Aus dem Leben und den Schriften des Magisters Herle, und seines Freundes Mänle. Mitgetheilt von dem Dritten im Bunde. [Ludwig Aurbacher] Landshut, 1842 v. Vogel'sche Verlagsbuchhandlung Vorbericht des Herausgebers Auf meiner letzten Ferienreise, durch das freundliche Oberschwaben, kam ich auch in das ehemalige Reichsstädtlein J**. Da gewahrte ich im Stadtzollhäuschen einen Zudrang von vielen Menschen, die, wie ich bemerkte, daselbst einer Versteigerung wegen sich versammelt hatten. Auf mein Befragen: was da Köstliches in Aufstreich gegeben werde? ward mir zur Antwort: »Nichts als lumpiger Hausrath nebst einigen lumpigen Büchern. Es gehe aber Alles theuer genug weg, fuhr der Befragte fort, gleichsam als wären es Kleinodien und Reliquien; denn da der Verstorbene Alles schuldig geworden, so wollten dessen Gläubiger doch etwas davon haben, was jeden Falls besser wäre, als gar nichts; zudem sey der Selbige ein lustiger Kauz gewesen, von Jedermann wohl gelitten, weßhalb man denn gerne von ihm ein Andenken erhalten wolle.« Als ich von alten Büchern hörte, ich, der ich keine Trödelbude vorbei gehen kann, ohne nach dergleichen Plunder zu fragen und zu suchen – so mischte ich mich unter die Steigerungslustigen, und trat ein. Ein leichter Ueberblick des Vorraths bestätigte vollkommen die Aussage jenes Mannes; auch wurde der lumpige Kram unter Schäckern und Lachen, hoch und theuer genug ersteigert. Mich zogen indessen allein die Bücher an, die ich vorläufig durchmusterte. Es war gutes altes Zeug darunter. Am meisten aber interessirten mich ein Paar Manuscripte; das eine führte den Titel: »Philologische Belustigungen;« das andere: »Aus dem Leben und den Schriften des Magisters Herle und seines Freundes Mänle.« Und als es nun zuletzt an die Feilbiethung des literarischen Nachlasses kam, nahm ich keinen Anstand, sogleich einige Dukaten für das Ganze zu biethen, das mir denn auch, nicht ohne höhnisches Lächeln der Zuschauer, gegen baare Bezahlung ohne Einspruch zugeeignet wurde. Mit meinem Fang wohl zufrieden, ließ ich sogleich Alles – es war eben nicht viel – in's Gasthaus zur Post schaffen, wo ich zu übernachten gedachte. Es gefiel mir in diesem Hause. Ich traf hier, was auf dem Lande und in kleinern Städten nichts Seltenes ist, eine patriarchalische Wirthschaft, wo die Familie ihr Familienleben ungestört fortführt unter und neben den Gästen, die eben auch, obgleich Fremde, sogleich und in Allem als Familienglieder betrachtet und behandelt werden. Der alte Posthalter, ein noch rüstiger Greis, führte das Commando über Haus, Hof und Feld, wie aus dem Kommen und Gehen der dienstbaren Geister zu ersehen war, die seine Befehle einholten; seine Tochter, die an den Schulmeister des Orts verheirathet war, hatte die nächste Aufsicht über Küche, Keller und Gelaß; der Schulmeister selbst, sein Schwiegersohn, besorgte das Postbureau, stellte die Rechnungen des Hauses, und führte die Correspondenz. Alles hatte seinen ruhigen, geregelten Gang. Ich speiste Abends an dem Wirthstische, an der Seite dieser wackern Menschen, und umgeben von den schönen, gesunden, wohlerzogenen Enkeln des Posthalters, der seine Augenweide und Herzenslust an ihnen hatte. Ich ging bei Zeiten auf mein Zimmer; denn mich trieb die Neugierde, die erstandenen Manuscripte genauer zu mustern. Leider mußte ich bald erfahren, daß ich mich in Ansehung der »philologischen Belustigungen« arg getäuscht und geprellt hatte. Denn es war dieselbe Schrift, die bereits im Jahre 1824 bei Joseph Lindauer in München (in Commission) erschienen war, wie mich ein gebundenes Exemplar unter den angekauften Büchern belehrte. Doch war immerhin schon die Entdeckung des Verfassers einen Dukaten werth, und ich hoffte zumal meinem Freunde, dem Universitäts-Bibliothekar **, mit dieser Mittheilung keine geringe Freude zu machen. Original, authentisch und ungemein interessant war dagegen die andere Handschrift: »Aus dem Leben und den Schriften des Schulmeisters Herle.« Denn je weiter ich las, desto mehr ahndete, hoffte, vermuthete ich: es sey der Held der Geschichte kein Anderer, als des Posthalters Schwiegersohn, der Schulmeister selbst in effigie . Ich konnte nicht mehr anders; ich mußte sogleich Gewißheit haben; ich ließ noch spät Abends den Mann auf mein Zimmer bitten. Er kam. Es entspann sich ein Gespräch, das ich, wie ein Inquisitor einleitete. Sie heißen Fidelis Herle? »Zu dienen, mein Herr!« Sie waren, Sie sind noch der Schulmeister des Orts? »Ja, mein Herr! seit zwanzig Jahren.« Sind sie nicht früher einmal Präceptor an der lateinischen Schule zu ** gewesen? »Nicht ein volles Jahr lang. Aber wie kann Sie dieß interessiren?« Sie hatten dort häufigen Umgang mit einem gewissen Crispinus Mänle? »Er war mein Freund; es ist derselbe, dessen Tod ich seit sechs Wochen beklage und dessen kleine Verlassenschaft heute versteigert worden. Aber, mein Herr! woher wissen Sie denn dieß Alles.« Ich weiß noch mehr; ich kenne Ihre Pläne, die Sie damals gehabt, Ihre Studien, die Sie getrieben, Ihr ganzes Verhältnis zu dem Rektor und dessen Tochter Doris. Doch genug für Heute. Morgen das Weitere! Also gute Nacht! Er ging, nachdem er mich noch einmal mit großen Augen gemessen. Ich aber nahm sogleich wieder mein Manuscript vor, und ich las – mit desto größerem Interesse, da der Schauplatz der Handlung und die handelnden Personen zum Theil selbst vor meinen Augen standen – bis in die tiefe Nacht hinein, und durchwachte die übrige Zeit unter angenehmen Empfindungen, Plänen und Hoffnungen. Des andern Morgens in aller Frühe trat der Schulmeister wieder in mein Zimmer, sein ungefähr zwölfjähriges Töchterlein an der Hand, das mir schönen, guten Morgen wünschte, und, im Namen der Mutter, fragte, was mir für ein Frühstück, und wann es mir gefällig sey? Ich fragte das Kind, wie es heiße? »Bärbele,« antwortete sie. »Also, wie die Mutter?« Das Kind nickte freundlich lächelnd. »Sie ist auch, sagte der Schulmeister, das leibhafte Ebenbild der Mutter.« »So gib mir denn ein Küßchen,« sagte ich zum Mädchen. Sie schüttelte freundlich den Kopf. »Im Namen der Mutter!« »»Ich muß aber zuerst die Mutter fragen,«« sagte sie, und lief davon. Sobald wir allein waren, nahm der Schulmeister das Wort. »Das gestrige Gespräch, sagte er, beschäftigte, ja beunruhigte mich lange Zeit. Wie kennen Sie doch, da Sie doch hier ganz fremd zu seyn scheinen, meinen Namen, meine Schicksale, in's Besondere mein Verhältniß zu dem Rektor und zu seiner Doris?« »Hier – sagte ich, indem ich ihm die Handschrift hinschob – steht ja Alles ausführlich in Ihrer Biographie, welche Ihr Freund verfaßt hat.« »Er wird doch nicht? – erwiederte der Schulmeister, indem er flüchtig in der Handschrift blätterte, und ein über das andere Mal lächelnd den Kopf schüttelte – der Schalk! Ja, das sieht ihm ganz gleich. Hat er ja auch meinen Briefwechsel herausgegeben, den ich mit einem andern Freund geführt, und den er diebischer Weise unterschlagen hat! Sie kennen vielleicht die philologischen Belustigungen, wie er sie zu nennen beliebt hat?« Leider! sagte ich seufzend. »Er hat pures Makulatur drucken lassen, und er ist deshalb von mir oft genug ausgelacht worden. Er aber schalt dann auf die Barbarei des Zeitalters und des Volkes, das keinen Geschmack hätte an solchen soliden und zugleich artigen Dingen. Ich meines Theils ließ ihn gewähren; denn jene Zeit, mit ihren Thorheiten, lag schon weit hinter mir, und ich bin mir seitdem selbst ganz fremd geworden.« Inzwischen war das Frühstück aufgetragen worden. Wir beide genossen es zusammen, während wir das Gespräch lebhaft fortsetzten. Da ich wünschte, von den weitern Schicksalen seines verlebten Freundes zu hören, willfahrte er mir mit Folgendem: »Sie wissen, daß er, mit seinem Vetter, das Geschäft eines Antiquars betrieb. Er setzte es zwar noch einige Zeit nach dem Tode desselben fort, allein das wenige Vermögen schwand immer mehr unter seinen Händen, so daß er zuletzt in bedeutende Verlegenheiten gerieth. Desto lieber folgte er meiner Einladung hieher, wo er denn um den erledigten Dienst eines Stadtzöllners sich bewarb, damit er, wie er sagte, einen festen Sitz habe, was ihm bei seinem Zipperlein vor Allem nothwendig sey. So verlebte er seine letzten Jahre dahier in einem Zustande, der zwischen stoischer Entbehrung und epikuräischem Wohlleben hin und her schwankte. Sein unerschöpflicher Humor machte ihn allen Menschen angenehm, und mir blieb er der treueste Freund bis an sein Ende.« Das Geschäft rief den Schulmeister ab. Ich blieb noch den ganzen Tag bei den guten, trefflichen Menschen, um das Conterfei eines altväterlichen Lebens recht in's Auge und in's Herz zu fassen. Diesen kurzen Vorbericht glaubte ich voraus schicken zu müssen, um die Wahrheit und Echtheit dieser Geschichte dem Leser augenfällig zu machen, daß er sie nicht gar etwa für einen Roman halte und eitle Erdichtung. Ein » in fidem copiae « durfte ich wohl von dem Helden nicht verlangen noch erwarten, da er über Alles, was er früher geschrieben und getrieben, die vollste Gleichgültigkeit bezeigte. Aber um so unbedenklicher konnte ich auch, noch bei dessen Lebzeiten, das biographische Bruchstück herausgeben, da ich überzeugt bin, daß, wenn auch alle Welt es liest – und sie wird's lesen – er selbst nicht im mindesten Notiz davon nehmen wird. Erstes Kapitel. Die merkwürdige Geschichte, welche ich meinen Lesern mitzutheilen gedenke, fällt in den Anfang unsers Jahrhunderts, und hat zum Schauplatz vorerst das ehemalige Reichsstädtchen ** in Schwaben. Der Held der Geschichte ist und heißt Fidelis Herle , der Schulverweser allda. Namen und Charaktere der übrigen Personen wird der geneigte Leser gelegentlich erfahren, dann nämlich, wenn sie eben auftreten. Indem ich nun so, als Geschichtsschreiber, wie der Dichter bei Schauspielen verfährt, von vorn herein die Äußerlichkeiten, Zeit, Ort und Personen bezeichne – den Titel hat der Leser ohnehin schon gelesen: – so erlaube man mir, daß ich mich nun hinter die Coulissen zurück ziehe, und die Personen, so gut es gehen mag, selbst agieren lasse. Herle tritt auf. Er beschäftigt sich im Schulgarten mit Begießen der Pflanzen, mit Ausreuten des Unkrauts, mit Beschneiden und Säubern der Bäumchen in seiner Pflanzschule. In eine einfache, leichte Sommerkleidung gehüllt, erscheint er dem Zuschauer als ein schlanker, stattlicher Jüngling von ungefähr zwanzig Jahren, mit blonden Haaren, blauen Augen, von gebräuntem, leicht durchröthetem Angesicht und von ernster, doch wohlwollender Miene. Indem er noch emsig beschäftigt ist mit seiner Gartenarbeit, klingelt leise das Glöcklein an der verschlossenen Gartenthür. Er schaut hin; er erblickt Niemanden. Es klingelt wiederum; er tritt näher, und nun bemerkt er eine wunderliebliche Erscheinung. Durch die, in Form eines Herzens durchbrochene Lücke an der Thür, die mit allerlei Schnörkeln verziert ist, strahlt ihm ein blühendes Mädchenantlitz entgegen, so mild lächelnd und fromm blickend, wie ein Madonnengesicht. Er weiß anfangs nicht, ist's Täuschung, ist's Wirklichkeit, ein Bildniß oder ein Phantom. Endlich wie er ganz nahe kommt, lacht das schäckernde Mädchen, und erhebt sich. »Bist du's, Bärbele? Du Schalk, du!« »Ei ja wohl bin ich's,« sagt das Kind, und übergibt ihm einen Brief, das große Insiegel ihm bedeutsam vorhaltend. Herle greift hastig nach dem Schreiben; dann sagt er: »Komm herein, und pflücke dir einstweilen einen Blumenstrauß, während ich lese.« Herle liest. Mit jeder Zeile steigt ihm die Röthe mehr in' s Gesicht; er weiß sich vor Freude kaum mehr zu fassen. Er legt das Schreiben zusammen, er eröffnet es wiederum, und liest es abermals – dann, nachdem er noch ein Paar Gänge auf und ab gemacht, nähert er sich dem Mädchen, das sich so eben den Strauß windet, und sagt, indem er dessen Hand ergreift: »Bärbchen, nun müssen wir scheiden!« »Herr Jesus!« ruft das Kind erblassend; ihre Hand läßt den Strauß fallen, ihr Auge füllt sich mit Thränen, ihr Mund ist stumm und starr. Dann plötzlich, wie von einer Schreckensgestalt gejagt, wendet sie sich um, und läuft hinweg, laut weinend und jammernd. Zweites Kapitel. Vor Freude, die sein Innerstes erfüllte, bemerkte oder würdigte der Jüngling nicht den Schmerz, der des Mädchens Brust zerrissen. Es beschäftigte ihn zu sehr der Gedanke an sein Glück, das ihm nun endlich aufgegangen, um sein Leben fortan in vollem Glanz zu erhellen. Er verließ bald den Garten, und lenkte heimwärts, um das Schreiben noch vor abgehender Post zu beantworten. Die Nachricht von seinem Abschied hatte sich indessen schon verbreitet; denn Bärbchen, die ihren Schmerz vor den Leuten nicht verbergen konnte, erzählte jedem, was vorgegangen. Indem nun Herle die Straße hinab ging, vertrat ihm sogleich eine ehrsame Bürgerin den Weg, und fragte: »Ist's wirklich wahr, daß Ihr uns verlassen wollt, Herr Herle? « und der Knabe, der neben ihr stand, blickte ihn mit trauriger Miene an. Der Krämer, der sonst dem Vorübergehenden gewöhnlich eine Prise Taback bot, wendete sich bei dessen Herannahen unter der Ladenthür um, und sein »Spitz,« wie es schien, von gleicher Antipathie ergriffen, bellte und knurrte ihn an. Als er vor dem Posthause vorüber ging, sahen die Gäste nach ihm, und schüttelten die Köpfe; und der Posthalter, der neben Bärbchen, seiner Tochter, zum Fenster heraus schaute, zog, als er näher gekommen, sich und das Mädchen zurück. Abends ging Herle , wie gewöhnlich in's Posthaus. Er übergab sein Antwortsschreiben dem Posthalter selbst. »Also – fing dieser an, nachdem er ihn lange gemessen – also will der Herr uns verlassen?« »Ja, sagte Herle , so leid es mir übrigens thut, von meiner Vaterstadt, der ich so Vieles zu verdanken habe, und von ihren braven Bürgern zu scheiden. Allein der Mensch denkt's, und Gott lenkt's. Ein junger Mann, so lange er bei Lust und Kraft ist, muß eben sein Fortkommen im Auge behalten, und daß mir mein Plan gelungen, darin erkenne ich Gottes Willen, der seine Vorsehung thut. Ich habe – sagte er, indem er den Kopf höher warf – einen Ruf an die Universität bekommen.« »Gratuliere, sagte der Posthalter, und lüpfte seine Kappe; der Herr wird also Professor?« »Das wohl noch nicht, erwiederte jener; einstweilen nur erst provisorischer Präceptor an der lateinischen Schule daselbst. Aber die Carriere steht mir jedenfalls offen zu höhern Würden.« »Nun, nun, versetzte der Posthalter, sey's wie's sey, wir wollen dem Herrn nicht im Weg stehen, und wünschen ihm, daß er anderwärts sein Glück mache. Aber zu Haus ist zu Haus, und in der Fremde ist und bleibt man halt fremd, das hätte der Herr bedenken sollen. Aber, wie gesagt, wir wollen den Herrn nicht aufhalten. Ein jeder ist seines Glückes Schmid, und je nachdem das Eisen, so hämmert sich's.« Mit diesen Worten entfernte sich der Posthalter. Als Herle nun in die Zechstube trat, empfingen ihn die Gäste, wie einen Fremden, höflich, aber einsylbig. Der Tisch, an dem er sonst mit Andern zu sitzen pflegte, war heute leer, und von den andern Tischen schlugen Laute an sein Ohr, die ihn nicht sonderlich erbauten. Der Posthalter ließ sich den ganzen Abend nicht sehen; auch Bärbchen nicht, die doch sonst jedesmal erschien, mindestens um guten Abend und gute Nacht zu sagen. Herle ging bei Zeiten nach Hause, in einer Stimmung, von Leid und Freud gemischt, die schwer zu beschreiben ist. Drittes Kapitel. Die Beweggründe, die unsern Freund vermocht haben, seine Vaterstadt zu verlassen, und eine Lehrstelle am Sitze der Universität zu übernehmen, werden dem Leser einleuchten, wenn er dessen frühere Lebensverhältnisse und die Hoffnungen, die er in die Zukunft setzte, genau kennen gelernt und gehörig erwogen hat. Der Sohn eines Schulmeisters, sollte der talentvolle Knabe, von wohlwollenden Bürgern seiner Vaterstadt unterstützt, sich für den gelehrten Stand ausbilden; und er besuchte mehrere Jahre hindurch mit glänzendem Erfolg das Gymnasium in **. Als er so eben, ein fünfzehnjähriger Jüngling, in eine höhere Lehranstalt übertreten wollte, wurde sein wackerer Vater von einem unheilbaren Uebel befallen, welches ihn für immer zum Schuldienst unfähig machte. Ein Gehülfe sollte genommen und von dem ohnehin kärglichen Jahresgehalte bezahlt werden. Da faßte der Sohn den großmüthigen Entschluß, seine Studien zu verlassen, um seinem kranken Vater Beistand zu leisten. Auch stand er, als Schulverweser, seinem Amte vor bis nach des Vaters Tode, mit einem Eifer und mit einem Geschick, daß er – laut amtlicher Zeugnisse – die Achtung seiner Vorgesetzten, das Zutrauen der Aeltern, die Liebe der Kinder im höchsten Grade erwarb. Besonders hochgeschätzt und gern gesehen war er im Posthause, das ihm von jeher, wie das väterliche, offen gestanden. Der Posthalter, ein verständiger, heiterer und wohlwollender Mann, kannte und liebte den Knaben, den Jüngling, und wußte, welch ein Kleinod die Gemeinde an ihm besäße, weßhalb er auch Alles aufbot, um ihn der Schule zu erhalten. Bärbchen, seine Tochter, nun ein fünfzehnjähriges, hübsch aufblühendes Mädchen, seitdem sie die Schule verlassen, erhielt täglich von ihm Hausunterricht; und das liebe Kind hatte sich nach Geist und Gemüth so sehr an ihn herangebildet, daß sie ohne Beziehung auf ihn nichts mehr denken und fühlen konnte; daher sie denn auch sonst wohl, wo sich Gelegenheit both, sich an ihn drängte, und jedes lehrreiche und liebwerthe Wort aus seinem Munde tief zu Gemüth führte. Ungeachtet dieser angenehmen Verhältnisse, die ihm die Gegenwart both, konnte er doch nicht, zumal seit dem Tode seines Vaters, jene glänzende Zukunft aus dem Auge verlieren, die ihm in jenen frühern Jahren eine Aussicht in den gelehrten Stand eröffnet hatte. Er achtete zwar den Beruf eines Volksschullehrers, er liebte die Jugend mit einer seltenen, ja väterlichen Liebe, und er fand selbst in den Elementargegenständen Umfang und Inhalt genug, um einen denkenden Mann, der zugleich bildend verfahren will, vollauf zu beschäftigen. Allein das Ideal seines Lebens und Strebens, das er seit jener Zeit in sich getragen, war nichts Geringeres, als das Höchste im Gebiete der Gelehrsamkeit: der akademische Lehrstuhl und der akademische Grad. Der Ehrgeitz nach einer solchen Auszeichnung war seine schwache Seite, welche uns um so auffallender erscheinen muß, da gerade seine schlichte Einfalt, sein stilles, redliches Leben und Streben, sein ganzer, echt bürgerlicher Charakter, abgesehen auch von allen Kenntnissen, ihn am mindesten zu einer solchen öffentlichen, ostensibeln Stellung zu befähigen schienen. Wohl jeder strebende junge Mensch trägt und nährt den Trieb zu irgend einer falschen Richtung in sich, und nichts ist gewöhnlicher, als daß man die Neigung zu irgend einer Kunst oder Wissenschaft für den Beruf selbst hält. Herle hatte sich einmal die glänzende Höhe des akademischen Lebens als Zielpunkt gestellt, und seinem Talente und Eifer schien nichts im Wege zu stehen, das ihm den Zugang dahin verhindern könnte. Deßhalb, und weil er doch nicht, der schon als Lehrer gedient, nun als Schüler wieder eintreten sollte, hatte er sich um eine untergeordnete Lehrstelle an oder vielmehr neben der Universität beworben, verhoffend, er werde neben seinen Berufsgeschäften Zeit und Gelegenheit genug finden, um sich nach unvorschreibbaren Jahren zu einer außerordentlichen Professur der Philologie heranzubilden. Viertes Kapitel. In den wenigen Tagen, welche zwischen seiner Abreise lagen, erfuhr unser Freund so recht, wie theuer er den Aeltern und Kindern gewesen sey. Nachdem jene erste Ueberraschung vorübergegangen, die wohl einige mißbilligende Aeußerungen aufkommen lassen mochte, ward man bei nüchterner Ueberlegung gewahr, daß der treffliche, junge Mann wohl auch an sich, nicht bloß an Andere, denken müsse, und man ehrte und lobte sogar seine Pläne für die Zukunft. Nur der Posthalter schüttelte immer noch bedenklich den Kopf, und beharrte auf seiner abweichenden Meinung. »Man sollte, sagte er, die Stelle, die uns Gott angewiesen, nicht leicht verlassen; denn sie trage die Spur seines Fingers, und es ruhe auf ihr der Segen seiner Hand. Es sey gleichviel, wo man seinen Stuhl in der Kirche habe, ob nahe oder fern von dem Altar und der Kanzel, wenn man nur Gottes Wort verstehe und sein Heil erfahre. Die Unruh tauge nirgends, als in der Uhr, und im Menschenherzen nur dann, wenn sie die Zeit einhalte. Maaß sey zu allen Dingen gut. Nicht Alles, was glänze, sey Gold. Mancher, der nach Schätzen gegraben, habe nur Moder gefunden. Indessen – schloß er – jeder steht für sich selbst ein; wie man sich bettet, so schläft man; und des Menschen Wille ist sein Himmel.« Bärbchen ließ sich bei der Gesellschaft an den Abenden auch wieder sehen; bei Tage aber, und unter vier Augen blieb sie dem Freunde unzugänglich, indem sie immer Geschäfte vorschützte. Sie bewies überhaupt viel Fassung, und die Veränderung, die in ihrem Wesen vorging, war überraschend und wunderbar. Es schien, als wenn sie in den wenigen Tagen zur Jungfrau herangereift wäre; sie, die sich sonst noch gern als Kind geberdete, und sich im Kindlichen, ja Kindischen gefiel, betrug sich nun plötzlich streng sittig, beinahe ernsthaft; scherzhafte Neckereien erwiederte sie bloß mit anmuthigem Lächeln; und Zudringlichkeiten, die sich wohl die Gäste vordem erlaubten, wies sie mit ruhigem Anstand zurück. Selten mehr richtete sie ein unmittelbares Wort an ihren Lehrer, obwohl sie übrigens seine Anrede mit aller Freundlichkeit erwiederte. Wohl aber ruhte ihr Auge, oft unbewußt, gern und lange auf dem verehrten Manne, was dieser denn gar wohl bemerkte und richtig zu deuten wußte. Je näher der Tag der Abreise heranrückte, desto schwerer ward es unserem Freunde um's Herz. Man lernt die Menschen und ihre ganze, volle Liebe erst kennen und schätzen, wenn man sie meiden, wenn man scheiden muß. Wäre es möglich gewesen, seine Anstellung rückgängig zu machen, ohne höhern Ortes anzustoßen, er hätt' es gethan. Am frühen Morgen, wo er zu Fuß abreisen wollte, fuhr der Postillon vor mit des Posthalters zwei Rappen, um ihn bis in die nächste Stadt zu fahren. Er wollte noch in's Posthaus, um Abschied zu nehmen; allein der Schwager bedeutete ihm, daß der Posthalter bereits auf's Feld gegangen sey, und daß die Tochter wegen Unpäßlichkeit das Bett hüten müsse. Fünftes Kapitel. In der Universitätsstadt angekommen, wo er weder Verwandte noch Bekannte hatte, sah er sich vor Allem nach einer Wohnung um; und ein, wie es ihm schien, glücklicher Zufall wollte, daß er in demselben Hause, wo der Rector magnificus wohnte, ein Paar Zimmer fand, die, obgleich nur enge und niedere Dachstübchen, seiner Genügsamkeit vollkommen zusagten. Nachdem er in den ersten Tagen die nöthigsten und anständigsten Besuche bei seinen Vorgesetzten und Collegen abgestattet, und sich zur Uebernahme der Classe genugsam vorbereitet hatte, war sein erster Gang, den ihm die freie Muße erlaubte, zu Ihro Magnificenz. Man wies ihn, den Angemeldeten, in das Bibliothekzimmer. Er hatte anfangs Mühe, den Mann zu entdecken, der, von Folianten und Quartanten umstellt und umlagert, an seinem Schreibtische saß. Magnificus, ohne den Eintretenden zu begrüßen, schrieb noch eine Weile fort; dann, nachdem er die Feder niedergelegt, und wieder aufgenommen, um noch in Eile ein Paar Worte zu ändern: wendete er sich an den harrenden Gast, lüpfte ein wenig seine schwarzsammetne Haube, und fragte: »Was beliebt?« »Nichts, antwortete Herle , als Ew. Magnificenz einen gehorsamsten Besuch abzustatten, und mich Dero huldvoller Gnade zu empfehlen.« Der Rektor warf abermal einen Blick auf seine Papiere, und notirte; dann nahm er seine Cöllner Pfeife zur Hand, und fing an gemächlich zu schmauchen, indem er zugleich aus der neben stehenden, dampfenden Schale Milch-Caffee schlürfte. Nachdem er endlich den Gast zum Sitzen eingeladen, ließ er sich mit ihm in ein lebhaftes Gespräch ein – wenn anders Gespräch zu nennen ist, wo nur der Eine das Wort führt und der Andere sein Ohr herleiht. Es erging sich die Rede über die philologischen Arbeiten, die er so eben vorhatte, von den Schwierigkeiten, die zu überwinden, von Lesearten, die zu berichtigen, von Conjekturen, die zu wagen sind. Er las ihm ganze Stellen aus den codicibus vor, deren Corruptheit er darzuthun, und deren Korrektheit er wieder herzustellen sich bemühte. »Was meinen Sie, Werthester? – fragte er ein- und das andere Mal – stimmen Sie mir nicht bei?« Herle nickte, als gäbe er seinen Beifall, und Magnificus fuhr dann wieder selbstgenügsam fort, sein philologisches Thema zu erörtern und zu erhärten. Endlich schien seine Rede, mit der Pfeife, auszugehen, und Herle erfaßte nun die Gelegenheit, dem hohen Gönner zu eröffnen, wie sehr er wünsche, sich in dieser humansten aller Wissenschaften, in der Philologie auszubilden, um dereinst, wenn er sich durch anhaltendes Studium hiezu tüchtig gemacht, einen Lehrstuhl auf der Hochschule würdig einzunehmen. »Einen philologischen Lehrstuhl auf der Hochschule? – rief der Rektor aus, indem er den Präceptor scharf fixirte – vielleicht wohl gar den meinigen, meinen Sie?« Sechstes Kapitel. Herle , in großer Verlegenheit, erwiederte: »Er meine gar nichts, sondern er wünsche nur, als aufmerksamer Schüler zu seinen, des Magnifici, Füßen zu sitzen, so lange, bis er tüchtig befunden würde, irgendwo an einer Universität, sey's auch in Rußland oder Siberien, ein philologisches Katheder zu besteigen, wozu ihm eben Hochdero Empfehlung dann verhelfen möge.« Der Rektor, wie es schien, durch diese bescheidenen Worte wieder beruhigt, fing nun an, ihn sogleich in die Schule zu nehmen, und sich zu erkundigen, wie weit er schon in den alten Sprachen gekommen. Das aufrichtige Bekenntnis des Präceptors, daß er am Gymnasium nur wenig Griechisch erlernt, und dieses Wenige leider! wieder vergessen habe, brachte Seine Magnificenz außer Fassung. »Und Sie wollen Philolog, ja Professor der Philologie werden? Ahnen Sie auch nur im Entferntesten, was diese Wissenschaft in sich begreift? Nichts weniger, als Alles. Oder meinen Sie etwa, daß die bloße, wenn auch vollständige Kenntniß der Vocabeln und ihrer Verbindung hinreiche, um Griechisch zu verstehen? Das ist kaum der Anfang, die Vorbedingniß, die Grundlage des philologischen Studiums. Der Buchstab ist todt, wenn ihn nicht der Geist belebt; jedes Wort aber, jede Verbindung der Worte, ist ein Lebendiges, ein Geistiges, wie eine Pflanze, an welcher man nicht bloß ihre äußern Kennzeichen, sondern auch ihr inneres Leben und Weben kennen muß, um sie ganz zu kennen. Zu dieser tiefen Einsicht und weiten Umsicht gelangt aber nur derjenige, der in der Geschichte der Griechen, in allen Werken des hellenischen Geistes, in allen Wissenschaften und Künsten dieses einzigen Volkes durchaus bewandert und wie zu Hause ist. Wer will den Plato verstehen, wenn er nicht ein gewandter Logiker, ein scharfsinniger Metaphysiker, ein, mit allen Systemen griechischer Philosophie vertrauter Denker ist? Wer den Aristoteles, wenn er nicht zudem noch die Erscheinungen und Gesetze der Natur wohl kennt? Daß ein Polybius Vorkenntnisse in dem Kriegswesen und in der Kriegführung, ein Euklides mathematische Vorbildung, ein Demosthenes staats- und rechtswissenschaftliche Begriffe voraussetze, bedarf ohnehin keines Beweises, so wie man die Historiker alle, ohne gründliche und umfassende Historie selbst, in's Besondere ohne die historischen Hülfswissenschaften, die Chronologie, die Numismatik, die Genealogie, die Mythologie, durchaus nicht verstehen kann. Und noch habe ich nichts gesprochen von den redenden, bildenden und andern Künsten, in denen die Griechen zumal als unerreichbare Meister und ewige Vorbilder uns erscheinen, und die wir, soweit sie uns schriftlich überliefert werden, nicht zu würdigen verstehen, wenn wir nicht in der Rede- und Dichtkunst, in der Malerei, in der Plastik und Architektur, ja in der Musik, in der Tanz- und Fechtkunst, in der Gymnastik, diesen Zierden hellenischer Feste und Spiele, bewandert und gewisser Maaßen geübt sind. Ich sage darum nicht zu viel, wenn ich behaupte, daß der Philolog, der gründliche, Alles in Allem seyn, und in sich allein eine ganze Universität repräsentiren solle. Verstehen Sie mich? begreifen Sie das? und bezeigen Sie noch Lust, das ganze, weite Feld der Wissenschaften und Künste zu erobern und zu bebauen, Sie, der Sie nichts sind, nichts haben und mitbringen, als ein Bißchen Latein, und, was ein Philolog am leichtesten entbehren kann, ein passables Deutsch?« Siebentes Kapitel. Der lebhafte, ja leidenschaftliche Ton, womit Se. Magnificenz diese Worte vortrug, mochte wohl seine Tochter, die sich in einem der nächsten Zimmer befand, zu der Meinung verführt haben, daß der Vater in einen ärgerlichen Zank gegen den Fremden gerathen sey. Um eine solche unangenehme Scene zu unterbrechen, trat sie in's Studierzimmer, und fragte: ob wohl der Papa nicht ein Glas Wasser befehle? Beim Eintritt des Fräuleins stand Herle sogleich auf, und er betrachtete sie mit neugieriger, doch schüchterner Aufmerksamkeit. Unter den schwarzen, bauschig gelockten Haaren, both das länglichte, blasse Gesicht, das zudem männliche Züge hatte, wenig Anmuthiges dar. Aber ihre Taille war hübsch, und in dem weißen, reinlichen Hauskleide traten die Formen ihres schlanken Körpers reizend genug hervor. Da der Vater ihre Frage mit kurzem »Nein« abfertigte, so machte sie sich selbst noch eine Weile in dem Zimmer an der Lampe zu schaffen, während sie dabei einige prüfende Blicke auf den jungen, schönen Mann hinschweifen ließ, der, wie es schien, ihr besonders Wohlgefallen erregte. Herle nahm durch diesen Zwischenfall Veranlassung, sich zu entfernen. Er dankte Sr. Magnificenz für die erhaltene, lehrreiche Aufklärung und bat, ihm gütigst zu erlauben, daß er seine Besuche wiederholen dürfe; was mit Vergnügen zugestanden wurde. Das Fräulein begleitete ihn bis zur Thür, und er unterließ nicht, für diese Artigkeit mit vielen stummen Bücklingen zu danken. Hatte die Unterredung mit dem Magnificus, der ihm als ausgezeichneter Gelehrter in seinem Fache allgemein gegolten, schon so ziemlich seinen Muth und den Vorsatz geschwächt, sich der Philologie zu widmen und zu einer Professur heranzubilden, so fand er seinen weitaussehenden Plan vollends unausführbar, als er, nach wirklicher Uebernahme seiner Classe, die Arbeiten und Pflichten seines Amtes ermaß, und die wenige, ihm noch übrige Zeit für andere Beschäftigungen in Anschlag brachte. Denn, was hier wohl zu bemerken ist: er trieb sein Geschäft nicht als ein bloßes Handwerk, das eben seinen Mann ernähren sollte, sondern als wichtige, ja heilige Angelegenheit, auf die er all sein Sinnen und Trachten verwandte, oder doch mittelbar bezog. Auch fühlte er sich in der Schule, in der Mitte seiner Knaben, deren er eine große Anzahl hatte, recht wohl und behaglich. Er selbst besaß nicht nur eine treffliche Lehrgabe, die den Gegenstand faßlich und anziehend zu machen wußte, sondern er übte auch die Pflicht eines Erziehers, eines väterlichen Freundes, der die Herzen zu gewinnen, die Gemüther zu fesseln verstand. So waren ihm denn seine Schüler im höchsten Grade zugethan, und die Schulstunden, die einem lässigen Lehrer zur Qual werden, flossen ihm dahin voll reiner, unversiegbarer Freuden. Indem wir aber hiermit so wahr als warm sein Lob aussprechen, können wir nicht umhin, zugleich eine seiner Grillen zu erwähnen, welche uns einigen Zweifel an seinem Verstande erregen müßte, wenn wir ihn nicht so genau kennen würden. Es stand ihm nämlich der Titel »Präceptor« nicht an, und er wünschte, lieber »Magister« genannt zu werden; ja, jenes Wort widerte ihn eben so sehr an, als früher das ihm unausstehliche »Lehrer;« wogegen ihm »Schulmeister« recht behaglich in's Ohr und in's Herz klang. Er wußte darüber viele und wichtige Gründe vorzutragen, die er denn bei jeder Veranlassung vorzutragen nicht müde wurde; mit deren Aufzählung wir jedoch unsere Leser nicht behelligen wollen; den eigentlichen Grund aber dieser seiner Idiosynkrasie, eine gewisse Ehr- und Titelsucht, verschwieg er sich und Andern gar wohl. Seine Schüler, die schlau genug waren, um ihm bald diese Schwäche abzumerken, unterließen von nun an nicht, ihn als Magister, d. i. lateinischen Schulmeister zu begrüßen, welche Aufmerksamkeit er ihnen denn hoch anschlug. Und so haben denn auch wir, aus freundschaftlicher Rücksicht, ihn auf unserem Titel – nicht aber im Werke selbst, um der Wahrheit willen! – als Magister figurieren lassen zu müssen geglaubt. Achtes Kapitel. In wie freundlichen Berufsverhältnissen auch Herle lebte, so wenig sagten ihm die gesellschaftlichen zu, wie sie eben eine große Stadt zu biethen vermag. Es lebt da jeder für sich, durch das bunte Gewimmel und Getümmel sich hindurch drängend; und bei öffentlichen Lustbarkeiten, wo die Menge sehen und gesehen werden will, fand er zwar viele höfliche Leute, aber keinen Menschen, der sich ihm zutraulich annäherte. Er selbst konnte aber nur eine Gesellschaft anziehend halten, deren Mitglieder zu gegenseitiger Erheiterung und Bildung sich herbeilassen, wobei denn Standes- und Berufs-Unterschiede selbst nur förderlich einwirken können. Wie sehr vermißte er daher die angenehmen Abende, die er in seiner Vaterstadt inmitten ehrenhafter, lebensfroher, verständiger Männer zugebracht! Man erzählte sich da, was den Tag Neues vorgekommen, man scherzte über Vorfallenheiten des Lebens, man sprach belehrend und erheiternd über so manche Dinge, die in den Kreis des Handwerkes, des Haushalts, der städtischen Verwaltung fallen mochte. Denn alles Menschliche interessirt den Menschen, wenn es rein menschlich aufgefaßt und dargestellt wird. Um so angenehmer war ihm die Begegnung eines alten Bekannten und ehemaligen Schulkameraden, Crispinus Mänle geheißen, den er von ungefähr in einem öffentlichen Garten traf. Er hatte ihn seit der Zeit, als er die Schule verlassen, aus den Augen verloren; wie denn jugendliche Freundschaften bei veränderten Verhältnissen leicht unterbrochen, wiewohl auch, wo sich Gelegenheit darbietet, wieder aufrichtig erneuert werden. Sie begrüßten sich herzlich, und erzählten einander, wie es ihnen bisher ergangen. Mänle hatte, nach zurückgelegten Gymnasialstudien die Universität bezogen, wo ihn sein Vetter, ein Antiquarius und Leihbibliothekar, gegen angemessene Dienstleistungen unterstützte. »Die Geschäfte, die mir der gebrechliche Mann aufbürdet, und die Vergnügungen, denen ich mich ernstlich unterziehe – sagte Mänle – lassen mir zu wenig Zeit übrig, um den Wissenschaften auch nebenbei zu leben. So bin ich denn noch jetzt Studiosus, hoffe aber, nachdem ich nun einmal ein bestimmtes Fach gewählt, nach einigen Jahren zu absolviren, und etwas Rechtes zu werden. Mein Vetter betrachtet und behandelt mich zwar als seinen präsumtiven Erben; allein die Leihbibliothek ist elend genug, und der antiquarische Schatz schwindet zum Theil durch meine Schuld; denn Bücherstaub, wie alle Welt weiß, macht einen trockenen Gaumen und viel Durst, und bei der Anlage, die ich ohnehin von Natur aus zum Nassen, zum Humor habe, verdoppelt sich das Uebel, das mir sehr zusetzt.« Herle lachte, und lud ihn auf den Abend zu einem Glas Wein in sein Gasthaus. »Dieses Haus, versetzte Mänle , ist mir zu der Zeit noch verpönt, denn mein ehrlicher Name steht noch dort an dem Pranger, der Schuldtafel; bis morgen aber hoffe ich den Makel nebst den Annexen zu löschen, wo ich dann Mittags zu Diensten stehe.« Neuntes Kapitel. Des andern Mittags sprach Herle bei seinem Freunde in dessen Bibliothek an, um ihn zu Tische abzuholen. »Sieh dich indessen in meiner Bücherei um, – sagte Mänle , der mit Ausleihen noch beschäftigt war – und willst du die wenigen guten Bücher darunter kennen lernen, so greife nur nach denjenigen, auf welchen am meisten Staub liegt; du kannst nicht fehlen.« Auf dem Wege bis zum Gasthaus schilderte Mänle , mit jener, dem Anschein nach bitterbösen, in der That aber gutmüthigen, ja heitern Laune die Leiden eines Bücherverleihers. »Es gibt überall und eine Unzahl armer Teufel auf der Welt – fing er an – wie denn auch der elegante Franzose seinen pauvre diable und der reiche Engländer seinen poor devil hat. Gewöhnlich denkt und sucht man derlei armselige Geschöpfe bloß auf dem Lande; aber auch in Städten findet man deren, obgleich hinter Masken, welche Herren in Domino darstellen. Ich nenne nur Eine Gattung derselben; einen Menschen, der, trotz dem geplagten, geschornen und geschundenen Landmann hinter dem Joch Ochsen, im Schweiße seines Angesichts (und nicht einmal mit so viel Appetit) sein tägliches Brod ißt. Es ist ein Leihbibliothekar. Schon der bloße Anblick eines solchen Trödlers in seiner literarischen Bude erweckt Erbarmen. Denke nur! Mitten unter den Weisesten und Elegantesten seiner Nation steht er allein da mit leerem Kopf und in beschmutztem Wamms. Wie ein Sklave in den Goldwerken Peru's die Hitze und Mühe des Tages trägt, zur Bereicherung Anderer: so muß er von der Schatzkammer menschlicher Gelehrsamkeit Jedermann mittheilen, ohne daß er davon was anders zu verschlucken hätte, als Staub. Alles um ihn lacht vor Lust, und weint voll Rührung (in den Büchern); nur er blickt düster und fühlt kalt, mit gerunzelter Stirn und eingeschrumpftem Herzen. Täglich steht und hört er's, wie die Menschen sanfter, besser, gescheider werden durch ihn; er aber ist und bleibt der alte arme Teufel! So schlimm ist jedoch nur derjenige Bücherverleiher daran, der etwas im Kopf und etwas von einem Herzen hat, wie z. B. ich. Du kannst mir's glauben: ich biethe allen Engeln Trotz in der Geduld; aber sieben und siebenzig Mal des Tags wünsche ich doch Alles zum Henker, und mich dazu. Denk'! Wenn sie des Morgens so heran sich drängen, die Köchinnen, die eben vom Markte kommen, um für die gnädige Herrschaft zur leiblichen auch eine geistige Nahrung zu holen; Himmel! wer mag's aushalten? Neben einem Spanferkel liegen Wieland's Grazien, neben einem Indian Kotzebue's Indianer, auf einem Butterwecken (oft unter demselben) Elisa, oder das Weib, wie es seyn sollte, und auf Sauerkraut und Kartoffel Becker's Taschenbuch zum geselligen Vergnügen. Solchen Respekt haben die Dirnen vor der schönen Literatur! Durchsuche ich nun vollends die Bücher: welche Gräuel stoßen mir auf! Dintenflecken, Oehlflecken, andere Schmutz- und Dreckflecken, ohne Ende! »Das hat das gnädige Fräulein gethan!« Soll man's glauben? Das zarte, reine, feine, schöne Geschlecht, das Alles so zierlich unter Dach und Fach hält, sollte so ungalant gegen Göthe , Schiller und seine andern Lieblinge seyn? Was? – »Das hat das gnädige Fräulein gethan!« Das zierliche Händchen, das sonst so geschickt zu fälteln und zu glätten weiß, sollte diese gewaltigen Eselsohren dem Autor aufgesetzt haben? Wie? – »Das hat das gnädige Fräulein gethan!« Daß euch die Pest sammt und sonders! Soll ich Erwähnung thun von Unfüglichkeiten und Schändlichkeiten gröberer Art, z. B. daß Blätter herausgerissen oder Kupfer herausgeschnitten sind? Ich lasse mich sogleich todt schlagen, wenn du z. B. nur ein einziges Bild von Chodowiecki noch findest in der ganzen Bibliothek. Die neuen verschonen sie mehr; denn sie taugen an sich nicht viel. Da klage und verklage aber nun Einer wegen des Unfugs und des Ersatzes! Ich habe es einmal versucht, eine Dame dieses Plagiats zu zeihen. Wie waren alle Furien los! Bevor ich sie noch puncto furti belangte, belangte ihr Gemahl mich puncto injuriarum ; und ich durfte noch froh genug seyn, daß ich ihr bloß Abbitte thun durfte für das Unrecht, das sie mir angethan. O die weiblichen Krallen! Die Männer machen es jedoch um nichts besser. Davon können ihre Bedienten, Stiefelputzer und Gelegenheitsmacher am besten zeugen. Noch jetzt wird's mir grün und gelb vor den Augen, gedenke ich an das, was mir erst neulich begegnet. Da bringt mir so ein Kerl ein Buch zurück (es war nagelneu ausgeliehen), in dem die Blätter, im eigentlichsten Sinne, decimirt waren. Himmel, wie fluchte ich! Der Bediente aber suchte mich bloß mit der Entschuldigung zu beschwichtigen: »Er habe gestern Abends vergessen, dem Herrn eine Parthie Fidibus auf das Nachttischchen zu legen; und so hätte denn sein Herr, in Ermangelung eines Nähern und Bessern, sich der Blätter des Buches bedient zur Unterhaltung seines Knasterfeuers. Prügel habe er (der Bediente) bereits bekommen für seine Nachlässigkeit; Geld aber nicht zum Ersatz. »Wenn ich wollte – – wenn er müßte.« – – Hier verzog er sein Maul zum Flennen, daß man Erbarmen haben mußte. Was wollte ich thun? Soll ein armer Teufel einen noch ärmern verfolgen? Kaum. Fast noch mehr zuwider, als die obengenannten Flecken, sind mir die Feder- und Bleizeichnungen aus der Hand leichtfertiger oder pedantischer Leser. Wenn ich so das Buch durchblättere, und es springt mir ein Ochsenkopf oder ein Eselsohr entgegen: sind das keine Injurien gegen Autoren, deren Pflegevater ich bin? Was nutzt es, wenn ich dann zur Satisfaction für mich hinbrumme: Selbst Ochs! löscht das den Kopf aus? Ich habe leider den Schaden davon. . . Wer aber nicht zeichnen kann, der schreibt's wenigstens. Ich fordere jeden Recensenten auf, ob er in seinem Armario von Schimpf- und Schandwörtern eine so auserlesene Sammlung besitze, als ich in meiner Bibliothek. Ich kann einen angehenden Kritiker, der fait machen will, meine Bücher zu dem Zwecke bestens empfehlen. . . Das sind jedoch nur einzelne Stoßseufzer, die den Leser selten unterbrechen. Aber wenn ein Pedant den unseligen Hang hat, in den Schriftsteller hinein zu schriftstellern, wär' es nur in Ansehung der Orthographie: so hat's den Teufel. So hatte ich einmal unter meinen Lesern einen alten Cantor, der eine ordentliche Antipathie gegen die H's hatte. Man sollte es kaum glauben; aber wahr ist's: mit unsäglicher Mühe durchstrich er mit rother Dinte alle H's im Buche, so daß es aussah, wie ein von Spießruthen zerhauener Rücken. »Man muß einmal ein Exempel statuiren,« sagte der Mensch, indem er mir das offene Buch hinreichte. In der ersten Furie wollte ich, um ein Exempel zu statuiren, ihm das Buch an den Kopf werfen; aber er stand da, mit einer so ruhigen, selbstgefälligen, mit einer so unschuldigen Schafs-Miene, als hätte er sich das größte Verdienst um die Literatur erworben; und (ich weiß nicht, woher es kommt, daß mir eine vollendete Narrheit jederzeit Respekt einflößt) ich konnte ihm nichts Schlimmeres sagen und thun, als daß ich ihn zum Teufel wünschte und zur Thür hinaus schob. Kann man geduldiger seyn? So geht denn der Troubel fort bis zehn und eilf Uhr. Diese Zeit könnte nun zwar die Schäferstunde eines Bücherverleihers seyn; aber ein armer Teufel kann keine Freude rein genießen. Es kommen jetzt nämlich die Fräulein selbst in dem einfachsten Negligé; die Augen sind noch etwas schlaftrunken, die Wangen etwas bleich, die ganze Attitüde schmachtend, hinfällig. Wenn eine solche Grazie eintritt in die Bude, wahrhaftig, dann fühle ich doch, daß ich noch ein Mensch bin unter Menschen. Aber wie überzieht's sich auf ihrem Antlitz, und welch ein Donnerwetter bricht los! »Sie haben mir da ein ganz abscheuliches Buch gegeben; es machte mir Langweile bis zum Sterben; wofür halten Sie mich denn?« Wenn ein Dritter zuhören würde, er müßte weiß der Himmel was Lästerliches glauben. Es sind aber nur Klopstocks Tragödien. Aufrichtig gestanden: ich wollte ihr den Tag zuvor, wo sie mich eben so anboll, einen Schabernack spielen; sie wünschte etwas Klassisches, und damit konnte ich ihr dienen. Da mich die Lust der Rache schadlos hält, so kann ich den Schimpf geduldig einstecken. . . Jetzt geht's aber an's Auswählen. Den Catalog in der Hand nennt sie die Nummer. Ich hole sie. Sie blättert. »Das sind Verse; ich lese nichts in Versen.« Eine andere Nummer. »Das Buch ist zu klein; ich bleibe heut Abends zu Hause.« Eine dritte. »Hier kommen ja gar Hexen vor; ist denn dieß eine Lektüre für Frauenzimmer?« (Steht mir bei, alle Engel!) Ich lange die vierte, die achte, die zwölfte Nummer hervor; endlich (die Stunde ruft sie) macht sie aus der Noth eine Tugend, und steckt ein, mit der Drohung: »wenn das Ding wieder so abscheulich sey, so komme sie nimmer.« Wärst du doch nie da gewesen, Drud'! – Ich ärgere mich nicht; aber weh thut's, wenn man von einem so holdseligen Munde angeschnurrt wird, wie von einem bärtigen Grenadiermaul. Wie man nun Appetit haben könne, wenn der Mensch ganz zu Galle geronnen ist, magst du leicht denken. Ich fress' auch meistens nur, weil's so herkömmlich ist.« Zehntes Kapitel. Als sie in's Gasthaus traten, empfing der Wirth den Studiosus mit lautem, freudigen Willkomm; denn er wußte aus Erfahrung, daß Mänle wieder bei Geld sey und bezahle. »Siehst du, sagte dieser zum Freunde, wie lieb mich die Leute haben, wie sie sich nach mir sehnen und meiner nie vergessen. Das macht, daß ich ihnen von Zeit zu Zeit schuldig bleibe, und dann ihr Haus meide. So habe ich mir so ziemlich alle Wirthe der Stadt zu Freunden gemacht, und ich hoffe sie, die Theuern, fortan an mich zu fesseln.« Unter diesen und ähnlichen Reden verging die Mittagsstunde, und Mänle begleitete seinen Freund bis an dessen Wohnung. Unterwegs nahm er sein Thema wieder auf, und fuhr fort, seine Leiden zu schildern, die er als Bücheresel (sein Ausdruck!) zu ertragen habe. »Nachmittags – sagte er – geht's mir, wo möglich, noch ärger, als in den Vormittagsstunden. Weniger dringend ist zwar das Geschäft, aber die Gesellschaft desto lästiger. Alle Müßiggänger der Stadt harren ihre Verdauung ab in der Bibliothek. Nun ist, wie du weißt, während dieses Geschäfts der Mensch am langweiligsten; um so mehr Leute, die ohnehin den ganzen Tag kaum zwei oder drei leidentliche Einfälle haben. Ihr Gespräch wirkt aber auch manchmal auf mich, wie ein Vomitiv; und hätte ich in der That nicht die Roßnatur, ich wüßte nicht, wie ich es aushalten sollte. Zwei Menschen nur werden mir meistens unausstehlich; und ich suche mich dann ihrer einfach dadurch zu entledigen, daß ich vorgebe, es treibe mich ein unaufhaltsames Bedürfnis fort, was denn auch, wenigstens figürlich genommen, wahr ist. Der eine ist ein moralisirender Abbé, ein runder, dicker Mann, mit einer Baßstimme, die einem Nachtwächter anzugehören scheint. Dieser schwätzt mir täglich von dem unsittlichen Gräuel mancher Bücher vor; er versichert mich, daß das Sittenverderbniß unter den höhern Ständen vorzüglich der Lektüre solcher Schriften zuzuschreiben sey; und ersucht mich, meine Bibliothek, die sonst so treffliche Sachen enthalte, zu purificiren, und in Zukunft nur solche Bücher anzuschaffen, welche der Moral wo nicht förderlich, doch auch nicht hinderlich seyen. Nun habe ich ihm zwar schon oft und lange Folgendes und Aehnliches entgegengesetzt: »Meine Bibliothek sey als eine Apotheke des Geistes anzusehen. Außer den rein heilsamen Mitteln seyen nun zwar auch allerlei Gifte vorhanden, nicht bloß Opiate, sondern auch Mercurialien und dergleichen. Meines Erachtens aber gebe es kein Gift, das unter gewissen Umständen, nicht auch heilsam, so wie kein sogenanntes Heilmittel, das nicht für irgend Jemanden giftig seyn könnte. Dieß zu unterscheiden, d. h. den rechten Gebrauch zu bestimmen, nach Jedermanns Bedürfniß, sey nicht meine, des Apothekers, Sache, sondern des Arztes. Daß heut zu Tage Jedermann in spiritualibus sein eigner Arzt seyn wolle, sey freilich ein arger, schädlicher Irrthum; absonderlich von Eltern und Erziehern, die ihre Kinder von jedem Pfifferling lecken und schlecken lassen. Ich aber wolle nicht der Sündenbock des Publikums seyn, noch weniger der Pönitentiarius. Die Sünde habe der Autor zu tragen, und zur Buße der Seelenhirt zu mahnen. Uebrigens sey ich der Meinung. daß man derlei Bibliotheken weniger als Apotheken voll Gifte ansehen könne, als für Restaurateuranstalten, wo Jedermann nach Gusto die Speisen auswählen, und, wenn' s beliebt, um ein Paar Kreuzer sich den Magen verderben könne.« Aber was frommt mir gegen einen Prediger alles Predigen? Es gibt kein Mittel, seinem Wortschwall zu entrinnen, als daß ich grimmig zum Tempel hinaus eile, und er mit. Der zweite Alp, der mich in den Nachmittagsstunden drückt, ist ein salbadernder Aesthetiker aus der neuesten Schule, ein hageres, zaundürres Männlein, mit einer quiekenden Fistelstimme. Meistens beginnt er seine Lektion damit, daß er den Catalog durchblättert, wobei er ein so ironisches, sauersüßes Mienenspiel unterhält, daß ich ihn nicht lange in's Aug' fassen kann, ohne Gift zu kochen. Es gibt bekanntlich eine gewisse Ekelkur, wobei den Patienten gerade so viel zum Erbrechen Reitzendes von Zeit zu Zeit eingegeben wird, daß es nicht dazu kommt, aber beinahe zu etwas Schlimmern, zum unendlichen Uebelwerden. Nur damit kann ich die Empfindung vergleichen, wenn ich den Menschen ansehe oder gar ihn anhören muß. »Mehr Nullen, als Treffer (beginnt er und fährt fort in abgebrochenen Sätzen) – Krameriana, Spießiana, Kotzebueiana, Ifflandiana – eine Bibliothek aus dem vorigen Jahrhundert – kein Alarkos, kein Ion, kein Lacrymas, kein kunstliebender Klosterbruder.« – Anfangs schaffte ich auf seine Empfehlung diese neuesten Waaren nach (denn einem Bücherverleiher, was sind ihm alle Werke anders, als Waaren?); aber sie fanden keinen Liebhaber, weil ich eben unter meinen Lesern nur Kramerianer, Spießianer und andere derlei IANER habe. Hätte ich seinem Rathe länger gefolgt, ich hätte mich arm gekauft. Es sind lauter Ladenhüter. . . Das Lamento geht indessen fort. Er spricht von Aufklärung, von Veredelung des Publikums; Bibliotheken, sagt er, seyen die Depositorien des Höchsten, Besten, Schönsten; ein Bibliothekar der Priester im Tempel der Kunst und der Wissenschaft \&c. So will der Schuft, daß ich armer Teufel mich zu einem aufgeblasenen Engel potenzire, und, statt reelles Brod zu haben, von Luft lebe; oder vielmehr, daß ich mich in diesem Musentempel zu einer Kirchenmaus reducire, die mitten im Heiligthume crepierte. . . Das mag er! Ich will es kurz machen. . . Die Uhr weiset schon halb sechs. Noch eine halbe Stunde, und der Jammer des Tages und seine Tantalus-Arbeit ist vorbei. Ich versetze mich schon, indem ich die letzten Bücher in ihre Fächer stelle, selig träumend in den Abend-Klub, und nehme schon den duftenden Schöpsenbraten zu Gemüthe, nebst dem erquickenden Naß. Da ist's plötzlich, als wenn die Hölle sich aufthäte, um zu guter Letzt alle Quälgeister mir an den Hals zu schicken. Ein Heer von Dienern und Herrn, Mägden und Damen in buntem Gewühle drängen und treiben sich in's Gewölbe, und umlagern mich, wie Furien, den Verdammten. Da nehme ich mich denn ganz zusammen, und werde auch zusammengenommen. In der That: willst du ein Bild voll des Schmerzens und der Geduld sehen, so betrachte mich in diesen unseligen Momenten. Obwohl die Lippen von Flüchen beben, die Fäuste zu Püffen sich ballen; es entschlüpft mir kein unwilliger Laut, mir entfährt kein unanständiger Gestus. Von Zornfeuer durchglüht, wie ich bin, fühle ich jeden Augenblick so etwas, wie einen Abguß kalten Wassers über den bloßen Rücken, und leide sehr. Wenn denn endlich die sechste Stunde schlägt, so steht kein Mensch mehr vor dir, sondern eine Maschine, laut-, sinn- und herzlos, welche sodann den Hut nimmt, die Thür schließ und ihren gewohnten Gang fortschlendert zum Restaurateur, wo sie so lange frißt und sauft, bis ihr die Seele wiederkommt. Eilftes Kapitel. Die Erscheinung unseres Freundes hatte auf den Magnifikus und dessen Tochter einen guten Eindruck zurückgelassen. Jener lobte dessen Bescheidenheit und Lernbegierde, diese seine Wohlgestalt und Höflichkeit. Man beredete sich, und kam überein, ihn in den engern Familienzirkel aufzunehmen, und lud ihn zum nächsten Soiree ein. Es erschienen einige Collegen des Rektors mit ihren schon ältlichen Frauen, nebst ein Paar Candidaten der Philologie. Doris – so hieß die Tochter – war die Perle, der Edelstein, der Schmuck der Gesellschaft. In ihrer reichen, beinahe zu bunten Robe strahlte sie, wie der Stern der Liebe, zwischen dem matten Geflimmer der Uebrigen hervor. Ihr Auge blitzte unter der rabenschwarzen Nacht ihrer Haarlocken; ein lebhaftes Roth lag, wie Morgendämmerung, auf ihren Wangen, und ihr Busen ruhte, wie ein mondbehellter See, der nur von einem leisen Hauch bewegt wird. – Dieß waren die Gedanken und Gefühle, welche unser Freund im Stillen hegte; und wir übersetzen sie nur in Bilder, wie seine stumme Empfindung, hätte sie Worte gefunden, den neuen, frischen Eindruck bezeichnet hätte. Wie es denn bei Soireen dieser Art zu geschehen pflegt, wozu man bloß des Anstandes wegen einlädt und kommt, so war auch bei dieser Zusammenkunft die Unterhaltung einsylbig und frostig. Die Damen setzten sich zusammen, und unterhielten sich über Gegenstände weiblicher Bedürfnisse und Wünsche; die Männer standen in vereinzelten Gruppen, gelehrte Materien abhandelnd; unser Freund, nicht gewohnt, in so vornehmer, gelehrter Gesellschaft zu seyn, hielt sich, in schüchterner Abgeschiedenheit, unfern der Thür, von wo aus er sein Auge unverwandt auf Doris ruhen ließ. Doris ! – der Name klang ihm so schön, so reitzend im Ohr, im Gemüthe. Es fielen ihm alle die lieblichen Idyllen ein, darin eine Doris einen Alexis beglückt; er dichtete sich ganz in den anmuthigen Dichter hinein, er übersetzte seinen Namen Fidelis selbst in Alexis, und spielte die Scenen lebendig und in Wahrheit durch, die dort in der Dichtung so anmuthig, so unschuldig sich ausnehmen. Doris , die unsern Freund ebenfalls nicht aus dem Auge gelassen, bemerkte ungern sein Isolirtseyn. Sie stand auf, und, nachdem sie mit den beiden Kandidaten der Philologie einige freundliche Worte gewechselt, wendete sie sich an Herle , und sagte: »Warum immer so allein? Sie scheinen lange Weile zu haben?« »Holdeste, versetzte Herle , wie kann Jemand allein seyn, der in Ihrer Nähe ist? und wie lange Weile empfinden, der Sie sieht?« Sie schlug die Augen nieder, und wandte sich dann an den Vater, den sie ersuchte, den Herrn Präceptor in's Gespräch und in die Gesellschaft zu ziehen. Magnificus that sein Möglichstes; aber unser Freund war zu sehr mit dem Einen Gedanken an Sie beschäftigt, als daß er besondern Antheil an der übrigen Unterhaltung hätte nehmen können. Die Gesellschaft ging schon frühe auseinander. Herle war der Letzte, welcher Abschied nahm. Doris selbst leuchtete ihm, und wünschte ihm eine süße, süße Nacht, wofür er mit einem stummen, zärtlichen Handkuß dankte. Des andern Morgens schickte sie ihm Knigge's Werk »über den Umgang mit Menschen.« Zwölftes Kapitel. Es ist schwer, das Gefühl zu bezeichnen, welches unsern Freund zu Doris hinzog. Es war nicht Liebe – denn seine reine, gesunde Natur konnte wohl nicht durch eingebildete körperliche Reitze so gleich eingenommen und hingerissen werden; – es war vielmehr das Ungewohnte, das Vornehme, was ihn außer Fassung brachte und zu einer Art von Ehrfurcht gegen dieß weibliche Wesen nöthigte. In dem niedern und beschränkten bürgerlichen Kreise, worin er sich bisher bewegt hatte, war ihm keine ähnliche Erscheinung entgegen gekommen, – wenigstens nicht in einer so glänzenden Umgebung, – die eine besondere Theilnahme hätte erregen können. Nun aber wird der unerfahrne Jüngling plötzlich in einen höhern Kreis eingeführt; – der Vater, ein ausgezeichneter, einflußreicher Gelehrter, sein Gönner; – die Tochter, mit Ansprüchen auf die Huldigung hochgestellter Männer, zu ihm sich herablassend, wie eine Freundin zum Freunde; – er selbst, wie jeder unverdorbene Jüngling, voll Achtung und Ehrfurcht für ein Geschlecht, das durch Schönheit anzieht, durch Würde fest hält: alle diese Umstände, verbunden mit den Hoffnungen und Aussichten, die er sich aus diesem Verhältniß für die Zukunft versprach, trugen insgesammt bei, jenes unbestimmbare, obgleich entschiedene Gefühl in seinem Herzen hervorzubringen, und sein auffallendes äußeres Benehmen zu regeln. Die Zusendung Knigge's , welche wohl jedem Andern als kränkend, ja als beleidigend vorgekommen wäre, erschien ihm selbst nur als ein Zeichen ihrer wohlwollenden, zudringlichen Aufmerksamkeit. »Die Holde – sprach er zu sich selbst – sie will dich für die höhere Gesellschaft, sie will dich zu sich heranbilden, auf daß du fähig und würdig seyest, in ihrem Kreise, in ihrem Herzen ein ehr- und liebreiches Plätzchen zu finden, und würdig zu behaupten.« Denn freilich, indem er sein Betragen musterte und seine Stellung in der Gesellschaft bedachte, sah der bescheidene junge Mann wohl ein, daß ihm noch gar Vieles mangelte, was ihm in der Gegenwart und noch mehr für die Zukunft einige Auszeichnung verschaffen könnte. Seine untergeordnete Amtsstelle zumal schien ihn immer noch unfähig zu machen zur Erreichung von Hoffnungen, die er in seinen Lebensplan aufgenommen hatte. Es fiel ihm dabei ein, daß Doris in ihrer Anrede den Titel »Präceptor« wohl nicht ohne Absicht vermieden habe, ein Beweis, daß sie, wenn auch seine Person, doch nicht sein Amt achten könne. Dieß schmerzte ihn, dieß betrübte und verwirrte ihn. Zu einer akademischen Professur war ihm ohnehin schon die Aussicht gänzlich benommen; was blieb ihm also noch übrig, als der Wunsch und der Drang, mindestens zu einer akademischen Würde zu gelangen. Er beschloß, bei der nächsten Gelegenheit sich deshalb mit Sr. Magnificenz zu berathen. Dreizehntes Kapitel. Magnificus lächelte, als er den Vortrag des Präceptors vernommen. »Er sehe zwar nicht ein, sagte er, wozu ihm ein Titel der Art ohne Mittel frommen könne zu dessen Geltendmachung im Leben. Wenn aber der Herr Präceptor doch nach einer akademischen Würde geitze, so gebe es Grade, je nach dem Maaße von Kenntnissen, welche der Bewerber besitze. So weit er ihn, den Präceptor, kenne, so dürfte ihm der Grad eines Baccalaureus nicht entgehen, – ein Titel, welcher, so klang- als ehrenvoll! in der Zeit leider! in Abgang gekommen, und eine wahre Seltenheit geworden sey.« Wer war froher, als Herle ! »Aber – fuhr Se. Magnificenz fort – obgleich die Bewerbung um diese niedere akademische Würde eben keines feierlichen Actus bedürfe, so sey doch eine Dissertation, ein schriftliches, wo möglich gedrucktes Specimen von wissenschaftlichem Gehalte notwendig, um die Ertheilung derselben zu motiviren. Worüber gedenken Sie zu disseriren?« »Ueber Alles, versetzte Herle ; Ew. Magnificenz dürfen nur befehlen.« »Ueber Alles disseriren, sagte Magnificus, heißt so viel, als über nichts dissertiren. Es muß irgend ein gelehrter, ganz specieller Gegenstand seyn. Nun ist aber durch eine Unzahl von Dissertationen das gelehrte Fach bereits schon so ausgebeutet, daß kaum noch etwas übrig bleibt, das der Rede werth wäre.« Herle war betroffen; er sah ein glänzendes Ziel vor sich, aber keinen Weg, der ihn dahin führte. Sein Auge ruhte bittend auf dem gelehrten Manne, der ihm einen Pfad zeigen sollte. »Griechisch verstehen Sie nichts – murmelte der Rector vor sich hin – Lateinisch nur wenig; was ist zu machen? – – Doch da fällt mir ein Gedanke ein – sagte er nach einer Pause von Ueberlegung; – Sie schreiben eine Dissertation über deutsche Schimpfwörter.« Herle stutzte, und sah den Magnificus mit prüfendem Blicke an, ob es ihm Ernst, oder ob es nur eitel Scherz und Spott sey. »Indem ich so eben den Aristophanes übersetze – fuhr der Rector ruhig fort, – so fühl' ich gar oft, wie nothwendig, oder doch nützlich eine vollständige, wohlgeordnete Collection und Elucidation deutscher Schimpf- und Schandwörter für den Philologen wäre. Hier z. B. habe ich so eben eine Stelle niedergeschrieben, die mir viel Kopfbrechens verursacht hat. Hören Sie einmal, und urtheilen Sie: In den »Wolken« spricht der bedrängte Schuldner, nun zum Rechtsverdreher eingeweihte Strepsiades (V. 443 folg.): Wenn den Schulden ich nur zu entfliehen vermag, Dann mög' ich scheinen der Welt ringsum Zungrappeler, frech, dummdreist, Tappzu, Unfläter, des Lugs Einrührer und Trugs, Wortfinder, verschmitzt; voll Kniffe des Rechts, Billtafel, und Fuchs, Klippklapp, Fickfack, Spitzkopf, und verstellt, Tückbold, Großmaul, Schubjackiger Wust, Zudringlich, gewandt, und schmarozender Schuft. Herle rieb sich vor freudiger Ueberraschung die Hände, hauptsächlich um der Entdeckung willen, daß die Griechen, welche der Rector als Muster des feinen Geschmackes angepriesen, an dergleichen groben Schimpfwörtern, gleich andern Menschenkindern, ihr Gefallen gehabt. Uebrigens lobte er die Uebersetzung über die Maaßen. »Sie ist, sagte der Rektor, wie jede Uebersetzung, nur Mattgold, Flittergold gegen das echte, glänzende, edle Metall in der Ursprache. Es sind offenbar schwache Stellen darin. Vernehmen Sie aber, welche Mühe es mir gekostet, folgende und ähnliche Kraftwörter der Art zu erfinden – er nahm einen Zettel vor, und las: – Faulgewäschaufsammler, Bettelmannsdarsteller, Lumpenmänteler, Krüppeldichter, Drommetenlanzenknebelbart, Hohnlächelfichtenbeuger, Ringfingerringschlendergelockvolk .« Herle schlug die Hände zusammen, voll Verwunderung. »Da sehen Sie nun aus diesen wenigen Proben, sagte der Rector, wie willkommen dem Uebersetzer ein Promptuarium von deutschen Schimpfwörtern seyn müßte. Denn obgleich die deutsche Sprache, wie in allem Uebrigen, der griechischen weit nachsteht, so hätte doch der Philolog gewisse Anhalts- und Wendepunkte, die ihm zu diesen seinen Studien behülflich wären. Adelung , der züchtige, spröde, vornehmthuende, verläßt uns da, sowie diejenigen Lexikographen, die nur den obersächsischen Schulmeister und sein reines, feines Hochdeutsch kennen. Den eigentlichen Vorrath müßte man in der Mundart des gemeinen Volkes suchen und aus den Aeußerungen des alltäglichen Lebens absehen. Machen Sie einmal den Versuch, – schloß er, indem er aufstand und ihm die Hand reichte; – er wird Ihnen sicherlich zur Ehre und zum Nutzen gereichen.« Vierzehntes Kapitel. Der lebhafte Wunsch, sich einen Namen in der Welt zu erwerben, hätte ihn zu jeder, noch so trockenen, dürren, geist- und zeittödtenden Arbeit bewegen können. Daher nahm er keinen Anstand, das ihm von seinem Patron empfohlene Thema aufzunehmen; und er machte sogleich des andern Tags Anstalten zu seinen philologischen Studien. Vor Allem ließ er sich ein sauberes Heft vom Buchbinder fertigen. . . Es gehört zu den eigenthümlichen Freuden eines Autors, ein unbeschriebenes, reines Heft vor sich zu sehen; es ist der Drang, die Sehnsucht des geistigen Erzeugens und Empfangens, die sein Innerstes erregen und erfüllen; eine Empfindung, die nur dem noch schönern Gefühle nachsteht, wenn er späterhin dasselbe Heft beschrieben und vollendet vor sich sieht, und das eben auch nur mit der reinsten Vaterfreude zu vergleichen ist. Demnächst sann er auf den Anfang des Werkes, das ist, auf einen passenden Titel, der, wie ein Autor gesagt hat, vielleicht eben so schwer zu machen ist, als das Buch selbst. Er wollte aber, der sich in allen Dingen der Bescheidenheit befließ, seine gelehrt werden sollende Abhandlung, vor welcher das Colledium academicum erstaunen sollte, bloß ein »Tractätlein« nennen, gewiß nur aus Demuth, und ohne Anspielung auf jene Büchelchen, welche zur Erbauung des fromm gläubigen Volkes so emsig verbreitet werden. Nachdem er die Dinte gereinigt und die Feder gespitzt hatte, schrieb er, mit kalligraphischer Künstlichkeit, den Titel, wie folgt: Tractätlein von deutschen Schimpfwörtern. Eine dissertatio inauguralis pro gradu. So fern der Titel das Werk in nuce ist, so war er damit fertig. Doch die Arbeit sollte eben erst beginnen. Um das Tüchtigste zu leisten, scheute er nicht die, für ihn allerdings bedeutenden Unkosten, den großen Adelung in vier Quartbänden sich anzuschaffen. Der Zufall wollte – ein für ihn glückliches Omen! – daß ihm das Werk, durch Vermittelung seines Freundes, um einen ermäßigten Preis in einer Versteigerung zufiel. Er hatte an diesem Sprachschatz eine Freude, als wenn er eine Braut heimzuführen hätte. Nun saß er Tag und Nacht über diesem Werke. Anfangs zwar blätterte er nur zum Behuf seines speciellen Studiums, der Schimpfwörter wegen; allein – wie er denn in Allem, was er lernte und lehrte, die Bildung als Grund und Zweck gleichsam instinctmäßig verfolgte, – bald verweilte er bei jedem Artikel, und vertiefte sich in das Wort, dessen Erklärung und Erforschung, so daß er die Sprache überhaupt, wie ein geistiges Naturreich, beobachtend durchwanderte und ihre einzelnen Erscheinungen sich ganz deutlich zu machen suchte. Die einzelnen Schimpfwörter, die ihn denn hier und dort anprangen, erhaschte er zwar sorgfältig, und hinterlegte sie in seiner Sammlung; allein als die Hauptaufgabe seines Studiums galt ihm seine Muttersprache, die er bisher nur als etwas Ueberliefertes, Fremdes erkannt hatte, und die er nun als selbst Durchforschtes sich aneignen wollte. Es erging ihm hiebei, wie ungefähr jenen Alchymisten, welche, über ihren, sonst vergeblichen Beobachtungen und Versuchen, wichtige Entdeckungen und erfolgreiche Erfahrungen in der Chemie selbst machten. Fünfzehntes Kapitel. Wie denn ein Lieblingsstudium, das wir treiben, uns immer beschäftigt und überall hin begleitet, so sprach Herle zumal mit seinem Freunde gern und oft über diesen Gegenstand. Zwar daß er sich vorgenommen, eine Sammlung von Schimpfwörtern anzulegen, mochte er ihm noch nicht so geradezu bekennen; doch konnte er den Wunsch nicht verbergen, deren, zumal aus dem gemeinen Leben, recht viele kennen zu lernen, da, wie er sagte, diese Wörter immerhin doch einen integrirenden und interessanten Theil der Sprache ausmachten. Sein Freund machte sich anheischig, ihm gelegentlich Beiträge zu liefern; und er, der sich in Allem großmüthig bewies, versprach ihm reellen Dank für dessen Bemühung. Nun kannte Mänle , als Antiquar, so manche, wenn auch an sich höchst dürftige, doch in dieser Hinsicht immerhin noch reichhaltige Idiotiken, aus denen er denn, nach Bedarf, gemächlich seine Schimpfwörter herausschrieb, und dieselben duzendweise dem hochbeglückten Freunde mittheilte; wobei er übrigens sich wohl in Acht nahm, die Quellen zu nennen, um die seinige nicht versiegen zu machen; er gab sie vielmehr als mühsam aus Gedächtniß und Beobachtung zusammengeholte Resultate an, so daß er damit zu verstehen gab, er verdiene gar wohl das Glas Wein, welches ihm der Freund in der Freudigkeit seines Herzens jederzeit anboth. Mänle ging in seiner literarischen Spekulation noch weiter. Aus den Gesprächen, die sein Freund über die Sprache und ihre Erforschung gern führte, nahm er mit Wohlgefallen, ja mit einigem Erstaunen wahr, daß dieser seine Materie nicht nur gründlich auffasse, sondern auch auf eine gefällige, unterhaltende Weise behandele. Es schien ihm erwünschlich zu seyn, daß so Manches, auch nur Fragmentarisches, niedergeschrieben, und nicht uneinträglich, wenn es sogar gedruckt und verbreitet würde. Er selbst hatte weder Muße noch Lust zur Aufzeichnung, und seinen Freund, dessen Bescheidenheit er wohl kannte, glaubte er wohl hiezu nimmermehr bewegen zu können. Es fiel ihm ein Anschlag ein. Beide hatten einen ehemaligen Schulfreund in B**, wo er als Marktschreiber angestellt war, der von seinen Kameraden auf dem Gymnasium wegen seiner Affectation, recht fein Hochdeutsch zu sprechen, spottweise »der kleine Adelung« benamst wurde. Mit diesem hoffte er seinen Freund in Correspondenz zu setzen; denn er hatte bemerkt, daß Herle , je länger, je mehr, die gemeine oberdeutsche Mundart gegen Adelung in Schutz nahm, und mit schulmeisterischer Laune gegen das sächsische Hochdeutsch eiferte. Der Schalk aber wollte die Korrespondenz so einrichten, daß alle Briefe von dieß- und jenseits durch seine Hand liefen, wobei er natürlich die angeblichen Briefe des entfernten Freundes selbst verfaßte, die Briefe Herle's dagegen unterschlug, und zur dereinstigen Ausgabe in Druck hinterlegte, um sich einen Ehrensold zu verdienen. Es gelang ihm seine List vollkommen, und der Briefwechsel wurde ein halbes Jahr lang mit einem Eifer fortgesetzt, daß sich ein Stoff zu ein Paar stattlichen Heften anhäufte. Wer wird Mänle's Speculation tadeln? Hoffentlich Niemand, am wenigsten die Buchhändler X, Y, Z, welche eben auch die Autoren als ihre Faiseurs, und ihre Werke als Waaren betrachten und behandeln. Sechszehntes Kapitel. In seine grammatischen Studien vertieft, hatte Herle die schöne Doris beinahe ganz aus dem Auge verloren. Er lag und sann nur über seinen Büchern, und mied jede Gesellschaft, die ihn auf unbeliebige Weise hätte zerstreuen können. Wie überraschte ihn daher eines Tages die zufällige Begegnung des Fräuleins auf der Hausflur, und ihre Anrede: »Leben Sie auch noch, Herr Präceptor?« Er antwortete, dumm genug: »Wie Sie sehen, mein Fräulein!« Damit war das Gespräch geschlossen; sie und er gingen ihres Weges, beide mit sonderbaren Empfindungen. Er wußte nicht, wie er den Gruß von ihrer Seite auslegen sollte, ob als wohlwollende Theilnahme, oder als tadelnden Vorwurf. Im erstern Falle hätte er, nach Knigge , sich höflich bedanken, im andern sich entschuldigen sollen. In beiden Beziehungen war, wie er nun selbst bemerkte, seine Antwort unpassend, ja, was er nicht ohne Schauder dachte, gewisser Maaßen grob. Sie fand und empfand das Letztere; drum wandte sie ihm eben sogleich den Rücken. Doch indem sie sogleich einerseits seine ungeheuchelte Gutmüthigkeit, anderseits seine unbeholfene Schüchternheit in Anschlag brachte, so konnte sie ihm doch nicht zürnen, sondern mußte sogar lächeln, obwohl sie sich übrigens vornahm, bei nächster Gelegenheit ihm das Unziemende seines Betragens vorzuhalten. Am nächsten Abende, nachdem er noch vorher die letzten Bogen des Knigge durchgelesen, aus Besorgniß, er möchte in's Examen genommen werden, stattete er seinen schuldigen Besuch ab, und erschien in Gala, wie vordem. Papa war nicht zu Hause; Doris mit dem Kammermädchen allein. Sie empfing ihn mit spröder Höflichkeit. Als er aber mit sehr artigen, wohl einstudierten Redensarten ihr das Buch zurückstellte, dann mit unendlichem Bedauern sich wegen seines letzten Begegnens und Benehmens anklagte, endlich sein langes Wegbleiben hauptsächlich aus dem Grunde entschuldigte, daß er vorerst seine Studien nach Knigge habe vollenden wollen, ehe er es wagen mochte, in die Gegenwart eines so schönen, gebildeten Frauenzimmers zu treten: so erheiterte sich allmählig und immermehr das Antlitz des Fräuleins, und sie wurde zuletzt so weich und großmüthig, daß sie ihm, zum Zeichen ihrer Vergebung, die Hand zum Küssen reichte. Doris unterhielt sich ein Paar Stunden recht gut. Sie sprach viel über schöne Literatur und die Werke deutscher Dichter. »Sie kennen doch – fragte sie ihn unter Anderem, mit leidenschaftlich erhöhter Stimme – Sie kennen doch den Jean Paul?« »Verzeihen Sie, antwortete Herle , ich lese nicht Französisch.« Das Fräulein lachte, und bemerkte: es sey kein Franzose, dieser Autor, sondern ein Deutscher, ein echter, gerechter, reiner und feiner Deutscher. »O, fuhr sie fort, wer seine Werke nicht gelesen hat, der hat nichts gelesen! Dieser Hesperus, wie himmlisch! dieser Titan, wie göttlich! alle seine Werke, wie so jungfräulich, so engelisch!« Und so sprach sie denn weiter, voll extatischer Empfindungen für ihren Lieblingsdichter. Herle hörte aufmerksam zu, und strengte sich sehr an, über Dinge, die er nicht kannte, innigste Theilnahme zu bezeigen. Als er endlich, im Innersten genug gelangweilt, Abschied nehmen wollte, holte sie noch vorerst ein Buch aus ihrer Bibliothek, und übergab es ihm mit den Worten: »Hier nehmen und lesen Sie einmal den Quintus Fixlein; das ist ein Mann für Sie. Aber – setzte sie mit aufgehobenem Finger und lächelndem Munde hinzu – vergessen Sie mir nicht ein anderes Mal den Knigge mitzubringen.« »Hatte ich denn nicht, fiel Herle ein, heute die Ehre, Ihnen denselben zurückzustellen?« »Verstehen Sie mich doch!« sagte Doris fast ärgerlich. Aber Herle verstand sie nicht. Siebenzehntes Kapitel. Es war vor dem Neujahr, als er einen Brief von Bärbchen erhielt. Ein Glückwunsch, in herkömmlichem Styl, rein, zierlich und orthographisch geschrieben, füllte die erste Seite; die folgenden drei enthielten eine Nachschrift, die, nach Styl und Schrift, sich zu jener verhielt, wie ein freier, frischer Vogelgesang zu einer eingelernten Weise. Im langen Postscript äußerte sie sich unter Anderem: »Schreiben Sie uns doch ausführlich, wie es Ihnen ergeht. Gewiß nicht gut! In der großen, dumpfen Stadt, wo die Menschen lärmend durch einander jagen, wo Jeder nur auf sich, Keiner auf den Andern bedacht ist, wo die Guten sich nicht kennen, und die Bösen, wie Spinnen, einander auflauern: ach! wie könnten Sie, mit Ihrem liebevollen und arglosen Herzen da Ruhe und Zufriedenheit finden! Kommen Sie wieder zu uns; es empfangen Sie Alle mit offenen Armen. O wir vermissen Sie sehr! Täglich ist die Rede von Ihnen. Was wird er wohl machen? frägt man sich. Warum schreibt er nicht? Ist er vielleicht krank? Was mag ihm fehlen? So spricht Einer zum Andern. An den Abenden besonders gedenkt man Ihrer gern und oft. Ihr Stuhl, Ihr Platz sind da noch unbesetzt, ich habe ihn mir selbst vorbehalten, und sitze wohl auch dort auf Augenblicke, wenn Küche und Keller mir Zeit und Ruhe lassen. Da necken sie mich wohl auch mitunter; ich aber sage: Gebt Acht, er kommt wieder, und da wird er mir's, und Ihr mit, zu Dank wissen, daß ich ihm Stuhl und Platz aufgehoben.« Im weitern Verlauf des Schreibens spricht sie von dem Hauswesen, um welches sie sich nun eifrig annehme, und das ihr viel zu schaffen mache. »Auch muß ich – fährt sie fort, – seit Sie weg sind, die Rechnungen des Vaters führen, die mir schwer ankommen. Da zankt denn der Vater, und sagt: Du kannst es doch nicht, wie der Herr Herle . Ja, wer wollte es auch Ihnen nachmachen? Doch ist der Vater mit meinem Fleiße zufrieden, und nimmt den guten Willen für's Werk. Aber daß Sie ihm sehr abgehen, und daß er Sie sehnlich zurück wünscht, das gibt er oft genug zu verstehen. Es wird sich wohl noch machen, sagte er neulich, als von einer bessern Stellung die Rede war, die man Ihnen geben sollte, um Sie wieder hieher zu bringen. Gott geb' es.« – Am Rande des Briefes, auf der letzten Seite rundum, stand noch geschrieben: »Ich kann nicht anders, ich muß es Ihnen nur gestehen, daß ich den obigen Glückwunsch aus dem neuesten Briefsteller abgeschrieben habe. Sie sagten mir oft: ein Glückwunsch der Art müsse nicht nur herzlich, sondern auch höflich seyn. Herzlich hätte ich wohl selbst schreiben können; aber höflich? Weiß ich denn, wie man zu einem vornehmen, gelehrten Herrn reden soll? Ich bitte also um Vergebung, und wünsche Ihnen nochmal ein glückseliges neues Jahr und alles Gute dazu, was Sie sich selbst wünschen mögen.« Achtzehntes Kapitel. Das Schreiben des guten Kindes versetzte ihn ganz in sein früheres, trauliches Verhältniß, und erweckte in ihm so angenehme Gefühle, wie er sie schon lange nicht mehr empfunden hatte. Die großstädtische Gesellschaft, die alles rein Menschliche, Gutes wie Böses, unter den Formen des Anstandes zu erfüllen sucht, hatte sein Herz leer und öde gelassen; und, so wenig er selbst sich zu einer solchen Bildung erziehen, vielweniger zwingen konnte, so sehr mißfiel sie ihm an Andern, da er doch den äußern Anschein immermehr zu unterscheiden und zu würdigen lernte. Dieser gesellschaftliche Ton, dieses gebildete Benehmen, dieses ganze, übertünchte, fein polirte Wesen erschien ihm, wie der matte, glatte Ton eines farb- und lichtlosen Herbsttages, wo Alles sich in Grau auf Grau auslöset, und jede Gestalt in ein Unbestimmtes, Unerquickliches zerfliegt. Wie sehnte er sich in diesen Augenblicken einer lichten Erhebung zurück in die ruhige, stille Beschränkung seiner Vaterstadt! Er blickte dahin, sehnsuchtsvoll, wie ein Wanderer von einer unfruchtbaren, umwölkten Anhöhe in ein freundliches, sonnenerhelltes Thal, das er hinter sich gelassen. – Indessen, er beschied sich als ein Mann, der gewußt, was er gewollt; und er dachte: die höhern Güter des Lebens, zumal Würde, Ansehen, Auszeichnung könnten auch nur durch große Opfer erreicht werden, durch Entbehrung so mancher behaglicher Zustände, und durch Ueberwindung früherer, wenn auch rein menschlicher, unschuldiger Neigungen. Zur Erhaltung und Wiederherstellung dieses Gleichmutes trugen denn freilich die Studien am meisten bei, denen er sich seit geraumer Zeit gänzlich hingegeben; wie denn eine lebhafte Thätigkeit des Geistes den besten Schutz gewährt gegen alle Schwächen und Krankheiten der Seele. Hatte er jene seine philologischen Arbeiten anfangs bloß als Mittel gewählt, um sich Bahn zu machen zu einer Würde, die er nun einmal als Grundbedingung seines Lebensglückes angesehen: so betrachtete und behandelte er sie jetzt schon als Zweck an sich, und widmete ihnen alle übrige Zeit mit wahrhaft uneigennützigem Eifer, so daß sie ihm schon als reine Belustigungen galten. Kein Wunder daher, daß ihm bei dieser ausschließlichen Geistesrichtung selbst die Lectüre eines Quintus Fixlein als eine ungelegene, störende Zerstreuung erscheinen mußte. Er las auch täglich nur ein Kapitel, gleichsam als Pensum, das ihm von der Herrin aufgegeben ward. Bei seinem arglosen Auge und Herzen mißkannte er nicht ihre gute Absicht, ihn auf sein eigen Selbst, dessen Mängel und Gebrechen, aufmerksam zu machen, und dadurch, daß sie ihm einen Sittenspiegel der Art vorhielt, zu seiner Bildung möglichst beizutragen. An Quintus Fixlein in's Besondere fand er sogar nur die Bestätigung dessen, was er selbst so klar eingesehen; daß ohne lebhaften Drang nach einer höhern Stellung, ohne Ehrgeitz und Ambition, auch der tüchtigste und beste Mensch in der tiefsten, engsten Beschränkung bleibe, und daß demnach sein eigenes Wünschen, Hoffen und Streben allerdings räthlich, lobenswerth und überaus vernünftig sey. Neunzehntes Kapitel. Indessen hatte sich unter seiner fleißigen Hand der Vorrath an deutschen Schimpfwörtern bereits zu einer solchen Masse angehäuft, daß er nun bereits daran denken konnte, das Material in einige Ordnung zu bringen, und in einem zusammenhängenden Vortrag darzustellen. Da wir uns vorgenommen haben, unsern Helden, ganz, wie er leibt und lebt, und daher nicht bloß von seiner moralischen, sondern auch von der intellectuellen und scientivischen Seite, mithin seinen vollen Charakter zu schildern: so wollen wir sogleich das Bruchstück, wie er es in sein Cahier eingetragen, in extenso mittheilen; Nach dem Tone zu urtheilen, scheint Mänle selbst mit seinem humoristischen Griffel einiges interpolirt zu haben. Anmerkung des Herausgebers. wobei wir jedoch zartsinnigen Leserinnen, denen Cynismen der Art als solche etwa mißfallen möchten, freistellen wollet, diese und die folgenden gelehrten Paragraphen zu überschlagen. §. 1. Den Reihen eröffnet der Narr . . . Wie kommt es denn, daß dieses einzige Wort so einzeln in unserer Sprache dasteht, ohne Synonymen – denn Thor ist kaum zu rechnen, – während sie doch zur Bezeichnung anderer Anomalien so reich ist? Antwort: Eben darum, d. h. weil der Narren und Narrheiten eine Unzahl ist ( infinitus stultorum numerus ), und darum, wie das Wort Mensch ohne entsprechendes Reimwort, so Narr ohne gleichbedeutenden Sinnreim befunden wird. – Aber freilich – um in der Parallele fortzufahren – gleichwie die Menschen nach Raçen und Geschlechtern in's Unendliche unterschieden und demnach bezeichnet werden, so auch die Narren nach den Gegenständen ihrer Liebhaberei, unangesehen noch der Gradationen und Modificationen ihrer idiosynkratischen Bestrebungen und Aeußerungen. Ich verweise hier, der Kürze halber, bloß auf Brand's Narrenschiff, und Geiler's Predigten darüber, wo man deren eine namhafte Zahl aufgeführt findet, – wenn man nicht lieber selbst das ABC von Anfang bis Ende durch nehmen, und an den Wörtern, die irgend einen Gegenstand menschlichen Begehrens ausdrücken, - Narr schlechtweg hinzudenken will. – Zwischen Narr und Thor – um doch eine Parallele zu ziehen – ist der Unterschied: daß der Thor lediglich Mangel an richtigem Verstand verräth, der Narr dagegen zwar immer noch Verstand zeigt, aber so, daß der Kopf mit dem Herzen davon rennt, welches ihn zu verkehrten Dingen verleitet. Er ist also der ganze Mensch – nicht bloß der halbe, wie der Thor, – und so fern der Repräsentant der Menschheit selbst, von ihrer Kehrseite betrachtet. Darum können wir noch über den Narren lachen , uns an ihm sogar noch erfreuen, – den Thoren belachen oder bemitleiden wir bloß; – darum gefallen sich sogar Manche in der Narrenrolle und an den Narrenpossen (man denke an die Narrenfeste ); darum kann der Künstler, z. B. der dramatische, den Narren gar wohl brauchen zu seinen Darstellungen; wie denn z. B. der einzige Shakspeare ein ganzes Cabinet ausbündiger Narren gebildet; darum ist auch »Narr« nicht einmal ein Schimpfwort – als Diminutiv sogar ein Schmeichelwort! – es sey denn, daß man es geflissentlich dazu stempelt; darum aber, und weil zunächst das Gemüth den Impuls gibt zu den Verirrungen des Verstandes, ist das Wort auch so schwer verpönt in der Schrift, daß derjenige, welcher zu seinem Bruder »du Narr!« sagt, als der Hölle schuldig erklärt wird (Matth. 5, 22). §. 2. An den Narren schließt sich im Zuge an ein gar luftiges, liederliches Gesindel, das, nach seinen verschiedenen Arten und Unarten von der deutschen Sprache schon genauer bezeichnet und signalisiert wird. Voran schreitet der, mit dem Narren zunächst verwandte Schalk . Er ist ein Mixtum von Bosheit und Freundlichkeit, von Ernst und Scherz, von Liederlichkeit und Gutmütigkeit. Kotzebue hat einige Schälke geliefert in seinen Lustspielen, und er war wohl selbst einer. . . Verdächtiger ist schon der Schelm , obgleich das Wort (nach Adelung) mit Schalk von Einem Geschlechte stammt. Der Grund dieser Verschlimmerung läßt sich so schwer nachweisen, als die Ausartung manches adeligen Stammes und eines seiner Nebenäste. . . Das gangbarste Wort (auch in der That) ist aber Spitzbube . Der belobte Kotzebue legte sogar einem seiner Schälke die Aeußerung in den Mund: man könnte alle Menschen eintheilen in Spitzbuben, die gehangen werden, und in Spitzbuben, die nicht gehangen werden. Die Division däucht mir aber zu haarscharf, fast wie ein Henkersschwert. . . Daß übrigens Spitzbube aus »Spießbube,« (Spießknecht) verderbt sey, wie Einige meinen, ist eine falsche Erklärung, und, gleich der Behauptung, daß so fern auch Halunke und Kalfakter , daher ihren Namen haben, pure Verleumdungen gegen die Soldaten. . . Varianten von »Spitzbube« sind noch: Gauner , Buschklepper , Strauchdieb und Schnapphahn , mit dem Unterschiede etwa, daß diese ihr Handwerk unter freiem Himmel treiben, der Spitzbub (neuerer Zeit) auch zwischen vier Wänden, z. B. in Antichambern. – Soll ich schließlich noch zwei Höllenbrände nennen, den Schuft und den Schurken? Ich thue es, aber nur im Vorbeigehen und mit der Bemerkung, daß jener einen armen Teufel kurzweg, und dieser einen Teufel schlechtweg bezeichne. §. 3. Diesem still schleichenden, leise trippelnden, gespenstisch wandelnden Gesindel folgt unmittelbar das Geschlecht der Grobiane , die, wie Elephanten-Kälber, plump auftreten und massiv sich geberden. Das Wort selbst schon, mit seinem vollen Tonlaute, ist bezeichnend genug, und nimmt sich, stark accentuiert, ungemein treffend aus. Da dieses Geschlecht aber sich sehr in's Breite wirft und in's Weite ausschweift, so hat die Sprache noch mehr Keile im Vorrath, um diese Hackblöcke zu spalten und zurecht zu richten, als z. B. nur aus dem Buchstaben K: Kog, Knod, Knoll, Knorz, Knopf, Knüpfel, Knüttel – die übrigen zu geschweigen, welche, wie z. B. Bengel, Schwengel, Flegel, Schlegel  \&c., ohnehin gäng und gebe sind. Damit könnte man auslangen. Meistens jedoch, und in der ersten Furie, wo keine Ueberlegung Statt findet, legt sich auf die Zunge sogleich das eben so füg- als bedeutsame Wort: Lümmel . »Einem geladenen Frachtwagen (sagt der gemeine Mann), einem stößigen Ochsen, und einem Lümmel , mußt du aus dem Wege gehen.« Und damit ist mehr gesagt, als mit der besten Definition. – Ueberdieß empfiehlt sich dieß Wort (nächst dem Kern- und Kraftworte: Lump ) noch ganz besonders durch seine ein- und vielfachen Ableitungen: lümmeln , anlümmeln (einen), auflümmeln , lümmelhaft , Lümmelei . §. 4. Wie überhaupt Extreme sich berühren, so zeigt sich hinter dem trampelnden Heere der Grobiane das höchst geschmeidige der Heuchler und Schmeichler . Es dürfte als sonderbar auffallen, daß die Sprache zur Bezeichnung und Bestrafung der erstern Classe keine Extra-Staupbesen habe, womit sie dieselben nach Verdienst züchtigen könnte; aber es scheint, daß sie dieses »Otterngezücht« (wie die Bibel sie nennt), welches mehr dem Laster als der Thorheit verfallen ist, einem höhern Forum überläßt, dem Gerichte Gottes und dem Abscheu der Welt. Desto voller ist ihr Köcher an spitzigen Pfeilen gegen die andere Classe, die, obwohl auch einiger Maaßen vom Höllenqualm der Heuchelei tingiert, doch mehr noch dem »windigen« Luftkreise der Thorheit angehören. Ich will nur einige aus der ältern und neuern Rüstkammer vorweisen; als: Duckmäuser, Fuchsschwänzer, Glättling, Kalmäuser, Katzenwedel, Leisetreter, Scherwenzel, Speichellecker , sodann die vielen Schleicher ( Hehlschleicher ) und Streicher ( Flaum-, Kauzen-, Falbenhengststreicher ) – den Schranzen , der sogar die Hof -Livree trägt und als Einer für Alle einsteht, nicht zu vergessen. – In nächster Sippe steht zu dieser Raçe das Geschlecht der Schmarotzer , die heut zu Tage zwar weniger um ein Süpplein und Brätlein, als vielmehr um Aemter, Gratifikationen, Orden und Pfründen zu erschmeicheln, sich zu Gast laden und in Antichambern sich lagern. Man nennt sie nebenbei auch Suppenfresser , Schmeckenbrei , Schmecksbrätlein , Schmertaske (Niederdeutsch), Tellerlecker u. a. m. – §. 5. Den zudringlichen Tischfreunden auf den Fuß folgen die, sich und das Ihrige zurückhaltenden Geitzhälse , die wohl auch nebenbei und zur Abwechselung Filze , Knauser , Knicker und Knacker , auch Racker und Schabhälse  \&c. im gemeinen Leben genannt werden. – Mammonsbruder ist ein biblisches Wort, und gehört auf die Kanzel. – Wo aber die reine, feine, hochdeutsche Sprache nicht auslangt, da kommt ihr, wie auch im Uebrigen, die Mundart zu Hülfe, die zumal noch mehr die Thorheit, als das Laster des Geitzes damit zu züchtigen sucht. Schon das alte und noch oberdeutsche » Ruoch « trägt eine unvergleichliche Kraft in sich; man denkt dabei sogleich an einen Rachen , der, unersättlich und bodenlos, wie er ist, Alles verschlingen will. Die Etymologie schwankt, ob das Wort von ruechen (übermäßig sorgen), oder von Ruech (Rabe) abzuleiten sey.  . . Eine noch lächerlichere Seite des Geitzes heben die folgenden Wörter hervor: Pfenningfuchser , Plutzgerzähler (Schweiz, von einer kleinen Münze), Spanbrenner , (mit dem auch, begriffsweise, Klieber verwandt,) Erbsenzähler , (wohin auch der Knödelzähler der Wiener Frauen gehört, der Topfgucker der Leipziger, und der Häferlgucker und Weibergritscher der Münchner). . . Popowitsch führt noch ein ähnliches Wort an: Küssenpfennig , und meint, es rühre von einem reichen und kargen Mann (in Wien) dieses Namens her; man kann es aber eben so gut als ein Appellativum nehmen, gleich den obigen, und andern mehr, z. B. Hennenvogt, Kletzenprobst, Zwifelselcher  \&c. Von niederdeutschen Formen sind mir bloß bekannt: Gorteteller ( Grützzähler ), Huzpott (von dem Gothischen Huzd , Schatz), Neefke (bei dem Otfried ist Nefkiri der Geitz); die Niederdeutschen werden aber vermutlich noch mehr haben, und wir Deutschen überhaupt genug. §. 6. Gleiches und Gleiches gesellt sich gern, und so sehen wir denn mit dem Geitz, gemeinhin dem Laster des Alters, den Murrsinn Arm in Arm gehen. Er geberdet sich, wie jener Aristophanische Demos (Ritter, 40). —   —   —   —   —   —   Herr, Wildtoll im Jähzorn, bohnenfresserisch, gallenhaft, —   —   ein mürrischer alter Sauertopf, Harthörig etwas   —   —   — Da schilt denn die frische, freie, frohe Jugend, die unter ihrer Aufsicht steht und geht: Greiner und Griesgram , Kläffer und Knurrer , Murks , Nurk und Schurimuri ; wogegen sich denn jene wiederum schadlos halten gegen diese durch Prädicate, wie z. B. Fant, Fratz, Gauch, Geck, Laff, Lecker, Raup, Rüepel  \&c., wo nicht gar durch die, recht malitiös erfundenen Composita: Gelbschnabel, Guckindiewelt, Sausewind, Springinsfeld, Taugenichts, Thuenichtgut . Und vollends erst – beklagt sich die leichtfertige Jugend – wenn sie, die Fröstlinge, Frömmlinge, Grämlinge, Sonderlinge , auf die fatale Ableitungssylbe ling kommen (das Wort Jüngling führt sie aber darauf), und uns mit Prädicaten verfolgen, wie z. B. Lüftlinge, Klüglinge, Neulinge, Wildlinge, Witzlinge, Wüstlinge, Zärtlinge, Zierlinge  \&c.: Himmel! wer erträgt das? §. 7. Weniger noch in Reih und Glied, als vielmehr hintennach und nebenaus folget das Geschlamp und Geschlepp und » Geschnottel « der Faulenzer , Müßiggänger , Pflastertreter , Ofensitzer , Stubenhocker und Bärenhäuter jeder Art, seyen sie es nun aus purer Scheu vor aller Arbeit, oder aus natürlicher Trägheit und Unbehülflichkeit. Meistens liegt freilich die vis inertiae in der physischen Beschaffenheit oder ihrer vernachlässigten Ausbildung, wofür die Sprache selbst Zeugschaft gibt, die für solche Creaturen eine Menge Bezeichnungen zu erfinden und anzuwenden benöthigt war, als z. B.: Gackel , Latscher und Patscher , Schlotterer , Tapp , Tilltapp , Trenzer und Schlenzer , Tölpel und Tollpatsch (s. oben §. 2), und, will sie ja noch recht höflich seyn, Bruder Langsam . Die entgegengesetzte Unart derer, die zu viel thun wollen, und eben darum nichts thun, bezeichnet die Sprache bloß mit Prädicaten, wie: Fretter , Nöther , Nothnickel und Unmuß ; die Unsitte derer, welche gegen die goldene Regel »Eile mit Weile!« versündigen, mit: Fuchtler , Haspel , Hirnwirbel , Ruschel , Schießel oder Schuß ; endlich den Naturfehler derer, denen es überall wohl ist, nur nicht zu Hause und bei der Arbeit, durch: Fickfacker (Niederd.), Kalfakter (Oberd.), Schlinkschlank (Niederd.), Strolch (Oberd.), Vagabund (nach Adelung hochdeutsch). Zwanzigstes Kapitel. Ueber der Arbeit des Mundirens – denn er war von jeher gewohnt, Alles, was er niederschrieb, vorerst als Strazze oder Kladde zu behandeln, um ja nicht in die Gefahr zu gerathen, in seinem sauber angelegten Cahier auch nur Einen Buchstaben auszustreichen – über diesem bedächtigen Werke traf ihn eines Abends sein Freund Mänle . Schon gewohnt, dessen Schriftproben als Tribut für sich zu betrachten, nahm er sogleich Einsicht in die geheimen Studien, und gerieth bei deren Anblick in ein freudiges Erstaunen. »Liebster, Bester! rief er aus, welcher Gott hat dich auf einen solchen excellenten Einfall gebracht?« »Spotte nicht, sagte Herle ; ich weiß, es ist eckles Zeug; aber ich weiß auch, warum ich's thue, und wozu?« »Ich spotten? rief jener aus; umarmen möchte ich dich, küssen, anbeten, du einziger Mensch, der so ein einziges Werk schafft, das einzig ist in Deutschland, in der Welt! Sag', wer, was hat dich auf den Gedanken gebracht?« »Der Rector magnificus, der wohl wissen mag, wo noch eine Lücke ist in der Gelehrsamkeit, und was Noth thue. Er meint, eine Sammlung der Art wäre ein willkommenes Vademecum für Philologen, zumal für Uebersetzer, z. B. des Aristophanes.« »Bloß für Philologen und Uebersetzer? entgegnete jener; sage für die Gelehrten aller Facultäten, für Philosophen, Theologen, Juristen – warum nicht auch für Mediciner, mindestens für ihre Streitschriften? – hauptsächlich aber für Dichter. Sag'! Was wäre dieser Aristophanes, wie leer, wie matt, ohne diese spitzen Bolzen, die er aus dem Armarium seines Witzes so treffend verschießt? Kann man überhaupt das Ernste, das Große, das Erhabene schildern, ohne dessen Gegentheil, das Gemeine, das Lächerliche, das Triviale, wie in einem Reflex, darzustellen? Hat ja der göttliche Shakspeare dergleichen gemeine Explosionen gemeiner Naturen, wie diese selbst, nicht bloß in seinen Lustspielen gebraucht, sondern auch in seinen Trauerspielen; wie ihm denn das Komische, mit Recht, nur als der umgekehrte Handschuh des Tragischen gilt, die Narrheit als die Folie der Weisheit, und die Thräne als der Quell des kindischen Herzens, das da, wie aus Einem Sack, zugleich lacht und weint.« »Aber ein deutscher Dichter – entgegnete Herle – dürfte nimmermehr solche Kraftwörter auf der Bühne auslegen, ohne das züchtige Publicum zu ärgern.« »Du hast Recht, versetzte Mänle ; er darf höchstens Schelmen, Halunken, Schufte und derlei Galgenkerle in persona aufführen und empfehlen; aber sie bei ihrem Namen nennen, und das Brandmahl auf ihre Stirn brennen, das darf er nicht; das wäre gegen alles Decorum, gegen alle Humanität. . . Ich meines Theils, wenn ich ein Lustspiel schreiben wollte, könnte nicht unterlassen, diese Prädicate als Stoßseufzer, als Knalleffekte überall anzubringen, wär's auch nur, um, wie durch »Fisperln,« ein gebildetes Publicum aufzuschrecken und recht sehr zu ärgern. Ja, wie herrlich nähme sich eine ganze Scene aus, die, wie ein Gewebe, solche Blumen zum Einschlag hätte; z. B. folgende, die ich improvisiren will zu deiner Erbauung: Stelle dir zwei Menschen vor, wie jene Engländer, die wir neulich am »Bilderpritscherlädel« ausgehängt sahen; der eine sey dünnspänig, wie ein hungriger Tagsschriftsteller, der andere dickklotzig, wie ein fetter Buchhändler, beide übrigens voll neckischen und geckischen Humors. Diese begegnen sich, in meinem Lustspiel, unter der Thür, und nachdem sie, wer zuerst hinein oder heraus sollte, nach Kräften manipulirt haben, bleiben sie zuletzt beide zwischen den Thürposten eingekeilt stecken (der hagere Mann bildet eben den Keil). Was könnten sie nun, in dieser peinlichen Lage, zu ihrem und der Zuschauer Zeitvertreib anders thun, als mit Schimpf in Glimpf auf einander losziehen, und einer den andern wegen des zu viel und zu wenig am körperlichen Inhalt ausschelten? Der dicke Mann apostrophirt etwa den dünnen, unter andern bekannten Weisen, mit Heugeige, Häringsseele, Hopfenstange u. s. f. Was sollte, als Wiedervergeltung, der dürre Zweckdienliches antworten? Ohne Zweifel etwa nur Folgendes: Was will Er denn, Er Dickwanst? Glaubt Er: weil ihn der Himmel mit zwei Zentner Fleisch und Fett mehr gesegnet hat, als mich, Er sey darum besser, und dürfe gröber seyn? Schimpf Er mir nicht meine »rahne« Gestalt; sie ist doch noch menschlich; Er aber steht aus, wie ein bausbackiger Blasengel auf einer alten Landkarte, oder wie ein Plunzen , der von Fett trieft, und vor Dicke bersten möchte. Sag' Er meinethalb: mein Bauch sey so flach, wie ein Beichtzettel, und hätte nur eine negative Größe; ich gönne Ihm gern Sein Promontorium, Er Schmerbauch . Trägt er doch seine eigne Sündenlast herum im Schweiße Seines Angesichts, und keucht und pfnauset und knarrt, gleich einem Frachtwagen! Sehe man doch! weil der Freßsack einer bessern Tafel pflegt, als ich; weil das Wein - und Bierfaß sich täglich anfüllt und immer mehr ansetzt: so meint Er Wunder was an ihm sey. Es ist aber nichts an Ihm, sag' ich, als Speck und –; und hüt' Er sich künftig, meine Gestalt zu schänden, die mir Gott gegeben hat, Er Pflumpfsack! « Die Scene würde sich dann ganz einfach entwickeln. Die beiden würden sich gerührt um den Hals, und, also umschlungen und sich wechselweis Raum machend, zur Thür hinaus fallen, nicht ohne großes Ergötzen und Applaudiren der versammelten Zuschauer.« Ein und zwanzigstes Kapitel. Ermuntert durch des Freundes unmäßigen Beifall, gedachte nun Herle sein Specilegium auch Sr. Magnificenz zum Gutachten vorzulegen. Der Angemeldete wurde freundlich empfangen. Nachdem der Rector die Probeblätter mit flüchtigen Blicken durchlaufen, sagte er: »Das ist alles recht gut, lobenswerth und verdienstlich; aber die Hauptsache fehlt noch, das gelehrte Ingrediens, der perpetuus commentarius, die Lesearten, die etymologischen Nachweisungen. Eine bloße Sammlung der Art ist doch nur das Ergebnis eines literarischen Fleißes, allein noch nicht ein Beweis eines literarischen Talentes; und die schöngeistische Brühe, die Sie über das wunderliche Zeug geschüttet, zeigt und befriedigt noch keineswegs den Philologen; es schmeckt vielleicht dem Gaumen, aber nährt nicht den Geist. Doch, um eine so gelehrte Arbeit zu fördern, dazu fehlen Ihnen, befürcht' ich, eben die nöthigen Kenntnisse, zumal in der griechischen Sprache und Literatur.« »Aber, mein Gott! rief Herle mit schlecht verdecktem Aerger aus, was hat denn die griechische Sprache mit den deutschen Schimpfwörtern zu schaffen?« »Sehr viel, und mehr, als Sie nur ahnen können, versetzte der Rector. Sie dürfen und müssen mir wohl auf mein Wort glauben, wenn ich behaupte, daß wir Deutsche überhaupt Alles, was wir dem Geiste nach haben und sind, von den Griechen erhalten. So auch in's Besondere die Sprache. Freilich ist diese im Lauf der Zeiten und im Mund der Barbaren sehr verderbt und verhunzt worden, allein dem scharfsinnigen Forscher treten immer noch und überall die Spuren ihrer frühern, edlern Abstammung entgegen. Um dieß Ihnen durch das nächste beste Beispiel anschaulich zu machen: welche Wörter haben dem äußern Anschein nach weniger Verwandtschaft des Lautes, als »alopex« und »Fuchs?« Und doch ist das deutsche nicht nur Eines Stammes mit dem griechischen, sondern es ist sogar dasselbe, obgleich corrupte und synkopirte Wort. Ich will mir Mühe geben, dieß Ihnen ganz deutlich zu machen. Vorerst müssen Sie wissen, und können es täglich selbst erfahren, daß die deutsche Mundart gern Vorsylben in fremden Wörtern wegwerfe, um sie mehr mundgerecht zu machen. So sagt man z. B. Stoffel (oder gar Töffel) statt Christophorus, Grete, Lise statt Margaretha, Elisabetha. Demnach werden Sie auch, was unsern Fall anbelangt, wohl begreifen, oder es doch natürlich finden, daß der Deutsche auch an alopex die erstern Sylben wegwerfe und nur die letzte beibehalte. Nun aber bemerken Sie zweitens: Alle Vocale in einer Sprache gehen leicht und gern in einander über, und verwandeln sich in die Ablaute; wie denn auch im Deutschen z. B. bar, bären, geboren, Bürde u. s. w. zu Einem und demselben Etymon gehören. Eben so wechseln drittens verwandte Konsonanten, zumal in den gemeinen Mundarten; der Rheinländer z. B. spricht noch sehr richtig Parrer ( parochus ), der Niedersachse Farrer , und der Oberdeutsche dagegen in seiner groben Mundart gar Pfarrer . Wenden wir nun diese Permutations-Gesetze einmal auf unser alopex an – durchgehen wir die vocalischen Metamorphosen: pax, pex, pix, pox, pux – und lassen wir endlich p in f, als verwandte Lippenlaute, sich verwandeln: so haben wir – Fux ; wie es denn auch richtiger, statt Fuchs , geschrieben werden sollte. Capiren Sie es nun?« »Vollkommen! erwiederte Herle ; und ich bewundere eben so sehr Hochdero profunde Gelehrsamkeit, als ich meine eigene Armseligkeit in gelehrten Dingen bedauere. – Bei dieser Gelegenheit erlauben mir Ew. Magnificenz, daß ich Hochdero sogleich ein Paar Schimpfwörter nenne, an deren Deutung ich verzweifeln möchte. Es sind: Laomion (bayerisch) und Daunderlaun (schwäbisch), welche, so viel ich noch aus Studiis weiß, offenbar griechischen Anlaut haben.« Der Magnificus warf die beiden Wörter im Mund und Kopf umher, und sagte dann, nach einigem Bedenken: »Griechischen Ursprungs sind sie gewiß, und sie verrathen noch einiger Maßen ihre edle Abkunft, zumal Laomion – von laos, laon. – Doch – brach er ab – hierüber wollen wir nächstens und ausführlicher sprechen.« Zwei und zwanzigstes Kapitel. Während des Carnevals war Doris für Niemanden zu Hause. Als Herle an einem Abend um eine Audienz bat, hieß es, sie sitze am Arbeits- und Putztisch; am andern, sie gehe auf den Ball; am dritten, sie habe Kopfweh und liege zu Bette. Das war unserm Freunde ganz recht – nicht daß die schöne Doris litt, sondern daß er nun eine Zerstreuung weniger hatte, die ihn von seinen philologischen Studien abhalten konnte. »Tanzte er denn nicht?« unterbricht mich hier ein Fräulein, welches dieß liest. Nein, Holdeste! er tanzte nicht. Er pflegte zu sagen: Vom Tanzhaus sey der nächste Weg in's Kranken- und Irrenhaus; er aber wolle gesund bleiben an Leib und Seele. Nachdem er zum dritten Male vor Doris Thür abgewiesen worden, konnte er sich doch des Gedankens nicht erwehren: Wie? wenn nun das Fräulein deine Frau wäre? Sie, mit dieser Putz- und Tanzsucht, mit diesem leidenschaftlichen Hang nach flüchtigem Lebensgenuß? Und du, ihr Mann, mit deiner Neigung zu einer stillen, ruhigen, genügsamen, putz- und prunklosen Lebensweise? Er träumte fort, indem er auf seinem Zimmer auf und ab ging; er stellte sich eheliche Scenen vor, die bei so verschiedenen Gemüthsrichtungen vorfallen mußten. Sie fordert, er schlägt ab; sie vergeudet, er spart; sie schmollt, sie zankt, sie weint; er begütiget, er entgegnet, – er verzweifelt. Im Uebermaß seines Schmerzens – denn seine Phantasie hatte ihn bereits unter das unglückselige Ehejoch gebracht – wirft er sich auf den Stuhl, und sitzt da, in dumpfe Traurigkeit versunken, vor sich hinstarrend, Papier zerknitternd, unter den Blättern wühlend, die auf seinem Schreibtisch liegen. Da kommt ihm von Ungefähr Bärbchens Brief zu Hand und Gesicht; er öffnet ihn, aus langer Weile, er liest ihn, mit Wohlgefallen; er macht sich Vorwürfe daß er die Antwort so lange verschoben; er beschließt, sogleich zu schreiben. Indem er nun über den Inhalt weiter nachdenkt, verliert er sich ganz wieder in die freundliche Umgebung, die er verlassen, und in den Kreis der guten Menschen, die ihm so gewogen waren. Bärbchen steht vor ihm, mit ihrem Engelantlitz, – aber nicht mehr als Kind, das fröhliche, scherzende, neckende, sondern die Jungfrau, wie sie ihm in den letzten Tagen erschienen, mit jenem freundlichen Ernst, jener achtunggebietenden Hingebung, und mit jener bezaubernden Anmuth, die, indem sie zugleich anzieht und abweißt, bittet und versagt, auf eine geheimnißvolle Art die Herzen in Liebe auflöset und durchdringt. Voll von diesen Empfindungen, legt er das Papier zurecht, er schneidet die Feder, er fängt an: Liebste – da bedenkt er sich noch, ob er sie Bärbele oder Bärbchen oder Jungfer Barbara anreden sollte. Denn einen Unterschied in diesen Courtoisie-Formen hatte er von jeher beobachtet; in feierlichen Augenblicken nannte er sie Barbara, in vertraulichen Bärbchen, in zärtlichen Bärbele. Er entschied sich endlich für's Letztere, und schrieb: Liebstes Bärbele! Soll ich den Brief selbst mittheilen? Ich denke: nein; denn wozu seine Worte, da wir dessen Gefühle und Gesinnungen kennen? Drei und zwanzigstes Kapitel. »Ich muß wohl sogleich an die Quelle selbst gehen, um den Dialekt rein und frisch, wie ihn die Natur ergießt, zu schöpfen – sagte Herle zum Freunde, beim Beginn der Faschingsferien; ich will ein Paar Tage auf's Land, um dem Volke das Wort, wie es leibt und lebt, von der Zunge zu nehmen, und mein Ohr daran zu bilden. Hier, zur Stadt, verderben und verschlechtern sie Alles, – die Sprache, wie Butter und Milch. Welch einen Genuß verspreche ich mir in der Mitte der guten, unverdorbenen Menschen, in den Hütten, in den Dörfern; und welche Geheimnisse werden sich mir enthüllen in den lallenden Lauten dieser Naturkinder!« Mänle lobte seinen Entschluß, und bestärkte ihn darin, verhoffend, daß jeder Zuwachs an Sprachkenntniß zuerst seinem Freunde, dann ihm selbst zum Vortheil gereichen werde. Deßhalb trug er ihm auch seit einiger Zeit alle Bücher zu, aus denen Nahrung zu schöpfen war für Schimpf und Ernst, zumal alte, vergessene, verkannte, deren Autoren dem Volke noch nahe gestanden, ja mit demselben verflochten waren; z. B. Agricolas Sprichwörter, Fischart's Gargantua, Moscherosch , Schuppius  \&c., zumal den einzigen Pater Abraham a St. Clara. Herle kaufte ihm den Plunder, den jener aus dem Täntelmarkt gegen einige Groschen erstanden, um theures Geld ab – er that's nicht anders, – und ergötzte sich ungemein an diesen rein, echt, derb, mitunter grob deutschen Schriften. Begleiten wir nun aber unsern Freund auf's Land, und sehen wir, wie er von Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus umher schweift, überall horchend, fragend und forschend. Leider erhascht er aber wenig oder gar nichts, was in seinen Kram paßt. Denn der gemeine Mann, so wie er bemerkt, daß ein hochdeutscher Herr ihn belauschen will, verhüllt seine Sprache, wie ein Mädchen ihre Unschuld, aus Scham, und begegnet ihm, wenn es doch seyn muß, in dem Tone und der Miene, wie man ihn begrüßt und anspricht. Herle wollte schier in Verzweiflung gerathen, da seiner lüsternen Neugierde sich nichts zeigen wollte, was ihn befriedigen konnte. »Ich muß es anders machen, sagte er, nämlich besser; ich muß, wie ein Vogler an seinem Herde, insgeheim lauschen, und das Netz zuziehen, wenn etwas einfällt. Er lagerte sich demnach in einem Wirthshause – es war der letzte Fastnachtstag; – hier setzte er sich an ein Ecktischlein, das Portefeuille vor sich, wie ein Fangnetz, um so jedes Wort, das die Bauern an den Tischen umher fallen ließen, sogleich aufzufangen und einzutragen. Diese List gelang ihm auf einige Zeit. Als aber die Bauern endlich den Schreiber bemerkten, und sahen, wie er ihnen zuhorchte, und dann wieder notierte, nicht ohne sichtbares Behagen, da stieg in ihnen der Verdacht auf, es sey ein Polizeispion aus der Stadt. Einige schwiegen, aus Furcht, oder sprachen doch leiser; Andere dagegen schrieen desto lauter, damit er's hören und »schmecken« könnte, »Was kümmert mich so ein Polizeispion und Schergenknecht; ich sitze hier um mein Geld, und das Reden ist umsonst.« »Sie sollen nur in der Stadt drinnen die Gassen kehren und die Wirthshäuser fegen, wenn sie doch Dreck haben wollen, die Mistfinken.« »Daß einem rechtschaffenen Mann die verdammten »Naterer« nirgends Ruhe lassen!« schrie ein Dritter, mit einem derben Faustschlag auf den Tisch. »Erlaubt – sagte Herle , indem er aufgestanden und vor den Sprecher sich hingestellt – Erlaubt, guter Mann, was heißt, wer ist ein Naterer?« »Will's der Herr wissen? erwiederte jener; nun, so will ich's ihm sagen: Er ist ein Naterer, ein vermaledeiter Polizeispion. Und aber jetzt – sagte der erhitzte Landmann, und wies ihm seine Faust – jetzt rath' ich dem Herrn, daß er sich nur gleich pack', wenn er noch mit heiler Haut davon kommen will.« Herle erstaunte, entschuldigte, versicherte, Alles half nichts. Die allarmierten Bauern umringten ihn, umschrieen ihn, und maneuvrirten ihn endlich, noch glimpflich genug, zur Thür hinaus. Vier und zwanzigstes Kapitel. »Sey kein Zierbengel, Philolog! Warum nicht die Namen nennen, wenn du sie selbst nicht nennest beim Namen?« Also sprach Herle für sich, indem er drum und dran war, weibliche Schimpfnamen, deren er eine Menge gesammelt vor sich liegen hatte, in sein Cahier einzutragen. Einerseits fand er es bedenklich und unziemlich, Schimpf und Spott gegen das andere Geschlecht aufzuzeichnen und durch die Schrift gleichsam zu verewigen. Es ist einmal, sagte er, zugleich das schwache und das schöne Geschlecht; als jenes , von der Natur schutz- und trutzlos, ohne alle Waffe geboren (an die weibliche Zunge und Kralle dachte Herle dabei nicht), bedarf, verdient und verlangt es unsere Schonung und Achtung; und als dieses erträgt es ohnehin nicht, so wenig als der reinste Spiegel, irgend einen Makel, und leidet sehr daran, wenn auch der geringste Fleck die weibliche Ehre beschmutzt. Anderseits erwog und bedachte er, daß die Schimpfnamen gegen die Weiber meistens eben nur von Weibern ersonnen und gebraucht werden, sie, die doch am besten wissen müßten, was an ihnen sey. »Und dann – fragte er sich – verschonen etwa die Weiber uns Männer mit dergleichen Spitz- und Witznamen? und dürfen wir nicht Gleiches mit Gleichem vergelten? Worte mit Worten abwehren? Mich dünkt, mit vollem Recht, und unbeschadet der Ehre, die dem Geschlecht gebührt. Doch hievon kann hier, in meinem Tentamen, keine Rede seyn, ob Schimpfwörter beschimpfen oder nicht. Der Philolog hat es, wie der Historiker, bloß mit Thatsachen zu thun; diese stellt er wahr und einfach dar, nach Wissen und Gewissen, und kümmert sich übrigens wenig und nichts um ihren Gebrauch und Mißbrauch.« Ungeachtet dieser plausiblen Gründe, die ihm der nüchterne Verstand vorhielt, mahnte ihn doch sein reines, natürliches Gefühl ab, jene argen und ärgerlichen Schimpfwörter gegen die Tugend und die Ehre der Frauen, in sein Verzeichniß aufzunehmen, obwohl ihm die deutsche Sprache, zumal die Mundart, eine Menge Synonymen darbot. Ja selbst sogar das Wort »Hure,« das doch in ganz Deutschland gäng und gebe ist, wollte er nicht in sein Tractätlein einschreiben, ungeachtet er, wie er sich wohl gestand, Gefahr lief, daß das collegium academicum die Dissertation so fern als mangelhaft und minder gut bezeichnen dürfte. »Aber – sagte er zu sich – was brauch' ich mich zu scheren, und die Weiber zu schonen in den andern und übrigen Schimpf- und Spottnamen, deren sie sich schuldig machen? Habeant sibi! Die Faule, Plumpe, Schmutzige, heiße immerhin Lampinn, Lodel, Schlamp, Schumpel ; die Geschwätzige: Klatsche, Räthsche, »Schneppepper;« die Mürrische: Muchtel, Raffel ; die Modesüchtige: Docke, Allerweltsdocke ; die Vorschnelle und Flüchtige: Rausche-Bausche, Raschel (»die Ruschlige« sagt Göthe); die Allzugeschäftige: Haus-Grusel, Haus-Urschel ; eine alte »Grätige, Gräntige und Häntige:« Runkunkel u. s. w. Alle diese Reden sind, zumal im Munde der Weiber, keineswegs ehrenrührig, sondern wohlanständig – wenn sie eben nur anstehen. Ein Mann aber, wenn er doch, der Hausordnung wegen, Schimpfwörter lediglich braucht, kann mit den zweien auslangen: Drud' und Hex' .« Zartsinnige Leserinnen mögen es mir, dem Biographen, zu gute halten, wenn ich, ohne das Paragraphzeichen als Warnungstafel voranzustellen, sie gegen ihren Willen in und durch dieß Dornengehege geführt und sehr verletzt habe. Aber warum lesen sie überhaupt eine solche Geschichte? Fünf und zwanzigstes Kapitel. Die wiederholten Anstrengungen des Tanzes, zumal in den letzten Tagen des Carnevals, hatten dem Fräulein Doris eine nicht unbedeutende Krankheit zugezogen. Von Natur schwächlich und reitzbar, litt sie nach jeder starken Bewegung an Kurzathmigkeit und Uebelbehagen, bis zu leichten Ohnmachten; sie wußte dieß, der Arzt warnte, der Vater brummte; Alles war umsonst; sie konnte ihrer Leidenschaft, so oft sich Gelegenheit darbot, nicht widerstehen. So büßte sie denn, zwar mit großer Geduld, aber auch mit dem festen Vorsatze, wieder zu sündigen. Sie ließ Niemanden vor; denn sie durfte, sie konnte auch nicht sprechen. Die langen, bangen Tage und Nächte vertrieb sie sich mit Lectüre, zumal der Jean Paul'schen Werke. Sie wollte wieder den Quintus Fixlein vornehmen, um bei Herle's nächstem Besuche bekannten Stoff zur Unterhaltung zu haben. Sie ließ das Buch, das sie als ausgelesen voraussetzte, durch ihr Kammermädchen abfordern. Herle gab es ihr, wie es noch auf dem Pulte lag, mit Entschuldigung und Dank. Wir müssen hier einer Eigenheit unsers Freundes gedenken, die, an sich unschuldig, dieß Mal doch Veranlassung gab zu einem großen Verdrusse, ja zu gänzlicher Entfremdung der nächsten, ihm theuren und werthen Personen. Er hatte die Gewohnheit, wenn er ein Buch las, das nächste beste Papier, das auf seinem Pulte lag, zwischen die Blätter zu legen, als Merkzeichen, wo er geblieben. Leider! wollte es jetzt der Zufall, daß er gerade jenes Zettelchen, welches er mit jenen ehrenrührigen Synonymen bezeichnet, aber wieder verworfen, in's Buch hinein gelegt hatte, ohne sich dessen weiter zu erinnern. Nun hätte es freilich der Anstand erfordert, daß das Fräulein, sobald sie des beschriebenen Zettelchens ansichtig geworden, dasselbe zurücksenden oder doch vernichten hätte sollen. Aber wer widersteht der Neugierde? Kein Mann, geschweige ein Weib. Sie las, und las – und rief endlich vor Aerger und Entsetzen, daß es bis in's dritte Zimmer hinübergellte: »Welche Sottise! welche Effronterie! O des schamlosen, des niederträchtigen Buben! Mir das?!« »Was gibt's?« rief der Rector entgegen, der erschrocken herbeieilte. »Denken Sie, Papa! der Präceptor, dieser – wie soll ich ihn nennen? – schickt mir in dem Buche, das ich ihm gutmütiger Weise geliehen, statt höflichen Dankes, einen Zettel voll Schimpfwörter zurück, die gemeinsten, die entehrendsten, die ruchlosesten!« »Zeig mal her!« sagte der Rector ruhig, und las, und lachte dann hellauf. »Was? rief Doris, und Sie lachen noch? Wo Ihre Tochter so verunglimpft, entehrt, geschändet wird, da können Sie noch lachen?« »Es sind eben nur philologische Studien« sagte der Rector trocken. »Studien nennen Sie das, wenn man ein honettes Fräulein eine Lutsche , eine Musch , eine Roll , eine Schmudel , eine Wuschel , eine Zuchtel nennt? Läßt sich etwas Infameres denken, etwas Impertinenteres ersinnen? Ich sage Ihnen, wenn Sie mir nicht die glänzendste Satisfaction verschaffen, so kratze ich ihm mit den eigenen Händen die Augen aus, diesem Schandmenschen!« »Laß dich doch belehren, liebe Doris, begütigte der Rector; es ist ein Mißgriff, eine Mißdeutung.« – – Sie weinte vor Zorn; und dieß war von jeher bei stürmischen Auftritten für den Vater das Zeichen, daß er ging; wie er denn auch jetzt that. Des andern Morgens meldete sich das Kammermädchen bei Herle , von der Herrin gesandt. »Eine höfliche Empfehlung von meinem gnädigen Fräulein – sagte sie, – und Sie sollen sich nimmer unterstehen, ihr unter die Augen zu kommen.« »Mein Gott! – sagte Herle , der nichts ahndete und begriff – was hab' ich denn gethan? worin gefehlt? womit beleidigt?« Das Mädchen erzählte ausführlich, was vorgegangen. Herle , als er Alles vernommen, schlug sich vor den Kopf, und rief, auf und ab rennend: O, ich Dummkopf! Strohkopf! Eselskopf! o, ich Roß Gottes! Das Mädchen lief vor Schrecken davon. »Der Präceptor ist närrisch!« sagte sie zur Hausfrau, die ihr öffnete. »Das wär' doch Jammer und Schade um den lieben Jungen!« sagte die Hausfrau, und sah nach ihrem Miethsmann. Sechs und zwanzigstes Kapitel. Die beleidigte Doris schwebte vor seinen Augen, wie eine Furie, wie eine Hekate, die ihr Sühnopfer verlangte. Er hatte einen unruhigen Tag, eine schlaflose Nacht. Er wußte nicht, was er beginnen, was er thun sollte, um das unselige Mißverständniß zu heben. Dazu kam der noch fürchterlichere Gedanke, daß er, wenn er mit einem solchen verfänglichen Thema vor der Welt debütiren sollte, leicht Gefahr liefe, unter dem Frauenvolke, welches er, wie billig, achtete und ehrte, als ein ungezogener, Sitte und Anstand verletzender Autor verschrieen und anathematisirt werden dürfte. Endlich, nach vielem Nachsinnen, fand er das Mittel, das ihm zunächst lag, – ein Pflaster, welches die geschlagene Wunde heilen, einen Fliegenwedel, welcher die kritischen Mücken vertreiben, eine geharnischte Vorrede, die jeden Profanen mit dem »honny soit qui mal y pense« abweisen und abwehren sollte. Wir theilen sie hier mit, diese Vorrede. Indem ich es unternehme, über eine, nach gemeinen Begriffen so verfängliche Materie zu schreiben, sehe ich mich vor Allem genöthigt, gewissen Vorurtheilen zu begegnen, die hieraus, weniger noch für den Redner, als für die Sache, nämlich für die Sprache, entstehen könnte. Denn was mich anbelangt, so kann mir die Wahl des Gegenstandes und die Ausführung keineswegs zum Vorwurfe gereichen, da ich, als Philolog, lediglich nur die Formen im Auge behalte, und von der Materie und ihrer Anwendung in der Schule und im Leben, was Sache des Moralisten ist, ganz abstrahire – so wie es z. B. vom reinen Standpuncte der Naturlehre und der Philosophie aus ganz gleichgültig seyn kann, ob Jemand über Herz und Kopf, oder über die pudenda der menschlichen Natur in physischer und psychischer Hinsicht Vorlesungen halte. Aber die Sprache selbst muß in Schutz genommen werden gegen den übereilten Schluß derjenigen, welche, wenn sie zu ihrem Erstaunen die Unzahl von Schimpfwörtern in der deutschen Sprache hören und ahnen, dieselbe wegen dieses Reichthums, der ihr in der That zur Zierde gereicht, der Gemeinheit, Niedrigkeit, Plattheit beschuldigen möchten. Diese vorzeitigen Tadler, könnte ich zwar sogleich mit Autoritäten zurecht weisen; ich könnte ihnen zeigen, wie selbst in der Sprache und Literatur der Griechen, dieser » Schönen und Guten ,« auserlesene Schimpfwörter in Menge vorhanden seyen, und eine bedeutende Rolle spielen; ich könnte Belege genug finden, daß die heiligen Väter selbst sich dieses kräftigen Abfertigungsmittels gegen die, welche anders dachten und fühlten, nicht selten bedienten; S. Specimen alphabeticum bestialitatis haereticae ex Patrum symbolis ; in J. Chr. Aretin's Beiträgen. Band II. ich könnte ihnen aus den nächsten besten Wörterbüchern darthun, daß auch in andern ältern und neuern Sprachen, selbst in der französischen, die sonst das Unfeine so fein auszudrücken pflegt (um so mehr in der sittenlosen italienischen und der rücksichtslosen englischen) dergleichen derbe und kräftige Formen wie Schmeißfliegen, überall entgegenkommen und aufsitzen und bemackeln. Aber ich möchte lieber, ohne den Casus näher zu untersuchen, der deutschen Sprache sogleich hierin den Vorrang einräumen, und sogar einen Vorzug darin finden. Denn wie eine strenge, züchtige Mutter auf das ganze Betragen, auf jede Handlung der Kinder ein aufmerksames Auge hat, und für jeden Fehler den passenden Tadel und die geziemende Strafe in Bereitschaft hat, um durch diese sorgsame Ausrottung des Unkrauts das Gedeihen des guten Saamens zu befördern: so hat auch die deutsche Sprache für jede auffallende Thorheit und jedes namhafte Laster gewisse Zeichen, Schlag - und Stichwörter in Vorrath, die den Menschen, oder vielmehr seine Gebrechen, kenntlich brandmarken und fühlbar züchtigen. Statt daß also diese ausgezeichnete Eigentümlichkeit ihr und ihren Genossen zum Tadel gereicht, beweiset sie vielmehr, daß die Deutschen Muth und Aufrichtigkeit und Zartsinn genug haben, die Ungezogenheiten, welche bei andern Völkern übersehen, wohl gar geschmeichelt werden, unnachsichtig zu bemerken und nach Gebühr zu bestrafen. Und so könnte ich denn, ohne blöde Furcht für meinen und der Sprache Leumund, sogleich zur Probe meiner lexikalischen Gelehrsamkeit in puncto injuriarum verbalium übergehen. Allein da ich kaum voraussetzen kann, daß jener Begriff von Zartsinn, den ich an der deutschen Sprache zu rühmen Grund finde, jedem meiner zarten Zuhörer so klar und lebendig vorschwebe, wie mir, der ich lange Zeit con amore im Fache gearbeitet habe; und da vielleicht gar zu befürchten seyn dürfte, daß irgend Jemand das, was ich hier in theoria und aus Beruf gelehrt, sofort in praxi und aus Liebhaberei anzuwenden versucht werden dürfte: »Vergeltet nicht Scheltworte mit Scheltworten,« sagt der Apostel (1. Petr. 3, 9). so halte ich es für nothwendig oder doch nützlich, eine Mahnung und Warnung eines alten ehrlichen Deutschen (Johannes Agricola) anzufügen, der da will, daß das Unzarte, Unanständige, welches an solchen Formen und Formeln haftet, nicht so wohl ganz vermieden, als vielmehr durch eine vorausgeschickte Entschuldigung, gleichsam als captationem benevolentiae gemildert werden sollte. »Es lehren die Rhetores und Weltredner – sagt er, – daß, wo man will etwas mit einem guten Possen oder Schwank zieren, so soll man brauchen das proepiplittin praecastigare, als daß man sagt: Mit Urlaub! Verzeihet mir! Mit Verlaub zu reden! so wird Ehre und Zucht, das sonst Unehre und Unzucht ist.« Auf dieses Wort des Meisters, das ich ihm von Herzen nachspreche – Opus aggredior! Sieben und zwanzigstes Kapitel. Herle wollte sich nun um so mehr beeilen, sein Opus zu vollenden, da er hoffte, daß er durch Vorlage des ganzen Apparats, den besondern Beifall des Rectors gewinnen werde, und daß der gelehrte Herr desto leichter sich bewegen ließe, die beleidigte Tochter zu versöhnen. Allein indem er nun an die Arbeit, nicht so wohl ging, als nur daran dachte, bemächtigte sich seiner eine solche Unlust, ja ein so entschiedener Ekel gegen die Bearbeitung seines gelehrten Pensums, daß er auch nicht einmal sich entschließen konnte – hätte er doch mindestens dieß gethan! – aus dem zerstreuten, reichhaltigen Vorrathe, dessen er sich gewiß zu erfreuen hatte, die füg- und biegsamsten, kern- und wurzelhaften Schimpfwörter in ein Florilegium gruppenweise zusammenzustellen, oder auch diese Spießruthenträger nur in Reih und Glied ohne weiteres aufmarschieren zu lassen. Allein er wollte, er konnte es einmal nicht thun; denn der Mensch fühlt sich zwar wohl noch im Stande, Gleichgültigkeiten, Abneigungen, selbst gehässige Affectionen, z. B. gegen gewisse Personen, groß- und starkmüthig zu überwinden, aber nimmermehr einen völligen Un- und Widerwillen, zumal in Betreff sittlicher Dinge, indem sich dabei (um mich eines volkstümlichen Ausdruckes zu bedienen) Herz und Magen im Leibe umkehren. Und so bin ich denn, leider! unvermögend, meinen sehr günstigen Lesern, die etwa noch nach solchen Leckerbissen lüstern gewesen wären, deren noch mehrere aufzutischen; und das Kapitel ist und bleibt denn, wie das Tractätlein überhaupt, ein Opus non absolutum. Acht und zwanzigstes Kapitel. Eigentlich war es nicht Schmerz, den er über den Verlust der Gunst des Fräuleins empfand, sondern nur Unruhe über die Spannung, die Trennung, die durch seine Unvorsichtigkeit sich ergeben. Er hatte Doris nie im Ernste geliebt; ihre Erscheinung hatte ihn wohl überrascht, aber nicht geblendet; es hatte ihn zu ihr hingezogen, zumal in seinen isolirten Zuständen, aber ihn nicht zu ergreifen und festzuhalten vermocht; ja, hätte es ihm sein argloses Herz gestehen können, so galt ihm das Fräulein und ihre Zuneigung selbst nur als Mittel, um durch sie die Gunst des Vaters und dessen Patrocinat in der wichtigsten Angelegenheit seines Lebens zu erlangen. Indessen, bei der Gutmütigkeit und Leutseligkeit, die ihm innewohnte, fand er sich unbehaglich bei dem Gedanken, Menschen, die er übrigens achten und ehren zu müssen glaubte, auf Erden und in seiner Nähe zu wissen, welche ihm entfremdet, ja gegen ihn feindselig gestimmt wären. Er beschloß daher, sich jede Genugthuung, jede Demüthigung gefallen zu lassen, um das leidige Mißverhältnis zu entfernen, obwohl er übrigens wohl einsah, daß, wenn doch eine Schuld mit untergelaufen, diese mehr auf Seiten des Fräuleins, als auf der seinigen gewesen sey. Mit diesen guten Gedanken und frommen Vorsätzen ging er zum Rector, zu einer Stunde, wo die wiedergenesene Tochter, wie er erfahren, auf Besuch war. Magnificus empfing ihn mit einiger Verlegenheit; denn er fürchtete, daß Doris zurückkommen und, gegen das ihr gegebene Wort, den Präceptor bei ihm antreffen möchte . . . Schwache Väter stehen so gut unter dem Pantoffel ihrer Töchter, als schwache Männer unter dem Pantoffel der Frauen . . . Nachdem Herle vor Allem um Vergebung gebethen, daß er durch seine Unbedachtsamkeit Anlaß zu Verdruß und Argwohn seiner Tochter gegeben, Se. Magnificenz dringendst bittend, Hochdieselben möchten doch das unselige Mißverständniß erklären und heben: so erwiederte der Rector auf eine gütige Weise: Er wisse, was an der Sache sey, nämlich nichts; er habe bereits das Seinige gethan, wiewohl noch ohne Erfolg; er werde aber, bei Zeit und Gelegenheit, seine Versöhnungsversuche wiederholen, und hoffe, daß, wenn das Geschwür des Aergers einmal gezeitigt und aufgebrochen wäre, das besänftigende, schmerzenstillende Heilmittel nicht fehlschlagen werde. Indem die Männer noch so freundschaftlich mit einander sprachen, trat Doris ein. Das Kammermädchen, dem sie den gemessenen Befehl ertheilt, hatte ihr spornstreichs die Nachricht überbracht, daß der Präceptor sich gemeldet, und Magnificus ihn empfangen habe. Noch athemlos, ganz blaß von der Bewegung des Ganges und des Aergers, stürzte sie in's Zimmer, und fuhr den Vater an: »Achtet man so meine Ehre? meine Gesundheit? mein Alles?« Sie sank auf einen Stuhl; der Rector erschrack, daß ihm die Pfeife entfiel, die am Boden zersplitterte; Herle stand auf, um sich zu entfernen. Die erzürnte Schöne begleitete ihn mit einem Basiliskenblick. Neun und zwanzigstes Kapitel. Zum nähern Verständniß der letzten Worte führte ihn ein Billet, das ihm der Rector alsbald nachsandte. »Nach dem – hieß es, – was zwischen ihm (Herle) und seiner Tochter vorgefallen, werde er wohl selbst fühlen, daß alle fernern Besuche unterbleiben müßten. Die bewußte Dissertation anlangend, rathe er ihm um so mehr zur Unterschlagung derselben, da der Appendix, den seine Tochter zu veröffentlichen gedroht, dem collegio academico selbst, als bestellten Richteramte, zu Schand und Spott gereichen würde. Er seinerseits möchte auf die intendirte Auszeichnung schon aus dem Grunde nicht antragen, weil der Verfasser notorisch aller gelehrten Vorbildung, d. i. der griechischen Sprache und Literatur ermangele.   Meine gefühlvollen Leser werden ohne Zweifel mit Bedauern unsern Freund sich vorstellen, wie er, in diesem furchtbaren Momente, der, wie ein Weltgericht, plötzlich seine Plane zertrümmerte und vernichtete, sich der trostlosesten Verzweiflung hingegeben. Dem war aber nicht also. »Da hast's!« sagte er, als er das Billet gelesen, und lachte laut auf. Er hatte dieselbe Empfindung, wie ein Erwachender aus einem Traume, der ihn geneckt und gegeckt; er gräbt nach einem verborgenen Schatze; er mühet und windet sich durch verworrene Gänge; er ist endlich seinem Glücke nahe; er greift darnach, und hält nun, indem er erwacht, – den Bettzipfel in seiner Hand. Glücklich derjenige, der so träumt! und noch glücklicher, der über die Täuschung des Traumes und des Lebens noch so lachen kann, wie unser Freund! Er betrachtete sein Heft, das Document seiner thörichten Wünsche und vergeblicher Mühen und Sorgen. Er lächelte, indem er's durchlas. »Und doch! – sagte er – War nicht vielleicht gerade dieses gelehrte Irrsal in meines Lebens Gange nothwendig, um mich zur Natur, zur Einfalt, zu mir selbst zurückzuführen? Es ist kein Schritt, kein Versuch vergebens, den der strebende, irrende Mensch macht. Kein Weg führt gerade zum Ziele; und wenn man einen Berg hinan will, muß man oft mitunter bergab steigen, um dessen Gipfel zu erreichen. Gegen Irrthum aber schützt nur der Irrthum, und die Wahrheit erkennen wir vollends nur an dessen Gegentheil, der Lüge. Wohl mir, daß ich sie so bald und noch zur rechten Zeit erkannt habe!« In dieser ruhigen, ja fröhlichen Stimmung traf in sein Freund Mänle . . . Der Glückliche ist offenherzig, und hat kein Hehl gegen Freunde, die, ohne sich aufzudringen, gerade so viel Antheil nehmen, als man ihnen gewährt. Herle erzählte ihm den Verlauf der ganzen Geschichte; er verschwieg nicht die Pläne, die er gehabt, die Mittel die er angewandt, all die Thorheiten, die er begangen; es war ihm eine Herzenserleichterung, wie jenem, der aufrichtig seine Sünden bekennt. »Und damit du siehst – schloß er seine Beicht – daß es mir wirklich Ernst sey mit meiner Reue, so will ich sogleich zur Buße schreiten in deiner Gegenwart.« Indem ergriff er das Heft und alle dahin beziehlichen Papiere, um sie in das Feuer zu werfen. »Thor aller Thoren! rief Mänle , und riß ihm die Blätter aus der Hand. Willst du, gleich einem Kinde, den Zorn an dem Stein auslassen, über den du gefallen? Oder die Beule, die du dir geschlagen, dadurch heilen, daß du den Kopf gegen die Wand rennst? Und wenn es doch Narrheit wäre, was du gethan, glaubst du sie ungeschehen zu machen durch eine noch größere Narrheit? Nein, mein Freund! Diese Blätter, die Blüthen philologischer Studien sollen bewahrt, erhalten werden, als Zeugnisse, wie gründlich tief und wurzelreich der Baum deiner Erkenntniß gewesen.« »Thue damit, was du willst – sagte Herle – nur daß sie mir aus dem Gesichte kommen auf immerdar! Man kann wohl noch über ein Fratzenbild lachen, das frischweg aus der Hand eines Pins'lers gekommen; aber man wird es nicht auf- und ausstellen, sich selbst zum Aerger und Andern zum Gelächter.« Dreißigstes Kapitel. Herle fühlte sich in seiner wiedergewonnenen Freiheit frisch und froh, wie ein Vogel, der seinem Käfig entronnen. Und da nun, mit den ersten schönen Frühlingstagen zugleich die Osterferien eintraten, so hielt ihn nichts mehr in der Stube, in der Stadt auf, sondern er begab sich auf's Land, Wälder, Fluren, Dörfer durchschweifend, in den lauen Lüften und den wärmenden Strahlen sich badend, und die Freiheit, die Freude, mit vollen Zügen einathmend. Nun weiß ich nicht, wie es gekommen, daß er auf diesen planlosen Wanderungen seiner Vaterstadt immer näher kam, und zuletzt nur mehr eine Tagreise davon entfernt war. War es Zufall? war es ein geheimer Zug, der ihn nach dieser Seite getrieben? Kurz er entschloß sich, den Rest des Weges, obwohl ihn Zeit und Geldnoth drängte, dahin noch zurückzulegen, und seine Freunde zu überraschen. Er kam spät Abends an; die bekannten Gäste saßen gesellig beisammen, Bärbchen auf seinem Stuhle, an seinem Platze. Welch ein freudiger Aufruhr erfolgte, als er so unverhofft in die Wirthsstube trat! Bärbchen, die ihn zuerst erblickte, verlor so sehr ihre Fassung, daß sie ihm, wie sie wohl öfter als Kind gethan, in die Arme flog. Der Posthalter hieß ihn herzlich willkommen; die alten Freunde und Bekannten schüttelten ihm treuherzig die Hand. »Nun bleibt aber der Herr einige Tage bei uns!« sagte der Posthalter. »Ich wollte – platzte Herle im Uebermaaß seiner Freudigkeit heraus – ich wollte, ich wäre nie weggegangen. Leider aber muß ich morgen schon wieder auf und davon, um zur rechten Zeit auf meinem Posten einzutreffen.« »Daraus wird nichts!« rief Bärbchen mit gutmüthigem Trotze. »Daß der Herr, fiel der Posthalter ein, zur rechten Zeit wieder an Ort und Stelle sey, dafür will ich schon Sorge tragen. Hab' ich nicht Rosse im Stall? Und laufen meine Rappen nicht, wie die besten Renner? Sey darum der Herr ohne Sorgen; und jetzt esse der Herr, und lasse sich's der Herr wohl schmecken!« Bärbchen deckte, sie brachte die Suppe, sie diente ihm zu Tische, so lang er speiste. Dann entfernte sie sich, stillschweigend, um das Zimmer herzurichten, und erst, nachdem Alles besorgt war, trat sie zu den Gästen, in die Nähe des Freundes, dem sie teilnehmend das Ohr lieh, und freundlich zur Rede stand. Wie wohl fühlte er sich in dieser trauten, lieben Umgebung! Wie freundlich, wie schön fand er Bärbchen, bei ihrer hausmütterlichen Sorgsamkeit und ihrer anmuthigen Jungfräulichkeit! Und die biederherzigen Männer alle, zumal der Vater, wie freudig, wie zuthätig sie sich ihm bewiesen! Da empfand er zum ersten Male so recht, was Heimath, was Fremde sey, wie verschieden Natur und Kunst des geselligen Lebens, – dort biedere Hand und offenes, treues Herz, hier schöne Worte und anständige Geberden, dort tüchtiger Kern, wenn auch oft in rauher Hülse, hier feine, glatte Schale, die aber vom Wurm angegriffen und ausgehöhlt ist. Voll der erfreulichen Eindrücke sprach er sogleich des andern Morgens mit dem Posthalter, dessen Ansehen, wie er wußte, in der Gemeinde galt: »wie sehr er wünschte, in sein früheres Verhältniß zurückzutreten, vorausgesetzt, daß er einen festen Schuldienst erhielte.« »Das werde, meinte der Posthalter, keinem Anstand unterliegen. Auch habe man noch dieses Jahr mit Absicht die Stelle offen gelassen, um dem Herrn den Rücktritt möglich zu machen. Er seinerseits habe so etwas gleich vorausgesehen, daß den Herrn der Tausch reuen werde. Wie gut es zu Hause und in der Heimath sey, wisse man nur, wenn man in der Fremde gewesen. Gute Freunde müsse man sich nicht aus der Ferne verschreiben, und: eigner Herd sey Goldes werth. Wer einen Gulden weniger einnehmen könne, sey nicht schlimmer daran, als wer einen Gulden mehr ausgeben müsse. Genügsamkeit sey das beste Einkommen, und Sparsamkeit das sicherste Kapital.« – Uebergehen wir die Paar seligen Tage, die er in seiner Heimath als Gast zugebracht. Er hätte voll Trauer, wie an einen Verbannungsort, die Rückreise angetreten, wenn ihn nicht die Hoffnung getröstet hätte, bald wieder und zwar auf immer in seiner Vaterstadt bleibende Stätte zu erhalten. Ein und dreißigstes Kapitel. Wir eilen über die folgenden Monate hinweg, da sie dem Biographen nichts darbiethen, als das Beste, was ein Mensch haben kann: stille Beschäftigungen, stille Hoffnungen, stille Freuden. Herle , sobald er von den Osterferien zurückgekommen, verließ seine Wohnung in der Stadt, und miethete sich in einem Gartenhäuschen ein, wo er alle Stunden, die ihm die Schule übrig ließ, mit Graben, Pflanzen, Jäten, Begießen, wie ein Einsiedler, zubrachte. Die Sprachstudien wurden zwar noch, an trüben Tagen, die er nicht im Freien zubringen konnte, ernstlich fortgesetzt; aber die Feder ward auf immer bei Seite gelegt. Selbst seine Korrespondenz mit dem entfernten Freunde, die durch Mänle's Hand lief, vielmehr in dessen Hand blieb, gerieth in Stocken, zu nicht geringem Verdruß des Letztern. Es war aller schriftstellerische Ehrgeitz mit Einem Mal aus seinem Herzen verschwunden; und Würden und Ehren, nach denen es ihn vordem so sehr gelüstet, erschienen ihm fortan, als goldene Kronen und Ketten, womit das Schicksal einen Mann zwar ziert, aber auch belastet und fesselt. Die enge Beschränktheit und die stille Verborgenheit eines thätigen, gemessenen Schullebens, dessen Glück er schon vordem genossen, war nur sein einziger Wunsch mehr, und er machte, so viel an ihm lag, alle Schritte, die ihn recht bald zu dem ersehnten Ziele führen sollten. Er hatte dessen auch kein Hehl gegen seinen Freund, obwohl er, wie er voraus sah, den heftigsten Widerspruch von seiner Seite zu befürchten hatte. Wirklich überraschte diesen die Nachricht mehr, als man vermuthen sollte. Es war nicht bloß Eigennutz der Freundschaft, es war die Zuneigung, die Achtung, das Wohlwollen selbst, die ihm den Rückschritt des Freundes als widerräthlich, als unbesonnen, ja verwegen darstellte. Er kannte nämlich nicht das eigentliche, das entscheidende Motiv, welches den Freund zu diesem Entschluß vermocht hat. War sich ja dieser selbst kaum desselben so ganz bewußt, sondern er trug es noch als Geheimniß, als einen Keim in seiner Brust, der, Leben empfangend, selbst Regung, Belebung gibt. Darum glitten denn auch die Pfeile des Witzes und des Spottes alle ab, die Mänle gegen deutsche Schulmeister, gegen Philister und Pedanten, abdrückte. Der Freund lächelte, und schwieg, und nachdem jener seine leidenschaftliche Rede geendet, sagte dieser bloß: » Du hast einiger Maaßen Recht; aber ich , siehe! ich habe ganz Recht.« »Sollte da ein Redner nicht verzweifeln, rief Mänle , der, nachdem er alle Schleußen der Beredtsamkeit geöffnet, nun sieht, wie die Wasser nutzlos versiegen und ablaufen, ohne das Rohr zu beugen, die Eiche zu entwurzeln, den Damm zu brechen?« Er konnte aber dessen ungeachtet dem Freunde nicht zürnen; denn er wußte, daß ein reines, unbefangenes Gemüth meistens sicherer wähle, als ein überlegender, klügelnder Verstand, und daß ein Mensch, der das Glück bloß in Zufriedenheit sucht, auf jeder Erdscholle, in jedem Winkel, in allen Verhältnissen sein Ziel schon gefunden, ehe er es noch erreicht haben mag. Aber desto erboßter, desto aufsässiger war Mänle dem Rector, dessen Hochmuth und Wankelmuth, Schwäche und Wortbrüchigkeit er alle Schuld beimaß, daß der Freund seine Lieblingsstudien und Lebenspläne aufgeben und die Stadt verlassen wollte. Er nahm sich vor, bei nächster Gelegenheit an ihm Rache zu nehmen, und die akademische Eule in ihrem lichtscheuen Neste so zu necken, daß sie vor Angst und Aerger hofieren möchte. Zwei und dreißigstes Kapitel. Der Hohn, womit Mänle gegen den ehrenwerthen Stand eines Schulmeisters losgezogen, hatte doch eine unangenehme Empfindung in unsers Freundes Herzen zurückgelassen. Er kannte zwar den sonderbaren Kauz, und entschuldigte ihn; aber er hielt es für Pflicht, diese Mißachtung und Unehre eines Standes, dem er sich widmen wollte, mit allem Ernste zurückzuweisen und abzuwehren; und daß er dieß nicht sogleich und in dessen Gegenwart gethan, darüber machte ihm sein zartes Gewissen großen Vorwurf. Aber freundlichen, sanften Naturen seiner Art fällt es einmal schwer, ja unmöglich, dem Gegner Angesichts zu widersprechen, aus Furcht, ihn zu beleidigen, und sie werfen ihm, falls sie ja in Unmuth gerathen, den Prügel erst nach, wenn er schon die Treppe hinunter und zum Hause hinaus ist. So machte es denn auch in diesem Falle Herle . »Er soll's lesen und schmecken, sagte er, was an einem Schulmeister sey.« Er setzte sich hin, und schrieb eine Art Apologie seines Standes mit aller Wärme, wovon sein kindliches, für Menschenbildung enthusiastisches Gemüth erfüllt war, und sandte sie, zur Aufnahme – gratis – in den »wöchentlichen Reichs-Anzeiger« der Stadt. . . Der Aufsatz wurde mit Dank an –, und schon im nächsten Blatte aufgenommen, nämlich ein Bruchstück davon, mit der beliebten Schlußformel: »Die Fortsetzung folgt.« Es war das erste gedruckte, von ihm verfaßte Blatt, welches er zu Gesicht bekam. Nur ein Schriftsteller weiß es – kein anderer Mensch ahnt es – welchen Eindruck so eine, schwarz auf weiß gebannte Geistererscheinung hervorbringt! Es ist jenes mystische Doppelgesicht, wo dem Menschen sein alter ego in einer verklärten Gestalt entgegentritt – jedoch nicht in schreckhafter, sondern in Freudenverkündender Weise, mit einer gloriola um das Haupt und einer Rolle in der Hand, die, wo nicht blanke Ducaten, doch Ruhm genug für die Zukunft verspricht. Man zeihe den Biographen nicht einer Inconsequenz, wenn er seinen Helden, der nie an das Gedrucktwerden gedacht, und erst noch jüngsthin alles Schreiben und Schriftstellern verredet hat, doch als Autor auftreten läßt! Kann ich dafür, daß er aus seiner Charakterpartie gefallen? Muß ich ihn nicht so schildern, wie er ist und erscheint, in allem seinem Streben und Irren? Und kommen denn Inconsequenzen der Art nicht in jeder Geschichte, ja sogar in jedem Roman vor? Und sind denn Muth und Feigheit, Arroganz und Bescheidenheit nicht Extreme, die sich eben berühren? Und ist denn das Motiv, das unserm Autor die Feder in die Hand gab, nicht vollkommen übereinstimmend mit seinem edlen Charakter, der überall das Wahre sucht und das Gute will? Wie freute er sich auch auf die Bekehrung, die Zerknirschung, die Genugthuung seinem Freundes! Schulmeisters Freuden. »Wen die Götter in besondere Affection genommen, den machen sie zu einem Schulmeister.« . . So übersetze wenigstens ich die Stelle jenes Alten; Si quem Dii oderint etc. und wenn mich die Philologen deswegen eines Schnitzers beschuldigen, so erwiedere ich ihnen blos: so lautet die Variante in meinem Herzen. »Finanzer« aber bitte ich, sie möchten die folgenden Blätter überschlagen; sie könnten sonst, von der Triftigkeit der Gründe eingenommen, die Freuden des Lehramtes taxiren, und den Gehalt der Schulmeister noch mehr schmälern; was mir sehr leid thäte, erstlich um mich, sodann um meine Kollegen. Mit desto freierer Brust rede ich zu euch, ihr edlen, sympathetisirenden Seelen, die ihr noch andere und reinere und dauerndere Freuden kennt, als die Gold und Weihrauch geben – nämlich die Freuden der Myrrhen , die obgleich bitter an Geschmack, dem Geiste kräftige Gesundheit und dem Gemüthe ewige Heiterkeit verleihen. – Ich behaupte: es gebe durchaus keine Freude in der Welt, der gesellschaftlichen, die mit den Freuden eines Lehrers zu vergleichen wäre an Reinheit, Einfalt und Sinnigkeit, – als die einer zärtlichen und emsigen Mutter. – Der Beweis liegt schon in der Gleichheit der Sorgen und Arbeiten. Der Lehrer hat, wie sie, Kinder zu pflegen, zu nähren, zu reinigen, zu warnen, zu bitten, zu strafen. Sein ganzes Leben ist, wie das Leben jener, ein Aufräumen, ein Waschen und Bügeln der Kindswäsche (Compositionen geheißen), ein Nähen und Kochen und Putzen und Zwagen . Einer Hausmutter würde dieß Alles sogleich einleuchten; Männer aber werd' ich kaum davon überzeugen, wenn ich ferner behaupte, daß diese planmäßige Wirksamkeit in einem beschränkten Kreise, dieses ewige »zu thun haben« und »abgethan sehen,« diese Menge von Aufmerksamkeiten und ihr belohnender Erfolg; diese Wiederkehr derselben Kunstgriffe mit immer erhöheter Geschicklichkeit; dann der Gedanke, daß man mit all diesen, dem Anscheine nach, geringfügigen Arbeiten etwas wahrhaft Großes, Verdienstliches um den Staat und die Menschheit thue; daß in allem diesem eine unversiegbare Quelle von Freuden, von Zufriedenheit mit sich selbst und mit der Welt, kurz, von einer beneidenswerten Existenz liege. . . Sie lächeln nur, merk' ich, und glaubens kaum, die Männer. Ich frage euch aber, wenn ihr nicht ganz ausgedorrte Seelen seyd, wenn ihr noch Gefühl habt für Unschuld und Heiterkeit der Kinder, wenn ihr selbst zärtliche Väter seyd: um was ihr denn die Vaterfreuden vertauschen möchtet, ob um Glanz, Ehre, Hoheit und Macht? ob es für euch eine reinere, innigere, reellere Freude gebe, als den freundlichen, frohen Blick aus dem hellblauen Auge eurer »Buben,« als das Lallen des Dankes, den Geburtstags-Reim »dem besten Vater gewidmet,« als das Herzen und Küssen und Dahlen und Lärmen eurer Kinder, und ihr gedeihliches Wachsthum an Leib und Seele? Sagt nicht, dieß passe keineswegs auf einen Lehrer. Ist er nicht auch Vater? Erzeugt er sie nicht zum zweitenmale, indem er sie erzieht? Ist die Sympathie der Geister weniger stark, als die Sympathie der Körper? Soll ich die Schatten Philipps und Alexanders als Zeugen hervorrufen, was ihnen Aristoteles gewesen? Sehen wir nicht täglich, was dankbare Schüler wackern Lehrern sind; und diese ihnen? daß sich zwischen ihnen allmählig das nämliche zarte Verhältniß ausbildet und befestiget, wie zwischen Vater und Sohn? Und behaupte ich' s nicht, der ich doch aus Erfahrung spreche? Seht doch jenen Lehrer – ich setze voraus, daß er seinem Amte nicht bloß aus Zwang vorsteht, auch nicht bloß aus Pflichteifer, sondern aus Neigung, aus Vorliebe zu seinem Berufe, zu den Kindern und ihrer Bildung – seht, wie seine Mühe täglich mehr sich lohnet durch den Fleiß und die Fortschritte seiner ihm anvertrauten Kleinen; wie sie an seinem Munde hängen, als an einem Orakel, und seinen Worten glauben, vertrauen, wie den Worten eines Vaters; schaut, wie hier ein feuriger Knabe mit kühner, selbstiger Kraft voraneilt, und für seine Mühe sich hochgeehrt fühlet durch den Beifall des väterlichen Freundes; wie dort ein anderer, schwacher, aber gutmüthiger Junge sich schwer und vergebens abmüdet, und für die Forthülfe des gütigen Lehrers so innig dankt; wie ein dritter, etwas lässig, durch das warnende Wort aufgemuntert, frisch wieder an's Werk greift, und das Vernachlässigte einzuholen sucht; wie ein vierter, vielleicht durch physische Trägheit mehr als durch geistige gehemmt, für seine Pflichtversäumung getadelt, bestraft, mehr den Unmuth, die Ungnade des Lehrers bedauert und beweinet, als die Züchtigung; wie selbst der entschieden Faule, der Leichtsinnige (böse Buben gibt es nicht, außer man macht sie selbst dazu), vom Gefühle der Gerechtigkeit, die den Bestrafenden leitete, und von der Einsicht des Unrechts, das er beging, überzeugt, in besonnenem Momente seine Schuld gesteht, die Hand des Züchtigers küßt, und mit heiligem Ernst Besserung verspricht. Was meint ihr, sind dieß keine Vatersfreuden? An Zank und Verdruß, an Mißmuth bei vergeblichen Warnungen und Drohungen, an Undank der Kinder Lehrer! wenn dich Undank, unverdienter, kränkt, lies zum Herzenstroste Mark Aurel. Wahrhaftig, der edle Mann trug nicht nur seinen Lehrern, sondern dem Lehramte selbst den schönsten Dank ab; und solch ein Zeugniß erfreut! und noch öfter ihrer Aeltern; an andern Widerwärtigkeiten fehlt es denn freilich nicht; wie denn auch nicht im Familienleben, überhaupt in allen Verhältnissen, wo man es mit Menschen zu thun hat. Aber der verständige und gemüthliche Lehrer weiß sich, wenn auch von momentanem Aerger dahingerissen, in nüchternen Augenblicken zu bescheiden, sich über das unabweisliche Ungemach hinwegzusetzen, und seine Besonnenheit und Würde und Freiheit zu behaupten. Sodann verschaffen ihm gerade diese herben Augenblicke Gelegenheit zu dem süßesten aller Genüsse – zu dem Vergnügen (wer stimmt mir nicht bei, der es je genossen?) zu verzeihen . Ueberhaupt sind alle die Beschäftigungen im menschlichen Leben, welche pflanzen, bauen, vermehren, des Schöpfers Werk fortsetzen, ausbilden, nicht nur die verdienstlichsten, sondern auch die belohnendsten. Wer ist z. B. glücklicher, als derjenige, der die edle Gartenkunst treibt, vorausgesetzt, daß er sein Geschäft nicht aus bloßem Interesse, sondern mit einer gewissen Liebhaberei unterhält und mit Glück und Schick? In demselben Falle ist der Lehrer. Er säet und pflanzet, er wartet der zarten Blümlein, und begießt und säubert und beschneidet, und fördert überall Wachsthum und Leben. Was gleicht dann seinen Freuden, wenn er, wie der erste Gärtner, in einem Paradiese von Wohlgerüchen wandelt und zwischen Guirlanden von Früchten, während die Geister der treu gehegten Pflanzen ihrem väterlichen Pfleger Loblieder zusingen? »Aber dieß ewige Einerlei – aber dieß Kleinliche, Unbedeutende, Zwecklose?« – Antwort: Einerlei, kleinlich, zwecklos ist nichts in der Welt für einen Mann von Geist; der sieht und schafft immer und überall Mannigfaltiges, Großes, Einflußreiches. Ich nehme an, der Lehrer sey kein bloßer Empiriker, kein gemeiner Handwerker in seinem Fache, er verstehe die Wissenschaft des Unterrichtes (nicht blos den Unterricht in der Wissenschaft); er wisse in dem Buchstab auch den Geist aufzufassen und darzustellen; er kenne den nexus rerum in der Kindesseele und ihrer Fähigkeit; sein Unterricht sey mehr, als bloße Mittheilung , er sey zugleich Bildung , Anregung der Kräfte, Förderung und Vollendung, dann eröffnet er sich dadurch schon eine unversiegbare Quelle des Genusses. Denn was hindert ihn z. B., wenn er auch nur das ABC lehrt, an diese Elemente alles unsers Wissens das gründlichste, philosophische Studium anzuknüpfen? Wenn Garrick die Kunst verstand, das bloße Alphabet mit einer Rührung vorzutragen, daß den Zuhörern Thränen in die Augen traten, warum soll der Lehrer zu seiner eignen Erbauung und Belehrung nicht etwas Aehnliches daraus schaffen können? Ein jedes Wort (und mit Worten wenigstens hat's der Schulmeister zu thun, wenn auch nicht mit Sachen) ist so voll Bedeutung, Kraft und Fruchtbarkeit, daß der Lehrer jedes derselben, wie der Botaniker eine Pflanze, zum Gegenstande der Unterhaltung und Belehrung machen kann. Hat Krummacher über das Wörtlein »Und« ein so allerliebstes Werklein geliefert, so wird doch der Mann, der einen Aufsatz zu erklären, zu prüfen hat, über einem Kapitel für sich und Andere eine angenehme und lehrreiche Stunde ausfüllen können? Besitzt er dann nebst dieser Lehrgabe noch die Kunst der Bildungsgabe, knüpft er an den Sprachunterricht noch das Denkgeschäft , prüft er die Fähigkeiten seiner Schüler, lernt er die Spitz- und Grützköpfe zu unterscheiden, und gibt er sich die Mühe (und sie lohnt sich) jene zu Antworten , diese zu Fragen zu veranlassen, versteht er die edle, sokratische Hebammenkunst, die die Vernunft zu Tage bringt, und zum Selbstbewußtseyn: ja, dann weiß ich nichts mit seinen Freuden zu vergleichen; denn sie sind die Freuden eines Gottes. Mit dem allen, das weiß ich wohl, werde ich Niemanden von der Seligkeit des Lehramtes überzeugen, außer mich selbst, und die, welche sie mit mir, wenn auch nur tropfenweise, wie Alles in der Welt, gekostet haben. Den übrigen aber, die mit Bedauern auf unser einen herabsehen und mit Stolz, gebe ich nur das Eine noch zu bedenken, die Ehre und die Freude nämlich, die im Lehramte, als in einem Regimente , liegen, und die, nach dem Zeugnisse aller großen und kleinen Regenten, vom Cäsar an bis zum letzten Dorfschulzen, die höchsten sind. Denn warum könnte er nicht das Catheder als einen Thron ansehen, den Schulbackel als einen Scepter, das Auditorium als eine kleine Welt, und sich selbst als einen Potentaten, in dem sich die gesetzgebende und executive Gewalt vereiniget? Meint ihr denn, er sollte sich für geringer halten, als für den Ersten? glaubt ihr, er fühle das nicht, was es heiße, so viele kleine Welten (als er nämlich Köpfe in der Klasse hat) zu regieren? durch ein einziges Machtwort (was die andern Regenten nicht einmal vermögen) Stille, Ordnung und Gehorsam zu erzwingen? mit seiner Gnade, Gerechtigkeit und Weisheit, wie ein Erzvater, Generationen zu beglücken? Der Einwurf: das seyen eitle Einbildungen, hat nichts auf sich; denn auch jeder andere Potentat kann nur so fern sich mächtig dünken, als er sich einbildet, er regiere eine Welt und beglücke die Menschheit , nicht (was sie doch nur ist) einen Erdklumpen und ein Ameisenhäuflein drauf. Um nicht mit einer Dissonanz zu schließen (was gegen alle Regeln der Composition wäre) noch eine Schnurre. Ein Schulmonarch, der wußte, was dieß Wort auf sich habe, und ein Autokrat im strengsten Sinne war, erhielt eines Tages unerwarteten Besuch von seinem Fürsten in der Schule selbst. Der Mann hatte eben noch Zeit genug, dem Landesvater vor der Schwelle zu huldigen, und er that es auch mit solchen äußerlichen Zeichen der Ehrerbietung, die als Kriecherei denen Hofleuten erscheinen mußte, welche den Rücken blos nach dem Maßstabe des Anstandes beugen, nicht der Gesinnung . Wie erstaunten sie aber alle (der Fürst mit), als, nach dem Eintritte in die Schule, der so übermüthige Präceptor plötzlich, wie einstens Sixtus der Fünfte, sich in die Brust warf, sein Haupt bedeckte in der Gegenwart des Fürsten, zu hantieren anfing, als wär' er nur da, und kein Anderer! Man erzählt, der Hofmarschall habe ihn durch Winke und Rippenstöße auf das Unanständige seines Betragens aufmerksam zu machen gesucht; der Mann habe ihrer aber nicht geachtet, sondern sie bloß erwiedert. Als endlich der Landesvater, nach angehörter Prüfung, die ihn vollkommen satisfacirte, die Stube wieder verließ, geleitete ihn, wie sich's ziemte, der Schulmann, mit bedecktem Haupte, das er aber, sobald die Thür im Rücken war, so plötzlich enthüllte, als hätte ihn der Donner getroffen, und in die Kniee sank. »Wollen Eure Durchlaucht und Gnaden nicht in Ungnade nehmen, stotterte er; aber ich mußte in Euer Gegenwart so grob seyn; denn wenn meine Kinder sehen würden, es gäbe noch einen größern Mann auf Erden, als mich, so möchte sie der Satan in Ordnung halten, ich nicht.« Fidelis Herle . Drei und dreißigstes Kapitel. Die wiederholte Formel »die Fortsetzung folgt« wollte ihm freilich nicht behagen; denn er fürchtete mit Grund: es dürfte Mänle , auf den es eigentlich gemünzt war, bei diesen Unterbrechungen, weder den Anfang, noch die Mitte, am wenigsten den Schluß lesen. Er selbst aber freute sich um so inniger auf das folgende Blatt, da er nun das Ganze desto mehr in seinen Theilen gemächlich wieder genießen konnte; wie ein Kenner wohl auch, nachdem er den Totaleindruck eines Bildes aufgefaßt, die einzelnen Parthieen noch in's Besondere in's Auge faßt, damit ihm auch das Detail mit seinen Vortrefflichkeiten zum vollen Bewußtseyn komme. Der ersehnte Tag erschien; die Fortsetzung erfolgte. Da, wie es schien, Mänle keine Notiz von dem Aufsatze genommen, der ihn allarmieren sollte, so wollte Herle selbst ihn endlich darauf aufmerksam machen, doch nur so im Vorbeigehen, andeutungsweise, mit dem Mienen- und Geberdenspiel des Gleichgültigen, des Antheilnahmlosen. Er steckte die Blätter, ohne noch erst den Schluß gesehen zu haben, zu sich, und eilte zum Freunde. »Du liesest doch den Reichsanzeiger?« fragte Herle , ohne eine andere Redeeinleitung, als durch das beliebte: à propos! « »»Ich halte ihn, erwiederte Mänle , aber ich lese ihn nicht, – ausgenommen die Ankündigungen, und diese nur, um gelegentlich nachzusehen, ob mich mein Vetter nicht etwa als Verschwender öffentlich ausschreibe.«« »Es sind aber doch mitunter lehrreiche Aufsätze darin enthalten, z. B. in den letzten drei Nummern.« Er langte die Blätter aus der Tasche hervor, und überreichte sie dem Freunde. »»Schulmeisters Freuden?! Schon der Titel ist eine Lüge.«« »So lies doch! lies vorerst.« drang Herle in ihn. »»Albernes, plattes Zeug!«« murmelte Mänle in allen Variationen, indem er die Blätter mit flüchtigem Auge durchsah. »»Doch – fuhr er fort – um unser Urtheil nicht zu übereilen, wollen wir denn auch den »Schluß« ansehen, der wohl in der heutigen, so eben mir zugekommenen Nummer stehen wird.«« Indem er nun das Blatt aus seiner Tasche hervorzog, und dasselbe flüchtig durchsah, brach er in ein unbändiges Gelächter aus. »»Dieser Wisch – rief er – ist also von dir? vielleicht gar gegen mich, um mir nämlich die Augen fein auszuwischen?«« »Ach! – erwiederte Herle , verlegen – wie kommst du doch auf einen solchen Gedanken!« »»Da ist ja dein Name unterschrieben: Fidelis Herle .«« Der Schalk hatte es mit dem Redacteur, den er genau kannte, so eingeleitet, und den Spaß sich um so mehr erlaubt, da der gutmüthige, launige Ton den Freund auch dem Publikum von seiner guten Seite gar wohl schilderte. Aber nichts glich dem Entsetzen, das der Autor selbst empfand, als er sich in einem öffentlichen Blatte so in effigie ausgestellt sah. Eine unbeschreibliche Unruhe befiel ihn; und der Freund hatte alle Mühe, ihn einiger Maaßen zu beschwichtigen, zumal durch die Bemerkung, daß doch den Aufsatz Niemand gelesen habe, noch lesen werde, als Schulmeister, die sich eben an dem salbungsvollen Vortrag sehr erbauen werden. Herle aber schwur einen hohen Schwur, daß er kein Wort mehr in den Druck werde ausgehen lassen, in keinerlei Weise, zu keinerlei Zweck, von keinerlei Inhalt. »Dafür werden schon andere Leute Sorge tragen,« dachte sich Mänle , und schob schweigend die Blätter zu sich. Vier und dreißigstes Kapitel. Wer eines Morgens zu Seiner Magnificenz kam, in Galakleidung, mit chapeau-bas unter dem Arm und den Degen an der Seite, das war der Studiosus Mänle . »Er frequentire nun, fing er an, bereits sechs Jahre die Universität, und trage schwer an der Gelehrsamkeit, die man ihm, wie einem Esel, aufgeladen. Um nun der Bürde endlich los zu werden, und doch mit einigem éclat die Akademie zu verlassen, gedenke er, diis faventibus zu promovieren, und wo nicht den Grad eines Doctors, doch eines Magisters zu acquiriren. Er habe zu dem Endzweck bereits einige Theses ex philologia entworfen, und bitte Se. Magnificenz, als professorem ordinarium der griechischen Sprache und Literatur, die Sätze einer vorläufigen Prüfung zu unterwerfen. Bemerken müsse er aber zum voraus, daß er nicht directe Proben seiner Gelehrsamkeit ablegen wolle, durch Auslegung und Anpreisung philologischer Materien; sondern indirecte, durch Bekenntniß seiner scheinbaren Ignoranz, die er jedoch durch glänzende, wahrhaftige Petulanz zu Schanden zu machen hoffe. Seine Magnificenz möchten aber geruhen, zuerst die Theses anzuhören, und dann zu urtheilen. Der Rector, der den Schalk bereits kannte, wollte wenigstens aus Neugierde hören, was er vorbringe. – Mänle las: 1) Der herkömmliche Begriff von Philologie ist zu enge. Der Rector horchte. 2) Die Philologie erstreckt sich über alle Sprachen. – Der Rector schaute. 3) Nur wer alle Sprachen kennen würde, wüßte erst, was Sprache sey. Er wäre ein Philolog κατ' εξοχην. Der Rector schüttelte den Kopf. 4) Philologen, die bloß Griechisch und Lateinisch treiben, vermeinend, daß damit schon Alles gethan sey, sind bornierte Köpfe. »Was?« fragte der Rector. »Beschränkte Köpfe,« antwortete Mänle . 5) Der Anfangs- und Endpunkt aller Philologie ist die Muttersprache. Der Rector lächelte höhnisch. 6) Wer eine fremde Sprache und Literatur, z. B. die griechische, besser kennt, als die Sprache und die Literatur seines Volkes, ist – auf gut Griechisch – ein Barbar. Der Rector rümpfte die Nase. 7) Man kann gar wohl Deutsch reden und schreiben, ohne Deutsch zu verstehen. Der Rector sagte nichts. 8) Classisch ist jede Sprache, die eine Literatur hat. 9) Ein classischer Autor besteht – wie der Mensch aus Leib und Seele – aus Buchstab und Geist. 10) Ein Philolog, der bloß Lesearten berichtigt und Glossen macht, ist ein Orbil , der Pensa corrigirt. 11) Einen Autor citiren, d. i. dessen dicta, kann auch ein Schulknabe, – dessen genium nur ein Meister. 12) Nur sehr wenige magistri philologiae sind Meister. 13) Wer an den Griechen seinen Sinn für das gebildet hat, was sie das Schöne und Gute genannt, der ist ein größerer Hellenist, als alle Hellenisten. 14) Die Meisten, welche Philologie treiben ex professo, sehen vor den Häusern die Stadt, vor den Bäumen den Wald nicht. 15) Mancher Fremde lernt ein Land aus einer guten Beschreibung besser kennen, als ein Einheimischer. 16) »Zur Verständniß der Klassiker jeglicher Nation sind gute Uebersetzungen hinreichend.« »Wer sagt das?« rief der Rector. »Ein Philolog sagt das – Friedrich Schlegel.« – 17) Wir Deutschen dürfen uns zu unserer Sprache Glück wünschen, als welche die Literatur aller Völker in sich aufzunehmen und darzustellen vermag. Der Rector blies den Rauch weit von sich. 18) Wir Deutschen lesen im Deutschen den Shakespear und den Calderon , und verstehen sie; warum nicht auch den Sophokles und den Euripides? Der Rector dampfte. 19) Aristophanes und Pindar sind in der Uebersetzung nicht zu lesen. Der Rektor legte die Pfeife weg, so unsanft, daß sie in Trümmer zersplitterte. Fünf und dreißigstes Kapitel. »Und die Theses wollen Sie vertheidigen?« fragte Magnificus. »Das hoff' ich, erwiederte Mänle ; und nicht nur die Theses gedenke ich wohl zu vertheidigen, sondern auch die Opponenten recht sehr zu ärgern.« Der Rector, seinen Verdruß noch unterdrückend, fragte: »Und welches Thema wählen Sie zu Ihrer Dissertation?« »Ueber die deutschen Schimpfwörter, antwortete Mänle . Ein Freund von mir hat zwar bereits in dieser Materie einen Versuch gemacht; es waren aber noch zu viel Lücken darin. Der Schimpfwörter gegen das weibliche Geschlecht nicht zu gedenken, die ihm abhanden gekommen: so fehlen noch gar viele andere, ungemein bezeichnende; ich nenne z. B. nur das Brüderpaar: Gispel und Schliffel , und ihren Nachtreter, den Schlingel . Diese Kumpanen verdienen zumal eine besondere Erwähnung, und gemäß ihrer Eigentümlichkeit, auch eine ausführlichere Schilderung. – Erlauben Ew. Magnificenz, daß ich Ihnen, statt eines vorläufigen Examens, das Pröbchen vorlesen darf. – Ohne auf eine Antwort zu warten, zog er sogleich ein Manuscript aus der Tasche, und las, wie folgt: Diese Stelle, die wörtlich in den »philologischen Belustigungen« (Heft I. S. 75) stehet, ist doppelt wichtig in literatur-historischer Sicht: erstens, weil sie den Beweis liefert, daß der Verfasser dieser Biographie Eine Person ist mit dem Herausgeber der erwähnten Belustigungen; und zweitens, daß Mänle , wie wir schon die Vermuthung ausgesprochen, jenem Werklein Manches von dem Seinigen interpoliert habe. Anmerkung des Herausgebers. Gispel und Schliffel . – Um diese zwei Wörter hat die hochdeutsche Sprache die oberdeutsche wahrhaft zu beneiden, da sie zwei Charaktere bezeichnen, welche im Leben gar häufig vorkommen, und wofür doch die Schriftsprache keine Benennung hat. Hätte z. B. Jean Paul um diese köstlichen Wörter gewußt (und er weiß sonst sehr viel): er hätte vielleicht den bekannten Roman nicht »Flegeljahre« (was zu viel sagt.), sondern »Schliffeljahre« benamset; so wie denn wirklich Vult ein eminenter Schliffel, und Walt kein kleiner Gispel ist. Und da (zufolge der Bemerkung des nämlichen Autors) kein Mittel leichter und sicherer wäre, irgend ein neues Wort in die Schriftsprache einzuführen, als es auf den Titel eines Buches zu setzen: so hätte er zugleich unser Hochdeutsch mit zwei neuen Wörtern bereichert, was, meines Trachtens, eben so viel werth ist, als zwei neue Entdeckungen in der Philosophie, wozu eben auch neue Wörter nothwendig sind. . . Ihre Bedeutung läßt sich aber dahin bestimmen: Beide, der Gispel, wie der Schliffel, sind von leichtfertiger, jedoch gutmüthiger Sinnesart, ohne ernste Ueberlegung, aber auch ohne boshafte Absicht. Der Unterschied ist jedoch, daß der erstere flatterhaft handelt von Natur und aus Gewohnheit, der andere mit Bewußtseyn, aus Laune und Gesinnung; daß jener durch sein linkisches, übereiltes, unbesonnenes Benehmen zunächst sich selbst bloßstellt, dieser durch sein schelmisches Wesen und Wirken andere . Ein Gispel z. B. ist, wer mit dem Lichte umher fuchtelt, und sich damit selbst in die Haare kommt; ein Schliffel, wer muthwilliger Weise dem Schopf des Andern mit dem Lichte zu nahe kommt, daß die Haare ein wenig »brändeln.« Gispelei gilt daher manchmal für Dummheit, so wie Schliffelei für Bosheit; man urtheilt aber falsch; der Gispel hat nur nicht immer den Kopf so recht bei sich, so wie der Schliffel nicht das Herz; jenen überflügelt zu oft der Eifer, diesen die Laune, daß sie leicht Fehlgriffe machen, ohne daß die Rechte weiß, was die Linke thut. . . Um es kurz zu machen, und auf einen bestimmten Fall anzuwenden: Ein Recensent, der um sein Pensum recht bald zu vollenden, und das Honorar recht leicht zu verdienen, die Arbeit eines Autors nicht sowohl durch sieht als vielmehr über sieht, und doch ex cathedra beurtheilt: der ist ein Gispel . Ein Recensent dagegen, der, um sich in Ansehen und den Autor in Furcht zu setzen, vermöge seiner neckischen Natur denselben anbellt und nach ihm schnappt (wenn auch nicht beißt), der ist ein Schliffel. »Ein Schliffel – unterbrach hier der Rector, der sich vor Zorn nicht mehr fassen konnte – ein eminenter Schliffel ist Er, der Herr!« »Ein Schlingel aber – fuhr Mänle mit ruhigem Tone fort, als lese er – – »Doris! Doris! – schrie der Rector – ein Glas Wasser!« »Was fehlt Ihnen, Papa?« fragte die Hereintretende. »Seine Magnificenz scheinen unwohl zu seyn – sagte Mänle zu ihr. – Ich empfehle mich Ihnen, mein Fräulein, so wie auch mein Freund, der Präceptor Herle .« Sechs und dreißigstes Kapitel. Noch in seiner Gala, suchte Mänle den Freund auf, und erzählte ihm ausführlich, welche Rache er an dem Rector genommen. Herle erschrack über die Keckheit des Schalks, und schalt ihn sehr aus; obwohl es ihm im Grunde nicht unlieb war, daß ihm solche Genugthuung geworden. »Nun wirst du aber – sagte dieser bedenklich – relegirt, und mit Schanden davongejagt werden.« »Dafür lass' nur mich sorgen – versetzte Mänle . – Ich mach' es, wie der Kuhhirt von Ulm.« »Wie hat's denn der gemacht?« »Als er hörte, daß man damit umgehe, ihm den Dienst aufzusagen, trat er vor den versammelten Rath, und rief: Meine Herren, ich nehme meine Dimission. – Die meinige habe ich bereits eingereicht.« » Du fragst freilich nichts darnach, was auch kommen möge. Aber ich! Du hättest mich aus dem Spiele lassen sollen.« »Närrischer Mensch! du warst ja die Hauptperson im Spiele; ich gab mich bloß als Maske her.« »Das wird der Rector mir nie verzeihen. Er hält mich für den Anstifter, und er wird sein Möglichstes thun, um mir zu schaden.« »Wer wird denn dir, du unschuldige Taube, einen solchen Gallen-Humor zutrauen, und dich mit so argem Verdacht beschmitzen, du schneeweißes Hermelin? Der Fuchs schleicht auf eigene Faust und Gefahr in's Haus, um den Gockel zu würgen und das Huhn!« Der Rector hatte indessen den Handel schlimm genug eingeleitet, – um ihn zum Besten zu kehren für Herle . Er hatte zwar klüglicher Weise Anstand genommen, vor den Vätern der Hochschule Lärm zu schlagen wegen der erlittenen Effronterie, um nicht, was er mit Recht vermuthete, sich Preis zu geben dem Gelächter seiner Kollegen, die ihm eben auch nicht gar hold waren; so bekam denn Mänle ohne Weiteres die erbethene, einfache Dimission. Aber den Präceptor Herle , den er als den Anstifter des Scandals im Verdacht hatte, denunciirte er doch sub rosa dem Schulvorstand, unter welchem derselbe diente, und drang auf dessen Entfernung als eines unruhigen, aufrührerischen Kopfes. Der Vorstand versprach es – dem Scheine nach, um dem akademischen Collegen genug zu thun, in der That aber, weil er wußte, daß dem Präceptor, den er liebte und schätzte, kein größerer Dienst erwiesen werden könnte, als die Entfernung von seiner Stelle und die Wiedereinsetzung in seinen vorigen Schuldienst. Er ließ den jungen Mann alsbald rufen, und eröffnete ihm seinen Entschluß. »Sie sind doch – fügte er lächelnd hinzu – nicht zu einem Präceptor, oder wohl gar zu einem Doctor und Professor geboren und erzogen, sondern nur zu einem gemeinen Schulmeister.« »»Ja, das weiß Gott!«« sagte Herle mit freudefunkelndem Auge, indem er sich zugleich die Hände rieb. »Auch scheinen Sie – fuhr jener fort – zu jenem Stande alle erforderlichen Neigungen, Eigenschaften und Kenntnisse zu besitzen, wie noch jüngsthin Ihr Aufsatz im wöchentlichen Reichsanzeiger zu beweisen scheint.« Herle wollte Entschuldigungen vorbringen; doch der menschenfreundliche Vorstand wehrte ihm, und entließ ihn, den Glücklichen, mit der Versicherung, daß seine Angelegenheit in kurzer Zeit erledigt seyn werde, wonach er denn seine Maßregeln sofort ergreifen könne. So erhielt er denn an dem Tage, wo er die Prüfung mit seinen Schülern zu voller Zufriedenheit bestanden, aus der Hand des Vorstehers selbst, seine ehrenvolle Entlassung und die erwünschte Anstellung. Nach vollendeter Preisvertheilung stand schon des Posthalters Wagen mit den zwei Rappen vor dem Thor des Studien-Gebäudes; – und er schied von mir – mit ihm Animae dimidium meae !