Die Brüder Mörk Gustaf af Geijerstam Vorgeschichte Erstes Kapitel Zu Anfang der vierziger Jahre war der im mittleren Schweden belegene Besitz Björknäs Eigentum zweier Brüder, Karl Henrik und Nils Göran Mörk. Die Brüder gehörten einem weit verzweigten Geschlecht an, das sich Generationen hindurch dem Bergbau und der Landwirtschaft gewidmet hatte. Angehörige der Familie saßen auf Gütern in allen Gegenden Schwedens. Der Vater hieß Henrik Göran Mörk und war – im Verhältnis zu den Anforderungen seiner Zeit – ein hervorragender Hüttenindustrieller. Unter seiner Rute verlebten die beiden Brüder eine etwas eigentümliche Jugend; keiner von ihnen konnte sich in reiferen Jahren entsinnen, je die geringste Elternzärtlichkeit erfahren zu haben. Um so enger hatten sie sich dafür aneinander angeschlossen, und bis zu dem Zeitpunkt, an dem diese Erzählung einsetzt, hatten die innigsten Beziehungen zwischen ihnen geherrscht. Stets sah man sie miteinander, und stets standen sie Rücken an Rücken, bereit zu gegenseitiger Verteidigung gegen alle Bitternisse und Schwierigkeiten, die ihre traurige Jugend ihnen bereitete. Björknäs war indessen kein großer Besitz und Henrik Göran Mörk, wie hervorragend er auch als Hüttenindustrieller war, kein guter Haushalter. Die Folge war, daß, als er schließlich starb, das Erbe, das er hinterließ, geringer war, als man erwartet hatte. Im äußeren Geschick der Brüder spielte das keine große Rolle, eine um so größere dafür in ihrem Verhältnis zueinander. So eng waren die beiden miteinander verbunden, daß, obgleich sie beide Ehen eingingen, die ihnen Kinder schenkten, doch diese Bruderliebe, die sie von Kindheit an vereint hatte, entscheidender ward für ihr Schicksal als alles andere, was das Leben ihnen später brachte. So fest hatte ihre traurige Jugend sie aneinander gebunden. Hierin unterschieden sie sich von andern Brüderpaaren, die äußerlich stets in Freundschaft lebten und von denen man nichts als Gutes zu sagen wußte. Schwer und erinnerungsreich ward ihnen beiden der Tag, an dem sie zum erstenmal voneinander schieden. Der ältere Bruder war es, der damals das Vaterhaus verließ und in die Welt hinauszog. Und Nils Göran blieb allein zu Hause und grämte sich, daß die ganze Welt ihm auf einmal so eng und so leer geworden – – Zweites Kapitel Ehe wir weiter gehen, muß erst über die alte Exzellenz Lars Germund Mörk berichtet werden. Dieser Sonderling der Familie sollte auf bizarre Weise in das Schicksal der beiden Brüder eingreifen. Er lebte in seinen späteren Jahren weit im Westen Schwedens. Das Gut, das er bewohnte, war viel stattlicher und größer als Björknäs. Der Name hatte einen herb-schwedischen Klang: Kolsäter hieß es. Und von seinen Fenstern sah man zwischen hochstämmigen Birken das klare Wasser des Lommen schimmern. Der Lommen sieht aus wie ein Märchensee. Voll grüner Inseln und Holme erstreckt er sich mit zahllosen Buchten und Sunden ins Weite. Wie verzaubert ist, wer in einer Sommernacht dort draußen rudert. Die Ufer schwimmen in Schleiern feuchten Lichts, der ganze See wird tiefgrün gegen die Helle der Wiesen – reglos hängen die Kronen der Birken überm Wasser. Hinter ihnen hebt sich schwarz der Wald. Und darüber färbt sich der Himmel lichtgrün, zitternd vor dem entschwundenen Sonnenglanz. Das Boot gleitet in einen der vielen schmalen Sunde; um den Ruderer dämmert es; gegen die Baumwurzeln, die nackt über den Uferrand hängen, schaukelt der Wogenschwall auf. Ringsumher schlafen Wald und See. Aus dem Dämmer dringen geheimnisvolle Laute vom fernen Wald; auf schweren Flügeln hebt sich eine aufgeschreckte Ente vor dem Boot. Wenn sich die große, helldunkle Flache wieder um den Rudernden weitet, sieht er hoch oben auf dem Hügel die glanzlosen schlafenden Fenster von Kolsäter durch die Birken scheinen. Das Boot hat die Runde durch die vielen Sunde gemacht. Ein Naturanbeter muß der Mann gewesen sein, der einst diese Stelle wählte, um sich darauf seinen Herrensitz zu bauen. Und ein Naturanbeter war wohl auch in seiner Art Lars Germund Mörk. Er war der erste Mörk, der Kolsäter bewohnte. Und daß er dort seinen Wohnsitz aufschlug, kam, wie es hieß, unter anderm davon, daß er das Wasser des Lommen besonders liebte, weil es klar war wie das des Wettern und doch warme Sommerbäder bot. Lars Germund Mörk hatte nämlich einen großen Teil seines Lebens in Frankreich verbracht und einer seiner Glaubensartikel war, daß Schweden, dank seiner Kälte, nicht kultivierbar sei, daß mithin das Land nicht für verfeinerte Individuen passe, zu denen er sich aus guten Gründen selber rechnete; daß es aber – wenn man nun einmal das Pech hatte, in diesem Land der Wölfe geboren zu sein – eine Schicksalsnotwendigkeit sei, daß man sich schließlich wieder dorthin zurücksuche – wenigstens um dort zu sterben. Danach hatte denn der seltsame Mann auch gehandelt. Als er sich auf Kolsäter niederließ, war er ein Mann, der die Fünfziger bereits hinter sich hatte. Exzellenz hatte nicht wenig von den Stürmen des Lebens erfahren. Er hatte Gustav III. Zeit und die Vormundschaftsregierung erlebt und es wurde behauptet, daß ihm beide gleich schlecht bekommen seien. In ständiger unruhiger Erwartung eines Neuen, das nie kam, hatte er gelebt, und als ihm endlich auf seine alten Tage in Gnaden der Exzellenztitel verliehen wurde, geschah das nicht, um ihn mit einem Amt zu betrauen, sondern als eine Art Schadenersatz im Stil der Zeit, weil man es am bequemsten fand, den lästigen Mann um billigen Preis los zu werden. Lars Germund Mörk hielt sich damals in Paris auf und schien sich in der Hauptstadt Frankreichs ganz daheim zu fühlen. Gleich nach seiner Ernennung jedoch reiste er nach Hause und setzte sich sogleich auch auf Kolsäter fest, wo er von Anfang an auf großem Fuße lebte und viele Gäste bei sich sah. Denn Exzellenz war ein prunkliebender Herr. Außerdem war er damals seit zwei Jahren mit einer jungen, heißblütigen Französin verheiratet. Und um sie zu bewegen, Paris gegen den kalten Norden zu vertauschen, hatte Exzellenz sie versichert, daß Schweden ein Land sei, in dem man mindestens ebensogut zu leben verstehe wie in Frankreich. Viele Histörchen wurden von der alten Exzellenz berichtet; und vor allem weiß die Familienchronik zu erzählen, daß er ein Feind alles dessen war, was Mörk hieß. Die alte Exzellenz hatte nämlich ein hitziges Temperament und eine außerordentlich hohe Meinung von sich selbst. Und darum kam sie leicht mit allen Menschen in Konflikt. Die Familie Mörk war mehrfach verschwägert mit den Brandts auf Skogaholm, und diese nahmen darum auch einen ganz besonderen Platz im Wohlwollen der Exzellenz ein. Die alte Gnädige auf Malmhyttan, die ihn in ihrer Jugend einmal gesehen hatte, pflegte in ihrer drastischen Weise von ihm zu sagen: »Er war ein echter Mörk – vom Scheitel bis zur Sohle. Das muß ich am besten wissen, die ich mich meiner Lebtag mit den Brandts und der Familie habe herumschlagen müssen. Just darum konnt' er sie auch nicht ausstehen. Und weiß Gott – es trauerte ihm keiner nach, als er starb.« Es lag in diesem Urteil etwas von der Beweisführung der Nachwelt, die sich bekanntlich nicht immer das lateinische Sprichwort zum Muster nimmt. Hätte die alte Exzellenz in unsern Tagen gelebt, so hätte sicherlich einer der vielen, die die Schwierigkeit, die Mysterien des Seelenlebens auseinander zu wirren, mit fremdländischen Ausdrücken bemänteln, ihn einen Querulanten genannt. Unbestreitbar war, daß Exzellenz leicht mit den Menschen in Streit geriet und schwer in Frieden leben konnte. Das Verhältnis zur Familie war nur ein Glied in der langen Kette mancherlei andrer Konflikte. Als er alle Möglichkeiten, sich noch mehr Feinde zu machen an den verschiedenen Höfen, die damals in Schweden in rascher Folge einander ablösten, erschöpft hatte, wurde er nach Paris versetzt, und als sein unruhiges Blut nach weiteren zehn Jahren ihn ins Vaterland zurücktrieb, zog er sich in die Einsamkeit der Wälder zurück und ließ sich auf Kolsäter nieder – damals ein niederes, einstöckiges Gebäude mit einem großen, altmodischen Dachstock, von dem verschiedene kleine Zimmer mit Fenstern und Erkern nach allen möglichen Richtungen sich gegen den alten Park und die Seeseite herausarbeiteten. All das ließ sich nicht bestreiten; und doch ist damit nicht gesagt, daß die Exzellenz immer im Unrecht war, wenn es auch infolge irgendwelchen eigentümlichen Zusammenwirkens von Umständen und Naturgesetzen in Wirklichkeit meist so schien. Sicher ist, daß der Keim zum Haß gegen die ganze Welt, der in der Natur des alten Herrn lag, ihm zuletzt über den Kopf wuchs. Der Grund hierzu ward während einiger gewaltsam bewegter Tage auf Kolsäter gelegt, die damit begannen, daß das alte Haus geschlossen und alle Gäste kurz abgewiesen wurden, mit dem Bescheid, Exzellenz empfange nicht, und damit endeten, daß die Gnädige eines dunklen Februarmorgens im Kabriolett davonfuhr und alles, was sie an Kleidern und Juwelen besaß, mitnahm. Näheres über die Geschehnisse jener Tage ward nie bekannt, und man konnte bloß ahnen und erraten. Die Menschen jener Zeit klagten weniger als wir, und in bezug auf häusliche Skandale waren die Lippen versiegelt. Exzellenz lag nach diesem Vorfall zwei Tage lang zu Bett, und als er sich wieder zeigte, war er etwas grauer als zuvor, aber sonst wie immer. Von diesem Tag an jedoch war Kolsäter jedem Besucher verschlossen, und das lange Sonderlingsleben der Exzellenz nahm seinen Anfang. Um diese Zeit nun traf ein Ereignis ein, das dem alten Herrn das gab, was ihm bisher stets gefehlt hatte – nämlich ein bestimmtes Ziel, auf das er all den Groll häufen konnte, den er ein langes Leben hindurch in reichem Maß in sich angesammelt hatte, das den Haß, der ihm zum Bedürfnis geworden war, sozusagen in einen ideellen Haß wandelte, der ihn in seinen eigenen Augen hob und ihm den Anschein einer politischen Persönlichkeit gab, die sich aus Verachtung für die schlechten Zeiten, in der sie das Unglück hatte geboren zu sein, in ihre Einsamkeit zurückgezogen hatte. Und auf diese Weise rüttelte eben dieses Ereignis den alten Mann auf, gab ihm sozusagen eine Art Interesse, für das er leben konnte. General Bernadotte wurde nämlich zu dieser Zeit Kronprinz von Schweden, und über diesem Ereignis vergaß der alte Mann beinahe die Schmach, die sein eigenes Haus betroffen hatte. Die Nachricht erfüllte ihn nämlich mit einer ganz unbeschreiblichen Wut, und sein patriotischer Zorn kannte keine Grenzen. »Der Thron, den Gustav Wasa mit seinem ehrlichen schwedischen Hintern abgesessen hat,« pflegte er zu sagen – »von dem Thron aus soll künftighin ein Emporkömmling, der nicht einmal unsere Sprache spricht, unsern verlotterten schwedischen Adel regieren!« Irgendwelche andre Glieder der Nation als den Adel erkannte Exzellenz überhaupt nicht an. Dieser Gedanke schien so nach und nach das einzige zu sein, was den alten Herrn noch am Leben erhielt. Er sah die Personen, die seine Widersacher gewesen waren, sterben. Er sah die Familie aussterben und besuchte aus diesem Anlaß sogar einmal den alten Kirchhof von Torsby. Auf dem Kirchhof von Bonga – dem Kirchspiel, zu dem Kolsäter gehörte – lag zu jener Zeit noch kein Mörk begraben. Er sah sich selbst alt werden und seine Tage in einer sonderbaren Untätigkeit vergehen. Um ihn wechselten die Jahreszeiten, der Schnee fiel und schmolz, die Bäume grünten und schüttelten ihre Blätter ab, die Felder wurden weiß zur Ernte und die Ernte ward in seinen Scheunen geborgen. Die Hämmer des Hüttenwerks donnerten die Wochentage hindurch und verstummten auf vierundzwanzig Stunden, wenn der Sonntag kam. Nichts berührte ihn. Einsam, in seine Träume verschlossen, lebte der alte Herr dahin. Von kleiner, untersetzter Gestalt, winters in einen Pelz mit Zobelkragen gehüllt, sommers im weißen Nankingrock und riesigen Panama-Hut, wanderte er auf seinem Besitztum umher, nickte allen, die grüßten, zu und redete laute, unzusammenhängende Worte vor sich hin. Im Haus verkehrte er nur mit dem Großknecht, einem alten, hageren, wortkargen Mann, und dem Bedienten, der seine Kleider reinigte, sein Zimmer aufräumte, ihm morgens die Hafergrütze brachte und den Rotwein temperierte. Björling – so hieß der Diener – war zwanzig Jahre jünger als sein Herr und dank der Gunst, die er genoß, allgemein gehaßt, gefürchtet und beneidet. Schwammig, kriecherisch und frech folgte er der Exzellenz im Haus wie ein Schatten, erwartete den Gebieter, wenn er heim kam und öffnete ihm die Tür, wenn er ausging. Draußen ging der alte Herr stets allein und duldete nicht, daß jemand seine Schritte bewachte. Den ganzen langen Tag über redete Exzellenz meist mit keinem Menschen. Schweigend ließ er sich von Björling rasieren und ankleiden, stumm saß er bei Tisch – morgens, mittags und abends. Erst wenn das Abendessen verzehrt war, geschah es ab und zu, daß Exzellenz Björling anredete. Dann sprach er über das Schicksal Schwedens und das Unglück, das über das Land gekommen sei durch den Sackerments-Bürgerlichen und verdammten Schweinehund, der berufen worden war, den Thron zu besteigen. Bei dieser Gelegenheit deklamierte er viel von seiner eigenen Vaterlandsliebe. Er hatte ein unglaublich gutes Gedächtnis. Denn dies Gedächtnis war vollgepfropft mit lauter Anlässen, bei denen er Schweden hätte retten können – wenn man es ihm nur gestattet hätte. Unglücklicherweise waren da immer irgend ein paar goldstrotzende Marionetten bei der Hand gewesen, die ihn daran gehindert hatten. Diese wurden dann gewaltsam gestäupt und in effigie verbrannt. Und der fette Bediente hörte diesen seltsamen Bekenntnissen mit in gewohnheitsmäßiger Selbstbeherrschung und berechnender Heuchelei erstarrter Miene zu. Im Innersten hatte Exzellenz vielleicht doch das Empfinden, daß sein Leben von Grund aus verfehlt war; und vielleicht wollte er mit dem Gespenst, das er auf diese Weise herauf beschwor, nur die Gespenster seines eigenen Bewußtseins bannen. Alt, vergrübelt, saß er so Abend für Abend, prahlte mit seinen eigenen Großtaten, riß das Tun der andern herunter und prophezeite den Untergang der Welt und des Vaterlandes vor diesem einzigen Zuhörer, mit dem er in der Einsamkeit seiner Größe noch zu verkehren geruhte. Bis zum letzten waren seine Züge stramm, seine Bewegungen lebhaft, und mitten in der Wut, die aus seinen Worten sprach, konnte sein Mund manchmal lächeln – ein gutes, kindliches Lächeln, das in dem verheerten Gesicht ganz gespenstisch wirkte. Eines Abends saß er länger als gewöhnlich stumm vor dem Feuer am offenen Kamin. Der lange, bunte Schlafrock war zurückgeschlagen, so daß im flackernden Flammenschein die kurzen, dicken Beine zu sehen waren. Seine Gedanken schienen andere Wege zu gehen als sonst. Eine ganze Stunde lang tat er den Mund nicht auf. Dann gab er plötzlich dem Kamingitter einen Fußtritt und rief mit einer Stimme, die vor Alter schrill klang: »Björling!« Wie eine angezündete Kerze stand Björling vor seinem Herrn. Sein falsches Gesicht nahm einen frommen und teilnehmenden Ausdruck an. Exzellenz sah diesmal minder zufrieden aus als sonst, während er seinen getreuen Diener betrachtete. »Sag', Björling,« sagte er schließlich, »hab' ich wirklich gar nichts geleistet in meinem Leben?« Björling war anfangs etwas bestürzt. Aber er war an die Eigenheiten seines Herrn gewöhnt und versuchte, ihn an alle die Taten zu erinnern, mit denen der Alte sonst zu prahlen pflegte und die meist mit irgendeiner hochgestellten Persönlichkeit Schwedens oder des Auslandes im Zusammenhang standen. Aber Exzellenz unterbrach ihn barsch. »Gewäsch!« schrie er. »Ich meine etwas Rechtes, etwas, woran man sich halten kann!« In einem Nu kehrte der Bediente zur Wirklichkeit zurück, und nach der ersten besten Tatsache greifend, die ihm einfiel, sagte er: »Exzellenz haben Kolsäter umgebaut.« »Was?« knurrte der Alte. Der Stuhl fuhr mit einem Stoß zurück, daß er sich überschlug, und wie der alte Sonderling nun so dastand, kreideweiß im Gesicht, geradeaus ins Dunkel starrend, mit der Rechten in der Luft herumtastend, als halte er eine Rede an einen Unsichtbaren, sah er so unheimlich aus, daß sogar Björling vor ihm zurückschrak. Exzellenz aber hatte in diesem Augenblick Björling vollständig vergessen. Er starrte zurück in all die Märchen, mit denen er sein Dasein angefüllt hatte, die Märchen von seinem eigenen Ich und seiner eigenen Größe. Und die ganze Zeit über suchte er nach irgend etwas Denkwürdigem – und fand es nicht. Schließlich erholte er sich wieder, nickte Björling herablassend zu und entgegnete: »Ganz recht. Ich habe Kolsäter umgebaut. Vergiß das nicht! – Morgen spannst du den Fuchs vors Karriol und holst mir den Kronvogt her. Der ist ja doch so eine Art Jurist. Ein Sackerments-Bürgerlicher übrigens. Sag' ihm, ich hab' mit ihm zu reden.« Damit ging der alte Herr mit festen Schritten die Treppe hinauf und direkt in sein Schlafzimmer. Die Tür machte er hinter sich zu, und zum erstenmal seit zwanzig Jahren erlaubte er Björling nicht, ihm zu folgen. Mit einem verzerrten Lächeln auf dem blaßfetten Gesicht stand der getreue Diener außen im Korridor und hörte, wie der Gebieter, leise vor sich hinsprechend, noch über eine Stunde lang im verschlossenen Zimmer auf dem Teppich hin und her stapfte, ehe er endlich zur Ruhe ging. Am Tage darauf kam dann der Kronvogt. Er kutschierte selbst und Björling saß mürrisch hinten auf. An der Treppe stieg er aus und wurde, nach einer geziemenden Wartezeit, in das Zimmer im Erdgeschoß geführt, das Exzellenz sein Arbeitszimmer nannte. Dick, mit glänzendem, kupferrotem Gesicht, trat der Kronvogt ein. Exzellenz reichte ihm nicht die Hand, sondern gab ihm bloß ein Zeichen, sich in dem Lehnstuhl neben dem runden Tisch mit dem Globus niederzulassen. Er selbst setzte sich vor die geöffnete Chiffonniereklappe, drückte auf die geheime Feder, so daß das Dokumentenfach aufsprang, nahm daraus ein Papier und las es sorgfältig durch. Eine ganze Weile schien es fast, als habe er die Anwesenheit des Kronvogts ganz vergessen. Endlich blickte er auf und sagte: »Ist Er ein rechtschaffener Mann?« Der Korpulente im Lehnstuhl fuhr auf; seine breiten Augenbrauen zogen sich zusammen. »Exzellenz glauben wohl, wir Bürgerlichen ...« »Ich glaube gar nichts,« unterbrach ihn die Exzellenz. »Aber ich weiß, daß es in unserer Zeit nicht viele rechtschaffene Leute gibt. Und das kommt noch schlimmer. Doch ich will annehmen, daß Er ein rechtschaffener Mann ist. Das Papier soll Er nehmen. Es enthält mein Testament. Niemand darf wissen, daß ich es geschrieben und niemand, daß ich es Ihm gegeben habe. Er soll es mir mit allen Schnörkeln und Faxen der Juristerei ins Reine schreiben. Auf derartiges versteh' ich mich nicht. Und ich unterzeichne. Verstanden?« Der Kronvogt zog ein großes Taschentuch heraus, schneuzte sich und machte seinen Diener. »Jawohl, Exzellenz, ich verstehe.« Exzellenz faltete das Papier umständlich zusammen und reichte es dem Kronvogt. Darauf schwieg er wieder eine Weile und schien den Pendel der vergoldeten Wanduhr zu verfolgen, der über der großblumigen Tapete hin- und herging. Ein seltsam befriedigtes Lächeln spielte um seine Lippen. »Dann kann ich also ruhig sein?« fragte er schließlich. »Wieso ruhig?« stammelte verlegen der Kronvogt. »Nun ja,« lautete die Antwort, »die Welt ist voll von Schweinehunden. Und ich würde mich im Grab umdrehen, wenn jemand, der sich ganz besonders als Schweinehund gegen mich benommen hat, von meiner Hinterlassenschaft bon leben sollte.« »Leibeserben sind wohl keine da?« fragte vorsichtig der Kronvogt. Des alten Sonderlings Lippen schlossen sich fest aufeinander, wie hinter etwas, das er mit aller Gewalt verbergen wollte. »Ich habe einen Sohn gehabt,« erwiderte er kurz, »er starb in Paris.« »So können Exzellenz nach Gutdünken über Ihr Vermögen verfügen.« Wieder spielte das zufriedene Lächeln um die dünnen Lippen des alten Herrn. Plötzlich sagte er: »Jetzt kann Er gehen. Aber schieb Er den Schweinehunden einen Riegel vor, damit ich ruhig sterben kann!« Der Kronvogt ging, und was zwischen den beiden Männern verhandelt worden war, blieb, solange die alte Exzellenz lebte ein Geheimnis für alle. Bloß ein Punkt der Unterredung wurde bekannt und weckte auf dem ganzen Gut großes Aufsehen. Exzellenz hatte einen Sohn gehabt, und dieser Sohn war in Paris gestorben. Mit keinem Menschen hatte er je hierüber gesprochen, und nicht einmal die Gnädige hatte während ihrer kurzen Glanzperiode ein Wort über diese Sache verloren. Björling nahm sich die Neuigkeit sehr zu Herzen. Denn sein ganzer Stolz war, daß Exzellenz nie ein Geheimnis vor ihm gehabt hatte. Auch der Besuch des Kronvogts wollte ihm nicht so recht hinunter. Der Kronvogt kam in der folgenden Woche wieder und ward im selben Zimmer, wie das erstemal, vorgelassen. Ganz wie früher wurde die Tür abgeschlossen, und Exzellenz in seinem Stuhl vor der Chiffonniere las das Papier sorgfältig durch. Darauf unterzeichnete er es und siegelte es mit seinem Petschaft. Und damit kein Zweifel an der gesetzlichen Gültigkeit des Testamentes aufkommen konnte, setzten der Kronvogt und der zu diesem Zwecke herbeigerufene Großknecht als die vom Gesetz vorgeschriebenen beiden Zeugen ihre Namen unter den der Exzellenz. Der Großknecht, als des Schreibens unkundig, zeichnete sein Hauszeichen ein, und Exzellenz schrieb dann eigenhändig den Namen unter das Zeichen. Als er wieder mit dem Kronvogt allein war, wandte er sich zu diesem und sagte: »Jetzt kann ich also ruhig sterben?« Da in den Worten eine Frage lag, glaubte der Kronvogt dieselbe ehrerbietigst bejahen zu müssen; und Exzellenz sah auch äußerst gnädig und erleichtert aus. Dann zog er ein großes Kuvert aus der Tasche und wies es dem Kronvogt. In der geraden, holperigen Beamtenschrift der Exzellenz stand da des Kronvogts Name und Adresse verzeichnet. Und mit einer gewissen Feierlichkeit steckte der alte Herr in dies Kuvert einen Hunderttalerschein, legte es dann auf das Testament und schloß die Ahornschieblade zu. Zuletzt zeigte er dem Kronvogt das Geheimnis der verborgenen Feder und fügte hinzu: »Jetzt bin ich sicher, daß Er bei meinem Ableben nicht zu tun vergißt, was getan werden soll!« Der Kronvogt fand hierauf keine andere Antwort als einen demütigen Bückling, und ganz wie vorigesmal schnitt Exzellenz die Unterredung ab mit einem: »Jetzt kann Er gehen!« Diesmal jedoch reichte er dem Kronvogt zum Abschied zwei Finger und fügte milder hinzu: »Er hat seine Sache recht gemacht, Dahlmann. Ich danke Ihm!« Und damit fuhr der Kronvogt wieder fort durch die Allee von Kohlsäter, und erst nachdem die alte Exzellenz das Zeitliche gesegnet hatte, erzählte der Hüter des Gesetzes von den geheimen Unterredungen, die er und Exzellenz miteinander gehabt hatten. Und die Dienstboten und der Großknecht konnten sich auf Tag und Stunde hin erinnern, wann es gewesen war. Nämlich genau zwei Tage vor der großen Entdeckung, daß unter dem Holzschober vom vorigen Jahr die halbverweste Leiche eines neugeborenen Kindes lag, dessen sich eine von den Mägden auf dem Hofe auf diese Weise entledigt hatte. Aller Gerechtigkeit und Ordnung zum Trotz entging sie auch der Strafe; denn niemand vermochte herauszubringen, wer die Schuldige war, wenn auch alle eine Bestimmte unter dem weiblichen Personal des Hofes in Verdacht hatten. Es war eine Dirne, die Björling früher heimlich besucht, jetzt aber längst verlassen hatte, weshalb sie auch vom Dienst im Herrenhause in die bescheidenere Stellung einer Stallmagd versetzt worden war. Der alte Herr war nach diesem Tag nicht mehr derselbe. Am allersonderbarsten aber hatte er sich doch angestellt, als der Großknecht sich erdreisten mußte, zu ihm zu gehen und ihm die Geschichte mit dem unheimlichen Fund unter dem Holzhaufen zu melden. Er hatte den Großknecht bis zu Ende angehört, ohne ihn zu unterbrechen. »Begrabt das Wurm und laßt mich in Frieden!« brach er plötzlich los. Der Großknecht wagte einzuwenden, daß eine ungetaufte Leiche nach Recht und Brauch nicht in geweihter Erde begraben werden könne. Aber kaum hatte er diese Worte geäußert, als auch schon die Exzellenz mit geballter Faust auf ihn losfuhr. Die Augen waren blutunterlaufen, die Adern am Hals schwollen dick an und der weiße Schnurrbart sträubte sich, wie der Großknecht nachher berichtete, wie das Fell einer wütenden Katze. »Sag' dem Schurken von Pfarrer,« brüllte er, »was da ist von dem Kind, soll begraben werden – und das gleich morgen!« Der Großknecht ging. Natürlich wagte er des Gebieters Befehl nicht auszuführen. Denn der alte Propst in Bonga war ein gewalttätiger Mensch, dem keiner ungestraft Trotz bot. Dem Großknecht war ganz schwindlig zumute, als er über den Hof ging. Die Lästerworte des alten Herrn tönten ihm noch in den Ohren, und er dachte, die Exzellenz hätte wohl selber nicht mehr weit bis zum Grab. Darum schwieg er über das Erlebte. Die Überreste des kleinen Leichnams bestattete er selbst mit dem Stallknecht aus Barmherzigkeit auf dem Birkenhügel hinter der Scheune. Das geschah an einem dunklen Märzabend, und niemand außer den beiden, die die Arbeit verrichteten, kannte die Stelle. Das Grab wurde sorgsam mit Moos und Rasen zugedeckt, daß keine Spur verraten sollte, daß die Erde hier aufgegraben worden war. Und mit jedem Tag, der verging, ward dem Großknecht leichter ums Herz. Denn anfangs hatte er täglich und stündlich gefürchtet, der Herr würde sich erkundigen, ob man seinen Befehl betreffs des Pastors auch ausgeführt habe. Aber der alte Herr hatte anderes zu denken oder hatte die Sache überhaupt vergessen. Niemals fragte er dem Schicksal der kleinen Leiche nach. Und mehr als nur das hatte er vergessen. Daß er für Schwedens Ehre gelebt hatte und die Bernadottes und deren ganzes Geschlecht haßte, daß das Leben ihm einen seiner Freunde um den andern geraubt und ihm dafür lauter Feinde gegeben hatte, daß er ein selbstherrlicher Mann war und – wenn das Schicksal es bloß gewollt hätte – auch ein großer hätte sein können – all das hatte er vergessen. Alles war im Dunkel seiner Seele versunken. Jetzt dachte er bloß noch an eins: Daß er seit mehr als zwanzig Jahren einsam auf Kolsäter lebte, und daß er seinen Chiffonniereschlüssel bewachen mußte, damit er ihm auch nicht einen Augenblick lang aus den Händen käme. Denn in der Chiffonniere lag sein letzter Wille, und den durfte niemand sehen, ehe er selber nicht mehr war. Mehr und mehr versank die alte Exzellenz in Dunkel. Nicht einmal Björling genoß mehr das Vertrauen seines Herrn. In der letzten Zeit lag er zu Bett und ließ sich das Essen bringen. Er behauptete dabei, er sei nicht krank, es sei ihm nur wohler im Bett. Aber das geringste Geräusch erregte seine Ungeduld, und so oft eine Treppe oder Tür knarrte, schellte er nach Björling und befahl ihm aufs strengste, acht zu geben, daß sich ja kein Schweinehund zu den Türen von Kolsäter einschleiche. Am Tage seines Todes rief der alte Herr die Haushälterin herein und wies gleich darauf Björling die Tür. »Er meint es nicht gut mit mir,« sagte Exzellenz. »Er hat es nie gut gemeint. Ich hab' ihn nur aus alter Gewohnheit behalten.« Die Haushälterin bat mit Tränen in den Augen, daß sie den Propst holen dürfe. Exzellenz kicherte böse und wand sich im Bett. »Weiß er mehr als Mamsell und ich? Nimm die Bibel und lies, wenn's ohne Narrheiten nicht abgehen soll!« sagte er barsch. In ihrem Leben war die Haushälterin nicht so aufgeregt gewesen. Sie war froh, daß sie sich wenigstens an die Bibel halten durfte; aber was sie daraus las, davon wußte sie später nichts mehr. Während sie las, schlummerte der alte Herr in die Bewußtlosigkeit hinüber, aus der er nicht mehr erwachen sollte. Die Haushälterin saß bei ihm, voller Angst, den Sterbenden zu stören, voller Angst, daß sie mit ihm allein war, und voller Angst, was der Propst dazu sagen würde, daß niemand ihn an das Sterbebett gerufen hatte. Als das Todesröcheln verstummte, glaubte sie steif und fest zu hören, wie eine Seele zur Hölle fuhr, obgleich sie natürlich nicht behaupten konnte, etwas Bestimmtes gesehen zu haben. Aber ihr war, als fühle sie in diesem Augenblick die Nähe des Bösen. In ihrer Angst sprang sie auf und öffnete die Fenster, daß die Mailuft ungehindert hereinströmte. Ums Leben hätte sie sich nicht ans Bett zurückgetraut, um dem Toten die Augen zuzudrücken. Björling war's, der seinem Herrn diesen letzten Liebesdienst erwies. Er kam gleich darauf herein, und wie er auch sein mochte – Furcht vor der Exzellenz hatte er nie gekannt. Und wie es um seinen Christenglauben stand, war auch zum mindesten zweifelhaft. Björling war es auch, der unter dem Kopfkissen des Toten den Chiffoniereschlüssel fand und ihn an sich nahm. Darum glaubte aber doch keiner, daß er sich getrauen würde, vor dem folgenden Tage die Klappe aufzuschließen. Da kam der Kronvogt und bemächtigte sich unter Berufung auf der seligen Exzellenz Befehl des Testaments und des Kuverts, das seinen Namen und seine Adresse trug und zu oberst in der Ahornschieblade lag. Nach der Beerdigung wurde das Testament im Beisein der nächsten Verwandten in der gebräuchlichen Weise geöffnet. Zu allgemeiner Verwunderung stellte sich dabei heraus, daß der alte Herr all seine Habe, bewegliche und unbewegliche, dem ehemaligen Leutnant, gegenwärtigen Hauptmann in der Armee, Karl Henrik Mörk, wohnhaft in Stockholm, vermacht hatte. Drittes Kapitel Hauptmann Karl Henrik Mörk war, als dies Ereignis eintrat, ein Mann von kaum dreißig Jahren, und die Verhältnisse, unter denen dieser unerwartete Glücksfall ihn traf, waren ganz dazu angetan, ihn dessen Wert erkennen und schätzen zu lassen. Weder er selbst noch irgendein Mensch sonst vermochte recht zu fassen, wie die alte Exzellenz überhaupt auf die bizarre Idee gekommen war, diesem fast unbekannten Verwandten das ganze große Vermögen zu hinterlassen. Das einzige, was sich als eine Art Erklärung anführen ließ, war folgendes: Wie schon angedeutet, hatte die alte Exzellenz ein einziges Mal dem Kirchhof von Törsby, wo die Familien Mörk und Brandt so viele ihrer Toten beerdigt hatten, einen Besuch abgestattet. Sichtlich befriedigt von dem Erstaunen, das seine Anwesenheit hervorrief, hatte Exzellenz seinen Platz im Trauergefolge eingenommen, ohne mit jemand ein Wort gewechselt zu haben. Auf dem Kirchhof stand er ganz allein, und es sah fast aus, als merke er nicht einmal, daß sich ganz von selbst ein leerer Raum um ihn bildete. Korrekt und stramm stand er auf seinem Platz. Als der Pfarrer redete und er sich vermutlich unbeobachtet glaubte, zuckten manchmal die Muskeln in seinem Gesicht in einer Weise, die fast einem Lächeln glich. Als die Zeremonie zu Ende war, verabschiedete sich der alte Herr verbindlich von sämtlichen Anwesenden unter dem Vorwand, daß dringende Geschäfte ihn zwängen, sich unmittelbar wieder auf den Heimweg zu begeben. Und alle Anwesenden empfanden dies als eine Erleichterung. Darauf promenierte Exzellenz einsam auf dem Kirchhof, da und dort bei einem der vielen Steine stehenbleibend, auf denen Familiennamen eingegraben standen. Er schien hierbei so ungeniert, als wären es lauter Unbekannte, die sich um das offne Grab des eben beerdigten Landrichters Mörk versammelt hatten. Auf dieser Wanderung war es gewesen, daß er mit dem damaligen Leutnant Karl Henrik Mörk zusammentraf. Dieser stand ebenfalls vor einem Grab, das auf der Westseite des Chores lag. Und vielen war es damals aufgefallen, daß die alte Exzellenz auf den jungen Mann zutrat, ihm zwei Finger hinstreckte und kurz fragte: »Wer liegt hier begraben?« »Mein Vater,« antwortete der junge Mann. »Er ist vor einem Jahr gestorben und ich habe seither sein Grab noch nicht aufgesucht.« Dabei zitterte der Schnurrbart des jungen Mannes ein wenig. Denn er war ein Mensch, der leicht gerührt war. Und da Exzellenz nichts weiter äußerte, sondern ihn nur scharf fixierte, als mißtraute er dieser vor einem Fremden zur Schau getragenen Gefühlsweichheit, wurde der junge Leutnant ganz verwirrt und fuhr fort: »Als er starb, war ich im Dienst. Und als der Brief kam, war es schon zu spät zum heimreisen.« Da veränderte sich plötzlich der Ausdruck im Gesicht des alten Herrn, und dem jungen Mann grad in die Augen blickend, äußerte er mit einem finstern, schwer zu deutenden Lächeln: »Ich habe meines Vaters Grab überhaupt nie gesehen. Die Wahrheit zu sagen, waren wir nicht die besten Freunde. Und als er starb, war ich im Ausland. Sein Grab ist es eben, das ich hier suche.« Der junge Karl Henrik zeigte hierauf der Exzellenz, wo das Grab lag, und die beiden Männer schieden. Die Kutscher knallten mit den Peitschen, in rascher Fahrt rollten die Wagen durch den Aprilschmutz, der die Landstraße bedeckte. Den Abfahrenden den Rücken zuwendend, blieb die alte Exzellenz einsam auf dem Kirchhof zurück, über einen niederen eingesunkenen Stein gebeugt, auf dem des Vaters Name in halb unleserlichen, vom Regen und Schnee langer, entschwundener Jahre verwischten Buchstaben stand. Das war das einzige Mal, daß der Verstorbene und sein Erbe einander gesehen hatten. Irgendwelcher stichhaltige Grund, aus diesem unbedeutenden Anlaß ein Vermögen wegzuschenken, war natürlich nicht vorhanden. Aber die selige Exzellenz war immer ein unberechenbarer Mensch gewesen, und da der Besitz durch dieses Testament doch wenigstens in der Familie blieb, verstummten die Neider diesmal eher, als man erwarten durfte, und Karl Henrik Mörk zog noch im selben Sommer mit seiner Familie nach Kolsäter, um von seinem Erbe Besitz zu ergreifen. Alles stand im schönsten Flor. Seit Menschengedenken war kein so schöner Sommer gewesen. Der Roggen stand hoch und dicht, die Kleeweiden versprachen die üppigste Ernte, und im Garten reifte ein Reichtum von Obst und Gemüsen. Als die neue Herrschaft an einem schönen Abend gleich nach Mitsommer die lange Lindenallee herauffuhr, blühten Rosen, Jasmin und Heliotrop um das ganze Haus, und hinter den geschmeidigen Birken, die licht auf den grünen Matten standen, hoben sich die stattlichen Tannen und Kiefern des Wildparkes, der sich weit an den Ufern des Sees dahinstreckte. Der neue Herr saß zur Rechten im Wagen, und die Leute, die sich am Weg aufgestellt hatten, um einen Blick auf die neue Herrschaft zu erhaschen, bemerkten, daß er die Hand seiner Frau in der seinen hielt. Das Gesicht der Gnädigen sah niemand so recht. Sie führte oft das Taschentuch an die Augen, als ob sie Tränen abtrocknen müsse. Dazwischen hinein beugte sie sich vor, um ein Kind zu liebkosen, das auf dem Rücksitz unter dem Kutschbock saß. Ob es ein Knabe oder ein Mädchen war, wußte niemand zu entscheiden. Die langen, blonden Locken deuteten auf ein Mädchen, aber der Anzug mit den blanken Knöpfen war der eines Jungen. Still fuhr der Wagen durch die Allee, schweigend grüßten die Leute. Wenn der neue Herr von Kolsäter den Hut lüftete, blickte er gerade vor sich hin, als fühle er sich verlegen über die Aufmerksamkeit, die er erregte. Und als der Wagen endlich vor der Treppe hielt, fiel es den Dienstboten auf, wie müde und angegriffen die junge Frau aussah. Sie wandte ihnen ein blasses Gesicht mit großen, verwunderten Augen zu, und kaum hatten die beiden Ehegatten die Leute begrüßt, als auch schon der junge Herr, der von kleinem Wuchs war und einen langen dichten Schnurrbart unter einer gebogenen Nase hatte, seine Frau an der Hand nahm und sie ins Schlafzimmer führte, mit der Erklärung, sie brauche Ruhe. Eine lange Weile blieb er bei ihr, und als er wieder herauskam, sorgte er vor allem dafür, daß das Kind zu Bett gebracht wurde. Darauf ging er wohl eine Stunde lang im Eßzimmer auf und ab, ohne ein Wort zu reden. »Alles Geschäftliche, Pläne, Besprechungen und dergleichen wollen wir bis morgen lassen,« war das einzige, was er sagte. Mit keinem der Dienstboten wollte er vor dem nächsten Morgen sprechen, und mehr als einer empfand das als eine Enttäuschung. Schließlich ging er hinauf ins Schlafzimmer und holte seine Frau. Schweigend setzten sie sich zu ihrer ersten Mahlzeit in Kolsäter nieder. Und als sie fertig waren, gingen sie miteinander den breiten Weg zur Landungsbrücke hinab und verschwanden Hand in Hand in dem großen Park, der sich in Wald und Wildnis verlor. Die beiden Eheleute gehörten, ehe ihnen das große Erbe in den Schoß fiel, zu den Armen der Familie; und Nils Göran Mörk, der nunmehr einsam auf Björknas saß, hatte lange gefürchtet, die Ehe des Bruders möchte mit einer finanziellen Katastrophe enden. Karl Henriks Jugend war keineswegs eine mustergültige gewesen. Frühzeitig mutterlos hatte er sie in ständigen Konflikten mit dem Vater verbracht. Darum beschloß dieser auch bald, den Sohn zum Militär zu geben. »Wer Vater und Mutter nicht gehorchen lernt, der lernt der Trommel gehorchen –« so lautete die grimme Formel, mit der der alte Hüttenherr Mörk über des Sohnes Zukunft entschied. Und als Karl Henrik zum erstenmal nach Karlberg fuhr, um sich in des Königs Rock zu kleiden, hatte er das Gefühl, als unterziehe er sich einer Strafe. Der Trommel gehorchen lernte er freilich, ja, er avancierte rascher als die meisten andern zum Offizier. Als er einundzwanzig Jahre alt war, zahlte der Vater ihm sein mütterliches Erbe aus, und von da ab hörte zwischen den beiden jeder Briefwechsel und fast alle Verbindung auf. Karl Henrik war also sich selbst überlassen; und es zeigte sich rasch, daß die väterliche Roßkur keine guten Früchte gezeitigt hatte. Das mütterliche Erbe schwand wie Spreu im Wind, und des jungen Leutnants Abenteuer waren ebenso berüchtigt wie die verschwenderische Sorglosigkeit, mit der er dem ersten besten Kameraden Geld lieh. Man sagte auch, daß der Vater nicht ohne Schuld an dieser Entwicklung des Sohnes sei. Hart und ungerecht hatte er an ihm gehandelt, und sein eigenes Beispiel war nicht gerade vom guten gewesen. Er führte als Witwer ein Leben, das in der ganzen Gegend sprichwörtlich war. Von Zechgelag zu Zechgelag fuhr er, und wenn die Genossen dieser Ausschweifungen des Alten auf Björknäs zusammen kamen, so ging es wild und wüst da zu mit Saufen und Spiel und allerhand anderem, das der Gemeinde zum Ärgernis war. Schließlich war die Kraft des alten Hüttenherm untergraben. Als gebrochener Mann, wankte er auf seinem Besitztum umher, jedermann scheuend und jedermann von sich stoßend. In seinen letzten Lebensjahren mußte man ihn pflegen wie ein Kind, und man erzählte von ihm, er sei so alt und stumpfsinnig geworden, daß er oft vergesse, wer er war, und wie er hieß. Stolpernd wanderte er in den alten Zimmern oder im Garten herum und suchte seine Frau und rief ihren Namen. Und jedermann wußte doch, daß die alte Gnädige seit vielen Jahren tot war, und daß es die Liederlichkeit und Härte des Mannes gewesen, die sie vorzeitig ins Grab gebracht hatten. Nils Göran, der jüngere Sohn, war es, auf dem die Sorge für den Vater und Björknäs lag. Er war daheim geblieben und hatte während der letzten Lebensjahre des Vaters allerhand durchgemacht, von dem Karl Henrik in der Stunde frei ward, die zwischen ihm und dem Vater das Tafeltuch entzwei schnitt. Das kränkte Nils Göran so manches Mal. Er mußte daheim bleiben und des Tages Bürde tragen, während der ältere Bruder sich draußen herumtrieb und sein Erbe verpraßte. Und in diesem Gefühl, über das Nils Göran nur schwer Herr wurde, lag der Keim zur Schwächung der aufrichtigen Zuneigung, die bisher die beiden Brüder vereinigt hatte. Mittlerweile starb der Alte ganz unvermutet an einem Januarabend. Es war ein jäher Tod, der ihn ereilte. Man fand ihn bewußtlos draußen im Schnee. Es sah aus, als hätten den alten Mann ganz plötzlich die Kräfte verlassen, so daß er sich hatte setzen müssen, um auszuruhen. Das letzte Geheul seines Hühnerhundes weckte die Aufmerksamkeit der Dienstboten. Der Hüttenherr wurde zu Bett gebracht; aber er erwachte nicht wieder. Nils Göran kam an diesem Abend spät von einem Besuch auf einem der Nachbargüter heim. Gedankenvoll stand er vor dem Lager, auf dem der Tote ruhte. Weinen konnte er nicht. Aber durch seine Seele zog der Gedanke an den Bruder und ihre alte Freundschaft; Erinnerungen aus ihrer schweren Kindheit erwachten in ihm. Diese schwere Kindheit war es, die die beiden Brüder vereint, sie so fest verbunden hatte, wie Blutsbande es sonst nicht vermögen. Tag um Tag wartete Nils Göran darauf, daß der Bruder zum Begräbnis kommen sollte. Tag um Tag schob er es hinaus, den Beerdigungstag festzusetzen, immer im Gedanken, daß Karl Henrik noch zur Zeit kommen müsse. Schließlich aber kam nicht der Bruder, sondern ein Brief, in dem dieser erklärte, daß der Dienst ihn am Kommen verhindere. Nils Göran Mörk war ein mißtrauischer Mann. Keinen Augenblick lang glaubte er daran, daß es der Dienst sei, der den Bruder am Reisen hinderte. Er hat mich über der Welt vergessen, dachte Nils Göran. Und etwas von der Bitterkeit des Zurückgesetzten stieg in ihm auf. Die Beerdigung des Vaters war ein qualvoller Tag für ihn, und, als er vorbei war, eine schmerzliche Erinnerung. Indessen tat Nils Göran seinem Bruder Unrecht, ohne es zu wissen. Der Grund, weshalb Henrik nicht kam, war, daß er gerade in dieser Zeit das Weib kennen lernte, das später seine Gattin wurde. Und es fehlt ihm ganz einfach der Mut, dem Bruder mit dem Geständnis unter die Augen zu treten, daß er ans Heiraten denke. Er fühlte sich selber so unwürdig und fluchte dem Leben, das er gefühlt und das ihn in ein schimpfliches Abhängigkeitsverhältnis zu allen denen gebracht hatte, denen er jetzt Geld schuldig war. Das junge Mädchen, das Karl Henriks Herz gewonnen hatte, hieß Brite Luise von Lycknow. Sie lebte mit ihrer Mutter, einer Witwe, in einer kleinen Wohnung in der Smålandstraße. So arm waren die beiden Damen, daß sie sich nicht einmal einen Dienstboten halten konnten, und die Sorge für den kleinen Haushalt lag ganz auf der jungen Brite. Karl Henrik war bald ein gern gesehener Gast in der kleinen Familie, und die Tage, an denen er sie nicht aufsuchen konnte, schienen ihm selber bald ganz unerträglich leer. Die beiden Frauen bewohnten zwei kleine Zimmer, und die alte Dame, die klein und rundlich war, klagte beständig. Den lieben langen Tag saß sie in ihrer Ecke am Fenster mit den Geranien und dem Spion und träumte von dem, was das Leben ihr geraubt hatte und was unwiederbringlich dahin war. Seit mehreren Jahren hatte sie den Fuß nicht mehr auf die Straße gesetzt, und wenn man ihr zuredete, auszugehen, so fing sie an, über die Herzlosigkeit der Menschen zu weinen, die sie zu etwas zwingen wollten, was sie doch nicht konnte. Dann konnten ganze Tage vergehen, ohne daß sie ein Wort redete. Niemand wußte, ob die Augen hinter den blauen Brillengläsern offen oder geschlossen waren, und nicht einmal die Tochter wagte – aus Furcht gescholten zu werden – sie anzureden. Daß ein Mensch so ganz für einen andern leben konnte, wie Brite für die Mutter, das war für den jungen Offizier eine ganz neue Erfahrung. Mit einem Gefühl der Ehrfurcht näherte er sich dem jungen Mädchen, das das Leben so frühzeitig gereift hatte. Und während die alte Dame in ihrem Stuhl schlummerte, hatten die jungen Leute oft genug Gelegenheit, miteinander zu plaudern. Sie plauderten im Flüsterton, um die Mutter nicht zu stören. Niemals tauschten sie Liebesworte. Denn beide sahen wohl ein, daß man die alte Frau nicht allein lassen konnte, und Karl Henrik wußte außerdem, daß er das Heim, das er einem Weibe hätte bieten können, verschleudert und verpraßt hatte. Aber wo er ging und stand, sah er das junge Mädchen vor sich, fühlte ihre Nähe. Wie mit Zaubergewalt zog es ihn immer wieder zu dem Platz neben dem kleinen aufgeschlagenen Nähtisch mit seinen beiden braunen Klappen, über dem die weichen Hände des jungen Mädchens sich mit Häkelnadel oder Nähzeug zu schaffen machten. Als der Sommer kam und er fort mußte, überfiel ihn eine grenzenlose Sehnsucht, und auch daheim auf Björknäs, in der Einsamkeit mit dem Bruder, war ihm nichts recht. Ein dunkles Empfinden von Unbehagen begleitete ihn überall, und wie im Traum hörte er, wie Nils Göran seine Pläne für die Zukunft vor ihm entwickelte und ihm auseinandersetzte, wie das Erbe zwischen ihnen geteilt werden sollte. Er selber, Nils Göran, übernahm das Gut, über den Ertrag würde er dem Bruder Rechenschaft ablegen und ihm ein Drittel desselben ausbezahlen. So hatte es der Vater in seinem Testament bestimmt, und Karl Henrik fand nichts dagegen einzuwenden. Ein bißchen fremd fühlten sich beide Brüder voreinander diesen Sommer. Zum erstenmal hatten sie etwas zu verheimlichen. Zum erstenmal fühlten sie beide, daß ungleiche Lebenswege auch Brüder auseinander führen. Karl Henrik litt hierunter weniger. Sein Wesen war heiterer und offener als das des Bruders. Trotzdem war es ihm eine Erleichterung, als er wieder nach Stockholm zurückkehren konnte und die kleine Familie wiedersah, von deren Vorhandensein er dem Bruder gegenüber kein Wort über die Lippen gebracht hatte. Als er und Brite sich wiedersahen, war es beiden, als wären sie nie getrennt gewesen. Licht und ruhevoll ward dem jungen Mann an diesem Abend zumute; die Köpfe über dem kleinen Nähtisch, der heut abend geschlossen blieb, dicht zueinander geneigt, saßen er und Brite und redeten glückselige, törichte Worte, während die ausdruckslosen Augen der alten Frau auf sie schauten und die Dämmerung sank. Bitter fraß die Reue an Karl Henriks Herzen, als er an diesem Abend einsam durch die dunkeln Straßen heimwärts wanderte. Ihm war, als sei das Weib, das er liebte, an eine Tote gekettet. Und er selber war zu arm, um sie auf seine Arme nehmen und ins Leben hinaustragen zu können. Dann geschah es eines Tages, daß der junge Offizier, nachdem er an der Klingelschnur neben der niederen Korridortür geläutet hatte, sehr lange warten mußte, ehe ihm jemand öffnete. Und als er endlich ins Zimmer trat, war der Platz in der Ecke am Fenster leer und Brite hatte rotgeweinte Augen. Ganz still war die alte Frau am Abend vorher eingeschlafen, und als die Tochter kam, um sie zu wecken, war sie schon kalt. Die Nachbarsleute hatten Brite helfen müssen, die Tote auf ihr Lager zu betten. So wurden die zwei jungen Leute durch die Macht der Verhältnisse noch näher zueinander geführt. Und beide wußten es jetzt – nichts konnte sie mehr scheiden. Karl Henrik schien das Unmögliche auf einmal möglich und leicht, und in begeisterten Worten schrieb er dem Bruder, offenbarte ihm, was er den ganzen langen Sommer hindurch nicht über die Lippen gebracht hatte, entdeckte ihm seine hoffnungslose finanzielle Lage und beschwor ihn, ihm nur dies eine Mal zu helfen. Karl Henrik schrieb diesen ganzen Brief warm und unmittelbar, wie es seiner eigenen Natur entsprach. Er schonte sich keineswegs. Ja, er ging sogar so weit, sich scherzhafte Andeutungen auf den verlorenen Sohn entschlüpfen zu lassen. Er ahnte ja nicht, daß Nils Göran in der Tiefe seiner Seele etwas verbarg, was einem beginnenden Groll glich. Der Brief traf Nils Göran wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Der Gründe hierzu waren es mancherlei. So mancherlei und so verschiedener Art, daß er selber sie nicht zu unterscheiden vermochte. Mehrere Tage ließ er den schicksalsschwangeren Brief unbeantwortet unter der schweren Eisenkugel auf dem Schreibtisch liegen, und mit jedem Tag, der verging, wuchs sein Groll. Als er endlich fand, daß sich die Antwort nicht länger hinausschieben ließ, war er auch mit sich selber im reinen: Es war seine Pflicht, dem Bruder einmal die Wahrheit zu sagen. Die Antwort lautete folgendermaßen: Mein lieber Bruder Karl Henrik! Wohl hab' ich Dir allerlei zugetraut. Denn Du gestattest mir wohl die Bemerkung, lieber Bruder, daß Du von Geld und allem, was damit zusammenhängt, wenig oder gar keinen Begriff hast. Was hab' ich denn, so helf mir Gott, den ganzen vergangenen Sommer anders getan, als versucht, Dir klar zu machen, wie es um Björknäs bestellt ist; und nun merke ich, daß ich die ganze Zeit über vor tauben Ohren geredet habe. Glaubst Du vielleicht, ein Gut, das so verschuldet ist, wie das unsere, könne nur so mir nichts dir nichts eine Familie ernähren, wenn wir nicht beide, Du und ich, eines schönen Tages mit leeren Händen dastehen wollen? Nein, lieber Herr Bruder, es steht Dir ganz verdammt wenig an, mir eine solche Suppe einzubrocken, wie Du's mit Deinem Brief getan hast. Du bist eines schönen Tages auf und davongelaufen, weil Du und unser seliger Vater nicht miteinander auskommen konnten. Ich tadle dich darum nicht. Unser seliger Vater hatte seine Fehler so gut wie wir andern Sterblichen auch, vielleicht sogar etwas ausgeprägter, als sie die meisten belasten. In den Konflikten, die Du mit ihm gehabt hast, hab' ich mich redlich auf Deine Seite gestellt. Das kannst Du nicht anders sagen. Mehr als Du ahnst, hab' ich um Deinetwillen ausgestanden – böse Worte und noch anderes, von dem ich jetzt lieber nicht reden will. Wie glaubst Du denn, daß es Dir und mir und dem ganzen Gut gegangen wäre, wenn ich mich nicht so verhalten hätte, wie ich's tat? Glaubst Du, ich habe nicht auch manchmal mein Blut in mir kochen fühlen vor Sehnsucht, ab und zu etwas andres zu sehen als Bauern und Tagelöhner? Glaubst Du, es sei so besonders erheiternd gewesen, allein hier zu hocken mit unserem seligen Vater, der wieder zum Kind geworden und, so helf mir Gott, nicht einmal mehr bei vollem Verstand war in seinen letzten Lebensjahren? Du kannst es mir glauben, Karl Henrik, mehr als ein Winter ist mir damals lang geworden, und der Sommer nicht weniger. Damals hab' ich das lernen müssen, wovon Du überhaupt nie eine Ahnung hattest, nämlich Geduld. Des Tages Last und Hitze hab' ich getragen, und was es heißen will, eigenes Geld zu haben, das man vergeuden kann, hab' ich nie gewußt. Du nennst Dich selber den verlorenen Sohn, und ich weiß wohl, daß es im Scherz ist. Gott verhüte auch, daß es anders denkbar wäre. Aber so viel muß ich selber zugeben, daß mir mehr als einmal die Worte der Schrift in den Ohren geklungen haben, die da sagen: »Siehe, ich habe Dir so viele Jahre gedient und habe nie Dein Gebot übertreten, und Du hast mir nie auch nur ein Zicklein gegeben, daß ich mich mit meinen Freunden freue!« Du weißt, wo die Worte stehen; und ich kann nicht leugnen, daß mir die Gerechtigkeit dieser Teilung nie hat hinunter wollen. Damit will ich Dich selbstverständlich weder einen verlorenen Bruder noch einen verlorenen Sohn heißen, und mit Gottes Hilfe soll es dahin auch nie kommen. Aber eins muß ich Dir doch sagen, das bin ich Dir schuldig: Wenn Du heiratest, so mußt Du das auf eigene Verantwortung hin tun. Ich kann und will mit dieser Sache nichts zu tun haben. Nur so viel will ich noch hinzufügen: Nach den Grundsätzen, die ich von Kindheit an eingesogen und nach denen ich seither zu leben versucht habe, heiratet kein Mann, der Schulden hat. So haben es unsere Väter vor uns gehalten, und ohne das stünden weder Du noch ich da, wo wir heute stehen. Hast Du ein Mädchen genommen, das etwas wert ist – und daran zweifle ich nicht – so wartet sie auf Dich, bis Du ihr mit gutem Gewissen ein Heim und eine gesicherte Existenz bieten kannst. Dixi et animam meam salvalvi . Es tut mir leid, daß ich mich genötigt sehe, Dir das alles so unverhohlen zu sagen. Aber anders konnte ich Dir nicht antworten, und wenn Du in diesem Augenblick in mein Herz blicken könntest, würdest Du sehen, daß meine brüderlichen Gefühle für Dich – trotz meiner scharfen Worte – nicht den mindesten Abbruch erlitten haben. Handle nun, wie Gott und Dein Gewissen es Dir gebieten, mein lieber Bruder Karl Henrik, und vergiß nicht Deinen treuen Bruder Nils Göran Mörk. Dieser Brief brachte Karl Henrik aufs höchste auf. Es kam ihm vor, als hätte der Bruder damit das Schönste in dem Gefühl, was sie beide seither vereint hatte, getötet. Gleichzeitig aber sagte er sich selbst, daß er versuchen müsse, diesen Brief zu vergessen. Er glaubte das am besten dadurch zu erreichen, daß er sogleich antwortete, dem Bruder den Schlag zurückgab, so wie er es in seinen Knabenjahren gemacht hatte, wenn Nils Göran ihn angriff. Darum schrieb er folgendes: Mein lieber Bruder! Ich danke Dir für die Moralpauke. Niemand weiß besser als ich, daß ich sie verdient habe. Und wenn Du sagst, daß Du mir nicht helfen kannst, so glaube ich Dir das selbstverständlich. Kleinlich sollst Du mich, so hoff' ich, nie nennen können! Aber es liegt in Deinem Ton etwas, was ich nicht verstehe! Ich glaubte immer, wir, Du und ich, seien gute Freunde, wenn auch unsere Natur und Handlungsweise ein bißchen verschieden sein konnten. Selbst zwischen Brüdern kann man eine gewisse Feinfühligkeit verlangen. Und mein Vormund bist Du ja doch schließlich nicht. Ich kann Dir nur das eine sagen: Wäre Dir ein Glück begegnet, so wie jetzt mir – ich hätte Dir keinen so merkwürdigen Gratulationsbrief geschrieben. Deine Freundlichkeit ist ein bißchen unzart. Das wirst Du selber zugeben müssen, wenn Du über die Sache nachdenkst. Dein Bruder Karl Henrik. Als dieser Brief abgeschickt war, nahm Karl Henrik das Schreiben des Bruders und verbrannte es in dem kleinen, grünen Kachelofen in seiner Junggesellenstube. Um keinen Preis hätte er Brite diesen Brief zeigen mögen, der ihr für alle Zeiten ein Gefühl des Unwillens gegen den Schwager hätte einflößen müssen. Aber das ganze Vorkommnis weckte seine Energie; und darum wurde es ihm auch leicht, seinen eigenen Groll zu vergessen. Karl Henrik war durch die gewaltsame Spannung, in die des Bruders Brief ihn versetzt hatte, ganz verwandelt, ward ein ganz anderer als der weiche Träumer von bisher, der sich durch die Umstände bestimmen ließ. Er wurde wach, klug, erfinderisch und sah, über alle Schwierigkeiten weg, die, wie er sich lächelnd sagte, zu überwinden waren, das Ziel vor Augen. Zum erstenmal sah er jetzt seinen täglich wachsenden Schulden fest ins Gesicht; und weil er keinen andern Ausweg sah, ging er den schweren Gang, den manch einer schon vor ihm gegangen war, hinauf zum alten Kanzleirat Mörk, der, steinreich und unzugänglich, in seinem alten, düstern Haus weit hinten in der Südstadt lebte und heimlich innerhalb und außerhalb der Verwandtschaft Geld gegen Zinsen auslieh. Karl Henrik trat durch das verzierte Steinportal. Ihm war, als riefen die beiden einsamen Ulmen auf dem sandigen Hof in diesem Augenblick mit anklagenden Stimmen zu ihm von der Erde, die er verlassen, als er von Hause vertrieben und in die Uniform gezwängt ward, die ihm nie gepaßt hatte. Aber Karl Henrik Mörk verhärtete sein Herz gegen alle Stimmen außer der einen, die ihn jetzt zum Handeln zwang. Ehrerbietig brachte er dem gestrengen Oheim seine Bitte vor, reuevoll beugte er sich dessen scharfer Moralpredigt. Und gehorsam unterschrieb er die harten Bedingungen, mit denen dieser seltsame Tugendapostel seine Philippika begleitete. Denn all das ward mehr als reichlich aufgewogen durch die runde Summe, die er in seiner Brieftasche hatte, als er über den Hof zurückging, auf dem die beiden Ulmen jetzt mit den nackten Zweigen knarrten, als wollten sie seine Schritte beschleunigen. Noch ehe ein Monat um war, feierte Karl Henrik Mörk in aller Stille seine Hochzeit mit Brite, und unmittelbar darauf zogen die beiden Jungverheirateten in eine kleine, sonnige Wohnung in der Triewaldstraße. Und erst nachdem die Hochzeit vorüber war, benachrichtigte Karl Henrik den Bruder von dem Ereignis. Während der ersten Jahre, die nun folgten, schlug Karl Henrik sich die Gedanken an den Bruder und an alles, was ihn hätte stören können, möglichst aus dem Sinn. Das Glück und die Frohlaune, die es begleiteten, halfen ihm dabei. Auch beschränkten sich die Briefe, die die Brüder während dieser Zeit wechselten, auf das Allernotwendigste. Nils Göran seinerseits fiel es weniger leicht, die Gedanken zu verjagen. Einesteils war seine Natur schwerer und mehr zu verbissener Grübelei geneigt als die des Bruders. Und andrerseits hatte er im Einerlei des Landlebens wenig, was ihn zerstreute. Möglich auch, daß er selbst fand, er habe in der ersten Hitze ein bißchen zu derb zugeschlagen. Jedenfalls wollte er von einem ernsthaften Bruderzwist nichts wissen. Aller Skandal war ihm ein Greuel, und vor der Welt wenigstens wollte er, daß er und der Bruder zusammenhielten. Darum befahl er eines Tages, als die Erntezeit vorüber war, den Reisewagen instand zu setzen und unternahm, ohne den Bruder auf seine Ankunft vorzubereiten, eines Morgens im Anfang September die Reise nach der Hauptstadt. Karl Henrik und Brite waren damals etwas über ein Jahr verheiratet. Und eines Septembernachmittags erfragte sich der Hüttenherr durch die ihm unbekannte Stadt den Weg zur Wohnung seines Bruders, des Hauptmanns. Die Überraschung bei Nils Görans Erscheinen war natürlich groß, und daß die Unterhaltung anfangs nur stockend floß, war nicht zu verwundern. Zu vieles war da, über das man beiderseits erst wegkommen mußte. Trotzdem war das Wiedersehen zwischen den Brüdern sehr herzlich, und Brite tat, was sie nur konnte, um sich dem gestrengen Schwager freundlich zu erweisen. Dennoch war es nicht schwer zu sehen, wie bedrückt sie sich durch den unerwarteten Besuch fühlte; und mehr als einmal mußte sie die Tränen zurückdrängen, die hervorzubrechen drohten. Schließlich machte Karl Henrik einen Versuch, die gedrückte Stimmung zu heben, indem er lächelnd sagte: »Es sieht fast aus, als habest du meinen letzten Brief gar nicht erhalten?« »Welchen Brief?« fragte Nils Göran. Karl Henrik lächelte und flüsterte seiner Frau ein paar Worte zu, worauf sie sich erhob und das Zimmer verließ. Eine kleine Weile darauf kam sie mit einem Kind auf den Armen zurück. »Es ist ein Junge,« sagte Karl Henrik. »Er heißt Erling Henrik. Ich wollte, er sollte nach mir und dem Vater meiner Frau heißen. Der Rufname ist Erling.« Auf diese Überraschung war Nils Göran nicht vorbereitet. Eine dunkle Röte stieg ihm in die Wangen. Sein Besuch hatte auf einmal einen ganz neuen Charakter angenommen. Karl Henrik hatte sich neben seine Frau gestellt und blickte über ihre Achsel weg auf das Kind. Weder Brite noch er verstanden, was in diesem Augenblick in Nils Göran vorging. Dieser saß eine Weile stumm und betrachtete das Kind, das mit offenen, verständnislosen Augen ins Licht des Tages starrte. Darauf wandte er sich zu der Frau des Bruders, die schweigend, das Kind auf den Armen, vor ihm stand. Sie war dunkel, braunäugig, anders als alle Frauen, die Nils Göran je gesehen hatte. Ihre Hände hatten eine eigene blasse Weichheit, und auf der Haut zeichneten sich die feinen blauen Adern ab, als rinne das Blut in ihrem Körper anders als das der gewöhnlichen Sterblichen. Ihr Blick war tief und unergründlich, und ihr Hals hob sich weiß aus dem breiten, tiefausgeschnittenen Spitzenkragen. Nils Göran fühlte, wie in diesem Augenblick etwas in ihm schmolz. Mit ein wenig dicker Stimme sagte er: »Es ist auf alle Fälle gut, daß ich gekommen bin.« Brite hatte vor dem Schwager gestanden wie vor einem Richter, der über ihr Wohl und Wehe zu entscheiden hatte. Noch nie war sie sich so klein und unbedeutend vorgekommen. Bei diesen Worten ward es ihr plötzlich zumut, als habe der Schwager ihr wenigstens verziehen, daß sie in seine Familie gekommen war. Und das machte sie so glücklich, daß große Tränen ihr über die Wangen liefen. Außerstande, ein Wort der Entgegnung hervorzubringen, ging sie mit dem Kinde auf den Armen wieder aus dem Zimmer. Nils Göran verstand die Ursache dieser Aufregung der Schwägerin wohl. Aber daß eine Frau seiner eigenen Klasse sich von ihren Gefühlen überrumpeln ließ, mißbilligte er. Darum sah er einen Augenblick unzufrieden vor sich hin und runzelte die Stirn. Damit aber seine Mißstimmung nicht offenbar würde, blickte er gleich wieder auf und sagte: »Mir scheint, die kleine Frau ist leicht gerührt.« Karl Henrik nickte, und sein Gesicht trug dabei einen solchen Ausdruck des Glücks, daß der Bruder nicht das Herz hatte, ihm seine Freude zu stören. »Gleich und gleich gesellt sich gern,« fügte er darum bloß hinzu. »An der Ware hat's dir auch nie gefehlt, mein lieber Bruder!« Karl Henrik lächelte nur als Antwort, und da seine Frau noch immer ausblieb, verließ auch er mit ein paar Worten der Entschuldigung das Zimmer. Er fand Brite in der Schlafstube. Sie saß auf einem Schemel, das Kind lag an ihrer Brust und sog mit gierigen Lippen die Milch ein, während seine kleine Hand tastend umherfuhr und die Mutter in das weiche Fleisch zwickte. »Brite,« sagte Karl Henrik leise, damit der Bruder draußen ihn nicht hören sollte, »das war nicht gut, daß du gerade jetzt gegangen bist. Komm so schnell als möglich wieder herein.« Brite blickte zu ihrem Mann auf. Über ihren Zügen lag es noch wie ein Schimmer der Freude, die ihr vorhin die Tränen in die Augen getrieben hatte. »Ich bin so froh, daß dein Bruder freundlich zu mir war,« sagte sie. »Kann ich nicht hierbleiben?« »Um Gottes willen, nein!« rief Karl Henrik. »Wo denkst du hin?« Brite fuhr fort: »Ich hab' mich immer davor gefürchtet, das ganze Jahr hab' ich daran gedacht. Ach, du weißt nicht, du...« Karl Henrik sah sie an. Wie ein erschrecktes Vögelchen sah sie aus, anders als alle andern Menschen, die er kannte. Man mußte sie behutsam anfassen, langsam, vorsichtig. Das wußte niemand besser als er. Es konnte auch niemand wissen. Karl Henrik wußte wohl, daß, so wie Nils Göran nun einmal war, Brite und er selber in diesem Augenblick Gefahr liefen, alles, was sie soeben kaum gewonnen hatten, wieder zu verlieren. Trotzdem kehrte er allein zum Bruder zurück und schlug ihm vor, sie wollten ihre erste Mahlzeit außer dem Hause und allein einnehmen. Das war gegen allen Schick und Brauch. Und was noch schlimmer war – Brite erschien nicht einmal zum Abschiednehmen. Sie konnte nicht. Sie wäre in Tränen ausgebrochen und hätte ja doch die Ursache nicht erklären können. Schweigend gingen die Brüder miteinander den schönen Weg entlang, über die Schiffbrücke, wo ein paar plumpe Dampfer rauchten, Seite an Seite mit den vielen Segelbooten, deren Segel an dem windstillen Septemberabend schlaff herabhingen. Karl Henrik war zumut, als wandre er im Traum. Zu vollem Bewußtsein erwachte er erst, als er mit dem Bruder auf der niederen Veranda im Strömparterre saß. Rundum glänzten die farbigen Lampen, hinten in der Grotte sang eine dunkeläugige Italienerin zur Mandoline. Zwei kleine Gläser mit dampfendem Toddy standen vor den Brüdern. Nils Göran fing langsam an, von dem Stand des väterlichen Gutes und dem Steigen der Eisenpreise zu sprechen. Zerstreut hörte Karl Henrik zu. Beiden war es, als ob das Band, das sie an eine gemeinsame Jugend und eine gemeinsame Heimat gebunden hatte, zerrissen sei und sie sich anstrengen müßten, die Enden zu finden und notdürftig wieder zusammenzuknüpfen. Karl Henrik dachte an alles, was er erlebt hatte, und er schämte sich fast, weil er schließlich doch immer wieder nur von sich und seinem Glück sprach. Er tat es auch scheu und zögernd, als möchte er den Bruder erweichen, ihm zu verstehen geben, daß das Glück, das er errungen, wohl eines Opfers wert war, möchte die Mißstimmung, die hinter jedem ihrer Worte lauerte, verscheuchen. Nils Göran hörte ihn mit einem eigentümlichen Lächeln an. Ehe sie auseinandergingen, hob er sein Glas gegen den Bruder und trank ihm zu. »Du mußt nicht verlangen, daß ich alles mit denselben Augen ansehe, wie du,« sagte er. Karl Henrik fühlte, wie ihm die Röte in die Wangen stieg. Und als er eine halbe Stunde später des Bruders Hand zum Abschied drückte, war sein Gesicht traurig. Im Schein des Septemberhalbmonds, der klar am tiefblauen Himmel stand, gingen die Brüder durch die nächtigen Straßen nach Hause, Nils Göran seinem Hotel in der Drottningstraße, Karl Henrik der kleinen Wohnung, in der er sein Nest gebaut hatte, zu. Als er ins Schlafzimmer trat, fand er seine Frau wach. Ihre Augen waren größer und glänzender als je; Karl Henrik tat es fast weh, sie so zu sehen. Zum erstenmal fühlte er, daß kein Mensch jemals seine Frau mit seinen Augen sehen konnte. Grade das, was ihn selbst erwärmte, würde stets der andern Kritik wecken. »Könnt' ich sie nur mit mir nehmen,« dachte er,« »weit fort, wo die Kälte der andern uns nicht erreicht.« Langsam, als hätte sie jedes Wort genau überdacht, sagte Brite plötzlich: »Dein Bruder mochte mich doch ein klein bißchen leiden, sag'? Hat er nichts darüber gesagt?« Ratlos stand Karl Henrik vor dem Bett seiner Frau. Ihm war, als habe der Bruder sein Glück, das so fein und empfindlich war, zwischen seinen groben Händen zermalmt. Er lag noch lange wach, und sein letztes Gefühl, ehe er einschlief, war ein Gefühl erbitterten Grolles gegen diesen Bruder, der ihm das Glück seiner Häuslichkeit gestört hatte. Auch Nils Göran ging lange auf dem Läufer seines engen Hotelzimmers auf und ab, während auf dem Nachttisch die Kerze brannte. Er summierte die Eindrücke des Tages und kam zu dem Schluß, daß die Schwägerin nicht die Frau war, die er dem Bruder gewünscht hätte. »Die liebe Brite-Luise ist eine launische und gefährliche Frau,« dachte Nils Göran, »und mein armer Bruder steht völlig unter dem Pantoffel. Man denke bloß: Eine junge Frau, die sich unsichtbar macht, wenn der Bruder des Mannes zum erstenmal zu Besuch kommt? Möcht' wohl wissen, wie die Krankheit heißt? Kaprice heißt sie in meiner Sprache. So viel wenigstens weiß ich!« Das waren die Gedanken, mit denen Nils Göran sich entkleidete. Und mit ihnen schlief er auch ein. Als er aufwachte, war dann sein erster Gedanke, daß er streng auf der Hut sein müsse, damit wenigstens äußerlich das gute Verhältnis zwischen ihm und dem Bruder nicht irgendwie ernsthaft gestört würde. Die Brüder trafen sich denn auch während der Tage, die Nils Göran in Stockholm verbrachte, nicht öfter als nötig war. Ihr gegenseitiger Verkehr blieb ein oberflächlicher, nahm aber doch, je näher der Tag der Trennung rückte, wieder etwas von der alten Herzlichkeit an. Nils Göran ging in diesen Tagen wiederholt auf die Eisenbörse und stattete verschiedenen Geschäftsfirmen Besuche ab. Und so wenig sich auch Karl Henrik für solche Einzelheiten interessierte, entging es ihm doch nicht, daß des Bruders Wesen mit jedem Tag freier und seine Stimmung heiterer wurde. Den letzten Abend verbrachten die Brüder wieder miteinander außer dem Hause. Als sie zu Abend gespeist hatten und die Punschbowle auf dem Tisch stand, wandte sich Nils Göran zum Bruder und sagte in milderem Tone, als er diese ganze Zeit über gesprochen hatte: »Ich habe dir seinerzeit einen etwas scharfen Brief geschrieben, mein lieber Bruder Karl Henrik. Du darfst darum keine unfreundlichen Gedanken gegen mich hegen.« Karl Henrik strahlte. Er war in diesem Augenblick buchstäblich zu glücklich, als daß er hätte antworten können. Wortlos stieß er sein Glas gegen das des Bruders und leerte es bis auf den Grund. Nils Göran lächelte. »Es ist an der Zeit, daß ich es dir sage,« fuhr er fort, »ich bin nämlich eigentlich in der gleichen Klemme wie du. Ich beabsichtige mich zu verheiraten.« Nils Göran wollte noch hinzufügen, daß er keine großen Schulden mehr habe, und daß er gewissenhaft mit sich zu Rate gegangen sei, ehe er diesen Schritt getan habe. Aber er fürchtete, dadurch wieder niederzureißen, was er einen Augenblick zuvor aufgebaut hatte. So schwieg er wohlweislich und sagte statt dessen: »Meine Reise hierher war nicht vergebens gewesen. Ich habe auf längere Zeit hinaus vorteilhafte Kontrakte für den Ertrag des Hammers abgeschlossen. Wir können der Zukunft wieder mit Mut und Zuversicht entgegensehen. Und wenn meine Braut nichts dagegen einzuwenden hat, so können wir, denk' ich, gleich nach Weihnachten Hochzeit halten.« Karl Henrik fiel des Bruders Brief ein. Er ahnte, daß ein Zusammenhang war zwischen dessen aufgebrachtem Ton und dem Geständnis, das ihm der Bruder jetzt machte. Aber er schob diesen Gedanken so gut er konnte, von sich, und indem er den Bruder beglückwünschte, fragte er: »Wer ist es?« »Mina Charlotte Brandt, Tochter von Ulrik Ferdinand Brandt auf Skogaholm,« antwortete mit einer gewissen Feierlichkeit Nils Göran. »So,« erwiderte der Bruder einsilbig. Die Antwort mißfiel ihm. Die Brandts auf Skogaholm waren nicht sein Geschmack und Fräulein Mina Charlottas erinnerte er sich als einer scharmanten Weltdame, die ihn durch eine gewisse säuerliche Schärfe stets abgestoßen hatte. »Ich kann dir auch gern das noch sagen,« fuhr Nils mit einer gewissen Anstrengung fort, »wenn nicht alles in diesen Tagen hier so gut gegangen wäre, so wäre ich genötigt gewesen, meine Heirat mehrere Jahre hinauszuschieben, ja vielleicht die Verlobung ganz aufzuheben, um nicht zu riskieren, daß eine Frau meinetwegen um ihre Zukunft kommt.« Nils Görans Gesicht war streng, als er diese Worte aussprach; seine Stimme klang dunkler als zuvor. Karl Henrik empfand die Worte wie ein Urteil, das über ihn selbst gefällt wurde, und er war froh, daß er nicht gleich zu antworten brauchte. Denn Nils fuhr fort: »Jetzt fahre ich froher heim, als ich seit langer Zeit gewesen bin.« Und gleich darauf fügte er ganz direkt hinzu: »Eben, weil ich so dachte, ist es mir anfänglich so schwer geworden, mich mit deiner Handlungsweise auszusöhnen.« Karl Henrik sah auf. »Warst du schon damals verlobt, als mein erster Brief kam?« entfuhr es ihm. »Ja,« antwortete Nils Göran, sein Kinn streichelnd. »Wir hatten schon damals uns miteinander ausgesprochen.« Und seine schmalen, glattrasierten Lippen schlossen sich fest zusammen. »Jetzt versteh' ich alles!« sagte Karl Henrik ruhig. Seine Stimme klang ein wenig unsicher, und er strich sich über den blonden Schnurrbart, wie um sein Mienenspiel zu verbergen. Auf der Nordbrücke gingen die beiden Brüder noch eine Weile auf und ab, ehe sie Abschied nahmen. Der Vollmond stand rund über dem Wasser, und die dunkle Fassade des Schlosses glänzte wie von feuchtem Gold. Den Löwenhügel hinan fuhr ein geschlossener Galawagen, vor dem der Vorreiter mit der brennenden Fackel einhersprengte. Die Brüder blieben stehen, bis der letzte Strahl des Fackelscheins in der Dämmerung des Schloßportals erloschen war. Dann schüttelten sie einander zum Abschied die Hand, und Karl Henrik sagte: »Ist jetzt alles recht und gut zwischen uns?« »Ich hoffe es,« antwortete Nils Göran. Gedankenvoll wanderte Karl Henrik Mörk heim durch die mondhelle Nacht. Im Innersten war er verstimmt, und er wünschte sich die Tage, die nun verflossen waren, nicht noch einmal zurück. Im Frühjahr darauf wurde das junge Paar durch die Nachricht vom Testament der alten Exzellenz überrascht. So unerwartet kam dieses Ereignis, daß Karl Henrik es anfänglich kaum glauben wollte. »Das ist irgendein schlechter Scherz,« waren seine ersten Worte. »Solch ein Glück kann nicht Wahrheit sein.« Nie bis auf diesen Tag hatte Karl Henrik Mörk es so empfunden, wie tief das Bewußtsein seiner Armut ihn gequält hatte. Seit er seinen Willen durchgesetzt hatte und Ehemann war, war insgeheim mehr und mehr der Gedanke in ihm laut geworden, daß ein Mann doch selten ungestraft handelt, wie er es getan hatte, und daß der Tag kommen könnte, an dem er nicht allen gerecht zu werden vermochte. Als ihm darum klar wurde, daß das Unglaubliche Wahrheit war, traf ihn die Neuigkeit so heftig, daß er im ersten Augenblick auf dem Stuhl, auf dem er saß, zusammensank, und daß ihm, ehe er es hindern konnte, die Tränen über die Wangen strömten. Brite stand bestürzt vor diesem Ausbruch des Schmerzes. Sie war so erschrocken, daß sie sich erst ihrem Mann gar nicht zu nähern wagte. »Verstehst du nicht, daß es Wahrheit ist?« wagte sie endlich zu fragen. Und als Karl Henrik nicht antwortete, sondern in derselben Stellung, über den Tisch gebeugt, sitzenblieb, während sein ganzer Körper wie im Krampf zuckte, da ging es Brite auf, daß es in ihrem Leben doch etwas gegeben haben mußte, das sie nicht verstanden hatte. Bezwungen von diesem gewaltsamen, männlichen Schmerz, der so anders war als alles, was sie je erlebt hatte, preßte sie die Hände gegen die Brust, als wolle sie die Schläge ihres eigenen Herzens zum Schweigen bringen und sagte leise: »So viel hast du um mich gelitten?« Karl Henrik sah zu seiner Frau auf. Sein Gesicht war verzerrt. »Ich habe lernen müssen, daß ich schwächer bin, als ich glaubte,« rief er aus. Es war ein Geständnis, das ihm entschlüpfte. Und er fuhr fort: »Du ahnst nicht, was das für einen Mann ist: Von Schulden leben! Wissen, daß es Menschen gibt, von deren Gnade man lebt. Wissen, daß man nicht frei ist. Wissen, daß, wenn ich eines Tages stürbe, ihr, du und mein Sohn, auf die Verwandtschaft angewiesen wäret! Das ist es, siehst du, was ich so empfunden habe: Daß, wenn ich gestorben wäre, Nils Göran die Folgen meiner Handlungen hätte auf sich nehmen müssen. Und er hätte es auch getan. Begreifst du, daß ich das nicht wollte?« Er stand auf und wurde mit einemmal ruhiger. »Ich kann es noch nicht fassen, daß das alles wahr sein soll,« sagte er noch einmal. Ein seltsam schmerzliches Lächeln glitt über seine Züge. Brite ging zu ihm ihn. Sie hätte ihn umarmen mögen, aber es war, als könne sie es jetzt nicht. Daß ihr Mann so lange etwas vor ihr hatte verheimlichen können, erfüllte sie mit einer Mischung von Bitterkeit und Schmerz, die die Freude, der sie sich so gern ganz hingegeben hätte, verdunkelte. Von diesem Tage an liebte Brite ihren Mann mit einer ganz neuen Liebe; und auch Karl Henrik hatte die Empfindung, als sei er seiner Frau näher gekommen. Es war ihnen beiden, als hätten sie eine gemeinsame Bürde getragen, jedes für sich, ohne zu wagen, einander auch nur mit einer Klage zu stören. Jetzt war die Bürde wie durch einen Zauberschlag von ihren Schultern genommen, und bald würde mit ihr auch die Erinnerung an sie verschwinden. Denn das Unglaubliche war wirklich wahr. Kolsäter mit Grundbesitz und Hammer, mit seinem See und seinen großen Waldungen, dazu das ganze Barvermögen der alten Exzellenz gehörte ihnen. Im ersten Freudenrausch schrieb Karl Henrik an den Bruder und bat ihn, alle Verpflichtungen gegen ihn selbst als aufgehoben zu betrachten, schenkte mit einem Wort seinen Anteil an Björknäs dem Bruder und dessen Familie zu Erb und Eigen. Darauf ging er zum alten Kanzleirat Mörk in der Südstadt und setzte diesen in nicht geringe Verwunderung, indem er ohne weiteres seine rückständige Schuld mit Zins und Zinseszins bezahlte. Und zuletzt reichte er ein Gesuch an Kgl. Majestät um gnädige Entlassung vom Dienst ein, tat, was in seiner Macht stand, die Sache zu beschleunigen, erhielt auch seinen Abschied mit dem Rang eines Majors und entwickelte überhaupt jetzt die gleiche rastlose Tätigkeit, um von der Hauptstadt loszukommen, wie damals, als es, nachdem er Brite glücklich zum Altar geführt hatte, galt, sich ein Nest zu bauen. Am Morgen des Mitsommertages war es; da passierten Karl Henrik Mörk und seine Frau den Schlagbaum von Södertelje, um nach Kolsäter zu reisen. Stumm saßen sie die erste halbe Stunde nebeneinander. Sie fühlten beide, wie ihr altes Leben hinter ihnen versank. Als der Wagen in den ersten Kiefernwald einbog, zog Karl Henrik seine Frau an sich, küßte sie und lächelte. Und als Erklärung für alles, was er in diesem Augenblick empfand, sagte er nur: »Es ist gut zu wissen, daß man zur Erde zurückkehrt.« Zu beiden Seiten des Weges stand hoch der Tannenwald; als der Wagen um eine Wegbiegung rollte, war rings um sie her nichts mehr zu sehen als eine Perspektive von schlanken, graden Stämmen und hängenden Zweigen. Auf Kolsiter lebte seit undenklichen Zeiten ein kleiner grauer Mann. Er hatte eine rote Mütze und einen langen Bart, zottig wie die Flechte, die am Stamm der Birke wächst. Er lockte alles Gute auf den Hof, und in seiner Spur wuchs das Glück. Viele Jahre, so lange die alte Exzellenz lebte, hatte niemand ihn gesehen. Aber als Majors aufzogen, da wußten die alten Leute auf dem Hof zu erzählen, daß der kleine Mann sich aufs neue gezeigt hatte. Heinzelmännchen hieß er, oder Wichtel und mehr als einen gab es jetzt, der ihn auf leichten Füßen, die kaum das Gras bogen, den Hügel hinab hatte trippeln sehen. Dort saß er in den lichten Sommernächten, am liebsten wenn der Nebel stieg, auf dem großen, moosigen Stein und spiegelte sich im klaren See. Es war Brites Kummer, daß sie ihn nie selbst zu Gesichte bekam. Aber sie freute sich wie ein Kind über das, was sie hörte, und erzählte es flüsternd dem kleinen Erling, wenn sie beide allein den schmalen Weg durch das Schilf wanderten und die Buchfinken in den Birken über ihren Häuptern zwitschern hörten. Karl Henrik lächelte darüber. Ihn drückte ein anderer Kummer. Und wenn er sich am kraftvollsten fühlte, konnte es geschehen, daß dieser Kummer sein Haupt hob und ihm zuflüsterte, sein Glück sei auf Sand gebaut. Nils Göran hatte nämlich des Bruders Geschenk nicht angenommen. In einem kurzen herben Brief wies er es zurück. Karl Henrik versuchte oft, diesen Brief, dessen viele Jahre lang zwischen den Brüdern keine Erwähnung geschah, aus seiner Erinnerung zu tilgen. Ganz aber gelang ihm das nie. Die Brüder Mörk Erstes Kapitel Zehn Jahre waren vergangen. Die Brüder hatten sich daran gewöhnt, einander als Fremde gegenüberzustehen. Auch auf Björknäs war in dieser Zeit eine Hausfrau eingezogen. Es geschah das kaum zwei Jahre, nachdem der Major und Brite nach Kolsäter übergesiedelt waren. Ein großer Unterschied war aber zwischen den beiden Familien. Während der Herr der großen Besitzungen von Kolsäter noch immer nur einen einzigen Erben hatte für das Vermögen, das ihm so unerwartet in den Schoß gefallen war, war die Kinderschar auf Björknäs in ständigem Zuwachs begriffen. Und mehr als einmal konnte die kleine Mina Charlotta mit ihrem spitzigen Lächeln sagen: »Du bist gut daran, meine liebe Brite! Du kannst dich immer gleich jung und schön erhalten!« Brite war indessen keineswegs glücklich über diese Tatsache. Sie beugte sich der Notwendigkeit und sammelte ihre ganze Liebe in dem kleinen Erling, der der Augapfel seiner Eltern war, den sie aber, der Sitte der Zeit entsprechend, streng erzogen. Allein sie empfand diese allzufrühe Unfruchtbarkeit als einen Mangel und trauerte in einsamen Stunden oft darüber. Die Mütterlichkeit, die sie nicht einer zahlreichen Kinderschar schenken konnte, und die doch ein Bedürfnis ihrer Natur war, kam den Untergebenen und Angestellten von Kolsäter zugut. Brite ging ihnen nicht nach, machte keine aufdringlichen Besuche in den Hütten der Armen. Aber sie gewöhnte sie daran, zu ihr zu kommen, und wurde so schon in frühen Jahren ein Hausmütterchen, an dem alle, die seiner bedurften, eine Stütze fanden. Manchmal konnte es vorkommen, daß Brite nach der Ansicht Karl Henriks ein bißchen zu weit ging. Dann konnte er eine Grimasse schneiden, die eine Mischung von Sympathie und Ärger ausdrückte, und sagen: »Wenn wir so weiter machen, wachsen uns die Leute über den Kopf!« Aber in seinem Herzen bewunderte er Brites praktischen Verstand und ihr gutes Herz, und in allem, was Werke der Nächstenliebe betraf, ließ er seiner Frau freie Hand. Er hatte das Gute im Leben leicht errungen; und allzu knickrig auf den Pfennig zu sehen, war Karl Henriks Sache nicht. Karl Henrik war nämlich keineswegs der Typus eines damaligen schwedischen Gutsbesitzers vom alten Schrot und Korn. Klein und untersetzt, mit raschen – in unseren Tagen würde man sagen »etwas nervösen« – Bewegungen sah man ihn auf seinen Besitzungen die Runde machen. Den ehemaligen Leutnantsschnurrbart hatte der jetzige Major nach der Sitte seiner Zeit sich zum runden, kurzgeschnittenen Backenbart über die Wangen wachsen lassen. Nur das Kinn war frei und glattrasiert, dies kurze, runde Kinn, das zitterte, sobald er erregt war, sei es in Zorn, Trauer oder Freude. Buschig schoben sich die Augenbrauen vor unter einer Stirn, die das Alter leicht gefurcht hatte. Aber seinen eigentümlichen Charakter erhielt das Gesicht durch die Augen, die wohl heiter genug blitzen konnten, oft jedoch auch den Zug von Schwermut verrieten, der in der Tiefe seines Wesens lag. Im Grunde nämlich konnte sich der Major nie darin zurechtfinden, daß er ein reicher und angesehener Mann geworden war, vor dem die Menschen katzbuckelten, wenn er auch sein Bestes tat, äußerlich die Würde seiner Stellung aufrechtzuerhalten. Brite liebte diesen Zug an ihrem Mann ganz besonders; sie konnte auch nie vergessen, wie erregt sie ihn damals gesehen hatte, als das Glück in Form eines gestempelten Papiers über sie hereingebrochen und es ihnen langsam klar geworden war, daß sie aus der Armut emporgehoben wurden, um ihren Platz unter den Reichen der Familie einzunehmen. Brite selber hatte nie etwas andres gekostet als Armut. Daß man diese als ein großes Unglück empfinden könne, hatte sie in ihrem jungen Glück gar nicht gewußt. Der Instinkt des Weibes lehrte sie jetzt, daß, wer wie ihr Mann, wenn nicht zum Reichtum, so doch zum Wohlstand geboren war, anders empfinden mußte. Diese Erinnerung saß tief in Brite; und darum war es in ihr wie eine geheime Furcht, daß die Armut eines Tages wiederkommen könnte. Wenn sie allein durch die großen Zimmer wanderte oder in ihrem kleinen Kabinett mit den weißen und blauen Möbeln saß, von wo aus sie über den Park und den See hinaussehen konnte, konnte diese Angst über sie kommen, daß sie ganz kalt vor Schreck wurde. Am schlimmsten war's wenn die Herbststürme bliesen und der Schnee mit seiner Stimmung von Weltabgeschiedenheit und stiller Ruhe noch nicht gefallen war. Da konnte sie sich manchmal wie ein Kind vor der Einsamkeit bangen; wenn dann der Major vom Kontor oder aus dem Wald heimkam, fiel sie ihm um den Hals, als hätte sie gefürchtet, ihn nie wiederzusehen. Aber daß derartige Ausbrüche plötzlicher Zärtlichkeit bloß von ihrer durch die Einsamkeit aufgeschreckten Einbildung hervorgerufen waren, das wollte Brite nie zugeben. Tagsüber ging sie meist allein ihren Geschäften nach. Ihre beste Gesellschaft war Erling. Wenn der Sommer kam, und die Gastzimmer einmal leer standen, da verlebten die beiden Ehegatten ihre besten Stunden miteinander. Da wanderten sie zusammen durch den Park oder saßen auf der Bank drunten am See unter dem großen Ahorn, den irgend jemand, keiner wußte mehr, wer, lange vor den Zeiten der alten Exzellenz da gepflanzt hatte. Manchmal gingen sie auch weiter, dem Weg nach, der hinaus in den Wald führte, wo die Pfade enger wurden und das Dickicht wild wuchs. Es war derselbe Weg, den sie einst gegangen waren, an jenem Abend, als sie zum erstenmal auf Kolsäter einfuhren. Und nie konnten sie hier wandern, ohne daß die Erinnerungen an das Vergangene zurückkamen. Einmal geschah es, daß Erling die Eltern auf ihrem Spaziergang just auf diesem Weg begleitete. Er war jetzt ein großer Junge mit seinem Teint, zart gebaut, aber elastisch in seinen Bewegungen und von etwas frühreifem Wesen, wie es Kinder, die ohne Geschwister aufwachsen, meist an sich haben. Da sagte Karl Henrik zu dem Knaben: »Kannst du dich noch daran erinnern, daß du nicht immer auf Kolsäter gelebt hast?« Erling sah auf. Ein grüblerischer Ausdruck kam in sein Gesicht. »Nein,« antwortete er. Nachdem er noch einmal nachgedacht hatte, fügte er hinzu: »Ich weiß noch, daß ich einmal im Wagen hierher gefahren bin und daß überall viele Leute waren. Als wir da waren, sagte Papa, ich sei müde. Darum mußte ich ins Bett; aber ich lag lange wach und konnte nicht einschlafen, weil ich immer die Vorhänge ansehen mußte. Es war eine Mühle darauf und ein Jäger. Das weiß ich noch. Aber von vorher – vor diesem Abend – weiß ich nichts mehr.« »Du warst auch noch so klein damals,« sagte Brite. »Erst zwei Jahre.« Erling hätte gern noch mehr wissen mögen. Denn hinter des Vaters Frage lag etwas Besonderes – das ahnte er. Aber die Menschen jener Zeit erzählten ihren Kindern nicht viel von sich selber. Darum wußte Erling auch nichts anderes, als daß er sein Leben lang auf Kolsäter gewesen war. »Das ist vielleicht das beste,« sagte Karl Henrik. »Um so eher schlägt er Wurzel.« Gleich darauf wandte er sich zu seiner Frau und sagte: »Ich habe einen Brief von Nils Göran in der Tasche. Ich habe ihn noch nicht aufgemacht.« Sie waren inzwischen wieder in die Nähe des Herrenhauses gelangt. Erling, der soeben den Kutscher erblickte, sprang davon. Heut' war nämlich ein großer Tag für den Knaben. Heut' abend, das wußte er, wurden an der Stelle, wo noch heute zwischen Weiden und Tannen der Weg scharf nach dem Lommen einbiegt, die Pferde zur Schwemme geritten. Der Kutscher war des Majors Getreuer. Er war seinerzeit sein Bursche gewesen. Und als alter Militär hieß er »Spitz«. Als der Major nach Kolsäter zog, nahm er Spitz mit; denn er wollte gerade in der ersten Zeit gern wenigstens einen Diener um sich haben, den er von alters her kannte. Jetzt war Spitz ein bißchen bei Jahren. Aber im Anfang, als er nach Kolsäter kam, machten sein gewichster Schnurrbart und sein militärischer Pli auf sämtliche Weiberherzen des Guts einen starken Eindruck. Weit und breit hieß er »der schöne Kutscher«; und Mamsell mußte mehr als einmal seinetwegen extra scharfe Aufsicht über die Fenster der Mägdekammern führen. Brite drückte diesen kleinen Schwächen gegenüber ein Auge zu. Er war nun einmal des Majors Günstling. Sie machte mehr als einen Versuch, den schönen Kutscher ins Ehejoch zu spannen, was ihr aber stets mißglückte. Wenn derartiges aufs Tapet kam, richtete Spitz sich stramm auf und sagte: »Als braver Junggesell hab' ich gelebt und als braver Junggesell will ich auch sterben. Und einstweilen mögen mich die Mädels noch leiden!« Spitz war und verblieb ein hoffnungsloser Fall. Aber reiten konnte er und kutschieren und mit der großen Peitsche knallen für Zehn! Und darum bewunderte Erling ihn. Und eine Weile, nachdem er den Eltern davon gesprungen war, kam er an der Seite seines Freundes, des Kutschers, auf einem ungesattelten Pferd zum See herab geritten, während die Fohlen durch die Allee hinter ihnen drein sprangen. Die Julisonne stand im Sinken und der Duft der Linden füllte die Luft um die Terrasse. Auf der grünen Lattenbank, hinter der die Moosrosen blühten, saßen Karl Henrik und Brite. Der Major faltete den Brief, den er soeben langsam und sorgfältig durchgelesen hatte, zusammen und sagte mit einem sorgenvollen Blick auf seine Frau: »Nils Göran schreibt, er und Mina Charlotta wollen nächste Woche kommen.« Es geschah immer mit einem gewissen Widerwillen, daß der Major seiner Frau mitteilte, sein Bruder und die Schwägerin würden zu Besuch kommen. Er wußte, in solchen Tagen fiel auf Brite die schwerste Last. Er selber freute sich immer ganz ohne Hintergedanken auf das Wiedersehen mit dem Bruder. Gewiß hatten Jahre und Verhältnisse die Brüder auseinander gebracht und seit Nils Görans Heirat kamen sie noch seltener zusammen als früher. Es war vielleicht sogar ein Glück, daß zwischen den beiden Gütern eine Entfernung von sechs Meilen lag und daß die Besuche darum nicht allzu rasch aufeinander folgten. Karl Henrik konnte sich auch keineswegs verheimlichen, daß die letzten Begegnungen zwischen ihm und dem Bruder eine Enttäuschung gewesen waren. Sobald ein Tag oder zwei vergangen waren, stellte sich zwischen ihnen eine gewisse Kälte ein, und es kostete den Major eine tatsächliche Anstrengung, zu tun, als merke er nichts. Und dennoch fühlte sich Karl Henrik im Innersten froh gelaunt, als er jetzt las, daß der Bruder kommen wollte. Er sehnte sich danach, den alten Nils Göran wiederzusehen, den Nils Göran, der immer wieder in ihm lebte, so bald die Erinnerung an das Unbehagen des letzten Sommers verflogen war. All das wußte Brite recht wohl, und weil sie mit ihrem Mann bis in seine Illusionen hinein im Takt fühlte, hatte sie nicht das Herz, ihm zu widersprechen und der Verstimmung, die sich bei dieser Nachricht ihrer bemächtigte, Ausdruck zu geben. Halblaut die nötigen Anordnungen beredend, saßen die Ehegatten auf der Bank, während um sie die Dämmerung sank und die Fledermäuse, die der weiße Hut des Majors herbeilockte, über ihre Köpfe wegschwirrten. Erst als sie im Begriff waren, hineinzugehen, sagte Brite lächelnd: »Du glaubst wohl nicht, daß Mina Charlotta irgend etwas dazwischen kommen könnte?« Der Major verfiel sofort in denselben Ton. »Nein,« erwiderte er mit einer Grimasse. »Unmögliches darfst du vom Schicksal nicht verlangen.« Gedankenvoll machte Brite an diesem Abend ihre gewohnte Runde durch die Zimmer im Erdgeschoß, um nachzusehen, ob die Läden geschlossen waren. Sie sah stattlich aus, wie sie so da ging. Die Jahre hatten sie beinah verschönt, und selbst die Fülle, die mit ihnen gekommen war, gab nur einen Eindruck von Gesundheit und Kraft. Und während sie durch die Zimmer wanderte, dachte sie zum hundertsten Male darüber nach, daß ihr Mann zu gut für diese Welt sei. So alt er war, sah er Nils Göran noch immer mit denselben Augen wie einst, als die Jugend sie vereint hatte. Der Bruder brauchte bloß zu kommen, und Karl Henrik ging ihm mit der ganzen Harmlosigkeit, die ihm eigen war, entgegen. Brite dachte hieran mit einem gewissen weiblichen Verdruß. Und noch mit diesen Gedanken beschäftigt, trat sie ins Schlafzimmer. Das große Mahagonibett im Alkoven, der mächtige Trumeau, die schweren, geschnitzten Möbel – alles das nahm sich beim Schein der einzigen brennenden Kerze für Brite, in deren Innern es gärte, fast gespenstisch aus. Sie blickte auf all die Jahre zurück, die vergangen waren, und es schien ihr, als ob der einzige dunkle Schatten in ihrem und ihres Mannes Leben von diesem Bruder Karl Henriks herrühre. Brite war nicht mehr das scheue junge Weib, das einst dem unbekannten Schwager zitternd unter die Augen getreten war. Aber hinter ihrem jetzt mehr gleichmäßigen und beherrschten Äußern lebte noch immer die gleiche weiche Empfindsamkeit und beherrschte ihre Natur noch immer gleich stark, wenn sie sich auch nicht mehr auf dieselbe Weise äußerte, wie in der ersten Jugend. Nie hatte Brite offen mit ihrem Mann über den Bruder gesprochen. Nie hätte sie das Herz gehabt, das zu tun. Aber so oft sie sich auf diese Besuche vorbereitete, die sich zu bestimmten Zeiten wiederholten, hatte sie gefühlt, wie ihr Herz sich in einer Unruhe zusammenschnürte, die sie nicht zu erklären vermochte. Und sie hatte ihren Mann genau beobachtet und gedacht: »Ahnt er nichts?« Noch im Bett und während Brite lauschte, ob nicht in der Wendeltreppe die Schritte ihres Mannes zu vernehmen wären, beschäftigte sie sich mit diesen Gedanken. Und als sie zum neuen Tag erwachte, waren sie noch nicht verschwunden. Jedoch ging sie ruhig ihren Geschäften nach; nur als sie den Major mit vergnügter Miene nach der Inspektorwohnung hinüber gehen sah, kehrten die Gedanken mit verstärkter Macht zurück. »Wer weiß?« dachte sie dabei. »Vielleicht, wenn man genauer nachsieht, versteht Karl Henrik mehr, als er mir gegenüber sagen will!« Wenigstens glaubte Brite zu bemerken, daß ihr Mann diesmal minder eifrig als sonst von der Freude sprach, seinen Bruder wiedersehen zu dürfen. Wäre nicht gerade die Heuernte im Gang gewesen und Fuder um Fuder über die Steinauffahrt des Wirtschaftshofes hinangerollt – die Tage hätten sich sicher noch langsamer hingeschleppt, als es nun der Fall war. Als der Sonntagabend kam und alles zur Ruhe ging, lag für Brites Augen über dem ganzen Hof eine Stimmung wie Unglücksahnen. Das Unglück kam auch, obgleich in anderer Form, als Brite es sich gedacht hatte. Es kam in der Montagnacht, in der Brite und Karl Henrik plötzlich daran aufwachten, daß Tilda, das Hausmädchen, halb angekleidet, mit einer Laterne am Bett der Herrschaft stand und flüsterte: »Es brennt.« Halb im Schlaf sprang der Major aus dem Bett. »Wo?« rief er. »Antworte doch, Mädel!« Die Dirne stand erschrocken mitten im Zimmer und brachte kein Wort heraus. Im selben Augenblick hörte man vom Hof her Stimmen und das Geräusch hastender Schritte; und über den Lärm weg tönte das stürmische Läuten der Vesperglocke. In einem Nu hatte der Major die Gardine heruntergerissen. Das ganze Zimmer war plötzlich von flammendem Feuerschein erhellt. »Es ist die Scheune,« sagte Brite. »Und der Stall dicht daneben!« Aber der Major hörte sie nicht. Er war schon über die Wendeltreppe hinab verschwunden. Als er auf dem Brandplatz anlangte, begannen schon die Leute zusammenzulaufen. Vom Stall herüber tönte das Brüllen des aufgeschreckten Viehs, das, mit den bellenden Schäferhunden zugleich, Hals über Kopf in den benachbarten Hag hinausrannte. Das Hüttenwerk lag eine Viertelstunde Wegs vom Herrenhof. Die Katen lagen ringsum auf dem meilenweiten Besitztum verstreut. Weit umher in den Wäldern, wo die Bäume sich zu Lichtungen oder Waldwiesen öffneten, wo der Fluß sich zum Teich breitete, der zu Ackerland ausgetrocknet war, wo die Kultur den Wald verdrängt und sich Bahn gebrochen hatte – da wohnten die Leute. Die Entfernungen waren weit – die Pfade eng und dunkel. Niemand als eben diese Waldbewohner konnte sich hier zur Nachtzeit durchfinden. Darum kam auch keine andere Hilfe als von den Gutsangehörigen und vom Hammer, wohin der Großknecht Boten ausgeschickt hatte, weil der schwache Klang der Vesperglocke nicht so weit trug. Darum war auch die brennende Scheune nicht zu retten. Und wäre das Heu nicht dies Jahr halbtrocken eingekommen, so hätte die Scheune sofort in hellen Flammen gestanden. So arbeiteten sich die Flammen mühsam vorwärts, und nur an der einen Längswand gähnte ein verräterisches Loch, durch das sich eine feurige Riesenschlange nach dem Dach hinaufwand. Das Dach brannte schon. Ziegel um Ziegel fiel klirrend herab, begleitet von aufwirbelnden Rauchmassen. Durch die Balken der Seitenwände begannen schon die roten Flammen zu scheinen; jeden Augenblick fürchtete man das ganze knisternde Gebäude in einem einzigen großen, rauchenden Haufen zusammenstürzen zu sehen. Schwarz, rußig, in ihren langen Hemden, so wie sie vor den Öfen standen, kamen die Schmiede von der Hütte, in der das Donnern der Hämmer verstummt war. Schweigend, die Gefahr mit aufmerksamen Blicken verfolgend, nahmen sie ihren Platz ein in der Kette von Weibern und Männern, die sich vom Brandplatz bis zum See hinunter gebildet hatte. Eimer um Eimer wanderte herauf und ward in die große Feuerspritze geleert, an der acht Mann pumpten, und bei der der Major selber sich als Befehlshaber aufgestellt hatte. Brite stand, ganz zusammengekrochen hinter ihrem Mann. Mit Augen, die vor Unruhe funkelten, betrachtete sie das vor ihr liegende Schauspiel, sah, wie die Flammen, weit umher Funken und brennende Späne schleudernd, gegen den dunklen Waldrand aufflackerten. Ein Entsetzen beherrschte sie ganz und gar. Der Verlust, den das Gut erlitt, vergrößerte sich in ihrer Phantasie tausendfach. Und die Angst, die sie solange einsam getragen hatte, ward vor dem Schreckbild dieser Nacht übermächtig. Bleich, zitternd, fühlte sie in sich nur einen Gedanken, der immer wieder in ihr aufstieg und sie quälte, wie Salz in einer offenen Wunde: »Dies ist bloß der Anfang,« dachte sie, »bald kommt auch der Hof dran.« Sie sah die Armut aus den Flammen sich entgegengrinsen. Aber sie dachte dabei nicht an sich, nur an den Mann, der es nicht würde ertragen können, von neuem arm zu sein. Die Leute hatten schon eine gute Weile gearbeitet. Da wandte sich der Major zu seiner Frau und sagte: »Laß ein Faß Dünnbier herausschaffen und sag' den Mägden, sie sollen den Leuten Essen bringen.« Während er sprach, ergriff er selbst den Schlauch und richtete ihn auf die Wand des Stalles, die schon zu rauchen begann. Zum Glück war das Vieh längst in Sicherheit gebracht. Brite hörte ihres Mannes Worte gar nicht. In ihre eigenen Gedanken versunken stand sie da, und als der Major sich wieder nach seiner Frau umwandte, hatte sie sich noch nicht vom Fleck gerührt. »Warum tust du nicht, was ich sage?« sagte er leise und barsch. Ohne ein Wort der Erwiderung drehte Brite sich um und ging. Und der Major hatte im nächsten Augenblick vergessen, was sich ereignet hatte. Denn wie eine zitternde Bewegung ging es jetzt durch die ganze Schar arbeitender Männer und Weiber. Eine Stimme hatte gerufen: »Axt-Lars!« Der Waldhüter war's, der ihn zuerst gesehen hatte. Sehnig, breitschultrig, leuchtend rot hob sich dicht bei dem bedrohten Stall des Waldhüters Gestalt mit dem dunkelbärtigen Gesicht vom Feuerschein ab. Mit ausgestrecktem Arm deutete er nach der offenen Stalltür. Der Ruf pflanzte sich fort von Mann zu Mann – durch die lange Kette bis hinab zum See. Die, die zu weit weg waren, um sehen zu können, schienen die Kette sprengen zu wollen, um herbei zu eilen und zu sehen, was der Ruf bedeutete. Nur mit Mühe wurde die Disziplin wieder hergestellt. Das kam daher, daß eine unbeantwortete Frage in aller Gedanken war, eine Frage, die bisher keiner laut ausgesprochen und die doch jeder bei sich selbst gestellt hatte. »Wer hat die Scheune angezündet? Ohne Ursache entsteht keine Feuersbrunst!« Das war's, das war die Frage. Und das wußten alle – kein Mensch, der bei Sinnen war, wäre mit einem offenen Licht in den Raum gegangen, wo das neueingebrachte Heu lag. Axt-Lars stand inzwischen auf der Schwelle des Stalls. Woher er gekommen war, wußte niemand; niemand hatte ihn auch hineingehen sehen. Er mußte im Stall versteckt gewesen sein. Und alle betrachteten es als das reine Wunder, daß er sich überhaupt herauswagte. Denn Axt-Lars fürchtete sich vor den Leuten. Axt-Lars hatte ein schlechtes Gewissen und konnte keinem Menschen gerade in die Augen sehen. Tief im Wald, in einer alten, halbvermorschten Hütte wohnte er; auf seinen Feldern, die einst, in früheren Zeiten, Frucht getragen hatten, wuchsen Dorn und Disteln. Auf den engen Steigen, die zum Rabenteich oder Totenmoos führten, begegnete man ihm ab und zu. Er ging mit gesenkten Blicken und redete laut vor sich hin, als verwünsche er alle, die ihm in den Weg liefen, und sein Gesicht sah aus wie eitel Schmutz und Bart. In seine Hütte hatte seit undenklicher Zeit kein Mensch einen Fuß gesetzt. Denn wenn jemand bloß dem Grund und Boden nahe kam, den Lars als sein Eigentum betrachtete, so tauchte er schon hinter einer Hausecke auf und drohte mit der Axt. Jemand etwas zuleide getan hatte er noch nie. Darum ließ ihn auch der Schultheiß in Frieden. Aber kein Mensch war davor sicher, daß er nicht eines schönen Tages zuschlug. Darum gingen ihm die Leute aus dem Weg und nannten ihn Axt-Lars. Er war so geworden, sagten die Alten, weil er Zeit seines Lebens immer nur an die Schlechtigkeit andrer gedacht und alles mögliche Böse zusammengelogen hatte, das, wie er sagte, andere begangen haben sollten, überall sah er nur Schlechtes; und kein Mensch war so rein, daß nicht Axt-Lars ihn aller möglicher Niederträchtigkeiten und Schandtaten bezichtigt hätte. Seine Kinder verließen das Vaterhaus, sobald sie konnten. Sie zogen aus der Gegend fort und man hörte nichts mehr von ihnen. Die letzte, die ihn verließ, war sein Weib. Man trug sie in einem schwarzen Sarg davon und senkte sie in die Erde. Sie hatte wohl am meisten mit ihm ausgestanden. Seit jenem Tag war er ein Ausgestoßener, dem alle aus dem Weg gingen. Niemand fragte danach, wie er so geworden war. Es lohnt sich kaum, nachzuforschen, woher das Böse kommt. Aber während er jetzt in der Tür des leeren Stalls stand und nach der brennenden Scheune hinüberspähte, sahen alle, wie er vor sich hin murmelte und die Fäuste schüttelte, als wolle er mit seinen bösen Gebeten das Unheil noch vermehren. Es sah fast aus, als wandle Axt-Lars im Schlaf. Mit den Händen vor sich her tastend, ging er auf die Scheune zu und starrte in die Flammen, als zögen sie ihn an sich. Obgleich niemand von den Leuten ihm wohlwollte, stieg doch aus der Schar um den Brandplatz jetzt ein Schrei des Entsetzens empor. Denn im selben Augenblick schlugen die Flammen zum Dach heraus, hüllten das ganze Gebäude in eine einzige große Glutmasse, und mit Donnern und Krachen stürzten die Balken in dem funkensprühenden Rauch zusammen, der für einen Moment fast die Gewalt des Feuers erstickte. Wäre nicht der Waldhüter zugesprungen, um Axt-Lars mit einem Ruck zurückzureißen, er wäre geradewegs in die blendende Flamme hineingelaufen. Der Waldhüter mußte ihn aufheben und davontragen; und Axt-Lars schäumte und biß um sich wie ein wütendes Tier. Erst als der Major kam und ihn anschrie, er möge sich zusammennehmen, wurde er still. Als ihn dann der Major fragte, ob er es gewesen sei, der den Brand angelegt habe, schien es, als erwache er und besinne sich. »Ich war in der Scheuer,« sagte er. »Und meinen Stahl hatte ich bei mir.« »Und du hast Feuer geschlagen?« fragte der Major. »Das hab' ich.« »Warum hast du das getan?« »Ich war allein. Und es war dunkel. Und ich fror.« Mehr war nicht aus ihm herauszubringen. Ein paar, die zuhörten, meinten, wenn man sich nur verrückt stelle, sobald man etwas Böses getan habe, so brauche auch für das ärgste Verbrechen niemand mehr zu büßen. Die Morgensonne brach hervor über die Wasser des Lommen, über die alten Bäume des Parks und die waldigen Hügel im Hintergrund. Vor dem Inspektorsflügel wurden sie jetzt alle verpflegt, Knechte und Schmiede, Tagelöhner und Kätner, Männer, Weiber und Kinder – alle, die beim Löschen geholfen hatten und sich jetzt um die in Eile aufgestellten Brettertische voll Schüsseln und Teller drängten. Der Major warf einen letzten Blick auf den rauchenden Aschenhaufen, den ein paar zuverlässige Leute bewachten, damit das Feuer nicht aufs neue ausbrechen und sich weiterverbreiten sollte. Dann ging er hinauf zum Herrenhaus, um Brite zu berichten, daß alle Gefahr vorüber war. Er fand sie im Schlafzimmer auf einem Stuhl am Fenster zusammengekauert – noch in denselben Kleidern wie in der Nacht auf dem Brandplatz. Sie zitterte wie im Frost und schien des Mannes Kommen gar nicht zu hören. »Brite,« sagte er verwundert, »warum sitzest du da?« Da erwachte sie aus ihrer Betäubung. Sie versuchte, indem sie sich aufrichtete, den Major anzulächeln; und es gelang ihr. »Jetzt heißt's, zum Winter Heu kaufen,« sagte er lächelnd. »Das ist glücklicherweise der ganze Schaden!« Ein paar Stunden später brachte man Axt-Lars fort. Der Waldhüter wurde mit dem Auftrag betraut, ihn zum Schultheiß zu führen. Dieser nahm den Verbrecher in Gewahrsam, und damit verschwand Axt-Lars für immer aus der Gegend. Er starb im Gefängnis. Die Hütte im Wald, an der der Bach zum Rabenteich vorübereilte, verfaulte so nach und nach und verfiel, da niemand sie bewohnen mochte. Ebensowenig erhoben die ausgewanderten Söhne oder Töchter Anspruch auf das Erbe. Zweites Kapitel Frau Olivia Krabbe geb. Mörk, Witwe des verewigten Feldmessers Jöns Jakob Krabbe, gemeiniglich Onkel Jakob genannt, lebte auf einem kleinen, wenig einträglichen Landgut, das Torp hieß. Nach alter schwedischer Herrenhof-Geschwindigkeit fuhr man mit zwei Pferden von Kolsäter in einer Stunde dorthin. Frau Krabbe hieß in der ganzen Umgegend, wenigstens unter den herrschaftlichen Familien, nur Tante Olivia. Obgleich sie zu den armen Mitgliedern der Familie Mörk gehörte, war ihr Einfluß sehr groß. Sie war eine muntere alte Dame, die keinerlei Gaben Gottes, feuchte oder trockene, verschmähte und ein Temperament ohnegleichen besaß. Auf diesem Temperament beruhte ihre Macht über die Menschen. Und mit ihm hatte sie die Welt überwunden, von der Stunde an, als sie einen armen Adligen heiratete, der, nachdem die Familie es müde geworden war, seine berüchtigten Bankette und wechselnden Spielschulden zu bezahlen, auf die schiefe Ebene geraten und Feldmesser geworden war. Jakob Krabbes Persönlichkeit und seine Stimme hatten einst das große blonde Mädchen, dem Lachen und Weinen gleich nahe standen und das zu Tanz und Arbeit gleich hurtig die Glieder regte, gepackt. Wenn Jakob Krabbe sich ein Gläschen oder auch zwei, am liebsten ein bißchen mehr als gut war – zu Gemüte geführt hatte und sich dann ans Klavier setzte und sang, da waren alle Teufel, die eine Menschenseele plagen können, losgelassen, da duftete das Zimmer von Sommer und Sonne, da spielte die Linde, da trillerte die Nachtigall, und das Lachen ward zum lärmenden Taumel, der Geist und Sinne umnebelte. Sänger war er – mit Leib und Seele. Und gar viele waren es der Herzen, in die er sich hineingesungen hatte. Eine lustigere Hochzeit, als die Tante Olivias mit ihrem Jakob hatte noch niemand erlebt. Aber als der Liebestaumel vorüber war, da begriff Tante Olivia bald genug, daß man mit Sang und Klang keine hungrigen Mäuler satt macht. Darum ward sie ein Arbeitsmensch wie wenige; und das bißchen, was der Mann verdiente und das Gut eintrug, reichte auch. Vier Söhne hatte sie ausgerüstet und in die Welt hinausgesandt. Töchter hatte sie nie gehabt. »Und das war gut,« sagte die alte Dame. »Denn was gibt es wohl Ärgeres, als arme Mädchen?« Aber ihre Frohlaune hatte sie sich zu erhalten gewußt; die erlag nicht einmal der Eintönigkeit der langen Winter, als Tante Olivia, nachdem der Mann gestorben war und die Söhne längst das Nest verlassen hatten, einsam auf Torp saß. Weinen und lachen konnte sie noch wie einst. Wenn sie gerührt war, kugelten ihr die Tränen über die dicken Backen bis auf die weißgestärkten Haubenbänder. Und wenn sie lachte, so schaukelte ihre ganze enorme Leibesfülle wie ein Meer im Sturm, und das Lachen endete meist damit, daß wieder die Tränen zu fließen begannen. Von der alten, prächtigen Frau wurde ein Histörchen berichtet, das ursprünglich bloß unter den weiblichen Mitgliedern der Familie flüsternd von Mund zu Mund ging, dann von einer der älteren verheirateten Frauen in einer vertraulichen Stunde dem Ehegemahl erzählt worden war und so seinen Weg schließlich in die Kreise der Herren gefunden hatte. Die Geschichte war die: Tante Olivia kam eines Tages zu ihrer besten Freundin, der alten Oberstin auf Bytofta, die eine ebenso muntere Dame war, wie sie selber, und ebenso dafür bekannt, daß sie kein Blatt vor den Mund nahm. Der Besuch fiel zwischen Neujahr und Erscheinungsfest, wie das ihre Gewohnheit war, und der alte Jakob Krabbe war im Spätherbst zuvor gestorben. Der Schlag hatte ihn getroffen, wie es nicht anders zu erwarten war, denn er war auf seine alten Tage hin schwerfällig und dick geworden. Tante Olivia kam im Witwenschleier und tiefer Trauer; sie hatte noch nicht einmal die weißen Tüllkrausen um Hals und Ärmel abgelegt. Der erste Vormittag war auch natürlich sehr ernst. Die beiden Damen redeten lange von dem Toten, von den Kümmernissen des irdischen Lebens und der Vergänglichkeit aller Dinge. Plötzlich aber begann sich Tante Olivias Mund zu etwas zu verziehen, das fast einem Lächeln glich; ein Schimmer von Heiterkeit erhellte ihr verweintes Gesicht. Und sich vertraulich über das Kaffeebrett beugend, flüsterte sie wie folgt: »Aber das vergesse ich nie, wie mein seliger Jakob gestorben ist. Es war an seinem letzten Tag. Da setzte er sich im Bett auf und rief mich zu sich. Und wie ich hin kam, nahm er mich und drückte mich, daß ich wie in einem Schraubstock war. Ich wußte gar nicht, was ich von meinem Alten denken sollte! ›Herrgott, Jakob,‹ sagt' ich, ›was kommt dich an? Wir sind doch ein paar alte Leute!‹ Und da ließ er mich los und fiel pardautz in die Kissen zurück. Und kannst du dir denken – wie ich näher hinsehe, ist er tot!« Die Witwentränen mischten sich bei dieser Geschichte fast mit ein bißchen Lachen – einem gedämpften Lachen der Erinnerung an die Freuden der Jugend und Liebe. Fröhlich, wie er gelebt hatte, war der alte Jakob gestorben. Aber wie die Geschichte eigentlich bekannt geworden war – das war der ganzen Familie ein Rätsel. Die Oberstin auf Bytofta hatte feierlich gelobt, keiner Menschenseele zu erzählen, was Tante Olivia ihr von ihres Jakob letzten Stunden anvertraut hatte. Und die alte Dame beteuerte auch bei jeder Gelegenheit, daß die Geschichte nicht über ihre Lippen gekommen sei. Trotzdem – bekannt war sie – und nicht zu Tante Olivias Nachteil. Die las ihre Bibel und ihr Gesangbuch und ihre Kajsa Warg, Altes schwedisches Kochbuch (Anmerkung der Übersetzerin) und fuhr Sonntags in die Kirche, um den schönen Gesang und die Orgel zu hören und an ihren alten Jakob zu denken, der jetzt sein Lied mit den Engeln im Himmelreich sang. Wenn sie heim kam, übte sie unbarmherzig Kritik an dem Propst von Bongå, der ein akademischer Gelehrter war und nach einem für seine ganze Gemeinde total unverständlichen Schema predigte. So lebte Tante Olivia ihr Leben, nahm nie ein Blatt vor den Mund, scheute nie einen Menschen; das Geheimnis ihrer Macht über die Menschen und ihrer Stellung in der Gesellschaft trotz aller Armut lag teils in ihrer Sparsamkeit, teils in ihrem hellen Kopf und ihrer unglaublich freimütigen Zunge. Nie gab sie einen Öre zu viel aus, nie kaufte sie etwas, das nicht streng notwendig war. Selbst jetzt, als sie allein auf ihrem Gut saß und sich schon eher ein bißchen was hätte gönnen dürfen, trank sie jeden Morgen ihren Eichelkaffee und aß Roggengrütze zu Abend. Aber vor allem gewann sie Einfluß, weil sie so scharfe Augen hatte und nie mit ihrer Meinung hinter dem Berg hielt. Was andre in den Ecken herum flüsterten, das sagte sie laut; und sie scheute sich auch gar nicht, den Betreffenden ihre Meinung mitten ins Gesicht zu sagen. Das tat Tante Olivia keineswegs, um etwa die Welt oder die Menschen um sich her zu bessern. Dazu war sie viel zu klug. Sie tat das ganz einfach zu ihrem eigenen Vergnügen und weil es ihr Spaß machte. Ob die Welt um sie her gut oder schlecht war, das kümmerte sie wenig. Aber es war ihr eine Herzenslust, einen armen Sünder durchzuhecheln und zu sehen, wie er sich unter ihren heiteren, scharfen Wahrheiten wand. Nie perlten ihr die Worte leichter über die Lippen, als bei solchen Gelegenheiten, nie war ihr Lachen ansteckender und im Innersten gutherziger. So war Tante Olivia. Daneben war sie ein Tausendsassa in allem, was Haushaltungsangelegenheiten heißt. Niemand braute Bier oder Punsch wie sie – niemand goß solche Talglichter oder leitete einen Haushalt zur Schlachtezeit wie sie. In allen Fragen des Backens und Einmachens war sie geradezu ein Orakel, und ihre Zwetschgen- und Ebereschenliköre waren berühmt. Eine große und sehr begehrte Gunst war es, wenn sie vor den großen Festzeiten irgendwo in der Familie einen Besuch abstattete und die Vorbereitungen leitete. Es gab keine zweite Hausfrau wie sie; aber man hätte auch keinem Menschen raten dürfen, seine Nase in Backtrog oder Braukessel zu stecken. Tante Olivia zeigte jedem bald, wo Bartel den Most holte! Auch noch in vielen andern Dingen war sie ein Orakel. Sie konnte schröpfen und zur Ader lassen, Blutegel setzen, Wunden verbinden und Knochenbrüche schindeln. »Wenn mir's nicht drum wäre, daß ich der Gemeindehebamme nicht ins Handwerk pfuschen mag, so wollt' ich's auch noch mit den Kindbettern aufnehmen,« pflegte sie zu sagen. » Meine jedenfalls sind immer gegangen wie ein Tanz!« Außerdem konnte sie aus Kaffeesatz wahrsagen und Karten schlagen. Aber diese Kunst betrieb sie nur ungern und in aller Heimlichkeit. »Denn,« wie sie selber sich ausdrückte, »Tante Olivia hat beim Pfarrer schon genug auf dem Kerbholz – es fehlte grade noch, daß Zauberei und Hexenkünste dazu kämen und ich auf meine alten Tage noch Kirchenbuße tun müßte!« Stand Tante Olivia mit der Geistlichkeit auf etwas gespanntem Fuß, so war ihr Verhältnis zu Doktor Roeler auf Korsberga dafür um so freundschaftlicher. Von ihm wußte sie nur Gutes zu sagen. Allerdings hatte der Doktor auch mehr als einmal schwierige chirurgische Patienten zu der arzneikundigen Witwe Krabbe auf Torp geschickt. Ja, das war Tante Olivia. Und daß die Familie eine derartige Persönlichkeit nicht übergehen oder vergessen konnte, das versteht sich von selbst. Es kam auch niemand je in den Sinn, das zu wollen. Denn wo Tante Olivia hin kam, da kam die Freude mit. Darum wurde sie auch fast immer nach Kölsäter eingeladen, wenn recht seßhafte Gäste dort zu Besuch waren, um mit ihrem guten Humor und ihren tausend Histörchen das Zusammensein, das bei dem einförmigen Landleben auf die Länge ein bißchen zäh werden konnte, aufzufrischen. Wär es nach Brites Kopf gegangen, so hätte sie am liebsten sogleich nach Tante Olivia geschickt und sie überredet, die ganze Zeit, solange die Familie von Björknäs bei ihnen zu Besuch war, dazubleiben, um dadurch den langen Tete-a-tetes mit der Schwägerin, die für sie eine qualvolle Geduldsprobe waren, zu entgehen. Aber da beide Damen ganz offen eingestanden, daß sie einander nicht gerade übertrieben zugetan waren, war ein solcher Plan natürlich nicht durchführbar. Brite mußte unter diesen Umständen froh sein, daß Nils Göran und seine Frau durch irgend einen Zufall ein paar Tage später, als beabsichtigt war, anlangten. Dadurch gewannen die heftigen Eindrücke nach der Feuersbrunst Zeit, sich etwas zu legen, und Brite selbst fand Gelegenheit, alles zum Empfang der Gäste vorzubereiten. Endlich, an einem Sonntagabend, fuhr der Hüttenherr von Björknäs auf Kolsäter vor. Der Garten war frisch geharkt; und als der Wagen nach dem Stall fuhr, begann der Gärtnerbursch seine Arbeit noch einmal von vorn und rechte den Hof zum andernmal glatt und fein. Ganz Kolsäter glänzte an diesem Tag überhaupt vor Sauberkeit und Geputztheit wie vor einem großen Feiertag. Weiß flatterten die Gardinen über den Fenstern, die halb offen standen; auf den Fußböden mit ihren frischgeklopften Läufern war kein Fleckchen zu entdecken; und blankgescheuert blitzte alles Kupfer und Silber, alles Messing und sogenannte simple Metall. In den Fenstern blühte ein Reichtum von Fuchsien und Pelargonien, und über den Rand der Blumenschalen hingen, von Brites kunstfertiger Hand geordnet, schwer die Rosen herab. Aber nichts war der Sorgfalt zu vergleichen, die auf die beiden für Nils Göran und seine Frau bestimmten Gastzimmer verwendet worden war. Blankpoliert glänzten die gelben Birkenmöbel, die Türen und Klappen der alten, rötlichen Kachelöfen. Wie eine weiße, duftige Wolke hing der frischgeplättete Schleier über dem Toilettentisch. Und während Brite die langen weißen Handtücher betrachtete, die besten Spitzenlaken, die über bunte Seidendecken zurückgeschlagen lagen, die hohen, schwellenden Kissen, die Alabastervasen mit den duftlosen Blumen der Jahreszeit – sorgfältig ausgewählt, damit die Gäste keine Kopfschmerzen zu fürchten brauchten – da mußte sie sich selber sagen, daß diesmal sogar der scharfe Blick der Schwägerin schwerlich etwas auszusetzen finden konnte. Als die Herrschaften Toilette gemacht hatten und in den Salon kamen, wo ihre Wirte sie erwarteten, äußerte denn auch Mina Charlotta, während sie sich im Sofa niederließ: »Recht nett, meine gute Brite! Wirklich – recht nett!« Das war aus dem Munde der Schwägerin ein hohes Lob; und Brite nahm es mit ihrem besten Lächeln entgegen. Dank diesem glücklichen Beginn verlief denn auch der erste Abend ziemlich gut. Aber während des Abendessens, das im großen Speisesaal im Erdgeschoß serviert wurde, ward es plötzlich so dunkel, daß man die Lichter in dem großen Silberkandelaber anzünden mußte. Und einen Augenblick darauf erbebte das ganze Haus unter einem mächtigen Donnerschlag. Ein Blitz folgte, der die finsteren Wolken so grell durchschnitt, daß man deutlich seine bläulichweißen Keile leuchten sah. Brite warf ihrem Mann einen angstvollen Blick zu, als bitte sie ihn um Hilfe. Sie fürchtete sich vor dem Gewitter wie ein Kind. Und sie wünschte von Herzen, Karl Henrik möchte eine Entschuldigung für sie finden und ihr dazu verhelfen, daß sie auf ihr Zimmer gehen und mit ihrer Angst allein sein dürfte. Statt dessen sandte der Major seiner Frau einen scharfen Blick zu, der bedeutete, er gebiete ihr, zu bleiben. Brite beherrschte sich also. Aber während die Mädchen ins Speisezimmer kamen und alle Fenster schlossen, fühlte sie, wie ihr der Kopf schwindelte. Und draußen strömte der Regen. Das Abendessen wurde ohne weitere Abenteuer beendet. Das Krachen des Donners schlug immer schwächer und ferner. Ein bißchen blaß ging Frau Brite am Arm des Schwagers in den Salon zurück. Karl Henrik, der Frau Mina Charlotta führte, kam würdevoll hinterdrein. Zuletzt kam, im Sonntagsanzug, Erling, der die Türen hinter den beiden Paaren schloß. Die ganze Gesellschaft ließ sich im Salon nieder. Und da die Parkwege vom Regen aufgeweicht waren, schlug Karl Henrik der Schwägerin vor, sie wollten musizieren. Er nahm links von der kleinen Dame Platz und überließ ihr artig die Oberstimme. Und von dem prächtigen Flügel, dessen Decke aufgeschlagen stand, klangen jetzt die Töne hinaus ... Ein paar Beethoven-Ouvertüren, dann das Scherzo aus einer Haydn-Sinfonie – für vier Hände. Schon der Flügel war in jener Zeit eine Seltenheit. Aber die Spieler verstanden ihn auch zu würdigen. Stumm – an dem einzigen Fenster, das offen stand, saß Erling, lauschte mit weitoffenen klaren Augen und blickte hinaus in den dämmernden Park, wo die Regentropfen von den Bäumen fielen und die feuchte Erde von Wärme und Fruchtbarkeit dampfte. Voll und rein strömten die Töne durch den großen Raum mit seinen schweren Mahagonimöbeln und den dunkeln, alten, holländischen Gemälden, die die Wände des Staatszimmers von Kolsäter zierten. Und die Zaubermacht der Musik führte jetzt diese Menschen zusammen, als hätte nichts auf Erden sie je geschieden. Brite saß aufrecht, schweigend da. Die Spitzen, an denen sie gehäkelt hatte, ruhten auf dem dunkeln Seidenrock, der ihre Knie umspannte. Nils Göran, für den Musik eigentlich eine Plage war, sank in einen einsamen Lehnstuhl. Da saß er geduldig, ließ die Mahlzeit »sich setzen« und genoß das Bewußtsein, daß Mina Charlotta Furore machte. Mina Charlotta zeigte sich auch nie in vorteilhafterem Licht, als wenn sie am Klavier saß. Sie war klein von Gestalt, so klein, daß man bei ihrem Anblick manchmal unwillkürlich an eine Puppe dachte. Niemand hätte es ihr angesehen, daß sie in einer zehnjährigen Ehe vier Kinder geboren hatte. Ihre Hände waren so fein und klein, daß es einem fast wie ein Wunder vorkam, wenn man den starken Anschlag dieser feinen Fingerchen, die kaum eine Oktave zu umfassen schienen, hörte. Aber sie waren recht kräftig, diese Hände, und man sagte ihnen nach, sie hätten schon mehr als eine Ohrfeige an faule Dienstboten und unbotmäßige Untergebene ausgeteilt. Klug und scharf blickten die kleinen Augen aus dem feingeschnittenen Gesicht, das von kastanienbraunen, schon frühzeitig ins Graue spielenden Haaren umrahmt war, und in dem die Augen nie stille standen, überall spielten sie umher, alles entdeckten sie. Eine beständige Unruhe spiegelte sich in ihnen; und der kleine bestimmte Mund gab dieser Unruhe Ausdruck, über alle und alles wußte er zu reden; und er war nicht bloß gewöhnt zu befehlen – er befahl sozusagen ganz instinktiv. Eine unbeschreibliche Unruhe ging von der kleinen, scharfen Dame aus, und niemand konnte in ihre Nähe kommen, ohne davon angesteckt zu werden. Wo sie eine Falte in einer Decke, ein Stäubchen auf einer Etagere, einen Knoten in einer Gardinenschnur sah, machte sie sogleich ihre Bemerkung darüber, einerlei, ob sie daheim oder bei Fremden war. Neben ihr lag beständig ein kleiner, schwarzer, seidenhaariger, bösartiger King-Charles. Bijou hieß er. Und es war eine von Nils Görans Obliegenheiten, allabendlich, wenn die Herrin keine Zeit hatte, das Juwel im Garten spazieren zu führen. Björknäs war wie verwandelt, seit Mina Charlotta dort eingezogen war. Ja, schon lange vorher. Denn schon unter der Verlobungszeit fing ihr Einfluß an, sich geltend zu machen. Es war, als würde Nils Görans ursprünglich mildes Wesen durch sie geschärft. Er schien auch nie so recht in feinem esse in Gegenwart seiner Frau; und ein gewisser trockener Humor, der dem wortkargen Mann sonst eigen war, verschwand nach und nach vollständig. Ohne selber eine Ahnung davon zu haben, folgte Nils Göran seiner Frau auf den leisesten Wink, gehorchte ihr blindlings und machte ihre Ansichten über Menschen und Dinge zu den seinen. Die Herzenskälte, die andre an der kleinen Frau bemerkten, nannte Nils Göran Vornehmheit und Distinguiertheit. Und ihre zahllosen Ausbrüche sinnloser Wut waren in seinen Augen stets durch die Umstände gerechtfertigt. Der Umsatz an Dienstboten und Untergebenen wurde stärker, als es sonst auf Björknäs der Brauch gewesen war. Der Verkehr mit den alten Freunden wurde kühler. Und Nils Görans ganzes Leben ward leerer. Er war der einzige, der nichts von alldem merkte, und die einzige Bemerkung, die man ihn jemals sich seiner Frau gegenüber gestatten hörte, war: » Tranquillement meine gute Charlotta, tranquillement !« An all dies und noch mancherlei andres dachte Brite, während sie in der Sofaecke saß und ihre Spitzen vergaß. Neues und Altes fiel ihr dabei ein; und unwillkürlich ließ sie ihren Blick auf der Schwägerin ruhen. Mina Charlotta saß etwas vorgebeugt auf dem Klaviersessel, auf dem zwei dicke Notenhefte als Unterlage lagen, damit ihre Hände in gleicher Höhe mit den Tasten ständen. Als hätte sie ihr eigenes, unruhiges Ich zur Ruhe gespielt, so sah sie aus. Karl Henrik betrachtete sie verstohlen, während er den Baß spielte. Seine Augen strahlten kindlich-glücklich. Brite wußte, wie er sich freute an dem seltenen Genuß, jemand zu haben, mit dem er vierhändig spielen konnte. Als die letzten Töne des Scherzo verklangen, lag der große Raum im Dunkeln. Nur die beiden Kerzen auf dem Flügel beleuchteten die Spielenden und schienen auf das Gesicht der kleinen Dame, in dem die Züge sich geglättet hatten, sanft, fast fromm geworden waren, als wäre alles, was sie am Alltag entstellte, vergangen vor der Allmacht der Musik. Nach dem Schlußakkord saß sie einen Augenblick still und schloß die Augen, als schaue sie innerliche Visionen. Nur einen kurzen Augenblick dauerte das. Als Mina Charlotta gleich darauf aufstand, war sie dieselbe wie immer, stichelte auf Nils Görans Mangel an musikalischem Verständnis und beklagte sich darüber, daß der große Satz in der Ouvertüre nicht im Tempo gegangen sei. Darauf verabschiedete sie sich umständlich und wünschte Gute Nacht. Wohlerzogen, mit strahlenden Augen, erschien jetzt Erling, um dem Onkel und der Tante die Treppe hinaufzuleuchten. Er wagte nicht, für die Musik zu danken. Aber sein ganzes Gemüt war in Aufruhr. Die Tante warf ihm einen raschen, prüfenden Blick zu und rief: »Ist's möglich – darfst du so spät noch auf sein?« Hierauf ging sie mit kleinen, trippelnden Schritten durchs Zimmer, gefolgt von Nils Göran, der lang und durch die Gewohnheit ständigen Gebücktgehens, die er angenommen hatte, um seine Frau besser hören und zu ihr reden zu können, etwas gekrümmt, neben ihr herschritt. Brite mußte lächeln, als sie sah, mit welch empörtem Erröten Erling die Zurechtweisung der Tante hinnahm. Als sich die Tür hinter den Gästen geschlossen hatte, tat der Major einen tiefen Atemzug und rief: »Na, heut' wär's ja gut abgelaufen!« »O ja« erwiderte Brite im selben Tone »Musik ist ein guter Blitzableiter. Die macht sie zahm.« »Aber dich nicht, wie es scheint,« entgegnete der Major, indem er seine Frau küßte. Immer konnte man nun freilich nicht seine Zuflucht zur Musik nehmen, und der folgende Sonntag war lang. Die Wochentage waren besser, aber auch noch langsam genug. Am schlimmsten war es für Brite, wenn die Herren die Damen den Vormittag und Nachmittag allein ließen. Stunde um Stunde saßen Brite und Mina Charlotta dann im großen Salon. Mina Charlotta fürchtete sich vor Zug und saß selbst im Sommer nur ungern im Freien. Und Brite fühlte sich manchmal so beklommen, daß sie sich fast hysterisch vorkam. Am allerschlimmsten war es, wenn die Schwägerin auf die Idee verfiel, Hausvisitation abzuhalten, wie Karl Henrik es nannte. Einmal bei jedem Besuch mußte es geschehen, das war unabänderlich. Da durchschnüffelte Mina Charlotta das ganze Haus, vom Dachboden bis zum Keller. Sie guckte in die Giebelstube, wo die alte Bronzensammlung aus den Zeiten der seligen Exzellenz an den Wänden aufgereiht stand. Sie ging die Bibliothek durch und wollte wissen, weshalb der Schrank mit den französischen Gravüren immer so sorgsam zugeschlossen war. Sie fand den Weg in das Arbeitszimmer des Majors, setzte sich an den Tisch, auf dem der große Globus stand und bewunderte die alte geschnitzte Chiffonniere. Wäre die Klappe nicht geschlossen gewesen, so hätte sie sicherlich auch die Schiebladen durchsucht. Ja, bis in den Weinkeller kam sie, und es sah wahrhaftig aus, als zähle sie die Flaschen. Noch lebhafteres Interesse bezeugte sie freilich für die Kleiderkammer und den Weißzeugschrank und die Schätze, die in der prachtvollen geschnitzten Eichentruhe versteckt lagen, deren Wert Mina Charlotta auf Tausende schätzte. Wie eine kleine weiße Maus lief sie umher, und Brite fühlte – hätte sie das, was sie sah, mit ihren Blicken zernagen können – sie hätte es gern getan. So grün funkelten ihre Augen. Brite hatte tatsächlich die Empfindung, als habe nichts in ihrem ganzen Haus mehr den alten Wert, seit die Blicke der Schwägerin alles gemessen hatten. Wenn sie wieder im Salon angelangt waren, saß Mina Charlotta, pustend nach den Strapazen des Treppensteigens, auf ihrem Platz und nippte an einem Glas Himbeersaft. Um ihre kleinen Schultern lag die seidene Mantille; denn ihr war warm und sie fürchtete sich zu erkälten. »Ja, ja, meine liebe Brite,« sagte sie dann. »Es ist schön, wenn man erbt. Oder vielmehr, es muß schön sein. Mir ist derartiges ja nie widerfahren. Aber ich muß doch sagen – die Sache hat auch ihre Schattenseiten. Ich sage bloß: Gott sei Dank, daß ich das alles hier im Haus nicht in Ordnung und zusammen zu halten brauche! Es ist ja geradezu, als ob der Geist der alten Exzellenz noch heutigentags hier umginge. Es sind ja doch alles seine Sachen – seine Teppiche, seine Portieren, seine Sammlungen und seine Möbel, ja, und Gott steh' mir bei, sein alter Madeira und Portwein und Margaux. Ein ganz famoser Margaux übrigens! Ich an deiner Stelle könnte hier keine Auge zutun, und keine zehn Gäule brächten mich ohne Licht über die Treppen und Korridore!« So ungefähr hatte Mina Charlotta sich schon geäußert, als sie zum erstenmal auf Kolsäter zu Besuch war; und bei keinem der nachfolgenden Besuche versäumte sie, dies Thema aufs Tapet zu bringen. Sie konnte und konnte die unerwartete Lösung der Erbschaftsfrage nach dem Tode der alten Exzellenz nicht verwinden. Daß Karl Henrik, der all sein Hab und Gut verschleudert hatte und bis über die Ohren in Schulden steckte, auf diese Weise instand gesetzt wurde, seinen Platz als Chef der Familie zu behaupten, das war eine Ungerechtigkeit, die sie der Vorsehung nicht so leicht verzeihen konnte. Und nicht zum wenigsten kränkte es sie, daß Nils Göran, der sonst einem vernünftigen Wort recht zugänglich war, so eigensinnig in seiner Schwäche für diesen Bruder, den das Geschick so ungerechterweise begünstigt hatte, beharrte. Mina Charlotta war nicht die Frau, die mit dem, was sie dachte, hinter dem Berge hielt. Sie war eine offene und ehrliche Natur, und darum sagte sie auch ihre Meinung gerade heraus. »Meine gute Brite,« so lauteten diesmal ihre Worte, »so oft ich hier bin, muß ich an die alte Exzellenz denken. Ich kann wahrhaftig nichts dafür. Gott allein weiß, wie er in seinen letzten Jahren gelebt hat und wie er auf die Idee gekommen ist, so ein Testament zu machen! Glaubst du wirklich, daß er bei vollem Verstand war?« Brite hatte derartige Anspielungen schon öfter gehört und hatte sie tief in ihrem Innern verschlossen. Denn das wußte sie: Kam ein derartiges Wort einmal ihrem Mann zu Ohren, so war das nie wieder gut zu machen. Im allgemeinen wich sie den Sarkasmen der Schwägerin einfach aus und tat, als merke sie die unaufhörlichen Nadelstiche, womit diese ihre Worte würzte, gar nicht. Ein guter Mensch zieht ja bekanntlich immer den kürzeren einem böseren gegenüber; und Mina Charlotta mochte wohl die Schwägerin, wenn nicht gerade für einfältig, so doch immerhin für alles andre eher als für scharfsichtig und intelligent halten. »Ein gar zu liebes und artiges Wesen,« pflegte sie sie andern gegenüber zu nennen. Diesmal aber beschloß Brite doch, nicht zu weichen, und innerlich selber verwundert über die Ruhe, mit der sie sprach, sagte sie: »Du hast mir schon mehr als einmal derartige Worte gesagt, beste Mina Charlotta. Ich fange nächstens an zu glauben, daß du etwas Bestimmtes damit meinst!« Mina Charlotta war über die Worte der Schwägerin so perplex, daß sie keine andre Antwort fand, als Brite auf die Schulter zu klopfen und zu erwidern: »Aber – meine beste Brite! Es war wirklich nicht meine Absicht, irgend etwas zu sagen, das dir unangenehm sein oder dich chokieren könnte!« Aber Brite fuhr sehr ruhig fort: »Es freut mich, das zu hören. Denn wenn du im Ernst gesprochen hättest, so hieße das, daß Karl Henrik und ich auf unrechtem Weg in den Besitz von Kolsäter und allerlei sonst gekommen wären.« Mina Charlotta hatte während dieser Worte ihre Fassung wiedergewonnen. Ihre Augen wiesen einen völlig natürlichen Ausdruck tugendhaften Entsetzens, als sie erwiderte: »Wenn ich hätte ahnen können, daß du meine Worte so auffassen würdest, hätte ich sie assurément nie gesprochen!« Das war auch die volle Wahrheit. Denn Mina Charlotta hatte sich ganz daran gewöhnt, zu glauben, daß, wenn Brite ihre Stichelworte duldete, das nur daher kam, daß sie sie nicht verstand. Und die Entdeckung, daß das Gegenteil der Fall war, wirkte geradezu erschütternd auf die kleine Dame. Brite begriff diese Wirkung auch wohl und antwortete ruhig: »Dann ist ja alles gut und recht, liebe Mina Charlotta!« Woraus die Schwägerin erwiderte: »Das ist ein wahres Glück! Ich war wirklich ganz alteriert.« Indessen war nach diesem Gespräch keineswegs alles so gut und recht, wie die beiden Schwägerinnen es sich gegenseitig vorreden wollten. Und trotz der energischsten Versuche, ein Gespräch aufrecht zu erhalten, waren die Pausen diesen Vormittag länger als sonst und das Mittagessen steif, gequält, von einer gedrückten Stimmung belastet. Beide Brüder, der Major und Nils Göran, begriffen wohl, daß zwischen den Frauen etwas vorgefallen sein mußte. Glücklicherweise hatte keiner von ihnen Gelegenheit gehabt, seine Frau unter vier Augen zu sprechen. Sonst hätte vielleicht schon jetzt die Explosion stattgefunden, die doch jeder von den vieren ganz aufrichtig zu vermeiden wünschte. In den Worten, die Mina Charlotta geredet hatte, lag nämlich mehr Ernst, als sogar Brite begriff. Nie konnte Mina Charlotta ohne ein Gefühl des Gekränktseins Kolsäter sehen oder an die alte Exzellenz denken; denn es war nun einmal ihre feste Überzeugung – wenn es nach Recht und Gerechtigkeit gegangen wäre, so wäre Karl Henrik nicht allein der Besitzer dieses Vermögens geworden. Es war nicht nur der Verlust von Kolsäter, der sie kränkte. Es war die Erinnerung an das einzige Mal, daß Nils Göran, der Bedächtige und Beherrschte, gegen sie ausfallend geworden war. Jenes eine Mal war Mina Charlotta wirklich erschrocken und hatte allen Ernstes von etwas abgestanden, das sie mit aller Macht hatte durchsetzen wollen. Und weil die Sache sich außerdem in der ersten Zeit ihrer Ehe ereignete, hatte sie einen ganz besonders tiefen Eindruck auf Mina Charlotta gemacht. Gleich nach den Flitterwochen nämlich hatte sie mindestens acht Tage lang an dem unglückseligen Testament herumgegrübelt. Und in diesen acht Tagen schrumpfte das, was sie und Nils Göran besaßen, immer mehr zusammen und wurde immer unbedeutender im Vergleich zu dem großen Vermögen, das so unerwartet diesem, von ihr stets mit Geringschätzung betrachteten Schwager zufiel. Als ihr Grübeln endlich einen Gedanken in ihr ausgereift hatte, trat sie eines trüben Aprilabends entschlossen in das Zimmer ihres Mannes, brachte die Rede auf das Testament und sagte schließlich: »Es liegt ja nur an dir, ob du der Sache ihren Lauf lassen willst oder nicht.« Nils Göran, der an seinem Schreibtisch saß, fuhr auf: »Was meinst du damit?« rief er. »Ich meine,« erwiderte seine Frau, »daß es mehr als wahrscheinlich ist, daß der alte Mann nicht mehr im vollen Gebrauch seiner Sinne war, als er ein derartiges Testament machte, und daß es sicherlich eine Kleinigkeit wäre, den Beweis dafür beizubringen.« Da aber sprang Nils Göran vom Schreibtisch auf; sein Gesicht war weiß. »Meinst du, aus einem solchen lumpigen Anlaß sollte ich einen Prozeß gegen meinen eigenen Bruder vom Zaun brechen?« Voller Empörung schlug er mit der geballten Hand auf den Schreibtisch, daß die Knöchel weiß hervortraten. Und, sein verzerrtes Gesicht zu seiner Frau hinabbeugend, brach der Jungverheiratete Ehemann schließlich in die Worte aus: »Wer bist du eigentlich?« Als bereue er gleich darauf diese Worte, fügte er ruhiger hinzu: »Geh jetzt! Ich muß allein sein!« Erschrocken ging Mina Charlotta aus dem Zimmer. Eine ganze Woche lang redete Nils Göran nicht mit seiner Frau, und sie fing schon an zu fürchten, daß sie die Macht über ihren Mann auf immer verloren habe. Aber sie gewann sie doch wieder zurück. Ein paar qualvolle Tage lang hatte Nils Göran seine Frau so gesehen, wie sie in Wirklichkeit war. Aber dies Bild vermochte er nicht festzuhalten. Hätte er es getan, der Boden, auf den er trat, wäre unter seinen Füßen gewichen. Voll Reue, daß er sie so beargwöhnt hatte, kehrte er zu ihr zurück. Und mit den Jahren verblaßte das kleine Vorkommnis, das ihm einmal so bedeutungsvoll vorgekommen war, und verschwand schließlich, wie alles, was die Zeit verwischt. Was aber blieb, das war das stolze Bewußtsein seines eigenen Edelmuts, der sich geweigert hatte, gegen seinen Bruder Partei zu ergreifen; und Hand in Hand damit ging das geringschätzige Gefühl, daß das ganze Leben des Bruders sich gleichsam auf einem zufälligen Glückstreffer aufbaute. Ja, so fein war das Netz weiblicher List, das Nils Göran umspann, daß er es sich zuweilen geradezu als sein eigenes Verdienst anrechnete, daß des Bruders Glück durch nichts gestört worden war. All das pflanzte und pflegte Mina Charlotta bei ihrem Mann; und wenn sie jetzt, in den letzten Jahren, sich hier und da ihm gegenüber eine Anspielung auf diese Verhältnisse gestattete, so konnte sie sicher sein, daß ihre Worte nicht länger auf Mißbilligung stießen. Nils Göran und sie waren sich nah gekommen, so nah, wie die Ehe zwei Menschen einander führen kann; und selbst in Fragen des Urteils und des Geschmacks machten sie keinen Unterschied mehr zwischen Mein und Dein. Es war also ein empfindlicherer Punkt, als Brite wußte, den sie in diesem Gespräch berührt hatte. Und wie beherrscht auch das Gespräch zwischen den Damen geführt worden war – im ganzen Wesen und Aussehen der Schwägerin hatte etwas gelegen, das Brite weit stärker beeindruckte als die bloßen Worte. Ihr Instinkt sagte ihr, daß hinter diesen Worten eine Wirklichkeit versteckt lag, häßlicher noch als die, gegen die sich ihre Selbstverteidigung gerichtet hatte. Und sie mußte sich Gewalt antun, um diesen Argwohn loszuwerden. Denn schon da ahnte Brite die ganze Wahrheit. Und just die Wahrheit war es, die in diesen Tagen unter allen Umständen vergessen werden mußte. Der rettende Engel kam auch – kam in Tante Olivias prächtiger Gestalt. Das Zusammensein der Geschwister hatte jetzt so lange gedauert, daß man es sich ohne weitere Umschweife vergönnen konnte, die Familienfreuden mit einem etwas lebendigeren Element zu verdünnen. Es war auch von Anfang an geplant gewesen, eben an diesem Nachmittag, an dem das gefährliche Gespräch zwischen den Schwägerinnen stattgefunden hatte, den traditionellen Besuch auf Torp abzustatten und Tante Olivia auf den folgenden Tag nach Kolsäter einzuladen. So war es immer gewesen, so oft die Brüder auf Kolsäter zusammenkamen. Es war mit diesem alten Brauch außerdem noch ein Nebenzweck verbunden, den man eigentlich nur im geheimen nennen durfte, den aber nichtsdestoweniger sämtliche Mitspielende, so gut auch jeder einzelne seine Rolle durchzuführen wußte, sehr genau kannten. Mochte das Verhältnis der Familien zueinander sein, wie es wollte, die Brüder selbst setzten großen Wert auf ihr Zusammensein. Und es war zwischen ihnen wie eine Art schweigenden Übereinkommens, daß es am gemütlichsten war unter vier Augen, wenn die Frauen fort waren. Darum lag es Brite als eine heilige Pflicht ob, den Ausflug nach Torp so einzurichten, daß die Herren allein zu Hause blieben. Und Brite tat das um so lieber, als die Fahrt, ähnlich wie die Musik, beruhigend auf die Nerven der Schwägerin zu wirken pflegte. Waren sie dann erst glücklich auf Torp, so besorgte Tante Olivia das übrige. Die Stimmung war darum auch außergewöhnlich angeregt, als Spitz mit den Füchsen und dem neuen Halbwagen, der mit neubezogenen, dunkelblauen Tuchkissen und glänzendem, herabgeschlagenen Verdeck prangte, vorfuhr. Die Brüder selbst halfen den Damen beim Einsteigen. Mina Charlotta hatte ihren Platz rechts, Brite, wie es der Wirtin geziemte, links. Bijou lag, sorglich in einen bunten Schal eingebettet, auf dem Bock neben dem Kutscher. Als die Damen eben in den Wagen steigen wollten, wandte Mina Charlotta sich plötzlich um zu ihrem Mann und sagte in einem Flüsterton, der sehr deutlich zu hören war: »Sei ums Himmels willen heute abend vorsichtig, lieber Nils Göran!« Brite wechselte einen flüchtigen, lächelnden Blick mit ihrem Mann, und Karl Henrik strich sich nachdenklich über den Backenbart. Gleich darauf rollte der Wagen davon. Und beide Brüder konnten ein gemeinsames Lächeln der Erleichterung nicht ganz unterdrücken. Dann wählten sie sich ein paar tüchtige Stöcke aus dem Stockständer in der Halle und begaben sich auf den gewohnten Waldspaziergang, der ihnen Appetit zum Abendessen machen sollte. Der Weg führte an den weiten Äckern vorbei, wo der Weizen in Ähren stand und blaugrün und hoch im warmen Sommerwind wogte. Auf der andern Seite lag der Birkenhag, in dem ein ganzer Teppich von Farnkräutern zwischen den weißen Stämmen der Bäume spielte. Und wo der Birkenhag aufhörte, fing der Wald an. Meilenweit erstreckte er sich, über Hügel, Sumpf und Fels. Immer dichter ward er, je weiter sie von Äckern und Wiesen sich entfernten. Wo der Erdrücken wie eine Mauer sich zwischen den Wanderern erhob, verstummte das Geräusch der Hämmer aus der Hütte, das ihnen seither gefolgt war. Um sie sauste der Wind durch den Wald, die Wipfel der Tannen wiegten und neigten sich, wo er einherfuhr. Auf dem mit Tannennadeln besäten schmalen Fahrweg schritten die beiden Brüder schweigend dahin. Nils Göran war auffallend ernst; mehr als einmal sah es so aus, als habe er etwas auf dem Herzen, was er dem Bruder gern sagen möchte. Er war ein Mann in den besten Jahren. Ein bißchen vornüber gebeugt war er bei seiner langen, hageren Gestalt eigentlich fast immer gewesen. Daß sein Haar und der kurze, gerade Backenbart sich mit den Jahren leicht mit Grau zu untermischen begannen, war auch weiter nicht zu verwundern. Aber es fiel Karl Henrik doch auf, daß der Bruder müde aussah. Ein paarmal blieb er auch stehen, als falle ihm das Gehen schwer. »Ist dir nicht gut?« fragte er darum. »Doch, freilich,« lautete die Antwort. »Es ist nur ein bißchen Atemnot, das mir manchmal zu schaffen macht.« Auf dem Heimweg, als es bergab ging, ging Nils Göran augenscheinlich viel leichter. Und während die Brüder so langsam Seite an Seite dahinschritten, begann nach und nach der Wald seine belebende Wirkung auf ihr Gemüt auszuüben. Weithin unter den Tannen war der Boden mit Heidelbeerkraut bedeckt, über die gewaltigen Felskessel, wo Dachs und Fuchs ihren Bau hatten, breitete sich feuchtes Moos. Unter der Brücke sickerte der halbausgetrocknete Bach hervor; und wo die Bäume sich lichteten, blauten fern die Hügel. Und zwischen den Brüdern schwand alles, was im Alltagsleben zwischen ihnen stand, ward ausgewischt und verstummte vor dem großen Schweigen des Waldes. Andre Stimmen begannen zu reden, Stimmen aus den Kinderjahren, in die noch nichts von all dem, was das Leben häßlich macht, hereingespielt hatte. Ja, sogar der Eindruck, daß der Bruder alt geworden war, verschwand für Karl Henrik. Und glückselig, daß der Abend das zu werden schien, was er von ihm erhoffte, wanderte er an des Bruders Seite dahin, den Weg entlang, der an der abgebrannten Scheune vorüber nach dem Herrenhaus führte. »Das war ein unerwartetes Unglück mit dem Brand,« sagte Nils Göran. »Oh,« entgegnete in leichtem Ton Karl Henrik, »es hätte schlimmer sein können. Dies Jahr kann man wenigstens Heu kaufen.« »Ja, ja,« meinte der Bruder, »wenn man's dazu hat, daß man so rechnen kann ...« Der Major beachtete den Stachel, der in diesen Worten lag, nicht, oder tat, als beachte er ihn nicht. Vergnügt führte er den Bruder bis zur Terrasse und verschwand dann selber im Küchendepartement, um nachzusehen, ob auch alle Anordnungen dort mit den Befehlen, die er erteilt hatte, übereinstimmten. Denn dieser Tag war ein heimlicher Festtag, einer, an dem keiner von den Alltagsgebräuchen des Hauses galt. Im Alltagsleben ging es auf Kolsäter sehr maßvoll zu. Besonders was das Trinken anbelangte. Das gebräuchliche Appetitschnäpschen wurde nur vor dem Mittagessen zum Butterbrottisch serviert; beim Abendessen gab es nie etwas andres als Tee oder Milch. Nachmittags wurde der Reichtum von Obst herumgeboten, von dem Garten und Gewächshaus Überflossen. Stachelbeeren und Johannisbeeren, Süßkirschen und Sauerkirschen, die dunkeln Herzkirschen und die gelben, glasigen Weichselkirschen, Melonen, Trauben, Pfirsiche und Aprikosen kamen in ungeheuren Mengen herauf und wurden in großen Kristallschalen auf dem Fenstertisch im Salon aufgestellt. Daneben stand, klein und unansehnlich, ein Tablett mit einer Punschkaraffe und dicken, großen Gläsern. Aber nie wurde hiervon mehr als das zweite Glas angeboten, und auch das nur bei besonderen Gelegenheiten. An diesem Ausnahmeabend aber wurde das Abendessen oben in einer Ecke des Giebelsaals serviert. Die Glastüren, die nach dem Balkon hinausführten, standen offen, daß die Sommerluft frei hereinströmte. Tilda, die noch von der Zeit der alten Exzellenz her im Haus war, war die einzige, die bei diesen Gelagen zugelassen wurde. Und auch ihr war strengstens befohlen, sich nur einzufinden, wenn der Major läutete, und sich, sobald ihre Obliegenheiten erfüllt waren, wieder zurückzuziehen. Dick und geräuschlos bewegte sie sich im Zimmer umher, und ihr ernsthaftes Gesicht war so ausdruckslos, als habe sie weder Augen noch Ohren. Nils Göran hatte in einem aufgeräumten Augenblick diese kleinen Feste »Bruderrausch« getauft – ein Name, der – als wenig für den Salon passend – unter den Herren blieb. Und als heute der Major von seiner Besprechung mit der »kurzen Marie« – das war für gewöhnlich der Schmeichelname der Mamsell – zurückkam, schmunzelte er vor Wohlbehagen und versicherte den Bruder, der Abend dürfte wohl zu allseitiger Zufriedenheit ausfallen. Plaudernd stiegen die beiden Herren dann in die Giebelstube hinauf. Allen und jedem, sei es Inspektor oder Oberknecht, Gärtner oder Kutscher, war es strengstens verboten, den Major heute abend zu stören. Die Türen wurden geschlossen. Licht war noch nicht angezündet; denn draußen war es noch hell. Mit einer gewissen Feierlichkeit setzten sich nun die Herren zu Tisch. Und was da vor ihnen stand, zeigte wahrhaftig, was das Haus vermochte! Die Brüder nannten das »Sexa«. Sexa: d. h. auf schwedisch: Sechs, und bedeutet eine Unmenge kleiner Platten und Gerichte, die das eigentliche Mahl einleiten. (Anmerkung der Übersetzerin.) Und es machte seinem Namen Ehre. Da fehlte weder der Hering mit jungen Kartoffeln, weder die Radieschen noch der alte Kümmelkäse, der in branntweingetränkten Tüchern aufbewahrt wurde und jedesmal, wenn er auf den Tisch der Herrschaft kam, frisch aufgeschnitten sein mußte. Die viereckige Flasche mit Sonne, Mond und Sternen im Glas war mit feinduftendem alten Kornbranntwein gefüllt und hatte ein silbernes Halsband um. Da standen alte Pokale verschiedenster Form und Größe neben venezianischen und böhmischen Gläsern, die sonst in Glasschränken verwahrt und nur bei großen Festlichkeiten in Gebrauch genommen wurden. Und um die niedere Schale voll Rosen, die mitten auf dem blendend weißen Tischtuch stand, breitete sich eine Unmenge von Platten und Schüsseln mit all den zahllosen kleinen Gerichten, in denen die Kochkunst der kurzen Marie triumphierte. Als die Schüsseln abgegessen und unter höchster Anerkennung abgetragen waren, fuhr der Major sich mit der rechten Hand übers Gesicht, als wolle er die Befriedigung verbergen, womit er auf Nils Görans Wiehern wartete. Wiehern – das war sein Ausdruck für das behäbige Lachen, das jetzt dem Bruder ganz sicher entschlüpfen mußte! Und es kam auch. Denn jetzt wurde eine Schüssel mit Krebsen aufgetragen. Und die Überraschung war wirklich gelungen, denn streng genommen war es noch nicht die Zeit für Krebse. Aber irgendwie waren sie nun einmal in aller Heimlichkeit herbeigeschafft worden. Groß wie kleine Hummern lagen sie auf der alten blauen Platte von ostindischem Porzellan, und die Platte wurde auch nicht eher abgetragen, als bis die Brüder ihren Boden, auf dem kleine, zierliche Chinesen schlitzäugig unter einer spitzen Pagode saßen, bewundert hatten. Und wie schmeckte nicht der duftende Rheinwein auf die feingesalzenen Krebse mit ihrem Zusatz von Dill! Ehe sie wußten wie, war die Flasche leer und hatte dem dunklen Bordeaux in der staubigen Flasche Platz gemacht, deren Spinnwebe sorgsam gehütet waren als Zeugen ihres Alters und ihrer Güte! Dieser Wein war der Höhepunkt des Abends und wurde nur in langsamen, abgemessenen Schlucken nach dem Braten genossen. Denn auch der Waldhüter hatte sich bewährt! Pünktlich hatte er sich mit den prächtigsten jungen Wildenten eingefunden, die nun mit einem Schwarzjohannisbeergelee und einer merkwürdigen Sorte Salzgurken – auch eine Spezialität der kurzen Marie – serviert wurden. Nils Göran behauptete, gerade durch sie bekäme der Rotwein ein Aroma und einen Geschmack, die ganz unvergleichlich wären. Zum Schluß fehlte auch nicht die Obstschale, von der die Herren jedoch etwas spärlich genossen – eigentlich mehr als Vorwand, um das Essen mit einem Glas Madeira zu beschließen, dessen Jahreszahl Tilda Nils Göran sehr geheimnisvoll ins Ohr flüsterte. Auch nach dem Essen war noch keine Rede von Lichtanzünden. Rot und rund stand der Mond über dem dunkeln, gezackten Waldrand; ein wunderbares Helldämmern ruhte über den Bäumen des Parks. Die Brüder rückten näher zur offenen Balkontür; zwischen ihnen stand der kleine Tisch, auf dem die Bowlenmischung der kurzen Marie – feinster französischer Kognak und Wein – stand. Sie war weit und breit berühmt, diese Bowle. Denn man sagte ihr nach, daß sie nicht mehr, als nur gerade wünschenswert war, berausche, sich »wie Watte ums Herz« lege und außerdem äußerst zuträglich für den Magen sei. Da saßen nun die Brüder beieinander. In ihnen wirkten des Weines gute Geister. Niemand störte sie. Ungestört konnten sie reden oder schweigen. Feierlich wurde das Wohl der Abwesenden ausgebracht, und Nils Göran war so aufgeräumt, daß er Frau Lenngren Schwedische Schriftstellerin, durch Satiren berühmt (1754–1817). zitierte: »Ein Prosit meiner Frau, weil sie nicht hier ist!« worin Karl Henrik mit gebührender Herzhaftigkeit einstimmte. Und jetzt ging's an die Erinnerungen! Das alte Björknäs lebte wieder auf und mit ihm die ganze Jugend. Vom Vater sprachen sie, vom Vater, wie er ihnen nach dem Tode der Mutter in der Erinnerung lebte. An die Mutter selbst hatte Karl Henrik nur eine schwache Erinnerung, und Nils Göran, der jüngere, entsann sich ihrer überhaupt nicht. Jedem andern wäre diese Jugend, wenn er sie gesehen oder schildern hören hätte, schwer vorgekommen. Für die beiden war sie voll heiterer Erinnerungen, gefärbt von der Macht, die alles Leben erneut. Wie in unnahbarer Ferne hatte der Vater vor ihren Kinderaugen gestanden. Fremde hatten ihre Erziehung geleitet. Nur bei besonders feierlichen Gelegenheiten berief der Hüttenherr seine Söhne zu einer Unterredung. Wenn das geschah, so war es immer, um ihnen Ermahnungen zu erteilen, sein Mißfallen auszusprechen oder seinen Willen kund zu tun. Karl Henrik war der einzige, der ihm Trotz zu bieten wagte, und auch er hatte sich zuletzt die Finger verbrannt. Lächelnd erinnerten sie sich gegenseitig daran, wie sie derartige Tete-a-tetes gefürchtet hatten. Ein harter Vater war er ihnen gewesen, der Alte, überhaupt ein harter Mann. Ohne sich darum zu kümmern, wieviel oder wie wenig die Söhne von seinem Privatleben wußten, ging er seiner Wege. Die Knaben ließ er im Flügelbau wohnen. Da saßen sie hinter ihren Büchern und lateinischen Aufsätzen, oder sie spielten Schach und Wolf und Schaf und hörten zu, wenn der Magister ihnen an den langen Winterabenden aus alten schwedischen Dichtungen vorlas oder von Reisen in fremden Ländern erzählte, Ländern, die er selber nie gesehen hatte, in denen man Löwen jagte und auf Elefanten ritt, wilde Pferde zähmte und beim Schein brennender Blockhütten auf Rothäute schoß. Sie sahen den Magister in seinem alten, abgetragenen Schlafrock und mit der langen Pfeife in der Hand im Zimmer auf und abwandern, leise schmunzelnd und erzählend oder auch schweigsam und nachdenklich, aber immer »seine Jungens« beaufsichtigend. Viele Jahre lang war das so; und alles, was sie in ihren Kinderjahren an Güte und Zärtlichkeit genossen hatten, hatten sie allein ihm zu verdanken. Der größte Kummer ihrer Knabenjahre war es gewesen, als er sie verließ. An einem trüben Wintermorgen war es, mit scharfem Frost, ohne Schnee. Der Magister saß, den wollenen Schal um den Hals geschlungen, große, dicke Handschuhe an den Händen, im Inspektorskabriolett, das am Flügelbau unter der großen Kastanie hielt. Und solange die beiden Knaben ihn noch sahen, hatte er immerzu geweint und sich geschneuzt. Was wohl aus ihm geworden war? Mit der Stunde, in der er fort fuhr, war er auch ihrem Gesichtskreis entschwunden. Und es war damals recht leer gewesen. Während sie und der Magister in dem niederen Flügelbau hausten, kamen oft Wagen oder Schlitten mit Gästen auf den Hof. Und erst lang nach Mitternacht fuhren die galonierten Kutscher ihre betrunkenen Herren heim. Auch Frauen kamen, geheimnisvolle Damen mit Federn und Bändern, in bunte Farben gekleidet. Sie kamen und gingen, und was die Dienstboten sich über diese Sorte von Gästen zuflüsterten, kam gar manchmal auch den Knaben zu Ohren. Das schlimmste war jene Nacht gewesen, in der die Tochter des Gärtners sich im Fluß ertränkte und man sie in der Frühe des wolkigen Sommermorgens fand. Ein paar Männer mit langen Bootshaken fischten nach dem Leichnam; und der Gärtner stand gebeugt, barhaupt auf der Brücke und starrte in das dunkle, rinnende Wasser, während seine grauen Haarwische im Wind flatterten. Stumm, zitternd standen die beiden Knaben von fern. Sie sahen alles mit an; aber sie wagten nicht näher zu kommen. Schließlich fand man das Mädchen und zog den leblosen Körper ans Ufer. Die Erde war feucht vom Wasser, das aus ihren Kleidern und Haaren strömte. Dann trugen die Männer die Tote schweigend fort, an dem Apfelbaum vorbei und am Stall und verschwanden mit ihrer Last in der Richtung der Knechtwohnungen, über dem ganzen Hof und allen, die ihn bewohnten, lag es wie ein Alp, der die Brust aller beengte und allen den Schlaf raubte. Und zum erstenmal hörten da die Knaben Worte, die ihnen Angst um des Vaters Leben einjagten. Noch lange, lange träumten sie nachts schreckliche Träume und meinten beim Erwachen, es müßte irgend etwas, geschehen sein, oder fuhren im Traum zusammen, weil es ihnen war, als sähen sie ein großes Haus brennen... Aber nichts von alledem geschah. Das einzige, was geschah, war, daß ein neuer Gärtner auf den Hof kam und daß der Schultheiß ein paarmal in der Dienstmütze angefahren kam, bewirtet wurde und ein paar der Gutsleute herein rief, um sie zu verhören oder zu maßregeln. Alles das lebte heute abend in den Brüdern wieder auf, alles das, was sie dereinst, in der Zeit, da das Herz noch für alle Eindrücke empfänglich und weich und offen ist, miteinander verbunden hatte. Immer mehr Erinnerungen stiegen auf und verwoben sich mit einem Gefühl für die Schönheit der Natur, die sie umgab. Der Mond war höher gestiegen; rot saß er hinter den Ästen der großen Ulme und fiel schimmernd über den Wasserstreifen des Lommen, der durch das Dämmer der Bäume herüberglänzte. Kein Lüftchen regte sich draußen; und still und ruhig ward es auch in den beiden Brüdern, die das Leben auseinandergeführt hatte, und die jetzt gemeinsam an ihre Jugend zurückdachten. Keine von all diesen Erinnerungen, selbst die düsterste nicht, hatte mehr einen Stachel. Alle waren sie übergossen von dem Fabelschimmer, den auch die schwärzeste Kindheitserinnerung annimmt. Und ebensowenig fiel je zwischen ihnen ein hartes Wort über den Vater. Sogar der Major, der lange, ehe er mündig geworden, schon mit dem Alten in Zwist gelebt hatte, hatte jeden Groll vergessen. Der Vater war für die beiden Brüder ein Mensch, der seine Fehler gehabt hatte, wie jeder andre. Die aber hatte der Tod in Vergessenheit gebracht. Für sie war er jetzt und allezeit der Vater, der über Lob und Tadel stand, der Vater, der ihnen das Leben gegeben hatte und dem sie Ehrerbietung schuldeten, der Vater, zu dem sie noch heute aufblickten als zu einem Menschen, der lange vor ihnen schon dagewesen war und dessen Namen sie auch jetzt nur behutsam und mit Respekt nannten. Nicht einmal als Kinder hatten sie diesen Vater eigentlich je der Kritik unterworfen. Ob er tat, was böse war, oder gut, darüber zu richten stand Gott zu, nicht aber seinen Kindern. Wenn sie ihn je einmal im stillen verurteilten, so schwiegen sie darüber. Und um so mehr freuten sie sich, wenn er sie einmal zu sich rief, als wäre nichts geschehen und gut zu ihnen war. Er war ein guter Reiter, und der stolzeste Augenblick im Knabenleben des Majors war es gewesen, als er zum erstenmal würdig und tüchtig befunden wurde, auf dem alten, schwarzen Dragonerpferd, das der Vater im Stall hatte, an des Vaters Seite über die Felder zu sprengen. Auch ein gewaltiger Nimrod war er. Und die Brüder hatten von ihm die Reize und Geheimnisse der Jagd gelernt. Schoß man daneben, so setzte es eine Ohrfeige, und schlief man auf dem Anstand, daß Fuchs oder Hase unversehrt vorübersetzten, so konnte es vorkommen, daß der Missetäter mit Schimpf und Schande heimgejagt wurde, um in heilsamer Einsamkeit über seine Ungeschicklichkeit nachzudenken. Es herrschte immer eine große Spannung auf den Jagden, bei denen der Vater mit war. Und Gott gnade dem, der seine Schuldigkeit nicht tat! Dafür lernten sie aber auch die Kunst, das Birkhuhn zu locken und auf den Schnepfenstrich zu gehen, den Habicht im Flug zu schießen, im Schnee der Spur nachzustreichen und den Dachs aus dem Bau zu locken. »Ja,« sagte zuletzt Nils Göran, »das waren noch andre Zeiten – damals!« Und auf den Pfaden der Erinnerung kamen sie alle gewandert, die allerhand Männer und Frauen, die die Brüder in ihrer Jugend gekannt und nicht vergessen hatten. Fröhlich und leicht kamen sie des Wegs, als lebten sie noch. Und mit den Erinnerungen wurden der Major und der Hüttenherr wieder die Knaben von einst. Sie nannten einander wieder Kälte und Nässe, die kurzen Bubennamen, die mit den Jahren außer Kurs gekommen und in Vergessenheit geraten waren. Und sie lachten laut auf in der Erinnerung an diese Männer und Frauen, deren Andenken heute in »keinem mehr als in ihnen solche Freude hervorrief. Da war Großmutter mit ihrem Kinnbart, die so scharf über die Brille wegguckte, daß sogar Papa demütig vor ihr zu Kreuze kroch. Da war der Waldhüter, der so derbe Worte brauchte und mit der Lotbüchse die Schwalbe im Flug traf. Onkel Janne gehörte auch dazu. Onkel Janne, der mehr Hechte fing beim Angeln als der geschickteste Fischer. Onkel Janne, der eines Abends um die Weihnachtszeit mit Nils Göran im Schlitten an dem geheimnisvollen Pavillon von Mörtsunda vorbeigefahren war und plötzlich – im Stockfinstern – seine Pelzmütze vom Kopf gerissen hatte. »Hast du jemand gesehen, Onkel?« hatte der erstaunte Nils Göran gerufen. »Nein,« hatte der Alte erwidert. »Aber wenn eins der Mädels im Pavillon steckt, so muß sie natürlich ans Fenster, wenn sie die Schlittenglocken hört. Und denk' doch den Schreck, wenn sie glaubt, ich hätte sie gesehen!« Und Onkel Janne lachte, daß Nils Göran noch jetzt bei der Erinnerung laut aufwieherte. Ja, ja, Onkel Janne war längst tot, freilich! Aber sein Ruhm lebte. Und dann alle die andern! Tante Ulla auf Färjenäs, die alle Hunde aufnahm und versorgte, die kein Mensch sonst haben mochte. Und Onkel Jakob, der seine kleinen Schwächen hatte, den man aber hoch in Ehren halten mußte, weil er Tante Olivias Mann war. Weißt du noch, was er der kinderlosen Tante Sofie-Louise antwortete, als sie ihn um Rat fragte, wie sie sich zum Maskenball auf Jonstarp verkleiden solle? ›Bind' dir ein Kissen auf den Leib, Sofie-Louischen‹, sagte Onkel Jakob. ›Dann kennt dich gewiß kein Mensch!‹ Und das war noch einer von Onkel Jakobs minder saftigen Witzen. Es gab weit schlimmere – und alle wurden sie aufgetischt. Dann ward Oberst Hertzen aus seinem Grab heraufbeschworen, der gemütliche alte Oberst mit seinem roten Gesicht, der unzählige Male im Sterben gelegen hatte, der nichts tat als seine Gesundheit pflegen und zwanzig Jahre lang nur davon redete, daß er bald sterben müsse. Einmal, so behauptete man, hatte ihm bei einer derartigen Gelegenheit der Pastor das Abendmahl in Brot und Branntwein gegeben, weil kein Wein im Haus war. Den Rest hatte der Pastor selber getrunken und war selig auf dem Sofa, dem Bett des Obersten gegenüber, entschlummert. Am nächsten Morgen war der Todeskandidat munter wie ein Fisch und jagte den Pfarrer zur Tür hinaus. Aus fünf Bauchbinden und drei wollenen Unterjacken schälte er sich heraus, wenn er im Sommer einmal im See badete. »Ich lege mir nämlich alle fünf Jahre eine neue Bauchbinde zu,« behauptete er. Und neunzig Jahr alt wurde der magere, sehnige Alte, ehe er endlich starb. Und der Pfarrer – derselbe Pfarrer, von dem die Schnapsanekdote erzählt wurde! Er war ein gar gestrenger Herr, wenn er auf der Kanzel stand. Ein-, zwei-, dreimal drehte er das Stundenglas, ohne daß auch nur einer von den Zuhörern einzuschlafen oder sich zu regen wagte. Er hielt seine Bauern in Zucht und Vermahnung, verdonnerte sie mit Gesetz und Evangelium und war in der Hölle daheim, als habe er selbst das Inventar dort aufgenommen. Alle lebten sie wieder auf, alle erstanden sie wieder in der Erinnerung. Und während die Brüder plauderten, begann über dem Lommen sanft der Nebel zu steigen. Wie ein Schleier lag er über den Ufern, und vor dem Morgendämmern, das den Wald rötete, verbleichte der Mond. Aber jetzt war auch der letzte Tropfen der Bowle zu Ende. Mit roten Gesichtern, lächelnd und ein bißchen geräuschvoll dankten die Brüder einander für den fröhlichen Abend. Dabei war es jedoch schon, als ob der Alltag sie wieder ein bißchen in seiner Gewalt hätte. Beide Herren standen steif und gerade je an einer Seite des kleinen Tisches und schüttelten sich über die leere Bowle weg die Hände – länger als gerade notwendig gewesen wäre. »Dank dir für den heutigen Abend, Nils Göran,« sagte Karl Henrik. »Dank dir, Karl Henrik,« erwiderte Nils Göran. Dann schloß der Major die Balkontür und die Brüder gingen schweigend, vorsichtig die Treppe hinab und tasteten sich nach ihren Schlafzimmern. Die Jungens von einst, Kalle und Nisse, blieben zurück in dem Zigarrenrauch, der dick über dem Giebelzimmer lag und erst am andern Morgen ordentlich ausgelüftet werden sollte. Brite hatte ihre Sache gut gemacht. Sie hatte die Schwägerin in das innere Gastzimmer geführt und sie vermocht, die Tür zum äußern, wo Nils Görans Bett stand, zuzumachen. Ihre Vorsichtsmaßregel schien aber doch nicht ganz genügend zu sein. Was in der Nacht in den Gastzimmern vor sich ging, erfuhr allerdings niemand. Aber die kurze Marie pflegte nach einem besonders geglückten Tagewerk meist lange wach zu liegen. Denn derartiges war für sie immer mit Gemütsbewegungen verbunden. Und sie hatte zu hören vermeint, daß Bijou bellte, als der Hüttenherr die Tür zum Gastzimmer, die ewig knarrte, öffnete. Wie lange die Herrschaften noch miteinander geflüstert oder was sie verhandelt hatten, das wußte sie nicht. Denn sie war gleich darauf eingeschlafen. Auch Brite erwachte, als der Major kam. Schlaftrunken sah sie zu ihm auf und fragte, wie der Abend verlaufen sei. Und der Major blieb ihr die Antwort nicht schuldig. »Im Grunde ist Nils Göran doch immer der Alte,« erwiderte er strahlend. Drittes Kapitel Am folgenden Morgen rauschte in den alten Bäumen der Sturm. Gegen Mittag hüllte sich die Sonne in Wolken und am Nachmittag fiel der milde Sommerregen in Schauern. Der Himmel war trüb und grau, über die Fläche des Lommen jagten schwarze Windstöße und fegten schwere Regentropfen mit sich, die von der Wasserfläche zurückprallten. Spitz hatte vor dem Mittagessen feierlichst Tante Olivia abgeholt. Mitten im ärgsten Regen kam sie im Landauer, vor den die schwarzen, ein bißchen fetten Wagenpferde gespannt waren, dahergefahren; und das Mittagessen war deshalb etwas festlicher als gewöhnlich. Der Major ließ zu Ehren des neuen Gastes eine Flasche Sekt springen, was Mina Charlotta Anlaß gab, die vom Hausherrn und Brite erwartete kleine Giftigkeit von sich zu geben – nämlich, daß Nils Göran und sie sich einen derartigen Luxus nie gestattet haben würden. Der Champagner wirkte infolgedessen nicht so aufmunternd, als beabsichtigt gewesen war; und Karl Henrik, der noch etwas von der glücklichen Stimmung des gestrigen Bruderfestes in sich trug, war deshalb mehr als gewöhnlich gereizt über diesen Ausfall der Schwägerin. Während des ganzen Mittagessens beobachtete er, so oft er sich unbemerkt glaubte, das rätselvolle Gesicht Mina Charlottas, und ein gefährliches Gefühl bittern Mitleids mit dem Bruder bemächtigte sich seiner. Brite versuchte mehr als einmal ihres Mannes Blick aufzufangen, um ihn zur Vorsicht zu mahnen. Karl Henrik sah auch einmal zu ihr hin, aber in einer Weise, die Brite unruhig machte. Nach dem Essen herrschte die gewisse dumpfe Stimmung, wie sie – auch bei Menschen – einem Gewitter vorauszugehen pflegt. Die Damen saßen um den Sofatisch und zwischen ihnen prangten die ostindischen Tassen und die alte Kaffeekanne aus schwerem Silber. Die Herren zogen sich bald in das Zimmer des Majors im Erdgeschoß zurück. Dann und wann drang durch die Wendeltreppe das ferne Geräusch ihrer Stimmen zu den Damen herauf. Die Brüder hatten sich in zwei Lehnsessel sinken lassen. Zwischen ihnen, auf einem niederen Tischchen, standen die gefüllten Kognakgläser, die sie ab und zu schweigend an die Lippen führten. Beide rauchten, Karl Henrik mit kurzen, hastigen Zügen, als wünsche er, mit seiner Zigarre fertig zu werden, um eine frische anstecken zu können, Nils Göran ruhig und bedächtig, indem er die Zigarre, so oft er sie zum Mund führte, zwischen den Fingern drehte und den Rauch in kunstgerechten Ringen, die sacht durch den Raum schwebten, von sich stieß. Die Verstimmung des Majors war noch nicht gewichen. Er sehnte sich im stillen nach dem Abend, damit er Brite gegenüber seinen Gefühlen Luft machen könnte. Wieder und wieder beschäftigte sich seine Phantasie mit dem Gedanken, wie unglücklich sich der Bruder im geheimen fühlen müsse und wie merkwürdig es wäre, daß er von dem, was jedem andern in die Augen sprang, selbst nichts zu merken schien. Nils Göran hatte in der Tat keine Ahnung, daß beim Mittagessen etwas geschehen war, was die Freude gestört hatte. Die Art und Weise seiner Frau war ihm so zur Gewohnheit geworden, das tägliche Leben hatte ihn so dagegen abgestumpft, daß ihm gar nie der Gedanke kam, andre könnten derartige Kleinigkeiten, wie das Vorkommnis beim Essen, als etwas andres ansehen als unbedeutende Bagatellen. Zudem wanderten in diesem Augenblick seine Gedanken ganz andre Wege. Indem er eine gewaltige Rauchwolke senkrecht zur Decke emporstieß, sagte er plötzlich: »Gestern war's gemütlich, Karl Henrik! Die Erinnerung an solche Tage tut einem manchmal recht wohl!« Wie ein warmer Strom schoß es bei diesen Worten in Karl Henrik auf. Seine Verstimmung war wie weggeweht. Schweigend nickte er dem Bruder zu und wartete, was weiter kommen sollte. Und als Nils Göran nichts hinzufügte, setzte er selber das Gespräch fort. »Manchmal kommt es mir vor,« sagte er, »als sei das ganze Leben nichts als ein Kreislauf – zurück zum Anfang. Alles, was man dazwischendurch erlebt, Liebe, Glück, Kämpfe, Heimat, Kinder – alles das verschwindet einmal. Und fest steht nur das, was unsere Augen zuerst erblickten.« Nils Göran lächelte ein bißchen sarkastisch. »Und trotzdem machen wir soviel Wesens aus uns – jeder nach seiner Seite –« sagte er. »Ja, ja,« entgegnete Karl Henrik. »Wir machen viel Wesens aus uns im Leben. Und ich bin darin nicht der letzte. Seinerzeit wollte ich von daheim fort, weil – ja, weil ich des Vaters Tyrannisierei nicht aushielt. Ich setzte meinen Kopf durch und wurde frei. Dann brachte ich mein Hab und Gut durch; und gerade als ich soweit war, kam die Liebe über mich. Wie ich's damals eigentlich machte, kann ich jetzt nicht mehr sagen. Ich weiß es faktisch nicht. Wie ich mich überhaupt in den beiden ersten Jahren meiner Ehe, eh diese unerwartete Wendung in meinem Schicksal kam, über Wasser hielt, ist mir selber jetzt vollkommen unbegreiflich. Wenn du verlangtest, ich sollte es dir auseinandersetzen – es wäre mir platterdings unmöglich. Aber nichts von allem, was ich erlebt habe, glaub' mir, Nils Göran, nichts ist für mich von Bedeutung im Vergleich zu dem Gefühl, daß ich die Erde, mit der ich wieder vereint bin, nie hätte verlassen sollen. Daß ich zu ihr zurückkehren durfte, das war das größte Glück von allen.« »So achtest du also den Wohlstand für nichts?« unterbrach ihn Nils Göran. »Das will ich damit nicht sagen,« antwortete Karl Henrik zögernd. »Aber die Erde bedeutet mir mehr. Ich bin im Wald geboren und im Wald will ich sterben.« »Als du jung warst, dachtest du nicht so,« bemerkte der Bruder. »Nein, weil ich noch nichts erprobt hatte. Ich gehöre zu denen, die sich erst – brennen müssen.« »Du meinst,« fiel ihm Nils Göran ins Wort, »ich gehöre zu denen, die's nicht nötig haben, sich zu brennen?« »Wie kommst du auf den Gedanken?« fragte Karl Henrik verblüfft. Es lag in des Bruders Ton eine Schärfe, die ihm nicht entgehen konnte. Etwas vom Groll langer Jahre, von der Grübelei vieler schwerer Winter, von der ganzen, lang verschlossenen Bitterkeit des Zurückgesetzten dem vom Glück Begünstigten gegenüber. Nils Göran seufzte tief, ehe er mit seiner Antwort kam. Es sah aus, als wäge er genau jedes Wort, ehe er es aussprach. »Du redest von dir,« fuhr er fort. »Aber du vergissest mich. Immer habe ich den Eindruck, daß du mich vergessen hast. Aber auch ich habe eine Geschichte gehabt, wenn sie auch in der Stille verlaufen ist. Ich bin nie von der Erde fortgekommen, wie du dich ausdrückst. Ich habe nie Gelegenheit gehabt, mich zu brennen. Und wenn ich jetzt auf mein Leben zurückblicke, so vermisse ich da etwas – ja – auch ich – etwas, das nie wiederkommt!« Langsam erwachte in Karl Henrik die Erinnerung an einen Brief, den er einst erhalten hatte. Einen Brief, den der Bruder geschrieben. Er mußte sein Gedächtnis anstrengen, damit er sich deutlich entsann ... Und mit einem Male fiel ihm alles ein. Mit einer Stimme, die vor innerer Erregung zitterte, rief er: »Du hast mir einmal etwas Ähnliches geschrieben. Damals glaubte ich, es wäre in der Übereilung gewesen. Jetzt muß ich fragen: Sagst du mir das alles im Ernst?« Nils Göran sah aus, als besänne er sich. »Wir wollen nicht weiter machen,« sagte er. Aber zu viel war schon gesagt, als daß der Major noch imstande gewesen wäre, diesem Wink zu folgen. In ihm gärte und kochte eine Furcht, die er nicht aushalten konnte. Er mußte sie los werden – um jeden Preis. War es möglich, daß der Bruder alle die Jahre durch eine heimliche Feindseligkeit gegen ihn gehegt hatte? »Wenn du jetzt schweigst, tust du mir mehr Böses an, als mit Worten,« sagte er heftig, mit gedämpfter Stimme. Nils Göran legte seine Zigarre, die ausgeraucht war, fort; seine Lippen wurden gleichsam schmaler, als er sie jetzt aufeinanderpreßte. Dann antwortete er: »Ich habe dich dereinst für jenen Brief um Entschuldigung gebeten.« »Ich weiß,« erwiderte der Major. »Aber was hilft mir das, wenn der böse Gedanke gegen mich noch in dir steckt?« Nils Göran fuhr auf, wie von einem Hieb getroffen. »Habe ich mich betragen als einer, der böse Gedanken hegt?« sagte er barsch. »Im übrigen sind Gedanken – soviel ich weiß – zollfrei.« »So habe ich es nicht gemeint,« begann wieder der Major. »Du darfst mich nicht mißverstehen.« »Ich will dir etwas sagen, Karl Henrik,« entgegnete der Hüttenherr – »ich bin dein Gast und kann dir darum nicht antworten, wie ich gern möchte.« Karl Henrik sah den Bruder gar nicht an. In ihm arbeiteten Gedanken, von denen er sich um jeden Preis befreien wollte. »Sag', was du willst,« sagte er. »Es ist vielleicht besser, wir sprechen uns einmal aus. Nur soviel will ich dir sagen: Den Brief, auf den du anspielst, habe ich längst vergessen.« »Aber ich nicht.« »Ich glaube, ich fange an, den Unterschied zu verstehen,« entgegnete der Major. »Im übrigen war es mir mit dem Vergessen so ernst, daß ich den Brief gleich damals verbrannte.« »Willst du mir vielleicht weismachen, daß nicht einmal Brite den Brief gelesen hat?« Beide Brüder hatten in diesem Augenblick das Gefühl als wären zwischen ihnen böse Geister losgelassen. Aufrecht, mitten im Zimmer stehend, maßen sie sich gegenseitig mit feindseligen Blicken. Dem Major war zumut wie einem, der ganz unvermutet in ein Erdbeben gerät. Der Boden unter ihm fängt an zu schwanken – und noch versteht er die Ursache nicht. »Du glaubst mir nicht!« rief er. »In diesem Punkt – nein!« antwortete kurz der Hüttenherr. »Du sagst, du habest diesen Brief vergessen. Darf ich fragen: Hast du auch deinen vergessen?« Der Major besann sich einen Augenblick. »Ja,« antwortete er schließlich. »Ich habe ihn vergessen. Und bis zu dieser Stunde glaubte ich, du habest es auch getan!« Der Hüttenherr lächelte bitter. Mit einer Stimme, die er absichtlich dämpfte, um nicht von den Damen droben im Salon gehört zu werden, gab er seine Erklärung ab. Er ließ sich dabei wieder im Lehnsessel nieder. Sein Ton war beherrscht, aber jedes Wort, das er sprach, war ein Stich. »Unsere Verhältnisse sind immer ungleich gewesen,« begann er, »und sind es auch jetzt noch. Ich glaube, ich kann mich so ungefähr in deine Lage versetzen. Aber wie ein Mann in meinen Verhältnissen lebt, das hast du vermutlich vergessen.« »Jedenfalls war ich der Armut näher als du,« unterbrach ihn der Major. »Ja,« gab der Hüttenherr zu, »das warst du. Aber du hast es vergessen. Du willst wissen, was hinter meinen vielleicht etwas übereilten Worten von vorhin steckt. Nun ja! Du sollst deinen Willen haben. Es hat mich wundergenommen, daß du in all diesen Jahren gar nicht zu merken schienst, wie es um mich stand; und nicht mich allein hat das wundergenommen!« Nils Görans Stimme zitterte, während er diese Worte aussprach. »Nicht dich allein?« wiederholte der Major, tief Atem holend. »Geht das auf Mina Charlotta?« Im selben Augenblick, als ihm das Wort entschlüpft war, bereute der Major auch schon das Gesagte. Aber es war zu spät. Das Wort war gesprochen und ließ sich nicht mehr zurücknehmen. »Ich möchte mir ausbitten, daß meine Frau nicht in Dinge hereingezogen wird, die allein dich und mich angehen,« sagte der Hüttenherr in seinem allertrockensten Ton. »Soviel ich mich erinnere, warst du es, der noch eben von Brite sprach,« erwiderte der Major. »Im übrigen hast du selbst den Anlaß zu meinen Worten gegeben.« Die Erwiderung kam unmittelbar, knapp und scharf wie ein Peitschenhieb. Darauf ward es ganz still in dem großen Raum. Der Major drehte sich auf dem Absatz um und sah zum Fenster hinaus, an dem der Regen in Streifen über die Scheiben sickerte. Der Hüttenherr sank tief in seinen niederen Sessel zurück und streckte die langen, hageren Beine auf dem Teppich von sich. Das Schweigen zwischen den Brüdern währte lange. Sie wußten alle beide, daß sie ziemlich laut gewesen waren, und daß die Damen droben im Salon sie gehört haben mußten. Oft schon waren Mißhelligkeiten zwischen ihnen entstanden, zu denen ihre ungleichen Temperamente den Anstoß gegeben hatten. Aber diese Mißhelligkeiten waren entweder im Handumdrehen wieder vergessen gewesen, oder die Zeit hatte sie ausgeglichen – je nach Umständen. Die Brüder hatten da ihre Zwiste noch allein miteinander ausgefochten. Kein Fremdes hatte sich darein gelegt; und für beide waren in diesem Fall die Frauen Fremde. So stark hatte das eigentümliche schwere Geschick ihrer Kindheit einst diese zwei Männer vereint. Das was soeben geschehen war – das war ihnen beiden klar – war etwas unwiderruflich Entscheidendes, etwas, das sich nicht ungeschehen machen oder zurücknehmen ließ. Eine jahrelange, furchtbare Erbitterung war es – das fühlten sie beide –, die hier in Kampf auszubrechen drohte, in einen Kampf, der um so gewaltiger und unversöhnlicher war, als er von Männern gekämpft werden sollte, deren Blutsverwandtschaft den Keim zu dem seltsamen Haß in sich trug, der so alt ist wie die Welt. Im übrigen empfanden die beiden das in sehr verschiedener Weise. Der Major war ohne Zweifel die weichere von diesen zwei Naturen, sicherlich auch die feinere. Für ihn lag alles das, was da geschah, viel mehr im Dunkeln. Er konnte das Gesagte weder fassen noch richtig zusammenhalten – begriff weder die Worte, die da fielen, noch, wie es möglich war, daß diese Worte gerade jetzt kamen. Alter Groll war ihm bei andern ein Rätsel, weil er selbst derartiges nie empfunden hatte. Verzweifelt suchte er in sich nach einem Leitfaden, um aus diesem Labyrinth zu gelangen. Der Faden mußte sich ja finden lassen – mußte sich gerade jetzt finden lassen. Er konnte doch nicht ein ganzes Leben lang, das ihm noch bevorstand, diese Last tragen, die ihm jetzt mit ihrem unleidlichen Druck die Brust zusammenpreßte! Weit besser überschaute der Hüttenherr die Sache. Inmitten der Empörung, die ihn beherrschte, bewahrte er sich die Klarheit des Denkens und die Ruhe, die ihn für gewöhnlich auszeichneten. Und als er schließlich das Schweigen brach, war seine Stimme gedämpft und kalt. Kein Laut war außerhalb des Zimmers, in dem die Herren saßen, vernehmbar. »Was heut' gekommen ist,« begann er, »war etwas, das kommen mußte . Und es ist vielleicht das Beste, wir sprechen uns einmal gegenseitig aus. So will ich es dir denn sagen, da du es ja selber augenscheinlich nicht begreifst: Ja – ich habe etwas gegen dich – etwas, was ich immer gegen dich haben werde, solang ich lebe!« Des Hüttenherrn Stimme zitterte und er hielt einen Augenblick inne, als müsse er frisch Atem schöpfen. Jahrelange, tiefgewurzelte Erbitterung sprach aus seinen Worten. Und der Bruder begriff das auch. Aber das, was er hörte, wollte für ihn nicht Wirklichkeit werden. So fern war seiner eigenen Natur dieser verbissene Groll, der sich hier plötzlich gegen ihn richtete. Langsam hatte er sich umgewandt. Die Hand am Fensterkreuz, wartete er wie gelähmt auf die Fortsetzung. »Weißt du noch,« fuhr der Hüttenherr fort, »wie du Kolsäter antratst? Erinnerst du dich des Briefs, den du mir damals schriebst?« »Ich glaube ja,« war die Antwort. Jedes Wort schwer betonend, fuhr der Hüttenherr fort: »Du botest mir an, ich solle Björknäs zu Erb und Eigen haben. Verzichtetest auf deinen Anteil am Gut. Erinnerst du dich?« »Es war aufrichtig gemeint von mir.« Der Hüttenherr hohnlächelte. »Ich zweifle nicht daran. Aber scheint es dir nicht selber, als wäre diese – Aufrichtigkeit ein bißchen plump gewesen?« Der Major war jetzt nicht mehr heftig oder zornig. Eine dumpfe Ruhe war an Stelle des Zorns getreten – eine Art kühler Neugier, zu hören, wie weit der andre gehen würde. Darum unterbrach er den Bruder auch nicht, sondern stand ganz still und ließ alles über sich ergehen, als ginge es ihn selbe gar nichts an. »Du hast mich vorhin an einen Brief erinnert,« fuhr der Hüttenherr fort, »den Brief, den ich dir schrieb, als du mir deine Verheiratung anzeigtest. Ich billigte deine Handlungsweise nicht. Du weißt ja, dein Geschmack war nie der meine – en cas de femmes . Du erinnertest mich daran, daß ich dich dereinst für diesen Brief um Entschuldigung gebeten habe.« »Du selbst hast das gesagt.« »Einerlei. Ich weiß, daß ich es tat. Aber was ich damals geschrieben hatte, war trotzdem mein voller Ernst. Alle diese Jahre durch hab' ich so empfunden dir gegenüber. Und so werd' ich auch immer empfinden. Jetzt weißt du es!« Der Major stand ganz regungslos bei diesen Worten. Ohne mit der Wimper zu zucken, hörte er sie an. »Warum hast du mich dann etwas ganz andres glauben lassen?« sagte er. »Darum, weil ich ein altmodischer Mann bin und auf Dekorum halte. Die Familie soll zusammenhalten, zum Teufel! So lang wie möglich. Aber was zu viel ist, ist zu viel. Und das sag' ich dir jetzt: Was ich dir nie verzeihen kann, das ist, daß du in derselben Stunde, in der dir dein großes Erbe zufiel, das Herz hattest, mir deinen Anteil an Björknäs vor die Füße zu schmeißen. Gott sei Dank – ich habe dich ausgezahlt. Die Sache ist klar. Wir sind quitt.« Der Major machte ein paar Schritte auf den Bruder zu und sah ihm fest in die Augen. »Antworte mir aufrichtig, Nils Göran,« sagte er. »Was willst du eigentlich mit all dem sagen? Hast du vielleicht gewollt, ich solle dich bitten, mit mir zu teilen?« Der Hüttenherr sprang aus seinem Sessel auf. Der Bruder hatte ihn an seiner allerempfindlichsten Stelle getroffen! Zum äußersten getrieben, hatte der Major blind zugeschlagen und hatte ohne es zu ahnen, just den Punkt getroffen, auf den Mina Charlotta jahrelang mit weiblicher List und Gewandtheit ein Gift geträufelt hatte, das unter der Haut weiter fraß. Außerstande, ein Wort der Erwiderung zu finden, nahm er seine Zuflucht zur Grobheit. »Hast du denn gar keine Scham im Leib, du?« zischte er. Der Major nickte sachte, als habe er gar nicht zugehört. »Ah – so!« sagte er langsam, als rede er mit sich selbst. In wenigen Augenblicken hatte sich das ganze Wesen des Bruders gleichsam vor seinen Augen verwandelt. Und im selben Moment fühlte er, wie in ihm etwas zerbrach. Dies Etwas war das Bild eines Menschen, ein Bild, das er tief in seiner Seele getragen, ein Mensch, von dem er geglaubt hatte, er könne ihn nie und nimmer verlieren. Das Geheimnis dieses Bildes war, daß er selbst es sich geschaffen hatte. Zum erstenmal sah er das jetzt, sah es wie in gespenstischem Licht mitten am hellen Tag. Und darum war ihm zumut, als wolle seine Seele in lauter Stücke springen. Was auch der Bruder ihm nach diesem entsetzlichen Augenblick noch sagen würde – es konnte nur noch die leere Luft treffen. Der Hüttenherr war viel zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, um in diesem Augenblick den Bruder überhaupt zu beachten. Der Groll, den er so lang mit sich herumgetragen, beherrschte ihn so ganz und gar, daß er außer ihm nichts sah und nichts hörte. Er war darum ganz bestürzt, als der Major plötzlich mit seltsam leiser Stimme, in der nichts von Erregung zu verspüren war, zu ihm sagte: »Also darum – weil ich dir Geld habe schenken wollen, hast du einen Groll gegen mich gefaßt?« Das Gesicht des Hüttenherrn ward weiß. »Ja,« antwortete er zwischen zusammengebissenen Zähnen. »Ich glaubte, unter Brüdern sei das möglich,« fuhr der Major, immer in dem gleichen, leisen Ton fort. »Daß du dem Geld eine so entscheidende Bedeutung einräumst, kam mir gar nicht in den Sinn. Sonst wäre ich vorsichtiger gewesen.« Als der Major diese Worte gesagt hatte, schickte er sich an zu gehen, um dieser Unterredung, die ihm eine Qual war, ein Ende zu machen. Weshalb sollte er sich verteidigen? Er fühlte instinktiv, daß gar keine direkte Beschuldigung da war, auf die er hätte antworten können. Er fühlte in jedem Wort des Bruders nur die Antipathie gegen seine eigene Person, tiefgewurzelt, fest, halsstarrig, allen Vorstellungen und Vernunftgründen unzugänglich. Und dieser Antipathie gegenüber fühlte er sich wehrlos, wie jeder Mensch, dessen Natur nur langsam zu fassen vermag, daß des Lebens stärkste Leidenschaft vielleicht der Haß ist. Dennoch ging er nicht. Er fühlte es nicht einmal, daß er sich durch sein Bleiben selbst erniedrigte. Er wartete nur in einer Art Betäubung darauf, daß der Bruder seine Worte widerrufen, erklären, ihm wiedergeben sollte, was er verloren hatte. Es war, als fordere er von Gott, daß dies Unmögliche, was er selber als unmöglich empfand, dennoch geschehen müsse. Der Hüttenherr fuhr unterdessen fort zu reden und redete lange. Der Major konnte sich später nicht mehr entsinnen, was Nils Göran gesagt hatte. Es waren Erinnerungen, die die beiden gemeinsam hatten, kleine Geschehnisse aus ihrer Kindheit und Jugend, Züge aus Karl Henriks Charakter, Dinge, die er getan hatte, Ausdrücke, die ihm entschlüpft waren. All das zusammengestellt, vergrößert und verdreht zum Totalbild einer menschlichen Karikatur. Und Karl Henrik begriff, daß dies Zerrbild er selbst sein sollte, so wie der Groll langer Jahre ihn in der Vorstellung des Bruders verwandelt hatte. Er faßte sich mit beiden Händen an den Kopf und rief: »Bin ich denn im Narrenhaus? Oder was bedeutet das alles?« In diesem Augenblick klangen auf der Wendeltreppe, die zu des Majors innerem Zimmer führte, rasche Schritte, und ehe die Brüder zur Besinnung kamen, stand Brite mitten im Zimmer. Sie war ein bißchen bleich, aber gefaßt und ruhig. Mit einem Blick überschaute sie, daß das, was hier geschehen war, mehr war als ein gewöhnlicher Disput. Und ohne den Schwager zu beachten, ging sie geradeswegs auf ihren Mann zu und fragte leise: »Was ist hier vorgefallen?« Jetzt hatte der Hüttenherr sich soweit gefaßt, daß er antworten konnte. Und da der Major nur den Kopf schüttelte und hartnäckig schwieg, ergriff Nils Göran das Wort. Seine Augen funkelten dabei mit einem eigentümlichen Glanz zu Brite hinüber. »Dein lieber Mann hat mich eben daran gehindert, eine Dummheit zu begehen,« sagte er trocken. »Ich war näher daran als je zuvor in meinem Leben.« Bei diesen Worten erwachte der Major aus der Betäubung, die ihn eine lange Weile gefangen gehalten hatte. Sein Blick irrte vom Gesicht des Bruders zu Brite hinüber. Dann sagte er kurz: »Das ist nicht wahr. Du weißt selbst am besten, daß von etwas anderm die Rede war.« »Ich lüge nie,« entgegnete der Hüttenherr. »Ich war tatsächlich im Begriff, eine Dummheit zu begehen und noch dazu eine ganz kapitale. Als diese brillante Unterredung begann, beabsichtigte ich nämlich mich mit der Bitte um ein Darlehn oder um Bürgschaft an meinen reichen Bruder zu wenden.« »Du weißt, daß ich dir das niemals abgeschlagen hätte!« »Ich weiß gar nichts,« erwiderte Nils Göran. »Im übrigen brauchst du dich nicht zu beunruhigen. Das Geld liegt bereit und wartet nur auf meine Unterschrift, sobald es mir beliebt, das Angebot, das mir gemacht worden ist, anzunehmen.« Damit verließ der Hüttenherr mit festen Schlitten das Zimmer. Das einzige, was ihn nachher ärgerte, war, daß er dem Bruder seine finanzielle Lage aufgedeckt hatte. Es war das sonst keineswegs seine Art, und der einzige Grund, weshalb er es getan hatte, war auch nur, daß nichts, was er sonst hätte sagen können, den Bruder so tödlich verletzt hätte, wie diese seine letzten Worte. Das wußte Nils Göran, und darum hatte er sie ausgesprochen. Nicht einen Augenblick bereute er, was er getan hatte. Ebensowenig kam ihm der Gedanke, daß das, was er da begangen hatte, schlimmer war als ein Verbrechen. So seltsam es klingen mag – seine Schritte waren fester als je und er bildete sich ein, er habe als ein ganzer Mann gehandelt. Das Gift, dem er einmal den Zutritt zu seiner Seele gestattet, hatte ihn verwandelt. Lange saß Brite bei ihrem Mann auf seinem Zimmer. Daß sie ihre Pflichten als Wirtin vernachlässigte, war ihr jetzt ganz einerlei. Sie sah es als die bedeutungslose Sache an, die es in Wirklichkeit auch war. Der Major versuchte zu schildern, was zwischen den Brüdern vorgefallen war. Aber er vermochte es nicht. Auf alles, was er erzählte, konnte Brite nur sagen: »Das ist ja gar nicht möglich. Du kannst nicht recht gehört haben.« Schließlich verstummte er ganz und gar. »Ich weiß nichts,« sagte er tonlos. Als Brite wieder in den Salon hinaufkam, fand sie Tante Olivia allein dort. Kaum hatte nämlich der Hüttenherr des Bruders Zimmer verlassen, als auch Mina Charlotta sich hastig erhob und ohne ein Wort der Entschuldigung mit ihren kleinen festen Schritten durch den Salon und hinaus ins Vorzimmer ging. In der Stille, die in diesem Augenblick herrschte, hörte man deutlich ihre Schritte auf der großen Treppe, von der sie durch den Korridor nach dem Gastzimmer gelangte, wo Nils Göran sich kurz zuvor eingeschlossen hatte, um in der Einsamkeit seine Nerven zu beruhigen. Brite biß die Zähne zusammen, als ihr das klar wurde. Aber noch mehr erstaunte sie, als ihr Blick auf Tante Olivia fiel. Es war, als wäre das ganze Wesen der alten Dame verwandelt. Ihr Gesicht war finster, und es sah aus, als beherrsche sie nur mit Mühe ihren Zorn. »So, also ist es jetzt endlich geschehen!« sagte sie scharf. »Was?« »Das, was ich immer gewußt habe, daß es einmal zwischen den zwei Herren geschehen würde.« Brite sah bestürzt zu Tante Olivia auf. Die alte Dame fuhr fort: »Wenn man so lange gelebt hat, wie ich, so kennt man sich ein bißchen aus. Du brauchst mir gar nichts zu sagen. Ich weiß auch so alles, besser, als wenn ich's mit angehört hätte.« Tante Olivia war in vollem Aufruhr. Sie erhob sich von ihrem Platz und ballte die weiße, kräftige Hand, als habe sie einen Feind vor sich, den sie am liebsten umbringen möchte. »Ich will dir sagen, wie es ist, Brite. Ich hätt' es auch schon eher getan, wenn ich nicht gefürchtet hätte, Unheil zu stiften. Von dem Moment an, als das kleine Geschöpf mit seinen falschen Augen und ungleichen Zähnen mir zum erstenmal unter die Augen gekommen ist, hab' ich gewußt, was das Ende sein würde. Es wäre auf alle Fälle einmal so gekommen. Denn Nils Göran ist nicht der Mann dazu, es zu ertragen, daß sein Bruder plötzlich an Stellung und Ansehen über ihm steht. Aber wär' er allein geblieben, so wäre seine schlechte Natur doch nicht so schnell zum Durchbruch gekommen. Es ist sogar möglich, daß er seine Schlechtigkeit stillschweigend hinuntergewürgt und sich nichts hätte anmerken lassen. So aber, seit sie dazu gekommen ist ...!« Tante Olivia holte tief Atem und setzte sich wieder auf ihren Platz im Sofa, daß die Federn knackten. »Es sollte mir eine Wonne sein, mit der Gnädigen einmal ein Hühnchen zu pflücken!« äußerte sie. »Um Gottes willen ...« begann Brite. Aber Tante Olivia brachte sie zum Schweigen. Bolzgrad, kampflustig saß sie auf ihrem Platz im Sofa und redete keinen Ton mehr über die Sache, die sie noch eben so stark beschäftigt hatte. Was sie dachte, behielt sie für sich, und indem sie Brite nur ab und zu ein Wörtchen zuwarf, strickte sie eifrig an dem dicken wollenen Seelenwärmer weiter, der augenblicklich ihre Handarbeit bildete. Eine Stunde später kam Tilda würdevoll mit den Kristallschalen voll Kirschen und Stachelbeeren auf ihren derben Armen ins Zimmer gesegelt. Sie stellte das Obst auf den gewohnten Platz; und keiner hätte es ihrem undurchdringlichen Gesicht ansehen können, daß sie die lauten Stimmen vom Zimmer des Majors wohl gehört hatte und selber im Korridor dem Hüttenherm begegnet war, wie er rot und erhitzt mit heftigen Schritten nach dem Gastzimmer ging. Ihr Eintritt rief den beiden Damen ins Gedächtnis zurück, was die Situation jetzt erforderte. Brite warf einen raschen, ängstlichen Blick auf Tante Olivia, deren Gesicht immer finsterer und drohender wurde. Eine kleine Weile darauf erschienen der Hüttenherr und seine Frau im Salon. Gleich nachher kam auch der Major und bat mit verlegenem Lächeln seine Gäste um Entschuldigung, daß er sie habe warten lassen. Die Stimmung war, wie sich erwarten ließ, äußerst peinvoll. Aber alle diese Menschen waren viel zu gut geschult in den Formen äußerlicher Würde, als daß es einem von ihnen in den Sinn gekommen wäre, sich heute, in Anwesenheit Tante Olivias, von den üblichen Stunden des Beisammenseins, so unaussprechlich peinlich sie auch allen waren, fernzuhalten. Alle zeigten sie ihr gewohntes, korrektes Benehmen. Alle suchten sie soweit es möglich war, das Gespräch aufrecht zu erhalten. Nur Tante Olivia saß finster wie eine Wetterwolke vor dem Ausbruch des Gewitters da und gab eine ganze halbe Stunde lang keinen Ton von sich. Mina Charlotta war während dieser halben Stunde geradezu großartig. Ihre Augen funkelten unter dem kastanienbraunen Haar, und mit unermüdlicher Gewandtheit wußte sie immer neue Gesprächsstoffe zu finden. Aus ihrem ganzen Wesen sprach etwas wie schlecht verhehlter Triumph, und unaufhörlich strahlten ihre Augen zum Hüttenherrn auf, als wolle sie der ganzen Welt dartun, wie stolz sie in diesem Augenblick auf ihren Mann war. Von ihren Lippen strömte geradezu ein Wortschwall. Je stiller es um die kleine Dame wurde, desto mehr schien sie sich zu befleißigen, nichts zu merken. Unbefangen richtete sie ihre Worte bald an den einen, bald an den andern; daß die Antworten meist kurz angebunden waren oder auch ganz ausblieben, bekümmerte sie nicht im geringsten. Sie sah sehr wohl, daß Karl Henriks Stirn sich mehr und mehr bewölkte, daß Brite verstummte und sich über ihre Arbeit beugte, als sei sie fest entschlossen, nichts zu sehen und zu hören. Nicht einmal die alte Dame in der Sofaecke schreckte sie mehr. In diesem Augenblick nahm sie Rache für ihre beiseite geschobene Stellung im Leben, und sie schien es sich zum Vorsatz genommen zu haben, diese Rache bis zum äußersten auszukosten. Denn dieser Tag war ihr Tag. Jetzt wußte sie, daß in Zukunft in ihres Mannes Seele auch nicht ein Winkelchen mehr sein würde, über das sie nicht herrschte. Und ein bizarrer Übermut erfüllte in dieser Stunde die kleine Dame – fast als hätte sie jahrelang gegen einen gefürchteten Nebenbuhler angekämpft und endlich den Sieg davongetragen. Der innerliche Triumph Mina Charlottas war so unverhüllt, daß sowohl Karl Henrik als Brite ihn fühlen mußten. Und ihnen war, während sie so dasaßen, als würde von allem, was an diesem schicksalsschweren Tag geschehen war, plötzlich der letzte Schleier fortgerissen, so daß die Wahrheit in all ihrer häßlichen Nacktheit unbarmherzig zutage kam. Mina Charlottas Triumph sollte jedoch kein ungemischter bleiben. Denn jetzt wickelte Tante Olivia ruhig ihr Strickzeug zusammen und äußerte mit einer Stimme, die sehr ruhig und sehr bestimmt klang: »Es ist schrecklich, wieviel Verve und Abandon du heute entwickelst, meine gute Mina Charlotta! Ist dir etwas Angenehmes begegnet?« Mina Charlotta hatte den Platz in der andern Sofaecke, links von Tante Olivia, inne, und rückte bei diesen Worten etwas weiter weg. Mit der alten Dame war nicht gut Kirschen essen in diesem Augenblick! Tante Olivia bemerkte das und genoß es ganz unchristlich. »Bleib' du nur sitzen, mein Püppchen,« sagte sie verächtlich. »Ich beiße nicht. Aber wenn du meine Frau wärst und ich Nils Göran, so setzte es heute abend eine ehrliche Tracht Prügel, darauf kannst du dich verlassen! Und das auf den bloßen Allerwertesten!« Mina Charlotta machte eine Bewegung wie eine böse Katze, die gern kratzen möchte, es aber nicht wagt. »Die Hauskuren der verehrten Frau Tante sind häufig ein bißchen kräftig!« äußerte sie spitzig. Tante Olivia würdigte ihre Nachbarin keines Blickes, sondern wandte sich zu Karl Henrik. »Entschuldige, wenn ich den Familienkonventikel störe,« sagte sie. »Aber ich bin gewöhnt zu tun, was ich will. Und jetzt will ich nach Hause fahren. Ich hoffe, es steht dem nichts im Weg.« Darauf wandte sie sich zu Nils Göran, der völlig perplex über diese seiner Frau zugefügte Kränkung dasaß, und sagte energisch: »Was meine Hauskuren betrifft, mein guter Nils Göran, so ist es eine ganz bekannte Sache, daß sie kräftig sind. Dafür helfen sie auch. Und unser Herrgott möge dich trösten, wenn du meinem wohlgemeinten Rat nicht folgst, ehe es zu spät ist!« Hiermit erhob sich Tante Olivia und schritt in ihrer ganzen Würde resolut durch das Zimmer. Aber als sie schon die Hand auf die Klinke gelegt hatte, wandte sie sich um und sagte scharf: »Komm mit, Brite, dir will ich adieu sagen!« Als Brite sich anschickte zu folgen, fiel Mina Charlotta in einem Nervenanfall in die Sofakissen zurück. Nils Göran war damit beschäftigt, sie zu beruhigen. Der Major rief mit Stentorstimme zur Küche hinunter nach einem Glas Wein. Bijou war auf das Sofa gesprungen und bellte wie verrückt Nils Göran an, der versuchte, seine Frau daran zu hindern, daß sie die Seidenmantille in Fetzen riß. Kurz es war gar nicht mehr daran zu denken, daß sich ein offener Skandal vermeiden ließ. Tante Olivia mußte in dem großen Gastzimmer, das sie bei ihren Besuchen auf Kolsäter stets bewohnte, lange warten. Als Brite endlich kam, saß die alte Dame mit den Händen vor dem Gesicht da und weinte. Brite blieb an der Tür stehen, unschlüssig, ob sie eintreten solle. Aber Tante Olivia hatte sie kommen hören. »Komm nur, Kind,« sagte sie. »Ich sitze und weine über mich selber!« Sie schneuzte sich heftig und wischte sich die Tränen ab. »Du kannst mich nicht verstehen,« sagte sie dann. »Das, worüber ich weine, das liegt in der Erde. Keiner weiß heute mehr von der Sache als ich. Aber sie ist trotzdem einmal geschehen, und ich erzähle sie nicht.« Damit stand Tante Olivia auf. »Hilf mir in den Mantel,« sagte sie zitternd. »Ich habe heute Gespenster gesehen. Und die Gespenster sind hinter mir her die Treppe heraufgekommen und haben mich besucht, während ich hier saß und auf dich wartete, und haben mich zum Weinen gebracht. Denn was ich heute gesehen habe, das hab' ich schon einmal gesehen, und so gesehen, daß es gar nimmer aus mir herausgeht. Glaube mir, jeder Mensch, der etwas wert ist, trägt in sich solche Leichen, wie dein Mann sie jetzt mit sich schleppt. Grausig ist es alles. Und nichts lindert so, als wenn man sich das Lachen lehrt!« Darauf schüttelte sie Brite freundschaftlich die Hand und fügte hinzu: »Lehr' du dich das, Kind, dann hilfst du dir selber und deinem Mann am leichtesten über die Geschichte weg!« Wie eine weise Frau der höheren Sphären sah Tante Olivia aus, wie sie in diesem Augenblick vor Brite stand, eine weltkluge Sibylle im Kapotthut mit lila Bändern und Brille, eine joviale Sibylle, die ihre eigene Methode zur Deutung und Besiegung der Welt gefunden hatte. Ernster als Brite sie je gesehen hatte, fuhr Tante Olivia von Kolsäter fort. Und Brite stand traurig unter der offenen Tür und blickte gedankenvoll dem dahinrollenden Wagen nach. Das Bewußtsein, daß sie das, was jetzt kommen sollte, nicht würde tragen können, lag schwer auf ihr. Viertes Kapitel Am folgenden Morgen waren auch Nils Göran und seine Frau fort. Kolsäter war wieder das alte. Der Regen hatte in der Nacht aufgehört, und die Sonne kam wie ehedem zum Vorschein. Blankblau glänzte die Fläche des Lommen durch die Zweige der Hängebirken. Und doch hatten die beiden, Brite und ihr Mann, das Gefühl, als habe eine Feuersbrunst in ihrem ruhigen Heim und dem ganzen Naturparadies, das es umgab, gewütet. Die ganze Nacht war der Major in seinem Zimmer auf und abgewankt, und auf alle Bitten Brites, doch endlich Ruhe zu suchen, hatte er nur geantwortet, er müsse allein sein. Als es Vormittag war, bestellte er den Jagdwagen, und als Brite in seine Stube kam, sah sie den kleinen Koffer gepackt stehen. Auf die Frage der Gattin, wohin er zu reisen gedenke, antwortete er bloß: »Fort!« Und etwas in seinen Bart murmelnd, was Brite nicht verstand, fügte er hinzu: »Du wirst mich schon bald genug wieder haben!« Wie ein Rasender fuhr er vom Hof. Spitz saß hintenauf, vor den Wagen waren die jungen Pferde gespannt. Der Major wandte sich nicht einmal um, um zurückzusehen, während er davonfuhr. Fast eine Woche lang mußte Brite auf ihren Mann warten, ehe er zurückkam. Dreimal kam während dieser Zeit die Post, und jedesmal suchte Brite in tödlicher Unruhe nach einem Brief. Und jedesmal ward ihre Hoffnung genarrt oder auch ihre Unruhe gestillt – sie wußte selber nicht, welches von beiden. Denn was sie fürchtete, war, daß ihr Mann überhaupt nicht mehr wiederkommen könnte. Und das einzige, was sie beruhigte, war, daß er nicht schrieb. Ohne ein Wort zum Abschied, dachte Brite, verläßt er mich so doch nicht. Aber ihre Nächte und ihre Tage waren erfüllt von Schreckbildern, und mit jeder Stunde, die ging, wuchs ihre Angst. Nur mit Mühe vermochte sie sich vor Erling und den Dienstboten zusammenzunehmen. Vor ihnen konnte sie doch nicht eingestehen, daß sie etwas derartiges fürchtete, wie daß ihr Mann sich mit eigener Hand das Leben nehmen könnte. Darum hielt sie sich aufrecht vor allen; und erst wenn sie in ihrem Schlafzimmer war und das ganze Haus schlief, ließ sie ihrer Unruhe freien Lauf. Aber am letzten Abend, dem Abend, an dem der Major wirklich kam, war sie nicht mehr Herr über sich selbst. Sie hatte Erling Gute Nacht gesagt und seine Fragen, ob nicht der Vater bald nach Hause kommen würde, beschwichtigend beantwortet. Als sie jedoch die Zimmertür des Knaben zugemacht hatte und allein in dem dunklen Korridor stand, da verließ sie ihre Selbstbeherrschung. Still glitt sie die Treppe hinunter und ging, die große Haustür sorgsam hinter sich zuschließend, in die Allee hinaus. Den Türschlüssel behielt sie in der Hand. Und die Leute vom Hof, die sie gehen sahen, erzählten flüsternd in der Küche, die Gnädige gehe so spät noch ganz allein draußen spazieren mit nur einem Tuch um die Schultern und ohne Hut. Die Nachtluft war kalt. Das schöne Wetter hatte einer Reihe jener kalten, unheimlichen Julitage Platz gemacht, in denen die Luft plötzlich kalt wird und der Sturm die Wälder schüttelt, als sei der Herbst schon gekommen. Es gibt solche Tage, an denen man das Gefühl hat, als wolle die Natur sich an uns armen Menschenkindern rächen für die kurzen Sonnentage, die uns geschenkt, und uns im Ernst fühlen lassen, daß ihre Hand hart ist über dem Norden. Scharf hebt sich alles von der kalten Luft ab, Blumen und Bäume, und das Rauschen des Windes in den Zweigen wird unnatürlich und unheimlich. Brite wanderte durch die Allee. Über ihrem Haupt sauste es in den Kronen der Linden, über das Saatfeld raschelte ächzend der Wind. Hinter dem Feld hob sich kalt und dunkel der Wald. Sie mußte sich die ganze Zeit an den Rand des Weges halten; der Sturm hatte zwar den Regen fortgeweht, aber die Wege waren noch aufgeweicht. Dunkler und dunkler ward es um Brite. Und doch trieb die Unruhe sie weiter. Bis hinab zum Heck ging sie. Als sie von da zurückschaute, war Kolsäter im Dunkel verschwunden. Nicht einmal einen durchglimmenden Lichtschein konnte sie mehr entdecken. Einsam stand sie im Dunkel und blickte auf die große Landstraße hinaus, die die Allee kreuzte. Sie wußte nicht einmal, ob sie nach rechts oder links schauen sollte; stand nur immer auf einem Fleck und horchte ängstlich auf das Geräusch von Wagenrädern, das in der stillen Nacht von fern her zu hören ist. Mit langsamen Schlitten ging sie dann wieder zurück. Aber kaum war sie an den Hof gekommen, so kehrte sie auch schon wieder um und ging von der gleichen Unruhe getrieben wie vorhin, wieder durch die Allee und nach der großen Landstraße zurück. Lange ging Brite so hin und her. Das letztemal, als sie sich dem Hof näherte, sah sie den Schein der Nachtwächterlaterne über die Terrasse glimmen. Brite fürchtete sich sonst im Dunkeln. Keine Macht der Welt hätte sie unter gewöhnlichen Umständen vermocht, allein diesen Weg zu gehen. Alles schreckte sie im Finstern: Die dunklen Umrisse der Bäume, die wilden Rosenbüsche, die gleich phantastischen Schattenbildern am Wegrain aufschossen, die lange, dunkle Perspektive von Bäumen – alles verursachte ihr eine Angst, die sie nicht bezwingen konnte. Am schlimmsten war's, wenn in den alten Linden die Eulen schrien. Da erstarrte alles Blut ihr in den Adern, und alte Märchen von Unglück und Tod wachten in ihr auf. Heute nacht empfand Brite nichts von alledem. Gefühllos wanderte sie die lange Allee auf und ab. Es war fast, als gäbe das Dunkel mit seinen Erinnerungen an alte Schrecken ihr in ihrem augenblicklichen überhitzten Zustand eine Art Ruhe. Schließlich stand sie wieder unten am Heck und starrte gedankenlos auf die Straße hinaus. Die Nacht war dunkel wie im September, und um sie her war die Natur stumm wie ein Totes. Da sah sie plötzlich ein Licht sich draußen auf der Landstraße bewegen. Weit hinten blinkte es aus dem Dunkel auf; und wo der Schein hin fiel, wurden Büsche und Bäume längs der Straße sichtbar. Es war wie eine lange lichte Straße von Erscheinungen, die aus dem Dunkel aufblinkten, um im nächsten Augenblick wieder darin zu verschwinden. Instinktiv zog Brite sich tiefer in den Schatten zurück. Sie verwandte kein Auge von dem Lichtfleck, der die dunkle Straße entlang glitt. Es war, als ginge Leben aus von diesem lichten Punkt, der da hastig näher kam. In phantastischer Helle tanzte es daher, alles, was eben noch in Dunkel gelegen hatte, die Bäume, der tiefe, breite Graben, die Dornhecke, die Disteln, die Steinpfeiler auf der langen Brücke, die über den Sumpf führte. Weit über die Felder zitterte der Schimmer dieses einen kleinen Lichts. Zuletzt schwenkte der Wagen in die Allee ein. Die jungen Pferde verdoppelten ihre Geschwindigkeit; dicht am Wegrand, wo Brite im Schatten stand, rollten die Wagenräder vorüber. Im hastigen Schein der Laternen sah sie, wie der Major die Zügel fester in seiner Hand sammelte und den eifrigen Tieren zusprach. Mit raschen Schritten ging Brite hinter dem Wagen drein. Es war ihr nicht möglich gewesen zu rufen, sich zu erkennen zu geben. Sie fühlte sich noch ebenso unruhig wie zuvor. Aber es war eine neue Unruhe, die sie jetzt beherrschte und ihre Schritte beschleunigte. Sie gelangte indessen nicht weit, ehe der Major ihr entgegenkam. Mit raschen, energischen Schritten kam er durch die Allee, und als er auf sie zutrat, sah Brite, daß er böse war. »Es ließ mir keine Ruhe,« sagte sie. »Ich hatte solche Angst!« Die Worte kamen atemlos, wie eine Verteidigung. »Du hättest mir das ersparen können,« antwortete der Major nur. »Wir haben gerade genug Skandal gehabt im Haus, auch ohne dies!« Schweigend gingen die Gatten ins Haus zurück. Und Brite vermeinte zu fühlen, wie etwas, das einem Schatten glich, zwischen ihnen ging und auf immer den Weg von ihres Mannes Herzen zu dem ihren verschloß. Das war noch schlimmer, als sie gefürchtet hatte. Das war der Tod. Erst als sie im Zimmer des Majors allein waren, hatte Brite den Mut zu fragen: »Was hast du denn solange von zu Hause fort getrieben?« Von sich selber sagte sie nichts mehr. »Herumgezecht!« antwortete der Major kurz. Dann fügte er plötzlich hinzu: »Es war eine kolossale Dummheit. Ich hab' kein Vergessen gefunden.« Brite betrachtete ihren Mann ängstlich. Sie sah, von jetzt an war in seinem Herzen kein Platz mehr für sie. Des Majors Aussehen hatte sich in diesen wenigen Tagen verändert. Die Augen waren noch schwermütiger als zuvor, aber der ganze Gesichtsausdruck war härter. »Sieh mich nicht so an,« sagte er plötzlich. »Du mußt dich in Geduld fassen und warten. Vielleicht wird es einmal wieder besser.« Am nächsten Tage lag Brite zu Bett und hatte Fieber. Man schickte nach dem Arzt; und als dieser, nachdem er die Kranke untersucht hatte, zu dem Major in den Salon trat, war er sehr erregt. »Das Fieber hat nichts zu bedeuten,« sagte er hastig. »Das geht bald vorüber. Aber deine Frau befindet sich in einer ganz ungewöhnlich überreizten Gemütsverfassung. In ihrem Zustand ist das bedenklich.« »Was meinst du mit ›ihrem Zustand?‹« sagte heftig der Major. Der Doktor trat schnell einen Schritt zurück und starrte bestürzt in das erregte Gesicht des Majors. »Weißt du nicht, daß deine Frau ein Kind erwartet?« rief er. Doktor Roeler konnte sich nicht erklären, wieso diese Mitteilung den Major in solchem Grad aufregen konnte. Die beiden Herren waren gute Bekannte, und der Doktor glaubte seinen Nachbarn zu kennen. Aber diesmal stand ihm doch der Verstand still. Nur in den Hütten der Armen, wo die Ankunft eines weiteren Kindes oft Hunger und Not bedeutet, war er ab und zu einmal bei derartigen Gelegenheiten im Gesicht eines Mannes diesem Ausdruck wilder, unbeherrschter Verzweiflung begegnet, wie ihn jetzt die Züge des Majors wiesen. Ohne sich dies seltsame Phänomen erklären zu können, erschöpfte sich der Doktor in beruhigenden Versicherungen. Der Major hörte sie an, als wären sie in die leere Luft gesprochen. Kaum war der Doktor fort, so ging er geradeswegs nach Brites Zimmer. Was er dort sagen oder tun würde, davon hatte er selber in diesem Augenblick keine Ahnung. Brite erwartete ihren Mann. Seit der Doktor sie verlassen hatte, hatte sie keinen anderen Gedanken mehr als bloß: »Wie wird er es aufnehmen? Was wird er jetzt zu mir sagen?« Daß er sich nicht mit ihr freuen konnte, das verstand sie wohl. Der Bruder, den er verloren, füllte ihn jetzt so ganz und gar aus, daß er für nichts andres mehr Raum hatte. Und darum fühlte Brite sich gerade jetzt, wo sie ihm eine Hilfe sein wollte, als eine Last für ihren Mann. Als sie ihn kommen sah, streckte sie ihm beide Hände entgegen und fragte: »Bist du böse auf mich?« So rührend war sie in ihrem völligen Selbstvergessen, daß Karl Henrik kein Wort der Erwiderung fand. Schweigend strich er seiner Frau über die Stirn und küßte ihre Hände. Er versuchte sogar ihr zuzulächeln. Er wußte, eigentlich mußte er sich jetzt mit ihr freuen, für sie leben, vorwärts blicken wie sie. Aber er tat alles ganz mechanisch. Und er mußte sich Gewalt antun, um den Schmerz zu bezwingen, der in ihm raste. »Warum hast du mir das nicht früher gesagt, Brite?« fragte er schwer. »Ich konnte nicht,« antwortete Brite. »Einmal wollt' ich es sagen. Da zogst du den Brief ... du weißt ... Nils Görans Brief aus der Tasche. Und da wartete ich. Ich mocht es nicht sagen, ehe wir beide wieder allein und die andern fort waren.« Die Hand seiner Frau in der seinen haltend, saß der Major da. Er fing langsam an zu verstehen. Er brauchte nicht weiter zu fragen. Er dachte an den Brand, an das plötzliche Erscheinen des Verrückten, an Brites Entsetzen. Auch an den Besuch des Bruders dachte er, an alles, was da vorgefallen war; und zuletzt an seine eigene Abwesenheit von daheim. Und all das schloß sich zusammen zu einer Kette von Unglück, die er nicht zu lösen vermochte. Ihm war, als sei er im dunklen Wald verirrt und gehe unaufhörlich in seinen eigenen Fußtapfen im Kreis herum. Und aus dem Chaos, in dem seine Gedanken umherwirbelten, stieg vor seinem innern Auge alles empor, was Brite um seinetwillen gelitten hatte. Der Major war keineswegs blind dafür, daß das Leiden seiner Frau im Grunde schwerer war als das seine, und daß ihr Schweigen der Beweis ihrer großen Liebe war. Er sah auch ein, daß, wenn seine eigene Seele die Kraft gehabt hätte, die Last, die sie jetzt zusammenpreßte, von sich zu werfen, es ihm möglich gewesen wäre, den Weg zu seiner Frau wiederzufinden, auch durch den Haß hindurch, der jetzt die ganze Welt um ihn verdunkelte. Dann hätte er auch vermocht, sich selber und sie zu erlösen, und für sie beide hätte das Leben von neuem begonnen. Aber der Major vermochte es nicht. »Das also ist das Glück, auf das wir so lang gewartet haben, und das nun endlich gekommen ist!« klang es in ihm. Aber er beherrschte sich, damit Brite wenigstens in diesem Augenblick nichts merken sollte. Lange blieb er an ihrem Bett sitzen. Als er sie endlich verließ, ging er auf dem nächsten Weg in sein Zimmer hinunter und schloß die Tür zweimal hinter sich ab. Dann begann er auf und ab zu gehen, genau so wie in der Nacht nach dem Auftritt mit seinem Bruder; und ihm war, als habe sich sein Schmerz vertausendfacht. Er begriff daß Brite schwerkrank war, viel schwerer, als sogar der Doktor wußte. Als ob ein Fremder ahnen konnte, was alles hier geschehen war! Für den Brand, der an Brite zehrte, gab es nur eine Hilfe, und diese Hilfe mußte von ihrem Mann kommen. Ganz unbewußt hatte der Major die ganze Woche hindurch, die er von daheim weg gewesen war, sich immer gedacht, ihm müsse schließlich von Brite die Hilfe kommen. Jetzt sah er plötzlich, daß die Rollen auf einmal vertauscht waren, und daß es Brite war, die nun das Recht hatte, Forderungen an ihn zu stellen. Und daß sie es nicht tat, verdoppelte nur seine Schuld ihr gegenüber, die er, das wußte er, nie würde bezahlen können. Der Major fühlte, dieser Forderung gegenüber war er bankerott. Stöhnend vor Schmerz saß er am Schreibtisch. Als er auf das Papier blickte, auf dem seine Hände lagen, entdeckte er große, feuchte Flecken. Verwirrt suchte er sich zu fassen. Er glaubte, er habe geweint. Aber er hatte keine Träne vergossen. Seine Augen waren trocken. Nur sein Kopf war feucht; und von seiner Stirn fielen schwere, kalte Tropfen Schweißes. Fünftes Kapitel Die Dahlien standen in Blüte und welkten im Nachtfrost. Septemberstürme fegten durch die nassen Wälder, Regengüsse weichten die Wege auf und im Park wirbelten schmutzige, gelbe Blätter im Wind oder fielen, vom Frost geknickt, sachte nieder und deckten das Gras mit schwerem, feuchtem Teppich. Dann kamen klare Oktobernächte mit Kälte und Frost. Unter den Sohlen der Fußgänger knirschte es wie Eis. Schon im November fiel der erste Schnee und hüllte Wald und Feld in seine schwere, kühle Decke, in die Wege und Steige, wo Schlitten klingelten oder Menschenfüße stapften, tiefe Furchen schnitten. Weihnachten kam und ging. Es war ein stilles Weihnachten, stiller als man es sonst seit der Zeit der neuen Herrschaft auf Kolsäter gewöhnt war. Der Major machte vor der Festzeit seine übliche Reise in die Stadt und kam an einem Dezemberabend, an dem der Wind in den Wäldern heulte, mit einem ganzen Schlitten voll Kisten und Paketen zurück. Der Christbaum wurde aus dem Wald gebracht, und die Riesengarbe für die Vögel wurde aus der Scheune geholt und an einem Pfahl der Haupttreppe gegenüber aufgerichtet. Weihnachten kam und ging. Aber bei der Familie auf Kolsäter kehrte es nicht ein. Brite hatte sich selbst überschätzt. Sie hatte sich an einer Bürde verhoben, die immer schwerer ward, je länger sie sie trug. Und Tag und Nacht irrten ihre Gedanken wie erschreckte Nachtfalter um den Funken des neuen Lebens, der in einer unglücklichen Stunde in ihr entfacht worden war. An ihm verbrannten sich Brites Gedanken die Flügel, so daß sie machtlos niedersanken; und was ihr zum Glück hätte werden sollen, ward ihr nur zum Leid. Sie hatte auch keine Seele, an die sie sich hätte wenden können. Der Major hatte genug an sich selbst, zeigte auch nie irgendwelche Freude über das Kind, das kommen sollte. Brite erwartete das auch gar nicht, und wenn ihr Mann etwas derartiges gesagt hätte, so hätte sie ihn trotzdem durchschaut und gewußt, daß er sie nur aus Mitleid hinters Licht führen wollte. Am schlimmsten waren die langen Winterabende. Schweigend saßen die drei Mitglieder der Familie um die Lampe, Erling mit einem Buch beschäftigt, Brite mit ihrer Handarbeit. Das Klavier war geschlossen, und statt der Musik, nach der sie sich sehnte, sah sie ihren Mann stundenlang über die Karten gebeugt sitzen und Patience legen. Brite tat an solchen Abenden Erling immer besonders leid. Und einmal, als der Knabe gegangen war, um sich zur Ruhe zu legen, wandte sie sich an ihren Mann und sagte: »Wieviel glaubst du, daß Erling eigentlich weiß?« »Meinst du von meinem Zustand oder deinem?« entgegnete rasch der Major. »Von meinem, meine ich,« sagte Brite leise. Der Major schob mit einer ungeduldigen Gebärde die Karten zusammen. Die Worte, die er gesprochen hatte, reuten ihn. Um sich gleichsam zu verteidigen, äußerte er heftig: »Was mir geschehen ist, berührt ja auch ihn. Einmal muß er es ja doch erfahren, daß er einer Familie angehört, die entzweit ist.« Brite wußte nur zu gut, daß die Gedanken ihres Mannes sich in der letzten Zeit ausschließlich hiermit beschäftigt hatten. Die Furcht vor den tausend Zungen des Klatsches war es, die ihn marterte, die Qual, zu wissen, daß sein und seiner Familie Geschick den Blicken Unbefugter preisgegeben war. Fremde Augen würden sich mit den Angelegenheiten beschäftigen, die ehedem eine heilige Unantastbarkeit umgeben hatte, wie nur feste Familienbande sie geben. Offen und klar sollte die ganze Welt es sehen, daß die Brüder Mörk nicht mehr wie ehedem zusammenhielten. Und so schmutzig war alles geworden, daß die Leute das Recht haben würden, zu sagen, eine lumpige Erbschaftsfrage habe sie auseinandergebracht. Alles das wußte Brite wohl. Mehr um ihres Mannes Gedanken zu zerstreuen, als weil die Frage selbst sie eigentlich noch länger interessierte, wiederholte Brite dieselbe aber doch noch einmal. »Was weiß ich?« entgegnete der Major. »Vermutlich versteht er ziemlich das Ganze, wenn ich den Jungen recht kenne.« »Glaubst du nicht, es wäre trotzdem gut, wenn du ihm ein Wort sagtest?« fuhr Brite fort. »Ich habe es schon einmal gedacht – er ist jetzt bald dreizehn Jahr.« Der Major schnitt eine Grimasse. »Es widerstrebt mir, mit meinem Jungen über derartiges zu reden,« war seine Antwort. »Aber wenn du dich täuschest und er nichts weiß?« Der Major zögerte eine Weile, eh' er erwiderte. »Wenn die Notwendigkeit sich einstellt, so findet er sich schon auf eigene Faust aus dem Labyrinth,« sagte er schließlich. »So gut wie ich.« Aber Brite gab nicht nach. »Muß man nicht einen Leitfaden haben, wenn man sich aus einem Labyrinth herausfinden soll?« wandte sie ein. »Den Leitfaden findet man schon selber, wenn man ihn braucht,« schnitt der Major ab. Brite beschäftigte sich nicht weiter mit der Antwort, die sie erhalten, auch nicht mit der Frage, die die Antwort ursprünglich hervorgerufen hatte. Sie trug etwas weit Schlimmeres mit sich herum, etwas, das sie Tag und Nacht peinigte. Und sie wußte nur zu wohl – hatte der Major seine Hölle, so hatte sie die ihre , und oft genug vermeinte sie, ihre sei die schlimmere. Es ging ihr wie der Jungfrau; die im Berg gefangen saß: Die Zeit ward ihr so lang. So verlassen fühlte sich Brite, daß sie auch jetzt wieder und wieder ihren Mann betrachtete, als wolle sie seine heimlichen Gedanken erforschen, ergründen, ob er sie denn gar nicht mehr zu hören vermochte, nur wenigstens ein einziges Mal noch, wie er es früher immer gekonnt. Um ihn nicht von vornherein abzuschrecken, machte sie ihre Stimme möglichst ruhig und fragte, als handle es sich um die alltäglichste Sache von der Welt: »Ist es wahr, Karl Henrik, daß, wenn eine Frau in meinem Zustand flammendes Feuer sieht und gleichzeitig einen großen Schrecken hat, eine wirkliche Todesangst – wenn sie da ... ohne es zu wissen ... ohne etwas dabei zu denken ... ihren eigenen Körper berührt ... irgendwo ... ist es wahr, daß eine Mutter auf diese Weise selber ihr Kind entstellen kann ... daß das Kind ein häßliches ... brandrotes Mal bekommen kann ... für sein ganzes Leben ... z. B. auf der einen Seite des Gesichtes ... oder um das eine Auge herum ... als Erinnerung an die Mutter?« Brite hatte ruhig gesprochen. Aber während sie sprach, packte sie die Angst. Heißer und heißer fielen ihre Worte, und als sie schloß, bebte ihre Stimme von unterdrücktem Weinen. »Man sagt es,« antwortete der Major. »Warum fragst du so etwas? Und warum bist du so aufgeregt?« Brite sah, daß sie sich verraten hatte. Aber das Bedürfnis, zu reden, irgend jemand zu finden, dem sie sich anvertrauen, der den grüblerischen Gedanken, die sie Tag und Nacht marterten, Ruhe geben konnte – alles das wurde übermächtig in ihr. In die Sofaecke zurücksinkend, flüsterte sie ihrem Mann zu: »Ich fürchte, es ist so mit mir.« Der Major schüttelte den Kopf. Er nahm, was Brite sagte, für eine durch ihren überreizten Zustand hervorgerufene Einbildung. Zweifelnd betrachtete er das verstörte Gesicht seiner Frau. »Du bist überreizt und nervös,« sagte er. »Du brauchst Ruhe.« Brites Mut sank vor diesen Worten. Daß sie noch eben Hilfe erhofft hatte, kam ihr jetzt selber kindisch, unmöglich, überspannt vor. Aber mit einem letzten Versuch, sich verständlich zu machen, sagte sie: »Weißt du nicht mehr – beim Brand? Ich stand hinter dir und sah alles – die Hände hielt ich ..., das heißt, ich glaube, ich hielt sie ... so recht weiß man so etwas ja nicht mehr später ...« Sie verstummte. Mit aufgerissenen Augen blickte sie auf den Mann, bei dem sie Hilfe suchte. Der Major schüttelte wieder den Kopf. Er hatte ja von solchen Geschichten hier und da gehört; aber wie die meisten betrachtete er sie als Ammenmärchen, zu denen sie vielleicht auch gerechterweise gerechnet werden müssen. In diesem Fall jedoch kam es wenig oder gar nicht darauf an, ob zu der Unruhe, die Brite ihrem Mann soeben eingestanden hatte, ein Grund vorhanden war oder nicht. Für sie war die Hauptsache, ob sie ihre Angst los werden konnte, oder ob sie sie weiter mit sich herumschleppen mußte. Sie war so ganz weiblich, diese Angst. Und darum war sie auch dem Major so fremd. Es war nicht bloß seine eigene gedrückte Gemütsverfassung, die ihn am Verstehen hinderte. Es war auch etwas von jenem Unüberwindlichen, Unaussprechlichen, das seit uralter Zeit Mann und Weib scheidet und sie zu Fremdlingen für einander macht. In einem Ton, durch den deutlich eine Art Antipathie klang, antwortete der Major: »Versuch um Gottes willen, von solchem Zeug loszukommen. Sonst kannst du noch im Ernst krank werden.« Mit diesen Worten war Brite zum Schweigen geschreckt. Eine Stunde später stand sie allein im Schlafzimmer. Und ehe sie die Rollgardine niederließ, lehnte sie die Stirn gegen die kalte Fensterscheibe und weinte still. Manch eine Nacht hatte sie so gestanden. Mitten aus dem Schlaf geweckt, war sie aufgestanden und auf weichen Pantoffeln durchs Zimmer geschlichen voll Angst, daß ein Geräusch sie denen, die da schlafen durften, verraten könnte. Draußen wölbte sich kalt der Sternenhimmel über dem gefrorenen Lommen, und zwischen den nackten Ästen der Bäume durch konnte sie weit, weit über den schweren, weißen Schnee hin blicken. Dann kamen die Gedanken zurück, dann wühlte der Schmerz mit seinem Dolch in all den Wunden, an denen die einsame Frau innerlich blutete. Was Brite ihrem Mann gesagt hatte, war noch nicht alles. Immer mehr wurden es der Qualen, die sie beherrschten. Was sie gesagt hatte, war noch nicht einmal das schlimmste. Es war zuviel gewesen für Brite, alles was da geschehen war. Keinen Augenblick mehr wurde sie ihre Gedanken los. Fortwährend beschäftigten sie sie. Weshalb war wie ein Unglücksvorbote der Brand gekommen? Weshalb hatte man ihn angelegt? Am Tag, an dem Axt-Lars fortgeführt wurde, kam Brite in das Zimmer, in dem er in Gewahrsam gehalten wurde, und sah ihn. Er saß auf der Bank in der Knechtstube, mit ausdruckslosen Blicken die Eintretende anstarrend, während sich die Lippen unter dem struppigen Bart regten, als versuche er zu reden und könne nicht. Vergeblich sagte ihr der Major, der Mann sei ein Verrückter, und das ganze habe überhaupt nichts zu bedeuten. Brite konnte den Anblick nicht mehr vergessen. Unaufhörlich kehrte er wieder in ihrer Einsamkeit und immer in Verbindung mit der Szene zwischen den Brüdern, und der Ausdruck unversöhnlichen Hasses, den Brite in Nils Görans Blick gesehen hatte, als sie die Unterredung zwischen den beiden Brüdern abbrach, vermischte sich in ihrer Einbildung mit der Erinnerung an den Narren. Und im übrigen – was ging es sie an, daß Axt-Lars ein Verrückter war? Warum hatte er ihr Haus niederbrennen wollen? Was hatten sie und ihr Mann den Menschen allen getan, daß diese sich zusammenrotteten und Unglück über sie brachten? Brite wurde argwöhnisch. Sie ertappte sich selbst dabei, daß sie vor den Türen stehen blieb und horchte, ehe sie öffnete. Es war, als lauere alles Böse auf sie in diesem alten Haus, das ein Sonderling in einer Laune erbaut und aus irgend einem geheimnisvollen Anlaß, den kein Mensch kannte, weggeschenkt hatte. Von Zimmer zu Zimmer jagte sie manchmal der Schreck, nirgends fand sie Ruhe und niemand konnte sie sagen, was sie empfand. In letzter Zeit hatte der Major angefangen, seiner Frau viel mehr Freundlichkeit zu erweisen, als seither. So oft er frei war, leistete er ihr Gesellschaft. Abends wählte er Bücher aus, von denen er dachte, sie müßten sie interessieren, und las ihr stundenlang vor. Manchmal öffnete er sogar den Flügel und spielte ihr ihre Lieblingsstücke von Mozart, Haydn und Bach. Aber alles das tat der Major rein mechanisch. Es war ja seine Pflicht, in dieser Zeit gut gegen seine Frau zu sein. Aber seine Gedanken waren weit von ihr. Und Brite wußte das auch. Sie sah, wie gebeugt er ging, wenn er allein über den Hof wandelte. Wenn er das Klavier zugemacht oder das Buch weggelegt hatte, sah sie, wie seine Augen erloschen, als habe er vergessen, daß er nicht allein war. Und darum ward seine Freundlichkeit ihr nur zur neuen Last. Hilflos wie ein Kind ging sie in die Nacht hinein. Lange, schlaflose Nächte durch wankte Brite friedlos in ihrem geschlossenen Zimmer umher. In ihr flüsterte eine verräterische Stimme, die mehr und mehr den klaren Verstand übertönte: »Geh hinunter, den breiten Sandweg hinunter, zur Brücke, wo das Wasser tief ist!« Und schaudernd weinte Brite über sich selber, daß eine solche Versuchung an sie herantreten konnte; und wirrer und wirrer ward es in ihr, als sie merkte, daß sie im Grunde gar nicht sterben wollte. Sie wollte weder Erling, noch ihren Mann, noch ihr Heim verlassen. Erdgefesselt war sie; und ihre Sehnsucht stand nicht zu Gott. In solchen Nächten griff Brite zur Bibel. Und manche Stunde saß sie über das alte Buch gebeugt auf dem schemelförmigen Toilettestuhl mit dem Überzug aus Stramin, den sie selber genäht hatte. Auf der Kommode brannte die Nachtlampe. Die Gardinen waren aufgezogen. Sie las die Worte der Evangelien und versuchte, mit ihnen ihre Angst zu beschwichtigen. Manchmal gelang ihr das auch. Und an solchen Abenden ging sie dankbar zu Bett, fest entschlossen, ihren Sinn vom Irdischen abzuwenden und ihre Freude allein in Gott zu suchen. Nach ihrem Gespräch mit dem Major verbarg Brite die Angst, die mehr und mehr in ihr wuchs, nur noch sorgfältiger als zuvor. Aber die überanstrengte Verschwiegenheit brach schließlich ihre Kraft; und eines Tages im Februar zwang der Doktor sie, sich zu Bett zu legen. Doktor Roeler war ein Witwer, der mit einer unverheirateten Schwester im Doktorhaus an der Straße nach Binga hauste. Man erzählte sich von ihm, der Gram über eine mißglückte Operation habe ihn dereinst von der Hauptstadt vertrieben, in der er sich als junger Arzt niedergelassen hatte, über seinem ganzen Wesen lag etwas Gedämpftes, und seine Augen waren schwermütig von all dem Jammer, den er gesehen hatte, ohne helfen zu können. Aber wenn seine stattliche Gestalt in der Tür eines Krankenzimmers erschien, ging von ihr stets die beruhigende Wirkung aus, die des Arztes beste Gabe ist; und er behandelte seine Patienten mit einer gutmütigen Herzlichkeit, als habe er es mit Kindern zu tun. Als er Brite wohlaufgehoben in ihrem Bett wußte, ging der Doktor ins Schlafzimmer, setzte sich auf einen Stuhl ans Bett, betrachtete die Kranke freundlich und äußerte: »Ich glaube gar, man hat Ringe um die Augen, und die Backen sind ganz abgefallen! Das geht nicht. Man jagt sich doch nicht etwa selber Angst ein? Das macht die Sache nur schlimmer!« Er rückte die Brille zurecht und wischte sich mit einem großen rotseidenen Taschentuch den Bart. Brites Augen füllten sich mit Tränen. Aber sie vermochte nichts zu antworten. Jetzt gewahrte der Doktor die Bibel, die voller Buchzeichen und Bänder, die zwischen den Blättern herausstanden, auf dem Nachttisch lag. Der Doktor hustete und sah einen Augenblick unschlüssig aus. »Folgen Sie meinem Rat, liebe Gnädige,« sagte er, »lesen Sie nicht allzu viel in diesem Buch jetzt gerade. Und denken Sie überhaupt nicht so oft an den Himmel, sondern an die Erde. Das regt bloß auf. Auf dieser sündigen Erde bleiben dürfen – das ist's ja doch, was wir im Grunde alle wollen.« Damit verabschiedete sich der Doktor und ließ Brite allein. Die guten Ratschläge halfen Brite jedoch nichts. Und daß jemand ihr davon abraten wollte, in der Bibel zu lesen, fand sie sündhaft. Sie wurde schwächer und schwächer, und zuletzt fing sogar der Major an, sich von der Angst seiner Frau angesteckt zu fühlen. Als er dann endlich eines Morgens früh von der allgemeinen Unruhe geweckt wurde, die die Geburt eines Kindes zu begleiten pflegt, konnte er es daheim nicht mehr aushalten. In seinen hohen Stiefeln, die Büchse über der Schulter, wanderte er in den frühen Wintermorgen hinaus, den Waldweg entlang, der zum Rabenwasser führte. Der Weg war tief verschneit; es war noch kaum so dämmrig, daß der Major sah, wo er ging. Dicht und dunkel drängte sich das Buschwerk um ihn zusammen. Wohin er blickte, lag weiß und dicht der Schnee auf Wegen und Bäumen. Als er etwa eine Stunde gegangen war, fing die Helle langsam an, den Sieg über das nächtige Dunkel davonzutragen. Auf einem Bauernhof in der Nähe krähte ein Hahn. Der Major schlug einen ausgetretenen Steig ein, der nach dieser Richtung führte, und stand bald vor einem Häuschen, aus dessen Schornstein der Rauch gegen den kaltblauen Himmel aufstieg. Wie es seine Gewohnheit war bei derartigen Gängen, trat der Major ein, um sich mit einem Glas Milch und ein paar rohen Eiern zu erfrischen. Sein Eintreten weckte große Bestürzung in der niederen Hütte. Eine einsame Frau saß drinnen halb angekleidet auf dem Bett. Auf dem Herd brannte ein Feuer. Ruhig schloß der Major die Tür hinter sich und sah sich um. »Wo ist dein Mann?« fragte er. »Er ist vor einer Weile fortgegangen,« erwiderte die Frau. »Es pressiert mit den Kohlen um diese Zeit.« Darauf stellte sie ein Talglicht auf den Tisch und zündete es an. Sie brauchte lange, ehe sie mit Stein und Stahl und Zunder Feuer zuwege gebracht hatte. Der Major lächelte. »Hast du keine Schwefelhölzer?« fragte er. »Oder bist du vielleicht eine von denen, die geschworen haben, nur mit Stein und Stahl Feuer anzuzünden?« »Nein,« antwortete die Frau. »Es ist wohl hauptsächlich Anders. Er will es so.« »Er ist ja auch so viel älter als ich,« fügte sie gleichsam entschuldigend hinzu. Es war dies eine der brennenden Fragen in dieser abgelegenen Gegend. Gar viele behielten den alten Stahl bei, weil man wußte, er half gegen Zauberei, eine Eigenschaft, die den neuen Schwefelhölzern ganz und gar abging. Dem Major war das wohl bekannt. Er wußte auch, wollte er versuchen, diesen Gegenstand zu berühren, so würde die Frau einfach verstummen. Darum wich er den Schwefelhölzern aus und sagte, nachdem er seine Wünsche ausgesprochen hatte: »Na, Sara, wie lang ist es jetzt her, daß du auf dem Herrenhof gedient hast?« »Vier Jahre sind's,« war die Antwort. »Du warst im Stall, nicht?« »Ja.« Die Antwort klang ziemlich kurz. Während der Major sich an den Speisen erfrischte, die ihm auf dem gestrichenen Holztisch vorgesetzt wurden, sah er sich in der niederen Stube um. Ärmlich genug sah es aus. Und in einer Ecke entdeckte er etwas, das er zuerst nicht gesehen hatte, nämlich einen baufälligen Gegenstand, der aussah wie eine Wiege. Fast im gleichen Augenblick begann ein Kind zu schreien. Der Laut kam so unerwartet schrill und scharf und kreuzte so seltsam seinen eigenen Gedankengang, der bei allem, was er zum Schein unternahm, in höchster Erregung war, daß der Major zur Wiege hin ging. Er hatte sonst wenig Sinn für kleine Kinder. Aber diesmal sah er das Kleine doch aufmerksam an und fragte dann, sich zur Mutter wendend: »Wie alt ist er?« »Es ist ein Mädchen,« antwortete die Frau. »Vorige Woche ist es geboren.« »Heut' ist Dienstag,« dachte der Major. Und als möchte er irgendwelchen unbekannten Mächten für seine eigene Ruhe opfern, legte er eine Banknote auf den Tisch und wandte sich zum Gehen. Sara's Stimme hielt ihn auf. »Das ist viel zu viel,« sagte sie. »Das darf ich nicht nehmen – um Anders willen. Er gibt mir kein gutes Wort mehr, wenn er denkt, ich hätte so viel verlangt.« »Auch nicht, wenn er hört, daß du es von mir bekommen hast?« wandte der Major ein. Die Frau schüttelte den Kopf und sah noch immer unschlüssig aus. »Er sagt, es sei eine Schande für die Armen, etwas anzunehmen,« erwiderte sie. Der Major zögerte einen Augenblick. Dann fragte er plötzlich: »Anders ist aber doch gut zu dir?« »Ach ja,« antwortete mit abgewandtem Blick die Frau. »Aber er ist eben so viel älter.« Der Major betrachtete die Frau eine Weile schweigend. Sie sah noch jung aus, und nichts verriet, daß sie erst vor wenigen Tagen ein Kind geboren hatte. »Du bist eine tüchtige Frau,« sagte er dann. »Und warst es immer. Du weißt, daß ich dich seinerzeit vor Anders gewarnt habe. Ich habe dir's schon damals gesagt: Er ist zu alt für dich. Aber du hast ihn einmal genommen. Jetzt heißt's ausharren. Grüß' ihn von mir und sag' ihm, ich schenke ihm das Geld von Herzen gern als Beitrag zur Taufe.« Damit bückte sich der Major unter der niederen Türöffnung und wanderte wieder zwischen den Kiefern hin, deren Zweige schwer von Schnee herabhingen. Er ging an frischen Hasenspuren vorüber, ohne ihnen zu folgen, er hörte über sich den schweren Flügelschlag des Auerhahns; aber er sah nicht auf. Von dem Steig gelangte er auf die schmale Waldfahrstraße, die zum Hammer führte. Der Schnee war schwarz gefärbt von Kohlengestübbe, hinter ihm klangen Schlittenglocken durch den Wald. Es waren Kohlenfuhren, die kamen. In einer langen Reihe tauchten jetzt Pferde und Fuhrwerke auf, große, unförmliche Schlitten, die kleinen auf Kufen gestellten Häusern glichen, kleine, zottige Pferde, die in sachtem Trott daherstapften, die Fuhrleute gebückte, ruhige Männer in hohen Stiefeln und Schafpelzen, die im Takt mit den prustenden Pferden schwer den Schnee stampften. Der Major trat zur Seite in den Schnee und ließ den Zug an sich vorüber. Neben jeder Kohlenfuhre ging ein Fronbauer, der beim Anblick des Herrn die Mütze lüftete. Der Major kannte sie alle und grüßte sie, indem er jeden einzelnen bei Namen nannte. Als der letzte Schlitten an ihm vorüberfuhr, trat der Major auf den Weg zurück und ging neben dem Fuhrmann her. Es war ein kleiner, graubärtiger Alter in Pelzrock und Pelzmütze, der sich durch die Gesellschaft des Herrn augenscheinlich geniert fühlte. »Du hast ein Kleines daheim, wie ich vorhin gesehen habe,« begann der Major, neben der Kohlenfuhre einherstampfend, die über ihm schlingerte und knirschte. »Ja,« antwortete der Angeredete. »Es sieht fast so aus.« »Was soll das heißen?« rief der Major. »Daß ich ein Kleines hab', ist sicher genug,« lautete die Erwiderung, »aber ob es just meines ist, kann keiner wissen – wenn ein junges Weib allein daheim ist.« »Schämst du dich nicht, von deiner eigenen Frau so zu reden? fuhr der Major auf. »Doch,« antwortete Anders düster. »Ich schäme mich schon. Aber vor der Wahrheit läuft keiner davon – sie nicht und ich nicht.« Der Major machte dem Mann ein Zeichen, die Fuhre anzuhalten. »Komm in der nächsten Woche mit deiner Frau zu mir hinüber,« sagte er, »daß ich einmal mit euch beiden reden kann.« Damit nickte er zum Abschied und schlug einen Seitenweg ein, der ihn über die Felder heimführte. Das Vorgefallene beschäftigte ihn nicht weiter. Als Gutsherr war er daran gewöhnt, in den Angelegenheiten seiner Untergebenen den Schiedsrichter zu spielen. Er behandelte sie – im Guten und Bösen – wie Kinder und hegte etwas von den Herrschergefühlen eines barschen und wohlmeinenden Vaters für die Leute der Ortschaft, deren anerkannter Herr er war. Die Sonne war aufgegangen; ringsum färbten sich die Tannen rot. Die blauen Schatten des Waldes fielen lang über das weiße Feld. Jenseits der Schattengrenze funkelte das Schneefeld in der Morgensonne. Es war tüchtig kalt. Trotzdem wurden des Majors Schritte immer langsamer, je mehr er sich dem Hause näherte. Er kam noch immer zeitig genug – däuchte ihm. Das Kind kam erst am andern Tag zur Welt. Droben herrschte noch immer dieselbe Todesstille wie seither. Als der Major gegen Abend ins Krankenzimmer trat, glitt die Wärterin ihm entgegen und bat ihn, leise zu sein. Da erst begriff er, daß alles vorüber war. Aber etwas an den schweigenden Menschen da drinnen erschreckte ihn. Bleich, mit geschlossenen Augen, lag Brite im Bett. Ihr schwarzes Haar war feucht. Ihre Hände lagen mager und weiß auf der Decke. »Wie steht's?« flüsterte der Major. Die Hebamme sagte etwas von dem Kind, das er nicht verstand. Er unterbrach den flüsternden Redeschwall, indem er kurz und leise sagte: »Brite – wie steht's mit Brite?« Die Gefragte verstummte jäh. Und ohne auf ihre Einwendungen zu achten, trat er an das Bett. Im selben Augenblick schlug Brite die Augen auf. Aber der Major erkannte ihren Blick nicht. Es war, als suchte sie nach etwas im ganzen Zimmer. Und als der Major sich über sie beugte, flüsterte sie ihm ins Ohr: »Das Brandmal, das Brandmal!« Schaudernd wandte er sich ab. Ein eisiger Schreck ergriff ihn. »Was meint sie?« flüsterte er der Hebamme zu. Die Alte winkte ihm, an allen Gliedern zitternd, nach dem Waschtisch hinüber, wo im Schatten die Wiege stand. Der Major beugte sich vor und sah ... das war nicht das Gesicht eines Kindes, das ihm da entgegenschaute ... das war eine formlose weiße Masse, aus der ein paar leere, weiße Augen hervorschauten ... »Es ist gleich zu Ende,« flüsterte die Hebamme. Der Major faßte so nach und nach das Unglück, das ihn betroffen hatte. Aber er faßte es noch nicht in seiner ganzen Tragweite. Vom Bett her hörte man Brites Stimme tonlos wiederholen: »Das Brandmal, – das Brandmal!« »Was meint sie?« sagte der Major. »Ist da ... ein Brandmal?« »Nein,« erwiderte die Alte. »Aber es wird gut sein, wenn der Doktor kommt.« Und wieder wiederholte die Kranke dieselben tonlosen Worte. Eine Gebärde nach der Wiege hin machend, faßte der Major sein ganzes Entsetzen in die Worte zusammen: »Hat sie ... das Kind gesehen?« Die Hebamme kroch vor dieser Frage gleichsam erschrocken zusammen. Leise, so daß bloß der Major sie hören konnte, antwortete sie: »Die Gnädige hat uns befohlen ... und wir mußten gehorchen ...« Der Major tat einen tiefen Atemzug. Dann trat er, seine Erregung beherrschend, wieder zu Brite und versuchte, ihr gut zuzureden. Sie lag jetzt ganz still, mit geschlossenen Augen, und ihr Gesicht trug den Ausdruck vollkommenster Gleichgültigkeit. Nichts, was ihr dereinst teuer gewesen, nicht einmal die Liebe ihres Mannes vermochte mehr die große Angst zu durchdringen, die ihr Ich mehr und mehr auflöste. Und unter den bebenden Lidern hervor rannen jetzt vor aller Augen die Tränen, die Brite oft, viel zu oft, geweint hatte – einst, als niemand ihr Leid sehen wollte ... Die Stunden gingen, leer, einförmig. Immer unfaßlicher wurde dem Major der Zustand seiner Frau. Das Kindchen starb schon am Morgen nach der Geburt. Brite hatte gar nicht mehr danach verlangt. Es war, als existiere das wirkliche, lebendige Kind gar nicht für sie. Ein andres Kind war es, das ihre Phantasie erfüllte. Den ganzen Tag lag sie im Halbschlummer, mit hohem Fieber. Wenn sie erwachte, phantasierte sie von einem Kind, das sie geboren hatte und das gleich nach der Geburt schon gehen konnte. Über sein ganzes Gesicht flammte ein roter, in die Haut eingebrannter Schein. Und Brite richtete sich in ihrem Bett auf und rief alle Menschen zu Zeugen dessen auf, was sie da sah ... Dazwischendurch schwatzte sie von einem Verrückten, der in Gängen und Korridoren umherschlich und Kolsäter anzünden wollte ... »Die Gnädige redet irre,« sagte der Doktor. »Wir müssen abwarten ...« Am Morgen des vierten Tages saß der Major an Brites Bett und freute sich, daß sie ihm ruhiger erschien. Sie redete klarer als bisher über das Vorgefallene. Und zum erstenmal während ihrer Krankheit besuchte auch Erling die Mutter. Als er das Zimmer wieder verlassen hatte, verdüsterte sich plötzlich Brites Gesicht. Sie richtete sich heftig auf. »Gib mir meine Kleider,« murmelte sie, »ich will aufstehen.« Und als der Major Einwendungen machte, schrie sie: »Ich seh' ihn wieder. Du kannst ihn nicht sehen. Er steht vor der Tür. Aber er ist da ...« Sie saß aufrecht im Bett, mit funkelnden Augen. Der Major mußte seine ganze Kraft anwenden, um seine Frau davon zurückzuhalten, daß sie heraussprang. Eine ganze Weile kämpfte er förmlich mit ihr. Als sie dann endlich schwer atmend wieder in den Kissen lag, war es plötzlich, als sehe sie einen Augenblick lang klarer als alle anderen, wie es mit ihr stand. Sie faßte die Hand des Majors und zog ihn zu sich. »Verzeih' mir,« flüsterte sie. »Verzeih'! Ich weiß ja nicht was ich tue.« Dann schlang sie mit einem unaussprechlich schmerzvollen Ausdruck in dem wachsbleichen Gesicht ihre Arme um den Hals des Mannes und flüsterte ihm ins Ohr: »Versprich mir eins, Karl Henrik! Schick' mich nicht fort! Nie! Versprich mir das!« Der Major machte sich sachte aus der Umarmung seiner Frau los und versuchte, ihren Blick zu fangen. »Wie kannst du glauben, ich würde dich wegschicken?« stammelte er. »Was meinst du?« Brites Augen glänzten fieberhaft. Auf ihren Wangen kam und ging die Farbe. »Versprich mir, um was ich dich bitte,« bat sie krampfhaft. »Es ist, als ob alles in mir zerbräche. Versprich mir, um was ich dich bitte! Auch wenn der Doktor sagt, ich müsse fort, so gehorch' ihm nicht. Laß mich bei dir bleiben!« Der Major war sich vollkommen klar, was seine Frau meinte. Aber er gab das Versprechen, das sie verlangte; und einen Augenblick darauf schloß Brite die Augen und sank ermattet in die Kissen zurück. Gegen Abend kam der Anfall mit verstärkter Heftigkeit wieder. Und als Doktor Roeler nach einem Besuch bei der Patientin in des Majors Zimmer trat, war sein Gesicht bewölkt und streng. Sich vor den Major hinstellend, sagte er scharf: »Mach dich auf das Schlimmste gefaßt.« »Stirbt sie?« fragte der Major. »Willst du die Wahrheit hören, oder soll ich dich schonen?« Der Major winkte ihm, Platz zu nehmen; aber kein Wort kam über seine Lippen. Er schüttelte nur leise den Kopf und lächelte ... »Sie erholt sich schon wieder,« sagte der Doktor mit Anstrengung. »Körperlich kann sie wieder gesund werden...« »Du meinst, Brite könnte den Verstand verlieren?« »Sie hat ihn schon verloren,« sagte leise der Doktor. Der Major machte eine Bewegung. Aufrecht stand er auf demselben Fleck, keine Veränderung zeigte sich auf seinem Gesicht. Nur die Augenlider zogen sich eng zusammen. »Meinst du, sie müßte in eine Anstalt gebracht werden?« sagte er endlich. »Es wäre das beste,« entgegnete der Doktor. »Niemals,« antwortete der Major. »Hörst du? Ich sage dir: Niemals!« Er stand noch immer in derselben Stellung; aber sein Gesicht erblaßte langsam. »Niemals mach' ich mich auf so billige Art von ihr und meinem Kummer frei!« Der Doktor versuchte keinerlei Überredung. Schärfer als er es für möglich gehalten hätte, funkelten ihn des Majors Augen an. Dann fuhr dieser plötzlich, wie aus einer Betäubung erwacht, auf, ging quer durchs Zimmer, schenkte sich ein Glas Wasser ein und trank. Darauf setzte er sich dem Doktor gegenüber und sagte: »Wie kann das gekommen sein?« Der Doktor zog sein rotseidenes Taschentuch heraus und schneuzte sich heftig. Darauf nahm er eine Prise aus der alten silbernen Dose und antwortete: »Irgend etwas ist vorgefallen, etwas was sie in ihrem Zustand nicht ertragen konnte. Weißt du etwas?« »Gibt es keine andre Erklärung?« fragte der Major. »Kaum,« entgegnete der Doktor. »Sie war eine gesunde, frische Frau. Es muß irgend etwas geschehen sein, was sie nicht zu tragen vermochte.« Langsam faßte der Major die Tragweite, die in den Worten des Arztes lag. Sie gruben sich in seine Seele ein, diese Worte, sie brannten sich in sie ein, als würden sie mit glühenden Eisen in Holz gesengt. Sie brannten schwarz in ihm, und er verstand! Verstand, daß der Bruderzwist ihm mehr geraubt hatte als nur einen Bruder. Zwischen sich, zwischen ihrem Haß und Streit, hatten sie Brites Seele zermalmt. Und in diesem Augenblick brannte sein ganzes Innere, verkohlte und ward zu Staub. Leise sank die heiße Asche und begrub unter ihrem niederfallenden Staub, was er an Teuerstem besessen – Weib, Glück, Kind. Und noch viel mehr begriff der Major. Aber daß nach all dem ein neuer Tag heraufdämmern konnte – das begriff er noch nicht. Dazu war ihm das Leiden noch zu neu. Da wiederholte der Doktor seine Frage: »Weißt du eine Ursache?« Der Major zitterte am ganzen Körper wie Espenlaub. Aber er hielt dem Blick des andern stand und antwortete nur: »Ich glaube, ich weiß.« Eine Weile saß er zusammengesunken unter dem Schlag, der ihn betroffen hatte. Als er wieder aufsah, glühten seine Augen wie Phosphor im Dunkeln; man merkte deutlich, welche Anstrengung die Worte ihn kosteten, die jetzt langsam über seine Lippen kamen. »Du mußt mich nicht weiter fragen, Doktor,« sagte er. »Das, was ich selber jetzt sehe und verstehe, taugt kaum für die Ohren eines Menschen. Soviel will ich dir jedoch sagen: Es ist nicht eine Sache, die vorgefallen ist, es sind viele. Vielleicht ist es immer so, wenn böse Geister Menschenleben zerstören. Böse Geister haben hier die Hände im Spiel gehabt. Das seh' ich jetzt. Die Kette von Ursachen ist sehr verwickelt. So heißt das ja wohl in der Sprache der Gelehrten. Jedenfalls ist in mir selber alles so verwirrt, daß ich einstweilen nichts weiter zu erklären vermag. Nur das weiß ich: Ich selber bin leider nicht ohne Schuld.« Während er die letzten Worte sagte, zitterten die Hände des Majors wie bei einem Trinker oder Fieberkranken. »Es ist für mich das beruhigendste, wenn du wieder zu der Kranken hinaufgehst,« sagte er dann. Der Doktor ging. Sechstes Kapitel Alles war fester in den alten Tagen. Die Bande, die die Menschen untereinander verbanden, waren zuverlässiger und stärker. Freundesverrat und Entzweiung erschien ihnen sicherlich schlimmer als in unsern Tagen. Auf jenen von dunklem Wald oder lichtem Feld umgebenen Höfen wohnte in unerschütterlicher Ruhe der alte Gott der Väter; die nagenden Zweifel, die die großen Geister der Zeit heraufbeschworen hatten, waren noch nicht demokratisiert und zur Seelenfäule des gebildeten Alltagsmenschen geworden. Die Menschen wechselten ihre Wohnstätten nicht so leicht wie heute. Ihre Häuser waren nicht zum Spiel erbaut. In der Luft, die ihre Heimstätten umgab, brannte nicht die Unruhe. Und die Menschen, die da wohnten, blieben auch da bis zu ihrem Tod. Was sie erbauten oder einrichteten, trug dies Gepräge. Darum blieben auch alle Eindrücke und Erfahrungen, die das Leben ihnen schenkte, in ihren Mauern haften, und noch heute flüstern die alten Häuser von Schicksalen, die sich dereinst in ihren vier Wänden erfüllten. Nicht alles, was sich da abspielte, war Idylle. Auch die Tragödie hatte ihren Platz. Und wer auf solch einem Hof alt ward, mußte lernen, die beiden zu vereinen und sich mit der Erinnerung auszusöhnen. Denn vergessen durfte er nicht. Alles, was das Leben ihm an Gutem und Bösem bot, blieb in seinem engsten Gesichtskreis, saß in seinen vier Wänden fest. Und er lernte auf diese Weise aushalten, lernte, nicht vorzeitig schwach werden. Auch das, was er erlebt hatte, zu sammeln, mußte er lernen. Vergeblich hätte er versucht, vor schweren Erinnerungen die Augen zuzumachen. Alles, was er um sich her sah, erhielt die Erinnerung lebendig und Leid und Freud in immer neuer Gewalt. Nur eins sank bei dem Major während dieser Zeit in Vergessenheit. Das war die Erinnerung an den Bruder. Gerade das, was ihm so schwer, so unmöglich zu tragen geschienen, sank jetzt in Vergessenheit, tief, als lägen lange Jahre zwischen heut und dem Tag, an dem die beiden Brüder im Zorn auseinander gegangen waren. Einsam sah der Major in dieser Zeit den Frühling kommen. Der einzige, der ihm Gesellschaft leistete und einen Augenblick der Zerstreuung brachte, war der Doktor, der kam und ging. Die Seele des Majors ward hart in dieser Zeit. Langsam fing er an zu lernen, daß die Jahre kalt machen. Oft genug ist dies eine Wohltat. Wie sollte sonst der Mensch alles tragen können? Aber die höchste Kälte hat eins gemeinsam mit der höchsten Wärme: Beide brennen. An diesem Punkte treffen sich die Wirkungen des Eises mit denen des Feuers. Und so überhitzt und überreizt war alles, was Karl Henrik Mörk in jener Zeit erlebte, daß Eis und Feuer in ihm gleichsam einen gemeinsamen Brennpunkt bildeten. Alles, was er um sich her sah, verursachte ihm geradezu physische Qual. Keinen Ort fand er, nicht draußen, nicht drinnen, den er wiedersehen konnte, ohne an alles zu denken, was einst gewesen. Seine ganze Vergangenheit sammelte sich in Brite. Und die Höhe des Lebens, wo der Mensch aufhört, für sich selber zu suchen, hatte der Major noch nicht erreicht. Die Jugend in ihm war noch lange nicht tot. Indessen sollte die Erinnerung an den Bruder gerade in diesem Frühling in einer Weise geweckt werden, wie sich's der Major nicht hatte träumen lassen. Er saß eines Vormittags im Kontor des Inspektors, mit der Durchsicht der monatlichen Abrechnung beschäftigt. Der Inspektor war ein alter Querkopf, der gewöhnt war, sowohl seinem Herrn als auch den Leuten seine Meinung ganz unverblümt ins Gesicht zu sagen. Er hatte just bei dieser Gelegenheit wieder einmal sein altes Lied angestimmt, nämlich daß dem Gut das notwendige Betriebskapital fehle, und daß die Zeit eine Erweiterung des Umsatzes erfordere, wenn das Hüttenwerk überhaupt einen Gewinn abwerfen solle. Wenn der Alte auf dies sein Lieblingsthema zu sprechen kam, wurde er immer sehr eifrig. Er schüttelte seine gewaltigen, grauen Haarbüschel wie eine Löwenmähne und lächelte grimmig in seinen langen, verschnupften Bart. Der alte Stenman kannte die Vorurteile der Herren, und er betrachtete es als seine Pflicht, ihnen nicht zu weichen. Diesmal hatte er, seiner Meinung nach, gute Karten in der Hand. Doch wollte er sie, als geschickter Spieler, aufsparen, bis der kritische Moment kam. Er hörte darum so geduldig er konnte die Einwendungen des Majors an. Diese liefen wie gewöhnlich darauf hinaus, daß er, der Major, keinen größeren Reichtum anstrebe, als der war, den ihm das Los beschieden habe, daß er ganz zufrieden sei, wenn er seinen Leuten gerecht werden könne und dazu wisse, daß der Besitz, den er dereinst seinem Sohn als Erbe hinterlasse, durch ihn nicht verschlechtert worden sei. Der Inspektor lächelte sarkastisch zu diesen Worten. Es kam ihm geradezu lächerlich vor, daß ein Mann, der seinen Besitz vermehren konnte, das nicht wollte. »Ich mag nicht an noch mehr denken müssen, als ich schon zu denken habe,« schloß der Major. »Es ist wahrhaftig grade genug.« Der Inspektor schwieg einen Augenblick. Das Unglück, das den Major und seine Familie betroffen hatte, war noch frisch. Und der Alte zögerte, ob er weiter machen solle. Doch glaubte er seinerseits, vermehrte Arbeit sei für den Major der einzige Weg zur Gesundheit; und mit der Freimütigkeit eines alten und treuen Dieners erlaubte er sich das auch auszusprechen. »Er meint es gut, Stenman,« unterbrach ihn der Major, dessen Antlitz sich umwölkte. »Aber was mir helfen kann, weiß ich selber noch nicht. Und ein andrer weiß es noch viel weniger.« Damit schickte er sich an zu gehen. Jetzt ließ der Inspektor seine Mine springen. »Ich habe vorige Woche gehört,« sagte er vorsichtig sondierend, »daß der Patron auf Björknäs seinen Wald verkauft und hunderttausend Reichstaler bar dafür bekommen hat, ohne das, was zu erwarten hat.« Der Major legte Hut und Stock weg und setzte sich wieder auf seinen Platz am Pult, dem Inspektor gegenüber. »Mein Bruder hat seinen Wald verkauft?« fragte er. Der Inspektor nickte und dachte bei sich: Aha! Das sitzt! »An wen hat er ihn verkauft?« »Das konnte mein Gewährsmann nicht sagen.« Der Major hielt seine Blicke fest auf den Inspektor gerichtet; über seine Züge flog etwas, das fast aussah, wie ein finsteres Lächeln. »Ist Er seiner Sache auch sicher, Stenman?« fragte er. »Ich glaube, ich bin keiner, der leeres Geschwätz bei den Leuten herumträgt,« antwortete etwas empfindlich der Inspektor. Nach diesen Worten schien es, als versinke der Major eine ganze Weile in Nachdenken. Tatsächlich war er damit beschäftigt, den Aufruhr in seinem Innern zu dämpfen, um sich vor dem Inspektor nicht heftiger, als ihm selber lieb war, gehen zu lassen. Der Major begriff wohl, daß das, was er da hörte, eine alte Geschichte war. Er hatte nur nichts davon erfahren, weil er so in sich selbst verschlossen dahin gelebt hatte. Monate mußten vergehen, ehe das Ereignis ihm zu Ohren kam! Und aufs neue stieg die Erinnerung an seine letzte Unterredung mit dem Bruder in dem Major auf. Dahin also war es gekommen! Das war das Geld, von dem der Bruder gesprochen hatte, und das bereit lag und nur auf seine Unterschrift wartete, um in seine Brieftasche zu wandern! Wald verkaufen! Freilich! Es gab viele heutzutage, die ihren Wald verkauften. Die alten Familien saßen nicht mehr so fest im Sattel wie einst. Jeder half sich eben durch, so gut er konnte. Manche verkauften ihre Heimat, andre schlossen ihre Eisenhämmer und sandten ihre Arbeiter als eine Rotte von Bettlern in die Welt hinaus. Und wieder andre verkauften ihren Wald. Aber den Wald verkaufen, das war das letzte! Denn der Wald gehörte dem Eigentümer gar nicht allein. Der Wald war Eigentum Schwedens; und darum durfte er nicht verheert werden. Mit dem Wald stand und fiel Schwedens Wohlstand. Hoch, dicht, schützend mußte der Wald im Norden wachsen; sonst lag Acker und Weide den Winden preisgegeben. Sonst gab es keinen Schutz mehr gegen die Nachtfröste, wenn in Jahren der Not der Winter drohte. Im Wald war Wärme, der Wald gab Schutz. Der Wald war das heilige Erbe, das zu hüten und zu wahren jedes einzelnen Pflicht und Schuldigkeit war. Und wer um des Gewinnes willen den Wald verheerte, war ein Frevler. So hatte der Major stets gedacht; und noch andre dachten so in jener Zeit. Mit was für Schwierigkeiten der Bruder zu kämpfen gehabt hatte, das wußte er nicht. Alles, was den Bruder betraf, war ihm gleichgültig geworden. Aber Björknäs war der Familienbesitz, an den sich seit Generationen der Name der Familie knüpfte. Was den Familienbesitz betraf, betraf auch ihn. Und zum erstenmal dachte Karl Henrik Mörk daran, daß er in seiner Jugend sein Erstgeburtsrecht verkauft hatte um ein Linsengericht, wie Esau. Alles hatte der Bruder ihm genommen. Alles war um ihn in Trümmer gefallen in der Stunde, in der der Bruder sich als der zeigte, der er war, und ihn allein gelassen hatte mit dem Unglück. Sogar sein guter Name und Ruf war in der Gewalt des Bruders; denn der trug den Namen mit vollem Recht, und mit vollem Recht vergriff er sich jetzt an dem Wald. Der Major hatte die rechte Hand um die Kontorschere gekrampft. In Gedanken stieß er ein Loch ums andre in den Wachstuchüberzug des Pults. Bestürzt sah der Inspektor ihm zu; er konnte sich nicht denken, was jetzt kommen würde. Plötzlich besann sich der Major darauf, wo er war. Er schlug hart mit der Schere auf das Pult und sagte ruhig und kalt: »Er wartet auf Antwort, Stenman. Er soll sie haben. Wenn mein Bruder seinen Wald verkauft, so ist das ganz seine Sache. Vermutlich hat er seine Gründe gehabt. Aber ich kenne solche Gründe nicht. Bei mir soll der Wald stehen bleiben, wie er steht, und stürzte er auch in ganz Schweden zusammen!« Das waren große Worte; und der Inspektor, der nicht ahnen konnte, wie tief das Zerwürfnis zwischen seinem Herrn und dem Patron auf Bjölknäs war, nahm den Major auch gar nicht in vollem Ernst, sondern gab sich dem Glauben hin, er würde eines Tages schon zu einer nüchterneren Beurteilung der Sachlage kommen. Kopfschüttelnd sah er durchs Fenster seinem Gebieter nach, während dieser mit heftigen Schritten durch die Schneewehen vor der Kontorstaffel und hinüber zum Herrenhaus stapfte. Der Inspektor hatte nicht ganz die Wahrheit gesprochen, als er behauptet hatte, er wisse nicht, wer den Wald vom Hüttenherrn auf Björknäs gekauft habe. Er hatte es auch nur darum verschwiegen, weil er wohl wußte, daß das mit dem Wald bei dem Major eine heikle Frage war. Und die Frage wäre noch heikler geworden, wenn er dem Major reinen Wein eingeschenkt und ihm gesagt hätte, daß der Käufer ein Bauer war. Wir befinden uns jetzt im Anfang der sechziger Jahre. Wichtige Veränderungen in Schwedens inneren Schicksalen bereiteten sich zu jener Zeit vor. Der Bauernstand rückte vor, und der alte Adel ward mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt. Der Adel war jedoch keineswegs gesonnen, sich ohne Kampf zu fügen. Die Gegnerschaft zwischen Herren und Bauern nahm während des gegenseitigen Kampfes unerhörte Dimensionen an, und mancher Edelmann konnte das Wort Bauer überhaupt nicht mehr aussprechen, ohne einen Beigeschmack von Verachtung darein zu legen. Ein Bauer also war es, der den Wald von Björknäs gekauft hatte. Er hieß Måns Ersson. Man sah seinen Hof von der großen Landstraße aus, wenn man von Kolsäter nach Björknäs fuhr; er lag jedoch näher bei Björknäs. Von Kolsäter aus fuhr man fast vier Meilen dorthin. Der Hof war von Äckern und Wiesen umgeben; man sah von der Straße aus die roten Hauswände sich von ein paar dünnstehenden, weißen Birkenstämmen abheben. Zwei Generationen hindurch war der Hof schon in derselben Familie, die allen Versuchen der Gutsbesitzer, Acker und Wald an sich zu bringen, widerstanden hatte. Måns Ersson, der sich noch gut daran erinnern konnte, wie sein Großvater dort das Land urbar gemacht, hier die erste Hütte gebaut hatte, besaß mehrere Kinder; die älteste Tochter war schon an einen jungen Bauer verheiratet, der einen zu Björknäs gehörigen Hof in Pacht hatte. Auf diese Weise hatte er einen Weg gefunden, den Wald des Hüttenherrn zu kaufen; man sagte ihm überhaupt nach, er finde immer einen Weg, wenn er wolle. Måns Ersson war ein kleiner, kräftiger Mann mit einem klugen Kopf und Geld im Sack. Wie die meisten seinesgleichen war er ein Feind des Adels; und wenn er das zu verbergen suchte, so geschah es nur, um nach Belieben nach allen Seiten hin kaufen und verkaufen zu können. Denn Måns Ersson kaufte und verkaufte Wald; und in der ganzen Gegend war es wohl bekannt, daß, während ringsum die adligen Familien mehr und mehr genötigt waren, auf den Groschen zu achten, in der alten, zerschlissenen Ledertasche, die Måns Ersson unter seinem fest zugeknöpften grobwollenen Wams barg, die Banknoten immer mehr anschwollen. Schon damals witterte jeder, der nur eine einigermaßen feine Nase hatte, voraus, daß finanzielle Krisen bevorstanden. Unter dem schwedischen Adel gab es nur wenige, die sich aufs Sparen verstanden; von Sammeln und Zurücklegen war kaum die Rede. Måns Ersson gehörte zu denen, die eine feine Nase haben; und weil er häufig nach der Stadt reiste und mit den Bankhäusern wohl vertraut war, wußte er weit mehr von der Lage der andern, als er zu sagen für gut befand. Er fuhr auch weit in der ganzen Umgegend umher, und es hieß, er wisse besser Bescheid mit dem Wert der Wälder und Güter auf viele Meilen im Umkreis als irgend einer von den Herren, die mit zwei Pferden fahren und mit silberner Gabel aßen. Wenn er seine Unterlippe über den grauen Kinnbart vorschob, der vom einen Ohr zum andern ging, sah er aus, als habe er das Wohl und Wehe des ganzen Kirchspiels in der Hand, hüte sich aber wohl, zu sagen, was er wußte. Just diese Miene hatte Måns Ersson auch aufgesetzt, als er ein paarmal wie zufällig den Inspektor aushorchte, ob der Major allenfalls gesonnen sein könnte, Wald zu verkaufen. Und diese Voranfrage war es, die den Inspektor Stenman veranlaßt hatte, vor dem Major eine derartige Möglichkeit aufs Tapet zu bringen. In den letzten Wochen hatte Måns Ersson jedoch den Inspektor nicht mehr getroffen, konnte also nicht wissen, was der Major über seine Spekulation dachte. Daß es an bar Geld fehle, das glaubte der Bauer ganz sicher zu wissen. Denn es ging ziemlich großartig zu auf dem Herrenhof, und was an laufenden Geldern einging, konnte nicht weit reichen. So geschah es denn, daß Måns Ersson eines Tages im April nach Kolsäter gefahren kam. Das Pferd ließ er beim Stall stehen. Denn auf dem Hof vorzufahren, das getraute er sich doch nicht. Dazu war das Pferd zu häßlich und der Schlitten zu gering. Måns Ersson empfand es immer, daß er nur ein Bauer war, und wollte jeder Demütigung vorbeugen. Er hatte in seinem langen Leben mehr als eine schlucken müssen. Langsam wanderte er über den Hof, unsicher, ob er die hohe Steintreppe vor der geschlossenen Haustür hinauf oder um das Haus herumgehen und nach einem andern Eingang suchen solle. Schließlich wählte er aber doch die Haupttreppe; und nach einigem Hin- und Herreden im Korridor ließ Tilda ihn ins äußere Zimmer des Majors eintreten. Er blieb an der Tür stehen und betrachtete das Zimmer mit seinen Möbeln und an den Wänden hängenden Jagdgerätschaften. Als der Major eintrat, machte Måns Ersson seinen Bückling, aber nicht demütig, sondern mit einem gewissen Selbstbewußtsein. Die beiden Männer kannten einander schon, und der Major glaubte, der Bauer komme aus Anlaß einer alten, verwickelten Frage betreffs der Unterhaltung der staatlichen Landstraße. Hierüber war nämlich schon in den Tagen der alten Exzellenz einmal zwischen Kolsäter und dem Bauernhof Streit entstanden; und dieser Streit war im Lauf der Jahre mehr als einmal wieder aufgewacht und wartete nur immer auf einen Anlaß, um wieder auszubrechen. Der Major grüßte darum ein bißchen kurz und fragte den Bauer nach der Ursache seines Besuchs. Måns Ersson blickte gradaus nach dem runden Tisch mit dem Globus und sagte: »Ich bin schon einmal hier gewesen. Das war noch in den Zeiten der alten Exzellenz. Aber deswegen komm' ich heut nicht.« Der Major wurde aufmerksam. Die zwei Männer standen einander grade gegenüber; und mit einer plötzlichen Bewegung wandte sich der Major zum Schreibtisch, nahm im Lehnsessel Platz und sagte rasch: »Setz' dich. Du wirst müde sein.« »Danke!« erwiderte Måns Ersson. »Aber es paßt sich wohl besser, wenn ich stehe. Ich weiß noch nicht, ob der Herr Major mich hören wollen.« Des Majors Gesichtszüge strafften sich; sein Blick ward scharf. »Was willst du?« fragte er. »Es sind schwere Zeiten für alle,« fuhr Måns Ersson fort, »Hoch und Niedrig muß das heutzutag fühlen.« Der Major nickte, und Måns Ersson fuhr fort, von den schlechten Zeiten zu reden. Immer sicherer ward der kleine Mann; wie in der Türmatte, von der er noch keinen Fuß gerührt hatte, festgewurzelt, stand er da. Er hatte den Pelz geöffnet; die Zipfel des weißwollenen Tuchs, das er um den Hals trug, baumelten über die kurze, bunte Weste. Der Major verstand ihn noch gar nicht. Aber immer weiter redete Måns Ersson, demütig, wie um Entschuldigung bittend, und auf vielen verzwickten Umwegen näherte er sich langsam seinem Ziel. Dabei schoß aus seinen kleinen grauen Augen ein rascher, forschender Blick, der den Major noch unsicherer bezüglich der Absichten des Mannes machte. So völlig mißverstand er den Bauern, daß er sich die ganze Zeit überlegte, wie er, ohne sich selber zu blamieren, die Bitte um ein Darlehen abschlagen sollte, die er als kurzen Sinn der langen Rede unfehlbar erwartete. Als Måns Ersson jetzt eine Pause machte, als müsse er sich einen Augenblick besinnen, erhob sich darum der Major und äußerte kurz und bündig: »Ja, lieber Måns Ersson, es tut mir leid. Aber ich brauche mein Geld selbst.« Verblüfft blickte Måns Ersson auf. Der Schimmer eines Lächelns erhellte seine scharf geschnittenen Züge. Aber er nickte bloß und erwiderte: »So schlimm steht es doch nicht, daß ich herumfahren muß und Geld leihen. Ich wollte bloß fragen, ob der Herr Major vielleicht geneigt wären, mit mir ein Geschäft zu machen.« »Das kommt darauf an, was für eine Art Geschäft es ist,« lautete die Antwort. »Wollen der Herr Major Wald verkaufen?« fragte jetzt der Bauer geradezu. Der Major machte zwei Schritte rückwärts. Der Umschlag in seinem ganzen Gedankengang war zu stark; er mußte sich Gewalt antun, um nicht aufzubrausen. »Wie kommst du darauf?« fragte er, wie um Zeit zu gewinnen, seine Gedanken zu ordnen. Der Bauer sah wohl die Aufregung des Herrn, aber er war darauf vorbereitet und sie erschreckte ihn nicht. Ihre innerste Ursache war ihm unbekannt; und daß er auf Hochmut dem Bauern gegenüber stoßen würde, darauf war er vorbereitet. Unberührt von allem, was nicht das Ziel war, das er verfolgte, stand er auf seiner Türmatte. »Man sagt, auch große Herren brauchen Geld heutzutage,« sagte er. Was der Major in diesem Augenblick empfand, war ähnlich dem Gefühl, das er einmal in seiner Jugend gehabt, als ihn nach ein paar durchwachten Nächten auf einmal ein Schwindel gepackt hatte. Der Stolz von Generationen war es, der in diesem Augenblick in ihm sich aufbäumte. In der ersten Hitze schien es ihm, als wäre sein ehrlicher Name beschmutzt. Die alte Liebe zum Wald wachte in ihm auf; er hatte das Gefühl, ärger konnte ihn keiner beschimpfen, als wenn er ihm mit einem solchen Anerbieten zu kommen wagte. Er blickte scharf zu dem Bauern auf und sagte: »So schlecht steht es nicht, weder um mich, noch um Kolsäter!« Mans Ersson schien eine Weile zu überlegen. Dann sah er wieder auf und sagte: »Der Patron auf Björknäs kommt auch so aus und hat doch verkauft.« Jetzt sah der Major Rot vor den Augen. Mit geballten Händen stand er vor dem Bauern und schrie: »Hat mein Bruder seinen Wald an dich verkauft?« Der Bauer zuckte zusammen, wich aber keinen Schritt. Nur seine Stimme war lauter, als er antwortete: »Ich habe den Wald auf Björknäs gekauft – um teures Geld.« Außer sich wies der Major nach der Tür und brüllte: »Hinaus, Bauer! Pfui Teufel!« Måns Erssons Gesicht ward vor Erbitterung feuerrot. Er war auf alles mögliche gefaßt gewesen; aber darauf doch nicht. »Von einem Bauern Geld nehmen ist immer noch besser, als sich mit den Banken einlassen,« sagte er wütend. Aber der Major ließ ihn gar nicht weiter reden. »Reitet dich denn der Teufel, Kerl?« schrie er. »Du wagst es, mir in meinem eigenen Haus für das, was mein ist, Geld zu bieten? Hinaus, sag' ich!« Måns Ersson ging. Langsam, ruhig stapfte er über den Hofplatz, stopfte sein wollenes Halstuch in die Weste und knöpfte den Pelz zu. Darauf ging er zum Stall, band das Pferd los und setzte sich in den Schlitten. Aber als er in der Allee war, wandte er sich um, spuckte aus und ballte die Faust nach den Fenstern von Kolsäter. Darauf zog er die Zügel an, um die Schwarze anzutreiben. Und so – im Aprilsudelwetter – fuhr er davon. Der Major hatte durch diesen Auftritt wieder einen Stoß an dem empfindlichen Punkt bekommen, der nun einmal nicht heilen wollte. Es hatte ihn hart gepackt, daß er nun, zum erstenmal in seinem Leben, erfahren mußte, was es heißen will, wenn eine brutale Geldhand sich nach dem eigensten Besitz ausstreckt. Aber tiefer als alles packte ihn doch das, daß es des Bruders Beispiel gewesen, das den Bauernspekulanten ermutigt hatte, in seinem eigenen Haus ein Attentat gegen seinen Besitz zu wagen. Und der Gedanke, daß er und der Bruder denselben Namen teilten, kam als neue Kränkung zu all dem, was ihm schon vorher über dem Kopf zusammenschlug. Dann geschah eines Tages das Unausbleibliche: die Brüder begegneten einander. So viele Monate waren inzwischen vergangen, daß der Major fast aufgehört hatte, mit dieser Möglichkeit zu rechnen. Sechs Meilen trennten die beiden Güter voneinander; ihre Wege brauchten sich nur selten zu kreuzen. Aber es geschah trotzdem. Eines Tages, zu Anfang Mai, war es. Der Schnee lag noch auf den nassen Wegen; man kam noch mit einem leichten Schlitten weiter. Der Major kutschierte seinen Einspänner selbst; Spitz saß hintenauf. Wenn die Kufen durch den Schnee scharrten, stieg er vom Hundsfott herunter und ging durch den Schmutz nebenher. Schweißig, mühsam arbeitete sich das Pferd voran. Der Hüttenherr kam im Wagen. Björknäs lag offener, und wo der Wald nicht schützte, war die Schlittenbahn früher zu Ende. Außerdem fuhr er nicht allein. Mina Charlotta saß neben ihm im Deckwagen. Die beiden Fuhrwerke begegneten einander an der Wegbiegung hinter der Kirche von Bonga, wo die Straße in den Tannenwald einbiegt. Der Major fuhr im Schritt über den Acker, auf dem der Schnee die Eiskruste aufgeweicht hatte, auf der der Schlitten sonst dahin glitt; Spitz kam mit langen Schritten hinterdrein. Im selben Augenblick bog aus dem Wald der Wagen und die zwei Brüder fuhren aneinander vorbei. Ohne einen Befehl abzuwarten, hielt der Kutscher des Hüttenherrn. Instinktiv folgte der Major seinem Beispiel. Die beiden Gefährte standen jetzt Seite an Seite. Nachdem die üblichen Begrüßungen ausgetauscht waren, entstand ein unbehagliches Schweigen. Die beiden Brüder, durch die Anwesenheit der Kutscher geniert, maßen sich gegenseitig mit seltsamen Blicken. Mina Charlotta war die einzige, die ihre Fassung bewahrte. Mit sehr korrekter teilnehmender Miene bedauerte sie die unglücklichen Ereignisse, die Schlag auf Schlag über den Schwager hereingebrochen waren. »Im nächsten Sommer, hoffe ich, kommen wir wieder zu euch!« schloß sie. »Brite wild wohl schwerlich in der Lage sein, je wieder Besuch bei sich empfangen zu können,« erwiderte der Major. Mit voller Absicht legte er alle Schärfe, deren er fähig war, in diese scheinbar bedeutungslosen Worte. Und Mina Charlotta machte sich auch sogleich bereit, zu antworten. Da geschah das Unerwartete: Der Hüttenherr brachte durch einen einzigen Blick seine Frau zum Schweigen; und Mina Charlotta nahm sich auch wirklich augenblicklich zusammen und schwieg. Der Major sah es, und zog eine befriedigte Grimasse. Tante Olivias Hauskur fiel ihm ein. Aber im gleichen Augenblick schoß ihm das Blut in die Wangen. Mit einer Stimme, die er so gut wie möglich zu beherrschen suchte, sagte er: »Na, Nils Göran, du hast ja den Wald verkauft?« Der Hüttenherr fuhr zusammen; doch kaum merkbar. Er gönnte dem Bruder nicht, zu sehen, wie der Hieb ihn traf. »Ich hab' ihn gut bezahlt bekommen,« antwortete er kurz. »Ich habe davon gehört,« erwiderte der Major. »Weißt du, was ich getan hab'?« »Das interessiert mich wenig,« sagte der Hüttenherr. Der Major lächelte. »Ich will's dir trotzdem sagen,« entgegnete er. »Ich habe den Diebsbauern zum Haus hinausgejagt.« Das ganze Gespräch wurde sehr korrekt, mit streng beibehaltener Würde beiderseits, geführt. Weder der Major noch der Hüttenherr sprachen auch nur einmal lauter als gewöhnlich. Und doch lag in jedem Wort, jedem Tonfall, im Mienenspiel, das die Worts begleitete, eine kühle Kriegserklärung, die entscheidender war als der hitzigste Wortwechsel. Ohne einen Blick zurückzuwerfen, trieb der Major sein Pferd an. Der Kutscher des Hüttenherrn knallte mit der Peitsche. Und gleich darauf fuhren die beiden Fuhrwerke davon, jedes nach seiner Seite. Und der Abstand zwischen ihnen wurde rasch größer. Als der Schlitten im Wald angelangt war, drehte der Major sich um und gab Spitz die Zügel. Der Kutscher stellte sich aufs Fußbrett, und der Schlitten fuhr wieder rasch dahin. Kerzengrade, als stünde er in Reih und Glied, hielt Spitz dem Blick des Majors stand; mit keiner Miene verriet er, was er dachte oder ob er überhaupt etwas gedacht hatte. Aber der Major wußte: Von diesem Augenblick an war die Feindschaft der Brüder überall bekannt; er selber hatte auch weder Lust noch Kraft mehr, die Sache zu verheimlichen. Aber auf dem Heimweg kam doch wieder ein Schamgefühl über ihn. Er wandte sich nach Spitz um und sagte, das lange Schweigen brechend: »Du brauchst es daheim nicht zu erzählen, daß wir dem Hüttenherrn begegnet sind.« Spitz schulterte als Antwort die Peitsche. »Ich erzähle nichts, Herr Major,« erwiderte er barsch. Als der Major heim kam, leuchtete ein einsames Licht aus dem oberen Stockwerk ihm entgegen. Es war immer das erste, was er sah, dies Licht. Es kam von den Zimmern, die für Brite eingerichtet waren, in denen sie ihr Leben weiter schleppte, allein, nur mit einer Wärterin, die der Doktor besorgt hatte. Früher hatte dies Licht ihn immer zur Eile angetrieben. Jetzt schreckte es ihn; und er quälte sich selber mit dem Wunsch, der Weg möchte doch länger – noch länger sein. Die ganze Nacht durch brannte dies Licht. Denn wenn es dunkel war, erwachte die Kranke und wurde wild. Dann mußten sie männlichen Beistand zu Hilfe holen. Und mehr als einmal war der Major selber hinaufgegangen und hatte in der stummen Nacht mit Brite um ihr Leben gerungen, bis ihn selbst die Kräfte zu verlassen drohten. Die Erinnerung an diese Nächte war es – die schreckte ihn, wenn er auf dem Heimweg das einsame Licht sah! Ja, sie schreckte ihn, diese Erinnerung an die neue Brite, die in ihm immer die Erinnerung an sie, die er einst geliebt, verdunkeln würde ... Sanft fiel der Schein über den dunkeln Hof, auf dem die Schlittenkufen im Sand knirschten, der Schein des Unglückslichtes, das einsam über Kolsäter brannte. Siebentes Kapitel Vier Jahre lebte Brite so; und als sie endlich starb, war Erling, der Sohn, nicht daheim. Der Vater teilte ihm brieflich das Geschehene mit, verbot ihm aber gleichzeitig, nach Hause zu kommen. Voller Bitterkeit trug Erling auf dem Gymnasium seine Trauer; er fühlte sich einsamer als je unter den Kameraden. Als nach dem langen Winter der Frühling das Eis brach, zog es ihn mit aller Macht heim. Der Fluß, der durch die kleine Stiftsstadt zog, stieg hoch in der Frühlingsflut, und die Eisstücke, die das schwarze Wasser dahinführte, mehrten des Jünglings Sehnen. Der Vater war's, nach dem ihn verlangte, als er heim reiste. Und als er endlich die Heimat wiedersah, war ihm, als müsse ihm das Herz zerspringen. Jede Spur von der Mutter war wie weggewischt; nicht einmal ihr Name wurde mehr genannt. Lange, lange wartete Erling darauf, daß der Vater das Schweigen zwischen ihnen brechen, ihm von der Mutter erzählen sollte, die tot war. Aber es geschah nie. Und so nach und nach hörte Erling auf, sich danach zu sehnen. Er fing an, mit seinen siebzehn Jahren seine eigenen Wege zu gehen. Kolsäter hatte eine reiche Bibliothek, und in den Büchern suchte Erling die Antwort auf Fragen, die in dieser Zeit des Lebens in uns allen erwachen. Er las viel, er kannte viele Meilen in der Runde alle Wege und Stege im Wald, er dachte auch, so gut er das vermochte. Aber die Bücher waren ihm nicht genug. Er sehnte sich nach einem Menschen. Doch die Menschen gingen an Erling vorüber und ließen ihn einsam stehen. Er war felsenfest davon überzeugt, daß alle älteren Menschen Bescheid wußten über all die Fragen, die das Unglück und der Tod der Mutter in ihm geweckt hatten. Wie sollten sie sonst leben können? Sie wollten bloß nicht, daß er sie fragen sollte, weil sie meinten, er sei noch zu jung. So ging das fort, bis Erling endlich vor allen Erwachsenen eine gründliche Scheu hatte. Nicht einmal mit den Leuten auf dem Gut wußte er umzugehen. Das Gefühl der Scheu über seine eigene Unerfahrenheit und Jugend war stets in ihm wach und hinderte ihn, unter die andern ins Leben hinauszutreten. So verbrachte Erling Mörk seinen Sommer. Erst als sich der zu Ende neigte und er schon die Wochen zu zählen begann, die ihm noch blieben, ehe er auf die Schulbank zurückkehren sollte, ereignete sich etwas, das mit einem Schlag dies frühreife Sonderlingsleben änderte. Das Ereignis stand auf eigentümliche Weise in Zusammenhang mit dem »närrischen Bartel«. Der »närrische Bartel« war, wie der Name schon sagt, ein Narr und lebte im Armenhaus. Erling hatte sich für ihn interessiert, weil er Geige spielte und weil er von allen andern ausgestoßen schien. Der »närrische Bartel« war an der Landstraße geboren, seine Mutter war ein Bettelweib, die jahrelang mit Krücke und Bettelsack im Kirchspiel herumgezogen war. Immerwährend hatte sie Ungelegenheiten mit Schultheiß und Pfarrer, und es wunderte niemand, als man sie eines Morgens tot in dem großen Graben neben der Kirche von Bonga fand; daneben im Gras die Branntweinflasche. Neben der Toten saß der »närrische Bartel«. Als barmherzige Menschen ihn von der Leiche wegführen wollten, biß er und spuckte um sich wie ein wildes Tier. Weil sich niemand fand, der ihn nehmen wollte, steckte man ihn ins Armenhaus. Oft genug versuchte man, den Jungen in die Schule zu schicken und ihm irgend etwas beizubringen; aber alle Versuche scheiterten: Der Junge war nicht bei vollem Verstand. So ging er nach und nach unter dem Namen »der närrische Bartel«. Schließlich gab man jeden Versuch auf, den »närrischen Bartel« andern Menschen gleich zu machen, und da er sich sogar zu den einfachsten Beschäftigungen untauglich erwies, ließ man ihn ruhig im Armenhaus, wo er in einem Winkel schlief und den Hansnarren für alle die alten Existenzen, die, gebrochen von der Mühsal und den Entbehrungen eines langen Lebens, hier landeten, machte. Dem »närrischen Bartel« irgendwie Vernunft beizubringen, das erwies sich als gänzlich unmöglich. Weder Hiebe noch Ermahnungen halfen. Die Leute meinten, das käme davon, daß er wie mit einer Art Krankheit mit einer Scheu vor allem Lebendigen, Mensch und Vieh, geboren war. Vielleicht war er immer so gewesen, vielleicht auch hatte er bloß als Kind zu viel Schimpfworte gehört und Schläge bekommen, und dazu zu viel Hunger und Kälte ausgestanden. Bartel verblieb jedenfalls der »närrische Barrel«, und wuchs als närrischer Bartel auf. Das einzige in der Welt, was er liebte, war eine alte Geige. Die bekam er, als der alte Per im Armenhaus starb. Per war in den Tagen seiner Blüte ein Spielmann gewesen; und manche behaupteten, wenn er nicht so gut gespielt hätte, hätt' er nicht im Armenhaus zu enden brauchen. Nun, jedenfalls starb er dort; und er war der einzige Mensch, der sich überhaupt je um Bartel gekümmert hatte. Die Wahrheit zu sagen – der alte Per sah Mäuse und Mücken, ehe er starb – alles von dem vielen Schnaps, der nun einmal mit dem Musizieren kommt! Aber wie dem auch sein mochte – er brachte es vor Zeugen in Ordnung, daß Bartel seine Geige haben sollte nach seinem Tod. Bartel hatte ganz allein gelernt, darauf zu spielen und wenn der alte Per wild wurde und um sich hieb nach all den grausigen Dingen, die er sah, war der »närrische Bartel« der einzige, der ihm den Teufel vertreiben konnte. Als Bartel die Geige erst einmal in der Hand hatte, gab er sie auch nicht mehr her. Der »närrische Bartel« hatte überhaupt allerlei wunderliche Dinge an sich; und wenn er sich vor den Menschen scheute, so scheuten sie nicht weniger ihn. War es nicht z. B. sonderbar, daß Bartel, sobald es dunkel wurde und Schnee fiel, in seinen Winkel kroch und nicht mehr heraus ging, ehe die Sonne wieder schien? Und gerade so machte er es im Sommer. War das Wetter trüb und kalt, so war er spurlos verschwunden. Wenn dagegen die Sonne schien und die Vögel sangen, da kam er aus seinem Versteck hervor. Seine Geige hatte er immer mit. Mit geschlossenen Augen und glückseligem Gesicht saß er da in seinen Fetzen auf der Brücke vor dem Armenhaus und spielte sich selber was vor. Natürlich ließ man ihn nicht in Ruh. Natürlich versammelte sich eine Schar Zuhörer um den »närrischen Bartel«. Im Kreis standen die Menschen um ihn herum und lachten, daß sie sich die Bäuche halten mußten. Gab's denn was Lächerlicheres, als wenn der »närrische Bartel« ganz allein mitten im Sonnenschein auf der Brücke saß und geigte, als sähe und hörte er nichts? Einmal begegnete Erling dem »närrischen Bartel«, draußen im Wald, wohin dieser sich vor seinen Widersachern geflüchtet hatte. Es war auf dem Weg zum Rabenwasser, wo die hohen graden Tannen den Bach entlang standen, der über die moosigen Steine dahinperlte. Der »närrische Bartel« saß da und geigte, während um ihn die Sonne durch die Tannenzweige sickerte und der ganze Wald in der Mittagshitze schlief. Erling blieb lang stehen, hörte dem Spiel des »närrischen Bartel« zu und wunderte sich über das sonnige Lächeln in seinem Gesicht. Er begriff gleich, daß er nicht zu ihm hin gehen durfte. Dann würde der Zauber gebrochen sein und die Töne würden verstummen. Schließlich kam er aber doch vorsichtig aus dem Schatten und setzte sich auf einen Stein, dem Spielmann gerade gegenüber. Und während er da saß, merkte er zu seiner Verwunderung, wie der Ausdruck in Bartels Gesicht, den er von seinem Platz aus genau beobachten konnte, gleichsam erlosch. Schließlich hörte Bartel zu spielen auf und verschwand mit der Geige unter dem Arm unter den hängenden Tannen. Von diesem Tage an war es wie eine Art Bekanntschaft zwischen Erling und dem »närrischen Bartel«. Erling hörte ihn noch oft spielen. Einmal hatte der Idiot ihm sogar zugenickt und dazu gelächelt – ein sonderbares, ängstliches, kurzes und schwaches Lächeln, das sich im Dunkel seines dünnen, weichen Bartes verlor. Eines Tages kam Erling den Weg, der nach Torp führte, gegangen. Es war mitten auf einem Acker. Es war gegen Abend; die Sonne saß blitzend auf den Tannenwipfeln, bereit, unterzugehen. Wie ein großer goldener Kloß saß sie über dem schimmernden Wald; Feld und Acker glänzten in ihrem Licht. Als Erling an die Stelle kam, wo der Weg zwischen den Steinmauern umbog, erblickte er plötzlich den »närrischen Bartel«. Der saß, den Rücken dem Weg zugewandt, auf der einen Mauer und sah aus, als starre er geradeswegs in die Sonne, die seine Züge überstrahlte, so daß das ganze Gesicht purpurn glühte. Aber der »närrische Bartel« war nicht allein diesmal. Eine Menge Leute standen vor ihm, Mädchen mit hellen Tüchern über dem Kopf und farbigen Schürzen, Bauernburschen in Arbeitshemden und hohen Stiefeln. Alle hatten sie die Augen auf den »närrischen Bartel« gerichtet, und in ihren Gesichtern lag ein Ausdruck von Verwunderung und Verachtung, Verwunderung über die Töne, die da erklangen, licht und wehmütig wie ein Abschiedsgesang für die schwindende Sonne, Verachtung für den Geiger, der ein Narr war und keiner von ihnen... Einer der Knechte näherte sich dem Spielmann, zog eine Messingdose aus der Tasche und bot dem Verrückten zu schnupfen an. Lautes Lachen des ganzen Haufens lohnte diesen Scherz; die Geige verstummte jäh. Hinter dem »närrischen Bartel« sprang Erling über die Mauer und versetzte, ohne sich zu besinnen, dem grinsenden Knecht mit der Messingdose eine saftige Ohrfeige. Auf einmal war ringsum alles still; der »närrische Bartel« saß hilflos auf seiner Mauer. Erling brachte kein Wort hervor. Die Stimme blieb ihm im Halse stecken. Schon hob er den Arm zu einem neuen Schlag. Demütig, erschrocken stand der Knecht vor ihm und dienerte, die Mütze in der Hand. Aber ehe Erling ein zweites Mal zuschlagen konnte, erklang hinter ihm das Geräusch von Wagenrädern, und als er sich umsah, hielt Spitz mit den schwarzen Rappen und dem Deckwagen hinter ihm auf der Landstraße. Im Wagen saß Frau Olivia Krabbe auf Torp. Die alte Dame setzte auch nach Brites Tod ihre gewohnten Sommerbesuche auf Kolsäter fort. Und eben jetzt fuhr sie in des Majors Equipage, den großen Koffer sicher hinten aufgeschnallt, nach Torp zurück. Ihre scharfen Augen erfaßten sofort die Situation, und mit lauter Stimme rief sie Erling beim Namen. Erling gehorchte ohne weiteres. Ehe er sich recht besann, saß er zur Linken der alten Dame im Wagen und hörte auch schon ihre freundliche Stimme rufen: »Weiter, Spitz. Und seh Er zu, daß die verflixten Bauernlümmel keine Steine hinterher werfen!« Der Kutscher schulterte die Peitsche und fuhr zu, ohne nach rechts oder links zu sehen. Die Rappen taten ihre Schuldigkeit, und die Gruppe am Feldrain verschwand in einer wirbelnden Staubwolke. Jetzt wandte Tante Olivia sich zu Jung-Erling und sagte: »Schämst du dich denn gar nicht, mit einem Bauernknecht mitten auf der Straße Händel anzufangen?« Tante Olivia ließ den Jüngling bis Torp mitfahren; und während der Fahrt bemeisterte dieser seine Erregung. Als der Wagen durch das Gatter schwenkte, kam über Erling fast wider Willen dasselbe Gefühl von Behagen und Gemütlichkeit, das schon über ihn gekommen war, als er noch als kleiner Junge Tante Olivia besucht hatte. Auf der Haustreppe stand die alte Anna in ihrer blaugestreiften Schürze und knixte, wie immer. An der Hausecke standen die gelben Bienenkörbe; und als der Jüngling in das niedrige, gemütliche Wohnzimmer mit den kreuzweis über den frisch gescheuerten Boden gelegten Läufern und dem von weißen Möbeln mit glattgebügelten Überzügen umgebenen Spinett kam, da verschwand der letzte Rest seiner Verstimmung. Und jetzt kam auch die Überraschung, die Tante Olivia in aller Heimlichkeit in Bereitschaft gehalten hatte, zutage. Plötzlich hörte Erling leichte Schritte im Nebenzimmer, und ehe er noch fragen konnte, öffnete sich die Tür und herein trat ein junges Mädchen, das Tante Olivia um den Hals fiel, sie küßte und streichelte und dazu mit seinem ganzen überglücklichen, anmutigen jungen Gesicht lächelte. Erling betrachtete voller Bestürztheit diesen ganzen kleinen Auftritt, ärgerte sich, daß er beim Eintritt des jungen Mädchens eine so linkische Verbeugung machte und ärgerte sich, weil er beim besten Willen nicht anders konnte als erröten. Das junge Mädchen war ganz in Weiß; nur ein blaues Band, das sie um die Taille geschlungen hatte, hob sich dunkel ab von all dem Licht. Sie schmiegte sich im Sofa an Tante Olivia, saß da, den Arm um den Leib der alten Dame geschlungen; und weil schon Dämmerung im Zimmer herrschte, konnte Erling ihr Gesicht nicht deutlich sehen. Bloß die großen tiefen Augen sah er; und es fiel ihm auch auf, daß sie so bleich war. Emma nannte Tante Olivia sie. Erling saß regungslos auf seinem Stuhl, bis der Tee kam. Auf alles, was Tante Olivia sagte, gab er recht ungeschickte Antworten. Er wartete nur immer darauf, daß das junge Mädchen etwas sagen sollte, und wenn sie etwas sagte, schoß ihm das Blut zum Herzen, und es wurde ihm warm und kalt. Nie hatte er eine menschliche Stimme so reden hören! Sie hatte einen ganz eigenen Klang, warm und licht; und wenn sie lachte, klang es so still und heimlich, als wenn ein unsichtbarer Vogel im Schweigen des Waldes zwitscherte... Aber Erlings Glück währte nicht lang. Kaum war der Tee getrunken, so schob auch Tante Olivia ihren Stuhl zurück und stand auf. »Jetzt mußt du heim, Junge,« sagte sie. »Aber du kannst wiederkommen, so oft du magst. Daheim ist's ja doch ein bißchen einsam für dich!« Eine Weile darauf fuhr Erling durch den dämmerigen Augustabend heim. Er wußte auch jetzt noch nicht, wer das junge Mädchen war oder weshalb sie auf Torp war. Kein Wort hatte er mit ihr gewechselt; aber immer noch hörte er den Klang ihrer Stimme, sah das Leuchten der großen, ernsthaften Augen, die ihm im Dunkel des kleinen, dämmerigen Zimmers entgegenschimmerten. Immer weiter fuhr er; die ganze Landschaft lag so weich um ihn; über den Feldern stand noch ein blauer Dunst von der Hitze der Hundstage... So geheimnisvoll, so überraschend war das junge Mädchen ins Zimmer getreten, daß alles, was Erling später über sie erfuhr, ihn eigentlich störte. Es war, als paßte nichts von all dem, was er später hörte, zu den Augen, zu dem Lachen, das so leise und weich war. Das einzige, was paßte, war die Erklärung für ihre Blässe. Emma war schwindsüchtig. Ihr Vater war an der Schwindsucht gestorben, und die Ärzte hatten auch sie aufgegeben. Ihre ganze Persönlichkeit umschwebte etwas von der geheimnisvollen Schönheit, die die Nähe des Todes der Jugend verleiht. Und als Erling das hörte, war ihm, als verstehe er jetzt erst ganz, was er empfunden, als das junge Mädchen ins Zimmer trat. All das erzählte der Major seinem Sohn; er erzählte auch weiter, des Mädchens Mutter sei Tante Olivias leibliche Schwester, die als arme Pfarrwitwe in einer Stadt im mittleren Schweden lebte. Aber Erling verband mit all dem keinen bestimmten Gedanken. Dafür träumte er zwei Tage lang von dem jungen Mädchen, das so jung sterben sollte. Und wenn er sich nicht entschließen konnte, Tante Olivias Einladung nach Torp sogleich wieder Folge zu leisten, so kam das bloß daher, daß ihn die Stärke seiner eigenen Sehnsucht schreckte. Schließlich kam er doch eines Vormittags hinüber. Er fand Tante Olivia in voller Tätigkeit. Sie war damit beschäftigt, das Bein eines Pächters zu schindeln, der beim Holzschlagen im Wald verunglückt war. Eine große Tanne war rascher gefallen, als der Mann berechnet hatte, das Bein war unter sie geraten und gebrochen. Jetzt lag der Mann auf dem großen Eßzimmertisch und unterwarf sich geduldig Tante Olivias derber Behandlung. Auf der Treppe vor dem Haus saß seine Frau, ein kleines blondes Weibchen im letzten Stadium der Schwangerschaft, und weinte. Tante Olivia war in ihrer bissigsten Laune, und während sie ihr strenges Barmherzigkeitswerk mit sicherer Hand ausführte, ließ sie ihrer Zunge freien Lauf. »So ein Schafskopf!« schalt sie zum zehntenmal, während sie im Schweiß ihres Angesichtes sich abmühte, das Bein einzurenken. »Geht er und trödelt und hinkt so lang mit seinem Bein herum, bis er zuletzt überhaupt kein Bein mehr hat, nichts mehr zum Laufen und nichts zum Nagen und Beißen! Das merk dir nur, Ulrich! Wenn du dir das noch einmal einfallen läßt, so komm nur nicht zu mir damit! Ich flick dich nicht ein zweites Mal zusammen!« Damit legte sie das Bein vorsichtig auf den Tisch, um auszuschnaufen; und als sie dabei zufällig durchs Fenster blickte, wandte sie sich sogleich mit strengem Gesicht zu der Frau des Verunglückten und fuhr fort: »Sitzt das Frauenzimmer nicht noch immer da und heult, obgleich ich's ihr schon zwanzigmal gesagt habe, sie soll das bleiben lassen! Da komm her, hörst du?« Die Frau stand langsam auf und fuhr sich mit der schmutzigen Schürze über ihr verschwollenes, rotverweintes Gesicht. Tante Olivia beugte sich zum Fenster hinaus und sagte: »Begreifst du denn nicht? Wenn du so fortmachst, gibt es noch ein Unglück. Oder willst du das vielleicht?« »Unser Herrgott ist mein Zeuge...« begann die Frau. »Still!« unterbrach Tante Olivia. »Keinen Mißbrauch mit unseren Herrgotts heiligem Namen! Mach daß du in die Küche kommst und sei froh, daß dein Herrgott dich zu mir geschickt hat, und ich dir helfe!« Damit wandte sie sich wieder ihrem Patienten zu. Blaß mit geschlossenen Augen und wirrem Bart lag er da, kerzengrade ausgestreckt; kein Ton der Klage kam über seine Lippen. Die Schelte, die seine Frau eben bekommen hatte, schien er gar nicht gehört zu haben. Eben wollte Tante Olivia in ihrer Arbeit fortfahren, da hörte sie ihren Namen rufen. Glühend vom hastigen Ritt kam Erling über den Hof. Er hatte sein Pferd selber abgesattelt und in den Stall gebracht. Aber man sah es seinem ganzen Äußeren an, daß er sich zu seinem Ausflug sehr sorgfältig vorbereitet hatte. Die helle Pikeekrawatte war zierlich gebunden, das braune Haar in eine breite Locke aufgekämmt, und sorgfältig geknöpfte Stege strafften die engen Beinkleider. Den Strohhut hielt er in der Hand. Er grüßte ein bißchen verlegen. Tante Olivia musterte ihn wohlgefällig. »Die Kleine ist im Garten,« sagte sie. Geh nur und leiste ihr Gesellschaft. Ich mache hier weiter. Wunden pflastern und verbinden ist von alters her Frauenzimmergeschäft gewesen!« Der Garten war ganz klein. Eine Weißdornhecke umgab ihn, die seit langer Zeit nicht beschnitten worden war, daß sie fast aussah, als wachse sie wild. An der Ecke des Bienenstandes blühten schon die großen gelben Sonnenblumen, und mitten auf dem Rasen, unter den Astrachanbäumen, deren Früchte sich schon gelb färbten, prangten, von einem Kranz Reseden umgeben, rote und weiße Stockrosen. Diese Stockrosen waren Tante Olivias Stolz und für ihre Schönheit und auserlesene Form weit und breit berühmt. Und hier fand Erling Emma. Sie hockte zusammengekauert an der Erde; an der einen Hand hatte sie einen alten Handschuh. Denn sie war eben eifrig damit beschäftigt, das Unkraut auszujäten, das während Tante Olivias Besuch auf Kolsäter recht üppig gediehen war. Ohne ihre Stellung zu verändern, nickte sie dem jungen Mann freundlich zu; und Erling wußte nichts besseres, als sich neben dem jungen Mädchen ins Gras zu werfen und ihr bei ihrer Arbeit zu helfen. Erst als die ganze große Blumengruppe gejätet und sauber geputzt war, standen beide auf und lächelten einander an. Sie waren rasch miteinander bekannt geworden, und alle Verlegenheit war schon fort. Eifrig plaudernd gingen sie miteinander den breiten Gartenweg hinab bis zu der tiefen Laube aus beschnittenen Linden, die am Ende stand. Hier im Schatten ließen sie sich nieder. Schon summten Hummeln und Bienen nicht mehr um die Lindenblüten, die sich zu kleinen, grünen, kugelförmigen Früchten gehärtet hatten; die Luft war klar und mild, wie sie im August, ehe der Herbst kommt, ist. In der Mitte der Laube stand ein großer alter steinerner Tisch, den viele Regenschauer verwittert hatten. Hinter den setzten sie sich. Auf dem Tische lag ein offenes Buch, als hätte eben erst jemand hier gelesen und das Buch dann liegen lassen. Erling nahm es und sah nach dem Titelblatt. Emma machte eine hastige Bewegung, als wollte sie ihn daran verhindern. Es war ein dünnes, geheftetes Buch aus gelblichem, weichem Papier. Auf dem Titelblatte standen die Worte: »Hanna« »von Johann Ludwig Runeberg«. Ohne ein Wort zu sagen, legte Erling das Buch wieder auf den alten Steintisch. Das Buch war sein erstes wirkliches Liebesidyll, das er in seinem Leben gelesen hatte; und die Worte, die er auswendig wußte, stiegen klar und rein in seinem Gedächtnis empor. Er fragte Emma, ob sie es schon früher einmal gelesen habe. »Oft,« erwiderte das Mädchen. Erling saß schweigend da und blätterte in dem Buch. Sein Blick fiel auf den Anfang des dritten Gesangs. Halblaut las er: Abwärts glitt nun die Sonne, vom Berge im Westen verschattet; Mild wie ein Hauch war der Abend. Die goldenen Wolken in Lüften Schwebten und strahlten ihr Licht zur Erde; und sanftlaue Winde Kamen noch leicht von den Wiesen und spielten mit Düften der Blüten. »Lesen Sie weiter!« bat Emma. Aber Erling legte das Buch weg. »Ich lese nicht gut genug,« sagte er. In ihm erwachte auf einmal ein Vergleich zwischen der gesunden, blühenden Heldin des Gedichts und Emma, ihr, die die Hände im Schoß, ruhend im Schatten der Lindenlaube dasaß. Sie war klein und zart; sie sah so zerbrechlich, so hinfällig aus. Das weiße Kleid, in dem Erling sie zum erstenmal gesehen, hatte sie heut' gegen ein dunkles vertauscht; aber sie sah in diesem ebenso blaß aus, und ihre Augen blickten noch ebenso groß und sinnend unter dem dunkelbraunen, gescheitelten Haar hervor, das sich so weich um die eingesunkenen Schläfen schmiegte. Auf ihren Wangen brannten nach der Arbeit des Jätens kleine, heiße, rote Flecken. Unschuldig und ruhig nahm sie das Buch, das Erling auf den Tisch zurückgelegt hatte. Sie blätterte darin, als suche sie etwas, und sagte: »Es ist ein Sommergedicht. Darum hab' ich es auch fast immer im Winter gelesen. Jetzt wollte ich es einmal hier, mitten unter all den Blumen lesen.« Ihre tiefen Augen schauten klar zu Erling empor. Dieser wußte nicht recht, was er darauf antworten sollte. »Wann haben Sie es gelesen?« fragte jetzt das Mädchen. »Ich weiß nicht mehr,« antwortete er. »Ich glaube, es war an einem Winterabend, daheim.« »Ich habe nie jemand gehabt, mit dem ich hätte reden können über das, was ich las,« fügte er wehmütig hinzu. »Reden Sie nie mit Ihrem Vater?« Auf diese Frage antwortete Erling nicht. Sie begannen jetzt über das zu sprechen, was sie beide schon gelesen hatten. Die Luft ward schwer von Mittagshitze. Wie in einem Sonnenbad lag der ganze kleine Garten; die Reseden dufteten; hinter der Hecke hervor klang das Geräusch des Baches, der vorübersprudelte. »Ich habe mehr gelesen als andere in meinem Alter,« sagte das junge Mädchen. »Weil ich immer so krank gewesen bin.« Erling wurde bei diesen Worten ernst. Aber als sein Blick auf die roten Flecken auf den Wangen des Mädchens fiel, lächelte er. Er fand, sie sah blühend aus. »Freilich,« erwiderte Emma entzückt. Und mit dem ganzen festen Glauben der Schwindsüchtigen an baldige Genesung fügte sie hinzu: »Es geht mir viel besser. Im Winter bin ich vielleicht schon ganz gesund.« Sie lächelte ein strahlend glückliches Lächeln; und indem sie Runebergs Liebesgedicht wieder auf seinen Platz zurücklegte, fuhr sie fort: »Es ist überhaupt gar nicht so schwer oder langweilig, krank zu sein. Ich darf lesen, so viel ich will. Keine von meinen Freundinnen darf das. Und dann sind alle Menschen so gut gegen einen, wenn man krank ist.« So fuhren die beiden jungen Menschen zu plaudern fort, während über dem kleinen Garten die Sonne brannte, und die Bienen aus- und einflogen zu den gelben Körben, deren spitze Dächer von der Ecke drüben, wo die Hundsrüben an dem morschen Spalier hinaufkletterten, herüberschauten. Und als Tante Olivia nach vollendetem Tagewerk endlich kam, um sie zum Essen zu rufen, blickten sie einander verwundert an und lächelten wieder vor lauter Freude. Keinem von ihnen war der Vormittag lang geworden. Jetzt war Erling, zum erstenmal in seinem Leben, froh darüber, daß sich auf Kolsäter niemand um sein Gehen und Kommen kümmerte. Er war frei wie der Vogel; und er wußte seine Freiheit auszukosten. Fast jeden Tag ritt er hinüber nach Torp. Tante Olivia ermutigte ihn dazu. Sie nannte Erling und Emma nur »die zwei Kinder« und hatte ihre Freude an ihrem vertraulichen Verkehr. Und weil die gute Dame sehr häufig von Fremden heimgesucht wurde, waren die Kinder auch meist sich selbst überlassen. Einmal war es ein Kranker, dem zur Ader gelassen werden mußte, dann wieder kam ein Bauernweib mit einem Kind, das sich am Fuß verletzt hatte; oder wieder ein Schmiedelehrling, der sich mit einem glühenden Eisen den Arm verbrannt hatte. Einmal kam ein Großbauer in rasender Eile dahergefahren. Der Schaum hing in Flocken am Geschirr der Gäule. Die Zügel von sich schleudernd, ließ er die Pferde einfach auf der Straße stehen und kam mit einem bewußtlosen Mädchen auf den Armen über den Hof gesprungen. Das Kind war beim Beerenpflücken von einer Schlange gebissen worden; und das Bein war ganz geschwollen und blau. Tante Olivia war den ganzen Tag sehr ernst; man sah wohl, sie befürchtete das Schlimmste. Sie behielt das Mädchen da; aber am nächsten Morgen war es tot. Und der Vater, der kam, um nachzufragen, ging langsam über den Hof zurück, auf seinen Armen den kleinen toten Körper, der dann hinter dem Kutschbock ins Heu gebettet ward ... Derartige Besuche hatte Tante Olivia gar oft. Und wenn keine Kranken kamen, so kamen die Gesunden, die sie geheilt hatte. Alle kamen sie wieder; so undankbar war doch keiner, daß er sich nicht wenigstens bei Frau Krabbe sehen ließ und sein »Danke schön!« sagte. Wer konnte, brachte auch meist reelle Beweise seiner Dankbarkeit mit. Diese Beweise waren ganz nach den Umständen beschaffen – von einem jungen Kalb oder Lamm bis zu einem mageren Huhn oder einem halben Schock Eier. Die Allerärmsten kamen einfach, um sich zu bedanken, machten ihren Kratzfuß oder Knix und wurden dann in die Küche hinausbeordert. Tante Olivias Tage waren also recht ereignisreich; und es war weiter nicht zu verwundern, daß die beiden Kinder sich selbst überlassen waren. Wenn sie Abwechselung wünschten, mußten sie sich dieselbe auf eigene Hand verschaffen. Und sie waren auch bald genug überall daheim. Hinter dem Garten lag der Wald, und hinter dem Wald der Hag. Einen schöneren Waldhang gab es überhaupt nicht. Zu oberst auf dem Hügel stand eine stattliche Tanne, um deren Stamm eine Bank lief. Das war dereinst Onkel Jakobs Lieblingsplatz gewesen. Hier saß er oft und las oder träumte. Denn Onkel Jakob war ein belesener Herr, der sich auch in späteren Lebensjahren noch an seinen lateinischen Poeten erbaute. Wenn Gäste nach Torp kamen, war hier der Sammelpunkt, und in mehr als einer Sommernacht waren Onkel Jakobs Lieder über den dämmerigen Waldhang hin erklungen, während er sich selber auf der alten Gitarre begleitete, die jetzt seit Jahren, stumm und ungestimmt, über dem Bett in Tante Olivias Zimmer hing. Jetzt waren die kleinen Tannen den Abhang hinunter groß geworden; bis hinab zum Bach standen hochgeschossene, schmale Wacholderbüsche. Dichtes Moos bedeckte die Steine; plätschernd eilte der Bach unter den Erlen hin. Und hier waren Erling und Emma allein. Keiner sah sie. Glückselig glitten sie den Abhang hinab, lagerten im grünen Gras, und sahen dem Bach zu, der im Dunkel des Brückengewölbes verschwand... In solcher Umgebung lebten die zwei jungen Menschen ihr erstes Liebesmärchen. Kein Wort ward gesprochen über das, was sie beide so tief beglückte. Erling träumte nicht mehr. Er lebte. Nie hatte er früher von sich selber reden können. Jetzt lernte er diese Kunst. Er redete über das, was er gelesen hatte, über die großen Wälder, über seine einsamen Wanderungen in ihnen, über die Krankheit und den Tod der Mutter, über des Vaters Melancholie und seine eigene Einsamkeit. Alles erzählte er. Und alles ward ihm größer, bedeutungsvoller, weil er es nicht mehr einsam tragen mußte. Emma saß neben ihm und lauschte; ihre Augen wichen nicht von Erlings Gesicht, solange er erzählte. »Wunderbar,« dachte Erling oft. »Sie ist doch jünger als ich. Aber alles versteht sie besser!« Es war kein großer Spielraum, in dem die zwei jungen Menschen sich bewegten; und doch ward ihnen die Zeit nicht lang. Die Stockrosen welkten und fielen ab. Die Vogelbeeren röteten sich hinter den gilbenden Blättern. Im Hag stand schon eine Birke in Rot und Gold und stach seltsam ab vom Grün der übrigen Bäume. Die beiden merkten nicht, wie die Zeit verging. Sie hatten sich ein Wunderland geschaffen; und in diesem Wunderland lebten sie. »Was habt ihr heute getrieben, Kinder?« fragte Tante Olivia. »Nichts,« erwiderten sie beide und lachten. Tante Olivia war sehr gut zu ihnen. Emma war ihr einziges Geschwisterkind; und sie hatte das Mädchen zu sich genommen in der kühnen Hoffnung, sie gesund zu machen. Als sie sah, daß Emma durch Erlings Besuche täglich frischer wurde, ermunterte sie den Jüngling noch eifriger als vorher, doch ja wieder zu kommen. Daß der Major den Sohn nicht vermißte, das wußte sie wohl. Wenn Erling nach einem solchen Tag durch den dämmernden Wald nach Hause ritt, ließ er die Zügel hängen und das Pferd Schritt gehen. Alles, was er sah, ward ihm schöner und schöner. Eine Weihe war in ihm, eine Weihe, die durch nichts gestört werden konnte. Lächelnd liebkoste er die alte Braune und dachte dabei an Emma. Menschen und Welt wurden so klein für ihn. Er war so hoch über ihren Kümmernissen, ihrem Streben, und zum erstenmal in seinem Leben wagte er es, vor sich selbst zu bekennen: Noch keiner, den er gesehen, besaß etwas von dem, was er Glück nannte. So klein war der Menschen Leben. So eng und klein ihre Gedanken... Voll einer grenzenlosen Wonne ritt er dahin auf dem glatten Pfad; das Pferd setzte vorsichtig die Hufe, um nicht zu stolpern. Ringsum schwieg der Wald. Wie ein Dämmernetz von Zweigen und Nadeln spannte es sich zwischen den Tannen, dunkel, reglos, schattengleich. Und eine Gewißheit überkam ihn, eine Gewißheit, daß Emma gesund werden würde. Es war, als hielte er ihr Schicksal in der Hand, weil es mit dem seinen verwoben war. Wenn er daheim war, überließ er das Pferd dem Kutscher und schlich sich leise auf sein Zimmer. Er wollte niemand begegnen. Allein schon der Gedanke an andre Menschen störte ihn. Und wenn er auf seinem Zimmer war, riß er das Fenster auf und blickte hinaus über die Bäume des Parks, hinter denen das Wasser des Lommen erglänzte. Über ihm leuchteten blaß die Sterne. Die beiden Kinder nannten sich jetzt Du, und das kleine Wort hatte sie einander noch näher gebracht. Wenn Erling neben Emma saß, und das Gespräch so recht im Gang war, konnte er ihrer zarten, spielenden Stimme lauschen und sich immer wieder darüber wundern, daß er früher immer so viel von den Alten erwartet hatte. In seinem Innern lebten noch immer die Fragen von ehedem, die großen und kleinen Fragen, die er nie hatte aussprechen können, weil sie ihm nie jemand hatte beantworten wollen. Aber nun schlummerten sie alle in süßer Ruh, als wären sie längst beantwortet, und vor seinen Augen breitete sich in unendlichem Licht der einfache, gerade Weg, den er zu gehen hatte, um zum Ziel zu gelangen... Nichts störte den schönen Traum der Kinder. Lange Wochen hindurch schien die Sonne; vergebens schrie der Landmann zum Himmel um Regen. Kein Regen kam. Unveränderlich klar wölbte sich der blaue Augusthimmel über dem Garten und dem Waldhang auf Torp. Ungestört durften die zwei Kinder ihr Spiel zu Ende spielen. Als dann schließlich die alte Frau Propstin Storck, Emmas Mutter, zu ihrer Schwester zu Besuch kam, änderte auch dies nichts an den Gewohnheiten der beiden Kinder. Die Propstin war auch jetzt noch, in ihren alten Tagen, ein kleines, zartes Wesen, das jedermann so wenig wie möglich belästigen mochte. Als wäre sie gar nicht von dieser Welt, glitt die kleine alte Dame mit dem üppigen grauen Haar und den warmen, tiefliegenden Augen durch die Zimmer. Wenn sie irgendwo allein saß, beschäftigten sich ihre Hände mit einer Handarbeit oder ihre Augen mit einem Buch. Aber sie konnte selten lang still sitzen. Denn sie hatte eine Schwäche, eine Schwäche, die die Qual ihres Lebens war. Sie fürchtete sich vor dem Gewitter. Und diese Angst beherrschte sie so stark, daß sie jeden Vor- und Nachmittag ein paarmal hinausging und die Natur genau in Augenschein nahm. Wenn der Himmel wolkenlos und klar war, so kehrte sie friedlich auf ihren Platz im Wohnzimmer zurück. Entdeckte sie aber auch nur eine Wolke, die ihr im geringsten verdächtig vorkam, so kam sie mit ganz niedergeschlagener Miene und hastigen Schritten zurück. Sie machte dann die Runde durchs Haus, schloß alle Fenster und Türen und nahm schließlich ihren gewohnten Platz wieder ein, wobei sie aber fortwährend angstvoll durch die kleinen Scheiben spähte. Kein Mensch scherzte jemals mit der Propstin über diese kleine Schwäche. Daß ihre Umgebung heimlich darüber lächelte, daran war sie ganz gewöhnt; und sie selber lächelte oft genug, ein gutherziges kleines Lächeln, als wolle sie für ihre fixe Idee um Entschuldigung bitten. Sie selber machte nie die geringste Bemerkung über andre; nie hörte man von ihr ein hartes oder boshaftes Wort. Sie war darin, wie eigentlich in allem, Tante Olivias gerader Gegensatz; und als müßte das so sein, legte Tante Olivia in Gegenwart dieser Schwester ihrer Natur Zwang an und ward ein ganz andrer Mensch. Ihr Lachen war weniger laut, ihr Urteil über die Menschen milder. Es war, als lege die Anwesenheit der Schwester ihrer ganzen Persönlichkeit einen Dämpfer auf. »Schwester Jeanette ist so sensibel,« pflegte sie zu sagen. »Eigentlich bin ich ihr viel zu bastant.« Die Propstin störte also die zwei jungen Menschen gerade so wenig wie sie überhaupt je mit Wissen und Willen in ihrem Leben einen andern gestört hatte. Sie wanderte allein vors Haus und besah sich die Wolken, oder saß mit ihrem Strickzeug im Schaukelstuhl in der Wohnstube. Was sie dachte, wußte niemand recht. Nur hie und da einmal näherte sie sich den beiden und fragte, ob Emma viel gehustet und ob sie sich auch nicht zu sehr erhitzt habe. Dann ging Emma ihr entgegen, schlang den Arm um sie und flüsterte ihr zärtliche, beruhigende Worte ins Ohr. Und es war bei solchen Gelegenheiten immer, als wäre die alte Mutter diejenige, die krank war und der Pflege bedurfte. Für Erling, der nie die Süße einer derartigen Vertraulichkeit gekostet hatte, war es immer ein Genuß, zuzusehen. Eins aber war doch, was die beiden jungen Menschen störte. Und das war, daß die Tage allzu rasch vergingen. Wie der Vorgeschmack eines unausweichlichen Unglücks konnte plötzlich dieser Gedanke in ihnen erwachen, und einen Eindruck der Wehmut zurücklassen, der sie dann nur noch mehr dazu antrieb, die Stunden, die ihnen noch gehörten, auszunützen. Je näher der Abschied ihnen rückte, desto schmerzlicher ward ihnen die Gewißheit, daß sie ihr Paradies verlassen mußten. Und als schließlich der letzte Tag unwiderruflich gekommen war, da war es, als entdeckten sie jetzt auf einmal erst im Ernst, daß um sie die Bäume gelb geworden, die Blumen vom Reif geknickt, die Septemberfröste gekommen waren. Das Gartengatter knirschte in seinen Angeln; sie gingen den Weg, der die üppige dunkle Weißdornhecke entlang zum Bach hinabführte. Erling ging zuerst über das Brett, hinter dem der Pfad sich weiter in den Wald verlor, und bot Emma die Hand. Als sie glücklich drüben war, behielt er ihre Hand in der seinen. Schweigend schritten sie unter den Birken dahin. Rings um sie her strahlte die gleiche unermüdliche Sonne, die ihnen diese ganzen letzten Wochen hindurch nicht untreu geworden war. Aber die Blätter der Birken spielten in Gelb, die Vogelbeeren prangten rot hinter dem grünen Laub, und unter den weißen Birkenstämmen rauschten die braungetrockneten Blätter des Farnkrauts im Wind. Weit hinten auf den Feldern sahen sie, wie der Hafer vor den Sensen der Schnitter fiel. Der September war da. Über Hügel, wo der Ausblick sich über abgemähte Felder und Äcker und Gehölz weitete, zog sich sachte der Pfad. Schließlich war Emma müde, und sie standen still. Auf den Wangen des Mädchens glühten rote Flecken. Stillschweigend ließ Erling sich neben ihr im Gras nieder. Sein Herz war voll, über ihren Häuptern wiegten sich die langen, hängenden Zweige der Birken; Goldwolken segelten zwischen weißen, rosig erglühendem Purpurgewölk am Himmel hin. Keins von ihnen fand ein Wort zu sagen; sie wußten beide, jetzt nahmen sie Abschied. Und dies Gefühl bewältigte sie ganz und gar. Als sie endlich aufstanden, um heim zu gehen, bückte sich Erling und faßte Emma um den Leib, um ihr aufzuhelfen. Dabei neigte sich ihr Gesicht ihm entgegen; und ehe er wußte, wie ihm geschah, hatte er ihre Lippen geküßt. Emmas Augen glühten in einem neuen, tiefern Glanz, als sie nun heimwärts wanderten; sie nahm Erlings Arm, um sich darauf zu stützen. Frei und offen begegneten sich beider Blicke. Sie hatten ein Gelübde getauscht, ein Gelübde, das bindend war fürs Leben. Heilig, glückselig und ernst, wie nichts, was sie je erlebt oder erträumt, ward ihnen diese Stunde. Als sie sich der Hecke näherten, lächelte Emma und ließ Erlings Arm los. Das Geheimnis, das sie beide miteinander hatten, durfte niemand wissen. Als ihren teuersten Schatz wollten sie es bewahren. Unter heiterem Plaudern und Scherzen verging das Mittagessen. Für Emma und Erling war es, als wären sie ganz allein in dem hellen Zimmer und redeten ohne Worte miteinander. Als das Essen vorüber war, waren sie noch einen Augenblick allein miteinander. Denn Tante Olivia legte Wert darauf, ihr Essen in ihrem breiten Lehnstuhl zu verdauen, und die Propstin saß still in der Sofaecke daneben und las die letzte Nummer des Familienjournals. Erling und Emma gingen hinaus in die Lindenlaube, wo sie am ersten Tage miteinander gesessen hatten. Emma bat Erling, einen Augenblick zu warten; als sie zurückkam, gab sie ihm das kleine Buch, das damals zwischen ihnen auf dem alten steinernen Tisch gelegen hatte. Da lag es auch heut; aber Emma öffnete es mit eifrigen Fingern und zeigte Erling, daß sie auf die erste Seite mit zierlichen Buchstaben seinen Namen unter den ihren geschrieben hatte. »Ich habe nichts, was ich dir geben könnte,« sagte Erling betrübt. Emma schüttelte das Köpfchen und erwiderte: »Du hast mir genug gegeben.« Eine Weile später nahmen sie Abschied voneinander und gingen wieder ins Haus zu den Alten. Sie küßten sich nicht diesmal. Sie hielten sich bloß lang an den Händen, und Emma sagte: »Nächsten Sommer seh' ich dich wieder hier. Dann bin ich gesund. Und morgen lieg' ich wach und denk' an dich, wenn du fortreist.« So schieden die beiden Kinder. Und als Erling am nächsten Morgen im Wagen saß und der Stadt zurollte, war er glücklich in dem Gedanken, daß in dem kleinen Gastzimmer auf Torp ein Mädchen wach lag und ihn in Gedanken begleitete. Und glücklich war er auch im Bewußtsein, daß er in der Brusttasche seines Überziehers Emmas Abschiedsgeschenk verwahrte, das Buch, das kein Mensch außer ihm gesehen hatte oder je sehen würde. Was kümmerte es ihn, daß draußen der Regen niederrauschte und daß der erste Herbststurm blies! Den ganzen Winter lang lebte Erling Mörk in diesem heimlichen Glück. Aber als der Mai kam, da ging der Traum in Trümmer. Er war eines Abends allein auf dem Zimmer, das er während seiner Schulzeit bewohnte. Vor seinem Fenster rauschte der Fluß in der Frühlingsflut, über dem Dach auf der andern Seite der Straße, die mitten durch die kleine Stiftsstadt führte, sah man hinaus auf die blauenden Hügel. Die Sonne war untergegangen; über dem Himmel lagen Purpurwolken, die immer dunkler und dichter wurden, je tiefer die Sonne sank. Erling stand an das Fensterkreuz gelehnt; seine Augen standen voller Tränen; er sah nichts. Sein ganzer junger Körper ward wie von einem Frost oder Krampf geschüttelt. Immer wieder schlug er verzweifelt mit der geballten Hand aufs Fensterbrett, als müsse der körperliche Schmerz ihm Linderung verschaffen. Schließlich wankte er nach dem schmalen Sofa an der Längswand zurück. Dort fiel er kopfüber hin; und ein gewaltiges Schluchzen schüttelte seinen Körper. So fand ihn die alte Schul-Aufwartefrau, die mehr von den Kümmernissen der Jugend gesehen hatte, als je ein Vater oder eine Mutter. Sie tat, als sähe sie den Jüngling gar nicht, sondern machte still das Zimmer zur Nacht zurecht. Dann zog sie die Rollgardine vors Fenster und zündete die Lampe an, obgleich noch das helle Dämmer des Frühlingstags herein schien. Eine Weile, nachdem die Alte gegangen war, erhob sich Erling und setzte sich im Sofa auf. Er weinte nicht mehr, sondern saß bloß ganz still und starrte in das kleine Zimmer mit seinen einfachen Möbeln, als wisse er nicht recht, wo er eigentlich sei. Schließlich merkte er, daß das Bett gemacht war. Aber er konnte sich nicht darauf besinnen, wie das geschehen sein konnte. Vielleicht war es Zeit, zu Bett zu gehen? »Ich habe gewiß geschlafen,« dachte er. »Es muß schon spät sein.« Es kam ihm gar nicht in den Sinn, nach der Uhr zu sehen. Mechanisch entkleidete er sich. Die Kleider ließ er liegen, wie sie gerade lagen, und nachdem er die Lampe gelöscht hatte, ging er zu Bett. Er wunderte sich, daß durch die herabgelassenen Gardinen noch Tageshelle schien. Im Bett begann das Weinen aufs neue; und wie ein Kind weinte sich der einsame Jüngling in Schlaf, bis ins Innerste erschüttert von seinem ersten, großen, jungen Leid. Er hatte heute einen langen, einsamen Spaziergang vor die Stadt hinaus gemacht. Über den nassen Feldern trillerten die Lerchen, durch die Gräben schoß braun das Wasser, unter den Tannen im Wald stand grünes Moos mit weißen Schneeflecken tief im Schatten. Voll Glücks war er dahingewandert und hatte geträumt, voll Glücks – er wußte ja, der Sommer war nah, der Sommer, nach dem er sich so unendlich sehnte. Als er heimkam, war er in die Wohnung der Familie gegangen, bei der er in Pension war. Auf dem Tisch lag eine Zeitung. Erling las sonst nie die Zeitung; aber ein Name, der da, von schwarzem Rand umgeben, stand, zwang ihn, zum Tisch hin zu gehen und zu lesen... Er mußte lange buchstabieren an dem Namen und an den Worten, die ihn begleiteten, ehe er zu fassen vermochte, daß das, was er da las, wahr war. Da stand, daß Emma tot war; im Alter von noch nicht sechzehn Jahren. Als Erling es endlich begriff, wurde in ihm und um ihn alles dunkel. Er sah nichts mehr, bis er auf dem Sofa auf seinem kleinen Zimmer aufwachte und die Lampe auf dem Schreibtisch brennen sah. Um ihn war alles öde und leer. Alles war fort, das Glück, die Jugend, der Sommer, nach dem er sich gesehnt hatte. Sein späteres Schicksal gehörte einem andern Märchen an... Achtes Kapitel So saßen die beiden Brüder Mörk, jeder auf seinem Gut, Jahr um Jahr; und ihr Haß war jedermann bekannt. Keiner von den beiden gab sich mehr Mühe, ihn zu verheimlichen. Der Major auf Kolsäter, der Hüttenherr auf Björknäs, so hießen die beiden Brüder jetzt im täglichen Verkehr. Sie waren beide alt geworden; und beide hatten sie die Zeit überlebt, in der der schwedische Adel noch etwas in der Gesellschaft bedeutete. Den Kampf um die Repräsentationsveränderung illuminierten die Siege der neuen Zeit. Bauer und Bürger drangen vor und rissen die Macht in der Gesellschaft an sich. Und auch in diesen Kämpfen waren die Brüder Gegner gewesen. Als 1865 der letzte Ständereichstag bevorstand, schrieb Nils Göran an den Bruder und fragte ihn, ob er sein Recht als Chef der Familie geltend machen und an den Reichstagsverhandlungen teilzunehmen gedenke. Andernfalls beabsichtige er selbst das zu tun. Der Major beantwortete diesen Brief überhaupt nicht, sondern reiste kurzerhand nach Stockholm, was in der ganzen Gegend großes Aufsehen erregte. Denn seit der Krankheit und dem Tod der Gnädigen war der Major, soweit man es wußte, keine Nacht mehr von Kolsäter weg gewesen. Er blieb in Stockholm, bis die heißen Septembertage vorüber waren. Von seinem Platz unter dem Adel hörte er die lange Debatte jener vier Tage mit an; und er war unter denen, die zu Protokoll zu geben wünschten, daß sie im Namen des Vaterlands freiwillig von jahrhundertalten Rechten abstanden. Als der Major durch die Wälder wieder heimwärts fuhr, wußte er kaum, hatte er eine Pflicht erfüllt oder eine entehrende Handlung begangen, so schwankte er zwischen den Schalen der Wage hin und her. Sein Verstand und sein Gerechtigkeitsgefühl gaben der neuen Zeit und ihren Forderungen recht; und in Übereinstimmung damit hatte er auch abgestimmt. Aber im Herzen war er noch immer der alte Bauernfeind, und der Sieg, zu dem er beigetragen hatte, machte ihm nur wenig Freude. Dabei wußte er aber doch im Innersten, daß er sich, bizarr genug, im Augenblick der Tat gefreut hatte; aber weniger über den Sieg des Liberalismus, als über die Kränkung, die der Bruder empfinden mußte, wenn er den Familiennamen auf der unrechten Seite sehen würde. Denn der Hüttenherr auf Björknäs war seiner ganzen Natur und Überzeugung nach ein Konservativer vom reinsten Wasser. Das Geld der Bauern nahm er gern; aber ihre Interessen zu fördern, das fiel ihm gar nicht ein. So getrennt durchlebten die Brüder auch die Jahre der Krise, die nun folgten. Kaum war die neue Staatsordnung zur Wirklichkeit geworden, so legte auch schon ein allgemeiner ökonomischer Rückgang das Land und vor allem die Hüttenindustrie lahm. Das alte schwedische Eisen hatte nicht mehr denselben Marktwert wie einst. Schweden war zurückgeblieben. Das Rohmaterial war gut wie immer; aber es wurde nicht in der richtigen Weise verarbeitet. Die alten Hämmer hatten ausgedient; die meilenweiten Fuhren durch die Wälder machten sich nicht mehr bezahlt. Eisenbahnen waren zu wenig da. Erz, Gußeisen, Stangeneisen, alles mußte auf Schlitten oder Wagen geführt werden. Kein Mensch hatte früher so genau mit ein paar Meilen mehr oder weniger durch die Wälder gerechnet. Jetzt auf einmal empfand man es als eine Last, daß Schweden so groß und daß die Entfernungen zwischen seinen einzelnen Teilen so furchtbar weit waren. Die Lagerplätze der Hämmer standen voller Eisen; aber in den Kassen herrschte Ebbe. Dazu kamen Zeiten der Teuerung und Not über das Land. Hungernde Männer, Weiber und Kinder streiften, Arbeit und Brot suchend, durch das ganze Land. Die alten Güter, die Generationen lang ein und derselben Familie gehört hatten, begannen ihre Besitzer zu wechseln. Konkurse gehörten zur Tagesordnung. Jede Post brachte Nachrichten von neuen, großen Unglücksfällen. Die Unsicherheit war eben so groß, wie die Insolvenz allgemein war. Wer heut' reich war, ward morgen arm. Hüttenbesitzer und Magnaten machten Bankerott. Ihre Besitzungen kamen unter den Hammer. Und sie selber mußten, wenn sie bei Jahren waren, das Gnadenbrot bei Verwandten essen, oder, wenn noch Kraft und Tüchtigkeit zu ernsthafter Arbeit in ihnen steckte, sich Arbeit im Dienst des Staats oder bei Privatpersonen suchen. Am schlimmsten traf es die Adelsfamilien und deren Güter. Auf diese Männer und Frauen, die geboren und erzogen waren in der Vorstellung, daß sie die Herren des Landes waren und in dieser Stellung auch stets verbleiben würden, mußte der Schlag, wenn er sie traf, geradezu betäubend wirken. Dafür kamen jetzt auf einmal die Kleinen herauf, kleine Kapitalisten, die sich zusammentaten, kleine Geschäftsleute. In ihre Hände gerieten nun die einstigen herrschaftlichen Angestellten; und groß war unter diesen das Entsetzen vor der neuen Zeit, die jetzt hereinbrach. Der Tag, an dem der Herr mit seiner Familie für immer von dem alten Gut fuhr, war für alle ein Tag der Trauer. Fremde Herren kamen jetzt, die keiner kannte, von denen keiner wußte, ob man sich auf sie verlassen konnte, wenn die Not vor der Tür stand... Viele dieser Alten, die die neue Zeit beiseite geworfen hatten, empfanden es als ganz besonders eigentümlich, daß die schweren Tage so gleichsam in einem Atem damit kamen, daß der alte Adel in Schweden zu existieren aufhörte. Sie sahen im Zusammentreffen der Umstände eine Art Zusammenhang; und wenn diese Alten, Grauen auf die Erfahrungen ihres Lebens zurückschauten, so sahen sie weder für sich und ihre Nachkommen noch für Schweden im allgemeinen mehr einen neuen Tag heraufdämmern. Sie waren, so schien es ihnen, rettungslos dazu verdammt, im Dunkel zu erlöschen. Manche kamen aber auch über die kritischen Jahre weg; und zu diesen Glücklichen gehörten die beiden Brüder Mörk. Kolsäter blieb in der Hand des Majors und Björknäs in der des Hüttenherrn. Ein Unterschied machte sich aber doch bemerkbar. Des Hüttenherrn Besitz mehrte sich von Jahr zu Jahr; und mit sechzig Jahren war Nils Göran der reichste Grundbesitzer der ganzen Gegend. Es war, als triebe ein eiserner Wille ihn vorwärts, als winke ihm nur ein einziges Ziel, das er nie aus den Augen verlor. Von Jugend auf war in Nils Göran Mörk der Neid gegen den älteren Bruder gewesen und ständig gewachsen. Es war, als sei die Bruderliebe nur ihm eine Last gewesen, deren Abwerfen ihn nur energischer und kräftiger gemacht hatte. Als er sich endlich dem Bruder gegenüber verraten hatte, so war das in ihm wie eine Art vulkanischen Ausbruchs; nachdem das unterirdische Feuer einmal die Dämme gebrochen hatte, floß der Lavastrom weiter und weiter, und alles, was dereinst in ihm gut gewesen, versteinerte. Nils Göran Mörk war ein Mann voll Kraft nach diesem Geschehnis. Aber auch ein harter und ein rücksichtsloser Mann. Der Wald war nicht das einzige, was er verkaufte. Er beschränkte sich auch keineswegs darauf, nur das, was sein war, zu verkaufen. Er kaufte von anderen auf und verkaufte wieder mit Gewinn. Getreide, Wald, Mühlen, Sägewerke, ganze Besitzungen kaufte er auf. Mit einem Wort – der Hüttenherr spekulierte. Und weil er ein kluger und bedächtiger Mann war, spekulierte er bloß in Dingen, auf die er sich verstand, und über die er ein Urteil hatte. Nur selten konnte man dem Hüttenherrn auf Björknäs nachsagen, er habe sich verrechnet; er glaubte auch selbst blind an seine Berechnungen, etwas, was unbedingt notwendig sein soll für jeden, der in solchen Sachen Glück haben will. Nils Göran Mörk hatte auch Glück; und er war auf seine kalte, scharfe Art ganz zufrieden mit den Siegen, die er so, langsam und stetig, errang. Er wurde auch ein Mann, dem andere vertrauten; und dadurch, daß er andern Dienste leistete, verstand er es auch, sich Freunde zu machen. Er verlangte viel von den Menschen, aber es konnte ihm auch keiner nachsagen, daß er sich selber schonte; und hätte er eine andere Lebensweise geführt, er hätte sicher ein hohes Alter erreicht und wäre als das Orakel und der Patriarch des Kirchspiels gestorben. Aber in seinen späteren Jahren fing der Hüttenherr das Trinken an. Es kam überhaupt in sein ganzes Wesen etwas, das an den Vater, den alten Henrik Gören Mörk, der vor ihm auf Björknäs gesessen hatte, erinnerte. Zechgelage gingen Hand in Hand mit den Geschäften und waren die Einleitung und der Abschluß der Gewinne, die auf der Bank deponiert oder in einträgliche Unternehmungen gesteckt wurden. Und der Hüttenherr sparte sich beim Glas ebensowenig wie bei der Arbeit. Nacht für Nacht zechte er durch, ob daheim, ob draußen. Und wie spät er auch ins Bett kam, jeden Morgen früh saß er korrekt, aufrecht in seinem Kontor oder machte die Runde im Hammer, wo sein bloßer Anblick auf die Faulen und Saumseligen wie Peitschenhiebe wirkte. Den sonstigen Lastern des Vaters fröhnte der Hüttenherr nicht. Dazu war er viel zu korrekt und zu besorgt um seinen guten Ruf. Jedenfalls war es nicht Mina Charlotta, die in dieser oder irgend einer andern Beziehung irgendwelchen Einfluß auf ihren Mann ausübte. Die beiden Gatten hatten im Lauf der Jahre die Rollen in ihrer Ehe gründlich getauscht. Ebenso sicher und stark, wie Mina Charlotta in früheren Jahren ihren Mann beherrscht hatte, war jetzt die Gewalt ihres Mannes über sie. Mina Charlotta hatte den Tag ihres Triumphs erlebt, als ihre Ränke Frucht getragen hatten. Mit einem Sieger voll Siegesbewußtsein hatte sie damals Kolsäter den Rücken gewandt und hatte geglaubt, jetzt sei sie frei von allem, was sie bedrückt hatte. Aber es ging ihr wie in der Fabel vom Zauberlehrling: Die Geister, die sie gerufen, ward sie nicht mehr los. Und diese Geister übten ihre Rache an der, die sie heraufbeschworen. Denn von jenem selben Tage änderte sich auch ihr Geschick. Es war, als habe der Hüttenherr auf einmal klar erkannt, wer ihm den meuchlerischen Trunk gereicht, der ihm das kranke Blut vergiftet hatte. Und das Gift wirkte weiter. Es hörte nie auf zu wirken. Der Neid auf den Bruder hatte ihm Riesenkräfte verliehen, mittelst derer er sein Ziel erreicht und aus dem Hüttenherrn auf Björknäs etwas Größeres gemacht hatte als der Major auf Kolsäter war. Aber von der Stunde an, da in seiner Seele die Liebe zum Bruder starb, war der Hüttenherr nicht mehr der alte. Auch Mina Charlotta büßte ihren Platz in seinem Herzen ein. Er duldete nicht länger, daß sie sich in seine Angelegenheiten mischte. Er wurde wortkarg, reizbar und hart daheim. Seine ganze Person verbreitete Schrecken um sich, und Mina Charlotta war's, die am meisten darunter zu leiden hatte. Aus der Frau, zu der er einst emporgesehen hatte, machte der Hüttenherr eine geduldige, bittere und sklavische Untergebene. Wie durch ein Wunder war der ehemalige Pantoffelheld plötzlich zum Despoten geworden. Und unter der eisernen Hand, die sie jetzt beherrschte, schrumpfte Mina Charlotta zusammen zu einer fügsamen, nachgiebigen und schweigsamen Ameise, deren ganzes Bestreben nur dahin ging, es dem Mann recht und sich selber so klein wie möglich zu machen. In einer einzigen Sache hatte der Hüttenherr sich aber doch verrechnet. Er hatte zu den wenigen gehört, die die finanzielle Krise längst vorausgesehen hatten, und er war überzeugt, als sie endlich kam, daß der Bruder ihr zum Opfer fallen würde. Mit einer Art grausamer Befriedigung sah er schon den Tag vor sich, an dem er dem Bruder anbieten würde, ihm wieder auf die Beine zu helfen. Denn darüber war er sich klar – trotz allem, was zwischen ihnen lag, mußte er das tun, schon um der Familie willen. Dieser Tag kam jedoch nicht. Das Barvermögen, das die selige Exzellenz hinterlassen hatte, war doch zu groß, als daß eine derartige Möglichkeit auch nur denkbar gewesen wäre. Als der Sturm kam, nahm der Major vom Kapital, so viel als notwendig war, um ihn auszuhalten; und als er vorüber war, saß er noch immer auf Kolsäter, zwar ärmer als vorher, aber ebenso unempfindlich auch hiergegen wie gegen alles andre überhaupt. Die Zeit war an ihm vorübergegangen; lang hatte er einsam gelebt. Erling bestand sein Bergbauexamen und machte darauf eine Auslandsreise. Fast drei Jahre hatte diese Reise jetzt gedauert, und noch machte der Sohn nicht Miene, heim zu kommen. Der Major hatte ihn auch gar nicht dazu aufgemuntert. Das Leben hatte ihn wund geschlagen; und er brauchte länger, als andern nötig oder verständlich schien, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Er gewöhnte sich ans Einsamsein und blieb auch einsam. Der Major gehörte zu den Menschen, von denen alle nur Gutes zu sagen wissen, die aber, wenn sie alt werden, die meisten doch scheuen. Es ist, als strahlten solche Menschen ein Fluidum aus, das um sie her eine Leere schafft. Und es sieht oft so aus, als wäre diese Leere, die sich um solch einen Menschen bildet, die eigentliche Lebensluft, ohne die er überhaupt nicht atmen könnte. Der Major fing in dieser langen Zeit an, so nach und nach mit seinem eigenen Leben zurecht zu kommen. Aber erst jahrelang nach Brites Tod vermochte er sie zu betrauern. In der ersten Zeit empfand er ihren Tod bloß als Erleichterung. Die Schreckensszenen, deren Zeuge er in den letzten Lebensjahren seiner Frau oft gewesen war, machten sogar die Erinnerung noch unheimlich. Hauptsächlich ein gespenstisches Bild verfolgte ihn jeden Abend. Es war die Erinnerung an den Lichtschein, der aus Brites Fenster immer über das Dunkel des großen Hofplatzes gefallen war. Das Licht war erloschen; aber vor der Einbildung des Majors flackerte es noch lang zwischen den Ulmen des Hofs, so oft die Dämmerung über die Fluren sank. Es kam dem Major lang so vor, als würde er Brite überhaupt nicht als tot betrauern können. Allzu lang hatte er sie als Lebende betrauert. Diese letzten Jahre hatten in ihm etwas verbrannt und ihn leer gemacht. Lange, lange dauerte es, bis diese unheimlichen Erinnerungen verblaßten, und die wirkliche Brite das Zerrbild der dunkeln Tage verdrängte. Lange Jahre mußten darüber hingehen. Und der Major ward in dieser Zeit unzugänglich. Mit keinem Menschen, sei es Gast oder Untergebener, redete er mehr als das Allernotwendigste. Man bekam ihn auch nur selten zu Gesicht, und niemand wurde vorgelassen, ehe nicht Tilda ihn erst sorgfältig gemustert hatte und dann durch die festgeschlossene Tür zu des Majors Zimmern verschwunden war, um sich zu erkundigen, ob der Herr von Kolsäter zu sprechen war oder nicht. Grau an Bart und Haar war der Major geworden. Und wenn er jetzt in dem kurzen Umhang mit dem Sammetkragen oder im Winter im Pelzrock mit dem Biberaufschlag um Hals und Ärmel auf dem Gut die Runde machte, da schüttelte manch einer von den Untergebenen den Kopf und meinte, die Zeiten der seligen Exzellenz seien wiedergekommen. Alles, was von der alten Exzellenz erzählt wurde, stimmte ganz gut mit der jetzigen Lebensweise des Majors überein. Er war allerdings weder hart noch gefühllos andern gegenüber. Aber er lebte wie ein Sonderling, und redete nicht mehr, wie früher, mit seinen Angestellten. Und die Alten behaupteten steif und fest, wenn man ihn von hinten sähe oder wenn seine Augen so scharf unter den buschigen Brauen hervorblickten, da sei es, als sähe man die alte Exzellenz leibhaftig vor sich. Der einzige, der auf Kolsäter ab und zu ging, als wäre er daheim, war Doktor Roeler. Wie der Major hatte auch der Doktor sein Leben hinter sich und redete nie davon. Sein ganzes Leben konzentrierte sich in zwei Hauptpunkten: Den frühen Tod seiner Frau und die unglückselige Operation, die einem Patienten das Leben gekostet hatte. Aber das alles war in Stockholm geschehen, viele Jahre waren seitdem vergangen, in dem Distrikt, in dem er jetzt Arzt war, wußte man kaum von diesen Begebenheiten, und die wenigen, die einst davon gewußt hatten, hatten es längst vergessen. Darum war der Doktor eigentlich jetzt glücklich. Das Vergangene hatte er überwunden; und seine Umgebung hatte keinen Anlaß, sich mit seinem früheren Leben zu beschäftigen. Er war ein humoristischer Melancholiker. Aber die Melancholie behielt er gewöhnlich für sich, und wies seinen Freunden nur eine Akt scharfen, scherzhaften Wohlwollens. Dem Major war er nach und nach ganz unentbehrlich geworden. Wenn eine Woche verging, ohne daß des Doktors Fuhrwerk auf Kolsäter verfuhr, so wurde der Major schon ungeduldig und empfing den Gast, wenn dieser endlich kam, mit einem Schauer von Scheltworten. »Zum Kuckuck auch,« antwortete dann der Doktor, »warum kannst du denn nie zu mir kommen?« »Ich gehe nirgends hin, das weißt du wohl,« fauchte der Major. »Ich sitze in meinem Loch. Das bekommt mir am besten.« Eines Februarabends, als der Doktor sich lange nicht mehr auf Kolsäter hatte sehen lassen, kam er noch spät in der Dunkelheit gefahren. Der Major empfing den Freund mit dem Gefühl, daß dieser ihm eine Wohltat erweise. Er ließ oben im Giebelzimmer Licht machen und holte seinen besten Kognak. Auf dem Tisch zwischen den zwei Männern dampfte aus schweren, geschliffenen Gläsern das heiße Wasser, und der Major bereitete sich auf einen der ruhigen Abende vor, die ihm nach und nach das Liebste geworden waren. Oft hatten die beiden Männer so gesessen. Manchmal wanderten sie ernsthaft oder scherzend durch den großen Raum, oder erprobten ihre Kräfte an einer Partie Billard. Oder auch holten sie das Brettspiel; und während die Würfel rollten und die Brettsteine klapperten, verging unter Plaudern und Schweigen der Abend. Ab und zu auch wurden die Karten hervorgesucht; und bei einer ruhigen Partie Pikett genossen die zwei alten Herren das Gefühl, daß die Zeit rasch dahinflog. Immer sprachen sie dabei fleißig der Flasche zu. Und wenn das Nachtessen abgetragen war, setzten sie sich zum Plaudern, zu stillem Gespräch zusammen. Dann löste sich beiden die Zunge; und sie lernten einander bei diesen Zusammenkünften nach und nach in- und auswendig kennen. Nichts war in dem Major, das er dem Freund nicht hätte anvertrauen können. Und auch im Leben des Doktors war keinerlei wichtige Episode, von der nicht der Major wußte. Ihre allerbesten Abende waren es, wenn Billard, Brettspiel und Karten nicht angerührt wurden. Dann saßen sie Stunde um Stunde beieinander. Die Tabakswolken lagerten sich um sie her. Das heiße Wasser im Krug mußte zwei- und dreimal erneuert werden. Da geschah es auch, daß, wenn andre Gesprächsstoffe ihnen ausgingen, die Ereignisse ihres eigenen Lebens wieder und wieder hervorgeholt und erzählt wurden. Gedanken und Fragen von früheren Gesprächen her kehrten in neuer Form wieder. Ein neues Kapitel in der inneren Geschichte der zwei Freunde ward dann zu den vorhergehenden gelegt, und wenn an einem solchen Abend das Gespräch zu Ende war, so war es immer, als setzten sie mit gutem Gewissen einen Punkt hinter irgend ein abgeschlossenes Kapitel, wie gute Schriftsteller, bereit, weiter zu machen, sobald der Inhalt ihres Lebens neue Frucht in ihnen gezeitigt hatte. Heute wurde es ganz von selber ein solcher Abend. Es war deutlich zu sehen, daß Doktor Roeler etwas auf dem Herzen hatte. In seiner ganzen Art lag etwas so auffallend Beherrschtes; und während der Major von diesem und jenem sprach, betrachtete ihn der Doktor verstohlen, als wolle er eine geschickte Gelegenheit abpassen, um mit dem, was er eigentlich sagen wollte, herauszurücken. »Hast du in der letzten Zeit Nachricht von Erling gehabt?« begann er schließlich. »Ja,« antwortete der Major. »Er schreibt, er komme jetzt bald heim.« »Es ist nicht zu früh,« entgegnete der Doktor. »Warum hast du ihn eigentlich so lange fortgelassen?« Der Major strich sich über den Bart und tat einen tiefen Zug aus dem Glas, ehe er antwortete. »Ich konnte ihn daheim nicht brauchen,« sagte er schließlich gerade heraus. »Es war mir buchstäblich unmöglich. Es war mir damals so viel über den Kopf gekommen, daß ich einfach keinen Menschen neben mir ertragen konnte. Nicht einmal meinen Sohn. Ihn am allerwenigsten.« Der Major verstummte jäh; er schien danach zu ringen, seine eigene Stimme wieder in die Gewalt zu bekommen. Dann fuhr er fort: »Daß Brite starb, das konnt' ich ertragen. Auch daß ich meinen Bruder verlor. Aber ich kann nicht aufhören, gerade über dies letztere nachzugrübeln. Es ist mir noch heute unbegreiflich.« Der Doktor war jetzt auf dem Punkt angelangt, auf den er zielte. Damit der Major nicht wieder abweichen sollte, sagte er rasch: »Es ist und bleibt für den Menschen immer unbegreiflich, wenn er einen Irrtum begangen hat. Du hast dir ein Bild vom Hüttenherrn auf Björknäs gemacht, das überhaupt nie existierte. Und das hast du angebetet. Als du dann endlich einsahst, wie er eigentlich war, da warst du natürlich wie aus den Wolken gefallen.« Der Major biß die Zähne zusammen. Der Ton seiner Stimme ward scharf. »Das ist eine Lüge,« sagte er und schlug auf den Tisch. »Eine verdammte Lüge. Nils Göran war einmal, wie ich ihn mir vorstellte. Und da liegt das Rätsel, und darüber komm' ich nicht hinweg. Prosit!« Der Major trank und fuhr fort: »Was wollt' ich doch sagen, als du mich in deiner dummen Art unterbrochen hast? Ja – also das alles konnt' ich ertragen. Ich habe auch Brites langes Kranksein und den Tod des Kindes ertragen. Alles. Sogar die fürchterlichen Nächte, die ich nie vergessen werde. In dem alten Haus hier sind die Erinnerungen um einen lebendig, das glaub' mir, du! Wenn alles still ist, und ich ganz allein von einem Zimmer ins andre gehe und denke, immer nur denke, da hör' ich manches, was ich gar nicht erzählen kann. In jedem Zimmer begegnet mir etwas, das ich längst vergessen glaubte.« »Was war es also, was du nicht ertragen konntest?« unterbrach ihn der Doktor. »Wart' ein bißchen. Ich muß erst nachdenken. Wenn ich in die Erinnerungen hinein komme, bin ich wie in einem Wirbel. Ja, also! Was ich nicht ertragen konnte? Es war nicht einmal das, daß alles so plötzlich kam, so auf einmal, daß in mir alles war, als ob die ganze Welt um mich zusammenfiele, und ich mit ihr. Es ist eine ganze Kleinigkeit, die doch mehr war als alles andre. Nämlich, als all das geschehen war – du weißt, ich hab' es dir ja schon oft erzählt – da war ich reinewegs verrückt, so daß ich einfach davonfuhr. Ohne Brite ein Wort zu sagen, fuhr ich einfach davon. Und weißt du, was ich tat? Ich fuhr in die Stadt. Ich ging zu Freunden. Und was für Freunden! Ein Haufe Banditen, die ich heute nicht mehr mit der Feuerzange anrühren möchte! Mit denen lebte ich in Saus und Braus, spielte, trank, verschlief die Tage und verwachte die Nächte. Schlimmer als in meiner schlimmsten Leutnantszeit ging's zu. Du kannst mir's glauben – alle fanden sie, der Major von Kolsäter sei ein lustiger Teufel, jawohl!« Aufs neue machte der Major eine Bewegung, als wolle er trinken. Aber er schob das Glas von sich und fuhr fort: »Sie war ganz allein. Keine Zeile schrieb ich ihr. Und da ging sie zugrunde, ohne daß ich es überhaupt merkte. Und darum sitz' ich jetzt da als ein Bettler!« Des Doktors Antlitz hatte sich verfinstert, während der Major erzählte. Schweigend, an seiner Zigarre ziehend, saß er in seiner Ecke. Und noch wehmütiger als sonst blickten seine Augen unter der kahlen Stirn vor. »Wenn man verzweifelt ist, Freund, macht man eben Dummheiten,« sagte er beschwichtigend. »Wenn ich damit anfangen wollte – da fänd' ich kein Ende!« »Ja, du,« erwiderte der Major. »Aber was hilft das mir?« »Ach was, Geschwätz,« entgegnete der Doktor mit seiner unerschütterlichen Logik. »Du ahntest doch nichts vom Zustand deiner Frau. Wie kannst du es dir zur Last legen, daß sie nichts sagte?« »Und damit meinst du, hast du die Worte aller Weisheit gesprochen!« antwortete der Major. »Begreifst du denn nicht? Wenn ich Augen im Kopf gehabt hätte, hätt' ich es doch verstehen müssen! Siehst du denn nicht ein, daß gerade hierin meine Schuld liegt – die Schuld, die ich nie werde abtragen können?« »Hör' einmal, du,« unterbrach ihn jetzt der Doktor. »Jetzt fängst du an, zu reden wie ein Pfarrer.« »Die Pfarrer haben gar nicht so unrecht in allem,« erwiderte trocken der Major. »Das ist ein Vorurteil, wie so vieles andre auch. Und was Hab' ich nachher getan? Einen Monat um den andern ließ ich vergehen. Ich sah, wie Brite litt. Ich hätt' ihr helfen können. Aber ich tat's nicht. Ich bildete mir ein, ich könnt' es nicht, stellte mich selber mit Wissen und Willen taub und stumm. Und weißt du, was noch das Allermerkwürdigste war? Daß ich nämlich den ganzen Winter ganz gut wußte, daß das Unglück über mir war, und doch wie ein Verrückter handelte. Ich begreif' ja wohl, daß du das nicht glaubst. Und doch war es so. Ich wußte, das Unglück war über mir wie ein Geschwür, das sich mehr und mehr nach innen zieht. Und ich lief herum wie ein Nachtwandler und wartete nur immer auf das Unglück. Na! Du weißt es ja selber – ich brauchte nicht vergebens zu warten!« Wieder wollte der Doktor unterbrechen; aber der Major kam ihm zuvor. »Nur noch einen Augenblick. Hab' Geduld,« sagte er. »Dann magst du reden, soviel du willst. Siehst du, aus dem allen entstand in mir etwas, was man Bruderhaß nennt. Du hast mir in diesem Punkt immer gepredigt, und ich hab' dich auch ruhig machen lassen. Aber einmal sollst du mich doch hören, sollst verstehen, was dieser Haß, wie du es nennst, eigentlich ist. Ich wünsche ihm gar nichts Böses, hab' es nie getan. Aber verstehst du mich denn nicht? Verstehst du nicht, daß alle die falschen Beschuldigungen, die Ungerechtigkeiten und Lügen, mit denen er mich überschüttet hat, mich schlecht gemacht haben? Mich so tief trafen, daß sie mich schlecht gemacht haben? Sie zwangen aus mir etwas heraus, das überhaupt gar nicht da war. Sie machten mich eine Zeitlang fast so, wie er behauptete, daß ich wäre. Wir hatten ein ganzes langes Leben miteinander gelebt, er und ich. Nichts gab es, das mir selber teuer und wert war, von dem ich nicht wollte, er sollte teil daran haben, von dem ich nicht glaubte, ich teilte es mit ihm. Und alles hat er in den Schmutz gezogen. Keinen Winkel hat er mir gelassen in meinem Leben, an dem ich mich noch freuen kann. So nah' hab' ich ihm einst gestanden. Mag sein – es war bloß Einbildung! Aber begreifst du denn nicht, wie das alles war? Wir hatten uns ja oft entzweit, er und ich, wie sich Brüder eben entzweien. Aber ich hatte das alles vergessen. Ich glaubte an ihn, wie an den lebendigen Gott. Und wie er sich so plötzlich vor meinen Augen verwandelte, da verlor ich den Kopf. Und Brite hat darum sterben müssen! Verstehst du mich jetzt? Das ist ja Wahnsinn, das alles! Meines Bruders Neid, seine Beschuldigungen, seine Ausfälligkeiten, meine Trauer, mein Haß, mein Tun, meine Worte – all das war und ist Wahnsinn. Einfach alles vollständig Wahnsinn! Aber was hilft es mir, daß ich das einsehe?« Mit zitternder Hand mischte sich der Major einen neuen Toddy. Der Doktor fragte: »Sag' mal, Karl Henrik – du hast mir da so viel erzählt. Warum hast du mir das alles nicht früher gesagt?« »Hm!« erwiderte nachdenklich der Major. »Ich habe lange gebraucht, bis ich es selber verstand, und dann noch länger, bis ich soweit ruhig geworden war, daß ich darüber sprechen konnte. Tatsachen – die kann man ja immer erzählen. Aber was sind Tatsachen? Nichts.« Der Doktor lächelte; hinter seiner Brille leuchteten die klaren Augen. »Freund und Major,« sagte er, »du hast dein ganzes Leben in dieser ganzen Zeit mehr und mehr auf die schiefe Ebene gebracht. Entschuldige, wenn ich das sage!« »Was, zum Henker, willst du damit?« entgegnete der Major. »Glaubst du, das Leben, das du führst, ist dir auf die Dauer gesund? Ich meine, daß du dich von allem so abschließest?« »Und was machst denn du?« rief höhnisch der Major. Über des Doktors Gesicht glitt ein Ausdruck von Resignation. »Ich schließe mich nicht ab,« erwiderte er. »Jeden Tag fahre ich auf Praxis bei den Menschen herum. Und ich grüble auch nicht.« »Um so besser für dich,« sagte gereizt der Major. Aber der Doktor ließ sich nicht stören. »Weißt du, mit wem die Leute dich schon vergleichen?« fuhr er fort. »Was kümmert mich das?« lautete die Antwort. Der Doktor zögerte einen Augenblick. Dann lächelte er durch die Tabakswolken dem Freund zu und antwortete: »Die Leute nennen dich die alte Exzellenz Nummer zwei.« Im Gesicht des Majors zuckte keine Miene. »So,« sagte er ruhig. »Tun sie das? Das wundert mich gar nicht und kränkt mich auch gar nicht. Ich bin schon lange selber hinter die Ähnlichkeit gekommen, überhaupt sind da verwandte Züge zwischen dem Alten und mir. Das versteh' ich gut. Und vielleicht war es mehr als ein bloßer Zufall, daß er grade meinen Namen in sein Testament setzte – zum Ärger für so viele. Zu etwas Derartigem wär' auch ich imstande.« »Freilich, freilich,« entgegnete sarkastisch der Doktor. »Ich glaub' dir's. Aber es ist eben doch ein großer Unterschied zwischen euch beiden.« »Du meinst, ich sei bei Verstand,« sagte der Major. Der Doktor schüttelte den Kopf und lächelte gutmütig. »Bei Verstand – das warst du nie,« meinte er. »Du hast dich bloß ein bißchen besser maskiert. Aber du hast einen Sohn, und das hatte er nicht.« Und damit schwieg der Doktor, als habe er nun gesagt, was ihm am Herzen lag, und erwartete ruhig die Wirkung seiner Worte. Das Schweigen zwischen den beiden ward lang und peinlich. Der Major starrte in die Dämmerung, die den großen Raum erfüllte und strich sich den ergrauenden Backenbart, wie er immer zu tun pflegte, wenn er sein Mienenspiel verbergen wollte. »Du glaubst, ich habe meinen Sohn vergessen?« sagte er endlich nachdrücklich. »Nein,« erwiderte der Doktor. »Ich wollte dir nur zeigen, daß du mehr hast, wofür du leben kannst, als du überhaupt weißt.« »Sprich nicht davon!« fiel ihm der Major ins Wort. »Meinst du denn, ich wisse das nicht? Begreifst du denn nicht, daß mich das grade am allermeisten plagt? Dann hab' ich freilich all die Jahre durch tauben Ohren gepredigt!« »Nein, das begreif' ich wirklich nicht!« Der Major seufzte; ein eigentümlich müdes Lächeln glitt über sein Gesicht. »Nichts ist hoffnungsloser, als wenn man versuchen will, sich zu erklären,« sagte er dann. »Jeder hat eben das Seine zu tragen. Und jeder tut am klügsten daran, wenn er es für sich behält.« Plötzlich schlug er einen andern Ton an, blickte dem Doktor fest in die Augen und sagte: »Wo willst du denn eigentlich hinaus mit dem allem?« »Wo ich hinaus will?« »Ja, du hast etwas auf dem Herzen. Heraus damit! Sag's! Wie eine Katze gehst du um den heißen Brei. Erst machst du mich sentimental, und dann fällst du mit deinem Sarkasmus über mich her. Du bist ein schlechter Diplomat, lieber Doktor. Heraus damit, sag' ich, zum Teufel noch einmal! Glaubst du, ich merkte nicht, daß du gern etwas sagen möchtest und dich bloß nicht getraust?« Der Doktor blickte dem Major die ganze Zeit über steif in die Augen; als er fertig war, erwiderte er: »Ich habe dir auch tatsächlich etwas zu sagen. Den ganzen Abend wart' ich auf eine Gelegenheit, es dir zu sagen, ohne so gradezu mit der Tür ins Haus zu fallen. Du machst es einem nicht grade leicht, lieber Freund, das ist schon wahr! Also, was ich sagen wollte: Dein Bruder liegt im Sterben.« Der Major stieß seinen Stuhl zurück und sprang heftig auf. »Woher weißt du das?« rief er. »Ich hab' es bei einem Krankenbesuch gehört. Und da bin ich gleich hierher gefahren. Deshalb bin ich so spät noch gekommen.« »Und jetzt meinst du, ich soll nach Björknäs fahren und mich mit meinem Bruder aussöhnen.« Die Worte klangen kurz und höhnisch. Aber der Doktor sah, daß der andre mit den Tränen kämpfte. »Ich wollte nur, du solltest es wissen,« erwiderte er einfach. Der Major setzte sich wieder. Wie zur Antwort auf seine eigenen Gedanken sagte er: »Ich kann nicht.« Der Doktor verstand ihn. Er beugte sich sachte zu ihm hinüber und fragte: »Möchtest du allein sein?« »Nicht nötig,« antwortete kurz der Major. Eine Weile darauf erschien Tilda unter der Tür und meldete, daß das Nachtessen serviert sei. Die beiden Herren gingen miteinander ins Eßzimmer. Als sie unten an der Treppe angelangt waren, faßte der Major den Freund am Arm, schaute ihm fest in die Augen und sagte: »Du bist ein guter Freund, und ich danke dir! Du getraust dich sogar manchmal, mir harte Dinge zu sagen. Und du sagst sie ohne Hintergedanken. Aber denk' an eins: Einst, in alten Tagen, schloß eine Geschichte, wie wir sie heut' wieder berührt haben, damit, daß der eine Bruder zum Hof des andern zog und ihm diesen Hof über dem Kopf niederbrannte. Mit Mann und Maus. Glaubst du, die Menschen hätten das getan, um ihrem Opfer Schaden oder Schmerz zuzufügen? Nein, sie taten es, um endlich zu wissen, daß der Feind fort und daß die Luft um sie wieder rein war.« Der Major war in höchster Erregung, als er diese Worte sprach. Als er den Freund zurückzucken sah, fügte er hinzu: »Über derartiges bin ich längst hinaus. Aber soviel hab' ich doch empfunden, daß ich glaube, ich verstehe unsre heidnischen Vorväter.« Dann öffnete er mit einem finstern Lächeln die Eßzimmertür und bat seinen Gast, einzutreten. Als sie sich zu Tisch setzten, sagte er noch: »Morgen bekommen wir Sturm.« Der Wind heulte im Kamin; und an die Scheiben peitschte der trockene Schnee. Neuntes Kapitel Am folgenden Morgen wirbelte der Schnee durch die Luft und der Sturm schüttelte die Bäume im Park. Gewaltige weiße Wolken wälzten sich über das Feld; bis zu den Fenstern und über die Staffel trieben die Schneewehen empor. Den ganzen Vormittag wanderte der Major durch die Zimmer und betrachtete durchs Fenster das rasende Schneetreiben. Erst als der Gong ertönte, zum Zeichen, daß das Mittagessen fertig war, befahl er Spitz, den Schlitten zu einer langen Reise bereit zu halten. In seinem großen Pelz und der Pelzmütze, das rote Tuch um Hals und Leib gewunden, trat dann der Major vor die Tür und setzte sich in den Schlitten. Fragend sah ihn der Kutscher an. »Die Landstraße nach Süden,« sagte der Major. Durch den wirbelnden Schnee gleitet der Schlitten. Kein Wort fällt zwischen den beiden. Als sie zum Kreuzweg unten bei der Kirche kommen, hält der Kutscher an. Aber ehe er eine Frage tut, deutet der Major nach rechts. Und gehorsam biegt der Schlitten in den Weg ein, der über die Äcker hinführt. Der Schnee hat sich schon zu großen Wehen aufgetürmt. Schritt für Schritt, schnaubend, widerwillig stapft das Pferd durch den schweren Schnee. Immer wieder muß der Kutscher abspringen und neben dem Schlitten her gehen. Schweigend, düster sitzt der Major in seine Schafpelze eingewickelt da. Schließlich bleibt der Schlitten stehen, und das ermattete Pferd sieht sich um, als sei es erstaunt über die unvernünftigen Forderungen der Reisenden. »Es geht nicht mehr, Herr Major,« sagt der Kutscher. »Fahr' zu, Kerl,« erwiderte der Major. »Ich muß weiter.« »Der Gaul geht kaputt.« »So fahr' zum nächsten Wirtshaus. Und spann' einen neuen Gaul vor. Und schwatz' nicht!« Dreimal mußte der Major neuen Vorspann nehmen. Dreimal hatte er Aufenthalt, dreimal einen Aufenthalt, der ihm lang ward wie das Leben. Denn er wollte weiter, weiter. Noch nie hatte Spitz seinen Herrn so ungeduldig gesehen, so aufbrausend, so unzugänglich jedem vernünftigen Wort. Er gönnte sich und dem Kutscher nicht die Zeit, auch nur einmal eine ordentliche Mahlzeit zu sich zu nehmen. Nur schnell, schnell sollte es gehen! Vorwärts durch Sturm und Kälte durch Schnee und Nacht! Denn die Nacht brach ein, lang ehe der Major sein Ziel erreichte! Durch Wälder geht die Fahrt, durch Wälder, die seufzen und ächzen unter dem mächtigen Rütteln des Winds, über die Felder, wo Wolken von Schnee sich hinwälzen. Vorüber an verschneiten Hütten und begrabenen Zäunen, einen Weg entlang, auf dem jede Spur von Schlittenkufen oder menschlichen Schritten längst verwischt ist. Um Mitternacht legt sich der Wind; über den Häuptern der beiden lichtet sich das Dunkel. Der Sturm verstummt; die Schneewolken hören auf, sich über die Erde zu entladen. Es wird schneidend kalt, kalt und klar. Sterne funkeln auf, da einer, dort einer; und die Schlittenkufen knirschen frostig durch den Schnee. Der Major gibt noch immer keine Erklärung. An jedem neuen Kreuzweg deutet er dem Kutscher bloß mit der Hand die Richtung an, die er einschlagen muß. Dann sinkt er wieder in den Schlitten zurück, über dem Fußsack liegt eine ganze kleine Schneewehe. Spitz begreift jetzt, wohin die Reise geht. Als der Schlitten sich endlich Björknäs nähert, ist es längst über Mitternacht. Aus dem Dunkel schimmert der Waldrand, hinter dem der Herrenhof liegt. Durch die Stille der Nacht tönt das Pochen der Hämmer; hinten, an der Schleuße, leuchtet der Himmel rot von den Funken aus der Schmiede. Alles das sieht der Major; und seltsame Gefühle bewegen seine Brust. An dem geöffneten Gatter befiehlt er dem Kutscher anzuhalten. »Halt!« sagt er. »Ich will aussteigen!« Spitz sieht aus, als verstünde er überhaupt alles. Er schultert die Peitsche; aber er sagt kein Wort. »Du fährst weiter bis auf den Hof,« sagt der Major, »und stellst das Pferd beim Verwalter ein. Sieh' zu, daß du was zu essen kriegst. Und dann wartest du, bis ich komme.« Der Major sagte das alles so leise, als fürchte er, man könne ihn drüben in dem dunklen Herrenhaus, wo er doch um keinen Preis gesehen sein will, hören. Dann wendet er sich um und geht durch das Gatter. Gespenstisch stumm liegt das niedere Haus mit seinem hohen, gebrochenen Dach vor ihm. Kein Weg ist durch den Schnee gebahnt. Als ob alles zugeschneit wäre, liegt der Hof da – leer, öde – und in den alten Bäumen rauscht der Wind. Der Major weiß wohl, was er jetzt tun will. Er hat lange genug darüber nachgedacht. Er bahnt sich durch die Schneewehen einen Weg zu dem einen Flügel, tastet sich im Dunkeln an der Hauswand entlang und befindet sich gleich darauf auf der Rückseite des Flügels, wo man ihn vom Hauptgebäude aus unmöglich hören und sehen kann. Mühsam klettert er dann die steinerne Mauer hinan und klopft leise an eins der Fenster. »Komm heraus,« sagte er flüsternd, »und mach auf.« Ein erschrockenes Gesicht zeigt sich hinter den Scheiben; man hört ein Geräusch wie von Türen, die auf- und zugemacht werden. Der Major geht in seinen eigenen Fußtapfen wieder zurück und wartet vor der Tür des Flügels. Er kennt die, die ihm aufmacht, wohl. Sie ist uralt, die Alte, die einzige, die noch von den Tagen des alten Herrn her auf Björknäs lebt. Nach einer mehr als sechzigjärigen Dienstzeit sitzt sie als altes Inventar in ihrer kleinen Stube im Flügel, und ißt das Gnadenbrot. Zitternd leuchtet die Alte mit ihrer Laterne durch die Tür. Der Major läßt ihr gar keine Zeit, zu erschrecken oder zu fragen. »Kennst du mich nicht mehr, Elsa?« fragte er kurz. »Laß mich nur hinein. Es ist kalt; und ich friere.« Damit öffnet er die Tür zu einer Stube, die er nur zu gut kennt. »Mach' mir ein Feuer hier,« sagt er. »Und dann geh' nur und leg' dich wieder.« Die Alte will Einwendungen machen. Aber der Major bringt sie zum Schweigen. »Niemand darf wissen, daß ich da bin,« sagte er. »Einerlei, wie das auch aussieht. Sonst kehr' ich überhaupt gleich um und geh' wieder meiner Wege!« In dem grünen Kachelofen flammt das Feuer auf. Der Major setzt sich auf einen Sessel davor; den Pelz behält er an. »Das ist ein Gastzimmer jetzt?« unterbricht er nach einer Weile das Schweigen. Die Alte nickt. Ihr Blick hat etwas von der leidvollen Belebtheit, die alte Frauen haben, wenn sie wissen, daß der Tod auf sie lauert. »Daß ich den Herrn noch überleben soll!« sagt sie leise. »Ist er tot?« ruft der Major. Die Alte schüttelt den Kopf. »Noch nicht,« erwidert sie. »Aber wir warten jeden Augenblick darauf.« Darauf geht sie hinaus und der Major bleibt einsam in dem dunkeln Zimmer. Im Kachelofen flammt das Feuer auf. Einen Augenblick lang kommt ihm der Gedanke, wie sonderbar doch dies Abenteuer ist, auf das er sich da eingelassen hat. Aber gleich darauf verschwindet das alles wieder. Und vor dem Kachelofen sitzend, wartet der Major auf die Nachricht von seines Bruders Tod. Nach und nach weicht die Kälte aus seinen Gliedern. Er nimmt den Pelz ab. Dann erst fängt er an, sich ein bißchen im Zimmer umzusehen. Es ist nichts da, was ihn an früher erinnert. Möbel und Tapeten sind neu, alles ist neu. Bloß das Zimmer selbst ist noch da, wie er es einst gesehen, mit der geschlossenen Tür, die zur Stube des Magisters führte, und dem Ausblick über den Hof. Es ist ganz dunkel jetzt. Der Major sitzt an dem Fenster, an dem er und Nils Göran einst beim Schein der Lampe ihre Aufgaben gelernt haben; und wieder erlebt er die ganze seltsame Kindheitszeit, die sie beide dereinst vereint. Es ist, als ob alles, was er längst vergessen, was er vor langer Zeit gedacht, wieder um ihn zu leben begänne, mit einem fast greifbaren Leben, das ihm die eigene Kindheit und Jugend wieder lebendig macht. Gedanken formen sich in ihm zu Worten; und ohne daß er die Lippen regt, redet der Major in dieser Stunde unhörbare Worte. Er spricht mit dem Bruder. Seltsam kindlich und einfach formen sich seine Gedanken. Nichts von all dem Häßlichen, das das Leben der Brüder verbittert hat, ist in Wirklichkeit geschehen. Alles ist nichts gewesen, als ein böser Traum. Und es ist, als wanderten die zwei Brüder auch zuletzt noch miteinander. Der Major beugt sich vor und haucht auf die Scheibe, um besser über den Hof weg sehen zu können. Da sieht er im Dunkel links von der Treppe im hintersten Fenster neben der Ecke einen zitternden Lichtschein. Der Schein fällt über den Hof und bildet ein lichtes Rund auf dem Dunkel des Platzes. Der Major weiß, dies Licht kommt aus dem Schlafzimmer des Bruders. Und ein anderes Licht fällt ihm ein. Das Licht, das Jahr um Jahr in Brites Fenster brannte und ihn, so oft er heim kam, mit Entsetzen erfüllte. Er kann die Augen nicht abwenden. Lang sitzt er ruhig da. Ihm ist, als sähe er in diesen zwei Lichtern die Erklärung seines ganzen Lebens. So geht Stunde um Stunde. Kaltgrau bricht der Morgen an. Auf dem Hof macht der Schneepflug die Runde und verschwindet im Dämmer durchs Gatter. Da erhebt sich der Major vom Stuhl, in dem er gesessen, und geht hinaus ins Vorzimmer. Hastig reißt er die Tür zur Stube der alten Elsa auf und sagt kurz: »Du brauchst nicht zu fragen. Der Hüttenherr ist tot. Ich weiß es. Aber geh' nur hinüber.« Weiß wie ein Tuch war der Major, als er das sagte. Die alte Elsa brachte kein Wort hervor. Gebückt und klein, wie ein Schatten glitt sie über den Hof. Der Major nahm seinen Platz am Fenster wieder ein. Und während er wartete, sah er das Licht im Zimmer des Bruders erlöschen. Da erhob er sich hastig und nahm seinen Pelz um. Als die Alte zurückkam, stand er schon zur Abfahrt gerüstet. Ein Blick auf ihr Gesicht bestätigte die Ahnung, die den Major aus seinen Träumen geweckt hatte. Und umrauscht von alten Erinnerungen ging er langsam von des Bruders Hof. So endet die Geschichte von den Brüdern Mörk. Als der Major heimwärts fuhr, erwachte in ihm ein rein menschliches Sehnen, den Sohn wiederzusehen. Was er zu bereuen hatte, das hatte er ohne Worte und ohne Zeugen mit sich selber abgetan. Als Erling nach Kolsäter heimkehrte, war der Frühling da. Ende