Anne Charlotte Leffler (Herzogin von Cajanello) Weiblichkeit und Erotik Autorisierte Uebersetzung aus dem Schwedischen von Mathilde Mann Stuttgart und Leipzig 1902 Deutsche Verlags-Anstalt Erstes Kapitel. »Außerordentlich hübsch! Wirklich eine reizende Gruppe,« sagte der höfliche Photograph; Mutter und Tochter in stiller Vertraulichkeit!« »Es ist nicht meine Tochter,« erwiderte die alte Dame lächelnd. »Ah – vermutlich die Frau Schwiegertochter! Oder, was ich da sage – nicht Frau Schwiegertochter, sondern die zukünftige Schwiegertochter, wenn ich nicht irre!« Das junge Mädchen errötete bei diesen Worten – es war ein heftiges Erröten, welches ihr das Blut in ein paar eigenartigen Spitzen bis in die Schläfen jagte. »Nein, wir sind nur gute Freundinnen,« sagte Frau Rode, »obwohl ein beträchtlicher Altersunterschied zwischen uns besteht.« »Siehst du wohl,« flüsterte das junge Mädchen eifrig, während der Photograph mit seinem Apparat beschäftigt war. »Ich wußte ja, daß dies Veranlassung zu solchen Vermutungen geben würde. Und wenn das Bild nun nach Algier kommt, so werden Richards Freunde natürlich ganz dasselbe glauben.« »Ach nein! Das Bild kann wenigstens glücklicherweise nicht erröten. Du selber giebst ja gerade Veranlassung zu diesen Gerüchten, indem du bei der geringsten Andeutung rot wirst.« »Das Gesicht ein wenig mehr hierher, wenn ich bitten darf!« »Warten Sie einen Augenblick, ich möchte die Umgebungen erst ein wenig mehr ordnen.« »Verzeihen Sie, mein Fräulein! Aber Sie können sich in der Beziehung wirklich auf meinen künstlerischen Blick verlassen.« »Aber hier ist ja gar nicht die Rede von etwas Künstlerischem!« unterbrach ihn Frau Rode. »Ich möchte so gern, daß die Umgebung genau so ist wie in unserm Heim. Darum haben wir ja den Lehnstuhl und die Lampe mitgenommen; das Bild soll als Weihnachtsgeschenk an meinen Sohn nach Algier gesandt werden. Er ist Leutnant beim Generalstabe, ist aber in französische Kriegsdienste getreten und seit drei Jahren nicht zu Hause gewesen; er wird sich gerade über ein kleines Bild aus unserm täglichen Leben freuen.« »Du mußt deinen Mund auch stets mit dir durchgehen lassen, Tantchen, sobald nur die Rede auf deinen Sohn kommt,« flüsterte das junge Mädchen, die alte Dame aufs Ohr küssend. »Was geht das den Photographen an? Es kann ihn ja nur in seinem Verdacht bestärken. Verstehst du denn das nicht, Tantchen?« »Er muß aber doch wissen, weshalb wir alles nach unserm eignen Kopf ordnen wollen,« erwiderte Frau Rode zurechtweisend. »Stelle nun die Lampe auf den richtigen Platz, so wie wir es verabredet haben. Und der Brief! Wo ist nur der Brief geblieben? Das ist doch aber ärgerlich! Nun habe ich ihn gewiß zu Hause liegen lassen! Alie, reiche mir einmal die schwarze Tasche. Wo ist denn die? Du sollst sehen, die ist im Wagen liegen geblieben!« Alie lachte aus vollem Halse. »Ich möchte wissen, wie oft die schwarze Tasche fortgewesen ist, und wie oft du nahe daran gewesen bist, einen Schlaganfall vor Schrecken zu bekommen,« sagte sie. »Natürlich ist sie hier, sieh nur, dort hinter deinem Rücken liegt sie. Ach, du zerstreutes, unordentliches kleines Tantchen!« »Verzeihen Sie, aber ich finde, es würde weit natürlicher aussehen, wenn das Fräulein den Brief in der Hand hielte und ihrer Frau Mutter – der gnädigen Frau, wollte ich sagen, daraus vorläse.« »Nein, nein, das geht auf keinen Fall,« unterbrach Frau Rode ihn eifrig. »Das Bild soll vorstellen, daß soeben ein Brief von meinem Sohn angekommen ist, und den lese ich immer zuerst selber.« »Da schwatzt sie wieder von ihrem kleinen Jungen,« flüsterte Alie, die alte Dame leicht in den Arm kneifend. Der Photograph verschwand hinter seinem Apparat, und Alie fuhr fort: »Da kannst du sehen, böse, alte Tante, daß selbst der Photograph es für natürlicher hält, daß ich die Briefe gleich zu lesen bekomme. Aber gönnst du mir das wohl jemals? Ei bewahre! Du mußt natürlich immer erst untersuchen, ob sie auch Geheimnisse enthalten. Als ob du mir dann hinterher diese Geheimnisse jemals verschweigen könntest! Als ob du nicht schließlich doch mit jeder Kleinigkeit herausplatztest.« »Still, du Plaudertasche! Sitze nun ruhig und laß mich in Frieden. Du mußt wirklich ein wenig milde und weiblich auf dem Bilde aussehen. Und streich dir den häßlichen Haarbüschel aus der Stirn. Ich bin fest überzeugt, daß Richard das nicht leiden mag.« »Ei was! Glaubst du, daß ich mich daran kehre? Nein,« fuhr sie energisch fort, indem sie das Haar, das die alte Dame zurückgestrichen hatte, wieder in die Stirn zog. »Nie und nimmer lasse ich mich dazu bewegen, mein Haar aus dem Gesicht zu tragen, das habe ich dir wohl schon hundertmal gesagt!« »Wenn ich jetzt bitten darf – –« »Aber, Tantchen, schiebe doch um Gottes willen die Unterlippe nicht so vor!« flüsterte Alie wieder. Sie schien ihren Mund keine Minute ruhig halten zu können. »Ich will keine Schwiegermutter haben, die so böse aussieht.« Sie kamen beinahe vor Lachen um, als der Photograph warnend die Hand erhob und mit elegant ausgestrecktem Zeigefinger ihnen zurief: »Jetzt fange ich an, bitte –« Es war schade, daß es nicht dem feinfühlenden Pinsel eines Malers vergönnt war, die Gruppe wiederzugeben, die jetzt in dem stark von der Sonne beschienenen Atelier vor dem Photographen saß. Die alte Dame in ihrem Lehnstuhl mit der hohen, schlanken, ein wenig vornübergebeugten Figur, mit dem trotz ihres Alters lebhaften, beweglichen Gesicht, das freilich von durchlebten Sorgen, aber auch von einer elastischen, natürlichen Munterkeit und einer Freude am Dasein erzählte, die sich in den vielen feinen Falten bei den Augen und dem freundlichen Lächeln in den Mundwinkeln kundgab. Das weiße, weiche, seidenfeine, aber ziemlich dünne Haar krauste sich leicht in den Schläfen. Eine runde schwarze Sammethaube mit breiter, gelber, echter Spitze bedeckte den Kopf und fiel in den Nacken hinein. Daneben das junge Mädchen, das sich gemütlich neben sie in die Sofaecke gesetzt hatte, den einen Arm auf den Tisch gestützt, die Augen aufmerksam auf das Antlitz der alten Dame gerichtet, die aus dem Briefe vorzulesen schien. Eine ausdrucksvolle, ausgeprägte Physiognomie, eine feine, weiche Figur, mit schnellen, vogelähnlichen Bewegungen, dunkelblaue, kurzsichtige Augen mit ungewöhnlich großen Pupillen und stark überschattet von geraden, scharfgeschnittenen Brauen und einer ein wenig vortretenden Stirn, über der sich das aschblonde Haar leicht und luftig kräuste gleich einer von einem Sonnenstrahl in Bewegung gesetzten Staubwolke. Das Kinn war rund und schön geformt, der feine Mund in hohem Grade gefühlvoll und nervös. Antlitz wie Figur zeugten von unendlicher weiblicher Anmut, aber der Ausdruck war so bewußt und beherrscht, daß er im großen und ganzen ein wenig abkühlend auf die Männer wirkte, die von Alies weiblicher Schönheit und ihrem lebensvollen, geistsprudelnden Wesen gefesselt wurden. Mehr als einer ihrer Bewunderer träumte davon, wie entzückend dies feine, bewegliche Gesicht sein würde, wenn es einmal seine reflektierende Zurückhaltung aufgeben und in weibliche Lieblichkeit zerschmelzen könne. Und von einer Frau wie Alie geliebt zu werden, zu sehen, wie diese ernsten, ein wenig grübelnden, allzu kritisch forschenden Augen weich würden und einen zärtlichen, hingebenden Ausdruck annahmen – das hatte manchem Manne als das größte Glück und gleichzeitig als die größte Auszeichnung vorgeschwebt, die man sich denken konnte. Aber noch hatte kein Mann dies Glück erreicht, und man hörte oftmals die jungen Herren von Alie sagen: »Schön, lebhaft, glänzend, aber ohne weibliches Gefühl.« * Richard Rode hatte seinen Weihnachtsabend mit einigen Kameraden seines Regiments verbracht, mit Franzosen, für die dieser Tag keine weitere Bedeutung hatte. Als er spät in der Nacht nach Hause kam, lag ein großes Couvert mit der Handschrift seiner Mutter auf dem Schreibtisch. Begierig öffnete er den Brief, ein Ausruf froher Ueberraschung entfuhr ihm, als er das hübsche, wohlgelungene Kabinettbild erblickte. Seine Mutter war bis dahin nie zu bewegen gewesen, sich photographieren zu lassen. Er wußte, daß er Alies Energie die Erfüllung seines Wunsches zu verdanken habe. Und Alie selber! Ja, von ihr hatte er freilich einmal ein Bild bekommen, aber das war schon lange her. Wie es schien, sah sie noch ebenso gut aus wie damals. Da saßen sie beide so traulich bei der Winterlampe in dem alten Heim! Er kannte alles wieder bis zu der einfachen, altmodischen Tischdecke, die längst einer Nachfolgerin bedurft hätte, die aber noch nicht durch eine neue ersetzt zu sein schien. Nein, seine Mutter hatte ja niemals Geld, um sich selber etwas kaufen zu können: alles, was sie zusammensparen konnte, wurde von seinen kostbaren Studienreisen verschlungen. Es war sonderbar, zu denken, daß Alie während dieser drei Jahre, die er fern von der Heimat verlebt, den Platz einer Tochter bei seiner Mutter ausgefüllt hatte. Ja, er hatte ihr vieles zu danken. Als seine Schwester Ida, kurz nachdem er seine Reise ins Ausland angetreten, plötzlich vom Tode dahingerafft worden war, würde er natürlich gezwungen gewesen sein, seine Studien abzubrechen und umzuwenden, heimzukehren zu der einsamen Mutter, wenn nicht Alie sich bereit erklärt hätte, den Platz der verstorbenen Freundin einzunehmen. Sie hatte selber ganz kürzlich die eigne Mutter verloren und stand fast allein in der Welt da, aber sie war, wenn auch keineswegs reich, doch vermögend genug, um unabhängig leben zu können, ja, er wußte durch Ida, daß es ihr Plan gewesen, sich auf Reisen zu begeben, und da war es ja immerhin ein Opfer, statt dessen zu der alten Frau zu ziehen, die in jener Zeit nur Sinn für ihren heftigen, untröstlichen Kummer hatte. Frau Rode hatte Alie zu Idas Lebzeiten eigentlich nie so recht leiden können. Sie hatte sogar schon, als die beiden jungen Mädchen noch Kinder waren, ihre vertrauliche Freundschaft gemißbilligt, hauptsächlich wegen Alies häuslicher Verhältnisse – die Mutter lebte von ihrem Manne getrennt, die Schwester war eine Sängerin zweiten Ranges mit ziemlich zweifelhaftem Ruf – dann aber wegen Alies eigner Persönlichkeit, die zu eigenartig und auffallend war, um nicht das Mißtrauen einer Mutter zu erregen, die ihre Tochter gern zu einem Prachtexemplar einer normalen Frau erziehen will. Ja, Alie war sicher noch sehr unreif gewesen, als Richard sie zuletzt gesehen, obwohl sie damals bereits zweiundzwanzig Jahre zählte. Es gärte so vieles in ihr, daß sie nicht so leicht wie andre, gleichmäßiger angelegte Naturen in Harmonie gelangen konnte. Es lag etwas so Wechselvolles, Unberechenbares in ihrem ganzen Wesen, sie schwankte in dem Enthusiasmus für gewisse allgemeine Ideen und Interessen und einer zurückhaltenden Kälte, die sie zur Schau trug, sobald man auf das Gebiet der Gefühle kam. Versuchte man nur aus weiter Entfernung, sich ihrem Gefühlsleben zu nähern, so zog sie sich scheu zurück und legte jedes ernste Wort als Scherz aus. Richard grübelte darüber nach, ob sie sich während dieser letzten Jahre wohl verändert habe, da sie und die Mutter jetzt so gut miteinander auszukommen schienen. Aber auch die Mutter hatte sich wohl verändert. Alies Einfluß war nicht ohne Wirkung auf die empfängliche Natur der alten Dame geblieben, ihre Lebensanschauungen hatten sich erweitert, und Richard hatte manchesmal beim Lesen ihrer Briefe durchgefühlt, wem er es zu verdanken habe, daß seine Mutter allen seinen Interessen so gut zu folgen verstand. Früher Kummer und ein einförmiges, zurückgezogenes Leben hatten eine Staubschicht über einer von Natur klaren Intelligenz angesammelt; aber im Laufe der letzten Jahre war die Luft daheim gereinigt worden, das fühlte er; ein frischerer Wind hatte Zutritt erhalten, seine Mutter gehörte ihm nun so voll und ganz an, sie verstand ihn in allem, teilte alles mit ihm so vollkommen, wie das Alter nur selten die Interessen der Jugend zu teilen vermag. Richards Gefühle für Alie wurden wärmer und wärmer, während er das Bild in der Hand hielt und über dies alles nachdachte. Es war eigentlich wunderbar, daß er, der stets ein so lebhaftes Interesse für sie empfunden, sich doch niemals in sie verliebt hatte. Idas brennender Wunsch war es stets gewesen, sie hatte alles gethan, um sie so oft wie möglich zusammenzuführen; bei der Mutter aber war das Gegenteil der Fall gewesen. Richard mußte laut lachen, wenn er daran dachte, wie unruhig sie stets war, wenn die beiden zufällig einmal allein geblieben, und wie sie immer etwas Herabsetzendes über Alie zu sagen wußte, sobald sie zu bemerken glaubte, daß Richard ein mehr als gewöhnliches Interesse für sie empfand. Nun hatte sich dies alles wohl geändert. Falls sie, wenn sie sich jetzt wiedersahen, auf den Gedanken kommen sollten, sich ineinander zu verlieben, so würde es für die Mutter wahrscheinlich keine größere Freude geben. Und doch war es merkwürdig, daß sie in ihren Briefen so wenig von Alie sprach. Ihr Name kam natürlich unausgesetzt vor, er war ja zu sehr mit dem täglichen Leben der Mutter verknüpft; nie aber hatte sie im Laufe all dieser Jahre erwähnt, was Alie für sie geworden war, nie hatte sie eine Aeußerung gemacht, die Richards Interesse für sie hätte anfachen können. Dies geschah wahrscheinlich aus Feingefühl von seiten der Mutter; sie fürchtete gewiß, daß Richard glauben könne, sie wolle auf ihn einwirken, wie Ida dies früher versucht hatte. Richard fühlte sich eigentlich gar nicht für das stille Glück des häuslichen Lebens geschaffen; der Gedanke, sich mit einem jungen Mädchen ohne nennenswertes Vermögen zu verheiraten, hatte ihm niemals so recht zugesagt. Er liebte das Leben im großen Stil und hatte stets davon geträumt, andre Wege zu gehen als die ausgetretenen alltäglichen. Und doch hatte er sich niemals entschließen können, eine glänzende Partie zu machen, obwohl sich ihm die Gelegenheit dazu mehr als einmal im Auslande geboten hatte, wo er viel in den höheren geselligen Kreisen verkehrt hatte und von schönen geistreichen Damen der verschiedensten Nationen gefeiert und verzogen worden war. War es nicht im Innersten seines Herzens doch der Gedanke an Alie gewesen, der ihn allen diesen Versuchungen gegenüber so kalt hatte bleiben lassen? Er saß lange da, das Bild in der Hand, den Brief der Mutter vor sich. Als erklärenden Text zu dem Bilde hatte die Mutter geschrieben: »Ich habe soeben einen Brief von Dir erhalten, und Alie ist ungeduldig und wartet darauf, ihren Anteil an dem Inhalt zu bekommen.« Pflegte Alie teil an seinen Briefen zu nehmen? Und wartete sie wirklich voller Ungeduld darauf? Und er, der so vertraulich an die Mutter zu schreiben pflegte, der gewohnt war, ihr sein ganzes Seelenleben offen darzulegen, ihr alle seine Pläne, jedes noch so flüchtige Gefühl, jede Stimmung mitzuteilen. Wie nahe ihm Alie plötzlich dadurch gerückt wurde! Sie hatte also während aller dieser Jahre in intimer Berührung mit seinem ganzen inneren Leben gestanden. Er fing an, sich nach einem Wiedersehen mit ihr zu sehnen, und mit wirklicher Spannung und einem unbestimmten Vorgefühl, daß sein Leben erst jetzt beginnen würde, reich und persönlich zu werden, lenkte er im Frühjahr den Kurs dem Vaterlande zu. Er wurde am Vormittage mit dem Dampfschiff von Lübeck erwartet. Alie hatte gerade ein neues Frühlingskleid bekommen und es angezogen, als sie zum Frühstück hereinkam. Sie kümmerte sich im allgemeinen nicht viel um ihre Toilette und konnte jahrelang tagaus tagein mit demselben Kleide gehen. Wenn sie sich aber etwas Neues anschaffte, legte sie stets großes Gewicht darauf, etwas wirklich Hübsches zu wählen, ohne sich sonderlich um die herrschende Mode zu bekümmern. Es gab ein Wort, das für sie alles das bezeichnete, was sie auf der ganzen Welt am meisten verabscheute: das Banale, mochte es nun seinen Ausdruck in Worten, Gefühlen, Möbeln, Kleidern oder Schmucksachen finden. Lieber unhöflich als eine banale Höflichkeit; lieber hart und abstoßend als banal gefühlvoll, lieber in auffallende Farben und Stoffe gekleidet, die gar nicht für die Jahreszeit paßten, als in eine banal abgepaßte modische Toilette. Das Kleid, das sie gewählt hatte, um Richard zu empfangen, kleidete sie so gut, daß Frau Rode, die viel Sinn für Schönheit hatte, und die niemals häßliche Menschen hatte leiden können, förmlich benommen war, als sie sie erblickte, sie mehrmals drehte und wendete und ihrer Bewunderung einen lauten Ausdruck gab: »Sehr, sehr hübsch, Alie! Nein, welch ein eigentümliches, seegrünes Schillern in dem Atlas der Taille! Ei, du meine Güte! Welch eine kostbare Perlenstickerei, die fällt ja wie ein Regenschauer von dem Halse herab, das sieht sehr pikant aus. Dreh dich einmal um, nein, nicht so langsam! Schwinge dich einmal ordentlich herum, so wie sonst! Du solltest sehen, wie die Perlen blitzen. Der Schmuck ist wie für dich gemacht, du schlangenartige, glatte, kleine Hexe du! Es ist wie etwas, das man festhalten will und das einem immer wieder aus den Händen gleitet. Du gleichst heute wirklich einer Seifenblase, Kleine!« »Das Bild ist nicht so übel, Tantchen!« sagte Alie, deren Laune heute ebenso strahlend zu sein schien wie ihre Perlen. »Es ist ein ganz angenehmes Gefühl, gut gekleidet zu sein. Mir ist zu Mute, als könne ich heute über Häuser und Dächer hinwegspringen.« Sie stand am Tische und legte die letzte Hand an das Arrangement einer großen Blumenschale mit Perlhyazinthen, Schlüsselblumen und Anemonen, umgeben von saftigem Moos. Frau Rode betrachtete die warme Farbe ihrer Wangen und den Glanz, der über ihrem ganzen Ausdruck ruhte; plötzlich überkamen sie Gedanken, die einen kleinen Schatten über ihr offenes, bewegliches Antlitz gleiten ließen. »Du willst das Kleid doch nicht heute anbehalten?« bemerkte sie trocken. »Ich fürchte, Richard wird es lächerlich finden, daß du dich schon am frühen Morgen so putzt!« Alie wandte sich mit einer blitzschnellen Bewegung um, so daß die Perlen blitzten. Die Röte brannte sich, nach den Schläfen zu scharf abgezirkelt, fest; ihre ein wenig nervöse Stimme, die ein äußerst empfängliches Instrument zur Verdolmetschung aller der wechselnden Stimmungen war, die sie so gern verborgen hätte, nahm einen harten, unangenehmen Ton an, als sie antwortete: »Ach, sei nur ohne Sorge! Ich will deinem Prinzen keine Schlingen legen!« Damit eilte sie auf ihr Zimmer, kleidete sich in zwei Minuten um und kam in ihrem ziemlich vertragenen schwarzen Winterkleide zurück. Die Feststimmung war sowohl bei ihr als bei Frau Rode verschwunden. Die alte Dame bereute es, daß sie Alie verletzt hatte, und sann darüber nach, wie sie das wieder gut machen könne. Diese kleine Mißstimmung warf einen Schatten auf ihre Freude, als sie eine Weile später ihren Sohn in die Arme schloß. Sie sah auch, daß Richard sich unangenehm berührt fühlte von der flüchtigen und gekünstelt gleichgültigen Weise, mit der Alie ihn empfing. »Was für eine häßliche alte Frau ich doch bin!« sagte sie zu sich selber. »Ich, die ich gerade den Wunsch hegte, daß das ganze Haus ihm bei seiner Rückkehr entgegenstrahlen sollte; und nun habe ich mir durch meine dumme, unbegründete Furcht selbst die Freude zerstört!« »Warte ein wenig! – Nein, du darfst nichts erzählen, ehe Alie hereinkommt,« unterbrach sie den Sohn, als sie in der Sofaecke im Wohnzimmer saßen, nachdem er ausgepackt und alle seine Sachen geordnet hatte, was gleich geschah, sobald er ins Haus gekommen war. »Laß mich erst einmal nach Alie sehen!« »Aber sag mir nur einmal, Mutter, was hat Alie eigentlich?« rief der junge Offizier aus, indem er aufsprang. Er saß nie lange an einem Fleck. »Weshalb hat sie mich so wortkarg und unfreundlich empfangen? Ich glaubte doch aus deinen Briefen zu verstehen, daß sie sowohl Interesse als auch Freundschaft für mich hege.« »Das thut sie auch, Richard, darauf kannst du dich verlassen. Wie sie dein ganzes Leben in all diesen Jahren verfolgt hat!« »Also nichts weiter als diese gewöhnliche schwedische Affektion!« rief er verdrießlich aus. »Das kenne ich von früher her; hier im Norden kann ein junges Mädchen nie natürlich und freundlich gegen einen jungen Mann sein; es gehört zum guten Ton, stolz und steif, zurückhaltend und vorsichtig zu sein, als sähe sie in dem geringsten Blick eines Mannes eine Gefahr für ihre Tugend. Ich bin an einen ganz andern Verkehr mit jungen Damen gewöhnt, Mutter. Wie natürlich und kameradschaftlich freundlich sind nicht zum Beispiel die Amerikanerinnen gegen einen Mann, sobald sie ihn kennen gelernt haben. Ich kann diese schwedische Prüderie, diese Heuchelei wirklich nicht ertragen!« Er schritt im Zimmer auf und nieder und schlug seine Rockaufschläge zurück, als beengten sie ihm die Brust. »Puh, welch eine erstickende Atmosphäre hier in unserm ehrbaren Schweden herrscht!« »Aber es sieht Alie wirklich so gar nicht ähnlich, prüde zu sein, das kannst du mir glauben!« »Nun, dann bitte sie, hereinzukommen, und sage ihr, daß ich wirklich nicht so gefährlich bin. Sie braucht gar nicht so scharfe Mittel anzuwenden, um mich im Zaum zu halten. Ich habe in der Beziehung eine sehr feine Nase und bin bis dahin noch keiner Dame lästig geworden; ich habe seiner die Cour gemacht, die mich nicht selbst dazu aufgefordert hat.« »Alie, Richard findet es merkwürdig von dir, daß du dich so zurückziehst.« Frau Rode sprach durch die halbgeöffnete Thür zu Alie hinein, die saß und schrieb. »Er ist ganz ärgerlich auf dich. Komm jetzt herein!« »Ich habe keine Zeit,« entgegnete Alie, ohne aufzusehen. »Ich muß diesen Brief noch heute fertig haben.« Erst bei Tische zeigte sie sich wieder, und Frau Rode sah, wie Richard sie einer ziemlich scharfen Kritik unterwarf. Das machte sie plötzlich so wunderbar warm ums Herz in Alies Interesse. Sie liebte das junge Mädchen in Wirklichkeit wie eine Tochter und erlaubte es niemand, eine abfällige Bemerkung über sie zu machen. Sie wollte gern, daß ihr Sohn Alie bewundern sollte, wenn er sich nur nicht im Ernste an sie band. Weshalb sie sich eigentlich so hiervor fürchtete, darüber war sie sich selber nicht so recht klar. »Es ist das beste, wenn Richard eine Braut wählt, die ich selber niemals gesehen habe,« pflegte sie wohl zuweilen zu Alie zu sagen. »Ich stelle so große Anforderungen, daß wohl keine, die ich kenne, sie jemals erfüllen kann. Deshalb will ich die Betreffende nicht kennen, ehe es zu spät ist, die Sache rückgängig zu machen; dann muß ich natürlich versuchen, zufrieden zu sein.« Dies hatte sie jedoch nicht verhindert, im Interesse ihres Sohnes die brennendste Eifersucht zu empfinden, sobald irgend ein andrer Mann Alie seine Huldigungen dargebracht hatte. »Wie unverändert hier doch alles geblieben ist!« sagte Richard, als sie nach Tische alle drei zusammensaßen. »Derselbe Strickzeugkorb, mit dem ich immer zu spielen pflegte, bis das Garn in Unordnung geriet; erinnerst du dich dessen wohl noch, Mutter? Und dasselbe alte, abgegriffene Album, auf das ich zu deiner Verzweiflung immer loszuhämmern pflegte.« »Ja, und wie ich merke, hast du noch dieselbe Unruhe in den Fingern,« sagte die Mutter, ihm im Scherz einen Schlag auf die Hand versetzend. »Ja, und in den Beinen,« rief er aus und sprang auf. »Erinnerst du dich noch, wie du mich zu ermahnen pflegtest, daß man stillsitzen und beim Sprechen nicht so auf und nieder gehen müsse? Sieh nur, da kann man noch die alten Spuren von meinen allabendlichen Spaziergängen auf dem Teppich sehen. Ach, wie mir das alles wieder lebendig in die Erinnerung zurückkommt! Was ich aber nicht verstehe,« fuhr er, plötzlich stehen bleibend, fort, »das ist, wie ihr hier so viele Jahre ohne die geringste Abwechslung habt leben können. Bei Mutter, die so alt ist und die schon viel durchgemacht hat, kann ich es schon begreifen, aber Alie, so tagaus tagein ohne Abwechslung, während ich mir das Leben unter so vielen verschiedenen Verhältnissen um die Ohren geschlagen, Feldzüge in Afrika mitgemacht und alle möglichen Abenteuer erlebt habe; mich überfällt stets ein eingeengtes, halb erdrückendes Gefühl, wenn ich an das Leben denke, das ihr geführt habt. Hast du dich glücklich dabei gefühlt, Alie? Was hat dich eigentlich dazu bewogen, so zu leben? Das möcht' ich wirklich gern wissen.« Er stand still, ließ sich auf das kleine Sofa neben ihr nieder und begann mit ihrem Stickgarn zu spielen. Sie saß mit zurückgehaltenem Atem über ihre Arbeit gebeugt da. Ihr Herz pochte heftig. Wenn er nur gehen wollte! Wenn er nur nicht so nahe bei ihr sitzen, nur nicht ihre Schulter streifen wollte, wie er es that, als er die Hand auf die Sofalehne hinter ihr legte. Wenn er nur aufstehen und gehen, nur ein paar Schritte durch das Zimmer machen wollte, bis sie ihre Fassung wiedergewonnen hatte und ihm ruhig und natürlich antworten konnte. Aber jetzt, wo er ihr so nahe saß, zu ihm aufsehen, – das war ihr nicht möglich. Er wartete mehrere Minuten auf eine Antwort von ihr, als sie aber noch immer gesenkten Hauptes dasaß, ärgerte er sich wieder über ihre Prüderie, erhob sich und trat an die Mutter heran, die in einem Schaukelstuhl saß, den er nun mit knabenhaftem Mutwillen in eine so heftige Bewegung zu setzen begann, daß die alte Dame laut aufschrie, während sie gleichzeitig vor Freude darüber lachte, daß ihr Junge nun wieder bei ihr war, ganz wie in früheren Zeiten. Er wandte Alie fast den Rücken zu, und nun konnte sie ihn unbemerkt betrachten. Sie hatte stets die seine Form des Nackens, die geschmeidige Kraft der Figur bewundert, die etwas von der Elastizität einer Springfeder in sich hatte, wenn er so plötzlich in die Höhe fuhr, was er zu thun pflegte, sobald er eifrig wurde. Er war von einer feinen, fast weiblichen Schönheit, und doch trug seine Erscheinung das Gepräge einer brennenden, nervösen Energie und einer wirksamen, arbeitenden Intelligenz, die etwas Ansteckendes, Elektrisierendes hatte. Alie hatte stets ein Gefühl gehabt, als könne man in Richards Gegenwart nicht unthätig sein; sie fühlte sich auch jetzt durch seine Kritik über das etwas apathische Traumleben getroffen, das sie während der Jahre seiner Abwesenheit geführt hatte. »Unser Leben ist nicht so einförmig gewesen, wie du glaubst,« sagte die Mutter nach einer Weile. »Du hast es wahrhaftig verstanden, uns in Spannung zu erhalten mit allen deinen Plänen und wilden Unternehmungen. Während des Feldzuges verfolgte Alie alle deine Bewegungen auf der Karte. Sie hatte sich aus Paris eine große Spezialkarte und ein paar dicke Werke über Algier kommen lassen. Du hättest sie sehen sollen, mit ihrer Kurzsichtigkeit, wie sie sich über den großen Tisch krümmen mußte, um die Karte besser sehen zu können, und wie sie mich Aermste verhöhnte, wenn ich zuweilen dumme Fragen that und mit deiner Marschroute nicht recht Bescheid wußte. Ja, wir lebten in einer Spannung, als ob unser eignes Hans vom Feinde belagert gewesen wäre.« Richard schaute zu Alie hinüber und fing einen kurzen Blick von ihr aus. Er sah darin etwas, das einem Wiederschein des lebhaften Interesses glich, das die Mutter soeben geschildert hatte. Ihm wurde ganz warm ums Herz dabei, und er näherte sich ihr wieder: »Und ihr erwartetet natürlich mit jeder Post die Nachricht, daß ich von der Kugel eines Arabers gefallen sei?« »Natürlich,« erwiderte Alie, und das Schelmische in ihr erhielt die Oberhand über die Verlegenheit. »Tante sah dich jede Nacht in Blut gebadet auf einem verlassenen Wahlplatz liegen, während die Raben in deinem Fleische hackten!« »Pfui, Alie, welch häßliche Bilder du da ausmalst! Ja, Richard, du kannst mir glauben, es war angenehm, wenn ich nahe daran war, aus Angst um dich zu vergehen, sie auf die Weise reden zu hören!« Richard sah ganz verwundert aus. »Aber das wird Alie doch nicht gethan haben!« »Meinst du nicht?« sagte Frau Rode, und alle die kleinen Falten, die ihre Augen umgaben, fingen an, sich zu bewegen und zu lächeln. »Du glaubst wohl, daß sie sich bemühte, mich zu trösten, daß sie mir einige freundliche, beruhigende Worte sagte? Nein, ganz im Gegenteil! Sie schalt mich nur und sagte, ich sei dumm und thöricht und unausstehlich, und wenn ich das Jammern jetzt nicht ließe, würde sie fortgehen und sich nie wieder bei mir sehen lassen und so weiter.« »Ja,« entgegnete Alie, die jetzt ihre Fassung zurückgewonnen und ihren gewöhnlichen, scherzenden Ton wieder angenommen hatte. »Das war auch das einzige, was half. Wenn ich sie eine ganze Zeit tüchtig ausgescholten hatte, hörte sie gewöhnlich auf, zu weinen und zu klagen, und dann las ich ihr den Text gleich so gründlich, daß ich sie zum Lachen brachte. Sprach ich dagegen freundlich mit ihr und suchte ich sie zu trösten, so wurde die Sache nur tausendmal schlimmer. Dann wurde sie allen Ernstes böse auf mich und sagte, ich spräche gegen mein besseres Wissen, und ich sollte nur lieber einräumen, daß du verwundet oder gefangen oder tot oder – ja, Gott mag wissen, ob sie die Araber nicht im Verdacht gehabt hat, daß sie dich als Leckerbissen zu Mittag serviert hätten. Gesteh es nur, Tantchen, so ganz sicher warst du dir in der Beziehung nicht. So etwas wagte sie mir freilich nicht zu sagen, denn sie wußte sehr wohl, daß ich sie dann tüchtig ausgelacht hätte.« »Glaube nicht an ihr dummes Gerede, lieber Richard!« sagte Frau Rode und streichelte ihr die Wangen. Alie hatte sich erhoben und stand vor der alten Dame, über sie gebeugt, sich auf die Lehne des Schaukelstuhls stützend. »Zuweilen kam sie auf den Einfall, in meine Klagen einzustimmen und meine Unruhe noch zu übertreiben,« fuhr sie zu Richard gewendet fort. »Dann that sie, als sei sie selber ganz verzweifelt, und dann mußt' ich sie trösten.« »Das war natürlich alles nur Scherz?« fragte Richard, der ganz weich gestimmt war bei dem Gedanken, daß diese beiden nur für ihn gelebt hatten, während er auf kühne Abenteuer ausgezogen war und nur daran gedacht hatte, sein eignes Leben so reich und so interessant wie möglich zu machen. »Du selber warst wohl nie im geringsten darüber in Unruhe, wie es mir ergehen würde, Alie?« Sie ließ den Schaukelstuhl fahren, wandte sich um und sah ihm in die Augen. Er ergriff ihre beiden Hände und küßte sie, sie aber entzog sie ihm schnell. »Wollen wir nicht ein wenig hinausgehen?« fragte er. »Es ist hier so eng, und ich bin nicht daran gewöhnt, den ganzen Nachmittag im Zimmer zu sitzen. Du magst nicht, Mutter? Das dachte ich mir schon! Du bist natürlich, seit ich fortgewesen bin, ganz aus der Uebung gekommen. Aber Alie! Bist du heute schon draußen gewesen?« »Nein, aber – –« »Gehst du denn nicht jeden Tag aus?« »Ach nein, nicht regelmäßig.« »Aber was für ein Leben ist dies doch! Hier zwischen den vier Wänden zu sitzen, so jung, wie du bist! Ach, Alie, ich hätte wohl Lust, dich zu lehren, was es heißt, zu leben! Komm jetzt mit mir hinaus!« Nein, Alie hatte keine Lust. Sie hatte alle möglichen Vorwände; das Muster sollte fertig gestickt werden, sie hatte ein wenig Kopfschmerz, es sah so nach Regen aus und so weiter. Richard aber gab nicht nach. Seine frische Energie und seine Lebenslust wirkten so ansteckend, daß Alie selber anfing zu meinen, sie habe wie ein richtiger Maulwurf gelebt, und es würde ihr gut thun, die Erde von sich abzuschütteln. Und so gingen sie denn, Straße auf und ab, zum Tiergarten hinaus und durch das Villenviertel zurück. Er wollte alle die neuen Bauten und Anpflanzungen sehen, die seit seiner Abwesenheit entstanden waren. Daß sie, die nicht an solche Märsche und Strapazen gewöhnt war, von einem so langen Spaziergang müde werden könne, kam ihm keinen Augenblick in den Sinn. Er hatte stets nur Gedanken für das, was ihn gerade interessierte, und Alie wäre lieber so lange gegangen, bis sie zusammenbrach, als daß sie eingestanden hätte, daß sie müde sei. Aehnliche Spaziergänge wurden nun häufiger wiederholt, und selbst Frau Rode, die mehrere Jahre hindurch eine ganz sitzende Lebensweise geführt hatte, mußte Richard gar bald auf Besuche, ins Theater, auf Fahrten über Land und dergleichen mehr begleiten. »Ich will mich noch freuen, solange ihr mich wenigstens nicht zwingt, Haschens zu spielen,« sagte die alte Dame eines Tages, als Richard sie überredet hatte, einen Besuch mit ihm bei einer Familie auf dem Lande zu machen, wo das ganze Haus voller Jugend war. »Ich werde wohl kaum umhin können, daran teilzunehmen,« meinte Alie, »obwohl ich nie im Leben diese wilden Spiele habe leiden mögen.« Des Vormittags arbeitete Richard einige Stunden auf seinem Zimmer an einem größeren kriegswissenschaftlichen Werk, zu dem er das Material auf seinen Reisen gesammelt hatte. Er konnte es dann nicht ertragen, durch den geringsten Laut gestört zu werden, niemand durfte sich draußen im Zimmer rühren oder auch nur eine Thür öffnen. Alies Zimmer lag neben der Wohnstube, seines auf der andern Seite. Wenn es zuweilen geschah, daß sie ausgewesen war und nach Hause kam, während er bei seiner Arbeit saß, so wagte sie es nicht, durch das Wohnzimmer zu gehen, sondern konnte stundenlang in der Küche sitzen und warten, bis er ausging. Die Mutter sah dies mit an, aber es fiel ihr nicht ein, etwas Ungewöhnliches darin zu finden. Für sie war es das Natürlichste von der Welt, daß sich alle seinem Wohlbefinden unterordneten. Vor Tische waren stets die Mutter und Alie in der Küche, um der Köchin bei der Zubereitung der Speisen zu helfen, aus Angst, daß das Essen nicht auf den Glockenschlag fertig werde. Alie sprang hin und her, hob die Deckel der Kochtöpfe auf, steckte ein Stück Holz unters Feuer, damit es besser brenne, gab die Suppe auf, half beim Decken, wandte das Roastbeef um, voller Besorgnis, daß die Köchin den richtigen Zeitpunkt vergessen könne. Richard war so verwöhnt, daß ihm das Essen zu Hause fast niemals schmeckte. Die Mutter kaufte Fleisch von dem besten Schlächter der Stadt und strengte sich in wirtschaftlicher Beziehung über ihre Kräfte an, um ihm einen gut besetzten Tisch zu bieten. Er war zu liebenswürdig, um eine direkte Bemerkung zu machen, aber sein kritischer Blick, die Vorsicht, mit der er erst jedes Gericht probierte, sowie seine Schilderungen von der vorzüglichen französischen Küche verrieten deutlich genug, daß ihre Anstrengungen vergeblich waren. Indessen hatte Richard nicht die geringste Ahnung von all dieser Fürsorglichkeit, und aus Alies Aeußerungen gewann er vielmehr den Eindruck, daß sie sich diesen häuslichen Angelegenheiten gegenüber höchst gleichgültig verhielt. Sie äußerte sich verächtlich über die allgemeine Schwäche der Männer für einen guten Tisch und erklärte, ein vernünftiger Mensch dürfe an seine Nahrung keine andern Ansprüche stellen, als daß dieselbe gesund und nahrhaft sei; Leckerhaftigkeit sei eines denkenden Wesens unwürdig. Im allgemeinen bestritt sie fast alle Behauptungen, die Richard aufstellte, und griff seine Anschauungen und Lebensgewohnheiten in allen möglichen Punkten an, wogegen sie ganz im geheimen zu jedem persönlichen Opfer bereit war, damit sein Wohlsein in keiner Beziehung gestört werde. Er war im allgemeinen ein wenig zu schnell in seinen Schlußfolgerungen und viel zu selbstbewußt und absolut in seinem Urteil, sowie gewöhnt, zu imponieren und als Orakel betrachtet zu werden, besonders wo es sich um die Stimmen junger, unverheirateter Damen handelte. Hier aber trat ihm zum erstenmal bei einer Frau eine Kritik entgegen, die ihn Schritt für Schritt anhielt und ihn zwang, jede Behauptung zu begründen und jede übereilte Aussage zurückzunehmen. Er wunderte sich wieder und wieder, wie viel Alie gelesen und gedacht hatte, und welch ein vorzügliches Gedächtnis sie besaß. Sie war ihm in jedem Punkte des allgemein menschlichen Wissens völlig gewachsen und hatte dabei nicht unbedeutende Fachkenntnisse in seinen eignen Hauptzweigen, die sie, – wie sie ihm erzählte, wenn er seine Verwunderung hierüber ausdrückte, – studiert hatte, um die Mutter in stand zu setzen, den Sohn besser zu verstehen. Er war stets voller Pläne und Einfälle und staunte über die Leichtigkeit, mit der sie sich mit seinen Ideen vertraut machte, selbst wo es sich um Gegenstände handelte, die ihr so fremd waren wie Strategie, Verbesserung des Kriegsmaterials und dergleichen mehr. Er empfand auch ein immer lebhafteres Interesse an ihrer Unterhaltung und verbrachte den größten Teil des Tages in ihrer Gesellschaft. Aber zur selben Zeit, wo er sie bewunderte und von ihrer regen Intelligenz gefesselt wurde, war doch etwas an ihr, was ein wenig abkühlend auf seine Gefühle wirkte. Man konnte nicht sagen, daß sie unweiblich war, weder in ihrem Aussehen und ihren Bewegungen, noch in ihrer Art und Weise, sich zu unterhalten, oder in Bezug auf ihr Temperament und ihren Charakter; im Gegenteil, ihre Liebe für seine Mutter, ihr selbstverleugnendes Leben waren Züge echter Weiblichkeit – und doch! Er nahm sich selbst ins Verhör, ob es nicht möglicherweise nur seine männliche Eigenliebe war, die sich gedemütigt fühlte durch das Bewußtsein, daß jedes seiner Worte, jede Handlung unter der Kritik einer Frau stand; ob das, was er bei ihr vermißte, nicht vielleicht nur die blinde Bewunderung war, die er sonst so guten Kaufes bei ihrem Geschlecht zu erringen pflegte. Er sagte sich selber, daß es nur sein schlechteres, egoistisches, eigenwilliges Ich sei, das sich von ihr zurückgestoßen fühlte, während das Edlere in ihm, seine ganze tiefere Persönlichkeit ihn zu dieser Frau hinzog, die ihn so gründlich verstand, die eine so vorzügliche Gesellschaft für ihn war, und die seine wahre Lebensgefährtin in einem weit reicheren und volleren Maße werden konnte als jede andre, die er bis dahin gekannt. Er fing an, sich selber davon zu überzeugen, daß er sie liebe. Es war freilich nicht eine solche Liebe, wie er sie geträumt hatte, nicht diese allbeherrschende Leidenschaft, welche die Dichter besingen. Aber er war wohl nicht im stande, eine solche Liebe zu empfinden, seine Phantasie und seine Gedanken waren zu sehr in Anspruch genommen von seinen wissenschaftlichen Interessen, und er sagte sich selber, daß er in seiner Gattin viel mehr einer intelligenten, angenehmen Gesellschafterin bedürfe, einer Freundin, mit der er seine Gedanken austauschen könne, als einer Geliebten, mit der man schäkert. Und eines Tages, auf einem ihrer gewöhnlichen Spaziergänge, bat er sie, die Seine zu werden. Sie kehrten nicht zusammen heim. Alie kam zuerst, und als die Mutter sie nach Richard fragte, murmelte sie etwas von einer »Besorgung« und eilte an ihr vorüber auf ihr Zimmer, den Hut auf dem Kopfe, den Schleier tief ins Gesicht gezogen. Frau Rode war an Alies wechselnde Laune gewöhnt, besonders seit Richard da war; trotzdem aber ergriff sie eine unerklärliche Angst, ohne daß sie sich darüber hätte Rechenschaft ablegen können, was sie eigentlich befürchtete. Sie wußte, daß es fruchtlos war, Fragen an Alie zu stellen, wenn diese sich in einer solchen Gemütsverfassung befand; deswegen wartete sie voll Ungeduld auf die Heimkehr des Sohnes. Er kam auch bald, sah nervös und erregt aus und zog die Mutter gleich mit sich auf sein Zimmer, die Thür hinter sich schließend. »Sage mir doch, wen liebt Alie eigentlich?« fragte er kurz. »Und weshalb hast du mir das nicht früher mitgeteilt?« »Was redest du da?« rief sie verwundert aus. »Hat Alie dir gesagt, daß sie einen andern als – dich liebt?« »Nein, das hat sie nicht gesagt, aber sie weigert sich kurz und bestimmt, die Meine zu werden. Und einen Grund will sie mir nicht angeben.« »Aber das ist ja nicht möglich, das ist ja gar nicht möglich!« rief die Mutter aus. Es muß ein Mißverständnis sein, ich will mit ihr reden.« »Ja, aber du darfst sie nicht überreden,« unterbrach Richard sie, indem er sie zurückhielt. »Ich will keine Frau haben, die nur durch Ueberredung die Meine wird. Ich glaube, daß sie ... es ist unbegreiflich, wie man sich so irren kann. Versuche jedenfalls aus ihr herauszubringen, ob irgend ein andrer mit im Spiel ist.« Frau Rode begab sich sofort zu Alie und redete sie in schmerzlich bewegtem Ton an: »Meine liebe Alie, das hätte ich doch nicht von dir erwartet! Warum hast du nicht von Anfang an gezeigt, daß du dir nichts aus ihm machst? Du hast ihn ja im Gegenteil durch die größte Freundlichkeit und das größte Entgegenkommen ermuntert! Und was hast du eigentlich gegen ihn? Wie kannst du je einen Mann finden, der besser für dich paßt?« »Willst du mich etwa zur Schwiegertochter haben?« fragte Alie scharf und blickte jetzt zum erstenmal mit funkelnden Augen und flammenden Wangen auf. Sie war im Begriff, ihr Schuhzeug nach dem Spaziergang zu wechseln. »Du hast doch, meine ich, allen Grund, mir dankbar zu sein! Habe ich nicht stets gefühlt, daß du mich lange nicht gut genug für deinen Sohn hältst? Und glaubst du etwa, daß ich mich aufdrängen will, daß ich deine Schwiegertochter wider deinen Wunsch werden möchte?« Sie beugte sich wieder herab und begann den letzten Stiefel mit einer solchen Heftigkeit aufzuknöpfen, daß die Knöpfe weit über den Fußboden hinflogen. »Mein Gott, Alie, bin ich denn wirklich eine so abschreckende alte Person, daß du um meinetwillen meinen Sohn abgewiesen hast?« »Nein, ich that es um meiner selbst willen!« rief Alie aus, indem sie den Stiefel in eine Ecke schleuderte und sich auf die Kniee legte, um ihre Schuhe unter dem Bett herauszuholen. »Ich will mich nämlich nicht mit dir erzürnen, Tantchen, und der Fall würde natürlich eintreten, wenn du sähest, daß ich deinen Sohn unglücklich machte.« »Aber, – Herzenskind, – das würdest du doch sicher – « »Jetzt redest du dir selber etwas vor, Tantchen!« rief Alie aus und erhob sich, ihre Schuhe in der Hand. »Kannst du mir auf Ehre und Gewissen gerade ins Gesicht sagen, daß du glaubst, daß Richard mit mir glücklich werden würde?« »Aber, beste Alie, weshalb sollte er es nicht –« »Als ob du das nicht wüßtest! Als ob du nicht wüßtest, daß ich heftig und nervös und launenhaft bin, und daß Richard eine ruhige, harmonische Frau haben muß; als ob du nicht wüßtest, daß er Geld haben muß, wenn er sich verheiraten will, und daß seine Frau ihm bald wie ein Mühlstein am Halse hängen würde, wenn er gezwungen wäre, in kleinlichen, beschränkten Verhältnissen zu leben! Und als ob du nicht wüßtest, daß meine Natur derartig ist, daß ich, sobald ich dergleichen nur merkte oder ahnte, aus seinem Leben verschwinden würde, koste es, was es wolle!« »Und vor allen Dingen,« fuhr sie nach einer Pause mit zitternder, unsicherer Stimme fort, »als ob du nicht wüßtest, daß er mich im Grunde gar nicht liebt, sondern daß er es sich nur einbildet, weil er sich in meiner Gesellschaft wohl befindet, und weil du und ich viel voneinander halten – und ans ähnlichen äußeren Gründen.« Frau Rode war verstummt. Die Frage, die sie an Alie hatte richten und die sie sie hatte zwingen wollen, auf Ehre und Gewissen zu beantworten: ›Liebst du einen andern, da du ihn abgewiesen hast?‹ diese Frage erstarb auf ihren Lippen. Schien nicht in Wirklichkeit aus allem, was Alie sagte, hervorzugehen, daß sie ihn schließlich, wenn es darauf ankam, liebte? Nicht einen Gedanken an sich selbst hatte sie – nur an ihn und sein Glück. Dies rührte das Herz der Mutter tief; sie schloß Alie in ihre Arme, küßte sie und sagte: »Wenn du dich nun aber doch getäuscht hättest, Alie? Wenn er dich nun wirklich liebte? Dann ist es ja doch klar, daß nur du und du allein ihn glücklich machen kannst.« »Nein, das glaube ich jedenfalls nicht. Selbst wenn er mich jetzt auch wirklich liebte, freilich, ich weiß, daß dies nicht der Fall ist, ich sehe viel zu klar, Tante, und das ist mein Unglück; aber wenn es nun doch der Fall wäre, dann könnte ich vielleicht nicht nein sagen, denn zu Richard sagt man nicht nein –«; sie hielt inne, und ein Ausdruck von Stolz glitt über ihre Züge. »Man sagt nicht nein zu ihm!« wiederholte sie träumerisch. »Jetzt hole ich ihn, Alie.« »Nein, laß mich zu Ende reden. Ich könnte vielleicht nicht nein sagen, und das würde ein Unglück sein, denn ich würde es niemals wagen, weder an ihn noch an mich selber zu glauben. Ich bin nicht allein andern gegenüber kritisch; am meisten bin ich es mir selbst gegenüber. Ich würde unaufhörlich von Zweifeln an mir selber geplagt werden, mich würde die Furcht verzehren, daß er sich in mir geirrt haben könnte, daß ich nicht im stande wäre, ihm alles das zu sein, was er von mir erwartet hatte.« »Aber, liebste Alie, wenn du ihm nicht genügst, dann findet er sicher keine andre, die –« »Ja, ja,« unterbrach Alie sie eifrig. »Jedes andre junge Mädchen würde gewissermaßen besser für ihn passen als ich. Andre sind nicht so kritisch, sie nehmen alles hin, wie es ihnen geboten wird, ohne lange darüber zu grübeln, und dann können sie sich so vorzüglich mit Bruchteilen und Kompromissen zufrieden geben; aber das kann ich nicht, ich will alles, alles, absolut alles für meinen Mann sein, und an demselben Tage, wo ich entdecke, daß dies nicht mehr der Fall ist –« »Nun, was dann, du Närrchen?« »Da würde ich ihn erschießen,« sagte sie in einem Tone, der scherzhaft klingen sollte, dabei schaute sie aber die alte Dame mit so großen, ernsten Augen an, daß dieser alle Lust zu weiteren Ueberredungsversuchen verging. »Ich hätte niemals geglaubt, daß du so überspannt wärest, Alie, du mit all deiner kritischen Altklugheit. Auf diese Weise kannst du dich ja im Leben nicht verheiraten!« »Nein; wer sagt auch, daß ich es will? Man muß entweder ein Kind oder ein Idiot sein, um einen solchen Schritt zu thun.« »Ja, oder auch, man muß lieben . Wenn man das nicht kann, so gebe ich zu –« »Lieben? Tante, du verstehst auch gar nichts! Gerade, wenn man liebt, wagt man es nicht. – Was macht es sonst? Was würde es mich sonst angehen, ob ich Hinz oder Kunz unglücklich machte? Aber einen Mann, den man liebt, fürs Leben an sich zu ketten – mein Gott, welch ein thörichtes Selbstvertrauen!« »Alie, ich glaube wirklich, daß es das Richtigste sein wird, wenn ich Richard jetzt bitte, daß er kommt!« »Thu, was du nicht lassen kannst, Tante,« sagte Alie, ihr einen ernsten, fast drohenden, finster flammenden Blick zusendend. »Ich werde dann nur mein Nein, Nein, Nein! wiederholen, daß es durch das ganze Haus schallt.« Richard erwartete die Mutter ungeduldig auf seinem Zimmer. Sie wollte sich eben daran machen, ihm alles wiederzuerzählen, er aber richtete nur eine einzige Frage an sie: »Liebt sie einen andern?« Und als sie dies verneinte, wollte er nichts weiter hören, sondern nahm seinen Hut und ging. Seine Eigenliebe war lief verletzt. Er hatte so sicher auf seine Macht gebaut. Er hatte es bis dahin niemals vergebens versucht, sich einer Frau zu nähern, man war ihm stets auf halbem Weg entgegengekommen, und doch hatte er niemand so viel von seinem eignen Ich mitgeteilt als gerade Alie. Und nicht allein in dieser Beziehung war er gewohnt gewesen, Glück zu haben. Niemals hatte er ernstliche Widerwärtigkeiten erduldet, nie war er gezwungen worden, von einem einmal gefaßten Beschlusse abzustehen, stets hatte er seine Wünsche überall dort, wo ihm wirklich daran gelegen war, durchgesetzt. Und nun zwang sein Stolz ihn, von seinem Vorhaben abzulassen, ohne auch nur einen Versuch zu machen, den Widerstand zu überwinden, der sich ihm so unerwartet entgegengestellt hatte. Denn sich Liebe erbetteln – nein! Er wollte sie gar nicht mehr haben, er würde sie nicht annehmen, selbst wenn Alie sie ihm jetzt freiwillig angeboten hätte. Während all dieser Jahre im Auslande hatte er ein Gefühl gehabt, als säße Alie daheim und warte auf ihn, als halte sie gleichsam das Glück für ihn in Bereitschaft, so daß er nur zu kommen brauchte, wann es ihm paßte, um es sich zu holen. Er war jetzt erbittert auf sie, als habe sie ihn betrogen; er hatte ein Gefühl, daß er jetzt mit seinem früheren Leben abgeschlossen hatte, es war zu innig mit dem Gedanken an sie verknüpft gewesen. Jetzt lag die Zukunft frei und offen vor ihm, sie rief und lockte ihn, sich Ersatz für die verlorenen Illusionen zu schaffen. Er wich Alie während einiger Tage aus und entschloß sich dann ganz plötzlich, auf eine Zeitlang zu verreisen. Er begab sich in ein norwegisches Bad, trat dort als eifriger Courmacher auf und entzückte alle jungen Damen durch seine schwedische Eleganz. Seine augenblickliche Gemütsstimmung machte ihn besonders empfänglich für ein hastiges Verlieben. Es brauchte ihm jetzt nur ein naives, unbewußtes junges Mädchen, ein Gegensatz zu Alie, in den Weg zu kommen, – und der zündende Funke war bereit, zu fallen. Und sie kam, – und er fiel. Frau Rode erhielt einen langen, langen Brief –, einen Brief, der im Grunde Alies wegen geschrieben zu sein schien, und den sie natürlich auch zu lesen bekam. Er enthielt außer einigen wenigen, aber warmen Aeußerungen über seine Liebe und sein Glück im wesentlichen philosophische Betrachtungen über die Liebe, augenscheinlich zu seiner eignen Verteidigung niedergeschrieben. »›Warum liebe ich sie, – gerade sie?‹ habe ich mich gefragt. ›Bei einem vernünftigen Menschen muß es ja stets für jede Handlung und auch wohl für jedes Gefühl einen Grund geben. Ich habe viele weit entwickeltere Frauen getroffen, die besser als sie mein inneres, seelisches Leben verstanden haben würden, – ja, ich habe stets mit Vorliebe die Gesellschaft solcher Frauen gesucht. Weshalb habe ich denn nicht eine von diesen geliebt?‹« »Hört! hört!« unterbrach sie Alie. »Warte ein wenig, er fügt hier noch etwas hinzu, – das soll auf dich gehen: ›Oder warum bin ich, wenn ich eine von ihnen liebte, nicht im stande gewesen, ihre Gegenliebe zu erwecken?‹« »Jetzt will er auskneifen!« rief Alie aus. »Er hätte wirklich nicht nötig gehabt, mir diese kleine Lüge gleichsam wie ein Almosen hinzuwerfen.« »Aber, Alie!« »Fahre nur fort, Kleine!« – so pflegte Alie Frau Rode zu nennen, umgekehrt war es nie der Fall –, »wir wollen uns jetzt nicht mit Nebensachen aufhalten. Ich brenne vor Ungeduld, mehr zu hören.« »Man könnte wohl meinen, daß die Liebe vorzugsweise zwischen denjenigen entstehen müßte, die einander am besten verstehen, die ein ganzes, volles Seelenleben in Gemeinschaft miteinander leben können. Aber dem ist nicht so; diese entwickelten Frauen, die uns ganz verstehen, die wollen wir zu Freundinnen haben, und als solche sind sie uns unentbehrlich. Wir bewundern sie, wir haben großen Genuß an dem gegenseitigen Gedankenaustausch, wir finden sie in hohem Grad interessant, aber – wir lieben sie nicht.« »Jetzt ist er ein wenig unlogisch,« unterbrach Alie, die in eine sehr übermütige Stimmung geraten war, die Lektüre aufs neue. »Vorhin liebte er sie ja – aber das ist einerlei, lies nur weiter – seine naiven Widersprüche gefallen mir. Also – wir lieben sie nicht.« »Ich glaube nämlich, daß die Liebe ganz andern Gesetzen gehorcht als unser übriges Gefühlsleben.« »Das ist wahr, sie kommt wie ein Niesen, ohne daß man eigentlich weiß, daß man sich erkältet hat.« »Aber, Alie!« »Nun, nun, Kleinchen, nimm's mir nur nicht übel! Dein Sohn ist ja, wenn es schließlich darauf ankommt, auch nur ein sterblicher Mensch. Er kann sich auch wohl einmal einen Schnupfen holen. Nur weiter!« »Das Erotische gehört nämlich auf ein ganz andres Gebiet der Seele als die Freundschaft, die Zuneigung, die kindliche Liebe und dergleichen. Es beruht hauptsächlich auf dem Gesetz der Widersprüche. Und deswegen fürchte ich, daß wenn die moderne Frauenemanzipation ihr Werk vollendet hat –« »Das wird ja besser und besser! Auch kleine, reaktionäre Hiebe! Entsinnst du dich, Tante, mit welcher Beredsamkeit er noch vor wenigen Wochen für die Erziehung der Frau zu einer ebenbürtigen Gefährtin des Mannes sprach? Aber das macht nichts! Nur weiter im Text! Dies amüsiert mich unbeschreiblich!« Sie rückte höher auf das Sofa hinauf, näher an Frau Rode heran, schlang den Arm um sie und guckte mit in den Brief, während die andre laut las: »›Wenn erst die Frau ebenso entwickelt, ebenso reflektierend, so raisonnierend und bewußt wird wie der Mann, so wird das Erotische, welches das Eigentümlichste in der Natur der Liebe ist, aus der Welt verschwinden. Birkegaard hat recht, wenn er sagt, daß das Wesen der Frau die Unmittelbarkeit ist; darin besteht eigentlich das ›ewig Weibliche‹. Du solltest nur meine Aagot sehen, Mutter, dann würdest du besser als durch die Lektüre unzähliger Abhandlungen über dies Thema verstehen, was ich meine. Du solltest sie sehen mit ihren offenen blauen Kinderaugen, die so verwundert und unschuldig in die große, unbekannte Welt hinausstarren.‹« »Nein, Tantchen, hör doch!« rief Alie, in die Hände klatschend. »Wie reizend! Nie im Leben habe ich gewußt, daß Richard eine solche Vorliebe für Kinder hat.« Frau Rode legte ihr die Hand auf den Mund. »Still, du kleine Unart!« sagte sie. »Nun bekommst du kein Wort mehr zu hören, weil du dich so lustig über ihn machst!« »Ich habe wahrhaftig auch genug gehört!« rief sie aus, indem sie aufsprang. »Jetzt gehe ich auf mein Zimmer und grüble über das große Problem der Liebe nach. Ich hätte Lust, eine Abhandlung zu schreiben, die ich – ja, warte einen Augenblick – die ich Liebe und Erotik benennen will.« Frau Rode lachte vergnügt über Alies Erguß, der ihr eine wahre Herzensfreude zu bereiten schien. Er überzeugte ihre mißtrauische Natur, daß Alie kein tieferes Gefühl für Richard hege, wie sie eine Weile befürchtet hatte, denn in diesem Falle hätte sie seine Verlobung ja natürlich ganz anders auffassen müssen. Frau Rode würde es ihrer zukünftigen Schwiegertochter nicht leicht verziehen haben, wenn sie Alie einen Herzenskummer verursacht hätte. Wie die Dinge aber jetzt lagen, war die alte Dame herzlich froh und zufrieden. Richard sandte sein Bild von seiner Braut, er behauptete, sie seien sämtlich unvorteilhaft. Seine Briefe aber strömten mehr und mehr über von Glück, Liebe und Jubel, und die empfängliche Phantasie der Mutter wurde hierdurch stark zu Gunsten der zukünftigen Schwiegertochter beeinflußt; sie war nur zu sehr geneigt, das Mädchen zu lieben, das ihren Sohn so glücklich gemacht hatte, und sie mit seinen Augen, in dem idealisierenden Sicht erster Liebe zu sehen. Es war beschlossen, daß die junge norwegische Braut mit ihren Eltern Richard nach Stockholm begleiten sollte, um seine Mutter kennen zu lernen und eine Wohnung für das junge Paar zu mieten. Frau Rode und Alie waren eifrig beschäftigt, das Haus zum Empfang der Gäste zu ordnen. Alies Gemütsstimmung trat dabei in eine neue Phase; sie war reizbar und nervös, mißbilligte alles, was Frau Rode vorschlug, und bewegte sich mit einer solchen Heftigkeit, daß sie mehr als ein Stück von dem feinen Porzellan der alten Dame zerschlug und dieser noch obendrein den Vorwurf machte, daß sie es ihr absichtlich in den Weg gestellt habe. Frau Rode ließ sich hierdurch nicht um ihre gute Laune bringen; sie sandte nur einen Stoßseufzer nach dem andern zum Himmel empor voller Freude und Dankbarkeit, daß es mit Alie und Richard nichts geworden war. ›Genau so nervös pflegt Richard zu sein, wenn er etwas Praktisches vorhat,‹ dachte sie bei sich selbst. ›Das wäre ein nettes Paar geworden! Sie hätten sich gewiß schon bei ihrer Einrichtung über den Haufen gerannt. Aber – Aagot hat sicher auch ihre Fehler. Gott sei Dank, daß ich sie nicht im voraus kenne! Nun währt es doch sicher eine Weile, bis ich hinter ihre Mängel komme. Dann kann ich mich wenigstens so lange ungestört freuen.‹ Alie durchschaute sie vollkommen – sie konnte jeden Gedanken lesen, der der alten Dame durch den Kopf ging –, und das verbesserte ihre Stimmung keineswegs. Frau Rode wollte gern, daß die junge Braut während ihres Aufenthaltes in der Stadt bei ihr wohnen sollte, und sie beratschlagte sich mit Alie, wie sich dies machen ließ, ohne daran zu denken, daß es sie verletzen könne. Aber eines Tages kam Alie und teilte ihr mit, daß sie ausziehen wolle. Dann könne Aagot ihr Zimmer bekommen. »Ich habe mich in einem Pensionat hier in der Nähe eingemietet. Heute nachmittag kommt ein Packträger und holt meinen Koffer,« sagte sie in einem gleichgültigen Ton, der diese Anordnung zu einer Sache von höchst geringfügiger Bedeutung machte. Die alte Dame ließ den Anrichtlöffel fallen, mit dem sie gerade die Suppe auffüllen wollte. »Was ist das für ein Einfall, Alie? Was in aller Welt meinst du nur damit?« »Ich bedarf am Ende auch einmal einer kleinen Abwechslung,« erwiderte sie scherzend. »Es sind mehrere junge Herren dort in der Pension. Und was habe ich hier jetzt im Hause zu suchen, da der einzige Sohn sich verlobt hat?« Frau Rode streckte ihre Hand aus und ergriff die Alies, die sie streichelte. »Ich verstehe wohl, weshalb du es thun willst, aber ich kann mich nicht darein finden, daß du unser Haus auf diese Weise verlassen willst. Weshalb machst du denn nicht lieber eine kleine Reise und besuchst deine Freunde auf dem Lande ein paar Wochen, wie du doch beabsichtigtest?« »Hör' doch ein Mensch, wie schlecht die Alte ist! Sie gönnt mir nicht einmal, in derselben Stadt zu sein wie ihre Schwiegertochter!« rief Alie mit erkünstelter Heiterkeit aus. »Ich soll fort, je weiter, desto besser! In den einsamen, trübseligen Jahren war ich in Ermanglung von etwas Besserem gut genug. Jetzt ist der Sohn aus Afrika heimgekehrt, und eine junge, schöne Braut wird auf Besuch erwartet, was soll man da noch mit der alten Alie! Aber das glückt dir nicht, Tantchen,« fuhr sie mit einer verzweifelten Anstrengung, ihre Thränen zu verscheuchen, fort. »Sehen will ich sie doch auf alle Fälle. Du sollst mich nicht aus der Stadt fortbekommen, und wenn du noch zehnmal so schlecht gegen mich wärest wie in all dieser Zeit!« »Bin ich schlecht gegen dich gewesen?« unterbrach die alte Dame sie in komischer Verwunderung. »War ich es etwa, die heftig und reizbar war, und die bei jeder Gelegenheit Streit anfing?« »Gesagt hast du freilich nichts, Tantchen, aber ich weiß, wie du mich in deinen Gedanken von dir gestoßen und mich fortgeworfen hast, wie du es nicht einmal mit deinen alten Kleidern zu thun wagst. Glaubst du etwa, ich wüßte es nicht, wie du, alte, leicht entzündbare Thörin, der Fremden dein Herz bereits weit geöffnet hast? Was weißt du weiter von ihr, als daß Richard sich in ihre unschuldigen Kinderaugen verliebt hat? Und bist du nicht trotzdem bereit, sie mit offenen Armen zu empfangen? Und ich dagegen, mußte ich nicht geschmeidig sein wie eine Katze und fromm wie ein Lamm und listig wie ein Fuchs, um dein Mißtrauen gegen mich zu überwinden und mir die Stellung einer Tochter zu erringen, die diese Fremde mir nun als ihr natürliches Recht entreißt?« Frau Rode fühlte sich von diesen in scherzhaftem Ton ausgesprochenen Vorwürfen getroffen und bewegt. Dies also hatte Alie die ganze Zeit mit sich herumgetragen, und sie hatte nicht daran gedacht, ihr diese Krisis durch Zärtlichkeit und Rücksicht zu erleichtern! »Ja, du hast doch wohl recht! Gott verzeih' es mir! Ich bin eine schlechte, egoistische alte Frau. Aber du kannst doch wohl nicht im Ernste alles das glauben, was du da sagst? Du weißt doch recht gut, daß niemand, wenigstens nicht auf die Länge, im stande ist, dich beiseite zu schieben; es ist beinahe dumm von mir, hier zu stehen und dich einer Sache zu versichern, die so klar auf der Hand liegt.« Sie zog Alie an sich, und sie umarmten einander herzlich, Alies Umarmung war jedoch mehr heftig als innig; wie immer hatte sie Angst, einem Gefühlsausbruch nachzugeben. Am Nachmittage zog sie wirklich aus, jedoch erst, nachdem ihr Frau Rode das feste Versprechen abgenommen hatte, wieder zurückzukommen, sobald Richards Braut abgereist sei. »Das heißt, wenn Tante sich dann noch etwas aus mir macht,« fügte Alie hinzu. »Du mußt nicht glauben, daß du mich täuschen kannst. Merke ich, daß deine Gefühle für mich sich nur im geringsten verändert haben, so komme ich nicht. Dann reise ich ins Ausland und – verschwinde irgendwo draußen in der großen weiten Welt – auf irgend eine Weise.« »Verschwinden! Welche Dummheiten du immer im Kopf hast, Kind! Was soll das nur heißen?« »Ich verheirate mich mit einem schwarzäugigen Spanier – nehme mir einen Franzosen zum Liebhaber – mein Mann tötet ihn im Duell, und ich nehme Gift und sterbe! Tableau!« Sie sagte diese ganze Tirade in einem Atemzuge her und lief dann die Treppe hinab, hinter dem Packträger drein, der ihren Koffer trug. Am Tage der Ankunft sollten die Verlobten mit den Eltern allein bleiben, aber am folgenden Tage wollte Alie zu Mittag kommen. Sie hatte das helle seegrüne Kleid mit dem Perlenbesatz, das sie sich im Frühling um Richards willen hatte machen lassen, das sie aber noch nicht ein einziges Mal angehabt hatte, aus dem Koffer genommen. Jetzt, bei dem herbstlichen, kalten, regnerischen Wetter, eignete es sich nicht mehr so gut, aber es war das einzige hübsche Kleid, daß sie besaß, und sie wollte doch der Fremden wegen elegant sein. Sie betrachtete sich im Spiegel und fand, daß der Perlenregen sie jetzt nicht mehr kleidete, wo der Schimmer fort war, der ihrem Aussehen im Frühling einen andern Glanz und eine andre Farbe verliehen hatte, und von dem sie wohl wußte, woher er kam und wohin er ging. Wenn sie jetzt eine neue Toilette gewählt hätte, wäre es sicher eine kalte, graublaue Farbe und ein einfacher, strenger Stil gewesen. Indessen nahm sie einen Mantel um und ging den kurzen Weg schräg über die Straße. Aber es war ihr, als wenn sie sich nicht in der wirklichen Welt bewegte, sondern als wenn man im Traume geht und nicht vorwärts kommen kann. Dann lief sie kurz die Treppe hinauf, blieb vor der Thür stehen und starrte das Namensschild eine ganze Weile mit dummer Verwunderung an. Sie pflegte den Weg nicht mehr zu gehen. Solange Richard zu Hause war und nicht gestört werden durfte, hatte sie sich daran gewöhnt, über die Hintertreppe zu gehen. Ob sich auch die kleine Aagot darein finden würde, in die Küche zu schleichen und dort zu sitzen und zu warten, bis sie zu ihm hineingehen durfte? War sie es wirklich, die jetzt wie eine Fremde hier draußen stand und an der Glocke zog? Und drinnen, dort saß nun die Tochter des Hauses, wahrscheinlich schon ganz vertraut mit allen Sitten und Gebräuchen, schon im Besitz all der Rechte, der Stellung im Hause, die sie selber sich erst mühsam erkämpft hatte. »Ob sie über Nacht gut in meinem Bett geschlafen hat? Ob sie sich selber entzückend und morgenfrisch fand, als sie heute morgen vor meiner Toilette saß und sich im Spiegel betrachtete? Ach ja, es ist keine Kunst, frisch und schön zu sein, wenn man sich geliebt weiß!« Da näherten sich Schritte im Hausflur, und Alie bekam einen Einfall. Wenn sie jetzt ihre Visitenkarte in den Briefkasten steckte wie jede beliebige Fremde und ihrer Wege ging – fort, fort, gleichviel wohin, an irgend einen Ort, wo sie dasselbe Recht zu sein hatte wie alle die andern – wo sie nicht zur Seite geschoben zu werden brauchte, um andern Platz zu machen ... Aber sie blieb doch unbeweglich stehen und hörte, daß es Richards Schritte waren, die sich näherten. Er begrüßte sie ein wenig steif und verlegen, sie aber drückte ihm beide Hände herzlich und beglückwünschte ihn. Ihre Stimmung war plötzlich wieder umgeschlagen, sie erschien froh und ungezwungen, voll liebenswürdiger Zuvorkommenheit und fröhlichen Uebermuts. Als Alie das kleine Wohnzimmer betrat, verneigte sie sich im Scherz tief vor der Frau des Hauses. »Guten Tag, liebe Frau Rode, wie geht es Ihnen? Es ist lange her, seit wir uns nicht sahen, – die Lichter stecken schief im Kronleuchter,« flüsterte sie blitzschnell, indem sie sich umwandte, um Aagot zu begrüßen. Sie erblickte eine hohe, schlanke, elastische Mädchengestalt in einer eleganten, enganschließenden, marineblauen Sammettaille mit einem kleinen, aufrechtstehenden Husarenkragen, aus dem ein blonder, sehr kleiner Kopf mit glattgestrichenem, glänzendem Haar und einem rosigen, strahlenden Antlitz hervorguckte. »Vorgestellt zu werden brauchen wir wohl nicht,« sagte Alie, sie umarmend. »Wir kennen einander. Ich kenne dich wenigstens durch die beredtesten Beschreibungen in Richards Briefen.« »Ist sie nicht entzückend?« flüsterte Frau Rode Alie später zu. Sie hätte sich gern noch glühender ausgedrückt, denn sie war ganz hingerissen von ihrer Schwiegertochter, aber Alies wegen wagte sie es nicht zu thun. »Sie ist ganz bezaubernd,« erwiderte Alie mit großer Wärme. Sie selber fühlte, daß sie sich nie so unvorteilhaft ausgenommen habe wie heute. Das helle Kleid war so fade neben diesem weichen, dunkeln Sammet, der so vorzüglich die Geschmeidigkeit der Figur und die blühende Jugendfrische des Gesichtchens hervorhob. Sie fühlte selber, daß ihre Art und Weise zu sein etwas Forciertes, Nervöses hatte neben diesem vollkommen ruhigen Wesen, welches das Bewußtsein, zum erstenmal geliebt zu werden, Aagot verlieh, ihr, die bei ihrem ersten Schritt in die Welt der Liebe begegnet war, und die deswegen glaubte, es sei ganz in der Ordnung der Natur, daß ihr das Leben zulächelte und alle sie gern hatten. Richard war freilich kein sentimentaler Liebhaber. Er beschäftigte sich nicht sehr viel mit seiner Braut, vielleicht aus Rücksicht auf Alie, vielleicht auch verbot ihm ein Gefühl der Verschämtheit, wie ein Bräutigam der gewöhnlichen Art seine Gefühle in Gegenwart aller zur Schau zu tragen. Er war wie immer sehr aufmerksam gegen Alie, und sie war den ganzen Tag so lebhaft und unterhaltend, daß sie die Bewunderung der Fremden als eine sehr geistreiche junge Dame erregte. Sie und Richard trugen fast ausschließlich die Kosten der Unterhaltung. Aagot sagte nur wenig, das meiste, über das gesprochen wurde, war ihr fremd, aber dies schien sie nicht im geringsten zu beunruhigen oder verlegen zu machen; sie bewahrte die ganze Zeit hindurch ihren sanften, ruhigen Ausdruck ungetrübten Glückes und unerschütterlichen Zutrauens zu der Macht ihrer Liebe. Alie hatte erwartet, die Verlobten ganz ineinander aufgehen zu sehen, Zeugin zärtlicher Blicke sein zu müssen und sich unangenehm dadurch berührt zu fühlen. Aber in dieser völligen Zurückhaltung lag etwas, das sie noch mehr verletzte. Diese beiden dort ruhig und passiv sitzen zu sehen, während sie liebenswürdig gegen sie waren und sich den Schein gaben, als interessiere es sie, mit ihr zu reden, – und dann zu wissen, daß dies alles nur Verstellung war, daß sie ihnen ebenso gleichgültig war wie der erste beste, der auf der Straße vorüberging, – daß sie eine Welt unendlichen Reichtums, unsagbarer Schönheit in sich trugen, die viel zu gut war, um durch einen einzigen Blick von ihr entheiligt zu werden, – wie ihr das in die Seele schnitt! Aber trotzdem fuhr sie fort zu sprechen; sie scherzte, fiel den andern mit plötzlichen Einfällen in die Rede, disputierte, erzählte, – und hörte während der ganzen Zeit ihre eigne Stimme gleichsam aus weiter Ferne. Der Abend kam, und die Fremden brachen auf. Frau Rode hatte den ganzen Tag ein peinliches Bewußtsein von dem gehabt, was hinter Alies wachsender Munterkeit lag, ein dunkles Gefühl, daß ihr ein großes Unrecht zugefügt war. Es that ihr leid, daß Alie wie eine Fremde fortgehen sollte, deswegen hielt sie sie zurück, als sie sich erhob, um Abschied zu nehmen, und flüsterte ihr zu: »Du mußt hier bleiben, Alie! Kannst du nicht auf meinem Sofa im Schlafzimmer schlafen?« »Ach ja, Tantchen, das möchte ich außerordentlich gern!« antwortete sie zur freudigen Ueberraschung der alten Dame. Nachdem alle gute Nacht gesagt hatten, ging Frau Rode noch eine Weile in Küche und Zimmern umher, um allerlei zu ordnen. Als sie endlich in ihr Schlafzimmer kam, fand sie Alie mitten im Zimmer stehen, den einen Arm auf den andern gestützt, die Hand gegen das Kinn geballt, die Augen finsterer und verschleierter denn je; wie geistesabwesend starrte sie in das Licht, das auf dem Toilettentisch brannte. Als Frau Rode sich ihr näherte, nahm ihr Blick wieder Leben an, die Farbe kehrte in die Wangen zurück, sie eilte der alten Dame entgegen, warf sich ihr in die Arme und rief aus: »Nun müssen wir zusammenhalten, wir beiden Alten! Nicht wahr, Tantchen?« Dann bohrte sie ihr Gesicht förmlich unter das Kinn der alten Dame ein und sagte mit zitternder Stimme: »Ach, sie ist das glücklichste, das allerglücklichste Geschöpf auf Gottes Erdboden!« »Alie, mein geliebtes Kind, steht es so um dich? Weshalb hast du selber denn dies Glück zurückgewiesen, als es dir angeboten wurde?« Noch einmal gelang es Alie, nach ihrer alten Gewohnheit, ihren Gefühlsausbruch durch einen Scherz zu verscheuchen. »Welch eine eitle, alte Mutter du bist!« rief sie aus, ihr Gesicht erhebend. »Nun glaubst du natürlich gleich wieder, daß es das größte Glück von der Welt ist, deinen Sohn zum Manne zu bekommen! Nein, sie ist die Glücklichste, weil sie den Mut hat, an ihr Glück zu glauben. Sich geliebt zu wissen und zu glauben, daß man den Geliebten glücklich machen kann, das ist das Schönste, was ich mir denken kann. Aber siehst du, Tante,« und sie faltete die Hände über der Schulter der alten Dame und lehnte ihr Kinn zärtlich dagegen, »eines solchen Glückes kann nur die Eva teilhaftig werden, die noch nicht in den Apfel gebissen hat und die infolgedessen nicht aus dem Paradies des Unbewußten vertrieben ist. Jetzt verstehe ich sehr wohl, daß die Männer solche Frauen lieben.« »Du würdest also nicht in den Apfel beißen, Alie, wenn die Wahl dir noch frei stünde?« Sie antwortete nicht gleich. Sie blieb in derselben Stellung, ernsthaft und grübelnd in das Zimmer hinaufstarrend. Schließlich erhob sie den Kopf und warf ihn mit einem kurzen, bestimmten Ruck zurück. »Ja,« antwortete sie. »Ich würde es doch thun!« Dann kam wieder etwas Träumerisches, etwas Zärtliches in ihren Blick, und in weichem Ton rief sie aus: »Aber sie ist entzückend, Aagot, – ach, wie ist sie doch entzückend!« Zweites Kapitel. Richard und Aagot waren seit drei Jahren verheiratet und hatten einen kleinen Sohn, der mit den klaren, himmelblauen Augen seiner Mutter in die Welt hineinschaute, – der niemals schrie, niemals ungehorsam war, des Nachts vorzüglich schlief und nie die geringste Spur von Krämpfen gehabt hatte. Sie hatten ein schönes, hübsch eingerichtetes Heim mit modernen Phantasiemöbeln, die unregelmäßig zu kleinen Gruppen geordnet und gleichsam zufällig bunt durcheinandergeworfen waren, deren Aufstellung aber in Wirklichkeit einem gewissen bestimmten System entsprach. Aagot liebte die Ordnung, da aber ihr Geschmack und ihre Ansichten stets die der großen Menge und der herrschenden Tagesrichtung waren, konnte sie gar nicht auf den Gedanken kommen, ihre Häuslichkeit anders einzurichten, als die Mode es erheischte. Sie selbst ging in eleganten Toiletten durch ihre schönen Zimmer, sich stets korrekt nach den verschiedenen Tageszeiten richtend, in einem Morgenrock aus weichem Kaschmir mit Spitzen besetzt, in einem Vormittagskostüm von streng englischem Herrenstil, oder in einer Mittagstoilette nach dem letzten französischen Modejournal. Stets heiter, stets mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen, immer zufrieden mit sich selbst und mit andern, verbreitete sie eine gewisse ruhige Gemütlichkeit um sich her. Keine Thränen schienen jemals den klaren Glanz dieser Augen verdunkelt zu haben, keine Nachtwachen hatten diese blühenden Wangen gebleicht. Richards erste leidenschaftliche Verliebtheit war unter dem Einfluß der sicheren Ruhe, die ihr ganzes Wesen umgab, bald in eine ruhige, eheliche Gleichgültigkeit übergegangen. Er hatte immer viel zu thun und war aus dem besten Wege, sich einen Namen als Militärschriftsteller und Organisator zu machen. Wenn er des Mittags nach Hause kam, küßte er seine Gattin zerstreut auf die Stirn, verzehrte mit Wohlgefallen eine fein zubereitete, geschmackvoll auf kostbarem Porzellan angerichtete Mahlzeit, spielte nach Tische ein wenig mit dem Kleinen, ließ ihn in die Höhe springen, Laute nachahmen und Kunststücke machen wie ein kleiner Hund, und begab sich dann in sein schönes, tiefes, mit Büchern und großen Wandkarten geschmücktes Arbeitszimmer, wo er sich an den Schreibtisch setzte, während Aagot mit ihrer Stickerei in dem Boudoir saß oder mit ihrem Kinde spielte, bis es Zeit war, den Kleinen zu Bett zu bringen. Sie entkleidete ihn dann eigenhändig, wusch ihn, ließ ihn die Händchen zum Abendgebet falten, während sie selber neben dem Bettchen kniete. Um diese Zeit des Abends gönnte sich Richard ein paar Erholungsstunden, und dann begann eigentlich erst sein Tag. Alle seine natürliche Mitteilsamkeit, sein Bedürfnis, sich über seine Arbeit und seine Pläne auszusprechen, sich in einer Atmosphäre sympathischen Verstehens zu fühlen, fanden ihre Befriedigung erst, wenn er noch ein paar Treppen höher gestiegen war und an einer Entreethür geschellt hatte, die zu einer Wohnung führte, welche von der größeren Etage, die völlig der seinen entsprach, abgeteilt war. Hier wohnten die beiden »Unberechenbaren«, wie Alie im Scherz sich selber und die alte Frau Rode nannte. Nach Aagots Ansicht war es dort entsetzlich stillos. Die Möbel waren auf jener Periode zwischen der alten und der modernen Zeit, die jetzt mit Recht von allen Menschen mit Geschmack verachtet wird, und standen steil längs den Wänden aufgestellt; Sofas und Stühle waren mit weißen, gehäkelten Antimakassar bedeckt, auf den Tischen lagen doppelte Decken, eine zum Schmuck, eine zum Schutz für diesen Schmuck, und der Fußboden endlich war mit drei doppelten Teppichen belegt, von denen der eine den andern beschützen sollte, und trotzdem durfte man den Fuß nicht darauf setzen, ehe man sich sein säuberlich abgeputzt hatte. Mitten in all dieser Kleinlichkeit aber, die einer längst entschwundenen Zeit angehörte, hatten die beiden Persönlichkeiten, die hier wohnten – die rührige alte Frau, die zur selben Zeit ordentlich bis zur Pedanterie und ungeregelt, freiheitsliebend in ihren Gewohnheiten war, sowie das selbständige, phantasievolle junge Mädchen – dem Ganzen aber doch ein gewisses, persönliches Gepräge zu geben gewußt, von dem man nicht recht wußte, worin es bestand, das aber bewirkte, daß man sich hier sofort heimisch fühlte, während man sich bei Aagot gleichsam in einem Hotel ersten Ranges befand. Im Wohnzimmer stand ein langes, steifes Sofa, Richards Sofa genannt, und hier pflegte er sich, so lang er war, hinzulegen, wenn er des Abends zu ihnen hinaufkam, ermüdet nach einem arbeitsamen Tag. Die Lampe wurde an das Fenster gerückt, damit ihr Schein ihn nicht blenden solle, Alie legte ihm ein Kissen unter den Kopf, und die Mutter rief: »Vergiß nicht das Antimakassar, Alie,« während sie ihm selber eine Schutzdecke unter die Füße legte. Dann machte Alie Thee aus der alten kupfernen Theemaschine, und so waren sie beide geschäftig um ihn besorgt, die Mutter glückselig, etwas für ihren Jungen thun zu können, Alie schwatzend, diskutierend, disputierend, blitzschnell einen jeden seiner Gedanken auffassend, stets individuell in ihrem Beifall wie in ihrer Kritik, hin und wieder ins Blaue hinein fechtend, bereit, ein Paradoxon auf Tod und Leben zu verteidigen, auf der andern Seite aber mit einer so reichen und warmen Sympathie, wenn sie über etwas einig waren, daß es für Richard von der größten Bedeutung war, sie auf seine Seite hinüberzubekommen. Ohne ihre Zustimmung und Billigung konnte er keinen rechten Fluß in irgend etwas bringen, und er konnte oft tagelang verstimmt umhergehen, wenn es ihm nicht gelungen war, sie so weit zu bringen, daß sie eine Frage mit seinen Augen betrachtete. Er beschuldigte sie dann wohl der Einseitigkeit und der Unbilligkeit, aber trotzdem wollte es ihm doch nicht so recht gelingen, seine gute Laune wiederzugewinnen, ehe er sie überzeugt oder – ausnahmsweise – sich selbst einmal hatte überzeugen lassen. Und dann war da dies Unberechenbare bei ihnen, das so oft kleine, angenehme Ueberraschungen zur Folge hatte. Aagot konnte um elf Uhr des Vormittags zu ihnen hinaufkommen und die alte Frau noch im Unterrock vorfinden, während Alie im Schlafrock dastand und ihre Blumen, die sie auf den Fußboden gesetzt hatte, abbrauste, – ringsumher auf den Stühlen aber lagen Bücher und Handarbeiten. Und eine Stunde später, nachdem sich Aagot mit mißbilligender Miene entfernt hatte, konnte dann Alie bei ihr in die Thür hineingucken, völlig angekleidet zum Ausgehen, und sich zeremoniell verneigend sagen: »Frau Rode bittet um die Ehre, den Herrn Hauptmann und Frau Gemahlin heute mittag präzis fünf Uhr bei sich zu sehen!« »Was sagst du! Heute?« rief Aagot aus. »Ihr hattet ja vorhin noch nicht einmal reingemacht!« »Komm um fünf Uhr, und du wirst sehen, daß wir reingemacht haben,« erwiderte Alie, die Treppe hinabeilend, zum Schlächter und Delikatessenhändler. Und wenn dann Richard und Aagot kamen, fanden sie das Zimmer aufs schönste geordnet, die frischen Blattpflanzen waren geschmackvoll gruppiert, und auf dem Eßtisch stand eine eben aufgebrochene Kamelie. Frau Rode trat ihnen heiter lächelnd in ihrem grauseidenen Sonntagskleid entgegen, mit echten Spitzen um Hals und Arme, Alie dagegen trug ein einfaches, gestreiftes Blusenkleid, das aber wie alles, was sie trug, sein Gepräge durch ihre originelle Schönheit erhielt, so daß es einen guten Eindruck machte und von vorzüglichem Geschmack zeugte. Im Haar und um den Hals trug sie eine Garnitur von ungeschliffenen Korallen, und dieser einfache Schmuck schien absichtlich gewählt zu sein, um die Frische ihrer warmen Gesichtsfarbe und die ungekünstelte Anmut zu erhöhen, die über ihrer leichten, weichen Figur und ihrem selbständigen, wechselvollen Wesen lag. Ueber ihre ganze Persönlichkeit war ein so sprudelndes Leben ausgegossen, daß ihre Gegenwart elektrisierend auf ihre Umgebung wirken mußte: Müdigkeit, Steifheit, schlechte Laune, alles schwand unbedingt vor dieser sprühenden Munterkeit, die jedoch ihren Ursprung keineswegs in wirklicher Freude hatte, denn wenn man in die Tiefe dieser dunkeln, ein wenig kurzsichtigen Augen schaute, so entdeckte man etwas Hartes, Unbefriedigtes, das den Beobachter mit Staunen und Unsicherheit erfüllte und ein verborgenes, inneres Leben ahnen ließ, das ganz andrer Natur war als diese schillernde Oberfläche. So energisch und seelenstark, so lebensfroh und rege interessiert Alie in Gesellschaft scheinen konnte, so gleichgültig, schlaff und unwirksam war sie zu andern Zeiten. Sie kannte keine Ausdauer bei irgend einer Arbeit, sie las alles mögliche, das ihr in den Weg kam, wußte oberflächlich mit allem Bescheid, konnte, wenn es erfordert wurde, jegliches leisten, vermochte aber ihr Interesse niemals auf irgend etwas Bestimmtes zu konzentrieren. Sie sagte häufig, daß sie, wenn sie ein Mann gewesen wäre, Medizin studiert haben würde, aber jetzt hätte ihre Erziehung ihr weder die nötigen Vorkenntnisse noch die erforderliche Gewöhnung an Arbeit verliehen. Sie sehnte sich nach einem bestimmten, positiven Ziel für ihre Wirksamkeit, aber frei in ihrer Wahl, wie sie war, da keine pekuniäre Notwendigkeit sie zwang, das erste beste zu ergreifen, und da sie nach keiner Richtung hin ein ausgeprägtes Talent besaß, konnte sie nicht dazu kommen, einen endgültigen Entschluß zu fassen. Sie litt unter diesem planlosen Leben, es schmerzte sie, daß ihre Jugend so zwecklos verrann, ohne eigentliche Lebensfreude, ohne daß sie mit ihrer reichen Begabung das geringste ausrichtete, und ohne daß sie auch nur die Befriedigung hatte, alles für einen andern Menschen zu sein. Denn wie lieb man sie auch in der Familie hatte, der sie infolge eines Zufalls angehörte, – notwendig war sie doch keinem Mitgliede dieser Familie. Und ihr Bedürfnis zu lieben und geliebt zu werden, ihr Leben für und mit einem andern zu leben, für den sie die erste und einzige war, wuchs mit jedem Jahr, das auf diese Weise verstrich; ihre Gefühle für Richard, die sie jetzt mehr als Schwärmerei auffaßte denn als wirkliche Liebe, hatten doch ihre ganze erste Jugend ausgefüllt. Sie hatte, halb unbewußt, immer auf ihn gewartet, und dies hatte sie verhindert, allen Ernstes einen Lebensweg zu wählen. Als diese so lang gehegte Illusion zu nichte wurde, als sie selber das Glück von sich gestoßen hatte, das sie in ihrer Hand gehalten, da hatte sich in ihrem Leben eine unsagbare Leere geltend gemacht, – eine Leere, aus der sich dann allmählich eine tiefe Sehnsucht ausbildete. Ja, hier wollte jemand lieben, – aber nicht so, wie Aagot und Richard einander liebten. »Gottlob, daß ich seine Frau nicht wurde,« konnte sie jetzt einmal über das andre zu seiner Mutter sagen. »Es ist nicht mehr Liebe in ihm als im –« sie wußte nicht, welch Gleichnis sie anwenden sollte, und sagte dann auf gut Glück: »Als in deinen grauen Filzpantoffeln! Seine kleine Liebesflamme war nicht einmal so groß wie meine schwache Spiritusflamme damals. Wenn ich an Aagots Stelle wäre, so würde ich ihm die Augen auskratzen. Dabei kann man ja den Verstand verlieren!« »Schämst du dich nicht, daß du so romantisch bist!« sagte die alte Dame. »Kann man sich etwas Besseres wünschen als ihr ruhiges Glück?« »Ja, natürlich schäme ich mich,« erwiderte Alie. Dann aber konnte sie plötzlich hinlaufen, der Alten um den Hals fallen, ihr in die Augen sehen und sagen: »Schämst du dich denn nicht selber, Tantchen, daß du mit deinen fünfundsechzig Jahren noch einen solchen Vorrat von Romantik in dir birgst!« Aagot hatte Alie im Grunde sehr gern und suchte ihre Gesellschaft, obwohl sie im stillen fand, daß sie eigentlich zu nichts nütze war. Sie war unterhaltend, man langweilte sich niemals in ihrer Gesellschaft, das war nach Aagots Ansicht ihr einziges Verdienst. Aber wenn Richard sagte, daß sie so begabt sei, fragte sie sich oft selber, worin dies eigentlich bestehe. Denn Alie besaß nicht ein einziges von den Talenten, mit derlei Aagot so reich ausgestattet war. Aagot war musikalisch und hatte einen schönen, klaren Sopran, weswegen sie auch häufig eine kleine musikalische Gesellschaft in ihrem Hause versammelte. Sie malte mit Geschmack und hatte die Thüren und die Ofenecken in ihren Zimmern mit Blumen, Weintrauben und Amoretten bemalt; sie besaß eine große Gewandtheit in allen möglichen weiblichen Arbeiten, das sah man an den zahlreichen Kunststickereien, die ihre Wohnung schmückten; auch ein kleines dramatisches Soubrettentalent hatte sie, weswegen sie mehrmals Theatervorstellungen zu wohlthätigen Zwecken veranstaltete, und last not least verstand sie es, ihren Haushalt mustergültig zu führen. Sie konnte einmal in aller Gutmütigkeit zu ihrer Schwiegermutter sagen: »Ich begreife nicht, was Alie eigentlich den ganzen Tag anfängt. Wie kann man es nur aushalten, niemals etwas Nützliches vorzunehmen!« Da aber brauste Frau Robe auf und antwortete nicht ohne Gereiztheit, daß Alie studiere, und daß es wohl kaum einen Mann gäbe, der eine größere allgemeine Bildung besäße oder kenntnisreicher sei als sie, und daß dies wohl noch weit mehr wert sei als alle die unnützen, mittelmäßigen Talente, welche andre Frauen pflegten. Aagot fiel es nicht ein, sich getroffen zu fühlen, sie war viel zu sehr mit sich selbst zufrieden, um andern ihre kleinen Eigentümlichkeiten nicht zu vergeben, und sie fragte nur, um sich über das aufzuklären, was sie nicht verstand: »Wozu aber nutzt denn all ihr Studieren? Sie ist ja zu gar nichts zu gebrauchen, und du machst ihr ja oft selbst den Vorwurf, daß sie zu nichts Ausdauer hat und daß sie gegen alles gleichgültig ist.« Aber diese Unzulänglichkeiten bei Alie, die der alten Dame in Wirklichkeit Kummer bereiteten, wurden jetzt, wo es sich darum handelte, ihren Liebling zu verteidigen, fast zu einem Verdienst, und sie erwiderte: »Ja, es mag wohl vorkommen, daß ich sie deswegen schelte, aber im Grunde gefällt mir das an ihr. Ich will selber Erlaubnis haben, unordentlich zu sein, wenn es mir gefällt, und halte es für wichtiger, so vielseitig und so voller Interessen zu sein, wie Alie es ist, als daß man seine Taschentücher der Reihenfolge nach aus der Kommodschublade nimmt. Du siehst ja, wie Richard mit ihr über alles reden kann, fast besser als mit irgend einem Mann.« »Ich gebe ja auch zu, daß sie anziehend ist,« entgegnete Aagot mit ihrem ruhigen Lächeln. »Aber trotzdem halte ich es für ein Glück, daß sie sich nicht verheiratet, denn ich glaube nicht, daß ein Mann glücklich mit ihr werden würde.« »Alie kann alles, was sie will!« erwiderte Frau Rode. »Sie kann auch eine vorzügliche Hausfrau werden, wenn sie es nur will. Aber daraus macht sie sich nichts, und darin thut sie recht.« »Ja, wenn man so wenig weibliches Gefühl hat wie sie,« fügte Aagot hinzu. Die Mutter konnte nicht antworten, denn im selben Augenblick wurde unter Lärmen und Geräusch die Thür geöffnet, und eine muntere Gesellschaft marschierte herein. Alie an der Spitze, in Jacke und Beinkleider als Trommelschläger gekleidet, mit aller Macht auf Halvards neue Weihnachtstrommel losschlagend, und hinter ihr drein eine Schar kleiner, jubelnder Kinder, Halvards Freunde, die zum Plündern des Tannenbaums eingeladen waren. »Ja, Kinder zu amüsieren, das versteht sie!« sagte Aagot. »Und glaubst du, daß man das ohne weibliches Gefühl kann?« fragte Frau Rode. »Sieh nur, wie entzückt sie alle über sie sind.« Alie hatte die Trommel fortgelegt und sich auf die Erde gesetzt, die Kinder scharten sich um sie, traten auf ihr herum, zogen sie am Haar und überschütteten sie mit Küssen. Sie lachte, schalt, spielte mit ihnen, band dem einen ein aufgelöstes Band zu und strich dem andern das Haar aus der erhitzten Stirn; es war ein Lärm und ein Leben und ein Jubel rings um sie her, als wenn sich ein ganzer Bienenschwarm auf einmal in einen großen blühenden Lindenbaum niederläßt. Aber das friedliche Glück, das in dem traulichen Heim in der Strandstraße weilte, sollte nicht ungetrübt bleiben. Der Winter war ungewöhnlich kalt und stürmisch geworden. Der Schnee fiel in Unmassen vom Himmel herab, aber statt hart und zusammengepreßt liegen zu bleiben, rissen Wind und Tauwetter ihn auf, – es wurde ungesund in der Stadt, und bald herrschte eine Lungenkatarrhepidemie. Gute Oesen, Doppelfenster, dicke Teppiche – ausgesucht schönes Pelzwerk und ein geschlossener Schlitten als Weihnachtsgeschenk – nichts half. Der Winter respektierte nicht die Harmonie der wohleingerichteten Häuslichkeit. Der unzivilisierte Wind drang sogar durch die Mauern hindurch, Aagot bekam einen Schnupfen und plagte sich während des ganzen Weihnachtsfestes damit. »Wie geht es mit Aagots Schnupfen?« fragten täglich die Eltern und die Verwandten. Und die Antwort lautete immer gleich niederschlagend. Sie hatte Kopfschmerzen, in der Nacht hatte sie sogar ein wenig gefiebert. Richard hatte ihre Temperatur mit dem Thermometer gemessen und gefunden, daß sie fast einen halben Grad über siebenunddreißig Grad betrug. Da ihr Hausarzt, der einer der hervorragendsten Aerzte der Stadt war, nichts gegen diesen ewigen Schnupfen zu thun vermochte, wandte sich Richard in seiner Verzweiflung an einen Ohren- und Halsspezialisten. Aber auch dieser war machtlos, und eines Morgens zu Anfang des neuen Jahres kam Richard ungewöhnlich bleich zu seiner Mutter herauf und sagte mit zitternder Stimme: »Aagot hat Fieber.« So gleichgültig sich Richard unter gewöhnlichen Verhältnissen seiner Frau gegenüber zeigte, so ängstlich war er jetzt, wo ihr etwas fehlte. Er umgab sie mit jeder nur denkbaren Fürsorge, war stets darauf bedacht, dies oder das zu besorgen, was ihr Freude bereiten oder Linderung verschaffen konnte, stand wohl zehnmal des Nachts auf, um ihr behilflich zu sein oder zu lauschen, ob sie Schlaf gefunden. »Siehst du, wie viel er doch im Grunde von ihr hält?« sagte die Mutter zu Alie. »Und du zweifelst so oft daran!« »Ja, ich sehe, daß er so glücklich ist, in ihr ein neues Ziel für seine Wirksamkeit zu finden,« entgegnete Alie. »Pfui, Alie, wie häßlich von dir, es so auszulegen!« »Warum ist das häßlich? Ich bezweifle ja nicht, daß er sie lieb hat; ich sage mir, es entspricht seinem Charakter, nur das zu lieben, was er zu erringen wünscht, oder was er zu verlieren fürchtet. Seine Liebe wie alles an ihm, ist nichts als Aktivität.« Es wurde wirklich ein langwieriger, hartnäckiger Lungenkatarrh. Aber Aagot lag gerade so lächelnd und zufrieden in ihrem Krankenbett, wie sie sonst im Hanse umherging. Ja, sie war sogar noch glücklicher als sonst, denn es gefiel ihr sehr, so von allen gepflegt und verzogen zu werden. Und jetzt sagte sie auch nicht mehr, daß Alie zu nichts zu gebrauchen sei, denn diese verstand es, sich jetzt zu verdoppeln und allem vorzustehen; sie besorgte den Haushalt, sie unterhielt sowohl Aagot als den Kleinen, sie ermunterte Richard, nahm die Vorschriften der Aerzte entgegen und sorgte für ihre Ausführung, und dabei machte sie es doch möglich, bei der alten Dame zu sein, sobald diese ihrer bedurfte. Als Aagot endlich das Bett verließ, war doch noch eine große Mattigkeit zurückgeblieben; sie konnte ihre Kräfte gar nicht recht wiedergewinnen, und da das Wetter noch immer rauh war, durfte sie auch nicht in die Luft hinaus. Nach einer genauen Untersuchung erklärten die Aerzte, daß sich an der einen Lungenspitze eine kleine Verdichtung zeige, deshalb sei es das Richtigste, wenn sie die gefährliche Uebergangszeit, wo die Unmengen von Schnee und Eis schmelzen, die der Winter aufgestaut hatte, im Süden verbringen könne. Das gab eine Aufregung! Aagot sollte nach dem Süden, eine Verdichtung der Lungenspitzen, ein Krankheitskeim, der lebensgefährlich werden konnte, um so mehr, als die Anlage zu Schwindsucht in ihrer Familie vorhanden war! Aagots Eltern, die sofort von dem Bevorstehenden in Kenntnis gesetzt wurden, Frau Rode, Richard und auch Alie dachten an nichts mehr, als daß Aagot den Norden so schleunig wie möglich verlassen müsse. Richard kam sofort um Urlaub ein, um seine Frau begleiten zu können, und Aagot verbrachte die ganzen Vormittage in Beratschlagung mit ihrer Schneiderin, die eine stilvolle Reisetoilette, ein Kleid für die Table d'hote, eine Frühstücks-, eine Promenaden-, eine Strandtoilette und noch alles mögliche andre anfertigen sollte. Denn sie wollte nicht gezwungen sein, sich ihre Kleider in der Fremde zu kaufen; wer wußte, ob eine fremde Schneiderin im stande sei, sie zu befriedigen! Reisekoffer, Reisetaschen, Fußsäcke, wollene Decken, Kissen und so weiter – alles nur Erdenkliche, was zu einer eleganten und komfortabeln Reiseausstattung gehörte, wurde angeschafft. Zwei Fragen aber waren noch unentschieden. Wer sollte als Gesellschaft für Aagot mitgenommen werden, da Richard sie ja nur auf kurze Zeit begleiten konnte, und wer sollte den kleinen Halvard während der Abwesenheit seiner Mutter zu sich nehmen? Frau Skeen, Aagots Mutter, konnte sie nicht begleiten, weil sie ihren ein wenig despotischen, kränklichen Mann pflegen mußte; aus demselben Grunde konnte sie auch die Verantwortung für den Kleinen nicht übernehmen; sie war eine jener ängstlichen Naturen, die sich vor lauter Fürsorglichkeit um Ruhe und Frieden bringen, und sie war in dem Grade von den Launen ihres Mannes in Anspruch genommen, daß ihr keine Zeit mehr übrig blieb. Frau Rode ihrerseits war zu alt, um die Sorge für den Kleinen übernehmen zu können. So war denn Alie die einzige, der man ihn hätte anvertrauen können; wer aber konnte wohl eine bessere Gesellschaft für Aagot sein als gerade Alie? Man erwog die Sache von allen Seiten, ohne auch nur daran zu denken, Alie nach ihrer eignen Ansicht zu fragen. Es würde sie auch verwundert haben, wenn man eine derartige Frage an sie gerichtet hätte, sie würde sicher geantwortet haben: »Ach, welch ein Unsinn!« So natürlich war es für sie, daß man nur einfach über sie verfügte, wenn man ihrer bedurfte. Im Grunde aber hatte sie gar keine rechte Lust zum Reisen. Sie war niemals für ihre eigne Person thätig, suchte nie die geringste Zerstreuung und zog es vor, zu Hause zu sitzen und von fremden Ländern zu lesen, statt sie in Wirklichkeit aufzusuchen. Sie war so fest überzeugt, daß ihr die Wirklichkeit stets Enttäuschungen bereiten würde, daß sie sich scheu zurückzog, sobald sich ihr die Gelegenheit bot, etwas von dem auszuführen, was die Phantasie ihr vorgegaukelt hatte. Italien! Es war so schön, davon zu träumen; alle Nordländer gerieten ja in Ekstase, wenn nur der Name genannt wurde. Aber selbst dies Zauberland hatte natürlich seine Schattenseiten, und man fand sich besser dabei, wenn man sie nicht kannte. Außerdem hing sie mit großer Zärtlichkeit an der alten Dame und dem kleinen Knaben, und obwohl sie sie in der Phantasie wohl hundertmal verlassen hatte, fest überzeugt, daß sie ihrer nicht mehr bedürften und sich auch im Grunde nicht viel aus ihr machten, so war sie jetzt doch ganz bewegt und ergriffen, als Richard eines Abends hinaufkam und sagte: »Jetzt sind wir zu der Ueberzeugung gelangt, daß es am besten ist, wenn Alie uns begleitet und Mutter den Kleinen nimmt.« Auch die Mutter war ganz erschrocken bei dem Gedanken an diese Verantwortung, jetzt, wo sie auch ihr Faktotum entbehren sollte. Aber Richard hatte es nun einmal so bestimmt, und es fiel keiner von den beiden Damen ein, ihm zu widersprechen. Die Reise sollte in vierzehn Tagen angetreten werden, und Alie war nun eifrig mit dem Umzug des Kleinen in ihr Zimmer beschäftigt; auch hatte sie eine Menge von Instruktionen für die beiden »Kinder« zu erteilen, die sie nun verlassen sollte. »Du begehst mir nicht einen solchen Unsinn, daß du des Nachts aufstehst, um zu hören, ob er schläft,« sagte sie zu der alten Dame. »Er ist ein Engelskind und thut alles, was er soll, ohne daß du dich deswegen zu beunruhigen brauchst. Und du packst ihn nicht zu sehr ein, wenn er hinausgeht, und dann ißt du jeden Tag ordentlich und läßt das Essen nicht bis spät zum Abend stehen und kalt werden. Und dann gehst du jeden Tag gehörig in die Luft.« »Nein, das kann ich dir wirklich nicht versprechen, liebste Alie,« unterbrach die alte Frau sie. »Du weißt ja, daß ich nicht gern allein ausgehe.« »Großer Gott, nun will die einfältige alte Frau im Hause sitzen, bis sie einen Schlagfluß bekommt!« rief Alie aus. »Das ist wirklich gewissenlos von dir, wenn du doch die Verantwortung für die Pflege des unschuldigen Kindes übernimmst. Aber warte nur, ich will schon dafür sorgen!« Und fort war sie wie der Sturmwind, ohne daß die Alte sie hätte zurückhalten können, und als sie wiederkam, erzählte sie, daß sie bei einer Freundin gewesen sei und mit ihr verabredet hätte, daß sie Frau Rode täglich zu einem Spaziergang abholen solle. Die alte Dame war indessen keineswegs zufrieden mit dieser Anordnung und beklagte sich bitter über Alies Tyrannei. Sollte sie auf die Minute hinausgetrieben werden wie ein Pensionsmädchen und sich mit dieser guten, lieben Freundin langweilen! Aber Alie ließ nicht nach und wußte Richard auf ihre Seite zu bekommen, und so blieb denn Frau Rode schließlich nichts andres übrig, als sich zu ergeben. »Und regelmäßig einmal jede Woche schreibst du und stattest genauen Bericht über alles ab.« »Ich will gern schreiben, sobald ich weiß, daß ihr an euerm Bestimmungsort angelangt seid und mir eure sichere Adresse geben könnt.« »Hat man je so etwas gehört! Wenn wir an unserm Bestimmungsort angelangt sind! Und während der ganzen Zeit, die wir uns auf der Reise befinden, willst du uns ohne Nachricht lassen?« Sie machte sich sofort daran, die Reiseroute genau zu studieren, sie rechnete aus, wie viele Tage sie sich voraussichtlich an jenem Ort aushalten würden, bestimmte mit dem Bädeker in der Hand die Hotels, in denen sie einkehren würden, und schrieb endlich alle diese Namen und Adressen auf eine Liste, die sie an die Wand neben Frau Rodes altem Sekretär hängte. Während aller dieser Vorbereitungen näherte sich der Tag der Abreise, und Aagot fragte Alie ganz verwundert: »Aber hast du denn gar nicht an deine Reisetoilette gedacht?« »Reisetoilette? Mein altes marineblaues Kleid muß wohl gut genug zu dem Zweck sein!« Und für die Tables d'hotes in den Hotels? Du hast gar nichts anzuziehen!« »Ich habe mein schwarzseidenes Kleid. Des Abends bei Licht sieht es gar nicht so übel aus. Und in dem herrlichen Süden diniert man ja bekanntlich mitten im Sommer bei Licht.« »Und wie sieht es mit deiner Promenade-, deiner Strandtoilette aus? Mit deinen Hüten und Mänteln? Du hast ja nicht an das Allergeringste gedacht! Ich begreife nicht, was du diese vierzehn Tage lang angefangen hast!« »Ich kaufe mir unterwegs einige fertige Kostüme und vertrage die auf der Reise. Glaubst du, daß ich unnötiges Geld für den Transport meiner Garderobe wegwerfen will?« »Aber, liebste Alie, daran mußt du doch wirklich nicht denken; Richard bezahlt ja die Reise.« »Glaubst du, daß das irgend einen Unterschied für mich macht? Ich will nicht, daß Richard sein Geld unnütz ausgiebt.« Und so standen sie denn eines Tages reisefertig da, beide so verschiedenartig ausgestattet, Alie in ihrem etwas vertragenen blauen Tuchkleide, auf dem Kopfe eine kleine Mütze von demselben Stoff, die sie sich im letzten Augenblick gemacht hatte, und die in der Eile ein wenig schief geworden war, dabei aber doch so keck und kleidsam auf dem leicht gelockten Haar saß, – übrigens in heftiger Erregung, dunkelrot im Gesicht, lachend und schwatzend, um nur nicht in Thränen auszubrechen; Aagot distinguiert, elegant in ihrem englischen Ulster und ihrem weichen Filzhut mit dem langen Reiseschleier, die Augen in ruhigen, milden Thränen schwimmend, – die Hände voller Blumensträuße. Die Kammerherrin Skeen weinte, so daß sie kaum sprechen konnte, schluchzend umarmte sie Frau Rode. »Liebste, was doch ein Mutterherz tragen und leiden muß! Denken Sie nur, sich so von seinem einzigen, geliebten Kinde trennen zu müssen!« Frau Rode, die den kleinen Knaben an der Hand hielt, und die alle Sentimentalität haßte, erwiderte in trockenem Ton: »Ach ja, wir dürfen nur nicht vergessen, daß unsre Kinder nicht allein um unseretwillen da sind, und wenn es ihnen nur gut geht im Leben, dann müssen wir uns wohl geduldig in unser Schicksal finden.« »Albertina Rode ist eine prächtige Frau,« sagte die Kammerherrin nach ihrer Heimkehr zu ihrem Gatten; »viel Herz hat sie aber nicht.« Aagot umarmte zum letztenmal ihren kleinen Sohn und sprang dann ins Coupé hinein. Es zog auf dem Bahnsteig, sie durfte nicht länger dort stehen. Sie beugte sich zum Fenster hinaus und lächelte unter Thränen ihrer Mutter und ihrem Kinde zu. Alle ihre Freundinnen, die eine dichte Gruppe vor dem Coupéfenster bildeten, warfen ihr Kußhände zu und sagten: »Wie entzückend sie doch ist!« Alies kleiner, origineller Kopf kam jetzt unbemerkt hinter Aagot zum Vorschein. Sie hatte genug zu thun gehabt mit dem Ordnen des Handgepäcks, auch hatte sie einen Platz für Aagot auf dem Rücksitz belegt, wo kein Zug war; jetzt stand sie da, nickte Frau Rode und dem Kleinen zu und warf ihnen Kußhände zu, und im letzten Augenblick, als der Zug sich schon in Bewegung setzte, riß sie ihren Handschuh ab und reichte der alten Dame ihre Hand durch das Fenster, und still, ohne ein Wort und ohne Thränen wechselten die beiden einen warmen, treuen Händedruck. Als aber dann eine der Freundinnen ihre ausgestreckte Hand ergreifen wollte, zog sie sie schnell zurück und hielt sie hoch in die Luft, sie der alten Frau zeigend. Und diese verstand sie, – ihr Händedruck sollte der letzte Abschiedsgruß sein. Drittes Kapitel. Das Ziel der Reise war die Riviera. Es war zu Anfang April, und die Natur in der Heimat hatte noch nicht angefangen, das geringste Lebenszeichen zu verraten. Ueberall waren große Schneemassen aufgehäuft, die Seen waren noch mit Eis bedeckt, in Schoonen war der Schnee freilich zum Teil schon geschmolzen, aber die Felder lagen grau und kahl da, als könnten sie nach dem langen Winterschlaf nicht so recht wieder zum Leben erwachen. Erst in Deutschland erblickte man grünende Felder und knospende Bäume, und Richard und Aagot sprachen davon, wie herrlich es doch sei, um diese Zeit des Jahres den kalten Norden hinter sich zu lassen. Alie aber hatte von Anfang an eine feindliche Stellung gegen die Begeisterung eingenommen, die den Nordländer stets ergreift, wenn er zu Anfang des Frühlings gen Süden reist. Großer Gott, war es denn wirklich wert, so viel Aufhebens davon zu machen, daß der Frühling ein paar Wochen früher kam als sonst? Jedenfalls war er – wenn er kam – lange nicht so schön wie in der Heimat, mit Zugvögeln und hellen Nächten und Blumen unterm Schnee, und all dem Jubel und all den Hoffnungen, die stets mit ihm im Gefolge waren. Davon konnte man ja unmöglich im Süden etwas merken, wo sich alles das ganze Jahr hindurch gleich blieb. Sie weinte jeden Abend ein wenig, wenn sie Frau Rodes und des Kleinen Bild betrachtete, und dachte unablässig daran, wie es den Lieben wohl gehen möge, ob sie äßen, schliefen, hinausgingen und wie vernünftige Menschen lebten? Nach Verlauf von vierzehn Tagen, während welcher sie hie und da Rast gemacht hatten, langten sie in Cannes an. Dies war also das berühmte mittelländische Meer! Es war ja gar nicht so blau, wie man allgemein behauptete, nicht im entferntesten! Konnte man die Ostsee nicht zuweilen an schönen Sommertagen ebenso rein und himmelblau daliegen sehen? Ein wenig heller waren ja freilich Himmel und Wasser daheim, aber weshalb sollte durchaus ein dunkler Horizont schöner sein als ein lichtblauer? Wie scharf und hart, fast schneidend war nicht dies Licht über dem weißen, bestaubten Ufer! Man hatte ein Gefühl, als brenne es durch das Gehirn bis in den Nacken hinein, als müsse es einen blind und toll machen. Es gab keine Ruhe, kein Vertrauen in dieser Natur. Und diese vereinzelt dastehenden Palmen, die keine Kühlung gewährten, deren harte, violette Schlagschatten sich aber gleich Tintenklecksen auf dem hellen Sand abzeichneten, wie dekorationsmäßig, öldruckartig wirkten sie! War das ein Meer? Das war ja nichts als ein großer, schwüler Landsee ohne Frische, ohne Tanggeruch. Und all dieser geschmacklose Luxus, diese Hotels, diese künstlichen Gärten, Restaurants, Toiletten und Equipagen, – konnte man in einer solchen Umgebung in Stimmung kommen? Zu Alies Freude wünschte auch Richard nicht, sie allein in diesem Weltengewühl zurückzulassen, sondern wollte einen entlegeneren Ort aufsuchen, der sich besser für zwei alleinstehende jüngere Damen eignete, jetzt, wo er wieder in die Heimat zurückkehren mußte. In der Nähe von Genua, in dem stillen, gegen alle Winde geschützten Nervi, fanden sie auch einen Ort, der sie nach jeder Richtung hin befriedigte. Hier hielten sich nur Kranke auf, die um ihrer Gesundheit willen das milde Klima aufgesucht hatten, und von jenen zweifelhaften Persönlichkeiten, die in glänzenden Equipagen und herausfordernden Toiletten den andern größeren Kurorten ihr Gepräge verliehen, sah man hier nichts. Obwohl Aagot für ihr Leben gern all diesen Luxus sah und auch nicht ungern ihre eignen Toiletten auf der Promenade gezeigt hätte, so war sie doch zu sehr die wohlerzogene Tochter ihrer Mutter, um sich nicht selbst zu sagen, daß es sich für eine junge Frau, welche der Begleitung ihres Gatten entbehren muß, geziemt, in würdigem Strohwitwenstande zu leben und den Zerstreuungen der Welt zu entsagen. Auch war sie ja krank, und es war ihre Pflicht, an ihre Gesundheit zu denken, um so bald wie möglich ihre Stellung als Mutter und Gattin wieder ausfüllen zu können. Ehe sie sich in Nervi niederließen, verbrachten sie einige Tage in Genua. Während Aagot, die gesehen hatte, daß man im Auslande diesen oder jenen Modeartikel ein wenig anders trug als in der Heimat, und die es daher für nötig hielt, noch einige neue Toiletten anzuschaffen, sich in den Modemagazinen aufhielt, besichtigten Alie und Richard die alten Paläste. Die großartige, edle Schönheit, durch welche diese sich auszeichneten, erweckte zum erstenmal bei Alie Geschmack an Luxus und Reichtum. Den gewöhnlichen, banalen Salonluxus hatte sie stets verachtet, Aagots kleine Plüschtische und gestickte Gardinen waren ihr geradezu ein Greuel, aber diese Höfe mit Marmorsäulengängen, diese hohen Säle in reinen Proportionen, mit Gemälden von der Hand der hervorragendsten Künstler der Welt, diese verborgenen, schattigen Gärten mit Zitronenbäumen und Palmen, und diese Terrassen, auf die man plötzlich aus dem Dunkel des Palastes heraustrat und die sich im Sonnenschein badeten, die Aussicht über das Meer beherrschten, das alles erfüllte sie mit unwiderstehlichem Entzücken und offenbarte ihr einen Schimmer jener erträumten Schönheitswelt, gegen die sie so mißtrauisch gewesen war. Besonders fesselte sie einer dieser Paläste durch seine reine Schönheit. Es war dies der dem Prinzen von Palmi gehörige Palazzo Serra. Alie, welche in den letzten Wochen vor der Abreise einige Werke über die Geschichte Italiens durchgeblättert hatte, wußte sofort, daß der Besitzer von dem berühmten Admiral abstammen müsse, der im vierzehnten Jahrhundert eine wichtige Schlacht über die aufrührerischen Sizilianer gewonnen und als Belohnung dafür von dem damaligen König von Neapel und Grafen von der Provence, Roberto d'Angio, das Feudalgut Palmi in Calabrien erhalten hatte. Sie erhielten auch bald eine Bestätigung dieser Annahme durch eine Inschrift an der Mauer, welche erzählte, daß der Palast im sechzehnten Jahrhundert erbaut sei, um für alle Zeiten den Nachkommen die Erinnerung an ihren großen Stammvater zu bewahren. Ueber einen Hof mit korinthischen Säulen gelangte man in das Vestibül, das mit Statuen aus verschiedenen Perioden, ein paar antiken und einer von Canova, sowie einer Porträtbüste des Herrn des Hauses geschmückt war. Von dort führte eine Treppe in das obere Stockwerk hinauf, wo sie einen Saal betraten, dessen Wände aus Gold und Lapislazuli bestanden; der Fußboden bildete das schönste Mosaik, und die von schwarzen Sphinxen getragene Decke war von einem jungen Künstler gemalt, der Raffaels Schüler gewesen, welcher aber gestorben war ohne irgend ein andres Werk hinterlassen zu haben, als dies Deckengemälde, das freilich ein glänzendes Zeugnis für sein Genie ablegte. Der Diener des Schlosses, der sie herumführte, wiederholte seine traditionelle Geschichte, wie der damalige Prinz von Palmi den jungen Künstler entdeckt hatte, der dem Hungertode nahe gewesen war, wie er seine große Begabung gespürt, ohne einen andern Beweis dafür zu sehen, als einige unvollendete Skizzen, und wie er ihm allein die großartige Aufgabe übertragen hatte, das ganze Palais zu dekorieren, obwohl zahlreiche andre, bereits bekannte Talente um diese Ehre wetteiferten; wie dann der Jüngling sich selbst hatte übertreffen wollen, wie er Tag und Nacht arbeitete, stets neue Skizzen entwarf, wieder vernichtete, was er begonnen, und von neuem anfing, bis er schließlich ganz entkräftet war, und als dann der Palast fertig dastand und er ein ganzes Vermögen als Belohnung erhalten hatte, legte er sich aufs Krankenbett, von dem er nicht wieder aufstehen sollte. In einem der Säle standen auf einem Tisch von Florentiner Mosaik mehrere Photographien, die Alies Aufmerksamkeit fesselten. Eine junge Dame in venetianischer, mittelalterlicher Hoftracht zeichnete sich durch eine so echt tizianische Schönheit aus, daß Alie der Meinung war, die Photographie sei nach dem Gemälde eines alten Meisters angefertigt. Der Diener erklärte jedoch, daß es die Prinzessin von Palmi sei, eine geborene Römerin, die diese Tracht auf einem Kostümball während des Karnevals getragen habe. Neben ihr stand das Bild eines jungen Mannes in einem entsprechenden Kostüm aus derselben Zeit; er hatte ebenfalls ein schönes Gesicht, doch lag ein unruhiger, spottender Ausdruck um den seinen, mit einem leichten Schnurrbart geschmückten Mund. »Der Gemahl der Prinzessin?« fragte Alie. »Wie neugierig du bist,« lachte Richard. »Nein, es ist der Bruder des Prinzen, des Marquis Serra,« erwiderte der Diener. »Welch eine schöne Familie!« rief Alie aus. »Richtige Romanmenschen. Alles ist hier vereint, Geburtsadel, Reichtum, Kunstsinn und Schönheit. Man könnte fast neidisch werden.« »Ja, und die bezaubernde Prinzessin hat natürlich ihre Liebhaber, der Prinz amüsiert sich auf seine Manier und steckt bis über die Ohren in Schulden, und der junge Marquis lebt natürlich nur für galante Abenteuer und macht dabei Jagd auf ein reiches Mädchen, um seine Finanzen zu verbessern,« bemerkte Richard. »Das ist die Kehrseite der Medaille in den meisten dieser adeligen Familien.« »Schweig, Richard!« versetzte Alie. »Laß mir meine Illusionen! Es ist so schön hier, daß es einem bis in die Seele hinein wohl thut.« »Und der Prinz selbst?« wandte sie sich wieder an den Diener. »Ist sein Bild nicht hier?« »Nein, der Prinz ist sehr kränklich, er läßt sich niemals porträtieren.« Er sagte dies mit einem eigenartig ehrerbietigen, beklagenden Ausdruck. »Und haben sie Kinder?« »Nein, der Marquis Serra wird einstmals den Palast und den Titel erben.« Sie gelangten in ein andres Zimmer mit Familienporträts, und hier fesselte Alies Aufmerksamkeit sofort ein in Oel gemalter Kopf, der einen jungen Mann mit einer breiten, ein wenig gewölbten Stirn, mit dichtem, lockigem, dunkelm Haar, träumenden, intelligenten Augen und einem seinen, ausdrucksvollen Mund vorstellte. »Das Gesicht muß ich kennen,« sagte sie zu Richard. »Es ist ein interessanter Kopf. Sicher ein Dichter oder ein Gelehrter. Wen stellt das Bild dar?« fragte sie den Diener. »Den Marquis Andrea Serra, den jüngeren Bruder des Prinzen,« lautete die Antwort. »Ist es derselbe, den wir vorhin auf der Photographie sahen?« »Freilich.« »Denk nur, Richard, das ist doch merkwürdig! Hast du jemals einen Menschen gesehen, der bei verschiedenen Gelegenheiten so verschiedenartig aussehen kann? Von dem da kannst du doch nicht behaupten, daß er auf galante Abenteuer ausgeht. Ich finde, er sieht so aus, als sei er im Begriff, ein Gedicht zu schreiben.« »Meinetwegen,« erwiderte Richard. »Aber hast du dich denn nicht endlich satt gesehen? Ich fürchte, Aagot wird ungeduldig.« »Lieber, guter Richard, laß mich die Photographien in dem andern Zimmer noch einmal besehen; sie interessieren mich wirklich aufs höchste.« »Ich glaube, du bist in den Märchenprinzen verliebt,« sagte Richard. »Nein, aber er interessiert mich. Wie kann man nur zwei so verschiedene Gesichter haben!« Am folgenden Morgen erzählte Alie, daß sie die ganze Nacht von dem Märchenprinzen geträumt habe. »Und sie will nicht in ihn verliebt sein,« sagte Richard lachend zu Aagot; »sie denkt Tag und Nacht an ihn.« »Freilich,« erwiderte Alie heiter, »wenn ich mich jemals verlieben sollte, so könnte der Gegenstand nur eine Persönlichkeit sein, von der ich im voraus wüßte, daß ich ihrer nie ansichtig werden würde.« »Uebrigens,« fügte Richard hinzu, »habe auch ich seither an ihn gedacht. Es war mir gestern gleich, als müsse ich den Namen Andrea Serra bereits gehört haben. Als du sagtest, er denke sicher an ein Gedicht, bildetest du dir ein, eine Physiognomikerin zu sein. Es war aber nur ganz einfach eine Reminiscenz. Entsinnst du dich nicht, daß wir in Cannes in einer italienischen Zeitung von einem Dichter lasen, der kürzlich eine Sammlung satirischer politischer Gedichte herausgegeben und damit die ganze sogenannte Wiedergeburt Italiens angegriffen hatte? Diese Gedichte hatten großes Aufsehen gemacht und sollten im höchsten Grade genial sein.« »Ja, ja!« rief Alie aus. »Jetzt erinnere ich mich dessen. Das war ja Andrea Serra. Und die Italiener an der Table d'hote sprachen von ihm und sagten, daß er einer der konservativsten Familien angehöre. Ich gehe sofort hin und kaufe mir das Buch.« * In Nervi mietete Richard ihnen Zimmer in einem wohleingerichteten Hotel, dessen Gästen die Verfügung über einen großartigen, schattigen Park freistand, der einem augenblicklich verreisten italienischen Marquis gehörte. Sie bekamen zwei Zimmer nebeneinander nach dem Meer hinaus, die den ganzen Tag von der Sonne beschienen wurden. Die Gesellschaft im Hotel war fein und bestand hauptsächlich aus Engländern; man machte um sieben Uhr zum Diner Toilette und versammelte sich dann im Salon, wo musiziert wurde, falls man sich nicht die Zeit mit Gesellschaftsspielen vertrieb. Nachdem Richard seine Damen wohl angebracht und sie einigen Familien vorgestellt hatte, reiste er ab. Aagot befand sich vorzüglich. Wohl vermißte sie Richard, von dem sie nie zuvor getrennt gewesen war, auch sehnte sie sich nach ihrem kleinen Sohn, da aber die Nachrichten von ihm häufig und gut waren, wurde ihr die Trennung nicht zu schwer. Sie machte sofort allerlei Bekanntschaften und schloß sich besonders an eine englische Familie mit zwei jungen Töchtern intim an. Sie war fast unzertrennlich von ihnen. Alie, welche die Engländerinnen steif und langweilig fand, benützte, während Aagot ganz in diesem neuen Verkehr aufging, die Gelegenheit, um ihre Freiheit zu genießen. Sie war des Morgens vor allen andern auf, wenn die Luft noch kühl war, und machte Entdeckungsreisen in die Umgegend, so daß sie bald die ganze Landschaft ringsumher kannte, während die übrigen den lieben langen Tag am Strande saßen und pflichtschuldigst die Seeluft einatmeten, die ihnen ihre Gesundheit wiedergeben sollte. Alie konnte nicht zehn Minuten lang die furchtbare Sonnenglut auf diesem offenen, frei nach Süden gelegenen Strand ertragen, wo die armen Kranken saßen und sich braten ließen, wo heisere Stimmen, röchelnde Hustenanfälle und abgezehrte Wangen in grellem Widerspruch zu der Pracht der Natur standen, wo die Gespräche über Handarbeiten ebenso leer und geistesarm klangen wie des Winters in den eingeschlossenen Salons, und wo man mehr sich gegenseitig als das Meer betrachtete, wo die Ausrufe über die Schönheit der Natur sich in der Unterhaltung wie eine auswendig gelernte Lektüre wiederholten und stets aufs neue Alies Widerspruchsgeist hervorriefen. Sie litt an einer ganz unmotivierten Sehnsucht nach Nadelwäldern, Fjorden, Landzungen und Felsklippen. Die üppige Vegetation in dieser warmen Bucht, wo sogar die Palmen der Wüstenoasen gedeihen und reife Datteln tragen, und wo jeder Fleck der Erde von der Kultur in Besitz genommen ist, wo Landstraßen und Fußpfade zwischen hohe Mauern geklemmt sind, weil jeder Baum irgend eine Frucht trägt, – ja, das alles war sehr reich und prächtig, aber niemals würde ihr diese Natur bis zum Herzen dringen wie die grünen Wiesen ihrer Heimat mit den grasenden Kühen, wie die weichen Heidekraut- und Moosteppiche zwischen hohen Granitblöcken, die Wälder mit ihrem Tannenduft und ihren Linéen, die frische Meeresbrise und die munteren Wellen, die plätschernd zwischen den Scheren spielen. Sie war eine langsame Natur, wo es sich um neue Stimmungen handelte, und selbst als der eigentümliche Zauber des Südens gleichsam wie aus einem Hinterhalt über sie geschlichen kam, Schritt vor Schritt, ganz allmählich, selbst dann verteidigte sie sich noch dagegen und bewahrte liebevoll in einem Winkel ihres Herzens ihre große Zärtlichkeit für die Natur und die Stimmungen der Heimat und für die Zauberwelt der Kindheitserinnerungen. Eines Tages, als Alie eine Aufforderung angenommen hatte, mit Aagot und den beiden englischen Misses, Florence und Harriet, auszufahren, kamen sie an einer kleinen, schimmernd weißen Marmorvilla vorüber, die, umrahmt von dem dunklen Grün der Zitronenbäume, auf einer Anhöhe lag, und von deren flachem Dache man eine herrliche Aussicht über die ganze Küstenlinie bis nach Genua und das ganze ligurische Ufer mit den Seealpen im Hintergrunde haben mußte; nach der andern Seite konnte man bei klarem Wetter vielleicht gar bis Korsika sehen. »Die Menschen, die dort wohnen, müßten eigentlich glücklich sein,« sagte Florence, »und doch glaube ich nicht, daß sie es sind. Wir sahen sie im vorigen Frühling. Sie pflegen zuweilen hierherzukommen – es ist eine sehr vornehme Familie, Prinz so oder so –, sie ist von göttergleicher Schönheit, aber er , denken Sie nur, er ist ein Krüppel und sitzt in seinem Rollstuhl oben auf der Terrasse; er soll bald nach seiner Verheiratung so geworden sein. Sie sind fast niemals zusammen; wenn er kommt, so reist sie. Zuweilen kam auch sein jüngerer Bruder, ein schöner, junger Mann; man sagt, daß der Prinz ihn nicht leiden kann, weil er ihn beerben soll. Er pflegte auch seiner schönen Schwägerin derartig die Cour zu machen, daß wir manchmal fanden, es ginge zu weit. Wie heißen sie doch gleich, Harriet? Sie besitzen auch einen der prächtigen Paläste in Genua.« »Sollte es etwa der Prinz von Palmi sein?« fragte Alie und fühlte zu ihrem Aerger, daß sie dunkelrot wurde. »Ich weiß es nicht,« erwiderte Harriet. »Wer kann auch alle diese seltsamen italienischen Namen behalten. Der jüngere Bruder soll aber eine Gedichtsammlung geschrieben haben, die großes Aufsehen gemacht hat.« Also waren sie es wirklich! Es wäre doch sonderbar, wenn sie nun gelegentlich ihre Bekanntschaft machte. Seine Gedichtsammlung war ihr täglicher Begleiter, ihre tägliche Beschäftigung gewesen, seit sie nach Nervi gekommen war. Sie war des Italienischen nicht genügend mächtig, um sie völlig zu verstehen, aber sie hatte sofort instinktiv gefühlt, daß sie hier einem ihr verwandten Geist begegnete, der aber eine Stärke und eine Originalität in der Ausdrucksweise, eine Ueberlegenheit in der Satire, eine Schärfe im Angriff besaß, die sie fesselten und blendeten. Es war nicht, wie sie anfänglich geglaubt hatte, der Angriff eines konservativen Gehirns gegen das Neue, das sich in der Zeit rührte, es war die Verachtung eines Skeptikers für die leeren, polternden Phrasen, hie und da in eines Idealisten harmvollem Hinweis auf den fehlenden Zusammenhang zwischen Wort und Handlung, hie und da als das Lachen eines überlegenen Spötters, der sich über die sich ewig wiederholende Komödie der Menschheit lustig macht. Zuweilen brach ein Strom von Lyrik zwischen dem Hohn hindurch, eine Vaterlandsliebe, die, während sie die großklingenden Worte und die patriotische Prahlerei vermied, dennoch einen innigen Ton anschlug, dem man es anmerken konnte, daß er echt war. Dies alles verstand Alie. Man kritisiert denjenigen, der uns nahesteht: man ist betrübt über die Mängel – und man liebt trotzdem. Aber ihre Freude über die Aussicht, ihn möglicherweise kennen zu lernen, war doch getrübt durch ihre gewöhnliche Furcht, sich in ihren Erwartungen getäuscht zu sehen, und wenn die Bekanntschaft mit ihm nur von einem Wort ihrerseits abgehangen hätte, so würde sie dies Wort nicht ausgesprochen haben. Es fing jetzt an, beinahe lästig warm in Nervi zu werden, und die Mehrzahl der Gäste, die für die Wintersaison gekommen waren, hatten das Hotel bereits verlassen. Nur Aagots Freunde, die Familie Grey-Johnston, blieben noch, weil die Mutter krank war und nicht reisen konnte. Aagot und Alie warteten auf Richard, der erst im August kommen konnte; sie wollten dann, ehe sie heimkehrten, gemeinsam eine Rundreise durch Italien machen. Man verbrachte jetzt, wo die Hitze den Aufenthalt im Freien unerträglich machte, fast den ganzen Tag auf den Zimmern; erst des Abends ging man hinaus, um Lawn Tennis in dem schattigen Park zu spielen. Aber der Besitzer, Marquis Gropallo, wurde in allernächster Zeit zurückerwartet, dann wurde man natürlich auch aus diesem Zufluchtsort vertrieben. Eines Nachmittags, als sie mit ihren Bällen und ihrem Netz in den Park kamen, sahen sie, daß die Villa geöffnet war; mehrere Personen waren in der Loggia versammelt, die nach ihrem Spielplatz hinauswendete. Sie wollten sofort umkehren, aber ein Herr in mittleren Jahren kam höflich auf sie zu und bat sie, sich nicht stören zu lassen. Er habe von dem Hotelwirt erfahren, daß es den Damen Vergnügen mache, zu spielen, und ihm, dem Marquis Gropallo, würde es eine große Freude bereiten, wenn sie nach wie vor kommen und seinen einsamen Park durch ihre Gegenwart beleben wollten. Die drei jungen Mädchen standen verlegen da und wußten nicht, ob sie das Anerbieten annehmen oder ablehnen sollten. Aagot aber mit ihrer ruhigen Frauenwürde antwortete verbindlich, daß sie dem Herrn Marquis für seine Freundlichkeit dankten und gern von seiner liebenswürdigen Gastfreundschaft Gebrauch machen würden. Alie war unzufrieden hiermit und fand, daß sie sich hätten entfernen sollen. Ein flüchtiger Blick auf die Loggia hatte ihr gezeigt, daß dort eine ganze Gesellschaft von Herren und Damen versammelt war, und mit dem allen Kurzsichtigen eignen Instinkt hatte sie sofort erraten, daß sich Marquis Serra unter den Gästen befand. Wenn sie einander jetzt begegnen würden, so geschah es unter den ungünstigsten Bedingungen, die man sich nur denken konnte. Alie war keine gewandte Spielerin und fand kein Vergnügen an solchen Zerstreuungen, sie wußte, daß sie sich bei dergleichen Gelegenheiten, kurzsichtig und zerstreut wie sie war, nicht zu ihrem Vorteil zeigte. Und selbst ihre Toilette, – sie besaß keinen besonderen Lawn Tennis-Anzug wie die andern, sondern nur ein einfaches, kurzes Kleid mit einer gestreiften, leinenen Bluse und einem ledernen Gürtel um die Taille. Sie hatte sich die Einsamkeit, in der sie während der letzten Zeit gelebt hatten, zu nutze gemacht und ihrer Neigung für eine bequeme und kühle Kleidung nachgegeben; jetzt wollte ihr diese aber doch ein wenig gar zu einfach erscheinen. Und ihr Haar, das bei den heftigen Bewegungen, die das Spiel erforderte, niemals sitzen bleiben wollte! Sie mußte unaufhörlich stillstehen, um es wieder aufzustecken. Welch eine einfältige Zerstreuung für erwachsene Menschen war dies Herumlaufen doch im Grunde! Das Spiel war auch kaum jemals so schlecht gegangen wie heute. Es gelang ihr nicht, einen einzigen Ball zu treffen; sie lief gegen die Umfriedigung und fiel zuletzt und verrenkte ihren Knöchel. Es schmerzte so heftig, daß ihr Thränen in die Augen traten. Sofort sah sie sich von mehreren Herren umringt, unter denen sich auch Marquis Serra befand. Sie antwortete auf alle Fragen, daß ihr nicht das geringste fehle, aber trotz der größten Willensanstrengung war es ihr nicht möglich, den Fuß fest aufzusetzen, weshalb der Besitzer der Villa ihr seinen Arm bot und sie ins Hotel zurückführte. Der andre – das hatte sie sofort auf den ersten Blick bemerkt – war ganz durch eine der Damen in Anspruch genommen, eine üppige Schönheit mit zärtlichen Gazellenaugen und strahlend im Schmuck ihrer Juwelen. In der Nacht, während sie mit einem kalten Umschlag um den stark geschwollenen Fuß dalag, fühlte sie, wie eine wunderliche Verstimmung sie ergriff. Es kränkte sie, daß sie sich so ungeschickt gezeigt hatte, und sie dachte mit einem gewissen Aerger an die schöne Italienerin, die dagestanden und sie durch eine so irritierende Lorgnette mit langem Schildpattstiel angeschaut hatte. »Aber was geht mich das alles im Grunde an?« sagte sie zu sich selber. »Was habe ich mit der Gesellschaft zu thun? Sie gehören einer ganz andern Welt an als ich, so daß wir uns nicht näher stehen, als wenn wir auf zwei verschiedenen Planeten wohnten.« »Sahst du deinen Marquis gestern?« fragte Aagot am nächsten Tage. »Harriet behauptet, daß er sich unter den Gästen auf der Villa befand.« »Ja, ich sah ihn,« entgegnete Alie. »Aber er gleicht seinen Bildern nicht sehr. Sie sind zu idealisiert. Und seine Gedichte sind bedeutend geistreicher als er selbst.« »Ueber das alles bist du dir in den wenigen Minuten klar geworden?« sagte Aagot. »Du pflegst ja freilich mit deinem Urteil immer sehr schnell bei der Hand zu sein.« Seit jenem Tage las Alie nicht mehr in seinen Gedichten. Sie hatte alles Interesse für ihn verloren. Viertes Kapitel. Aagot und Alie hatten sich lange danach gesehnt, mit dem Baden beginnen zu können, die italienische Sitte gestattete es jedoch nicht, daß die Badehäuser vor Ende Juni hinausgesetzt wurden. Da Nervi keinen eigentlichen Badestrand besitzt, indem die Küste steil und felsig ist, gab es hier auch kein richtiges Badeleben. Nur einige italienische Familien aus der Umgegend, welche hier ihre Sommervillen hatten, badeten in ihren eignen, hier und dort zwischen den Klippen zerstreut liegenden Badehäusern, zu denen man auf langen, in den Fels gehauenen und dem Publikum unzugänglichen Treppen gelangte. Das englische Hotel schlug nun seine Badehäuser unterhalb Marquis Gropallos Treppe auf, zu welcher es Zutritt hatte, und Aagot und Alie sowie die jungen Engländerinnen eilten am ersten Morgen hinab, ungeduldig die vielbesungenen blauen Wogen auszuprobieren. Als sie an den kleinen Vorstrand hinabkamen, fanden sie bereits mehrere Herren und Damen dort versammelt. Einige waren im Wasser, andre lagen halbbekleidet am Strande und sonnten sich. Auch Serra war dort. Er trug ein rot und gelb gestreiftes Badekostüm, das die jugendliche, knabenhafte Geschmeidigkeit seiner Gestalt, seine anmutige, fast weibliche Feinheit, die den Italiener auszeichnet, auf das vorteilhafteste hervorhob. Er stand über die schöne, schwarzhaarige Dame gebeugt, in deren Gesellschaft sie ihn früher gesehen hatten, und half ihr » frutti di mare « sammeln: Muscheln und Schnecken und andre Seetiere einheimsen, die in den Felsspalten verborgen sitzen. Sie trug ein weißes, wollenes, dunkelrot verbrämtes Gewand und einen großen Schutzhut mit dunkelroter Schleife. Hals, Arme und Beine waren nackt; die Figur, vom Korsett befreit, zeichnete unter der Bluse deutlich ihre reichlich üppigen Formen ab, und sie kam ihm so nahe, wenn sie sprach, und sah ihm mit ihrem strahlenden Lächeln und ihrem zärtlichen Blick so gerade in die Augen, daß Alie errötete, wenn sie die beiden betrachtete, und sich beeilte, in das Badehaus zu kommen. Es war das erste Mal, daß sie Herren und Damen gemeinsam baden sah, und sie fand es anstößig. Und als sie nun ihr eignes, in Genua gekauftes Badekostüm anlegte und sich selber gleich den andern gekleidet erblickte, da ergriff sie eine solche Scham, daß sie am liebsten das ganze Bad aufgegeben haben würde. Aber die jungen Engländerinnen machten so viel Wesens von ihrer Verlegenheit, daß Alie anfing, es lächerlich und affektiert zu finden, weshalb sie schnell einen Entschluß faßte, die Thür aufstieß und vor den andern hinaussprang. Florence und Harriet folgten ihr nun, aber zusammengekrochen, mit kleinen, trippelnden Schritten und Gebärden, die an die allzu bewußt verschämte mediceische Venus erinnerten. Hinter ihnen drein kam Aagot, sicher, natürlich überzeugt, daß sie sich gut ausnahm mit ihrer milchweißen Haut, ihrer hohen, schlanken Figur und korrekten Haltung, ohne zu ahnen, daß ihre ganze Erscheinung des Reliefs der Modetracht bedurfte, um zur Geltung zu gelangen, weil ihre Figur eine gewisse Trockenheit der Linien, einen Mangel an Harmonie in den Formen hatte. Sie stieg langsam, sich ruhig umblickend, auf einen rings von tiefem Wasser umgebenen Stein, sprang hinab und schwamm hinaus, von ihren beiden englischen Freundinnen gefolgt. Alie, die nicht schwimmen konnte, mußte sich ganz nahe am Ufer halten. Als sie aber einmal ins Wasser gekommen war, vergaß sie alle Scheu und blickte mit Staunen und Entzücken in die ätherklare Tiefe hinab. Erst jetzt gingen ihr die Augen auf, wie wunderbar metallisch blau dies Wasser war. Und wie liebkosend weich und zärtlich und dabei doch kühlig umfing es sie! Alies Schönheit war von ganz entgegengesetzter Art wie die Aagots, und sie nahm sich am besten aus, je weniger bekleidet sie war. Das Feine, Weiche, Duftige an ihrer Figur wurde durch eine moderne Toilette gleichsam zu Boden gedrückt. Die Launen des Modejournals erschienen platt und unedel auf dieser fein gemeißelten Gestalt, und der kleine, originelle Kopf machte gewissermaßen Anspruch, sich auf eigne Weise zur Geltung zu bringen. Deshalb war sie in ihrem elastischen Tricotanzuge, mit dem freien, edelgeformten Hals, den zarten Hand- und Fußgelenken, der weichen Anmut, die über ihre ganze Figur ausgegossen lag, mit der leicht ins Bräunliche gehenden, warmen Hautfarbe, so auffallend hübsch, daß sie Marquis Serras Blick sofort fesselte, als sie ins Wasser sprang und mit den Armen plätscherte, kleine, ungeschickte Schwimmversuche machend. » Caspita! « rief er dem Marquis Gropallo zu. »Diese Schwedinnen! – Ihr redet so viel von der andern, – aber sie ist nichts gegen diese hier.« Kurzsichtig, wie sie war, und in diesem Augenblick völlig gleichgültig gegen ihre Umgebung, bemerkte Alie die Aufmerksamkeit nicht, die sie erregte, sondern gab sich völlig den Freuden des Bades hin. Sie stellte sich aufrecht auf eine kleine Sandfläche, die sie zwischen den Klippen gefunden hatte, wo das Wasser ihr sehr flach zu sein schien, dann warf sie sich, beide Arme über dem Kopfe haltend, hinten über, um sich treiben zu lassen, als sie aber fühlte, daß ihr das Wasser bis über die Stirn stieg, wurde sie ängstlich und stieß einen schwachen Schrei aus. Im selben Augenblick fühlte sie sich von einem männlichen Arm um die Taille gefaßt, und eine einschmeichelnde Stimme sagte auf französisch: »Fürchten Sie sich nicht, ich halte Sie!« Aber sie war noch ganz verwirrt von der ausgestandenen Angst, sie hielt die Augen geschlossen und lehnte den Kopf gegen den Arm, der sie stützte. »Schauen Sie auf,« erklang es lachend. »Was fehlt Ihnen nur? Es ist hier ja nicht einmal so tief, daß man eine junge Katze ersäufen könnte.« »Ich sank,« sagte sie auf italienisch, verlegen und mit einem entschuldigenden Lächeln, das Haar zurückstreichend, das unter der Badekappe hervorgekrochen war und ihr in einer großen, nassen Locke in die Stirn fiel. »Ich kann nicht schwimmen, ich machte nur den Versuch, mich treiben zu lassen, aber mir wurde bange, als ich sah, wie tief es hier war.« »Aber wie wollen Sie es denn anfangen, sich treiben zu lassen, wenn das Wasser nicht tief genug ist, um Sie tragen zu können? Gestatten Sie mir, Sie ein paar Schritte weiter hinauszuführen, da werden Sie sehen, daß es besser geht.« Er reichte ihr die Hand, indem er seinen Blick langsam, beinahe liebkosend an ihrer ganzen Figur herabgleiten ließ, den Linien derselben im Wasser folgend. Sie zog ihre Hand zurück. »Haben Sie Dank,« sagte sie, »aber ich will mich lieber ein wenig üben.« »Auf diese Weise werden Sie das Schwimmen niemals erlernen. Wenn Sie mir erlauben wollen, – aber vor allen Dingen muß ich mich wohl vorstellen, – Marquis Serra; gestatten Sie mir, Ihnen ein wenig Anleitung zu geben, da werden Sie sehen, wie schnell Sie die Kunst erlernen, und welch großes Vergnügen Ihnen das Bad gewähren wird.« »Ich danke Ihnen – aber ich habe keine Anlage für dergleichen – und ich glaube, daß es zu spät ist, damit anzufangen, wenn man es nicht in der Kindheit erlernt hat.« Er wiederholte sein Anerbieten nicht, wußte sich ihr dagegen während des Bades ganz allmählich nützlich zu machen, indem er ihr niemals seine Hilfe anbot, jedoch stets bei der Hand war, wenn sie einer Handreichung bedurfte, und auf diese Weise ward er in der That ihr Schwimmlehrer, ohne daß sie jemals ihre Einwilligung dazu gegeben hatte. Ihre Scheu, seine Hilfe anzunehmen, verlor sich mehr und mehr, als sie die Vertraulichkeit zwischen den beiden Geschlechtern sah, die das Bad veranlaßte und die rings um sie her so allgemein, so ungesucht und natürlich war, daß es affektiert geschienen hätte, wenn sie sich ihr hätte entziehen wollen. So gestattete sie ihm denn eines Tages, sie weiter hinaus zu führen als gewöhnlich und seine Hand unter ihren Nacken zu halten, indem sie die richtige Stellung einnahm, um sich, auf dem Rücken liegend, treiben zu lassen. Sie stellte jedoch zur Bedingung, daß er sie nicht weiter hinausführe, als bis an eine kleine Felsklippe, die gerade vor ihnen über dem Wasser emporragte. Sie schloß die Augen und ließ sich ruhig treiben. Als sie aber aufblickte, entdeckte sie, daß sie eine ganze Strecke an der Klippe vorbeigeschwommen waren. Eine plötzliche Angst ergriff sie, sie schlang die Arme um seinen Hals, so daß er beinahe das Gleichgewicht verloren hätte. Erzürnt über seinen Verrat wie darüber, daß sie die Fassung verloren hatte, wollte sie in den folgenden Tagen nicht mit ihm schwimmen. Indessen war in seinem Wesen ein gewisses Etwas, das sie verwirrte; etwas gewinnend Weiches, etwas von jener feinen, halb schwärmerischen, halb sinnlichen Galanterie, die so oft das Benehmen der Italiener den Damen gegenüber auszeichnet, und zu gleicher Zeit eine gewisse spottende Ueberlegenheit, als lache er im stillen über ihre Anstrengungen, ihn zurückzuhalten, fest überzeugt, daß er sie gewinnen könne, sobald er es nur wolle. Wenn sie zu ihm gesagt hatte, daß sie nicht mehr mit ihm schwimmen wolle, konnte er sich zuweilen mehrere Tage lang entfernt halten, bis sie mit instinktmäßiger weiblicher Koketterie anfing, sich nach ihm umzusehen, und ihn wieder zu sich zu ziehen suchte. Und wenn er dann kam, so geschah es stets mit einem Lächeln, als wollte er sagen: »Ich wußte es ja, daß ich mich nur ruhig zu verhalten und abzuwarten brauchte!« Sie war sich selbst nicht klar darüber, ob sie ihn mochte oder nicht. Sie glaubte im Grunde, daß er ihr nicht gefiele, und dennoch beschäftigte er fast ausschließlich ihre Phantasie. Aagot, die ihrer Gesundheit wegen nicht so regelmäßig badete wie die andern, obwohl sie jetzt vollständig gesund war, lag oft unter ihrem großen Sonnenschirm zwischen den Klippen und folgte mit ihren klaren, aufmerksamen Augen Alies und Serras Schwimmübungen. Sie bemerkte in Alies Wesen dem Marquis gegenüber etwas Gekünsteltes, Unsicheres, etwas bald übertrieben Abweisendes, bald zu Munteres, Ausgelassenes, und dann wieder ein Insichgekehrtsein, eine scheue Unbeweglichkeit, als befinde sie sich unter einem Zauberbann. Aagot fühlte sich eigentümlich beunruhigt durch die erotische Atmosphäre, welche sie umgab. Denn da war kaum eine einzige der badenden Damen, die nicht ihren aufwartenden Kavalier hatte; nur sie selber hatte keinen, obwohl sie wußte, daß man sie schön fand. Ihre Haltung war aber so ausgesprochen die der sittsamen Gattin, und sie sprach so viel von ihrem Mann, dessen Ankunft sie nun bald erwarte, daß niemand sich erkühnte, ihr direkt die Cour zu machen. Serra war jedoch nicht so ausschließlich Alies Kavalier, daß er nicht auch für die andern Damen zärtliche Blicke und einen einschmeichelnden Tonfall der Stimme gehabt hätte, und die Bewunderung, die er auch Aagot zollte, verfehlte nicht, ihre Wirkung auf sie auszuüben. Man hatte ihr im Grunde niemals den Hof gemacht; sie hatte sich, sobald sie ins Leben hinausgekommen war, verlobt, und später hatte sie sich stets nur an der Seite ihres Gatten gezeigt. Jetzt meinte sie, ohne Gefahr diese Galanterie annehmen zu können, weil diese, wie sie sich selber sagte, nicht ihr persönlich galt, sondern nur eine Form war, welche die Italiener allen Damen gegenüber beobachteten. Sie hielt sich selbst für sehr klug und kritisch und bedauerte Alie, die offenbar verblendet war und sich mehr zueignete, als ihr zukam. Und dann war ja auch die schöne Beatrice da, von der man sagte, daß sie seine zukünftige Gattin sei. Sie hielt sich mit ihrer Mutter, der Marquise von Rivalta, in Nervi auf und sollte eine brillante Partie sein. Auch ihr widmete Serra seine Aufmerksamkeit, aber die Verliebtheit schien mehr von ihr als von ihm auszugehen. Ihre großen, schmelzenden, schwarzen Augen folgten ihm überall, ihre perlenweißen Zähne lächelten ihm entgegen, und sie kokettierte mit ihm auf eine Weise, welche die andre verletzte. »Wie ein Mädchen in dem Grade ihre Würde vergessen kann, verstehe ich wirklich nicht,« sagte Alie. »Daß sie nicht sehen kann, daß er sie gerade deswegen verachtet!« »Faß du dich nur an deine eigne Nase,« erwiderte Aagot. »Ich! – Nun, ich werde es schon verstehen, ihn in den Grenzen zu halten, darüber kannst du dich völlig beruhigen.« Nach Ablauf von vierzehn Tagen konnte Alie schwimmen, aber sie besaß noch nicht genügend Sicherheit, um sich weiter hinaus zu wagen, deshalb hielt sie sich stets in der Nähe des Ufers. Serra hatte mehrmals versucht, sie zu überreden, von der Klippe herabzuspringen, wo es sehr tief war, konnte sie jedoch nicht dazu bewegen. Er beschloß deswegen noch einmal, seine Zuflucht zu einer List zu nehmen, um sie diese Furcht überwinden zu lehren; deswegen überredete er sie eines Tages, mit ihm nach einer Grotte zu schwimmen, die seiner Aussage nach sehr schön war, sich aber nur von der Seeseite aus erreichen ließ. Diese Grotte lag dicht hinter einer sich ins Meer erstreckenden Felsspitze, an der sich Alie niemals vorbeigewagt hatte. Er versicherte sie aber, daß es dort nicht tief sei. Es ging auch alles gut, bis sie an die Felsspitze gelangten, dann aber ergriff sie plötzlich das Bewußtsein, daß sie keinen festen Grund unter den Füßen hatte, und überwältigt von der blinden Angst, die sich bei diesem Gedanken oft des unerfahrenen Schwimmers bemächtigt und ihn rettungslos in die Tiefe zieht, stieß sie einen verzweifelten Schrei aus und sank. Er hatte gerade noch Zeit, ihre Kleidung zu fassen, dann legte er einen Arm um ihre Taille und führte die halb Bewußtlose zu der Grotte. Sie waren beide sehr bleich, als sie einander hier gegenüberstanden, und ein Fieberschauer erfaßte sie in der feuchten Kühle der Grotte. »Man kann sich doch auch niemals auf Sie verlassen,« rief sie, ganz empört über seinen Betrug, aus. »Im Gegenteil, man kann sich ganz und gar auf mich verlassen,« erwiderte er lachend und seine Ruhe wieder gewinnend. »Fühlten Sie etwa nicht, daß mein Arm sicher war? Seien Sie ohne Sorge, ich lasse Sie nicht ertrinken.« »Wie gelangen wir nun aber zurück? Sie müssen mir ein Boot holen. Ich begebe mich nicht noch einmal mit Ihnen in diese Tiefe.« »Ein Boot? Das findet sich nicht in der Nähe. Bis ich es herbeischaffte, würden Sie sich in dieser feuchten Höhle den Tod holen. Fassen Sie nur einen schnellen Entschluß! Es giebt keinen andern Ausweg, als aufs neue ins Wasser zu springen. Fürchten Sie sich nicht; ich stehe dafür ein, daß alles gut abläuft.« Er streckte den Arm aus, um sie um die Taille zu fassen und mit ihr ins Meer zu springen, aber sie zog sich gewaltsam zurück. »Sie sind ja nicht bei Sinn und Verstand, – wir ertrinken alle beide. Ich verliere das Bewußtsein und ziehe Sie mit mir in die Tiefe hinab.« »Freilich bin ich nicht bei Sinn und Verstand, aber was macht das? Ich bin nun einmal so, – entweder muß man alles mit mir wagen oder auch ... Hohes Spiel, ein wenig Mut, per dio ! Welchen Wert hätte das Leben sonst wohl!« Er hatte trotz ihres Widerstandes den Arm um sie geschlungen und sah ihr in die Augen. »Vertrauen Sie sich mir nur ganz ruhig an, ich stehe Ihnen für Ihr Leben und für das meine ein,« sagte er, und seine Stimme sank zu einem leisen, bebenden Flüstern. Es war dies einer jener Augenblicke, wo eine verborgene, beiden unbewußte Leidenschaft plötzlich, unwiderstehlich wie ein Fieberwahn zwei Geschöpfe ergreifen kann, und wo die leiseste Berührung eine Liebkosung, der Blick ein Besitzergreifen, ein widerstandsloses Hingeben wird, wo die Worte verstummen oder leer und inhaltslos ersterben, wo die ganze Außenwelt, Vergangenheit, Zukunft, alles vor dem atemlosen Rausch der Gegenwart schwindet. Alie erwachte erst aus diesem Taumel, als sie seine Lippen an ihrem Halse fühlte, als seine beiden Arme sie umschlossen hielten. Im nächsten Augenblick hatte er sie in die Höhe gehoben und sie auf den äußersten Stein getragen, dann stürzte er sich mit ihr in die Tiefe hinab. Sie stieß einen leisen Schrei aus, als sie aber den Kopf wieder über Wasser bekam, schwamm sie allein vorwärts, um die Klippe herum, dem Ufer zu, anfangs mit kleinen, atemlosen Stößen, als er ihr aber zurief: »Langsam! Lange Bewegungen!« da verminderte sie allmählich ihre Geschwindigkeit, und als sie sich dem Ufer näherte, schoß sie mit langen, sicheren, gleichmäßigen Stößen dahin wie eine geübte Schwimmerin. »Welche Fortschritte du gemacht hast, Alie!« rief ihr Aagot zu, die sie am Strande erwartet hatte. Als sie aber aus dem Wasser kam, war sie sehr bleich und zitterte heftig am ganzen Körper; sie lief schnell in das Badehans hinein und kleidete sich an. Serra erwartete sie. »Nun,« sagte er, als sie kam, »das war eine verwegene Tour. Aber sie gelang, und nun können Sie sich bei mir dafür bedanken, daß Sie schwimmen gelernt haben!« »Aber auf die Weise will ich es nicht lernen,« rief sie aus, und ihre Stimme bebte vor Erregung. »Ich bin kein Kind, das man mit Gewalt ... Sie haben mir so bange gemacht, daß ich nie wieder in die See hinabspringen werde.« Und sie brach in Thränen aus. Aagot führte sie liebevoll nach Hause. »Du hast dich überangestrengt,« sagte sie mütterlich. »Komm jetzt und ruhe dich aus.« Am Nachmittag erschien Serra im Hotel und fragte nach ihrem Befinden. »Es ist völlig überstanden,« sagte Aagot. »Sie sitzt auf der kleinen Terrasse und liest ihren Dante.« »Darf ich hinausgehen und sie begrüßen?« fragte er. »Ich möchte gern meine Entschuldigung wegen heute morgen sagen.« »Freilich dürfen Sie das,« erwiderte Aagot und zeigte auf die Terrasse, wo Alie saß. Der Marquis stutzte ein wenig, daß Aagot ihn nicht begleitete, sondern sie allein ließ, wie er sich häufig über die Freiheit gewundert hatte, mit der Alie überall allein umherging, und die in so grellem Widerspruch zu den Sitten seines Landes stand, in welchem die Damen stets in Begleitung oder unter Aufsicht erschienen. Sie hatte eine große Ausgabe der Divina Commedia mit erklärenden Noten auf dem Schoß, aber sie las nicht, sondern träumte, die Füße auf einem Schemel, die Ellbogen auf die Kniee gestützt, die Stirn in den Händen bergend. Sie war noch in nervöser Aufregung infolge der Scene in der Grotte; alles an ihr bebte. Was hatte das Vorgefallene nur zu bedeuten? Welch ein Wahn hatte sie ergriffen? Sie liebte ihn nicht – nein, jedenfalls war das keine Liebe, so wie sie sich dieselbe stets vorgestellt hatte. In ihrer Phantasie war die Liebe vor allen Dingen eine Geistesverwandtschaft gewesen, ein tiefes gegenseitiges Verständnis, eine Bewunderung für etwas Ueberlegenes. Diese Liebe mußte etwas Großes sein, sie mußte die ganze Persönlichkeit durchdringen, gleichzeitig die Ansprüche des Kopfes, des Herzens und des Charakters erfüllen. Sie hatte bereits seit langer Zeit die Hoffnung aufgegeben, der Liebe in einer ihren Erwartungen entsprechenden Form zu begegnen. Und hier hatte sie sich plötzlich ganz unüberlegt auf diese Weise von einem Fremden berauschen lassen, den sie kaum kannte, mit dem sie noch kein ernstes Wort gesprochen hatte, von dem sie nicht einmal wußte, ob er sie liebte oder ob das nur ein kühner Versuch gewesen war, weil er sie für eine leichte Beute ansah. Ach, dieser Gedanke brachte sie völlig außer sich! Sie sprang empor und begann auf und nieder zu gehen. Was sollte sie nur thun, um ihm zu zeigen, daß er sich in ihr geirrt hatte? Im selben Augenblick hörte sie ihn kommen, sie erkannte sofort den leichten, schnellen Gang; so pflegte er sich stets zu nähern, schnell, gleichsam laufend, mit einem eignen Siegesbewußtsein, und sie wandte sich mit flammend roten Wangen, mit bebenden Lippen und einem drohenden, warnenden Ausdruck nach ihm um. »Sie zürnen noch immer?« fragte er halb spottend, halb zärtlich. »Ja.« »Aber worüber? Es würde mich sehr interessieren, das zu erfahren.« Sie stand an die Balustrade gelehnt da und schaute über das Meer hinaus. Er beugte sich leicht über sie und fragte: »Wegen des einen oder wegen des andern?« »Um beider Teile willen,« erwiderte sie, immer mit abgewandtem Antlitz, die Ellbogen auf die Mauer gestützt, die Augen auf das Meer hinaus gerichtet. »Weil Sie so – mit Gewalt –« »Ich hätte also erst um Erlaubnis bitten sollen! Ich hätte sagen sollen: ›Gestatten Sie, Signorina, daß ich Ihnen einen Kuß gebe?‹ Als ob man auf diese Weise jemals etwas bei den Frauen erreichte! Sie hätten natürlich nein gesagt. Das thun die Frauen stets, instinktmäßig, und wenn ich dann sittsam meiner Wege gegangen wäre, würden Sie mich ausgelacht und mich verachtet haben. Die Frau wünscht und verlangt es, daß man sie erörtert, das liegt in ihrer Natur. Oder haben Sie darin in Schweden etwa eine Veränderung eingeführt? Man hat dort ja so viel für die Frauenemanzipation gethan!« Ihre Hand spielte nervös mit einem kleinen Zweig, der sich um die Mauer schlang, und den sie um den Finger wickelte, indem sie mit dem Daumen und dem Zeigefinger die jungen Schößlinge abbrach. »Ich glaube, Sie irren sich,« sagte sie. »Selbst wenn uns auch ein zufälliger ...« sie suchte nach einem andern Wort, fand aber kein entsprechendes dafür und fuhr deswegen mit sehr leiser Stimme fort: »Selbst wenn uns auch ein zufälliger Rausch ergreifen sollte, so beweist das nichts; eine wirklich voll entwickelte Frau ergiebt sich nicht leicht und nicht ohne harten Kampf, aber ist sie sich erst einmal klar darüber geworden, daß sie will, so braucht sie nicht, wie Sie es meinen, erobert zu werden, dann giebt sie sich freiwillig, unaufgefordert hin. Und ich finde, es würde weit edler von einem Mann sein, das abzuwarten – statt so –« Er lachte ihr gerade ins Gesicht, aber auf so liebenswürdige, zärtliche, heitere Weise, daß sie sich nicht beleidigt fühlen konnte. »Es ist also eine Verabredung,« sagte er. »Ich warte, bis Sie eines Tages zu mir kommen und sagen: ›Nimm mich! Ich bin dein!‹ Und bis dahin keine Annäherung, keinen Händedruck! Ist das nach Ihrem Sinn?« Sie konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, als sie »Ja« antwortete. »Wohlan,« sagte er, wandte sich um und nahm die Divina Commedia auf, die zur Erde gefallen war. »Verstehen Sie wirklich genügend italienisch, um Dante lesen zu können?« fragte er, als sei nichts vorgefallen. Ihre Selbstbeherrschung konnte sich mit der seinen nicht messen, dieser Uebergang war zu plötzlich, und sie konnte nicht sofort antworten, sondern blieb, über die Balustrade gelehnt, stehen. »Soll ich Ihnen ein wenig vorlesen?« »Ja, wenn Sie mögen!« Sie kehrte zu der Bank zurück und that sich Gewalt an, um ihre Gedanken in eine andre Richtung zu zwingen. »Ich kann den Dante noch nicht so recht als Poeten genießen,« sagte sie. »Ich lese ihn mehr als Studium mit Anmerkungen.« »Nein, allein können Sie ihn nicht lesen, das ist unmöglich. Aber Sie sollen sehen, wenn ich Ihnen vorlese, verstehen Sie ihn weit besser. Ich nehme den berühmten Gesang von Francesca da Rimini. Haben Sie den gelesen?« »Nein, so weit bin ich noch nicht gekommen!« »Dann hören Sie. Francesca spricht. Sie kennen ihre Geschichte?« »Ja, so einigermaßen.« »Also: Dante sieht sie und ihren Liebhaber sich in der Luft inmitten derjenigen nähern, die verurteilt sind, in einem ewigen Sturm zu schweben.« »Für welches Verbrechen werden sie so gestraft?« »Auch Dante fragte danach. Und er erfuhr, daß zu solcher Pein alle Sünder verdammt sind, deren Vernunft der Fleischeslust unterlag. »Eigentlich ist ihnen doch die mildeste Strafe von allen, die in die Hölle verdammt sind, zuerteilt. Dante hatte wohl seine Gründe, weshalb er nicht so strenge gegen sie zu sein wagte. Also, Francesca nähert sich auf Dantes Rufen und redet ihn folgendermaßen an: ›O animal graciosa e benigno Che visitando vai per l'aer perso.‹ Verstehen Sie das?« »Nicht so recht.« Alie war in der That so zerstreut, daß sie nicht ein einziges Wort aufgefaßt hatte. »Sie können nichts verstehen, wenn Sie nicht mit in das Buch hineinsehen,« sagte er und näherte sich ihr. Mit einer Handbewegung erbat er sich ihre Zustimmung und setzte sich neben sie auf die Bank, indem er sie die halbe Last des schweren Buches tragen ließ. Sie zwang sich, aufmerksam zu sein, während er nun Zeile für Zeile die berühmten Strophen erklärte, die in Italien in dem Grad jedermanns Eigentum sind und so häufig bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit citiert werden, daß sie beinahe banal geworden sind. Auf den aber, der sie zum ersten, zum zweiten oder zum dritten Male liest, üben sie stets denselben milden, wehmütigen Zauber aus. »Wir beide lasen von dem Liebesbangen Des Lanzelot einmal zum Zeitvertreib; Wir waren ganz allein und unbefangen.« Er war näher an sie herangerückt, während er las, und seine Hand hatte, gleichsam unbewußt, als sei es eine zu dem Vorlesen gehörige Bewegung, die ihre ergriffen. Er fuhr fort, indem er die Stimme ein wenig senkte: »Wir lasen, wie er schwelgte an dem Munde, Der ihm verlangend lächelte Gewähr, Und er, der von mir wich zu keiner Stunde, Erbebend küßte meinen Mund auch er. Ein Kuppler war das Buch und der's geschrieben.« Jetzt schlang er seinen Arm um ihre Taille, machte eine kleine Pause und sah sie an. Ihre Wangen glühten, und er fühlte das Pochen ihres Herzens. Er sagte die letzten Worte von Francescas Erzählung langsam und bedeutungsvoll: »An jenem Tage lasen wir nicht mehr.« Dann schlug er das Buch zu, und ihr tief in die Augen schauend, fragte er lächelnd: »Was meinen Sie wohl, weshalb lasen sie an jenem Tag nicht weiter?« Seine Stimme erstarb bei dem letzten Wort, und ihre Lippen begegneten sich unwiderstehlich. »Sehen Sie,« rief er aus, indem er aufsprang, »stolzes Mädchen?« Sie konnte nicht länger ihrem Wunsche widerstehen, ihm eine Art Erklärung abzuzwingen. »Sie lieben mich nicht,« sagte sie. Er antwortete schelmisch, aber doch mit zärtlichem Tonfall: »Ebensosehr, wie Sie mich lieben.« Das frappierte sie. Er hatte recht. Das war noch keine echte Liebe, weder von ihrer noch von seiner Seite. Aber was war es denn? Dann mußte es doch um jeden Preis ein Ende haben. Wie konnte sie nur so verächtlich schwach sein? Aber dies sollte das letzte Mal gewesen sein. Auf welch einer gefährlichen Bahn befand sie sich doch! – Hastig, in heftiger Gemütsbewegung verließ sie ihn. * Am nächsten Tag, als er an den Strand kam, fragte er sie, ob sie noch einmal mit ihm hinunterspringen wolle. »Natürlich freiwillig. Ich will Sie in keiner Weise zwingen. Aber vielleicht wollen Sie lieber allein hinabspringen? Das ist auch vielleicht das beste.« »Ja, ich springe am liebsten allein. Es ist stets am besten, wenn man sich nur auf sich selber verläßt.« Sie stieg auf einen Stein, von dem die andern hinabzuspringen pflegten; als sie aber in die Tiefe hinabschaute, überkam die Angst sie aufs neue. Das Herz schlug ihr bis an den Hals, und sie blieb stehen, ohne einen Entschluß fassen zu können. Serra beobachtete sie lächelnd aus der Entfernung. Sie wünschte, daß er seine Hilfe nochmals anbieten möge, und suchte ihn unbewußt mit einem flüchtigen Blick. Er kam sofort. »Wollen Sie?« fragte er. Sie reichte ihm die Hand, er legte seinen Arm um sie, und sie sprangen hinab. Dies wiederholte sich nun täglich und wurde stets der Vorwand zu einer kurzen Umarmung. Alie hatte jedesmal ein schauderndes Gefühl und schwamm niemals weit, ehe sie umkehrte. Aber sie unterzog sich dieser kurzen Unannehmlichkeit, um den Genuß dieser Umarmung in freier Luft, im Sonnenschein, vor aller Blicken zu haben, einer Umarmung, die in den Augen der andern, die sie sahen, wie auch vor ihrem eignen grübelnden Bewußtsein nichts bedeutete, die aber doch einen gewissen geheimnisvollen Rausch mit sich führte. Aber sie gab doch immer acht auf sich selbst, damit sie sich nicht hinreißen ließ, und sie fuhr unablässig fort, ihn zu studieren, mißtrauisch ihre eignen Gefühle wie auch die seinen bewachend. Und sobald sie allein war, durchlebte sie in Gedanken alles wieder, was zwischen ihnen vorgefallen war, wiederholte in der Erinnerung jedes seiner Worte, jeden Tonfall, darüber grübelnd, lauschend, ob der Klang auch echt sei. Eines Tages hatte er ihr und den jungen Engländerinnen einige Gedichte von Leopardi vorgelesen und, wie stets beim Lesen, so viel persönliches Gefühl hineingelegt, daß die Worte des Dichters als unmittelbarer Ausdruck seiner eignen Stimmung erschienen. Florence, die Anlage zur Sentimentalität hatte, wurde von dem weichen, gefühlvollen Vortrag ergriffen, und ohne viel von dem Inhalt verstanden zu haben, rief sie aus: »Wie schön das ist! Und welch Mitgefühl ich mit dem armen, unglücklichen Dichter habe! Ich wollte, ich hätte ihn gekannt.« »Würden Sie ihn dann getröstet haben?« fragte er mit seinem etwas zweideutigen Lächeln. »Sie wissen doch, daß er so häßlich war, daß ihn keine Frau jemals liebte. Das war ihm ein großer Kummer; er war naiv genug, nicht zu begreifen, daß es im Grunde nur ein Glück für ihn war.« »Weswegen sollte es ein Glück für ihn sein?« »Weil es ihm dadurch möglich wurde, seine Illusionen zu bewahren, jene Illusionen, die wir andern verlieren, ehe wir zwanzig Jahre alt sind. Er glaubte beständig, daß die Liebe etwas Mystisches, Seliges, Ueberirdisches sei.« Alie sah ihn aufmerksam an. »Glauben Sie das etwa nicht?« fragte Florence. »Was soll ich glauben?« »Daß die Liebe – daß es etwas Großes – Mystisches ist –« »Ja mystisch, solange man es nicht ausprobiert hat.« »Wer kann aus Ihnen klug werden!« rief Florence. »Zuweilen sprechen Sie gefühlvoll, poetisch, wie Leopardi selbst, und dann wieder können Sie so verletzend höhnisch sein –« »Ist denn das so sonderbar? Haben Sie etwa jemals einen Menschen gekannt, der einen ganzen Charakter besaß? Haben wir nicht alle nur Bruchstücke und Splitter von Charakteren? Und wissen Sie denn nicht, woher das kommt?« »Nein, das weiß ich wirklich nicht.« »Sie glauben vielleicht, daß nur der gute Gott die Menschen nach seinem Bilde erschaffen hat. Wissen Sie denn nicht, daß es von Anfang an zwei Geschlechter auf der Welt gab: die Kinder Gottes und die Kinder des Teufels, die weißen und die schwarzen? Und da diese sich später unaufhörlich miteinander verheiratet haben, so ist eine solche Rassenmischung entstanden, daß man jetzt nicht einen einzigen Menschen mehr treffen kann, der nicht ein kleines Erbe von beiden Seiten hat. Einige haben mehr von der schwarzen, andre mehr von der weißen Rasse in sich.« »Und welches Erbe ist hauptsächlich auf Sie übergegangen?« »Das schwarze, natürlich. Und darauf bin ich stolz. Die schwarze Rasse hat stets am meisten Widerstandsfähigkeit besessen. Denn um hier auf Erden glücklich leben zu können, muß man ganz einfach mit einer tüchtigen Portion Gleichgültigkeit und Egoismus ausgerüstet sein. Habe ich nicht recht, Signorina Alie?« »Nein, das will ich nicht behaupten. Meine Ansichten sind völlig entgegengesetzter Art.« »Das waren die meinigen auch, als ich zwanzig Jahre alt war. Lieben, sich mit ganzer Seele hingeben, sich aufopfern, – wenn es darauf ankam, sogar sein Leben in die Schanze schlagen –« »Wirklich?« sagte Alie mit einem lebhaft interessierten Blick. »Sind Sie jemals so gewesen? Erzählen Sie mir doch davon!« »Ja, wenn Sie ein paarmal mit mir auf und nieder gehen wollen.« – Sie gingen langsam die Terrasse entlang, indem sie sich genügend von den andern entfernten, um nicht gehört zu werden. »Wollen Sie von meiner ersten Liebe hören? Ja, ich zählte damals zwanzig Jahre, und sie hatte die dreißig bereits überschritten; natürlich verführte sie mich und nicht ich sie; aber ich betete sie an, sie konnte mit mir machen, was sie wollte; sie hätte mich schlagen können, und ich würde ihre Hand geküßt haben, sie hätte mir ihren Fuß auf den Nacken setzen und mich treten können, ich würde mich nicht gewehrt haben, kurz, es war eine jener wahnsinnigen Verliebtheiten, die einen fast um Sinn und Verstand bringen.« »Ich gestehe, daß ich Sie unendlich gern in diesem Stadium gekannt hätte. Ich habe eine kleine Schwäche für alles, was das Wahnsinnige streift.« »Ja, um die Freude zu genießen, dasselbe mit mir thun zu können, was sie that.« »Was that sie denn?« »Sie quälte und hetzte mich armen, unerfahrenen Jüngling von Verzweiflung zur Glückseligkeit, sie stieß mich von sich, machte mich eifersüchtig auf andre, und wenn sie mich dann rasen, vor Wahnsinn und Schmerz weinen sah, zog sie mich wieder mit solchen Liebkosungen zu sich, daß – kurz und gut, sie erhielt eines Tages einen vorteilhaften Heiratsantrag – sie war nämlich Witwe – und dann schrieb sie mir, ich solle schwören, niemals zu verraten, was zwischen uns beiden vorgegangen sei, und ich solle ihr alle ihre Briefe zurücksenden.« »Und wie faßten Sie die Sache auf?« »Wie ein Rasender, natürlich. Anfänglich konnte ich nur Ruhe bei dem Gedanken finden, daß ich erst sie und dann mich erschießen wollte. Aber dann hatte ich einen vernünftigeren Einfall. Ich beschloß, an ihrem Geschlecht zu rächen, was sie mir angethan. Und seither wiederholte ich andern Frauen gegenüber alle die zärtlichen Scenen, die sich zwischen ihr und mir abgespielt hatten, nur mit dem Unterschied, daß ich ihr gegenüber wirklich von dem erfüllt gewesen war, was ich sagte, und daß ich keinen Erfolg gehabt hatte. Den andern gegenüber bin ich ganz einfach Komödiant gewesen, und fortan war mir das Glück hold. Denn je gleichgültiger man selbst ist, um so mehr Macht besitzt man über die Frauen.« »Aber ein guter Spieler läßt nicht andre in seine Karten sehen, so, wie Sie es gethan haben,« rief sie aus. »Ich habe die ganze Zeit darüber nachgedacht, ob Sie eigentlich Komödie spielten oder aufrichtig wären; ich freue mich, daß ich jetzt den Zusammenhang kenne.« »Und was hat das mit unserm Verhältnis zu schaffen? Sie wissen, daß ich Sie allen Ernstes lieben könnte, wenn Sie nur selbst wollten.« »Ja, und zu wie vielen haben Sie dieselben Worte schon gesagt?« »Nein, das pflege ich nicht zu sagen; im Gegenteil, ich habe stets gesagt, daß die Liebe für mich nur ein Spiel ist.« »Dann begreife ich nicht, daß auch nur eine einzige Frau Sie hat lieben wollen.« »Und weshalb nicht? Es giebt sogar viele, denen ein solches Spiel gefällt; aber die wirkliche, große, das ganze Leben beeinflussende Liebe, wie viele können die überhaupt empfinden, und wie viele können sie erwecken?« »Sie glauben also doch an eine solche Liebe?« »Ja, das ist das einzige auf der ganzen Welt, woran ich glaube. Und wenn ich jemals dieser Liebe begegnete, so wüßte ich, daß sich mein ganzes Leben verändern würde.« Sie sah ihn fragend an. Nein, das war kein Scherz; in seinem Ton, in seinem Blick lag etwas Echtes, Inniges. Und in ihr erwachte der glühende Wunsch, ihn ganz zu gewinnen, ihn sich so völlig zu eigen zu machen, daß jeder Pulsschlag seines Herzens nur für sie schlüge. Und dann, wenn kein Zweifel mehr möglich wäre, daß sie, und nur sie allein, ihm das zu geben vermöchte, was für ihn das einzige Glück des Lebens war, da würde auch sie sich vielleicht ganz einem Gefühl hingeben können, vor dem sie sich fürchtete und nach dem sie sich sehnte. Fünftes Kapitel. Eines Abends hatten Aagot und ihre Freundinnen mit einem Fischer die Verabredung getroffen, daß sie des Nachts in seinem Boot mit ihm hinausrudern und ihn bei Fackelschein fischen sehen wollten. Alie erklärte, sie sei müde und wolle nicht mitfahren. »Natürlich,« versetzte Florence mit einem satirischen Lächeln. »Natürlich! Was soll das bedeuten?« fragte Alie, indem sie errötete; sie wußte sehr wohl, was das bedeuten solle. »Wir wissen ja alle, daß du nichts mehr amüsant findest, woran der ›Prinz‹ sich nicht beteiligt.« »Können wir den Prinzen nicht auffordern, mitzukommen?« bemerkte Harriet. »Das würde nicht richtig sein,« entgegnete Aagot eifrig. »Wir müssen wirklich ein wenig vorsichtig sein, er lacht nur über uns, wenn wir ihn zu sehr an uns zu ziehen suchen. Dann müßte ihn jedenfalls Alie selber fragen, ich will nichts damit zu thun haben.« »Aber ich habe ja nicht ein Wort davon gesagt,« wandte Alie ein. »Ihr selbst sprecht unablässig von ihm. Ich habe ja nur gesagt, daß ich müde sei.« »Dann können wir unsre Fahrt ja an einem andern Abend vornehmen.« »Ach nein, auf keinen Fall, ich mache mir gar nichts daraus.« Aagot aber sah sie bedeutungsvoll und forschend an, als hege sie den Verdacht, daß Alie bestimmte Gründe habe, weswegen sie an diesem Abend allein zu sein wünsche. »Du legst dich doch wohl sofort schlafen, wenn wir gefahren sind?« »Sofort? Nein! Ich begleite euch an das Boot und sehe euch abfahren.« »Willst du denn allein im Dunkeln nach Hause gehen?« »Ja, und weshalb nicht? Wie unzähligemal bin ich nicht daheim des Abends in unsern schwarzen Wäldern ganz allein gegangen.« »Ja, daheim, in Schweden. Aber hier hält man das für unpassend.« »Wer sieht mich? Ich gehe die kleine, enge Gasse hinauf, die direkt zum Hotel führt, dort begegnet mir keine lebende Seele. Du weißt ja, daß sich hier des Abends niemand im Freien aufhält.« »Mir ist das nicht lieb, Alie, aber das ist deine eigne Sache. Du mußt die Verantwortung selbst übernehmen.« »Ja natürlich! Wer sollte es sonst auch wohl thun?« Gegen zehn Uhr rüstete man sich zur Abfahrt. Die Damen gingen die breite Straße hinab, bis sie nach dem kleinen Bootshafen abbogen. Es war ein heller Mondscheinabend, und sie begegneten wirklich einigen Spaziergängern. Kaum hatten sie zehn Schritte zurückgelegt, als ihnen Serra in Begleitung des Marquis Gripallo entgegenkam. Die beiden Herren redeten sie sofort an und fragten, wohin die späte Reise gehe. »Sie wollen fischen? Und welchen Herrn haben Sie als Begleiter?« »Gar keinen Herrn,« erwiderte Harriet schnell, den Kopf in den Nacken werfend. »Glauben Sie, daß wir freie nordische Damen durchaus eines Herrn zu unserm Schutz bedürfen?« »Zu Ihrem Schutze, nein! Aber Sie amüsieren sich nicht ohne einen Kavalier.« »Hört nur, wie eingebildet er ist!« kicherten Harriet und Florence. »Eingebildet oder nicht, das thut nichts zur Sache. Aber ist es nicht wahr, was ich sage? Können Sie es ableugnen, Signorina Alie?« Wie sich Alie jetzt ärgerte, daß sie nicht hatte mitfahren wollen! Aber was würden die andern sagen, wenn sie nun plötzlich ihren Entschluß veränderte? Sie amüsierten sich offenbar über den Streich, den ihr das Schicksal gespielt hatte, und selbst Aagot, die brave, ehrbare Aagot, freute sich darüber, daß Serra jetzt mit ihnen fahren würde, während Alie am Strande zurückblieb. »Wenn der Herr Marquis uns begleiten möchte, würde es uns natürlich ein Vergnügen sein,« sagte sie deswegen verbindlich. »Ich nehme Ihre freundliche Aufforderung mit Freuden an,« erwiderte er. Gripallo verabschiedete sich, und die andern setzten ihren Weg nach dem Strande hinab fort. Erst als man in das Boot steigen wollte und Serra Alie die Hand reichte, um ihr zu helfen, erfuhr er, daß sie nicht mitzufahren gedenke. »Sie fahren nicht mit? Aber wie wollen Sie denn nur nach Hause kommen?« Alie wußte, daß er ihr seine Begleitung anbieten würde, und das wollte sie um keinen Preis. Sie bekam schon jetzt nervöses Herzklopfen bei dem bloßen Gedanken daran. Allein mit ihm im Mondschein in der kleinen, steilen, von Gartenmauern umschlossenen Gasse! Nein, sie war gar nicht gesonnen, abermals Dummheiten zu begehen! »Beunruhigen Sie sich deswegen nicht,« antwortete sie scharf. »Glauben Sie etwa, daß ich mich im Dunkeln fürchte?« »Aber das ist ganz unmöglich, das kann ich nicht zugeben, dann begleite ich Sie natürlich, Sie mögen nun wollen oder nicht; Sie können mir wenigstens nicht verbieten, drei Schritte hinter Ihnen her zu gehen.« »Dann fahre ich lieber mit!« Sie sprang schnell ins Boot, ohne die andern anzusehen, deren satirisches Lächeln sie fühlte. Nachdem alle Platz genommen hatten, glitt das Boot, von lautlosen Ruderschlägen geführt, dahin. Der eine der Fischer stand im Vordersteven des Bootes, die Fackel und das Fangeisen in der Hand, bereit zuzustoßen, sobald ein Fisch, vom Licht angezogen und verwirrt, an die Oberfläche kam. Er schüttete hin und wieder einige Tropfen Oel auf das Wasser, um die Durchsichtigkeit desselben zu erhöhen. Deutlich konnte man die Bewohner des Meeres in ihren großen Schlafsälen schlummern sehen. Alle verhielten sich still, um sie nicht durch das geringste Geräusch zu warnen und in ihrem Fischhirn eine Ahnung zu erwecken, daß das strahlende Licht, das sie so freundlich lockte, sie in Feindeshand führte. Sie zogen einen Fisch nach dem andern in die Höhe, schöne, vielfarbige Fische, in Rot, Grün, Blau, Gold und Silber schillernd, wie nur das romantische »Blaue Meer« sie zu erzeugen vermag. »Ich weiß nicht, wozu sie so hübsch sind,« sagte Florence naiv, als das Fischen beendet war und sie heimwärts steuerten, auf den Rudern ruhend und sich leise mit der Strömung treiben lassend. »Man sieht sie ja jedenfalls so gut wie niemals, so daß man keine Freude an ihren schönen Farben haben kann.« »Man!« unterbrach sie Serra lachend. »Glauben Sie denn, daß die Fische um unseretwillen da sind? Sie leben ihr eignes Leben und haben ihre eigne Freude, und wir sind, von dem Standpunkt eines Fisches betrachtet, nur da, um ihr Glück zu zerstören.« »Ihr Glück? Was für ein Glück können sie denn haben?« »Dasselbe wie wir; sie essen, schlafen und lieben. Glauben Sie etwa, daß den Fischen die Erotik fehlt? Freilich ist es nur eine Gattungserotik, keine individuelle, wie bei uns, trotzdem ist sie aber auch bei ihnen mit Freude und Genuß verbunden.« Florence errötete und kicherte, und Harriet bemerkte herausfordernd: »Daß doch die Italiener stets über Liebe reden müssen! Als ob es nichts Wichtigeres im Leben gäbe!« »Und was wäre etwa wichtiger? Lieben, sich verbinden, sich vermehren, das ist der Hauptinhalt des ganzen Lebens für die höchsten wie für die niedrigsten Tiergattungen. Glauben Sie das etwa nicht, Miß Harriet?« »Nein, ganz und gar nicht! Nur wer stets Romane liest, wie zum Beispiel Florence, der bekommt solche merkwürdige Anschauungen.« »Die Fische und Vögel lesen aber keine Romane, und trotzdem denken sie genau so wie Miß Florence.« »Wie ich? Wie kannst du nur auf einen solchen Einfall kommen, Harriet?« »Haben Sie je, Miß Florence, an einem sonnigen Frühlingstage das Liebesspiel zweier Schmetterlinge beobachtet? Ist das nicht gleichsam der schönste Roman? Und sagen Sie mir doch, wenn Sie von Liebe träumen, haben Sie da jemals etwas Schöneres geträumt als jene Liebe, die nur einen Tag währt, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, aber so intensiv, so stark, daß sie beide daran sterben? Und können Sie sich etwas Herrlicheres denken als die Liebkosungen zweier Flügelpaare – zweier Flügelpaare aus Gold und Purpur, Sammet und Seide, aus allem, was weich, üppig und wollüstig ist? Haben Sie gesehen, wie sie sich aneinander schmiegen, so daß sie ein einziges Wesen zu sein scheinen, und wie sie dann zusammen in die Luft auffliegen, höher und höher, bis sie schließlich unsern Blicken entschwinden, um dann gegen Abend in einem Wald zu Boden zu fallen, wo Sie nur ein paar kleine, leblose Körper sehen, die sich, wenn Sie sie in die Hand nehmen, kalt und schwer anfühlen? Wäre es nicht besser, wenn auch wir Menschen so lieben könnten? Oder lasen Sie jemals in einem Ihrer Romane eine schönere Liebesgeschichte?« »Ich habe wirklich nicht so viele Liebesgeschichten gelesen,« sagte Florence, immer verlegener werdend. »Es hat auch keinen Zweck, sie zu lesen, man sollte sie lieber leben.« Er sah Alie an, und ihre Blicke begegneten sich, Florence aber, die mit niedergeschlagenen Augen dasaß, meinte deutlich zu fühlen, wie er seinen Blick auf sie richtete, und als sie später auf ihr Zimmer gekommen waren, sagte sie zu Harriet, sie sei so verlegen gewesen, weil ihr Serra in Gegenwart der andern eine so deutliche Liebeserklärung gemacht habe. »Ja, so habe ich mir stets die Liebe vorgestellt,« fuhr Serra, zu Alie gewendet, fort. »Es ist so unschön, damit zu sparen und zu geizen, so wie wir Menschen es thun; wir geben uns niemals so voll und ganz hin, weil wir an die Zukunft denken. Lieber einen einzigen Tag voll Liebe und dann vorbei damit! Meinen Sie nicht auch, Signorina Alie?« »Natürlich ist das das beste,« antwortete sie und blickte schnell mit einem eigentümlichen Glanz in den Augen auf. »Würden Sie wirklich dazu im stande sein? Würden Sie die Vergangenheit und die Zukunft in einem Augenblick vergessen können?« »Ich würde es können, wenn ich glauben könnte,« antwortete sie mit Nachdruck. »Glauben – an was? Wenn keine Rede von der Zukunft, folglich auch nicht von Treue sein kann?« »Nein, ich mache mir nichts aus der Treue, wohl aber aus der Wahrheit; ich verlange Wahrheit für den Augenblick, ein volles, absolutes Hingeben. Denn ich kenne nichts Unschöneres, als wenn sich der eine Teil ganz hingiebt, auf Tod und Leben, während es für den andern Teil nur ein Scherz war.« Sie hatten die Stimmen gesenkt und sprachen nun so leise, daß die andern, die auf der entgegengesetzten Seite des Bootes saßen, sie nicht hören konnten. »Wenn man sich Ihnen hingiebt, so geschieht es nicht im Scherz,« flüsterte er. Als sie nach Hause gingen, den kleinen Fußsteig entlang, der zwischen den Gartenmauern tief wie ein Hohlweg in dunkelm Schatten lag, fand Serra Gelegenheit, mit Alie allein hinter den andern herzugehen. Er legte den Arm um sie und zog sie hart an die Mauer heran, so daß man sie nicht sehen konnte; dann preßte er sie heftig an sich und küßte sie mit hastigen, leidenschaftlichen Küssen, die ihr den Atem raubten. »Willst du die Meine sein?« fragte er; »die Meine ganz und gar, ohne Versprechungen, ohne Zukunft, ohne die Einmischung der Welt, meine heimliche Braut?« Auf der Mauer zu ihren Häuptern wuchsen Schlingrosen, deren Ranken bis auf den Weg hinabreichten und ihren süßen, milden Duft mit den berauschenden Wohlgerüchen der Orangen und Magnolienblüten vermischten. Dort oben in dem laubreichen, dunkeln Garten auf der gegenüberliegenden Seite stand eine große Magnolia ganz allein auf einem Rasenplatz, der hell vom Mond beschienen war, während der Zitronenhain darunter in tiefem Schatten lag. Man sah deutlich die vereinzelte, riesenhafte, wunderbare weiße Blume, die in ihrer steifen Vollkommenheit so unnatürlich erschien, und deren erstickender Wohlgeruch durchdringend und beunruhigend ist wie eine halbverfaulte Blume, die in einem eingeschlossenen Zimmer steht. Und der Mond, der den verzauberten Garten beleuchtete, war nicht der blasse, gelbe Mond des Nordens, der sich hinter den Baumwipfeln ganz unten am Horizont verkriecht, sondern eine glänzende Feuerkugel, die hoch oben über den Häuptern schwebte gleich der Sonne und so stark strahlte, daß man unwillkürlich den Eindruck hatte, daß die Wärme und die Glut, welche die Nacht erfüllten, dort ihren Ursprung hatten. Für Alie verschwamm dies alles zu einem einzigen, zusammenhängenden Bilde. Es war der Rahmen, der diese Liebe umschloß, gegen die sie noch ankämpfte, und die ihr ebenso fremd erschien und halb unwirklich wie die Natur, die sie umgab, und die sie doch berauschte und sie immer mehr und mehr widerstandslos machte, sowie diese salzgeschwängerte Luft und diese starken, erhitzenden Wohlgerüche. Sie entzog sich mit Widerstreben seiner Umarmung, setzte den Hut, der ihr in den Nacken geglitten war, wieder zurecht und ging mit leisen, schweren Schritten vor ihm her, den Berg hinaus. Als sie in ihr Zimmer gekommen war und sich entkleidet hatte, um zu Bett zu gehen, fühlte sie, daß es ihr unmöglich sein würde, zu schlafen. Sie fühlte, gleichsam in einer Hallucination, den betäubenden Duft der Magnolia, der ihr zu Kopfe stieg. Sie trat in ihrem langen weißen Nachtgewand auf den Balkon und stand lange über die Balustrade gebeugt da, in den Garten unter sich hinabstarrend, in Gedanken alles wiederholend, was er an jenem Abend zu ihr gesagt hatte, und ihrer Gewohnheit gemäß dem Klange seiner Stimme lauschend, um zu hören, ob sich auch ein falscher Ton hineingemischt habe. Wenn er nur mit ihr gespielt, wenn er nur eine Komödie aufgeführt hätte, oder wenn, und das fürchtete sie am meisten, wenn seine Liebe nur ein Sinnenrausch gewesen war, wenn er sie nur besitzen wollte, weil sie schön war, weil ihr Körper im Bade sein Wohlgefallen erregt hatte, wenn es sich so verhielt, so wollte sie lieber in die Nacht hinausstürzen und laufen, laufen, laufen, weit fort von ihm und von sich selbst. Am folgenden Tage wartete sie in großer Spannung auf sein Kommen. Es war ihr, als sei am gestrigen Tage etwas Entscheidendes zwischen ihnen geschehen, als müsse sie aus seiner heutigen Haltung Klarheit für die Zweifel gewinnen, die sie quälten. Sie erwartete, daß er sie früher aufsuchen würde als gewöhnlich, aber der ganze Morgen verging, ohne daß er sich zeigte. Als er sich auch nicht beim Baden blicken ließ, fing sie an, unruhig zu werden. Was konnte ihn nur fern von ihr halten? Erst am Nachmittag erschien er auf der Terrasse, wo sie saß, und sie bemerkte sofort eine gewisse Veränderung in seinem Aussehen und in seinem Wesen. Es lag auch gleichsam ein fremder Ton in seiner Stimme, als er sie begrüßte. Er setzte sich neben sie auf die Marmorbank, ohne ein Gespräch einzuleiten. Ihr Herz stand still vor banger Erwartung. Nach einer Weile nahm sie ihre Arbeit wieder auf; sie war damit beschäftigt, einen langen, gelben, seidenen Handschuh, den sie auf die Hand gezogen hatte, auszubessern. Er folgte mit den Augen den kleinen, schnellen Bewegungen der seinen Hände, und schließlich ergriff er diese, zog den Handschuh ab und küßte sie. Erst jetzt faßte sie Mut, zu reden. »Sie kamen heute nicht zum Baden.« »Nein, ich war in Anspruch genommen, meine Angehörigen sind auf kurze Zeit gekommen, mein Bruder und meine Schwägerin.« Das Wort durchzuckte sie, sie erinnerte sich dessen, was Florence erzählt hatte, wie sehr er der schönen Prinzessin von Palmi den Hof mache. »Sie sind wohl ein großer Bewunderer Ihrer Schwägerin?« fragte sie. »Ich? Wie kommen Sie nur darauf?« »Ich sah ihr Bild im Palazzo Serra. Sie ist die entzückendste Frau, die ich jemals gesehen habe.« »Das ist wahr, und es ist ein großer Jammer, daß ihre Ehe so unglücklich ausgefallen ist. Ich halte es deswegen für meine Pflicht, ihr so viel Aufmerksamkeit zu erzeigen, wie ich nur kann; ihre Wünsche sind mir stets ein Befehl gewesen. Und wissen Sie, weshalb sie jetzt hierher gekommen ist? Um mich zu bereden, sie auf unser Gut in Calabrien zu begleiten, um während der Erntezeit dort zu sein.« »Während der Ernte? Während der Weinernte? Aber die findet doch erst im Oktober statt.« »Wir pflegen dort zu sein, sobald die Feigen reifen, und zu bleiben, bis der Wein geborgen ist. Es ist eine einzige, ununterbrochene Erntezeit, die vom August fast bis zum Weihnachtsfest währt.« Alie warf den Kopf ein wenig krampfhaft zurück, lächelte gezwungen und sagte spottend: »Und was sagt die Marquise Beatrice dazu? Sie ist ja Ihre künftige Gattin; da müssen Sie sie doch erst um Erlaubnis bitten.« Es war das erste Mal, daß sie sein Verhältnis zu Beatrice und die Gerüchte berührt hatte, die sie als seine künftige Gattin bezeichneten. Sie hatte nicht gewollt, daß er sie für eifersüchtig halten solle, aber jetzt fühlte sie, daß das Maß voll war, und nun kam es unwiderstehlich heraus und zwar mit einer solchen Heftigkeit, daß ihre Lippen bebten. »Also auch das haben Sie gehört! Ich muß Sie bewundern, daß Sie so lange alle diese schlechten Gedanken über mich für sich behalten konnten. Glauben Sie übrigens nicht, daß es meine Absicht ist, mich zu verteidigen; es ist alles wahr. Ich bewundere meine Schwägerin, und ich bin halbwegs mit Beatrice verlobt, das heißt, es ist eine Konvenienzpartie, die schon seit undenklichen Zeiten von unsern beiderseitigen Familien geplant worden ist; es fehlt eigentlich nur noch meine Zustimmung. Weshalb aber nimmst du dir das alles so zu Herzen, anima dell' anima mia ?« fuhr er lächelnd fort, sich näher an sie heransetzend. »Bewundern ist eins, eine Gattin erwählen ist etwas andres, ein drittes aber ist, – weißt du, was ein drittes ist? – das ist zu lieben. Und dich, nur dich allein liebe ich!« »Sie sind sehr gütig! Sie beweisen mir Ihre Liebe, indem Sie mit einer zweiten fortreisen und sich mit einer dritten verheiraten!« Sie sagte das mit einem erzwungenen Lachen, legte dann ihre Sachen zusammen und wollte sich entfernen. »Warten Sie ein wenig. Ich reise nicht und heirate auch nicht, wenn Sie es nicht wünschen. Wissen Sie, was meine Schwägerin sagte, weshalb sie so plötzlich hierher gekommen sei? Sie hatte gehört, daß ich hier einer kleinen Schwedin den Hof mache, und sie war besorgt, daß ich irgend eine Thorheit begehen könne.« »Und was für eine Thorheit sollte das denn sein?« »Es sollte die Art Thorheit sein, die man Mariage d'amour benennt.« Es war das erste Mal, daß er die Möglichkeit einer Ehe zwischen ihnen berührte, und das gefiel ihr nicht. Sollte sie sich in diese Familie eindrängen, die natürlich nichts von ihr wissen wollte, sollte sie sich durch ihre Ehe in soziale Stellung, in Reichtum und äußeren Glanz heben lassen? Der bloße Gedanke hieran empörte sie, warf gleichsam einen Schatten über das Verhältnis, in das sie sich mit ihm eingelassen hatte, und verwundete ihren Stolz. Wenn sie ihn wirklich liebte; so würde sie es vorziehen, durch diese ihre Liebe zu verlieren, statt alles zu gewinnen. »Sie können Ihre Schwägerin beruhigen,« sagte sie. »Sagen Sie ihr nur, die kleine, unbedeutende Schwedin legte ein viel zu großes Gewicht auf ihre Unabhängigkeit, um sich binden zu können.« Diese Aeußerung verletzte ihn. »So also verhält es sich mit Ihnen, Signorina?« rief er aus; »und ich glaubte, daß Sie mich liebten.« »Ja, es wäre auch vielleicht richtiger, wenn ich sagte, Sie binden. Ich habe ein Gefühl, als möchte ich um keinen Preis der Welt Sie durch ein äußeres Band an mich gefesselt sehen. Und eine italienische Ehe ist ja etwas entsetzlich Unmoralisches, sie ist ja unlösbar.« »Und das nennen Sie unmoralisch!?« Er lachte. Erfand sie so amüsant; entweder war sie unglaublich naiv oder auch unglaublich kühn. »Ja, ich bin der entschiedenen Ansicht, daß es für mich höchst unmoralisch sein würde, wenn ich Vorteil aus Ihrer Verliebtheit ziehen und Sie fürs Leben an mich fesseln wollte; weiß ich doch, daß Sie selber nicht einmal an eine ewige Liebe glauben.« »Würden Sie es also moralischer finden, wenn Sie mir ohne jegliche Besieglung, weder kirchlicher oder staatlicher Art – ohne die Bestätigung der Welt – angehörten?« »Ja, das würde ich, wenn ich nur ganz sicher wäre, daß –« »Nun?« »Daß es Ihnen ein ebenso heiliger Ernst damit wäre wie mir –« »Excentrische kleine Person! Es soll also Ernst sein, entsetzlicher Ernst, und kein Scherz?« Er sah sie mit einem sonderbaren Blick an, mit einem Blick, aus dem sie ein gewisses Mißtrauen herauslas, einen Zweifel, den sie nicht recht verstand, der sie aber verwirrte. Er konnte in Wirklichkeit diese Ausbrüche von Gedankentrotz gegen die Gesetze der menschlichen Gesellschaft bei einem jungen Mädchen nicht verstehen. Dieses starre Pochen auf das individuelle Recht den äußeren Formen der Welt gegenüber war ein Erzeugnis des modernen nordischen Idealismus, der ihm, dem Italiener, dem Positivisten, so fremd war, daß er ihn mißverstehen mußte. An die außerordentliche Gedankenzaghaftigkeit der jungen italienischen Damen gewöhnt, konnte er sich dies Außerachtlassen der Form nicht mit jungfräulicher Unschuld vereint denken, und er mußte daher blitzschnell zu einem Schluß gelangen, der ihm ein Licht auf vielerlei zu werfen schien, was ihm bis dahin in dem Wesen dieses jungen Mädchens befremdend erschienen war. Das völlig ungebundene Leben, das sie seit ihrer frühesten Jugend geführt zu haben schien, das stark entwickelte Selbständigkeitsgefühl, die Ungeniertheit, mit der sie die heikelsten Fragen besprach, ja selbst ihre ganze Art und Weise ihm gegenüber, dies Sichhingeben bis zu einem gewissen Grade, wobei sie sich jedoch stets im rechten Augenblick zurückzuziehen wußte, sprach das alles nicht von Erfahrung? Es war ein Anflug von Spott in seinem Ton, als er sie jetzt fragte: »Wie häufig hat denn meine kleine emanzipierte Schwedin diese Ideen bereits praktisch zur Anwendung gebracht?« Sie verstand ihn nicht gleich, sie starrte ihn nur verwundert an. »Ich meine, wie oft hast du schon einen Mann unglücklich oder – glücklich gemacht?« Sie stieß einen Schrei aus, als habe man ihr einen Schlag versetzt. »Ist dies das Verständnis, das du für mich hast?« rief sie mit bebender Stimme aus. Er wollte ihre Hände ergreifen, sie aber riß sich los. »Gehen Sie, gehen Sie! Sie, die Sie eine lieben, eine zweite heiraten und eine dritte bewundern, Sie können mich nicht verstehen. Sie können es nicht fassen, daß die Liebe für mich nur als etwas Ganzes kommen kann, als etwas alles Verschlingendes, alles Umfassendes fürs ganze Leben! Alles andre, Berechnung, Schlauheit, Vorsicht, verachte ich, so tief, so tief! Wer nicht alles für seine Liebe einsetzen, alles durch sie verlieren, lieber durch sie fürs ganze Leben unglücklich werden will, als auf andre Weise sein Glück zu erlangen, der kann nicht lieben, der soll mir nicht von Liebe reden!« »Wunderliches Mädchen!« rief er aus, und seine Augen glänzten. »Wie kommst du gerade zu diesen Worten, die gleichsam aus meinem eignen, innersten Wesen gesprochen sind? Liebe mich denn, und du kannst mit mir machen, was du willst!« Es war seine Absicht gewesen, den Vorwand zu benutzen, den ihm der Besuch seiner Angehörigen gab, um Nervi zu verlassen. Dies Liebesspiel mit einem jungen Mädchen, das er nicht heiraten konnte, fing an, viel zu ernsthaft zu werden; es war die höchste Zeit, es abzubrechen. Nun aber fühlte er sich wieder derartig gefesselt, daß er sich nicht wieder losreißen konnte. Sobald sie ihm nur das Geringste von der Kraft und Tiefe ihres Wesens offenbarte, hatte er ein Gefühl, als streiche eine frische, stärkende Brise über sein schwüles Leben hin, und es war ihm, als hinge von ihrem Besitz und der Erhaltung desselben sein ganzes Dasein ab. Um den Verdacht seiner Schwägerin zu beschwichtigen, teilte er ihr mit, daß er ihr und ihrem Gatten in einigen Wochen nach Palmi folgen werde, daß er vorerst aber einen Besuch in dem benachbarten Spezia abzustatten gedenke, wo die Marquise von Monsoprano eine Villa besaß, auf die sie sich in diesen Tagen mit ihrer Tochter zurückgezogen hatte. Auf diese Weise gewann er Zeit, und sobald sein Bruder mit seiner Gemahlin abgereist war, weilte er ausschließlich und verliebter denn je an Alies Seite. Sechstes Kapitel. Aagot konnte Richard jetzt jeden Tag erwarten. Sie sehnte sich mit einer gewissen Unruhe und Ungeduld nach ihm, die ihr durchaus nicht glich. Der tägliche Anblick der beiden Verliebten, Serras einschmeichelnde Zärtlichkeit und Alies leidenschaftliche Benommenheit hatten in ihr ein Verlangen nach Liebe erweckt, das ihr bis dahin völlig fremd gewesen war. Endlich traf denn Richard eines Morgens ein, ohne vorher geschrieben zu haben, und überraschte sie. Sie hatten gerade an dem Tage einen Ausflug geplant; Serra hatte sie überredet, mit ihm nach Spezia zu fahren. Er wollte den angekündigten Besuch bei der Marquise nicht unterlassen, vermochte sich aber nicht von Alie zu trennen, selbst wenn es sich nur um einen einzigen Tag handelte. Er versicherte sie, daß er diese Gelegenheit ergreifen wolle, um die Damen verstehen zu lassen, daß er jeden Gedanken an eine Ehe aufgegeben habe, und obwohl Alie es natürlicher gefunden haben würde, wenn er dies dadurch zu verstehen gegeben hätte, daß er sie überhaupt nicht mehr aufsuchte, so ging sie doch ohne Bedenken auf den Vorschlag ein. Als Richard kam, wollte Aagot natürlich zu Hause bleiben, er aber erklärte, daß er ganz besondere Lust habe, den Ausflug zu machen; es sei ohnehin seine Absicht gewesen, den Hafen von Spezia zu besichtigen. Und so saßen sie denn kaum eine Stunde nach seiner Ankunft auf der Eisenbahn. Er hatte nur gerade Zeit gehabt, sich umzukleiden und zu frühstücken, aber Aagot hatte diese wenigen Minuten des Alleinseins benutzt, um ihm mitzuteilen, wie bekümmert sie Alies wegen sei, wie diese sich bloßstelle, ja sich geradezu lächerlich mache durch das offene Zurschautragen ihrer Verliebtheit in den Marquis, der seinerseits so wenig ernsthafte Absichten habe, daß er gleichzeitig ihr, Aagot, auf eine Weise den Hof mache, daß sie ganz verlegen dabei sei. Hier hielt sie inne in der Erwartung, daß Richard einige eingehendere Fragen über diesen Punkt an sie richten werde. Sie hätte ihn so gern ein wenig eifersüchtig gesehen, aber er schien ganz von dem erfüllt, was er soeben über Alie vernommen hatte. War es wirklich möglich! Konnte Alie so verliebt sein, daß sie jeglichen Takt außer acht ließ? Alie, die kalte, kritische, satirische Alie, konnte sich solchen Bemerkungen aussetzen? Das mußte er denn doch mit eignen Augen sehen, ehe er es glauben konnte. Während sie in Spezia umherwanderten, war er deswegen ununterbrochen damit beschäftigt, Alie und den Marquis zu beobachten, und da er gleichzeitig die Gelegenheit benutzen wollte, den Ort, den sie besuchten, kennen zu lernen, so blieb ihm nicht viel Zeit für seine Gattin übrig, die ganz gegen ihre Gewohnheit ernsthaft und verstimmt neben ihm herging. Plötzlich verabschiedete er sich von ihr und ließ sich in einem Boot hinausrudern, um einige Kriegsschiffe zu besichtigen, die im Hafen lagen, und Aagot mußte sich darein finden, allein mit Serra und Alie in ein Restaurant zu gehen und ohne Richard mit dem Frühstück zu beginnen. Alle die kleinen Aufmerksamkeiten, die Serra Alie erwies, reizten Aagot heute mehr denn je. Richard dachte doch auch niemals an etwas andres als an das Besehen von Kriegsschiffen! Als er endlich gegen Ende des Frühstücks kam, fand er Aagot zum erstenmal seit ihrer Verheiratung in schlechter Laune. Sie erklärte, daß sie müde sei, daß sie nicht weiter gehen könne und nicht an dem Ausflug nach dem eigentümlichen, antiken Porto Venerze, das so besonders interessant sein sollte, teilzunehmen gedenke. Man solle sich ihretwegen nicht beeinträchtigen lassen, sie würde sich indes ein wenig im Hotel ausruhen. Im stillen hoffte sie, daß Richard auf die Fahrt verzichten und bei ihr bleiben werde. Statt dessen machte aber Serra den Vorschlag, den Plan aufzugeben, wenn sie nicht mit dabei sein könne, während Richard hervorhob, wie schade es sein würde, diesen interessanten Ausflug zu unterlassen. Er bat Aagot eindringlich, doch den Versuch zu machen, ihre Müdigkeit zu überwinden und mitzukommen. Aber sie ließ sich nicht überreden. Sie war fest entschlossen, ihren Gatten auf diese Probe zu stellen. Sie waren den ganzen Sommer getrennt gewesen, – wenn er es jetzt vorzog, einige alte, baufällige Häuser zu besichtigen, statt bei ihr zu bleiben, so – Richard hatte keine Ahnung von dem, was in der sonst so ruhigen Seele seiner Gattin vor sich ging. Er ging hinab, um sich zu erkundigen, wann das kleine Dampfboot abging. Alie und Serra begleiteten Aagot indessen auf ihr Zimmer, wo der letztere ihr einige Kissen auf dem Sofa zurechtlegte und die Jalousien herabließ. »Jetzt müssen Sie einige Stunden schlafen, damit Sie wieder ganz munter sind, wenn wir zurückkommen,« sagte er mit seiner gewinnenden, weichen Stimme. Als sie gegangen waren, lag Aagot auf dem Sofa und weinte. * Richard war bei seiner Rückkunft ganz erfüllt von dem, was er gesehen hatte, und erzählte Aagot, wie eigentümlich elend, armselig und baufällig dies kleine Nest unter der Felsklippe sei, und in wie grellem Kontrast die Pracht und Herrlichkeit in der Natur zu der Armut stehe, die in diesen dunkeln Gassen herrsche. Er bemerkte nicht einmal den Unwillen und die Kälte, die sie ihm entgegenbrachte, sondern hielt ihre Verstimmung nur für die Folge der Angegriffenheit, von der sie gesprochen hatte. Serra speiste bei der Marquise Monsoprano, und Alie begab sich gleich nach der Table d'hote in den Garten hinaus, während Aagot und Richard im Lesesalon blieben, wo sie schweigend und zerstreut ihren Kaffee tranken und Zeitungen lasen. Als Serra zurückkehrte und Alie nicht bei ihnen traf, ging er in den Garten hinaus, um sie zu suchen. Er fand sie auf einer niedrigen Mauer unter dem Weinlaubdach der Pergola sitzen; ihr Antlitz war in tiefen Schatten gehüllt, während ein paar helle Mondstrahlen, die hie und da durch das Laub drangen, ein starkes Licht auf ihr Kleid warfen und ihm sofort verrieten, wo sie sich befand. »Nun,« fragte sie, als er vor ihr stand, »was sagte Beatrice?« »Die arme Kleine! Sie weinte und machte eine Eifersuchtsscene. Und die Mutter bat mich, ganz offen zu sagen, ob ich jeden Gedanken an eine Ehe aufgegeben habe; in dem Falle wolle sie ihrer Tochter einen andern Mann wählen.« »Und was erwiderten Sie?« »Ach, es gelang mir, sie vollkommen zu beruhigen. Es kostete mich freilich ein Opfer!« »Und welches?« »Mein stolzes schwedisches Mädchen wird doch nicht gar eifersüchtig?« sagte er, sich neben sie setzend, indem er ihre Hand in die seine nahm und ihren Arm streichelte. »Ich mußte ihnen versprechen, morgen hier zu bleiben und den ganzen Tag bei ihnen zu verbringen.« Alie machte eine kleine Bewegung, um ihm ihren Arm zu entziehen, aber er hielt ihn fest. »Nun? Bist du eifersüchtig?« »Nein, keine Spur!« »Bewahre,« entgegnete er lachend. »Aber es gefällt dir nicht, es verletzt dich! Es ist ja nur eine Formsache, um den Schein zu wahren!« »Und was für ein Schein ist es denn, den Sie zu wahren bemüht sind?« fragte sie, Zornesröte auf den Wangen. »Denken Sie daran, sich mit Beatrice zu verheiraten oder nicht? Die einfachste Art und Weise, diesen Schein zu wahren, würde es jedenfalls sein, wenn Sie sich mit ihr verlobten. Weshalb thun Sie das nicht sofort?« Sie war aufgesprungen und stand jetzt gegen einen der steinernen Pfeiler gelehnt, welche das Weinlaubdach trugen; sie hielt die Hände auf dem Rücken und den Kopf vorübergebeugt, das Gesicht aber aufwärts gewandt, so daß ihre Stellung an die der Märtyrer erinnerte, die man so oft auf den Bildern der alten Meister sieht, und deren Arme an einen Pfahl gebunden sind, während sie den Blick gen Himmel richten. Sie bewegte den geschmeidigen Körper mit einer wiegenden Biegung hin und her und sprach gedämpft, erregt, mit nervöser Stimme: »Ich will Ihnen jedenfalls nicht mehr im Wege stehen. Ich will Richard bitten, aufzubrechen, am liebsten schon morgen; Sie sollen nicht weiter von der kleinen Schwedin hören, die –« Sie war so schön in ihrer eigentümlichen Stellung, daß er kaum hörte, was sie sagte, sondern ganz in den Anblick der weichen Linien versunken war; unwillkürlich stahl sich sein Arm um ihre Taille. »Wenn du es wünschst,« sagte er gedämpft, »so sende ich Beatrice sofort einen Absagebrief und reise morgen mit euch zurück.« Aber der Sinnenrausch, den sie, wie sie fühlen konnte, in diesem Augenblick in ihm weckte, erschien ihr wie eine Beleidigung. Hastig riß sie sich von ihm los und sagte heftig: »Sie geben Versprechungen und nehmen sie zurück wie nichts. Aber ich verlange nicht, daß Sie um meinetwillen treulos gegen eine andre sein sollen. Bleiben Sie nur bei Beatrice!« »Ist das Ihr Ernst?« »Es ist mein Ernst. Und nun ist es wohl ebensogut, daß ich Ihnen gleich Lebewohl sage. Wenn Sie nach Nervi zurückkehren, werden wir wahrscheinlich bereits abgereist sein!« »Alie! Ist das deine Liebe zu mir?« Er faßte sie um die beiden Schultern und zog sie an sich, indem er mit funkelnden Augen und zusammengekniffenen Lippen sein Antlitz über sie beugte. Es war ein so gewaltsamer Uebergang, daß Alie atemlos dastand dieser kochenden Leidenschaft gegenüber, die sie plötzlich in dem sonst so beherrschten Gesicht las. »Lassen Sie mich los, Sie thun mir weh!« war alles, was sie hervorbringen konnte. »Um so besser! Ich will dir wehthun! Es würde mir ein wahrer Genuß sein, wenn du dich vor mir im Schmerze wändest und mich um Gnade anflehtest!« Er stieß sie von sich, so daß sie halb auf die Mauer niedersank, auf der sie soeben gesessen hatte; dann wandte er sich zum Gehen. Sie aber sprang auf, ergriff seinen Arm und versuchte, ihn zu sich herumzuwenden. »Ich verstehe dich nicht,« sagte sie. Er stieß sie abermals von sich und entfernte sich von ihr. Noch einmal eilte sie ihm nach, erfaßte seine beiden Hände und sagte: »Geh nicht!« »Liebst du mich?« fragte er sie. »Ja.« »Du liebst mich!« Und in einem Anfall wilder, ausgelassener Freude hob er sie auf seine Arme und trug sie, beinahe laufend, den Kiesweg unter der Pergola entlang. »Ich verstehe dich nicht!« wiederholte sie, als sie sich wieder nebeneinander hingesetzt hatten. »Verstehst du nicht, daß deine Liebe mir eine Lebensbedingung geworben ist? Ich spiele damit, ich stelle sie auf alle möglichen Proben, und wenn ich glaube, daß sie nicht Stich hält, so gerate ich außer mir. Ich zweifle an mir selber, du aber darfst nicht zweifeln, denn dann ist alles verloren. Du mußt mich Zoll für Zoll mir selber abringen. Du bist die Stärkere von uns, denn du bist ganz und klar, deswegen sollst du den Mut haben, mich zurückzuhalten, selbst gegen meinen eignen Willen. Hättest du mich jetzt gehen lassen, so wäre ich nie zurückgekehrt; als du aber dann zuletzt das kleine, erlösende Wort: ›Geh nicht!‹ sprachst, da fühlte ich, daß du mich so völlig erobertest, daß ich mich nicht mehr würde losreißen können, selbst wenn ich es gewollt hätte.« »Und doch, ich weiß nicht, ob ich dir so voll und ganz glauben kann,« sagte sie mit zärtlicher Stimme und lehnte den Kopf gegen seine Schulter – »du bist trotzdem –« »Was bin ich?« »Ich weiß nicht, ob ich es sagen darf: du bist ein sehr guter Schauspieler. Trotz aller Erregung vorhin wußtest du doch sehr wohl, was du thatest! Du stießest mich mit einer gewissen Vorsicht von dir, so daß ich in einer ganz bequemen Stellung auf die Mauer zu sitzen kam.« »Natürlich,« erwiderte er lachend. »So sind wir Italiener: leidenschaftlich und beherrscht, heftig und berechnend auf einmal. Ich liebe dich, weil du diese ungeteilte Stimmung besitzst, die mir abgeht.« Er zog sie auf sein Knie und preßte sie fest an sich. Im selben Augenblick kam Richard den Kiesgang hinab. Sie sprangen beide auf, aber es war zu spät; er hatte sie gesehen, und er wandte sich so hastig um, als sei er mit der Stirn gegen eine Mauer gerannt und habe sich gestoßen. Alie fühlte sich verlegen, nach dem Vorgefallenen mit Richard zusammenzutreffen; deshalb ging sie auf ihr Zimmer hinauf. Erst gegen zehn Uhr kam sie wieder in den Salon zurück, wo sie Serra in eine Partie Schach mit Aagot vertieft fand. Als sie ihm die Hand zur Gutenacht reichte, sagte er: »Wir sehen uns also nicht vor übermorgen. Oder wünschen Sie, daß ich morgen früh an den Zug kommen soll?« Er hatte sich also doch entschlossen zu bleiben, – gerade jetzt, wo sie glaubte, daß er so ganz und gar der ihre sei! Sie antwortete in einem eisigen Ton: »Nein, das wünsche ich keineswegs; machen Sie sich meinetwegen keine Umstände.« »Gut, dann kann ich bis neun Uhr schlafen.« Am nächsten Morgen bei der Abreise befand sich Alie in großer Spannung. Sie hoffte, daß er doch noch an die Station kommen würde. Aber als der Zug abging, ohne daß er sich zeigte, bereute sie bitter, daß sie am vorhergehenden Abend so abweisend gewesen war. Er hatte sie ja noch kurz vorher so herzlich gebeten, über ihrer Liebe zu wachen und ihm nicht zu erlauben, gegen seinen Willen ihr Glück zu zerstören. Weshalb hatte sie ihm da nicht ganz offen und natürlich geantwortet: »Ich wünsche nicht nur, daß Sie uns an die Station begleiten, sondern auch, daß Sie mit uns nach Nervi zurückkehren.« Statt dessen hatte sie noch einmal durch ihren empfindlichen Stolz alles aufs Spiel gesetzt, hatte ihn zurückgestoßen und es zugegeben, daß er diesen Tag an der Seite jener Beatrice verbrachte, die ihn so heiß liebte, daß sie ihrerseits sicher vor keinem Mittel zurückschrecken würde, um ihn an sich zu fesseln. Aber, auf der andern Seite, wenn seine Liebe nicht fester war, als daß sie beständig auf dem Posten sein mußte, um sie zu bewahren, hatte sie da eigentlich Wert für sie? War es da nicht besser, sich loszureißen und eine Leidenschaft zu bekämpfen, die sie zu erniedrigen drohte? Ein Gefühl unsagbar bedrückender Leere ergriff sie bei dieser Selbstprüfung. Ja, das würde besser sein, aber welchen Reiz hatte das Leben dann noch für sie? Alie sah Aagot und Richard an, die ihr im Coupé gegenübersaßen. Sie hatte sehr wohl alles verstanden, was in Aagot vorging; sie wußte, daß sie dort saß und sich nach ein wenig Aufmerksamkeit sehnte, nach einem kleinen Liebesbeweis von seiten ihres Mannes, daß sie sich mit demselben schmerzlichen Verlangen sehnte, das jetzt Alie selbst verzehrte. Aber auch in ihrem Wesen lag dieselbe Zurückhaltung. Es war das alte ewige Warten aus den ersten Schritt, mit dem das weibliche Geschlecht zu allen Zeiten sich selbst und den Mann gequält hat. Richard empfand ein gewisses instinktives Mißbehagen bei Aagots Kälte, aber er war zu sehr in Anspruch genommen von der Veränderung, die er in Alies ganzem Wesen gefunden hatte, um sonst irgend etwas Aufmerksamkeit zu schenken. »Wann dürfen wir denn zu deiner Verlobung gratulieren?« fragte er sie plötzlich. Die Worte durchzuckten Alie; sie antwortete verlegen und ausweichend, daß sie nicht wisse, was er meine. »Ich glaube, du thust gut daran, wenn du dich uns anvertraust,« fuhr Richard fort. »Du stellst dich sonst nicht nur in den Augen der Welt, sondern auch ihm gegenüber bloß. Du weißt doch, daß ein junges Mädchen in Italien nicht die Bewerbungen eines Mannes heimlich hinnehmen darf, ohne sich den kränkendsten Auslegungen auszusetzen. Das einzige, was der Herr Marquis Serra als Mann von Ehre thun kann, ist, daß er unverzüglich zu mir kommt und deine Hand von mir erbittet. Thut er das nicht, so reisen wir augenblicklich von hier ab.« »Wer hat dich zu meinem Vormund ernannt?« entgegnete Alie aufbrausend. »Du bist unter meinem Schutz hierher gekommen, ich habe die Verantwortung für dich. – Es ist am besten, wenn du daran denkst, deine Koffer zu packen, Aagot.« Aber er hatte einen sehr ungünstigen Augenblick gewählt, um über diese Sache mit Alie zu reden, denn sie war so empfindlich, daß sie bei der mindesten Berührung dieses Punktes in Feuer und Flammen geriet. »Ihr könnt natürlich thun, was ihr wollt,« sagte sie in herausforderndem Tone, »ich bleibe jedenfalls hier.« »Du willst hier bleiben – allein in einem italienischen Badeort?« »Ja, wenn ihr es für passend haltet, mich hier allein zu lassen, wenn euer Verantwortlichkeitsgefühl nicht weitergeht –« »Siehst du aber denn nicht ein, daß ich die Fortsetzung dieser Courmacherei nicht dulden kann?« »Was geht das dich an? Ich schulde nur mir selber Verantwortung.« »Du stürzt dich ins Unglück, Alie!« »Und wenn ich mich nun ins Unglück stürzen will, habe ich denn nicht das Recht dazu? Was hast du mir zu bieten, da du mir das einzige Glück rauben willst, das ich im Leben kennen gelernt habe? Glaubst du nicht, daß ich es endlich auch einmal satt habe, beständig ein Spielball eurer Launen zu sein, zwischen euch allen hin und her geworfen zu werden, stets zu euern Diensten zu stehen und in die Ecke geschoben zu werden, wenn ihr meiner nicht mehr bedürft?« »Was in aller Welt meinst du damit?« fragten Aagot und Richard ganz verwundert wie aus einem Munde. »Hast du mich nicht etwa damals um Aagots willen verlassen? Und selbst deine Mutter – verstieß sie mich nicht aus ihrem Herzen, solange das erste Entzücken über Aagot anhielt? Später, als sie allein blieb, nahm sie mich wieder zu Gnaden an. Und so geht es immer, ich soll stets für alle da sein, sobald man meiner bedarf, aber niemand will etwas für mich sein, denn ich bin niemandem die erste, so recht lieb hat mich niemand. Liebt mich etwa deine Mutter, der ich doch die Tochter zu ersetzen bestrebt bin, wie sie eine Tochter lieben würde? Nein, ich war ihr ja nicht einmal gut genug für ihren Sohn! Und sie würde keinen Augenblick zögern, mich für dich, für deine Kinder oder für Aagot zu opfern, die doch lange nicht so viel für sie ist als ich, nur weil sie deine Gattin ist.« »Aber, beste Alie, so besinne dich doch! Was soll dies alles nur heißen?« »Es soll heißen, daß ich noch keine alte Tante bin, die sich damit begnügt, nur für andre zu leben. Weshalb sollte ich nicht zur Abwechslung auch einmal geliebt werden? Weshalb sollte ich nicht jemand treffen, der nur für mich lebt, den ich glücklich machen könnte, und zwar nur ich und sonst niemand auf der Welt.« Dieser Gefühlsausbruch versetzte Richard in die heftigste Gemütsbewegung; es lag für ihn eine Art Offenbarung darin. Das also war der Grund zu dem Kühlen, Zugeknöpften in ihrem Wesen, das ihn einmal so zurückgestoßen hatte! Er hatte sie niemals verstanden, hatte niemals die richtigen Saiten anzuschlagen gewußt. Eine Ahnung beschlich ihn, was sie möglicherweise für ihn hätte werden können, falls er es verstanden hätte, diese Glut zu entfachen, und ein schmerzliches Gefühl, als habe er das Glück seines Lebens verscherzt, überkam ihn. Welch eine Maskerade war nicht das ganze Leben! Er war blind gewesen für die feurige Seele, die sich unter der kalten Maske der einen verbarg, und hatte sich von dem weiblichen Aeußern der andern, das nur ein leeres Inneres umschloß, anlocken lassen. Und Alie! Sie hatte verschmäht, was sich zu einer großen, starken, männlichen Liebe hätte entfalten können, um sich einem oberflächlichen, leichtsinnigen Courmacher an den Hals zu werfen, für den sie nur ein Weib war wie so viele andre, eine schöne Form. Denn was kannte er von, was verstand er von ihrem tieferen Wesen? – Maskerade! Maskerade! Er ahnte nicht, daß noch eine Maske mit im Spiel war, daß das unzufriedene, übelgelaunte kleine Kindergesicht dort an seiner Seite eine andre Phase von der großen Maskerade des Lebens barg. Siebentes Kapitel. Für Richard mit seiner thatkräftigen Natur war es eine Unmöglichkeit, passiv zu bleiben. Er mußte auf die eine oder die andre Weise in den Gang der Begebenheiten eingreifen, er mußte den Versuch machen, sie nach seinem Willen zu zwingen. Um doch etwas zu thun, beschloß er, eine Erklärung von Serra zu verlangen, und am Morgen des folgenden Tages, als er annahm, daß der Marquis zurückgekommen sei, machte er sich auf, um ihn in seiner Villa aufzusuchen. Er traf ihn, langsam auf einer Terrasse auf und nieder gehend, eine alte, stattliche Dame führend, die er für seine Mutter hielt. Es lag etwas so ungewöhnlich Zärtliches, Beschützendes in der Art und Weise, wie er sie stützte, daß Richard sich unwillkürlich angenehm davon berührt fühlen mußte; er blieb einen Augenblick in der Entfernung stehen und betrachtete das Paar. Nun bemerkte er, daß die Bewegungen der alten Dame ein wenig unsicher und vorsichtig waren. Sie tastete jedesmal mit dem Fuße, ehe sie ihn niedersetzte und hielt die eine Hand vor sich ausgestreckt. Ihre Augen bedeckte ein Schirm. Serra gewahrte Richard und rief ihm zu: »Herr Hauptmann, treten Sie näher! Verzeihen Sie, daß ich Ihnen nicht entgegengehe – kommen Sie nur hier herein!« Richard öffnete die Pforte und trat auf die reich mit Blumen geschmückte Terrasse, die vor der Villa lag. »Das ist der schwedische Offizier, von dem ich dir soeben erzählte, Tante,« wandte sich Serra an die alte Dame. »Hauptmann Rode – Marquise Serra! ... Meine Tante bereitete mir die angenehme Ueberraschung, hier zu sein, als ich heute morgen zurückkehrte,« sagte er erklärend zu Richard. »Dann will ich nicht stören,« versetzte dieser und schickte sich an, zu gehen. »Nein – Sie stören mich in keiner Weise. Zwar bin ich ein warmer Anbeter meiner Tante, aber das Verhältnis zwischen uns ist nun so alt, daß wir nicht absolut immer im tête-à-tête zu sein brauchen; nicht wahr, Tantchen?« Die Marquise lächelte vergnügt. Richard dagegen war durchaus nicht in der Laune, zu scherzen, er erwiderte kurz: »Das, was ich mit dem Herrn Marquis zu besprechen habe, ist aber von zu privater Natur, um ... ich werde mir deshalb gestatten, ein andermal wiederzukommen.« »Wenn die Sache so liegt, verlasse ich die Herren,« versetzte die alte Dame. »Führe mich nur ins Haus, Andreuccio!« Sie grüßte Richard freundlich und verbindlich mit einer leichten Neigung des Hauptes und stieg die breite Marmortreppe der Villa hinauf, von Serra auf die gleiche, liebevoll fürsorgliche Weise gestützt, die Richard vorhin an ihm beobachtet hatte. »Meine Tante ist fast blind,« sagte der Marquis, als er zu Richard zurückkehrte. »Sie ist dabei aber so lebhaft und jugendlich, daß ich mich jedesmal, wenn ich mit ihr zusammentreffe, aufs neue in sie verliebe. – Wie befindet sich denn Ihre Frau Gemahlin?« fuhr er im Gesellschaftston fort, »hat sie ihre Angegriffenheit überwunden?« Richard hörte diese Frage nicht einmal. Er war von Serra in einen großen Saal geführt worden, der mit grünen Möbeln ausgestattet war und vor dessen Fenstern grüne Jalousien herabhingen. Es war fast dunkel dort, und er sah kaum das Gesicht des andern, während Serra, eine Zigarette im Munde auf einem Lehnstuhl halb lag, halb saß. Er bemühte sich jedoch, ihn zu studieren, als er begann: »Ich gehe lieber gleich zu dem Zweck meines Kommens über. Sie wissen vielleicht, daß die junge Dame, die sich hier mit meiner Frau und mir aufhält, eine Art Pflegetochter meiner Mutter ist, und daß ich infolgedessen ihr gegenüber die Pflichten und Rechte eines Bruders zu vertreten habe. Nach der Scene, deren Zeuge ich vorgestern abend wurde, halte ich mich deswegen für verpflichtet, Sie zu fragen, welcher Art Ihre Absichten sind.« Nicht durch eine Bewegung verriet der Marquis, daß diese Frage auch nur den geringsten Eindruck auf ihn machte. »Absichten?« fragte er nur ruhig und mit seinem gewöhnlichen, verbindlichen Lächeln. »Ich habe keine andern Absichten, als der jungen Dame den Aufenthalt in meinem Lande so angenehm wie möglich zu machen – wie das die Pflicht eines höflichen Wirtes ist.« »Dann nehme ich mir die Freiheit, Ihnen zu sagen, daß man ein junges Mädchen durch eine so hartnäckige Galanterie nicht kompromittieren darf.« »Sie sind ein sehr empfindsamer – Bruder!« bemerkte Serra, die Zigarette aus dem Munde nehmend und ihn ironisch anschauend. Sein alter Verdacht erwachte in neuer Form. In welchem Verhältnis stand sie eigentlich zu diesem jungen Offizier, der durch keine Blutsbande an sie geknüpft war? Und war die Gattin jetzt vielleicht eifersüchtig geworden, so daß er es für gut hielt, sie anzubringen? – ›Nein, mein Freund, so leicht lasse ich mich nicht fangen!‹ »Was wollen Sie damit sagen?« fragte Richard in eisigem Ton. »Ich will damit sagen, daß ich glaube, Ihre Besorgnisse sind ein wenig überflüssig. Wenn jemals eine junge Dame die Bedingungen besessen hat, für sich selbst einzustehen, so ist es sicherlich Signorina Alie.« Richard sah ein, daß sein Manöver verfehlt war, er sah keinen andern Ausweg als einen Rückzug. »Wohlan! Darf ich mich gleichzeitig von Ihnen verabschieden?« sagte er steif, indem er sich erhob. »Wir reisen morgen.« »Schon? Das bedauere ich aufrichtig,« erwiderte Serra höflich und vollkommen ruhig. »Dann werde ich mir gestatten, den Damen heute nachmittag einen Abschiedsbesuch zu machen.« Als Richard zurückkehrte, ließ er jedoch nichts von seinem Entschluß, abzureisen, verlauten. Er wagte es nicht, die Sache so übers Knie zu brechen, weil er fürchtete, daß Alie im stande sein könne, ihre Drohung auszuführen und allein zurückzubleiben. Statt dessen begann er, sich ganz im allgemeinen darüber auszulassen, wie die Italiener, besonders die den höheren Klassen angehörigen, in Liebesangelegenheiten die gewissenlosesten Egoisten seien. Ein junges Mädchen zu verführen, besonders wenn sie einer niedereren Klasse angehöre als sie selber, oder ein strafbares Verhältnis mit der Gattin eines andern, oft des besten Freundes, zu unterhalten, das seien ihre täglichen Zerstreuungen. Wo aber von Ehe die Rede ist, da hat die Liebe kein Wort mitzureden. Es falle einem vornehmen Italiener niemals ein, sich mit einem Mädchen zu verheiraten, weil er ihr die Cour gemacht oder sich vielleicht in sie verliebt habe. Die Ehe sei ausschließlich eine Spekulation und eine Konvenienzsache. »Hast du diese Nacht an Schlaflosigkeit gelitten und dir die Zeit mit der Lektüre eines französischen Romans vertrieben?« fragte Alie kampflustig. »Es ist ganz erklärlich, daß du, der du so selten Romane liest, eine neue Entdeckung zu machen glaubst. Du mußt aber verzeihen, wenn ich, die ich so viel dergleichen lese, die Sache ein wenig abgedroschen finde.« »Ich spreche nicht von französischen Romanen, sondern von wirklichen italienischen Verhältnissen.« »Und was weißt du davon, wenn ich fragen darf? Schöpfen wir nicht alle unsre Weisheit aus französischen Romanen, wo es sich um die Beurteilung der südlichen Nationen handelt?« »Ich bitte um Verzeihung, aber ich bin kein Fremdling in Italien. Du weißt, daß ich mehrmals hier gewesen bin, und ich habe durch meine militärischen Freunde viele Verbindungen, auch mit der Aristokratie. Ich habe freilich nicht viele Damen kennen gelernt, aber ich habe die Männer reden und ihre Liebesabenteuer erzählen hören. – Ich versichere dich, wenn du nur eine halbe Stunde Ohrenzeuge gewesen wärest ...« »Die Offiziere haben ja in dieser Beziehung überall nicht das beste Renommee,« unterbrach ihn Alie heftig. »Du glaubst, daß es nur die Offiziere sind. Wenn ich nun aber zum Beispiel mit Marquis Serra selber gesprochen und aus seinem eignen Munde gehört hätte ...« »Was?« fragte Alie mit glühenden Wangen, indem sie aufsprang. »Worüber hast du mit ihm gesprochen?« Es war nicht Richards Absicht gewesen, seiner direkten Einmischung in Alies Verhältnisse Erwähnung zu thun. Er wußte sehr wohl, daß sie ihm das sehr verübeln würde. Aber jetzt hatte das Mißtrauen, das sie in alles setzte, was er sagte, ihn derartig gereizt, daß er sich vergaß. »Ich komme soeben von ihm. Ich habe ihn gerade heraus gefragt, welche Absichten er in Bezug auf dich hege.« Mit zitternder Stimme, Thränen des Zorns in den Augen, unterbrach ihn Alie. »Du hast es gewagt, du hast es gewagt!« rief sie aus. »Welches Recht hast du, dich in meine Angelegenheiten zu mischen? Was muß er nicht von mir denken! Daß ich eine Werbung erzwingen will! Pfui! Das ist abscheulich. Du hast mir alles verdorben – mein ganzes Glück! Jetzt ist alles vorbei!« Und sie weinte, das Gesicht in den Händen bergend, weinte, daß ihr ganzer Körper bebte. Aagot trat an sie heran und suchte sie durch Liebkosungen zu beruhigen, Alie aber stieß sie von sich. »Was habt ihr mit mir zu thun!« rief sie verzweifelt aus. »Welches Recht habt ihr, mich des einzigen Glücks zu berauben, das ich jemals im Leben besessen habe! Ihr zwingt mich zur Trennung von ihm, aber wenn ihr denkt, daß ich euch folgen werde wie bisher, so irrt ihr. Es mag mit mir gehen, wie es will, nie aber werde ich meinen Fuß wieder über eure Schwelle setzen!« Richard war sehr bleich geworden, um seine Augen und seine Lippen machte sich ein nervöses Zucken bemerkbar. Er konnte kein Wort hervorbringen; der peinliche Auftritt schnürte ihm die Kehle zusammen. Er hatte sie verloren. In doppeltem, zehnfachem Sinn hatte er sie verloren ... Und er liebte sie! Mitten in dieser erregten Scene zeigte sich ein Schatten in der geöffneten Thür, die auf die Terrasse hinausging. Aagot war die einzige, die Selbstbeherrschung genug besaß, um dem Eintretenden mit ihrem gewöhnlichen Lächeln entgegenzugehen und ihn zu begrüßen. Es war der Marquis Serra. »Alie,« sagte Richard mit gedämpfter Stimme, »was kann ich thun, um dich zu versöhnen? Sprich! Ich gehe auf alles ein, was du verlangst! Soll ich euch jetzt allein lassen?« Alies ganze Antwort bestand in einem kurzen, sehr bestimmten »Ja!« und Richard gab Aagot einen Wink, mit ihm hinauszugehen, nachdem er einige gleichgültige Worte mit dem Marquis gewechselt hatte. Dieser hatte sofort Alies erregten Gemütszustand bemerkt; ihre bebenden Lippen und die unter Thränen funkelnden Augen gaben ein lebhaftes Zeugnis davon. Er machte eine Runde durch das Zimmer und sah nach, ob alle Thüren geschlossen waren, dann setzte er sich auf das Sofa, zog sie zu sich herab und fragte plötzlich: »Wollen wir uns miteinander verheiraten?« »Niemals!« rief sie heftig aus. Welch eine Beleidigung, daß er auf diese Weise – er hielt sich jetzt also infolge von Richards plumper Einmischung dazu gezwungen! »Hör mich an, Alie – mit Beatrice ist alles aus. Ich habe ihr gerade heraus gesagt, daß ich dich liebe.« »Hast du – hast du ihr das gesagt?« Alies verweintes Gesicht klärte sich auf. »Und jetzt willst du mich verlassen, – willst fortreisen, um nie zurückzukommen? Das ist ja nicht möglich!« »Was soll ich nur thun? Ich habe ja keinen sehnlicheren Wunsch, als zu bleiben, – wenn ich nur einen Ausweg wüßte!« »Ich weiß einen Ausweg, der vielleicht gar nicht so übel ist. Ich habe eine Tante, die das Erdgeschoß unsers Palastes bewohnt, – die Witwe meines Onkels, eine sehr liebenswürdige und gebildete Dame. Sie ist augenblicklich bei mir auf der Villa zu Besuch, – wir sind sehr gute Freunde. Sie ist eine geborene Amerikanerin, sehr sprachkundig und belesen, aber sie ist fast blind und möchte deswegen gern ein junges Mädchen zu sich ins Haus nehmen, das ihr vorlesen könnte, sowohl englisch als französisch und deutsch. Und da es in Italien ganz unmöglich ist, eine solche Persönlichkeit zu finden, sprach ich ihr von dir. Sie war ganz entzückt über die Aussicht, und falls du dich meldest, erhältst du den Platz.« »Du hast schon mit ihr gesprochen?« – Es war also nicht sein Ernst gewesen, als er sie fragte, ob sie seine Frau werden wolle. »Aber,« sagte sie mit etwas unsicherer Stimme, »eine dienende Stellung gerade in deiner Familie anzunehmen, – wäre dir das lieb?« »Eine dienende Stellung? Was meinst du damit? Meine Tante würde dich wie eine Tochter behandeln. Jetzt bist du beleidigt! Was willst du denn, wenn du meine Gattin nicht werden willst? Du weist alles zurück, was ich dir vorschlage. Wünschst du also doch, daß wir uns trennen?« »Du brauchst keine Komödie mit mir zu spielen! – Ich will deine Frau nicht sein, – das ist ganz richtig, – und ich habe dir das gesagt, – weshalb willst du mich denn kränken, indem du es mir vorschlägst, da es ja dein Ernst nicht ist!« »Es ist mein Ernst, – wenn du es willst. Glaube mir, ich liebe dich jetzt so innig, daß ich um deinetwillen gern eine Thorheit begehen würde. Lieber alles andre als dich verlieren! Laß uns deswegen kurzen Prozeß machen und uns verheiraten, das ist das einfachste. In Italien können wir natürlich nicht bleiben, – ich weiß keinen bessern Ausweg, als nach Amerika zu reisen, wie andre verunglückte Existenzen. Bist du damit einverstanden?« »Aber weswegen nur ...« »Weswegen? Um unsern Lebensunterhalt zu verdienen. Du siehst mich verwundert an, – du denkst an unsern Palast. Aber erstens gehört der nicht mir, sondern meinem Bruder – und zweitens, selbst wenn ich meinen Bruder überleben würde, so könnte das die Sache nur verschlimmern, da ich kein Vermögen besitze. Was glaubst du, was die Erhaltung eines solchen Palastes kostet? Der verschlingt Millionen, der und die Ansprüche, die an den Besitzer gestellt werden. Ein solcher Palast kostet so viel, daß der älteste Sohn, – selbst zu den Zeiten, als Genuas große Familien noch reich waren – niemals hat daran denken können, sich zu verheiraten, ohne eine große Mitgift zu erhalten. Weit wichtiger aber ist das jetzt, wo der Reichtum so reduziert ist infolge unsers großen Heeres und unsrer Flotte sowie unsrer kostbaren Administration, die der Landwirtschaft derartige Lasten auferlegt, daß man ein Geschäft dabei machen würde, wenn man seinen ganzen Grundbesitz verschenkte, statt ihn zu versteuern. – Für den jüngeren Sohn bleibt selbstverständlich kein Kapital übrig. Du siehst also, daß Beatrices zwei Millionen nicht mehr sind, als was ich beanspruchen muß, um meine Stellung als verheirateter Mann zu behaupten.« »Und du würdest es nicht erniedrigend finden, eine solche Ehe zu schließen, – nur um versorgt zu sein?« »Um versorgt zu sein – das ist nicht das rechte Wort. Ich habe, was ich gebrauche, so lange ich ledig bin. Die Ehe führt aber in meiner Stellung große Verpflichtungen mit sich, und deswegen muß sie uns auch gewisse Vorteile bringen. Diamine ! Wozu sollte die ganze Ehe sonst nützen? Und da ich es wahrscheinlich nicht werde vermeiden können, einmal Prinz von Palmi zu werden, – mein Bruder ist kränklich und hat keine Erben, – wenigstens wird also mein Sohn den Titel und den Palast erben, – so erfordert meine Stellung, daß ich auf dem Ehemarkt Rücksicht auf einige Millionen nehme. Es ist deswegen nur in der Ordnung, daß meine Gattin sie mir als Heiratsgut zubringt, ich schulde ihr deswegen keineswegs Dankbarkeit.« Alie fühlte ihren Mut sinken. Die Kluft zwischen ihnen war zu groß. Sie fühlte, wie ihre einfache, bürgerliche Auffassung von der Bedeutung und dem Zweck der Ehe leise und lautlos zur Erde fiel, wie ein kleines, welkes Blatt, auf das der zukünftige Prinz von Palmi im Vorübergehen trat, ohne es zu beachten. Was wußte er von ihren Lebensanschauungen? »Verheirate ich mich dagegen ohne Vermögen,« fuhr er fort, »so komme ich vor allen Dingen in die peinliche Lage, den Palast, wenn er mir einmal zufallen sollte, nicht übernehmen zu können – und für meinen Sohn ist die Situation genau dieselbe. Die kostbaren Kunstsammlungen, der Stolz meiner Vorfahren, müssen verkauft werden – und heutzutage findet sich kaum jemand, der ganze Sammlungen kauft; sie müßten getrennt und stückweise an den Höchstbietenden veräußert werden. – Der stolze Lapislazuli-Saal mit seinen schwarzen Sphinxen, in dem ich als Jüngling von den Heldenthaten meiner Vorfahren träumte, müßte zerstört werden, um den Preis aus den kostbaren Steinen herauszuschlagen, – die ganze Herrlichkeit würde zu Grunde gehen! Das alles ist vielleicht nur Eitelkeit der Welt, aber ich möchte doch, daß du verstehen solltest, wie wir, die wir seit Generationen in demselben Heim aufgewachsen sind, uns so an den Gedanken gewöhnen, es unsern Kindern, wenn einmal ihre Zeit kommt, unverändert übergeben zu können, daß er uns gleichsam zu einer erdrückenden Pflicht wird, und wir uns kaum berechtigt halten, uns derselben zu entziehen.« »Ja, das verstehe ich, dagegen kann ich nicht verstehen, weshalb ihr euch gerade durch eine Heirat die erforderlichen Mittel verschaffen müßt. Kann denn ein Mann wie du sich nicht selber eine Bahn brechen?« »Was für eine Bahn sollte das wohl sein? Welche Karriere könnte ich wohl in dem modernen Italien machen? Ja, wenn ich mich nicht zu gut hielte, mich zwischen all dem Plebs hindurchzupuffen, der sich jetzt um die Stellen bewirbt – wenn ich vor den jetzigen Machthabern kriechen und ihnen meine Aufwartung mit Bestechungen und Augendienerei machen wollte – ja, dann glaube ich wohl, daß der künftige Prinz von Palmi acceptiert werden, daß ich eine politische Karriere machen und Gelegenheit finden würde, mir ein paar Millionen von den Mitteln des Volkes anzueignen, wie so viele andre von den sogenannten Liberalen, und dich würde man mit offenen Armen in Crispis politischen Salons empfangen, niemand würde dort nach deinem Stammbaum fragen. Damit würde ich aber auf mein schönstes Privilegium als unabhängiger Edelmann verzichten, nämlich darauf, den Herren die Wahrheit zu sagen und ihnen ihre Lügen ins Gesicht zu schleudern, wenn sie sagen, daß sie das Beste des Volkes wollen, während sie es aussaugen und Tausende zur Auswanderung in fremde Länder zwingen, wo sie elend zu Grunde gehen, während ihre reichen Weinberge ungeerntet dastehen, weil es sich nicht einmal verlohnt, die Ernten einzusammeln, und das alles während die Leitenden und ihre Kreaturen, die oft als arme Parvenus begonnen haben, immer mehr Schätze in ihre Taschen stopfen und unsre Paläste kaufen, nachdem sie uns ruiniert haben.« »Aber – auf welche Weise habt ihr selber einmal eure Reichtümer erworben – waret ihr vielleicht besser, als ihr die Macht in Händen hattet?« »Nein, das behaupte ich keineswegs. Aber gerade weil wir jetzt außerhalb des Ganzen stehen, sind wir besser als die andern. In einem Staate sind die Minorität und die Opposition, diejenigen, deren Ideale nicht die des Tages sind, stets die besten. Und es würde mir sehr schwer werden, diesem meinem teuersten Vorrecht zu entsagen, indem ich mich der flachen Majorität anschließe. Du hast meine Gedichte gelesen, du weißt, wie unabhängig meine Stellung nach beiden Seiten ist. Glaubst du, ich würde in Zukunft so weiter schreiben können, wenn ich daran denken müßte, eine Karriere zu machen?« Er war aufgestanden und ging im Zimmer auf und nieder, unter lebhaften Bewegungen mit sich selbst redend. Plötzlich unterbrach er sich, schlug ein Schnippchen mit dem Finger, als sei ihm etwas eingefallen, blieb dann eine Weile stehen, die Augen mit der Hand beschattend, worauf er etwas an den Fingern abzuzählen begann. »Das stimmt!« rief er aus. »Hast du Papier und Feder da? Setze dich und schreibe!« Und er diktierte ihr ein Sonett, das hervorging aus dem Gedanken an die privilegierte Stellung der Minderzahl als Opposition gegen die Ungerechtigkeiten der menschlichen Gesellschaft, an den Einsamen, der außerhalb aller Parteien stand und nur ein Zuschauer war bei dem Wettlauf nach Aemtern und Auszeichnungen, die dem Meistbietenden feilgeboten wurden. Als Alie mit dem Schreiben fertig war, erhob sie sich, trat an ihn heran, schlang den Arm um seinen Hals und küßte ihn zum erstenmal aus eignem Antriebe. »Sei überzeugt, daß ich dich nicht aus dieser bevorzugten Stellung herausdrängen will,« sagte sie. »Ich gehöre gottlob nicht zu den Frauen, die auf diese Weise lieben, die sich an den Gegenstand ihrer Liebe festklammern und ihn herabziehen.« »Rede nicht so. Wenn du mich aufrichtig liebst, sollst du im Gegenteil kein Mittel scheuen, um mich festzuhalten.« »Und dich veranlassen, gegen deine Ueberzeugung zu handeln!« »Nun ja! Was ist denn im Grunde eine Ueberzeugung! Es giebt nichts, was absolut wahr oder unwahr ist. Ob man die eine oder die andre Nuance in diesem Mischmasch wählt, das hat im ganzen nicht viel zu sagen. Ich bin von Natur wie infolge meines Temperaments Oppositionsmann – aber eine Ueberzeugung! – Welcher intelligente Mann kann eine Ueberzeugung haben?« Alie fühlte sich unangenehm berührt durch diesen Umschlag in seinem Ton. Ihre idealistisch angelegte Natur hatte sofort mit Eifer den Standpunkt umfaßt, den er in seinem Sonett entwickelt hatte, und es war ihr schön und erhaben erschienen, das persönliche Glück einem solchen Ziel zum Opfer zu bringen. Jetzt aber fror sie zu Eis bei seinem Skeptizismus, der mit einem Schlage den Enthusiasmus vernichtete, der in ihr entflammt war. »Ich habe nur eine Ueberzeugung,« fuhr er lächelnd fort, »nämlich daß mich nichts in der Welt beglücken kann als deine Liebe. Und wenn du mich aufrichtig liebst, so sollst du nicht daran denken, mich irgend einer Ueberzeugung zum Opfer zu bringen. Ich wollte, daß deine Liebe so rücksichtslos groß wäre, daß sie selbst dies überschreiten könnte und mich zwänge, dir alles zu opfern, alles, selbst meine Unabhängigkeit. Ich glaube, daß wir eigentlich nur auf die Weise miteinander glücklich werden können.« »Das mußt du nicht von mir erwarten,« erwiderte sie. »Ich fürchte nichts so sehr, als daß du irgend ein Opfer, selbst das allergeringste, um meinetwillen bringen müßtest.« »Auf diese Weise zerstörst du alles. Es würde ein Glück für mich sein, wenn du viel von mir fordern – aber auch viel mir geben wolltest. Du willst weder das eine noch das andre.« Er hatte sie in seine Arme genommen und preßte sie fest an sich, daß sie ihm nicht in die Augen sehen konnte. Deswegen bog sie den Kopf ein wenig zurück und schaute ihn an. »Im Gegenteil,« sagte sie, »ich fordere viel, und ich will auch viel geben – unter gewissen Voraussetzungen. Ueberzeuge mich, daß du mich voll und ganz liebst, – und es giebt nichts, wozu ich nicht fähig bin.« »Nichts?« fragte er, seine Lippen auf die ihren pressend. »Du kennst die Bedingung,« wiederholte sie und riß sich errötend los. Achtes Kapitel. Am folgenden Tage fragte Richard Alie, ob sie jetzt bereit sei, zu reisen, oder ob sie es vorzöge, noch in Nervi zu verweilen. Sie antwortete ihm, daß er und Aagot es so einrichten sollten, wie es ihnen am besten passe, sie sei jederzeit bereit, zu reisen. Es war nämlich zwischen ihr und Serra verabredet worden, daß sie sich jetzt trennen wollten, weil es notwendig war; Alie sollte die Ihren auf der Rundreise durch Italien begleiten; später wollte Serra wieder mit ihnen zusammentreffen, dann wollten sie Näheres über ihre Zukunft bestimmen. Die Familie Gray-Johnston gab am letzten Abend ihnen zu Ehren eine Theegesellschaft. Alie war in erregter, froher Gemütsstimmung. Sie hatte ein Gefühl, als ob diese Trennung niemals zur Ausführung gelangen werde, als müsse im letzten Augenblick etwas Unerwartetes eintreffen, das alles über den Haufen stürzte. Sie machte sorgfältig Toilette und zog ihr elegantes neues Foulardkleid an. Die kleine Theegesellschaft bei der englischen Familie war in ihrer erregten Phantasie ein Fest, ein Verlobungs- oder Hochzeitsfest, das ihr eine Zukunft ungekannten, nur dunkel geahnten Glücks eröffnet, und als sie in das Zimmer trat, lag auf ihren Zügen etwas von dem verschämten und doch strahlenden Ausdruck einer Braut. Die grünlichblaue Farbe ihres Kleides stand ihr vorzüglich. Im Haar trug sie zwei große, verschiedenfarbige Rosen, und um den Hals hatte sie einen Perlenschmuck geschlungen, den ihr Richard zur Erinnerung an die Reise geschenkt hatte. Mit ihren langen schwedischen Handschuhen, ihrem eleganten Schuhzeug und dem großen Fächer aus Straußenfedern sah sie so distinguiert aus, daß Florence halb ärgerlich ausrief: »Wie stilvoll diese Alie aussehen kann, wenn sie nur will! Heute ist sie eine richtige Prinzessin!« »Prinzessin Palmi!« fügte Harriet hinzu. »Wenn ich nur wollte, ja!« sagte Alie und sah sie mit ihren großen Augen gerade an. »Hör nur!« flüsterte Florence Aagot zu, »sie bildet es sich wirklich ein; als ob er nicht andern ebensosehr die Cour gemacht hätte als ihr!« »Ja, so ist er gegen alle,« sagte Aagot. »Er hat eine Art und Weise, Damen anzusehen, ihnen die Hand zu drücken und sie in der seinen zu behalten – hat er das auch bei dir gethan?« Florence lächelte bedeutungsvoll und errötete. Sie war eine Schönheit in englischem Stil, bleich, durchsichtig, mit schlanker Taille und ohne Formen, Harriet hatte rotes Haar, eine kleine Stülpnase, einen sehr feinen Teint und einige Sommersprossen, aber sie war lebhaft und galt als pikant. »Florence erwartet, daß er heute abend um ihre Hand anhalten wird,« flüsterte sie Aagot zu. Mr. Gray-Johnston litt an Hypochondrie, und da seine Frau kränklich war und alle Geselligkeit mied, waren die jungen Mädchen in noch höherem Grade sich selbst überlassen, als es junge Engländerinnen sonst zu sein pflegen. Sie benützten ihre Freiheit, um sich Zerstreuungen zu verschaffen und mit allen Männern zu kokettieren, die sie an sich ziehen konnten, das heißt auf englische Weise kokettieren, blutlos, kalt, denn sie hatten keine Spur von Leidenschaft und fanden Alie deswegen närrisch, sie lachten sie aus, wenn sie sie in heftiger Gemütsbewegung, das Herz auf den Lippen, sahen. Der Theetisch war draußen auf der Terrasse gedeckt, die Lampen brannten unter offenem Himmel. Florence ordnete die Tassen mit ihren wachsweißen Händen, die Mutter saß in einem Lehnstuhl da, und Mr. Gray-Johnston kam und ging, aß ein wenig von dem Theegebäck und sagte kein Wort. Richard bemühte sich gerade, eine Unterhaltung über Crispis deutsch-freundliche Politik in Gang zu bringen, als Harriet, von Serra gefolgt, die drei Stufen, die aus dem Garten auf die Terrasse führten, hinangesprungen kam und sich lachend Aagot um den Hals warf. »Kannst du dir vorstellen, wie er ist!« rief sie. »Wir wollten um die Wette den großen Steig hinablaufen, und da fiel ich, und was glaubst du wohl, daß er sich herausnahm, als er mich aufhob? Pfui, pfui!« sagte sie, ihm mit dem Finger drohend. »Was haben Sie gethan?« fragte Alie lächelnd. »Ich küßte sie auf die Wange. Und wenn ich es nicht gethan hätte, würde sie mich sicher verachtet und für einen Narren gehalten haben; wenn uns eine junge Dame zu Füßen fällt, wäre man ja ein Tölpel, wenn man –« »Wollen Sie mit mir wetten, daß ich auf das Dach dort klettern kann?« rief Harriet aus, die nun einmal in ganz ausgelassener Stimmung war. Und leicht und geschmeidig flog sie auf die Mauer zu, und es gelang ihr wirklich, auf eine höhere Terrasse oben auf das Dach hinaufzukommen. »Signorina Alie!« rief Serra. »Können Sie auch da hinaufklettern, wollen wir einmal um die Wette da hinauflaufen?« »Sie sind wohl von Sinn und Verstand! Um die Wette dort hinauslaufen! Da ist ja kein Geländer.« »Das macht nichts! Kommen Sie nur!« Er zog sie mit Gewalt mit sich und hob sie in die Höhe, während Harriet sie von oben zu sich hinaufzog. Der Garten schien von hier aus tief unter ihnen zu liegen, und es schauderte Alie, als Serra sie um die Taille faßte und eine Bewegung machte, als wolle er sie in den Abgrund hinabstürzen. »Was ist Ihnen heute abend nur?« »Ich möchte gern irgend etwas Tolles ausüben. Denken Sie sich etwas aus, Miß Harriet. Je toller, desto besser!« Alie sah ihn verwundert an. Es lag heute abend eine wilde Grausamkeit in seinem Wesen. »Wollen wir in einem dieser Zimmer einen Einbruch verüben? Wessen Fenster ist das? Wohnt dort nicht die Französin? Wollen wir ihr ihre Schmucksachen stehlen?« »Kommt und trinkt Thee!« erschallte Florences Stimme von unten. »Gleich! Aber wie sollen wir hinunterkommen? Soll ich Sie hinabwerfen – eine nach der andern?« »Nein, wir schleichen uns hier durch eins der Fenster,« sagte Harriet, »dann kommen wir auf den großen Korridor.« »Und wenn sie alle da drinnen sind?« wandte Alie ein. »Das macht nichts. Wir können ja um Verzeihung bitten.« »Nein, nein,« sagte Serra. »Folgen Sie mir nur und lassen Sie mich nicht los.« Er nahm die beiden jungen Mädchen an die Hand, und sie näherten sich, leise spähend, der offenen Balkonthür, die zu einem der Zimmer führte, das nach der Loggia hinausging, auf der sie sich befanden. Sie sahen eine ältere Dame in dem Zimmer umhergehen, und ohne ein Wort zu sagen, zog Serra seine Gefährtinnen mit sich, und wie ein Wirbelwind stürzten sie alle drei durch das Zimmer, aus der entgegengesetzten Thür hinaus. »Er ist heute abend ganz toll,« sagte Harriet zu den andern, als sie wieder unten am Theetisch anlangten. »Ja, das ist ein wahres Wort! Ilo la mente piena di ragi e di follia! « deklamierte er, zu Alie gewendet. »Was bedeutet das?« fragte Florence. »Ich habe den Sinn voller Strahlen und Tollheit!« übersetzte Aagot wortgetreu. Serra nahm neben Alie, ein Stück von den andern entfernt, auf der Mauer Platz, ergriff ihre Hand, beugte sich über sie und deklamierte, ihr fest in die Augen schauend, ein leidenschaftliches Liebeslied. Ihre Hand blieb in der seinen liegen, und sie saß so unbeweglich da, daß sie kaum zu atmen schien. Vielleicht fühlte sie etwas von der willenlosen Hingebung, von der das Lied erzählte, durch ihre Adern strömen. Es war dunkel auf dem Teil der Terrasse, wo sie saßen; man konnte sie kaum erkennen, aber das Pathos der weichen, biegsamen, männlichen Stimme und die eigentümlich zitternde Leidenschaft erreichte den Theetisch, an dem die andern saßen. Die Stimme wurde durch Florence unterbrochen, die nichts verstanden hatte. »Ihr Thee wird kalt,« sagte sie, »können Sie nicht nachher deklamieren?« Aber Aagot, die den Hauptinhalt der Verse aufgefaßt und sich durch gewisse Ausdrücke, wie auch durch eine gewisse allzu beredte Betonung verletzt gefühlt hatte, trat jetzt an Alie heran, berührte leise ihren Arm und flüsterte ihr zu: »Komm zu uns an den Theetisch. Sitz hier nicht allein mit ihm im Dunkeln! Du vergißt dich ja!« Alie zuckte zusammen: sie erhob sich. Als sie den Lichtkreis des Theetisches betrat, hatte sie einen aufgescheuchten, geistesabwesenden Ausdruck in den Augen. Serra gab sich wieder seiner früheren, ausgelassenen Heiterkeit hin. Er setzte sich rittlings über einen Stuhl und galoppierte um den Tisch herum, er drapierte sich mit Tischtuch und Servietten wie ein Araber und nahm mit gekreuzten Beinen auf dem Fußboden Platz; gleich darauf war er ein sizilianischer Bandit, der mit bis in die Augen hineinhängendem Haar und einem unter dem Mantel verborgenen Dolch im Schatten der Mauer auf der Lauer stand und mit einem plötzlichen, katzenähnlichen Sprung über Richard herstürzte, als dieser in seine Nähe kam, ihm Brieftasche und Uhr mit so drohendem Mienenspiel und so fürchterlicher Stimme abfordernd, daß die jungen Mädchen laut aufschrien. »Was haben Sie nur einmal?« fragte Alie, die mit den andern lachte, die aber eine dunkle Ahnung hatte, daß etwas hinter dieser Ausgelassenheit stecken müsse. »Es kommt daher, weil Sie morgen reisen,« »Wie, freuen Sie sich darüber?« »Nein, es ist nicht, weil ich mich freue, aber der letzte Akt in einer Komödie kann niemals lustig genug sein. Nun habe ich Ihnen allen zwei ganze Monate lang Komödie vorgespielt, jetzt will ich mit einer Glanznummer schließen.« Alle jungen Mädchen wollten wissen, was er mit dem Komödienspiel meine. »Habe ich nicht etwa Ihnen allen die Cour gemacht?« fragte er. »Und ich wette, Sie haben es alle für bare Münze genommen. Mit alleiniger Ausnahme von Signorina Aagot, sie ist die einzige, die es niemals hat glauben wollen, daß ich verliebt in sie sei.« »Sie bilden sich zu viel auf Ihr Schauspielertalent ein,« unterbrach ihn Alie mit übertriebener Munterkeit. »Wer von uns, meinen Sie, hat die Sache ernsthaft genommen? Nicht eine einzige – vielleicht hat es uns aber Vergnügen gemacht, Sie mit ihrer eignen Münze zu bezahlen – und wer weiß, ob Sie nicht im Grunde der Genarrte sind!« »Vielleicht,« erwiderte er und sah sie halb schelmisch, halb prüfend an. »Das muß die Zukunft lehren.« Nach diesem Scherz wurden sie beide schweigsam. Serra begann abermals Verse zu deklamieren. Er kannte alle klassischen Dichter Italiens auswendig, und wenn er nicht direkt seine eignen, persönlichen Gefühle aussprechen wollte, pflegte er durch Umschreibung seiner Stimmung Luft zu machen, mit andern Worten, ohne lange zu wählen, auf gut Glück nach dem zu greifen, was er am meisten bewunderte und liebte. »Weshalb deklamieren Sie niemals Ihre eignen Dichtungen?« fragte ihn Florence. »Weil ich mir das aufsagen mag, was ich bewundere. Glauben Sie nur ja nicht, daß ich das aus Bescheidenheit sage,« fügte er schnell hinzu. »Es ist eine Phrase, die ich gelernt habe und die meiner Ansicht nach gut klingt. Hören Sie einmal,« wandte er sich an Alie. »Ich habe Ihnen doch erzählt, daß ich Leopardi vergötterte, als ich jung und schwärmerisch war. Ich will Ihnen zum Schluß noch ein kleines Stück von ihm aufsagen, und dann soll es genug sein.« Er stellte sich vor sie hin und deklamierte: » Sempre caro mi fu quest'ermo colle ... « Sie saßen alle schweigend da, als er geendet hatte. Die milde Schwärmerei des Gedichts und der weiche Tonfall hatten auch auf diejenigen Zuhörer, die nicht alles verstanden, einen gewissen Einfluß ausgeübt. Die vollendete Kunst des Vortrags wie der Worte hatte sie alle ergriffen und sie gleichsam unter einem Zauberbann gehalten. Endlich erhob sich Aagot und sah Richard fragend an. »Es ist zwölf Uhr. Wollen wir jetzt nicht Abschied nehmen? Morgen müssen wir früh munter sein.« Bei der allgemeinen Bewegung, die nun eintrat, fand Serra Gelegenheit, Alie zuzuflüstern: »Ich komme noch und nehme Abschied von dir auf deinem Zimmer, wenn die andern zu Bett gegangen sind. Willst du?« Alie antwortete nicht, ein Fieberschauer schüttelte sie, sie wurde plötzlich ganz bleich. »Wer weckt euch morgen früh?« fragte Harriet Aagot. »Ach, Richard wacht immer so früh auf.« »Ich wache auch stets auf, wenn jemand abreisen soll,« sagte Harriet. »Ich will kommen und Alie in die Nase kneifen, wenn ihr alle schlaft. Du schließt doch deine Thür nicht ab?« Serra sah Alie bei dieser Frage an. Sie antwortete nicht. Als sie in ihr Zimmer gekommen war, das durch einen Korridor von Richard und Aagots getrennt war, sehnte sie sich sehr danach, allein zu sein, aber Aagot kam unaufhörlich zu ihr herein, bald um einige von ihren Sachen zu holen, die sich bei Alie befanden, bald um ihr Platz in ihrem Koffer anzubieten. Es war Aagots Gewohnheit, vor der Abreise die halbe Nacht mit dem Einpacken zu verbringen. Schließlich wurde Alie ungeduldig; beinahe unfreundlich antwortete sie ihr: »Laß es jetzt gut sein, Aagot, ich sterbe vor Müdigkeit. Wenn wir irgend etwas vergessen haben, so können wir es ja morgen einpacken.« »Ziehe wenigstens das Kleid aus, damit ich es vorsichtig in meinem großen Koffer aufbewahren kann. Du ruinierst es, wenn du es in deinem eignen zusammenrollst.« Alie zögerte. Was konnte sie nur vorschützen? Die Uhr hatte bereits eins geschlagen, er konnte jeden Augenblick kommen, und sie konnte ihn doch nicht unangekleidet empfangen. Aber Aagot ließ ihr keine Ruhe. Es schien fast, als habe sie Verdacht geschöpft, denn es war Alie nicht möglich, sie los zu werden. »Hast du wohl daran gedacht, daß dein Reisekleid zerrissen ist? Nein? – Ja, dann leg du dich nur, ich will den Volant wohl aufnähen, während du dich ausziehst.« Sie mußte ihr das Kleid geben und hatte infolgedessen jetzt nur noch das rosa Morgenkleid, das sie überwerfen konnte. Sie setzte sich vor den Spiegel und begann ihr Haar aufzulösen, um Aagot vorzuspiegeln, daß sie wirklich im Begriff sei, zu Bette zu gehen. Gleichzeitig lauschte sie gespannt nach dem Korridor hinaus und glaubte unaufhörlich, Schritte zu vernehmen. Wenn er nun käme und anklopfte, während Aagot hier saß! Um dies zu verhindern, fing sie an, laut zu sprechen, damit er hören sollte, daß sie nicht allein war. »Ist Richard zu Bett gegangen? Der Aermste! Er kann gewiß nicht einschlafen, solange du hier umhergehst und kramst. Laß es jetzt gut sein, liebste Aagot! Es ist wirklich genügend so! Wir sitzen ja doch den ganzen Tag über im Eisenbahncoupé.« »Wie ungeduldig du bist! Ja, dann nehme ich das Kleid mit und nähe es in meinem Zimmer fertig. Es ist ja ganz entsetzlich, wie lange Zeit du heute abend zum Kämmen deines Haares gebrauchst, weshalb legst du dich denn nicht?« Alie küßte sie schnell auf die Wange und schob sie fast zur Thür hinaus. Sobald sie gegangen war, ordnete sie ihre Kleidung in fliegender Eile. Ihr Herz wollte fast zerspringen vor Angst, daß er kommen und sie halb entkleidet finden könne. Sie steckte ihr Haar wieder auf, knöpfte sorgfältig alle Knöpfe des langen Morgenkleides zu und band die seidene Schleife, welche den Gürtel bildete, fest zu, um nicht zu nachlässig gekleidet zu erscheinen. Sie schämte sich dermaßen darüber, daß er sie in einem andern Kleide finden sollte, als in dem er sie verlassen hatte, daß sie fast wünschte, er möge nicht kommen. Und als sie dann wirklich seinen Schritt vernahm und erkannte, gewann das Schamgefühl derartig die Oberhand, daß sie blitzschnell, ohne sich zu besinnen, auf die Thür zusprang und den Schlüssel umdrehte. Sie hörte, wie er an den Drücker faßte, hörte ein leises Flüstern: »Mach auf, amor mio !« Einen Augenblick wartete er, dann ging er, kehrte nochmals zurück und faßte abermals an die Thür, um sich dann mit einem verächtlichen, verbitterten »Bah!« schnell zu entfernen. Als sie seine Schritte im Korridor verhallen hörte, sank ihr das Herz, und nach der eben durchgemachten Spannung überfiel sie eine plötzliche Mattigkeit. Sie entkleidete sich schnell, legte sich ins Bett und blies das Licht aus. »Ja, nun war alles aus! Morgen früh würde sie reisen, und sie hatte ihm die Gelegenheit verweigert, Abschied von ihr zu nehmen, um die er sie gebeten und zu der sie doch eine Art von stummer Einwilligung gegeben hatte. Würde er sie in Zukunft je wieder aufsuchen? Durch falsche Scham hatte sie alles wieder zerstört, vielleicht für immer! Sie wand sich vor Schmerz in ihrem Bett und dachte nicht an Schlafen. Die Nacht war drückend schwül, wie sie es nur im Süden sein kann, ohne einen Windhauch, so geschwängert mit Duft, daß man fast ersticken zu müssen glaubt, und bei der geringsten Bewegung, wenn man nur die Hand ausstreckt oder die Kissen glättet, in Schweiß ausbricht. Sie lag schließlich ganz unbeweglich da, den Arm unter dem Nacken, durch die geöffnete Balkonthür zu dem Sternenhimmel hinaufstarrend, der leuchtend und blitzend zwischen den weißen Säulen der Loggia zum Vorschein kam. So lag sie da, als plötzlich eine dunkle Gestalt die Aussicht verdeckte, welche die Thüröffnung ausfüllte. Ihre Augen starrten steif und unbeweglich auf diese Erscheinung, die ihr ein Phantasiegebilde zu sein schien, das ihre wachen Träume heraufbeschworen hatten. Sie war fast bewußtlos, als ein Paar Arme sie umschlangen und ein Paar glühende Lippen ihre Starrheit in eine Hingebung ohne Ziel und Grenzen verwandelten. * Am folgenden Morgen herrschte das gewöhnliche geschäftige Treiben, das alle Eisenbahnreisen im Gefolge haben, besonders wenn sie zu so früher Tageszeit angetreten werden. Alie war ganz gegen ihre Gewohnheit nicht rechtzeitig fertig, so daß Aagot ihr beim Packen behilflich sein mußte und sie schließlich fortkam, ohne Kaffee getrunken zu haben. Sie langten im letzten Augenblick auf der Station an, Richard und Aagot liefen nach verschiedenen Seiten, um die Billette zu nehmen und das Gepäck zu befördern. Die jungen Engländerinnen erschienen mit Blumensträußen und Küssen, doch gelang es Alie, sich einen Augenblick zu entfernen und vor den andern auf den Bahnsteig hinauszuschlüpfen, wodurch Serra Gelegenheit hatte, sich ihr zu nähern. »In wenigen Wochen komme ich dir nach und suche dich auf,« war alles, was er ihr zuflüstern konnte. »Glaube an mich, warte auf mich, behalte mich lieb.« Sie antwortete nur mit einem kurzen, energischen »Ja!« Alle die andern kamen jetzt heraus, der Zug hielt, Thüren wurden aufgerissen, allgemeine Verwirrung, ohrenbetäubender Lärm. Unwillkürlich, ohne an die Umgebung zu denken, küßte er sie auf den Mund, indem er ihr in das Coupé hineinhalf. Aagot hatte gerade noch Zeit genug, um zu stutzen, dann schlug der Schaffner die Thür zu, und dahin brauste der Zug. Alie war der Gegenwart völlig entrückt. Sie saß unbeweglich, gleichsam gelähmt, zusammengekauert in einer Ecke, starr vor sich hinsehend. Eine feine Röte bedeckte ihre Wangen, und auf ihren Zügen lag ein gewisser eigentümlicher, geheimnisvoller Ausdruck, als lausche sie unsichtbaren Stimmen, als schaue sie in eine den Blicken andrer verborgene Welt. Neuntes Kapitel. In Florenz hielt dieser träumende Zustand vor. Sie verbrachte den größten Teil ihrer Zeit in Galerien und suchte stets so viel wie möglich allein zu sein. Die Schönheitswelt, die sie hier umgab, übte eine beruhigende Wirkung auf sie aus. Ihr angeborenes Schönheitsgefühl setzte sie in stand, sich alles, was sie sah, auf eine vertraulichere Art anzueignen, denn als bloßen Kunstgenuß. Diese Bilder hatten ihr persönlich etwas zu sagen, sie wurden ein Teil ihres eignen bewegten Gedanken- und Gefühlslebens, diese Bilder, in denen die Schönheit der Farben und der Linien sich mit der Tiefe und der Innigkeit des Gefühls verschmolzen. Wenn sie des Abends einschlief, und wenn sie des Morgens erwachte, so fühlte sie Sinn und Auge so gesättigt von diesen Eindrücken, daß sie gleichsam einen Lichtglanz über ihr eignes Lebensschicksal verbreiteten. Die Galerien erzählten ihr die Saga der ganzen Menschheit in einem verschönernden, idealisierten Licht, das sehr gut mit der romantischen Richtung zusammenstimmte, die ihr eignes Leben genommen hatte. Und alle Zweifel über die Berechtigung des Verhältnisses, auf das sie sich eingelassen hatte, schwanden gegenüber der großen Lebensauffassung, von der diese Säle erzählten. Der stolze Ritter dort, der einen der hervorragendsten historischen Namen trug, und dessen Bild von Salvador Rosa gemalt worden war, – dieser echt italienische Typus mit den leidenschaftlichen und dabei doch so milden schwarzen Augen, die elegante, geschmeidige Figur, die Indolenz und die Energie, die gleichzeitig in seinem Ausdruck lagen, – und diese blonde Frau, in deren Bild Tizian den Schönheitstypus einer fremden Rasse konzentriert hatte, sie waren natürlich ein Liebespaar gewesen, aber niemand fragte: Waren sie verheiratet? Wer war sie? Welche Titel, welchen Namen, welchen Stammbaum hatte ihr Vater aufzuweisen? Er stand im Katalog mit all seinen Titeln, sie war namenlos. Was aber hatte dies alles in einer Welt zu bedeuten, wo Schönheit, Jugend und Liebe allmächtig herrschen? Und diese Bilder der »Santa Famiglia«, auf denen das Mutterglück und die Mutterliebe den schönsten Ausdruck gefunden hat, den die Phantasie nur hervorzaubern kann, wie schwelgte sie in ihnen! Sie konnte stundenlang vor Peruginos und Botticellis frommen Madonnen, die in stummer Glückseligkeit das neugeborene Kind betrachten, sitzen und träumen. Hin und wieder wurde freilich diese Stimmung durch andre, beunruhigendere Bilder unterbrochen. Mitten in diese Welt idealer Schönheit klang auch ein andrer Ton, mehr sinnlicher Art, hinein. Rubens' derbe Fleischlichkeit stand in grellem Widerspruch zu dem Idealismus der Italiener. Hier war es kein Engel mehr, der mit ehrerbietiger Haltung und tiefer Verbeugung der verschämten, überraschten Jungfrau die Botschaft brachte, daß sie Mutter werden sollte. Hier war es ein kräftiger, vorwärtsstürmender Mann, der mit glühender Leidenschaft ein Weib begehrte, das ihrerseits ihn nur floh, um ihn zu locken und zu reizen. Von solchen Bildern wandte sich Alie mit einer unbestimmten Unruhe ab. Wenn aber auch Rubens ein Bild »Santa Famiglia« taufte, so fand sie dies so kühn, daß sie lächelnd davor stehen bleiben mußte. Das himmlische Kind, das sehr häufig aussieht, als litte es an der englischen Krankheit, weil der Maler in seinem Bestreben, es recht seelenvoll erscheinen zu lassen, den viel zu großen Kopf mit bleichen Wangen begabt hat, war hier in einen dicken, rotwangigen Knaben verwandelt, der den Kopf hintenüberhält und so herzlich und ansteckend lacht, während der ein paar Jahre ältere Johannes ihn mit lächelnder Bewunderung anschaut wie ein älterer Bruder, der den kleinen so entzückend und amüsant findet. Die Mutter, voll und rundlich, gleicht einer prächtigen Amme, und Joseph ist nicht mehr der einsame Greis, der sich in passendem Abstande hält und nichts mit dem Ganzen zu thun hat, sondern ein jugendlicher, heiter lächelnder Familienvater. Andrea schrieb mehrmals, und seine Briefe strömten über von zärtlichen Ausdrücken. Alie schloß sich stets ein, um diese Briefe zu lesen, die sie in große Gemütsbewegung versetzten, die sie erröten machten oder ihr Thränen in die Augen trieben oder sie ernst und nachdenklich stimmten. Sie las sie unaufhörlich wieder und wieder, jeden Abend, im Bett, bevor sie einschlief, und auch am Tage unzählige Male, sobald sie allein war; zuweilen konnte sie des Nachts erwachen und über irgend einen Ausdruck in den Briefen grübeln, dann fand sie keine Ruhe, ehe sie Licht angezündet und das Briefbündel hervorgeholt hatte, das sie stets unter dem Kopfkissen aufzubewahren pflegte. Sie prüfte und wog jedes Wort, um zu sehen, ob es wirklich empfunden, ob es ein Ausdruck war, der mit seiner persönlichen Art und Weise zu fühlen übereinstimmte, oder ob es nur eine gewöhnliche Phrase war. Und wenn sie das letztere zu bemerken glaubte, empfand sie oft große Qualen. Es war stets dieselbe Furcht, die sich jetzt bis zur Angst steigerte, die Furcht, einer Liebe nachgegeben zu haben, die von seiner Seite nur eine Leidenschaft, nicht aber die volle Hingebung der ganzen Persönlichkeit gewesen war. Und während sie über alles nachgrübelte, was sich zwischen ihnen zugetragen hatte, ganz besonders aber über ihr letztes Beisammensein, verfiel sie ins Phantasieren und dichtete schließlich ihr Verhältnis so häufig und ans so viel verschiedene Weisen um, daß sie schließlich selbst nicht mehr wußte, was Wirklichkeit und was Einbildung war. Und diese Unsicherheit in Bezug auf sich selbst und auf ihn ließ nun ihre Ungeduld, ihn wiederzusehen, zu einer verzehrenden Sehnsucht anwachsen. Es erschien ihr, als wenn ihr ganzes Leben, ihre Selbstachtung, das Gleichgewicht ihres Gemüts von diesem Wiedersehen abhängen würden. Es mußte sich zeigen, ob ein tieferes, dauerndes Verhältnis aus dem Rausch der Sinne und der Phantasie erwachen konnte, der unter der glühenden Sonne, in dem lauen Bade, in den duftenden Sommertagen sie beide so unwiderstehlich zu einander geführt hatte. Deswegen war es ein harter Schlag für sie, als ein Brief eintraf, der ihr meldete, daß er nicht, wie er beabsichtigt hatte, nach Florenz kommen könne. Es waren Schwierigkeiten auf dem Gut entstanden, es hatte sich herausgestellt, daß der Verwalter schlecht gewirtschaftet hatte, so daß die ganze Administration in andre Hände gelegt werden mußte. Sein Bruder sei krank, weswegen er ihn unter diesen Umständen unmöglich allein lassen könne. »Versuche, so lange wie möglich in Italien zu bleiben,« schrieb er. »Dann kann ich euch immer erreichen, entweder in Rom oder in Venedig auf der Rückreise. Wenn Du aber reisen mußt, ohne daß wir uns wiedergesehen haben,« – das Herz stand ihr still bei diesen Worten, wie konnte er mir an eine solche Möglichkeit denken! – »dann will ich dich einmal in Schweden aufsuchen, wenn meine Stellung unabhängiger geworden ist. Aber wirst Du auf mich warten? Ich wage es kaum zu hoffen, ich habe immer gewußt, daß ich nicht glücklich werden sollte, und es wundert mich nicht, daß das Schicksal uns gerade in einem Augenblick scheiden zu wollen scheint, in dem wir einander erst so recht gefunden haben.« Sie las den Brief mehrmals, und es legte sich eine eisige Kälte um ihr Herz. So leicht konnte er sie aufgeben, tiefer war ihm die Sache nicht gegangen! Sie saß erst wie gelähmt von diesem Schlage da, dann aber stieg ganz allmählich ein Blutstrom in ihr Antlitz, sie empfand eine brennende, unerträgliche Scham bei dem Gedanken, daß sie sich einem Manne völlig hingegeben hatte, der ihr in Zukunft ein Fremder sein würde, für den sie nur eine unter vielen war. Sollten sie so enden, alle ihre Träume von einer Liebe, die so viel größer, tiefer und zusammenhängender war als alles, was sie bei andern gesehen hatte! Nur ein kurzer Rausch, und dann vorbei! Außer sich vor Gemütsbewegung, aufs innerste empört, ging sie aus, sie ging und ging nur, ohne daran zu denken, wohin ihre Füße sie trugen. Ihr Herz pochte, und vor den Ohren sauste es ihr wie siedendes Wasser. Sie ging den schönen Viale bei Colli hinauf, der sich zwischen weißen Villen und blühenden Gärten hinschlängelt, die still und kühl im Schatten von Lorbeer- und Zitronenbäumen daliegen, nach Rosen und Orangenbäumen duften, mit Oleander und Kamelien prahlen, deren farbenprächtige Blumen sich von dem dunkeln, blaugrünen Laub der Bäume abheben. Dann gelangte sie an die große Einsamkeit des Piazzale Michelangelos, wo der junge David den Horizont beherrscht und seine kräftigen Linien gegen den von der Abendröte purpurgefärbten Himmel und die violetten Konturen der Hügel abhebt. Sie blieb stehen und betrachtete die geheimnisvolle Nacht auf dem Sockel der Statue, die vom ersten Augenblick an, wo sie sie gesehen, ihre Phantasie in Anspruch genommen hatte. Was hatte der gewaltige Meister mit dieser unausgeführten Figur ausdrücken wollen, die noch nicht voll aus dem Marmorblock, aus dem sie geschaffen war, hervortrat, die aber doch so mystisch lockend wirkte, so inhaltsreich, so voll von Märchen, Sagen und Träumen, daß man in ihr sozusagen jede Stimmung wiederfinden konnte, die man selbst durchlebt hatte. Es war gleichzeitig die schlaflose Nacht, wenn man sich unter qualvoller Angst auf dem heißen Lager hin und her wälzt und dem unaufhörlichen Glockengeläute lauscht, das sich mit dem Schlagen der Turmuhren vermischt, so daß man schließlich ganz verwirrt wird und nicht mehr weiß, ob es Abend oder Morgen ist – und die schlafende Nacht, voll von dem Leben des Tages, voll von lichten Träumen – und die wachende Nacht, wenn das Herz stillsteht in zitternder Erwartung, wenn die Augen erschreckt und berauscht dem großen Mysterium des Lebens und des Herzens entgegenstarren, wenn das Herz gleichsam aufhört zu pochen, wenn die Pulse stillzustehen scheinen, und ein Nebel alle Gefühle und Gedanken einhüllt – aber es war auch die drohende, dunkle Nacht, die finstere Nacht der Einsamkeit und der Verzweiflung, aus der es keinen Ausweg giebt. Alie sah und sah, wie diese plastischen Figuren sich gegen die durchsichtige Klarheit des Septemberabends abhoben, wie die Stadt der Blumen dort unten in einem Rosenschimmer lag, und wie der Arno sich durch dieselbe hindurchschlängelte gleich einem silbernen Band – jetzt ertönte das Angelusläuten aus zahlreichen Kirchen durch die Stille des Abends – die Gefühle überwältigten sie, sie brach in Thränen aus, übermannt von der Stimmung, welche die Offenbarung des Schönen in uns durch den Widerspruch zu unsrer inneren, zerrissenen Welt erzeugt. Einige Reisende näherten sich und blieben auf der Piazza stehen, den Bädeker in der Hand. Verwundert sahen sie das einsame, weinende Mädchen an. Alie eilte von dannen, ging auf den Friedhof San Miniato, um ungestört weinen zu können. Hier, zwischen den weißen Monumenten mit ihren trauernden Frauengestalten am Fußende oder mit den glänzenden Engeln, die mit ausgebreiteten Flügeln die Pforte des Grabes bewachen, konnte sie sich ihrer Gemütsbewegung hingeben, ohne Aufsehen zu erregen; es war nur allzu natürlich, hier zu weinen, und sie kniete lange an einem unbekannten Grabe, so gewaltsam, so unaufhörlich schluchzend, wie der dort schlummernde Tote vielleicht niemals beweint worden war. Aus der Verzweiflung erwuchs ihr ein Entschluß. Sie wollte nicht reisen, sie wollte einen beliebigen Vorwand benutzen, um in Italien bleiben zu können, bis sie ihn wieder gesehen hatte. Heimzureisen mit diesem tödlichen Zweifel im Herzen, das war eine Unmöglichkeit. Weswegen hatte sie den Platz bei der Marquise Serra abgelehnt? Es war ja der reine Hochmut gewesen, der sie verhindert hatte, die Stellung anzunehmen. Ja, damals mochte dieser Stolz am rechten Platz gewesen sein, jetzt hatte sich aber die Sachlage verändert. Das wichtigste für sie war jetzt, ihn wiederzusehen, um Klarheit über ihre Zweifel zu erlangen. Und sie beschloß, ihm sofort zu schreiben, daß sie gewillt sei, den Platz anzunehmen, falls er ihr noch offenstehe. Sie beeilte sich, diesen Brief abzusenden, um eine bestimmte Handlung zwischen sich und ihr Schwanken zu legen; dagegen sprach sie noch nicht mit Richard und Aagot darüber, sondern ging schweigend und still neben ihnen her, unzugänglich, völlig in ihren Grübeleien aufgehend, in der Angst, die sich von Tag zu Tag steigerte. In dieser Zeit reisten sie nach Rom, und hier erwartete sie seine Antwort. Eine jubelnde, dankbare Antwort mußte es werden, er würde entzückt sein über diesen Beweis ihrer Liebe, aus dem er ersehen konnte, daß sie sich seiner Bitte, ihn an der Zerstörung seines Glücks zu hindern, erinnerte, daß sie seinetwegen ihren Stolz überwinden konnte. Aber, was war das? Sie wurde leichenblaß, als sie den Brief las. Er schlug es ihr ab. Sie hatte sich so weit gedemütigt, daß sie sich erbot, zu ihm zu kommen, und er lehnte diesen Vorschlag ab! »Ich darf dein Anerbieten nicht annehmen,« schrieb er. »Als ich dir anfänglich diesen Vorschlag machte, liebte ich dich noch nicht so innig, so bewußt, wie ich es jetzt thue. Ich dachte damals mehr an meine eigne Befriedigung. Jetzt liebe ich dich genügend, um die Kraft zu besitzen, dich lieber zu verlieren, als dich aufzuopfern. Wie lange glaubst du wohl, daß sich unser Verhältnis, falls wir täglich zusammen wären, vor meiner Tante und Schwägerin verbergen ließe? Und welcher Art würde deine Stellung sein, falls sie es entdeckten? Glaube mir, es ist besser, daß wir einander nicht wiedersehen und die Erinnerung an das schönste Glück bewahren, das das Leben zu spenden vermag, und das seinen Wiederschein auf unser ganzes Leben werfen wird. Es ist besser, so voneinander zu scheiden, als diese Liebe in die Prosa des Alltagslebens herabzuziehen und sie zu zertreten, was der Fall sein würde, wenn wir uns verheirateten, oder uns den Kränkungen und Unannehmlichkeiten, den Mißverständnissen und Reibungen auszusetzen, welche die unabänderliche Folge eines heimlichen Liebesverhältnisses sein würden.« Dann folgten die gewöhnlichen zärtlichen Ausdrücke: » Colomba mia, anima mia, mio dolcissimo amore ,« und so weiter, die sie jetzt fast mit Erbitterung übersprang. Denn jetzt konnte sie nicht mehr an ihre Aufrichtigkeit glauben, ein herzzerreißender Verdacht erwachte in ihr. Sie hatte ihn ruhig reifen lassen, ohne sich über das tägliche, ländliche Zusammenleben mit der Schwägerin zu beunruhigen, und sie hatte niemals, seit sie zum erstenmal darüber gesprochen hatten, auch nur den geringsten Verdacht in Bezug auf seine Bewunderung für sie geäußert. Eine solche Eifersucht erschien ihr unwürdig; sie wollte ihm volles Zutrauen erzeigen. Aber jetzt! Wer weiß, ob sie nicht doch diejenige war, die ihn zurückhielt, die ihn nicht hatte zu ihr lassen wollen? Dieser Verdacht brannte sie jetzt mit einem Gefühl unüberwindlicher Scham, sie, die stets so fest überzeugt gewesen war, daß sie niemals jemand würde lieben können, der ihr nicht die unzweideutigsten Beweise einer Liebe ohne Maß und Ziel gegeben, sie war dahin gekommen, daß sie sich an einen Mann weggeworfen hatte, der sie nach der ersten Umarmung verließ. Was für ein Leben stand ihr hiernach bevor? Das, was er die schönste Erinnerung seines Lebens nannte, war ihr jetzt für immer besudelt, war zu einem Fleck geworden, der sich niemals vertilgen ließ! Es gab nur einen Ausweg: zu sterben. Ja, der Tod, und nur er allein konnte sie wieder aufrichten, konnte ihr ihre Selbstachtung wiedergeben. Auf eine solche Liebe konnte nichts mehr folgen, nach dem Geschehenen mußte alles flach und schal sein, nur der Tod besaß eine genügende Größe, um ein solches Schicksal auf würdige Weise zu beschließen. Aagot hatte warme Bäder für sich und Alie bestellt und rief ihr jetzt zu, daß sie sich beeilen möge. Das Bad! Ein Gedanke durchzuckte sie und entflammte ihr Gehirn. Sie betrachtete ihre Hände. Da lagen ja die Pulsadern! Man sagte, daß es so leicht sei. Sie schaute sich verwirrt im Zimmer nach einem scharfen Gegenstand um und griff nach dem genuesischen Spadetta, den er ihr geschenkt hatte, jenem silbernen Pfeil, den die Frauen im Haar zu tragen pflegen, und dessen sie sich häufig bei ihren Eifersuchtskämpfen bedienen, um einander totzustechen. Sie hatte keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, ob er sich auch für ihren Zweck eigne, sie steckte ihn nur ins Haar und eilte hinter Aagot her die Treppe hinab in die Droschke hinein, die vor der Hausthür auf sie wartete. Die Badeanstalt war ein alter Palast mit einem schönen, von Säulen getragenen Hofe, in dessen Mitte ein Zitronenbaum grünte und ein Springbrunnen plätscherte. Die Badezellen waren in pompejanischem Stil ausgestattet, ungefähr so, wie sie zur Zeit der alten Römer gewesen waren. Es war nicht das erste Mal, daß ein solches Bad eine Unglückliche über die Schwelle treten sah, um den schmerzlosen Abschluß eines Lebens zu suchen, das seinen Inhalt und seinen Zweck verloren hatte. Sie erhielten zwei nebeneinanderliegende Zimmer, die jedoch durch keine Thür verbunden waren. »Wenn die Signorina der Hilfe bedarf, so brauchen Sie nur dort an dem Glockenzug zu ziehen,« sagte der Bademeister, der das Bad fertig machte. »Es ist gut,« erwiderte Alie kurz. Sie wünschte so schnell wie möglich allein zu sein. Sollte sie die Thür auflassen? Nein, es war besser, sie abzuschließen, sonst konnte irgend jemand kommen und sie in ihrem Vorhaben stören, so mußte man doch wenigstens erst die Thür erbrechen. Es war kühl in der Badezelle, ein Frostschauer überfiel sie, während sie sich entkleidete. Sie drehte an dem Warmwasserhahn und ließ so viel in die Wanne laufen, daß sie sich fast verbrannte, als sie hineinsprang. Sie hatte den Spadetta neben sich auf den Rand der Badewanne gelegt und schloß nun die Augen, sich ihren Träumen überlassend, den Träumen von den Bädern in dem metallblauen Meere, in der Sonnenglut, wo der Rausch zuerst Macht über sie gewonnen hatte, jener Rausch, der nun mit einem Gefühl brennender Scham enden sollte. Nur ihren Körper hatte er geliebt, es war alles nur ein Sinnenrausch gewesen, jetzt wußte sie es! Und diese Erniedrigung wollte sie nicht überleben. Im selben Augenblick stieß sie einen gellenden Schrei aus und fuhr aus ihrer ruhenden Stellung auf. Es war nur ein ganz kleines Klopfen an ihrer Thür, aber es hatte die große Stille ihrer Träume wie ein ganz entsetzlicher, unbegreiflicher Lärm unterbrochen. Draußen ertönte Aagots Stimme! »Bist du fertig?« »Fertig? Ich liege noch im Bade.« »Aber dann hast du ja fast eine Stunde gelegen. Du wirst ganz entkräftet auf diese Weise! Steh doch endlich auf!« Alie warf einen verwirrten Blick auf den Spadetta und sah erst jetzt, wie schlecht er zu dem Zweck geeignet war, für den sie ihn mitgenommen. Und als sie ihr Zeug betrachtete, das auf dem Stuhl lag, kam ihr ein lächerlich prosaischer Gedanke, der ihre ganze Stimmung zerstörte. Ihre Wäsche war alt und ein wenig vertragen, fremde Menschen würden kommen und jedes Kleidungsstück untersuchen; wenn sie so etwas zu thun beabsichtigte, wollte sie wie eine Braut gekleidet sein! Ein Gefühl der Scham über ihren unreifen Einfall jagte ihr das Blut in die Wangen, ließ die heftige Spannung der Seele sich in ein nüchternes Wirklichkeitsgefühl auflösen. Sie hatte sich selbst überschätzt, hatte sich mehr zugetraut, als sie in Wirklichkeit war. Sie hatte also doch nicht die ganze Seele darauf eingesetzt, sie würde sich trotz alledem darein finden, mit herabgesetzten Ansprüchen an das Leben und an sich selbst weiterleben zu können. Sie kleidete sich mit einem Gefühl des Abscheus vor sich selbst und vor allem, was sie umgab, wieder an. Zehntes Kapitel. Richard, der während des ganzen Aufenthalts in Italien in fieberhafter Rastlosigkeit gelebt hatte, der am Morgen mit der Sonne aufgestanden und den ganzen Tag in Bewegung gewesen war, um alle Verhältnisse gründlich studieren zu können und einen Ableiter für die tiefe Mißstimmung zu finden, die an ihm zehrte, zog sich schließlich einen Anfall des eigentümlichen römischen Fiebers zu, und die Aerzte rieten ihm deswegen, unverzüglich Rom zu verlassen. Da das Fieber heftig aufgetreten war, hatte es seine Kräfte sehr geschwächt, man konnte deswegen nicht sogleich an die Heimreise denken, sondern ließ sich vierzehn Tage in Frascati nieder, wo die trockene Bergluft die Krankheit gar bald überwand. Von hier aus wollten sie dann, einen kurzen Aufenthalt in Venedig abgerechnet, direkt nach Hause reisen. Während dieser stillen, unwirksamen Tage in dem jetzt gänzlich verlassenen Frascati, das in seiner ländlichen Ruhe keinerlei Abwechslung bot, legte sich eine peinliche, gedrückte Stimmung auf sie alle. Ein jedes hatte an seinem eignen Kummer zu tragen, niemand konnte dem andern sein Herz ausschütten. Wie ganz anders war es doch gewesen, als sie zusammen ausreisten, als sie so eng miteinander verbunden waren, daß sie alle ihre Freude, alle ihre Sorgen miteinander teilten! Die Briefe aus der Heimat mit den Nachrichten von den Lieben dort waren der Mittelpunkt, um den sich ihr ganzes Interesse drehte, und wurden von ihnen allen mit derselben Begier verschlungen. Die Unterhaltung, wenn sie sich des Morgens am Kaffeetisch trafen, war stets eine so lebhafte, als hätten sie einander seit langen Zeiten nicht gesehen; da war stets so viel zu besprechen, neue Eindrücke, alte Erinnerungen und Zukunftspläne, und wenn man nur den geringsten Einkauf zu machen hatte, so war das eine Begebenheit, an der sie alle drei den lebhaftesten Anteil nahmen. Und jetzt! Wenn sie bei den Mahlzeiten zusammentrafen, wußten sie nicht einmal mehr eine einfache Unterhaltung zu führen, keines von ihnen hatte etwas zu bemerken. Wenn sie ausgingen, so vermieden sie einander, jedes ging seiner Wege. Des Abends saßen Alie und Aagot auf ihrem Zimmer, Richard machte einen Spaziergang, ohne sie zur Begleitung aufzufordern. Die unvermeidliche Einsamkeit des Schmerzes lag über ihnen allen. Es erging ihnen, wie es oft hier im Leben geht: das Glück vereint, der Schmerz aber trennt. Viele können sich an dem Glück eines andern erfreuen, niemand aber kann die Bürde eines andern tragen. Man befand sich jetzt gegen Ende Oktober, und aus Schweden schrieb man, daß bereits Schnee gefallen sei, daß Wege und Stege in Schmutz und Eisschlamm aufgelöst wären, daß man heizte und Doppelfenster eingesetzt habe, während der Herbstwind um die Häuser pfiff und den ganzen Tag hindurch ein trauriges Halbdunkel herrschte. Und hier auf der Terrasse vor dem Hotel blühten Veilchen und Rosen im Freien, und in dem hinter dem Hause liegenden Garten standen Kamelien, Chrysanthemum, Pelargonien und andre Bäume und Büsche in Blüte. Die Mandarinen- und Zitronenbäume beugten sich unter der Last halbreifer Früchte und trugen doch gleichzeitig Blumen, welche die Luft mit jenem milden Wohlgeruch erfüllten, der auf den Sinn wirkt wie ein Glück, wie eine Lebensfreude, ohne daß man sich so recht darüber klar ist, was eigentlich diese Stimmung hervorruft. Und unterhalb der Terrasse breitete die unendliche Campagna sich in blauenden Tönen aus, die besonders bei Sonnenuntergang eine täuschende Aehnlichkeit mit dem Meere hatten und Alie an die Via della Circonvollazione in Genua erinnerten; sie brach in Thränen aus, wenn sie daran dachte, daß sie jetzt für ewig dieses Land verlassen sollte, das sie zu Anfang mit Mißtrauen und Kritik, dann mit erwachender, unwiderstehlicher Touristenbewunderung betrachtet hatte, und das sie jetzt liebte wie einen Teil ihres eignen Ich. Das kleine spießbürgerliche Heim im dritten Stock in der Strandstraße, mit seinen doppelten Fenstern und seiner Petroleumlampe an den langen Winterabenden, dies Heim, das alles umschloß, was während so vieler Jahre das Glück ihres Lebens ausgemacht hatte, wie weit lag das jetzt hinter ihr! Wie fremd war sie selber nicht dieser Welt geworden! Und was hatte sie dort im Grunde zu thun? Gab es dort jemand, für den sie die einzige oder nur die erste war? Wenn sie nie wieder zurückkehrte, würde die alte Frau in ihrer Einsamkeit sicher manchen Abend lang finden, Aagot würde niemand haben, mit dem sie sich über die Wahl einer neuen Toilette beraten konnte, und Richard niemand, der ihm aufmerksam zuhörte, wenn er, auf dem Rücken liegend, von seinen Arbeiten erzählte. Und auch der Kleine würde seinen guten Spielkameraden in ihr verlieren. Aber was weiter? Würde trotzdem nicht jedes einzelne von ihnen – wenn es in seiner Macht stünde – das Leben des andern mit dem seinen erkaufen, ohne sich zu besinnen? Eine Fremde war und blieb sie trotz allem unter ihnen. Und jetzt mehr denn je zuvor, jetzt, wo sie mit ihren brennenden Erinnerungen unter ihnen sitzen würde, – allein mit ihrem unerträglichen Schamgefühl, das sie niemals einer Seele anvertrauen konnte. Gleich nach ihrer Ankunft in Frascati hatte sie ihrer ganzen Verzweiflung und Bitterkeit in einem Brief an Serra Luft gemacht. Er liebe sie nicht, habe sie niemals geliebt, weshalb habe er sie denn betrogen und ihre Ruhe gestört; sie war, wenn auch nicht glücklich, so doch sorglos und heiter gewesen, als sie ihn kennen lernte; er hatte mit schändlicher Kunst mit ihr herumexperimentiert, hatte so lange mit ihr gespielt, wie es ihm Vergnügen machte, um sich dann, als er sah, daß es Ernst bei ihr geworden, daß sie ihr Leben darauf einsetzte, mit einer Phrase zurückzuziehen. Und er wagte es noch, sie zu bitten, dem, was für sie zu einer unauslöschlichen Schande geworden war, eine schöne Erinnerung zu bewahren? Und, – sie konnte es nicht lassen, diese Worte hinzuzufügen, obwohl sie sich deswegen schämte und Ekel vor sich selbst empfand, daß sie im stande war, sich so zu erniedrigen, – und die Schande war um so größer, als er ihr dies alles aus dem Hause der Frau schrieb, um derentwillen er sie opferte. Sie wartete mit einer dumpfen Gleichgültigkeit auf die Antwort. Es war ihr, als wenn jetzt nichts ihre Leiden zu erhöhen vermöge, wie auch ein Brief das alte Verhältnis nicht wiederherstellen könne, – das war unwiederbringlich verloren. Als die Antwort kam, saß sie mit Aagot und Richard am Frühstückstisch. Sie waren die einzigen Gäste im Hotel, und der Kellner, der den Brief gebracht hatte, ging sofort hinaus, um ein neues Gericht zu holen, wodurch sie eine Weile allein blieben. Alle wurde einen Schatten bleicher, als sie den Brief in Empfang nahm, aber sie erhob sich nicht von ihrem Platz, um auf ihr eignes Zimmer zu stürzen und sich dort bei verschlossenen Thüren der Lektüre hinzugeben, wie sie das früher gethan hatte; sie erbrach den Brief im Beisein der andern mit einer gewissen kaltblütigen Ruhe, indem sie zu sich selber sagte, daß sie jetzt den Mut des Armen habe: »Thut mit mir, was ihr wollt. Ich habe nichts zu verlieren.« Aber während sie las, färbte allmählich eine tiefe, lebhafte Röte ihr Antlitz, und ihren Augen entströmten Thränen, – aber es waren keine Schmerzensthränen, sondern die Thränen einer tiefen, weichen Rührung. Mit glühenden Wangen wandte sie sich jetzt an Richard und sagte schnell und atemlos: »Ich reise nicht mit euch nach Hause, ich gehe nach Genua und bleibe dort.« Richard sprang von seinem Stuhl aus und zog sie mit sich in den Lesesalon, wo er die Thür abschloß, während Aagot allein im Eßsaal zurückblieb. »Darf ich mit dir sprechen? Du reist nach Genua! Soll das heißen, daß Serra dich gebeten hat, seine Gattin zu werden?« »Nein! – aber ich will eine Stelle als Vorleserin bei seiner Tante, der Marquise Serra, annehmen.« »Als Vorleserin bei seiner Tante! Und das hat er dir vorgeschlagen? Siehst du denn nicht ein, was darin liegt – welche Demütigung das für dich ist? Er hält dich nicht für gut genug, um seine Gattin zu werden, aber es gefällt ihm, mit dir zu tändeln. Das will ich schon glauben! Es passiert einem nicht oft, daß ein so unschuldiges, so schönes Mädchen, – noch dazu mit deiner Ueberlegenheit, – junge Mädchen wie du pflegen einem Mann bei einem so unwürdigen Spiel nicht oft zur Verfügung zu stehen.« »Pfui, wie häßlich du alles auslegst!« rief Alte, die jedesmal, sobald Richard mit rauher Hand dies Thema berührte, in eine nervöse Empörung geriet. »Du ahnst nicht, was Liebe ist, du mit deiner Natur kannst ein Stimmungsverhältnis wie das unsre nicht begreifen. Für dich mit deinem Unternehmungsgeist besteht die Liebe natürlich nur aus Werbung und Ehe, – und wenn die Sache in Ordnung ist, setzt du dich zur Ruhe und beschäftigst dich mit etwas anderm. So aber ist er nicht. Er kann nicht so gerade auf ein Ziel losgehen. Aber dafür kann er so lieben, wie du es nicht einmal zu ahnen vermagst, – deswegen hat es keinen Zweck, daß du über ihn sprichst oder unsre Verhältnisse beurteilst, – laß du mich nur so handeln, wie ich es für das beste halte, – ich nehme die Verantwortung ganz auf mich.« »Das kannst du nicht, denn deine Leidenschaft verblendet dich völlig. Aber, gottlob, befinden wir uns in einem Lande, wo es Mittel giebt, einen solchen Herrn für seine Handlungen zur Verantwortung zu ziehen.« »Was meinst du damit?« »Ich meine damit, daß ich ihn fordern werde – und nicht im Scherz, sondern im bittern Ernst – am liebsten so, daß entweder er oder ich –« »Aber, Richard, bist du denn ganz von Sinn und Verstand? Du wolltest etwas so Wahnsinniges, Unvernünftiges thun, wolltest mich oder Aagot zeitlebens unglücklich machen? Außerdem kannst du es ja gar nicht einmal. Ein schwedischer Offizier, der das thäte, würde sofort seinen Abschied erhalten.« »Das ist mir ganz einerlei. Ich kann dergleichen Rücksichten nicht länger nehmen, – hier gilt es etwas Wichtigeres. Ich werde über Genua zurückreisen, während Aagot und du direkt über Venedig geht und dort auf mich wartet.« »Das werde ich nicht thun.« »Alie, begreifst du denn nicht, daß ich alles thun muß, um dich zu retten? Ich kann nicht lieben, sagst du. Ich besitze nicht diese südländische Glut, diese sinnlichen Liebkosungen, die dich berauscht haben, – das ist wahr. Aber wenn du mich vor vier Jahren hättest verstehen wollen, dann würdest du vielleicht gesehen haben, daß ich weit tiefer lieben kann, weit leidenschaftlicher als er, – mit einer männlichen Treue, von der diese weichen Südländer keine Ahnung haben. Kannst du denn den Unterschied nicht sehen! Er hat nicht den Mut, deinetwegen auf seine Stellung als Grandseigneur zu verzichten, er hat nicht den Mut, mit seinen vornehmen Verwandten zu brechen, weder Mut noch Kraft, für dich zu arbeiten. Ich dagegen, – was hätte ich nicht für dich thun können, falls deine Wahl auf mich gefallen wäre! Ich habe eine Frau, die ich noch vor wenigen Wochen liebte –« »Aber so schweige doch, um Gottes willen, was fällt dir nur ein?« »Es hilft nichts, du mußt mich anhören. Ich habe eine Stellung, Zukunft, Vermögen, mein Kind, meine Mutter, – alles, was einen Mann in gemütlicher Beziehung wie in Bezug auf Ehrgeiz binden kann, – aber dies alles würde ich von mir schleudern und mit Füßen treten, wenn du die Meine werden wolltest. Ich würde meine Karriere aufgeben und mit dir nach Amerika fliehen, wenn du nur wolltest! Mit leeren Händen würde ich dir dort ein Haus erbauen, in welchem du einen sicheren Schutz, ein helleres, glücklicheres Heim finden würdest als jemals in dem Stammpalast deines Prinzen, der sich davor schämt, dich zu empfangen.« »Ach, Richard!« rief Alie zitternd vor Erregung aus. »Welchen Zweck hat es, daß du mir dies alles sagst? Du zeigst mir dadurch nur, wie sehr ich Serra liebe. Denn ich kann ja nur einräumen, daß in dem, was du mir sagst, viel Wahrheit enthalten ist, – du bist stark und sicher, – er ist schwach und zweifelnd, – er liebt mich nicht so voll und ganz, und er kann nicht kämpfen, um mich zu erringen – das alles sehe ich sehr wohl ein – und doch – wenn ich dich reden höre, so fühlt sich mein ganzes Herz zu ihm hingezogen. Du bist so stark, so kampflustig, so thatkräftig, daß du sehr gut allein stehen kannst. Er aber ist weich, schwankend, er gehört zu denen, die sich eher vor Verzweiflung das Leben nehmen würden, als für ihre Sache zu kämpfen, – und deswegen, gerade deswegen liebe ich ihn doppelt innig, denn ich habe mehr Mut, mehr Glauben als er, weil ich ihn stützen, ihn stärken kann, weil – ja selbst seiner Fehler wegen liebe ich ihn, – und hätte er nichts als Fehler und Mängel, und besäßest du nichts als große Eigenschaften – so würde ich seine Fehler zehntausendmal mehr lieben als deine Verdienste, – verstehst du das? Ich liebe ihn, und es ist völlig fruchtlos, daß du schlecht von ihm sprichst.« »Gut, ich werde nicht sprechen, – statt dessen werde ich aber handeln. Es ist mir unmöglich, kalten Blutes mit anzusehen, wie du dich in eine erniedrigende Stellung verwickelst, – begreifst du denn nicht, welcher Art die Folgen sein müssen?« »Welche Folgen?« Sie sah ihm fest ins Gesicht. »Ja, wenn du wünscht, daß ich ganz offen reden soll, – du bildest dir ein, daß so ein Italiener einer platonischen Liebe fähig ist, – er mag sich bis dahin so gestellt haben, du kannst aber sicher sein, daß es nicht lange währen wird, bis du ihm selbst entgegenkommst, – und bist du dann deiner Stärke so sicher?« »Ich will schon für mich selber einstehen,« rief sie aus, und eine tiefe Röte flammte abermals auf ihren Wangen. »Du hast kein Recht, dich in diese Angelegenheit hineinzumischen. Wenn du wirklich mein Bruder wärest, so würde das eine ganz andre Sache sein, – aber jetzt, – und besonders nach allem, was du mir soeben gesagt hast ... Du wirfst mir vor, daß mich Leidenschaft verblende, – sei dem so, – ergeht es dir aber nicht genau so? Wie kann ich Zutrauen zu deinen Warnungen haben, wenn ich weiß, daß du in deinem eignen Interesse redest!« »In meinem eignen Interesse? Nein, das thue ich nicht. Ich weiß nur zu gut, daß es fruchtlos sein würde. Wenn ich dein Bruder wäre, – würdest du dann auf meine Warnungen gehört haben?« »Das weiß ich nicht – aber du wirst begreifen können, daß du mit deine Hilfe auf ganz andre Weise hättest angedeihen lassen können.« »So laß mich dir ein Bruder sein! Ich gehe auf alles ein, wenn du mich nur anhören willst. Ich nehme alles zurück, was ich gesagt habe. Es war Wahnsinn, Uebereilung. Thue nur eins, um was ich dich bitte, Alie: kehre mit uns in die Heimat zurück, bleibe dort und sieh, ob er dir folgen wird. Oder hast du nicht einmal so viel Vertrauen zu seiner Liebe, daß du ihn auf diese Probe zu setzen wagst?« »Laß uns nicht weiter darüber reden,« sagte sie ungeduldig. »Du verstehst weder ihn noch mich, – du kannst nicht urteilen.« Damit verließ sie ihn und setzte sich hin, um Serras Brief noch einmal zu lesen. »Du redest von Erniedrigung,« schrieb er; »Du allein hast unser ganzes Verhältnis erniedrigt, indem Du eine Verdächtigung aussprichst, die Deiner unwürdig ist. Eine Beatrice hat das Recht, denjenigen, den sie liebt, mit kleinlicher Eifersucht zu quälen, – Du solltest zu stolz dazu sein. Aber da Du nun doch einmal diese häßlichen Dinge berührt hast, so will ich Dir doch sagen, daß mein Verhältnis zu meiner Schwägerin weit eher Deine höchste Achtung verdient. Ich bewundere sie, und ich halte es für meine Pflicht, ihr der zärtlichste Bruder zu sein, – wenn sie einen Liebhaber hätte, so würde ich sie deswegen nicht verdammen, – daß ich aber niemals diese Stellung ihr gegenüber einnehmen kann, darüber bin ich mir stets klar gewesen. Ich liebe die großtönenden Worte nicht, – sonst würde ich sagen, daß ich die Heiligkeit der Familienbande respektiere. Die Gattin meines Bruders darf mir nichts weiter sein als eine Schwester, – freilich eine Schwester, die ich herzlich liebe, das gebe ich zu, und die ich unter keiner Bedingung würde verletzen können. Sie hat indessen nicht das geringste mit meinem Entschluß zu thun, – Du hast mich nicht verstanden, wenn Du nicht einsiehst, daß meine Neigung, alles auf die Spitze zu treiben und Deine Liebe auf die härtesten Proben zu stellen, einzig und allein in meiner schwankenden Natur ihren Ursprung hat. Thue jetzt, was Du willst. Reise und betrachte mich als niedrigen Menschen, der seinen kranken Bruder unter seinem eignen Dache betrügt und gleichzeitig ein unschuldiges junges Mädchen verführt, um sie sofort wieder zu verlassen, – wenn Du Dich des Mannes, den Du einmal geliebt hast, auf diese Weise zu erinnern wünschest. Ich bedaure, daß Dein Schicksal Dich mit einem Manne zusammengeführt hat, der Deine Ansprüche nicht befriedigen kann, – weshalb hast Du denn Deine Liebe nicht auf Deinen Richard geworfen, der zweifellos ein starker und energischer Charakter, eine gute, treue Natur ist? Er hätte Dich glücklich machen können, während ich nur Disharmonie um mich her verbreite und alles mit meinen eignen Zweifeln vergifte. Wenn ich mich in Deiner Nähe befinde, wenn ich Dich sehe und höre, so glaube ich zuweilen, daß Du mich befreien, mich aus diesem Zustand herausreißen und mir die Lebenskraft geben könntest, deren ich ermangle, – aber wenn ich von Dir getrennt bin, kehrt der Zweifel mit verdoppelter Macht zurück, und ich empfinde ein fast wahnsinniges Verlangen, alle die Samenkörner, aus denen mein und Dein Glück hätte entstehen können, auszureißen, zu vernichten, niederzutreten. Aber Du glaubst mir nicht. Ich analysiere mich selber, ich lege mich nackend unter Deine Hände auf den Sektionstisch – und Du sagst: Komödienspiel, Lügen! Was Du mir da zeigst, sind nicht Deine wirklichen, inneren Teile. Dies Herz ist nicht Dein Herz, dies Gehirn, diese Lungen sind nicht die Deinen! Dein Inneres ist auf ganz andre Weise zusammengesetzt. – Buona notte ! Wie Du willst!« Der unterdrückte Schmerz und die Bitterkeit, sowie das Gefühl der eignen Schwäche, das in diesem Ausbruch lag, hatten Alie so tief ergriffen, hatten neue Saiten in ihr ertönen lassen. Dies im Verein mit Richards Anklagen gegen ihn, ja mit dem Gefühl der Ueberlegenheit in Richards Charakter, rief bei ihr das beste und tiefste Gefühl wach, das in der Liebe einer Frau enthalten ist, – das mütterliche in derselben. Und ihr ganzes Wesen durchdrang jenes Gefühl der Zärtlichkeit und der Innigkeit, das wohl tiefer in dem Gemüt der Frau wurzelt als nur die bloße erotische Leidenschaft. Am Abend stand sie mit Aagot auf der Terrasse vor dem Hotel und betrachtete die Campagna, die sich zu ihren Füßen unendlich und geheimnisvoll im Mondschein erstreckte. In weiter Ferne, am Rande des Horizontes funkelte ein Lichtzirkel, der die Konturen der ewigen Stadt erkennen ließ. Aagot hatte sich niemals mit besonderer Begeisterung über Italien geäußert, deswegen war Alie sehr erstaunt, als sie sie jetzt ausrufen hörte: »Ach, wenn ich daran denke, daß dies der letzte Mondschein hier ist, und daß wir bald wieder zu Hause sein werden, so fühle ich mich ganz verzweifelt!« »Wie, Aagot! Du sehnst dich nicht nach der Heimat? Ist das möglich?« »Sehnst du dich etwa danach?« fragte Aagot und sah ihr forschend in die Augen. »Nein. Ich reise nicht mit in die Heimat.« »Darin thust du recht. Ich würde es auch nicht thun, wenn ich nicht dazu gezwungen wäre.« »Du, Aagot! Du hast ja deinen kleinen Sohn, deinen Gatten, deine Eltern, dein schönes Heim, – alles!« »Und hast du nicht etwa genau dasselbe? Was habe ich, was nicht auch das Deine wäre?« »Ich? Ich habe ja nicht das geringste von alledem.« »Du weißt sehr wohl, daß du es alles hast. Es ist weit mehr das Deine als das Meine, – alles. Der Kleine, die Schwiegermutter, ja sogar Richard, – du bist ihnen allen viel mehr als ich. Ich könnte sterben, und alles würde genau ebenso gehen, – du verläßt uns, und wir wissen nicht mehr, was wir anfangen sollen!« Alies eigne Gedanken! War das möglich? Aagot, die glückliche Gattin, Mutter und Tochter, sie empfand dieselbe Leere und dieselben Entbehrungen wie sie, die Einsame, die weder ein Heim noch eine Familie hatte! Dasselbe verzweiflungsvolle Gefühl, keinen Menschen zu besitzen, der uns alles ist, für den wir alles sein können. »Ich fasse nicht, Aagot, wie du nur auf solche Gedanken verfallen kannst!« »Nein, du kannst es nicht fassen, weil du daran gewöhnt bist, mich als seelenlose Puppe, ohne Gefühl zu betrachten, – so betrachtet ihr mich ja alle. Aagot ist mit allem zufrieden, – Aagot findet sich in alles. Ja, so bin ich gewesen, aber ich habe auf dieser Reise Verschiedenes gesehen und gelernt, an das ich wohl besser nicht hätte denken sollen. Unsre Natur ist zu kalt, um zu lieben!« »Was sagst du nur einmal, Aagot? Ich begreife nicht, was dir heute abend in den Sinn gekommen ist. Der Mondschein macht dich sentimental.« »Willst du vielleicht behaupten, daß Richard im stande ist, zu lieben?« rief Aagot aus, und ihre weißen Wangen färbten sich plötzlich. »Hat er mich etwa einen einzigen Tag oder auch nur eine einzige Stunde mit einer solchen Liebe umgeben, mit einer solchen Zärtlichkeit, einer so unbeschreiblichen, – ja, wie soll ich mich ausdrücken, – Erotik, Leidenschaft etwa, – ich weiß selbst nicht, was es ist, – oder so, wie Serra mit dir verkehrte? Glaubst du etwa nicht, daß ich den Unterschied gesehen und gefühlt habe? Richard und ich sind miteinander wie ein Paar alter Großeltern, – aber das genügt mir nicht mehr, ich bin jung wie du, ich bin ebenfalls hübsch, ich will auch etwas von alle dem haben, was die Poesie und das Glück des Lebens ausmacht.« Das Ungewohnte in ihrer warmen Ausdrucksweise versetzte Aagot in eine heftige Gemütsbewegung. Sie schämte sich fast ihrer Worte und berauschte sich gleichzeitig an ihnen; ihre Wangen glühten, und ihre Augen strahlten, so wie Alie es noch niemals an ihr gesehen hatte. »Aber, liebste Aagot, ich glaube wirklich, daß dies dein eigner Fehler ist. Soweit ich mich erinnere, hast du selber Richard niemals die geringste Zärtlichkeit erwiesen.« »Nein, das ist völlig wahr. Ich bin in den Ideen erzogen worden, daß die Frau stets zurückhaltend sein soll, daß sie sich niemals verliebt zeigen darf; nur wenn sie kühl und keusch ist, wird sie sich die Liebe ihres Gatten bewahren. Und infolgedessen war ich kalt und keusch, nahm alle Liebkosungen, alles Leidenschaftliche so ruhig hin, daß Richard meiner überdrüssig wurde, – und jetzt, wo ich ganz das Gegenteil bin,« sie konnte vor Schluchzen kaum die letzten Worte hervorbringen, – »jetzt kann ich beinahe vor Sehnsucht nach Zärtlichkeit vergehen – aber er – er wendet mir den Rücken zu und schläft – oder denkt an etwas andres.« Sie brach in Thränen aus und barg ihr Haupt an Alies Schulter. »Ja, auf diese Weise verscherzen wir Frauen oft unser Glück,« erwiderte Alie. »Wir wagen es nicht, zärtlich und hingebend zu sein, – wir wollen nur nehmen, aber nicht geben. – Aagot!« fuhr sie nach einer kleinen Pause fort, indem sie den Kopf der Freundin in die Höhe hob und ihr mit dem Ausdruck eines festen Entschlusses in die Augen sah. »Wollen wir uns darüber einigen, daß wir die sogenannte Weiblichkeit abstreifen und wahr und mutig sein wollen?« »Was meinst du damit?« sagte Aagot und trocknete ihre Augen, lächelnd und ganz verschämt über ihre Offenherzigkeit. »Du sollst dich Richard so zeigen, wie du dich mir soeben gezeigt hast, – du sollst ihm alles sagen, was du mir soeben gesagt hast, – und ich glaube, daß du ihn zurückgewinnen wirst. Ich, – ja, was ich thun werde, darüber bin ich mir völlig klar.« »Du reist nach Genua?« »Ja.« »Und er hat nicht um deine Hand angehalten?« »Nein, und das ist auch nicht nötig. Ich will ihm meine ganze Liebe, meine ganze Hingebung schenken, – ich will ihm jeden Winkel meiner Seele weihen. Aber ich will nichts von ihm verlangen, ich will nicht ›stolz‹ sein und warten. Thue du dasselbe, Aagot, ich bitte dich dringend darum, so dringend, als ich nur kann. Und wenn du es nicht thust, so verdienst du nicht, glücklich zu sein und geliebt zu werden.« An diesem Abend hing sich Aagot mit ungewöhnlicher Zärtlichkeit an den Arm ihres Mannes, als sie sich zurückzogen. Er war aber wortkarg und zerstreut und beachtete sie kaum. Am nächsten Morgen brannte sie vor Ungeduld, mit Alie zu reden; sobald sie aufgestanden war, pochte sie an ihre Thür. Sie wußte nicht so recht, was sie ihr eigentlich sagen wollte, aber sie war so daran gewöhnt, sich mit ihr über alles zu beraten, daß sie trotz der erwachenden Eifersucht keinen andern Ausweg sah, als Alie ihr Herz in ihrem großen Kummer auszuschütten, der ihr Gemüt mehr und mehr belastete. Als niemand auf ihr Klopfen antwortete, öffnete sie die Thür und trat ein. Das Zimmer war leer! Sollte Alie schon ausgegangen sein? Aber ihr Koffer war ja verschwunden! Und auf dem Tisch lag ein an Richard adressierter Brief. Sie ergriff ihn und zögerte einen Augenblick. Alles, was von einem wohlerzogenen jungen Mädchen und einer musterhaften Gattin in ihr war, lehnte sich gegen diese Handlung auf, zu der sie aber die brennende Eifersucht schließlich doch trieb. Mit zitternden Händen erbrach sie den Brief und las: »Ich reise nach Genua und bitte Dich, mir meinen Willen zu lassen. Bedenke, daß Dir nichts das Recht giebt, in mein Lebensschicksal einzugreifen, daß aber Dein Feingefühl Dich verhindern sollte, Dich in meine Angelegenheiten einzumischen und mich zu verurteilen. Ich setze doch auf alle Fälle nur mein eignes Glück aufs Spiel.« Aagot ging direkt zu Richard hinein und reichte ihm den Brief. »Hast du ihn gelesen?« fragte er, nachdem er den Inhalt durchflogen hatte. »Ja.« »Und welchen Eindruck hast du davon?« »Daß es gut ist, daß sie reiste,« erwiderte sie, ihren Arm um seine Schulter legend. »Jetzt hast du nur mich – aber du sollst sehen, daß ich weit mehr für dich sein werde, jetzt, wo sie nicht beständig zwischen uns steht und mich mit ihrer Ueberlegenheit zu Boden drückt. Jetzt will ich dir alles, alles sein!« Ein Gefühl schmerzlicher Leere ergriff ihn bei diesen Worten. Es wäre tausendmal besser gewesen, wenn sie gleichgültig geblieben wäre, wie sie es früher war, – aber daß sie jetzt, in diesem Augenblick kam und Zärtlichkeit von ihm verlangte, – daß bei ihr der Gedanke erwacht war, mehr für ihn zu sein als früher, gerade jetzt, wo er es bitter empfand, daß sie ihm nichts sein konnte, wo seine Seele durch Alies Grausamkeit zu Tode verwundet war, – das war denn doch zu viel! »Laß uns vor allen Dingen nicht sentimental werden,« sagte er. »Du bist mir alles gewesen, was ich verlangt und gewünscht habe.« Und er wandte sich ab und verließ sie. Elftes Kapitel. Der Zug näherte sich dem Ziel ihrer Reise, und der Enthusiasmus, der Alie bis dahin aufrecht gehalten hatte, war im Sinken begriffen. Wenn er nun, wenn es schließlich so weit war, sich doch nicht darüber freuen würde, sie zu sehen! Vielleicht würde sie ihn durch ihr Kommen nur in Verlegenheit setzen! Sie tröstete sich mit dem Gedanken, daß sie ja im Grunde nur kam, um das Duell zu verhindern. Wenn diese Gefahr erst abgewendet war, konnte sie ihn ja sofort wieder verlassen. Sie nahm eine Droschke und fuhr nach dem Hotel, in welchem sie früher mit Aagot und Richard gewohnt hatte, und wo man sie kannte. Sie überlegte, ob sie Serra sofort von ihrer Ankunft benachrichtigen sollte, aber eine unbestimmte Furcht, daß er sich ihrem Plan noch einmal widersetzen könne, brachte sie zu dem Entschluß, auf eigne Hand zu handeln; Sie wollte ihn mit der abgemachten Thatsache überraschen, ehe er überhaupt von ihrem Plan erfuhr. Am nächsten Morgen machte sie sich auf ihre Wanderung nach der Via Nuova, dieser engen, dunkeln Straße, in der jedes Haus ein Museum, jedes Portal ein Kunstwerk, jeder Hof ein architektonisches Prachtstück ist, und wo man jenseits der Höfe ewig blühende Terrassen mit der Aussicht auf das Meer schimmern sieht. Sie betrat den Palazzo Serra mit einem erdrückenden Gefühl des unendlichen Abstandes zwischen den Bewohnern dieses Prachtbaues und dem kleinen, unbedeutenden Mädchen in dem grauen Reisekleid, das kam, um sich um einen untergeordneten Platz bei einem der Familienmitglieder zu bewerben. Der Diener an der Thür wollte sie abweisen unter dem Vorwand, daß heute kein Empfangstag sei. Sie erwiderte mit zaghafter Stimme, daß sie die Marquise zu sprechen wünsche, reichte dem Diener ihre Karte und bat ihn, zu sagen, sie sei die Dame, welche Marquis Serra im Sommer der Frau Marquise in Nervi empfohlen habe. Der Diener kehrte bald zurück und führte sie in einen großen, kalten Saal mit wenigen Möbeln, mit einem Mosaikfußboden, Marmortischen, sowie steifen, unbequemen Sofas. Hier mußte sie lange warten, und da sie bereits verfroren gewesen war, als sie kam, es wehte ein heftiger Nordwind durch die Straßen Genuas, so durchscheuerte die eisige Kälte des alten Palastes sie derartig, daß sie am ganzen Körper, wie von Fieberfrost gepackt, zitterte. Wenn sie sich nun erkältet hatte und krank wurde! Hier krank zu liegen, das war ein entsetzlicher Gedanke. Ihr Mut fing an zu sinken. Diese Paläste, die ihr in der Sommerwärme als freundliche Zufluchtsstätten erschienen waren, machten durchaus keinen wohnlichen Eindruck auf sie. Sie hatten plötzlich alle Anziehungskraft verloren. Der Adel der Verhältnisse, die Reinheit der Linien erfreuten nicht mehr ihr Auge, sie mußte unwillkürlich denken, daß ein gewisses kleines gemütliches Zimmer daheim in dem dritten Stockwerk einer gewissen Straße, das zwar mit allen möglichen stillosen Möbeln überfüllt, das aber wohl verwahrt gegen alle Winde war, doch unsagbar gemütlicher sei als dieser eiskalte Palast. Endlich wurde sie zu der Marquise hineingeführt, die in einem Boudoir saß, eine Art Schemel mit glühenden Kohlen unter den Füßen, eine kleine Steinurne mit heißer Asche zur Erwärmung der Hände auf dem Schoße. Neben ihr saß eine andre Dame in mittlerem Alter, die Alie für die amerikanische Gesellschafterin der Marquise hielt, welche seit bereit Erblindung bei ihr gewesen war. Beide waren in Shawls gehüllt, und die Marquise hatte einen Sammethut auf dem Kopf und Pelzmüffchen an den Händen. Aber Alie gönnte den beiden nur einen flüchtigen Blick, denn es befand sich noch eine Persönlichkeit im Zimmer, die sofort ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich lenkte – in einem niedrigen Lehnstuhl saß die Prinzessin Palmi. Alies Herz pochte heftig; Bewunderung und Eifersucht erfüllten sie bei dem Anblick dieser strahlend schönen Dame. Denn sie war wunderbar schön; es wollte Alie erscheinen, als verdunkle sie alle die Idealbilder weiblicher Schönheit, die sie in den Galerien gesehen hatte. Sie trug ein Morgengewand aus braunem Sammet mit Pelzwerk verbrämt, das wie bei den antiken Statuen römischer Matronen auf der Schulter zusammengehalten war und den Hals freiließ. Ihr Wuchs war wie der einer echten Römerin hoch und üppig. Das Haar, dies eigentümlich rotbraune, tizianische Haar, hing ihr in einem Netz in den Nacken, die mandelförmigen, großen Augen, die ebenfalls rotbraun waren und einen müden, aber doch wieder strahlenden Ausdruck hatten, richteten sich forschend auf Alie, die sich eigenartig klein unter diesem Blick erschien. Ihr Schönheitssinn war stets bereit, das, was schön war, zu bewundern, hier aber offenbarte sich gleichzeitig ein Stolz in der Haltung, eilte Vollendung in den geringsten Einzelheiten der Toilette, sie war so ausgeprägt la grande dame in ihrer ganzen Persönlichkeit, daß Alie zu Mute war, als stehe sie einem höheren Wesen gegenüber; sie hätte den Saum ihres Kleides küssen können und war nahe daran, in Thränen auszubrechen, wenn sie ihre eigne Nichtigkeit mit dieser Frau verglich, mit der er in täglichem, vertraulichem Verkehr stand. »Sie sind also das junge Mädchen, von dem mir mein Neffe sprach,« begann die Marquise. »Sie sollen sprachkundig sein und wünschen in Italien zu bleiben, mein Neffe kannte einen Bruder oder Vetter von Ihnen, wenn ich nicht irre, und Ihre Verwandten sind geneigt, Sie in Italien zurückzulassen, falls sie ein gutes Heim für Sie finden könnten – war es nicht so?« Alie nickte schweigend. Sie begriff, daß es so heißen müsse. Gleichzeitig aber sah sie mit einem scheuen Blick zu der Prinzessin hinüber. Was dachte diese nur von der kleinen Schwedin, auf die sie neugierig gewesen war? Denn daß es Eifersucht gewesen und nicht allein die Furcht, daß sich ihr Schwager auf eine Mesalliance einlassen könne, daß diese stolze, fürstliche Schönheit denselben Mann liebte wie sie, das hatte Alie sofort in dem Blicke zu lesen vermeint, mit dem die Prinzessin sie angesehen. Die Marquise bat Mrs. Howard, Alie ein Buch zu reichen. »Wollen Sie mir die Freude machen, mir ein Stückchen vorzulesen?« sagte sie mit einem freundlichen Lächeln. »Ich möchte gern Ihre Stimme hören, und Sie haben ja noch kein Wort gesagt.« Sie ließ sie Französisch, Deutsch und Englisch lesen. »Es ist zu bewundern,« sagte sie, »wie gut Sie alle drei Sprachen aussprechen. Darauf lege ich besonderes Gewicht; ich kann es nicht leiden, daß man in einer Sprache radebrecht. Und eine sehr angenehme Stimme, nicht wahr, Lätitia?« Alie wußte selber sehr wohl, daß sie ohne besonderen Ausdruck gelesen und daß ihre Stimme stark gezittert hatte. »Jetzt will ich auch die Freude haben, Sie zu sehen,« fuhr die freundliche Marquise fort; »Sie müssen nämlich wissen, daß ich nicht völlig blind bin, in der Nähe kann ich, gottlob, ein wenig sehen. Wollen Sie nicht etwas näher kommen?« Mrs. Howard machte ihr ein Zeichen, daß sie sich über den Stuhl beugen solle, und die Marquise streichelte ihr die Wange. »Carina, eh!« sagte sie. »Aber so jung! Wenn Sie sich nur an mein stilles Leben gewöhnen können!« Alie empfand diese Untersuchung und Zurschaustellung ihrer Person und ihrer Fähigkeiten vor der stumm beobachtenden Prinzessin wie eine unerträgliche Demütigung und war nahe daran, in Thränen auszubrechen. »Die Sache ist also abgemacht?« fragte die Marquise. »Ich kann nur hinzufügen, daß es mich sehr freuen würde, wenn Sie zu mir kommen wollten. Möchten Sie vielleicht Ihren Vetter oder Ihre Schwägerin, die Dame, mit der Sie hier sind, bitten, sich zu mir zu bemühen, dann kann ich alles weitere mit ihr verabreden.« Alie erklärte verlegen, daß sie sich in Rom von den Ihren verabschiedet habe und allein hierher gekommen sei. »Allein? Und wo wohnen Sie denn?« »Ich bin in dasselbe Hotel gegangen, in dem ich mit meinen Verwandten war, und wo man mich kennt. Mein Pflegebruder war krank, deswegen konnte sie nicht Sie sprach eifrig, indem sie instinktiv die Notwendigkeit empfand, einen Schritt zu verteidigen, der, wie sie wußte, hier zu Lande für sehr unpassend gehalten werden mußte. »Die Frau hat ja in den nordischen Ländern dieselbe freie Stellung wie bei uns in Amerika,« sagte die alte Marquise, die ebenfalls ihrer Nichte gegenüber eine Entschuldigung für nötig hielt. »Sie ist dort nicht so gebunden wie hier, Andrea hat mir mehrere interessante Beispiele davon erzählt.« Jetzt ließ die Prinzessin zum erstenmal ihre Stimme hören, es war, wie Alie auf den ersten Blick vermutet hatte, ein tiefer, voller Alt. »Es ist ja sehr schön,« meinte sie, »wenn die jungen Mädchen auch gleichzeitig so erzogen werden, daß sie eine solche Freiheit nicht mißbrauchen.« Alie empfand den Pfeil, der in diesen Worten verborgen lag, und errötete. »Ich für mein Teil muß doch sagen,« fuhr die Prinzessin fort, »daß ich als junges Mädchen von einer solchen Freiheit nichts hätte wissen wollen, wenn sie mir auch angeboten worden wäre. Ich finde, man ist so glücklich, solange man jemand hat, der über uns wacht und für uns sorgt; es macht das Leben so trocken und kalt, so ganz auf die eigne Verantwortung angewiesen zu sein.« »Die Auffassung ist ja so verschieden,« bemerkte die Marquise vermittelnd. »Aber wir verstehen einander, Signorina mia . Ich gehöre auch zu denjenigen, die durch ihre Selbständigkeit Entsetzen erregt haben. Auf alle Fälle dürfen Sie aber nicht länger im Hotel wohnen, sondern müssen lieber gleich heute zu mir ziehen, wenn Sie überhaupt glauben, daß Sie sich hier zufrieden fühlen können. Die Bedingungen –« »Lassen Sie uns nicht darüber sprechen. Ich wünsche ein Heim, keine Stelle,« unterbrach sie Alie erregt. »Gut, gut! Ganz wie Sie wollen.« »Aber das kann doch nicht angehen,« wandte die Prinzessin ein. »Meine Tante würde stets befürchten, Ihnen Umstände zu machen, sie wünschte eine bezahlte Vorleserin, der sie hundert Lire pro Monat geben wollte, war es nicht so, Tante?« Alie war sich völlig klar darüber, daß die Prinzessin dies nur sagte, um ihr eine untergeordnete Stellung im Hause anzuweisen, und sie beschloß, sich nicht demütigen zu lassen. »Ich habe niemals eine bezahlte Stellung gehabt, und ich habe es auch nicht nötig,« sagte sie mit gedämpfter, aber fester Stimme. »Ich bin seit vielen Jahren bei einer älteren Dame im Hause gewesen, mit der ich nicht verwandt bin, ich habe überall keine Verwandten mehr, sie sind sämtlich gestorben, und ich glaube, daß ich es verstanden habe, mich ihr nützlich zu machen, obwohl mein ganzer Lohn nur in einer freundlichen Behandlung bestand, deren man, wenn man allein in der Welt steht, so sehr bedarf.« Bei diesen Worten traten ihr die Thränen in die Augen, und ihre Stimme klang unsicher. »Und darauf können Sie rechnen, seien Sie überzeugt davon,« sagte die Marquise in herzlichem Ton. »Du lieber Gott, Kind, küssen Sie mich! – Sie ist ja ganz entzückend! Mir ist's, als habe ich sie schon liebgewonnen! Willst du ihr nicht auch die Hand reichen, Lätitia? Du wirft auch freundlich gegen sie sein, davon bin ich überzeugt.« Aber die feine, juwelenfunkelnde Hand, die sich infolge dieser Aufforderung nach ihr ausstreckte, war kalt und steif. »Mrs. Howard! Wollen Sie der Signorina ihr Zimmer zeigen? Sie wissen, das rote Kabinett und die Schlafstube dahinter. Wir wollen einen Schreibtisch hineinsetzen lassen, damit es recht gemütlich wird. Meine Kammerjungfer soll Sie dann gleich ins Hotel begleiten und Ihre Sachen hersenden lassen.« Die Amerikanerin führte Alie in ein großes Zimmer mit herabgelassenen Jalousien. Sie waren durch mehrere Korridore gegangen, und Alie ahnte nicht, nach welcher Himmelsgegend das Zimmer hinauslag, doch hoffte sie, daß es nach der Süd- oder Sonnenseite wendete. Aber nein, als ihre Begleiterin die Jalousien aufzog, erblickte sie nichts als eine graue Mauer. Derselbe kalte, öde Eindruck, dieselbe Leere wie in dem großen Saal herrschten auch hier. »Nun, sind Sie zufrieden?« fragte die Marquise sie, als sie zurückkam. Alie nickte schweigend, sie war nahe daran, in Thränen auszubrechen. »Ich werde Sie nicht überanstrengen,« fuhr die alte Dame freundlich fort. »Sie sind jung und bedürfen natürlich der Zerstreuung. Ich fahre bei gutem Wetter jeden Tag aus, und Sie können mich begleiten, wenn Sie Lust haben. Und wenn Sie zuweilen spazieren gehen wollen, so nimmt Mrs. Howard Sie gewiß gern mit, wenn sie ihre Einkäufe macht.« Alie bemühte sich, ihrer Freude über diese ihr bevorstehende reiche Abwechslung Ausdruck zu geben. Sie begab sich in Begleitung der Zofe ins Hotel, und ehe sie noch Zeit hatte, sich recht zu besinnen, war der ganze Umzug besorgt, und sie stand in ihrem kalten, dunkeln Zimmer, rieb ihre Hände und stampfte mit den Füßen, unfähig an etwas andres zu denken, als daß sie fror, so fror, wie sie noch nie in ihrem Leben gefroren. Sie war nahe daran, in Thränen auszubrechen, als sie ihre Hände, ihre kleinen weißen Hände ansah, die nun ganz aufgeschwollen und rot waren. Sie sah aschgrau im Gesicht aus, und ihre Füße fühlten sich an wie Bleiklumpen. Während sie auspackte, lief sie im Zimmer hin und her, ohne jedoch warm werden zu können. Es war kein Gedanke daran, sich hinzusetzen und etwas vorzunehmen. Mit Schaudern malte sie sich den Winter aus, den sie nun hier verbringen sollte. Zwischen diesen trüben Mauern eingeschlossen, keine Freiheit, allein auszugehen. Wenn einmal jener unwiderstehliche Freiheitsdrang über sie kam, der sie in der Heimat zuweilen hinausgetrieben hatte, so daß sie erst bei hereinbrechender Dunkelheit wieder zurückgekehrt war, so hatte sie hier keinen andern Ausweg, als mit Mrs. Howard auf Besorgungen zu gehen. Sie mit ihren ungebundenen, freien Gewohnheiten, ihrer ausgeprägten Selbständigkeit, sie sollte in die Etikette eingezwängt werden, welche die junge Italienerin vom Leben ausschließt! Sie unter Aufsicht, begleitet, bewacht, wie daheim nicht einmal ein zehnjähriges Schulmädchen bewacht wurde! Denn sie begriff sehr wohl, daß die Marquise trotz ihrer amerikanischen Erziehung mit den Jahren doch zur Genüge Italienerin geworden war, um Alies Anschauungen in dieser Hinsicht zu verdammen. Und Andrea? Was konnte sie ihm unter diesen Verhältnissen wohl sein? Würden sie sich jemals unter vier Augen sprechen können, würde es ihr gestattet sein, ihn auf ihrem Zimmer zu empfangen, mit ihm auszugehen? Aller Wahrscheinlichkeit nach nicht; falls sie ihn nicht heimlich sehen, sich Demütigungen aussetzen wollte, um so der stolzen Prinzessin in ihren Andeutungen über mißbrauchte Freiheit recht zu geben! Das war ja das peinlichste von allem, daß diese Frau, die ihrer Ansicht nach himmelhoch über allen Frauen stand, die er bewunderte und wie eine Schwester liebte, sie mit dem verächtlichen Blick ansehen, sie wie eine untergeordnete Person von zweifelhaftem Charakter, wie eine gewöhnliche, bezahlte Vorleserin mit einem etwas abenteuerlichen Anstrich betrachten sollte! Wie gern hätte sie ihr gerade ins Gesicht gesagt: »Ich hätte, wenn ich es nur gewollt, Prinzessin von Palmi werden können gleich dir! Aber ich verschmähte es, meine Macht über ihn zu benützen, um mir die Stellung zu verschaffen, die du respektiert haben würdest, und wenn du alles wüßtest, würdest du vielleicht ein wenig mehr Achtung vor mir haben.« Welch eine unerhörte Thorheit hatte sie nicht begangen! Ein heftiges Heimweh ergriff sie. Ach, wer jetzt zur Dämmerstunde daheim in der Sofaecke säße, die summende Theemaschine vor sich auf dem Tisch, in einer lebhaften Unterhaltung begriffen, während die Schlittenglocken draußen auf der Straße klingelten und der Schneesturm wirbelte, ohne eine andre Wirkung zu haben, als daß er die Gemütlichkeit in dem warmen Zimmer doppelt fühlbar machte! Bei diesem Gedanken konnte sie sich nicht länger halten, sie brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus. Und als sie erst einmal angefangen hatte, war es ihr unmöglich, innezuhalten; es war eine Wollust, sich wenigstens einmal ordentlich auszuweinen. Wie einsam sie sich fühlte, und wie hoffnungslos ihr Kummer war! Denn wenn sie jetzt, ihrer Eingebung folgend, zu der Marquise ging und sagte: »Ich kann nicht bleiben, ich habe einen Brief von meinen Angehörigen bekommen, man bedarf meiner daheim,« das konnte sie ja thun, und dann auf und davon, mit dem Zuge zurück nach Frascati, – selbst wenn sie das that, so wußte sie ja, daß es jedenfalls für sie keinen Frieden mehr in dem alten Heim gab. Sie wußte ja, daß das Glück und die traute Gemütlichkeit, die sie sich so schön ausmalen konnte, ein entschwundenes Glück war, denn nie mehr konnte sie mit der alten Gemütsruhe in der alten Sofaecke sitzen, die Füße in die Höhe gezogen, die Ellbogen auf die Kniee gestützt, nach Herzenslust ihrer Zunge freien Lauf lassend, nie mehr ausgelassen lustig mit dem Kleinen spielen, nie mehr frei und vertraulich mit Richard reden, während er oben bei ihnen auf dem Sofa lag; das alles war jetzt verändert: Richard war in sie verliebt, sie hatte ihn tödlich beleidigt, Aagots Eifersucht war erwacht, und damit war das Verhältnis aus, und sie selber war so verändert, daß sie nirgends mehr festen Fuß fassen konnte. Ihr Leben war aus den Fugen geraten in demselben Augenblick, als das, was das höchste Glück, der tiefste Inhalt ihres Lebens hatte sein sollen, zu ihr in einer Form gekommen war, welche die stärksten Forderungen ihrer Natur nicht befriedigen konnte. * Andrea war ausgewesen und kam erst am Nachmittag nach Hause. Die Prinzessin Palmi hatte ihm sagen lassen, daß sie gleich nach seiner Rückkehr mit ihm zu sprechen wünsche. Er trat bei ihr ein mit seiner gewöhnlichen Miene liebenswürdiger Galanterie und fragte scherzend, welchen Befehl seine gnädige Frau Schwägerin denn jetzt erdacht habe, um ihren getreuen Diener zu erfreuen. Aber er merkte sofort, daß sie ganz erfüllt von etwas war, das sie beunruhigte und ihr mißfiel. »Ich wollte dich nur fragen, ob es eine abgekartete Sache zwischen dir und ihr ist, oder ob der Einfall von ihr allein ausgegangen ist?« begann sie. »Welcher Einfall? Was? Ich verstehe kein Wort!« »Denn wenn es eine abgekartete Sache zwischen euch ist, so wollte ich dir nur sagen, daß du nicht so loyal gegen mich gehandelt hast, wie ich es von dir erwarten durfte. Es ist jedenfalls mein Haus, in das sie kommt, und ich kann es, der Tante wegen, nicht vermeiden, sie bei mir zu empfangen. Ich glaube nicht, daß es zu viel von mir verlangt gewesen wäre, wenn du mich erst gefragt hättest, ob ich geneigt sei, diese fremde Person in unsern Familienkreis aufzunehmen.« »Um des Himmels willen, was hat dies alles nur einmal zu bedeuten? Von wem redest du?« fragte er in heftiger Erregung, denn eine Ahnung erklärte ihm den ganzen Zusammenhang. »Du weißt also wirklich nichts davon? Nun, in dem Falle hatte ich ja recht, wenn ich sie für eine intrigante kleine Abenteurerin hielt. So wisse denn, daß deine schöne schwedische Flamme aus Nervi jetzt bei der Tante gleichsam als Tochter des Hauses untergebracht ist.« Andrea wußte nicht, was in diesem Augenblick in ihm vorging. Es war gleichzeitig Freude, triumphierende, jubelnde Freude, daß sie dies seinetwegen gewagt hatte, und Mißvergnügen über die unbequeme Stellung, in die sie ihn gebracht hatte, denn auf der einen Seite wollte er seine Schwägerin nicht kränken, ihr Mißtrauen nicht bestärken, indem er Alies Partei zu warm ergriff, und auf der andern Seite mußte er sie ja doch in den Augen der Prinzessin rechtfertigen. Er sah im voraus, daß Alies Wagestück eine ganze Reihe von Schwierigkeiten und Verwicklungen zur Folge haben mußte, gleichzeitig aber hatte er ein Gefühl, als müsse er vor ihr auf die Kniee fallen und ihr für das danken, was sie gethan. »Nun, du scheinst selber über eine solche Kühnheit erstaunt,« sagte die Prinzessin, die ihn mit ihren großen, müden Augen betrachtete, während er, vor sich hinredend und gestikulierend, im Zimmer auf und nieder ging. Plötzlich blieb er stehen, hob den Kopf in die Höhe mit einer fragenden Miene, als erwache er aus einem Traum. »Wie – Kühnheit!« Er gewann seine volle Besinnung zurück und erwiderte lächelnd: »Beste Lätitia! Wie deine Phantasie doch mit dir durchgehen kann! Was ist denn Auffallendes darin? Ich hatte der Signorina in Nervi den Vorschlag gemacht, diesen Platz bei der Tante anzunehmen, sie lehnte es ab, und ich fand daher keine Veranlassung, mit dir über die Sache zu reden. Jetzt ist sie wahrscheinlich auf andre Gedanken gekommen, und der Umstand, daß sie mich nicht davon benachrichtigt hat, will mir im Grunde nicht so wunderbar erscheinen. Ich hatte nichts weiter mit der Sache zu thun, sie hat sich direkt an meine Tante gewandt, das war ja auch im Grunde das passendste.« Gleich darauf ging Andrea zu der Marquise hinab und gratulierte ihr, daß sie das Gesuchte gefunden habe. Lächelnd hörte er ihre Lobreden über das junge Mädchen an. »Es freut mich, daß sie dir gefällt, da ich auf den Einfall kam, sie dir in Vorschlag zu bringen. Wo ist sie – ich möchte ihr gern meine Aufwartung machen.« »Ich werde sie rufen lassen.« »Nein, verzeih, liebe Tante! Fange nur nicht an, sie so zu behandeln. Bedenke, daß sie wie eine Amerikanerin erzogen ist. Gestattest du ihr nicht, Besuch auf ihrem eignen Zimmer zu empfangen, so wird sie sich beleidigt fühlen.« »Nun, wie du willst. Sie hat das rote Kabinett als Arbeitszimmer bekommen.« Alie lag noch auf dem Sofa und schluchzte, als sie ein kurzes, hastiges, ein wenig nervöses Pochen an ihrer Thür vernahm. Sie kannte es so gut. Ihre Thränen versiegten plötzlich, das Herz stand ihr vor Erwartung still. Sie hatte ein Gefühl, als müsse sie ersticken, Haß, Glück, Angst und Scham erfüllten ihre Seele, – ja, Scham, weibliche Scham, daß sie treuer und stärker gewesen als er, daß sie festgehalten, als er sich von ihr hatte lossagen wollen. Sie fühlte, daß sie, wenn er jetzt nicht froh über ihr Kommen war, wenn er sie nicht noch einmal bat, zu bleiben, ebensogut thäte, sofort aus dem Fenster zu springen. Als auf sein Pochen keine Antwort erfolgte, öffnete er die Thür und trat ein. Sie saß halb aufgerichtet auf dem Sofa und hielt, als er die Thür öffnete, das Taschentuch vor das Gesicht. Er sah auf den ersten Blick, daß ihre Augen vom Weinen aufgeschwollen waren, und daß ihr Haar in Unordnung war, als habe sie den Kopf in die Kissen des Sofas hineingebohrt, es entging ihm auch nicht, daß sie magerer geworden, daß ihr Antlitz und ihr Hals etwas Langgezogenes bekommen hatten, das sie nicht kleidete, das ihn aber tief ergriff und einen neuen Quell von Zärtlichkeit in ihm aufsprudeln ließ. Mit einem Sprung stand er neben dem Sofa, riß sie in die Höhe und preßte sie in einer engen, atemlosen Umarmung an sich. Sie schloß die Augen und blieb lange unbeweglich auf dem Sofa liegen, die Arme fest um ihn geschlungen, ihren Mund gegen den seinen gepreßt, mit einem Gefühl, als müsse sie vergehen vor Wonne und Glückseligkeit. Die Sonne war untergegangen, und es war dunkel im Zimmer geworden, als sie sich erhoben, die Arme noch umeinandergeschlungen, noch unter dem Eindruck eines Rausches, der sie unfähig machte, an etwas andres zu denken, als daß sie einander jetzt ganz gehörten, daß alle Sehnsucht, aller Schmerz sich in das vollkommenste Glück verwandelt hatte. Ein unwiderstehlicher Drang nach Luft und Bewegung veranlaßte ihn, sie mit sich durch einen Korridor auf das flache Dach eines niedrigeren Teiles des Gebäudes hinauszuziehen. Hier fand sie nun zum erstenmal, nachdem sie in das Palais gekommen war, die Aussicht über das Meer, von der sie geträumt hatte. Sie standen auf einer dieser herrlichen, offenen Loggien, welche den größten Reiz des italienischen Baustils ausmachen: ein großer Fayencefußboden, umgeben von einem eisernen Gitter, an dem Kamelien und Rosen in voller Blüte prangten, unter ihnen die ganze Stadt mit all ihren schimmernden weißen Palästen, der Hasen mit seinen Hunderten von Fahrzeugen, das Meer mit seinem unbegrenzten Horizont, alles erglühend in jener reinen, plötzlich aufflammenden und gleich erlöschenden Abendröte, welche den Sonnenuntergang im Süden zu begleiten pflegt. Hier empfand sie die Kälte nicht mehr, denn die Mauer hinter ihnen schützte sie vor dem Winde, und die rote Beleuchtung, die über allen Gegenständen lag, zauberte die Illusion einer vollen Sommerwärme hervor. Und hier fand Alie ihr geliebtes Italien wieder, jenes Italien, das für sie nicht mehr das Land des ewig blauen Himmels war, von dem alle Nordländer träumen, sondern ein Land, in dem es ebenfalls kalt und dunkel sein kann, das einem aber, wenn man es erst durch Thränen und Leiden errungen hat, so teuer werden kann, als sei es das eigne Vaterland, unter einen glücklicheren Himmelsstrich gerückt. Und gleichwie man denjenigen inniger liebt, der uns das Glück geschenkt hat, als den, der uns das Leben gab, die Gattin mehr als die Mutter, so war Italien jetzt ihr Heimatland in tieferem Sinne geworden als es Schweden jemals gewesen war. Sie hatte den Zusammenhang des Lebens wiedergefunden. Zwölftes Kapitel. Mein Weib!« flüsterte Andrea. Er nannte sie jetzt so, und sie ließ es gerne geschehen, es klang ihr so traut. Aber im stillen sagte sie sich, daß sie jetzt weniger Aussicht denn je habe, es zu werden. Sie war zu ihm gekommen; hätte sie es nicht gethan, so würde sie ihn vielleicht niemals wiedergesehen haben, und sie freute sich, daß sie es gethan. Aber um keinen Preis wollte sie einen äußeren Vorteil dadurch erringen. Sich mit ihm verheiraten, ihn unauflöslich fürs ganze Leben an sich ketten, die Opfer annehmen, die dies für ihn mit sich führen würde, das konnte sie nur dann thun, wenn er sie einmal aufsuchte, wenn er zu ihr kam und sagte: »Ich habe mit allem gebrochen, um dich zu besitzen.« Aber solange er nur sagte: »Ich bin bereit , alles für dich zu opfern, meine ganze Stellung, meine ganze Zukunft, falls du meine Gattin werden willst,« so lange wiederholte sie wieder und wieder ihr Nein. Aber sie begann inzwischen sich wohl zu fühlen in ihrem neuen Heim. Die Marquise brachte ihr so viel Freundlichkeit und Vertrauen entgegen, daß sie oft der Gedanke bedrückte, diese alte Dame in Bezug auf ihr Verhältnis zu Andrea hinters Licht führen zu müssen. Er beschloß indessen bald, die Tante halbwegs in ihr Geheimnis einzuweihen, um häufiger Gelegenheit zu einem ungestörten Zusammensein mit der Geliebten zu haben. Er sagte ihr, daß sie verlobt seien und daran dächten, sich zu verheiraten, sobald er eine Stellung errungen habe, die ihn dazu in stand setze. Die Marquise schenkte ihnen ihre ganze Sympathie. Sie besaß keine aristokratischen Vorurteile, war selber die Tochter eines Selfmademan und meinte, für Andrea, den sie herzlich liebte, würde es ein Glück sein, wenn ihn die Verhältnisse in einen bestimmten Wirkungskreis zwängen. Sie gewährte den Liebenden all die Freiheit, die sie gehabt haben würden, falls sie ein amerikanisches Brautpaar gewesen wären, gestattete Andrea, täglich mehrere Stunden auf Alies Zimmer zuzubringen, und wußte darum, wenn sie sich verabredetermaßen vor der Stadt zu einem Spaziergang trafen. Da die obere Etage nichts von alledem ahnen durfte, führte sie es als Regel ein, daß Alie allein ausging, so oft sie wollte, nur mußte sie stets vor Sonnenuntergang zurück sein. »Großer Gott, das Mädchen ist ja daran gewöhnt, sich zu bewegen,« erwiderte sie auf die Einwendungen der Prinzessin, »ich kann nicht von ihr verlangen, daß sie Schritt für Schritt mit Mrs. Howard geht; ihre Gesundheit fordert, daß sie sich Bewegung macht.« Inzwischen gab sich das junge Paar den kleinen Freuden aller Verliebten hin. Es war ein ewig neues Glück, zu wissen, daß sie einander ganz angehörten, und so ganz allmählich mehr und mehr Besitz voneinander zu ergreifen. Er hatte in seiner Verliebtheit so viele dieser kleinen Kindischheiten, welche stark erotischen Naturen eigen sind, und die die Leidenschaft durch Scherz und Munterkeit dämpfen. Er vergötterte jeden Zoll ihrer Person, den Duft ihrer Haut, ihren Atem, jede Bewegung, jeden Tonfall in ihrer Stimme, ihr Haar, ja selbst ihre kleinen Fehler, wie zum Beispiel eine Goldplombe in einem ihrer Zähne, ein kleines Muttermal auf der Wange, ihre Angewohnheit, zusammengesunken zu sitzen, ein leises Wiegen ihrer Hüften, wenn sie ging, alles beobachtete er und in alles war er verliebt. Er kannte den Duft, der ihr eigen war, an jedem Kleidungsstück, das sie benutzt hatte, er stahl ihr ihre Taschentücher, Handschuhe und andre Kleinigkeiten. Ein seidenes Tuch, das sie häufig im Laufe des Sommers getragen hatte, nahm er mit sich auf sein Zimmer und hüllte sich während der Nacht da hinein. Es war seine Wonne, ihr Haar aufzulösen, es zu kämmen, es um seine Finger zu wickeln und auf die verschiedenste Art wieder aufzustecken. Kam dann unerwartet jemand und klopfte an die Thür, so befaß sie eine große Fertigkeit, es blitzschnell wieder aufzudrehen, so daß es hübscher saß denn je zuvor, mit kleinen, widerspenstigen Locken hier und da hinter den Ohren und an den Schläfen. Saßen sie zusammen im Sofa, die Arme umeinandergeschlungen, und begann Alie dann zu sprechen, zu erzählen oder nach diesem oder jenem zu fragen, so bat er sie oft, zu schweigen; es störte ihn, zu sprechen, er wollte nur stillsitzen und genießen und sie dicht neben sich fühlen, dem Schlag ihres Herzens lauschen, ihren Atemzug einsaugen. Das war ihm eine ausreichende Beschäftigung für mehrere Stunden. Aber Alie empfand bei alledem etwas andres als nur die rein persönliche Liebe zu ihm. Es lag auch etwas von jenem allgemeinen Kultus der Frau darin, von alledem, was speziell weiblich ist, von all dem sexuell Anziehenden bei dem andern Geschlecht. Es war eine sinnliche Wollust darin, daß sie erschreckte und ermattete, sie konnte es nicht ertragen, in dieser ewigen Aufregung zu leben, und versuchte daher, sich loszureißen, sich zu erheben, etwas anzufangen, sich zu zerstreuen, eine gemeinsame Beschäftigung auszudenken. Wenn sie aber den Vorschlag machte, auszugehen oder irgend etwas zu lesen, überhäufte er sie mit Vorwürfen, daß sie ihr Glück zerstören wolle. »Lesen, ausgehen, das kannst du mit jedem Beliebigen thun; leben kannst du nur mit mir. Und wenn man liebt, lebt man nur, indem man einander so fest umschlossen hält, daß man gleichsam mit denselben Lungen atmet, daß die Herzen beider mit demselben Pulsschlag schlagen. Das ist in meinen Augen die Liebe!« Sie gab ihm nach und saß still, aber sie war nicht im stande, sich auf diese Weise dem Augenblick hinzugeben; sie konnte ihr Gehirn nicht hindern, zu arbeiten, und sie grübelte unablässig über ein Mittel nach, ihn auf eine mehr persönliche Weise fest an sich zu knüpfen, seine Interessen anzuregen, ihn zur Entwicklung seiner reichen Anlagen, zur Verwertung derselben fürs Leben anzuspornen. In demselben Maße, wie sie sich mehr und mehr dieser Liebe hingab, fühlte sie das Bedürfnis, sie zum Mittel und nicht allein zum Ziel zu machen, zu einem Mittel, das sie beide einer reicheren menschlichen Entwicklung entgegenführte. Sie fühlte, daß die Liebe nur auf diese Weise von Dauer sein könne; solange seine Liebe nur ein wollüstiges Genießen war, besaß sie nicht die Lebenskraft, welche die Menschen über die Periode der Leidenschaft mit ihrem Reizen und Locken hinweg in den sicheren Hafen der Lebensgemeinschaft führt. Ihr unablässiges Streben ging deswegen darauf hinaus, in seine Gedanken einzudringen, jede Stimmung, die ihn durchzuckte, zu ahnen und im Fluge zu ergreifen, alles, was Lebenskraft in sich trug, zu ermuntern, selbst mit dem zu sympathisieren, was ihr eigentlich nicht sympathisch war. Auf diese Weise wollte sie den verliebten Namen, den er ihr gegeben: anima dell' anima mia – Seele meiner Seele, zur Wirklichkeit machen. »Woran denkst du?« fragte sie ihn oft, wenn sie schweigend in zärtlicher Umarmung nebeneinander saßen. »Ich denke an nichts,« pflegte er dann zu antworten. »Ich fühle dich, das genügt mir. Und woran denkst du?« »Ich denke dafür um so mehr,« erwiderte sie. »Ich denke daran, daß du ein wirklich großer Dichter werden sollst, in Gedanken arbeite ich an deinem großen historischen Epos. Es ist lange her, seit du zuletzt daran geschrieben hast.« »Ich brauche jetzt nicht mehr zu dichten. Ich lebe. Und wenn ich nicht bei dir bin, phantasiere ich nur von dir, von uns beiden, das ist weit besser, als Verse zu machen. Das mag gut genug sein, solange man kein persönliches Glück hat –« »Der Ansicht bin ich nicht. Ich finde, daß das Glück, die Liebe, die ganze Lebensthätigkeit anregen, alle Fähigkeiten entwickeln muß, ich wenigstens empfinde jetzt einen weit größeren Schaffensdrang als früher.« »Welche Wirksamkeit wünschest du dir denn?« »Ich weiß nicht recht, vor allen Dingen möchte ich dich gern in Tritt bringen, dich etwas leisten sehen!« »Und weißt du, was ich mir wünsche? Ich möchte sehr reich sein, ich möchte zum Beispiel gern das große Los gewinnen, sechs Millionen, dann würde ich eine Menge schöner Dinge ausführen, die weit mehr wert sind als ein ganzer Band Gedichte.« »Und was zum Beispiel wäre das?« »Zuerst würde ich eine wissenschaftliche Expedition ausrüsten, die auf Entdeckungsreisen in fremde Länder gehen sollte, um ein in Bezug auf die Naturverhältnisse wirklich begünstigtes, bisher noch unbewohntes Land –« »Und dort wolltest du einen Idealstaat gründen?« »Nein, nein, glaubst du, daß ich mich auf solche Utopien einlassen wollte? Ich weiß nur zu gut, daß die Menschen, sobald sich ihrer nur drei an einem Ort finden, stets Zank und Streit erheben und dumme Gesetze stiften müssen. Nur zu zweien kann man glücklich leben. Und deswegen wollte ich das ganze Land kaufen, nur um dort mit dir allein zu leben. Denk nur, dort den ganzen Tag am Strande, in der Sonne, ohne Kleider zu liegen, wenn wir essen wollen, brauchen wir nur die Hand nach Früchten auszustrecken, keine Sorgen, niemand, der uns stört, nur für unsre Liebe zu leben!« »Und wie schnell würden wir einander wohl überdrüssig werden?« fragte sie lachend. »Schneller oder langsam, das hat nichts zu sagen. Die Liebe kennt keine Zeitrechnung. Hauptsächlich kommt es darauf an, daß sie ganz ist, alles verschlingend, solange sie währt. Gefällt dir das nicht?« »Nein, ich bin ein besserer Haushalter als du; falls du der liebe Gott wärest, würdest du alles vorhandene Feuer für Blitze und Eruptionen verschwenden, ich dagegen würde sparsamer sein, ich würde es das ganze Jahr hindurch mit einer gleichmäßigen, wärmenden Flamme brennen lassen.« »So hast du früher nicht gedacht. Einstmals gefiel dir meine Idee von dem Liebesspiel der Schmetterlinge.« »Ja, ehe ich dich liebte! Es ist sehr leicht, verschwenderisch mit dem umzugehen, dessen Wert man nicht kennt. Jetzt dagegen zittere ich vor dem Gedanken, daß es eines Tages aus sein kann, jetzt denke ich nur daran, für die Zukunft zu sparen.« »Es wird jedenfalls eines Tages ein Ende haben.« Sie empfand einen Stich durch das Herz, als er das sagte. Sie konnte sich die Möglichkeit nicht mehr denken. »Und wenn du sparen willst, so kommt das Ende nur um so früher; ich hasse alles Halbe, nur das, was mich ganz erfüllt, hat Bedeutung für mich. Und nur solange du mir alles bist, mein ganzes Leben, mein einziges, absolut mein einziges Interesse, und solange du nur für mich lebst und atmest, nur so lange werde ich dich lieben können. Versuche nicht, mich zu etwas anderm zu überreden, wenn ich zum Beispiel wieder anfange zu dichten, so liebe ich dich nicht mehr, dann gehe ich ganz darin auf. Laß mich nur dir leben, so lange ich kann!« Diese Gewaltsamkeit seiner Leidenschaft machte sie zittern. Sie wußte ja, daß es so nicht immer bleiben konnte, und daß, falls es ihr nicht gelang, ihre Liebe mit festeren Mauern zu umschließen, das ganze Gebäude eines schönen Tages zusammenstürzen würde. »Deswegen kann auch unsre Liebe nur im geheimen leben,« fuhr er fort. »Deswegen hast du vielleicht weit klüger gehandelt als du ahnst, wenn du nicht wolltest, daß wir uns verheirateten. Ich kann nur eine Geliebte lieben, nicht aber eine Gattin. Weiß ich erst, daß es ein Verhältnis ist, welches das ganze Leben lang währen soll und muß, ja dann kühlt die Glut gar bald ab. Jetzt ist ja doch die Möglichkeit vorhanden, daß meine Liebe von Dauer ist, und das ist um so besser. Wir haben doch wenigstens nicht gleich von Anfang unser Glück zerstört, indem wir dachten: Wir haben das ganze Leben vor uns, wir können uns Zeit lassen. Es ist genau so, als wenn man in eine Stadt mit vielen Kunstsammlungen kommt; weiß man, daß man vielleicht in wenigen Wochen weiter muß, so macht man sich mit einem solchen Eifer darüber her, daß man förmlich in Kunst schwelgt, man feiert wahre Orgien in Kunstgenüssen, lernt alle Bilder auswendig, liebt sie, dringt derartig in die Seele des Künstlers ein, daß man die Erinnerung daran fürs ganze Leben bewahrt; weiß man dagegen, daß man für immer an dem Ort leben wird, ja, dann kann es vorkommen, daß man am Lebensende genau so unberührt von der Kunst ist wie zu der Zeit, als man zuerst in die Stadt kam. Habe ich recht?« Sie billigte seine Ansichten unbedingt. Sie war fest überzeugt, daß sie ihn, indem sie ihm seine Freiheit ließ, enger an sich fesselte als durch Zwang. Und doch gab es Augenblicke, in denen es sie schmerzte, so außerhalb der alltäglichen Verhältnisse seines Lebens zu stehen; es verletzte sie, daß er sie seinen nächsten Angehörigen gegenüber verleugnen mußte, daß er, wenn sie im Familienkreise zusammen waren, thun mußte, als sei sie eine ihm völlig gleichgültige Persönlichkeit, während er seiner Schwägerin eine ehrfurchtsvolle, warme Huldigung darbrachte. Und es ward ihr nicht leicht, sich in die untergeordnete Stellung zu finden, die sie hier einnahm. Daheim war sie daran gewöhnt, der Mittelpunkt zu sein, um den sich alle in ihrem Umgangskreise scharten. Damals glaubte sie, daß sie nicht den geringsten Wert darauf lege. Jetzt aber fühlte sie sich doch oft scheu und beklommen bei dem Gedanken, wie klein sie in diesen Umgebungen war. Und besonders der Prinzessin gegenüber! Sie sah zu ihr auf, wie oft ein junges Mädchen zu einer etwas älteren, ihr überlegenen, verheirateten Frau aufschaut, die sie zu ihrem Ideal macht, der sie nachzustreben sucht. Alie wählte kein Band, keine Spitze mehr, steckte ihr Haar nicht mehr auf, ohne daran zu denken, wie die Prinzessin dies oder jenes trug, sie hielt sich besser, gewöhnte sich, auf italienische Art und Weise zu grüßen, in ein Zimmer zu treten, indem sie sie zum Muster nahm. Es war das erste Mal in ihrem Leben, daß sie sich bemüht hatte, jemand nachzuahmen. Ein großer Wunsch erfüllte sie, wurde fast zur fixen Idee bei ihr: sie wollte, daß die Prinzessin wissen sollte, daß sie, falls sie es wünschte, ihre Schwägerin werden könne. Trotz ihres ernstlichen Bestrebens, Andrea gegenüber mit ihrer Stellung stets zufrieden zu erscheinen, trotz ihrer wiederholten Versicherung, daß sie ihre jetzige Stellung der seiner Gattin bei weitem vorziehe, gab es doch schwache Stunden für sie, besonders wenn sie den Abend bei der Prinzessin verbracht hatte, und die Demütigungen hatte erdulden müssen, die stets für sie hiermit verbunden waren. Dann konnte sie oft in Thränen ausbrechen, ohne daß es ihm gelang, den Grund ihres Kummers von ihr zu erfahren. »Ich habe es dir ja unzähligemal gesagt, daß du diese Stellung auf die Dauer nicht wirst ertragen können,« pflegte er dann zu sagen. »Laß uns doch lieber die gewöhnliche, banale Landstraße wählen und Hochzeit halten!« Nein, das war nicht der Grund! Und schließlich kam sie dann zögernd damit heraus, und beichtete ihm, was ihr das Herz bedrückte. Wenn er nur mit der Prinzessin über sie sprechen, ihr sagen wollte, daß er sie liebe, daß er sie gebeten habe, seine Gattin zu werden, daß sie sich aber geweigert habe. Er sprang auf. »Wozu sollte das führen, das würde ja das Unvernünftigste sein, was er thun könne! Entweder muß unser Verhältnis ein heimliches sein, oder auch müssen wir uns verheiraten, sonst wird deine Stellung hier im Hause unhaltbar. Es war ja notwendig, die Tante einzuweihen; aber selbst sie, wenn sie ahnte, daß es nicht unsre ernste Absicht ist, uns zu verheiraten, wenn sie alles wüßte, glaubst du, daß selbst sie, die dich doch so lieb hat, dann noch auf unsrer Seite sein würde? Und jetzt willst du es von den Dächern schreien –« »Nur der Prinzessin –« »Ihr am wenigsten von allen!« erwiderte er heftig. »Nur sagen, daß du mich liebst –« »Nein, niemals sage ich ihr das, niemals! Was denkst du nur? Zu ihr , gerade zu ihr sollte ich hingehen und sagen, ach, du ahnst ja nichts von allem, du weißt ja nicht, was den tiefsten Kontrast in meinem Leben bildet, wenn das nicht wäre, würde ich nicht so unschlüssig sein, wie du mich gefunden hast.« »Andrea, du liebst die Prinzessin!« »Verdirb nur nicht die ganze Sache durch solche Ausdrücke. Ich liebe dich, das weißt du, dich und keine andre, aber das Gefühlsleben kann oft so wunderbar zusammengesetzt sein, kurz, komme mir nie wieder mit so etwas!« »Andrea, willst du mir nicht dein Vertrauen schenken?« »Aber ich glaube wirklich, daß du von Sinnen bist, ich habe dir nichts anzuvertrauen. Was bildest du dir nur ein? Kann ich den Duft einer Blume nehmen und ihn dir in die Hand legen, oder kann ich dir den Klang einer Stimme mitbringen, die ich gehört? – Ebensowenig kann ich dir von etwas erzählen, dessen Klang und Duft sich nicht fassen läßt, sich nur in der Luft verflüchtigt. Verstehst du mich? – Ich liebe dich, dich und nur dich allein!« * Des Sonntags war Alie frei, denn die Marquise verbrachte diesen Tag bei einer ebenfalls in Genua verheirateten Schwester. Andrea und sie trafen sich dann an einer Pferdebahnstation und machten Ausflüge miteinander in der Umgegend. Zuweilen besuchten sie eine der Villen, die alle offen standen, und lustwandelten stundenlang in den Orangen-, Zitronen- und Lorbeerhainen. Oder sie streiften auf den Landstraßen umher zwischen den von Mauern begrenzten Wein- und Olivenplantagen; sahen sie einen Gärtner mit dem Abnehmen der Früchte beschäftigt, so ließen sie sich wohl eine saftige Fico d'India geben, um ihren Durst damit zu löschen. Zuweilen kamen sie an Kastanienwälder, und dann war es Alies größtes Entzücken, von dem breiten Wege abzulenken und die kleinen, wilden Waldpfade aufzusuchen, welche die Erinnerungen an die Waldwanderungen daheim zwischen Birken und Tannen in ihr wachriefen. Sie sammelten Kastanien, die in Unmengen am Boden lagen, und fanden auch zuweilen die herabgefallene Frucht einer Pinie. Dann trugen sie Zweige und dürres Laub zusammen und zündeten ein großes Feuer an, in dem sie die Kastanien und die kleinen mandelartigen Bohnen der Pinienfrucht rösteten. Unter Scherz und Lachen wurden diese wohlschmeckenden Gerichte verzehrt, worauf sie sich nach der ersten besten ländlichen Osteria begaben, um mit einem Glase Wein die trockene Mahlzeit hinabzuspülen. Kam dann ein Waldhüter und machte Aufhebens davon, daß sie ein Feuer im Walde angezündet hatten, so wurde er aufgefordert, an ihrem Frühstück teilzunehmen und sie nach der Osteria zu begleiten, nachdem er ihnen beim Löschen des Feuers behilflich gewesen war. Alie liebte nichts so sehr wie diese Streifzüge in der freien Natur. Sie knüpften sie auf diese Weise an ihr früheres Leben und hatten dabei den neuen Reiz, daß sie an der Seite des Mannes, den sie liebte, eine neue, reichere Natur durchschritt. Dazu kam das eigentümlich bezaubernde Gefühl, mitten im Winter die Natur auf diese Weise genießen zu können. Auf den einsamen Pfaden zwischen den Mauern hielten sie sich fest umschlungen, und ihre Lippen fanden sich häufig. Wenn sie dann wieder auf die breite Landstraße hinauskamen, ging jedes für sich, und oft versanken sie in tiefe Träumereien, während sie langsam in der Glut der Mittagssonne dahinwanderten. Einer von Alies Lieblingsträumen während dieser Wanderungen war es, sich zu denken, wie sie eines Sommers heimreisen würden, nach Schweden, natürlich als Ehepaar, denn wenn sie träumte, daß sie in Schweden waren, so dachte sie sich stets als seine Gattin. Und wieder und wieder durchlebte sie in der Phantasie die Freuden des Wiedersehens, die Wonne, Andrea ihr Land zeigen zu können, die Natur, in der sie aufgewachsen war, und die sie noch immer mit schwärmerischer Zärtlichkeit liebte. Richard und die Mutter pflegten während des Sommers ein Landhaus draußen zwischen den Scheren zu bewohnen, in derselben Gegend, in der auch sie als Kind gelebt hatte. Sie konnte es sich so lebhaft ausmalen, welchen Eindruck diese Natur auf Andrea machen würde, wie eigentümlich er alles finden würde! Sie sah sich an seiner Seite auf dem Schiff stehen, das durch enge Sunde, an Inseln und Landzungen vorüber auf Dalaröen zudampft, und dann ein kleines Ruderboot besteigen, in dem sie an dem Ufer landeten, das sich mit seinen säuselnden Birken weit ins Meer hinausschob. Sie ziehen den Hügel hinan, ein kleines, barfüßiges, weißhaariges Mädchen öffnet die Pforte und macht einen niedlichen, echt schwedischen Knicks für die kleine Münze, die sie erhält; dort oben liegt das rote Haus mit der großen Glasveranda, – wie verschieden von Serras Marmorvilla in Nervi! Da kommt der Kleine den Hügel herab, so daß er nahe daran ist, auf die Nase zu fallen, Aagot in ihrer kleidsamen norwegischen Bauerntracht mit den weißen Hemdärmeln, das Kleid mit roter Verbrämung, die Flechte in den Nacken hinabhängend, kommt ihnen entgegen, freundlich, liebenswürdig wie immer. Richard in seinem weißen, leinenen Anzüge und Strohhut, und auf der Veranda die alte Frau mit feuchten Augen und ausgebreiteten Armen, halb lachend, halb weinend. Indessen phantasierte Andrea weiter, wie er in einem lenkbaren Luftballon mit Alie dahinschwebte, hoch über den Köpfen aller hinweg, bald einen Blick in die Städte hinabwerfend, die sie passierten, und die schwarzen Futterkrippen glichen, bald nur den unendlichen Himmelsraum erblickend, gleichgültig gegen die ganze Welt dort unten, gegen Freunde und Verwandte, gegen Krieg und Ministerwechsel, Cholera und Dynamitattentate, Tag und Nacht in einem einzigen Liebesrausch lebend, bis sie daran starben, erschöpft, glückselig. Es war stets derselbe Abstand zwischen dem Unbegrenzten in seinen Träumen und dem Praktischen, leicht ins Werk zu Setzenden der ihren. Obwohl sie stets die Freiheit ihres Verhältnisses so stark betonte, hatte sie doch die allen Frauen eigne Sehnsucht danach, ihre Liebe und ihr Glück unter den Schutz des Staates und ihrer nächsten Angehörigen zu stellen, die kleinen Freuden und Sorgen des täglichen Lebens mit denen zu teilen, die sie liebte. Ihr ganzer bürgerlicher, nordischer Charakter trieb sie, sich nach dem stillen Glück des gemeinsamen Heims zu sehnen. Er dagegen, obwohl er keinen Augenblick gezögert haben würde, sein ganzes Leben für sie zum Opfer zu bringen, wenn er sie außerhalb der ganzen Welt hätte besitzen können, er ließ sich stets von dem Gedanken zurückstoßen, hier in seinem eignen Land unter seinen gewöhnlichen Umgebungen aus seiner bevorzugten Stellung herabzusteigen, zu der er geboren war, seinen schönen Palast mit einer bürgerlichen Wohnung von wenigen Zimmern zu vertauschen und sich mit hundert andern auf den Kampf um das tägliche Leben einzulassen. Mit dem sonderbaren Doppelblick, der sein sanguinisches und dabei doch skeptisches Temperament auszeichnete, konnte er nicht umhin, gleichsam das Ende der Leidenschaft zu sehen, die ihn jetzt beherrschte. Aber er wollte lieber, daß dieser Abschluß stark und heftig über sie hereinbrechen sollte, als daß er allmählich bei einem prosaischen Alltagsleben kam. Eine Biegung des Weges oder ein Esel, der ihnen mit seiner aus Reisig bestehenden Last oder mit seinen schaukelnden Körben voller Apfelsinen und Mandarinen entgegenkam, erweckte sie aus ihren so verschiedenartigen Träumen. Sie lächelten einander zu, glückselig über ihre Nähe, trotz der oft störenden Gedanken, und wenn der Eseltreiber ihnen den Rücken gewandt hatte, begegneten sich ihre Lippen in einem langen Kuß, als seien sie durch eine Reise getrennt und hätten einander jetzt wiedergefunden. * Der Winter war auf diese Weise unbeschreiblich schnell vergangen, nach Alies Ansicht war es überhaupt kein Winter gewesen. Sie ging gleichsam bis zum Februar in der Erwartung, daß er nun kommen müsse, da aber wurde die Luft so lenzeslau, und ringsumher an den Abhängen standen alle Mandelbäume wie große, riesenhafte Brautbouquets da und erinnerten Alie an die Hochsommerzeit daheim, wenn die Kirschbäume endlich mühselig ihre Blüten treiben nach dem langen Kampf mit Schnee und Frost. Im April begann die Marquise davon zu reden, daß sie im Sommer ein deutsches Bad zu besuchen gedenke; sie fragte Alie, ob sie sie dorthin begleiten wolle, oder ob sie es vorzöge, zu den Ihren nach Schweden zurückzukehren. »Wenn ich Ihnen einen guten Rat geben soll, so reisen Sie nach Hause, und Andrea kommt später nach, wenn er im stande ist, sich zu verheiraten. Aufrichtig gesagt, glaube ich nicht, daß euer Zusammenleben hier länger in derselben Weise fortgesetzt werden kann.« Die sonst stets so freundliche Marquise äußerte diese Worte in einem trockenen Ton, der Alies Herz erbeben machte. War sie unzufrieden mit ihr, und wollte sie ihr zu verstehen geben, daß es jetzt aus sei, daß sie nicht wieder zurückkommen solle? Und wenn sie jetzt nach Schweden zurückreiste, würde das nicht gleichbedeutend mit einer völligen Trennung von ihm sein? »Ich werde mit Andrea sprechen,« sagte sie mit gesenktem Blick und verlegenem Ton. »Ja, thun Sie das, mein Kind! Glauben Sie mir, es wird Zeit, daß Ihre Stellung sich klärt. Es haben nicht alle dasselbe Zutrauen zu euch wie ich, man muß allerlei Anspielungen hören, kurz, ein junges Mädchen wie Sie ist zu gut, einem solchen Gerede ausgesetzt zu werden. Ich will es Andrea selber sagen, wenn Sie es wünschen.« »Nein, nein! Ich bitte – ich will lieber –« Sie fürchtete nichts so sehr, als daß er sich durch einen äußeren Zwang veranlaßt glauben sollte, sich mit ihr zu verheiraten. Sie teilte ihm nur den Vorschlag der Marquise mit, sie entweder nach Deutschland zu begleiten oder nach Schweden zurückzukehren, und sah seiner Antwort mit der größten Spannung entgegen. »Das ist ja vorzüglich,« rief er aus. »Siehst du nicht, welch eine vortreffliche Gelegenheit sich uns da bietet, das zu verwirklichen, wovon ich immer geträumt habe, daß wir beide uns ganz allein an irgend einem entlegenen Ort aufhalten, wo wir niemand über unser Thun und Lassen Rechenschaft zu geben brauchen?« »Wo aber? Etwa im Mond?« fragte sie lächelnd, auf einen neuen phantastischen Vorschlag gefaßt. Er zog sie neben sich auf das Sofa nieder und lehnte ihren Kopf gegen seine Schulter, so daß ihr Gesicht gegen seinen Hals gepreßt wurde. »Nein, rühre dich nicht, ich kann nicht sprechen, wenn ich dich nicht so nahe fühle.« »Aber ich ersticke.« »Weshalb hältst du deinen Atem zurück? Ich will gerade, daß du gegen meinen Hals atmen sollst – ja, so. Höre nun meinen Vorschlag. Du sagst der Tante, daß du nach Hause reisen willst, packst deinen Koffer und fährst ganz ruhig mit dem Zuge gen Norden. Aber wenn du über die italienische Grenze hinübergekommen bist, bleibst du in irgend einem kleinen Ort in Tirol, über den wir uns vorher einigen, und dort treffe ich einige Tage später mit dir zusammen, und dann lassen wir uns in einer kleinen Pension in den Bergen nieder, wo wir ganz unbemerkt und ungestört leben können, frei von allen Rücksichten und Zusammenstößen, die uns jetzt fast das Leben vergällen. Ach, mir ist's, als atmete ich förmlich auf, wenn ich nur daran denke, daß ich mehrere Monate lang ganz allein mit dir sein soll, ohne daß sich jemand in unser Verhältnis einmischt. Dann werde ich dich mehr lieben denn je.« Alie zögerte ein wenig, dann sagte sie, daß es ein Hintergehen seiner Tante sein würde, die so gut gegen sie gewesen sei. Wenn ihre Bekannten in Schweden davon erführen, würde sie für ewige Zeiten gebrandmarkt und als Abenteurerin gestempelt sein. Aber der Wunsch, doch einmal vollkommen glücklich zu sein, ehe die große, unvermeidliche Trennung kam, war doch stärker als alle Bedenken. Was kehrte sie sich daran, ob sie sich kompromittierte oder nicht, sagte sie zu sich selbst. Wem schuldete sie Rücksicht? Und was hatte sie sonst noch vom Leben zu hoffen – nichts. In Ehren oder in Unehren, geachtet oder verachtet, welche Bedeutung konnte das für sie haben, wenn einst die große Finsternis ihr Dasein unvermeidlich umhüllte. Einige Wochen nach dieser Unterredung ruderten sie eines Sonntags in einem kleinen Boot draußen auf dem Meere. Es war einer jener wunderbaren, unbeschreiblich schönen Tage auf dem Mittelmeer, wo das Wasser so metallisch blau ist, so hart und blank, daß es fast aussieht, als könne man darauf gehen, wo der Himmel so saphirblau und sammetweich und dabei doch so voller Licht ist, daß man es nicht aushalten kann, ihn anzusehen, wo die weinroten Berge gleichsam eine eigne Lichtquelle zu besitzen scheinen. Und Genua! wie schimmernd weiß baute es sich nicht zwischen diesem Himmel und diesem Wasser amphitheatralisch am Ufer auf. Nur die grauen Blätter der Oliven und die blaugrünen, blanken der Zitronenbäume und die goldroten Früchte brachten hie und da eine farbige Abwechslung zwischen die weißen Paläste. Alie war ganz ergriffen von dem Gefühl des Glücks, das diese Schönheit unwiderstehlich erweckt. Es ist unmöglich, traurig zu sein unter dieser Sonnenglut, unmöglich, sich gegen eine Lebenslust zu verschließen, die so stark ist, daß sie fast an Schmerz grenzt. Sie hatte ein Gefühl, als müsse sie ersticken, als müsse sie ihre Kleider aufreißen, um so recht in vollen Zügen atmen zu können. Und alles, was sie im Innersten ihres Herzens wünschte und hoffte, schien ihr in diesem Augenblick in Erfüllung zu gehen. »Woran denkst du?« fragte sie Andrea, der ebenfalls in Träumereien versunken war. Sie hoffte aus seiner Antwort zu vernehmen, daß sich ihre Gedanken in diesem Augenblick begegneten. »Ich dachte darüber nach, wie wir eine schöne Art und Weise, uns zu trennen, finden könnten,« erwiderte er. »Uns zu trennen?« »Ja, gerade jetzt, wo wir am allerglücklichsten sind, sollte es geschehen, plötzlich, mit einem Schlage, ehe es bergab geht. Aber wie das anzufangen ist, das ist die Frage, nur einen Tag bestimmen, an dem wir einander Lebewohl sagen, das geht nicht. Es giebt einen Ausweg, daß du, wie du zuweilen vorgeschlagen hast, ganz einfach aus meiner Bahn verschwindest – ich komme eines Morgens – du bist fort. Aber du hast wohl schwerlich den Mut dazu, und deshalb werde ich die Rolle wohl übernehmen müssen. Wir reisen nach Tirol, leben dort einige Wochen in ungetrübtestem Glück miteinander, und dann eines Morgens, nachdem wir uns länger umarmt haben als sonst, wenn wir so recht fühlen, daß unsre Liebe einen solchen Höhepunkt erreicht hat, daß man nicht weiter kommen kann, daß aber das Sinken bald beginnen muß, dann gehe ich ganz leise aus dem Zimmer, sage vielleicht zu dir, daß ich, während du dich ankleidest, den Kaffee bestellen will. Wenn du dann in den Speisesaal hinabkommst, bin ich nicht da. Du suchst mich, du fragst die Wirtin, wo ich bin, und sie antwortet ganz erstaunt: ›Aber, Madame, es ist ja eine halbe Stunde her, seit er nach dem Bahnhof ging. Jetzt ist der Zug bereits über alle Berge.‹« Alie stieß fast einen Angstschrei aus und legte ihm die Hand auf den Mund. »Du würdest mich ganz einfach töten, wenn du das thun wolltest!« rief sie aus. Sie war bleich geworden, und ihre Augen füllten sich mit Thränen. Ihm war es ein unwiderstehliches Bedürfnis, sich selbst und sie auf diese Weise zu peinigen; als er jetzt aber sah, welchen Eindruck es auf sie gemacht hatte, erschrak er über seine Worte und preßte sie zärtlich an sich. »Das ist recht, laß mich nicht los, laß mich nicht!« bat er. »Ich will alles thun, um unser Glück zu zerstören, ich bin sozusagen dazu prädestiniert, aber du mußt mich daran verhindern, halte du mich nur!« »Ja, wenn ich nur sicher wäre, daß mein Glück auch das deine ist, dann könntest du dich darauf verlassen, daß ich dich schon halten wollte. Aber dieser Zweifel lähmt mich. Wenn du hier an meiner Seite, inmitten dieser unsagbaren Schönheit, die uns umgiebt, in dieser Frühlingsluft, die mich fast um Sinn und Verstand bringt, auf solche Gedanken verfallen kannst, wie kann ich da anders glauben, als daß das, wovon du sprichst – unsre Scheidung – etwas Unvermeidliches ist, das eines Tages kommen muß ?« »Du verstehst mich nicht so recht. Du verstehst nicht, daß gerade der Eindruck, den die stimmungsvolle Natur um uns her auf mich machte, die Veranlassung war, daß ich mich so aussprach. Gerade, wenn ich so recht fühle, wie eng verbunden wir miteinander sind, überkommt mich eine solche Angst davor, daß unser Verhältnis in Alltäglichkeit und Banalität ausarten möge, daß du eine Nuance gleichgültiger werden könntest, daß ich selber nicht mehr so ausschließlich von dir erfüllt bleibe!« »Sei deswegen ohne Sorge, sobald ich dergleichen bei dir bemerke, werde ich keinen Augenblick zögern, sondern mich sofort zurückziehen.« »Nein, nein, wenn du das thust, so zerstörst du alles. Gerade das müssen wir vermeiden, wir dürfen uns nicht in Bitterkeit und Mißmut trennen. Das könnte ich nicht ertragen! Wenn du bemerkst oder zu bemerken glaubst, daß meine Liebe im Erkalten ist, so mußt du im Gegenteil deine Zärtlichkeit verdoppeln, die ganze Energie deiner Seele darauf einsetzen, mich zurückzugewinnen, du mußt tausend neue Reizmittel erfinden, ja, glaube mir, ich weiß, daß du es kannst, deine Weiblichkeit soll alle ihre Zauberkünste entfalten, du mußt neue Zärtlichkeitsbeweise, neue Kosenamen erdenken, ja, wenn nichts helfen will, sollst du dich mir zu Füßen werfen und um meine Liebe betteln! Was meinst du mit dem Achselzucken? Du findest es verächtlich, feige? Das macht nichts, du mußt es trotzdem thun, ich liebe dich ja so innig, weil ich weiß, daß du eher alles wagen wirst, ehe du von mir läßt.« Sie fühlte ein inneres Zittern bei seinen Worten; eine Ahnung überkam sie, daß sie auf diese Probe gestellt werden würde, daß sie lernen sollte, welch eine furchtbare Macht die Leidenschaft über sie hatte. * Es hieß, daß Alie Anfang Juni nach Schweden zurückreisen würde. Gleichzeitig begann Andrea mit seinem Bruder und seiner Schwägerin davon zu reden, daß er im Sommer eine kleine Reise zu machen gedenke, er sehne sich danach, eine neue Luft einzuatmen, und würde vielleicht eine Fußtour in die Alpen machen. Dies erregte den Verdacht der Prinzessin, und eines Tages kam sie zu Alies größter Verwunderung, denn sie pflegte sonst nur die gewöhnlichsten Höflichkeitsphrasen mit ihr zu wechseln, in das Boudoir, wo Alie allein saß und lag, und ließ sich neben ihr auf das Sofa nieder. »Sie reisen nach Schweden, Signorina?« begann sie. »Ja, Signora Prinzipessa.« Alie konnte jedoch ein Erröten bei dieser Unwahrheit nicht unterdrücken; nervös blätterte sie in ihrem Buch. »Und Sie gedenken nicht, nach Italien zurückzukehren?« »Ich weiß es nicht, ich hoffe es –« »Ich weiß, daß meine Tante Sie nicht aufgefordert hat, zu ihr zurückzukehren. Aber dies ist keineswegs eine Unfreundlichkeit von ihrer Seite, sie hält große Stücke auf Sie, doch glaubt sie, daß es zu Ihrem eignen Besten ist –« »Signora Prinzipessa!« Alie wurde dunkelrot und schaute mit dem Ausdruck eines gehetzten Wildes auf, das in seiner Todesangst fest entschlossen ist, sich zu verteidigen. »Verzeihen Sie, daß ich diesen Punkt berühre. Aber ich finde doch, daß Sie es wissen müssen. Alle hier im Hause sind allmählich hinter das wirkliche Verhältnis gekommen. Wie geschickt Sie auch beide geschauspielert haben, auf die Länge geht so etwas doch niemals. Vor allen Dingen die Dienstboten, und dann tausenderlei Umstände. Ich finde, es wäre unrecht, wenn ich es Ihnen nicht sagen wollte. Sie sind ja noch so jung, Sie sind hübsch, Sie können in Ihrer Heimat vielleicht noch eine gute Partie machen, wenn Sie jetzt zu Ihrer Familie zurückkehren.« Alie erhob sich, zitternd vor Gemütsbewegung. »Verzeihen Sie mir, Prinzipessa, aber ich bin daran gewöhnt, selbst für meine Handlungen einzustehen, ich habe niemand, dem ich Rechenschaft für mein Thun zu geben brauche.« »Das ist nicht wahr, Sie haben auch die Verantwortung für das Glück des Mannes, den Sie lieben. Und – lassen Sie es mich sagen, da wir nun doch einmal auf diesen Punkt gekommen sind, es wird die höchste Zeit für meinen Schwager, an seine Verheiratung zu denken, er hat sich um Ihrentwillen eine glänzende Partie so gut wie entgehen lassen, aber noch ist nicht alles verloren; die betreffende Dame liebt ihn und wartet auf ihn, fest überzeugt, daß er eines Tages zu ihr zurückkehren wird. Wenn Sie ihn wirklich lieben, was ich glaube, so dürfen Sie seiner Zukunft nicht länger im Wege stehen. Es ist ganz unerläßlich für ihn, eine solche Partie zu machen, die Rücksichten auf die Familientraditionen erfordern es, aber solange Sie ihn nicht freigeben, kann er ja nicht –« Jetzt war der Augenblick gekommen. Tiefer konnte diese Frau, die sie bewunderte, sie nicht demütigen; jetzt war es Zeit, sich zur Gegenwehr zu setzen. »Signora Prinzipessa,« sagte sie mit bebender Stimme und thränenfeuchten Augen, »Sie sprechen mit Ihrer künftigen Schwägerin.« Die Prinzessin zuckte zusammen, sie wich zurück, und ihre Hände ballten sich krampfhaft. »Das ist unmöglich!« sagte sie mit erstickter Stimme. »Es hängt nur von mir ab, ob ich will,« fuhr Alie fort, indem sie ihre Stimme erhob. »Wenn ich es gewollt hätte, so wäre ich seine Gattin gewesen schon lange, bevor ich dies Haus betrat. Und wenn ich es bis dahin nicht wollte, so geschah es, weil ich ihn so liebte, daß ich mehr an sein Bestes als an das meine dachte. Ich habe ihn nicht binden wollen, ehe ich nicht die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß ich ihm so unentbehrlich geworden, daß er ohne mich nicht mehr leben kann. Ich habe freilich eine demütigende Stellung gewählt.« Abermals machte die Gemütsbewegung ihre Stimme unsicher, ihre Wangen glühten, und in ihren Augen standen helle Thränen. »Und Sie dürfen nicht glauben, daß mir das so leicht geworden ist. Ich bin nicht an Geringschätzung gewöhnt; daheim in meinem Kreise trug ich den Kopf ziemlich hoch und beugte mich nur ungern; freiwillig leistete ich andern gern Dienste, man fühlte dabei aber doch stets, daß ich herrschte, und es würde niemals jemand eingefallen sein, mir etwas andres als die größte Hochachtung zu erweisen. So war ich, Signora Prinzipessa, so war mein Charakter, meine Stellung, und ich versichere Sie, daß es mir nicht schwer geworden sein würde, meinen Platz als Herrscherin auch in einem Palast wie dieser zu behaupten, falls das mein Ehrgeiz gewesen wäre. Freilich besaß ich Ehrgeiz, einen großen Ehrgeiz, aber der hatte ein andres Ziel: Ich wollte geliebt sein, so geliebt, daß kein Opfer zu groß für diese Liebe gewesen wäre, und doch wollte ich keine Opfer annehmen, sondern sie alle zurückweisen und sagen: Ich wollte nur sehen, ob du im stande seiest, Opfer zu bringen, – jetzt aber will ich sie bringen, denn das ist mein größtes Glück!« Bei diesen Worten brachen die Thränen unwiderstehlich hervor, sie lief im Zimmer auf und ab, die Hände vor das Gesicht gepreßt, sich in die Lippen beißend, um das Weinen zu unterdrücken, das sie in diesem Augenblick, wo sie hatte stark, klar und imponierend sein wollen, unangebracht fand. Aber sie hatte die Gemütsbewegung nicht beachtet, die sie auch bei ihrer Zuhörerin hervorgerufen hatte, bis jetzt diese reiche Altstimme an ihr Ohr drang, deren Klang sie so sehr bewunderte, und der ihr jetzt so unnatürlich tief und dumpf vorkam, bis sie die Worte vernahm: »Und glauben Sie nicht, daß jede Frau, die liebt, Opfer zu bringen weiß? Für Sie, die Sie ihm frei und offen Ihre Liebe zeigen können, kann es doch nicht schwer sein, aber es giebt vielleicht andre, die gezwungen sind, ihre Liebe ihr ganzes Leben lang zu unterdrücken und zu verbergen, um seine Ruhe nicht zu stören, um ihn nicht in eine falsche Stellung zu bringen. Eine solche Frau hat das Recht, von einem Opfer zu sprechen, nicht aber Sie, die Sie ihn besitzen, Sie, die alles haben, – ach, ich will Sie nicht anhören!« Sie hatte sich in das Sofa zurückgeworfen und faltete die Hände über dem Kopf, indem sie die großen, müden, jetzt thränenerfüllten Augen auf die Decke des Zimmers richtete. Alie sah zum erstenmal, daß dies harmonisch gebildete Gesicht Spuren von Leiden und inneren Kämpfen trug, sie hatte etwas von einer Mater dolorosa in ihrem Gesicht und in ihrer Stellung, sie erschien Alie so schön, daß sie, ihrer Eingebung unwiderstehlich folgend, sich neben dem Sofa auf die Kniee warf, unter Strömen von Thränen ihre Hände küßte und flüsterte: »Ja, Sie haben recht – Sie haben recht – ich danke Ihnen!« Lätitia beugte sich herab, Alie fühlte die kräftigen Arme um ihren Hals, den üppigen, bebenden Busen an dem ihren. Sie küßten einander. In diesem Augenblick trat Andrea ins Zimmer und begriff alles. »Lätitia!« rief er mit bewegter Stimme aus. Und zum erstenmal umfingen diese beiden einander in einer langen, innigen Umarmung. Sein Empfinden war dankbare Rührung, das ihre schmerzliches Entsagen. »Alie!« sagte Andrea dann, ihre Hand ergreifend, »wisse, daß die Ehrerbietung und Neigung, die ich für sie hege, so groß ist, daß dein wie mein Schicksal von ihr abhängen. Ich will lieber das Liebste auf Erden verlieren, als ihr zuwiderhandeln.« »Thue alles, was sie will!« sagte Lätitia, auf Alie zeigend. »Ich habe Zutrauen zu ihr, wir verstehen uns. Was sie beschließt, billige auch ich, denn ich bin überzeugt, daß es das Beste für dich ist.« Sie hatte ihre Selbstbeherrschung völlig wiedergewonnen und lächelte ihm mit dem ruhigen Wohlwollen einer älteren Schwester zu. Dreizehntes Kapitel. Eines Tages gegen Ende Juni langte ein junges Paar in einem anspruchslosen kleinen Hotel hoch oben in den Tiroler Bergen an. Alle übrigen Gäste interessierten sich sehr für diese Neuangekommenen. Man sah sie stets nur bei den Mahlzeiten, sie hielten sich niemals nach Tische in dem Gesellschaftszimmer auf, sondern gingen gleich wieder hinauf und machten auch nur selten einen Spaziergang. Aber wenn sie zu Tische kamen und zwar gewöhnlich zu spät, so lag ein solcher Lichtschimmer von Glück über ihnen, – sie waren so abwesend und gleichgültig gegen ihre Umgebung, so offenbar in eine eigne, reiche, geheimnisvolle Seligkeitswelt vertieft, daß sie gleichsam einen Hauch von Poesie und Erotik um sich verbreiteten, sobald sie sich nur zeigten. Alle sprachen von ihnen nur als die »Neuvermählten«, und mehr als ein junges oder älteres Mädchen, mehr als eine ernüchterte Gattin betrachtete mit Neugier und Neid diese glückliche junge Braut, die zusammenzuckte, sobald sie nur jemand anrührte, als habe man sie aus einem Traum aufgeschreckt, die es vergaß, bei Tische die Schüsseln an ihren Nachbar zur Rechten weiter zu reichen, während sie doch beständig daran dachte, für ihren Nachbar zur Linken zu sorgen, die keine Ahnung davon hatte, daß man ihre Schönheit bewunderte und sich flüsternd darüber unterhielt. Während der Mahlzeit sprachen sie kaum miteinander, aber niemand hätte dies auch nur einen Augenblick für Gleichgültigkeit halten können, denn man fühlte instinktmäßig, daß es nur geschah, weil sie nicht miteinander sprechen konnten, ohne sich zu liebkosen, weil sie einander nicht ansehen konnten ohne ein beredtes Lächeln, weil sie nicht im stande waren, gleichgültige, alltägliche Worte zu einander zu sagen. Und wenn er zuweilen eine ganz unbedeutende Frage an sie richtete, zum Beispiel ob sie mehr von diesem oder von jenem Gericht zu haben wünsche, sah sie ihn mit einer solchen Wärme an, mit einer solchen Glut auf den Wangen und mit einem so lebhaften Ausdruck um den Mund, daß ein Deutscher, der ihr bei Tische gerade gegenüber saß, ganz außer sich vor Verliebtheit und Eifersucht geriet und erklärte, er würde sein bis dahin ehrbares Leben als Mörder beschließen, denn sein ganzes Sinnen und Trachten gehe darauf hinaus, eine Gelegenheit zu finden, wie er diesen Italiener aus der Welt schaffen könne. Alle Versuche, eine Bekanntschaft mit ihnen einzuleiten, strandeten an Alies zerstreuten Antworten und ihrem augenblicklichen Zurücksinken in ihre Träumereien, sowie an Andreas eiskalter Unzugänglichkeit. Man konnte sich nicht einmal klar darüber werden, welcher Nation sie angehöre; man bemerkte, daß sie alle Sprachen sprechen konnte, aber alle mit einem etwas fremden Accent. So hatten sie mehrere Wochen in demselben Hotel verlebt, ohne auch nur einen einzigen der übrigen Gäste kennen zu lernen. Aber niemand, der dies glückliche Paar sah, konnte die Schatten ahnen, die sich inmitten all dieses Sonnenscheins allmählich dichter und dichter auf Alies Seele lagerten. Je vollkommener ihr Glück war, desto klarer wurde es Alie, daß es nicht von langer Dauer sein konnte. Sie hatten Andreas Phantasie verwirklicht, in die kurze Frist weniger Wochen hatten sie durch vollen Besitz und Genuß das ganze Liebesglück des Lebens zusammengedrängt. Sie fühlte oft, daß dies zu viel sei, daß es eine unverantwortliche Verschwendung war. Aber das Gefühl der tiefen Finsternis, die ihrer in Zukunft harrte, ließ sie alle Bedenken übertäuben und begehrlich nach dem glücklichen Augenblick haschen, der ihr jetzt beschert ward. Und inzwischen konzentrierte sie die ganze Energie ihrer Seele auf den Gedanken, daß sie Kraft haben wollte, ihn in dem Augenblick freizugeben, wo er es selber wünschte, daß sie nicht im entscheidenden Moment ihre innerste Natur verleugnete, deren ganzes Streben darauf hinausging, lieber selbst zu Grunde zu gehen, als einen andern unfreiwillig an sich gefesselt zu sehen. Und inmitten seiner glühendsten Umarmungen, seiner heißesten Küsse konnte sie vor ihrem inneren Auge die große Einsamkeit sehen, die kommen würde, konnte sie über die unvermeidliche Trennung grübeln, die bevorstand. Sie hatte im Geiste alle die verschiedenen Formen durchlebt, welche diese Trennung annehmen konnte. Sie dachte sich, daß Stockholmer Bekannte eines schönen Tages zufällig an denselben Ort kommen und entdecken würden, in welchem Verhältnis sie sich hier befand, dann würden sie an Frau Rode schreiben, und Richard würde es für seine Pflicht halten, noch einmal einzugreifen; er würde Tag und Nacht durchreisen und verlangen, daß sie ihm folgen solle. Und diesmal würde sie sich nicht widersetzen. Sie würde Andrea sagen, daß sie nur besuchsweise in die Heimat reise. Sie würden sich trennen, ohne sich selber oder andern zu gestehen, daß es für immer aus war. Und von Stockholm aus würde sie ihm dann schreiben, – würde sie ihm alles schreiben, was sie im stillen gedacht hatte, während sie in seinen Armen ruhte und in seinen Küssen eine Liebe empfand, die alles im Nu gab und nichts für die Zukunft aufsparte. Oft, wenn sie zu Tische hinunterging, stellte sie sich vor, daß sie unter den Neuangekommenen Gästen diesen oder jenen ihrer Bekannten erkennen würde. Verwunderte Ausrufe: »Du hier! Und allein! Mit wem bist du hier!« Sie bereitete sich darauf vor, sich so lange wie möglich zu verteidigen: »Ich bin mit einer italienischen Familie hier, wir wohnen ganz in der Nähe, – ich habe heute nur eine Fußtour hierher gemacht ...« Und dann auf und davon, die Koffer gepackt und fort, in eine andre Gegend. Das würde sie jedoch nur vor den Unannehmlichkeiten des Augenblickes schützen, vor der Demütigung, das Verhältnis, in dem sie lebte, und das für sie heilig war, erhaben über dem Urteil der Welt, mit Verachtung und Unwillen betrachtet, als etwas Gemeines, Erniedrigendes gestempelt zu sehen. Dann aber würde die Entdeckung, die Katastrophe kommen, so wie sie kommen mußte. An Frau Rode hatte sie geschrieben, daß sie sich auf der Reise mit der Marquise befinde. Sie holte selbst ihre Briefe von dem kleinen Posthause in der Nähe. Sie, die nie zuvor in ihrem Leben gelogen hatte, fand es jetzt leicht und natürlich, alle zu betrügen. Sie befand sich in einem Zauberkreis, der sich enger und enger um sie zusammenzog, alles Außenstehende erschien ihr unwirklich, rückte ihr fern. Andrea gab sich indessen dem Glücke völlig sorglos hin, – endlich besaß er sie so, wie er es ersehnt hatte, heimlich, ausschließlich für sich. Jede Wolke war von seinem Sinn gewichen, sein Glück war jubelnd, voll leidenschaftlicher, wilder Ausbrüche, ein ununterbrochenes begehrliches Besitzergreifen, es war ihm, als könne er sie nie genügend besitzen, er war eifersüchtig auf jede Minute und konnte sich nicht darein finden, daß sie sich mit etwas anderm beschäftigte als mit ihm. Wenn sie sich hin und wieder einmal hinsetzte, um an Frau Rode zu schreiben, stand er ungeduldig hinter ihr und klagte darüber, daß sie sich zu lange damit aufhielt, obwohl diese Briefe immer kürzer und seltener wurden. Aber eines Tages traf ein Brief von Aagot ein, der Alies Gefühle für alle die, welche ihr früher die Nächsten gewesen waren, so lebhaft aufflackern ließ, daß sie sich sofort hinsetzte, um ihn zu beantworten. Aagot teilte ihr mit, daß um Weihnachten ein Zuwachs der Familie erwartet werde, und daß sie sehr glücklich darüber sei. »Ich habe oft über unser Gespräch am letzten Abend in Frascati nachgedacht,« schrieb sie. »Und jetzt finde ich, daß wir beide damals gehörige Dummheiten sagten. Ich glaube nicht, daß man glücklich werden kann, wenn man so überspannt ist, und Richard hat gar kein Verständnis für dergleichen, – aber wir sind deswegen ebenso glücklich, und ich wünsche nichts anders als es ist.« Alie schrieb und gab ihrer lebhaften Freude Ausdruck, daß sich alles so nach Wunsch gestaltet hatte. Sie richtete eine Unmenge von Fragen an Aagot, ihr Leben, den Kleinen und Frau Rode betreffend. Ihre Liebe und ihr Interesse für sie erwachten aufs neue infolge Aagots vertraulicher Mitteilung. Andrea wurde ungeduldig, als er sie so eifrig beschäftigt fand, er fragte, ob sie den Brief nicht am nächsten Tage vollenden könne, er wolle jetzt gern ausgehen. Sie antwortete, ohne aufzusehen: »Nein, laß mich jetzt fertig schreiben.« Er stand noch eine Weile da und sah sie an, wie die Feder über das Papier hinflog und wie sie vorübergebeugt mit roten Wangen dasaß, ganz erfüllt von ihrem Thun. »Komm jetzt, Alie!« sagte er freundlich und wollte ihr das Papier fortnehmen. »Nein, laß es, ich möchte den Brief gern noch heute abend fortsenden.« »Wie du willst, aber dann gehe ich allein.« Sie bemerkte eine kleine Andeutung von Ungeduld in seiner Stimme, sprang auf und legte die Hände auf seine Schultern. »Du willst allein gehen? Wie kommst du nur darauf? Glaubst du, daß ich das zugebe?« »Wenn du den ganzen Nachmittag dasitzst und schreibst, ohne auch nur einmal aufzusehen!« »Ich habe kaum eine halbe Stunde geschrieben, aber das ist einerlei. Der Brief muß bis morgen liegen bleiben.« Es war nicht das erste Mal, daß sie mit Freude und Unruhe sah, wie anspruchsvoll seine Liebe war. Ein gleichgültigerer Tonfall in ihrer Stimme, eine augenblickliche Zerstreutheit genügte, um ihm die Laune zu verderben. Und sie fühlte mit Zittern, daß im selben Augenblick, wo sie seine Gedanken nicht völlig würde ausfüllen können, wo sie nicht im stande war, ihre Zärtlichkeit fortwährend zu erneuern, ihr Verständnis bis ins Unglaubliche zu erweitern und auf jede seiner Stimmungen einzugehen, – er erkalten und seine Phantasie eine andre Zufluchtsstätte suchen würde. Nur ein Verhältnis, so voll und reich, so ewig neu und vielseitig, daß es die menschlichen Kräfte überstieg, es so auf die Dauer zu bewahren, würde ihn fesseln können. Er fuhr auch ununterbrochen fort, mit ihr zu experimentieren, ihre Zärtlichkeit auf die Probe zu stellen; es war ihm ein gewisser Genuß, sie zu tyrannisieren, ihren Widerstand nach jeder Richtung hin zu brechen, zu sehen, daß sie keinen Willen, keinen Gedanken hatte, der nicht der seine war. »Wenn das dein Ideal ist,« sagte sie zuweilen lächelnd, »so verstehe ich nicht, weshalb du dich gerade in mich verliebt hast, da es so viele einfältige kleine Mädchen giebt, die keinen andern Wunsch haben, als der treue Hund ihres Geliebten zu sein.« »Begreifst du denn nicht, daß mich so ein kleines Mädchen sofort langweilen würde. Aber einen Willen wie den deinen zu brechen, einen Stolz wie den deinen zu Kreuz kriechen zu sehen, dich so verliebt zu machen, daß du dich um nichts weiter kümmerst, als mich festzuhalten – koste es, was es wolle –, das reizt mich.« Es lag schon eine weniger freimütige Zuversicht in Alies Ton, als sie antwortete: »Das wird dir doch nimmermehr gelingen!« Sie machten keine größeren Gebirgstouren, weil eine gewisse Indolenz, die stets in seinem Wesen lag, auch sie angesteckt hatte, und weil sie keinen Führer mitnehmen wollten, dessen Gesellschaft sie störte. Aber sie unternahmen hin und wieder kleinere Ausflüge, fanden selbst den Weg über die kleinen Waldpfade und verirrten sich in dem dichten Gestrüpp, wo sie sich dann stundenlang zur Ruhe in das Gras legten, unbekümmert, ob sie je wieder zum Hotel zurückfinden würden. Da Alie mehr daran gewöhnt war als er, in solchen öden Gegenden umherzustreifen, und da sie sich heimischer fühlte, umgeben von Tannen und Fichten, Felsblöcken, Moos und brausenden Bächen, so wollte sie gern den Weg bestimmen, aber er wollte nach seinem Kopf gehen, und dann stritten sie sich, welcher der verschiedenen Fußpfade einzuschlagen sei. Er entschied jedoch die Sache stets kurz, indem er den Weg ging, den er gewählt hatte, und Alie folgte ihm dann protestierend. »Weshalb folgst du mir denn?« fragte er lachend, »weshalb gehst du nicht deinen eignen Weg?« Dann wandte er sich nach ihr um, sah sie kletternd hinterdrein kommen, ohne ihr die Hand zur Hilfe zu reichen, – sobald sie ihn aber erreicht hatte, faßte er sie um die Taille und hob sie hoch in die Höhe. »Kannst du jetzt sehen, daß du die Meine bist?« sagte er. »Es ist überflüssig, daß du protestierst. Du folgst mir doch, wohin ich gehe. Und wenn ich mich jetzt dort in den Wasserfall hinabstürzen wollte, so würdest du mir auch dahin folgen.« Er trat mit ihr hart an den Felsrand heran, wo sich ein schwindelnder Abgrund über dem brausenden weißen Gletscherstrom öffnete. Eines Tages waren sie vom frühen Morgen an umhergestreift und kehrten erst um Sonnenuntergang heim, ihre Schritte beschleunigend, um nicht von der Dunkelheit überrascht zu werden. Alie war sehr müde, lehnte es aber ab, sich auf ihn zu stützen, da sie annahm, daß er ebenso angegriffen sein müsse, obwohl er es nicht einräumen wollte. Dann aber kamen sie an eine Stelle, wo der Weg sich teilte. Auf der einen Seite eine breite Landstraße, die hier einen bedeutenden Bogen machte, ehe sie nach der Richtung ging, die sie einschlagen mußten. Nach der andern Seite ein kleiner Steg, der über eine ziemlich unsichere, sumpfige Wiese führte, der ihnen aber den ganzen Umweg ersparen würde. »Laß uns hier gehen,« sagte Alie. »Nein, es ist zu spät, um sich auf unbekannte Wege einzulassen,« wandte er ein. »Aber es ist ja ganz klar, daß dieser viel kürzer ist.« »Bitte – laß dich nicht abhalten – ich wähle die breite Landstraße. ›Chi lascia la via vechia per la via nuova Sa cio chi lascia ma non sa cio che trova.‹« Wer den alten Weg für den neuen verläßt, weiß, was er verläßt, aber nicht, was er findet. deklamierte er lachend, indem er seinen Weg fortsetzte, überzeugt, daß sie ihm folgen werde. Aber diesmal lehnte sie sich gegen ihn auf. Es war zu unsinnig, einen solchen Bogen zu machen, wenn man so müde war und sich der schönste Richtweg bot. »Laß uns sehen, wer zuerst kommt,« rief sie ihm munter zu, indem sie auf den kleinen Weg abbog und sehr schnell zu gehen begann, eifrig, einen großen Vorsprung zu gewinnen. Sie sah ihn ruhig und langsam die große Landstraße entlang schreiten und triumphierte schon bei dem Gedanken, wie lange nach ihr er kommen werde. Freilich war der Fußpfad ein wenig unangenehm, eine Menge dorniger Büsche hielten ihre Röcke fest, und der Boden war stellenweise so sumpfig, daß sie bis an die Knöchel versank. Aber das schadete nicht, sie hatte schon einen großen Vorsprung vor ihm gewonnen. Noch eine kleine Strecke, und sie stand auf der Landstraße an einer Stelle, die er erst nach drei großen Biegungen erreichen konnte. Und noch immer schritt er so langsam einher! Aber was war das? Erschrocken stand sie still. Ein Bach! Der Fußpfad führte an einen Bach, der so breit war, daß sie an ein Hinüberspringen nicht denken konnte. Wie hatte sie das auch vergessen können! Die Landstraße führte ja über eine Brücke. Und deswegen ging er so langsam, er wußte, daß sie umkehren müsse, und freute sich jetzt über ihre Niederlage. Nein, den Triumph sollte er nicht haben. Der Fußpfad führte weiter, am Bach entlang; da mußte sich doch schließlich eine Brücke finden. Auf irgend eine Weise mußte man doch hinüberkommen können! Im schlimmsten Falle konnte sie ja ins Wasser springen und durch den Bach waten. Mutig ging sie weiter, ihre Schritte beschleunigend, so daß sie zuletzt beinahe sprang, immer schneller und schneller, je dunkler es wurde. Sie war jetzt schon so weit von der Landstraße entfernt, daß sie nicht mehr wußte, wie ihre Beine sie tragen sollten, wenn sie sich gezwungen sah, die ganze Strecke noch einmal zurückzulegen. Aber je weiter sie kam, desto breiter und tiefer wurde der Bach, der sich seiner Mündung in den kleinen See näherte. Vergebens spähte sie zwischen den Büschen und Sträuchern, die sein Ufer bestanden, nach einer Brücke oder einer seichteren Stelle. Sie hatte nicht einmal Zeit, sich nach ihm umzusehen. Auf der gegenüberliegenden Seite vernahm sie das Rollen eines Wagens, aber sie blickte nicht einmal auf, ehe sie lautes Rufen vernahm. Jetzt sah sie hinüber und erkannte Andrea, der in einem kleinen Bauernwagen schnell vorüberfuhr, während er lachend den Hut schwenkte. Einen Augenblick später entzog ihn eine Biegung des Weges ihrem Blick. Gerade an der Stelle, die sie vor ihm erreichen zu können geglaubt hatte. Entsetzt blieb sie stehen. War es möglich? Konnte er so ohne weiteres an ihr vorüberfahren? Nein, es war natürlich nur ein schlechter Scherz; er würde gleich zurückkommen und ihr entgegengehen. Sie wußte jetzt, daß es aussichtslos war, weiterzugehen, und trat ihren Rückzug an, noch immer fast laufend, ermüdet, mit schmerzenden Füßen, zerrissenem Kleid und jenem Gefühl von Hilflosigkeit, das Kurzsichtige im Dunkeln zu befallen pflegt. Und als Andrea sich noch immer nicht zeigte, fing sie an, ernstlich böse auf ihn zu sein. Der Scherz ging denn doch zu weit! Wie konnte er es übers Herz bringen, sie so allein im Dunkeln zu lassen, nur um die Freude zu haben, sie demütigen zu können. Ihre Müdigkeit und ihr Zorn nahmen mit jedem Schritt zu. Wie schmerzlich entbehrte sie jetzt nicht seinen Arm, um sich darauf zu stützen! Er wußte das, und er verließ sie um eines dummen Scherzes willen! Nein, der Triumph, auf den er gehofft hatte, sollte ihm nicht zu teil werden! Jetzt war die Reihe zu strafen an ihr ! Gleich hinter dem Moor, auf dem sie sich jetzt befand, diesseits des Baches, lag ein andres kleines Dorf mit einem Hotel. Dahin wollte sie gehen und die Nacht dort zubringen. Sie wollte doch einmal sehen, ob er ihr diesmal nicht doch nachkommen würde. Andrea hatte mit dem Bauern, den er auf dem Wege getroffen, verabredet, daß er mit ihm zurückfahren solle und sie am Scheidewege abholen; erst aber wollte er sie glauben machen, daß er sie wirklich verlassen habe, um zu sehen, wie sie es auffassen würde; er legte sich deswegen hinter einen Felsblock auf die Lauer und beobachtete sie. Er sah ihr ungleichmäßiges, nervöses Laufen und freute sich bei dem Gedanken, sie, die so müde war, in seine Arme nehmen, sie auf den Wagen heben zu können, und sie zu fragen, ob sie jetzt gelernt habe, daß es für sie das beste sei, ihrem eigenen Willen zu entsagen und ihm blindlings zu folgen. Dann aber sah er sie stehen bleiben und zögern, als sie den zum andern Dorf führenden Weg erreichte. Mit einer raschen, energischen Bewegung bog sie in den Weg ein und verschwand bald hinter den Häusern. Er durchschaute ihren Plan. Sie glaubte, er wurde ihr nacheilen, er würde reuig und besorgt zu ihr kommen und sie anflehen, ihm zu folgen! Ein häßlicher Gedanke ergriff ihn. Er bestieg den Wagen wieder und sagte dem Bauern, er solle nur zufahren. »Wollen wir nicht umwenden und die Signorina holen?« »Nein, es ist nicht nötig.« Alie wartete in größter Spannung den ganzen Abend in ihrem kleinen Zimmer im Hotel. Natürlich würde er sich aufmachen, um nach ihr zu suchen. Und da lag es ja so nahe, zu vermuten, daß sie hier Zuflucht gesucht habe; er mußte hierher kommen und sie holen. Aber es wurde Nacht, und er kam nicht. Das konnte er also übers Herz bringen! Größer war seine Liebe nicht! Er wußte sie allein im Dunkeln draußen und sah sich nicht einmal um, was aus ihr geworden war! Wenn er aber glaubte, daß sie jetzt zu ihm kommen würde, so irrte er. Sie wollte geduldig auf ihn warten, einen Tag, – zwei Tage, – kam er dann nicht, ja, dann mußte sie glauben, daß er diese Gelegenheit ergriff, um sie abzuschütteln, – und dann blieb ihr nichts andres übrig, als ein Billet zu lösen und zu verschwinden ... Den ganzen folgenden Tag wartete Andrea auf sie. Er war fest überzeugt, daß sie kommen würde, aber er war auch sehr empört darüber, daß sie ihn auf diese Weise hatte verlassen können. Er ging den ganzen Tag vor dem Hause auf und nieder und rauchte eine Zigarette nach der andern, die halbgerauchten fortwerfend und neue rollend, während er den Weg hinabspähte. Eine eigentümliche Kälte legte sich auf ihn. War es nicht weiter her mit ihrer Liebe? Ließ sie sie bei einer so geringen Probe im Stich? Dann hatte er sich ja völlig in ihr geirrt; es war eine Illusion gewesen, wenn er geglaubt hatte, daß er sie so völlig gewonnen habe, daß sie sich nie wieder von ihm frei machen könne. Und wozu sollte denn das Ganze führen? Er hätte es ja wissen können, daß die Sache ein Ende nehmen müsse, wie alle andern Verhältnisse. Nur hatte er nicht geglaubt, daß es so bald kommen werde. Aber es war gut so, wie es war; es war die höchste Zeit, daß er wieder frei wurde; er war ja auf dem besten Wege, in der banalsten Weise an diesem jungen Mädchen hängen zu bleiben. Morgen wollte er abreisen. Jetzt wußte er doch wenigstens, daß sie sich trösten würde. Er hatte sich stets so davor gefürchtet, ihr einen unheilbaren Schmerz zuzufügen. Gottlob, daß dies keine Gefahr hatte! Als die Dämmerung hereinbrach, ging er noch immer rauchend auf dem Wege auf und nieder. Er war so nervös und reizbar geworden, daß er kurz davor war, einen kleinen Knaben zu schlagen, der auf ihn zugelaufen kam, als habe er ihm etwas zu melden, und der ihn dann nur um einen Soldo anbettelte. Er hielt mehrere Bauern, die des Wegs gefahren kamen, mit der sinnlosen Frage an, ob sie nicht eine Dame auf dem Wege getroffen hätten, und als die Wirtin im Hotel ihn fragte, ob die Signora auch heute nicht heimkehre, bat er sie in heftigem Tone, sich nicht in Sachen einzumischen, die sie nicht angingen. Alie hatte inzwischen mit der Kaltblütigkeit einer Verzweifelten erwogen, was sie zu thun habe. Wie sollte sie es anfangen, mit dem wenigen Geld, das sie in der Tasche hatte, und ohne jegliches Gepäck zu reisen? Sie wollte noch einen Tag warten, und dann wollte sie ihm einen Boten mit einem Billet senden, in welchem sie ihn um die Auslieferung ihrer Habseligkeiten bat. Sie hatte dies Billet im Laufe des Tages geschrieben und zerrissen und wieder geschrieben, hatte die ursprüngliche Bitterkeit gemildert, bis der Ton schließlich beinahe liebevoll geworden war. »Wir haben die Gelegenheit, uns zu trennen, nach der Du so lange gesucht hast, gefunden,« so wollte sie endlich schreiben. »Laß uns nicht mit Bitterkeit auseinandergehen. – Ich meinerseits werde die unaussprechlich glücklichen Tage segnen, die Du mir geschenkt hast.« Dies wurde unter strömenden Thränen geschrieben. Im Laufe des Tages wurde ihre Stimmung weicher. Eine heftige, unerklärliche Sehnsucht gewann die Oberhand in ihr. Ihn nie wiedersehen! Das war ja nicht möglich! Vorbei für immer! Und sie sollte nun die lange Heimreise nach Schweden allein antreten, sollte Tag und Nacht im Coupé sitzen mit diesem tödlichen Kummer im Herzen, – um schließlich was zu erlangen? Ein Leben voll ungestillter Sehnsucht, Tage und Nächte, Wochen und Jahre, die für sie keinen andern Inhalt haben würden als ein unablässiges Brüten über das, was sie besessen und verloren hatte. Nein, es war zum Wahnsinnigwerden! Und wahnsinnig würde sie werden, wenn sie nach Hause zurückkehrte. Was war da zu machen? Fortreisen mußte sie, – sie mußte ihn wissen lassen, daß sie gereist sei, – und dann? Wenn sie während der Nacht in der Diligence über den wilden Bergpaß fuhr! Sie wollte einen Platz oben nehmen, diesen entzückenden Doppelsitz, in dem sie beide gesessen hatten, als sie kamen, und von wo aus die Abgründe so schwindelnd aussahen, – und dann – in der Nacht – mit einem Sprung! Ja, das war das einzige, was ihr übrig blieb. Gegen Abend ergriff sie eine unerklärliche Angst. Wenn er das, woran sie nur gedacht, schon ausgeführt hatte. Wenn er mit der Diligence gereist war! Wie viel Uhr war es jetzt? Um neun Uhr ging die Diligence, dann hatte sie noch Zeit genug. Und verzweifelt, besinnungslos, alles andre über dem einen Gedanken, ihn an der Abreise zu verhindern, vergessend, stürzte sie den zum Dorfe führenden Weg entlang. Er stand noch vor dem Hotel und rauchte. Es war bereits dunkel geworden, und er erwartete sie nicht mehr. Aber er hatte es abgelehnt, zu Tische hineinzugehen, als sich die andern Gäste zum Abendessen versammelten. Als die Wirtin in ihn drang, daß er doch etwas genießen solle, hatte er ihr so energisch zugerufen: »Ach, so lassen Sie mich doch in Frieden!« daß ihm niemand mehr nahezukommen wagte. Er sah den großen, schweren Postwagen mit sechs Pferden langsam auf die Station zu rollen, und er überlegte gerade, ob er schon heute abend fahren solle, als er kurze, hastige Schritte vernahm und eine kleine weibliche Gestalt auf sich zulaufen sah. Er warf die Zigarette fort, ging ihr einige Schritte entgegen, um sich zu überzeugen, daß sie es sei, und seine Augen blitzten voller Jubel, es sauste ihm vor den Ohren und hämmerte in seinen Schläfen, so daß er nahe daran war, den Verstand zu verlieren, er öffnete seine Arme und zog sie, ohne ein Wort zu sagen, mit sich auf ihr Zimmer. Laut schluchzend sank sie ihm an die Brust, sie waren beide so von Sinnen, sie lachten und weinten abwechselnd und erdrückten einander fast mit ihren Umarmungen, ohne nur ein einziges Wort äußern zu können. Und als sie endlich reden wollte, schloß er ihr den Mund mit heißen Küssen. »Laß mich nur fühlen, daß ich dich wieder habe,« sagte er und preßte sie fest an sich. So blieben sie bis spät in die Nacht hinein sitzen, ohne sich zu rühren. * Er kam später oft hierauf zurück. »Es nützt nichts, daß du davon sprichst, mich zu verlassen,« sagte er, »denn nun hast du ja gesehen, daß es dir nicht möglich ist. Und selbst wenn ich auch oft den Wunsch hege, dich los zu sein, so wird mir das nicht mehr gelingen, – du hältst mich schon fest!« Sie versuchte, ihm zu widersprechen, sie thue es ebensosehr um seinet- wie um ihretwillen. Sie wisse, daß sie ihn unglücklich gemacht haben würde, wenn sie ihn auf diese Weise verlassen hätte. Wenn sie aber einmal zu der Ueberzeugung gelange, daß es für ihn besser sei ... »Selbst dann nicht,« unterbrach er sie. »Du wirst mich doch festhalten, – aber weshalb verteidigst du dich, als ob es eine Anklage sei? Verstehst du nicht, daß es sich um mein Glück handelt?« »Aber du selber – du würdest mich wirklich verlassen haben, wenn ich nicht zurückgekehrt wäre?« »Ja, ohne Zweifel.« »Wie sonderbar du bist! Du willst immer, daß ich alles thun soll, – und du selber willst keinen Finger ausstrecken, um mich zu halten!« »Ja, siehst du, das kommt daher, weil wir im Alter so verschieden sind. Wenn man jung ist wie du, hat man genügend Enthusiasmus, um zu glauben, daß es sich verlohnt, für etwas zu kämpfen. Ist man dagegen alt und weltklug ...« »Wir sind ja ganz gleich alt.« »Persönlich, ja, aber nicht als Rasse betrachtet. Du entstammst einem jungen Volk. Unsre Liebesgeschichte ist im kleinen dasselbe, was die Eroberung des alten Rom durch die Barbaren war. Kannst du dir die Sache umgekehrt denken, – daß die Römer gegen die Barbaren auszogen?« »Ja, das habt ihr sicher auch oft gethan!« »Freilich, zu einer Zeit, wo wir noch jung genug waren, um ein Eroberungsvolk zu sein. Als wir aber erst den Höhepunkt der Weltmacht und der Kultur erreicht hatten, da gab es nichts, das uns hätte aus unsrer Ruhe herausreißen können. Wir bedurften des neuen Blutes, wir ließen uns überhaupt gerne von fremden Eroberern regieren, weil das bequemer war, – aber selbst wenn uns jemand gesagt hätte, daß die Quelle ewiger Jugend im Lande der Barbaren zu finden gewesen sei, glaubst du, daß wir dann danach ausgezogen wären? Nein, wir hätten gesagt, falls wir überhaupt der Geschichte Glauben geschenkt hätten, daß es ja schön sein könne, ewig jung zu sein, daß wir es aber, wenn es so große Anstrengungen kostete, lieber aufgeben wollten.« »Pfui, wie abscheulich! Du machst mich ganz verzweifelt, wenn du so redest.« »Und ich befinde mich äußerst Wohl in der Gefangenschaft bei meinem urfrischen kleinen Barbarenmädchen. Aber was für eine ernste Miene setzt du auf? Woran denkst du?« »Ich denke daran, daß ich dich so gern einmal auf die Probe stellen möchte, um zu sehen, ob du wirklich nicht im stande sein solltest, einen Kampf zu kämpfen, um mich zu gewinnen.« »Das ist ein häßlicher Gedanke, den du dir aus dem Sinn schlagen mußt. Alles, was Streit und Kampf heißt, ist so unschön, – ich hasse es so sehr, daß nicht viele Tage vergehen würden, ehe ich mich selber fragte: Ist denn auch der Preis des Kampfes wert? Und wenn ich trotzdem aushielte – was ich sicher nicht thun würde –, so würde ich jedenfalls keine Freude daran haben, denn die Unannehmlichkeiten, die ich hätte durchmachen müssen, würden ihren Schatten auch auf die Zukunft werfen.« »Wie ganz anders du bist als wir, – als Richard zum Beispiel.« »Richard, ja! Der ist ja so ein echter, typischer Barbar, – der den Kampf um seiner selbst willen liebt.« Alie konnte es nicht lassen, im stillen zu wünschen, daß Andrea ein wenig von der Kampflust besessen hätte, die sie früher so oft an Richard getadelt hatte. Sie wäre dann ruhiger für seine Zukunft gewesen. Aber sie dachte in diesem Fall an seine Schwäche, wie eine Mutter an die Fehler ihres Kindes denkt, die es untauglich zum Kampf mit dem Leben machen, – ohne einen Schatten von Tadel, nur mit einem unendlichen Drang, es zu stützen und zu stärken. Vierzehntes Kapitel. Der Sommer neigte sich seinem Ende zu, die Tage fingen an, kürzer zu werden, es fiel Schnee, und ein beißend kalter Wind fegte über die Berge. Jeden Tag hatte die Diligence mehrere Extrawagen mit, um die Unmenge von Reisenden zu befördern, die in die wärmeren Gegenden eilten oder in ihre Heimat zurückkehrten. Da waren aber zwei, die nicht wußten, wohin sie reisen sollten, die mit Unruhe diese Auflösung um sich her mit ansahen, denn für sie bedeutete sie den Abschluß einer Periode vollkommenen Glücks, auf die keine Fortsetzung folgen konnte. Sie hatten es stets hinausgeschoben, einen Beschluß in Bezug auf die Zukunft zu fassen, und jetzt standen sie der Notwendigkeit gegenüber, eine Entscheidung zu treffen. Aber welche? Sie wagten es nicht, einander diese Frage zu stellen, sie sahen mit steigender Angst tagtäglich die Scharen der abreisenden Gäste, die ein Stück ihres Glücks nach dem andern mit sich fortnahmen. »Schaue alle diese heiteren Bürger an, die jetzt in ihr Heim zurückkehren,« sagte Andrea. »Sie sind ausgewesen, um sich zu amüsieren, sie haben eine Zeitlang ihre Börsen weit geöffnet und Extravaganzen begangen, aber nun gilt es wieder zu sparen und zu arbeiten, nun tritt das Alltagsleben mit seinen Mühen und Sorgen wieder an sie heran – möchtest du wohl mit einem von ihnen tauschen?« »Nein,« erwiderte sie zögernd. »So ganz sicher scheinst du deiner Sache nicht zu sein. Wie aber kann ein Alltagsleben auf solche Ferientage wie die unsern folgen? Das ist unmöglich. Was meinst du, wenn wir eine Alpenwanderung machten, aber eine wirklich ernstliche und ohne Führer; wir verirren uns, das Dunkel und der Schneesturm überraschen uns, wir thun einen Fehltritt, das geschieht so leicht, um den Leib haben wir ein Tau, das uns miteinander verbindet, und dann: buona notte ! Das würde eine Lösung sein, so gut wie jede andre, vielleicht besser als jede andre.« Es waren seit längerer Zeit keine neuen Gaste mehr im Hotel eingekehrt, als eines Abends ein junges Paar mit der Diligence eintraf und ein Zimmer für die Nacht verlangte. Sie wollten die Reise am nächsten Tage fortsetzen und führten kein Gepäck mit sich. Sie erhielten ein Zimmer Wand an Wand mit dem Alies. Die Thür, die diese beiden Säume ursprünglich verband, war mit einem schweren, alten Sofa verbarrikadiert, auf dem Alie und Andrea ihre Abende zu verbringen pflegten. Sie hatten die Fremden mit gewissem Interesse bei Tische beobachtet. Sie war auffallend schön, mit stolzen, energischen Zügen, großen, dunkelblauen, leidenschaftlichen Augen und üppigen roten Lippen. Er hatte einen feinen, edelgeformten Kopf und eine schlanke, elegante Figur. Aber es lag etwas Müdes, Schlaffes über seiner ganzen Persönlichkeit, obwohl er noch sehr jung war. Die Augen lagen tief und waren von dunkeln Ringen umschattet, der Kopf war beinahe kahl, und sein Ausdruck hatte ein Gepräge von Lebensüberdruß und dumpfer Verzweiflung. Sie tranken viel Wein bei Tische, und sie redete die ganze Zeit hindurch sehr lebhaft. Nach dem Essen zogen sie sich auf ihr Zimmer zurück, und Alie und Andrea hörten durch die Thür, wie sie, nachdem sie eine Weile mit irgend etwas eifrig beschäftigt gewesen waren, gleich zu Bett gingen. Sie selber blieben noch auf und lasen, als sie plötzlich, etwa eine Stunde nachdem da drinnen alles ruhig geworden war, einen Schuß vernahmen, dem ein Ausruf und gleich darauf noch zwei Schüsse folgten. Alle Leute im Hotel eilten herbei, man erbrach die verschlossene Thür und fand sie beide Arm in Arm – tot daliegen. Alie konnte diesen Eindruck gar nicht wieder verwinden. Des Abends, wenn sie in ihrem Sofa saßen, horchten sie oft nach dem andern Zimmer hinüber, das, nachdem die Leichen fortgeschafft waren, leer dastand, mit offenen Fenstern und Thüren. Und unaufhörlich, Tag und Nacht, verfolgten sie sie, diese beiden jungen Menschenkinder, die lieber gemeinsam in den Tod gegangen waren, als sich von dem Leben trennen zu lassen; sie übten eine eigentümliche Macht auf ihre Phantasie aus. Auf Andrea hatte dies Ereignis dagegen eine ganz entgegengesetzte Wirkung gehabt. »Da haben sie mir meine gute Idee vor der Nase weggenommen,« sagte er mit seiner gewöhnlichen Neigung, alles ins Scherzhafte zu ziehen. »Zwei Paare am selben Ort, das würde ja beinahe lächerlich sein, besonders für das letzte Paar. Dazu sind wir denn doch zu gut, du und ich, um die ersten besten nachzuäffen. Wir müssen auf eine originellere Lösung sinnen.« Alie lächelte mit einem schmerzlichen Zucken um die Mundwinkel. »Mir würde das Ende originell genug sein, mein Ehrgeiz geht nicht weiter.« Sie saßen eines Abends nach dem Essen auf Alies Zimmer, wo es so kalt war, daß sie, um sich einigermaßen warm zu halten, auf das Sofa hinaufgekrochen waren, wo sie dicht aneinandergeschmiegt saßen, ein Plaid über die Beine gebreitet. Neben ihnen auf dem Tische stand ein einzelnes Licht, bei dessen Schein sie wie sie es zu thun pflegten, aus einem Buche lasen – aus Ariostos Orlando Furioso. Dies große sechsbändige Werk war ihre Sommerlektüre gewesen, und jetzt näherten sie sich dem Ende. Während ihres ganzen Zusammenlebens hatte keins von ihnen ein Buch geöffnet, um allein zu lesen. Nur gemeinsam konnten sie genießen, was es auch sein mochte, einander mit den Armen umschlungen haltend, beide ins Buch sehend, abwechselnd laut lesend, so hatten sie alle ihre Abende hier oben verbracht, und der mangelhafte Komfort des kleinen Gebirgshotels, die Kahlheit und Kälte des Zimmers verschwanden vor der Wärme und Stimmung, die sie durchströmte, wenn sie zusammensaßen, ganz erfüllt von ihrer Lektüre und dem Beisammensein. Wenn er las, lauschte sie mit gespannter Aufmerksamkeit jedem Tonfall, begierig, nicht nur jedes Wort des Inhalts zu verstehen, sondern auch ihr Ohr so mit dem Klang der Sprache zu sättigen, daß sie später, wenn die Reihe an sie kam, richtig lesen konnte. Sie hatte sich auf diese Weise eine fast vollendete Aussprache des Italienischen angeeignet, so daß es ihm einen Genuß gewährte, sie seine Lieblingsdichter vortragen zu hören. Nur hin und wieder bei den allerschönsten Stellen unterbrach er sie, sprang auf und recitierte nach dem Gedächtnis. Alie war mit lebhafter Teilnahme Bradomantes und Ruggioros Liebesgeschichte mit ihren so menschlichen, psychologisch wahren Konflikten gefolgt, sie waren gerade an die Stelle gelangt, wo die stolze Amazone erklärt, daß nur ein Mann, der sie im Kampf überwinden kann, sie besitzen soll, als an die Thür gepocht wurde. Vertieft in ihre Lektüre und in dem Glauben, daß es nur das Zimmermädchen sein könne, riefen sie »herein«, ohne ihre Stellung zu verändern, ja ohne vom Buch aufzusehen. Es geschah ja niemals, daß jemand kam, um sie zu besuchen. Die Thür wurde geöffnet, und es trat jemand herein, aber erst nach mehreren Minuten wurden sie darauf aufmerksam, daß der Betreffende sich nicht vom Fleck rührte. Sie sahen beide auf einmal auf und erblickten nun eine männliche Gestalt, die unbeweglich an der Thür stand. Im selben Augenblick hatte Alie das Plaid beiseite geworfen, das sie bis ans Kinn verhüllt hatte, und mit einem Schrei stand sie jetzt im Zimmer von Angesicht zu Angesicht mit Richard. Es währte noch mehrere Minuten, ehe Richard sprach. Endlich rief Andrea aus: »Wie haben Sie es nur angefangen, uns auszuforschen? Ich muß gestehen, das war ein Meisterstück!« »Es war nicht so schwierig, wie es scheinen mag,« erwiderte Richard in erregtem Ton, es war ihm schwer, die Worte hervorzubringen, und nur mit Mühe wich er Alies Blick aus. Andrea forderte ihn mit einer Handbewegung auf, näher zu treten. Er ließ seinen Blick gleichsam scheu und verlegen durch das Zimmer schweifen, das alle Spuren eines traulichen Beisammenlebens trug, zog die Augenbrauen ein wenig zusammen und setzte sich endlich so weit wie möglich von ihnen entfernt auf einen Stuhl. »Einer meiner Bekannten ans Stockholm,« fuhr er fort, »war kürzlich auf der Durchreise hier. Er sah Alie im Vorübergehen, stellte Nachforschungen im Hotel an und erfuhr alles. Meine Mutter war ganz außer sich vor Kummer und Verzweiflung, aber auch ohne ihre Aufforderung wurde ich keinen Augenblick gezögert haben, sofort hierher zu reisen und alles aufzubieten, um Alie dieser – dieser entwürdigenden Stellung zu entreißen.« Alie, welche die ganze Zeit unbeweglich vor ihm gestanden hatte, mit trotzig zurückgeworfenem Kopf, aber mit abgewandtem Blick und zwei dunkelroten Flecken auf den Wangen, machte hier eine Bewegung, als wolle sie ihn unterbrechen, er aber fuhr fort: »Ich weiß, was du sagen willst,« sagte er. »Ich weiß, daß du mich nicht für unparteiisch genug hältst, um mich in diese Sache einzumischen. Ich empfand dasselbe vor einem Jahr, und das veranlaßte mich, dich so zu verlassen, wie ich es gethan. Glaubst du, daß ich mich sonst durch irgend eine Rücksicht hätte bewegen lassen, glaubst du, daß ich sonst irgend ein Mittel unversucht gelassen hätte, um dich wieder zur Vernunft zu bringen? Aber ich war damals nicht unparteiisch, und ich fürchtete, daß meine Gefühle mein Urteil beeinflussen könnten. Nun aber habe ich dies ganze Jahr hindurch ehrlich gearbeitet, diesen schwachen Punkt bei mir zu überwinden, mein ganzes Streben ist darauf ausgegangen, mich selbst zu erziehen, dir das einzige zu werden, was ich dir noch werden konnte, ein guter, treuer, völlig selbstloser Bruder. Ich fühlte, daß die Stunde kommen würde, in der du eines solchen nur zu dringend bedurftest. Jetzt bin ich hier, du kannst mir ruhig die Hand reichen, du brauchst nicht bange davor zu sein, mir in die Augen zu sehen –«. Er wollte ihrem Blick begegnen, sie aber wich ihm aus. »Du kannst mir glauben, daß der Kampf, den ich gekämpft habe, nicht der leichteste gewesen ist, ich kann ruhig sagen, daß ich nie zuvor in meinem Leben in dem Maße der ganzen Willenskraft, die ich besitze, bedurft habe, aber es ist mir gelungen, und das ist genug.« Es trat abermals eine Pause ein. Alie fühlte, wie ihr ein warmer Blutstrom zum Herzen drang, ja diese selbstlose Liebe war gleichsam eine rettende Hand für die Ertrinkende, aber noch vermochte sie kein Wort hervorzubringen. »Und was ist jetzt Ihre Absicht?« fragte Andrea trocken, mit einem schwachen, satirisch verletzenden Lächeln. »Meine Absicht ist ganz einfach die, Alie die Stütze eines Bruders anzubieten, falls sie derselben bedarf, und wenn sie meint, daß sie derselben nicht bedarf, den ganzen Einfluß anzuwenden, den ich möglicherweise haben kann, oder vielmehr nicht ich, denn ich mache keinen Anspruch darauf, irgend welchen Einfluß auf sie zu haben, sondern den Einfluß, den Vernunftgründe und eine warme Hingebung ausüben können, um sie zu bewegen, sich loszureißen, ehe es zu spät ist, einem Verhältnis zu entsagen, das ein schlimmes Ende nehmen muß . Und wenn Alie jetzt mit mir zurückkehren will, so gelobe ich ihr, daß sie nicht allein ein liebevolles Heim mit der zärtlichsten Mutter, den liebevollsten Geschwistern finden soll, sie soll nicht nur eine unverminderte Liebe bei allen denen finden, die sie mit Fug und Recht als ihre Nächsten ansieht, sondern sie soll auch beständig so geachtet und geehrt werden, wie sie es stets gewesen, kein Schatten eines Vorwurfs oder Mißtrauens soll ihr begegnen, meine Kinder sollen dazu erzogen werden, in ihr die Frau zu sehen, die ich meinerseits stets am höchsten von allen geschätzt habe, die ich meiner Mutter – und – meiner Gattin gleichstelle.« Andrea sah Alie, die bleich und leblos wie eine Bildsäule dastand, fragend und prüfend an. »Hier hat Alie allein eine Entscheidung zu treffen,« sagte er. »Ich kann ihr nicht dasselbe versprechen, was Sie ihr bieten, ein ruhiges Familienglück. Was ich ihr zu bieten vermag, ist ein Leben steten Kampfes unter schwierigen Verhältnissen, sie mag meine Frau sein oder nicht, folglich muß sie selber wählen.« Jetzt erhob Alie ihren Blick zum erstenmal und sah ihn mit einem Ausdruck so tiefen Schmerzes, so herzlicher Liebe und angstvoller Verzweiflung an, daß er ihr hätte zu Füßen fallen und sie um Verzeihung bitten können, daß er nicht anders konnte, als sie auf diese Weise gleichsam zerreißen. Er konnte nicht anders! Und wenn es ihr Leben und das seine gegolten hätte, wäre es ihm in diesem Augenblick unmöglich gewesen, durch ein Wort auf ihren Beschluß einzuwirken. »Ich verlange natürlich nicht, daß du dich gleich heute abend entscheiden sollst,« brach endlich Richard das peinliche Schweigen. »Ich bin bereit, zu warten, solange du willst, ich bin in dem andern Hotel eingekehrt, ich werde dir nicht lästig sein; wenn du meiner bedarfst, stehe ich zu deinen Diensten, du kannst zu jeder Stunde über mich verfügen.« Mit diesen Worten verabschiedete er sich, und Andrea begleitete ihn bis zur Thür, ohne daß Alie noch einen Blick mit ihm gewechselt hatte; während der ganzen Zeit, daß er sich im Zimmer befand, war nicht ein einziges Wort über ihre Lippen gekommen. Als sie wieder allein waren, und die Thür sich hinter ihm geschlossen hatte, löste sich ihre krampfhafte Starrheit. Sie warf sich vor Andrea auf die Erde, barg den Kopf in seinem Schoß und rief unter Thränen aus: »Andrea, Andrea! bitte mich, zu bleiben! Bitte mich darum!« Er schob sie heftig, fast gewaltsam von sich und sprang auf. »Ich kann nicht!« erwiderte er. Sie kroch auf dem Fußboden hinter ihm her, hängte sich an seine Kniee und flehte unter strömenden Thränen: »Bitte mich, bitte mich darum! Sage nur ein Wort, daß du es willst, sage nur, daß du ohne mich unglücklich werden, zu Grunde gehen wirst. Sage, daß du, gleich mir, alles einer Trennung vorziehen würdest. Bitte mich darum, Andrea!« »Ich kann nicht, ich kann nicht!« wiederholte er ganz außer sich, indem er zurückwich. Er ergriff seinen Hut, eilte auf die Thür, riß sie auf und stürzte in die Nacht hinaus. Als die Thür hinter ihm ins Schloß gefallen war, überfiel sie eine eisige Kälte. Sie erhob sich, betrachtete ihr aufgeschwollenes Gesicht im Spiegel, glättete ihr Haar und begann dann ihren Koffer zu packen. Sie ordnete ihre eignen Sachen und die seinen, die in liebevoller Unordnung durcheinanderlagen, sie zählte kaltblütig ihre eignen Taschentücher und dann die seinen nach, sah nach dem Namen in den Büchern, die ihm gehörten, und legte sie zur Seite, alles in einem traumähnlichen Zustand, als nachtwandle sie oder handle in Fieberphantasien. Sie hatte kein klares Bewußtsein von dem, was bevorstand, nur ein Gefühl sich steigernden, unerträglichen Schmerzes an irgend einer Stelle, über die sie sich nicht so recht klar war, und eine Atemnot, so daß es ihr zuweilen war, als müsse sie ersticken. Sie nahm die sechs rot eingebundenen Bände von Ariosto, die er ihr geschenkt hatte, und begann im Stehen das Sonett zu lesen, das er ihr ans die erste Seite geschrieben hatte. Sie las es mehrmals, und es erschien ihr so wunderbar leer und sinnlos. Dann setzte sie sich hin, um ein Billet an Richard zu schreiben, in welchem sie erklärte, daß sie sich entschlossen habe, am nächsten Tag mit ihm zu reisen, die Post ginge um sieben Uhr ab. Sie schellte und gab Befehl, das Billet sofort zu besorgen, sie um sechs Uhr zu wecken und ihr die Rechnung für die letzte Woche zu bringen. Sie hatte es sich nicht nehmen lassen, stets ihre eignen Ausgaben zu bezahlen. Nachdem dies alles besorgt, der Koffer gepackt und abgeschlossen und die Handtasche bereitgestellt war, um am nächsten Morgen die letzten Sachen aufzunehmen, legte sie sich aus das Bett, übermüde und mit einem solchen Gefühl völliger Hirnlosigkeit, daß sie nicht einmal im stande war, sich über Andreas langes Ausbleiben zu wundern. Sie fiel bald in einen tiefen, dumpfen Schlaf, erwachte jedoch schon nach wenigen Stunden. Das Licht brannte noch auf dem Tisch. Sie gewann sofort ihr Bewußtsein wieder und sprang mit heftigem Herzklopfen auf. Sie ließ ihren Blick durch das Zimmer schweifen und sah sofort, daß Andrea dort gewesen, aber wieder gegangen war. Er hatte seinen Ueberrock fortgenommen, der vorhin auf dem Stuhl gelegen, und sein Zigarettenetui, das sie, als sie den Koffer packte, auf die Toilette gelegt hatte. Sie wußte, daß das sein gewöhnlicher Tröster war, wenn er sich in starker Gemütsbewegung befand. Dann pflegte er zu rauchen und spazieren zu gehen. Die Nacht war kalt und mondhell, das sah sie durch das Fester, vor dem sie das Rouleau nicht herabgelassen hatte. Sie sah nach der Uhr. Erst eins! Erst in sechs Stunden konnte sie fortkommen, es schien ihr eine Unendlichkeit zu sein. Sie empfand jetzt dieselbe ungeduldige Sehnsucht nach dem, wovor sie sich so lange mehr gefürchtet hatte als vor dem Tode, wie es Dante so treffend bei dem ersten Eintreten der Verdammten in die Hölle schildert, wenn sie in Charons Boot hinabsteigen sollen, um sich zu unerhörten Qualen führen zu lassen: Chè la divina giustizia gli sprona Si che la tema si volge in disio. Ja, sie sehnte sich nach dem Morgen, sie sehnte sich danach, im Wagen zu sitzen und zum letztenmal diese Züge, diese Gestalt zu sehen, die sie so wahnsinnig geliebt hatte, ohne doch das zu gewinnen, worauf sie die ganze Energie ihrer Seele mit einer solchen Gewalt gerichtet hatte, daß es ihr war, als blute sie noch aus tausend Wunden, ihn zu gewinnen, ganz und für immer. Er hatte die letzte Probe nicht bestehen können, die sie zur Bedingung gemacht, die sie zur Bedingung hatte stellen müssen, um sich für immer an ihn zu binden, er hatte nicht das eine kleine Wort aussprechen können, das genügt haben würde, um sich ihm für ewig zu unterwerfen. Sie hatte einen ihrer Ansprüche nach dem andern aufgegeben, war Schritt für Schritt zurückgewichen, aber in diesem letzten Punkt konnte sie nicht nachgeben. Er mußte einmal den Willen haben, den festen, klaren Willen, sie für immer zu besitzen, sie hatte die ganze Zeit hindurch vergebens darauf gewartet und wenn er auch jetzt einen solchen Beschluß nicht zu fassen vermochte, so blieb ihr keine andre Wahl. Er kam und ging noch ein paarmal im Laufe der Nacht, ruhte sich stundenweise auf dem Sofa und ging dann wieder. Sie lag mit geschlossenen Augen und hämmernden Pulsen da, die schwachen Schläge der Uhr zählend, bis sie in Schlaf fiel, um aber immer wieder mit einer angstvollen Beklemmung vor der Brust zu erwachen, mit einem Gefühl, als müsse sie ersticken oder ohnmächtig werden. Er hatte den abgeschlossenen Koffer gesehen, hatte gesehen, daß seine eignen Sachen zusammengepackt auf einem Stuhl lagen, und alles verstanden. Eine dumpfe Erbitterung gegen sie, die so stark war, daß er sich nicht einmal entschließen konnte, sich ihr zu nähern, gärte in ihm. Ach, wie hatte sie ihn so betrügen können! Er hatte geglaubt, ja, er hatte es schließlich wirklich geglaubt, daß er hier diese Fülle und Vollkommenheit des Lebens finden würde, die das tiefste Bedürfnis seiner Natur waren, er hatte an eine Liebe geglaubt, die über jede Probe erhaben ist, und nun war sie im Begriff, ihn so grenzenlos zu täuschen. Mit glühenden Rachegedanken ging er umher. Dieser Richard, dieser elende Moralist und Spießbürger mit seinen ekelhaften, banalen Phrasen! Er hätte auf sein Zimmer gehen mögen, wo er schlief, und ihm einen Schlag mit der geballten Faust ins Gesicht versetzen, und dann mit ihm auf Leben und Tod kämpfen. Und sie, die dort lag und ganz ruhig schlief, nachdem sie mit einer solchen Genauigkeit und Ueberlegung seine Taschentücher gezählt und die ihren dazwischen herausgelesen hatte! Ja, auch sie wollte er töten! Weshalb nicht? Weshalb sollte er es nicht so machen wie das andre Paar, sie ganz einfach töten! Er blieb schließlich an ihrem Bett stehen und sah sie an. Sie schlummerte leicht, aber unruhig, die Brust hob und senkte sich stürmisch. Er hatte sich früher oft darüber gefreut, wie schön sie war, wenn sie schlief. Auch jetzt legte der Schlaf einen rosigen Schimmer über ihr Gesicht. Sie lag auf der Seite, die eine Hand unter der Wange, die andre auf der Decke ausgestreckt. Das Haar fiel ihr weich in die Schläfen und in den Nacken hinab. Die Lippen waren halb geöffnet und zitterten wie im Schmerz, selbst die Augenlider zuckten zuweilen schwach, aber das Profil, das sich von dem Kissen erhob, war so bewunderungswürdig rein und fein, so seelenvoll und weich, daß Andrea sich, von Bewegung übermannt, über sie warf und sie fast mit seiner Umarmung erstickte. Sie fuhr auf und starrte ihm ins Gesicht mit dem erschrockenen Blick des plötzlich Erwachenden. Er umfaßte ihren Hals hart mit beiden Händen und hielt sie so fest. Sie kam zu sich, las den gleichsam beginnenden Wahnsinn in seinen Zügen, warf sich in die Kissen zurück und sagte mit schwacher, stöhnender Stimme, aber mit einem glückseligen Lächeln: »Ja, ja, töte mich! Thue es! Ich bitte dich, töte mich!« Seine Hände sanken langsam herab, und die unnatürliche Spannung in seinen Zügen löste sich, während seine Augen sich mit Thränen füllten. Da schlang sie die Arme um seinen Hals, schmiegte sich fest an ihn und flehte mit vollem Bewußtsein: »Töte mich, oder laß uns zusammen sterben, wie die andern!« »Liebst du mich so innig?« fragte er, und ein Glücksschimmer verbreitete sich über sein Gesicht. »Weshalb willst du mich denn verlassen?« »Ich will dich ja nicht verlassen, ich kann es ja nicht! Und deshalb will ich sterben!« »Und wer zwingt dich denn, mich zu verlassen?« »Du selber!« »Ich, der ich nur auf diesen Augenblick gewartet, gehofft hatte, der fühlte, daß mein ganzer Glaube an das Leben, die einzige Möglichkeit, von dem Skeptizismus geheilt zu werden, der mich tötete, davon abhing, ob du als Siegerin aus dieser Probe hervorgehen würdest, jetzt weiß ich es sicher und bestimmt, du wirst mich stets festhalten. Jetzt können wir allem trotzen und uns verheiraten, du hast mir die Kraft gegeben, die mir fehlte, jetzt kann ich kämpfen, jetzt kann ich für dich arbeiten. Du brauchst es nur von mir zu verlangen, dann wird es schon gehen.« Sie schlang die Arme fest um ihn und schluchzte noch lange an seiner Brust. Aber es waren keine Thränen der Verzweiflung mehr, es waren Thränen des Glücks, das – sie fühlte es – zu groß war, um ewig zu währen. Sie war sich klar darüber, daß sie sich in diesem Augenblick einem Leben voller Kampf weihte, und das glückselige Gefühl, mit dem sie der Zukunft entgegenging, war mit Angst und Beben vermischt. Sie wußte, daß das vollkommene Glück nur eine flüchtige Minute währt, und daß es stets teuer erkauft ist.