Die Derwischtrommel Das Leben des erwarteten Mahdi von Arnold Höllriegel (Richard Arnold Bermann) Aus den Notizen des Reisenden Khartum, den 10. Januar 1929. Die Veranda des Grand Hotels ist jetzt, so bald nach dem Lunch, noch menschenleer. Zu heiß noch im Freien. Hierher entwische ich dem Touristengeschwätz in der Halle. Der Wüstenexpreß Wadi Halfa-Khartum ist vor einigen Stunden angekommen, der zweimal wöchentlich während der »Season« aus den großen Hotels von Luksor und Assuan Touristen-Menschheit her nach Khartum bringt; wieder in ein Hotel zu Whiskysoda und Jazz am Abend. Die Veranda längs der Hotelfront ist um eine Stufe über den Garten erhöht und nach vorne offen. Unten, auf einem bekiesten Streifen, hocken schon jetzt die Händler, die später, zur Teezeit, auf dem Rand des Verandabodens ihre Waren auslegen dürfen. Da ich mir einen Liegesessel zurechtschiebe und, den Fliegenwedel in der einen Hand, in einem Buch zu lesen beginne – einem Buch aus der Geschichte des Sudans –, nähern sich mir einige dieser Händler, gemischte Orientalen, lassen aber, auf einen ungeduldigen Wink, gleich wieder von mir ab. Entweder ist es noch zu heiß zum Zudringlichwerden, oder, und das ist eher der Fall, gehöre ich nach ungeschriebenem Recht dem einen Händler, der schon vorher gegenüber der Stelle gehockt hat, an der ich Platz nahm. Dieser eine läßt sich nicht winken, sondern packt unbeirrbar seine Waren aus einem Wachstuch und breitet sie vor mir aus, allerlei Andenken und Kuriositäten, die ich erwerben soll. Da ich den Kerl, einen grünlich dunkelbraunen, noch jüngeren Menschen, nicht loswerden kann – ich schätze, er ist ein Hindu oder ein Parse – und er mich nicht lesen läßt, beschließe ich, ihn zu ärgern, und verstehe keine der vielen Sprachen, in denen er gleich auf mich einspricht. Erstaunlich, wie viele europäische Sprachen er irgendwie kennt! Er will mir, auf englisch, Zigarettendosen aus Messing verkaufen, billigen Schund aus den Basaren von Agra und Delhi; Musselinschals, wie sie aus England nach Benares gebracht und dort den Touristen angedreht werden. Da ich, scheint es, nicht Englisch verstehe, versucht es mein Kerl mit Spanisch, er muß auf Trinidad oder in Panama gewesen sein, wo so viele Inder leben. Ich verstehe auch nicht Spanisch, für ihn nicht, und kaufe die ceylonesischen Elefanten nicht, aus tiefschwarzem Holz. Ich verstehe keinen Ton von dem Portugiesisch von Goa und zeige kein Interesse für Elfenbeinschnitzereien (obwohl ein Püppchen, einen Krieger der Schilluk darstellend, mit einem Speer in der Hand, mir gefällt, im Grunde). – Auf kapholländisch weiß ich nicht zu begreifen, daß ich Lederarbeiten kaufen soll, prachtvolle grellrote Kissen aus kunstvoll gefärbter Gazellenhaut, mit vielen Farben benäht, wie sie drüben in Omdurman gearbeitet werden. Endlich, da ich keine einzige Sprache verstehe, winkt mir der Parse geheimnisvoll, holt ein Bündel. Das spricht für sich selbst! In dem Bündel sind Waffen, Speere, barbarische Keulen und Schilde, Dolche, die statt in Scheiden in toten kleinen Krokodilen stecken, so daß der Griff aus dem Rachen herausragt. Und vor allem Schwerter von unverkennbarer Form. Die ledernen Scheiden enden in seltsamen Rhomboiden, der Kreuzgriff ist mit Silber beschlagen – die Klingen, wenn man sie sieht, gerade und breit, nicht sarazenische Säbel, sondern Kreuzfahrerschwerter. Auch diese Waffen mögen gefälscht sein. Das heißt : sie sind es. Schon in dem geheimnisvoll-schönen Basar von Assuan bietet man sie den Touristen an, als Derwischwaffen, Trophäen von den alten Schlachtfeldern im Sudan – –. Der indische Händler steht vor mir auf dem Rasen des Gartens, mit einem großen, entblößten Schwert in seiner Hand; die Goldstickerei seines Käppchens blitzt in der Sonne, und er ruft mir Worte zu, die ich, in welcher seltsamen Sahibsprache immer ich denken möge, die ich, hier im Sudan, verstehen muß. »Derwisch, Sahib! El Mahdi, Sahib!« »The sword, la espada, Sahib, Mijnheer, of the Mahdi!« Khartum, den 11. Januar 1929. Ich mache einen Ausflug auf die Hochebene von Kerreri, den Schauplatz der Schlacht vom 2. September 1898, in der Kitchener die Mahdisten vernichtet hat. Auf dem Schlachtfeld steht der Marmorobelisk zu Ehren der Gefallenen vom 21. Lancer-Regiment, das hier seine herrische und vielleicht etwas unweise Attacke geritten hat. (Ein sehr tapferer junger Leutnant, der mitritt, hieß Winston Churchill.) – Oberhalb des Denkmals gewinne ich die Höhe eines kleinen Wüstenberges, des Dschebel Surgham. Von hier hat am Tag vor der Schlacht der Sirdar, Herbert Kitchener, das Gelände geschaut und das Heer des Khalifa heranmarschieren sehen, mit tausend Bannern. Dahinter sah er den Umriß einer fernen, leuchtenden Kuppel. Das war das Grab des Mahdi in Omdurman. Ich sitze auf einem Felsblock, habe Bücher und Karten vor mir und suche die letzte große romantische Schlacht des neunzehnten Jahrhunderts recht zu verstehen, vielleicht den letzten epischen Ansturm des Islams gegen die westliche Zivilisation. Vor mir der ruhig strömende Nil. Der Höhenzug, auf dessen Kamm ich jetzt sitze, begegnet dem Nil an der Stelle, wo Kitchener lagerte. Ein befestigtes Lager, am linken Flügel mit einem »Seriba«-Wall aus dornigem Mimosenreisig und sonst von Schützengräben umgeben. Im Lager sind zweiundzwanzigtausend Mann, Ägypter und Engländer. Das ist nicht eine von den phantastisch improvisierten Expeditionen, mit denen man immer wieder vergeblich die Derwische niederzuwerfen versucht hat, seit siebzehn Jahren. 1885 ist Khartum dem Mahdi erlegen und General Gordon hat sterben müssen, weil die Ersatzarmee auf pittoreske Weise hoch zu Kamel durch die Wüste kommen wollte. Diesmal hat Kitchener sich die Bahn gebaut, eine erstaunliche Eisenbahn quer durch den nackten, glühenden Sand. Dieser Fluß im Rücken des Lagers ist voll von modernen Kanonenbooten. Im Lager selbst die beste, die neueste Artillerie. Maschinengewehre in Mengen. Die englischen Truppen aus den bewährtesten Regimentern, vortrefflich verpflegt und gerüstet, mit neuen Lee-Enfield-Gewehren. Wichtiger: die ägyptischen Truppen, die auch diesmal die Masse des Heeres bilden, sind nicht mehr das, was sie waren; jetzt werden sie nicht wieder kompanieweise rennen, wenn der Speer eines Derwisches sichtbar wird. Sie zeigen sich, nicht nur die Negersoldaten, sondern auch die gelben Fellachen, vollkommen diszipliniert wie europäische Truppen. Da ist also, in dem befestigten Lager General Kitcheners, das Fin de siècle: Europa mit seinen tödlichen Waffen, Europa schon vorbereitet auf seinen gräßlichen Bruderkrieg, die Technik des neuen Zeitalters fast schon fertig, das vollendete neunzehnte Jahrhundert, großartig, prunkvoll und mordbereit. – Dann ertönen arabische Trommeln, und Mohammeds siebentes Jahrhundert marschiert heran, fast unverändert – – – Das letzte wirkliche Heer des Islams, denn später hat höchstens der moderne Nationalismus mohammedanischer Völker Armeen ins Feld geschickt, die letzten Sarazenen, die letzte Welle der großen Flut, die der Prophet von Mekka dreizehn Jahrhunderte vorher aufgewühlt hatte. Vierzigtausend dunkelhäutige, heiße Menschen, die meisten von arabischem Blut – noch genau so gläubig, fanatisch, allahtrunken wie zur Zeit des Propheten, ganz unberührt vom Wandel der Zeiten. Menschen mit Schild und Lanze, mit Zweihänderschwertern, manchmal in dem altsarazenischen Kettenpanzer. Sie haben moderne Gewehre erbeutet und gebrauchen sie kaum, das ist etwas Fremdes, dem man kein rechtes Vertrauen schenkt. Drüben in Omdurman ist das Arsenal des Khalifa voll von guten Beutegeschützen, von Krupp-Kanonen, von Mitrailleusen. Aber abgesehen von einigen wenigen, elend gezielten Schüssen greift die Derwisch-Artillerie nicht in den Kampf ein. Diese Leute wollen mit Kreuzfahrerschwertern das Fin de siècle in Stücke hacken! Was für ein Anblick (träume ich, auf meinem Felsblock vor der leeren Landschaft, auf der die Sonne brütet) – welch ein epischer Anblick, wie ein Gesang aus dem Rolandslied! Das arabische Heer kommt über die Höhen, langsam. Im Zentrum die Baggara, Stammesgenossen des Khalifa Abdullahi, der diese wilden Haufen selber führt. Sein riesiges schwarzes Banner, das einzige schwarze, ist hoch in der Luft, die frommen Texte, mit denen es ganz benäht ist, verkünden den Sieg, unfehlbaren, sicheren Sieg für die Gläubigen – –. Und Fahnen, Fahnen, zu Hunderten. Jeder Emir führt seine Fahne, es gibt weiße und blaue und grüne und gelbe. Wie eine Blumenwiese erscheint das Feld, wie eine Blumenwiese, in der ein fruchtbarer Wind wühlt – –. Sie kommen näher. In diesen Herzen ist gar kein Zweifel. Daß hier bei Kerreri die große Entscheidung gegen die Engländer fallen soll, weiß der ganze Sudan schon seit dreizehn Jahren: der Mahdi hat es vor seinem Tode prophezeit, und seither hat man auf eben diesem Gelände alljährlich die große Heerschau gehalten und den Sieg, den gewissen, schon vorher gefeiert – – Und dann: der Angriff des Glaubens gegen Lee-Enfield-Gewehre, Kanonenboote, Schnellfeuerbatterien. – – Niemals nachher, nicht während all der blutigen Greuel des Weltkrieges, hat man Ähnliches mehr gesehen. Durch ein Feuer, das Festungsmauern erschüttert hätte, kommen sie näher und näher – – Gemetzel sondergleichen, Heldentum ohne Zweck. Bei alledem kommt dieser ???episclie Heersturm dem Gegner nicht nah genug, um die blanke Waffe zu brauchen; die Verluste des anglo-ägyptischen Heeres sind winzig, während die Derwische sterben, sterben – –. Da der große Sturm auf das Lager endlich gebrochen ist, liegen sie da in ihren hellen Gewändern, wie eine Wiese voll weißer Blumen, die eine Maschine gemäht hat – –. Es ist fast unglaublich, daß noch ein Derwischkrieger am Leben ist; dennoch wiederholt sich, da Kitchener nun den Befehl zum Vorrücken gibt, auf Omdurman, auf Khartum, wiederholt sich noch zweimal das gleiche unfaßbare Schauspiel, dieser Angriff der wilden Romantik auf eiserne Technik, dieser Kampf zwischen Schlachtgesängen und Lydditgranaten, zwischen Bannern und Panzerschiffen – –. Ich schlage eines der Bücher auf, die ich mitgebracht habe, Bücher von Augenzeugen, die mir das schwer Glaubliche schildern, und lese dies: »Von der Armee der Schwarzen Flagge kamen jetzt nur noch in den Tod verliebte Desperados, schlenderten einzeln gegen die feuernden Flinten; blieben stehen, um eine Lanze zu schwingen, um einen Toten zu agnoszieren. Dann, von plötzlicher Wut erfaßt, schnellten sie vorwärts, hielten inne, fielen haltlos zu Boden. Jetzt standen unter dem Schwarzen Banner, das in einem Ring von Leichen wehte, nur noch drei Derwische den dreitausend Mann der dritten Brigade gegenüber. Sie falteten ihre Arme um die Flaggenstange und starrten geradeaus. Zwei fielen. Der letzte Derwisch richtete sich auf, füllte die Lungen mit Atem, er schrie den Namen seines Gottes, warf einen Speer – – Dann stand er vollkommen still und wartete.« Elftausend Tote des Derwischheeres fand man auf dem Schlachtfeld; viele Tausende, die mit der Todeswunde flohen, fand man nicht. Von den Soldaten Kitcheners sind in der Schlacht keine fünfzig gestorben. * Mein arabischer Führer kommt, läßt mich nicht mehr sitzen und denken. Ich soll mir Gebeine von Derwischen ansehen. Sie kommen immer wieder, immer wieder aus dieser verfluchten Erde. Aber ich kann noch nicht zurück in die Gegenwart. – Dieser Tag vor drei Jahrzehnten, wie lang ist das her! Ich war ein Gymnasiast, ich verschlang in der Zeitung die Schlachtberichte, es war besser als der »Lederstrumpf«! Ein Landsmann von mir, Rudolf Slatin, war unter den glorreich-romantischen Helden dieser Schlacht. Er war im Lager der Mahdisten gefangen gewesen, zwölf Jahre hindurch, war ein Diener, ein Sklave dieses Khalifa gewesen, war dann entflohen, oh, welch eine Flucht, ein Kapitel aus einem wilden Abenteuerroman! Jetzt, am Nachmittag dieses Schlachttags, betrat ein siegreicher Oberst, Slatin Pascha, vielleicht als erster die eroberte Stadt Omdurman, um rasch den Khalifa zu suchen. Doch der war entwichen, während General Kitchener einritt – – Welch ein Roman, welch ein Abenteuer! Den Knaben, der das gelesen hat, in seinem Elternhaus in Wien, störte der Gedanke an zwanzigtausend niedergemähte Derwische keineswegs. Dieser Krieg irgendwo in Afrika war so fern und unwirklich wie die Nibelungenschlacht, von der wir eben in der Schule lasen, nur soviel mehr aufregend, köstlich. Krieg? Kein Gedanke an Krieg, kein Begriff von Krieg streifte die Welt eines europäischen Jungen im September 1898. Wenige Wochen später wäre um ein Haar ein europäischer Krieg entstanden, eben aus dieser fernen Derwischaffäre: Kitchener, nun schon Lord Kitchener of Khartum, war von Omdurman sofort achthundert Kilometer nilaufwärts gefahren, nach Faschoda, wo der Major Marchand die französische Flagge gehißt hatte, und hatte die britische Flagge drohend der Trikolore gegenübergestellt. Es wurde kein Krieg daraus, oder vielleicht viel später ein anderer. Der Knabe, der 1898 von den Derwischen las, konnte nicht ahnen, wie hier die Räder der Weltuhr ineinander griffen – – Da aus dem Fall Faschoda kein englisch-französischer Krieg entstand, entstand daraus, langsam, die englisch-französische Entente Cordiale – – * Ich sehe mich noch einmal um auf diesem Schlachtfeld eines alten und schon halb vergessenen Kolonialkrieges. In der Geschichte, begreife ich, gibt es nicht Nebenschauplätze und Episoden. Alles ist wichtig, alles bestimmt das künftige Dasein. Hier nicht weniger als in Sarajewo oder an der Marne oder in Versailles ist das Leben meiner eigenen Generation entschieden worden, um uns hat es sich in dieser exotischen Schlacht gehandelt; der Erwartete Mahdi des afrikanischen Islams hat auf mein eigenes Schicksal Einfluß geübt. * Khartum, den 14. Januar 1929. Im Gordon College, einer Schule, in der schwarzbraune Scheichsöhne zu Hilfsbeamten der Kolonialverwaltung abgerichtet werden, gibt es ein hübsches kleines Museum; es enthält ausgestopfte tropische Vögel und dergleichen, dann aber auch antiquarische Funde aus den Grabstätten und Tempelruinen des Sudans. Ich sehe mir lange die Glaskästen an, die voll sind von dem gewohnten altägyptischen Bric-à-Brac, »Ushepti«-Statuetten, Götter aus Bronze und Elfenbein, Skarabäen, Töpfen, Halsketten, Schminkgefäßen, – dann die Sammlungen aus Gräbern der Ptolemäer-, Römer- und Christenzeit. Es ist alles ungefähr wie am unteren Nil, in Ägypten. Und dennoch anders. Im Grab des Prinzen Hepzefa, ägyptischen Statthalters von Nubien um das Jahr zweitausend vor Christi Geburt, hat man die Knochen von hundert Menschen gefunden, die mit dem Prinzen bestattet wurden, seine Weiber und Diener. Nichts Derartiges wie diese grausame Hekatombe kennt man aus den Fürstengräbern Ägyptens. Ein Einschlag von afrikanischer Barbarei ist nicht zu verkennen; diese Note beherrscht das ganze Museum. – In den Gräbern der unabhängigen Äthioperkönige, ein Dutzend Jahrhunderte später, liegen die Knochen geschlachteter Pferde. – Diese Funde aus den Pyramiden von Nuri, den Gräbern von Napata, zeigen so deutlich diese Vergröberung, diese Vernegerung, der im Sudan die Kultur der Mittelmeerländer stets ausgesetzt war. Welche groteske Entartung ägyptischer Vorbilder! Alles Geistige mißverstanden, alles Leibliche sinnlich-schwülstig verzerrt! Noch deutlicher wird es in den Funden aus Meroë (nicht so weit von Khartum), wo zur Ptolemäer-, zur Römerzeit so etwas wie hellenische, wie römische Kunst gelebt hat, nur, ihr unsterblichen Götter, wie vernegert! Venus mit wulstigen Lippen, Cäsar als Negerhäuptling – – Es gibt noch Reste von einem byzantinischen Afrika; dann ist der Islam gekommen. Auch er war von Anfang an ein Negerislam, mit einem Strom von schwarzem Blut in nur halb arabischen Adern. Das ist der Islam des Mahdi, ein afrikanischer, ein barbarischer, ein äthiopischer Islam. Khartum, den 17. Januar 1929. Mit der elektrischen Straßenbahn nach Omdurman, über die mächtige neue Brücke über den Fluß, an der Stelle, wo der Weiße Nil, der träge Schlammstrom aus den Äquatorseen, sich mit dem Blauen Nil vereinigt, dem reißenden Bergfluß aus Abessinien. Hier an dieser großen Gabel ist halb Afrika zusammengekommen: Omdurman, die phantastische Stadt aus spitzen Negerhütten und lehmgebackenen Würfeln, scheint von Khartum tausend Meilen und tausend Jahre entfernt. Omdurman ist im ganzen noch so wie vor einem Vierteljahrhundert beim Zusammenbruch des Mahdismus. Jeder ältere Mann in den Straßen war einst ein Derwischkrieger im Kampf gegen Kitchener, oder er ist als Sklave hierhergekommen, mit dem Hals im Joch. Derwische und Kinder von Derwischen, befreite Sklaven und Kinder von Sklaven. Einige Mittelmeermenschen dazwischen, Griechen, Armenier, Kopten und Juden. Und mohammedanische Pilger aus dem fernsten Westafrika sind auf dem Rückweg aus Mekka hiergeblieben. Welch ein Gewimmel auf dem unvergeßlichen Markt! Ein Weib von den Niam Niam am Weißen Nil hockt vor dem Korb voll von Durrhakörnern, die weiß genau, wie Menschenfleisch schmeckt. Olivenfarbene und braune Beduinen sind da, Hadéndoa mit phantastischen Wuschelfrisuren und großen Schwertern in Scharlachscheiden und riesige nackte Schillukneger, die auf einem Bein stehn, wie die Störche in ihren verschilften Sümpfen am oberen Nil; und Abessinier, die den Blauen Fluß herabgekommen sind; – ganz Afrika. In dem Gewühl barbarischer Menschen hier und dort ein humpelnder Krüppel, dem ein Arm fehlt und ein Bein: das sind Menschen, die noch der Khalifa für irgendein Verbrechen bestraft hat. Obwohl in den offenen Buden und Hütten hier und dort eine blecherne Petroleumbüchse zu sehen ist, eine Nähmaschine, ein Grammophon, – hat sich doch nichts vom Wesentlichen verändert: das ist noch beinahe das alte Afrika, der unberührte Sudan des Mahdi und des Khalifa – – Ich finde in dem Hüttengewirre mit Mühe das Haus des Khalifa Abdullahi, das jetzt auch eine Art Museum enthalten soll, mit Andenken an die Mahdi-Zeit. In dem Hause finde ich viele von den Leuten aus dem Grand Hotel, die amerikanischen Misses aus dem Wüstenexpreß, den holländischen Herrn, der den Weißen Nil hinaufgeht, um womöglich vom Schiff aus Elefanten zu photographieren – wie sie, hinter dem kohlrabenschwarzen Cookschen Fremdenführer drein, durch die vielen Ziegel-, und Lehmhäuser stampfen, die diesen einfachsten aller Paläste bilden. Hier hat der Khalifa Abdullahi also geschlafen. (Ja, es ist diese kunstvolle sudanesische Bettstatt, die Slatin Pascha in seinem Buche schildert. Er, Slatin, hockt auf der Matte daneben, und der Khalifa ermahnt ihn zu Demut und Frömmigkeit.) – Ein richtiges Badezimmer hatte er, mit der Wanne aus Gordons Palast. Mir bleibt nichts übrig, als mitzutrotten, – und ich denke währenddessen an diese große Figur des aufregenden sudanesischen Dramas, den Khalifa Abdullahi. Wer war er? Nur ein erfolgreicher Soldat, später ein Diktator, der sich ziemlich lange gehalten hat. In den Jahren des Mahdi schon offenbar der Arm dieser afrikanischen Revolution, der Organisator des Derwischheeres. Geistig niemals dem Mahdi gewachsen, an dessen Größe und Tiefe kein Zweifel ist. Der Mahdi allein ist das Hirn, das Herz dieser neuen streitbaren Kirche, die in so kurzer Zeit halb Afrika sich erobert. Der Khalifa? Der weltliche Arm, der Büttel. Er nimmt, vielleicht ist es ein heroisches Opfer, jenes Odium der blutigen Strenge auf sich, das in allen Revolutionen einer tragen muß, wird der Robespierre, der Fouquier-Tinville, der Dsershinsky des Mahdismus; der Mahdi selber bleibt gütig und lächelnd. Dann stirbt der Mahdi, ganz kurze Zeit nach dem Sieg. Da liegt er, gegenüber dem Haus des Khalifa, in einem geheiligten Grabe (so wie Lenin an der Mauer des Kreml). Fast vierzehn Jahre noch hält sich der Khalifa. Der Weltsturm, den der Mahdi vorhergesagt hat, kommt nicht; viele fallen vom Glauben ab; aber dieser Beduine, den ein sonderbares Schicksal zum Diktator des ganzen Sudans gemacht hat, regiert, schließlich nur noch durch brutale Gewalt, dennoch weiter. Anderthalb Millionen Menschen sollen im Laufe der Jahre durch ihn gestorben sein. War er ein ganz gewöhnlicher afrikanischer Despot, obwohl ein starker Mann? Slatin, der jahrelang an seiner Türe stand (hier, der Fremdenführer zeigt uns eben die Stelle), hat ihn als ein Ungeheuer gesehen, kalt, mißtrauisch, grausam aus Neigung. Aber er hat Slatin selbst kaum sehr schlecht behandelt, außer einmal, als der Gefangene, immerhin, bei der Korrespondenz mit dem Feind erwischt worden war und deswegen in Ketten gelegt wurde. – Der deutsche Kaufmann Karl Neufeld, der während der ganzen Khalifa-Zeit in der schrecklichsten Weise gequält worden ist, spricht dennoch mit Sympathie von dem Khalifa Abdullahi. – Fragt man heute irgendeinen Sudanesen, dann sagt er: der Mahdi war ein guter Mann, aber dann der Khalifa war ein Teufel! Ist es nicht die bequemste Auslegung? Edle Idealisten stecken mit reinen Händen ein heiliges Feuer an; wenn es dann die Welt verbrennt, ist irgendein treuer Gehilfe des Heiligen der Teufel dieser Flamme! Ich gehe weiter durch die Räume, hinter dem schwarzen Cicerone drein. So, eine Druckerpresse hat der Khalifa auch gehabt, einen Wagen – – Eins ist sicher, denke ich: ein Kerl aus einem Guß. Als Prophet eher schwächlich, denn nach dem Tode des Mahdi weicht alle Inspiration aus dem Mahdismus, die Lehre fällt zusammen, – als Regent ein bloßer Tyrann, der nichts kann, als seine eigenen wilden Stammesgenossen, die Baggara, im Sudan allmächtig schalten lassen und alle anderen Landesbewohner verderben, – als Organisator hilflos, aber groß und heldenhaft tragisch als Kämpfer. Am Tag von Kerreri immer hinter seinem schwarzen Banner, an der gefährlichsten Stelle der Schlacht. Am Abend flieht er wohl; ein Führer, der noch hofft, hat die Pflicht, sich zu retten. Aber wenn er dann nicht mehr hofft? Der Khalifa Abdullahi ist so gestorben: fünfzehn Monate irrte er im Lande herum, dann trieben ihn, nicht weit von der Mahdi-Insel Abba, die anglo-ägyptischen Truppen in eine Falle. Da steigt der Khalifa von seinem Kamel, breitet das Schaffell von seinem Sattel auf der Erde aus: so, da wird er stehen und sterben – – Man findet ihn nach dem Gefecht tot auf dem Schaffell. * Ich bleibe mitten im ehemaligen Harem des Khalifa stehen (in dem Raum, der voll von Spiegeln gewesen ist), um eine Visitenkarte zu suchen, die ich bei mir habe. Ich bin, als ich gestern im Regierungspalast war (in General Gordons Palast, ganz nah der Stelle, wo er niedergemetzelt wurde), mit einem eingeborenen Gentleman bekannt gemacht worden, einem schmucken, noch jungen Hauptmann in der reizendsten Uniform. Wir haben höflich miteinander gesprochen, und er hat mir dann sein hübsches Kärtchen gegeben: »M. A. Soliman El-Khalifa Abdollahi A. D. C. to Governor General.« »Soliman, Sohn des Khalifa Abdullahi, Adjutant (Aide de Camp) des Generalgouverneurs.« – Mehrere Söhne des toten Khalifas stehen im anglo-sudanesischen Staatsdienst. Reizende Leute sicher, nach diesem einen zu schließen. Wie das Rad rumgeht! Wie alle Räder immerzu rumgehen! * Eintragung im Fremdenbuch des Khalifahauses: »24. XI. 26 Rudolf Slatin Pascha.« Er soll, ein distinguierter älterer Herr, hinter dem Cookführer her mit den anderen Touristen durch diese Räume gegangen sein – und, dieser aufgeblasene schwarze Kerl von Führer hat die Stelle gezeigt, wie vorhin, wo Slatin Pascha zwölf oder mehr Jahre lang barfuß und im Derwischhemd stehen mußte, als der Türhüter und Adjutant des Khalifa. (Ja, er war so etwas wie ein Adjutant, bevor der Sohn des Khalifa es wurde.) »Nein«, hat der alte Tourist dem Cookführer gesagt, »hier und nicht dort ist die Stelle, wo Slatin Pascha – –« »Sie, ich muß es wissen! Ich bin seit Jahren Dragoman für Thos. Cook – –« »Und ich heiße Slatin!« Zu gut natürlich, die Anekdote, um wahr zu sein. Aber er war wieder hier, im Expreßzug, im gut ventilierten Salonwagen ist er durch die nämliche Wüste gefahren, durch die, nur ein Vierteljahrhundert zuvor, die romantische Flucht des entlaufenen Sklaven gegangen war. Ich bin dem Helden eines der erstaunlichsten Abenteuer der neueren Zeit während der Friedenskonferenz von 1919 in Saint-Germain begegnet. Slatin Pascha war bis zum Kriegsausbruch in dem von den Engländern wiedereroberten Sudan Generalinspektor gewesen und war dann in die österreichische Heimat zurückgekehrt. Als für die Friedensdelegation ein Sachverständiger für den Austausch von Kriegsgefangenen gebraucht wurde, stellte Slatin sich zur Verfügung. Er verstand etwas von Kriegsgefangenschaft. Jetzt lebt der alte Herr in Meran. * Khartum, den 20. Januar 1929. Ich sitze die meiste Zeit unter den schönen Bäumen im Zoologischen Garten, mit Büchern über die Zeit des Mahdi beschäftigt. In mir ist ein Gedanke emporgeschossen, so wie Dinge nur in den Tropen wachsen können: ich will das Leben des Derwischs Mohammed Achmed schreiben, des Mahdi, der Gordon besiegt hat, des Nachfolgers des Propheten, des Mannes, der die letzte große Hoffnung des Islams gewesen ist. Während ich in den Büchern der Leute lese, die diesen Mann gekannt, diese Zeit mitgemacht haben, denke ich immer nur: aber wird man es glauben, wenn ich es wiedererzähle? So unwahrscheinlich ist die Wahrheit dieser Geschichte! Die Wirklichkeit hat da tolle Dinge zusammenerfunden! Der äußere Umriß der Mahdi-Gestalt, der aus den Berichten der Zeitgenossen hervorscheint, ist so fremd, so unfaßbar! Eine lächelnde Maske, hinter die man nicht eindringen kann. Erst, in seiner Jugendgeschichte, scheint er menschlich, einer von uns, obwohl in einer schwarzbraunen Haut. Dann wird er fern und fremd wie eine barbarische Gottheit. Bis schließlich der Umriß des lächelnden Götzen zur grotesken Fratze zerrinnt. – – Entsetzlich. Wie ihn der Sieg auch rein körperlich mästet, auf einmal fett macht, bis er vor Sieg und gottgleicher Glorie förmlich platzt. – – Welch ein Leben, welch ein Ende! Dieser afrikanische Araber folgt in allem dem Vorbild Mohammeds, von dem abzustammen er behauptet hat. Es gelingt ihm, wirklich in fast allem zu leben wie Mohammed. Er hat seine Hedschira, seine Gesichte, sein Medina, sein wiedererobertes Mekka, seine Ansar, seine Khalifen, er stirbt so wie Mohammed, wird so begraben wie Mohammed – nur, daß doch alles irgendwie anders ist, mit diesem Einschlag von Afrika. Dieser neue Koran ist deutlich vernegert; der Rhythmus von Urwaldtrommeln klingt in den heißen Gebeten des Mahdi. * Khartum, den 25. Januar 1929. Oft und lange sitze ich vor dem zerstörten Grabmal des Mahdi in Omdurman und denke das Leben des Mannes durch. Als der Mahdi gestorben war, begrub man ihn an der Stelle, wo seine Hütte gestanden hatte; später baute der Khalifa Abdullahi ein prachtvolles Grabmal darüber, bei weitem das schönste, das höchste Bauwerk im ganzen Lande. – Der Deutsche Karl Neufeld, der in so furchtbaren Ketten im Kerker des Khalifa lebte, erzählt, daß man ihn ein Modell der Kuppel formen ließ; er muß Flüche in diesen Ton geknetet haben. Beim Bau trägt der Khalifa selbst Ziegel herbei. Für jeden Stein, den man legt, wird Allah im Jenseits einen ganzen Palast verleihen! – Mehr als ein Jahrzehnt steht das weithin leuchtende Grabmal hart neben dem Palast des Khalifa. So liegt jetzt Lenin neben dem Kreml. Aus ganz Afrika kommen zu dieser heiligen Stätte die frommen Wallfahrer, doch auch aus Arabien, aus allen Ländern des Islams. Am Tag der Schlacht von Kerreri sieht Sir Herbert Kitchener von der Höhe des Surgham die weiße Kuppel; die goldenen Zierate funkeln – es ist ein vortreffliches Ziel für Artillerie. Schon auf dem Abbassieh-Schießplatz von Kairo hat der Sirdar zum Erproben seiner neuen Belagerungsgeschütze ein Ziel erbauen lassen, mit Mauern, die denen um Mohammed Achmeds Grabmal nachgebildet gewesen sind. Jetzt gebietet er: Feuer! Lydditgranaten! * Die eindringenden Engländer finden das Grabmal zerschossen, die Kuppel geborsten. Ich habe die Photos eines Kriegskorrespondenten gesehen. Im Inneren war ein kunstvolles Gitter um das Grab; auch schon verbogen, zerschmettert, man brach sich Andenken ab – – – Aber es war noch ein Umriß da; ein zerstörtes Grab, aber ein Grab, mit dem Toten darin. Jetzt sitze ich vor einer Ruine: es steht nicht viel mehr als die Umfassungsmauer eines Vorhofs und dahinter ein letzter dürftiger Rest des einst prächtigen Kuppelbaus; alles staubgrau und schäbig und wüst. Man hat auf den Befehl Kitcheners das Grab einige Wochen nach der Besetzung der Stadt systematisch zerstört, die Leiche des Mahdi aus der Erde gerissen, mit Petroleum begossen, verbrannt; die Asche in den Nil gestreut. Alles recht öffentlich, um dem Volk zu zeigen, daß kein Wunder geschah, daß der Mahdi, der göttlich verehrte, der so lange Erwartete Mahdi doch auch nur ein Mensch gewesen war – – Die Leichenschänder fanden den Kopf des Mahdi vollkommen unverändert, man erkannte die Züge. Der Kopf wurde nicht mit verbrannt, sondern als eine Trophäe nach Ägypten geschickt. Winston Churchill erzählt, daß der britische Prokonsul in Ägypten, Lord Cromer, den Kopf des Mahdi schließlich in sudanesischer Erde bei Wadi Halfa begraben ließ; andere wollen wissen, daß der Kopf noch in irgendeinem medizinischen Institut in England konserviert wird. Es darf nicht vergessen werden, daß der Mahdi selbst den Kopf seines besiegten Feindes Charles G. Gordon auf einer Lanze vor seinem Zelt stehen hatte. * Der Vorhof des Grabes kann durch eine Tür betreten werden, zu der die Fremdenführer den Schlüssel besorgen. Eingeborene Sudanesen dürfen den Hof nicht betreten, nur wir fremden Gaffer. Sooft ich noch bei dem Grab war, und ich komme wieder und wieder, habe ich gesehen, was ich auch jetzt wieder sehe: dunkle arabische Menschen, die vor der Schwelle dieses vergitterten Tores beten. Heute ist es ein herrlicher Beduine aus der östlichen Wüste; einer der Hadéndoa, die unter Osman Digna so lange und beharrlich für den Mahdismus kämpften. Er trägt nichts als eine grobe Kutte; sein langes Haar ist von keinem Turban bedeckt, aber mit einer Pomade aus Hammelfett in zahllose dünne Wuschel geklebt. Der englische Kolonialslang nennt diese Leute deswegen die Wuschelköpfe, die Fuzzy-Wuzzys. Er ist ganz braun und stark und wild; ein sehniger junger Kerl. Den Mahdi kann er nicht mehr gekannt haben. An diesem Grab, das man brutal zerstört hat, auf daß es keine heilige Stätte mehr wäre, sehe ich diesen jungen Menschen, diesen Sudanesen von heute, sich niederwerfen. Seine Sandalen hat er abgelegt; seine Stirn berührt den Boden. Jetzt langt er mit seiner langen aristokratischen Hand über die Schwelle der verschlossenen Grabestüre. Ich sehe erst jetzt, daß diese Schwelle längst unterhöhlt ist; viele, viele Beter haben hier wie dieser ihre gierige Hand bis zu der heiligen Erde ausgestreckt, die jenseits der Schwelle ist. Jetzt kratzt die Hand den Boden auf, kommt voll Staub zurück – und der junge Beduine reibt sich den heiligen Staub in sein Antlitz; es ist die Waschung mit Sand, die der Koran gestattet. Jetzt beginnt er sein Gebet. Das eherne Antlitz des Mannes aus der großen Wüste wird schön vor Ernst. * Leere Gräber, denke ich, schrecken den Glauben nicht ab und unerfüllte Prophezeiungen nicht das Vertrauen in die Propheten. Nichts von dem, was Mohammed Achmed verheißen hat, ist in Erfüllung gegangen. Nicht, daß er leben werde, bis er dem Islam die ganze Erde erobert hätte. Nicht, daß noch vor dem Tode des Erwarteten Mahdi der Sohn der Maria, Jesus, wiederkehren werde, zum Jüngsten Gericht – – Aber die unerfüllten Verheißungen der Propheten schüren nur die Sehnsucht, aus jeder Sehnsucht kommt ein Glaube. Religionen sterben nicht. Auch diese, begreife ich, ist nicht tot. Dieser Mann aus der Wüste, der vor dem geschändeten und leeren Grabe da betet, zeigt mir, daß diese alte Geschichte vom Mahdi noch gar nicht beendet sein muß. Ich nehme mir vor, diese märchenhafte und wahre Geschichte noch einmal zu erzählen, mit allen Einzelheiten ohne jede Erfindung, und wenn ich es kann, will ich gerecht gegen den Mahdi sein. Bisher haben seine Geschichte nur seine Feinde erzählt. Ich aber will immer an dieses geschändete Grab da denken und an das ernste Gesicht dieses betenden Menschen aus der afrikanischen Wüste. Ich möchte die Wahrheit sagen – und diesen jungen begeisterten Beter nicht kränken. * Ich höre ihn beten und weiß, was er sagt. Dieses Gebet, die Fat'ha, erkennt auch ein Ungläubiger, die eröffnende Sure des Korans: »Gelobt sei Allah, der Weltenherr. Der Allerbarmer, der Barmherzige. Der König am Tag des Gerichts –« Ich spreche diese Sure halblaut nach in meiner ungläubigen Sprache. Über dem Grab Mohammed Achmeds brennt die Nachmittagssonne; mein schweifender Blick sieht die afrikanische Stadt, die heiße, die wüstengelbe und die maßlose Wüste am Horizont. – –»Führ' uns den Weg, den geraden. Den Weg derer, die nicht irregehen – –« Die Stadt Die Geschichte des Derwischs Mohammed Achmed beginnt in der heißen Nilstadt Khartum und im Lande Sudan, vor einem halben Jahrhundert. * »Als Allah«, sagen die Araber, »den Sudan gemacht hat, hat Allah gelacht.«– – Ein Scherz des Schöpfers, eher ein trüber Scherz, dieses Land zwischen Wüste und Sumpf? Der sudanesische Nil kommt in mehreren Strömen aus den großen Seen des mittleren Afrikas. Im Sudan münden sie ineinander. Beim Eintritt in das Land geht der Nil mit seinem Wasser verschwenderisch um, ergießt es in viele Kanäle, in Seen, in Moräste, durchtränkt und durchweicht die Erde, bis sie fast keine Erde mehr ist, nur noch ein Gewirr von Schilf und Schlamm, von Mücken umschwirrt. Der Elefant trompetet im hohen Sumpfgras, und riesige Neger, langbeinig wie Störche, stelzen hier oder dort herum und hetzen den Elefanten. Dann kommt der Nil in ein Steppengebiet. Der Nil ist auf einmal sparsam geworden, gibt seinen Ufern nur wenig von seinem Wasser. Gelbgrünes Gras, eine dürre Vegetation, Mimosen, Akazien, das ist das Heim der Gazellen und Strauße und schweifender Hirtenstämme. Eng am Ufer des Nils und der Nebenflüsse, die zu Regenzeiten manchmal voll Wasser sind, wächst hier oder dort ein schöneres Grün, ein tropisch üppiger Wald, ein Feld von Durrha-Hirse oder dergleichen. Fast nirgends eine wirklich saftige Frucht, ein farbiges Blühen. Aber Staub gibt es überall, Fliegen und Mücken und Skorpione, wohin man tritt. Dieses Land voll Sonne und Durst, überall flach und ärmlich, gerade noch fruchtbar genug, um auf dem ungeheuern Gebiet ein wenig zahlreiches Volk zu ernähren, ist ringsum von nackten Wüsten umgeben. Wüsten wie Mondlandschaften, Wüsten wie Leichenhügel! Die Erde ist wohl an keiner Stelle so starr und so tot wie zwischen Ägypten und dem Sudan. Der Nil fließt hindurch, als wäre sein Wasser nicht naß und könnte den Boden gar nicht netzen. Durst, Durst, Durst des Sudans, der die Menschen dort glühend macht, im Verlangen maßlos und gierig, bis in ihre Seelen gedörrt! * Es ist fast, als hätte die Natur zwischen Ägypten und das tropische Afrika eine Zone zu legen versucht, die der Mittelmeermensch nicht überschreiten soll. Jenseits der furchtbaren Sümpfe, die voll von wilden Tieren sind, Elefanten, Nilpferden, Löwen und Krokodilen, – ist gutes Land, reiches Land. Aus den Gebieten am Rand des Sudans kommen von alters her die reichsten Schätze: Elfenbein in unermeßlichen Mengen, Straußenfedern und kostbare Gummiharze. Die kraftvollen Negernationen sind unerschöpflich als Zuchtgestüte für wertvolle Sklaven, von alters her. Seitdem es ein Menschengedenken gibt, sind durch die sudanesischen Steppen Züge gefesselter Neger getrieben worden: Sklaven für die Pyramidenbauten der Pharaonen, Sklaven, bestimmt für den Haushalt der Königin von Saba, Sklaven für Mohammed den Propheten und Sklaven für die Plantagen Virginiens. Von Negersklaven aus dem Lande Kusch hat Jeremia gesprochen; Napoleon, als er in Ägypten war, hat für seine Armee zweitausend sudanesische Schwarze gekauft, denn durch all die Jahrhunderte hat man Negersklaven bewaffnet. Sie geben die besten Soldaten ab; schon in den Pharaonengräbern hat man ganze Bataillone von schwarzen Püppchen gefunden, Negersoldaten des ägyptischen Heeres versinnbildlichend. Von diesen Negern ist durch die Jahrtausende jeder einzelne in Ketten oder im schweren Joch quer durch den Sudan getrieben worden, und die Beduinen haben das Treiben besorgt. Diese sudanische Erde ist ärger mit dem blutigen Schweiß von Menschenwesen gedüngt denn sonst ein Boden der Welt. * Der Sudan ist das andere Ufer der Araber; über das Rote Meer gelangen sie leicht dahin. Durch die Jahrtausende schwärmen die Wüstenstämme von Asien nach Afrika aus. Seit der Prophet die Seinen zum Erobern der Menschenerde ausgeschickt hat, sind die Araber Herren des Sudans. Sie haben sich mit uralten und geheimnisvollen Stämmen vermischt; afrikanische Sprachen, die unter König Ramses gesprochen wurden, hört man noch im Sudan von Menschen, die sich Araber nennen. Es gibt nubische Araber, arabisierte Berber und arabische Stämme, die gänzlich vernegert sind. Gleichviel: der Araber ist im Sudan arabisch geblieben, ein Nomade, ein Händler, ein Räuber. Hier oder dort am Fluß mag er wie der ägyptische Nilbauer siedeln und Datteln ernten oder Durrha-Hirse. Meistens ist er in diesem Land der Wüstensohn aus Mohammeds Zeiten, Karawanenführer oder Karawanenräuber. Das Schwert, die Lanze, ja selbst Kettenpanzer und stählerne Helme tragen sie, wie die alten Sarazenen, die sie sind. Das sind nicht die halb europäisch gewordenen Araber der Mittelmeerländer. Noch die gleichen arabischen Menschen, die Mohammed gegen die Welt geführt hat: primitive Barbaren, stark und grausam, heldenhaft in der Schlacht, wollüstig im Harem, auf Krieg und Beute bedacht, fanatisch im Glauben und Aberglauben. Die Christen verabscheuen sie, und seitdem Mehemed Ali, der erste Khedive, den Sudan für Ägypten erobert hat, rechnen sie all diese türkischen Paschas und tscherkessischen Beys, die aus Kairo kommen, den Ungläubigen gleich. Der Türke, der »Turk«, sagen sie, ist nicht nur der Unterdrücker, sondern auch noch von Europa verseucht, ein Christengenoß. Unterdessen lebt im Süden, im Elefantenland, der Neger, ganz Urwaldmensch geblieben, Menschenfresser mitunter, stets Elefantenjäger. Der Neger hetzt den Elefanten, der Araber hetzt den Neger, beide hetzt und schindet der Türke. Das ist der Sudan der siebziger Jahre, in dem die Geschichte des Mahdi beginnt. * (O dunkler Elefant, schwerer, geduldiger, gewaltiger! Dickfellig, träge, viel zu ertragen gewohnt, aber furchtbar, wenn plötzlich die Wut kommt, die maßlos ungeheure, die den grausamen Quäler zertrampelt! O dunkler Elefant, Sinnbild Afrikas!) * Der Winkel zwischen dem Weißen Nil und dem Blauen Nil ist geformt wie ein Elefantenrüssel. Seit einem Jahrhundert steht hier die Stadt, die Khartum genannt wird, das heißt: Elefantenrüssel. Das Khartum der siebziger Jahre: mehr ein Aussatz als eine Stadt. Der Vizekönig Ägyptens schickt einen Pascha in den Sudan, damit er von den Schwarzen Steuern erhebe. Der Pascha hat Eile, er träumt von seinem schönen Landsitz im Delta, vielleicht von einer Pariser Reise und Tänzerinnen der Oper. Unterdessen bewohnt er einen Palast aus Backstein am Ufer des Blauen Nils. Das Haus ist zwei Stockwerke hoch; vom Dach blickt man weit in die Runde, sieht Karawanen aus der Wüste kommen und die Sklavenschiffe den Nil herab. Ein paar Amtsgebäude sind da, weitläufig und schmutzig. Eine Kaserne muß sein, ein Gericht, ein Gefängnis, ein Steueramt. In diesen Häusern langweilen sich die Effendis der Provinzregierung. Türken oder Tscherkessen die meisten; ein paar Kopten und Griechen und Levantiner. Das Volk nennt alles, was einen Fes trägt: Turk. Der Turk in Khartum ist gelblich- und grünlichbleich. Er erträgt das Klima schwer, die Hitzen, die Fieber. Der Turk kennt Besseres als dieses trübe Exil: Alexandrien, Kairo, Beyrouth, Stambul. Sobald der Turk reich wird, geht er wieder dahin und lebt in Freuden. Hier im Sudan sind die schwarzen Frauen des Harems sein Trost, in der Zwischenzeit. Man wohnt, der mächtige Bey und der christliche Händler, in ein paar besseren Häusern, die aus ZiegeIn gebaut sind; andere sitzen in kleinen Würfeln aus Lehm und Schlamm, von denen viele um einen Hofraum geklebt sind. Am Ufer des Blauen Flusses gibt es die grünen Gärten der Mächtigen. Kamele und schwarze Sklaven drehen das Schöpfrad, das das kostbare Wasser in die Dattelhaine hebt. Landeinwärts, zum Markt hin, sieht nur eine einzige Straße einer Straße gleich. Das schlichte Minarett der Moschee steht darüber. Der Laden des griechischen Kaufmanns hat ein Vordach. Darunter kann man, vor dem Geschäft, den Griechen sehen, wie er mit seinen Freunden und Kunden dasitzt und Mastixschnaps trinkt. Ein paar Europäer schlendern durch die einzige Straße, gelangweilt und schwitzend. Ein Forschungsreisender, der auf den Markt geht, um Proviant für seine Träger zu kaufen und Baumwolltücher als Tauschartikel für Negerfürsten. Ein Pater von der österreichischen Mission. Vor dem kleinen arabischen Café lümmeln Soldaten der Garnison, anatolische Baschi-Bosuks, wild aussehende Irreguläre, von denen jeder die Nilpferdpeitsche am Handgelenk trägt. Manchmal sieht man auch auf der engen Straße plötzlich ein schönes Pferd, das zum Gouverneurpalast trabt; darauf sitzt eine Art Halbgott, mit goldenen Tressen und Orden bedeckt, mit einem goldenen Säbel, mit einem müden gelben Gesicht unter dem grellroten Tarbusch: ein Pascha, ein Bey. – – Aber die meisten Menschen auf dieser Straße sind dunkel-tiefbraun und schwarz, Araber und Neger von hundert Stämmen. * Schon ist die Stadt des Elefantenrüssels der große Markt für halb Afrika. Vom Westen her, aus Kordofan und vom Rand der Sahara, kommen Karawanen mit Gummiharz. Den Nil herab fahren Dampfer und Segelschiffe und bringen aus dem innersten Land am Äquator Elfenbein, Straußenfedern und die Felle von wilden Tieren; im stinkenden Schiffsraum der Segelbarken liegen, aneinandergepreßt wie leblose Ballen und wie Ballen gebunden, außerdem schwarze Sklaven; – das weiß ein jeder, sieht jedermann in Khartum, obgleich nicht die Regierung, die aus Kairo Befehl hat, den Sklavenhandel nicht länger zu dulden, diese Schmach eines sonst schon aufgeklärten Jahrhunderts. Die Dahabiehs landen beinah vor dem Gouverneurspalast; am hellichten Tage wirft man die Leichen der toten Neger in den Nil. Soundso viel Prozent der Ware vertragen den Transport nicht. Wenn ein Viertel am Leben blieb, war das Geschäft schon nicht schlecht. In den Seriben, das heißt Gehegen, in den mit Palisaden umhegten Faktoreien im Süden, hat man das menschliche Vieh verwahrt, bis zur Verfrachtung. Jetzt treibt man es, junge Männer und Frauen und Kinder, durch Khartum, dann durch die Wüste zum Roten Meer und schließlich auf die Sklavenmärkte im Osten. Der Sklavenhändler bezahlt dem Pascha Prozente, demselben Pascha, der den Sklavenhandel vernichten soll. – In Khartum hat jedermann Sklaven; kein arabisches Lehmhaus ist so ärmlich, daß nicht ein nacktes Negerweib an der Schwelle hockte, Getreide mahlend. Menschenfresser aus den Äquatorsümpfen sind in Khartum zu finden und Neger aus den fernsten afrikanischen Ländern. Eine unsägliche Stadt von elenden Hütten verliert sich formlos in die Dürre, den Staub der Wüste; eine Stadt von flachen Dächern oder spitzigen Kegeln aus Durrha-Stroh; in den gewundenen Wegen zwischen Hütte und Hütte sind überall tiefe Löcher, in denen Abfälle faulen und Aas. Der Gouverneur von seinem Palast und der Muezzin vom Minarett der Moschee schauen tief hinab auf all das dunkle Gewimmel, auf die sinnlose Enge der schwarzen Stadt. * Die Moschee: Eine Festung des Islams am Rande der Heidenländer. Durch das Gewimmel des Marktes geht der Mufti, eine Art höheres Wesen, mit einem Glanz um den breiten Turban. Der Scheich eines Derwischordens genießt hier so viel Ehren wie der Generalgouverneur; das niedere Volk küßt schon den Fikihs die Hände, zerlumpten Lehrern der Schrift und Rezitatoren des Buchs und Schreibern von Amuletten, wandernden Eiferern mit Bettelschale und Stab. Im Hof der Moschee sieht man sie zu Dutzenden hocken. Es sind Muselmanen aus vielen Ländern darunter, aus Marokko und Tunis, und andere, die spitze Mützen aus Lammfell tragen, schiitische Ketzer aus Persien, die die Sunna verwerfen. Das Rote Meer, das die großen Sekten des Islams trennt und verbindet, ist so nahe. Alle Lehren der muselmanischen Welt gelangen hierher, in das Völkergewimmel Khartums. Der strenge Eifer der Wahabiten, der alle Lebensgenüsse verbietet, und die mystische Gottergebenheit, Gottverschmelzung, die der Orden der Sûfi lehrt, und der neue glühende Glaube der Senussi-Klöster im Westen der arabischen Welt. Das alles mischt sich hier in Khartum. Zu den vierundzwanzig Orden der Derwische, die man in Kairo kennt, kommen hier andere, seltsame, die eigene Riten haben, besondere Übungen, die zur Verzückung führen, der Verschmelzung mit Allah. Dunkle Magie, uralter afrikanischer Aberglauben ist hier in den Islam geflossen. Die Foggara, das ist: die Armen, die Derwische, sind Priester, Lehrer, Ärzte und Zauberer. Ihre Bettelschale füllen Menschen, die selber hungern, mit Hirsemehl und mit saurem Brei. Dem niedern Volk sind die Derwische heilig, aber auch der großmächtige Pascha ruft sie des Abends in seinen mit festlichen Lämpchen beleuchteten Hof, damit sie vor seinen Gästen aus dem Koran rezitieren oder, wie sie es verstehen, durch Singen, Tanzen und Wirbeln in jene Krämpfe geraten, in jene wilden Ekstasen, die Allah gefällig sind und für den Menschen ein Weg in seine geistige Welt. Aus den tausend Geräuschen der heißen afrikanischen Stadt hebt sich das Tomtom, Tomtom der Derwischtrommel deutlich hervor, ein berauschender Rhythmus, in dem eine magische Kraft liegt. Das Joch Einmal um die Stunde des Mittaggebetes – das weiß gekalkte Minarett bohrt sich lanzengerade in einen vor Hitze flimmernden Himmel und wirft keinen Schatten auf die glühende Erde – ist ein Menschengewimmel um die Moschee, mehr als sonst, man wartet auf einen Festzug, der aus dem Hause Allahs kommen wird. * Es gibt in diesen Tagen einen Streit in dem Viertel um die Moschee, ein Ärgernis, wie es die Frommen lieben. Ein junger Derwisch, Mohammed Achmed, Sohn des Abdallah, hat sich offen gegen seinen Meister aufgelehnt, den großen Ordensscheich Mohammed Scherif! Mohammed Scherif, aus einem hochheiligen Hause, steht jetzt an der Spitze des großen Derwischordens, der »Sammanîjja Tarîka« heißt: »Der Pfad zu Gott, so wie ihn der Heilige Es Sammân gewiesen hat.« Mohammed Scherif, dessen Ahnen schon den Gebetteppich der Sammanîjja in großen Ehren verwaltet haben, ist ein Mann von großer Heiligkeit. Nach ihm wird sein junger Sohn den Gebetteppich erben und die mystischen Gaben des Scheichtums. Der Knabe wächst heran, das Fest seiner Beschneidung soll vollzogen werden, und der glückliche Vater, Scheich Mohammed Scherif, hat schon lange vorher die Ordensmitglieder zur Stadt entboten: sie kommen aus den fernsten Provinzen, die sie sonst mit Bettelschale und Stab durchwandern. An dem festlichen Tag, hat der Scheich verkünden lassen, wird auch den Frömmsten, den Strengsten vielerlei Freude gestattet sein: Musik und Gesänge, reichliche Speise; selbst die Schauspiele weltlicher Lust sollen nicht ganz verpönt sein, die Tänze der Tanzmädchen und der geschmückten Knaben. * Die Menge um die Moschee, die jetzt in der dumpfen Hitze auf den Festzug wartet, spricht mit großer Lust, wen freute so etwas nicht, von dem Ärgernis, das gefolgt ist: Vor ganz Khartum, vor der feierlichen Versammlung der Fikihs und Derwische, hat der bevorzugte Lieblingsschüler des Ordensscheichs ihm, dem Heiligen, laut widersprochen: Was Allah verboten habe, Schwelgerei und weltliche Freuden, könne selbst der Scheich der Sammanîjja niemals gestatten! Der Scheich Mohammed Scherif, maßlos erzürnt, hat den verwegenen jungen Eiferer darauf einen Verräter genannt, einen Eidbrüchigen. Er hat ihn aus dem Orden gestoßen, als einen, der das große Gelübde des Gehorsams verletzt hat. – Ja, Mohammed Achmed heißt der junge Mensch, erklären in der wartenden Menge die mit dem Moscheeklatsch vertrauten Stadtleute einigen Fremden, Reisenden aus der Wüste. Mohammed Achmed, Sohn des Abdallah. Er stammt aus Dongola. * Bald wird der Festzug kommen. Man erwartet besonderen Glanz, ein großes Schauspiel. Jene Beduinen aus der östlichen Wüste drängen sich näher ans Moscheetor; da stehen sie, auf ihre großen Lanzen gestützt, während der Talg ihnen aus den kunstvoll in Strähne geklebten Haaren tropft. Der Zug naht. Als erster kommt der Barbier aus der Moschee, der die Beschneidung des Knaben vollziehen wird. Sein Sklave, ein riesiger Kordofanneger, fast nackt und schwarz wie eine mondlose Nacht, trägt das Zunftzeichen des Barbiers, das »Heml« genannte Gestell, eine Art Schrank, auf Stuhlbeinen ruhend und ganz mit Spiegeln und Messingzierat bedeckt, in dem die Sonne funkelt. Der schwarze Riese hat sich das mannshohe Zeichen über den Wollkopf gestülpt, daß hoch in der Luft die Spiegel und blanken Beschläge blitzen. Der Meister Barbier, ein Nubier aus Dongola, hellbraun und fettig, senkt den Turbankopf fromm auf die Brust; man erkennt seine Wichtigkeit. Um ihn sind die Musikanten: Männer mit Pauken und andere, die Blasinstrumente tragen. Jetzt schweigt die Musik, weil ein großer Haufen von Fikihs, das sind Lehrer und Rezitatoren des heiligen Buchs, hinter dem Barbierpalladium ordnungslos schreitend, ein Lied psalmodieren, zum Lob des Propheten Mohammed. Jetzt kommen die Knaben aus der Koranschule, stramm in Viererreihen, Mitschüler und Freunde des Knaben, dessen Ehrentag dieses ist. Sonderbar sauber sind diese schwärzlichen Jungen und bestens herausstaffiert mit neuen Hemden und Käppchen. Auch sie singen mit in einem großen Tumult: »Segne, o Herr, das durchdringende Licht. Erwählt unter allen Aposteln das hohe Haupt! – Über den Lichtern bist du das hohe Licht!« – »O Mohammed«, singt der Chorus nach. »Du bist die Sonne. Du bist das Licht. Du bist der Mond. O Mohammed, o du mein Freund! O du mit den schwärzen Augen, Mohammed!« »O Nächte der Freude!« singt, schrill und ganz allein, ein kleiner rabenschwarzer Junge, steif in dem ausgeborgten, zu langen Kaftan des Festtages. Er ist der Arif, das ist der Erste der Koranschule, und voll von Würde. Seine hohe Stimme übertönt allen Lärm, auch den der Trommeln, die jetzt wieder dröhnen: »O Nächte der Freude! O Nächte der Freude! Freude und jeglicher Wunsch, unter versammelten Freunden!« Man hört die Trommeln des Festzugs im Inneren eines kleinen Lehmwürfelhauses. Hier hocken zwei Männer nah beieinander, seltsam beschäftigt: der eine legt dem anderen die Schêba an, das Joch, an das widerspenstige Sklaven gefesselt werden. Der junge Mensch, der ins Joch geschnürt wird, ist ein Hagerer, in einer Derwischkutte aus rauhem Fries, mit einem Gürtel und einem Schädelkäppchen aus Palmstroh. Er hat ein Muttermal im dunklen Gesicht und drei Narbenzeichen von parallelen Schnitten, wie sie bei manchen Stämmen gebräuchlich sind. Dieses Gesicht, umrahmt von einem tiefschwarzen Bart, trägt ein ganz besonderes Lächeln, immer ein Lächeln, auch jetzt, während der Mann so qualvoll gefesselt wird. Dieser junge Derwisch ist Mohammed Achmed aus Dongola, derjenige Jünger, der dem Scheich der Sammanîjja getrotzt hat und den er in den Bann tat. Er läßt sich von dem Verwandten, in dessen Hause er hier ist, das schreckliche Joch auferlegen, zum Zeichen der Reue und Buße. * Die Schêba, das mörderische Marterholz, an das der arabische Sklaventreiber auf den endlosen Wüstenmärschen die Neger bindet, die fliehen möchten. Man flieht nicht, wenn man die Schêba trägt. Aber viele sterben, von der Schêba elend erwürgt. Eine schwere Gabel, aus einem großen Baumast geschnitten, wird so auf die Gurgel gesetzt, daß der Adamsapfel des Sklaven in den engen Winkel gepreßt wird. Die beiden Enden der Gabelzinken werden hinter dem Nacken mit Riemen zusammengebunden. Nun wird der lange Stiel der Gabel gehoben, bis er den ausgestreckten rechten Arm des Züchtlings berührt. Zögernd und fast unter Tränen vollzieht der Vetter (der ein dicker, älterer Mann ist, ein wohlbehäbiger Vermieter von Kamelen, mit einem stattlichen Turban über dem schwarzbraunen Pockengesicht) den letzten Handgriff, der erst die Tortur der Schêba vollendet. Mohammed Achmeds entblößter rechter Arm – ein starker, muskelstrotzender Zimmermannsarm – wird mit Riemen aus frischer Gazellenhaut an den Ast geschnürt. Der Riemen wird trocken und schrumpfen und wird dann das Fleisch des Armes grausam zerschneiden. Aber das Ärgste: der Gefesselte, der die Schêba am Halse trägt, kann den an das Holz geschnürten Arm niemals sinken lassen, nicht einen Augenblick lang, sonst drückt ihm die hölzerne Gabel die Gurgel ein. * Der Vetter zittert selber am ganzen Leibe. Er weiß mit den heiligen Sachen nicht so Bescheid, er ist im Koran und den Traditionen nicht so erfahren wie Abdallahs Sohn, Mohammed Achmed, auf dessen Heiligkeit er doch ein wenig stolz ist – aber geziemt es sich, daß einer aus dem Blut des Propheten (auf dem der Segen sei und das Gebet!), daß er, sei es freiwillig und zur frommen Buße, das Joch der heidnischen Negertiere auf seinen Nacken lade? Denn, sagt der Vetter, es ist fast gewiß, daß unser Geschlecht vom Propheten stammt, durch Fatima und ihren Gatten Ali! Wir haben ein Recht auf den Titel »Sajjid«! Während der Vetter das sagt und dabei den Riemen um den Arm des jungen Derwisches wickelt, fühlt er im Sprechen das Überlegensein wachsen, das ihm sein vieles Fleisch gibt, das höhere Alter, seine Stellung als Herr dieses Hauses. Er fällt aus dem Arabischen in den uralten nubischen Dialekt von Dongola, der den beiden die eigentliche Muttersprache ist: »Bedenke, Sohn des Sajjids Abdallah« – – »Aus Liebe warne ich dich; waren nicht unsere Väter wie Brüder?« – »Auch ein starker Esel, bedenke, erliegt zu kräftigen Prügeln.« Plötzlich hält er inne. Der junge Derwisch, mit dem Joch bereits um die Gurgel, dem Marterholz am gereckten Arm, hat eine Litanei zu singen begonnen, die niemand unterbrechen darf, die Folge der neunundneunzig »Schönen Namen«, nein Eigenschaften des Einen und Einzigen: Allah. * Das bartumrahmte Gesicht Mohammed Achmeds lächelt glatt, niemand sieht ihm die Qual an, die er schon zu leiden begonnen hat nach seinem Büßerwillen. Die großen Augen sind halb geschlossen. Die Lippen, voll zwar, aber nicht negerisch, lassen die herrlichen Zähne sehen und eine seltsame Lücke, die mitten dazwischen ist, wie der lateinische Buchstabe V geformt, ein Zeichen von großer geheimnisvoller Bedeutsamkeit. Wer weiß, ob das ewige Lächeln dieses starken Mundes nicht stets dieses Zeichen enthüllen will? Mohammed Achmed hat den heiligen Singsang angestimmt, mit dem sich die Derwische bis zum äußersten Taumel verzücken. Rasch rezitiert er und endlos immer wieder die Schönen Namen, die hohen Eigenschaften, im Arabisch des heiligen Buches: »Er Rachmân, er Rachîm, el Kerîm, el Halîm, el Bassîr, es Semia, el Qader, el Ghâfir, el Hamîd, el Medschîd, er Raschîd, el Quejjûm – –« »Der Erbarmer!« singt der Mann im Joch. »Der Allerbarmende.« »Der Allgnädige.« »Der Allsanftmütige.« »Der Allsehende.« »Der Allhörende.« »Der Allmächtige.« »Der Allrächende.« »Der Verzeihende.« »Der Allobenswürdige.« »Der Ruhmeswerte.« »Der Allgerade.« »Der Unwandelbare – –« Ein entsetzliches Gurgeln unterbricht die Litanei. Der junge Büßer, noch unerfahren im Tragen des würgenden Joches, hat den müden Arm nur ganz wenig gesenkt; jetzt meint er, er müsse ersticken. * Der Festzug geht durch die engen Gassen der Stadt auf das Haus des Scheichs zu. Überall stehen die afrikanischen Menschen, aus dunklen Gesichtern mit weißen Gebissen lachend und ganz vergnügt; die Quasten der Tarbschmützen pendeln im Tanz der Musik. Kindlich erfreut sich die Menge an dem Trommellärm, an den wehenden Bannern, an den Wohlgerüchen von Weihrauch und Aloe, Benzoe und Sandelholz, die an den Seiten des Zuges aus silbernen Kesseln dampfen. Knaben schwingen die Rauchgefäße an langen Ketten; das Klirren des Silbers mischt sich in die Musik. Andere Knaben, im Zuge schreitend, spritzen aus silbernen Flaschen Rosenöl auf die Kleider der Leute oder lassen Essenz aus Orangenblüten über die Burnusse rieseln. Negersklaven tragen gewaltige Silbergefäße, in denen heißer Kaffee ist, der gute, der abessinische, mit Honig gesüßt und mit dem kostbarsten Amber gewürzt, o Genuß, o Glückseligkeit! Immer wieder nimmt ein gefälliger Mundschenk die prächtigen Täßchen aus Silbergeflecht und Porzellan von dem großen Tablett und füllt sie für den oder jenen aus der Zuschauermenge, angesehene Männer, die einen Backschisch dafür geben. Niemand weigert sich, alle Gesichter lächeln. Würde verschwindet von gravitätischen Stirnen. Der Marschtakt der Pauken packt alle, alle sind froh, und am Ende des Zuges kreischen verhüllte Frauen in hellem Jubel. * Nur der Muttáhir vielleicht ist ein bißchen mißgestimmt, so nennt man den kleinen Helden des Beschneidungsfestes. Man hat den zehnjährigen Knaben, der mager und gelb ist, seltsam ausstaffiert und auf einen Esel gesetzt; zwei seiner kleinen Schulgefährten schreiten rechts und links, mit den Zügeln in ihren Händen. Ein dritter Freund aus der Schule geht wie ein Herold vor dem Esel einher. Ihm hat man die Schreibtafel des Muttáhir um den Hals gehängt; sie ist von oben bis unten bemalt mit schöngeschwungenen Schriftzügen, frommen Versen, die der Lehrer der Koranschule sorgsam geschrieben hat, als ein Muster seiner großen Gelehrsamkeit. Der kleine Junge, der zur Beschneidung geht, sitzt auf dem Esel ein wenig ängstlich und doch sehr stolz. Man hat ihm auf seinen kleinen gelblichschwärzlichen Kopf einen großen knallroten Turban gesetzt, einen mannhaften, sonst aber ist er mit tiefer Absicht ganz wie ein kleines Mädchen geschmückt und gekleidet. Das muß sein, wegen des Bösen Blicks, der sicherlich auf dem Wege lauert. Der Böse Blick wird den weibischen Staat sehen, und das Erstaunen darüber wird die Zauberkraft des lauernden Auges brechen, sicherlich trifft da der Blick das Antlitz des Knaben gar nicht. Auch ist es hinter einem gestickten Taschentuch verborgen, das er die ganze Zeit durch fest an die Wangen preßt; ferner geht, damit kein Gegenmittel gegen den Zauber fehle, die Mutter des Knaben hart hinter dem Esel, tief verschleiert und mit einem großen Klirren von Knöchelringen, – und streut aus einem silbernen Löffel Salz in die Spuren der Eselshufe im Staub. Wie sie so geht, Salz streuend und alles Übel bannend, stößt die verschleierte Hauptfrau des heiligen Scheichs fortwährend schrille Schreie aus, immer die gleiche spitzige Note, und hinter ihr gehen, formlos in ihren Hüllen, die anderen Weiber des Harems und die Frauen aller Verwandten, eine jede juchzend: »O Nächte der Freude! – Und jeglicher Wunsch! O Mohammed, du mein Freund!« * Genau in der Mitte des Festzugs ist wie eine wandelnde Insel lauter Würde und Ernst und ein gänzlich anderer Rhythmus gemurmelter Litaneien, in einer abgeschlossenen Gruppe von Derwischen. Der große Scheich et-Tarîkat, Mohammed Scherif, reitet auf einem schönen arabischen Pferd, mitten unter Schülern und Jüngern des Sammanîjjaordens, von denen viele Flaggen wehen lassen, mit frommen Sprüchen darauf, und andere einförmig rezitieren. Mohammed Scherif, unbewegt und wie erstarrt in ernster Bedeutung, reitet drein, sieht nicht nach rechts oder links. Er ist schon ein alternder Mann, sein langer Bart ist ganz grau. Er trägt einen sehr langen Kaftan und tiefrote, spitze Pantoffeln. Zum Zeichen der größten Hochwürdigkeit ist sein weiter Turban von grünem Stoff. Die Menschen am Wege drängen hinzu, um den Fuß des heiligen Mannes zu küssen oder den Saum seines Kleides. * Im Hause des Scheichs sind die Vorbereitungen längst vollendet. Laternen und Lämpchen schmücken den großen Hof, wo die Ruhelager und Ehrensitze bereit sind, mit Brokaten und Teppichen überdeckt. Rosenscherbet ist vorbereitet, Scherbet aus Süßholz und aus Sauerampfer; ganze Hammel, gefüllt mit Gewürzen und großen Rosinen, warten auf dunkle Finger, die sie zerreißen werden; die Brotfladen aus Durrhateig werden gebacken, die Tänzerinnen legen ihren Schmuck an, die Schminke; der Hanswurst Karagösch ist in seinen bunten Lumpen zum Auftreten fertig, die Rohrflöten liegen bereit, die Tamburine und die Kürbistrommeln der südlichen Neger. Es ist alles geordnet, und die schwarzen Diener des Hauses, in festlichen weißen Gewändern und neuen Käppchen, warten erregt und vergnügt vor der äußeren Mauer, die das Gefüge von niederen Würfelbauten umgibt, das Heim des heiligen Scheichs. Schon hört man von fern die Trommeln des Zuges, und von allen Seiten rennen Leute herzu, um ihn kommen zu sehen. Da entsteht ein Aufsehen; die Menge weicht erschreckt einem hageren Menschen, der plötzlich da ist, man weiß nicht woher und wieso: er trägt ein riesiges Sklavenjoch, seine langen Haare, die kein Turban bedeckt, und der Bart, die mächtigen Schultern sind ganz mit Asche bestreut. Er geht langsam durch die Menschenmenge und seltsam starr, vielleicht, weil das Joch ihn zwingt, oder auch um nicht die Asche von seinem Haar zu verlieren. Man macht ihm Platz; am Tor der Umfassungsmauer hockt er zu Boden. Er versucht dabei nicht, das Joch an die Mauer zu stützen; er liegt vornübergebeugt auf seinen mageren Beinen, die er unter sich zieht, und trägt den ans Holz gefesselten Arm wie in einem Starrkrampf von sich gestreckt. Die gefolterte Hand, in deren Gelenk die Riemen schneiden, hält zwischen den blutleeren Fingern einen Rosenkranz mit groben hölzernen Kugeln. Die Lippen des Büßers murmeln die endlose Litanei, Allahs neunundneunzig Eigenschaften und immer wieder die neunundneunzig. Und diese Lippen lächeln, immer lächeln sie. Der Schatten des Mannes im Joch, scharf abgezeichnet auf der langen Mauer, gleicht dem Schatten eines Gekreuzigten. * Die Diener des Hauses haben den Menschen sogleich erkannt; sofort weiß die ganze Zuschauermenge, daß das der Verwegene ist, der Schüler, der Dongolawi, der dem Scheich widersprochen hat und der fortgejagt wurde. Ah, so bereut er nun! Legt sich vor der Schwelle des Meisters hin in den Staub! Ein erregtes Gerede entsteht rings um den jungen Menschen im Joch. Seltsam ist es, daß den Gedemütigten nicht einer zu höhnen anfängt, daß niemand Kot zu schleudern beginnt, daß kaum ein einziges breites Negermaul grinst. Sie sehen ihn nur alle voll Scheu und Bestürzung an, wie er daliegt. Irgendein starker Einfluß geht von dem Menschen aus, ein unbestimmbarer Zauber; vielleicht ist es das ewige Lächeln. Ein Sklavenweib von den Dinka, mit einem Elfenbeinstachel in ihrer Oberlippe, tritt nahe, ganz nahe an ihn heran. Ihre rechte Hand hält ein nacktes Kind fest, das in sonderbarer Stellung auf ihrer Hüfte reitet. Der linke Arm, mit vielen kupfernen Ringen geschmückt, hängt lang hinab, so daß die Hand beinahe den Kopf des Derwisches berührt. Die schwarze Frau atmet tief und verzückt, als schnupperte sie einen berauschenden Duft. Nun hört man deutlich die Pauken und Flöten. * Der festliche Zug verliert in der Nähe des Hauses seine Ordnung und Feierlichkeit. Die lebhafte Gruppe der Knaben bricht aus der Reihe; sie drängen sich zum Tor. Jetzt kommt ein großer Spaß, das übliche Lied auf den Lehrer. So aufgeregt sind die Jungen, daß sie den Büßer kaum recht bemerken, den Mann mit dem Joch. Der »Arif«, der Erste der Koranschule, singt die Knittelverse vor, die anderen wiederholen: »Gepriesen sei Allah, der Schöpfer der Welt – der Einzige, der alles durchdringt und erhält. – ER kennt das Gestern und kennt das Morgen – ER weiß, was alles im Dunkel verborgen. – Die schwarze Ameise sieht ER laufen – ihr Werk verfolgt ER in ihrem dunklen Haufen. – Des Himmels Wölbung hat ER errichtet –über des Ozeans Salzflut die Erde geschichtet –« Alle singen nach, im Takt. Jetzt wird der Rhythmus schneller, lustiger: »Diesem Knaben gebe ER Leben und Glück, – den Koran zu lesen mit Fleiß und Geschick; – den Koran und der Geschichtsbücher Seiten, – Berichte aus alten und neueren Zeiten. – Denn dieser Knabe kann schreiben und lesen – im Rechnen ist er faul nicht gewesen – –« Jetzt fangen die flinken kleinen schwarzbraunen Jungen laut zu schreien an und tanzen um den Fikih, ihren Schullehrer, der mitten unter ihnen steht, in einem dunklen Kaftan mit langen Ärmeln. Er gibt ihnen ein Zeichen, daß sie innehalten: der Scheich Mohammed Scherif steigt eben vom Pferde, was jetzt kommt, ist für ihn bestimmt, der Fikih hat diese Strophen gut mit den Kindern eingeübt, sie sind sehr wichtig: »Drum werde von seinem Vater gezollt – eine gute Belohnung in Silber und Gold. – Für mein Wissen, Vater, zahlest du dies – Gott gibt einen Platz dir im Paradies – –« Jetzt bricht der Jubel vollends los: »Unser Lehrer, der Fikih, hat das Alphabet uns gelehrt, – mit jedem Lobe werde dafür er geehrt. – Unser Fikih hält bei der Sure › Die Kunde‹ – sein Lob sei dafür in jedermanns Munde. – Unser Fikih erklärt schon die Sure › Das Reich‹ – der beste Segen vergelt' es ihm gleich. – Unser Fikih gelangt zum Kapitel › Die Kuh‹ – geehrt sei er heute und immerzu. Unser Fikih – –« Der Singsang der Knaben bricht unvermittelt ab, erstickt im Gemurmel. * Der Scheich Mohammed Scherif ist ganz nahe herangekommen und hat den im Staube liegenden Büßer bemerkt. Er hebt mit einer gebietenden Geste die Hand. Es tritt eine schwere Stille ein. Die Sonne brennt. Ein Falke zieht Kreise hoch in der Luft über Khartum. * Hat der verzweifelte junge Büßer Worte der Reue gemurmelt, hat er um Verzeihung gebeten, seinen Irrtum bekannt, die Sünde der Ketzerei? Man hört nichts. Man hört erst wieder die Antwort des heiligen Scheichs. Seine Stimme ist schrill vor Zorn, seine Augen unter dem grünen Turban sind rot vor Glut. »Elender Dongolawi!« schreit er, maßlos. »Ein Verräter!« schreit er und stößt mit dem Fuß gegen den auf dem Boden Liegenden, daß der große rote Pantoffel wackelt. »Er fürchtet Gott nicht, und gegen seinen Meister begehrt er auf!« Die Stimme schlägt um ins Weinerliche«. »O ihr Muselmanen, er spaltet den festen Stab des Islams! O ihr Rechtgläubigen, wie wahr ist doch das Sprichwort: Ein Mann aus Dongola ist wie der Schaitan in Menschengestalt!« Das Oberhaupt der Sammanîjja Tarîka breitet mit großer Salbung die Arme aus, daß sich die weiten Ärmel des weißen Kleides wie Schwingen spreizen: »Mohammed Achmed ibn Abdallah! Gehe fort von hier, denn dir wird nicht vergeben!« * Lange nachdem die Gäste des Festes in dem Hause verschwunden sind, erhebt sich der Mann mit dem Joch. Sein Lächeln liegt erstarrt auf den blutleeren Lippen. Die Insel Der junge Derwisch, den der Scheich der Sanamanîjja Tarîka von seiner Schwelle gejagt hat, lebt nachher jahrelang auf der Insel Abba im Weißen Nil. * Auf der bewaldeten Insel in der Nähe des Negerlandes ist ein Mann von Dongola ansässig, Achmed Scharfî. Bei ihm leben die Söhne seines verstorbenen Neffen. Dieser Verstorbene, der Abdallah geheißen hat oder der Sajjid Abdallah, denn er hatte stets behauptet, den Titel führen zu dürfen, der den Abkömmlingen des Propheten gebührt, – ist ein trefflicher Bootszimmermann gewesen, geschickt im Bau von großen und kleinen Schiffen und von Schöpfrädern, wie sie am Ufer des Flusses in den Feldern gebräuchlich sind. Auch die vier Söhne des Mannes haben dieses Handwerk gelernt. Die Familie stammt von der ägyptischen Grenze, von Dongola. Seit dem Tode Abdallahs haben die Söhne ihre Heimat bei ihrem Oheim auf Abba. Der älteste heißt Mohammed, dann kommt Hamed, dann Mohammed Achmed; der jüngste, Abdallah, ist nachgeboren. Die Brüder des Derwischs Mohammed Achmed sind kraftvolle, einfache Menschen, gewandt in dem Handwerk ihres verstorbenen Vaters, das sie auch auf Abba erfolgreich betreiben. Überall, nilauf, nilab, kennt man die ausgezeichneten Barken aus Akazienholz, die diese begabte Familie baut. Auch Mohammed Achmed hat das Zimmermannshandwerk erlernt, und er hat es auch noch als Derwisch mehr als einmal betrieben, denn ein weltlicher Arbeitsberuf ist den Jüngern der Orden nicht untersagt. Indessen sind Oheim und Brüder nun, da der Wanderer auf ihre Insel zurückkehrt, mit Freuden bereit, für ihn zu sorgen, auch wenn er niemals arbeiten wollte. Er ist für sie der Gelehrte, der Fromme, der Stolz der Familie, der ihren Anspruch auf die hochheilige Abkunft vom Propheten Allah erweisen und durchsetzen wird. Die beste Hütte des mit Dornen umhegten Gehöfts, in dem der Großoheim mit den Seinen wohnt, gehört dem Heiligen des Geschlechts. * Keine Ordensregel verbietet dem Derwisch die Heirat. Er hat zwei gesetzliche Frauen, die beide Fatima heißen und beide seine leiblichen Basen sind, die eine die Tochter seines Vaterbruders, die andere seines Großoheims auf der Insel Abba. Aber er wohnt nicht bei seinen Weibern in seiner Hütte; sie kommen nur täglich zu ihm in das höhlenartige Loch im Ufer des Nils, wo er als Einsiedler haust. Sie kommen, zwei keusch verhüllte Gestalten, schwesterlich schwatzend zur Höhle, küssen ihrem Herrn die Hand, füllen seine hölzerne Bettelschale mit Durrhagrütze oder gedörrtem Fischfleisch. So lebt Mohammed Achmed. Er trägt nichts am Leibe als ein Hemd aus rauhem Stoff. Ist es zerrissen, dann müssen die Weiber es mit Flicken benähen; ist es schmutzig, dann müssen sie es sorgfältig waschen. Nie duldet er an sich und um sich Unreinlichkeit. Er hat einen Gürtel aus Palmstroh und eine Schädelkappe aus dem gleichen Flechtwerk. So kann man ihn manchmal auf den Feldern des Oheims arbeiten sehen. Dann bemüht er sich wie irgendein Negersklave. Er wartet Kamele und Esel; ein andermal hilft er den Brüdern auf ihrer Werft; er weiß die Zimmermannsaxt sehr wohl zu gebrauchen. Indessen, er arbeitet nicht zum Erwerb oder weil es von ihm verlangt wird: nur sich selbst will er seine Demut beweisen. Meistens sitzt er doch, fern von den Seinen, fremd den Seinen, in dieser einsamen Höhle im Ufergestrüpp. * Vor dem Eingang der Höhle hat er ein Schattendach, vier Pfähle, mit Laub gedeckt, darunter steht sein Angareb, das sudanesische Ruhebett aus Rahmenlatten und Lederriemen, das im Sudan auch der Ärmste hat. Hier pflegt der Derwisch die Stunden des Tages zu verträumen, die nicht dem Gebet gehören und den endlosen mystischen Übungen, durch die er den Leib zu betäuben, die Seele müde zu machen sucht, so daß sie sich völlig Allah ergibt, in die Gottheit einschmilzt. Oft dauert es wochenlang, ehe er wieder aus der Höhle ans Tageslicht kommt, in der er gebetet, geschrien, gefastet hat. Dann wieder kommen Tage, an denen er ausruhen muß, Kräfte sammeln und träumen. * Unter dem Strohdach liegt er und blickt auf den fließenden Nil. Der Nil ist sein ältester Freund, seine wirkliche Heimat. Auf einer Insel wie dieser ist Mohammed Achmed geboren worden, auf Darar bei Dongola, in einem aus Nilschlamm gekneteten Dorf unter Dattelpalmen. Das melancholische Singen des Schöpfrads, das aus dem Nil das Wasser ans Ufer hebt, ist seine erste Erinnerung. Der Nil bei Dongola, bald idyllisch zwischen den grünen Gärten und Feldern strömend, bald stürmisch in Katarakten gegen die Felsen tobend, das ist das erste Erlebnis dieses Menschen gewesen, es ist, als ob ihm der Nil durch die Adern flösse, dunkel, uralt, geheimnisvoll, gefährlich, befruchtend, vernichtend. Sein Vater, der Bootszimmermann, hat ihn fast noch als Säugling mit ans Wasser genommen; ehe er gehen konnte, schwamm er mit anderen nackten Kindern im Nil herum; später einmal hat ihm der Vater ein ganz kleines Boot gemacht, und er hat es mit den Händchen paddelnd gerudert. Den Nil hat er nie aus seinem Leben verloren, auch nicht, als sein Vater später die Seinen mit sich stromaufwärts genommen hat, nach Khartum und Kerreri, wo der Bootszimmermann bis zu seinem verfrühten Tode gearbeitet hat. Mohammed Achmed kann in seiner Erinnerung das Bild des Vaters vom Nil nicht trennen. Er sieht ihn halbnackt im seichten Wasser ein beschädigtes Boot reparieren oder in der Werft am Ufer mit einer Axt in der Hand. * Aber der Vater Mohammed Achmeds ist nicht ein gewöhnlicher Mensch gewesen, zufrieden, wenn er das nötige Essen erarbeitet hatte. Er war im Koran und in den Traditionen erfahren fast wie ein Fikih, ein Schriftgelehrter. Nie hat er eines von den fünf Tagesgebeten versäumt, seine Kinder hat er Suren sagen gelehrt. Immer und immer hat er beteuert, was die Dorfleute daheim niemals glauben wollten: daß an ihm von den Ahnen her etwas Besonderes sei, eine unfaßbar herrliche Heiligkeit. Seine Vorfahren hätten nicht immer am Nil gewohnt. Sie wären mit dem Heer der alten arabischen Eroberer von Osten gekommen, aus Medina, der Stadt des Propheten Mohammed – und von dem Stamm des Propheten selber seien sie gewesen. Nachkommen Fatimas, der Tochter Mohammeds und seines Vetters Alî. Zugleich mit der ersten Sure, die er beten gelernt hat, hat Mohammed Achmed eine erhabene, eine fast göttliche Ahnenreihe hersagen müssen. »Ich bin der Sajjid Mohammed Achmed, Sohn des Sajjids Abdallah, Sohnes des Fahl, der der Sohn des Abd el-Welî war, Sohnes des Abdallah, Sohnes des Mohammed, Sohnes des Mekkapilgers Scherif, – der der Sohn war Alîs, des Sohnes des Achmed, des Sohns des Alî. Sohnes des Hasb en-Nebî, Sohnes von Sabr –« Der Knabe hat die Namen der Ahnen weitergesprochen in ihrer aufsteigenden Reihe. Der Vater des Urahnen Sabr, irgendwann in den dunklen Jahrhunderten, heißt Abd el-Kerîm, dann kommen Hussain, Aun-Allah, Nadschm ed-Dîn, Otmân, Musa, Abu al-Abbas, Junus, Otmân, Jaqûb, Abd el-Kâdir, Hassan el-Askarî – – »Sohn Ulwâns«, hat der Knabe weiter gelernt, »des Sohnes des Abd el-Bâquî, Sohn des Sachra, Sohnes des Jaqûb, Sohnes des Hassan es-Sibt, der der Sohn war unseres Herrn, des Imams Alî, Sohnes von Mohammeds Oheim Abu Tâlib – –« Bei den mehr als heiligen Namen des Khalifen Alî, des Märtyrers Hassan und jenes anderen Hassan, genannt el-Askarî, von dem nach den Traditionen der zwölfte Imam seine Abkunft herleiten muß, der Erwartete, der später den Islam vollenden soll, – treten dem Knaben Tränen des Stolzes in seine Augen. Das sind seine Ahnen, obwohl die anderen Jungen über den unerwiesenen Anspruch spotten, ja, er ist der Sajjid Mohammed Achmed ibn es-Sajjid Abdallah, ein »Scherif« aus dem Haus des Propheten Allahs, auf dem der Segen sei und das Gebet – – Vielleicht ist es das, was den Knaben zu solchem Fleiß gedrängt hat, in den Medressen von Kerreri und Khartum, wo er, zu den Füßen des Fikih hockend, das Lesen lernte und die heiligen Texte. Mit neun Jahren hat er den ganzen langen Koran aus dem Kopf zu rezitieren vermocht, als ein kleines Wunder hat er schon damals gegolten; die Mutter war stolz, die Oheime, seine Brüder – – * Der Einsiedler von Abba, auf seinem Lager am Eingang der Höhle, träumt weiter von den Jahren, da er der Jünger größerer Meister gewesen ist, heiliger Scheichs: Scheich el-Emîr, im Flußland zwischen den beiden Nilen, dann bei Scheich Mohammed el-Kher in Berber. Wieviel Lernen, wieviel Fasten, wieviel harte und knechtische Arbeit am Tag, welches Wachen und Beten, Beten und Wachen bei Nacht! – Bis er sich eines Tages in zitterndem Zweifel geprüft hat, ob er nun würdig wäre, dem großen Heiligen Allahs als Knecht und Schüler zu dienen, dem Oberhaupt der Sammanîjja Tarîka, Mohammed Scherif – Der ihn schließlich nach vielen Jahren des Dienstes und der Treue von seiner Schwelle gejagt hat wie einen unreinen Hund – – Wenn seine Gedanken bis dorthin geflossen sind, bis zu der entsetzlichen Schmach jenes Tages, flüchtet Mohammed Achmed mehr als einmal in dieses finstere Erdloch, das er sich als Zuflucht vor eben diesen Gedanken gegraben hat, und beginnt aufs neue die Wonne sowohl als Marter bedeutender Übungen, die mehr als Gebet sind und mehr als Aszese; in ihnen steckt eine Magie, die Macht verleiht, die Unsichtbare beschwört, mystische Wesen zur Hilfe zwingt, vielleicht auf die Gottheit selber bestimmend einwirkt – – Da ist die »Riada«: der aszetische Büßer, in sauberen Kleidern und strenge fastend, wiederholt durch Tage und Tage zwei von den Namen Allahs: »Jâ Kerîm, jâ Rahîm!« »O du Großmütiger, du Erbarmer!« Nicht willkürlich; genau bestimmte und kabbalistisch bedeutsame Zahlen regeln die Wiederholung der Gebete, der Gesten. Einundzwanzigmal nach dem Morgengebet die hundertundneunte Sure: »Sprich: O ihr Ungläubigen, ich verehre nicht, was ihr verehrt, und ihr verehrt nicht, was ich verehre; noch werde ich je verehren, was ihr verehrt, noch werdet ihr je verehren, was ich verehre; euch sei eure Religion, mir die meine – –« Dies einundzwanzigmal, darauf alle neunundneunzig Namen Allahs, dreimal, dann die beiden Namen: Jâ Kerîm, jâ Rahîm, ohne die geringste Pause immer wieder, immer wieder, bis in die Nacht hinein, nur unterbrochen von den nötigsten Leibesverrichtungen; zwischendurch zu einer bestimmten Stunde tausendmal das Gebet für den Propheten (»Gott segne und bewahre den Propheten!«). Manchmal wird eine gewisse Formel gesagt, die sehr geheim ist; der Beter liegt vorwärts gebeugt mit der Stirn im Staub. Dann wieder die beiden Namen, so oft mal hintereinander, als die Buchstaben, die sie bilden, Zahlenwert haben – – Tag und Nacht, Tag und Nacht. Der Beter nährt sich spärlich von getrockneten Trauben, etwas Mehl, Öl und Essig. Während der ganzen Zeit dampfen neben ihm Wohlgerüche, die in einer besonderen Räucherpfanne brennen müssen, Benzoëharz, Amber, andere und geheime Mittel, die schwer duftende Nebel erzeugen. Der Beter, trunken von Allah, von seiner singenden Stimme, den Bewegungen seines Kopfes, mag schließlich Gesichte sehen: Unbekannte kommen zu ihm, er hat sie herabgezwungen, sie sind ihm zu Diensten verpflichtet. Formlose Wesen aus einer anderen Welt, leuchtende oder düstere, tauchen plötzlich auf, Stimmen beginnen zu sprechen, sie sagen ungeheure Dinge – – * Diese geheimen Stimmen, die zu ihm sprechen, geben dem Gedemütigten wohl sein Selbstvertrauen zurück, und viel mehr: nach und nach beginnt der Mann, der das Joch getragen hat, seinen Nacken frei zu fühlen, das Haupt zu erheben. Jetzt kommt er wieder aus seiner Höhle zum Vorschein. Die Menschen von Abba, die diesen Geheimnisvollen, den in die Erde Verkrochenen, bisher nur von ferne sahen, mit einem gewissen Grauen, finden ihn jetzt bisweilen unter der großen Akazie, in deren Schatten die Dorfbewohner zusammenkommen. Man läßt ihm den Ehrenplatz nahe am Stamm des Baumes; dort sitzt er, auf einem Schaffell. In der Hand hat er einen Rosenkranz; sein geflicktes Derwischhemd ist wunderbar sauber, um die Schädelkappe trägt er ein Turbantuch von strahlender Weiße; ein Ende des Tuches hängt über die Wange herab und berührt seinen schwarzen Bart, der sorgsam geölt ist. Wer nahe herankommt, aber wenige wagen es, spürt einen Wohlgeruch, der von dem lächelnden Manne ausgeht. Ist das der Duft der mystischen Räucherflammen in seiner Höhle, oder duftet die Heiligkeit dieses Einsiedlers so, an die man zu glauben beginnt? Erst hält eine abergläubische Scheu die Bewohner der Insel fern. Auch ziemt es sich nicht, einen Frommen zu stören, der den Rosenkranz betet. Aber bald gewinnt das freundliche Lächeln des Mannes die Kinder. Kleine Nackepatsche, braune arabische Jungen ohne ein Stückchen Kleidung am Leibe, und Negerkinder aus dem Schillukdorf, ganz Riesenbauch und Wollkopf, auf langen Spinnenbeinchen, kommen, starren ihn an, spielen schließlich in seiner Nähe ohne Angst ihre seltsamen Spiele. Das gibt den Frauen von Abba den ersten Vorwand, gleichfalls zu kommen. Junge und alte Weiber, schwarze und hellere, verhüllte und nackte, bleiben am Rande der Lichtung stehen, auf der dieser gewaltige Baum ist, und sehen mit großen Augen verzückt oder kichernd den schönen Heiligen an. Sie sind es, die zuerst gewisse Zeichen an ihm bemerken: die Lücke zwischen den Schneidezähnen, ein Muttermal auf der rechten Wange, – – Zeichen, die viel bedeuten! * Die Insel Abba liegt an dem großen Wasserweg nach den reichen südlichen Negerländern. Die Dampfschiffe kommen vorbei, die der Pascha von Khartum nach Faschoda schickt, in die neu erschlossenen Äquatorprovinzen. Die Segelbarken kommen vorbei, die aus den Faktoreien der großen arabischen Händler im Negerland das Elfenbein bringen und tragische Frachten von elend zusammengepreßten Sklaven. Der Karawanenweg vom Tsadsee, auf dem aus Bornu, Wadai, Dar-Fur die Pilger nach Mekka streben, kreuzt unfern von Abba den Weißen Nil. Der Flecken Kawa, gegenüber der Insel am östlichen Ufer, ist ein großer Handelsplatz und Hafen; hier und von Abba holen die Dampfer aus den Wäldern das Holz für ihre Feuer, bevor sie in die holzarme Sumpfgegend weiterfahren. So kommt es, daß Abba, obgleich nur von wenigen Menschen bewohnt, von Ackerbauern, die aus den nubischen Dörfern um Dongola vor dem Steuererheber geflüchtet sind, und von einigen riesigen Schilluknegern, deren Dörfer aus spitzen Kegelhütten von hier an am Strome beginnen – daß Abba von zahlreichen Fremden besucht wird. Boote landen: große Dahabiehs und die plumpen Frachtschiffe, die man Nuggars nennt. Auf Abba wohnt ja eine Familie von Zimmerleuten, die lecke Schiffe ausbessern können, – und wie oft leidet ein Boot in den Katarakten oder wird von einem wütenden Flußpferd beschädigt! – Auch weiß man bereits, daß auf Abba ein neuer Heiliger lebt. Die Schiffer gehen ans Land, um ihn zu sehen, wie er unter dem Baum sitzt; mancher bittet ihn auch um ein wundertätiges Amulett. Man weiß doch, daß die Worte der sechsundvierzigsten Sure, von einem Kundigen auf eine Planke des Schiffes geschrieben, jedes Scheitern des Fahrzeuges verhüten! Wenn dieser heilige Fikih will, schreibt er es auf die Planke: »Im Namen Allahs schwimme dahin, Schiff, und wirf den Anker! In Wahrheit, der Herr ist sehr gnädig, erbarmungsreich!« – Wenn er will, schreibt er auf ein bleiernes Täfelchen: »Jâ Rachmân, jâ Rahîm« – was bekanntlich das Fischernetz, in das die Tafel gelegt wird, mit Fischen füllt. Muß dieser »Abu Faldscha«, der »Vater der Zahnlücke«, wie sie ihn allgemein nennen, nicht die Formel kennen, die mit Rosenwasser auf einen Streifen Gazellenhaut geschrieben wird, – den man vor einem Kampf an die Fahne heftet oder dem Führer in seinen Turban steckt? Ein Araber, aus Khartum, der stromaufwärts zu Sibêr Rahamet reist, dem größten Sklavenjäger am oberen Nil, kommt auf seinem Wege nach Abba und bittet den heiligen Derwisch um diesen Talisman, den er bei den Überfällen auf Negerdörfer mitführen möchte. Ein Scheich der Baggara im Süden will das bekannte Mittel zum Einfangen flüchtiger Sklaven. Alle die fremden Besucher bringen Geschenke mit, manchmal ein Schaf oder Körbe voll Durrhakörner, manchmal selbst Elfenbein oder schöne Gewänder oder Maria-Theresien-Taler. Der lächelnde junge Derwisch unter dem großen Baum hört jeden an, sagt jedem ein frommes Wort, gibt dem oder jenem auch ein kupfernes Röllchen, in dessen Innern ein Korantext steht, bekennt aber kaum, Wunderkräfte zu besitzen: »Alle Kraft und Macht ist bei Allah!« Alle Geschenke verteilt er an die Armen von Abba. Man nennt ihn deshalb: »Der Entsager.« * Längst schon sind die bewaldeten Inseln im Nil ein Zufluchtsort für Flüchtlinge, die der Türke verfolgt. Der Türke, der »Turk«, so heißen im ganzen Sudan die Ägypter, weil ihre Effendis und Paschas meist türkischer Abkunft sind, obwohl auch Syrer darunter sind, christliche Kopten und Europäer. Der Turk ist jeder, der hellhäutig ist und einen Tarbusch trägt: man weiß nicht recht, ist er ein Muselman, wie er meistens behauptet, oder ungläubig, wie manchmal geflüstert wird. Wie immer: der Turk ist der böse Feind des Sudâni, Tyrann, Erpresser und Leuteschinder. Nach Abba flüchtet der Dongolawi, dem der Pascha die Dattelernte wegnehmen ließ, der Dschaalin, dem seine Kamele gepfändet wurden. Ein Baggara-Araber ist her entronnen, den der Baschi-Bosuk zu foltern drohte, um das Versteck seiner Rinder im Wald zu entdecken. – Der Baschi-Bosuk! Die anatolischen oder arnautischen Söldner des Paschas plündern den ganzen Sudan. Mit der Remingtonflinte und dem Kurbatsch aus Nilpferdhaut in der Hand kommen sie und fordern nicht die gesetzliche Steuer, sondern das Zehnfache. Dann noch für sich schwarze Sklavenweiber und das fetteste Essen, viele Töpfe Bier. Widerstrebende peitschen sie, oder sie legen einen Gefesselten nackt auf die am Mittag brennende Erde. Versucht ein mannhafter Araber bewaffneten Widerstand, dann wird seine Dornseriba oder sein Zeltdorf von den Basingern überrumpelt, halbnackten heidnischen Schwarzen im Solde des Paschas, die als Kriegsproviant manchmal blutige Fetzen Menschenfleisch in den Patronentaschen tragen, die aber mit guten Gewehren bewaffnet sind und zum Kämpfen dressiert. – Das ist der Turk, das tut er im Sudan. * Immer öfter hört der Büßer von Abba diese grollenden und verzweifelten Stimmen: »Turk! Turk!« – Mischen sie sich in die trunkenen Träume seiner Gebetsekstasen? Nach Tagen, die er von neuem in der Höhle verbracht hat, in immer strengerem Fasten, spricht er einmal einem nahe um ihn sich drängenden Kreise unter dem Baum jene Suren des heiligen Buches vor, die den Sieg des Glaubens verheißen und das Unheil, das den Ungläubigen droht. Bald vielleicht, sagt er geheimnisvoll, kommt die Stunde. Ein Retter, ein Rächer wird erwartet. Bei Allah allein ist das Wissen! Der Storch Ein Raddampfer fährt nilaufwärts; auf dem vorderen Deck sitzt Colonel Gordon vor einem Tisch mit Schreibzeug, Zigarren und Büchern. Es ist heiß, aber es sitzt sich nicht unbehaglich. Gordon schreibt einen Brief an seine Schwester Augusta. Der »Chinesische Gordon«, wie sie ihn nennen, ist ja schon fast überall gewesen, aber in Afrika war er bisher niemals. Er geht jetzt nach Gondokoro, als Generalgouverneur der neuen Äquatorprovinz. Schöne Provinz! Nichts als Fieber und Mücken und Sklavenjäger. Aber das weiß Charles G. Gordon alles noch nicht. Obwohl er Ahnungen hat. * Er raucht wie ein Schlot; ein kleiner zierlicher Mann von vierzig, mit Bartkoteletten um ein gesundes rotes Gesicht. Er trägt die Alltagsuniform eines Obersten der Royal Engineers im britischen Heer; dazu den ägyptischen Fes. Er schreibt und schreibt, das tut er sehr gern und meistens; dann springt er dazwischen auf; dann fällt ihm was ein, was er in der Bibel suchen wollte; sie liegt neben ihm, mit einem Lesezeichen darin, das Augusta gestickt hat: grüne Seide mit gelben Streifen schottisch kariert; in den grünen Quadraten sind kleinere blaue verschlossen; es sind die Farben des uralten Hochland-Clans Gordon. Fortwährend fahndet er nach Bibelzitaten, Charles Gordon. Dann sieht er die Nillandschaft an, mit hellblauen Augen, in denen ein Wille ist; dann wirft er die Zigarre weg, nimmt eine neue. Er ist etwas zapplig, Gordon. Seine Aufmerksamkeit ist glühend und heftig, solange sie dauert; dann erkaltet sie plötzlich; was eben auf Erden das Wichtigste war, ist belanglos geworden. – – Charles G. Gordon seufzt ein wenig; es ist seltsam, er ist nicht gelaunt, wie er sollte; dann gähnt er, dann schreibt er, sehr kraus, aber leserlich, mit seiner schönen und mannhaften Hand. Solche Sachen schreibt er an seine Schwester Augusta in England: »Dein Bruder hat jetzt den Titel: Seine Exzellenz General Oberst Gordon (ja, es ist eine seltsame Mischung!) – der Generalgouverneur des Äquators – also, den Äquator nämlich darf jetzt niemand mehr kreuzen, wenn es Seine Exzellenz nicht erlaubt ... »– – Aber gestern hatte Dein Bruder die Hosen ausgezogen und stand im Nilwasser und schob mit am Boot; trotz den Krokodilen. Die rühren einen nicht an, wenn man sich bewegt. »– Wir haben Khartum unter einem Salut der Artillerie verlassen, jetzt dampfen wir nilaufwärts. Wir sehen eine große Menge Krokodile. Die Krokodile liegen jeden Abend im Sande und sehen in der Sonne ganz glitzerig aus. Das sind schreckliche Kreaturen, wie sie da liegen, mit offenen Schnauzen, sich sonnend. Rings um sie sind immer auch kleine Vögelchen – – »– – Der Dampfer fährt recht langsam; nur vier Meilen die Stunde gegen die Strömung. Störche (meine alten Störche von der Donau), schwarze und weiße, sind zu Tausenden an den Ufern, mit Pelikanen und allen Sorten von Wasservögeln, vom kleinsten Reiher bis zu dem Riesenvogel mit dem ungeheuren Schnabel, der vollkommen ruhig sitzt. Ja, ich habe doch heute Nilpferde gesehen, aber nur ihre Schnauzen –, sie waren inmitten des Flusses. Trupps von Affen kommen zum Trinken ans Wasser; mit ganz langen Schwänzen, die wie lange Degen von ihren Rücken abstehen. Sie sehen sehr komisch aus. Die Ufer sind dick bewaldet, und das Land ist ganz flach. »Die Bäume sind Gummibäume oder Tamarisken. Wir kamen an Leuten vorüber, die als Kopfbedeckung Kürbisse tragen, und auch an Schilluknegern, die gar nichts tragen, wirklich schon gar nichts.– –« Charles G. Gordon hält inne, liest stirnrunzelnd, was er geschrieben hat. Da ist das von den Störchen – – Seltsame Vögel, Störche. Ein wenig geheimnisvoll! Immer schon haben ihn Störche interessiert. Während seiner Dienstreisen an der unteren Donau hat er immer so viele gesehen. Hier ist das Land, wohin die Donaustörche im Winter fliegen. Colonel Gordon zögert. Soll er Augusta von diesen Störchen von gestern erzählen? Gestern nacht. Die Geschichte beunruhigt ihn so – – * Dieser Hochlandschotte, dieser Pionieroffizier von den Royal Engineers, Charles George Gordon, lebt ein farbenreiches Leben. Den Krimkrieg hat er mitgemacht. Dann war er in China, hat zugesehen, wie Lord Elgin den Sommerpalast in Peking zerstörte. Dann ist ein chinesischer Messias aufgestanden, Hong, hat erklärt, er sei Gottes Sohn und werde das Gottesreich Taiping begründen. Da aber die Taiping-Rebellen zunächst die europäischen Settlements von Schanghai bedrohten, hat man den Captain Gordon zum General einer phantastischen improvisierten Schutztruppe gemacht, des »Ewig siegreichen Heeres«, wie der chinesische Titel war. Gordons Freund, der große Chinese Li-Hung-Tschang, behauptet seither, der Schotte hätte damals China gerettet. Deshalb nennt man ihn in England den Chinesischen Gordon. – Nachher ist er wieder zu Hause gewesen, als Chefingenieur beim Fortbau in Gravesend. Dann war er Englands Vertreter bei der Donaukommission in Galatz. Von Galatz aus hat er Stambul besucht; dort ist er Nubar Pascha begegnet, dem ägyptischen Premierminister. So, und jetzt fährt er den Nil hinauf, nach Gondokoro. Nubar hat einen Europäer als Gouverneur am Äquator haben wollen, damit es nicht immer heiße, Ägypten tue nichts zur Unterdrückung des Sklavenhandels. Jetzt also fährt Gordon, Seine Exzellenz Gordon, Colonel Gordon im britischen Heer, General im ägyptischen, fährt ganz allein in das wilde Sumpfland, in diese vage Provinz, die dort angeblich existiert – – Er ist, das sieht ihm so ähnlich, losgefahren, ohne auf seinen Stab zu warten, die Truppen, die Vorräte, die man versprochen hatte. Und die ewig nicht kommen. Nichts kommt, und nichts klappt, und nichts ist in Ordnung. Diese Ägypter, scheint es – – * Charles G. Gordon runzelt die Stirne. Seltsam genug, er ist nicht recht froh. Diese Störche von gestern – – Er hat solche Ahnungen! Sein Gottvertrauen ist freilich groß. Er ist ein Gläubiger, Charles G. Gordon. Jetzt ist es ihm klar genug, daß nicht ein Zufall oder Nubar Pascha, sondern daß Gott ihn erwählt hat, um Afrika zu erlösen. Die Schmach des Sklavenhandels von der Erde zu tilgen. Die Fügung ist sichtbar; gewisse Stellen der Bibel (die Gordon rastlos erforscht) prophezeien das Größte. Seltsam, daß dennoch kein Hochgefühl aufkommt. – Vielleicht, weil er Kairo gesehen hat, das Ägypten des Vizekönigs Ismail Pascha. Welch ein tolles Regime und welche Verrottung! Der Khedive, in Schulden erstickend und in die Äußerlichkeiten der europäischen Zivilisation kindisch verliebt, erliegt seinen Aussaugern und saugt selber sein Land aus; Kairo riecht nach Verwesungsgeruch und Pariser Parfüms. Und Khartum! Charles G. Gordon denkt mit einem nervösen Ekelgefühl an die Tage, die er soeben dort verbracht hat, als der offizielle Ehrengast des Generalgouverneurs Ismail Jakub. Der Pascha ist freilich die orientalische Höflichkeit selber gewesen, er hat Gordon mit Empfängen, Paraden, Ehrensalven nicht wenig geplagt und mit dem Schrecklichsten, was er überhaupt auf Erden kennt, großen förmlichen Galabanketten! Aber im Grunde, das weiß Gordon doch sehr gut, haßt dieser fette Pascha, mit dessen Hilfe er die Sklaverei bekämpfen soll, hassen alle die Effendis in Khartum von Herzen den Europäer, dem es am Ende gar mit diesem Kampf gegen den Sklavenhandel ernst ist. Wovon sind sie denn alle so fett? Vom Sklavenhandel, an dem sie beteiligt sind. Was dieser Pascha, was diese Beys ihm unter der Hand nur antun können, das, denkt sich Gordon, werden sie bestimmt nicht unterlassen! – Ach was! denkt Colonel Gordon sogleich, bei dem trübe Ahnungen stets mit optimistischem Hoffen zu wechseln pflegen, alle Leute werden doch nicht gegen mich sein! Da ist dieser feine Kerl, Abu Saud, den ich am Äquator zu meinem Stellvertreter ernennen werde. In Khartum haben mich alle vor ihm gewarnt, er sei so ein schrecklicher Schurke; ich dürfe nicht einmal in seiner Gegenwart essen. Er könnte mir Gift in mein Essen tun! Armer Abu! Ich bin überzeugt, sie schimpfen auf ihn, weil er anständig ist. Der wird mir helfen, dem vertrau ich gerade, der wird ein großer Mann unter mir! Dann ist da der andere, Raûf Bey, der mich in Gondokoro erwartet, auch ein guter Mann.– – Es wird schon gehen, es muß, ich reinige noch diesen Augiasstall. Diese Menschenjäger, diese Verkäufer von Witwen und Waisen, die Landverwüster, die Herren der blutigen Karawanen, die Sklavenhändler und Negermörder tilge ich von der Erde! * Nur, denkt Gordon, plötzlich umspringend wie ein Segler im wechselnden Winde, nur, ist es denn möglich? Kann ich in diesem schrecklichen Land etwas Wirkliches ausrichten? Der Colonel ist vom Tisch fortgegangen und steht jetzt an der Brüstung des Sonnendecks, blickt auf den Strom. Es ist alles ruhig und friedlich, ganz still, nur unten aus den Mannschaftsquartieren kommt ein halblautes arabisches Lied, in die Länge gezogen. Gordon blickt auf den Strom und die Ufer; sieht ein Boot mit nackten, tiefschwarzen Fischern und zwischen Bäumen ein Dorf aus garbenförmigen Hütten. Eigentlich sucht das wandernde Auge Gordons – nach Störchen. Obwohl er an anderes gedacht hat, seltsam, Störche und Störche beschäftigen Gordon seit gestern abend immer von neuem. Auf einmal geht er hastig zurück an den Tisch, setzt sich mit rascher Bewegung. Sein gesundes Gesicht zwischen den Bartkoteletten ist jetzt noch röter als sonst, der Blick seiner hellblauen Augen verschwimmt ein bißchen, er ist ganz erregt, wie er wieder die Feder nimmt und sich endlich jenes Erlebnis vom Herzen schreibt. Er ist so, er muß schließlich alles mit Tinte auf Papier setzen. Er schreibt an Augusta: »Gestern abend fuhren wir langsam durchs Mondlicht, und ich dachte an Euch und meine Expedition, an Nubar Pascha und alles, – als plötzlich aus einem dichten Gebüsch ein lautes Gelächter schallte. Ich war erst ganz aufgebracht über das unerklärliche Lachen, dann aber entdeckte ich, daß es Vögel waren, die aus den Büschen auf eine so unhöfliche Weise über mich lachten. Es ist eine Art von Störchen. Sie schienen prächtig bei Laune und sehr belustigt. Vielleicht, weil da soeben ein Mensch nach Gondokoro reiste – und sich einbildete, dort werde er etwas Nützliches vollbringen können!– –« Charles G. Gordon hält inne, blättert in dem langen Brief, setzt das Datum ein, das er vergessen hatte: 27. März 1874. Das Datum muß er sich merken. Der Singsang auf dem Zwischendeck dauert fort. Die Schiffsleute und eingeborenen Diener begleiten die monotone Singerei mit rhythmischem Händeklatschen. Gordon hört nicht zu und hört dennoch. Sein Geist ist umdüstert. Diese abergläubische Ahnung, die ihn gepackt hat, wird stärker, bestimmter. Seine blauen nordischen Augen verlieren sich in die Ferne. Seine Ahnen im schottischen Hochland haben das alle so gut gekannt, das Zweite Gesicht! * Mit einem Ruck nimmt Gordon, plötzlich in sich heimgekehrt, das Buch vom Tisch, die kleine Bibel, und öffnet sie an der Stelle, wo das Lesezeichen steckt, das Stück Seide in den Farben des Clans Gordon. Zum wievielten Male seit gestern nacht liest er die Stelle? Jeremia, Kapitel acht, Vers sieben: »Der Storch unter dem Himmel weiß die vorausbestimmte Zeit – –« Welche Zeit? Was ist vorausbestimmt? Was hat dieser Storch gewußt, worüber lacht er so grauenhaft? * Gordon reißt sich los. Er legt das Lesezeichen Augustas wieder sorgfältig zwischen die Seiten des Buches Jeremias, aber er blättert dann weiter zurück, sucht die Stelle im Buche Jesaja, die er noch nachlesen wollte, weil er in ihr eine Schilderung seiner jetzigen Reise vermutet und eine mystische Weissagung, die ihn persönlich betrifft. – Seitdem er Ägypten bereist, liebt es Gordon, die Bibel als Reisehandbuch zu lesen. Wo wäre das Nilland besser beschrieben als in der Bibel? Auch diese Strecke des sudanesischen Nils – – Colonel Gordon blättert mit seinen sonnenverbrannten mageren Händen: Jesaja XVIII, 1, 2: »Ho to the Land – –«, liest er in seinem englischen Bibeltext – »Auf in das Land der schwirrenden Schwingen, das jenseits der Ströme von Äthiopien liegt – –« Colonel Gordon nickt vor sich hin. Wie alles da steht, alles erwähnt ist, alles gewußt ist! »Das Land der schwirrenden Schwingen«, das ist das Sumpfland am oberen Nil, »jenseits der Ströme Äthiopiens«, des Sudans. »Schwirrende Schwingen« – der Myriaden Moskitos! Er liest weiter im Text: »Es entsendet Botschafter hin zur See, in Booten aus Schilf, die über das Wasser fahren – –« Nirgends ist die Stimme des Propheten deutlicher, empfindet Gordon. Die »Boote aus Schilf«, das sind jene kleinen Flöße aus Bündeln von Ambatsch-Rohr, auf denen die Schilluk-Neger den Nil zu befahren pflegen. Alles steht in der Bibel! Aber nun: »Gehet hin, ihr geschwinden Boten, zu einem Volk, das hochgewachsen und glatt ist, zu einem Volk, entsetzenerregend von Beginn an, einem Volk, das zumißt und niedertritt, dessen Land die Ströme zerteilen – –« Gordon starrt in seine kleine englische Bibel, er versteht das nicht. »Das Volk, das hochgewachsen und glatt ist«, das können, das müssen diese riesenhaften sudanischen Neger sein, mit ihren haarlosen, mit Öl eingeriebenen Leibern. Was aber »messen sie zu« oder »treten sie nieder«? Soll es nicht anders heißen: Niedergetretene, sie selbst, dieses Volk von Sklaven? Charles G. Gordon seufzt ein wenig, weil es sehr heiß ist und weil er die Bibelstelle nicht recht versteht. Der Schluß des Kapitels, tröstet er sich, klingt ja schön und verheißungsvoll. Von diesem »glatten und riesigen Volk« zwischen den Strömen, das sind ja eben die Neger, die er befreien wird, von den Negervölkern seiner neuen Provinz zwischen den Quellströmen des Nils, heißt es, sie werden: »Geschenke bringen dem HERRN Zebaoth«, an den Ort, »da der Name des HERRN der Heerscharen ist, zum Berge Zion – –« Nur halb verständlich, aber gewiß eine gute Weissagung! Charles G. Gordon klappt das Buch zu (aber das Lesezeichen, das hervorsteht, erinnert an Störche!). Er bemüht sich, in seinem Herzen zu glauben, daß da eine an ihn direkt gerichtete große Verheißung ist, er wird diese Versklavten, zu Boden Getretenen zur Erlösung führen, er weiß nur nicht wie.– – Er schließt die Augen und sieht sogleich Bilder: Wilde Bewaffnete, die friedliche Dörfer umringen, den Überfall, die brennenden Hütten, die gemordeten Männer, die Frauen davongeschleppt, die Jünglinge durch die Wüste marschierend, mit dem Joch an der Gurgel; Skelette am Wege der schrecklichen Karawane, die Nilpferdpeitsche, den Sklavenmarkt. – – – Charles George Gordon weiß, daß er nicht leben kann und dieses dulden.– – Er schlägt mit seiner braungebrannten Soldatenfaust auf den Tisch; der feine Mund unter dem weichen Schnurrbart schließt sich fest. * Immer wieder ertappt er sich dabei, wie er am Bordrand steht, mit dem Fernglas, und die Ufer mustert – ob Störche zu sehen sind. Manchmal verbirgt er das vor sich selber. Er wollte nur wissen, wo er jetzt ist. Wie heißt dieses Dorf am Ufer? Wie diese Insel? Die Flußkarte, die er hat, die von Manuel, ist viel zu schlecht; Gordon macht sich Notizen und Skizzen für eine neue Karte des Nils, die er zeichnen will. – Von Khartum, notiert er, 160 Meilen bis Kawa. Das war dieser Hafen und Holzplatz. Die Stelle von gestern lag ungefähr schräg gegenüber, die Insel, in deren Gebüschen die Störche – – – Er sieht auf Manuels Nilkarte nach, wie denn diese Insel geheißen hat. Vielleicht hat sie gar keinen Namen. Nein, da steht er. Ausnahmsweise einmal. Die Insel, an deren Ufer der Storch gelacht hat (der Storch weiß die vorausbestimmte Zeit), diese völlig unbekannte Insel im Weißen Nil heißt: Abba. Die Schale Die Reisenden, die auf Abba gewesen sind, verkünden die Nachricht von einem neuen Walî, der dort wohnt, das ist: ein Gottnaher. Schon machen sich wandernde Schüler mit Stab und Bettelschale zu ihm auf den Weg. Er ist aber immer noch ein davongejagter Derwisch, vom Pfade gedrängt, nicht berechtigt, andere zu führen. Da gelangt die Kunde von ihm zu dem Scheich El Koreïschi, der in hohem Alter sehr heilig bei Messalamieh lebt. Dieser Scheich ist das geistliche Oberhaupt einer Derwischgruppe, die den Regeln der Sammanîjja Tarîka gehorcht, aber nicht dem Scheich untersteht, der den Büßer von Abba verstoßen hat. Wer von den beiden die Sammanîjja-Doktrin in echterer Reinheit vertritt, das ist eine sehr strittige Frage unter den Frommen im Lande. Folglich herrscht zwischen El Koreïschi und Mohammed Scherif die herzlichste Eifersucht. El Koreïschi sendet eines Tages einen Derwisch nach Abba und lädt den früheren Liebling seines Rivalen zu sich an den Blauen Nil. Er will den vom Ordenspfade Gestoßenen wieder zu geistlichen Ehren bringen und verspricht ihm die höchsten Würden in seiner Gefolgschaft. Er soll Nakîb werden, selbst Khalifa. – Sogleich will Mohammed Achmed diesem Rufe folgen und zu dem neuen Meister pilgern, um ihm den Treueid zu schwören. Da kommt auf Abba wieder ein Bote an: von Mohammed Scherif! Der Scheich, der mit dem Pantoffel nach seinem im Staube liegenden Jünger gestoßen hat, muß vernommen haben, daß er nicht nur so sehr zu Ansehen gelangt ist, sondern auch, daß sich Koreïschi um ihn bewirbt. Nun plötzlich sendet Mohammed Scherif seinem früheren Schüler ein großes Diplom, sehr schön geschrieben: Den Herren Brüdern, den Sammâni-Derwischen, wird kund und zu wissen getan, daß Mohammed Achmed wieder in die Liste des Ordens geschrieben wurde, daß ihm das Recht eingeräumt ist, für den Orden Novizen zu werben und daß er an Gebetsfesten wieder teilnehmen darf. Mohammed Achmed sagt diesem Boten ein hartes Nein: der »elende Dongolawi« wolle seinem früheren Herrn nicht beschwerlich fallen. – Dann eilt er nach Messalamieh, küßt die zitternde Greisenhand El Koreïschis und empfängt ihren Segen. Von nun an wandert er viel im Lande herum, mit der Bettelschale und dem eisenbeschlagenen Stab. * Der Sudan ist voll von den wandernden Frommen, die hier die »Foggara« heißen, die »Armen«, Fakire in Indien und in Persien Derwische. Sie ziehen einzeln oder in Scharen herum, Männer aus vielen Ländern des Islams, oft aus weiter Ferne gekommen. Die Bettelschale des Derwischs zu füllen ist eine Pflicht, der sich niemand entzieht; dafür leisten die Bettelmönche so manches als Lehrer, Magier, Priester, Ärzte des niederen Volkes. Sie sind die Schriftgelehrten, ein Schreibzeug steckt immer in ihrem Gürtel. Sie verstehen jene heilsamen Formeln zu schreiben, die man nachher mit Wasser wegwäscht, um dieses tintige Wasser einem Kranken zu trinken zu geben. Sie schreiben auf papierne Röllchen die allerkräftigsten Suren, die sechste, die achtzehnte, jene Stellen, die sicherlich Schutz verleihen: »Gott aber ist der beste Beschützer und ER ist von denen, die Gnade verleihen, der Gnadenreichste.« – –»Und ein Schutz gegen den Empörer, den Satan.« Die Frauen tun diese Streifen Papier in Kapseln aus Leder und Kupfer und befestigen sie an der eigenen Stirn oder am Handgelenk ihrer Kinder. Die Namen der Siebenschläfer von Ephesus, auf besondere Arten niedergeschrieben, und die Namen Allahs und des Propheten verhelfen in Amuletten verschlossen den Trägern zu Glück und Wohlstand und bewahren ihn vor dem Bösen Blick. Die wandernden Derwische schreiben diese Formeln, beten bei Kranken, predigen auf dem Moscheeplatz, hocken inmitten der Kinder und lehren sie die »Fat'ha« plärren; dafür füllen ihnen die Weiber die Schale mit Durrha und Dukhn, mit Negerhirse und Maiskorn, mit steifem Mehlbrei, mit Erdbienenhonig und Tunken aus gedörrtem Gazellenfleisch. Je seltsamer sich der Derwisch gebärdet, desto willkommener ist er im sudanischen Dorf. Manchen hat Allah den Geist verstört, daß sie rasen und toben. Es sind unter ihnen welche, die Schlangen um ihre Hälse winden oder Skorpione verspeisen und andere, die mit Feuerbränden unter den Achseln herumgehen oder sich Dornen und Nägel in ihre Leiber treiben. Sie tragen verschiedene Kleidung, je nach Herkunft und Orden. Der Turban des einen muß schwarz sein, der andere trägt die spitze Lammfellmütze der Perser. Einer dient Allah mehr durch Tanzen, der andere durch wildes Heulen. Die Bettelschale führen sie alle. * Der Derwisch Mohammed Achmed kommt mit seinesgleichen an vielen Orten zusammen, wo religiöse Feste gefeiert werden: im Haus eines reichen Mannes oder in einem Dorf, das den Jahrestag des heiligen Scheichs begeht, der in der Nähe begraben liegt. Vor einem grellweiß gekalkten Kuppelgrab oder bei Nacht an einem qualmenden Feuer sitzt er neben Leuten, die aus dem Hedschas kommen oder vom Maghreb. Es wird von der Lehre der Wahabiten gesprochen, die das Tabakrauchen strenge verpönen und alle weltlichen Freuden tadeln sowie die Verehrung der Heiligen und der mündlichen Tradition. Andere kommen aus den Klostergemeinden der Senussîja im äußersten Westen des Islams; sie wissen um große Hoffnungen. Der heilige Scheich der Senussi in der Oase von Dscharabub hat verkündet, der Tag sei nahe, an dem sich der Islam erneuern werde, die ganze Erde gewinnen. Einen werde man plötzlich erkennen, er sei vielleicht schon vorhanden, der gekommen sei, dies zu vollenden. – Horcht der Derwisch von Abba auf? Der Seher von Gesichten in seiner Höhle? – Mehr noch ziehen die Männer im Lammfellkalpak ihn an, die persischen Derwische, die nicht selten über das Rote Meer nach Afrika kommen. Sie pflegen in der Türkei und in Ägypten zu leugnen, daß sie schiitische Ketzer sind, sie seien gute Sunniten, behaupten sie, ihres Glaubens wegen vertrieben. – Im Sudan reden sie wohl etwas offener. Wenn sie ihre schiitischen Märtyrer preisen, Hussein und Hassan,– denkt da Mohammed Achmed nicht mit seltsamer Rührung an die tiefste Wurzel des Stammbaums, den ihn sein Vater aufsagen ließ? – »Der Imâm Hassan, Sohn Alîs, Sohnes Abu Tâlibs, der der Oheim Mohammeds gewesen ist– –? Aber die Perser sprechen auch von einem anderen Hassan, genannt El Askarî, aus dessen Stamm der Verborgene kommt, der zwölfte Imam, die große Hoffnung der Gläubigen. Mohammed Achmed hat in seiner Ahnenreihe auch diesen Hassan el Askarî. * Unter den Persern, die ihre Bettelschale durch die sudanischen Dörfer tragen, sind die Sûfi sehr zahlreich. Die meisten mögen zu den niederen Graden der großen mystischen Denkgemeinschaft gehören, zu der großen Herde, die man mit Worten gängelt. Aber ist nicht irgendein alter Derwisch, irgendein Opiumraucher und Haschischschlucker in elenden Lumpen – ist er nicht unter den Lumpen vielleicht und unter der traumhaften Stumpfheit ein Sûfi der hohen Grade, ein »Urefa«, der sich für göttlich zu halten berechtigt glaubt? Ein Träumer der letzten herrlichen Träume vom Anteil an Allah? Lernt vielleicht dieser Derwisch Mohammed Achmed von einem Weisen der Sûfi das größte Geheimnis der mystischen Lehre: daß dem Erleuchteten auch die Lüge erlaubt ist, daß er nicht ausüben muß, was er die Niedern lehrt, daß es Grade von Tugenden gibt, wechselnd für die verschiedenen Stufen, auf denen das Erkennen und Wissen zur Gottheit aufsteigt – und daß die oberste Stufe die Tugend entbehren kann, die Wahrheit entbehren, die Güte entbehren, in so viel Höheres steige der Heilige aufwärts.– – Hört der Derwisch Mohammed Achmed solche Haschischworte? Läßt man ihn solche Opiumträume erfahren? * Die Dorfbewohner rufen die frommen Wanderer zu den Jahresfesten der heiligen Männer, von denen einer bei jedem Dorfe begraben liegt. Dann hängen am Abend Lämpchen an allen Hütten und die Bewohner vereinigen sich, um einen berühmten Fikih Suren sprechen zu hören. Mohammed Achmed sagt manchmal in einer Nacht den ganzen Koran her, vor den staunenden Dörflern; es ist verdienstlich für jeden, der zuhört. Oder es sind die Derwische von weither zusammengekommen, mit Fahnen von vielen Farben, mit einem Haufen von Weibern, von Musikanten, von Fackelträgern, weil an dem Kuppelgrab eines Heiligen oder im Hause eines mächtigen Scheichs ein Gebetsfest gefeiert wird, das man Dsikr nennt. Dann ist der Derwisch von Abba einer von denen, die im großen elliptischen Ringe sitzen, bei Nacht, im Scheine von Feuern, während ununterbrochen die Flöten gellen und die Derwischtrommel ihr berauschend einförmiges Tomtom dahindröhnt. – Erst ein langes Gebet von einem Einzelnen würdig gesprochen, dann ein endloser, taumelerregender Chorus der hockenden Männer im Ringe: »Allàh! Allàh! Allàh!« Und: »La illahà illà – llàh!« »Es ist keine Gottheit, denn Gott!« * In einer Kette sitzen die Derwische; die Trommel gibt ihnen den Takt, und ihre frenetischen Rufe klingen wie eine gemeinsame Stimme. Wenn sie »Allah!« gesagt haben, wirft jeder den Oberkörper nach links, beim zweiten »Allah!« nach rechts, schneller, schneller, in einem wirbligen Rhythmus. »Allah, llàh, llàh!« schneller, schneller, dumpfer, bis ein Raubtiergrollen daraus wird, ein »Hù! hù! hù!«, das » Er « bedeutet, » Er, Er, Er !« Und »Allàh!« und »hù!« und »Allàh, hù, Allàh!« Sie schleudern die Köpfe nach vorn bei jedem Hù! – Turbane und Käppchen fallen von langen Haaren, von wüstem Gesträhn, das den Erdboden peitscht, hù! hù! Allàh! immer weiter, weiter, zur Flöte, zum Trommelrhythmus, tomtomtom, tomtomtom, bis die endlos gerufenen Silben zum Röcheln werden, bis das Blut die gerüttelten Hirne betäubt, die Augen blind macht, die Ohren mit einem seltsamen Sausen füllt, in dem uns irdische Stimmen dröhnen. Der Leib des heulenden Derwischs verliert seine Schwerkraft, die Seele wird frei zur Verschmelzung mit ihm , der er ist, hu! hu! – Allàh. * Einen der Brüder, einen Erwählten, packt dann der Geist, daß er sich plötzlich aus dem Ringe loslöst, daß er in die Mitte wankt, daß sein Röcheln zum Stammeln wird, auf einmal spricht er mit Zungen, Worte, die niemand verstehen kann; ein Unbekannter, ein guter Dschinn hat sich seiner bemächtigt, er dreht sich wie ein gewirbelter Kreisel, stößt schrille Laute von sich, stürzt dann auf einmal stöhnend zusammen. Immer häufiger ist es Mohammed Achmed, der im Mittelpunkte des Derwischkreises erscheint, in den der Geist fährt, der mit Zungen redet, ein Auserwählter, ein Werkzeug des Unsichtbaren. Der Derwisch Mohammed Achmed trägt den Stab und die Bettelschale, sein schönes Lächeln und sein glühendes Wort durch den ganzen Sudan. Vor allem im Flußland Dschesireh zwischen den beiden Nilen wird er bekannt. In den weitgebauten und formlosen Hüttenstädten predigt er in den Moscheen. Schon umweht seinen ewig lächelnden bärtigen Kopf ein Heiligenglanz; hier oder dort sagt das Volk, er sei wohl der »Kutb«, die »Achse der Heiligkeit« – so nennt die Legende des Islams einen Geheimnisvollen, der einmal in jedem Zeitalter auftritt als die richtunggebende Achse der geistigen Welt, nach der sich die übrigen Heiligen richten, die gottnahen Walîs in den Ländern der Gläubigen. Der Kutb wird selten erkannt; er kommt und verschwindet; ein jeder der heiligen Bettler am Stadttor, am Brunnen, könnte El Kutb sein– – Und es gibt wieder unter den Kutbs aller Zeitalter einen höheren Kutb, ein Wesen, das niemals stirbt; er hat vom Brunnen des Lebens getrunken, wie der Elias der Juden lebt er weiter und weiter bis zum Jüngsten Gericht. Das ist »El Khidr«, tausend Legenden sprechen von ihm, die einander nicht gleichen, ein verschwimmender Umriß ist alles, was von diesem mystischen Wesen die Sage erfaßt hat – – * Wer ist er, was ist er, der »Vater der Zahnlücke«, der Mann mit dem Muttermal, der Mohammed heißt wie der Prophet, der Sohn eines Abdallah und (sagt man) einer Amina ist, wie der Prophet, und jedenfalls aus dem Blut des Propheten? Wo er hinkommt, dort küssen erregte Menschen den Saum seines Kleides. Besonders die Frauen staunen ihn schwärmerisch an. Ist er nicht unter den Söhnen der Menschen von seltsamer Schönheit? Ein Paradiesduft umhaucht ihn, er verteilt die reichen Geschenke, die ihm die Gläubigen bringen, sogleich an die Bedürftigen und behält nur, was seine hölzerne Schale zu fassen vermag, er ist der »Entsager«, voll Güte und Freundlichkeit. Dann hört man eine herrliche Stimme, die Flammen redet. * Er spricht zu dem dunklen und heißen Volk des Sudans von der Not seiner Zeit und von Hilfe und Hoffnung. Die dumpfe Masse leidet und ahnt, daß sie leidet. Jetzt ersteht ihr die Stimme, die es zu sagen weiß. Ein furchtbarer Druck ist zu lange ertragen worden, Tyrannei sondergleichen verwüstet das Land. Aber der Steuererpresser, der blutige Baschi-Bosuk, der bestechliche Richter, der unersättliche Pascha in seinem Palast, sie alle haben im Namen des Vizekönigs in Kairo gesprochen, der wieder im Namen des Großherrn in Stambul redet. Der aber ist der Khalif, der Nachfolger des Propheten, das Haupt des Islams! Muß man ihm nicht gehorchen? Die Ulema sagen es täglich dem Volk. Da steht einer auf und sagt, daß die Türken nicht Gläubige sind. Sie mögen die Glaubensformel bekennen: »– – und Mohammed, Gottes Gesandter«, – – – ihr Leben und Wirken zeigt, daß sie den Glauben nicht haben. Säufer und Schwelger, Unterdrücker der Muselmanen, das ist der Turk, ist der Turk! * Der Redner speit das verabscheute Wort aus dem Munde, als wäre es Gift. Für einen Moment ist sein Lächeln verdüstert, ein Donnersturm scheint in der Stimme zu grollen, die Zuhörer ballen die Fäuste, wie Trommelwirbel geht's in der Menge weiter: Turk! Turk! Turk! Da beschwichtigt die Geste des Predigers alle Erregung. – Gott, sagt er, wird seine Feinde vernichten. Ihr aber lebet nicht selber wie Gottes Feinde! Seid ihr nicht Trinker von Hirsebier? Tragen die Weiber nicht Schmuck von Silber und Gold? Feiert ihr nicht Feste mit sündhaftem Aufwand? Beschneidungsfeste? Und Hochzeitsfeste? Wer sich kleidet wie der Turk, wer lebt wie der Turk, der ist wie der Turk! * »Ein Weg«, sagt der fromme Redner geheimnisvoll, »ein Weg, auf dem ich euch leiten werde, führt durch sechs Tugenden. Und drei Laster sollt ihr vermeiden. Übet Demut, Milde, Geduld im Ertragen, Enthaltung im Essen, Im Trinken, Besuchet die Gräber der Heiligen. Und, ihr Muselmanen, vermeidet drei Laster: Hochmut, Neid, Versäumnis der fünf Gebete. Wen diese Laster beflecken, der ist nicht ein Streiter im Heere Gottes!« * So spricht er an vielen Orten, wieder und wieder. Er spricht vor Gequälten, Verzweifelten: dem hat gestern der Steuereintreiber die letzte Ziege genommen, bei jenem hat er zum dritten Male die gleiche Steuer erhoben, dem hat ein Effendi sein Feld gestohlen, und der bestochene Kadi hat ihm sein Recht verweigert. Turk! Turk! Turk! Das dunkle, das dumpfe, das heiße Volk des Sudans hört diese begeisterte Stimme, sieht diese magischen Augen, fühlt diesen Duft des Mannes – und plötzlich, blitzplötzlich, traumplötzlich begreifen sie, daß es ja Rettung gibt, Erlösung. – – Ein paar kleine Sünden, die liebsten, die täglichen, wird man von sich werfen müssen, es scheint ja auf einmal so leicht. Kein Merissabier mehr – von morgen an. Der silberne Knöchelring, den die schwarze Aïscha sich wünscht, ist sündig! Die geplante Wallfahrt zum Grabe des heiligen Scheichs hat man zu lange aufgeschoben. – Faßliche Sünden, einfache Sünden! Um den Pilger fließen die Tränen der Reue. Ja, von morgen an – – – Keine fröhlichen Tänze, vor allem, beim nächsten Beschneidungsfest! Dann aber – wenn man drei Laster vermieden, sechs Tugenden fleißig geübt hat, wenn man tut, wie der Heilige Gottes lehrt – dann gibt es einen Weg ! Einen geheimnisvollen, schwierigen, herrlichen Weg! Wer die sechs Tugenden hat, nicht aber die Laster, wer nicht selbst lebt wie der Turk, der wird ein Streiter sein im Heere Gottes. Denn es gibt, höret, einen Gott, es gibt einen Weg, es gibt ein Heer, es gibt einen Führer! * Allah! Allah! Und: Turk! Turk! Das erste Murmeln vor dem Orkan. Trommeln hier und dort, noch immer gedämpft. Der Prediger Mohammed Achmed, der Wanderderwisch, kehrt in sein Erdloch auf Abba zurück, zu neuen Fasten, Gebeten, Gesichten. Der Held Wie ein plötzlicher Wirbelsturm rast Gordon Pascha, der Generalgouverneur, auf einmal nach El Fascher. Ganz Dar-Fur ist in hellem Aufruhr; die erst unlängst eroberte und mit dem ägyptischen Sudan vereinigte Provinz hat von den Ägyptern bereits gründlich genug und hat sich empört. Ein halbes Jahrtausend lang ist das Land der Fur ein unabhängiges Reich gewesen, von seinen Sultanen nicht schlecht verwaltet. Auf einmal, im Jahre 1875, ist Sibêr Rahamet mit seinen bewaffneten Sklaven über Sultan Ibrahim hergefallen. Sibêr, ein Araber von den Dschaalin, ist der größte der Sklavenjäger im Sudan; er hat am oberen Nil die großen Seriben, in die er geraubte Menschen einpfercht. Die jungen Wilden, die er gefangen hat, bewaffnet er, er unterhält eine wahre Armee; der Khedive in Kairo beginnt sie zu fürchten. Eben deswegen unternimmt Sibêr diesen Krieg gegen Dar-Fur, um das Mißtrauen seines Herrn zu zerstreuen; er erobert das überfallene Land und legt es dann dem Vizekönig zu Füßen. Der Khedive stellt sich dankbar und lädt ihn zunächst nach Kairo; dort soll er die Bestallung zum Statthalter holen. Der Barbar erliegt der uralten List: als er in Kairo eintrifft, nimmt man ihn fest, er darf nicht zurück in den Sudan. – Sogleich brechen in Dar-Fur zwei getrennte Aufstände aus: ein Aufstand der Landesbewohner, die ihre Freiheit wiedererlangen möchten und die einen Prinzen des alten Sultanshauses zum Führer haben, und ein Aufstand der Sklavenjäger. Suleiman, der junge Sohn des Sibêr, verschanzt sich in seinem Raubnest Scheka. Noch herrscht zwischen beiden Empörungen ein blutiger Krieg; aber die ägyptischen Garnisonen der Städte werden bald von dem einen Rebellen, bald von dem anderen angegriffen und belagert und sind gegen beide gleich feige und hilflos. Es zeigt sich, wie schwach im Sudan die ägyptische Macht ist – – * Da fährt, wie ein Wirbelwind, Gordon Pascha dazwischen. Er ist jetzt, drei Jahre, nachdem ein Storch so gelacht hat, nicht mehr Gouverneur des Äquators; der Khedive hat ihm unlängst die Regierung des ganzen Sudans überlassen. Gordon war eben in Khartum, ist feierlich in sein höheres Amt eingesetzt worden; dann hat er sich, in der Uniform eines türkischen Marschalls, von oben bis unten nichts als goldene Tressen und leuchtende Großkordone, aufs Kamel gesetzt und ist wie ein Rasender gegen Dar-Fur geritten, mit einer winzigen Truppeneskorte. In der Stadt El Fascher haben sich zehntausend Mann Regierungstruppen von den Rebellen belagern lassen. Mit zweihundert Reitern entsetzt sie Gordon. Wenn er kommt, ist plötzlich alles in Ordnung; die empörten Scheichs erbitten seine Verzeihung. »Ihr solltet mir verzeihen!« sagt er. Er weiß, was die Türkenherrschaft bedeutet. In diesen täglichen Briefen an seine Schwester, die sein Tagebuch sind, schreibt er einmal, nach einem Sieg, bei dem hundertsechzig Feinde gefallen sind: »Von meinen Verbündeten sind nur drei verwundet, ich fürchte, tödlich. Mir tun die hundertsechzig so leid wie die drei. Ich wünschte, die Menschen könnten sehen, was das ist, das Leiden von Menschengeschöpfen – ich meine diejenigen, die nach Kriegen verlangen. Ich bin, ich weiß es, ein Narr, aber ich kann von all diesen Leuten niemanden leiden sehen; mir treten die Tränen ins Auge – –« Bald wissen es alle, wie gut dieser christliche Pascha ist, wie er verzeihen, bemitleiden kann. Nur gegen die Seinen ist er oft unerbittlich. Einen Kaimakam, Oberstleutnant der ägyptischen Truppen, läßt er erschießen, weil er vom Feind bestochen ist. Ein anderer, der konspiriert hat, geht in eine arge Verbannung. Was hilft es? Er hat doch lauter Verräter um sich. Immer wieder vertraut er und wird getäuscht. Da ist sein liebster Vertrauter, sein Sekretär. Ein Schwarzer, der Ibrahim heißt. Der Pascha, der britische Colonel, macht diesen Neger zu seinem Freund; er glaubt an ihn, liebt ihn, beschenkt ihn – und entdeckt eines Tages, daß er dreitausend Pfund von den Sklavenhändlern bekommen hat und daß er ihnen dafür Gordons Pläne verrät. Da muß der Bursche in Ketten nach Khartum. Was nützt es? So sind sie doch alle. Mit Bitterkeit erinnert Gordon sich an alles, was er schon mit seinen Beamten und Offizieren erlebt hat. Da war dieser üble Kerl Abu Saud, den er vor drei Jahren in die Äquatorprovinz mitgenommen hat. Gegen alle Warnungen. Der ärgste Schuft von allen, ein hündisch gemeiner Verräter. – Und ein anderer, auch dort in Gondokoro, Raûf. Er hat ihn nach Kairo geschickt – und er hat dem Khedive Lügengeschichten über Gordon erzählt. Jetzt steht dieser Raûf in höchster Gnade am Hofe des Vizekönigs – – So sind sie alle. Räuber, Diebe, bestochene Richter, Unterdrücker der Witwen und Waisen. Mit ihrer Hilfe soll man das Land hier erlösen! * Eine Verzweiflung packt Gordon. Er ist ganz allein, auf niemand kann er sich stützen. Die Offiziere ein Gesindel, die Truppen nicht besser. Wo er selber sich zeigt, ist seine Sache erfolgreich; wenn er den Rücken dreht, ist wieder alles verloren. Die Wut macht ihn rasend. Er tobt im Lande herum, fast ohne Begleitung. Er reitet, reitet durch die schrecklichen Einöden. Dieses Land ist kläglich: ebene Steppen und Sand und Gestrüpp von Dornen; es gibt kaum irgendwo Brunnen, nur in den hohlen Stämmen der Affenbrotbäume bewahrt man das Regenwasser. Dabei ist alles vom Kriege verwüstet. Die Sklavenhändler sind überaus frech; auf seinen Ritten begegnet Gordon überall den Karawanen, oder er findet die Menschenskelette, die hinter den Karawanen am Wege bleiben. Er bestraft die Räuber, läßt sie prügeln oder erschießen, befreit die Sklaven, diese gefesselten Weiber und mageren Kinder. Und dann? Er kann diese Leute weder nähren noch kleiden; sie sind fern von den Dörfern, aus denen man sie geraubt hat; wenn Gordon nicht will, daß sie elend sterben, muß er dulden, daß sie der nächste Araberstamm als Sklaven zu sich nimmt. – Einmal entdeckt er, daß seine eigene Garde, die mit ihm marschiert, einen Haufen von Sklaven heimlich mit sich führt, um sie zu verkaufen. * Was für ein Land! Um so etwas führt man Kriege! Gordon, der Bibelforscher, notiert sich: 2. Könige III, 9. »Und sie machten einen Umweg von drei Tagen Weges, und es war da kein Wasser.« – So, genau so ist's in Dar-Fur! Man zieht im Lande herum, reitet Meilen und Meilen und Meilen, ißt nicht, trinkt nicht, schläft nicht, manövriert um die Wasserstellen. Dabei nicht ein einziger Mann im Lande, der die ägyptische Herrschaft wirklich wünscht. Wünscht sie Gordon? Der bloße Anblick von Baschi-Bosuks macht ihn krank. Er rettet dennoch noch einmal das Land für den Khedive in Kairo; den Prinzen Harun, den rechtmäßigen Erben der alten Sultane, verjagt er ins Wüstengebirge, obwohl er weiß, daß es besser wäre, wenn er Dar-Fur zurückbekäme, als daß es ägyptische Beys oder die Sklavenhändler regieren. Diese Sklavenhändler, geführt von dem jungen Sohne Sibêrs, versammeln sich rund um Scheka. Sie haben ausgezeichnet bewaffnete Negertruppen. Wenn sie sich offen empören, ist alles verloren. Wie schwach ist der Halt, den Ägypten in diesem Sudan hat! Heute Harun, morgen der Sohn des Sibêr, Suleiman: jeder Rebell, der aufsteht, ist mächtiger als die Khartumer Regierung. Noch ist Gordon vorhanden. Er weiß, daß er schließlich das Land behaupten wird. Aber, denkt er, soll ich denn ewig hier bleiben? Für welche Sünden habe ich diese Strafe verdient? * Gordon erfährt eines Tages, daß der junge Suleiman mit sechstausend Mann in der Nähe von Dara lagert. Er beschließt, mit dem Jüngling selber zu reden. Er bricht plötzlich auf, reitet siebzig Meilen an einem einzigen Tage. So ungeduldig ist er, so schnell ist sein berühmtes Kamel, daß er seine Eskorte weit hinter sich läßt. Er ist ganz allein in der Wüste. Der Kopf seines armen Kamels ist mit schrecklichen Fliegen bedeckt, sie treiben das Tier zu stets größerer Eile. Gordon, mit einem roten Gesicht voller Fliegen, führt Selbstgespräche oder Gespräche mit Gott, es ist fast dasselbe: »Ein Sack voll Reis, auf diesem Kamel durch die Wüste holpernd, wäre genau so von Nutzen wie ich! Wer bin ich? Meine sogenannten Erfolge? Lauter Schwindel. Bin ich klug? Bin ich tüchtig? Es sieht vor der Welt wohl so aus. Ich weiß, daß ich gar nichts vermag. Ich danke Gott, daß er mich als sein Werkzeug verwendet. Und ich sehne mich so nach der Ruhe!« * »Wenn ich diesen Sklavenhandel beseitigen könnte«, denkt Gordon wieder, »die Karawanen von mageren Gespenstern, die Kinderleichen am Wege, – dann wollte ich mich gern noch heute erschießen lassen. Aber wo ist die Hoffnung? Die Frage ist nur: soll ich mein Leben opfern und hier in Dar-Fur bleiben? Ein schneller Tod, das ist gar nichts. Aber in diesem schrecklichen Lande leben, das ist langsame Kreuzigung, das ertrage ich nicht. Soll ich bleiben und diese Sklavenhändler alle vernichten? Es ist eine heilige Sache, für die man wohl sterben könnte. Ja, einen schnellen Tod. Aber oh! Hier bleiben, das ist der langsamste Tod, das ertrage ich nicht!« * Der einsame Reiter bringt sein Kamel zum Stehen, blickt um sich in dieser trostlosen Steppe. Nichts zu sehen als irgendein Dorngestrüpp am Horizont – und Fliegenschwärme. Gordon, bis zur Wut gepeinigt, schlägt nach den Fliegen, dann läßt er plötzlich den Arm wieder sinken. Es hat ja doch keinen Sinn. Hoffnungslos! Keinen Sinn – hoffnungslos! geht es durch diesen armen leidenden Kopf. Der Mann möchte sich am liebsten vom Kamel gleiten lassen und liegenbleiben auf dieser hartgebackenen Erde, neben diesem dornigen Mimosenskelett. Kleine dunkle Gedanken umflattern ihn, quälend wie die Fliegen: »Der Sudan ist für Ägypten nicht zu halten, es ist nur eine Frage der Zeit – – « * Er sitzt auf dem Kamel, regungslos, in seiner grotesken goldenen Uniformpracht. Auf einmal wird er fieberhaft energisch, treibt das Tier zum Laufen an. Die Sklavenhändler! Man darf sich nicht sterben lassen, solange die Sklavenkarawanen noch durch Afrika ziehen. Die ägyptischen Offiziere des Postens Dara trauen ihren Augen nicht, als am Abend der Generalgouverneur ankommt, in großer Gala, aber völlig allein und mit Fliegen bedeckt. Erst in der Nacht, während Gordon tief und ruhig schläft, kommt seine Eskorte nach. Am Morgen läßt Gordon seine türkische Marschallsuniform sorgfältig herrichten und legt, trotz der Hitze, noch darüber den goldenen Küraß an, ein kostbares Geschenk des Khediven. Dann reitet der kleine Mann, ganz umfunkelt von Goldglanz, wieder fort; nur einige herausgeputzte Baschi-Bosuks eskortieren ihn in das bei festigte Lager der Sklavenhändler, Rebellen, Räuber. Wie er Einlaß verlangt, entsteht Staunen, Verwirrung. Was bedeutet das? Der Pascha? So gut wie allein? Der junge Suleiman, Sohn Sibêrs, hat dreitausend Mann um sich. Warum bringen sie Gordon nicht einfach um? – Aber die Ruhe und Selbstverständlichkeit, mit der er nun plötzlich da ist und spricht und befiehlt, bändigt diese Leute sogleich. Den Sohn Sibêrs, einen hübschen, verwöhnten Jungen von Zwanzig – er trägt eine blaue samtene Jacke – brüllt er an, er hält ihm seinen Ungehorsam vor, sein aufrührerisches Tun und die Verwüstung des Landes, all die Skelette, die überall liegen. – – In seinem schrecklichen schottischen Arabisch sagt Charles G. Gordon das, mit brennenden Blicken und mystisch umfunkelt vom Goldglanz des Panzers, von der Autorität seines hohen Amtes und von der des fernen Vizekönigs in Kairo. – Der vor Staunen erstarrten Versammlung der Menschenräuber befiehlt er, sogleich nach Dara zu kommen, um sich dort im öffentlichen Diwan in aller Form zu verantworten. Der Sohn Sibêrs zittert unter seiner blauen Jacke. Während Gordon noch in seiner Gewalt ist und befürchten muß, ermordet zu werden, sieht der Junge so kläglich aus, daß er Gordon schon leid tut: Ein verzogenes Kind! denkt er. – Immer unter Schmeichlern und Sklaven aufgewachsen! Das wird bitter für ihn werden, wenn er erkennen muß, wie die Welt wirklich ist. – Freilich, es wird ihm gut tun, wenn er ein bißchen durchgeschüttelt wird. Gleich weiß Charles G. Gordon ein passendes Bibelzitat: »Und David sagte: Um meinetwillen behandle mit Milde diesen jungen Menschen!« Gordon macht aber ein böses Gesicht, vorläufig. * Der junge Mensch, vollkommen gebändigt, hört nicht auf die trotzigen alten Beduinen in seiner Umgebung, die den Ungläubigen gleich in Stücke schneiden möchten. Gordon trinkt ein Glas Wasser und kehrt langsam nach Dara zurück. Kaum ist er dort, so kommt auch schon, fasziniert und gehorsam, der junge Suleiman mit seinen Räten, sie hocken um Gordon im. Kreise herum und versichern ihm, mit den Stirnen den Boden schlagend, ihre Reue und Treue. Solange Gordon in Dar-Fur ist, bleibt der Friede bestehen. Da der Generalgouverneur nach Khartum zurückkehrt, bricht der Aufstand von neuem aus, ärger denn je. Der junge Suleiman wird der ägyptischen Herrschaft gefährlicher denn je. Jetzt versteht Gordon, bis zur Bewußtlosigkeit gereizt, keinen Spaß mehr. Er schickt seinen besten Gehilfen, den alten Italiener Romolo Gessi, gegen Sibêrs Sohn und seine Sklavenhändler und befiehlt ihm die furchtbarste Strenge. Nach langen Kämpfen siegt Gessi. Den jungen Suleiman, der gefangengenommen wurde, läßt er eines Morgens erschießen. Aber auch das ist nutzlos. Alles ist nutzlos. Der Freund Ein Steppenaraber von den Taaischa, Abdullahi nennt man ihn, macht sich auf den Weg, um einen heiligen Derwisch aufzusuchen, von dem er gehört hat. Der Stamm der Taaischa im Lande Fur gehört zu dem großen Volke der Baggara; das sind die weithin schweifenden Rinderhirten der südlichen Steppe. Die furchtbaren Reiter der Taaischa sind in den Negerdörfern gefürchtete Sklavenjäger. Dieser Abdullahi, der jetzt nach Abba will, ist der Sohn des Mohammed Adam, genannt Turschain (das ist: häßlicher Ochse) – eines gottesfürchtigen Mannes, der sehr erfahren war im Lesen der Vorbedeutungen, die man aus den Figuren im Sande erkennt. Vor jeder Razzia kamen die Beduinen zu ihm, um ihn zu fragen, ob der Raubzug Erfolg haben würde; auch rezitierte er die Machtvollen Namen, so daß sie Gewalt über die Waffen der Feinde gewinnen konnten. – Von seinen vier Söhnen ist Abdullahi einer. Er hat nicht die Kenntnis der Schrift noch der Gelehrsamkeit, dafür ist er ein Krieger, angesehen bei seinem Stamme. Da Sibêr Rahamet in Dar-Fur einfällt und das Land unterjocht, bekämpft Abdullahi ihn. Im Kampfe wird er gefangen; Sibêr schenkt ihm sein Leben. Bald darauf stirbt Abdullahis Vater, der weise Zeichendeuter, und sterbend rät er dem Sohn eine Wallfahrt an. Er soll einen gewissen heiligen Mann besuchen, der auf einer Insel im Nil wohnt. * Abdullahi der Taaischi geht barfuß neben seinem Esel einher, der den Wasserschlauch trägt. So geht er, mit seiner Lanze bewaffnet, durch viele und weite Länder: nie hatte er geahnt, daß Allah die Welt so groß gemacht hat. Unterwegs kommt er durch die Siedlungen von Menschen, die die Baggara hassen: sie nennen sie Räuber und stinkende Rinderdiebe! Da er sich der Nilinsel Abba nähert, vernimmt er, daß der Sajjid Mohammed Achmed sie wieder verlassen hat. Er ist nach Messalamieh gegangen, um seinen Ordensscheich zu begraben, den greisen Koreïschi. Abdullahi der Taaischi treibt seinen mageren Esel weiter, auf Messalamieh zu. * Mohammed Achmed ist nach dem Tod seines alten Scheichs nun selbst das Haupt seines Ordens, »Herr des Gebetteppichs«, wie man es ausdrückt. Es geziemt ihm nunmehr, mit eigenen Händen die Grabeskuppel über den Überresten seines geistlichen Vaters zu wölben. Man hat den Greis an der Stelle begraben, an der er gestorben ist; Mohammed Achmed und seine vielen Jünger formen Ziegel aus Lehm und bauen das würfelförmige Grabgebäude, das später eine weißgetünchte Kuppel krönen soll. Es ist fromm und verdienstlich, diese Arbeit zu tun, und von allen Seiten strömen die Muselmanen herbei, um ein paar Tage lang Lehm zu kneten oder die getrockneten Ziegel herbeizuschleppen, unter vielen Gebeten und lautem Vortrag von Suren aus dem Koran. Mohammed Achmed selbst legt Hand an, und so sieht ihn Abdullahi zum erstenmal: wie er an der halb fertigen Mauer des Heiligengrabes steht, mit einem Gefäß voll Lehm zu seinen Füßen, und Ritzen zwischen den Ziegeln verschmiert. Der Pilger, am Grabe angelangt, grüßt erst den Toten: »Friede sei mit dir, o Scheich!« – Dann geht er langsam um die Grabstätte, die Fat'ha rezitierend, die hochmächtige Sure der Eröffnung: »Gelobt sei Allah, der Herr der Welt, der Barmherzige – –« Der Beter achtet wohl darauf, am Ende »Amen!« zu sagen, nach dieser Sure darf das Wort nicht unterlassen werden, so hat der Engel Gabriel selbst den Propheten gelehrt. Dann hockt Abdullahi der Taaischi, der seinen Gang um das Grab vollendet hat und der vielleicht keine andere Sure zu sagen weiß, denn er ist ungelehrt, im Schatten der Mauer nieder und starrt lange zu Mohammed Achmed hin, der bald mit seinen geschickten Zimmermannshänden kräftig am Werk ist, bald zu der Menge spricht, die ihn auf Schritt und Tritt umringt. Er lächelt die ganze Zeit, und Abduhlahi, der nur ganz von fern zu ihm hinzublicken wagt, glaubt einen Duft von ihm wehen zu spüren, der berauscht und froh macht. Lang sitzt Abdullahi der Taaischi da, ganz schüchtern und zitternd. * Abdullahi, Sohn Mohammeds, ist groß, mager und knochig, ein wenig älter als Mohammed Achmed, ein echter Beduine mit einer Hakennase, sein Gesicht ist lichtbraun und pockennarbig, der Bartwuchs spärlich. Das mit großen Flicken benähte Derwischhemd, das er trägt, ist nicht mehr sauber: wie alle Baggara ist er dem Genuß von flüssiger Butter sehr ergeben, und seine Kleider sind davon immer fettig. Erst als die Sonne sinkt und die Stunde des Abendgebets nicht mehr fern ist, reißt er sich aus diesem Rausch, dieser Verzückung, diesem stummen Staunen und tritt auf den Heiligen zu. Mit gesenktem Blick bringt er seine Bitte vor: er möchte den Eid der Treue leisten, der Diener und Schüler Mohammed Achmeds sein, bis zur Todesstunde. Die beiden sehen einander fest ins Auge. Das Lächeln Mohammed Achmeds flackert auf wie ein leuchtendes Feuer, in das neuer Brennstoff gefallen ist. Er nickt langsam mit seinem Kopf. * Der heilige Scheich heißt seinen neuen Jünger erst Wasser und einen Gebetteppich holen und die religiöse Waschung vollziehen. Dann stehen die beiden Männer einander gegenüber, in einem Kreis von zusehenden Frommen, und verschränken die Hände auf eine besondere Art, die sonst beim zeremoniellen Verlöbnis zwischen Mann und Weib verwendet wird. Der lange Ärmel des Scheichs verhüllt sorgsam diese verschlungenen Hände wie ein Geheimnis. Nun befiehlt Mohammed Achmed dem Beduinen, ihm die Worte nachzusprechen, die er ihm langsam vorsagen wird. Erst ein Sündenbekenntnis: »Ich erflehe Verzeihung von Gott, dem Großen – –« Dreimal muß Abdullahi das sagen. Dann: »– – außer dem es eine andere Gottheit nicht gibt, dem Lebenden, dem Immerwährenden.« – »Zu ihm wende ich mich mit Reue hin, seine Gnade erflehe ich, seine Verzeihung und von dem Höllenfeuer Erlösung.« – »Wendest du dich zu Gott mit Reue?« fragt nun Mohammed Achmed mit einem gütigen Ausdruck, der den Jünger entzückt. Er antwortet, nachdem der Scheich ihm den Satz erst vorgesagt hat: »Ich wende mich zu Gott mit Reue; wegen meiner Taten bin ich betrübt; ich will nicht rückfällig werden!« Und nun, mit einem Erzittern, küßt Abdullahi der Taaischi die noch ein wenig mit Lehm bespritzte Hand seines Meisters und sagt, laut, rauh, heftig die Worte des großen Eides: »Ich erbitte Gunst von Gott dem Großen und dem edlen Propheten, auf dem die Gnade sei und das Gebet, und als Führer zu Allah, gepriesen sei sein Name, wähle ich meinen Herrn, den Sajjid Mohammed Ibn Sajjid Abdallah, entschlossen, niemals zu schwanken, nie mich von ihm zu trennen. Gott ist unser Zeuge. Bei Gott dem Großen!« Dreimal wiederholt er den Eid. Dann sagen sie gemeinsam die Sure Fat'ha. Sie sind einander für immer verbunden. * Da der Bau des Grabes vollendet ist, man sieht die grellweiße Kuppel von fern her, kehrt Mohammed Achmed auf seine Insel zurück. Er reitet auf einem Esel, und die Seinen schreiten hinter ihm, ein großes und lautes Gefolge. Vor dem Esel aber geht der Baggara Abdullahi und trägt ein großes schwarzes Banner, mit Koranversen als Inschrift, die Abdullahi nicht lesen kann. Das Banner ist schwer, der Weg ist weit, Abdullahis Sandalen sind ganz durchlöchert. Er hinkt ein wenig, scheint leidend. Dennoch treffen neidische Blicke seinen Rücken. Die Anhänger Mohammed Achmeds sind fast alle Danagla, Männer von Dongola, aus seinem eigenen Stamm, oft seine Blutsverwandten. Am Blauen Nil sind einige Araber aus den Wüsten am Roten Meer zu ihnen gestoßen. Abdullahi, der Baggara, ist unter all diesen Kamelarabern der einzige, der nach Kühen riecht und ihnen schon deswegen sehr verhaßt. Sein Dialekt klingt fremd und sehr lächerlich. Seine Sitten sind anders und gelten als roh. Daß der heilige Scheich sein Banner in die stinkenden Klauen dieses Beduinen gelegt hat! – Sie sagen es ganz laut vor Abdullahi, des Abends am Feuer. Er, ein Einsamer unter den vielen, ballt die Faust und kann doch nicht erwidern, daß alle Danagla Diebe sind, nach Kamelmist stinken, und daß bekanntlich jeder von ihnen ein Schaitan in Menschengestalt ist. Das hieße den Meister beschimpfen, Mohammed Achmed, der selber aus Dongola stammt. * Niemals während der Tage des Marsches spricht Mohammed Achmed mit dem Baggara; obgleich er das Banner trägt, ist er der geringste der Brüder, die Probezeit ist noch nicht um. Ein älterer Derwisch, Ali, hat den Auftrag erhalten, den Novizen zu unterweisen und ihn zu belehren. Er findet ihn nicht ohne raschen Verstand, doch vollkommen unbelehrbar. Statt über die Eigenschaften des Propheten Mohammed zu meditieren, denkt er nach, wie es möglich wäre, über die Türken zu siegen: so und so viele Baggara-Reiter müßte man haben, mit Lanzen und Radschloßgewehren. – – Am Lagerfeuer, des Abends, versucht Ali vergebens aus diesem Mann einen Derwisch zu machen, einen, der im Geist mit der Gottheit verschmilzt, der sich in Ekstasen ihr hingibt. Nur wenn von dem Scheich gesprochen wird, von Mohammed Achmed, kennt Abdullahi Ekstasen, Anwandlungen von Geistigkeit. In solchen Augenblicken deutet er manchmal in mystischer Weise auf geheime Dinge hin, die er weiß: sein Vater, der Geomant, der bei den Baggara hochberühmte Zeichendeuter, hat sie ihm verkündet, als er im Sterben lag und mit seiner letzten Kraft noch dem Sohne auftrug, an den Nil zu reisen, zu dem Derwisch Mohammed Achmed. Denn dieser, hat der sterbende Vater gewußt, dieser ist – – »Was?« fragt begierig der alte Ali. Aber Abdullahi verstummt. Man wird schon sehen. Jetzt ist es noch nicht an der Zeit, davon zu sprechen! * Unterwegs, wie er dem marschierenden Zuge vorangeht, mühsam ausschreitend unter der Last des großen Banners, zu den Klängen der Derwischtrommel, die rastlos hinter ihm dröhnt, – fühlt Abdullahi manchmal, ja, er fühlt deutlich auf seinem gebeugten Rücken, wie eine Liebkosung, den Blick des Mannes, dem er dieses Banner voranträgt. Er dreht sich nicht um, er wagt es nicht, aber er richtet sich straffer auf, er vergißt seine wunden Füße und daß diese Danagla, Söhne von Hunden, ihn immer so furchtbar beleidigen. Immer weiter, immer weiter will er so gehen, durch den ganzen Sudan, durch die ganze Welt, mit dem schwarzen Banner Mohammed Achmeds, vor dem der Ungläubige noch zittern soll und der Turk sich beugen. * Nachdem sie auf Abba angelangt sind, unter viel Schreien und Freudenschüssen und großem Paukengetöse, erhält der Novize Abdullahi eine kleine Hütte mit einem spitzen Strohdach angewiesen, nicht weit von der großen, in der jetzt Mohammed Achmed für gewöhnlich lebt, denn nur zur Kasteiung geht er manchmal noch in die Höhle. In dieser kleinen kegelförmigen Hütte wird Abdullahi sehr krank. Eine Ruhr verzehrt ihn, macht ihn ganz schwach. Der alte Derwisch Alî pflegt ihn nicht ohne Güte; sonst betritt kein menschliches Wesen die Hütte. Eines Tages nimmt Alî den Wasserschlauch und geht zum Nil, um Wasser zu holen, – und kommt niemals wieder. Viel später erst wird Abdullahi erfahren, daß er an einer seichten Uferstelle ins Wasser gegangen ist und daß ein Krokodil ihn am Bein gepackt hat. Abdullahi, auf seiner sudanesischen Bettstatt in der kleinen Hütte, wartet lange auf den alten Derwisch und noch sehnsüchtiger auf das Wasser; dann verschwimmt alles im Fieberfeuer. Der Kranke ist ganz allein und vergessen, und doch dringt der Lärm des Dorfes bis in die Hütte. Mehr als einmal hört er im Fiebertraum die milde Stimme seines heiligen Meisters; vielleicht sitzt er draußen unter dem Schattendach und spricht zu der Menge, die um ihn ist. Der Baggara Abdullahi liegt da, er weiß nicht wie lange. Ist ein Tag vergangen? Ist eine Woche vergangen? Es muß gegen Abend sein; es wird dunkel. Draußen singt jemand ein Lied: »Von Liebe verstört ist mein Herz – – – – O Gazelle unter den Gazellen von Jemen; Ich bin dein Sklave, obgleich nicht erkauft. O Mohammed – – « Abdullahi der Taaischi hört das Lied und muß weinen, weil er nun sterben wird, das weiß er. Er möchte hinaus aus der Hütte, schreien – – Er ist ganz schwach. Nur seine Hand bewegt sich noch, und das Bettgestell knirscht unter seiner Last. Auf einmal steht Mohammed Achmed in der Hütte. Hinter ihm kommt eine von seinen Frauen herein, die Tochter seines Oheims Mohammed Scharfî. Sie trägt eine Kürbisschale, aus der ein Dampf kommt. Mohammed Achmed nimmt ihr die Schale ab und tritt damit näher, bis zu der Angareb-Bettstatt, auf der der Kranke liegt. Er setzt sich an ihren Rand, mit seinem Lächeln. Abdullahi kann sich nicht regen, aber seine Sinne sind wunderbar wach. Das grobe Gewand, das der Heilige trägt, erscheint ihm so weiß, es leuchtet durch das Dunkel der Hütte; die bunten Flecke, die aufgenäht sind, schimmern wie Edelsteine. Und jetzt schließt der Kranke die Augen, er kann den Glanz nicht ertragen. Da riecht er himmlische Düfte. Er erwacht wieder aus der Ohnmacht, die ihn befallen hat. Er ist ganz froh, ganz stark, er kann nur nicht sprechen. Der Freund sitzt neben ihm, der zu ihm gekommen ist. Er reicht ihm die Kürbisschale, in der Medida ist, ein Mehlbrei, mit heißer Butter bereitet. Jetzt spricht er mit seiner herrlichen Stimme: »Trinke dies und vertraue auf Gott!« Abdullahi der Taaischi vertraut noch mehr auf den heiligen Freund als auf Gott. Er führt die Schale an seine Lippen, er trinkt, er ist schon gesund, er weiß es, er ist schon stark – – Auf einmal sitzt er, mit einem Ruck hat er sich aufgerichtet, seine Augen sind weit geöffnet und sprühen Licht. Er sagt mit lauter Stimme, was er schon so lange gedacht hat. Das, was sein sterbender Vater ihm anvertraut hat: »Du bist der Erwartete Mahdi!« Das Gesicht Der Mahdi; der Erwartete Mahdi? Auf der Insel Abba ist ein Wunder geschehen, und der Sterbende, der vom Totenbett auferstanden ist, geht umher und verkündet: »Der Erwartete Mahdi ist endlich erschienen! Er hat mich geheilt!« Der Mahdi selbst? Ist Mohammed Achmed nicht der Kutb, ist er nicht der Khidr, sondern ist er der Allergrößte? Der da kommen muß? Der Mahdi Allahs? – Ist es wahr? Ist es denkbar? Man hat es bisher nicht zu glauben vermocht, obwohl schon lange ein Flüstern ging – – Vor der Hütte des heiligen Scheichs drängen sich die Muselmanen von Abba. Er soll herauskommen, soll zu ihnen sprechen, soll sagen, daß er der Erwartete Mahdi ist! Aber Mohammed Achmed ist nicht in seinem neuen geräumigen Haus. Er hat sich in seiner Höhle am Ufer verborgen; hier fastet er lange, bitterlich lange; seine Gebete enden nicht mehr, er schläft kaum, Tag und Nacht sind nicht mehr unterschieden, nicht mehr Wachen und Träumen, nicht mehr Denken, Glauben, Hören und Sehen.– – Immer wieder und immer wieder sagt er die hundert magischen Namen auf, die hundert mächtigen Eigenschaften Allahs: »Er Rachmân, Er Rahîm – –« Und am öftesten wieder und wieder: »El Quejjûm.«– »Der Unwandelbare.« Das ist ein besonders starker Name, in ihm liegt eine geheime und zwingende Kraft. – – Viele Tage lang kommt Mohammed Achmed nicht ans Licht, er, den man schon den Erwarteten Mahdi genannt hat. * Seit zwölf Jahrhunderten hat das Volk des Islams von El Mahdi el-Muntáser geträumt, dem Erwarteten Führer. Zwar, der Koran spricht nicht vom Mahdi. Vom Tage des Gerichtes kündend, sagt das Heilige Buch nur, Isa, Sohn der Maryam (er, den die Ungläubigen Jesus nennen und den auch der Islam hoch verehrt), werde noch vor der Wiederkunft des Propheten Mohammed wieder erscheinen. Die Hadiths, das sind die mündlichen Überlieferungen aus der Zeit des Propheten, seither gesammelt und aufgeschrieben, – erwähnen in dunkler Hindeutung bereits einen anderen Vorläufer des Gerichts, den Geheimnisvollen, »den Allah leiten wird«, also: den Führer der Menschen. »Mahdi« bedeutet »Der Geleitete«. Er wird erscheinen, ehe noch zu Jerusalem auf den heiligen Felsblock des Tempelberges Jesus niederfährt, und ehe das Gericht sich vollzieht. Vor dem Gericht noch muß der Mahdi das Weltreich des Islams vollenden. Wo auf der Erde noch Ungläubige sind, besiegt sie der Mahdi und tilgt sie aus. Der Erwartete Mahdi wird aus dem Geschlecht des Propheten stammen. Man erkennt ihn an vielen geheimen Zeichen. Gewisse Male wird er am Leibe tragen; gewisse Dinge wird er tun, an gewissen Orten. Zwölf Jahrhunderte lang dichtet die Sage. Vieldeutig sind die Stellen der heiligen Bücher, verschieden die Glaubensmeinungen verschiedener Sekten. Ist der Mahdi derselbe wie Jesus? Oder ist er der Elias der Juden? Oder ist er der verborgene Zwölfte Imâm? * Die Lehre der Schia, der die Perser folgen, kennt zwölf heilige Imâme, Leiter des Gebetes der Gläubigen. Der erste ist Ali, Sohn Abu Tâlibs, der Mohammeds Lieblingstochter Fatima zur Gattin hatte. Aus seinem Blut und Mohammeds Blut sind noch elf Imâme. Der elfte Imâm heißt: Hassan el-Askarî; der zwölfte Imâm heißt wie der Prophet: Mohammed. Man nennt ihn Mohammed el-Mahdi. Der persische Islam weiß seit einem Jahrtausend, daß dieser zwölfte Imâm, der Mahdi, schon lebt. Er hält sich in einer Höhle verborgen, seit tausend Jahren. Und er wird wiederkommen. Wie der Elias der Juden. Immer wieder sind in den Landen des Islams Männer aufgestanden, in allen Jahrhunderten, und haben verkündet: Ich bin dieser Zwölfte Imâm. Ich bin der Erwartete Mahdi. Die Dynastie der Fathimiden-Khalifen in Nordafrika hat ein Mahdi begründet. Immer wieder kommt einer und nennt sich den Mahdi. Aber noch ist die Welt dem Islam nicht gewonnen, noch gibt es Ungläubige. Immer noch warten die Muselmanen auf Ibn, der das Werk des Propheten vollenden soll. * Quejjûm! Quejjûm! »Der Unwandelbare.« Von hundert Namen Allahs derjenige, den der Mahdi auf sein schwarzes Banner schreiben soll – – Der Beter in seiner finsteren Höhle wiederholt den Namen, schneller und immer noch schneller, mit tausend Beugungen, Rucken, krampfhaften Verdrehungen, bis der Körper des Beters todmüde ist und der Geist ganz sonderbar wach; bis Schaum aus dem betenden Munde quillt und die Augen ganz glasig und starr sind und Dinge sehen – – Traum des Schlafenden oder Erscheinung dem Wachen? Ob er schläft oder wach ist, auf den Lippen des Derwischs Mohammed Achmeds ist stets das gebetete Wort, ein Sturm, ein Krampf des Gebets: »Quejjûm!« In den Ohren des Derwischs dröhnt ein Wort, das jemand gesprochen hat: »Du bist der Erwartete Mahdi!« Und an einem Tag, in einer Nacht, im Wachen, im Schlafen sieht er, wie Mohammed, Gottes Prophet, zu ihm kommt, in einem grünen Mantel, der leuchtet. * Um den Propheten ist ein großer Glanz von Engeln und heiligen Toten. Die verklärten Scheichs der Sammanîjja sind alle da, die heiligen Stifter und Hüter des Ordens. Liebevoll streckt El Koreïschi die Arme nach Mohammed Achmed aus. Hinter ihnen sind zahllos und schattenhaft die gottesfürchtigen Seligen, Männer aus allen Zeiten. Die Wände der Höhle verschwinden, man sieht den unendlichen Raum voll leuchtender Schatten. Eine wartende Stille herrscht. Der Prophet kommt näher. Jetzt ist Einer bei ihm; sie schreiten gleichzeitig, Hand in Hand. »Das ist mein Bruder, der Derwisch Isa!« weiß der Träumende. »Isa, Sohn der Maryam. Warum kommt er? Vor ihm wird der Mahdi erscheinen!« Da ertönt, voll und wunderbar, die Stimme des Propheten, der zu Isa spricht: »Siehe, dieser ist der Erwartete Mahdi, dem du gehorchen mußt.« Da sagt Isa, der Sohn der Maryam: »Ich glaube an ihn.« Und die Stimme Mohammeds des Propheten erfüllt den Raum: »Wer nicht an ihn glaubt, der glaubt nicht an Gott und an mich!« * Der Beter erblickt einen strahlenden Thron, der Prophet Mohammed sitzt darauf. Ihn umgeben vier Leuchtende, die ersten Khalifen des Islams. Der Derwisch Mohammed Achmed steht vor dem Thron. Da streckt der Prophet seine Hand aus, und leicht und schmerzlos greift sie durch seinen Körper hindurch bis zu seinem Herzen. Da sieht Mohammed Achmed das Herz in seiner eigenen Brust. Es ist ganz dunkel, ein Menschenherz. Doch wie es die Hand des Propheten berührt, ist das Herz Mohammed Achmeds auf einmal gereinigt und weiß und ein Licht geht davon aus – – Da steigt der Prophet von seinem Thron; und er umgürtet Mohammed Achmed mit seinem eigenen Schwert und spricht: »Mohammeds Glaube ist das Schwert!« Da recken alle die leuchtenden Schatten, alle die Heiligen des Islams, alle Verklärten des Paradieses ihre Hände dem Derwisch Mohammed Achmed entgegen, der nun der Erwartete Mahdi ist und das Schwert des Propheten über die Erde zu tragen hat; und das gereinigte Herz des Mahdi strahlt wie ein großes Feuer, und die Stimme des Propheten Mohammed, ganz allein im schweigenden Weltraum, redet: »Siehe, aus dem Lichte der Wolke meines Herzens bist du geschaffen! »Siehe, Allah gab dir das Zeichen des Mahdismus, es ist das Muttermal auf deiner Wange! »Siehe, ein Banner aus Licht ist bei dir; und der Todesengel Azraïl trägt es, wo immer du bist!« Der Derwisch Mohammed Achmed, der der Erwartete Mahdi ist, weiß, ohne sich umzuwenden, daß hinter ihm, hochragend hinter dem Thron, Einer steht, ein Formloser, Maßloser, Unbestimmter. Der hält über ihn ein riesiges Banner aus lauter Licht, und ein Wort steht darauf: »Quejjûm!« Da weiß der Mahdi des Islams, daß er mit dem Schwerte Mohammeds in die Welt hinausgehen muß, und daß ihm der Engel des Todes folgt, wo immer er schreiten wird. * Auf dieser Insel Abba im Nil gibt es außer der arabischen Ansiedlung auch schon ein Dorf von Negern; es sind Fischerleute aus dem Stamme der Schilluk. Sie sind riesenhaft groß und schlank und ganz nackt und sind unbekehrbare Heiden. Das Haar tragen sie auf dem Hinterkopf in einer seltsam verfilzten Platte, die wie ein Spaten geformt ist; eine Straußenfeder ist eingeflochten. Sie ölen ihre tiefschwarzen Leiber und tragen Armschmuck und Beinschmuck aus Kupfer und Elfenbein. Sie sind sehr geschickte Fischer und spießen, auf kleinen Flößen den Nil befahrend, die großen Welse mit ihren langen, mit Widerhaken versehenen Speeren. An einem Tag, der ein Freitag ist, herrscht in den spitz zulaufenden Hütten des Negerdorfs Erstaunen und Angst. Die Insel ist voll von Fremden, die plötzlich gelandet sind. Bereiten diese arabischen Männer vielleicht eine Razzia vor? Gedenken sie bei Nacht das Schillukdorf zu umstellen, mit ihren Feuergewehren die wehrhaften Krieger zu töten? Wollen sie die jungen Knaben des Dorfes mit Fußeisen fesseln, die Frauen und Kinder mit Nilpferdpeitschen aus der brennenden Siedlung treiben? Nichts anderes kann es bedeuten, daß sich so viele Beduinen auf Abba versammeln. So beginnt eine Razzia! Eine Anzahl der Schilluk, mit Schilden und langen Speeren, stehen als Späher am Waldessaum im tiefen Schatten. Sie stehen wie immer nur auf dem linken Bein, wie Störche, und stemmen das rechte seltsam darauf. Sie blicken aufmerksam und ohne Verständnis auf das, was sich auf dem Gebetsplatz begibt. * Der Gebetsplatz der arabischen Siedlung ist eine Lichtung nicht weit von den Hütten. Die Bäume des Waldes blicken in diese Freiluftmoschee; wenn es still wird, hört man die Vögel kreischen, die Affen einander jagen. Es ist ein Tag in der Regenzeit; es regnet gerade nicht, doch die dampfende Luft ist voll Nässe. Auf dem Moscheeplatz sitzt, in geraden Reihen, ein jeder auf einem Stück Teppich oder einem Fell, eine Menge, die schon nach Hunderten zählt. Man sieht die weißen Roben der Danagla, die bunten Seidengewänder mehrerer Scheichs aus Dar-Fur; auch aus Kordofan sind Männer hier und Krieger der Baggara aus dem Süden, Abdullahis Stammgenossen. Wandernde Schüler aus dem fernen Bornu, in Ziegenfelle gekleidet, sind bis hierher gelangt; sogar aus den Wüsten am Roten Meere sind einige Hadéndoa gekommen, Beduinen in grob gesponnenen Mänteln und ohne Turban, deren Haare in vielen Flechten an den Kopf geklebt sind. Viele Dialekte sprechen all diese Menschen, und zwischen ihnen ist Stammeshaß und Verachtung. Aber alle haben den gleichen Glauben, und der Turk ist ihnen der gemeinsame Feind. Die Krieger der Schilluk sehen sie sitzen; sie sind ganz still. Jeder hat seine Füße entblößt und seine Waffen vor sich gelegt. Manchmal, während ein Mann zu ihnen spricht, nähern die Hockenden ihre Stirnen der Erde. Dann ist es, als ob ein Wind ein geordnetes Beet von hellen und dunklen Blumen zerwühlte. Die Späher der Schilluk erkennen mit ihren scharfen Augen den Prediger, der zu den Fremden spricht. Das ist ja der lächelnde Mann aus der Höhle. Der ist doch gut! Der will vielleicht keine Kinder rauben! * Der Derwisch Mohammed Achmed, umringt von denen, die gekommen sind, eine große Botschaft zu hören, beginnt erst ruhig, im üblichen Vorbeterton des Imâms, der die Freitagspredigt gehörig vorträgt. Er sagt, so leise, daß das Vogelgeschrei seine Stimme kaum aufkommen läßt: »Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Erbarmers! »Gepriesen sei Gott, der Schöpfer, der den Menschen aus Erde geschaffen hat und ihm eine so treffliche Form gegeben, der ihn zu Gehorsam rief, Wissen und Anbetung, und überquellenden Lohn verheißt denen, die fromm und geduldig sind. – –« Lauter wird die Stimme des Predigers: »Preis, viel Preis sei Allah, der das Licht Seiner Wahrheit Seinen Getreuen enthüllt hat. – – »Segen und Frieden auf unseren Herrn Mohammed, von dem die Strahlen des Lichts sich verbreiten unter denen, die auserkoren werden zum Glauben!« * Neben dem Prediger erhebt sich ein Mann, den manche kennen, Abdullahi, ein Taaischi von den Baggara. Er hält ein schwarzes Banner hoch, das mit arabischen Lettern benäht ist. Die lesen können, lesen: »O du Lebender, du Unwandelbarer, du glorreicher Quell des Erbarmens!« Und: »Es ist keine Gottheit denn Gott, und Mohammed ist Allahs Prophet.« Die schwarzen Männer der Schilluk drücken sich ängstlicher an die Bäume, die sie verbergen. Dieser Mensch mit der Fahne hat plötzlich etwas geschrien, etwas Unverständliches. – – Da springt die Menge auf, die Männer ergreifen die Waffen; alle schreien sie – – Aber der Mann in der Mitte streckt den Arm aus. Es wird ganz still. Die Stimme sagt etwas. Wie Vogelschwingen zerschneiden die wehenden Ärmel die Luft. Die Späher der Schilluk sehen mit großen runden Negeraugen, wie diese arabischen Fremden springen, jauchzen, weinen, sich winden, die Erde küssen, den Staub vor den Füßen des Mannes. Welche Zauberei ist am Werk? Was geschieht hier Bedrohliches? * Der Derwisch Mohammed Achmed hat zu der Versammlung gesagt: »Ich bin der Erwartete Mahdi. Wer nicht an mich glaubt, der glaubt nicht an Allah und seinen Propheten.« * Die Krieger der Schilluk in ihrem Versteck verstehen die Worte nicht, doch sie erbeben. Sicherlich, dieser Tumult auf dem Platz, dieses Schreien, diese geschwungenen Waffen bedeuten den Tod für schwarze Männer, brennende Kegelhütten und fortgeschleppte Weiber. Die Menschen auf dem Moscheeplatz schreien, taumeln. Da tritt in die Mitte dieser Begeisterten einer, der einen Willen hat, der ein Banner zu tragen vermag. Der Baggara Abdullahi, groß aufgereckt, mit seiner Fahne in Händen, beherrscht die verwirrte Menge. Mit Gesten gebietend schafft er Stille. Dann ruft er, weithin vernehmlich, als erster das Bekenntnis eines neugeborenen Glaubens. Die Hunderte sprechen es laut und feierlich nach: »Keine Gottheit denn Allah, – und Mohammed ist Allahs Prophet. Mohammed, der Mahdi, ist der Nachfolger des Propheten Gottes!« * Später werden diese unsäglich Erregten im ganzen Sudan erzählen, sie hätten hinter dem Mahdi ein zweites Banner erhoben gesehen, ein Banner aus lauter Licht, das ein Formloser, Maßloser, Ungeheurer hoch; hielt. Die Warnung Im Jahre 1881 kommt Romolo Gessi vom Gazellenfluß nach Khartum zurück, Gessi Pascha, Gordons bester Offizier. Gessi hat nach Gordons Rückkehr gegen die Sklavenhändler am Weißen Nil gekämpft, und er hat jenen hübschen Jungen in der blauen Jacke hinrichten lassen, den Sohn Sibêrs. Viele Seriben hat dieser stämmige Italiener mit dem ergrauenden schwarzen Vollbart zerstört, viele Sklaven hat er befreit und bewaffnet. Da haben wieder sie ihrerseits die Sklavenhändler gehetzt und gemordet. Das Befreien ist ein melancholisches Geschäft! Jetzt ist Romolo Gessi müde und krank. Er will nach Hause; er ahnt, daß er nun bald sterben wird. In Khartum findet er nicht mehr seinen Freund Gordon als Generalgouverneur, den hat der Khedive abberufen, und nicht sehr in Gnaden. Generalgouverneur ist jetzt jener Raûf, den Gordon einmal davongejagt hat. Erst hatte er ihm vertraut, dann hatte er ihn als das erkannt, was er ist und nach Kairo zurückgeschickt. Dort hat er Gordon erfolgreich beim Khediven verleumdet. Und jetzt sitzt er an seiner Stelle in seinem Palast. Und die rechte Hand Seiner tschibukrauchenden, haremseligen Exzellenz ist ein anderer Mensch, den Gordon mit Schmach und Schande vom Äquator jagen mußte, Mohammed Bey Saud. Diese beiden hassen Gessi als einen Anhänger Gordons und weil er die Sklavenhändler im Ernst verfolgt hat. * Bevor Romolo Gessi nach Kairo weiterreist (wo er plötzlich sterben wird, der arme brave alte Freiheitskämpfer aus dem Risorgimento), schreibt er für die Zeitschrift »Esploratore« einen der Reisebriefe, die man in Italien schätzen gelernt hat: »Khartum fand ich nach dreijähriger Abwesenheit ziemlich zum Vorteil verändert. Schöne Gebäude am Fluß, eine üppige Vegetation. Das neue Gerichtshaus. Vor dem Regierungsgebäude ein Park. Wer aus dem Sumpfland der Nuër und Schilluk herkommt, den wundern diese Dinge ein wenig. – »Die europäische Kolonie hat dem Volke hier die Kunst beigebracht, Kalk, Ziegel und behauene Steine zu schaffen, so daß das Leben endlich erträglich gemacht wird. Die katholischen Missionare waren die ersten Lehrer, dann der Maltese Del Bono. Dann koptische, griechische Händler. Jetzt bestrebt sich ein jeder, Häuser zu bauen, die alle Bequemlichkeiten Europas enthalten. »Bei Monsieur Marquet, einem Franzosen« (schreibt Gessi dem »Esploratore«), »bekommt man schon wirklich alle Waren zu kaufen: Lebensmittel, Konserven, Stoffe und Briefpapier. – Anderswo gibt es moderne Lampen. In den feinsten Geschäften von Mailand kauft man kaum besser. – Welche Aussicht für unseren italienischen Handel! Schon blüht der Gummiexport. Die Società Commerciale di Milano – – « Oh, die Zivilisation hat begonnen. Es gibt Konsuln der Mächte in der werdenden Großstadt Khartum. Da ist Martin Hansal, Konsul Seiner k.u.k. Apostolischen Majestät. (Er hat viele schwarze Dienerinnen, so etwa sieben. Die österreichische Kolonie, der er vorsteht, umfaßt die Mission und den Schneidermeister Klein. Aber der ist immer besoffen.) – Und der Konsul des Basileus der Hellenen, kein geringer Würdenträger! Es wimmelt nämlich in Khartum von Griechen. Die Griechinnen sind ganz beladen mit Schmuck, so gut gehen die Geschäfte. – – – Fast jeden Monat kommt ein neuer Konsul an, etabliert sich eine neue Firma, Export von Gummiarabikum, Straußenfedern, Elfenbein, Senna. Es ist wahr, man muß alle Beamten bestechen, aber das mindert die großen Profite nur wenig. * Es ist, seitdem dieser unruhige Gordon zum Teufel geschickt worden ist, im Sudan alles so schön in Ordnung. Der Khedive Tewfik in Kairo hat sonst viele Sorgen: die Nationalpartei setzt ihm zu, der Oberst Arábi Pascha droht ihm, ihn vom Throne zu stoßen, die europäischen Gläubiger drängen, eine englische Einmischung steht zu befürchten – nur im Sudan gedeiht das ägyptische Reich. Der Sultansstaat Dar-Fur ist nun auch erobert, der getreue Raûf schickt reichliche Steuern, und dann, vor allem, die Aufklärung, der Sieg der Zivilisation! – Nicht einmal die Gesellschaft gegen den Sklavenhandel in London beschwert sich mehr. In Khartum können die großen Dahabiehs, in deren Schiffsraum gefesselte Sklaven verfrachtet sind, wirklich nicht mehr am Flußkai gegenüber dem Paschapalast ankern, selbst nicht dann, wenn hohe Regierungsbeamte an Bord sind. Der Sklavenhandel ist nicht mehr so leicht und gefahrlos. Die arabischen Stämme im Sudan haben ihre Steuern bisher aus dem Erlös der Sklaven bezahlt. Jetzt aber ist das Land voll von weißen Idealisten so wie Romolo Gessi, die den Sklavenhandel in den Provinzen bekämpfen. Oh, es sind wackere Leute. Dr. Eduard Schnitzler aus Oppeln heißt jetzt Emin Bey und ist der Gouverneur der Äquatorprovinz. So wie einst Gordon denkt er, er könne den Sklavenraub verhindern. Im neu eroberten Dar-Fur wird Slatin Generalgouverneur, Rudolf Slatin aus Wien. Ein zierlicher, kleiner Herr, ganz jung, zum Staunen energisch. Wie der sich mit Beduinenrebellen herumschlägt! Und Forschungsreisende ziehen im Lande herum und forschen. Der Deutschrusse Wilhelm Junker geht nilauf und nilab, mal nach Zentralafrika und mal wieder hinaus. Und katholische Missionare kommen in den Sudan und immer mehr griechische Händler. Und der Baschi-Bosuk mit der Nilpferdpeitsche treibt all das Geld ein, das für die weißen Idealisten gebraucht wird, für die Reformgouverneure. Und die Forschungsreisenden haben Eskorten mit, die von der Bevölkerung mit Gewalt requirieren. Und die Händler haben so ihre Methoden. * Der Baschi-Bosuk als Steuereinnehmer kommt zu dem arabischen Scheich. Früher hätte der arabische Scheich, um das Geld für die Steuern zu schaffen, ganz einfach ein Negerdorf überfallen und die Neger als Sklaven verkauft. Jetzt aber gehen so viele Sklaventransporte verloren. Das Risiko wird zu erheblich. Da töten die arabischen Jäger nach einer Razzia lieber die schwarzen Heiden und suchen viel gründlicher als sonst nach dem vergrabenen Elfenbein unter den Hütten und nach dem im Walde verborgenen Vieh. Und die Steuern gehen am Ende doch ein. Der Baschi-Bosuk erpreßt sie vom Araber, der erpreßt sie vom Neger. Der ägyptische Pascha und der europäische Idealist bekommen schließlich stets ihre guten Gehälter. Da folglich alles so ruhig und friedlich ist im Sudan, kann Raûf Pascha, er ist kein Kriegsmann, ganze Mengen von Negersoldaten entlassen. So spart er den Sold. Die früheren Soldaten ziehen in Banden im Lande herum und stehlen. Wenn irgendwas losgeht: das sind gute Rekruten! * Alles wäre so still und friedlich ohne das Pfaffengezänk der Ulema in der Moschee von Khartum. Was haben sie? Sonst vortreffliche Leute, fett und regierungstreu. Aber sie kommen gar nicht zur Ruhe. Irgendein großer Erzketzer, scheint es, bringt jeden grünen Turban in Khartum zum Wackeln. Irgendein neuer Derwisch auf einer Insel im Weißen Nil. Ein Heiliger oder so was. Das Gezänk hört nicht auf. Inmitten der steigenden Konjunktur hört der griechische Kaufmann etwas zu viel von dem Derwisch. Aber für die Konsuln der Mächte existiert er amtlich noch lange nicht, und der Generalgouverneur raucht seine lange Pfeife und entläßt noch einige Truppen. * Eines Tages aber kommt der heilige Scheich Mohammed Scherif in den Palast des Generalgouverneurs, das Haupt der Sammanîjja Tarîka. Der Generalgouverneur Raûf Pascha (der »Hokmdar«, sagen die Sudanesen) kommt dem alten Mann bis an die Schwelle des Audienzsaals entgegen, so groß ist das Ansehen des Scheichs. Der grüßt: »Mit dir sei der Friede!«, dann nimmt er den Ehrenplatz auf dem Diwan ein, trinkt mehrere Tassen Kaffee, doch verschmäht er, so groß ist die Strenge seiner Enthaltsamkeit, die Pfeife, die ein Negersklave ihm darreicht. Raûf Pascha, der seine Galauniform anziehen mußte und in ihr sehr schwitzt, sitzt da, mit seinem Rosenkranz spielend, und wünscht, der Besucher ginge schon wieder. Raûf Pascha ist ein ganz guter Moslim, gewiß, wie jedermann, was aber schert ihn ein Derwischgezänke? Es handelt sich, scheint es, um eine Beschwerde. Irgendein toller Fikih – – »Er zerspaltet den Stab des Islams!« sagt finster der Scheich. Der fettige Pascha lächelt bedauernd. Über die Säcke unter seinen Augen senken sich die Lider. Er blinzelt. Er möchte gern schlafen. Da weckt ihn ein Wort: »Mahdi!« * Vergangen ist die Schläfrigkeit des Paschas. Jetzt hört er zu, jetzt denkt er nicht zwischendurch an jene neugekaufte abessinische Sklavin. (Die übrigens wie ein Vollmond ist, wie eine Gazelle.) Wenn dieser verrückte Derwisch nicht nur einer von den gewöhnlichen Heiligen sein will, vielleicht El Kutb oder, meinetwegen, El Khidr persönlich, – sondern der Mahdi, dann wird das ernst. Ein Mahdi, das bedeutet von jeher Aufruhr und Blutvergießen. Wenn dem Khedive nach Kairo gemeldet wird, daß einer predigt, er sei der Mahdi – – Raûf Pascha stellt hastig Fragen. Wer ist dieser Derwisch? Sind seine Anhänger zahlreich? Haben sie Waffen? – Aber der alte Scheich streicht sich den Bart, läßt sich durch Fragen nicht unterbrechen. Langsam redet er weiter, zeigt wohlgefällig seine eigene Gottesgelehrtheit, die Strenge seiner Orthodoxie: Ob dieser Fikih Mohammed Achmed nicht im Grunde ein Ketzer sei, hat der Scheich schon lange erwogen. Seine Lehren sind durch den Koran nicht belegt, auch entsprechen sie nicht der mündlichen Tradition, so wie sie die Hadiths verzeichnen. Er hat längst schon heuchlerisch gegen Erlaubtes, ja Heiliges sich gewendet: gegen das Feiern gottgefälliger Feste, wie es Beschneidungen sind – – Wie könnte er denn der Mahdi sein? Daß er aus dem Blut des Propheten sei, behauptet er selber, aber alles Wissen ist bei Allah, und sein Stamm galt bisher als unansehnlich. Wie kann er der Mahdi sein? Sind die Zeichen erfüllt, die das Buch »Hadik en Nadih« aufzählt? Das Buch Abd el-Ghanis von Nablus und ferner das Buch »Keshef el-Ghummah« von Schaani? Ist etwa der Euphrat denn eingetrocknet und hat man darunter die goldenen Berge erblickt? Hat man in den Wolken den Arm gesehen, der zur Erde zeigt auf die Erscheinung des Mahdis? * Schließlich zieht der Scheich-et-Tarîkat ein Papier hervor; er hat, sagt er, eine Schrift verfaßt, eine Schrift in Versen natürlich, um die ganze Ruchlosigkeit dieses Menschen zu beweisen. Alles steht darin: wie fromm er sich stellte, als er zuerst als Schüler zu Mohammed Scherif kam, wann war es? Ja, vor zwanzig Jahren, im Jahr zwölfhundertsiebenundsiebzig der Flucht. Der Scheich öffnet das Papier und trägt das Gedicht vor, im traditionellen Singsang, selbst berauscht von der klassischen Schönheit der Verse, deren letzte Worte auf arabisch immer mit einem R endigen, durch das ganze kunstvolle Poem. * Er liest: »Er war zu mir gekommen im Jahre siebenundsiebzig an einen Ort auf dem Sultansberg am Strande des Nils, Wobei er verlangte nach dem rechten Wege durch mich. Er betrat den Pfad der Leitung aufrichtig, Er bewies auf dem Pfad löblicher Werke seinen Eifer. Da erhöhte ich ihn über andere; nicht ahnte ich das Ende. Er weilte bei uns, sich unterziehend jeglichem Dienst, Wie Kornmahlen, Nachtwachen, Holzsammeln, alles Schwere, das Demut beweist. Wie fastete er! Wie betete er! Wie rezitierte er! Aus Furcht vor Allah strömte stets seine Träne – – Wie sprach er das ›Allahu akbar!‹ vom Abendgebet die ganze Nacht bis zur Zeit des Morgengebets – –« * Am Ende jedes Verses, bei dem Reim auf R, nickt der Pascha mit seinem Kopf, um sein Wohlgefallen und seine feine Bildung zu bezeugen; er muß, niemand dürfte eine solche Rezitation unterbrechen, noch viele Verse hören, die alle zierlich auf R gereimt sind. Die Verse erzählen weiter, wie Mohammed Achmeds Frömmigkeit und gutes Beispiel ihm viele Menschen gewonnen haben; dann aber haben zwei Teufel sich seiner bemächtigt, nämlich Schaitan selber und ein anderer, ein Teufel in Menschengestalt, ein gewisser Beduine – – Der Derwisch Mohammed Achmed habe plötzlich, erzählt der alte Scheich, ihm eine Botschaft gesendet: »Er sprach: Ich bin der Mahdi! Der Mahdi ist dein Sohn, Er, den du in Liebe geschätzt hast in der Welt des Staubes. So steh auf mit mir zum Sieg des Glaubens, laß uns jene töten, die ungehorsam sind!« Ja, und der falsche Mahdi hat sogar, behauptet der Scheich in arabischen Reimen auf R, seinem geliebten Lehrer den Thron des Sudans angeboten, wenn er ihm nur folgen wollte! »Ich aber sprach zu ihm: Laß ab von deinem Vorhaben, denn, bei Allah, es ist böse und führt zum Verderben! Aber der Satan sprach zu ihm: Verkünde deine Botschaft ohne Furcht. Denn wahrlich, du bist siegreich zu Land und zu Wasser! Da neigte er sich, die Herrschaft und Gewalt zu lieben. Er sprach: Ich bin wie Wasser, der Natur nach kalt, Jedoch erhitzt ist es wie Feuer in der Glut – – « * »Da fällte ich über ihn die Entscheidung – – « – – Er liest, der alte Scheich, mit einer Donnerstimme vor und seine Augen funkeln: »Da fällte ich die Entscheidung: In Unglauben und Irrtum!« – Nach diesem Bannfluch kommt das, was eigentlich der Zweck dieses langen Gedichts ist: eine Denunziation. Scheich Mohammed Scherif teilt dem Generalgouverneur mit, immer in Versen auf R, daß er den Regierungsbeamten, der auf der Insel Abba das Gesetz zu wahren hat, den Kaimakam, schon gewarnt hat – – »Und ich hatte dem Kaimakam geraten, ihn zu greifen, Aber er hat mir nur sagen lassen: Laß diesen hochheiligen Mann!« (Der Generalgouverneur versteht diese Verse sehr gut. Hier ist einer, der auch nach Kairo ein paar prächtige Verse schicken könnte, mit einer gut gereimten Anzeige gegen den Hokmdar des Sudans. – – –) * Als der alte Scheich endlich gegangen ist, schickt Raûf Pascha um seinen vertrautesten Amtsgehilfen, Abu Saud. Mohammed Bey Abu Saud ist vielleicht sogar für einen hohen ägyptischen Staatsbeamten im Sudan ein etwas zu großer Schurke. Bevor ihn Gordon aus der Äquatorprovinz gejagt hat, war er zugleich Aufsichtsorgan zur Bekämpfung des Sklavenhandels und einer der größten Seribenbesitzer und Verfrachter von Negerschiffen. Noch jetzt, wenn Gerüchte nicht lügen, verhandelt er für seinen Herrn, den Pascha, oft und erfolgreich mit den Sklavenhändlern des Südens. Er kommt herein, vollzieht einen großen Salâm, mit der Hand auf Stirne und Brust. Der Pascha empfängt ihn ohne Zeichen besonderer Gnade: »Was ist das für ein Fikih auf Abba? Warum hast du mir nichts gesagt?« Abu Saud entschuldigt sich kriechend. Er nennt den Pascha »Glückselige Exzellenz«. – Wer ist er, Abu Saud, daß er die Ohren Seiner Glückseligkeit mit Nichtigem füllen sollte? – Ja, auf Abba lebt ein gewisser Mohammed Achmed, manche betiteln ihn Sajjid. – Ja, ein Prediger. – Ja, es sammeln sich Unzufriedene um ihn. Von den arabischen Händlern, die mit Sklaventransporten Unglück erlitten haben, sollen mehrere zu ihm geflohen sein. – Die Glückseligkeit weiß wohl, der muselmanische Glaube erlaubt, ja gebietet die Knechtung der Heiden und Feinde Gottes. Dieser Derwisch predigt, es kann sein, gegen die sehr vortrefflichen christlichen Gouverneure, die Seine Hoheit, unser Khedive, in die Provinzen schickt – – Abu Saud sagt das leise und sieht den Pascha fest an. Der blinkt mit den Augen, ein wenig unsicher. Dann entschließt er sich: »Ich muß diesen Fikih sehen. Da du ihn kennst, geh nach Abba und hole ihn her. Überrede ihn; – – du verstehst das.« Abu Saud, in knechtischer Haltung, die Hände in seinen Ärmeln verborgen, sagt glatt wie eine Schlange und mit einem Blick, der züngelt und beißen könnte: »Was gedenkt die Glückselige Exzellenz mit dem Derwisch zu tun, wenn er herkommt?« »Má schá – Allah!« sagt der Pascha. »Was Gott will, wird geschehen.« * Mit einem zweideutigen Lächeln geht Abu Saud, den Befehl des Paschas zu erfüllen. Er reist nach Abba, er wird, mit guten Worten, den Derwisch in die Hauptstadt laden. – Während er noch unterwegs ist, erfüllen viele Gerüchte die Stadt. Auf einmal spricht jeder von diesem Mahdi. »Der falsche Mahdi«, sagt man. »Der Betrüger von Abba.« In der Moschee sind die Ulema ihm alle feindlich. Aus den alten Büchern beweisen sie leicht, daß er lügen muß. – Aber ein ganz junger Fikih, ein Schüler der Gottesgelehrtheit, auf dem Weg nilaufwärts nach Kairo, wo er an der hohen Schule von El Azhar zu studieren gedenkt, sagt öffentlich im Khartumer Moscheehof: »Dieser Scheich von Abba trägt jenes Muttermal, das das Siegel des Mahdismus ist, und zwischen den Zähnen hat er die Lücke. Auch weiß man, daß der große Senussi, bevor er starb, für eben dieses Jahr der Hedschira vorausgesagt hat, es werde der Erwartete Mahdi erscheinen. – –« Man jagt diesen jungen Ketzer mit Schlägen aus der Moschee. Im Volke aber murmeln viele. Eine Karawane aus Kordofan, die arabisches Gummiharz ostwärts nach Suakin führt, rastet in Omdurman gegenüber Khartum, und die Kunde verbreitet sich: dieser Derwisch, der falsche Mahdi, hat Kordofan unlängst bereist und dort glauben viele an ihn; sie sagen, daß er wahrhaft der Erwartete Mahdi ist. – Die Frauen in den arabischen Dörfern haben Hühnereier gefunden, auf denen Schriftzüge waren. Schriftkundige, die gelehrten Fikih der Koranschulen, haben die Zeichen gelesen: da stand, daß Mohammed Achmed der Mahdi ist. – – Das ganze Land Kordofan hat ihn gesehen, alle. Von Dorf zu Dorf ist er gezogen, in einem Hemd aus Flicken, mit einem eisenbeschlagenen Wanderstab, einem Tonkrug. Mit den Großen, den Emiren, den Stammesscheichs hat er lange und heimlich gesprochen. – Die im Lesen gelehrt sind, lesen eine Flugschrift, die er selbst verfaßt hat. Er sagt in ihr, er sei der Erwartete Mahdi, vom Stamm des Propheten im neunundzwanzigsten Glied, und daß alle Gläubigen Buße tun müssen und in den heiligen Krieg ziehn – – Einer von der Karawane hat die Flugschrift. Raûf Pascha läßt ihn in Ketten legen. * Abu Saud kehrt allein zurück. Er geht zum Pascha, senkt die Augen. Nein, er hat nicht Erfolg gehabt. Er hat diesen Derwisch nicht überreden können, mit nach Khartum zu kommen. »Wir waren, o Glückselige Exzellenz, in seiner Hütte. Abdullahi der Taaischi war da, und Achmed Scharfî und Hamed, der Bruder des Derwischs. Er saß auf einem Angareb-Bett, in einem geflickten Kleid und mit einer Schädelkappe aus Mekka. Ich sagte zu ihm: ›Herr, gehe mit mir nach Khartum, damit unser Gebieter, der Hokmdar, dir Ehre erweise!‹ – Er schwieg. Ich sagte: ›Du mußt mit mir kommen!‹« Abu Saud hält inne. Der Generalgouverneur blickt ihn böse an. »Nun, und was hat dieser Hund, der Dongolawi, erwidert?« »Glückselige Exzellenz, er ist aufgesprungen, hat mit der Hand an sein Schwert geschlagen: ›Wie? Ich muß? Durch die Güte Allahs bin ich der Herr dieses Landes; und dies ist das Schwert, mit dem der Prophet mich gerüstet hat!‹« Die Flucht Zwei Kompanien ägyptischer Infanterie, jede unter einem Sagh-Kolaghasi, das ist: Stabskapitän, landen an einem heißen Abend der Regenzeit auf der Nilinsel Abba. Der Dampfer »Ismailia«, der die Regierungstruppen gebracht hat, bleibt in der Mitte des Flusses, weit von jedem möglichen Schuß. Auf diesem Dampfer ist Abu Saud, den Raûf Pascha geschickt hat, um jenen rebellischen Derwisch diesmal gewaltsam zu holen. Abu Saud ist kein Mann des Krieges und landet niemals bei Nacht und Nebel auf sumpfigen Inseln, wo Feinde warten. Woher weiß er denn übrigens, daß sie warten? * Von den beiden Effendis, die die Soldaten befehligen, hätte der eine oder der andere sich vielleicht auch gern bis zum Morgen geduldet. Aber sie hassen einander; dem anderen gönnt der eine es nicht, daß er etwa allein den Derwisch finge; der Pascha hat demjenigen, der ihn bringt, Beförderung zugesagt. Beförderung zum Bimbaschi! Jeder von beiden sieht sich schon mit Majorsepauletten und als Vorgesetzten des andern. – – Die Kompanien landen in Unordnung, weil sie einander zuvorkommen wollen. Es ist eine dumpfe, dampfende Nacht; die Dunkelheit riecht nach fauligem Wasser. Außer dem Vorsichtigen auf dem Dampfer, Abu Saud, kennt keiner die Insel. Es hat seit Wochen geregnet; man sinkt in der Finsternis ein, man sieht nicht, wohin, fällt in Tümpel, bleibt kleben, wird von Schilf gepeitscht. Stille ist befohlen. Man hört nur manchmal ein Klirren der Waffen, ein widerwärtiges Klatschen von Wasser und Lehm, einen halben Aufschrei. Stille wieder. Dann, plötzlich – – * Aus dem hohen Gras erhebt sich etwas Weißes. Abdullahi der Taaischi ruft: »Allah!« und schwingt ein großes Schwert. Ein furchtbarer Trompetenstoß, ein Ton aus einem gehöhlten Elefantenzahn zerreißt die Stille. Dann das Geschrei, die Salven. Die beiden Kompanien schießen ziellos ins Dunkel und treffen einander. Dann sind diese Wilden bei ihnen, nur mit Lanzen und Stöcken bewaffnet, doch viele, viele. Ein vorbereiteter Hinterhalt! Woher hat denn der Derwisch gewußt, daß die Soldaten kamen? Wie konnte Abdullahi noch rechtzeitig diese Helfer versammeln, Männer von den Stämmen zwischen den beiden Nilen, Männer der Kenana und der Degheim, die an den Mahdi glauben und zum heiligen Kriege bereit sind? An diesem Tag, bevor der Dampfer kam, hat der Mahdi vor ihnen gepredigt. Der Prophet Mohammed selber hat ihm in einer großen Vision den Sieg verheißen. Sieg ohne Waffen: mit Stöcken, ja, mit Binsen und Stroh würden die Türken erschlagen werden. – – Nun ist es geschehen. Das Wunder. Das Wunder Allahs für seinen Diener, den Mahdi. * Woher hat Mohammed Achmed von dem Kommen der Truppen Kenntnis gehabt? Weiß das am Ende der Vorsichtige auf dem Dampfer, Abu Saud? Was er mit dem Mahdi gesprochen hatte, als er zum erstenmal auf der Insel war, das hat er dem Generalgouverneur ja erzählt. Aber was er nachher mit Abdullahi geflüstert hat? Könnte es sein, daß der Freund und Söldling aller Sklavenhändler des Südens, der Besitzer dornenumhegter Negerseriben, der Herr furchtbarer Todeskarawanen, der Führer der blutigen Razzien – daß Abu Saud einen Aufstand im Sudan nicht ungern entstehen sieht? Alle diese britischen, österreichischen, italienischen Paschas und Beys sind den Sklaventreibern doch endlich lästig geworden. – – Könnte es sein? Abu Saud auf seinem Dampfer, der doch eine Kanone an Bord hat, macht gar keinen Versuch, in diese nächtliche Schlacht einzugreifen. Ein paar verzweifelte Schwimmer, den Derwischen auf der Insel und den Krokodilen im Flusse entronnen, bringen die Nachricht an Bord, daß alles verloren ist. Sogleich befiehlt Abu Saud, so rasch wie möglich gegen Khartum zurückzufahren; nur die Entrüstung des Schiffskapitäns bewegt ihn dazu, noch ein wenig zu warten, ob nicht noch andere Flüchtlinge kommen. Auf der Insel, zwischen den dunklen Bäumen, sieht man jetzt ein großes Huschen und Wandern von Fackeln. Irgendwo auf einer Lichtung lodert ein riesiges Feuer. Und: Tomtom, tomtom, tomtomtom gehen die Pauken die ganze Nacht lang. Kein Flüchtling kommt mehr an Bord. Als es Morgen wird, dampft die »Ismailia« langsam stromabwärts, um die Nachricht von dem Geschehenen nach Khartum zu bringen. * Tomtom, tomtomtom. Die Insel ist voll von Geräuschen, von Rufen. Noch immer sucht, findet, mordet man Verwundete, die sich im Schilf verstecken. Verstümmelte Leichen überall, völlig nackt. Arabische Knaben vom Inseldorf suchen im hohen Gras nach verstreuten Waffen. Irgendwo hinter den Hütten, im tiefsten Schatten, mag ein verbotenes Trinkgelage im Gange sein; die Schreie klingen nach Hirsebier. Oder machen die Trommeln die Menschen so trunken? Die größte Pauke, die kupferne, dröhnt auf der Lichtung, wo das große Feuer brennt. Dorthin bewegen sich von hier und dort Züge von Kriegern. Ein Haufen nackter Gefangener wird hingetrieben. Man bringt die erbeuteten Feuergewehre, schichtet sie in einem großen Haufen. Die türkische Fahne mit Halbmond und Stern, die man erbeutet hat, liegt auf der Erde neben den Waffen. Hoch darüber, im Schein des Feuers, weht das schwarze Banner des Mahdi. Aber haben die Gläubigen nicht, die Sieger dieser Nacht, mit ihren verzückten Augen ein anderes Banner gesehen, ein Banner ganz aus Licht, das ein formlos Ungeheuerer hinter dem betenden Mahdi hielt? * Auf einmal wird es ganz stille an dem lodernden Feuer. Nur die Trommeln am Ufer gehen weiter: Tomtomtom. Botschaft des heiligen Krieges hinaus in die Nacht. Im Lichtkreis des Feuers hat sich Abdullahi erhoben. Sein Schwert ist noch immer entblößt; er ist mit Blut besudelt. Mit einer großen Geste zeigt er auf den Mahdi, der nun hervortritt, in einem blendend weißen Gewande mit bunten Flecken. Sein Turban schimmert. Der Mahdi lächelt; er breitet die Arme aus. Er redet zu seinen Freunden. »O ihr Ansar!« spricht er. Er schweigt, sein Lächeln bestrahlt sie. Laut jubeln sie auf. Er hat sie »Ansar« geheißen, »Helfer«. Mit dem einen Wort hat er diesen wilden Haufen geweiht und geheiligt. Ansar, so hat einst der Prophet Mohammed seine ersten Gefährten genannt, die hilfreichen Freunde zu Medina. Das bloße Wort ist schon eine Verheißung des Paradieses und unsäglicher Wonnen. – * »Ansar!« spricht der Mahdi. Und die wilde Menge, die blutbespritzten Sieger, die von den Trommeln Trunkenen, Männer von vielen Stämmen, Halbneger von der Dschesireh und Beduinen vom Rand der Sahara, sie brüllen auf, von dem einen Wort ganz toll gemacht. – – – »Tötet die Türken!« * In der Mitte des Kreises stehen ganz nackt und wehrlos und zum Sterben müde die Gefangenen, die Soldaten des Paschas. Ein Schrei der Wut erhebt sich gegen sie; Waffen beginnen zu tanzen. Die Ungläubigen! Die Heiden! Die an die Mahdîjja nicht glauben! Turk! Turk! Turk! Abdullahi springt dazwischen, mit funkelnden Augen, die Nilpferdpeitsche am Handgelenk. Schon hat man ihm gehorchen gelernt. Mit einem Murmeln weichen sie zurück. Die Gefangenen, deren gelbe Felachenhaut vor Angst ganz grau wird, stürzen vor dem Mahdi zu Boden. Der sieht sie an, lächelt, spricht mit milder Stimme jene Koran-Sure, die gebietet, daß gefangene Heiden rechtmäßige Beute der Gläubigen seien, und ihr Eigentum als Sklaven. »Und wir haben die Kunde vom Propheten«, predigt er den gefangenen Soldaten des Khediven, »wir haben die Kunde«, sagt er (und sein Lächeln entblößt zwischen seinen schönen Zähnen die bedeutsame Lücke), »daß, wer da zweifelt an unserer Mahdîjja und leugnet und widerspricht, der ist ein Ungläubiger und sein Blut wird vergossen und sein Eigentum ist Beute – – « Und er spricht mit seinem milden Lächeln eine andere Sure des Korans, die das Gemetzel unter besiegten Ungläubigen befiehlt und die Versklavung der Überlebenden: »Dann herab mit dem Kopf, und schnüret die Bande!« Nachdem der Mahdi die furchtbare Sure gesprochen hat, schweigt er ein wenig, dann sagt er lächelnd, er wolle aber den Soldaten verzeihen, wenn sie Reue bekennen. Da kommen sie alle, küssen den Staub unter seinen Füßen. Ein jeder tritt einzeln heran, legt seine zitternde Hand zwischen die dunklen Hände des Mahdis und spricht das Bekenntnis des neuen Glaubens: »Allah ist Gott. Und Mohammed ist Gottes Prophet. Und Mohammed der Mahdi ist der Nachfolger des Propheten Gottes!« * Wer an die Mahdîjja nicht glaubt, und glaubte er auch an Allah und den Propheten, ist ein Ungläubiger und den ewigen Qualen verfallen. Hunderte von den Ansar von Abba schwören, sie hätten aus der Leiche eines der türkischen Offiziere plötzlich die Flammen der Hölle züngeln gesehen – – * Bei Sonnenaufgang verkündet Abdullahi der Taaischi – man sagt schon: »Unser Herr Abdullahi, der Khalifa des Mahdi« – den Ansar einen Befehl: sie mögen zum Aufbruch rüsten. Groß ist zwar der Sieg der Gläubigen, sagt der Khalifa, niemand kann hinfort den Ansar widerstehen, aber es ist verhängt, daß, so wie Mohammed, der Bote Gottes, auch Mohammed der Mahdi eine Flucht zu vollbringen habe, zum Berge Mâsa. Es ist im Jahre zwölfhundertachtundneunzig nach der Hedschira Mohammeds. Es beginnt mit dieser neuen Flucht das neue Zeitalter des Islams. * Tomtom, tomtomtom, überall am Ufer des Weißen und Blauen Nils, in Sennaar, in Kordofan gehen die Trommeln des heiligen Krieges. An dem westlichen Ufer des Flusses marschiert der Mahdi. Noch ist sein Heerhaufen klein; es fehlt an Waffen, an Pferden. Nur der Mahdi reitet auf einem schlechten abessinischen Klepper; sein Khalif Abdullahi geht neben ihm zu Fuß. Mehr als einmal droht Gefahr. Hier oder dort sind ägyptische Garnisonen. Irgendein Stabskapitän könnte einmal den Mahdi gefangennehmen, hätte er nur den Mut dazu. Der Deutsche Giegler Pascha, Gouverneur von Kordofan, hört, daß der Rebell nicht weit von seiner Hauptstadt El Obeïd entfernt ist. Ein alter Oberst der Garnison, Mohammed Pascha Said, wird mit vier Kompanien ausgeschickt, die Rebellen anzugreifen. Der alte Pascha gelangt in die Nähe des Lagers, in dem der Mahdi mit seinen müden, kranken, verhungerten Anhängern ausruht, – und greift sie nicht an. Er wartet untätig drei Tage, zieht dann wieder nach El Obeïd zurück. Die Soldaten sagen zueinander bedeutungsvoll, daß der Alte in seinem Gewissen beunruhigt ist. Hält er diesen Derwisch vielleicht selber für den Erwarteten Mahdi? Mohammed Achmed zieht weiter und gelangt ins Gebirge von Tagalla. Der Sultan der Schilluk-Neger, der die Ägypter haßt (sie haben seinen Vater durch Verrat gefangengenommen und er ist im Gefängnis vor Hunger gestorben) – schickt dem Mahdi ein großes Geschenk von Durrhakorn und eine Warnung: er sei hier nicht sicher, er möge weiter landeinwärts ziehen. Nach langem Wandern; müde, vom Fieber geplagt, gelangt die Heerschar des Mahdi ins Nuba-Gebirge. Hier, auf dem Berge Gadîr, ist von alters her eine heilige Stätte, ein Stein, auf dem der Prophet einst geruht haben soll. Hier schlägt Mohammed Achmed sein Lager auf, hier beendet er seine Flucht. Eine alte Legende weiß, daß der Erwartete Mahdi dereinst vom Berge Mâsa kommen wird. So heißt ein Berg im fernen Maghreb, im Atlasgebirge. Aber Mohammed Achmed hat eine neue Vision: der wirkliche Dschebel Mâsa, auf dem der Mahdi erscheinen soll, ist nicht im Atlas, sondern gerade hier, in der Tat jener große Felsen dicht bei dem eben bezogenen Lager. In seinen Gesichten hat er das erfahren. Bald weiß der ganze Sudan, daß der Dschebel Gadîr im Grunde der sagenberühmte Berg Mâsa ist, und daß der Erwartete Mahdi, wie prophezeit, dort erschienen ist. Der Dschebel Gadîr, der der Dschebel Mâsa ist, wird zum Endpunkt der neuen Hedschira; von ihm strahlt die neue Erlösung aus. Der Berg Dar-Nuba, das Hochland des schwarzen Nuba-Volkes, ragt aus der trostlosen Ebene des südlichen Kordofan malerisch empor: ein Gefüge von Bergketten, zwischen denen es schöne Täler gibt, nicht dürre »Wadis«, in denen nur selten Wasser ist, sondern »Khors«, durch die häufiger Bergströme rauschen; eine dichte tropische Vegetation erfüllt sie, die Bäume werden riesengroß, das Dickicht ist voll von Getier. Mehr als hundert hohe und weniger hohe Berge enthält die zerklüftete Landschaft. Dschebel Tagalla heißt ein Bergmassiv, eins Dschebel Gadîr, eins Dschebel Delen. – – Obwohl eine Gegend voll Affen und Elefanten nicht ganz so aussehen kann wie Südtirol, heimelt das Nuba-Bergland doch einen jungen Tiroler an, der jetzt hier lebt, den hochwürdigen Pater Josef Ohrwalder aus Lana bei Meran. Er ist erst fünfundzwanzig Jahre alt und noch nicht lange bei der Sudanmission. Zu Neujahr 1881 ist er mit dem Bischof Comboni und noch zwei anderen Missionaren in Suakin gelandet; ein paar Wochen lang hat er im österreichischen Missionshaus zu Khartum ausgeruht (das einen so schönen Garten hat) – dann hat der neuernannte Generalgouverneur von Dar-Fur, Rudolf Slatin, der sich in seine Provinz begeben hat, den Pater Ohrwalder, seinen Landsmann, ein Stück Weges mitgenommen: der junge Geistliche soll in der neuen Station wirken, die die österreichische katholische Mission zu Delen im Nubagebirge errichtet hat. Von El Obeïd, der Hauptstadt Kordofans, muß der Pater allein reisen, und das öde Steppenland mißfällt diesem Tiroler Gebirgsmenschen sehr. Dafür ist er dann von Dar-Nuba und der Station Delen sehr entzückt. Hier gibt es doch Berge, grüne Wälder, rauschendes Wasser! Auch seine Tätigkeit findet Pater Ohrwalder angenehm, – er, der ein ganz einfacher, also ein guter Mensch ist, bereit, sich mit jedermann zu vertragen und sein Stück Arbeit ohne Murren zu tun. Mit dem Superior der Mission von Delen, Pater Bonomi, kommt er gut aus. Beide haben eine Freude an kräftigem, tüchtigem Schaffen. Das provisorische Missionsgebäude muß erweitert werden, denn es gibt schon eine ganze Menge bekehrter Schwarzer, die in der Mission leben; da muß also angebaut werden. Pater Ohrwalder versucht sich mit Glück als Ziegelbrenner; mit großem Stolz kann er bald zweitausend ausgezeichnete Ziegel vorzeigen, die er mit seinen schwarzen Gehilfen gemacht hat. Unterdessen hat sein Vorgesetzter, Pater Bonomi, mit der Hilfe des Missionszimmermanns Mariani sogar den ersten Maultierkarren zustande gebracht, den Kordofan kannte; nun kann man Ziegel und Palmholz karren und den vortrefflichen Kalk vom Saburiberge. – – * Auch seine Schützlinge, die Nuba, gefallen dem Pater Ohrwalder. Sie sind zwar vollkommen nackt, aber, weiß der Pater zu rühmen, sehr sittenrein. Es ist etwas Bäuerisches an ihnen, was dem Tiroler gefällt. Viel anbauen müssen sie nicht, außer ein wenig Mais, der Wald ist voll von Früchten. Aber sie halten Rinder und Ziegen, machen gute Butter. Vielleicht trinken sie an Festtagen ein bißchen viel Merissabier. Auf diesen Festen tanzen sie, nicht die Männer allein, wie es sonst im Negerland Sitte ist, und die Weiber unter sich, sondern Buben und Mädel gemeinsam, wie in Tirol. Obgleich jedes Tanzkostüm fehlt, findet der gute Pater die Tänze doch nicht allzu anstößig. Er mag seine Nuba gut leiden! Sie sind halb Mohammedaner, halb Heiden; ihr religiöses Oberhaupt, zugleich ihr oberster Häuptling, heißt der Khodschur. Was er in seinem Herzen von der christlichen Mission halten mag, verrät er den Patres nicht, aber diese Mission bedeutet jedenfalls für das Völkchen der Nuba einen schätzenswerten Vorteil. Die Nuba haben von alters her böse Feinde; das sind die Baggara, die wilden Nomaden der Ebene. Immer wieder fallen sie in die Gebirgstäler ein, rauben das Vieh oder führen die Menschen als Sklaven fort. Aber jetzt gibt es, der Mission wegen, in Delen eine kleine Garnison von Regierungstruppen, und es herrscht leidliche Ruhe. Bis zum April 1882 lebt Josef Ohrwalder in Delen wie in einem friedlichen Paradies. Dann auf einmal dringen wilde Gerüchte in diese stille tropische Bergwelt. * Nicht sehr weit vom Dschebel Delen, auf dem die Mission liegt, erhebt sich ein höherer Berg, der Dschebel Gadîr, – und dort hat sich, scheint es, auf einmal eine ganze Bande niedergelassen, irgendein toller Derwisch mit seinem Gefolge, ein schrecklicher Heuchler und Schwindler, der dem schwarzen Volk vormacht, er sei wer weiß was, eine Art Heiliger, sogar mehr noch, der Messias. – – Von Anfang an muß der katholische Missionar den Derwisch Mohammed Achmed hassen. Aber fällt es dem Mann aus Meran nicht einmal ein, daß dieser sogenannte Mahdi vielleicht auch noch etwas anderes ist, als ein religiöser Schwärmer von einem anderen Glauben? Merkt der Mann aus Meran nicht, daß der Mahdi auch so etwas wie ein sudanesischer Andreas Hofer ist? Bald übrigens bekommen die Patres von Delen jeglichen Grund, den Mahdi auch persönlich zu hassen. Dieser seltsame Nachbar stört den Frieden. Schon fangen die Schwarzen, ja, die getauften Schwarzen des Missionsdorfes, an, unruhig zu werden. Unter sich sprechen sie von nichts anderem mehr als von diesem Wundermann Mohammed Achmed. Wer oder was immer er sein mag, das eine ist doch natürlich gewiß: daß er den Talisman Tebrîd besitzt, – der bekanntlich feindliche Kugeln zu Wasser verwandelt, so daß sie harmlos von dem Gefeiten zur Erde rinnen. Das muß doch wahr sein, denn wie hätten seine Anhänger sonst die Soldaten unseres Herrn in Kairo geschlagen? Die Patres von Delen belehren die Schwarzen liebreich: das ist Aberglaube! Aber gleich darauf kommt eine schreckliche Nachricht nach Delen: der Mudir, Regierungsstatthalter also, von Faschoda, Raschid Bey, hat die Derwischrebellen am Berge Gadîr vernichten wollen – und ist selbst vernichtet worden, auch er. Ein Deutscher, der Photograph Berghof (seit kurzem Inspektor zur Unterdrückung des Sklavenhandels), war auch bei der Truppe, die im Urwald in den Hinterhalt fiel. Nicht einmal Zeit haben sie gehabt, von den Kamelen abzusitzen! – Der falsche Mahdi hat viele Gewehre erbeutet und Vorräte aller Art. Daß sein Gebet seine Anhänger kugelfest macht, ist nun gänzlich bewiesen. – Man hört in Delen, daß er von allen Seiten Zuzug erhält! Es kommen die zahlreichen Stämme der Baggara: einer von den Ihren, der um den Mahdi ist, hat sie gerufen. Es kommen entflohene Sklaven und es kommen auch die Sklavenjäger, die die Regierung jetzt brotlos zu machen drohte. Es kommen die schwarzen Soldaten, die der sparsame Raûf Pascha gerade vor kurzem entlassen hat, weil der Friede so tief war. Die frommen Väter von Dschebel Delen erleben es, daß von ihren eigenen braven Schwarzen der oder jener auf einmal nicht da ist, – zum Mahdi gelaufen. Beim Mahdi wird reiche Beute verteilt, und es ist nicht gefährlich, für einen zu kämpfen, der den Talisman Tebrîd hat. * In dem Lager der Rebellen am Berge Gadîr (den sie beharrlich den Berg Mâsa nennen) zweifelt auch niemand an den Wundern Mohammed Achmeds. Nein, er heißt nur noch: »Mohammed der Mahdi, – auf dem der Segen sei und das Gebet.« Diese fromme Formel hat sonst nur dem Propheten Mohammed gebührt. Aber sind Mohammed der Prophet und Mohammed der Mahdi nicht einander in allen Stücken ähnlich, beinahe gleich? Beide mußten flüchten, der Prophet nach Medina und der Mahdi nach Mâsa. So wie die Ansar sich zu Medina um den Propheten scharten, um für ihn zu kämpfen, um ihm erst Arabien zu erobern und dann die halbe Erde, so werden die neuen Ansar dem Mahdi erst den Sudan erobern, dann aber werden sie das Weltreich des Islams vollenden. So steht es geschrieben. * Die wilden Krieger, die von allen Seiten zum Mahdi strömen, zweifeln nicht. In der Schlacht gegen Raschid sind alle türkischen Kugeln zu Wasser geworden! – Aus den Lanzen der Ansar lohten verderbliche Flammen gegen den Feind! Man sah ein mystisches Banner, ganz aus Licht! Auch verbreitet sich die Nachricht, daß man auf den Steppen Eier von Vögeln gefunden hat und in den Wäldern Blätter, auf denen deutlich der Name des Mahdi geschrieben stand. Die Schriftgelehrten können es lesen! Von weither kommen begeisterte Anhänger. Es kommen die Baggara, Abdullahis Stammesgefährten. Drei seiner leiblichen Brüder sind in der Lagerstadt aus Kegelhütten, die auf dem Abhang des Berges entstanden ist. Die Leute von Dongola, Landsleute des Mahdi selber, kommen in Scharen, um mit ihm sein Glück und auch die Beute zu teilen. Zwischen ihnen und den Baggara herrscht von Anfang an Eifersucht, aber der Mahdi gebietet Frieden und Eintracht unter den Ansar; aus dem wilden Haufen macht der starke Wille des Führers ein Heer, ein Volk, einen Staat. * Wie Mohammed der Prophet in Medina organisiert auf dem Berge Gadîr Mohammed der Mahdi die beduinischen Horden. An die Spitze des Heeres, das erst den Sudan den Türken entreißen und später zweifellos auch Kairo, Mekka und den Rest der Erde erobern wird, – aber vom Rest der Erde sind seine Vorstellungen unklar – stellt der Mahdi seine Khalifen. So wie es im Beginn des Islams vier große Khalifen gegeben hat, Gefährten und später Nachfolger des Propheten, so will auch Mohammed Achmed seine vier Khalifen haben, einen, der dem untadeligen Abu Bekr vergleichbar sein soll, dem ersten Khalifen des Islams, und drei andere, die den Rang haben werden des Imâms Alî, Othmans und Omars. Die Stellung des Ersten Khalifen erhält Abdullahi: er soll im Heere seine Stammesgenossen führen, die Baggara, und als Abzeichen behält er das schwarze Banner, das er schon bisher dem Mahdi vorangetragen hat. – Ein junger Verwandter des Mahdi, Mohammed esch-Scherif, bekommt das Zweite Khalifat, ein rotes Banner und den Oberbefehl über die Danagla, zu denen er selbst gehört. Die Leute aus dem Flußland Dschesireh zwischen den beiden Nilen wird der Vierte Khalif führen, Alî Wad Helu, ein Mann von den Degheim, die auf Abba mitgefochten haben. Sein Banner ist grün. – Aber das Dritte Khalifat (das Khalifat Othmans) verleiht der Mahdi keinem seiner Ansar. Ein Brief ist unterwegs, quer durch die ganze Sahara, bis zu der Oase im fernen Westen, auf der der große Senussi lebt, das Oberhaupt der gewaltigen geistlichen Bruderschaft, deren Macht im Norden des Erdteils so stark ist. Ihm hat der Mahdi das Amt seines Dritten Khalifen angeboten und das gelbe Banner, ihn zum gemeinsamen Krieg gegen die Ungläubigen ladend. Die Antwort kann noch lange nicht kommen: der Weg durch die Wüste ist endlos. * Das Lager bekommt seine Ordnung. Jeder der Khalifen, mit seinen Emiren und Unterführern, bezieht einen Bezirk der Hüttenstadt, die auf dem Berghang entstanden ist; in der Mitte liegen die Hütten des Mahdi selber. Der Mann aus der Höhle von Abba braucht schon mehrere Hütten, denn die Zahl seiner Weiber vermehrt sich: es ist gute Politik, die Töchter mächtiger Scheichs nicht abzuweisen, die ihm für seinen Harem angeboten werden; auch gebührt dem Führer ein Teil der erbeuteten Sklavinnen. Inmitten des Weiberdorfs, das um ihn entsteht, sitzt der Mahdi, noch hager und aszetisch, in seiner eigenen Hütte und diktiert seinem Schreiber Proklamationen: »Im Namen Allahs«, muß der Schreiber schnörkeln, »des Erbarmers, des Barmherzigen. Und das Gebet auf unseren Herrn, den Propheten – – »Von dem Sklaven, der Allahs bedürftig ist, Mohammed el-Mahdi Ibn Abdallah an seine Freunde, die da glauben an Allah und an Sein Buch – – « »Weiter!« gebietet der Mahdi dem Schreiber Abi Saffîjja, der mit Rohrfeder und Tintenfaß neben ihm hockt, und er befiehlt ihm, weiter niederzuschreiben, wie die Veränderung der Zeit und der Abfall vom Glauben längst die Getreuen und Redlichen bekümmert habe; »jetzt«, diktiert er, »ist es am besten, um dessentwillen Lebensziele und Heimat aufzugeben zur Wiederaufrichtung der Religion; denn für den Gläubigen ist der Eifer um den Islam zwingend«. »Alsdann, meine Freunde«, diktiert der Mahdi das Rundschreiben an die Scheichs des Sudans, die Stammeshäupter und die Beamten, ... alsdann, wie es Allah in Seinem ewigen Ratschluß gefallen hat, hat er Seinen Sklaven, seinen geringen, begnadet ... Der Prophet, der der Herr der Geschöpfe ist – auf ihm sei das Gebet und der Gruß –, tat mir kund, ich sei der Erwartete Mahdi. Und in der Stunde des Kampfes wird mit Euch vor meinem Heere anwesend sein der Herr der Geschöpfe in eigener Person und desgleichen die vier Khalifen des Islams. Und er verlieh mir das Schwert des Sieges. Und der Herr der Geschöpfe sprach zu mir: Siehe, du bist aus dem Lichte der Wolke meines Herzens geschaffen – – « Der hockende Schreiber vergißt zu schreiben und wirft sich, ganz hingerissen, nach vorn, so daß seine braune Stirn vor dem Mahdi den Boden berührt. * Viele Tage bleibt der Mahdi in seiner Hütte, mit den Schreibern beschäftigt. In vielen Briefen verkündet er seine Berufung. Er spricht von dem Muttermal auf seiner rechten Wange, und daß er in Wahrheit aus dem Blute Mohammeds stammt, des Propheten. »Mein Vater war ein Hassanide von Seiten seines Vaters und seiner Mutter, desgleichen meine Mutter von Seiten ihrer Mutter, während ihr Vater ein Abbasside war; und das Wissen ist Allahs.« – – Alle vorbestimmten Zeichen sind eingetroffen, verkündet der Mahdi. Den Schriftgelehrten in Khartum, die aus den alten Büchern beweisen wollen, er sei nicht der Mahdi, antwortet er mit anderen Stellen aus den Büchern anderer Weisen: »Das Wissen um den Mahdi«, hat der große Scheich Muhdschi ed-Din geschrieben, »gleicht dem Wissen um die Stunde des Gerichts, und von der Stunde weiß niemand in Wahrheit, wann sie kommt, außer Allah!« – Und der Scheich Achmed Ibn Idrîs: »Vierzehn Folianten der Gelehrten Allahs haben über den Mahdi Lügen geredet.« »Mir aber«, sagen die Proklamationen vom Berge Gadîr, »hat der Herr der Geschöpfe kundgetan: ›Wer an deiner Mahdîjja zweifelt, der glaubt nicht an Allah und seinen Gesandten.‹« »Nun bis hierher genug und Friede!« diktiert der Mahdi den Schluß. – Der Schreiber siegelt mit dem neuen viereckigen Siegel, auf dem die drei Zeilen verschnörkelt sind: Es gibt keinen Gott außer Allah. Mohammed ist der Gesandte Allahs. Mohammed el-Mahdi Ibn Abdallah. Die Briefe gehen, verborgen in Derwischkutten und Lanzenschäften und unter den Sätteln beduinischer Reiter, in alle Städte und Dörfer des ganzen Landes Sudan und weit darüber hinaus. Wer sie lesen kann, liest sie, und wer es nicht kann, hört zu. Hier und dort, in allen Provinzen ertönen, gedämpft erst, die Trommeln des heiligen Krieges. * Die katholischen Missionare von Dschebel Delen hören immer öfter von ihrem bedrohlichen Nachbarn, und was sie hören, erfüllt sie mit frommem Entsetzen. Dieser Zimmermannssohn aus Dongola scheint ihnen nicht nur seinen Mohammed nachzuäffen, sondern gar auch Jesus Christus, – auf den er sich in Reden und Briefen sehr oft beruft. Die Berichte, die nach Delen gelangen, schildern, wie der Teufelsmahdi seine Bergpredigt hält, auf dem Steine sitzend, auf dem nach der Sage schon der Prophet Mohammed geruht haben soll. Und aus seinen Predigten klingt, kaum verkennbar, ein Echo der Bergpredigt Christi. Lehrt nicht auch der Zimmermannssohn von Dongola Armut, Demut, Enthaltsamkeit, Hingabe des irdischen Guts für das ewige Heil? »Brüder«, spricht auf dem Berge Gadîr der Mahdi, »in Seinem heiligen Buch hat uns Gott befohlen, fromm zu sein. »Ein weiser Mann wünscht den Befehlen seines Vaters zu gehorchen, warum sollten nicht auch wir trachten, die Gebote des Herrn zu befolgen? »Wenn du issest, iß zu Gott, wenn du trinkest, trink zu Gott, wenn du reitest, reite zu Gott! »Du gefällst Gott, wenn du zu Fuß gehst, statt zu reiten. Wenn du reiten mußt, reite nur auf einem Esel. Sei nicht stolz. Wenn der Esel des Propheten müde wurde, stieg er ab und ging mit seinen Dienern hinterdrein wie ihr Bruder. Wenn ein Sklave krank war, ritt er und der Prophet ging zu Fuß. »Gott in Seinem heiligen Buch hat gesagt: ›Lasset die Anbeter Gottes demütig schreiten auf dieser Erde!‹ »Und sehet: ich selbst bin nur ein Sklave, dem befohlen ist, das Buch und die Lehre wieder ans Licht zu bringen. »Wenn Gott euch gnädig ist, kniet nieder und danket ihm. Wisset aber, daß nicht wegen eurer Tugend euch Gnade wird, sondern weil Gott voll Erbarmen ist.« * Worte der Demut, der Milde. Aber diese neue Bergpredigt lehrt dennoch Zorn und Haß – und den Krieg: »Folget nicht«, ruft der Mahdi, »folget nicht dem Beispiel eurer Unterdrücker, den Türken. In Hochmut und Überschwang leben sie! »Dies ist ein Wort des Propheten, durch mündliche Tradition zu uns gelangt: »Sage meinen Brüdern: Lebet nicht, wie meine Feinde leben, traget nicht die Tracht, die sie tragen, ihr würdet sonst zu meinen Feinden!« * Sich vom Turk zu unterscheiden, auch im Äußeren, das ist die große Pflicht des Ansar. Eines Tages weist der Mahdi vor dem versammelten Glaubensheere in einer verzückten Geste auf die »Dschubba«, die er trägt, auf das rauhe Frieshemd des Wanderderwischs, das mit bunten Flicken benäht ist, zum Zeichen der Bettlerarmut. In einer großen Vision, sagt der Mahdi, hat der Prophet es ihm offenbart, daß zwischen diesem Symbol der geflickten Dschubba und der Schöpfung des Menschen selber die tiefste Beziehung besteht: »Am Menschen selbst sind Flicken: sein Haupt ist ein schwarzblauer Lappen, und seine Zähne sind weiße Lappen, und das Innere seiner Lippen ist ein roter Lappen, und seine Nägel sind gelbe Lappen. – Viererlei, spricht der Prophet, sind die Farben der Lappen: weiß, rot, schwarz und gelb.« Das sind die vier Farben, die die Banner des Mahdiheeres zeigen. * Immer meint die religiöse Lehre des Mahdi vor allem das Heer, den heiligen Krieg. Wenn er gottgefällige Armut predigt, – gebietet er zugleich, alle irdischen Güter in seinen großen Kriegsschatz zu legen, dieses gemeinsame Schatzhaus des Heeres, das er gegründet hat. Und das Bettelkleid mit Flicken, dieses mystische Kleid der Demut, – wird zu einer militärischen Uniform. Bald finden die jungen arabischen Krieger und die muskelkräftigen Schwarzen, daß dieses Derwischgewand, wohlgegürtet und mit den vier Farben in regelmäßigen Mustern besetzt, eine schmuckere Kriegstracht gibt als die ägyptische Uniform. Man trägt ein buntes Käppchen dazu oder den Turban und weite Hosen. Das ergibt ein Gewand der Demut, auf das man wohl stolz sein könnte. – – * Die Missionare von Delen hoffen einige Zeit lang, daß sich das neue Reich des Mahdi nicht halten kann: er ist viel zu streng, seine Lehren verbieten den Sudanesen alles, was sie lieben. Das Merissabier, das Tabakrauchen, die schönen Gewänder, den Gold- und Silberschmuck, selbst die gewohnte Haartracht der Weiber! Werden diese kindlichen, eitlen Menschenkinder sich alles nehmen lassen, was ihr Leben verschönert hat? Der Mahdi untersagt Gesang und Tanz, jede Musik, es sei denn die Trommeln des Glaubenskrieges! Das Reiten von Pferden ist untersagt, es sei denn im Heere. – Gegen die Festlichkeiten, die dem Sudanesen so teuer sind, eifert der Mahdi mit aller Macht. Vom Übel ist der gewohnte Brautkauf. Von nun ab sollen bei der Hochzeit nicht mehr als zehn Maria-Theresien-Taler gezahlt werden dürfen, und fünf für eine Witwe. Als Geschenk für die Braut sollen zwei Gewänder genügen, ein Gürteltuch, ein Paar Schuhe, Öl zum Salben und Wohlgerüche. Ein Hochzeitsmahl von Datteln und Milch, mehr ist nicht gestattet. * Die Missionare von Delen denken, daß sich das sudanesische Volk solcher Strenge nicht lange fügen wird; so wie zur gleichen Zeit die gelehrten Ulema in Khartum wissen, daß die entsetzliche Ketzerei dieses Lügenmahdi die Gläubigen abstoßen wird. Hat er nicht die vier Riten des Islams aufgehoben, nämlich den der Malikiten, Hanafiten, Safiten und Chanbaliten? Nur wie er selber das Gebet zu vollziehen pflegt, das soll für alle die Regel sein. Er verbietet die Wallfahrt nach Mekka und den Besuch der Heiligengräber, denn, sagt er, nötiger ist jetzt der Glaubenskrieg als die Pilgerfahrt. Er läßt die Bücher der Gottesgelehrtheit verbrennen und die Rechtsbücher des Scheriats ins Wasser werfen. Das Ärgste aber: er stellt sich selbst dem Propheten Mohammed gleich! Das kann sich nicht halten. Der Ordensscheich Mohammed Scherif beweist das auch in seinem auf R gereimten großen Lehrgedicht. * Aber der Prediger auf dem Berge Gadîr weiß, was er tut. Nicht durch Erlauben, durch Verbieten werden die neuen Religionen geschaffen; die Menschen sind so. Durch unerhörtes Gebot und Verbot unterscheidet der Mahdi seine Ansar von allen anderen Menschenwesen, das wollen sie, danach haben sie sich gesehnt. Dieser neue Glaube greift in den eintönigen Alltag ein, macht alles anders, selbst die Strenge der neuen Gesetze ist köstlich. Ein neues Kleid ist gekommen, eine neue Fahne, eine neue Hoffnung! * Während der Mahdi predigt und Proklamationen schreibt, ist der Baggara Abdullahi, sein Erster Khalifa, mit dem Sammeln von Waffen beschäftigt, mit den Berichten der Späher, mit Rüstung und Musterung. Im ganzen Sudan, von Dongola bis zu den Sümpfen am oberen Nil, beginnen auf einmal die Trommeln des Aufruhrs zu gehen. Kleine Trommeln, große Trommeln, hölzerne Trommeln, Kürbistrommeln und die große kupferne Pauke des Emirs: »Tomtom tomtom tomtomtom Turk! Tomtom tomtom tomtomtom, tötet den Turk! Wir zerstören die Welt und schaffen die nächste Welt! Tomtom tomtomtom, Allahs Glaube ist das Schwert! Nicht Tote sind, die im Glaubenskrieg fallen, sie sind lebendig! Tomtom tomtomtom, Paradies!« * Der Widerhall dieser Trommeln gellt den Missionaren von Delen wohl in den Ohren, ihre eigene Lage wird immer bedrohlicher, sie sind dem Herd des Aufstands so nahe, aber sie hoffen noch immer, daß die Regierung der Rebellen bald Herr werden wird! Die Hoffnungen wären geringer, wüßten die Patres, daß eben um diese Zeit nicht nur in Khartum alles drunter und drüber geht, sondern auch in Kairo. Dort ist der Nationalist Arábi jetzt Premierminister geworden; er treibt das Land in einen Konflikt mit England; schon liegt die britische Flotte vor Alexandrien, was in Ägypten bevorsteht, das ist das Bombardement der Hafenstadt, die Landung des britischen Heeres, die Vernichtung der Nationalarmee unter Arábi bei Tel el-Kebir, die britische Okkupation für viele Jahrzehnte. – – Das sind nicht die Zeiten, in denen sich die ägyptische Regierung um den fernen Sudan bekümmern könnte, Truppen hinsenden, Waffen, gar Geld. – – In Khartum ist der Generalgouverneur Raûf denn doch endlich gestürzt worden, sein Nachfolger ist unterwegs. Unterdessen regiert Giegler Pascha, ein Deutscher, der schon lange im Orient lebt und nicht mehr allzu energisch ist. Immerhin versteht er den Schall der Trommeln vom Berge Gadîr, versteht die große Gefahr, die der Mahdi bedeutet, und schickt eine Expedition nilaufwärts: sechstausend Mann unter Jussuf Pascha esch-Schellâli; einem Offizier aus der Schule des armen Gessi. Der rückt vor, fordert den Mahdi auf, sich zu ergeben. Die Missionare von Delen atmen auf. Endlich! Emin Bey, in den Sümpfen am Äquator bereits abgeschnitten, wartet atemlos auf eine gute Nachricht. Man wartet in Khartum, wartet in El Obeïd. Dann kommt die Nachricht. Der Mahdi hat im Morgengrauen des 7. Juni 1882 Jussufs schlecht befestigtes Lager überfallen. Man weiß nicht genau, was dann geschehen ist, es ist kaum ein Mann des Expeditionskorps entronnen, der die Geschichte erzählen könnte. Alle tot, gefangen oder übergelaufen, Jussuf Pascha ist in seinem Nachthemd erschlagen worden. Alle Waffen, die Vorräte, die Soldatenweiber sind im Besitz der rebellischen Derwische. * Tomtomtom! Der halbe Sudan ist nun schon in Aufruhr. Überall brennen die Dörfer, die ägyptischen Garnisonen sind in den Städten belagert. Überall erschlägt man die Steuereinnehmer, die Baschi-Bosuks. Ganz Kordofan, ganz Dar-Fur erheben sich. Die Bederiaaraber massakrieren die Leute von Abu Haraz, die Hammada, Dschehena, Hawazma überfallen die Stadt Sennaar, sogar an der Küste des Roten Meeres werden die Hadéndoa unruhig (Osman Digna, ein Emir des Mahdi, wiegelt sie auf), und selbst an der ägyptischen Grenze plündern die Bischarin die Karawanen. Elias Pascha, das Stadtoberhaupt von El Obeïd, schickt Boten zum Mahdi, er möchte doch kommen, die Hauptstadt Kordofan sei voll von Beute! – – Der Mahdi bricht mit seinem Heere vom Berge Gadîr auf, um El Obeïd zu belagern. Wie zur Regenzeit plötzlich ein Bergstrom von den dürren Wüstenbergen rauscht, so stürzt sich die fromme Gemeinde des demutsvollen Bergpredigers vom Berge Gadîr auf das Flachland. – – * Armer Emin Pascha! Deine große afrikanische Odyssee beginnt nun! Arme Missionare von Delen, armer Pater Bonomi, armer Ohrwalder! Am Abend habt ihr noch gehofft und gebetet, am Morgen weckt euch der Klang der Derwischtrommeln, und als elende Sklaven werdet ihr fortgetrieben! Die sudanesische Derwischtrommel wird bis nach Europa vernommen. Aus den Notizen des Reisenden Khartum, den 7. Februar 1929. Mein nubischer Dragoman Mohammed Scherkaui, in seinem besten Kaftan mit eingewirkten seidenen Streifen, steht in einer betonten, etwas öligen Demut neben meinem Sessel. Seine schwarzbraunen Hände hat er über dem Bauch verschränkt, was zur Demut gehört, aber auch Scherkauis Goldring zur Geltung bringen soll, in dem ein Diamantsplitter sitzt. Langsam und mit hörbarer Salbung übersetzt er mir, was der würdevolle und schwere Mann auf dem Sofa mir sagen will. Ich bin in Omdurman, in dem weitläufigen arabischen Hause, das dem Sajjid Sir Abderrahman el-Mahdi gehört, dem nachgeborenen Sohne Mohammed Achmeds. Der Sohn des Mahdi hat mich in einem Raum empfangen, der, offenbar für europäische Besucher, mit etwas steifen, englischen Möbeln ausgestattet ist: es ist eine Veranda, nach vorne offen, von der man einige Stufen in einen Hof hinabsteigt. In diesem Hof haben sich, still und feierlich, die Diener des Hauses aufgestellt, viele Männer in weiten, weißen Gewändern und Turbanen, tiefdunkle Araber und große, schwere Negermenschen. Die ältesten unter ihnen haben sicher schon dem Mahdi selber gedient. Jetzt hören sie mit einer tiefen und frommen Aufmerksamkeit zu, wie mir der Sohn des Mahdi aus dem Leben seines Vaters erzählt. * Sir Abderrahman hat mich in sein Haus geladen, weil er gehört hat, ich sei mit einer Biographie seines Vaters beschäftigt. Er will mir selbst vom Mahdi erzählen. Er hat seinen Vater freilich niemals gesehen, denn er ist erst zweiundzwanzig Tage nach dem frühen Tod Mohammed Achmeds zur Welt gekommen. Seine Mutter Maqbûla war (und ist, denn sie lebt noch) aus dem uralten afrikanischen Königsgeschlecht der Sultane von Da-Fur. Zehn Söhne und zehn Töchter hatte der Mahdi von den hundert Haupt- und Nebenfrauen in seinem Harem. – Von den Söhnen leben heute nur die beiden Nachgeborenen, Abderrahman und sein Halbbruder Ali. – Der Sajjid Abderrahman el-Mahdi ist nach der Vernichtung der Derwischherrschaft unter englischem Schutze erzogen worden. Er hat die englische Regierung des Sudans mit dem großen Einfluß seines Namens stets unterstützt, und der König von England hat dem Sohn des Mahdi einen Orden und den Titel eines britischen Ritters verliehen. Er ist jetzt also Sir Abderrahman. Er ist auch ein sehr reicher Mann. Die Insel Abba im Weißen Nil, wo der Mahdi in einer Höhle gelebt hat, gehört jetzt seinem Sohn, und er betreibt dort eine große Baumwollplantage mit den Methoden der modernen Technik.. Auch die Höhle gehört ihm noch, und er betet oft in ihr. – – Der Sohn des Mahdi gilt im heutigen Sudan selbst als ein heiliger Mann, und großer Glanz umstrahlt ihn, um seines Vaters willen, den das sudanesische Volk nicht vergessen hat. Wie ich ihn da sehe, in seinem vierundvierzigsten Lebensjahr, sieht er ganz so aus, wie die Zeitgenossen den Mahdi geschildert haben: groß, massiv, mit einem tiefschwarzen Bart um das Kinn, mit männlichen Zügen und großen, verträumten Augen. Die Gesichtsfarbe ist etwas dunkler als die des Mahdi gewesen sein dürfte und nähert sich dem tiefsten Ton alten Mahagonis. Obwohl die Lippen recht voll sind, ist keine Spur von Negertum in dem schönen Araberantlitz zu finden. Neugierig sehe ich mir die weißen, starken Zähne Sir Abderrahmans an, ob er wohl jene Zahnlücke hat, die den Sudanesen an ihrem Mahdi so auffiel, als ein besonderes und sehr bedeutsames Zeichen. Aber ich sehe sie nicht. Sir Abderrahman ist in lange Gewänder aus einem kostbaren weißen, seidigen Stoff gekleidet und trägt als Turban einen weißen Schal von fast unglaublicher Feinheit. Bis auf den Turban scheint mir sein Kostüm der Alltagskleidung des Papstes im Vatikan ähnlich zu sein. An den Füßen trägt er europäische Lackschuhe. Außer diesem Haus in Omdurman hat der Sohn des Mahdi noch ein anderes, ein gänzlich europäisch-modernes, in der Gordonstraße drüben in Khartum. Ja, in der Gordon Avenue, solche Scherze macht die Geschichte. – Dieses Haus hier in Omdurman hat offenbar nur diesen einen europäisch stilisierten Empfangsraum. Aber schon in dem Zimmer daneben, in das ich durch eine offene Tür blicken kann, ahne ich den konservativen Orient. Die Wand, die ich sehe, bedeckt ein berückender Teppich; darauf hängt, ganz golden, ein krummer Säbel. * Nachdem mich der Sajjid auf eine zeremonielle Art bewirtet hat (mit Limonade und Plumcake und starkem Tee, sehr europäisch) – sagt mir mein Dragoman, der Sohn des Mahdi sei nun bereit, mir über seinen Vater Auskunft zu geben: ich soll mir Notizen machen. So schreibe ich denn, unter den aufmerksamen Augen Sir Abderrahmans. Von Zeit zu Zeit bittet er mich mit großer Würde, ihm vorzulesen, was von seinen Angaben ich niedergeschrieben habe. Er legt großen Wert darauf, daß ich alles genau und richtig notiere. »Denn«, sagt er, »man weiß in Europa nicht, daß mein Vater ein guter Mann war. Wäre der Khalifa ebensogut gewesen, dann wäre der Sudan heute noch frei! –« »Übersetzen Sie genau!« sage ich scharf zu dem Dragoman. »Frei!«, wiederholt Scherkaui, der bisher englisch gesprochen hat, auf deutsch. Dieser beste Dragoman des Niltals kann sogar etwas Deutsch. * Frei? Wie meint das der Sohn des Mahdi? Ich blicke in sein Gesicht und finde es lächelnd und undurchdringlich, so wie das Gesicht seines Vaters, in das ich auch nicht eindringen kann, ich komme dem Derwisch nicht hinter die lächelnde Maske! Zwischen Sir Abderrahman und mir steht störend die Sprachverschiedenheit. Ich merke sehr wohl, wie er gerne direkt verstünde, was ich zu ihm sage. Wer bin ich denn? Meine ich es ehrlich? Will ich auch wirklich gerecht sein gegen seinen Vater, den Mahdi? Daß ich ein Landsmann Slatins bin, ist nicht durchaus beruhigend. Slatin hat so viel durch den Mahdi gelitten – – »Lesen Sie vor!« bittet der Sajjid jedesmal, wenn ich einige Seiten geschrieben habe. Er möchte genau kontrollieren, ob ich richtig notiere. – Ich nehme eine formelle Haltung an und wiederhole, was er diktiert hat, mein deutsches Stenogramm ins Englische übertragend. Der Dragoman spricht es auf arabisch nach. Erst kommen die Namen von neunundzwanzig Ahnen des Mahdi, bis hinauf zum Propheten. Der Sajjid Abderrahman legt großen Wert darauf, mir diese seine erhabene Abstammung recht klar zu beweisen. – Dann folgen Einzelheiten aus dem Leben Mohammed Achmeds, manche darunter, die in den Büchern nicht stehen. Gierig notiere ich, daß der Mahdi von Jugend auf ein Sûfi gewesen ist. Das gibt mir einen lange gesuchten Schlüssel, Aus seinem Sûfismus ist viel zu erklären, was sonst in seinem Charakter rätselhaft wäre. * Wenn ich eine Seite vorgelesen habe und der Dragoman sie übersetzen muß, gewinne ich etwas Zeit zum Denken und Schauen, Immer öfter wandert mein Blick in das Nachbarzimmer, in dem dieser krumme, goldene Säbel hängt. Endlich bemerkt der Sohn des Mahdi den Blick. »Nein«, sagt er, »das ist nicht das Schwert, mit dem mein Vater den Sudan erobert hat. – – « Er erklärt, daß der krumme Säbel im Nebenzimmer zu seiner, Sir Abderrahmans, Galatracht gehört. Er hat ihn in London getragen. – Ja, er war einmal in London, um dem König von England zu huldigen. Ein Orientale, der seinem Oberherrn huldigt, reicht ihm den Griff seiner Waffe dar. Der König hat den Griff dieses goldenen Säbels berührt und ihn dann dem Vasallen zurückgegeben. »Aber das Schwert meines Vaters ist das nicht!« * Ich beschließe sogleich, daß ich das wirkliche Schwert Mohammed Achmeds zu sehen bekommen muß. Dieses wunderbare, halb mystische Schwert. Ich erinnere mich nun an etwas, was ich gelesen habe: als der Mahdi starb, suchte der Khalifa lange und vergeblich nach diesem Schwert. Aïscha, die »Mutter der Gläubigen«, die erste Hauptfrau des Mahdi, hatte es versteckt, damit es den Kindern des Mahdi erhalten bliebe. Um etwas von diesem Schwert zu erfahren, gebrauche ich eine List. Ich sage leichthin: »Ach so, ich weiß ja, das Schwert des Mahdi ist im Haus des Khalifa ausgestellt – – « Ich weiß sehr gut, daß die Waffe, die ich dort gesehen habe, nicht das berühmte Schwert ist, daß in jener Vitrine im Khalifahause irgendein Säbel liegt, den der Mahdi in einem der ersten Gefechte gegen ägyptische Truppen einmal verloren haben soll. Aber ich tue so, als wäre dem wirklichen berühmten Schwert diese Schmach widerfahren. Meine List hat Erfolg: Um mir zu beweisen, daß das nicht wahr ist, klatscht jetzt, Triumph, der Sajjid in seine Hände. Ein alter Diener kommt, küßt dem Sajjid innig die Hand. Der gibt den Befehl, und der Diener holt, mein Herz steht fast still, ein funkelndes Etwas, jenes ungeheure Schwert, an das Rudolf Slatin gedacht hat, als er schrieb: »Feuer und Schwert im Sudan.« Das Schwert, das halb Afrika erobert hat und Gordon besiegt. Mit einer großen Bewegung in meinem Herzen betrachte ich es. * Dieses Schwert Mohammed Achmeds sieht, obwohl es nicht gekrümmt ist, wie ein orientalischer Säbel, von außen sehr fremd und barbarisch aus. Es ist enorm lang, hat einen mit Sternen und Halbmonden verzierten goldenen Griff, eine ebenso geschmückte Scheide ganz aus gehämmertem Gold. Wie jenes Derwischschwert, das mir im Hotel der Händler verkaufen wollte, erweitert auch dieses sich scheinbar gegen die Spitze hin zu einem breiten Rhomboid. Aber da der Sajjid das Schwert nun aus der Scheide zieht, ist die Form nicht mehr fremdartig. Es sieht aus wie – – – Ich springe vor Erregung auf. Ich muß diese Waffe aus größerer Nähe sehen. Ich frage nicht, beuge mich darüber. Sie sieht aus wie der Zweihänder eines deutschen Landsknechts! Aber ich sehe eine Inschrift in arabischen Zeichen auf der Klinge. »Ein Koranspruch?« frage ich. »Nein«, sagt der Sajjid, »das sind die Namen der Vorfahren meiner Mutter; der Sultane von Dar-Fur. Sultan Zakkaria, Sultan Alî, Sultan Mohammed el-Fadl. – – Das Schwert hat meine Mutter meinem Vater mitgebracht, es war aus dem Kronschatz der Könige von Dar-Fur – – « Ich höre schon nicht mehr. »Und das?« Ich schreie beinahe. * Ich habe unter dem arabischen Text auf dieser Klinge ein sauber graviertes Relief gesehen, ein altvertrautes Zeichen. Den Doppeladler des alten Römischen Reichs Deutscher Nation! Und jetzt lese ich mit starrenden Augen auf diesem Schwert des Mahdi Mohammed Achmed Buchstaben in der deutschen Frakturschrift der Renaissance. Unter dem Doppeladler steht kunstvoll graviert: Vivat Carolus V. Und darunter auf deutsch: » Roemische Kaiser .« Mir ist im Augenblick klar, was für eine phantastische, was für eine wunderbare Bedeutung das haben kann, nein muß. Es kann gar nicht anders sein, empfinde ich, ich halte da das Schwert eines deutschen Kriegers in Händen, irgendeines Kreuzfahrers, der Karl den Fünften auf seinem unglücklichen Feldzug gegen die Korsaren von Algier begleitet hat und der auf dem Schlachtfeld gefallen ist. Oder der deutsche Junker (denn dies hier war das Schwert eines Edelmanns) wurde gefangen und hat elendiglich als Sklave irgendeines Muselmans sein Leben beendet. Was ist dann mit dem Schwert geschehen? Welche Schicksale mag es gehabt haben, welche epischen Abenteuer, während es von Algier aus dann langsam, langsam, im Verlauf von dreihundert Jahren, durch die Sahara gewandert ist, vom Zelt eines halbwilden Scheichs in das Zelt eines andern, bis zu den schwarzen Sultanen im Lande der Fur – –? Allah! lobpreise ich. Was für ein berauschender Abenteuerroman ist deine Weltgeschichte! * Gleich darauf beobachte ich mich dabei, wie ich, es ist eine phantastische Situation, dem Sohn des mohammedanischen Messias von Afrika ein Privatissimum aus der deutschen Geschichte lese. Denn der Sajjid Abderrahman will ganz genau wissen, was diese Inschrift bedeutet. Sollte ich der erste Deutsche sein, der sie nach all den Jahrhunderten wieder gesehen hat? – Den Doppeladler kennt man im ganzen Sudan, von dem Gepräge der österreichischen Maria-Theresien-Taler, die in diesem Teil Afrikas noch immer im Umlauf sind. Aber »Römische Kaiser«? Warum römisch? Ich kann es schwer erklären, dann sage ich der Kürze halber, der Papst in Rom hätte eben dem Sultan der Deutschen diesen Ehrentitel verliehen. Da nickt der Sajjid. Das versteht er. Vom Papst in Rom hat er natürlich gehört. * Ich wieder frage begierig nach Dingen der afrikanischen Geschichte, die der Sohn des Mahdi besser kennen muß als ich. Seine Mutter Maqbûla also ist aus diesem Haus der schwarzen Könige, das ein halbes Jahrhundert lang über Dar-Fur geherrscht hat, das Land am Rand der Sahara. Ihr Vater, Sultan Nurên, ist der Bruder des großen Königs Mohammed el-Hassîn gewesen. Nach ihm regierten noch die Sultane Ibrahim und Hâssib-Allah, bevor der Sklavenhändler Sibêr Ende der siebziger Jahre plötzlich mitten im Frieden über das Reich der Fur hergefallen ist und es für Ägypten erobert hat. – – Ich mache mir Notizen. * Während ich so dem Sohn des Mahdi gegenübersitze und in mein Notizbuch schreibe, male ich mir im Grunde eine Szene aus, die es einmal gegeben haben muß: Ein gravitätischer Mann, der vielleicht genau so ausgesehen hat wie sein Sohn hier (es gibt kein Porträt des Mahdi) – sitzt in einem Zelt oder eher in einer runden Hütte mit spitz zulaufendem Dach. Saubere Matten bedecken den Boden. Der lächelnde Mahdi sitzt auf einem Angareb, solch einem Bettgestell aus Holz, mit verflochtenem, elastischem Riemenwerk, bespannt. – Nein, der Mahdi kann damals nicht ganz genau so ausgesehen haben, wie jetzt sein Sohn. Er war noch jünger. Er war damals noch ganz hager vom Fasten, und er trug noch die ärmliche Derwischkleidung. Draußen (stelle ich mir vor) ist das Lager des rebellischen Haufens, der eben die Stadt El Obeïd belagert. Noch ist dem Mahdi nicht mehr geglückt, als eine erste Revolte. Er besitzt noch keine von den größeren Städten des Sudans, weite Gebiete des Landes haben sich noch nicht für ihn erklärt. Vielleicht bleibt die ganze Bewegung ein bloßer Tumult gegen die Steuereinnehmer, ein fanatischer Ausbruch religiöser Schwärmerei – – Da kommt diese Gesandtschaft aus Dar-Fur. Welches Aufsehen im Lager! Das ist nicht das Alltägliche: daß irgendein Beduinenscheich oder ein arabischer Sklavenhändler zum Mahdi kommt, um sich ihm anzuschließen. Das Königshaus von Dar-Fur, obgleich unlängst gestürzt, genießt ein gewaltiges Ansehen. Wenn jetzt ein Mädchen aus diesem Hause ins Lager des Mahdi gebracht wird, bedeutet das mehr als bloß eine Haremsangelegenheit; es ist ein großer Akt orientalischer Diplomatie, kein Zweifel; Dar-Fur wird sich mit dem Mahdi gegen die Ägypter empören, der ägyptische Statthalter Slatin wird sich vorsehen müssen. – – Ich kann die Szene in der Lagerhütte sehen: der stets lächelnde Mahdi hockt auf dem Angareb, und die Gesandten aus Dar-Fur werden ihm vorgestellt, große, dunkle Männer, in der Tracht der Vornehmen im Osten der Sahara, also in blauen und weißen Seidenhemden und mit Turbantüchern aus Kaschmirstoff, die lose um ihre Köpfe gewunden sind; – sie kommen herein, viele Geschenke tragen sie, und ein Negereunuch, enorm in seinem quellenden Fett, steht neben einem völlig verschleierten jungen Weib, das weithin nach Sandelholz riecht und nach der flüssigen Butter, mit der ganz gewiß ihre tief verborgenen Haare getränkt sind .– – Ich sehe die Szene: diese Männer, sehr gemessen und würdevoll, küssen alle dem Mahdi die Hand (während die Sultanstochter still dasteht, ein bißchen zitternd unter ihren Schleiern; aber sicherlich gefällt ihr der Herr, dem sie dienen wird). – Jetzt tauscht man die frommen Redensarten, die Koranzitate, die Berufungen auf Allah und seinen Propheten. Nun werden die Geschenke überreicht. Das alte Königsschwert von Dar-Fur wird mit Ehrfurcht aus seiner Hülle gewickelt. Ein Glanz von Gold erfüllt die ganze Hütte. Küßt vielleicht der Mahdi das Schwert? Muß er nicht darin ein Zeichen des kommenden Sieges erkennen? Einer der Männer aus Dar-Fur, zweifellos, erzählt dem Mahdi, was für ein Schwert dies ist. Von dem deutschen Ritter, der es einst geführt hat, weiß er nichts, aber daß die Klinge fränkischen Ursprungs ist, mag er rühmen: alle guten Waffen kommen aus den Ländern der Franken. – Aber dieses Schwert, das von nun ab der Mahdi gegen die Ungläubigen führen soll, war nun schon seit Jahrhunderten die Waffe mächtiger muselmanischer Fürsten: solange das Reich der Fur besteht, hat es zu den sorgsam bewahrten, fast heiligen Waffen des Königs gehört, von denen jedes ein eigener Würdenträger des Reichs zu verwahren pflegte: den Schild des Sultans Suleiman Solon (dieser sehr verehrte Schild war mit Glöckchen besetzt), dann die sieben Speere aus uralter Vorzeit, ferner das seltsame Wurfeisen und das erste Feuergewehr, das einst ins Land gelangt war.– – Der alte Mann, der jetzt dem Mahdi das Königsschwert von Dar-Fur überbringt, als die Mitgift der Königstochter, mag der erbliche Hüter des Schwertes gewesen sein. Er hat es stets dem Sultan gebracht, sooft er sich öffentlich zeigen sollte. Jährlich einmal, am Tag der Paukenfeier, ritt der schwarze König, ganz in Seide gekleidet, mit einem silbernen Kegelhelm auf dem Kopf das Antlitz mit einem seidenen Litham verschleiert, auf seinem mit Schmuck überladenen Roß durch die Reihen des Heeres, unter dem wilden Getöse der heiligen Pauken. Unter der scharlachstrotzenden Satteldecke ragte, auf eine sonderbare Weise befestigt, das lange gerade Schwert hervor, und der linke Fuß des Sultans stemmte sich dagegen. * Ich sehe den Sohn des Mahdi an, um mir seinen Vater vorstellen zu können, wie er ausgesehen haben mag, als ihm die Gesandten von Dar-Fur das Kreuzfahrerschwert überbrachten, als ein Omen des nahenden Sieges, – und dann suche ich wieder im Antlitz Abderrahmans die Züge seiner Mutter. Es ist für mich schmerzlich, daß ich so wenig von den Frauen des Mahdi weiß. Das heißt, ihre Namen kenne ich –fast siebzig Namen von Haupt- und Nebenfrauen. (Hundert Weiber waren im Harem des Mahdi, als er starb.) Unter den fünf Hauptfrauen (eine ist in Gadîr gestorben, vier ließ der Mahdi als Witwen zurück) haben drei Fatima geheißen und zwei Aïscha; Fatima, Aïscha, Amina, Zeinab heißen die Nebenfrauen immer und immer wieder, Töchter arabischer Scheichs, die sich dem Mahdi enger verbinden wollten, und Töchter erschlagener Paschas, im Kriege erbeutet. – Frauen aus Khartum, aus der Dschesireh, aus Dongola, aus Abessinien. – Wie aber sahen sie aus? Wie waren sie? Liebten sie den Mahdi? – Es ist unmöglich, von den Frauen der Muselmanen etwas zu wissen! Es geht nicht an, nach ihnen zu fragen, ich weiß, ich darf keine Frage nach Sir Abderrahmans Mutter stellen, ich kann sie nicht sehen, obwohl sie am Leben ist, vielleicht im Zimmer nebenan. – – Und doch könnte ich, das ist mir klar, das wirkliche innere Leben des Mahdi ja doch nur verstehen, wenn ich mehr von diesem riesigen Harem wüßte, in dem er so gänzlich anders geworden ist, aus einem hageren Revolutionär ein verfetteter Potentat. * Mein Notizbuch ist voll. Und der Hausherr hat jene Tasse Kaffee kommen lassen, die nach arabischer Sitte die höfliche Entlassung des Gastes bedeutet. Wie ich zum Abschied seine Hand in der meinen halte, eine schwarze, sehr starke Hand mit gepflegten Nägeln, fühle ich wirkliche Sympathie mit dem Sohne des Mahdi. Er hat es sicher nicht leicht als der Sohn eines desavouierten Propheten. Obwohl die englischen Sieger in ihrer Weisheit den Sohn des Mahdi mit viel Güte behandelt haben, obwohl er Sir Abderrahman heißt und Baumwollplantagen besitzt, – fühle ich denn nicht, daß er in seinem Herzen ganz an seinem Vater hängt, den er nie gesehen hat, an den er aber sicherlich noch heute glaubt? Und ich verlasse den englischen Knight Sir Abderahman el-Mahdi, wie er das große, goldfunkelnde Schwert seines Vaters in Händen hält, das deutsche Kreuzfahrerschwert, mit dem der Erwartete Mahdi den Erdball erobern wollte. Der Bote Ein Rennkamel von der edelsten Rasse schreitet durch die unermeßliche Wüste. Es trägt einen Gesandten. Mohammed el-Mahdi, der große Scheich der Senussi, schickt eine Botschaft an Mohammed el-Mahdi im Sudan. * Der Stifter der gewaltigen Sekte, die von Mekka bis zum fernsten Westen des Islams in Afrika zahllose Jünger hat, Sidi Mohammed Ben Alî es-Senussi, ist um die Zeit gestorben, da der Derwisch Mohammed Achmed auf der Insel Abba seltsam zu träumen begonnen hat. Der große Scheich des Senussiordens hat sterbend seinen Sohn zum Nachfolger eingesetzt und gewisse prophetische Worte gesprochen. Die Zeit sei erfüllt, die Stunde nahe, im Jahre 1300 der Flucht werde vielleicht der Erwartete Mahdi der Welt erscheinen. Die Zeichen, deutete dieser Sterbende an, wiesen auf seinen geliebten Sohn. »So ist also er der Erwartete Mahdi?« fragen die Weisen des Vierten Grades, die geheiligten »Mudschteheds«, ihren sterbenden Meister. »Das Wissen ist Allahs!« seufzt er und stirbt. Seinen Sohn Mohammed, den zweiten Scheich der Senussi, nennen seine Getreuen Sidi Mohammed el-Mahdi. Er duldet wohl den Beinamen, erhebt aber selbst nicht den Anspruch, der Erwartete Mahdi zu sein. Nach der Lehre des ersten Senussi erkennt sich der Erwartete, der Mahdi, nicht selber: er wird von der dankbaren Welt erkannt, vielleicht spät, nach seinem Tode vielleicht erst. Wer durch seine guten Werke die Welt verändert hat, der ist der Mahdi, daran wird man ihn erkennen. Wer so fromm ist, daß alle anderen lernen, gottgefällig zu leben, wer um sich die guten Gaben verbreitet, fleißige Arbeit, Wohlstand, die Freude an grünenden Gärten, an jedem redlichen Werk – der wird als Mahdi erkannt. Keine Propheten und Engel müssen vom Himmel steigen, um dem Erwählten Allahs zu sagen: Du bist der Mahdi! Eine beglückte Welt wird es von selber rufen. Am wenigsten aber, sagt die Senussilehre, führt der Mahdi ein blutiges Schwert. Man wird ihn daran erkennen, daß sein Reich ohne Blut noch Gewalt kommt. Vielleicht, so hoffen die Senussibrüder, ist die Zeit schon nahe. Im Jahre 1300 nach Mohammeds Flucht, hat der Stifter der Sekte geweissagt. – – Jetzt naht das Jahr schon heran (in Europa schreibt man 1883) – da plötzlich kommt nach Dscharabub zu den Senussi ein Bote von einem Mann aus dem Sudan, der behauptet, der Mahdi sei erschienen, und er beginne den heiligen Krieg, um die Welt zu erobern, und der Scheich der Senussi selber solle ein Banner tragen, nicht als der Mahdi, sondern als ein Stellvertreter des Mahdi, als sein Dritter Khalif im Vertilgungskrieg gegen drei Viertel der Menschheit. – – Der zweite Scheich der Senussi, den die Seinen hoffnungsvoll den Mahdi nennen und der noch niemals gewagt hat, zu sagen, er sei wirklich der Erwartete, – beschließt, seiner eigenen Lehre getreu, daß der Anspruch dieses Derwischs aus Dongola geprüft werden müsse. Vielleicht erweisen seine Werke, daß er der Mahdi ist? Vielleicht beginnt wirklich rings um ihn die Beglückung der Welt? Der Scheich der Senussi sendet den weisesten alten Mann aus dem Rat der Ordensgemeinschaft aus, daß er die endlose Reise quer durch die große Wüste vollende: als Bote der Senussîjja an den Erwarteten Mahdi – wenn jener der Mahdi ist. An seinen Werken soll ihn der weise Bote erkennen! * Die Klostergemeinschaft Dscharabub, in der der Senussischeich wohnt, liegt im Lande Benghasi, westwärts von jener Oase Siwa, in der Alexander der Große die Stimme des Jupiter Ammon vernommen hat. In Dscharabub am heiligen Grab des ersten Senussi ist die fromme Siedlung, sind der Palast des Scheichs, die Zellen der Ordensbrüder, das Haus für die vielen Pilger, die Hütten der Gottesgelehrten und der fahrenden Schüler, die aus der ganzen Welt des Islams gekommen sind, um die Lehre der Senussi zu hören. Hier hat die Sekte den leuchtenden Mittelpunkt, die Hauptmoschee, das geliebte Grab, die weithin wirkende hohe Schule des Glaubens. Aber der Bote, der südwärts reitet, findet fast in jeder Oase der großen Wüste eine Niederlassung des Ordens. In den Oasen von Kufra sieht er die Brüder nach der Art der Senussi beten und ihre Dattelhaine betreuen; in der Einöde ostwärts von Tibesti greifen ihn wilde Räuber an, und sie werden auf ein geheimes Zeichen seine eifrigen Freunde und Diener. Eine Horde wandernder Tuareg nimmt ihn in ihre roten ledernen Zelte auf; er ist der geehrteste Gast dieser furchtbaren Herren des Sandmeers. Er reist weiter, die schwierigen Wege der Wüste öffnen sich wie durch ein Wunder ihm und seinem Meharikamel. Für den Sendling des Scheichs der Senussi hat die Sahara keine Gefahren. Ohne nur einmal sein verschleiertes Antlitz enthüllen zu müssen, kommt der alte Mann, das Gebiet von Borku berührend, weiter nach Wadai. Sultan Alî, der schwarzbraune König von Wadai, der mächtigste Herrscher am Rand der Sahara, ist dem Orden affiliiert, und einer der Väter vom Vierten Grade ist in seinem Reiche willkommen. Man rüstet am Hof des Sultans zu prunkvollen Festen. Aber der Bote des Scheichs der Senussi rastet kaum bei diesem König und reitet wieder in die Wildnis hinaus, immer weiter. * Dieser Reisende auf dem schönen weißen Kamel trägt unter dem braunen Burnus die zivilisierte Tracht der tunesischen Küstenbewohner, unter dem »Litham«, dem schwarzen Schleiertuch der Tuareg, das ihm Mund und Nase verhüllt, ist das Gesicht eines weißen Mannes. Das ist kein Barbar: ein Mittelmeermensch. Karthagerenkel, Römerenkel, Enkel der spanischen Mauren. Sicherlich hat er in Tunis oder in Algier Französisch gelernt. Die Senussi wissen genug von Europa – um es abzulehnen. Sie haben längst die Gefahr der Unterjochung begriffen, die dem ganzen nördlichen Afrika, die allen Ländern des Islams droht. Den Islam dennoch zu retten, ihm die ganze Negerwelt zu bekehren, ist ihre Absicht. Aber der alte Mann, der da allein durch Afrika reitet als der Gesandte einer großen Idee, meint einen Islam, wie ihn die westliche Welt schon einmal gekannt hat, den Islam der spanischen Mauren. Er ist, vielleicht weiß er es selber nicht, der Gesandte des Islams, der die Alhambra gebaut hat, an jenen anderen, der die alexandrinische Bibliothek verbrannte, ein Gesandter des heiligen Friedens an den heiligen Krieg und des Lichts an die Flamme. Weiß der Bote, was seine Botschaft bedeutet? Und daß sie zu spät kommt? Er reitet und reitet. * Dieser weise alte Mann, denn den höchsten Rang in der Senussîjja gibt nur das höchste Wissen, vergißt die Länge des Weges und der Zeit im Denken und Beten. Immer wieder sagt er die Gebetfolgen her, die der Scheich der Senussi für die Seinen festgesetzt hat: »Die große Rose« und »Die kleine Rose«. Er betet: »Allah, verzeihe mir!« Hundertmal hintereinander. Dann: »Allah ist Allah und Mohammed ist sein Prophet; jeder Blick und jeder Atemzug sind ihm bekannt – – « Dreihundertmal hintereinander. Dann wieder sagt der Reiter auf dem Kamel sich die eleganten arabischen Verse vor, die er unterwegs verfaßt hat, und die seinen heiligen Herrn besingen, den Scheich der Senussi, sowie auch die Schönheit seiner weißen Rennkamelstute. Diese Verse plant er, wenn Gott ihm die Heimkehr schenkt, im Kloster zu Dscharabub zu rezitieren, nachdem er dem Scheich die Hand geküßt und mit ihm die Fat'ha gebetet haben wird. – Durch den gebleichten Sand eines Wüstentals galoppierend, an einem Morgen nach einer Rast an einem brackigen Brunnen, das Kamel hat getrunken, Dank dem Erbarmer, und ist wieder frisch, sagt der Gesandte der Senussi unter seinem Schleier das ganze Gedicht auf. * »Indem ich dem erwählten Heiligen Gottes gehorsam war, wollte ich für meine Sünden Verzeihung erlangen. »Deswegen habe ich die Täler und Dünen der Wüste durchquert; Mühsal fürchtete ich nicht. »Ich ritt, eine junge Kamelin, deren Schritte sich in den Sand zeichnen wie die Furche des Pfluges. Rasch rennt sie über die höchsten Berge. »Ich saß auf zu der Stunde, da der Himmel grau ward wie meine Schläfen, und dank der schnellen Stute wurden die fernsten Länder ganz nahe. »Sie ist von zwei edlen Tieren aus dem Hedschas gezeugt, die gewohnt waren, durch die ebene Wüste zu jagen, wo die Strauße rennen und die Sterne sich im glitzernden Salzreif spiegeln.« * »Wenn der Dichter sein Lied singt, beschleunigt seine Kamelin den Lauf. »Der heiße Hauch des Mittags lähmte meinen Eifer nicht; ich ritt immer rascher. Fröhlich erstieg ich die Dünen und der Trab meines Tieres belebte die Wüstentäler. »O Freunde, klaget nicht, daß ich so lange fern bin, ich bin ja in Sicherheit. »Wozu etwas fürchten, wenn man dem Heiligen dient, dessen Gebete der sicherste Schutz sind? »So springt der Taucher in die Meeresflut, um die Perlen zu holen; auch er wagt den Tod des begehrten Schatzes wegen. »So wie ich die Mühe suche, um den Lohn zu erringen. – – « * Der Verschleierte auf dem Kamel, der einsame Dichter in der Wüste, treibt unwillkürlich sein Tier zu schnellerem Lauf an, als gelte es, dem fernen Meister seinen heiligen Eifer recht deutlich zu zeigen. Ja, empfindet er, da er sich die nächsten Strophen des Gedichtes vorspricht, groß ist der Lohn der Mühe! Ich werde zurückkehren, empfindet er, ich werde in einer Gemeinschaft von Freunden meinen Abend verleben, auf die ich stolz sein kann, wir werden das Werk der Senussi fördern, das die Erde des Islams verschönert. – »O Gott«, rezitiert er. »O Gott, gib mir den Triumph der Rückkehr nach Dscharabub! »Ich flehe zu dir, erhöre mich, lenke meine Schritte wieder zu der Gemeinschaft der Freunde. »Sie hat Syrien wieder ergrünen lassen. Ägyptens Palmen verdorren nicht, weil der Senussi sie pflegt. »Die Ordenshäuser der Senussigemeinschaft sind strahlende Sterne in dunkler Nacht. »Unermüdliche Karawanen streben zu ihnen aus den fernsten Ländern. »Die Weisheit des Scheichs der Senussi quillt wie ein kühles Wasser, an dem man den Durst stillt. »Seine Hand erquickt wie segenspendender Regen. »Oh, meine heiße Stirne, gedrückt auf diese segnende Hand!« – – Der alte Mann auf dem schnellen Kamel entfernt sich immer mehr von der Stätte seiner Sehnsucht. Aber er wird heimkehren, ahnt er, wird die Hand seines Meisters küssen, wird ihm sagen: es ist nicht wahr, keiner ist wie du! – – * Auf der großen Karawanenstraße reitend, die vom Tsadsee zum Weißen Nil führt, gelangt der Bote über die Grenzen von Wadai hinaus nach Dar-Fur und schließlich nach Kordofan. Hier in den ägyptischen Sudanprovinzen (aber sind sie es noch?) findet er überall Krieg und Aufruhr, Brand und Verwüstung. In Dar-Fur führt der Statthalter Slatin Bey einen verzweifelten Kampf gegen Derwischhaufen und die rebellischen Araberstämme des Landes; noch behauptet er sich. In Kordofan liegt seit vielen Monaten schon das Heer des Mahdi um El Obeïd. Da der Senussigesandte näher herankommt, hört er: die Stadt ist gefallen, der Dongolawi ist Sieger. Wer zweifelt noch, daß er der Erwartete Mahdi ist? Durch ein brennendes, sterbendes, nach dem Tode stinkendes Land schreitet das weiße Kamel. In verlassenen, ausgeplünderten Dörfern nagen Hyänen an Menschenskeletten. Eines Tages sieht der verschleierte Reiter Schwärme von schwarzen Geiern fliegen. Sie kreisen über einer weißen Moschee, über Häusern und Hütten. Eine Wolke von Aasgeiern zwischen dem blauen Himmel und El Obeïd. * Die Hauptstadt von Kordofan: ein fast endloses Zickzack von Kegelhütten rings um die befestigte Zitadelle mit dem Amtshaus des ägyptischen Mudirs. Hier liegen auch die Häuser der griechischen Händler, die von El Obeïd aus die ganze Kulturwelt mit arabischem Gummi versehen. Ferner gibt es eine Mission der katholischen Kirche, mit zahlreichen Mönchen und Nonnen. El Obeïd ist sehr lange belagert worden; Mohammed Pascha Said (jener alte Oberst, der einmal den Mahdi entwischen ließ) hat die Festung so lange gehalten, bis der Hunger nicht mehr zu ertragen war. Man hat Unreines gegessen, Katzen, Ratten, Termiten, schließlich Gummiarabikum und die Lederriemen aus den sudanesischen Bettgestellen. Am Ende sind kleine Kinder aus vielen Häusern gestohlen worden. Jetzt weht die rote türkische Halbmondflagge nicht mehr von der Zitadelle. Das Volk von El Obeïd hat eines Tages seinen großmächtigen Pascha in einem geflickten Derwischhemd durch die Straßen reiten gesehen; so ist er ins Lager des Mahdi hinaus, um sich zu ergeben. Hinter ihm drein seine Beys, die Effendis, die Händler, jedes helle Gesicht, jeder Turk, ein jeder fröstelnd und zitternd im Derwischhemd. Der lächelnde Mahdi hat sie im Lager gnädig empfangen und hat ihnen allen Verzeihung versprochen. Aber unterdessen haben die Baggarareiter Abdullahis schon ihre Häuser geplündert. – – Das Gold im Hause des Paschas Mohammed Said ist zu gut versteckt. Lange findet man es nicht in der Mauer. Der Pascha (armer, alttürkischer Knasterbart!) leugnet, daß er je einen Schatz besaß. Da man ihn schließlich findet, infolge eines Verrats, stirbt der Pascha durchs Beil. Einmal hat ihm der Mahdi verziehen, aber soll nicht, wer zum Mahdi bekehrt ist, irdischen Gütern und eitlem Golde entsagen? Doch das Blut dieses alten Mannes ist nichts als eine winzige rote Welle in einem blutigen Ozean, der den Sudan überflutet. * Die Stadt El Obeïd in den Händen der wilden Beduinen und der schwarzen Sklavensoldaten des Mahdiheeres, das bedeutet: Kinder, die an den Brüsten verhungerter Mütter vergeblich saugen; so kalt, so kalt! Das sind Gespenster in Menschengestalt, die im Unrat wühlen, ob nicht noch ein Rest der Gummiharze zu finden wäre, die die Händler, man weiß es, vergraben haben. Das sind Hyänen bei hellichtem Tage in den ausgestorbenen Gäßchen. Und Schreie Gefolterter, die dem Schatzhaus des Khalifen die versteckten Taler nicht ausliefern wollten. Und der Leichnam des verstorbenen Paters Losi, aus seinem Grabe gerissen, weil ein Derwisch gemeint hat, so ein christlicher Missionar habe Schätze in seinem Grabe. – Und Verstümmelte aus dem Heere des Mahdi, die eine Hand, einen Fuß verloren haben, wegen irgendwelcher Verbrechen. Und Gepeitschte, die achtzig Peitschenhiebe erleiden wegen eines Topfs voll Merissabier oder hundert, weil sie beim Rauchen betroffen wurden. El Obeïd in den Händen des Mahdiheeres: das bedeutet einen gütig lächelnden, liebevoll lächelnden, erlösend lächelnden Gottverkünder, umhaucht von Reinheit und guten Düften, – der Gutes redet und Gutes tut, hier einem zitternden Türken Gnade gewährt, dort katholische Ordensschwestern vor der Schändung errettet, der fromme Almosen spendet, Hungernde speisen läßt, – und es bedeutet auch Abdullahi, den Khalifa, den Baggara, der seine dunkle Soldatengestalt nun immer steiler hinter dem Rücken des Mahdi emporreckt, bedeutet die Remingtonflinten, die guten Kanonen, die Abdullahi in solcher Menge erbeutet hat, bedeutet die Banner, die Trommeln des heiligen Krieges, Krieg gegen Khartum, Krieg gegen Kairo, Krieg gegen England, gegen die ganze Erde. – – Statt der roten Fahne Ägyptens ist über El Obeïd die rote Fahne des Weltbrandes aufgestiegen. Ein gütig lächelnder Gottfreund, mit dem Licht erhabenen Schauens in unirdisch strahlenden Augen, schreitet voran; ihm folgen der Hunger, die Pest, die Züge der Sklaven im Joch und die Schwärme gemästeter Geier. * Ein Bote mit verschleiertem Antlitz reitet auf einem weißen Kamel durch die riechenden Straßen von El Obeïd. An einem Brunnen kniet sein Kamel; er tränkt es, trinkt selber. Er spricht ein langes Gebet. »Führe uns den Weg jener«, endet er, »denen du gnädig bist, nicht derer, denen du zürnst und die irregehen – Amen!« Als das Kamel genügend getrunken hat, steigt der Bote des Senussischeichs wieder in den Sattel, denn er hat beschlossen, sogleich die Rückreise zu seinem Meister anzutreten; er hat alles gesehen und alles in Erfahrung gebracht, was er erkunden sollte. Er beschließt, nicht einmal die Nacht in El Obeïd zu verbringen; wenn er sogleich aufbricht, kann er noch bei Tageslicht ein Stück des langen Heimwegs hinter sich legen. Er weiß eine Wasserstelle ein Stück vor der Stadt, wo er wird ausruhen können, ohne diesen gräßlichen Gestank von Leichen zu riechen und ohne das Geheul gefolterter Menschen zu hören. Dort lagert er heute nacht, und morgen beginnt er den Rückweg nach Dscharabub. Er hat genug von der Mahdîjja des Derwischs Mohammed Achmed gesehen! Über die Dünen der Wüste wird seine weiße Kamelstute ihn tragen; durch die Täler der Wüste werden ihre eiligen Hufe Furchen ziehen. Der Verschleierte, der Bote des Senussischeichs, trägt eine Kunde nach Dscharabub zurück: »Nein, dies ist nicht der Erwartete Mahdi!« Die Schlacht Gustav ist aus Berlin, Gustav ist helle. Die Geschichte paßt ihm schon lange nicht. Die Geschichte geht schief; von vorne bis hinten belämmert! Macht Gustav nicht lange mehr mit! Nein, machen wir nicht! Bevor es zur Schlacht kommt, unter den Umständen, geht Gustav Klootz denn dann doch zum leibhaftigen Mahdi über. Wird so schlimm auch nicht sein. Wird ihn schon nicht fressen. Sagt man eben mal was von Allah und so – – – * Klootz, Gustav Adolf Klootz, ist nämlich bei der sogenannten Armee des Generals Hicks, die von Khartum aus gegen die Derwische vorrückt, um ihnen womöglich El Obeïd wieder abzunehmen. Klootz ist früher mal königlich preußischer Unteroffizier gewesen, bei den Gardeulanen. Man muß fürchten, er war nicht der besondere Stolz der berühmten Truppe. Seither – wie mag es weiter gekommen sein? Die Weltgeschichte, in der Gustav Klootz auch sein Plätzchen hat, verschweigt das große Wieso seiner Reise nach Afrika. Wahrscheinlich hat ihn ganz einfach Seckendorff mit sich genommen, Major Freiherr von Seckendorff, der blonde Riese mit dem Kronprinz-Friedrich-Vollbart, der jetzt mit Hicks Paschas Haufen von Unglücksraben durch den wilden Sudan spazierenmarschiert. Wie die Weltgeschichte das sommersprossige Antlitz von Gustav Adolf Klootz zum ersten Male betrachtet (es ist jung, es ist semmelblond umrandet, seine Nase schält sich in dieser dämlichen Hitze) – ist Gustav Klootz also in Kondition beim Major, als sein Bursche. Aber dann kriegen sie Krach miteinander, Klootz kündigt, oder er kriegt einen Stiefel des Herrn von Seckendorff irgendwohin, eins ist sicher: jetzt wird er Diener bei so einem Zeitungsfritzen, Mister O'Donovan, Korrespondenten der »Daily News«. Nämlich, was immer dem Heere Hicks Paschas abgehen möchte, es ist Kriegspresse vorhanden. Mr. Power vertritt die »Times« (aber der wird dann krank und springt aus, so ein Dusel!). Vizetelly, der Zeichner, soll für den »Graphic« Bilderchen malen. Das Londoner Publikum wünscht Kriegsberichte über die Vernichtung des bösen Mahdi zu lesen. – – Gustav also dient dem O'Donovan. Doch die Geschichte gefällt ihm nicht! * Gustav Klootz ist ein alter Soldat und weiß, was eine Armee ist. Die da – – Ganz schön, die Kriegskorrespondenten, zum Siegebeschreiben. Aber wer soll denn siegen? Dieser General Hicks, mit dem weißgewordenen Knebelbart, ein pensionierter Sepoy-Offizier aus Indien, er mag ja ein braver Mann sein, nur, was weiß der von Afrika? Seitdem im Vorjahr die britische Okkupationsarmee so unglaublich schleunig mit Arábi Pascha fertig geworden ist und den Rebellen mit dem ganzen ägyptischen Nationalheer beseitigt hat, – glaubt man in Kairo vermutlich, daß alle Engländer hexen können. Wenn man einen pensionierten englischen Oberst zum General macht, und noch ein halb Dutzend Gentlemen auftreibt, die mittun wollen, was kann der Mahdi da machen? Oberst Farquhar als Stabschef; Majore von Seckendorff, Massey, Evans, Warner und Herlth. – Herlth ist Österreicher, Hauptmann Matyuga ist offenbar ein Kroate. Moritz Brody aber ist ein früherer Stabswachtmeister von der berittenen britischen Artillerie, jetzt heißt er Leutnant und ist der Fachmann für die Geschütze: zehn kleine Gebirgskanonen, vier richtige Krupps, sechs Nordenfelt-Mitrailleusen. Schön und gut. Dazu die beiden Doktoren, ein Grieche und Rosenberg, Stabsarzt. Schön und gut. Man hat inoffiziell ein paar gemischte Europäer aufgetrieben, die was vom Heereshandwerk verstehen, denn offiziell entsendet Old-England keine Soldaten in den Sudan, Gladstone hat an dem ägyptischen Wirrwarr genug. Die Vernichtung des Mahdi muß der Khedive schon selber besorgen. Das britische Okkupationsheer ist dazu nicht da, hat Englands Premier erklärt. Also wird die Armee des Generals Hicks auf ägyptische Weise gebildet: von den Truppen des Rebellen Arábi, die bei Tel El-Kebir nach vollen vierzig Minuten vor Wolseleys Engländern auseinanderliefen, hat man einige tausend wieder zusammengefangen, mit Ketten gefesselt, arme gelbe Fellachen, und hat sie so nilaufwärts spediert; auf dem Weg haben sie nur immer geweint. Erst im Sudan hat man diesen Helden die Ketten von den Beinen genommen. Der arme Hicks, wie er dieses Menschenrudel in Soldaten verwandeln will, erlebt seine Wunder. Keiner kann ordentlich schießen; mit Stöcken bewaffnet wären sie besser verwendbar als mit den guten Gewehren. Und die ägyptischen Offiziere! Der Abschaum einer geschlagenen Soldateska; voll Haß gegen diesen Khediven, in dessen Namen sie kämpfen sollen und gegen die Engländer, die sie befehligen. – Die schwarzen sudanesischen Truppen, die Hicks in Khartum dazuwirbt, sind wenigstens tapfere Männer. Nur haben sie eine abergläubische Meinung vom Mahdi; man kann nicht wissen, ob diese Söldner treu bleiben würden, wenn man sie wirklich bezahlte; aber General Hicks hat kein Geld aus Kairo bekommen und kann nicht zahlen. Ordre de Bataille vom 8. September 1883, zu Khartum vor dem Ausmarsch: General Hicks, neun europäische Offiziere, der Rest ohne Wert: siebentausend Mann Infanterie, vierhundert anatolische Baschi-Bosuks, beritten, o das Gesindel! Hundert andere Reiter in Kettenpanzern, dazu fünfhundert Irreguläre, Araber auf Kamelen, des Mahdismus dringend verdächtig; dann zweitausend Sklaven, Negerweiber, eine Menge griechischer Händler als Troß; sechstausend Kamele. Junge, Junge! hat sich Gustav schon gleich gedacht, wenn das nur nicht schief geht! * Die Weltgeschichte wirft ihren Scheinwerferstrahl auf das sommersprossige Antlitz von Gustav Klootz, sie läßt aber seinen Kollegen völlig im Dunkel, den anderen deutschen Jungen. Man weiß nur, es ist auch ein Sachse in Hicks Paschas Lager, gleichfalls ein Diener, vielleicht bei dem österreichischen Bimbaschi Herlth. Eines Tages, genau am 20. Oktober, sechs Wochen nach dem Ausmarsch des Heeres, sind diese beiden Deutschen damit beschäftigt, für ihre Herren die Zelte auf einem neuen Lagerplatz zu errichten, den man in der Nähe von Rahad soeben bezogen hat. Es ist ausnahmsweise Wasser vorhanden, zuviel sogar, eine enorme, sumpfige Pfütze voller Mücken. Man hat am Ufer eine »Seriba« erbaut, eine hochgeschichtete Dornenhecke, die das Lager umschließt; es heißt, daß man mehrere Tage hier rasten wird, bevor der Vorstoß nach El Obeïd unternommen wird. Man ist nicht mehr weit von dort – zu nah, sagt sich Gustav Klootz. Sechs Wochen ist man herumgezogen, auf dem längsten Weg. Zu fressen wenig, zu trinken gar nichts. Durst und Durst! Die arabischen Führer, die mit sind, ein Mordsgesindel; wenn die nicht vom Mahdi gekauft sind, will Gustav Matz heißen (– sagt er zum Sachsen). Wo ein guter Weg ist, sicher führen sie einen den schlechten. Durch Dornenwälder, durch hohes Gras, hübsch an den Wasserstellen vorbei, die Herren Führer wissen niemals, wo Wasser ist. Man marschiert und marschiert und krepiert vor Durst. Keine Gefechte; dabei wimmelt's von Derwischen. Kaum hat man ein Lager verlassen, so sind sie schon drinnen. An den wenigen Wasserstellen liegt frischer Dreck von Menschen, die eben verschwunden sein müssen. In den Wäldern kraucht der Derwisch im Busch herum – wie weiland Napolium. Manchmal ein Schuß, manchmal ein Posten, der mit zerschnittener Gurgel gefunden wird. Und bei der Vorhut so ein verdächtiges Hin und Her von Irregulären. Sogenannte Verbündete, schwarzbraune Scheichs mit wilden Lanzenreitern, tauchen auf einmal auf, da sind sie, Busenfreunde der braven Führer, hurra, die werden uns helfen; – dann sind sie auf einmal weg, ja, wohin denn? Jetzt eben warten die Herren Generale auf fünfhundert Baggara, die fest versprachen, hierher zu kommen; um ihretwegen bezieht man einstweilen das Lager. Gustav Klootz sagt zu seinem Kollegen, dem Sachsen: »Wenn die kommen, dann heiß ich – –« Wer kommen wird, sagt er, das sind die Derwische. Überall merkt man sie, riecht man sie: Tausende, Tausende! Das Land ist lausig von Derwischen, das ist die Wahrheit! Zehn Derwische auf einen von uns, und es ist nicht wahr, sie haben ganz gute Waffen, Kanonen und alles! Da sind viele Gediente bei, alte Soldaten, die jetzt bei ihnen sind, bessere als das Schweinegesindel bei uns. Mein O'Donovan, der ist nicht so dumm, immer schreibt er in seine Artikel: die Gippys taugen nicht, der Ägypter wird nie ein Soldat, aber die Schwarzen, das sind schon Kerle! – Wenn ein einziges buntes Derwischhemd auftaucht, laufen die Gippys, ihre Herren Offiziere besonders! Gustav Klootz spuckt aus, so sehr verachtet er diese Feiglinge. Aber ist er nicht selber bleich? Oft und oft fährt er mit der Hand sich über die Gurgel. So wird man von den Derwischen abgemurkst werden, so! Keine Rettung, alles verloren! * Die Weltgeschichte zeigt Gustav Klootz (und einen vagen Umriß seines Kollegen, des Sachsen) am nämlichen Tag noch im Walde vor der Seriba. Die beiden haben die Postenketten passiert, einem dummen Fellachensoldaten was zugeschrien, sie müßten mal Brennholz – – Vielleicht wollen sie wirklich nur Brennholz sammeln für das Lagerfeuer; sie haben die Äxte mit und ihre Gewehre. Klootz trägt, es ist in den ehernen Tafeln der Weltgeschichte verzeichnet, einen überaus schmutzigen Anzug aus Drillich. Einen roten Fes auf dem hellen Köpfchen. – Dann – was geschieht? Wollen die beiden, wollen sie nicht? Haben sie miteinander geplant, daß sie ausreißen wollen, nicht zu den Derwischen gerade, nur fort aus diesem Lager des Todes – –? Im Wald sich verstecken vielleicht, dann schauen, daß man sich durchschlägt zum Nil, da fahren ja Schiffe; zu Weihnachten, wenn man Sau hat, kann man in Kairo sein, vielleicht sogar zu Hause bei Muttern. – – Dann fällt, vielleicht, während beide noch schwanken, ein Schuß. Hat der Posten geschossen? Wer sonst? Die Affen jagen erschreckt durchs Geäst der Bäume. Jetzt rennen die beiden auf einmal, doch nicht in der gleichen Richtung. Der Sachse kriegt's mit der Angst vor dem Unbekannten. Oder es war ihm doch nicht ernst; er kann doch den Herrn nicht im Stiche lassen, dem er da dient, und die anderen alle. – – Guter Sachse, vager Sachse! Er rennt, was er kann, ins Lager zurück; aber Klootz rennt vorwärts, hinein in den tieferen Wald, er wird sich verstecken, man soll ihn nicht kriegen, er zieht sich aus dieser Schlamastik, er läßt sich nicht mit den anderen murksen, nicht Gustav, danke für Obst! Er fällt, nachdem er ein wenig herumgeirrt ist, den Baggara-Beduinen in die gierigen Hände, die zahlreich um das ägyptische Lager schwärmen. Schon hebt so ein Kerl sein riesiges Kreuzfahrerschwert, da retten Klootz seine drei arabischen Brocken: »Ich Derwisch! Wo Derwisch? Ich Derwisch! Zu Derwisch!« Und: »Mohammed, Mohammed. Ich Mohammed!« * Vierzehn Tage später steht Gustav Klootz aus Berlin – – Nein, den gibt es nicht mehr: Gustav Klootz. Und wo ist Berlin! Steht vielmehr Mustafa! – Die Baggara haben den Gefangenen nach El Obeïd gebracht, zum Mahdi. Sie hätten sich nicht die Mühe genommen, wenn Gustav noch besser arabisch gesprochen hätte und ihnen gesagt, wer er war. So haben sie, was wissen die, den Diener in seinem schmutzigen Kittel für etwas Großes gehalten; er ist doch ein Engländer, also? Am Stadttor von El Obeïd hat eine aufgeregte Menge geschrien: Hicks Pascha! Nein, Gordon! Nein, der Mann der Königin Viktoria! (Er war ganz blutig von Schlägen, seine Füße waren doch so geschwollen, am Hals hat ihn der Strick entsetzlich gewürgt, er hat gedacht: Nu bist du aber hin!) In einem Zelt, vor einem lächelnden Manne, ist er hingefallen, wie ein Sack. Gerade hat er noch röcheln können: »Ich Derwisch!« Der Mahdi, denn das war natürlich der Mahdi, hat etwas Langes geredet. Dann ist man jemand holen gegangen, so einen Griechen, der hat mit Gustav französisch gesprochen. Versteht er ja nicht. Dann ist ein anderer gekommen, hat Gustav angesehen, hat ein paar Worte auf englisch gesagt, dann auf einmal kommt es Gustav vor: der spricht ja doch deutsch! Ja, das war nämlich Ohrwalder, der Tiroler. Der Missionar. Auch gefangen beim Mahdi, auch in dem Hemd mit den bunten Flicken. Der Pater also hat die Frage verdolmetscht: Ob Hicks eine starke Armee hat, wieviel Kanonen, wer mächtiger ist, ob der Mahdi oder der Hicks? Alles, alles hat Gustav erzählt. Und dazwischen immer in einer Angst: »Ich Derwisch!« Der arme Pater hat fragen müssen, ob Gustav Mohammedaner werden möchte. Gleich hat er's gewollt, und wie gern! »Gustav heißt dieser Engländer aus Deutschland?« hat der lächelnde Mahdi zum Pater gesagt. »Gustav – Mustafa! Sage ihm, daß er jetzt Mustafa heißt. Aber erst muß er sprechen: Allah ist Allah – – « * So, und jetzt steht Mustafa, vierzehn Tage darauf, unter einem gewaltigen Waldbaum, und wie ist dem Ärmsten zumute! Er trägt jetzt natürlich ein Derwischhemd, und das Käppchen von Palmstroh sitzt ihm sehr seltsam auf dem blonden norddeutschen Schädel. Er ist Mustafa und ein Sklave Abdullahis, dieses Khalifen, und der hat ihn mit sich genommen in die Schlacht. Jetzt eben schlagen die Kugeln der Mitrailleusen ins Geäst der Bäume, daß es prasselt; natürlich doch schießen diese Gippys mal wieder zu hoch! Gustav weiß nicht, wünscht er, daß sie besser schössen? Ach, Mustafa, ein Derwisch! Neben dem weißen Hengst seines Herrn rennend ist der Derwisch Gustav, oder ist er der Preuße Mustafa, in diesen dürren Dornbaumwald gekommen, wohin sie nun glücklich den Hicks hineingelockt haben, wie eine Fliege ins Spinnennetz. Das eine hat Klootz in diesen vierzehn Tagen erfahren: obwohl es sehr dumm von ihm war, zu den Wilden da überzulaufen, krepieren ist (weiß er nun) besser, – das steht fest, daß er recht gehabt hat, es gibt keine Hoffnung für Hicks! Der Pater, der mag noch hoffen und beten, der ist kein Soldat und versteht nichts. Der frühere preußische Gardeulan versteht nur zu gut, was an jedem Tag die Spione der Derwische ins Lager melden: die Unglücksrabenarmee geht in eine entsetzliche Falle! Diese schurkischen Führer, Klootz hat es lange gewußt, sind alle Spione des Mahdi gewesen! Die Irregulären schicken täglich Boten nach El Obeïd! Von den ägyptischen Beys sind viele Verräter, ach was, sie haben nur Angst. (Mustafa ist dennoch sittlich entrüstet und sagt das dem Pater, von dem er die bösen Nachrichten kriegt.) – Die Führer Verräter, ein Teil der Truppen längst für den Mahdi gewonnen, so rückt diese sogenannte Armee von Rahad vor El Obeïd, jetzt sind sie bald da, nur noch dieser scheußliche dornige Wald, dann, denkt sich wahrscheinlich der alte Hicks, dann sind wir so weit, wir erobern El Obeïd, und alles ist gut. – – In dem Wald sind siebzigtausend Derwische versteckt. Keine Hoffnung für Hicksen! * Was wahr ist, ist wahr! Wenn ein Unteroffizier von den Gardeulanen einen guten Soldaten sieht, dann erkennt er ihn. Dieser Khalifa ist ein guter Soldat. Ein schwarzes Scheusal, tückisch und grausam, sagen sie alle, mit dem Hinrichten ist er gleich bei der Hand, und gepeitscht wird den ganzen Tag und verstümmelt, – aber ein Krieger! Einmal, als er ihn wieder durch Pater Ohrwalder ausfragen ließ, hat Gustav versucht, den Khalifa bange zu machen: der General Hicks sei doch nicht zu verachten, und seine Kanonen – – vier wirkliche Krupp! Und die Nordenfelt-Mitrailleusen! Ganze Reihen mähen die nieder! »Der Tod ist dem Ansari der Lohn, den er wünscht!« hat Abdullahi nur gesagt. Und ausgesehen, als meinte er's so. * Jetzt, auf der Lichtung im großen Walde, da die Kugeln zu fliegen beginnen, sieht Gustav Klootz aus Berlin den Mahdi beten. Dann zieht er ein großes Schwert aus der goldenen Scheide. Aber Gustav Klootz weiß nicht, daß es das Schwert eines deutschen Kreuzfahrers ist! Mit dem blitzenden Schwert in der Hand bleibt Mohammed Achmed inmitten der Lichtung stehen. Seine Ansar sehen ihn alle, wie sie, jauchzend, jetzt gegen die Feinde stürzen. Die Banner der drei Khalifen. Die großen kupfernen Kesselpauken. Der furchtbare Ton des langen Elfenbeinhorns, das neben Abdullahi geblasen wird. Die wilden Emire. Wad en-Nedschumi. Jakûb. »Allahu akbar, Allahu akbar!« * Am Tage nach der Schlacht ist Gustav Klootz ganz allein in diesem entsetzlichen Wald. Obwohl der Glaube an den Mahdi die Ansar im Kampfe kugelfest macht, sind doch viele im Kampfe gefallen, und es gibt im Lager zahlreiche Verwundete. Das waren eben, so wird es erklärt, jene Muselmanen, die die Gebete des neuen Mahdi-Gebetbuchs (des Râtib) noch nicht richtig zu sprechen wissen. Als ein Europäer steht Mustafa selbstverständlich im Rufe, ein Arzt zu sein. Vielleicht hat er selber so was behauptet. Jetzt hat der Khalifa ihn auf das Schlachtfeld zurückgeschickt, damit er Verbandzeug und Medikamente sammle: die Leichen der besiegten Ägypter sind wieder und wieder geplündert worden, die Kisten und Ballen erbrochen, aber immer noch liegt unermeßliche Beute im Waldesdickicht verstreut. Armer Klootz, Gustav, Mustafa! Ein Deserteur, ein bißchen Verräter, ein Feigling, nun ja. Jetzt aber da so mutterseelenallein in diesem entsetzlichen Wald, in dem die Leichen herumliegen, unbestattet. Er findet Verbandzeug genug, aber was sonst noch! Da ist die Stelle, wo das letzte Karree von den Derwischhaufen zu Boden gerannt worden ist! Nicht das ganze Heer ist beim ersten »Allah!« in die Büsche gelaufen – – Ein Kern war schon gut, rings um die europäischen Führer. Nun, da liegen sie, in drei riesigen Leichenhaufen, drei Kilometer voneinander entfernt. Der Soldat in Klootz liest aus dem Schlachtfeld die Entsetzensgeschichte: der erste Überfall, Gegenwehr, geordneter Rückzug. Die Derwische geben dem ordentlichen Geviert der disziplinierten Truppen noch einmal Raum; das marschiert durch den Wald, – in eine zweite Falle hinein. Jetzt ist die letzte Ordnung in Fetzen; aber die Fahne des Führers weht noch; um sie schleppt sich ein wunder Rest der Flüchtlinge gegen das Hüttendorf Kaschgeil. Wahrscheinlich suchen sie Wasser. – – An einer Stelle unfern von Kaschgeil, wo ungeheure Bäume ein wenig Deckung gegeben haben, findet Mustafa die meisten Leichen. Fast alle die Europäer, die er im Heere gekannt hat, haben noch hier gelebt und sind hier dem letzten Ansturm der vielen Feinde erlegen. Und da liegen sie nun alle auf einem Haufen. Den riesenlangen Seckendorff kann er nicht verkennen, obwohl der Kopf mit dem Kronprinz-Friedrich-Vollbart dem Leichnam fehlt, der da nackt im Gestrüpp liegt. Da ist Hicks, auch ohne Kopf, und Herlth, ganz geschlitzt, daß das Bauchfett hervorquillt. – – Und Matyuga, Farquhar, der Doktor Rosenberg! Sie müssen alle gefochten haben wie wilde Tiere. Seinen Herrn, den Korrespondenten der Daily News, kann Mustafa lange nicht finden. Dann sieht er in einem Gebüsch eine Ledertasche, die er vortrefflich kennt, die Tasche, in der die Manuskripte O'Donovans waren, – nein, sind! Mustafa-Gustav zieht die Blätter heraus; sie sind blutig; und nun findet er noch tiefer im Dorngestrüpp etwas Unsägliches; kleine Stücke von Mister O'Donovan. – – Zerhackt, zerkaut von Hyänen. – – Gustav Klootz rennt schreiend davon mit der ledernen Tasche. Schließlich im Rennen und Röcheln und Heulen flitzt diesem elenden armen Teufel so ein Gedanke durchs Köpfchen; er bleibt stehen, sammelt den Atem, fängt gierig an in den Blättern zu lesen, die O'Donovans Tagebuch waren. Da muß doch sein Name stehen. – – Richtig, October 20th, da steht es: Klootz. Klootz ist geflohen, steht in dem Kriegstagebuch des Korrespondenten. – So viel Englisch kann der Klootz immerhin, er entziffert: »Wie muß der Zustand unserer Armee sein, wenn selbst ein europäischer Diener zu diesen Wilden zu desertieren für nötig findet?« Und am Schluß: »Da notiere ich alles und schreibe Artikel, wer aber wird sie nach Hause bringen?« * Klootz bringt sie nicht nach Hause, wohl aber in Pater Ohrwalders Hände, die Notizen, die Tasche und O'Donovans blutbefleckten Mackintosh. Die Weltgeschichte, die einige Zeilen von diesen Kriegsberichten des toten Reporters bewahrt hat, verdankt sie dem guten Gedächtnis des Paters. * Armer Mustafa, zu bedauern, obgleich kein besonderer Heros. Von seinem O'Donovan, den er ja doch ganz gerne gehabt hat, findet er kleine Stücke und dieses Papier, auf dem ihm der Tote ein Schandmal vermacht hat. Und ganz zuletzt, nachdem er lange in diesem entsetzlichen Walde von Greuel zu Greuel getaumelt ist, muß Mustafa, ja, bis zum Ende jetzt: Mustafa – seinen lieben Kollegen finden, den Sachsen. Der liegt ganz tot und vollkommen nackt im höchsten Geäst eines Baumes. Wie ist er hinaufgekommen, um Gottes willen? * Alle tot, alle tot; tot die Löwen, die tapferen. Armer lebender Hund, Mustafa! Am Leben geblieben, jawohl. Aber wie, für wie lange? Ein Tag kommt schließlich, Mustafa, Mustafa – – Das Ende, das für Mustafa Klootz aus Berlin herankommt, sieht so aus: ein weggelaufener elender Sklave des Derwischkhalifen krepiert mal später auf der Flucht in so einem sudanesischen Dorngestrüpp. * Die Köpfe von Hicks und von Seckendorff sind in El Obeïd, auf der Spitze von Derwischspießen. Man senkt sie zu Boden, sie küssen den Staub, da der siegreiche Mahdi einzieht. Tomtomtom, tomtomtom, alle die Trommeln sind toll geworden. Das Heer des Mahdi kommt zurück in die Stadt, voran die Fahnen, die bunten Banner mit heiligen Texten beschrieben: »Im Namen des Erbarmers, des Barmherzigen. Es gibt keinen Gott außer Allah. Mohammed el-Mahdi, Nachfolger des Gesandten Allahs. O Lebendiger! O Ewiger! O Herrscher und Ehrwürdiger!« Hinter den Fahnen kommt das Fußvolk, die Ansar in ihren bunt benähten Derwisch-Dschubbas, eine tanzende, taumelnde, trommelnde Menge vom Siege Trunkener, mit einem Gemurmel wie Meeresdonner: »La Ilaha il' Allah! La Ilaha il' Allah!« Dann die drei großen kupfernen Pauken der drei Khalifen, und die Ombajja, das elfenbeinerne Heerhorn, der dröhnende Elefantenzahn, der nur vor dem Haufen Abdullahis geblasen wird. – Nun die Panzerreiter aus Kordofan, in ihren Kettenhemden und spitzen stählernen Helmen wie die Sarazenen vor tausend Jahren. Sie fällen die Lanzen, sprengen vorwärts mit dem Schrei: »Für Allah und den Propheten Allahs!« Vor der Zuschauermauer halten sie plötzlich, wenden, sprengen zurück. Und nun treibt man einen Haufen blutiger und fast nackter Gefangener vorwärts, unmittelbar vor dem Mahdi selber, der milde strahlend auf einem edlen weißen Kamel sitzt, in einer schönen Derwisch-Dschubba, die auf eine neue und prunkhafte Weise mit Scharlachflecken benäht ist, Teilen erbeuteter britischer Uniformröcke, und mit brokatenen Stücken der Meßgewänder aus den zerstörten katholischen Missionen. Wie er da reitet, mit seinem schimmernden Lächeln, verliert die Menge um ihn die letzte Besinnung. Sie tanzen um ihn und trommeln um ihn und sie schreien: »La Ilaha il' Allah!« und weinende Weiber werfen sich kreischend in den aufgewirbelten Staub: »Der Mahdi Allahs! Der Mahdi Allahs!« Und Abdullahi der Taaischi, groß und grimmig auf seinem herrlichen Pferd, sieht sich nach den vielen Geschützen um, die vorbeiziehen, nach all den erbeuteten Waffen. – – Nun wehe dem Turk in Khartum, der ganze Sudan liegt nun offen! * Und der knebelbärtige Kopf des britischen Generalmajors Hicks mit dem roten Tarbusch auf den grauen Haaren senkt sich immer wieder und wieder auf der Spitze der blutigen Lanze vor dem Sieger, dem Mahdi Allahs, der dem Islam das ganze Erdreich erobern wird. Der Baum In Rahad, zwei Tagereisen von El Obeïd, schlägt der Mahdi ein großes Lager auf, um sein Heer für den Marsch auf Khartum zu sammeln und vorzubereiten. Ein gewaltiger Baum, eine Adansonia (Affenbrotbaum) von phantastischer Ausdehnung, steht auf einem freien Platz in der Mitte des Lagers. Unter diesem Baum erscheint der Mahdi, um die fünf Gebete des Tages vor allem Volke zu sprechen; hier predigt er, hält er Gericht, empfängt die Scheichs und Gesandten, die zu ihm kommen, um ihm Treue zu schwören, und auch die hohen Beamten und Statthalter des Khediven, die im Derwischhemd vor ihn treten, um ihn um Gnade zu bitten. * Von allen Teilen der fast endlosen Lagerstadt, über all den spitzen Tukulhütten aus Durrhastroh, kann man den Baum des Mahdi erblicken. Dorthin richten sich alle Augen; man denkt in diesem Lager stets an den Mahdi, man spricht vom Mahdi. Die nackten Sklavenweiber, die das Hirsekorn zwischen den Steinen zermahlen, trällern dabei gewiß das Mahdi-Lied: »O Mahdi, du Licht unserer Augen!«– – oder: »Bei Kawa hat es der Mahdi dem Turk gegeben!« – und wer in Handel und Wandel versichern möchte: »Ja, so ist es – – «, der schwört nicht anders als so: »Beim Gott des Mahdi!« – oder er schwört: »Bei unserem Herrn, dem Imâm«, – oder: »Bei dem Erwarteten Mahdi, dem Siegreichen!« – Längst haben die vielen Bettler im Lager gelernt, nicht im Namen Mohammeds des Propheten, sondern im Namen Mohammeds des Mahdi um Almosen zu bitten. Und am Abend, wenn die Männer im Kreise hocken, um die lyrischen Oden singen zu hören, die das Volk der Araber liebt, da ersetzen die klugen Sänger von selbst den Namen des Propheten durch den des Mahdi: er heißt jetzt der Geliebte, der Freund; seine Schönheit wird mit dem Mond, der Gazelle verglichen. Schließlich wird die liebende Leidenschaft vollends zu Raserei: die beiden Sänger, die, jeder an der Spitze eines Halbchors, bisher mit Stäben auf dem Boden den Takt geschlagen haben, springen auf, schwingen die Stöcke, als ob sie Schwerter wären, schreien den Feldruf; »Fi schan Allah! Für die Sache Gottes!« – die Sache Gottes, des Propheten, des Mahdi, das ist die gleiche. * Und der Kadi, der religiöse Richter der Lagerstadt, läßt einen Mann in Ketten werfen, weil er, in einem Streit mit einem Gefährten, den Propheten über den Mahdi gestellt hat, ja nur, weil er gesagt hat, Gott stehe höher als der Mahdi. – Dies, entscheidet der Richter, sei natürlich die Wahrheit, aber der Ton, in dem es gesagt sei, bedeute eine Kränkung des Mahdi und sei zu bestrafen. * Nicht weit von dem großen Baum ist der Markt der Lagerstadt; hier wird, im großen vielfarbigen Menschengewimmel, das neue Gesetz des Mahdi erbarmungslos aufrechterhalten. Den ganzen Tag sitzt der Marktrichter auf seinem Schaffell und wartet auf die Verbrecher, die man öffentlich zu ihm heranschleift. Haben die Spione einen heimlichen Trinker entdeckt, dann wird der Merissatopf sogleich an seinem Kopfe zerschlagen und eine johlende Menge schleppt den Sünder, der von Bier und Blut trieft und von den Kindern mit Staub und Dreck bombardiert wird, zum Richter. Der läßt sogleich die festgesetzte Strafe vollziehen: achtzig Peitschenhiebe. Wer aber beim Tabakrauchen betroffen wurde, bekommt nicht achtzig Hiebe, sondern hundert. Junge Frauen, die mit unverhülltem Antlitz gesehen werden (der Leib darf nackt sein, das Antlitz nicht) oder die goldene oder silberne Schmucksachen tragen, werden gleichfalls mit Strenge gezüchtigt. Bisher war unter den sudanesischen Weibern ein Kopfputz beliebt: ein Gefüge aus Ziegenhaaren, das man mit Gummi an die eigenen Flechten des Weibes klebt. Auch das ist verboten, und Weibern, die das Verbot nicht beachten, reißt man mit dem Kopfputz ihre eigenen Haare vom Schädel. Alle milderen Traditionen des muslimischen Scheriatsrechts sind abgeschafft. Eine wilde Justiz straft Mörder und Ehebrecher, Gottes- und Mahdi-Leugner erbarmungslos mit dem Tode durchs Beil. Ehebrecherinnen werden gesteinigt. Für einen kleinen Diebstahl verliert der Verbrecher einen Fuß und eine Hand. So hart die Gesetze sind, so bestechlich sind alle Richter auch unter dem Mahdi. Das Volk ist nicht freier, ist nicht minder bedrückt als unter der Türkenherrschaft. Der Mahdi hat Gleichheit verkündet: »Der Geringste unter den Ansar ist den Emiren in allem gleich, es sei denn im Gehorchen und im Befehlen.« – Dennoch geht es wie immer, die Großen bereichern sich. Das Gesetz, daß die Ansar irdischen Gütern entsagen müssen, und daß ein gemeinsames Schatzhaus, die »Beit el-Mal«, den Besitz der frommen Gemeinschaft für alle verwalten solle, – das Gesetz gilt kaum für Scheichs, Emire, Khalifen. * Noch aber scheint in alle Augen der große Glanz, der vom Mahdi ausgeht. So wie der große Baum über die Hütten des Lagers, ragt ein hoher Gedanke über alle tägliche Not. Dies hier ist noch nicht Gottes Stadt, die erbaut wird, das ist nur ein flüchtig errichtetes Lager. Man ist auf dem siegreichen Vormarsch. Alles wird herrlich und anders und neu sein, wenn erst Khartum erobert ist, und dann Kairo. – – – * Die halbnackten arabischen Hirten, die bisher der türkische Baschi-Bosuk so furchtbar gepeinigt hat, die schwarzen Soldaten, denen der Rücken noch von der Peitsche des Paschas wund ist, sehen jetzt im Lager von Rahad, im Schatten des Mahdi-Baumes Schauspiele wie dieses: Eines Morgens dröhnen auf einmal im Lager die Pauken; zum Zeichen, daß der Khalifa Abdullahi aufbricht, wird die Ombâjja geblasen, sein großes Heerhorn aus Elfenbein. Die Reiterei sprengt vors Lager hinaus: die Panzerreiter aus Dar-Fur in ihren Kettenpanzern und die anderen, die mit Wattepanzern bedeckt sind. Dies alles, das Wehen der großen Banner, das Blitzen der Lanzenspitzen, die wilden Salven, die laut geschrienen Lobgesänge, – all das, weil ein kleiner Mann herbeikommt, der in einer mit Flicken benähten Derwisch-Dschubba aussieht wie ein tragischer Harlekin. Der junge Europäer, der da dem Mahdi die Hand küssen kommt, ist Rudolf Slatin, gestern noch Slatin Bey, Generalgouverneur von Dar-Fur. Mit unglaublicher Zähigkeit und großem Geschick hat er sich, von Khartum und Ägypten abgeschnitten, in seiner Provinz bisher verteidigt. Aber jetzt muß er sich ergeben. Ein Generalgouverneur des Khediven, ein Europäer! Man behauptet, er sei ein Neffe Gordons. Man nennt ihn jetzt: Abd el-Kadr Saladin. Slatin, den religiöse Bedenken nicht plagen, hat es nämlich während seines verzweifelten Kampfes im empörten Dar-Fur für gut befunden, eines Tages vor der Front seiner Truppen das Glaubensbekenntnis des Islams abzulegen; so dachte er, sich besser in dem fanatisch denkenden Lande behaupten zu können. Es hat auch das nicht genützt. Jetzt kommt Slatin, von seinem Heere im Stich gelassen, allein und ohne sein Schwert nach Rahad zum Mahdi (daß man ihm seinen k.k. Leutnantssäbel aus dem bosnischen Feldzug genommen hat, ist vielleicht sein größter Schmerz in dieser Stunde!). – Aber man hat ihm ein Derwischhemd gegeben, ein Reitpferd und eine Lanze, so wie sie die Leibwächter des Khalifen tragen, – und wie er sich jetzt vor dem Lager der Stelle nähert, wo Abdullahi sein Kommen erwartet, sprengen wilde Reiter auf Slatin zu, schütteln hart vor seinem wetterbraunen Gesicht die Lanzen und schreien ihn stürmisch an: »Für die Sache Allahs und des Mahdi!« Das rufen sie und sprengen wieder zurück, zu dem Mann, der neben den Bannern wartet. Da sie das Manöver wiederholen, versteht Slatin, was er tun soll, er schwingt gleichfalls seine Lanze, ruft gleichfalls: »Für die Sache Allahs und des Mahdi!« – und sprengt mit den anderen Reitern auf den Mann im Schatten der Banner zu. Die Ombâjja ertönt; Rudolf Slatin springt vom Pferde und küßt zum erstenmal die dunkle Hand des Mannes, dessen Sklave, Vertrauter und Todfeind er von nun an sein wird, des Khalifen Abdullahi, des Taaischi. Am Mittag, nach dem Gebet am offenen Platz unter dem großen Baum, legt dann vor dem ganzen Heer und Volk der Europäer, der bisherige Gouverneur des Khedive, in die Hände des lächelnden Mahdi selber den großen Treueid ab, der ihn so verpflichtet, wie ein Derwisch-Novize dem Derwisch-Scheich sich zugelobt: »Ich gelobe dir Treue, und der Welt zu entsagen, sie zu verlassen und an dem, was bei Allah ist, Wohlgefallen zu haben, aus Verlangen nach den Gütern Allahs und der jenseitigen Welt; – ferner, daß ich dem heiligen Krieg nicht aus dem Weg gehen werde.« – – Slatin hat seinen Daumen auf den Daumen des Mahdi gelegt, der spricht lächelnd und langsam die Formel vor. Rudolf Slatin, nein, Abd el-Kadr spricht sie deutlich nach, tausende hören es und wissen, daß der Mahdi in Wahrheit siegreich ist. * In einer Hütte des Lagers – ein paar Bündel des langen Durrhastrohs zu einem Kegel geschichtet, ein Loch als Türe darin – sitzt ein anderer weißer Mann, mit einem Christusbart und langen Haaren, in einem langen, zerfetzten Derwischhemd über dem mageren Leib: Josef Ohrwalder. Der Tiroler Pater, der Missionar von Delen, hat nicht wenig gelitten, seitdem er diesen Mahdisten in die Hände gefallen ist. Zwei Jahre ist es her, seitdem er in den Nuba-Bergen so vergnügt das Brennen der Ziegel beaufsichtigt hat, als das Missionsgebäude erweitert wurde. Das Missionsgebäude! Der Pater hat noch mit seinen eigenen Augen gesehen, wie es von den Negern des Missionsdorfes geplündert wurde, bevor noch die Mahdisten kamen, die Beduinen aus dem Tiefland. – Seitdem ist der arme Pater Ohrwalder aus den Bergen, die er so lieb hat, fortgeschleppt worden, als ein Gefangener, ein barfüßiger Sklave, von Ort zu Ort: – – Jetzt, wenn er vor die Hütte tritt, kann er ganz fern am Horizont das Schattenprofil der Berge von Nuba sehen, diesen Dschebel Delen, der ihn immer so an sein Südtirol erinnert hat. Manchmal sieht er dort einen großen Rauch aufsteigen und bei Nacht die Flammen; da begeht der junge Priester die schwere Sünde des Zorns, denn er weiß, daß jetzt wieder ein friedliches Dorf dieser armen Neger brennt, die er liebgewonnen hatte. Die Nubas haben sich den Derwischen nicht dauernd unterworfen, sondern liegen in einem blutigen Krieg mit ihnen. Hier im Rahader Lager gibt es eine eigene Hürde für gefangene Nubas, einen Dornzaun mit Tod und Elend dahinter; manchmal gelingt es dem Pater hinzugehen, dann sieht er oft, wie man hagere Leichen ins Freie wirft; ins Innere der Umzäunung hat man ihn nicht gelassen. Er selbst ist jetzt der Sklave eines Scheichs Idris Wad el-Haschmi; er ist als sein Kameltreiber mit ihm nach Rahad gekommen, neben dem beladenen Tiere laufend. Idris ist noch nicht der schlechteste Herr, dem zu begegnen Josef Ohrwalders Schicksal war; aber seine Nahrung holt der junge Priester sich ja doch im Stalle des Scheichs, wo er von der für die Tiere bestimmten Hirse ißt. Wenn er seine Hütte verläßt, wird er in den Lagergassen beschimpft, geschlagen, angespien; weil er ein ungläubiger Hund ist. Scheich Idris indessen mißhandelt ihn niemals, er weiß, daß der Koran gebietet, gefangene christliche Priester und Mönche zu schonen. * Der arme junge Pater wäre fast zu entschuldigen, wenn er manchmal ein wenig vor sich hinfluchte, auf tirolerisch. Es ist so furchtbar, hier leben zu müssen, in dem Feldlager dieses Heeres, das er haßt und dessen Sieg ihm Verzweiflung bedeutet. Den ganzen Tag gehen diese verabscheuten Trommeln: tomtomtom! Die Ombâjja tutet, das Elefantenhorn des Khalifa, und man weiß, daß Abdullahi jetzt wieder jemand hinrichten läßt, der ewig Mißtrauische, der neben dem immer lächelnden Mahdi das Heer mit so blutiger Strenge regiert. – Wer kommt nun daran? Wer wird gepeitscht, gefoltert, geköpft? Ohrwalder zittert bis in sein Mark, wenn er die Ombâjja nur hört, die stets bei Exekutionen geblasen wird. Er hat viele Freunde im Lager, obwohl er kaum jemals ein befreundetes Antlitz erblicken darf. Sein Freund und Superior, Pater Bonomi, ist gleichfalls in Rahad; Ohrwalder sieht ihn durch Monate nicht. Dann die Klosterschwestern; was die armen Frauen zu leiden haben, ist grauenhaft. Man hat sie in die Harems der Emire verteilt, man hat sie hungern lassen, geschlagen, gefoltert. – – Endlich ist eine von den Schwestern in ihrer Verzweiflung eines Tages in die Hütte des Mahdi eingedrungen und hat ihm ihre von der Peitsche blutigen Füße gezeigt. Mohammed Achmed hat betroffen gesagt, das hätte er nicht gewollt und das werde er nicht weiter dulden, und er hat am nächsten Tag die Ordensschwestern in das umwallte Lagerviertel übersiedeln lassen, in dem er selbst mit seinen Frauen und Kindern wohnt. Von dieser Stunde an ist das Los der Nonnen erträglich geworden. Sooft Pater Josef Ohrwalder daran denkt, an dieses Mitleid, das der Mahdi den Schwestern gezeigt hat, wird er ganz verstört und unwillig; die Sache paßt ihm nicht in sein Weltbild. Er haßt diesen Menschen, den Mahdi, hält ihn für einen Betrüger, einen Heuchler, einen heimlichen Lüstling und ist von seiner Schlechtigkeit und teuflischen Grausamkeit fest überzeugt. Nur eine einzige Hoffnung erhält Ohrwalder noch aufrecht: dem österreichischen Konsul in Khartum ist es gelungen, auf heimlichen Wegen den Missionaren im Lager zu Rahad eine Botschaft zu senden: sie möchten getrost sein, nicht alles sei verloren, England werde eine Expedition in den Sudan entsenden, schon sei General Gordon wieder in Khartum; ein solcher Mann könne, werde sie alle retten. – – Eines Tages, kurz vor der Stunde des mohammedanischen Mittagsgebetes, stürmen einige Araber Ohrwalders Hütte und treiben ihn unter rohen Mißhandlungen vor sich her: der ungläubige Hund möge rennen, unser Herr, der Imâm, hat selber nach ihm verlangt, der Mahdi will zu ihm sprechen! Vor den Leibwächtern des Mahdi einherlaufend, keucht der arme Gefangene elendiglich durch die engen, ungeraden Hüttenstraßen, die von Menschen und Tieren wimmeln. Das Lager ist voller denn je; der Khalifa Abdullahi läßt alles Volk von El Obeïd hierher senden; ganze Araberstämme mit ihren Herden kommen täglich an, Homr, Bederieh, Ghodiat, die Miserieh, die Dar-Nauli. – Jetzt, zur Stunde des Gebetes, sitzen die Männer zu Tausenden und Tausenden, in ordentlich gerichteten Reihen auf dem Sand um den großen Baum und warten auf den Mahdi, der aus der Hütte kommen soll, um als Imâm das Gebet der Gläubigen zu leiten. Pater Ohrwalder wird von den Wächtern mit Lanzenstößen zu dem Baumstamm getrieben und dann dort in Ruhe gelassen. Atemlos röchelnd lehnt er an den gewaltigen Wurzeln. * Der Adansonia-Baum, oder Baobab, oder Affenbrotbaum, ein Ungeheuer, ein Elefant unter den Bäumen, hat zu gewissen Jahreszeiten eine dunkelgrüne Kuppel von Laub und riesige weiße Blüten: jetzt, wie meistens, ist er kahl, mit einem gigantisch zerzausten Astwerk, an dem manchmal ein einzelnes gefingertes Blatt hängt oder eine der fußlangen, mit einem Filz bewachsenen Früchte. Der Stamm ist hohl und gespalten, die Rinde beschädigt, da die Haremseunuchen des Mahdi sie als ein unfehlbares Mittel gegen alle Beschwerden verkaufen: daß der Mahdi unter diesem Baume betet, gibt ihm eine unsägliche Heiligkeit. Unter dem Baum, an einer Stelle, an der ein dicker Ast Schatten gibt, ist jetzt ein Schaffell ausgebreitet, als ein Gebetteppich für den Mahdi. Auf einmal geht in der Menge ein dumpfes Jubeln los, schon von fernher. Der Mahdi erscheint, umringt von den drei Khalifen und von den Emiren des Glaubensheeres. Einen Blick voll heiterer Ruhe läßt er über die dichten Reihen seiner Gemeinde fliegen. Dann gibt er denen, die mit ihm gekommen sind, ein Zeichen, an ihre Plätze zu treten. Mit seiner sanften Stimme, die kaum erhoben ist und dennoch überall auf dem weiten Felde gehört wird, spricht er nun das Gebet der Mittagsstunde. Ein Murmeln und Schluchzen geht durch die Menge. Alle sprechen die heiligen Worte nach, alle die Turbane sinken gleichzeitig nieder, da der Imâm auf seinem Schaffell zu Boden fällt, mit dem Haupt vor Allah im Staube. Nach dem Gottesdienst lösen sich die geordneten Reihen, ein Teil der Menge verläuft sich, doch viele drängen herbei, um ganz in die Nähe des Mahdi zu kommen, der auf dem Schaffell sitzengeblieben ist, unter dem Baum. Die Leibwächter des Mahdi, stattlich in ihren gegürteten Derwischmänteln, die regelmäßig mit farbigen Flicken besetzt sind, drängen mit ihren großen Lanzen die Leute zurück, doch nicht so, daß nicht der eine oder der andere zum Baum gelangen und einige Worte zum Mahdi sprechen oder ein Bittgesuch ihm übergeben könnte. Ein Soldat mit einem handbreiten Eisenblatt an seiner Lanze steht hinter dem Pater, der immer noch an der Baumwurzel lehnt, dem Mahdi nah gegenüber. Die Lanze ist über dem Kopf des Paters gezückt, dem armen struppigen Kopf, auf dem die Tonsur längst verwachsen ist. Da steht er, den Tod über seinem Haupt, wie Johannes der Täufer, dem er jetzt ähnlich sehen mag, in seiner zerlumpten Wüstentracht und mit dem ungeschorenen Bart. Der Mahdi, der sich jetzt lächelnd zu ihm neigt, scheint wie von einem Glanze umflossen: so gepflegt und reinlich ist alles an ihm. Noch ist der Anzug vom gröbsten Friesstoff und mit großen Flicken besetzt, der Gürtel aus Palmstroh geflochten. Aber der Turban ist aus feinem schneeweißen Stoff; ein Zipfel davon fließt über Wange und Schulter, vorbei an dem Bart, dessen seidige Schwärze dadurch betont wird. Das dunkle Gesicht ist sorgsam gewaschen, ein Hauch von Frische und süßen Düften strahlt davon aus; die Augenbrauen sind untermalt, die Nägel der schönen Hände mit Henna geschminkt; die perlenden Zähne zeigt das beständige Lächeln. Wie ein Erzbischof, wenn er segnen will! – geht es durch Pater Ohrwalders Kopf. Dann erschrickt der Pater über diese Gedankensünde. * Der Pater hat den Mahdi schon mehrmals gesehen, zuletzt als er für den gefangenen Klootz den Dolmetscher spielen mußte. Mit einer Art befriedigten Grimms bemerkt der Pater, daß der Mahdi seither viel dicker geworden ist, geradezu fett. Er war doch immer so mager, – wie ein Mönch, der sich sehr kasteit, wie ein Trappist! – Jetzt, denkt der Gefangene, und freut sich darüber, geht er doch in die Breite, der falsche Aszet, der Heuchler, der heimliche Fresser und Haremsheilige! Er haßt diesen Menschen aus ganzer Seele, – so vielleicht, wie ein Priester nicht hassen sollte. Wie aber diese wunderbar großen Augen voll auf ihn gerichtet sind, wie diese berauschende Stimme spricht, hat er Mühe, dem Zauber des Mannes nicht zu erliegen. Immer wieder und immer wieder, ob er will oder nicht, scheint es ihm, als spräche, wie einst im Seminar, die Stimme geistlicher Autorität zu ihm, ein verehrungswürdiger Bischof seiner eigenen Kirche. – – Er wehrt sich, bereut die Sünde, daran nur zu denken. Der Eindruck kommt wieder. * Der Mahdi des Islams spricht zu dem römisch-katholischen Missionar, als wären sie gleich und gleich, als wäre nicht einer von ihnen ein mißhandelter Sklave, als stünde nicht hinter ihm der Negersoldat mit dem drohend erhobenen Eisen. Der Pater vergißt das nicht, aber er ist gefaßt. Er hat sich auf die Baumwurzel niedergesetzt und sieht dem Mahdi ins Auge. Der Mahdi sagt, er habe den Christen rufen lassen, damit er bei dem Gebet der Muselmanen zugegen wäre. – Ob eigentlich die Christen auch dergleichen hätten, regelmäßige, von der Gottheit gelehrte Gebete? Und als der Pater heftig bejaht, scheint der Mahdi zu staunen. Weiß er wirklich so wenig von den christlichen Lehren? – Er verlangt, ein Gebet zu vernehmen. So faltet Pater Josef seine Hände und spricht laut und deutlich auf arabisch das Vaterunser. Die Menschen, die sich hinter dem Mahdi drängen, murmeln halblaut und beifällig; das haben sie vielleicht nicht erwartet, solche einfachen, frommen Worte zu Gott; sie haben gedacht: solch ein Christ betet Lästerungen! Der Mahdi nickt in Gedanken. Er sagt, das sei ein sehr gutes Gebet. Auf einmal sieht er Ohrwalder an und fragt ihn, ob denn nicht in den Psalmen Davids prophezeit sei: »Die Gerechten erben das Land und bleiben ewiglich drinnen.« * – Jetzt ist die Reihe erstaunt zu sein an dem katholischen Priester. Woher kennt der Mahdi den siebenunddreißigsten Psalm? (Der Pater weiß nicht, daß diese Stelle, und sie allein aus der ganzen Bibel, im Koran zitiert ist.) »Siehst du«, sagt der Mahdi, »dein Buch sagt selber, daß die Erde ein Erbteil der Gerechten ist; warum widerstrebt ihr Christen meiner von Allah gewollten Macht?« Er beginnt unvermittelt, sich über Viktoria, Königin von England, zu beklagen, die gänzlich verstockt sei; obwohl ihr Günstling, der General Hicks, unterlegen ist, mit dem großen Heere der Königin, denkt sie doch noch, in ihrer irdischen und gottlosen Weisheit, sie könne der Macht Gottes und des Mahdi Widerstand leisten! Statt den Islam anzunehmen, habe sie jetzt wieder ihren Gordon nach Khartum entsendet. Der Mahdi wird plötzlich sehr lebhaft; für einen Augenblick verläßt das Gespräch die rein geistliche Richtung. (Warum atmet der Pater innerlich auf?) – Der Mahdi will wissen, was das bedeuten mag, was Gordon Pascha jetzt in Khartum betreibt. Die Späher haben berichtet, daß er rings um die Stadt im flachen Gelände ein Netz von eisernen Drähten ausspannen läßt. Pater Ohrwalder sagt darauf: »Ich bin kein Kriegsmann und verstehe nichts vom Befestigungswesen. Aber ich denke mir, daß General Gordon wohl rund um die Festung aus Telegraphendrähten Hindernisse erbaut, um die beduinischen Reiter aufzuhalten.« Das Lächeln des Mahdi vertieft sich. »Seht«, sagt er so laut, daß alle es hören, »seht, wie schlau dieser Ungläubige ist! Aber Gott ist stärker als die Listen und Schliche der Menschen!« * Pater Ohrwalder wagt keine Erwiderung; er senkt nur sein Haupt, über dem das Eisen des Henkers so sichtbar erhoben ist. Wenn er sich nur ein wenig wendet, kann er den großen Neger sehen, der hinter ihm steht, in einer ganz neuen Dschubba, mit einer Lanze, die riesenhaft scheint; der Pater fühlt den riechenden Atem des schwarzen Mannes in seinem Nacken. Und dieser Mahdi sieht das, denkt Ohrwalder, und lächelt so milde, als wäre das gar nichts; er redet zu ihm von gleich zu gleich wie ein gütiger Freund, nein, väterlich; von Gott spricht er in so selbstverständlichem Ton, als meinte er den nämlichen wie ein katholischer Priester. – Und doch, sagt sich Ohrwalder krampfhaft vor, meint er ja nicht Gott, er meint den Teufel, einen Götzen, der Gottes Werk auf Erden vernichten soll. Unsere Kirche in Delen hat er zerstören lassen. – – Der ganze innere Mensch in Ohrwalder sträubt sich gegen eine große Faszination, gegen das Milde und Priesterliche in diesem lächelnden Antlitz ihm gegenüber. – – Jetzt sagt der Mahdi, Gott werde ihm bald dazu verhelfen, daß er Khartum erobern werde wie El Obeïd! Haß und Angst ringen in dem jungen Pater, er möchte schreien, toben, er wagt es nicht; vielleicht rettet ihm eine Schwäche das Leben, die ihn plötzlich befällt. Mit beiden Händen klammert er sich an die Baumwurzel an. Ein Gedanke hat ihn fast körperlich umgeworfen: Ist es denn möglich, kann es denn möglich sein, wird Gott das dulden, daß dieser Mensch – dieser Antichrist! – mit seinen Horden auch die schöne Mission in Khartum verwüsten wird, den schönen Garten, die Kirche, alles? – – Seltsam: genau in dem Augenblick, da der Pater, und nicht zum erstenmal (mit einem Schauer in seinem Herzen) bei sich gedacht hat: der Antichrist! – sagt Mohammed Achmed das gleiche Wort. Er fragt, ganz unvermittelt und mit größerer Strenge als bisher, ob denn der Pater nicht an das heilige Buch der Christen glaube. Wird Isa, Sohn der Maryam, wiederkehren oder nicht? Wird er den großen Kampf gegen den Antichrist bestehen oder nicht? Der Pater ist ganz bleich, er kann kaum reden. Endlich faßt er sich und sagt, er glaube an die Wiederkehr Jesu. »Wenn du ihn wiederkehren siehst«, sagt der Mahdi ganz schlicht, »wirst du auch an meine Mahdîjja glauben müssen, denn ich bin es, der seine Wiederkehr der Welt verkündigt und das Letzte Gericht, das er halten wird. Sobald er zu Jerusalem auf dem Felsblock Abrahams erscheint, werden auch deine Zweifel schwinden, und dann wirst du den Islam annehmen müssen! – –« Der Mahdi schweigt ein wenig, blickt zu den kahlen Zweigen des großen Baumes empor, als ob dort oben etwas zu lesen wäre. Dann spricht er langsam weiter, mehr zu der um ihn sich drängenden Menge der Ansar, als zu Pater Ohrwalder. »All dies wird in vierzig Jahren geschehen«, sagt der Mahdi. »In meinen Gesichten hat es mir der Erbarmer verkündigt. Es wurde geoffenbart, daß ich vorher noch Ägypten und die heiligen Stätten im Hedschas erobern werde. – Kairo wird ohne Widerstand den Heeren des Glaubens erliegen. Aber vor Mekka stehen dem Heere Allahs blutige Kämpfe bevor. – – « »Noch vierzig Jahre«, sagt der Mahdi; sein Lächeln legt die Zahnlücke bloß. »Noch vierzig Jahre soll ich auf dieser Erde weilen, das hat mir auf Abba unser Herr, der Prophet, verkündigt, auf ihm sei der Segen und das Gebet. Von nun an in vierzig Jahren steht das Heer des Glaubens vor Jerusalem, und dort sieht es Isa herniederschweben auf Abrahams Felsendom. Dann aber werden die Christen alle den Islam bekennen müssen. – –« * Der Mahdi sieht den Pater an, als erwartete er eine Antwort. Der Pater aber schweigt hartnäckig. Der Neger hinter ihm hat die Lanze noch immer wie zum Stoße gesenkt, vielleicht erwartet er einen Wink des Mahdi, oh, nur den leisesten. Der Pater selbst mag diesen Wink erwarten. Was kommt nun? denkt er. Wird der Mahdi von mir den Abfall verlangen, ausdrücklich, sofort, das mohammedanische Glaubensbekenntnis? Dann, das weiß der Pater, heißt es gehorchen – oder der Märtyrertod. Ein Mensch ist ein Mensch und keiner ein Märtyrer, ehe er tot ist. Aber dem Pater Josef bleibt diesmal die Probe erspart. Unbegreiflich, aber der Mahdi stellt die entscheidende Frage nicht, winkt seinem Henker nicht. Statt dessen beginnt er sogar die Christen zu loben: »Ich weiß, ihr seid gute Leute, das hat man mir immer gesagt. Ihr gebt den Hungrigen Nahrung und erwerbt euch Verdienst durch Almosenspenden. Jedoch, wer nur an milde Taten glaubt und nicht auch an den Mahdi Allahs, wie kann der errettet werden? Ihr seid nur wie Bündel trockenen Holzes, die ins Feuer geworfen werden. – – « Jetzt blitzt, für einen kurzen Augenblick, Zorn in diesem lächelnden Antlitz auf. Er schweigt, man sieht ihn denken. Er murmelt etwas. Man versteht einen Namen: Gordon. * »Auch Gordon ist ein guter Mann«, sagt der Mahdi schließlich ganz laut. Er ist wieder ruhig und milde geworden. »Auch Gordon ist gut, aber er sollte sich zu Allah wenden und den Islam annehmen: denn es gibt keine Zuflucht als bei Gott und als in Gehorsam vor seinem Gebot, vor dem Propheten und vor dem Mahdi!« Er schließt ein wenig die Augen, dann rezitiert er aus dem Koran: »Und tötet euch nicht selbst! In Wahrheit, Gott ist gegen euch barmherzig!« * Der Priester in Josef Ohrwalder hört mit feinem Ohr den Ton der Salbung, und das reizt ihn so sonderbar, mehr als alles, er möchte diesem Prediger da am liebsten in sein lächelndes Antlitz schlagen. Wie fett er wird! denkt er krampfhaft, und diese Beobachtung gibt ihm zum Glück die Überlegenheit der Höhnischen. Er frißt; seine vielen Weiber verhätscheln ihn! Weil er das denken kann, bezähmt sich der Pater, sagt nichts, tut nichts, senkt nur traurig seinen bedrohten Kopf. Der Mahdi winkt ihm mit einer gütigen Geste Entlassung zu. Pater Ohrwalder, ganz benommen, kehrt in den Stall seines Herrn zurück, aber auf dem Wege halten ihn viele erregte Menschen an, aus allen Hütten kommen sie. Manche beschimpfen ihn, aber im Grunde erscheint er dem Volke sehr glücklich und beneidenswert. Hat nicht der Mahdi unter dem großen Baume so lange mit ihm gesprochen? Pater Ohrwalder nimmt den Pferden des Scheichs ein wenig Hirse aus ihrer Krippe, und so lebt er weiter. Das Kleid Charles G. Gordon, nun wieder Generalgouverneur des Sudans oder der Teile davon, die der Mahdi bisher noch nicht hat, sitzt an einem Morgen im März 1884 in seinem Arbeitszimmer im Palast zu Khartum. Neben ihm auf dem Tisch, neben dem Zigarrenkästchen und der Bibel, liegen ein ausgepacktes Paket und ein Brief, beide vom Mahdi. Während der Nacht sind die Parlamentäre in die Stadt gekommen. Der Generalgouverneur hat den Brief Mohammed Achmeds noch während der Nacht gelesen, er schläft nicht viel, Gordon, und hat sogleich den Befehl gegeben, für den Vormittag eine große Versammlung aller Notabeln in den Palast zu laden; ihnen will er den Brief aus El Obeïd vorlesen und die Antwort wird er öffentlich erteilen. Aus diesem Grund ist trotz der frühen Stunde Gordon voll angekleidet, sogar geschmückt, in der vollen Uniform eines türkischen Marschalls. Der schlanke und zierlich gebaute Mann steckt ganz in Scharlach und Goldstickerei; die Brust des Waffenrockes ist voll von diamantenen Orden: der Stern des Medschidieh hängt ihm am Hals, ein anderer türkischer Halbmond und Stern strahlen über dem Herzen; das Atlasband eines Großkordons läuft von der Goldepaulette quer über den Leib. – Sonst trägt General Gordon (er ist General jetzt auch im britischen Heer) nur ein paar bescheidene Feldzugsmedaillen; mehr hat ihm England niemals gegeben. Die große schwere Medaille, die einst der Kaiser von China nach dem Taiping-Aufstand eigens für ihn, als den Retter des Himmlischen Reiches, hat prägen lassen, – hat Gordon eines schönen Tages verkauft, als er Geld für eine wohltätige Spende gebraucht hat. Über der Brust voll Orden und Gold und Scharlach sitzt Gordons männlicher Kopf. Die Haare unter dem etwas zu kleinen Fes sind jetzt schon ganz grau, so wie die Bartkoteletten. Die Augen sind blau und leuchtend wie je, das Gesicht ist ein wenig verrunzelt, der Schnurrbart fällt weich über den feinen Mund. * Charles G. Gordon ist erst seit einigen Wochen wieder im Sudan. Fünf Jahre lang war er fort. Was für fünf Jahre! Wo überall ist er gewesen! In Indien. In China. In Irland. Auf der Insel Mauritius. Im Kapland. Wieder zu Hause. Dann, unvergeßliches Jahr, in Palästina, wo er die wahren Stätten der Bibel gesucht und an Hand des heiligen Textes entdeckt hat. Dann, auf der Rückkehr, in Brüssel, beim König Leopold. – Was für fünf Jahre! Missionen und Garnisonen und Reisen durchs halbe Weltreich. Das Ganze ergibt keine allzu glanzvolle Laufbahn. Die Zeiten, da der »Chinesische Gordon« eine Art Nationalheld der Briten gewesen ist, sind lange vorbei. Er gilt immerhin als guter Ingenieuroffizier, ein bißchen unruhig, manche sagen verrückt. Zwischen den Abenteuern gerade gut genug, um da oder dort die Pioniere einer Kolonialgarnison zu befehligen oder Forts zweiten Ranges zu bauen. Jene großen Zeiten in China und später am Äquator und im Sudan hatte der Weltfahrer vielleicht schon selbst ein wenig vergessen. – – In Brüssel, auf dem Heimweg von Palästina, hat der ewig Unruhige mit dem König der Belgier unterhandelt. Der wollte den in Afrika so Bewanderten für seinen Kongostaat gewinnen. Schon war Gordon bereit, hatte schon ja gesagt, vielleicht mit einem Seufzer, denn er sehnt sich doch eigentlich immer nach dem Sudan, aus dem jetzt so wilde Nachrichten kommen. – – Da auf einmal sind in London alle Zeitungen voll von seinem Namen. Gordon! Gordon! Die Nachricht vom Sieg des Mahdis über General Hicks hat den Nationalstolz getroffen, irgend jemand erinnert sich, meint, was geschehen ist, wäre niemals geschehen, wenn Gordon statt Hicks Paschas – – – Auf einmal wiederholen es alle: nur General Gordon! Er allein noch kann eine Katastrophe verhüten! Er allein kann Khartum noch retten! Gordon! Gordon! Die Londoner Presse verlangt nach Gordon, schreit nach Gordon, den sie so lange vergessen hatte. Der Premierminister, William Ewart Gladstone, zaudert erst. Das Abenteuer der ägyptischen Okkupation, in das er sich vor zwei Jahren so zögernd eingelassen hat, verursacht ihm schlaflose Nächte. Nichts liegt ihm ferner, als diesen nutzlosen Sudan erobern zu wollen. Was zu geschehen hat, ist, daß die Ägypter auf gute Art den Rest des Sudans evakuieren; Khartum muß man räumen, natürlich, ohne die dortigen Europäer und ägyptischen Staatsbeamten und Truppen in die Hände des Mahdi fallen zu lassen. Eine schwere Aufgabe; man müßte einen besonders tüchtigen Mann nach Khartum entsenden, um sie in Ordnung zu lösen. – Da Gordon genannt wird, fragt Gladstone erst bei Baring an, Sir Evelyn Baring, Englands Generalkonsul, ach was, Prokonsul in Kairo. Baring, der Gordon nicht liebt, kabelt schleunigst: Nein. Bei dem Nein bleibt es einige Tage. Dann wird der Druck der öffentlichen Meinung sehr stark. Mr. Stead von der »Pall Mall Gazette« tritt für Gordon gar so heftig ein. Ein wahres Gordon-Fieber ist ausgebrochen. Da kabelt Gladstone nochmals an Baring, der fügt sich. * Oft und oft in den fünf Jahren hat Charles G. Gordon laut genug versichert, er denke nicht mehr an den Sudan, wolle ihn nie mehr betreten. Jetzt, auf die erste Frage, sagt er ja, teilt dem König der Belgier mit, er könne nicht in den Kongostaat kommen. Welcher Dämon treibt diesen einsamen Menschen? Welche Mystik, welche der biblischen Weissagungen, an die er so fest glaubt? Die Stellung, die man ihm anbietet, ist mehr als zweifelhaft. Er wird wie zuvor ägyptischer Generalgouverneur des Sudans, aber mit dem Auftrag, dieses Gouvernement so bald wie möglich aufzulösen. Aus Khartum und den anderen noch nicht vom Mahdi besetzten Provinzen soll er Beamte und Truppen allmählich abtransportieren, dann selbst den Sudan verlassen. Vielleicht gelingt es, beim Abzug irgendeine Sorte Ordnung zu hinterlassen, irgendein Sultanat, irgendein Eingeborenenreich, das vorläufig wenigstens von Kairo unabhängig zu bleiben hat: vielleicht erwehrt er sich irgendwie dieses Mahdi. – – Gordon hat zu allem ja gesagt, in rasender Eile die Reise vollbracht. Am achtzehnten Februar schon war sein Einzug in Khartum. * Vor einem Monat. Der Mann in der glitzernden Uniform erinnert sich mit gerunzelter Stirne. Was für ein schöner Tag! Obwohl er allein gekommen war, ohne Truppen, ohne Geschütze, hatte die ganze Stadt ihn als Beschützer, als Retter begrüßt. »Lang lebe Gordon, Sultan des Sudans!« haben sie in den Straßen gerufen. – Ja, er würde sie nicht nur vor dem Mahdi, auch vor den Türken würde er sie beschützen, er würde ihr Sultan sein, mächtig und gnädig. Die Frauen haben seine Füße zu küssen versucht. Er selbst, ganz glücklich und strahlend von einer neuen Zuversicht, hat große Dinge verkündet: Es beginne eine neue, eine schönere Zeit. Keine Baschi-Bosuks mehr, keine Prügelstrafe, keine Gewalt, nur Gerechtigkeit. Und er hat sofort befohlen, in den Gefängnissen die schweren Ketten von den Füßen aller Gefangenen zu lösen. Auf dem Platz vor dem Palast hat man vor den Augen des Volkes die Peitschen zerbrochen, die Prügelbänke, die Brandmarkungseisen. Ja man hat auch die Steuerakten vor aller Augen verbrannt: niemand schuldet dem Staat mehr Steuern, o Glück, o Jubel, o Seligkeit! Mehr als das: bald nach seiner Ankunft hat der Generalgouverneur die Gesetze ausdrücklich widerrufen, die im Sudan das Halten von Sklaven verboten hatten. Ja, Gordon! Der übereilte Kampf gegen die Sklaverei war einer der Gründe des Mahdi-Aufstands; und Gordon hat einen Plan: Sibêr Rahamet soll im Sudan diese Ordnung schaffen, dieses unabhängige Sultansreich, das den Mahdi zurückwerfen wird. – Sibêr Rahamet, eben dieser große Sklavenjäger und Sklavenhändler, der jetzt in Kairo gefangen ist. Gordon selbst hat durch Gessi den Sohn Sibêrs hinrichten lassen; dennoch hofft er, Sibêr gewinnen zu können; sein Einfluß auf die Stämme ist groß. Gleich am Tag seiner Ankunft hat der Generalgouverneur nach Kairo telegraphiert, man möge Sibêr zu ihm reisen lassen. Aber Sir Evelyn Baring weigert sich. * Da er an Baring denkt, seinen Gegner, macht Gordon ein zorniges Gesicht. Das mit Sibêr ist der einzige Weg; aber man muß ihn bald gehen. Wer weiß, wie lange die Verbindung mit der ägyptischen Grenze noch offen bleibt! Zwischen Khartum und Berber streifen schon rebellische Stämme. Wer ist überhaupt noch treu? Wo ist überhaupt noch ein Lichtblick? Östlich von Khartum erobert Osman Digna, der Emir des Mahdi, das Land bis zur Meeresküste. Südlich, neun Meilen entfernt nur, stehen die Vorposten einer großen Derwischarmee, die zur Belagerung vorrückt. Vom Dach des Palastes kann man bei Nacht schon die Trommeln hören. – – Die Stämme am Blauen Nil fallen alle ab. In El Obeïd sammelt der Mahdi ein gewaltiges Heer. Das da, dieser Brief, ist in aller Form die Aufforderung zum Kapitulieren, die vor der Belagerung kommt, darüber täuscht sich ein alter Soldat nicht. Ja, Belagerung. Wie lange kann sich Khartum denn halten? Zwei Monate? Oder sechs? Gordon glaubt nicht mehr ans Evakuieren. Zwar, manchmal träumt er noch davon, mit seinen Soldaten, mit den Europäern, die noch bei ihm sind, die Dampfer zu besteigen, er hat noch eine ganze Flottille, und fortzufahren, nicht stromabwärts auf Ägypten zu, sondern stromaufwärts zum Äquator zu Emin Pascha, sich irgendwie durchzuschlagen bis in das Innerste Afrikas, dann zur Küste. – – Jetzt eben, wie er da an dem Tisch sitzt, in seiner zu prunkvollen Uniform, denkt er daran, an eine neue und unerhörte Anabasis. – – Er reißt sich in die Höhe. Er muß diesen langen Brief des Mahdi noch einmal lesen, weil er dann im feierlichen Diwan die beiden Parlamentäre empfangen will. Sie sollen ihm vor den Notabeln von Khartum diesen Brief dann nochmals formell übergeben und dieses Geschenk, das der Mahdi geschickt hat. – – Dieses Paket mit dem Geschenk des Mahdi zieht Gordon auf eine seltsame Weise an. Oft nähert er sich ihm; mehrmals schon hat er es aufgepackt. Jetzt tut er es wieder, mit einer Hand, die ein wenig zittert. Es kommt eine Dschubba zum Vorschein, solch ein mit Flicken besetztes Hemd, wie es die Derwische tragen, Hosen aus rauhem Stoff, ein Turbantuch, ein Schädelkäppchen und ein Gürtel aus Palmstroh und ein hölzerner Rosenkranz. Das ist das Geschenk, das der Mahdi geschickt hat. – – Gordon liest einen Zettel, der bei den ärmlichen Sachen war: »Von dem Diener des Herrn , Mohammed el-Mahdi Ibn Abdallah, an Gordon. – Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen. Dies ist die Kleidung derer, die dieser Welt entsagen und ihren Eitelkeiten und die der kommenden Welt entgegenblicken und ewigem Glück im Paradiese. Wenn Du wirklich zu Gott verlangst und nach gottseligem Leben, mußt Du dies Kleid sogleich tragen und in ihm zu mir kommen, zu Deiner Glückseligkeit auf immerdar. –« * Gordon läßt den Zettel fallen, als wäre er glühend – was schreckt ihn so? Was fürchtet er so? Eine Anziehung? Eine Verlockung? – und nimmt sogleich das Buch auf, das auf dem Tisch daneben liegt, die Bibel. Sie öffnet sich ohne weiteres bei der Stelle, die er in den letzten Tagen, oh, in den letzten Nächten immer wieder aufgeschlagen hat: Hesekiel XXIX, 10: »Darum, siehe, ich will an dich und an deine Wasserströme, und will Ägyptenland wüst und öde machen von Migdol bis gen Syene und bis an die Grenze des Mohrenlandes. »Daß weder Vieh noch Leute drin gehen oder da wohnen sollen, vierzig Jahre lang.« – Gordon nickt vor sich hin: Ägypten von Syene, also von Assuan, bis zur Grenze des Mohrenlandes; das ist der ägyptische Sudan. Es ist alles vorausgesagt und vorausbestimmt; das Land verwandelt sich also jetzt in eine Wüste; für vierzig Jahre. – Der Mahdi, fällt Gordon ein, läßt ja verkünden, daß er noch vierzig Jahre regieren wird. – – * Der religiöse Mystiker, der Fatalist, der in der Bibel nach Prophezeiungen blättert, mag, wenn er mit sich ganz allein ist, mit einem geheimen Verlangen das Aszetenkleid anblicken, den Rosenkranz. – – Das wäre eine Erfüllung, eine Art Friede. Für den geheimsten und innersten Charles G. Gordon, der konfessionelle Grenzen nicht kennt, ist der Islam nur eine Art Christentum. – – Solche Stellen stehen in seinem Tagebuch: – »Mir scheint es, daß der Mohammedaner Gott ebensogut verehrt wie wir, und wenn er es ehrlich meint, ist er genau so ein guter Christ wie ein Christ. – Wir selbst sind doch alle Heiden, mehr oder weniger. Ich mag den Mohammedaner, er schämt sich Gottes nicht, er lebt ein sauberes Leben. Allerdings, in Weiberangelegenheiten – – « * Aber (kein Mißverständnis!) – der mystische Träumer ist auch ein Soldat und ein Gentleman und hat seine Pflichten. Es ist dieser andere Gordon, der jetzt die Bibel zumacht und den langen Brief des Mahdi zur Hand nimmt als ein diplomatisches Schriftstück, das studiert werden muß. Es mögen religiöse Sätze darin stehen, die den privaten Gordon erschüttern; aber der britische General findet zwischen ihnen die Aufforderung, zum Feinde überzulaufen. Das bedarf sofortiger Antwort. Gordon liest mit Sorgfalt. Der Brief des Mahdi ist die Erwiderung auf einen Vorschlag zum Frieden, den Gordon gemacht hat. Er hatte dem Mahdi nämlich vorgeschlagen, ihn als Sultan von Kordofan anzuerkennen. Der Mahdi lehnt ab: »Bekannt werde es Dir, daß ich ohne Stolz bin, ich, der Erwartete Mahdi und Nachfolger des Propheten. Nicht bedarf ich des Sultanats, König von Kordofan zu sein oder anderer Länder, noch wünsche ich die Güter oder Zierate dieser Welt. Ich bin ein Diener, und meine Pflicht ist es, den Weg zu Gott zu weisen und zu Seinem Reich. Wer wünscht, glückselig zu werden, der soll auf mich hören und mir folgen; wer aber wünscht, elend zu werden, soll von meiner Führung fort sich wenden; ihn wird Gott vernichten, ewiger Qual überliefern. – – « (Gordon blickt grimmig auf. Das stärkt ihn wieder, das gibt ihm den nötigen Zorn gegen den Mahdi. Die Lehren seiner eigenen Kirche, die von Höllenqual predigt, hat dieser Fromme niemals geglaubt. Sie scheinen ihm eine Verleugnung der »Frohen Botschaft« zu sein, des Evangeliums.) – Also, der Mahdi will keinen Frieden, der ihm Kordofan ließe. Er schickt auch ein reiches Geschenk zurück, das ihm Gordon gesandt hat. Da, er sagt: »Wir haben an Gütern Überfluß von der Art, wie Deine Geschenke, doch in unserm Begehren nach Gott haben wir sie beiseite gelegt. Laß mich zu Dir sprechen, wie unser Herr Salomon zu Belkissa gesprochen hat, der Königin von Saba: ›Du bringst mir Gold, aber was Gott mir verliehen hat, ist besser denn Deine Gaben.‹ – Ihr seid ein Volk, das Geschenke liebt, ich aber will mit einem unbesiegbaren Heere kommen und Dich aus der Stadt vertreiben, in Verachtung und Elend.« Gordons Augen fliegen nun ungeduldig über die Seiten des langen Briefes. Alles was Gordon vorgeschlagen, gewährt hat, lehnt der Mahdi verächtlich ab. Er hat den Mekkapilgern den Weg zu den heiligen Stätten freigeben wollen. Nein, schreibt der Mahdi, »wie soll der, der im Widerspruch steht zum Weg des Propheten, das Tor zum Besuch seines Grabes öffnen?« – Gordon hatte von dem Blutvergießen gesprochen, das man vermeiden sollte. Der Mahdi antwortet: »Hast Du Mitleid mit den Muselmanen, so habe erst Mitleid mit Deiner eigenen Seele und rette sie vor ihres Schöpfers Zorn und laß sie sich aufmachen, der Religion nachzufolgen.« * Gordon schlägt mit der Faust auf das Papier. Da folgt nun, was er am wenigsten mag; konfessionelles Gezänk. Er hat immer gesagt, ein guter Mohammedaner sei ein guter Christ; hier aber kommt das Warum und Wieso, das beweisen soll, daß nur in gewissen Gebeten und Formeln des mahdistischen Islams das Heil liegt. Selbst Jesus Christus wird als Zeuge dafür zitiert: »Und Isa – auf ihm sei der Friede! – hat gesagt: ›O Versammlung der Apostel, baut auf die Wogen des Meeres ein Haus, so habt ihr diese Welt; und nehmt sie nicht zu festem Wohnsitz!‹« Der Bibelkenner Gordon stutzt; dann lächelt er. So eine Stelle gibt es nicht im Neuen Testament. Weiter, ein Koranzitat, da kennt sich der Derwisch schon besser aus: »Und wer Allah und Seinen Propheten zu Freunden wählt und jene, die glauben, sie sind in Wahrheit das Volk Gottes, sie allein werden obsiegen.« – Gordon möge sich also zum Islam bekehren, schreibt der Mahdi; für den Fall, daß er das tut, verspricht er ihm Sicherheit, ja selbst Ehren und die Statthalterschaft einer Provinz; sollte er aber hartnäckig bleiben, soll es ihm schlecht ergehen, so wie Hicks und jenem Pascha von El Obeïd, dem Türken Said, der getötet worden ist wegen seiner Verstocktheit. – – General Gordon steht vom Tisch auf, strafft sich, rückt seine Uniform zurecht. Es wird Zeit zur Versammlung der Notabeln. * In der großen Halle des Palastes warten Colonel Stewart, Gordons tüchtiger Stellvertreter, dann der Königlich britische Konsul, Mr. Power, der auch Korrespondent der »Times« ist, dann der französische Konsul Herbin und Martin Hansal, Konsul für Österreich-Ungarn. Dazu die führenden Kaufleute, Griechen, Levantiner und Araber, und die mohammedanische Geistlichkeit. Die katholischen Missionare haben mit den meisten anderen Europäern die Stadt bereits verlassen. Gordon Pascha, strahlend von Scharlach und Gold, tritt vor die Versammelten. Eine Musik spielt die Khedivehymne. Jetzt bringt man die beiden Parlamentäre herein, die Boten des Mahdi. Sie kommen, mit Lanzen und Schwertern bewaffnet, sie haben sich geweigert, ihre Waffen abzulegen, und Gordon hat ihnen erlaubt, so zu kommen, wie sie es wünschen. Er hat ihnen Brief und Geschenk wieder zustellen lassen, sie müssen ihm das vor allen Leuten noch einmal geben. Nun liest der Generalgouverneur allen Versammelten das Schreiben des Mahdi vor. Dann erhebt er sich von dem Sessel. »Und nun meine Antwort!« sagt er. Er wirft das Kleid, das der Mahdi geschickt hat, zu Boden, Derwischhemd, Turban und Gürtel – und trampelt mit seinen Füßen darauf. * Da die Notabeln der Stadt Khartum ihren Pascha so entschlossen sehen, brechen sie in jubelnde Rufe aus. Der Mufti Musa Mohammed und Scheich El Emin, der Erste Ulema und auch der Kadi Mohammed Khowadschli kommen nach vorn und bieten sich selber an: in einer gelehrten Fethwa werden sie noch einmal beweisen, daß und inwiefern der Derwisch Mohammed Achmed nach den heiligen Büchern und nach den besten Kommentatoren der Erwartete Mahdi nicht sein kann. – – Die allgemeine Freude ist groß. Selbst die Kaufmannschaft faßt wieder etwas mehr Zutrauen. Der Generalgouverneur muß seiner Sache gewiß sein, sonst wagte er niemals – – Nachdem die Boten des Mahdi gegangen sind, spricht Gordon stark und packend zu der Notabelnversammlung. Alles wird gut sein. Der Khedive wird Hilfe schicken. England ist jetzt mit Ägypten verbündet – – * Aber an diesem Abend, da in Khartum alles still ist, hört man ganz deutlich die Trommeln des Derwischheeres, das der Stadt wieder erheblich näher gekommen sein muß. Der Pilgrim Dies aber ist die Geschichte des französischen Journalisten Olivier Pain: Während das Heer des Mahdi mit wehenden Bannern und dröhnenden Pauken gegen Khartum marschiert, nein, sich wälzt, ein formlos breiter brennender Strom der Verheerung, steigt in El Obeïd, vor der Mudirieh, das ist das Regierungsgebäude, in dem jetzt ein Derwischemir für den Mahdi Statthalter ist, – steigt ein lächelnder Mann vom Kamel, schlank, von hoher Gestalt und mit einem goldblonden, zierlich frisierten Vollbart, wie ihn kein Araber hat; er ist braungebrannt und wie ein Beduine gekleidet, aber ein Europäer, auf den ersten Blick. Zwei Wüstenaraber, die ihn als Führer begleitet haben, laden von einem Tragtier eine Menge sauber verschnürten Gepäcks. Er selber springt auf dem Hauptplatz der menschenwimmelnden Derwischfestung munter aus dem Sattel des knienden Reitkamels, sagt etwas wie: »Me voilà!« – Und dann erklärt er in einer Sprache, die nur er selber für die arabische hält, da sei er also, Monsieur Pain, Olivier Pain, Journalist aus Paris. – – Und da sogleich ein Aufruhr um den Fremden entsteht, da fanatische Stimmen zu schreien beginnen: »Ein Spion! Ein Turk! Ein ungläubiger Hund«, – da setzt der Mann mit dem blonden Vollbart eiligst hinzu: »Allah est Allah et Mahomet son prophète!« Er lächelt ein bißchen kokett. Nun ist doch alles in Ordnung, wie? – Er blickt sich um, sieht finstere Gesichter, es ist noch nicht alles gut, scheint es, gleich ruft er herzlich: »Vive le prophète! Vivent les derviches! Je suis un derviche, moi!« – und zieht seinen Wüstenburnus auseinander, so daß man darunter ein richtiges Derwischhemd sehen kann, zierlich schwarzweiß mit hübschen Flicken benäht. Da ihn noch immer niemand umarmen will, versucht er arabisch zu sprechen: »er sei, bei Mahomet, ein guter Moslim, in seinem Herzen seit langem schon, der beste Freund der Mahdisten; und er komme jetzt heimlich durch die anglo-ägyptisehe Postenkette; sie haben einen Preis auf sein Haupt gesetzt, natürlich, er aber mit seinen Guides Arabes sei den Herren Briten entwischt, und da sei er nun also, als der Träger einer großen geheimen Mission an unseren heiligen Vater, den Mahdi. – – « Die wilden Baggarakrieger, die mit Schwert und Lanze im Hof der Mudirieh die Wache halten, verstehen kein einziges Wort von dem Kauderwelsch dieses Christenhundes. Der Emir, der diese Leute befehligt, er heißt Alî Balkhit und wird meist »Der Büffel« genannt, er ist so ein Büffel von Kerl – der Emir Alî Balkhit kommt herbei, sieht sich diesen Ungläubigen einen Augenblick lang an, und dann läßt er ihn packen; er ist ihm verdächtig. Während man noch einen Dolmetscher sucht, galoppieren schon die Gerüchte durch ganz El Obeïd: »Der Kaiser von Frankreich hat sich dem Mahdi ergeben!« – »Der Sohn des Königs der Franken erscheint, um den Islam zu bekennen!« – »Nein, er ist ein Spion, er wollte den Mahdi ermorden!« – »Gordon hat ihn geschickt.« – »Er ist der Liebling des Khedive und der Mann der Königin Viktoria!« Der rasch herbeigerufene Dolmetsch erscheint auf der Mudirieh, einer von den gefangenen Patres, diesmal nicht Ohrwalder, sondern Bonomi, sein Superior. Der Italiener Bonomi spricht nicht so besonders gut Französisch und die Verständigung ist recht schwierig; der Büffel-Emir, mit der schwarzen Hand am Schwert, fragt schon mißtrauisch-ungeduldig, was diese beiden Hunde da so lange verhandeln. Endlich versteht der Geistliche halbwegs und kann übersetzen, was ihm selbst nicht viel Freude bereitet: der Herr da, Olivier Pain, kommt, versichert er, im Namen der großen Nation der Franzosen, ja eigentlich ganz Europas, in einer sehr geheimen Mission, – um dem Mahdi die Sympathie, ja die tätige Hilfe derjenigen Menschen zu bringen, die England hassen, also der meisten Menschen.– – »Übersetzen Sie, mon père: ›La perfide Albion‹ –« Der Pater Bonomi muß das übersetzen: daß das große Frankreich seine muselmanischen Brüder niemals im Stich lassen wird. Die Engländer haben Ägypten in brutaler Weise besetzt, durch Verrat. Eh bien, der Mahdi wird sie aus Ägypten vertreiben.– – Er, Olivier Pain, ist gekommen, um mit dem Mahdi gewisse sehr heimliche Pläne in Person zu erörtern. Auch habe er Briefe aus Ägypten bei sich gehabt, von Sibêr Rahamet und anderen, geheime Briefe an den Mahdi von den Anhängern seiner heiligen Sache, die aber habe er vor Dongola vernichten müssen, damit sie die Engländer nicht etwa bei ihm fänden. – Man hatte ihm nachgespürt, er war wohl verraten worden, auf seinem Haupt stände ein Preis, er aber, Gott sei Dank, mit diesen drei treuen Führern schließlich entschlüpft, und da war er, le voilà – – – »Übersetzen Sie, bitte, mon père: Vive la France! Et vive le Mahdisme! Vive le prophète Mahomet!« Der Pater Bonomi, mit gesenktem Blick, muß das alles übersetzen. Der Emir Alî Balkhit, schwarz und plump wie ein Wasserbüffel, hört aufmerksam zu. Wahrscheinlich hat er noch niemals den Namen dieses Landes gehört: Frankreich. Dieser Ungläubige, der da auf einmal kommt und sagt, er liebe den Propheten und den Mahdi, ist gewiß verrückt oder vielmehr ein Spion. Alî Balkhit streckt auf einmal seinen schwarzen Arm aus: »Packt ihn! Durchsucht ihn!« Gierige dunkle Hände zerwühlen das Gepäck des Franzosen; man findet den Koran in französischer Sprache und ein arabisch-französisches Wörterbuch. Am verdächtigsten ist eine Karte von Kordofan. Wie, El Obeïd ist hier sichtbar verzeichnet? Und Rahad mitsamt dem See? Das Nubagebirge? Wie können, es sei denn durch schwarze Magie, die Ungläubigen all das so wissen? Hat auch der Verfluchte, Gordon, ein solches Zauberpapier? Olivier Pain erhält sein Gepäck nicht zurück und wird in einer Hütte strenge bewacht. Er zeigt eine lächelnde Miene; der Mahdi, sans doute, wird den französischen Pilgrim besser empfangen, sobald er gehört haben wird – – Wenn nur unterdessen erträgliches Essen zu haben wäre! Kein gutes Brot und kein Fleisch, nichts als Hirse und Mais und verdächtige Soßen. – – Darunter leidet Olivier Pain, er ist ein bißchen empfindlich. * Einige Wochen darauf schickt ihn der Büffel-Emir mit einer starken Bedeckung dem Mahdi nach, der unterdessen, es ist Ende August, das Lager von Rahad verlassen hat und auf Khartum vorstößt. Im Gefolge des Derwischheeres befinden sich mehrere europäische Menschen, aber keiner von ihnen ganz freiwillig, nicht einmal der Berliner Derwisch Mustafa Klootz, der gleichfalls vorhanden ist. Der frühere Generalgouverneur von Dar-Fur, Rudolf Slatin, läuft neben dem Pferd des Khalifas Abdullahi einher, zu dessen Leibwächtern er jetzt gehört. Auch sind viele griechische Händler im Lager des Mahdi, Renegaten, die als halbe Orientalen das Vertrauen der Derwische gewonnen haben und im Heer eine wichtige Rolle spielen. Slatin, Klootz und die Griechen sehen einander auf dem Marsche nicht oft, sie werden zu argwöhnisch überwacht. Jeder aber von ihnen hat schon das Gerücht von einem Franzosen vernommen, der freiwillig, sagt man (freiwillig!), zu den Mahdisten gekommen ist, direkt in die Hölle! (Das Gerücht von diesem Franzosen gelangt, der Sudan ist das Land der Gerüchte, durch alle Fronten und Postenketten sogleich nach Khartum zu General Gordon. Charles G. Gordon schreibt eine phantastische Hypothese in sein Kriegstagebuch: dieser geheimnisvolle Franzose kann seiner Meinung nach nur der Schriftsteller Ernest Renan sein, der Autor des »Leben Jesu«. – –) * Eines Abends, da das Heer bei Scherkêla landet, wendet sich der Khalifa Abdullahi, vor seinem Zelte sitzend, plötzlich an Abd el-Kadr. Das ist Slatin, der demütig hinter dem Sitz des Khalifa steht, als Ordonnanz oder Diener, er, der noch unlängst in großen Schlachten eine Armee des Khedive siegreich befehligt hat, – wendet sich an ihn, mit einer etwas gefährlichen Freundlichkeit, und fragt ihn, ob es in diesem Europa der Ungläubigen denn auch so verschiedene Stämme gibt, so wie im Sudan die Baggara, Danagla oder Hadéndoa? – – Was ist das zum Beispiel: Franzosen? Gehorchen denn nicht alle Stämme des Landes Europa der englischen Königin? Da sendet uns Alî Balkhit aus El Obeïd einen Franken, der sagt, er sei »ein Franzose« und hasse England. – – Wie ist das? »Du, Abd el-Kadr, der du zu uns gehörst, einer von uns« (sagt der Khalifa mit dem falschen Lächeln des Mißtrauens), »du sprichst ja die ungläubige Sprache, deswegen sollst du dabei sein, wenn dieser Fremde zu mir kommt!« »Aber hüte dich!« sagt der Khalifa auf einmal mit einem schwarzen Blick. »Ich werde es wissen, wenn du nicht genau übersetzest, und dann wirst du in schwere Ketten geschlagen!« * Im Lager von Scherkêla spricht der Mahdi wie gewöhnlich mit dem versammelten Heere das Mittagsgebet; nach dem Gottesdienste sitzt er auf seinem Schaffell, in einer von Sauberkeit leuchtenden Dschubba. Es scheint, als wäre heute der Turban mit noch mehr Sorgfalt gewunden als sonst, die Augen sind kunstvoll mit Antimon untermalt, das gibt ihnen einen feurigen Ausdruck. Der Leibwächter des Khalifa, Abd el-Kadr Saladin, erscheint nun und führt diesen Fremden vor, den Pilgersmann aus Europa, den Franzosen. Der ist etwas bleich und mager geworden, doch sein blonder Kinnbart ist sorgsam gekräuselt, er lächelt strahlend. Der Mahdi läßt den Franzosen durch Slatin fragen, ob es wahr ist, daß er ein Mohammedaner ist. – »Im Herzen seit langem schon!« versichert Olivier Pain mit lauter Stimme. – »Und in El Obeïd habe ich es ja öffentlich vor dem Emir bekannt. Jetzt aber nochmals: »Allah ist Allah und Mohammed ist sein Prophet!« Der Mahdi nickt befriedigt. Er sieht sich in der Runde um, ob seine Krieger das alle hören, was dieser Fremde da sagt, der von so weit her gepilgert kommt. Dann gibt er dem Neubekehrten gnädig seine heilige Hand zum Kusse. Olivier Pain küßt die schwarzbraune Hand des Mahdi mit einer Art Galanterie. Dann fängt er an zu erklären, sich Slatins als Übersetzer bedienend, daß er gekommen ist, um dem Mahdi zu helfen. – – England, erklärt er, der große Feind des Mahdi, ist auch der Erbfeind der französischen Nation. Daß England Ägypten besetzt hat, will und kann Frankreich niemals dulden. Daher ist Frankreich, Olivier Pain versichert es ernstlich, gewillt und entschlossen, mit dem Mahdi zu verhandeln und ihm in seinem gerechten Krieg tatkräftigst Hilfe zu leisten. – – – »Unter gewissen Bedingungen«, fügt er leicht hinzu. Slatin übersetzt mit einem kalten Gesicht. Es ist ihm entsetzlich, das wiedergeben zu müssen, aber er fühlt den Blick des Khalifa, der ihn belauert, und er wagt nicht, falsch zu verdolmetschen. Da wendet der Mahdi sein lächelndes Antlitz wieder zu dem Franzosen. »Wir haben verstanden«, sagt er sehr deutlich, damit es möglichst viele der Seinen hören können. »Wir haben deine Botschaft verstanden. Wisse aber, daß ich, der Mahdi, auf menschliche Macht und Hilfe nicht zähle. Wir werden England und alle anderen Türken und Ungläubigen mit des Erbarmers Hilfe allein besiegen, bei Ihm ist die Macht und die Kraft. Deine Völkerschaft, von der du da redest, ist sie nicht selbst ein Stamm der Ungläubigen? Wie sollte ich mich mit ihr verbünden? Meine getreuen Ansar genügen, um die Welt zu erobern, von hier bis Jerusalem. Und wenn ihre Kraft zu gering ist, schickt denn der Barmherzige nicht in jede der Schlachten des Mahdi Legionen von Engeln, die für uns fechten, und Azraïl mit einem Banner aus Licht?« Ein Jubelschrei aus den Reihen des Heeres wogt um den Mahdi. Sein Blick ist ganz klar und fest. Gewiß, er wird sich die Welt unterwerfen! * »Um Gottes willen, Monsieur, haben Sie nicht eine Zigarette?« fragt nachher Olivier Pain in Slatins Zelt, als die beiden endlich allein miteinander sind. Statin zuckt die Achseln. Zigarette! Man bekommt doch hundert Peitschenhiebe, wenn man beim Rauchen betroffen wird! – Jawohl, so steht es in dem Paradies, das Herr Pain da so freiwillig aufsuchen mußte! Olivier Pain lächelt noch immer, vielleicht nicht mehr ganz so sicher, doch noch überlegen. – Was wollen Sie? – »La politique, monsieur!« Jetzt, unter vier Augen mit dem Österreicher, läßt er sich schon gehen, er spielt nicht mehr den Muselmanen, und auch seine geheime Diplomatenmission – – Er ist ganz einfach ein Journalist, gesteht er, ein radikaler Journalist, Mitarbeiter des berühmten Henri de Rochefort im »Intransigeant«. Geheime Mission, natürlich, aber vor allem journalistische Fühlungnahme. Wenn er erst, wie es sich ja entwickelt, die besten persönlichen Beziehungen mit dem Mahdi hergestellt hat, wird sich das schon irgendwie politisch auswerten lassen. – – Er deutet geheimnisvoll an, daß ihm für die Reise zum Mahdi ein stattliches Honorar in Aussicht gestellt worden ist, eine höchst erhebliche Summe. Nicht für nichts hat er seine reizende Frau für so lange verlassen und seine entzückenden Kinderchen. Aber nun wird er seine Mission ja sehr bald beenden und zu seinen Teueren heimkehren können. – – Slatin sieht ihn erschrocken an. Ihn, der die Mahdisten haßt (er zeigt es ihnen ja nicht, er verstellt sich gut, er fühlt sich eben als Offizier, der im Lager der Feinde als Späher weilt), – ihm ist dieser Europäer da unbegreiflich, der da diesen Barbaren und schwarzen Teufeln ein Bündnis anbieten kommt! Aber der Mann ist ja wahnsinnig! Im Grunde bedauernswert! Heimkehren? Mission beenden? – »Wie«, sagt Slatin mit Verzweiflung in seiner Stimme, – »Sie meinen wirklich, daß man Sie gehen läßt? Niemals! So wenig wie mich! Wie mich behält man Sie hier, wie die Patres, wie alle Europäer, die in den Rachen des Mahdi geraten sind. – –« Der Franzose lächelt noch immer, aber er ist bleich, seine Augen sind sehr erschrocken. Er schweigt ein wenig, dann spricht er leichthin und zuversichtlich. – Ach was! Ach wieso! Quoi donc, mon ami! – Das sind brave Leute im Grunde, diese Mahdisten. Man muß mit Mohammedanern nur umgehen können. Wir Franzosen, mon cher, begreifen die muselmanische Seele. Schon Napoleon auf seinem Zug durch Ägypten und Syrien – – * Dann, unvermittelt, ein wenig kindisch, fängt Olivier Pain an, sich zu beklagen. Er zweifelt ja nicht an dem Erfolg seiner großen Mission, – aber diese Strapazen sind unerträglich. Diese endlosen Märsche. Und dieses Essen! Das Essen ist fürchterlich! Wenn man nur bald einmal wieder – – Aber Rudolf Slatin hat selbst schon daran gedacht, seinen Gast und Leidensgefährten auf europäische Art zu bewirten, und er hat auch Klootz, diesen armen Teufel, zu einer vernünftigen Suppe geladen, zu einem Stück Braten, wer weiß, wozu noch, der Österreicher in Slatin versteht was vom Essen und seine arabischen Diener sind willig. Die drei, Slatin, Klootz und Olivier Pain, sitzen im Zelt eben da, sehr vergnügt und warten auf diese berühmte Suppe, – ach was, es wird ja noch alles gut, das alles wird nicht so arg sein – – Da erscheinen, schwarz und unheilverkündend, zwei riesige Lanzenträger am Eingang des Zelts; sie gehören wie Rudolf Slatin zu den Mulazemin, den Leibgarden des Khalifa. Sie bleiben stehen und sagen nur wenige Worte: »Befehl des Khalifa. Der Franke Yussef bleibt nicht bei Abd el-Kadr!« Der Franke Yussef, so heißt jetzt Olivier Pain. Der Khalifa, mißtrauisch wie er ist, befiehlt, daß er im Zelt eines gewissen Zeki verbleiben soll, der wird eine strenge Aufsicht zu führen haben. Abd el-Kadr versucht gegen jede Hoffnung einen Einwand: »Aber der Franke Yussef spricht unsere arabische Sprache noch nicht, wie soll er mit Zeki reden?« Die beiden sagen nichts anderes als wieder: »Befehl des Khalifa!« – Und da der Blick des einen auf Gustav Klootz fällt, fügt er mit einem besonderen Ausdruck hinzu: »Mustafa, auch nach dir hat unser Herr, der Khalifa, gefragt!« * Die gute Suppe mit Reis bleibt ungegessen und alles übrige. Slatin faßt Mut, geht selbst zum Khalifa verhandeln. Abdullahi ist freundlich wie stets gegen seinen lieben Günstling Abd el-Kadr Saladin – und wiederholt seinen Auftrag. Der Franzose soll gleich zu Zeki. Hat denn Abd el-Kadr nicht Diener genug in seinem Zelt? Auch Mustafa soll nicht bei ihm bleiben. – »Dieser Mustafa«, sagt der Khalif auf einmal, die Stirne runzelnd, »dieser Mustafa zeigt sich ja gar nicht mehr! Den wird man in Ketten legen, der muß mal erfahren, wer hier sein Herr ist. – –« »– Oh, nur für wenige Tage«, sagt der Khalifa, von neuem lächelnd, und sieht dabei Slatin an, dem es kalt durchs Gebein fährt. Mustafa wird gleich geholt und man schmiedet Ketten um seine Beine, daß er nicht stehen noch sitzen kann. Slatin ist stumm geworden. Der Khalifa lächelt ihn freundlich an. * Das Heer des Mahdi rückt weiter vor bis nach Schatt. Hier erlebt der Mahdi den größten Triumph, die größte Freude. Es kommt wieder einer, der ihm die Hand küssen will, der ihm den Treueid nachsprechen will – nicht irgendein türkischer Pascha, ein besorgter Generalgouverneur, ein Pilgrim aus Frankreich, – sondern Mohammed Scherif, jawohl, der Scheich der Sammanîjja Tarîka. Hamdulillah, Lob dem Erbarmer, wirklich Mohammed Scherif, der Meister, der den jungen Mohammed Achmed mit seinem Pantoffel von seiner Schwelle gestoßen hat! Ja, er, der ihn noch unlängst in einem kunstvoll gereimten Gedicht denunziert hat: als einen Ketzer, einen Heuchler, vom Teufel besessen. Der gleiche heilige Mann ist jetzt heimlich aus Khartum entwichen, denn er glaubt an die Sache der Türken nicht mehr, er glaubt an Gordon Pascha nicht mehr. Der »elende Dongolawi« ist siegreich. Der alte Scheich erkennt da den Finger Allahs und fügt sich, – sehr würdevoll. Jetzt tritt er ganz ohne zu zittern vor ihn; er hat ihm mit seinem Eide noch immer manches zu bieten, sein Einfluß ist noch erheblich, und in Khartum gibt es viele, die noch auf ihn hören! Was empfindet der Mahdi? Seine Maske bleibt lächelnd und unbeweglich, da er seinen früheren Lehrer im Angesicht des gesamten Heeres empfängt. Sie alle sollen es sehen, wie dieser Alte da öffentlich weint, um Verzeihung bittet, mit dem grünen Turban die Erde vor den Füßen des Mahdi berührt, den Eid eines Jüngers nachspricht, Gehorsam und Treue verspricht, diese Hand mit Küssen bedeckt. – – Er tat das alles ruhig und würdevoll, als einer, der weiß, was er tut. Dann verzeiht Mohammed Achmed, nein, der göttliche Mahdi, nicht nur die alten Sünden, sondern läßt noch Geschenke aufhäufen in einem prunkvollen Zelt, das für den Gast bereit steht. Die herrlichsten Pferde werden ihm zugeführt, zwei schöne abessinische Sklavenweiber. – – Und der Mahdi, der sich mit Mohammed Scherif einst wegen eines kleinen Festes entzweit hat, läßt jetzt die Ankunft des gleichen Mannes durch freudige Feste im Lager feiern. – – Während der Festlichkeiten wagt es Rudolf Slatin, Olivier Pain zu besuchen. Er findet Pain krank, schmutzig, verwahrlost in Zekis elendem Zelt. Er verträgt das Essen, das Wasser nicht mehr, er fiebert. Seine sieghafte Zuversicht ist dahin; er weiß nun, sagt er ganz leise, daß er seine Frau nicht mehr sehen wird, seine beiden Kinder. – – Was hat er getan! Welch ein Wahnsinn, von selbst zu diesen Barbaren zu reisen! »Slatin, mon cher camarade, sollten Sie jemals von hier entkommen und meiner Frau begegnen, dann, bitte, sagen Sie ihr – –« * Bei Duem am Weißen Nil hält der Mahdi die letzte Musterung vor dem Angriff auf Khartum. Vor der Front des Heeres zeigt er auf den flutenden Nilstrom. Das ist der Fluß, der durch sein Leben rinnt, seitdem sein Vater ihn darin gebadet hat. »O ihr Ansar!« sagt er, »diesen Strom hat Allah geschaffen. Er wird euch sein Wasser zu trinken geben, und alles Land an seinen Ufern sollt ihr besitzen.« Hier wagt Rudolf Slatin es, dem Khalifa zu sagen, daß der Franzose stirbt. Vielleicht, wenn man ihn nicht weiter mitschleppt, kann er gerettet werden. Könnte man ihn nicht in einem Dorfe zurücklassen? Und wenn er, aus der Gnade unseres Herrn, des Khalifa, sein Reisegepäck zurückbekäme, das Geld, das ihm Alî Balkhit abnehmen ließ, so daß er bessere Nahrung zu kaufen vermöchte. – Aber der Khalifa Abdullahi sieht seinen Diener Abd el-Kadr, der früher Slatin war, mit Härte an. Sie stehen nebeneinander, der Taaischi groß und dunkel, Slatin zierlich und hell. »Wenn er jetzt stirbt, ist er glücklich!« sagt der Khalifa zu Slatin und kneift die Augen mißtrauisch zu. – »Kann einem, der eben zum Glauben bekehrt ist, ein größeres Glück widerfahren? Er stirbt auf der Pilgerfahrt, stirbt, nachdem er die Hand des Mahdi geküßt hat. Ist es nicht besser, so selig zu sterben, als vielleicht wieder in Irrtum zurückzufallen?« Der Khalifa blickt Slatin an, durch und durch. Slatin erkennt die verborgene Drohung und senkt die Augen. Er denkt sich: Wann sterbe auch ich so elend? Wie die beiden so nebeneinander stehen, Besiegter und Sieger, Sklave und Herr, wer könnte die Zukunft ahnen und Rudolf Slatins Triumph am Ende? * Slatin hat bei dem armen Olivier Pain einen Sklavenjungen gelassen, der ihn pflegen soll. Der kleine Schwarze hat den drolligen Namen Atrun, das bedeutet: Natron. Eines Tages, während das Heer marschiert, kommt der kleine Natron bis zu dem Gefolge des Khalifa und zupft den Leibwächter Abd el-Kadr am Derwischhemd. Slatin erschrickt: gewiß ist Olivier Pain etwas geschehen! – Jawohl, sagt der Neger weinend, Yussef ist tot. Er war heute früh sehr krank, er konnte gar nicht mehr reiten. Da hat der kleine Natron den Kranken mitsamt seiner sudanesischen Bettstatt auf das Kamel gebunden. Leider nicht fest genug. Der Franke Yussef hat plötzlich geschrien, hat um sich geschlagen, die Stricke sind locker geworden; auf einmal ist der Kranke zu Boden gefallen, und dann war er tot. »Dieser Yussef ist in Wahrheit glücklich!« sagt der Khalifa nochmals, da sein Leibwächter ihm von der Sache berichtet hat. Aber als der Mahdi davon erfährt, zeigt er sich sehr betroffen. Er spricht persönlich die Leichengebete des Islams über das Grab am Ufer des Weißen Nils, in dem Monsieur Olivier Pain vom »Intransigeant« in Paris sorgsam bestattet wird, der Pilgrim, der die Sympathien Europas dem Mahdi auszudrücken gekommen ist. – Der Mahdi marschiert immer weiter, gegen Khartum, gegen Gordon. Vom Weißen Nil bis zum Blauen Nil gehen stürmische Trommelsignale und die Feuer flammen bei Nacht. Vom Dach seines hochgebauten Palastes sieht Charles G. Gordon die Feuer und er hört die Trommeln des Derwischheeres. Das Dach Das flache Dach des Palastes in Khartum ist der höchste Ort über der Steppe, in der die Hauptstadt liegt, und von hier aus sieht man die beiden Nile und den Horizont der Wüste. Durch ein gutes Fernglas würde einer den Rauch jedes Dampfers erblicken, der nilauf käme, oder den Staub um marschierende Truppen, wenn sie von Norden sich näherten. * In der Nacht zum 17. Januar 1884 hat General Gordon nicht schlafen können, obwohl er am späten Abend kräftig getrunken hat. Mitten in der Nacht ist er aufgesprungen, weil er geglaubt hat, etwas zu hören. Nein, nicht fernen Kanonendonner. Einen hohen und schrillen Ton wie – ja, wie von Dudelsäcken. Unsinn! Aber Charles G. Gordon hat in seinem wüsten übermüdeten Kopf dennoch nachgedacht, ob sie wohl ihre schottischen Dudelsäcke mit durch die Wüste schleppen, die Gordon Highlanders, die jetzt zu Hilfe kommen. Oh, gewiß morgen – spätestens nächste Woche! In den Tagebüchern und Briefen, die er bis zuletzt noch heimschicken konnte, hat General Gordon über den Nachrichtendienst der britischen Nilarmee mehr als einmal ungeduldig geklagt. (Ein Major Herbert Kitchener leitet ihn.) Aber so schlecht ist der Dienst ja doch nicht; durch die Derwischheere hindurch ist die Kunde längst nach Khartum gelangt, daß die Engländer kommen, – eine sehr kleine Armee, aber wirkliche britische Tommys, aus der Garde ausgesucht und den bewährtesten Regimentern. In der berittenen Infanterie – auf Kamelen beritten – sind Hochlandschotten. Gordon Highlanders. Der Clan Gordon rückt heran, – ist es nicht wunderbar? – um seinen Clansmann zu retten. – – Es ist ja fast, als hörte man schon die Pfeifen schrillen, sähe die Tartanfarben: grün und gelb kariert, mit blauen Quadraten. – – * Für einen Augenblick, einen einzigen, hat das dem Schlaflosen wohl so geschienen. Alles ist leicht und einfach, die Gordons kommen zu Hilfe. – – Er hat sich hingesetzt, um einen sanguinisch hoffnungsvollen Brief an seine Schwester Augusta zu schreiben. Dann ist ihm eingefallen, daß er ihn doch nicht abschicken kann, diesen Brief. Noch vor einem Monat, am 14. Dezember, war es möglich, durch die feindlichen Linien zwei Briefe zu schmuggeln. Einen offiziellen, das militärische Tagebuch, und einen privaten an Augusta. Gordon erinnert sich an jedes Wort. An Augusta hat er nur das geschrieben: »Das kann der letzte Brief sein, den Du von mir bekommst. Die Expedition ist zu sehr verzögert worden. Nun, Gott lenkt ja alles. – Sein Wille geschehe. Ich fürchte, meine Geldangelegenheiten sind nicht zu glänzend. Dein liebender Bruder C. G. Gordon.« Und ein PS.: »Ich bin ganz glücklich, Gott sei Dank. Ich habe versucht, meine Pflicht zu tun.« Das waren die letzten Worte. * Jetzt möchte Gordon anders schreiben, tröstlicher. Er glaubt ja nun wieder, daß – – Warum glaubt er eigentlich? Kein äußerer Anlaß! Vor ein paar Tagen hat sein wichtigstes Außenfort kapituliert, Omdurman am anderen Ufer des Nils. Jetzt erst ist die Stadt völlig abgeschnitten. Das heißt, da ist noch der Wasserweg. – – Noch hat Gordon zwei Dampfer, die liegen bereit, für den schlechtesten Fall. Den Rest der Flottille hat der General schon vor Monaten nilabwärts geschickt, bis zu den Katarakten, damit sie die Entsatzarmee zur Verfügung hätte. Ja, und dann war da noch ein Dampfer gewesen, der »Abbas« – – * Da ihm, so spät in der schlaflosen Nacht, der Gedanke an den Dampfer »Abbas« gekommen ist, hat Charles G. Gordon die Enge des Zimmers nicht mehr ertragen können. Er hat seinen alten Soldatenmantel genommen und ist in die frostige Nachtluft hinausgerannt, die Treppe hinauf bis zum flachen Dach, und hat, gegen jegliche Hoffnung, das Fernrohr ans Auge genommen, lange vor Licht und Tag. Aber er kann ja nichts sehen; und die Nacht ist ganz still. Eine Hyäne hat er heulen gehört. So einsam! So einsam! Schon Anfang September hat General Gordon auf dem Nildampfer »Abbas« die beiden Engländer fortgeschickt, die er noch bei sich hatte, einen Stabschef, den Obersten Stewart, und Mister Power, den Korrespondenten der »Times« und britischen Konsul. Auch der französische Konsul Herbin war an Bord und zahlreiche Griechen. Colonel Stewart hatte Gordon nicht verlassen wollen. Aber der General hatte dem tüchtigen Manne erklärt, warum er ihn sandte. Ein britischer Offizier aus Khartum mußte dem Expeditionskorps entgegenreisen, es war unbedingt nötig. – – (Ausflüchte, denkt Gordon jetzt selber. Ich wollte den Mann retten. Oder ich wollte ohne ihn sein, ohne seine tüchtige Strenge. – Weiß ich, welches von beiden? Weiß man jemals dergleichen?) Ein paar Wochen nach der Abfahrt des »Abbas« war dann wieder einmal ein griechischer Renegat zu Gordons Vorposten gekommen, mit einem Brief vom Mahdi. – Nicht nur ein Brief voll Koranzitaten und Bekehrungsversuchen, sondern mit der Nachricht darin: – Der Dampfer »Abbas«, war aus dem Brief zu entnehmen, war bis in die Nähe von Abu Hamed gelangt, fast bis zu den vordersten britischen Stellungen. Dort war das Schiff auf einen Felsen geraten; die arabischen Stämme am Ufer hatten die gestrandete Schiffsbesatzung niedergemetzelt. Colonel Stewart tot, Power tot, der Konsul Herbin – – Und der Brief des Mahdi hatte, zum vollen Beweis, Stellen aus Gordons eigenen Briefen zitiert, den um rasche Hilfe flehenden Briefen, die Stewart mit sich genommen hatte. * Der Einsame auf dem Dach des Palastes fröstelt dem Morgengrauen entgegen. So allein! Er hätte Stewart niemals fortschicken sollen; Stewart wollte ja nicht. So allein sollte niemand sein. – Jetzt ist von europäischen Menschen nur noch Hansal da, der österreichische Konsul, den Gordon nie mochte; und richtig, der besoffene Schneider Klein und die Griechen – – Die ägyptischen Offiziere hat der General mit der Dampferflottille nordwärts spediert; aber gründlich. Mit dem ausdrücklichen Ansuchen an den britischen Höchstkommandierenden, sie nur ja nicht wieder nilaufwärts zu bringen. – – So allein sollte niemand – – Jeder Mensch, der noch in der Stadt ist, ist entweder schon ein Verräter oder wird es morgen sein. Auch die paar Christen, die sogenannten! – Christen, wie dieser Italiener Cuzzi, der bei den Derwischen so sehr in Gunst steht, und der jetzt versucht, aus ihrem Lager nach Khartum zu kommen, als ein Agent des Mahdi. Aber Gordon läßt ihn nicht in die Stadt, weist ihn mit Härte ab. Gewisse Dinge verzeiht er niemals. Auch dem anderen nicht, Slatin, der den Islam bekannt hat, um sich zu retten. – Dagegen hat General Gordon die mohammedanischen Geistlichen aus dem Gefängnis entlassen, in das er sie erst wegen ihres geheimen Verkehrs mit dem Feinde gesteckt hat. Ja, sie haben dem Mahdi Briefe geschrieben, den sie erst für solch einen Ketzer und Heuchler erklärten. Aber diese Ulema der Hauptmoschee, der Scheich ul-Islam, der Kadi, das sind ja doch Mohammedaner. Sie glauben im Grunde ja wirklich so, wie der Mahdi glaubt. Kann man sie eingesperrt halten, wenn man hört, daß im Derwischlager der italienische Exkonsul Cuzzi und Rudolf Slatin aus Wien und, ja, auch der Engländer Lupton Bey ihren Glauben verleugnen und Muselmanen zu sein erklären? Ja, man behauptet, sogar die Missionare, die Priester. Die Nonnen sollen jetzt alle verheiratet sein. – – * Im frühesten Morgengrauen sieht Gordon den Umriß der Landschaft. Dort über dem Nil liegt die Vorstadt Omdurman. Dort sitzt jetzt der Mahdi. Nun ist die Festung nicht mehr zu halten, das weiß der militärische Ingenieur, der Festungsbauer, – seitdem diese eine Seite des befestigten Dreiecks verlorenging. Es ist nur eine Frage der Zeit. Warum stürmen diese Derwische nicht? Wenn sie es tun, wer soll Widerstand leisten? – Die Garnison ist ja halb verhungert. Das würde nichts machen. Aber ohne Hoffnung! Ja, wenn ein einziges Dampferchen käme, morgen früh, mit fünfzig, mit nur zehn krebsroten britischen Uniformen an Bord! Seit so lange verspricht den treuen schwarzen Soldaten ihr Führer den Anblick von roten Röcken; sie würden ihm nochmals glauben. – – * Der erste Sonnenstrahl findet Gordon an seinem Fernrohr. Das ist ein anderer Gordon als der scharlachgoldene Marschall, der vor zwei Monaten mit seinen Stiefeln auf dem Derwischgewand herumtrat, unter dem Jubel der Notabelnversammlung. Der Gordon von heute ist mager und unrasiert, seine Haare sind nicht mehr grau, sondern weiß. Er trägt einen Uniformrock aus Drillich, noch militärisch adrett, auch nach der schlaflosen Nacht. Doch das Gesicht ist verwüstet von Sorgen und Alkohol. – – Er blickt durch das Fernrohr, nordwärts. Nichts zu sehen. Auch im Lager der Derwische jenseits des Blauen Nils rührt sich noch nichts. Das Auge, das mit dem kreisenden Fernrohr den Horizont durchmustert, sieht nichts und findet nichts. Keine Rauchsäulen in der verschwimmenden Ferne, von einer Dampferflottille. Kein wandelnder Staub von Norden her, in dem ein marschierendes Heer verborgen sein könnte. Der Mann am Fernrohr zuckt leicht zusammen; er hat nun doch etwas gesehen, einen Flug von Störchen am graublauen Morgenhimmel. * Am nämlichen Morgen des 17. Januar 1885 wird im Lager der britischen Vorhut bei Abu Klea Alarm geblasen, sobald der Morgenstern Venus am Wüstenhimmel erschienen ist. Das Kamelkorps, das der Hauptexpedition Lord Wolseleys durch die Wüste vorangeeilt ist, hat hier fast wieder den Nil erreicht, hundert Meilen etwa stromab von Khartum. Man hat, dem Feind gegenüber, hinter einem rasch errichteten Steinwall geschlafen oder auch nicht, denn man hat durch die endlose Nacht dieses höllische Tomtomgetrommel der Niggers fortwährend gehört, und aus erstaunlicher Nähe. Jetzt am grauenden Morgen erteilt der Kommandant der Vorhut, General Sir Herbert Stewart, den Befehl zum Vormarsch. Man wird die Derwischarmee, die am vorigen Abend so unvermutet die Höhenzüge besetzt hat, vertreiben müssen, um sich den Zugang zum nächsten Wasser, zu den Brunnen von Abu Klea, zu sichern und den weiteren Weg bis zum Nil. Die Truppen verlassen in guter Ordnung das Lager. Die Kavallerie deckt die Flanken, die übrigen Streitkräfte bilden ein festes Karree, in dessen Innern die Kamele bleiben, die Ärzte und die Verwundeten. In der Vorderfront, vor einer Reihe Kanonen, marschiert die berittene Infanterie, bei der auch das Detachement des Regiments Gordon Highlanders ist, der Coldstream Guards und der Schottischen Garde. An den anderen Seiten des starken Gevierts die Grenadiere, Marinesoldaten, die Fünften Lancers und die »Blues« – von allen berühmten Regimentern ein Pröbchen, eine streitbare Deputation. Eine sehr kleine Armee allerdings, und schon recht müde von endlosen Wüstenmärschen. – – Dann plötzlich sind die Derwische da, wie aus dem Wüstenboden hervorgezaubert. Sie haben meistens nur Lanzen und Schwerter. Was wollen diese halb bewaffneten Wilden gegen die Henry-Martini-Gewehre? Was gegen die britische Artillerie? – Aber sie kommen näher, in guter Ordnung, in einer Art dreifacher Phalanx mit drei vorgeschobenen Spitzen, an jeder als Führer ein bärtiger Emir mit einem gewaltigen Banner. Was wollen die tun? Ein Karree der britischen Garde mit Lanzen zertrümmern? – – Und auf einmal, es weiß es niemand, wie das sich ereignen konnte, sind diese Niggers, diese Wilden, sind die Fuzzy-Wuzzys, die Derwische durchgebrochen, sind mitten in dem festgefügten Karree. Sie hacken und stechen nach rechts und nach links, und einer der Fahnenträger, ein alter weißbärtiger Scheich, pflanzt sein großes Banner genau in der Mitte des Vierecks auf, wo die Kamele stehen. Der Scheich hält ein Buch in der Hand, es ist das Gebetbuch, das der Mahdi verfaßt hat, der neue Koran dieser Sekte, und er singt Gebete, neben dem wehenden Derwischbanner. Nun fällt ein Schuß; der alte Emir, er ist der Fürst eines Stammes aus Kordofan, stürzt vornüber aufs Greisenantlitz. Zugleich fällt das Banner, langsam, und deckt ihn zu. – Jetzt kriechen die Beduinen zu Hunderten zwischen den Kamelen durch. Es entsteht ein Handgemenge, Revolverschüsse, ein wenig ziellos, blitzen auf. Dem General Herbert Stewart wird sein Pferd erschossen, es herrscht Verwirrung. – – Wenig Minuten nur. Das Karree schließt sich wieder, es steht wieder fest, kann vorwärts rücken, über die Derwischleichen. Aber welche Verluste hat diese kurze Panik gekostet! Sehr viele Soldaten gefallen und Offiziere. Die Kamele rein dezimiert, die Munition wird recht spärlich. Wie soll man da weitermarschieren? Bis nach Khartum? Sir Herbert Stewart, der Sieger, aber, ach, um einen Preis, besetzt die Wüstenbrunnen von Abu Klea. Nun, bis zum Nil wird man vielleicht noch kommen. Aber dann? Hundert Meilen noch bis Khartum, wie der Vogel fliegt. Wer hätte ahnen können, daß diese Derwische derart fechten, diese Niggers, diese Fuzzy-Wuzzys mit den Wuschelhaaren! Langsam, müde und wund schleicht die Armee auf den Nil zu, auf die der Mann auf dem Dach in Khartum so sehnsüchtig wartet. Irgendwo im Wüstensand liegt ein toter Soldat von den Highlanders, in einem Knierock in den Clanfarben des Stammes Gordon, und sein erstarrtes Auge blickt südwärts. * Der einsame Mann am Fernrohr ist bleich geworden, als er die Störche gesehen hat. Nichts ist im Winter am Nil gewöhnlicher als ein Flug von Störchen. Aber es ist eine Erinnerung mit dem Anblick von Störchen verbunden – – Charles G. Gordon weiß längst, daß jene Insel von damals Abba gewesen sein muß; und als die Störche so lachten, stand sicherlich irgendwo in der Nacht der Mann, der später der Mahdi wurde; gewiß sah er Gordons Schiff auf dem mondbeleuchteten Strom. Seither sind sie einander niemals begegnet, der Mahdi und Gordon. Aber Gordon empfindet, er weiß, daß das noch geschehen wird, daß er dem Mahdi noch einmal begegnet, Angesicht gegen Angesicht. Bald schon. Das wird sein. In seinen qualvollen Nächten hat er begriffen, daß das ja sein muß. Da er die Störche am Himmel sieht, fällt ihm das Bibelwort wieder ein, die mystische Prophezeiung auf ihn und den Mahdi. Jeremia, Kapitel acht, Vers sieben: »Der Storch unter dem Himmel weiß die vorherbestimmte Zeit.– –« * Das Fernrohr Gordons sucht auf dem Horizont das fahlgelbe Lehmgemäuer von Omdurman. Dort herrscht jetzt bereits Bewegung und Leben. Man hört die Derwischtrommeln ganz deutlich, die zur Versammlung rufen, vielleicht zum Angriff. Weiß gekleidete Menschen sind zwischen den Häusern sichtbar. Irgendwo dort ist Er , der Feind, mit dem Gordon sich durch so tiefe, geheime Bande verbunden weiß. Gordon denkt: Wir werden einander begegnen. Bald schon. Die hellblauen Augen des einsamen Träumers schweifen umher, sein Gesicht ist müde und traurig. Dann auf einmal, gleichsam zum Werk des Tages erwachend, richtet er sich straffer auf, in den Augen bewältigt der Wille die Träumerei, der britische General gewinnt über die phantastischen Hochlandsnebel dieser keltischen Seele die Herrschaft. General Gordon, als wäre er zu keinem anderen Zweck auf dieses Dach gekommen, rekognosziert, an welcher Stelle man hier auf dem Dach einen verschanzten Lugaus für Scharfschützen schaffen könnte. Einige gute Schützen könnten von hier aus den Derwischen drüben recht lästig werden; sie sind ja leider schon nahe genug. Und heute abend, denkt General Gordon, will ich doch noch einen Ausfall versuchen. Es beschäftigt die Truppen, und wer weiß (denkt er, sich plötzlich erhellend), wer weiß, vielleicht ist die Entsatzarmee doch schon ganz nah und wir wissen es gar nicht! Das Haupt Im Lager der Mahdisten vor Khartum liegt in einem zerrissenen Beduinenzelt Rudolf Slatin, vormals Generalgouverneur von Dar-Fur. Er liegt, weil es ihm nicht möglich ist zu sitzen oder zu stehen, so sehr ist er mit Ketten verschnürt und beladen. Um seine nackten Füße laufen starke eiserne Ringe, fest um das Fleisch verhämmert und durch kurze dicke Stangen von Bein zu Bein verbunden. Ein anderer dicker Eisenring liegt um den Hals, daran hängt eine lange Kette von vielen Gliedern. Erst unlängst hat man auf den Befehl des Khalifa das Gewicht der Eisen verdoppelt, da sich Slatin geweigert hat, ein Belagerungsgeschütz zu bedienen. (Ein anderer ägyptischer Statthalter, Frank Lupton, bisher Generalgouverneur am Gazellenfluß, steht, gleichfalls mit einer Kette am Bein, schon lange hinter einer Kanone und muß, er, ein Engländer, Gordons Festung beschießen. Aber er schießt sehr hoch.} – Man hat Rudolf Slatin, oder vielmehr den Muselmanen Abd el-Kadr, im Mahdistenlager erst erträglich behandelt. Dann aber hat er begonnen, Briefe an Gordon zu schicken. Gordon hat keine Antwort gesandt. Die Antwort hat er nur in sein militärisches Tagebuch eingetragen, schneidende Sätze gegen Slatin: Gordon verzeiht ihm den Glaubenswechsel nicht! – Slatin, durch Gordons Schweigen tief getroffen, denn er liebt Gordon sehr und bewundert ihn und hat Gründe, ihm dankbar zu sein, – hat immer wieder geschrieben, mehrmals öffentlich, mit des Khalifa Wissen und manchmal heimlich. Diejenigen Briefe, von denen der Khalifa weiß, sind an den Konsul Hansal gerichtet und sollen nach Abdullahis Meinung Aufforderungen zur Kapitulation enthalten, – die heimlich durchgeschmuggelten Briefe sind direkt für Gordon bestimmt, leidenschaftliche Bitten, der General möchte an Slatins Treue glauben, an die Ehre eines k.u.k. Offiziers; – und es stehen Berichte darin: über Stärke, Waffen und Pläne des Derwischheeres. Wieviel von dieser Korrespondenz der Khalifa entdeckt hat, weiß Slatin selber noch nicht. Genug, da liegt er und kann sich nicht rühren. Warum töten sie ihn denn nicht? Man pflegt im Kriege Leute zu töten, die dem Feind Nachrichten senden. – Da liegt er, auf einer Matte aus Palmstroh in dem zerschlissenen Zelt, und sieht nichts und hört die Kanonen, die Khartum bekämpfen. Obwohl kein Besucher die Dornenhecke passieren darf, die um das Zelt läuft, weiß Slatin doch sehr wohl, was im Lager vorgeht. Unter den schwarzen Soldaten, die ihn bewachen, sind öfter solche, die in Dar-Fur unter ihm dienten. Die sprechen offen. Manchmal bringen sie ihm auch etwas zu essen. – Jetzt hat Slatin aber seit zwei Tagen nichts mehr bekommen. Abu Anga, der Emir der schwarzen Truppen, der auf Befehl des Khalifa den Gefangenen Slatin zu hüten hat, ist während der Kämpfe zu sehr beschäftigt. Seine Frauen, scheint es, lassen Slatin absichtlich hungern. Man behauptet im Derwischlager immer, Slatin sei Gordons Neffe. Die dicke Hauptfrau des Abu Anga ist zornig, weil Gordons Kanonen fortwährend schießen. Gordons Neffe soll nur verhungern! Der Mann in Ketten liegt mit geschlossenen Augen da und denkt nach. Ist das das Ende, ist Gordon verloren? – Vor wenigen Tagen ist der Khalifa persönlich hierhergekommen vor das Zelt und hat Slatin einen Zettel zu lesen gegeben, einen französisch geschriebenen Brief, den man bei einem Spion aus der Festung gefunden hat. Gordon hatte geschrieben: »Ich habe noch zehntausend Mann. Khartum kann sich bis Ende Januar halten.« Slatin hat dem Khalifa gesagt, er könne das nicht übersetzen, er verstünde die Chiffre nicht. – – Bis Ende Januar! Ende Januar ist jetzt. In ein paar Tagen. Und Omdurman ist in der Hand des Mahdi, die Festung muß sturmreif sein. * Der angekettete Sklave des Khalifa verwandelt sich innerlich in den k.u.k. Offizier, der Taktik studiert hat. – Seit drei Vierteljahren liegen diese Mahdisten in so erdrückender Übermacht um Khartum, und einen ernsthaften Sturmangriff hat der Khalifa noch nicht zu unternehmen gewagt. Dabei hat die Überschwemmung von neulich die Parapets am Ufer des Weißen Nils beschädigt; auf dieser Seite sind die Befestigungswerke jetzt kaum mehr brauchbar. – Warum stürmen die Derwische nicht? Sie scheuen Gordons Artillerie; so wie sie El Obeïd nur durch Hunger zur Übergabe gezwungen haben, so soll Khartum sich ergeben. An das Kommen der britischen Expedition hat im Derwischlager niemand geglaubt, weil der Mahdi das nicht prophezeit hat.– – Die lange Kette am Hals des Gefangenen klirrt; er hat sich heftig bewegt. Ein Gefühl der Freude läßt ihn nicht ruhig liegen. Man hat es vor ihm verbergen wollen, aber er weiß sehr gut, was für Nachrichten gestern gekommen sind. Abu Angas Weiber haben zuerst geheult und geweint, bis ein Eunuch mit der Peitsche dazwischengefahren ist: das Gesetz des Mahdi verbietet die Totenklagen. – Die Engländer haben bei Abu Klea gesiegt! Die Barabra, die Dschaalin, die Degheim, die Kenana, alle Stämme unter dem alten Emir Musa sind völlig vernichtet; tausende tot! – Und Engländer sollen auf Dampfern nilabwärts kommen! Rettung! Hilfe! Noch vor dem Ende des Monats! Bis zum Ende des Monats, sagt Gordon, hält er noch aus.– – * Vor dem Zelt, in dem Slatin liegt, entsteht auf einmal eine Bewegung. Der Gefangene rückt sich mühsam zurecht, in eine hockende Haltung, obwohl dann die Kette ihn so am Hals würgt. Es könnte der Khalifa Abdullahi sein, der da kommt; er sucht seinen Gefangenen manchmal auf, um zu sehen, ob er schon demütig ist, oder um mißtrauisch neue Fragen zu stellen. Aber diesmal ist es nur die schwarze Hauptfrau des Emirs Abu Anga, die vor dem Zelte steht, man hört ihr Gekeif. Dieser lumpige Abd el-Kadr, der Sohn einer ungläubigen Hündin, sein Vater wird in der Hölle gequält, – er soll doch, bevor man ihn füttert, seinen Oheim Gordon bewegen, daß er nicht mit Kanonen auf Abu Anga schießt! – – Rudolf Slatin horcht ein wenig, dann legt er sich wieder nieder, mit einem Geräusch wie ein Kettenhund. * Irgendwo in der Wüste, nicht weit vom Nil, aber, ach wie weit von Khartum! Ein britischer Offizier, ein noch junger Mann mit dem Abzeichen eines Ingenieurmajors, ist während eines Rekognoszierungsritts abgesessen, hat eine steinerne Kuppe erklommen und beugt sich nun über die große Karte. In der Entfernung wartet ein kleines Gefolge. Dieser Major, er heißt Herbert H. Kitchener, wischt sich die feuchte Stirne. – Wie er den Tropenhelm abnimmt, kommt ein braungebranntes Kriegergesicht zum Vorschein, ein Gesicht mit buschigen Brauen, buschigem Schnurrbart, ein Eisengesicht für Reiterstatuen. Major Kitchener blickt seine Karte an: – Ja, denkt er, so war es zu machen, so mußte es vorbereitet werden. – Gordons eigener Fehler, im Grunde. Auf diesem Bahnbau hätte er selber bestehen müssen, bevor es zu spät war. Eine Bahnstrecke dort, wo der Nil der Katarakte nicht schiffbar ist, – das allein gewährt den Besitz des Sudans. Eine Linie von Wadi Halfa längs des Flusses, oder viel besser noch, wenn man es wagte, hier, schnurstracks durch die blanke Wüste nach Abu Hamed. So schneidet man den gewaltigen Nilbogen ab, umgeht den dritten und vierten Katarakt, kommt an den Fluß, wo er wieder glatt schiffbar ist. Nur so überhaupt ist der Sudan zu halten; nur so ist er wiederzukriegen. Diese unsere jetzige Expedition mit dem pittoresken Kamelkorps – ganz lächerlich! Der Nachschub Wolseleys klappt nicht, wie könnte man rechtzeitig bis Khartum gelangen? Wenn nicht ein Wunder geschieht, und die Dampfer Gordon noch lebend finden – – Aber die Niggers müßten ja toll sein. Herbert Kitchener zieht mit dem Daumen einen energischen Strich quer über die Karte, dort, wo auf ihr der große Bogen des Flusses verzeichnet ist, und sagt zu sich selber, hörbar: solange die Bahn nicht da ist, gehört der Sudan den Derwischen. Wenn man eines Tages die Eisenbahn baut, dann hat man aber den ganzen Sudan. Ich möchte den sehen, der mich daran hindern kann. Hab ich den Nachschub quer durch die Nubische Wüste, dann interessiert mich die sogenannte Derwischarmee nicht weiter oder was der Khalifa sich denkt und der Mahdi predigt. – Ohne die Unfähigkeit dieser Regierung wäre es niemals soweit gekommen; das Kabinett Gladstone hat den Sudan verloren und alles für viele Jahre verdorben. Wenn man mich machen ließe – – Ich baue die Bahn und dann hab ich dieses Khartum! denkt Kitchener. * Zwei Schiffe dampfen, so schnell sie nur können, nilaufwärts gegen Khartum. Die »Bordeïn« und die »Talahawiyeh« gehören zu der kleinen Flottille, die Gordon aus der belagerten Stadt der britischen Expedition bis zu den Katarakten entgegengeschickt hat. Nach der blutigen Schlacht bei den Brunnen von Abu Klea hat das von Sir Herbert Stewart befehligte Kamelreiterkorps den Nil bei Gubat endlich erreicht und dort die Dampfer gefunden. Man versucht noch, zu Lande weiter zu kommen und das nächste befestigte Dorf, Metemmeh, zu nehmen, vermag es aber nicht mehr. Die Truppen haben furchtbar gelitten, ihr General Stewart liegt verwundet im Sterben. Die Expedition ist hoffnungslos steckengeblieben; aber man kann noch versuchen, mit Hilfe der Dampfer rasch nach Khartum zu gelangen und Gordon zu retten. An Stelle Sir Herbert Stewarts hat der Oberst Sir Charles Wilson das Kommando übernommen. Er beschließt, selbst auf der »Bordeïn« nach Khartum zu fahren und die »Talahawiyeh« mitzunehmen, das sind die besten von den vier alten Raddampfern, die zur Verfügung stehen. Der Raum ist sehr knapp, Oberst Wilson hat nur zwanzig englische Infanteristen vom Regiment Sussex mitnehmen können, außer den zweihundert Negersoldaten Gordons, die auf den Dampfern waren. Selbst wenn Wilson seine Landtruppen noch mehr zu schwächen wagte, wäre für europäische Menschen kein Platz auf den Schiffen. Sie sind beide ganz klein, und Gordon hat den Raum auf dem Deck für ein Schanzwerk verwendet, das die Schiffe gegen das Feuer vom Ufer halbwegs zu schützen vermag. Es gibt einen vorderen Turm, in dem ein Geschütz steht, und noch eine Schanze genau in der Mitte des Dampfers. Gußeiserne Platten auf Deck bilden Schutzschilde für die Infanteristen. Die Schiffe sind gar nicht schlecht gesichert; aber sie starren von Dreck. Seit fünf Monaten führen hier Negersoldaten das Leben von Nilpiraten. Jetzt stopft man auch noch in jede noch freie Lücke die Säcke voll Durrha-Hirse für Gordons verhungernde Garnison. Das Deck ist voll von Durrha und Panzerplatten; in den stinkenden kleinen Kabinen ist lauter Durrha. Durrha und Munition, wohin man blickt. Man hat es nicht sehr bequem auf diesen Schiffen: Lauter Durrha-Säcke und schwitzende Menschen und Ratten, die all diese Durrha anlockt. Außer den Kombattanten ist auch noch der Troß von schwarzen Weibern an Bord, ohne die sudanesische Truppen nicht denkbar wären. Sklavinnen, die Durrha zerreiben und die an gefährlichen offenen Feuern aus Durrha Brotfladen backen. Sogar schwarze Babys wimmeln zwischen den Durrha-Säcken herum. Das alles ist nicht sehr behaglich für die zwanzig britischen Tommys vom Regiment Sussex, und sie fluchen ein bißchen und brummen, wie das Soldaten tun. Im Grunde ist doch jedem einzelnen unter ihnen dieses Abenteuer wahrscheinlich doch lieber als die endlosen Wüstenmärsche der letzten Zeit und diese vielen Gefechte, in denen man so furchtbaren Durst gehabt hat. Jetzt haben die zwanzig Rotröcke doch wenigstens Wasser! – Ja, Rotröcke kann man sie jetzt wieder nennen. Es hat Mühe gekostet, in der kleinen Expeditionsarmee die zwanzig roten Paraderöcke noch aufzutreiben, aber es ist gelungen, jeder der zwanzig Soldaten hat seinen britischen Scharlachrock; man verspricht sich davon eine große Wirkung. General Gordon hat dringend geschrieben, rote Uniformen sollen zu sehen sein, wenn die Dampfer vor der belagerten Festung erscheinen. – – * Mehr als die roten Röcke lebendiger Tommys zu zeigen, – mehr wird Colonel Wilson kaum vollbringen können, wenn er nach Khartum gelangt. Er hat von dem Armeekommandanten Lord Wolseley nur den Befehl bekommen, Gordon einen wichtigen Brief zu bringen, einen Vorrat an Durrha, eine große Kiste voll von Silbertalern als Löhnung für seine Truppen, – dann die britischen Uniformen in ganz Khartum spazierenzuführen und sich dann mit dem kleinen Detachement wieder einzuschiffen und zur Vorhut zurückzukehren. Mehr als Gordon moralisch zu stützen, darf man zunächst nicht hoffen. Eine ernstliche Hilfe, ein Entsatz der belagerten Festung ist frühestens in vier Wochen möglich. Dann vielleicht kann Lord Wolseley mit dem Hauptteil seiner kleinen Armee bis dahin gelangt sein, wo sich jetzt die Vorhut in solchen Nöten befindet. Der Nachschub durch die weglose Wüste ist so entsetzlich schwierig. Noch ein Monat vielleicht, wenn alles sehr gut geht. So lang muß sich Gordon noch mindestens halten. Die beiden Schiffe, die ihm diesen Trost und den strahlenden Anblick der zwanzig roten Röcke zu bringen haben, fahren, so rasch sie nur können. Aber der Nil ist sehr niedrig, man bleibt fortwährend stecken, obwohl die arabischen Kapitäne geschickt sind. Auch muß man wieder und wieder halten, um in den verlassenen Dörfern am Ufer Häuser und Wasserräder zu demolieren: man braucht das Holz zum Heizen der Kessel. Und sooft man das tun muß, entsteht ein Wirrwarr, denn die schwarzen Soldaten, statt Holz zu hacken, fangen zu plündern an. Colonel Wilson braucht rücksichtslos seine Nilpferdpeitsche, aber die Fahrt verzögert sich dennoch. Die Ufer rechts und links sind Feindesland. Manchmal erscheint vom Schiff aus alles menschenleer und verlassen; dann plötzlich kommen aus den hochbewachsenen Durrha-Feldern Schüsse, oder es ist irgendwo ein Geschütz versteckt und beginnt auf die Dampfer Feuer zu geben. Das alles hat wenig Zweck: diese beiden winzigen Dampfer, so groß wie die Pennyboote daheim auf der Themse und mit ein paar eisernen Platten verbarrikadiert, sind, mit ihren modernen Kanonen an Bord, doch eine furchtbare Macht in diesem halbwilden Lande, und, wenn sie der niedere Wasserstand nicht aufhält, die Derwische vermögen nichts Ernstliches gegen sie. Aber am 26. Januar, knapp vor der Stromenge von Schabluka (gar nicht mehr weit von Khartum) liegen die Sandbänke bloß und die Dampfer kommen kaum weiter. Colonel Wilson verzehrt sich vor Ungeduld. Nicht loszukommen! Und wer weiß, was unterdessen in Khartum geschieht! – – Wer weiß – –? * Am 25. Januar 1885, es ist ein Sonntag, ist Khartum voll von Siegesgerüchten. Man weiß nicht, woher sie kommen, aber man redet in der verhungernden Stadt von einem großen Erfolg, den das englische Expeditionsheer errungen habe, man sagt: bei den Brunnen von Abu Klea. Ja, selbst, daß Dampfer mit englischen Rotrocksoldaten bereits nach Khartum unterwegs sind, wollen einige Leute wissen. Solche Gerüchte, wenn es Gerüchte sind, gelangen binnen weniger Stunden aus dem Lager der Derwische bis in Gordons Palast. Denn an den Vorpostenketten und Sperren und Festungswällen gibt es jetzt neuerdings ein verdächtiges Hin und Her, Herüber, Hinüber. Niemand weiß das besser als General Gordon. Die guten Nachrichten lösen in Khartum kaum mehr Freude aus. Dies ist der dreihundertsechzehnte Tag der Belagerung, und man fühlt sich selbst zur Freude zu elend. Seit langem wird in Khartum nicht mehr richtig gegessen. Es gibt eine Art Brot, das Gordon erfunden hat, aus Palmbaumrinde und Gummiarabikum. – – So ist in Khartum jetzt alles und jedes. Das Geld, das man annehmen muß, auf Befehl des Generalgouverneurs, sind irgendwelche erbärmlich gedruckte Zettel, daraufsteht: Gut für ein ägyptisches Pfund. Daß solches Brot noch für Brot gilt und solches Geld noch für Geld, ist Gordons Verdienst. Ein Wunder, welches Vertrauen dieser Mann um sich zu verbreiten weiß! Noch heute weigern sich die griechischen Kaufleute, auf den letzten Dampfern aus der Stadt zu entfliehen. Da Gordon noch da ist, ist alles gut. – Und der schwarze Soldat ist noch immer treu. Mit großem Stolz trägt er einen Orden, den Gordon gestiftet hat. Gordon, Gordon, niemand als Gordon hält diese vernichtete Festung noch immer. – – An diesem Sonntagabend hat der Generalgouverneur, der stets neue Einfälle hat, den Gerüchten zu Ehren eine Art Siegesfeier befohlen. Die Musikkapelle hat vor dem Palast die ägyptische Hymne geblasen, »Salaam Effendina«, »Gruß unserem Herrn, dem Khedive«, – und dann auch »God save the Queen«, und man hat ein Feuerwerk abgebrannt. Gordon selbst hat sich nicht gezeigt. Er ist so müde. Seit dreihundert Tagen hält er, und er allein, die Festung gegen den Mahdi. Wenn er nur einen einzigen englischen Offizier bei sich hätte, der die vom Hochwasser ganz zerstörten Befestigungen am Weißen Nil wieder aufbauen könnte! – – Das Grübeln hilft ja doch nichts. General Gordon legt sich schlafen, angekleidet wie er ist, natürlich, in seiner Uniform aus weißem Drillich. Säbel und Revolver liegen neben ihm. * Im Einschlafen denkt Charles G. Gordon noch an diese Parapets am Ufer des Weißen Nils, die so beschädigt sind, an die durch Trümmer verschütteten Gräben. Wer hindert den Mahdi daran, dort einzudringen? Morgen schon? Oder heute, in dieser Nacht? Gordon muß daran denken, daß an dieser Stelle Faradsch Pascha die Front kommandiert, ein Offizier, dem er gar nicht mehr traut. Aber welchem von seinen Herren Offizieren traut er denn noch? Nur die Soldaten, diese schwarzen Kinder, sind gut. Charles G. Gordon seufzt, schläft ein. * Er träumt von schottischen Dudelsackpfeifern, die heranmarschieren, in karierten Kilts, mit bebänderten Mützen. Sie spielen das Lied: »The Campbells are coming!« – Nein, nicht die Campbells. Das sind die Gordons, die kommen. Clan Gordon, seit tausend und tausend Jahren. Alle die Ahnen marschieren mit, – und Augusta ist auch dabei und lächelt, und sie streckt ihre Arme aus. – – Auf einmal aber verändert der schrille Ton der Sackpfeifen sich und wird zu einem entsetzlichen Lachen. Charles G. Gordon, im Schlaf, weiß, daß da ein Storch gelacht hat. Eine Stimme sagt: »Der Storch unter dem Himmel weiß die vorausbestimmte Zeit.« Dann aber ist alles still, und Gordon ist in einer Unendlichkeit allein mit einem ungeheueren Manne, den er nie gesehen hat und dennoch kennt. Das ist der Mahdi. Er lächelt freundlich. Gordon will aufspringen von seinem Bett und kann nicht. Er weiß in seinem Schlaf ganz genau, daß er auf dem Bett liegt und sich nicht rühren kann. Und doch will er den Mahdi etwas Wichtiges fragen, das Entscheidende: ob denn der Mahdi ein guter Mann ist oder böse. Alles hängt davon ab. Seit dreihundertsechzehn Tagen hat Gordon an gar nichts anderes mehr gedacht! – – Da öffnet der Mahdi endlich die Lippen und gibt eine Antwort, endlich, endlich, auf die ungesprochene Frage. Der Mahdi sagt lauter Worte aus der Bibel, nicht aus dem Koran, aber Gordon weiß nun, daß das ganz gleich ist. Diese Bibelworte, die Gordon noch gestern abend gelesen hat, die er aber jetzt erst richtig versteht, enthalten, so klar ist das nun, das wirkliche große Geheimnis: die Gleichwertigkeit des Guten und Bösen, Gottes Verbundenheit mit dem Übel. Der Mahdi, im Traum, sagt lächelnd und deutlich: »Jesaia, fünfundvierzig, sieben: Der ich das Licht mache und schaffe die Finsternis; der ich Frieden gebe und schaffe das Übel. Ich bin der Herr , der solches alles tut.« Die Stimme schwillt an, Gordon weiß nicht, ob das noch der Mahdi ist, der zu ihm spricht. Aber dem Mahdi sollte er doch noch begegnen, wer weiß – – Die ungeheure Stimme sagt: »Amos, drei, sechs: Bläset man auch die Posaune in einer Stadt, daß sich das Volk nicht entsetze? Ist auch ein Unglück in der Stadt, das der Herr nicht tue?« – – Nein, nicht der schottische Dudelsack. Nicht die Derwischtrommel. Die Posaune, die Posaune! * Ganz plötzlich weiß Charles G. Gordon, noch im starren Schlaf, daß das auch nicht die Posaune ist, sondern die Ombajja, das aus einem gehöhlten Elefantenzahn gefertigte Heerhorn des Khalifa Abdullahi! – – Ganz nahe. Ein Lärm. Draußen rennen Menschen. Gordon weiß, unmittelbar: die schwache Stelle am Weißen Nil! – Jemand schreit: »Rettung! Sie sind schon in der Stadt!« General Gordon, völlig wach, ergreift den Revolver und stürzt zum Zimmer hinaus. * Im Lager der Derwischarmee bei Omdurman liegt Slatin noch immer in seinen entsetzlichen Ketten. Er ist auf allen vieren vors Zelt gekrochen, um nach Möglichkeit zu sehen, was vorgeht, aber er sieht nichts als eine blutrote Morgensonne, die sich im Osten erhebt. Vor Tagesanbruch hat ihn der furchtbare Lärm von Salven geweckt. Das Feuer hat nur wenige Minuten gedauert, dann gab es nur noch vereinzelte Schüsse. – Rudolf Slatin weiß, was das Schießen bedeuten muß. Gestern nachmittag hat er erfahren, daß wirklich zwei Dampfer ganz nah bei der Stadt sind, mit Soldaten in roten Röcken an Bord. Auch davon hat man im Lager gesprochen, daß der Khalifa nun noch um jeden Preis einen Angriff versuchen wolle. Das Schießen bei Nacht war ein Überfall auf Khartum, – wie aber ist er verlaufen? Noch hegt Slatin Hoffnungen. Der Kampf hat ja gar nicht lange gedauert. – – Aber jetzt entsteht ein großes Getümmel. Der Gefangene richtet sich mühsam auf; um etwas zu sehen. Jetzt entdeckt er einen Haufen von Leuten, die kommen direkt auf sein Zelt zu. Man hört ihre Schreie schon. Slatin wird bleich. Oh, es sind Siegesrufe! Vor dieser Menge, die sich ohne Ordnung daherwälzt, marschieren drei schwarze Riesen, Sklavensoldaten. Slatin erkennt den einen von ihnen: das ist ein Neger, Schatta heißt er, ein Sklave eines gewissen Dafalla, der früher einmal in Kordofan Slatins Gastfreund gewesen ist. Dieser Neger Schatta trägt jetzt etwas in seinen Pranken, ein triefendes Bündel, ein blutiges Tuch. – – Jemand jubelt, jemand weint laut, jemand schreit Höhnisches. Slatin unterscheidet nichts mehr, sein Herz steht stille. Der Neger Schatta entfernt das Tuch und ein blutiges Haupt kommt zum Vorschein, mit schneeweißen Haaren und Bartkoteletten, – Gordons Haupt! Die blauen Augen sind offen, der Mund lächelt ruhig. »Ist das der Kopf deines Oheims, des Ungläubigen?« fragt der Neger Schatta. Slatin antwortet sofort: »Er war ein braver Soldat, und er ist nun glücklich, da er gefallen ist!« Er sagt das fest und trotzig, in einer großen Verzweiflung. Es ist ihm jetzt gleichgültig, was ihm selber geschehen wird. Gordon ist tot und hat ihm nicht verziehen! Die Hände des Gefangenen verkrampfen sich über den Ketten. Er tut bei sich einen Eid. * Gordons Haupt, auf einer großen Lanze befestigt, ist vor dem Zelt des Mahdi aufgepflanzt. Die arabischen Krieger, die den Generalgouverneur des Sudans auf der Treppe seines Palastes erschlagen haben, sind mit der größten Angst vor den Mahdi getreten, denn er hatte befohlen, Gordon am Leben zu lassen. Aber er hat den Ungehorsam verziehen, und die Siegestrophäe steht vor seinem Zelt. Das Lager der Derwische ist jetzt fast menschenleer, denn drüben am anderen Ufer des Flusses gibt es die Stadt zu plündern; Frauen können erbeutet werden, Männer gepeinigt, verborgene Schätze erpreßt. – – Die Wildheit Afrikas ist losgelassen, Raub und Mord und die Peitsche wüten in Khartum, und ein entsetzlicher Lärm von tierischen Schreien schallt herüber über den ruhig strömenden Nil. – – Im verlassenen Lager ist alles einsam und still. Mohammed der Mahdi vor seinem Zelt ist mit dem Haupte Gordons allein. Jetzt endlich sind sie einander begegnet. So sehr ihre beiden Leben einander berührten, sie waren einander noch niemals so nah gegenüber. Es sei denn in einer Nacht vor Jahren, als ein Dampfer an einer Insel vorbeifuhr. * Der Mahdi sitzt mit gekreuzten Beinen auf seinem Schaffell am Eingang des großen Zeltes, der Lanze mit Gordons Kopf gegenüber. Der Mahdi ist jetzt so dick; wuchtig sitzt er da, der verfettete Oberkörper unter dem Derwischhemd ist ganz formlos. Mit der linken Hand stützt er sich auf den Schenkel, als könnte er sonst nicht sitzen, die freie Rechte fingert am Rosenkranz. Betet der Mahdi? Die vollen Lippen bewegen sich nicht. Das Gesicht ist seltsam gedunsen; das gewohnte strahlende Lächeln ist ganz zur Larve erstarrt. – – Nein, das ist kein Lächeln mehr. Eher noch lächelt der Tote. Von den beiden Gesichtern, die da einander ins Auge blicken, ist das des Toten lebendiger, freier, froher. Das lebende Haupt des Mahdi, eine Maske aus Fett und Salbung und Göttlichkeit, sieht erschreckend aus. Nur die Augen sind so wie immer, ganz klar und wunderbar schön unter den langen Wimpern, diese Augen können nicht zweifeln. Das Gesicht des Mahdi sieht Gordons Kopf an. Was geht hinter dieser Maske vor, hinter den beiden Masken? Auch das Gesicht des Toten vermag noch zu blicken, mit seinen hellblauen Augen. Wissen diese beiden da wenigstens in dieser Stunde, daß sie einander im Grunde stets nahestanden, der christliche Mystiker dem mohammedanischen Sûfi, der Bibeldeuter dem Deuter von Stellen aus dem Koran? Kann jetzt zwischen ihnen, von Angesicht zu Angesicht, noch ein wirklicher Haß sein? Stundenlang sitzt der Mahdi so dem Kopf seines Feindes gegenüber, der in einer anders entwickelten Welt sein nächster Bruder gewesen wäre. Die offenen Augen des Toten verschleiern sich langsam, sehen den anderen nicht mehr. – – Der, regungslos, erstrahlt immer klarer. Nur die Hand am hölzernen Rosenkranz bewegt sich. Welche Formeln sagt er in seinem Inneren auf, welche berauschenden Folgen langer Gebete, die die letzten Ekstasen verleihen? Groß sind die Mysterien, die ein Sûfi der obersten Grade kennt, grenzenlos die Verzückungen, die die Vereinigung mit dem Bewußtsein Gottes ihm geben kann. Wie er dasitzt, ein mächtiger Haufen Fett, aus allen Formen gequollen, entmenschlicht, ist der Mahdi ein Berg der Überlegenheit über das Irdische. Nicht niedrige Siegesfreude, nicht ein gemeiner Triumph über den gefallenen Gegner blickt diesem blutigen Haupte entgegen, wohl aber selbstsicheres Wissen, erhaben über diesen trotz allem europäischen Kopf, der ja doch sein Lebtag gerungen, gezweifelt, verzweifelt hat. – – Eine große, eine endgültige Klarheit ist in den Augen des hockenden Sûfi. Alles ist, wie es werden mußte. Dieser Sieg ist nur ein Beweis, ein selbstverständlicher, für den Glauben. Ganz ebenso gewiß ist die Zukunft: daß der Khedive, daß Viktoria die Mahdîjja bekennen müssen, bald, noch vor dem Tag, da zur Kuppel der Felsenmoschee zu Jerusalem Isa herabsteigt, der Sohn der Maryam, um das Gericht zu beginnen. Ein strenges Gericht für alle, nur für den einen nicht, der allem Irdischen schon entwachsen ist, den Tugenden wie den Lastern der bloßen Menschen, – für den mit der Gottheit schon lange Vereinigten, den Wissenden, für den Zwölften Imâm, den Mahdi. * Zwei Tage nachher kommen zwei kleine Dampfer an der Batterie von Halfiyeh vorbeigefahren und passieren die schwierige Stelle glücklich, obwohl unter heftigem Feuer. Auf der verschanzten Kanonenplattform an Bord der »Bordeïn« steht, durch die eiserne Brustwehr gedeckt, Sir Charles Wilson und beißt seine blutleeren Lippen. Jetzt hätte General Gordon von seinem Lugaus auf dem Palastdach die Dampfer längst schon gesehen haben müssen. Jetzt müßte der Ausfall erfolgen. – Nichts! Kann es, um Gottes willen, denn wahr sein, was schon gestern ein beduinischer Reiter vom Ufer zu den Schiffen herübergerufen hat? An den Ufern wimmelt's von Derwischen. Überall wird geschossen; überall liegen Feinde in Deckung. Auch auf der Insel Tutti in der Mündung des Blauen Nils in den Weißen Nil sind Schützengräben der Feinde und die beiden Dampfer werden von dort beschossen. Aber dort hat doch Gordon ein Fort gehabt? Und jetzt sieht man ganz deutlich, daß auch von der Halbinsel zwischen den beiden Nilen, daß von der Stadt her auf die Dampfer gefeuert wird. Jetzt sind die Schiffe der Stadt so nahe, daß man das höchste Haus, den Palast des Generalgouverneurs, ganz deutlich erkennen kann. Die große ägyptische Flagge, die hier stets geweht hat, ist nicht zu sehen. Nein, die Flagge weht auf dem Hause Gordons nicht mehr. – – Das Feuer des Feindes wird heftiger, es wird zu bedrohlich, seitdem auch aus Stellungen in Khartum die Kugeln kommen. Colonel Wilson weiß nun schon alles. Es hat keinen Sinn, noch weiter zu fahren, direkt in den Rachen des Löwen hinein. Wilson gibt den Befehl zum Wenden. Wenn man viel Glück hat und die Dampfer nicht steckenbleiben, schlägt man sich wieder bis zur britischen Vorhut durch und kann die furchtbare Nachricht zu Lord Wolseley bringen. Der Sieg Die ganze Welt hört die Kunde von dem Sieg des Derwischs von Abba und ist erstaunt und erschüttert. In ihrem Schloß Osborne sitzt die Königin Viktoria und schreibt einen Brief an Gordons Schwester Augusta: »– – und was ich so scharf empfinde: den Fleck, den Ihres lieben Bruders grausames, obwohl heroisches Schicksal auf Englands Ehre hinterlassen hat. – –« Die alte Frau ballt ihre kleine fleischige Hand und schlägt auf den vor ihr liegenden Brief. Sie empfindet wie die ganze englische Öffentlichkeit. Am Abend des Tages, an dem die entsetzliche Nachricht vom Ende Gordons nach London kam, sieht man den Premierminister Gladstone ruhig in einer Theaterloge sitzen; aber das übrige Publikum erhebt sich und zischt ihn aus. Der Gedanke ist unerträglich, daß ein britischer General, der Liebling der Nation, von diesem schwarzen Derwisch besiegt worden ist. Alle Feinde, die Großbritannien in der Welt hat, blicken hoffnungsvoll auf. Nicht nur durch das okkupierte Ägypten geht leise und merkbar ein Beben, Atmen, Erschauern. Das ganze muselmanische Afrika merkt auf, wartet, hofft. Aus Marokko machen sich Gesandtschaften auf den Weg, die zum Mahdi sollen. Im fernen Afghanistan stärkt der Name dieses sudanesischen Derwischs den Widerstand gegen die britische Macht; in Indien träumen junge Muselmanen vom Kommen des Mahdi. – Frankreich, noch nicht entschlossen, ob es sich die Revanche für 1871 nicht im Kampf gegen das britische Weltreich holen soll, beobachtet die Ereignisse im Sudan mit Aufmerksamkeit. Wird jetzt nicht der Mahdi ein mächtiges Heer gegen Ägypten führen? Werden die Ägypter ihn nicht als Retter, als Befreier begrüßen? Wird er nicht in Ägypten siegen so wie im Sudan? Wird nicht ein ungeheurer Aufstand das englische Okkupationsheer ins Mittelmeer fegen? Dann wird für Frankreich vielleicht die Stunde der Entscheidung kommen. – Die ganze Welt blickt nach Khartum, auf diesen halbwilden Derwisch. Einen Augenblick lang scheint es, als hinge von seinem nächsten Tun das Schicksal der Erde ab. Er aber tut nichts, er genießt seinen Sieg. * Es ist der Sieg, der ganze Sieg. Da Colonel Wilsons Dampferbesatzung, nach epischen Abenteuern auf ihrem Rückweg, die Nachricht vom Tode Gordons zu den Engländern bringt, räumt Lord Wolseleys Vorhut ihre gefährlichen Stellungen, das britische Expeditionkorps gibt sogar die Stadt Dongola auf und zieht sich über die Grenze Oberägyptens zurück. Im Ostsudan, in Sennaar und Kassala, halten sich noch die ägyptischen Garnisonen, halten sich tapfer, aber wie lange noch? Sonst ist so ziemlich der ganze Sudan in den Händen des Mahdi. In der fernen Äquatorprovinz am obersten Nil fühlt man den Druck der siegreichen Derwische immer stärker; Emin Pascha muß, als er vom Fall Khartums erfährt, Ladò verlassen und sich südwärts zurückziehen, seine Truppen beginnen zu meutern. Es ist der Sieg, der ganze Sieg des Mahdi. * Da liegt Khartum, die Festung Gordons, die Zwingburg der Türkenherrschaft, das so prächtig zivilisierte Khartum, von dem Gessi geschwärmt hat, – wehrlos, offen, zerbrochen. Jede Horde, die von Omdurman her über den Nil setzt, kann tagelang morden und plündern. Die wenigen Europäer, die noch in Khartum sind, werden grausam geschlachtet, die Griechen, die Kopten, die ägyptischen Staatsbeamten. Der österreichische Konsul Hansal, einst Volksschullehrer in Wien, wird von einem plündernden Haufen in den Hof seines Hauses gezerrt und dort enthauptet. Auf seine Leiche schütten sie den Tabak, der im Hause gefunden wird, dann einen erwürgten Papagei, einen toten Hund, dann wird das Ganze mit dem Branntwein des Konsuls begossen und angezündet. – Dem griechischen Konsul Leontides schlägt man die Hände ab, dann erst den Kopf. Dem Schneider Klein (wie seltsam, daß der Mann nicht am Suff stirbt!) wird vor den Augen der Seinen die Gurgel von Ohr zu Ohr zerschnitten, man läßt ihn verbluten. Wie er da liegt, ersticht man auf seinem Leichnam seinen ältesten Sohn. Die unglückliche Mutter, die all das sehen muß, wird wie tobsüchtig, schlägt kreischend um sich. Das wirkt auf die barbarischen Mörder, sie verschonen die übrigen Kinder des Schneiders. Aber man verschleppt die achtzehnjährige Tochter in einen Harem. – Mohammed Pascha Hussein, Gordons Finanzminister, findet seine Tochter und ihren Gatten ermordet. Er selbst könnte fliehen, aber er bleibt und schreit Schimpfworte gegen den Mahdi, bis man kommt und ihn umbringt. Zehntausend Menschen sterben in der unseligen Stadt. Sklaven erschlagen ihre Herren, jede Rache kann man jetzt stillen. Es genügt, wenn einer aus Ägypten ist oder vom Stamme der Schaigieh, der zu Gordon gehalten hat. Solche Menschen und die Hunde erschlägt man in allen Straßen. Die Lehre des Mahdi ist den unreinen Hunden feindlich. Ein Derwischsprichwort kommt auf: »Der Hund, der Turk, der Schaigieh haben nicht Ruhe noch Rast in der Mahdîjja.« Man verschont nur Knaben, die man als Sklaven verkaufen kann, und Frauen, die für den Harem der Sieger geeignet sind. Ältere Weiber werden grausam gefoltert, damit sie bekennen, wo Geld vergraben ist. Überall in Khartum hört man das Schreien gefolterter Menschen. Man hängt sie an ihren Daumen auf oder schnürt einen Reif aus Bambus um ihre Schläfen. Das geschieht alles am 26. Januar, während noch Wilsons Dampfer nach Khartum unterwegs sind, und Gordons unbestatteter Leichnam ohne Kopf vor seinem Palast liegt, und der Mahdi drüben in Omdurman sitzt, mit einem undurchdringlichen Lächeln. * Am Tage darauf wird Gnade und Schonung verkündet. Auch die Kaufleute von Khartum sollen am Leben bleiben, sofern sie auf eitle irdische Güter verzichten. Man stellt ihnen frei, ihre Waren ins Wasser zu werfen oder sie ins Beit el-Mal zu schicken, das gemeinsame Schatzhaus der Derwische. Sie verstehen alle den Wink und wählen das Schatzhaus. An diesem Tag, am Dienstag, besteigen der Mahdi und der Khalifa den Dampfer »Ismailia«, auf dem Gordon vielleicht noch hätte entfliehen können, hätte er gewollt, – und fahren von Omdurman über nach Khartum, wo man für sie die schönsten Häuser bereit hält. Der Mahdi ist in Khartum, als die beiden englischen Schiffe vor der Stadt erscheinen; während Colonel Wilson so angstvoll die ägyptische Flagge auf dem Dach des Palastes sucht, ist der Mahdi dort. Aber es ist nicht sein Wille, Khartum, eine Stadt der Ungläubigen, die von Allah gestrafte Sündenstätte, zur Hauptstadt des neuen Reiches zu machen. Er besieht in Khartum die ungeheure Beute, betet öffentlich in der Moschee und kehrt zurück ans andere Ufer, nach Omdurman. Dort entsteht binnen wenigen Wochen eine neue Stadt. * Aller Reichtum Khartums wird nach Omdurman geschleppt. In Khartum bleiben nur das Arsenal, die Dampferwerften. Alles, was tragbar ist, wird in Omdurman zusammengehäuft. Den arabischen Kriegern, die so eifrig geplündert haben, wird nun gepredigt: wer von der Beute des Glaubensheeres nur eine Nadel für sich behält, der wird sie dereinst auf dem Grunde des brennenden Höllenfeuers zu suchen haben! Und es fehlt nicht an ebenso grausamen irdischen Strafen für jene, die ihre Beute behalten. Dennoch werden die Großen, die Scheichs und Emire, sehr plötzlich reich. Aber das Beit el-Mal, das gemeinsame Schatzhaus, ist voll und übervoll von den geraubten Schätzen. In einem Hof liegt das Durrhakorn so hoch geschichtet, daß man den Haufen, wie einen wirklichen Berg, schon von fernher sieht. Es gibt ganze Zimmer, gefüllt mit Goldschmuck und Silberschmuck und goldenen englischen Sovereigns und Maria-Theresia-Talern. In einzelnen Räumen des Beit el-Mal werden Goldbrokate in lauter kleine Stückchen zerschnitten und die kostbarsten farbigen Seidenstoffe; man macht zierlich geformte Flicken daraus, um die Bettlerkleider damit zu besetzen, die Kleider der Demut, die Derwischhemden. Im Beit el-Mal liegt kunterbunt der erbeutete Trödel der europäischen Zivilisation, die in Khartum so verheißungsvoll anfing: jene Konservenbüchsen und Petroleumlampen, von denen in seinen Briefen an den »Esploratore« der arme Gessi so sehr geschwärmt hat. – Da liegen Badewannen, lithographische Pressen, Galakutschen des Gouverneurs und eine Laterna magica. – – * Zum Beit el-Mal gehört auch eine große Sklavenseriba mit zwei Abteilungen: eine für die schwarzen Sklavenweiber und Sklavenkinder und eine für die weißen. Die Sklaven, mit Eisenringen um ihre Hälse und zu zwanzig und dreißig an eine lange Kette geschlossen, warten hier, bis man sie zugunsten des Schatzes versteigert; vorher werden die jüngsten und schönsten Frauen, die weißen vor allem, an die Großen des Derwischstaats verteilt. Die erste Wahl hat der Mahdi selber, dann kommen die drei Khalifen daran, dann die großen Emire und schließlich die Aschraf, das sind die Verwandten des Mahdi. Die Frauen und Töchter der Türkenpaschas, der orientalischen Christen gelangen oft in den Harem jener, die ihre Gatten und Väter ermordet haben. Eine gewisse Amina wird mit vielen anderen Weibern in die Frauenhäuser des Mahdi gebracht. Ihr Vater war Abu Bekr e-Dscherkûk, ein Khartumer Notabler, der gleichfalls ermordet wurde; auch Aminas Gatte ist unter den Opfern gewesen und ihre Kinder sind vor Hunger gestorben. Sie ist eine Frau von seltener Schönheit, so wählt man sie für den Mahdi. Man sagt in Khartum, daß sie den Mahdi mit Leidenschaft liebe. * Nachdem von der Grenze bei Dongola die Nachricht vom Rückzug der englischen Nilarmee gekommen ist, predigt der Mahdi darüber öffentlich in der Moschee. Kein Zweifel mehr, dies ist der Sieg, der völlige Sieg! – Der Mahdi hat in einer Vision geschaut, wie es den fliehenden Engländern, Türken und Mahdileugnern ergeht: inmitten der Wüste, weiß er, rinnen ihre Wasserschläuche auf einmal aus; sie haben auf wunderbare Weise Löcher bekommen, so daß die Feinde alle verdursten müssen. – – Jetzt sind im Sudan nur noch Sennaar und Kassala zur Übergabe zu zwingen, und dann – – Schon bereiten die Schreiber des Mahdi die Briefe vor, durch die nach der völligen Unterwerfung des Sudans Mehemed Tewfik, der Vizekönig Ägyptens, Johannes, Negus von Abessinien, und auch Viktoria, Königin von England, zur Bekehrung und Übergabe aufgefordert werden sollen: wenn sie sich nicht zu der Lehre des Mahdi bekennen, werden sie sicherlich Gordons Schicksal erleiden, denn auch er war voll Stolz und voll Hochmut! In alle Länder des Islams gehen geheime Boten des Mahdi mit Briefen, in denen die neue Lehre gepredigt wird. Bis nach dem fernen Marokko blickt der Mahdi schon. In Ägypten hat er so manchen heimlichen Freund. Sein Traum vom Zug durch die ganze Welt ist nicht ausgeträumt. * Aber der Sieg hat alles so anders gemacht. Jetzt ist außer dem Traum auch ein Reich da, das man regieren muß, eine tägliche Wirklichkeit, die man täglich bezwingen muß. Der Feldzug gegen Ägypten erfordert Rüstungen. Man hat die Dampfer erbeutet, aber sie sind beschädigt. Gewehre hat man in Massen, aber nicht Pulver genug. Gold und Silber hat man, aber nicht genügend gemünztes Geld. Auf der Werft in Khartum, im Arsenal, in der Münze beginnt die Arbeit von neuem. Die Werkstätten, Werkzeuge hat man erbeutet, die Werkleute aber hat man erschlagen, die geschulten ägyptischen Werftarbeiter und jene, die Dampfmaschinen verstehen und wissen, woraus man Schießpulver machen könnte. Die Mahdîjja, die gegen Europas Kultur zu den Waffen gegriffen hat, sieht sich, sobald ihre Herrschaft befestigt ist, sogleich nach europäischen Waffenschmieden um und nach Ingenieuren und nach Leuten, die das Mahdigebetbuch zu drucken verstehen. Hier oder dort, in irgendeinem Gefängnis, liegt ein Europäer oder Ägypter in schweren Ketten, der das vielleicht könnte. Soll man ihn peitschen, soll man ihn töten, oder soll man ihn im Arsenal gebrauchen, auf der Dampferwerft? Da ist Frank Lupton, der Engländer, da ist Slatin. – * Der Erwartete Mahdi, der auszog, um irdischem Gut zu entsagen, muß ja doch seine Truppen entlohnen. Schon schlägt man Silberstücke, Medschidieh-Münzen, mit der heraldischen Sultanshand auf der einen Seite, aber nicht mit dem Namen des Türkensultans darauf, sondern mit der Inschrift: »Auf Befehl des Mahdi.« Und auf dem Revers: Jahr der Hedschira dreizehnhundertundzwei. Darüber noch eine Zahl: Fünf. Das bedeutet: Im fünften Jahr der Mahdîjja. Fünf Jahre ist es her, seitdem der Derwisch von Abba in seinem Traum die Hand nach dem Schwert des Propheten ausgestreckt hat, das den Kampf gegen alle irdischen Dinge bedeutet. Nun prägt man ein Sinnbild der nämlichen Hand auf Zwanzig-Piaster-Stücke. * Vor dem Sieg war es anders: man konnte von lauter Entsagung träumen, einer güterlosen Gemeinschaft in Gott, von der Gleichheit unter den Ansar. – – Der Sieg, die Beute, die Macht, das verändert alles. So wie der hagere Derwisch von Abba fast vor den Augen der Seinen körperlich anschwillt, so ist aus seiner Schar von begeisterten Jüngern erst eine Armee geworden und dann ein Staat: dieses Beit el-Mal, in das man, der Welt entsagend, seine irdische Habe ausschütten sollte, – wird ein Finanzamt, zahlt Löhnung aus und zieht Steuern ein, ja, genau solche Steuern, wie der Turk sie eintrieb. An Stelle der Beys und Paschas, die man erschlagen hat, versammelt sich um den Mahdi und seinen Khalifa ein Volk von Schreibern, Verwaltern, von Statthaltern der Provinzen. Es kann nicht anders sein, es ist jetzt nicht mehr ein Traum, es ist jetzt eine Regierung. – – Die Gefährten des Mahdi sollten brüderlich gleich sein, es sei denn im Krieg, im Befehl und Gehorsam. Jetzt, so kurz nach dem Sieg, sind sie schon ungleich an Rang. Die einstigen Jünger des wandernden Derwischs, noch vor den Gesichten von Abba, nennen sich »Erstgeborene« der Mahdîjja und blicken auf die Ansar hinab, die erst nach Abba kamen, um mit dem Mahdi dort gegen die Soldaten des Paschas zu kämpfen. Die Ansar von Gadir, die am Berge zum Mahdi kamen, sind wieder geringer im Grad; je später einer zu der Partei stieß, desto weniger gelten sie nun nach dem Sieg und bei der Teilung der Beute. Auch dünken die »Aschraf«, die Verwandten des Mahdi aus Dongola, sich viel mehr als die anderen, wegen ihres scherifischen Bluts. Die Vettern des Mahdi tun, als wäre der Sieg nur ihnen zuliebe erfochten; man haßt sie wegen ihrer überheblichen Haltung. Zwischen ihnen und den Verwandten und Landsleuten Abdullahis, des Baggara, herrscht eine tiefgehende Feindschaft. Nur daß der Mahdi und der Khalifa so fest vereinigt sind, verhindert offene Kämpfe zwischen Kamelbeduinen und Kuhbeduinen, zwischen den Aschraf und Baggara. Aber in dieser Stunde des Sieges sind Mohammed Achmed und Abdullahi einander so nah wie nur je. Alles hat der Erfolg verändert, nur nicht diese Beziehung zwischen diesen einander so ungleichen Menschen, dem Träumer und dem Soldaten, dem Wütigen und dem Sanften, dem Geist des neuen Glaubens und seiner Faust. – – * Bald nach dem Falle Khartums erläßt der Mahdi eine neue Proklamation: »Im Namen Gottes. Wisset, die Ihr mir folget, daß der Sajjid Abdallah Ibn es-Sajjid Hamadallah derjenige ist, den in meiner Vision der Prophet als den Führer des Mahdiheeres bezeichnet hat. Er ist von mir und ich bin von ihm. Behandelt ihn mit der gleichen Ehrfurcht wie mich, füget Euch ihm so wie mir, glaubet an ihn, bemängelt nie, was er tut. Was immer er tut, geschieht auf den Befehl des Propheten und meinen. – »Wenn er einen von Euch zum Tode verurteilt oder wenn er Euer Eigentum nimmt, das geschieht zu Eurem Vorteil, also gehorchet ihm. – – »Alle, die an Gott glauben und an mich, müssen an ihn ebenso glauben; und sieht einer etwas an ihm, was schlecht zu sein scheint, so schreibe er das einem Mysterium zu, das er nur nicht versteht; es ist schon gut so! »Der Khalifa Abdullahi ist der Gebieter der Gläubigen, mein Stellvertreter und Helfer in allen geistlichen Dingen. Also glaubet an ihn, gehorcht ihm, zweifelt nicht und vertraut ihm in jeder Sache. – Und Gott sei mit Euch. Amen!« Das hebt den Taaischi hoch über die beiden anderen Khalifen des Mahdi empor, stellt ihn beinah dem Meister gleich, erhebt ihn über die Aschraf, obwohl sie aus Mohammed Achmeds eigenem Blut sind, über die Brüder, die jungen Söhne des Mahdi. – – Daß der Khalifa einst der Nachfolger des Mahdi sein soll, steht nicht in der Proklamation. Der Mahdi stirbt wohl einst, doch erst nach fernen Jahrzehnten, in Jerusalem! * Râbi tâni, Dschumâd auwil, Dschumâd tâni, Redscheb, Schabân, – die Monate des muselmanischen Mondjahres folgen einander, in Europa sagt man: Ende Januar bis Mitte Juni. Ende Januar ist Gordon gestorben, und noch immer hat das Heer des Mahdi sich nicht in Bewegung gesetzt, um die übrige Welt zu erobern. Omdurman, erst ein bloßes Lager, ist jetzt eine große Stadt. Der Khalifa hat sich ein Haus gebaut, man findet Gordons Badewanne darin und Spiegel aus seinem Palast. Der Mahdi wohnt noch in schlichten Hütten, aber die Wohnungen seiner Frauen bedecken einen ganzen Bezirk, der sorgsam umfriedet und eingehegt ist. Die Zahl der Weiber im Harem wächst und wächst: es sind wohl schon hundert. Ist es wahr, was man zu flüstern beginnt, daß der Mahdi längst nicht mehr der Aszet von einst ist? Daß er nicht nur mit Unmaß auf Weiber begierig ist, daß er auch im Essen grenzenlos ausschweift? Es heißt, daß er einfache Speisen liebt, die gröbsten Sorten von Fischen, Durrhafladen mit saurer Mulakhsoße, Bohnen, Erdnüsse, Sesam, alles Derbe, Gewöhnliche, – daß er aber das Essen in ungeheuren Mengen zu sich nimmt, ganz ohne Maß. Er, der auf Abba gepredigt hat: »Der Weg zur Mahdîjja beruht auf sechs Tugenden: Demut. Milde. Geduld im Ertragen. Gebet an den Gräbern der Heiligen. Enthaltung im Essen. Enthaltung im Trinken.« +++ Nach dem Siege ist alles anders! Der junge Derwisch Mohammed Achmed ist von seinem Lehrer Mohammed Scherif einst abgefallen, weil der ein Beschneidungsfest nicht verbot. Der siegreiche Mahdi läßt am Tag der Himmelfahrt des Propheten an seinen Söhnen die Zeremonie vollziehen, und es gibt ein gewaltiges Festmahl; Rinder und Schafe werden geschlachtet; die Aschraf, die Emire und Großen schwelgen im Genuß von roher Kamelleber und von anderen kostbaren Speisen, es herrscht in Omdurman Jubel und Lustbarkeit. – – * Der Stern des Mahdi steht jetzt sehr hoch; es zweifeln, jetzt nach Gordons Vernichtung, die wenigsten mehr an ihm, auch nicht im geringen Volke, dessen Leiden nicht kleiner geworden sind. Der heiße Sommer, der Menschenandrang in den Hüttengäßchen von Omdurman, die Not der Massen haben Seuchen hervorgerufen; es sterben täglich Hunderte an den Pocken. Das trübt die Jubelstimmung. Einige sagen, die Engländer haben die Konserven vergiftet, die man nach ihrem Rückzug gefunden hat. Nein, sagen die anderen: »Die Blattern sind Gottes Strafe, es sterben nur jene, die den Râtib nicht rezitieren, das neue, vom Mahdi verfaßte Gebetbuch. – –« So groß ist noch die Verehrung des Mahdi, daß man das glaubt und stirbt, ohne zu murren. Aber einige wenige fangen ja doch zu flüstern an. Ein Spion des britischen Nachrichtendienstes in Kairo, der sich im Sudan herumtreibt, notiert einen bösen Spottvers, den er gehört haben will: »Sprich zur Seuche: Du und der Dongolaner, – – Habt doch ein wenig Mitleid mit den Menschen, den armen! Einer von euch ist ja Plage genug!« Und der Pater Josef Ohrwalder, der noch immer in El Obeïd sehr erbärmlich lebt, hört (es steht zu befürchten: – nicht ohne Vergnügen) allerlei Dinge, die man ihm zuträgt: was für ein Heuchler, was für ein Schwelger, Fresser, Frauenjäger der Mahdi ist, wie er sich anfrißt und fett wird, dieser scheinheilige Schwindler. – * Ist er nicht einfach ein Sûfi, den man in seiner Jugend gelehrt hat, daß ein höherer Grad der Erkenntnis höhere Tugenden nötig macht? Daß die gemeine Herde der Menschen gewisser Schranken bedarf, die für den Urefa nicht gelten, den Gottvereinigten? Sechs Tugenden des gemeinen Haufens hat der Derwisch von Abba einst gepredigt, sie seien der Weg zur Mahdîjja: Demut, Sanftmut, Gebet, Geduld, wenig Essen und Trinken. – – Später hat er gelehrt: das Mahditum selber beruhe auf ganz anderen Tugenden, auf Tugenden derer, die nicht mehr so mager sind: auf Entschlossenheit, Gottvertrauen, Vorsicht, Ergebung in Gott, Einheit des Glaubens und heiliger Krieg. – – Das war vor dem Siege. Was aber geht jetzt hinter der lächelnden Maske des Mahdi vor? Woran hält er sich jetzt noch gebunden, er, der mit der Gottheit vereinigt ist und so hoch, so hoch über jeder menschlichen Sünde? Die Kanzel Am letzten Tag des Monats Schabân (es ist ein Freitag, also der Tag der Gebetsversammlung) umlagert sehr früh eine große Menge der Gläubigen den Moscheeplatz von Omdurman. Morgen beginnt der Monat Ramadan, in dem der Koran zur Erde gesandt worden ist: der Fastenmonat des Islams. Man erwartet an diesem Freitag vor dem Beginn der Fasten eine große Predigt des Mahdi. Vielleicht kündigt er die großen Dinge an, auf die man wartet, den neuen Feldzug gegen Ägypten und das Ende der Blattern und aller Nöte, unter denen die Gläubigen leiden. – – Man wird ihn jedenfalls sehen, vielleicht kann man sein Gewand berühren! * Die zuerst Gekommenen umdrängen das Tor, das zu dem Gebetplatz führt; man hat dort ein Blatt Papier angeschlagen gefunden, und irgendein Schriftgelehrter, ein Fikih, liest den Aufruf des Mahdi an seine Gemeinde vor. Da steht: »Im Namen Gottes, des Erbarmers. Der Diener des Herrn, Mohammed der Mahdi, sagt: der kommende Monat ist der Ramadan. Dies ist die Zeit, um nahe zu Gott zu kommen. Weihet Gott diesen ganzen Monat und gewöhnt Euch an Enthaltsamkeit und Beschwerden. Beschwerden und Sorgen kommen zu uns durch den Willen Gottes, so daß unser Glaube und unsere Geduld erprobt werden können. – Gott ist gut ohne Ende, und wenn wir ihm ganz vertrauen, erreicht uns kein Übel! – – »So klaget nicht, was Euch auch immer geschehen mag. Seid geduldig auch in der strengsten Betrübnis. »Es gibt keinen Gott als nur Gott, und alle Macht ist bei ihm . Dessen seiet gewiß, meine Brüder. An ihn wendet euch , sprechet zu ihm von Eurer Not, wir alle sind seine Diener. »Mich aber sollt Ihr in diesem Monat nicht stören, um Eure Sorgen vor mich zu bringen. Laßt mich den Ramadan-Monat völlig dem Ewigen weihen, dem Gebet, der Meditation. »So einer von Euch der Geduld entbehrt, möge er seinen Fall meinen Khalifen und Dienern melden oder dem Richter. – –« * Während vor dem Moscheeplatz die ersten Frommen sich sammeln und ehrfurchtsvoll diesen Aufruf vernehmen, liegt der Mahdi erst halbwach in seinem Hause. Die Wohnhütte, wo er sich meistens aufhält, ist geräumig; sie ist aus Brettern erbaut und mit Teppichen ausgekleidet. Der Mahdi liegt, fett, verquollen, ungeheuer, auf einem schönen Ruhebett, das aus Yemen stammt; unter dem Kopf hat er ein Kissen aus Goldbrokat. Hier im Innern des Hauses trägt der Mahdi nicht die grobe Derwisch-Dschubba, sondern weiße Gewebe von seidiger Weichheit und auf dem Kopf ein gesticktes, seidenes Käppchen. So liegt er zwischen Wachen und Schlaf, vielleicht war das Frühmahl zu reichlich. Wie er so daliegt, ein Koloß, ist alles an ihm ganz unbeweglich, nur nicht die Augen, die schon wach sind und sehen können. Der Blick des Mahdi folgt seiner Hauptfrau Aïscha, oder der schwarzen Amina, Tochter des Abu Bekr el-Dscherkûk. Aïscha, die man »die Mutter der Gläubigen« nennt, ist seine Base, die Tochter des Achmed Scharfî; sie hat unter seinen Frauen den obersten Rang und steht vielleicht dem Mahdi wirklich am nächsten. Die andere ist jene Nebenfrau, deren Vater und Gatte bei dem Gemetzel nach Gordons Tode gefallen sind und die jetzt im Harem des Mahdi lebt: ein prachtvolles dunkles Geschöpf. In diesem Augenblick ist sie vom Mahdi begünstigt. Außer den beiden, die stets um den Mahdi sind, kommen unter dem Vorwand, kleine Dienste zu leisten, noch andere Weiber leise ins Zimmer geschlichen. Einige haben das Amt, mit Straußfederwedeln hinter dem Lager zu stehen und die Fliegen zu scheuchen, andere wieder sind im Massieren geübt und kneten dem ruhenden Mahdi sachte die Füße. Diese Weiber des Harems sind weiß oder braun oder schwarz und von vielen Stämmen. Es gibt kupferfarbene abessinische Christenmädchen darunter und Dinkanegerinnen, so dunkel wie Ebenholz. Ihre Gewänder bezeichnen den Grad der Gunst, die diese Frauen genießen, sie sind aus Wolle mit bunten Rändern, oder mit Seide durchwirkt, oder aus ägyptischem Schalstoff. Da das Gesetz der Mahdîjja Goldschmuck und silbernen Zierat verbietet, tragen die Frauen nur Perlmutterknöpfe, Korallen und Onyx als Schmuck. Ihre Haare sind kunstvoll geflochten und riechen seltsam. Jetzt tritt Aïscha, die »Mutter der Gläubigen«, an das Ruhelager des Mahdi. Aïscha (sie trägt den gleichen Namen wie die Lieblingsfrau des Propheten Mohammed!) ist nicht mehr jung und fast so fett wie der Mahdi selber, den sie mit Zärtlichkeit liebt. Sie beugt sich über sein Lager, küßt ihn auf Stirn und Nacken. Er lächelt; und seine Augen suchen Amina. * Während der Mahdi noch daliegt und ausruht, hört man von außen her schon das Gemurmel des Volkes. Die Menge auf dem Moscheeplatz ist nun schon dichter geworden, und Hunderte von den Ansar von höherem Range, die Kampfgefährten von Abba und Gadîr, umringen die Dornenhecke, die das Hüttengehöft des Mahdi umgibt: es ist ihre Gewohnheit und eine Art Vorrecht, an solchen Tagen sich einen besonderen Segen zu holen. – Mehrmals kommen schwarze Eunuchen von draußen herein und flüstern mit Frau Aïscha: die Menge werde schon ungeduldig. Aber die dicke »Mutter der Gläubigen« sagt, nach einem Blick auf den ruhenden Herrn: Der Mahdi ist noch tief in seiner Meditation und kann noch nicht kommen. Aber er sendet den Ansar seinen heiligen Segen! Die Eunuchen gehen mit einem tiefen Salaam hinaus. Vielleicht grinsen sie innerlich. Wie die Menge die Boten des Mahdi sieht, wird sie ganz stumm vor Verehrung, und der Obereunuch spricht feierlich eine Formel des Segensgrußes. Die vor der Dornenhecke Versammelten kehren nun, tief beglückt, auf den Moscheeplatz zurück. Aus der dort wartenden Menge strecken sich ihnen gierige Hände entgegen: es ist gut, zu berühren, wen der Mahdi gesegnet hat, heilige Kräfte gehen von ihm aus. – – * Nun ist es bald Zeit für das Mittagsgebet; aber die seltsame Trägheit des Mahdi ist noch nicht überwunden. Er ist wieder eingeschlafen; Aïscha muß ihn erst wecken. Nun strömen von allen Seiten die Weiber des Harems herein, um ihm beim Waschen und Anziehen zu helfen. Vier Frauen bringen die Wassergefäße und tragen sie dann wieder fort; mit der größten Sorgfalt geben sie acht, daß nach dem Waschen von dem schmutzigen Wasser auch kein Tropfen verlorengehe. Dieses Waschwasser ist sehr heilig und heilsam; es wird aus dem Harem an Kranke verkauft, die gesund werden können, wenn sie es trinken. Ebenso verkaufen die Haremseunuchen Säckchen voll Erde: man gräbt an Stellen, auf die der Mahdi getreten ist, nachher den Boden auf. – Auch wenn der Mahdi im Zimmer geht, er geht etwas schwer in den letzten Wochen, – stürzen die Weiber hinter ihm her und küssen den Fleck, den er eben berührt hat. Man bringt die Kleider des Mahdi: die roten Schuhe, die mit Flicken besetzte Dschubba aus rauhem Fries und das schneeweiße Turbantuch. Während der Turban kunstreich gewickelt wird, plaudert der Mahdi mit dem kleinen Buschra, demjenigen seiner Kinder, das ihm am liebsten ist. Der Knabe, sehr lebhaft und etwas stolz, hat die großen Augen des Vaters. Er erhält einen kleinen Verweis wegen eines goldenen Ringes, den ihm jemand geschenkt hat und den er am Finger trägt. – »O mein Sohn«, sagt der Mahdi, »nur der Turk trägt goldenen Schmuck, denn sie lieben das Irdische.« – Aber der Mahdi lächelt, wie er das sagt. Der Knabe, er mag zehn Jahre alt sein, läuft mit dem Ring davon. Vor der Seriba tritt unterdessen die bewaffnete Garde des Mahdi an, um ihn zur Moschee zu begleiten und vor der Verzückung des wartenden Volkes zu schützen. * Die Mahdîjja verschmäht die prunkvollen Bauten, in denen die Türken zu Allah beten. Die Moschee des Mahdi in Omdurman ist nichts als ein riesiger offener Platz, ihn umgibt eine Mauer aus Lehm, und auf kunstlosen hölzernen Pfeilern ruht eine Art Schattendach aus getrocknetem Palmlaub. Die Gebetnische, in der Richtung auf Mekka, ist aus Eisenplatten errichtet, die man im Arsenal von Khartum gefunden hat. In dieser Nische spricht der Mahdi, als der Imâm der Versammlung der Gläubigen, die Gebete vor; er ist hier von allen Seiten zu sehen. Wenn er predigen will, verläßt er die Gebetnische (Mihrab genannt) und besteigt den Mimbar, das ist die Kanzel, genau in der Mitte des großen Platzes. Die Kanzel ist nur eine einfache hölzerne Plattform, zu der man auf wenigen Stufen hinauf gelangt. Aber von hier aus blickt der Mahdi auf die ganze Gemeinde nieder, und abermals können ihn alle sehen. * Der Mahdi, von seiner bewaffneten Garde umgeben, gelangt an das Westtor des großen Platzes. Er tritt ein und betritt die heilige Nische. Draußen haben die Lanzenträger Mühe gehabt, den Zudrang der Menge mit Gewalt zu verhindern. Aber wie der Mahdi den Gebetsplatz betreten hat, entsteht ganz von selbst die Ruhe, die strenge Ordnung des Gottesdienstes. Der Platz eines jeden ist vorher bestimmt, seinem Range entsprechend. Die Khalifen, Emire, die Aschraf sitzen hinter dem Mahdi. Die große Menge, zu Tausenden, hockt in zehn endlosen Reihen auf dem mit Matten belegten Boden, jeder hat seine Schuhe und seine Waffen vor sich, so bezeichnen sie seinen genauen Platz, den zu beachten sehr wichtig ist. An dieser Stelle wird das Haupt des Beters den Boden berühren. An diesem Freitag ist der Moscheeplatz noch voller als sonst. Das große Geviert ist ganz hell von weißen Gewändern. Auf einem besonderen Platz, so daß man sie zählen kann, stehen die »Mussalamieh«, das sind die Neubekehrten, die früher Christen gewesen sind. Rudolf Slatin ist nicht in dieser Gruppe; er liegt zwar jetzt nicht mehr in Kettenhaft, aber als Leibwächter des Khalifen Abdullahi hat er seinen Platz neben seinem Herrn. Jetzt ist es ganz stille. Jetzt geht es durch die weißgekleidete schweigende Masse wie ein Wind durch ein weißes Mohnfeld. Ein jeder hat die vorgeschriebene Bewegung vollführt, hat an sein Ohr gegriffen, um es symbolisch vor der Welt zu verschließen, hat hörbar gemurmelt: »Diesem Imâm will ich es nachtun und sagen, was er da sagt!« Sie sitzen, streng aufgerichtet, auf ihren gekreuzten Schenkeln, das Gesicht zu der Nische gewendet, die nach Mekka weist. Jetzt ist es wieder ganz still; und auf einmal hört man die Stimme des Mahdi, die die Gebete zu sprechen beginnt. Es ist eine berauschende Stimme, es ist ganz die Flammenstimme von einst, die in dem verfetteten Leib dieses Mannes nicht verquollen, erloschen ist. * Der Mahdi spricht die Korankapitel, die Lobpreisungen Allahs. An den üblichen Stellen wirft er sich auf den Boden der Nische nieder, und mit einem Rauschen wie Sturm folgen die Tausende, jeder auf seinem Platz. Dort, wo die Zehen erst standen, dort müssen sie immer bleiben. Die Lage der Hände ist vorher bestimmt, und wenn man aufzustehen, sich tief zu verbeugen, wieder aufs Antlitz zu fallen hat. – – Der Mahdi macht es der Menge vor; mit einer Stimme sprechen sie nach, was er sagt: »Preis sei Gott, eine Fülle des Preises, wie ER geboten hat. Ich bekenne, daß keine Gottheit ist als nur Gott; ER hat keinen Gefährten. Ich bekräftige, daß ER über alles erhaben ist, und verdamme den, der nicht glaubt und leugnet. Und ich bezeuge, daß Mohammed, unser Herr und Prophet, SEIN Diener ist und Apostel, der Herr der Menschheit, der anerkannte Vermittler am Tag der Versammlung. – –« Und: »O Gott, hilf dem Islam und seine Pfeiler befestige. Und den Unglauben laß erzittern und zerstreue seine Macht! O Gott, hilf den Kräften der Muselmanen und den Heeren der Einheitsstreiter. O Gott, vereitle das Tun der Ungläubigen und derer, die an mehrere Götter glauben, DEINER Feinde, der Feinde der Religion. O Gott, kehre ihre Banner zur Erde und zerstöre ihre Behausungen und gib sie und all ihren Reichtum zur Beute der Muselmanen. – –« * Ein Wogen, ein Rauschen, ein jeder wendet sich um: der Mahdi hat die Mihrab-Nische verlassen. Er geht quer durch den Gebetsplatz bis zu den Stufen der Kanzel. Dort bleibt er stehen, aller Augen ruhen auf ihm. Ein »Murrakki« tritt vor, ein Diener des Gotteshauses, und überreicht dem Mahdi sein Schwert. In Ländern, die der Islam erobert hat, wird beim Freitagsgebet in jeder Moschee ein hölzernes Schwert als ein Sinnbild des Sieges dem Volke gezeigt. Aber das Schwert, das der Mahdi nun hält, mit der Spitze zur Erde, ist nicht aus Holz. Eine riesige stählerne Klinge mit goldenem Kreuzgriff. Ein Funkeln geht davon aus. Das Schwert des Mahdi, das wunderbare, das sagenumsponnene, das den Sudan erobert hat und nächstens die Welt erobert. – – Unwillkürlich berühren die dunklen Krieger des Derwischheeres ihre eigenen Waffen. Sie werden nun bald wieder kämpfen, sie werden siegen! * Mit dem Schwert, das er in beiden Händen erhoben hält, steigt der Mahdi die Stufen zur hölzernen Plattform empor. Auf der Kanzel setzt er sich nieder. Zwei gekreuzte Banner, mit heiligen Texten benäht, erheben sich über dem Haupt des Predigers. Sein Schwert hält er vor sich hin. Eine fromme Formel wird abgesungen. Nun erhebt sich der Mahdi. Man hört seine herrliche Stimme durch ein tiefes Schweigen der lauschenden Tausende. * Die Predigt beginnt mit einer Ermahnung zur Buße, zur Einkehr im kommenden Ramadan. Er klagt über die Laster, an denen das muselmanische Volk noch hänge; selbst meine Verwandten, die Aschraf (sagt er mit Schärfe), sind nicht frei davon. An Leichtfertigkeit wetteifern sie miteinander, sie glauben, die Mahdîjja sei für sie allein da. – – Der Mahdi hebt sein Derwischgewand auf und klopft es aus. Er sagt, indem er diese Geste des Abstreifens tut, mit erhobener Stimme: »O ihr Muselmanen! Ich bin unschuldig an ihrem Treiben. Seid ihr Zeugen für mich vor Allah dem Erbarmer!« Der Mahdi blickt zu der Stelle, wo seine Verwandten sitzen. Sie lassen die Köpfe hängen, regen sich nicht. Vielleicht wirft einer einen zornigen Blick zum Khalifa hinüber. Abdullahi zeigt ein kaltes Lächeln. Die Baggara, die sich rings um ihn drängen, wilde Gestalten, beginnen freudig zu murmeln. Aber die Stimme des Mahdi, stärker schwellend, verschafft sich von neuem Gehör: »Dies ist ein Wort des Propheten: Zwei Tugenden übe, solange du in der Welt bist. Wer mich liebt, muß diese Tugenden lieben, und wer mich haßt, der muß diese Tugenden hassen. Wer diesen Tugenden folgt, der ist an sich glücklich und das Licht Gottes strömt auf ihn nieder. Doch wer diese Tugenden nicht beachtet, der ist niemals zufrieden. Es ist gesagt: ›Wenn ein Mann zwei goldene Täler hat, so wird er ein drittes wünschen.‹ Deswegen, o Freunde, achtet auf diese Tugenden, sie sind: Armut und der heilige Krieg!« * Wie ein Windstoß wühlt das Wort in der Versammlung. »Krieg!« hat der Mahdi gesagt; und wie er es sagt, erhebt er mit beiden Händen sein Schwert; und das Gold der Scheide funkelt nicht stärker als seine Stimme. Das ist nicht mehr der träge, gealterte Mensch von vorhin, der schläfrig auf seinem Bett lag. Da ist er wieder, der Derwisch von Abba, da ist sie wieder, die Flammenstimme, deren Hauch einen ganzen Erdteil versengt hat. Unter den Hörern zu den Füßen des Mahdi sind auch Menschen, die ihn von Herzen hassen: Rudolf Slatin, der noch vor kurzem so elend in Ketten lag, und der halb verhungerte Mustafa Klootz, der ein Jammerdasein zu Ende fristet, und die griechischen, koptischen Kaufleute, zitternde Renegaten; mit gesenktem Blick stehen sie in dieser verhaßten Moschee. Und doch, sie alle fühlen sich seltsam bewegt und ergriffen, da sie diese Stimme vernehmen, da diese Augen auf ihnen ruhen. Ihre widerstrebenden Herzen beginnen stärker zu schlagen, da der Mahdi spricht; man kann diesem Zauber nicht widerstehen. * Der Mahdi redet von diesem Schwert, von den großen Taten, die es noch zu vollbringen hat, in den vier Jahrzehnten, die ihm noch auf Erden beschieden sind. Große Gesichte, oft wiederholte, haben es immer wieder verkündet. Engelszungen haben gesprochen, erst vorige Nacht. – – In die große, andächtige Stille der atemlosen Versammlung hinein sagt die Stimme des Mahdi: »Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen! »Eine große Vision ward geschaut, o ihr Gläubigen. Man sah den Propheten und um ihn die Großen, die vier ersten Khalifen des Islams: Abu Bekr, Omar, Othman, den Imâm Alî. Sehet, sie traten neben den Erwarteten Mahdi. »Und ein strahlender Engel kam aus den Himmeln, und in Händen hielt er einen grünen Kranz. Und der Engel grüßte Mohammed den Propheten und sprach zu ihm: »Dein HERR entbietet dir Gruß und Segen; und ER läßt dich wissen, daß dies der Kranz des Sieges ist, SEIN Geschenk für den Imâm, den Erwarteten Mahdi. Das Zeichen des Sieges ist es, und ER befiehlt dir, mit deinen Händen es dem Mahdi zu geben. »Da reichte der Prophet den Kranz dem Erwarteten Mahdi, sprechend: ›Keinen Sieg gibt es, er sei denn von Gott.‹ Und er sprach zum Mahdi: ›Gott hat dich behütet durch seine Propheten und Engel. Keine Nation wird imstande sein, im Kampf gegen dich zu bestehen, nicht die Nation der Sterblichen und auch nicht die Völker der Geisterwelt. Die Krieger aber, die vorwärts schreiten für Gottes Glauben, sind willkommen bei Gott in der künftigen Welt. Ins Paradies sollen sie kommen dürfen, wo hohe Paläste sind, keusche Frauen und alles Glück und die Güter alle. Strahlend im Licht sind diese Paläste; doch einige bleiben in trauriger Dunkelheit. Dies ist die Stätte jener, die ihre Beute verbergen, für sich behalten, ohne dem Mahdi und seinem Khalifa davon zu melden‹ –« * Der Mahdi spricht lange weiter, bald mahnend und strenge, bald milde und schwärmerisch. Er spricht, mit seinem Schwert in der Hand, von den Siegen des Glaubens, die Allah gegeben hat, und von jenen, die er noch geben wird: nach Khartum wird der Mahdi Kairo erobern, und Mekka, ganz am Ende Jerusalem. – – Er steht auf der hohen Kanzel und spricht mit dieser himmlischen Stimme; und seinen Ansar schwinden die Zweifel der letzten Tage. Was geht sie die Seuche an, oder die Unbill der Aschraf, die Härte, mit der der Khalifa regiert? – Schwebt über dem Haupte des Mahdi nicht sichtbar der Siegeskranz? Steht hinter ihm nicht ein Formloser, Ungeheurer, nicht Azraïl, der wie in allen den Schlachten ein leuchtendes Banner hält? – * Fast alle erblicken ihn. Doch einige Tage später wird der und jener flüsternd erzählen: anders sei Azraïl am Freitag in der Moschee erschienen, als in den siegreichen Schlachten des Glaubenskrieges. Der Todesengel, sonst der unbezwingliche Kampfgenosse des Mahdi, habe sich plötzlich über ihn hingeneigt, sein strahlendes Antlitz beschattend. – – Der Engel Von vierzig Jahren des Lebens, des Sieges hat der Mahdi am Freitag gepredigt. Es vergehen vier Tage, da bemerkt der Türhüter am Tore Abdullahis, daß sein Herr, der Khalifa, den ganzen Tag aus dem Hause des Mahdi nicht heimkehrt. Dieser Türhüter, der da barfuß und im Harlekinshemd eines Derwisches in der glühenden Sonne warten muß, ist Rudolf Slatin. Seitdem man ihn aus den furchtbaren Ketten entlassen hat, ist er wieder der Knecht dieses Khalifa, den er so aufrichtig haßt, läuft neben seinem Pferde einher, wacht vor seiner Türe. Rudolf Slatin weiß vor den anderen Menschen in Omdurman, daß der Mahdi krank ist, daß er im Sterben liegt. * Am vierten Ramadan, am Mittwoch, hat das schwere Fieber den Mahdi befallen, ihn, der noch am Freitag so kraftvoll schien, ein Gebirge von Fleisch und Muskeln. Was ist das für eine plötzliche Krankheit? Die ersten Gerüchte in den engen Straßen von Omdurman, zuerst nur geflüstert, werden noch kaum geglaubt. Wie könnte denn der Mahdi erkrankt sein! Aber das Tuscheln geht weiter, wird halblaut, wird laut. Schon spricht man von Gift. Wenn im Sudan jemand krank wird, spricht man immer von Gift. – Eine Frau seines Harems soll den Mahdi vergiftet haben. Ja, Amina, Tochter des Abu Bekr el-Dscherkûk, den man erschlagen hat, aus Rache hat sie den Mahdi vergiftet! Am Donnerstagabend umdrängt eine riesige Menge die Seriba des Mahdi und den Moscheeplatz. Die Leute lassen sich nicht mehr beschwichtigen. Sie wollen den Mahdi sehen! Da tritt der Khalifa Abdullahi hervor, mit ernstem Gesicht. Er spricht zum Volk und bestätigt, daß der Mahdi sehr krank ist. Betroffen schleicht die Menge davon. Tags darauf, am Freitag in der Moschee, hält statt des Mahdi der Khalifa die Predigt und spricht das Gebet. Er mahnt die Gläubigen, für den Erwarteten Mahdi zu beten, dessen Leben in großer Gefahr sei. * Wie ist das möglich? Kann denn der Mahdi sterben? Kann er denn jetzt schon sterben? Eine Erstarrung kommt über das Volk, ein kaltes Staunen, das alle lähmt; dann heiße Erregung. – Während noch alles nach Fassung ringt, ruft man vor der Moschee und auf den offenen Plätzen die schon bekannte Proklamation des Mahdi aus, die den Khalifa Abdullahi über die anderen Khalifen des Mahdi emporhebt: »Denn er ist von mir und ich bin von ihm.« Jetzt erst versteht man, daß es sich hier um die Nachfolge handelt, daß der Taaischi der Erbe sein wird, wenn der Mahdi stirbt. – – Aber er kann doch nicht sterben! sagt man im Volk. Und auch schon: Der Kuhbeduine? Der Baggara soll uns beherrschen? Die Leute von Dongola stehen sogleich zusammen; während der Mahdi noch lebt, enthüllt sich die tiefe Spaltung zwischen den Baggara und den Danagla, zwischen der Mahdi- und der Khalifa-Sippe! * Der Kranke liegt in einer geräumigen Hütte nicht weit vom Ufer des Nils. Der Strom bleibt ihm nah bis zuletzt. Um das Lager herrscht die Geschäftigkeit der erregten Weiber. Eine jede weiß Mittel aus ihrer Heimat, die sicher helfen. Alle Heilkünste, Zauberformeln und Medizinen ganz Afrikas werden an dem kranken Mahdi versucht, der teilnahmlos daliegt und nichts zu empfinden scheint. Am besten, das wissen sie alle, ist flüssige Butter, in großen Mengen dem Kranken eingeflößt. Auch ein Absud aus Granatäpfelschalen ist wirksam! Man setzt dem Fiebernden Schröpfköpfe auf, aus den Hörnchen kleiner Gazellen gefertigt, man brennt ihn mit glühenden Eisen, spritzt ihm seinen eigenen Harn ins Auge, verdampft in dem Zimmer Räucheressenzen: Sandelholz, Kampfer, Jasmin, Akaziengummi und Asa Foetida. Dann wieder versucht man die Kraft der heiligen Talismane, der Formeln aus dem Koran, der magischen Sprüche. Uralte, hexenhafte Weiber und heilige Derwische mit irren Augen murmeln und schreien am Krankenbett. Man hängt dem Mahdi ein Stück vom Vorhang der Kaaba um seinen Hals, bespritzt ihn mit dem Wasser des Brunnens Zemzen, schiebt eine Oblate zwischen seine geöffneten Lippen, die aus dem Staub vom Grab des Propheten geformt ist. Man schreibt dem Kranken Gebete auf seinen Bauch und auf seine Hände, man schreibt Suren mit Tinte auf ein Papier und wäscht sie dann wieder ab; das Tintenwasser gibt man dem Mahdi, wenn er zu trinken verlangt. Da gar nichts hilft, wird ein wirklicher Arzt geholt. Ein ägyptischer Doktor, Hassan Zeki, der unter Gordon im Hospital von Khartum gearbeitet hat, ist wie durch ein Wunder bisher nicht umgebracht worden. Jetzt erinnert man sich, daß er vorhanden ist. – Er kommt sehr ungern, aber er muß. Am Bett des Mahdi murmelt er unentschlossen die Namen von Krankheiten: Herzverfettung, – Meningitis cerebrospinalis, – Typhus abdominalis. – Ja, Typhus am ehesten, es herrscht eine Epidemie. Es kann sein, daß der ägyptische Hakîm im Grunde nicht viel versteht. Aber eins ist sicher: er hütet sich, irgendeine Verordnung zu treffen. Wenn er etwas verschreibt und der Mahdi stirbt, wer wird dann schuld sein? Der Hakim nimmt seine Zuflucht zu Redensarten: man habe ihn sehr spät gerufen, und alle Macht sei bei Gott – »Allah wird helfen, er ist barmherzig!« * Wenn der Mondmonat Ramadan in den Sommer fällt, ist das Fasten sehr schwierig. Denn während des Tages ist dem Muselman nicht nur das Essen verboten, er darf auch nicht trinken. Nicht trinken, während eines sudanesischen Sommertages! Es ist schwer, es ist kaum zu ertragen. Die vielen Stunden der furchtbaren Hitze, bevor die Nacht kommt und man trinken und essen darf! Dennoch umlagert den ganzen Tag eine schweigende Menge das Hüttengehöft des Mahdi und achtet nicht auf die Sonne. Das braune und schwarze Volk des Sudans kann an nichts mehr denken als an den sterbenden Mahdi. Sie begreifen das nicht, daß er jetzt schon sterben kann! Sie begreifen die Wahrheit nicht: daß er gar nicht mehr leben könnte. Dieser zweiundvierzigjährige Mann in der Hütte stirbt nicht am Typhus und nicht an seinem verfetteten Herzen und nicht an Gift: er stirbt am Erreichen des Ziels und an der Vollendung des Lebens. Könnte der afrikanische Träumer dort denn weiterleben und Europa erobern? Eine Welt, die er sich nicht einmal träumen könnte? Seinen eigenen heißen Sudan hat er ergriffen, weil er ihn begriffen hat. Die wirbelnde Säule des Wüstensturms sinkt stets zusammen, sobald sie ihre äußerste Höhe erreicht hat; das ist ein Gesetz der Wüste. Warum der Mahdi so plötzlich stirbt? Weil er Gordon zu rasch besiegt, den Sudan zu rasch erobert hat. Die Menschen, die um die Seriba stehen, wissen es nicht. Ratlos und stumm, in der glühenden Sonne, im wehenden Staub, in dem furchtbaren Durst des Sudans umlagern sie die afrikanische Hütte, in der dieses Schicksal vollendet wird. Nicht wie der Tod eines Menschen ist es, es ist wie eine Naturkatastrophe der tropischen Länder, plötzlich, maßlos und unvermeidbar. * Am neunten Tag des Ramadan scheint das Fieber nicht gleichmäßig heftig. Der kranke Mahdi scheint manchmal wach und bei Sinnen zu sein. Er erkennt Aïscha, die »Mutter der Gläubigen«, und lächelt ihr einmal zu. Dann wieder einmal sucht er mit den Augen jemand. Vielleicht seine Knaben? Vielleicht seine schöne Sklavin Amina? Aber Amina, von der im Volk das Gerücht geht, sie habe den Mahdi aus Rache vergiftet, ist nicht in der Nähe. Das duldet Aïscha nicht. Später scheint sich der Mahdi wohler zu fühlen; sein Blick wird klar, er sieht die ernste Versammlung an seinem Lager. Man hat nun den Harem entfernt und die Großen des Mahdireiches hereingelassen. Nur Aïscha liegt, tief verschleiert, im Winkel und bändigt ihr Schluchzen. Die drei Khalifen stehen im Sterbezimmer, die nächsten Verwandten des Mahdi, seine Schreiber, die ersten Emire. Der Kranke hat alle erkannt, jetzt schließt er wieder die Augen, er scheint erschöpft. Der düstere Abdullahi tritt an das Bett und sieht den Mahdi sehr lange an. Der öffnet wieder die Augen, er lächelt, er sagt, mit seiner schönen Stimme, die wenig verändert klingt, einige Sätze. Es spricht nicht der leidende Mensch, sondern der Staatengründer und Führer. »Der Prophet« – – sagt der Mahdi. – – Er ringt, er müht sich, aber er setzt die übliche Formel hinzu: »Der Prophet, auf ihm sei der Segen und das Gebet. – – »Der Prophet hat Abdullahi zu meinem Nachfolger eingesetzt. – – Er ist von mir und ich bin von ihm. – – « Die großen Augen des Sterbenden ruhen einen Augenblick auf seinem Verwandten, dem Zweiten Khalifa Mohammed esch-Scherif. Der ist bleich, beißt seine Lippen. Der Mahdi schweigt, versinkt, scheint nicht mehr da. Dann hört man die Stimme noch einmal, so klar wie je. * Zwei junge ägyptische Araber, Studenten der hohen theologischen Schule von El Azhar, sind nach dem Fall von Khartum in den Sudan gewandert, um den Mahdi zu sehen. Sie haben als Beduinen verkleidet die Nubische Wüste passiert, der Engländer wegen, und tragen noch jetzt beduinische Tracht. Aber ihre jungen Gesichter sind feiner, klüger und schwächlicher als die Gesichter von Beduinen; es sind kultivierte Jahrtausende in diese Züge hineingezeichnet. Sie sind nicht ganz frei von dem Einfluß Europas, – das sie zu hassen glauben. Die beiden Ägypter sind Anhänger Achmed Arábi Paschas und der nationalen Partei, also Feinde der britischen Okkupation. Sie haben die Schule der Moschee El Azhar verlassen, weil sie die Hoffnung hatten, der Mahdi werde an der Spitze seines Heeres Ägypten von den Fremden befreien. Aber kaum sind sie nach einer beschwerlichen Reise und nach vielen Gefahren in Omdurman angekommen, da hören sie, daß der Mahdi stirbt. Die beiden sitzen eng beieinander am Ufer des Nils, an einer Stelle, wo ein verfallenes Schöpfrad ein bißchen Schatten gewährt. Sie sind traurig, aber wie Männer. »Als der Prophet Mohammed starb«, erinnert der eine sich, »wollte die Menge der Muselmanen es nicht glauben. Die Ansar stürmten das Haus Aïschas, in dem die Leiche lag. Omar drohte mit geschwungenem Säbel, jeden zu töten, der zu sagen wagte, der Prophet sei gestorben. – – Aber Abu Bekr sagte: »O ihr Muselmanen, wenn ihr Mohammed anbetet, so wisset: er ist tot. Betet ihr aber Gott an, so wisset: – Gott ist nicht tot und er stirbt nicht.« Der junge Ägypter schweigt einen Augenblick, fährt fort mit gepreßter Stimme, der er Festigkeit zu geben versucht: »So hat damals Abu Bekr den Islam gerettet. Er hat als der Erste Khalif des Propheten Allahs in Arabien und Nicht-Arabien große Siege erfochten und den Glauben verbreiten geholfen. – – Der Mahdi verkündigt in seiner Proklamation: Nach dem Propheten war Abu Bekr der größte der Menschen und der gerechteste. Der Khalifa Abdullahi steht bei mir an der Stelle Abu Bekrs, und der Prophet befiehlt, daß er mein Khalifa sei. – – « Der junge Student von El Azhar sieht seinen Freund an, den er gern überzeugen möchte. Ganz gewiß, wenn auch der Mahdi stirbt, muß die Sache des Islams noch nicht verloren sein. Wie viele heiße Träume haben nicht im Moscheehof von El Azhar diese jungen Söhne Ägyptens geträumt: von einer Wiedergeburt des Islams in der arabischen Nation, von einem letzten und erfolgreichen Widerstand gegen die Fremden, gegen dieses Europa, das man zugleich bewundert und haßt. Dann ist der Mahdi gekommen, jählings, eine Flamme, eine große lodernde Hoffnung. – – Der andere Mugáwir von El Azhar sagt, mit den Augen dem strömenden Nilwasser folgend: »Nein, es ist nutzlos. Wenn der Mahdi stirbt, wenn das sein kann, daß er stirbt, kehre ich nach Kairo zurück.« »Obwohl dort die Engländer sind?« fragt sein Freund. »Obwohl dort die Engländer sind. Es ist nutzlos. Wie Allah will!« * Um das Bett des Sterbenden wagt keiner zu atmen. Der Mahdi scheint einzuschlafen. Das Gesicht wird friedlich, das Lächeln ist zurückgekehrt, die Züge sind schön und männlich wie einst. Da, die Augen öffnen sich wieder. Was sehen sie? Kommen in dieser Stunde trostreich die alten Visionen wieder? Die Gesichte, die ein junger Derwisch in seiner Höhle geschaut hat? Reichen leuchtende Wesen magische Schwerter und Siegeskränze, von Gott gesandte? Neigen sich Jesus und Mohammed nieder, um diesen Mann zu begrüßen, der ihnen entgegenstirbt? Die Maske des Mahdi ist undurchdringlich wie immer. Was geht in ihm vor, was ist in ihm vorgegangen? Er seufzt ein wenig, die Lippen bewegen sich. Vielleicht steht er jetzt als ein kleiner Knabe im seichten Wasser, im Wasser des Nils, mit seinem Vater, dem Bootszimmermann. Jetzt rezitiert er stolz seine erhabene Ahnenreihe. Jetzt ist er der fromme Jüngling, der Schüler eines heiligen Scheichs. – – Nun schließen sich im Gesicht des Mahdi die lächelnden Lippen, die Maske wird kälter und härter. Das ist der mystische Reiter auf dem Wirbelsturm in der Wüste. Das ist der Zwölfte Imâm, der plötzlich aus dem Verborgenen trat, der Erwartete Mahdi, der aufstand, um die Welt für Gott zu erobern. Dieses Menschenantlitz hat große Wunder geschaut; diese Augen haben furchtlos in den Glanz der Gottheit selber zu blicken gewagt; und sie haben, strenge und kalt, mit dem Hochmut der Seligen, Gordons blutiges Haupt betrachtet. – – Was sehen diese Augen jetzt? Was geht in dem sterbenden Mahdi vor? Die Maske fällt nicht, bis ganz zuletzt. * Die Freunde und Anhänger Mohammed Achmeds, die am Sterbebette versammelt sind, haben an ihren Mahdi fanatisch geglaubt. Die Ansar des Mahdi haben in einem Dutzend blutiger Schlachten das Banner aus Licht gesehen, das ein überirdisches Wesen, ein formlos ungeheures Wesen, vor ihm einhertrug. Warum sehen sie jetzt nicht, die Khalifen, Emire, Ansar des neuen Islams, den Todesengel Azraïl? Wie er plötzlich Form und Gestalt gewinnt und menschenähnliche Züge? Schöne Züge, die lächeln? Der Mahdi sieht ihn; er richtet sich auf, man hört seinen gehetzten Atem. Der Engel läßt sein Banner über ihn sinken. Der Mahdi fällt schwer zurück. In ihrer Ecke schreit das Weib auf, das den Mahdi geliebt hat. * Die großen Heiligen des Islams werden an der Stelle begraben, wo sie gestorben sind. So wie man einst den Propheten im Hause Aïschas beigesetzt hat, so wird auch der Mahdi in seiner Hütte bestattet, bevor noch die Kunde von seinem Tode nach außen gedrungen ist. Die Verwandten des Mahdi waschen die Leiche; sie ziehen am Bart des Toten, weil man meint, daß die Haare leicht ausgehen, wenn jemand an Gift gestorben ist; aber der Verdacht bestätigt sich nicht. Unterdessen haben die drei Khalifen das Bett des Mahdi beiseite geschoben und an der Stelle, wo es stand, mit ihren eigenen Händen ein Grab gegraben. Man legt den Mahdi hinein, ohne Sarg, in seiner Derwisch-Dschubba. Das Grab wird mit Ziegeln bedeckt; der Khalifa Abdullahi verheißt, daß er ein großes Mal darüber errichten wird. Er selber leitet, als der neue Imâm, die Totengebete des Islams. Die in der Hütte Versammelten, es sind nur die Nächsten und Treuesten, die beim Sterben des Mahdi zugegen waren, sprechen die feierlichen Worte nach: »Was auch im Himmel und auf Erden ist, ist Gottes; und wem er vergeben will, dem vergibt er, und er bestraft, wen er strafen will. Gott ist allmächtig! – – »Keiner Seele legt Gott eine Last auf über ihre Kraft. O unser Herr , bestrafe uns nicht, wenn wir vergessen, wenn wir in Sünden verfallen. O unser Herr , unsere Sünden verwische und habe Erbarmen mit uns. Du bist unser Beschützer; so gib uns den Sieg über die ungläubigen Völker! – – « * An diesem Tag, dem neunten Ramadan des Jahres der Hedschira 1302 (Rudolf Slatin rechnet: am 22. Juni 1885, wird in Omdurman öffentlich bekanntgemacht, daß der Mahdi freiwillig diese Erde mit dem Himmel vertauscht hat. Es ist bei schwerer Strafe verboten zu sagen: er sei gestorben. Auch die Totenklage wird untersagt. Dennoch weint die Menge auf dem Moscheeplatz, als der Khalifa Abdullahi vor ihr erscheint, um den Treueid der Ansar entgegenzunehmen. Der Khalifa zeigt große Trauer, aber er spricht mit Zuversicht von der Zukunft. Das Werk, das der Mahdi begann, soll vollendet werden. Der Kampf der Mahdîjja um die Bekehrung der Welt geht weiter. Ist die Erde für den Islam erobert, dann erst kehrt der Erwartete Mahdi wieder. – Während von der Plattform des Moscheeplatzes der Khalifa so zum versammelten Volke spricht, steht sein Leibwächter Slatin daneben und denkt: Wann kommt eine energische englische Offensive gegen Khartum? Jetzt sollte sie kommen, ehe dieser tyrannische Heuchler seine Macht befestigt. Die Aschraf sind gegen ihn, auch die Dschaalin mögen ihn nicht. – – Könnte ich an Kitchener nur eine Botschaft senden! Wenn man jetzt dem Khalifa Zeit läßt, kann es noch Jahre dauern, ehe man mit den Derwischen fertig wird! – – Soll ich nicht doch die Flucht versuchen? * Am Abend gehen die beiden jungen Ägypter, die Studenten von El Azhar, im Freien außerhalb der Stadt am Ufer des Nils entlang. Die beiden Jünglinge halten einander bei der Hand wie Knaben, die einander lieben. Die Sterne des tropischen Himmels spiegeln sich hell im raschfließenden Strom, die Luft ist heiß, von den Dörfern der Insel Tutti schallen Trommeln herüber; wahrscheinlich hält dort irgendein Derwischorden seine Gebetnacht ab, zu Ehren des toten Mahdi. Die beiden ägyptischen Jünglinge sind traurig, weil ihre Hoffnung gestorben ist, und auch, weil sie sich jetzt trennen müssen: Omar kehrt nach Kairo zurück, während der Jüngere, Hassan, in trotziger Verzweiflung beschlossen hat, in Khartum zu bleiben und sich dem Heer des Khalifa anzuschließen, wenn es den Feldzug gegen das von den Engländern besetzte Ägypten beginnen sollte. »Der Islam«, sagt der mehr resignierte Omar, »der Islam ist einst eine ungeheure Flamme gewesen, in der die ganze Welt Gottes zu einer Einheit zusammenzuschmelzen begann. Seit Jahrhunderten schon brennt die Schmelzflamme Gottes trüber und trüber, und die Welt erlangt ihre Einheit nicht. Aber der Islam kann niemals verzichten. Er ist nichts als die Flamme, die alles verschmelzen will: sie muß die Erde verzehren oder aber erlöschen. – – Wir, o mein Freund, haben die uralte Flamme noch einmal lodern gesehen, noch einmal sahen wir sie groß und furchterregend zum Himmel schlagen. Da nun der Erwartete Mahdi fruchtlos gestorben ist, wird die Flamme des Islams, die durch dreizehn Jahrhunderte so hell gebrannt hat, wird sie nun müde und trübe verflackern müssen?« Aus den Notizen des Reisenden Khartum, den 9. Februar 1929. Meine Lieblingsbank auf dem Rasen des Zoologischen Gartens unter dem riesigen Baum steht etwas erhöht, so daß ich über die Gartenmauer hinweg die Straße sehen kann, die draußen am Ufer des Blauen Nils entlang geht. Dort vor dem Eingang zum Zoo steht eine große Negerin, der ein nacktes Baby seltsam auf ihrer Hüfte reitet; sie selbst ist mit Kupferringen bekleidet. Ein paar schwarze Jungen daneben, jeder auf seinem linken Bein, das rechte erhoben und gegen den linken Schenkel gestemmt. Sie blicken sehnsüchtig in den Zoo herein: der Eintritt kostet doch zwei Piaster! Ahnen die, was man ihnen anderswo zahlen würde, damit sie sich in einem Zoo öffentlich zeigten? Jetzt gaffen sie: vier Gefangene gehen den Kai entlang, mit Ketten zwischen den Beinen; ein tiefschwarzer riesiger Polizist in Khaki, mit einer Art Pickelhaube aus Turbantuch, geht hinterdrein, – und sie tragen einen Angareb, ein sudanesisches Ruhebett, jeder trägt ein Bein des leichten Bettgestells, wahrscheinlich liegt er darauf, während sie arbeiten müssen. Dieses höchst sudanesische Geräusch, das Kettenklirren, klingt in meine Meditation über den Mahdi hinein wie ein Kichern der nachträglichen Weltgeschichte: es klingt hinter Gordon drein, der hier in Khartum so feierlich alle Ketten für abgeschafft erklärt hat, und auch hinter dem Mahdi, diesem großen Kettenbrecher. Denn er war vor allem ein Revolutionär, trotz der religiösen Verbrämung. Gegen die Ketten hat er sich erhoben, gegen die Tyrannei des Staats, gegen die Reichen und Mächtigen. Er endet, siegreich, von fanatischer Liebe umgeben, – als ein Herr von Sklaven, von einem großen Klirren von Ketten umgeben, Despot einer afrikanischen Despotie, wie nur irgendein König der Aschanti. – – Das war der Mühe wert und des Bluts, und all des maßlos vergossenen Bluts! * Dieser Zoologische Garten in Khartum ist ein afrikanisches Paradies, wie es ein idealistischer Revolutionär, ein edler Reformer geträumt haben könnte: Gordon oder der junge Derwisch von Abba. Ein Afrika, in dem alle friedfertig sanften Gazellen frei herumlaufen dürfen, während die Löwen und Hyänen streng eingesperrt sind, in Käfige. Während ich da sitze, stelzen große Storchvögel vorbei, Abu Markûb mit seinem Löffelschnabel; auf dem Baum über mir ist ein großes Vogelkonzert, und die Gazellen versammeln sich neugierig um mich; eine will mir den Tabak aus der Tasche fressen. Es ist so warm, frei, friedlich; wie schön ist es in Afrika, wenn die Löwen im Käfig sind! Da der Nachmittag weiter fortschreitet und die Dämmerung kommt und die Kühle, erscheint das bürgerliche Khartum hier im Garten: heute gibt es Militärkonzert und am Schluß venezianische Galabeleuchtung! Für die Gottsöbersten, die englische Colonial Society, ist vielleicht der Garten nicht fein genug, sie schicken nur ihre blonden und lächelnden Kinder an der Hand der Nurses. Aber Ezkenazi ist da und Melkonian, Kontomichalos und Stomatopulo, Vanian, Babani, Gennaoui, Simonini, Makropulo – und Mesdames natürlich, alles, was in Khartum und Omdurman in Gummiarabikum Handel treibt, in Baumwolle, Erdnüsse exportiert und Senna und Elfenbein, alles, was eine goldbraun gefärbte Haut hat, oder mehr grünlich, schöne träumende Augen und krause Haare; – griechische, koptische, armenische Händler und ihre Damen, die fast aus Paris sein könnten. – Die jüngeren Gentlemen tragen sich furchtbar englisch, nur daß man jetzt gegen Abend keinen Tropenhelm trägt, wenn man wirklich ein Engländer ist.– – Und, oh, diese vielen bunten Melkonian- und Stomatopulo-Kinder, wie sie jetzt mit aufgerissenen Augen um den Musikpavillon stehen, da eben, in Scharlachröcken, die englische Militärkapelle zu stimmen beginnt! Mama ruft, in allen Sprachen zugleich: »Ninon, ma chérie, don't spoil your frock, non sudiciarti, piccina!« Rumtata, fängt die Musik an, Götterdämmerung! Auf einmal, wie durch ein Wunder, sind alle Gazellen des Gartens rund um den Musikpavillon, die zarten Dorcas-Gazellen, die Gazelle Ariel, die wie ein gehauchtes Reh ist, – und stecken ihre zierlichen Schnauzen direkt in die Blechinstrumente, in die Mündung des Bombardons. Immer ein Stomatopulo-Baby und eine Gazelle nebeneinander. Rumtata, Richard Wagner, Götterdämmerung. Auf dem großen, blühenden Baum fängt ein bunter Vogel zu schreien an, er muß alles, alles muß er jetzt überschreien, das ist sein Land hier, ist Afrika! Eine Hyäne im Käfig lacht, grauenhaft. Die Gazellen schrecken ein wenig zusammen. Es wird plötzlich dunkel. Es ist sehr heiß. Ich schlage nach einem Moskito. In den Asten des Baumes leuchten die Glühlampen höchst venezianisch. Rumtata. Ein Neger bringt Limonade und schwarzen Kaffee, abessinischen. Ein fettes armenisches Mädel flirtet vernehmlich. Ich klappe mein Buch zu. Wenn jetzt jemand, denk ich bei mir, schreien wollte: »Der Mahdi kommt!« rennen sie alle. Die hat er gehaßt, die hat er gejagt. Die haben ihn noch jetzt in den Gliedern! * Das, bedenke ich, ist das schließliche Ende der Affäre Mahdi: die Ketten klirren weiter, und die Händler werden weiter fett. Khartum, den 10. Februar 1929. Oh, er ist jetzt zivilisiert, der Sudan des Mahdi! – Kitchener hat nach der Eroberung Khartum in Ruinen gefunden. Nachdem er über den Trümmern von Gordons Palast feierlich die britische Flagge gehißt hatte, ließ er eine ganz neue Großstadt bauen, nach einem Stadtplan, auf dem das Sternkreuzmuster des Union Jack immer wiederkehrt. Er tat das aus Patriotismus und auch, weil an so einem Kreuzungspunkt strahlenförmig verlaufender Straßen im Notfall Maschinengewehre aufgestellt werden können. Jetzt, drei Jahrzehnte nachher, ist Khartum eine zu ausgedehnte, zu leere Stadt, deren Leben sich erst noch entwickeln soll. Fünf Kilometer Strandpromenade am Ufer des Blauen Nils, von Riesenbäumen beschattet. Hier liegen die offiziellen Gebäude: der Palast des Generalgouverneurs (General Gordons Palast, doch erneut und vergrößert), das Regierungsgebäude, zum Fürchten groß, mit hallenden Korridoren und Treppen; das Militärkommando, das Gordon College. Ein paar Denkmäler stehen herum: Gordon reitet auf seinem Kamel. Sonst nichts als beschattete Bungalows an zu geraden Straßen, die menschenleer sind. Das wirkliche Leben ist drüben in dem afrikanischen, riechenden, menschenwimmelnden Omdurman. In Khartum gibt es Tennis- und Poloklubs, man trinkt Tee im Grandhotel, treibt Kolonialklatsch, spricht von Urlaub und Beförderung. – – Eine schöne Stadt, nur ein bißchen leer, als wäre sie schon längst aus der Haut gefahren. Es ist so enorm viel Platz dafür noch viel mehr Zivilisation, noch mehr tennisspielende Misses, mehr Eisenbahnassistentengattinnen, Leutnantsfrauen, griechische Großhändler. – – Aber in der Hotelhalle, in der die Misses aus dem Luxusexpreßzug Postkarten schreiben, und alte Herren erzählen, wie sie auf der neuerbauten vortrefflichen Straße von Rejaf am Weißen Nil nach Nairobi zu auteln gedenken, – (via Torit und Kitgum, via Wildnis, Sumpf Barbarei, aber das gibt es ja alles gar nicht mehr, könnte man denken) – in der gleichen zivilisierten und ventilierten Hotelhalle der Eisgetränke und Abendtänze, ist ein riesiger Diener, mit parallelen Schnitten in seinem schwarzen Bronzegesicht, ein Gigant in weißen Hüllen und roten Pantoffeln, mit einer grasgrünen Schärpe um den fast tierisch kraftvollen Leib, – dieser alte Mann hat die Tage des Mahdi gesehen. Er hat geweint, gerast, wenn auf dem Moscheeplatz der Mahdi predigte. Und er glaubt an den Mahdi noch heute, ich weiß es. Dieses bißchen Zivilisation, – oder ist es nicht nur ein bißchen Komfort? – ist dem Land der Schwarzen so auferlegt wie das Zaumzeug dem Tragtier. Darunter – – Dieser alte Hallendiener, der den Mahdi gekannt hat, bringt mir einen Bogen Zeitungspapier, »The Sudan Herald and Times«, oh, in Khartum gibt es alles, – und ich lese, zwischen Notizen über das Polomatch und über das Amateurtheater von neulich, man gab: »Die goldene Ritterzeit«, furchtbar ulkig, – lese zwischen den Inseraten (S. und S. Vanian, Limited, führen fertige Tropenkleider; mit Maßabteilung) – lese so etwas unter dem gestrigen Datum: »Eine Abteilung der berittenen Polizei wurde im Sumpflande, in der Nähe der Pyramide von Dengkurs, von Schwarzen vom Stamm der Nuër überfallen. – Die Pyramide von Dengkurs ist, wie erinnerlich, in den Kämpfen Anfang 1929 vernichtet worden, da sie dem Hexenmeister Gwek Wonding als Festung gedient hatte. – Der Angriff der Nuër wurde siegreich zurückgeworfen; sie ließen 18 Tote auf dem Kampfplatz zurück, darunter den Zauberer Gwek Wonding, dessen Einfluß auf die Nuër diesen Negerstamm im Jahre 1927 zum Aufruhr veranlaßt hatte. Noch drei andere Hexenmeister fielen. Pok Karajok, ein ebenfalls berüchtigter Medizinmann, ist leider entkommen. Die berittene Polizei setzt ihm nach.« * Also, das gibt es doch noch in diesem höchst zivilisierten Sudan. Ein Magier namens Gwek Wonding hat sich seine Pyramide gebaut, ganz wie der Pharao Cheops: einen Berg aus Lehm, zusammengetragen von den Gläubigen dieses Negerpropheten im Sumpfland am obersten Nil. Seit Jahren haben von dieser Pyramide aus Gwek Wonding und seine Leute, die Nuër, einen Krieg gegen ihre Stammesfeinde, die Dinka, geführt und gegen die Regierungstruppen, die den Frieden erzwingen wollen. Die Hexenmeister der Nuër haben der Sudanregierung seit langem zu schaffen gegeben. – Was hexen sie eigentlich, was ist das, was lebt da immer noch in den unergründlichen Sümpfen? Was ist im Sudan noch alles möglich, heute noch, morgen noch? * Sennaar, den 12. Februar 1929. So zivilisiert schon und so wild noch ist drei Jahrzehnte nach dem Sturze des Mahdireichs der Sudan, daß man in einem Salonwagen der ausgezeichnet verwalteten Staatseisenbahn immer weiter fährt, bis man dem ersten freien Affen im afrikanischen Walde Salz auf den Schwanz streuen kann, – wenn man Lust hat. Der Salonwagen, den ich bewohne, oh, ein vortrefflicher Wagen, mit einem guten Bett, einem Ventilator, einem tröstlichen Eisschrank, steht in diesem Augenblick in der Station Sennaar-Makwar und wartet auf mich, während ich im Auto die Umgebung besuche, mit meinem nubischen Dragoman Scherkaui und mit Ibrahim. Ibrahim ist der braune Chauffeur, ein Araber von den Dschaalin. Die Dschaalin haben seit soviel Jahrtausenden vereint mit Kamelen gelebt, bis sie selber Kamelprofile bekommen haben, weich, aber störrisch. Ibrahim (bekleidet mit einem grauen Sack und einem Dolchmesser, das mit einem Lederarmband an seinem linken Oberarm festgemacht ist) sieht aus wie ein sehr junges Kamel, er ist vierzehn Jahre alt. Der alte Ford, den er fährt, kriegt nächstens Höcker und lernt noch das Niederknien. Aber doch: Es gibt hier ein Auto. Und so was wie Autostraßen, am Ufer des Blauen Nils, dort wo es schon mehr auf Abessinien zugeht. * Die Affen bekomme ich, langgeschwänzte rotbraune Affen, so groß wie vierjährige Kinder, bekomme ich in genügenden Mengen im Wald von Deim el-Amarna zu sehen. Sie jagen, ein flinkes Gesindel, in dem Geäst der Gummiakazien auf und ab, in einem dürren und dornigen Forst ohne jegliche tropische Üppigkeit. Es ist furchtbar heiß hier und furchtbar staubig, obwohl der Nil so nahe vorbeifließt. Der Wald liegt auf dem erhöhten Ufer; man kann unten die Sandbänke sehen und Krokodile, die sich dort sonnen, und einen großen goldfarbenen Adler, der auf einem Felsen inmitten des schäumenden Wassers sitzt. Alles ist sehr heiß, sehr wild, auch die Menschen hier. Im Walde leben Kohlenbrenner, negroide Leute aus dem alten Blute der Fung. Ich sehe ihre fast nackten Gestalten an einem Feuer, das bis an den Himmel stinkt. Mein tüchtiger Dragoman Scherkaui verhandelt mit einem von ihnen über einen Handel mit Affen: sie sollen für eine englische Dame in Khartum einen Affen lebendig fangen, Scherkaui will das sehr gut bezahlen. Er übersetzt mir die Transaktion und möchte mir die alte Fabel einreden, daß die Affen gefangen werden, indem man Kürbisse voll Merissabier unter den Baum legt. Da kaufen sich die Affen einen Affen und dann sind sie wehrlos! Auf dem Weg zu diesem Affenwald habe ich inmitten der Wildnis Ruinen gesehen. Das sind die Reste der uralten Stadt Sennaar, die nach dem Tode des Mahdi der Khalifa völlig zerstört hat. Ein neues Sennaar mit Dächern aus Wellblech ist jetzt in der Nähe entstanden, von Arbeitern und Ingenieuren des großen Staudamms bewohnt. Um diesen Sennaardamm zu sehen (und nicht so sehr, eigentlich wegen der Affen), habe ich diesen Ausflug hierher unternommen. – »Von den Möglichkeiten des Sudans können Sie nur im Sudan einen Begriff bekommen!« hat mir in jenem Amtshaus in Khartum der große englische Ingenieur gesagt, der im Sudan die Wasserbauten beaufsichtigt. Was für ein Mensch, dieser Ingenieur! Eine Art Dichter, der Dichterträume aus lauter Nilwasser dichtet. In seinem Zimmer habe ich die Karten gesehen, die genau berechneten Pläne. Kein Tropfen des kostbaren Wassers ist da vergessen, es wird ein jeder gespart, gespeichert, zuletzt in die fruchtbare Erde geleitet, bis Brot und Baumwolle aus ihm wächst. Sobald erst der neue Vertrag zwischen Ägypten und England geschlossen ist, und im Nilland Vertrauen und Ruhe herrscht, wird man nicht nur bei Khartum am Weißen Nil den ungeheuren Plan des Staudamms von Dschebel Aulija zur Wirklichkeit machen, man wird auch das noch viel größere Dammwerk in Angriff nehmen, durch das der Albert-Nyanza zum größten Stausee der Erde verwandelt wird. Das ist nicht alles: der Weiße Nil macht nach dem Verlassen des Sees jenen großen Bogen und verliert fast die Hälfte des kostbaren Wassers in einem unermeßlichen, trostlosen Sumpfland. Auch dieses verschwendete Wasser ist wohl zu retten: man schneidet die Sehne des Nilbogens ab, der Kanal, den man bauen muß, ist freilich größer als der Kanal von Suez. Aber man wird ungeheure Massen von Wasser für die Kulturen sparen, wird das Sumpfgebiet trockenlegen und dürre Wüsten bewässern können im Sudan sowie in Ägypten. – – All das ist noch nicht. Und die Wasserwerke am abessinischen Blauen Nil, am Tsana-See, sind noch Zukunftsverheißungen. Indessen, seit 1925 ist der Damm von Sennaar vollendet, und er hat die Dschesireh, die Halbinsel zwischen den beiden Nilen, in ein reiches Kulturland verwandelt. Das zu sehen bin ich hier, ich, der ich wissen möchte, was aus dem Sudan des Mahdi geworden ist. * In meinem Notizbuch, zwischen lauter Daten aus dem Leben Mohammed Achmeds, stehen statistische Zahlen: so viele hundert Meter lang ist der Staudamm, so breit, so hoch, soundso viele Millionen Kubikmeter Wasser speichert er auf. Soundso viele hunderttausend Feddan Landes kann er bewässern und bewässert er gegenwärtig. Dazu werden soundso viele tausend Meilen Kanäle gebraucht. So viele Feddan sind mit Baumwolle bepflanzt, und die Durrhafelder liefern so viele Ardeb Durrha im Jahre. – – (Ich will immer im Baedeker nachsehen, denke ich flüchtig, was ein Ardeb ist und was ein Feddan!) Dieses sandige Durstland der Schwarzen, der Sudan, braucht nichts als eine weise Verteilung des Wassers, um Brot und Wolle zu liefern, Nahrung und Kleidung für zahllose Menschen. * Nun bin ich bei Meringan im Zentrum der Baumwollplantagen. Ich lasse das Auto halten und gehe zu Fuß durch die endlosen Felder, die eben in Blüte stehen. Ich erinnere mich nicht, auf all meinen Reisen schon blühende Baumwollstauden gesehen zu haben, und ich bin ganz entzückt von der Schönheit des Anblicks. Die einzelne Blüte ist goldgelb, mit einem Schimmer von Purpur im Inneren. Das besondere Grün der Blätter steht gut dazu. So ein blühendes Baumwollfeld, in der flachen und an sich unschönen Landschaft ist etwas so Tröstliches, es erquickt das ermüdete Auge. Ein Negermensch steht mitten im Feld und wühlt mit der Hacke in einem Bewässerungsgraben. Ein bunter Schmetterling flattert auf. – – * Mitten aus dieser blühenden sonnigen Ebene ragt etwas Starres und Technisches: eine große, sachlich-kahle Fabrik mit einem riesigen rauchenden Schornstein und weithin vernehmbaren Maschinengeräuschen. Eine große Halle, mit Wellblech gedeckt, sieht aus wie ein Zeppelin-Hangar, ist aber eine Ginnery, das ist: Anlage zur Entfernung der Samenkerne aus der Baumwollernte. Ich trete in die Fabrikräume ein und finde ein Surren und Wirbeln von Rudern, von Transmissionen, große stählerne Rechen kämmen die Wolle, mechanische Pressen fertigen mächtige Ballen aus dem weißen Wattegeflock. Und ich sehe einen ungeheuren Neger, fast vollkommen nackt, seine titanischen Glieder mit Öl gesalbt, so daß er glänzt wie ein großer Götze aus schwarzem Erz; – sehe ihn dastehn an einer blanken Maschine; er tut, er ist selbst wie eine Maschine, immer und immer wieder den gleichen Griff mit einer mechanischen Ruhe. Er ist so unglaublich groß, seine Muskeln sind so gewaltig, daß er neben den Walzen und Stangen und Kolben der Maschinerie gar nicht kleiner wirkt. Das Gesicht, wie aus schwarzer Bronze, ist starr und ernst; kein Hauch jener Negerkomik geht von ihm aus, die wir in schwarzen Gesichtern so leicht zu entdecken meinen. Vierzig Jahre dürfte er alt sein, schätze ich. Folglich ist er wohl früher ein Sklave gewesen. Und jetzt also ist er frei, bedenke ich. Ich frage den gelbbraunen levantinischen Werkmeister, der mich in dem Betriebe herumführt, welchen Taglohn dieser freie Neger so etwa bekommen dürfte. Der Grieche, oder ist es ein Kopte, macht: Oh, der! – Das ist ein sehr guter Mann, und gut bezahlt. Er bekommt einen englischen Schilling täglich. * Ich bleibe stehen, starre den großen Neger an. Er kümmert sich gar nicht um mich, er tut immer den gleichen Griff in einen großen Rechen hinein, der rasselnd hinunterklappt zu dem Wattehaufen. Der Werkmeister irrt sich in mir: er meint, mein Interesse an Egrenierungsmaschinen müsse beträchtlich sein: also spricht er des längeren von den Unterschieden zwischen den alten und neuen Systemen. – – Ich aber denke und denke nur, ich möchte so gern wissen: was Charles G. Gordon an seine Schwester Augusta geschrieben hätte, in einem seiner so lebhaften, unverlogenen Briefe, – wenn er das hätte vorausahnen können. Hat er die Negersklaven dazu befreien wollen? Letzten Endes, dafür hat er doch gelebt und ist er gestorben. Was hätte er geschrieben, er, der sich und Augusta nie etwas vorlügen wollte? * Dazu ist schließlich Gordon gestorben, denke ich, – damit eine Stahlmaschine in Meringan, Provinz Sennaar im Sudan, die Baumwolle säubern kann, die in Manchester eine andere klappernde Stahlmaschine verarbeiten wird. Dieser schwarze Arbeiter hier in Sennaar wirft dem weißen Arbeiter drüben in England die Ballen zu; der wirft einen Ballen Kattunstoff wieder in den Sudan zurück, in die Negerdörfer. Und zugleich kommt ein Lehrer ins Negerdorf, von Europa zivilisiert, und rät, – Hemden zu tragen, Hemden aus Baumwollstoff. Ich bedenke: der Held, der mir teuer ist, Charles G. Gordon, ist für den einen Schilling gestorben, den der Neger jetzt täglich als Lohn erhält. Er ist kein Sklave mehr; er bekommt einen Schilling – und kann folglich Baumwollstoffe aus Manchester kaufen. Warum soll er welche kaufen? Weil er doch jetzt zivilisiert ist. Er macht Baumwollballen, weil er einen Schilling verdienen muß. Wenn er einen Schilling verdient hat, kauft er ein Baumwollhemd. – – Das ist nun, denke ich, die Entscheidung der Weltgeschichte zwischen dem Mahdi und General Gordon. Sie waren einander ähnlicher als sie wußten, beide Träumer und Schwärmer, – nur steht, letzten Endes, Gordon für Baumwolle und der Mahdi für aszetische Nacktheit. Jeder Baumwollballen aus dem Sudan ist wie ein Denkmal für General Gordon, und dennoch hat niemand den Zivilisierungsbetrieb mehr gehaßt als er. – – Ich sehe noch immer den Neger an, der hinter der blanken Maschine steht. Um den ist der Kampf gegangen. Seine Zukunft stand auf dem Spiel, als der Mahdi mit Gordon kämpfte. Zwischen Bettelschale und Egrenierungsmaschine, zwischen Gebetsruf und Fabriksirene lagen die Lose Afrikas. Die Partie ist entschieden; der Sudan des Mahdi, in Wahrheit das ganze Schwarz-Afrika, ist heute schon voll von Motoren und Autos und Eisenbahnen und Wasserbau und Maschinen und Handel und Wellblechschuppen und Radio. – – Der Mahdi lehrte: einer Bettelschale bedarf der Mensch, eines Wanderstabs, eines geflickten Hemds. – – Gordon ist zuerst unterlegen und hat dann gesiegt. Über seinem Märtyrergrab wachsen die Baumwollstauden. Manchester bekommt sein Rohmaterial und sein Absatzgebiet. Der Neger, der früher ein Sklave war, bekommt seinen Schilling täglich. Das alles hat Charles G. Gordon, ein Idealist ohne Wirtschaftsverständnis, zwar gar nicht gewollt, aber dennoch geschaffen. * Gordon ist erst unterlegen und hat dann gesiegt. Er stirbt durch den Mahdi, und der Mahdi stirbt an seinem Sieg über Gordon. Das Ende des Dramas ist, daß der Neger, der früher ein Sklave war, täglich einen Schilling bekommt, und der Spinner in Manchester Rohmaterial, nebst einem Absatzgebiet. Über Charles G. Gordons Grab wachsen die Baumwollstauden. * Zwei von den europäischen Gegenspielern Mohammed Achmeds haben nachher noch den Sudan zivilisieren geholfen: Slatin und Ohrwalder. Pater Josef Ohrwalder war nach der Wiedereroberung wieder Missionar im Sudan. Er ist eines Tages im Jahre 1912 in Khartum gestorben, nachdem er eben im Kreise der Missionsbrüder das Tischgebet gesprochen hatte. Tausende von Mohammedanern gingen hinter dem Sarg des guten Paters her. Slatin Pascha, als der beste Kenner der Zustände im Derwischlager, hat dem Heere Kitcheners 1898 die wertvollsten Dienste erwiesen und die rasche Eroberung des Sudans war zum sehr großen Teil sein Werk. Dann hat er, mit dem Titel eines Generalinspektors, an dem großartigen Wiederaufbau des Sudans mitgewirkt, bis zum Weltwahnsinnsanfall von 1914. Jetzt lebt der alte Herr mit der epischen Lebensgeschichte in Meran, als der letzte von den Protagonisten der Mahditragödie, der noch übrig ist. Das Weltkind, das Slatin immer war, hat alle die Propheten und Heiligen überlebt. Er, der das blutige Haupt Gordons in seinen zitternden Händen gehalten hat, hat noch diesen neuen Sudan gesehen, den Staudamm, den rotierenden Motor, die Autostraßen. – – * Am Abend, während die Sonne untergeht, passiert mein Auto, auf dem Weg zur Bahnstation und zum Zug, den großen Nildamm, über den die Straße führt. Der Dammweg wird nach dem Dunkelwerden geschlossen, deswegen ist jetzt der Verkehr sehr erheblich. Das Auto kommt gar nicht weiter, bleibt fortwährend stecken in einem Gewimmel von Menschen und Tieren. Westwärts führt über den Damm die große Straße nach Kosti und El Obeïd, – in die die Karawanenstraßen vom Tsadsee her münden; nach Osten zu geht es weiter nach Kassala, nach der italienischen Eritrea, nach Nordabessinien, zum Roten Meer. Hier ist ein großer Kreuzweg Afrikas, und halb Afrika zieht hier vor meinen Augen vorbei: Menschen vieler verschiedener Stämme, auf ihren Kamelen und Pferden und Eseln, mit ihren Herden, mit ihren Gütern.– In den verdeckten Tragkörben auf den Kamelen errät man tiefverschleierte Weiber; aber andere, nackt und schmutzig, treiben die schwarzen Schafe oder schleppen Lasten. Die Männer sind alle bewaffnet; sie tragen Lanzen mit Widerhaken, oder Antilopenhörner, in denen mehrere Dolche stecken, oder große Schwerter in blutroten Scheiden. Aus den grotesken Frisuren der Leute tropft Hammeltalg auf die nackten Schultern. Hier fließen weiße Gewänder voll Würde, dort flattern unsägliche Lumpen. Ein junger Edler, irgendein mächtiger Scheich, begleitet, in gestreifter Seide und goldenen Stickereien, hoch zu Pferd die schön geschmückten Kamele seiner Haremsfrauen. Neger und Araber strömen vorbei, ganz Afrika. – – Hinter dem Damm sinkt die Sonne in den Stausee des Blauen Nils. Die unermeßliche Wasserfläche erstrahlt in den Farben der tollsten Träume. Auf einem Himmel, der purpurn und grün ist, oder wie angezündetes Gold, oder wie ein amethystener Diamant, fliegen die Silhouetten von Vogelschwärmen tiefschwarz vorbei. Ich möchte gern weinen; es ist alles zu schön und traumhaft. * Sudan! denke ich. Glühendes Land, so maßlos, ohne Beschränkung. Ungeheures Afrika! Was kann hier noch alles geschehen? Ich stehe auf diesem Damm und wende mein Auge der sinkenden Sonne zu. Hinter mir ist das große Gewirr von afrikanischen Stimmen und Tönen. Es ist mir, als hörte ich ferne Trommeln, einen afrikanischen Marsch von künftigen Heeren. Woher, wohin? Auf dieser Brücke, die dir Europa gebaut hat, wohin marschierst du, unbegreifliches Afrika? Und ich denke wieder an Gordon und seinen Gegner, den Mahdi. Nilgebiet, nördlicher Teil Nilgebiet, südlicher Teil Anmerkung Die Lebensbeschreibung des Mahdi Mohammed Achmed, die dieses Buch enthält, beruht nicht auf Erfindung, sondern in allen Einzelheiten auf historischen Zeugnissen. Selbst so phantastische Episoden wie Gordons Erlebnis mit den lachenden Störchen oder der Ritt des Senussiboten zum Mahdi, das Schicksal des Preußen Klootz und das des Franzosen Pain sind in zeitgenössischen Quellen erwähnt. Ebenso sind die im Text verwendeten Reden, Proklamationen und Briefe des Mahdi keineswegs frei erfunden, sondern, sofern sie nicht etwas gekürzt sind, wörtlich der Sammlung von Dokumenten entnommen, die der anglo-ägyptische Nachrichtenoffizier Sir Reginald Wingate 1890 veröffentlicht hat, nachdem man in der Schlacht bei Toski die Archive des Mahdi erbeutet hatte. Die Geschichte des Mahdi ist bisher nur von den Opfern oder wenigstens Gegnern seiner Herrschaft erzählt worden: von Slatin Pascha, von dem Pater Josef Ohrwalder und von Karl Neufeld, die lange Jahre im Lager der Mahdisten gefangen waren, und von dem Araber Nahum Bey Schuquair, der als ein Agent des anglo-ägyptischen Nachrichtendienstes die Feldzüge im Sudan mitgemacht hat. Sein Buch über die Geschichte des Sudans (zum Teil ins Deutsche übertragen von Ernst Ludwig Dietrich und von Martin Thilo) ist, da es immerhin von einem arabischen Muselmanen verfaßt ist, vielleicht die interessanteste zeitgenössische Quelle. * Der Autor hat auf einer Reise durch den Sudan den Sohn des Mahdi, den Sajjid Sir Abderrahman el-Mahdi, kennengelernt und von ihm ausführliche und zum Teil ganz neue Mitteilungen über die Lebensgeschichte des Mahdi empfangen. Auch dem ehemaligen Gefangenen des Mahdi, Rudolf Slatin Pascha, ist der Autor für brieflich erteilte Auskünfte zum größten Danke verpflichtet. * Von den benutzten Büchern sollen hier nur die wichtigsten Erwähnung finden. Werke über die Mahdi-Zeit: Rudolf Slatin: »Feuer und Schwert im Sudan.« – J. Ohrwalder: »Aufstand und Reich des Mahdi im Sudan.« – Charles Neufeld: »A Prisoner of the Khaleefa.« – Major F.R. Wingate: »Mahdiism and the Egyptian Sudan.« – Romolo Gessi Pascha: »Seven Years in the Sudan.« – Richard Buchta: »Der Sudan unter ägyptischer Herrschaft.« – Gaston Dujarric: »L'État Mahdiste au Soudan.« – Ernst Ludwig Dietrich: »Der Mahdi Mohammed Achmed vom Sudan nach arabischen Quellen.« (In der Zeitschrift »Der Islam«, Band XIV.) – Lic. Dr. Martin Thilo: »Ziher Rahamet Paschas Autobiographie.« – Earl of Cromer: »Das heutige Ägypten.« – Hasenclever: »Geschichte Ägyptens im 19. Jahrhundert.« Werke über Charles G. Gordons Leben und Tod: General Gordons Briefe und Tagebücher in mehreren Sammlungen. Mehrere englische Biographien; vor allem der schöne Essay von Lytton Strachey in seinem Band »Eminent Victorians«. – Sir Charles Wilson: »From Korti to Khartoum.« Über die Wiedereroberung des Sudans: Winston Churchill: »The River War.« – Steevens: »With Kitchener to Khartoum« und die Berichte mehrerer anderer Kriegskorrespondenten. Bücher über Land, Leute und Gebräuche: Junker: »Reisen in Afrika.« – Nachtigal: »Sahara und Sudan.« – E. W. Lane: »The Manners and Costums of the modern Egyptians.« – E. Doutté: »Magie et Réligion dans l'Afrique du Nord.« – Cheikh Mohammed Ben Otsmane El Hachaichi: »Voyage au Pays des Senoussia.« – Paul Kahle: »Zur Organisation der Derwischorden in Ägypten.« (»Der Islam«, Band VI.) * Die Rechtschreibung der Eigennamen versucht, ohne philologische Genauigkeit, dem deutschen Leser einen Begriff von der Aussprache zu geben. Der Name des ersten Khalifen und Nachfolgers des Mahdi wird in vielen Quellen Abdullah oder Abdallah geschrieben. Die Schreibung Abdullahi hat der Autor deswegen bevorzugt, weil sie Slatin gebraucht, der zu der nächsten Umgebung des Khalifa gehört hat, und weil ein Sohn des Khalifa, dem der Autor begegnet ist, den Namen seines Vaters so spricht. Zeittafel Im Jahre n. Chr. 622 Die Flucht (Hedschira) des Propheten Mohammed. 1819 Der ägyptische Vizekönig Mehemet Ali läßt den Sudan besetzen. 28. Januar 1833 Charles G. Gordon geboren. um 1844(?) Der Mahdi in Dongola geboren. 1861 Mohammed Achmed wird ein Schüler des Scheichs Mohammed Scherif. 1863 Ismail II. wird Khedive. 1871 Die Familie Mohammed Achmeds läßt sich auf Abba nieder. 1873 Zibêr Rahamet erobert Dar-Fur für Ägypten. 1874 Gordon wird Generalgouverneur der Äquatorprovinz. 1877 Gordon wird Generalgouverneur des Sudans. 1878 Gessi Pascha läßt den Sohn Zibêrs erschießen. 1879 Rudolf Slatin kommt in den Sudan. 1879 Der Khedive Ismail II. dankt zugunsten seines Sohnes Tewfik ab. 1879 Gordon verläßt den Sudan. 1880 Mohammed Achmed wird der Nachfolger des Scheichs El Koreischi. Abdullahi schließt sich ihm an. September 1881 Militäraufstand Arábi Paschas in Kairo. 1881 Mohammed Achmed erklärt sich für den Madhi. Kampf auf Abba. Flucht nach Gadîr. 1882 Die englische Armee Wolseleys schlägt Arábi bei Teil el-Kebir und besetzt Ägypten. Januar 1883 Der Madhi erobert El Obeïd. November 1883 Hicks Paschas Armee vernichtet. Januar 1884 Slatin ergibt sich den Derwischen. Februar 1884 Gordon kehrt nach Khartum zurück. 17. Januar 1885 Die britische Entsatzarmee siegt bei Abu Klea. 25. Januar 1885 Khartum fällt. Tod Gordons. 27. Januar 1885 Die beiden englischen Dampfer erscheinen vor Khartum. 22. Juni 1885 Tod des Mahdi. 1895 Slatins Flucht. 2. September 1898 Kitchener erobert Khartum. Dezember 1898 Die Faschodaaffäre. 24. November 1899 Der Khalifa fällt.