Franz Keim Sulamith Ein Trauerspiel in fünf Akten. Aufgesang. So bist du ewig, staubgebornes Herz, So glühtest du in grauer Vorzeit Tagen, So wirst du nach Jahrtausenden noch schlagen In höchster Freude wie im tiefsten Schmerz. Der Künstler, ob auf Marmor, ob auf Erz, Auf Pergament, – was kann er Neues sagen? Er wiederholt die ewig gleichen Klagen, Den alten Jubel und den alten Scherz. So geh denn hin und wandle, mein Gedicht! Die grenzenlose Erde steht dir offen, – So geh denn hin und wandle, mein Gedicht! Und wenn dein Mund zum Menschenherzen spricht, Wenn Leid sich freut, wenn Hoffnungslose hoffen: Das ist der schönste Kranz, den man uns flicht. Personen. Salomo , König der Juden. Jeroboam , Feldherr des Königs, aus Sauls Geschlecht. Ahia , Prophet. Ben Jochai , Kämmerer. Memnon , Arzt. Ephraim , Hüter der königlichen Gärten, blind. Simon , ein Hirt. Balkis , die Königin von Saba. Miriam Sulamith Ephraims Töchter. Gefolge Salomos, Gefolge der Königin von Saba, Boten von Arabien, Boten von Aegypten, Krieger, Trabanten, Knaben, Mädchen, Volk. Der Schauplatz ist Jerusalem und das benachbarte Gebirge. Erster Akt. Erste Szene. Burg Zion. Große Halle. Ausgang rechts und links. Im Vordergrund, dem Zuschauer zur Linken ein erhabener Thron. Durch die geöffneten Vorhänge der Hinterwand blickt man ins Freie gegen den Tempel Salomonis. Draußen zahlreiches Volk. Jubelgeschrei und Posaunen. Zu beiden Seiten der Bühne, im Halbkreis, Knaben mit Harfen rechts, Mädchen mit Palmzweigen links, Spalier bildend. – Mitten aus dem Hintergrund in die Halle tritt Ahia. Ja, jauchzt nur zu dem Donner der Posaunen, Schwingt Palmen, werft euch hin auf seinen Weg, – Denn er hat euch so reich gemacht an Ehren, Wie keiner noch in Israel vor ihm. Hosianna Gott dem Herrn, und Heil dem König! Volk (draußen) . Heil Salomo! Dem Sohne Davids Heil! Ahia. Er hat den großen Tempelbau vollendet, Vollendet seines Vaters schönsten Traum; Zum Himmel ragt vor aller Völker Augen Moriahs Stolz, das Heiligtum des Herrn. Gegürtet ist's mit Zedern und mit Palmen, Getäfelt ist's mit Silber und mit Gold, Und Marmorpfeiler, Riesenpalmen gleichend, Bewachen stolz den Eingang, – seht nur hin! Horcht auf! Es tönt Gesang, es rauschen Harfen, Der Duft des heil'gen Opfers steigt zum Herrn, Des Opfers für den Sieg, den wir erfochten, Den starken Sieg durch die Gewalt des Herrn. – Der blutig grimm'ge Bruderzwist im Norden, Der wie ein Wolf am eignen Fleisch uns fraß, Ward durch den Arm Jeroboams gebändigt, Und alle Kinder Jakobs sind nun eins. Kein Unterschied von Israel und Juda, Ein Name nur, ein Gottesdienst, ein König, Ein auserwähltes Volk vor unserm Herrn! (Posaunenstoß.) Zweite Szene Es treten auf aus dem Hintergrunde: Trabanten, Ben Jochai, Jeroboam mit Rüstung und Schwert, endlich Salomo in königlichem Purpur. Er besteigt den Thron. Ahia stellt sich zur Rechten, Ben Jocha i zur Linken des Thrones. Jeroboam und die Trabanten bleiben im Vordergrund rechts auf der Bühne. Die Vorhänge des Hintergrundes schließen sich von beiden Seiten gegen die Mitte zu. Ahia. Hosianna Gott dem Herrn, und Heil dem König! Alle. Heil Salomo! Dem Sohne Davids Heil! Salomo. Ich danke dir, Ahia. Dank euch allen! Doch wo ist unser Feldherr, Freund und Held? (Mit ausgestrecktem Arm.) Jeroboam! Jeroboam (tritt vor, sich neigend). Mein König, ich gehorche. Salomo. Nicht so bescheiden! Reich' uns deine Hand. Bescheidenheit ist schön; doch zu bescheiden Ist unrecht und ist stolzer noch als Stolz. Wir lieben dich, mein Feldherr und mein Vetter, Was du im Kampf für unser Reich getan, Bleibt unvergessen. Jeroboam. Herr, soll ich mich schämen? Nur meine Pflicht, nicht mehr hab' ich getan. Salomo. Heil unserm Land, wenn jeder also dächte! Gleich einer Heerschar ist ein treuer Mann. Es kommen viele, doch du bist der erste, Der Auserwählte bist du, dem mein Ohr, Mein Herz gehört; du wirst, mein tapfrer Vetter, Mich nicht an meines Lebens schönstem Tag So kränken, so zum Bettler machen wollen, Daß du mir zeigst: Ich wünsche keinen Dank – Jeroboam. Du dankst, indem du anerkennst, mein König. Salomo. Sprich eine Bitte: Nenn' mir einen Wunsch! Du machst mich arm mit deinen stummen Lippen. Jeroboam. Daß du mich ehrst, Herr, das ist Lohns genug. Salomo. Ist nicht genug! Bei meinem goldenen Zepter, Du hast ein Recht auf jeden höchsten Dank! Wir wissen wohl, wir tragen unsre Krone Durch eigne Kraft, doch nicht zuletzt durch dich! Jeroboam. Durch mich? O Herr, laß mich vom Herzen sprechen! Ich hab's im Grund auch für mich selbst getan. Ja, für mich selbst! Hier schlug's in meinem Herzen: »Du bist befleckt, entehrt, Jeroboam!« »Nicht rein, nicht ehrlich!« Ja, du weißt es, König, Es liegt ein Fluch von Anbeginn auf mir. Noch rauscht die Terebinthe in den Bergen, Wo Joab einst den Absalon durchstieß, Den Absalon, der gegen seinen Vater Und deinen Vater, David, unsern Herrn, Aufstand; und neben Absalon focht Nebat; Ich aber, wie du weißt, bin Nebats Sohn. – Der Same Sauls, der unterging durch David, Erhob in Nebat noch einmal sein Haupt Und sank dahin, von Davids Schwert getroffen. Jetzt wuchern wilde Nesseln auf dem Grund, Wo Nebat schläft; es ist kein Grab für Helden, Es ist ein Ort für einen toten Hund. – Salomo. Vergiß das! Und wenn Mitgefühl der Leiden Die Wunde heilt, so bin ich gern dein Arzt. Jeroboam. So wurde dieses Grab denn all mein Erbteil. Ich war ein hilflos Kind in fremder Hand, – Denn meiner Mutter war das Herz gebrochen, – Mein ganzer Stamm erlosch vor Davids Grimm; Nur ich blieb übrig, ich, ein hilflos Knäblein. Salomo. Schon auserwählt zu künft'ger großer Tat. Daß ich nicht schmeichle, hast du jetzt bewiesen. Jeroboam. Du schmeichelst doch, – vom König nehm' ich's an. – Es war ein ernster Mann, der mich im Mantel Zu Ephraim hinauftrug ins Gebirg, Zum Hüter deiner königlichen Gärten, Ich habe längst sein Angesicht vergessen Und nie erfuhr ich, wo mein Retter blieb. Salomo. Ich weiß, du wurdest wunderbar erhalten. Ahia (für sich) . Ich weiß es auch und wünsch' es wär' nicht not! Jeroboam. Da saß ich nun, – es war ein goldner Abend, – Vor Ephraims Haus im Schatten eines Baums Und spielte froh mit meinen neuen Schwestern, Den Töchtern des Erblindeten, im Sand, Die ganz erstaunt, wie über einen Vogel, Mich fütterten mit Datteln und mit Brot. Und also ward der Hüter deiner Gärten Mein zweiter Vater, ich sein drittes Kind. – Ich wuchs und wuchs. Und David war gestorben, Du aber, nach dem Recht, bestiegst den Thron, – Da führt dich eine Jagd mit deinen Jägern Zu uns in das Gebirg. Salomo. So ist's geschehen. Jeroboam. Dein Kämmrer wollte Ephraim verderben Und sprach zu dir: »O Herr, noch lebt ein Sproß Vom Stamme Sauls, durch Ephraim verborgen.« Und so erfuhrst du plötzlich mein Geschick. – Dein Herz war größer als Ben Jochais Bosheit; Von Mitleid ward dein edles Aug' umflort; Du sprachst: »Ich will ihn sehn!« Ich bin gekommen, Ich stand vor dir, doch nicht als wie ein Knecht. Ein andrer hätt' von seines Thrones Stufen Mich peitschen lassen, – du gabst mir die Hand; Du hobst mich auf wie deinen eignen Bruder; Ja, als der grimmige Krieg war rings entbrannt, Da gabst du mir dein Schwert: Ich schlug die Feinde, Ich schlug sie dir zum Heil, – hier ist's zurück. (Legt das Schwert auf die Stufen.) Salomo. Jetzt sei es dein! Behalt es fort in Ehren, Doch gib dafür dem König deinen Wunsch. Jeroboam. Wenn's doch denn sein muß, König, sei es dieser: Der Panzer drückt mich, Staub bedeckt den Helm, – In meine Heimat möcht' ich Urlaub nehmen, In meine Wälder und in mein Gebirg. Jerusalem beengt mich; Herr, ich möchte Zu Ephraim, bis du mich wieder rufst. Salomo (lächelnd) . Ich furcht', ich fürcht', es ist nicht bloß der Alte, Der mehr zieht, als Jerusalem und ich! Jeroboam. Und warum sollt' ich's leugnen, großer König? Die Wahrheit soll heraus, du willst es selbst. Du weißt, ich könnte eher mit der Zunge Ein Eisen hämmern, als zu einem Weib Von Liebe sprechen; Herr, wenn du dich wieder Zu uns einmal verirrtest, sei mein Gast! – Sei's heute noch, so dank' ich dir und führe Ein Mädchen dir entgegen, Ephraims Kind Und jüngste Tochter – Salomo (rasch) . Sulamith? Jeroboam. Du kennst sie? Du kennst sie, Herr? Du weißt schon ihren Namen? Salomo. Sprich weiter! Hast du sie nicht selbst genannt? Jeroboam. So führ' ich, Herr, dir Sulamith entgegen Und sprech' in Demut: »Gib sie mir zum Weib!« Salomo. Wenn sie dich liebt, – mit Freuden will ich kommen. Jeroboam. Ich danke dir, mein König! (Neigt sich.) Salomo. Lebe wohl! (Jeroboam und Trabanten gehen ab nach rechts. Posaunenstoß.) Dritte Szene. Salomo. Ahia. Ben Jochai ohne die Vorigen. Ahia (laut rufend) . Wer Ursach' hat, zu fordern und zu klagen, Wer Recht begehrt, der König hält Gericht. Ben Jochai (tritt vor den Thron und wirft sich aufs Knie) . So stürz' ich denn zum drittenmal zur Erde Und steh nicht auf, bis daß der König spricht: »Ben Jochai, du sollst Gnade von mir finden, Rechtfertigung und Gnade für dein Weib.« Salomo. Für dich, Ben Jochai, alles. Doch für Rachel Nicht mehr, als unsre Milde schon getan. Das Urteil stand auf Tod. Es ward gemildert. Wer kennt das Urteil? Ahia (vortretend) . Ich! Salomo. So wiederhol's. Erzähl' den Fall vom Anfang. Könnt' ich's ändern, Ich tät's. Doch solches richtet schon sich selbst. (Zu Ben Jochai.) Steh' auf! (Ben Jochai erhebt sich.) Ahia. Es war beim Tempelweihefest, Da stellten vor dem König sich zwei Weiber. Rachel, die eine, des Ben Jochai Hausfrau, Die andre, Mirjam, Ephraims ältste Tochter, Des Hüters aller königlichen Gärten, Und Wittib Joëls, welcher in dem Kampf, Den wir mit soviel Glück und Ruhm beendet, Gefallen war. Der Streit ist unerhört. Es hatten, so erzählten sie, die beiden In gleicher Kammer schlafend in der Nacht, Die Rachel wie die Mirjam, einen Knaben Geboren. – Drauf erdrückt im tiefen Schlaf Ihr Kind die Rachel, legt's am frühen Morgen Der andern in den Arm, die schlummert noch. Ben Jochai. O Herr, das ist Betrug von unsern Feinden! Ist Mirjams Trug! Ahia. Ihr habt's mit heil'gem Eid Beteuert, daß sie log. Ihr habt das Kindlein, Das tote Kind ihr an die Brust gelegt Und grifft nach dem lebendigen. Doch die Mutter – Wer hätte eine Mutter je getäuscht? – Trat klagend vor den König. Ohne Zeugen, Von Rachels heil'gem Eid fast widerlegt, Stand Mirjam. Auch der Freund an ihrer Seite, Der arme Hirte Simon, war verstummt. Da sprach der König: »Hört mich an, ihr Frauen, Zum letztenmal: Besteht Ihr auf den Spruch?« Und Rachel rief: »Ich schwör's! Mein Kind ist lebend!« Und Mirjam wurde bleich als wie der Tod Und sprach zu Rachel: »Denk' an deine Seele!« Da rief der König laut: »Tritt vor, Trabant! Wenn keine lügt, soll jede recht behalten. Ihr kommt mit gleichem Anspruch auf dies Kind, – So zieh dein Schwert, Trabant, zerteil' das Knäblein Und jeder Mutter gib ein halbes Kind!« Jetzt zuckt als wie der Flammenblitz aus Wolken Aus Mirjams Brust der Mutterliebe Strahl: »Halt ein! Nimm's hin! Nimm's ganz! Sei du die Mutter! Tut, was ihr wollt, nur tötet nicht das Kind! O seht, es lacht, es lebt, mein armes Würmlein! Berühr's nicht, Krieger, zieh dein Schwert zurück! Ja, nimm's! Nimm's hin! Sei du die Mutter, Rachel! Führt mich zum Tod, – nur tötet nicht mein Kind!« So war's heraus. – Der König rief: »Man greife Die Lügnerin!« Und Mirjam trug ihr Kind Hinweg, umschwärmt vom ungeheuern Jubel Des Volks. – Doch, weil Ben Jochai treu gedient, So mildert' man das Urteil: Geißelhiebe Statt Tod. So ist's ergangen. – (Tritt zurück.) Ben Jochai. Herr! O Herr! Sie tat's nicht um der Arglist willen. Mirjam Und Ephraims ganzes Haus hat uns verhöhnt: Die Unfruchtbare schmähten sie die Rachel, Die niemals mir ein Kind gebären soll, – Da tat sie's halb im Wahnsinn. Salomo. Still, Ben Jochai! Ihr habt mit einer Witwe Schmerz und Glück So frevelhaft gespielt, daß eure Strafe Noch tausendmal zu mild ist. Sprich kein Wort! Ben Jochai. O Herr, sie wird die Schmach nicht überleben! Salomo. Die Schmach gab sie sich selbst. Es ist genug. Ben Jochai. Herr, niemals hab ich rühmend meine Dienste Genannt, – mit deinem Vater sind sie tot, – Er hat's gewußt, er kannte den Ben Jochai Als seines Hauses treu verschwiegnen Knecht. Er hat's gewußt, – sein Sohn will es nicht wissen Und soll es auch nicht wissen, denn mein Mund Wird eher sich in ew'ger Stummheit schließen, Als atmen einen Hauch nur, der (zögernd, bedeutungsvoll) dich kränkt. (Sich aufs Knie werfend.) Sprich Gnade, Herr, beim Schatten des Vergangnen! Sprich Gnade, Herr, ich bitte dich im Staub! Beim Herzen deiner Mutter, bei Bathseba, Sprich Gnade, Herr, ich bitte dich im Staub! Salomo. Meineid ist Meineid. – Geh, ich kann nicht anders! Ben Jochai (sich starr aufrichtend) . Du kannst nicht anders? Mög' dich's nie gereun! (Wankt hinaus.) Vierte Szene. Salomo und Ahia. Die Vorigen ohne Ben Jochai. Salomo. Ahia, folg' ihm nach. – Oh, welche Menschen! Ahia. Ich will ihm folgen. (Sich neigend.) Sei der Herr mit dir! (Ab.) Fünfte Szene. Salomo. Die Vorigen ohne Ahia. Salomo. Ich will allein sein. Geht, ihr seid entlassen. (Knaben und Mädchen gehen zur Rechten und Linken der Bühne ab.) Sechste Szene. Salomo ohne die Vorigen. Salomo (das Haupt aufstützend, in Gedanken) . Allein? Jawohl, allein, – ich bin allein! – Jeroboam, ich könnte dich beneiden! Das ist der Fluch der Großen dieser Welt, Sie hören tief die Menschenbrandung brausen, Sie heben wie die Klippen hoch ihr Haupt Zum Himmel, zu den Sternen, – doch die Blume, Das arme Kraut ist glücklicher als sie. Das lebt und blüht, trinkt Morgentau und Sonne, – Doch um die hohen Gipfel rast der Sturm, Der Blitz erhebt sein Glutenschwert und spaltet Den fürstlichen Basalt bis auf den Grund. Siebente Szene. Salomo. Memnon tritt auf. Memnon. Mein König, gönn' auch mir, den Tag zu preisen – Salomo (vom Thron steigend) . Mein Arzt, mein Freund! O herrlich, daß du kommst! Du bist der liebste Gast in diesen Mauern. O sieh, ich bin am Königsfieber krank. Mir geht's wie jenem Midas, dem die Speise Zu Gold ward, – er blieb doch ein armer Mann. Memnon. Wie reich bist du, o Herr, in deiner Armut! Auf deine Stimme horcht ein tapfres Volk, Es dringt dein Ruhm weit über deine Grenzen, Dein Bildnis trägt der Schiffer übers Meer. – Wie weit du umblickst, nirgends hast du Feinde, Denn die dich haßten, wurden längst dir hold; So sehr hat deine Großmut alle Völker Und Fürsten dieser Welt mit dir versöhnt. Salomo. Und dennoch, Memnon, fehlt mir viel, fast alles! Ich bin im Grunde doch ein armer Mann. Was nützt uns Macht, was nützt uns Glanz und Reichtum? Memnon. Was suchst du, Herr? Salomo. Die Wahrheit und ein Herz. Memnon. Die Wahrheit – wirst du kennen lernen, König, Und Herzen raubt ein Jüngling leicht genug. Salomo. Ja, wenn sie leicht sind! Doch ich dürste, Memnon, Nach einem starken Herzen – Memnon. Ahnst du keins? Salomo. Nicht so! Ich weiß, du bist mein wackrer Memnon! Memnon. Du denkst wohl an die neue Freundin schon, Die Königin von Saba, an die Perle Des Morgenlands, die schönste Frau der Welt? Ja, wir erwarten täglich ihre Boten. Vielleicht besitzt dies Weib, wonach du suchst, Und macht dich froh. Salomo. Du hast mich nicht verstanden. Nicht Schönheit such' ich, nur ein wahres Herz. Ich möchte in die ärmsten Hütten schleichen, Ich möchte, – Freund, was ich Jeroboam Versprochen habe, muß ich heut noch halten. Ich will sie sehn, die junge Sulamith! – Wir nannten sie die Taube auf den Bergen, – Erinnerst du dich noch? Memnon. Jawohl, jawohl! Da wir zum Scherz als König Davids Harfner Vor deines Vaters Tod im Wald gestreift. Salomo. Wir sahn sie öfter! Memnon. Ja, die schönen Zeiten! Salomo. Sie sind dahin! Sie kommen so nie mehr! – Ich habe dem Jeroboam versprochen, Sein Gast zu sein. Auf, rüsten wir uns, Freund! Begleite mich und rufe meine Jäger. Memnon. Das will ich, Herr! Salomo. Ja, tu es eilig, Freund! (Memnon neigt sich und geht ab.) Achte Szene Salomo ohne Memnon. Salomo. Ich sollt's nicht tun! – Ich kenn' das holde Mädchen. – Ich galt ihr einst – doch still, das ist vorbei! – Ich will die Wipfel wieder rauschen hören Und Felsen sehn und Bäche, die ins Tal Hinunterbrausen; Lüfte will ich atmen, Die heiter sind und kräftig, – hier ist's schwül. In fremdem Glück will ich mich selbst berauschen. – Jeroboam ist reich, ihn liebt ihr Herz! (Entfernt sich sinnend.) Neunte Szene. Verwandlung: Waldgebirge mit Ausblick auf Jerusalem in der Tiefe. Abendrot. Rechts zurück Ephraims Haus. Mitten nach vorne, etwas erhöht, eine riesige Terebinthe. Rasensitze darum. Nach links zu felsig ansteigender Boden, der in schroffen Wänden gegen die Tiefe zu abstürzt. Der alte Ephraim wird von Sulamith, die einen Krug trägt, herausgeführt. Ephraim. Nur langsam, Kind. – O Wohlgefühl der Wärme! Es muß noch Tag sein. Goldnes Sonnenlicht, Wie glücklich ist, wer mit gesunden Augen In dir noch wandelt, – ich bin alt und blind! Ja, Sulamith, ich durfte noch nicht sterben. Zum letztenmal hab' ich mich aufgerafft, Bis Mirjam kommt. – Wo ist die Terebinthe? Führ' mich zum Baum, denn ich bin herzlich müd'. Sulamith. Wir sind an Eurem Ruhplatz, laßt Euch nieder. (Sie hilft ihm und stellt den Krug zur Erde.) Ephraim. Setz' dich zu mir und gib mir deine Hand. (Sie tut es.) Du hast ein scharfes Aug', schau' dort hinunter; Auch hörst du gut, gib acht auf jeden Schall. – Wär' ich nicht alt und blind, mein gutes Mädchen, Das hätte uns Ben Jochai nicht getan! – Der Simon ist ein treuer, kluger Nachbar. Ich werd' ihm's nie vergessen. – Ja, mein Kind, Hier saß ich oft und oft mit deiner Mutter In bessern, schönern Tagen. Oh, die Zeit! Ja, Leid und Freude, alles geht vorüber! Wie ist der Himmel? Sulamith. Wolkenlos und rein. Ephraim. Noch immer Tag? Sulamith. Die Sonne sinkt hinunter, Die letzten Schwalben kreisen um den Berg, Die Felswand glüht im Abendrot wie Feuer, Die Zinne Zions funkelt wie ein Stern. Ephraim. Das Bild von einst! Es schwebt vor meinen Augen. – Horch, war das nicht ein Schlag auf einen Stein? Sulamith. Ich höre nichts; auch seh' ich nichts. Es dämmert. Dort klettern wilde Ziegen an der Wand. Ephraim. Ja, wer allein steht, schutzlos, ohne Hilfe! Der Simon ist doch recht ein treuer Mann! War' Joël noch nicht tot, und wär' ich selber Nicht blind, und wärst du nicht ein halbes Kind, Nie wär' uns das gekommen. – Hörst du's lachen? Sulamith. Es ist die wilde Taube im Gebirg; Der Frühling kommt, der Weinstock grünt, sie wandert. Sie baut im Wald ihr Nest und ruft und lockt. Ephraim. So lernst du aus dem Schicksal deiner Schwester, Daß Einsamkeit nicht gut ist für das Weib. Sie braucht zum Schutz den Mann. Ja, gutes Mädchen, Er kommt auch bald für dich. Sulamith. Was brauch' ich Schutz? Was brauch' ich einen Mann, solang mein Vater Mein alles ist? Ephraim. Kind, das verstehst du nicht! Mit Ruhm bedeckt, geehrt von Volk und König, Als Sieger kehrt Jeroboam zurück. Sulamith. Als meinen Bruder freut mich's ihn zu grüßen, Als deinen Sohn erwarte ich ihn gern. Doch mehr begehrt er selbst nicht von der Schwester Und hätte auch kein Recht. Ephraim. Was weißt denn du! Sulamith (sich rasch erhebend) . Jetzt ist mir's selbst, als hört' ich ferne Schritte. – Ephraim. Dann sind's sie auch! Komm, hilf mir auf, mein Kind! (Er steht, auf Sulamith gestützt.) Sulamith. Nun, Vater, faß dich! Unglück wird nicht kommen. Zehnte Szene. Simon. Miriam. Die Vorigen. Simon (seinen Stab schwingend) . Heil, Ephraim, Heil! Dein Enkel kehrt zurück! Ephraim. Oh, seid gebenedeit für diese Kunde! Komm', meine Mirjam! Legt mir's an das Herz! Simon. Du wiegst's noch früh genug auf deinen Armen! Wir trugen's zu der Muhme in das Haus; Die legt's in frische Windeln. Ei, das schreit, Das zappelt und macht Augen, Vater Ephraim! Ephraim. Ich wußt' es ja, ich wußt' es, daß Jehovah Gerecht ist! Ja, gerecht ist unser Herr! Ruh aus, o Mirjam, rede, meine Tochter! Du wackrer Simon, gib mir deine Hand! (Simon reicht ihm die Hand.) Wie war's? Erzählt's! O sprecht! Wie ist's gekommen? Simon. Höchst wunderbar! Sulamith. Ruht aus hier unterm Baum! Sprich, Mirjam! Ephraim. Ja, erzählt! (Miriam und Sulamith lassen sich zur Seite Ephraims auf den Rasensitz nieder.) Miriam. Wie soll ich's sagen? Zu reiches Glück nach allzu großem Schmerz Macht stumm. Nein, unserm Simon müßt Ihr horchen. Nur ihm allein. Er war mein Schirm und Stab, Er führte mich zum Thron, er stritt mit Rachel Und mit Ben Jochai – Simon (auf seinen Stab gestützt) . Laßt's bis morgen ruhn! Nicht ich, dein eig'nes Herz schrie auf zum Himmel, Und das vernahm des Königs kluges Ohr. – Bis morgen! – Laßt das alles bis auf morgen! Genug: Hier sind wir, und du hast dein Kind. Miriam. Fast glaub' ich's nicht. Mein Herz ist viel zu selig. Fast glaub' ich's nicht. Doch Rachel büßt es hart. Sie hat mich ohne Grund gehaßt, und weil ich Nun glücklich bin, vergess' ich jeden Groll. Ephraim. Ist Wein hier? Trinkt Erquickung! Sulamith. Liebe Schwester, Wie ist der König? Miriam (gedankenvoll) . Wie der König ist? Ich weiß es kaum. Ein Thron war hoch errichtet, Und um die Stufen standen Männer viel. Ich sah sie kaum, denn meine Augen waren Von Tränen voll, ich suchte nur mein Kind – Und fand's. Und wie ich's sah auf Rachels Armen, Und wie ich stand vor ihrem bösen Blick, Da überlief's mich. Doch es ist vorüber. Freut Euch mit mir, ich hab' mein liebes Kind! Simon (den Krug erhebend) . Aufs Wohl von Ephraims Enkel! (trinkt) Das wird einmal Ein tüchtiger Posaunenbläser. Seht, (auf Miriam zeigend) Sie denkt nur an ihr Kind. Ja, geh' zur Muhme! Der Weg war steil, Euch tut die Ruhe not. (Miriam geht ab ins Haus.) Elfte Szene. Die Vorigen, außer Miriam. Simon. Nun, Sulamith, hast du denn nichts zu fragen? Weißt du's denn schon? Ist er vielleicht schon hier? Sulamith. Wen meinst du denn? Simon. Wie klug! Den großen Streiter! Verstell' dich nicht! Du wirst ja plötzlich rot? Wen meinst du denn? Wen sollt' ich anders meinen? Glück zu! Du bist des größten Helden Braut! So herrlich stand noch keiner vor dem König, Und nicht die kleinste Gnade nahm er an. Wir sah'n ihn noch vor Abend durch die Straßen Wie Samson, den Philisterjäger, ziehn; Mit Laub bekränzt die Waffen und den Harnisch, Auf einem edlen, goldgezäumten Roß; Wir hoben unser Kindlein auf und riefen: »Jeroboam, der Friede sei mit dir!« Er aber konnt' im Lärm uns nicht vernehmen, Denn brausend wuchs um ihn der Menge Strom; Es war ein ewig Rufen, ewig Jubeln, , Er aber ritt dahin als wie im Traum. Sulamith. Erzähl' uns auch vom König! Ist er wirklich So weise und so jung noch, wie man spricht? Simon. Was kümmert's dich? Doch ja. Weil unser Kindlein Gerettet ist, so fragst du mich darnach. Der König ist ein Mann, wie tausend andre; Nur jung dabei und schön und – du hast recht, – Das Beste hätt' ich wirklich bald vergessen: Erinnerst du des Harfners dich vielleicht? Es ist kein Jahr noch, daß er deine Rosen Geplündert hat, und ich ihm einen Stein Nachsandte. Möglich, daß du's schon vergessen; Doch damals warst du über mich erzürnt Und sagtest: »Ei, was liegt an ein paar Rosen? Er bat mich drum, ich gab sie herzlich gern.« – Nun, dieser Harfner, – denk dir seine Augen (Sulamith horcht auf.) Und seine langen Locken, seine Stirn', Die Stimme, die Gestalt, es war zum Lachen, Und dennoch war's für mich als wie ein Schlag: – Ich hoffte nicht, im König den zu finden, Den ich so hart begrüßt mit einem Stein. (Zu Sulamith.) Ja, staune nur, es ist so. – Kommt, mein Alter. Ich muß ja erst das Urteil und den Spruch, Den Richterspruch des Königs Euch erzählen. Kommt, gebt mir Euern Arm, geh'n wir ins Haus. (Er führt Ephraim hinein. Sulamith hebt in Gedanken den Krug auf, folgt ihnen und kehrt vor der Schwelle wieder zurück. Sie stellt den Krug zur Erde und schreitet gegen den Vordergrund.) Zwölfte Szene. Sulamith (allein). So ist er's doch? So kann ein Traum uns künden, Was wirklich ist? Er stand vor mir im Traum, Wie Simon sagt, mit Krone und mit Purpur, Auf einem Thron, das Zepter in der Hand. Und unser Haus ward wunderbar verwandelt Zum Tempel von Jerusalem. – Er hob Mich hoch empor zu sich. – Er war es wirklich? – O weh, mein Herz, du lachtest damals laut, – Jetzt aber wirst du ewig weinen müssen, Denn er ist König und ich bin nur Magd! – Dreizehnte Szene. Jeroboam, aus der Tiefe kommend. Sulamith. Jeroboam. Bist du ein sel'ger Geist, ein güt'ger Schatten, Der meines Vaters Grab bei Nacht umschwebt? Was? Sulamith? Du selbst? Und weichst so furchtsam Vor mir zurück? – Das dort ist unser Haus; Dort sind die Meinen. (Gegen die Erde.) Zürne nicht mein Vater! O Sulamith! (Da sie zurücktritt.) Was weichst du so zurück? Sulamith (tritt näher) . Jeroboam, mein Bruder, sei willkommen! (Reicht ihm die Hand.) Jeroboam. Und nur die Hand? Warum nicht auch den Mund? (Küßt sie auf die Stirne.) Mein Schwert, jetzt sollst du lange ruhn und rasten! Jetzt fürcht' ich keinen Feind, als nur mich selbst! Sulamith. So komm' ins Haus. Jeroboam. Du glaubst? Ich will noch bleiben. Schau' hin, es geht so schön der Mond herauf. Kind, was kann ich zur armen Mirjam sprechen Von ihrem toten Mann? Sulamith. Ja, es ist hart! – Dafür wirst du ein fröhlich Knäblein finden. Jeroboam. Hat Miriam ein Kind, dann ist ihr Schmerz Zwar nicht geheilt, doch gleicht er einer Wunde, Die man nur fühlt, wenn man sie rauh berührt. – Du sprichst so gar nichts? Ist für dich mein Kommen Nicht mehr, als wenn ein Bote kommt und geht? O Sulamith, das höchste Glück der Erde, Wie eine Rose blüht's aus deinem Mund! So sprich! – Sulamith. Was meinst du? Jeroboam. Nein, es ist so besser. Zur rechten Stunde bist du wohl nicht stumm. (Waldhornklänge. Fackeln steigen auf.) Jeroboam (fröhlich) . Das ist der König! Sulamith (in höchster Aufregung) . Fort! Laß mich verbergen! (Will fort.) Jeroboam (hält sie zurück) . Du Kind! Sulamith. Denn dieser Anblick wär' mein Tod! Vierzehnte Szene. Jäger mit Fackeln. Memnon . Salomo und Gefolge. Die Vorigen. Salomo (lachend) . Sind wir so furchtbar? Jeroboam (sich neigend) . Herr, du bist willkommen! Es ehrt uns hoch, die aber ist ein Kind. Es traf zu schnell. Ich selbst bin kaum gekommen Und trete nun mit dir zugleich ins Haus. Salomo. Wohlan! (Indem sie sich wenden, steht Jeroboam plötzlich still.) Jeroboam. Doch, Herr, mit Gunst, gedenk' der Bitte: Komm', Sulamith, ich fasse deine Hand. (Er tut es.) Jetzt ist der rechte Augenblick gekommen, Das ist der Preis: Herr, gib sie mir zum Weib! (Sulamith zuckt zusammen.) Salomo. Spricht Sulamith kein Wort? Sulamith (kämpfend) . Was soll ich sprechen? Jeroboam. Jetzt laß die Rose blühn! Oh, sei nicht stumm! Sulamith (dumpf) . Befiehlt der König? Salomo (lebhaft) . Niemand soll befehlen! Wo Sulamith gewählt hat, spricht sie selbst. (Sulamith reißt sich los und stürzt zu des Königs Füßen.) Jeroboam. Was soll das sein? Salomo. Steh auf! Was willst du, Mädchen? Sulamith (leidenschaftlich) . Herr, gib mich niemand, niemand in der Welt! Salomo. So ruft nicht Liebe. Freund, ich will nicht hoffen, Daß man sie zwingt. Sei ruhig, armes Kind! (Er erhebt sie.) Sulamith (in unbewußter Leidenschaft) . Dir ist's erlaubt, du trägst dafür die Krone, Daß jedes Aug, wie nach der Sonne Schein, Nach dir blickt; und wenn du einmal den Purpur Zum Scherz von dir wirfst, wenn du das Gewand Des Knechts um dich hüllst, doch bleibst du der König. Denn du bist uns ein göttliches Gestirn! Drum darfst du auch vom Jammer nichts mehr wissen, Und von verlorner Hoffnung, die du weckst; Du darfst uns wie den Staub von deinen Füßen Abschütteln, aber eins, Herr, darfst du nicht: Uns zwingen, uns verschenken. – Ja, ich würde Den Tod umarmen, – niemals einen Mann! Jeroboam. Sie rast! Salomo. Wenn ich auch viel von deiner Rede Nur halb verstand, so viel verstand ich doch, Daß ich dir meinen Schutz nicht darf verweigern. Jeroboam, es tut mir herzlich leid; Jerusalem hat viele schöne Frauen, Und bist du nur ein einzig Mal mein Gast, So wirst du diese Stunde auch vergessen; Auf Sulamith jedoch hast du kein Recht. (Der König und alle wenden sich dem Hause zu.) Jeroboam (rasch) . Kein Recht? Ich bitt' Euch, bleibt! (Zu Sulamith.) Hast du vergessen Des Morgens, als sich einst um deinen Arm Die Natter wand? Es war beim Blumenpflücken, Du riefst – und wurdest bleich als wie der Tod –: »Jeroboam!« Der aber ließ die Schlange Kaltblütig züngeln nach der eignen Hand, Zerdrückte sie und sog das Gift der Wunde Nicht früher aus, bis du gerettet warst. – (Sulamith tritt auf ihn zu.) Nein, sprich nichts mehr! Du hast zuviel gesprochen! Und wenn du jedes treue, liebe Wort Der Menschensprache mir jetzt schenken wolltest, So würd' ich doch empfinden: Du bist falsch. Sulamith. Jeroboam! Jeroboam (bitter) . Ich denk' nur an die Schlange. – Salomo. Mißkenn' sie nicht, und folg' uns in das Haus. (Er führt Sulamith hinein; Memnon und die Fackeln folgen.) Fünfzehnte Szene. Jeroboam. (schlägt sich vor die Stirn) . Bin ich vielleicht vom Schlangenbiß noch trunken? War das mein Brautgruß? War das nicht ein Hohn? »Mißkenn' sie nicht!« – Soll ich wohl dich erkennen? Hab' ich geträumt und bin jetzt plötzlich wach? Wie klang das von der Krone und vom Purpur? Vom Staub, den er von Füßen schütteln darf? Du siehst nur ihn, du hast für ihn nur Augen, Und er ist dir ein göttliches Gestirn? – O Schmach! Reißt mir ein Blitz durch meine Seele, Und steigt ein alter Argwohn grinsend auf? Warst du auf jener Jagd darum so gütig? Darum so gütig mit Jeroboam, Weil ihre Schönheit – Tod! ich darf's nicht denken! Darum so gütig? Oh, es macht mich toll! – – Im Grab erwürgt's noch einmal meinen Vater Und längst gestorbnen Haß beschwört's herauf. Mein Herz der Zielpunkt für des Königs Pfeile? Mein einzig, einzig Glück in seinem Arm? Noch seh' ich's nicht, noch muß ich es nicht glauben: Doch, wenn ich's glaube, weh dir, stolzes Haupt! (Er wendet sich gegen das Haus zu.) Zweiter Akt. Erste Szene. Waldgebirge wie im ersten Akt. Links auf dem Rasensitz unter der Terebinthe, halb gegen den Hintergrund gewandt, sitzt Sulamith . Sie stützt das Haupt auf den Arm, in tiefes Nachdenken verloren. Von rechts her kommen Miriam , Jeroboam mit Spieß und Jagdkleid. Miriam. Ich glaub' es, wie dir ist. Um einen Toten Vergießt man wohl viel Tränen, großer Schmerz Erschüttert uns. Doch besser ist's um Tote Zu klagen, als um Lebende. Schau' hin! (Beide stehen still.) Jeroboam. Leb' wohl, denn dieser Anblick macht mich rasen! Miriam. Nein, bleib! Du sollst nicht früher in den Wald, Bis eins das andre hört. Dies kalte Schweigen, Dies stumme Eis schon manchen langen Tag Muß auftaun. Ihr müßt sprechen, denn die Zunge Macht manches wieder gut, was sie verbricht. Jeroboam. Sie hört uns nicht. Als wie von Erz gegossen, Zu Stein verwandelt, sitzt sie schweigend dort, Jerusalem mit stummer Sehnsucht suchend Und Zions Mauern, ihres Königs Burg. (Zu Miriam.) Oh, du bist gut! Dein Mitleid will mich trösten. Ich wollte, Weib, ich hätt' um dich gefreit! Du hast ein Herz, das freundlich auch den Fremden, Den Ungeliebten tröstet und sein Leid Zum eignen macht. Sie aber ist wie Marmor. Was schmelz' ich denn in Klagen? Herz des Manns, Du Stolz des Kriegers, wirst du um ein Mädchen, Das dich verschmäht, zum weichen, alten Weib? O pfui! Leb' wohl! Ich kann es nicht ertragen, Sie so zu sehn. Ich will in meinen Wald. Wenn's über mir in sturmbewegten Bäumen Lebendig rauscht, verstummt mein eigner Schmerz. Ich schleudre dann den Spieß, ich such' den Schakal Im Sumpf, ich reiz' die Schlange mit dem Fuß; Ich hetze jedes Untier auf mein Leben, Nur: daß ich nicht mehr weiß, wer ich denn bin! (Will über die Bühne ab nach links.) Miriam. O bleib! ich bitt' dich, bleib! Ich will sie wecken. (Tritt auf Sulamith zu und berührt ihre Schulter. Sulamith blickt auf und erhebt sich.) Wach auf, komm' zu dir selbst, o Sulamith! Wir sind nicht wie die Sterne, die der Erde Nur nachts erscheinen und der andern Welt Am Tag gehören. Schwester, wir sind Menschen; Wir freun uns und wir trauern ganz wie du. Drum, mußt du ja das eine nicht vergessen, Auch du gehörst zu uns. Sulamith (vorwärts schreitend) . Wohin auch sonst? Obgleich ihr nichts als tadelt, nichts als tadelt. Ich weiß, es ist ein Unglück, wie ich bin. Allein ich bin so. Fordert nicht vom Vogel, Er soll wie eine Blume duftig blühn, Und fordert von der Blume nicht die Stimme Des Vogels. Laßt mich leben, wie ich bin. Miriam (auf Jeroboam zeigend) . Und dieser hier? Sulamith. Wird mehr der Freuden finden, Als ich in meiner Einsamkeit der Qual. Denn wozu leb' ich? Er ist hingegangen, Er ist dahin, den meine Seele liebt, – So laßt mich's tragen! Jeroboam. Er wird wiederkommen, Und du wirst jubeln, tröste dich, mein Kind! Es ist nichts Neues. Könige gewinnen So leicht ein arglos Herz. Und er ist schön. Nur denk' ans Ende! Was dein grauer Vater Dich Tag für Tag beschwört, was Miriam Nicht aufhört, dich zu warnen, was auch Simon Dir nicht verhehlt, es ist kein Widerhall Von meinem Schmerz, es ist der Wahrheit Stimme. Oh, glaube mir, ich könnte, wär's dein Glück, Mein Herz ersticken, könnte viel ertragen; Denn lieber als mein Herz ist mir dein Glück. Doch das ist nicht dein Glück, das ist dein Elend. Sulamith. Du sprichst als wie der Blinde von dem Glanz Der Sonne, von dem Himmelblau des Meeres Und von dem lichten Schein der ew'gen Luft. Das war kein Leben, nein, es war ein Dämmern, Ein Träumen war's, bevor sein Aug' mich sah. Jetzt leb' ich! Miriam. Nein, jetzt träumst du erst, o Schwester! Ich bin die letzte, welche Salomo Verdächtigt, der mein Kind mir hat gegeben, Doch macht mich nicht die Mutterliebe blind, Nein, gibt mir Augen, läßt mich klar erkennen, Wo meiner Schwester Heil ist und wo nicht. Jeroboam. Auf diesem Weg liegt Schande. Tausend Dirnen, Die ehrlos lungern, gibt ihm dieses Land. Doch du bist nicht zur Tänzerin geboren; Die Zornglut steigt mir auf, daß du nicht ahnst, Was dich bedroht. Sulamith. Kein Wort! Ich hab's geschworen: Eh das geschieht, eh stürzt sich Sulamith Vom Fels dort in die Tiefe. Eins nur, eines Ist möglich: Daß mich Salomo so liebt, Wie ich ihn liebe. Dann ist euer Tadel Auch euer Urteil, – Schaum, der leicht zerfließt. Dann kommt er doch, dann kommt er bald und findet In Sulamith das Weib, das ihm gebührt. Ist's anders, kommt er nicht, so will ich sterben; Denn freundlicher und süßer ist der Tod, Als ohne ihn ein Leben. – Meinen Vater Wirst du dann pflegen, Mirjam, und dein Schmerz, Jeroboam, wird milder von mir denken, Ja milder denkt ihr alle dann von mir. »Es war ihr Schicksal,« wird das eine sprechen; »Wie in ein armes Haus ein fremder Gast, Ist diese Liebe in ihr Herz gekommen,« So spricht das andre. »Offen stand die Tür, – Und jetzt ist's einsam; selbst schob sie den Riegel Auf ewig zu, und nun betritt's kein Mensch.« – Jeroboam (aufwallend) . Hinaus! In meinen Wald! Es macht mich rasend! (Mit einer Wendung.) Doch dich beklag' ich. Er allein ist schuld. Er stahl sich wie die schönbeschuppte Schlange Zu dir in eines leichten Harfners Kleid, Er träufelte dir Gift ins Ohr, er wird auch Dich wiedersehn, er liebt vielleicht sogar Dich jetzt, bis eine andre, kühnre Schönheit Dein Bild verlöscht, – dann bleibt dir nur die Schmach. Ich habe dich gewarnt, unsel'ges Mädchen, Dies ist mein letztes Wort auf alle Zeit. – (Er entfernt sich rasch nach links.) Zweite Szene. Miriam , Sulamith ohne Jeroboam. Miriam. Und diesen kränkst du? Nicht den alten Vater, Der tausendmal dich bittet, nenn' ich jetzt, Und welcher stirbt, wenn sein geliebter Liebling, Wenn du so endest, wie du enden mußt, – Ich nenne nur Jeroboam, den Helden, Der alles dir zu Füßen hat gelegt, Was Mannesmut und Ehre reich ihm schenkten. Du aber achtest alles nur für nichts. Sulamith. Für nichts? O sieh! Ihr werdet's nie begreifen, Ihr könnt es nie erfassen, euch ist's Wahn. Ich fühl's, ich tu' euch weh, doch kann ich's ändern? (Mit ausgebreiteten Armen.) O senk' dich ganz allein auf dieses Haupt, Du Glück und Fluch der Liebe! Laßt mich wandeln, Solang es mir vergönnt ist, duldet mich! Ich leb' nicht lang, ich sterbe bald, ich weiß es. Und wenn ich sterbe, pflanzt mir auf mein Grab Ein Veilchen oder eine wilde Rose, Und nennt die wilde Rose Sulamith! – (Sie sinkt an Miriams Brust.) Miriam. Du unglücksel'ges Herz! Weil ich dich kenne, Und weil ich weiß, wie groß du bist und rein, So bitt' ich dich, beschwör' dich, Kind, und flehe: Bezwing' dies unglückselige Gefühl! Es wär' des Vaters Tod, es wär' dein eigner – Sulamith. Und wär' es auch mein Tod, so sterb' ich leicht. Doch warum sterben? Darf ich denn nicht leben? Nur ich allein nicht? Grünt nicht rings die Welt, Und blüht nicht alles? Brausen nicht die Bäche, Und singen nicht die Vögel? Miriam! Er sah mir bis ins Herz, in seinen Augen Stand brennend dieses Wort: »Ich kehr' zurück!« Und er wird kommen, Schwester, er wird kommen, – Und dann bereust auch du, was du jetzt sprichst. – Miriam (Sulamiths Hand fassend) . Still! Still! Wenn auch die Schwester nichts vermag, Ich weiß, dem alten Vater wirst du glauben; Sein blindes Aug' sieht mehr, als ich und du. – (Sie legt ihren Arm um Sulamiths Nacken und führt die Gedankenverlorne langsam ab.) Dritte Szene. Verwandlung. Burg Zion. Königliches Gemach. Ausgang rechts und links. Die Mitte der Rückwand durch Vorhänge geschlossen. Ben Jochai von rechts herkommend. Hinter ihm Diener, welche einen Thronsessel bringen. Ben Jochai. So ist es gut. Hier setzt den Thronstuhl hin. Entfernt euch. – Meine Sinne sind wie rasend! (Die Diener gehen ab.) Vierte Szene. Ben Jochai. Bin ich allein? Fluch über Davids Haus! Mein ärmstes Weib! Von Henkershand gegeißelt! Mit jedem blut'gen Streich schrie laut mein Herz, Und ich soll dieses Amt noch länger heucheln? Oh, daß ich dich, als wie die Axt den Baum, So treffen könnte, meiner Lust gehorchend! Nimm dich in acht! Noch ist mein Weib nicht tot; Doch wenn sie stirbt, so ist es dein Verderben. Ben Jochai weiß, daß Ephraims jüngstes Kind Ihr Herz erhebt zu eines Königs Liebe. Ben Jochai weiß es, denn der König spricht Von nichts mehr, als von Sulamith. – Mein Nacken, Auch dieser Fuß auf dich? Das wär' zuviel! Die Königin Jerusalems? Das wäre Ein neuer Hohn auf mein entehrtes Weib. So will ich denn mein Aug' zum Geier machen Und wachsam sein und sehn, daß nichts geschieht, Als was mein Haß und meine Rache wünschen. (Geht ab.) Fünfte Szene. Salomo und Memnon von links herkommend. Salomo. Nein, diesmal irrst du doch. Ich bleib' beständig. Ich sage dir, seit ich dies Kind gesehn Mit dunklem Haar und sanften Taubenaugen, So reizbar süß und so gedankenvoll, So ernst in ihrer Lieblichkeit, o Memnon, Ich sage dir, seit jenem Tag umschwebt Mich, wo ich bin, ein einziger Gedanke: Sie wiedersehn! Memnon. Sie wiedersehn? Was dann? Salomo. Was dann? Als ob was Süßers kommen könnte! So denk' ich im Gebirg mir hoch den Stein, Der niederrollt vom schneebedeckten Gipfel. Erst ist's ein Stein; dann ballt sich's auf und schwillt Und rollt und schwillt und wachst zum Ungeheuer. Ganz so ist mein Gefühl. Memnon. Darf ich vollenden? Und wächst und schwillt und wird zum Ungeheuer. Hast du gestürzte Felsen nie gesehn? Zerstörte Wälder und gebrochne Hütten? Drum halt' ihn fest, laß ihn nicht los, den Stein, Ein solches Glück wird Sulamith verderben. Salomo. Du urteilst rasch, und ich beschäm' dich doch. Es ist nicht bloß ein Wunsch mir angeflogen. Ich lieb' sie wahrhaft. – Memnon. Herr, nur keinen Schwur! Das Ende wird am besten mich beschämen. Sechste Szene. Die Vorigen . Ben Jochai durch den Vorhang eintretend. Ben Jochai. Die Boten von Arabien und Aegypten – Salomo. Sind uns erwünscht. Ben Jochai, laß sie vor. Ben Jochai. Auch der Prophet Ahia will dich sprechen. Salomo. Schon wieder? Wenn es sein muß, soll es sein. (Er läßt sich auf den Thronsessel nieder. Memnon tritt hinter ihn. Ben Jochai tritt ab.) Siebente Szene. Durch die Mitte des Vorhanges kommen die Boten von Arabien und Aegypten. Sie schreiten, den König begrüßend, nach rechts, vorwärts. Ihnen folgt Ahia , der in der Mitte des Hintergrundes stehenbleibt. Die Vorigen. Erster Bote ( sich neigend). Es grüßt dich, Herr, die Königin von Saba, Sie sendet edles Rauchwerk ihres Lands Als Weihgeschenk für deinen großen Tempel Und sie entbietet dreifach dir den Gruß: Zum ersten, als dem König dieses Landes, Zum zweiten, als dem Jüngling und dem Freund, Zum dritten, als dem Denker und dem Weisen, Nicht weniger dem Sänger, dessen Mund Berühmt ist wie die Nachtigall. Salomo. Du schmeichelst, Du machst uns eitel. Wir versichern dich, Die Fürstin überschätzt uns; doch bleibt's Ehre, Denn Balkis ist die erste Frau der Welt. Bote. Das ist sie, Herr. Doch, daß ich weiter melde, Schon lange fühlt sie Sehnsucht, dich zu sehn. Und darum ließ sie satteln die Kamele, Mit einem Troß von Schätzen rückt sie an, Wir sollen dir die ersten Grüße bringen, Empfang' sie freundlich, öffne ihr dein Reich. Salomo. Mit Freuden will ich's tun. Seid uns willkommen! Macht euch's behaglich in Jerusalem! (Der Bote tritt zurück.) Ahia (plötzlich vortretend) . Herr, sei nicht rasch! Die Königin der Heiden? Nimm kein Geschenk! Salomo. Weißt du nicht, wo du bist? Zweiter Bote (sich neigend) . Von Herzen grüßt dich Pharao zu Memphis Als seines Freundes David wackern Sohn. Und weil er just sein Enkelkind Nitokris Dem jungen Schah von Persien vermählt. So bittet er, du möchtest tausend Reiter Ihm senden als Geleite durchs Gebirg. Salomo. Wird gern getan. Wir senden ihm die Reiter. Wir sind ja noch so tief in eurer Schuld Vom Tempelbau. Drum sage deinem König, Zum Dank wird ihm sein alter Wunsch erfüllt: Ich zahl' die Schuld und bau' euch einen Tempel Nicht ferne von den Mauern unsrer Stadt, Daß jeder, der zu uns kommt von Aegypten, Sich sagen soll: Auch hier bin ich nicht fremd. (Bote neigt sich.) Ahia. Mein König scherzt? Salomo. Wer spricht? Ahia. Herr, laß dir raten! Ich kann's nicht glauben, wie mich auch das Volk Mit Fragen stürmte: »Ist es wirklich Wahrheit? Baut wirklich unser Herr dem fremden Gott, Dem Götzen von Aegypten, einen Tempel?« »Gib Antwort,« rief ein Mann, »denn wir erschlagen Die Bauherrn sonst, wir stürzen vom Gerüst, Was Hand anlegt bei dem verfluchten Tempel, Denn Tugend ist und Pflicht ein solcher Mord!« Salomo. Du predigst Mord und Abfall, Mann der Tugend? Ahia. Ja, Hund, schweig' still, sonst wird der Herr dich peitschen, Sonst wird der Herr dich treten, Hund, schweig' still! – Steht's so mit uns? Oh, dann ist's weit gekommen! Mehr Herz für fremde Götzen, als für Gott? Bald werden auch die fremden Weiber kommen, – Was dann noch kommt, gleichviel, nur nichts von Gott! Salomo. Du könntest mich aus meiner Langmut wecken! Genug! Ich will's! der Tempel wird gebaut! Ahia. Wird nicht gebaut! Herr, Herr, das ist ein Greuel, Das ist ein Schimpf am Heiligtum des Herrn! Dein Vater hat des Reiches Bau gegründet, Doch du wirfst Sand und Steine in den Wind. Durch David sind wir Gottes Volk geworden, Durch dich stehn wir den Heiden gleich. Nein, nein! Denn du hast nur gescherzt: ich will den Knechten, Die draußen stehn, bevor sie das Gerüst Besteigen und das Baugerät ergreifen, Zurufen, daß du bloß zum Schein gescherzt; Dann wird das Volk nicht mehr die Köpfe schütteln, Nicht flüstern: »Ist der König bei Verstand? Ist Isis und Osiris gleich Jehovah? Ist Astaroth im Tempel unsers Herrn?« Salomo. Ahia, wenn die Rücksicht auf dein Alter Und wenn die Ehrfurcht vor dem grauen Bart Mich abhält, nach Verdienst dich zu behandeln, So danke mir und meide diesen Ort. Ahia. Sprichst du von Furcht? Laß deinen Unmut donnern! Ich fürcht' dich nicht, denn mich beschützt der Herr. Ja, König, und dem Herrn mußt du gehorchen. Du mußt es, denn auch du bist nur sein Knecht! Salomo. Bist du so weise? Ei, dann merk dir dies: Wer also kühn zum König wagt zu reden, Der liegt in Ketten, wenn mein Aug' nur winkt. – Nichts mehr, du Knecht! Nichts mehr, bei deinem Leben! Kein Wort, sonst ist's dein letztes in der Welt! Ahia (sich zurückziehend) . Der Tod ist nicht das Aergste, doch ein Dasein Voll Hochmut und voll Eitelkeit ist schlimm. Du wirst noch spät, o König, mein gedenken Am schlimmen Tag, – bis dahin lebe wohl! – (Mitten ab.) Achte Szene. Die Vorigen, außer Ahia. Salomo. Entschuldigt diesen Vorfall. Unsre Priester Sind mehr als kühn. Zweiter Bote. Das sind die unsern auch; Doch Pharao hat ihren Trotz gebrochen. Salomo. Daran erkenn' ich seinen tapfern Geist. Seid unbesorgt, ich bau' euch euern Tempel. – Ihr seid entlassen. Lebt jetzt alle wohl. – (Die Gesandten verbeugen sich und gehen ab nach rechts, der König erhebt sich.) Neunte Szene. Salomo. Memnon ohne die Vorigen. Oh, jetzt hinaus! Hinaus in meine Wälder, Zu meiner Taube, dort in mein Gebirg! Hier bin ich krank, bei ihr werd' ich genesen! Memnon. O Herr, sei nüchtern! Herr, ich warne dich! Der Grund, auf dem wir stehn, ist viel zu glühend, Dein Thron ist wie ein ewiger Vulkan, Der sinkt und steigt, wie's manche brauchen können. Salomo. Du sollst ein treuer Cherub für mich sein. – Hinaus! Hinaus! Bei ihr will ich genesen! – Freund: meines Lebens Stern heißt Sulamith! (Er geht rasch ab nach links: Memnon folgt ihm.) Zehnte Szene. Verwandlung. Waldgebirge wie in der ersten Szene. Auf dem Rasensitz unter der Terebinthe ruht Ephraim, von Simon und Miriam gestützt. Ephraim. Es geht mit mir zu Ende, meine Kinder. Du mußt nicht weinen, meine Miriam, Denn es ist recht so. Alle meine Wünsche, Wie Sterne, steigen langsam aus der Nacht, Zwar spät doch freundlich leuchtend und mich grüßend Wie Boten eines bessern, schönern Lichts. – Mein Tagwerk ist vollendet. Guter Simon, Wie dank' ich dir für so viel Rat und Tat! Es war des Glücks zuviel nach so viel Jammer: Das Kind gerettet, Salomo uns hold, Jeroboam der Retter seines Landes, Es war des Glücks zuviel nach so viel Schmerz. Wenn ich bei Joël bin, wird er mich fragen: »Wie steht es um mein Weib und um mein Kind?« Was geb' ich ihm zur Antwort, meine Tochter? Dies will ich sagen: »Fürchte nichts, mein Sohn, Dein Kindlein blüht, dein Weib ist nicht verlassen. Denn, weil ich ihr nicht Reichtum geben kann, Und weil sie doch ein Weib nur ist, so gab ich Sie in die Obhut eines treuen Mannes; Du kennst ihn, es ist Simon, unser Nachbar.« (Zu beiden.) So reicht euch denn zum Frieden eure Hände Und seid euch, was ihr könnt. (Sie tun es.) Simon. Wir wollen's sein! (Zu Miriam.) Mit einer Werbung will ich dich nicht kränken, – Ich ehre dich und meinen toten Freund, – Doch deinem Kind will ich ein Vater werden, Ich bleibe deinem Haus ein wahrer Freund, Der, wenn du kommst, auf seinem Herd das Feuer Entzündet, daß es wirtlich für dich brennt, Der sorgt und schafft, wo bessre Hände mangeln Und der kein zweites Weib so ehrt wie dich. Miriam. Ich danke dir. Simon. Und Ephraim wird noch leben! Es ist ja nur die Freude, die sein Herz Erschüttert hat, denn Salomo der König Erweist Euch so viel Gunst, daß es fast drückt. Ephraim. Jawohl es drückt! Jeroboam schweigt finster, Und Sulamith, – wo bleibt denn nur mein Kind? – Habt ihr sie nicht gesehn? Kann sie den Vater So ganz vergessen? Ruft sie, holt sie her! Nein, ruft sie nicht! Sie wird von selber kommen. – Jawohl, sie hat Jeroboam gekränkt; Er ist uns fremd, er ist nicht mehr der Alte Und hält sich fern vom Haus – Miriam. Es greift dich an. – Sei ruhig, Vater, Sulamith wird kommen. Simon. Jeroboam auch. Der Tag ist fast zu End'. – Leg' dich zum Schlaf. Wir aber gehn sie suchen. Ephraim. Ja, ich bin müde. Lehnt mein Haupt zurück. Ich bin unendlich müde. Laßt mich schlafen, Geht beide fort, – geht beide! – (Er entschläft.) Simon (nach einer Pause) . Er ist still. (Er geht nach links ab.) Elfte Szene. Miriam. Ephraim ohne Simon. Miriam (den Entschlummernden betrachtend) . Die Augen zu? – Schon jetzt im tiefsten Schlummer? Erquick' ihn freundlich, gütige Natur! Oh, daß dein Herz hinüberschlummern könnte, Bevor du ahnst, was deinem Liebling droht! Du willst nur eines, hoffst und willst nur eines, Es ist für dich das Letzte in der Welt, Das Liebste und das Letzte: deinen Liebling Beglückt zu wissen, deine Sulamith. – Ich gönn' ihr diesen Platz in deinem Herzen, Denn sie ist gut und rein. Oh, wär' doch nie Dies Liebesunglück in ihr Herz gekommen! Sie wäre glücklich, doch sie wird es nie. – Ein Lächeln? Träumst du froh in deinem Schlummer? Dann träume fort! Ich will zu meinem Kind. – (Geht ab nach rechts ins Haus.) Zwölfte Szene. Ephraim. Sulamith, mit Rosen und Weinlaub bekränzt, kommt links von der felsigen Höhe herab und schreitet gegen den Vordergrund. Sulamith. Am liebsten möcht' ich hoch auf Felsen wohnen, Im Angesicht das Morgenrot und fern Den Jordan und Jerusalem zu Füßen, Hoch über meinem Haupt den Libanon. Am Fuß der Palme möcht ich ewig sitzen, Wo Salomo zum erstenmal mich fand. Er trug ein grünes Kleid und lange Locken Und um die Stirne einen goldnen Ring. – Ich seh' dich nicht, wo bist du hingegangen? Gleichwie ein Adler, der ins Tal sich schwingt, Bist du aus meinem Angesicht entschwunden; Geliebter meiner Seele, kehr' zurück! Sie sagten mir, es hab' dich eine Schlange Beschlichen einst als schlafend Kind im Wald; Und von dem Biß vernimmst du alle Klänge So rein und klar, wie wir ein menschlich Wort. Ich lern' dir's ab, ich möchte auch die Stimmen, Die auf der weiten Erde sind, versteh'n: Die Nachtigall, die aus Platanenwipfeln Bei Mondesdämmern süß und schmerzlich klagt, Die Grille, wenn sie zirpt, ja selbst das Wiehern Von deinem edlen Roß möcht' ich versteh'n. Wer weiß, was sie mir sagten! Aber eines, Eins weiß ich, sie erzählten mir von dir! – Du gabst mir dieses Ringlein, das die Mutter Bathseba dir im Sterben hinterließ; Es heißt der Ring der Anmut. Darf ich's tragen? Beraub' ich nicht die Welt um zuviel Glück? Hat nicht die Erde bess're, schön're Frauen? Es brennt mich fast, ich bin den Schmuck nicht wert. Was red' ich doch! (Sich umwendend.) Mein Vater? ruhig schlafend? (Geht auf ihn zu.) Oh, wüßtest du, warum ich mich bekränzt. Warum sich deine Tochter Wein und Rosen Ins Haar flocht, ach, du zürntest ihr wohl sehr! (Sich niederbeugend.) Ich kann nicht anders! Hände, laßt euch küssen! Verzeih' mir, Vater! flehend bitt' ich's ab, – Ich kann nicht anders! Ephraim (aufwachend, tastend) . Wer berührt mich? Locken? Und Blumen? Ist es Sulamith, mein Kind? Sulamith. Dein Kind. Ephraim (visionär) . Bist du gekommen, dich zu schmücken? Oh, zög're nicht, dein Hochzeitsmorgen naht! Sei fröhlich, Kind! Dein Bräutigam wird kommen Bedeckt mit Ruhm und Ehre aus der Schlacht; Zum großen Tag der Freude wird er kommen, Wie Joël kam, als ich zum letztenmal Ihn segnete. Ich werde zu ihm sprechen Dasselbe Wort, das ich zu Joël sprach. Knie nieder, Mädchen, (Sulamith kniet. Flöten erklingen) laß mich meine Hände Aufs Haupt dir legen. Reich bist du bekränzt. – Dreizehnte Szene. Salomo erscheint, gefolgt von sieben grün und weiß gekleideten Knaben von links. Dieselben tragen Bogen und Pfeil. Sie bleiben links im Vordergrund, während er sich Sulamith nähert. Ephraim. Doch reicher noch als Rosen und als Reben Ist, was dich schmückt, dein unbeflecktes Herz. – Jeroboam, wo bleibst du, daß mein Segen Auf ewig dich vereint mit meinem Kind? Salomo (rasch näher tretend, gedämpft) . Hier bin ich schon! Sulamith (freudig) . O Gott! Ephraim. So laß dich nieder. (Salomo kniet und umschlingt Sulamith. Ephraim die Hände über ihren Häuptern.) Sei wie mein Joël! Salomo. Ja, so will ich sein! Ephraim. So segn' ich euch. Oh, Sulamith, mein Liebstes, Du Perle deiner Mutter, bleib' wie sie! Du wirst es auch. Du hast mit keiner Lüge Mein Herz beleidigt, offen wie ein Buch War deine Seele vor des Vaters Augen, Vorm blinden Aug' des Vaters rein und gut. – Und weil du ohne Falsch bist, wird mein Segen Auch dauern. – Wie ein Kranz, der nie verwelkt, So blühst du ewig. – Kinder, ich bin müde. (Immer leiser sprechend.) Doch jetzt zu dir, o Bräutigam, ein Wort. Ich weiß, dein Herz ist gut, doch deine Werbung War ungestüm. Du hast durch harten Kampf Sie dir erobert. Mögst du's nie vergessen: Sie ist ein Kleinod. – Wandelt je dein Herz In Gleichmut sich, in Kälte, in Verachtung, Dann kündet dir ein Sterbender den Fluch, Den schwersten Fluch an, der nur einen Menschen Getroffen hat. – Steht auf, es ist genug. – Vierzehnte Szene. Die Vorigen. Miriam tritt herzu von rechts: Die Flöten verstummen. Auf der Höhe des Felsens links erscheint Jeroboam mit Spieß und Jagdkleid; hinter ihm Simon, der ihn zu begütigen sucht. Beide bleiben horchend stehn. Salomo (laut rufend) . So steh' ich auf und schwöre dir beim Himmel, Daß ich sie liebe, wie kein Mensch sie liebt! (Ephraim macht Zeichen des Schreckens.) Erschrick nicht! Ja, wir haben dich betrogen. Es ist nicht dein Jeroboam, dein Sohn, Der vor dir lag, und den du hast gesegnet. Es ist dein König. Ich bin's, Salomo! Der König von Jerusalem wird halten Treu, was er als Jeroboam versprach. – Ephraim. Halt ein! Das ist mein Tod! Oh, meine Tochter! (Miriam und Sulamith unterstützen ihn, er sinkt zurück.) Du hast mich doch betrogen? (Stirbt.) Miriam. Helft, er stirbt! Jeroboam (seinen Speer zuckend, eilt den Fels herab auf Salomo zu, Simon folgt ihm) . Du sprichst von Treue, der die Treue bricht? Du Heuchler, geh dahin mit deiner Lüge Und stirb, wie du gelebt hast, du bist's wert! – Das ist der Dank Jeroboams! Oh, Eisen, Wenn dich nicht ekelt, mach den Lügner stumm! (Er holt zum Wurf aus. Rasches, gesteigertes Spiel. Sulamith wirft sich an Salomos Brust, Simon tritt gleichfalls dazwischen, seinen Stab hebend, die Knaben richten ihre Pfeile gegen Jeroboam.) Sulamith. Triff mich zuerst, Jeroboam! – Gelogen Hat niemand hier, als ich, ich ganz allein! Triff mich zuerst, Jeroboam! Mein Leben Ist ewig ohne Salomo nichts wert! (Jeroboam läßt finster den Speer sinken.) Triff mich, wenn du schon Rache willst! Ich habe Den Vater ja getötet, hab' dich selbst Beleidigt bis zum Tod, – (Jeroboam zuckt schmerzlich zusammen.) all, all die Meinen Verdammen mich um diese Liebe tief. – – Jetzt mußt du's tun, denn, willst du Rache finden, Es kommt kein zweiter Augenblick so schön. – Nur denk' an eines: Hoffst du zu gewinnen? Wenn ich's nie wußte, weiß ich es doch heut: Was auch geschieht, mein Herz gehört nur einem, Nur einem jauchzt es zu in dieser Welt, (Salomo umschlingend) Und dieser ist mein König. Soll ich sterben, So sterb' ich jetzt, an meines Königs Brust! (Verbirgt ihr Angesicht an Salomos Brust.) Salomo (sich von Sulamith losmachend) . Nein, leben sollst du, Sulamith! Ihr Schützen, Wenn eure Pfeile, siebenfach geschärft, Nach seinem Herzen drohend, ihm nicht sagen, Der Kampf sei ungleich, den sein Wahnsinn kämpft, So zieh' ich diesen Dolch aus meinem Gürtel; (Er zieht einen Dolch.) Und wäre dieser Dolch auch noch zu stumpf, So wird mich das Gefühl, ich bin der König, Mehr schützen, als sein Haß mich je bedroht. – Drum senkt die Pfeile. (Die Knaben tun es.) Jeroboam. Droht mit euern Waffen! Ich lach' dazu. Du wärst schon lange stumm, Doch schützt dich der. (Auf Ephraim zeigend.) Du weißt, daß ich dem Toten Auch jetzt die höchste Ehrfurcht schuldig bin. Er wollte mir gerecht sein, und ich danke Ihm jetzt dafür, ich bändige mein Herz. – (Zum Toten, indem er das Knie beugt.) Leb' wohl, mein Vater Ephraim, ich scheide! Fremd, wie ich kam, verlaß ich dieses Haus. Leb wohl, mein Vater Ephraim! Dir alles, Was Liebe heißt, Verehrung, Achtung, Dank! (Erhebt sich.) Der Heimatlose geht. Wohin? Das werdet Ihr alle sehn. (Zu Sulamith.) Du denkst dereinst an mich! Halt ihn nur fest! Dein Buhle könnte straucheln, Er könnte fallen, halt ihn du nur fest! (Er entfernt sich rasch nach links.) Fünfzehnte Szene. Die Vorigen ohne Jeroboam. Simon (nachrufend) . Jeroboam, du gehst in dein Verderben! (Er kniet mit Miriam an der Leiche Ephraims nieder.) Salomo. Und nun, bevor du weinst um deinen Vater, Geliebte, nimm auch meinen festen Schwur: Ich will wie einen Schatz dich heilig hüten Und einst erheben vor der ganzen Welt! (Er umschlingt sie.) Sulamith (zu ihm aufblickend) . Dies ist genug! Dies wird die höchsten Schmerzen Besänftigen. Ich weiß, warum ich's tat. – Ich glaub' an dich, ich liebe dich, ich hoffe, – Wenn du mich nicht mehr liebst, dann kommt der Tod! (Indem Salomo ihr die Stirne küßt, senkt sich der Vorhang.) Dritter Akt. Ben Jochais Haus. Düsteres Gemach. Ausgang rechts und links. Erste Szene. Ben Jochai (schreitet gegen den Vordergrund) . So rächt sich alles. – Wie mir die Gedanken Lebendig werden aus vergessener Zeit! Ich war Urias' Freund, als für Bathseba, Sein Weib, der König David ward entbrannt. Und weil er um sie buhlen wollte, sprach er, – Noch klingt ja jedes Wort in meinem Ohr: – »Es haben die Philister sich erhoben, Ben Jochai, hör', ich fordre einen Dienst. Entwirf den Plan zur Schlacht und nimm mein Siegel Und schreibe dem Urias!« Was ich schrieb, – War just genug, ihn ewig stumm zu machen, So furchtbar war sein Platz; Urias fiel. – – Ja, es gelang! Bathseba wurde Witwe, Und, unbekümmert um den Fluch des Volks, Nahm David sie zur Königin. Ich aber, Ich war ein Schuft, ich opferte den Freund. – Ich tat's um Gunst und hoffte zu gewinnen, Doch nichts gewann ich, Undank war mein Lohn. Denn Davids Sohn, erzeugt mit der Bathseba Im Ehbruch, der nach Davids Tod den Thron Mit Unrecht erbte, Salomo verachtet Mich jetzt, wie einen ausgedienten Hund. – Er weiß von seiner Eltern Schuld und haßt mich, Er fürchtet mich vielleicht, denn als ich einst Von ferne nur mit leisem Wort ihn mahnte. Da sprach er glühend: »Aergert dich dein Kopf?« – Da wußt' ich, wie es steht, und lernte schweigen. Ich bin ihm nur von jener blut'gen Tat Gleichsam der dunkle, nachgeworfene Schatten, Sonst bin ich nichts. – Mein Weib! Mein ärmstes Weib! (Nach einer Pause.) Von seinen Knechten wie ein Tier gegeißelt! Vor meinen Augen bis zum Tod zerfleischt! Verhöhnt! – Bespuckt! – O unglücksel'ge Rachel! Ja, jetzt bin ich im eignen Netz gefangen. Es liegt auf mir ein Libanon von Schmach, Und Davids Zepter ist ein Stab geworden. Der hart mich züchtigt. – Wenn ich durch die Straßen Jerusalems mich schleiche, halb vermummt, So höhnt mich alles Volk und zeigt mit Fingern Auf mich und ruft: »Gebt acht! Er stiehlt ein Kind!« (Es pocht.) O Rachel, als du dalagst, bleich und sterbend, Den Leib zerstört, die Seele todeswund, Und wälztest dich und konntest nur noch stöhnen: Da dacht' ich des Urias. – Oh, nur Kraft! – – – Ich will dich rächen! Herr, ich will die Gabe, Die ich dem Armen oft und oft mißgönnt, Vertausendfachen, wenn an diesem König Die Rache mir gelingt, wie ich es will! (Es pocht lauter.) So spät ein Gast? Wer pocht? (Er schließt die Türe auf, herein tritt mit Jägerspieß und Mantel Jeroboam.) Zweite Szene. Jeroboam. Ben Jochai. Jeroboam. Wohnt hier Ben Jochai? Ben Jochai. Er selbst. Jeroboam. Verzeih', daß ich in dunkler Nacht Eindringe, nm als Fremdling dich zu stören. (Umblickend.) Hier gibt's wohl Trauer? – Ich bin auch nicht froh; – Da taugen wir zusammen. Ben Jochai. Deine Stimme, Dein Ansehn, die Gestalt, – Jeroboam? Du hier? Zu solcher Stunde? Jeroboam. Ja, Ben Jochai. – Man sagte mir, du wärst mein ärgster Feind, Man sagte mir, du wolltest mich verderben, Ich glaub' es nicht und hier ist meine Hand. – Doch, wo ist Rachel? Ist sie schon genesen? Bist du allein? Ich hab' ein wichtig Wort Mit dir – Ben Jochai. Du fragst, genesen meine Rachel? Verhöhnst du mich? Genest man, wenn man stirbt? Jeroboam. Bei Gott! Das ist ein bittrer Schmerz! Gestorben? Ben Jochai. Zu Tod gegeißelt von des Königs Knechten – Jeroboam. Um jenes Kind? Das schickt sich furchtbar schön! Es schickt sich herrlich! Macht uns nichts zu Freunden, So ist es dies. – Auch ich bin wie gepeitscht, Das heißt durch Hohn, und Hohn gleicht Skorpionen. Der falsche König raubte mir mein Weib; Da fiel mir ein, ich bin von Saul geboren, Darum, Ben Jochai, komm' ich her zu dir. Ben Jochai. Dein Weib? Jeroboam. Jawohl, mein Weib, die jüngste Tochter Des alten, blinden Ephraim, – der ist tot. Ben Jochai. Sie liebt den König? Jeroboam. Ja, der König freut sich Der Liebe meiner Braut. Ben Jochai. Das wußt' ich Freund! Jeroboam. So komm' ich denn zu dir um Rat und Treue. Ben Jochai. Triumph! Du bist zum rechten Mann gekommen! Ich kann dir raten, will dir raten, Freund. Vertrau' dich mir nur an. Als ich dem König Das Rätsel deiner Abkunft einst verriet, War's wahrlich nicht, dich selber zu verderben. Nur Ephraim, den Alten, meinen Feind. Jeroboam. Er weigerte dir Miriam zum Weibe, Darum auch Rachels Haß, ich weiß es wohl. – Doch heut bin ich gekommen, dich zu fragen Als Freund, gib mir auch Antwort, wie ein Freund: Wer war's, der mich nach Nebats Tod im Mantel Zu Ephraim hinauftrug ins Gebirg? Ich habe längst sein Angesicht vergessen Und nie erfuhr ich, wo mein Retter blieb. Ben Jochai. Er stand dir nah'. Beim großen Fest des Tempels, Bei deinem Einzug stand er vor dem Thron. Ahia ist's, der Alte, der, um David Zu züchtigen, als Werkzeug dich erkor. Jeroboam. So ist er's doch? Ich will ihm dafür danken! Es war mir oft bei seiner Stimme Klang, Als hört' ich einen Widerhall im Herzen. – O ahnungsvolles Herz, so ist er's doch! Ben Jochai. Jetzt bist du ihm ein Talisman. Doch leider Er ward gefangen. Wenn er nur noch lebt! Jeroboam. Ahia und gefangen? Ben Jochai. Ja, gefesselt. Er reizte laut das wildempörte Volk, Den neuerbauten Tempel zu zerstören, Den Tempel der Aegypter vor der Stadt; Da griffen ihn die königlichen Wächter Und legten ihn in Eisen, er verschwand. – Vernehmlich murrt das Volk. Den fremden Tempel, Sie hätten ihn vielleicht mit stillem Haß Ertragen, doch die Hand an den Geweihten Des Herrn zu legen, reizte sie zur Wut. Du kennst sie, wie sie sind. Vielleicht erbrechen Sie auch den Kerker. Wenn sie ihn befrein, Jeroboam, dann ist die Zeit gekommen, Die deinen Ruhm auf ihre Schultern hebt. Jeroboam. Und die in Staub stürzt den verhaßten Heuchler! Ben Jochai, du bist klug, sinn's aus, gib Rat! Befrein wir meinen Retter! Ich will handeln! Hier ist mein Haupt, mein Arm, mein Herz, mein Schwert. Du kennst das Volk, ich nicht, ich will nur handeln! Oh, eine Rache, der sich nichts vergleicht! Ben Jochai (reicht ihm die Hand) Sich nichts vergleicht! (Heftiges Pochen.) Wer klopft? Ahia (draußen) . Tu auf, Ben Jochai! Ein Mann in Ketten rasselt vor der Tür. Ben Jochai (aufschließend) . Wie? Was? Ahia? Jeroboam. Schicksal, du erfüllst dich! Dritte Szene. Ahia . Die Vorigen. Ahia (seine Fesseln zeigend) . Jawohl, ich bin's, Ahia, seht mich an! – Das Volk hat mich befreit. Hast du hier Freunde? Ich seh' euch kaum. Mein Aug' ist völlig blind Von Kerkernacht und von dem Glanz der Fackeln. Das Volk hat mich befreit! Ben Jochai. Hier steht ein Freund, (zeigt auf Jeroboam) Hier steht ein Mann. Der Bart ist ihm gewachsen, Und braun hat ihn die Sonne seit dem Tag Gebrannt, wo du ihn aus dem Mordgemetzel Entführt hast, und der Mann ist jetzt ein Held. – Gedenk' des alten Plans! Ben Jochai freut sich, Daß er euch eine Stätte bieten kann. Die sicher ist. Denn wie der Schluf des Wolfes Ist dieses Haus gemieden und verhaßt. Ahia. Ich danke dir. Nur Atem will ich schöpfen, Denn dieses Volk hat mich beinah erdrückt. Ja, weil ich weiß, daß sie dein Haus vermeiden, Um Rachels willen, darum floh ich her. Ben Jochai. Nun, Rachel wird kein Aergernis mehr geben! Kein Aergernis bis an den Jüngsten Tag! Ahia. So war's ihr Tod? Ich hört' es. (Ihm die Hand reichend.) Wir sind Freunde. Dir hat der König furchtbar weh getan In deinem Weib und uns im Glauben Gottes. Jeroboam (vortretend) . Und mir wie euch, ich bin Jeroboam! Ahia. Ob ich dich kenne! Enkel Sauls, mein Fürst! Ben Jochai (zu Ahia) . Ja, sprich den Schwur! Der Schwur soll ewig gelten! (Stellt sich neben Jeroboam, der sich zwischen beiden aufs Knie läßt.) Der Rächer kommt! Hörst du's, mein totes Weib? Ahia (feierlich) . Sohn Nebats, Enkel Sauls! Vom Hause David Nimmt wiederum der Herr in seinem Zorn Das Zepter und von David kehrt die Krone Zu Saul zurück: (Er zieht eine Kapsel aus der Brust und salbt ihm die Stirne.) Ich tilge Salomo Auf ewig aus, auf ewig – und ich salbe Jeroboam mit dem geweihten Oel. – Steh auf, du bist der König aller Juden! Ben Jochai. Hörst du's, mein Weib? Gepriesen sei der Herr! Jeroboam, dem König, Preis und Ehre! Jeroboam (sich erhebend) . So bin ich's denn! Zwar ohne Roß und Schwert, Fast, wie ein Knecht, bin ich zu euch gekommen. Ben Jochai. Was liegt am Schmuck? Bleib in Ben Jochais Haus! Wir sammeln Waffen. Salomo gibt Feste In Jericho, ich folg' ihm klug dorthin, Die Königin von Saba zu empfangen. Indessen hast du Zeit. Ahia. Ja, laßt sie schwelgen Und jubeln! Wir bereiten unser Werk. – Das Volk steht fest zu mir – Jeroboam. Zu mir die Krieger – Ben Jochai. Und ich gewinn' die Wachen des Palasts. Ahia. Die Zeit geb' ich euch kund. Wenn er zurück ist, Wenn er auf Zion mit der Freundin thront, (zu Ben Jochai) Ergreifst du deine Fackel, uns zum Zeichen, Und schleuderst sie hinunter in die Nacht. Ben Jochai. Es soll geschehn zur Ehre meines Königs, Ich schleudre meine Fackel in die Nacht. Ahia. Dann stürmen wir, dann soll das Ende kommen! Noch einmal: Enkel Sauls und Sohn des Nebat, Jetzt aber (sich neigend) unser König, unser Herr, – Gedenke dieser Stunde! Jeroboam. Sie verspricht mir Ja neues Leben! Ben Jochai und Ahia. Heil Jeroboam! (Jeroboam ab nach links. Beide folgen ihm.) Vierte Szene. Verwandlung: Waldgebirge wie im ersten Akt. Langsam aus der Tiefe gegen den Vordergrund kommt Sulamith. Wo wandelt er, den meine Seele liebt? Ihr Töchter von Jerusalem gebt Antwort! Sein Wuchs ist hoch, als wie der Zedern Wuchs, Und seine Stirn wie Libanon, gewaltig. Komm' ins Gebirg! Ein Fels ist unser Thron, Ein Baum ist unser Dach, und unser Teppich Ist wildes Moos. Auf Rosen ruhn wir aus Und Mund an Mund, und unser Bette grünet. Ich schlief des Nachts, da wacht' ich plötzlich auf, Mir war im Traum, als hört' ich deine Stimme; Den Riegel öffnend lauscht' ich an der Tür, Doch es blieb alles still, blieb alles dunkel. Dich ängstlich suchend, eilt' ich durchs Gebirg Und rief dich laut, doch nur die Blätter rauschten; Dich ängstlich suchend stieg ich in das Tal, So kam ich nach Jerusalem hinunter. Wo ist mein Freund? So fragt' ich alles Volk, Ihr Töchter von Jerusalem gebt Antwort! Sein Wuchs ist hoch, als wie der Zedern Wuchs, Und seine Stirn wie Libanon gewaltig. Schön ist mein Freund, ihr Töchter, er ist schön, Stolz ist sein Haupt, als wie das Haupt der Palmen; Er war bei mir, ich hielt ihn in der Nacht An meiner Brust wie einen Strauß von Myrten. Du Liebling meiner Seele, kehr' zurück! So rief ich aus, da hörten mich die Wächter Am Tor der Stadt und sie verfolgten mich, Sie haben mich verhöhnt, weil ich dich suchte. – Komm' ins Gebirg! Ein Fels ist unser Thron, Ein Baum ist unser Dach, und unser Teppich Ist wildes Moos. Auf Rosen ruhn wir aus Und Mund an Mund, und unser Bette grünet. – – (Nach einer Pause, indem sie sich an die Stirne faßt.) Mirjam hat recht! – Ich träum' am hellen Tag. – – Sie sagten, eine Fürstin sei gekommen, Ein reizvoll schönes Weib aus fremdem Land, Und ihrer stolzen Anmut sei's gelungen, Den König zu bezaubern. Sprecht ihr wahr? (Indem sie eine Blume pflückt und wegwirft.) Das Blümlein, das man täglich pflückt, zerpflückt man; So kommt auch dies. Wohlan, ich bin bereit! – Doch, wenn sie dann mit ihrem Mitleid kommen, Mit ihrem Mitleid, dann erwacht mein Stolz. Mit Sulamith ein Mitleid? O ihr Menschen, Beneidet sie! Ihr habt zum Neid ein Recht! (Mit heiterer Fassung.) Wie kindisch bist du! Sind denn all die Reden Auch wert, daß du sie hörst, daß du sie glaubst? Nein, sie sind's nicht! Hier ruft's im tiefsten Herzen: Du mußt es selbst, mit Augen mußt du's sehn, Mit deinem eignen Ohr mußt du's empfangen, Daß er dich nicht mehr liebt. Es kann nicht sein! Ist Argwohn recht? Ist Argwohn seiner würdig? Ist er schon treulos, weil er jetzt nicht kommt? Kommt er nicht künftig? Still! Ich will dir glauben, Will schweigen, hoffen, dulden, bis du kommst. Und wenn du kommst, dann jauchz' ich dir entgegen: »Geliebter meiner Seele, du bist mein!« – Fünfte Szene. Sulamith. Miriam mit Ben Jochai aus der Tiefe kommend. Miriam. Dort steht sie. Meldet selber Euern Auftrag. Ben Jochai. Nehmt Gott zum Gruß! Ihr kennt mich wohl nicht mehr? Sulamith. Ben Jochai? Ben Jochai. Der als Freund zugleich und Bote An Sulamith vom König ward gesandt. Sulamith. Vom König? Laßt Euch danken. Doch ich staune, – Es liegt so vieles Bittre zwischen uns, Daß Ihr beinah mich dauert, daß der König Für mich nicht einen andern Boten fand. Ben Jochai. Der Ring und dieses Siegel –, Sulamith. das ich kenne, Bezeugt dein Amt. Was ist des Königs Wunsch? Ben Jochai. Um kurz zu sein, – denn herbes Wort will Kürze, – Und ob ich gleich viel Schmerz durch Euer Haus Empfing, – es tut mir leid, dir dies zu melden: Der König will dir gnädig sein wie vor; Doch, weil er eine Braut sich hat erkoren, Belohnt er dich und greift in seinen Schatz Und schenkt dir dieses Haus und diese Gärten Und Gold und spricht: »Erwähl' dir einen Mann, Den Schönsten, den du willst aus seinen Knechten, Nur setze nie dein Leben lang den Fuß Hinunter nach Jerusalem!« Der König Bleibt dir geneigt, doch liebt er dich nicht mehr. (Sulamith bebt.) Miriam (sie haltend) . Entfärb' dich nicht! Ben Jochai hat gelogen! Gesteh's! Du hast gelogen! Hast du nicht? Ben Jochai (höhnisch) . Es ist so, wie ich sagte. Von Arabien Hat er die Fürstin Balkis sich erwählt Und macht sie jetzt zur Königin. Ich hätte Euch Bessres gern berichtet, doch so ist's. – Sulamith (sich hoch aufrichtend) . Du Heuchler, du! Oh, lebte doch mein Vater! Oh, wär' ich nicht ein kraftlos schwaches Weib! Die Geißel bist du wert, die deine Rachel Getroffen hat, und mich betörst du nicht! Ben Jochai. So glaub', was dir gefällt! Ich hab' gesprochen. Mein Auftrag ist zu Ende. (Zu sich selbst.) Gift für Gift!. – Sulamith. Den Ring hast du entwendet und das Siegel Gestohlen, denn du bist ein feiger Dieb! Du lästerst deinen Herrn. Und jetzt hör' dieses: Wenn ich, wie oft, den König flehend bat, Das blut'ge Haupt des Mörders zu verschonen, So fordr' ich von ihm deins. Nicht, weil du mich Geschändet hast, nein, weil du deinen König So furchtbar hast beschimpft, wie noch kein Mensch. Ben Jochai. Schon gut. Du bist im Zorn. Es wird das Ende Entscheiden. Und der Dieb hat doch noch recht. (Einen Beutel Gold auf die Erde werfend.) Dies schickt durch mich die Königin von Saba; Du dauerst sie, sie gibt dir dieses Gold. Sulamith. Siehst du, daß er nichts weiß, du feiler Schurke? Sie hat's getan, sie gab dir schnöden Sold, Sie hofft mir meine Liebe abzukaufen, – (lacht) Sie irrt sich und sie büßt's, und du mit ihr! Oh, wär' ich doch ein Mann, doch jetzt ein Mann nur, Ich hieb' dich nieder wie den wüt'gen Hund! Miriam. Sei ruhig, sei doch ruhig, meine Schwester! Wie er vor unserm Vater einst das Aug' Zu Boden schlug, weil dieser ihn den Mörder Urias' nannte und ihn von der Schwelle Zurückwies, als er um mich werben wollte, So weisen wir ihm jetzt den Weg zurück. Ben Jochai. Ich geh' schon selbst. Laßt Eu'r Gold nicht liegen! Miriam. Hinweg! (Ben Jochai ab.) Sulamith. O meine Schwester! O mein Herz! (Im Umwenden erblickt sie Simon, aus der Tiefe kommend; stumme Spannung.) Sechste Szene. Simon. Die Vorigen ohne Ben Jochai. Simon. So sauer ist kein Weg mir noch geworden, Als dieser Weg von Jericho zurück. – Weißt du's? Ich war zum letztenmal dein Bote. Führt mich ins Haus und gebt mir Speis' und Trank! Oh, ich bin müd wie eine kranke Fliege. Schick', wen du willst! Ich ging zum letztenmal! Miriam. Geht, kommt ins Haus! Sulamith (Simons Arm fassend) . Nein, bleib, ich bitt' dich, Simon! Sahst du den König? Wahrheit, Simon! sprich! Simon. Ich sah ihn. Sulamith. Und? Simon. Er lebt. – Sulamith. Er lebt? Was heißt das? Noch immer in Gefahr? Ist's doch so? Sprich! Simon. Er hörte nicht, als ich ihn warnen wollte, – Es stunden zuviel Gäste um ihn her, – Die Königin von Saba wär' gekommen, – Jetzt steht's nicht mehr bei uns, was ihm geschieht. Sulamith. Was ihm geschieht? Oh, nicht so schrecklich, Simon! Es ist wohl schon geschehn? Verschon' mich nicht! Miriam. Ins Haus! Folgt mir ins Haus! Sei ruhig, Schwester! Ich bitte dich, sei ruhig! Kommt ins Haus! (Miriam geht ab.) Siebente Szene. Die Vorigen ohne Miriam. Simon (will ihr folgen) . Ja, kommt! Sulamith (ihn festhaltend) . Nein, bleib' zurück! Du sagtest vorher: Er lebt. Simon. Ja, Kind, er lebt. Sulamith. Nun, Gott sei Dank! Doch wer bedroht ihn, wer beschützt ihn, Simon? Simon. Sein eigner Leichtsinn. – Wie mir ein Trabant, Den ich am Weg zu Jericho gefunden, Versichert hat, besteht ein stiller Bund, In den man seine Wachen will verflechten. Ben Jochai und Ahia, der Prophet, Stehn an der Spitze, und man will zum König Jeroboam erheben, den das Volk Schon längst vergöttert. In der Mitternacht, Beim nächsten Fest, wenn Salomo und Balkis Auf Zion thronen, hebt Ben Jochai still Die Fackel auf und wirft sie in die Gärten Von der Terrasse, daß es weithin flammt. Wenn dies geschieht, erhebt sich aus dem Tempel Ahia, und Jeroboam führt das Volk Wie losgelassne Meereswogen brausend Zum Aufruhr der Empörung. Mein Trabant Hat an den Leibarzt Memnon sich gewendet, Bis jetzt umsonst; der König achtet's nicht. Doch komm', denn Durst und Hunger brauchen Nahrung. (Ab nach rechts.) Achte Szene. Sulamith ohne die Vorigen. Sulamith. Er ißt und trinkt! – Ja, geht nur alle, alle! – Unmöglich wär's? Nein, es muß möglich werden! Sein Leben hängt an einem einz'gen Wort! Was zittr' ich denn? Was heißt Gefahr um ihn? Der Tod ist nichts, um Salomo zu retten! – Doch welchen Weg durch Garten und Palast? Wie find' ich mich zurecht durch hundert Pforten? Was klopft mein Herz? Ich will der Fackeln Schein, Der Blumen Duft zu meinen Führern machen. Der Glanz, der Sabas Königin umgibt, Ist licht genug, um Salomo zu finden. Hinweg! Ich bin kein Weib, ich bin ein Mann! Vierter Akt. Gärten Salomonis. Halle. Säulen mit Laub. Rückwärts eine Terrasse. Vorne links ein Ruhesitz, Polster und Teppiche. Rechts, freistehend, nahe der Kulisse, eine Lorbeer- und Palmengruppe. Kurze, ferne Musik. Erste Szene. Trabant und Memnon , bewaffnet. Memnon. Und ist die Schar verläßlich? Trabant. Herr, Judäer Vom reinsten Schlag, wie Bäume vom Gebirg. Memnon. So laß die andern wechseln in der Runde. Ich geh' mit dir die Wachen stündlich durch. – Bis jetzt? Trabant. Hab' ich noch nichts bemerkt. Memnon. So geh nun. In einer Stunde bringst du mir Bericht. (Trabant ab nach links.) Zweite Szene. Memnon ohne den Vorigen. Memnon. Er glaubt es nicht und hörte doch die Stimmen Des aufgereizten Volks auf unserm Weg. Ist das begreiflich? So sich selbst zu fangen! – – Nein, dieses üpp'ge Weib gefällt mir nicht! Sie fühlt's und weicht mir aus und zieht den König Nur tiefer noch in ihrer Reize Netz, Bis nichts mehr zu ihm dringt, selbst Memnons Stimme Ihm fremd wird. Wär' nur diese Nacht vorbei! Er kommt? (Salomo tritt auf.) Dritte Szene. Salomo. Memnon. Memnon. Erlaub', ich ende dieses Fest. Zu fröhlich wird der Taumel und die Gäste Vom Uebermaß berauscht, sind müd' und satt. Salomo. Ich weiß nicht, wie du bist. Sonst warst du Meister Im fröhlichen Ermuntern; aber jetzt Verbitterst du mir jede volle Freude. Vergönne mir doch diese frohe Nacht! Ist sie nicht schön? Memnon. So schön wie jede andre. Es ist die Nacht nicht, Herr, die dich entzückt, Es ist die neue Freundin. Salomo. O du Spötter! Was findest du nicht alles? Schau' du schwarz, – Ich blicke um so heller. Memnon. Hör' mich, König! Salomo. Nein, laß uns in die Lorbeerbüsche tauchen! Ich finde meine Königin nicht mehr. Memnon. Ich aber will zurück zu meinen Wachen. Herr, morgen sprichst du: »Memnon, du warst klug!« (Geht ab.) Vierte Szene. Salomo ohne Memnon. Salomo. Kann sein. – Und kann auch nicht sein. Was heißt morgen? Ich will mich nur am Augenblick erfreun. Der Ernst kommt früh genug! – – Es kam mir früher So vor, als säh' ich, fern vom muntern Schwarm, Erhellt vom matten Licht im dunklen Laubgang, Ein todbetrübtes, schmerzliches Gesicht, Das ich nur zu gut kenne, zu gut kenne! – O weh, es liegt ein Abgrund zwischen uns! Ich kann nicht mehr zurück, du nicht herüber, – Und so, – doch – hier kommt meine Königin! Fünfte Szene. Salomo. Balkis vom Hintergrund kommend. Balkis. So einsam? Salomo. Meine Fürstin, deine Rede Vom bald'gen Abschied hat mich nicht erfreut. Nicht wahr, du hältst nicht Wort? Du bleibst noch lange? Wenn Salomo dich bittet, bleibst du doch? Balkis. Wenn eins geschieht. Wenn du den dunklen Schleier Von dem Geheimnis deines Herzens hebst, Wenn Salomo gewährt, um was ich bitte, – Doch anders nicht. Auch ich hab' Eigensinn. Salomo. Den hast du. Doch nicht edel ist's, zu fordern, Was nie ein Mann verrät. Es ist vorbei. – O Balkis, ich bin nicht gewohnt, zu betteln. Was gibst du jeder Rose einen Dorn? Muß ich denn Schritt um Schritt die Gunst erkämpfen Und jedes Lächeln, zaubervolles Weib? Balkis. Dort winkt uns eine Grotte. Brunnen rauschen, Und Blumenodem duftet durch die Nacht. Wenn Salomo bekennt, dann soll der Abschied Noch ferne sein, dann hält mich Zion fest. Salomo. Zur Grotte, wo die Sterne uns nicht finden! Zur Grotte! Aber frag' mich nicht, o Weib! Vergangen bleibt vergangen! Sei zufrieden: Denn Salomo ist ganz in deiner Macht. Balkis. Noch nicht. Nicht ganz noch. Salomo (ihre Hand fassend) . Komm! Hinweg! Zur Grotte! Dort hör' ich nur die Nachtigall und dich! (Beide gehen ab nach rechts.) Sechste Szene. Memnon und der Trabant von links herkommend. Memnon. Sonst sahst du nichts Verdächtiges? Trabant. Ich denke, Das eine wär' genug. Memnon. So sei bereit. Wer machte sie berauscht? Schick' andre Wachen, Laß kreuzen um den Tempel. Jedes Tor Versichre. Dünkt ein Wächter dir bestochen, So knüpf' ihn an die Mauer. Trabant. Es ist gut. (Ab.) Siebente Szene. Memnon (allein.) Zu schwärmen, wenn die Rache wie ein Wetter Heraufsteigt! – Sie verbergen klug ihr Haupt. Ahia ist verschwunden und die Späher Entdeckten nicht die Spur Jeroboams. Ben Jochai ward mir nicht genannt, doch glaub' ich Und fürchte fast, es war nicht klug getan, Ihn frei zu lassen. Nun, ich will nicht schlafen, Ich will nicht trinken. Nüchtern sein ist gut. (Er geht ab.) Achte Szene. Ferne Musik. Von rechts kommt atemlos, mit aufgelöstem Haar Sulamith. Oh, welch ein Weg! Nimm alle Kraft zusammen, Du stehst ja hier, so ist es halb getan! – Du weißt nichts mehr vom Schwindel auf dem Felsen, Vom Abgrund und vom flutgeschwollnen Bach. Das war kein Gang, es war ein Lauf mit Flügeln Vom Berg hernieder nach Jerusalem. Die Wachen sind berauscht. Die einen fluchten, Die andern sangen, und man ließ mich durch. Die Gärten rings, – man könnte ewig wandeln! Ich trat herein. Ein Riesenlaubgang lief Unendlich fort, erhellt von bunten Lichtern, An seinem fernsten Ende war mir ganz, Als wär's der König, der mit seinen Gästen Lustwandelte; doch er entschwand mir rasch. Von Baum zu Baum im Schatten weiterschleichend, Unsichern Schritts, von Dornen wundgeritzt, So schwank' ich bis hieher. Hier schöpf' ich Atem, Hier bleib' ich, denn ich weiß es, daß er kommt. (Sich umsehend.) Dort ruht er aus. Die Polster und die Blumen Verkünden mir's. Oh, hätt' ich einen Freund, Der jetzt ihn riefe, jetzt ihn suchte! Drohend Liegt über uns die unheilvolle Nacht. – – Sonst fühlt' ich mich so leicht in seiner Nähe, Noch diesen Morgen, Herz, wie warst du froh! Die Angst war nur ein Schatten wie die Wolke Im Himmelsblau auf einem schönen Bild. Und jetzt! Ja, wenn er selbst auch vor mir stände, Ich würd' nicht froh; ich riefe nur: Mein Freund! Entflieh mit mir, denn hier wohnt das Verderben! Hinweg von hier und nimmermehr zurück! (Musik nähert sich.) Ja, nimmermehr! – Die Düfte sind betäubend. Hier ist mir ganz, als könntest du dein Herz Von Sulamith zu andern Dingen wenden. – Oh, es ist schrecklich, aber es ist wahr! Du bist nicht so. Ich weiß es; doch die Zweifel Sind schadenfroh und peinigen mein Herz. Wer kommt? Es soll die Palme mich verbergen, Bis du erscheinst, noch hab' ich nicht den Mut, Ich ringe noch nach Atem; komm' nur! Komm' nur! Wenn du auch zürnst, ich stürz' mich dir zu Fuß! (Stellt sich, den Zuschauern sichtbar, hinter die Palme rechts.) Neunte Szene. Es kommen von links her Tänzerinnen, die, mit Tamburin und Handblech klappernd, um den Ruhesitz Figuren bilden. Posaunenstoß. Es folgen dienende Knaben. Salomo und Balkis. Die Tänzerinnen ziehen sich zurück, einen Halbkreis um die Palme Sulamiths bildend. Balkis. Das ist ein schöner Plan; hier laß uns sitzen. Dein Fest hat mich ermüdet. Salomo. Solche Rast Begehr' auch ich. Du hast mit deinen Rätseln Mich nicht besiegt, denn alle löst' ich auf. (Sie lassen sich auf den Ruhsitz nieder.) Balkis. Das Schwerste kommt zuletzt. Du mußt noch raten. Wer dies errät, der hat mich ganz besiegt. Salomo. Wohlan! Doch bringt uns Becher! Bringt uns Becher! Von welchem Wein begehrt die Königin? Balkis. Vom edelsten. Salomo. Vom Meer bis an die Wüste Nicht eine Traube, die wir heut geschont; So gehn wir auf die Inseln. Schenkt uns Zyper! Er soll von edlem Feuer sein, schenkt ein! (Die Knaben reichen goldene Becher.) Balkis. Mein Rätsel denn: »Ich bin ein großer König Und doch bin ich im Reich der ärmste Mann. Mit Götterkraft hat sich mein Geist gemessen, Doch eine Sklavin setzt auf mich den Fuß.« Salomo. Fahr' weiter. Balkis. Warum weiter? Ich bin fertig. Salomo. Schon fertig? Darauf war ich nicht gefaßt. Noch einmal denn: »Ich bin ein großer König« Balkis. »Und doch bin ich im Reich der ärmste Mann.« Salomo. Das könnt' ich selbst sein; aber dieses Ende? »Mit Götterkraft« – Balkis. »Hat sich mein Geist gemessen«, Salomo. Und: »Eine Sklavin setzt auf mich den Fuß?« Balkis. So gut die Spur? Und doch das Wild verloren? Salomo. Das Wild? Balkis (lachend) . Bist du. Salomo. Bin ich? Das ist zu toll! Gebt Wein her! Ich will trinken. Deine Sklavin Versteh' ich nicht. Was ist das mit dem Fuß? (Man reicht ihm Wein, er trinkt.) Balkis. Ei, nur ein Bild, doch soll es viel bedeuten; Denn nichts ist ohne Deutung in der Welt; Und wär's auch nur ein Lied, nur eine Dichtung, So schön wie jener herrliche Gesang, Den meine Mädchen täglich vor mir singen, Das hohe Lied von Sulamith. Salomo. Sei still! Ich bin nicht mehr so nüchtern und ich könnte Mich ärgern, wenn du sprichst davon. Sei still! Balkis. Darin erscheint ein König, der im Purpur Wie andre Herrscher sitzt auf goldnem Thron, Nur daß ihm auch die Jugend und die Schönheit Zur Seite stehn. So weit gefällt mir's wohl. – Salomo. Ich bitt' dich, von was anderm! Balkis. Nein! Ich will's so. – Wenn eines meiner Mädchen dies mir sang, Und wir nachher von zorn'gen Freiern sprachen, Die ich im Spott entließ, dann trat dein Bild An mich heran; ich dachte, solch ein König Empfindet auch wohl königlich, – doch nein, Er würde eine Königin nicht lieben! Die Feige schmeckt ihm besser aus der Hand Der Hirtin und der Sklavin! Dieser König Ist keiner mehr, ist einer Sklavin Knecht! Salomo. Beim Zyper! Reiz' den Löwen nicht und schweige! Schweig', sag' ich! Sprich kein Wort mehr vom Gesang! Balkis. Nichts vom Gesang! Denn was ein großer Dichter Lebendig fühlt, muß auch lebendig sein. Wo ist sie, diese Sulamith, die Schönheit, Die alles überstrahlt? Ruf' sie doch her! O Schauspiel, wenn die Taube von den Bergen Hereintritt, und der König wie ein Knecht Ihr huldigt! Diese Sulamith muß schön sein, Sonst wäre ja der König nicht ihr Tor! Salomo (mit dem Becher ausholend) . Halt, Balkis! Balkis (aufgerichtet) . Ja, zerschmettre mich! Ich wage Zu spotten, denn sie ist für dich zu schlecht. Ich hielt's für einen Traum, für eine Dichtung; Ich dachte dich mir größer, doch du liebst Was niedrig ist; am End ist solche Liebe Auch leichter zu gewinnen, – leicht und feil! Salomo (wirft den Becher zur Erde) . Ich kenne keine Sulamith! Beim Zyper, Ich weiß nicht, was du sprichst! Ist das genug? (Rasches Spiel. Ben Jochai ist bei diesen Worten von links auf die Terrasse getreten und erhebt seine Fackel.) Sulamith (nach Fassung ringend, taumelt gegen die Stufen des Thrones und sinkt zusammen) . Genug! Balkis. Ei, ist die Tänzerin betrunken? Salomo (der im Sprunge Sulamith auffängt) . Verderben über mich! O Sulamith! Verdammt der Geist des Weins, der mich betrogen! Wach' auf, mein Täubchen! Schlag' die Augen auf! Gebt Wein! Begießt die Schläfen! (Knaben tun es.) Willst du sterben? Bringt Memnon, meinen Arzt! O schnell, nur schnell! Dem lohn' ich fürstlich, der mein Mädchen rettet! Bringt Memnon, meinen Arzt! O schnell! o schnell! Balkis. Ist dies das Wunder, das dein Herz verwandelt? Sulamith (kommt zu sich) . Hinweg! Ich muß hinweg, wie ich gekommen! Wo bin ich denn? Wie kam ich hier herein? (Balkis erblickend.) Oh, ihr habt recht! Wo Königinnen sitzen Und spotten, ist für Sulamith kein Raum. (Gegen Salomo.) Ich könnte niemand, niemand so verachten, Am wenigsten das Weib, zu dem ich sprach: »Ich will wie einen Schatz dich heilig hüten Und einst erheben vor der ganzen Welt.« Löscht aus, ihr Lichter! Dunkel sei, o Erde, Denn alles ist um Sulamith ein Grab! (Ben Jochai erblickend.) Das wollt' ich! Herr, jetzt weiß ich's, dich zu retten Bin ich gekommen, nahm ich mir den Mut. (Auf Ben Jochai zeigend.) Ergreift ihn! Er ist falsch, ist ein Verräter, Er schwingt die Fackel, der Verrat beginnt; Du hörtest nicht den Simon, den ich sandte, Jetzt ist's vielleicht zu spät. Ruf' deinen Arzt, Doch nicht für mich, – ich will nicht mehr genesen, – Für dich! Memnon ist treu, – halt fest den Mann! (Gegen Ben Jochai.) Schau' hin! Er hat soeben seine Fackel Geworfen zum Verständnis in die Nacht, (Posaunen und Lärm in der Ferne.) Ahia und Jeroboam erscheinen, Ahia hat Jeroboam gesalbt, Das Volk verläßt dich, und ich wollte warnen, Ich warnte dich, und jetzt ist es getan. – (Sie will sich erheben.) Salomo. Oh, bleibe doch! Und wenn die ganze Erde Jetzt einbricht, ich verdiene solchen Tod! Verflucht der Geist des Weins! Ergreift Ben Jochai! Zehnte Szene. Memnon mit Trabanten tritt auf. Die Vorigen. Memnon (sein Schwert schwingend) . Das Schwert erhebt für König Salomo! (Trabanten von allen Seiten herbei. Ben Jochai wird ergriffen.) Sulamith (frei aufgerichtet) . Sie sammeln sich, sie stehn für dich in Waffen, Dein Haupt ist sicher, laßt die Sklavin fort! (Sie stürzt ab nach rechts.) Elfte Szene. Die Vorigen ohne Sulamith. Salomo. Oh, faßt sie! Eilt ihr nach! Bei meinem Leben, Dem lohn' ich fürstlich, der sie wiederbringt! Memnon. Seht hin, die fremde Fürstin bricht zusammen. Schafft fort die Weiber, jetzt beginnt der Kampf! (Balkis, um welche das Gefolge beschäftigt ist, wird von ihrer Begleitung hinausgeführt.) Zwölfte Szene. Die Vorigen ohne Balkis und ihr Gefolge. Zunehmender Lärm. Heftiger Posaunenstoß. Auf der Terrasse erscheint Ahia , begleitet vom aufständischen Volk. Salomo, Memnon und die Trabanten bleiben mitten im Vordergrund. Ahia. Streu' Asche auf dein Haupt und wirf die Krone, Bevor sie dein Gehirn versengt, hinweg, Denn glühend heiß wird sie vom Wetterleuchten Des nahenden Gerichts! Salomo (laut rufend) . Gebt mir ein Schwert! (Nimmt es einem Trabanten ab.) Ahia. Jeroboam, dem König, Heil und Ehre! Einige Stimmen. Jeroboam Heil! Salomo (Arm und Schwert erhebend) . Verrätern Schmach und Tod! Jetzt glüht mein Herz, jetzt kehrt mein Geist mir wieder, Und ob ihr euch wie Meereswogen türmt Und ob ihr bis zum Himmel steigt im Aufruhr: Ich bin der König, euer höchstes Haupt! (Vortretend.) Wer hebt den Arm auf, wenn ich zu ihm schreite? Mein Schlachtschrei ist: Ich bin noch, der ich bin, Bin Zions Haupt, bin König Salomo! Memnon. Heil Zions Haupt! Trabanten (mit gehobenen Schwertern) . Hoch König Salomo! (Während Salomo mit Memnon nach hinten zum Angriff schreitet, fällt der Vorhang.) Fünfter Akt. Erste Szene. Waldgebirge wie im ersten Akt. Morgen. Simon. Miriam. Simon (nach rückwärts schauend) . Nicht eine Spur von ihr! Vergeblich Suchen! Der Kampf dringt schon herauf bis an den Berg; Jeroboam soll flüchtig sein, der König Wird siegen, aber Sulamith ist tot. – Miriam. Du meine arme, schwerbetörte Schwester, Hätt'st du ihn nie gesehn, kein solches Leid Wär' über dich und dieses Land gekommen! – Doch, was der Herr tut, das ist wohlgetan. Wenn sie nur lebt! Wenn sie nur aus den Trümmern Hervorkommt! – Alles andre ist uns gleich. Simon. Schau' an den roten Nebel! Das sind Flammen. Jerusalem, so dünkt mich, steht in Brand. Komm', flüchten wir dein Kindlein in die Grotte Und retten wir uns selbst. Komm', folg' mir nach. (Ab mit Miriam.) Zweite Szene. Sulamith (verstört aus der Tiefe kommend) . Sie sind entsetzt? Warum sie denn nicht lachten! Ins Feuer schaut sich's wunderschön hinein. – Die Flammen prasseln, und die glüh'nden Balken, Wie goldne Pfeiler, stürzen lustig ein. – Ich hab' gelacht. Denn nichts, was ist, soll dauern, Einstürzen soll's, verderben und vergehn! Was heut besteht, soll morgen schon zerfallen! – Nur eins ist für die Ewigkeit gemacht: Die Scham. – Was ist ein Mensch? So hab' ich einst die Frage An ihn gestellt, der wert der Frage schien. – Nichts! – Es ist Torheit! – Darf ein Weib auch denken? Ihm war ich nur ein Weib und sonst nichts mehr! – Ja, Scham, was sind die glutverzehrten Balken, Die glüh'nden Steine von Jerusalem Vor deiner Glut? – Du brennst auf meinen Wangen Mich schmachvoll – Oh, es hilft ja nur der Tod! – – Der Tod kam nicht. Durch brennende Ruinen Mit offnem Haar und flatterndem Gewand Schritt ich hindurch; – den Falter sengt die Flamme, – Mir war sie nur die Fackel meiner Schmach. Die Wände stürzten und die Balken krachten, Es war, als wär's der letzte Tag der Welt, – Ich schritt durch alles, hörte nur die Stimme Im Ohr: »Ich kenne keine Sulamith,« – Ein Becher klirrte, und es war mein Leben Verschüttet wie der Wein, von dem er trank. – (Versinkt in Gedanken.) Der Tod nur hilft. Du mußt dich endlich fassen. Zu deiner Schwester kannst du nie zurück, Zu Simon auch nicht. Wenn sie dich verachten, – Und wenn sie's ahnen, müssen sie's wohl tun, – Geschieht dir nur dein Recht. Du hast den Vater Betrogen, als er sterbend vor dir lag, Du hast die ganze Welt um ihn vergessen, – Und jetzt vergißt dich er, – geh in den Tod! Dritte Szene. Jeroboam aus der Tiefe herauf. Sulamith . Jeroboam. Mein Fuß erlahmt. Kann ich sie denn nicht finden? Bei Gott, sie selbst! Doch welch ein rührend Bild! Mein Haß versinkt, und wie auf Morgenwolken Steigt Jugendliebe schön aus tiefster Brust. – Ich kenne dich, ich fleh' um keine Antwort, Ich weiß, du bist für mich ein Bild von Stein. Wir beide sind vernichtet und betrogen, Du in der Treue, aber ich in dir. Es gibt noch eine Brücke, die den Abgrund, Der zwischen uns heraufgähnt, rasch verdeckt. Er triumphiert, er folgt mir auf den Fersen, Ich bin der blut'ge, totgehetzte Hirsch, Der noch ein Kraut sucht, das ihn vorm Verschmachten Errettet und erquickt, – gib mir die Hand! (Sie läßt ihm die Hand eine Weile.) Ich sage nicht: »Beginn mit mir das Leben!« Für uns gibt's keinen Anfang mehr, jedoch Ein zweites Leben gibt's noch, ein Vergessen, Ein Dulden, ein Verzeihn, das gibt es doch. – (Waffenlärm.) Sulamith. Wozu? Jeroboam (finster) . Sie sind mir nah – Sulamith (rasch) . Du mußt dich retten! Ich will dich nicht verderben, nein, o nein! Weh, wenn er's wär'! Ich kann ihn nicht erblicken. Du weißt den Weg. Ergreifen wir die Flucht! Jeroboam. O Dank, daß du so sprichst! Komm, wie die Gemsen Am Abgrund hin, erklettern wir den Berg; Wir wollen nur in Höhlen übernachten, Mein Schwert ist Schutz genug im fremden Land. Sulamith. So geh voran. (Während Jeroboam links die Felsen hinansteigt.) Am Abgrund wie die Gemsen? – Jeroboam, dies Wort gab Gott dir ein! – Du glaubst vielleicht, mein Fuß sei ausgeglitten, Und rettest dich allein ins fremde Land. – Für mich lebt nichts mehr! (Steht still.) Jeroboam (sich wendend) . Nun, warum das Zaudern? Du schwindelst? Sulamith (die an den Rand getreten ist) . Nein, der Abgrund ist so schön! – Man denkt dabei an viel. Man schaut die Nebel Der Kindheit wieder, – wilde Rosen blühn, – Verzeihst du mir, Jeroboam? Jeroboam. Nun, Mädchen, Was wirfst du denn solch einen dunkeln Blick Hinab, als hätt'st du all mein Glück begraben? Sulamith. Nicht deins, nur meins und mit dem Glück mich selbst. (Mit ausgebreiteten Armen.) Ich lieb' ihn doch, und er hat mich betrogen. – Leb' wohl, du schöne Sonne dieser Welt! Bedeckt mich, Berge, öffnet euch ihr Tiefen Des Libanon und schmettert mich hinab! (Stürzt sich hinab.) Jeroboam (zur Stelle springend) . Halt ein! Zu spät! – Nun ist es Pflicht zu sterben. – Doch wie? Vierte Szene. Salomo. Memnon. Trabanten. Jeroboam. Memnon (rufend) . Dort steht er selbst, seht ihr? Am Baum! Jeroboam (sein Schwert schwingend) . Ha, kommt ihr schon? Jetzt messen wir die Waffen! Blut gegen Blut! Es ist ein schöner Tag! Salomo. Verschont ihn! Er soll leben! Jeroboam. Deine Großmut Kommt längst bei mir zu spät, ich such' den Tod! Salomo. Ich schone dich, ich schenke dir dein Leben! (Zu seinen Begleitern.) Hat niemand noch die Spur von Sulamith? Jeroboam. Die du beschimpft, verraten und verleugnet? Ich weiß die Spur. Beschau' dir jenen Dorn, Dort hängen noch die Fetzen von den Kleidern Des armen Kinds, sie selbst liegt tief im Grund. Doch wozu schwatz' ich? Macht einmal ein Ende! Kommt an! Ich räche Sulamith und mich! (Er stürzt sich in die Lanzen der Trabanten und stirbt. Fernes Jammergeschrei.) Salomo (steht wie betäubt) . Unmöglich! Memnon. Herr! Ich hör' Geheul von Weibern. Salomo (indem er sich vor die Stirn schlägt) . Hinabgestürzt! O Memnon, und durch mich! Memnon (zurückblickend) . Sie kommen schon; sie bringen eine Leiche. Fünfte Szene. Simon, Miriam ; hinter ihnen wird Sulamiths Leiche auf Baumzweigen gebracht. Die Vorigen . Simon. Ruft weh, ruft weh, ruft dreimal weh! Die Erde Hat keine solche Blume mehr, wie sie! (Man setzt die Bahre nieder.) Salomo (indem er darantritt) . Schweigt alle still! Nur einer darf hier trauern, Nur einem ist mit ihr ja alles tot. (Kniet zur Leiche.) Ganz tot? O Mund, laß dich noch einmal küssen! Ihr stummen Lippen und ihr lieben Augen, Ihr lebt nicht mehr? Und Sulamith ist tot? (Mit aufgehobnem Blick.) Ich war nicht rein vor dir in meinem Wandel, – Doch so hätt'st du nicht strafen sollen, Herr! Für einen Rausch? Ein flüchtiges Vergessen? Den Abfall einer Stunde ewig tot? Ich hatte alle Herrlichkeit der Erde, Die goldne Krone, Schwert und Königsstuhl, Besitz und Reichtum, Herrscherglück und Freude, Und selbst mein Urteil pries der Mund der Welt. Ich stand so hoch, daß ich beinah die Sterne (Posaunen) Als Krone trug, jetzt kommt mein tiefster Fall. – Was blast ihr Sieg? O Eitelkeit der Erde! Nehmt alles hin, denn Sulamith ist tot! – (Er sinkt über die Leiche.) (Posaunenchoral.)