Gösta af Geijerstam Die Menschen auf Braenna 1 Kari, die Witwe auf Braenna, erwachte und lauschte in die Stille hinaus. Die Hündin, die den ganzen Tag geknurrt und nach dem Walde hinübergeblafft, hatte sich beruhigt. Das wütende Gekläff, das Kari in Schlaf und unruhige Träume begleitet hatte, war verstummt. Sie schloß die Augen, – wollte weiter schlafen, es war sicher erst Mitternacht, und die winzige, bleigefaßte Scheibe stand wie ein mattgrauer Fleck in der weichen Dunkelheit, Es hatte den ganzen Tag geregnet, aber jetzt hatte es aufgehört und der Wind hatte sich gelegt. Durch das dumpfe Brausen des Flusses, der jetzt in der Frühjahrsschmelze mächtig rauschte, hörte sie den spröden Ton von Tropfen, die vom Torfdach fielen. Die Hündin heulte wieder, sie blaffte nicht, sie winselte unheimlich und jammernd, – nicht so, als wenn sie das Kommen von Leuten ankündigte oder als wenn Landstreicher den Hof betraten, so heulte sie auch nicht um Wölfe oder Bären. Sie hatte eine neue Sprache, die Kari nicht verstand, die sie aber mit stechendem Entsetzen durchfuhr, was ist das? dachte sie. Warum ist die Hündin so toll? Beängstigende Gedanken strichen an Kari vorbei, Glut, die irgendwo schwelte, um dann loszubrechen, wie in jener Nacht, deren sie sich aus der Kindheit erinnerte, als der Vater sie fast nackt hinaustrug und alles um sie her in Flammen stand, – jener Nacht, als der väterliche Hof abbrannte. Der Hund verstummte wieder, und die Stille, die nun eintrat, war wie etwas Lebendiges, – Kari meinte sie mit Händen greifen zu können. Aber nun war es wieder da, das, von dem sie nicht wußte, was es war und woher es kam, ob nur aus ihren eigenen ängstlichen Gedanken oder irgendwo weit draußen aus der Nacht, die über der Erde brütete. Es klang wie das Weinen eines Kindes. Sie hielt den Atem an und lauschte, bis das Blut in den Schläfen zu klopfen begann und sie das Herz wie mit wehen, bangen Schritten schlagen hörte. So hatte sie wohl auch dagesessen und gelauscht, als sie ihr Kind verlor, das klein und hilflos in ihren Armen lag und weinte. Das kleine Mädel, das sie bekam, als ihr Mann schon fort war. Dies leise, gequälte Wimmern, – sie war hier umhergegangen und hatte darauf gelauscht, noch lange nachdem es verstummt war. Sie schob die Felldecke zurück, stieg aus dem Bett und preßte das Gesicht gegen die Scheibe, aber durch das buckelige Glas sah sie nichts als eine graugrüne Dämmerung, in der undeutlich ein paar alte Schuppen und ein Stück von der regennassen Galerie des Wohnhauses wahrzunehmen waren, in der die Feuchtigkeit glänzte und an einem geschnitzten, verwitterten Pfosten niederrann. Wieder winselte die Hündin, kurz, heiser, kläffend, fast wie ein Fuchs, und jeder Ton schnitt Kari mit dumpfer Unruhe in die Brust. Ein Frösteln überlief sie, aber sie konnte sich nicht entschließen, wieder zu Bett zu gehen. Es war, als würde sie dort draußen gebraucht, als verlange irgend etwas nach ihrer Hilfe. Still blieb sie am Fenster stehen und lauschte und wieder strich es an ihren gespannt wachen Sinnen vorbei, dies schwache Wimmern eines weinenden Kindes, wenn sie die Augen schloß, hörte sie es näher, stärker – es war, als hätte es lange geweint und wäre müde geworden. Es kam nicht vom Hof her – aus den alten Häusern und Gebäuden, die ihn schweigend umgaben. Die Nacht selber trug es von irgendwoher mit sich, von dort, wo die Felder aufhörten und der Wald begann, dunkel unter grauen Hochebenen und Bergen mit Schneestreifen. Es ließ nicht nach. Kari zog einige Kleider an und ging zögernd zur Tür. Die Klinke kreischte so laut in der Stille, daß sie zusammenfuhr, der alte bekannte Ton, den sie sonst nicht beachtete, erschreckte sie so, daß sie fast umgekehrt wäre. Leise schlich sie sich durch die große Stube. Sie hörte das schwere Atmen der Knechte und die alte Ingrid, aus deren Nase ein Pfeifton kam, wenn sie schlief, wie das Zischen einer zornigen Wandermaus. Sie stand draußen in der Galerie und sah, wie hell die Nacht war, – obwohl der Nebel wollig und schwer über allen Bergen lag. Nein, es regnete nicht mehr, aber alles glänzte kalt von Feuchtigkeit, – die ausgetretenen Steine der Türschwelle, das harte, welke Gras auf den Hausdächern, wohin die Ziegen nicht kamen. Und es roch streng und kalt nach Humus und Dünger von frischgepflügten Ackern. Die Hündin kam herangeschlichen, grau, mit angelegten Ohren, den buschigen Schwanz zwischen die Beine geklemmt. »Still, Paßauf!« Sie beschwichtigte den Hund, als er Laut geben wollte, und er folgte ihr zögernd, als sie auf das große Einfahrttor zuging, das schwer, verschlossen und dunkel zwischen mächtigen Pfosten hing. Sie schob es einen Spalt weit auf und lockte den Hund, aber er wollte nicht, – er kroch hierhin und dorthin, und als sie ihn wieder scharf und bestimmt rief, rannte er zwischen die Gebäude und kam nicht wieder zum Vorschein. Unsicher blieb Kari in dem großen Tor stehen, was hatte der Hund nur? Ihr wäre es wie ein Gefühl der Sicherheit gewesen, ihn mitzunehmen. Am liebsten wäre sie zurück ins Haus gegangen, aber sie blieb doch stehen, während sie das Gefühl hatte, daß ringsum Gefahren lauerten, im Dunkel der Galerien und der verschlossenen Räume, auf den weiten Äckern, die sich mit sprossendem Korn und Gras dehnten, in dem schwarzen Wald und dem Nebel, der sich an grauen Hügeln mit zerzausten, winterverheerten Bäumen festklammerte. Alle Berge lagen in schwere, schwarze Wolken eingehüllt. Alles war so flach, fremd und unendlich. Traurigkeit beschlich sie, eine Lebensmüdigkeit, wie sie nie gekannt hatte, wieder dachte sie an das Kind, das sie verloren hatte, die Brust schmerzte. Alt fühlte sie sich, – klein, weich und schwach, wie sie hier stand, während rings alles schlief. Alles um sie her, was ihr eigen war, wurde so klein, und sie selber auch, – sie war nur ein winziges kleines Ding, das hier in der Nacht stand, ohne zu wissen, warum. Sie begriff es nicht, – sie war doch sonst nicht so, – was ging nur in dieser Nacht mit ihr vor? Wie sie da etwas gebeugt und grübelnd stand, die kräftige, aufrechte Gestalt, die den Kopf so sicher trug, die breite Stirn unter dem blonden Haar, das straff über die Schläfen gekämmt war, die großen grauen Augen, der Mund mit den schmalen Lippen, die energische Rundung des Kinns, – lag eine Last auf ihr, und sie hatte nicht die Festigkeit und Ruhe, wie ein Mensch sie hat, der eine Verantwortung trägt, der herrschen muß. Plötzlich stand der Hof vor ihren Augen, wie er damals gewesen war an jenem Johannistage, da sie als Braut hier einzog, – funkelnde Sonne auf allen Höhen, alle Häuser mit Blumen und Grün zum Fest geschmückt, das gellende, hitzige Kreischen der Fiedeln und die Schüsse, die von den Bergen widerhallten, als sie und per durch das laubgeschmückte Tor ritten, und das Pferd, durch all den Lärm aufgeschreckt, sich aufbäumte, so daß sie fast die schwere vergoldete Brautkrone verloren hätte, die sie auf dem vollen Haar trug. Auf dem Hof trat ihnen der Küchenmeister entgegen mit dem Willkommenstrunk in einem großen Silberbecher. Per trank daraus, und als sie getrunken hatte, nahm er den Becher, drückte ihn übermütig und lachend zwischen den starken Händen platt und schleuderte ihn unter die Leute. Sie erinnerte sich dieser Zeit, – festliche Tage und Nächte waren es, und über allem Per, der Mann, groß und stark. Ach ja, – Herrgott. Aber plötzlich lachte sie. Ihr fiel ein Wettreiten ein, das sie unternommen, – die Pferde hatten sie mit Bier wild und toll gemacht, und wild und toll waren auch die Reiter. Damals war es ihr nie eingefallen, vor irgend etwas Angst zu haben, was sie auch ausfindig machten, was sie auch taten, es war alles nur Spiel. So lange Per lebte, lebten auch Hof, Wald und Felder, – alles lebte. Es waren schöne Jahre. Dann kam der Unfriede mit den Schwedischen, – er zog fort und kam nicht zurück. Er hätte zu Hause bleiben können, hätte nicht mitzuziehen brauchen, aber das lag ihm nicht. Und so schlimm es war, empfand sie es doch als einen Stolz, daß er so gewesen. Nein, er kam nicht wieder. Kari starrte auf all die Jahre, die sie hier umhergegangen war und gewartet hatte, – gewartet, weil sie nie Gewißheit bekam. Er kehrte nicht zurück, – wo er gefallen war, wann und wie, das hatte sie nie erfahren. Nur die Jahre, die eins nach dem andern vergingen, löschten die Hoffnung aus, daß er endlich einmal wiederkommen würde. Und die Jahre, die seitdem vergangen waren! Die Söhne hatte sie, Peter und Stig, und dann das Kleine, das sie verlor, das allerliebste, vielleicht weil der Tod es genommen hatte oder weil sie es gerade zu der Zeit bekam, als sie einsam wurde. Sie hatte keinen neuen Mann genommen, obwohl Freier genug gekommen waren, und die Leute hatten genörgelt und geredet, wie sie es zu tun pflegen, wenn einer seinen eigenen Weg geht. »Ich kann ja nicht sicher sein, daß ich wirklich Witwe bin«, sagte sie wohl, wenn sie gut gelaunt war, ganz und gar war das nicht Scherz, denn im vollen Umfang konnte sie es nie verstehen, konnte nicht glauben, daß Per tot war. So war sie ihren einsamen Weg gegangen, den Hof und alles, was zum Hofe gehörte, hatte sie geleitet. Hart hatte sie sich gemacht, zunächst weil sie glaubte, das müsse so sein, um die Leute zum Gehorsam zu zwingen, dann aber war es ihr eine Gewohnheit geworden. Die Leute vergaßen, daß sie jung war, ja, sie vergaß es selber. Ihr Leben war zu Ende, obwohl sie Witwe geworden war, ehe sie noch ihr dreißigstes Jahr vollendet hatte. Ihre Freude war es, auf dem großen Hof umherzugehen, zu sehen, wie alles sich ordnete und wie nichts unter ihren Händen verloren ging, Die Familie wollte sie vorwärtsbringen und das, was der Familie gehörte. Ihren Söhnen konnte sie dies alles einmal geben, was ihr zu verwalten zugefallen war. Sie sollten sehen, daß sie es nicht verringert hatte. Sie stand da und vergaß, was sie eigentlich veranlaßt hatte, hinauszugehen. Und während die Erinnerungen auf sie einströmten, fühlte sie sich wieder jung – all das, was sie in den vielen Jahren nicht berührt hatte, tauchte empor, kam auf kleinen, behutsamen Kinderfüßen herangetrippelt. Sie fühlte es wie rosige, weiche Händchen auf ihrer Brust, kleine, gierige Mündchen, die von ihr lebten. Sie errötete lieblich und jung, wie sie da stand, und die Glut, die auf Wangen und Hals brannte, war wohltuend und voller Süße. Das Geheul des Hundes oben zwischen den Gebäuden riß sie plötzlich in die Wirklichkeit zurück. Sie schloß die Augen, denn dort unten, wo der Wald schwarz an das bebaute Feld grenzte, hörte sie wieder das zarte Wimmern eines Kindes, das nach Luft rang. Und jetzt hörte sie, bang und wunderlich zärtlich zugleich, daß jemand weinte, war es das ausgesetzte Kind, das dort am Waldmoor umging, das zwischen Gras und Wurzeln umherkroch und nach christlicher Erde, nach Wärme und Frieden jammerte? Das Kind, das hier auf Braenna umhergegangen war, von dem die Leute erzählten – ja, die alte Ingrid hatte kleine, blutige Kinderspuren auf dem gefrorenen Schnee gesehen, wenn das Licht durch die mit Eisblumen bedeckten Fenster darauf fiel. Kari fühlte, wie ihr heiß und heftig, in einer Woge von Zärtlichkeit, die Tränen in die Augen stiegen. Daß eine Mutter so an ihrem Kinde handeln konnte! Sie wollte das suchen, was dort im Waldesdunkel weinte, wollte es suchen und ihm helfen, wenn Gott wollte, würde es wohl Frieden finden. Wenn sie Jesu Namen nannte, würde es in der Erde schlafen können, ohne den Himmel zu vermissen, der ihm verschlossen war. Daß eine Mutter so etwas tun konnte! Rasch, als fürchte sie, schwankend zu werden, sich anders zu besinnen, ging sie über den Acker, vorbei an dem großen Hünengrab mit den alten, kahlen Espen und den mächtigen Steinen, die in einem Kranz den Fuß des Hügels umgaben. Unwillkürlich trat sie vorsichtiger auf, aber alles war still – der Hüne schlief wohl in seinem steinernen Hause, schlief, wie alles schlief in dieser seltsamen Nacht. Jetzt heulte der Hund wieder oben auf dem Hof – es war, als rufe er nach ihr, als warne er sie. Kari faltete die Hände, als sie weiter ging. In Jesu Namen, flüsterte sie leise, in Jesu Namen. Da hörte sie einen lauten, drohenden Ton in dem Hünengrabe hinter sich, als ob ein Hammer auf einen Amboß schlägt. Der Ton hing lange in der Luft, wie das Klingen einer großen Kirchenglocke. Es war sehr seltsam, aber sie bekam keine Angst. Vor ihr lag der Hochwald, dessen weiße Birken koboldhaft und verkrüppelt zwischen trotzigen Tannen und knorrigen Kiefern leuchteten. Die dichte Wacholderhecke, die das bebaute Feld schützen sollte, lag schwarz und von dem schweren Schnee des Winter plattgedrückt da. Kari stand einen Augenblick still und lauschte in die Dunkelheit, – aber jetzt hörte sie nichts. Leise ging sie weiter. Es roch streng nach vermodertem Laub und tauendem Boden. Überall sickerte und tropfte es von Feuchtigkeit. Plötzlich schoß ihr das Blut zum Herzen – ihr wurde so seltsam und beklommen zumute –, leibhaftig und nah hörte sie Wimmern und ein müdes Schluchzen –, so wie Kinder wimmern und schluchzen, wenn sie sich in Schlaf weinen. Sie tastet sich in den Wald hinein, dem Ton folgend, und dort unter einer hängenden Tanne sieht sie es liegen, ein kleines, nacktes Mädchen, das die Beine an den Leib gezogen hat. Es lebt, sie sieht, daß es sich bewegt. Kari preßt zornig den Mund zusammen, hebt das Kind auf und hüllt den blaugefrorenen, zitternden, kleinen Körper in ihren Mantel. Sie sieht sich rasch um, blickt auf das Gesichtchen, das vom Weinen verschwollen ist. Pack! murmelt sie vor sich hin, so gehen Tiere nicht mit ihren Jungen um! Es funkelt etwas mit nassem Glanz im Moos zu ihren Füßen, – sie hebt es auf. Alte, vergoldete Münzen, Löwen und allerlei Figuren, auf eine kunstvolle Kette gezogen, die aus goldenen, verflochtenen Fäden geschmiedet ist. Das Geschmeide schimmert so seltsam hier in der Dunkelheit, es ist, als brenne es ihr auf der Hand, und sie wirft es von sich – es war kalt wie eine Schlange. Da hört sie die Hündin wieder heulen, – und ein Schreck durchfährt sie, – ist das ein Echo, das hinter ihr aus dem Walde mit langem, zitterndem Schrei antwortet? Rasch tastet sie sich zurück. Zweige, die schwer sind von kalter Nässe, schlagen ihr in das Gesicht, sie stolpert über glatte Wurzeln und welkes Gras; sie hält das Kind so fest, als hätte sie Angst, es würde ihr aus den Armen verschwinden. Sie will nicht hören, nur gehen, nach Hause kommen, aber da ertönt hinter ihr wieder der Schrei wie ein gellendes Lachen, – oder ist es ein Weinen? Der Wald wird lebendig um sie her, es tappt neben ihr dahin, behutsam und schleichend, in Schatten und Finsternis verborgen. Wenn sie stehen bleibt, schweigt alles, lauert, wartet, – und wenn sie geht, kommt es wieder mit. Wieder und wieder hört sie das Lachen hinter sich, – es wächst an zu herzzerreißendem, heulendem Weinen. Das Kind in ihren Armen beginnt zu schreien, lauter und immer lauter, zappelt mit Armen und Beinen, wirft sich hin und her, – es ist, als riefe es nach irgend etwas drinnen im Walde und bekäme Antwort. Sie versucht es zu beschwichtigen, redet ihm gut zu, aber es will nicht verstummen. Außer sich, zerrt sie das Mieder auf, reißt das Hemd in Fetzen und legt das Kind an die Brust. Die kleine Nase stößt suchend gegen ihre nackte Haut, die harten Gaumen saugen sich fest und zerren gierig an der leeren Brust. Mitten in der Angst quillt wieder die Zärtlichkeit in Kari auf. Sie fühlt sich so matt und weich, daß sie sich am liebsten hinsetzen und weinen möchte, – so hat seit so vielen Jahren kein Kind an ihrer Brust gelegen. Sie geht weiter, taumelt aber so, daß sie zu fallen fürchtet, und die leere Brust beginnt zu brennen und zu schmerzen, – so wie damals, wenn sie mit so einem kleinen Wesen an der Brust eingeschlafen war. Zwischen den Bäumen wird es hell, – der Wald lichtet sich, sie ist bald wieder daheim, geht unwillkürlich rascher. Als sie hinter dem Zaun auf den Feldern ist, sieht sie, daß der neue Tag zu dämmern beginnt. Hinter sich hört sie wieder den Schrei, und jetzt bekommt er Antwort, – oben von den schwarzen Höhen, wo die Wolken mit hellen Schneeschauern treiben, aus der Unendlichkeit des Waldes unter den schroffen Bergen, – von den weiten Sümpfen her. Als sie durch den großen Torweg geht, fährt der Hund kläffend auf sie zu, – sie beschwichtigt ihn, aber er will nicht still sein, er bellt ihr rasend nach, mit gesträubten Nackenhaaren, als wäre sie eine Fremde. Als sie leise durch die große Stube in die Schlafkammer schleicht, hört sie einen der Knechte stöhnen, verdrießlich und schläfrig gähnend: »Ich glaub, der Teufel ist in den Wolf gefahren, – es ist, als hätte jemand ihm die Jungen genommen.« In aller Eile schließt Kari die Tür, legt das Kind auf das Bett und macht Feuer an. Dann wärmt sie Milch, nimmt das Kind auf, um ihm die Milch zu geben, aber es will sie nicht haben, – ihre Hände beginnen zu zittern, so daß sie die Milch verschüttet, – sie sieht, daß das Kind am Munde blutig ist. Sie entblößt ihre Brust; aus kleinen Bißwunden rinnt das Blut über die weiße Haut, – das Hemd ist blutig. Frierend zieht sie die Kleider wieder an, – legt das Kind unter die Felldecke des Bettes, setzt sich selber auf die niedere Bank am Fenster und legt den Kopf auf die Hände. Seltsam, das Schmerzen und Brennen in der Brust war wie eine Liebkosung. Die kleinen Bisse, – sie hatte das Gefühl, von ihnen gezeichnet zu sein, und als würden sie nie verheilen und vernarben ... Schließlich schläft sie ein, und in den Träumen, die kommen, sieht sie einen Wolf auf den Hinterbeinen stehen und durch das Fenster in die Stube sehen; aber er hat nicht die schiefen, lauernden Augen des Wolfes, nein, sie sind tief und leer wie die Augen eines kleinen Kindes. 2 Als sie steif und durchfroren erwachte, war es voller Tag, aber grau und schwer, und der Regen goß in Strömen. Zuerst meinte sie geträumt zu haben, dann aber gewahrte sie das Kind im Bett. Die Knaben erwachten. Peter quiekte munter und bemerkte das, was in Mutters Bett lag. »Nein, sieh nur«, sagte er zu dem Bruder. Sie krochen aus dem Bett, standen verwundert da und gafften. – »Wo hast du das her?« fragte Peter. Er war der Mutter ähnlich, blond und starkgliedrig wie sie. Stig war dunkel und zart, das Ebenbild des Vaters. »Ich habe das Würmchen im Walde gefunden«, erwiderte Kari und erzählte einiges. »Hat das über Nacht so geschrien?« »Nein, das ist wohl der Wolf gewesen.« »Daß der Wolf es nicht gefressen hat!« sagte Peter mit großen, bangen Augen. »Nein, aber jetzt mußt du gehen und die alte Ingrid um warme Milch bitten.« »Was ist das für ein Geschwätz?« sagte die alte Ingrid in der Tür. »O je«, rief sie und schlug die Hände zusammen, als sie das Kind im Bette bemerkte, »nein, Gott tröste uns, ich dachte, die Jungen schwatzten nur Unsinn! wo hast du das her?« Kari errötete. Daß sie auf all dieses antworten und all dieses über sich ergehen lassen müßte, hatte sie nicht gedacht – all dieses Gerede hier und im ganzen Tal. »Hast du es im Walde gefunden?« Die alte Ingrid wischte sich mit zitternder Hand die Nase und starrte angstvoll auf ihre Herrin. »Ich hörte wohl, daß eine Tür klappte. Dann bist du also draußen gewesen? O Gott behüte mich vor allem Bösen, was über Nacht unterwegs war! – Daß du das Kind genommen hast!« Es war, als könne sie es nicht glauben, – sie wiederholte es wieder und immer wieder. »Wem magst du es wohl genommen haben? Wahrscheinlich Zigeunern.« Karis Stimme war ruhig, aber innerlich zitterte sie. »Zigeuner, nein, Zigeuner... Seit dem Winter sind doch keine Zigeuner hier gewesen.« Und ihre Kinder so in den Wald zu legen, lebend und hilflos, das tun Zigeuner doch nicht, das hatte die alte Ingrid nie gehört. Draußen in der großen Stube, wo das Gesinde bei der Morgenvesper saß, war es ganz still geworden. Die Tür stand offen, – sie saßen und lauschten. Die alte Ingrid spuckte auf den Boden und bekreuzigte sich, als das Kind im Bett zu wimmern begann. »Das klingt, als ob es ein Fuchsjunges wäre. Leg das Kind wieder dahin, wo du es hergenommen hast, Kari! Wie kannst du nur so etwas aufsammeln – es dem Walde stehlen? Zigeuner? Ja, wenn es ein Zigeunerkind ist, so rächt sich das, denn Zigeuner sind eben Zigeuner. Sie kennen ihre Leute, vielleicht kommen sie eines Tages und verlangen das Kind zurück. Und dann wollen sie nicht nur den Körper haben, wenn diese Leute, die weder an Gott noch an den Teufel glauben, das Kind aussetzen, so tun sie es aus Gründen, die man nicht auszusprechen und nicht zu denken wagt.« Die alte Ingrid trat zu dem Kinde und sah es an. »Es sieht nicht wie ein Zigeunerkind aus.« Sie hob es auf, drehte und wendete es mit ihren harten Fingern hin und her. Irgendein Koboldzeichen hatte es nicht, so viel sie sehen konnte, – auch keine gespaltenen Ohren, aber ... sah Kari es wohl? ... das Kind hatte zwei kleine spitze Zähne! Gott schütze den, der so etwas nähren sollte! Und die Brauen, die in schwarzem Flaum über der Nasenwurzel zusammentrafen, – das Werwolfszeichen. Milch? O ja! Sie wollte ihm Milch geben: Ratten sollte es kriegen und Fellabfälle! »Laß das Geschwätz,« fuhr Kari auf und schickte Ingrid und die Söhne hinaus. »Narrengeschwätz!« sagte sie zu sich selber, und setzte sich mit dem Kinde auf dem Schoß auf den Bettrand, um es zu füttern. Die Hand zitterte ihr, sie verschüttete Milch auf den Fußboden, aber doch klang ihr das Geschwätz der alten Ingrid in den Ohren. Nein, sie hätte nicht auf das hören sollen, was draußen in der Nacht rief und lockte, – hätte sich nicht darum kümmern sollen. Jetzt war es hier, würde heranwachsen, hier leben. Es stach ihr in der Brust, brannte und schmerzte in den kleinen Wunden. Dennoch traten ihr die Tränen in die Augen vor unruhiger, scheuer Zärtlichkeit, als sie das Kind durstig und gierig trinken sah. 3 Eines Tages vermißten sie den Hund, – er war verschwunden und blieb verschwunden, wie sie auch lockten und suchten; er mußte davongelaufen sein, oder der Wolf hatte ihn genommen, die alte Ingrid ging schimpfend umher. Das Tier weiß, was es tut, murrte sie, wären wir nur alle so gescheit wie der Köter. Die alte Ingrid war in den Viehstall übergesiedelt, lag dort in einem leeren Stand, denn wie das Kind schrie, das konnte sie nicht länger anhören, – es schrie Nacht wie Tag. Nein, in der Nacht schlaflos liegen und den ganzen Tag um dieses Wechselbalgs willen verschlafen umhergehen, dann wollte sie lieber da liegen, wo sie jetzt lag! »Sie schreit ja nicht wie ein Christenmensch!« sagte sie. »Da kann wohl Rat werden«, erwiderte Kari kurz. Sie hatte daran gedacht, daß es wohl nicht getauft sei. Wenn sie nur das Kind in Gottes Hände legen könnte, würde sie Hilfe und Frieden finden, und all das, was sie schreckte, würde verschwinden. Immer größer war ihr Mitgefühl für das Würmchen geworden. Je mehr sie die düsteren Mienen der Leute sah und das zornige Murren der alten Ingrid hörte, um so stärker wurde ihre Zärtlichkeit. Die alte Ingrid stimmte ein häßliches Lachen an. Das Kind taufen? Im Feuer vielleicht? Wer sollte im Kirchenbuch als Vater stehen? Der Wolf etwa? Und als Mutter? Hexen und Kobolde? Wo wollte sie einen Vater hernehmen? Wölfe und Käuzchen, all das Getier, das ebenso unheimlich schrie wie das Kind selber. Die alte Ingrid war gewohnt, alles zu sagen, was sie wollte, da sie schon so lange auf dem Hof war. Und niemand hörte mehr auf ihr Mundwerk. Aber jetzt bekam sie Angst, als sie Kari ansah. In jähem Erschrecken kam ihr plötzlich der Gedanke: Jetzt jagt die Kari mich vom Hof! »Ja, ich habe eben über die Paten nachgedacht«, sagte Kari mit kalter Stimme. »Ich hatte dich ausersehen, das Kind zu tragen.« »Mich?« stammelte die alte Ingrid und wehrte mit den Händen ab, »mich?« »Ja, jetzt hast du es gehört!« Kari fragte nicht mehr, sie gab nur ihren Willen kund. »Du ... du versündigst dich!« »Ich versündige mich?« fiel Kari ein, »an dem Kind oder an dir?« Sie trat näher an die alte Ingrid heran und sagte leise: »Du hast hier ja kein Altenteil, soviel ich weiß!« Die alte Ingrid brach fast zusammen. Sollte sie in solche Schande kommen und das um des Kindes willen! Sie wollte gehen, wagte es aber nicht, Kari blickte sie so seltsam an. »Es sei, wie du willst«, murmelte sie und eilte davon, damit Kari nicht sehen sollte, daß sie weinte. Geduckt und wütend ging sie von nun an umher und schimpfte. All das, was sie Kari nicht zu sagen wagte, sagte sie zu den Leuten. »Ach, die Kari weiß selber am besten, wer die Eltern des Kindes sind, sollt ich meinen«, grinste einer der Knechte. Das mußte Kari erfahren haben; einige Tage darauf, als der Knecht im Stall war und die Pferde fütterte, kam sie auch hin. Sie tadelte etwas an dem Geschirr, das nicht so war, wie sie es haben wollte, und als der Knecht eine Antwort gab, sagte sie nur: »Du kannst morgen gehen!« Dann entfernte sie sich, ohne all das zu hören, was er, gekränkt und wütend, ihr nachrief. Die Kari mußte wirklich verhext sein, daß sie einen der besten Arbeiter mitten in der eiligsten Frühjahrsarbeit wegschickte. Die Kari war nicht mehr die Alte, sie ging umher, als sei sie ständig auf der Hut, und alles Geschwätz verstummte, wenn sie kam. Die alte Ingrid zog wieder aus dem Stall aus, sie war ganz außer sich, wagte nicht länger dort allein abseits von den andern Leuten zu liegen, seit sie hatte versprechen müssen, den Wechselbalg über das heilige Wasser der Taufe zu halten. 4 Es regnete und regnete, – der Fluß stieg, grau von Schlamm wälzte er sich das Tal entlang, überschwemmte Feld und Sumpf, nahm Bäume und Mühlen hinweg, hier und da wurde eine Pfahlbrücke vom Ufer losgerissen und schwamm auch mit. Mächtige Lawinen stürzten die schroffen Hänge hinab, zogen mit Geröll, Erde und entwurzelten, geknickten Bäumen breite, braune Furchen durch den schmelzenden Schnee. Es half nicht viel, daß sie gesät hatten, – das Regenwasser rann in starken Strömen über die steilen Äcker und schwemmte das sprossende Korn mit. Das Futter für das Vieh begann knapp zu werden, – es konnte bei diesem Wetter nicht auf die Koppel. Nur Schafe und Ziegen grasten draußen, aber es dauerte nicht lange, bis sie nach Hause zurückkehrten, vor dem Stall standen und jammerten, während sie die Nässe abzuschütteln versuchten. Unten in den Tälern regnete es, – auf den Bergen gab es Schnee, schweren, nassen Schnee. Die auf den Almen gewesen waren, sagten, daß weder Menschen noch Vieh durchkommen könnten. An solchen Schnee zu dieser Jahreszeit konnte sich niemand erinnern, wenn jetzt die Wärme zu rasch kam, so würde es eine Überschwemmung geben. Das konnte für die Leute in der Niederung schlimm werden, denn dort stürzte sich die Björn wildtosend vom Hochgebirge in den Nordfluß, der schwer und mächtig mit gewaltigen Wirbeln und weißköpfigen Stromschnellen durch das Tal zog. Aber die alte Ingrid war es wohl zufrieden, denn so lange solches Wetter war, würde man sie wohl in Ruhe lassen. Es war nicht daran zu denken, zur Kirche zu fahren, wenn Kari wirklich so verrückt war, daß sie das, was sie damals gesagt, im Ernst gesprochen hatte. ... »Sieh, was ich gefunden habe«, sagte Peter eines Tages, als er hereinkam, und zeigte eine lange Kette mit alten vergoldeten Münzen und Figuren daran. Kari wurde bleich. Die Leute drängten sich um Peter. So etwas hatte keiner von ihnen je gesehen. »Wo bist du gewesen?« Karis Frage durchschnitt das leise, verwunderte Geschwätz. »Was hattest du im Walde zu tun?« Sie faßte den Sohn bei der Schulter und schüttelte ihn. »Wo bist du gewesen? Wo hast du dies gefunden?« Der Schmuck gleißte vor ihren Augen wie damals, – kalt wie eine Schlange. »Er lag auf der Treppe zum Holzschuppen«, flüsterte Peter erschrocken und begann zu weinen, obwohl er es nicht wollte, – es war so peinlich, alle Leute sahen ihn an. Am liebsten hätte er sich bei der Mutter verkrochen, aber das wagte er nicht. Er stand nur und rieb sich mit der geballten Faust immer wieder die Augen. »Lüge nicht!« Kari umklammerte seinen Arm, »lüge nicht! Wo hast du dies gefunden? Du mußt es sagen!« Ihre Stimme bettelte förmlich. Peter sah die Mutter unschlüssig an. »Es lag auf der Treppe.« »Du darfst mich nicht belügen, – du sollst es sagen, wie es ist. Du hast dies im Walde gefunden?« Sie schüttelte ihn wieder. »Ja–a«, schluchzte er unsicher. »Siehst du, – also hast du gelogen!« Kari ließ ihn los, ganz erschrocken, denn sie wußte ja, daß ihr Sohn jetzt log und daß sie ihn dazu getrieben hatte. Plötzlich bemerkte sie die Gesichter all der Leute, die sie ansahen, fragend, erschrocken und beschämt. Sie versuchte zu lachen, brachte es aber nicht fertig. Hilflos sagte sie. »Ich dachte schon, der Bub hätte im Hünengrab gestohlen!« Sie merkte, wie alle um sie her bei den groben Worten zusammenfuhren, – daß sie so etwas von ihrem eigenen Sohn sagen konnte! Sie nahm die Kette und ging in die Schlafkammer. Hinter sich fühlte sie die Stille, die von keinem Gemurmel unterbrochen wurde, nicht einmal als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte. Sie nahm das Kind auf und legte es auf ihren Schoß. Als sie seinen Augen begegnete, sah sie, daß es sie kannte. Es zappelte mit den Armen, als wolle es sie ihr entgegenstrecken, und sie hatte das Gefühl, daß es ihr zulachte. Es tat so seltsam wohl, so zu sitzen. Ihr war, als gehöre das Kind ihr allein, wie nichts anderes, was sie je besessen hatte. Lange saß sie so und wiegte es bin und her, – ja, es tat wohl, so zu sitzen. Plötzlich begann das Kind zu weinen. Kari meinte nie ein Kind gesehen zu haben, das so unvermittelt, während es noch eben gutgelaunt war, zu schreien beginnen konnte, ohne jeden Grund, und dann war es nicht zu beschwichtigen, was sie auch anfing. Es war, als weine es nach etwas, was sie ihm nicht geben konnte. Sie nahm den Schmuck, den sie von sich geworfen hatte, und hielt ihn dem Kinde hin. Es griff danach und verstummte sofort. Doch als Kari die Kette wieder wegnahm, aus Angst, das Kind könne sich daran weh tun, begegnete sie wieder den seltsamen Augen, was sie in ihnen sah, konnte sie nicht erklären, aber von neuem überkam sie die dumpfe Angst, – sie wußte nur nicht, wovor. 5 Am Tage darauf sagte Kari zu der alten Ingrid: »Am kommenden Sonntag müssen wir mit dem Kinde zur Kirche fahren.« Die alte Ingrid wand sich, versuchte gütlich auszuweichen: Man müsse doch wohl das Wetter abwarten! Kari hörte nicht auf sie. »Soll ich allein Pate stehen?« winselte die alte Ingrid fast mit Tränen in der Stimme. »Davor brauchst du keine Angst zu haben!« »Wen hast du denn ausersehen, mit mir zusammen in der Kirche Gevatter zu stehen, – so viel kann ich doch wohl erfahren?« Kari nannte einige Namen, Kätnerleute von Braenna. »Hast du sie benachrichtigt?« »Benachrichtigt?« wiederholte Kari spöttisch. »wir fahren so früh, daß wir sie abholen können.« »Das ist eine neue Sitte!« Die Stimme der alten Ingrid war zornig. So etwas konnte man nur bei den kleinen Leuten machen! »Diesmal soll es so Sitte sein!« Kari richtete sich hoch auf, es war, als recke sie sich nach langem Schlaf, wie gut tat es, wieder zuzugreifen, zu handeln und zu gebieten. Aber trotzdem ließ sie denen, die mit in die Kirche kommen sollten, Nachricht senden. ... Kari trat mit dem gut eingehüllten Kinde auf den Hof. Matthias, der Knecht, hielt zwei gesattelte Pferde. Die alte Ingrid kletterte auf das eine, – sie sah fast sanftmütig aus, denn es war doch immerhin eine Ehre, daß sie einmal zur Kirche reiten durfte. »Soll ich nicht das Kind nehmen?« fragte sie. Kari sah sie an. »Das wage ich nicht«, sagte sie in einem Ton, daß die alte Ingrid auf dem Sattel sich zusammenkrümmte. »Es schickte sich aber doch wohl!« Ingrids Stimme war ganz sanft. »Nein, ich habe kein Vertrauen zu dir, – niemand weiß, was du tun könntest.« Kari schwieg, schwang sich in den Sattel und beugte sich über das Kind, das der Knecht so lange gehalten hatte. Das Pferd scheute, bäumte sich. »Prrr! Holla!« rief Matthias, aber das Pferd bäumte sich abermals auf. »Kannst du es nicht halten, Matthias!« rief Kari, die auf dem unruhigen Pferde mit dem Kind auf den Armen hin und her schwankte. Sie hörte, daß die alte Ingrid vor sich hin murrte. Kari ergriff die Zügel, doch das Pferd wollte sich nicht beruhigen. Sie schnalzte, redete ihm gut zu, aber das Tier kaute Schaum und bäumte sich, es legte die Ohren an, seine Beine zitterten. »Du mußt es führen.« Sie warf Matthias die Zügel zu. Er brummte: dafür sei er nicht angezogen; er sagte allerhand, was Kari nicht hören konnte. »Denkst du, unser Herrgott kümmert sich darum, wie du aussiehst?« schnitt Kari ihm die Rede ab. Mürrisch ergriff Matthias die Zügel, das Pferd folgte ihm, unwillig, Schritt für Schritt. Als sie die langgedehnten Hügel hinter sich hatten und in den Wald kamen, fiel es Kari auf, wie still es auf dem Hof gewesen war, als sie fortritten. Das war ein wunderlicher Kirchgang. Nicht ein einziger war draußen gewesen, um sie wegreiten zu sehen. Es regnete nicht mehr, war aber trüb. Scharfe Windstöße fuhren durch den Wald, und schwere Wolken trieben an den Bergwänden entlang. Dann kam der Regen wieder – peitschende Schauer hüllten das Tal in grauen Nebel. Der Wind wurde zu Sturm – die Pferde gingen mit gesenkten Köpfen und flatternden Mähnen. Matthias drehte sich ein paarmal um und sah Kari an. Das Regenwasser sickerte an ihm herunter – er hatte die Zügel um den Arm gewickelt und ging frierend und krummrückig dahin, die Fäuste tief in den Hosentaschen. Das Pferd folgte ihm widerwillig, die Hufe tasteten nach einem Halt zwischen den scharfen Steinen des Weges. Sie hörte Matthias jedesmal, wenn es stolperte, verbissen und rasend fluchen. Sie versuchte sich dem wiegenden Gang des Pferdes anzupassen, damit sie weder sich noch das Kind an der harten messingverzierten Rückenstütze des Frauensattels stieße, und eine wunderliche Traurigkeit beschlich sie. Sie war unwillig über diesen ganzen Ritt durch Regen und Unwetter, um ein Kind zu taufen, das sie aus dem Walde nach Hause geschleppt hatte. Sie hätte die alte Ingrid und den Knecht schicken sollen, das hätte genügt, um das Kind taufen zu lassen. Aber hätte sie der alten Ingrid das Kind überlassen, so hätte sie es wohl nicht wiedergesehen, davon war sie überzeugt. Nein, sie traute keinem außer sich selber bei dieser Unternehmung. Zu ihren Füßen toste der Nordfluß zwischen schwarzen Bergen in schäumender Wildheit. Das Pferd glitt auf den glatten Steinen aus, – die Hufe klirrten jedesmal, wenn sie auf das Geröll aufschlugen. Ihr wurde schwindelig, als sie hinunterblickte. Unwillkürlich umfaßte sie das Kind fester. Nein, keinem andern hätte sie dies anvertrauen können. Der Weg wurde schmäler und stieg stark an, über schroffe Hänge, vorbei an senkrecht abfallenden Felswänden und weiten Geröllfeldern. In schwindelnder Tiefe, durch ziehenden Nebel und Regen, sah sie den Fluß, zwischen Windbruch und knorrigen Bäumen, die über den Abhang hingen und sich in Spalten und Klüften festklammerten. Es dampfte kalt aus schwarzen Abgründen, in denen mächtige Steine herumgewirbelt wurden. In den Bergen über ihr, die im Nebel lagen, heulte der Sturm. Ach nein, zu keinem andern als zu sich selber hatte sie Vertrauen. Sie richtete sich auf und drückte das Kind fester an sich. Es war kühl geworden, so daß ein Zittern sie überlief, als sie ihren nassen Rücken gegen die Rückenstütze preßte, wo der Weg sich die langen Hügel hinunterschlängelte, bekam sie Aussicht über das Breitdorf. Sie sah nicht viel, die weiten, flachen Felder, über die der Fluß sich zu winden pflegte, waren nur ein See – groß und grenzenlos verschwamm er im Nebelmeer. Matthias hielt das Pferd an und blieb stehen, um vorwärts zu blicken. »Wir kommen nie über die Brücke«, sagte er kurz. Die alte Ingrid lenkte ihr Pferd heran. Sie fror zum Erbarmen, das spitze Kinn zitterte, das Haar hing in Strähnen unter der Kappe vor, das Wasser troff an ihr herab. »Wir müssen es versuchen.« Kari blickte nachdenklich vor sich hin. Es war ärgerlich, jetzt umkehren zu sollen, wo sie soweit gekommen waren. »Das heißt unsern Herrgott versuchen«, meinte die alte Ingrid. »Wir tun nur, was wir verantworten können.« »Und das Kind? Das arme kleine Leben!« Kari begann zu lachen. »Du bist ja mächtig besorgt um das Kind!« Sie stieg aus dem Sattel. So würden sie eben zu Fuß gehen, – an den meisten Stellen war der Weg wie ein Wasserfall. Unten auf den letzten Hügeln trafen sie Leute. »Nein, sind die Leute von Braenna bei solchem Wetter unterwegs?« Sie standen krummrückig im Regen, in Feiertagskleidern, – Anton Braataa und sein Bruder Lars. Hans Schar und Olea, die Frau. Ein paar halbwüchsige Kinder waren auch dabei. Kari sah sie rasch und prüfend an. Sie hatte ihnen Nachricht zugehen lassen: daß sie heute in der Kirche Gevatter stehen sollten, Hans, seine Frau und Anton. Sie standen eine Weile im Regen, ohne etwas zu sagen. »Wir dachten nicht, daß du bei solchem Wetter kommen würdest«, sagte Anton endlich, »man kann ja nicht durchkommen«, fügte er rasch und wie entschuldigend hinzu. »Das will ich selber sehen.« »Du kannst uns glauben«, Hans war ärgerlich, »der Fluß geht über die Ufer.« Kari bestieg ihr Pferd wieder. Sie antwortete nicht, aber sie setzte sich in Bewegung als sie die alte Ingrid hinter sich flüstern und tuscheln hörte. Sie kamen den Hügel hinab, und die Pferde wateten weiter durch den zähen Lehmschlamm. Wortlos bewegte sich die Schar durch den Regen, der in Strömen niedertroff; es war, als könne es nur immer regnen, und als wollten Sonne und Sommer nie wieder kommen. Matthias hielt das Pferd an. »Nein, es geht nicht!« Die Brücke führte über den Fluß mitten in einem Wirrwarr von Baumstämmen, Haustrümmern und alledem, was der Fluß mitgeführt und an den Brückenpfosten aufgestaut hatte. Der Strom brodelte grau und wild und flutete in hitzigen, langen Brandungen an den Brückenenden über den Weg. Baumstämme richteten sich auf und wurden niedergedrückt, schoben sich auf die Brücke hinauf und prallten mit dumpfem Krachen gegen die Balken, und immer noch kamen neue angetrieben, die von dem Wirbel in die Tiefe gerissen wurden, kreisten, irgendwo gegenprallten und liegen blieben. Ein paar Männer standen mit Haken und Äxten am Ufer, aber eigentlich standen sie nur da und sahen zu. Es war so zwecklos. »Sollen wir heute hier stehenbleiben?« rief Kari Matthias zu. Er spuckte nur aus, sah sie nicht an. Hinter sich hörte sie die andern, – erregt und ängstlich, da sie dachten, daß sie hinüber wollte. Einer von den Männern näherte sich ihr. »Willst du hinüber? Es ist nicht sicher!« »Du bist selber doch auch hinübergegangen!« Kari wurde zornig; es war, als hätten alle sich zusammengetan, um diese Unternehmung zu hindern. Sie rief wieder Matthias an: »Du mußt dich jetzt beeilen!« Er zog die Zügel straff, watete in das Wasser hinaus, das ihm schon fast bis zu den Knien ging, das Pferd platschte hinterdrein, unsicher und widerwillig. Sie fühlte die Brücke unter ihnen zittern und beben und mit dumpfen, saugenden Tönen nachgeben. Dann waren sie hinüber, das Pferd strauchelte und glitt auf Baumstämmen und Spänen aus, die an Land geschleudert waren. Sie sah sich nach den andern um, einen Augenblick wurde sie schwach und schloß die Augen, als sie alle wie geängstigte Schafe in einem Haufen zusammengedrängt sah, – Anton trug Olea. Wo war Hans geblieben? Sie ritt langsam weiter, – bis die andern sie wieder einholten –. »Wo ist Hans?« »Er sagte ...« Olea sah sich ratlos um. »Was sagte er? Wollte er nicht?« »Er ... er ist nach Hause gegangen«, stammelte Olea, wollte Erklärungen geben. Kari hörte nicht auf sie, ritt nur weiter auf das Kirchdorf zu, das durch die ziehenden Regennebel zwischen den Hügeln auf der andern Seite des Tals schimmerte. Sie ritt durch das Dorf, ohne anzuhalten, sah flüchtig Gesichter hinter den Scheiben, – ein alter Mann kam vor die Haustür, stand da in roten Hemdärmeln, – das war Antor, der Gemeindepfleger. An einem Hause nach dem andern kamen sie vorüber, wo das Tal unter dem düsteren Berg eine Windung machte, ragte der teerschwarze Turm der Kirche auf, glänzend von Feuchtigkeit, zwischen alten Birken mit nackten Zweigen, in denen der Sturm rüttelte. ... Der Pfarrer blickte vom Schreibtisch auf, als es an die Tür klopfte. Merkwürdig, höchst merkwürdig, daß jetzt Leute kamen. Sie wußten – oder mußten es doch wissen in der Gemeinde nach all den Jahren, die er hier gewesen war, daß er kurz vor der Kirche nicht gestört werden wollte. »Herein!« rief er verdrießlich; aber er erhob sich, als er sah, wer es war: Kari von Braenna. Er gab ihr die Hand und bat sie, sich zu setzen. »Ja, bist du bei diesem Wetter unterwegs? Ein Himmelsunwetter, – ja, ein Himmelsunwetter.« Kari nickte nur. Dann sagte sie, kurz und außer Atem und wurde rot dabei: »Ich wollte ein Kind taufen lassen.« Der Pfarrer verstand nicht recht, stutzte, beugte sich vor. Suchte in seiner Erinnerung ... seine Frau hatte irgend etwas von den Dienstleuten gehört, eine sonderbare Geschichte. Hatte es sich nicht um Braenna gehandelt? Nein, er konnte sich nicht besinnen, was es gewesen war. Kari erzählte kurz von dem Kinde, das sie gefunden hatte. Der Pfarrer hörte aufmerksam zu. Als sie schwieg, saß er grübelnd da. Hier war etwas, was ihm nicht gefiel. Nein, sie hatte nicht alles gesagt, – sie war ... ja, er konnte es nicht erklären, aber er hatte das Gefühl, als verheimliche sie ihm etwas. »Seltsam«, sagte er und sah Kari an. »Höchst seltsam. Es müßte wohl eigentlich angezeigt werden.« Kari zuckte zusammen ... die Obrigkeit, – daran hatte sie nicht gedacht, und der Gedanke durchfuhr sie, daß dies etwas sei, was Menschen nicht zu entwirren vermochten. Aber konnte sie das dem Pfarrer sagen? Würde er es verstehen und nicht nur darüber lachen? »Die Obrigkeit?« fragte sie langsam und unwillig. Der Pfarrer blickte zu Boden. »Nun, vielleicht nicht, nein, seltsam«, sagte er wieder, »war es ein neugeborenes Kind?« »Nein, es mochte wohl einige Monate alt sein.« »Und ihr habt kein fahrendes Volk gesehen, – Finnen oder Zigeuner?« »Seit Anfang des Winters nicht.« »Hm ...« Der Pfarrer versank wieder in Grübeln. »Ja, dann wissen wir nicht, wen wir als Eltern angeben sollen, nicht den Vater ...«, er zögerte einen Augenblick, »und auch die Mutter nicht?« Der Pfarrer heftete die Augen auf Kari, als er das sagte. Sie erglühte vor Zorn, als sie begriff, was er meinte, lachte aber nur kurz auf. »Nein«, sagte sie. Dem Pfarrer kam es vor, als klänge dies Wort ganz seltsam in ihrem Munde. Er lehnte sich im Stuhl zurück, indem er nach dem großen Kirchenbuch griff. »Dann müssen wir schreiben: Eltern unbekannt. Eltern unbekannt«, wiederholte er. Im selben Augenblick setzten die Glocken zum ersten Läuten ein, er blieb einen Augenblick sitzen und hörte darauf. »Es ist eine Sünde an so einem Kinde, eine große Sünde, als wäre es nicht von Menschen geboren, – hinausgestoßen, einsam...« Kari hatte ein wunderliches Gefühl, als er das sagte. »Es soll keine Not leiden.« »Ja, was gedenkst du mit dem Kinde zu tun?« »Nun, Braenna kann ja wohl noch ein Kind ernähren, sollte ich meinen.« »Nun ja«, der Pfarrer trommelte mit den Fingern auf dem aufgeschlagenen Buch, »ja, ich will nur hoffen, daß du das Rechte tust, Kari.« Seine Worte gaben all dem, was sie in Wald und Finsternis hatte rufen hören, all dem, was die alte Ingrid gefaselt, all dem, was sie in den Gesichtern der Leute gelesen hatte, neue Nahrung. »Du hast die Absicht, es aufzuziehen? Das ist schön von dir, sehr schön ...« Er saß wieder eine weile nachdenklich da und spielte mit dem Federhalter. »Du weißt wohl, daß vielleicht der Tag kommt, da die Eltern es zurückverlangen?« Die Worte durchdrangen sie wie Eis, sie mußte sich beherrschen, um nicht aufzustehen, hinauszugehen und davonzueilen. Der Pfarrer sah, daß sie bleich wurde. Nein, hier war wirklich etwas, was ihm nicht gefiel. Sie verbarg ihm etwas. »Sie soll Berret heißen«, sagte Kari plötzlich, so daß der Pfarrer stutzte. »Berret? Nun ja ... hm ... Berret ...« »So hieß meine Mutter.« Der Pfarrer erhob sich. Er scheute sich, etwas zu sagen. Heftig ging er ein paarmal in der Stube auf und ab. Die Kari tat dem Findelkinde Ehre an, große Ehre! Nein, er verstand es nicht, aber jetzt mußte er gehen. Er trat an eine Tür und rief etwas in das Haus hinein. »Ja, nun mußt du entschuldigen!« Er wendete sich zu Kari, die sich erhoben hatte. »Du kannst so lange zu meiner Frau gehen ... dich etwas stärken und trockene Kleider anziehen. Ich habe nicht daran gedacht, daß du ja durchnäßt sein mußt.« Er reichte ihr die Hand. »Auf Wiedersehen in der Kirche, auf Wiedersehen! Du weißt wohl selber am besten, was du tust, Kari!« »Du brauchst deine Frau nicht zu bemühen«, sagte Kari rasch. »Ich muß mich nach meinen Leuten umsehen, die sind bei dem Küster.« Der Pfarrer drang nicht weiter in sie, er begleitete sie zur Tür und gab ihr die Hand, als sie ging. Er öffnete den Mund, um sie zurückzurufen, besann sich aber. »Seltsam!« murmelte er, während er den Schreibtisch zu ordnen und die Bücher hervorzusuchen begann, die er brauchen wollte. Wieder läuteten die Glocken. Der Klang drang zu Kari, als sie aus dem Hause trat und zur Kirche hinunterging. Die große, geteerte Tür mit den rostigen Beschlägen stand offen. Es war ziemlich leer drinnen, – heute bei dem Wetter würden wohl nicht viele Leute kommen. Sie kniete tief und langsam, ehe sie sich auf der Frauenseite auf einer Bank niederließ. Sie saß lange da mit dem Gesicht in den Händen und fühlte einen so tiefen, stillen Frieden über sich kommen, daß sie alles umher vergaß, alles, was sie geängstigt und erschreckt hatte. Hier hatte sie in Trauer und in Freude gesessen. Hier war sie getauft worden, hier hatte sie die Hand in Pers Hand gelegt. Hier hatte sie ihre Kinder vor Gott gebracht und sie in seine Hände gelegt. Das kleine Mädchen, das sie verloren hatte ... jetzt dachte sie an dies Kind, das Geschenk, das der Herr zurückgenommen. Sie hatte getrauert und getobt, hatte sich nicht fügen wollen, warum hatte Er es genommen? Das Teuerste, was sie besaß? Sie blickte zu dem Altar auf. Hinter ihr glitten die Leute leise und behutsam in die Bänke, aber sie drehte sich nicht nach ihnen um. Grau und weich sickerte der Tag durch die kleinen Scheiben oben im Chor, leuchtete mit dunklen Reflexen auf dem Gold des alten Altarbildes. Jesu Mutter, gebeugt in Trauer und Schmerz unter dem Kreuz, an das ihr gemarterter Sohn geschlagen war. Da stand Maria Magdalena, dort Johannes, und die Kriegsknechte würfelten um seine Kleider. Sich beugen, das hatte Maria getan. Kari meinte das noch nie empfunden zu haben: die Mutter, die das blutige Holz des Kreuzes umklammerte... es war ja doch ihr Kind, das dort hing. So dazustehen, ohne Rat und Hilfe zu wissen und mitanzusehen, wie das Liebste, das man besaß, gefoltert, geschlagen und getötet wurde! Klein und gering erschien Kari alles andere: das Mißtrauen des Pfarrers, – all das, was die Leute meinten und sagten ... ihre eigene unklare Angst. Sie fühlte nur die Zärtlichkeit in sich aufwallen, die Zärtlichkeit für dies winzige Lebewesen, das Gott ihr wohl geschenkt hatte für das Verlorene. Herr, Herr, ich lege es in deine Hände: Sie saß da und fühlte den Frieden tiefer und immer tiefer in ihre Seele dringen. Der Gottesdienst glitt an ihr vorbei, ohne daß sie sonderlich viel hörte. Sie sprach keine Gebete, aber während der stillen Gedanken kamen die alten Worte wieder und wieder mit Ruhe und Frieden: Herr, ich lege es in deine Hände! Der Pfarrer war auf die Kanzel getreten. Sie hörte ihn den Text lesen: Seid aber Täter des Wortes und nicht Hörer allein, womit ihr euch selbst betrüget! Denn so jemand Hörer des Wortes ist und nicht sein Täter, ist er gleich einem Manne, der sein natürliches Antlitz in einem Spiegel betrachtete, denn er betrachtete sich selber und ging fort und vergaß sogleich, wie er war. Die Worte berührten sie mit einer seltsamen Unruhe, aber als der Pfarrer sie nun auslegte, glitten sie fort, und sie sank wieder in ihre eigenen stillen Gedanken zurück, bis sie die alte Ingrid mit dem Kinde auf dem Arm durch die Sakristeitür kommen sah. Leise erhob sie sich und ging dorthin, wo die Alte saß, nahm ihr das Kind ab und flüsterte: »Ich trage es selber!« Der Pfarrer stand jetzt neben dem Taufbecken. Kari blickte geradeaus; sie fühlte, daß ihr die Tränen kamen, als der Pfarrer den Kopf des Kindes mit Wasser benetzte und es mit dem Zeichen des Kreuzes segnete. »Berret taufe ich dich, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!« Kari neigte den Kopf. Gott selber war zugegen. Herr, ich lege es in deine Hände! Berret, klein Berret war erwacht, Kari blickte in die tiefen Augen, und in einer Woge von Zärtlichkeit sah sie, daß es ihr entgegenlachte. Die alte Ingrid band dem Kinde mit zitternden Händen die Mütze um, – so bang war sie nie in ihrem Leben gewesen wie an diesem Tage. Kari verließ die Sakristei zusammen mit den Paten, und als sie diese stumm und störrisch dastehen sah, fühlte sie mit einem Stich von Angst und Unwillen, daß alles so geblieben, wie es gewesen war. Nicht einer von ihnen sagte ein Wort, nicht einer wünschte Glück. Der Küster eilte ihr nach, als sie gehen wollte. »Der Pfarrer hat vergessen, die Paten aufzuschreiben.« Kari nannte sie, und der Küster schrieb. Da sah Kari das Gesicht der alten Ingrid, das hohl war vor Ärger und Unwillen, und plötzlich fiel ihr deren Ausspruch ein: Wer soll als Gevatter geschrieben werden? Eulen und Wölfe und all das, was so unheimlich schreit wie das Kind selber ... Der Küster blickte auf. »Du sagtest Hans Schar, – war er hier;« »Nein«, sagte Kari, »er ist nicht gekommen.« »Soll er trotzdem aufgeschrieben werden;« »Nein«, ihr Gesicht wurde finster, »nein, er soll nicht aufgeschrieben werden.« Sie sagte dem Küster Lebewohl und ging hinaus. Der Tag schnitt ihr in die Augen nach dem milden, friedvollen Licht in der Kirche. Auf dem Kirchplatz standen einige Männer und Frauen. Kari ging auf sie zu, grüßte und sah sich um, als suche sie jemanden. »Eirik Vogelgrund ist nicht hier?« »Nein, aber seine Frau.« Kari suchte sie auf, sprach einige Worte mit ihr und blieb dann noch eine Weile stehen, als überlege sie etwas. »Eirik hat mich diesen Winter gefragt, ob ich einen Platz für ihn hätte.« Sie sagte das ganz laut, sie wollte, alle sollten es hören. »Damals hatte ich keinen, aber jetzt kann er den Scharhof bekommen.« »Will Hans denn fort? Davon habe ich noch gar nichts gehört?« »Man hört vieles nicht, und das ist gut ...« »Wohin geht er denn?« »Das weiß ich nicht. Im kommenden Monat kannst du einziehen.« Sie ließ die Frau stehen, ohne auf ihren Dank zu hören, – und ging an Olea vorbei, die ratlos und verzweifelt dastand und von allem kein Wort verstand. Es tat Kari weh, sie zu sehen, und sie bereute, was sie getan hatte, – das arme Gesicht Oleas, so abgearbeitet und zerfurcht! Rasch wendete sie sich dem Küsterhause zu, sie fror und sehnte sich heim. Die alte Unruhe hatte sie wieder gepackt; all das, was drinnen in der Kirche durch den Frieden und die Stille zu ihr gesprochen hatte, war nur etwas Fernes, aber ihr Herz blutete vor Verlangen, es wiederzubekommen. – Als Kari daheim auf dem Hof vom Pferde stieg, sah sie, daß es auf den Höhen geschneit hatte; sie lagen weiß in der grauen Dämmerung, plötzlich fuhr sie zusammen und die alte Ingrid schrie auf, – denn da kam Paßauf, der Hund, und begrüßte sie, abgemagert und mit struppigem Fell. »Da ist ja Paßauf!« sagte Peter, der darauf wartete, die Pferde in den Stall reiten zu dürfen. »Wann ist der Hund wiedergekommen?« fragte Kari. »Ich weiß es nicht, – ich habe ihn vorher noch nicht gesehen.« »Ja, das Tier weiß schon, was es tut!« Die alte Ingrid weinte vor Müdigkeit, als sie nun die Stufen hinauftappte und sich ins Haus begab. Kari ging in die Schlafkammer, zog dem Kind die Kleider aus und hüllte es in eine große Wolldecke, die sie gewärmt hatte. Dann gab sie ihm zu trinken, und als es eingeschlafen war, zog sie sich selber auch um. Sie ging mit einer Flasche Branntwein hinaus, um den Leuten ein Glas einzuschenken, aber es war schon still in der großen Stube. Die alte Ingrid schlief. Matthias war nicht da. Selbst die Allerärmsten und Geringsten pflegten doch an einem solchen Tage den Leuten Essen und Trinken vorzusetzen. Sie hatte es vergessen. Ohne sich auszukleiden, legte sie sich zu Bett. Als sie allmählich warm wurde, fühlte sie den Schlaf kommen. Es tat so wohl, still zu liegen, sie wollte am liebsten gar nicht schlafen, nur hier liegen und die Ruhe fühlen. Und während sie daran dachte, schlief sie bereits. Draußen auf der Schwelle saß der Hund und horchte in die Nacht hinaus; aber alles schwieg, Wald und Berge. Der Regen sickerte unaufhörlich. Dann kroch das Tier hinter die Treppe des Holzschuppens und begann die wunden Pfoten zu lecken. 6 Der Himmel klärte sich auf, die Bäume bekamen junges Laub, das Feld wurde grün, es war wie ein Wunder. Es sah endlich aus, als wäre der Frühling gekommen. Der Birkhahn balzte oben auf den Bergen, die Elstern hatten sich in den alten Bäumen um den kleinen Garten neue Nester gebaut. Das Vieh war auf die Koppel getrieben. Eines Abends ging Matthias zum Fluß hinunter, – er wollte es mit dem Fischen versuchen. Es hatte sacht und fein geregnet, so daß es jetzt von Wärme und gutem Brodem dampfte und prächtiges Fischwetter war. Der Fluß war beinahe zu groß, war zu beiden Ufern weit in den Erlenwald hineingeflutet. Das Flußbett war wie ein einziger brodelnder Wasserfall. Es war fast nicht möglich, auf anständige Weise eine Angel auszuwerfen, aber er wollte jedenfalls versuchen, ob er nicht eine Vertiefung im Fluß fände. Matthias gab sich alle Mühe. Er versuchte einige Würfe, hatte aber selber keinen Glauben daran, und wenn einer keinen Glauben hat, fängt er auch keine Fische, – das ist ein wahres Wort. Überall lagen Gerümpel und Späne herum, Äste und Baumstümpfe, Rasenschollen und vermodertes Laub. Da blieb seine Angel an irgend etwas draußen im Schaumwirbel hängen. Zuerst dachte er, ein Fisch bisse an und wurde eifrig, aber der Haken saß fest, und als er ziehen wollte, riß der Haken ab. Weg war er. Matthias wickelte die Angelschnur um die Angel und ging wieder bergauf. Es war doch zu ärgerlich! Plötzlich hörte er etwas wie unterdrücktes Rauschen, – es klang wie ein mächtiger Sturmstoß – dann folgte Krach auf Krach, es war wie Donnerrollen, wurde zu einem einzigen dröhnenden Gepolter, kam von überall her; hoch oben im Tal sah Matthias einen dunklen Nebel an der Talwand, – dann teilte er sich und ein grauer Wasserfall stürzte hinab. Matthias zitterten die Knie, – das war die Lawine. Wie er hier stand und nach dem Skutuberg hinüberstarrte, war ihm, als ob die ganze Felswand dort drüben sich vorneigte. Dann kam ein donnerndes Krachen, – Matthias schlug die Hände vor den Mund und schloß die Augen. Er hörte ein scharfes, schneidendes Kreischen von Flügeln dicht über seinem Kopf und wurde so bang, daß er nahe am Zusammensinken war, – das war ein aufgescheuchter Birkhahn, der vorüberrauschte. Dort oben vom Tal her dröhnte es noch, – von Geröll, das niederpolterte, von Schnee, der sich hinabwälzte. Dann plötzlich wurde es still, nur der Fluß rauschte wie vorher. Matthias schritt rasch aufwärts. Sein Mund war trocken und der Körper wunderlich schlapp. Die Kätnerleute dort oben unterhalb des Skutufelsens ... es gingen in jedem Jahr dort Lawinen nieder, aber nie so eine wie diese. Er beschleunigte den Schritt, plötzlich aber hielt er inne, blieb stehen und starrte auf den Fluß, – er war um mehrere Fuß gesunken, – er meinte ihn sinken zu sehen, als sauge jemand ihn auf. Er brauste nicht mehr wie vorhin. Es war Matthias, als hätte er Pfropfen in den Ohren, so still war es geworden. Schwarze, glatte Steine ragten heraus, alte Stämme und Wurzeln, dazwischen lag grauschwarz der Schlamm, plötzlich begriff er – er warf die Angel weg und rannte.. Jesus Christus! Die Lawine hatte den Fluß abgedämmt. Auf den Hügeln bei Braenna traf er einige der Mägde und Knechte, – oben am Hecktor stand Kari und hielt ihre Söhne fest, die dabei sein wollten. Matthias schrie es heraus, obwohl er ja sah, daß sie es wußten, er schrie, daß die Lawine den Fluß abgedämmt hätte, – der Fluß war fast trocken gelegt: Gott sehe in Gnaden auf die Leute im Großdorf, wenn der Fluß wiederkommt! Sie schrien alle mutlos, verzweifelt durcheinander. Da trat Kari zwischen sie. »Schreien und jammern nützt nichts«, sagte sie scharf. »Matthias, nimm ein Pferd und reite ins Dorf, – und warne die Leute!« Ihre Worte ertranken in einem neuen Dröhnen, – sie konnten sehen, wie der graue Wasserfall an der Talwand sich ausbreitete wie eine gewaltige, tastende Hand, – es war, als ob ein Riesenschlund den Atem von sich stieße. »Was guckst du noch?« rief Kari Matthias zu. Er eilte zum Hof hinauf. »Wir müssen hinaufgehen«, sagte Kari. Es durchschauerte sie kalt bei dem Gedanken an das, was ihnen bevorstand. Sie sah die Knaben an, die bettelten, mitgehen zu dürfen, und vor Angst weinten, denn alles war so sonderbar. »Ihr müßt hier bleiben! Dies ist kein Anblick für Kinder!« Matthias sprengte auf einem ungesattelten Pferde über die Felder, – er lenkte nur mit dem Halfter. »Er kommt nicht rechtzeitig hinüber!« Kari drehte sich mit einem Ruck um. »Bist du der liebe Gott, daß du das so sicher weißt?« Die Angst packte sie, stärker und immer stärker, je mehr sie sich dem Skutufelsen näherte. Sie blieb stehen und rang nach Luft, – es war, als preßte irgend etwas ihr die Brust zusammen. Sie sah nur ein großes Wasser voll von schmutzig grauem Schnee mit einer brodelnden Stromfurche mitten darin. Bäume trieben darin und spritzten Wurzeln und Zweige. Und dort ragte etwas heraus, – die Ecke eines Hauses, die Strömung hatte es mitgerissen, es auf die Seite gewälzt, und nun wurde es hinabgesaugt in den schmutziggrauen Wirbel. Auf der andern Seite waren alle Gehöfte verschwunden. Das Wasser stand hoch auf den bebauten Feldern, darüber ragte schwarz und nackt der Fels, – hier und da hatte sich an den Rändern der Lawine ein Baum gerettet, zerzaust, verheert, mit geknickten Ästen. Die Leute standen untätig da und starrten nur mit brennenden Augen und ausgetrocknetem Mund auf die Zerstörung. Dicht am Ufer schaukelte ein Kalb mit aufgepumptem Leib in der Brandung. Ein Bett kam angetrieben, voll Schneeschlamm und Wasser. Es schwankte hierhin und dorthin, getrieben von unsichtbaren Stromwirbeln. Immerfort stieg das Wasser. Aber ringsum stand der Wald jung und grün, der Himmel wölbte sich mild und blau mit weißen Wolken. Ein Mann kam aus dem Walde, blieb stehen, schlug sich auf die Knie und lachte laut, zeigte mit den Fingern und grinste. Das war Aslak vom Südhof. Gott war gut gegen ihn gewesen, hatte ihm den Verstand genommen. Sie versuchten mit ihm zu sprechen, aber er grinste statt aller Antwort. Er war wohl irgendwo im Walde gewesen, als die Lawine niederging. Sie nahmen ihn mit, als sie sich hinunterbegaben, und er folgte willig wie ein müdes Kind. Plötzlich blieben sie entsetzt stehen, was sie jetzt hörten, war anders als alles andere, es zerfetzte die Luft mit dumpfem Dröhnen und langrollendem Krachen –, das war der Fluß, der wieder durchgebrochen war. Sie wollten laufen, etwas unternehmen, blieben aber nur ratlos stehen. Eine mächtige Flut schäumte über den Wald unter ihnen dahin, – füllte das ganze Tal mit brodelndem Wallen, riß Bäume mit, zerschmetterte sie, fegte den Waldboden kahl, so daß der nackte Fels hervorgrinste, verschlang alles auf ihrem Wege; dampfend von strenger Kälte. Kari hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen. Ihr schien es, als sei dies Gott selber im Zorn, vernichtend und furchtbar. Sie wollte beten, konnte aber keinen klaren Gedanken finden anders als den einen: Das Dorf, Herr, das Dorf! Auf Braenna hatte das Wasser alles bebaute Feld unten auf den großen Niederungen weggeschwemmt. Dort lag nur tiefer, morastiger Schneeschlamm, – Geröll, Kies und zerzauste, zersplitterte Bäume. Stumm gingen sie dem Hof zu. Eine der Mägde begann zu weinen. »Matthias?« fragte eine bange Stimme. Sie sahen sich an. Das Grauen rückte ihnen plötzlich noch näher auf den Leib, – er gehörte ja zum Hof. Die Knechte hatten Seile, Äxte und Haken hervorgesucht und machten sich auf den Weg zu Tal. Keiner hatte ihnen das befohlen, – aber sie konnten wohl dort unten im Dorf gebraucht werden, das jetzt fremd, wie ein Rätsel des Schreckens dalag. ... Die Kühe mußten gemolken werden, – und die Ziegen. Das Leben forderte sein Recht. Wortlos machten sich die Leute an die Arbeit auf dem Hof, – der Abend kam, aber keiner ging zur Ruhe. Nur die alte Ingrid hatte sich hingelegt, die Decke über den Kopf gezogen, und murmelte vor sich hin. Aus dem Talgrunde stieg ein saurer und moderiger Geruch auf. Kari saß in der Schlafkammer und fütterte das Kind. Sie hatte es ganz vergessen über allem, was heute geschehen war. Hier blieb sie in der Dämmerung sitzen und scheute sich, zu den andern hinauszugehen, wo sie Aslaks einfältiges Lachen hörte, – so lachten Menschen, die von Leid oder Freude nicht mehr berührt wurden. Sie fuhr zusammen, als plötzlich eine Tür zuschlug. Sie hörte lautes Sprechen. Matthias? sagte sie halblaut vor sich hin. Naß und erschöpft saß er draußen mit zerfetzten, blutigen Kleidern, – die nackten, aufgeschlagenen Knie sahen hervor. Er lächelte leer, als er Kari bemerkte. »Ja, – nein, ich hab es nicht geschafft!« »Wo warst du?« »Als die Lawine kam?« Er mußte nachdenken, konnte sich nicht gleich darauf besinnen. »Ich ... ich war auf den Hügeln ... weiter bin ich nicht gekommen.« Er tastete nach Worten. »Das Pferd.« Matthias zuckte die Achsel, sank zusammen ... »das Pferd ist liegengeblieben, – kaum daß ich mich selber retten konnte. Der Rosthof, ich sah, daß das Haus weggerissen wurde ...« Kari wurde so benommen, sie hörte die Mägde schluchzen und weinen – die alte Ingrid murmelte im Bett vor sich hin. Kari sah den Rosthof vor sich, wie sie ihn das letztemal gesehen hatte: mit Gesichtern hinter den Fenstern – dem alten Mann auf der Treppe in roten Hemdsärmeln, den Ziegen auf dem Dach, dem mächtigen Holzstapel – all den Dingen, die heute, morgen und alle Tage gebraucht werden. Sie wollte Matthias bitten, zu schweigen, und doch hatte sie Verlangen, mehr zu hören. Er erzählte stockend, langsam und mit leiser Stimme. Er hatte Bilder gesehen, für die er keine Worte zu finden vermochte. »Ich lief, soweit ich nach Süden hinüberkommen konnte – dort war es nicht so schlimm, nein ...« Er zählte diesen und jenen auf, den er getroffen hatte. »Die Gehöfte sind hier vereinzelt – oben an der Waldgrenze waren sie leidlich davongekommen. Am schlimmsten war es bei der Kirche und den großen Gehöften. Sie sind nicht mehr da. Wir haben nichts von ihnen gesehen ...« Er preßte die Worte mühsam hervor, unfähig, weiter zu sprechen, und plötzlich begann er zu weinen. »Hols der Teufel«, schluchzte er, »es war nichts zu lachen, Wir haben auch eine Leiche gefunden.« Keiner sagte etwas – sie saßen da, ohne sich anzusehen, plötzlich begann Matthias zu speien – er hielt die Hände vor den Mund und der Rücken arbeitete wie in Krämpfen, als er hinauseilte. Über den Bergen im Osten wurde es hell – es sah aus, als würde es ein warmer Tag werden. Auf den Äckern stand das Korn jung, dicht und grün und verhieß reiche Ernte. 7 In diesem Sommer ging Kari selber mit dem Vieh auf die Alm – sie nahm die Knaben und Berret mit. Sie wußte wohl, daß ihr Platz auf dem Hof sei, nicht nur wegen der Heuernte, der Tagelöhner und der Aufsicht über tausend Dinge – über Dienstboten, die mit Zeit und Essen verschwenderisch umgingen und halben Feiertag hielten, wenn der Herr nicht daheim ist –, sondern auch wegen des großen Unglücks, wegen all der Leute, die umherstreiften und Hilfe und Rat, Darlehn und Gaben haben wollten und auf irgendeine Weise wieder auf die Beine gebracht werden mußten. Das Leben begann wieder seinen Gang zu gehen – das Geschehene war ferner gerückt. Die Menschen, die es überlebt hatten, verkehrten miteinander wie früher. Und jetzt schwatzten sie – schwatzten und schwatzten. Wieder und wieder hatte sie die unheimlichen Gerüchte gehört, wie der Fluß kam, – die Häuser mitriß, auf das Kirchdorf traf und die alte Kirche zerstörte. Die Leute sagten, sie hätten die Glocken im Turm ängstlich und wild läuten hören, als das Wasser kam. Viele Tote hätten sie gefunden, – viele Tote würden nicht gefunden werden. Sie hörte von wunderlichen Rettungen, weil der eine dieses getan hatte und der andere jenes. Das Tal war fast nicht wiederzuerkennen, der Fluß hatte sich neue Wege gebahnt und brauste da, wo vorher Gehöfte gestanden und Menschen gelebt hatten, über alles bebaute Feld hatte er Sand und Kies in dicken Schichten geschwemmt, die nun trockneten und weiß wurden und das Tal zu einer Wildnis machten. Sie wußte es: sie hätte in diesem Jahr nicht auf die Alm gehen dürfen, – und doch konnte sie es nicht lassen. Kari blickte über schüttere Baumwipfel hinüber nach der Hochebene, wo die Sonne tief über den Bergen flammte und sich funkelnd in Meerlachen und Teichen spiegelte. Unten an dem kleinen Flüßchen, das zwischen silbergrauen Weidenbüschen dahinfloß, sah sie die Spitze einer Angel. Das war Peters Angel. Sie mußte lachen, weil er so lange dort gestanden hatte, – und wer wußte, ob überhaupt Fische in dem Flüßchen waren! Die Knaben hatten nie einen gefangen, obwohl sie den ganzen Tag dort herumlagen. Sie lachte wieder, als sie ihre zankenden eifrigen Stimmen hörte. So verschieden sie auch waren – innerlich und äußerlich –, hingen sie doch wie die Kletten zusammen, und dafür war sie Gott dankbar. Dies war das, wonach sie sich gesehnt hatte: der Friede, die Stille. Fern von allem, was sie unten auf dem Hof als unerträgliche Last empfunden hatte, fern von allem Gejammer, allem Zweifel und aller Angst. Und sie war so todmüde gewesen und so verzweifelt über all die Menschen, die aus und ein gingen und von sich und ihrem Unglück erfüllt waren; sie meinte ihnen nicht in die Augen sehen zu können vor Scham über all diese nackte Not, für die sie keinen Rat wußte. Hier in den kleinen Häusern glitten die Tage so leicht dahin. Sie spürte den Hauch des in der Sonne glühenden Fichtenwaldes, – hörte das leise Klirren der Kuhglocken oben zwischen den mit Renntiermoos bekleideten Hügeln, wo die Bergbirke sich mit weißen, zerzausten Stämmen zwischen flachgepeitschtem Wacholder und Blaubeerkraut krümmte. In der Rui-Sennhütte, weiter unten im Walde, hörte sie Rönnaug, die Kuhmagd, die Kühe locken, – lange Töne zogen durch die Luft und hallten von allen Bergen wieder. Dann und wann schlug sie gegen einen Kupferkessel oder was es war, um die Raubtiere fern zu halten. Übrigens hatten sich in diesem Sommer weder Wölfe noch Bären blicken lassen. Sie tat es wohl aus alter Gewohnheit, gerade wie sie alle Kühe mit Wacholder beräucherte an dem Tage, wenn sie zu Berg zogen. Die arme Rönnaug, sie war alle Jahre hier oben gewesen. In dem Sommer, als die alte Sennhütte eingestürzt war, – das war in einem der schlimmsten Wolfsjahre gewesen, – da hatte sie am Almfeuer draußen liegen müssen, um auf die Kühe aufzupassen. Beim Schlafen hatte sie den Arm um das Bein der Schellenkuh gelegt, damit diese sie weckte, wenn der Wolf käme. Kari hörte die Ziegen mit bimmelnden Glöckchen durch den Wald kommen. Der Hütejunge Simon johlte und schrie. Peter und Stig hatten auch die Ziegen gehört und stürmten den Hügel hinan, – die Sonne leuchtete auf Peters weißen Schopf – der Wirbel an der Schläfe schimmerte wie pures Silber. Klein-Peter glich ihr und ihrer Familie, er war blond mit großen blauen Augen in einem ernsten Gesicht; die Nase hatte noch keine Form angenommen, – jetzt strebte sie noch aufwärts. Er hatte eine schwerere Veranlagung als Stig und ging oft umher, als begrübele er irgend etwas, so daß er das vergessen konnte, was er gerade vorhatte. Stig war dunkel und erinnerte so sehr an den Vater, daß es Kari manchmal weh tun konnte, – wie er die Hände bewegte, wie er den Körper wiegte, und der Gang so leicht und gleitend mit weichen Knien, so wie Gebirgsbewohner und Jäger gehen. Das Gesicht war so ganz lebendig, wechselte in einem fort den Ausdruck – die braunen Augen unter dem dicken Haarschopf blitzten. Nur der Mund ähnelte dem des Vaters nicht, – er war kindlich offen, feucht und rot. »Du, Mutter«, rief Stig eifrig, »Peter hätte beinahe einen großen Fisch gefangen!« Sie schrien durcheinander, zeigten, wie groß der Fisch gewesen war. Und dann hatten sie auch ein Schneenest gefunden, und in der alten Stallmauer so viele Wiesel. Kari sah sie an und lachte. Es war sonderbar, aber sie hatte das Gefühl, daß sie jetzt zum erstenmal wirklich mit ihren Söhnen lebte. Dort unten auf dem Hof, – gewiß hatte sie sich um sie gekümmert, war in Sorge, was sie unternehmen mochten, hatte Angst, wenn sie nicht wußte, wo sie waren, – aber sie konnte sich nicht erinnern, daß sie je mit ihr über das gesprochen hätten, was sie den ganzen Tag lang dachten und trieben. Die Ziegen drängten sich um die Häuser zusammen, meckerten, stießen sich. Der kleine Simon hatte zu melken begonnen. Die Knaben halfen ihm, jeder stand mit gespreizten Beinen über seiner eigenen Geiß, von der Alm kam Vine mit allen Kühen in einer langen Reihe hinter sich, – die Sonne leuchtete auf ihr rotes Mieder. Sie lockte und sang durch den Wald, die Kühe brüllten zur Antwort, und Kari hörte Tauroses Schelle, – sie klingelte und bimmelte mit so feinem Silberklang. Die Berge warfen lange blaue Schatten über die Hochebene, es wurde kühl von dem Winde, der bei Abend und Sonnenuntergang erwachte. Der Gipfel der Almhöhe lag in Sonne, ebenso die großen Gletscher ganz in der Ferne. Kari begab sich in der Schlafstube, wo die Söhne schon schliefen, zur Ruhe. Im Halbschlaf merkte sie, daß Klein-Berret sich im Gesicht kratzte und: Agü ... agü ... sagte. Das war nur Wohlgefallen, und sie hielten beide einen kleinen Schwatz. Kari lauschte auf den Wind, der so fein und still durch den Wald fuhr, auf das Rauschen des Flusses, das anschwoll und wieder leiser wurde, – das alles tat so wohl. Aber als sie eben einschlafen wollte, fuhr sie zusammen und wurde wieder wach. Sie hatte das Schlimme nur für eine Weile beiseite gelegt, – es war doch immer da und wartete auf sie. Am Tage hatte sie Frieden, wenn aber die Nacht kam, konnte sie wie jetzt mit einem angstvollen Ruck erwachen. Sie versuchte zu beten, – es war immer, als käme Gott ihr so nahe, wenn alles still war, wenn sie wußte, daß alles um sie her schlief. Sie mußte an Maria am Fuß des Kreuzes denken, – wenn sie dorthin kommen konnte, würde sie wohl Frieden finden. All diese Unruhe, all diese Angst, das alles schickte Gott ihr vielleicht, weil sie nicht seine Wege ging. Sie hatte unter den Bürden, die er ihr auferlegt, gewählt und gezaudert, – einige nahm sie auf sich, andere ließ sie liegen. Eine starke Sehnsucht ergriff sie, die alte Kirche noch einmal wiederzusehen. Es war nicht zu fassen und zu begreifen, daß sie nicht mehr da war. Sie hatte nicht gleich den andern hinuntergehen und sehen mögen, – sie schämte sich, diesen Weg zu machen, nur weil sie neugierig war. Das war, als spähte sie durch das Fenster eines Zimmers, in dem eine Leiche lag. Aber die Kirche war nicht mehr da, und niemand konnte wissen, wann das Dorf sich soweit erholt haben würde, daß die Mittel zu einer neuen aufgebracht werden konnten, wenn es überhaupt jemals so weit kam. Es war davon die Rede gewesen, daß das ganze Tal zu dem Nachbardorf geschlagen werden sollte, – das bedeutete fünf Meilen Kirchweg für die, die am weitesten entfernt wohnten. Es war vielleicht falsch, aber Kari hatte das Gefühl, daß Gott sehr fern gerückt sei, – die Toten sollten nicht mehr in ihrem eigenen Dorf liegen dürfen, sondern mußten von Fremden ein Stück Erde entleihen. Ihr erschien das Heimatdorf sehr klein und armselig, wenn sie daran dachte. In diesem Sommer gedieh Klein-Berret, daß es ein Wunder war. Es war, als hätten all die bösen Blicke und das Geschwätz der Leute sie vorher im Wachstum gehemmt. Jetzt aß und schlief sie und aß wieder. Lag draußen auf dem Hügel auf einer Wolldecke, griff nach Gras und Halmen, spielte mit dem Hornlöffel, den Kari ihr gegeben hatte, damit sie gegen Zahnjucken darauf beißen sollte. Sie blickte auf Schatten und Sonnenflecke, die um sie her tanzten, wenn der Wind im Laube über ihr rauschte und wogte. Sie kreischte vor Freude, wenn sie Kari oder einen der Knaben sah. Von den Knaben sah sie im übrigen nicht viel. Sie hielten sich hinten bei der alten Stallmauer auf und lauerten auf Wiesel ... obwohl Kari es ihnen verboten hatte: das Wiesel ist doch giftig! Dann und wann kam einer der Knechte herauf und brachte immer allerlei Dorfklatsch mit, den Kari nicht hören mochte. Und es war unglaublich, was unten auf dem Hof an Molkereierzeugnissen, an Butter und Käse verbraucht wurde. Und was sie an Mehl und Pökelfleisch verschwendeten, daran wollte sie gar nicht denken. Sie hatten in diesem Jahr viele zu ernähren, das war nun einmal so, und sie konnte nichts sagen von all den armen Leuten, die jetzt in Braenna aus und ein gingen, da sie obdachlos und ohne Nahrung waren, in einem Unglück, das sie selber nicht verschuldet hatten. Es würde sich wohl ordnen, wenn es nur ein gutes Jahr wurde. Der Sommer verging, und die Nächte wurden dunkel. Bären waren gekommen und hatten die Ziegenherde überfallen, –der Hütejunge kam gelaufen, weinte und jammerte. Sie hatten lange suchen müssen, bis sie die Tiere wiederfanden, sie waren in wildem Entsetzen in die Berge gerannt, – drei waren verschwunden. Die würden sie wohl nie wiedersehen. Der Jäger Asbjörn war aufgetaucht und hatte dem Bären einige Tage nachgespürt, aber dann verschwand sein Hund, und er mußte es aufgeben. Er ließ sich am Tiefsee nieder, um zu fischen. Peter und Stig bettelten um die Erlaubnis, ein paar Tage bei ihm bleiben zu dürfen. Kari war nicht damit einverstanden und hätte am liebsten Nein gesagt. Sie waren ja doch noch Kinder, und sie kannte ja Asbjörn auch nur wenig, wenn er ihr auch als ein kräftiger Kerl erschien. Aber sie ging umher und ängstigte sich um sie, obwohl sie sich selber zu sagen versuchte, daß es nichts nützte. Mit Peter war es nicht so gefährlich, aber Stig scheute nichts, er war gewissermaßen nicht vernünftig genug, vor irgend etwas Angst zu haben, weder vor Feuer noch vor Wasser. Ich kann sie ja nicht anbinden und sie ständig hüten, sie müssen eines Tages doch ihre eigenen Wege gehen, was ich auch sage und denke. Sie konnte sich ganz in die Gedanken verlieren, die an ihr nagten, wenn sie in die Zukunft schaute. Es war so schwer, sich in die Vorstellung einzuleben, daß diese kleinen Geschöpfe, die sie geboren, genährt und aufgezogen hatte, ihr entwachsen und selber in allem bestimmen sollten, ohne ihre ständige Fürsorge. Sie waren ja noch so klein und brauchten sie. Aber in letzter Zeit hatte sie oft überlegt, ob sie wohl jemals lernen würde, vernünftig und unbesorgt zu sein, wenn sie nicht wußte, wo ihre Söhne waren und was sie unternahmen. Vielleicht lag es daran, daß sie nur diese beiden hatte. Hätte sie noch mehr solcher hilflosen kleinen Geschöpfe gehabt, so wäre es ihr wohl leichter gefallen, sich darein zu finden. Sie waren ein paarmal mit Fischen unten in der Sennhütte gewesen, aber sie hatten gebettelt, wieder mit Asbjörn hinaufgehen zu dürfen. Er hatte ihnen ja doch versprochen, sie auf Renntierjagd mitzunehmen, und Stig hatte beinahe einen Hasen mit einem Stein getötet. Sie hatte nicht das Herz gehabt, Nein zu sagen. Es schien auch, als ob Asbjörn gut auf sie acht gab, also wenn es ihm nicht über wurde, Kindermädchen zu spielen, so mochte es denn sein. »Ach«, sagte Asbjörn, »es ist ja bloß spaßig mit den kleinen Kerlen!« Er prahlte geradezu damit, wie ausgelassen sie gewesen waren. Kari konnte sich dabei ertappen, diesen fremden Mann zu beneiden, der ihre Jungen so leicht erobert hatte, nur weil er ein Mann war und ihnen solche Abenteuer geben konnte, die sie nicht mit ihnen zu teilen vermochte. ... Kari stand eines Tages unten am Fluß und scheuerte Holzgefäße. Es begann herbstlich zu werden, – der Himmel war so klar, und die Hochebene hatte Farbe bekommen. Plötzlich fiel ihr ein, daß sie nach Klein-Berret sehen müsse, – sie hatte lange oben in der Sennhütte ganz allein gelegen. Als sie hinaufging, sah sie, daß die Tür offen stand. Hatte sie sie nicht zugemacht? Sie erschrak und eilte hinein, blieb jählings stehen und schrie wild und entsetzt auf. Denn da lag Paßauf im Bett der Kuhmagd, – der Hund hatte Junge geworfen, und zwischen all den grauen, krabbelnden Knäulen, das Gesicht in dem weichen Pelz vergraben, lag Klein-Berret und sog an der Hündin. Kari wich bis an die Wand zurück, hörte, daß sie etwas herunterriß, was polternd zu Boden fiel. Sie tastete mit den Händen um sich, suchte nach etwas, um sich zu wehren, um zu schlagen. Die Hündin hob den Kopf und knurrte sie an mit angelegten Ohren, die Haare an Hals und Rücken standen steif ab. Wieder sah Kari sich nach etwas um, womit sie schlagen und all das zertrümmern könnte, was da im Bett krabbelte. Im selben Augenblick hörte sie draußen Stimmen. Sie war außer sich vor Entsetzen über das, was sie sah, und daß ein anderer es sehen könnte. Sie stürzte vor und riß das Kind dem Hunde weg, der nach ihr schnappte, und eilte in die Schlafkammer. Im selben Augenblick kam ihr die Erkenntnis, daß das Entsetzen, das sie empfand, eine Trauer war, wie sie einen überkommt, wenn das Liebste, was man besitzt, einem sehr weh tut. Sie legte Klein-Berret in das Bett. Das Liebste, was man besitzt. Sie preßte den Kopf in die Hände, was war das mit dem Kinde, daß sie so daran gebunden war? Das Liebste, was man besitzt? Mit einem Stich fühlte sie, daß die kleinen Narben auf der Brust brannten und schmerzten. Sie hatte es an der Brust gehabt, es hatte ihr Blut getrunken, und ihr fiel ein, daß, wenn die Kobolde das Blut von Christenmenschen trinken, sie Macht über diese gewinnen. »Mutter«, rief es draußen, »Mutter, wo bist du?« Sie antwortete nicht, ihr war, als könne sie ihre Söhne jetzt nicht sehen, und Asbjörn war wohl auch da. Peter streckte den Kopf herein. »Sitzt du hier?« Kari erhob sich; sie fühlte, wie sonderbar sie war: aber Peter sagte nichts, war nur eifrig von seinen eigenen Dingen erfüllt. »Sieh, Mutter, hast du gesehen, daß Paßauf Junge bekommen hat?« Er war außer Atem vor Eifer. »Sieh einer diesen Köter an«, sagte Asbjörn, »mitten im Bett Junge zu werfen!« Er stand da und streichelte die kleinen Knäule, indes der Hund ihn mit mißtrauischen Augen knurrend beobachtete. »Der sieht aus wie ein Wolf ...« er hob eines der Jungen hoch. »Unsinn!« »Ist die Hündin nicht im Frühjahr in den Wald gelaufen? Es ist schon öfter vorgekommen, daß Hündinnen Wolfsjunge geworfen haben.« Sie hatte das Gefühl, als läge hinter seinen Worten ein besonderer Sinn, als wisse er irgend etwas, aber er stand nur da, wälzte eins der Jungen hin und her und lächelte. »Holla, dieser hier könnte gut werden für die Renntierjagd. Die Knaben möchten jeder einen Hund haben!« »Ich will dies Gezücht nicht hier herumlaufen haben.« Karis Stimme war unklar, sie wehrte die Söhne ab, die sich an sie klammerten und baten und bettelten. »Nein, nein«, die Stimme drang schrill durch die kleine Stube. Sie nahm sich zusammen, versuchte ruhig zu sein und ihre gewohnte Sprache wiederzufinden. »Sie sind doch nichts nütze, sie beißen nur die Schafe, du mußt sie töten, Asbjörn, so etwas will ich hier nicht haben.« Sie stand zögernd da und hatte das Gefühl, als drehe sich die Stube um sie, und sie hörte, daß die Söhne weinten. »Dann mußt du die Hündin auch töten lassen, sie beißt auch Schafe!« Sie sah die Gesichter der Knaben vor sich, Peter in unbeherrschtem Weinen, Stig weinte auch, aber seine Augen funkelten vor Zorn. »Nie habe ich gesehen, daß Paßauf ein Schaf beißt«, schluchzte er. »Kann der Hund dafür, daß er Wolfsjunge bekommt? Die alte Ingrid sagt, Klein-Berret ist auch ein Wolfskind ....« Kari fuhr auf den Sohn los, packte ihn und warf ihn zu Boden, schlug wild und blind auf ihn los, wo es gerade hintraf. Asbjörn sah es einen Augenblick mit an, er schämte sich dieses Vorfalls, dann aber mischte er sich ein und stellte Stig hinter sich. »Du mußt vernünftig sein, wenn du schlägst!« Und wie er das sagte! Kari schnappte nach Luft. Stig sah sie rasend an, dann brach er wieder in Tränen aus, lief hinaus und schlug die Tür krachend hinter sich zu. Als Asbjörn ging, sah er den Hund an und sagte kurz und unwillig: »Du mußt einen anderen beauftragen, – ich verstehe mich nicht auf das Schlachten von Haustieren.« Er zögerte noch eine Weile. »Ich habe den Knaben versprochen, sie mit auf Renntierjagd zu nehmen, irgendwann einmal.« »Nein ... ich ...« »Sie sind groß genug, daß sie einmal mitkommen und das sehen könnten, wenn ich nicht weit gehe. Sie haben sich darauf gefreut.« »Sie müssen sich auf etwas anderes freuen, sie sind noch zu klein.« Kari antwortete wie abwesend, Asbjörn wußte nicht recht, ob sie das, was er gesagt, gehört hatte. »Nein, nein«, er zögerte noch, als erwarte er, sie werde nachgeben. Dann ging er. Sie hörte die Söhne fragen, – eifrig, und Asbjörn antworten. Sie wollte zu ihnen hinausgehen, weil es ihr leid tat, und sie hatte ganz vergessen, daß Asbjörn etwas hätte bekommen müssen, Essen und Milch. Das war eine Schande, aber sie war nicht imstande sich aufzuraffen. Klein-Berret begann drinnen in der Schlafkammer zu weinen. So meinte Kari sie noch nie schreien gehört zu haben, so schrill und gellend, – nicht seit sie damals in jener Nacht nach irgend etwas weinte. Sie wollte das Kind schreien lassen, sie wollte nicht hineingehen. Aber als sie hörte, daß das Kind sich in Schlaf geweint hatte, daß es drinnen still geworden war, bekam sie plötzlich Angst, es könne ihm etwas zugestoßen sein. Aber es war nichts, – es schlief mit leisem, zitterndem Schluchzen, rot und verschwitzt nach dem Weinen. Erst als es auf den Abend ging, kamen die Knaben herein, zerlumpt, störrisch und trotzig. Als sie sich zu Bett gelegt hatten, hörte sie die beiden miteinander flüstern und tuscheln. Jetzt hatte sie alles so satt, sie sehnte sich zurück nach Braenna, nach der Arbeit auf dem großen Hof. Sie lag im Halbschlaf und rang mit sich, dann fiel ihr ein, daß sie das Abendgebet vergessen hatte, aber sie konnte sich nicht dazu aufraffen. Die Leute von Braenna waren die ersten, die in diesem Herbst von der Alm aufbrachen. 8 Einige Jahre waren vergangen. Das Dorf begann wieder zu Kräften zu kommen. Neue Häuser waren errichtet worden, von den Feldern wurden die Steine weggeräumt. Aber an vielen Stellen war es öde, – nichts wollte dort mehr gedeihen. Und wie der Fluß gewütet, gewühlt und zerstört hatte! Es war nicht zu sehen, daß sich hier einstmals Häuser und weite, bebaute Felder befunden hatten. Auf Braenna ging das Leben seinen Gang, – auch dieser Hof hatte einiges eingebüßt, und zwar die reichen Niederungsäcker unten am Fluß. Aber Kari hatte dafür Waldboden roden lassen, so daß der Hof jetzt fast ebenso groß war wie früher. Und das neugerodete Land war gewissermaßen besser als das alte, lag, von Wald umgeben, geschützter, – unten am Fluß war im Herbst der Frost früher gekommen. Es erfüllte sie mit Freude, daß dort, wo sie damals bang und einsam mit dem Kinde, das sie gefunden, umherirrte, jetzt das Korn wogte, – treuherzig und lebendig. ... Kari war unter den Leuten in den Ruf gekommen, hart zu sein. Die Pflichtarbeit der Tagelöhner verlangte sie bis zum letzten Tage, und alles, was sie schuldig waren, bis zum letzten Heller. Und die Leute scheuten sich, sie um irgend etwas zu bitten. Nicht, daß sie Nein sagte, das tat sie fast nie, aber sie hatte eine Art zu helfen und Ja zu sagen, der die Leute lieber aus dem Wege gingen. Noch stiller als früher war es auf Braenna geworden, und obwohl sie die Dienstleute nicht schlecht behandelte, fühlten sie sich nicht wohl. Wäre es nicht um der Schande willen gewesen, so wären sie fortgegangen und hätten sich auf andern Höfen verdingt. Aber im Laufe der Jahre gewöhnten sie sich an die Stille. Kari fühlte es selber, wie sie sich um sie ausbreitete, wenn sie morgens aufstand, bis sie mit der Dämmerung des Abends zu Bett ging, müde nach der Arbeit eines langen Tages. Dann konnte sie liegen und die Stille um sich her und in sich genießen. Wie ein böser Traum stand nun alles vor ihr, was sie erschreckt hatte, als sie Klein-Berret fand, – der Frühling, als die Lawine und die Überschwemmung kam, und der Sommer in den Bergen. Das alles war mit einer Erinnerung an etwas verflochten, was sie vergessen und aus ihrem Leben entfernen wollte, so wie sie gegen Sturm und Kälte die Tür schloß. Lange Zeit konnte sie vergessen. Nur dann und wann einmal tauchte es auf. So weit war sie gekommen, daß sie es in sich selber verschließen, es zudecken konnte. Und statt sich tiefer einzugraben, schwand es mehr und mehr. Gut war es, daß die alte Ingrid gestorben war, obwohl Kari ihr Geschwätz vermißte, wie man etwas vermissen kann, was man gar nicht recht beachtet, ehe es fort ist. Aber einsamer war sie geworden. Die Söhne begannen jetzt groß zu werden. Nicht oft wußte sie, wo sie sich aufhielten. Peter war bald vierzehn Jahre und Stig zwölf. Ein einziges Mal hatte sie das Gefühl gehabt, ihnen ganz nah zu sein – in jenem Sommer in der Sennhütte. Damals lebte sie mit ihnen. Aber jetzt? Sie sorgte für ihre Kleider, gab ihnen zu essen, strafte sie, wenn sie etwas allzu Verkehrtes anstellten, strafte sie hart. Aber all das, wovon sie nichts wußte? Die Dienstboten wußten wohl mehr als sie, aber sie klatschten nicht. Sie faßte oft den Entschluß, mit ihren Söhnen zu sprechen, konnte sich aber nicht dazu aufraffen, konnte die Worte nicht finden. Sie ging wohl bisweilen mit Peter auf dem Hof umher, sprach mit ihm und fragte ihn nach seinen Eindrücken. Er war ja der künftige Herr auf dem Hof. Der Knabe aber sagte nicht viel, eigentlich nur Ja und Nein. Doch wenn er von ihr fortgegangen war, konnte sie seine Stimme in Spiel oder Balgerei mit Stig aufschreien hören. Es war, als sei er von irgendeinem Zwang erlöst. ... Am meisten hatte sie Berret um sich, die ja noch klein war, erst acht, neun Jahre. Die schmalen, schwarzen Brauen liefen über der Nasenwurzel zusammen, der Mund war klein, rot und fest. Die Augen ... braun waren sie, aber so dunkel, daß sie fast keine Farbe, sondern nur Tiefe hatten. Das schwarze Haar. Schön war das Kind nicht, die schmale, gerade Nase war zu groß. Und dann war sie so ernsthaft und gesetzt, ein stilleres Kind meinte Kari nie gesehen zu haben. Es war, als trüge es eine Sehnsucht, eine Trauer in sich, die Kari nicht kannte. Aber Klein-Berret hatte es nicht gut auf Braenna. Sie war nicht beliebt, – die Dienstboten schalten sie, waren unfreundlich zu ihr und schüchterten sie ein, wo sie nur konnten. Sie so schützen, wie sie gewollt hätte, konnte Kari nicht, und sie scheute sich, mit den Dienstboten darüber zu sprechen, hatte Angst, von dem gefundenen Kinde zu viel Aufhebens zu machen. Aber die Söhne waren freundlich zu ihr, soviel Kari sehen konnte. Peter machte ihr Spielsachen, Wagen und Pferde, er baute ihr Häuser und ein Mühlrad im Bach. Stig hatte weniger Geschick in solchen Dingen, er half dem Bruder bisweilen, war aber plump und unbeholfen. Geduld hatte er auch nicht, – er ließ die Arbeit halbfertig liegen, war ihrer überdrüssig und kümmerte sich nicht mehr darum, was daraus wurde. Am meisten aber hielt sich Klein-Berret zu Aslak, dem armen Menschen, der den Verstand verloren, als damals die Lawine alles, was sein war, genommen hatte. Er war auf Braenna geblieben, – machte sich hier und da nützlich, hackte Holz und half bei allen möglichen Arbeiten. Er ging treulich mit Klein-Berret, und Kari wußte, daß sie ruhig sein konnte, solange das Kind bei Aslak war. Stundenlang konnte der Blödsinnige dasitzen und dem Spiel des kleinen Mädchens zusehen, während er sich auf die Knie schlug und lachte. »Karen«, sagte er, »Karen«: Das war eines der Kinder, die er verloren hatte, und dieser Name war alles, was er sagen konnte. Kari fürchtete oft, daß es vielleicht für Klein-Berret nicht gut sei, soviel mit einem Geistesgestörten zusammen zu sein. Während Klein-Berret heranwuchs, dachte Kari oft daran, was aus ihr werden solle. Jetzt wurde sie eigentlich wie eine Tochter auf dem Hof gehalten, war das richtig? Diese Gedanken konnten Kari oft unsicher und ängstlich machen. All das, was sie zu verwalten und beaufsichtigen hatte, bis die Söhne groß wurden, – hatte sie das Recht, etwas davon so einem Mädchen zu geben, das nicht zur Familie gehörte, dessen Eltern niemand kannte? Sie mußte versuchen, sie zu verheiraten, wenn die Zeit da war, ihr ein Stück Land zu geben, eine Kätnerstelle vielleicht. Aber die Vorstellung, daß Klein-Berret in kleinen Verhältnissen sitzen und sich abarbeiten müßte, wie die kleinen Leute arbeiteten, schmerzte sie. Sie verstand so gut diese seltsame Zärtlichkeit für dies kleine Geschöpf, das sie gewärmt und geborgen hatte. Mein Gott, hilf mir, das Rechte zu tun! Es eilt ja nicht, – es würde sich ja Rat finden. Der Gedanke an den Tag, da sie alles hingeben würde, konnte wie ein großes Ausruhen sein. Da würde sie jungen Leuten Platz machen, einer jungen Frau. Dann würde sie kleine Kinder um sich her aufwachsen sehen, die das Erbe weitertrügen. Aber wenn sie an dies alles dachte, kam ihr das Gefühl daß ihr ein Ausruhen wohl nie vergönnt sein würde. Wenn sie die Lasten ablegte, die sie jetzt trug, würde sie andere zu tragen bekommen, und das Leben der andern würde so mit dem ihren verwoben sein, daß sie niemals etwas abtrennen könnte, was als nur ihr Eigen zu bezeichnen wäre. So lange ihr Herz schlug, würde sie nie Frieden finden, es würde froh und traurig sein, so lange es klopfte. Sie hatte gelernt, ihre Last in sich selber zu verbergen – daher ging sie hier so einsam umher. Sie konnte sich nicht erinnern, ihre Söhne je gestreichelt zu haben. Und Klein-Berret ... das war jetzt auch lange her. Und wie Klein-Berret die Hand in die Faust des armen blöden Aslak schob, so zuversichtlich und vertrauensvoll! Und die Söhne? Sie erfuhr ja bisweilen etwas von all dem, worüber sie mit den Knechten und Mägden sprachen, aber zu ihr kamen sie nie. Einsam ging sie hier mit ihren Gedanken umher – einsam in Leid und Freude. Ich bin wohl einmal so veranlagt, dachte Kari. 9 Peter und Stig hatten die alte Flinte ihres Vaters auf dem Boden gefunden und putzten sie spät und früh. Das Schloß war kaputt, aber Matthias machte es ihnen in Ordnung. Kari verbot ihnen, die Flinte zu benutzen. »Sind die Jungens von Verstand? Flinten sind kein Spielzeug für Knaben.« Aber als sie ihre Mienen sah, merkte sie, daß das, was sie sagte, nicht viel nützte. Sie waren ja keine Kinder mehr. Peter war groß und grobgliedrig, die Hände hatten Sehnen und Knöchel bekommen. Nur der Kopf war klein. Es war, als wüchse der Körper zu schnell. Der Kopf mit den ernsthaften Augen und dem kindlichen Mund saß so unfertig auf dem massigen Körper. Stig war fast ebenso groß, er war in letzter Zeit mächtig gewachsen, Er war schlank und geschmeidig, nicht mehr dem Vater so ähnlich, er wurde wohl auch hübscher. Es geschah, wie sie wollten. Erlaubnis hatten sie nicht bekommen, aber Kari widersprach ihnen auch nicht mehr. Sie liefen unausgesetzt mit der Flinte in den Wald, kamen mit diesem und jenem Wildbret nach Hause. Sie mußten ja nach Männerart mit der Flinte in Wald und Bergen umherstreifen, sie hatte nur jetzt noch nicht daran gedacht. Später einmal, hatte sie gemeint, was sie für ihre Söhne bestimmte und ordnete, wurde alles so unsicher, denn was konnte sie für sie tun oder wollen? Sie wußte, daß sie ihre eigenen Wege gehen würden, die sie nicht kannte, und sie selber auch nicht. Fragend und bang starrte sie in eine große Finsternis hinein, in die Tage, die kommen würden. In einem Herbst kam die älteste Schwester Karis, Mari, zu Besuch. Sie war in einem weitentlegenen Dorf verheiratet. Sie hatten sich viele Jahre nicht gesehen, – Mari war auf Braenna gewesen, kurz nachdem Kari ihren Mann verloren hatte. Sie war grob gebaut und rundlich und immer gut gelaunt, lachte und schwatzte den ganzen Tag. Kari freute sich, als die Schwester kam, – sie waren in der Jugend so gute Freunde gewesen. Aber es war so seltsam: Kari hatte das Gefühl, daß die Schwester ihr sehr fremd geworden sei, und so wie in der Jugend konnte es nicht mehr zwischen ihnen werden, – sie waren zu lange getrennt gewesen. Übrigens glaubte Kari, es müsse ihre eigene Schuld sein, denn Mari stand der Mund nicht still, sie plauderte von allem, was sie anging. Kari hörte meistens zu, ohne viel zu sagen. Und als die Schwester eine Weile da war, begann all dies Geschwätz Kari zu ermüden. Klein-Berret lief unausgesetzt hinter Mari her. Sie war jetzt in ihrem dreizehnten Jahr. »Das Kind kannst du mir überlassen«, sagte Mari eines Tages zu ihrer Schwester. »Was würde denn Jakob sagen, wenn du mit einem Kind auf dem Wagen nach Hause kämst?« »Der? Er würde sich freuen, sollte ich meinen. Übrigens habe ich nicht daran gedacht, ihn zu fragen.« Kari blickte zu Boden, damit die Schwester nicht sehen solle, daß sie lächelte. Sie erinnerte sich des Schwagers, – er war immer so etwas wie das fünfte Rad am Wagen, während Mari die Zügel führte. Er war eigentlich nur geduldet. Doch wenn Mari es ernst meinte ... Kari empfand einen Schmerz bei dem Gedanken. Aber war es nicht am besten, auf diese Weise die Last los zu werden? Laut sagte sie: »Ich muß sie wohl bei mir behalten.« Mari wurde eifrig. »Was willst du mit dem Mädel?« »Was hast du dir selber gedacht?« »Ach«, sagte Mari, »ich habe nur ein paar Mädel im Haus, weißt du. Es wäre gut, noch eins hinzuzubekommen, – und so bequem. Übrigens kann mir niemand nachsagen, daß ich faul bin!« Sie lachte. »Es ist mir Ernst«, fügte sie plötzlich fest und bestimmt hinzu, als sie sah, daß Kari nachdenklich wurde. »Sie möchte es selber so gern.« »Wer?« fragte Kari scharf. »Berret natürlich.« »Ach, du hast sie gefragt? So ein Kind, – weiß sie, was sie will?« Kari hatte das Gefühl, daß sie Ja sagen müßte, – aber es war so schwer und sinnlos. Sie war auch zornig, weil die Schwester zuerst mit Berret hierüber gesprochen hatte. »Du könntest ihr die Freude gönnen. Bei mir brauchte niemand zu wissen, wer sie ist. Sie würde es gut haben.« Bei sich selber dachte Kari: Nein, Freude, die hatte Berret auf Braenna nicht. Sie saß ernsthaft da und überlegte. Klein-Berret fortgeben? Sie erhob sich rasch, unwillig. »Ich muß es überlegen. Ich kann nicht jetzt gleich ... nein, es muß bedacht werden.« Hinterher aber ging Kari so verdrossen und wortkarg umher, daß die Schwester fast bereute, den Vorschlag mit Berret gemacht zu haben. Dies und jenes hatte sie auch in der Zeit ihres Hierseins erfahren, so daß sie selber jetzt keine große Lust mehr dazu hatte. Aber einige Tage, ehe Mari abreisen wollte, sagte Kari eines Abends, als sie allein beisammen saßen: »Ja, in Gottes Namen denn, – ich habe es mir überlegt. Es soll nach deinem Willen geschehen.« Es war so dunkel, daß Mari das Gesicht der Schwester nicht sehen konnte, aber sie war peinlich berührt, denn die Stimme klang so seltsam. »Ich glaube, du tust recht«, sagte Mari, der es jetzt leid tat, daß es so geworden war. »Und du kannst sicher sein, daß sie es gut haben wird.« Dann reiste Mari ab und nahm Klein-Berret mit. Es war so seltsam für Kari, – sie hätte froh darüber sein müssen, aber es tat ihr weh: Klein-Berret ging von Braenna fort, als wäre sie nur wenige Tage dort zu Gast gewesen. Still war es immer auf Braenna gewesen, aber doch waren die Tage Kari nie so lang erschienen wie jetzt, nachdem Klein-Berret fort war. Wenn sie morgens aufstand, wenn sie in des Tages Arbeit umherging und wenn sie sich abends niederlegte, immer fühlte sie die Leere. Es war, als hätte sie etwas verloren, was sie nie wiederbekommen konnte. ... Mehr als zwei Jahre vergingen, ehe sie Berret wiedersah. Da bekam sie eines Tages Nachricht, daß Mari gefährlich erkrankt sei und sie gern sehen wolle. Es war während der Schneeschmelze, und die Wege konnten nicht schlechter sein, aber Kari fuhr dennoch und nahm Peter mit. Es war eine anstrengende Fahrt über die Berge in Schneeschlamm und Regen. Eine Nacht mußten sie in einer Steinhütte bleiben und das Pferd mit hineinnehmen; das Wetter war so, daß es nicht draußen bleiben konnte. Und bald hörte der Schnee auf, so daß sie den Schlitten zurücklassen und das Pferd am Zügel führen mußten. Als sie ankamen, war die Schwester schon tot. Sie blieben, bis die Beerdigung vorüber war, und als sie wieder abreisten, nahmen sie Klein-Berret mit. Sie war jetzt so erwachsen; Kari konnte fast nicht begreifen, daß sie wirklich das Kind war, das vor zwei Jahren von ihr gegangen war. Jakob, Maris Mann, hatte es nicht gewollt, hatte gesagt, es sei Maris Absicht gewesen, Berret zu behalten. Kari mochte den Schwager nicht leiden, er war allzu eifrig und besorgt gewesen und doch wunderlich unruhig, nein, sie mochte ihn nicht. Sie kannte ihn auch nicht richtig, er war ihr fremd, wie alles hier fremd war; die Häuser, die Sitten – der große Fjord unter steilen, grünen Bergen. Sie war froh, als sie wieder daheim war, aber sie schämte sich auch: sie hatte ganz vergessen, um die Schwester zu trauern über der Freude, Klein-Berret wieder zu haben. 10 Einige Meilen von Braenna lagen etliche große, flache Hügel, die die Rabbeinhügel genannt wurden. Hier hatten einmal Sennhütten gestanden, waren aber längst niedergerissen worden. Es lagen nur noch einige zusammengestürzte Häusermauern und etliche Steinhaufen von den Rodungen da. Die Jugend pflegte sich hier in der Johannisnacht zu versammeln, um Feuer abzubrennen und zu tanzen, Es kam die Jugend aus dem ganzen Tal, ja sogar aus dem Nachbardorf, sie ritten oder gingen über die Berge und brachten Branntwein und Essen mit. Das war alter Brauch, älter, als jemand denken konnte. Jetzt war viele Jahre nicht davon die Rede gewesen – wer hatte an so etwas denken können? Aber in diesem Jahre hieß es, daß das Fest wieder stattfinden sollte. »Was wollt ihr da?« fragte Kari unwillig, als sie die Söhne davon reden hörte, daß sie hingehen wollten. Ach, sie hatten nur gedacht, sie wollten zusehen, – das könnte lustig sein. »Du weißt, Mutter«, sagte Peter, »man hat nur soviel Spaß, wie man sich selber verschafft.« Er reckte faul die Arme. Peter ging jetzt in sein zwanzigstes Jahr, – massig und stark war er geworden, aber die kindlichen Züge hatte er noch immer, – den Kindermund, die großen blauen Augen. Auf Lippen und Kinn hatte er hellen Flaum, – er sah fast weicher aus denn als Kind, obwohl das Gesicht sich mehr zu festigen und Form anzunehmen begann. Stig war eine Zeitlang mit Asbjörn auf Frühlingsfischerei am Tiefsee gewesen. Er war eben zurückgekommen und saß da, naß und schmutzig, zerlumpt und mit ungekämmtem Haar. Er hatte ein Bärenfell mit heimgebracht. Sie waren auf eine Bärin gestoßen, die mit ihrem Jungen auf dem Moor umhertrabte. Die Bärin bekamen sie, aber das Junge war entwischt. Kari hatte aus Stig nicht viel über diese Unternehmung herausbekommen. Er hatte nur etwas vor sich hingebrummt, während er das Fell an die Stallwand nagelte. Kari aber hatte hinter dem Rücken des Sohnes gelächelt, weil er so gleichgültig tat, als ob nichts wäre, und nicht zeigen wollte, wie stolz er im Grunde war. Es schien ihr gar nicht lange her zu sein, seit sie ihn noch gehütet hatte und jedesmal voll Angst war, wenn sie nicht wußte, wo er steckte. Berret kam herein, das Gesicht leuchtete und lachte, – die Augen sahen so groß aus in dem schmalen Gesicht, – das schwarze Haar hing in einer schweren Flechte über den Rücken, und hinter der kurzen Oberlippe sah man die weißen Zähne. Berret hatte einen so weichen, lässigen Gang bekommen, – es war, als riebe sie sich an etwas, wenn sie ging. Und sie wurde mit jedem Tag hübscher. »Ist es wahr, daß die Jungen nach Rabbein wollen? Sagt?« »Du willst doch nicht etwa mitgehen?« fragte Kari. »Ach, du erlaubst es mir doch, nicht wahr?« Berret sah Kari gespannt an. Sie bettelte mit den Augen. Kari hätte am liebsten Nein gesagt, – aber es war so seltsam: sie hatte die Erfahrung gemacht, daß, wenn sie Berret einmal etwas abschlug, diese schließlich doch ihren Willen bekam. Kari konnte nicht anders, wenn das Mädel sie mit den großen Augen ansah. Sie hätte einmal Nein sagen und zeigen müssen, daß es ihr ernst damit sei. Oft hatte sie gedacht: jetzt werde ich ihr zeigen, wer hier zu befehlen hat, – aber es kam nie dazu. Bekam Berret goldene Schmucksachen zu sehen, seidene Tücher, Kleider, kleine, blanke Spangen, so wurde sie unruhig und griff danach, während die Augen bettelten. Sie ging feiner und besser gekleidet als die Tochter manches Großbauern. Und das war nicht recht. Dem Mädchen mußte sein Platz angewiesen, sie mußte bei der Arbeit angestellt werden. Berret tat nur das, was sie selber wollte, weben, in den Viehstall gehen, nähen und stopfen, ihre Kleider flicken, – nein, kaum war sie dabei, so war sie auch schon wieder weg und nahm etwas anderes vor. Kari hatte das Gefühl, daß die Stille lang und drückend wurde. Sie erhob sich. »Dann wollen die andern Mädchen, Aine und Marit, auch gehen. Jemand muß zu Hause bleiben.« »Ja, aber kann Berret nicht gehen?«, fragte Stig. »Das ist doch ein Unterschied... »Ein Unterschied?«, unterbrach Kari gedehnt. »Ein Unterschied?« Stig errötete. »Ja, ich weiß nicht...« sagte er ausweichend. Berret begann zu weinen. »Was heulst du?«, sagte Kari, – ihr war gar nicht wohl zumute, »du hast keinen Grund, zu heulen.« Sie zuckte zusammen, als Berret sie jetzt ansah. Die Augen, – wie böse sie waren, sie glitzerten vor Bosheit, aber plötzlich war dies Bild weg, und sie sah nur Berrets gebeugten Rücken, der vor Weinen zitterte unter der schweren Flechte. »Du mußt dich zusammennehmen, Kind, – ich sehe nur immer, daß du ständig das tust, was du selber willst.« Sie ging in ihre Stube und schlug die Tür zu. Sie war sehr zornig, warum hatte sie nicht Nein gesagt, wie sie es hätte tun müssen? Was sollte das Mädchen eine ganze Nacht unter allerhand fahrendem Volk in den Bergen? Dienstboten, Fremden gegenüber hatte sie Ja und Nein sagen gelernt, nur ihren eigenen Angehörigen gegenüber konnte sie es nicht. ... Es war schon spät am Abend, als das junge Volk von Braenna auf den Rabbeinhügeln ankam. Sie hatten einen Pfad gefunden, auf dem sie schneller anzulangen gemeint hatten, aber er verlief in der Wüstenei, in Geröll und Windbruch. Es war wohl nur ein Kuhsteig gewesen. Sie kletterten, krochen und stiegen, bis sie endlich auf die Hochebene kamen. Da wußten sie nicht mehr, wo sie waren. Ganz hinten sahen sie Berge mit großen Schneegletschern, die sie nicht kannten und nie vorher gesehen hatten. Sie gingen und gingen, bis sie ganz müde und erschöpft waren. Hier oben war es noch frühlingsmäßig, die Bergbirke hatte eben erst Blätter getrieben. Es war auch nicht leicht, hier durch Sumpf und Gestrüpp zu gehen, – da nirgends ein Pfad zu erblicken war. Berret ging barfüßig, – sie wollte sich ihre Schuhe nicht verderben. Vor sich sahen sie ein breites Tal mit hellen, leichten Nebelfetzen um Felsvorsprünge und Hügel. Berret setzte sich auf einen Stein, die Füße taten ihr so weh, – sie hatte sich in diesem Jahre noch nicht wieder daran gewöhnt, barfüßig zu gehen. »Still«, sagte sie plötzlich, »ich höre etwas.« Sie lauschten alle drei – von ganz fern kam der Klang von Musik – es war unter ihnen, hinter ihnen. »Wir sind sicher zu weit gegangen«, sagte Per, »und dann sind wir zu hoch.« Sie eilten abwärts – und nun wurden die Töne ganz deutlich. Lachen und Johlen durchdrang die Stille der Nacht. Auf einem schroffen Felsvorsprung blieben sie stehen und blickten hinab. Unten war es schwarz von Menschen – ein mächtiges Feuer brannte in einer einzigen, großen, stechenden Flamme mit wirbelnden Funken, die in grauem Rauch umherstiebten und die helle Sommernacht ringsum dunkler machten. Hell leuchteten die roten Röcke und Mieder der Mädchen, Licht und Schatten wirbelten und huschten auf dem Tanzplatz. »Wir müssen uns wohl ein bißchen fein machen«, sagte Berret, »wie wir aussehen.« Sie setzte sich und zog Strümpfe und Schuhe an. Die Brüder bürsteten sich gegenseitig ab, während Berret das reiche Haar löste, es glättete und es wieder einzuflechten begann. Stigs Blick fiel auf sie, sie hatte so rote Backen, die Augen leuchteten, die weichen, geschmeidigen Hände arbeiteten rasch, und die Brust wogte. Da sah sie ihn auch an, und er fühlte, daß er rot wurde. Sie trat auf ihn zu, drehte sich herum: »Geht es jetzt?« Er brachte es nicht fertig, zu antworten, es war ganz seltsam, er wurde so verlegen und errötete noch heftiger. Die Jahre, die sie fort gewesen, hatten sie so neu und fremd gemacht. Berret warf den Zopf nach hinten und lachte leise und gurrend. »Warte«, sagte sie, »so kannst du nicht gehen.« Sie faßte ihn bei der Schulter, reckte sich auf die Zehspitzen und strich seinen wirren Schopf mit ihrer Hand glatt, die kühl von Nachttau war. »Laß sein ...« er bog den Kopf nach hinten – sie strauchelte, so daß er sie umfassen mußte, damit sie nicht fallen sollte. Er ergriff ihre Hand. So oft hatte er sie bei der Hand gehalten, und doch war ihm, als wäre es jetzt das erstemal ... Er ließ rasch los. »Kannst du nicht auf den Füßen stehen«, brummte er. »Wir müssen uns jetzt beeilen«, sagte Peter, der dabeistand und wartete. Als sie weiter gingen, empfand Stig nur staunend, wie seltsam und neu alles geworden war. Unten am Feuer trennten sie sich. – Berret trat zu einer Gruppe von Mädchen, die dort standen. Stig blickte ihr nach. Ein Bursch, den sie kannten, trat auf sie zu und bot ihnen einen Schnaps an. Sie tranken und boten ihm dann wieder aus einer kleinen Flasche an, die sie heimlich mitgenommen hatten. Stig tanzte nicht, – er schlenderte umher, und ihm wurde die Zeit lang, er begann sich allmählich zu langweilen. Trinken mochte er nicht mehr, war auch nicht daran gewöhnt. Aber immerfort fühlte er etwas wie eine seltsame warme Unruhe in der Brust, lockend und beängstigend. Er schlenderte bis an das Feuer, setzte sich dort auf einen Stein. Die Hitze stach in Nacken und Rücken. Die Nacht verstrich, der Mond war verschwunden, der Himmel begann grau zu werden, und es wehte kühl. Flüchtig sah er Berret vorübertanzen mit einem großen, schwarzbärtigen Mann, den er nicht kannte. Der hielt sie eng umfaßt, und sie hielt den Kopf in seiner Armbeuge, es war, als verkröche sie sich dort. Als sie an dem Feuer vorüberkamen, sah er, daß der Mann Berret hoch emporhob, – sie schlang die Arme um seinen Hals. Dann verschwanden sie im Gewimmel. Plötzlich kam ihm der Wacholdergeruch des Feuers, das zusammenfiel und nur noch glühende Kohlen in der weißen Asche zeigte, sehr streng vor. Kleine Flammen zuckten und flatterten und erstarben dann. Er erhob sich und starrte auf die Paare, die vorüberschwenkten, – wartete darauf, die beiden wiederzusehen, aber sie kamen nicht. Er ging umher und suchte, – nein, sie waren nicht da. Paare sonderten sich von den Tanzenden ab, Burschen, die ihr Mädel im Arm hielten, – sie verschwanden im Walde, der dunkel ringsum stand. Stigs Backen brannten heiß – er ging wieder um das Feuer herum, die Augen suchten ... Ich schere mich den Teufel drum! Die Wut wallte in ihm auf. Das beste ist, ich gehe nach Hause. Er dachte das, als wolle er jemandem weh damit tun, aber mitten in seinem Zorn hatte er ein Gefühl, als müsse er weinen. Eine Männerstimme schrie etwas, wütend und grob, eine andere antwortete, – ein gellendes Kreischen eines Mädels übertönte Fiedel und Lärm. Stig sprang vorwärts. Mitten in einer Gruppe stand ein Mann und hielt ein Mädel, die große Faust lag schwer auf ihrer Brust, – er ballte die andere gegen einen, den Stig nicht sehen konnte. »Gleich bist du still, – mach daß du wegkommst!« Im selben Augenblick hob das Mädel den Kopf, – es war Berret. Klein und schlank stand sie da, ohne den Versuch zu machen, sich dem Griff des Mannes zu entwinden. Sie lachte unsicher, wie abwartend. Dann kam der Anprall. Stig sah nichts mehr, die Menge schloß sich um ihn, er hörte nur hitziges Schnaufen und schwere Schläge und Schreie von Leuten, die die Kämpfenden trennen wollten. Plötzlich teilte sich der Haufe, wogte auf Stig zu: zwei Männer wälzten sich am Boden, schlugen, stießen mit den Füßen und rangen, unmittelbar zu seinen Füßen. Ganz flüchtig sah er Berrets Gesicht im Wirrwarr. Immer mehr Leute versuchten, die Kämpfenden auseinanderzubringen, standen sich aber gegenseitig im Wege, wichen den Schlägen und Fußtritten aus. Der eine der Raufbolde richtete sich auf, – Weste und Hemd waren zerrissen. Blut rann aus einer tiefen Wunde in der Schulter über Brust und Arm. In brüllender Bosheit trat er nach dem andern. »Nimmst du das Messer, du Satan?« Er traf nicht, er wäre fast umgefallen, doch wieder trat er nach dem andern, der sich zusammenduckte. Und jetzt traf er. Es schwindelte Stig, als er den schweren Stiefel dem Liegenden in das Gesicht klatschen hörte und ihn zusammensinken sah. Jemand faßte ihn am Arm, – das war Berret. »Ich möchte nach Hause«, sagte sie rasch, »können wir nicht gehen?« Sie zerrte ihn mit. »Wo bist du geblieben, Mädel?« brüllte der Mann. – Er schlug blind um sich nach denen, die ihn halten wollten. »Hei, nach diesem Tanz will ich dich auch haben!« Die Leute drängten sich dicht um ihn, sie konnten sich nicht losreißen. »Seid still! sage ich, seid still!« schrie er wieder und wieder, er war nackt fast bis zum Gürtel, von Blut besudelt. Er schwankte hierhin und dorthin. »Hei, wie heißt du denn, Mädel?« Dann gewahrte er Berret und ging auf sie zu. Stig warf sich zwischen sie. »He, was willst du Säugling?« er griff nach Berret. Stig stürzte auf ihn los, rasend, mit zusammengebissenen Zähnen; der andere wehrte sich nur mit Ellbogen und Schulter. »Immer ruhig, Bürschchen«, sagte er. »Aber schlägst du einen, der verwundet ist!« Ein Mann packte Stig – »Schämst du dich nicht, – er blutet ja doch!« Beschämt wich Stig zurück, hörte, daß der Mann wieder brüllte, fluchte und schrie. Dann stolperte er über etwas, fiel um und blieb liegen. Stig zog Berret mit, sie umklammerte seinen Arm fest, die Nasenflügel bebten, und sie lachte immerfort so unruhig. Das Haar hing gelöst in schweren, schwarzen Locken um ihren kleinen Kopf. Das weiße Hemd und das Mieder waren von groben Fäusten beschmutzt, wieder war ihm so seltsam zumute, als möchte er am liebsten losheulen. »Du hast ja was Nettes angerichtet«, sagte er. Sie blickte zu ihm auf, rasch, mit großen, bangen Augen, – sie wurde plötzlich ganz anders, ganz klein und hilflos. Sie waren jetzt schon ein Stück entfernt, zwischen weißstämmigen Birken und großen Wacholdersträuchern. Über ihnen war der Himmel hell von dem dämmernden Morgen. Stig beugte sich zu ihr ... wie seltsam all das war, was er staunend empfand, ganz anders als alles andere in der Welt. »Du?« Er wußte nicht, ob er das sagte, oder es nur dachte. Da begegnete er ihren Augen, – sie sah ihn an, und er wurde auf einmal ganz verlegen und scheu. »Wir müssen Peter suchen«, sagte er unsicher. »Ja.« Aber sie blieben stehen. »Wir müssen wohl gehen.« Er sah, daß sie schon wieder lachte und den Körper leise nach der fernen Musik wiegte, – sie war nicht mehr hier bei ihm. »Warte hier, ich werde Peter suchen.« Er verließ sie rasch. Sie schlenderte zum Feuer hinüber und stand dort eine Weile. Hier fand Peter sie. Er war rot im Gesicht, hatte wahrscheinlich getrunken. »Hast du Stig gesehen?« »Nein, er sagte, er wolle dich suchen, er will nach Hause.« Ein Bursch kam und wollte mit ihr tanzen. Sie lehnte ab: sie wolle fort. »Unsinn, – komm jetzt – scher dich nicht um Anders und Jon, du, – solchen wilden Gesellen schadet das nicht. Komm nur und tanze, du weißt, daß du keine Schuld hast.« Sie sagte wieder nein, und er ließ sie stehen. Peter hatte nichts gesehen. »War es nicht um deinetwillen?« »Um meinetwillen, ach Unsinn!« Sie war ganz außer Atem und sonderbar und blickte sich rasch um. Sie suchten Stig, fanden ihn aber nicht. Es war jetzt heller Tag, aber bewölkt, und graue, schwere Wolken zogen herauf; es sah nach Regen aus. »Er wird nach Hause gegangen sein. Es ist Zeit, daß wir uns auch auf die Beine machen.« Die Fiedel war verstummt, – etliche Leute hatten sich auf den Heimweg begeben, aber noch immer waren viele da, die nicht Schluß machen wollten, die trunken umhertaumelten. Zusammen gingen Peter und Berret durch den Wald, wo die Vögel zu zwitschern begonnen hatten. Peter sagte ein paarmal, er könne nicht begreifen, was aus Stig geworden wäre... sonst schwiegen sie, sie waren müde. Der Himmel wurde grauer über ihnen, – Windstöße rauschten durch den Wald. »Friert dich nichts« – »Nein.« »Du gehst so rasch.« – »Ich bin müde.« Regentropfen begannen zu fallen, dichter und immer dichter. »Wir müssen in die Schutzhütte gehen, bis der Schauer vorüber ist«, sagte Peter. »Ich möchte lieber nach Hause.« »So komm doch, – wir durchnässen ja sonst.« Es war ziemlich dunkel in der kleinen Balkenhütte, in die der Tag nur durch das Rauchloch im Dach sickerte. Peter ging umher und suchte nach Feuerstahl, denn es war rauh und kalt hier drinnen, aber er fand ihn nicht. Berret war auf die Bank gekrochen und hatte die Beine unter den Leib gezogen. Sie lehnte den Kopf gegen die Balkenwand hinter sich. »Du frierst wohl?« »Hu... nein, ja, doch! Aber vor allem bin ich müde.« Sie schloß die Augen. Peter zog die Jacke aus. »Nein, aber was machst du?« »Sei still – wenn du so frierst ...« Er hüllte sie ein und setzte sich neben sie. Berret schloß wieder die Augen. Regen trieb durch das Rauchloch, trommelte auf das Dach. Der Rausch war von Peter gewichen, dennoch war ihm glühend heiß. Schlief sie? Er setzte sich bequemer zurecht. »Du?« »Ja ...« »Sitzt du nicht schlecht»« »Ach nein«, sie lächelte, »aber ich habe wirklich schon besser gesessen.« »Leg deinen Kopf hierher – ist das nicht gut?« »Ja«, sie seufzte, drehte sich um und kauerte sich an seiner Schulter zusammen. Sie atmete so leise, daß er es fast nicht hören konnte. Ihr Haar kitzelte seine Hand, die er um sie gelegt hatte. Ihm begann der Rücken zu schmerzen, er saß so unbequem, aber er wagte sich nicht zu rühren. Es ging so ein süßer, warmer Duft von ihr aus, sein Herz schlug und schlug, er hörte, wie es klopfte – hatte das Gefühl, es säße in den Schläfen. Schlief sie? Er beugte sich über ihr Gesicht, um zu lauschen. Sah den feuchten roten Mund, in dem die Zähne weiß leuchteten. Er küßte sie behutsam und hatte das Gefühl, als stände das Herz ihm still vor Schreck, als er es tat, aber sie regte sich nicht, wieder küßte er sie – fühlte die weichen Lippen, die bei jedem ihrer Atemzüge die seinen berührten. Wieder und wieder küßte er sie. Schlief sie? Bisweilen war ihm, als lache sie, als fühle er ihre Zähne. »Beeret?« sagte er in ihren Mund hinein. »Ja?« Er fühlte ihre Antwort wie einen Hauch, der sein Gesicht streifte, Es war so seltsam, so mit ihr zu sitzen, mit Berret – nie hatte er daran gedacht – und doch gab es jetzt auf der Welt nichts weiter als dies. Er wußte nicht, wie lange sie hier gesessen hatten, – wußte nur, daß es aufgehört hatte, zu regnen, und daß die Sonne schien, – sie sandte einen langen, zitternden Strahl durch einen Spalt in der Balkenwand. »Nein, wir müssen jetzt gehen.« Sie stemmte plötzlich die Hände gegen seine Brust und erhob sich halb. Es war, als hätte sie erraten, woran er dachte. Er schämte sich und erhob sich. Sie wollte ihm die Jacke wiedergeben. »Behalte sie nur, mich friert nicht.« Der Sonnenschein stach ihnen in die Augen. Als sie ein Stück gegangen waren, hörten sie rasche Schritte hinter sich. Das war Stig. »Seid ihr hier?« Er blickte von Peter auf Berret in der Jacke des Bruders. »Wir haben Schutz gesucht vor dem Regen.« Peter versuchte zu lachen. »Ich glaube fast, wir haben geschlafen.« »Aha«, Stigs Stimme war so unfrei und spöttisch, »ja, das kann ich mir denken, daß ihr geschlafen habt!« Die beiden Brüder wurden plötzlich brennend rot, wagten sich nicht anzusehen. Berret blickte sie an, die Nasenflügel bebten. Peter mußte an einen Schmetterling denken. »Ja, wir müssen machen, daß wir nach Hause kommen«, sagte er schroff. Sie gingen rasch, und ohne ein Wort zu wechseln, durch den Wald, der von Feuchtigkeit und Sonne glänzte. Stig starrte immerfort auf Berrets Rücken, – sie sah so klein und hilflos aus in der großen Jacke. Ihn überkam das Verlangen, sie zu nehmen und sie auf den Armen zu tragen. Als sie an die Zaunpforte vor Braenna kamen, blieben sie stehen und warteten, bis sie ins Haus gegangen war. Dann erst folgten sie ihr. Aber Kari hatte sie kommen sehen, warum sind sie nicht zusammen gegangen? dachte sie, was ist geschehen? Die Brüder kletterten die steile Treppe zum Boden hinauf, wo sie während des Sommers schliefen. Stumm gingen sie zu Bett, und beide fühlten, daß ein einziges Wort genügen würde, um sie in sinnloser Wut aufeinander losstürzen zu lassen ... 11 Es war lange bestimmt gewesen, daß in diesem Jahre Berret mit Aine zusammen auf die Alm sollte. Kari dachte, es würde Berret gut tun, richtig zu arbeiten, und vielleicht würde sie die Arbeit auf der Alm besser verrichten als anderes, was ihr anvertraut worden war. Aine war ein zuverlässiges Mädchen, sie war jetzt schon lange auf dem Hof, und Kari konnte sich auf sie am besten verlassen. Aber an dem Tag, als die Kühe ausgetrieben wurden, tat es ihr leid, nicht selber mitgegangen zu sein, oder Berret wie früher auf dem Hof gelassen zu haben. Nach der Johannisnacht, als sie die drei einzeln hatte heimkommen sehen, war sie in einer neuen Unruhe umhergegangen. Irgend etwas war vorgefallen, das glaubte sie steif und fest, von anderen hatte sie gehört, auf dem Festplatz wäre eine Schlägerei gewesen, um Berrets willen, und ein Mann wäre so zugerichtet worden, daß keiner wußte, wie es mit ihm ablaufen würde. Es war schlimm genug, daß der Dorfklatsch sich an einen Bewohner von Braenna heranwagte, und noch dazu an Berret, die doch eigentlich noch ein Kind war. Ihr fiel plötzlich ein Ausspruch der alten Ingrid ein. Denk an deine Söhne, hatte sie gesagt. Ruhelos ging sie umher, ordnete, räumte auf, und immerfort klangen ihr die Worte in den Ohren: Denk an deine Söhne. Sie hatten gesagt, sie wollten nach dem Tiefsee und einige Tage fischen, ehe die Heuernte begann. Sie hatten daheim bleiben können, – sie waren jetzt hier nötig. Es erleichterte, wenn sie die beiden nur hier auf dem Hof hatte. Ja, ja. Sie blieb mit einer leeren Schüssel in der Hand stehen. Ein Lächeln breitete sich über das kräftige Gesicht, das um Mund und Augen Runzeln zu bekommen begann. Ja, ja, wie schön war Berret doch gewesen, als sie auf dem großen Pferde saß, dachte sie und lächelte wieder. ... Am Tiefsee dämmerte der Abend, – es wurde kühl. Kaltweiße Nebel stiegen vom Wasser auf, das ganz still dalag und die schwarzen Hänge des Baksiusvaßberges mit den mächtigen schmutzigen Gletschern spiegelte. Der Himmel war golden, und im Westen lagen die Berge blaßrot mit einem Abglanz der Sonne. Der Haukberg ragte empor mit seinem breiten, platten Gipfel und stand dunkel gegen den Westhimmel, an dem die Sonne untergegangen war. Stig saß auf der Türschwelle vor der kleinen grauen Hütte, vor der große Steine auf die Kante gestellt waren, um das Balkenwerk gegen Wasser, Regen und Schnee zu schützen. Er weidete Fische aus. Peter hängte an der Wand des alten Bootsschuppens das Netz zum Trocknen auf. Das Dach war vor vielen Jahren eingestürzt, – morsche Pfosten ragten zwischen Steinen, Rinde und Torf in die Luft empor. Stig schleuderte den letzten Fisch in den Trog, blieb sitzen und schabte Schleim und Blut von den Fingern. Seine Kleider dampften, naß wie er war vom Netzeinholen, aber er hatte sich nicht umkleiden mögen. Peter trat zu ihm, sah die Fische an und sagte gleichgültig: »Nicht schlecht!« Dann nahm er eine Weidengerte, die da lag, und begann Fische darauf zu ziehen. Ihm wurde ganz seltsam zu Mut, während er das tat, – so linkisch und verlegen. »Wir müssen wohl ein Gericht nach der Alm bringen, jetzt haben wir ja reichlich.« Ihm war, als grinse der Bruder, und er mochte ihn nicht ansehen, – er knotete nur den Weidenzweig zusammen, aber die Gerte war so glatt, daß die Schlinge nicht haften wollte, und Peter waren die Finger steif. Sie hatten es doch früher auch getan, hatten den Sennern auf der Alm Fische gebracht, wenn es sich so machte, war daran etwas Merkwürdiges» »Gehst du mit?« »Nein, ich will mich hinlegen.« »Gut, ich will nur einmal hinüberschauen.« Peter schwieg plötzlich. Konnte er eigentlich nicht dort bleiben, dort schlafen, wiederkommen, wann er wollte? Das hatten sie doch früher immer getan. Heiß und verlegen stand er da und wog den Fischbügel in der Hand. »Kannst du denn nicht mitgehen?« fragte er. »Nein«, sagte Stig mit einem schiefen Lächeln, »es ist doch heute kein Festtag, soviel ich weiß?« Stig sagte das wohl im Scherz, aber dennoch hatte Peter das Gefühl, daß er etwas Bestimmtes damit sagen wollte. Peter wurde zornig. Es war seltsam, aber er konnte von Stig fast nichts mehr ertragen. Er war in einer so scheuen und wunderlichen Sehnsucht umhergegangen, daß er sie beinahe nicht hatte greifen oder Gedanken dafür hatte finden können. »Ich glaube, ich mag heute abend doch nicht gehen«, sagte er und warf den Fischbügel in den Korb. Dabei fiel sein Blick auf Stig, – des Bruders Gesicht leuchtete so wunderlich weiß in der Dämmerung. Innerlich wurde er traurig, ihm war, als sei er sehr einsam und als sei alles sinn- und zwecklos. Die Hütte hier, die blauen Bergrücken, das Wasser, in dem die Forellen Kreise zogen. Alles war so seltsam, fremd und neu. Er meinte es noch nie gesehen zu haben. »Faulpelz!« sagte Stig und erhob sich lachend, »Faulpelz!« sagte er noch einmal. »Es ist ja auch schon spät«, meinte Peter, als besänne er sich. Stig blieb lächelnd stehen. »Ach, du kommst schon noch hin, – du weißt, sie haben gern einmal frischen Fisch.« Peter griff unwillig wieder nach dem Bügel und machte sich auf den Weg, blieb dann aber wieder stehen. »Brauchen wir irgend etwas, – Butter?« »Nein, wir haben genug.« Peter ging hinunter an den See und nahm das Boot. Hinüber zu rudern war der schnellste Weg. Stig blieb stehen und blickte ihm nach. Peter ruderte so schnell. Stig brannten die Schläfen. »Geh du nur«, sagte er halblaut, während er sich duckte, um durch die niedere Tür in die Hütte einzutreten. »Geh du nur.« Er warf sich auf das Bett. »Ich will dich nicht hindern.« Er grub das Gesicht in das grobe Kissen, wollte schlafen, wußte aber, daß er es nicht konnte, – alles in ihm war in Aufruhr. Wo er auch ging und stand, verfolgte ihn die Erinnerung an die Nacht auf dem Festplatz. Er hatte ihre Hand gehalten. – Das war eine so gute Erinnerung gewesen, weil er das Gefühl gehabt hatte, daß es nur sie beide anging. Jetzt schmerzte es, daran zu denken ... Er hatte ja seitdem fast nie mit ihr gesprochen, hatte nur immer in rastloser Unruhe auf irgend etwas gewartet, war es weiter nichts? Er schlummerte ein, erwachte mit einem Ruck, – er fror in den nassen Kleidern. Kam Peter nicht bald? Wie spät es war, wußte er nicht, aber die Dämmerung stand noch vor der kleinen Fensterluke, und die Nacht schlief lautlos. Warum war er nicht gegangen? Das war doch das einzige. woran er gedacht, worauf er sich den ganzen Tag gefreut hatte, als er sah, daß sie so viel Fische fingen, daß man einige hinüberbringen konnte. Und dann ging Peter. Er hatte sich sonst nie dazu erboten, wenn er es nur irgend hatte vermeiden können. Was war los mit Peter? Er war nicht der Alte seit der Nacht, als Stig die beiden zusammen gesehen hatte und Berret Peters Jacke umhatte. Peter ging so wortkarg und störrisch umher. Nichts war mehr wie früher, und wie nett sie es früher gehabt, wie sie miteinander gelacht und gespaßt hatten! Der Teufel hole das Ganze! murmelte er, zuckte im gleichen Augenblick zusammen und sprang aus dem Bett. Er meinte Schritte zu hören. Wollte Feuer im Herd machen. Aber es kam wohl niemand. Er öffnete die Tür und blickte hinaus, nein, das Boot war nicht da. Der Berg stand schwarz gegen den kaltblauen Himmel; die Mondsichel hing schräg und warf einen matten Streifen auf den See. Ein Gefühl des Gekränktseins erfüllte ihn, Zorn und Unruhe. Er schlenderte zum See hinüber, kehrte aber wieder um, nahm eine Angelstange von dem Holzhaken unter dem Dachbart und ging nach dem Hügel, wo der Steinbach aus dem Tiefsee kam und sich über weite Sümpfe schlängelte. Hier ließ es sich trefflich fischen, besonders bei Regenwetter, und in den tiefen Löchern, über die die Torfkante hing. Ein Stück weiter aber faßte der Steinbach wieder Fahrt, polterte und brauste in wilden Fällen durch schmale Schluchten, bis er an die Ulmen kam – dort rann er still über große, flache Hochebenen – faßte abwärts durch den Wald erneut Fahrt und stürzte sich in einem einzigen weißschäumenden Wasserfall über schwarze Felsvorsprünge und schroffe Geröllhalden hinunter in den Nordfluß. Stig warf ein paarmal die Angel aus, fing aber nichts. Nein, es war, wie Matthias sagte: Wenn man keinen Glauben hat, fängt man keine Fische. Er versteckte die Angel in einem Weidengestrüpp, dann eilte er bergab. Aber er schlug nicht den Pfad ein, der über die Bergrücken führte, sondern hielt sich am Ufer des Flusses. ... Peter zog das Boot an Land, als er über den See gekommen war, nahm den schweren Fischbügel auf den Rücken und ging rasch über die Hochfläche, die blau beschattet in der Nacht lag. Ganz fern im Westen sah er die Heimberge im Dunst, und hinter ihnen lag das Hochgebirge mit hellen Schneegletschern und schwarzen, kahlen Gipfeln. Der Tau fiel stark, und Peter wurde ganz naß von dem Waten durch das dichte Gezweig der Zwergbirken, – das Renntiermoos lag weich unter seinen Füßen, und so still war es, – nicht ein Windhauch, keine Wolke am Himmel, an dem die Mondsichel jetzt stärker hervortrat und weißer leuchtete, während der Himmel allmählich dunkler wurde. Wandermäuse fuhren piepsend beiseite, ein aufgescheuchtes Schneehuhn flog auf und segelte unter verdrießlichem Lachen davon. Ganz in der Ferne irgendwo pfiff ein Vogel leise und eintönig. Peter ging schnell, meist laufend. Oben am Heimstein blieb er stehen und blickte auf den Fluß, der sich zwischen Weidenbüschen und Schachtelhalmen an den Sennhütten vorbeischlängelte, die Häuser auf der Braenna-Alm, den alten Zaun, der in Windungen und Krümmungen über die Felder führte, streckenweise im Wald verschwand, wieder zum Vorschein kam und unten am Fluß aufhörte, an dem großen Tümpel, aus dem sie Wasser holten. Während er hier stand, hatte er wieder das Empfinden, als wäre alles so neu und fremd, als sähe er es zum erstenmal. Irgend etwas bedrückte ihm die Brust, daß es weh tat, zu atmen, die Nachtkälte kühlte so wohltuend. Es rauschte leise vom Fluß in den langen Windwellen, – sonst schlief alles dort unten. Unwillkürlich ging er leiser, hielt den Atem an, so daß er in kleinen, kurzen Stößen herausgepreßt wurde. Seltsam, es war, als hätte er vor irgend etwas Angst, – er erkannte sich selber nicht wieder. Leise ging er durch die Pforte, ohne sie hinter sich zu schließen. Ein wenig Rauch stieg aus dem Schornstein auf, er spürte den strengen Kienholzgeruch des Feuers, das zusammengestürzt war und nun ohne Flamme schwelte. Die Fische legte er auf die Treppenstufen und setzte sich auf die kalte, taufeuchte Türschwelle. Nun er hier war, wurde alles so unsinnig, so zwecklos. All das, wonach er sich gesehnt hatte, weswegen er so geeilt war, – nein, hier wartete wohl niemand auf ihn. Was wollte er hier? Er bekam einen bittern Geschmack im Munde, – am liebsten hätte er geheult ... Still erhob er sich und schlich hinter das Haus. Er preßte das Gesicht gegen die Scheibe, konnte aber nichts anderes sehen als eine schwache Glut auf dem Herde und etwas Helles, was er nicht genau unterscheiden konnte ... Sein Herz begann zu klopfen, – das war wohl ihr Kleid. Wie dunkel es drinnen war! Er ging wieder an die Tür, faßte vorsichtig nach der Klinke, die laut durch die Stille kreischte. Er drückte sie herunter, merkte, daß der Riegel vorgeschoben war. Er hob die Hand, um zu klopfen, zögerte aber und blieb heftig atmend stehen. Berret ... es war ihm, als hätte er es laut gesagt, und er horchte angestrengt, aber alles blieb still. Nur der Fluß rauschte und rauschte immerfort vom Walde her. Nacht und Stille hatten Augen und sahen ihn an. Angstvoll schlich er wieder zum Fenster, aber jetzt war die kleine Flamme im Herd erloschen, es war nur dunkel drinnen. Scheu sah er sich um. Er hatte das Gefühl, daß alles, dem er entgegengeeilt war, auf das er gewartet und an das er gedacht hatte, gar nichts war, daß alles nur still dalag und schlief. Er hängte die Fische an einen Haken an der Tür, – dann ging er, und jetzt erst spürte er, wie müde er war. Langsam machte er sich auf den langen Weg, den er vorhin fast laufend zurückgelegt hatte, – jetzt war er wie eine Unendlichkeit, ohne Ende. ... Der Weg bergab am Fluß entlang war schlimmer, als Stig gedacht hatte, – glatte Felsen, niedergestürztes Geröll und dichtes Gestrüpp. Oft mußte er große Umwege machen, wenn der Fluß zwischen schroffen Berghängen niederschäumte, von denen ein kalter Dampf aufstieg wie von großen Riesenkesseln. Immerfort hatte er das Gefühl, als ginge jemand hinter ihm her, so dicht, daß er bisweilen plötzlich stehen blieb und nach rückwärts starrte – aber er sah nur die schroffen Felswände in der dunklen Schlucht und die gekrümmten Bergbirken gegen den Himmel. Es war ihm, als bewegte sich unten am Fluß ein schwarzer Schatten und käme auf ihn zu. Da warf er sich rasch hinter einige graue Felsblöcke, die hier zwischen dem kriechenden Wacholder lagen. Beschämt und wütend erhob er sich wieder, – es war ja nur eine schwarze Flechte auf einer Felswand, was er für einen Menschen gehalten hatte. Es war, als lachte es um ihn her, – sie hatten ihn wohl gesehen, – die unter den Steinen und im Flusse wohnen, und nun hockten sie da und lachten über ihn. Er merkte selber nicht, daß er vorsichtiger ging, sich umschaute und lauschte, aber der Wasserfall verschlang alle Laute. Er ging rasch und forsch nach der Braenna-Alm hinauf, und stampfte unnötig fest mit den Absätzen auf die Steine des Hofes. Der Himmel begann schon Farbe anzunehmen, eine rosenfarbene Wolke stand tief im Osten, wo behutsam und weich der Tag emporstieg. Er sprang die paar Stufen hinauf und gewahrte den Fischbügel, der an der Wand hing. »Komischer Platz, die Fische aufzuhängen«, sagte er zu sich selber, hob ihn herunter und klopfte an die Tür. Laut und scharf drang der Ton durch die Stille. Einen Augenblick dachte er: Wenn nun Peter hier ist? Dann klopfte er wieder. War er etwa hier, – hatte er sich hier zum Schlafen gelegt, obwohl er gleich wiederkommen wollte? Er lauschte, – die Halsmuskeln strafften sich, daß es schmerzte. »Ich bin hier, Stig!« Er stemmte das Knie gegen die Tür, während er darauf wartete, daß sie geöffnet würde, und hörte, daß drinnen etwas tappte. Jetzt knackte der Sperrhaken, der geöffnet wurde, und die Tür sprang auf. In der Dunkelheit drinnen – in der Wärme, die ihm entgegenströmte, – ihm war, als röche der ganze Raum nach schwerem Schlaf, – sah er Berret stehen. Er faßte sie beim Arm – dachte plötzlich daran, daß sie nicht allein war – Aine war ja in der Kammer – und zog sie auf die Treppenstufen hinaus. Sie war halbnackt, barfüßig, hatte nur ein Hemd und einen kurzen Unterrock an. Die nackten, schlanken Arme, die Schultern, die Grübchen am Schlüsselbein, das alles sah er in einem Nu, als er sie umfaßte und an sich zog. Er suchte ihr Gesicht, bog es zu sich empor, fast entsetzt, weil sie nicht einen Laut sagte. Sie kam seinem Mund entgegen, ließ kleine Küsse auf seine Lippen tropfen. Er fühlte ihre Ellbogen an seinem Leibe, die kleinen Hände klammerten sich an seinen Kleidern fest – sie war wie ein Vogel. Die Tür der Scheune stand offen, klaffte dunkel und lockend. Er umfaßte Berret wieder – sie war so klein und hilflos, ein winziges Ding in seinen Armen. Aber sie wollte nicht – wehrte sich, indem sie den Kopf gegen seine Brust stemmte. Er sah die weichen Schultern unter der feinen Haut arbeiten – das Haar fiel dicht über ihr Gesicht und verbarg es. Sie jammerte leise, als er sie hinabtrug, und plötzlich schlug sie ihm die Zähne in das Handgelenk und biß zu. Es war nicht Spiel – er fühlte einen stechenden Schmerz durch den ganzen Arm gehen. Er ließ sie los und taumelte zurück. Als er Berret ansah, wurde ihm ganz unheimlich zu Mut – sie war nicht weggelaufen, sie stand da und lachte ihn an mit Augen, die tief und gefährlich brannten. Hitzig und gewaltsam stieg die Wut in ihm auf, er machte ein paar Schritt auf sie zu, aber da schlüpfte sie rasch die Treppe hinauf, blieb oben in der Tür stehen und lachte wieder. Er suchte nach etwas, was er ihr sagen könnte, nach einem bösen Wort, und schlenkerte mit der verletzten Hand, wollte nicht zeigen, daß sie ihn schmerzte. Warum ging Berret nicht ins Haus, sondern blieb hier stehen? Er zuckte zusammen, als er Aine von drinnen etwas fragen hörte. »Das ist nur Stig, der Fische gebracht hat«, sagte Berret, genau, als spräche sie die Wahrheit. »Nein, warte einen Augenblick«, sagte Berret, als er gehen wollte, »willst du die Butter nicht mitnehmen?« Er blickte zu ihr auf, verstand sie nicht. Sie schlüpfte ins Haus und kam wieder heraus mit einem kleinen Buttereimer in der Hand. Er nahm ihn, wütend und verdrossen, in dem Gefühl, daß sie ihn zum Narren hatte. Mit einem leisen, gurrenden Lachen schmiegte sie sich an ihn, legte die Arme um seinen Hals und küßte ihn. Ihm war, als bohre sie sich in sein Herz hinein. Dann ließ sie ihn los, gab ihm einen Stoß vor die Brust, und ehe er noch zur Besinnung kam, war sie im Hause – er hörte nur, wie der Haken in die Krampe geschoben wurde. Ihm zitterten die Knie, als er über die Hochfläche ging, gedemütigt und rasend. So ein Mädel, so eine Katze! Die Hand brannte wie Feuer. Er betrachtete sie. Die Spur ihrer kleinen Zähne stand rot in dem blaugeschwollenen Fleisch. Blutstropfen sickerten hervor, es war scheußlich anzusehen. Er saugte das Blut aus, während er weiter schritt. Dann ging er hinunter nach dem Flußauslauf, wo er die Angel hingelegt hatte. Als er an einem Moorloch vorbeikam, warf er den Buttereimer hinein und stampfte ihn in die weiche, schwarze Erde. Daß ihr das mit der Butter eingefallen war, – das gerade hatte er zum Vorwand nehmen wollen, wenn er Peter träfe... Er fand die Angel wieder und zog einen Wurm auf den Haken. Er mußte versuchen, ein paar Fische zu fangen, damit er etwas mitbrachte. Aber die Hand pochte und schmerzte, – bei jedem Wurf, den er machte, ging ein stechender Schmerz durch den ganzen Arm. Nein, er wickelte die Leine auf und befestigte den Haken. Er sah, daß aus dem Schornstein Rauch aufstieg. Es war ihm nicht angenehm, daß Peter auf war. Als er die Angel hinlegte, trat Peter aus dem Hause. »Hast du etwas gefangen?« Stig merkte, daß er rot wurde, – es kam ihm vor, als frage der Bruder so wunderlich, als hätten seine Worte einen Doppelsinn. »Nein«, sagte er kurz, indem er ins Haus ging, setzte sich an den Herd und umwickelte die verletzte Hand mit einem Lappen. »Hast du dich verletzt?« fragte Peter, der sich aufs Bett geworfen hatte. »Ach...«, Stig fühlte, daß das Herz in der Brust rascher zu klopfen begann. In der Eile konnte er keine Antwort finden und war wütend auf sich selber, weil die Gedanken stillstanden. Endlich brachte er heraus: »Ich fand einen jungen Fuchs unter einem Stein hier am Moor, ich versuchte ihn zu fangen, aber dieser Teufelskerl hat mich gebissen.« »Zeig her...« Peter sprang aus dem Bett, »so etwas kann schlimm werden.« Stig hatte den Lappen um die Hand gewickelt. »Es ist nichts.« »Nimm dich in acht, daß es keinen kalten Brand gibt!« Stig antwortete nicht, warf sich nur auf das Bett. Er fühlte, wie er errötete, – hm ... kalten Brand... während er da lag und das Zucken und Brennen in der Wunde fühlte, war ihm, als ob der gleiche Schmerz in seinem Herzen bohrte, wenn er an diese Nacht dachte... Und als er einschlief, fühlte er ihren Mund an seinem Handgelenk, das sie mit kleinen, harten, kurzen Küssen küßte, die ihn wild und heiß durchschauerten. Denn er sah ihren gebeugten Nacken mit dem üppigen Haar, die Schultern, die die feine Haut strafften, die Grübchen am Schlüsselbein und die jungen Brüste, – wie ein lockendes Traumbild war sie, wenn sie sich so vorbeugte. Er erwachte mit einem Ruck ... wie lange er geschlafen hatte, wußte er nicht. Er schloß die Augen wieder. Er wollte zurück zu dem Traum, der in ihm steckte, aber jetzt fühlte er nur, wie es schmerzte... Er schlief wieder ein, und als er nun erwachte, war es heller Tag; er hörte Peter draußen Holz hacken, aber er mochte nicht aufstehen, – der Bruder, die Arbeit des Tags, – nein, ihm war alles einerlei. Er dachte nur immer an eines, wach, mit hungrigen Sinnen, – Berret wieder in den Armen zu halten, sie an sich zu pressen, sie zu küssen. Und dann... dann sollte sein Wille geschehen, soviel sie auch biß oder kratzte! ... Der Tag draußen blendete ihn, als er die Tür öffnete; die Sonne stand hoch am Himmel. Langsam schlenderte er zum See hinunter, schob den Kahn in das Wasser, zog ihn wieder an Land. Eine frische Brise rührte den See in hitzigen kleinen Wellen auf, die in der Sonne blinkten und funkelten. Die Wärme lag wie eine große Güte in der Luft, mit dem Geruch von sonneversengten Grasflächen. Peter ging mit einem Arm voll Holz in das Haus. »Wasche ein paar Fische«, rief er. »Ich bin nicht hungrig«, sagte Stig verdrießlich; mit einem ärgerlichen Achselzucken ging er hinüber zur Hütte, tat einige Fische in den Korb, schnitt sie auf und wusch sie im See. Essen, – nein, er hatte keine Eßlust, wenn nur der Tag erst herum wäre ... dann würde er allein sein mit dieser Sehnsucht, dieser Unruhe, die in ihm saugte. Er gab Peter die Fische und warf sich wieder auf das Bett. »Willst du nichts zu essen haben?« »Nein.« Stig lag mit geschlossenen Augen da und kämpfte gegen das Verlangen, wieder aufzustehen, draußen umherzuschlendern und irgend etwas zu unternehmen, damit nur der endlose Tag ein Ende nähme. ... Als der Abend kam, nahm er die Angel, um irgendwo zu fischen. Er stand an einem Moorloch und mühte sich mit einem großen Fisch ab, der unter die Torfkante geraten war und sich fast nicht herausziehen lassen wollte, – als er Peter kommen sah. Auch Peter begann zu fischen. Peter, der sich sonst nichts aus Angeln machte, höchstens einmal dann und wann bei Regenwetter, wenn die Fische wirklich gut bissen. Sonst fischte er immer nur mit Netzen. Stig ärgerte sich, er zog an, – da hob sich der Fisch mit einem schweren Platschen und riß den Haken ab. Stig band einen neuen an und warf die Leine wieder aus, – die Fäuste waren ihm so kalt. Viel fing er nicht, er paßte den Augenblick nicht ab und hob die Leine nicht, wenn der Fisch sie straff zog. Es wurde spät, und die Fische bissen selten. »Wollen wir aufhören?« fragte Peter einmal, als sie dicht nebeneinander standen. »Geh du nur, ich komme bald nach.« Stig fühlte den Unwillen gegen den Bruder in sich immer mehr wachsen. Warum konnte er nicht nach Hause gehen, warum stand er hier herum, als belauere er ihn? Stig sah den weg vor sich, all die Hügelrücken, den Pfad und die Brücke über den Fluß, die Sennhütte, die am Waldrand schlummerte. Berret – o Berret! Große Wolken wälzten sich von Süden heran. Es wurde dunkler und immer dunkler, während sie den ganzen Himmel überzogen – tiefziehend und schwer –, es wurde so dunkel, daß er nicht sah, ob er den Angelhaken ins Wasser oder auf Land warf. Jetzt rauschte der Regen, peitschte auf das Wasser, auf Blätter und Halme, stärker und immer stärker rauschte er, und bald goß es in Strömen, ohne Wind. Ohne sich nach Peter umzusehen, ging Stig zur Hütte hinauf. Er mag stehen, so lange er will, der Dummkopf, dachte er. Er war verdrießlich, voll Groll und Unruhe, auch enttäuscht, als wäre jemand, den er erwartet hatte, nicht gekommen. »Gehst du jetzt?« Peter war dicht hinter ihm, »jetzt, wo es doch was zu fangen gibt, wenn es sich nur etwas aufklärt?« »Kannst du nicht fischen, wenn ich auch nach Hause gehe? Bist du gruselig, daß du immer hinter mir herrennst?« Stig biß die Zähne zusammen, um nicht noch mehr zu sagen, was er vielleicht bereuen würde. So ein Schafskopf, hier zu spionieren! Er ging so schnell, daß er dem Bruder weit voran war, riß die nassen Kleider vom Leibe, als er in die Hütte trat. Legte sich hin, ohne Feuer zu machen, Er war müde – in der Nacht hatte er ja nicht viel geschlafen. Kam Peter nicht? Ihm wurde heiß – er lag und lauschte gespannt und unruhig durch den Regen. Er wollte schon aufstehen, als er endlich den Bruder die Tür öffnen und eintreten hörte. Es war lange still, so lange, daß er schon dachte, Peter schliefe. »Du, Stig, ist es besser mit deiner Hand?« hörte er plötzlich Peters Stimme aus dem Dunkel. Sie klang sehr behutsam, als wolle der Bruder mit dieser leisen Frage etwas wieder gut machen. Eine unendliche Traurigkeit wallte in Stig auf. »Ach«, erwiderte er ebenso leise, »das wird bald wieder gut sein, es war nichts.« Still lagen sie da, ohne daß noch etwas gesagt wurde, – und beide fragten sich, ob der andere wohl schliefe. Das begleitete sie in den Schlaf und in unruhige Träume, so daß sie zusammenfuhren und aufwachten, sobald sie nur einen Laut hörten. ... Der neue Tag kam, schwer, regnerisch und grau. Sie waren beide froh, als sie jemanden kommen hörten und Asbjörn lachend in der Tür stehen sahen. Er war über die Berge gegangen, und das Wasser sickerte an ihm herunter. Asbjörn warf die nassen Kleider ab, saß ungefähr nackt am Herd und ließ sich von der Hitze braten. Er war untersetzt und breit, zottig an Armen und Brust, sah beinahe aus wie ein Bär, – die Muskeln zuckten und spielten unter der Haut, wenn er sich nur bewegte. Keiner konnte ihm ansehen, daß er in sein sechzigstes Jahr ging. »Ja, ich sollte von Hause grüßen«, sagte er plötzlich, während er vom Fischen redete, »eure Mutter sagte, sie wollten mit der Heumahd anfangen, wenn das Wetter sich hielte.« »Schlechtes Wetter zum Heuen«, sagte Peter verdrießlich. »Es war gut, als ich aufbrach. Nun, du mußt es ja wissen.« Er saß da, blinzelte mit den Augen und ließ es sich wohlsein. »He, Jungens«, er klatschte sich auf die breiten Schenkel, »ich bin heut über die Alm gegangen, o je, o je«, Asbjörns Augen wurden lüstern, und er lachte lautlos, »ich habe die Berret am See gesehen, ich dachte, es wäre eine Nixe, – so einen Körper, dacht ich, könnte kein Mädel haben. So weiß, wie sie war, – und so schwarzes Haar, so etwas hat man noch nie gesehen! Ja, ja, wenn ich noch der wäre, der ich früher einmal war! Oho! Wär ich ein junger Bursch wie ihr, – weiß der Teufel, ob ich mich dann damit begnügt hätte, die kalten Fische aus dem See zu holen!« Stig wurde glühend rot, wagte nicht aufzublicken. Peter erhob sich: »Du mußt doch auch immer dummes Zeug reden!« »Dummes Zeug, sagst du, dummes Zeug? Hättest du das Mädel so gesehen, wie Gott sie geschaffen hat, dann würdest du nicht dummes Zeug sagen!« »Es ist eine feine Mannestat« – Peter stolperte über die Worte – »so etwas zu belauern.« Asbjörn lachte nur. »Belauern? Ich kam den Weg entlang, und das ganze Mädel stand da in der Sonne. Ich glaube, da hättest du auch geguckt, – aber hinterher hättest du eine Zeitlang auf den Nachtschlaf warten können...« Er lachte, erzählte Einzelheiten, aufdringlich und roh. »Hüte deinen Mund!« Stig fuhr auf, seine Stimme klang seltsam, – er schwieg einen Augenblick, suchte nach Worten, »du weißt doch... daß Mutter sie aufgezogen hat!« Asbjörn wurde ärgerlich. »Redest du mit einem erwachsenen Mann, Junge? Hüt du selber deinen Mund, – deine Mutter hat sie aufgezogen, jawohl! Hoho!« Er lachte häßlich. »Jon vom Hochhof kannst du fragen, ob sie sich für zu gut hält, weil deine Mutter sie aufgezogen hat, – und Anders Nerdalen, – und den albernen Ola Vesllykjen.« Peter fluchte verbissen. »Viele Leute wissen, daß die drei fast alle Nächte sich dort einstellen, – wie sie sich einrichten, danach mußt du das Mädel fragen. Solche Geschöpfe sind nun einmal so«, sagte er plötzlich und wurde ernst, »sie nehmen keine Zucht an, wer sie auch großzieht, sie sind wie wilde Tiere. Kobold-Berret nennen die Leute sie.« Stig fühlte eine wunderliche Schlappheit, etwas wie Bangigkeit, dieser Name klang so schrecklich: Kobold-Berret. Asbjörn lügt, – das war das einzige, was er dachte: er lügt. Aber alles wurde so arm, er fühlte sich so hilflos, wie ein Kind, dem man alle Freude genommen hat. Asbjörn brummte vor sich hin. Peter erhob sich und ging hinaus, – murmelte etwas von Holz, – nach einer Weile folgte Stig ihm, – er hielt es nicht aus, länger in der Hütte da, – er hatte den Wachholderstumpf ganz vergessen, den er zerhacken wollte. Stig ging auf ihn zu. »Er lügt, nicht wahr?« Seine Stimme bettelte förmlich. »Natürlich lügt er, dies Klatschmaul!« Beide starrten sich an, die Farbe kam und ging auf ihren Gesichtern. Beide hatten das Gefühl, sich nun ausgesprochen zu haben über alles, was sie in sich getragen, worüber sie gegrübelt und wonach sie sich gesehnt hatten. »Übrigens«, sagte Peter, spuckte in die Fäuste und packte den Griff der Axt, »was kümmert es uns?« Er begann zu hauen. »Das Mädel... ist ja nicht unsere Schwester.« Er hackte und hackte, rasch und hitzig, daß die Holzscheite um ihn her prasselten, und sprach dabei vor sich hin: »Sie ist ihr eigener Herr, sie tut, was sie will.« Er sammelte das Holz auf und ging in die Hütte. ... Es wurde wieder Sommer und gutes Wetter, – die Sonne stand gewaltig und warm am Himmel. Peter und Stig waren auf dem Heimwege, jeder mit einer schweren Last Fische auf dem Rücken. Sie gingen auf dem Richtweg über den Heimbergrücken und dann den schroffen Waldhang hinab. Ganz unten sahen sie den großen Hofplatz von Braenna, die Wiesen, die Kornfelder. Alles lag da so ruhig, so lebendig, siedend in der Sonne. »Sie haben schon bei der großen Wiese angefangen«, sagte Peter. »Ja, es ist Zeit, daß wir nach Hause kommen, – Mutter wird nicht allzu gnädig sein, denke ich mir«, lachte Stig. Es war ganz wunderlich, wie leicht sie sich fühlten. Es war, als wäre etwas von ihnen abgeglitten. In eifrigem Gespräch gingen sie durch die Zaunpforte zum Hof hinüber, über die großen Wiesen, die in üppigem Grase dalagen und auf die Sense warteten. 12 An einem Samstagabend schlenderte Peter in Hemdsärmeln auf dem Hof umher; er fühlte die Feiertagsfaulheit im Körper nach der schweren Arbeit die ganze Woche lang. Da die Heumahd in diesem Jahr so spät begonnen hatte, mußten sie das gute Wetter ausnutzen, – die Tage waren in einer ewigen Hetze verstrichen, mit Mähen, Hockensetzen und Einbringen. Dennoch war die Heuernte nicht wie irgendeine andere Arbeit, – sie war immer auch ein Spiel, eine Art Fest. Die große Feierzeit des Sommers mit Sonne und hellen Nächten. Berret ... die Sehnsucht konnte ihn so mächtig packen, und dann hatte er das Gefühl, daß alles nach ihr riefe, wenn einer der Knechte etwas von der Alm holen mußte, konnte ihn Haß überkommen, wenn er ihn gehen sah, – und wenn er wieder herunterkam. Er wagte nicht darum zu bitten, selber gehen zu dürfen, – scheute sich vor den Leuten, die sich Gedanken machen würden. Stig war ein paarmal oben gewesen, – aber das war eben Stig. Peter schlenderte durch den Garten mit den alten Apfelbäumen, die fast nie trugen und sich nur bogen und krümmten und Knoten bildeten, – grün von Moos, verheert von Wind und Wetter. Gedankenlos blickte er auf all das, was die Mutter hier gesät und gepflanzt hatte, – was es nun alles war, Kräuter für Arzneien und zum Essen. Und Blumen, deren Namen er nicht wußte, unnütze, die aber einen so süßen Duft hatten. Er ging wieder zu den Häusern hinauf. Auf der Galerie und auf der Treppe saßen die Mäher in gutgelauntem Gespräch. Kätner und Tagelöhner, plötzlich sah er Aine aus dem alten Hause kommen. Es durchlief ihn heiß, als er sie sah, obwohl er wußte, daß die Sennerinnen abwechselnd zum Feiertag nach Hause zu gehen pflegten. Dann war sie ja allein dort oben, – ja, dann war sie allein, Berret. Die Müdigkeit war mit einem Schlage verschwunden. Marit kam mit einigen Eimern aus dem Hause und ging zum Brunnen. Er sprang zu und half ihr und kitzelte sie ausgelassen und übermütig. Sie wehrte sich, versuchte verdrießlich zu sein, mußte aber doch lachen: »Du bist verrückt, Peter!« Er nahm die vollen Eimer und ging zur Tür. »Nimm dich in acht«, sagte ein alter Tagelöhner, der dort saß, und rückte beiseite, als das Wasser überschwippte. »Nimm du dich selber in acht!« Peter wollte dumme Streiche machen. Er nahm den einen Wassereimer und goß ihn über die Sitzenden. Die Mädchen kreischten und rannten davon, die Männer fuhren auf und fluchten, – jetzt kam der andere Eimer hinterdrein, daß es gegen die Wand klatschte und das Wasser durch die ganze Galerie spritzte. Im Nu war der ganze Hof ein Durcheinander von Geschrei und Geheul, von Frauengekreisch und Fluchen. Sie setzten hinter Peter her, er sollte es wiederkriegen, – leicht und geschmeidig entschlüpfte er ihnen. Dann begannen sie sich naß und lachend mit Wasser zu begießen. Kari kam heraus, um zu sehen, was los wäre, – der Lärm verstummte allmählich, als man sie gewahrte. Ganz beschämt gingen sie auseinander, um sich zu kämmen und die Kleider zu wechseln. Peter ging ins Haus. Da saß Stig und klimperte auf einer Fiedel. Er war nicht einmal draußen gewesen. Der Übermut, die Freude wich von Peter, als er den Bruder sah. Ein Spielmann war Stig nicht, und seine Musik gellte Peter in den Ohren. Katzenmusik war das. Schließlich konnte er es nicht länger mit anhören, sondern ging wieder hinaus, in Angst, irgend etwas zu sagen, was er bereuen würde. Der Abend kam, – die Sonne war verschwunden, die Berge blauten. Es duftete stark und süß nach Heu, das zum Feiertag zusammengerecht war. In aller Eile nahm Peter das Abendbrot ein. Jetzt saß er ungeduldig da und blickte auf all die kauenden Leute am Tisch, – daß sie auch nie fertig wurden! Da stocherten sie im Essen, schwatzten lang und breit miteinander, taten sich gütlich. Am liebsten wäre er aufgestanden und wäre gegangen, denn wo mochte Stig sein; – Aber er wußte, daß mit der Mutter nicht zu spaßen war, wenn er die Mahlzeit störte. Er brannte vor Verlangen, hinauszukommen, – es war so erstickend und heiß hier drinnen mit den summenden Fliegen am Fenster, – und dem Geruch von Menschen, Essen und frischgescheuertem Holz. Als sie endlich aufstanden, sah er Stig hereinkommen und sich an den Tisch setzen und hörte der Mutter ärgerliche Frage, wo er gewesen sei. Peter hörte nicht, was Stig antwortete, eilte nur hinaus. Langsam schlenderte er über die Äcker, ging wieder zum Hof hinauf, um die Häuser, in denen die Tagelöhner und alle die Arbeiter, die zum Feiertag einen weiten Heimweg hatten, sich zur Ruhe begaben. Stig kam aus dem Hause. Gespannt sah Peter den Bruder die steile Treppe zum Boden hinaufsteigen. Schloß er die Tür? Peter war es, als stände sie offen, aber er wußte es nicht bestimmt, – konnte fast nichts sehen in dem dunklen Gang, in dem Wind und Wetter durch Jahrhunderte die Tünche abgefressen hatten. Er sah die Mutter mit Matthias vom Stall her kommen, – sie hatten dort eine Stute, die ein Fohlen trug und die sie nicht auf die Koppel lassen konnten. Er hatte das Gefühl, als ob die Mutter ihn ganz seltsam ansähe. »Wo ist Stig?« fragte sie. »Auf dem Boden.« Sie sah ihn wieder an. »Willst du dich nicht auch hinlegen?« »Ach ja«, er reckte sich, – »bald!!« Die Mutter ging ins Haus. Peter blieb stehen und sprach mit Matthias über das Pferd. »Ja, das wird wohl heut nacht losgehen«, Matthias gähnte laut. Peter machte sich im Stall zu tun und befühlte die Stute. Er stand eine Weile in der schwülwarmen Dunkelheit, – hörte das Pferd, das kaute und immerfort kaute. Dann schlüpfte er rasch durch die Vorderluke und in die Scheune, wo er den Geruch von frisch eingebrachtem, in der Sonne getrocknetem Heu spürte. Er ging die steile Scheunentreppe hinunter. Jetzt war er auf der Rückseite des Hofes, – hinter all den Nebengebäuden, hier konnte ihn keiner sehen. Halb laufend eilte er dem Walde zu – er mußte ja eilen, damit er beizeiten zurückkäme und Gelegenheit hätte, in die Scheune zu schlüpfen, ehe die anderen erwachten – dann konnte er immer sagen, er hatte sich hier niedergelegt, da es im Hause so warm und erstickend war. Er ging so schnell, daß er inzwischen ab und zu stehen bleiben mußte, um zu verschnaufen. Die Nacht lag blau um ihn, als er die Alm erreichte. Es wehte dort oben ein kalter Wind, der von den Bergen her kam und in dem dünnbestandenen Walde rauschte; einige Sterne blinkten bleich am Himmel. Ihm wurde plötzlich ganz kalt, als er die Sennhütte sah – unruhig ging er weiter. So ein Dummkopf, wie er war, so zu rennen! Beschämt blieb er stehen. Er erinnerte sich des Sommerabends, als er die Fische brachte, wie ein scheuer hungriger Fuchs um das Haus schlich und nichts zu unternehmen wagte. Nein, er mußte wohl wieder nach Hause gehen. Berret – er wußte ja nichts von ihr – ob sie wollte. Dann sah er ... ihre Kleider, die über einem Stuhl hingen, und erinnerte sich an Asbjörns Worte: das ganze Mädel stand in der Sonne – – so war sie ... Behutsam ging er zur Tür – sie war angelehnt, und eine wilde Freude durchfuhr ihn. Ihm war plötzlich, als warte sie auf ihn. Er blieb im Dunkeln stehen und hielt den Atem an. Nur die Stille schlug ihm entgegen. Ein kalter Geruch von Kienholz und Milch. Durch das Glas drang ein schwaches Licht, er sah deutlich irgendeine Kleinigkeit, die auf dem Fensterbrett lag. Sonst war alles nur dunkel. »Berret«, sagte er leise, »Berret?« Wieder und wieder flüsterte er ihren Namen – voll Angst, sie zu erschrecken, voll Angst vor sich selber und vor all dem, was ihn durch die Nachtstille zu rufen schien. »Berret!« Vorsichtig tastete er sich an das Bett, griff nach ihr – das Bett war leer. Er fühlte das harte Kissen, das so glatt unter seiner Hand lag – den Rand der Felldecke – sie war nicht da. »Berret!« seine Stimme klang so laut in der Stille, plötzlich kam er auf den Gedanken, daß sie sich versteckt hätte, ihn zum Narren halten wollte. »Berret! hörst du nicht? Berret!« Er stocherte in der Asche auf dem Herd, um Glut zu finden, aber alles war schwarz und kalt. Er machte Feuer, fütterte die kleine Flamme, legte größere Holzscheite auf. Die Tür zur Kammer stand offen – er lachte, war mit einem Sprung auf der Schwelle – dort im Dunkel hatte sie sich versteckt! Berret! Er leuchtete mit einem Span – es packte ihn mächtig, – sie war nicht da. Die kleine Flamme sengte ihm die Finger. Ratlos ging er auf die Treppe hinaus, wo war sie? Er blickte auf die kleinen Nebengebäude – dort konnte sie doch nicht sein? Er ging wieder ins Haus, legte mehr Holz auf. Sie würde wohl noch kommen. Die Sinnlosigkeit, die Leere grinste ihm entgegen. wo mochte sie nur sein; Zögernd ging er wieder auf die Treppe hinaus, – der Himmel hatte sich mit Wolken bedeckt, die rasch und niedrig dahinzogen, – die Sterne waren verschwunden. Der Heimberg lag wie ein mächtiges, schlafendes Tier da, – sah aus wie ein Hund, der die Schnauze auf die Vorderpfoten gelegt hat. Durch den Wind hörte er den Fluß laut und lärmend rauschen – es würde sicher Regen geben. »Berret!« sagte er wieder. Konnte ihr etwas zugestoßen sein? Er ging über die Wiese zum Fluß, in den Holzgefäße gestellt und mit großen Steinen beschwert waren, damit sie nicht mit der Strömung forttreiben sollten. Berret! Ihm war, als müsse sie irgendwo sein, als höre sie ihn, als könnte sie kommen, wenn sie nur wollte. Er ging zum Viehstall; die Kühe erhoben sich träge, als er an die Tür faßte. Im Ziegenstall rannten die Ziegen durcheinander, – er sah bange Augen drinnen im Dunkel glänzen, und die Glöckchen bimmelten. Er ging wieder in die Sennhütte und warf sich auf das Bett, – lag da und blickte in das Feuer, bis die Holzscheite zusammenstürzten und nur glimmende Glut übrig blieb. Er legte nicht mehr auf, das Dunkel kam aus allen Winkeln gekrochen, – breitete sich über den ganzen kleinen Raum aus. Berret! Er schlief eine Weile, erwachte wieder, und nun war alles dunkel. Ihm kam es vor, als sei sie jetzt hier, als habe sie sich in die Kammer geschlichen, während er hier schlief. Nein, sie war nicht da. »Ich gehe heim«, dachte er, »wozu liege ich hier?« Aber dennoch blieb er liegen, denn Berret würde ja schließlich doch kommen, – schließlich würde sie kommen. Er hörte jetzt den Regen, er peitschte gegen die Scheibe, umgab ihn wie ein Rauschen, das ihn bis in den Schlaf verfolgte. Aber jetzt klang es heller; als ob taufend Grillen musizierten, – es wurde zu einem Marsch, – spröde und taktfest drang er von überallher, mit kleinen, hitzigen, glockenreinen Tönen. Ein Tappen von Füßen, – behutsam leichten Füßen, die Tür ging auf, und herein kamen sie gedrängt, alle die unter dem Gestein lebten, all das, was ungesehen in Nacht und Dunkel lebte und webte. Sie huschten so schnell, daß er nie genau merken konnte, wie sie aussahen, er sah nur ganz flüchtige kleine Gesichter, schimmernden Schmuck und flatternde Haare und Bärte. Eben auf dem Herd saßen mehrere, die ihm den Rücken zukehrten und etwas in einem Kessel kochten. Ihre langen Schwänze hingen zottig an dem Mauerwerk herab. Peter lag da wie gelähmt, konnte sich nicht bewegen, so sehr er sich auch bemühte, und fragte sich, ob er schliefe. So etwas hatte er noch nie gesehen. Er hörte sie unter dem Bett lärmen, und draußen in der Kammer, dort huschten sie polternd umher, und immer mehr und mehr drängten sich durch die Tür, immerfort klang die Musik so spröd und fein. Es war wie Hummelgesumm im Hag. Jetzt kam einer den Bettpfosten hinaufgeklettert, – saß da und lauerte. Peter sah nur das spärliche Haar, ein paar spitze helle Ohren, die so dünn waren, daß die Herdflamme hindurchschien. Die kleinen Hände waren wie Rattenfüße, und doch hatten sie Ringe und Armbänder, die funkelten und klirrten, so oft sich das kleine Wesen ruckweise auf dem Bettrand beringte, beinahe wie ein Eichhörnchen auf einem Ast, und immer näher und näher kam. Mit einem heftigen Ruck richtete Peter sich im Bett auf und griff nach einer Flinte, die an der Wand hing. Als der Schuß dröhnte, wurde es pechfinster, und er erwachte davon, daß er die Flinte zu Boden fallen hörte. Erst als er den strengen Pulvergeruch spürte, merkte er, was ihn so sinnlos erschreckt hatte. Er erhob sich, hängte die Flinte an ihren Platz, wieder überkam ihn mächtig und seltsam die Angst. Der Tag begann zu dämmern. Ihn fror, aber er wollte nicht Feuer im Herd machen, er mußte sich wohl beeilen, nach Hause zu kommen. Er blieb in der Tür stehen und starrte in den Nebel, der wie eine Mauer um ihn stand, streifig von dem niederströmenden Regen. Berret ... wo mochte sie sein? Wenn nur der Regen etwas nachlassen wollte, daß er auf anständige Art nach Hause konnte, – es war hohe Zeit. Er wollte nach Hause, – nicht rennen wie ein Narr und ein Verrückter, – nein, das tat er nicht mehr! Aber wieder sagte er: Berret! Im selben Augenblick sah er sie aus dem Wald herauskommen. Er ging ihr entgegen, langsam und unsicher, starrte sie an. Ja, das war sie, das war Berret, – und nun war die Nacht vorbei, – es war heller Tag, und er mußte gehen, »Wo bist du gewesen?« fragte er leise und hastig. »Wo ich gewesen bin?« Sie blieb stehen und lachte ihn an. »Auf der Ruialm natürlich, bei Rönnaug. Es war so unheimlich hier, als Aine fort war.« Ihm kam es vor, als mache sie sich über ihn lustig, als hätte sie gewußt, daß er kommen würde, und als spotte sie jetzt nur über ihn. Sie lachte immerfort mit blinzelnden Augen, hielt die Hände auf dem Rücken und wiegte den Oberkörper hin und her. »Die Tür war offen«, sagte er plötzlich. Er ging auf sie zu. »Du sollst nicht über mich lachen«, er konnte die Worte kaum herausbringen, »meinetwegen kannst du gehen, mit wem du willst.« »Kann ich«, sie lachte trällernd, »kann ich!« Eine rasende Lust, sie zu schlagen, ihr weh zu tun, sie zu würgen und zu ersticken, sie zum Weinen zu bringen, überkam ihn. Er packte sie bei den Schultern, aber als er fühlte, wie weich sie war, wie zart und hilflos, ließ er sie so plötzlich los, daß sie nach rückwärts taumelte. Aber sonderbar war sie, – sie bekam keine Angst, sie sah ihn nur immerfort an. »Was sagst du?« flüsterte er und beugte sich zu ihr. »Nichts.« Sie stand da, als lausche sie jetzt auf etwas, und lachte nicht mehr. »Ich muß die Kühe hinauslassen«, sie neigte ihm ihren ganzen jungen weichen Körper entgegen mit emporgereckten Armen. »Berret«, rief er ihr zu. »Berret«, das hatte er ja die ganze Nacht gesagt, – nun war sie hier, und nun war es nichts. Aber als sie gehen wollte, nahm er sie in die Arme. Sie wehrte sich nicht, schmiegte sich nur an ihn, ihre Augen waren wie damals, tief und dunkel. Und als er sie küßte, hörte er, daß es in ihrer Brust gurrte von Lachen, das sie mit ihrem Munde erstickte. »Aber weinst du denn?« Er ließ sie los. Gequält und unsicher stand er da und sah, daß ihr ganzer zarter Körper zitterte. Er umfaßte sie behutsam, hob ihr Gesicht zu seinem empor, – die Augen waren dunkel von Tränen, der Mund offen und hilflos wie bei einem gequälten Kinde. »Aber weinst du denn?« Er stand ganz niedergeschlagen und ratlos da und wiederholte die Frage immer wieder und wieder. Die Zärtlichkeit stieg so stark in ihm empor, daß er am liebsten selber auch geweint hätte – all das, was er gedacht und gewollt hatte, machte einem anderen Gefühl Platz, der Empfindung, daß er nie vorher gewußt zu haben meinte; wie lieb sie ihm war. Behutsam nahm er sie auf die Arme, sie barg den Kopf an seiner Schulter, während er sie zur Sennhütte hinauftrug, – dort stellte er sie auf die Treppe. »Lebwohl«, sagte er und nahm ihren Kopf zwischen seine Hände, um sie zu küssen. Sie blickte zu ihm auf, weinte nicht mehr, – ihre Augen begegneten den seinen, – groß, offen und gefährlich schienen sie ihn zu belauern; als er sie küßte, biß sie sich, wild und gierig, in seinen Lippen fest, und es gurgelte leise in ihrer Kehle. Er fühlte sie wieder unter seinen Händen, spürte ihren heißen Atem und vergaß, daß er ihr Lebewohl gesagt, vergaß alles, was vor einem Augenblick sich in ihm geregt hatte. Als er sie nun wieder, mit harten Fäusten und gewaltsam, umfaßte, geschah es in einem wilden Schmerzgefühl. »Peter, nein, Peter!« »Nein, Peter«, machte er ihr nach. »Doch, Peter, doch, Peter!« Sie schrie auf, durchdringend, jammernd. Er schloß ihr mit gierigen Küssen den Mund, aber sie krümmte sich in seinen Armen, und dann übermannte sie wieder das Weinen. Rasend stieß er sie von sich, »Was willst du denn von mir?« schrie er, wild vor Wut und Scham, »was willst du?« Er stand mit geballten Fäusten da, stammelte und fluchte. Dann rannte er den Hang hinab. Einen Augenblick blieb er stehen, unten am Fluß – rief sie? Ja, hols der Teufel! Er watete durch das Wasser, daß es um ihn aufsprühte. Laß sie rufen, du sollst mich nicht mehr zum Narren halten! Er rannte weiter durch den Regen. Einmal drehte er sich um, sah zurück, – aber er sah nur den Nebel, der alles verbarg, – den Fluß, die Alm, die Sennhütte und sie. Berret, o Berret! Er rannte weiter, wußte fast nicht, wo er ging, hörte nur ihren Namen in den Ohren. Von diesem Heimweg blieb ihm nicht viel in Erinnerung, – nur daß er das Gefühl hatte, daß er jetzt auf alles pfiff, – ja, er scherte sich den Teufel darum, daß die Leute auf dem Hof ihn anglotzten, als er spät am Morgen heimkam, übernächtig, durchweicht und beschmutzt von Lehm und Erde. Er ging zwischen ihnen hindurch, als wäre nichts geschehen, – Mutter, Stig, ihm war alles einerlei. Hätte er nur einen kräftigen Schluck, – aber er wußte, wo Mutter den Erntebranntwein verwahrte. Dort fand Kari ihn am Abend schlafend. Er röchelte und schnarchte mit glühendrotem Gesicht. Mußte sie nun auch hier noch aufpassen? Sie hatte sonst hier auf dem Hof nie den Branntwein einzuschließen brauchen. Sie stand eine Weile da und sah den Sohn an, konnte aber ihre Gedanken nicht klären, – dennoch empfand sie es fast als eine Erleichterung, daß sie jetzt wußte, wie es war. Sie holte etwas, um es unter Peters Kopf zu schieben, breitete eine Decke über ihn ... 13 Der Regen wollte nicht nachlassen. Es klärte sich wohl bisweilen einmal auf mit blauem Himmel und Sonne, aber später am Tage bewölkte der Himmel sich wieder, und die Nacht brachte Regen. Jeden Morgen lagerte der Nebel dicht und schwer über den Wiesen. Die Heuhocken wurden zusammengepreßt und lagen wie flache Kuchen da, die zu brennen begannen und übel rochen. Das überreife Gras auf den Wiesen am Hang lagerte sich und richtete sich nicht wieder auf. Die Ernteleute gingen meist untätig umher. Sie hatten einen Teil der Flußwiesen gemäht, wo die Sichel bei Regenwetter am besten schnitt – wo Riedgras und steife Gräser standen. Jetzt vergilbte und verdorrte das Gras, während allmählich der Saft daraus entwich. Die ganze Woche regnete es, und die nächste fing mit Regen an. Die Tagelöhner waren auf ihren kleinen Höfen daheim gewesen, hatten denen geholfen, die dort zurückgeblieben waren, und alles gemäht, was sie nur schaffen konnten in den Tagen, die sie frei hatten, aber was nützte das? Wenn es keine Möglichkeit gab, es unter Dach zu bringen? Zuweilen einmal klärte es sich ganz auf, und sie beeilten sich, die nassen Haufen auszubreiten, innen waren sie schwarz und schimmelig, und ein süßlicher Modergeruch stieg von ihnen auf. Aber nicht oft hielt sich das Wetter so lange, daß etwas trocken wurde, – sie mußten es einfahren, wie es war, und es in der Scheune auf Pfosten und Gestelle breiten. Und das Heu war dampfend warm und roch moderig und sauer, die Feuchtigkeit verdampfte und legte sich als weißer Schimmel auf das Heu. Stiller als gewöhnlich ging Kari umher. Sie war ärgerlich und traurig über all das, was umkam, ohne daß sie irgend etwas tun konnte, es zu ändern. Leicht würde es nicht zum Winter werden, – schlimm war es jetzt schon – wenn es so weiterging, dürfte es bitter aussehen – es konnte ein Mißjahr für Menschen und Vieh werden. Dennoch bedrückte nicht dieser Gedanke sie am meisten. Aber die Söhne, all das, was sie um sich her fühlte, versetzten sie in eine angstvolle Unruhe, die ihr nie Frieden ließ. An dem Abend, als sie Peter röchelnd und stöhnend hatte schlafen sehen, fühlte sie, daß dies etwas anderes war als ein Rennen nach einem Mädel in einer Samstagnacht, wäre es nur nicht Berret gewesen! Burschen in dem Alter waren so, die hatten manchmal ihren Mädchenkummer. Aber mit Berret war es etwas anderes. Kari dachte darüber nach, was es sein mochte, was sie selber so an das Kind band, in Angst und ewiger Unruhe, – und doch mit einer so warmen Zärtlichkeit und Liebe, wie sie sie fast nicht für die empfunden hatte, die von ihrem eigenen Fleisch und Blut waren. Sie hatte das Kind zu sich genommen, trotz allen schlechten Vorzeichen, trotz allem, was die Leute sagten, vielleicht gerade um zu zeigen, daß sie sich nicht um so etwas kümmerte. Nein, sie verstand selber nicht, was sie gemeint und gewollt hatte. Denn nie hatte sie daran gedacht, daß Berret hier auf Braenna bleiben sollte. Sie wurde heiß vor Unwillen und Scham, wenn sie an ihre Söhne dachte, – und sie empfand auch Angst. Denn Berret konnte einen Mann wohl wie in einem schwarzen Berge gefangen halten. Sie sah ja an Peter, wie er litt. Er konnte so hilflose Augen bekommen, als hatte er sich verirrt. Die Sicherheit, die sie früher einmal empfunden, diese gute Beruhigung, wenn sie gesagt: Herr, ich lege es in deine Hände, nein, die hatte sie nicht mehr, das waren nur leere Worte, ohne Macht und Sinn, – weil sie den Glauben an Hilfe verloren hatte. War Peter alt genug, den Hof zu übernehmen, – die Verantwortung des Mannes zu tragen, eine Frau neben sich zu haben? Sie hatte früher daran gedacht, hatte es aber wieder fahren lassen, – es war ein so guter Gedanke, alles hinzugeben, es in die Hände eines Mannes zu legen, aber hatte Peter die Kräfte und die Umsicht eines Mannes? Wenn sie solche Dinge dachte, konnte eine wunderliche Müdigkeit sie überkommen. Nein, nie hatte er gezeigt, daß er sich danach sehnte, selber zuzugreifen, selber die Verantwortung und die Freude des Herrseins zu tragen, nicht nur als Knecht unter Knechten umherzugehen und das zu tun, was ihm aufgetragen wurde. Hatte sie ihn davon zurückgehalten? Hatte sie selber schuld? Hätte sie schon früher einen Teil der Verantwortung aus der Hand geben müssen? Der Junge war ja eigentlich noch ein Kind, er wußte ja nichts. Er wußte wohl kaum, wieviel Kühe sie im Stall hatten. Eins nach dem andern fiel ihr ein, – sie sah alles vor sich, all das, was zum Hof gehörte, was konnte er denn im Grunde von all dem, was dazu gehörte, um den Betrieb in Gang zu halten, um den Zusammenhalt zu schaffen? Sie hatte nur immer gedacht, das würde schon noch kommen. Eigentlich hatte sie sich vorgestellt, er würde sich eine Frau nehmen, und an diesem Tage wollte sie ihm die Zügel übergeben. Aber so würde es wohl nicht kommen. Nein, nichts wird so, wie wir glauben und wollen, dachte Kari. In der großen Stube hörte sie ein Mädchen ausgelassen und verliebt aufkreischen, – wahrscheinlich spaßte einer der Knechte mit ihr, aber Kari ärgerte sich über all dies Summen und Lachen von undeutlichen Stimmen. Worüber lachen sie? dachte sie, als der Lärm draußen immer lauter wurde, es ging lebhafter her als sonst, wenn die Ernteleute da waren. Hastig erhob sie sich und ging hinaus, – es freute sie, daß es still wurde, als die Leute sie sahen. »Ist Peter hier?« Nein, sie hatten ihn nicht gesehen. Aber ihr kamen die Leute so merkwürdig vor, sie schlugen die Augen nieder und saßen da, als wagten sie sich nicht anzusehen. Was wollen sie mich nicht wissen lassen? durchfuhr es Kari, als sie hinausging, was mögen sie für ein Geheimnis haben? Sie ging schräg über den Hof nach der Kammer der Söhne. Ein feiner Staubregen schwebte in der Luft, Wiesen, Äcker, Wald und Berge lagen grau im Abend. Die Birke draußen im Hag ließ die Zweige schlapp hängen. Einige Elstern krächzten in der Nässe. Oben in der Galerie blieb sie stehen und rang nach Atem, sie konnte Treppensteigen so schwer vertragen. Peter hatte sich zu Bett gelegt. Er fuhr zusammen, als er die Mutter kommen sah, und ihr wurde weh ums Herz, denn seine Augen waren so bang und seltsam. Er fragte kurz und entschlossen, was sie wolle. So war er in der letzten Zeit immer gewesen, war umhergeschlichen wie ein Hund, wenn er etwas ausgefressen hat. »Ist Stig hier?« Sie sah, wie erleichtert er war, als er nicht mehr dachte, daß sie von ihm etwas wollte. Kari wurde ärgerlich, Unwille quoll in ihr auf. Sie begann in einer Kiste zu wühlen, die dastand. »Hat man so etwas gesehen«, murmelte sie, während ihre Hände zitterten. »Was suchst du?« »Ich brauche etwas, aber wo habe ich es nur gelassen?« Sie suchte weiter, ohne etwas zu finden. Dann legte sie die Sachen wieder an ihren Platz und klappte den Deckel zu. Drehte sich rasch zu Peter um, der im selben Augenblick auffuhr und sich auf den Bettrand setzte, – er saß wie auf dem Sprung, um Reißaus zu nehmen, wachsam und geschmeidig, – seine Augen wichen ihrem Blick aus; – sie sah ihn plötzlich ganz deutlich, den erwachsenen Mannskörper mit dem Knabengesicht, weich und unfertig. Die nackten Füße waren nicht sauber, – sie wurde ärgerlich, wenn sie daran dachte, daß er so auf der Bettwäsche lag. Dann sagte sie rasch: »Was meinst du dazu, den Hof zu übernehmen?« Ihre Stimme war fast verlegen, aber er antwortete nicht, – es war, als käme ihm nur zum Bewußtsein, daß diese Frage nicht das war, was er befürchtet hatte, »Was hast du dir gedacht?« fragte sie wieder. »Ach, was ich gedacht habe«, sagte er langsam. »Du sitzt da, als wärst du aus Stein!« Kari war ärgerlich. »Hast du nie daran gedacht, was einmal werden soll? Willst du bloß immer so herumgehen hier?« Ihre Stimme wurde schärfer, – sie fühlte es wie Weinen in der Brust, all das, was sie auf sich genommen, wofür sie gekämpft, was sie gespart und behütet hatte, immer in dem Gedanken an den Tag, da sie es ihrem Sohn bringen wollte! Und nun saß er da, als begriffe er das alles gar nicht. »Es ist Zeit, daß auf Braenna wieder ein Mann die Zügel in die Hand nimmt«, sagte sie hart, »es ist Zeit, daß du das nimmst, was dein ist! Mit Stig werden wir alles ordnen.« Sie fragte nicht mehr, sie sprach nur ihren Willen aus. So hatte sie sich diesen Tag nicht gedacht, Er hätte zu ihr kommen und sein Erbe fordern müssen. Fordern? so schlapp wie er dasaß? Kaum, daß er eine Antwort fand. »Du bist wohl dazu geboren, zu tanzen«, sagte sie höhnisch, »und nicht dazu, zum Tanz aufzuspielen!« Peter errötete. »Dann muß es so werden, wie du willst«, sagte er gleichgültig. »Wie du willst«, ihre Stimme war schneidend, die Enttäuschung drohte ihr die Selbstbeherrschung zu nehmen. Ein Regenschauer trommelte gegen die Scheiben, der Wind preßte dagegen, es klang, als fegte ein großer Besen an der Balkenwand entlang. Peter reckte sich, als wäre es ihm am liebsten, daß sie ginge. Aber Kari blieb sitzen und bemühte sich, das zu sagen, was sie noch sagen mußte, »wenn du den Hof übernimmst, wenn du für alles einstehen sollst, kannst du nicht allein sein«, sagte sie leise und nachdenklich. »Dann mußt du dir eine Frau suchen, Peter«, fügte sie wie im Scherz hinzu. Peter richtete sich plötzlich auf, alle Faulheit, alle Gleichgültigkeit war verschwunden. Kari zuckte zusammen, sie fühlte, daß ihr das Herz im Halse schlug. »Ich?« Peters Frage klang höhnisch und kalt, wie ein häßliches Grinsen. Jetzt spürte sie seinen Willen wie eine Mauer, trotzig und hart stemmte er sich ihr entgegen. Hier hatte er seine Wurzeln, tief in der Erde unter einem mächtigen Baum, der nicht, wie das Unkraut auf ihren Gartenbeeten, ausgerissen werden konnte. Es war so dunkel geworden, daß sie sein Gesicht fast nicht mehr erkennen konnte, und darüber war sie froh, als sie sagte: »Du weißt, daß aus dem, was du gedacht hast, nichts wird, so lange ich über der Erde bin.« Sie merkte, daß er sie verstand, obwohl er zu lachen begann. »Ich weiß nicht, was du meinst, Mutter!« Sie wußte, daß er log, und doch war es nicht ganz Lüge, denn gedacht hatte er dies nicht! »Jetzt weißt du, was ich will, – anders geht es nicht, Peter.« Ihre Stimme klang fast bittend. »Ich weiß nicht, was es mit dir ist, du siehst aus, als kämst du jeden Tag aus dem Zauberberg. Du ...« Sie hielt plötzlich inne, als stände sie vor etwas Schlimmem und Gefährlichem. Es war nicht leicht, dies zu sagen, vor dem eigenen Sohn dies zu berühren. Sie hörte seinen schweren Atem durch die Dunkelheit, sonst war es beängstigend still, – nur der Regen rieselte und rauschte draußen. »Ich meine nur«, sagte sie so leise, daß sie selber nicht wußte, ob er sie hörte, »ich meine nur, bist du bei ihr gewesene« Peters Hand fiel schwer auf den Bettrand. »So gut hab ich's nicht gehabt!« er glaubte das nur zu denken, aber er schrie es heraus. Er erhob sich mit einem Ruck, wollte gehen, sich aus dem Staube machen, aber Kari vertrat ihm den Weg, sie zitterte, daß sie kaum die Worte herausbringen konnte. »Peter!« Er murmelte etwas, wollte sie beiseiteschieben, aber sie faßte ihn beim Arm, hielt ihn zurück: »Peter, du mußt mich anhören!« Mit einem Ruck riß er sich von ihr los und stürzte durch die Tür hinaus. »Peter!« Sie ging ihm nach, aber er war schon auf dem Hof und verschwand zwischen den Gebäuden. Bebend vor Zorn stieg sie die Treppe hinunter und ging in ihre eigene Stube, wohin ging er; Und wo war Stig heute abend? Sie legte sich hin, überließ sich ihren Gedanken, wieder und wieder hörte sie Peters Worte: »So gut hab ich's nicht gehabt!« und wußte nicht, ob das gut oder schlimm war, was er ihr gesagt hatte. Der Hof ... wie sollte das alles werden? Sie erinnerte sich der Sage von dem Bauern, der seinen Acker pflügte. Da kam ein Bursch aus dem Walde und bat, den Pflug lenken zu dürfen. Der Bauer sagte Nein, und der Bursch ging wieder fort. Aber als er weg war, merkte der Bauer, daß es sein eigener Sohn gewesen war, den die Kobolde im Berg gefangen hielten. Hätte er die Hand an den Pflug legen dürfen, so wäre er erlöst gewesen, – jetzt hielten die Kobolde ihn für immer im Berge fest. – Hätte sie dies tun müssen, als er noch jünger war, – ehe er Mann wurde? War es zu spät, wenn sie ihm jetzt den Pflug überließ? Oh, sie wollte ihm den Pflug in die Hand zwingen , – und sollte sie ihn daran festbinden müssen! ... Endlich bekamen sie das Heu unter Dach, aber es war kaum so, daß die Kühe es fressen wollten. Viel war es auch nicht. Kari war fast jeden Tag auf dem Heuboden und betrachtete das Heu, das immer mehr zusammenfiel, Es war ja kaum der halbe Ertrag. Sie schickte Leute in den Wald, um Laub zu schneiden. Sie hatten auch vor Johanni Laub geschnitten, solange es noch jung und kräftig war. Jetzt mußten sie versuchen, mehr einzubringen, aber es war schon so spät im Jahr, daß der Saft heraus war, – dies Laubheu füllte nur noch den Magen, die Espen begannen gelb zu werden, auch hier und da eine Birke, wo der Boden mager war. Und das Korn? Das war noch grün, lagerte in der Nässe, würde wohl in diesem Jahr keinen Ertrag bringen, wenn nun der Schnee in den Bergen früh kam, so daß sie auch kein Renntiermoos sammeln konnten, so würde es schlimm aussehen. Sie mußten Vieh abschlachten, sehen wie sie durchkamen und auf ein zeitiges Frühjahr hoffen. Davor hatte Kari keine Angst, obwohl es schlimm genug war, die Tiere hungern zu sehen, wie früher in Mißjahren. Sie war ja jetzt schon ziemlich alt und erinnerte sich an so vieles. Saatkorn hatten sie für drei Jahre auf Braenna, so war es Brauch, war immer so gewesen, so lange, daß niemand mehr wußte, wer den Anfang damit gemacht hatte. Es war eben so, – und mehr als dreimal hintereinander war fast nie ein Mißjahr gekommen. Das war wohl nur einmal geschehen, damals als die Bauern ihre Pflüge zum Amtmann schickten und sagen ließen, sie hätten nichts, was sie pflügen könnten. Tag für Tag sehnte Kari sich danach, daß der Herbst käme ... und der Winter. Sie dachte, alles müsse dann leichter werden, wenn sie nur alle auf dem Hof beisammen und alles unter den Augen hätte. Mit Stig, dem Knaben, würde sie schon fertig werden, wenn nur erst die Sache mit Peter geordnet war. Sie meinte Stig noch weniger zu kennen als Peter, wußte nie, was er vorhatte. Jetzt war er wieder mit Asbjörn zusammen zum Fischen oben am Tiefsee, obwohl er hier auf dem Hof gebraucht wurde, obwohl sie jede Hand brauchte, nachdem die Tagelöhner nach Hause gezogen waren, um für den Winter für sich selber das unter das Dach zu bringen, was geborgen werden konnte. Auf Peter paßte sie auf, – er war seit damals nicht vom Hof fortgewesen, so viel wußte sie. Er ging für gewöhnlich wie früher umher und tat nur das, was ihm aufgetragen wurde, verdrossen und gleichgültig. Sie hatte versucht, ihm mehr anzuvertrauen, hatte den Leuten gesagt, sie sollten Peter nach diesem oder jenem fragen, aber sie mußten schließlich doch zu ihr kommen. Wenn nur erst der Herbst da wäre, damit sie alles überdenken könnte! Wenn er selber die Dinge nicht ordnen wollte, so mußte sie das übernehmen und ihn zwingen. Mußte ihm Pflug und Zügel in die Hand zwingen. Wenn er nur eine Frau bekäme, würde alles leichter gehen, – eine Frau, Kinder und Wirtschaft, dann würde er die Jungenstreiche vergessen und sich schämen. Aber bisweilen hielt sie mitten in ihren Gedanken inne und fühlte, wie das Herz rasch und unruhig schlug bei den alten Erinnerungen, – wie sie durch die Nacht eilte mit dem fremden Kinde an der Brust, das ihr Blut trank, und wie der Wald nach ihr rief und sein Eigentum zurückverlangte. 14 Eines Tages in der Ernte ritt Kari zum Dorf hinüber. Sie hatte gesagt, sie sollten Korn mähen, während sie fort war, – das Wetter war einige Tage günstig gewesen. Reif war das Korn nicht, aber es war jetzt schon so spät im Jahr, daß plötzlich eines Nachts der Frost kommen konnte. Nicht oft war sie in den letzten Jahren diesen Weg geritten, wunderlich fremd war ihr alles, was sie sah. Die Brücke dort unten, – das war nicht die Brücke, die sie gekannt hatte. Die Gehöfte lagen nicht an der Stelle, wo sie früher gelegen hatten. Der Rosthof befand sich jetzt höher oben am Hang und war nicht das, was er gewesen war, – jetzt lagen nur ein paar armselige Häuser am Waldrande auf kleinen Stücken Rodeland, das die Überlebenden gerodet und bearbeitet hatten. Wo das große Gehöft gelegen hatte, wuchs dichter Erlenwald. Der Fluß hatte sich ein neues Bett gegraben, Wacholder und Gestrüpp machten sich an den Plätzen breit, wo einst Menschenwohnungen waren. Und wo die guten Äcker sich gedehnt, wo sonst das Korn gewogt hatte, wo Menschen mit Sense und Sichel bei der Arbeit gewesen waren, da lag nur nackter, kahler, weißer Sand um kleine Teiche und Tümpel mit dichtem Schilf. Eine neue Kirche hatten sie bekommen, weiß und fremd lag sie auf dem Gipfel eines Hügels. Die Björa hatte sich ein neues Bett gegraben, wo die alte Kirche gestanden hatte, sie hatte sie mitgerissen und fast den ganzen Kirchhof weggeschwemmt. Hier war nur noch ein tiefes Flußbett mit Geröll und Schutt zwischen Sand und Kies. Mit wehem Herzen ritt Kari weiter. Leicht war ihr Weg heute auch nicht, – sie wollte Peter eine Frau suchen. Ehe sie sich auf den Weg machte, hatte sie geglaubt, es wäre eine einfache Sache. Aber je mehr sie sich dem Dorf näherte, das so fremd, so kahl und arm dalag, um so hilfloser und verlegener fühlte sie sich. Denn war ihre Absicht ehrlich? Sie kam ja nicht nur, um für Braenna eine neue Herrin zu suchen, um das Erbe in neue Hände zu geben ... So hatte sie sich die Verheiratung ihres Sohnes nicht gedacht. Sie hatte ihm gesagt, warum sie diesen Ritt unternahm – er hatte nicht viel darauf geantwortet. Wollte er nicht? War er nur ein zu großer Schwächling, um sich zu weigern? Die Leute, an denen sie vorbeiritt, grüßten, still und kurz. Ihr war, als wüßten alle, warum sie kam. Und würde ihr Vorhaben etwas nützen? Alle auf Braenna hatten sich ihre Frauen selber gewählt, soviel sie wußte. Soviel Verstand und Unternehmungsgeist hatten die Männer gehabt, die dort gelebt hatten. Worauf sie vielleicht verzichtet und was sie für Hof und Geschlecht geopfert hatten, das wußte niemand mehr, oder es sprach doch niemand davon. Nur daß sie alle ihr Leben gelebt hatten, wie es sich für Männer aus gutem Geschlecht und von Wohlstand ziemte. Sie kam sich fast vor wie eine Bettlerin, als sie müde und durchgerüttelt auf dem großen Hof des Krukegehöftes ankam und man ihr vom Pferde half. Sie war seit vielen Jahren nicht hier gewesen – zuletzt, als ihr Mann noch lebte. Die von Braenna waren weitläufig mit den Krukebauern verwandt, der Krukebauer, Guttorm, hatte in Pers Familie eingeheiratet – aber Kari wußte nicht recht, wie es eigentlich zusammenhing ... Guttorm hatte vor einigen Jahren einige kleine Hofstellen gekauft, die zu Braenna gehört hatten, – eine von denen hatte er wiederverkauft. Dann war Streit entstanden um ein Stück Wald, das nach Karis Meinung noch zu Braenna gehörte. Aber der Mann, der dies Grundstück gekauft hatte, ließ dort Holz schlagen, und nicht nur an dieser Stelle, sondern auch anderswo, wo jeder es als unrechtmäßig bezeichnen mußte. Es war ja kein Grund, sich aufzuregen, – von dem kümmerlichen Wald war genug da, aber er hatte ein Recht verletzt, und das wurmte sie. Kari hatte es als eine Erleichterung empfunden, daß sie dies Anliegen hatte, daß es doch etwas zu besprechen gab, als sie kam. Guttorm war seit mehreren Jahren Witwer, hatte nur zwei Töchter mit seiner Frau gehabt, Barbro und Randi. Das gibt einmal eine gute Erbschaft, dachte Kari, während sie von ihren Angelegenheiten sprach. Sie beobachtete seine Töchter, die allerlei hervorholten und für den Gast den Tisch deckten. Sie gefielen ihr, sie schienen geschickt zu sein und gewohnt, etwas anzugreifen. Aber während sie sprach, wollte der demütigende Gedanke nicht von ihr weichen, daß Guttorm ahnte, was sie im Schilde führte, daß sie nicht wegen des Stückchens Wald in den Bergen gekommen war. Und ihr Verhalten war nicht ehrlich. Nein, das war es nicht. Guttorm fragte nach ihren Söhnen, – er hatte sie nicht gesehen, seit sie kleine Knaben waren. Und fast ehe es Kari selber bewußt wurde, begann sie zu erzählen, daß sie jetzt große, erwachsene Männer wären und daß sie die Absicht hätte, zum Frühjahr Peter den Hof zu übergeben. »Aber ist er nicht noch sehr jung?« Guttorm strich sich den Bart. »Einmal muß er ja doch zugreifen, – ich fühle mich abgenutzt, – es ist nicht immer leicht gewesen.« »Nein, nein«, Guttorm blickte zu Boden, »bei dir ist es ja sehr einfach, du hast Söhne, – du hast jemanden, dem du deinen Hof überlassen kannst«, seine Stimme klang ganz bekümmert, als er das sagte. Nun sprach Kari weiter, rühmte ihren Sohn und schilderte, wie zuverlässig er für seine Jahre wäre. Sie erglühte vor Scham. Guttorm erhob sich und ging im Zimmer auf und ab, – er lächelte, als er sie ansah, und plötzlich wußte sie, daß er verstanden hatte. Sie fühlte sich erleichtert und hatte nun das Empfinden, als wäre der Weg, den sie zu gehen hätte, gerade und breit. Als sie gegessen hatte, ging sie mit Guttorm auf dem Hof umher und nahm alles in Augenschein. Hier auf Kruke war alles so hell, so leicht, das kam wohl daher, daß das Tal hier so breit war und sich auf einen großen See öffnete. Sie hatten das Korn schon eingebracht, alles war hier früher als auf Braenna. Sie blieb zwei Tage auf Kruke. Und als sie sich wieder auf den Weg machte, war ihr froher und leichter ums Herz als seit langem. Als sie im Sattel saß und sich verabschiedete, trat Guttorm noch einmal zu ihr und machte sich am Zügel zu schaffen. »Komm wieder«, sagte er, »wenn du einmal Lust dazu hast, und es wäre nett, auch deine Söhne zu sehen.« Kari ritt durch das Dorf zurück, – das Wetter war umgeschlagen. Es war eisig kalt, und schwere Regenwolken fegten durch das Tal. Oben in den Bergen schneite es. Als es sich aufklärte, sah sie, daß der gelbe Laubwald weiß von Schnee war. Sie ritt rasch, sie fror und sehnte sich nach Hause. Je höher sie hinauf kam, desto schlimmer wurde das Wetter. In den Bergschluchten schneite es, große weiße Flocken wirbelten nieder. Sie sah, daß auf Braenna die Äcker weiß waren, der Schnee lag dick auf dem Korn, das in Hocken stand. Matthias kam heraus, als er das Pferd hörte, und half ihr aus dem Sattel. »Das Wetter ist nicht gut geworden.« »Nein«, er faßte die Zügel, »das Korn wird wohl bloß Viehfutter geben, wenn es dafür noch taugt.« »Ist Peter im Hause?« »Peter? Nein, der ist gestern in die Berge gegangen auf Renntierjagd.« Kari starrte Matthias an, als hätte sie ihn nicht verstanden. Peter hatte doch gewußt, weswegen sie unterwegs war, und er kümmerte sich nicht einmal darum, zu erfahren, was daraus wurde. Als sie ins Haus trat und die Leute begrüßte, kamen Mißmut und Angst wieder über sie. »Ich will kein Essen haben«, sagte sie und ging in ihre Stube. Sie meinte hören zu können, wie still es jetzt draußen wurde. Was flüsterten sie? Was wußten sie? Und was verschwiegen diese Leute? 15 Was die Mutter im Sommer angedeutet, hatte Peter nicht ernst genommen, hatte fast nicht wieder daran gedacht. Jetzt war es gefährlich und lebendig nah gekommen, an dem Tage, als die Mutter fortritt und ihm nur mit ein paar Worten sagte, warum sie sich auf den Weg machte. Hinterher war er nur zornig gewesen. Glück auf die Reise! Seinetwegen konnte sie hingehen, wohin sie wollte. Es wurde nichts draus, sie sollte sehen, daß nichts draus wurde. Aber doch fühlte er, wie sich ihm die Kehle zusammenschnürte vor Angst, wenn er an den Tag dachte, da sie wiederkommen würde. Er machte sich mit den anderen an die eilige Arbeit, das Korn auf den Feldern zu mähen. Aber als das letzte Korn in Hocken stand, hielt er es nicht mehr aus. Er nahm einen Korb mit Essen mit und begab sich in die Berge. Er ging den bekannten Pfad bergauf in der klaren, kühlen Luft des Herbsttags, – die ganze Talseite, wo er ging, lag im Schatten, aber am Hang auf der andern Seite brannte und flammte die Sonne in lodernd gelben Espen und rotgeflammten Birken. Laub fiel raschelnd um ihn nieder, wenn nur der Wind sich im Walde regte. Je weiter er ging, desto leichter fühlte er sich. Er meinte jetzt dem Hof und allem, was dazu gehörte, sehr fern zu sein. Und dennoch, – es hatte ihn wie ein Schauer durchrieselt, als die Mutter ihm den Hof anbot. Er hatte es ja immer gewußt, daß es so war; es war ja sicherer und unerschütterlicher als irgend etwas anderes in der Welt, daß er Braenna bekommen würde. Er hatte nur nie darüber nachgedacht, hatte nicht gedacht, daß es gerade jetzt kommen würde. Berret, – er hatte sie seit damals nicht gesehen, und das war jetzt so lange her. Ihm wurde heiß, wenn er daran dachte, daß er ihr wieder begegnen sollte. Seine Flinte hing in der Sennhütte, er hatte dort etwas zu tun, da war es nicht weiter sonderbar, daß er sich blicken ließ. Es war ja nun einmal so, daß er nicht wie früher dort ein- und ausgehen konnte. Er mußte einen bestimmten Vorwand haben, sonst war es so peinlich. Er dachte nicht weiter als an dieses: daß er seine Flinte holen und daß er Berret wiedersehen würde. Er meinte sie ganz nah und lebendig vor sich zu haben, wenn er nur ihren Namen sagte. Schneller und immer schneller ging er. Als er auf die Hochfläche kam, stand die Sonne tief über den Trollbergen, die von Neuschnee bis an den Fuß weiß waren. Es wehte ein rauher Herbstwind, und das Sonnenauge spiegelte sich hitzig und blendend in Flüssen und Sümpfen. Eine heftige Freude ergriff ihn, als er dies alles wieder, sah, als er den kühlen Hauch des Herbstes spürte und den Neuschnee auf dem Berge sah und Hügel und Land weithin in den feurigen, blutigen Farben des Spätherbstes glühten. Jetzt standen die Forellen in Schwärmen oben in den Bächen. Und das Renntier ... die großen, grauen Haufen in schwindelndem Lauf, die verzweigten Gehirnkronen der Böcke, an denen in blutigen Fetzen die Haut hing ... und dann die Spannung, die Anstrengung. Die Freude, wenn die Schüsse hallten und das Tier stürzte, wenn es dann mit eisig klammen Fingern ausgeweidet und das warme Blut getrunken wurde! Da hörte er plötzlich laut und hell einen Lockton. »Ja, komm doch, komm doch!« Sah die Ziegenherde aus dem schütteren Bergwalde hervorstieben, und da stand sie, Berret, und lockte die Tiere von der Alm her. Die Sonne schien ihm gerade ins Gesicht, so daß er fast geblendet wurde. All das, was zu ihm gesprochen hatte, was in ihm aufgeflammt, war mit einem Schlage verschwunden. Er sah nur Berret, die in der Sonne stand. »Du bist in den Bergen?« »Ja, ich wollte auf Renntierjagd.« »Ach ja, Stig dachte schon daran, daß du kommen würdest.« Sie lachte, als sie das sagte, als dächte sie an etwas. »Ist er hier gewesen?« fragte Peter rasch. Sie zuckte die Achseln, eine Bewegung, die er so gut kannte, verschränkte die Arme auf dem Rücken und wiegte sich hin und her. »Ach, er kommt und geht«, sagte sie vor sich hin. Die Ziegen scharten sich um sie zusammen, zupften an ihren Kleidern. Von den Böcken ging ein strenger Geruch aus. »Ich wollte bloß meine Flinte holen.« Seine Stimme zitterte. »Die Flinte? Die hängt drinnen.« »Ja, und dann gehe ich wieder.« »Das tust du wohl«, sie lachte nur und streichelte eine der Ziegen, die mit dem Gehörn stieß und spielen wollte. »Das tust du wohl.« Sie legte den Kopf auf die Seite und blickte zu ihm auf, lachte wieder und spielte mit der Ziege. »Ja, lebwohl«, sagte er schroff und ging zur Sennhütte hinauf. Dort traf er Aine. Sie blieb stehen und plauderte mit ihm. »Ach, willst du heute abend noch weiter? Es wird ja schwarze Nacht für dich. Du willst doch wohl etwas zu essen haben?« »Ach danke«, er schlenderte ins Haus. Daß Berret nicht so etwas sagen konnte, wie Aine jetzt, daß sie ihn nicht bat, zu bleiben, daß sie nicht irgend etwas sagte, woran er sich wie an eine Güte erinnern konnte ... vielleicht wollte sie es nur nicht zeigen ... diesen Gedanken griff er auf, blieb sitzen und spann ihn weiter. Die Mägde kamen herein, und Aine holte Essen. »Es soll nicht lange dauern«, sagte sie, »du hast wohl Eile?« »Ach«, sagte er zögernd, »das macht nichts ...« Aine ging umher und schwatzte, deckte unterdes den Tisch. Ob er schon gehört hätte, wann sie hinunter sollten, hier werde das Futter allmählich knapp, und so rauh und kalt wäre es die ganze Zeit gewesen! »Ja, Mutter ist augenblicklich fort«, er wurde rot, als er das sagte. Er blieb am Tisch sitzen, als er gegessen hatte, und konnte sich nicht entschließen, zu gehen, – ihm war immer, als warte er auf irgend etwas, wenn sie da war. Aine stand am Herd und kochte. »Hole ein paar Scheit Holz«, sagte sie zu Berret. Peter erhob sich rasch. »Ich werde helfen.« Berret blieb stehen, sah ihn an, – lauernd, neckend. »Dann brauche ich ja nicht zu gehen«, sagte sie, setzte sich wieder, gähnte, dehnte sich behaglich und weich im Schein des Herdfeuers. Rasend ging er hinunter in den Holzschuppen, – es begann schon dämmerig zu werden, und drinnen war es finster. Er tastete nach dem Haublock, – viel war nicht da, aber er sammelte etliche Späne und Holzscheite zusammen und trug sie ins Haus. »Ich werde wohl bis morgen bleiben müssen, ihr habt kein Holz, sehe ich!« »Ach, das ist immer so«, lachte Aine, halb ärgerlich. »Matthias geht meistens fischen, wenn er hier ist und Holz hacken soll.« »Deswegen brauchst du dich nicht zu bemühen«, sagte Berret leise. Es war, als wäre es ihr lieber, wenn er ginge. Er setzte sich, ungewiß und zögernd. Die Dämmerung draußen vor dem kleinen Fenster, das von der Wärme betaute, wurde dichter und immer dichter und vertiefte sich auch drinnen immer mehr, so daß die Herdflammen warm und leuchtend mit schwarzen Schatten spielten, wieder und wieder dachte er: »Jetzt nehme ich die Flinte und gehe, – es wird ja wohl nicht so dunkel sein, daß ich nicht auf irgendeine Weise zum Tiefsee finde.« Aber es war auch nicht angenehm, jetzt bei Nacht diesen Weg machen zu sollen. Und dann hatte er das von dem Holz gesagt. Dennoch wußte er ganz tief in seinem Innern, daß dies nicht die Gründe waren, nein, er saß hier und wartete – wartete. Er reckte sich gähnend und ging in die Kammer, sagte nicht einmal Gute Nacht, schloß nur die Tür und tastete sich im Dunkeln nach dem Bett. Es war rauhkalt hier drinnen, roch nach Käse und Butter. Er zog die Stiefel aus und kroch in Kleidern unter die Decke. Als er erwachte, war es heller Tag, – er hörte draußen sprechen... und bimmelnde Ziegenschellen, und die Kühe waren herausgelassen, war es schon so spät? Die Sonne stand tief im Osten, und die Kälte war schneidend. Auf einem Wassereimer, der draußen stand, war dünnes Eis, und der Reif lag weiß auf den Almen. Er ging hinunter in den Schuppen und hackte Holz, bis Aine ihn zum Essen rief; aber er ließ sich Zeit, ehe er hineinging. Die Mädchen waren eifrig bei der Morgenarbeit, – sie wollten zur Ruialm, hörte er. Als er gegessen hatte, suchte er seine Sachen zusammen, packte den Vorratskorb voll, nahm die Flinte von der Wand. »Also, dann lebt wohl!« Damit ging er. Es tat wirklich gut, wieder eine Flinte in den Händen zu führen. Und dort hinten lagen die Berge in der Herbstsonne, weiß von Neuschnee und schön. Ein Ruf ertönte hinter ihm, – es klang wie ein Locken – das war Berret, die zwischen Zwergbirken und Gestein den Hang heruntergelaufen kam. »Du hast etwas vergessen«, sagte sie außer Atem, »sieh her!« Sie reichte ihm ein altes Pulverhorn, das all die Jahre in der Sennhütte gehangen hatte. Es war mit Blumen und Tieren geschnitzt, der Boden war zerbrochen, so daß es nicht mehr zu brauchen war. Er wollte machen, daß er fortkam, wollte sie nicht sehen, so ein Satansmädel! Sie spielte mit ihm. Er wurde röter und immer röter, als er hörte, wie sie dastand und lachte. Ob er wollte oder nicht, – er mußte sie ansehen. Ihre Nasenflügel zuckten, – erinnerten ihn wieder an einen Schmetterling, der zitternd auf einer Blume sitzt. Wieder strömte es auf ihn ein, all die heißen Träume, all die saugende Sehnsucht, – und nun stand sie da, – Berret! »Sagtest du etwas?« fragte er, obwohl es so sinnlos war, jetzt etwas zu sagen. »Nein«, erwiderte sie und schloß die Augen, als warte sie, öffnete sie wieder und sah ihn an. Er machte einen Satz auf sie zu und wollte nach ihr greifen, aber in all dem, was in ihm brauste, hörte er einen warnenden, durchdringenden Ruf. Er sah sie wieder an und hielt inne. Das Spiel, das sie mit ihm gespielt hatte, das wollte sie wohl wieder spielen. Es war ihm, als risse er sich mit einem Ruck los, der quälend schmerzte, als er nun von ihr fortging. »Peter«, sie rief ihm nach, rief wieder, aber er ging, obwohl er die Empfindung hatte, als lägen die Saiten seines Herzens bloß und würden durch Gestrüpp und Geröll hinter ihm hergezerrt. Er blieb auf einem Hügel stehen, lauschte, sah sich um. Nein, sie war nicht da. Er ging weiter, sah sich aber immerfort um. Kam sie nicht? »Warum habe ich das getan?« dachte er, krank vor Sehnsucht und Verzweiflung, »warum habe ich das getan?« Jetzt hätte er sie in seinen Armen halten können und hätte sie gefühlt, wie er sie schon einmal gefühlt hatte. ... Stig saß in der Stalltür und flickte Netze. Er nickte nur zur Begrüßung und sagte, es wäre gut, daß Peter jetzt käme. »Asbjörn hat versprochen, mit auf Jagd zu gehen. Aber keiner weiß, wo er sich herumtreibt, hier hat er sich nicht blicken lassen.« Es schien viele Renntiere in diesem Jahre zu geben, – Stig hatte eine ganze Herde am Fuß des Baksiusberges gesehen. Peter saß dabei und aß, gab kurze Antworten oder nickte nur. »Kommst du heut schon vom Hof herauf?« »Ja«, Peter antwortete, ehe er sich recht bedacht hatte, und wurde im selben Augenblick rot. »Da bist du heut aber früh unterwegs!« Peter wurde noch röter. Stig sah es, sah, daß Peter log. Die Wut stieg in ihm auf, so kalte Wut, daß es ihn fast erschreckte. Stig starrte den Bruder an, – jede Bewegung quälte und marterte ihn. »Du«, sagte er plötzlich, »meine Hand... hast du gesehen, daß sie geheilt ist?« Er streckte sie Peter hin und streifte den Jackenärmel hoch. »Komische Narbe, was?« Peter sah auf die Hand – auf die kleinen weißen Narben, die in einem Halbkreis am Handgelenk saßen. »Ja?« sagte er unsicher. Stig lachte wieder. »So ein Fuchs war das, scharfe Zähne hatte er. So sind sie – beißen, wenn man sie anfaßt.« Er zuckte die Achseln, warf sich auf das Bett und begann zu pfeifen. In seinem Innern fühlte er einen so sonderbaren Schmerz alles war so wunderlich. Peter ging hinaus. Wäre er nicht gegangen, dachte Stig, könnte ich jetzt nicht eine Weile Ruhe haben, so wäre etwas geschehen. 16 Es fror in der Nacht – auf dem See hatte sich Eis gebildet, aber eine kalte, rauhe Brise hatte es aufgerissen und es an den Steinen des Strandes zermalmt. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, die Hochfläche war grau von Rauhreif – die weißen Berge blauten gegen den Morgenhimmel. Peter und Stig gingen rasch bergauf – das gefrorene Renntiermoos raschelte spröde unter ihren Füßen. Das Schwarzmoor hatte spinnwebfeine Eismuster auf dem dunklen Boden. Das steife Gras war geknickt, welk und tot. Der Buschwald hatte alles Laub verloren. Die feinen, kriechenden Zweige glitzerten von Reif. Die Sonne stieg allmählich empor, stach ihnen gerade in die Augen, und hinter ihnen begann die Hochebene sich golden zu färben und zu funkeln, in langen, blauen Schatten. Im Osten lag das Hochgebirge, darunter sah man waldige Höhen sich wie ein dunkles Band durch all das Weiße winden, auf das die Wolken des Himmels Licht und Schatten warfen. Stig zog die Mütze in die Stirn und blinzelte in die Sonne; die Augen brannten und schmerzten von dem starken Strahlenglanz. Peter blieb auch stehen und verzerrte den Mund. In Wellen breitete sich die Hochfläche um sie her aus, fiel im Westen nach Lösten und Dalarn ab, da wo die Elgvaßhöhe sich wie ein krummer Drachenrücken erhob. Im Norden stand der Styggberg scharf gegen den Himmel, rauh und mächtig, mit glitzerndem Schnee auf dem Gipfel, – schwarz an den steilen Hängen zum Semletal, wo eine Lawine zu Tal gerast war und dünne, gefrorene Wasserläufe schimmernd an eisbedeckten Felsvorsprüngen hingen und grün glitzerten. Aber ganz nahebei im Süden brüteten die Trollberge mit bläulichem Eis unter dem Neuschnee, – wuchtig mit gezackten Kämmen und spitzen Gipfeln, die sich gespalten hatten und Steinlawinen zu den engen, eisgefüllten Tälern und Schluchten niedersandten. Der Wind war schneidend mit kaltem Schneegeruch, – spielte mit dem Schnee, fegte ihn über das hellgraue Geröll, über die vereisten Steine, die mit gelber Flechte bewachsen waren. Ihre Augen wanderten langsam und suchend von Berggipfel zu Berggipfel, über Geröllhalden, auf denen die Steine wie schlafende Tiere im Schnee lagen. Ein Schwarm Schneehühner strich kreischend hinweg, – flatterte um Steinblöcke, über weiße Schneeflocken. Es war, als hätte die graue Moräne plötzlich Leben bekommen. Dann flogen sie auf, wobei ihre Flügel, als sie über einen Kamm hinwegflatterten, weiß und grell aufblinkten. Die Brüder nahmen den Weg nach Lösten. Nicht, daß es eigentlich ihre Absicht gewesen war, so weit zu gehen, – sie hatten erwartet, die Tiere mehr in der Nähe zu finden, so daß es nicht so mühsam sein würde, das Fleisch nach Hause zu schaffen. Peter war müde und gleichgültig, – das war während der Wanderung allmählich über ihn gekommen. Er dachte, es würde sich legen, es sei nur eine morgendliche Unlust, aber es wollte ihn nicht loslassen, und mehr und mehr fühlte er den Unwillen gegen den Bruder wachsen, nur weil er mit ihm hier zusammen sein mußte. Die Sonne brannte, daß der Schweiß perlte. Unter dem schweren Rucksack klebten die Kleider am Rücken. Sie kamen in das Kvensletal, ein mächtiges Gesenk mit kaltblauen Schatten. Bis dorthin kam die Sonne nicht, – ein Fluß toste auf dem Grunde unter Neueis. Die Kälte war schneidend, als sie in den Schatten der Kvensletalhöhe kamen. Rainfarnblüten lugten zwischen der dünnen Schneeschicht vor, erfroren und farblos, glitzernd von Reif. Das Schneehuhn hatte seine Spuren hinterlassen, – die Flügel waren im Schnee abgedrückt, als es am Morgen aufgeflogen war, um sich in die Sonne hinaufzuheben. Eine Fuchsspur schlängelte sich zwischen den Steinen, – er hatte gewiß die Schneehühner belauert. Als sie zur Semlehöhe hinaufkletterten, fanden sie Renntierspuren. Der Wind hatte Schnee darüber geweht, die Sonne hatte die scharfen Kanten weggenommen, – es mußte also eine Weile her sein, seit sie hier gegangen waren. Dennoch gingen die Brüder vorsichtiger, tasteten mit den Füßen, um nicht mit losen Steinen zu klappern. Stig blieb auf einmal stehen, stand zusammengekauert da, griff nach der Flinte. Am Rande des Lösten, wo große, gespaltene Schneegletscher über die Abhänge hingen, sah er Tiere – es war nur ein Schimmer von etwas Dunklem, was abwärts rannte. »Ich glaube beinahe, es waren Bären«, flüsterte er außer Atem, indem er den Rucksack abwarf. Sie setzten sich in Trab, suchten die Stellen auf, wo am meisten Schnee lag, um die Schritte zu dämpfen. Duckten sich tiefer und immer tiefer, warfen sich zu Boden und krochen, – kamen bis an den Rand. Schroffe Berggipfel lagen im Kranz wie Zähne in einem Raubtierrachen um die mächtige Talsohle. Und ganz hinten unter steilen Klippen und Geröll ein großer Eisgletscher, zackig, zerborsten und verheert. Ganz unten sahen sie eine Renntierherde in wilder Jagd über große Gletscher setzen, – wie ein grauer Strom wälzte sie sich abwärts, – wurde in einer engen Schlucht zusammengepreßt und sprühte dann wieder auseinander, – lichtete sich, verstreute sich und verschwand auf den großen Geröllhalden unter dem Kallbotten. Plötzlich riß Stig die Flinte an die Backe und schoß, – wie rollender Lärm tönte das Echo von allen Bergen zurück. Peter sah einen Bären in dem Geröll unter ihnen aufspringen und in langen Sätzen einen schrägen Gletscher hinaufeilen. Dann brach er zusammen, lag da und bewegte hilflos die Tatzen. »Nicht schießen«, sagte Stig, als Peter die Flinte hob, – »der ist erledigt!« Aber Peter schoß doch, der Bär reckte sich, wurde ganz flach, und nun begann er zu gleiten, rascher und immer rascher, und hinterließ eine blutige Spur im Schnee, der aufgewühlt wurde und mitrutschte, zu einer kleinen Lawine wurde. Der schwere Körper machte einen Satz durch die Luft, als er gegen einen Stein prallte, wirbelte herum und verschwand unter einer schroffen Felswand in einem Schneesturz. »Was zum Teufel hast du zu schießen?« Stig war wütend, »Willst du dir einen Anteil erschleichen?« Er wurde immer rasender. »Ich sagte doch, du solltest es nicht tun.« »Ich schieße, wenn es mir paßt.« »Ach ja ...« Stig lachte verbissen und höhnisch. Er suchte nach einem Wort, das er dem Bruder zuschleudern, das ihn treffen konnte. »Es liegt dir ja, das Schleichen nach etwas, was nicht dein ist. Du Fuchs!« Stig erschrak, als er das gesagt hatte. Er versuchte zu lachen, »Wollen wir nicht nach ihm suchen?« fügte er verlegen hinzu. »Du kannst tun, was du willst, hol's der Teufel!« Peter preßte seine Fäuste um den Kolben der Flinte. Stig bekam geradezu Angst vor ihm, »Mag sein«, sagte er nur, schulterte die Flinte und begann im Schnee abwärts zu klettern. Stemmte die Füße fest auf und rutschte, daß der Schnee sprühte. Mit geschmeidigem Rücken, schlank und sicher, glitt er bergab. Peter starrte ihm nach. Stig war an eine Schlucht gekommen und blickte suchend umher. Mit einem wilden Fluch riß Peter die Flinte an die Backe, zielte, suchte den Rücken des Bruders dort unten. Der Flintenlauf tanzte in seinen zitternden Händen auf und ab. Er meinte alle Macht, die er hatte, in den Finger zu legen, die den Hahn zurückzog. Hatte einen warmen Blutgeschmack im Munde, wartete auf das Dröhnen des Schusses, wartete darauf, den Bruder nach vorn taumeln und im Geröll dort unten verschwinden zu sehen. Der matte, stählerne Anschlag des Hahns klang in unerträglicher Qual in seinem Hirn wieder. Allmählich und mit Mühe begriff er, daß der Schuß versagt hatte, er hatte die Flinte ja nicht frisch geladen. Der Schweiß brach aus, er fühlte einen eklen Geschmack im Munde, ihm zitterten die Beine so, daß er kaum stehen konnte. Er näherte sich seinem Rucksack, nahm ihn auf den Rücken und begann in den alten Spuren zurückzugehen. Sie standen so deutlich nebeneinander im Schnee, die Spuren von zwei lebenden Menschen, von zweien, die hier gegangen waren. Mörder! Es war nicht sein Verdienst, daß er es jetzt nicht war. Er begann zu weinen, tränenlos und jammernd, dann mußte er innehalten, um auszuspeien. Er hatte es gewollt, es getan. O Gott, was hatte er gewollt, was hatte er getan! Ohne zu denken, ohne zu zweifeln. »Mörder«, sagte er laut mit zuckendem Munde, das Gesicht vom Weinen verzerrt. Große Wolken waren heraufgezogen und hatten sich vor die Sonne gelegt, der Wind nahm zu, begann um ihn her zu heulen, und der Schnee wirbelte von den Berggipfeln auf. Über den ganzen Westhimmel jagten mächtige, blauschwarze Wolken, kaltgrün an den Rändern. Ein Schwarm Raben segelte wie ein schwarzer Rußfleck mit dem Sturm – einer hatte einen zerfetzten Flügel. Als Peter auf die Hochfläche hinabkam, lagen alle Berge hinter ihm in wirbelndem Schneesturm. Der Orkan holte ihn ein, als er am Tiefsee anlangte, wütende, peitschende Stöße, die ihn blendeten. Er lag in der Hütte und horchte auf den Sturm und auf die Brandung am Ufer. Es donnerte oben in den Bergen wie Lawinengetöse, wenn der Winddruck einsetzte und jammernd und heulend durch die Luft schnitt. Er fror, daß er zitterte, aber doch lag er still, ohne den Mut zu haben, die Augen zu öffnen und der Dunkelheit zu begegnen. Denn, Herr Jesus, es war ja, als hätte seine Tat den Orkan draußen entfesselt. Wo war Stig jetzt, – in so einer Nacht? Er meinte die alten Worte zu hören: Kain, wo ist dein Bruder? Und die Antwort, die er zu geben versuchte, die durchfuhr ihn wie hilfloses Entsetzen, die Antwort war ja die gleiche wie die des ersten Mörders, »Was habe ich mit ihm zu schaffen?« Der Sturm nahm in der Nacht noch zu, die Hütte bebte und zitterte unter den langen Stößen. Als der Tag graute und Peter die Tür aufstieß, konnte er fast nichts sehen, – nahm nur ein Stück des Ufers wahr – die schäumenden Wellenkämme verschlangen den niederwirbelnden Schnee. Das Boot war hoch an den Strand geworfen, stand aufgerichtet an einigen Steinen – ein paar Planken waren abgerissen, und die Spanten ragten heraus wie die Rippen eines vermodernden Tieres. Es war kein Wetter, hinauszugehen, aber er ertrug es nicht länger, im Hause zu bleiben. Er kämpfte sich hinab zu den Sennhütten und zum Dorf, geduckt in dem Sturm, der ihn mit Schnee peitschte und ihm den Atem nahm, so daß er inzwischen immer wieder stillstehen und den Rücken gegen den Wind kehren mußte. Es war nicht ratsam, über die Hochfläche zu gehen. Er kletterte zum Fluß hinunter, um nicht den Weg zu verlieren. Hier war es auch geschützter, aber schwerer zu gehen. Der Sturm fegte den Schnee zusammen und warf ihn in Schwaden auf ihn hinab. Er kam nur langsam vorwärts. Die Augen brannten von Schlaflosigkeit und von dem Starren auf all das, was um ihn herum aufgewirbelt wurde. Und wieder und immer wieder sah er es, tat er es – hörte den Knall der Flinte, – den Schuß, den er gewollt hatte, der nicht kam. Es war ja nichts geschehen, aber doch sah er in einer seltsamen Vision den Körper des Bruders in einem mächtigschallenden Donner zusammenbrechen. Peter strauchelte im Gestrüpp, glitt auf Steinen aus, die er nicht sehen konnte. Als er einmal fiel, merkte er, daß er naß wurde, – merkte halb wie im Taumel, daß er in den Fluß geraten war. Unten an der Sennhütte war es stiller, der Wald schützte. Er spürte scharfen, starken Rauchgeruch sich entgegenschlagen und wurde plötzlich schwindelnd müde. Es war niemand in der Hütte, ein großes Feuer flammte auf dem Herd, die Hitze schlug ihm betäubend entgegen. Er hörte jemanden die Treppenstufen heraufkommen, den Schnee abtreten, die Türklinke fassen. Und da stand Stig mit einem Arm voll Holz vor ihm. »Ach«, sagte er und warf das Holz krachend hinter den Herd, »bist du hier? Wo zum Teufel warst du geblieben?« Peter fühlte, daß das Blut ihm zum Herzen strömte, daß es pochte, plötzlich bekam er einen brennenden Durst, wie aus weiter Ferne hörte er die Stimme des Bruders, eifrig und knabenhaft. Peter machte keinen Versuch, zu antworten, wagte es nicht. Nur über eines wunderte er sich, während der Bruder sprach: Ob er nichts wußte? Stig hatte dem Bären das Fell abgezogen und Fleisch und Pelz mit Steinen beschwert, – dann war er hinaufgestiegen, um sich nach Peter umzusehen. Nachdem er eine Weile gewartet, hatte er Renntiere auf einer Klippe gesehen und sie zu beschleichen begonnen, doch als er in Schußweite kam, waren sie davongesaust. Als das Unwetter einsetzte, war er froh, als er unten wieder bei seinem Bärenpelz ankam. Er hatte sich hineingewickelt und sich unter einen Felsvorsprung gesetzt. »Das war ein feines Haus, Junge, so ein Glück.» Eine kalte Nacht war das! Dort habe ich gelegen, bis es hell wurde. Dann bin ich nach dem Kvensletal gegangen, bin hinabgeklettert und dann am Großsteinbach nach dem Waldrand hinübergegangen.« Peter hörte es, langsam bekam es Form und Sinn, was der Bruder erzählte, in dem noch das Abenteuer sang und der froh war, jetzt, nachdem es überstanden. Peter fühlte wieder die Wut in sich aufsteigen, den Haß gegen den Bruder, der nur immer von seinen Angelegenheiten faselte. »So hör doch auf mit dem albernen Geschwätz!« Peter ballte die Hände. »Hörst du, still sollst du sein!« »Der Alberne bist du«, unterbrach Stig ihn hitzig und rot, er begriff nicht, – »albern ... das warst du, als du wegranntest, ohne ein Wort zu sagen.« Peter schlug nach ihm. »Du bist ja ganz verrückt!« Stig wich zurück, wehrte sich mit geballten Fäusten. Peter bemerkte die kleinen weißen Adern am Handgelenk des Bruders, wieder schlug er zu. Keiner von ihnen hatte gehört, daß sie kam, aber plötzlich war Berret da, warf sich zwischen sie. »Seid ihr toll geworden?« Peter schleuderte sie beiseite. »Hast du Angst?« schrie er sie an. »»Hast du hiervor Angst?« stammelte er. Wild vor Sehnsucht, vor Kummer, wollte er von neuem zuschlagen, aber da hatte sie wieder mit den Händen seinen Arm umfaßt. »Du mußt nicht denken, daß ich Angst vor dir habe!« warf Stig ein. Sie vertrat ihm den Weg, als Peter vorwärtsstürmen wollte, rang gegen ihn, den Kopf gegen seine Brust gestemmt. Und mitten in der Raserei durchfuhr es Peter zärtlich, daß er behutsam sein müsse und ihr nicht weh tun dürfe. Er hörte wieder ihre Stimme – sah sie an, und einen kurzen Augenblick war ihm, als wären sie allein, – nur sie beide. Er taumelte zurück, riß die Tür auf. Das Schneegestöber fegte herein. Er wollte etwas sagen, aber es wurde nur zu einem undeutlichen Gemurmel, als er die Tür hinter sich wieder zuwarf. Unten auf dem Almwege sah er Leute sich entgegenkommen – er bog in den Wald ein und versteckte sich. Das waren die Knechte von Braenna, – Matthias führte den alten Braunen. Sie sollten wohl die Senner und das Vieh heimholen. Es begann schon dämmerig zu werden, als er auf Braenna ankam. Er sah den Schein des Herdfeuers durch betaute Scheiben. Die Häuser hoben sich schwarz von dem hellen Schnee ab, und unten auf dem großen Acker standen die Getreidehocken wie weiße, formlose Gespenster. Müde und verzagt kletterte er die steile Treppe zum Boden hinauf und kroch unter die Decke. Er fror, daß er zitterte, – dachte, er würde überhaupt nicht wieder warm werden. Gegessen hatte er seit fast zwei Tagen nicht mehr. Aber er lag da und hatte nur den einen Wunsch, daß der Morgen nie kommen möchte. 17 Als Peter erwachte, war er krank. Es stach ihm so qualvoll in den Rücken, wenn er Luft holte, und er hatte ein so trockenes Gefühl in der Brust, wenn der Husten ihn übermannte. Er lag da und horchte auf Geräusche von draußen. Schritte und Stimmen, der dumpfe Ton vom Holzhacken, – alles klang so gedämpft, wie aus weiter Ferne. Ab und zu schlummerte er ein, erwachte aber wieder, wenn der Husten kam. Hätte er nur etwas zu trinken gehabt! Er hatte so brennenden Durst. Einmal, als er wach war, sah er, daß es vor dem Fenster blau zu werden begann. Konnte das der Abend sein, der kam? Er meinte im Halbschlaf etwas gehört zu haben, Laute von draußen, Kühe, die brüllten. Das waren wohl die Senner, die von der Alm gekommen waren, – aber er war sich dessen nicht sicher, als er ganz wach wurde. Es war wie mit so viel anderm gemischt, mit unklaren Bildern und Vorstellungen, was ging es ihn übrigens an? Es erschien ihm eigentlich wie eine Wohltat, hier zu liegen, ohne daß jemand davon wußte. Alles war so fern und still, – wäre er nur nicht so durstig gewesen. Er hatte das Gefühl, als ob das mit Stig zusammenhinge, als hätte es ihn seither verfolgt, dies brennende Verlangen nach Wasser, das er plötzlich spürte, als er Stig vor sich stehen sah. Er hatte wieder geschlafen und erwachte davon, daß er jemanden sprechen hörte. Der Schein einer Laterne blendete ihn. Er wollte sich aufrichten, war aber nicht dazu imstande. Sah das Gesicht der Mutter über sich, ängstlich und fragend. »Aber Peter, liegst du hier? Bist du krank?« »Ich hab mir wohl einen Schnupfen geholt«, seine Stimme bekam keinen Ton, er flüsterte nur und versuchte zu lachen, als er sah, wie ängstlich sie war. »Du kannst nicht hier in der Kälte liegen, hier ist kein Ofen, weißt du«, sie war ganz ratlos. »Ach, ich werde ja morgen wieder auf dem Damm sein.« »So rasch wird es nicht gehen.« Kari blickte in das rote Gesicht des Sohnes und in seine blanken, matten Augen, und hörte, wie der Atem keuchte. Es war wie ein Wunder, daß sie heute abend herauf kam, sie hatte ja nicht gewußt, daß er zurückgekehrt war. Die Senner hatten nur gesagt, Stig sei auf der Alm geblieben, er wolle noch in die Berge und einen Bären holen, sobald das Wetter dafür tauge. Sie hatte nicht einmal daran gedacht, nach Peter zu fragen, so eilig hatte sie es gehabt, alles herzurichten, als sie mit dem Vieh anlangten. Sie sah den Sohn an, – er hatte die Augen wieder geschlossen, lag da, als hätte er vergessen, daß sie bei ihm war. Hatte nur die Krankheit diese Qual auf seine Stirn, um Nasenwurzel und Mund, der von dem blonden Bart fast verdeckt war, gelegt? »Peter, du kannst hier nicht bleiben, – du mußt versuchen, nach unten in die Schlafkammer zu kommen.« »Kannst du mich nicht in Ruhe lassen!« Seine Stimme klang mürrisch. Im selben Augenblick überrannte ihn der Husten, er warf sich im Bett hin und her, die Augen waren blutunterlaufen. Es sah aus, als müsse er ersticken. »Soviel mußt du doch selbst einsehen«, sagte Kari, als er wieder zur Ruhe gekommen war, »Dummkopf«, fügte sie hinzu. »Aber liegst du hier in Kleidern ... und Stiefeln?« Er saß zusammengesunken auf dem Bettrand, zitternd und bebend. Kari mußte daran denken, wie er neulich hier gesessen hatte. »Soll ich helfen? Du kannst hier doch nicht sitzen bleiben.« »Ach, ich bin wohl nicht so krank.« Er erhob sich, versuchte wieder zu lachen, ging zur Tür; aber da drehte sich alles um ihn in einem dumpfen Wirbel von Schatten und Licht. Er wollte wieder lächeln, aber der Mund bebte nur in hilfloser Qual. Er fühlte der Mutter Arm an seinen Hüften, stützend, schützend. »Unsinn!« dachte er, »so ein Unsinn!« Aber es tat so innig wohl, diesen Arm zu fühlen. Auf der steilen Treppe faßte sie seine Hand, – auch das tat gut, – es war ihm, als wäre er wieder ein Kind und hätte seine Mutter bei der Hand gefaßt. Er sah die Häuser um sich her in der Dunkelheit, – sie waren so groß, und alles war fremd, – auch die Berge, die schwarz von Wald sich von dem grauen, schneeschweren Himmel abhoben. Ein neuer Hustenanfall überfiel ihn, als er ins Haus gehen wollte. Er krümmte sich zusammen und preßte die Stirn gegen den Pfosten der Galerie. Fast wäre er in die Knie gebrochen, – da fühlte er wieder den Arm der Mutter um sich, so fest und gut, – am liebsten hätte er geweint. Aber er machte sich los, als sie ihn durch die Tür führen wollte. Die drinnen sollten ihn nicht so hilflos sehen. Als er durch die große Stube ging, dachte er beschämt, so ist es im Leben, – die Mutter ist der Trost, zu dem man seine Zuflucht nimmt, aber man schämt sich, daß jemand es sehen könnte. Drinnen auf dem Herd brannte das Feuer. Die Leute saßen am Tisch. Matthias sagte etwas, Peter hörte nicht, was es war, blieb aber stehen und fragte, wie der weg gewesen sei. Der Schweiß brach ihm aus, naßkalt. Berret – da saß sie, – und ihm war, als wünsche er sich nur eines ... mit den andern hier zu bleiben. Die Wärme drinnen trieb den Husten in heftigen Anfällen hervor, ihm war, als ginge alles in ihm in Stücke, als würde es in Fetzen gerissen. Aber dann ließ er nach, und er konnte sich in das Bett legen, in dem er seit seiner Kindheit nicht gelegen hatte, – die Mutter war um ihn, stützte ihn und gab ihm zu trinken, – alles war so gut. Mitten in der Angst über seine Krankheit fühlte Kari etwas wunderliches, fast wie einen Frieden. Sie mußte lächeln, – ein etwas zaghaftes und trauriges Lächeln, das sich nicht richtig hervorwagte, als sie hier saß und Peter ansah, der nun die Augen geschlossen und etwas Ruhe gefunden hatte. »So ist es nun wohl einmal mit unsern Kindern, daß wir sie nur zu haben meinen, wenn sie so hilflos sind, wie mein Sohn jetzt ist.« ... Es wurde eine Zeit der Angst und Unruhe auf Braenna. Peter wurde so krank, daß niemand daran glaubte, daß er es überstehen würde. Es vergingen Tage und Lage, ohne daß Kari aus den Kleidern gekommen wäre. Sie legte sich nur manchmal hin, – und fuhr sofort wieder auf, wenn sie seinen tückischen Husten und sein Jammern hörte. Richtig zu schlafen wagte sie auch nicht, – weil sie Angst hatte, er würde die Decken abwerfen und kalt werden, wo er doch so schwitzte. Das würde sein Tod sein, so wie die Lungenentzündung ihn gepackt hatte. Sie hatte niemanden, der ihr half, auf den sie sich verlasset konnte. Berret hatte sie einmal gebeten, eine Weile bei Peter zu bleiben, während sie auf dem Boden zu tun hatte, aber als sie wieder herunterkam, war Berret fort, – Peter lag allein. Nein, sie hatte niemanden als sich selber, auf den sie sich verlassen konnte. Stig war eines Tages mit dem Pferde und einem Packen Fleisch daheim gewesen, war aber nach einigen Tagen wieder in die Berge gegangen, hatte gesagt, Asbjörn erwarte ihn dort. Seltsam und schroff war er gewesen. »So?« sagte er nur, als er hörte, daß Peter krank sei. Er war nicht einmal zu dem Bruder hineingegangen. Kari mochte nicht an ihn denken, – so war Stig geworden. Sie hätte ihn jetzt zu Hause brauchen können, aber das war einerlei, er tat wenigstens nichts Verkehrtes, solange er nicht auf dem Hof war. Sie schob nur alle Gedanken von sich, all die Gedanken an das, was sie eigentlich zu tun und zu erledigen hatte. Es mag jetzt gehen, wie es geht, bis ich sehe, was mit Peter wird. Das einzige, was sie getan hatte, war, daß sie Zimmermann Anders und seine Söhne hatte holen lassen. Sie wollte das alte Altsitzerhaus abreißen lassen, – das war wohl das älteste Haus auf dem Hof, aus mächtigem Balkenwerk. Die Galerie hatte einmal reiche Schnitzereien gehabt, jetzt waren nur noch Reste davon da, – wunderlich verschlungene Blumen, Menschen und Tiere. Das Haus hatte viele Jahre leer gestanden, – es lagen nur allerhand Sachen da, die nicht gebraucht wurden, zerrissenes Zaumzeug, zerbrochene Schlitten. Seit dem alten Peter, dem Vater von Karis Mann, hatte niemand hier gewohnt. Seiner erinnerte sich Kari kaum, obwohl er noch einige Jahre nach ihrem Einzug gelebt hatte. Ein alter, querköpfiger, zänkischer Mann mit weißem Bart und kleinen roten, triefenden Augen. Jetzt sah sie es anders an, – es ergriff sie, wenn sie an den Alten dachte. Als sie selber jung war, war ihr sein ewiges Quängeln als eine Plage erschienen, weil er es nicht lassen konnte, sich in den Gang der Wirtschaft zu mischen. Friedenshalber versuchten sie dem Alten all das zu verbergen, was sie anders machten als er wollte, obwohl er nichts damit zu tun und alles aus der Hand gegeben hatte. Und als er starb, war es ihr damals fast wie eine Erleichterung gewesen. Heute würde sie auf sein Murren gehört haben. Aber sie mochte nicht in dem Hause wohnen. Als sie zuletzt einmal darin gewesen war und all das gesehen hatte, was da umherlag und nie mehr zu brauchen war, hatte der Gedanke sie entsetzt, daß hier all die Alten der Familie gesessen und auf den Tod gewartet hatten. Schon damals hatte sie gedacht, daß sie, wenn der Tag käme, für sich ein neues Haus bauen würde. Anders hatte gebrummt: ob denn Wetter für so etwas sei, – Wetter zum Bauen ... ob er nicht bis zum Frühjahr warten könne? Sie hatte nur geantwortet: wenn du nicht willst, so finde ich wohl andere. Jetzt hatten die Leute etwas zu tuscheln, als sie von den Knechten Stämme anfahren ließ, Blautannen aus Horgen. Aber sie achtete nicht mehr darauf. Sie hörte die fleißigen Äxte, die die gelben, frischen Stämme draußen bearbeiteten, sah das Haus, das sich allmählich mit kahlen, klaffenden Fensterhöhlen auf der alten Grundmauer draußen im Schnee erhob. Am liebsten hätte sie Anders gebeten, jetzt die Arbeit aufzuschieben, aber sie hatte es nun einmal angeordnet. Es waren lange Tage und Nächte der Angst und des Wartens – und der Hoffnung, wenn es ihr schien, als ginge es Peter besser, Nächte, in denen er viele Stunden schlief. Aber dann wurde es wieder ganz schlimm, wenn er im Fieber mit offenen, glanzlosen Augen, die nichts sahen und wahrnahmen, röchelnd dalag. Sie hatte zu Gott gebetet, so heiß und so innig sie vermochte. Ihr war, als wäre sie ihm so nahe gewesen, daß sie sein Gewand in Händen hielt. Aber sie war nicht imstande gewesen, sich Gottes Willen anders als ihren eigenen in dem Kampf, den sie um Peters Leben kämpfte, vorzustellen. Sie war nicht imstande, die Worte zu sagen, die ihr einst solchen Frieden gegeben hatten: Herr, ich lege es in deine Hände. Sie hatte sie wohl gesagt, aber gewollt, gemeint hatte sie sie nicht. Sie bat Gott nur um das eine einzige, wie ein trotziges und hartnäckiges Kind, das seinen Willen haben will: daß er ihr ihren Sohn nicht nehmen möge. An dem Tage, als sie sah, daß Peter sie erkannte, daß sein Blick klar war, aber verwundert wie der eines Menschen, der aus Vorstellungen und Träumen zurückgekehrt ist, die nicht der Erde angehören, – da war ihr nur, als hätte sie die ganze Zeit gerade dies erwartet, als hätte etwas anderes nicht geschehen können, – weil er ihr Sohn war. ... Peter erholte sich jetzt mit jedem Tage mehr. Kari erschien es wie ein Wunder, wie rasch es ging. Sie wußte, daß er jetzt außer Gefahr war, aber je stärker diese Gewißheit wurde, um so mehr fühlte sie mit jedem Tage, wie Müdigkeit und Mißmut in ihr selber anwuchsen. Wie grau Mutter geworden ist, dachte Peter eines Tages, als er halb aufgerichtet im Bett saß, während sie sein Kissen ordnete. Er fragte sich, ob sie das schon lange gewesen sei, ob er es früher nur nicht gesehen habe. ... Es ging auf Weihnachten. Peter war schon seit einiger Zeit auf, aber noch nicht wieder ganz bei Kräften. Er ging nur schmal und bleich zwischen den Häusern umher. Am allerliebsten saß er in der Stube. Stig war aus den Bergen heimgekommen, dort war der Aufenthalt jetzt unmöglich. Der Wolf hatte die Renntiere von den Bergen verscheucht, – sie waren wie weggeblasen. Die Wölfe hielten sich auch unten bei den Sennhütten auf, raubten das Wild aus den Schlingen, – zahlreich, frech und zudringlich. War es nicht so, als ob sie in Mißjahren am besten gediehen? Jetzt war er meistens mit den Knechten im Walde und fällte Bäume. Kari hatte versucht, ihn auf dem Hof zu halten, aber er war wie ein Aal, schlüpfte ihr zwischen den Fingern davon. Wenn er daheim war, sah sie ihn auch fast nie, er hielt sich bei den Dienstboten auf. Sagte sie etwas zu ihm, so antwortete er nur kurz und zog durch irgendeine Redensart alles ins Lächerliche. Und Peter und Stig – nie hörte sie, daß sie ein Wort miteinander sprachen. Sie hatte mit Peter über ihren Ritt nach Kruke im Herbst gesprochen und gesagt, jetzt Weihnachten müsse er mitkommen und selber sehen. Er hatte Ja gesagt, aber so, wie nur er es sagen konnte, so daß sie nicht wußte, ob er gehört hatte, was sie sagte. Sie hatte Berret oben im Nordflügel an den Webstuhl gesetzt, nicht weil sie sonderlich für diese Arbeit taugte, – und fleißig war Berret auch nicht, das konnte Kari unten in der Stube hören, denn der Webstuhl stand oft still. Eines Nachmittags ging sie hinauf; die alte Treppe knackte laut und warnend unter ihren Schritten, und sie hörte, wie der Webstuhl rasch und eifrig zu klappern begann. Zornig biß sie die Lippen zusammen, während sie die Tür öffnete. Das Schiffchen flog zwischen Berrets Händen hin und her. Auf dem Fußboden lag Peters Mütze. Kari wurde hart und kalt vor Verachtung, – einen Augenblick sah sie rasch und suchend auf alle Schränke, Truhen und Kleider. Verstecke genug für einen Feigling, der sich verkriechen wollte. Sie mochte sich nicht die Mühe machen, ihn zu suchen, – er sagte ihr genug damit, daß er sich so verkroch. Sie blickte auf das Gewebe. »Aber was machst du denn, Mädchen!« sagte sie und deutete darauf, »so eine Pfuscherei!« Berret saß gleichgültig da und lächelte nur. Sie wiegte den Oberkörper hin und her, – sie sah aus, als summe sie eine Melodie vor sich hin. Kari wurde immer zorniger. Auf all das achten, was hinter ihrem Rücken in Ecken und Winkeln geschah, nein, das konnte sie nicht, dazu war sie sich zu gut. Sie entfernte sich wieder. Hier mußte ein Ende gemacht werden, Berret mußte so bald wie möglich vom Hof. Dort oben lachte es, leise, kaum, daß sie es hörte. Sie fuhr zusammen, – das war wie eine spottende Antwort auf das, was sie gedacht hatte. In ohnmächtigem Zorn hörte sie, wie es oben wieder still wurde, – der Webstuhl ging nicht mehr. 18 Weihnachten kam und ging, ohne daß Kari weiter darauf achtete. Sie hatten geschlachtet und gebacken und alles getan, was Sitte und Brauch verlangten, – aber weihnachtlich war es nicht gewesen. Und sie war nur froh, als es vorüber war. Eines Abends kurz vor Neujahr kam Peter zu ihr in die Stube. Er saß eine Weile da, mit unruhig tastenden Händen, mit rotem Gesicht, er hatte wohl getrunken. Er sagte ein paar Worte, erhob sich wieder und wollte gehen, – im selben Augenblick stieß er heraus: »Du Mutter, das mit Kruke...« Sie fuhr zusammen, sah ihn an. Er wurde noch roter, blieb stehen und griff nach der Klinke. »Ja?« sagte sie. »Ich dachte, du wolltest ...« er sprach rasch und unverständlich, – »es könnte jetzt werden, wie du willst.« Kari erhob sich. Dies gefiel ihr nicht, obwohl sie selber hieran gedacht hatte. »Wie ich will?« fuhr sie plötzlich auf. »Bin ich es denn, die ...« Sie sprach nicht weiter, es war alles so sinnlos. Sie trat auf ihn zu. »warum kommst du gerade jetzt? Und immer schwatzt du solchen Unsinn!« Sie legte mehr Hohn in die Stimme, als sie empfand, wollte versuchen, ob sie ihn nicht wachrütteln, nicht dazu bringen könne, einmal seinen Willen zu zeigen, daß er nicht immer wie ein Schaf am Tüder dastand. Sie sah es ja: er kam nicht, weil er selber wollte, es steckte etwas anderes dahinter. Und das gefiel ihr nicht. Aber als er die Tür öffnete und sich entfernen wollte, hielt sie ihn zurück, – in Angst, daß er gehen würde, denn jetzt hatte er doch Ja gesagt, was er innerlich auch dachte und meinte. Sie sagte, sie könnten fahren. Aber als sie wieder allein war, schien ihr, es wäre besser gewesen, sie hätte ihn gezwungen, als daß er auf diese Weise gehen sollte. ... Das Pferd schritt langsam durch den Wald bergab, watete schwer im Schnee. Peter ging hinterher, hielt mit einer Hand den Schlitten, in dem Kari saß in ihrem dicken Wolfspelz mit dem Bärenfell über den Knien. Der Schlitten würde sonst umkippen. Der Weg war verweht, – hier war seit Tagen vor Weihnachten niemand gefahren, wo der Weg eben war, sprang Peter hinten auf den Schlitten und schnalzte dem Pferde. Die großen Schellen klangen durch den schneeschweren Wald. Kari hatte gedacht, Stig würde auch mitkommen, aber er hatte nur gelacht und gesagt, es sei so mühsam, sich den Bart abzunehmen. Wo der Wald sich zum Dorf öffnete, wurde der Weg besser. Hier waren die Leute mit Holzfuhren entlanggekommen. Kari wurde zornig, als sie das sah. »Ich dachte nicht, daß es Sitte wäre, in den Feiertagen Holz zu fahren«, sagte sie. »Es ist wohl in der Not geschehen.« »Ja, so geht es, wenn man nicht über den Tag hinaus denkt«, erwiderte sie scharf, »dann kommt man in Not.« Der Schlitten schlenkerte und schleuderte an den scharfen Biegungen. Das Pferd ging im Schritt mit gestrafften Knien. Peter wollte es antreiben, aber Kari hielt ihn zurück. Sie mochte auf diesem Wege nicht gern schnell fahren. Unten an der Brücke trafen sie Anton vom Rosthof; er blieb stehen und wollte einen Schwatz machen. Der Wolf sei so zudringlich geworden, – ob sie nicht einmal das ganze Dorf zusammenrufen und Jagd auf ihn machen wollten? Er lud sie ein und sagte, sie dürften am Feiertage doch nicht an seinem Hause vorbeigehen. Kari hatte keine Lust, die Tage waren jetzt kurz, und sie hatten einen weiten Weg, aber sie ließ sich überreden. Eigentlich ging sie wohl deshalb mit, weil Anton sagte: »Ja, weißt du, jetzt ist es hier nicht schön, eingeladen zu werden, früher einmal war das anders.« Sie wurden in ein eiskaltes, neugezimmertes Haus genötigt. Anton gab sich Mühe, auf dem Herd etwas grünes Holz zum Brennen zu bringen. Mari, seine Frau, kam mit der Bewirtung herein, einer Flasche Branntwein und Kuchen auf einem Teller. Die Kinder standen in der Tür und starrten den Besuch an. Armeleute-Manier, dachte Kari. Sie saß da und hörte Maris Gespräch zu ... Kleinleute-Art. Mari war klein und blondhaarig mit einem verheerten flachen Gesicht, scharfen, unruhigen Augen und ungepflegten Kleidern. Kari dachte daran, wie der Rosthof früher gewesen war. Da stand der alte Anders mit dem schweren silbernen Festhumpen, der mit schäumendem Bier gefüllt war. Sie sah die große Stube mit dem mächtigen Herd, den großen Tisch, der mit Speisen im Überfluß besetzt war. Daß Anton sein Sohn war, – so klein, verkümmert und grau, wie er aussah, daß er der Erbe eines großen Hofes gewesen, das konnte sie fast nicht begreifen, wenn sie all das Jammern hörte, wie anders jetzt alles sei, wie groß die Armut und wie schwer die Mühe, den nackten Hunger fernzuhalten. Wir haben wohl alle unser Teil, jeder auf seine Weise, – das Schwatzen darüber hilft nicht, dachte sie unwillig. Sie erhob sich rasch, dankte für die Bewirtung und sagte ihnen Lebewohl. Sie fror, als sie wieder im Schlitten saß. Der Flußwind blies scharf, – das ganze Tal lag in grauem Dunst und der Frostnebel stieg von freien Sümpfen auf, die nie zufroren. Nur die Rapphammerberge ganz unten im Tal hatten Farbe von der Sonne. Peter schnalzte dem Pferde, es verfiel in scharfen Trab, daß die Schneeklumpen ihnen um die Ohren sausten. Kari konnte den Gedanken nicht los werden, daß so das Unglück die Leute machen könne. »Du hättest den Rosthof früher sehen müssen«, sagte sie zu Peter. Und sie begann zu erzählen, leise und nachdenklich, von dem Tal, wie sie es in Erinnerung hatte, von den Gehöften, die jetzt nicht mehr da waren, von den Leuten, die damals hier gesessen hatten, von denen, die jetzt hier lebten, und von andern, die in fremde Dörfer gezogen waren und sich dort ein Auskommen geschaffen hatten. Peter saß stumm da und hörte zu, – er begriff nicht, was mit der Mutter vorgegangen war, sie pflegte nicht sehr gesprächig zu sein. Sie fuhren an einem Quertal vorbei, das wie ein schwarzer Einschnitt in die Felswand war, zottig von Wald. »Du weißt doch, daß der Wald dir gehört«, sagte sie und zeigte hinüber und bezeichnete die Grenzen. »Dein Großvater hat ihn seinerzeit gekauft.« Sie sprach weiter von dem, was sie besaßen, von Fischteichen und Wäldern, von Bergalmen, Kätnerstellen, Hofteilen ganz südlich im Tal und in andern Dörfern. Ihre Stimme wurde warm, eifrig und stolz. Es schnitt Peter ins Herz, – er meinte zu begreifen, warum die Mutter dies alles erklärte. Es war, als wolle sie ihm Bürden und Mühen auferlegen. »Du sollst nur wissen, daß du nicht als armer Mann dastehst.« Peter hörte nicht mehr zu, – er saß in seinen eigenen Gedanken da und ihm war die ganze Fahrt leid. Er hatte es ja selber gesagt, – er war zur Mutter gegangen und hatte erklärt, er sei einverstanden, – aber nur, weil er an diesem Tage so wütend war, weil er Berret zeigen wollte ... In diesem Augenblick deutete die Mutter auf ein großes Gehöft, das auf weiten, weißen Feldern lag: »Dort liegt Kruke.« Es war dunkel, als sie in die alte Allee von kahlen, großen Laubbäumen einbogen. Roter Lichtschein fiel aus vielen Fenstern. Lustige Fiedeltöne klangen ihnen entgegen, Lachen und Stimmengeschwirr. Der Hofraum stand voll von Pferden und Schlitten. Kari war nicht erfreut, als sie merkte, daß hier Tanz war. Unentschlossen blieb sie im Schlitten sitzen, – aber da kam Guttorm aus dem Hause, die Leute hatten sie wohl gesehen und gemeldet. Er war rot im Gesicht, etwas feucht in den Augen, und lachte laut. Rief, daß sie in der Gesellschaft willkommen wären. »Wir wußten ja nicht«, sagte Kari entschuldigend. »Nanu«, erwiderte Guttorm, »hat man so etwas gehört! Das glaubt doch keiner, daß die Kari von Braenna umherfährt, um sich irgendwo einzuschleichen!« Er hatte eine Flasche unter dem Arm, holte einen kleinen Silberbecher aus der Tasche und schenkte ein. »Prost«, sagte er. Ein Knecht kam und spannte das Pferd ab. »Nein«, Kari wehrte sich lachend, als Guttorm noch einmal einschenken wollte. »Wir müssen wohl ins Haus gehen, ehe es in die Beine steigt.« »Und du, Bursch?« Guttorm reichte Peter den Becher. »Das ist recht«, sagte er, als Peter ihn leerte. »Dieser Becher ist gerade so, wie ich ihn haben will. Ich kann dir sagen: man bekommt gerade den Mund voll davon. Trink, du siehst aus, als täte es dir not, – so krank wie du gewesen bist.« Woher weiß Guttorm das? dachte Peter verdrießlich, als er der Mutter ins Haus folgte. Übrigens gefiel ihm Guttorm, – er war so geradezu und so gutgelaunt, so jung gewissermaßen. Er blieb unten an der Tür stehen, zwischen Leuten, die er nicht kannte. Sah die Mutter in einem hinteren Saal verschwinden, der von Tabakqualm blau war, – aber es war so peinlich, mit ihr zu gehen, besonders da Guttorm nichts davon gesagt hatte, – er hatte ihn wohl ganz vergessen, nachdem er die Mutter dort hineingeführt hatte. – Nun stand Peter hier, ihm war unbehaglich zumut, die Wärme, der Lärm, – all die Fremden, die ihn, wie ihm vorkam, so sonderbar anstarrten. Der Branntwein hatte ihm das Blut in die Backen getrieben. In einem kurzen Augenblick hatte er eine heftige Freude über das Fest gefühlt. Jetzt war er nur noch traurig. Hätte er nur gewußt, wie er es anfangen sollte, so wäre er am liebsten davongelaufen. Er hatte schon lange dagestanden, als Guttorm vorbeikam und ihn bemerkte. »Hallo, Junge! Stehst du da!« rief er und zog ihn mit, »aber so mußt du doch nicht dastehen. Du sollst doch tanzen! Hallo!« Guttorm faßte ein Mädel mitten im Wirbel, nahm sie dem Burschen weg, der ärgerlich und lächelnd stehen blieb. »Mußt dein Mädel mal ausleihen, Bursch, hier ist einer, der kein Mädel hat! Du kriegst es bald wieder mit schönem Dank!« Das Mädel blickte rot und verlegen zu Boden. »So eine Jugend«, kicherte Guttorm, »wenn sie dürfen, so wollen sie nicht, und wenn sie nicht dürfen, so können keine vierzehn Pferde sie auseinander bringen! Heda!« Guttorm blickte auf das Mädel, das kichernd und verlegen davonschlich, »so eine Pute!« Er nahm Peter unter den Arm, zog ihn mit an einen Tisch, auf dem einige volle Gläser standen, »Prost, Bursch! Es ist nicht leicht, ganz fremd zu sein!« Ein Mädchen mit einem Tablett strich an ihnen vorbei. »Du, Randi!« rief Guttorm ihr nach, »hier ist einer, der einen Schluck haben muß.« Das Mädchen blieb stehen und wand sich durch das Gedränge, »Was sagst du, Vater?« »Hm, was hast du da?« Er roch an einem Glase. »Ah, bloß was für Weibsleute«, lachte er. »Komm mal her! Hier ist einer, der mit dir tanzen will!« Er nahm das Tablett. Peter wurde knallrot, als er hörte, wer sie war. Randi stand zögernd da, auch sie war rot geworden, vor allem, weil Peter so verlegen aussah. Guttorm amüsierte sich. Er lachte, daß die Gläser auf dem Tablett zusammenklirrten. Vor allem aus Angst vor weiteren Einfällen Guttorms reichte Peter dem Mädel die Hand und tanzte mit ihr davon. Er wurde bald warm, – der Mißmut schwand, als das Blut durch den lebhaften Rhythmus des Hopsers in rasche Bewegung gebracht wurde. Er trank einige Glas, und der Branntwein legte sich betäubend über all das, woran er jetzt nicht denken wollte. Er tanzte die ganze Zeit mit Kandi, Tanz für Tanz. Sie war ja die einzige, die er hier kannte. Es kam vor, daß ein anderer mit ihr davontanzte, oder daß er sie nicht fand, dann stand er einsam, steif und kopfhängerisch herum. Es tat ihm wirklich leid, als der Morgen kam und die Gäste abfuhren. So frei und froh hatte er sich schon lange nicht mehr gefühlt. Es war eigentümlich – und Peter bemerkte das –, daß sie auf Kruke eine andere Gemütsart hatten als auf Braenna. Hier war nicht jeder so verschwiegen und verschlossen. Alles war so leicht und hell ... so freundlich. Die Dienstboten trällerten bei der Arbeit, und wenn sie abends ins Haus kamen, holte Guttorm die Fiedel, damit sie einen kleinen Schwenker machen konnten. Oder er erzählte ihnen auch Märchen und Geschichten. Hier wurden die Abende wohl niemals lang. Und Barbro und Kandi hatten eine eigene Art, mit dem Vater umzugehen. Sie spaßten miteinander und neckten sich den ganzen Tag. Dennoch hatten sie sich lieb und lebten in allen Dingen miteinander. Und es gab wohl nichts, was Guttorm nicht für seine Töchter tun konnte. Einige Tage nachdem Kari und Peter gekommen waren, wurden sie alle nach dem Ranshof eingeladen, einem Bauernhof, der weiter südlich im Tal lag. Ola, der älteste Sohn dieses Hofes, kam selber mit der Einladung. Er blieb eine Weile und bekam Essen und Schnaps. Er war groß, blond und stark. Er saß da und scherzte mit Barbro und Randi. Peter wußte nicht recht, warum, aber ihm paßte das nicht. Ihm graute vor dem Gedanken, daß sie dorthin sollten. Sie waren so gut bekannt, hatten über so vieles zu plaudern, womit er nicht Bescheid wußte. Als Ola abfahren wollte, sagte er zu Randi, sie müsse ihre Tür offen lassen, denn jetzt wolle er mit dem Freien wirklich ernst machen. Guttorm lachte ihm nach, als er abfuhr. »Ja, dieser Ola«, sagte er wie entschuldigend, »so ein Windhund: Solche Späße zu machen, wenn man ins Brautbett soll!« Peter fühlte, daß es ihm einen Stich gab, als Guttorm das sagte. »Ach, soll er heiraten?« fragte Kari. »Ja«, Guttorm nannte den Namen eines Mädchens aus einem Nachbardorf. »Das wird Reichtum, im großen«, fügte er hinzu. Peter konnte nicht verstehen, warum er sich so erleichtert fühlte. Er erhob sich und ging hinaus, – in Angst, daß jemand es bemerken würde. 19 Das Pferd ging nur im Schritt, – er saß und hielt sie in seinen Armen, in dem schmalen Schlitten, der durch fremdes Gelände fuhr, vorbei an schlafenden Gehöften. Der Himmel wurde gelb über Höhen und Bergen, die er nicht kannte. Peter begriff eigentlich nicht, wie es dort auf dem Ranshof gekommen war. Er hatte mit ihr getanzt, war immerfort um sie gewesen. Dann hatten sie sich auf einem dunklen Gang abgekühlt, wo Fahrpelze und Decken an der Wand hingen; Sterne funkelten vor den bogigen Fenstern. Dort hatte er sie geküßt. Sie hatte sich ganz still und vorsichtig in seinen Armen gewehrt, aber er hatte sie nur von neuem geküßt, und da hatte sie seine Küsse erwidert. »Du findest wohl, ich bin eine Tolle«, hatte sie mit einem leisen, staunenden Lachen, das fast wie Weinen klang, gesagt, wie gut und lieb sie gewesen war! Sie waren wieder hinuntergegangen, hatten getanzt. Er hatte sie auf dem Schoß gehabt und ihre Hand gehalten, wenn die Fiedel ruhte. Und nun lag sie in seinen Armen. Undeutlich sah er ihr Gesicht in dem großen Pelzkragen, schüchtern, still und blaß. Ihre Augen waren so groß, – er wagte fast nicht, sie zu küssen, um ihr nicht weh zu tun. Sie hatte sich aus all dem Lärm fortgestohlen. Er hatte Mutters Schlitten angespannt, um sie nach Hause zu fahren. »Du denkst sicher, ich bin ein tolles Mädel«, hatte sie wieder gesagt, als er sie auf den Schoß nahm und vom Hof fuhr. Sie hatte ihr Kopftuch nicht finden können, aber er setzte ihr seine große Pelzmütze auf, unter deren dunklem Pelz sich jetzt das braune Haar, weiß von Reif, kräuselte. Er sah, daß vor ihm auf dem Wege Leute gingen, richtete sich im Schlitten auf und schnalzte dem Pferde. Die Schelle begann laut zu bimmeln, als das Tier sich in Trab setzte. – Ein großer Mann, der durchdringend nach Branntwein roch, sprang hinten auf den Schlitten. »Ich fahre mit«, schrie er, – »aber ist das nicht die Randi? Mit wem bist du denn unter die Decke gekrochen?« Peter drehte sich halb im Schlitten um, rasend forderte er den Fremden auf, abzusteigen, aber der lachte nur schallend. Dies Gesicht, wild und schwarzbärtig, meinte Peter schon gesehen zu haben. »Nein, wahrhaftig, ich glaube gar, das ist der Erbbauer von Braenna«, johlte der Mann, »wie geht's dir denn?« »Du mußt dich wie ein vernünftiger Mensch benehmen«, sagte Randi unwillig. »Wie ein vernünftiger Mensch? Ich bin kein vernünftiger Mensch. Du«, er schlug Peter auf die Schulter, wart mal, Junge, wart mal, ich muß dir was sagen. Du, die Kobold-Berret, die mußt du von mir grüßen. Und frag, wie ihr das letztemal bekommen ist!« Plötzlich fiel Peter alles wieder ein, das Erlebnis auf dem Festplatz. Ein halbnackter, blutender Kerl, der umhertaumelte und brüllte. Er gab dem Mann einen Puff, daß er vom Schlitten taumelte, und schlug nach ihm mit der Peitsche, als er sich wieder anklammern wollte, trieb durch Zuruf das Pferd an, daß es zu galoppieren begann, hörte Anders hinterdreinlaufen, fluchen und rufen: »So wart' doch, wart' doch zum Satan!« Dann blieb er hinter ihnen zurück. Randi griff nach den Zügeln und zog. Das Pferd fiel wieder in Trab. »Der Anders war ja ganz toll«, sagte sie. »Was ist das für einer?« »Ach, im Frühjahr flößt er Holz, sonst treibt er sich nur herum. Wer ist denn das, die Kobold-Berret?« Sie wiederholte die Frage, denn Peter hatte es wohl nicht gehört, – er zupfte nur an den Zügeln. »Ach, das ist nur ein Mädel, das Mutter zu Hause aufgezogen hat.« Sie richtete sich aus seinen Armen auf und blickte vor sich hin. »Ein wunderlicher Name – Kobold-Berret.« »Mutter hat sie im Walde gefunden. Da dachten die Leute wohl, dieser Name paßte für sie.« »Und die ... Kobold-Berret...« Kandi sprach den Namen grübelnd und ganz leise aus ... »die war euch dann eigentlich wie eine Schwester?« »Ja«, Peter fühlte, daß sein Herz wild zu hämmern begann, »ja, so etwas ...« Sie saß still vor ihm, ohne weiter zu fragen. Als sie durch die lange Allee nach Kruke hinauffuhren, beugte er sich über sie und küßte sie; aber eigentlich tat er das nur, damit sie sich nicht wundern sollte – weil er nicht länger hier schweigend sitzen mochte. Als er das Pferd in den Stall gebracht hatte, sah er, daß sie in der Galerie stand und auf ihn wartete. Heftig umarmte er sie, – die Treppe zum Boden gähnte dunkel hinter ihnen. »Schläfst du da?« flüsterte er. »Nein, Peter«, sie legte die Arme um seinen Hals, während sie das sagte, »denkst du, ich bin so toll?« Sie lachte neckend, als sie hineinging. Es war dämmerig drinnen in dem großen Raum, – es roch kräftig nach Wacholderzweigen, mit denen der Boden bestreut war, und sie spürten kalten Kienholzgeruch. Kandi trat an den Herd, rührte in der Asche, die auf der Glut lag, legte Holz auf und blies das Feuer an. Peter trat nicht zu ihr, sondern blieb still sitzen und sah sie an, – sein Herz schlug so unruhig – er wußte nicht recht, ob er jetzt froh war. Er hörte Schellengeläut draußen und hatte die größte Lust, sich aus dem Staube zu machen, aber da stand Guttorm in der Tür und hinter ihm die Mutter. »Ach, hast du mir das Mädel gestohlen?« sagte er lachend. Aber im selben Augenblick sah er die Tochter an, die auf ihn zukam, und sein Gesicht wurde ernst und zärtlich. »Vater«, sagte sie nur. Er strich sich den Bart, die Augen blinkten, – sein Blick streifte Peter, der sich erhoben hatte und unschlüssig mit brennenden Backen dastand. »Ist es so?« sagte Guttorm und sah die Tochter wieder an. »Ist es wirklich so?« Seine Stimme zitterte. Kandi stand allein mitten im Zimmer, – erglühend unter all den Augen, die auf sie gerichtet waren. »Ja, ja«, Guttorm schwieg wieder einen Augenblick, stand mit fest geschlossenem Munde da, »ja, ja, wenn es so ist«, er hatte Mühe, seine Stimme zu bemeistern. Kandi rannte an dem Vater vorbei, vorbei an Kari, sie hörten, wie sie die Bodentreppe in ein paar leichten Sprüngen hinaufeilte, dann wurde alles still. Guttorm trat an einen Schrank, die Hand bebte, daß der Löwe auf dem alten Silberkrug, den er hervorholte, zitterte. »Hm. Wir können wohl einen Stärkungsschluck brauchen«, sagte er, als schäme er sich. Sie saßen da und sagten nicht viel, jeder hatte an das seine zu denken. Peter wartete nur auf einen Vorwand, um gehen zu können. Er fühlte die Augen seiner Mutter auf sich, und wußte alles, woran sie jetzt dachte. Er blickte zu Boden, spielte mit dem alten Silberkrug, während er fühlte, wie alles in ihm immer mehr zusammensank. Schroff erhob er sich und ging hinaus. Kari sah ihm nach. »Sie sind so jung«, sagte Guttorm zu ihr, »sie sind so. Du kannst doch nicht erwarten, daß er etwas sagt, so neu wie es ist. Es sind ja beides eigentlich noch Kinder.« Kari war es, als schlügen sich scharfe Krallen in sie ein. »Ja«, sagte sie leise, ohne Guttorm anzusehen, »es ist, wie du sagst, so sind sie wohl.« Guttorm blieb allein, als sie gegangen war, schlenderte nachdenklich in der Stube auf und ab. Irgend etwas gefiel ihm nicht, – er wußte nicht, was, aber irgend etwas stimmte nicht. Er sagte zunächst rundweg Nein, als Kari und er eines Tages miteinander sprachen und sie vorschlug, daß die Jungen zum Frühjahr heiraten sollten. Solche Übereilung, wozu sollte das gut sein? Und solche ... solche Kinder, – konnten sie nicht warten? Kari sagte, sie sei müde, – sie hätte Peter den Hof schon übergeben, und es würde gut sein, daß er heirate, wenn er jetzt im Ernst zu wirtschaften beginne. Sie führte alle ihre Gründe an, aber immerfort hatte sie das Gefühl, daß sie nichts von dem sagte, woran sie während des Sprechens dachte. Nein, dies Verhalten war nicht ehrlich. Guttorm saß unschlüssig da und zupfte an seinem Bart, wie seine Gewohnheit war, wenn er sich keinen Rat wußte. Er lachte bissig. »Ich hatte nicht gedacht, daß ich eine von meinen Töchtern so schnell verlieren würde, – und ich dachte, Kandi, die ja die Jüngste ist, würde hier bleiben. Nun, so kommt es ja nicht«, er brach verwirrt ab und ging in der Stube auf und ab. »So ein Schalk von einem Mädel«, murmelte er verbissen, »so ein Teufelsmädel!« Er hielt inne und starrte Kari ratlos an. »was sagst du?« Sie lächelte nur. »Du solltest Kandi selber fragen.« »Hehe, so ein Mädel? So etwas fragen! Daß die will, weißt du doch selber! So ist die Jugend. Sie flennen und heulen ein bißchen, wenn es fortgehen soll, aber dann ziehen sie ab, und wir sitzen da.« Er brach plötzlich ab. »Zum Frühjahr heiraten, haha!« lachte er. »Du kannst froh sein, du hast Söhne.« »Meinst du, davon hat man nur Freude?« »Unsinn! Aber die hast du,, du brauchst nicht in der Angst umherzugehen, daß eines Tages ...« Er drehte sich auf dem Absatz herum und trabte weiter. »Du solltest dich darein fügen«, sagte Kari. »Sagst du das? Hm, sagst du das?« Er blieb rasend vor ihr stehen. »Ja, ja«, stieß er heraus, »in Gottes Namen denn, Kari Braenna.« Er gab ihr die Hand. »Ich weiß, sie wird es gut haben, sie kommt in gute Verhältnisse – nur sie ist ja selber noch ein Kind, weißt du. Aber du hast ja auch Kinder.« ... Als sie im Schlitten saß und wieder heimfuhr, überkam sie wieder das beklemmende und demütigende Gefühl, daß dies Unternehmen nicht ehrlich wäre. Die Hilfe, die sie gesucht, hatte Gesicht und Gestalt ehrlicher, guter Menschen angenommen. Peter saß hinter ihr – er schwieg, und darüber war sie froh. Sie wollte nur zu glauben versuchen, daß mit seiner Heirat all das gut werden würde, was jetzt so unsicher schien, und wovor sie so bangte. Als Peter den heimatlichen Hof in der Dämmerung vor sich liegen sah, war ihm, als hätte er all das, was geschehen war, nur geträumt. All die alte, saugende Unruhe voll Sehnsucht und Mißmut kam wieder über ihn. Kandi war etwas Fernes, etwas Zärtliches und Liebes, die Erinnerung an sie tat wohl – aber es riß nicht an seinen Herzwurzeln. Er sehnte sich nicht nach ihr. 20 Kari hatte einen Rundgang durch die Häuser gemacht. Jetzt stand sie wieder in der großen Stube und sah sich um. Alles war, wie es sein mußte – alle Tische gedeckt. Ein Faß Bier lag neben dem neugetünchten Herd – überall war frisches Birkenlaub zum Schmuck aufgestellt – es roch süß und sommerlich. Die Dienstboten gingen feiertäglich gekleidet umher. Nun konnten sie kommen, alles war, wie es sein sollte, um sie zu empfangen. Peter und die neue Herrin von Braenna. Sie hatten auf Kruke drei Tage Hochzeit gefeiert, aber am zweiten Tage war Kari heimgeritten, um selber zu Hause alles zu ordnen. Sie ging auf die Treppe hinaus und blickte zum Walde hinunter, aber noch kam niemand. Sie blieb stehen und blickte über die weiten Äcker hin, – weich und grün wuchs das Korn; die sonnigen Hänge, auf denen der Laubwald in jungem Laube wogte, glitzerten in der frischen Brise. Das neue Altsitzerhaus mit den frischen, gelben Balken, das Torfdach, auf dem dicht und grün das Gras wuchs, – dort würde sie jetzt wohnen, aber dieser Gedanke war noch so unwirklich. Ungefähr, als spiele sie nur ein Spiel, – daß sie nun alles aus der Hand geben und nur Zuschauer sein sollte bei all dem, was in langen, langen Jahren unter ihren Händen gewachsen war. Sie war in der Schlafkammer gewesen, wo die Jungen wohnen sollten. Dort stand das große Bett, das Guttorm aus Kruke geschickt hatte, und Kisten mit Sachen, die Kandi gehörten. Es war nicht zu sagen, wie unendlich gut Guttorm gewesen war. Und jetzt war ihr, als scheue sie sich davor, ihm zu begegnen, als wäre sie froh, wenn er wieder abreiste. Sie ging zu ihrem Hause hinüber. Es sah so unwirtlich aus, – der Tag strömte kahl durch die Fenster, die sie größer hatte machen lassen als die andern auf dem Hof. Es war beinahe, als wenn man in die neue Kirche trat. Einige der Gäste sollten hier übernachten – deshalb standen hier überall aufgemachte Betten – das machte den Raum noch weniger zu etwas, was ihr eigen war, wo sie sich heimisch fühlen konnte. Sie scheute sich vor den kommenden Lagen, – wenn nur erst all der Lärm vorbei wäre, daß der Hof wieder im Alltag zur Ruhe käme, – das war ihre Sehnsucht. Sie trat an ein Fenster, starrte wieder hinunter, – nein, es kam niemand. Sie lehnte die Stirn gegen das Fenster. Müde war sie, müde, müde. Die Monate seit Weihnachten, – sie möchte sie nicht noch einmal erleben. Die Tiere hungerten, – und all die Leute, die von den kleinen Hungerhöfen zu ihr kamen und um Hilfe baten, – sie konnte nicht Nein sagen, konnte nicht so kleinlich sein. – Spät war der Frühling gekommen, es war schwer gewesen, die Tiere durchzufüttern. Es mußten Rinde geschabt und Reiser geschnitten werden, und doch waren sie in den Ständen zusammengebrochen. Und wenn sie das Messer hineinstießen, kam fast kein Blut. Die Schafe brachten tote Lämmer zur Welt. Und dennoch, – so schwer dies alles auch war, hatte sie es doch fast vergessen. Nein, das schlimmste war Berret. Tag für Tag hatte sie gedacht: Jetzt jage ich sie fort, aber es wurde nichts daraus. Sie versuchte sich selber einzureden, es sei bloß Leutegeschwätz, – Leutegeschwätz all das, was sie tuschelten und flüsterten. Gewiß hätte das sie ärgern können, aber nie wäre sie deswegen von dem Wege, den sie für richtig hielt, abgewichen. Bisweilen war ihr, als hasse sie Berret, um all der Unruhe, all der Not willen, die sie über den Hof gebracht hatte, – aber sie fortschicken? Berret war wie die bösen Gedanken in ihr selber, wie eine Sünde, von der man sich nicht einmal frei machen will, so sehr man auch darüber jammert, wie eine Sünde, mit der nicht nur Angst und Pein verbunden sind, sondern auch Süße. Als sie in der Kirche saß und sah, wie der Pfarrer Kandis und Peters Hände zusammenlegte, diese Sprossen aus zwei guten Geschlechtern, die sich gelobten, einer die Lasten des andern zu tragen und in guten und schlimmen Tagen zusammenzuhalten – Kandis schlanke Gestalt mit der großen Krone auf dem Kopf, sie glitzerte in der Sonne, die durch die Fenster hereinströmte, – da war es Kari gewesen, als müsse das junge Kind dort oben die Last auf sich nehmen, die Kari ihr heimlich auf den Rücken gelegt hatte. Und wieder hatte sie das Gefühl gehabt, wie unehrlich ihr Verhalten gewesen war. Gewiß hatte Peter seine junge Braut gern, – das konnte sie sehen, als sie von Kruke fortritt, aber ebenso eisig deutlich wußte sie, daß er so immer gewesen war, wenn sie im Lauf des Winters sich dort aufgehalten hatten, würde es jetzt anders werden, – oder würde es wieder so kommen, daß er, sobald er nur wieder daheim war, wie ein Verhexter umherging? Sie blickte über den Hang hin, auf dem Schatten und Licht huschten und wechselten, wenn die weißen Lämmerwölkchen an dem blauen Himmel dahinzogen. Nein, dachte sie, nein, nie kann ich diese Bürde abwerfen. Nie kommt der Tag, wo ich aus dem Schlaf erwachen werde, ohne sie neben mir im Bett zu haben. Und nun Stig. Eines Abends sagte Guttorm, in fröhlicher Laune und angeheitert: »Jetzt mußt du mir deinen andern Sohn geben, da du Kandi bekommen hast.« Das war wohl nur gutgelaunter Scherz gewesen, aber es stand ihr doch wie eine schwindelnde Möglichkeit vor Augen. Sie war um Stig nicht so besorgt gewesen, hatte ihn noch für einen Knaben gehalten. Aber das kam wohl nur daher, daß er sich besser hinter Lachen und Geschwätz zu verstecken wußte. Herr Jesus, wenn sie an seine Augen dachte, die rotgerändert und gequält waren, als sie ihn eines Abends überraschte, wie er sich in seine Kammer schleichen wollte. Zerkratzt, mit zerrissenen Sachen und blutend. Sie erfuhr nicht, was geschehen war, – er sagte nur, er hätte einen Landstreicher hier zwischen den Häusern getroffen, den er hinausbefördert hätte. Plötzlich errötete sie heftig bei der Erinnerung: sie hatte eines Abends, als sie am Schuppen vorbeikam, gelauscht, – sie hörte Stig und Berret dort oben und blieb stehen, wie hatte Stig da gebettelt, gebeten und gedroht, aber Berret lachte nur, daß es Kari kalt durchrieselte, denn so, schien ihr, so lachten Menschen nicht. Alles hatte sie nicht gehört, nur daß Berret wieder und wieder versprochen hatte, zu ihm zu kommen, und daß er gewartet und gewartet hatte. »Eines Tages schlage ich dich«, sagte er. Aber Berret lachte nur. »Dann komme ich nicht, weißt du!« Es stand schlimm, – obwohl nichts zwischen ihnen geschehen war, wie sie merkte, – sie konnte froh darüber sein. Aber daß eine wie Berret ein solches Spiel mit ihrem Sohn zu spielen wagte! Dann war es oben still geworden, so lange, daß sie beschämt davongeschlichen war. Kurz darauf kam Berret ins Haus, – ihr war nichts anzusehen. Aber Stig hatte so hungrige Augen, während er dasaß und allerhand alberne Reden führte. Ihr war der Gedanke gekommen, daß sie sich heiraten könnten, aber es war so schon Unglück genug, Es ließ sich doch jedenfalls noch einrenken, so jung wie Stig war, – bekam er sie aber, so war es falsch für das ganze Leben. Sobald sie versuchte, sich Berret als Frau und Mutter vorzustellen, erinnerte sie sich mit dumpfem Entsetzen der Stunde, da Berret klein war und zwischen blinden Wolfshunden umherkrabbelte und an der Hündin sog. Sollte sie sie vom Hof jagen? Sie wagte es nicht, konnte es nicht. Sie hatte sie aufgenommen, hatte sie geschützt trotz dem Gerede der Leute, als sie klein und hilflos war, – sie wagte diese Bürde nicht abzuwerfen. Dann erst würden Berrets Anverwandte sich wohl rächen, so daß alles Schlimme, was jetzt geschah, dagegen ein Nichts wäre. Kari zuckte zusammen. Schüsse knallten, sie hörte Fiedeln klingen und Leute rufen. Sie kamen, und sie hatte hier so in ihren eigenen Gedanken gestanden, daß sie nichts gesehen hatte. Sie waren fast schon an der breiten Einfahrt. Sie eilte hinaus, kam gerade die Treppe hinunter, als der Küchenmeister Peter den Willkommsbecher reichte. Er trank und gab ihn Randi. Warm durchflutete es Kari bei der Erinnerung, – als sie damals getrunken hatte, als sie jung und fremd an der Seite des Mannes saß, – all das, was sie damals gedacht und geträumt hatte! Aber Peter drückte nicht den Becher in der Hand zusammen, – er gab ihn dem Küchenmeister zurück. Dann sprang er vom Pferde und hob Kandi herunter, faßte ihre Hand und ging zur Tür. Oben auf der Treppe stand Stig mit der Flinte, er hielt den Lauf in die Luft, Kandi schrie auf und hielt sich die Ohren zu, als er an dem Hahn zog. Aber es kam kein Knall. Der Schuß versagte. »Na, so was!« sagte Stig ärgerlich und klopfte auf das Schloß. Da sah er Peter an, vergaß die Flinte und starrte verwundert. Peter war weiß im Gesicht, weiß bis an die Lippen. Er schob Stig beiseite, daß dieser fast gefallen wäre, und riß Kandi mit zur Tür herein. »Bist du krank?« fragte sie leise. Er schüttelte den Kopf, rang nach Atem. Um sie drängten sich die Leute zusammen, und der Lärm wuchs an. ... Kandi lag wach neben Peter in der Schlafkammer. Sie konnte nicht schlafen, alles war so neu und fremd und seltsam, Peter schlief fest, hatte gestern zu viel getrunken. Sie spürte eine heftige Sehnsucht, ihn zu sehen, – daheim auf Kruke war ihr vorgekommen, als kenne sie ihn so genau wie keinen Menschen auf der Welt. Hier in seinem Hause wurde er ganz fremd, fast wie ein anderer. Sie lauschte auf seinen schweren Atem – fühlte, wie sie bei dem Gedanken, der ihr kam, errötete: daheim hatte er fast nicht schlafen mögen, wenn er in ihrem Arm lag. Über Nacht hatte er schon geschlafen, als sie kam und sich hinlegte. Und sie hatte es sich so feierlich gedacht, diese erste Nacht, die sie in seinem Heim schlafen sollte. Unwillkürlich traten ihr die Tränen in die Augen. Sie hatte Angst davor, daß der Vater fortreisen würde – in einigen Tagen blieb sie allein. In der Stunde, als sie von daheim fortzogen, hatte sie sich nicht gefürchtet, da war sie eben mit Peter gegangen. Nein, sie begriff es nicht. Still faltete sie ihre Hände, betete für Peter und für ihr ganzes neues Leben. Betete, bis sie ruhig und fröhlich wurde und der Schlaf sie überkam. ... Kandi begleitete den Vater eine Strecke, als er heimritt. Er führte das Pferd am Zügel. Er meinte ihr noch so vieles zu sagen zu haben, aber es wurden nur kleine Scherzworte. Unten im Walde legte er den Arm um ihre Schulter, und so gingen sie weiter. »Jetzt muß du umkehren«, sagte er stehenbleibend, »ja, ja, Kind.« Er setzte den Fuß in den Steigbügel, schwang sich in den Sattel. Kandi begann zu weinen und schlang die Arme um sein Bein. »Nein, aber Kandi, du alte verheiratete Frau! Schämst du dich nicht, so zu flennen?« »Du darfst nicht fortgehen.« »Haha! Aber kleine Kandi!« Er beugte sich zu ihr und umfaßte ihren Kopf. Das Pferd stampfte ungeduldig, er zog am Zügel. »Nimm dich in acht!« Sie hielt den Steigbügel fest, lief mit. plötzlich sah sie ihn an, rasch und verlegen. »Ja, dann lebwohl!« Sie warf den Kopf zurück mit einem kleinen, trotzigen Ruck und lachte unter Tränen. »Da siehst du es, Flennliese!« Er schlug ihr leicht auf die Backe. »Leb du auch wohl, Kind!« sagte er rasch. Er wollte nicht zeigen, wie der Abschied ihn ergriff. Er drückte dem Pferd die Absätze in die Flanken und ritt rasch durch den Wald bergab. Randi ging zum Hof zurück, ohne sich umzusehen. 21 Eines Sonntags morgens erwachte Randi in der Schlafkammer. Peter war auf der Alm. Als sie erwachte, überkam sie das Gefühl, wie einsam sie war. Peter hatte ja nichts gesagt, aber sie hatte so bestimmt geglaubt, er würde zum Feiertag heimkommen. Es war so still um sie her. Das ganze große Haus schlief noch. Einsam, dies Gefühl ließ sie hier auf Braenna nie los. Alles war hier so schweigsam, die Berge, das Wasser, der alte Hof. Sie tat ihr Bestes, jeden Tag, sich in die neuen Sitten zu fügen. Hatte gedacht, es käme daher, daß alles hier so anders war als daheim auf Kruke. Aber sie konnte sich nicht zurechtfinden. Ehrlich und willig hatte sie versucht, zuzugreifen in allen Wirtschaftsdingen. Sie richtete sich auf und strich das Haar zurück. Nein, sie war ein fremder Gast, – alles andere war nur ein Spiel, das sie spielte. Peter erbot sich nicht, ihr zu helfen, – mehr und mehr sah sie übrigens, daß er auch nicht sonderlich gut Bescheid wußte. Und sprach sie mit ihm, so kam es vor, daß er zusammenfuhr und sie ansah, als fragte er sich, wo sie herkäme. Kari versuchte ihr zu helfen, wenn sie zu ihr ging und nach etwas fragte, aber es war, als wäre der Schwiegermutter das nicht recht. Alles tat so weh, – ob sie es so machte oder so, – es kam auf eins heraus. Niemand brauchte sie. Die Leute, die Knechte und Mägde, die schon jahrelang hier waren, taten jeder seine Arbeit. Da gab es für sie nichts zu tun oder zu sagen. Peter ... sie errötete heftig, – ja, Peter! Sie sprang rasch aus dem Bett und kleidete sich an, – es war, als wolle sie sich verstecken. Als sie hinausgehen wollte, fiel ihr plötzlich ein, daß ja heute Sonntag war. Und sie hatte das grobe graue Wollkleid angezogen, das sie von Hause mitgebracht, das geflickt war und fleckig von der Arbeit. Rasch und beschämt kleidete sie sich um. Da dachte sie daran, daß sie ganz vergessen hatte, ihre Gebete zu sprechen, aber nun konnte sie sich nicht dazu entschließen. Auch das lag jetzt so weit zurück. Der Sonntag, der Feiertag, das war, als gehöre auch das zum Vaterhause. So weit sie zurückdenken konnte, war das alles unlöslich verbunden, – in allen Erinnerungen an Heim, Kindheit und Jugend, Leid und Freude. Immer hatte sie gewußt, daß Gott da war. Sie konnte sich nicht erinnern, daß jemand es sie gelehrt hatte, – es war eben so. Langsam ging sie dem Walde zu auf dem Wege, der sich zwischen den Äckern hinschlängelte, auf denen das Korn reif und schwer sich zu lagern begann. Der Tau lag über dem Hag, es duftete stark nach feuchtem Wald – nach Ernte. Der Laubwald brannte in starken Farben, goldbraun und rot gegen das Dunkel des Nadelwaldes. Sie hatte immer das Gefühl gehabt, daß sie zu Gott sprechen könnte, wie das Kind zu seinem Vater, und noch viel näher. Er lächelte wohl manchmal, wenn sie mit all ihrem Kindergeschwätz zu ihm kam. Nun war es, als sei das alles daheim zurückgeblieben, – sei zur Erinnerung an Kindheit, Jugend und den Vater geworden. Sie hatte ihre Gebete vergessen, wenn sie in Peters Armen lag. Peter war wohl anders. Einmal hatte sie gefragt, ob sie nicht zur Kirche reiten wollten. »Der Weg ist zu weit«, hatte er nur geantwortet. Sie hatte weiter nichts gesagt, war nur rot geworden und hatte gedacht, sie hätte sicherlich etwas Falsches getan. Und sie war wirklich traurig, – es war, als hätte sie ihn um das Teuerste gebeten, was sie kannte, und als wäre es nun zunichte geworden. Und doch – wenn sie auch vergaß, wenn sie auch in die Irre ging, hatte sie immer das Gefühl, daß Gott um sie war. Bei jedem Schritt, den sie machte, wartete er auf sie, um sie wieder unter seinen Mantel zu nehmen. Aber es schien ihr, als ob sie ihn hier nicht finden konnte. Daheim war er in jedem Baum, jeder Blume, jedem Stein, – im Himmel über ihr und in dem Regen, der auf durstige Felder fiel. Er war da, wo sie ihren Spielplatz hatte, wo die Sträucher zuerst im Frühling sproßten und Beeren in der Herbstsonne reiften, war er... Sie blieb unten an der Zaunpforte stehen, lehnte die Stirn gegen den rauhen Pfosten. Sie erinnerte sich des Tages, als sie den Vater ein Stück Wegs begleitet hatte, – daß das nicht länger her war! Die Sonne sickerte durch die Bäume, – gelbes Laub lag auf dem Waldboden. Sie stand da und flüsterte, heiße, sinnlose Worte. Vor einigen Tagen, als sie einen großen Kübel getragen, hatte sie hier die Hebamme getroffen, die stehen geblieben war: »Du mußt nicht so schwer tragen«, sagte sie, »nun du so bist!« Kari nahm ihr den Kübel ab und trug ihn an seinen Platz. Randi war brennendrot stehen geblieben, so erglühend, daß ihr die Ohren brannten. Denn sie hatte geglaubt, niemand wisse von der Bürde, die sie trug. So staunend war sie umhergegangen, seit sie merkte, daß es sich so verhielt, daß dies sie war! Bang war sie auch, – sie konnte danach verlangen, sich an Peter zu schmiegen und sich zu verstecken, aber so war er nicht. Vielleicht wußte er es... Sie begann zu weinen, – sie hatte ja keinen Grund, aber dennoch konnte sie die Tränen nicht zurückhalten. »Flennliese«, würde der Vater gesagt haben. Sie wischte sich die Augen und lachte, als sie daran dachte – Flennliese! So oder so, – sie hatte gelobt, in guten und schlimmen Tagen hier zu leben. Wenn es schwer war, mußte sie es auf sich nehmen und es tragen, dann würden wohl auch die andern Tage kommen. Sie begann sich plötzlich brennend nach Peter zu sehnen, wenn er nun nach Hause gekommen war! Rasch ging sie zum Hof hinauf, – eifrig und voll Erwartung. Aber ihr sank das Herz, als sie wieder anlangte. Die Leute waren bei ihrer Arbeit, das Feuer auf dem Herd flammte unter Töpfen und Pfannen. Der Tisch stand gedeckt. Still setzte sie sich an den Tisch, um zu essen, aber der Bissen blieb ihr im Halse stecken. Und wieder hatte sie das Gefühl, als säße sie hier nur als Gast am Tisch, – bei Fremden. Peter war nicht da. – 22 Kari mußte immerfort an den Traum denken, den sie in dieser Nacht gehabt hatte, konnte sich aber nicht besinnen, was es gewesen war. Er nagte nur unaufhörlich in ihrem Innern. Sie war davon aufgewacht, daß sie aufschrie, und hatte zitternd dagelegen und konnte gar nicht fassen, daß es nur ein Traum war. Und jetzt konnte sie sich nicht einmal mehr besinnen, was sie geträumt hatte. Der erste Schnee war in der Nacht gefallen. Jetzt schmolz er. Es tropfte von den Dächern, und die Spuren von Menschen und Tieren zeichneten sich schwarz von Nässe auf dem weißen Hofplatz ab. Es war so schweres, trübes Wetter, – der Nebel wälzte sich dicht an die Häuser heran, dunkel und wollig. Der Rauch schlug in den Herd hinein, erfüllte beißend den Raum. Sie hatte die Tür aufgestellt, spürte den feuchten, starken Geruch von schmelzendem Schnee. Dieser Traum... was hatte sie nur geträumt, als sie endlich eingeschlafen war? Sie lag lange wach an diesem Abend, weil sie so zornig gewesen war. Sie hatte Aine gestern auf dem Hof getroffen mit einer Mulde voll frischgesalzenem Hammelfleisch von der Herbstschlächterei. Sie fragte die Magd, was sie damit wolle. »Kochen natürlich!« »Hammelfleisch? Jetzt mitten in der Woche? Ist das Fleisch vom vorigen Jahr schon verbraucht?« Das ältliche Mädchen stand so verlegen da, – verlegen und unschlüssig zugleich. »Wer hat das angeordnet?« fragte Kari. »Keiner, – das alte ist so zäh.« Aine warf den Kopf zurück. »Wir müssen doch Essen haben!« Kari sagte weiter nichts, ließ sie nur stehen. Sie hatte ja nichts damit zu tun, aber sie lernte es wohl nicht, zu schweigen und Dinge zu sehen, die sie ärgerten, die nicht so waren, wie sie sein sollten. Warum mischte sie sich hinein? Gewiß hatte sie gewußt, daß sie sich über vieles würde ärgern müssen, aber sie hatte gedacht, sie würde schweigen können, wenn sie an all das Murren des alten Peter dachte, damals als sie selber jung war. Doch sie vermochte es nicht. Nein, sie schalt, wenn die Leute die Zeit vertaten und morgens nicht aus den Betten finden konnten. Sie hatte ihre Sorgen nicht ablegen können, nur das Bestimmungsrecht. Sie respektierten sie nicht so wie früher, wenn sie etwas sagte, so konnten sie antworten, Peter hätte es anders angeordnet. Am liebsten hielt sie sich für sich, immer mehr blieb sie in ihrem Hause, es quälte sie, untätig zu sein, sie litt, weil sie nicht wußte, was die andern taten und trieben. Sie hatte ihre eigene Kost, aß bei sich selber. Sie hatte ihre eigenen Kühe und Schafe, ihr eigenes Pferd. Aber sie brauchte für niemanden mehr Essen zu schaffen. Sie mußte nur annehmen. Berret wohnte in der kleinen Kammer, um ihr zu helfen. Aber es war nicht Arbeit für zwei in Karis Wirtschaft. Berret schlenderte meistens in den Häusern umher. Sie an Webstuhl oder Rocken zu setzen, hatte Kari aufgegeben. Oft wußte sie nicht einmal, wo Berret steckte, aber sie hatte gedacht: wenn sie nur Berret in ihrem Hause hätte, würde sie schon auf sie aufpassen. Aber sie konnte es nicht mehr. Sie war nicht mehr fähig, sich zu ängstigen, in den Nächten wach zu liegen und auf jeden Ton zu horchen. Die Erinnerung an den Traum erfüllte sie mit Erstaunen. Sie hatte eigentlich geglaubt, sie könne sich nicht mehr fürchten. Eine ihrer Kühe sollte jetzt im Herbst kalben. Sie hatte Berret hingeschickt, um nach ihr zu sehen. Und da sie nicht zurückkam, ging sie selber hinunter. Noch jetzt überkam sie der Ekel, wenn sie daran dachte. Die Stallaterne hing an der Decke und leuchtete gelb auf wiederkäuende, ruhende Tiere. Stände und Balken warfen ein Gewirr von schwarzen Schatten, die von der Dunkelheit aufgesaugt wurden. Sie rief nach Berret. Und sie kam aus dem Dunkel hervor, blinzelte mit den Augen in den Lichtschein, – sie strich an Kari vorbei und hinaus. So kamen die Leute von ihren Stelldicheins in Heu und Schuppen. Und so, so sahen die aus, die stahlen und raubten. Die ihre Nachkommen in Sümpfen und unter Steinen versteckten. Sie folgte Berret, aber dann fiel ihr die Kuh wieder ein, und sie ging in den Stall zurück. In der Tür traf sie Peter, – ach ja, sie hatte es ja eigentlich gewußt, hatte es nur nicht glauben wollen. Verachtung und Widerwille quollen in ihr auf, als sie zur Seite trat und ihn vorbeiließ. Er sagte nichts, sah aus wie ein Heudieb. »Was hat Peter im Stall gemacht;« fragte sie Berret hinterher. »Peter?« Berret sah zu ihr auf. – »War der im Stall?« Kari hatte gedacht, jetzt könne sie es tun, sie in die Nacht hinausjagen und alle Türen verschließen. Da stand sie und lachte, – lachte ihr gerade in das Gesicht, – mit diesem Lächeln, das Kari erschreckte, das sie haßte, obwohl sie nicht umhin konnte, zu sehen, wie gefährlich, wie sprühend schön das Mädchen war! Was Berret hier für ein Spiel spielte! Wenn sie log, wußte sie es? Es war, als bedeute nichts ihr etwas. Sie war wie eine junge Katze, die kratzt, ohne es zu wollen; nur im Spiel. Aber Randi, sah sie nichts? Machte sie sich keine Gedanken über all das, was die Leute verschwiegen und was doch, wie es Kari schien, so schamlos laut schrie? So still und behutsam ging die arme Randi umher, – nein, Kari war dem jungen Kinde nicht das, was sie sein müßte. Aber sie konnte es nicht, glaubte auch nicht, daß es anders werden könnte. Kari war nur froh über jeden Tag, der verging, ohne daß etwas von dem geschah, woran sie kaum zu denken wagte. Stig war wieder in den Bergen, und sie war jetzt immer ruhig, wenn sie wußte, daß er sich nicht auf dem Hofe aufhielt. Sie hatte ihn eines Tages beobachtet, als sie im Dunkeln stand und durch das Fenster hinaussah, – wie er sich um ihr Haus schlich. Dann verschwand er eine Weile, kam wieder und ging von neuem in das Dunkel hinein. Dennoch war sie erleichtert, wenn sie an dem dunklen Schatten draußen sah, daß es Stig war. Sie hatte dort in Angst gestanden, es könne ein anderer sein. Wußte Peter denn nicht, was mit Kandi los war? Kari erschien dieser Gedanke sinnlos, aber er ließ sie nicht los. Eines Tages traf Kari ihn draußen auf dem Hof. Der Schnee war wieder weggeschmolzen, die Erde war durchweicht, der Nachtfrost hatte nur spröde Eisblumen darüber gelegt. Mit einem der Jungpferde war etwas nicht in Ordnung. Er war unten gewesen, um danach zu sehen, und hatte all die hellen Pferdehaare auf den Kleidern. Das ärgerte sie, wie er aussah, so ungepflegt, und der Bart wuchs alt und steif im Gesicht, machte ihn älter als er war. »Wie geht's denn der Randi heute?« fragte Kari kurz. »Ach, wohl wie immer«, sagte er gleichgültig, so wie er zu sein pflegte. »Ja, so bald wird es wohl noch nicht losgehen?« fragte sie leise, – und in demselben Augenblick sah sie – Gott gnade ihr –, daß er es nicht wußte! Der Zorn flammte in ihr auf, so heftig, daß sie selber erschrak. Er wußte es nicht, wußte von seiner eigenen Frau nicht, was fast jeder Mensch, der Augen im Kopfe hatte, jetzt sehen konnte. Er stand nur da und blinzelte mit den Augen wie ein Narr, über und über errötend. »Du verdammter Bengel!« sagte sie rasend, »hätte ich jetzt ebensoviel Macht wie Willen, so würdest du Prügel kriegen.« Zitternd vor Zorn ließ sie ihn stehen. Die armseligen Worte, die er hinter ihr herstammelte, konnte er für sich behalten. So nahm er es hin, so war er, der Erbbauer von Braenna, als er von seinem ersten Kind erfuhr! 23 Guttorm kam Weihnachten eines Tages unerwartet zu Besuch und brachte Barbro mit. Er hatte sich danach gesehnt, Randi wiederzusehen, aber er hatte gemeint, es sei besser, nicht allzubald zu kommen, damit sie Zeit hätte, sich fester in all das Neue einzuleben. In der Zeit ihrer Abwesenheit hatte er Gelegenheit gehabt, zu denken. Wie jung sie war!– Je mehr er daran dachte, um so beunruhigter war er. Er hatte das sichere Gefühl gehabt, daß etwas los war. Und er merkte, daß die Leute im Dorf sonderbare Gesichter machten, wenn von Braenna gesprochen wurde. Aber das konnte ja grundlos sein. Er saß jetzt ganz froh und erleichtert da und trank Bier aus dem großen Silberhumpen, den er Randi als Brautgabe mitgegeben hatte. Er hatte ihrer Mutter gehört. Und es hafteten viele gute Erinnerungen daran. Die Freude über die Anwesenheit des Vaters und der Schwester machte Randis Backen glühen und ihre Augen leuchten. Daß sie so mager im Gesicht geworden war, – Stirnknochen und Nase waren schärfer, – das war ja nicht anders zu erwarten in ihrem Zustand. Es hatte Guttorm wunderlich ergriffen, als sie ihm so entgegentrat, so reif und erwachsen. Jetzt sah er, daß sie einem Mann gehörte, daß sie kein spielendes Kind mehr war. Denn so war sie ihm noch an dem Tage vorgekommen, als er sie von sich gab. »Ich hatte dich und Peter mit nach Kruke nehmen wollen«, sagte Guttorm, als er gegessen hatte und sie beim Bier saßen. »Bei uns ist Tanz, wie gewöhnlich über Neujahr, aber du bist wohl gerade jetzt nicht so leichtfüßig?« Er lachte der Tochter zu. Sie lachte auch, ein wenig verlegen – dachte im selben Augenblick: das war im vorigen Jahr, es war noch kein Jahr her! Guttorm plauderte weiter. Es ging so ein Behagen von ihm aus, von all seinen Scherzen. Es wurde spät, ehe sie an diesem Abend ins Bett kamen. Als Randi sich entkleidete – Barbro sollte bei ihr in der Schlafkammer schlafen –, war ihr fast, als sei sie wieder daheim. So war es dort oft gewesen, daß sie sehr spät ins Bett kamen, weil die Abende so schnell vergingen. Als sie unter der Decke lagen und schwatzten, schmiegte Barbro sich dicht an die Schwester. »Du, hast du keine Angst?« fragte sie. »Ach, weißt du, es ist seltsam.« »Ich glaube, ich liefe davon, ich würde rennen und rennen, bis ich stürbe!« Barbro fröstelte, zog die Decke hoch. Randi antwortete nicht. Es war so wunderlich, hier wieder neben der Schwester zu liegen und ihr Geplauder zu hören. »Schläfst du?« flüsterte Barbro. »Nein, ich bin nur so müde.« »Ja, dann gute Nacht!« – »Gute Nacht!« Randi hörte, daß die Schwester ihre Gebete flüsterte. Dann wurde es still, das Dunkel drängte sich heran, und die Kälte knackte in den Balkenwänden. Fern draußen hörte sie das Heulen eines Wolfes, und das Herz pochte in ihr. So oft sie es hörte, war es immer gleich beängstigend, diese Schreie, die aus der Nacht kamen, wie von nirgendwo her. Das Kind in ihr begann sich zu regen, so wie es immer tat, wenn sie bang oder froh war. »Barbro?« flüsterte sie. »Ja«, sagte die Schwester schläfrig. »Nein, weißt du, es ist seltsam ...« »Was?« »Ach nichts, mir wurde nur so bange ...« Barbro nahm die Hand der Schwester, – hielt sie, streichelte sie sanft, »Warte du«, Randi zog ihre Hand zurück, »ich habe noch nicht gebetet.« Sie faltete die Hände und betete. Dann faßte sie wieder Barbros Hand. Und so schliefen sie ein. Guttorm und Barbro blieben einige Tage. Dann reisten sie wieder ab. Der Vater stand in dem großen Pelz da, – Randi erinnerte sich, daß er darin Bär mit ihnen gespielt hatte. Barbro saß schon im Schlitten. »Ja, ja, Kind, leb wohl, und laß es dir gut gehen!« Er schlug ihr leicht auf die Backe, wie er immer tat, mit der Außenseite der Hand, – es war, als fürchte er, jemand könne es für eine Liebkosung halten. Er schnallte den Gürtel fester um den Leib, machte sich am Zaumzeug zu schaffen, blickte auf die Tochter und lachte: »Solltest du zwei bekommen, so mußt du mir einen von deinen Söhnen abgeben.« Sie blieb stehen und blickte ihnen nach, – nur Scherz war es nicht gewesen, was der Vater gesagt, – denn es war sein Leid, daß er keinen Sohn hatte. Er hatte wohl immer gedacht, daß durch eine der Töchter eines Tages wieder ein Mann aus der Familie auf Kruke sitzen würde. Der Schnee lag in weichen Hügeln überall. Es glitzerte und knisterte von Reif. Der Wald war schwer von Schnee, und es war so still, daß der Rauch aus Rauchlöchern und Schornsteinen steil emporstieg und an dem eisblauen Himmel verflog. 24 Kari erwachte eines Nachts davon, daß jemand sie rüttelte. Schlaftrunken richtete sie sich im Bett auf, Laternenschein schnitt ihr in die Augen. »Randi ist krank geworden.« Aine stand über sie gebeugt, mit schlafschweren, erschrockenen Augen und in das Gesicht hängenden Haaren. »Peter sagte, ich sollte wecken.« »Geh nur«, Kari wurde plötzlich munter, »ich komme gleich.« Es war eisig kalt hier drinnen, es ging wohl auf den Morgen. – Ihr waren die Finger so klamm, daß sie die Kleider fast nicht anbekommen konnte. Dies hatte sie ja jetzt täglich erwartet. Randi war in der letzten Zeit ziemlich elend gewesen, – ein paarmal hatte sie schon gedacht, es wäre so weit, aber damit hatte sie nur sich selber geängstigt. Sie hatten Ragnhild holen lassen, die sich darauf verstand, Kinder zu entbinden, – sie war schon seit mehreren Tagen auf dem Hof. Und nicht nur auf dies eine verstand sie sich, nein, sie war eigentlich wie ein Arzt zu Menschen und Tieren, sie konnte auch so etwas, wovon man nicht gern sprach, bei diesem und jenem. Kari ging rasch über den Hof, die Kälte war schneidend, und der Schnee knirschte unter ihren Füßen. Der ganze Himmel war wimmelnd voll von frostblinkenden Sternen, über den nachtdunklen Höhen im Norden zog das Nordlicht lange, zitternde Bänder durch das Sternengewimmel. Es war auch kalt in der großen Stube, aber dort flammte ein mächtiges, frisch angezündetes Feuer. Kleidungsstücke waren zum Trocknen aufgehängt, und Ragnhild goß Wasser in einen großen Kessel. Aine stand da und flocht ihr Haar, und hinten im Bett saß Mari und gähnte, mit zerzaustem Haar und vom Schlaf aufgedunsenem, rotem Gesicht. »Wie steht es?« Ragnhild wendete ihr altes, runzeliges Gesicht Kari zu. Die trüben Augen blinzelten zwischen Unmengen von Falten, eine eiserne Pfeife hing erloschen in dem einen Mundwinkel. Sie war klein und zart, die Hände schmal und dünn mit dicken, blauen Adern. »Ach, es hat eben erst angefangen.« Peter hockte vor dem großen Ofen in der Schlafkammer in Unterkleidern und barfüßig. Kari trat an das Bett, sie dachte, Randi schliefe, aber plötzlich zog Randis Gesicht sich im Schmerz zusammen, sie öffnete die Augen, die Mundwinkel zogen sich nach unten wie bei einem Kinde, das nicht weiß, warum es so leiden muß. »Wie geht es dir?« »Ach«, sie versuchte zu lächeln, aber es wurde nur zu einem leisen Schluchzen. »Ragnhild sagt, es wird noch schlimmer.« Ihre Augen fragten ängstlich, bettelten um Hilfe. Daß die Ragnhild so unvernünftig sein konnte, das arme Kind einzuschüchtern! Randi hob sich im Bett empor, die Hände wurden weiß, als sie die Bettkante umklammerte. Sie zitterte noch, als die Wehe vorübergegangen war, und kam mit leisem, bangem Aufschluchzen dann zur Ruhe. »Du sollst sehen, es wird bald gut«, sagte Kari mit zärtlicher Stimme. »Wenn es nur vorüber ist, hast du es gleich vergessen. So war es bei mir auch!« Peter war hinausgegangen, ohne daß Kari es gemerkt hatte. Sie setzte sich still nieder, sagte nur manchmal ein Wort und sah Randi an, – das Feuer im Ofen brannte, daß es bullerte, es flammte heftig und knisternd, während die Wärme in dem niedrigen Raum zunahm und das dicke Eis am Fenster schmolz, so daß die Nacht blau und dunkel hereinschaute. Der Morgen kam, – es wurde Mittag und wieder Abend. Kari hatte sich auf eins der Betten gelegt, müde von der Unruhe und vom Warten. Sie wollte nicht schlafen, hatte aber wohl doch die Augen zugemacht. Sie fuhr auf, als Peter zu ihr sprach. »Es ist vorbei«, sagte er, und seine Stimme zitterte. Kari eilte in die Schlafstube und schloß leise die Tür hinter sich. Drinnen war es glühend heiß. Am Ofen stand ein Kübel mit Wasser, von dem Dampf aufstieg. Ragnhild stand am Fußende des Bettes, mit irgend etwas beschäftigt. Kari hörte ein ganz leises Wimmern. Dann brach es hervor in dünnen, kleinen Schreien, gurgelnd und ringend. Alles Blut fuhr ihr zum Herzen. Das Neugeborene schrie! In einem Nu sah sie Randis weißes Gesicht, das ihr zulächelte. »Ein Mädchen«, sagte Ragnhild, »kein Wunder, daß es die Mutter so gequält hat, so groß wie es ist.« Sie machte Kari Platz. »Hier sieh nur, ist es nicht hübsch?« Kari beugte sich vor, blickte auf das kleine Wesen, das nackt auf der Bettdecke lag, rot, die Beine an den Leib gezogen. Sie sah es immerfort an: Das Kind, die großen, dunklen Augen, die feinen schwarzen Brauen, die über der Nasenwurzel zusammenwuchsen, das Haar und den roten Mund. Alles drehte sich um Kari, war nur wie fernes Getöse. Sie hatte es wieder vor sich, spürte es mit all ihren Sinnen: den Wald, der düster ragte, den Geruch von Feuchtigkeit, den treibenden Regen, und drinnen unter hängenden Tannen auf nassem Moose lag es, nackt, hilflos und klein, das Kind, das sie nahm, das sie heimlich mit nach Hause nahm. Sie wehrte sich unsicher gegen Ragnhilds Hände, nahm sich gewaltsam zusammen. Randi sah sie bang und verwundert an. »Mir wurde schwindelig«, sagte Kari. Die Stimme zitterte alt und hilflos. »Ich habe dich wohl erschreckt, Kind?« »Es ist nur ein Mädchen«, sagte Randi ganz leise. »Ach, das ist gut, du denkst doch nicht, daß ich darüber ärgerlich bin? Nein, ich bin nicht böse ..« Sie konnte fast nicht sehen, als sie sich durch die Tür hinaustastete. Ihre Augen waren verschwommen, als hätte sie immerfort geweint. Sie hörte, daß jemand hereinkam, wo sie im Dunkel saß. Berret – sie kannte den Gang, so leicht und so geschmeidig. Sie blieb vor Kari stehen. »Sitzt du hier?« Kari erhob sich und schlug ihr wild in das Gesicht. »Mach, daß du wegkommst! Geh dahin, woher du gekommen bist!« Sie schlug wieder nach ihr, aber Berret wich zurück. Kari meinte ihre Augen im Dunkeln böse und schmal leuchten zu sehen. Sie hörte ihr leises, gereiztes Lachen, aber Berret sagte nichts, sie schlüpfte nur davon, – leise schloß die Tür sich hinter ihr. Mit schweren Schritten und unsicher ging Kari in der Stube auf und ab. Sie flüsterte vor sich hin, leise, bange Gebete ohne Worte und Sinn. Berret, all das Häßliche, all das, was sie im Dunkel verborgen hatte, alle Sehnsucht, die auf Abwegen umhergeschlichen war, daß es so lebendig werden, daß es so geboren werden und Leben bekommen konnte! Sie blieb stehen. Berret, dachte sie, und die Kehle schnürte sich ihr zusammen, Berret soll nicht leben. Ruhelos begann sie wieder hin und her zu gehen, – aber wohin ihre Gedanken auch schweiften, immerfort hörte sie rufen: Berret soll nicht leben! Am Tage darauf blieb sie im Bett, – und viele Tage danach. Als sie wieder aufstand, sahen alle, wie verändert und alt sie geworden war. Auf dem Scheitel lag ein schneeweißer Streifen in dem grauen Haar, wie von einem Schlag. Sie blieb immer in ihrem eigenen Hause, ging nicht mehr hinaus. Berret hatte sich zu den Mägden in die Große Stube quartiert. Sie erfuhren nicht, warum, wußten nur, daß Kari sie nicht mehr bei sich duldete. ... Eines Tages kam Ragnhild zu Kari. Sie wollte ihr nur Lebewohl sagen und sich bedanken. Kari erhob sich schwerfällig aus ihrem Stuhl. »Ach, das Danken ist wohl an uns.« Sie trat an einen Schrank und holte etwas zu trinken heraus. Ragnhild setzte sich, schwatzte und ließ sich das Getränk schmecken. Ihre lange Nase zitterte und schnüffelte, wenn sie etwas sagte. »Randi geht es jetzt gut?« »Ja, man kann nicht klagen, – so schwer wie sie es gehabt hat. Aber du mußt ein Auge auf sie und das Kind haben. Randi ist ja eigentlich selber noch ein Kind. Es ist nicht leicht für sie, das Kleine aufzuziehen.« »Warum nicht?« fragte Kari scharf. »Ach, es braucht soviel Nahrung, scheint mir.« Ragnhild drehte und wendete das kleine Glas hin und her. War nicht mehr darin? Dann sagte sie lächelnd: »Ein prächtiges Kind, schlägt in die Familie.« Kari schloß einen Moment die Augen, – in die Familie! »Sie ist dunkler, – aber das Haar, das sie im Mutterleibe haben, das verlieren sie. Sie kann ebenso blond werden wie ihr Vater.« Karis Gesicht war schwermütig vor Grübeln und Zweifel. Sie sah zu Ragnhild auf, blickte wieder fort, dann sagte sie leise, indem sie mit der Hand über den Tisch strich: »Du hast früher einmal erzählt – komisch, daß mir das gerade jetzt einfällt ...« sie sprach nicht weiter, die Hand strich nur immer über den Tisch. »Ja?« »Du sagtest, wenn man einen Feind hätte, wenn jemand einem etwas Böses getan hätte, so könnte man eine Puppe machen ...« Karis Hand ballte sich, als packe sie etwas. »Ach«, Ragnhild wehrte ab, »das ist Geschwätz. Aber man weiß ja nie ... wenn man Glauben hat ...« Kari sah nicht auf, Ragnhild blickte auch vor sich hin. »So etwas ... nein, so etwas soll der Mensch nicht tun«, sagte Ragnhild, »und nicht daran denken. Das ist Sünde. Man muß für so etwas seine Seele hergeben.« »Du sagtest ...« Karis Stimme war sehr leise ... »du sagtest: wenn man eine Puppe aus Kleidern machte, die diesem Menschen gehörten, und eine Nadel hindurchstäche ... Es wäre doch gut zu wissen, ob es wirklich so ist ...« »Nein ... nein, es muß ein Herz von einem Tier oder Vogel darin sein, das die Nadel durchsticht. Und es muß unter dem Altar liegen, wenn der Pfarrer das Kreuz schlägt ...« Ragnhild war ganz erschrocken. Sie blickte auf Karis Hand, die unentwegt über den Tisch strich. »Und dann stirbt der Mensch?« »Man sagt das ... Aber wer das tut, verliert seine Seele.« Sie erhob sich, jetzt wurde ihr wirklich bange, Kari war so wunderlich. »An so etwas darf man nicht denken. Nun leb wohl, und hab Dank!« »Warte noch«, sagte Kari, »du sollst eine Erinnerung an diese Tage haben.« Sie schloß eine Truhe auf und suchte eine Spange mit großen Steinen hervor. Ragnhild wollte sie nicht nehmen, aber Kari drängte sie ihr auf. »Ja, dann bedanke ich mich auch schön, aber es ist wirklich zu viel.« »Nein«, sagte Kari, die sie zur Tür begleitete und ihr die Hand gab, »wir haben zu danken.« ... Kari kniete vor einer großen Truhe. Ein schwacher Duft von reingewaschenen Kleidern und Kräutern umgab alles, was sie in die Hand nahm. In dieser Truhe hatte sie alle Sachen aufbewahrt, die den Kindern gehört hatten, als sie klein waren. Seit vielen Jahren hatte sie nicht mehr darin gekramt, hatte fast vergessen, was es war. Aber als sie nun die Kleider hervorsuchte, strömten in einer seltsamen, süßen Unruhe all die Erinnerungen auf sie ein, die an allem hafteten, was sie anfaßte. Hier waren kleine Kleidungsstücke, die Peter und Stig gehört hatten. Die kleinen braunen Anzüge, – sie wußte noch, wie schwierig es gewesen war, sie anzuziehen. Sie waren jetzt ganz grau von Alter und Abgenutztheit. Sie erinnerte sich, daß sie das Zeug als junges Mädchen gewebt hatte, als sie noch bei Vater und Mutter war. Da waren auch Kleidungsstücke, die sie aus den Anzügen ihres Mannes und aus ihren eigenen Kleidern gemacht hatte. Kleine Schuhe, – es war wie ein Wunder, daß irgend etwas so klein hatte sein können, – winzige Kinderfüße, die noch nicht gehen konnten. Ihre ganze Jugend zog an ihr vorbei in all diesen kleinen, abgetragenen, geflickten Sachen, die sie fast vergessen, die hier all die Jahre gelegen hatten, ohne daß sie daran gedacht, sie zu verschenken. Und sie dachte hilflos: so war ihr Leben gewesen, so wie diese kleinen verblichenen Kleidungsstücke, die sie jetzt in ihren Händen hin und her drehte und wendete, die sie gestopft und geflickt hatte, – nur Erinnerungen an etwas, was einmal gewesen war, vor so langer Zeit, daß es fast wie ein Traum schien, – daß sie sie an der Brust getragen, sie mit ihren Händen geschützt hatte. Und wenn irgend jemand ihnen etwas tat, riefen sie nach Mutter. Sie suchte weiter, nahm kleine Kleider in die Hand. Eines war gelb und rot gewesen, das hatte sie Berret genäht. Das Kind mit dem schwarzen Haar hatte so hübsch darin ausgesehen. »Nein, ich kann es nicht«, dachte sie, »dies kann ich nicht.« Da lag eine alte Puppe, bös zugerichtet – sie hatte sie einmal draußen auf dem Hof im Schmutz gefunden. Berret hatte sie dorthin geworfen – so wie sie alles hinwarf, was ihr in die Finger kam. Kari hatte sie aufbewahrt, sie hatte ja all die Jahre versucht, alles aufzubewahren, was noch gebraucht werden konnte. Sie fühlte ihr Herz unruhig schlagen und sah sich bang in dem Dunkel um, das sich schwer um das einsame Licht auf dem Tisch lagerte, Berret, die kleinen Kleider, die sie getragen, mit den geflickten Löchern und den gestopften Rissen – Erinnerungen an wilde Spiele –, kleine gestickte Hemdchen und weiche, absatzlose Schuhe mit verblaßten Atlasbändern. Eine Puppe machen – aus den kleinen Kleidungsstücken, die sie getragen hatte, als sie damals ein kleines Kind gewesen war ... Karis Hände griffen ratlos hierhin und dorthin, sie waren ganz kalt. Der Rücken schmerzte, die Beine waren unter ihr eingeschlafen, aber ihr war, als müsse sie so liegen, auf den Knien, nicht wie einer, der betet, sondern wie einer, der um seiner Sünden willen gerichtet werden soll. Gott ... nein, zu ihm wagte sie jetzt nicht zu gehen, dies war nicht etwas, womit man zu Gott gehen konnte. Mit tastenden Händen, die immer wieder versagten, versuchte sie, der alten Puppe das rote Kleidchen anzuziehen, – nein, es wurde nichts Rechtes. Heute war ein Vogel zu ihr in die Stube gekommen, – ein kleiner gelb-weiß-schwarzer. Er war ängstlich umhergeflattert, mit dem Kopf gegen eine Scheibe gerannt und tot liegengeblieben. Ihr war das wie ein Zeichen gewesen ... das Herz eines Tieres oder eines Vogels sollte man nehmen. Ihr Gesicht verzog sich in schwerer Qual, sie konnte fast die lange Silbernadel nicht halten, die sie von einer Filigranbrosche abgebrochen hatte, – aber sie mußte dies tun, wie es auch rufen, wie es auch bitten mochte, – sie mußte es tun. Die Nadel glitt durch das abgenutzte Zeug, – irgend etwas hinderte, so daß die Nadel krumm wurde. Sie stach sich, daß der Finger blutete, und plötzlich war ihr, als wäre das kleine Kleid rot und klebrig von Blut. Man verliert seine Seele, sagte sie und lehnte die Stirn gegen die Truhe, zusammengesunken und still. Ihr war, als höre sie Weinen, von überall her, ein leises einsames Schluchzen. Ihr fiel etwas ein, sie suchte wieder in der alten Truhe, – das wollte sie ihr mitgeben, den Schmuck, den sie damals hierher gelegt und nie mehr hatte sehen wollen. Die alte Kette aus kunstvoll geflochtenen goldenen Drähten mit Figuren und Münzen. Sie öffnete die kleine Schachtel, in die sie den Schmuck gelegt. Das Weinen übermannte sie, sie weinte und weinte, wie Kinder in hilfloser Angst weinen können, denn die Kette war nicht da, – es lag nur eine Handvoll zerfallenes gelbes Laub darin. 25 Es war mildes Wetter an dem Morgen, als sie von Braenna abfuhren, um Peters und Randis Kind zu taufen. Der Nebel trieb feucht, fast wie Regen – der Frühling war nicht mehr fern. Kari hatte das Gefühl, als ginge sie jetzt fort von allem, als wäre dies ihre letzte Reise. Der Hof, die alten dunklen Häuser, die weiten, schneebedeckten Äcker. Das Gehöft würde wie früher daliegen, das Korn würde wogen, die Wiesen in reifem Grase stehen, alles würde sein, wie es zu allen Zeiten gewesen war, und würde so bleiben, so lange Gott seine Hand über die Erde hielt. Nur sie hatte dann nichts mehr damit zu tun. Auf dem Hünengrabe hatte der Sturm einen der alten Bäume umgerissen. Der Weg war schlecht, Peter und Stig gingen meist hinter dem Schlitten und sprangen wieder auf, sobald der Weg besser wurde. Randi hielt das Kind ängstlich an sich gepreßt, voll Furcht, der Schlitten würde auf dem unebenen Wege umkippen. »Wir kommen zu spät!« sagte Kari. Ihr schien, als ginge es sehr langsam. Sie hatten den Wald noch nicht hinter sich. Dann kamen noch die Hügel und der endlose Weg am Fluß entlang und all die großen Sümpfe. Ihr war, als wäre das, was sie unter ihrem Pelz verbarg, lebendig, als krabble es an ihr herum, knochenlos und weich. Als sie auf die Hügel kamen, trieb sie selber das Pferd an. Randi schrie auf, Peter und Stig sprangen ab und hielten den Schlitten wieder an, daß der Schnee hoch aufstiebte, was fiel der Mutter nur ein? Sie pflegte sonst so ängstlich hier zu sein? Der Rosthof, all die Gehöfte, die sie kannte, die verheerten, kahlen Sümpfe, wo früher einmal Menschen gewohnt hatten, – die jetzt alle tot waren. Ihr war, als sähen sie sie und ihr Tun. Sie war wie im Fieber, – der Weg, der Weg, den sie fuhr, würde er nie ein Ende nehmen? Würde sie es nicht bald von sich legen können? Aber als sie die Kirche mit ihrem schlanken weißen Turm vor Schnee und schwarzem Wald auftauchen sah, da dachte sie, daß sie es nicht übers Herz bringen könnte. Das Kind in Randis Arm wimmerte leise, regte sich. Randi beugte sich darüber, sprach ihm gut zu und beschwichtigte es. »Wir sind zu früh hier«, hörte Kari Peter sagen, »wir müssen irgendwo warten.« An der Kirche faßte Kari die Zügel und hielt das Pferd an. »Ich möchte ein Stück gehen, ich bin so steif geworden«, – sie stieg aus dem Schlitten, »fahrt nur weiter, ich komme nach«, ihr Gesicht war wie Stein, grau und farblos. »Du bist doch nicht krank?« fragte Randi. Kari schüttelte nur den Kopf, blieb einen Augenblick stehen und sah sie weiterfahren. Dann ging sie zur Kirche hinauf. Wenn jemand darin war, dann brauchte sie es nicht zu tun, dann war sie davon befreit, aber sie wußte, daß sie das nicht wollte, daß sie gar nicht wünschte, daß ihr der Weg erlassen wurde, den sie eingeschlagen hatte. Der Schlüssel steckte im Schloß, vorsichtig öffnete sie das große Tor einen Spalt weit und schlüpfte hinein. Sie fuhr zusammen, so lautlos fiel es hinter ihr wieder zu. Es war, als hatte jemand auf sie gewartet und hülfe ihr, leise zu sein. Es war niemand in der Kirche. Die Kälte schlug ihr entgegen, – scharfes Tageslicht fiel durch die großen Fenster, – die Altardecke leuchtete weiß. Rasch ging sie zum Chor hinauf, die Schritte gaben keinen Laut, sie hallten nicht wie sonst, wenn man durch große, leere Räume geht. Sie tastete die Rückseite des Altars ab, fühlte, daß ein Brett lose war, – schob es beiseite. Hastig nahm sie das hervor, was sie unter dem Pelz getragen hatte, und ließ es in die dunkle Öffnung fallen. Dann drückte sie das Brett wieder an seinen Platz. Abermals merkte sie, wie still alles war, – wie, wenn jemand ihr half und sie begleitete. Sie blieb einen Augenblick in der Tür stehen, um sich zu sammeln, ehe sie draußen mit den Menschen zusammentraf, mit der Familie, mit all denen, zu denen sie gewissermaßen nicht mehr gehörte. Plötzlich hörte sie etwas, sie begann zu zittern, – es war ein leises Tröpfeln. Sie wagte nicht zum Chor hinaufzublicken, – wo Er an das Kreuz genagelt hing. Sie wußte es auch so ..., daß aus seinen Wunden Blut floß, um der Seele willen, die ihm nun verloren war. ... Sie saß wieder in der Kirche, hörte die bescheidene Glocke, die sie für die andere, die der Fluß hinweggerissen, bekommen hatten, über ihrem Kopf läuten. Sie wußte, daß Peter, Stig und Guttorm hinter ihr saßen. Auch die ganze Gemeinde saß da. Heute soll Kari von Braenna ihr Enkelkind zur Taufe tragen. Sie wagte nicht aufzublicken, wagte jetzt niemandes Augen zu begegnen. Der Choralgesang wogte über sie hin. Dann merkte sie an der Stille, daß der Pfarrer eingetreten war. Beten? Nein, das konnte sie nicht, wollte sie nicht. Die Gabe, die Gott ihr gegeben, damit sie sie verwalten und vor ihn tragen solle, hatte sie verkauft. Daß ein Mensch so arm werden konnte, wie sie jetzt war, hatte sie nicht geglaubt. Sie neigte den Kopf tief, als sie an die Worte dachte: daß seine Wege nicht die ihren wären. Wieder und wieder hatte er es ihr gezeigt, aber nie hatte sie sich gebeugt unter den Bürden, die sie trug, unter dem Kreuz, das sie auf sich nehmen mußte. Immer hatte sie Nein gesagt und es abgeschüttelt. Sie preßte die Hände zusammen, – nein, nicht einmal jetzt. Sie konnte nicht sagen: Herr, dein Wille geschehe. Es war nicht Feigheit, – noch war es Zeit, zu dem Pfarrer zu gehen und zu bekennen, aber sie wollte nicht ... Sie sah Randi mit dem Kinde leise hereinkommen und sich an ihre Seite setzen, hörte den Pfarrer oben im Chor, der von der Verantwortung derjenigen sprach, die heute Gevatter sein sollten. Randi gab ihr das Kind, sie nahm es, sah einen Augenblick Randis Gesicht, blaß und bewegt mit großen Tränen ... Dann ging sie durch die Kirche nach vorn, sah Männer und Frauen in den Bänken aufstehen, – einige schlossen sich ihr an, das waren die, die mit ihr geloben sollten, als christliche Frauen und Männer das neue Leben, das jetzt vor Gott getragen wurde, zu schützen und zu stützen. Barbro war auch da, sie sollte dem Kinde das Häubchen abnehmen. Als sie das letztemal hier gestanden, hatte sie auch ein kleines Kind über die Taufe gehalten. Hielt sie so ihre Gelübde? Berret, dachte sie. Wie können wir wissen, wie so etwas kommt? Berret war auch so gewesen wie das Kind, das sie jetzt auf den Armen trug, klein und hilflos. Ein Samenkorn ... zum Guten oder zum Bösen! In Gottes Hände hatte sie damals Berret gelegt. Sie fuhr zusammen, – der Pfarrer fragte nach dem Namen des Kindes. »Berret«, sagte sie leise, – es gab ihr einen Stich, als sie das sagte, sie sah das Erstaunen des Pfarrers, als er auf ein Blatt blickte. Mit Mühe öffnete sie die Lippen: »Ich meinte Kari ... Kari«, wiederholte sie. Ihr war, als halle ihre Stimme durch die ganze Kirche. Sie umfaßte das Kind fest, als gäbe es ihr eine Stütze, und hielt es jetzt empor. »Kari, ich taufe dich, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.« In Kari brannte ein wildes Verlangen, zu weinen, – so war auch sie selber in Gottes Arme gelegt worden. Sie begab sich zurück nach der Bank, Randi nahm das Kind. »Mir ist so schwach«, flüsterte Kari, »so schwach«. Randi faßte nach ihrer Hand, aber Kari zog sie zurück. Ihr war, als risse sie das junge Weib in ihre eigene Sünde hinein, wenn sie sie jetzt bei der Hand faßte. Da stand der Pfarrer am Altar, jetzt wendete er sich zu der Gemeinde, breitete segnend seine Hände aus: »Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.« Jetzt machte er das heilige Zeichen des Kreuzes – sie wäre am liebsten in die Knie gebrochen. Frieden? Nein, so, gerade so würde es sein an dem Tage, wenn Er kam und sprach: Geht hinweg, ihr Verdammten. Die Kirchenglocke über ihr läutete ein paar zitternde, spröde Töne, und die Leute in den Bänken begannen aufzustehen. Wieder fühlte sie Randis Hand an ihrem Arm. »Ja«, murmelte Kari, »mir ist schlecht, – ich kann nicht ...«, die Stimme war wie die eines Kindes. Sie merkte, daß jemand sie anfaßte, sie emporzog, sah alle Gesichter um sich her, – Guttorm, Peter, die Leute, die vorbeigingen und neugierig starrten. Bei jedem Schritt dachte sie: jetzt kann ich nicht mehr. Sie meinte, daß nur das Entsetzen sie aufrecht hielt, all die fragenden Augen. Guttorm ging neben ihr, – half ihr in den Schlitten. Sie hörte ihn zu Randi sagen: »Du fährst besser mit den andern.« Dann setzte er sich zu ihr in den Schlitten, lenkte das Pferd auf den Weg. Ach richtig, jetzt fiel es ihr ein, sie wollte ja nach Kruke. Kari wurde in dieser Nacht so krank, daß Guttorm fragte, ob sie nicht den Pfarrer holen wollten, aber sie hatte nur Nein gesagt, mit leiser, banger Stimme. In dem großen Gastbett lag sie und sah die andern kommen und gehen. Peter und Stig, Randi und Guttorm. Es ergriff sie so seltsam, daß Randi weinte, weswegen weinte sie? Gegen Morgen schlief sie etwas ein, und als sie erwachte, hatte sie das Gefühl, als sei ihr jetzt besser. Guttorm saß eine Weile bei ihr und plauderte mit ihr, sagte dann und wann ein Wort. Er fürchtete, sie zu ermüden. Aber sie war so merkwürdig und fremd, – lag immer da, als lausche sie auf etwas, als erwarte sie etwas, ohne auf das zu hören, was er sagte. »Still«, sagte sie plötzlich, »was war das?« Sie meinte draußen eine Schelle zu hören. Guttorm hörte nichts. Wieder lag Kari lauschend da, – aber es war wohl nichts, – und der Bote, den sie erwartete, kam wohl nicht mit Schellengeklingel. Sie schloß die Augen, und es wurde still in der Stube. Guttorm erhob sich behutsam, um sich zu entfernen, ohne sie zu wecken. Im selben Augenblick hörte er Stimmen draußen, rasche Fragen und Antworten. Guttorm sah, daß Kari wach war. Er ging hinaus, um zu hören, was los wäre, und um den Leuten Stille zu gebieten. Durch die Tür, die er zu schließen vergessen hatte, hörte Kari Matthias' erregte Stimme und Guttorm, der ihn beschwichtigte, aber sie hatte es schon gehört – daß Berret tot war! Sie schrie laut auf, saß aufrecht im Bett, als die andern hereinkamen. »Ich will wissen«, sagte sie, und sie wunderte sich, wie gebieterisch ihre Stimme klang ... »Was flüstert ihr?« »Ja«, sagte Matthias rasch und unsicher, »wir wissen nicht viel. Gestern haben wir sie tot gefunden. Aine sagt, es wäre ganz sonderbar, – Berret hätte etwas wie eine Geschwulst unter der Brust gehabt, die aufgeplatzt sei ...« Um Kari wurde es dunkel, – ihr war, als entschwände der Tag, – aber es waren nur ihre Augen, die nichts mehr sahen. Die Stimmen um sie her verschwammen in einem Brausen, das immer stärker wurde, das dann zerbrach und verstummte in einer einzigen großen Dunkelheit, die mächtig und lautlos um sie emporstieg. Fern – fern hörte sie noch die Stimmen derer, die um sie waren, – aber dann verklangen sie. Das letzte, was sie fühlte, das letzte, was ihr zum Bewußtsein kam, waren die kleinen Narben an der Brust. Ihr war, als wären sie aufgebrochen, als bluteten und schmerzten sie. 26 Und wieder einmal war es Frühling. Über weiße Berge mit schmelzendem Schnee strich der Wind in niedrigziehenden Wolken, die Regen ankündigten. Dennoch brach die Sonne ab und zu durch, machtvoll und warm. Es roch nach Wachstum und Feuchtigkeit, – eine bittersüße Verheißung von Sommer und keimender Saat. Es war noch früher Morgen, aber Peter hatte schon lange auf dem Acker gepflügt, der an der Südseite unterhalb der alten Häuser lag, deren teerschwarze Mauern von riesigen Birken beschirmt waren, die große klebrige Knospen hatten und in denen die Stare ihr Wesen trieben. Furche für Furche wühlte der Pflug die schwarze Erde auf, bereitete sie für eine neue Ernte, die Nahrung für Mensch und Tier, und Saat für einen neuen Frühling geben würde. »Wenn nicht das Saatkorn in die Erde fällt und stirbt« ... Er ging da und dachte an die alten Worte, die sich ihm verflochten mit etwas, das so weit zurücklag, daß er nicht wußte, ob er es geträumt oder ob die Mutter es wirklich zu ihm gesagt hatte. Es war wie aus einem Märchen: Ich werde den Pflug in deine Hand zwingen! War das nur etwas, was er geträumt hatte? Aber dennoch war ihm, als hätte sie gerade das an jenem Lage tun wollen, da sie starb. Ja, immer seither hatte er sie gefühlt, – daß sie um ihn war mit ihrer Forderung. Sie wurde eins mit dem Hofe, mit dem Boden und all dem, was nach ihm rief aus den toten Geschlechtern, aus ferner Zeit, so lange Menschen hier gelebt hatten. Er blieb grübelnd stehen. Die Pferde wendeten die Köpfe, der Wind zerrte an ihren hellen Mähnen. Nein, es war nicht mehr nur etwas, was er tun mußte. Sie hatte den Pflug in seine Hand gelegt, als sie starb, – drohend und beschwörend. Aber allmählich war es zu etwas geworden, was er selber wollte. Berret – an sie erinnerte er sich nur noch wie an etwas Nebelhaftes, wie es einsame Jäger in ihren Träumen am Lagerfeuer umgaukelt, – in den Träumen von Lust ohne Ende... Nein, jetzt lagen sie da und warteten auf ihn, – die alten Häuser, in denen seine Kinder und nach ihnen deren Kinder aufwachsen würden, – die Wiesen, die Äcker, der Wald, die Berge, der Fluß, der wie ein ewiger Sang durch die Stille rauschte. Dies alles war sein, und es war viel mehr als er selbst. Es war das Geschlecht und das Blut des Geschlechts, das aus all diesem zu ihm sprach. Er war ja nur ein Glied in einer ewigen Kette, das eines Tages zerbrechen würde. In einer seltsamen Erregung empfand er: er hatte dies alles bekommen, um es weiterzuführen, es zu schützen und zu schirmen und eines Tages an Söhne zu geben, die hier gehen würden, wo er jetzt ging ... Er zog die Zügel an und schnalzte den Pferden. Während sie sich schwer in das Geschirr legten, faßte er den Pflug fester. Er konnte es nicht erklären, – es war nur so: wenn das Saatkorn nicht in die Erde fällt und stirbt ... Ihm war, als wäre die Mutter gestorben, damit sie leben sollten, aber dennoch hatte er das Gefühl, als ginge sie hier neben ihm über die schwarz glänzende, frischgepflügte Erde ...