Edmund Edel Frau Mimis Vergangenheit Kriminalroman aus Schieberkreisen Copyright 1920 by Kurt Ehrlich, Verlag, Berlin-Charlottenburg Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig   Quelle: PDF mit freundlicher Genehmigung von www.alte-krimis.de Erstes Kapitel. Ferdinand Grünmeier lebte zu einer Zeit, da in der Welt noch einigermaßen Ordnung herrschte. Krieg war ein apokrypher Begriff und Revolutionen kannte man nur aus Operetten und aus Zeitungsberichten über südamerikanische Katzbalgereien. Ferdinand war der Erbonkel der Familie. Diese Familie, die der Agent Adolf Grünmeier mit Frau und Sohn darstellte und die ihren Daseinszweck in stramm bürgerlicher Pflicht erfüllte, blickte während zweier Jahrzehnte mit ehrfürchtiger Hochachtung auf den Onkel Ferdinand, den sie mit aller in Familien üblichen Liebe und Sorgfalt umgab. Onkel Ferdinand seinerseits verfügte über nicht so stark ausgeprägten Familiensinn. Er hatte in glücklichen Spekulationen ein ansehnliches Vermögen erworben, das eine siebenstellige Zahl in sich faßte, und benutzte seinen Reichtum, um sich einen guten Tag zu machen, um sich mit allen jenen schönen Dingen zu umgeben, die man sich für Geld anschaffen konnte. Zu diesen schönen Dingen gehörte auch Mimi. Die Familie Adolf Grünmeier beobachtete den Erbonkel sozusagen aus dem Versteck. Adolf war reichlich zehn Jahre jünger als Ferdinand und fühlte sich daher aus Naturgesetz erbberechtigt. Kein Lebewesen auf der Welt hätte ihm dieses Recht nehmen können. Grünmeiers gab es nicht viele auf Erden und im Berliner Telephonbuch konnte man nur noch einen finden, der den gleichen wohlklingenden Namen führte. Aber dieser Grünmeier schrieb sich mit ai, war also kein echter Grünmeier. Onkel Ferdinand dachte aber den Teufel daran, sich von seiner Familie überhaupt beerben zu lassen. Er erfreute sich einer ausgezeichneten Gesundheit und amüsierte sich vorläufig so gut es ging. Er war, nachdem es ihm seine Mittel erlaubt hatten, Lebemann geworden, empfing in seiner prachtvoll eingerichteten Wohnung im Westen seine Freunde, versäumte keine Première im Theater, war auf allen Rennen und öffentlichen Bällen zu treffen, reiste nach der Riviera und nach der Nordsee, wie es die Saison erforderte. Er hatte den wirklichen Grandseigneurs es abgeguckt, wie sie sich räuspern und ähnliches tun und stellte mit seinem forsch gestrichenen Habybart ganz den Typ des Bezwingers von vor 1914 dar. Sein Bruder Adolf lebte in bescheidenen Verhältnissen und mußte viel in der Stadt herumlaufen, um das tägliche Brot zu verdienen. Für seinen Sohn Paul sorgte zwar Onkel Ferdinand, der ihn auf der technischen Hochschule studieren ließ und ihm manchen Hunderter Extrataschengeld zusteckte. Adolf ging treu und brav den Leidensweg der Tretmühle. Im stillen Herzenskämmerchen schlummerte das sichere Bewußtsein, einstmals Herr der Ferdinandschen Million zu werden. Kommt Zeit, kommt Rat. Adolfs Frau, die gute Luise, rechnete nicht mit. Sie war eine jener Hausfrauen, die möglichst billig einzukaufen suchte und die sich selbst und ihren Mitmenschen zur Qual lebte, denn sie litt an der ewigen Zwangsvorstellung, mit ihrem Haushaltungsgeld nicht auskommen zu können. Jahrelang ging das Leben der Grünmeiers so dahin. Adolf schuftete um die paar Groschen, Ferdinand lebte in Saus und Braus. An seinem Geburtstag oder zu Weihnachten öffneten sich die Schleusen seiner Generosität und er überschüttete seine Verwandten mit einem Abendessen, das er bei Borchardt angemietet. Und Adolf betrank sich jedesmal in echtem Pommery und Chartereuse. Aber um seine Intimitäten wob Ferdinand immer einen undurchsichtigen Schleier. Man mußte wohl, daß er ein tüchtiger Draufgänger war und daß er trotz seiner sechzig Jahre für den erklärten Liebling der Tanzpalastschönheiten galt. Adolf hörte von manchem Abenteuer seines leichtlebigen Bruders und beneidete ihn im Stillen. Und dachte an das schöne Geld, das ihm durch diese erotischen Übungen verloren ging. Bis eines schönen Tages das Gerücht zu ihm drang, Ferdinand Grünmeier halte die Schauspielerin Mimi Schwarz aus, die im Metropoltheater allabendlich einem sehr verehrten Publiko ihre schönen Beine und noch andere Teile ihres ebenso schönen Körpers im Gefunkel des Rampenlichtes feilbot. Diese Wendung der Dinge gab allerdings zu denken. Adolf berechnete die Unsummen, die diese Verschwendung verschlang. Als der Krieg ausbrach und alle Leute sich einschränkten, glaubte Adolf, sein Bruder würde sich des Mädels entledigen. Jedenfalls hörte man im Sturm der Ereignisse nichts mehr von Onkel Ferdinand. Auch bei ihm blieb das Rad stehen und das Einzelschicksal versank im großen Massengrab des Weltenkampfes. Paul ging in's Feld. Adolf versuchte, Geschäfte zu machen, wollte seinen Bruder zu Unternehmen veranlassen, die jener aber abwies. Denn er beteiligte sich selbst an Lieferungen und machte große Abschlüsse, die ungeheuren Verdienst abwarfen. Dann trat eine Katastrophe ein, an die keiner bei Grünmeiers gedacht. Onkel Ferdinand starb nach einer Krankheit von dreitägiger Dauer. Plötzlich. Ohne eigentlich einen Grund zu haben. Überraschend. An der Grippe, die eine Modekrankheit geworden. Und ein Spötter hätte sagen können, daß Onkel Ferdinand, der alle Moden wie ein richtiger Snob mitgemacht hatte, auch diese Mode nicht auslassen wollte. Aber Onkel Ferdinands Tod war nicht die einzige Überraschung in der Familie Grünmeier. Das Verblüffende, das wie ein Blitz aus heiterem Himmel einschlagende, war das Testament. Eine Niederträchtigkeit. Das sagte Luise Grünmeier, die Schwägerin. Es muß übel um das Testament bestellt gewesen sein, wenn Frau Luise sich zu solcher scharfen Kritik versteigen konnte. Gleich, nachdem der Tod eingetreten war, erschienen Adolf und Luise in der Wielandstraße. Schoben das ihnen öffnende Dienstmädchen energisch bei Seite und drangen gradenwegs in das Schlafzimmer, wo Onkel Ferdinands sterbliche Reste, in weißen Linnen gebettet, für ewig verstummt dalagen. Sie falteten die Hände und murmelten irgendein Gebet, unter der Suggestion des alles bezwingenden Schicksals. Aber in Adolfs Gehirn überwucherten die Trostworte des Gebetes die Gedanken um die Zukunft und auch zwischen Luisens Tränen zuckten die Blitze der Erwartung. Ein Schluchzen unterbrach die Andacht, die über dieser Weihestunde des Todes in dem luxuriösen Schlafzimmer lag. Adolf und Luise schreckten auf, starrten in die Ecke, die vom Lichtkegel am Bett im schummerigen Dunkel gelassen. Eine schlanke Gestalt löste sich vom Hintergrund, nahm festere Konturen an, näherte sich leise den beiden Verwandten, die erstaunt die Fremde betrachteten. Die drei standen sich stumm gegenüber. Luise fand zuerst das Wort. Mit dem Instinkt der Frau hatte sie das Richtige erfaßt. »Sie sind wohl die Dame von unserem armen Ferdinand?« fragte sie. Sie betonte spitz das Wort »Dame«, als wenn sie es in Anführungsstrichen sprechen wollte. Die Blonde nickte schweigend. Dann senkte sie den Kopf und versuchte das ausbrechende Weinen in ihrem Taschentuch zu ersticken. »Der arme Ferdinand! – – So schnell!« sagte Luise. Aber Adolf beteiligte sich nicht an dieser Konversation, sondern schaute mit einem mitleidigen Blick auf das junge Mädchen, das in der gebrochenen Lichtstimmung des Raumes mit ihren Goldhaaren wie eine Heilige wirkte, wie eine Abgesandte des Himmels, die den Toten behüten wollte. Für Adolf war diese Mimi eine Größe von gestern, ein Stern, der erloschen, eine entthronte Königin. Er überließ die beiden Frauen sich selber und begab sich in die vorderen Zimmer, um sozusagen Besitz zu ergreifen von seinem Eigentum. Daß ihm mm alle dieser Möbel, Gobelins, Antiquitäten, das Silbergeschirr und die Bibliothek, die Perserteppiche und Bilder gehörten. stand bei ihm außer jedem Zweifel. Wem sonst hätte Ferdinand sein Vermögen hinterlassen können? Adolf setzte sich an den großen Schreibtisch des Verstorbenen und ließ sich vom Dienstmädchen die Schlüssel geben. Er durchforschte die einzelnen Fächer, fand allerhand Aufzeichnungen und Papiere, Schuldscheine und Wechsel, Bankabrechnungen. Und er sah, daß sein Bruder dieses irdische Jammertal als ordentlicher Staatsbürger verlassen hatte, der keine Unklarheit über seine Verhältnisse aufkommen lassen wollte. Adolf vertiefte sich in die Bücher und war mitten in der Berechnung des Vermögensstandes, als Luise eintrat. »Hast du das Testament gefunden?« fragte sie scharf und bestimmt. Richtig; das Testament. Daran hatte er ganz vergessen. War ja auch gleichgültig, Formensache. »Nein«, antwortete Adolf. Luise ging im Zimmer umher und bestimmte die einzelnen Gegenstände teils zum Verkauf, teils zur Einverleibung in ihre eigene Wirtschaft. »Man kann doch den ganzen Plunder nicht behalten«, meinte sie. »Dieser Ferdinand hat zu viel unnützes Zeug um sich herumgehabt ...« »Ich hab's!« unterbrach Adolf sein Gattin, »hier hat es gesteckt: es lag im Wandsafe, zu dem ich eben erst den Schlüssel gefunden.« Er hatte einen großen Briefumschlag in der Hand, mit dem er seiner Frau winkte, die vor einer wundervollen blauen Vase aus altem Berliner Porzellan stand, sie kritisch abschätzend. Das Ehepaar blickte gespannt auf den Doppelbogen Papier, der den Inhalt des Briefumschlages bildete. Sie lasen mit weit aus den Höhlen quellendem Augen. Das Licht der Stehlampe stach grell auf der weißen Fläche und die Buchstaben tanzten wie böse Kobolde vor ihren Augen. Das Testament war ganz kurz gefaßt, enthielt nur ein paar Sätze. Es war, wie der Vermerk darauf zeigte, die Abschrift des auf dem Gericht liegenden Originales. Adolf blickte seine Frau wie geistesabwesend an und es war in diesem Augenblick, da Luise sagte: »Das ist eine Niederträchtigkeit!! ...« Das Testament bestimmte Mimi Schwarz, die Freundin zur Universalerbin. Aber Onkel Ferdinand knüpfte eine Bedingung an diese Bestimmung: er verlangte von Mimi, daß sie Zeit ihres Lebens nicht heiratete oder einem Kind das Leben gäbe. In diesen beiden Fällen sollte das gesamte Ferdinandsche Vermögen an die Familie seines Bruders Adolf oder vielmehr an seinen Neffen Paul fallen, wenn dieser lebendig aus dem Kriege heimkäme. Onkel Ferdinand war immer ein Mann gewesen, der das Außergewöhnliche liebte und der Sinn für Überraschungen hatte – – Zweites Kapitel. Die Überraschung war auf allen Seiten. Auch Mimi, über die Ferdinand Grünmeiers Millionen herabgerieselt waren wie einst die Goldstücke Jupiters auf Io, mußte sich in die eigentümliche Situation erst allmählich hineinfinden. Es ist immerhin nicht leicht für eine Frau, auf die standesamtliche Abstempelung zu verzichten, eine Staatshandlung, die ja eigentlich zum eisernen Bestand jedes Jungferntraumes gehört. Auf das Kinderkriegen würde sie auch ohne Testamentsbestimmung keinen Wert gelegt haben, wenn nicht das Schicksal mit ihr und Ferdinand Grünmeier eine eigentümliche Narrensposse vorgehabt hätte. Doch darüber machte sie sich vorläufig keine Gedanken. Als sie vom Notar gekommen war, der ihr in trockenem Geschäftston die Mitteilung gemacht, daß sie glückliche Besitzerin von einer Million und sechshunderttausend Mark geworden wäre, wobei er die Einschränkungsbedingungen mit warnendem Tonfall ganz im Stile eines Bußpredigers besonders scharf akzentuierte, hatte sie das Gefühl, die Erdenschwere verloren zu haben. Der Tante Marie, bei der sie wohnte, fiel sie um den Hals, als sie in die saubere Wohnstube eintrat. Sie küßte sie ab, wie einen Liebsten, lachte ihr ins Gesicht, zog sie auf das geschweifte grüne Ripssofa, das noch von ihren seligen Eltern stammte und eine Zierde der kleinen Wohnung bildete. Sie war außer Rand und Band. »Du bist nicht bei Sinnen«, sagte Tante Marie, als der erste Ansturm sich gelegt hatte und die gute alte Person endlich Atem schöpfen konnte. Aber Mimi stand auf und trat dicht vor die Tante hin. »Weißt du, was ich bin?« Sie machte eine gewichtige Miene. Tante Marie strich verlegen über die nicht sehr saubere Küchenschürze und schaute sie ganz dumm an. »Millionärin bin ich ...!!« Mimi weidete sich an der kleinen Frau, die sich wie ein Vögelchen unter dem Brausen des Orkans verschüchtert in sich zusammenzog. Dann erzählte Mimi. Und dann sprachen die beiden Frauen von neuen ungewohnten Zukunftsmöglichkeiten, schmiedeten Pläne und faßten Entschlüsse, die sie immer wieder durch neue, besser erscheinende ersetzten. So viel Geld! Tante Marie konnte es gar nicht fassen, daß das große Glück über ihre Nichte gekommen. Aber Mimi war von praktischer Veranlagung und überließ die kleine Tante ihren Phantasien, während sie selbst an die Aufmachung eines neuen Lebens ging, das der einundeinhalben Million, deren Zinsen sie sich jetzt erfreute, würdig wäre. Sie richtete sich draußen am Kurfürstendamm eine glanzvolle Wohnung ein, die sie mit des verstorbenen Ferdinands Möbeln mit gutem Geschmack ausstattete. Dann stellte sie den ganzen Haushalt auf eine höhere soziale Stufe. Sie machte Tante Marie zu ihrer Hausdame, verbot ihr die Küchenschürze und holte sie mit Gewalt aus der Mädchenkammer, wohin sich die bescheidene alte Jungfer verkrochen hatte. In ihrem Hause galt Mimi als die reiche Frau Schwarz, Privatiere. In dem großen, palastartigen Kasten, der in der Nähe der Halenseer Brücke lag, kümmerten sich die Mieter nicht viel umeinander und für die Portiersleute war das Geld das allein Ausschlaggebende. Ihrer schauspielerischen Karriere machte sie ein schleuniges Ende, denn sie hatte nicht den Ehrgeiz in der Öffentlichkeit aufzufallen. Sie liebte die Bequemlichkeit und war froh, keine Vormittagsproben und Abendvorstellungen mehr mitmachen zu müssen. Die unbedingte Freiheit, die ihr das große Vermögen in vollem Maße gewährte, genoß sie in vollen Zügen. Tante Marie wurde in einfach bürgerlicher Weise ausstaffiert und begleitete sie überall hin. Die kleine scheue Dame wurde von Mimi in die Theater und Konzerte, selbst in die Kabaretts mitgeschleppt, mußte bei der Modistin zugegen sein, im Schlafwagen durch die Welt mit ihr dampfen, in den Badeorten neben der schönen Nichte über die Kurpromenade wandeln. Tante Marie wurde Mimis Schlagschatten. Gegen die Männerwelt verhielt sich Frau Mimi, wie sie sich jetzt nennen ließ, abweisend und zurückhaltend. Für das starke Geschlecht empfand sie keine Sympathie mehr, nachdem das Gespenst der Liebe sich zwischen ihre Millionen gedrängt hatte. Sie wollte nicht in Versuchung geraten. Und was sie bisher in der Liebe erlebt hatte, genügte ihr so wie so. Das Verhältnis mit dem seligen Ferdinand zum Beispiel – – – ihr letztes Abenteuer. Es war zustande gekommen, wie eben diese Bekanntschaften immer gemacht wurden. Auf der Rennbahn, eines schönen Frühlingstages, sprach Ferdinand sie an. Und dann entwickelte sich eben aus dem ersten Tête à tête im Extrazimmer bei Hiller eine Liaison, die sie in Anbetracht des vorgerückten Alters ihres Liebhabers gleich auf eine gesicherte materielle Basis stellte. Und während der Jahre, die sie dem »Alten« opferte, verzichtete sie aus Vernunftgründen auf jede weitere Aufregungen und Liebessachen, die ihrer Veranlagung überhaupt nicht entsprachen. Sie hielt nicht viel von der Liebe. Was sie bisher erlebt, gab ihr Recht. Der erste, der sie in die Geheimnisse von Jenseits von Gut und Böse eingeweiht, war ein Lumpenkerl. Ließ sie sitzen und warf sie auf die Straße, wo sie verloren gewesen wäre, wenn Tante Marie sie nicht zu sich genommen. Dann noch zwei, drei oder mehr Versuche mit den Männern, jüngeren und älteren. Sie hatte kein Glück damit. Egoisten und Knickern fiel sie in die Hände. Sie hielt sich nicht lange mit ihnen auf. Sie wartete. Bis ein glücklicher Zufall den alten Ferdinand Grünmeier, der wie ein gewichster Schwerenöter prüfend durch die Menge auf der Rennbahn stolzierte, auf sie aufmerksam machte. Alle, die sich jetzt um ihre Gunst bemühten, prallten mit ihren Bewerbungen an der stahlharten Wand der Gleichgültigkeit ab, mit der sich Frau Mimi panzerte. Aber der unermeßliche Reichtum, den die Fama ihr andichtete, zog jeden Tag neue Anbeter in ihren Kreis, die wie die Motten zum Licht flogen. Frau Mimi wollte sich nicht um ihr Glück betrügen lassen. Sie dachte an die Testamentsbestimmung und hütete sich, sie zu verletzen. Gegen Ende des Sommers kam sie aus Swinemünde zurück, wo sie die Hochflut der Saison in vollen Zügen genossen. Diese erste Saison nach den Mühsalsjahren des Krieges hatte die Menschen zu wahren Orgien der Vergnügungen gepeitscht und aus der großen Not keine Tugend gemacht, wenn man das Sprichwort so umkehren darf. Frau Mimi war trotz ihrer Unnahbarkeit der Mittelpunkt einer Gesellschaft gewesen, in der man sich nicht langweilte. Jetzt, da sie in ihr Berliner Heim zurrückgekehrt, wollte sie sich von den Strapazen ihrer Erholung, wie sie von ihrer Sommerreise scherzhaft sprach, ausruhen. Sie fühlte sich gar nicht wohl. Trotz ihres blühenden Aussehens, trotz der frischen, gebräunten Gesichtsfarbe ging es ihr nicht gut. Tante Marie war sehr besorgt um die Nichte. Sie beobachtete sie und versuchte alle Hausmittel, die sie kannte. Aber kein Mittel schlug an. Mimis Laune wurde immer schlimmer, ihre Reizbarkeit nicht mehr zu ertragen. Tante Marie witterte Unrat. Mimi wurde still und verschlossen. Tante Marie drängte auf eine Erklärung. Sie ahnte den Grund von Mimis Krankheit. Denn nun war die hübsche blonde Mimi wirklich krank geworden und jammerte und zeterte, daß die arme kleine Tante Marie nicht ein noch aus wußte. Und das Unangenehmste für Tante Marie war die Weigerung Mimis, einen Arzt kommen zu lassen. Aber eines Morgens trat Tante Marie mit einer starken großen Frau in Mimis Schlafzimmer. »Das ist Frau Lehmann, eine Bekannte von mir«, sagte Tante Marie. Und sie fuhr leise fort, als wenn sie sich schämte für das, was jetzt kommen würde: »Frau Lehmann meint, es wäre richtig mit dir, Mimi!« Es war richtig mit Mimi. Die weise Frau berechnete, daß das nun schon über fünf Monate her sein müßte. Mimi bekam einen schönen Schreck. Ihr erster Gedanke war das Testament und ihr Geld. Aber wenn doch Ferdinand Grünmeier selber der Vater ist? Das könnte zu schweren Verwickelungen führen. Und schließlich würde man es ihr nicht glauben. Die Menschen nicht und das Gericht erst recht nicht. Auch war der Beweis nicht leicht beizubringen. Das hatte sie nun davon, daß sie seit dem Tode des Alten sich und seinem Andenken treugeblieben war ... Das Kind mußte heimlich zur Welt kommen. »Jott,« sagte Frau Lehmann (Mimi glaubte, daß die Frau ihre Gedanken von ihrer Stirn gelesen hatte), »wenn's weiter nischt ist – – 's braucht kein Mensch was davon zu erfahren. Wenn's so weit ist, kommen Sie man in die Klinik von Doktor Savorek – – –« Nach einigen Monaten spazierte Frau Mimi wieder über den Kurfürstendamm, pudelgesund und in ihrer alten Schönheit. Sie hatte, wenn man es so sagen durfte, ein Teufelsglück gehabt: das Kind hatte der Mama den Gefallen getan, kurz nach der Geburt dieses undankbare Erdenjammertal wieder zu verlassen. Aber Mimi konnte diese Verlegenheiten dem seligen Ferdinand nicht vergessen. Er hätte wirklich vorsichtiger sein können. Ausgerechnet kurz vor seinem Tode eine solche Dummheit ... Drittes Kapitel. Adolf Grünmeier kannte keine Bedürfnisse. Er war gewissermaßen leidenschaftslos. Das einzige, was die Eintönigkeit seines Daseins unterbrach, war ein Kartenspiel zu mäßigem Einsatz. Er saß jeden Abend in einem alten verräucherten Kaffeehaus und kloppte Skat und verstieg sich sogar manchmal zu einem Poker, für welches Spiel er eine große Vorliebe hatte. Aber seine beschränkten Mittel hinderten ihn daran, sich im Spiel auszuleben. Ja, wenn er Ferdinands Million in die Finger bekommen hätte! Vielleicht wäre er ein Spieler geworden? Er machte wieder einen Fehler, paßte nicht auf. Seine Partner schimpften. Das passierte ihm, dem guten Skatspieler, jetzt öfters, daß er nicht folgte und eine Karte nicht »herumbringen« konnte. Seit der Erbschaftsgeschichte hielt er seine Gedanken nicht mehr zusammen. Immer dachte er über die Möglichkeiten nach, wie er dieser Person, wie die Erbschleicherin in der Familie Grünmeier genannt wurde, zu Fall bringen konnte. Es mußte doch schließlich ein Mittel geben, sie zu einer Heirat zu bringen. – Er hatte alles mögliche versucht. Unter den Anbetern, die um Mimi sich bemühten, waren einige gewesen, die er auf sie gehetzt hatte. Aber alles vergeblich. Jemand stellte sich hinter den Stuhl eines der Skatspieler und kiebitzte. »Nehmen Sie doch 'n Stuhl, Herr Modersohn«, sagte Rosenblut, der Adolf gegenüber saß. »Gestatten die Herren vorzustellen: Herr Modersohn!« Herr Modersohn war ein äußerst elegant gekleideter Mann um die Vierzig. Glattrasiert, mit buschigen Augenbrauen und kohlschwarzem Haupthaar, das in der Mitte sich scheitelte. Auf dem schmalen etwas gebogenen Nasenrücken trug er einen Kneifer ohne Einfassung, der seine kleinen stets zugekniffenen Augen bedeckte, die etwas Lauerndes im Ausdruck hatten. Herr Modersohn verbeugte sich und nahm Platz. Als gemischt wurde, sagte Herr Modersohn: »Ich verstehe die Herren nicht, wie sie es hier in dieser Räucherkammer aushalten können! Warum kommen Sie nicht in unseren Klub, da haben Sie es doch weit angenehmer.« Er wollte nur Rosenblut in einer dringenden Angelegenheit sprechen, sonst würde er solche Buden wie dieses Kaffeehaus überhaupt nicht betreten. Dann flüsterte er mit seinem Geschäftsfreund, machte einige Notizen in seinem Taschenbuch und ging wieder. Als die Polizeistunde das Spiel beendete, meinte Rosenblut, daß man wirklich einmal sich Modersohns Klub ansehen könnte. Adolf interessierte sich für Modersohn. Rosenblut hatte von ihm erzählt, daß er einer der gerissensten Menschen wäre, die ihm in seinem Geschäftsleben vorgekommen. Er mache alles, was man von ihm verlange. Er schöbe das Unterste zu Oben, wenn er nur ordentlich dabei verdiente. »Schieber – –«, meinte einer der Herren. »Gut, sagen wir Schieber – – wie Sie wollen!« »Ja, das ist ein Stand geworden, eine Berufsart, wie so viele andere. Unsere Zeit hat merkwürdige Blüten getrieben. Auf der Oberfläche des großen Sumpfes, in dem die Welt steckt, wuchert das Schiebertum als gleißende Giftblume.« Der das sagte, der Doktor Lerner, liebte es, seine Umgebung zu glossieren. Man schätzte ihn als den akademisch Gebildeten. Adolf dachte sofort an seine Affäre. Wenn er diesen Modersohn für sich gewänne! Er wollte es sich was kosten lassen, aber so einen Mann brauchte er, und der könnte die Geschichte drehen. So kam es, daß Adolf in die Vereinigung der Sportleute ging, wie der Klub sich offiziell nannte. An diesem Abend noch befreundete sich Adolf mit Modersohn, der vom Glück begünstigt, eine gute Bank gezogen hatte, die ihm einen tüchtigen Gewinn gebracht. Adolf selbst hatte sich nicht am Spiel beteiligt, sondern auf die Gelegenheit gepaßt, um Modersohn sein Anliegen vorzutragen. »Nichts leichter als das«, sagte Herr Modersohn und blinzelte mit seinen Äuglein, die er unruhig auf sein Gegenüber schießen ließ. Die Herren saßen im Speisesaal des Klubs und verzehrten trotz der vorgerückten Nachtstunde ein reichliches Souper. »Diener, eine Flasche Mumm!« rief Modersohn. Adolf machte eine abwehrende Handbewegung. »Sie sind heute mein Gast, lieber Grünmeier,« sagte Modersohn, »erstens habe ich die dadrin (er zeigte auf den Spielsaal) ausgenommen und dann begieße ich gewohnheitgemäß jedes neue Geschäft – –« Modersohn behandelte Adolf ein bißchen von oben herab, gönnerhaft. »Um auf die Chose zurückzukommen,« fuhr er fort, nachdem er das Glas Sekt in einem Zug ausgetrunken, »wirklich eine einfache Kiste: Das Mädchen wird verheiratet. Ich will doch mal sehen, ob wir sie nicht zur Gräfin oder Baronin machen können – – Wir lassen ihr ein paar Kröten, das andere mache ich schon.« – – Adolf war sehr befriedigt. Der Sekt hatte ihn in eine gute Stimmung gebracht. Er lachte. »Großartig. Also 'ne Gräfin wollen Sie aus ihr machen? – Famos!« Modersohn hielt den Finger an den Mund, Adolf solle schweigen. Dann deutete er auf zwei Herren, die nun den Saal betreten hatten. »Sehen Sie den Herren da mit dem Monokel und dem angegrauten Haar? – – Das ist Graf Blitzky, der ist unser Mann. Für fünf Mille macht er's. Der hat schon zwei oder drei Gräfinnen von der Sorte herumlaufen ... Stall Blitzky!« Er lachte laut und dröhnend. Sein Witz schien ihm zu gefallen, denn er wiederholte: »Stall Blitzky – Frau Mimi kommt in den Stall Blitzky – lassen Sie mich nur machen – – Prosit!« Aber die Sache war doch nicht so einfach, als sich Herr Modersohn es dachte. Als Herr Modersohn in wohlgesetzter Rede Frau Mimi vorgetragen hatte, daß in Anbetracht ihres großen Reichtums ihre soziale Stellung gehoben werden müßte und er als Vermittler nur eine geringe Provision beanspruche, war Frau Mimi sehr ungehalten darüber, daß man sich in ihre Angelegenheiten mische. »Ich denke gar nicht daran, mich zu verheiraten,« antwortete sie, »und ich pfeife auf irgend so einen hergelaufenen Grafen – überhaupt, heutzutage, wo der Adel jeden Augenblick abgeschafft werden kann!« »Unmöglich,« meinte Modersohn, »das ist gegen die Verfassung!« »Ach was, die Verfassung interessiert mich gar nicht. Mir genügt mein eigener Name und ich brauche keinen Grafen, der auf meiner Tasche lebt.« Modersohn machte ihr klar, daß die Heirat nur eine Formensache wäre. Der Herr Gemahl werde sich gleich wieder scheiden lassen. »Nein, mein Herr,« sagte Mimi und eine Glutwelle der Entrüstung stieg in ihr Gesicht, »so was mache ich nicht mit. Wenn ich schon einmal verheiratet bin, muß ich auch was davon haben. Aber mit solchen Schieberheiraten will ich nichts zu tun haben.« Modersohn mußte unverrichtetersache weggehen. Aber er ließ es sich nicht verdrießen. Er würde schon eine Stelle finden, wo er einsetzen könnte. Ein verteufelt energisches Frauenzimmer, diese Frau Mimi. Und ein hübsches Menschenexemplar dazu. Modersohn verstand sich auf Weiber. Diese blonde Venus wäre nach seinem Geschmack. Jedenfalls wollte er sie nicht aus den Augen verlieren. Bei Adolf Grünmeier, der über den ersten Mißerfolg von Modersohns Mission nicht sehr erbaut war, erkundigte sich dieser nach Mimis Vergangenheit. Ob nicht Momente vorhanden wären, die man benützen könnte, Adolf aber wußte nichts anderes von der Freundin seines verstorbenen Bruders, als was alle Welt wissen durfte. Modersohn versuchte über Mimis jetziges Leben Einzelheiten zu erfahren. Er selbst konnte nicht in Mimis Haus eindringen, denn er wollte mit seiner Person im Hintergrunde bleiben. So benutzte er seinen Chauffeur Fritz zum Kundschafter. Modersohn und sein Chauffeur waren unzertrennlich. Die beiden hatten sich im Schützengraben kennengelernt, wo eine gemeinsam erlebte Gefahr sie einander näher gebracht. Als Fritz aus dem Feld zurückgekommen, trat er bei seinem Kameraden in Dienst und wurde ein williges Werkzeug in den Händen des schlauen Allerweltmachers. Der Chef entlohnte den Angestellten in reichlichem Maße, so daß Fritz für seinen Herrn durchs Feuer ging. Fritz suchte Anknüpfungspunkte im Hause Kurfürstendamm 317. Der forsche junge Mann fand in dem Stubenmädchen der Frau Schwarz ein willfähriges Objekt für seine Untersuchungen. Die lustige Paula wechselte ihre Verehrer öfter wie ihre Nachthemden, was bei den hohen Waschpreisen zu entschuldigen war. Sie ließ sich von Fritz zu gemütlichen Abenden einladen, besuchte mit ihm Bars und Tanzlokale und schon beim dritten Ausgang war Fritz über alles genau unterrichtet, was er wissen wollte. Denn Paula war nicht sehr guter Laune, wenigstens zu Beginn dieses für die Entwicklung von Mimis Schicksal ereignisreichen Abends. Tante Marie hatte ihr über ihre Leistungen und über die Art, sich des leichten Lebens zu erfreuen, tüchtig die Leviten gelesen, eine Vorlesung, die mit einer Kündigung endete. Paula holte aus. Ihr Herz war zum Überlaufen voll und sie mußte sich Luft machen. Was diese hergelaufene Person sich einbildete! Diese Dame, von der man nicht weiß, wo sie ihr Geld her hätte, na und so weiter. Fritz paßte auf. Er war ein gelehriger Schüler seines Meisters und spielte seine Rolle ausgezeichnet. Er assistierte mit einigen entrüsteten Zwischenbemerkungen dem aufgeregten Fräulein Paula. Überhaupt stimme etwas nicht – – Paula schwieg einen Augenblick. Dann platzte sie heraus. »Ich kann die beiden ins Zuchthaus bringen, wenn ich nur will – – So 'ne Behandlung lasse ich mir nicht gefallen!« Fritz machte ein dummes Gesicht. Paula schluchzte. »Solche Undankbarkeit! Wo ich doch der Tante Marie die Lehmann angebracht habe, damit unsere Gnädige nicht die Scherereien mit dem Kinde haben sollte – –« »Was für 'ne Lehmann?« fragte Fritz. Er tat ganz unschuldig. Paula erzählte von den Nöten bei ihrer Herrschaft, damals vor drei Monaten. Sie berichtete von dem Besuch der Hebamme und wie später alles wieder in Ordnung gebracht wurde. Und dann weinte sie noch ein wenig, ließ sich aber von Fritz allmählich zu ihrer gewohnten Lustigkeit zurücktrösten. Als die beiden sich verabschiedeten, wußte Fritz auch die Adresse der weisen Frau Lehmann. Als Herr Modersohn am nächsten Tag den Bericht seines Chauffeurs erhielt, zog ein verschmitztes Lächeln über sein Gesicht. Er würde diese Millionärin jetzt ein bißchen fester anfassen. Allerlei Gedanken zogen durch sein Gehirn und wenn Adolf Grünmeier auf dem Wege der Telepathie diese Gedanken gelesen hätte, wäre er nicht sehr entzückt davon gewesen. Fritz aber bekam von Herrn Modersohn einen rotgestempelten Hunderter Extrahonorar, der allerdings zu Lasten des Herrn Adolf Grünmeier ging: Spesenkonto. Viertes Kapitel. Nelson hatte zu einer Erstaufführung seiner berühmten Künstlerspiele geladen. Alles, was auf der Oberfläche des allerneuesten Berlin schwamm, war anwesend: der aus der Tangozeit übriggebliebene Rest der blasierten Lebewelt und die Schar der jüngsten nimmersatten Schnellverdiener. Über dem kleinen Rokokosaal des Sanssouci-Etablissements lag gedämpfter Lichterglanz. Die weißen Schultern der Frauen leuchteten verführerisch aus dem Halbdunkel der Logen, die Brillanten blitzten um die Wette mit den schwarzen und blauen Augen, die unter den Wimpern heiße Strahlen auf das Blütenmeer der Hemdbrüste schossen, von smokinggekleideten Kavalieren kühn zum Angriff vorgeschoben. Man sah auf der Bühne eine kleine aktuelle Revue mit witzigen anspielungsreichen Versen und prachtvollen Beinen. Man hörte die entzückende Schmeichelmusik des Altmeisters der Berliner Kabaretmusik und bewunderte die unerhörte Pracht der Toiletten, Kunstwerke aus Tüll und Seide, die wie von Zauberhänden auf die Gazellenkörper der Künstlerinnen geheftet schienen. Aber das alles hielt die Spannung der Zuschauer nicht in Atem. Sie warteten auf das große Ereignis, das seit Wochen in den Zeitungen angekündigt war und seit Tagen auf den Plakatsäulen als großes Fragezeichen prangte. Man wartete auf die »Dame der Gesellschaft«, die auf der Bühne der Fasanenstraße auftreten würde. Das Geheimnis war gut bewahrt worden. Außer den Intimen wußte niemand, wes Art und Stand dieser Star wäre. Nelson saß persönlich am Flügel. Sein wohlgepflegter Napoleonkopf nickte leutselig der Menge zu. Der Sprecher machte ein paar launige Bemerkungen. »Eine Dame der Gesellschaft, deren Inkognito ich Sie zu achten bitte, wird sich die Ehre geben – – – U. A. w. g. ... Um Applaus wird gebeten!!« witzelte der Herr oben auf der Bühne im Frack, weißer Weste und Einglas. Dann setzte die Musik ein: zärtliche, liebestrunkene Walzertöne trillerten durch den Raum. Der Vorhang teilte sich. Eine berückende blonde Schönheit, deren zartlila Tüllrobe fast nichts mehr zum Ausziehen übrig ließ, neigte kaum merklich den stolzen Kopf und begann mit einer kleinen nicht sehr ausgebildeten Stimme ein Chanson von Liebe und Treue zu singen. Den Refrain tanzte sie in lustigen Schritten, aber der Kenner merkte, daß jeder Schritt mit Mühe vom Ballettmeister einstudiert war. Unter dem grellen Licht des Scheinwerfers wippte die Blonde hin und her auf der Bühne, augenscheinlich nicht allzusicher ihres Auftretens und ihrer Wirkung. Das Publikum verhielt sich ruhig, abwartend. Man tuschelte. Man stieß sich an. Die Lebewelt war enttäuscht. Man hatte auf eine knallige Überraschung gehofft. Man hatte geglaubt, irgendeine exotische Beauté de Diable vorgesetzt zu bekommen, die unbegrenzten Möglichkeiten Spielraum gab. Nun war es nur eine hübsche blonde Frau, die da oben sang und tanzte, eigentlich ohne jeden Charakter. Eine mehr – sonst nichts. »Nanu«, sagte Herr Modersohn, der ganz vorn in einem Klubsessel saß, zu seinem Nachbar, dem Grafen Blitzky, »das ist doch die Mimi Schwarz!« Er rückte seinen Kneifer zurecht und zwinkerte zur Bühne hinauf. Das Publikum klatschte, als das Lied zu Ende war. Ein höflicher, kalter Applaus. Die Blonde oben auf dem Podium dankte und versteckte sich scheu hinter dem großen Blumenarrangement, das ein Diener vor sie hinsetzte. Es war eine Enttäuschung. Aber alle wollten den Namen der Debütantin wissen und viele glaubten sie zu kennen. Frau Mimi eilte in ihre Garderobe und fiel in den Sessel, in Tränen aufgelöst. Die Kollegen und der Direktor beglückwünschten sie. Doch sie fühlte, daß das alles nicht dem entsprochen hatte, was sie gedacht. Daß sie unrecht hatte, wieder zur Bühne zurückzukehren, daß ihr Talent nicht ausreichte. Wozu hatte sie das alles nötig? Sie mit ihrem Geld und ihrer Unabhängigkeit. Eines Tages hatte sie eine frühere Kollegin vom Metropol getroffen. Bei Adlon zum Tee. Die erzählte von ihrer Karriere. Wie sie von ihrem Freund, einem, der wie so viele andere allerhand gute Geschäfte machte, unterstützt, zum Kabarett gegangen und nun gar bei Nelson engagiert wäre. Ob sie nicht auch dazu Lust hätte? Und der Zufall brachte den Dichter der neuen Revue an den Tisch, der entzückt über Mimis hübsche und vornehme Erscheinung sofort den Plan entwarf, aus ihr eine »Kanone« zu machen, wie im Jargon der leichten Muse die Primadonnen genannt werden. Mimi hatte nicht lange überlegt und zugesagt. Sie langweilte sich mit ihrer Million zum Sterben. Es war ihr, als wenn sie an einer Kette die goldene Kugel des Reichtums mit sich herumzerrte, diese goldene Fessel, die die Testamentsbestimmung darstellte. Wenn sie eine nette amüsante Tätigkeit hätte, würde sie das Dasein des Vögelchens im goldenen Käfig besser ertragen können. So ließ sie sich ein Liedchen einstudieren und sich zur Sensation stempeln. Ein Logendiener brachte eine Karte in die Garderobe. Mimi las: »Graf Blitzky bittet die gnädige Frau, ihr seine Huldigungen zu Füßen legen zu dürfen.« Mimi nickte und sagte dem Diener, sie würde sich freuen, den Herrn Grafen nachher in der Diele zu treffen. Sie war in einer entsetzlichen Stimmung. Sie fühlte sich von aller Welt verlassen, trostlos, wie auf einer einsamen Insel ausgesetzt, mitten im brausenden Meer des vergnüglichen Lebens, das sie umgab. Sie wollte auch leben, nicht versauern. Zum Teufel mit diesem vielen Geld, wenn man wie eine Nonne hinter Klostermauern sitzen soll. Ihr war es gleich, mit wem sie heute den Rest des Abends zubringen würde. Ein Graf? Gut, also dieser Graf soll willkommen sein, wenn es nur ein einigermaßen anständiger Mensch ist. »Ich hatte schon den Vorzug, die gnädige Frau kennenzulernen«, sagte Modersohn, als Mimi an dem Tisch Platz genommen, den ihr der Logendiener gewiesen. Modersohn hatte den Grafen Blitzky für sich vorgeschoben. Frau Mimi schaute ihr Gegenüber interessiert an. Modersohn lächelte unter den Kneifergläsern überlegen und leicht. Graf Blitzky machte Mimi einige Komplimente über ihren Erfolg, fade, landläufige Schmeicheleien. Mimi hörte nicht zu. Sie dachte darüber nach, wer dieser Mensch da vor ihr wäre, dessen stechender Blick sie zitternd machte, sie zu ihm hinzog, daß es sie graute. »Quälen Sie sich nicht, schöne Frau, wenn man geschäftlich miteinander verkehrt, sieht man anders aus, als im Lichterglanz,« meinte Modersohn und fuhr fort, »ich hatte vor einiger Zeit das Vergnügen, Ihnen in Ihrer Wohnung eine Offerte zu machen – –« Jetzt erinnerte sich Mimi. Und sie lachte laut auf. »Ah ja – Sie sind ja der Herr, der mich verheiraten wollte!« Sie amüsierte sich köstlich. »Also Heiratsvermittler – – und Sie sind wohl der Graf, der in Frage kam?« wandte sie sich an Blitzky. Der Aristokrat, dessen äußere Haltung trotz aller inneren Brüchigkeit tadellos war, machte eine abwehrende Bewegung. Ihm war die Angelegenheit sichtlich peinlich. »Nein, nur im Nebenberuf – Gelegenheitsarbeiter, wenn Sie so wollen, meine liebe gnädige Frau,« antwortete Modersohn, »man sucht heute zu verdienen, wo man kann – – Aber lassen wir die ganze Geschichte!« antwortete er, »amüsieren wir uns lieber –« »Übrigens,« sagte er, nachdem er die Gläser hatte füllen lassen, »das Leben ist ohne Heirat viel schöner. – Stoßen wir darauf an!« Die Stimmung war auf den Höhepunkt gestiegen. Die Geigen der Zigeuner weinten, die Sektpropfen knallten, rosige Mündchen lachten ... Frau Mimi überließ sich der Laune der Stunde. Sie scherzte mit dem kerzensteifen Blitzky, sie ließ sich von Modersohns ziemlich gewagten Späßen mitreißen – – – endlich einmal wieder war sie losgelöst von ihren goldenen Galeerenkugeln. Modersohn fühlte bald, welchen Einfluß er auf die blonde Frau gewann. Sein Plan war schnell gefaßt. Das war eine Beute, die er sich nicht aus den Händen geben lassen durfte. Das Projekt, zu dem ihn Adolf Grünmeier verpflichtet hatte, zerfloß in Dunst und Nebel. Er, Modersohn, hatte Größeres vor. Die Million der Frau Mimi war des Schweißes der Edlen wert. Das war ein Geschäft, das ihn »gesund machen« könnte. Er schmiedete jedes Eisen, solange es heiß war. Ging geradenwegs immer auf sein Ziel los. Gleich den ersten Abend wollte er benutzen, um diese blonde Frau zu erobern, deren nicht sehr starken Charakter, deren lustigfröhliches Temperament er erkannt hatte, bei der er aber auch die weichen, jedem Einfluß leicht zustimmenden Empfindungen fühlte. Er wollte sie sofort in seine Gewalt bekommen. Modersohns männliche Erscheinung wirkte auf die Frauen bezwingend. Seine etwas harte brutale Art, ihnen zu begegnen, verstärkte diesen Eindruck. Die Frauen liebten ihn nicht, wenigstens nicht im ersten Augenblick, sie flohen ihn eher. Aber sie begehrten ihn. Sie sehnten sich nach seinem teuflisch zynischem Lächeln, nach seinen athletenstarken Muskeln. Auch Mimi spürte diesen Einfluß und konnte sich ihm nicht entziehen. Die Aufregungen des Abends, das Neuartige ihres Debüts, die gehobene Stimmung dieser Première, der Sektgenuß hatten ihre Nerven ohnehin aufgepeitscht. Die lange Zurückhaltung, die sie, um ja nicht gegen das Testament zu verstoßen, in kindischer Furcht geradezu, gegen jedes Exemplar der Menschheit, das Hosen trug, bewahrt, tat das übrige. Sie wollte auch leben. Der tote Ferdinand sollte nicht ewig wie der Engel Gabriel mit gezückten Testamentsparagraphen an ihrem Bett stehen und Wache halten. Sie hatte genug von diesem Gespenst, das ihr einen unsichtbaren Keuschheitsgürtel umgebunden. Als Modersohn den Besuch eines Nachtklubs vorschlug, war sie sofort von der Partie. Sie hatte einen wahren Heißhunger nach allen Lebensgenüssen. Sie trank in einem fort, sie versuchte sogar ihr Glück auf dem grünen Tisch und gewann irgendwelche Summen, die sie achtlos in ihre goldene Tasche steckte. Was galt ihr das Geld! Leben wollte sie. In dieser Nacht würde sie auf ihre Million gepfiffen haben, wenn sie damit ein klein wenig Glück hätte erkaufen können – Und so kam es, daß Tante Marie am andern Mittag am Telephon die Stimme ihrer Nichte vernahm, die sie bat, schleunigst das Mädchen mit einem Straßenkleid und einem Trotteurhut in die Innsbrucker Straße 118, zwei Treppen hoch, zu senden. Tante Marie hatte um zehn Uhr an Mimis Schlafzimmertür gelauscht, wollte aber die arme Mimi nach der Anstrengung des vorhergehenden Abends nicht stören. So wußte Tante Marie nicht einmal, daß Mimi gar nicht zu Hause geschlafen hatte. Als Mimi in dem großen Bett aufwachte, in dem Herr Modersohn in einem grün und blaugestreiften Schlafanzug neben ihr lag, riß sie erstaunt die Augen auf, vor lauter Überraschung. Und es dauerte eine geraume Zeit, bis sie alle Vorgänge der Nacht wieder in ihre Vorstellung bekam. Dann schüttelte sie sich, als ob sie etwas Unangenehmes von sich abtun wollte. Blickte auf den Herrn neben sich und fühlte seinen seltsam grausamen Blick, mit dem er sie von der Seite beschaute. »Guten Morgen, mein Kind«, sagte Modersohn. »Ich hoffe, dir hat es bei mir gefallen und wir bleiben Freunde?« Als Mimis Mädchen gekommen, zog sie sich schnell an und verließ mit kurzem Gruß die kleine Wohnung, deren schreiend reiche Ausstattung ihr weh tat. Ihr durch den seligen Ferdinand gebildeter Geschmack wurde durch dieses Parvenütum beleidigt. Zu Hause kam die Gegenwirkung der lustigen Nacht. Tante Marie hatte nichts zu lachen. Und die dicke Pagode aus Elfenbein, ein Prachtstück aus Ferdinands Bibelotssammlung, bekam einen so tüchtigen Stoß an den Wasserkopf, daß dieser noch stundenlang danach wackelte. Zur Genugtuung von Tante Marie, die dem aufgeschwemmten Kerl, den sie immer gräßlich fand, diese körperliche Übung vergönnte. Herr Modersohn aber hatte alles erreicht, was er wollte. Und sogar mehr, als er hoffen konnte, Mimi hatte aus der Schule geplaudert. Fünftes Kapitel. Man konnte nicht behaupten, daß Herr Modersohn besonders diskret war, als er mit seinem Chauffeur Fritz eine Stunde nach Mimis Weggang eine längere Unterredung hatte. Die beiden saßen in weichen Klubsesseln sich gegenüber und waren sich über das, was sie besprachen, bald einig. Modersohn zog an einer dicken langen Zigarre, indem er nervös mächtige Rauchwolken gegen die Decke des mit schweren Möbeln und bunten Teppichen ausgestatteten Zimmers paffte. Fritz flegelte sich in dem Lederfauteuil und hatte ein Bein über das andere geschlagen. Von Respekt gegen seinen Chef war nichts an ihm zu merken. Übrigens hatte das »Ding«, das sie beide in der Mache hatten, Herrn und Diener nahe zusammengebracht, so daß jeder Klassenunterschied sich von selbst erübrigte. Fritz sagte, daß die Geschichte brenzlig ausfallen könnte. Aber Modersohn ließ diesen Einwand nicht gelten. Ob er sich »draußen« gefürchtet hätte? Na also – – Fritz litt an sogenanntem Heldenwahnsinn und renommierte gern mit seinen Taten auf den unterschiedlichen Kriegsschauplätzen. Modersohn hatte ihn bald so weit, wie er ihn haben wollte. Er versprach ihm eine sehr große Summe, wenn sie die Geschichte glücklich zu Ende geführt und schenkte ihm zur Bekräftigung ihres gemeinsamen Unternehmens ein großes Glas Benediktiner ein. »Friedensware, lieber Fritz! Mit Verstand zu trinken, oller Junge!« lachte Modersohn, als er ihm das Glas zuschob, »und nun rasch an die Arbeit!« Auf dem Korridor, wohin er Fritz begleitete, sagte er, nachdem er ihm noch einige allerletzte Verhaltungsmaßregeln gegeben: »Aus jeder Frau, mein Sohn, holst du ihr tiefstes Geheimnis heraus – mit viel Sekt und 'n bißchen Liebe ...« Er lächelte höhnisch. »Sie ist viel dummer, als ich geglaubt hätte, diese stolze Frau Mimi – –!« Als Fritz weggegangen, telephonierte er an Adolf Grünmeier, den er nicht antraf, dem er aber sagen ließ, daß er ihn nachmittags um vier Uhr bei sich erwarte. Pünktlich erschien Adolf Grünmeier in der Innsbrucker Straße. Modersohn empfing ihn leutselig in seinem Bureau, wie er das pompöse Herrenzimmer nannte. Adolf nahm in demselben Sessel Platz, in dem vor einigen Stunden der Chauffeur Fritz mehr gelegen als gesessen hatte. Adolf rutschte verlegen auf der Kante hin und her und traute sich nicht den ganzen Sitz auszufüllen. So imponierte ihm die Umgebung und vor allem die energisch bestimmende Art, mit der sein Gegenüber ihn behandelte. Zwischen Herrn Modersohns Lippen stak wieder eine lange dicke Zigarre und wieder paffte er schwere Rauchwolken, aber diesmal dem guten Adolf Grünmeier geradenwegs ins Gesicht. Herr Modersohn schien wenig auf Kinderstubenbenehmen zu geben, denn er bemerkte nicht einmal, daß der Rauch seinem Besucher unangenehm war. Nach einigen kurzen Begrüßungsphrasen erklärte Modersohn, um was es sich handele. »Wenn ich Frau Mimi Schwarz in einem Monat verheiratet habe ...« Adolf paßte auf und rückte sich zurecht. »Also wenn ich Ihnen garantiere, daß ich die Dame zwingen werde, sich spätestens in einem Monat zu verheiraten, wieviel bekomme ich?« Grünmeier starrte in die Luft. Er verstand nicht recht. Blickte Modersohn fragend an. »Ich wiederhole,« sagte dieser und betonte jedes Wort einzeln, »ich habe die Mittel gefunden, die Dame zu veranlassen, das zu tun, was ich will – entweder heiratet sie und ich bekomme von Ihnen die Hälfte Ihres Erbes oder sie heiratet nicht und ich bekomme dafür von ihr eine Abfindung – –« Grünmeier wurde angst und bange. Er sprang auf und hielt sich am Sessel fest. Das war ja ein furchtbarer Kerl, dieser Modersohn, der da mit gleichgültiger Ruhe an seinem mächtigen Glimmstengel sog und dabei unwahrscheinlich klingende Dinge erzählte. »Um es kurz zu machen, mein sehr verehrter Herr Grünmeier,« Modersohn unterbrach die Stille, die für kurze Minuten eingetreten, »Sie zedieren mir eine halbe Million zahlbar am Tage Ihrer Erbantretung. Wir machen das gleich schriftlich, nicht wahr?« »Unmöglich, unmöglich!« jammerte Adolf, »das kann ich nicht ... kann ich nicht – – Sie werden mit weniger zufrieden sein ... ich biete Ihnen 50 Mille!« Adolf schaute kläglich durch die Rauchwolken auf Modersohn. Aber dieser lachte laut auf. »Nee, mein Lieber, die Geschichte kostet mich selbst mehr – machen wir nicht. Gehandelt wird nicht – – Wenn Sie nicht wollen, lassen Sie's bleiben.« Er stand ebenfalls auf und blieb vor Grünmeier stehen, der im Angesicht des großen starken Mannes in sich zusammenknickte. »Ich will's mir überlegen«, sagte er leise. »Gut – – bis morgen nachmittag vier Uhr lasse ich Ihnen das Geschäft an die Hand – – bis dahin bleibt die ›Ware greifbar‹« ... Modersohn lachte wieder, diesmal zynisch. Er amüsierte sich über die Art, wie er die ganze Affäre im Schieberjargon ausgedrückt hatte. Er schaute Herrn Grünmeier aus dem Fenster nach, der niedergeschlagen über den Bayrischen Platz schlich. Dann pfiff er lustig vor sich hin und ließ sich mit Steinplatz 34785 verbinden, der Nummer, die neben Frau Mimis Namen im Telephonbuch stand. »Halloh! Guten Tag, mein Täubchen.« – Herr Modersohn versuchte seiner Stimme eine Romeomodulation zu geben. »Es geht uns gut? – – Heute abend im Sanssouci – – ich hole dich ab – – Wie? – Du willst direkt nach Haus heute? – – Also auch gut, dann aber bestimmt morgen abend – – auf Wiedersehen, mein Täubchen!« Er dachte, daß es ihm eigentlich nicht in den Kram gepaßt hätte, wenn er heute Nacht wieder den liebenden Seladon hätte spielen müssen. Das »Ding« sollte doch vor sich gehen und er mußte auf dem Sprunge ein. Na immerhin ... kleine Aufmerksamkeiten erhalten die Freundschaft. So eine telephonische Teilnahme kostet nichts und macht einen guten Eindruck. Gerade als er seine Wohnung verlassen wollte, läutete der Fernsprecher. »Halloh! Fritz? – – Also, was ist's?« Er hielt den Hörer an das Ohr gepreßt und lauschte gespannt. Seine Augen zwinkerten und manchmal nickte er mit dem Kopf, als ob er dem Gehörten seine Zustimmung ausdrücken wollte. »Na – dann ist ja alles im besten Fahrwasser – – warten wir also bis morgen nachmittag!« Nun konnte er beruhigt aus dem Hause gehen. Sein Apparat arbeitete ... Herr Grünmeier hatte unterdessen Frau Luise das unerhörte Anerbieten des Vermittlers Modersohn vorgetragen. Frau Luise erstarrte. Sie konnte nicht begreifen. daß es Menschen gäbe, die eine derartige Niedertracht zu denken imstande waren. Niedertracht war ihr Lieblingswort, womit sie den ganzen Jammer dieses Erdentales umschrieb. »Wenn wir Paul hier hätten, würde das alles besser werden. Der Junge konnte dem Mann die Geschichte klarer auseinandersetzen – –« Sie seufzte. »Du bist ein alter Angstmeier,« fauchte sie den guten Adolf an, »du läßt dich von dem Mann ins Bockshorn jagen!« Dann wimmerte sie vor sich hin. »Eine ganze halbe Million! Der Mann ist verrückt! – – Wenn bloß Paul bald zurückkäme!« Aber Paul war irgendwo in Frankreich interniert und kein Mensch könnte wissen, wann die Gefangenen endlich in die Heimat durften. Allerdings hatten die Eltern eine Nachricht erhalten, daß er wahrscheinlich bald wegen Erkrankung ausgetauscht werden würde. »Unmöglich – – unmöglich!« stieß Adolf von Zeit zu Zeit hervor und lief unruhig im Zimmer auf und ab. Es kam zu keinem Entschluß zwischen dem Ehepaar Grünmeier. Schließlich war eine halbe Million ein Gegenstand, der einer längeren Betrachtung wert war. Und dieser Modersohn schien ein glatter Erpresser zu sein – – – Frau Mimi lebte einen schlechten Tag. Der telephonische Anruf ihres neuen Verehrers hatte sie aus dem Nachmittagsschlaf geweckt. Als der Apparat ratterte, flog sie in die Höhe. Ein wüster Traum, ein Alb hatte ihre Pulse schneller schlagen lassen. Noch ganz benommen hörte sie das Liebesgirren Herrn Modersohn durch den Schalltrichter. Nein, sie wollte diesen Menschen nicht wiedersehen. Sie hatte eine innerliche Empfindung, als wenn sie in irgendeine Falle geraten wäre. Aber als sie am Abend nach ihrem Auftreten abgeschminkt unter die laute lustige Menge der Diele trat, suchte sie ihn. Ein seltsames Gefühl packte sie. So etwas wie Sehnsucht oder wie Begierde. Sie war sich nicht klar über das, was sie wollte. Sie wußte sich nur einsam unter allen diesen Menschen, die, gepaart, einander in Zärtlichkeit, in Liebe zugetan, deren Herzen sich gefunden, deren Triebe sich suchten. Auch Frau Mimi suchte. Auf der Heimfahrt, die sie gleich angetreten, weinte sie vor Nervosität. Und sie ärgerte sich, daß sie Modersohn für diesen Abend nicht hatte sehen wollen ... Sechstes Kapitel. Fritz Löhnert, der Chauffeur, war geschickt zu Werke gegangen. Es klappte alles. Der Coup war bis auf die kleinste Einzelheit vorbereitet gewesen und wurde mit so vollendeter Komödie durchgeführt, daß kein Verdacht aufkommen konnte. Während der Sprechstunde, als das Empfangszimmer mit wartenden Patienten beiderlei Geschlechts angefüllt war, klingelte es in der Wohnung des Doktor Savorek. Die diensttuende Schwester Cilly öffnete, wie sie es zwischen fünf und sechs Uhr in einem fort zu tun gewöhnt war. Vor dem Eingang standen ein Zivilist und zwei Soldaten, den Sturmhelm auf dem Kopf, das Gewehr über der Schulter, Revolvertasche und Handgranaten im Gürtel. Die Schwester stutzte. In diesen unruhigen Zeiten war man auf Überfälle gefaßt. Der Zivilist sagte leise und sehr höflich, indem er seinen Rock öffnete und eine Erkennungsmarke sehen ließ: »Ich komme von der Polizei – Kriminalbeamter! – – –Ich bitte uns eintreten zu lassen, es handelt sich um eine Haussuchung bei Herrn Doktor« – – Als er die Schwester erbleichen sah, fuhr er fort »Beruhigen Sie sich man Schwester, es ist nur 'ne Formensache, man hat Ihren Doktor denunziert – – – aber wir werden die Sache schon deichseln!« Er schob die Schwester beiseite, betrat den kleinen Vorraum, gefolgt von den beiden Soldaten, deren einer Fritz Löhnert war. Fritz hatte am Tage vorher seine alte Felduniform hervorgesucht und war darin nach dem Alexanderplatz gefahren, wo er wußte, daß verschiedene seiner alten Kameraden schwunghaften Straßenhandel betrieben. Fritz war immer ein intelligenter Bursche und tüchtiger Arbeiter gewesen. Seine Meister schätzten ihn. Aber er war bald mitgerissen von dem tollen, undisziplinierten Leben, das alle Klassen wie in einem Höllenkessel umherjagte. Alles schrie nach Geld. Alles spekulierte und jagte dem Genuß nach. Werte waren umgewertet, Begriffe neugebildet, Anschauungen verworfen. Aus der Moral hatte man einen Popanz gemacht. Abenteuer und Gewalt, Selbstbereicherung, Verschwendungssucht, Nichtachtung des Geldes waren die Ideale der Menschheit geworden, die krankhaft sich bemühten, die Qualen des Krieges zu vergessen. So mancher anständige Kerl, der unter normalen Verhältnissen ein guter Volksgenosse geworden wäre, verlor den Halt und tauchte im Nebeltaumel des tollen Durcheinander unter. Rutschte auf der glitschigen Bahn des Verderbens in den Abgrund ... Fritz Löhnert stand unter dem Einfluß Modersohns, dessen Seele keine Skrupeln kannte. Herr Modersohn, einst ein kleiner Inseratenmacher, hatte es verstanden, aus der Konjunktur Kapital zu schlagen. Aus allen möglichen Kriegsgeschäften brachte er es zu einem Rieseneinkommen. Seine Spielleidenschaft jedoch verschlang ungeheure Summen, die er immer wieder aufzuschütten versuchte. Er war ein eifriger Besucher der verschiedenen Klubs, saß aber fast stets auf dem Vulkan. Er riskierte am Bactisch Vermögen. Aber er verstand es, in kurzer Zeit, wieder Geld »heranzuschaffen«. Wie er das machte, blieb sein Geheimnis. In den Klubs hatte man jedenfalls eine große Achtung vor ihm und seiner Kunst, stets wieder flott sein zu können. In seinem Chauffeur erzog er sich einen willigen Helfershelfer. Bei einigen schlau angelegten Schiebungen hatte er ihn schon erprobt und ihm ein gutes Stück Geld zu verdienen gegeben. Modersohn ließ sich nicht lumpen. Wenn er Geld hatte, profitierten die anderen auch davon. So verpflichtete er sich dem jungen Menschen immer mehr. Fritz wurde seine ergebene Kreatur, deren schlechte Instinkte Modersohn durch Geschenke immer wieder hervorzulocken verstand. Auf dem Alexanderplatz standen Verkäufer und Verkäuferinnen mit Zigaretten, Schokolade, Stiefeln, Wolldecken, Anzügen, Damenhemden, Uhren, Juwelen und allerlei nützlichem und unnötigem Krimskram. Soldaten in abgetragenen Uniformen und Sportmützen auf dem Kopf, Männer in feldgrauen Militärmänteln unter denen Zivilhosen und ausgetretene Kavalierlackschuhe hervorkamen, Frauen in Umschlagtüchern und zerrissenen Blusen, alte Männer, junge Burschen, alte Frauen, hübsche Dirnen, alle schrien durcheinander und priesen ihre Waren an. Wie auf einem Jahrmarkt ging es hier im Herzen Berlins zu und die bis zur halben Höhe mit politischen Werbeplakaten beklebte Berolina schaute in ihrer steinernen Ruhe gelassen auf den Ameisenhaufen zu ihren Füßen hernieder. Fritz hatte bald einen Bekannten unter diesen Gestalten gefunden, deren verwegene Züge die Abenteurerlust verrieten. »Mensch, läßt du dir ooch ma wieder sehen?« Fritz war vor einem Mann stehen geblieben, der im modischen Geckenkostüm, nach amerikanischer Art geschnitten, wie ein Typ aus einem Detektivfilm wirkte. Er hatte die Hände in die weiten Reithosen gesteckt und eine Zigarette zwischen den Lippen, deren süßlichen Opiumrauch er in die nicht sehr ozonreiche Luft des Alexanderplatzes stieß. »'n Tag, Willem,« sagte Fritz Löhnert, »was machst du denn hier?« Er handele mit Brillanten und ähnlichen Dingen, antwortete der andere. Zeigte ihm ein paar Ringe, die er aus der Hosentasche zog und deren Steine in der Wintersonne glitzerten. Aber Fritz interessierte sich nicht dafür. Er trat ganz dicht an den Händler heran, flüsterte ihm ins Ohr: »Willste 'n Ding mitdrehen?« Der andere zwinkerte mit dem linken Auge. »Wat zu erben?« »Wieviel?« »Ein Brauner –« »Jemacht!« Wilhelm winkte. Fritz folgte ihm. In dem Hinterzimmer einer kleinen Kneipe in der Gipsstraße war eine lustige Gesellschaft beieinander. Trotz des frühen Nachmittags floß der Champagner in Strömen, das Grammophon spielte und die anwesenden Damen, deren Hüte und Pelze nach der neuesten Mode und von der teuersten Qualität waren, tanzten und sangen dazu die Reefrains der Tagesschlager. Die »Kavaliere« zeigten in ihrer Zusammensetzung eine seltsame Mischung. Nicht alle waren ausgesprochene Verbrechertypen. Man sah einigen von diesen Männern die Losgelöstheit von der gesetzlichen Pflicht wohl an, aber es schien ihnen das Bewußtsein des Unrechttuns verloren gegangen zu sein. Es waren die Mitläufer der Zeit, die im Trüben zu fischen verstanden. Den Mittelpunkt bildeten zwei dicke, satte Bürgererscheinungen. Sie »spendierten«. Sie hatten ein gutes Geschäft gemacht, irgendeine Millionenschiebung und feierten das Gelingen. »Det is woll 'n Pfeifoklok?« sagte Wilhelm, als er mit Fritz Löhnert in das Zimmer trat, in dem blaue Rauchschwaden um die Gaskrone wie Londoner Nebelwolken lagen. »Pfeif 'n bisken mit, wennste willst, Willem«, schrie einer, ein dünner langer Kerl mit einem richtigen Schutzmannsgesicht. »Du,« sagte Wilhelm zu Fritz, »det is der Richtige für den Kriminal, den müssen wa kriejen – –« Nach einer Viertelstunde hatten die beiden mit Karl Bemke, dem Mann, der aussah wie einer von der »Polente«, die Geschichte besprochen und abgemacht. Die Ausstattung als »Kriminal« war in Gestalt einer echten Erkennungsmarke, die aus dem roten Haus am Alexanderplatz gelegentlich entwendet war, bald gefunden. Am anderen Nachmittag ging die Sache von statten, wie auf der Bühne eines Theaters. Doktor Savorek war gerade mit einer Untersuchung fertig. Die Patientin lag noch auf dem langen Operationsstuhl. Schwester Cilly klopfte. Der Doktor schaute erstaunt durch seine Brillengläser auf die Soldaten, deren Helme hinter der weißen Kappe der Schwester blitzten. Aber bevor er noch zu sich selbst kam, hatte der lange Mensch, der seine Erkennungsmarke vorgezeigt, schon das Krankenjournal und die anderen Geschäftsbücher des Arztes an sich genommen. Der Doktor protestierte. Innerlich zitterte er. Denn in seiner Praxis gab es viele sehr heikle Fälle, die mit großer Diskretion behandelt waren. In seinem Rechnungsbuch standen Posten, die mancherlei Schlüsse ziehen lassen konnten. Doktor Savorek verhehlte sich nicht, daß er häufig der natürlichen Entwicklung der Dinge vorgegriffen hatte und daß diese seine Tätigkeit ihm außer viel Geld eine gewisse Reputation verschafft hatte, die gelegentlich gefährlich für ihn werden konnte. Karl Bemke, der falsche Kriminal, arbeitete wie ein gelernter Beamter. Er beschränkte sich auf die Geschäftsbücher und nahm einen Packen Briefe und Mappen mit. Die Geldkassette des Doktors reichte er den beiden Soldaten zu, die angewurzelt an der Tür standen, die Hand am Karabiner. Allerdings nahm Karl die Kassette erst in dem Augenblick, als Doktor Savorek sich zur anderen Tür drehte, durch die eine dicke starke Person ihren roten Kopf steckte, aufgeregt schreiend: »Herr Doktor, kommen Sie schnell, bei Fräulein Guhrauer geht's los!« Die Haussuchungskommission hatte ihre Pflicht erfüllt. Der Kriminal und die Soldaten verließen die Wohnung, nachdem sich Bemke noch sehr zuvorkommend bei Doktor Savorek und auf dem Korridor bei der hübschen Schwester Cilly wegen der Störung entschuldigt hatte. Karl Bemke kannte das Leben und wußte, wie man sich in der besseren Gesellschaft zu benehmen hatte, da er vor dem Kriege Kellner gewesen und in der Welt herumgekommen war. Bei Doktor Savorek hinterließ dieser »polizeiliche« Besuch das schrecklichste Chaos. Die Patienten waren im Angesicht der Sturmhelme und Handgranaten aus dem Sprechzimmer geflohen. Die Schwester Lilly hatte ihre Magenkolik bekommen, eine Folgeerscheinung jeder Aufregung bei ihr. Doktor Savorek selbst war kopflos und nervös und konnte die Operation, zu der er gerufen, nicht vornehmen. Und die dicke starke Hebamme Lehmann bekam einen Schwächeanfall, als ihr der Arzt andeutete, um was es sich handelte. »Allmächt'ger Jott!« schrie sie auf, ließ sich auf einen Stuhl fallen, so daß die Arme schlaff vom Körper hingen. Doktor Savorek ging still in sein Studierzimmer und grübelte vor sich hin ... In einer Seitenstraße der Kaiserallee, in der Nähe der Wohnung des Arztes, wartete Modersohn. Im Rauchzimmer einer kleinen Konditorei, in der junge Mädchen für teures Geld Schlagsahnenersatz und »richtiggehenden« Kuchen aßen, saß Herr Modersohn als einziger Gast und blätterte in den illustrierten Zeitschriften. Es dauerte nicht lange, bis Fritz Löhnert erschien, bereits wieder in Zivil. Modersohn blickte ihn fragend an, als er sich an den Tisch gesetzt. »Na ...?« Fritz nickte und schob ihm die Geschäftsbücher des Doktor Savorek hin, die Modersohn in seine Ledertasche steckte. Als die beiden durch die Kaiserallee gingen, sagte Fritz: »Die zwei Braunen brauchen Sie Bemke und Wilhelm nicht zu zahlen – Bemke hat Savoreks Kasse mitgenommen – – –« Modersohn lachte. Zu Hause studierte er eifrig das Krankenjournal. Und entdeckte darin ein ausgezeichnetes Material, das er gegen Frau Mimi verwerten konnte. – – – Gegen Abend räumte Schwester Cilly in dem Ordinationszimmer des Doktor Savorek die Spuren der »Haussuchung« auf. Dabei entdeckte sie, daß die Kassette des Arztes fehlte. Doktor Savorek sah, daß er Schwindlern in die Hände gefallen war ... und atmete auf – – – Siebtes Kapitel. In der weiten Halle des Hotels »Waldhöhe« wurde der Nachmittagstee gereicht. Das Flackern und Knistern der brennenden Scheithaufen im mächtigen Kamin machten den komfortabel eingerichteten Raum zu einem, ungemein gemütlichen Aufenthalt. Viele Gäste des fashionablen Winterkurortes kamen um diese Stunde in das berühmte Gasthaus, um nach den sportlichen Übungen in der eisstarren Luft eine wärmende Erfrischung zu nehmen, eine kurze Plauderstunde zu verleben und der künstlerisch vollendeten Musik des Hausorchesters zu lauschen. Frau Mimi saß an einem Tisch, der etwas abseits stand, fast versteckt hinter einem hohlen Palmenarrangement. Sie war allein, schaute gelangweilt auf die Menge um sie herum und fing die Blicke ihrer Nachbarn mit Gleichgültigkeit auf. In der Tat war man auf sie seit den paar Tagen, die sie hier zugebracht, aufmerksam geworden. Die sehr schöne junge Frau kam abgespannt, erschöpft in den Bergen an. Selbst die geschickt aufgetragene Schminke konnte die Müdigkeit ihrer Züge nicht übertünchen. Ihre strenge Zurückgezogenheit, ihr Insichselbstverkriechen machte sie zum Rätselspiel der Kurgäste, die mit gesteigerter Neugier sich ihr zu nähern versuchten. Zusehends erholte sich Frau Mimi. Heute hatte ein tüchtiger Spaziergang durch den Schnee, Berge hinauf und hinunter bereits das Gesichtchen gebräunt und der kleinen Nase eine allerliebste kupferrote Färbung gegeben. Sie fühlte sich auch bereits besser. Alles, was hinter ihr lag (diese schrecklichen Vorgänge in den letzten Zeiten in Berlin) schien hinter dem weißen Horizont da draußen zu verschwinden. Mit kurzem Entschluß war sie vor fast einer Woche aus Berlin geflüchtet. Hatte sich von ihrem Direktor Ferien geben lassen, die Koffer gepackt und war, ohne ihr Ziel anzugeben, weggereist. Tante Marie bekam den allerstrengsten Befehl, die Adresse keinem Menschen zu verraten. Selbst Herrn Modersohn nicht ... Dieser Mensch! Zur Verzweiflung gebracht, war sie vor ihm geflüchtet. Wenn sie ihm für ewig aus dem Wege gehen könnte? Die Erinnerung an ihn wurde sie nicht los. Wie ein böser Teufel heftete er sich an ihre Fersen. Selbst hier in der großen gewaltigen Einsamkeit der Natur, zwischen Schnee und Himmel stand er vor ihr. Bei jedem Schritt, den sie tat, dachte sie an ihn. Und wenn sie einmal geglaubt, ihn vergessen zu haben, trat sein Bild wie ein Phantom aus dem Dunkel des schwarzen Lärchenwaldes oder aus dem Blau der glitzernden Grotte, die ein zu Eis gewordener Wasserfall gebildet ... Die Musik spielte leise zitternde Walzerklänge – – – Hatte sie dieser Modersohn hypnotisiert? War sie sein Spielball? Sie dachte an den teuflischen Einfluß, den dieser Mann auf sie ausübte. Mit Schaudern sah sie auf den Sumpf zurück, in den sie ihr »Freund«, wie er sich, damit prahlend, nannte, hineingezogen. Ein Herr war in die Halle getreten. Frau Mimi ließ ihre Blicke länger auf ihm haften, als sie es bisher unter diesen ihr nichts bedeutenden Menschen getan. Irgend etwas interessierte sie an diesem blassen jungen Mann, der, nach einem freien Platz suchend, seine blauschwarz umrandeten, müdeschauenden Augen umherirren ließ. Mit einer stummen Verbeugung nahm er den Sessel, den ihm der Kellner an Frau Mimis Tisch heranschob. Mimi dankte und senkte den Kopf, gedankenlos auf den Teelöffel die vor ihm stehende Cremeschnitte tuend. Der Herr saß eine Weile schweigend da. Die beiden blickten aneinander vorbei, bis irgendein Vorfall ein Gespräch beginnen ließ. Wie es in einem Badehotel die Sitte ist zwischen fremden Menschen, die, von weiten Fernen gekommen, an einem neutralen Ort offener sich geben, als im Zwang der heimatlichen Gesellschaftsvorschriften. Als die Teestunde zu Ende war, hatte Mimi in ihrem Tischgenossen einen wertvollen Bekannten gewonnen. Er war ein junger Ingenieur, der vor kurzem aus englischer Gefangenschaft entlassen, hier oben auf den Bergen seine angegriffene Lunge auskurieren wollte. Er hatte auch seinen Namen genannt, aber Frau Mimi überhörte ihn. Es war ihr gleichgültig, wer er war. Sie hatte nur das Gefühl, daß er ein ganzer Mann sein mußte. Ein Mann, wie sie ihn bisher noch nicht kennengelernt, einer, der arbeiten und Werte schafften wollte, um in der Welt etwas zu gelten. Die Bekanntschaft wuchs zu einem großen Erlebnis für Frau Mimi. Ihr ganzes Sein wurde damit ausgefüllt. Sie wußte nicht, ob sie verliebt war oder was sonst dieser erste Eindruck bedeutete, den der einfache, sich diskret zurückhaltende junge Mann auf sie machte. Gleich am ersten Abend knüpften sich ihre Bande enger. Es war ihnen beiden, als ob sie schon alte gute Freunde wären, so hatten sich ihre Seelen gefunden. Die von Modersohn aufgepeitschte Nervosität beruhigte sich unter dem zarten Liebesgeplänkel, das sich still und leise zwischen ihnen spann, wie Sonnenfäden im dunklen Föhrenwald. Der junge Ingenieur, dessen Mittel nicht sehr reichlich zu sein schienen, wohnte in einem bescheidenen Gasthof und war bisher nur zum Tee in das vornehme Hotel gekommen. Jetzt verbrachte er jede freie Minute dort oder durchstreifte an der Seite der eleganten Schönen die Wälder, und rodelte und bobste mit ihr. Er war ihr ausgesprochener Kavalier, die Kurgesellschaft hatte Stoff zur Unterhaltung und die Chronique skandaleuse bereitete sich vor diesem Flirt eins ihrer unbeschriebenen Blätter zu widmen. Der »Herr Doktor«, wie ihn Frau Mimi kurz nannte, war ohne zu wollen, ein scharf beobachtetes Objekt geworden, das während der Teestunde nicht aus den vielen blauen, schwarzen, grünen und grauen Augen gelassen wurde. Aber Frau Mimi hatte ihren »Doktor« ganz für sich in Beschlag gelegt. Sie klammerte sich ordentlich an ihn, als wenn sie von ihm Rettung ahnte aus dem Wirrwarr, in das sie dieser leichtsinnige Abend damals mit Modersohn gebracht. – – – Mitten in der Nacht fuhr sie aus schwerem Traum empor. Der Nordwind rüttelte an den Fenstern und der Schneesturm heulte. Tausend Gedanken fuhren ihr durch das Hirn, hetzten sie, scheuchten sie auf, so daß sie keinen Schlaf finden konnte. Modersohns zynisch lächelndes Bild stand vor ihr, lockend mit grausamen Blicken. Ganz wie er sie angeschaut am letzten Abend vor ihrer Flucht, im Spielsaal ... Auf sein Geheiß, unter seinem Zwang, hatte sie aus ihrer Wohnung einen Spielklub machen müssen. Einen in aller Form eingetragenen Klub. Modersohn fand den Namen dafür: einen harmlosen, nichtssagenden Namen. Er nannte den Klub den »Klub der Zwölf«, versandte wunderhübsch gedruckte Einladungskarten, besorgte einen Koch und die zum Service nötigen Diener. Dann ließ er eine Unmenge Lebensmittel hinschaffen, die er auf allerlei Wegen erstanden, nahm in Onkel Ferdinands Weinkeller ein Inventar auf und bestimmte die Verkaufspreise, die den hochgeschraubten Zeitverhältnissen entsprachen. Herr Modersohn, kurz gesagt, ergriff Besitz dieser reizenden behaglichen Wohnräume, die noch den guten Geschmack des guten seligen Ferdinand Grünmeier verrieten, die den Stempel jener ruhigen Epoche trugen, wo das Geld noch metallischen Glanz zeigte und man in den Taschen klimpern konnte. Herr Modersohn fuhr mit energischer Faust in die träumerische Stille der Wohnung am Kurfürstendamm. Frau Mimi sah mit schweigendem Entsetzen, wie ihr Freund sich über alle Traditionen hinwegsetzte. Das große Eßzimmer wurde ausgeleert. Die schweren flämischen Möbel auf den Boden gestellt. Bei Gelegenheit sollten sie verkauft werden. Jetzt wäre die Zeit, wo man für »alte Klamotten« (Herr Modersohn liebte drastische Bezeichnungen) Riesensummen erzielte. Dann kamen Spieltische, Klubsessel, Stühle, Korbgarnituren an, die die herrlichen antiken Möbel Ferdinands ersetzten. Platz mußte geschafft werden. An den Wänden wurden die Landschaftsbilder durch leuchtende weibliche Akte abgelöst. Die Kristallüster wichen niedrighängenden beschirmten Beleuchtungskörpern. Und in der Mitte des Eßzimmers, das eine saalartige Ausdehnung hatte, prangte der lange Bactisch, umkränzt von 14 Stühlen. In der Eröffnungsnacht ging es hoch her. Modersohn hatte eine Schar Schlepper in Bewegung gesetzt, die über zweihundert Spieler und Spielerinnen in den neuen Klub brachten, wo sie ein unerhört delikates Büfett vorfanden, gratis und zur freien Verfügung. Man hielt sich an den Leckerbissen schadlos, wenn man am grünen Tisch verlor, aber Modersohn verstand es mit großem Raffinement den Gästen ein angenehmer Wirt zu sein. Er ließ den Sekt in Strömen fließen und hielt dabei, was für ihn die Hauptsache war, das Spiel in höchster Spannung. Er trieb durch Strohmänner die Banken in die Höhe und konnte Riesensummen als Spielgelder einkassieren. Frau Mimi mußte die liebenswürdige Wirtin vorstellen. Die sogenannte »gnädige Frau«. Modersohn war hinter ihr wie ihr Schatten. Er befahl ihr dies oder jenes. Er stieß sie dahin oder dorthin. Überall mußte sie mit eingefrorenem Lächeln, wie auf der Bühne, die Honneurs machen. Wie eine Puppe im Kasperletheater zog er sie an der Strippe. Er freute sich, wenn die Männer, die sie von der kleinen Bühne Fasanenstraße her kannten, sie mit gierigen Blicken verzehrten, wenn die Frauen in ihren übertriebenen eleganten Toiletten, in ihren zur Schau gestellten Blößen, mit ihrem Millionen werten Geschmeide mit Frau Mimi wetteiferten. Und er sonnte sich im Besitze dieser Frau, die er als Aushängeschild neuen Klubs gebrauchte. Bis zum nächsten Vormittag ging der Betrieb in der Eröffnungsnacht. Aber die folgende Nacht zeigte dasselbe Bild. Eine Nacht wie die andere. Frau Mimis Ruhe war dahin. In der Küche, in der jetzt Herr Müller, der Koch, schaltete und waltete, hatte Tante Maries Herrschaft aufgehört. Überhaupt in der ganzen Wohnung war kein Plätzchen mehr, wohin die gute alte Dame sich hätte zurückziehen können. Selbst das kleine Zimmerchen, in dem sie ihren Lebensabend verbrachte, hatte man zur Vorratskammer umgewandelt. Und die ganze Wohnung roch nach kaltem Tabak, der in die Nase biß, Übelkeit verursachte, die Räume verpestete. Frau Mimi verließ während des ganzen Tages jetzt niemals ihr Schlafzimmer. Sie fürchtete sich vor diesen Zimmern vorn, die im Tageslicht wie Leichenfelder aussahen. So wirkten diese Spieltische in der Beleuchtung des fahlen Wintertages. Aber Abends zauberten die elektrischen Kerzen den Traum von der Jagd nach dem Glück. Da tanzte das Glück in sprunghaften Pirouetten über den grünen Tisch, da grinste die Leidenschaft aus allen Winkeln und Ecken, da schlug die Unvernunft das Gewissen tot. An diesen Hexensabbat dachte Frau Mimi, des Nachts, da der Schneesturm vor ihren Fenstern heulte, dort oben im kleinen Zimmer des Hotels »Waldeshöhe«. Und sie zog schaudernd die Decke über den Kopf und schloß die Augen. Aber sie konnte keine Ruhe finden: sie wußte, daß sie verloren war. Modersohn hatte ihr Andeutungen gemacht, daß er jeden Augenblick imstande wäre, sie zu zwingen, wenn sie sich von ihm zurückziehen würde. Wußte er, daß sie die Bestimmungen des Testaments verletzt hatte? Sie knipste die Nachtlampe an. Die Dunkelheit legte sich ihr wie ein Alb auf die Brust. Sie wollte lesen. Blätterte in einem Buch. Aber die Zeilen schwammen vor ihren Augen. Modersohn ... Der Teufel in eigener Person – – – Sie wollte Tante Marie kommen lassen und mit ihr nach einer anderen Stadt ziehen. Nicht mehr zurück nach Berlin – – – Sie löschte das Licht. Der Sturm heulte. Die Fensterscheiben klirrten. Wenn er die Geschichte von dem Kind erfährt, dachte sie, wird er mich ganz in der Gewalt haben. Sie schüttelte sich. Nur das nicht – – – o Gott! ... Das Zimmermädchen stand vor ihrem Bett, In der einen Hand einen Riesenstrauß, in der anderen ein Telegramm. Frau Mimi war plötzlich erwacht. Also hatte sie doch noch den Rest der Nacht geschlafen. Aber ihre Glieder waren zerschlagen. Ihr Kopf schmerzte. Sie griff zu den Blumen, die sie zärtlich betrachtete. Der gute Doktor ... Dann öffnete sie das Telegramm. »Komme sofort zurück, widrigenfalls ich Dich hole ... Modersohn.« Sie starrte wie entgeistert auf das Blättchen geknifften Papieres. Woher wußte er ihren Aufenthalt? Aber wie unter einer Suggestion schellte sie, sagte dem wiedereintretenden Mädchen, daß sie noch heute abreisen würde. Ja, sie mußte wieder zu Modersohn zurück ... Die Rosen stellte sie in eine Vase. Nahm die Visitenkarte, die daran geheftet war, ab, las die zärtlichen Worte ihres neuen Verehrers. Dann wendete sie die Karte um. Da stand sein Name. Sie starrte auf die lithographierten Buchstaben: »Doktor Paul Grünmeier«. Grünmeier? In diesen wenigen Tagen, da sie des jungen Mannes Verkehr sich erfreut, hatte sie niemals nach seinem Namen gefragt. Er war für sie der »Doktor«. Das genügte ihr. Was galt ihr Name, Stand, Reichtum? Sie hatte in ihm zum erstenmal den Menschen kennengelernt und ihre Zuneigung gehörte eben aus diesem Menschen an sich und war nicht abhängig von äußeren Umständen. Erst seit gestern, da sie im Schlitten durch den schneienden Wald fuhren, eng aneinandergeschmiegt, in der Mitte der Natur ihre Herzen in einem Pulse schlagend, wußte sie, daß sein Vorname Paul war. Und sie hatte ihm gesagt, daß man sie Mimi rufe und daß sie Witwe wäre – – – eine kleine Notlüge. Und er hieß Grünmeier, genau wie der selige Ferdinand? Wenn er ein Verwandter des Verstorbenen wäre und von ihr erführe ... Sie schämte sich. Zum erstenmal schämte sie sich ihrer Vergangenheit. Und sie schrieb Herrn Doktor Paul Grünmeier, daß sie mit dem Mittagszug nach Berlin reisen müßte, da sie ein dringendes Telegramm erhalten habe. Für die entzückenden Rosen danke sie herzlichst. Nichts weiter. Sie erwähnte nichts von Wiedersehen. Sie schämte sich ... Achtes Kapitel. Herr Modersohn war kein Langschläfer. Er saß in seinem kleinen Bureauzimmer, gestiefelt und gespornt, rasiert und bereits mit der Zigarre im Munde, die das reichlich eingenommene Frühstück verdauen half. Trotzdem er gewohnt war, die Nacht zum Tage zu machen, kannte er keine Müdigkeit. Seine Riesenkräfte brauchten nur wenig Schlaf. Ein paar Stunden zwischen fünf und acht Uhr in der Frühe, das genügte ihm. Oder des Nachmittags gleich nach dem Essen ein Nickerchen im Klubsessel. Seine Elastizität und sein stetig arbeitender Geist hielten ihn wach. Das kleine Bureauzimmer hatte zwei Türen, von denen die eine in die anstoßende Wohnung führte, während die andere auf den Korridor ging, genau gegenüber dem Treppeneingang. Beide Türen waren mit dicken Polsterwänden überdeckt, die das Zimmer vollständig schallsicher machten. Auch andere Vorsichtsmaßregeln hatte Modersohn vorgesehen. Auf dem Schreibtisch stand ein dem flüchtigen Beobachter kaum bemerkbarer Apparat, eine Art Aschenbecher mit einer japanischen Bronzefratze, in der zwei verschiedenfarbene Augen eingesetzt waren: Signalzeichen. Die Verbindungstür hatte einen besonderen Trick. Hinter ihr stand ein großer Bibliotheksschrank, der in dem anschließenden Herrenzimmer mit seinen schöngebundenen Büchern einen harmlosen Eindruck machte. Dieser Schrank hatte einen doppelten Innenraum, in dem sich ein Mensch verstecken konnte. Modersohn, der immer darauf bedacht sein mußte, daß die Behörde sich mit ihm befassen konnte, hatte diesen Schrank für solche unliebsamen Besuche eingerichtet. Fritz, der Chauffeur, Diener und Helfershelfer in einer Person war, brauchte im Korridor nur unauffällig auf einen Taster zu drücken, um seinen Herrn zu warnen. Sobald die Glocke im Entree läutete, blitzte, nachdem der Besucher eingetreten, auf dem Schreibtisch ein gelbes oder ein grünes Auge auf. Gelb bedeutete Gefahr, grün: gut Freund. So saß Herr Modersohn in seinem Bureau, verbarrikadiert gegen alle Überfälle. Frau Mimi mußte um diese Zeit in Berlin angekommen sein. Modersohn blickte auf seine Armbanduhr. Die Entreeglocke läutete. Sollte es Mimi sein? Eine Unruhe hatte ihn gepackt. Ein Gefühl der Sehnsucht zitterte in seinem Herzen. Verdammt! Er brauchte das Frauenzimmer. In den vierzehn Tagen, in dem sie ihm ausgewischt, vermißte er sie. Hatte sich an das Weib gewöhnt. Die Schönheit der blonden Frau wollte er nicht mehr entbehren – – – Er stieß nervös dicke Rauchwolken gegen die Decke. Verliebt? Lachte vor sich hin. »Nee, mein Lieber, so was gibt's nicht«, murmelte er. Aber er war enttäuscht, als Fritz eintrat und meldete: »Der Niederhuber ist da – – – der mit den Sacharinkisten – na Sie wissen doch?« Modersohn nickte zerstreut: »Soll 'rein kommen!« Er hatte das grüne Signal übersehen. Weiß Gott, hatte an das Mädel gedacht. Das Mädel würde ihm noch das Geschäft verderben, das Frauenzimmer mit ihren Launen und Empfindsamkeiten. Wenn er sie auch nicht liebte, wollte er ihren Besitz keinem anderen gönnen. Die Geschichte mit ihrer Heirat. Der Herr Adolf Grünmeier und Frau Mimis Million? Modersohn legte die Zigarre in eine Schale und reckte sich. Wollen wir schon klein kriegen, diese Million. Dann heiraten wir das Mädel selber ... Er lächelte noch, als der vierschrötige Niederhuber eintrat. »Also die Geschichte läuft?« »Ham'mer schon, Herr Direktor«, antwortete der andere, holte aus allen Taschen Packen mit Banknoten hervor, die er auf den Tisch legte. »Gut – – – Wieviel?« »45 000 Mark auf Ihren Teil«. »Na – und der Sacharin?« »A bissel Sägspähne und a Weng Sand war schon beigemischt – aber dös mocht halt nix!« Die beiden lachten. Niederhuber legte sich über den Schreibtisch. »Sie, passen's auf, a neie Affär hab ich: zwei Waggons mit Benzin, die in Passau verlorengegangen soan – – –« Er wartete mit schlauem Augenblintzeln auf Modersohns Antwort. Modersohn nickte interessiert. »Brauchen mer halt so a Hunderttausender dazu!« Modersohn sprang auf, ging im Zimmer auf und ab, überlegte. Suchte in Gedanken nach einem Kapitalisten unter den Geschäftsfreunden. Blieb vor Niederhuber stehen, sah ihn scharf an. »Können Sie garantieren, daß die Waggons nach Berlin gelangen?« Niederhuber warf sich in die Brust. »No – wenn's Eahna der Niederhuber wos sagt, haben's schon emal g'sehen, daß er Eahna wos unrecht gesagt hat?« »'s kost halt a bissel«, fuhr er fort und machte die stereotype Daumenbewegung des Zahlens. »Kommen Sie am Nachmittag um vier Uhr nochmal herauf – ich werde die Hunderttausend aufbringen – –« Als Niederhuber gegangen, blieb Modersohn am Schreibtisch stehen, trommelte in Gedanken versunken auf der Tischplatte. Wo das Frauenzimmer bleibt! Warum läutet sie ihn nicht an? Fritz steckte den Kopf durch die Tür, machte ein Zeichen. »Was ist?« Fritz sagte, indem er nach hinten deutete: »Wilhelm und Karl sind draußen – – von wegen heute abend!« Das Telephon klingelte. Modersohn führte den Hörer ans Ohr. Mimi ... Endlich. »Bist du wieder da, mein Täubchen?« Einen Augenblick lang zitterte Modersohns Stimme von verhaltener Leidenschaft. Ob sie bei ihm frühstücken wollte? Nein? – – Er sähe ein, daß sie von der Reise zu müde wäre, aber er käme zu ihr – – »Auf baldiges Wiedersehen – du Ausreißer!« Er ertappte sich auf einer Gefühlsduselei, die ihm sonst fremd war. Dann, als er den Hörer auf den Apparat gelegt, fiel sein Blick auf Fritz, der während des Telephongespräches an der Tür gestanden. Modersohn fing seines Dieners Lächeln auf. »Was grinst du, Dummkopf?« Fritz stand stramm wie vor seinem Feldwebel. »Die Kerls sollen 'reinkommen – – –« brüllte Modersohn. Ihm war es sichtlich unangenehm, sich vor Fritz eine Blöße gegeben zu haben. Karl Behmke und sein Freund, der unter dem Namen Wilhelm bekannt war, traten ein. Sie versuchten, einen gewissen familiärvertrauten Ton anzuschlagen. Aber Modersohn wies sie sofort in die Schranken, fragte kurz und schroff: »Was gibt's, meine Herren?« Die beiden sahen sich verdutzt an. Waren nicht gewöhnt, formell genommen zu werden. Karl begann: »Die Sache in der Speyrerstraße ham mer ausbaldowert. Ganz leicht zu machen. Die Dowbacke von Aufpasser unten an der Türe ist mit dabei. Und der Lausejunge, den Se mit'n Schlüssel runterschicken, kriecht eens uff'n Kopp, wenn er nich uffmacht –« Wilhelm nickte bestätigend. »Das Lastauto ist bestellt?« fragte Modersohn. »Jawoll! Und zwee Kameraden machen ooch mit ... Fritze bringt Ihnen denn den Zaster nach'n Kurfürstendamm.« »Det heeßt,« wendete Wilhelm ein, »dieset Mal wer'n wer uns erlauben, unse Provision vorher abzuziehen, vastehste?« Er lächelte höhnisch. »Von wejen de Mißverständnisse, Herr Derekter!« Wilhelm verbeugte sich, in komischer Art die Manier der guten Gesellschaft persiflierend. »Also meinetwegen – laßt euch nur nicht erwischen – ihr wißt: ich wasche meine Hände in Unschuld, Jungens!« sagte Modersohn, voller Unruhe nach der Uhr schauend. Er mußte sie wiedersehen. Gleich. Es duldete ihn nicht mehr in seiner Wohnung. Eine rasende Sehnsucht nach ihr verzehrte ihn. Er schob die beiden Besucher aus der Tür, nachdem er ihnen eine Kiste mit Zigarren hingehalten, aus denen jeder ein paar Stück genommen. Dann klingelte er seinem Diener. »Schnell das Auto, Fritz!« Er drückte sich in die Kissen des Wagens. Alle seine Gedanken waren auf Mimi gerichtet. Er fühlte seine Pulse schneller schlagen, sein Herz sich zusammenkrampfen – – – »Herr des Himmels! Bin ich von Sinnen?« Er steckte eine Zigarre an. Ließ langsam den Rauch zwischen den Lippen hervor. Mit einem Male hatte er seine Kaltblütigkeit wieder. Das Auto bog in den Kurfürstendamm ein. Das Teufelsmädel! Er hatte es nach zwei vollen Wochen erst fertig gebracht, ihre Adresse zu erfahren. Durch ein Detektivbureau. Das Frauenzimmer war ihm ausgerückt. Ihm, Modersohn, dem die Weiber nachliefen, daß er sich vor ihnen nicht retten konnte. Er brauchte diese Mimi. Ihr Körper gehörte ihm. Sie war das Instrument, dem allein er die Melodien seiner Leidenschaften entlocken konnte. Nur sie – – – Und ihr Geld? Jetzt dachte er wieder kühl und geschäftsmäßig. Die Hunderttausend für die Passauer Waggons sollte sie geben ... Als das Auto vor Mimis Haus hielt, stürzte er liebestrunken die kurze Treppe hinauf. Stürzte an Tante Marie vorbei, die ihm nachrief, daß das arme Kind schliefe und er um Gotteswillen leise auftreten möchte. Aber geradenwegs in das Schlafzimmer stürzte er. Blieb einen Augenblick vor dem Bett stehen, in dem Mimi in tiefem festen Schlaf lag, den kleinen Mund geöffnet, die Backen gerötet. In dem Halbdunkel, das die herabgelassenen Jalousien verursacht, erschien sie wie ein Traumbild, konturenlos. Modersohn war gebannt von der Übermacht der Schönheit, die in dem weißen Linnen wie auf einem Altartuch ausgebreitet war. Aber die Leidenschaft übermannte ihn. Mit brutaler Gewalt riß er die Schläferin empor, umarmte sie und drückte brennende Küsse auf ihre Lippen. Mimi war jäh aufgewacht. Noch halb im Schlaf ließ sie alles mit sich geschehen. Aber dann, als sie ihn neben sich liegen sah, wie seine gierigen Blicke über ihre Nacktheit flogen, schüttelte sie Entsetzen und Grausen und sie sah den Spuk im schwarzen Lärchenwald da oben in den schneebedeckten Bergen, wo Paul heute auf sie warten würde. Paul ...! Die Küsse des Mannes an ihrer Seite erdrückten sie. Sie mußte sich aus seinen Klauen retten – – – Während sie seine Liebkosungen erduldete, dachte sie an die Möglichkeiten, der Schlinge zu entkommen. Jetzt, nachdem Modersohn seiner Begierde Genüge getan, trat die kühle Berechnung bei ihm ein. »Ich brauche heute hunderttausend Mark, mein Täubchen!« sagte er. Mimi starrte ihn verständnislos an. »Ja – zu einem großen Geschäft. Wir verdienen das Doppelte daran: eine Benzinlieferung. – – – Aber ich muß das Geld gleich haben.« Als Mimi nicht antwortete, fuhr er fort: »Schreibe mir einen Scheck aus – jetzt ist es noch nicht 12 Uhr. Ich fahre gleich nach deiner Bank und löse ihn ein!« Modersohn hatte wieder seine streng bestimmende Art zu sprechen. Nichts von Liebesgirren war in seiner Stimme. Hart und kalt klangen seine Worte. Mimi drangen diese Worte wie kalte Eisen ins Gehirn. Sie verfolgte Modersohn, der an die Frisiertoilette getreten war und aus dem Reisenecessaire, das dort lag, das kleine Scheckbuch gezogen hatte. Er schrieb den Scheck mit der Füllfeder aus und reichte ihn Mimi zur Unterschrift ins Bett. »So, mein Täubchen – in acht Tagen hast du hundert Mille verdient!« Mechanisch unterschrieb Mimi. Sie wußte daß sie alles tun mußte, was dieser Mensch von ihr verlangte. Als er von ihr gegangen war, schrie sie auf: »Paul ...!« Neuntes Kapitel. Der Polizeipräsident hatte den Kriminalkommissar Kimbell zu sich rufen lassen: »Heute nacht ist schon wieder einer dieser wilden Spielklubs ausgehoben worden – – wir hätten noch nicht einmal etwas davon erfahren, wenn nicht der Schutzmann Kaedeke dazu gekommen wäre ...« »Als die Geschichte vorüber war – höchstwahrscheinlich?« vollendete Kimbell, nicht ohne ein klein wenig malitiös zu lächeln. »Ja,« antwortete der Präsident, »die Kerls gehen sehr geschickt zu Werke – das ist nun in einer Woche der vierte Überfall und die Klubs melden ihr Mißgeschick nicht einmal – – –« »Werden sich auch hüten – bezahlen lieber die paar Tälerchen und lassen sich nicht von uns in die Suppe spucken!« Der Präsident nahm eine strenge Amtsmiene an. »Hören Sie mal, Kimbell, mit Witzen und dergleichen ist hier nichts zu machen. Wir müssen gegen diese Räuber energisch vorgehen. Es hat den Anschein, als ob das eine wohlorganisierte Bande ist.« »Wenn Sie wünschen, Herr Präsident, werde ich sofort das Nötige veranlassen. Ich garantiere Ihnen, daß ich dahinter kommen werde.« »Bin überzeugt, lieber Kimbell,« lenkte der Präsident ein, »wenn Sie ein Ding in die Hand nehmen, habe ich keine Bange für ein Mißlingen.« Kimbell verabschiedete sich. Er überlegte, wo er einsetzen sollte. Die Aufgabe, die er soeben übernommen, war keine leichte. Zu diesem Morast, in dem sich das gesamte gesellschaftliche Leben der Großstadt herumwälzte, war es umso schwieriger eine feste Spur zu finden, als alles, Männlein und Weiblein, ineinander verkettet waren. Ein dicker Knäuel der Leidenschaften. Alles spielte. Alles jagte dem Glück nach, dem Glück des Augenblicks. An allen Ecken und Enden taten sich Klubs auf, in denen Riesensummen in ebenso viel Minuten von einer Hand in die andere umgesetzt wurden, wie sie früher in Jahren, ja in Jahrzehnten durch harte Arbeit erworben werden mußten. Ein Taumel, dem Wahnsinn nahe, hatte die Menschen ergriffen, sie in die Säle getrieben, wo über die grünen Tische die gläserne Kugel rollte, auf denen Frau Fortuna ihren obszönen Dirnentanz vollzog. Ein Paroxysmus der Sinne ... Ein Veitstanz des Unverstandes ... Wie eine schlimme Seuche war die Spielwut über die Menschen gekommen, hatte das ruhige Denkvermögen vergiftet, sich auf das Gehirn gelegt. Und wie ein irrlichtfunkelnder Elfenspuk huschte es lockend vor ihren spielgierigen Augen und zog es an den tiefen Abgrund, in den sie unrettbar hinabstürzten ... Kimbell mußte ein Mittel finden, um die spröde Materie beherrschen zu können. Es bedurfte nicht erst des Hinweises des Präsidenten, um ihn auf die Verbrechen, die mit dieser Spielleidenschaft in engem Zusammenhang standen, aufmerksam zu machen. Nun, da er den bestimmten Auftrag erhalten, wollte er sich ernstlich damit befassen. Er machte sich ein wenig zurecht, so daß er einem wohlsituierten Kaufmann aus der Provinz ähnlich sah und ließ sich mit einem Auto nach einem Klub fahren, wo er wußte, daß zu dieser Mittagsstunde ein für die Zeitverhältnisse sehr reichliches und nicht zu teures Essen gereicht wurde. Ohne viel Umstände wurde er Mitglied des Klubs. Er brauchte nur seinen Namen (Fabrikant Merker aus Chemnitz) einzuschreiben. Der Vorstand war sehr erfreut über diesen neuen Gast, führte ihn höchstpersönlich in das Speisezimmer, wo an einer langen Tafel eine Gesellschaft von Herren saß. Man führte erregte Gespräche. Die Unterhaltung drehte sich um die Überfälle und besonders über denjenigen der letzten Nacht. Kimbell hatte in die richtige Kerbe gehauen. Hier würde er auf die Fährte kommen. Ein breitschulteriger Herr stand auf und seine riesenhafte Gestalt schien sich auf die Tischgäste zu legen, schien die Unterhaltung jäh niederzudrücken. Unter seinem Kneifer blitzten die kleinen Augen höhnisch ironisierend. »Na,« sagte er mit kalter Gleichgültigkeit in der Stimme, »mir sollte mal so 'n Kerl an die Brieftasche kommen, ich schlage ihn einfach nieder – – –« »Aber die schießen!« »Ach was,« lachte der andere, »Schießen? – – So leicht schießt keiner – – und übrigens, wissen Sie denn nicht, meine Herren,« fuhr er fort, »daß das Brillantenkollier, das die Räuber heute nacht der Gräfin Grindenau abgenommen haben, Simili war?« Kimbell hörte gespannt zu. Woher hatte dieser schwarzhaarige Herr, dessen in der Mitte gezogener Scheitel ihm etwas Amerikanisches gab, diese Wissenschaft? »Sie waren wohl dabei gewesen«, fragte einer der Herren lachend. »Oder haben der Gräfin was darauf pumpen sollen?« meinte sein Nachbar. Aber der Riese hörte nicht auf die Neckereien und sprach leise mit dem Spielleiter, der an der Verbindungstür zum Bacsaal stand. Der Spielleiter schrie plötzlich in das Speisezimmer hinein: »Herr Modersohn hat 15 000 Mark für eine Bank geboten. – Bietet einer der Herren mehr?« Alle anderen Interessen waren im Nu verflogen, wie ein heißer Wüstenwind war die Ankündigung aus dem Munde des Spielleiters über die Herren gekommen. Die Welle der Leidenschaften hatte sich über sie gewälzt und sie rettungslos an den grünen Tisch geschleudert. Kimbell folgte den Herren unter den letzten, die das Speisezimmer verließen. »Modersohn?« Ihm war es, als ob er den Namen in den Polizeiakten gelesen hätte. Dieser Herr schien auf dem Präsidium nicht unbekannt. Als das Spiel im Gange war, verschwand er in der Telephonzelle, wo er sich mit der zuständigen Stelle des »roten Hauses« verbinden ließ. »Modersohn? – – – Verdächtigt, bei der großen Zuckerschiebung beteiligt zu sein – Aufpassen, der Mann spielt sehr hoch und scheint allerhand dunkele Geschäfte zu machen. Aber man kann ihm nichts beweisen ...« so lautete die Auskunft. »So so, Herr Modersohn,« dachte der Detektiv Kimbell, als er nach einigen Minuten auf einem hohen Kiebitzstuhl am Bactisch saß, gegenüber dem Bankhalter, »also Sie sind so einer, dem man nichts beweisen kann?« Herr Modersohn aber schlug eine Neun auf und gab eine Suite. Er nahm die mit Chips bis zum Rand gefüllte Boite, wechselte die Spielmarken an der Kasse um und verließ den Klub. Sein Tagesbedarf war gedeckt. »Wenn diese dumme Pute von Gräfin den echten Schmuck um ihren vertrockneten Hals gehabt hätte, würde sich die kleine Angelegenheit gestern Nacht gelohnt haben –« Im Auto, das ihn nach dem Kurfürstendamm zu Frau Mimi führte, sprach er halblaut vor sich hin. »Die Bank hat fünfundreißig Mille gebracht – – Hätte auch schief ausgehen können, aber der Schmuck wäre mindestens seine dreihunderttausend Mark wert gewesen – –« Kimbells Auto hielt zwanzig Meter entfernt von Frau Mimis Haus, in dem Modersohn verschwand. Kimbell folgte. Der Chauffeur des eleganten schwarzlackierten Autos beugte sich ein wenig von seinem Führersitz heraus und schaute dem Manne nach, der hinter seinem Herrn in das Haus trat. Kimbell sah den Lichtspalt der geöffneten Korridortür im ersten Stock und hörte dann die Tür ins Schloß fallen. Er ging die Treppen hinauf und las auf dem Messingschild: »Mimi Schwarz.« Dann stieg er wieder die Treppen hinab und klopfte an dem Fensterchen der Portierloge. Ein alter graubärtiger Mann öffnete, mißtrauisch hinaufblickend. »Kann ich eine kleine Auskunft von Ihnen erhalten,« fragte Kimbell und fügte hinzu: »ich komme im Auftrage des Auskunftsinstitutes ›Treue‹?« Kimbell trat in die kleine Stube, nachdem der Portier die Tür aufgemacht. Ein Fünfmarkschein glättete den immer noch fragend zweifelnden Gesichtsausdruck des Herrn Zerberus. Es handele sich um eine Auskunft über den Vermögensbestand der Frau Mimi Schwarz, erklärte Kimbell. Ach die –! Na, um die Schwarz brauchte sich kein Mensch zu sorgen, das wäre eine anständige Person und Geld hätte sie wie Heu – 'ne Million oder so ähnlich – – Die Auskunft lautete sehr günstig. Als Kimbell im Begriff war, zu gehen – er stand auf der ersten Stufe der kleinen Treppe, die in den Hausflur führte – sagte der Portier: »Und überhaupt, wo doch jetzt jeden Abend da oben gespielt wird ...!« Kimbell lächelte. »Natürlich – sie führt ein großes Haus, was?« »'n richtiger Klub ist oben – unsereins verdient 'n schönes Stück Geld dabei – Nun, wissen Sie, da braucht keiner Bange zu haben, bei der Frau Schwarz ist alles goldsicher!« Kimbell zündete sich eine Zigarre an und reichte dem Portier auch eine aus dem Etui, die der alte Mann mit gewisser Hochachtung in den Fingern drehte. Dann trat der Detektiv auf die Straße und ging eilig an dem schwarzlackierten Auto vorbei, das immer noch vor dem Hause hielt. Der Chauffeur blickte ihm kopfschüttelnd nach... Modersohn hatte inzwischen mit Frau Mimi eine ernste Unterhaltung gehabt. Er war ihr mit dem Vorschlag gekommen, sie zu heiraten. Mimi bekam einen ungeheueren Schreck, als sie in dieses Mannes Gesicht blickte, der wie ein Hypnotiseur ihr seinen Willen aufzwang. »Aber das geht doch nicht«, sagte sie. »Was ich will, geht«, antwortete Modersohn. »Und das Testament, das mir das Heiraten verbietet?« Modersohn lachte. »Die Million? – – Die werden wir vorher in Sicherheit bringen, mein Täubchen.« Er sagte das bestimmt und entschieden, so daß Mimi ihn mit sprachlosem Erstaunen anblickte. »Wenn ich dich heirate, wirst du arm wie eine Kirchenmaus sein, verlaß dich nur darauf – – aber wir wollen das schöne Geld dann zusammen mit Ruhe verzehren.« Frau Mimi schrie auf. »Nein, niemals! Das tue ich nicht. Ich will keine Verbrecherin werden – –« Modersohn blinzelte unter seinem Kneifer. »Schäfchen – du bist wirklich ein ganz dummes Schäfchen – – wer will dich denn zu einem Verbrechen verleiten? ... Sehe ich aus wie ein Verbrecher?« Er näherte sich ihr, wollte zärtlich werden. Die zitternde Angst, die sich auf ihren Zügen zeigte, machte sie noch schöner in ihrer Hilflosigkeit. Aber sie stieß ihn zurück. »Rühre mich nicht an – ich hasse dich! – Laß mich–« Ihre Stimme überschlug sich. Ihr ganzer Körper zuckte. Modersohn stand ruhig da. Er nahm lässig eine Zigarette aus dem Silberkasten, der auf dem kleinen Rauchtisch stand, und setzte sie umständlich mit seinem Taschenfeuerzeug in Brand. Rauchte ein paar Züge und sagte, indem er seine Blicke durchdringend auf die ihn unter Tränen angstvoll anschauende Mimi richtete: »Du bist wirklich ein Schäfchen – – wenn du glaubst, daß ich mich einschüchtern lasse ... Apropos, mein Täubchen, wie ist das übrigens mit dem Kind, das von dir in der Weltgeschichte herumläuft, ganz im Gegensatz zu der Bestimmung des berühmten Testaments?« Er warf die halbaufgerauchte Zigarette in die Aschenschale. Mimi war es, als wenn sich ein unsichtbarer Strick um ihren Hals gelegt hätte, der sie erdrosseln wollte. Woher wußte er das? Aber er ließ sie nicht lange im Zweifel. Er hatte die Hände in die Hosentaschen gesteckt und sagte, jedes Wort einzeln betonend: »Ich habe alle Beweise in den Händen – Das Krankenjournal des Doktor Savorek liegt in meinem Safe zu Hause, wohl verwahrt.« »Adieu, mein Täubchen,« fuhr er fort, nachdem er einige Minuten lang Mimi betrachend und eine Operettenmelodie leise vor sich hinsummend dagestanden hatte. »Ich glaube, es gibt nicht viel zu überlegen – nicht wahr?« Als er die Tür in der Hand hatte, drehte er sich noch einmal um. »Übrigens, ich habe ganz vergessen: Am nächsten Sonnabend werden wir bei dir ein kleines Abendessen veranstalten, einige der ganz großen Spielkanonen haben mir ihren Besuch zugesagt. Ich lasse heute noch die Einladungen fortgehen. Das Nötige für das Essen besorge ich schon – Adieu, mein Täubchen!« Unten vor dem Auto, als er einzusteigen im Begriff war, flüsterte ihm Fritz, sein Chauffeur zu: »Es ist Ihnen vorhin einer nachgegangen.« Modersohn stutzte einen Augenblick. Dann nannte er dem Chauffeur die Adresse eines bekannten Traiteurs, bei dem er das Abendessen für nächsten Sonnabend bestellen wollte. Zehntes Kapitel. Von der allgemeinen Welle mitgerissen, gondelte Adolf Grünmeier von Klub zu Klub, in denen er wie so viele seiner Mitmenschen sein tägliches Glück versuchte. Man konnte nicht eigentlich sagen, daß er vom Spiel lebte, aber er lebte dennoch von dem, was ihm ein günstiges Geschick jeden Tag in den Schoß warf. Zu feige von Natur, um wie sein verstorbener Bruder sich in Spekulationen einzulassen, wagte er auch am grünen Tisch nicht, den großen Coup zu machen. Er begnügte sich mit Kleinigkeiten und war mit einem Hunderter Tagesverdienst zufrieden. Sein anderes Einkommen hing noch mehr von Zufälligkeiten ab. Seine »Branche«, die Baumwollmanufaktur, litt unter der Valuta und den anderen Drangsalierungen der politischen Konstellation. Für andere Geschäfte als für die eines sogenannten Stadtreisenden reichte seine kaufmännische Begabung nicht aus. Auch war sein Ungeschick in den Kreisen der Leute, die sich mit Hin- und Hergeschäften befaßten, bekannt. Er galt als Pechvogel, als Schlemihl, bei dem keine Affäre glatt abging. Nur im Spielsaal hielt er eine gewisse Balance. Er hatte die Nerven des Zusehenkönnens. Er konnte stundenlang das Spiel beobachten, ohne einen Einsatz zu riskieren. Er legte sich wie ein Fuchs auf die Lauer und wartete den richtigen Coup ab. Allerdings konnte es auch ihm passieren, daß er einmal in die »Gegensträhne« kam. Dann verlor er an einem Abend den Gewinn einer ganzen Woche und am nächsten Tage bekam Frau Luise zu Haus böse Zustände. Sie mußte aus ihrem kleinen Vermögen aushelfen, wieder »aufschütten«. So verlief das Leben Adolf Grünmeiers jetzt, nachdem er die Hoffnung aufgegeben, jemals die Million seines verstorbenen Bruders erhalten zu können. Die Verhandlungen mit Modersohn waren abgebrochen. Daran hatte Frau Luise Schuld, die über die Höhe der geforderten Provision gestolpert war. Peinlich gestaltete sich für Adolf die ganze Lage, als sein Sohn Paul zurückkam. Für den Jungen mußte etwas geschehen. Der Herr Doktor ing. sollte standesgemäß auftreten. Nachdem Paul auf Kosten des Roten Kreuzes noch eine Kur in den Bergen gemacht, um die angegriffene Lunge zu stärken, erschien er plötzlich im elterlichen Haus, früher als man ihn erwartete. Den Grund seiner schnellen Rückkehr nannte er nicht. Er zeigte trotz äußerlich gesunder Farbe eine krankhafte Unruhe, und erwiderte Frau Luisens Fürsorglichkeit mit zerstreutem Gleichmut. Zwei Tage nach Frau Mimis plötzlicher Abreise hatte er ein dringendes Telegramm von ihr erhalten, in dem sie ihn anflehte, sofort nach Berlin zu kommen, um sie zu retten. Er verstand den Inhalt nicht. Er wußte nicht, was das bedeuten sollte: »Retten Sie mich!« Er hatte nur das Gefühl, daß seinem Kameraden Gefahr drohte und er folgte dem Ruf, ohne zu fragen. Liebte sie ihn? In den wenigen Wochen, die sie miteinander verlebt, hatte er sich an sie gewöhnt, hatten sich ihre Seelen einander erschlossen. Aber kein Wort war gefallen, das ihnen das Geheimnis ihrer Liebe offenbart hätte. Nun, da sie fern voneinander waren, wußten sie beide, daß sie zusammengehörten ... Adolf Grünmeier war gleich nach dem Abendessen gegangen. Frau Luise sagte zu ihrem Sohn, als sie mit ihm allein zurückblieb: »Der Vater ist ein Spieler geworden – leider!« Paul zuckte mit den Schultern. Das alles begriff er nicht. Er kannte die Menschen nicht wieder, denen er begegnete seitdem er aus der Gefangenschaft zurückgekommen. Alles war durcheinander geworfen, alles stand auf dem Kopf. Auch sein Vater, dieser nüchterne bescheidene Kaufmann, sah das Leben anders. Ein dem Sohn unwahrscheinlich dünkender Leichtsinn schien ihn ergriffen zu haben. »Ja, ja,« meinte die Mutter, »sie spielen heute alle – – – Das Leben ist so kostspielig geworden – mit dem bißchen, was wir haben, können mir sonst nicht auskommen.« Also billigte die Mutter diesen Lebenswandel? Was für eine Moral haben sich diese Menschen jetzt zurechtgelegt? Eine Moral der Unmoral – – – Er mußte sich in diese neue Anschauung hineinfinden. Ob er nicht schlafen gehen wollte, fragte die Mutter, die Reise müßte ihn ermüdet haben und dann seine Gesundheit ... Paul lachte. Mit der Gesundheit ginge es ausgezeichnet. »Nein, Mütterchen, habe keine Sorge um mich. Ich muß sehen, daß ich in dieser verkehrten Welt auch auf die Füße komme – – aber ich will noch heute abend jemand aufsuchen ... einen Freund.« Er errötete. Der Gedanke an Mimi ließ ihm das Blut in die Wangen steigen. Die Mutter betrachtete ihren großen, schlanken Jungen. Was er für ein prächtiger Mann geworden! Sie ging in das Schlafzimmer und kehrte nach kurzen Minuten wieder, reichte ihm ein paar Hundertmarkscheine: »Hier, Paul, etwas Geld – – es für dich gespart – – in all den schrecklichen Monaten und Jahren, da du fern von uns gewesen.« Paul küßte seine Mutter. Innig hielt er die zarte kleine Frau in den Armen und dankte ihr für ihre große Liebe ... Als er eine halbe Stunde später an der Korridortür klingelte, auf der Frau Mimis Name stand, öffnete ihm ein Page in schmucker Uniform, der ihn nach seiner Mitgliedskarte fragte. Er wolle Frau Schwarz seine Aufwartung machen, sagte Paul und gab dem Pagen seine Karte. Auf der Diele herrschte ein betriebsamer Verkehr. Menschen kamen, Herren und Damen in eleganten Pelzen und Abendmänteln, die ihnen Diener in Eskarpins abnahmen. Man schrieb sich in ein Buch ein, das auf einem Tischchen lag und ein monokeltragender Gentleman, der den Typ des verabschiedeten Offiziers zeigte, machte die Honneurs, führte die Herrschaften in die Säle, aus denen Stimmengewirr klang. Nach einer Weile kam der Page zurück. »Die gnädige Frau lassen bitten – – –« Der Page sprach leise zu dem Gentleman mit dem Monokel. Dieser näherte sich Paul, klappte mit den Hacken zusammen, beugte unmerklich seinen Oberkörper vor und schnarrte irgendeinen Namen, von dem Paul nur das »von« verstand. Dann wies er ihm das Gästebuch, in dem Paul sich einschrieb. Von allen diesen Zeremonien begriff Paul nichts. Er dachte, daß die Sitten inzwischen eigentümliche Formen angenommen. Augenscheinlich war er ja in eine Abendgesellschaft hineingeraten, die Frau Mimi gab. Aber früher waren für solche Abendgesellschaften so mannigfache Umstände nicht Brauch gewesen. Umstände, die den zwanglosen Verkehr immerhin hinderten. Er hatte nicht lange Zeit über das Thema zu meditieren, denn eine seltsame Atmosphäre umfing ihn, als er in den Salon getreten war. Eine heiße Wolke lag über den Räumen, die, wie er überblicken konnte, eine Flucht von drei bis vier Zimmern bildeten. Einem Bienenschwarm gleich, der emsig arbeitend an der Wabe hängt, standen die Menschen umher oder saßen an großen runden Tischen, gestikulierten oder starrten gespannt auf irgend etwas vor sich, liefen von einem Tisch zum andern. Ewige Unruhe. Und eine Art Explosionsstoff lag in der Luft, eine Hochspannung. In allen Gesichtern, die Paul wie im Fluge in sich aufnahm, zuckte diese Hochspannung, zitterten die Leidenschaften. Paul sah durch die Nebelschwaden, die, aus Zigaretten- und Zigarrenrauch gebildet, alles umspannten, wie gierige Hände, dicke, fleischige Hände oder lange hagere Spinnenhände aus einem Holzkasten Karten zogen. Wie Männer und Frauen Geldnoten und kleine und große Täfelchen auf den Tisch warfen, sie zusammenrafften oder mit haßerfüllten oder gleichgültigen Blicken, mit gespielter Würde und zusammengekniffenen Lippen dem verlorenen Gelde nachschauten. Paul blieb stehen. Frauen, die ihre nackten Brüste zur Schau stellen, standen dichtgedrängt zwischen den geschniegelten Herren. Süße Parfüms stiegen auf, mischten sich mit dem ätzenden Geruch des kalten Tabaks, mit den Ausdünstungen der fiebernden Menschen. Paul sah mit Staunen, daß er mitten in einer Spielergesellschaft war. Er hatte noch niemals einen Spielklub betreten. Einen Augenblick glaubte er, daß er sich geirrt habe. Unmöglich konnte diese Gesellschaft zu Gast bei Frau Mimi sein, bei seiner lieben, guten Kameradin – – – Frau Mimi trat in blendender Schönheit auf ihn zu, reichte ihm die Hand und sagte: »Ich freue mich, Sie wiederzusehen, Herr Doktor!« Paul war befangen. Dies Zusammentreffen mit der Frau, deren Hilferuf ihre Liebe verraten, hatte er sich anders ausgemalt. Hatte ein gebrochenes, von schwerem Schicksal gebeugtes Menschenkind wiederzufinden geglaubt. Diese Frau, die vor ihm stand, auf deren milchweißen Schultern das Licht der elektrischen Kerzen spielte, deren fließendes Crêpe de Chine-Gewand sich wie eine gleißende Schlange um den weichen Körper wand, schien der Triumph des Glückes selbst. Um ihre roten üppigen Lippen lag ein Lächeln, so ruhig und sieghaft, als wenn es von einem Künstler gemeißelt wäre. Paul verlor alle Sicherheit, wurde irre an sich, an der Welt, die er kannte. Diese neuartige Welt, in die ihn der Zufall vor wenigen Minuten gebracht, war ihm ein Rätsel, ein Mysterium mit tausend Siegeln. Frau Mimi sah lächelnd zu ihrem Kameraden von den verschneiten einsamen Bergen auf. Sie hob ihren stolzen Kopf ein ganz klein wenig und flüsterte, so daß es kein Unberufener vernehmen konnte. »Folgen Sie mir unauffällig – – ich habe Ihnen viel zu sagen...« Paul war es, als ob er ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht erlebte. Oder als wenn die Intrigue eines Detektivfilms ihn einspönne. Und er ging hinter Frau Mimi her, ihre Bewegungen beobachtend. Wie eine Königin erschien sie ihm, da sie durch die Säle schritt, von den Gästen mit stummem Gruß beachtet oder von irgendeinem Frackmenschen in chevaleresker Weise angehalten, der der Dame des Hauses durch Handkuß seine Ehrerbietung beweisen wollte. Paul blieb im großen Saal stehen, den ein langer Spieltisch fast ganz ausfüllte. In dreifachen Reihen drängten sich die Spieler um den Tisch, warfen über die Köpfe der vor ihnen sitzenden ihre Chips auf das grüne Tableau. Hier in diesem Saal, wo das »große Spiel« stattfand, war der Mittelpunkt des Klubs: Das Bac à deux côtés. Trotz der Ansammlung so vieler Menschen in dem verhältnismäßig nicht zu großem Raume herrschte Ruhe. Nur das eintönige Kommando des Bankhalters, das Scharren der Geldharke und das Klappern der Chips unterbrachen diese Ruhe, die eine gemachte, fast fanatisch angehaltene Ruhe darstellte, wie sie vor jeder Spannung lag. Aber diese Spannung hielt alle Spieler fortwährend in Atem. Und es traute sich keiner ein lautes Wort zu sagen, kaum zu hüsteln, als ob sie den Zickzacklauf der eklen Glücksgöttin nicht aus dem Kurs bringen wollten. Als Paul hinter Frau Mimi in diesen Saal trat, hielt eine elegante Ausländerin die Bank. Mit kohlschwarzen Augen, deren Höhlen azurblau schimmerten, alle Laster der Welt verratend, durchbohrte sie ihre Gegenspieler, während die langen überfeinen Hände, auf denen kieselsteingroße Brillanten und Perlen im Umfang von Taubeneiern funkelten, die Kartenpäckchen mischten. Sie war eine gefürchtete Spielerin, die die Millionen ihrer Verehrer achtlos verschwendete und die Einsätze ihrer Gegenspieler ebensowenig schonte. Dazu hatte sie das Glück des Abenteurers – – – »Nimmt jemand der Banko?« fragte sie mit ihrem harten fremdländischen Akzent im gebrochenen Deutsch, und schob den Kartenpack in die Mitte des Tableaus. »A qui le banco?« wiederholte sie auf französisch. Einen Augenblick schien niemand dazusein, der Mut hatte, gegen die Bankhalterin zu spielen. »Wieviel ist die Bank?« fragte Modersohn. der in der Nähe von Fran Mimi stehen geblieben war und mit ihr ein paar Worte gesprochen hatte, unter denen sie sichtlich zusammengefahren war. So wenigstens schien es Paul, der die kurze Szene aufgefangen und den herrischen Ton des großen starken Mannes an sein Ohr schlagen hörte. »60 000 Mark, Monsieur Modersohn – En voulez-vous? « Modersohn war an den Tisch getreten. Man hatte ihm sofort Platz gemacht. Einem so kapitalskräftigen Spieler wie Herrn Modersohn begegnete man mit gewisser Bevorzugung. Modersohn griff nach dem Packen, um »abzuheben«. »Banco Solo! – – Nein, meine Herrschaften, es tut mir leid, ich nehme keinen Einsatz mit!« sagte er energisch, als die Ponte, die Mitspieler, Chips auf das Tableau schieben wollten. Er war in großer Erregung heute. Er konnte das Glück nicht zwingen. Den ganzen Tag hatte er Mißschläge. Heute früh war ihm mitgeteilt worden, daß man Niederhuber mit seinen Benzinwaggons geklappt hätte – die hundert Mille von Mimi waren zum Teufel. Wenn der bayerische Stiesel nicht dicht hielte, ginge es ihm selbst womöglich noch an den Kragen... Und dann im Spiel das ausgemachteste Pech. Am Nachmittag war er im Sportklub mit fast 70 000 Mark in die »Brenne« gekommen. Hier hatte er bereits zwei Banken verzogen und gegen die kleine schwarze Kanaille, die ihm jetzt mit ihren Mühlrädern von Augen wie eine Viper ihr Opfer anglotzte, schon ein großes Banko verloren. »Hol's der Geier«, murmelte er vor sich hin. Er würde das Glück zwingen, diese Dirne. Wie er alle Weiber zwänge, ihm zu Willen zu sein – – »Ick gäbbe«, sagte die Französin und schob nachlässig mit der linken Hand die heruntergerutschte Taille auf die Schulter, um das zu stark in die Öffentlichkeit getretene Dekolleté wieder zu bedecken. Langsam nahm Modersohn erst die Karten von Seite 1, dankte. Dann bat er um eine Karte für Seite 2. Die Karte war ein Bild. Die Französin deckte auf: sie hatte ein Bild und eine Drei. Dann zog sie aus dem Schlitten eine Karte: Sechs. »Neuf«, sagte sie. Modersohn warf seine Karten hin. Er hatte verloren. Zahlte mit einer Geste, die nichts von seiner inneren Wut verriet, und trat vom Tisch zurück. Die übermäßig rot geschminkten Lippen der kleinen Französin kräuselten sich zu einem Lächeln, aber im nächsten Augenblick kommandierte sie mit ruhigem Anstand: »Messieurs et Mesdames, ick bitten, Ihr Spiel zu macken – – –« Und sie schob die Karten mit ihren nervösen langen Händen den Spielern zu. Auf der rechten Seite von ihr hatte den Platz 7 ein provinzmäßig gekleideter Herr inne, der sich im Gästebuch als Fabrikant Merker aus Chemnitz eingeschrieben. Er spielte mit kleinem Einsatz, aber mit Glück. Gleich nachdem Modersohn das Banko verloren hatte, stand Herr Merker von seinem Sitz auf und ging in das Speisezimmer. Detektiv Kimbell dachte bei einem Glase Whisky seine Affäre besser durcharbeiten zu können, als in der heißen Luft des Spielsaales. Und im übrigen hatte er ja die Spesen reichlich gewonnen – – – Frau Mimi war gebannt von dem waghalsigen Spiele Modersohns stehengeblieben. Jetzt, da die Spannung gelöst und Modersohn in den vorderen Raum gegangen, wo sie ihn mit dem Klubkassierer sprechen sah, winkte sie Paul, ihr schnell zu folgen. Wie weggefegt war das eingefrorene Lächeln, der hoheitsvolle und zugleich süße Ausdruck ihres Gesichts: ein armes, aufgescheuchtes, zu Tode geängstigtes Wesen blickte ihn mitleidflehend an. Hinter einer Tapetentür verschwanden die beiden, von niemand bemerkt. Elftes Kapitel. Ein kleines Gemach. Als Mimi die hohe Stehlampe mit dem bunten Batikschirm angeknipst und das gedämpfte irisierende Licht den Raum in heimlichen Halbton tauchte, erfaßte Paul mit Behagen die Intimität dieses Boudoirs. Frau Mimi ließ sich auf ein Kanapee, das die Ecke ausfüllte, fallen und versank in Kissen und Fellen, die die Lagerstatt ausfüllten. Noch sprach keiner. Hinter der dünnen Wand tönte das Geräusch der vielen Menschenstimmen, das Klappern der Chips und Scharren der Harke wie die ferne Brandung des Meeres. Frau Mimi schluchzte. Sie hatte ihr Gesicht in Kissen vergraben und weinte. Ratlos stand Paul in der Mitte des Zimmers. Wagte nicht, sich der geliebten Frau zu nähern. Aber Frau Mimi dachte, daß es nutzlos wäre, sich den Tränen zu überlassen, wo es zu handeln gelte. Sie richtete sich auf, bat Paul neben ihr Platz zu nehmen. »Sie sind über das alles erstaunt, was Sie in meinem Hause gesehen, Doktor?« fragte sie, ruhig jetzt, aber noch mit zitterndem Schwingen in der Stimme. »... ich kann ja nichts für dieses Entsetzliche, was Sie gesehen – – glauben Sie mir, ich bin nicht schuld daran – nein, weiß Gott!« Sie hatte seine Hände ergriffen und schaute ihn mit ihren blauen Kinderaugen an, die sich wieder mit Tränen füllten. »Aber ich bitte Sie, gnädige Frau,« sagte Paul, »kaltes Blut – erzählen Sie, was soll ich tun? – Wie soll ich Ihnen helfen?« Sie rückte ganz nahe an ihn heran, so daß er den Balsamduft ihrer Haut empfand, daß er die Nacktheit ihres Körpers spürte. Da sie seine Hände auch losgelassen, zog er die bebende Frau an sich, die sich an ihn schmiegte, im sicheren Gefühle des starken Schutzes. Paul küßte sie auf die Lippen, die sie ihm willig reichte. Dann küßte er sie auf die Augen. »So, jetzt aber vernünftig sein, kleine Frau Mimi, die dummen Tränen habe ich weggewischt – – oder sind etwa noch ein paar Reste da – die werden wir gleich haben!!« Übermütig bedeckte er wiederum die Augen mit seinen Küssen. Mimi schlang in süßem Vergessen ihre weichen runden Arme um den geliebten Mann. So vergingen weltenentrückte selige Minuten ... Dann aber entwand sich Mimi plötzlich der Umarmung, eilte zur Tapetentür, die sie mit einem Riegel schloß. »Um Gotteswillen, wenn uns jemand überrascht hätte ... Modersohn?« »Siehst du, Paul,« fuhr sie hastig fort, »der ist es – Modersohn; das ist der Mann, der mich hier gefangen hält, der mir das Leben vergiftet hat ...« Und nun ließ sie Paul in ihr Leben blicken, hob den Schleier von dem trügerischgleißenden Scheinbild, das sie der Welt zeigen mußte. »Ich habe dich belogen, Paul – – verzeihe mir. Ich sagte dir, daß ich Witwe bin – das war unrecht von mir ...« Sie erzählte, wie sie zu ihrem Reichtum gekommen: Bühne, Verhältnis, reicher alter Herr mit Erbschaft – – die alte Geschichte. Sie erwähnte keine Namen, sie beschrieb alles so obenhin, sie vermied Einzelheiten. Sie scheute sich vor dem Manne, dem sie rein und unantastbar erschien, und den sie rein und selbstlos liebte, ihre Vergangenheit zu prostituieren. »Kanntest du einen gewissen Ferdinand Grünmeier? ... Er hieß genau wie du? ...« unterbrach sie sich plötzlich, »er war oft in unserem Kreis«, log sie. Ihr Atem stockte, als sie die Antwort erwartete. Paul lachte. »Onkel Ferdinand? ... Der schöne Ferdinand!! – – – natürlich kannte ich ihn, das war mein leiblicher Onkel. Er starb, während ich draußen im Felde war ...« Frau Mimi errötete. Aber das dumpfe violettblaue Licht der Stehlampe verschleierte diese Röte, die Angst und Scham der blonden Frau auf die Wangen getrieben. O Gott, in welche Lage war sie geraten! Dieser junge Mann war der Neffe ihres verstorbenen Geliebten – – – Wenn er es erfahren würde ... Sie zerbiß das kleine Spitzentaschentuch, das sie die ganze Zeit über in den Händen gepreßt hatte. Ihre Seele war zerrüttet, ihre Sinne drehten sich, sie wußte nicht mehr aus noch ein. Das Schicksal spielte grausam mit ihr. »Was hast du, mein Lieb«, fragte Paul sanft und zärtlich. Sie wollte ihn zurückstoßen, ihm alles gestehen, fliehen, das Leben weiter leben, wie sie es jetzt tun mußte unter Modersohns Zwang ... Aber in plötzlicher Eingebung warf sie sich dem Geliebten an den Hals, zuckend wie ein verwundetes Wild. Sie küßte ihn leidenschaftlich. Er soll es erfahren, wenn die Zeit herankommt, dachte sie, als sie an seinen Lippen hing und ihre Körper sich aneinanderschmiegten. Er soll es erfahren, wer ich war und wer ich bin – aber er soll mich lieben. – Auch ich habe ein Recht auf Liebe ... »Dieser Modersohn ist ein gefährlicher Mensch«, sagte sie ihm, später, als sie wieder ruhig miteinander sprachen. »Vielleicht ist er sogar ein Verbrecher ...?« Sie schüttelte sich, als sie das Wort nannte. »Ich war leichtsinnig genug, einmal an einem langweiligen Abend, seine Gesellschaft zu dulden. Nun hat er eine Gewalt über mich gewonnen, von der ich nicht mehr loskomme.« Paul hatte ihr Geständnis bisher ohne Erschütterung entgegengenommen. Er kannte als geborener Großstädter diese typische Erscheinung wie sie Frau Mimi darstellte. Vielleicht war er zuerst ein wenig enttäuscht, da sie den Vorhang lüftete, ihre eigentliche Daseinsbedingung zeigte. Er bedauerte, daß sie wirklich nicht die »Frau der Gesellschaft« war, für die sie sich ausgegeben und für die er sie gehalten. Schade. Der Schmetterlingsstaub, der über der keuschen Liebe flimmert, war in tausend Atome zerdrückt – – – Das alles sollte aber seine Liebe nicht mindern. Er liebte diese blonde Frau mit aller Glut seiner unverbrauchten Sinne. Und er wollte ihr helfen, soweit er es vermochte. »Dieser Modersohn – hast du ihn gesehen, vorhin, als er das Banko verspielte? – – O, er spielt mit Hunderttausenden, als ob das Geld aus Seifenblasen gemacht wäre –« Wo er das viele Geld herhabe? Allerlei Geschäfte mache er. Schiebungen wahrscheinlich, sie wüßte nicht recht. Aber er werfe das Geld aus dem Fenster, streute es auf den Spieltisch, in die Sektbars. Immer neue ungeheuere Summen fließen durch seine Hände ... »Und sein Blick – seine Riesenkraft! Ich fürchte mich vor ihm.« Sie kauerte sich in die Diwanecke. »Vor diesem Manne mußt du mich retten, Paul!« sagte sie, ihren Freund scheu anblickend. »Gegen ihn habe ich dich zu Hilfe gerufen, weißt du? Vorgestern zwang er mich, ihm 100.000 Mark zu zahlen und gestern –« Sie wollte nicht fortfahren. Sie schämte sich, Modersohns Angebot zu wiederholen. »Heiraten muß ich ihn und ihm mein Vermögen ausliefern, damit er mich mit Haut und Haaren verschlingen kann!« Paul stand auf. Kerzengerade richtete er sich in die Höhe. »Wir werden dem Herrn das Handwerk legen – da scheint nicht alles zu stimmen. – Verlaß dich auf mich.« »Wenn du das könntest, Paul!« Der Doktor reichte ihr seine Hand: »Ich will dich aus diesem Sumpf ziehen!« »Ja, ein Sumpf ist es, du hast recht«, schrie Mimi auf. »Alles ist sumpfig, moderig, feil und lasterhaft um mich herum. Glaube nicht, Paul, daß ich mich überheben will. Aber ich schwöre es dir, ich bin nicht eine von jenen, die in dieser Giftluft auf die Dauer leben können. Es ist wahr, ich habe mein Leben anders geführt als ehrsame Bürgermädchen. Ich bin nicht schlecht darum. Ich liebe nur den äußeren Glanz des Lebens, ich verachte die Schmach ...« Tränen flossen über ihr süßes Gesichtchen, die sie mechanisch mit dem Taschentuch wegtupfte. »Du dummes kleines Mädchen, du!« Paul streichelte sie, setzte sich nieder zu ihr, nahm sie in die Arme. »Ich weiß, daß du ein goldenes Herz hast und daß du lieben kannst, wenn du Liebe findest – –« Ein endloser Kuß ließ ihre Tränen versiegen. Ja, sie lachte wieder. Sie fühlte den Willen des Mannes an ihrer Seite und sie hob den Kopf voller Zuversicht. »Da drinnen die Menschen ...« Sie plauderte jetzt lebhaft und dabei gewichtig. »Die Menschen ... uch, was für eine seltene Mischung: der reine zoologische Garten – – Affen, Hyänen, Panther und Tiger und Schlangen – – Und das ganze Zeug hat mir Modersohn angeschleppt. Er war es auch, der mich zwang, unter meinem Namen diesen Spielklub in meiner Wohnung aufzumachen. Wie eine auf Draht gezogene Puppe muß ich durch die Säle gehen, animieren und schön tun. – Es ist schrecklich! – Rauche doch. Liebster!« sagte sie plötzlich und reichte ihm eine Schachtel Zigaretten hin. Paul zündete eine Zigarette an und sah den aufsteigenden Wölkchen nach, die sich unter den bunten Lampenschirm verkrochen. Seine Gedanken beschäftigten sich mit diesem Modersohn, dessen finsterstarrer Blick in seiner Seele haftengeblieben. »Ganz Berlin kannst du in meinen Salons sehen. Die sogenannte Neuberliner Gesellschaft, die nach dem 9. November nicht weiß, woran sie ist. Heute rot und morgen keinen Pfennig mehr oder heute nichts und morgen ein paar Millionen: Die Menschen ohne Valuta!« Paul lachte. »Du bist eine scharfe Beobachterin!« »Das Geld, das sie ergaunert, verspielen sie. Es geschieht ihnen schon recht, daß sie keine Freude von dem Sündengeld haben. Der Spielteufel zwickt und zwackt sie und macht ihnen das Leben verdammt schwer. Alles findest du an den Spieltischen: da sitzt die berühmte Filmdiva Litta Marowska, die blonde Bestie, wie man sie nennt. Sie verliert ihre Riesengage im Bac und hält außerdem mit der Apanage, die sie von einem Kriegsgewinnler bekommt, einen ehemaligen U-Boothelden aus. Und hast du den kleinen Kahlkopf gesehen, der die Tausendmarkscheine wie Straßenbahnbilletts aus der Westentasche zieht? Der war früher beim Proviantamt Schreiber. Der dicke Herr mit den schmutzigen Fingernägeln, und seine massive Frau Gemahlin mit dem pickligen Halsausschnitt, die neben uns standen, als die Französin die Bank zog, sind auch solche Typen von heute: vor einem halben Jahr haben sie noch in der Halle einen Stand innegehabt. Jetzt bewohnen sie eine Etage am Reichskanzlerplatz und setzen 3 000 Mark auf eine Karte.« Paul amüsierte sich köstlich über Frau Mimis Schilderungen. Aber ihn erschreckten sie gleichzeitig. Ihm war das alles neu. Er hatte ein anderes Berlin verlassen, damals, als er als Freiwilliger in den Krieg zog. Nun war über sein Berlin der Pesthauch gekommen, der es mit seinem Gift versengte. »Und unsere Frauen sind die tollsten am Spieltisch. Vorn im ersten Salon am runden Tisch sitzt jede Nacht die berühmte Olly Kérely, die entzückendste Soubrette. Sie trägt Hüte, deren Reiher Tausende kosten und ihre Pelze und Toiletten verschlingen Unsummen. Ihre Brillanten und Perlen sind Millionen wert. Sie hat keine andere Leidenschaft mehr als das Spiel: bis zum frühen Morgen Karten und Zigaretten – – – Und dabei rast das Publikum jeden Abend, wenn sie mit ihren wundervoll gewachsenen Beinen den Saisonschlager tanzt – beinahe hätte ich gesagt: singt – –« Sie lachten beide. Die schreckliche Not war vergessen. Mimis Geplauder halte dem Beisammensein eine herzliche Wärme verliehen. Nun sprang sie aus ihrer Ecke auf. »Aber man wird mich vermissen, Liebster. – – ich muß mich wieder zeigen, damit dieser entsetzliche Modersohn keinen Verdacht schöpft – – hier ...« Sie wies ihm den Weg durch das anstoßende Zimmer, das im Dunkeln lag. »Gehe über den Korridor in den Spielsaal zurück!« »Auf Wiedersehen morgen, mein Lieb,« sagte Paul, »ich werde dich auf dem Laufenden halten!« * Drinnen am langen Tisch hielt Modersohn die Bank. Jetzt pointierte die kleine Französin gegen ihn. Die Bank verlor. Modersohns Gesichtsausdruck war hart und eisern. Seine Maske aus Erz. Nicht eine Miene zuckte, wenn er immer wieder schlecht spielte. Nur seine Hände schienen zu zittern. Die Adern waren hochgeschwollen, zum Platzen dick. Mit hohler Stimme bot er das Spiel aus: »... es geht nichts mehr ...« Die kleine Französin forderte den »Rest auf beiden Seiten« – – – Modersohn lächelte spöttisch. Jetzt hatte er sie. Er wußte bestimmt, diesen Coup würde er gewinnen. In der Bank waren etwas über 50 000 Mark. Wenn er das Geld verdoppelt hätte, wäre er wieder flüssig. Es war das Letzte, was er besaß. Während er die Karten langsam aus dem Holzkasten zog, dachte er daran, daß es ja noch ein Mittel gäbe, um wieder zu Geld zu kommen, heute nacht noch – – er brauchte nur bei der nächsten Bank, die er ziehen würde, den »Schlitten zu legen«, ein bißchen das Glück zu korrigieren – – – Aber diese Falschspielerangelegenheiten verachtete er. Kleinkram – höchstens: im Augenblick des letzten Zusammenbruches, wenn gar nichts anderes mehr einschlagen wollte. »Ick 'aben ackt!« sagte die Französin und schlug den »kleinen Schlag« um. »Ich danke«, ertönte es auf der anderen Seite. Paul hörte die Stimme seines Vaters. Blieb stehen. Richtig: da saß Herr Grünmeier mit den Karten vor sich und einen Stoß Spielmarken daneben. Paul stellte sich hinter ihn. Modersohn drehte seine beiden Karten um. Er hatte drei Punkte im Lager. Er zog eine weitere Karte: die Sieben. Ein ausgemachtes Pech, »bac« zu kaufen. Er warf die drei Karten und den Rest aus dem Holzkasten in den Mittelkorb und stand auf. Sein Gesicht war aschfahl. Die Augen hatte er fest zusammengekniffen unter dem Kneifer. Seine Lippen zogen sich tief hinunter. Suchend ging er in die vorderen Salons. Adolf Grünmeier raffte seine Chips zusammen und erhob sich. Als er sich seinem Sohne gegenüber sah, stutzte er einen Augenblick. Dann aber, in der guten Laune über den fetten Gewinn, den ihm die letzte Bank gebracht, begrüßte er ihn freudig. »Na Junge, siehst du dir Berlin an?« Paul war geniert. Es war ihm peinlich, seinen Vater hier an diesem Ort getroffen zu haben. Er versuchte, sich zu entschuldigen, aber der Alte meinte: »Ach, laß doch, mein Sohn, das gehört zum guten Ton jetzt – – – aber ich rate dir, mache es so wie ich: setze nur den richtigen Coup – – – dann kannst du nie verlieren.« Er sagte das treuherzig und überzeugt, als wenn er ihm sonst eine gute Maßregel fürs Leben gegeben hätte. Sie schritten beide dem Ausgang zu. Frau Mimi stand bei der Soubrette Olly Kérely, die mit ihren prachtvollen weißen Zähnen über einen Witz ihres Nachbarn lachte. Mimis und Pauls Blicke trafen sich. Paul grüßte und trat an Mimi heran, der er galant die Hand küßte. »Ich empfehle mich, gnädigste Frau«, sagte er förmlich. Dann kehrte er wieder zu seinem Vater zurück, der mit offenem Munde dastand, erstaunt seinen Sohn anstarrend. »Die kennst du?« fragte er. »Ja, Frau Mimi Schwarz – – eine Bekanntschaft aus Oberhof«, antwortete Paul. »Aber das ist doch Onkel Ferdinand ›seine‹ gewesen – –« Er machte eine wegwerfende Schulterbewegung. »... die uns Onkel Ferdinands Vermögen weggeschnappt hat«, fuhr er fort. Paul blickte seinen Vater an. Dann drehte er sich noch einmal zurück, wo er Frau Mimi in den großen Spielsaal verschwinden sah. Der Vater nahm seinen Sohn unter dem Arm, führte ihn auf die Diele zur Garderobe. »... aber das weißt du ja alles noch nicht, Junge, das muß ich dir erzählen – diese dumme Geschichte mit Onkel Ferdinands Testament.« Zwölftes Kapitel. Gegen Morgen beobachtete der Detektiv Kimbell, der in seiner gutgespielten Rolle des Provinzialen anscheinend harmlos in einem hohen Backenstuhl saß, einen Mokka zu sich nehmend, wie Modersohn mit geballter Faust auf Frau Mimi einsprach. Er hatte sie in eine Ecke fast hineingedrückt und Kimbell, der langsam an ihnen vorüberschritt, horte des Mannes zischende Worte: »... hinten im Kabinett – – ich gehe vor!« Modersohn wandte sich von Mimi weg, die ihm angstvoll nachblickte. Kimbell folgte Modersohn. Er sah, wie der Riese hinter der Tapetentür verschwand, die aus dem letzten, dem großen Spielsaal, in das Kabinett führen mußte, von dem er soeben vernommen. Er suchte, ob nicht irgendeine Möglichkeit vorhanden war, in den hinteren Trakt der Wohnung zu gelangen, zu dem das Kabinett gehören mußte. Er öffnete eine Tür und sah einen langen Korridor vor sich, in den verschiedene andere Türen führten. Vorsichtig trat er hinaus und öffnete aufs Geratewohl eine der Türen. Ein dunkler Raum umfing ihn. Leise, mit der Taschenlampe den Weg leuchtend, tastete er sich bis zur Fensternische, in der er sich hinter dem Vorhang verbarg. Nebenan hörte er Schritte. Nervöses Aus- und Abgehen. Verlegenheitshusten. Das mußte Modersohn sein, der auf Frau Mimi wartete. Die Tür des Zimmers öffnete sich, in dem Kimbell sich versteckt hielt. Das Licht wurde angeknipst. Kimbell sah, daß er in Frau Mimis Schlafzimmer war, in einem in vornehmem Louis Seize Geschmack eingerichteten Raum. Mimi schritt hastig bis zur linksliegenden Wand, an einem anderen Schalter das Licht wieder ausknipsend. Er hörte sie eine Portiere zurückschieben, die sie aber nicht wieder zuzog. So konnte Kimbell jedes Wort vernehmen, was im Kabinett gesprochen wurde. »Endlich kommst du!« Modersohn brüllte wie ein Stier. Kimbell wäre am liebsten dazwischen gesprungen. Mimi schluchzte laut. Der Detektiv empfand Mitleid mit dieser Frau, die er längst als Opfer eines stärkeren Willens erkannt hatte. »Weißt du, daß ich ruiniert bin?« fragte Modersohn. »Du wirst mich aus der Patsche ziehen, verstehst du?« fuhr er fort. Mimi bebte vor Erregung. Sie dachte an die Schmach, die dieser Mann ihr antun würde. Hier an demselben Ort, wo sie vor wenigen Stunden das erste reine Liebesglück ihres Lebens genossen, sollte sich ihre Schmach vollziehen. .. »Alles ist schief gegangen,« schrie Modersohn, »das Geschäft mit den Benzinwaggons, deine hundert Mille – futsch! ... Dieser verfluchte Dummkopf, dieser Niederhuber läßt sich die Waggons wieder abnehmen ...« Kimbell spitzte die Ohren. »Heute Nacht hat mir die Bande da drin mein ganzes Geld abgenommen.« Er drohte mit der Faust gegen die Wand in der Richtung, wo die von der Nacht übrig gebliebenen Spieler mit erhitzten Nerven und schlaffen Gliedern ihre letzten Barmittel immer wieder aufs neue wagten. »Aber das geht so nicht weiter – – du wirst bis Sonnabend dein Vermögen flüssig machen ... Das ist übermorgen. Ich habe einen großen Coup vor!« Einen Augenblick herrschte Schweigen. Kimbell lauschte. Aber er hörte nur das Streichen eines Zündholzes an einer Schachtel, mit dem sich Modersohn eine Zigarre anzündete. Dann ein unterdrückter Aufschrei: »Laß mich los – oder ich rufe die Leute zusammen!« Mimi wand sich unter dem Druck der Hand des Riesen. »Du willst nicht?« fauchte dieser sie an. »Sieh' einmal, mein Täubchen, dann werde ich mir das Vergnügen machen, mit Doktor Savoreks Krankenjournal zu Herrn Adolf Grünmeier zu gehen und ihm mitteilen, daß eine gewisse Frau Mimi Schwarz ein Kind in die Weltgeschichte gesetzt hat, und zwar erst nach dem Tode ihres Erblassers. Und daß sie damit gegen die Bestimmung des famosen Testaments verstoßen hat – –« »Tue es doch, wenn du den Mut hast! Sollen sie mir mein Geld nehmen, meinetwegen – aber ich will meine Freiheit!« sagte Mimi fest und bestimmt. »Mein kleines Dummchen«, lenkte Modersohn ein und versuchte die blonde Frau an sich zu ziehen. Die Wut machte ihre Schönheit noch berückender. Und wie ein Rausch kam es über ihn, als er in ihre flammenden Augen blickte. Aber Mimi wich entsetzt zurück. Als wenn ein stinkender Hauch sie gestreift hätte, schüttelte sie sich. Er durchschritt ein paarmal das Boudoir. Dann blieb er vor ihr stehen, die wie zu einer Statue erstarrt seinen Bewegungen regungslos mit den Augen folgte. »Höre doch, mein kleines Täubchen, und sei vernünftig. Wir wollen mit einem Schlage aus dem Dreck heraus. Ich habe mir einen Plan zurechtgelegt: Ich rette dir deine Million und hole uns am Sonnabend noch eine zweite dazu ...« Er näherte sich ihr und flüsterte: »Du brauchst keine Angst zu haben, wenn es am Sonnabend, wo die größten Spieler Berlins zu uns kommen werden, vielleicht eine unangenehme Überraschung geben sollte ...« Kimbell horchte angestrengt. Aber er konnte das Letzte nicht verstehen, denn Modersohn hatte ganz leise gesprochen. Mimi dachte an Paul. Und plötzlich kam ihr das Bewußtsein, daß sie aus dieser schrecklichen Situation vielleicht durch eine Lüge käme. »Gut,« sagte sie laut, so daß es Kimbell hören konnte, »ich will tun, was du willst. Ich werde morgen zu meiner Bank gehen.« Vielleicht, wenn sie ihm anscheinend zu Willen wäre, könnte sie inzwischen mit Paul Vorkehrungen treffen – so dachte sie. Aber vor allem wollte sie Modersohn beschwichtigen, Zeit gewinnen. »Das ist gescheit von dir, Täubchen!« Modersohn lachte ein hohles Lachen. »Und am Sonntag verschwinden wir aus Berlin. Mit einem Flugzeug nach Kopenhagen – es wird alles bereit sein, auch dein Paß! – – Dann heiraten wir und pfeifen auf Herrn Grünmeier, nicht wahr?« Er wollte sie umfassen und küssen. Seine überreizten Nerven hatten seine Sinnlichkeit aufgestachelt. Nun da er seinen lange gehegten Plan dem Gelingen nahe sah, wollte er sich entspannen– »Komm', mein Täubchen, ich will schlafen – – – in deinen Armen.« Mimi, die in Gedanken an Paul, ihm nicht zugehört, stand auf. Modersohn folgte ihr. Sie traten in das Schlafzimmer. Modersohn schaltete das Licht ein. Dann stürzte er sich auf Mimi, die ruhig zur Tür hinausschreiten wollte. Kimbell beobachtete hinter dem Fenstervorhang. Ein Kampf entspann sich. Mimi wand sich wie eine Schlange in der kraftvollen Umarmung des Riesen der keuchend sie zu zwingen suchte, sie auf das Bett werfen wollte. Kimbell zauderte einen Augenblick, ob er der unglücklichen Frau nicht zu Hilfe kommen sollte. Aber er hielt sich zurück. – Ein falscher Griff hatte Modersohn die Gewalt über Mimi entrissen, so daß diese die Tür öffnen konnte, in deren Nähe die beiden rangen. Mit lautem Krach schlug sie die Tür ins Schloß und ließ Modersohn allein zurück. »Bestie!« schrie dieser. Dann glättete er vor dem Spiegel seine Kravatte und verließ ebenfalls das Zimmer. Kurze Zeit später schlich sich Kimbell wieder in die Spielsäle zurück, in denen jetzt in der vorgerückten Morgenstunde nur noch wenig Gäste waren, die müde, mit verglasten Augen, die stereotypen Manipulationen des Kartengebens und -kaufens machten. In der Garderobe traf Kimbell Modersohn, schon im Pelz. Kimbell schritt hinter ihm die Treppe hinab. Draußen lag der junge Tag in blau-violettem Schimmer auf dem nassen Asphalt. Eine Reihe von Autos warteten auf die letzten Spieler, die Chauffeure schliefen auf ihren Sitzen oder standen Zigaretten rauchend in Gruppen auf dem Trottoir. Modersohn stieg in seinen schwarzlackierten Opelwagen und Kimbell hörte, wie er zu seinem Chauffeur sagte: »Nicht zu früh wecken, Fritz, ich muß mich ausschlafen, wir haben heute ein tüchtiges Stück Arbeit!« Kimbell nahm ebenfalls ein Auto. Auch er war müde von dieser Nacht – – und auch er wollte sich ausschlafen – – auch er würde ein tüchtiges Stück Arbeit haben. Als Kimbell um ein Uhr an der Entreetür Modersohns klingelte (er hatte wieder das bescheidene harmlose Aussehen des Fabrikanten Merker aus Chemnitz) war er bereits zum Vortrag beim Polizeipräsidenten gewesen, der mit Interesse des Kommissars Bericht entgegengenommen. Fritz öffnete und fragte nach dem Begehr des Herrn. Kimbell nannte den Namen Merker aus Chemnitz. Fritz ließ ihn eintreten, aber im selben Augenblick, da er die Tür zumachte, drückte er auf einen Taster, ohne daß Kimbell es wahrnehmen konnte. Fritz hatte in dem Besucher den Mann wiedererkannt, der neulich seinem Herrn in das Haus von Frau Schwarz gefolgt war. Modersohn schreckte auf. Gefahr? Das gelbe Fratzenauge in der Aschenschale leuchtete auf. Fritz warnte. Modersohn setzte sich zurecht, zog die Schublade seines Schreibtisches, in dem eine Waffe lag. Rüstete sich für alle Fälle. Kimbell trat ein. »Ich hatte heute nacht das Vergnügen, Sie zu sehen, Herr Modersohn,« sagte der Detektiv, »leider nicht die Ehre, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen.« Modersohn sah den bescheiden auftretenden Kimbell scharf ins Gesicht. »Im Spielklub bei Frau Schwarz, wenn ich bitten darf«, meinte Kimbell. »Ach so! – – Und Sie wünschen?« Von dem Jammerlappen drohe ihm Gefahr. Fritz muß sich geirrt haben. »Sie interessieren sich vielleicht für Zucker?« fragte Kimbell. »Ja – wenn es sich lohnt?« »Ich habe sechs Waggons stehen, wissen Sie – na ich kann Ihnen das nicht so deutlich sagen – – Sie wissen schon?« Modersohn merkte auf. Lächelte. »Natürlich – verschoben? Was?« »Natürlich – natürlich – aber 'n hübsches Stück Geld mit zu verdienen – ich habe die Leute alle an der Hand, die die Waggons bis Berlin bringen.« – »Wenn sie nicht vorher gekappt werden, wie es uns neulich – –« Modersohn unterbrach sich plötzlich. Kimbell hatte mit lauernden Blick zu ihm hinübergeschaut. Modersohn sprang auf. »Herr ...!!« Im Augenblick sahen Modersohns scharfe Augen, daß das Haar seines Besuchers nicht echt war. Schnell riß er den Revolver aus der Lade, aber Kimbell hatte ihn beobachtet und zog ebenfalls seine Waffe. Fritz, der durch ein unsichtbares Schiebefenster die Szene mit angesehen, sprang ins Zimmer. Mit einem eisernen Griff packte er den Detektiv von hinten und überwältigte ihn. Modersohn riß ihm die Perrücke vom Kopf und lachte ihm ins Gesicht. »Nee, mein Lieber, so leicht lassen wir uns nicht übertümpeln – –« Er winkte seinem Diener, der den Detektiv an den Bücherschrank schleppte, dessen Tür Modersohn öffnete. »So, mein Herr Kriminalkommissar, Sie erlauben, daß wir erstens Ihre Erkennungsmarke Ihnen abnehmen, denn die können wir ausgezeichnet gebrauchen und dann: 'rin ins Vergnügen.« Er schob Kimbell, nachdem er ihm die Marke aus dem Rockinnern abgetrennt, in den geöffneten Schrank. »Da drinnen finden Sie ein kaltes Souper, allerdings leider nicht von Borchardt – – – aber besser wie gar nichts – und angenehme Unterhaltung!« Er drehte die Tür in der Angel um, die Bibliothek hatte wieder ihr gewöhnliches Aussehen. Drinnen im Schrank, der eigentlich ein netter eingerichteter Raum war, nannte sich der überlistete Kimbell einen gottsjämmerlichen Esel. Dreizehntes Kapitel Tante Marie war mit einem Briefchen zu Paul Grünmeier gekommen. »... ich erwarte dich bestimmt – – sofort! Ich muß dich sprechen – – –« hatte Mimi geschrieben. Paul überlas die wenigen Zeilen, in Gegenwart seiner Mutter, die neugierig von Tante Marie zu Paul schaute, den Zusammenhang nicht verstehend. Die Geliebte seines verstorbenen Onkels. Was er auf dem Heimweg vom Klub durch seinen Vater erfahren, hatte ihn ernüchtert, aus allen Himmeln gerissen. Er wollte sie nicht wiedersehen, nicht des Schicksals Ironie herausfordern, diese Liebe, deren Gluten sein Herz umloderten, gewaltsam unterdrücken. Als er nach unruhigem kurzen Schlaf aufgewacht, war sein erster Gedanke: Mimi. Er fühlte wie dieser Gedanke sein ganzes Wesen umspannte, wie seine Pulse schlugen, wenn das Bild der blonden Frau vor ihm aufstieg. Und wie ein Phantom sah er sie um sich, wo er auch war und er fühlte, daß er nicht loskommen würde von dieser Liebe. Aber nach langer Kasteiung seiner Seele war er zu dem Entschluß gekommen, mit allen Mitteln der Selbstüberwindung gegen diese Übermacht zu kämpfen, ihr zu fliehen, diese sündhafte Liebe von sich zu tun ... Dieses Briefchen, das er in der Hand hielt und das den wunderlieblichen Duft der Geliebten zu ihm trug, hatte alle seine Vorsätze im Augenblick umgeworfen. Er konnte nicht anders. Nein – er liebte Mimi und mußte zu ihr eilen, wenn sie ihn rief. Das Schicksal sollte sich erfüllen, wenn es einen Narrentanz mit ihm vorhatte ... Er ging gleich mit Tante Marie mit, nachdem er seiner Mutter eine ausweichende Auskunft gegeben. Frau Mimi empfing ihn in dem kleinen Kabinett. Sie sah müde und übernächtigt aus. Tiefe Schatten umzogen die Augen, die Lippen hingen schlaff hinunter. Aber trotz dieser Abspannung war sie schön in ihrer Hilflosigkeit. Mit hastigen Worten erzählte sie Paul von Modersohns Vorhaben. Sie ahnte allerdings nur ein Verbrechen, aber sie war überzeugt, daß in der Sonnabendnacht von Modersohn eine Tat geplant wäre, die ihr eigenes Geld und das der anwesenden Spieler in seinen Besitz bringen sollte. Paul sagte: »Das beste ist, wenn wir sogleich uns mit der Polizei in Verbindung setzen, um vorzubeugen – –« Eine halbe Stunde später waren die beiden auf dem Polizeipräsidium. Nachdem sie dem diensttuenden Kommissar ihren Fall vorgetragen, erklärte dieser: »Kennen wir schon – der übliche Überfall im Spielklub – ist 'ne Epidemie geworden. Geben Sie doch mal die Akten her«, rief er einem Schutzmann zu. Der Kommissar blätterte in den Akten. Dann sagte er lakonisch: »Kimbell – der Kollege Kimbell besorgt die Sachen – Zimmer 318!« Mimi und Paul traten in das Zimmer 318. Herr Kommissar Kimbell wäre nicht da. Schon seit gestern unterwegs. Wahrscheinlich auf Dienstreise. Das war die Auskunft. Aber sie hätten eine sehr wichtige Mitteilung zu machen – – Der Beamte telephonierte. Als er den Hörer wieder abgelegt, meinte er: »Herr Kimbell ist heute mittag von seiner Wohnung weggegangen, wohin wissen wir nicht–« Als Paul und Mimi auf den Flur traten, unschlüssig, was sie tun sollten, grüßte ein Herr, streckte freudig Paul seine Hand entgegen, sich bei Mimi mit einer Verbeugung entschuldigend. »Doktor Grünmeier – Sie hier? Und wieder ganz gesund?« Ein Kamerad aus harten Kriegstagen. Sie tauschten schnell ein paar Worte aus. Paul stellte Mimi dem Herrn vor: »Herr Assessor Loeber ...« »Jetzt wohlbestallter Polizeirat«, fügte der andere hinzu. »Das trifft sich gut,« sagte Paul, »wir laufen nämlich hier von Pontius zu Pilatus – eine dringende Meldung – die Dame sucht Schutz, lieber Loeber – aber wir wissen nicht, an wen wir uns wenden sollen ...?« Der Polizeirat fragte. Paul erzählte in kurzen Umrissen. »Donnerwetter!« meinte der Polizeirat, »kommen Sie gleich mit – ich gehe gerade zum Vortrag zum Herrn Präsidenten. Den wird die Geschichte sicher interessieren ...« Der Präsident horchte auf, als er den Namen Modersohn vernahm. »Dieser Herr ist bei uns bereits schon in Bearbeitung«, sagte er. Mimi schreckte auf. Das Furchtbare ihrer Lage kam ihr jäh zum Bewußtsein. Also beschäftigte sich die Polizei vielleicht sogar schon auch mit ihr? »Unser Kimbell bearbeitet die Materie,« sagte der Präsident zum Polizeirat Loeber, »der wird ihn schon fassen, Wenn's so weit ist – – –.« Der Präsident ließ sich von Mimi genau berichten, was sie wußte. »Kimbell muß dem Kerl schon auf der Spur sein,« unterbrach er sie, »seit zwei Tagen höre ich nichts mehr von ihm – – Aber ich rate Ihnen, gnädige Frau, tuen Sie vorläufig das, was Ihnen dieser Modersohn befohlen. Machen Sie Ihr Vermögen flüssig und halten Sie es morgen bereit, wenn die Geschichte, die er plant, vor sich gehen soll. Wir werden unsere Vorkehrungen treffen ...« Der Präsident ordnete an, daß Kimbell sogleich, wenn er auf das Amt käme, bei ihm vorsprechen sollte. Aber Kimbell blieb verschwunden. Auch am anderen Tage, am Sonnabend, hörte man nichts von ihm. Als Polizeirat Loeber aus Interesse für seinen Kameraden Grünmeier um die Mittagsstunde beim Präsidenten nachfragte, erklärte ihm dieser, daß er vor einem Rätsel stehe. Der sonst so zuverlässige Detektiv hätte sich noch nicht sehen lassen, die Sache Modersohn ginge nicht vorwärts. »Aber man muß auf der Hut sein – in jedem Fall«, meinte der Polizeirat. »Wenn der Herr Präsident inzwischen mich beauftragen würde, bis sich Kimbells Verschwinden aufklärt?« »Das ist eine ausgezeichnete Idee, lieber Rat! – – Sie wissen ja Bescheid – heute nacht umstellen Sie das Haus Kurfürstendamm 347 – alles andere wird sich von selbst entwickeln.« * Kimbell saß im Bücherschrank, der eigentlich ein behaglich eingerichtetes Kabinett war, und dachte über die seltsamen Fügungen des Schicksals nach. Aber trotz der Muße, die ihm reichlich zur Verfügung stand, arbeitete sein Gehirn unaufhörlich an dem Problem, aus diesem Käfig herauszukommen. Alle Philosophie des »Wenn« und »Aber« konnte ihm nicht den richtigen Weg zeigen. Er mußte mit Tatsachen rechnen. Nur wußte er nicht, wie er diese Tatsachen ins Werk setzen sollte. Das kleine Kabinett war behaglich ausgestattet. Ein Diwan mit einem Rauchtisch davor, auf dem Zigarren und Zigaretten in Menge lagen. Dicke Schlafdecken auf dem Diwan und weiche Pfühle. Ein paar Bücher. Kimbell lächelte, als er die Titel der Bücher las: Kriminalgeschichten. Aber die Wände waren gepolstert, schallsicher. Kein Fenster. Eine elektrische Birne an der Decke erleuchtete den Raum. Kimbell klopfte die Wände ab. Suchte nach dem Mechanismus, der die Wand wieder umdrehen würde. Nichts zu finden. Endlich entdeckte er eine Stelle in der Wand, die eine Metallplatte zu sein schien. Wenn er sein Ohr darauf legte, hörte er Geräusche im Nebenzimmer: Modersohns Schritte. Dann vernahm er die Stimme des Dieners, der sagte: »Für heute abend müssen wir aber noch ein paar Mann dazu nehmen – –« Modersohn antwortete: »Das überlasse ich dir – – nur sieh zu, daß du sichere Leute bekommst. Und noch eins: sofort vorn im ersten Zimmer den Kassierer knebeln, der hat das Geld unter der Weste auf der Brust...« Kimbell lauschte gespannt. Aber was nützte es ihm, daß er das alles erfuhr? Wenn er aus diesem Loch herauskommen könnte, wollte er den schlauen Fuchs, der dieses Buen Retiro wahrscheinlich für sich selbst geschaffen. schon fassen. Nun lag er schon seit gestern auf einem weichen Diwan und allem Anscheine nach schien sich kein Mensch um seine Existenz kümmern zu wollen. Das bißchen Fisch- und Fleisch-Konservenzeug, das er vorgefunden, ging auch zur Neige. Die süßen Kakes und die Schokolade wollte er sich aufsparen. Seine einzige Zerstreuung bildete die Schallplatte. Aber stundenlang hörte er nichts, da niemand im Nebenzimmer war. Plötzlich, seine Uhr zeigte die dritte Stunde ungefähr, drangen Stimmen an sein Ohr. Rauhe Männerstimmen, die durcheinandersprachen. Aber ein scharfer kurzer Befehl des Dieners gebot Ruhe. »Also, Kinder,« kommandierte Fritz, »nu aufgepaßt: du Willem fährst mit deinem Auto vor. Merk' dir die Hausnummer 347. Da oben am Kurfürstendamm an Halensee zu. Du wartest am Platz, der kurz davor liegt. Ihr andern mit's Lastauto direkt vorfahren. Hier habt ihr den Hausschlüssel. Den Korridor oben mache ich euch selbst auf. Ich warte im Hausflur ... Habt ihr verstanden?« Kimbell ballte die Faust. »Ihr Burschen, wenn ich euch kriegen könnte!!« Er wußte nicht, ob es Tag oder Nacht war. Denn er hatte darüber die Bestimmung verloren, da er von Müdigkeit gepackt eingeschlafen war. Die gleichmäßige Beleuchtung, die Dumpfheit des Raumes unterband das Unterscheidungsvermögen. Er hörte die Männer sich entfernen. Totenstille. Vierzehntes Kapitel. Paul wich nicht von Mimis Seite. Er begleitete sie auf die Depositenkasse ihrer Bank, wo sie zum großen Erstaunen des Filialvorstehers den Auftrag gab, innerhalb vierundzwanzig Stunden ihr gesamtes Vermögen flüssig zu machen. Paul ließ sie nicht in ihre Wohnung zurückkehren, denn er fürchtete, daß sie Modersohns schlechten Einfluß wieder anheimfallen könnte. Er verbrachte den Tag über mit ihr, indem er sie durch allerhand Zerstreuungen von dem Unheil, das sie bedrohte, abzulenken versuchte. Er betreute sie, wie ein Bruder die Schwester. Und während des ganzen Tages, während er in einem luxuriösen Restaurant mit ihr speiste, während er bei den schluchzenden Klängen eines Musikorchesters in der Diele des Esplanadehotels den Tee nahm, vermied er es. von dem zu sprechen, was ihn vielleicht von ihr trennen würde... Morgen – – wenn alles glücklich vorüber sein würde und er sie von ihren: Vampyr befreit hätte! Aber seine Liebe zu ihr war ohne Ziel und Eigennutz. Wunschlos. Er würde von ihr gehen müssen. Das Gespenst des toten Onkels Ferdinand hatte eine Schranke zwischen ihnen errichtet, die unübersteigbar schien. Mimi hatte ihre Lebhaftigkeit wiedergefunden. Sie lachte und scherzte. Sie freute sich des abwechslungsreichen Tages an der Seite ihres Beschützers, dessen gute Figur und scharfgeschnittener Kopf, noch Spuren der jüngst überstandenen Leiden zeigend, auffielen. Manchmal erinnerte sie eine gewisse Familienähnlichkeit im Ausdruck des Gesichtes, auch in einer Geste an ihren »Seligen«. Und sie stellte Vergleiche an, die diesen »Seligen« mußten sich im Grabe umdrehen lassen. Sie liebte Paul mit allen Fibern. Sie wollte ihn ganz zu eigen haben, ihn behalten. Wenn sie sich ihres Peinigers entledigt hätte, wollte sie ihr Leben ihrer Liebe widmen – – – So dachte Mimi. Beide? Gedanken gingen aneinander vorbei. Ahnungslos saßen sie sich gegenüber, mit dem Schicksal spielend. Als die Musiker die Instrumente beiseitestellten und das Podium verließen, schreckte Mimi zusammen. »Es ist spät – – ich muß jetzt nach Haus!« sagte sie. Heute müßte sie noch einmal ihre Rolle spielen. Und morgen noch. Dann ... Paul sah ein, daß die Abwesenheit Mimis auffallen könnte. Also begleitete er sie nach ihrer Wohnung. Morgen vormittag würde er persönlich vorsprechen, sagte er beim Abschied an der Ecke des großen Platzes. Mimi ging allein die paar Schritte bis zu ihrer Hausnummer, denn Paul wollte nicht mit ihr gesehen werden. Als er in seiner Eltern Heim gekommen, fand er den Vater beim Abendessen mit der Mutter. »Kommst du mit in den Klub, Junge?« fragte ihn Papa Adolf. Paul meinte, daß er sich heute ausruhen Wollte. Morgen vielleicht. »Na, ich gehe jetzt alle Tage hin, will mir von der ›Person‹ die Million in Raten abheben.« Er lachte und verließ vergnügt das Zimmer. * Das Abendessen, zu dem die Klubleitung eingeladen, hatte alles übertroffen, das den in kulinarischer Hinsicht verwöhnten Gästen bisher vorgekommen war. Und man mußte sagen, daß es geradezu eine Kunst war, diese m Klubkreisen umsonst gespendeten Gastmahle in bezug auf ausgesuchte Leckereien zu übertrumpfen. Aber Modersohn hatte das Unmögliche möglich gemacht, um die Primeurs der Saison und die seltensten Dinge auf den Tisch zu bringen. Dazu floß der Sekt und zwar guter französischer Schaumwein allererster Marken in Strömen. Modersohn trank nicht einen Tropfen. Wie ein Feldherr thronte er am Kopfende der langen Tafel und dirigierte an unsichtbaren Fäden die Schlacht. Eine richtige Schlacht sollte es werden. Die Pläne waren bis auf alle Einzelheiten ausgearbeitet. Er hatte es verstanden, die größten Spieler heute nacht in seinen Klub zu locken und er berechnete, daß gut ein paar Millionen bares Geld in den Brieftaschen der Anwesenden lagerten. Dazu die nette runde Summe, die Mimi vorhin dem Kassierer in seiner Gegenwart übergeben hatte und die dieser auf Anraten Modersohns in seinen Brustbeutel getan. »Dieses Geld gebrauchen wir für eventuelle Fälle, Herr Rosenduft, wenn die Großen angebufft sind und sie keine Barmittel mehr haben – –« Nach dem Essen lief das Spiel. Zuerst in leise plätscherndem Fahrwasser. Die Stimmung war durch den reichlichen Alkoholgenuß etwas gezwungen und verhalten und die Konzentration für den grünen Tisch zerflatterte. Aber das änderte sich plötzlich. Eine »Kanone« war erschienen, wie man im Spieljargon die großen Bankhalter nannte. Dieser Herr war einer der beliebtesten Bankiers, da er über sehr bedeutende Mittel verfügte und seiner Leidenschaft die vollen Zügel schießen ließ. Er schleppte ein Riesenvermögen mit sich herum, das er die Marotte hatte in einer großen braunledernen Aktentasche unter dem Arm zu tragen. Aus dieser Tasche, die er stets neben sich liegen hatte, wo er auch immer saß, zog er die Packen mit Tausendmarkscheinen, mit Hundertern oder Fünfzigern wie aus einer nie sich leerenden Zaubertasche heraus. Der Spielleiter bot eine neue Bank aus. Herr Gans, der Mann mit der Aktentasche, ersteigerte sie. Nun stieg das »große Spiel«. Modersohn beteiligte sich nicht. Er wollte klaren Kopf behalten. Der Kampf um das Glück wurde zu einem heftigen Getümmel. Die Ponte, die Gegenspieler, verloren. Modersohn ballte die Hände in den Hosentaschen: Das war gegen die Voraussetzung, das konnte seinen ganzen Plan umwerfen. Wenn die großen Bankiers gewinnen, ziehen sie sich bald mit dem Geld zurück und verlassen zu zeitig die Klubräume – das kannte er. Also mußte er einen Gegenschachzug machen. Die nächste Bank zog er selbst. Es wurde kolossal pointiert. Aber Modersohn, hatte die Karten »vorbereitet« und gewann Schlag auf Schlag. Die großen Spieler halten sich »angeschossen«, sie waren in Verlust geraten. Der nächste Bankhalter, ein bekannter Lebemann, erstand die Bank zu einem schwindelhaft hohen Point. Modersohn schien das Glück gedreht zu haben. Der Bankier verlor bei jedem Zug. Seine Augen rollten voller Wut über den Tisch und der dicke Hals schwoll wie eine überstopfte Wurst aus dem Stehkragen heraus. Alles half nichts: Das Glück neigte sich zu den Gegenspielern. Das wollte Modersohn haben. Er schaute unauffällig nach der Uhr: Noch eine kurze Stunde – – – Frau Mimi hatte viel Rot auflegen müssen, um die Blässe ihres Gesichtes zu verbergen. Sie lächelte wie eine Wachspuppe. sie hielt mit den ihr bekannten Gästen banale Zwiesprache, aber sie hörte ihre eigene Stimme nicht. Überhaupt schien es ihr, als ob sie auf einsamen Felsen inmitten der Meeresbrandung stände. So schlugen die Worte und Rufe der Menschen an ihr Ohr, tosend, donnernd. Erst als Paul erschienen war, der sie mit seinen Blicken ermunterte, fühlte sie einen festen Halt. Paul tat, als wenn er interessiert am Spiel teilnahm. Er pointierte auch ein paarmal. Sein Vater, der zu viel vom Gratissekt genossen, hatte ihn unter den Arm gefaßt und setzte ihm in einem fort sein System auseinander: »Also, wenn der Bankier zweimal hintereinander gezogen hat, kannst du setzen: Der Coup ist für die Ponte todsicher – dein Vermögen kannst du riskieren!« Herr Adolf Grünmeier bekam einen Schluckser in die Kehle, der ihn hinderte, seinen Chip auf die Tafel zu werfen. »Hupla! ... Hupla ...!« Der Coup wurde wieder von der Bank gewonnen. »Na denn nicht«, meinte Grünmeier senior. »Dann wollen wir mal jetzt herangehen!« Er hatte heute Pech. Der Gratissekt hatte ihm die Kontenanze weggenommen und sein ganzes System über den Haufen geworfen. Und er opferte einen blauen Schein nach dem andern ... Paul begrüßte mit schweigendem Kopfnicken den Polizeirat Loeber, der soeben, neben ihn an den Bactisch getreten war. Die beiden Herren gingen durch die Salons und setzten sich in eine Ecke, Zigaretten rauchend. Als niemand in der Nähe war, sagte der Polizeirat: »Es ist alles bereit, wenn ein Überfall stattfinden sollte ... Aber Kimbell, unser bester Detektiv, der, wie Sie wissen, die Sache hier bearbeitet, ist seit zwei Tagen spurlos von der Erdoberfläche verschwunden.« Da sich eine Gruppe von Damen und Herren auf das Kanapee nebenan setzte, mußten sie das Gespräch abbrechen. Als Mimi vorüberkam, sagte Paul leise: »Mut! ... Wir passen auf – –« Frau Mimi schritt mit ihrem Todeslächeln auf den Lippen an ihm vorüber, zur Soubrette Olly Kérely, die in überschwänglicher Zärtlichkeit sie umarmte und ihr in ihrer drolligen Sprache von ihrem großen Gewinn erzählte: »Denken Sie. gnädige Frau, heute habe ich den ganzen Tisch ›rasiert‹, eine Riesenschlange! – – aber keine Suite gegeben ...« Frau Mimi beglückwünschte die Schauspielerin. Sie dachte, daß während die Menschen hier im Taumel der Leidenschaften ihre Sinne betäuben, ihr Schicksal auf eines Messers Schneide schwebe ... Modersohn stand am Fenster des kleinen Kabinetts und schaute auf die Straße. Pelz und Hut lagen auf einem Sessel. Er schaute angestrengt hinunter. Der große Platz vor dem Hause ließ ihn den Kurfürstendamm überblicken. In fünf Minuten mußten sie da sein. Fritz war pünktlich. Auf den konnte er sich verlassen. Sobald die erste Verwirrung entstehen würde, wollte er auf die Straße flüchten, sich in einem Auto verstecken. Mimi? Plötzlich dachte er an Mimi. Er kehrte in den Spielsaal zurück, suchte sie. »Ich habe dir etwas zu sagen, komme nach hinten in das Boudoir«, flüsterte er ihr zu. Willenlos folgte sie ihm. Er umschlang sie leidenschaftlich. Wollte sie küssen. Aber Mimi, die durch diese Annäherung aus ihrer Apathie erwacht war, wehrte ihm. »Gut,« meinte er, »später – wenn wir mehr Zeit zu so etwas haben – – Aber jetzt, mein Täubchen, hole deinen Mantel und die Handschuhe, die du hoffentlich zurechtgemacht, wie ich es dir gestern sagte – in ein paar Minuten rücken wir ...« Er lachte. »Da sind sie! ...« Er starrte aus dem Fenster, das er ein wenig geöffnet. »Drüben hält das Auto für uns beide – los, mein Kind, mach' schnell!!« Mimi nahm alle Kräfte zusammen, um nicht zusammenzubrechen. Aber sie durfte sich nicht verraten. »Warte hier,« sagte sie, »ich bin gleich zurück ...« Fünfzehntes Kapitel. Man konnte nicht gerade behaupten, daß sich Kriminalkommissar Kimbell in seinem komfortablem Mauseloch amüsierte. Von den vielen peinlichen Situationen, in die ihn sein abwechslungsreicher Beruf schon gebracht hatte, war diese Internierung eine der peinlichsten. Denn er saß nun schon eine geraume Zeit zwischen diesen vier Wänden und zappelte darin wie eine Flunder im Netz. Der Vergleich ist nicht übel, dachte er. Die Flunder lebt zwar noch im Netz, schnappt aber nach Wasser und krepiert in der nächsten halben Stunde. Sollte es ihm wirklich an den Kragen gehen? Wenn die Kerls ihn hier vergessen, können spätere Geschlechter aus ihm einen Spukfilm machen: »Das Skelett im Bücherschrank!« Kimbell machte sich über sich selbst lustig. Die Luft in den paar Kubikmetern Raum war dick und schwer geworden von den vielen Zigaretten, die er geraucht. Er saß auf der Kante des Divans, stützte den Kopf in die Hände und dachte angestrengt nach. Aber das nützte ihm auch nichts. Nachdenken tuen nur die Detektive auf der Flimmerleinwand, sagte er halblaut vor sich hin. Er traute sich nicht, mit voller Stimme zu sprechen, denn die Wände warfen den Schall dumpf zurück, so daß alles, was er sagte, wie aus Grabestiefe klang. Unsereins, fuhr er fort, der ein richtiger Beamter sein muß, ist schon verpflichtet, mehr zu tun als bloß nachzudenken: wir sollen handeln. ... Aber wie, zum Teufel? Nach seinen Berechnungen und nach dem, was er vorhin gehört, muß es drei Uhr nachts sein. Jetzt würden die Spitzbuben bei der Arbeit sein – – – Und er sitzt hier eingefangen und kann sich nicht vom Fleck rühren ... Es ist um aus der Haut zu fahren! Wirklich, selbst auf die Gefahr hin, diese seine Haut hier zu lassen, hätte er schon gern das Experiment gemacht, wenn es nur menschenmöglich wäre – – – Ein Viertel nach drei! Kimbell sprang auf. Die Verzweiflung packte ihn. Alle Mittel hatte er schon versucht, den Mechanismus zu finden, der die Drehtür öffnen konnte. Denn eine Drehtüre mußte vorhanden sein, die durch einen Druck in Bewegung gesetzt würde. Das Abklopfen der Wände hatte kein Resultat gebracht. Er lief wütend auf und ab. Er trampelte mit den Füßen. Wieder waren fünf Minuten vergangen. Die Zeit verrinnt und er ist machtlos. Auf dem Präsidium werden sie ihn sicher schon vermißt haben. Aber sie können ihn nicht ausfindig machen. Der Modersohn, dieser schlaue Fuchs, hat die Falle zu gut gestellt ... Kimbells Nerven sind auf das höchste angespannt. Er muß aus dem Loch hinaus. Wenn er irgendein Instrument mitgenommen hätte, mit dem er ein Loch in die Wand bohren könnte ... Aber das kommt auch nur im Film vor. Der Polizeibeamte, wie ihn die Wirklichkeit kennt, geht nicht mit Sauerstoffgebläse und Dynamitpatronen in der Westentasche auf dem Kriegspfad. Immer toller wird Kimbell. Wie ein aufgeregter Tiger läuft er in seinem Käfig herum. Er springt wie ein Känguruh, er versuchte jeden einzelnen Fleck im Fußboden, ob nicht von da aus eins Rettung käme. Auf seiner Armbanduhr ist es gleich halb vier. Wenn er jetzt auf die Straße käme, wäre er mit einem Auto in zehn Minuten am Kurfürstendamm ... Wenn? ... In rasender Erregung rennt er mit dem Kopf gegen die Wand. Herrgott! Und wenn ich mir den Schädel einrenne, denkt er. Es ist besser so, als langsam zu verrecken. Immer von neuem stößt er den Kopf an die Wand. Da – – – Mit einem Ruck dreht sich die Fläche. In seiner blinden Wut wäre Kimbell beinahe in das dunkle Loch gestürzt, das sich vor ihm aufgetan. * Fritz hatte im Hausflur gewartet. Einen Teil von den in Soldatenmänteln gekleideten Leuten führte er nach dem Hof. Die anderen gingen die Vordertreppe hinauf. Er selbst verließ schnell das Haus und versteckte sich hinter einem Mauervorsprung. Auf dem dem Haus gegenüberliegenden Platz lagen hinter den Ziersträuchern Polizeibeamte, die auf das verabredete Zeichen lauerten. Die Küchentür wurde aufgeschlossen. Als die fünf Soldaten hereintraten, wollte das Küchenpersonal laut schreiend davoneilen. Aber Willem kommandierte: »Hier jeblieben, Maul halten! Nich jerührt! Wir tuen euch nischt. Wir wollen nur den Herrschaften da vorn dat Handwerk besorjen – –« Er hatte von Fritz genaue Informationen bekommen und schritt mit seinen Leuten schnell über den Korridor. Die Tür, die in den Spielsaal führte, wurde aufgerissen. Die fünf Soldaten standen im Türrahmen. Willem, der Kleinste von ihnen, in der Mitte, den hohen Kragen des ehemaligen Offiziersmantels bis über die Ohren geschlagen. Die Feldmütze mit dem Schirm bedeckte das halbe Gesicht. »Hände hoch!« Die Soldaten richteten die Brownings auf die Spieler. Entsetzen auf allen Gesichtern. Jeder will sein Geld retten. Flüchten. Aber vorn in den Salons ertönt ebenfalls der schreckliche Ruf: »Hände hoch!« Alles ist wie gelähmt. Man rührt sich nicht. Keiner wagt, ein Wort zu sagen. »Ausweis!« fordert Polizeirat Loeber. Karl Bemke, der inzwischen mit gezogenem Revolver in den mittleren Saal gekommen, antwortet: »Quatsch! – Geben Sie mal Ihre Brieftasche her!« Der Polizeirat muß gute Miene zum bösen Spiel machen. Er ist der erste, den man um sein Geld erleichtert. Jetzt beginnt die Arbeit der Soldaten. Mit kühnem Griff bemächtigt sich Wilhelm der berühmten Aktentasche des Herrn Gans, der dieser mit zu Tode erschreckter Miene nachschaut. Karl Bemke stürzt sich auf den Klubkassierer, reißt ihm das Oberhemd auf, zieht einen Beutel hervor, den er in seine Tasche versenkt. Dann plündert er die Kasse. Inzwischen müssen sämtliche Spieler antreten, wie auf dem Kasernenhof. Willem kommandiert. »Die Damen und Herren die Ringe abziehen! Halsketten 'runter!« Die Soldaten, unter denen ein paar ganz junge Kerls in Matrosenuniform, greifen jedem Gast in die Rocktasche, nehmen die Banknoten aus dem Portefeuille. Den Damen reißen sie die goldenen Pompadours weg. Adolf Grünmeier hatte sich in eine Ecke gedrückt. Er ist bleich vor Entsetzen. Er zittert. Seine Beine wanken. Ein strammer Matrose tritt auf ihn zu. »Ich bin schon untersucht«, sagt Grünmeier ausweichend. Der junge Matrose, der noch ein Kindergesicht hat, nickt: »Na, dann is jut«, sagt er und wendet sich an den nächsten. Adolf Grünmeier steckt verstohlen seine Brieftasche, in der 2000 Mark, der Gewinn der letzten Woche, sich befinden, in den Strumpf. Atmet erleichtert auf. Bekommt wieder Haltung ... Einige von den Gästen versuchen, aus der Wohnung zu kommen. Jede Mühe umsonst. Alle Ausgänge sind besetzt. Überall vorgehaltene Revolver. Allmählich löst sich die Spannung. Die eisige Stille, die eingetreten, schlägt in Murren um, das bald durch das hysterische Geschrei der Frauen zu einem Orkan anwächst. Aber die Menschen sind machtlos. Ohne Waffen können sie nichts ausrichten. Plötzlich ein gellender Pfiff! Polizeirat Loeber hatte endlich die Tapetentür erreichen können, hinter der ihn Frau Mimi erwartete. Mimi war auf Modersohns Befehl im selben Augenblick in das Kabinett zurückgekommen, als die Soldaten hinten eindrangen. Als Modersohn sie mit sich reißen wollte, hatte sie sich in der allgemeinen Bestürzung in die Mädchenkammer geflüchtet. So war es mir dem Polizeirat verabredet. Nun stand sie in dem dunkelen Boudoir, zitternd vor Angst, daß diese Banditen die Übermacht erhalten könnten. Als der Polizeirat in das Kabinett trat riß Mimi sofort das Fenster auf. Ein gellender Pfiff schnitt durch die Nacht. Die Räuber stutzten. Willem, der gerade dabei war, mit großer Sorgfalt einer jungen hübschen Dame ein Kollier von ihrem Schwanenhals zu knöpfen, schrie: »Alle Mann runter – vorwärts!« Die Soldaten stürzten aus den Zimmern auf die Vordertreppe. Als sie unten an die Haustür kamen, sahen sie sich einem Trupp Polizisten gegenüber, die ihnen Revolver und Karabiner entgegenstreckten. Einige der Soldaten wollten wieder herauflaufen. Aber oben auf dem Treppenabsatz standen ebenfalls Polizisten mit gezogenen Gewehren. Die Banditen waren umzingelt. Karl Behmke, ein Draufgänger, schoß. Ein regelrechtes Schießen setzte ein. Oben kreischten die Frauen. Auf der Treppe brüllten die überraschten Soldaten. Schon unterlag der erste, von einem Streifschuß getroffen. Bald war die ganze Bande gefesselt. Oben auf dem Treppenpodest hatte sich hinter den Polizisten die elegante Spielergesellschaft angesammelt, die nun, da die Affäre ein gutes Ende zu nehmen schien, die Szene wie in einem Kintop mit Spannung verfolgte. Man klatschte Beifall und alles schrie Bravo, als man dem Anführer, dem kleinen Willem, endlich die Handschellen anlegen konnte. Der Polizeirat zog ihm persönlich die bekannte Zaubertasche aus dem Mantel und überreichte sie Herrn Gans mit umständlicher Grandeza. »Dafür bekommen Sie eine extrafeine Zigarre, Herr Rat!« sagte Herr Gans. Alles lachte. Man war wieder bei Laune. Und einer schrie: »Was wird für eine Bank geboten?« Mimi lag bebend in Pauls Armen. Sie fragte leise, als die letzten Schüsse verhallten: »Ist nun alles vorüber?« Aber Paul küßte sie nur, ohne zu antworten. Da ratterte ein Auto heran. Im selben Augenblick ein Schuß auf der Straße. Und ein Geräusch, als wenn ein Auto angekurbelt wird – – – Alles stürzt an die Fenster. Die Frauen kreischen von neuem auf. Manche von den Gästen fliehen in die hinteren Räume, schließen sich auf dem verschwiegenen Ort ein, in der Mädchenkammer, klettern auf den Hängeboden, laufen die Hintertreppe hinauf. Eine gräßliche Panik ist entstanden. Ein zweiter Schuß. »Weg von den Fenstern!« schreit jemand. Aber in der nächsten Minute stürmt einer der Spieler hinein, mit verglasten Augen, an allen Gliedern schlotternd. »Man hat Modersohn erschossen!« Eine furchtbare Aufregung entsteht. Man weiß nicht, welchen Zusammenhang dieser Todesfall mit den Ereignissen hat. Man fragt durcheinander, man begreift nicht ... Hinter dem Polizeirat Loeber betritt Kimbell den Saal, geht mit ihm geradeswegs auf Frau Mimi zu, die mit Paul das Kabinett eiligst verlassen, als sie die Schüsse gehört. »Hier, gnädige Frau, stelle ich Ihnen unseren braven Kimbell vor. Er hat soeben das Mißgeschick gehabt, den Regisseur dieser Verbrecherkomödie totzuschießen, als dieser Herr mit seinem Auto davon sausen wollte – –« Die Spieler horchten auf. Einer tuschelte es dem anderen zu: »Da hat uns Modersohn schön hereingelegt!« Und Herr Gans drückte seine geliebte braune Aktentasche fest an sich und sagte: »Nun wird der Lump keine Bank mehr ziehen – Gott sei Dank!« Sechzehntes Kapitel. Die Gäste hatten den Klub verlassen. Die Diener, die Angst noch in den Knochen, waren weggeschickt. In allen Räumen hatte man die elektrischen Lichter ausgeschaltet. In dem kleinen Kabinett saß der Rest der Gäste, um Frau Mimi herum, die mit fliegendem Atem dem Kriminalkommissar Kimbell alles erzählte, was sie von Modersohn wußte, von seinen Machenschaften, seinen verbrecherischen Anschlägen, von diesem letzten großen Coup, von der vorbereiteten Flucht mit dem Flugzeug. »Das hatte ich alles genau vorausgesehen. So hatte ich den Herrn eingeschätzt. – – Übrigens ein Glück, daß ich ihn noch gefaßt habe«, sagte Kimbell. »Der reine Zufall. Das verdanke ich im wahrsten Sinne des Wortes meinem Kopf. Er ist nämlich ganz gut, wenn man mal mit'n Kopf durch die Wand gehen will«, fuhr fort. Und er berichtete von seinen Erlebnissen im Käfig, die er so lustig auszumalen verstand, daß, trotzdem die Nerven der Zuhörer durch die Vorfälle der letzten halben Stunde zerrüttet waren, alle in lautes Lachen ausbrachen. »So einen bedeutenden Kopf«, sagte der Polizeirat, »müßte man mit einem Morgentrunk ehren!« Mimi flüstert Paul etwas ins Ohr, worauf Paul aus dem Zimmer ging, um bald mit einigen dickbäuchigen Likörflaschen und Gläsern wieder zu erscheinen. »Also, es lebe unser Kimbell, der stärkste Kopf der Welt! ... läßt sich nächstens im Panoptikum für Geld sehen«, rief der Polizeirat aus. »Prosit!« »Und was dachten Sie, als Sie in das Dunkel fielen – mit dem Kopf voran?« fragte Paul den Kommissar. »Gar nichts habe ich mir gedacht – aber Licht habe ich angemacht und gesehen, daß ich mich im Privatbureau des Herrn Modersohn befand – – Dann nahm ich aus einer Schublade im Schreibtisch, die ich mir mit einem Dietrich zu öffnen erlaubte, einen Browning heraus, schlich mich aus der Wohnung, ließ mir durch den Portier das Haus aufschließen und hatte das Glück am Bayerischen Platz sofort ein Auto zu bekommen.« Frau Mimi hörte mit leuchtenden Augen zu. Sie hatte Pauls linke Hand mit ihren beiden kleinen Händen umfaßt, Paul fühlte, wie ihre Pulse flogen und wie ihr Blut in das seine überging. Nichts in der Welt hätte ihn von dieser Frau trennen können ... Und doch sollte morgen das Schicksal zwischen sie treten, so dachte er wehmütig. Der Gedanke daran verwirrte ihn. Ließ ihn erzittern. »Im Augenblick,« fuhr Kimbell fort, »als mein Auto hier vor dem Haus anrattert, springt jemand hinter dem Mauervorsprung des Hauseinganges hervor, ruft: »Herr Modersohn, schnell 'rein ins Auto – die sind oben gekappt!« – – Mit einem Satz bin ich aus meinem Wagen, schieße hinter dem Kerl her. Da läuft mir Modersohn gerade in den Weg. Ich schreie ihm zu, er solle stehen bleiben. Er stutzt, hält mir eine Waffe entgegen. Aber ich war schneller als er – der zweite Schuß, den sie gehört haben, hat ihn ins Jenseits befördert.« »Was ein richtiger Detektiv ist, kommt immer zu Recht und wenn es in der letzten Sekunde ist – bloß um uns höheren Beamten unsere Unvollkommenheit zu beweisen«, sagte Polizeirat Loeber, listig lächelnd. »Aber nichts für ungut, lieber Kimbell, trinken wir auf Ihr Wohl noch so'n Tropfen Friedensware – Prosit!« setzte er fort und stieß mit den anderen an. »Auf solche Sorten, wie dieser Benediktiner, scheint sich der nunmehr verstorbene Herr Modersohn ausgezeichnet verstanden zu haben«, meinte Kimbell. »Wir wollen die gnädige Frau nicht länger ermüden,« sagte der Polizeirat und küßte Frau Mimi galant die Hand, »morgen, wenn wir den Kerls alles wieder abgenommen haben, wird Herr Kimbell sich gestatten, Ihnen persönlich Ihr Eigentum zuzustellen –« Die Herren verabschiedeten sich. Paul mußte sich mit Gewalt aus Mimis Umschlingung ziehen, denn immer wieder küßte sie ihn. – Sie wollte ihn nicht von sich gehen lassen. Ihr Herz quoll über von Dankbarkeit. Aber endlich stand Paul auf der Straße. Eisiger Nordwind pfiff um seine Schläfen und es war ihm, als wenn er aus einem wüsten Traum erwachte. Als Frau Luise Grünmeier am nächsten Tage in der Mittagszeitung den Überfall auf den Spielklub am Kurfürstendamm mit allen grausigen Einzelheiten las, hielt sie ihrem Ehegemahl Adolf eine ausgewachsene Gardinenpredigt. Ob sie vielleicht mit einem Manne weiterleben sollte, der in Spelunken verkehrte, wo man von Räubern totgeschossen werden konnte? Und überhaupt, wenn sie gewußt hätte, daß er zu dieser »Person« in die Wohnung ginge, hätte sie das nie geduldet. Er hätte keine Ehre mehr im Leibe, ja, er wäre ein von Gott verlassener Spieler. Aber weiter kam sie nicht. Es klingelte draußen. Eine Dame wäre da, die die Herrschaften sprechen wollte, auch Herrn Paul, sagte das Dienstmädchen. Adolf Grünmeier, übernächtig, ohne Kragen, mit Pantoffeln an den Füßen, verschwand. Frau Luise sagte: »Rufen Sie Herrn Doktor und lassen Sie die Dame eintreten!« Frau Mimi stand im Türrahmen. Bescheiden, den schönen Kopf gesenkt, stand sie wie eine Sünderin da, die den Bittgang antreten will. Frau Luise erkannte sie sofort. Die »Person«! »Ich komme,« sagte Mimi, indem sie ein paar Schritte vorwärts setzte, »um eine Schuld zurückzugeben!« Paul war durch eine andere Türe getreten. »Mimi!« rief er aus. Die Mutter drehte sich zu ihm um. Was bedeutete das alles? Paul blickte starr auf die Geliebte, die unter diesem Blick wieder den Kopf senkte. Auch er wußte nicht, wie Mimi hierher kam. Er hatte ihr noch in der Nacht einen langen Brief geschrieben, den er durch Eilboten an sie abgesandt. Er hatte dem Papier alles anvertraut, was er ihr nicht ins Gesicht sagen konnte, daß das Schicksal sich zwischen sie gestellt, daß das Gespenst des Onkels, daß das unselige Testament sie auseinander treiben würde. Und deshalb wollte er auf die Seligkeit verzichten – mit blutendem Herzen verzichten – die ihm ihre große Liebe gegeben – – – Nun stand sie in seiner Eltern Haus vor ihm mit bittenden Augen ... »Verzeihen Sie, gnädige Frau,« sagte Mimi leise, »aber mir hat das viele Geld kein Glück gebracht – –« Sie brach in Schluchzen aus. Frau Luise wurde weich. Sie bot Mimi einen Stuhl an. Aber Mimi blieb an der Tür und rührte sich nicht. »Ich verzichte auf Ihres Schwagers Erbschaft,« sagte sie unter Tränen, »ich habe das ganze Geld gleich mitgebracht.« Sie wollte ihre Tasche aufmachen. Paul war an sie herangetreten. Legte seine Hand auf ihren Arm. »Nicht doch. Das Geld gehört dir – nach dem Gesetz!« Sie schaute ihn mit hilflos flehenden Augen an. Frau Luise blickte von Paul zu Mimi. Nun verstand sie. Und ihr Muttergefühl zeigte ihr den richtigen Weg. Sie trat an die weinende Mimi heran, streichelte sie zart und geleitete sie zu einem Sessel. Dann verließ sie leise das Zimmer. Adolf Grünmeier hatte seine Toilette beendet und wollte gerade den Besuch begrüßen, als Frau Luise ihm in den Weg trat. »Da drinnen muß erst was ins Reine gebracht werden«, sagte sie. Und dann erzählte sie. Adolf Grünmeier machte ein pfiffiges Gesicht. Die Erbschaftsgeschichte könnte vielleicht doch noch zum Guten ausgehen, dachte er. Paul wollte auf keinen Fall Onkel Ferdinands Million, die ihm Mimi anbot, annehmen. »Aber du darfst mich nicht verlassen«, sagte sie. »Ich kann nicht ohne dich leben!« Paul dachte, daß es ihm schwer werden würde, die Geliebte zu missen – – – Aber er widersetzte sich mit aller Gewalt gegen Mimis Anerbieten. Da stand sie plötzlich auf, stellte sich vor ihm hin und sagte: »Dann zwingst du mich, vor Gericht zu erklären, daß ich den Bestimmungen des Testamentes nicht entsprochen habe!« Paul verstand sie nicht. Sie zog aus der Tasche ein Buch, klappte es auf, zeigte ihm eine Seite, auf der ihr Name stand: »Das hat Herr Kimbell heute früh in Modersohns Schreibtisch beschlagnahmt: das Krankenjournal des Doktor Savorek, in dessen Klinik ich acht Monate nach deines Onkels Tod von einem Knaben entbunden worden bin. Leider ohne Erfolg, denn das Kind ist nicht lebendig zur Welt gekommen!« Mimi hatte einen Augenblick den Ausdruck des Triumphes in ihren Augen. In der nächsten Minute senkte sie wieder ihren Kopf, kraftlos zusammenbrechend. Ihre ganze Gestalt flatterte in konvulsivischen Zuckungen. Sie konnte sich nicht mehr aufrecht halten. »Mimi!« schrie Paul. Ohnmächtig war sie ihm in die Anne gesunken. Aber bald hatte er sie wieder zur Besinnung gebracht, ihre Lippen, ihre Äugen, ihre Haare geküßt. Er bettete sie sanft in den Sessel und kniete vor ihr nieder. »Nein, ich werde dich nicht verlassen, du süße liebe Mimi – niemals, niemals.« Herr Adolf Grünmeier bekam in der Tat nichts von der langersehnten Million seines verstorbenen Bruders zu sehen. Das junge Ehepaar setzte den Eltern eine sehr anständige Rente aus, die von Frau Luise verwaltet wurde. Aber mit dem Taschengeld, das seine fürsorgliche Ehefrau ihm zur Verfügung stellte, konnte Herr Adolf Grünmeier beim besten Willen keinen Spielklub mehr unsicher machen. Er mußte wieder in seinem alten Stammkaffee einen Halbenpfennigskat dreschen ...   Ende.