Edmund Hoefer Aus einer Familie 1853 1. Einem heißen Tage war ein schöner, milder Abend gefolgt. In der stillen, kleinen Straße spazierten die Leute gemüthlich und plaudernd auf und ab oder saßen vor den Thüren ihrer Wohnungen und schauten den Kindern zu, welche auf den Sandhaufen der im Tage dort arbeitenden Dämmer ihr Wesen trieben. In der quer vorüberziehenden Straße sah man die Spaziergänger in großer Menge vom nahen Thore kommen oder auch Gruppen von Handwerkern und anderen lustigen Gesellen zu irgend einem Wirthshause hinausziehen. Und indem fingen die Glocken auf den Thürmen fern und nahe an zu schlagen, und von der Hauptwache am nicht weit entlegenen Markt klang der Zapfenstreich herüber. In der stillen klaren Höh' begannen allgemach die ersten Sterne zu zittern. Der alte Tischlermeister saß auf der kleinen Bank, welche zwischen dem Eckpfeiler der Hausthür und der stolzen, üppig grünenden Linde eingeklemmt war, die sein Haus beschattete; er hatte sich an den rauhen Stamm gelehnt, die Arme übereinandergeschlagen, rauchte den dunkel gebrannten Meerschaumkopf und schaute ruhig auf die ihn umgebende friedliche Scenerie. Den übrigen Theil der Bank nahm seine Frau ein, welche eifrig mit ihrem Strickstrumpf beschäftigt war; ihnen gegenüber saß Karoline, die Tochter des Hauses, auf einem herbeigeholten Stuhl, gleichfalls mit ihrer Strickerei. Und alle drei waren still. Die Gesellen kamen aus dem Hause, um mit einem freundlichen Gutenachtgruß vorüberzugehen; der Alte rief ihnen nach: »vergeßt nicht, um elf Uhr wird die Thür geschlossen!« und als sie dann um die Ecke bogen, sagte die Frau: »der Sachse gefällt mir nicht, August, er hat im Blick etwas Stilles und Heimliches, als ob er kein gutes Gewissen habe, oder mit der ganzen Welt unzufrieden sei. Und 's ist doch noch ein so junger Mensch.« – Der Meister verzog das Gesicht zum leisen Lächeln. »Dacht' ich's mir doch,« sprach er. »Ihr Weibsleute seht auf die klaren Augen bis an euern Tod. Den Sachsen hab' ich nun selbst beobachtet, und in diesen zwei Tagen nichts als Löbliches an ihm bemerkt. Er ist fix bei der Arbeit und summt, pfeift oder singt stets vor sich hin; das thut kein Nichtsnutz. Sprechen freilich thut er nicht allzuviel, wenigstens bei der Arbeit nicht, doch das heiß' ich gut. Was sollt' er denn reden? Von hier weiß er noch nichts, und was will er draußen viel erlebt haben? Das Geprahle steht einem jungen Menschen aber am wenigsten an. Ich kann's nicht leiden.« Der Meister versank in sein voriges Schweigen wieder so schnell, und man möchte sagen, so wahrnehmbar, daß man leicht zu der Ansicht gelangen konnte, er sei für gewöhnlich ein ziemlich wortkarger Mann. Seiner Frau fiel die lange Rede auch auf, sie blickte ihn aufmerksam und kopfschüttelnd an und schien eine Antwort auf der Zunge zu haben, unterdrückte sie jedoch, da in diesem Augenblick einer der daherkommenden Spaziergänger auf das Haus zusteuerte. »Guten Abend, ihr alle,« sagte er, und schüttelte dem Meister die Hand. »Das ist ein schöner Tag, Frau Nachbarin, besonders für uns, die wir nun in die kühlen Jahre kommen. Waren die Viere deine Gesellen, Heimberg?« – »Freilich, ja,« entgegnete er. »Karoline, einen Stuhl für den Nachbar!« – »Bleib sitzen, Kind,« versetzte dieser abwehrend und drückte den Tabak in seiner langen Pfeife mit dem Vorderfinger nieder. »Bleib sitzen, denn meine Alte wartet wohl auf mich, und ich wollte nur eben einmal einsehen. Hast du denn so viel zu thun, Alter, daß du alle die Leute hältst? Die Arbeit geht doch sonst schlecht genug, niemand braucht was, und überall klagt man Gottes Klage.« – »Von mir hörst du das nicht, ich habe nie geklagt,« erwiderte der Meister. »Man muß nur billig sein und nicht immer die gebratenen Tauben im Munde haben wollen, denn immer kann es nicht gleich viel zu thun geben. Jetzt läßt der alte Medicinalrath die Aussteuer für seine zweite Tochter arbeiten, und da brauch' ich vier Gesellen. Ist das vorüber, halt' ich wieder meinen alten Ehroth oder einen dazu oder zwei, wie's sich macht.« »Ei, also der alte Medicinalrath, sieh, sieh!« sagte der Andere und ließ sich mechanisch auf den Stuhl nieder, den Karoline inzwischen doch herbeigeholt. »Der verheirathet schon die zweite Tochter und läßt hier und bei dir arbeiten? Mich wundert, daß er's nicht auch aus den Magazinen nimmt oder aus der Hauptstadt, wie damals bei der ersten Tochter, und wie die Herrschaften sonst alle. Bei uns ist ihnen nichts mehr gut genug.« – »So ist's und wer will's ihnen verdenken?« meinte der Alte. »Auswärts finden sie's billiger, sogar den Transport mitberechnet, haben hübsche neue Façons und immer noch erträgliche Arbeit, und brauchen vor allen Dingen nicht auf den Meister und seine Bequemlichkeit zu warten. Das ist's.« – »Und das findet er nun alles bei dir?« fragte der Nachbar ziemlich spöttisch. – »Ich denke so,« antwortete der Tischler. »Theuer bin ich nicht, und wo ich theurer bin, ersetzt es mein gutes, trockenes Material, das die Magazinmeister nicht so vorräthig haben können. Die Façons und Muster lass' ich mir schicken, und mein Wort habe ich noch immer gehalten, zur bestimmten Stunde ist die Arbeit da.« – »Der Rath ist ja auch wohl lange mit dir bekannt?« fragte der Andere. »Mir ist, als hätt' ich ihn vor Zeiten viel bei dir aus- und eingehen sehen.« – »Wir sind Nachbarskinder und Schulkameraden,« bemerkte der Meister. – »So? Davon hab' ich nie gehört, Heimberg,« sprach der Besucher. »Und ich kenne dich doch auch schon an die dreißig Jahre und drüber weg.« Der Meister stand auf und ging in's Hans, um sich, wie er sagte, eine andere Pfeife zu holen: seine Frau übernahm die Antwort. »Sprechen Sie davon nicht, Meister Stern,« sagte sie, »mein Alter mag das nicht. An die zwanzig Jahre ist der Rath ganz mit ihm auseinander gewesen, weil er glaubte, sein Sohn, der Joseph, sei zu all' seinen nichtsnutzigen Streichen durch unseren Aeltesten angestiftet worden. Glauben konnte man's wohl, denn die beiden Buben lagen ja auch immer zusammen: jetzt aber wissen wir's recht gut, daß vielmehr Joseph der Verführer gewesen, und seitdem der Doctor das eingesehen, ist er wieder August's Freund geworden.« – »So so!« meinte Stern nachdenklich. »Da sieht man, wie auch die Nachbarn nicht immer gleich alles wissen. Das ist mir ganz fremd geblieben, und es thut mir leid, daß ich es aufrührte. Wo ist übrigens der Joseph eigentlich geblieben?« – »Nach Amerika ist er gegangen, weiß ich wohl, weiteres ist mir nicht bekannt.« – »Und Ihr eigener, Moritz hieß er, nicht wahr? Ich habe nie wieder nach ihm gefragt, seit mir der Alte einmal vor langen Jahren ein fürchterlich Gesicht drüber zuschnitt. Weiß niemand von ihm?« »Geh' hinein, Karoline,« sprach die Meisterin, »und halte den Vater noch drinnen; ich habe mit dem Nachbar zu reden.« Und da das Mädchen ihrer Weisung gefolgt war, ließ sie den Strumpf sinken und fuhr fort: »ja, ja, Nachbar, das zerreißt mein Herz, daß wir nie von ihm hören, und es war doch mein Herzblatt und Augapfel. Und wenn auch mein Mann nicht einmal wieder von ihm geredet hat und einen Trumpf auf jedes Wort setzt, das an ihn erinnert, so ist das doch ein Nagel zu seinem Sarge. Nun sind es schon über achtzehn Jahr', daß der Junge davonlief, und im Herbst, zu Martini, werden es dreizehn, daß er zuletzt an mich schrieb. Nachher hat mir noch einmal ein Wandergesell einen heimlichen Gruß von ihm gebracht; hatte mit ihm in Preßburg gearbeitet und ihn bei seinem Abgange krank im Hospital verlassen. Seit zehn Jahren hört' ich nichts von ihm. Gott weiß, wo der liegt, und das, Nachbar, ist gar zu – gar zu hart!« setzte sie hinzu, und fuhr mit der Hand über die Augen. – »Nun, nun,« versetzte der Zuhörer tröstend, »Sie müssen auch nicht gleich an das Schlimmste denken. Es war ein derber, zäher Bursch, und wenn er auch ein wenig wild und tollköpfig war, – nun das werden gerade die tüchtigsten Menschen.« – Sie schüttelte den Kopf. »Wenn er noch lebt, zählt er bereits fünfunddreißig Jahr', da sollte er vernünftig sein.« »Und an dem andern, dem Ernst, haben Sie eine rechte Freude,« bemerkte der Nachbar ablenkend. »Es geht ihm gut? Er ist hier gewesen, hör' ich.« – »Freilich!« entgegnete sie aufgeheitert. »Als Sie neulich im Fest zu Ihrer Tochter waren, kam er mit Frau und Kindern herüber. Aber man braucht auch ein bischen Freude bei all dem andern Schicksal.« – »Heimberg ist gar zu hartköpfig,« sprach Stern in einigermaßen zögerndem Ton. »Weshalb will er nie nachgeben? Da – der Maler – Reiling gibt sich alle Mühe, vorwärts zu kommen. Rosalie will nichts als eure Vergebung – das ist nicht recht von euch.« Die Frau stand auf, die Brauen waren tief herabgezogen, und um den Mund zuckte es. »Wer ist die Rosalie?« fragte sie hart. »Die Tochter, die wir einmal mit dem Namen hatten, ist todt; laßt sie auf der Seite, denn das ist vorbei.« – »Frau Nachbarin,« sagte er, sich gleichfalls erhebend, »sie ist nicht todt. Sie wohnt mit Reiling am Würsterthor und thut, was sie kann.« – »Thut was sie kann?« wiederholte die Frau. »Nun, wer so gegen unseren Herrgott ist, gegen seine Eltern, seine Ehre und seinen Namen, nur eines andern Menschen wegen, taugt nichts und gehört nicht zu uns. Wir kennen sie nicht mehr und unser Haus kennt sie auch nicht; davon reden wir nicht mehr.« – »Frau, Frau!« sprach er, »sie will ja gut machen. Wie oft hat sie und der Mann nun in den zwei Jahren sich an euch gewandt und um eure Verzeihung, um die Einwilligung zur Heirath gebettelt! Sie wollen nicht auswandern, sie wollen euren Segen zum Kirchgange und zur Ehe.« »Segen, die?« Die Frau lachte dumpf. »Sie kriegt ihn nie, denn sie hat ihn verscherzt.« – »Sie will ja gut machen.« – »Sie hätt's nicht schlecht machen sollen. Und nun genug davon, Stern, denn das sind verlorene Worte für mich, und mein Mann denkt ebenso. Der Mensch, der Stubenkleckser, ist ein Taugenichts und H'rumtreiber, der mit unserem Willen die Dirne nicht kriegt. Er kann sie aber so haben, denn wir wissen nicht mehr von ihr. Was wollen sie auch unsern Segen zur Trauung? Das ist ja in der neumodischen Welt nicht mehr von nöthen; es fragt niemand mehr danach, sie können 's ja haben ohne die Eltern.« – »Frau Heimberg – daß sie aber nicht ohne die Eltern wollen, sollt' euch das nicht versöhnen und euch zeigen, wie sie sind? Und glauben Sie doch nur, daß der Maler sich gebessert hat, daß er unverdrossen bei der Arbeit ist, um die Rose und das Kind zu ernähren. Meister ist er auch geworden –«. – »Genug!« unterbrach sie ihn, tief Luft holend. »Es ist vorbei. Gute Nacht, Meister. Mein Alter mag Wunder denken, was ich noch so spät zu Plaudern habe, denn er ist müde und will wohl zu Bett.« – »Also,« fragte Stern, »ist das ein letztes Wort?« – »Ein letztes Wort und zwar ein- für allemal, Meister. Die Sache ist nicht mehr werth,« versetzte sie und wandte sich zur Thür. »Gute Nacht.« – »Gute Nacht,« sagte er, rief einen ähnlichen Gruß in die Thür, der von drinnen erwidert ward, und ging. Die Frau nahm die beiden Stühle und ihr Strickzeug, schritt hinein, und nachdem sie die Magd noch für die Rückkehr der Gesellen mit dem Schließen der Thür beauftragt, trat sie in's kleine Hinterzimmer. Der Meister ging auf und ab. »Was hat er denn noch geschwatzt?« fragte er. – Sie setzte die Stühle an ihren gewöhnlichen Platz. »Das alte Zeug,« entgegnete sie finster. »Eine neue Bettelei. Ich denke aber, er wird nicht wieder anfangen. Meine Antwort war rund.« – Der Alte ging ohne eine Entgegnung noch einigemal hin und her, setzte dann die Pfeife in's Brett und trat schweigend in den kleinen, an's Zimmer stoßenden Alkoven; die Meisterin folgte ihm bald. Karoline ließ die Magd die Laden der Fenster in ihre Federn drücken, schickte sie darauf mit dem Bedeuten zu Bett, sie selbst wolle auf die Thür achten, da sie doch noch nicht schlafen möge, und stieg endlich in ihr Dachkämmerchen hinauf, dessen Fenster in die grünen Zweige der Linde hinaustrat. Da setzte sie sich hin und blieb nachdenklich und ernsthaft, wie sie den ganzen Abend gewesen. Viel Glück gab es in dem Elternhause nicht, und wo es da war, ward es von all' dem Elend und den Mißlichkeiten tief überwogt. Sie saß lange still, die Arme in die Schürze gewickelt, den Kopf gegen die Wand gelegt. In den angrenzenden Straßen erstarb nach und nach alles Geräusch, und als die Gesellen nach Hause gekommen, als sie die Thür von ihnen ordentlich verschließen und den Riegel vorschieben gehört, als sich dann die tappenden Schritte im Hause verloren hatten, schien nichts mehr außer ihr zu wachen als die Uhren, die von Viertelstunde zu Viertelstunde leise und laut von den Thürmen herüberklangen. Da kam ein einzelner, oft unterbrochener, schwankender Schritt die nächste Straße daher, – sie konnte es so weithin vernehmen! Er kam näher und näher, – sie horchte unwillkürlich darauf, wie es so langsam klang und so müde. Jetzt bog es um die Ecke und vor dem Hause hielt es an. Sehen konnte sie niemand, da die Linde mit dem dichten Laube ihr jegliche Aussicht nahm, aber sie hörte den Ankömmling tief Luft holen, so tief, daß man's seufzen nennen durfte, sie hörte ihn näher treten, auf die Stufe, die zu dem kleinen Auftritt vor der Thür führte, dann auch auf diesen, endlich sich auf die Bank niederlassen, und das klang wieder so hart und schwer. Nun seufzte es, nun war es still, nun seufzte es wieder, und dazwischen klangen Töne, die sie nicht recht zu deuten wußte; es war beinahe, als ob es schluchzte. Sie beugte sich so weit aus dem Fensterchen, wie es möglich war, die Zweige jedoch und der Vorsprung des schräg abfallenden Daches hinderten ihren Blick, so daß sie nichts als eine dunkle Masse auf der Bank zu unterscheiden vermochte, von der sie nicht einmal anzugeben wußte, ob's Mann oder Weib sei. Wer konnte das nur sein? War es Zufall, daß er hier säumte, oder trugen ihn die Füße nicht weiter? Oder war es Absicht, wollte er zu diesem Hause? Und wer war es dann? Wer wollte hieher, hier hinein? Konnte es ihre Schwester sein, die Rose? Aber das war eine lächerliche Frage, denn der Schritt klang ja so hart, und das Klappern eines Stocks meinte sie auch gehört zu haben. – Oder war es vielleicht der Maler? Ging der so schwer und schwankend, führte er einen Stock? Was wollte er jetzt hier, jetzt? Er war nie hier gewesen, seit Rose das Haus verlassen. Und es war hart von den Eltern, daß sie nie die Tochter und ihre Botschaften, ihre Bitten wieder angenommen. Das alles trieb sich im Kopfe des Mädchens umher, dazwischen hörte sie auf das Seufzen und Stöhnen, und das Herz ward ihr bang und schwer. Am liebsten wäre sie hinabgegangen und hätte nach dem Wesen gesehen; aber das schickte sich nicht, die Eltern konnte sie auch nicht wecken, und Ehroth, der Gesell, der bei dem Vater seit ewiger Zeit in Arbeit gewesen, der die Kinder auf den Armen getragen und zugleich mit den Eltern groß gezogen, der schlief über der Werkstatt hinten auf dem Hofe bei den anderen Gesellen. Dahin durfte sie auch nicht. 2. Der Meister war bereits in die Werkstatt zurückgekehrt, aber das Kaffeegeschirr stand noch auf dem Tisch, und Karoline ging unruhig im Zimmer, umher, ohne ihren sonstigen Geschäften nachzukommen. »Was bedeutet das?« fragte die Mutter, die ihr eine Zeitlang schweigend zugeschaut. »Du hast das Geschirr noch nicht hinausbesorgt, und weißt doch, daß der Vater und ich solche Unrüstigkeit Unrüstig so viel wie unordentlich. nicht mögen. Und was hast du heut nur immer zu laufen?« fuhr sie fort, da sie die Tochter sich der Thür zuwenden sah, »was hast du im Kopf?« Karoline blieb in der geöffneten Thür stehen. »Willst du mit mir hinaufkommen, Mutter?« fagte sie in etwas ungewissem, beinahe schüchternem Tone. »Ich habe was auf meinem Zimmer, das ich dir nicht sagen kann, aber zeigen möchte.« – »Auf deiner Kammer? Mir zeigen?« fragte die Alte verwundert. »Was möchte das sein? Du weißt, ich steige die Treppe nicht gern. Ja, wenn ich noch so leicht wäre, wie in meinen jungen Jahren,« setzte sie hinzu und betrachtete lachend ihre stattliche Figur im Spiegel, »da wär's was andres, da wollt' ich schneller droben sein als du.« – »So denk' dich zurück, Mutter,« entgegnete die Tochter, »es ist auch was aus deinen jungen Jahren, das lange abhanden gewesen und nun von mir wiedergefunden wurde.« – Die Alte sah sie prüfend an. »Aus meinen jungen Jahren? Abhanden gewesen? Das wird was rechtes sein. Ich versteh' dich aber nicht. Wie kommst du nur zu einem Spaß, bist doch sonst so ernsthaft? Aber geh' nur, ich will mitkommen, denn du hast mich neugierig gemacht.« Karoline sprang vor ihr weg die Treppe hinauf, die Frau folgte langsamer. Droben schloß die Erstere die Thür auf und zog die herbeigekommene Mutter, ohne auf ihre verwunderte Frage zu hören, mit sich in's Zimmerchen hinein. Ein Paar zerrissener, bestaubter und beschmutzter Stiefel stand an der Thür, ein Stock lehnte daneben, ein Packen, wie ihn die Wanderbursche tragen, lag auf dem Stuhl am Ofen, allerlei andere Kleidungsstücke zeigten sich auf einem anderen Stuhl, und auf dem Tisch standen einige noch unberührte Speisen. Die Frau übersah das alles mit einem Blick und blieb, bestürzt stehen. »Um Gotteswillen, Kind, Männersachen, und solche, auf deinem Zimmer!« – »Ja, Mutter, komm nur, und hier erst!« Sie zog sie zum Bett, das im dunklen Winkel des Gemachs stand, und sie zeigte ihr den, der darin lag und schlief. Aber es war kein ruhiger, guter, friedlicher Schlaf, sondern das Gesicht zeigte sich in dunkler, heißer Glut, an den Schläfen klopfte es, daß man meinte, man müsse es hören können, die Decke über der Brust war in steter, zitternder Bewegung. Die Meisterin fuhr zurück, sie trat doch wieder näher, eine heiße Röthe überzog ihre Stirn und Wangen, die Hände preßten sich hart zusammen, und das Auge blitzte halb zornig, halb fragend auf die Tochter. »Karoline, Mädchen, in deinem Bett der schmutzige H'rumtreiber! Hier! Mädchen, sagst du bald, was das soll?« – »Mutter, liebe Mutter, es ist ja unser Moritz!« »Der Moritz!« Sie rief es nicht, sie murmelte es nur, sie fing an zu zittern, so heftig, daß sie sich auf den Stuhl vor dem Bett niederlassen mußte; sie ward tödlich blaß und legte den Kopf, wie vergehend, einen Augenblick in ihre Hände. Als sie sich dann wieder aufrichtete, blieben die Hände zusammen, ihre Lippen regten sich, und die Augen blickten unverwandt auf das Gesicht da in den Kissen. Es war eine lange Pause, und nur die unregelmäßigen harten Athemzüge des Kranken und das Zwitschern der Sperlinge draußen in der Linde unterbrachen die tiefe Stille des Morgens. Ein langer Sonnenstrahl stahl sich leise durch das Laub herein und zitterte auf dem Fußboden. Die Mutter saß noch immer still und suchte in dem Kranken ihr Kind, ihr erstes und liebstes, und es hatte ihr doch den meisten Kummer gemacht, den herbsten Gram in ihre Seele geworfen, und hatte Jahr auf Jahr fern von ihr zugebracht, ohne sie ein Wort von sich hören zu lassen. Nun lag es vor ihr wie voreinst, da sie es auch bewacht und gepflegt in seinen Krankheiten, da sie auch so an seinem Bettchen gesessen, gewacht und gebetet. Ja, da war's wohl, aber sie war nun eine alte, starre und müde Frau, und das Kind war zum wilden, wüsten, trotzigen Mann geworden, das sah sie ihm an, er braucht' es ihr nicht erst zu sagen; sie sah's in dieser gefurchten Stirn, in den eingefallenen Augen, in all' den gleichsam zerrissenen Zügen, die ihr wie Gräber seiner Jugend und seiner Milde, seines Glaubens und seiner Liebe, seiner Großherzigkeit und seines Lebensmuths erschienen. Der Bart war so wild und struppig, an den Schläfen mischte das dunkelblonde Haar sich mit langen grauen Fäden, die Wäsche sah so unreinlich aus, geflickt und zerrissen. Ja, ja, achtzehn Jahre! Und fern von ihr! Und kein Mensch, der auf ihn geachtet, der sich um ihn bekümmert, der ihn getadelt und ermahnt oder ihn gelobt, der ein einziges mal mit milder, freundlicher Hand über diese trotzige Stirn, über dies wilde Herz gestrichen, wie selbst der kräftigste und härteste Mensch das einmal haben muß, oder er muß erlahmen und zu Grunde gehen in seinem Menschsein. Nicht ein einzig – einzig mal! Und nun war er so tief gesunken, so sehr krank, und da war er doch wieder zur Heimat gekommen und zur Mutter! Sie schüttelte den Kopf und schüttelte ihn wieder und immer heftiger, und als er jetzt im Schlaf und mit heiserer Stimme, aber doch deutlich und vernehmbar, »Mutter!« murmelte, da sank die alte Frau langsam vom Stuhl auf die Kniee vor dem Bett und legte die Arme auf die Decke und den Kopf darauf und weinte bitterlich. Lange währte diese Ruhe nicht, denn der Kranke machte eine Bewegung, Karoline flüsterte: »Mutter!« – und da sie aufschaute, blickten die Augen des Sohnes sie an, jedoch war es ein starrer, unheimlicher Blick, in dem nichts von einem Erkennen seiner Umgebung zu finden war. »Moritz, mein Kind!« sprach sie, allein er murmelte nur ein paar unverständliche Worte, schob die Decke von der Brust zurück und schloß die Augen auf's neue. Die Mutter erhob sich endlich, und indem sie die letzten Thränen mit der Schürze aus den Augen wischte, fragte sie ihre Tochter, wann und wie der Kranke an- und in's Haus gelangt sei. Karoline erzählte vom vergangenen Abend, wie sie verwundert und neugierig geworden über die Rast auf ihrer Bank, wie sie das Seufzen und Stöhnen nicht länger habe ertragen können, und endlich hinabgegangen sei und geöffnet habe. Da habe er sich mit wirren Worten, mit verstörtem Wesen zu erkennen gegeben, sei ihr die Treppe hinauf gefolgt und sterbensmüde alsbald in's Bett gegangen und in Schlaf gesunken. – Seit wann er denn so sei? fragte die Meisterin. – Sie wisse es nicht, entgegnete die Tochter. Um fünf Uhr habe sie den Erwachenden gebeten, nun still zu sein und zu warten, sie müsse jetzt hinab und wolle sehen, wie sie seine Ankunft den Eltern mittheilen könne. Da habe er ganz vernünftig erwidert: sie möge gehen und ihn schlafen lassen, und darauf sei sie beruhigt hinabgestiegen. »Ist er denn nun sehr krank, Mutter!« – Die Augen der Alten wandten sich vom Sohn zu der Fragenden, und sie schüttelte bekümmert den Kopf. »Krank, der? Zum Sterben, Kind. Ich kenne dies Wesen und den Blick. Allein, selbst wenn unser Herrgott ihn von mir ruft, will ich ihm doch für diese Rückkehr alle Zeit meines Lebens danken, denn der Junge stirbt doch bei mir, und ich weiß, wo ich ihn zu suchen habe. O, der Junge! O, daß er nur wieder da ist!« Und die graublauen alten Augen füllten sich wieder mit Thränen. »Mutter, wenn's nur der Vater erst wüßte!« – »Der Vater, ja! Er ist so fürchterlich hart.« Sie murmelte es vor sich hin, und schritt nachdenklich im Zimmer auf und ab, die Augen zwischendurch immer wieder auf den Sohn richtend. – »Mutter, ich dachte mir, wir könnten das dem Medicinalrath überlassen, den wir doch wohl holen müssen,« sprach Karoline und trat zum Fenster. »Wenn die Marie daheim wäre, könnt' ich gleich hingehen, die Uhr ist noch nicht acht, zu Haus' treff' ich ihn noch.« – Die Meisterin blieb stehen. »Das ist ein glücklicher Gedanke, Kind. Wenn die Marie nur daheim wäre! Wo sie auch bleiben mag. Das Volk schwatzt und kann nicht fertig werden.« – »Eben kommt sie, Mutter, ich höre es am Thürzuwerfen.« – »So komm' rasch, Kind, und kappe dich auf: sag' ihm, wer hier ist und wie es mit ihm steht, wie mir in Noth sind, und was wir von ihm wollen; bring' ihn gleich mit und stehlt euch hübsch vorsichtig herauf. Komm!« Sie sahen noch einmal nach dem Kranken, der im gleich fieberhaften Schlaf lag; sie eilten hinab und Karoline schlüpfte alsbald aus der Thür. Die Meisterin sah nach ihrem Manne in der Werkstatt und überzeugte sich, daß er für's erste nicht von der Arbeit gehen werde, trug der Magd dieses und jenes Geschäft auf, um sie in der Küche festzuhalten, wählte aus ihrem Leinenschrank prüfend und sondernd einige Wäsche, und stieg endlich wieder treppauf. Ein Blick auf den Schläfer bewies ihr, daß sich nichts verändert, und sie setzte sich nun wieder an sein Bett und beobachtete ihn so sorgfältig, und betrachtete ihn so liebevoll, wie sie es früher in der Tochter Gegenwart nicht vermocht. Nach einer geraumen Zeit erst ermannte sie sich, stand seufzend auf und begann nach den einzelnen Stücken seines Anzugs und schließlich nach dem Inhalt seines Wanderpackens zu sehen. Und dabei ließ sie mehr als einmal halb verzweifelnd die Hände sinken, sie seufzte und die Thränen kamen ihr in die Augen, denn es war alles so ärmlich so verkommen und vernachlässigt, und es war ihr Sohn, dem es gehörte, der Sohn der tüchtigen, sauberen, sorgsamen Frau, der wohlhabenden Familie. Ihr Herz wollte sich umkehren, und neben all' der Traurigkeit war es auch ein unbehagliches und verachtendes Gefühl, mit dem sie endlich den ganzen Plunder zusammenband, auf den Vorplatz hinaustrug und in eine Ecke warf. Indem hörte sie drunten die Thür öffnen, es kamen Schritte herein, und gleich darauf sah sie Karolinen mit dem Arzt auf der Treppe erscheinen; sie begrüßte den Rath beinahe verwirrt, wenigstens ganz befangen. »Also Moritz ist wieder da?« fragte er, auf der obersten Stufe stehend, den Hut lüftend und die langen weißen Haare von der hohen Stirn zurückstreichend. Sie nickte. – »Krank ist er auch?« – »Sehr – sehr krank.« – »Und der Alte weiß noch nichts von diesem Ueberfall?« – »Sie müssen's ihm beibringen, Herr Doctor.« – »Nun, wir wollen zuerst nach dem Jungen sehen, Meisterin.« – Sie schickte Karolinen hinab, um auf's Haus und den Vater zu achten, ging dann mit dem Arzt in das Krankenzimmer, und eine lange Zeit blieb alles still. Endlich kam sie ohne den Rath herunter, suchte Leinen zu Binden und eine Tasse, und kehrte so schweigend nach oben zurück, wie sie gekommen. Als der Arzt herabkam, hatte er auf Karolinens bange Fragen auch keine andere Antwort, als ein leises Kopfschütteln, gab ihr ein Recept zur schnellsten Besorgung, traf noch diese und jene Bestimmung, und versprach Nachmittags wiederzukommen. Darauf ging er über den Hof und trat in die Werkstatt, wo ihn der Meister freundlich und mit dargereichter Hand empfing. Nach einigen Worten gingen sie hinaus und in den kleinen Garten, der vor den Fenstern der Werkstatt lag; da schritten sie in dem ziemlich breiten Steige, den die Stachelbeerbüsche zwischen den Obstbäumen einfaßten, plaudernd auf und nieder. Der Medicinalrath hatt' es sich bequem gemacht, Hut und Stock auf eine Bank gelegt, den weiten braunen Rock aufgeknöpft und die Arme behaglich auf dem Rücken gekreuzt. Die lange, breite Gestalt war ein wenig vorübergebeugt, während die nicht geringere des Meisters daneben sich noch strack und gerade zeigte, als sei der Mann in seinen kräftigsten Jahren. »Hör' an, Heimberg,« begann der Arzt nach einer zufälligen Pause, »du interessirst dich doch für mein Hauswesen: Joseph hat aus Amerika geschrieben.« – Des Meisters Brauen zogen sich leise zusammen. »So? Hast wohl lange nichts von ihm gehört?« – »Direct nicht, seitdem er fortgegangen. Beiläufig hörten wir jedoch durch den Assessor Römer von ihm, mit dem er im Verkehr blieb. Vor uns schämt' er sich. Nun hat er sich jedoch heraufgearbeitet; seine Wirthschaft ist im guten Gange, seine Familie wohlauf. Seine Frau ist ein gebildetes Weib, die paar Worte, die sie unter seinem Briefe an uns richtet, sind ganz charmant. Das alles hat er sich nun selbst zu verdanken, denn von mir kriegt' und nahm er nichts. Und jetzt fragt er denn an, ob wir ihm verzeihen wollten, ob er im Herbst zum Besuch herüber kommen, uns Frau und Kind zeigen dürfe. Dich läßt er auch grüßen.« – »Bah!« Der Meister blieb stehen und schlug die Arme übereinander. »Na, Doctor, und was wirst du ihm antworten?« – »Lieber Gott, was denn sonst, als daß er kommen soll? Unbarmherzig muß man nicht sein, August. Wenn man steht, wie das im Menschen vorhandene Tüchtige und Gute wieder zum Durchbruch, zur Geltung und Herrschaft kommt, darf man wohl zufrieden sein.« – »Und all' das Herzeleid, das er euch Beiden gemacht, Doctor, all die Streiche, die dummen und die bösen, und daß er davonlief?« – »Das ist alles verblutet, Mann.« – Der Meister schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht!« sagte er. »Wenn sich so was losreißt, so Kinder von Eltern, so eigenmächtig, so scharf und rasch weg, das schließt sich bei den einen vielleicht und bei den andern, es heilt, aber heilen sie auch wieder aneinander?« – »Ja, Meister, ja. Oder vielmehr, ordentlich auseinander kommen sie gar nicht, hie und da hängen sie stets zusammen, es sind Fibern da und Blutstropfen, die von einander wissen. Da heilt es denn. Herzen und Seelen, wenn sie nicht ganz und gar und muthwillig ruinirt werden, sind unglaublich gesund und heilfähig.« Der Tischler lachte dumpf und hob den Fuß zum Weitergehen. »Ja, für sich!« meinte er. – »Nein, Heimberg, auch mit einem andern Herzen zusammen,« versetzte der Rath und ging neben ihm weiter. »Wir einigen uns nicht,« sprach der Tischler; er hatte einen Zweig vom Busch gerissen und rollte die Blätter zwischen den Fingern zusammen und auseinander. »Ich meine, so was reißt von einander, es ist vorbei und es kräht kein Hahn mehr darnach. Dann soll man sich auch fern bleiben. Wer sich so auf seine eigenen Füße und seinen eigenen Willen gestellt hat, muß seinen Weg gehen für sich; und wie der wieder weich und weibisch werden, im alten Nest unterkriechen kann, versteh' ich nicht. Dies Nachgeben und Schwachwerden, dies Bitten und Betteln, das ist was Miserables. Das schickt sich für keinen erwachsenen Menschen. Dich tadle ich nicht, daß du nachgiebst, jeder nach seiner Weise und nach seiner Ansicht; aber der Junge! Schon weil er überhaupt kommt, würd' ich ihm nicht verzeihen.« Der Arzt blieb stehen. »Und das grade halte ich für gut, für natürlich und menschlich, das macht mein Herz für den Jungen auf. Ein Kind kommt nicht los von uns, nicht ganz, mag geschehen was da will. In ihm und in uns spricht was für einander. Ich sagt's schon. Wenn es fort war und nun mit Ehren wieder vor uns bestehen kann, muß es zurückkommen: ich habe mich geirrt, ich habe mich gebessert, da bin ich, denn ihr müßt das zuerst wissen, da ich euch den meisten Kummer gemacht und die meiste Freude schulde. – Und andrerseits, wenn es auch fort war und es erging ihm schlecht trotz aller Müh' und alles Strebens, dann muß es auch zurückkehren und sagen: es wollte nicht gehen, ich weiß nicht mehr aus noch ein, ich komme zu euch, Vater und Mutter, daß ihr mir noch einmal ein Kissen für den müden Kopf gönnt. – Was soll man da thun, Heimberg? Die Heimat, die Eltern und die Kinder – die bleiben immerdar eins und dasselbe. Und das Kind, welches nicht so handelt, das taugt in meinen Augen nicht, es ist kein Mensch.« – Der Meister gab keine Antwort, schweigend gingen sie neben einander den Steig herab und wieder hinauf. »Hast du lange nichts vom Moritz gehört, alter Kamerad?« fing der Rath wieder an. – Der Tischler zog die Brauen dicht zusammen und winkte mit der Hand. »Nichts davon!« murmelte er.– »Unsinn!« entgegnete der Andere. »Was soll diese Starrköpfigkeit? Schämst du dich nicht?« – »Nein, Rudolph,« versetzte er, »schämen thu' ich mich nicht, denn darin hab' ich meinen eigenen Kopf und mein eigen Recht. Ich weiß nichts von dem und will nichts von ihm wissen.« – »Hat er nie geschrieben, Alter?« – »Vor ein Jahrer zwölf bis fünfzehn, glaub' ich, an die Alte.« – »Und du hast ihm nicht geantwortet?« – »Nein.« – »Böser Kopf! Und wenn er nun schriebe: da und da wohne ich und bin in Ehren, soll ich dir Weib und Kind bringen, Vater? – Nun?« – »Bleib wo du bist, würd' ich sagen, wir kennen uns nicht.« – »Heimberg!« Der Arzt blieb stehen, der Tischler schritt jedoch ruhig weiter. »Anders ist es nicht,« sprach er. »Und wenn er nun hier wäre,« fuhr der Doctor fort, krank und siech, aber er dächte wie du, käme nicht zu dir, sondern ginge ins Hospital, da läg' er, und du erführst es nur zufällig? Was dann?« – Der Meister stand, seine Stirn faltete sich noch tiefer. »Was soll das alles?« – »Ich will dich nur durch dich selbst widerlegen, August, du bist nicht so hart, wie du thust. Also stell' dir das einmal vor und antworte mir: was würdest du thun?« – »Unsinn das alles; mich widerlegst du nicht, denn ich bin so hart. Ich würde für ihn bezahlen, er ist nicht das Kind von Bettelleuten, ich würde ihn begraben lassen, wenn er stürbe, und wenn er davon käme, möcht' er einen Wanderschilling haben wie jeder Geselle. Damit genug und basta.« – »Du nähmst ihn nicht zu dir, nicht in dein Haus?« – »Nein, Doctor.« – »Heimberg, du bist eine böse Kreatur!« Der Arzt schüttelte den Kopf und blickte den alten starren Freund ernst, beinahe strafend an. »Und wenn er nun zu dir käme und sagte: ich kann nicht weiter, Vater! – wie dann?« – Er trat mit dem Fuße nieder. »Ich nähme ihn nicht. Er soll gehen, ich habe keinen Platz für ihn.« – »Und wenn er nun im Hause da plötzlich vor dir läge, todkrank?« Es war eine Pause. »Nun, Meister?« Der Tischler hob den ein wenig gesenkten Kopf plötzlich auf, trat hart auf den Arzt zu, faßte seinen Arm und sah ihm finster und beinahe drohend ins Gesicht. »Was soll das alles?« fragte er mit gedämpfter Stimme. »Was willst du mit all' den Worten, Rudolph? Ist er da, oder was giebt's sonst? Der Flausen sind genug.« – Der Rath richtete sich auf, doch machte er seinen Arm nicht frei, er sah dem andern nur ernst, fest und entschlossen in die dunklen Augen, und seine Stimme war scharf und klar, als er entgegnete: »Ja, der Flausen sind genug, August. Moritz ist da, heut Nacht vor's Haus gekommen, durch Elend und Noth, mit Krankheit und Schwäche zu seinem Elternhause, sag' ich dir, Karoline hat ihm aufgemacht, ihn eingelassen und in ihr Bett gelegt. Mutter und Schwester sitzen an seinem Bett, haben mich geholt, daß ich nach ihm sehen und dir sagen mochte, was sie nicht riskiren. Ich aber riskir's als dein alter Kamerad, als Mensch und Christ und als Arzt. Ich sage dir: er ist da, und wenn du was mit ihm abmachen willst, so geh' hin und mach' es ab, so lange sein Athem noch geht. Denn merk' das wohl, er ist so krank, daß ich für sein Leben nicht einen Pfennig gebe, daß ich nicht eine Hoffnung habe, wenn nicht die auf unsern Herrgott, bei dem nichts unmöglich. Nun thu', was du kannst und willst. Heut Nachmittag will ich wieder nach ihm sehen, wenns noch nöthig ist.« Er nahm Hut und Stock und ging ohne ein ferneres Wort aus dem Garten. Der Meister stand eine geraume Zeit auf derselben Stelle und starrte ihm finster und regungslos nach, bis er sich mit einem plötzlichen Ruck aufrichtete, sich schüttelte und in die Werkstatt und zu seinem Geschäft zurückkehrte, ohne eine Miene zu verziehen, ohne einen Ton laut werden zu lassen. Es ward auch nicht anders, und weder bei der Arbeit noch wo er mit den Seinen bei Tisch oder sonst zusammen kam, sprach er ein Wort. Mach dem Abendessen, das die beiden Alten allein eingenommen, trat seine Frau zu ihm und sagte leise und beinahe schüchtern: »Darf Ehroth heut Nacht mit uns wachen?« – »Wenn er will, ja,« versetzte er. »Willst du denn ausbleiben, Alte?« – Sie legte den alten Kopf an seine Brust, – das hatte sie lange nicht mehr gethan! – und schluchzte leise. Nach einer Pause fragte sie dann: »Kommst du nicht einen Augenblick mit hinauf, Vater?« – »Nein,« entgegnete er bestimmt; aber er strich ihr leicht über den Kopf, sprach: » gute Nacht, Alte!« schob sie sacht von sich und wandte sich zu seiner Kammer. So blieb's Tag für Tag. Mit Moritz ward es weder schlimmer noch besser; der Alte jedoch fragte nie darnach, wenn er auch alles zur Pflege Gehörende geschehen ließ. Und zu sagen wagte ihm keiner was. 3. Der Tischler kam von einem Geschäftsgange zurück, legte Hut und Zollstock auf die Seite, hing den Rock an den Nagel hinter den buntgeblümten Vorhang und band die blaue Arbeitsschürze vor. Dann nahm er sich aus dem kleinen Wandschrank sein Vesperbrod und seinen Schnaps, lehnte sich darauf essend an die Stubenthür und schaute über den Flur zur Hausthür hinaus auf die stille Straße und die ebenso stillen Häuser gegenüber. Vom Hofe aus der Werkstatt klang nur hin und wider ein leises Pfeifen und Singen und das Geräusch der eifrigen Arbeit herüber. Da huschte plötzlich eine Gestalt in die Hausthür, durch den langen Sonnenstrahl, der vom Hofe hereinfiel, über den Flur zur Treppe und wollte diese hinauf, als des Alten barsches: »Sacht, sacht! Wer da? Was soll's?« sie überraschte und dermaßen erschreckte, daß sie beinahe zusammensank und sich am Pfosten des Geländers stützen mußte. Es war ein junges Weib, tief in ein dunkles Tuch gewickelt, auf dem Kopf einen einfachen Strohhut. – »Was soll's?« wiederholte der Alte herantretend. – »Der Vater!« murmelte sie, ließ das Gesicht auf die Brust sinken und stand zitternd am Pfosten. – »Hoho!« machte er und trat einen Schritt zurück. Doch faßte er sich sogleich wieder, und die Stirne faltend und die Arme auf dem Rücken kreuzend sagte er mit rauhem Ton: »Nun, was soll's? Was willst du hier?« – »Zum Bruder – zum Moritz,« stammelte sie. – »So, zum Bruder?« fuhr er im selben Ton und unbewegt fort, »wie weißt du von dem?« – »Karoline hat es mir erzählt,« versetzte sie, noch immer ohne den Kopf zu erheben. »Seitdem hab' ich ihr oder dem Mädchen alle Tage aufgepaßt und hab' mir von ihm sagen lassen.« – »So, also von denen hörtest du's und hast dich wirklich darnach erkundigt? Also denkst du noch an die Leute hier im Hause? Ei sieh doch!« – »Vater!« Es lagen heiße Thränen in dem einen Wort und in dem Ton, und ein glänzender Tropfen siel auch aus dem gesenkten Aug' auf den kalten dunklen Fließenstein des Estrichs. Den Alten störte es übrigens nicht und er sprach wieder eben so rauh und eben so scharf: »Na und heut endlich hast du dich bis in's Haus getraut, in dies Haus, in die Löwengrube, sieh doch! Hast du wirklich also ein Herz?« – »Vater,« bat sie, »Vater, seien Sie nicht so sehr – sehr hart. Ich wagt' es ja nicht, Sie hatten mir ja das Haus verboten.« Der Mann zuckte zusammen und die Hände auf dem Rücken preßten sich krampfhaft in einander. Das Sie der Kinder gegen die Eltern war in seinem Hause nie Sitte gewesen, er hatte es niemals gewollt, und nun war es da und schnitt ihm bis mitten in das trotzige, starre Herz, scharf und tief. Denn wenn bei einem solchen Herzen erst die Rinde durchbrochen ist, zeigt es sich drinnen oft desto empfindlicher und zarter. Und es war nur das eine Wort! Aber ein Wort ist oft wie eine Schale, darin gar vieles liegen kann, eine Krone oder ein Bettelstab, eine Blume oder ein Dolch, der sonnigste Tag oder die tiefste Nacht, und ein solches traf ihn hier; es lag für ihn ein herberer und grausamerer Vorwurf darin, als in tausend langen Reden, als in allen Klagen und Thränen. So hatte er von der Härte und Starrheit seines Wesens nie gehört, so war ihm sein Unrecht nie vor Augen gerückt. Wie starr und eisern er auch behauptete, daß die entlaufenen Kinder von ihm los seien und er mit ihnen nichts mehr zu thun habe, sich gegenüber hatte er doch bisher noch keins von den beiden gehabt und niemals bisher empfunden, wie das thut, wenn man sein Kind als ein fremdes Wesen vor sich sehen muß. Und er dachte an die Scenen, die ihrem Fortgange vorausgegangen, er dachte, wie der Maler und die Tochter oft und oft versucht, selbst und durch andere, die Eltern zu versöhnen, ihre Verzeihung zu erlangen, wie sie stets zurückgestoßen worden von ihm und noch mehr von seiner Frau, die in beinahe finsterem Zorn und Haß auf die Schwäche und den Fehltritt der Tochter blickte, – das alles schoß ihm jetzt im Nu durch den Kopf, er erinnerte sich nicht daran, er wußte es. Allein diese ganze tiefe Bewegung blieb verborgen in seinem Innern, und er sprach in immer noch gleich hartem Ton, – und die Pause für all die Gedanken war kaum merkbar –: »So, so, und heut Nachmittag galt dies Verbot nicht?« Sie weinte nur leise, aber so bitterlich, daß sie lange kein Wort hervorzubringen vermochte. Als sie endlich dazu im Stande war, versetzte sie: »Karoline sagte mir auf mein Bitten und Fragen heut Mittag, ich möge am Nachmittage kommen, da die Mutter bis zum Abend ausgehe und Sie einen Holzkauf vorhätten, Vater, der auch Sie wohl bis späthin außer dem Hause halten würde. Da wagte ich's. Ich kann mich des Bruders kaum erinnern, allein er ist doch mein Bruder, und er ist so sehr krank – !« Sie brach ab. Der Alte sah sie schweigend an, sprach dann plötzlich: »Komm hinein!« wandte sich kurz um und schritt ihr voran in das Hinterzimmer. Dort schaute er aus dem Fenster und befahl der Magd, die mit ihrer Arbeit auf dem Hofe saß, sich vor die Hausthür zu setzen und acht zu geben, daß er von niemand, selbst von seiner Frau nicht gestört werde, er habe Geschäfte; dann schloß er Fenster und Thür, sagte zur Tochter: »Lege ab!« und ging langsam mit harten Schritten ein paarmal auf und ab. Sie legte Hut und Tuch auf den Stuhl neben der Thür, stand schüchtern dabei und stützte ihre zitternde, schmächtige Gestalt mit der Hand auf die Stuhllehne. Da blieb er vor ihr stehen, schlug die Arme auf der Brust übereinander und sah sie mit tief gefurchter Stirn, mit zusammengezogenen Brauen lange und düster an. Doch es war kein böser Blick, es lag was von Kummer und Wehmuth darin, und wenn sie zuerst auch nur flüchtig und scheu zu ihm empor zu schauen wagte, die bittenden, schimmernden Blicke ihrer Augen wurden immer länger, immer vertrauender. Die Beiden hatten sich auch zwei Jahre lang nicht gesehn. »Hast du denn den Menschen so lieb, den Maler?« fragte er endlich. – »Vater!« Sie senkte das Gesicht wieder, das wie mit Blut übergossen war. – »Und es ist ein Nichtsnutz, ein H'rumtreiber, ein liederlicher Patron!« – »Vater!« Sie sah ihm jetzt offen und frei in's Gesicht. »Sie haben Ihnen was vorgelogen, Vater. Reiling ist leichtsinnig gewesen, aber er hat sich gebessert, er ist kein schlechter Mensch. Er ist Meister geworden und hat Arbeit, er geht in kein Wirthshaus, nie zu Bier oder Tanz, er feiert nicht Tag noch Nacht, wenn er was verdienen kann; er trägt mich und sein Kind auf den Händen und läßt es uns nirgends fehlen, wo er es zu schaffen vermag. Er spricht mit solcher Sehnsucht und Liebe von Ihnen und der Mutter! Und daß wir Ihre Verzeihung, Ihren Segen nicht haben, daß wir ohne den in unserm Sinn nicht zum Altar dürfen, – das ist unser einziger und ewiger Gram Tag und Nacht. Und was er abgelegt, was er angenommen, ist's nicht auf mein Bitten, Ermahnen und Tadeln, nicht mir zu Liebe geschehen? Sollt' ich den nicht lieben?« – »Und hat er dich denn so lieb?« – »Er? Thut er nicht alles aus Liebe zu mir?« »Aber du siehst schlimm aus,« und sein Auge musterte wieder und wieder ihr Gesicht und ihre Gestalt. »Wo sind die vollen Wangen hin und die Gesundheit drauf? Du bist mager und deine Kleidung ist ärmlich.« – »Vater, der Gram um Ihr Zürnen, um unser Unrecht und unsere Sünde – ja, liebster Vater, die haben wir ja begangen, daß wir nicht baten und warteten und Geduld hatten! – Das zehrt, Vater, aber das kommt alles wieder, wenn wir nur Ihre Vergebung haben. Und« – sie sah halb lächelnd auf ihre Kleidung – »und wenn's ein wenig knapp hergeht, müssen wir es doch tragen, wir Eltern, der Junge darf es nicht entbehren, der kostet was, aber er braucht es ja und muß es haben.« Da schlang der Alte plötzlich beide Arme um sie und zog sie an sich, fester und immer fester, und drückte ihr Gesicht gegen seine Brust und seine Lippen auf ihr dünngewordenes dunkles Haar, und drückte sie wieder an sich und küßte sie wieder und streichelte sie und wußte und hatte nichts andres, als das eine halberstickte Wort: »Mein Kind! Mein Kind! Mein Kind!« Er war wie außer sich, er preßte sie an sich, daß er's, daß sie's fühlte, so fest, so heftig, denn es war in den Tagen schier zu viel für ihn geworden, und da er sie nun vor sich sah, sie, seines alten Herzens stillste und sonnigste Liebe, seinen heimlichen Stolz und sein heimliches Prahlen, sie, wie sie da war, so blaß und ärmlich, da war's eben aus mit ihm, und der Mann ward zum Kinde. Er zog sie dann zum kleinen Sopha, ließ sie sich auf seine Kniee setzen, den Kopf an seine Brust legen und hielt sie so fest, ließ sie erzählen und plauderte mit ihr, küßte und streichelte sie. – Was da geredet und geflüstert wurde, läßt sich nicht aufschreiben; solche Lippen nur können das in solcher Stunde reden und flüstern. Die Väterliche ist darum so schön, weil sie oft aus einem harten und rauhen Grunde zur reinsten und wundervollsten Blüthe schießt. Sie hing an seinem Halse und schaute ihm zärtlich in die Augen: »Vater, sind Sie mir nun auch wieder recht gut?« – Er strich ihr lächelnd über das Haar: »Wenn du das verwünschte Wort noch einmal sagst, kann ich dir wieder recht böse werden. Was ist das für ein dummes Zeug mit dem Sie, du thörichtes Kind?!« – »Mein lieber, liebster Vater!« – »So, nun geh, Schmeichelkatze,« sprach er. »Du kommst also bald und vergissest nicht mehr, daß du Eltern hast. Grüße mir den Reiling und er solle dich hübsch pflegen und gut halten, sonst bleiben wir geschiedene Leute. Und wenn es mit deinem Bruder in Ordnung ist, wollen wir eine Hochzeit haben. Vorher will ich Mann und Kind nicht sehen. Du aber sollst alle Tage kommen.« »Und die Mutter?« fragte sie mit furchtsamem Ton. – Er wiegte den Kopf. »Je nun, den Kampf werd' ich wohl ausfechten müssen, denn es wird noch ein Kampf; die ist nicht so windelweich wie ich, du Hexe. Nun geh aber hinauf zu deinem Bruder.« – »Kommst du nicht mit, Vater?« – Er ward wieder tief ernst: »Nein, mein Kind.« – »Und mir hast du doch vergeben, Vater, und ich trage doch herbere Schuld als er.« Sie hing wieder an seinem Halse; er machte sich indessen sachte von ihr los und antwortete: »Das verstehst du nicht, genug davon. Du hast am Ende nur gethan, wie's eure Vorschrift erheischt: das Weib soll Vater und Mutter verlassen und dem Manne folgen. Er aber hat sich von uns losgesagt und ist in Stolz und Trotz, in seines Herzens Härtigkeit davongelaufen, hat uns kein gutes Wort gegönnt, hat die Welt zu Vater und Mutter erkoren und die Fremde zur Heimat. Das ist was andres, das vergeb' ich nicht so, und wiedersehen thue ich ihn nicht, bevor er nicht gesund und bei Besinnung ist; denn wir müssen erst ein ernstes offenes Wort mit einander reden, wir sind noch nicht wieder zusammen.« Wie er das mit so viel Ernst, Bestimmtheit und Klarheit sprach, der sonst wortkarge Mann, und dabei im Zimmer ruhig und stattlich auf und nieder ging, konnte Rosalie keinen Blick von ihm verwenden und sie fühlte die Ehrfurcht und Liebe mitten im Herzen. »Und nun geh hinauf, Rose, mein Kind,« fuhr er vor ihr stehen bleibend fort. »Mit der Mutter werd' ich deinetwegen reden.« Sie küßte seine Hand und eilte hinaus. Der Tischler ging nach einiger Zeit in die Werkstatt, kehrte indessen bald zurück, stopfte sich eine Pfeife, öffnete Fenster und Thür, da es ihm sonst zu eng gewesen, und setzte sich müde und abgespannt auf das Sopha. Und doch hatt' er sich lange Zeit nicht so zufrieden und ruhig gefühlt. Da saß er, bis nach einiger Zeit seine Frau nach Hause kam und nach der Begrüßung und nachdem sie Haube und Schürze gewechselt, Miene machte, hinaufzugehen. »Na, du findest noch jemand droben, Alte,« sprach er da mit einem schlauen Zug um Mund und Augen; »erschrick nur nicht, die Rose ist da.« – »Die – was?« versetzte sie, wandte sich, beinah' schon in der Thür, wieder kurz um gegen das Zimmer und ihren Mann zurück und sah ihn mit starren Augen an. – »Ja, Mutter, wie ich sage, die Rose ist da,« entgegnete er eben so ruhig. – Sie ward dunkelroth. »Und das sagst du mir?« rief sie heftig und trat naher. »Mir sagst du das? Hast sie gesehen und ihr nicht gesagt, daß hier für Personen ihres Gleichen kein Raum sei? Daß mir nimmer von ihr wissen wollten?« – »Nein, das hab' ich ihr nicht gesagt,« bemerkte er fast phlegmatisch. – »Mann, ich verstehe dich nicht!« rief sie nicht minder heftig. »Die Rosalie hier, die Straßenläuferin, die schlechte Dirne, die –« »Weib, es ist deine Tochter!« Es war ein drohender Ton, wie das herauskam, er stand auch auf: sie gab aber nicht nach. »Um so schlimmer!« rief sie wieder. »Um so gräulicher ist's, von mir hat sie ihre Untugend nicht gelernt. Und die – hier? Es ist unglaublich!« – »Nun, ich denke, auf ihren Bruder hat sie so viel Recht und so viel Pflichten gegen ihn, wie ihr alle. Daher hab' ich ihr gesagt, sie solle immer wiederkommen, es werde uns recht und genehm sein.« – »Das ist zu viel,« gab sie zur Antwort. »Mir ist es nicht recht und genehm und ich bin mit der nicht in gleichem Hause. Da wähle.« – Er schlang plötzlich mit einer Art Schmunzeln seinen Arm um sie. »Altes Weib, willst du auch mit mir zanken, mit deinem alten Liebsten? Ich dächte –« Sie machte sich heftig los. »Die Späße verbitt' ich mir, darnach ist mir nicht zu Muth: du weißt jetzt meine Meinung und damit genug.« – »Na, Alte, auf der Hochzeit werden wir doch zusammen tanzen müssen.« – Sie schaute ihn wieder starr an. »So spricht der Mensch!« rief sie. »Für das schlechte Ding wird er zum Narren und hat einen Sohn im Hause, der am Tode liegt, nach dem er nicht sieht! Es ist himmelschreiend!« – »Ja, du schreist, das hör' ich,« entgegnete er ärgerlich und die Stirne faltend. »Am Tode liegt er nicht mehr, hat Rudolph mir heut explicirt. Und was das andere betrifft, so laß es dir von Rosen erklären, hab' es ihr weitläufig auseinander gesetzt.« – »Von der – bah!« Sie biß die Zähne zusammen. – »Alte, siehst du denn nicht, daß sie doch ein braves Weib, daß wir ihr Unrecht gethan? Sie bereuet und bittet. Kann sie dafür, wenn die Liebe sie ihrem Liebsten nachtreibt?« – »Die Liebe? – Der Satan!« rief die zornige Frau außer sich, ergriff ihr Strickzeug und stürzte hinaus über Flur und Hof in den Garten. Der Meister sah ihr kopfschüttelnd, aber lachend nach, setzte die Pfeife zur Seite und ging hinaus. Und als ihm auf dem Flur Rosalie begegnete und schüchtern nach der Mutter fragte, sagte er gut gelaunt: »Laß gut sein, Kind. Sie sitzt nun im Garten und mault, wie's ihre Art ist. Aber das wird sich finden.« Darnach sah es jedoch keineswegs aus. Die Meisterin blieb unversöhnlich, verließ Nachmittags das Haus, und wenn sie dennoch einmal die Tochter von fern erblickte, machte sie sich hastig und böse Worte murmelnd auf die Seite. Rosalie sagte unter Thränen dem Vater davon und wollte auf's neue das Haus meiden, bis die Mutter versöhnlicher gestimmt sei. Das verbot ihr der Tischler streng; sie solle kommen, er sei Herr. Und einmal Abends sprach er nochmals und zwar ernstlich mit der Frau. Das Resultat war dasselbe. Jetzt gelte ihr Wille auch, erklärte sie. Sei er Vater, so sei sie Mutter und sie wolle mit der Tochter nichts wieder zu thun haben. Er ward irre an seiner Frau. Da er selbst zum erstenmal in seinem Leben weich und nachgebend gewesen, vermochte er sich um so weniger ihre Unbeugsamkeit zu erklären, zumal er bisher immer noch gewohnt gewesen, sie als den mildernden und begütigenden Theil zu betrachten. 4. Inzwischen schritt die Genesung des Sohnes langsam aber stetig vorwärts, und eines Morgens endlich berichtete Karoline der Mutter, daß Moritz eben, wie es der Arzt vorhergesagt, erwacht und bei vollem Bewußtsein gewesen sei; nun schlafe er bereits wieder. Da lief zum erstenmal seit manchen Tagen ein freundliches, heiteres Lächeln über das sorgenvolle Gesicht der alten Frau, unersättlich fragte sie immer von neuem nach jedem Wort und Ton, nach jeder Miene und Bewegung des Sohns und beneidete fast die Tochter, die auch jetzt wie damals in der Nacht den lang Entfernten zuerst begrüßen durfte. Dann eilte sie zu ihrem Mann, zog ihn aus der Werkstatt und theilte ihm das Geschehene mit. »Und nun,« fuhr sie freudig fort, »kommst du doch mit mir hinauf, August? Er hat nach uns Beiden gefragt.« Er schob die Mütze nach hinten und fuhr sich über die Stirn. »Du solltest mich nachgerade doch kennen,« sprach er ruhig. »Bin ich nur eines Einfalls wegen nicht hinaufgestiegen? Geschah es nicht deswegen, weil sich mein Besuch bei ihm nicht schickt und gehört? Was soll ich jetzt dort, wo es noch eben so ist wie bisher? Er muß zu mir kommen, so gehört es sich. Erinnerst du dich nicht mehr an seine sündlichen Worte damals, Abends, bevor er davon lief? Vergeben will ich sie vielleicht, vergessen aber thu ich sie nie, und er muß kommen und mit mir ernstlich reden, Mann gegen Mann. Und da wird es sich zeigen, ob wir fortan zusammen bleiben können, ob wir wieder auseinander gehen müssen. Bis dahin laß es genug sein, Mariane. Der Zeit muß man nie vorgreifen. Unser Herrgott bringt alles zu seiner richtigen Stunde.« – »Mann, du bist wie Stein!« meinte sie. – »Davon, denk' ich, solltest du schweigen,« entgegnete er, und wandte sich zur Werkstatt zurück. Sie ging mit gefalteter Stirn in's Haus und zum Sohn, dessen zweites Erwachen sie nicht verfehlen wollte. Und da er alsdann sie gleich erkannte und so gut und milde war, wie sie es kaum gehofft, so ward ihr bitteres, trotziges Herz wieder weich und ruhig, und ihre Augen füllten sich mit hellen Freudenthränen. Sie wich und wankte nicht von seinem Bett, und Rosalie, da sie Nachmittags erschien, mußte drunten beim Vater bleiben. Sie sah Moritz erst am folgenden Tage, wo die Mutter ihr Platz machte. Der Kranke erholte sich jetzt leidlich rasch, und es verlor sich in der fortschreitenden Genesung alsbald wieder die Milde der ersten Tage. Er sprach wenig, ließ sich meistens erzählen und verharrte dabei gewöhnlich in einem beinahe finsteren Schweigen. Nach dem Vater hatte er seit dem ersten Tage nicht mehr gefragt, und seit die Mutter auf seine erste Frage nach Rosens seltenem Erscheinen mit einem lieblosen, wegwerfenden Wort geantwortet, sprach er auch deren Namen nicht mehr aus. Einmal, da der Arzt schon vom Aufstehen geredet und die Mutter strickend und plaudernd an seinem Bette sah, richtete er sich plötzlich ein wenig auf, stützte sich mit dem Ellenbogen auf die zusammengedrückten Kissen und sprach: »Horch Mutter, ihr seid mir alle in Betreff des Alten bisher ausgewichen; nun aber möchte ich endlich genau wissen: lebt er oder ist er vielleicht todt?« – »Mein Jesus, Kind!« rief sie, »wie kommst du auf den Gedanken? Gottlob lebt dein Vater noch gesund und kräftig, nur herauf kommt er nicht – nun du weißt –«. – »Ja, dann weiß ich's,« unterbrach er sie. »Ich weiß, was er denkt und will, ich kenne den Alten noch.« – »Moritz,« bat sie, »mache kein so böses Gesicht! Bedenke, daß es dein Vater ist und daß du ihn damals schwer beleidigt hast.« – »Laß das,« sagte er finster. »Ich bin gekommen, um mir eure Vergebung zu holen und euch alle und das alte Nest einmal wieder zu sehn. Draußen ist es auf die Länge nur miserabel und der Mensch ist ein pauveres Thier, das an alten Narrheiten hängt und auf allerlei Dummheiten im Kopf horcht. Ich weiß, was mir zu thun bleibt, genau. Ich werd' es thun, aber darüber auch keinen Finger breit.« Einige Tage darauf stand er zum ersten mal auf, und Nachmittags, da Rosalie wie gewöhnlich kam, ging er ihr bereits entgegen, hieß sie sich zu ihm an's Fenster setzen, schickte Karolinen fort, und indem er die Hand der Schwester ergriff, sprach er so freundlich, wie es ihm möglich war und wie er's nur gegen sie von jeher gewesen: »Nun, Schwesterherz, dies und das hast du mir, hat Karoline erzählt, habe ich der Mutter abgemerkt; ordentlich weiß ich jedoch noch nichts von dir, drum laß nun einmal los und erzähle, wie und warum es dir so ergangen.« Und nachdem sie den Gang ihres Lebens und Geschicks ausführlich berichtet, sagte er mit einem höhnischen Lächeln: »Ja, 's ist seltsam, wie es bei uns Beiden übereins gekommen, bei mir auf Mannsweise, bei dir nach deiner Frauenart. Und da müssen wir zwei schwarzen Lämmer auch schier zugleich in den Stall zurückkehren und uns so hübsch in die beiden Alten theilen. Na, na!«– »Moritz,« bat sie und ergriff herzlich seine Hand, »sei sanft und vernünftig, denn es geht nicht ohne die Eltern. Ich merke das jetzt, da ich selbst Mutter bin.« – Er lachte grimmig. »Ja Güte und Vernunft – hol' sie der Teufel, ja, pfeif' was darauf! Zu Kreuz kriechen, katzbuckeln, – das ist's, das wollen sie. Sie wollen immer das zitternde Kind behalten, erwachsen darf das nicht. Aber prost die Mahlzeit!« – »Liebster Moritz, du bist nicht gut, was hat dich nur so bitter, so böse gemacht? Du bist doch durch Ferne und Fieber zur Heimat gelaufen, hast vor der Thür hier geseufzt und geweint!« – »Bah, geweint! Und wenn auch, der Mensch ist einmal eine dumme Bestie, und das Fieber im Gebein macht den stärksten Kerl zum heulenden und lamentirenden alten Weibe. Weßhalb konnte ich nicht in Prag bleiben, da ließ es sich lustig leben!« – »Bruder,« sagte sie ernst, »das geht nicht, du mußt wieder vernünftig und gesetzt werden, die Fremde hat dich verdorben. Hat denn nie ein Finger freundlich an dein Herz geklopft? Du glaubst nicht, wie gut und prächtig der Vater ist. Er will nur ein Entgegenkommen, ein herzlich, kindlich Wort.« – »Betteln kann und thu' ich nicht.« – »Ist das Betteln, wenn du sagst: Vater sei wieder gut, ich will nun gut thun und dir Freude machen! Ist das zu viel? Kann er's nicht fordern, hast du nicht die Hauptschuld? Glaube mir, geh nur hinab, sobald du es vermagst, rede ernst und herzlich mit ihm, er stößt dich nicht zurück! Er will nur, daß du zu ihm kommst, ich weiß das.« – »Ich auch,« versetzte er; seine Züge hatten sich doch über ihre Worte aufgehellt, und er strich einigemal mit der Hand über seine Stirn und das Haar. »Er soll auch seinen Willen haben, denn darin hat er recht, ich muß zuerst kommen; mein damalig Thun und Treiben und das Weglaufen war verrückt genug. Das ist es auch nicht, an was ich denke. Aber ich kenne ihn, er wird wieder rauh und hart sein, kommandiren und mäkeln wollen, und das trag' ich nicht, denn ich brauch' ihn nicht, kann mich allein durch die Welt schlagen, wie ich's seither gethan. Die paar neuen Lappen, die ich auf den Leib haben muß, werden wohl noch von meinem dereinstigen Erbtheil zu bezahlen sein, wenn ich damit drauf verzichte und dankend quittire.« – »Moritz, du bist gründlich schlecht.« – »Ei zum Satan, laß mich, Rose. Ich bin, wie mir's eingegeben wurde, die Fremde ist auch 'ne Medizin, süß und bitter, jenachdem. Nun aber geh', ich will ins Bett.« Sie nahm Hut und Tuch und sagte, sie wolle noch zum Vater, er möge ihr ein freundlich Wort für ihn mitgeben. Der Bruder war aufgestanden, er schwieg und schüttelte finster den Kopf. »Moritz, Bruder, thu's!« drängte sie. »Glaube mir, es bringt dir Segen.« – »Na – ja, ich lasse ihn grüßen und er möge nur gut sein.« Es kam langsam und zögernd heraus, aber es kam doch. – »Und wann willst du ihn sehn?« – »Hm, wenn ich im schlimmsten Fall gleich meine Füße in die Hand nehmen kann, vor deiner Hochzeit – die wird ja wohl bald? – denn, wenn es gut geht, will ich da noch einmal lustig sein.« – »Noch einmal lustig sein? Was heißt das?« fragte sie bestürzt. – »Nun zum Henker, hierbleiben sollt' ich doch nicht?« meinte er höhnisch. »Wenn wir uns auch einigen, amüsirlich wird es nicht. Es gibt bei Gelegenheit noch was auf's Butterbrod, das kenn' ich. Wenn du klug bist, machst du's wie ich und folgst mir mit den Deinen, denn dir wird es nicht anders gehn. Die Mutter ist in der Weise akkurat so und verzeiht dir den sauren Apfel noch lange nicht, in den sie bei der Versöhnung beißen muß. Komm mit nach Amerika, da geht's frei und ungenirt zu.« – »Das thu' ich nicht,« erwiderte sie bestimmt. »Wir haben hier unser Brod von der Arbeit, und mehr finden wir dort auch nicht. Wir bleiben und du wirst dich auch besinnen. Gute Nacht, Bruder, den Vater werd' ich also von dir grüßen.« – »Thu's,« sprach er kalt und zog den Rock aus, »und in einigen Tagen also das große Friedensfest. Gute Nacht, Rose.« Sie ging und schickte Karolinen wieder zu ihm hinauf. Dann hatte sie ein langes Gespräch mit ihrem Vater. – »Nun Mariane,« sagte Heimberg am Abend zu seiner Frau, »wie ist's? Gibst du der Rose deinen Segen? Reiling soll morgen früh zum Prediger, um das Aufgebot zu bestellen, und ich will noch früher hin, um dem alten Herrn das Ding zu erklären, und daß die Beiden so gelebt haben, weil sie nicht ohne unsern Segen sich trauen lassen wollten. Das ist doch honnet, Mariane, sie sind von guter Art, merkt man dran. Und der Herr Prediger wird sie drum nicht schelten.« – »Ich habe dir bereits gesagt, du mögest mich mit der Gesellschaft in Frieden lassen,« versetzte sie. – »Und dann rüste dich in drei Wochen zur Hochzeit,« fuhr er ungestört fort. »Ernst muß kommen, der Prediger, der Rath mit seiner Frau und noch einige, man muß doch munter zusammensitzen.« – »Daraus wird nichts,« entgegnete sie starr. »Ich will mit denen nichts zu thun haben, weder mit ihnen, noch mit der Hochzeit. Und du gieb, was du willst, meinen Segen dazu bekommen sie nicht.« – »Weib!« Es war ein tiefer drohender Ton, daß sie trotz ihres Zorns und trotz ihrer Festigkeit zusammenfuhr, und er trat mit dem Fuß nieder, daß die Fenster klirrten. »Bist du toll oder was? Willst du lieber, daß sie so fortleben, sich, uns und der Menschheit zur Schande? Aber sei es so,« fuhr er plötzlich kalt fort. »Willst du nicht, so laß es bleiben. Ich werde dem Pastor unsere Einwilligung bringen, auf meine eigene Hand, – nöthig ist die ja überhaupt nicht, aber in meinem Sinn und in dem des alten Herrn schickt es sich so – und dann will ich sehn, wer dagegen was einwendet.« – »Ja,« sprach sie nach einer Pause bitter, denn sie hatte sich gefaßt, obschon ihr des Mannes Worte noch mächtig durch Kopf und Herz tönten, »ja, der ungerathenen Dirne soll ich verzeihen und du willst bei Moritz –« Sie brach ab, denn sie sah des Gatten Aug' und Stirn so düster werden, daß ihr bange ward, und als er sich dann schweigend abwandte, da hielt sie sich nicht länger, fuhr ihm nach und warf die Arme um ihn. »Mann,« rief sie, »August, verzeih' mir, was ich sagen wollte, es war unrecht, dir das vorzurücken. Verzeihe mir und bedenke, daß ich in der Zeit seither mehr als menschlich leiden mußte.« – »Du bist nun siebenunddreißig Jahre bei mir,« sprach er und sein Blick war noch dunkel, »wir haben durchgemacht, was ein Leben bringen kann, – kennst du mich denn noch immer nicht? Hast du mich je nachgeben sehen, wo ich mein Recht erkannt und meinen Willen ausgesprochen? Und wenn's dir noch so hart schien, hast du am Ende nicht stets eingesehn, daß es so am besten und recht war? Also laß von deiner Thorheit und zuerst laß von deinem sündlichen Eigendünkel und Hochmuth. Weiter ist dies Wesen gegen die Rose gar nichts. Das überlege, und besinne dich, da wird es gut werden.« – »August, ich kann dich nicht böse auf mich wissen, sei gut!« Sie weinte. – »Ich bin nicht böse, altes Weib,« entgegnete er besänftigend. »Du mußt nur vernünftig sein. Verfahren kann sich jeder einmal, auch hart und trotzig sein, doch muß er auch wieder Vernunft annehmen und nicht aus purem Hochmuth sich weiß und hoch und alles übrige schwarz und niedrig schätzen.« So gingen sie nach einiger Zeit auseinander, die Meisterin noch ganz verstört und im Innersten beunruhigt. Sein Schelten und sein Zorn hätten sie am Ende nicht gebeugt, seine Vorwürfe ärgerten sie sogar, allein die Frage: ob sie die Tochter lieber so fortleben lassen wolle? hatte sie ganz gewaltig berührt. So seltsam dies auch erscheinen mag, von der Seite hatte sie die Sache noch niemals betrachtet, wie man denn in der Aufregung nur zu oft grade das Nächste und Natürlichste zu übersehen pflegt. Vierzehn Tage später saß die Meisterin an einem schönen Nachmittag wie gewöhnlich im Garten auf der Bank unter dem jetzt abgeblühten Jasmin; Rosalie war bei dem Bruder, und die Mutter hatte sich bisher noch nicht überwinden können, ihr zu begegnen. Auf die Hochzeit hatte sie den Gatten verwiesen, darauf die bittende Karoline vertröstet, eine frühere Zusammenkunft schien ihrem spröden Sinn und Herzen ungehörig und unleidlich zu sein. Nur als Frau wolle sie die Tochter wiedersehn und mit ihr verkehren, hatte sie erklärt, und ihr Mann wenigstens war ihr hierin nicht entgegen, da er diesem Grunde ihrer Zögerung eine Geltung zugestand. Auch eine Versöhnungsscene, wie sie es nannte, hatte sie sich verbeten. Wenn das Paar aus der Kirche komme, wolle sie Rosalien und ihrem Schwiegersohn die Hand geben und dann könne man sich zum Essen setzen. Das fernere Verhältniß müsse die Zeit lehren. Damit schienen denn alle sich gern oder ungern beruhigt zu haben, und nun saß sie im Garten, strickte und dachte ziemlich verstimmt an die nah bevorstehende Hochzeit und an ihr dann nothwendiges Benehmen, und dachte ernstlich und nicht wenig unruhig an die noch früher bevorstehende Zusammenkunft ihres Mannes und ihres nun wieder hergestellten Sohns. Da kam Karoline, die um einige Aufträge zu besorgen, aus dem Hause gewesen, über den Hof daher, durch den Garten und blieb mit dem Ausdrucke der größesten Unruhe vor der Alten stehen. »Weißt du es schon?« fragte sie und rang die Hände. – »Was denn, Kind? Du erschreckst mich!« entgegnete die Mutter und sah verwundert zu ihr empor. – »Marie sagte mir, daß vor einem Augenblick Moritz die Treppe hinab und in's Zimmer gegangen und gleich hinterher auch der Vater aus der Werkstatt gekommen und eingetreten sei. Den Riegel habe sie vorschieben hören, und ihr sei zuvor der Auftrag geworden, jeden abzuweisen, der zum Vater wolle.« Die Meisterin saß still, den Strumpf hatte sie sinken lassen und es regte sich nichts an ihr. – »Und Rose – Rosalie?« – »Das weiß ich nicht, Mutter; Marie sagte, die beiden seien allein im Zimmer.« – »Nun so sei Gott uns allen gnädig,« sprach die Frau und schlug die Augen gen Himmel, »und er lenke die Herzen und die Köpfe.« Lange währte der Blick nicht, denn die Thränen quollen herauf und sie barg das Gesicht in die Hände. – »Willst du nicht hineingehn, Mutter? Es muß wer zwischen ihnen sein! bemerkte Karoline nach einer Weile mit bebender Stimme. – Die Meisterin sah auf. »Dein Vater läßt mich nicht ein,« versetzte sie kopfschüttelnd. »O, um den Alten sorg' ich auch nicht, der ist einsichtig und gerecht, mag ich ihn auch manchmal schelten und tadeln, – aber Moritz – Moritz! O mein Kind, daß Gott dir beistehe und dein thörichtes, trotziges Herz berathe!« Sie stand auf und ging im Garten umher, nie im Leben hatte sie eine solche Bangigkeit gefühlt. Vergeblich versuchte sie ihre Arbeit fortzusetzen, ebenso umsonst suchten Mutter und Tochter ein gleichgültiges Gespräch zu führen. Sie kamen immer wieder auf die Zusammenkunft der Beiden im Zimmer und horchten angsthaft auf jedes Geräusch. Endlich vermochte sich die Meisterin nicht länger zu halten, sie ging über den Hof an den Fenstern vorbei, ohne daß sie jedoch hinzublicken wagte. Ihr Mann sprach, aber es war nicht laut und sie konnte nicht ein Wort verstehn. Als sie aus dem Hause zurückkehrte, sprach Moritz, allein auch seine Stimme war leise und es erging ihr wie vorhin. Und da fing das Harren wieder an, und es ward spät. Die Gesellen machten Feierabend, als die Magd die beiden Frauen ins Haus und zum Meister rief. Als sie bebend und angstvoll in das kleine Hinterzimmer traten, führte der Alte ihnen den Sohn entgegen. »Nun Mutter,« sprach er, »da ist Moritz. Wir haben uns recht und richtig verständigt, er wird wieder hierbleiben und wir sind gute Freunde.« Da umschlangen sie einander. Der Meister machte sich alsbald von den andern los und zog aus dem Alkoven Rosalien herbei und zu seiner Frau. »Da ist noch ein Kind, Alte!« sagte er, »und ich meine, du lässest die Stunde nicht vergehn, ohne daß auch du Frieden machst. Frisch weg, Rose, falle der Alten um den Hals. Es ist alles gut.« – Was dort im Zimmer geredet und abgemacht, ist nie bekannt geworden. »Es war schrecklich!« sagte Rosalie davon am Abend zu Reiling, »dringe nicht in mich, ich kann das nicht erzählen. Aber,« fuhr sie mit leuchtenden Augen fort, »der Vater, das ist ein Mann, wie ich's nie geglaubt und geahnt, und hab' ich ihn nicht schon geliebt, jetzt könnt' ich für ihn in den Tod gehn. Sogar den Moritz hat er bezwungen, daß er ihm beinah zu Füßen lag.« Und der Meister redete in derselben Stunde zu seiner Frau: »es ging, weiter will ich nichts davon sagen. Gut ist Moritz nicht, doch es mag mit ihm werden, wie ich hoffen will. Eins aber lege auch du ihm an's Herz, wie ich es bereits heut Nachmittag gethan. Er wollte nach Amerika. Das scheint jetzt überhaupt eine Pest werden zu wollen, die alle thörichten Köpfe ergreift. Den Meinen aber soll sie nicht nahe kommen oder ich sage mich von ihnen los, und dann geht es nicht zur Versöhnung. Wer faulenzen und liederlich sein will, geht dort noch leichter zu Grunde als hier. Wer arbeiten mag, kann hier so gut fortkommen wie dort. Das ist die Hauptsache, das übrige sind nur leere Flausen. Wohin dich Gott gestellt, da sollst du leben und schaffen. Das ist mein Spruch, und den gib auch du ihm zu bedenken. Nun aber Gottlob, daß wieder Friede im Lande ist.« Und Moritz blieb auch. Nach einiger Zeit setzte er sich selbst als Meister und ist jetzt ein tüchtiger, wackerer, wohlhabender Mann, der die Wildheit und das Verderbnis der Fremde längst von sich abgeschüttelt hat. Mit dem Vater blieb er anfangs im erträglichen Einvernehmen, bis er nach und nach mit ihm so zu sagen ein Herz und eine Seele wurde. Stets fand er in ihm den Vater, der mit der Versöhnung jede Erinnerung an die alten Mißhelligkeiten vergessen zu haben schien. Nicht so schnell und leicht stellte sich das Verhältnis der Mutter zu Rosen und deren Mann her. Jahre vergingen, bevor die Meisterin, um Moritz' Ausdruck zu gebrauchen, den sauren Apfel vergaß, in den sie bei dieser Versöhnung gebissen, bis sie sich durch der Tochter ächte Liebenswürdigkeit und Bravheit endlich besiegt fühlte und wieder warm wurde. Wir aber schließen mit des Medizinalraths Worten, die er am Hochzeitstisch dem behaglich und zufrieden drein schauenden Tischler zurief: »nun, alter Trotzkopf, siehst du, daß ich recht hatte zu sagen: Eltern und Kinder, die können nimmer auseinander, denn es sind Fibern und Blutstropfen in ihnen, die ewig von einander wissen.«