte, um sich dann auf die eigenen Füßchen zu stellen. Während irgendeines Faschingsfestes hatte Oesterot sie entdeckt und in sein Haus gebracht. Das Mädchen, das zwar wußte, daß es hübsch war, aber niemals Huldigungen im dionysischen Stil erfahren hatte, war anfangs verwirrt gewesen von all dem Neuen, was es sah. Das arme Dorfkind kam plötzlich unter lauter gebildete Frauen, die gescheit redeten, zu Männern, die Titel hatten, ja, sogar eine Baronin war dabei und ein Fürst. Sie wurde sehr oft zum Abendessen eingeladen, und zwar von »Epheben«, die ihr Gedichte vorlasen; sie schrieb begeisterte und beruhigende Briefe nach Hause. Wenn man mit so feinen und gebildeten Leuten verkehrte, dann konnte es ja an gar nichts fehlen. Geküßt wurde sie auch recht viel, und schließlich nahm sie einmal ein Mensch in Pierrotkostüm nach einer Faschingsnacht mit in seine elegante Wohnung, und sie tat, was er von ihr verlangte. Gegen Morgen weckte er sie und fragte, ob sie ihn an die Bahn begleiten wolle, er müsse nämlich nach Paris reisen. So fuhr sie in ihrem Faschingskleidchen, in einen Abendmantel gehüllt, durch den unfreundlichen Wintermorgen, mit dem fremden Herrn an der Seite, der sehr lustig war und ihr einen ganzen Haufen Sachen geschenkt hatte, ungarische Bonbons, einen armenischen Seidestoff und eine türkische Kaffeemühle. Mit diesen exotischen Gaben kehrte sie dann allein in ihr Stübchen zurück und konnte sich vor Schmerz über das Geschehene kaum fassen. Sie sah nun die Welt etwas kritischer an, zumal das Geld auf die Neige ging und sie nun wieder hätte nach Hause zurückkehren müssen, falls sie nicht durch Buchschmuck das Nötige erwarb. Aber warum mußte es denn Buchschmuck sein? fragte sie sich, und sie hoffte immer, daß einmal einer von den vielen, feinen Herren ihr vorschlagen würde, seine Freundin zu werden, was ja doch viele Mädchen taten. Aber nie kam es dazu, man lud sie ein, man schickte ihr Konzertkarten, man machte Ausflüge mit ihr, man verlangte auch ihre Liebe, aber alle Leute waren so idealistisch, daß niemand fragte, wie es ihr denn eigentlich ging und was sie außerhalb der festlichen Stunden trieb. Einmal flüsterten sich zwei Schwabinger Epheben etwas ins Ohr. Jeder von ihnen hatte nun das Weib gefunden, das Geist, Seele und Sinne zugleich befriedigte; und siehe, in beiden Fällen war es das Prinzeßchen. So war es ein nützliches Mitglied der Gesellschaft. Es erfüllte mit Bravheit seine Aufgabe, heißblütigen jungen Leuten die nötige Sinnenruhe zu schaffen, um ihnen dann bei Oesterots ein platonisches Dionysiertum zu ermöglichen. Da kam einmal als rettender Engel ein Nürnberger Industrieller nach München, der sprach das Prinzeßchen ganz entschlossen auf der Straße an, war gar nicht künstlerisch, gar nicht idealistisch, hatte nie den Namen Dionysos gehört, aber er machte sie zu seiner Geliebten und schickte ihr monatlich fünfhundert Mark, wofür sie sich elegant kleiden und mit ihm bummeln mußte, wenn er nach München kam, was durchschnittlich jede Woche einmal geschah. Nach Nürnberg konnte er sie wegen seiner Familie nicht herübernehmen. Er sprach öfters davon, daß er sie für die Bühne ausbilden wolle, und ihr war das recht. Brav sein mußte sie freilich, das verlangte er von ihr, und sie war ihm bis jetzt auch noch nicht untreu geworden. Hermann hatte sie einmal an einem sonnigen Mainachmittag, während er im Englischen Garten eine Skizze von heuenden Arbeiterinnen in bunten Kopftüchern machte, in lichtem Sommerkleid auf einer Bank sitzen sehen. Sie waren schnell ins Gespräch gekommen, da sie sich aus früherer Zeit von Oesterots her kannten; und als er schließlich ihre näheren Umstände erfuhr, besonders, daß ihr der Nürnberger Industrielle doch mit der Zeit gar zu sehr auf die Nerven ging, da fand sich bald eine Möglichkeit, das Prinzeßchen von diesem nüchternen Geschäftsmenschen abzulösen und ihr als die Geliebte eines bemittelten Kunstmalers doch äußerlich eine haltbare Lage zu schaffen. So kam das Prinzeßchen wieder in ihre alten Kreise, und es tat ihr wohl, als ihre schiefe Stellung dadurch eine Art Rechtfertigung bekam, daß sie nun aus einem ausgehaltenen Mädchen zur »Gefährtin« eines Künstlers wurde. Das war doch ein großer Unterschied. Hermann war verhältnismäßig schlank geworden, hatte nicht grade kräftige, aber doch rosige Farben, und seine dumpfe Motzigkeit war völlig einem etwas querköpfigen, aber schnurrigen Humor gewichen. Einmal stellte ihn in einem Kaffeehaus ein aufgedunsener Student zur Rede mit den Worten: »Haben Sie mich fixiert?« »Ja,« antwortete er mutig, »schon eine ganze Weile.« »Wie kommen Sie dazu?« »Sie haben einen so interessanten Kopf; ich bin nämlich Künstler.« »Ah, pardon, pardon,« stotterte der Student sich zurückziehend, »wollte nur konstatieren ...« Ueber solche Dinge, die nicht selten vorkamen, lachte sich das Prinzeßchen halbtot. Sie konnte dann den Ausdruck ihrer Zärtlichkeit kaum bemeistern und griff unter dem Tisch nach Hermanns Hand.   Ein häufiger Gast bei Frau Dr. Cornelius war Dr. Oesterot. Er kam auch bisweilen ohne seine Frau, die etwas leidend war und sich viel zu Hause halten mußte. Der ehemalige Dionysos und Salomo erschien im nächsten Fasching plötzlich als Wotan: Er hatte inzwischen einen neuen Phantasie- und geistvollen Orgasmus in sich ausgebildet: die Wotanschauer. In Schwabing raunte man, er streife mit Freunden oder allein in den Wäldern umher, opfere in Neumondnächten an Kreuzwegen weiße Hähne und fühle die alten Götter noch in sich lebendig. Augenblicklich befand er sich, wie er sich ausdrückte, »in der Weißglut des Schaffens«. Seine wilde Lebendigkeit wurde oft von tiefen Traurigkeiten abgelöst, deren Umfang nur seine kluge Frau kannte. Im letzten Herbst nun, als sie einige Wochen vor den Freunden vom Land in die Stadt zurückgekommen waren – Oesterot liebte die Natur nicht, nur Menschen machten ihn lebendig –, bemächtigte sich seiner eine Art chronischer Schwermut. Er klagte Thea gegenüber, er habe sich verausgabt, sich an andere verschenkt, die seine Ideen, ja selbst einzelne Worte von ihm ausnutzten, und ihm bleibe nichts mehr übrig. Da setzte sich Thea eines Abends zu ihm unter den goldenen Buddha und eröffnete ihm, wofür sie in diesen zehn Jahren ihrer Ehe heimlich lebte. Kurz nach der Hochzeit hatte sie ihre Mädchentagebücher einmal vorgenommen, um sie weiterzuführen und schließlich war aus diesem ehelichen Tagebuch nichts Geringeres geworden, als eine bisweilen tägliche Aufzeichnung dessen, was ihr Mann an geistvollen Dingen beständig in den Raum, wenn er mit Menschen gefüllt war, versprüht hatte. Sie legte nun mehrere grüne Lederbände vor ihn, die quer in der Ecke in Gold die Aufschrift Tagebuch mit einem Schnörkel trugen. Oesterot stürzte sich fast gierig darauf, las und las – mußte hie und da über Mißverständnisse lächeln – und fiel dann schluchzend vor seiner Frau auf die Knie. Sie hatte dem Verschwender sein bestes Gut bewahrt, und Oesterot machte sich nun an die Arbeit zu einem umfangreichen Werk. Für Amalie hatte Oesterot die alte naive Verehrung wie einst; sie hörte ihm mit Entzücken zu und glaubte, in seiner dithyrambischen Hingerissenheit immer wieder eine pathetische Rechtfertigung ihres eigenen Daseins zu finden. Besonders betonte er immer wieder dies: »Nicht an den Dingen und sich selber zerren und modeln, auf das glühende Dasein schlechthin kommt es an, besonders für eine Frau. Bei Ihnen fühle ich mich darum so wohl, weil Sie das erfaßt haben und den Mut besitzen, nichts anderes mehr zu wollen und nichts zu können, als Leben zu gestalten. Sie haben sich wundervoll entwickelt, Amélie.« Der fette Mann lief bei solchen Worten erregt vor ihr hin und her, redete sich in Pathos, brach dann plötzlich ab, ergriff seinen Hut und lief davon, genau wie einst, als er sie zum erstenmal in ihrem Pensionszimmer besuchte, um mit ihr über das dionysische Sommerfest zu reden. Sehr viel Mühe gab sich Frau Dr. Cornelius, die Baronin Wernitz in ihren Salon zu ziehen, aber das war sehr schwierig. Sie machte ihr einen Besuch und fand sie in ihren alten, schönen Räumen. Sie war gerade beim Ausgehen und hatte schon den Hut auf, aber sie hieß Amalie Platz nehmen, auf ein Viertelstündchen kam es nicht an. Die Baronin war Münchens etwas überdrüssig. »Das alte München«, sagte sie, »mit seiner urwüchsigen Behaglichkeit ist fort, das elegante München aber mag ich nicht. Das ist eine Verzerrung. Wenn man das Treiben der großen Welt haben will, dann soll man an die Riviera gehen oder nach Paris. Aber unser gutes München wird dadurch nur verdorben.« »Ach ja, die Riviera,« sagte Amalie, »da habe ich mich auch außerordentlich wohl gefühlt. Uebrigens, Baronin, ich muß Ihnen doch jetzt noch meinen Dank aussprechen für die guten Lehren, die Sie mir damals gegeben haben. Ich glaube, sie sind auf fruchtbaren Boden gefallen. Ich bin seit der Zeit eine ganz andere geworden.« Die Baronin lächelte ein wenig, mit ihrer Hutnadel beschäftigt, während sie in den gegenüber befindlichen Wandspiegel blickte. Sie sagte kühl: »So, das sollte mich freuen, wenn ich Ihnen nützlich gewesen bin.« Aber sie schien diese mütterliche Teilnahme, die sie vor ein paar Jahren an der ringenden Amélie hatte, der sicher auftretenden Frau Amalie gegenüber verloren zu haben. Sie verabschiedete sich enttäuscht. Wochenlang wartete sie auf den Gegenbesuch der Baronin. Kurz bevor diese München für einige Zeit verließ, erschien sie endlich, um Abschied zu nehmen, und bei dieser Gelegenheit war sie wieder etwas herzlicher als das letzte Mal. »Sie sind ein glückliches Kind,« sagte sie, während sie sie beim Abschied küßte, »alles macht Ihnen noch soviel Spaß. Wie geht's denn übrigens mit der Malerei?« »Ach Gott,« seufzte Amalie, »daran habe ich in der letzten Zeit gar nicht gedacht; ich glaube, mein Talent ist nicht besonders groß.« »Nun, dann ist es wenigstens etwas, wenn Sie es einsehen und nicht drauflosdilettieren, wie die meisten Frauen, die immer das eine vergessen, daß Nichtskönnen noch kein neuer Stil ist.« Amalie mußte über dieses Wort lachen, und sie erwiderte, schlagfertig zu der neuen Pose übergehend, die Oesterots Einfluß neuerdings in ihr ermutigte: »Ich glaube sogar, mein Stil ist, daß ich nichts kann.« »Nun, bei Ihnen ist es sogar ein sehr hübscher und liebenswürdiger Stil,« erwiderte die Baronin und verabschiedete sich.   Große Genugtuung gewährte es Frau Dr. Cornelius, daß viele Menschen Zutritt zu ihren Jours suchten, denen sie ihn nicht gewähren wollte. O nein, sie wünschte nicht die ganze Bohème in ihren Räumen zu haben; sie dachte exklusiv zu bleiben. Zu denen, die sich an sie herandrängten, gehörte erstaunlicherweise auch ihre frühere Schwägerin Lina. Kaum war diese in den Besitz der Abfindungssumme gekommen, die ihr Hermann notariell zugesichert hatte, als sie fand, daß es ihrer Lage nicht mehr entsprechend sei, sich dem Photographieren zu widmen; sie fühlte, daß ihre Neigung sie eigentlich immer zur Bühne getrieben habe, und sie fand auch bald einen Lehrer, der, nachdem er sich über ihre Verhältnisse erkundigt hatte, in ihr eine berufene Vertreterin der Salome und der Hedda Gabler entdeckte. Nun lebte auch sie äußerlich geordnet, und es folgte für sie eine glückliche Zeit. Lernbegierig und fleißig wie sie war, machte sie gewisse Fortschritte, ihr Lehrer war zufrieden, und als werdende Schauspielerin fühlte sie sich sehr gehoben. Besonders die Mutter war stolz auf sie, und gutmütigerweise war man der Meinung, daß doch jetzt eigentlich gar kein Grund mehr vorliege, Hermann oder gar dessen Schwester zu grollen. Man zeigte sich großmütig, begrüßte sie an dritten Orten, und Lina duzte Amalie ohne weiteres noch wie früher und hoffte immer auf eine Einladung. Aber sie fand Schülers gegenüber einen zurückhaltenden Ton wie die Baronin Warnitz ihr gegenüber. Daraufhin gab Lina ihre weiteren Bemühungen auf. Bald nahm sie eine Verpflichtung bei einer kleinen Bühne an, wo sie ihre Rollen nicht schlechter spielte, als die meisten. So verging wieder ein Jahr. Anfangs war Amalie glücklich gewesen, aber dann kam doch wieder das alte Gefühl der Leere in ihr auf, und nun war sie wieder alles überdrüssig. Sie reiste noch einmal für ein paar Wochen an die Riviera, da sich die Erinnerung an ihren letzten dortigen Aufenthalt zu einem glänzenden Bild verklärt hatte, kam aber dann ebenso unbefriedigt zurück; sie schlief schlecht, fühlte sich wieder blutarm und immer müde und abgespannt. Inzwischen aber war sie achtundzwanzig Jahre alt geworden, und es lagen keine neuen Lebensüberraschungen mehr vor ihr. So verfiel sie bisweilen in vollkommenen Trübsinn, und wieder klagte sie die Welt an und schmiedete Theorien darüber, wie es eigentlich sein müßte. Was ihr im Grunde fehlte, war der Mann. Aber der Gedanke, ihre freie, unabhängige Lage einem zu »opfern«, schien ihr ganz und gar unmöglich. »Ja, wenn ich einmal die wahre, große Leidenschaft fühlte,« sagte sie sich, »dann würde ich natürlich mit geschlossenen Augen in das Leben hineinspringen.« Dies war ein Ausdruck, den Cornelius gelegentlich gebraucht hatte. Ihre Verehrer hatten auf die Dauer wenig Erfolge. Sie fand sie immer bald komisch. Ernsthafte Männer, die im Leben irgend etwas bedeuteten, sah sie kaum. Lernte sie eben jemand kennen, so konnten ihre Sinne wohl etwas aufflackern, aber wenn der Betreffende sich erst zu erklären wagte, dann war sie wieder kühl und zurückhaltend und konnte sich zu keinem Ja entschließen. Dabei fühlte sie sich im Grunde einsam, hatte, wenn sie allein war, öfter das Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Aussprache, aber der Wirklichkeit gegenüber versagten ihre Gefühle immer vollkommen. Hie und da dachte sie an Erwin Dorn; der aber war nicht mehr in München. »Es ist unser Schicksal,« sagte sich Amalie, »daß wir beide immer aneinander vorbeigehen sollen, wir hätten uns vielleicht das große Glück bringen können.« Sie machte äußerlich alles mit, was der Tag bot, besuchte nach wie vor Theater und empfing bei sich, konnte sich auch in Gesellschaft hie und da noch ganz gut unterhalten, aber die innerliche Erstarrung in ihr schritt immer weiter fort. 54 Eines Abends, als Frau Dr. Cornelius aus dem Theater zurückkam, das Auto eben umdrehte, und sie im Begriff stand, ihre Haustür zu öffnen, trat ein schlanker, blasser Herr mit aufgeklapptem Pelzkragen auf sie zu, ergriff ihre Hand und sagte: »Amélie, ich bin's.« Sie erschrak erst, aber als sie in das etwas verwitterte, bartlose Gesicht schaute, erkannte sie den Baron Erich Wietersheim. Sie starrte ihn sprachlos an. »Ich bin's,« wiederholte er, »der alte, unverändert.« »Wie kommen Sie denn hierher?« fragte Amalie nach einigen Augenblicken. Sie sah seine schlechten Zähne, die jetzt, wo er keinen Schnurrbart mehr trug, etwas mehr auffielen als früher. Seine Züge waren härter geworden. »Ich habe erfahren, daß Sie wieder frei sind und hier in München leben, und so bin ich denn gekommen und suche schon seit längerer Zeit eine Annäherung an Sie. Heute bin ich den ganzen Abend im Theater in Ihrer Nähe gewesen und habe Sie beobachtet und mir dann gesagt: heute mußt du sie sprechen. Darf ich Ihnen die Tür aufschließen?« setzte er galant hinzu. Amalie war von dieser Sicherheit derartig betreten, daß sie ihm ruhig den Schlüssel ließ; wie selbstverständlich trat er mit ihr ein, nach einigen Minuten saß er ihr in ihrem weiß-rot-goldenen Salon gegenüber. »Ist das nicht die alte Lene?« fragte er, während diese Amalies Kleider abnahm. »Ach, der Herr Baron!« rief die spindeldürr gewordene Alte wie aus den Wollen gefallen. »Ja, der läßt sich auch einmal wieder blicken,« erwiderte Erich leutselig. »Das ist aber recht!« sagte die Lene und fragte: »Trinken gnädige Frau noch Tee?« Die Alte bediente und erlaubte sich vor Freude die Bemerkung: »Das ist aber lange her, daß ich die Herrschaften nicht zusammen bedient habe!« »Zusammen, nein, aber mich haben Sie noch vor vier Jahren bedient,« sagte der Baron freundlich. »Wir haben uns ja noch bis in die letzten Tage der Großmama gesehen,« erklärte er, zu Amalie gewandt. »Sie waren noch bei der Großmama?« fragte diese erstaunt. »Ja, gewiß, ich konnte doch die alte Dame nicht ganz sich selbst überlassen.« Amalie wunderte sich immer mehr, und als Lene draußen war, konnte sie sich zunächst nicht enthalten, wohl hauptsächlich aus Neugier zu fragen: »Und warum sind Sie denn nicht nach Großmamas Tod einmal gekommen, als ich zu Hause war?« »Das war unmöglich, Amélie,« sagte er mit der Feierlichkeit, die er noch immer annahm, wenn er sein eigenes Leben als tragisch empfand, und mit der er schon einmal seine Sünden vor Amalie zu rechtfertigen verstanden hatte, als ihr Mädchengemüt sein Verhalten nicht begriff. »Damals bin ich in einem derartigen Sumpf gewesen, daß ich es nicht wagte, an Sie heranzutreten. Jetzt aber habe ich mich daraus befreit, ja, das darf ich wohl behaupten; ich habe von meiner Familie doch noch etwas geerbt, und nun möchte ich ernstlich irgend etwas unternehmen, und wenn du dich jetzt ein wenig meiner annimmst, Amélie, dann werde ich nicht wieder unter Wasser kommen.« Er kniete plötzlich vor ihr nieder und ergriff ihre Hände. Amalie fühlte wieder die leichte Feuchtigkeit seiner Hand und das erinnerte sie an die heißesten Schauer ihres Lebens. Plötzlich sprang er auf, nahm sie in die Arme und küßte sie heftig. Ihr war, als ob der Abgrund mehrerer Jahre sich schlösse. Alles, was sie seit dem Abschied von ihm erlebt hatte, war wie ein Zug von Schatten an einer Wand verschwunden, und wieder erlag sie der Macht seiner Küsse. Von jetzt ab lebte Amalie wieder ohne nachzudenken in einem Zustand vollkommener, oft trunkener, oft dumpfiger Passivität. Bei Tag unternahm sie wie früher, was die Stunde verlangte; ihre Unzufriedenheit und Gleichgültigkeit war verschwunden, sie tat alle Dinge wie in einem bewußten Traum; nachts kam Erich, und in diesen Stunden führte sie ein Leben, das mit dem des Tages nichts gemein hatte. Hie und da schlug er vor, sie wollten zusammen eine Reise machen, aber sie lehnte es ab, denn sie fürchtete, daß der Bann im Augenblick gebrochen wäre, wo ihre Beziehungen diese abenteuerliche Form verlieren würden. Er aber drängte sich mehr und mehr in ihr Leben, und so geschah es, daß sie ihn schließlich doch in ihrem Salon als ein«« alten Jugendfreund einführte. Er war ungemein gewandt und unterhaltend und bezauberte alle. Amalie war stolz auf ihn. Glich er nicht mehr und mehr jenem Kavaliertypus, den sie auf ihren Auslandsreisen gesucht und nie zu fesseln gewußt hatte? Merkwürdig, daß sie ihn einst so hatte verkennen können. Sie fühlte zu ihrem Staunen, daß sie sogar Achtung vor ihm hatte. Es war eine kühle Überlegenheit in ihm. Sie gewöhnte sich nun an, nach seinem Beispiel ihr mißliebige Menschen nicht mehr Idioten, sondern Proleten zu nennen. Wenn er ihr auch nach wie vor mit vollendeter Ritterlichkeit huldigte, so war er doch nicht mehr wie einst Wachs in ihrer Hand. Sie durchschaute ihn nicht mehr ganz und etwas in ihm war ihr rätselhaft. Aber gerade das reizte sie. Sie wußte, daß ihre Instinkte bei ihm noch eine Ueberraschung erleben würden. Sie hätte gerne über sein Leben in den letzten Jahren etwas mehr erfahren, aber er ging nicht darauf ein. »Es war nicht schön, Amélie, warum also davon sprechen?« Einmal berichtete die Zeitung ausführlich von einem Falschspielerprozeß. Während der Verhandlung wurde deutlich, daß der Angeklagte, ein junger Aristokrat, von einem unersättlichen Frauenzimmer auf die schiefe Ebene gebracht worden war. Amalie verfolgte den Prozeß mit großer Teilnahme. Eines Morgens sah sie Erich beim Frühstück in den letzten Bericht vertieft. Er reichte ihr das Blatt hinüber und sagte: »Ich verstehe den Mann nicht, so eine Person peitscht man doch einfach, wenn sie nicht gehorcht.« Amalie war von dieser Bemerkung wie erschüttert. »Hast du so etwas schon einmal getan?« fragte sie zusammenschauernd. »Du weißt, Amélie, ich bin kein Marquis de Sade,« erwiderte er mit seiner etwas hohen Stimme, »aber wenn sich so ein Frauenzimmer zu mausig macht, was bleibt da übrig?« Amalie vertiefte sich in die Zeitung. Man gewöhnte sich bald daran, Frau Dr. Cornelius stets in Gesellschaft des Barons Wietersheim, ihres Jugendfreundes, zu sehen. Er erschien mit ihr im Theater, er speiste mit ihr bisweilen im Gasthaus, Oesterots forderten ihn auf, sie zu besuchen, und wenn man zu Amalie kam, war der Baron gewöhnlich da. Er gab ihrem Hause ganz entschieden Charakter. Am zufriedensten war die alte Lene. »Das hätte Mme. Sanders erleben müssen,« rief sie ein über das andere Mal aus, »daß nun doch noch alles gut wird.« Amalie lehnte es ab, auf derartige Anspielungen einzugehen; den Gedanken, den Baron zu heiraten, schob sie weit von sich weg, und er war auch klug, vorläufig diesen Punkt niemals zu berühren. Wenn er hie und da einmal einen Augenblick mit Lene allein war, fühlte er indessen deren Wohlwollen, und da sie auch ihm gegenüber ihre Anspielungen nicht unterließ und immer davon sprach, wie sehr Mme. Sanders seinerzeit eine Ehe Melys mit ihm gebilligt hätte, merkte er wohl, daß er hier eine Bundesgenossin hatte. »Nun, alte Lene,« sagte er einmal, ihr auf die Schulter klopfend, »kommt Zeit, kommt Rat. Man darf nichts überstürzen. Nur nicht unvorsichtig reden, das ist bei einer Natur, wie Mely, gefährlich. Damit verdirbt man sich alles. Das haben wir doch schon erlebt.« »Ja, ja, ja,« sagte die Alte kichernd und freute sich, daß der Baron die Sache so richtig ansah. 55 Von Cornelius hatte Amalie in den letzten Jahren nichts anderes gehört, als was jeder wußte, daß er sich noch immer im Ausland aufhielt. Da erschien plötzlich ein Roman seiner Feder, der viel Beachtung fand. Die ernsthafte Kritik begrüßte in dem Verfasser einen der kommenden Männer, und überall hörte man von dem erfolgreichen Buche sprechen. Amalie bestellte es in der Buchhandlung und verschlang es. Anfangs war sie von der Jugendgeschichte des Romanhelden angenehm berührt, und manchmal glaubte sie, Cornelius vor sich zu sehen, so wie sie ihn einst gern gehabt hatte. Dann aber fühlte sie, obwohl sie persönlich in keiner Weise bloßgestellt war, wie sehr er den Geist dieses Buches aus dem Zusammenleben mit ihr geschöpft, und sie erkannte Lagen wieder, die er mit ihr erlebt hatte. Das erweckte ihren Widerspruchsgeist und schließlich eine ohnmächtige Wut. Soundso oft warf sie das Buch in die Ecke, nahm es aber dann wieder auf, um neugierig weiterzulesen und die Auslegung zu erfahren, die nun Cornelius ihrer einstigen Liebe gab. Zwar hatte er alles verwischt, woraus Draußenstehende sie hätten erkennen können, aber sie selber fühlte sich dargestellt als eine hohle und wirre, wenn auch begabte, als eine haltlose, wenn auch an Charakter ursprünglich gut veranlagte Frau, die widerstandslos allen törichten Theorien der Zeit unterliegt und dadurch für das Leben und besonders für die Ehe unbrauchbar wird. Amalie mußte sich mehrere Tage ins Bett legen, um das zu verwinden. »Diese Gemeinheit,« schrie sie ein über das andere Mal, »diese Unverschämtheit!« Nur der Baron durfte zu ihr. Sie schmiedete allerlei Pläne. Sie wollte eine Entgegnung in die Zeitung setzen und aller Welt den wahren Sachverhalt ihrer Ehe entschleiern. Aber schließlich mußte sie auf das Zureden des Barons erkennen, daß sie damit die Menschen erst auf die Angelegenheit aufmerksam machte. Um ihr zu gefallen, bot ihr Erich an, Cornelius zu fordern; aber darauf legte sie keinen Wert. »Irgend etwas muß geschehen,« rief sie, und irgend etwas geschah. Unter den jüngeren Leuten ihres Salons befand sich ein Herr Siegfried Baruch, der aus Galizien oder der Bukowina mit literarischem Ehrgeiz nach Deutschland gekommen war. Er beherrschte die deutsche Sprache nicht ganz, wollte auch nicht selber schreiben, sondern lieber irgend etwas gründen, eine Zeitschrift oder einen Verlag. Einiges Geld stand ihm zur Verfügung. Sein Aeußeres war wenig ermutigend. Er hatte zwei linke Beine und ein Gesicht von übertrieben jüdischem Ausdruck, den er dadurch verbergen wollte, daß er mehrmals versuchte, sich einen Vollbart stehen zu lassen. Der aber geriet immer wieder so dünn und sah so zerfetzt aus, daß es den Anschein hatte, die Motten hätten darin gefressen; so nahm er ihn wieder ab, nachdem er seine Hoffnungen nicht erfüllt hatte. Wie dieser Siegfried Baruch eigentlich zu ihr gekommen war, wußte Amalie selbst nicht mehr. Irgend jemand hatte ihn mitgebracht; es war ihr nicht gerade recht gewesen, aber nun war er da und gab keinen Grund, ihn vor die Tür zu werfen. Baron Erich wartete vergeblich auf einen Vorwand. Nun ließ sich Amalie diesen Baruch einmal kommen, da er in literarischen und Verlagsangelegenheiten erfahren zu sein schien. Er kam mit einer erregten Bereitwilligkeit und überstürzte sich in Höflichkeiten, wobei man merkte, daß es für ihn ein großer Augenblick war, von der schönen Frau zu einem besonderen Besuch in dem weiß und goldenen Salon aufgefordert zu sein. Amalie begann das Gespräch mit der Frage: »Wie finden Sie den Roman von Cornelius?« Baruch fühlte, daß er sich auf dem Glatteis befand, zuckte mit den Achseln, setzte dann ein gescheites Lächeln auf und sagte: »Nun, ich hab' schon schlechtere gelesen.« »Also etwas Besonderes ist es Ihrer Meinung nach nicht?« »Wenn Sie wollen, ist es was Besonderes,« sagte er, sicherer werdend, »eine besondere Unverschämtheit.« »Sehen Sie, das finde ich auch,« rief Amalie, »was kann man aber dagegen tun? Sie verstehen doch von diesen Dingen etwas. Was kann man dagegen tun?« »Am besten gar nix,« sagte Baruch, »totschweigen.« Er blickte sich in dem Raum um, den er bisher nur von vielen Menschen erfüllt gesehen hatte. »Nein!« rief Amalie erregt, »das halte ich nicht aus! Wissen Sie, daß alles falsch ist, alles entstellt, was er dann erzählt?« »Kunststück!« erwiderte Baruch und schaute sich wieder um, als taxiere er die Einrichtung. »Ja, aber das kann ich doch nicht auf mir sitzen lassen, da muß ich doch erwidern.« »Was, erwidern wollen Se?« sagte er, scheinbar gar nicht bei der Sache. »Wie woll'n Se das machen?« Er griff sich in den Hemdkragen und verzerrte dabei das Gesicht. »Ich dachte erst, man könnte einen Artikel in die Presse setzen, in dem die einzelnen Lügen dieses Buches aufgedeckt werden; aber der Baron hat mir dringend davon abgeraten.« Amalie machte seine fahrige, zerstreute Art nervös. »Hören Sie denn, was ich sage, Herr Baruch?« »Recht hat der Herr Baron,« erwiderte Baruch schnell, während Erich in Reithosen ins Zimmer trat. »Bleiben Sie sitzen, Baruch,« begann dieser gönnerhaft, während jener aufgestanden war und Bücklinge machte. »Also Sie wissen auch keinen Rat?« fragte Amalie enttäuscht. »Ich wüßt' einen Rat,« erwiderte Baruch schlau, »einen sehr guten Rat sogar, den ich schon längst der gnädigen Frau hab' geben wollen. Schreiben Se Ihren Roman, so wie Sie' s auffassen; für den Erfolg garantier' ich. Bekenntnisromane von schönen Frauen aus guter Familie, das ist gerade das, was heute das Publikum will. E' bißchen erotisch, verstehen Se? Ich such' schon lange nach einer Spezialität. Da hab'n mer die Spezialität: eine Serie moderner Bekenntnisromane von Damen. Wenn Se wollen, fang' ich mit Ihnen an. Ich kauf' Ihnen die Arbeit vom Halm ab.« Amalie war tief überrascht. »Ja, glauben Sie denn, daß ich so ohne weiteres einen Roman schreiben kann?« »Kunststück,« sagte Baruch wieder, »man braucht Sie doch bloß erzählen zu hören. So, wie Se erzählen, so schreiben Se's hin. Wenn Se wollen, les' ich das Manuskript durch und korrigier' es auf die Fehler, die Sie vielleicht in der deutschen Sprach' machen.« »Ja, ist denn das möglich?« fragte Amalie ein über das andere Mal. »Na, lesen Se doch das Zeug, wo die anderen Frauen schreiben. Warum sollen grad Sie das nicht können? Sie werden's noch besser können. Außerdem haben Se doch die Vorlage von Herrn Dr. Cornelius; schreiben Se nach der Vorlage, nur in Ihrer Auffassung. Die Komposition is ja so gut wie gemacht.« Amalie hörte unentschlossen zu. Halb war sie entzückt, halb war sie noch überzeugt von ihrer Unzulänglichkeit. Der Baron aber rief, die Reitgerte durch die Luft ziehend: »Baruch, Sie sind ein Prachtkerl! Das ist eine glänzende Idee! Ich bin sicher, wenn die gnädige Frau den Gedanken noch etwas überlegt hat, dann wird sie's tun, und wenn ich Sie recht kenne, Amélie, so haben Sie schon am Ende der Woche ein paar Seiten des Manuskripts fertig.« Amalie stand auf und sagte, fast feierlich: »Ich will es probieren.« Sie griff nach dem Corneliusschen Buch, das auf dem Schreibtisch lag, und blätterte ein wenig darin. Ihr Blick fiel gleich auf eine Stelle, die sie besonders reizte, und mit einer wilden Entschlossenheit rief sie: »Ja, ich werde es tun. Ich will dem Publikum zeigen, wie die Dinge sich in Wirklichkeit verhalten haben.« »Nun sagen Sie mal, Baruch,« meinte der Baron, »zu diesem Zweck müssen Sie doch erst einen Verleger besorgen.« »Ich versteh' besorgen? Besorgen is gut. Ich besorg' mich selbst. Solang' die gnädige Frau schreibt, wird der Verlag für sie gegründet.« »Haben Sie denn Kapital?« fragte Erich. »Gewiß hab' ich Kapital, Herr Baron, aber natürlich wär's gut, wenn sich noch jemand beteiligt. Ich brauch' einen Verlagsdirektor, der gut aussieht, Beziehungen in der Gesellschaft hat und selber was einschießt. Wissen der Herr Baron vielleicht einen?« Baruch schaute nun auf einmal den Baron gönnerhaft an, wie ein großer Bankier, der einen kleinen Minister etwas zappeln läßt, ehe er die Anleihe gewährt. »Was hat er denn zu tun?« fragte Erich aufmerksam. »Nu', er muß vor allen Dingen repräsentieren und dem Verlag äußerlich en vornehmes Gepräge geben. Er muß auch kaufmännische Vorkenntnisse haben, vom Literarischen selber braucht er nix zu versteh'n. Das mach' ich.« »Wieviel muß er einschieben?« fragte Erich, einen kurzen smarten Ton anschlagend. »Nu, wenn er vierzig bis fünfzig Mille dazu gibt, das genügt.« »Und sein Gehalt?« »Aber wenn ich Sie so anschau', Herr Baron,« fuhr Baruch fort, »wie Se so in Ihrer Reithos' vor mir stehn, möcht' ich Se fragen, ob Se nicht selber Lust hätten, der Verlagsdirektor zu werden?« Erich schaute fragend auf Amalie. »Sie sind doch in 'nem Bankgeschäft gewesen, Herr Baron. Dazu haben Se 'n adligen Namen, das ist Gold wert in unserem demokratischen Zeitalter; und jetzt haben Se fünfzig Mille geerbt; wenn Se die einschieben, so zahl' ich Ihnen en Gebalt von in Worten fünftausend Mark im Jahr; dafür müssen Se jeden Tag vier Stunden ins Bureau kommen; wenn Se wollen, einmal die Woch' in Reithosen.« Erich schaute immer wieder fragend auf Amalie, höchst verwundert, daß Baruch seine Verhältnisse so genau kannte. »Was halten Sie davon?« fragte er sie. »Wie Sie meinen, das sind Dinge, von denen verstehe ich nichts.« Sie dachte schon an die ersten Kapitel ihres Romans. »Wissen Se, Herr Baron,« fuhr Baruch fort, »der Verlag muß en mondänes Gepräge haben, die erste Gesellschaft muß interessiert werden, versteh'n Se? Ich wollt' mich schon längst deshalb taufen lassen und meinen Namen ändern, das werd' ich gleich bei der Gelegenheit tun.« »Da haben Sie recht, Herr Baruch, das ist unbedingt notwendig.« »Und wenn der Herr Baron sonst noch einige Ratschläge in der Richtung geben will, so bin ich immer sehr dankbar dafür.« »Na, wenn Sie's nicht übelnehmen,« sagte Erich, an Baruch herabblickend, »dann gehen Sie zu 'nem anderen Schneider. Ich bin sicher, Ihre Beine sind gar nicht so krumm wie Ihre Hosen. Ich werde Ihnen eine Adresse geben.« So wurde der Erosverlag gegründet. Baron Erich wurde zum Verlagsdirektor ernannt, wodurch er sich sehr würdig vorkam. Amalie begann inzwischen mit Fiebereifer ihr Manuskript. Während sie die Kindheitsgeschichte der Heldin erzählte, hielt sie sich ziemlich an Erlebtes, und gab, wie das heute Sitte ist, eine Reihe ihrer Ungezogenheiten zum besten, wobei sie sich als einen kleinen Brausekopf darstellte, der den Eltern manche Nuß zu knacken gab. Dann aber begann sie langsam zu färben. Aus dem zweideutigen Verhältnis mit Erich machte sie eine trotzige Herausforderung an die Gesellschaft, als habe sie sich ihm wirklich in Freiheit gegeben, sei aber dann über ihn hinausgewachsen, überhaupt über den Mann hinaus. (Erich verstand die künstlerische Notwendigkeit dieser Steigerung, erkannte überhaupt die Rechte der Dichtung an. Es war ihm gleich, welche Rolle er in dem Roman spielte, da er sich in der Wirklichkeit nun fest im Sattel fühlte.) Dann füllte sie ganze Kapitel damit, wie das goldene Haar ihrer Heldin in München und später »in der großen Welt da draußen« die Herzen der Männer berauschte, wie alle ihr zu Füßen lagen, und viele um ihre Hand warben. Man sah Oesterot, der bereit war, sich um ihretwillen scheiden zu lassen, den Fürsten Kraminsky, der sich nach vielen Enttäuschungen in der Einsamkeit ein reiches Leben begründet hatte, nun aber plötzlich bereit war, dies alles aufzugeben, nur um sie besitzen zu können, und vor allem Erwin Dorn, den großen Lebenskünstler, der alle seine Kunst von ihr besaß, dem sie die weise Egeria war. Aber alle diese glänzenden Männer verschmähte sie einem jungen, strebenden Menschen zuliebe – man erkannte Cornelius –, für dessen werdendes Werk sie sich begeisterte, und dem sie sich tatsächlich verband, um ihn zu großem Ruhm und zu freier Künstlerschaft zu erheben. Dies schien auch anfangs zu gelingen, aber da zeigte er sich als ein Unwürdiger. Sein Talent war klein, seine Eitelkeit groß, sein Charakter schwach, und das suchte er durch Brutalität zu verbergen. So machte sie die furchtbarsten Enttäuschungen ihres Lebens durch und fand schließlich in der Einsamkeit eines Schweizer Gebirgsdorfes Läuterung und den Entschluß, sich von dem Gatten zu befreien. Immer mehr entwickelte sie sich nun von dem Manne weg, um in freier Selbstbestimmung und reinem, künstlerischem Schaffen Genugtuung zu finden, die weltlichen Freuden sowie den Mann nur als ein äußerliches Nebenbei des Daseins zu betrachten, den wahren Wert des Lebens aber in sich selber zu suchen. Rings um diesen starken, modernen Frauentyp, der sich aus eigener Kraft trotz allen Ungerechtigkeiten der Gesellschaft aus der Hörigkeit des Geschlechts erlöst hatte, schuf sie eine Reihe kämpfender Frauen, die in Bewunderung vor der Heldin ihr nachzueifern suchten, aber weil sie nicht so groß waren, auch nicht so hoch stiegen. Aus deren Leiden begründete sie furchtbare Anklagen gegen die Gesellschaft. Abends las sie das Geschriebene dem Baron und Siegfried Baruch vor, der sich, da seine Taufe kurz bevorstand, nun Barthmann nannte. Die beiden Männer zollten lebhaften Beifall. Erich war stolz auf Amalies Talent. Herr Barthmann konnte sich kaum still auf dem Stuhl halten vor Entzücken über den Erfolg, den er voraussah. Hier und da schlug er kleine Aenderungen vor, besonders fügte er bisweilen wirkungsvolle Bosheiten ein oder warf wirtschaftliche und soziale Streiflichter auf die Geschehnisse, was Amalie mit Vergnügen gestattete. In sechs bis acht Wochen war das Manuskript fertig, den Gipfel bildete der Titel. Barthmann hatte Amalie gesagt, der Titel sei die Hauptsache, und so nannte sie ihren Roman: »Wenn wir Frauen erwachen ...« Er erschien unter dem Pseudonym Amalasunta. Kurz vorm Erscheinen entfaltete Barthmann eine geschickte Propaganda und gab viel für Reklame aus. In der »Zukunft« erschien eine große Anzeige mit Amalasuntas Bildnis. Eines Morgens wurde ihr eine Belegnummer auf die Bettdecke gelegt, fiebernd schlug sie die Seite auf, wo in übertreibenden Lobsprüchen der Wert ihres Romans der Welt verkündigt wurde. Aber für alles das hatte sie keinen Sinn, sie sah nur ihr Bild, und davor war die Frau in ihr entsetzt. Nein, nein, so sah sie nicht aus, so wollte sie nicht vor der Welt aussehen. Das Bild war vollkommen verunglückt. Ein ganz fremder Zug lag in dem alten Gesicht. Ausgesprochen spießbürgerlich sah sie aus, dazu etwas schmachtend. Sofort telephonierte sie an Barthmann und erklärte ihm, unter keinen Umständen dürfte diese Nummer verbreitet werden. Es war aber zu spät. Schon war sie in allen Buchhandlungen. Amalasunta raste vor Wut. Sie sagte Barthmann durch den Fernsprecher, er sei ein Kretin, dann fuhr sie zu einem Rechtsanwalt mit der Nummer der »Zukunft« in der Hand. Sie wurde von dem freundlichen alten Herrn, der einen Schädel hatte, so glatt wie ein Globus, liebenswürdig empfangen und ließ ihn gar nicht zu Worte kommen. Sie schlug vor ihm das Heft der »Zukunft« auf, stellte sich hinter ihn und sagte: »Gibt es irgendein juristisches Mittel, daß diese Nummer der »Zukunft« eingestampft wird?« Der Anwalt verstand nicht. »Wie meinen Sie das?« fragte er. Sie mußte immer auf den Globus blicken, der dicht unter ihren Augen war, fast konnte man sich darin spiegeln. »Nun, die »Zukunft« ist doch schon oft konfisziert worden, aus allen möglichen Gründen, läßt es sich nicht juristisch bewirken, daß auch die letzte Nummer konfisziert wird?« »Aber gnädige Frau, wie stellen Sie sich denn das vor?« »Wenn man sucht, findet man vielleicht eine Majestätsbeleidigung in dem Heft oder irgend etwas.« »Aber was haben denn gnädige Frau für ein Interesse daran?« »Es befindet sich eine Anzeige meines Buches darin mit einer Photographie, die für mich geradezu eine Beleidigung bedeutet. Läßt sich vielleicht daraufhin das Blatt beschlagnahmen, wenn nicht strafrechtlich, dann zivilrechtlich?« Aus der Zeit ihrer Scheidung waren ihr einige juristische Begriffe halbvertraut. Der alte Herr brach in ein gutmütiges Gelächter aus, ergriff Amalasuntas behandschuhtes Händchen und sagte: »Liebe gnädige Frau, ich wünsche Ihrem Roman recht großen Erfolg. Seien Sie versichert, daß dieses Bildnis nichts daran ändern wird. Uebrigens sind Sie doch auf dem Bild ganz hübsch. Freilich das Original selbst wird nicht erreicht. Das wäre aber auch zuviel verlangt.« Amalasunta fuhr nach Haus, im Innern von neuem empört gegen Barthmann, Maximilian Harden, den Globusschädel und über die Rechtlosigkeit der Frauen in unserer Zeit. Der Fürst Kraminsky hatte durch den Tod eines Vetters ein Schloß in der Nähe von Krakau geerbt und war schon im Sommer dorthin gereist, um es nach seinem Geschmack instandzusetzen und dort seinen Wohnsitz aufzuschlagen. Im Herbst hatte er nun die seiner Münchener Freunde eingeladen, mit denen er die Beziehungen fortzusetzen wünschte. An einem milden Abend saß der Fürst mit der Baronin Wernitz, dem Ehepaar Oesterot und Erwin Dorn, der von einer Balkanreise zurückgekehrt war, auf einer Terrasse, die nach dem Park ging, von wo die herben Gerüche des welkenden Laubes aufstiegen. Der Fürst stand zwischen den beiden üppigen Karyatiden der Tür, wie früher in schwarzem Samtflaus, und kaum gealtert. Er hörte Oesterot zu, der sich in gewohnter nervöser Lebhaftigkeit über ein Buch ereiferte, das er in der Hand hielt. Es war Amalasuntas Roman, den er am Morgen erhalten hatte. »Ich bin wirklich ihr Freund und habe sie lieb,« sagte er in fast naivkindlicher Bekümmerung, »aber so etwas geht doch nicht.« »Wie kann man an ein Buch einer Frau so hohe Anforderungen stellen?« warf Dorn ein. »Ich kenne Amélie seit ihrer Kindheit. Sie war immer ein reizendes, ein bißchen albernes Geschöpfchen. Kleine Sünden muß man den Frauen verzeihen.« »Das ist aber keine kleine Sünde, sondern eine große,« meinte Frau Thea ärgerlich. »Ob das Buch schlechter ist als andere, weiß ich nicht, aber ich finde es als Tat widerwärtig. Ich verstehe das gar nicht. Amélie ist doch im Privatleben ein anständig empfindender Mensch. Dafür habe ich Beweise, aber dieses Buch ...« Sie reichte Dorn das Buch. Er las Sätze, in denen Amalie ihr Recht begründete, Anklage gegen die Tyrannei der Gesellschaft, besonders der Ehe, zu erheben, und sagte: »Man merkt, gnädige Frau, daß Sie in der modernen Frauenliteratur nicht bewandert sind. Das ist ganz und gar der heute übliche Stil. Fabelhaft, wie sicher die kleine Frau die Note trifft. Das hätte ich ihr gar nicht zugetraut.« Ein Diener trat heraus und meldete dem Fürsten, es sei angerichtet. Dieser reichte den Arm der Baronin, an deren rechter Seite Oesterot ging. Ihnen folgten Dorn und Frau Thea. Man durchschritt einige mit Oberlicht versehene, jetzt düstere Räume, an deren Wänden sich Terrarien hinzogen. In dem gespenstischen Dämmerlicht der künstlichen Landschaften hinter dem Glas sah man dunkle, schlummernde Wesen. Das Speisezimmer war im Stil eines Jagdhauses gehalten, mit vielen Geweihen an den Wänden. Man saß um einen runden Tisch in hohen Armstühlen. Es gibt Unternehmungen in dieser Welt, die aller Vernunft so widersprechend begonnen werden, daß jeder Verständige ihren sicheren tragikomischen Untergang vorauszusehen glaubt. So wenn z. B. ein des Deutschen nicht mächtiger Galizier in München einen Verlag gründet, einen deklassierten Baron, dessen Reithose es ihm angetan hat, als Direktor erwählt, im Glauben, dadurch Fühlung zur »Gesellschaft« zu gewinnen, und mit dem Roman einer jungen Frau heraustritt, die selbst dem Leben in verständnislos verwunderter Passivität gegenübersteht, vielleicht niemals selber ein Buch ernsthaft zu Ende zu lesen vermochte und nun aus persönlicher Rache selber Papier schwarz gemacht hat. So etwas, glauben verständige Leute, kann nur in Lächerlichkeit enden. Sie irren. Das Leben ist anders. Ganz verschieden von der Tafelrunde des Fürsten urteilte die Öffentlichkeit über Amalasuntas Roman. Es war Barthmann gelungen, für Amalies »symbolisches Frauenschicksal und ihre faszinierende Persönlichkeit« Stimmung zu machen, und schon in den ersten Wochen erschienen in verschiedenen größeren Blättern lange Besprechungen des Buches, und zwar fast alle günstig. In einem Artikel: Amalasunta, die Bekennerin, wurde »der unerschrockene, alle Heuchelei verabscheuende Mut« der Verfasserin, eines weiblichen Jean Jacques Rousseau gelobt, in einem anderen die Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Schlichtheit, in einem dritten gar die tiefgründige Psychologie und das milde Verstehen alles Menschlichen; kein Mann hätte je ein solches Buch des Herzens schreiben können. Die »satten Farben«, mit denen das Münchener Künstlerleben geschildert sei, fanden Anerkennung, das »blutvolle Erleben«, aus dem das Buch hervorgegangen und das herbe Ringen einer eigenwilligen Kämpfernatur, die »kein Blatt vor den Mund nimmt«, wurden besonders betont. Für Kinder allerdings sei das Buch ebensowenig geschrieben wie für die Apostel einer rückständigen Moral, vielmehr sei es eine Lektüre für freie Geister. Eine bekannte weibliche Kritikerin sagte, dieser schlanke Band enthalte eine stille Geschichte, einfach hinerzählt von einer Frau, die, fast zusammengebrochen unter ihrem Schicksal, ganz kunstlos, aber um so ergreifender, die alte und ewig neue Leidensgeschichte des modernen Weibes »aus sich heraus stellte«. Innerlich bereichert lege man das Buch aus der Hand, um es in stillen Stunden der Einkehr wieder hervorzuholen und Trost darin zu finden. In ähnlichem Ton schrieben die frauenrechtlerischen Blätter der verschiedensten Grade. Die gemäßigteren rühmten vor allem das echt Weibliche (im guten Sinne) des Buches, dessen Verfasserin nicht dem Mann« nacheifern wolle, sondern die spezifisch weiblichen Elemente des künstlerischen Schaffens zum Ausdruck bringe, die ebenso tief im Menschlichen begründet, wenn auch anders geartet seien als die männlichen. Vielfach wurde prophezeit, daß Amalasuntas Name bald unter denen der ersten Schriftstellerinnen genannt werden würde. Parallelen mit bekannten Verfasserinnen wurden gezogen, die Amalasunta teils schon erreicht« oder bald erreichen würde, und das war vielleicht auch ganz zutreffend. Daraufhin wurden gleich mehrere neue Auflagen notwendig, während von Cornelius' Roman erst das dritte Tausend gedruckt wurde. Die Wirkung auf die so breite Masse des entwurzelten Mittelstandes, der »bürgerlichen Bohème«, war ungeheuer. Viele Männer lasen mit Lüsternheit die Enthüllungen der anmutigen Verfasserin, sie erhielt Zuschriften; Leidensgefährtinnen telephonierten und wünschten sie zu sprechen, vor allen Dingen gerieten die jungen Mädchen geradezu in einen Taumel. Die älteren, welche ihre besten Jahre tugendhaft dahingebracht hatten, sagten sich bitter: »Das hätte man vorher wissen müssen, daß ein so freies Leben möglich ist; hier kann man sehen, daß die ganze Moralpredigerei Schwindel ist, denn diese Frau, die gelebt hat, wie sie wollte, ist dabei doch nicht heruntergekommen, sondern steht jetzt auf der Höhe.« Amalasunta erhielt Anfragen von Zeitungen, die bereits Anspruch darauf erhoben, daß ihr nächster Roman zuerst in ihren Spalten erscheinen sollte. Barthmann telephonierte jeden Tag, wieviel Exemplare bestellt worden waren. Baron Erich lag bewundernd zu den Füßen seiner Geliebten, draußen zeigte er sich mit Stolz an dem Arm der bekannten Schriftstellerin, die nach allgemeinem Urteil bald zu den »ganz großen« gehörte. 56 Frau Dr. Cornelius war in den letzten Wochen wieder nervös geworden. Jede Kritik ihres Buches regte sie auf. Waren beim Loben nur die mindesten Einschränkungen gemacht, daß z. B. die Sprache hie und da zu wünschen übriglasse, so reizte sie das derart, daß sie weder essen noch schlafen konnte. Der Baron fand das albern und sagte es ganz offen. Das erstaunte Amalie. Hie und da zeigte er jetzt eine Rücksichtslosigkeit des Benehmens, die ihr neu war. Er befahl z. B. geradezu, wann gegessen werden sollte. Seit einiger Zeit wohnte er fast bei ihr und zahlte die Hälfte der Wirtschaft. Nur der Form halber hatte er noch ein Zimmer in der Stadt. »Du weißt, Amélie, ich muß ins Geschäft,« sagte er bisweilen kurz, »danach muß sich der Haushalt richten.« Sie war dann ganz still und fügte sich. Er ging auch wirklich ins Geschäft und arbeitete. Kam er nach Hause, so war er meist guter Laune und abends zum Ausgehen aufgelegt. Paßte es ihm aber nicht, dann erklärte er einfach: »Heute bleiben wir zu Hause, Amélie, ich bin müde.« Er nannte sie stets Amélie wie früher, die neuerliche Aenderung des Namens in Amalie machte er nicht mit, wendete aber im übrigen nichts dagegen ein. Mitten im Winter erkrankte die alte Lene. Oft saß sie ganze Nachmittage lang in der Küche, die Lippen fest aufeinander gepreßt, während die Kieferwände bebten wie bei einem kohlzerkauenden Kaninchen. Bald konnte sie das Bett nicht mehr verlassen. Eines Nachts wurde Amélie von dem Mädchen geweckt, das zitternd erklärte, es glaube, mit der Alten gehe es zu Ende. Amélie weckte den Baron. Beide eilten in das Zimmerchen der alten Dienerin. Diese lag dürr und wachsgelb da, sie konnte kaum die Hände aufheben, die sie Amélie entgegenstrecken wollte. Mit einer furchtbaren Anstrengung und einem matten Glanz in den erstorbenen Augen setzte sie noch die Worte zusammen: »Melychen – Melychen – heiratet – euch.« »Ja, ja, alte Lene,« sagte Erich, »das wird bald geschehen.« Frierend hielt er mit der Linken seinen Schlafrock zusammen, mit der Rechten nahm er ihre knochige, kraftlose Hand. So verschied sie. Das Mädchen drückte der Toten mit ihren roten Fingern die Augen zu und sagte: »I' hab's meiner Großmutter auch dun miss'n.« Mit Lene war die letzte Erinnerung an Amélies Kindheit tot. Erich führte die leis Wimmernde hinaus und saß noch lange an ihrem Bett, ihre Hand haltend. Beide gaben der Alten das Geleit. Als sie an dem Wintermorgen allein von dem Friedhof nach der Wohnung zurückkehrten, begann Erich plötzlich: »Hast du ihre letzten Worte verstanden?« »Ja,« erwiderte sie. »Deine Antwort hat mich, offen gestanden, etwas erstaunt. Ich nehme an, du hast sie wohl nur beruhigen wollen.« »Nein, es war mein Ernst,« sagte Erich ruhig, im Schnee neben ihr hergehend, ohne sie anzusehen. »Und ich? Werde ich nicht gefragt?« »Für dich ist es auch höchste Zeit, daß du in geordnete Verhältnisse kommst.« Sie schwieg empört, bis sie nach Hause kamen. Man war im Schlafzimmer. Erich wusch sich die Hände und sah im Spiegel, wie sie das Kleid auszog. »Was nennst du eigentlich geordnete Verhältnisse?« nahm sie das Gespräch in gereiztem Ton wieder auf. »Als Künstlerin brauche ich meine Freiheit.« »In deinen Büchern kannst du so frei sein wie du willst,« sagte er, die langen Nägel bedächtig feilend, »nie werde ich mir erlauben, da hineinzureden, aber im Leben vertraust du dich wohl besser der Führung deines Mannes an.« »Bist du das etwa?« rief Amélie voll Hohn, wieder in den Ton von einst zurückfallend. Sie stand mit bloßen Armen vor ihm. »Ein Hanswurst bist du.« Bei diesen Worten schnellte Erich plötzlich herum, warf die Nagelfeile weg, stürzte sich auf sie, packte sie derb an beiden Armen und sagte mit verhaltener Erregung: »Nimmst du das zurück?« »Fällt mir ja gar nicht ein,« sagte sie bebend und ihre großen fragenden Augen blickten ihn unter den rundgewölbten Brauen trotzig an. Da ließ er sie los, nahm seine Reitgerte vom Nagel und versetzte ihr damit einen Schlag auf den Oberarm, so daß sie aufs Bett sank. Voll Angst blieb sie liegen und bedeckte den Kopf mit den Armen, stieß aber keinen Ton aus. Das war etwas ganz anderes gewesen als die symbolische Ohrfeige des Dr. Cornelius im Englischen Garten. Erich ging hinaus. Nach einer Weile kehrte er zurück und sagte ruhig: »Steh auf, Amélie. Ich denke, so etwas wird sich in unserer Ehe nicht wiederholen. Du wirst die Achtung, die du deinem Manne schuldest, nicht wieder vergessen.« »Verzeih' mir,« flüsterte sie. »Schon gut, schon gut,« antwortete er. Er nahm ein Taschentuch aus der Schublade, befeuchtete es am Waschtisch und legte es auf Amélies Arm, wo man einen roten Striemen sah. Amélie war den ganzen Tag fast sprachlos vor Verwunderung, daß ein »Kulturmensch« im zwanzigsten Jahrhundert den Mut zu einer solchen Brutalität besaß und dies dann mit einer so banalen Redensart zu erklären wagte. »Die Achtung, die du deinem Manne schuldest,« wiederholte sie sich immer wieder; aber noch nie im Leben hatte ihr etwas solchen Eindruck gemacht. Nach zwei Monaten bezogen der Baron Erich und die Baronin Amélie von Wietersheim, die nun in ihr dreißigstes Jahr ging, eine neue, viel größere Wohnung und versandten Einladungskarten für die erste Gesellschaft, die sie dort zu geben beabsichtigten.